<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>foreign_language</genre><genre>adventure</genre><genre>foreign_prose</genre><author><first-name>Евгения</first-name><middle-name>Андреевна</middle-name><last-name>Тимофеева</last-name><id>5e7ead16-30ff-11e3-bfee-002590591ea6</id></author><book-title>Abenteuer des Freiherrn von M&#xFC;nchhausen / Приключения барона Мюнхгаузена и другие удивительные истории. Книга для чтения на немецком языке</book-title><annotation><p>В книге представлены замечательные произведения, повествующие об удивительных приключениях и путешествиях.</p><p>Оригинальный текст снабжен словарем и постраничными комментариями.</p></annotation><keywords>лексический материал,текстовый материал,немецкая классика,книги для чтения на немецком языке</keywords><date value="2018-01-01">2018</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Чтение в оригинале (Каро)"><sequence name="Klassische Literatur (Каро)"/></sequence></title-info><document-info><author><first-name>Denis</first-name><last-name/></author><program-used> Presto, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2018-11-06">06.11.2018</date><src-url>http://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=38621176</src-url><id>a560c5bc-ce58-11e8-979a-0cc47a5f137d</id><version>1</version><history><p>v 1.0</p></history><publisher><first-name>Литагент</first-name><last-name>Каро</last-name><id>5a15d18d-5523-11e4-9277-002590591ed2</id></publisher></document-info><publish-info><book-name> / Приключения барона Мюнхгаузена и другие удивительные истории. книга для чтения на немецком языке</book-name><publisher>КАРО</publisher><city>Санкт-Петербург</city><year>2018</year><isbn>978-5-9925-1298-4</isbn><sequence name="Klassische literatur"/></publish-info></description><body><title><p>Abenteuer des Freiherrn von M&#xFC;nchhausen / Приключения барона Мюнхгаузена и другие удивительные истории. Книга для чтения на немецком языке</p></title><section><annotation><p><emphasis>Комментарии и словарь Е. А. Тимофеевой</emphasis></p></annotation><cite><p>© КАРО, 2007</p></cite></section><section><title><p>Gottfried August B&#xFC;rger</p><p>Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande</p><p>Feldz&#xFC;ge und lustige Abenteuer des Freiherrn von M&#xFC;nchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erz&#xE4;hlen pflegt</p></title><section><title><p>Erstes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Reise nach Russland und St. Petersburg</emphasis></p></epigraph><p>Ich trat meine Reise nach Russland von Haus ab mitten im Winter an, weil ich ganz richtig schlo&#xDF;, dass Frost und Schnee die Wege durch die n&#xF6;rdlichen Gegenden von Deutschland, Polen, Kur- und Livland,<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a> welche nach der Beschreibung aller Reisenden fast noch elender sind als die Wege nach dem Tempel der Tugend, endlich, ohne besondere Kosten hochpreislicher, wohlf&#xFC;rsorgender Landesregierungen, ausbessern m&#xFC;sste. Ich reisete zu Pferde, welches, wenn es sonst nur gut um Gaul und Reiter steht, die bequemste Art zu reisen ist. Denn man riskiert alsdann weder mit irgendeinem h&#xF6;flichen deutschen Postmeister eine Affaire d’honneur<a l:href="#n_2" type="note">[2]</a> zu bekommen, noch von seinem durstigen Postillion<a l:href="#n_3" type="note">[3]</a> vor jede Schenke<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a> geschleppt zu werden. Ich war nur leicht bekleidet, welches ich ziemlich &#xFC;bel empfand, je weiter ich gegen Nordost hin kam.</p><p>Nun kann man sich einbilden, wie bei so strengem Wetter, unter dem rauhesten Himmelsstriche, einem armen, alten Manne zumute sein<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a> musste, der in Polen auf einem &#xF6;den Anger,<a l:href="#n_6" type="note">[6]</a> &#xFC;ber den der Nordost hinschnitt, hilflos und schaudernd dalag und kaum hatte, womit er seine Schambl&#xF6;&#xDF;e<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a> bedecken konnte.</p><p>Der arme Teufel dauerte<a l:href="#n_8" type="note">[8]</a> mir von ganzer Seele. Ob mir gleich selbst das Herz im Leibe fror, so warf ich dennoch meinen Reisemantel &#xFC;ber ihn her. Pl&#xF6;tzlich erscholl eine Stimme vom Himmel, die dieses Liebeswerk ganz ausnehmend<a l:href="#n_9" type="note">[9]</a> herausstrich und mir zurief:»Hol’ mich der Teufel, mein Sohn, das soll dir nicht unvergolten bleiben!»</p><p>Ich lie&#xDF; das gut sein und ritt weiter, bis Nacht und Dunkelheit mich &#xFC;berfielen. Nirgends war ein Dorf zu h&#xF6;ren noch zu sehen. Das ganze Land lag unter Schnee; und ich wusste weder Weg noch Steg.</p><p>Des Reitens m&#xFC;de, stieg ich endlich ab und band mein Pferd an eine Art von spitzem Baumstaken, der &#xFC;ber dem Schnee hervorragte. Zur Sicherheit nahm ich meine Pistolen unter den Arm, legte mich nicht weit davon in den Schnee nieder und tat ein so gesundes Schl&#xE4;fchen, dass mir die Augen nicht eher wieder aufgingen, als bis es heller lichter Tag war. Wie gro&#xDF; war aber mein Erstaunen, als ich fand, dass ich mitten in einem Dorf auf dem Kirchhofe lag! Mein Pferd war anf&#xE4;nglich nirgends zu sehen; doch h&#xF6;rte ichs bald darauf irgendwo &#xFC;ber mir wiehern. Als ich nun emporsah, so wurde ich gewahr, dass es an den Wetterhahn des Kirchturms gebunden war und von da herunterhing. Nun wusste ich sogleich, wie ich dran war. Das Dorf war n&#xE4;mlich die Nacht &#xFC;ber ganz zugeschneiet gewesen; das Wetter hatte sich auf einmal umgesetzt, ich war im Schlafe nach und nach, so wie der Schnee zusammengeschmolzen war, ganz sanft herabgesunken, und was ich in der Dunkelheit f&#xFC;r den Stummel eines B&#xE4;umchens, der &#xFC;ber dem Schnee hervorragte, gehalten und daran mein Pferd gebunden hatte, das war das Kreuz oder der Wetterhahn des Kirchturmes gewesen.</p><p>Ohne mich nun lange zu bedenken, nahm ich eine von meinen Pistolen, scho&#xDF; nach dem Halfter,<a l:href="#n_10" type="note">[10]</a> kam gl&#xFC;cklich auf die Art wieder an mein Pferd und verfolgte meine Reise.</p><p>Hierauf ging alles gut, bis ich nach Russland kam, wo es eben nicht Mode ist, des Winters zu Pferde zu reisen. Wie es nun immer meine Maxime<a l:href="#n_11" type="note">[11]</a> ist, mich nach dem Bekannten» l&#xE4;ndlich sittlich «zu richten, so nahm ich dort einen kleinen Rennschlitten auf ein einzelnes Pferd und fuhr wohlgemut<a l:href="#n_12" type="note">[12]</a> auf St. Petersburg los. Nun wei&#xDF; ich nicht mehr recht, ob es in Estland oder in Ingermanland<a l:href="#n_13" type="note">[13]</a> war, so viel aber besinne ich mich noch wohl, es war mitten in einem f&#xFC;rchterlichen Walde, als ich einen entsetzlichen Wolf mit aller Schnelligkeit des gefr&#xE4;&#xDF;igsten Winterhungers hinter mir ansetzen sah. Er holte mich bald ein; und es war schlechterdings<a l:href="#n_14" type="note">[14]</a> unm&#xF6;glich, ihm zu entkommen. Mechanisch legte ich mich platt in den Schlitten nieder und lie&#xDF; mein Pferd zu unserm beiderseitigen Besten ganz allein agieren.<a l:href="#n_15" type="note">[15]</a> Was ich zwar vermutete, aber kaum zu hoffen und zu erwarten wagte, das geschah gleich nachher. Der Wolf bek&#xFC;mmerte sich<a l:href="#n_16" type="note">[16]</a> nicht im mindesten um meine Wenigkeit, sondern sprang &#xFC;ber mich hinweg, fiel w&#xFC;tend auf das Pferd, ri&#xDF; ab und verschlang auf einmal den ganzen Hinterteil des armen Tieres, welches vor Schrecken und Schmerz nur desto schneller lief. Wie ich nun auf die Art selbst so unbemerkt und gut davongekommen war, so erhob ich ganz verstohlen mein Gesicht und nahm mit Entsetzen wahr, dass der Wolf sich beinahe &#xFC;ber und &#xFC;ber in das Pferd hineingefressen hatte. Kaum aber hatte er sich so h&#xFC;bsch hineingezw&#xE4;nget, so nahm ich mein Tempo wahr und fiel ihm t&#xFC;chtig mit meiner Peitschenschnur auf das Fell. Solch ein unerwarteter &#xDC;berfall in diesem Futteral verursachte ihm keinen geringen Schreck; er strebte mit aller Macht vorw&#xE4;rts, der Leichnam des Pferdes fiel zu Boden, und siehe, an seiner Statt steckte mein Wolf in dem Geschirre. Ich meines Orts h&#xF6;rte nun noch weniger auf zu peitschen, und wir langten in vollem Galopp gesund und wohlbehalten<a l:href="#n_17" type="note">[17]</a> in St. Petersburg an, ganz gegen unsere beiderseitigen respektiven Erwartungen und zu nicht geringem Erstaunen aller Zuschauer.</p><p>Ich will Ihnen, meine Herren, mit Geschw&#xE4;tz von der Verfassung, den K&#xFC;nsten, Wissenschaften und andern Merkw&#xFC;rdigkeiten dieser pr&#xE4;chtigen Hauptstadt Russlands keine Langeweile machen, viel weniger Sie mit allen Intrigen und lustigen Abenteuern der Gesellschaften vom Bonton, wo die Frau vom Hause den Gast allezeit mit einem Schnaps und Schmatz<a l:href="#n_18" type="note">[18]</a> empf&#xE4;ngt, unterhalten. Ich halte mich vielmehr an gr&#xF6;&#xDF;ere und edlere Gegenst&#xE4;nde Ihrer Aufmerksamkeit, n&#xE4;mlich an Pferde und Hunde, wovon ich immer ein gro&#xDF;er Freund gewesen bin; ferner an F&#xFC;chse, W&#xF6;lfe und B&#xE4;ren, von welchen, so wie von anderm Wildbret,<a l:href="#n_19" type="note">[19]</a> Russland einen gr&#xF6;&#xDF;ern &#xDC;berflu&#xDF; als irgendein Land auf Erden hat; endlich an solche Lustpartien, Ritter&#xFC;bungen und preisliche Taten, welche den Edelmann besser kleiden als ein bisschen muffiges Griechisch und Latein oder alle Riechs&#xE4;chelchen, Klunkern<a l:href="#n_20" type="note">[20]</a> und Kapriolen<a l:href="#n_21" type="note">[21]</a> franz&#xF6;sischer Sch&#xF6;ngeister<a l:href="#n_22" type="note">[22]</a> und – Haarkr&#xE4;useler.<a l:href="#n_23" type="note">[23]</a></p><p>Da es einige Zeit dauerte, ehe ich bei der Armee angestellt werden konnte, so hatte ich ein paar Monate lang vollkommene Musse und Freiheit, meine Zeit sowohl als auch mein Geld auf die adeligste Art von der Welt zu verjunkerieren. Manche Nacht wurde beim Spiele zugebracht und viele bei dem Klange voller Gl&#xE4;ser. Die K&#xE4;lte des Landes und die Sitten der Nation haben der Bouteille<a l:href="#n_24" type="note">[24]</a> unter den gesellschaftlichen Unterhaltungen in Russland einen viel h&#xF6;hern Rang angewiesen als in unserm n&#xFC;chternen Deutschlande; und ich habe daher dort h&#xE4;ufig Leute gefunden, die in der edlen Kunst zu trinken f&#xFC;r wahre Virtuosen gelten konnten. Alle waren aber elende St&#xFC;mper gegen einen graubartigen, kupferfarbigen General, der mit uns an dem &#xF6;ffentlichen Tische speisete. Der alte Herr, der seit einem Gefechte mit den T&#xFC;rken die obere H&#xE4;lfte seines Hirnsch&#xE4;dels vermi&#xDF;te und daher, sooft ein Fremder in die Gesellschaft kam, sich mit der artigsten Treuherzigkeit entschuldigte, dass er an der Tafel seinen Hut aufbehalten m&#xFC;sse, pflegte immer w&#xE4;hrend dem Essen einige Flaschen Weinbranntwein zu leeren<a l:href="#n_25" type="note">[25]</a> und dann gew&#xF6;hnlich mit einer Bouteille Arrak<a l:href="#n_26" type="note">[26]</a> den Beschlu&#xDF; oder nach Umst&#xE4;nden einige Male da capo<a l:href="#n_27" type="note">[27]</a> zu machen; und doch konnte man nicht ein einziges Mal auch nur so viel Betrunkenheit an ihm merken. – Die Sache &#xFC;bersteigt Ihren Glauben. Ich verzeihe es Ihnen, meine Herren; sie &#xFC;berstieg auch meinen Begriff. Ich wusste lange nicht, wie ich sie mir erkl&#xE4;ren sollte, bis ich ganz von ungef&#xE4;hr den Schl&#xFC;ssel fand. – Der General pflegte von Zeit zu Zeit seinen Hut etwas aufzuheben.</p><p>Dies hatte ich oft gesehen, ohne daraus nur Arg<a l:href="#n_28" type="note">[28]</a> zu haben. Dass es ihm warm vor der Stirne wurde, war nat&#xFC;rlich, und dass er dann seinen Kopf l&#xFC;ftete, nicht minder. Endlich aber sah ich, dass er zugleich mit seinem Hute eine an demselben befestigte silberne Platte aufhob, die ihm statt des Hirnsch&#xE4;dels diente, und dass alsdann immer aller Dunst der geistigen Getr&#xE4;nke,<a l:href="#n_29" type="note">[29]</a> die er zu sich genommen hatte, in einer leichten Wolke in die H&#xF6;he stieg. Nun war auf einmal das R&#xE4;tsel gel&#xF6;set. Ich sagte es ein paar guten Freunden und erbot mich, da es gerade Abend war, als ich die Bemerkung machte, die Richtigkeit derselben sogleich durch einen Versuch zu beweisen. Ich trat n&#xE4;mlich mit meiner Pfeife hinter den General und z&#xFC;ndete, gerade als er den Hut niedersetzte, mit etwas Papier die aufsteigenden D&#xFC;nste an; und nun sahen wir ein ebenso neues als sch&#xF6;nes Schauspiel. Ich hatte in einem Augenblicke die Wolkens&#xE4;ule &#xFC;ber dem Haupte unsers Helden in eine Feuers&#xE4;ule verwandelt, und derjenige Teil der D&#xFC;nste, der sich noch zwischen den Haaren des Hutes verweilte, bildete in dem sch&#xF6;nsten blauen Feuer einen Nimbus, pr&#xE4;chtiger, als irgendeiner den Kopf des gr&#xF6;&#xDF;ten Heiligen umleuchtet hat. Mein Experiment konnte dem General nicht verborgen bleiben; er war aber so wenig ungehalten dar&#xFC;ber, dass er uns vielmehr noch manchmal erlaubte, einen Versuch zu wiederholen, der ihm ein so erhabenes Ansehen gab.</p></section><section><title><p>Zweites Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Jagdgeschichten</emphasis></p></epigraph><p>Ich &#xFC;bergehe manche lustige Auftritte, die wir bei dergleichen Gelegenheiten hatten, weil ich Ihnen noch verschiedene Jagdgeschichten zu erz&#xE4;hlen gedenke, die mir merkw&#xFC;rdiger und unterhaltender scheinen. Sie k&#xF6;nnen sich leicht vorstellen, meine Herren, dass ich mich immer vorz&#xFC;glich zu solchen wackern Kumpanen<a l:href="#n_30" type="note">[30]</a> hielt, welche ein offenes, unbeschr&#xE4;nktes Waldrevier geh&#xF6;rig zu sch&#xE4;tzen wussten.<a l:href="#n_31" type="note">[31]</a> Sowohl die Abwechselung des Zeitvertreibes, welchen dieses mir darbot, als auch das au&#xDF;erordentliche Gl&#xFC;ck, womit mir jeder Streich gelang, gereichen<a l:href="#n_32" type="note">[32]</a> mir noch immer zur angenehmsten Erinnerung.</p><p>Eines Morgens sah ich durch das Fenster meines Schlafgemachs,<a l:href="#n_33" type="note">[33]</a> dass ein gro&#xDF;er Teich, der nicht weit davon lag, mit wilden Enten gleichsam &#xFC;berdeckt war. Flugs<a l:href="#n_34" type="note">[34]</a> nahm ich mein Gewehr aus dem Winkel, sprang zur Treppe hinab, und das so &#xFC;ber Hals und Kopf, dass ich unvorsichtigerweise mit dem Gesichte gegen die T&#xFC;rpfoste rennte. Feuer und Funken stoben mir aus den Augen; aber das hielt mich keinen Augenblick zur&#xFC;ck. Ich kam bald zum Schu&#xDF;; allein wie ich anlegte, wurde ich zu meinem gro&#xDF;en Verdrusse gewahr, dass durch den soeben empfangenen heftigen Sto&#xDF; sogar der Stein von dem Flintenhahne abgesprungen war. Was sollte ich nun tun? Denn Zeit war hier nicht zu verlieren. Gl&#xFC;cklicherweise fiel mir ein, was sich soeben mit meinen Augen zugetragen hatte. Ich ri&#xDF; also die Pfanne auf, legte mein Gewehr gegen das wilde Gefl&#xFC;gel an und ballte die Faust<a l:href="#n_35" type="note">[35]</a> gegen eins von meinen Augen. Von einem derben Schlage flogen wieder Funken genug heraus, der Schu&#xDF; ging los, und ich traf f&#xFC;nf Paar Enten, vier Roth&#xE4;lse und ein Paar Wasserh&#xFC;hner. Gegenwart des Geistes ist die Seele mannhafter Taten. Wenn Soldaten und Seeleute &#xF6;fters dadurch gl&#xFC;cklich davonkommen, so dankt der Weidmann<a l:href="#n_36" type="note">[36]</a> ihr nicht seltener sein gutes Gl&#xFC;ck.</p><p>So schwammen einst auf einem Landsee, an welchen ich auf einer Jagdstreiferei geriet, einige Dutzend wilder Enten allzuweit voneinander zerstreut umher, als dass ich mehr denn eine einzige auf einen Schu&#xDF; zu erlegen hoffen konnte; und zum Ungl&#xFC;ck hatte ich meinen letzten Schu&#xDF; schon in der Flinte. Gleichwohl h&#xE4;tte ich sie gern alle gehabt, weil ich n&#xE4;chstens eine ganze Menge guter Freunde und Bekannten bei mir zu bewirten willens war.<a l:href="#n_37" type="note">[37]</a> Da besann ich mich auf ein St&#xFC;ckchen Schinkenspeck, welches von meinem mitgenommenen Mundvorrat in meiner Jagdtasche noch &#xFC;briggeblieben war. Dies befestigte ich an eine ziemlich lange Hundeleine, die ich aufdrehete und so wenigstens noch um viermal verl&#xE4;ngerte. Nun verbarg ich mich im Schilfgestr&#xE4;uch am Ufer, warf meinen Speckbrocken aus und hatte das Vergn&#xFC;gen, zu sehen, wie die n&#xE4;chste Ente hurtig herbeischwamm und ihn verschlang. Der ersten folgten bald alle &#xFC;brigen nach, und da der glatte Brokken am Faden gar bald unverdaut hinten wieder herauskam, so verschlang ihn die n&#xE4;chste, und so immer weiter. Kurz, der Brocken machte die Reise durch alle Enten samt und sonders hindurch, ohne von seinem Faden loszurei&#xDF;en. So sa&#xDF;en sie denn alle daran wie Perlen an der Schnur. Ich zog sie gar allerliebst ans Land, schlang mir die Schnur ein halbes Dutzend mal um Schultern und Leib und ging meines Weges nach Hause zu. Da ich noch eine ziemliche Strecke davon entfernt war und mir die Last von einer solchen Menge Enten ziemlich beschwerlich fiel, so wollte es mir fast leid tun, ihrer allzu viele eingefangen zu haben. Da kam mir aber ein seltsamer Vorfall zustatten,<a l:href="#n_38" type="note">[38]</a> der mich anfangs in nicht geringe Verlegenheit setzte.<a l:href="#n_39" type="note">[39]</a> Die Enten waren n&#xE4;mlich noch alle lebendig, fingen, als sie von der ersten Best&#xFC;rzung sich erholt hatten, gar m&#xE4;chtig an mit den Fl&#xFC;geln zu schlagen und sich mit mir hoch in die Luft zu erheben. Nun w&#xE4;re bei manchem wohl guter Rat teuer gewesen. Allein ich benutzte diesen Umstand, so gut ich konnte, zu meinem Vorteil und ruderte mich mit meinen Rocksch&#xF6;&#xDF;en nach der Gegend meiner Behausung<a l:href="#n_40" type="note">[40]</a> durch die Luft. Als ich nun gerade &#xFC;ber meiner Wohnung angelangt war und es darauf ankam, ohne Schaden mich herunterzulassen, so dr&#xFC;ckte ich einer Ente nach der andern den Kopf ein, sank dadurch ganz sanft und allm&#xE4;hlich gerade durch den Schornstein meines Hauses mitten auf den K&#xFC;chenherd, auf welchem zum Gl&#xFC;ck noch kein Feuer angez&#xFC;ndet war, zu nicht geringem Schreck und Erstaunen meines Koches.</p><p>Einen &#xE4;hnlichen Vorfall hatte ich einmal mit einer Kette H&#xFC;hner. Ich war ausgegangen, um eine neue Flinte zu probieren, und hatte meinen kleinen Vorrat von Hagel ganz und gar verschossen, als wider alles Vermuten vor meinen F&#xFC;&#xDF;en eine Flucht H&#xFC;hner aufging. Der Wunsch, einige derselben abends auf meinem Tische zu sehen, brachte mich auf einen Einfall, von dem Sie, meine Herren, auf mein Wort, im Falle der Not Gebrauch machen k&#xF6;nnen. Sobald ich gesehen hatte, wo sich die H&#xFC;hner niederlie&#xDF;en, lud ich hurtig mein Gewehr und setzte statt des Schrotes<a l:href="#n_41" type="note">[41]</a> den Ladstock auf, den ich, so gut sichs in der Eile tun lie&#xDF;, an dem obern Ende etwas zuspitzte. Nun ging ich auf die H&#xFC;hner zu, dr&#xFC;ckte, sowie sie aufflogen, ab und hatte das Vergn&#xFC;gen, zu sehen, dass mein Ladstock mit sieben St&#xFC;cken, die sich wohl wundern mochten, so fr&#xFC;h am Spie&#xDF;e vereinigt zu werden, in einiger Entfernung allm&#xE4;hlich heruntersank. – Wie gesagt, man muss sich nur in der Welt zu helfen wissen.</p><p>Ein anderes Mal stie&#xDF; mir in einem ansehnlichen Walde von Russland ein wundersch&#xF6;ner schwarzer Fuchs auf. Es w&#xE4;re jammerschade gewesen,<a l:href="#n_42" type="note">[42]</a> seinen kostbaren Pelz mit einem Kugel-oder Schrotschusse zu durchl&#xF6;chern. Herr Reineke<a l:href="#n_43" type="note">[43]</a> stand dicht bei einem Baume. Augenblicklich zog ich meine Kugel aus dem Laufe, lud daf&#xFC;r einen t&#xFC;chtigen Brettnagel in mein Gewehr, feuerte und traf so k&#xFC;nstlich, dass ich seine Lunte fest an den Baum nagelte. Nun ging ich ruhig zu ihm hin, nahm mein Weidmesser,<a l:href="#n_44" type="note">[44]</a> gab ihm einen Kreuzschnitt &#xFC;bers Gesicht, griff nach meiner Peitsche und karbatschte<a l:href="#n_45" type="note">[45]</a> ihn so artig aus seinem sch&#xF6;nen Pelze heraus, dass es eine wahre Lust und ein rechtes Wunder zu sehen war.</p><p>Zufall und gutes Gl&#xFC;ck machen oft manchen Fehler wieder gut. Davon erlebte ich bald nach diesem ein Beispiel, als ich mitten im tiefsten Walde einen wilden Frischling und eine Bache dicht hintereinander hertraben sah. Meine Kugel hatte gefehlt. Gleichwohl lief der Frischling<a l:href="#n_46" type="note">[46]</a> vorn ganz allein weg, und die Bache<a l:href="#n_47" type="note">[47]</a> blieb stehen, ohne Bewegung, als ob sie an den Boden festgenagelt gewesen w&#xE4;re. Wie ich das Ding n&#xE4;her untersuchte, so fand ich, dass es eine blinde Bache war, die ihres Frischlings Schw&#xE4;nzlein im Rachen hielt, um von ihm aus kindlicher Pflicht f&#xFC;rbass<a l:href="#n_48" type="note">[48]</a> geleitet zu werden. Da nun meine Kugel zwischen beiden hindurchgefahren war, so hatte sie diesen Leitzaum zerrissen, wovon die alte Bache das eine Ende noch immer kauete. Da nun ihr Leiter sie nicht weiter vorw&#xE4;rts gezogen hatte, so war sie stehengeblieben. Ich ergriff daher das &#xFC;briggebliebene Endchen von des Frischlings Schwanze und leitete daran das alte hilflose Tier ganz ohne M&#xFC;he und Widerstand nach Hause.</p><p>So f&#xFC;rchterlich diese wilden Bachen oft sind, so sind die Keiler doch weit grausamer und gef&#xE4;hrlicher. Ich traf einst einen im Walde an, als ich ungl&#xFC;cklicherweise weder auf Angriff noch Verteidigung gefa&#xDF;t war. Mit genauer Not konnte ich noch hinter einen Baum schl&#xFC;pfen, als die w&#xFC;tende Bestie aus Leibeskr&#xE4;ften einen Seitenhieb nach mir tat. Daf&#xFC;r fuhren aber auch seine Hauer dergestalt<a l:href="#n_49" type="note">[49]</a> in den Baum hinein, dass er weder imstande war, sie sogleich wieder herauszuziehen, noch den Hieb zu wiederholen. – »Haha!«dachte ich,»nun wollen wir dich bald kriegen!«– Flugs nahm ich einen Stein, hammerte noch vollends damit drauflos und nietete seine Hauer dergestalt um, dass er ganz und gar nicht wieder loskommen konnte. So musste er sich denn nun gedulden, bis ich vom n&#xE4;chsten Dorfe Karren und Stricke herbeigeholet hatte, um ihn lebendig und wohlbehalten<a l:href="#n_50" type="note">[50]</a> nach Hause zu schaffen, welches auch ganz vortrefflich vonstatten ging.<a l:href="#n_51" type="note">[51]</a></p><p>Sie haben unstreitig, meine Herren, von dem Heiligen und Schutzpatron der Weidm&#xE4;nner und Sch&#xFC;tzen, St. Hubert, nicht minder auch von dem stattlichen Hirsche geh&#xF6;rt, der ihm einst im Walde aufstie&#xDF; und welcher das heilige Kreuz zwischen seinem Geweihe trug. Diesem Sankt habe ich noch alle Jahre mein Opfer in guter Gesellschaft dargebracht und den Hirsch wohl tausendmal sowohl in Kirchen abgemalt als auch in die Sterne seiner Ritter gestickt gesehen, so dass ich auf Ehre und Gewissen eines braven Weidmanns kaum zu sagen wei&#xDF;, ob es entweder nicht vorzeiten<a l:href="#n_52" type="note">[52]</a> solche Kreuzhirsche gegeben habe oder wohl gar noch heutigestages gebe. Doch lassen Sie sich vielmehr erz&#xE4;hlen, was ich mit meinen eigenen Augen sah. Einst, als ich alle mein Blei verschossen hatte, stie&#xDF; mir ganz wider mein Vermuten der stattlichste Hirsch von der Welt auf. Er blickte mir so mir nichts dir nichts ins Auge, als ob ers auswendig gewu&#xDF;t h&#xE4;tte, dass mein Beutel leer war. Augenblicklich lud ich indessen meine Flinte mit Pulver und dar&#xFC;berher eine ganze Handvoll Kirschsteine, wovon ich, so hurtig sich das tun lie&#xDF;, das Fleisch abgesogen hatte. Und so gab ich ihm die volle Ladung mitten auf seine Stirn zwischen das Geweihe. Der Schu&#xDF; bet&#xE4;ubte ihn zwar – er taumelte —, machte sich aber doch aus dem Staube. Ein oder zwei Jahre darnach war ich in ebendemselben Walde auf der Jagd; und siehe, zum Vorschein kam<a l:href="#n_53" type="note">[53]</a> ein stattlicher Hirsch, mit einem vollausgewachsenen Kirschbaume, mehr denn zehn Fu&#xDF; hoch,<a l:href="#n_54" type="note">[54]</a> zwischen seinem Geweihe. Mir fiel gleich mein voriges Abenteuer wieder ein; ich betrachtete den Hirsch als mein l&#xE4;ngst wohlerworbenes Eigentum und legte ihn mit einem Schusse zu Boden, wodurch ich denn auf einmal an Braten und Kirschtunke zugleich geriet. Denn der Baum hing reichlich voll Fr&#xFC;chte, die ich in meinem ganzen Leben so delikat nicht gegessen hatte. Wer kann nun wohl sagen, ob nicht irgendein passionierter heiliger Weidmann, ein jagdlustiger Abt oder Bischof, das Kreuz auf eine &#xE4;hnliche Art durch einen Schu&#xDF; auf St. Huberts Hirsch zwischen das Geh&#xF6;rne gepflanzt habe? Denn diese Herren waren ja von je und je wegen ihres Kreuz- und – H&#xF6;rnerpflanzens ber&#xFC;hmt und sind es zum Teil noch bis auf den heutigen Tag. Im Falle der Not, und wenn es Aut oder Naut<a l:href="#n_55" type="note">[55]</a> gilt, welches einem braven Weidmanne nicht selten begegnet, greift er lieber wer wei&#xDF; wozu und versucht eher alles, als dass er sich die g&#xFC;nstige Gelegenheit entwischen l&#xE4;&#xDF;t. Ich habe mich manches liebes Mal selbst in einer solchen Lage der Versuchung befunden.</p><p>Was sagen Sie zum Exempel<a l:href="#n_56" type="note">[56]</a> von folgendem Kasus? – Mir waren einmal Tageslicht und Pulver in einem polnischen Walde ausgegangen. Als ich nach Hause ging, fuhr mir ein ganz entsetzlicher B&#xE4;r mit offenem Rachen, bereit mich zu verschlingen, auf den Leib. Umsonst durchsuchte ich in der Hast alle meine Taschen nach Pulver und Blei. Nichts fand ich als zwei Flintensteine, die man auf einen Notfall wohl mitzunehmen pflegt. Davon warf ich einen aus aller Macht in den offenen Rachen des Ungeheuers, ganz seinen Schlund hinab. Wie ihm das nun nicht allzuwohl deuchten<a l:href="#n_57" type="note">[57]</a> mochte, so machte mein B&#xE4;r linksum, so dass ich den andern nach der Hinterpforte schleudern konnte. Wunderbar und herrlich ging alles vonstatten. Der Stein fuhr nicht nur hinein, sondern auch mit dem andern Steine dergestalt zusammen, dass es Feuer gab und den B&#xE4;r mit einem gewaltigen Knalle auseinandersprengte. Man sagt, dass so ein wohlapplizierter Stein a posteriori,<a l:href="#n_58" type="note">[58]</a> besonders wenn er mit einem a priori<a l:href="#n_59" type="note">[59]</a> recht zusammenfuhr, schon manchen b&#xE4;rbei&#xDF;igen Gelehrten und Philosophen in die Luft sprengte. – Ob ich nun gleich dasmal mit heiler Haut davonkam, so m&#xF6;chte ich das St&#xFC;ckchen doch eben nicht noch einmal machen oder mit einem B&#xE4;r ohne andre Verteidigungsmittel anbinden.</p><p>Es war aber gewisserma&#xDF;en recht mein Schicksal, dass die wildesten und gef&#xE4;hrlichsten Bestien mich gerade alsdann angriffen, wenn ich au&#xDF;erstande war, ihnen die Spitze zu bieten, gleichsam als ob ihnen der Instinkt meine Wehrlosigkeit verraten h&#xE4;tte. So hatte ich einst gerade den Stein von meiner Flinte abgeschraubt, um ihn etwas zu sch&#xE4;rfen, als pl&#xF6;tzlich ein schreckliches Ungeheuer von einem B&#xE4;ren gegen mich anbrummte. Alles was ich tun konnte, war, mich eiligst auf einen Baum zu fl&#xFC;chten, um dort mich zur Verteidigung zu r&#xFC;sten. Ungl&#xFC;cklicherweise aber fiel mir w&#xE4;hrend des Hinaufkletterns mein Messer, das ich eben gebraucht hatte, heruntern, und nun hatte ich nichts, um die Schraube, die sich ohnedies sehr schwer drehen lie&#xDF;, zu schlie&#xDF;en. Unten am Baume stand der B&#xE4;r, und mit jedem Augenblicke musste ich erwarten, dass er mir nachkommen w&#xFC;rde. Mir Feuer aus den Augen zu schlagen, wie ich wohl ehemals getan hatte, wollte ich nicht gerne versuchen, weil mir, anderer Umst&#xE4;nde, die im Wege standen, nicht zu gedenken, jenes Experiment heftige Augenschmerzen zugezogen hatte, die noch nicht ganz vergangen waren. Sehnlich blickte ich nach meinem Messer, das unten senkrecht im Schnee steckte; aber die sehnsuchtsvollsten Blicke machten die Sache nicht um ein H&#xE4;rchen<a l:href="#n_60" type="note">[60]</a> besser. Endlich kam ich auf einen Gedanken, der so sonderbar als gl&#xFC;cklich war. Ich gab dem Strahle desjenigen Wassers, von dem man bei gro&#xDF;er Angst immer gro&#xDF;en Vorrat hat, eine solche Richtung, dass es gerade auf das Heft meines Messers traf. Die f&#xFC;rchterliche K&#xE4;lte, die eben war, machte, dass das Wasser sogleich gefror und in wenigen Augenblicken sich &#xFC;ber meinem Messer eine Verl&#xE4;ngerung von Eis bildete, die bis an die untersten &#xC4;ste des Baumes reichte. Nun packte ich den aufgeschossenen Stiel und zog ohne viel M&#xFC;he, aber mit desto mehr Behutsamkeit mein Messer zu mir herauf. Kaum hatte ich damit den Stein festgeschraubt, als Herr Petz<a l:href="#n_61" type="note">[61]</a> angestiegen kam. Wahrhaftig, dachte ich, man muss so weise als ein B&#xE4;r sein, um den Zeitpunkt so gut abzupassen, und empfing Meister Braun mit einer so herzlich gemeinten Bescherung von Rollern, dass er auf ewig das Baumsteigen verga&#xDF;.</p><p>Ebenso scho&#xDF; mir ein anderes Mal unversehens ein f&#xFC;rchterlicher Wolf so nahe auf den Leib, dass mir nichts weiter &#xFC;brigblieb, als ihm, dem mechanischen Instinkt zufolge, meine Faust in den offenen Rachen zu sto&#xDF;en. Gerade meiner Sicherheit wegen stie&#xDF; ich immer weiter und weiter und brachte meinen Arm beinahe bis an die Schulter hinein. Was war aber nun zu tun? – Ich kann eben nicht sagen, dass mir diese unbehilfliche Situation sonderlich anstand. – Man denke nur, Stirn gegen Stirn mit einem Wolfe! – Wir &#xE4;ugelten<a l:href="#n_62" type="note">[62]</a> uns eben nicht gar lieblich an. H&#xE4;tte ich meinen Arm zur&#xFC;ckgezogen, so w&#xE4;re mir die Bestie nur desto w&#xFC;tender zu Leibe gesprungen. So viel lie&#xDF; sich klar und deutlich aus seinen flammenden Augen herausbuchstabieren. Kurz, ich packte ihn beim Eingeweide, kehrte sein &#xC4;u&#xDF;eres zu innerst, wie einen Handschuh, um, schleuderte ihn zu Boden und lie&#xDF; ihn da liegen.</p><p>Dies St&#xFC;ckchen h&#xE4;tte ich nun wieder nicht an einem tollen Hunde versuchen m&#xF6;gen, welcher bald darauf in einem engen G&#xE4;&#xDF;chen zu St. Petersburg gegen mich anlief.»Lauf, was du kannst!«dachte ich. Um desto besser fortzukommen, warf ich meinen &#xDC;berrock<a l:href="#n_63" type="note">[63]</a> ab und rettete mich geschwind ins Haus. Den Rock lie&#xDF; ich hernach durch meinen Bediensteten hereinholen und zu den andern Kleidern in die Garderobe h&#xE4;ngen. Tags darauf geriet ich in ein gewaltiges Schrecken durch meines Johanns Geschrei:»Herr Gott, Herr Baron, Ihr &#xDC;berrock ist toll!«Ich sprang hurtig zu ihm hinauf und fand alle meine Kleider umhergezerret und zu St&#xFC;cken zerrissen. Der Kerl hatte es auf ein Haar getroffen, dass der &#xDC;berrock toll sei. Ich kam gerade noch selbst dazu, wie er &#xFC;ber ein sch&#xF6;nes neues Galakleid herfiel und es auf eine gar unbarmherzige Weise zersch&#xFC;ttelte und umherzauste.</p></section><section><title><p>Drittes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Von Hunden und Pferden des Freiherrn von M&#xFC;nchhausen</emphasis></p></epigraph><p>In allen diesen F&#xE4;llen, meine Herren, wo ich freilich immer gl&#xFC;cklich, aber doch nur immer mit genauer Not davonkam, half mir das Ohngef&#xE4;hr,<a l:href="#n_64" type="note">[64]</a> welches ich durch Tapferkeit und Gegenwart des Geistes zu meinem Vorteile lenkte. Alles zusammengenommen macht, wie jedermann wei&#xDF;, den gl&#xFC;cklichen J&#xE4;ger, Seemann und Soldaten aus. Der aber w&#xFC;rde ein sehr unvorsichtiger, tadelnswerter Weidmann, Admiral und General sein, der sich &#xFC;berall nur auf das Ohngef&#xE4;hr oder sein Gestirn verlassen wollte, ohne sich weder um die besonders erforderlichen Kunstfertigkeiten zu bek&#xFC;mmern, noch sich mit denjenigen Werkzeugen zu versehen, die den guten Erfolg sichern. Ein solcher Tadel trifft mich keinesweges. Denn ich bin immer ber&#xFC;hmt gewesen sowohl wegen der Vortrefflichkeit meiner Pferde, Hunde und Gewehre als auch wegen der besondern Art, das alles zu handhaben, so dass ich mich wohl r&#xFC;hmen kann, in Forst, Wiese und Feld meines Namens Ged&#xE4;chtnis hinl&#xE4;nglich gestiftet zu haben. Ich will mich nun zwar nicht auf Partikularit&#xE4;ten von meinen Pferd- und Hundest&#xE4;llen oder meiner Gewehrkammer einlassen, wie Stall-, Jagd- und Hundejunker sonst wohl zu tun pflegen, aber zwei von meinen Hunden zeichneten sich so sehr in meinen Diensten aus, dass ich sie nie vergessen kann und ihrer bei dieser Gelegenheit mit wenigem erw&#xE4;hnen muss. Der eine war ein H&#xFC;hnerhund, so unerm&#xFC;det, so aufmerksam, so vorsichtig, dass jeder, der ihn sah, mich darum beneidete. Tag und Nacht konnte ich ihn gebrauchen: wurd’ es Nacht, so hing ich ihm eine Laterne an den Schwanz, und nun jagte ich so gut oder noch besser mit ihm als am hellen Tage. – Einst (es war kurz nach meiner Verheueratung) bezeugte meine Frau Lust, auf die Jagd zu gehen. Ich ritt voran, um etwas aufzusuchen, und es dauerte nicht lange, so stand mein Hund vor einer Kette von einigen hundert H&#xFC;hnern. Ich warte und warte immer auf meine Frau, die mit meinem Leutnant und einem Reitknechte gleich nach mir weggeritten war; niemand aber war zu sehen und zu h&#xF6;ren. Endlich werde ich unruhig, kehre um, und ungef&#xE4;hr auf der H&#xE4;lfte des Weges h&#xF6;re ich ein &#xE4;u&#xDF;erst kl&#xE4;gliches Winseln. Es schien mir ziemlich nahe zu sein, und doch war weit und breit keine lebendige Seele zu erblicken. Ich stieg ab, legte mein Ohr auf den Boden, und nun h&#xF6;rte ich nicht nur, dass dies Jammern unter der Erde war, sondern erkannte auch ganz deutlich die Stimme meiner Frau, meines Leutnants und meines Reitknechts. Zugleich sehe ich auch, dass nicht weit von mir die &#xD6;ffnung einer Steinkohlengrube war, und es blieb mir nun leider kein Zweifel mehr, dass mein armes Weib<a l:href="#n_65" type="note">[65]</a> und ihre Begleiter da hineingest&#xFC;rzt waren. Ich eilte in voller Karriere nach dem n&#xE4;chsten Dorfe, um die Grubenleute zu holen, die endlich nach langer, h&#xF6;chst m&#xFC;hseliger Arbeit die Verungl&#xFC;ckten aus einer neunzig Klafter<a l:href="#n_66" type="note">[66]</a> tiefen Schacht zutage f&#xF6;rderten. Erst brachten sie den Reitknecht, dann sein Pferd, dann den Leutnant, dann sein Pferd, dann meine Frau und zuletzt ihren t&#xFC;rkischen Klepper. Das wunderbarste bei der ganzen Sache war, dass Menschen und Pferde bei diesem ungeheueren Sturze, einige kleine Quetschungen abgerechnet, fast gar nicht besch&#xE4;digt waren; desto mehr aber hatten sie durch die unaussprechliche Angst gelitten. An eine Jagd war nun, wie Sie sich leicht vorstellen k&#xF6;nnen, nicht mehr zu denken; und da Sie, wie ich fast vermute, meinen Hund w&#xE4;hrend dieser Erz&#xE4;hlung vergessen haben, so werden Sie mir es nicht &#xFC;belnehmen, dass auch ich nicht mehr an ihn dachte. Mein Dienst n&#xF6;tigte mich, gleich den andern Morgen eine Reise anzutreten, von der ich erst nach vierzehn Tagen zur&#xFC;ckkam. Ich war kaum einige Stunden wieder zu Hause, als ich meine Diane vermi&#xDF;te. Niemand hatte sich um sie bek&#xFC;mmert; meine Leute hatten s&#xE4;mtlich geglaubt, sie w&#xE4;re mit mir gelaufen, und nun war sie zu meinem gro&#xDF;en Leidwesen nirgends zu finden. – Endlich kam mir der Gedanke: sollte der Hund wohl gar noch bei den H&#xFC;hnern sein? Hoffnung und Furcht jagten mich augenblicklich nach der Gegend hin, und siehe da, zu meiner uns&#xE4;glichen Freude stand mein Hund noch auf derselben Stelle, wo ich ihn vor vierzehn Tagen verlassen hatte.»Piel!«rief ich, und sogleich sprang er ein, und ich bekam auf einen Schu&#xDF; f&#xFC;nfundzwanzig H&#xFC;hner. Kaum aber konnte das arme Tier noch zu mir ankriechen, so ausgehungert und abgemattet war es. Um ihn mit mir nach Hause bringen zu k&#xF6;nnen, musste ich ihn auf mein Pferd nehmen, und Sie k&#xF6;nnen leicht denken, dass ich mich mit der gr&#xF6;&#xDF;ten Freude dieser Unbequemlichkeit unterzog. Nach einer guten Pflege von wenigen Tagen war er wieder so frisch und munter als zuvor, und einige Wochen darauf machte er mir es m&#xF6;glich, ein R&#xE4;tsel aufzul&#xF6;sen, was mir ohne ihn wahrscheinlich ewig ungel&#xF6;set h&#xE4;tte bleiben m&#xFC;ssen.</p><p>Ich jagte n&#xE4;mlich zwei ganzer Tage hinter einem Hasen her. Mein Hund brachte ihn immer wieder herum, aber nie konnte ich zum Schusse kommen. – An Hexerei zu glauben, ist meine Sache nie gewesen, dazu habe ich zu au&#xDF;erordentliche Dinge erlebt; allein hier war ich doch mit meinen f&#xFC;nf Sinnen am Ende. Endlich kam mir aber doch der Hase so nahe, dass ich ihn mit meinem Gewehr erreichen konnte. Er st&#xFC;rzte nieder, und was meinen Sie, was ich nun fand? – Vier L&#xE4;ufe hatte mein Hase unter dem Leibe und viere auf dem R&#xFC;cken. Waren die zwei untern Paar m&#xFC;de, so warf er sich wie ein geschickter Schwimmer, der auf Bauch und R&#xFC;cken schwimmen kann, herum, und nun ging es mit den beiden neuen wieder mit verst&#xE4;rkter Geschwindigkeit fort. Nie habe ich nachher einen Hasen von der Art gefunden und auch diesen w&#xFC;rde ich nicht bekommen haben, wenn mein Hund nicht so ungemeine Vollkommenheiten gehabt h&#xE4;tte. Dieser aber &#xFC;bertraf sein ganzes Geschlecht so sehr, dass ich kein Bedenken tragen w&#xFC;rde, ihm den Beinamen des Einzigen beizulegen, wenn nicht ein Windspiel, das ich hatte, ihm diese Ehre streitig machte. Das Tierchen war minder wegen seiner Gestalt als wegen seiner au&#xDF;erordentlichen Schnelligkeit merkw&#xFC;rdig. H&#xE4;tten die Herren es gesehen, so w&#xFC;rden sie es gewi&#xDF; bewundert und sich gar nicht verwundert haben, dass ich es so lieb hatte und so oft mit ihm jagte. Es lief so schnell, so oft und so lange in meinem Dienste, dass es sich die Beine ganz bis dicht unterm Leibe weglief und ich es in seiner letzten Lebenszeit nur noch als Dachssucher gebrauchen konnte, in welcher Qualit&#xE4;t es mir denn ebenfalls noch manch liebes Jahr diente.</p><p>Weiland<a l:href="#n_67" type="note">[67]</a> noch als Windspiel – beil&#xE4;ufig zu melden, es war eine H&#xFC;ndin – setzte sie einst hinter einem Hasen her, der mir ganz ungew&#xF6;hnlich dick vorkam. Es tat mir leid um meine arme H&#xFC;ndin, denn sie war mit Jungen tr&#xE4;chtig<a l:href="#n_68" type="note">[68]</a> und wollte doch noch ebenso schnell laufen als sonst. Nur in sehr weiter Entfernung konnte ich zu Pferde nachfolgen. Auf einmal h&#xF6;rte ich ein Geklaffe wie von einer ganzen Kuppel Hunde, allein so schwach und zart, dass ich nicht wusste, was ich daraus machen sollte. Wie ich n&#xE4;her kam, sah ich mein himmelblaues Wunder. Die H&#xE4;sin hatte im Laufen gesetzt, und meine H&#xFC;ndin geworfen, und zwar jene gerade ebensoviel junge Hasen als diese junge Hunde. Instinktm&#xE4;&#xDF;ig hatten jene die Flucht genommen, diese aber nicht nur gejagt, sondern auch gefangen. Dadurch gelangte ich am Ende der Jagd auf einmal<a l:href="#n_69" type="note">[69]</a> zu sechs Hasen und Hunden: da ich doch nur mit einem einzigen angefangen hatte.</p><p>Ich gedenke dieser wunderbaren H&#xFC;ndin mit ebendem<a l:href="#n_70" type="note">[70]</a> Vergn&#xFC;gen als eines vortrefflichen litauischen Pferdes, welches nicht mit Gelde zu bezahlen war. Dies bekam ich durch ein Ohngef&#xE4;hr, welches mir Gelegenheit gab, meine Reitkunst zu meinem nicht geringen Ruhme zu zeigen. Ich war n&#xE4;mlich einst auf dem pr&#xE4;chtigen Landsitze des Grafen Przobofsky in Litauen und blieb im Staatszimmer bei den Damen zum Tee, indessen die Herren hinunter in den Hof gingen, um ein junges Pferd von Gebl&#xFC;te<a l:href="#n_71" type="note">[71]</a> zu besehen, welches soeben aus der Stuterei angelangt war. Pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rten wir einen Notschrei. – Ich eilte die Treppe hinab und fand das Pferd so wild und unb&#xE4;ndig, dass niemand sich getrauete, sich ihm zu n&#xE4;hern oder es zu besteigen. Best&#xFC;rzt und verwirrt standen die entschlossensten Reiter da; Angst und Besorgnis schwebte auf allen Gesichtern, als ich mit einem einzigen Sprunge auf seinem R&#xFC;cken sa&#xDF; und das Pferd durch diese &#xDC;berraschung nicht nur in Schrecken setzte, sondern es auch durch Anwendung meiner besten Reitk&#xFC;nste g&#xE4;nzlich zu Ruhe und Gehorsam brachte. Um dies den Damen noch besser zu zeigen und ihnen alle unn&#xF6;tige Besorgnis zu ersparen, so zwang ich den Gaul, durch eins der offenen Fenster des Teezimmers mit mir hineinzusetzen. Hier ritt ich nun verschiedenemal, bald Schritt, bald Trott, bald Galopp herum, setzte endlich sogar auf den Teetisch und machte da im kleinen &#xFC;beraus artig die ganze Schule durch, wor&#xFC;ber sich denn die Damen ganz ausnehmend ergetzten.<a l:href="#n_72" type="note">[72]</a> Mein R&#xF6;&#xDF;chen machte alles so bewundernsw&#xFC;rdig geschickt, dass es weder Kannen noch Tassen zerbrach. Dies setzte mich bei den Damen und dem Herrn Grafen so hoch in Gunst, dass er mit seiner gew&#xF6;hnlichen H&#xF6;flichkeit mich bat, das junge Pferd zum Geschenke von ihm anzunehmen und auf selbigem in dem Feldzuge gegen die T&#xFC;rken, welcher in kurzem unter Anf&#xFC;hrung des Grafen M&#xFC;nnich<a l:href="#n_73" type="note">[73]</a> er&#xF6;ffnet werden sollte, auf Sieg und Eroberung auszureiten.</p></section><section><title><p>Viertes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Abenteuer des Freiherrn von M&#xFC;nchhausen im Kriege gegen die T&#xFC;rken</emphasis></p></epigraph><p>Ein angenehmeres Geschenk h&#xE4;tte mir nun wohl nicht leicht gemacht werden k&#xF6;nnen, besonders da es mir so viel Gutes von einem Feldzuge weissagte, in welchem ich mein erstes Probest&#xFC;ck als Soldat ablegen wollte. Ein Pferd, so gef&#xFC;gig, so mutvoll und feurig – Lamm und Bucephal<a l:href="#n_74" type="note">[74]</a> zugleich —, musste mich allezeit an die Pflichten eines braven Soldaten und an die erstaunlichen Taten erinnern, welche der junge Alexander<a l:href="#n_75" type="note">[75]</a> im Felde verrichtet hatte.</p><p>Wir zogen, wie es scheinet, unter anderm auch in der Absicht zu Felde, um die Ehre der russischen Waffen, welche in dem Feldzuge unter Zar Peter<a l:href="#n_76" type="note">[76]</a> am Pruth<a l:href="#n_77" type="note">[77]</a> ein wenig gelitten hatte, wiederherzustellen. Dieses gelang uns auch vollkommen durch verschiedene zwar m&#xFC;hselige, aber doch r&#xFC;hmliche Feldz&#xFC;ge unter Anf&#xFC;hrung des gro&#xDF;en Feldherrn, dessen ich vorhin erw&#xE4;hnte.</p><p>Die Bescheidenheit verbietet es Subalternen,<a l:href="#n_78" type="note">[78]</a> sich gro&#xDF;e Taten und Siege zuzuschreiben, wovon der Ruhm gemeiniglich<a l:href="#n_79" type="note">[79]</a> den Anf&#xFC;hrern, ihrer Alltagsqualit&#xE4;ten ungeachtet, ja wohl gar verkehrt genug K&#xF6;nigen und K&#xF6;niginnen in Rechnung gebracht wird, welche niemals anders als Musterungspulver rochen, nie au&#xDF;er ihren Lustlagern ein Schlachtfeld, noch au&#xDF;er ihren Wachtparaden ein Heer in Schlachtordnung erblickten.</p><p>Ich mache also keinen besondern Anspruch an die Ehre von unsern gr&#xF6;&#xDF;ern Aff&#xE4;ren mit dem Feinde. Wir taten insgesamt unsere Schuldigkeit, welches in der Sprache des Patrioten, des Soldaten und kurz des braven Mannes ein sehr viel umfassender Ausdruck, ein Ausdruck von sehr wichtigem Inhalt und Belang<a l:href="#n_80" type="note">[80]</a> ist, obgleich der gro&#xDF;e Haufen m&#xFC;&#xDF;iger Kannegie&#xDF;er sich nur einen sehr geringen und &#xE4;rmlichen Begriff davon machen<a l:href="#n_81" type="note">[81]</a> mag. Da ich indessen ein Korps Husaren unter meinem Kommando hatte, so ging ich auf verschiedene Expeditionen aus, wo das Verhalten meiner eigenen Klugheit und Tapferkeit &#xFC;berlassen war. Den Erfolg hiervon, denke ich denn doch, kann ich mit gutem Fug auf meine eigene und die Rechnung derjenigen braven Gef&#xE4;hrten<a l:href="#n_82" type="note">[82]</a> schreiben, die ich zu Sieg und Eroberung f&#xFC;hrte.</p><p>Einst, als wir die T&#xFC;rken in Oczakow hineintrieben, gings bei der Avantgarde sehr hei&#xDF; her. Mein feuriger Litauer h&#xE4;tte mich beinahe in des Teufels K&#xFC;che gebracht. Ich hatte einen ziemlich entfernten Vorposten und sah den Feind in einer Wolke von Staub gegen mich anr&#xFC;cken, wodurch ich wegen seiner wahren Anzahl und Absicht g&#xE4;nzlich in Ungewi&#xDF;heit blieb. Mich in eine &#xE4;hnliche Wolke von Staub einzuh&#xFC;llen, w&#xE4;re freilich wohl ein Alltagspfiff gewesen, w&#xFC;rde mich aber ebenso wenig kl&#xFC;ger gemacht als &#xFC;berhaupt der Absicht n&#xE4;her gebracht haben, warum ich vorausgeschickt war. Ich lie&#xDF; daher meine Flankeurs zur Linken und Rechten auf beiden Fl&#xFC;geln sich zerstreuen und so viel Staub erregen, als sie nur immer konnten. Ich selbst aber ging gerade auf den Feind los, um ihn n&#xE4;her in Augenschein zu nehmen. Dies gelang mir. Denn er stand und focht nur so lange, bis die Furcht vor meinen Flankeurs ihn in Unordnung zur&#xFC;cktrieb. Nun wars Zeit, tapfer &#xFC;ber ihn herzufallen. Wir zerstreueten ihn v&#xF6;llig, richteten eine gewaltige Niederlage an und trieben ihn nicht allein in seine Festung zu Loche, sondern auch durch und durch, ganz &#xFC;ber und wider unsere blutgierigsten Erwartungen.</p><p>Weil nun mein Litauer so au&#xDF;erordentlich geschwind war, so war ich der Vorderste beim Nachsetzen, und da ich sah, dass der Feind so h&#xFC;bsch zum gegenseitigen Tore wieder hinausfloh, so hielt ichs f&#xFC;r ratsam, auf dem Marktplatze anzuhalten und da zum Rendezvous blasen zu lassen. Ich hielt an, aber stellt euch, ihr Herren, mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter noch irgendeine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah. – »Sprengen sie etwa durch andere Stra&#xDF;en? Oder was ist aus ihnen geworden?«dachte ich.»Indessen konnten sie meiner Meinung nach unm&#xF6;glich fern sein und mussten mich bald einholen. In dieser Erwartung ritt ich meinen atemlosen Litauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze und lie&#xDF; ihn trinken. Er soff ganz unm&#xE4;&#xDF;ig und mit einem Hei&#xDF;durste, der gar nicht zu l&#xF6;schen war. Allein das ging ganz nat&#xFC;rlich zu. Denn als ich mich nach meinen Leuten umsah, was meint ihr wohl, ihr Herren, was ich da erblickte? – Der ganze Hinterteil des armen Tieres, Kreuz und Lenden waren fort und wie rein abgeschnitten. So lief denn hinten das Wasser ebenso wieder heraus, als es von vorn hineingekommen war, ohne dass es dem Gaul zugute kam<a l:href="#n_83" type="note">[83]</a> oder ihn erfrischte. Wie das zugegangen sein mochte, blieb mir ein v&#xF6;lliges R&#xE4;tsel, bis endlich mein Reitknecht von einer ganz entgegengesetzten Seite angejagt kam und unter einem Strome von treuherzigen Gl&#xFC;ckw&#xFC;nschen und kr&#xE4;ftigen Fl&#xFC;chen mir folgendes zu vernehmen gab. Als ich p&#xEA;le m&#xEA;le<a l:href="#n_84" type="note">[84]</a> mit dem fliehenden Feinde hereingedrungen w&#xE4;re, h&#xE4;tte man pl&#xF6;tzlich das Schutzgatter fallen lassen, und dadurch w&#xE4;re der Hinterteil meines Pferdes rein abgeschlagen worden. Erst h&#xE4;tte besagter Hinterteil unter den Feinden, die ganz blind und taub gegen das Tor angest&#xFC;rzt w&#xE4;ren, durch best&#xE4;ndiges Ausschlagen die f&#xFC;rchterlichste Verheerung angerichtet, und dann w&#xE4;re er siegreich nach einer nahe gelegenen Weide hingewandert, wo ich ihn wahrscheinlich noch finden w&#xFC;rde. Ich drehte sogleich um, und in einem unbegreiflich schnellen Galopp brachte mich die H&#xE4;lfte meines Pferdes, die mir noch &#xFC;brig war, nach der Weide hin. Zu meiner gro&#xDF;en Freude fand ich hier die andere H&#xE4;lfte gegenw&#xE4;rtig, und zu meiner noch gr&#xF6;&#xDF;eren Verwunderung sahe ich, dass sich dieselbe mit einer Besch&#xE4;ftigung am&#xFC;sierte, die so gut gew&#xE4;hlt war, dass bis jetzt noch kein ma&#xEE;tre des plaisirs<a l:href="#n_85" type="note">[85]</a> mit allem Scharfsinne imstande war, eine angemessenere Unterhaltung eines kopflosen Subjekts ausfindig zu machen.<a l:href="#n_86" type="note">[86]</a> Mit einem Worte, der Hinterteil meines Wunderpferdes hatte in den wenigen Augenblicken schon sehr vertraute Bekanntschaft mit den Stuten gemacht, die auf der Weide umherliefen, und schien bei den Vergn&#xFC;gungen seines Harems<a l:href="#n_87" type="note">[87]</a> alles ausgestandene Ungemach zu vergessen. Hiebei kam nun freilich der Kopf so wenig in Betracht,<a l:href="#n_88" type="note">[88]</a> dass selbst die Fohlen, die dieser Erholung ihr Dasein zu danken hatten, unbrauchbare Mi&#xDF;geburten waren, denen alles das fehlte, was bei ihrem Vater, als er sie zeugte, vermi&#xDF;t wurde.</p><p>Da ich so unwidersprechliche Beweise hatte, dass in beiden H&#xE4;lften meines Pferdes Leben sei, so lie&#xDF; ich sogleich unsern Kurschmied rufen. Dieser heftete, ohne sich lange zu besinnen, beide Teile mit jungen Lorbeerspr&#xF6;&#xDF;lingen, die gerade bei der Hand waren, zusammen. Die Wunde heilte gl&#xFC;cklich zu; und es begab sich etwas, das nur einem so ruhmvollen Pferde begegnen konnte. N&#xE4;mlich die Sprossen schlugen Wurzel in seinem Leibe, wuchsen empor und w&#xF6;lbten eine Laube &#xFC;ber mir, so dass ich hernach manchen ehrlichen Ritt im Schatten meiner sowohl als meines Rosses Lorbeern tun konnte.</p><p>Einer andern kleinen Ungelegenheit von dieser Aff&#xE4;re will ich nur beil&#xE4;ufig erw&#xE4;hnen. Ich hatte so heftig, so lange, so unerm&#xFC;det auf den Feind losgehauen, dass mein Arm dadurch endlich in eine unwillk&#xFC;rliche Bewegung des Hauens geraten war, als der Feind schon l&#xE4;ngst &#xFC;ber alle Berge war. Um mich nun nicht selbst oder meine Leute, die mir zu nahe kamen, f&#xFC;r nichts und wider nichts zu pr&#xFC;geln, sah ich mich gen&#xF6;tigt, meinen Arm an die acht Tage lang ebensogut in der Binde zu tragen, als ob er mir halb abgehauen gewesen w&#xE4;re.</p><p>Einem Manne, meine Herren, der einen Gaul, wie mein Litauer war, zu reiten vermochte,<a l:href="#n_89" type="note">[89]</a> k&#xF6;nnen Sie auch wohl noch ein anderes Voltigier<a l:href="#n_90" type="note">[90]</a> – und Reiterst&#xFC;ckchen zutrauen, welches au&#xDF;erdem vielleicht ein wenig fabelhaft klingen m&#xF6;chte. Wir belagerten n&#xE4;mlich, ich wei&#xDF; nicht mehr welche Stadt, und dem Feldmarschall war ganz erstaunlich viel an genauer Kundschaft gelegen, wie die Sachen in der Festung st&#xFC;nden. Es schien &#xE4;u&#xDF;erst schwer, ja fast unm&#xF6;glich, durch alle Vorposten, Wachen und Festungswerke hineinzugelangen, auch war eben kein t&#xFC;chtiges Subjekt vorhanden,<a l:href="#n_91" type="note">[91]</a> wodurch man so was gl&#xFC;cklich auszurichten h&#xE4;tte hoffen k&#xF6;nnen. Vor Mut und Diensteifer fast ein wenig allzurasch stellte ich mich neben eine der gr&#xF6;&#xDF;ten Kanonen, die soeben nach der Festung abgefeuert ward, und sprang im Hui<a l:href="#n_92" type="note">[92]</a> auf die Kugel, in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen. Als ich aber halbweges durch die Luft geritten war, stiegen mir allerlei nicht unerhebliche Bedenklichkeiten zu Kopfe.»Hum, «dachte ich,»hinein kommst du nun wohl, allein wie hernach sogleich wieder heraus? Und wie kanns dir in der Festung ergehen? Man wird dich sogleich als einen Spion erkennen und an den n&#xE4;chsten Galgen h&#xE4;ngen. Ein solches Bette der Ehren wollte ich mir denn doch wohl verbitten. «Nach diesen und &#xE4;hnlichen Betrachtungen entschlo&#xDF; ich mich kurz, nahm die gl&#xFC;ckliche Gelegenheit wahr, als eine Kanonenkugel aus der Festung einige Schritte weit vor mir vor&#xFC;ber nach unserm Lager flog, sprang von der meinigen auf diese hin&#xFC;ber und kam, zwar unverrichteter Sache, jedoch wohlbehalten bei den lieben Unsrigen wieder an.</p><p>So leicht und fertig ich im Springen war, so war es auch mein Pferd. Weder Graben noch Z&#xE4;une hielten mich jemals ab, &#xFC;berall den geradesten Weg zu reiten. Einst setzte ich darauf hinter einem Hasen her, der querfeldein<a l:href="#n_93" type="note">[93]</a> &#xFC;ber die Heerstra&#xDF;e lief. Eine Kutsche mit zwei sch&#xF6;nen Damen fuhr diesen Weg gerade zwischen mir und dem Hasen vorbei. Mein Gaul setzte so schnell und ohne Ansto&#xDF; mitten durch die Kutsche hindurch, wovon die Fenster aufgezogen waren, dass ich kaum Zeit hatte, meinen Hut abzuziehen und die Damen wegen dieser Freiheit untert&#xE4;nigst<a l:href="#n_94" type="note">[94]</a> um Verzeihung zu bitten.</p><p>Ein andres Mal wollte ich &#xFC;ber einen Morast setzen, der mir anf&#xE4;nglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen gr&#xF6;&#xDF;ern Anlauf zu nehmen.<a l:href="#n_95" type="note">[95]</a> Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier h&#xE4;tte ich unfehlbar umkommen m&#xFC;ssen, wenn nicht die St&#xE4;rke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schlo&#xDF;, wieder herausgezogen h&#xE4;tte.</p></section><section><title><p>F&#xFC;nftes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Abenteuer des Freiherrn von M&#xFC;nchhausen w&#xE4;hrend seiner Gefangenschaft bei den T&#xFC;rken. Er kehrt in seine Heimat zur&#xFC;ck</emphasis></p></epigraph><p>Trotz aller meiner Tapferkeit und Klugheit, trotz meiner und meines Pferdes Gewandtheit und St&#xE4;rke gings mir in dem T&#xFC;rkenkriege doch nicht immer nach Wunsche. Ich hatte sogar das Ungl&#xFC;ck, durch die Menge &#xFC;bermannt<a l:href="#n_96" type="note">[96]</a> und zum Kriegsgefangenen gemacht zu werden. Ja, was noch schlimmer war, aber doch immer unter den T&#xFC;rken gew&#xF6;hnlich ist, ich wurde zum Sklaven verkauft. In diesem Stande der Dem&#xFC;tigung war mein Tagewerk nicht sowohl hart und sauer als vielmehr seltsam und verdrie&#xDF;lich. Ich musste n&#xE4;mlich des Sultans Bienen alle Morgen auf die Weide treiben, sie daselbst<a l:href="#n_97" type="note">[97]</a> den ganzen Tag lang h&#xFC;ten und dann gegen Abend wieder zur&#xFC;ck in ihre St&#xF6;cke treiben. Eines Abends vermi&#xDF;te ich eine Biene, wurde aber sogleich gewahr, dass zwei B&#xE4;ren sie angefallen hatten und ihres Honigs wegen zerrei&#xDF;en wollten. Da ich nun nichts anderes Waffen&#xE4;hnliches in H&#xE4;nden hatte als die silberne Axt, welche das Kennzeichen der G&#xE4;rtner und Landarbeiter des Sultans ist, so warf ich diese nach den beiden R&#xE4;ubern, blo&#xDF; in der Absicht, sie damit wegzuscheuchen. Die arme Biene setzte ich auch wirklich dadurch in Freiheit; allein durch einen ungl&#xFC;cklichen, allzu starken Schwung meines Armes flog die Axt in die H&#xF6;he und h&#xF6;rte nicht auf zu steigen, bis sie im Monde niederfiel. Wie sollte ich sie nun wiederkriegen? Mit welcher Leiter auf Erden sie herunterholen? Da fiel mir ein, dass die t&#xFC;rkischen Bohnen sehr geschwind und zu einer ganz erstaunlichen H&#xF6;he emporw&#xFC;chsen. Augenblicklich pflanzte ich also eine solche Bohne, welche wirklich emporwuchs und sich an eines von des Mondes H&#xF6;rnern von selbst anrankte. Nun kletterte ich getrost nach dem Monde empor, wo ich auch gl&#xFC;cklich anlangte. Es war ein ziemlich m&#xFC;hseliges St&#xFC;ckchen Arbeit, meine silberne Axt an einem Orte wiederzufinden, wo alle andere Dinge gleichfalls wie Silber gl&#xE4;nzten. Endlich aber fand ich sie doch auf einem Haufen Spreu und H&#xE4;ckerling. Nun wollte ich wieder zur&#xFC;ckkehren, aber ach, die Sonnenhitze hatte indessen meine Bohne aufgetrocknet, so dass daran schlechterdings nicht wieder herabzusteigen war. Was war nun zu tun? – Ich flocht mir einen Strick von dem H&#xE4;ckerling, so lang ich ihn nur immer machen konnte. Diesen befestigte ich an eines von des Mondes H&#xF6;rnern und lie&#xDF; mich daran heruntern. Mit der rechten Hand hielt ich mich fest, und in der linken f&#xFC;hrte ich meine Axt. Sowie ich nun eine Strecke hinuntergeglitten war, so hieb ich immer das &#xFC;berfl&#xFC;ssige St&#xFC;ck &#xFC;ber mir ab und kn&#xFC;pfte dasselbe unten wieder an, wodurch ich denn ziemlich weit heruntergelangte. Dieses wiederholte Abhauen und Ankn&#xFC;pfen machte nun freilich den Strick ebensowenig besser, als es mich v&#xF6;llig herab auf des Sultans Landgut brachte. Ich mochte wohl noch ein paar Meilen weit droben in den Wolken sein, als mein Strick auf einmal zerri&#xDF; und ich mit solcher Heftigkeit herab zu Gottes Erdboden fiel, dass ich ganz bet&#xE4;ubt davon wurde. Durch die Schwere meines von einer solchen H&#xF6;he herabfallenden K&#xF6;rpers fiel ich ein Loch, wenigstens neun Klafter tief, in die Erde hinein. Ich erholte mich zwar endlich wieder, wusste aber nun nicht, wie ich wieder herauskommen sollte. Allein was tut nicht die Not? Ich grub mir mit meinen N&#xE4;geln, deren Wuchs damals vierzigj&#xE4;hrig war, eine Art von Treppe und f&#xF6;rderte mich dadurch gl&#xFC;cklich zutage.</p><p>Durch diese m&#xFC;hselige Erfahrung kl&#xFC;ger gemacht, fing ichs nachher besser an, der B&#xE4;ren, die so gern nach meinen Bienen und den Honigst&#xF6;cken stiegen, loszuwerden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig und legte mich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermutete, das geschah. Ein ungeheurer B&#xE4;r, herbeigelockt durch den Duft des Honigs, kam an und fing vorn an der Spitze der Stange so begierig an zu lecken, dass er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinausleckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinaufgeleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den R&#xFC;ckzug und lie&#xDF; ihn sitzen bis an den andern Morgen. &#xDC;ber dies St&#xFC;ckchen wollte sich der Gro&#xDF;sultan, der von ungef&#xE4;hr vorbeispazierte, fast totlachen.</p><p>Nicht lange hierauf machten die Russen mit den T&#xFC;rken Frieden, und ich wurde nebst<a l:href="#n_98" type="note">[98]</a> andern Kriegsgefangenen wieder nach St. Petersburg ausgeliefert. Ich nahm aber nun meinen Abschied und verlie&#xDF; Russland um die Zeit der gro&#xDF;en Revolution vor etwa vierzig Jahren, da der Kaiser in der Wiege nebst seiner Mutter und ihrem Vater, dem Herzoge von Braunschweig, dem Feldmarschall von M&#xFC;nnich und vielen andern nach Sibirien geschickt wurden. Es herrschte damals &#xFC;ber ganz Europa ein so au&#xDF;erordentlich strenger Winter, dass die Sonne eine Art von Frostschaden erlitten haben muss, woran sie seit der ganzen Zeit her bis auf den heutigen Tag gesiecht hat. Ich empfand daher auf der R&#xFC;ckreise in mein Vaterland weit gr&#xF6;&#xDF;eres Ungemach,<a l:href="#n_99" type="note">[99]</a> als ich auf meiner Hinreise nach Russland erfahren hatte.</p><p>Ich musste, weil mein Litauer in der T&#xFC;rkei geblieben war, mit der Post reisen. Als sichs nun f&#xFC;gte, dass wir an einen engen hohlen Weg zwischen hohen Dornhecken kamen, so erinnerte ich den Postillion, mit seinem Horne ein Zeichen zu geben, damit wir uns in diesem engen Passe nicht etwa gegen ein anderes entgegenkommendes Fuhrwerk festfahren mochten. Mein Kerl setzte an und blies aus Leibeskr&#xE4;ften in das Horn, aber alle seine Bem&#xFC;hungen waren umsonst. Nicht ein einziger Ton kam heraus, welches uns ganz unerkl&#xE4;rlich, ja in der Tat f&#xFC;r ein rechtes Ungl&#xFC;ck zu achten war, indem bald eine andere uns entgegenkommende Kutsche auf uns stie&#xDF;, vor welcher nun schlechterdings nicht vorbeizukommen war. Nichtsdestoweniger sprang ich aus meinem Wagen und spannte zuv&#xF6;rderst<a l:href="#n_100" type="note">[100]</a> die Pferde aus. Hierauf nahm ich den Wagen nebst den vier R&#xE4;dern und allen P&#xE4;ckereien auf meine Schultern und sprang damit &#xFC;ber Ufer und Hecke, ungef&#xE4;hr neun Fu&#xDF; hoch, welches in R&#xFC;cksicht auf die Schwere der Kutsche eben keine Kleinigkeit war, auf das Feld hin&#xFC;ber. Durch einen andern R&#xFC;cksprung gelangte ich, die fremde Kutsche vor&#xFC;ber, wieder in den Weg. Darauf eilte ich zur&#xFC;ck zu unsern Pferden, nahm unter jeden Arm eins und holte sie auf die vorige Art, n&#xE4;mlich durch einen zweimaligen Sprung hin&#xFC;ber und her&#xFC;ber, gleichfalls herbei, lie&#xDF; wieder anspannen und gelangte gl&#xFC;cklich am Ende der Station zur Herberge. Noch h&#xE4;tte ich anf&#xFC;hren sollen, dass eins von den Pferden, welches sehr mutig und nicht &#xFC;ber vier Jahre alt war, ziemlichen Unfug machen<a l:href="#n_101" type="note">[101]</a> wollte. Denn als ich meinen zweiten Sprung &#xFC;ber die Hecke tat, so verriet es durch sein Schnauben und Trampeln ein gro&#xDF;es Missbehagen an dieser heftigen Bewegung. Dies verwehrte ich ihm aber gar bald, indem ich seine Hinterbeine in meine Rocktasche steckte. In der Herberge erholten wir uns wieder von unserm Abenteuer. Der Postillion h&#xE4;ngte sein Horn an einen Nagel beim K&#xFC;chenfeuer, und ich setzte mich ihm gegen&#xFC;ber.</p><p>Nun h&#xF6;rt, ihr Herren, was geschah! Auf einmal gings: Tereng! tereng! teng! teng! Wir machten gro&#xDF;e Augen und fanden nun auf einmal die Ursache aus, warum der Postillion sein Horn nicht hatte blasen k&#xF6;nnen. Die T&#xF6;ne waren in dem Horne festgefroren und kamen nun, so wie sie nach und nach auftaueten, hell und klar zu nicht geringer Ehre des Fuhrmanns heraus. Denn die ehrliche Haut unterhielt uns nun eine ziemliche Zeitlang mit der herrlichsten Modulation, ohne den Mund an das Horn zu bringen. Da h&#xF6;rten wir den preu&#xDF;ischen Marsch – Ohne Lieb und ohne Wein – Als ich auf meiner Bleiche – Gestern abend war Vetter Michel da – nebst noch vielen andern St&#xFC;ckchen, auch sogar das Abendlied: Nun ruhen alle W&#xE4;lder. – Mit diesem letzten endigte sich denn dieser Tauspa&#xDF;, so wie ich hiermit meine russische Reisegeschichte.</p><p>Manche Reisende sind bisweilen<a l:href="#n_102" type="note">[102]</a> imstande, mehr zu behaupten, als genau genommen wahr sein mag. Daher ist es denn kein Wunder, wenn Leser oder Zuh&#xF6;rer ein wenig zum Unglauben geneigt werden. Sollten indessen einige von der Gesellschaft an meiner Wahrhaftigkeit zweifeln, so muss ich sie wegen ihrer Ungl&#xE4;ubigkeit herzlich bemitleiden und sie bitten, sich lieber zu entfernen, ehe ich meine Schiffsabenteuer beginne, die zwar fast noch wunderbarer, aber doch ebenso authentisch sind.</p></section><section><title><p>Sechstes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Erstes Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Gleich die erste Reise, die ich in meinem Leben machte, geraume Zeit<a l:href="#n_103" type="note">[103]</a> vor der russischen, von der ich eben einige Merkw&#xFC;rdigkeiten erz&#xE4;hlt habe, war eine Reise zur See.</p><p>Ich stand, wie mein Onkel, der schwarzbartigste Husarenoberste, den ich je gesehen habe, mir oft zuzuschnurren pflegte, noch mit den G&#xE4;nsen im Prozesse, und man hielt es noch f&#xFC;r unentschieden, ob der wei&#xDF;e Flaum an meinem Kinne Keim von Dunen<a l:href="#n_104" type="note">[104]</a> oder von einem Barte w&#xE4;re, als schon Reisen das einzige Dichten und Trachten meines Herzens war. Da mein Vater teils selbst ein ehrliches Teil seiner fr&#xFC;heren Jahre mit Reisen zugebracht hatte, teils manchen Winterabend durch die aufrichtige und ungeschminkte Erz&#xE4;hlung seiner Abenteuer verk&#xFC;rzte, von denen ich Ihnen vielleicht in der Folge noch einige zum besten gebe, so kann man jene Neigung bei mir wohl mit ebenso gutem Grunde f&#xFC;r angeboren als f&#xFC;r eingefl&#xF6;&#xDF;et halten. Genug, ich ergriff jede Gelegenheit, die sich anbot oder nicht anbot, meiner un&#xFC;berwindlichen Begierde, die Welt zu sehen, Befriedigung zu erbetteln oder zu ertrotzen; allein vergebens. Gelang es mir auch einmal, bei meinem Vater eine kleine Bresche zu machen, so taten Mama und Tante desto heftigeren Widerstand, und in wenigen Augenblicken war alles, was ich durch die &#xFC;berlegtesten Angriffe gewonnen hatte, wieder verloren. Endlich f&#xFC;gte sichs, dass einer meiner m&#xFC;tterlichen Verwandten uns besuchte. Ich wurde bald sein Liebling: er sagte mir oft, ich w&#xE4;re ein h&#xFC;bscher, munterer Junge, und er wolle alles m&#xF6;gliche tun, mir zur Erf&#xFC;llung meines sehnlichsten Wunsches beh&#xFC;lflich zu sein. Seine Beredsamkeit war wirksamer als die meinige, und nach vielen Vorstellungen und Gegenvorstellungen, Einwendungen und Widerlegungen wurde endlich zu meiner unaussprechlichen Freude beschlossen, dass ich ihn auf einer Reise nach Ceylon,<a l:href="#n_105" type="note">[105]</a> wo sein Onkel viele Jahre Gouverneur gewesen war, begleiten sollte.</p><p>Wir segelten mit wichtigen Auftr&#xE4;gen Ihrer Hochm&#xF6;genden, der Staaten von Holland, von Amsterdam ab. Unsere Reise hatte, wenn ich einen au&#xDF;erordentlichen Sturm abrechne, nichts Besonderes. Dieses Sturmes aber muss ich seiner wunderbaren Folgen wegen mit ein paar Worten gedenken. Er nahm sich auf, gerade als wir bei einer Insel vor Anker lagen,<a l:href="#n_106" type="note">[106]</a> um uns mit Holz und Wasser zu versorgen, und tobte mit solcher Heftigkeit, dass er eine gro&#xDF;e Menge B&#xE4;ume von ungeheuerer Dicke und H&#xF6;he mit der Wurzel aus der Erde ri&#xDF; und durch die Luft schleuderte. Ungeachtet einige dieser B&#xE4;ume mehrere hundert Zentner schwer waren, so sahen sie doch wegen der unerme&#xDF;lichen H&#xF6;he – denn sie waren wenigstens f&#xFC;nf Meilen &#xFC;ber der Erde – nicht gr&#xF6;&#xDF;er aus als kleine Vogelfederchen, die bisweilen in der Luft umherfliegen. Indes, sowie der Orkan sich legte, fiel jeder Baum senkrecht in seine Stelle und schlug sogleich wieder Wurzel, so dass kaum eine Spur der Verw&#xFC;stung zu sehen war. Nur der gr&#xF6;&#xDF;te machte hievon eine Ausnahme. Als er durch die pl&#xF6;tzliche Gewalt des Sturmes aus der Erde ausgerissen wurde, sa&#xDF; gerade ein Mann mit seinem Weibe auf den &#xC4;sten desselben und pfl&#xFC;ckte Gurken; denn in diesem Teile der Welt w&#xE4;chset diese herrliche Frucht auf B&#xE4;umen. Das ehrliche Paar machte so geduldig als Blanchards Hammel die Luftreise mit, veranla&#xDF;te aber durch seine Schwere, dass der Baum sowohl von seiner Richtung gegen seinen vorigen Platz abwich, als auch in einer horizontalen Lage herunterkam. Nun hatte, so wie die meisten Einwohner dieser Insel, auch ihr allergn&#xE4;digster Kazike w&#xE4;hrend des Sturms seine Wohnung verlassen, aus Furcht, unter den Tr&#xFC;mmern derselben begraben zu werden, und wollte gerade wieder durch seinen Garten zur&#xFC;ckgehen, als dieser Baum herniedersausete und ihn, gl&#xFC;cklicherweise, auf der Stelle totschlug.</p><p>– Gl&#xFC;cklicherweise?</p><p>– Ja, ja, gl&#xFC;cklicherweise. Denn, meine Herren, der Kazike<a l:href="#n_107" type="note">[107]</a> war, mit Erlaubnis zu melden, der abscheulichste Tyrann, und die Einwohner der Insel, selbst seine G&#xFC;nstlinge und M&#xE4;tressen<a l:href="#n_108" type="note">[108]</a> nicht ausgenommen, die elendesten Gesch&#xF6;pfe unterm Monde. In seinen Vorratsh&#xE4;usern verfaulten die Lebensmittel, w&#xE4;hrend seine Untertanen, denen sie abgepre&#xDF;t waren, vor Hunger verschmachteten. Seine Insel hatte keinen ausw&#xE4;rtigen Feind zu f&#xFC;rchten; dessenungeachtet nahm er jeden jungen Kerl weg, pr&#xFC;gelte ihn h&#xF6;chsteigenh&#xE4;ndig zum Helden und verkaufte von Zeit zu Zeit seine Kollektion dem meistbietenden benachbarten F&#xFC;rsten, um zu den Millionen Muscheln, die er von seinem Vater geerbt hatte, neue Millionen zu legen. – Man sagte uns, er habe diese unerh&#xF6;rten Grunds&#xE4;tze von einer Reise, die er nach dem Norden gemacht habe, mitgebracht; eine Behauptung, auf deren Widerlegung wir uns, alles Patriotismus ungeachtet, schon deswegen nicht einlassen konnten, weil bei diesen Insulanern<a l:href="#n_109" type="note">[109]</a> eine Reise nach dem Norden ebensowohl eine Reise nach den Kanarischen Inseln als eine Spazierfahrt nach Gr&#xF6;nland bedeutet; und eine bestimmtere Erkl&#xE4;rung mochten wir aus mehreren Gr&#xFC;nden nicht verlangen.</p><p>Zur Dankbarkeit f&#xFC;r den gro&#xDF;en Dienst, den das gurkenpfl&#xFC;ckende Paar, obgleich nur zuf&#xE4;lligerweise, seinen Mitb&#xFC;rgern erwiesen hatte, wurde es von diesen auf den erledigten Thron gesetzt. Zwar waren diese guten Leutchen auf ihrer Luftfahrt dem gro&#xDF;en Lichte der Welt so nahe gekommen, dass sie das Licht ihrer Augen und &#xFC;berdies eine kleine Portion ihres innern Lichtes dabei zugesetzt hatten; allein nichtsdestoweniger regierten sie so l&#xF6;blich, dass, wie ich in der Folge erfuhr, niemand Gurken a&#xDF;, ohne zu sprechen: Gott erhalte den Kaziken.</p><p>Nachdem wir unser Schiff, das von diesem Sturme nicht wenig besch&#xE4;digt war, wieder ausgebessert und uns von dem neuen Monarchen und seiner Gemahlin beurlaubt hatten, segelten wir mit ziemlichem Winde ab und kamen nach sechs Wochen gl&#xFC;cklich zu Ceylon an.</p><p>Es mochten ungef&#xE4;hr vierzehn Tage seit unserer Ankunft verstrichen sein, als mir der &#xE4;lteste Sohn des Gouverneurs den Vorschlag tat, mit ihm auf die Jagd zu gehen, den ich auch herzlich gern annahm. Mein Freund war ein gro&#xDF;er, starker Mann und an die Hitze jenes Klima gew&#xF6;hnt; ich aber wurde in kurzer Zeit und bei ganz m&#xE4;&#xDF;iger Bewegung so matt, dass ich, als wir in den Wald gekommen waren, weit hinter ihm zur&#xFC;ckblieb.</p><p>Ich wollte mich eben an dem Ufer eines rei&#xDF;enden Stromes, der schon einige Zeit meine Aufmerksamkeit besch&#xE4;ftigt hatte, niedersetzen, um mich etwas auszuruhen, als ich auf einmal auf dem Wege, den ich gekommen war, ein Ger&#xE4;usch h&#xF6;rte. Ich sah zur&#xFC;ck und wurde fast versteinert, als ich einen ungeheueren L&#xF6;wen erblickte, der gerade auf mich zukam und mich nicht undeutlich merken lie&#xDF;, dass er gn&#xE4;digst geruhe, meinen armen Leichnam zu seinem Fr&#xFC;hst&#xFC;cke zu machen, ohne sich nur meine Einwilligung auszubitten. Meine Flinte war blo&#xDF; mit Hasenschrot geladen. Langes Besinnen erlaubte mir weder die Zeit noch meine Verwirrung. Doch entschlo&#xDF; ich mich, auf die Bestie zu feueren, in der Hoffnung, sie zu schrecken, vielleicht auch zu verwunden. Allein da ich in der Angst nicht einmal wartete, bis mir der L&#xF6;we zum Schusse kam, so wurde er dadurch w&#xFC;tend gemacht und kam nun mit aller Heftigkeit auf mich los. Mehr aus Instinkt als aus vern&#xFC;nftiger &#xDC;berlegung versuchte ich eine Unm&#xF6;glichkeit – zu entfliehen. Ich kehrte mich um, und – mir l&#xE4;uft noch, sooft ich daran gedenke, ein kalter Schauder &#xFC;ber den Leib – wenige Schritte vor mir steht ein scheu&#xDF;licher Krokodil, der schon f&#xFC;rchterlich seinen Rachen aufsperrte, um mich zu verschlingen.</p><p>Stellen Sie sich, meine Herren, das Schreckliche meiner Lage vor! Hinter mir der L&#xF6;we, vor mir der Krokodil, zu meiner Linken ein rei&#xDF;ender Strom, zu meiner Rechten ein Abgrund, in dem, wie ich nachher h&#xF6;rte, die giftigsten Schlangen sich aufhielten.</p><p>Bet&#xE4;ubt – und das war einem Herkules in dieser Lage nicht &#xFC;belzunehmen – st&#xFC;rze ich zu Boden. Jeder Gedanke, den meine Seele noch vermochte, war die schreckliche Erwartung, jetzt die Z&#xE4;hne oder Klauen des w&#xFC;tenden Raubtiers zu f&#xFC;hlen oder in dem Rachen des Krokodils zu stecken. Doch in wenigen Sekunden h&#xF6;rte ich einen starken, aber durchaus fremden Laut. Ich wage es endlich, meinen Kopf aufzuheben und mich umzuschauen, und – was meinen Sie? – zu meiner unaussprechlichen Freude finde ich, dass der L&#xF6;we in der Hitze, in der er auf mich losscho&#xDF;, in ebendem Augenblicke, in dem ich niederst&#xFC;rzte, &#xFC;ber mich weg in den Rachen des Krokodils gesprungen war. Der Kopf des einen steckte nun in dem Schlunde des andern, und sie strebten mit aller Macht, sich voneinander loszumachen. Gerade noch zu rechter Zeit sprang ich auf, zog meinen Hirschf&#xE4;nger, und mit einem Streiche haute ich den Kopf des L&#xF6;wen ab, so dass der Rumpf zu meinen F&#xFC;&#xDF;en zuckte. Darauf rammte ich mit dem untern Ende meiner Flinte den Kopf noch tiefer in den Rachen des Krokodils, das nun j&#xE4;mmerlich ersticken musste.</p><p>Bald nachdem ich diesen vollkommenen Sieg &#xFC;ber zwei f&#xFC;rchterliche Feinde erfochten hatte, kam mein Freund, um zu sehen, was die Ursache meines Zur&#xFC;ckbleibens w&#xE4;re.</p><p>Nach gegenseitigen Gl&#xFC;ckw&#xFC;nschen ma&#xDF;en wir den Krokodil und fanden ihn genau vierzig Pariser Fu&#xDF; sieben Zoll lang.</p><p>Sobald wir dem Gouverneur dieses au&#xDF;erordentliche Abenteuer erz&#xE4;hlet hatten, schickte er einen Wagen mit einigen Leuten aus und lie&#xDF; die beiden Tiere nach seinem Hause holen. Aus dem Felle des L&#xF6;wen musste mir ein dortiger K&#xFC;rsner Tobaksbeutel verfertigen, von denen ich einige meinen Bekannten zu Ceylon verehrte. Mit den &#xFC;brigen machte ich bei unserer R&#xFC;ckkunft nach Holland Geschenke an die B&#xFC;rgemeister, die mir dagegen ein Geschenk von tausend Dukaten<a l:href="#n_110" type="note">[110]</a> machen wollten, das ich nur mit vieler M&#xFC;he ablehnen konnte.</p><p>Die Haut des Krokodils wurde auf die gew&#xF6;hnliche Art ausgestopft und macht nun eine der gr&#xF6;&#xDF;ten Merkw&#xFC;rdigkeiten in dem Museum zu Amsterdam aus, wo der Vorzeiger die ganze Geschichte jedem, den er herumf&#xFC;hret, erz&#xE4;hlt. Dabei macht er denn freilich immer einige Zus&#xE4;tze, von denen verschiedene Wahrheit und Wahrscheinlichkeit in hohem Grade beleidigen. So pflegt er zum Exempel zu sagen, dass der L&#xF6;we durch den Krokodil hindurchgesprungen sei und eben bei der Hintert&#xFC;r habe entwischen wollen, als Monsieur, der weltber&#xFC;hmte Baron, wie er mich zu nennen beliebt, den Kopf, sowie er herauskam, und mit dem Kopfe drei Fu&#xDF; von dem Schwanze des Krokodils abgehauen h&#xE4;tte. Der Krokodil, f&#xE4;hrt der Kerl bisweilen fort, blieb bei dem Verluste seines Schwanzes nicht gleichg&#xFC;ltig, drehete sich um, ri&#xDF; Monsieur den Hirschf&#xE4;nger aus der Hand und verschlang ihn mit solcher Hitze, dass er mitten durch das Herz des Unget&#xFC;ms fuhr und es auf der Stelle sein Leben verlor.</p><p>Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, meine Herren, wie unangenehm mir die Unversch&#xE4;mtheit dieses Schurken sein muss. Leute, die mich nicht kennen, werden durch dergleichen handgreifliche L&#xFC;gen in unserm zweifels&#xFC;chtigen Zeitalter leicht veranla&#xDF;t, selbst in die Wahrheit meiner wirklichen Taten ein Misstrauen zu setzen, was einen Kavalier von Ehre im h&#xF6;chsten Grade kr&#xE4;nkt und beleidigt.</p></section><section><title><p>Siebentes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Zweites Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Im Jahr 1766 schiffte ich mich zu Portsmouth<a l:href="#n_111" type="note">[111]</a> auf einem englischen Kriegsschiffe erster Ordnung, mit hundert Kanonen und vierzehnhundert Mann, nach Nordamerika ein. Ich k&#xF6;nnte hier zwar erst noch allerlei, was mir in England begegnet ist, erz&#xE4;hlen; ich verspare es aber auf ein anderes Mal. Eins jedoch, welches mir &#xFC;beraus artig vorkam, will ich nur noch im Vorbeigehen mitnehmen. Ich hatte das Vergn&#xFC;gen, den K&#xF6;nig mit gro&#xDF;em Pompe in seinem Staatswagen nach dem Parlament fahren zu sehen. Ein Kutscher mit einem ungemein respektablen Barte, worein das englische Wappen sehr sauber geschnitten war, sa&#xDF; gravit&#xE4;tisch auf dem Bocke und klatschte mit seiner Peitsche ein ebenso deutliches als k&#xFC;nstliches:</p><p>Anlangend unsere Seereise, so begegnete uns nichts Merkw&#xFC;rdiges, bis wir ohngef&#xE4;hr noch dreihundert Meilen von dem St. Lorenzflusse entfernt waren. Hier stie&#xDF; das Schiff mit erstaunlicher Gewalt gegen etwas an, das uns wie ein Fels vorkam. Gleichwohl konnten wir, als wir das Senkblei auswarfen, mit f&#xFC;nfhundert Klaftern noch keinen Grund finden. Was diesen Vorfall noch wunderbarer und beinahe unbegreiflich machte, war, dass wir unser Steuerruder verloren, das Bugspriet mitten entzweibrachen und alle unsere Masten von oben bis unten aus zersplitterten, wovon auch zwei &#xFC;ber Bord stoben. Ein armer Teufel, welcher gerade oben das Hauptsegel beilegte, flog wenigstens drei Meilen weit vom Schiffe weg, ehe er zu Wasser fiel. Allein er rettete noch dadurch gl&#xFC;cklich sein Leben, dass er, w&#xE4;hrend er in der Luft flog, den Schwanz einer Rotgans ergriff, welches nicht nur seinen Sturz in das Wasser milderte, sondern ihm auch Gelegenheit gab, auf ihrem R&#xFC;cken oder vielmehr zwischen Hals und Fittichen so lange nachzuschwimmen, bis er endlich an Bord genommen werden konnte. Ein anderer Beweis von der Gewalt des Sto&#xDF;es war dieser, dass alles Volk zwischen den Verdecken empor gegen die Kopfdecke geschnellt ward. Mein Kopf ward dadurch ganz in den Magen hinabgepufft, und es dauerte wohl einige Monate, ehe er seine nat&#xFC;rliche Stellung wieder bekam. Noch befanden wir uns insgesamt in einem Zustande des Erstaunens und einer allgemeinen unbeschreiblichen Verwirrung, als sich auf einmal alles durch Erscheinung eines gro&#xDF;en Walfisches aufkl&#xE4;rte, welcher an der Oberfl&#xE4;che des Wassers, sich s&#xF6;mmernd, eingeschlafen war. Dies Ungeheuer war so &#xFC;bel damit zufrieden, dass wir es mit unserm Schiffe gest&#xF6;rt hatten, dass es nicht nur mit seinem Schwanze die Galerie und einen Teil des Oberlofs einschlug, sondern auch zu gleicher Zeit den Hauptanker, welcher wie gew&#xF6;hnlich am Steuer aufgewunden war, zwischen seine Z&#xE4;hne packte und wenigstens sechzig Meilen weit, sechs Meilen auf eine Stunde gerechnet, mit unserm Schiffe davoneilte. Gott wei&#xDF;, wohin wir gezogen sein w&#xFC;rden, wenn nicht noch gl&#xFC;cklicherweise das Ankertau zerrissen w&#xE4;re, wodurch der Walfisch unser Schiff, wir aber auch zugleich unsern Anker verloren. Als wir aber sechs Monate hierauf wieder nach Europa zur&#xFC;cksegelten, so fanden wir ebendenselben Walfisch in einer Entfernung weniger Meilen von ebender Stelle tot auf dem Wasser schwimmen, und er ma&#xDF; ungelogen der L&#xE4;nge nach wenigstens eine halbe Meile. Da wir nun von einem so ungeheueren Tiere nur wenig an Bord nehmen konnten, so setzten wir unsre Boote aus, schnitten ihm mit gro&#xDF;er M&#xFC;he den Kopf ab und fanden zu unserer gro&#xDF;en Freude nicht nur unsern Anker, sondern auch &#xFC;ber vierzig Klafter Tau, welches auf der linken Seite seines Rachens in einem hohlen Zahne steckte. Dies war der einzige besondere Umstand, der sich auf dieser Reise zutrug. Doch halt! eine Fatalit&#xE4;t h&#xE4;tte ich beinahe vergessen. Als n&#xE4;mlich das erstemal der Walfisch mit dem Schiffe davonschwamm, so bekam das Schiff einen Leck, und das Wasser drang so heftig herein, dass alle unsere Pumpen uns keine halbe Stunde vor dem Sinken h&#xE4;tten bewahren k&#xF6;nnen. Zum guten Gl&#xFC;ck entdeckte ich das Unheil zuerst. Es war ein gro&#xDF;es Loch, ohngef&#xE4;hr einen Fu&#xDF; im Durchmesser. Auf allerlei Weise versuchte ich es, das Loch zu verstopfen, allein umsonst. Endlich rettete ich dies sch&#xF6;ne Schiff und alle seine zahlreiche Mannschaft durch den gl&#xFC;cklichsten Einfall von der Welt. Ob das Loch gleich so gro&#xDF; war, so f&#xFC;llte ichs dennoch mit meinem Liebwertesten aus, ohne meine Beinkleider abzuziehen; und ich w&#xFC;rde ausgelanget haben, wenn auch die &#xD6;ffnung noch viel gr&#xF6;&#xDF;er gewesen w&#xE4;re. Sie werden sich dar&#xFC;ber nicht wundern, meine Herren, wenn ich Ihnen sage, dass ich auf beiden Seiten von holl&#xE4;ndischen, wenigstens westf&#xE4;lischen Vorfahren abstamme. Meine Situation, solange ich auf der Brille sa&#xDF;, war zwar ein wenig k&#xFC;hl, indessen ward ich doch bald durch die Kunst des Zimmermannes erl&#xF6;set.</p></section><section><title><p>Achtes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Drittes Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Einst war ich in gro&#xDF;er Gefahr, im Mittell&#xE4;ndischen Meere umzukommen. Ich badete mich n&#xE4;mlich an einem Sommernachmittage ohnweit<a l:href="#n_112" type="note">[112]</a> Marseille<a l:href="#n_113" type="note">[113]</a> in der angenehmen See, als ich einen gro&#xDF;en Fisch mit weit aufgesperrtem Rachen in der gr&#xF6;&#xDF;ten Geschwindigkeit auf mich daherschie&#xDF;en sah. Zeit war hier schlechterdings nicht zu verlieren, auch war es durchaus unm&#xF6;glich, ihm zu entkommen. Unverz&#xFC;glich dr&#xFC;ckte ich mich so klein zusammen als m&#xF6;glich, indem ich meine F&#xFC;&#xDF;e heraufzog und die Arme dicht an den Leib schlo&#xDF;. In dieser Stellung schl&#xFC;pfte ich denn gerade zwischen seinen Kiefern hindurch bis in den Magen hinab. Hier brachte ich, wie man leicht denken kann, einige Zeit in g&#xE4;nzlicher Finsternis, aber doch in einer nicht unbehaglichen W&#xE4;rme zu. Da ich ihm nach und nach Magendr&#xFC;cken verursachen mochte, so w&#xE4;re er mich wohl gern wieder los gewesen. Weil es mir gar nicht an Raume fehlte, so spielte ich ihm durch Tritt und Schritt, durch Hopp und He gar manchen Possen. Nichts schien ihn aber mehr zu beunruhigen als die schnelle Bewegung meiner F&#xFC;&#xDF;e, da ichs versuchte, einen schottischen Triller zu tanzen. Ganz entsetzlich schrie er auf und erhob sich fast senkrecht mit seinem halben Leibe aus dem Wasser. Hierdurch ward er aber von dem Volke eines vorbeisegelnden itali&#xE4;nischen Kauffahrteischiffes entdeckt und in wenigen Minuten mit Harpunen erlegt. Sobald er an Bord gebracht war, h&#xF6;rte ich das Volk sich beratschlagen, wie sie ihn aufschneiden wollten, um die gr&#xF6;&#xDF;te Quantit&#xE4;t &#xD6;l von ihm zu gewinnen. Da ich nun Itali&#xE4;nisch verstand, so geriet ich in die schrecklichste Angst, dass ihre Messer auch mich par compagnie mit aufschneiden m&#xF6;chten. Daher stellte ich mich so viel m&#xF6;glich in die Mitte des Magens, worin f&#xFC;r mehr als ein Dutzend Mann hinl&#xE4;nglich Platz war, weil ich mir wohl einbilden konnte, dass sie mit den Extremit&#xE4;ten den Anfang machen w&#xFC;rden. Meine Furcht verschwand indessen bald, da sie mit Er&#xF6;ffnung des Unterleibes anfingen. Sobald ich nun nur ein wenig Licht schimmern sah, schrie ich ihnen aus voller Lunge entgegen, wie angenehm es mir w&#xE4;re, die Herren zu sehen und durch sie aus einer Lage erl&#xF6;set zu werden, in welcher ich beinahe erstickt w&#xE4;re. Unm&#xF6;glich l&#xE4;&#xDF;t sich das Erstaunen auf allen Gesichtern lebhaft genug schildern, als sie eine Menschenstimme aus einem Fische heraus vernahmen. Dies wuchs nat&#xFC;rlicherweise noch mehr, als sie lang und breit einen nackenden Menschen herausspazieren sahen. Kurz, meine Herren, ich erz&#xE4;hlte ihnen die ganze Begebenheit, so wie ich sie Ihnen jetzt erz&#xE4;hlt habe, wor&#xFC;ber sie sich denn alle fast zu Tode verwundern wollten.</p><p>Nachdem ich einige Erfrischungen zu mir genommen hatte und in die See gesprungen war, um mich abzusp&#xFC;len, schwamm ich nach meinen Kleidern, welche ich auch am Ufer ebenso wiederfand, als ich sie gelassen hatte. Soviel ich rechnen konnte, war ich ohngef&#xE4;hr drittehalb Stunden in dem Magen dieser Bestie eingekerkert gewesen.</p></section><section><title><p>Neuntes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Viertes Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Als ich noch in t&#xFC;rkischen Diensten war, belustigte ich mich<a l:href="#n_114" type="note">[114]</a> &#xF6;fters in einer Lustbarke auf dem Mare di Marmora,<a l:href="#n_115" type="note">[115]</a> von wo man die herrlichste Aussicht auf ganz Konstantinopel,<a l:href="#n_116" type="note">[116]</a> das Seraglio<a l:href="#n_117" type="note">[117]</a> des Gro&#xDF;sultans mit eingeschlossen, beherrschet. Eines Morgens, als ich die Sch&#xF6;nheit und Heiterkeit des Himmels betrachtete, bemerkte ich ein rundes Ding, ohngef&#xE4;hr wie eine Billardkugel gro&#xDF;, in der Luft, von welchem noch etwas anderes herunterhing. Ich griff sogleich nach meiner besten und l&#xE4;ngsten Vogelflinte, ohne welche, wenn ichs &#xE4;ndern kann, ich niemals ausgehe oder ausreise, lud sie mit einer Kugel und feuerte nach dem runden Dinge in der Luft; allein umsonst. Ich wiederholte den Schu&#xDF; mit zwei Kugeln, richtete aber noch nichts aus. Erst der dritte Schu&#xDF;, mit vier oder f&#xFC;nf Kugeln, machte an einer Seite ein Loch und brachte das Ding herab. Stellen Sie sich meine Verwunderung vor, als ein niedlich vergoldeter Wagen, h&#xE4;ngend in einem ungeheueren Ballon, gr&#xF6;&#xDF;er als die gr&#xF6;&#xDF;te Turmkuppel im Umfange, ohngef&#xE4;hr zwei Klafter weit von meiner Barke heruntersank. In dem Wagen befand sich ein Mann und ein halbes Schaf, welches gebraten zu sein schien. Sobald sich mein erstes Erstaunen gelegt hatte, schlo&#xDF; ich mit meinen Leuten um diese seltsame Gruppe einen dichten Kreis.</p><p>Dem Manne, der wie ein Franzose aussah, welches er denn auch war, hingen aus jeder Tasche ein paar pr&#xE4;chtige Uhrketten mit Berlocken, worauf, wie mich d&#xFC;nkt, gro&#xDF;e Herren und Damen abgemalt waren. Aus jedem Knopfloche hing ihm eine goldene Medaille, wenigstens hundert Dukaten am Wert, und an jeglichem seiner Finger steckte ein kostbarer Ring mit Brillanten. Seine Rocktaschen waren mit vollen Goldb&#xF6;rsen beschwert, die ihn fast zur Erde zogen. Mein Gott, dachte ich, der Mann muss dem menschlichen Geschlechte au&#xDF;erordentlich wichtige Dienste geleistet haben, dass die gro&#xDF;en Herren und Damen ganz wider ihre heutzutage so allgemeine Knikkernatur<a l:href="#n_118" type="note">[118]</a> ihn so mit Geschenken, die es zu sein schienen, beschweren konnten. Bei allem dem befand er sich denn doch gegenw&#xE4;rtig von dem Falle so &#xFC;bel, dass er kaum imstande war, ein Wort hervorzubringen. Nach einiger Zeit erholte er sich wieder und stattete mir folgenden Bericht ab.»Dieses Luftfuhrwerk hatte ich zwar nicht Kopf und Wissenschaft genug selbst zu erfinden, dennoch aber mehr denn &#xFC;berfl&#xFC;ssige Luftspringer- und Seilt&#xE4;nzerwaghalsigkeit zu besteigen und darauf mehrmalen in die Luft emporzufahren. Vor ohngef&#xE4;hr sieben oder acht Tagen – denn ich habe meine Rechnung verloren – erhob ich mich damit auf der Landspitze von Cornwall<a l:href="#n_119" type="note">[119]</a> in England und nahm ein Schaf mit, um von oben herab vor den Augen vieler tausend Nachgaffer Kunstst&#xFC;cke damit zu machen. Ungl&#xFC;cklicherweise drehte sich der Wind innerhalb zehn Minuten nach meinem Hinaufsteigen; und anstatt mich nach Exeter<a l:href="#n_120" type="note">[120]</a> zu treiben, wo ich wieder zu landen gedachte, ward ich hinaus nach der See getrieben, &#xFC;ber welcher ich auch vermutlich die ganze Zeit her in der unerme&#xDF;lichen H&#xF6;he geschwebet habe.</p><p>«Es war gut, dass ich zu meinem Kunstst&#xFC;ckchen mit dem Schafe nicht hatte gelangen k&#xF6;nnen. Denn am dritten Tage meiner Luftfahrt wurde mein Hunger so gro&#xDF;, dass ich mich gen&#xF6;tigt sah, das Schaf zu schlachten. Als ich nun damals unendlich hoch &#xFC;ber dem Monde war und nach einer sechzehnst&#xFC;ndigen noch weitern Auffahrt endlich der Sonne so nahe kam, dass ich mir die Augenbrauen versengte, so legte ich das tote Schaf, nachdem ich es vorher abgeh&#xE4;utet, an denjenigen Ort im Wagen, wo die Sonne die meiste Kraft hatte oder, mit andern Worten, wo der Ballon keinen Schatten hinwarf, auf welche Weise es denn in ohngef&#xE4;hr drei Viertel Stunden v&#xF6;llig gar briet. Von diesem Braten habe ich die ganze Zeit her gelebt.»</p><p>Hier hielt mein Mann ein und schien sich in Betrachtung der Gegenst&#xE4;nde um ihn her zu vertiefen. Als ich ihm sagte, dass die Geb&#xE4;ude da vor uns das Seraglio des Gro&#xDF;herrn zu Konstantinopel w&#xE4;ren, so schien er au&#xDF;erordentlich best&#xFC;rzt, indem er sich ganz woanders zu befinden geglaubt hatte.»Die Ursache meines langen Fluges«, f&#xFC;gte er endlich hinzu,»war, dass mir ein Faden zerri&#xDF;, der an einer Klappe in dem Luftballe sa&#xDF; und dazu diente, die inflammable Luft herauszulassen. W&#xE4;re nun nicht auf den Ball gefeuert und derselbe dadurch aufgerissen worden, so m&#xF6;chte er wohl wie Mahomet<a l:href="#n_121" type="note">[121]</a> bis an den J&#xFC;ngsten Tag<a l:href="#n_122" type="note">[122]</a> zwischen Himmel und Erde geschwebt haben. «Den Wagen schenkte er hierauf gro&#xDF;m&#xFC;tig meinem Bootsmanne, der hinten am Steuer stand. Den Hammelbraten warf er ins Meer. Was aber den Luftball anlangte, so war der von dem Schaden, welchen ich ihm zugef&#xFC;gt hatte, im Herabfallen vollends ganz und gar zu St&#xFC;cken zerrissen.</p></section><section><title><p>Zehntes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>F&#xFC;nftes Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Da wir noch Zeit haben, meine Herren, eine frische Flasche auszutrinken, so will ich Ihnen noch eine andere sehr seltsame Begebenheit erz&#xE4;hlen, die mir wenige Monate vor meiner letzten R&#xFC;ckreise nach Europa begegnete. Der Gro&#xDF;herr, welchem ich durch die r&#xF6;misch-russisch-kaiserlichen wie auch franz&#xF6;sischen Botschafter vorgestellet worden war, bediente sich meiner,<a l:href="#n_123" type="note">[123]</a> ein Gesch&#xE4;ft von gro&#xDF;er Wichtigkeit zu Gro&#xDF;kairo<a l:href="#n_124" type="note">[124]</a> zu betreiben, welches zugleich so beschaffen<a l:href="#n_125" type="note">[125]</a> war, dass es immer und ewig ein Geheimnis bleiben musste.</p><p>Ich reisete mit gro&#xDF;em Pompe<a l:href="#n_126" type="note">[126]</a> in einem sehr zahlreichen Gefolge zu Lande ab. Unterweges hatte ich Gelegenheit, meine Dienerschaft mit einigen sehr brauchbaren Subjekten zu vermehren. Denn als ich kaum einige Meilen weit von Konstantinopel entfernt sein mochte, sah ich einen kleinlichen, schm&#xE4;chtigen Menschen mit gro&#xDF;er Schnelligkeit querfeldein daherlaufen, und gleichwohl trug das M&#xE4;nnchen an jedem Beine ein bleiernes Gewicht, an die funfzig Pfund schwer. Verwunderungsvoll &#xFC;ber diesen Anblick rief ich ihn an und fragte:»Wohin, wohin so schnell, mein Freund? Und warum erschwerst du dir deinen Lauf durch eine solche Last?«—»Ich lief«, versetzte der L&#xE4;ufer,»seit einer halben Stunde aus Wien, wo ich bisher bei einer vornehmen Herrschaft in Diensten stand und heute meinen Abschied nahm. Ich gedenke nach Konstantinopel, um daselbst wieder anzukommen. Durch die Gewichte an meinen Beinen habe ich meine Schnelligkeit, die jetzt nicht n&#xF6;tig ist, ein wenig mindern wollen. Denn Moderata durant, pflegte weiland mein Pr&#xE4;zeptor<a l:href="#n_127" type="note">[127]</a> zu sagen.«– Dieser Asahel<a l:href="#n_128" type="note">[128]</a> gefiel mir nicht &#xFC;bel; ich fragte ihn, ob er bei mir in Dienst treten wollte, und er war dazu bereit. Wir zogen hierauf weiter durch manche Stadt, durch manches Land. Nicht fern vom Wege auf einem sch&#xF6;nen Grasrain<a l:href="#n_129" type="note">[129]</a> lag m&#xE4;uschenstill ein Kerl, als ob er schliefe. Allein das tat er nicht. Er hielt vielmehr sein Ohr so aufmerksam zur Erde, als h&#xE4;tte er die Einwohner der untersten H&#xF6;lle behorchen wollen. – »Was horchst du da, mein Freund?«—»Ich horche da zum Zeitvertreibe<a l:href="#n_130" type="note">[130]</a> auf das Gras und h&#xF6;re, wie es w&#xE4;chst.«—»Und kannst du das?«—»O Kleinigkeit!«—»So tritt in meine Dienste, Freund, wer wei&#xDF;, was es bisweilen nicht zu horchen geben kann.«– Mein Kerl sprang auf und folgte mir. Nicht weit davon auf einem H&#xFC;gel stand mit angelegtem Gewehr ein J&#xE4;ger und knallte in die blaue, leere Luft. – »Gl&#xFC;ck zu, Gl&#xFC;ck zu, Herr Weidmann! Doch wonach schie&#xDF;est du? Ich sehe nichts als blaue, leere Luft.«—»O, ich versuchte nur dies neue Kuchenreutersche Gewehr. Dort auf der Spitze des M&#xFC;nsters zu Stra&#xDF;burg<a l:href="#n_131" type="note">[131]</a> sa&#xDF; ein Sperling, den scho&#xDF; ich eben jetzt herab. «Wer meine Passion f&#xFC;r das edle Weid- und Sch&#xFC;tzenwerk kennt, den wird es nicht wundernehmen, dass ich dem vortrefflichen Sch&#xFC;tzen sogleich um den Hals fiel. Dass ich nichts sparte, auch ihn in meine Dienste zu ziehen, versteht sich von selbst. Wir zogen darauf weiter durch manche Stadt, durch manches Land und kamen endlich vor dem Berge Libanon<a l:href="#n_132" type="note">[132]</a> vorbei. Daselbst vor einem gro&#xDF;en Zedernwalde stand ein derber, untersetzter Kerl und zog an einem Stricke, der um den ganzen Wald herumgeschlungen war.»Was ziehst du da, mein Freund?«fragte ich den Kerl. – »O, ich soll Bauholz holen und habe meine Axt zu Hause vergessen. Nun muss ich mir so gut helfen, als es angehen will. «Mit diesen Worten zog er in einem Ruck den ganzen Wald, bei einer Quadratmeile gro&#xDF;, wie einen Schilfbusch vor meinen Augen nieder. Was ich tat, das l&#xE4;&#xDF;t sich raten. Ich h&#xE4;tte den Kerl nicht fahren lassen, und h&#xE4;tte er mir meinen ganzen Ambassadeurgehalt<a l:href="#n_133" type="note">[133]</a> gekostet. Als ich hierauf f&#xFC;rba&#xDF; und endlich auf &#xE4;gyptischen Grund und Boden kam, erhob sich ein so ungeheuerer Sturm, dass ich mit allen meinen Wagen, Pferden und Gefolge schier umgerissen und in die Luft davongef&#xFC;hrt zu werden f&#xFC;rchtete. Zur linken Seite unseres Weges standen sieben Windm&#xFC;hlen in einer Reihe, deren Fl&#xFC;gel so schnell um ihre Achsen schwirrten als ein R&#xFC;ckenspindel der schnellsten Spinnerin. Nicht weit davon zur Rechten stand ein Kerl von Sir John Falstaffs Korpulenz und hielt sein rechtes Nasenloch mit seinem Zeigefinger zu. Sobald der Kerl unsere Not und uns so k&#xFC;mmerlich in diesem Sturme haspeln sah, drehete er sich halb um, machte Fronte gegen uns und zog ehrerbietig, wie ein Musketier<a l:href="#n_134" type="note">[134]</a> vor seinem Obersten, den Hut vor mir ab. Auf einmal regte sich kein L&#xFC;ftchen mehr, und alle sieben Windm&#xFC;hlen standen pl&#xF6;tzlich still. Erstaunt &#xFC;ber diesen Vorfall, der nicht nat&#xFC;rlich zuzugehen schien, schrie ich dem Unhold<a l:href="#n_135" type="note">[135]</a> zu:»Kerl, was ist das? Sitzt dir der Teufel im Leibe, oder bist du der Teufel selbst?«—»Um Vergebung, Ihro Exzellenz!<a l:href="#n_136" type="note">[136]</a>«, antwortete mir der Mensch;»ich mache da nur meinem Herrn, dem Windm&#xFC;ller, ein wenig Wind. Um nun die sieben Windm&#xFC;hlen nicht ganz und gar umzublasen, musste ich mir wohl das eine Nasenloch zuhalten.«– Ei, ein vortreffliches Subjekt! dachte ich in meinem stillen Sinn. Der Kerl l&#xE4;&#xDF;t sich gebrauchen, wenn du dereinst zu Hause kommst und dirs an Atem fehlt, alle die Wunderdinge zu erz&#xE4;hlen, die dir auf deinen Reisen zu Land und Wasser aufgesto&#xDF;en sind. Wir wurden daher bald des Handels eins. Der Windmacher<a l:href="#n_137" type="note">[137]</a> lie&#xDF; seine M&#xFC;hlen stehen und folgte mir.</p><p>Nachgerade wars nun Zeit, in Gro&#xDF;kairo anzulangen. Sobald ich daselbst meinen Auftrag nach Wunsch ausgerichtet hatte, gefiel es mir, mein ganzes unn&#xFC;tzes Gesandtengefolge au&#xDF;er meinen neuangenommenen n&#xFC;tzlichern Subjekten zu verabschieden und mit diesen als ein blo&#xDF;er Privatmann zur&#xFC;ckzureisen. Da nun das Wetter gar herrlich und der berufene Nilstrom<a l:href="#n_138" type="note">[138]</a> &#xFC;ber alle Beschreibung reizend war, so geriet ich in Versuchung, eine Barke zu mieten und bis Alexandrien<a l:href="#n_139" type="note">[139]</a> zu Wasser zu reisen. Das ging nun ganz vortrefflich bis in den dritten Tag. Sie haben, meine Herren, vermutlich schon mehrmals von den j&#xE4;hrlichen &#xDC;berschwemmungen des Nils geh&#xF6;rt. Am dritten Tage, wie gesagt, fing der Nil ganz unb&#xE4;ndig an zu schwellen, und am folgenden Tage war links und rechts das ganze Land viele Meilen weit und breit &#xFC;berschwemmet. Am f&#xFC;nften Tage nach Sonnenuntergang verwickelte sich meine Barke auf einmal in etwas, das ich f&#xFC;r Ranken und Strauchwerk hielt. Sobald es aber am n&#xE4;chsten Morgen heller ward, fand ich mich &#xFC;berall von Mandeln umgeben, welche vollkommen reif und ganz vortrefflich waren. Als wir das Senkblei auswarfen, fand sich, dass wir wenigstens sechzig Fu&#xDF; hoch &#xFC;ber dem Boden schwebten und schlechterdings weder vor noch r&#xFC;ckw&#xE4;rts konnten. Ohngef&#xE4;hr gegen acht oder neun Uhr, soviel ich aus der H&#xF6;he der Sonne abnehmen konnte, erhob sich pl&#xF6;tzlicher Wind, der unsere Barke ganz auf eine Seite umlegte. Hierdurch sch&#xF6;pfte sie Wasser, sank unter, und ich h&#xF6;rte und sah in langer Zeit nichts wieder davon, wie Sie gleich vernehmen werden. Gl&#xFC;cklicherweise retteten wir uns insgesamt, n&#xE4;mlich acht M&#xE4;nner und zwei Knaben, indem wir uns an den B&#xE4;umen festhielten, deren Zweige zwar f&#xFC;r uns allein nicht f&#xFC;r die Last unserer Barke hinreichten. In dieser Situation verblieben wir drei Wochen und drei Tage und lebten ganz allein von Mandeln. Dass es am Trunke nicht fehlte, verstehet sich von selbst. Am zweiundzwanzigsten Tage unsers Unsterns<a l:href="#n_140" type="note">[140]</a> fiel das Wasser wieder ebenso schnell, als es gestiegen war; und am sechsundzwanzigsten konnten wir wieder auf terra firma<a l:href="#n_141" type="note">[141]</a> fu&#xDF;en.</p><p>Unsere Barke war der erste angenehme Gegenstand, den wir erblickten. Sie lag ohngef&#xE4;hr zweihundert Klafter weit von dem Orte, wo sie gesunken war. Nachdem wir nun alles, was uns n&#xF6;tig und n&#xFC;tzlich war, an der Sonne getrocknet hatten, so versahen wir uns mit den Notwendigkeiten aus unserm Schiffsvorrat und machten uns auf, unsere verlorne Stra&#xDF;e wieder zu gewinnen. Nach der genauesten Berechnung fand sich, dass wir an die hundertundfunfzig Meilen weit &#xFC;ber Gartenw&#xE4;nde und mancherlei Gehege hinweggetrieben waren. In sieben Tagen erreichten wir den Flu&#xDF;, der nun wieder in seinem Bette str&#xF6;mte, und erz&#xE4;hlten unser Abenteuer einem Bei.<a l:href="#n_142" type="note">[142]</a> Liebreich half dieser allen unsern Bed&#xFC;rfnissen ab und sendete uns in einer von seinen eigenen Barken weiter. In ohngef&#xE4;hr sechs Tagen langten wir zu Alexandrien an, allwo wir uns nach Konstantinopel einschifften. Ich wurde von dem Gro&#xDF;herrn &#xFC;beraus gn&#xE4;dig empfangen und hatte die Ehre, seinen Harem zu sehen, wo seine Hoheit selbst mich hineinzuf&#xFC;hren und so viele Damen, selbst die Weiber nicht ausgenommen, anzubieten geruhten, als ich mir nur immer zu meinem Vergn&#xFC;gen auslesen wollte.</p><p>Mit meinen Liebesabenteuern pflege ich nie gro&#xDF;zutun, daher w&#xFC;nsche ich Ihnen, meine Herren, jetzt insgesamt eine angenehme Ruhe.</p></section><section><title><p>Elftes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Sechstes Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Nach Endigung der &#xE4;gyptischen Reisegeschichte wollte der Baron aufbrechen und zu Bette gehen, gerade als die erschlaffende Aufmerksamkeit jedes Zuh&#xF6;rers bei Erw&#xE4;hnung des gro&#xDF;herrlichen Harems in neue Spannung geriet. Sie h&#xE4;tten gar zu gern noch etwas von dem Harem geh&#xF6;rt. Da aber der Baron sich durchaus nicht darauf einlassen und gleichwohl der mit Bitten auf ihn losst&#xFC;rmenden muntern Zuh&#xF6;rerschaft nicht alles abschlagen wollte, so gab er noch einige St&#xFC;ckchen seiner merkw&#xFC;rdigen Dienerschaft zum besten und fuhr in seiner Erz&#xE4;hlung also fort:</p><p>Bei dem Gro&#xDF;sultan galt ich seit meiner &#xE4;gyptischen Reise alles in allem. Seine Hoheit konnten gar ohne mich nicht leben und baten mich jeden Mittag und Abend bei sich zum Essen. Ich muss bekennen, meine Herren, dass der t&#xFC;rkische Kaiser unter allen Potentaten<a l:href="#n_143" type="note">[143]</a> auf Erden den delikatesten Tisch f&#xFC;hret. Jedoch ist dies nur von den Speisen, nicht aber von dem Getr&#xE4;nke zu verstehen, da, wie Sie wissen werden, Mohameds Gesetz seinen Anh&#xE4;ngern den Wein verbietet. Auf ein gutes Glas Wein muss man also an &#xF6;ffentlichen t&#xFC;rkischen Tafeln Verzicht tun. Was indessen gleich nicht &#xF6;ffentlich geschieht, das geschieht doch nicht selten heimlich; und des Verbots ungeachtet wei&#xDF; mancher T&#xFC;rk so gut als der beste deutsche Pr&#xE4;lat,<a l:href="#n_144" type="note">[144]</a> wie ein gutes Glas Wein schmeckt. Das war nun auch der Fall mit Seiner t&#xFC;rkischen Hoheit. Bei der &#xF6;ffentlichen Tafel, an welcher gew&#xF6;hnlich der t&#xFC;rkische Generalsuperintendent,<a l:href="#n_145" type="note">[145]</a> n&#xE4;mlich der Mufti,<a l:href="#n_146" type="note">[146]</a> in partem salarii mitspeisete und vor Tische das Aller Augen – nach Tische aber das Gratias beten<a l:href="#n_147" type="note">[147]</a> musste, wurde des Weines auch nicht mit einer einzigen Silbe gedacht. Nach aufgehobener Tafel aber wartete auf Seine Hoheit gemeiniglich ein gutes Fl&#xE4;schchen im Kabinette. Einst gab der Gro&#xDF;sultan mir einen verstohlenen freundlichen Wink, ihm in sein Kabinett zu folgen. Als wir uns nun daselbst eingeschlossen hatten, holte er aus einem Schr&#xE4;nkchen eine Flasche hervor und sprach:»M&#xFC;nchhausen, ich wei&#xDF;, ihr Christen versteht euch auf<a l:href="#n_148" type="note">[148]</a> ein gutes Glas Wein. Da habe ich noch ein einziges Fl&#xE4;schchen Tokaier.<a l:href="#n_149" type="note">[149]</a> So delikat m&#xFC;&#xDF;t Ihr ihn in Eurem Leben nicht getrunken haben. «Hierauf schenkten Seine Hoheit sowohl mir als sich eins ein und stie&#xDF;en mit mir an. – »Nun, was sagt Ihr? Gelt! es ist was Extrafeines?«—»Das Weinchen ist gut, Ihro Hoheit, «erwiderte ich;»allein mit Ihrem Wohlnehmen muss ich doch sagen, dass ich ihn in Wien beim hochseligen Kaiser Karl dem Sechsten weit besser getrunken habe. Potz<a l:href="#n_150" type="note">[150]</a> Stern! den sollten Ihro Hoheit einmal versuchen.«—»Freund M&#xFC;nchhausen, Euer Wort in Ehren! Allein es ist unm&#xF6;glich, dass irgendein Tokaier besser sei. Denn ich bekam einst nur dies eine Fl&#xE4;schchen von einem ungarischen Kavalier, und er tat ganz verzweifelt rar damit.«—»Possen, Ihro Hoheit! Tokaier und Tokaier ist ein gro&#xDF;m&#xE4;chtiger Unterschied. Die Herren Ungarn &#xFC;berschenken sich eben nicht. Was gilt die Wette, so schaffe ich Ihnen in Zeit einer Stunde geradesweges und unmittelbar aus dem Kaiserlichen Keller eine Flasche Tokaier, die aus ganz andern Augen sehen soll.«—»M&#xFC;nchhausen, ich glaube, Ihr faselt.«—»Ich fasele nicht. Geradesweges aus dem Kaiserlichen Keller in Wien schaffe ich Ihnen in Zeit von einer Stunde eine Flasche Tokaier von einer ganz andern Nummer als dieser Kr&#xE4;tzer<a l:href="#n_151" type="note">[151]</a> hier.«—»M&#xFC;nchhausen, M&#xFC;nchhausen! Ihr wollt mich zum besten haben, und das verbitte ich mir.<a l:href="#n_152" type="note">[152]</a> Ich kenne Euch zwar sonst als einen &#xFC;beraus wahrhaften Mann, allein – jetzt sollte ich doch fast denken, Ihr flunkertet.«—»Ei nun, Ihro Hoheit! Es kommt ja auf die Probe an. Erf&#xFC;lle ich nicht mein Wort – denn von allen Aufschneidereien bin ich der abgesagteste Feind-, so lassen Ihro Hoheit mir den Kopf abschlagen. Allein mein Kopf ist kein Pappenstiel.<a l:href="#n_153" type="note">[153]</a> Was setzen Sie mir dagegen?«—»Topp!<a l:href="#n_154" type="note">[154]</a> Ich halte Euch beim Worte. Ist auf den Schlag vier nicht die Flasche Tokaier hier, so kostets Euch ohne Barmherzigkeit den Kopf. Denn foppen lasse ich mich auch von meinen besten Freunden nicht. Besteht Ihr aber, wie Ihr versprecht, so k&#xF6;nnet Ihr aus meiner Schatzkammer so viel an Gold, Silber, Perlen und Edelgesteinen nehmen, als der st&#xE4;rkste Kerl davonzuschleppen vermag.»</p><p>«Das l&#xE4;&#xDF;t sich h&#xF6;ren!«antwortete ich, bat mir gleich Feder und Tinte aus und schrieb an die Kaiserin-K&#xF6;nigin Maria Theresia<a l:href="#n_155" type="note">[155]</a> folgendes Billett:<a l:href="#n_156" type="note">[156]</a>»Ihre Majest&#xE4;t haben ohnstreitig als Universalerbin<a l:href="#n_157" type="note">[157]</a> auch Ihres H&#xF6;chstseligen Herrn Vaters Keller mitgeerbt. D&#xFC;rfte ich mir wohl durch Vorzeigern dieses eine Flasche von dem Tokaier ausbitten, wie ich ihn bei Ihrem Herrn Vater oft getrunken habe? Allein von dem besten! Denn es gilt eine Wette. Ich diene gern daf&#xFC;r wieder, wo ich kann, und beharre &#xFC;brigens usw.»</p><p>Dies Billett gab ich, weil es schon f&#xFC;nf Minuten &#xFC;ber drei Uhr, nur sogleich offen meinem L&#xE4;ufer, der seine Gewichte abschnallen und sich unverz&#xFC;glich auf die Beine nach Wien machen musste. Hierauf tranken wir, der Gro&#xDF;sultan und ich, den Rest von seiner Flasche in Erwartung des bessern vollends<a l:href="#n_158" type="note">[158]</a> aus. Es schlug ein Viertel, es schlug halb, es schlug drei Viertel auf vier, und noch war kein L&#xE4;ufer zu h&#xF6;ren und zu sehen. Nachgerade, gestehe ich, fing mir an ein wenig schw&#xFC;l zu werden, denn es kam mir vor, als blickten Seine Hoheit schon bisweilen nach der Glockenschnur, um nach dem Scharfrichter zu klingeln. Noch erhielt ich zwar Erlaubnis, einen Gang hinaus in den Garten zu tun, um frische Luft zu sch&#xF6;pfen,<a l:href="#n_159" type="note">[159]</a> allein es folgten mir auch schon ein paar dienstbare Geister nach, die mich nicht aus den Augen lie&#xDF;en. In dieser Angst, und als der Zeiger schon auf f&#xFC;nfundfunfzig Minuten stand, schickte ich noch geschwind nach meinem Horcher und Sch&#xFC;tzen. Sie kamen unverz&#xFC;glich an, und der Horcher musste sich platt auf die Erde niederlegen, um zu h&#xF6;ren, ob nicht mein L&#xE4;ufer endlich ank&#xE4;me. Zu meinem nicht geringen Schrecken meldete er mir, dass der Schlingel<a l:href="#n_160" type="note">[160]</a> irgendwo, allein weit weg von hier, im tiefsten Schlafe l&#xE4;ge und aus Leibeskr&#xE4;ften<a l:href="#n_161" type="note">[161]</a> schnarchte. Dies hatte mein braver Sch&#xFC;tze nicht so bald geh&#xF6;rt, als er auf eine etwas hohe Terrasse lief und, nachdem er sich auf seine Zehen<a l:href="#n_162" type="note">[162]</a> noch mehr emporgereckt hatte, hastig ausrief:»Bei meiner armen Seele! Da liegt der Faulenzer unter einer Eiche bei Belgrad<a l:href="#n_163" type="note">[163]</a> und die Flasche neben ihm. Wart! Ich will dich aufkitzeln.«– Und hiermit legte er unverz&#xFC;glich seine Kuchenreutersche Flinte an den Kopf und scho&#xDF; die volle Ladung oben in den Wipfel des Baumes. Ein Hagel von Eicheln, Zweigen und Bl&#xE4;ttern fiel herab auf den Schl&#xE4;fer, erweckte und brachte ihn, da er selbst f&#xFC;rchtete, die Zeit beinahe verschlafen zu haben, derma&#xDF;en geschwind auf die Beine, dass er mit seiner Flasche und einem eigenh&#xE4;ndigen Billett von Maria Theresia um neunundfunfzigundeinehalbe Minuten auf vier Uhr vor des Sultans Kabinette anlangte. Das war ein Gaudium!<a l:href="#n_164" type="note">[164]</a> Ei, wie schl&#xFC;rfte das Gro&#xDF;herrliche Leckermaul! – »M&#xFC;nchhausen, «sprach er,»Ihr m&#xFC;&#xDF;t es mir nicht &#xFC;belnehmen, wenn ich diese Flasche f&#xFC;r mich allein behalte. Ihr steht in Wien besser als ich; Ihr werdet schon an noch mehr zu kommen wissen.«– Hiermit schlo&#xDF; er die Flasche in sein Schr&#xE4;nkchen, steckte den Schl&#xFC;ssel in die Hosentasche und klingelte nach dem Schatzmeister. – O welch ein angenehmer Silberton meinen Ohren! – »Ich muss Euch nun die Wette bezahlen. – Hier!«– sprach er zum Schatzmeister, der ins Zimmer trat, – »la&#xDF;t meinem Freunde M&#xFC;nchhausen so viel aus der Schatzkammer verabfolgen,<a l:href="#n_165" type="note">[165]</a> als der st&#xE4;rkste Kerl wegzutragen vermag.»</p><p>Der Schatzmeister neigte sich vor seinem Herrn bis mit der Nase zur Erde, mir aber sch&#xFC;ttelte der Gro&#xDF;sultan ganz treuherzig die Hand, und so lie&#xDF; er uns beide gehen.</p><p>Ich s&#xE4;umte nun, wie Sie denken k&#xF6;nnen, meine Herren, keinen Augenblick, die erhaltene Assignation geltend zu machen, lie&#xDF; meinen Starken mit seinem langen h&#xE4;nfenen Stricke kommen und verf&#xFC;gte mich in die Schatzkammer. Was da mein Starker, nachdem er sein B&#xFC;ndel geschn&#xFC;rt hatte, &#xFC;briglie&#xDF;, das werden Sie wohl schwerlich holen wollen. Ich eilte mit meiner Beute geradesweges nach dem Hafen, nahm dort das gr&#xF6;&#xDF;te Lastschiff, das zu bekommen war, in Beschlag und ging wohlbepackt mit meiner ganzen Dienerschaft unter Segel, um meinen Fang in Sicherheit zu bringen, ehe was Widriges<a l:href="#n_166" type="note">[166]</a> dazwischenkam. Was ich bef&#xFC;rchtet hatte, das geschah. Der Schatzmeister hatte T&#xFC;r und Tor von der Schatzkammer offen gelassen – und freilich wars nicht gro&#xDF; mehr n&#xF6;tig, sie zu verschlie&#xDF;en —, war &#xFC;ber Hals und Kopf<a l:href="#n_167" type="note">[167]</a> zum Gro&#xDF;sultan gelaufen und hatte ihm Bericht abgestattet, wie vollkommen wohl ich seine Assignation genutzt hatte. Das war denn nun dem Gro&#xDF;sultan nicht wenig vor den Kopf gefahren. Die Reue &#xFC;ber seine &#xDC;bereilung konnte nicht lange ausbleiben. Er hatte daher gleich dem Gro&#xDF;admiral befohlen, mit der ganzen Flotte hinter mir herzueilen und mir zu insinuieren,<a l:href="#n_168" type="note">[168]</a> dass wir so nicht gewettet h&#xE4;tten. Als ich daher noch nicht zwei Meilen weit in die See war, so sah ich schon die ganze t&#xFC;rkische Kriegsflotte mit vollen Segeln hinter mir herkommen, und ich muss gestehen, dass mein Kopf, der kaum wieder fest geworden war, nicht wenig von neuem anfing zu wackeln. Allein nun war mein Windmacher bei der Hand und sprach:»Lassen sich Ihro Exzellenz nicht bange sein!«Er trat hierauf auf das Hinterverdeck meines Schiffes, so dass sein eines Nasenloch nach der t&#xFC;rkischen Flotte, das andere aber auf unsere Segel gerichtet war, und blies eine so hinl&#xE4;ngliche Portion Wind, dass die Flotte, an Masten, Segel- und Tauwerk gar &#xFC;bel zugerichtet, nicht nur bis in den Hafen zur&#xFC;ckgetrieben, sondern auch mein Schiff in wenig Stunden gl&#xFC;cklich nach Italien getrieben ward. Von meinem Schatze kam mir jedoch wenig zugute. Denn in Italien ist, trotz der Ehrenrettung des Herrn Bibliothekar Jagemann in Weimar,<a l:href="#n_169" type="note">[169]</a> Armut und Bettelei so gro&#xDF; und die Polizei so schlecht, dass ich erstlich, weil ich vielleicht eine allzu gutwillige Seele bin, den gr&#xF6;&#xDF;ten Teil an die Stra&#xDF;enbettler ausspenden musste. Der Rest aber wurde mir auf meiner Reise nach Rom auf der geheiligten Flur von Loretto durch eine Bande Stra&#xDF;enr&#xE4;uber abgenommen. Das Gewissen wird diese Herren nicht sehr dar&#xFC;ber beunruhigt haben. Denn ihr Fang war noch immer so ansehnlich, dass um den tausendsten Teil die ganze honette<a l:href="#n_170" type="note">[170]</a> Gesellschaft sowohl f&#xFC;r sich als ihre Erben und Erbnehmer auf alle vergangenen und zuk&#xFC;nftigen S&#xFC;nden vollkommenen Abla&#xDF; selbst aus der ersten und besten Hand in Rom daf&#xFC;r erkaufen konnte. —</p><p>Nun aber, meine Herren, ist in der Tat mein Schlafst&#xFC;ndchen da. Schlafen Sie wohl!</p></section><section><title><p>Zw&#xF6;lftes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Siebentes Seeabenteuer nebst authentischer Lebensgeschichte eines Partisans, der nach der Entfernung des Barons als Sprecher auftritt</emphasis></p></epigraph><p>Nach Endigung des vorigen Abenteuers lie&#xDF; sich der Baron nicht l&#xE4;nger halten, sondern brach wirklich auf und verlie&#xDF; die Gesellschaft in der besten Laune. Doch versprach er erst die Abenteuer seines Vaters, auf die seine Zuh&#xF6;rer noch immer spannten, ihnen nebst manchen andern merkw&#xFC;rdigen Anekdoten bei der ersten besten Gelegenheit zu erz&#xE4;hlen.</p><p>Als sich nun jedermann nach seiner Weise &#xFC;ber die Unterhaltung herauslie&#xDF;, die er soeben verschafft hatte, so bemerkte einer von der Gesellschaft, ein Partisan des Barons, der ihn auf seiner Reise in die T&#xFC;rkei begleitet hatte, dass unweit Konstantinopel ein ungeheuer gro&#xDF;es Gesch&#xFC;tz befindlich sei, dessen der Baron Tott in seinen neulich herausgekommenen Denkw&#xFC;rdigkeiten ganz besonders erw&#xE4;hnet. Was er davon meldet, ist, soviel ich mich erinnere, folgendes:»Die T&#xFC;rken hatten ohnweit der Stadt &#xFC;ber der Zitadelle auf dem Ufer des ber&#xFC;hmten Flusses Simois<a l:href="#n_171" type="note">[171]</a> ein ungeheueres Gesch&#xFC;tz aufgepflanzt. Dasselbe war ganz aus Kupfer gegossen und scho&#xDF; eine Marmorkugel, wenigstens elfhundert Pfund an Gewicht. Ich hatte gro&#xDF;e Lust, sagt Tott, es abzufeuern, um erst aus seiner Wirkung geh&#xF6;rig zu urteilen. Alles Volk um mich her zitterte und bebte, weil es sich versichert hielt, dass Schlo&#xDF; und Stadt davon &#xFC;bern Haufen st&#xFC;rzen w&#xFC;rden. Endlich lie&#xDF; doch die Furcht ein wenig nach, und ich bekam Erlaubnis, das Gesch&#xFC;tz abzufeuern. Es wurden nicht weniger als dreihundertunddrei&#xDF;ig Pfund Pulver dazu erfordert, und die Kugel wog, wie ich vorhin sagte, elfhundert Pfund. Als der Kanonier<a l:href="#n_172" type="note">[172]</a> mit dem Z&#xFC;nder ankam, zog sich der Haufen, der mich umgab, so weit zur&#xFC;ck, als er konnte. Mit genauer Not &#xFC;berredete ich den Bassa, der aus Besorgnis herzukam, dass keine Gefahr zu besorgen sei. Selbst dem Kanonier, der es nach meiner Anweisung abfeuern sollte, klopfte vor Angst das Herz. Ich nahm meinen Platz in einer Mauerschanze hinter dem Gesch&#xFC;tz, gab das Zeichen und f&#xFC;hlte einen Sto&#xDF; wie von einem Erdbeben. In einer Entfernung von dreihundert Klaftern zersprang die Kugel in drei St&#xFC;cke; diese flogen &#xFC;ber die Meerenge, prallten von dem Wasser empor an die gegenseitigen Berge und setzten den ganzen Kanal, so breit er war, in einen Schaum.»</p><p>Dies, meine Herren, ist, soviel ich mich erinnere, Baron Totts Nachricht von der gr&#xF6;&#xDF;ten Kanone in der bekannten Welt. Als nun der Herr von M&#xFC;nchhausen und ich jene Gegend besuchten, wurde die Abfeuerung dieses ungeheueren Gesch&#xFC;tzes durch den Baron Tott uns als ein Beispiel der au&#xDF;erordentlichen Herzhaftigkeit dieses Herrn erz&#xE4;hlt.</p><p>Mein G&#xF6;nner,<a l:href="#n_173" type="note">[173]</a> der es durchaus nicht vertragen konnte, dass ein Franzose ihm etwas zuvorgetan haben sollte, nahm ebendieses Gesch&#xFC;tz auf seine Schulter, sprang, als ers in seine eigentliche waagrechte Lage gebracht hatte, geradesweges ins Meer und schwamm damit an die gegenseitige K&#xFC;ste. Von dort aus versuchte er ungl&#xFC;cklicherweise die Kanone auf ihre vorige Stelle zur&#xFC;ckzuwerfen. Ich sage, ungl&#xFC;cklicherweise! Denn sie glitt ihm ein wenig zu fr&#xFC;h aus der Hand, gerade als er zum Wurf ausholte. Hierdurch geschah es denn, dass sie mitten in den Kanal fiel, wo sie nun noch liegt und wahrscheinlich bis an den J&#xFC;ngsten Tag liegen bleiben wird.</p><p>Dies, meine Herren, war es eigentlich, womit es der Herr Baron bei dem Gro&#xDF;sultan ganz und gar verdarb. Die Schatzhistorie, der er vorhin seine Ungnade beima&#xDF;, war l&#xE4;ngst vergessen. Denn der Gro&#xDF;sultan hat ja genug einzunehmen und konnte seine Schatzkammer bald wieder f&#xFC;llen. Auch befand der Herr Baron auf eine eigenh&#xE4;ndige Wiedereinladung des Gro&#xDF;sultans sich erst jetzt zum letzten Male in der T&#xFC;rkei und w&#xE4;re vielleicht wohl noch da, wenn der Verlust dieses ber&#xFC;chtigten Gesch&#xFC;tzes den grausamen T&#xFC;rken nicht so aufgebracht h&#xE4;tte, dass er nun unwiderruflich den Befehl gab, dem Baron den Kopf abzuschlagen. Eine gewisse Sultanin aber, von welcher er ein gro&#xDF;er Liebling geworden war, gab ihm nicht nur unverz&#xFC;glich von diesem blutgierigen Vorhaben Nachricht, sondern verbarg ihn auch so lange in ihrem eigenen Gemache, als der Offizier, dem die Exekution aufgetragen war, mit seinen Helfershelfern nach ihm suchte. In der n&#xE4;chstfolgenden Nacht fl&#xFC;chteten wir an den Bord eines nach Venedig<a l:href="#n_174" type="note">[174]</a> bestimmten Schiffes, welches gerade im Begriffe war<a l:href="#n_175" type="note">[175]</a> unter Segel zu gehen, und kamen gl&#xFC;cklich davon.</p><p>Dieser Begebenheit erw&#xE4;hnt der Baron nicht gern, weil ihm da sein Versuch mi&#xDF;lang und er noch dazu um ein Haar sein Leben obendrein verloren h&#xE4;tte. Da sie gleichwohl ganz und gar nicht zu seiner Schande gereicht, so pflege ich sie wohl bisweilen hinter seinem R&#xFC;cken zu erz&#xE4;hlen.</p><p>Nun, meine Herren, kennen Sie insgesamt den Herrn Baron von M&#xFC;nchhausen und werden hoffentlich an seiner Wahrhaftigkeit im mindesten nicht zweifeln. Damit Ihnen aber auch kein Zweifel gegen die meinige zu Kopfe steige, ein Umstand, den ich so schlechtweg<a l:href="#n_176" type="note">[176]</a> eben nicht voraussetzen mag, so muss ich Ihnen doch ein wenig sagen, wer ich bin. Mein Vater, oder wenigstens derjenige, welcher daf&#xFC;r gehalten wurde, war von Geburt ein Schweizer aus Bern.<a l:href="#n_177" type="note">[177]</a> Er f&#xFC;hrte daselbst eine Art von Oberaufsicht &#xFC;ber Stra&#xDF;en, Alleen, Gassen und Br&#xFC;cken. Diese Beamten hei&#xDF;en dortzulande – hm! – Gassenkehrer.<a l:href="#n_178" type="note">[178]</a> Meine Mutter war aus den savoyischen Gebirgen<a l:href="#n_179" type="note">[179]</a> geb&#xFC;rtig und trug einen &#xFC;beraus sch&#xF6;nen gro&#xDF;en Kropf am Halse, der bei den Damen jener Gegend etwas sehr Gew&#xF6;hnliches ist. Sie verlie&#xDF; ihre Eltern sehr jung und ging ihrem Gl&#xFC;cke in ebender Stadt nach, wo mein Vater das Licht der Welt erblickt hatte. Solange sie noch ledig war, gewann sie ihren Unterhalt durch allerlei Liebeswerke<a l:href="#n_180" type="note">[180]</a> an unserm Geschlechte. Denn man wei&#xDF;, dass sie es niemals abschlug, wenn man sie um eine Gef&#xE4;lligkeit ansprach und besonders ihr mit geh&#xF6;riger H&#xF6;flichkeit in der Hand zuvorkam. Dieses liebensw&#xFC;rdige Paar begegnete einander von ohngef&#xE4;hr auf der Stra&#xDF;e, und da sie beiderseits ein wenig berauscht waren, so taumelten sie gegeneinander und taumelten sich alle beide &#xFC;ber den Haufen. Wie sich nun bei dieser Gelegenheit ein Teil immer noch unn&#xFC;tzer machte als der andere und das Ding zu laut wurde, so wurden sie alle beide erst in die Scharwache,<a l:href="#n_181" type="note">[181]</a> hernach aber in das Zuchthaus geschleppt. Hier sahen sie bald die Torheit ihrer Z&#xE4;nkerei ein, machten alles wieder gut, verliebten sich und heuerateten einander. Da aber meine Mutter zu ihren alten Streichen zur&#xFC;ckkehrte, so trennte mein Vater, der gar hohe Begriffe von Ehre hatte, sich ziemlich bald von ihr und wies ihr die Reven&#xFC;en von einem Tragkorbe zu ihrem k&#xFC;nftigen Unterhalte an. Sie vereinigte sich hierauf mit einer Gesellschaft, die mit einem Puppenspiel umherzog. Mit der Zeit f&#xFC;hrte sie das Schicksal nach Rom, wo sie eine Austerbude hielt.</p><p>Sie haben ohnstreitig insgesamt von dem Papst Ganganelli oder Clemens XIV.,<a l:href="#n_182" type="note">[182]</a> und wie gern dieser Herr Austern a&#xDF;, geh&#xF6;rt. Eines Freitags, als derselbe in gro&#xDF;em Pompe nach der St. Peterskirche<a l:href="#n_183" type="note">[183]</a> zur hohen Messe durch die Stadt zog, sah er meiner Mutter Austern (welche, wie sie mir oft erz&#xE4;hlt hat, ausnehmend sch&#xF6;n und frisch waren) und konnte unm&#xF6;glich vor&#xFC;berziehen, ohne sie zu versuchen. Nun waren zwar mehr als f&#xFC;nftausend Personen in seinem Gefolge; nichtsdestoweniger aber lie&#xDF; er sogleich alles stillhalten und in die Kirche sagen, er k&#xF6;nnte vor morgen das Hochamt<a l:href="#n_184" type="note">[184]</a> nicht halten. Sodann sprang er vom Pferde – denn die P&#xE4;pste reiten allemal bei solchen Gelegenheiten —, ging in meiner Mutter Laden, a&#xDF; erst alles auf, was von Austern daselbst vorhanden war, und stieg hernach mit ihr in den Keller hinab, wo sie noch mehr hatte. Dieses unterirdische Gemach war meiner Mutter K&#xFC;che, Visitenstube und Schlafkammer<a l:href="#n_185" type="note">[185]</a> zugleich. Hier gefiel es ihm so wohl, dass er alle seine Begleiter fortschickte. Kurz, Seine Heiligkeit brachten die ganze Nacht dort mit meiner Mutter zu. Ehe Dieselben am andern Morgen wieder fortgingen, erteilten Sie ihr vollkommenen Abla&#xDF;, nicht allein f&#xFC;r jede S&#xFC;nde, die sie schon auf sich hatte, sondern auch f&#xFC;r alle diejenigen, womit sie sich etwa k&#xFC;nftig noch zu befassen Lust haben m&#xF6;chte. Nun, meine Herren, habe ich darauf das Ehrenwort meiner Mutter – und wer k&#xF6;nnte wohl eine solche Ehre bezweifeln? – , dass ich die Frucht jener Austernacht bin.</p></section><section><title><p>Dreizehntes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Fortgesetzte Erz&#xE4;hlung des Freiherrn</emphasis></p></epigraph><p>Der Baron wurde, wie man sich leicht vorstellen kann, bei jeder Gelegenheit gebeten, seinem Versprechen gem&#xE4;&#xDF; in der Erz&#xE4;hlung seiner ebenso lehrreichen als unterhaltenden Abenteuer fortzufahren; allein geraume Zeit waren alle Bitten vergebens. Er hatte die sehr l&#xF6;bliche Gewohnheit, nichts gegen seine Laune zu tun, und die noch l&#xF6;blichere, durch nichts von diesem Grundsatze sich abbringen zu lassen. Endlich aber erschien der lange gew&#xFC;nschte Abend, an dem ein heiteres L&#xE4;cheln, mit dem er die Aufforderungen seiner Freunde anh&#xF6;rte, die sichere Vorbedeutung gab, dass sein Genius ihm gegenw&#xE4;rtig sei und ihre Hoffnungen erf&#xFC;llen werde.»Conticuere omnes, intentique ora tenebant<a l:href="#n_186" type="note">[186]</a>«, und M&#xFC;nchhausen begann vom hochbepolsterten Sofa:</p><p>W&#xE4;hrend der letzten Belagerung von Gibraltar<a l:href="#n_187" type="note">[187]</a> segelte ich mit einer Proviantflotte unter Lord Rodneys Kommando nach dieser Festung, um meinen alten Freund, den General Elliot, zu besuchen, der durch die ausgezeichnete Verteidigung dieses Platzes sich Lorbeern erworben hat, die nie verwelken k&#xF6;nnen. Sobald die erste Hitze der Freude, die immer mit dem Wiedersehen alter Freunde verbunden ist, sich etwas abgek&#xFC;hlt hatte, ging ich in Begleitung des Generals in der Festung umher, um den Zustand der Besatzung und die Anstalten des Feindes kennen zu lernen. Ich hatte aus London ein sehr vortreffliches Spiegelteleskop, das ich von Dollond<a l:href="#n_188" type="note">[188]</a> gekauft hatte, mitgebracht. Durch H&#xFC;lfe<a l:href="#n_189" type="note">[189]</a> desselben fand ich, dass der Feind gerade im Begriff war, einen Sechsunddrei&#xDF;igpf&#xFC;nder auf den Fleck abzufeuern, auf dem wir standen. Ich sagte dies dem General; er sah auch durch das Perspektiv und fand meine Mutma&#xDF;ung richtig. Auf seine Erlaubnis lie&#xDF; ich sogleich einen Achtundvierzigpf&#xFC;nder von der n&#xE4;chsten Batterie bringen und richtete ihn – denn was Artillerie betrifft, habe ich, ohne mich zu r&#xFC;hmen, meinen Meister noch nicht gefunden – so genau, dass ich meines Zieles vollkommen gewi&#xDF; war.</p><p>Nun beobachtete ich die Feinde auf das sch&#xE4;rfste, bis ich sah, dass sie die Z&#xFC;ndrute an das Z&#xFC;ndloch ihres St&#xFC;ckes legten, und in demselben Augenblicke gab ich das Zeichen, dass unsere Kanone gleichfalls abgefeuert werden sollte. Ungef&#xE4;hr auf der Mitte des Weges schlugen die beiden Kugeln mit f&#xFC;rchterlicher St&#xE4;rke gegeneinander, und die Wirkung davon war erstaunend. Die feindliche Kugel prallte mit solcher Heftigkeit zur&#xFC;ck, dass sie nicht nur dem Manne, der sie abgeschossen hatte, rein den Kopf wegnahm, sondern auch noch sechzehn andere K&#xF6;pfe vom Rumpfe schnellte, die ihr auf ihrem Fluge nach der afrikanischen K&#xFC;ste im Wege standen. Ehe sie aber nach der Barbarei kam, fuhr sie durch die Hauptmaste von drei Schiffen, die eben in einer Linie hintereinander im Hafen lagen; und dann flog sie noch gegen zweihundert englische Meilen in das Land hinein, schlug zuletzt durch das Dach einer Bauerh&#xFC;tte, brachte ein altes M&#xFC;tterchen, die mit offenem Munde auf dem R&#xFC;cken lag und schlief, um die wenigen Z&#xE4;hne, die ihr noch &#xFC;brig waren, und blieb endlich in der Kehle des armen Weibes stecken. Ihr Mann, der bald darauf nach Hause kam, versuchte die Kugel herauszuziehen; da er dies aber unm&#xF6;glich fand, so entschlo&#xDF; er sich kurz und stie&#xDF; sie ihr mit einem Rammer in den Magen hinunter, aus dem sie dann auf dem nat&#xFC;rlichen Wege unterw&#xE4;rts abging. Unsere Kugel tat vortreffliche Dienste. Sie trieb nicht nur die andere auf die eben beschriebene Weise zur&#xFC;ck, sondern setzte auch, meiner Absicht gem&#xE4;&#xDF;, ihren Weg fort, hob dieselbe Kanone, die gerade gegen uns gebraucht worden war, von der Lafette<a l:href="#n_190" type="note">[190]</a> und warf sie mit solcher Heftigkeit in den Kielraum eines Schiffes, dass sie sogleich den Boden desselben durchschlug. Das Schiff sch&#xF6;pfte Wasser und sank mit tausend spanischen Matrosen und einer betr&#xE4;chtlichen Anzahl Soldaten, die sich auf demselben befanden, unter. – Dies war gewi&#xDF; eine h&#xF6;chst au&#xDF;erordentliche Tat. Ich verlange indes keinesweges sie ganz auf die Rechnung meines Verdienstes zu setzen. Meiner Klugheit kommt freilich die Ehre der ersten Erfindung zu, aber der Zufall unterst&#xFC;tzte sie einigerma&#xDF;en. Ich fand n&#xE4;mlich nachher, dass unser Achtundvierzigpf&#xFC;nder durch ein Versehen auf eine doppelte Portion Pulver gesetzt war, wodurch allein seine unerwartete Wirkung vorz&#xFC;glich in Absicht der zur&#xFC;ckgeworfenen feindlichen Kugel begreiflich wird.</p><p>General Elliot bot mir f&#xFC;r diesen ausnehmenden Dienst eine Offizierstelle an; ich lehnte aber alles ab und begn&#xFC;gte mich mit seinem Danke, den er mir denselben Abend an der Tafel in Gegenwart aller Offiziere auf die ehrenvollste Weise abstattete.<a l:href="#n_191" type="note">[191]</a></p><p>Da ich sehr f&#xFC;r die Engl&#xE4;nder eingenommen bin, weil sie unstreitig ein vorz&#xFC;glich braves Volk sind, so machte ich mir es zum Gesetze, die Festung nicht zu verlassen, bis ich ihnen noch einen Dienst w&#xFC;rde geleistet haben; und in ungef&#xE4;hr drei Wochen bot sich mir eine gute Gelegenheit dazu dar. Ich kleidete mich wie ein katholischer Priester, schlich um ein Uhr des Morgens mich aus der Festung weg und kam gl&#xFC;cklich durch die Linien der Feinde mitten in ihrem Lager an. Dort ging ich in das Zelt, in welchem der Graf von Artois mit dem ersten Befehlshaber und verschiedenen andern Offizieren einen Plan entwarfen, die Festung den n&#xE4;chsten Morgen zu st&#xFC;rmen. Meine Verkleidung war mein Schutz. Niemand wies mich zur&#xFC;ck, und ich konnte ungest&#xF6;rt alles anh&#xF6;ren, was vorging. Endlich begaben sie sich zu Bette, und nun fand ich das ganze Lager, selbst die Schildwachen, in dem tiefsten Schlafe begraben. Sogleich fing ich meine Arbeit an, hob alle ihre Kanonen, &#xFC;ber dreihundert St&#xFC;ck, von den Achtundvierzigpf&#xFC;ndern bis zu den Vierundzwanzigpf&#xFC;ndern herunter, von den Lafetten und warf sie drei Meilen weit in die See hinaus. Da ich ganz und gar keine H&#xFC;lfe hatte, so war dies das schwerste St&#xFC;ck Arbeit, das ich je unternommen hatte, eines etwa ausgenommen, das, wie ich h&#xF6;re, Ihnen neulich in meiner Abwesenheit<a l:href="#n_192" type="note">[192]</a> einer meiner Bekannten zu erz&#xE4;hlen f&#xFC;r gut fand, da ich n&#xE4;mlich mit den ungeheueren, von dem Baron von Tott beschriebenen t&#xFC;rkischen Gesch&#xFC;tze an das gegenseitige Ufer des Meeres schwamm. – Sobald ich damit fertig war, schleppte ich alle Lafetten und Karren in die Mitte des Lagers, und damit das Rasseln der R&#xE4;der kein Ger&#xE4;usch machen m&#xF6;chte, so trug ich sie paarweise unter meinen Armen zusammen. – Ein herrlicher Haufe war es, wenigstens so hoch als der Felsen von Gibraltar. – Dann schlug ich mit dem abgebrochenen St&#xFC;cke eines eisernen Achtundvierzigpf&#xFC;nders an einem Kiesel, der zwanzig Fu&#xDF; unter der Erde in einer noch von den Arabern gebauten Mauer steckte, Feuer, z&#xFC;ndete eine Lunte an und setzte den ganzen Haufen in Brand.<a l:href="#n_193" type="note">[193]</a> Ich verga&#xDF; Ihnen zu sagen, dass ich erst noch obenauf alle Kriegsvorratswagen geworfen hatte.</p><p>Was am brennbarsten war, hatte ich kl&#xFC;glich unten hingelegt, und so war nun in einem Augenblicke alles eine lichterlohe<a l:href="#n_194" type="note">[194]</a> Flamme. Um allem Verdacht zu entgehen, war ich einer der ersten, der L&#xE4;rmen machte.<a l:href="#n_195" type="note">[195]</a> Das ganze Lager geriet, wie Sie sich vorstellen k&#xF6;nnen, in das schrecklichste Erstaunen, und der allgemeine Schlu&#xDF; war, dass die Schildwachen<a l:href="#n_196" type="note">[196]</a> bestochen und sieben oder acht Regimenter aus der Festung zu dieser greulichen Zerst&#xF6;rung ihrer Artillerie gebraucht worden w&#xE4;ren. Herr Drinkwater erw&#xE4;hnt in seiner Geschichte dieser ber&#xFC;hmten Belagerung eines gro&#xDF;en Verlustes, den die Feinde durch einen im Lager entstandenen Brand erlitten h&#xE4;tten, wei&#xDF; aber im geringsten nicht die Ursache desselben anzugeben. Und das konnte er auch nicht; denn ich entdeckte die Sache noch keinem Menschen (obgleich ich allein durch die Arbeit dieser Nacht Gibraltar rettete), selbst dem General Elliot nicht. Der Graf von Artois lief nebst allen seinen Leuten im ersten Schrecken davon; und ohne einmal stillezuhalten, liefen sie ungef&#xE4;hr vierzehn Tage in einem fort, bis sie Paris erreichten. Auch machte die Angst, die sich ihrer bei diesem f&#xFC;rchterlichen Brande bem&#xE4;chtigt hatte, dass sie drei Monate nicht imstande waren, die geringste Erfrischung zu genie&#xDF;en, sondern cham&#xE4;leonm&#xE4;&#xDF;ig blo&#xDF; von der Luft lebten.Etwa zwei Monate, nachdem ich den Belagerten diesen Dienst getan hatte, sa&#xDF; ich eines Morgens mit dem General Elliot beim Fr&#xFC;hst&#xFC;cke, als auf einmal eine Bombe (denn ich hatte nicht Zeit, ihre M&#xF6;rser ihren Kanonen nachzuschicken) in das Zimmer flog und auf den Tisch niederfiel. Der General, wie fast jeder getan haben w&#xFC;rde, verlie&#xDF; das Zimmer augenblicklich, ich aber nahm die Bombe, ehe sie sprang, und trug sie auf die Spitze des Felsen. Von hier aus sahe ich auf einem H&#xFC;gel der Seek&#xFC;ste unweit des feindlichen Lagers eine ziemliche Menge Leute, konnte aber mit blo&#xDF;en Augen nicht entdecken, was sie vorhatten. Ich nahm also mein Teleskop zu H&#xFC;lfe und fand nun, dass zwei von unseren Offizieren, einer ein General und der andere ein Oberster, die noch den vorigen Abend mit mir zugebracht und sich um Mitternacht als Spione in das spanische Lager geschlichen hatten, dem Feinde in die H&#xE4;nde gefallen waren und eben geh&#xE4;ngt werden sollten. Die Entfernung war zu gro&#xDF;, als dass ich die Bombe aus freier Hand h&#xE4;tte hinwerfen k&#xF6;nnen. Gl&#xFC;cklicherweise fiel mir bei,<a l:href="#n_197" type="note">[197]</a> dass ich die Schleuder in der Tasche hatte, die David weiland so vorteilhaft gegen den Riesen Goliath<a l:href="#n_198" type="note">[198]</a> gebrauchte. Ich legte meine Bombe hinein und schleuderte sie sogleich mitten in den Kreis. Sowie sie niederfiel, sprang sie auch und t&#xF6;tete alle Umstehenden, ausgenommen die beiden englischen Offiziere, die zu ihrem Gl&#xFC;cke gerade in die H&#xF6;he gezogen waren. Ein St&#xFC;ck der Bombe flog indessen gegen den Fu&#xDF; des Galgens, der dadurch sogleich umfiel. Unsere beiden Freunde f&#xFC;hlten kaum terra firma, als sie sich nach dem Grunde dieser unerwarteten Katastrophe umsahen, und da sie fanden, dass Wache, Henker und alles den Einfall gekriegt hatte, zuerst zu sterben, so machten sie einander von ihren unbehaglichen Strikken los, liefen nach dem Seeufer, sprangen in ein spanisches Boot und n&#xF6;tigten die beiden Leute, die darin waren, sie nach einem unserer Schiffe zu rudern. Wenige Minuten nachher, da ich gerade dem General Elliot die Sache erz&#xE4;hlte, kamen sie gl&#xFC;cklich an, und nach gegenseitigen Erkl&#xE4;rungen und Gl&#xFC;ckw&#xFC;nschen feierten wir diesen merkw&#xFC;rdigen Tag auf die froheste Art von der Welt.</p><p>Sie w&#xFC;nschen alle, meine Herren, ich sehe es Ihnen an den Augen an, zu h&#xF6;ren, wie ich an einen so gro&#xDF;en Schatz, als die gedachte Schleuder war, gekommen sei. Wohl! die Sache h&#xE4;ngt so zusammen. Ich stamme, m&#xFC;ssen Sie wissen, von der Frau des Urias<a l:href="#n_199" type="note">[199]</a> ab, mit der David bekanntlich in sehr enger Verbindung lebte. Mit der Zeit aber – wie dies manchmal der Fall ist – wurden Seine Majest&#xE4;t merklich k&#xE4;lter gegen die Gr&#xE4;fin, denn dazu wurde sie im ersten Vierteljahre nach ihres Mannes Tod gemacht. Sie zankten sich einmal &#xFC;ber einen sehr wichtigen Punkt, n&#xE4;mlich &#xFC;ber den Fleck, wo Noahs Arche<a l:href="#n_200" type="note">[200]</a> gebaut wurde und wo sie nach der S&#xFC;ndflut<a l:href="#n_201" type="note">[201]</a> stehen blieb. Mein Stammvater wollte f&#xFC;r einen gro&#xDF;en Altertumskundigen<a l:href="#n_202" type="note">[202]</a> gelten, und die Gr&#xE4;fin war Pr&#xE4;sidentin einer historischen Soziet&#xE4;t. Dabei hatte er die Schw&#xE4;che mehrerer gro&#xDF;en Herren und fast aller kleinen Leute, er konnte keinen Widerspruch ertragen; und sie hatte den Fehler ihres Geschlechts, sie wollte in allen Dingen recht behalten; kurz, es erfolgte eine Trennung. Sie hatte ihn oft von jener Schleuder als einem sehr gro&#xDF;en Schatze sprechen h&#xF6;ren und fand f&#xFC;r gut, sie, zum Andenken<a l:href="#n_203" type="note">[203]</a> wahrscheinlich, mitzunehmen. Ehe sie aber noch aus seinen Staaten war, wurde die Schleuder vermi&#xDF;t, und nicht weniger als sechs Mann von der Leibwache des K&#xF6;nigs setzten ihr nach. Sie bediente sich indes des mitgenommenen Instruments so gut, dass sie einen ihrer Verfolger, der sich durch seinen Diensteifer vielleicht heben wollte und daher etwas vor den andern voraus war, gerade auf den Fleck traf, wo Goliath seine t&#xF6;dliche Quetschung gekriegt hatte. Als seine Gef&#xE4;hrten ihn tot zur Erde st&#xFC;rzen sahen, hielten sie es nach langer weiser &#xDC;berlegung f&#xFC;r das beste, diesen neu eingetretenen Umstand f&#xFC;rs erste geh&#xF6;rigen Ortes zu melden, und die Gr&#xE4;fin hielt es f&#xFC;r das beste, mit untergelegten Pferden ihre Reise nach &#xC4;gypten fortzusetzen, wo sie sehr angesehene Freunde am Hofe hatte. – Ich h&#xE4;tte Ihnen vorher schon sagen sollen, dass sie von mehreren Kindern, die Seine Majest&#xE4;t mit ihr zu zeugen geruhet hatten, bei ihrer Entfernung einen Sohn, der ihr Liebling war, mit sich nahm. Da diesem das fruchtbare &#xC4;gypten noch einige Geschwister gab, so vermachte sie ihm durch einen besondern Artikel ihres Testamentes die ber&#xFC;hmte Schleuder; und von ihm kam sie in meist gerader Linie endlich auf mich.</p><p>Einer ihrer Besitzer, mein Ururgro&#xDF;vater, der vor ungef&#xE4;hr zweihundertundfunfzig Jahren lebte, wurde bei einem Besuche, den er in England machte, mit einem Dichter bekannt, der zwar nichts weniger als Plagiarius,<a l:href="#n_204" type="note">[204]</a> aber ein desto gr&#xF6;&#xDF;erer Wilddieb war und Shakespear<a l:href="#n_205" type="note">[205]</a> hie&#xDF;. Dieser Dichter, in dessen Schriften jetzt, zur Wiedervergeltung vielleicht, von Engl&#xE4;ndern und Deutschen abscheulich gewilddiebt wird, borgte manchmal diese Schleuder und t&#xF6;tete damit so viel von Sir Thomas Lucys Wildbret, dass er mit genauer Not dem Schicksale meiner zwei Freunde zu Gibraltar entging. Der arme Mann wurde ins Gef&#xE4;ngnis geworfen,<a l:href="#n_206" type="note">[206]</a> und mein &#xC4;ltervater bewirkte seine Freiheit auf eine ganz besondere Art. Die K&#xF6;nigin Elisabeth,<a l:href="#n_207" type="note">[207]</a> die damals regierte, wurde, wie Sie wissen, in ihren letzten Jahren ihrer selbst &#xFC;berdr&#xFC;ssig.<a l:href="#n_208" type="note">[208]</a> Ankleiden, Auskleiden, Essen, Trinken und manches andere, was ich nicht zu nennen brauche, machten ihr das Leben zur unertr&#xE4;glichen Last. Mein &#xC4;ltervater setzte sie in den Stand, alles dies nach ihrer Willk&#xFC;r ohne oder durch einen Stellvertreter zu tun. Und was meinen Sie, dass er f&#xFC;r dieses ganz unvergleichliche Meisterst&#xFC;ck magischer Kunst sich ausbat? – Shakespears Freiheit. – Weiter konnte ihm die K&#xF6;nigin nicht das geringste aufdringen. Die ehrliche Haut<a l:href="#n_209" type="note">[209]</a> hatte diesen gro&#xDF;en Dichter so liebgewonnen, dass er gern von der Anzahl seiner Tage etwas abgegeben h&#xE4;tte, um das Leben seines Freundes zu verl&#xE4;ngern.</p><p>&#xDC;brigens kann ich Ihnen, meine Herren, versichern, dass die Methode der K&#xF6;nigin Elisabeth, g&#xE4;nzlich ohne Nahrung zu leben, so originell sie auch war, bei ihren Untertanen sehr wenig Beifall gefunden hat, am wenigsten bei den beef-eaters,<a l:href="#n_210" type="note">[210]</a> wie man sie gew&#xF6;hnlich noch heutigestages nennt. Sie &#xFC;berlebte aber selbst ihre neue Sitte nicht &#xFC;ber achthalb Jahr.</p><p>Mein Vater, von dem ich diese Schleuder kurz vor meiner Reise nach Gibraltar geerbt habe, erz&#xE4;hlte mir folgende merkw&#xFC;rdige Anekdote, die auch seine Freunde &#xF6;fters von ihm geh&#xF6;rt haben und an deren Wahrheit niemand zweifeln wird, der den ehrlichen Alten gekannt hat.»Ich hielt mich«, sagte er,»bei meinen Reisen geraume Zeit in England auf und ging einstens an dem Ufer der See unweit Harwich<a l:href="#n_211" type="note">[211]</a> spazieren. Pl&#xF6;tzlich kam ein grimmiges Seepferd in &#xE4;u&#xDF;erster Wut auf mich los. Ich hatte nichts als die Schleuder bei mir, mit der ich dem Tier so geschickt zwei Kieselsteine gegen den Kopf warf, dass ich mit jedem ein Auge des Ungeheuers einschlug. Darauf stieg ich auf seinen R&#xFC;cken und trieb es in die See; denn in demselben Augenblick, in dem es sein Gesicht verlor, verlor es auch seine Wildheit und wurde so zahm als m&#xF6;glich. Meine Schleuder legte ich ihm statt des Zaumes in den Mund und ritt es nun mit der gr&#xF6;&#xDF;ten Leichtigkeit durch den Ozean hin. In weniger als drei Stunden kamen wir beide an dem entgegengesetzten Ufer an, welches doch immer eine Strecke von ungef&#xE4;hr drei&#xDF;ig Seemeilen ist. Zu Helvoetsluys verkaufte ich es f&#xFC;r siebenhundert Dukaten an den Wirt zu den drei Kelchen, der es als ein &#xE4;u&#xDF;erst seltenes Tier sehen lie&#xDF; und sich sch&#xF6;nes Geld damit machte.«– Jetzt findet man eine Abbildung davon im Buffon. – »So sonderbar die Art meiner Reise war, «fuhr mein Vater fort,»so waren doch die Bemerkungen und Entdeckungen, die ich auf derselben machte, noch viel au&#xDF;erordentlicher. Das Tier, auf dessen R&#xFC;cken ich sa&#xDF;, schwamm nicht, sondern lief mit unglaublicher Geschwindigkeit auf dem Grunde des Meeres weg und trieb Millionen von Fischen vor sich her, von denen viele ganz verschieden von den gew&#xF6;hnlichen waren. Einige hatten den Kopf in der Mitte des Leibes, andere an der Spitze des Schwanzes. Einige sa&#xDF;en in einem gro&#xDF;en Zirkel beisammen und sangen unaussprechlich sch&#xF6;ne Ch&#xF6;re; andere baueten aus blo&#xDF;em Wasser die pr&#xE4;chtigsten durchsichtigen Geb&#xE4;ude auf, die mit kolossalischen S&#xE4;ulen umgeben waren, in welchen eine Materie, die ich f&#xFC;r nichts anders als f&#xFC;r das reinste Feuer halten konnte, in den angenehmsten Farben und in den reizendsten wellenf&#xF6;rmigen Bewegungen hin und wieder lief. Verschiedene Zimmer dieser Geb&#xE4;ude waren auf eine sehr sinnreiche und bequeme Art zur Begattung der Fische eingerichtet; in andern wurde der zarte Laich gepflegt und gewartet; und eine Reihe weitl&#xE4;uftiger S&#xE4;le war zur Erziehung der jungen Fische bestimmt. Das &#xC4;u&#xDF;ere der Methode, die hier beobachtet wurde – denn das Innere derselben verstand ich nat&#xFC;rlicherweise ebensowenig als den Gesang der V&#xF6;gel oder die Dialogen der Heuschrecken —, hatte so auffallende &#xC4;hnlichkeit mit dem, was ich in meinem Alter in den sogenannten Philanthropinen<a l:href="#n_212" type="note">[212]</a> und dergleichen Anstalten eingef&#xFC;hrt fand, dass ich ganz gewi&#xDF; bin, einer ihrer angeblichen Erfinder hat eine der meinigen &#xE4;hnliche Reise gemacht und seine Ideen mehr aus dem Wasser geholt als aus der Luft gegriffen. &#xDC;brigens sehen Sie aus dem wenigen, was ich Ihnen gesagt habe, dass noch manches ungen&#xFC;tzt, noch manche Spekulation<a l:href="#n_213" type="note">[213]</a> &#xFC;brig ist. – Doch ich fahre in meiner Erz&#xE4;hlung fort.»</p><p>«Ich kam unter andern &#xFC;ber eine ungeheuere Gebirgkette hin, die wenigstens so hoch war als die Alpen. An der Seite der Felsen war eine Menge gro&#xDF;er B&#xE4;ume von mannigfaltiger Art. Auf diesen wuchsen Hummer, Krebse, Austern, Kammaustern, Muscheln, Seeschnekken usw., von denen bisweilen ein einziges St&#xFC;ck eine Ladung f&#xFC;r einen Frachtwagen war, und an der kleinsten h&#xE4;tte ein Lasttr&#xE4;ger zu schleppen gehabt. – Alles, was von der Art an die Ufer geworfen und auf unsern M&#xE4;rkten verkauft wird, ist elendes Zeug, das das Wasser von den &#xC4;sten abschl&#xE4;gt, ungef&#xE4;hr so wie das kleine schlechte Obst, das der Wind von den B&#xE4;umen herunterweht. – Die Hummerb&#xE4;ume schienen am vollesten zu sitzen; die Krebs- und Austerb&#xE4;ume aber waren die gr&#xF6;&#xDF;ten. Die kleinen Seeschnecken wachsen auf einer Art von Str&#xE4;uchen, die immer an dem Fu&#xDF; der Austerb&#xE4;ume stehen und sich fast so wie der Efeu an der Eiche an ihnen hinaufwinden. Auch bemerkte ich eine sehr sonderbare Wirkung eines untergegangenen Schiffes. Dies war, wie mir schien, gegen die Spitze eines Felsen, der nur drei Klafter unter der Oberfl&#xE4;che des Wassers war, gesto&#xDF;en und beim Sinken umgeschlagen. Dadurch st&#xFC;rzte es auf einen gro&#xDF;en Hummerbaum und stie&#xDF; verschiedene Hummer ab, die auf einen darunterstehenden Krebsbaum fielen. Weil die Sache nun wahrscheinlich im Fr&#xFC;hjahre geschah und die Hummer noch ganz jung waren, so vereinigten sie sich mit den Krebsen und brachten eine neue Frucht hervor, die mit beiden &#xC4;hnlichkeit hat. Ich versuchte der Seltenheit wegen ein St&#xFC;ck davon mitzunehmen, aber teils war es mir zu beschwerlich, teils wollte mein Pegasus<a l:href="#n_214" type="note">[214]</a> nicht gerne stillehalten; auch hatte ich schon &#xFC;ber die H&#xE4;lfte meines Weges zur&#xFC;ckgelegt und war gerade in einem Tale wenigstens f&#xFC;nfhundert Klafter unter der Meeresfl&#xE4;che, wo ich den Mangel der Luft allm&#xE4;hlich etwas unbequem fand. &#xDC;brigens war meine Lage auch in andern R&#xFC;cksichten nicht die angenehmste. Ich begegnete von Zeit zu Zeit gro&#xDF;en Fischen, die, soviel ich aus ihren offenen Rachen abnehmen konnte, eben nicht ungeneigt waren, uns beide zu verschlingen. Nun war meine arme Rosinante<a l:href="#n_215" type="note">[215]</a> blind, und es beruhte einzig auf meiner vorsichtigen F&#xFC;hrung, dass ich den menschenfreundlichen Absichten dieser hungrigen Herren entging. Ich galoppierte also weidlich<a l:href="#n_216" type="note">[216]</a> zu und suchte so bald wie m&#xF6;glich wieder trockenes Land zu gewinnen.»</p><p>«Als ich dem holl&#xE4;ndischen Ufer schon ziemlich nahe war und das Wasser &#xFC;ber meinem Kopfe keine zwanzig Klafter mehr hoch sein mochte, so kam es mir vor, als l&#xE4;ge eine menschliche Gestalt in weiblicher Kleidung vor mir auf dem Sande. Ich glaubte einige Zeichen des Lebens an ihr zu bemerken, und als ich n&#xE4;her kam, sah ich auch wirklich, dass sie ihre Hand bewegte. Ich fa&#xDF;te diese an und brachte die Person als eine anscheinende Leiche mit mir an das Ufer. Ob man nun gleich damals in der Kunst Tote zu erwecken noch nicht so weit gekommen war, dass man so wie in unseren Tagen auf jeder Dorfschenke eine Anweisung vorfand, Ertrunkene wieder aus dem Reiche der Schatten zur&#xFC;ckzurufen, so gelang es doch den klugen und unerm&#xFC;deten Bem&#xFC;hungen eines dortigen Apothekers, den kleinen Funken des Lebens, den er in dieser Frau noch &#xFC;brig fand, wieder anzufachen. Sie war die teuere H&#xE4;lfte eines Mannes, der ein nach Helvoetsluys geh&#xF6;riges Schiff kommandierte und kurz vorher aus dem Hafen abgefahren war. Ungl&#xFC;cklicherweise hatte er in der Eile eine andere Person anstatt seiner Frau mitgenommen. Dies wurde ihr sogleich von einer der wachsamen Schutzg&#xF6;ttinnen des h&#xE4;uslichen Friedens hinterbracht, und weil sie fest &#xFC;berzeugt war, dass die Rechte des Ehebettes zu Wasser so g&#xFC;ltig w&#xE4;ren als zu Lande, so fuhr sie ihm w&#xFC;tend von Eifersucht in einem offenen Boote nach und suchte, sobald sie auf das Oberlof seines Schiffes gekommen war, nach einer kurzen un&#xFC;bersetzbaren Anrede, ihre Gerechtsame auf eine so triftige Art zu beweisen, dass ihr lieber Getreuer<a l:href="#n_217" type="note">[217]</a> es f&#xFC;r ratsam fand, ein paar Schritte zur&#xFC;ckzutun. Die traurige Folge davon war, dass ihre kn&#xF6;cherne Rechte den Eindruck, der den Ohren ihres Mannes zugedacht war, auf die Wellen machte, und da diese noch nachgebender waren als er, so fand sie erst auf dem Grunde der See den Widerstand, den sie suchte. – Hier brachte mich nun mein Unstern mit ihr zusammen, um ein gl&#xFC;ckliches Paar auf Erden mehr zu machen.»</p><p>«Ich kann mir leicht vorstellen, was f&#xFC;r Segensw&#xFC;nsche mir ihr Herr Gemahl nachgeschickt hat, als er bei seiner R&#xFC;ckkunft<a l:href="#n_218" type="note">[218]</a> fand, dass sein z&#xE4;rtliches Weibchen, durch mich gerettet, seiner harre. Indes so schlimm auch immer der Streich sein mag, den ich dem armen Teufel gespielt habe, so war mein Herz doch au&#xDF;er aller Schuld. Der Bewegungsgrund meiner Handlung war reine, klare Menschenliebe, obgleich, wie ich nicht leugnen kann, die Folgen davon f&#xFC;r ihn schrecklich sein mussten.»</p><p>Und so weit, meine Herren, geht die Erz&#xE4;hlung meines Vaters, an die ich durch die ber&#xFC;hmte Schleuder erinnert wurde, die leider, nachdem sie sich so lange bei meiner Familie erhalten und ihr viele wichtige Dienste geleistet hatte, in dem Rachen des Seepferdes ihren Rest gekriegt zu haben scheint. Wenigstens habe ich den einzigen Gebrauch davon gemacht, den ich Ihnen erz&#xE4;hlt habe, dass ich den Spaniern eine ihrer Bomben uner&#xF6;ffnet wieder zur&#xFC;ckschickte und dadurch meine zwei Freunde vom Galgen rettete. Bei dieser edlen Anwendung wurde meine Schleuder, die vorher schon etwas m&#xFC;rbe war, vollends aufgeopfert. Das gr&#xF6;&#xDF;te Teil davon flog mit der Bombe weg, und das &#xFC;brige kleine St&#xFC;ckchen, das mir in der Hand blieb, liegt jetzt in unserm Familienarchiv, wo es nebst mehreren wichtigen Altert&#xFC;mern zu ewigem Andenken aufbewahret wird.</p><p>Bald darauf verlie&#xDF; ich Gibraltar wieder und kehrte nach England zur&#xFC;ck. Dort begegnete mir einer der sonderbarsten Streiche meines ganzen Lebens. Ich musste nach Wapping hinuntergehen, um verschiedene Sachen einschiffen zu sehen, die ich einigen meiner Freunde in Hamburg schicken wollte, und als ich damit fertig war, nahm ich meinen R&#xFC;ckweg &#xFC;ber den Tower Wharf. Es war Mittag; ich war schrecklich m&#xFC;de, und die Sonne wurde mir so l&#xE4;stig, dass ich in eine von den Kanonen hineinkroch, um dort ein bisschen auszuruhen. Kaum war ich darin, so fiel ich auch sogleich in den tiefsten Schlaf. Nun war es gerade der vierte Junius,<a l:href="#n_219" type="note">[219]</a> und um ein Uhr wurden alle Kanonen zum Andenken dieses Tages abgefeuert. Sie waren am Morgen geladen, und da niemand mich hier vermuten konnte, so wurde ich &#xFC;ber die H&#xE4;user an der entgegengesetzten Seite des Flusses weg in den Hof eines P&#xE4;chters zwischen Bermondsey und Deptford geschossen. Hier fiel ich auf einen gro&#xDF;en Heuhaufen nieder und blieb – wie aus der gro&#xDF;en Bet&#xE4;ubung leicht begreiflich wird —, ohne aufzuwachen, liegen. Ungef&#xE4;hr nach drei Monaten wurde das Heu so erschrecklich teuer, dass der P&#xE4;chter einen guten Schnitt zu machen dachte, wenn er jetzt seinen Vorrat losschl&#xFC;ge. Der Haufen, auf dem ich lag, war der gr&#xF6;&#xDF;te auf dem Hofe und hielt wenigstens f&#xFC;nfhundert Fuder. Mit ihm wurde also bei dem Aufladen der Anfang gemacht. Durch den L&#xE4;rmen der Leute, die ihre Leitern angelegt hatten und auf den Haufen hinaufsteigen wollten, wachte ich auf; noch halb im Schlafe und ohne im geringsten zu wissen, wo ich war, wollte ich weglaufen und st&#xFC;rzte herunter auf den Eigent&#xFC;mer des Heus. Ich selbst litt durch diesen Fall nicht den geringsten Schaden, der P&#xE4;chter aber einen desto gr&#xF6;&#xDF;ern; er blieb tot unter mir liegen, denn ich hatte unschuldigerweise ihm das Genick gebrochen. Zu meiner gro&#xDF;en Beruhigung h&#xF6;rte ich nachher, dass der Kerl ein abscheulicher Jude war, der immer mit den Fr&#xFC;chten seiner L&#xE4;ndereien so lange zur&#xFC;ckhielt, bis erst bittere Teuerung einri&#xDF; und er mit &#xFC;berm&#xE4;&#xDF;igem Profite sie verkaufen konnte, so dass also sein gewaltsamer Tod<a l:href="#n_220" type="note">[220]</a> f&#xFC;r ihn gerechte Strafe und f&#xFC;r das Publikum wahre Wohltat war.</p><p>Wie sehr ich &#xFC;brigens erstaunte, als ich wieder v&#xF6;llig zu mir selbst kam und nach langem Besinnen meine gegenw&#xE4;rtigen Gedanken an die ankn&#xFC;pfte, mit denen ich vor drei Monaten eingeschlafen war, und wie gro&#xDF; die Verwunderung meiner Freunde in London war, als ich nach vielen vergeblichen Nachforschungen auf einmal wieder erschien – das k&#xF6;nnen Sie, meine Herren, sich leicht vorstellen.</p><p>Nun lassen Sie uns erst ein Gl&#xE4;schen trinken, und dann erz&#xE4;hle ich Ihnen noch ein paar meiner Seeabenteuer.</p></section><section><title><p>Vierzehntes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Achtes Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Ohne Zweifel haben Sie von der letzten n&#xF6;rdlichen Entdeckungsreise des Kapit&#xE4;n Phipps – gegenw&#xE4;rtigen Lord Mulgrave – geh&#xF6;rt. Ich begleitete den Kapit&#xE4;n; – nicht als Offizier, sondern als Freund. – Da wir unter einen ziemlich hohen Grad n&#xF6;rdlicher Breite gekommen waren, nahm ich mein Teleskop, mit dem ich Sie bei der Geschichte meiner Reise nach Gibraltar schon bekannt gemacht habe, und betrachtete die Gegenst&#xE4;nde, die ich nun um mich hatte. – Denn, im Vorbeigehen gesagt, ich halte es immer f&#xFC;r gut, sich von Zeit zu Zeit einmal umzusehen, vorz&#xFC;glich auf Reisen. – Ungef&#xE4;hr eine halbe Meile von uns schwamm ein Eisgebirge, das weit h&#xF6;her als unsere Maste war, und auf demselben sah ich zwei wei&#xDF;e B&#xE4;ren, die meiner Meinung nach in einem hitzigen Zweikampfe begriffen waren. Ich hing sogleich mein Gewehr um und machte mich zu dem Eise hin, fand aber, als ich erst auf den Gipfel desselben gekommen war, einen unaussprechlich m&#xFC;hsamen und gefahrvollen Weg. Oft musste ich &#xFC;ber schreckliche Abgr&#xFC;nde springen; und an andern Stellen war die Oberfl&#xE4;che so glatt wie ein Spiegel, so dass meine Bewegung ein st&#xE4;ndiges Fallen und Aufstehen war. Doch endlich kam ich so weit, dass ich die B&#xE4;ren erreichen konnte, und zugleich sah ich auch, dass sie nicht miteinander k&#xE4;mpften, sondern nur spielten. Ich &#xFC;berrechnete schon den Wert ihrer Felle – denn jeder war wenigstens so gro&#xDF; als ein gut gem&#xE4;steter Ochse —; allein indem ich eben mein Gewehr anlegen wollte, glitschte ich mit dem rechten Fu&#xDF;e aus, fiel r&#xFC;ckw&#xE4;rts nieder und verlor durch die Heftigkeit des Schlages, den ich tat, auf eine kleine halbe Stunde alles Bewu&#xDF;tsein. Stellen Sie sich mein Erstaunen vor, als ich erwachte und fand, dass eines von den ebengenannten Ungeheuern mich herum auf mein Gesicht gedrehet hatte und gerade den Bund meiner neuen ledernen Hose packte. Der obere Teil meines Leibes steckte unter seinem Bauche, und meine Beine standen voraus. Gott wei&#xDF;, wohin mich die Bestie geschleppt h&#xE4;tte; aber ich kriegte mein Taschenmesser heraus – dasselbe, was Sie hier sehen —, hackte in seinen linken Hinterfu&#xDF; und schnitt ihm drei von seinen Zehen ab. Nun lie&#xDF; er mich sogleich fallen und br&#xFC;llte f&#xFC;rchterlich. Ich nahm mein Gewehr auf, feuerte auf ihn, sowie er weglief, und pl&#xF6;tzlich fiel er nieder. Mein Schu&#xDF; hatte nun zwar eines von diesen blutd&#xFC;rstigen Tieren auf ewig eingeschl&#xE4;fert, aber mehrere Tausende, die in dem Umkreis von einer halben Meile auf dem Eise lagen und schliefen, aufgeweckt. Alle miteinander kamen spornstreichs<a l:href="#n_221" type="note">[221]</a> angelaufen. Zeit war nicht zu verlieren. Ich aber war verloren, oder ein schneller Einfall musste mich retten. – Er kam. – Etwa in der H&#xE4;lfte der Zeit, die ein ge&#xFC;bter J&#xE4;ger braucht, um einem Hasen den Balg abzustreifen, zog ich dem toten B&#xE4;ren seinen Rock aus, wickelte mich darein und steckte meinen Kopf gerade unter den seinigen. Kaum war ich fertig, so versammelte sich die ganze Herde um mich herum. Mir wurde hei&#xDF; und kalt unter meinem Pelze. Indes meine List gelang mir vortrefflich. Sie kamen, einer nach dem andern, berochen mich und hielten mich augenscheinlich f&#xFC;r einen Bruder Petz. Es fehlte mir auch nichts als die Gr&#xF6;&#xDF;e, um ihnen vollkommen gleich zu sehen; und verschiedene Junge unter ihnen waren nicht viel gr&#xF6;&#xDF;er als ich. Als sie alle mich und den Leichnam ihres verschiedenen Gef&#xE4;hrten berochen hatten, schienen wir sehr gesellig zu werden; auch konnte ich alle ihre Handlungen so ziemlich nachmachen;<a l:href="#n_222" type="note">[222]</a> nur im Brummen, Br&#xFC;llen und Balgen waren sie meine Meister. Sosehr ich aber wie ein B&#xE4;r aussah, so war ich doch noch Mensch: – ich fing an zu &#xFC;berlegen, wie ich die Vertraulichkeit, die zwischen mir und diesen Tieren sich erzeugt hatte, wohl auf das vorteilhafteste n&#xFC;tzen k&#xF6;nnte.</p><p>Ich hatte ehedem von einem alten Feldscher geh&#xF6;rt, dass eine Wunde im R&#xFC;ckgrat augenblicklich t&#xF6;dlich sei. Hier&#xFC;ber beschlo&#xDF; ich nun einen Versuch anzustellen. Ich nahm mein Messer wieder zur Hand und stie&#xDF; es dem gr&#xF6;&#xDF;ten B&#xE4;ren nahe bei den Schultern in den Nacken. Allerdings war dies ein sehr gewagter Streich, und es war mir auch nicht wenig bange. Denn das war ausgemacht: &#xFC;berlebte die Bestie den Sto&#xDF;, so war ich in St&#xFC;cken zerrissen. Allein mein Versuch gelang gl&#xFC;cklich; der B&#xE4;r fiel tot zu meinen F&#xFC;&#xDF;en nieder, ohne einmal zu mucksen. Nun nahm ich mir vor, allen &#xFC;brigen auf ebendie Art den Rest zu geben, und dies wurde mir auch gar nicht schwer; denn ob sie gleich ihre Br&#xFC;der zur Rechten und zur Linken fallen sahen, so hatten sie doch kein Arg daraus. Sie dachten weder an die Ursache noch an die Wirkung des Niedersinkens; und das war ein Gl&#xFC;ck f&#xFC;r sie und f&#xFC;r mich. – Als ich sie alle tot vor mir liegen sah, kam ich mir vor wie Simson,<a l:href="#n_223" type="note">[223]</a> als er die Tausende geschlagen hatte.</p><p>Die Sache kurz zu machen, ich ging nach dem Schiffe zur&#xFC;ck und bat mir drei Teile des Volkes aus, die mir helfen mussten, die Felle abzustreifen und die Schinken an Bord zu tragen. Wir waren in wenigen Stunden damit fertig und beluden das ganze Schiff damit. Was &#xFC;brigblieb, wurde in das Wasser geworfen, ungeachtet ich nicht zweifele, dass es, geh&#xF6;rig eingesalzen, ebenso gut schmecken w&#xFC;rde als die Keulen.</p><p>Sobald wir zur&#xFC;ckkamen, schickte ich einige Schinken im Namen des Kapit&#xE4;ns an die Lords von der Admiralit&#xE4;t, andere an die Lords von der Schatzkammer, etliche an den Lordmayor<a l:href="#n_224" type="note">[224]</a> und den Stadtrat von London, einige wenige an die Handlungsgesellschaften und die &#xFC;brigen an meine besondern Freunde. Von allen Orten bezeugte man mir den w&#xE4;rmsten Dank; die City<a l:href="#n_225" type="note">[225]</a> aber erwiderte mein Geschenk auf eine sehr nachdr&#xFC;ckliche Art, n&#xE4;mlich durch eine Einladung, j&#xE4;hrlich an dem Wahltage des Lordmayor auf dem Rathause zu speisen.</p><p>Die B&#xE4;renfelle schickte ich an die Kaiserin von Russland als Winterpelze f&#xFC;r Ihre Majest&#xE4;t und ihren Hof. Sie dankte mir daf&#xFC;r in einem eigenh&#xE4;ndigen Briefe, den sie mir durch einen au&#xDF;erordentlichen Gesandten &#xFC;berschickte und worin sie mir anbot, mit ihr die Ehre ihres Bettes und ihrer Krone zu teilen. Allein da michs eben nie sehr nach k&#xF6;niglicher W&#xFC;rde gel&#xFC;stet hat, so lehnte ich Ihrer Majest&#xE4;t Gnade in den feinsten Ausdr&#xFC;cken ab. Ebenderselbe Ambassadeur, der mir das kaiserliche Schreiben brachte, hatte auch den Auftrag, zu warten und Ihrer Majest&#xE4;t meine Antwort pers&#xF6;nlich zur&#xFC;ckzubringen. Ein zweiter Brief, den ich bald nachher von der Kaiserin erhielt, &#xFC;berzeugte mich von der St&#xE4;rke ihrer Leidenschaft und der Erhabenheit ihres Geistes. – Ihre letzte Krankheit kam, wie sie – die z&#xE4;rtliche Seele! – sich in einer Unterredung mit dem F&#xFC;rsten Dolgorucki<a l:href="#n_226" type="note">[226]</a> zu erkl&#xE4;ren geruhte – allein von meiner Grausamkeit her. Ich wei&#xDF; nicht, was die Damen an mir finden; aber die Kaiserin ist nicht die einzige ihres Geschlechtes, die mir vom Throne ihre Hand anbot.</p><p>Einige Leute haben die Verleumdung ausgestreuet, Kapit&#xE4;n Phipps sei auf seiner Reise nicht so weit gegangen, als er wohl h&#xE4;tte tun k&#xF6;nnen. Allein hier ist es meine Schuldigkeit, ihn zu verteidigen. Unser Schiff war auf einem recht guten Wege, bis ich es mit einer solchen ungeheuren Menge von B&#xE4;renfellen und Schinken belud, dass es Tollheit gewesen sein w&#xFC;rde, einen Versuch zu machen weiter zu gehen, da wir nun kaum imstande waren, nur gegen einen etwas frischen Wind zu segeln, geschweige<a l:href="#n_227" type="note">[227]</a> gegen jene Gebirge von Eis, die in den h&#xF6;heren Breiten liegen.</p><p>Der Kapit&#xE4;n hat seitdem oft erkl&#xE4;rt, wie unzufrieden er sei, dass er keinen Anteil an dem Ruhme dieses Tages habe, den er sehr emphatisch den B&#xE4;renfelltag nennt. Dabei beneidet er mich nicht wenig wegen der Ehre dieses Sieges und sucht auf alle Art und Weise dieselbe zu schm&#xE4;lern. Wir haben uns schon &#xF6;fter hier&#xFC;ber gezankt und sind auch jetzt noch &#xFC;ber den Fu&#xDF; gespannt. Unter andern behauptet er geradezu, ich d&#xFC;rfe mir das nicht zum Verdienst anrechnen,<a l:href="#n_228" type="note">[228]</a> dass ich die B&#xE4;ren betrogen habe, da ich mit einem ihrer Felle bedeckt gewesen sei; er h&#xE4;tte ohne Maske unter sie gehen wollen, und sie h&#xE4;tten ihn doch f&#xFC;r einen B&#xE4;ren halten sollen.</p><p>Dies ist nun freilich ein Punkt, den ich f&#xFC;r allzu zart und spitz halte, als dass ein Mann, der auf gef&#xE4;llige Sitten Anspruch macht, mit irgend jemand, am allerwenigsten mit einem edlen Pair<a l:href="#n_229" type="note">[229]</a> dar&#xFC;ber streiten darf.</p></section><section><title><p>F&#xFC;nfzehntes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Neuntes Seeabenteuer</emphasis></p></epigraph><p>Eine andere Seereise machte ich von England aus mit dem Kapit&#xE4;n Hamilton. Wir gingen nach Ostindien. Ich hatte einen H&#xFC;hnerhund<a l:href="#n_230" type="note">[230]</a> bei mir, der, wie ich im eigentlichsten Sinne behaupten konnte, nicht mit Gold aufzuwiegen war; denn er betrog mich nie. Eines Tages, da wir, nach den besten Beobachtungen, die wir machen konnten, wenigstens noch dreihundert Meilen vom Lande entfernt waren, markierte mein Hund. Ich sah ihn fast eine volle Stunde mit Erstaunen an und sagte den Umstand dem Kapit&#xE4;n und jedem Offizier am Bord und behauptete, wir m&#xFC;ssten dem Lande nahe sein, denn mein Hund witterte Wild. Dies verursachte ein allgemeines Gel&#xE4;chter, durch das ich mich aber in der guten Meinung von meinem Hunde gar nicht irremachen lie&#xDF;.</p><p>Nach vielem Streiten f&#xFC;r und wider die Sache erkl&#xE4;rte ich endlich dem Kapit&#xE4;n mit der gr&#xF6;&#xDF;ten Festigkeit, dass ich zu der Nase meines Tray mehr Zutrauen habe als zu den Augen aller Seeleute am Bord, und schlug ihm daher k&#xFC;hn eine Wette von hundert Guineen<a l:href="#n_231" type="note">[231]</a> vor – der Summe, die ich f&#xFC;r diese Reise akkordiert hatte —, wir w&#xFC;rden in der ersten halben Stunde Wild finden.</p><p>Der Kapit&#xE4;n – ein herzensguter Mann – fing wieder an zu lachen und ersuchte Herrn Crawford, unsern Schiffschirurgus, mir den Puls zu f&#xFC;hlen. Er tat es und berichtete, ich w&#xE4;re vollkommen gesund. Darauf entstand ein Gefl&#xFC;ster zwischen beiden, wovon ich indes das meiste deutlich genug verstand.</p><p>«Er ist nicht recht bei Sinnen,<a l:href="#n_232" type="note">[232]</a> «sagte der Kapit&#xE4;n;»ich kann mit Ehre die Wette nicht annehmen.»</p><p>«Ich bin ganz der entgegengesetzten Meinung«, erwiderte der Chirurgus.»Es fehlt ihm nicht das mindeste. Nur er verl&#xE4;&#xDF;t sich mehr auf den Geruch seines Hundes als auf den Verstand jedes Offiziers am Bord. – Verlieren wird er auf alle F&#xE4;lle; aber er verdient es auch.»</p><p>«So eine Wette«, fuhr der Kapit&#xE4;n fort,»kann von meiner Seite niemals so ganz redlich sein. Indes, es wird desto r&#xFC;hmlicher f&#xFC;r mich sein, wenn ich ihm nachher das Geld wieder zur&#xFC;ckgebe.»</p><p>W&#xE4;hrend dieser Unterredung blieb Tray immer in derselben Stellung und best&#xE4;tigte mich noch mehr in meiner Meinung. Ich schlug die Wette zum zweiten Male vor; und sie wurde angenommen.</p><p>Kaum war topp und topp auf beiden Seiten gesagt, als einige Matrosen, die in dem langen Boote, das an das Hinterteil des Schiffes befestigt war, fischten, einen au&#xDF;erordentlich gro&#xDF;en Hai erlegten, den sie auch sogleich an Bord brachten. Sie fingen an, den Fisch aufzuschneiden, und – siehe! – da fanden wir nicht weniger als sechs Paar lebendige Rebh&#xFC;hner in dem Magen des Tieres.</p><p>Diese armen Gesch&#xF6;pfe waren schon so lange in dieser Lage gewesen, dass eine von den Hennen auf f&#xFC;nf Eiern sa&#xDF;, wovon eines gerade ausgebr&#xFC;tet war, als der Hai ge&#xF6;ffnet wurde.</p><p>Diesen jungen Vogel zogen wir mit einem Wurfe kleiner Katzen auf, die wenige Minuten vorher zur Welt gekommen waren. Die alte Katze hatte ihn so lieb als eines ihrer vierbeinigen Kinder und tat immer erstaunend &#xFC;bel, wenn das Huhn etwas zu weit wegflog und nicht gleich wieder zur&#xFC;ckkommen wollte. – Unter den &#xFC;brigen Rebh&#xFC;hnern hatten wir vier Hennen, von denen immer eine oder mehrere sa&#xDF;en, so dass wir w&#xE4;hrend unserer ganzen Reise best&#xE4;ndig einen &#xDC;berflu&#xDF; von Wildbret auf des Kapit&#xE4;ns Tafel hatten. – Dem armen Tray lie&#xDF; ich, zum Danke f&#xFC;r die hundert Guineen, die ich durch ihn gewonnen hatte, t&#xE4;glich die Knochen geben und bisweilen auch einen ganzen Vogel.</p></section><section><title><p>Sechzehntes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Zehntes Seeabenteuer. Eine zweite Reise nach dem Monde</emphasis></p></epigraph><p>Ich habe Ihnen, meine Herren, schon ehemals von einer kleinen Reise erz&#xE4;hlt, die ich nach dem Monde machte, um meine silberne Axt wiederzuholen. Ich kam nachher noch einmal auf eine viel angenehmere Art dahin und blieb lange genug daselbst, um von verschiedenen Dingen mich geh&#xF6;rig zu unterrichten, die ich Ihnen nun so genau, als mein Ged&#xE4;chtnis mir erlaubt, beschreiben will.</p><p>Ein weitl&#xE4;ufiger Verwandter von mir hatte sich die Grille in den Kopf gesetzt, es m&#xFC;sste notwendig ein Volk geben, das dem an Gr&#xF6;&#xDF;e gleichk&#xE4;me, welches Gulliver<a l:href="#n_233" type="note">[233]</a> in dem K&#xF6;nigreiche Brobdignag<a l:href="#n_234" type="note">[234]</a> gefunden haben will. Dies aufzusuchen, ging er auf eine Entdeckungsreise aus und bat mich, ihn zu begleiten. Ich meines Orts hatte nun zwar jene Erz&#xE4;hlung nie f&#xFC;r etwas mehr gehalten als f&#xFC;r ein gutes M&#xE4;rchen und glaubte so wenig an ein Brobdignag als an ein Eldorado;<a l:href="#n_235" type="note">[235]</a> indes der Mann hatte mich zum Erben eingesetzt, und ich war ihm also wieder Gef&#xE4;lligkeiten schuldig. Wir kamen auch gl&#xFC;cklich nach der S&#xFC;dsee, ohne dass uns irgend etwas aufstie&#xDF;, das verdiente angef&#xFC;hrt zu werden; au&#xDF;er einige fliegende M&#xE4;nner und Weiber, die in der Luft Menuett<a l:href="#n_236" type="note">[236]</a> tanzten oder Springerk&#xFC;nste machten, und dergleichen Kleinigkeiten.</p><p>Den achtzehnten Tag, nachdem wir bei der Insel Otahiti<a l:href="#n_237" type="note">[237]</a> vorbeigekommen waren, f&#xFC;hrte ein Orkan unser Schiff wenigstens tausend Meilen von der Oberfl&#xE4;che des Wassers weg und hielt es geraume Zeit in dieser H&#xF6;he. Endlich f&#xFC;llte ein frischer Wind unsere Segel, und nun gings mit unglaublicher Geschwindigkeit fort. Sechs Wochen waren wir &#xFC;ber den Wolken gereiset, als wir ein gro&#xDF;es Land entdeckten, rund und gl&#xE4;nzend, gleichsam eine schimmernde Insel. Wir liefen in einen bequemen Hafen ein, gingen an das Ufer und fanden das Land bewohnt. Unter uns sahen wir eine andere Erde mit St&#xE4;dten, B&#xE4;umen, Bergen, Fl&#xFC;ssen, Seen usw., das, wie wir vermuteten, die Welt war, die wir verlassen hatten. – Im Monde – denn das war die schimmernde Insel, an der wir gelandet hatten – sahen wir gro&#xDF;e Gestalten, die auf Geiern ritten, von denen jeder drei K&#xF6;pfe hatte. Um Ihnen einen Begriff von der Gr&#xF6;&#xDF;e dieser V&#xF6;gel zu geben, muss ich Ihnen sagen, dass die Entfernung von einem Ende ihres Fl&#xFC;gels bis zum andern sechsmal so lang war als das l&#xE4;ngste Segeltau an unserm Schiffe. – Anstatt wir nun in dieser Welt auf Pferden reiten, fliegen die Einwohner des Mondes auf diesen V&#xF6;geln umher.</p><p>Der K&#xF6;nig hatte gerade einen Krieg mit der Sonne. Er bot mir eine Offizierstelle an; allein ich verbat mir die Ehre, die Seine Majest&#xE4;t mir zudachte.</p><p>Alles ist in dieser Welt au&#xDF;erordentlich gro&#xDF;; eine gew&#xF6;hnliche Fliege z.B. ist nicht viel kleiner als eines unserer Schafe. Die vorz&#xFC;glichsten Waffen, deren sich die Einwohner des Mondes im Kriege bedienen, sind Rettiche, die wie Wurfspie&#xDF;e gebraucht werden, und den, der damit verwundet wird, augenblicklich t&#xF6;ten. Ihre Schilde sind aus Pilzen gemacht, und wenn die Zeit der Rettiche vorbei ist, so vertreten Spargelstangen ihre Stelle.</p><p>Ich sah auch hier einige von den Eingebornen des Hundssterns, die der Handlungsgeist zu dergleichen Streifereien verleitet. Diese haben ein Gesicht wie gro&#xDF;e Bullenbei&#xDF;er.<a l:href="#n_238" type="note">[238]</a> Ihre Augen stehen zu beiden Seiten der Spitze oder vielmehr des untern Endes ihrer Nase. Sie haben keine Augenlider, sondern bedecken ihre Augen, wenn sie schlafen gehen, mit ihrer Zunge. Gew&#xF6;hnlich sind sie zwanzig Fu&#xDF; hoch; von den Einwohnern des Mondes aber ist keiner unter sechsunddrei&#xDF;ig Fu&#xDF;. Der Name, den die letztern f&#xFC;hren, ist etwas sonderbar. Sie hei&#xDF;en nicht Menschen, sondern kochende Gesch&#xF6;pfe, weil sie ebenso wie wir ihre Speisen beim Feuer zurechtmachen. &#xDC;brigens nimmt ihnen das Essen sehr wenig Zeit weg; denn sie &#xF6;ffnen nur die linke Seite und schieben die ganze Portion auf einmal in den Magen hinein; dann schlie&#xDF;en sie wieder zu, bis nach Verflu&#xDF; eines Monats derselbe Tag wiederkommt. Sie haben mithin das ganze Jahr hindurch nicht mehr als zw&#xF6;lf Mahlzeiten – eine Einrichtung, die jeder, der kein Fresser oder Schlemmer ist, der unsern weit vorziehen muss.</p><p>Die Freuden der Liebe sind im Monde g&#xE4;nzlich unbekannt; denn sowohl unter den kochenden Gesch&#xF6;pfen als allen &#xFC;brigen Tieren gibt es nur ein einziges Geschlecht. Alles w&#xE4;chst auf B&#xE4;umen, die aber nach ihren verschiedenen Fr&#xFC;chten auch an der Gr&#xF6;&#xDF;e und den Bl&#xE4;ttern sich sehr voneinander unterscheiden. Diejenigen, auf denen die kochenden Gesch&#xF6;pfe oder die Menschen wachsen, sind viel sch&#xF6;ner als die andern, haben gro&#xDF;e, gerade &#xC4;ste und fleischfarbene Bl&#xE4;tter, und ihre Frucht besteht in N&#xFC;ssen, die sehr harte Schalen haben und wenigstens sechs Fu&#xDF; lang sind. Wenn diese reif sind, welches man an der Ver&#xE4;nderung ihrer Farbe sehen kann, so werden sie mit gro&#xDF;er Sorgfalt gepfl&#xFC;ckt und so lange, als man es f&#xFC;r gut findet, aufgehoben. Will man nun den Samen dieser N&#xFC;sse lebendig haben, so wirft man sie in einen gro&#xDF;en Kessel kochenden Wassers, und in wenigen Stunden &#xF6;ffnen sich die Schalen, und das Gesch&#xF6;pf springt heraus.</p><p>Ihr Geist ist immer schon, ehe sie in die Welt kommen, von der Natur zu einer besondern Bestimmung gebildet. Aus einer Schale kommt ein Soldat, aus einer andern ein Philosoph, aus einer dritten ein Gottesgelehrter,<a l:href="#n_239" type="note">[239]</a> aus einer vierten ein Jurist, aus einer f&#xFC;nften ein P&#xE4;chter, aus einer sechsten ein Bauer usf.;<a l:href="#n_240" type="note">[240]</a> und jeder f&#xE4;ngt sogleich an, sich in der Aus&#xFC;bung dessen, was er vorher blo&#xDF; theoretisch wusste, vollkommen zu machen. – Der Schale mit Gewi&#xDF;heit anzusehen, was in ihr steckt, ist sehr schwer; doch machte ein lunarischer Theologe zu meiner Zeit m&#xE4;chtigen L&#xE4;rmen, er sei im Besitze dieses Geheimnisses. Man achtete aber wenig auf ihn und hielt ihn durchg&#xE4;ngig f&#xFC;r krank.</p><p>Wenn die Leute im Monde alt werden, so sterben sie nicht, sondern l&#xF6;sen sich in Luft auf und verfliegen wie Rauch.</p><p>Trinken haben sie nicht n&#xF6;tig, denn es finden gar keine Ausleerungen bei ihnen statt, ausgenommen durch das Aushauchen. Sie haben nur einen Finger an jeder Hand, mit dem sie alles tun k&#xF6;nnen, so gut oder noch besser als wir, die wir au&#xDF;er dem Daumen viere haben.</p><p>Ihren Kopf haben sie unter dem rechten Arm, und wenn sie auf eine Reise oder an eine Arbeit gehen, bei der sie sich heftig bewegen m&#xFC;ssen, so lassen sie ihn gemeiniglich zu Hause; denn um Rat fragen k&#xF6;nnen sie ihn, sie m&#xF6;gen von ihm entfernt sein, so weit sie wollen. Auch pflegen die Vornehmen unter den Mondbewohnern, wenn sie gerne wissen m&#xF6;chten, was unter dem gemeinen Volke vorgeht, nicht unter dasselbe sich zu begeben. Sie bleiben zu Hause, d.h. der K&#xF6;rper bleibt zu Hause und schickt nur den Kopf aus, der inkognito gegenw&#xE4;rtig sein kann und dann nach Gefallen seines Herrn mit der eingezogenen Kundschaft zur&#xFC;ckkehrt.</p><p>Die Traubenkerne im Monde sind vollkommen unserm Hagel &#xE4;hnlich, und ich bin fest &#xFC;berzeugt, dass, wenn ein Sturm im Monde die Trauben von ihren Stielen abschl&#xE4;gt, die Kerne dann auf unsere Erde herunterfallen und den Hagel bilden. Ich glaube auch, dass diese meine Bemerkung manchen Weinverk&#xE4;ufern schon lange bekannt sein muss; wenigstens habe ich &#xF6;fter Wein bekommen, der aus Hagelk&#xF6;rnern gemacht zu sein schien und vollkommen so schmeckte wie der Mondwein.</p><p>Einen merkw&#xFC;rdigen Umstand h&#xE4;tte ich bald vergessen. – Der Bauch tut den Leuten im Monde ganz die Dienste, die uns ein Ranzen tut; sie stecken in ihn hinein, was sie n&#xF6;tig haben, und schlie&#xDF;en ihn ebenso wie ihren Magen nach Belieben auf und zu; denn mit Ged&#xE4;rmen, Leber, Herz und andern Eingeweiden sind sie nicht beschwert, ebensowenig als mit Kleidern; sie haben aber auch kein Glied an ihrem ganzen K&#xF6;rper, das ihnen die Schamhaftigkeit zu bedecken geb&#xF6;te.</p><p>Ihre Augen k&#xF6;nnen sie nach Gefallen herausnehmen und einsetzen und ebensogut damit sehen, wenn sie in ihrem Kopfe als wenn sie in ihrer Hand sind. Verlieren oder besch&#xE4;digen sie zuf&#xE4;lligerweise eines, so k&#xF6;nnen sie ein anderes borgen oder kaufen und dasselbe so gut gebrauchen als ihr eigenes. Man trifft daher allenthalben<a l:href="#n_241" type="note">[241]</a> im Monde Leute an, die mit Augen handeln; und in dieser einzigen Sache haben alle Einwohner durchaus ihre Grillen; bald sind gr&#xFC;ne, bald gelbe Augen Mode.</p><p>Ich gestehe, diese Dinge klingen seltsam; aber ich stelle es jedem, der den geringsten Zweifel hat, frei, selbst nach dem Monde zu gehen und sich zu &#xFC;berzeugen, dass ich der Wahrheit so getreu geblieben bin als vielleicht nur wenige andere Reisende.</p></section><section><title><p>Siebzehntes Kapitel</p></title><epigraph><p><emphasis>Reise durch die Welt nebst andern merkw&#xFC;rdigen Abenteuern</emphasis></p></epigraph><p>Wenn ich Ihren Augen trauen darf, meine Herren, so m&#xF6;chte ich wohl eher m&#xFC;de werden, Ihnen sonderbare Begebenheiten meines Lebens zu erz&#xE4;hlen, als Sie, mich anzuh&#xF6;ren. Ihre Gef&#xE4;lligkeit ist mir zu schmeichelhaft, als dass ich, wie ich mir vorgenommen hatte, mit meiner Reise nach dem Monde meine Erz&#xE4;hlung schlie&#xDF;en sollte. H&#xF6;ren Sie also, wenn es Ihnen beliebt, noch eine Geschichte, die an Glaubw&#xFC;rdigkeit der letztern gleichk&#xF6;mmt, an Merkw&#xFC;rdigkeit und Wunderbarkeit sie vielleicht noch &#xFC;bertrifft.</p><p>Brydones Reisen nach Sizilien, die ich mit ungemeinem Vergn&#xFC;gen durchlesen habe, machten mir Lust, den Berg &#xC4;tna<a l:href="#n_242" type="note">[242]</a> zu besuchen. Auf meinem Wege dahin stie&#xDF; mir nichts Merkw&#xFC;rdiges auf. Ich sage mir; denn mancher andere h&#xE4;tte wohl manches &#xE4;u&#xDF;erst merkw&#xFC;rdig gefunden und zum Ersatz der Reisekosten umst&#xE4;ndlich dem Publikum erz&#xE4;hlt, was mir allt&#xE4;gliche Kleinigkeit war, womit ich keines ehrlichen Mannes Geduld erm&#xFC;den mag.</p><p>Eines Morgens reisete ich fr&#xFC;h aus einer am Fu&#xDF; des Berges gelegenen H&#xFC;tte ab, fest entschlossen, auch wenn es auf Kosten meines Lebens geschehen sollte, die innere Einrichtung dieser ber&#xFC;hmten Feuerpfanne zu untersuchen und auszuforschen. Nach einem m&#xFC;hseligen Weg von drei Stunden befand ich mich auf der Spitze des Berges. Er tobte damals gerade und hatte schon drei Wochen getobt. Wie er unter den Umst&#xE4;nden aussieht, das ist schon so oft geschildert worden dass, wenn Schilderungen es darstellen k&#xF6;nnen, ich auf alle F&#xE4;lle zu sp&#xE4;t komme; und wenn sie, wie ich aus Erfahrung sagen darf, es nicht k&#xF6;nnen, so wird es am besten getan sein, wenn nicht auch ich &#xFC;ber dem Versuche einer Unm&#xF6;glichkeit die Zeit verliere und Sie die gute Laune.</p><p>Ich ging dreimal um den Krater herum – den Sie sich als einen ungeheueren Trichter vorstellen k&#xF6;nnen —, und da ich sah, dass ich dadurch wenig oder nichts kl&#xFC;ger wurde, so fa&#xDF;te ich kurz und gut den Entschlu&#xDF;, hineinzuspringen. Kaum hatte ich dies getan, so befand ich mich auch in einem verzweifelt warmen Schwitzkasten, und mein armer Leichnam wurde durch die rotgl&#xFC;henden Kohlen, die best&#xE4;ndig heraufschlugen, an mehreren Teilen, edlen und unedlen, j&#xE4;mmerlich gequetscht und verbrannt.</p><p>So stark &#xFC;brigens die Gewalt war, mit der die Kohlen heraufgeschmissen wurden, so war doch die Schwere, mit der mein K&#xF6;rper heruntersank, ein betr&#xE4;chtliches gr&#xF6;&#xDF;er, und ich kam in kurzer Zeit gl&#xFC;cklicherweise auf den Grund. Das erste, was ich gewahr wurde, war ein abscheuliches Poltern, L&#xE4;rmen, Schreien und Fluchen, das rings um mich zu sein schien. – Ich schlug die Augen auf, und siehe da! – ich war in der Gesellschaft des Vulkans und seiner Zyklopen.<a l:href="#n_243" type="note">[243]</a> Diese Herren – die ich in meinem weisen Sinne l&#xE4;ngst ins Reich der L&#xFC;gen verwiesen hatte – hatten sich seit drei Wochen &#xFC;ber Ordnung und Subordination gezankt, und davon war der Unfug in der Oberwelt gekommen. Meine Erscheinung stellte auf einmal unter der ganzen Gesellschaft Friede und Eintracht her. Vulkan hinkte sogleich nach seinem Schranke hin und holte Pflaster und Salben, die er mir mit eigner Hand auflegte; und in wenigen Augenblicken waren meine Wunden geheilt. Auch setzte er mir einige Erfrischungen vor, eine Flasche Nektar<a l:href="#n_244" type="note">[244]</a> und andere kostbare Weine, wie nur G&#xF6;tter und G&#xF6;ttinnen zu kosten kriegen. Sobald ich mich etwas erholt hatte, stellte er mich seiner Gemahlin, der Venus, vor und befahl ihr, mir jede Bequemlichkeit zu verschaffen, die meine Lage forderte. Die Sch&#xF6;nheit des Zimmers, in das sie mich f&#xFC;hrte, die Wollust des Sofas, auf das sie mich setzte, der g&#xF6;ttliche Zauberreiz ihres ganzen Wesens, die Z&#xE4;rtlichkeit ihres weichen Herzens – alles das ist weit &#xFC;ber allen Ausdruck der Sprache erhaben, und schon der Gedanke daran macht mich schwindeln.</p><p>Vulkan gab mir eine sehr genaue Beschreibung von dem Berg &#xC4;tna. Er sagte mir, dass derselbe nichts als eine Aufh&#xE4;ufung der Asche w&#xE4;re, die aus seiner Esse ausgeworfen w&#xFC;rde, dass er h&#xE4;ufig gen&#xF6;tigt w&#xE4;re, seine Leute zu strafen, dass er ihnen dann im Zorn rotgl&#xFC;hende Kohlen auf den Leib w&#xFC;rfe, die sie oft mit gro&#xDF;er Geschicklichkeit parierten und in die Welt hinaufschmissen, um sie ihm aus den H&#xE4;nden zu bringen.»Unsere Uneinigkeiten«, fuhr er fort,»dauern bisweilen mehrere Monate, und die Erscheinungen, die sie auf der Welt veranlassen, sind das, was ihr Sterbliche, wie ich finde, Ausbr&#xFC;che nennet. Der Berg Vesuv<a l:href="#n_245" type="note">[245]</a> ist gleichfalls eine meiner Werkst&#xE4;tten, zu der mich ein Weg f&#xFC;hrt, der wenigstens dreihundertundfunfzig Meilen unter der See hinl&#xE4;uft. – &#xC4;hnliche Uneinigkeiten bringen auch dort &#xE4;hnliche Ausbr&#xFC;che hervor.»</p><p>Gefiel mir der Unterricht des Gottes, so gefiel mir noch mehr die Gesellschaft seiner Gemahlin, und ich w&#xFC;rde vielleicht nie diese unterirdischen Pal&#xE4;ste verlassen haben, wenn nicht einige gesch&#xE4;ftige schadenfrohe Schw&#xE4;tzer Vulkan einen Floh ins Ohr gesetzt und ein heftiges Feuer der Eifersucht in seinem gutm&#xFC;tigen Herzen angeblasen h&#xE4;tten. – Ohne mir vorher nur den geringsten Wink zu geben, nahm er mich eines Morgens, als ich eben der G&#xF6;ttin bei ihrer Toilette aufwarten wollte, trug mich in ein Zimmer, das ich niemals noch gesehen hatte, hielt mich &#xFC;ber einen tiefen Brunnen, wie es mir vorkam, und:»Undankbarer Sterblicher«, sagte er,»kehre zur&#xFC;ck zu der Welt, von der du kamst. «Mit diesen Worten lie&#xDF; er mich, ohne mir einen Augenblick Zeit zur Verteidigung zu geben, mitten in den Abgrund hinunterfallen. Ich fiel und fiel mit immer zunehmender Geschwindigkeit, bis die Angst meiner Seele mir endlich alle Besinnung nahm. Pl&#xF6;tzlich aber wurde ich aus meiner Ohnmacht aufgeweckt, indem ich auf einmal in eine ungeheuere See von Wasser kam, die durch die Strahlen der Sonne erleuchtet wurde. Ich konnte von meiner Jugend auf gut schwimmen und alle m&#xF6;gliche Wasserk&#xFC;nste machen. Daher war ich gleich wie zu Hause, und in Vergleichung mit der f&#xFC;rchterlichen Lage, aus der ich eben befreit war, kam mir meine gegenw&#xE4;rtige wie ein Paradies vor. – Ich sah mich auf allen Seiten um, sah aber leider auf allen Seiten nichts als Wasser; auch unterschied sich das Klima, unter dem ich mich nun befand, sehr unbehaglich von Meister Vulkans Esse. Endlich entdeckte ich in einiger Entfernung etwas, das wie ein erstaunlich gro&#xDF;er Felsen aussah und auf mich zuzukommen schien. Bald zeigte sichs, dass es eines der schwimmenden Eisgebirge war. Nach langem Suchen fand ich endlich eine Stelle, an der ich auf dasselbe hinauf und bis zur obersten Spitze kommen konnte. Allein zu meiner gr&#xF6;&#xDF;ten Verzweiflung war es mir auch von hier aus noch unm&#xF6;glich, Land zu entdecken. Endlich, kurz vor Dunkelwerden, sah ich ein Schiff, das gegen mich zufuhr. Sobald ich nahe genug war, rief ich; man antwortete mir holl&#xE4;ndisch; ich sprang in die See, schwamm zu dem Schiffe hin und wurde an Bord gezogen. Ich erkundigte mich, wo wir w&#xE4;ren, und erhielt die Antwort: im S&#xFC;dmeere.</p><p>Diese Entdeckung l&#xF6;sete auf einmal das ganze R&#xE4;tsel. Es war nun ausgemacht, dass ich von dem Berge &#xC4;tna durch den Mittelpunkt der Erde in die S&#xFC;dsee gefallen war; ein Weg, der auf alle F&#xE4;lle k&#xFC;rzer ist als der um die Welt. Noch hatte ihn niemand versucht als ich, und mache ich ihn wieder, so werde ich gewi&#xDF; sorgf&#xE4;ltigere Beobachtungen anstellen.</p><p>Ich lie&#xDF; mir einige Erfrischungen geben und ging zu Bette. Ein grobes Volk aber ist es um die Holl&#xE4;nder. Ich erz&#xE4;hlte meine Abenteuer den Offizieren ebenso aufrichtig und simpel als Ihnen, meine Herren, und einige davon, vorz&#xFC;glich der Kapit&#xE4;n, machten Miene, als zweifelten sie an meiner Wahrhaftigkeit. Indes, sie hatten mich freundschaftlich in ihr Schiff genommen, ich musste durchaus von ihrer Gnade leben und folglich, wollte ich wohl oder &#xFC;bel, den Schimpf in die Tasche stecken.</p><p>Ich erkundigte mich nun, wohin ihre Reise ginge. Sie antworteten mir, sie w&#xE4;ren auf neue Entdeckungen ausgefahren, und wenn meine Erz&#xE4;hlung wahr w&#xE4;re, so sei ihre Absicht auf alle F&#xE4;lle erreicht. Wir waren nun gerade auf dem Wege, den Kapit&#xE4;n Cook<a l:href="#n_246" type="note">[246]</a> gemacht hatte, und kamen den andern Morgen nach der Botany-Bay<a l:href="#n_247" type="note">[247]</a> – ein Ort, nach dem die englische Regierung wahrhaftig nicht Spitzbuben schicken sollte, um sie zu strafen, sondern verdiente M&#xE4;nner, um sie zu belohnen, so reichlich hat hier die Natur ihre besten Geschenke ausgesch&#xFC;ttet.</p><p>Wir blieben hier nur drei Tage; den vierten nach unserer Abreise entstand ein f&#xFC;rchterlicher Sturm, der in wenig Stunden alle unsere Segel zerri&#xDF;, unser Bugspriet zersplitterte und die gro&#xDF;e Bramstange umlegte, die gerade auf das Beh&#xE4;ltnis fiel, in dem unser Kompa&#xDF; verschlossen war, und das K&#xE4;stchen und den Kompa&#xDF; in St&#xFC;cken schlug. Jedermann, der zur See gewesen ist, wei&#xDF;, von welchen traurigen Folgen ein solcher Verlust ist. Wir wussten nun weder aus noch ein. Endlich legte sich der Sturm, und es folgte ein anhaltender munterer Wind. Drei Monate waren wir gefahren, und notwendig mussten wir eine ungeheuere Strecke Weg zur&#xFC;ckgelegt haben, als wir auf einmal an allem, was um uns war, eine erstaunliche Ver&#xE4;nderung bemerkten. Wir wurden so leicht und froh; unsere Nasen wurden mit den angenehmsten Balsamd&#xFC;ften erf&#xFC;llt; auch die See hatte ihre Farbe ver&#xE4;ndert und war nicht mehr gr&#xFC;n, sondern wei&#xDF;.</p><p>Bald nach dieser wundervollen Ver&#xE4;nderung sahen wir Land und nicht weit von uns einen Hafen, auf den wir zusegelten und den wir sehr ger&#xE4;umig und tief fanden. Statt des Wassers war er mit vortrefflich schmekkender Milch angef&#xFC;llt. Wir landeten, und – die ganze Insel bestand aus einem gro&#xDF;en K&#xE4;se. Wir h&#xE4;tten dies vielleicht gar nicht entdeckt, wenn uns nicht ein sonderbarer Umstand auf die Spur geholfen h&#xE4;tte. Es war n&#xE4;mlich auf unserm Schiffe ein Matrose, der eine nat&#xFC;rliche Antipathie gegen den K&#xE4;se hatte. Sobald dieser ans Land trat, fiel er in Ohnmacht.<a l:href="#n_248" type="note">[248]</a> Als er wieder zu sich selbst kam, bat er, man m&#xF6;chte doch den K&#xE4;se unter seinen F&#xFC;&#xDF;en wegnehmen, und da man zusah, fand sichs, dass er vollkommen recht hatte, die ganze Insel war, wie gesagt, nichts als ein ungeheuerer K&#xE4;se. Von dem lebten auch die Einwohner gr&#xF6;&#xDF;tenteils, und so viel bei Tage verzehrt wurde, wuchs immer des Nachts wieder zu. Wir sahen eine Menge Weinst&#xF6;cke mit sch&#xF6;nen gro&#xDF;en Trauben, die, wenn sie gepre&#xDF;t wurden, nichts als Milch gaben. Die Einwohner waren aufrechtgehende, h&#xFC;bsche Gesch&#xF6;pfe, meistens neun Fu&#xDF; hoch, hatten drei Beine und einen Arm, und wenn sie erwachsen waren, auf der Stirn ein Horn, das sie mit vieler Geschicklichkeit brauchten. Sie hielten auf der Oberfl&#xE4;che der Milch Wettl&#xE4;ufe und spazierten, ohne zu sinken, mit so vielem Anstande darauf herum als wir auf einer Wiese. Auch wuchs auf dieser Insel oder diesem K&#xE4;se eine Menge Korn, mit &#xC4;hren, die wie Erdschw&#xE4;mme aussahen, in denen Brote lagen, die vollkommen gar waren und sogleich gegessen werden konnten. Auf unsern Streifereien &#xFC;ber diesen K&#xE4;se entdeckten wir sieben Fl&#xFC;sse von Milch und zwei von Wein.</p><p>Nach einer sechzehnt&#xE4;gigen Reise kamen wir an das Ufer, das dem, an welchem wir gelandet hatten, gegen&#xFC;berlag. Hier fanden wir eine ganze Strecke des angegangenen blauen K&#xE4;ses, aus dem die wahren K&#xE4;seesser so viel Wesens zu machen pflegen. Anstatt dass aber Milben darin gewesen w&#xE4;ren, wuchsen die vortrefflichsten Obstb&#xE4;ume darauf, als Pfirsiche, Aprikosen und tausend andere Arten, die wir gar nicht kannten. Auf diesen B&#xE4;umen, die erstaunlich gro&#xDF; sind, waren eine Menge Vogelnester. Unter andern fiel uns ein Eisvogelnest in die Augen, das im Umkreise f&#xFC;nfmal so gro&#xDF; war als das Dach der St. Paulskirche in London. Es war k&#xFC;nstlich aus ungeheueren B&#xE4;umen zusammengeflochten, und es lagen wenigstens – warten Sie – denn ich mag gern alles genau bestimmen – wenigstens f&#xFC;nfhundert Eier darin, und jedes war ungef&#xE4;hr so gro&#xDF; als ein Oxhoft.<a l:href="#n_249" type="note">[249]</a> Die Jungen darin konnten wir nicht nur sehen, sondern auch pfeifen h&#xF6;ren. Als wir mit vieler M&#xFC;he ein solches Ei aufgemacht hatten, kam ein junges unbefiedertes V&#xF6;gelchen heraus, das ein gut Teil gr&#xF6;&#xDF;er war als zwanzig ausgewachsene Geier. Wir hatten kaum das junge Tier in Freiheit gesetzt, so lie&#xDF; sich der alte Eisvogel herunter, packte in eine seiner Klauen unsern Kapit&#xE4;n, flog eine Meile weit mit ihm in die H&#xF6;he, schlug ihn heftig mit den Fl&#xFC;geln und lie&#xDF; ihn dann in die See fallen.</p><p>Die Holl&#xE4;nder schwimmen alle wie die Ratten; er war bald wieder bei uns, und wir kehrten nach unserm Schiffe zur&#xFC;ck. Wir nahmen aber nicht den alten Weg und fanden daher auch noch viele ganz neue und sonderbare Dinge. Unter andern schossen wir zwei wilde Ochsen, die nur ein Horn haben, das ihnen zwischen den beiden Augen herausw&#xE4;chst. Es tat uns nachher leid, dass wir sie erlegt hatten, da wir erfuhren, dass die Einwohner sie zahm machen und, wie wir die Pferde, zum Reiten und Fahren gebrauchen. Ihr Fleisch soll, wie man uns sagte, vortrefflich schmecken, ist aber einem Volke, das blo&#xDF; von Milch und K&#xE4;se lebt, g&#xE4;nzlich &#xFC;berfl&#xFC;ssig.</p><p>Als wir noch zwei Tagereisen von unserm Schiffe entfernt waren, sahen wir drei Leute, die an hohe B&#xE4;ume bei den Beinen aufgeh&#xE4;ngt waren. Ich erkundigte mich, was sie begangen h&#xE4;tten, um eine so harte Strafe zu verdienen, und h&#xF6;rte, sie w&#xE4;ren in der Fremde gewesen und h&#xE4;tten bei ihrer Zur&#xFC;ckkunft nach Hause ihre Freunde belogen und ihnen Pl&#xE4;tze beschrieben, die sie nie gesehen, und Dinge erz&#xE4;hlt, die sich nie zugetragen h&#xE4;tten. Ich fand die Strafe sehr gerecht; denn nichts ist mehr eines Reisenden Schuldigkeit, als strenge der Wahrheit anzuh&#xE4;ngen.</p><p>Sobald wir bei unserm Schiffe angelangt waren, lichteten wir die Anker und segelten von diesem au&#xDF;erordentlichen Lande ab. Alle B&#xE4;ume am Ufer, unter denen einige sehr gro&#xDF;e und hohe waren, neigten sich zweimal vor uns, genau in einem Tempo, und nahmen dann wieder ihre vorige gerade Stellung an.</p><p>Als wir drei Tage umhergesegelt waren, der Himmel wei&#xDF; wo – denn wir hatten noch immer keinen Kompa&#xDF; —, kamen wir in eine See, welche ganz schwarz aussah. Wir kosteten das vermeinte schwarze Wasser, und siehe, es war der vortrefflichste Wein. Nun hatten wir genug zu h&#xFC;ten, dass nicht alle Matrosen sich darin berauschten. – Allein die Freude dauerte nicht lange. Wenige Stunden nachher fanden wir uns von Walfischen und andern unerme&#xDF;lich gro&#xDF;en Tieren umgeben, unter denen eines war, dessen Gr&#xF6;&#xDF;e wir selbst mit allen Fernr&#xF6;hren, die wir zu H&#xFC;lfe nahmen, nicht &#xFC;bersehen konnten. Leider wurden wir das Ungeheuer nicht eher gewahr, als bis wir ihm ziemlich nahe waren; und auf einmal zog es unser Schiff mit stehenden Masten und vollen Segeln in seinen Rachen zwischen die Z&#xE4;hne, gegen die der Mast des gr&#xF6;&#xDF;ten Kriegsschiffes ein kleines St&#xF6;ckchen ist. Nachdem wir einige Zeit in seinem Rachen gelegen hatten, &#xF6;ffnete es denselben ziemlich weit, schluckte eine unerme&#xDF;liche Menge Wasser ein und schwemmte unser Schiff, das, wie Sie sich leicht denken k&#xF6;nnen, kein kleiner Bissen war, in den Magen hinunter. Und hier lagen wir nun so ruhig, als wenn wir bei einer toten Windstille vor Anker l&#xE4;gen. Die Luft war, das ist nicht zu leugnen, etwas warm und unbehaglich. – Wir fanden Anker, Taue, Boote, Barken und eine betr&#xE4;chtliche Anzahl Schiffe, teils beladene, teils unbeladene, die dieses Gesch&#xF6;pf verschlungen hatte. Alles, was wir taten, musste bei Fackeln geschehen. F&#xFC;r uns war keine Sonne, kein Mond und keine Planeten mehr. Gew&#xF6;hnlich befanden wir uns zweimal des Tages auf hohem Wasser und zweimal auf dem Grunde. Wenn das Tier trank, so hatten wir Flut, und wenn es sein Wasser lie&#xDF;, so waren wir auf dem Grunde. Nach einer m&#xE4;&#xDF;igen Berechnung nahm es gemeiniglich mehr Wasser zu sich, als der Genfer See h&#xE4;lt, der doch einen Umfang von drei&#xDF;ig Meilen hat.</p><p>Am zweiten Tag unserer Gefangenschaft in diesem Reiche der Nacht wagte ich es bei der Ebbe, wie wir die Zeit nannten, wenn das Schiff auf dem Grunde sa&#xDF;, nebst dem Kapit&#xE4;n und einigen Offizieren, eine kleine Streiferei zu tun. Wir hatten uns nat&#xFC;rlich alle mit Fackeln versehen und trafen nun gegen zehntausend Menschen aus allen Nationen an. Sie wollten gerade eine Beratschlagung halten, wie sie wohl ihre Freiheit wiedererlangen k&#xF6;nnten. Einige von ihnen hatten schon mehrere Jahre in dem Magen des Tieres zugebracht. Eben als der Pr&#xE4;sident uns &#xFC;ber die Sache unterrichten wollte, wegen der wir versammelt waren, wurde unser verfluchter Fisch durstig und fing an zu trinken; das Wasser str&#xF6;mte mit solcher Heftigkeit herein, dass wir alle uns augenblicklich nach unsern Schiffen retirieren oder riskieren mussten, zu ertrinken. Verschiedene von uns retteten sich nur mit genauer Not durch Schwimmen.</p><p>Einige Stunden nachher waren wir gl&#xFC;cklicher. Sobald sich das Ungeheuer ausgeleert hatte, versammelten wir uns wieder. Ich wurde zum Pr&#xE4;sidenten gew&#xE4;hlt und tat den Vorschlag, zwei der gr&#xF6;&#xDF;ten Mastb&#xE4;ume zusammenzuf&#xFC;gen, diese, wenn das Ungeheuer den Rachen &#xF6;ffnete, zwischenzusperren und so das Zuschlie&#xDF;en ihm zu verwehren. Dieser Vorschlag wurde allgemein angenommen und hundert starke M&#xE4;nner zu der Ausf&#xFC;hrung desselben ausgesucht. Kaum hatten wir unsere zwei Mastb&#xE4;ume zurechtgemacht, so bot sich auch eine Gelegenheit an, sie zu gebrauchen. Das Ungeheuer g&#xE4;hnte, und sogleich keilten wir unsere zusammengesetzten Mastb&#xE4;ume dazwischen, so dass das eine Ende durch die Zunge durch gegen den untern Gaumen, das andere gegen den obern stand; wodurch denn wirklich das Zumachen des Rachens ganz unm&#xF6;glich gemacht war, selbst wenn unsere Maste noch viel schw&#xE4;cher gewesen w&#xE4;ren.</p><p>Sobald nun alles in dem Magen flott war, bemannten wir einige Boote, die sich und uns in die Welt ruderten. Das Licht des Tages bekam uns nach einer, soviel wir beil&#xE4;ufig rechnen konnten, vierzehnt&#xE4;gigen Gefangenschaft unaussprechlich wohl. – Als wir uns s&#xE4;mtlich aus diesem ger&#xE4;umigen Fischmagen beurlaubt hatten, machten wir gerade eine Flotte von f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Schiffen aus von allen Nationen. Unsere Mastb&#xE4;ume lie&#xDF;en wir in dem Rachen des Ungeheuers stekken, um andere vor dem schrecklichen Ungl&#xFC;ck zu sichern, in diesen f&#xFC;rchterlichen Abgrund von Nacht und Kot eingesperrt zu werden.</p><p>Unser erster Wunsch war nun, zu erfahren, in welchem Teile der Welt wir uns bef&#xE4;nden, und anf&#xE4;nglich konnten wir dar&#xFC;ber gar nicht zur Gewi&#xDF;heit kommen. Endlich fand ich nach vormaligen<a l:href="#n_250" type="note">[250]</a> Beobachtungen, dass wir in der Kaspischen See<a l:href="#n_251" type="note">[251]</a> w&#xE4;ren. Da diese See ganz mit Land umgeben ist und keine Verbindung mit andern Gew&#xE4;ssern hat, so war es uns ganz unbegreiflich, wie wir dahingekommen w&#xE4;ren. Doch einer von den Einwohnern der K&#xE4;seinsel, den ich mit mir gebracht hatte, gab uns einen sehr vern&#xFC;nftigen Aufschlu&#xDF; dar&#xFC;ber. Nach seiner Meinung hatte uns n&#xE4;mlich das Ungeheuer, in dessen Magen wir so lange eingesperrt waren, durch irgendeinen unterirdischen Weg hierhergebracht. – Genug, wir waren nun einmal da und freueten uns, dass wir da waren, und machten, dass wir so bald als m&#xF6;glich ans Ufer kamen. Ich war der erste, der landete.</p><p>Kaum hatte ich meinen Fu&#xDF; auf das Trockene gesetzt, so kam ein dicker B&#xE4;r gegen mich angesprungen. Ha! dacht ich, du kommst mir eben recht. Ich packte mit jeder Hand eine seiner Vorderpfoten und dr&#xFC;ckte ihn erst zum Willkomm so herzlich, dass er greulich zu heulen anfing; ich aber, ohne mich dadurch r&#xFC;hren zu lassen, hielt ihn so lange in dieser Stellung, bis ich ihn zu Tode gehungert hatte. Dadurch setzte ich mich bei allen B&#xE4;ren in Respekt und keiner wagte sich, mir wieder in die Quere zu kommen.</p><p>Ich reisete von hier aus nach Petersburg und bekam dort von einem alten Freunde ein Geschenk, was mir au&#xDF;erordentlich teuer war, n&#xE4;mlich einen Jagdhund, der von der ber&#xFC;hmten H&#xFC;ndin abstammte, die, wie ich Ihnen schon einmal erz&#xE4;hlte, w&#xE4;hrend sie einen Hasen jagte, Junge warf. Leider wurde er mir bald nachher von einem ungeschickten J&#xE4;ger erschossen, der statt einer Kette H&#xFC;hner den Hund traf, der sie stand. Ich lie&#xDF; mir zum Andenken aus dem Felle des Tieres diese Weste hier machen, die mich immer, wenn ich zur Jagdzeit ins Feld gehe, unwillk&#xFC;rlich dahin bringt, wo Wild zu finden ist. Bin ich nun nahe genug, um schie&#xDF;en zu k&#xF6;nnen, so fliegt ein Knopf von meiner Weste weg und f&#xE4;llt auf die Stelle nieder, wo das Tier ist; und da ich immer meinen Hahnen gespannt und Pulver auf meiner Pfanne habe, so entgeht mir nichts. – Ich habe nun, wie Sie sehen, nur noch drei Kn&#xF6;pfe &#xFC;brig, sobald aber die Jagd wieder aufgeht, soll meine Weste auch wieder mit zwei neuen Reihen besetzt werden.</p><p>Besuchen Sie mich alsdann, und an Unterhaltung soll es Ihnen gewi&#xDF; nicht fehlen. &#xDC;brigens f&#xFC;r heute empfehle ich mich und w&#xFC;nschte Ihnen angenehme Ruhe.</p></section></section><section><title><p>Adelbert von Chamisso</p><p>Peter Schlemihls<a l:href="#n_252" type="note">[252]</a> wundersame Geschichte</p></title><section><title><p>An meinen alten Freund Peter Schlemihl</p></title><poem><stanza><v>Da f&#xE4;llt nun deine Schrift nach vielen Jahren</v><v>Mir wieder in die Hand, und – wundersam! —</v><v>Der Zeit gedenk ich, wo wir Freunde waren,</v><v>Als erst die Welt uns in die Schule nahm.</v><v>Ich bin ein alter Mann in grauen Haaren,</v><v>Ich &#xFC;berwinde schon die falsche Scham,</v><v>Ich will mich deinen Freund wie ehmals nennen</v><v>Und mich als solchen vor der Welt bekennen.</v></stanza><stanza><v>Mein armer, armer Freund, es hat der Schlaue</v><v>Mir nicht, wie dir, so &#xFC;bel mitgespielt;</v><v>Gestrebet hab ich und gehofft ins Blaue,</v><v>Und gar am Ende wenig nur erzielt;</v><v>Doch schwerlich wird ber&#xFC;hmen sich der Graue,</v><v>Dass er mich jemals fest am Schatten hielt;</v><v>Den Schatten hab ich, der mir angeboren,</v><v>Ich habe meinen Schatten nie verloren.</v></stanza><stanza><v>Mich traf, obgleich unschuldig wie das Kind,</v><v>Der Hohn, den sie f&#xFC;r deine Bl&#xF6;&#xDF;e hatten. —</v><v>Ob wir einander denn so &#xE4;hnlich sind?! —</v><v>Sie schrien mir nach: Schlemihl, wo ist dein Schatten?</v><v>Und zeigt ich den, so stellten sie sich blind</v><v>Und konnten gar zu lachen nicht ermatten.<a l:href="#n_253" type="note">[253]</a></v><v>Was hilft es denn! man tr&#xE4;gt es in Geduld,</v><v>Und ist noch froh, f&#xFC;hlt man sich ohne Schuld.</v></stanza><stanza><v>Und was ist denn der Schatten? m&#xF6;cht ich fragen,</v><v>Wie man so oft mich selber schon gefragt,</v><v>So &#xFC;berschwenglich<a l:href="#n_254" type="note">[254]</a> hoch es anzuschlagen,</v><v>Wie sich die arge Welt es nicht versagt?</v><v>Das gibt sich schon nach neunzehn Tausend Tagen,</v><v>Die, Weisheit bringend, &#xFC;ber uns getagt;</v><v>Die wir dem Schatten Wesen sonst verliehen,</v><v>Sehn Wesen jetzt als Schatten sich verziehen.</v></stanza><stanza><v>Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl,</v><v>Wir schreiten zu, und lassen es beim Alten;</v><v>Wir k&#xFC;mmern uns um alle Welt nicht viel,</v><v>Es desto fester mit uns selbst zu halten;</v><v>Wir gleiten so schon n&#xE4;her unserm Ziel,</v><v>Ob jene lachten, ob die andern schalten,</v><v>Nach allen St&#xFC;rmen wollen wir im Hafen</v><v>Doch ungest&#xF6;rt gesunden Schlafes schlafen.</v></stanza><text-author><emphasis>Berlin, August 1834</emphasis></text-author><text-author><emphasis>Adelbert von Chamisso</emphasis></text-author></poem></section><section><title><p>An Julius Eduard Hitzig<a l:href="#n_255" type="note">[255]</a> von Adelbert von Chamisso</p></title><p>Du vergissest niemanden, Du wirst Dich noch eines gewissen Peter Schlemihls erinnern, den Du in fr&#xFC;heren Jahren ein paar Mal bei mir gesehen hast, ein langbeiniger Bursch, den man ungeschickt glaubte, weil er linkisch war, und der wegen seiner Tr&#xE4;gheit f&#xFC;r faul galt. Ich hatte ihn lieb – Du kannst nicht vergessen haben, Eduard, wie er uns einmal in unserer gr&#xFC;nen Zeit durch die Sonette lief, ich brachte ihn mit auf einen der poetischen Tees, wo er mir noch w&#xE4;hrend des Schreibens einschlief, ohne das Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines Witzes, den Du auf ihn machtest. Du hattest ihn n&#xE4;mlich schon, Gott wei&#xDF; wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka<a l:href="#n_256" type="note">[256]</a> gesehen, die er freilich damals noch immer trug, und sagtest:»der ganze Kerl w&#xE4;re gl&#xFC;cklich zu sch&#xE4;tzen, wenn seine Seele nur halb so unsterblich w&#xE4;re, als seine Kurtka.«– So wenig galt er bei Euch. – Ich hatte ihn lieb. – Von diesem Schlemihl nun, den ich seit langen Jahren aus dem Gesicht verloren hatte, r&#xFC;hrt das Heft her, das ich Dir mitteilen will. – Dir nur, Eduard, meinem n&#xE4;chsten, innigsten Freunde, meinem be&#xDF;ren Ich, vor dem ich kein Geheimnis verwahren kann, teil ich es mit, nur Dir und, es versteht sich von selbst, unserm Fouqu&#xE9;,<a l:href="#n_257" type="note">[257]</a> gleich Dir in meiner Seele eingewurzelt – aber in ihm teil ich es blo&#xDF; dem Freunde mit, nicht dem Dichter. —</p><p>Ihr werdet einsehen, wie unangenehm es mir sein w&#xFC;rde, wenn etwa die Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt, in einem Dichterwerke an den Pranger geheftet w&#xFC;rde,<a l:href="#n_258" type="note">[258]</a> oder nur wenn &#xFC;berhaupt unheilig verfahren w&#xFC;rde, wie mit einem Erzeugnis schlechten Witzes, mit einer Sache, die das nicht ist und sein darf. Freilich muss ich selbst gestehen, dass es um die Geschichte Schad ist, die unter des guten Mannes Feder nur albern geworden, dass sie nicht von einer geschickteren fremden Hand in ihrer ganzen komischen Kraft dargestellt werden kann. – Was w&#xFC;rde nicht Jean Paul<a l:href="#n_259" type="note">[259]</a> daraus gemacht haben! – &#xDC;brigens, lieber Freund, m&#xF6;gen hier manche genannt sein, die noch leben; auch das will beachtet sein. —</p><p>Noch ein Wort &#xFC;ber die Art, wie diese Bl&#xE4;tter an mich gelangt sind. Gestern fr&#xFC;h bei meinem Erwachen gab man sie mir ab – ein wunderlicher Mann, der einen langen grauen Bart trug, eine ganz abgen&#xFC;tzte schwarze Kurtka anhatte, eine botanische Kapsel dar&#xFC;ber umgehangen, und bei dem feuchten, regnichten Wetter Pantoffeln &#xFC;ber seine Stiefel, hatte sich nach mir erkundigt und dieses f&#xFC;r mich hinterlassen; er hatte, aus Berlin zu kommen, vorgegeben. – —</p><cite><text-author><emphasis>Kunersdorf, den 27. Sept. 1813</emphasis></text-author><text-author><emphasis>Adelbert von Chamisso</emphasis></text-author></cite><p>P.S. Ich lege Dir eine Zeichnung bei, die der kunstreiche Leopold, der eben an seinem Fenster stand, von der auffallenden Erscheinung entworfen hat. Als er den Wert, den ich auf diese Skizze legte, gesehen hat, hat er sie mir gerne geschenkt.</p></section><section><title><p>An Ebendenselben von Fouqu&#xE9;</p></title><p>Bewahren, lieber Eduard, sollen wir die Geschichte des armen Schlemihl, dergestalt bewahren, dass sie vor Augen, die nicht hineinzusehen haben, beschirmt bleibe. Das ist eine schlimme Aufgabe. Es gibt solcher Augen eine ganze Menge, und welcher Sterbliche kann die Schicksale eines Manuskriptes bestimmen, eines Dinges, das beinah noch schlimmer zu h&#xFC;ten ist, als ein gesprochenes Wort. Da mach ich’s denn wie ein Schwindelnder, der in der Angst lieber gleich in den Abgrund springt: ich lasse die ganze Geschichte drucken.</p><p>Und doch, Eduard, es gibt ernstere und bessere Gr&#xFC;nde f&#xFC;r mein Benehmen. Es tr&#xFC;gt mich alles, oder in unserm lieben Deutschlande schlagen der Herzen viel, die den armen Schlemihl zu verstehen f&#xE4;hig sind und auch wert, und &#xFC;ber manch eines echten Landsmannes Gesicht wird bei dem herben Scherz, den das Leben mit ihm, und bei dem arglosen, den er mit sich selbst treibt, ein ger&#xFC;hrtes L&#xE4;cheln ziehn. Und du, mein Eduard, wenn Du das grundehrliche Buch ansiehst, und dabei denkst, dass viele unbekannte Herzensverwandte es mit uns lieben lernen, f&#xFC;hlst auch vielleicht einen Balsamtropfen in die hei&#xDF;e Wunde fallen, die Dir und allen, die Dich lieben, der Tod geschlagen hat.</p><p>Und endlich: es gibt – ich habe mich durch mannichfache Erfahrung davon &#xFC;berzeugt – es gibt f&#xFC;r die gedruckten B&#xFC;cher einen Genius, der sie in die rechten H&#xE4;nde bringt, und, wenn nicht immer, doch sehr oft die unrechten davon abh&#xE4;lt. Auf allen Fall hat er ein unsichtbares Vorh&#xE4;ngschlo&#xDF; vor jedwedem<a l:href="#n_260" type="note">[260]</a> echten Geistes- und Gem&#xFC;tswerke, und wei&#xDF; mit einer ganz untr&#xFC;glichen Geschicklichkeit auf- und zuzuschlie&#xDF;en.</p><p>Diesem Genius, mein sehr lieber Schlemihl, vertraue ich Dein L&#xE4;cheln und Deine Tr&#xE4;nen an, und somit Gott befohlen!<a l:href="#n_261" type="note">[261]</a></p><cite><text-author><emphasis>Nennhausen, Ende Mai 1814</emphasis></text-author><text-author><emphasis>Fouqu&#xE9;</emphasis></text-author></cite></section><section><title><p>An Fouqu&#xE9; von Hitzig</p></title><p>Da haben wir denn nun die Folgen Deines verzweifelten Entschlusses, die Schlemihlshistorie, die wir als ein blo&#xDF; uns anvertrautes Geheimnis bewahren sollten, drucken zu lassen, dass sie nicht allein Franzosen und Engl&#xE4;nder, Holl&#xE4;nder und Spanier &#xFC;bersetzt, Amerikaner aber den Engl&#xE4;ndern nachgedruckt, wie ich dies alles in meinem gelehrten Berlin des Breiteren gemeldet; sondern, dass auch f&#xFC;r unser liebes Deutschland eine neue Ausgabe, mit den Zeichnungen der englischen, die der ber&#xFC;hmte Cruikshank<a l:href="#n_262" type="note">[262]</a> nach dem Leben entworfen, veranstaltet wird, wodurch die Sache unstreitig noch viel mehr herum kommt. Hielte ich Dich nicht f&#xFC;r Dein eigenm&#xE4;chtiges Verfahren (denn mir hast Du 1814 ja kein Wort von der Herausgabe des Manuskripts gesagt) hinl&#xE4;nglich dadurch bestraft, dass unser Chamisso bei seiner Weltumsegelei, in den Jahren 1815 bis 1818, sich gewi&#xDF; in Chile und Kamtschatka, und wohl gar bei seinem Freunde, dem seligen Tameiamaia auf O-Wahu dar&#xFC;ber beklagt haben wird, so forderte ich noch jetzt &#xF6;ffentlich Rechenschaft dar&#xFC;ber von Dir.</p><p>Indes – auch hievon abgesehen – geschehn ist geschehn, und Recht hast Du auch darin gehabt, dass viele, viele Befreundete in den dreizehn verh&#xE4;ngnisvollen Jahren, seit es das Licht der Welt erblickte, das B&#xFC;chlein mit uns lieb gewonnen. Nie werde ich die Stunde vergessen, in welcher ich es Hoffmann<a l:href="#n_263" type="note">[263]</a> zuerst vorlas. Au&#xDF;er sich vor Vergn&#xFC;gen und Spannung, hing er an meinen Lippen, bis ich vollendet hatte; nicht erwarten konnte er, die pers&#xF6;nliche Bekanntschaft des Dichters zu machen, und, sonst jeder Nachahmung so abhold, widerstand er doch der Versuchung nicht, die Idee des verlornen Schattens in seiner Erz&#xE4;hlung:»Die Abenteuer der Sylvesternacht«, durch das verlorne Spiegelbild des Erasmus Spikher,<a l:href="#n_264" type="note">[264]</a> ziemlich ungl&#xFC;cklich zu variieren. Ja – unter die Kinder hat sich unsre wundersame Historie ihre Bahn zu brechen gewu&#xDF;t; denn als ich einst, an einem hellen Winterabend, mit ihrem Erz&#xE4;hler die Burgstra&#xDF;e hinaufging, und er einen &#xFC;ber ihn lachenden, auf der Glitschbahn<a l:href="#n_265" type="note">[265]</a> besch&#xE4;ftigten Jungen unter seinen Dir wohlbekannten B&#xE4;renmantel nahm und fortschleppte, hielt dieser ganz stille; da er aber wieder auf den Boden niedergesetzt war, und in geh&#xF6;riger Ferne von den, als ob nichts geschehen w&#xE4;re, weiter Gegangenen, rief er mit lauter Stimme seinem R&#xE4;uber nach:»Warte nur, Peter Schlemihl!»</p><p>So, denke ich, wird der ehrliche Kauz auch in seinem neuen, zierlichen Gewande viele erfreuen, die ihn in der einfachen Kurtka von 1814 nicht gesehen; diesen und jenen aber es au&#xDF;erdem noch &#xFC;berraschend sein, in dem botanisierenden, weltumschiffenden, ehemals wohlbestallten K&#xF6;niglich Preu&#xDF;ischen Offizier, auch Historiographen des ber&#xFC;hmten Peter Schlemihl, nebenher einen Lyriker kennen zu lernen,3 der, er m&#xF6;ge malaiische oder litauische Weisen anstimmen, &#xFC;berall dartut, dass er das poetische Herz auf der rechten Stelle hat.</p><p>Darum, lieber Fouqu&#xE9;, sei Dir am Ende denn doch noch herzlich gedankt f&#xFC;r die Veranstaltung der ersten Ausgabe, und empfange mit unsern Freunden meinen Gl&#xFC;ckwunsch zu dieser zweiten.</p><cite><text-author><emphasis>Berlin, im Januar 1827</emphasis></text-author><text-author><emphasis>Eduard Hitzig</emphasis></text-author></cite></section><section><title><p>Peter Schlemihls wundersame Geschichte</p></title><section><title><p>I</p></title><p>Nach einer gl&#xFC;cklichen, jedoch f&#xFC;r mich sehr beschwerlichen Seefahrt, erreichten wir endlich den Hafen. Sobald ich mit dem Boote ans Land kam, belud ich mich selbst mit meiner kleinen Habseligkeit, und durch das wimmelnde<a l:href="#n_266" type="note">[266]</a> Volk mich dr&#xE4;ngend, ging ich in das n&#xE4;chste, geringste Haus hinein, vor welchem ich ein Schild h&#xE4;ngen sah. Ich begehrte ein Zimmer, der Hausknecht ma&#xDF; mich mit einem Blick und f&#xFC;hrte mich unters Dach. Ich lie&#xDF; mir frisches Wasser geben, und genau beschreiben, wo ich den Herrn Thomas John aufzusuchen habe: —»Vor dem Nordertor, das erste Landhaus zur rechten Hand, ein gro&#xDF;es, neues Haus, von rot und wei&#xDF;em Marmor mit vielen S&#xE4;ulen. «Gut. – Es war noch fr&#xFC;h an der Zeit, ich schn&#xFC;rte sogleich mein B&#xFC;ndel auf, nahm meinen neu gewandten schwarzen Rock heraus, zog mich reinlich an in meine besten Kleider, steckte das Empfehlungsschreiben zu mir, und setzte mich alsbald auf den Weg zu dem Manne, der mir bei meinen bescheidenen Hoffnungen f&#xF6;rderlich sein sollte.</p><p>Nachdem ich die lange Norderstra&#xDF;e hinaufgestiegen, und das Tor erreicht, sah ich bald die S&#xE4;ulen durch das Gr&#xFC;ne schimmern —»also hier«, dacht ich. Ich wischte den Staub von meinen F&#xFC;&#xDF;en mit meinem Schnupftuch ab, setzte mein Halstuch in Ordnung, und zog in Gottes Namen die Klingel. Die T&#xFC;r sprang auf. Auf dem Flur hatt ich ein Verh&#xF6;r zu bestehn, der Portier lie&#xDF; mich aber anmelden, und ich hatte die Ehre, in den Park gerufen zu werden, wo Herr John – mit einer kleinen Gesellschaft sich erging. Ich erkannte gleich den Mann am Glanze seiner wohlbeleibten Selbstzufriedenheit. Er empfing mich sehr gut – wie ein Reicher einen armen Teufel, wandte sich sogar gegen mich, ohne sich jedoch von der &#xFC;brigen Gesellschaft abzuwenden, und nahm mir den dargehaltenen Brief aus der Hand. – »So, so! von meinem Bruder, ich habe lange nichts von ihm geh&#xF6;rt. Er ist doch gesund? – Dort«, fuhr er gegen die Gesellschaft fort, ohne die Antwort zu erwarten, und wies mit dem Brief auf einen H&#xFC;gel,»dort la&#xDF; ich das neue Geb&#xE4;ude auff&#xFC;hren. «Er brach das Siegel auf und das Gespr&#xE4;ch nicht ab, das sich auf den Reichtum lenkte.»Wer nicht Herr ist wenigstens einer Million«, warf er hinein,»der ist, man verzeihe mir das Wort, ein Schuft!<a l:href="#n_267" type="note">[267]</a>«»O wie wahr!«rief ich aus mit vollem &#xFC;berstr&#xF6;menden Gef&#xFC;hl. Das musste ihm gefallen, er l&#xE4;chelte mich an und sagte:»Bleiben Sie hier, lieber Freund, nachher hab ich vielleicht Zeit, Ihnen zu sagen, was ich hiezu denke«, er deutete auf den Brief, den er sodann einsteckte, und wandte sich wieder zu der Gesellschaft. – Er bot einer jungen Dame den Arm, andere Herren bem&#xFC;hten sich um andere Sch&#xF6;nen, es fand sich, was sich pa&#xDF;te, und man wallte dem rosenumbl&#xFC;hten H&#xFC;gel zu.</p><p>Ich schlich hinterher, ohne jemandem beschwerlich zu fallen, denn keine Seele bek&#xFC;mmerte sich weiter um mich. Die Gesellschaft war sehr aufger&#xE4;umt, es ward get&#xE4;ndelt<a l:href="#n_268" type="note">[268]</a> und gescherzt, man sprach zuweilen von leichtsinnigen Dingen wichtig, von wichtigen &#xF6;fters leichtsinnig, und gem&#xE4;chlich erging besonders der Witz &#xFC;ber abwesende Freunde und deren Verh&#xE4;ltnisse. Ich war da zu fremd, um von alle dem vieles zu verstehen, zu bek&#xFC;mmert und in mich gekehrt, um den Sinn auf solche R&#xE4;tsel zu haben.</p><p>Wir hatten den Rosenhain<a l:href="#n_269" type="note">[269]</a> erreicht. Die sch&#xF6;ne Fanny, wie es schien, die Herrin des Tages, wollte aus Eigensinn einen bl&#xFC;henden Zweig selbst brechen, sie verletzte sich an einem Dorn, und wie von den dunkeln Rosen, flo&#xDF; Purpur auf ihre zarte Hand. Dieses Ereignis brachte die ganze Gesellschaft in Bewegung. Es wurde Englisch Pflaster<a l:href="#n_270" type="note">[270]</a> gesucht. Ein stiller, d&#xFC;nner, hagrer,<a l:href="#n_271" type="note">[271]</a> l&#xE4;nglichter, &#xE4;ltlicher Mann, der neben mitging, und den ich noch nicht bemerkt hatte, steckte sogleich die Hand in die knapp anliegende Scho&#xDF;tasche seines altfr&#xE4;nkischen, grautaffentnen Rockes, brachte eine kleine Brieftasche daraus hervor, &#xF6;ffnete sie, und reichte der Dame mit devoter<a l:href="#n_272" type="note">[272]</a> Verbeugung das Verlangte. Sie empfing es ohne Aufmerksamkeit f&#xFC;r den Geber und ohne Dank, die Wunde ward verbunden, und man ging weiter den H&#xFC;gel hinan, von dessen R&#xFC;cken man die weite Aussicht &#xFC;ber das gr&#xFC;ne Labyrinth des Parkes nach dem unerme&#xDF;lichen Ozean genie&#xDF;en wollte.</p><p>Der Anblick war wirklich gro&#xDF; und herrlich. Ein lichter Punkt erschien am Horizont zwischen der dunklen Flut und der Bl&#xE4;ue des Himmels.»Ein Fernrohr her!«rief John, und noch bevor das auf den Ruf erscheinende Dienervolk in Bewegung kam, hatte der graue Mann, bescheiden sich verneigend, die Hand schon in die Rocktasche gesteckt, daraus einen sch&#xF6;nen Dollond hervorgezogen, und es dem Herrn John eingeh&#xE4;ndigt. Dieser, es sogleich an das Aug bringend, benachrichtigte die Gesellschaft, es sei das Schiff, das gestern ausgelaufen, und das widrige Winde im Angesicht des Hafens zur&#xFC;cke hielten. Das Fernrohr ging von Hand zu Hand, und nicht wieder in die des Eigent&#xFC;mers; ich aber sah verwundert den Mann an, und wu&#xDF;te nicht, wie die gro&#xDF;e Maschine aus der winzigen Tasche herausgekommen war; es schien aber niemandem aufgefallen zu sein, und man bek&#xFC;mmerte sich nicht mehr um den grauen Mann, als um mich selber.</p><p>Erfrischungen wurden gereicht, das seltenste Obst aller Zonen in den kostbarsten Gef&#xE4;&#xDF;en. Herr John machte die Honneurs<a l:href="#n_273" type="note">[273]</a> mit leichtem Anstand und richtete da zum zweiten Mal ein Wort an mich:»Essen Sie nur; das haben Sie auf der See nicht gehabt. «Ich verbeugte mich, aber er sah es nicht, er sprach schon mit jemand anderem.</p><p>Man h&#xE4;tte sich gern auf den Rasen, am Abhange des H&#xFC;gels, der ausgespannten Landschaft gegen&#xFC;ber gelagert, h&#xE4;tte man die Feuchtigkeit der Erde nicht gescheut. Es w&#xE4;re g&#xF6;ttlich, meinte wer aus der Gesellschaft, wenn man t&#xFC;rkische Teppiche h&#xE4;tte, sie hier auszubreiten. Der Wunsch war nicht sobald ausgesprochen, als schon der Mann im grauen Rock die Hand in der Tasche hatte, und mit bescheidener, ja dem&#xFC;tiger Geb&#xE4;rde einen reichen, golddurchwirkten<a l:href="#n_274" type="note">[274]</a> t&#xFC;rkischen Teppich daraus zu ziehen bem&#xFC;ht war. Bediente nahmen ihn in Empfang, als m&#xFC;sse es so sein, und entfalteten ihn am begehrten Orte. Die Gesellschaft nahm ohne Umst&#xE4;nde<a l:href="#n_275" type="note">[275]</a> Platz darauf; ich wiederum sah betroffen den Mann, die Tasche, den Teppich an, der &#xFC;ber zwanzig Schritte in der L&#xE4;nge und zehn in der Breite ma&#xDF;, und rieb mir die Augen, nicht wissend, was ich dazu denken sollte, besonders da niemand etwas Merkw&#xFC;rdiges darin fand.</p><p>Ich h&#xE4;tte gern Aufschlu&#xDF;<a l:href="#n_276" type="note">[276]</a> &#xFC;ber den Mann gehabt, und gefragt, wer er sei, nur wu&#xDF;t ich nicht, an wen ich mich richten sollte, denn ich f&#xFC;rchtete mich fast noch mehr vor den Herren Bedienten, als vor den bedienten Herren. Ich fa&#xDF;te endlich ein Herz, und trat an einen jungen Mann heran, der mir von minderem Ansehen schien als die andern, und der &#xF6;fter allein gestanden hatte. Ich bat ihn leise, mir zu sagen, wer der gef&#xE4;llige Mann sei dort im grauen Kleide. – »Dieser, der wie ein Ende Zwirn aussieht? der einem Schneider aus der Nadel entlaufen ist?«»Ja, der allein steht«—»den kenn ich nicht«, gab er mir zur Antwort, und, wie es schien, eine l&#xE4;ngere Unterhaltung mit mir zu vermeiden, wandt er sich weg und sprach von gleichg&#xFC;ltigen Dingen mit einem andern.</p><p>Die Sonne fing jetzt st&#xE4;rker zu scheinen an, und ward den Damen beschwerlich; die sch&#xF6;ne Fanny richtete nachl&#xE4;ssig an den grauen Mann, den, so viel ich wei&#xDF;, noch niemand angeredet hatte, die leichtsinnige Frage: ob er nicht auch vielleicht ein Zelt bei sich habe? Er beantwortete sie durch eine so tiefe Verbeugung, als widerf&#xFC;hre ihm eine unverdiente Ehre, und hatte schon die Hand in der Tasche, aus der ich Zeuge, Stangen, Schn&#xFC;re, Eisenwerk, kurz, alles, was zu dem prachtvollsten Lustzelt geh&#xF6;rt, herauskommen sah. Die jungen Herren halfen es ausspannen, und es &#xFC;berhing die ganze Ausdehnung des Teppichs – und keiner fand noch etwas Au&#xDF;erordentliches darin. —</p><p>Mir war schon lang unheimlich, ja graulich zu Mute, wie ward mir vollends, als beim n&#xE4;chst ausgesprochenen Wunsch ich ihn noch aus seiner Tasche drei Reitpferde, ich sage Dir, drei sch&#xF6;ne, gro&#xDF;e Rappen<a l:href="#n_277" type="note">[277]</a> mit Sattel und Zeug herausziehen sah! – denke Dir, um Gotteswillen! drei gesattelte Pferde noch aus derselben Tasche, woraus schon eine Brieftasche, ein Fernrohr, ein gewirkter Teppich, zwanzig Schritte lang und zehn breit, ein Lustzelt<a l:href="#n_278" type="note">[278]</a> von derselben Gr&#xF6;&#xDF;e, und alle dazu geh&#xF6;rigen Stangen und Eisen, herausgekommen waren! – Wenn ich Dir nicht beteuerte, es selbst mit eigenen Augen angesehen zu haben, w&#xFC;rdest Du es gewi&#xDF; nicht glauben. —</p><p>So verlegen und dem&#xFC;tig der Mann selbst zu sein schien, so wenig Aufmerksamkeit ihm auch die andern schenkten, so ward mir doch seine blasse Erscheinung, von der ich kein Auge abwenden konnte, so schauerlich, dass ich sie nicht l&#xE4;nger ertragen konnte.</p><p>Ich beschlo&#xDF;, mich aus der Gesellschaft zu stehlen, was bei der unbedeutenden Rolle, die ich darinnen spielte, mir ein Leichtes schien. Ich wollte nach der Stadt zur&#xFC;ckkehren, am andern Morgen mein Gl&#xFC;ck beim Herrn John wieder versuchen, und, wenn ich den Mut dazu f&#xE4;nde, ihn &#xFC;ber den seltsamen grauen Mann befragen. – W&#xE4;re es mir nur so zu entkommen<a l:href="#n_279" type="note">[279]</a> gegl&#xFC;ckt!</p><p>Ich hatte mich schon wirklich durch den Rosenhain, den H&#xFC;gel hinab, gl&#xFC;cklich geschlichen, und befand mich auf einem freien Rasenplatz, als ich aus Furcht, au&#xDF;er den Wegen durchs Gras gehend angetroffen zu werden, einen forschenden Blick um mich warf. – Wie erschrak ich, als ich den Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zukommen sah. Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und verneigte sich so tief, als noch niemand vor mir getan hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich anreden, und ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. Ich nahm den Hut auch ab, verneigte mich wieder, und stand da in der Sonne mit blo&#xDF;em Haupt wie angewurzelt.<a l:href="#n_280" type="note">[280]</a> Ich sah ihn voller Furcht stier an, und war wie ein Vogel, den eine Schlange gebannt hat. Er selber schien sehr verlegen zu sein; er hob den Blick nicht auf, verbeugte sich zu verschiedenen Malen, trat n&#xE4;her, und redete mich an mit leiser, unsicherer Stimme, ungef&#xE4;hr im Tone eines Bettelnden.</p><p>«M&#xF6;ge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen, wenn ich es wage, ihn so unbekannter Weise aufzusuchen, ich habe eine Bitte an ihn. Verg&#xF6;nnen Sie gn&#xE4;digst – «—»Aber um Gotteswillen, mein Herr!«brach ich in meiner Angst aus,»was kann ich f&#xFC;r einen Mann tun, der – «wir stutzten beide, und wurden, wie mir deucht, rot.</p><p>Er nahm nach einem Augenblick des Schweigens wieder das Wort:»W&#xE4;hrend der kurzen Zeit, wo ich das Gl&#xFC;ck geno&#xDF;, mich in Ihrer N&#xE4;he zu befinden, hab ich, mein Herr, einige Mal – erlauben Sie, dass ich es Ihnen sage – wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den sch&#xF6;nen, sch&#xF6;nen Schatten betrachten k&#xF6;nnen, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren F&#xFC;&#xDF;en. Verzeihen Sie mir die freilich k&#xFC;hne Zumutung. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden, mir diesen Ihren Schatten zu &#xFC;berlassen.»</p><p>Er schwieg, und mir ging’s wie ein M&#xFC;hlrad im Kopfe herum.<a l:href="#n_281" type="note">[281]</a> Was sollt ich aus dem seltsamen Antrag machen,<a l:href="#n_282" type="note">[282]</a> mir meinen Schatten abzukaufen? Er muss verr&#xFC;ckt sein, dacht ich, und mit ver&#xE4;ndertem Tone, der zu der Demut des seinigen besser pa&#xDF;te, erwiderte ich also:»Ei, ei! guter Freund, habt Ihr denn nicht an Eurem eignen Schatten genug? das hei&#xDF; ich mir einen Handel von einer ganz absonderlichen Sorte. «Er fiel sogleich wieder ein:»Ich hab in meiner Tasche manches, was dem Herrn nicht ganz unwert scheinen m&#xF6;chte; f&#xFC;r diesen unsch&#xE4;tzbaren Schatten halt ich den h&#xF6;chsten Preis zu gering.»</p><p>Nun &#xFC;berfiel es mich wieder kalt, da ich an die Tasche erinnert ward, und ich wu&#xDF;te nicht, wie ich ihn hatte guter Freund nennen k&#xF6;nnen. Ich nahm wieder das Wort, und suchte es, wo m&#xF6;glich, mit unendlicher H&#xF6;flichkeit wieder gut zu machen.</p><p>«Aber, mein Herr, verzeihen Sie Ihrem untert&#xE4;nigsten Knecht. Ich verstehe wohl Ihre Meinung nicht ganz gut, wie k&#xF6;nnt ich nur meinen Schatten – «Er unterbrach mich:»Ich erbitte mir nur Dero Erlaubnis, hier auf der Stelle diesen edlen Schatten aufheben zu d&#xFC;rfen und zu mir zu stecken; wie ich das mache, sei meine Sorge. Dagegen als Beweis meiner Erkenntlichkeit gegen den Herrn, &#xFC;berlasse ich ihm die Wahl unter allen Kleinodien,<a l:href="#n_283" type="note">[283]</a> die ich in der Tasche bei mir f&#xFC;hre: die echte Springwurzel,<a l:href="#n_284" type="note">[284]</a> die Alraunwurzel,<a l:href="#n_285" type="note">[285]</a> Wechselpfennige,<a l:href="#n_286" type="note">[286]</a> Raubtaler,<a l:href="#n_287" type="note">[287]</a> das Tellertuch<a l:href="#n_288" type="note">[288]</a> von Rolands Knappen, ein Galgenm&#xE4;nnlein<a l:href="#n_289" type="note">[289]</a> zu beliebigem Preis; doch, das wird wohl nichts f&#xFC;r Sie sein: besser, Fortunati W&#xFC;nschh&#xFC;tlein,<a l:href="#n_290" type="note">[290]</a> neu und haltbar wieder restauriert; auch ein Gl&#xFC;ckss&#xE4;ckel,<a l:href="#n_291" type="note">[291]</a> wie der seine gewesen.«—»Fortunati Gl&#xFC;ckss&#xE4;ckel«, fiel ich ihm in die Rede, und wie gro&#xDF; meine Angst auch war, hatte er mit dem einen Wort meinen ganzen Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel, und es flimmerte mir wie doppelte Dukaten vor den Augen. —</p><p>«Belieben gn&#xE4;digst der Herr diesen S&#xE4;ckel zu besichtigen und zu erproben. «Er steckte die Hand in die Tasche und zog einen m&#xE4;&#xDF;ig gro&#xDF;en, festgen&#xE4;hten Beutel, von starkem Korduanleder,<a l:href="#n_292" type="note">[292]</a> an zwei t&#xFC;chtigen ledernen Schn&#xFC;ren heraus und h&#xE4;ndigte mir selbigen ein. Ich griff hinein, und zog zehn Goldst&#xFC;cke daraus, und wieder zehn, und wieder zehn, und wieder zehn; ich hielt ihm schnell die Hand hin:»Topp!<a l:href="#n_293" type="note">[293]</a> der Handel gilt, f&#xFC;r den Beutel haben Sie meinen Schatten. «Er schlug ein, kniete dann unges&#xE4;umt<a l:href="#n_294" type="note">[294]</a> vor mir nieder, und mit einer bewundernsw&#xFC;rdigen Geschicklichkeit sah ich ihn meinen Schatten, vom Kopf bis zu meinen F&#xFC;&#xDF;en, leise von dem Grase l&#xF6;sen, aufheben, zusammenrollen und falten, und zuletzt einstecken. Er stand auf, verbeugte sich noch einmal vor mir, und zog sich dann nach dem Rosengeb&#xFC;sche zur&#xFC;ck. Mich d&#xFC;nkt’, ich h&#xF6;rte ihn da leise f&#xFC;r sich lachen. Ich aber hielt den Beutel bei den Schn&#xFC;ren fest, rund um mich her war die Erde sonnenhell, und in mir war noch keine Besinnung.</p></section><section><title><p>II</p></title><p>Ich kam endlich wieder zu Sinnen, und eilte, diesen Ort zu verlassen, wo ich hoffentlich nichts mehr zu tun hatte. Ich f&#xFC;llte erst meine Taschen mit Gold, dann band ich mir die Schn&#xFC;re des Beutels um den Hals fest, und verbarg ihn selbst auf meiner Brust. Ich kam unbeachtet aus dem Park, erreichte die Landstra&#xDF;e, und nahm meinen Weg nach der Stadt. Wie ich in Gedanken dem Tore zu ging, h&#xF6;rt ich hinter mir schreien:»Junger Herr! he! junger Herr! h&#xF6;ren Sie doch!«– Ich sah mich um, ein altes Weib rief mir nach:»Sehe sich der Herr doch vor, Sie haben Ihren Schatten verloren.«—»Danke, M&#xFC;tterchen!«ich warf ihr ein Goldst&#xFC;ck f&#xFC;r den wohlgemeinten Rat<a l:href="#n_295" type="note">[295]</a> hin, und trat unter die B&#xE4;ume.</p><p>Am Tore musst ich gleich wieder von der Schildwacht h&#xF6;ren:»Wo hat der Herr seinen Schatten gelassen?«und gleich wieder darauf von ein paar Frauen:»Jesus Maria!<a l:href="#n_296" type="note">[296]</a> der arme Mensch hat keinen Schatten!«Das fing an mich zu verdrie&#xDF;en,<a l:href="#n_297" type="note">[297]</a> und ich vermied sehr sorgf&#xE4;ltig, in die Sonne zu treten. Das ging aber nicht &#xFC;berall an, zum Beispiel nicht &#xFC;ber die Breitestra&#xDF;e, die ich zun&#xE4;chst durchkreuzen musste, und zwar, zu meinem Unheil, in eben der Stunde, wo die Knaben aus der Schule gingen. Ein verdammter buckeliger Schlingel, ich seh ihn noch, hatte es gleich weg, dass mir ein Schatten fehle. Er verriet mich mit gro&#xDF;em Geschrei der s&#xE4;mtlichen literarischen Stra&#xDF;enjugend der Vorstadt, welche sofort mich zu rezensieren und mit Kot zu bewerfen<a l:href="#n_298" type="note">[298]</a> anfing:»Ordentliche Leute pflegten ihren Schatten mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne gingen. «Um sie von mir abzuwehren, warf ich Gold zu vollen H&#xE4;nden unter sie, und sprang in einen Mietswagen, zu dem mir mitleidige Seelen verhalfen.</p><p>Sobald ich mich in der rollenden Kutsche allein fand, fing ich bitterlich an zu weinen. Es musste schon die Ahnung in mir aufsteigen: dass, um so viel das Gold auf Erden Verdienst und Tugend &#xFC;berwiegt, um so viel der Schatten h&#xF6;her als selbst das Gold gesch&#xE4;tzt werde; und wie ich fr&#xFC;her den Reichtum meinem Gewissen aufgeopfert, hatte ich jetzt den Schatten f&#xFC;r blo&#xDF;es Gold hingegeben; was konnte, was sollte auf Erden aus mir werden!</p><p>Ich war noch sehr verst&#xF6;rt, als der Wagen vor meinem alten Wirtshause hielt; ich erschrak &#xFC;ber die Vorstellung, nur noch jenes schlechte Dachzimmer zu betreten. Ich lie&#xDF; mir meine Sachen herabholen, empfing den &#xE4;rmlichen B&#xFC;ndel mit Verachtung, warf einige Goldst&#xFC;cke hin, und befahl, vor das vornehmste Hotel vorzufahren. Das Haus war gegen Norden gelegen, ich hatte die Sonne nicht zu f&#xFC;rchten. Ich schickte den Kutscher mit Gold weg, lie&#xDF; mir die besten Zimmer vorn heraus anweisen, und verschlo&#xDF; mich darin, sobald ich konnte.</p><p>Was denkest Du, das ich nun anfing? – O mein lieber Chamisso, selbst vor Dir es zu gestehen, macht mich err&#xF6;ten.<a l:href="#n_299" type="note">[299]</a> Ich zog den ungl&#xFC;cklichen S&#xE4;ckel aus meiner Brust hervor, und mit einer Art Wut, die, wie eine flackernde Feuersbrunst,<a l:href="#n_300" type="note">[300]</a> sich in mir durch sich selbst mehrte, zog ich Gold daraus, und Gold, und Gold, und immer mehr Gold, und streute es auf den Estrich,<a l:href="#n_301" type="note">[301]</a> und schritt dar&#xFC;ber hin, und lie&#xDF; es klirren, und warf, mein armes Herz an dem Glanze, an dem Klange weidend, immer des Metalles mehr zu dem Metalle, bis ich erm&#xFC;det selbst auf das reiche Lager sank und schwelgend darin w&#xFC;hlte, mich dar&#xFC;ber w&#xE4;lzte. So verging der Tag, der Abend, ich schlo&#xDF; meine T&#xFC;r nicht auf, die Nacht fand mich liegend auf dem Golde, und darauf &#xFC;bermannte mich der Schlaf.</p><p>Da tr&#xE4;umt’ es mir von Dir, es ward mir, als st&#xFC;nde ich hinter der Glast&#xFC;re Deines kleinen Zimmers, und s&#xE4;he Dich von da an Deinem Arbeitstische zwischen einem Skelet und einem Bunde getrockneter Pflanzen sitzen, vor Dir waren Haller, Humboldt und Linn&#xE9;<a l:href="#n_302" type="note">[302]</a> aufgeschlagen, auf Deinem Sofa lagen ein Band Goethe und der» Zauberring<a l:href="#n_303" type="note">[303]</a>«, ich betrachtete Dich lange und jedes Ding in Deiner Stube, und dann Dich wieder, Du r&#xFC;hrtest Dich aber nicht, Du holtest auch nicht Atem, Du warst tot.</p><p>Ich erwachte. Es schien noch sehr fr&#xFC;h zu sein. Meine Uhr stand. Ich war wie zerschlagen, durstig und hungrig auch noch; ich hatte seit dem vorigen Morgen nichts gegessen. Ich stie&#xDF; von mir mit Unwillen und &#xDC;berdru&#xDF; dieses Gold, an dem ich kurz vorher mein t&#xF6;richtes Herz ges&#xE4;ttiget; nun wu&#xDF;t ich verdrie&#xDF;lich nicht, was ich damit anfangen sollte. Es durfte nicht so liegen bleiben – ich versuchte, ob es der Beutel wieder verschlingen wollte – Nein. Keines meiner Fenster &#xF6;ffnete sich &#xFC;ber die See. Ich musste mich bequemen,<a l:href="#n_304" type="note">[304]</a> es m&#xFC;hsam und mit sauerm Schwei&#xDF; zu einem gro&#xDF;en Schrank, der in einem Kabinet stand, zu schleppen, und es darin zu verpacken. Ich lie&#xDF; nur einige Handvoll<a l:href="#n_305" type="note">[305]</a> da liegen. Nachdem ich mit der Arbeit fertig geworden, legt ich mich ersch&#xF6;pft in einen Lehnstuhl,<a l:href="#n_306" type="note">[306]</a> und erwartete, dass sich Leute im Hause zu regen anfingen. Ich lie&#xDF;, sobald es m&#xF6;glich war, zu essen bringen und den Wirt zu mir kommen.</p><p>Ich besprach mit diesem Manne die k&#xFC;nftige Einrichtung meines Hauses. Er empfahl mir f&#xFC;r den n&#xE4;heren Dienst um meine Person einen gewissen Bendel, dessen treue und verst&#xE4;ndige Physiognomie mich gleich gewann. Derselbe war’s, dessen Anh&#xE4;nglichkeit<a l:href="#n_307" type="note">[307]</a> mich seither tr&#xF6;stend durch das Elend des Lebens begleitete und mir mein d&#xFC;stres Los<a l:href="#n_308" type="note">[308]</a> ertragen half. Ich brachte den ganzen Tag auf meinen Zimmern mit herrenlosen Knechten, Schustern, Schneidern und Kaufleuten zu, ich richtete mich ein, und kaufte besonders sehr viele Kostbarkeiten und Edelsteine, um nur etwas des vielen aufgespeicherten Goldes los zu werden; es schien mir aber gar nicht, als k&#xF6;nne der Haufen sich vermindern.</p><p>Ich schwebte indes &#xFC;ber meinen Zustand in den &#xE4;ngstigendsten Zweifeln. Ich wagte keinen Schritt aus meiner T&#xFC;r und lie&#xDF; abends vierzig Wachskerzen in meinem Saal anz&#xFC;nden, bevor ich aus dem Dunkel heraus kam. Ich gedachte mit Grauen des f&#xFC;rchterlichen Auftrittes mit den Schulknaben. Ich beschlo&#xDF;, so viel Mut ich auch dazu bedurfte, die &#xF6;ffentliche Meinung noch einmal zu pr&#xFC;fen. – Die N&#xE4;chte waren zu der Zeit mondhell. Abends sp&#xE4;t warf ich einen weiten Mantel um, dr&#xFC;ckte mir den Hut tief in die Augen, und schlich, zitternd wie ein Verbrecher, aus dem Hause. Erst auf einem entlegenen Platz trat ich aus dem Schatten der H&#xE4;user, in deren Schutz ich so weit gekommen war, an das Mondeslicht hervor; gefa&#xDF;t, mein Schicksal aus dem Munde der Vor&#xFC;bergehenden zu vernehmen.</p><p>Erspare mir, lieber Freund, die schmerzliche Wiederholung alles dessen, was ich erdulden musste. Die Frauen bezeugten oft das tiefste Mitleid, das ich ihnen einfl&#xF6;&#xDF;te; &#xC4;u&#xDF;erungen die mir die Seele nicht minder durchbohrten, als der Hohn der Jugend und die hochm&#xFC;tige Verachtung der M&#xE4;nner, besonders solcher dikken, wohlbeleibten, die selbst einen breiten Schatten warfen. Ein sch&#xF6;nes, holdes M&#xE4;dchen, die, wie es schien, ihre Eltern begleitete, indem diese bed&#xE4;chtig nur vor ihre F&#xFC;&#xDF;e sahen, wandte von ungef&#xE4;hr ihr leuchtendes Auge auf mich; sie erschrak sichtbarlich, da sie meine Schattenlosigkeit bemerkte, verh&#xFC;llte ihr sch&#xF6;nes Antlitz<a l:href="#n_309" type="note">[309]</a> in ihren Schleier, lie&#xDF; den Kopf sinken, und ging lautlos vor&#xFC;ber.</p><p>Ich ertrug es l&#xE4;nger nicht. Salzige Str&#xF6;me brachen aus meinen Augen, und mit durchschnittenem Herzen zog ich mich schwankend ins Dunkel zur&#xFC;ck. Ich musste mich an den H&#xE4;usern halten, um meine Schritte zu sichern, und erreichte langsam und sp&#xE4;t meine Wohnung.</p><p>Ich brachte die Nacht schlaflos zu. Am andern Tage war meine erste Sorge, nach dem Manne im grauen Rocke &#xFC;berall suchen zu lassen. Vielleicht sollte es mir gelingen, ihn wieder zu finden, und wie gl&#xFC;cklich! wenn ihn, wie mich, der t&#xF6;richte Handel gereuen sollte. Ich lie&#xDF; Bendel vor mich kommen, er schien Gewandtheit und Geschick zu besitzen – ich schilderte ihm genau den Mann, in dessen Besitz ein Schatz sich befand, ohne den mir das Leben nur eine Qual sei. Ich sagte ihm die Zeit, den Ort, wo ich ihn gesehen; beschrieb ihm alle, die zugegen gewesen, und f&#xFC;gte dieses Zeichen noch hinzu: er solle sich nach einem Dollondschen Fernrohr, nach einem golddurchwirkten t&#xFC;rkischen Teppich, nach einem Prachtlustzelt, und endlich nach den schwarzen Reithengsten genau erkundigen, deren Geschichte, ohne zu bestimmen wie, mit der des r&#xE4;tselhaften Mannes zusammenhinge, welcher allen unbedeutend geschienen, und dessen Erscheinung die Ruhe und das Gl&#xFC;ck meines Lebens zerst&#xF6;rt hatte.</p><p>Wie ich ausgeredet, holt ich Gold her, eine Last, wie ich sie nur zu tragen vermochte, und legte Edelsteine und Juwelen noch hinzu f&#xFC;r einen gr&#xF6;&#xDF;ern Wert.»Bendel«, sprach ich,»dieses ebnet viele Wege und macht vieles leicht, was unm&#xF6;glich schien; sei nicht karg damit, wie ich es nicht bin, sondern geh, und erfreue deinen Herrn mit Nachrichten, auf denen seine alleinige Hoffnung beruht.»</p><p>Er ging. Sp&#xE4;t kam er und traurig zur&#xFC;ck. Keiner von den Leuten des Herrn John, keiner von seinen G&#xE4;sten, er hatte alle gesprochen, wu&#xDF;te sich nur entfernt an den Mann im grauen Rocke zu erinnern. Der neue Teleskop war da, und keiner wu&#xDF;te, wo er hergekommen; der Teppich, das Zelt waren da noch auf demselben H&#xFC;gel ausgebreitet und aufgeschlagen, die Knechte r&#xFC;hmten den Reichtum ihres Herrn, und keiner wu&#xDF;te, von wannen diese neuen Kostbarkeiten ihm zugekommen. Er selbst hatte sein Wohlgefallen daran, und ihn k&#xFC;mmerte es nicht, dass er nicht wisse, woher er sie habe; die Pferde hatten die jungen Herren, die sie geritten, in ihren St&#xE4;llen, und sie priesen die Freigebigkeit des Herrn John, der sie ihnen an jenem Tage geschenkt. So viel erhellte aus der ausf&#xFC;hrlichen Erz&#xE4;hlung Bendels, dessen rascher Eifer und verst&#xE4;ndige F&#xFC;hrung, auch bei so fruchtlosem Erfolge, mein verdientes Lob erhielten. Ich winkte ihm d&#xFC;ster, mich allein zu lassen.</p><p>«Ich habe«, hub er wieder an,»meinem Herrn Bericht abgestattet &#xFC;ber die Angelegenheit, die ihm am wichtigsten war. Mir bleibt noch ein Auftrag auszurichten, den mir heute fr&#xFC;h jemand gegeben, welchem ich vor der T&#xFC;r begegnete, da ich zu dem Gesch&#xE4;fte ausging, wo ich so ungl&#xFC;cklich gewesen. Die eigenen Worte des Mannes waren: ‘Sagen Sie dem Herrn Peter Schlemihl, er w&#xFC;rde mich hier nicht mehr sehen, da ich &#xFC;bers Meer gehe, und ein g&#xFC;nstiger Wind mich so eben nach dem Hafen ruft. Aber &#xFC;ber Jahr und Tag werde ich die Ehre haben, ihn selber aufzusuchen und ein anderes, ihm dann vielleicht annehmliches Gesch&#xE4;ft vorzuschlagen. Empfehlen Sie mich ihm untert&#xE4;nigst, und versichern ihn meines Dankes.’ Ich frug ihn, wer er w&#xE4;re, er sagte aber, Sie kennten ihn schon.»</p><p>«Wie sah der Mann aus?«rief ich voller Ahnung. Und Bendel beschrieb mir den Mann im grauen Rocke Zug f&#xFC;r Zug, Wort f&#xFC;r Wort, wie er getreu in seiner vorigen Erz&#xE4;hlung des Mannes erw&#xE4;hnt, nach dem er sich erkundigt. —</p><p>«Ungl&#xFC;cklicher!«schrie ich h&#xE4;nderingend,»das war er ja selbst!«und ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. – »Ja, er war es, war es wirklich!«rief er erschreckt aus,»und ich Verblendeter, Bl&#xF6;dsinniger habe ihn nicht erkannt, ihn nicht erkannt und meinen Herrn verraten!»</p><p>Er brach, hei&#xDF; weinend, in die bittersten Vorw&#xFC;rfe gegen sich selber aus, und die Verzweiflung, in der er war, musste mir selber Mitleiden einfl&#xF6;&#xDF;en. Ich sprach ihm Trost ein, versicherte ihn wiederholt, ich setzte keinen Zweifel in seine Treue, und schickte ihn alsbald nach dem Hafen, um, wo m&#xF6;glich, die Spuren des seltsamen Mannes zu verfolgen. Aber an diesem selben Morgen waren sehr viele Schiffe, die widrige Winde im Hafen zur&#xFC;ckgehalten, ausgelaufen, alle nach anderen Weltstrichen, alle nach anderen K&#xFC;sten bestimmt, und der graue Mann war spurlos wie ein Schatten verschwunden.</p></section><section><title><p>III</p></title><p>Was h&#xFC;lfen Fl&#xFC;gel dem in eisernen Ketten fest Angeschmiedeten? Er m&#xFC;&#xDF;te dennoch, und schrecklicher, verzweifeln. Ich lag, wie Faffner bei seinem Hort, fern von jedem menschlichen Zuspruch, bei meinem Golde darbend,<a l:href="#n_310" type="note">[310]</a> aber ich hatte nicht das Herz nach ihm, sondern ich fluchte ihm, um dessentwillen ich mich von allem Leben abgeschnitten sah. Bei mir allein mein d&#xFC;stres Geheimnis hegend,<a l:href="#n_311" type="note">[311]</a> f&#xFC;rchtete ich mich vor dem letzten meiner Knechte, den ich zugleich beneiden musste; denn er hatte einen Schatten, er durfte sich sehen lassen in der Sonne. Ich vertrauerte<a l:href="#n_312" type="note">[312]</a> einsam in meinen Zimmern die Tag’ und N&#xE4;chte, und Gram zehrte<a l:href="#n_313" type="note">[313]</a> an meinem Herzen.</p><p>Noch einer h&#xE4;rmte sich unter meinen Augen ab,<a l:href="#n_314" type="note">[314]</a> mein treuer Bendel h&#xF6;rte nicht auf, sich mit stillen Vorw&#xFC;rfen zu martern,<a l:href="#n_315" type="note">[315]</a> dass er das Zutrauen seines g&#xFC;tigen Herrn betrogen, und jenen nicht erkannt, nach dem er ausgeschickt war, und mit dem er mein trauriges Schicksal in enger Verflechtung denken musste. Ich aber konnte ihm keine Schuld geben, ich erkannte in dem Ereignis die fabelhafte Natur des Unbekannten.</p><p>Nichts unversucht zu lassen, schickt ich einst Bendel mit einem kostbaren brillantenen Ring zu dem ber&#xFC;hmtesten Maler der Stadt, den ich, mich zu besuchen, einladen lie&#xDF;. Er kam, ich entfernte meine Leute, verschlo&#xDF; die T&#xFC;r, setzte mich zu dem Mann, und, nachdem ich seine Kunst gepriesen, kam ich mit schwerem Herzen zur Sache, ich lie&#xDF; ihn zuvor das strengste Geheimnis geloben.</p><p>«Herr Professor«, fuhr ich fort,»k&#xF6;nnten Sie wohl einem Menschen, der auf die ungl&#xFC;cklichste Weise von der Welt um seinen Schatten gekommen ist, einen falschen Schatten malen?«—»Sie meinen einen Schlagschatten?<a l:href="#n_316" type="note">[316]</a>«—»den mein ich allerdings.«—»Aber«, frug er mich weiter,»durch welche Ungeschicklichkeit, durch welche Nachl&#xE4;ssigkeit konnte er denn seinen Schlagschatten verlieren?«—»Wie es kam«, erwiderte ich,»mag nun sehr gleichg&#xFC;ltig sein, doch so viel«, log ich ihm unversch&#xE4;mt vor:»In Russland, wo er im vorigen Winter eine Reise tat, fror ihm einmal, bei einer au&#xDF;erordentlichen K&#xE4;lte, sein Schatten dergestalt am Boden fest, dass er ihn nicht wieder los bekommen konnte.»</p><p>«Der falsche Schlagschatten, den ich ihm malen k&#xF6;nnte«, erwiderte der Professor,»w&#xFC;rde doch nur ein solcher sein, den er bei der leisesten Bewegung wieder verlieren m&#xFC;&#xDF;te – zumal wer an dem eignen angebornen Schatten so wenig fest hing, als aus Ihrer Erz&#xE4;hlung selbst sich abnehmen l&#xE4;&#xDF;t; wer keinen Schatten hat, gehe nicht in die Sonne, das ist das Vern&#xFC;nftigste und Sicherste. «Er stand auf und entfernte sich, indem er auf mich einen durchbohrenden Blick warf, den der meine nicht ertragen konnte. Ich sank in meinen Sessel zur&#xFC;ck, und verh&#xFC;llte mein Gesicht in meine H&#xE4;nde.</p><p>So fand mich noch Bendel, als er herein trat. Er sah den Schmerz seines Herrn, und wollte sich still, ehrerbietig zur&#xFC;ckziehen. – Ich blickte auf – ich erlag unter der Last meines Kummers, ich musste ihn mitteilen.»Bendel«, rief ich ihm zu,»Bendel! Du Einziger, der du meine Leiden siehst und ehrst, sie nicht erforschen zu wollen, sondern still und fromm mitzuf&#xFC;hlen scheinst, komm zu mir, Bendel, und sei der N&#xE4;chste meinem Herzen. Die Sch&#xE4;tze meines Goldes hab ich vor dir nicht verschlossen, nicht verschlie&#xDF;en will ich vor dir die Sch&#xE4;tze meines Grames. – Bendel, verlasse mich nicht. Bendel, du siehst mich reich, freigebig, g&#xFC;tig, du w&#xE4;hnst, es sollte die Welt mich verherrlichen, und du siehst mich die Welt fliehn und mich vor ihr verschlie&#xDF;en. Bendel, sie hat gerichtet, die Welt, und mich versto&#xDF;en, und auch du vielleicht wirst dich von mir wenden, wenn du mein schreckliches Geheimnis erf&#xE4;hrst: Bendel, ich bin reich, freigebig, g&#xFC;tig, aber – o Gott! – ich habe keinen Schatten!»—</p><p>«Keinen Schatten?«rief der gute Junge erschreckt aus, und die hellen Tr&#xE4;nen st&#xFC;rzten ihm aus den Augen. – »Weh mir,<a l:href="#n_317" type="note">[317]</a> dass ich geboren ward, einem schattenlosen Herrn zu dienen!«Er schwieg, und ich hielt mein Gesicht in meinen H&#xE4;nden. —</p><p>«Bendel«, setzt ich sp&#xE4;t und zitternd hinzu,»nun hast du mein Vertrauen, nun kannst du es verraten. Geh hin und zeuge wider mich.«– Er schien in schwerem Kampfe mit sich selber, endlich st&#xFC;rzte er vor mir nieder und ergriff meine Hand, die er mit seinen Tr&#xE4;nen benetzte.»Nein«, rief er aus,»was die Welt auch meine, ich kann und werde um Schattens willen meinen g&#xFC;tigen Herrn nicht verlassen, ich werde recht, und nicht klug handeln, ich werde bei Ihnen bleiben, Ihnen meinen Schatten borgen, Ihnen helfen, wo ich kann, und wo ich nicht kann, mit Ihnen weinen. «Ich fiel ihm um den Hals, ob solcher ungewohnten Gesinnung staunend; denn ich war von ihm &#xFC;berzeugt, dass er es nicht um Gold tat.</p><p>Seitdem &#xE4;nderten sich in etwas mein Schicksal und meine Lebensweise. Es ist unbeschreiblich, wie vorsorglich Bendel mein Gebrechen<a l:href="#n_318" type="note">[318]</a> zu verhehlen<a l:href="#n_319" type="note">[319]</a> wu&#xDF;te. &#xDC;berall war er vor mir und mit mir, alles vorhersehend, Anstalten treffend, und wo Gefahr unversehens drohte, mich schnell mit seinem Schatten &#xFC;berdeckend, denn er war gr&#xF6;&#xDF;er und st&#xE4;rker als ich. So wagt ich mich wieder unter die Menschen, und begann eine Rolle in der Welt zu spielen. Ich musste freilich viele Eigenheiten<a l:href="#n_320" type="note">[320]</a> und Launen<a l:href="#n_321" type="note">[321]</a> scheinbar annehmen. Solche stehen aber dem Reichen gut, und so lange die Wahrheit nur verborgen blieb, geno&#xDF; ich aller der Ehre und Achtung, die meinem Golde zukam. Ich sah ruhiger dem &#xFC;ber Jahr und Tag verhei&#xDF;enen<a l:href="#n_322" type="note">[322]</a> Besuch des r&#xE4;tselhaften Unbekannten entgegen.</p><p>Ich f&#xFC;hlte sehr wohl, dass ich mich nicht lange an einem Ort aufhalten durfte, wo man mich schon ohne Schatten gesehen, und wo ich leicht verraten werden konnte; auch dacht ich vielleicht nur allein noch daran, wie ich mich bei Herrn John gezeigt, und es war mir eine dr&#xFC;ckende Erinnerung, demnach wollt ich hier blo&#xDF; Probe halten, um anderswo leichter und zuversichtlicher auftreten zu k&#xF6;nnen – doch fand sich, was mich eine Zeitlang an meiner Eitelkeit festhielt: das ist im Menschen, wo der Anker am zuverl&#xE4;ssigsten Grund fa&#xDF;t.</p><p>Eben die sch&#xF6;ne Fanny, der ich am dritten Ort wieder begegnete, schenkte mir, ohne sich zu erinnern, mich jemals gesehen zu haben, einige Aufmerksamkeit, denn jetzt hatt ich Witz und Verstand. – Wenn ich redete, h&#xF6;rte man zu, und ich wu&#xDF;te selber nicht, wie ich zu der Kunst gekommen war, das Gespr&#xE4;ch so leicht zu f&#xFC;hren und zu beherrschen. Der Eindruck, den ich auf die Sch&#xF6;ne gemacht zu haben einsah, machte aus mir, was sie eben begehrte, einen Narren, und ich folgte ihr seither mit tausend M&#xFC;hen durch Schatten und D&#xE4;mmerung, wo ich nur konnte. Ich war nur eitel darauf, sie &#xFC;ber mich eitel zu machen, und konnte mir, selbst mit dem besten Willen, nicht den Rausch aus dem Kopf ins Herz zwingen.</p><p>Aber wozu die ganz gemeine Geschichte Dir lang und breit wiederholen? – Du selber hast sie mir oft genug von andern Ehrenleuten erz&#xE4;hlt. – Zu dem alten, wohlbekannten Spiele, worin ich gutm&#xFC;tig eine abgedroschene Rolle &#xFC;bernommen, kam freilich eine ganz eigens gedichtete Katastrophe hinzu, mir und ihr und allen unerwartet.</p><p>Da ich an einem sch&#xF6;nen Abend nach meiner Gewohnheit eine Gesellschaft in einem Garten versammelt hatte, wandelte ich mit der Herrin Arm in Arm, in einiger Entfernung von den &#xFC;brigen G&#xE4;sten, und bem&#xFC;hte mich, ihr Redensarten vorzudrechseln. Sie sah sittig<a l:href="#n_323" type="note">[323]</a> vor sich nieder und erwiderte leise den Druck meiner Hand; da trat unversehens hinter uns der Mond aus den Wolken hervor – und sie sah nur ihren Schatten vor sich hinfallen. Sie fuhr zusammen und blickte best&#xFC;rzt mich an, dann wieder auf die Erde, mit dem Auge meinen Schatten begehrend; und was in ihr vorging, malte sich so sonderbar in ihren Mienen, dass ich in ein lautes Gel&#xE4;chter h&#xE4;tte ausbrechen m&#xF6;gen, wenn es mir nicht selber eiskalt &#xFC;ber den R&#xFC;cken gelaufen w&#xE4;re.</p><p>Ich lie&#xDF; sie aus meinem Arm in eine Ohnmacht sinken, scho&#xDF; wie ein Pfeil durch die entsetzten G&#xE4;ste, erreichte die T&#xFC;r, warf mich in den ersten Wagen, den ich da haltend fand, und fuhr nach der Stadt zur&#xFC;ck, wo ich diesmal zu meinem Unheil den vorsichtigen Bendel gelassen hatte. Er erschrak, als er mich sah, ein Wort entdeckte ihm alles. Es wurden auf der Stelle Postpferde geholt. Ich nahm nur einen meiner Leute mit mir, einen abgefeimten Spitzbuben, namens Rascal, der sich mir durch seine Gewandtheit notwendig zu machen gewu&#xDF;t, und der nichts vom heutigen Vorfall ahnen konnte. Ich legte in derselben Nacht noch drei&#xDF;ig Meilen zur&#xFC;ck. Bendel blieb hinter mir, mein Haus aufzul&#xF6;sen, Gold zu spenden und mir das N&#xF6;tigste nachzubringen. Als er mich am andern Tage einholte, warf ich mich in seine Arme, und schwur ihm, nicht etwa keine Torheit mehr zu begehen, sondern nur k&#xFC;nftig vorsichtiger zu sein. Wir setzten unsre Reise ununterbrochen fort, &#xFC;ber die Grenze und das Gebirg, und erst am andern Abhang, durch das hohe Bollwerk<a l:href="#n_324" type="note">[324]</a> von jenem Ungl&#xFC;cksboden getrennt, lie&#xDF; ich mich bewegen, in einem nah gelegenen und wenig besuchten Badeort von den &#xFC;berstandenen M&#xFC;hseligkeiten auszurasten.<a l:href="#n_325" type="note">[325]</a></p></section><section><title><p>IV</p></title><p>Ich werde in meiner Erz&#xE4;hlung schnell &#xFC;ber eine Zeit hineilen m&#xFC;ssen, bei der ich wie gerne! verweilen w&#xFC;rde, wenn ich ihren lebendigen Geist in der Erinnerung herauf zu beschw&#xF6;ren verm&#xF6;chte. Aber die Farbe, die sie belebte, und nur wieder beleben kann, ist in mir verloschen, und wenn ich in meiner Brust wieder finden will, was sie damals so m&#xE4;chtig erhob, die Schmerzen und das Gl&#xFC;ck, den frommen Wahn, – da schlag ich vergebens an einen Felsen, der keinen lebendigen Quell mehr gew&#xE4;hrt, und der Gott ist von mir gewichen. Wie ver&#xE4;ndert blickt sie mich jetzt an, diese vergangene Zeit! – Ich sollte dort in dem Bade eine heroische Rolle tragieren,<a l:href="#n_326" type="note">[326]</a> schlecht einstudiert, und ein Neuling auf der B&#xFC;hne, vergaff ich mich<a l:href="#n_327" type="note">[327]</a> aus dem St&#xFC;cke heraus in ein Paar blaue Augen. Die Eltern, vom Spiele get&#xE4;uscht, bieten alles auf, den Handel nur schnell fest zu machen, und die gemeine Posse beschlie&#xDF;t eine Verh&#xF6;hnung. Und das ist alles, alles! – Das kommt mir albern und abgeschmackt vor, und schrecklich wiederum, dass so mir vorkommen kann, was damals so reich, so gro&#xDF;, die Brust mir schwellte. Mina, wie ich damals weinte, als ich dich verlor, so wein ich jetzt, dich auch in mir verloren zu haben. Bin ich denn so alt worden? – O traurige Vernunft! Nur noch ein Pulsschlag jener Zeit, ein Moment jenes Wahnes, – aber nein! einsam auf dem hohen, &#xF6;den Meere deiner bittern Flut, und l&#xE4;ngst aus dem letzten Pokale der Champagner Elfe entspr&#xFC;ht!</p><p>Ich hatte Bendel mit einigen Golds&#xE4;cken voraus geschickt, um mir im St&#xE4;dtchen eine Wohnung nach meinen Bed&#xFC;rfnissen einzurichten. Er hatte dort viel Geld ausgestreut, und sich &#xFC;ber den vornehmen Fremden, dem er diente, etwas unbestimmt ausgedr&#xFC;ckt, denn ich wollte nicht genannt sein, das brachte die guten Leute auf sonderbare Gedanken. Sobald mein Haus zu meinem Empfang bereit war, kam Bendel wieder zu mir und holte mich dahin ab. Wir machten uns auf die Reise.</p><p>Ungef&#xE4;hr eine Stunde vom Orte, auf einem sonnigen Plan, ward uns der Weg durch eine festlich geschm&#xFC;ckte Menge versperrt. Der Wagen hielt. Musik, Glockengel&#xE4;ute, Kanonensch&#xFC;sse wurden geh&#xF6;rt, ein lautes Vivat<a l:href="#n_328" type="note">[328]</a> durchdrang die Luft – vor dem Schlage des Wagens erschien in wei&#xDF;en Kleidern ein Chor Jungfrauen von ausnehmender Sch&#xF6;nheit, die aber vor der Einen, wie die Sterne der Nacht vor der Sonne, verschwanden. Sie trat aus der Mitte der Schwestern hervor; die hohe zarte Bildung kniete versch&#xE4;mt err&#xF6;tend vor mir nieder, und hielt mir auf seidenem Kissen einen aus Lorbeer, &#xD6;lzweigen und Rosen geflochtenen Kranz entgegen, indem sie von Majest&#xE4;t, Ehrfurcht und Liebe einige Worte sprach, die ich nicht verstand, aber deren zauberischer Silberklang mein Ohr und Herz berauschte, – es war mir, als w&#xE4;re schon einmal die himmlische Erscheinung an mir vor&#xFC;ber gewallt. Der Chor fiel ein und sang das Lob eines guten K&#xF6;nigs und das Gl&#xFC;ck seines Volkes.</p><p>Und dieser Auftritt, lieber Freund, mitten in der Sonne! – Sie kniete noch immer zwei Schritte von mir, und ich, ohne Schatten, konnte die Kluft nicht &#xFC;berspringen, nicht wieder vor dem Engel auf die Knien fallen. Oh, was h&#xE4;tt ich nicht da f&#xFC;r einen Schatten gegeben! Ich musste meine Scham, meine Angst, meine Verzweiflung tief in den Grund meines Wagens verbergen. Bendel besann sich endlich f&#xFC;r mich, er sprang von der andern Seite aus dem Wagen heraus, ich rief ihn noch zur&#xFC;ck und reichte ihm aus meinem K&#xE4;stchen, das mir eben zur Hand lag, eine reiche diamantene Krone, die die sch&#xF6;ne Fanny hatte zieren sollen. Er trat vor, und sprach im Namen seines Herrn, welcher solche Ehrenbezeugungen nicht annehmen k&#xF6;nne noch wolle; es m&#xFC;sse hier ein Irrtum vorwalten; jedoch seien die guten Einwohner der Stadt f&#xFC;r ihren guten Willen bedankt. Er nahm indes den dargehaltenen Kranz von seinem Ort und legte den brillantenen Reif an dessen Stelle; dann reichte er ehrerbietig der sch&#xF6;nen Jungfrau die Hand zum Aufstehen, entfernte mit einem Wink Geistlichkeit, Magistratus und alle Deputationen. Niemand ward weiter vorgelassen. Er hie&#xDF; den Haufen sich teilen und den Pferden Raum geben, schwang sich wieder in den Wagen, und fort ging’s weiter in gestrecktem Galopp, unter einer aus Laubwerk und Blumen erbauten Pforte hinweg, dem St&#xE4;dtchen zu. – Die Kanonen wurden immer frischweg<a l:href="#n_329" type="note">[329]</a> abgefeuert. – Der Wagen hielt vor meinem Hause; ich sprang behend<a l:href="#n_330" type="note">[330]</a> in die T&#xFC;r, die Menge teilend, die die Begierde, mich zu sehen, herbeigerufen hatte. Der P&#xF6;bel<a l:href="#n_331" type="note">[331]</a> schrie Vivat unter meinem Fenster, und ich lie&#xDF; doppelte Dukaten daraus regnen. Am Abend war die Stadt freiwillig erleuchtet. —</p><p>Und ich wu&#xDF;te immer noch nicht, was das alles bedeuten sollte und f&#xFC;r wen ich angesehen wurde. Ich schickte Rascaln auf Kundschaft aus. Er lie&#xDF; sich denn erz&#xE4;hlen, wasma&#xDF;en<a l:href="#n_332" type="note">[332]</a> man bereits sichere Nachrichten gehabt, der gute K&#xF6;nig von Preu&#xDF;en reise unter dem Namen eines Grafen durch das Land; wie mein Adjutant erkannt worden sei, und wie er sich und mich verraten habe; wie gro&#xDF; endlich die Freude gewesen, da man die Gewi&#xDF;heit gehabt mich im Orte selbst zu besitzen. Nun sah man freilich ein, da ich offenbar das strengste Inkognito<a l:href="#n_333" type="note">[333]</a> beobachten wolle, wie sehr man Unrecht gehabt, den Schleier so zudringlich zu l&#xFC;ften. Ich h&#xE4;tte aber so huldreich,<a l:href="#n_334" type="note">[334]</a> so gnadenvoll gez&#xFC;rnt<a l:href="#n_335" type="note">[335]</a> – ich w&#xFC;rde gewi&#xDF; dem guten Herzen verzeihen m&#xFC;ssen.</p><p>Meinem Schlingel kam die Sache so spa&#xDF;haft vor, dass er mit strafenden Reden sein M&#xF6;glichstes tat, die guten Leute einstweilen<a l:href="#n_336" type="note">[336]</a> in ihrem Glauben zu best&#xE4;rken. Er stattete mir einen sehr komischen Bericht ab, und da er mich dadurch erheitert sah, gab er mir selbst seine ver&#xFC;bte Bosheit zum besten. – Muss ich’s bekennen? Es schmeichelte mir doch, sei es auch nur so, f&#xFC;r das verehrte Haupt angesehen worden zu sein.</p><p>Ich hie&#xDF; zu dem morgenden Abend unter den B&#xE4;umen, die den Raum vor meinem Hause beschatteten, ein Fest bereiten und die ganze Stadt dazu einladen. Der geheimnisreichen Kraft meines S&#xE4;ckels, Bendels Bem&#xFC;hungen und der behenden Erfindsamkeit Rascals gelang es, selbst die Zeit zu besiegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie reich und sch&#xF6;n sich alles in den wenigen Stunden anordnete. Die Pracht und der &#xDC;berflu&#xDF;, die da sich erzeugten; auch die sinnreiche Erleuchtung war so weise verteilt, dass ich mich ganz sicher f&#xFC;hlte. Es blieb mir nichts zu erinnern, ich musste meine Diener loben.</p><p>Es dunkelte der Abend. Die G&#xE4;ste erschienen und wurden mir vorgestellt. Es ward die Majest&#xE4;t nicht mehr ber&#xFC;hrt; aber ich hie&#xDF; in tiefer Ehrfurcht und Demut: Herr Graf. Was sollt ich tun? Ich lie&#xDF; mir den Grafen gefallen, und blieb von Stund an der Graf Peter. Mitten im festlichen Gew&#xFC;hle begehrte meine Seele nur nach der Einen. Sp&#xE4;t erschien sie, sie, die die Krone war und trug. Sie folgte sittsam ihren Eltern, und schien nicht zu wissen, dass sie die Sch&#xF6;nste sei. Es wurden mir der Herr Forstmeister, seine Frau und seine Tochter vorgestellt. Ich wu&#xDF;te den Alten viel Angenehmes und Verbindliches zu sagen; vor der Tochter stand ich wie ein ausgescholtener Knabe da, und vermochte kein Wort hervor zu lallen. Ich bat sie endlich stammelnd, dies Fest zu w&#xFC;rdigen, das Amt, dessen Zeichen sie schm&#xFC;ckte, darin zu verwalten. Sie bat versch&#xE4;mt mit einem r&#xFC;hrenden Blick um Schonung; aber versch&#xE4;mter vor ihr, als sie selbst, brachte ich ihr als erster Untertan meine Huldigung<a l:href="#n_337" type="note">[337]</a> in tiefer Ehrfurcht, und der Wink des Grafen ward allen G&#xE4;sten ein Gebot, dem nachzuleben sich jeder freudig beeiferte. Majest&#xE4;t, Unschuld und Grazie beherrschten, mit der Sch&#xF6;nheit im Bunde, ein frohes Fest. Die gl&#xFC;cklichen Eltern Minas glaubten ihnen nur zu Ehren ihr Kind erh&#xF6;ht; ich selber war in einem unbeschreiblichen Rausch. Ich lie&#xDF; alles, was ich noch von den Juwelen hatte, die ich damals, um beschwerliches Gold los zu werden, gekauft, alle Perlen, alles Edelgestein in zwei verdeckte Sch&#xFC;sseln legen und bei Tische, unter dem Namen der K&#xF6;nigin, ihren Gespielinnen und allen Damen herumreichen; Gold ward indessen ununterbrochen &#xFC;ber die gezogenen Schranken unter das jubelnde Volk geworfen.</p><p>Bendel am andern Morgen er&#xF6;ffnete mir im Vertrauen, der Verdacht, den er l&#xE4;ngst gegen Rascals Redlichkeit gehegt, sei nunmehr zur Gewi&#xDF;heit worden. Er habe gestern ganze S&#xE4;cke Goldes unterschlagen.»La&#xDF; uns«, erwidert ich,»dem armen Schelmen die kleine Beute g&#xF6;nnen; ich spende gern allen, warum nicht auch ihm? Gestern hat er mir, haben mir alle neuen Leute, die du mir gegeben, redlich gedient, sie haben mir froh ein frohes Fest begehen<a l:href="#n_338" type="note">[338]</a> helfen.»</p><p>Es war nicht weiter die Rede davon. Rascal blieb der erste meiner Dienerschaft, Bendel war aber mein Freund und mein Vertrauter. Dieser war gewohnt worden, meinen Reichtum als unersch&#xF6;pflich zu denken, und er sp&#xE4;hte nicht nach dessen Quellen; er half mir vielmehr, in meinen Sinn eingehend, Gelegenheiten ersinnen, ihn darzutun und Gold zu vergeuden.<a l:href="#n_339" type="note">[339]</a> Von jenem Unbekannten, dem blassen Schleicher, wusst er nur so viel: Ich d&#xFC;rfe allein durch ihn von dem Fluche erl&#xF6;st werden, der auf mir laste, und f&#xFC;rchte ihn, auf dem meine einzige Hoffnung ruhe. &#xDC;brigens sei ich davon &#xFC;berzeugt, er k&#xF6;nne mich &#xFC;berall auffinden, ich ihn nirgends, darum ich, den versprochenen Tag erwartend, jede vergebliche Nachsuchung eingestellt.</p><p>Die Pracht meines Festes und mein Benehmen dabei erhielten anfangs die starkgl&#xE4;ubigen Einwohner der Stadt bei ihrer vorgefa&#xDF;ten Meinung.<a l:href="#n_340" type="note">[340]</a> Es ergab sich freilich sehr bald aus den Zeitungen, dass die ganze fabelhafte Reise des K&#xF6;nigs von Preu&#xDF;en ein blo&#xDF;es ungegr&#xFC;ndetes Ger&#xFC;cht gewesen. Ein K&#xF6;nig war ich aber nun einmal, und musste schlechterdings ein K&#xF6;nig bleiben, und zwar einer der reichsten und k&#xF6;niglichsten, die es immer geben mag. Nur wu&#xDF;te man nicht recht, welcher. Die Welt hat nie Grund gehabt, &#xFC;ber Mangel an Monarchen zu klagen, am wenigsten in unsern Tagen; die guten Leute, die noch keinen mit Augen gesehen, rieten mit gleichem Gl&#xFC;ck bald auf diesen, bald auf jenen – Graf Peter blieb immer, der er war. —</p><p>Einst erschien unter den Badeg&#xE4;sten ein Handelsmann, der Bankerot gemacht hatte,<a l:href="#n_341" type="note">[341]</a> um sich zu bereichern, der allgemeiner Achtung geno&#xDF; und einen breiten, obgleich etwas blassen Schatten von sich warf. Er wollte hier das Verm&#xF6;gen, das er gesammelt, zum Prunk ausstellen, und es fiel sogar ihm ein, mit mir wetteifern zu wollen. Ich sprach meinem S&#xE4;ckel zu, und hatte sehr bald den armen Teufel so weit, dass er, um sein Ansehen zu retten, abermals Bankerot machen musste und &#xFC;ber das Gebirge ziehen. So ward ich ihn los. – Ich habe in dieser Gegend viele Taugenichtse<a l:href="#n_342" type="note">[342]</a> und M&#xFC;&#xDF;igg&#xE4;nger<a l:href="#n_343" type="note">[343]</a> gemacht!</p><p>Bei der k&#xF6;niglichen Pracht und Verschwendung, womit ich mir alles unterwarf, lebt ich in meinem Hause sehr einfach und eingezogen. Ich hatte mir die gr&#xF6;&#xDF;te Vorsicht zur Regel gemacht, es durfte, unter keinem Vorwand,<a l:href="#n_344" type="note">[344]</a> kein anderer, als Bendel, die Zimmer, die ich bewohnte, betreten. So lange die Sonne schien, hielt ich mich mit ihm darin verschlossen, und es hie&#xDF;: der Graf arbeite in seinem Kabinet. Mit diesen Arbeiten standen die h&#xE4;ufigen Kuriere in Verbindung, die ich um jede Kleinigkeit abschickte und erhielt. – Ich nahm nur am Abend unter meinen B&#xE4;umen, oder in meinem nach Bendels Angabe geschickt und reich erleuchteten Saale Gesellschaft an. Wenn ich ausging, wobei mich stets Bendel mit Argusaugen<a l:href="#n_345" type="note">[345]</a> bewachen musste, so war es nur nach dem F&#xF6;rstergarten, und um der Einen willen; denn meines Lebens innerlichstes Herz war meine Liebe.</p><p>O mein guter Chamisso, ich will hoffen, Du habest noch nicht vergessen, was Liebe sei! Ich lasse Dir hier vieles zu erg&#xE4;nzen. Mina war wirklich ein liebewertes, gutes, frommes Kind. Ich hatte ihre ganze Phantasie an mich gefesselt, sie wu&#xDF;te in ihrer Demut nicht, womit sie wert gewesen, dass ich nur nach ihr geblickt; und sie vergalt Liebe um Liebe mit der vollen jugendlichen Kraft eines unschuldigen Herzens. Sie liebte wie ein Weib, ganz hin sich opfernd; selbstvergessen, hingegeben den nur meinend, der ihr Leben war, unbek&#xFC;mmert, solle sie selbst zu Grunde gehen, das hei&#xDF;t, sie liebte wirklich. —</p><p>Ich aber – o welche schreckliche Stunden – schrecklich! und w&#xFC;rdig dennoch, dass ich sie zur&#xFC;ckw&#xFC;nsche – hab ich oft an Bendels Brust verweint, als nach dem ersten bewu&#xDF;tlosen Rausch ich mich besonnen, mich selbst scharf angeschaut, der ich, ohne Schatten, mit t&#xFC;ckischer Selbstsucht diesen Engel verderbend, die reine Seele an mich gelogen und gestohlen! Dann beschlo&#xDF; ich, mich ihr selber zu verraten; dann gelobt ich mit teuren Eidschw&#xFC;ren, mich von ihr zu rei&#xDF;en und zu entfliehen; dann brach ich wieder in Tr&#xE4;nen aus und verabredete mit Bendeln, wie ich sie auf den Abend im F&#xF6;rstergarten besuchen wolle. —</p><p>Zu andern Zeiten log ich mir selber vom nahe bevorstehenden Besuch des grauen Unbekannten gro&#xDF;e Hoffnungen vor, und weinte wieder, wenn ich daran zu glauben vergebens versucht hatte. Ich hatte den Tag ausgerechnet, wo ich den Furchtbaren wieder zu sehen erwartete; denn er hatte gesagt, in Jahr und Tag, und ich glaubte an sein Wort.</p><p>Die Eltern waren gute, ehrbare, alte Leute, die ihr einziges Kind sehr liebten, das ganze Verh&#xE4;ltnis &#xFC;berraschte sie, als es schon bestand, und sie wu&#xDF;ten nicht, was sie dabei tun sollten. Sie hatten fr&#xFC;her nicht getr&#xE4;umt, der Graf Peter k&#xF6;nne nur an ihr Kind denken, nun liebte er sie gar und ward wieder geliebt. – Die Mutter war wohl eitel genug, an die M&#xF6;glichkeit einer Verbindung zu denken, und darauf hinzuarbeiten; der gesunde Menschenverstand des Alten gab solchen &#xFC;berspannten Vorstellungen nicht Raum. Beide waren &#xFC;berzeugt von der Reinheit meiner Liebe – sie konnten nichts tun, als f&#xFC;r ihr Kind beten.</p><p>Es f&#xE4;llt mir ein Brief in die Hand, den ich noch aus dieser Zeit von Mina habe. – Ja, das sind ihre Z&#xFC;ge! Ich will Dir ihn abschreiben.</p><p>«Bin ein schwaches, t&#xF6;richtes M&#xE4;dchen, k&#xF6;nnte mir einbilden, dass mein Geliebter, weil ich ihn innig, innig liebe, dem armen M&#xE4;dchen nicht weh tun m&#xF6;chte. – Ach, Du bist so gut, so unaussprechlich gut; aber missdeute mich nicht. Du sollst mir nichts opfern, mir nichts opfern wollen; o Gott! ich k&#xF6;nnte mich hassen, wenn Du das t&#xE4;test. Nein – Du hast mich unendlich gl&#xFC;cklich gemacht, Du hast mich Dich lieben gelehrt. Zeuch<a l:href="#n_346" type="note">[346]</a> hin! – Wei&#xDF; doch mein Schicksal, Graf Peter geh&#xF6;rt nicht mir, geh&#xF6;rt der Welt an. Will stolz sein, wenn ich h&#xF6;re: das ist er gewesen, und das war er wieder, und das hat er vollbracht; da haben sie ihn angebetet, und da haben sie ihn verg&#xF6;ttert. Siehe, wenn ich das denke, z&#xFC;rne ich Dir, dass Du bei einem einf&#xE4;ltigen Kinde Deiner hohen Schicksale vergessen kannst. – Zeuch hin, sonst macht der Gedanke mich noch ungl&#xFC;cklich, die ich, ach! durch Dich so gl&#xFC;cklich, so selig bin. – Hab ich nicht auch einen &#xD6;lzweig und eine Rosenknospe in Dein Leben geflochten, wie in den Kranz, den ich Dir &#xFC;berreichen durfte? Habe Dich im Herzen, mein Geliebter, f&#xFC;rchte nicht, von mir zu gehen – werde sterben, ach! so selig, so unaussprechlich selig durch Dich.»—</p><p>Du kannst Dir denken, wie mir die Worte durchs Herz schneiden mussten. Ich erkl&#xE4;rte ihr, ich sei nicht das, wof&#xFC;r man mich anzusehen schien; ich sei nur ein reicher, aber unendlich elender Mann. Auf mir ruhe ein Fluch, der das einzige Geheimnis zwischen ihr und mir sein solle, weil ich noch nicht ohne Hoffnung sei, dass er gel&#xF6;st werde. Dies sei das Gift meiner Tage: dass ich sie mit in den Abgrund hinrei&#xDF;en k&#xF6;nne, sie, die das einzige Licht, das einzige Gl&#xFC;ck, das einzige Herz meines Lebens sei. Dann weinte sie wieder, dass ich ungl&#xFC;cklich war. Ach, sie war so liebevoll, so gut! Um eine Tr&#xE4;ne nur mir zu erkaufen, h&#xE4;tte sie, mit welcher Seligkeit, sich selbst ganz hingeopfert.</p><p>Sie war indes weit entfernt, meine Worte richtig zu deuten, sie ahnete nun in mir irgend einen F&#xFC;rsten, den ein schwerer Bann getroffen, irgend ein hohes, ge&#xE4;chtetes Haupt, und ihre Einbildungskraft malte sich gesch&#xE4;ftig unter heroischen Bildern den Geliebten herrlich aus.</p><p>Einst sagte ich ihr:»Mina, der letzte Tag im k&#xFC;nftigen Monat kann mein Schicksal &#xE4;ndern und entscheiden – geschieht es nicht, so muss ich sterben, weil ich dich nicht ungl&#xFC;cklich machen will.«– Sie verbarg weinend ihr Haupt an meiner Brust.»&#xC4;ndert sich dein Schicksal, la&#xDF; mich nur dich gl&#xFC;cklich wissen, ich habe keinen Anspruch an dich. – Bist du elend, binde mich an dein Elend, dass ich es dir tragen helfe.»—</p><p>«M&#xE4;dchen, M&#xE4;dchen, nimm es zur&#xFC;ck, das rasche Wort, das t&#xF6;richte, das deinen Lippen entflohen – und kennst du es, dieses Elend, kennst du ihn, diesen Fluch? Wei&#xDF;t du, wer dein Geliebter – was er? – Siehst du mich nicht krampfhaft zusammenschaudern,<a l:href="#n_347" type="note">[347]</a> und vor dir ein Geheimnis haben?«Sie fiel schluchzend mir zu F&#xFC;&#xDF;en, und wiederholte mit Eidschwur ihre Bitte. —</p><p>Ich erkl&#xE4;rte mich gegen den hereintretenden Forstmeister, meine Absicht sei, am ersten des n&#xE4;chstk&#xFC;nftigen Monats um die Hand seiner Tochter anzuhalten – ich setzte diese Zeit fest, weil sich bis dahin manches ereignen d&#xFC;rfte, was Einflu&#xDF; auf mein Schicksal haben k&#xF6;nnte. Unwandelbar<a l:href="#n_348" type="note">[348]</a> sei nur meine Liebe zu seiner Tochter. —</p><p>Der gute Mann erschrak ordentlich, als er solche Worte aus dem Munde des Grafen Peter vernahm. Er fiel mir um den Hals, und ward wieder ganz versch&#xE4;mt, sich vergessen zu haben. Nun fiel es ihm ein, zu zweifeln, zu erw&#xE4;gen und zu forschen; er sprach von Mitgift, von Sicherheit, von Zukunft f&#xFC;r sein liebes Kind. Ich dankte ihm, mich daran zu mahnen. Ich sagte ihm, ich w&#xFC;nsche in dieser Gegend, wo ich geliebt zu sein schien, mich anzusiedeln, und ein sorgenfreies Leben zu f&#xFC;hren. Ich bat ihn, die sch&#xF6;nsten G&#xFC;ter, die im Lande ausgeboten wurden, unter dem Namen seiner Tochter zu kaufen, und die Bezahlung auf mich anzuweisen. Es k&#xF6;nne darin ein Vater dem Liebenden am besten dienen. – Es gab ihm viel zu tun, denn &#xFC;berall war ihm ein Fremder zuvorgekommen; er kaufte auch nur f&#xFC;r ungef&#xE4;hr eine Million.</p><p>Dass ich ihn damit besch&#xE4;ftigte, war im Grunde eine unschuldige List, um ihn zu entfernen, und ich hatte schon &#xE4;hnliche mit ihm gebraucht, denn ich muss gestehen, dass er etwas l&#xE4;stig war. Die gute Mutter war dagegen etwas taub, und nicht, wie er, auf die Ehre eifers&#xFC;chtig, den Herrn Grafen zu unterhalten.</p><p>Die Mutter kam hinzu, die gl&#xFC;cklichen Leute drangen in mich, den Abend l&#xE4;nger unter ihnen zu bleiben; ich durfte keine Minute weilen: ich sah schon den aufgehenden Mond am Horizonte d&#xE4;mmern. – Meine Zeit war um.<a l:href="#n_349" type="note">[349]</a> —</p><p>Am n&#xE4;chsten Abend ging ich wieder nach dem F&#xF6;rstergarten. Ich hatte den Mantel weit &#xFC;ber die Schulter geworfen, den Hut tief in die Augen gedr&#xFC;ckt, ich ging auf Mina zu; wie sie aufsah, und mich anblickte, machte sie eine unwillk&#xFC;rliche Bewegung; da stand mir wieder klar vor der Seele die Erscheinung jener schaurigen<a l:href="#n_350" type="note">[350]</a> Nacht, wo ich mich im Mondschein ohne Schatten gezeigt. Sie war es wirklich. Hatte sie mich aber auch jetzt erkannt? Sie war still und gedankenvoll – mir lag es zentnerschwer auf der Brust – ich stand von meinem Sitz auf. Sie warf sich stille weinend an meine Brust. Ich ging.</p><p>Nun fand ich sie &#xF6;fters in Tr&#xE4;nen, mir ward’s finster und finsterer um die Seele – nur die Eltern schwammen in &#xFC;berschwenglicher Gl&#xFC;ckseligkeit; der verh&#xE4;ngnisvolle Tag r&#xFC;ckte heran, bang und dumpf, wie eine Gewitterwolke. Der Vorabend war da – ich konnte kaum mehr atmen. Ich hatte vorsorglich einige Kisten mit Gold angef&#xFC;llt, ich wachte die zw&#xF6;lfte Stunde heran. – Sie schlug. —</p><p>Nun sa&#xDF; ich da, das Auge auf die Zeiger der Uhr gerichtet, die Sekunden, die Minuten z&#xE4;hlend, wie Dolchstiche. Bei jedem L&#xE4;rm, der sich regte, fuhr ich auf, der Tag brach an. Die bleiernen Stunden verdr&#xE4;ngten einander, es ward Mittag, Abend, Nacht; es r&#xFC;ckten die Zeiger, welkte die Hoffnung; es schlug eilf,<a l:href="#n_351" type="note">[351]</a> und nichts erschien, die letzten Minuten der letzten Stunde fielen, und nichts erschien, es schlug der erste Schlag, der letzte Schlag der zw&#xF6;lften Stunde, und ich sank hoffnungslos in unendlichen Tr&#xE4;nen auf mein Lager zur&#xFC;ck. Morgen sollt ich – auf immer schattenlos, um die Hand der Geliebten anhalten; ein banger<a l:href="#n_352" type="note">[352]</a> Schlaf dr&#xFC;ckte mir gegen den Morgen die Augen zu.</p></section><section><title><p>V</p></title><p>Es war noch fr&#xFC;h, als mich Stimmen weckten, die sich in meinem Vorzimmer, in heftigem Wortwechsel, erhoben. Ich horchte auf. —</p><p>Bendel verbot meine T&#xFC;r; Rascal schwur hoch und teuer, keine Befehle von seines Gleichen anzunehmen, und bestand darauf, in meine Zimmer einzudringen. Der g&#xFC;tige Bendel verwies ihm, dass solche Worte, falls sie zu meinen Ohren k&#xE4;men, ihn um einen vorteilhaften Dienst bringen w&#xFC;rden. Rascal drohte Hand an ihn zu legen,<a l:href="#n_353" type="note">[353]</a> wenn er ihm den Eingang noch l&#xE4;nger vertreten wollte.</p><p>Ich hatte mich halb angezogen, ich ri&#xDF; zornig die T&#xFC;r auf, und fuhr auf Rascaln zu —»Was willst du Schurke – «er trat zwei Schritte zur&#xFC;ck, und antwortete ganz kalt:»Sie untert&#xE4;nigst bitten, Herr Graf, mir doch einmal Ihren Schatten sehen zu lassen, – die Sonne scheint eben so sch&#xF6;n auf dem Hofe.»—</p><p>Ich war wie vom Donner ger&#xFC;hrt. Es dauerte lange, bis ich die Sprache wieder fand. – »Wie kann ein Knecht gegen seinen Herrn —?«Er fiel mir ganz ruhig in die Rede:»Ein Knecht kann ein sehr ehrlicher Mann sein und einem Schattenlosen nicht dienen wollen, ich fordre meine Entlassung. «Ich musste andere Saiten aufziehen.<a l:href="#n_354" type="note">[354]</a>»Aber, Rascal, lieber Rascal, wer hat dich auf die ungl&#xFC;ckliche Idee gebracht, wie kannst du denken —?«er fuhr im selben Tone fort:»Es wollen Leute behaupten, Sie h&#xE4;tten keinen Schatten – und kurz, Sie zeigen mir Ihren Schatten, oder geben mir meine Entlassung.»</p><p>Bendel, bleich und zitternd, aber besonnener als ich, machte mir ein Zeichen, ich nahm zu dem alles beschwichtigenden Golde meine Zuflucht – auch das hatte seine Macht verloren – er warf ’s mir vor die F&#xFC;&#xDF;e:»Von einem Schattenlosen nehme ich nichts an. «Er kehrte mir den R&#xFC;cken und ging, den Hut auf dem Kopf, ein Liedchen pfeifend, langsam aus dem Zimmer. Ich stand mit Bendel da wie versteint, gedanken- und regungslos ihm nachsehend.</p><p>Schwer aufseufzend und den Tod im Herzen, schickt ich mich endlich an, mein Wort zu l&#xF6;sen, und, wie ein Verbrecher vor seinen Richtern, in dem F&#xF6;rstergarten zu erscheinen. Ich stieg in der dunklen Laube ab, welche nach mir benannt war, und wo sie mich auch diesmal erwarten mussten. Die Mutter kam mir sorgenfrei und freudig entgegen. Mina sa&#xDF; da, bleich und sch&#xF6;n, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen k&#xFC;&#xDF;t, und gleich in bittres Wasser zerflie&#xDF;en wird. Der Forstmeister, ein geschriebenes Blatt in der Hand, ging heftig auf und ab, und schien vieles in sich zu unterdr&#xFC;cken, was, mit fliegender R&#xF6;te und Bl&#xE4;sse wechselnd, sich auf seinem sonst unbeweglichen Gesichte malte. Er kam auf mich zu, als ich hereintrat, und verlangte mit oft unterbrochenen Worten, mich allein zu sprechen. Der Gang, auf den er mich, ihm zu folgen, einlud, f&#xFC;hrte nach einem freien, besonnten Teile des Gartens – ich lie&#xDF; mich stumm auf einen Sitz nieder, und es erfolgte ein langes Schweigen, das selbst die gute Mutter nicht zu unterbrechen wagte.</p><p>Der Forstmeister st&#xFC;rmte immer noch ungleichen Schrittes die Laube auf und ab, er stand mit einem Mal vor mir still, blickte ins Papier, das er hielt, und fragte mich mit pr&#xFC;fendem Blick:»Sollte Ihnen, Herr Graf, ein gewisser Peter Schlemihl wirklich nicht unbekannt sein?«Ich schwieg —»ein Mann von vorz&#xFC;glichem Charakter und von besonderen Gaben – «Er erwartete eine Antwort. – »Und wenn ich selber der Mann w&#xE4;re?«—»dem«, f&#xFC;gte er heftig hinzu,»sein Schatten abhanden gekommen ist!!<a l:href="#n_355" type="note">[355]</a>«—»O meine Ahnung, meine Ahnung!«rief Mina aus,»ja, ich wei&#xDF; es l&#xE4;ngst, er hat keinen Schatten!«und sie warf sich in die Arme der Mutter, welche erschreckt, sie krampfhaft an sich schlie&#xDF;end, ihr Vorw&#xFC;rfe machte, dass sie zum Unheil solch ein Geheimnis in sich verschlossen. Sie aber war, wie Arethusa, in einen Tr&#xE4;nenquell gewandelt, der beim Klang meiner Stimme h&#xE4;ufiger flo&#xDF;, und bei meinem Nahen st&#xFC;rmisch aufbrauste.</p><p>«Und Sie haben«, hub der Forstmeister grimmig wieder an,»und Sie haben mit unerh&#xF6;rter Frechheit diese und mich zu betr&#xFC;gen keinen Anstand genommen; und Sie geben vor, sie zu lieben, die Sie so weit heruntergebracht haben? Sehen Sie, wie sie da weint und ringt. O schrecklich! schrecklich!»—</p><p>Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, dass ich, wie irre redend, anfing: Es w&#xE4;re doch am Ende ein Schatten, nichts als ein Schatten, man k&#xF6;nne auch ohne das fertig werden, und es w&#xE4;re nicht der M&#xFC;he wert, solchen L&#xE4;rm davon zu erheben. Aber ich f&#xFC;hlte so sehr den Ungrund von dem, was ich sprach, dass ich von selbst aufh&#xF6;rte, ohne dass er mich einer Antwort gew&#xFC;rdigt. Ich f&#xFC;gte noch hinzu: was man einmal verloren, k&#xF6;nne man ein andermal wieder finden.</p><p>Er fuhr mich zornig an. – »Gestehen Sie mir’s, mein Herr, gestehen Sie mir’s, wie sind Sie um Ihren Schatten gekommen?«Ich musste wieder l&#xFC;gen:»Es trat mir dereinst ein ungeschlachter Mann so fl&#xE4;misch<a l:href="#n_356" type="note">[356]</a> in meinen Schatten, dass er ein gro&#xDF;es Loch darein ri&#xDF; – ich habe ihn nur zum Ausbessern gegeben, denn Gold vermag viel, ich habe ihn schon gestern wieder bekommen sollen.»—</p><p>«Wohl, mein Herr, ganz wohl!«erwiderte der Forstmeister,»Sie werben um meine Tochter, das tun auch andere, ich habe als ein Vater f&#xFC;r sie zu sorgen, ich gebe Ihnen drei Tage Frist, binnen welcher Sie sich nach einem Schatten umtun m&#xF6;gen; erscheinen Sie binnen drei Tagen vor mir mit einem wohlangepa&#xDF;ten Schatten, so sollen Sie mir willkommen sein: am vierten Tage aber – das sag ich Ihnen – ist meine Tochter die Frau eines andern.«– Ich wollte noch versuchen, ein Wort an Mina zu richten, aber sie schlo&#xDF; sich, heftiger schluchzend, fester an ihre Mutter, und diese winkte mir stillschweigend, mich zu entfernen. Ich schwankte hinweg, und mir war’s, als schl&#xF6;sse sich hinter mir die Welt zu.</p><p>Der liebevollen Aufsicht Bendels entsprungen, durchschweifte ich in irrem Lauf W&#xE4;lder und Fluren. Angstschwei&#xDF; troff von meiner Stirne, ein dumpfes St&#xF6;hnen entrang sich meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn. —</p><p>Ich wei&#xDF; nicht, wie lange es so gedauert haben mochte, als ich mich auf einer sonnigen Heide beim &#xC4;rmel anhalten f&#xFC;hlte. – Ich stand still und sah mich um – es war der Mann im grauen Rock, der sich nach mir au&#xDF;er Atem gelaufen zu haben schien. Er nahm sogleich das Wort:</p><p>«Ich hatte mich auf den heutigen Tag angemeldet, Sie haben die Zeit nicht erwarten k&#xF6;nnen. Es steht aber alles noch gut, Sie nehmen Rat an, tauschen Ihren Schatten wieder ein, der Ihnen zu Gebote steht, und kehren sogleich wieder um. Sie sollen in dem F&#xF6;rstergarten willkommen sein, und alles ist nur ein Scherz gewesen; den Rascal, der Sie verraten hat und um ihre Braut wirbt, nehm ich auf mich, der Kerl ist reif.»</p><p>Ich stand noch wie im Schlafe da. – »Auf den heutigen Tag angemeldet —?«ich &#xFC;berdachte noch einmal die Zeit – er hatte Recht, ich hatte mich stets um einen Tag verrechnet. Ich suchte mit der rechten Hand nach dem S&#xE4;ckel auf meiner Brust – er erriet meine Meinung, und trat zwei Schritte zur&#xFC;ck.</p><p>«Nein, Herr Graf, der ist in zu guten H&#xE4;nden, den behalten Sie.«– Ich sah ihn mit stieren Augen, verwundert fragend an, er fuhr fort:»Ich erbitte mir blo&#xDF; eine Kleinigkeit zum Andenken, Sie sind nur so gut, und unterschreiben mir den Zettel da.«– Auf dem Pergament standen die Worte:</p><p>«Kraft dieser meiner Unterschrift vermache ich dem Inhaber dieses meine Seele nach ihrer nat&#xFC;rlichen Trennung von meinem Leibe.»</p><p>Ich sah mit stummem Staunen die Schrift und den grauen Unbekannten abwechselnd an. – Er hatte unterdessen mit einer neu geschnittenen Feder einen Tropfen Bluts aufgefangen, der mir aus einem frischen Dornenri&#xDF; auf die Hand flo&#xDF;, und hielt sie mir hin. —</p><p>«Wer sind Sie denn?«frug ich ihn endlich.»Was tut’s«, gab er mir zur Antwort,»und sieht man es mir nicht an? Ein armer Teufel, gleichsam so eine Art von Gelehrten und Physikus, der von seinen Freunden f&#xFC;r vortreffliche K&#xFC;nste schlechten Dank erntet, und f&#xFC;r sich selber auf Erden keinen andern Spa&#xDF; hat, als sein bi&#xDF;chen Experimentieren – aber unterschreiben Sie doch. Rechts, da unten: Peter Schlemihl.»</p><p>Ich sch&#xFC;ttelte mit dem Kopf und sagte:»Verzeihen Sie, mein Herr, das unterschreibe ich nicht.«—»Nicht?«wiederholte er verwundert,»und warum nicht?»—</p><p>«Es scheint mir doch gewisserma&#xDF;en bedenklich, meine Seele an meinen Schatten zu setzen.«—»So, so!«wiederholte er,»bedenklich«, und er brach in ein lautes Gel&#xE4;chter gegen mich aus.»Und, wenn ich fragen darf, was ist denn das f&#xFC;r ein Ding, Ihre Seele? haben Sie es je gesehen, und was denken Sie damit anzufangen, wenn Sie einst tot sind? Seien Sie doch froh, einen Liebhaber zu finden, der Ihnen bei Lebenszeit noch den Nachla&#xDF; dieses X, dieser galvanischen Kraft oder polarisierenden Wirksamkeit, und was alles das n&#xE4;rrische Ding sein soll, mit etwas Wirklichem bezahlen will, n&#xE4;mlich mit Ihrem leibhaftigen Schatten, durch den Sie zu der Hand Ihrer Geliebten und zu der Erf&#xFC;llung aller Ihrer W&#xFC;nsche gelangen k&#xF6;nnen. Wollen Sie lieber selbst das arme junge Blut dem niedertr&#xE4;chtigen Schurken, dem Rascal, zusto&#xDF;en und ausliefern? – Nein, das m&#xFC;ssen Sie doch mit eigenen Augen ansehen; kommen Sie, ich leihe Ihnen die Tarnkappe<a l:href="#n_357" type="note">[357]</a> hier«, (er zog etwas aus der Tasche)»und wir wallfahrten ungesehen nach dem F&#xF6;rstergarten.»—</p><p>Ich muss gestehen, dass ich mich &#xFC;beraus sch&#xE4;mte, von diesem Manne ausgelacht zu werden. Er war mir von Herzensgrunde verha&#xDF;t, und ich glaube, dass mich dieser pers&#xF6;nliche Widerwille mehr als Grunds&#xE4;tze oder Vorurteile abhielt, meinen Schatten, so notwendig er mir auch war, mit der begehrten Unterschrift zu erkaufen. Auch war mir der Gedanke unertr&#xE4;glich, den Gang, den er mir antrug, in seiner Gesellschaft zu unternehmen. Diesen h&#xE4;&#xDF;lichen Schleicher, diesen hohnl&#xE4;chelnden Kobold,<a l:href="#n_358" type="note">[358]</a> zwischen mich und meine Geliebte, zwei blutig zerrissene Herzen, sp&#xF6;ttisch hintreten zu sehen, emp&#xF6;rte mein innigstes Gef&#xFC;hl. Ich nahm, was geschehen war, als verh&#xE4;ngt an, mein Elend als unabwendbar, und mich zu dem Manne kehrend, sagte ich ihm:</p><p>«Mein Herr, ich habe Ihnen meinen Schatten f&#xFC;r diesen an sich sehr vorz&#xFC;glichen S&#xE4;ckel verkauft, und es hat mich genug gereut. Kann der Handel zur&#xFC;ckgehen, in Gottes Namen!«Er sch&#xFC;ttelte mit dem Kopf und zog ein sehr finsteres Gesicht. Ich fuhr fort: —»So will ich Ihnen auch weiter nichts von meiner Habe verkaufen, sei es auch um den angebotenen Preis meines Schattens, und unterschreibe also nichts. Daraus l&#xE4;&#xDF;t sich auch abnehmen, dass die Verkappung, zu der Sie mich einladen, ungleich belustigender f&#xFC;r Sie als f&#xFC;r mich ausfallen m&#xFC;&#xDF;te; halten Sie mich also f&#xFC;r entschuldigt, und da es einmal nicht anders ist, – la&#xDF;t uns scheiden!»—</p><p>«Es ist mir leid, Monsieur Schlemihl, dass Sie eigensinnig das Gesch&#xE4;ft von der Hand weisen, das ich Ihnen freundschaftlich anbot. Indessen, vielleicht bin ich ein andermal gl&#xFC;cklicher. Auf baldiges Wiedersehen! – A propos,<a l:href="#n_359" type="note">[359]</a> erlauben Sie mir noch, Ihnen zu zeigen, dass ich die Sachen, die ich kaufe, keineswegs verschimmeln<a l:href="#n_360" type="note">[360]</a> lasse, sondern in Ehren halte, und dass sie bei mir gut aufgehoben sind.»—</p><p>Er zog sogleich meinen Schatten aus seiner Tasche, und ihn mit einem geschickten Wurf auf der Heide entfaltend, breitete er ihn auf der Sonnenseite zu seinen F&#xFC;&#xDF;en aus, so, dass er zwischen den beiden ihm aufwartenden Schatten, dem meinen und dem seinen, daher ging, denn meiner musste ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen sich richten und bequemen.</p><p>Als ich nach so langer Zeit einmal meinen armen Schatten wieder sah, und ihn zu solchem schn&#xF6;den Dienst herabgew&#xFC;rdigt fand, eben als ich um seinetwillen in so namenloser Not war, da brach mir das Herz, und ich fing bitterlich zu weinen an. Der Verha&#xDF;te stolzierte<a l:href="#n_361" type="note">[361]</a> mit dem mir abgejagten Raub, und erneuerte unversch&#xE4;mt seinen Antrag:</p><p>«Noch ist er f&#xFC;r Sie zu haben, ein Federzug, und Sie retten damit die arme ungl&#xFC;ckliche Mina aus des Schusters Klauen in des hochgeehrten Herrn Grafen Arme – wie gesagt, nur ein Federzug. «Meine Tr&#xE4;nen brachen mit erneuter Kraft hervor, aber ich wandte mich weg, und winkte ihm, sich zu entfernen.</p><p>Bendel, der voller Sorgen meine Spuren bis hieher verfolgt hatte, traf in diesem Augenblick ein. Als mich die treue, fromme Seele weinend fand, und meinen Schatten, denn er war nicht zu verkennen, in der Gewalt des wunderlichen grauen Unbekannten sah, beschlo&#xDF; er gleich, sei es auch mit Gewalt, mich in den Besitz meines Eigentums wieder herzustellen, und da er selbst mit dem zarten Dinge nicht umzugehen verstand, griff er gleich den Mann mit Worten an, und ohne vieles Fragen, gebot er ihm stracks, mir das Meine unverz&#xFC;glich verabfolgen zu lassen. Dieser, statt aller Antwort, kehrte dem unschuldigen Burschen den R&#xFC;cken und ging. Bendel aber erhob den Kreuzdornkn&#xFC;ttel, den er trug, und, ihm auf den Fersen folgend, lie&#xDF; er ihn schonungslos unter wiederholtem Befehl, den Schatten herzugeben, die volle Kraft seines nervichten Armes f&#xFC;hlen. Jener, als sei er solcher Behandlung gewohnt, b&#xFC;ckte den Kopf, w&#xF6;lbte die Schultern, und zog stillschweigend ruhigen Schrittes seinen Weg &#xFC;ber die Heide weiter, mir meinen Schatten zugleich und meinen treuen Diener entf&#xFC;hrend. Ich h&#xF6;rte lange noch den dumpfen Schall durch die Ein&#xF6;de<a l:href="#n_362" type="note">[362]</a> dr&#xF6;hnen, bis er sich endlich in der Entfernung verlor. Einsam war ich wie vorher mit meinem Ungl&#xFC;ck.</p></section><section><title><p>VI</p></title><p>Allein zur&#xFC;ckgeblieben auf der &#xF6;den Heide, lie&#xDF; ich unendlichen Tr&#xE4;nen freien Lauf, mein armes Herz von namenloser banger Last erleichternd. Aber ich sah meinem &#xFC;berschwenglichen Elend keine Grenzen, keinen Ausgang, kein Ziel, und ich sog besonders mit grimmigem Durst an dem neuen Gifte, das der Unbekannte in meine Wunden gegossen. Als ich Minas Bild vor meine Seele rief, und die geliebte, s&#xFC;&#xDF;e Gestalt bleich und in Tr&#xE4;nen mir erschien, wie ich sie zuletzt in meiner Schmach<a l:href="#n_363" type="note">[363]</a> gesehen, da trat frech und h&#xF6;hnend Rascals Schemen zwischen sie und mich, ich verh&#xFC;llte mein Gesicht und floh durch die Ein&#xF6;de, aber die scheu&#xDF;liche Erscheinung gab mich nicht frei, sondern verfolgte mich im Laufe, bis ich atemlos an den Boden sank, und die Erde mit erneuertem Tr&#xE4;nenquell befeuchtete.</p><p>Und alles um einen Schatten! Und diesen Schatten h&#xE4;tte mir ein Federzug<a l:href="#n_364" type="note">[364]</a> wieder erworben. Ich &#xFC;berdachte den befremdenden Antrag und meine Weigerung. Es war w&#xFC;st in mir, ich hatte weder Urteil noch Fassungsverm&#xF6;gen mehr.</p><p>Der Tag verging. Ich stillte meinen Hunger mit wilden Fr&#xFC;chten, meinen Durst im n&#xE4;chsten Bergstrom; die Nacht brach ein, ich lagerte mich unter einem Baum. Der feuchte Morgen weckte mich aus einem schweren Schlaf, in dem ich mich selber wie im Tode r&#xF6;cheln h&#xF6;rte. Bendel musste meine Spur verloren haben, und es freute mich, es zu denken. Ich wollte nicht unter die Menschen zur&#xFC;ckkehren, vor welchen ich schreckhaft floh, wie das scheue Wild des Gebirges. So verlebte ich drei bange Tage.</p><p>Ich befand mich am Morgen des vierten auf einer sandigen Ebene, welche die Sonne beschien, und sa&#xDF; auf Felsentr&#xFC;mmern in ihrem Strahl, denn ich liebte jetzt, ihren lang entbehrten Anblick zu genie&#xDF;en. Ich n&#xE4;hrte still mein Herz mit seiner Verzweiflung. Da schreckte mich ein leises Ger&#xE4;usch auf, ich warf, zur Flucht bereit, den Blick um mich her, ich sah niemand: aber es kam auf dem sonnigen Sande an mir vorbei geglitten ein Menschenschatten, dem meinigen nicht un&#xE4;hnlich, welcher, allein daher wandelnd, von seinem Herrn abgekommen zu sein schien.</p><p>Da erwachte in mir ein m&#xE4;chtiger Trieb: Schatten, dacht ich, suchst du deinen Herrn? der will ich sein. Und ich sprang hinzu, mich seiner zu bem&#xE4;chtigen; ich dachte n&#xE4;mlich, dass, wenn es mir gl&#xFC;ckte, in seine Spur zu treten, so, dass er mir an die F&#xFC;&#xDF;e k&#xE4;me, er wohl daran h&#xE4;ngen bleiben w&#xFC;rde, und sich mit der Zeit an mich gew&#xF6;hnen.</p><p>Der Schatten, auf meine Bewegung, nahm vor mir die Flucht, und ich musste auf den leichten Fl&#xFC;chtling eine angestrengte Jagd beginnen, zu der mich allein der Gedanke, mich aus der furchtbaren Lage, in der ich war, zu retten, mit hinreichenden Kr&#xE4;ften ausr&#xFC;sten konnte. Er floh einem freilich noch entfernten Walde zu, in dessen Schatten ich ihn notwendig h&#xE4;tte verlieren m&#xFC;ssen, – ich sah’s, ein Schreck durchzuckte mir das Herz, fachte meine Begierde an, befl&#xFC;gelte meinen Lauf – ich gewann sichtbarlich auf den Schatten, ich kam ihm nach und nach n&#xE4;her, ich musste ihn erreichen. Nun hielt er pl&#xF6;tzlich an und kehrte sich nach mir um. Wie der L&#xF6;we auf seine Beute, so scho&#xDF; ich mit einem gewaltigen Sprunge hinzu, um ihn in Besitz zu nehmen – und traf unerwartet und hart auf k&#xF6;rperlichen Widerstand. Es wurden mir unsichtbar die unerh&#xF6;rtesten Rippenst&#xF6;&#xDF;e erteilt, die wohl je ein Mensch gef&#xFC;hlt hat.</p><p>Die Wirkung des Schreckens war in mir, die Arme krampfhaft zuzuschlagen und fest zu dr&#xFC;cken, was ungesehen vor mir stand. Ich st&#xFC;rzte in der schnellen Handlung vorw&#xE4;rts gestreckt auf den Boden; r&#xFC;ckw&#xE4;rts aber unter mir ein Mensch, den ich umfa&#xDF;t hielt, und der jetzt erst sichtbar erschien.</p><p>Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr nat&#xFC;rlich erkl&#xE4;rbar. Der Mann musste das unsichtbare Vogelnest, welches den, der es h&#xE4;lt, nicht aber seinen Schatten, unsichtbar macht, erst getragen und jetzt weggeworfen haben. Ich sp&#xE4;hete mit dem Blick umher, entdeckte gar bald den Schatten des unsichtbaren Nestes selbst, sprang auf und hinzu, und verfehlte nicht den teuern Raub. Ich hielt unsichtbar, schattenlos das Nest in H&#xE4;nden.</p><p>Der schnell sich aufrichtende Mann, sich sogleich nach seinem begl&#xFC;ckten Bezwinger umsehend, erblickte auf der weiten sonnigen Ebene weder ihn, noch dessen Schatten, nach dem er besonders &#xE4;ngstlich umher lauschte. Denn dass ich an und f&#xFC;r mich schattenlos war, hatte er vorher nicht Musse gehabt zu bemerken, und konnte es nicht vermuten. Als er sich &#xFC;berzeugt, dass jede Spur verschwunden, kehrte er in der h&#xF6;chsten Verzweiflung die Hand gegen sich selber und raufte sich das Haar aus.<a l:href="#n_365" type="note">[365]</a> Mir aber gab der errungene Schatz die M&#xF6;glichkeit und die Begierde zugleich, mich wieder unter die Menschen zu mischen. Es fehlte mir nicht an Vorwand gegen mich selber, meinen schn&#xF6;den Raub zu besch&#xF6;nigen, oder vielmehr, ich bedurfte solches nicht, und jedem Gedanken der Art zu entweichen eilte ich hinweg, nach dem Ungl&#xFC;cklichen nicht zur&#xFC;ckschauend, dessen &#xE4;ngstliche Stimme ich mir noch lange nachschallen h&#xF6;rte. So wenigstens kamen mir damals alle Umst&#xE4;nde dieses Ereignisses vor.</p><p>Ich brannte nach dem F&#xF6;rstergarten zu gehen, und durch mich selbst die Wahrheit dessen zu erkennen, was mir jener Verhafte verk&#xFC;ndigt hatte; ich wu&#xDF;te aber nicht, wo ich war, ich bestieg, um mich in der Gegend umzuschauen, den n&#xE4;chsten H&#xFC;gel, ich sah von seinem Gipfel das nahe St&#xE4;dtchen und den F&#xF6;rstergarten zu meinen F&#xFC;&#xDF;en liegen. – Heftig klopfte mir das Herz, und Tr&#xE4;nen einer andern Art, als die ich bis dahin vergossen, traten mir in die Augen: ich sollte sie wiedersehen. – Bange Sehnsucht beschleunigte meine Schritte auf dem richtigsten Pfad hinab. Ich kam ungesehen an einigen Bauern vorbei, die aus der Stadt kamen. Sie sprachen von mir, Rascaln und dem F&#xF6;rster; ich wollte nichts anh&#xF6;ren, ich eilte vor&#xFC;ber.</p><p>Ich trat in den Garten, alle Schauer der Erwartung in der Brust – mir schallte es wie ein Lachen entgegen, mich schauderte, ich warf einen schnellen Blick um mich her; ich konnte niemanden entdecken. Ich schritt weiter vor, mir war’s, als vern&#xE4;hme ich neben mir ein Ger&#xE4;usch wie von Menschentritten; es war aber nichts zu sehen: ich dachte mich von meinem Ohre get&#xE4;uscht. Es war noch fr&#xFC;h, niemand in Graf Peters Laube, noch leer der Garten; ich durchschweifte die bekannten G&#xE4;nge, ich drang bis nach dem Wohnhause vor. Dasselbe Ger&#xE4;usch verfolgte mich vernehmlicher. Ich setzte mich mit angstvollem Herzen auf eine Bank, die im sonnigen Raume der Haust&#xFC;r gegen&#xFC;ber stand. Es ward mir, als h&#xF6;rte ich den ungesehenen Kobold sich hohnlachend neben mich setzen. Der Schl&#xFC;ssel ward in der T&#xFC;r gedreht, sie ging auf, der Forstmeister trat heraus, mit Papieren in der Hand. Ich f&#xFC;hlte mir wie Nebel &#xFC;ber den Kopf ziehn, ich sah mich um, und – Entsetzen! – der Mann im grauen Rock sa&#xDF; neben mir, mit satanischem L&#xE4;cheln auf mich blickend. – Er hatte mir seine Tarnkappe mit &#xFC;ber den Kopf gezogen, zu seinen F&#xFC;&#xDF;en lagen sein und mein Schatten friedlich neben einander; er spielte nachl&#xE4;ssig mit dem bekannten Pergament, das er in der Hand hielt, und, indem der Forstmeister mit den Papieren besch&#xE4;ftigt im Schatten der Laube auf- und abging – beugte er sich vertraulich zu meinem Ohr und fl&#xFC;sterte mir die Worte:</p><p>«So h&#xE4;tten Sie denn doch meine Einladung angenommen, und da s&#xE4;&#xDF;en wir einmal zwei K&#xF6;pfe unter einer Kappe! – Schon recht! schon recht! Nun geben Sie mir aber auch mein Vogelnest zur&#xFC;ck, Sie brauchen es nicht mehr, und sind ein zu ehrlicher Mann, um es mir vorenthalten zu wollen – doch keinen Dank daf&#xFC;r, ich versichere Sie, dass ich es Ihnen von Herzen gern geliehen habe.«– Er nahm es unweigerlich aus meiner Hand, steckte es in die Tasche und lachte mich abermals aus, und zwar so laut, dass sich der Forstmeister nach dem Ger&#xE4;usch umsah. – Ich sa&#xDF; wie versteinert da.</p><p>«Sie m&#xFC;ssen mir doch gestehen«, fuhr er fort,»dass so eine Kappe viel bequemer ist. Sie deckt doch nicht nur ihren Mann, sondern auch seinen Schatten mit, und noch so viele andere, als er mit zu nehmen Lust hat. Sehen Sie, heute f&#xFC;hr ich wieder ihrer zwei.«– Er lachte wieder.»Merken Sie sich’s, Schlemihl, was man anfangs mit Gutem nicht will, das muss man am Ende doch gezwungen. Ich d&#xE4;chte noch, Sie kauften mir das Ding ab, n&#xE4;hmen die Braut zur&#xFC;ck (denn noch ist es Zeit), und wir lie&#xDF;en den Rascal am Galgen baumeln, das wird uns ein Leichtes, so lange es am Stricke nicht fehlt. – H&#xF6;ren Sie, ich gebe Ihnen noch meine M&#xFC;tze in den Kauf.»</p><p>Die Mutter trat heraus und das Gespr&#xE4;ch begann. – »Was macht Mina?«—»Sie weint.«—»Einf&#xE4;ltiges Kind! es ist doch nicht zu &#xE4;ndern!«—»Freilich nicht; aber sie so fr&#xFC;h einem andern zu geben – O Mann, du bist grausam gegen dein eigenes Kind.«—»Nein, Mutter, das siehst du sehr falsch. Wenn sie, noch bevor sie ihre doch kindischen Tr&#xE4;nen ausgeweint hat, sich als die Frau eines sehr reichen und geehrten Mannes findet, wird sie getr&#xF6;stet aus ihrem Schmerze wie aus einem Traum erwachen, und Gott und uns danken, das wirst du sehen!«—»Gott gebe es!«—»Sie besitzt freilich jetzt sehr ansehnliche G&#xFC;ter; aber nach dem Aufsehen, das die ungl&#xFC;ckliche Geschichte mit dem Abenteurer gemacht hat, glaubst du, dass sich sobald eine andere, f&#xFC;r sie so passende Partie, als der Herr Rascal, finden m&#xF6;chte? Wei&#xDF;t du, was f&#xFC;r ein Verm&#xF6;gen er besitzt, der Herr Rascal? Er hat f&#xFC;r sechs Millionen G&#xFC;ter hier im Lande, frei von allen Schulden, bar bezahlt. Ich habe die Dokumente in H&#xE4;nden gehabt! Er war’s, der mir &#xFC;berall das Beste vorweg genommen hat; und au&#xDF;erdem im Portefeuille Papiere auf Thomas John f&#xFC;r circa viertehalb Millionen.«—»Er muss sehr viel gestohlen haben.«—»Was sind das wieder f&#xFC;r Reden! Er hat weislich gespart, wo verschwendet wurde.«—»Ein Mann, der die Livree getragen hat.«—»Dummes Zeug! er hat doch einen untadlichen Schatten.«—»Du hast Recht, aber – »</p><p>Der Mann im grauen Rock lachte und sah mich an. Die T&#xFC;re ging auf, und Mina trat heraus. Sie st&#xFC;tzte sich auf den Arm einer Kammerfrau, stille Tr&#xE4;nen flossen auf ihre sch&#xF6;nen blassen Wangen. Sie setzte sich in einen Sessel, der f&#xFC;r sie unter den Linden bereitet war, und ihr Vater nahm einen Stuhl neben ihr. Er fa&#xDF;te z&#xE4;rtlich ihre Hand, und redete sie, die heftiger zu weinen anfing, mit zarten Worten an:</p><p>«Du bist mein gutes, liebes Kind, du wirst auch vern&#xFC;nftig sein, wirst nicht deinen alten Vater betr&#xFC;ben wollen, der nur dein Gl&#xFC;ck will; ich begreife es wohl, liebes Herz, dass es dich sehr ersch&#xFC;ttert hat, du bist wunderbar deinem Ungl&#xFC;ck entkommen! Bevor wir den sch&#xE4;ndlichen Betrug entdeckt, hast du diesen Unw&#xFC;rdigen sehr geliebt; siehe, Mina, ich wei&#xDF; es, und mache dir keine Vorw&#xFC;rfe dar&#xFC;ber. Ich selber, liebes Kind, habe ihn auch geliebt, so lange ich ihn f&#xFC;r einen gro&#xDF;en Herrn angesehen habe. Nun siehst du selber ein, wie anders alles geworden. Was! ein jeder Pudel hat ja seinen Schatten, und mein liebes einziges Kind sollte einen Mann – Nein, du denkst auch gar nicht mehr an ihn. – H&#xF6;re, Mina, nun wirbt ein Mann um dich, der die Sonne nicht scheut, ein geehrter Mann, der freilich kein F&#xFC;rst ist, aber zehn Millionen, zehnmal mehr als du in Verm&#xF6;gen besitzt, ein Mann, der mein liebes Kind gl&#xFC;cklich machen wird. Erwidere mir nichts, widersetze dich nicht, sei meine gute, gehorsame Tochter, la&#xDF; deinen liebenden Vater f&#xFC;r dich sorgen, deine Tr&#xE4;nen trocknen. Versprich mir, dem Herrn Rascal deine Hand zu geben. – Sage, willst du mir dies versprechen?»—</p><p>Sie antwortete mit erstorbener Stimme:»Ich habe keinen Willen, keinen Wunsch f&#xFC;rder auf Erden. Geschehe mit mir, was mein Vater will. «Zugleich ward Herr Rascal angemeldet, und trat frech in den Kreis. Mina lag in Ohnmacht. Mein verha&#xDF;ter Gef&#xE4;hrte blickte mich zornig an und fl&#xFC;sterte mir die schnellen Worte:»Und das k&#xF6;nnten Sie erdulden! Was flie&#xDF;t Ihnen denn statt des Blutes in den Adern?«Er ritzte mir mit einer raschen Bewegung eine leichte Wunde in die Hand, es flo&#xDF; Blut, er fuhr fort:»Wahrhaftig! rotes Blut! – So unterschreiben Sie!«Ich hatte das Pergament und die Feder in H&#xE4;nden.</p></section><section><title><p>VII</p></title><p>Ich werde mich Deinem Urteile blo&#xDF; stellen, lieber Chamisso, und es nicht zu bestechen suchen. Ich selbst habe lange strenges Gericht an mir selber vollzogen, denn ich habe den qu&#xE4;lenden Wurm in meinem Herzen gen&#xE4;hrt. Es schwebte immerw&#xE4;hrend dieser ernste Moment meines Lebens vor meiner Seele, und ich vermocht es nur zweifelnden Blickes, mit Demut und Zerknirschung anzuschauen. – Lieber Freund, wer leichtsinnig nur den Fu&#xDF; aus der geraden Stra&#xDF;e setzt, der wird unversehens in andere Pfade abgef&#xFC;hrt, die abw&#xE4;rts und immer abw&#xE4;rts ihn ziehen; er sieht dann umsonst die Leitsterne am Himmel schimmern, ihm bleibt keine Wahl, er muss unaufhaltsam den Abhang hinab, und sich selbst der Nemesis<a l:href="#n_366" type="note">[366]</a> opfern. Nach dem &#xFC;bereilten Fehltritt, der den Fluch auf mich geladen, hatt ich durch Liebe frevelnd<a l:href="#n_367" type="note">[367]</a> in eines andern Wesens Schicksal mich gedr&#xE4;ngt; was blieb mir &#xFC;brig, als, wo ich Verderben ges&#xE4;et, wo schnelle Rettung von mir geheischt<a l:href="#n_368" type="note">[368]</a> ward, eben rettend blindlings hinzu zu springen? denn die letzte Stunde schlug. – Denke nicht so niedrig von mir, mein Adelbert, als zu meinen, es h&#xE4;tte mich irgend ein geforderter Preis zu teuer ged&#xFC;nkt, ich h&#xE4;tte mit irgend etwas, was nur mein war, mehr als eben mit Gold gekargt. – Nein, Adelbert; aber mit un&#xFC;berwindlichem Hasse gegen diesen r&#xE4;tselhaften Schleicher auf krummen Wegen war meine Seele angef&#xFC;llt. Ich mochte ihm Unrecht tun, doch emp&#xF6;rte mich jede Gemeinschaft mit ihm. – Auch hier trat, wie so oft schon in mein Leben, und wie &#xFC;berhaupt so oft in die Weltgeschichte, ein Ereignis an die Stelle einer Tat. Sp&#xE4;ter habe ich mich mit mir selber vers&#xF6;hnt. Ich habe erstlich die Notwendigkeit verehren lernen, und was ist mehr als die getane Tat, das geschehene Ereignis, ihr Eigentum! Dann hab ich auch diese Notwendigkeit als eine weise F&#xFC;gung verehren lernen, die durch das gesamte gro&#xDF;e Getrieb weht, darin wir blo&#xDF; als mitwirkende, getriebene treibende R&#xE4;der eingreifen; was sein soll, muss geschehen, was sein sollte, geschah, und nicht ohne jene F&#xFC;gung, die ich endlich noch in meinem Schicksale und dem Schicksale derer, die das meine mit angriff, verehren lernte.</p><p>Ich wei&#xDF; nicht, ob ich es der Spannung meiner Seele, unter dem Drange so m&#xE4;chtiger Empfindungen, zuschreiben soll, ob der Ersch&#xF6;pfung meiner physischen Kr&#xE4;fte, die w&#xE4;hrend der letzten Tage ungewohntes Darben geschw&#xE4;cht, ob endlich dem zerst&#xF6;renden Aufruhr, den die N&#xE4;he dieses grauen Unholdes in meiner ganzen Natur erregte; genug, es befiel mich, als es an das Unterschreiben ging, eine tiefe Ohnmacht, und ich lag eine lange Zeit wie in den Armen des Todes.</p><p>Fu&#xDF;stampfen<a l:href="#n_369" type="note">[369]</a> und Fluchen waren die ersten T&#xF6;ne, die mein Ohr trafen, als ich zum Bewu&#xDF;tsein zur&#xFC;ckkehrte; ich &#xF6;ffnete die Augen, es war dunkel, mein verha&#xDF;ter Begleiter war scheltend um mich bem&#xFC;ht.»Hei&#xDF;t das nicht wie ein altes Weib sich auff&#xFC;hren! – Man raffe sich auf und vollziehe frisch, was man beschlossen, oder hat man sich anders besonnen, und will lieber greinen?<a l:href="#n_370" type="note">[370]</a>«– Ich richtete mich m&#xFC;hsam auf von der Erde, wo ich lag, und schaute schweigend um mich. Es war sp&#xE4;ter Abend, aus dem hellerleuchteten F&#xF6;rsterhause erscholl festliche Musik, einzelne Gruppen von Menschen wallten durch die G&#xE4;nge des Gartens. Ein paar traten im Gespr&#xE4;che n&#xE4;her und nahmen Platz auf der Bank, worauf ich fr&#xFC;her gesessen hatte. Sie unterhielten sich von der an diesem Morgen vollzogenen Verbindung des reichen Herrn Rascal mit der Tochter des Hauses. – Es war also geschehen. —</p><p>Ich streifte mit der Hand die Tarnkappe des sogleich mir verschwindenden Unbekannten von meinem Haupte weg, und eilte stillschweigend, in die tiefste Nacht des Geb&#xFC;sches mich versenkend, den Weg &#xFC;ber Graf Peters Laube einschlagend, dem Ausgange des Gartens zu. Unsichtbar aber geleitete mich mein Plagegeist, mich mit scharfen Worten verfolgend.»Das ist also der Dank f&#xFC;r die M&#xFC;he, die man genommen hat, Monsieur, der schwache Nerven hat, den langen lieben Tag hindurch zu pflegen. Und man soll den Narren im Spiele abgeben. Gut, Herr Trotzkopf, fliehn Sie nur vor mir, wir sind doch unzertrennlich. Sie haben mein Gold und ich Ihren Schatten; das l&#xE4;&#xDF;t uns beiden keine Ruhe. – Hat man je geh&#xF6;rt, dass ein Schatten von seinem Herrn gelassen h&#xE4;tte? Ihrer zieht mich Ihnen nach, bis Sie ihn wieder zu Gnaden annehmen und ich ihn los bin. Was Sie vers&#xE4;umt haben, aus frischer Lust zu tun, werden Sie, nur zu sp&#xE4;t, aus &#xDC;berdru&#xDF; und Langeweile nachholen m&#xFC;ssen; man entgeht seinem Schicksale nicht. «Er sprach aus demselben Tone fort und fort; ich floh umsonst, er lie&#xDF; nicht nach, und immer gegenw&#xE4;rtig, redete er h&#xF6;hnend von Gold und Schatten. Ich konnte zu keinem eigenen Gedanken kommen.</p><p>Ich hatte durch menschenleere Stra&#xDF;en einen Weg nach meinem Hause eingeschlagen. Als ich davor stand und es ansah, konnte ich es kaum erkennen; hinter den eingeschlagenen Fenstern brannte kein Licht. Die T&#xFC;ren waren zu, kein Dienervolk regte sich mehr darin. Er lachte laut auf neben mir:»Ja, ja, so geht’s! Aber Ihren Bendel finden Sie wohl daheim, den hat man j&#xFC;ngst vorsorglich so m&#xFC;de nach Hause geschickt, dass er es wohl seitdem geh&#xFC;tet haben wird. «Er lachte wieder.»Der wird Geschichten zu erz&#xE4;hlen haben! – Wohlan<a l:href="#n_371" type="note">[371]</a> denn! f&#xFC;r heute gute Nacht, auf baldiges Wiedersehen!»</p><p>Ich hatte wiederholt geklingelt, es erschien Licht; Bendel frug von innen, wer geklingelt habe. Als der gute Mann meine Stimme erkannte, konnte er seine Freude kaum b&#xE4;ndigen; die T&#xFC;r flog auf, wir lagen weinend einander in den Armen. Ich fand ihn sehr ver&#xE4;ndert, schwach und krank; mir war aber das Haar ganz grau geworden.</p><p>Er f&#xFC;hrte mich durch die ver&#xF6;deten Zimmer nach einem innern, verschont gebliebenen Gemach; er holte Speise und Trank herbei, wir setzten uns, er fing wieder an zu weinen. Er erz&#xE4;hlte mir, dass er letzthin den grau gekleideten d&#xFC;rren Mann, den er mit meinem Schatten angetroffen hatte, so lange und so weit geschlagen habe, bis er selbst meine Spur verloren und vor M&#xFC;digkeit hingesunken sei; dass nachher, wie er mich nicht wieder finden gekonnt, er nach Hause zur&#xFC;ckgekehrt, wo bald darauf der P&#xF6;bel, auf Rascals Anstiften, herangest&#xFC;rmt, die Fenster eingeschlagen und seine Zerst&#xF6;rungslust geb&#xFC;&#xDF;t. So hatten sie an ihrem Wohlt&#xE4;ter gehandelt. Meine Dienerschaft war aus einander geflohen. Die &#xF6;rtliche Polizei hatte mich als verd&#xE4;chtig aus der Stadt verwiesen, und mir eine Frist von vierundzwanzig Stunden festgesetzt, um deren Gebiet zu verlassen. Zu dem, was mir von Rascals Reichtum und Verm&#xE4;hlung bekannt war, wu&#xDF;te er noch vieles hinzuzuf&#xFC;gen. Dieser B&#xF6;sewicht, von dem alles ausgegangen, was hier gegen mich geschehen war, musste von Anbeginn<a l:href="#n_372" type="note">[372]</a> mein Geheimnis besessen haben, es schien, er habe, vom Golde angezogen, sich an mich zu dr&#xE4;ngen gewu&#xDF;t, und schon in der ersten Zeit einen Schl&#xFC;ssel zu jenem Goldschrank sich verschafft, wo er den Grund zu dem Verm&#xF6;gen gelegt, das noch zu vermehren er jetzt verschm&#xE4;hen konnte.</p><p>Das alles erz&#xE4;hlte mir Bendel unter h&#xE4;ufigen Tr&#xE4;nen, und weinte dann wieder vor Freuden, dass er mich wieder sah, mich wieder hatte, und dass, nachdem er lang gezweifelt, wohin das Ungl&#xFC;ck mich gebracht haben m&#xF6;chte, er mich es ruhig und gefa&#xDF;t ertragen sah. Denn solche Gestaltung hatte nun die Verzweiflung in mir genommen. Ich sah mein Elend riesengro&#xDF;, unwandelbar vor mir, ich hatte ihm meine Tr&#xE4;nen ausgeweint, es konnte kein Geschrei mehr aus meiner Brust pressen, ich trug ihm kalt und gleichg&#xFC;ltig mein entbl&#xF6;&#xDF;tes Haupt entgegen.</p><p>«Bendel«, hub ich an,»du wei&#xDF;t mein Los. Nicht ohne fr&#xFC;heres Verschulden trifft mich schwere Strafe. Du sollst l&#xE4;nger nicht, unschuldiger Mann, dein Schicksal an das meine binden, ich will es nicht. Ich reite die Nacht noch fort, sattle mir ein Pferd, ich reite allein; du bleibst, ich will’s. Es m&#xFC;ssen hier noch einige Kisten Goldes liegen, das behalte du. Ich werde allein unst&#xE4;t in der Welt wandern; wann mir aber je eine heitere Stunde wieder lacht und das Gl&#xFC;ck mich vers&#xF6;hnt anblickt, dann will ich deiner getreu gedenken, denn ich habe an deiner getreuen Brust in schweren, schmerzlichen Stunden geweint.»</p><p>Mit gebrochenem Herzen musste der Redliche diesem letzten Befehle seines Herrn, wor&#xFC;ber er in der Seele erschrak, gehorchen; ich war seinen Bitten, seinen Vorstellungen taub, blind seinen Tr&#xE4;nen; er f&#xFC;hrte mir das Pferd vor. Ich dr&#xFC;ckte noch einmal den Weinenden an meine Brust, schwang mich in den Sattel und entfernte mich unter dem Mantel der Nacht von dem Grabe meines Lebens, unbek&#xFC;mmert, welchen Weg mein Pferd mich f&#xFC;hren werde; denn ich hatte weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch, keine Hoffnung.</p></section><section><title><p>VIII</p></title><p>Es gesellte sich bald ein Fu&#xDF;g&#xE4;nger zu mir, welcher mich bat, nachdem er eine Weile neben meinem Pferde geschritten war, da wir doch denselben Weg hielten, einen Mantel, den er trug, hinten auf mein Pferd legen zu d&#xFC;rfen; ich lie&#xDF; es stillschweigend geschehen. Er dankte mir mit leichtem Anstand f&#xFC;r den leichten Dienst, lobte mein Pferd, nahm daraus Gelegenheit, das Gl&#xFC;ck und die Macht der Reichen hoch zu preisen, und lie&#xDF; sich, ich wei&#xDF; nicht wie, in eine Art von Selbstgespr&#xE4;ch ein, bei dem er mich blo&#xDF; zum Zuh&#xF6;rer hatte.</p><p>Er entfaltete seine Ansichten von dem Leben und der Welt, und kam sehr bald auf die Metaphysik, an die die Forderung erging, das Wort aufzufinden, das aller R&#xE4;tsel L&#xF6;sung sei. Er setzte die Aufgabe mit vieler Klarheit aus einander und schritt f&#xFC;rder zu deren Beantwortung.</p><p>Du wei&#xDF;t, mein Freund, dass ich deutlich erkannt habe, seitdem ich den Philosophen durch die Schule gelaufen, dass ich zur philosophischen Spekulation keineswegs berufen bin, und dass ich mir dieses Feld v&#xF6;llig abgesprochen habe; ich habe seither vieles auf sich beruhen lassen, vieles zu wissen und zu begreifen Verzicht geleistet, und bin, wie du es mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der Stimme in mir, so viel es in meiner Macht gewesen, auf dem eigenen Wege gefolgt. Nun schien mir dieser Redek&#xFC;nstler mit gro&#xDF;em Talent ein fest gef&#xFC;gtes Geb&#xE4;ude aufzuf&#xFC;hren, das in sich selbst begr&#xFC;ndet sich emportrug, und wie durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermi&#xDF;t ich ganz in ihm, was ich eben darin h&#xE4;tte suchen wollen, und so ward es mir zu einem blo&#xDF;en Kunstwerk, dessen zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem Auge allein zur Erg&#xF6;tzung<a l:href="#n_373" type="note">[373]</a> diente; aber ich h&#xF6;rte dem wohlberedten Manne gerne zu, der meine Aufmerksamkeit von meinen Leiden auf sich selbst abgelenkt, und ich h&#xE4;tte mich ihm willig ergeben, wenn er meine Seele wie meinen Verstand in Anspruch genommen h&#xE4;tte.</p><p>Mittlerweile war die Zeit hingegangen, und unbemerkt hatte schon die Morgend&#xE4;mmerung den Himmel erhellt; ich erschrak, als ich mit einem Mal aufblickte und im Osten die Pracht der Farben sich entfalten sah, die die nahe Sonne verk&#xFC;nden, und gegen sie war in dieser Stunde, wo die Schlagschatten mit ihrer ganzen Ausdehnung prunken, kein Schutz, kein Bollwerk in der offenen Gegend zu ersehn! und ich war nicht allein! Ich warf einen Blick auf meinen Begleiter, und erschrak wieder. – Es war kein anderer, als der Mann im grauen Rock.</p><p>Er l&#xE4;chelte &#xFC;ber meine Best&#xFC;rzung, und fuhr fort, ohne mich zum Wort kommen zu lassen:»La&#xDF;t doch, wie es einmal in der Welt Sitte ist, unsern wechselseitigen Vorteil uns auf eine Weile verbinden, zu scheiden haben wir immer noch Zeit. Die Stra&#xDF;e hier l&#xE4;ngs dem Gebirge, ob Sie gleich noch nicht daran gedacht haben, ist doch die einzige, die Sie vern&#xFC;nftiger Weise einschlagen k&#xF6;nnen; hinab in das Tal d&#xFC;rfen Sie nicht, und &#xFC;ber das Gebirg werden Sie noch weniger zur&#xFC;ckkehren wollen, von wo Sie hergekommen sind – diese ist auch gerade meine Stra&#xDF;e. – Ich sehe Sie schon vor der aufgehenden Sonne erblassen. Ich will Ihnen Ihren Schatten auf die Zeit unserer Gesellschaft leihen, und Sie dulden mich daf&#xFC;r in Ihrer N&#xE4;he; Sie haben so Ihren Bendel nicht mehr bei sich; ich will Ihnen gute Dienste leisten. Sie lieben mich nicht, das ist mir leid. Sie k&#xF6;nnen mich darum doch benutzen. Der Teufel ist nicht so schwarz, als man ihn malt. Gestern haben Sie mich ge&#xE4;rgert, das ist wahr, heute will ich’s Ihnen nicht nachtragen, und ich habe Ihnen schon den Weg bis hieher verk&#xFC;rzt, das m&#xFC;ssen Sie selbst gestehen – Nehmen Sie doch nur einmal Ihren Schatten auf Probe wieder an.»</p><p>Die Sonne war aufgegangen, auf der Stra&#xDF;e kamen uns Menschen entgegen; ich nahm, obgleich mit innerlichem Widerwillen, den Antrag an. Er lie&#xDF; l&#xE4;chelnd meinen Schatten zur Erde gleiten, der alsbald seine Stelle auf des Pferdes Schatten einnahm und lustig neben mir hertrabte. Mir war sehr seltsam zu Mut. Ich ritt an einem Trupp Landleute vorbei, die vor einem wohlhabenden Mann ehrerbietig mit entbl&#xF6;&#xDF;tem Haupte Platz machten. Ich ritt weiter, und blickte gierigen Auges und klopfenden Herzens seitw&#xE4;rts vom Pferde herab auf diesen sonst meinen Schatten, den ich jetzt von einem Fremden, ja von einem Feinde, erborgt hatte.</p><p>Dieser ging unbek&#xFC;mmert neben her, und pfiff eben ein Liedchen. Er zu Fu&#xDF;, ich zu Pferd, ein Schwindel ergriff mich, die Versuchung war zu gro&#xDF;, ich wandte pl&#xF6;tzlich die Z&#xFC;gel, dr&#xFC;ckte beide Sporen an, und so in voller Carriere<a l:href="#n_374" type="note">[374]</a> einen Seitenweg eingeschlagen; aber ich entf&#xFC;hrte den Schatten nicht, der bei der Wendung vom Pferde glitt und seinen gesetzm&#xE4;&#xDF;igen Eigent&#xFC;mer auf der Landstra&#xDF;e erwartete. Ich musste besch&#xE4;mt umlenken; der Mann im grauen Rocke, als er ungest&#xF6;rt sein Liedchen zu Ende gebracht, lachte mich aus, setzte mir den Schatten wieder zurecht, und belehrte mich, er w&#xFC;rde erst an mir festhangen und bei mir bleiben wollen, wenn ich ihn wiederum als rechtm&#xE4;&#xDF;iges Eigentum besitzen w&#xFC;rde.»Ich halte Sie«, fuhr er fort,»am Schatten fest, und Sie kommen mir nicht los. Ein reicher Mann, wie Sie, braucht einmal einen Schatten, das ist nicht anders, Sie sind nur darin zu tadeln, dass Sie es nicht fr&#xFC;her eingesehen haben.»—</p><p>Ich setzte meine Reise auf derselben Stra&#xDF;e fort; es fanden sich bei mir alle Bequemlichkeiten des Lebens und selbst ihre Pracht wieder ein; ich konnte mich frei und leicht bewegen, da ich einen, obgleich nur erborgten, Schatten besa&#xDF;, und ich fl&#xF6;&#xDF;te &#xFC;berall die Ehrfurcht ein, die der Reichtum gebietet; aber ich hatte den Tod im Herzen. Mein wundersamer Begleiter, der sich selbst f&#xFC;r den unw&#xFC;rdigen Diener des reichsten Mannes in der Welt ausgab, war von einer au&#xDF;erordentlichen Dienstfertigkeit, &#xFC;ber die Ma&#xDF;en gewandt und geschickt, der wahre Inbegriff eines Kammerdieners f&#xFC;r einen reichen Mann, aber er wich nicht von meiner Seite, und f&#xFC;hrte unaufh&#xF6;rlich das Wort gegen mich, stets die gr&#xF6;&#xDF;te Zuversicht an den Tag legend, dass ich endlich, sei es auch nur, um ihn los zu werden, den Handel mit dem Schatten abschlie&#xDF;en w&#xFC;rde. – Er war mir eben so l&#xE4;stig als verha&#xDF;t. Ich konnte mich ordentlich vor ihm f&#xFC;rchten. Ich hatte mich von ihm abh&#xE4;ngig gemacht. Er hielt mich, nachdem er mich in die Herrlichkeit der Welt, die ich floh, zur&#xFC;ckgef&#xFC;hrt hatte. Ich musste seine Beredsamkeit &#xFC;ber mich ergehen lassen, und f&#xFC;hlte schier, er habe Recht. Ein Reicher muss in der Welt einen Schatten haben, und sobald ich den Stand behaupten wollte, den er mich wieder geltend zu machen verleitet hatte, war nur ein Ausgang zu ersehen. Dieses aber stand bei mir fest, nachdem ich meine Liebe hingeopfert, nachdem mir das Leben verbla&#xDF;t war, wollt ich meine Seele nicht, sei es um alle Schatten der Welt, dieser Kreatur<a l:href="#n_375" type="note">[375]</a> verschreiben. Ich wu&#xDF;te nicht, wie es enden sollte.</p><p>Wir sa&#xDF;en einst vor einer H&#xF6;hle, welche die Fremden, die das Gebirg bereisen, zu besuchen pflegen. Man h&#xF6;rt dort das Gebrause unterirdischer Str&#xF6;me aus ungemessener Tiefe heraufschallen, und kein Grund scheint den Stein, den man hineinwirft, in seinem hallenden Fall aufzuhalten. Er malte mir, wie er &#xF6;fters tat, mit verschwenderischer Einbildungskraft und im schimmernden Reize der gl&#xE4;nzendsten Farben, sorgf&#xE4;ltig ausgef&#xFC;hrte Bilder von dem, was ich in der Welt, kraft meines S&#xE4;ckels, ausf&#xFC;hren w&#xFC;rde, wenn ich erst meinen Schatten wieder in meiner Gewalt h&#xE4;tte. Die Ellenbogen auf die Knie gest&#xFC;tzt, hielt ich mein Gesicht in meinen H&#xE4;nden verborgen und h&#xF6;rte dem Falschen zu, das Herz zwiefach geteilt zwischen der Verf&#xFC;hrung und dem strengen Willen in mir. Ich konnte bei solchem innerlichen Zwiespalt l&#xE4;nger nicht ausdauern, und begann den entscheidenden Kampf:</p><p>«Sie scheinen, mein Herr, zu vergessen, dass ich Ihnen zwar erlaubt habe, unter gewissen Bedingungen in meiner Begleitung zu bleiben, dass ich mir aber meine v&#xF6;llige Freiheit vorbehalten habe.«—»Wenn Sie befehlen, so pack ich ein. «Die Drohung war ihm gel&#xE4;ufig. Ich schwieg; er setzte sich gleich daran, meinen Schatten wieder zusammenzurollen. Ich erbla&#xDF;te, aber ich lie&#xDF; es stumm geschehen. Es erfolgte ein langes Stillschweigen. Er nahm zuerst das Wort:</p><p>«Sie k&#xF6;nnen mich nicht leiden, mein Herr, Sie hassen mich, ich wei&#xDF; es; doch warum hassen Sie mich? Ist es etwa, weil Sie mich auf &#xF6;ffentlicher Stra&#xDF;e angefallen, und mir mein Vogelnest mit Gewalt zu rauben gemeint? oder ist es darum, dass Sie mein Gut, den Schatten, den Sie Ihrer blo&#xDF;en Ehrlichkeit anvertraut glaubten, mir diebischer Weise zu entwenden gesucht haben? Ich meinerseits hasse Sie darum nicht; ich finde ganz nat&#xFC;rlich, dass Sie alle Ihre Vorteile, List und Gewalt geltend zu machen suchen; dass Sie &#xFC;brigens die allerstrengsten Grunds&#xE4;tze haben und wie die Ehrlichkeit selbst denken, ist eine Liebhaberei, wogegen ich auch nichts habe. – Ich denke in der Tat nicht so streng als Sie; ich handle blo&#xDF;, wie Sie denken. Oder hab ich Ihnen etwa irgend wann den Daumen auf die Gurgel gedr&#xFC;ckt, um Ihre werteste Seele, zu der ich einmal Lust habe, an mich zu bringen? Hab ich von wegen meines ausgetauschten S&#xE4;ckels einen Diener auf Sie losgelassen? hab ich Ihnen damit durchzugehen versucht?«Ich hatte dagegen nichts zu erwidern; er fuhr fort:»Schon recht, mein Herr, schon recht! Sie k&#xF6;nnen mich nicht leiden; auch das begreife ich wohl, und verarge es Ihnen weiter nicht. Wir m&#xFC;ssen scheiden, das ist klar, und auch Sie fangen an, mir sehr langweilig vorzukommen. Um sich also meiner ferneren besch&#xE4;menden Gegenwart v&#xF6;llig zu entziehen, rate ich es Ihnen noch einmal: Kaufen Sie mir das Ding ab.«– Ich hielt ihm den S&#xE4;ckel hin:»Um den Preis.«—»Nein!«– Ich seufzte schwer auf und nahm wieder das Wort:»Auch also. Ich dringe darauf, mein Herr, la&#xDF;t uns scheiden, vertreten Sie mir l&#xE4;nger nicht den Weg auf einer Welt, die hoffentlich ger&#xE4;umig genug ist f&#xFC;r uns beide. «Er l&#xE4;chelte und erwiderte:»Ich gehe, mein Herr, zuvor aber will ich Sie unterrichten, wie Sie mir klingeln k&#xF6;nnen, wenn Sie je Verlangen nach Ihrem untert&#xE4;nigsten Knecht tragen sollten: Sie brauchen nur Ihren S&#xE4;ckel zu sch&#xFC;tteln, dass die ewigen Goldst&#xFC;cke darinnen rasseln, der Ton zieht mich augenblicklich an. Ein jeder denkt auf seinen Vorteil in dieser Welt; Sie sehen, dass ich auf Ihren zugleich bedacht bin, denn ich er&#xF6;ffne Ihnen offenbar eine neue Kraft. – O dieser S&#xE4;ckel! – Und h&#xE4;tten gleich die Motten Ihren Schatten schon aufgefressen, der w&#xFC;rde noch ein starkes Band zwischen uns sein. Genug, Sie haben mich an meinem Gold, befehlen Sie auch in der Ferne &#xFC;ber Ihren Knecht, Sie wissen, dass ich mich meinen Freunden dienstfertig genug erweisen kann, und dass die Reichen besonders gut mit mir stehen; Sie haben es selbst gesehen. – Nur Ihren Schatten, mein Herr – das lassen Sie sich gesagt sein – nie wieder, als unter einer einzigen Bedingung.»</p><p>Gestalten der alten Zeit traten vor meine Seele. Ich frug ihn schnell:»Hatten Sie eine Unterschrift vom Herrn John?«– Er l&#xE4;chelte. – »Mit einem so guten Freund hab ich es keineswegs n&#xF6;tig gehabt.«—»Wo ist er? bei Gott, ich will es wissen!«Er steckte z&#xF6;gernd die Hand in die Tasche, und daraus bei den Haaren hervorgezogen erschien Thomas Johns bleiche, entstellte Gestalt, und die blauen Leichenlippen bewegten sich zu schweren Worten:»Justo judicio Dei judicatus sum; Justo judicio Dei condemnatus sum.<a l:href="#n_376" type="note">[376]</a> «Ich entsetzte mich, und schnell den klingenden S&#xE4;ckel in den Abgrund werfend, sprach ich zu ihm die letzten Worte:»So beschw&#xF6;r ich dich im Namen Gottes, Entsetzlicher! hebe dich von dannen und lasse dich nie wieder vor meinen Augen blicken!«Er erhub sich finster und verschwand sogleich hinter den Felsenmassen, die den wild bewachsenen Ort begrenzten.</p></section><section><title><p>IX</p></title><p>Ich sa&#xDF; da ohne Schatten und ohne Geld; aber ein schweres Gewicht war von meiner Brust genommen, ich war heiter. H&#xE4;tte ich nicht auch meine Liebe verloren, oder h&#xE4;tt ich mich nur bei deren Verlust vorwurfsfrei gef&#xFC;hlt, ich glaube, ich h&#xE4;tte gl&#xFC;cklich sein k&#xF6;nnen – ich wusste aber nicht, was ich anfangen sollte. Ich durchsuchte meine Taschen und fand noch einige Goldst&#xFC;cke darin; ich z&#xE4;hlte sie und lachte. – Ich hatte meine Pferde unten im Wirtshause, ich sch&#xE4;mte mich, dahin zur&#xFC;ckzukehren, ich musste wenigstens den Untergang der Sonne erwarten; sie stand noch hoch am Himmel. Ich legte mich in den Schatten der n&#xE4;chsten B&#xE4;ume und schlief ruhig ein.</p><p>Anmutige Bilder verwoben sich mir im luftigen Tanze zu einem gef&#xE4;lligen Traum. Mina, einen Blumenkranz in den Haaren, schwebte an mir vor&#xFC;ber, und l&#xE4;chelte mich freundlich an. Auch der ehrliche Bendel war mit Blumen bekr&#xE4;nzt, und eilte mit freundlichem Gru&#xDF;e vor&#xFC;ber. Viele sah ich noch, und wie mich d&#xFC;nkt, auch Dich, Chamisso, im fernen Gew&#xFC;hl; ein helles Licht schien, es hatte aber keiner einen Schatten, und was seltsamer ist, es sah nicht &#xFC;bel aus, – Blumen und Lieder, Liebe und Freude, unter Palmenhainen. – Ich konnte die beweglichen, leicht verwehten, lieblichen Gestalten weder festhalten noch deuten; aber ich wei&#xDF;, dass ich gerne solchen Traum tr&#xE4;umte und mich vor dem Erwachen in Acht nahm; ich wachte wirklich schon, und hielt noch die Augen zu, um die weichenden Erscheinungen l&#xE4;nger vor meiner Seele zu behalten.</p><p>Ich &#xF6;ffnete endlich die Augen, die Sonne stand noch am Himmel, aber im Osten; ich hatte die Nacht verschlafen. Ich nahm es f&#xFC;r ein Zeichen, dass ich nicht nach dem Wirtshause zur&#xFC;ckkehren sollte. Ich gab leicht, was ich dort noch besa&#xDF;, verloren, und beschlo&#xDF;, eine Nebenstra&#xDF;e, die durch den waldbewachsenen Fu&#xDF; des Gebirges f&#xFC;hrte, zu Fu&#xDF; einzuschlagen, dem Schicksal es anheim stellend, was es mit mir vorhatte, zu erf&#xFC;llen. Ich schaute nicht hinter mich zur&#xFC;ck, und dachte auch nicht daran, an Bendel, den ich reich zur&#xFC;ckgelassen hatte, mich zu wenden, welches ich allerdings gekonnt h&#xE4;tte. Ich sah mich an auf den neuen Charakter, den ich in der Welt bekleiden sollte: mein Anzug war sehr bescheiden. Ich hatte eine alte schwarze Kurtka an, die ich schon in Berlin getragen, und die mir, ich wei&#xDF; nicht wie, zu dieser Reise erst wieder in die Hand gekommen war. Ich hatte sonst eine Reisem&#xFC;tze auf dem Kopf und ein Paar alte Stiefeln an den F&#xFC;&#xDF;en. Ich erhob mich, schnitt mir an selbiger Stelle einen Knotenstock zum Andenken, und trat sogleich meine Wanderung an.</p><p>Ich begegnete im Wald einem alten Bauer, der mich freundlich begr&#xFC;&#xDF;te, und mit dem ich mich in Gespr&#xE4;ch einlie&#xDF;. Ich erkundigte mich, wie ein wissbegieriger Reisender, erst nach dem Wege, dann nach der Gegend und deren Bewohnern, den Erzeugnissen des Gebirges und derlei mehr. Er antwortete verst&#xE4;ndig und redselig auf meine Fragen. Wir kamen an das Bette eines Bergstromes, der &#xFC;ber einen weiten Strich des Waldes seine Verw&#xFC;stung verbreitet hatte. Mich schauderte innerlich vor dem sonnenhellen Raum; ich lie&#xDF; den Landmann vorangehen. Er hielt aber mitten im gef&#xE4;hrlichen Orte still und wandte sich zu mir, um mir die Geschichte dieser Verw&#xFC;stung zu erz&#xE4;hlen. Er bemerkte bald, was mir fehlte, und hielt mitten in seiner Rede ein:»Aber wie geht denn das zu, der Herr hat ja keinen Schatten!«—»Leider! leider!«erwiderte ich seufzend.»Es sind mir w&#xE4;hrend einer b&#xF6;sen langen Krankheit, Haare, N&#xE4;gel und Schatten ausgegangen. Seht, Vater, in meinem Alter, die Haare, die ich wieder gekriegt habe, ganz wei&#xDF;, die N&#xE4;gel sehr kurz, und der Schatten, der will noch nicht wieder wachsen.«—»Ei! ei!«versetzte der alte Mann kopfsch&#xFC;ttelnd,»keinen Schatten, das ist b&#xF6;s! das war eine b&#xF6;se Krankheit, die der Herr gehabt hat. «Aber er hub seine Erz&#xE4;hlung nicht wieder an, und bei dem n&#xE4;chsten Querweg, der sich darbot, ging er, ohne ein Wort zu sagen, von mir ab. – Bittere Tr&#xE4;nen zitterten aufs neue auf meinen Wangen, und meine Heiterkeit war hin.</p><p>Ich setzte traurigen Herzens meinen Weg fort und suchte ferner keines Menschen Gesellschaft. Ich hielt mich im dunkelsten Walde, und musste manchmal, um &#xFC;ber einen Strich, wo die Sonne schien, zu kommen, stundenlang darauf warten, dass mir keines Menschen Auge den Durchgang verbot. Am Abend suchte ich Herberge in den D&#xF6;rfern zu nehmen. Ich ging eigentlich nach einem Bergwerk im Gebirge, wo ich Arbeit unter der Erde zu finden gedachte; denn, davon abgesehen, dass meine jetzige Lage mir gebot, f&#xFC;r meinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, hatte ich dieses wohl erkannt, dass mich allein angestrengte Arbeit gegen meine zerst&#xF6;renden Gedanken sch&#xFC;tzen k&#xF6;nnte.</p><p>Ein paar regnichte Tage f&#xF6;rderten mich leicht auf dem Weg, aber auf Kosten meiner Stiefel, deren Sohlen f&#xFC;r den Grafen Peter, und nicht f&#xFC;r den Fu&#xDF;knecht<a l:href="#n_377" type="note">[377]</a> berechnet worden. Ich ging schon auf den blo&#xDF;en F&#xFC;&#xDF;en. Ich musste ein Paar neue Stiefel anschaffen. Am n&#xE4;chsten Morgen besorgte ich dieses Gesch&#xE4;ft mit vielem Ernst in einem Flecken, wo Kirme&#xDF; war, und wo in einer Bude alte und neue Stiefel zu Kauf standen. Ich w&#xE4;hlte und handelte lange. Ich musste auf ein Paar neue, die ich gern gehabt h&#xE4;tte, Verzicht leisten; mich schreckte die unbillige Forderung. Ich begn&#xFC;gte mich also mit alten, die noch gut und stark waren, und die mir der sch&#xF6;ne blondlockige Knabe, der die Bude hielt, gegen gleich bare Bezahlung, freundlich l&#xE4;chelnd einh&#xE4;ndigte, indem er mir Gl&#xFC;ck auf den Weg w&#xFC;nschte. Ich zog sie gleich an und ging zum n&#xF6;rdlich gelegenen Tor aus dem Ort.</p><p>Ich war in meinen Gedanken sehr vertieft, und sah kaum, wo ich den Fu&#xDF; hinsetzte, denn ich dachte an das Bergwerk, wo ich auf den Abend noch anzulangen hoffte, und wo ich nicht recht wu&#xDF;te, wie ich mich ank&#xFC;ndigen sollte. Ich war noch keine zweihundert Schritte gegangen, als ich bemerkte, dass ich aus dem Wege gekommen war; ich sah mich danach um, ich befand mich in einem w&#xFC;sten, uralten Tannenwalde, woran die Axt nie gelegt worden zu sein schien. Ich drang noch einige Schritte vor, ich sah mich mitten unter &#xF6;den Felsen, die nur mit Moos und Steinbrecharten bewachsen waren, und zwischen welchen Schnee- und Eisfelder lagen. Die Luft war sehr kalt, ich sah mich um, der Wald war hinter mir verschwunden. Ich machte noch einige Schritte – um mich herrschte die Stille des Todes, unabsehbar dehnte sich das Eis, worauf ich stand, und worauf ein dichter Nebel schwer ruhte; die Sonne stand blutig am Rande des Horizontes. Die K&#xE4;lte war unertr&#xE4;glich. Ich wu&#xDF;te nicht, wie mir geschehen war, der erstarrende Frost zwang mich, meine Schritte zu beschleunigen, ich vernahm nur das Gebrause ferner Gew&#xE4;sser, ein Schritt, und ich war am Eisufer eines Ozeans. Unz&#xE4;hlbare Herden von Seehunden st&#xFC;rzten sich vor mir rauschend in die Flut. Ich folgte diesem Ufer, ich sah wieder nackte Felsen, Land, Birken- und Tannenw&#xE4;lder, ich lief noch ein paar Minuten gerade vor mir hin. Es war erstickend hei&#xDF;, ich sah mich um, ich stand zwischen sch&#xF6;n gebauten Reisfeldern unter Maulbeerb&#xE4;umen. Ich setzte mich in deren Schatten, ich sah nach meiner Uhr, ich hatte vor nicht einer Viertelstunde den Marktflecken verlassen, – ich glaubte zu tr&#xE4;umen, ich bi&#xDF; mich in die Zunge, um mich zu erwecken; aber ich wachte wirklich. – Ich schlo&#xDF; die Augen zu, um meine Gedanken zusammen zu fassen. – Ich h&#xF6;rte vor mir seltsame Sylben durch die Nase z&#xE4;hlen; ich blickte auf: zwei Chinesen, an der asiatischen Gesichtsbildung unverkennbar, wenn ich auch ihrer Kleidung keinen Glauben beimessen wollte, redeten mich mit landes&#xFC;blichen Begr&#xFC;&#xDF;ungen in ihrer Sprache an; ich stand auf und trat zwei Schritte zur&#xFC;ck. Ich sah sie nicht mehr, die Landschaft war ganz ver&#xE4;ndert: B&#xE4;ume, W&#xE4;lder, statt der Reisfelder. Ich betrachtete diese B&#xE4;ume und die Kr&#xE4;uter, die um mich bl&#xFC;hten; die ich kannte, waren s&#xFC;d&#xF6;stlich asiatische Gew&#xE4;chse; ich wollte auf den einen Baum zugehen, ein Schritt- und wiederum alles ver&#xE4;ndert. Ich trat nun an, wie ein Rekrut, der ge&#xFC;bt wird, und schritt langsam, gesetzt einher. Wunderbar ver&#xE4;nderliche L&#xE4;nder, Fluren, Auen, Gebirge, Steppen, Sandw&#xFC;sten, entrollen sich vor meinem staunenden Blick: es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an den F&#xFC;&#xDF;en.</p></section><section><title><p>X</p></title><p>Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergo&#xDF; Tr&#xE4;nen des Dankes – denn klar stand pl&#xF6;tzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch fr&#xFC;he Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft. Es war nicht ein Entschlu&#xDF;, den ich fa&#xDF;te. Ich habe nur seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor mein inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengen, unausgesetzten Flei&#xDF; darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat von dem Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild abgehangen.</p><p>Ich raffte mich auf, um ohne Z&#xF6;gern mit fl&#xFC;chtigem &#xDC;berblick Besitz von dem Felde zu nehmen, wo ich k&#xFC;nftig ernten wollte. – Ich stand auf den H&#xF6;hen des Tibet, und die Sonne, die mir vor wenigen Stunden aufgegangen war, neigte sich hier schon am Abendhimmel, ich durchwanderte Asien von Osten gegen Westen, sie in ihrem Lauf einholend, und trat in Afrika ein. Ich sah mich neugierig darin um, indem ich es wiederholt in allen Richtungen durchma&#xDF;. Wie ich durch &#xC4;gypten die alten Pyramiden und Tempel angaffte, erblickte ich in der W&#xFC;ste, unfern des hunderttorigen Theben, die H&#xF6;hlen, wo christliche Einsiedler<a l:href="#n_378" type="note">[378]</a> sonst wohnten. Es stand pl&#xF6;tzlich fest und klar in mir, hier ist dein Haus. – Ich erkor eine der verborgensten, die zugleich ger&#xE4;umig, bequem und den Schakalen unzug&#xE4;nglich war, zu meinem k&#xFC;nftigen Aufenthalte, und setzte meinen Stab weiter.</p><p>Ich trat bei den Herkules-S&#xE4;ulen nach Europa &#xFC;ber, und nachdem ich seine s&#xFC;dlichen und n&#xF6;rdlichen Provinzen in Augenschein genommen, trat ich von Nordasien &#xFC;ber den Polargletscher nach Gr&#xF6;nland und Amerika &#xFC;ber, durchschweifte die beiden Teile dieses Kontinents, und der Winter, der schon im S&#xFC;den herrschte, trieb mich schnell vom Cap Horn nordw&#xE4;rts zur&#xFC;ck.</p><p>Ich verweilte mich, bis es im &#xF6;stlichen Asien Tag wurde, und setzte erst nach einiger Ruh meine Wanderung fort. Ich verfolgte durch beide Amerika die Bergkette, die die h&#xF6;chsten bekannten Unebenheiten unserer Kugel in sich fa&#xDF;t.</p><p>Ich schritt langsam und vorsichtig von Gipfel zu Gipfel, bald &#xFC;ber flammende Vulkane, bald &#xFC;ber beschneite Kuppeln, oft mit M&#xFC;he atmend, ich erreichte den Eliasberg, und sprang &#xFC;ber die Beringstra&#xDF;e nach Asien. – Ich verfolgte dessen westliche K&#xFC;sten in ihren vielfachen Wendungen, und untersuchte mit besonderer Aufmerksamkeit, welche der dort gelegenen Inseln mir zug&#xE4;nglich w&#xE4;ren. Von der Halbinsel Malakka<a l:href="#n_379" type="note">[379]</a> trugen mich meine Stiefel auf Sumatra,<a l:href="#n_380" type="note">[380]</a> Java,<a l:href="#n_381" type="note">[381]</a> Bali<a l:href="#n_382" type="note">[382]</a> und Lamboc,<a l:href="#n_383" type="note">[383]</a> ich versuchte, selbst oft mit Gefahr, und dennoch immer vergebens, mir &#xFC;ber die kleinern Inseln und Felsen, wovon dieses Meer starrt, einen &#xDC;bergang nordwestlich nach Borneo<a l:href="#n_384" type="note">[384]</a> und andern Inseln dieses Archipelagus zu bahnen. Ich musste die Hoffnung aufgeben. Ich setzte mich endlich auf die &#xE4;u&#xDF;erste Spitze von Lamboc nieder, und das Gesicht gegen S&#xFC;den und Osten gewendet, weint ich wie am festverschlossenen Gitter meines Kerkers, dass ich doch so bald meine Begrenzung gefunden. Das merkw&#xFC;rdige, zum Verst&#xE4;ndnis er Erde und ihres sonnengewirkten Kleides, der Pflanzenund Tierwelt, so wesentlich notwendige Neuholland und die S&#xFC;dsee mit ihren Zoophyten-Inseln<a l:href="#n_385" type="note">[385]</a> waren mir untersagt, und so war, im Ursprunge schon, alles, was ich sammeln und erbauen sollte, blo&#xDF;es Fragment zu bleiben verdammt. – O mein Adelbert, was ist es doch um die Bem&#xFC;hungen der Menschen!</p><p>Oft habe ich im strengsten Winter der s&#xFC;dlichen Halbkugel vom Cap Horn aus jene zweihundert Schritte, die mich etwa vom Land van Diemen und Neuholland trennten, selbst unbek&#xFC;mmert um die R&#xFC;ckkehr, und sollte sich dieses schlechte Land &#xFC;ber mich, wie der Deckel meines Sarges, schlie&#xDF;en, &#xFC;ber den Polargletscher westw&#xE4;rts zur&#xFC;ck zu legen versucht, habe &#xFC;ber Treibeis mit t&#xF6;richter Wagnis verzweiflungsvolle Schritte getan, der K&#xE4;lte und dem Meere Trotz geboten. Umsonst, noch bin ich auf Neuholland nicht gewesen – ich kam dann jedesmal auf Lamboc zur&#xFC;ck und setzte mich auf seine &#xE4;u&#xDF;erste Spitze nieder, und weinte wieder, das Gesicht gen S&#xFC;den und Osten gewendet, wie am fest verschlossenen Gitter meines Kerkers.</p><p>Ich ri&#xDF; mich endlich von dieser Stelle, und trat mit traurigem Herzen wieder in das innere Asien, ich durchschweifte es f&#xFC;rder, die Morgend&#xE4;mmerung nach Westen verfolgend, und kam noch in der Nacht in die Thebais zu meinem vorbestimmten Hause, das ich in den gestrigen Nachmittagsstunden ber&#xFC;hrt hatte.</p><p>Sobald ich etwas ausgeruht und es Tag &#xFC;ber Europa war, lie&#xDF; ich meine erste Sorge sein, alles anzuschaffen, was ich bedurfte. – Zuv&#xF6;rderst Hemmschuhe, denn ich hatte erfahren, wie unbequem es sei, seinen Schritt nicht anders verk&#xFC;rzen zu k&#xF6;nnen, um nahe Gegenst&#xE4;nde gem&#xE4;chlich zu untersuchen, als indem man die Stiefel auszieht. Ein Paar Pantoffeln, &#xFC;bergezogen, hatten v&#xF6;llig die Wirkung, die ich mir davon versprach, und sp&#xE4;terhin trug ich sogar deren immer zwei Paar bei mir, weil ich &#xF6;fters welche von den F&#xFC;&#xDF;en warf, ohne Zeit zu haben, sie aufzuheben, wenn L&#xF6;wen, Menschen oder Hy&#xE4;nen mich beim Botanisieren aufschreckten. Meine sehr gute Uhr war auf die kurze Dauer meiner G&#xE4;nge ein vortreffliches Kronometer. Ich brauchte noch au&#xDF;erdem einen Sextanten,<a l:href="#n_386" type="note">[386]</a> einige physikalische Instrumente und B&#xFC;cher.</p><p>Ich machte, dieses alles herbei zu schaffen, etliche bange G&#xE4;nge nach London und Paris, die ein mir g&#xFC;nstiger Nebel eben beschattete. Als der Rest meines Zaubergoldes ersch&#xF6;pft war, bracht ich leicht zu findendes afrikanisches Elfenbein als Bezahlung herbei, wobei ich freilich die kleinsten Z&#xE4;hne, die meine Kr&#xE4;fte nicht &#xFC;berstiegen, ausw&#xE4;hlen musste. Ich ward bald mit allem versehen und ausger&#xFC;stet, und ich fing sogleich als privatisierender Gelehrter meine neue Lebensweise an.</p><p>Ich streifte auf der Erde umher, bald ihre H&#xF6;hen, bald die Temperatur ihrer Quellen und die der Luft messend, bald Tiere beobachtend, bald Gew&#xE4;chse untersuchend; ich eilte von dem &#xC4;quator nach dem Pole, von der einen Welt nach der andern; Erfahrungen mit Erfahrungen vergleichend. Die Eier der afrikanischen Strau&#xDF;e oder der n&#xF6;rdlichen Seev&#xF6;gel und Fr&#xFC;chte, besonders der Tropen-Palmen und Bananen, waren meine gew&#xF6;hnlichste Nahrung. F&#xFC;r mangelndes Gl&#xFC;ck hatt ich als Surrogat die Nicotiana,<a l:href="#n_387" type="note">[387]</a> und f&#xFC;r menschliche Teilnahme und Bande die Liebe eines treuen Pudels, der mir meine H&#xF6;hle in der Thebais<a l:href="#n_388" type="note">[388]</a> bewachte, und wenn ich mit neuen Sch&#xE4;tzen beladen zu ihm zur&#xFC;ckkehrte, freudig an mich sprang, und es mich doch menschlich empfinden lie&#xDF;, dass ich nicht allein auf der Erde sei. Noch sollte mich ein Abenteuer unter die Menschen zur&#xFC;ckf&#xFC;hren.</p></section><section><title><p>XI</p></title><p>Als ich einst auf Nordlands K&#xFC;sten, meine Stiefel gehemmt, Flechten und Algen sammelte, trat mir unversehens um die Ecke eines Felsens ein Eisb&#xE4;r entgegen. Ich wollte, nach weggeworfenen Pantoffeln, auf eine gegen&#xFC;ber liegende Insel treten, zu der mir ein dazwischen aus den Wellen hervorragender nackter Felsen den &#xDC;bergang bahnte. Ich trat mit dem einen Fu&#xDF; auf den Felsen fest auf, und st&#xFC;rzte auf der andern Seite in das Meer, weil mir unbemerkt der Pantoffel am anderen Fu&#xDF; haften geblieben war.</p><p>Die gro&#xDF;e K&#xE4;lte ergriff mich, ich rettete mit M&#xFC;he mein Leben aus dieser Gefahr; sobald ich Land hielt, lief ich, so schnell ich konnte nach der Libyschen W&#xFC;ste,<a l:href="#n_389" type="note">[389]</a> um mich da an der Sonne zu trocknen. Wie ich ihr aber ausgesetzt war, brannte sie mir so hei&#xDF; auf den Kopf, dass ich sehr krank wieder nach Norden taumelte. Ich suchte durch heftige Bewegung mir Erleichterung zu verschaffen, und lief mit unsichern raschen Schritten von Westen nach Osten und von Osten nach Westen. Ich befand mich bald in dem Tag und bald in der Nacht; bald im Sommer und bald in der Winterk&#xE4;lte.</p><p>Ich wei&#xDF; nicht, wie lange ich so auf der Erde herumtaumelte. Ein brennendes Fieber gl&#xFC;hte durch meine Adern, ich f&#xFC;hlte mit gro&#xDF;er Angst die Besinnung mich verlassen. Noch wollte das Ungl&#xFC;ck, dass ich bei so unvorsichtigem Laufen jemanden auf den Fu&#xDF; trat. Ich mochte ihm weh getan haben; ich erhielt einen starken Sto&#xDF; und ich fiel hin. —</p><p>Als ich zuerst zum Bewu&#xDF;tsein zur&#xFC;ckkehrte, lag ich gem&#xE4;chlich in einem guten Bette, das unter vielen andern Betten in einem ger&#xE4;umigen und sch&#xF6;nen Saale stand. Es sa&#xDF; mir jemand zu H&#xE4;upten; es gingen Menschen durch den Saal von einem Bette zum andern. Sie kamen vor das meine und unterhielten sich von mir. Sie nannten mich aber Numero Zw&#xF6;lf, und an der Wand zu meinen F&#xFC;&#xDF;en stand doch ganz gewi&#xDF;, es war keine T&#xE4;uschung, ich konnte es deutlich lesen, auf schwarzer Marmortafel mit gro&#xDF;en goldenen Buchstaben mein Name</p><cite><p>PETER SCHLEMIHL</p></cite><p>ganz richtig geschrieben. Auf der Tafel standen noch unter meinem Namen zwei Reihen Buchstaben, ich war aber zu schwach, um sie zusammen zu bringen, ich machte die Augen wieder zu. —</p><p>Ich h&#xF6;rte etwas, worin von Peter Schlemihl die Rede war, laut und vernehmlich ablesen, ich konnte aber den Sinn nicht fassen; ich sah einen freundlichen Mann und eine sehr sch&#xF6;ne Frau in schwarzer Kleidung vor meinem Bette erscheinen. Die Gestalten waren mir nicht fremd und ich konnte sie nicht erkennen.</p><p>Es verging einige Zeit, und ich kam wieder zu Kr&#xE4;ften. Ich hie&#xDF; Numero Zw&#xF6;lf, und Numero Zw&#xF6;lf galt seines langen Bartes wegen f&#xFC;r einen Juden, darum er aber nicht minder sorgf&#xE4;ltig gepflegt wurde. Dass er keinen Schatten hatte, schien unbemerkt geblieben zu sein. Meine Stiefel befanden sich, wie man mich versicherte, nebst allem, was man bei mir gefunden, als ich hieher gebracht worden, in gutem und sicherm Gewahrsam, um mir nach meiner Genesung wieder zugestellt zu werden. Der Ort, worin ich krank lag, hie&#xDF; das SCHLEMIHLIUM; was t&#xE4;glich von Peter Schlemihl abgelesen wurde, war eine Ermahnung, f&#xFC;r denselben, als den Urheber und Wohlt&#xE4;ter dieser Stiftung, zu beten. Der freundliche Mann, den ich an meinem Bette gesehen hatte, war Bendel, die sch&#xF6;ne Frau war Mina.</p></section></section></section><section><title><p>Ludwig Tieck</p><p>Der Runenberg<a l:href="#n_390" type="note">[390]</a></p></title><p>Ein junger J&#xE4;ger sa&#xDF; im innersten Gebirge nachdenkend bei einem Vogelherde, indem das Rauschen der Gew&#xE4;sser und des Waldes in der Einsamkeit t&#xF6;nte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimat, und alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gew&#xF6;hnlichkeit zu entfernen, und er blickte mit einer Art von Verwunderung auf, dass er sich nun in diesem Tale, in dieser Besch&#xE4;ftigung wiederfand. Gro&#xDF;e Wolken zogen durch den Himmel und verloren sich hinter den Bergen, V&#xF6;gel sangen aus den Geb&#xFC;schen und ein Widerschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der &#xFC;ber vorragendes Gestein sch&#xE4;umend murmelte. Er h&#xF6;rte auf die wechselnde Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen<a l:href="#n_391" type="note">[391]</a> in unverst&#xE4;ndlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren, und er musste sich innig betr&#xFC;ben, dass er ihre Reden nicht verstehen konnte. Wieder sah er dann umher und ihm d&#xFC;nkte, er sei froh und gl&#xFC;cklich; so fasste er wieder neuen Mut und sang mit lauter Stimme einen J&#xE4;gergesang.</p><poem><stanza><v>«Froh und lustig zwischen Steinen</v><v>Geht der J&#xFC;ngling auf die Jagd,</v><v>Seine Beute muss erscheinen</v><v>In den gr&#xFC;nlebendgen Hainen,</v><v>Sucht’ er auch bis in die Nacht.</v></stanza><stanza><v>Seine treuen Hunde bellen</v><v>Durch die sch&#xF6;ne Einsamkeit,</v><v>Durch den Wald die H&#xF6;rner gellen,</v><v>Dass die Herzen mutig schwellen:</v><v>O du sch&#xF6;ne J&#xE4;gerzeit!</v></stanza><stanza><v>Seine Heimat sind die Kl&#xFC;fte,</v><v>Alle B&#xE4;ume gr&#xFC;&#xDF;en ihn,</v><v>Rauschen strenge Herbstesl&#xFC;fte</v><v>Find’t er Hirsch und Reh, die Schl&#xFC;fte<a l:href="#n_392" type="note">[392]</a></v><v>Muss er jauchzend dann durchziehn.</v></stanza><stanza><v>Lass dem Landmann seine M&#xFC;hen</v><v>Und dem Schiffer nur sein Meer,</v><v>Keiner sieht in Morgens Fr&#xFC;hen</v><v>So Auroras<a l:href="#n_393" type="note">[393]</a> Augen gl&#xFC;hen,</v><v>H&#xE4;ngt der Tau am Grase schwer,</v></stanza><stanza><v>Als wer Jagd, Wild, W&#xE4;lder kennet</v><v>Und Diana<a l:href="#n_394" type="note">[394]</a> lacht ihn an,</v><v>Einst das sch&#xF6;nste Bild entbrennet,<a l:href="#n_395" type="note">[395]</a></v><v>Die er seine Liebste nennet:</v><v>O begl&#xFC;ckter<a l:href="#n_396" type="note">[396]</a> J&#xE4;gersmann!»</v></stanza></poem><p>W&#xE4;hrend dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite Schatten fielen durch das enge Tal. Eine k&#xFC;hlende D&#xE4;mmerung schlich &#xFC;ber den Boden weg, und nur noch die Wipfel der B&#xE4;ume, wie die runden Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gem&#xFC;t ward immer tr&#xFC;bseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelherde zur&#xFC;ckkehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es d&#xFC;nkte ihm so einsam und er sehnte sich nach Menschen. Jetzt w&#xFC;nschte er sich die alten B&#xFC;cher, die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen m&#xF6;gen, sooft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Szenen seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so dr&#xFC;ckend gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zur&#xFC;ck, die er freiwillig verlassen hatte, um sein Gl&#xFC;ck in unbekannten Gegenden, in Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Besch&#xE4;ftigung zu finden. Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Gefl&#xFC;gel der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, sa&#xDF; er noch immer missvergn&#xFC;gt und in sich versunken;<a l:href="#n_397" type="note">[397]</a> er h&#xE4;tte weinen m&#xF6;gen, und er war durchaus unentschlossen, was er tun und vornehmen solle. Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich unterirdisch in klagenden T&#xF6;nen fortzog, und erst in der Ferne wehm&#xFC;tig verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz,<a l:href="#n_398" type="note">[398]</a> er ergriff ihn, als wenn er unvermutet die Wunde ber&#xFC;hrt habe, an der der sterbende Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden<a l:href="#n_399" type="note">[399]</a> wolle. Er sprang auf und wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen Alrunenwurzel geh&#xF6;rt, die beim Ausrei&#xDF;en so herzdurchschneidende Klaget&#xF6;ne von sich gebe, dass der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig werden<a l:href="#n_400" type="note">[400]</a> m&#xFC;sse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian hatte sich Gesellschaft gew&#xFC;nscht, und doch erschrak er von neuem vor dieser freundlichen Gegenwart.»Wohin so eilig?«fragte der Fremde noch einmal. Der junge J&#xE4;ger suchte sich zu sammeln und erz&#xE4;hlte, wie ihm pl&#xF6;tzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, dass er sich habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, die gr&#xFC;nen Schatten des Waldes so traurig, der Bach spreche in lauter Klagen, die Wolken des Himmels z&#xF6;gen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hin&#xFC;ber.»Ihr seid noch jung«, sagte der Fremde,»und k&#xF6;nnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch nicht ertragen, ich will Euch begleiten, denn Ihr findet doch kein Haus oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir m&#xF6;gen unterwegs etwas sprechen und uns erz&#xE4;hlen, so verliert Ihr die tr&#xFC;ben Gedanken; in einer Stunde kommt der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch Eure Seele lichter machen.»</p><p>Sie gingen fort, und der Fremde d&#xFC;nkte dem J&#xFC;nglinge bald ein alter Bekannter zu sein.»Wie seid Ihr in dieses Geb&#xFC;rge gekommen«, fragte jener,»Ihr seid hier, Eurer Sprache nach, nicht einheimisch.»</p><p>«Ach dar&#xFC;ber«, sagte der J&#xFC;ngling,»lie&#xDF;e sich viel sagen, und doch ist es wieder keiner Rede keiner Erz&#xE4;hlung wert; es hat mich wie mit fremder Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweggenommen, mein Geist war seiner selbst nicht m&#xE4;chtig; wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich str&#xE4;ubt, so verstrickt war meine Seele in seltsamen Vorstellungen und W&#xFC;nschen. Wir wohnten weit von hier in einer Ebene, in der man rund umher keinen Berg, kaum eine Anh&#xF6;he erblickte; wenige B&#xE4;ume schm&#xFC;ckten den gr&#xFC;nen Plan, aber Wiesen, fruchtbare Kornfelder und G&#xE4;rten zogen sich hin, so weit das Auge reichen konnte, ein gro&#xDF;er Flu&#xDF; gl&#xE4;nzte wie ein m&#xE4;chtiger Geist an den Wiesen und Feldern vorbei. Mein Vater war G&#xE4;rtner im Schlo&#xDF; und hatte vor, mich ebenfalls zu seiner Besch&#xE4;ftigung zu erziehen; er liebte die Pflanzen und Blumen &#xFC;ber alles und konnte sich tagelang unerm&#xFC;det mit ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, dass er behauptete, er k&#xF6;nne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachstum und Gedeihen, so wie von der verschiedenen Gestalt und Farbe ihrer Bl&#xE4;tter. Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater mir zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte Fischer werden, und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser stand mir auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann in die Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das v&#xE4;terliche Haus zur&#xFC;ck. Auf einmal h&#xF6;rte ich meinen Vater von Gebirgen erz&#xE4;hlen, die er in seiner Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und ihren Arbeitern, von J&#xE4;gern und ihrer Besch&#xE4;ftigung, und pl&#xF6;tzlich erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gef&#xFC;hl, dass ich nun die f&#xFC;r mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und stellte mir hohe Berge, Kl&#xFC;fte und Tannenw&#xE4;lder vor; meine Einbildung erschuf sich ungeheure Felsen, ich h&#xF6;rte in Gedanken das Get&#xF6;se<a l:href="#n_401" type="note">[401]</a> der Jagd, die H&#xF6;rner, und das Geschrei der Hunde und des Wildes; alle meine Tr&#xE4;ume waren damit angef&#xFC;llt und dar&#xFC;ber hatte ich nun weder Rast noch Ruhe mehr. Die Ebene, das Schlo&#xDF;, der kleine beschr&#xE4;nkte Garten meines Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite Himmel, der sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine H&#xF6;he, keinen erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betr&#xFC;bter und verhasster. Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der bejammernsw&#xFC;rdigsten Unwissenheit lebten, und dass alle ebenso denken und empfinden w&#xFC;rden, wie ich, wenn ihnen dieses Gef&#xFC;hl ihres Elendes nur ein einziges Mal in ihrer Seele aufginge. So trieb ich mich um bis ich an einem Morgen den Entschluss fasste, das Haus meiner Eltern auf immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom n&#xE4;chsten gro&#xDF;en Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach richtete ich meinen Weg ein. Eis war im ersten Fr&#xFC;hlinge und ich f&#xFC;hlte mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht bald das Ebene zu verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen, so ungeduldig war ich, die Gegend zu betreten, die ich f&#xFC;r meine Heimat ansah; mit dem fr&#xFC;hesten war ich munter und wieder auf der Reise. Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute r&#xFC;ckw&#xE4;rts, und berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten Gegenst&#xE4;nden. Bald verlor ich die Ebene hinter mir aus dem Gesichte, die Waldstr&#xF6;me rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit bewegtem Laube von steilen Abh&#xE4;ngen herunter; mein Weg f&#xFC;hrte mich schwindlichten Abgr&#xFC;nden vor&#xFC;ber, blaue Berge standen gro&#xDF; und ehrw&#xFC;rdig im Hintergrunde. Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht m&#xFC;de. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen gro&#xDF;en Teil des Geb&#xFC;rges durchstreift hatte, zu einem alten F&#xF6;rster, der mich auf mein inst&#xE4;ndiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der J&#xE4;gerei zu unterrichten. Jetzt bin ich seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem K&#xF6;nigreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Geb&#xFC;rges kennen, ich war in meiner Besch&#xE4;ftigung, wenn wir am fr&#xFC;hen Morgen nach dem Walde zogen, wenn wir B&#xE4;ume im Forste f&#xE4;llten, wenn ich mein Auge und meine B&#xFC;chse &#xFC;bte, und die treuen Gef&#xE4;hrten, die Hunde zu ihren Geschicklichkeiten abrichtete, &#xFC;beraus gl&#xFC;cklich. Jetzt sitze ich seit acht Tagen hier oben auf dem Vogelherde, im einsamsten Geb&#xFC;rge, und am Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem Leben; ich kam mir so verloren, so ganz ungl&#xFC;ckselig vor, und noch kann ich mich nicht von dieser tr&#xFC;ben Stimmung erholen.»</p><p>Der fremde Mann hatte aufmerksam zugeh&#xF6;rt, indem beide durch einen dunkeln Gang des Waldes gewandert waren. Jetzt traten sie ins Freie, und das Licht des Mondes, der oben mit seinen H&#xF6;rnern &#xFC;ber der Bergspitze stand, begr&#xFC;&#xDF;te sie freundlich: in unkenntlichen Formen und vielen gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder r&#xE4;tselhaft vereinigte, lag das gespaltene Geb&#xFC;rge vor ihnen, im Hintergrunde ein steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen schauerlich im wei&#xDF;en Lichte sich zeigten.»Unser Weg trennt sich hier«, sagte der Fremde,»ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht ist meine Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggew&#xE4;sser erz&#xE4;hlen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin kannst du mir doch nicht folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke, wie sch&#xF6;n und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du niemals dorten gewesen?«»Niemals«, sagte der junge Christian,»ich h&#xF6;rte einmal meinen alten F&#xF6;rster wundersame Dinge von diesem Berge erz&#xE4;hlen, die ich t&#xF6;richt genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere mich, dass mir an jenem Abend grauenhaft zumute war. Ich m&#xF6;chte wohl einmal die H&#xF6;he besteigen, denn die Lichter sind dort am sch&#xF6;nsten, das Gras muss dorten recht gr&#xFC;n sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sich’s wohl treffen, dass man noch manch Wunder aus der alten Zeit da oben f&#xE4;nde.»</p><p>«Es kann fast nicht fehlen«, sagte jener,»wer nur zu suchen versteht, wessen Herz recht innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde dort und Herrlichkeiten, alles, was er am eifrigsten w&#xFC;nscht.»</p><p>Mit diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne seinem Gef&#xE4;hrten Lebewohl zu sagen,<a l:href="#n_402" type="note">[402]</a> bald war er im Dickicht des Geb&#xFC;sches verschwunden, und kurz nachher verhallte auch der Tritt seiner F&#xFC;&#xDF;e. Der junge J&#xE4;ger war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine Schritte nach dem Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu leuchten, der Mond wies mit einer hellen Stra&#xDF;e nach den Tr&#xFC;mmern, lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redeten ihm Gew&#xE4;sser und rauschende W&#xE4;lder zu und sprachen ihm Mut ein. Seine Schritte waren wie befl&#xFC;gelt, sein Herz klopfte, er f&#xFC;hlte eine so gro&#xDF;e Freudigkeit in seinem Innern, dass sie zu einer Angst emporwuchs.</p><p>Er kam in Gegenden, in denen er nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das Gr&#xFC;n verlor sich, die kahlen W&#xE4;nde riefen ihn wie mit z&#xFC;rnenden Stimmen an, und ein einsam klagender Wind jagte ihn vor sich her. So eilte er ohne Stillstand fort, und kam sp&#xE4;t nach Mitternacht auf einen schmalen Fu&#xDF;steig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er achtete nicht auf die Tiefe, die unter ihm g&#xE4;hnte und ihn zu verschlingen drohte, so sehr spornten ihn irre Vorstellungen und unverst&#xE4;ndliche W&#xFC;nsche. Jetzt zog ihn der gef&#xE4;hrliche Weg neben eine hohe Mauer hin, die sich in den Wolken zu verlieren schien; der Steig ward mit jedem Schritte schmaler, und der J&#xFC;ngling musste sich an vorragenden Steinen festhalten, um nicht hinunterzust&#xFC;rzen. Endlich konnte er nicht weiter, der Pfad endigte unter einem Fenster, er musste stillstehen und wusste jetzt nicht, ob er umkehren, ob er bleiben solle. Pl&#xF6;tzlich sah er ein Licht, das sich hinter dem alten Gem&#xE4;uer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach, und entdeckte, dass er in einen alten ger&#xE4;umigen Saal blicken konnte, der wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in vielf&#xE4;ltigen Schimmern funkelte, die sich geheimnisvoll von dem wandelnden Lichte durcheinanderbewegten, welches eine gro&#xDF;e weibliche Gestalt trug, die sinnend im Gemache auf und nieder ging. Sie schien nicht den Sterblichen anzugeh&#xF6;ren, so gro&#xDF;, so m&#xE4;chtig waren ihre Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch d&#xFC;nkte dem entz&#xFC;ckten J&#xFC;nglinge, dass er noch niemals solche Sch&#xF6;nheit gesehn oder geahnet habe. Er zitterte und w&#xFC;nschte doch heimlich, dass sie zum Fenster treten und ihn wahrnehmen m&#xF6;chte. Endlich stand sie still, setzte das Licht auf einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die H&#xF6;he und sang mit durchdringlicher Stimme:</p><poem><stanza><v>«Wo die Alten weilen,</v><v>Dass sie nicht erscheinen?</v><v>Die Kristallen weinen,</v><v>Von demantnen S&#xE4;ulen</v><v>Flie&#xDF;en Tr&#xE4;nenquellen,</v><v>T&#xF6;ne klingen drein;</v><v>In den klaren hellen</v><v>Sch&#xF6;n durchsichtgen Wellen</v><v>Bildet sich der Schein,</v><v>Der die Seelen ziehet,</v><v>Dem das Herz ergl&#xFC;het.</v><v>Kommt ihr Geister alle</v><v>Zu der goldnen Halle,</v><v>Hebt aus tiefen Dunkeln</v><v>H&#xE4;upter, welche funkeln!</v><v>Macht der Herzen und der Geister,</v><v>Die so durstig sind im Sehen,</v><v>Mit den leuchtend sch&#xF6;nen Tr&#xE4;nen</v><v>Allgewaltig euch zum Meister!»</v></stanza></poem><p>Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, und ihre Gew&#xE4;nder in einen kostbaren Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar flo&#xDF; in geringelter F&#xFC;lle bis &#xFC;ber die H&#xFC;ften hinab; dann l&#xF6;ste sie das Gewand des Busens, und der J&#xFC;ngling verga&#xDF; sich und die Welt im Anschauen der &#xFC;berirdischen Sch&#xF6;nheit. Er wagte kaum zu atmen, als sie nach und nach alle H&#xFC;llen l&#xF6;ste; nackt schritt sie endlich im Saale auf und nieder, und ihre schweren schwebenden Lokken bildeten um sie her ein dunkel wogendes Meer, aus dem wie Marmor die gl&#xE4;nzenden Formen des reinen Leibes abwechselnd hervorstrahlten. Nach geraumer Zeit n&#xE4;herte sie sich einem andern goldenen Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen gl&#xE4;nzte, und betrachtete sie lange pr&#xFC;fend. Die Tafel schien eine wunderliche unverst&#xE4;ndliche Figur mit ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu bilden; zuweilen war, nachdem der Schimmer ihm entgegenspiegelte, der J&#xFC;ngling schmerzhaft geblendet, dann wieder bes&#xE4;nftigten gr&#xFC;ne und blau spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die Gegenst&#xE4;nde mit seinen Blicken verschlingend, und zugleich tief in sich selbst versunken. In seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut,<a l:href="#n_403" type="note">[403]</a> von Sehnsucht und Wollust aufgetan, Scharen von befl&#xFC;gelten T&#xF6;nen und wehm&#xFC;tigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gem&#xFC;t, das bis auf den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich aufgehen m&#xE4;chtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht, gro&#xDF;e Wasserstr&#xF6;me, wie voll Wehmut flie&#xDF;end. Er kannte sich nicht wieder, und erschrak, als die Sch&#xF6;ne das Fenster &#xF6;ffnete, ihm die magische steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach:»Nimm dieses zu meinem Angedenken!<a l:href="#n_404" type="note">[404]</a>«Er fasste die Tafel und f&#xFC;hlte die Figur, die unsichtbar sogleich in sein Inneres &#xFC;berging, und das Licht und die m&#xE4;chtige Sch&#xF6;nheit und der seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine dunkele Nacht mit Wolkenvorh&#xE4;ngen fiel es in sein Inneres hinein, er suchte nach seinen vorigen Gef&#xFC;hlen, nach jener Begeisterung und unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich der untersinkende Mond schwach und bl&#xE4;ulich spiegelte.</p><p>Noch hielt er die Tafel fest in seinen H&#xE4;nden gepresst, als der Morgen graute<a l:href="#n_405" type="note">[405]</a> und er ersch&#xF6;pft, schwindelnd und halb schlafend die steile H&#xF6;he hinunterst&#xFC;rzte.</p><p>Die Sonne schien dem bet&#xE4;ubten Schl&#xE4;fer auf sein Gesicht, der sich erwachend auf einem anmutigen H&#xFC;gel wiederfand. Er sah umher und erblickte weit hinter sich und kaum noch kennbar am &#xE4;u&#xDF;ersten Horizont die Tr&#xFC;mmer des Runenberges: er suchte nach jener Tafel, und fand sie nirgend. Erstaunt und verwirrt wollte er sich sammeln und seine Erinnerungen ankn&#xFC;pfen, aber sein Ged&#xE4;chtnis war wie mit einem w&#xFC;sten Nebel angef&#xFC;llt, in welchem sich formlose Gestalten wild und unkenntlich durcheinanderbewegten. Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer tiefen Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gew&#xF6;hnliche war so ineinander vermischt, dass er es unm&#xF6;glich sondern konnte. Nach langem Streite mit sich selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein pl&#xF6;tzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur begriff er immer nicht, wie er sich so weit in eine fremde entlegene Gegend habe verirren k&#xF6;nnen.</p><p>Noch fast schlaftrunken stieg er den H&#xFC;gel hinab, und geriet auf einen gebahnten Weg, der ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land f&#xFC;hrte. Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er w&#xFC;rde in seine Heimat gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermutete endlich, dass er sich jenseit der s&#xFC;dlichen Grenze des Gebirges befinden m&#xFC;sse, welches er im Fr&#xFC;hling von Norden her betreten hatte. Gegen Mittag stand er &#xFC;ber einem Dorfe, aus dessen H&#xFC;tten ein friedlicher Rauch in die H&#xF6;he stieg, Kinder spielten auf einem gr&#xFC;nen Platze festt&#xE4;glich geputzt, und aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang und das Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich s&#xFC;&#xDF;er Wehmut, alles r&#xFC;hrte ihn so herzlich, dass er weinen musste. Die engen G&#xE4;rten, die kleinen H&#xFC;tten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die gerade abgeteilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bed&#xFC;rftigkeit des armen Menschengeschlechts, an seine Abh&#xE4;ngigkeit vom freundlichen Erdboden, dessen Milde es sich vertrauen muss; dabei erf&#xFC;llte der Gesang und der Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gef&#xFC;hlten Fr&#xF6;mmigkeit. Seine Empfindungen und W&#xFC;nsche der Nacht erschienen ihm ruchlos<a l:href="#n_406" type="note">[406]</a> und frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bed&#xFC;rftig und dem&#xFC;tig an die Menschen wie an seine Br&#xFC;der schlie&#xDF;en, und sich von den gottlosen Gef&#xFC;hlen und Vors&#xE4;tzen entfernen. Reizend und anlockend d&#xFC;nkte ihm die Ebene mit dem kleinen Flu&#xDF;, der sich in mannigfaltigen Kr&#xFC;mmungen um Wiesen und G&#xE4;rten schmiegte; mit Furcht gedachte er an seinen Aufenthalt in dem einsamen Gebirge und zwischen den w&#xFC;sten Steinen, er sehnte sich, in diesem friedlichen Dorfe wohnen zu d&#xFC;rfen, und trat mit diesen Empfindungen in die menschenerf&#xFC;llte Kirche.</p><p>Der Gesang war eben beendigt und der Priester hatte seine Predigt begonnen, von den Wohltaten Gottes in der Ernte: wie seine G&#xFC;te alles speiset und s&#xE4;ttiget was lebt, wie wunderbar im Getreide f&#xFC;r die Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, wie die Liebe Gottes sich unaufh&#xF6;rlich im Brote mitteile und der and&#xE4;chtige Christ so ein unverg&#xE4;ngliches Abendmahl<a l:href="#n_407" type="note">[407]</a> ger&#xFC;hrt feiern k&#xF6;nne. Die Gemeine war erbaut, des J&#xE4;gers Blicke ruhten auf dem frommen Redner, und bemerkten dicht neben der Kanzel ein junges M&#xE4;dchen, das vor allen andern der Andacht und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank und blond, ihr blaues Auge gl&#xE4;nzte von der durchdringendsten Sanftheit, ihr Antlitz war wie durchsichtig und in den zartesten Farben bl&#xFC;hend. Der fremde J&#xFC;ngling hatte sich und sein Herz noch niemals so empfunden, so voll Liebe und so beruhigt, so den stillsten und erquickendsten<a l:href="#n_408" type="note">[408]</a> Gef&#xFC;hlen hingegeben. Er beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen sprach, er f&#xFC;hlte sich bei den heiligen Worten wie von einer unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das Schattenbild der Nacht in die tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinabger&#xFC;ckt. Er verlie&#xDF; die Kirche, verweilte unter einer gro&#xDF;en Linde, und dankte Gott in einem inbr&#xFC;nstigen Gebete, dass er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den Netzen des b&#xF6;sen Geistes befreit habe.</p><p>Das Dorf feierte an diesem Tage das Erntefest und alle Menschen waren fr&#xF6;hlich gestimmt; die geputzten Kinder freuten sich auf die T&#xE4;nze und Kuchen, die jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe, der von jungen B&#xE4;umen umgeben war, alles zu ihrer herbstlichen Festlichkeit ein, die Musikanten sa&#xDF;en und probierten ihre Instrumente. Christian ging noch einmal in das Feld hinaus, um sein Gem&#xFC;t zu sammeln und seinen Betrachtungen nachzuh&#xE4;ngen, dann kam er in das Dorf zur&#xFC;ck, als sich schon alles zur Fr&#xF6;hlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern zugegen, und der Fremde mischte sich in den frohen Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte unterdes bald mit dem Vater ein Gespr&#xE4;ch angesponnen, der ein Pachter war und einer der reichsten Leute im Dorfe. Ihm schien die Jugend und das Gespr&#xE4;ch des fremden Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer Zeit dahin einig, dass Christian als G&#xE4;rtner bei ihm einziehen solle. Dieser konnte es unternehmen, denn er hoffte, dass ihm nun die Kenntnisse und Besch&#xE4;ftigungen zustatten kommen w&#xFC;rden, die er in seiner Heimat so sehr verachtet hatte.</p><p>Jetzt begann ein neues Leben f&#xFC;r ihn. Er zog bei dem Pachter<a l:href="#n_409" type="note">[409]</a> ein und ward zu dessen Familie gerechnet; mit seinem Stande ver&#xE4;nderte er auch seine Tracht. Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich, er stand seiner Arbeit so flei&#xDF;ig vor, dass ihm bald alle im Hause, vorz&#xFC;glich aber die Tochter, gewogen wurden. Sooft er sie am Sonntage zur Kirche gehn sah, hielt er ihr einen sch&#xF6;nen Blumenstrau&#xDF; in Bereitschaft, f&#xFC;r den sie ihm mit err&#xF6;tender Freundlichkeit dankte; er vermisste sie, wenn er sie an einem Tage nicht sah, dann erz&#xE4;hlte sie ihm am Abend M&#xE4;rchen und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer notwendiger, und die Alten, welche es bemerkten, schienen nichts dagegen zu haben, denn Christian war der flei&#xDF;igste und sch&#xF6;nste Bursche im Dorfe; sie selbst hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und Freundschaft zu ihm gef&#xFC;hlt. Nach einem halben Jahre war Elisabeth seine Gattin. Es war wieder Fr&#xFC;hling, die Schwalben und die V&#xF6;gel des Gesanges kamen in das Land, der Garten stand in seinem sch&#xF6;nsten Schmuck, die Hochzeit wurde mit aller Fr&#xF6;hlichkeit gefeiert, Braut und Br&#xE4;utigam schienen trunken<a l:href="#n_410" type="note">[410]</a> von ihrem Gl&#xFC;cke. Am Abend sp&#xE4;t, als sie in die Kammer gingen, sagte der junge Gatte zu seiner Geliebten:»Nein, nicht jenes Bild bist du, welches mich einst im Traum entz&#xFC;ckte und das ich niemals ganz vergessen kann, aber doch bin ich gl&#xFC;cklich in deiner N&#xE4;he und selig in deinen Armen.»</p><p>Wie vergn&#xFC;gt war die Familie, als sie nach einem Jahre durch eine kleine Tochter vermehrt wurde, welche man Leonora nannte. Christian wurde zwar zuweilen etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber doch kam seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zur&#xFC;ck. Er gedachte kaum noch seiner vorigen Lebensweise, denn er f&#xFC;hlte sich ganz einheimisch und befriedigt. Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine Eltern in die Gedanken, und wie sehr sich besonders sein Vater &#xFC;ber sein ruhiges Gl&#xFC;ck, &#xFC;ber seinen Stand als G&#xE4;rtner und Landmann freuen w&#xFC;rde; es &#xE4;ngstigte ihn, dass er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz hatte vergessen k&#xF6;nnen, sein eigenes Kind erinnerte ihn, welche Freude die Kinder den Eltern sind, und so beschlo&#xDF; er dann endlich, sich auf die Reise zu machen und seine Heimat wieder zu besuchen.</p><p>Ungern verlie&#xDF; er seine Gattin; alle w&#xFC;nschten ihm Gl&#xFC;ck, und er machte sich in der sch&#xF6;nen Jahreszeit zu Fu&#xDF; auf den Weg. Er f&#xFC;hlte schon nach wenigen Stunden, wie ihn das Scheiden peinige,<a l:href="#n_411" type="note">[411]</a> zum erstenmal empfand er in seinem Leben die Schmerzen der Trennung; die fremden Gegenst&#xE4;nde erschienen ihm fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, dass seine Jugend vor&#xFC;ber sei, dass er eine Heimat gefunden, der er angeh&#xF6;re, in die sein Herz Wurzel geschlagen habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn der vorigen Jahre beklagen, und es war ihm &#xE4;u&#xDF;erst tr&#xFC;bselig zumute, als er f&#xFC;r die Nacht auf einem Dorfe in dem Wirtshause einkehren musste. Er begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen Gattin und den erworbenen Eltern entfernt habe, und verdrie&#xDF;lich und murrend machte er sich am Morgen auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen.</p><p>Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge n&#xE4;herte, die fernen Ruinen wurden schon sichtbar und traten nach und nach kenntlicher hervor, viele Bergspitzen hoben sich abger&#xFC;ndet aus dem blauen Nebel. Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen und verwunderte sich &#xFC;ber seine Furcht, &#xFC;ber die Schauer, die ihm mit jedem Schritte gedr&#xE4;ngter nahe kamen.»Ich kenne dich Wahnsinn wohl«, rief er aus,»und dein gef&#xE4;hrliches Locken, aber ich will dir m&#xE4;nnlich widerstehn! Elisabeth ist kein schn&#xF6;der Traum, ich wei&#xDF;, dass sie jetzt an mich denkt, dass sie auf mich wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit z&#xE4;hlt. Sehe ich nicht schon W&#xE4;lder wie schwarze Haare vor mir? Schauen nicht aus dem Bache die blitzenden Augen nach mir her? Schreiten die gro&#xDF;en Glieder nicht aus den Bergen auf mich zu?»</p><p>Mit diesen Worten wollte er sich um auszuruhen unter einen Baum niederwerfen, als er im Schatten desselben einen alten Mann sitzen sah, der mit der gr&#xF6;&#xDF;ten Aufmerksamkeit eine Blume betrachtete, sie bald gegen die Sonne hielt, bald wieder mit seiner Hand beschattete, ihre Bl&#xE4;tter z&#xE4;hlte, und &#xFC;berhaupt sich bem&#xFC;hte, sie seinem Ged&#xE4;chtnisse genau einzupr&#xE4;gen. Als er n&#xE4;her ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb ihm kein Zweifel &#xFC;brig, dass der Alte mit der Blume sein Vater sei. Er st&#xFC;rzte ihm mit dem Ausdruck der heftigsten Freude in die Arme; jener war vergn&#xFC;gt, aber nicht &#xFC;berrascht, ihn so pl&#xF6;tzlich wiederzusehen.»K&#xF6;mmst du mir schon entgegen, mein Sohn?«sagte der Alte,»ich wu&#xDF;te, dass ich dich bald finden w&#xFC;rde, aber ich glaubte nicht, dass mir schon am heutigen Tage die Freude widerfahren sollte.»</p><p>«Woher wusstet Ihr, Vater, dass Ihr mich antreffen w&#xFC;rdet?«—»An dieser Blume«, sprach der alte G&#xE4;rtner;»seit ich lebe, habe ich mir gew&#xFC;nscht, sie einmal sehen zu k&#xF6;nnen, aber niemals ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten ist, und nur in Gebirgen w&#xE4;chst: ich machte mich auf dich zu suchen, weil deine Mutter gestorben ist und mir zu Hause die Einsamkeit zu dr&#xFC;ckend und tr&#xFC;bselig war. Ich wusste nicht, wohin ich meinen Weg richten sollte, endlich wanderte ich durch das Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam; ich suchte beiher<a l:href="#n_412" type="note">[412]</a> nach der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken, und nun finde ich sie ganz unvermutet hier, wo schon die sch&#xF6;ne Ebene sich ausstreckt; daraus wusste ich, dass ich dich bald finden musste, und sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat!«Sie umarmten sich wieder, und Christian beweinte seine Mutter; der Alte aber fa&#xDF;te seine Hand und sagte:»Lass uns gehen, dass wir die Schatten des Gebirges bald aus den Augen verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von den steilen wilden Gestalten, von dem gr&#xE4;&#xDF;lichen Gekl&#xFC;ft, von den schluchzenden Wasserb&#xE4;chen; lass uns das gute, fromme, ebene Land besuchen.»</p><p>Sie wanderten zur&#xFC;ck, und Christian ward wieder froher. Er erz&#xE4;hlte seinem Vater von seinem neuen Gl&#xFC;cke, von seinem Kinde und seiner Heimat; sein Gespr&#xE4;ch machte ihn selbst wie trunken, und er f&#xFC;hlte im Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit ermangle. So kamen sie unter Erz&#xE4;hlungen, traurigen und fr&#xF6;hlichen, in dem Dorfe an. Alle waren &#xFC;ber die fr&#xFC;he Beendigung der Reise vergn&#xFC;gt, am meisten Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen, und gab sein kleines Verm&#xF6;gen in ihre Wirtschaft; sie bildeten den zufriedensten und eintr&#xE4;chtigsten Kreis von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte sich, Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins der ansehnlichsten im Orte; auch sah er sich bald als den Vater von mehreren Kindern.</p><p>F&#xFC;nf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als ein Fremder auf seiner Reise in ihrem Dorfe einkehrte, und in Christians Hause, weil es die ansehnlichste Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein freundlicher, gespr&#xE4;chiger Mann, der vieles von seinen Reisen erz&#xE4;hlte, der mit den Kindern spielte und ihnen Geschenke machte, und dem in kurzem alle gewogen waren.<a l:href="#n_413" type="note">[413]</a> Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, dass er sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus den Tagen wurden Wochen, und endlich Monate. Keiner wunderte sich &#xFC;ber die Verz&#xF6;gerung, denn alle hatten sich schon daran gew&#xF6;hnt, ihn mit zur Familie zu z&#xE4;hlen. Christian sa&#xDF; nur oft nachdenklich, denn es kam ihm vor, als kenne er den Reisenden schon von ehemals, und doch konnte er sich keiner Gelegenheit erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben m&#xF6;chte. Nach dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied und sagte:»Liebe Freunde, ein wunderbares Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich in das n&#xE4;chste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem ich nicht widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch jetzt, und ich wei&#xDF; nicht, ob ich wieder zu euch zur&#xFC;ckkommen werde; ich habe eine Summe Geldes bei mir, die in euren H&#xE4;nden sicherer ist als in den meinigen, und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren; komme ich in Jahresfrist nicht zur&#xFC;ck, so behaltet sie, und nehmet sie als einen Dank f&#xFC;r eure mir bewiesene Freundschaft an.»</p><p>So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das Geld in Verwahrung. Er verschlo&#xDF; es sorgf&#xE4;ltig und sah aus &#xFC;bertriebener &#xC4;ngstlichkeit zuweilen wieder nach, z&#xE4;hlte es &#xFC;ber, ob nichts daran fehle, und machte sich viel damit zu tun.»Diese Summe k&#xF6;nnte uns recht gl&#xFC;cklich machen«, sagte er einmal zu seinem Vater,»wenn der Fremde nicht zur&#xFC;ckkommen sollte, f&#xFC;r uns und unsre Kinder w&#xE4;re auf immer gesorgt.«»Lass das Gold«, sagte der Alte,»darinne liegt das Gl&#xFC;ck nicht, uns hat bisher noch gottlob<a l:href="#n_414" type="note">[414]</a> nichts gemangelt, und entschlage dich &#xFC;berhaupt dieser Gedanken.»</p><p>Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu wecken und selbst nach allem zu sehn; der Vater war besorgt, dass er durch &#xFC;bertriebenen Flei&#xDF; seiner Jugend und Gesundheit schaden m&#xF6;chte: daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu ermahnen, seine &#xFC;bertriebene T&#xE4;tigkeit einzuschr&#xE4;nken, als er ihn zu seinem Erstaunen bei einer kleinen Lampe am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der gr&#xF6;&#xDF;ten Emsigkeit die Goldst&#xFC;cke z&#xE4;hlte.»Mein Sohn«, sagte der Alte mit Schmerzen,»soll es dahin mit dir kommen, ist dieses verfluchte Metall nur zu unserm Ungl&#xFC;ck unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein Lieber, so muss dir der b&#xF6;se Feind Blut und Leben verzehren.»</p><p>«Ja«, sagte Christian,»ich verstehe mich selber nicht mehr, weder bei Tage noch in der Nacht l&#xE4;sst es mir Ruhe; seht, wie es mich jetzt wieder anblickt, dass mir der rote Glanz tief in mein Herz hineingeht! Horcht, wie es klingt, dies g&#xFC;ldene Blut! das ruft mich, wenn ich schlafe, ich h&#xF6;re es, wenn Musik t&#xF6;nt, wenn der Wind bl&#xE4;st, wenn Leute auf der Gasse sprechen; scheint die Sonne, so sehe ich nur diese gelben Augen, wie es mir zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muss ich mich wohl n&#xE4;chtlicherweise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang genug zu tun, und dann f&#xFC;hle ich es innerlich jauchzen und frohlocken, wenn ich es mit meinen Fingern ber&#xFC;hre, es wird vor Freuden immer r&#xF6;ter und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entz&#xFC;ckung an!»</p><p>Der Greis nahm schaudernd und weinend den Sohn in seine Arme, betete und sprach dann:»Christel, du musst dich wieder zum Worte Gottes wenden, du musst flei&#xDF;iger und and&#xE4;chtiger in die Kirche gehen, sonst wirst du verschmachten<a l:href="#n_415" type="note">[415]</a> und im traurigsten Elende dich verzehren.»</p><p>Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian versprach sich zu &#xE4;ndern und in sich zu gehn, und der Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und mehr vergangen, und man hatte von dem Fremden noch nichts wieder in Erfahrung bringen k&#xF6;nnen; der Alte gab nun endlich den Bitten seines Sohnes nach, und das zur&#xFC;ckgelassene Geld wurde in L&#xE4;ndereien und auf andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von dem Reichtum des jungen Pachters gesprochen, und Christian schien au&#xDF;erordentlich zufrieden und vergn&#xFC;gt, so dass der Vater sich gl&#xFC;cklich pries, ihn so wohl und heiter zu sehn: alle Furcht war jetzt in seiner Seele verschwunden. Wie sehr musste er daher erstaunen, als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm und unter Tr&#xE4;nen erz&#xE4;hlte, wie sie ihren Mann nicht mehr verstehe, er spreche so irre, vorz&#xFC;glich des Nachts, er tr&#xE4;ume schwer, gehe oft im Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erz&#xE4;hle wunderbare Dinge, vor denen sie oft schaudern m&#xFC;sse. Am schrecklichsten sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn sein Lachen sei so wild und frech, sein Blick irre und fremd. Der Vater erschrak und die betr&#xFC;bte Gattin fuhr fort:»Immer spricht er von dem Fremden, und behauptet, dass er ihn schon sonst gekannt habe, denn dieser fremde Mann sei eigentlich ein wundersch&#xF6;nes Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinausgehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er h&#xF6;re ein unterirdisches f&#xFC;rchterliches &#xC4;chzen, sowie er nur eine Wurzel ausziehe; er f&#xE4;hrt zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Kr&#xE4;utern wie vor Gespenstern zu entsetzen.»</p><p>«Allg&#xFC;tiger Gott!«rief der Vater aus,»ist der f&#xFC;rchterliche Hunger in ihn schon so fest hineingewachsen, dass es dahin hat kommen k&#xF6;nnen? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren.»</p><p>Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne spazieren, und sagte ihm manches wieder, was er von Elisabeth geh&#xF6;rt hatte; er ermahnte ihn zur Fr&#xF6;mmigkeit, und dass er seinen Geist heiligen Betrachtungen widmen solle. Christian sagte:»Gern, Vater, auch ist mir oft ganz wohl, und es gelingt mir alles gut; ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre Gestalt meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit Leichtigkeit f&#xFC;hren: dann geht aber pl&#xF6;tzlich wie ein neuer Mond das regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf, und besiegt die fremde Macht. Ich k&#xF6;nnte ganz froh sein, aber einmal, in einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand ein geheimnisvolles Zeichen tief in mein Gem&#xFC;t hineingepr&#xE4;gt; oft schl&#xE4;ft und ruht die magische Figur, ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie ein Gift pl&#xF6;tzlich wieder hervor, und wegt sich in allen Linien. Dann kann ich sie nur denken und f&#xFC;hlen, und alles umher ist verwandelt oder vielmehr von dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das empfangene Gift noch giftiger in ihm wird, so geschieht es mir bei allen eckigen Figuren, bei jeder Linie, bei jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt entbinden und zur Geburt bef&#xF6;rdern, und mein Geist und K&#xF6;rper f&#xFC;hlt die Angst; wie sie das Gem&#xFC;t durch ein Gef&#xFC;hl von au&#xDF;en empfing, so will es sie dann wieder qu&#xE4;lend und ringend zum &#xE4;u&#xDF;ern Gef&#xFC;hl hinausarbeiten, um ihrer los und ruhig zu werden.»</p><p>«Ein ungl&#xFC;ckliches Gestirn war es«, sprach der Alte,»das dich von uns hinwegzog; du warst f&#xFC;r ein stilles Leben geboren, dein Sinn neigte sich zur Ruhe und zu den Pflanzen, da f&#xFC;hrte dich deine Ungeduld hinweg, in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die Felsen, die zerrissenen Klippen mit ihren schroffen Gestalten haben dein Gem&#xFC;t zerr&#xFC;ttet, und den verw&#xFC;stenden Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. Immer h&#xE4;ttest du dich vor dem Anblick des Gebirges h&#xFC;ten und bewahren m&#xFC;ssen, und so dachte ich dich auch zu erziehen, aber es hat nicht sein sollen. Deine Demut, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von Trotz, Wildheit und &#xDC;bermut versch&#xFC;ttet.»</p><p>«Nein«, sagte der Sohn,»ich erinnere mich ganz deutlich, dass mir eine Pflanze zuerst das Ungl&#xFC;ck der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem verstehe ich erst die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf h&#xF6;ren will; in den Pflanzen, Kr&#xE4;utern, Blumen und B&#xE4;umen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine gro&#xDF;e Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten, sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar. Jetzt verstehe ich es wohl, dass es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten &#xC4;chzen sagen wollte, sie verga&#xDF; sich in ihrem Schmerze und verriet mir alles. Darum sind alle gr&#xFC;nen Gew&#xE4;chse so erz&#xFC;rnt auf mich, und stehn mir nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen ausl&#xF6;schen, und in jedem Fr&#xFC;hling mit ihrer verzerrten Leichenmiene meine Seele gewinnen. Unerlaubt und t&#xFC;ckisch ist es, wie sie dich, alter Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie g&#xE4;nzlich Besitz genommen.<a l:href="#n_416" type="note">[416]</a> Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie reden h&#xF6;rst.»</p><p>Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm nichts mehr antworten. Sie gingen schweigend zur&#xFC;ck nach Hause, und der Alte musste sich jetzt ebenfalls vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie d&#xFC;nkte ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres Wesen aus ihm, wie aus einer Maschine, unbeholfen und ungeschickt herausspiele. —</p><p>Das Erntefest sollte wieder gefeiert werden, die Gemeine<a l:href="#n_417" type="note">[417]</a> ging in die Kirche, und auch Elisabeth zog sich mit den Kindern an, um dem Gottesdienste beizuwohnen; ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu begleiten, aber noch vor der Kirchent&#xFC;r kehrte er um, und ging tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte sich auf die Anh&#xF6;he, und sahe wieder die rauchenden D&#xE4;cher unter sich, er h&#xF6;rte den Gesang und Orgelton von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten auf dem gr&#xFC;nen Rasen.»Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren!«sagte er zu sich selbst;»Jahre sind verflossen, dass ich von hier hinunterstieg, unter die Kinder hinein; die damals hier spielten, sind heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch in das Geb&#xE4;ude, aber heut ist Elisabeth nicht mehr ein bl&#xFC;hendes kindliches M&#xE4;dchen, ihre Jugend ist vor&#xFC;ber, ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals den Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich mutwillig ein hohes ewiges Gl&#xFC;ck aus der Acht gelassen,<a l:href="#n_418" type="note">[418]</a> um ein verg&#xE4;ngliches und zeitliches zu gewinnen.»</p><p>Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, und vertiefte sich in seine dichtesten Schatten. Eine schauerliche Stille umgab ihn, keine Luft r&#xFC;hrte sich in den Bl&#xE4;ttern. Indem sah er einen Mann von ferne auf sich zukommen, den er f&#xFC;r den Fremden erkannte; er erschrak, und sein erster Gedanke war, jener w&#xFC;rde sein Geld von ihm zur&#xFC;ckfordern. Als die Gestalt etwas n&#xE4;her kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, denn die Umrisse, welche er wahrzunehmen gew&#xE4;hnt, zerbrachen wie in sich selber; ein altes Weib von der &#xE4;u&#xDF;ersten H&#xE4;&#xDF;lichkeit kam auf ihn zu, sie war in schmutzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt einige greise Haare zusammen, sie hinkte an einer Kr&#xFC;cke. Mit f&#xFC;rchterlicher Stimme redete sie Christian an, und fragte nach seinem Namen und Stande; er antwortete ihr umst&#xE4;ndlich und sagte darauf:»Aber wer bist du?«»Man nennt mich das Waldweib«, sagte jene,»und jedes Kind wei&#xDF; von mir zu erz&#xE4;hlen; hast du mich niemals gekannt?«Mit den letzten Worten wandte sie sich um, und Christian glaubte zwischen den B&#xE4;umen den goldenen Schleier, den hohen Gang, den m&#xE4;chtigen Bau der Glieder wiederzuerkennen. Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie nicht mehr.</p><p>Indem zog etwas Gl&#xE4;nzendes seine Blicke in das gr&#xFC;ne Gras nieder. Er hob es auf und sahe die magische Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit der seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr verloren hatte. Die Gestalt und die bunten Lichter dr&#xFC;ckten mit der pl&#xF6;tzlichsten Gewalt auf alle seine Sinne. Er fa&#xDF;te sie recht fest an, um sich zu &#xFC;berzeugen, dass er sie wieder in seinen H&#xE4;nden halte, und eilte dann damit nach dem Dorfe zur&#xFC;ck. Der Vater begegnete ihm.»Seht«, rief er ihm zu,»das, wovon ich Euch so oft erz&#xE4;hlt habe, was ich nur im Traum zu sehn glaubte, ist jetzt gewi&#xDF; und wahrhaftig mein. «Der Alte betrachtete die Tafel lange und sagte:»Mein Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die Lineamente<a l:href="#n_419" type="note">[419]</a> dieser Steine betrachte und ahnend den Sinn dieser Wortf&#xFC;gung errate; sieh her, wie kalt sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich geben, blutd&#xFC;rstig, wie das rote Auge des Tigers. Wirf diese Schrift weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern muss:</p><poem><stanza><v>Sieh die zarten Bl&#xFC;ten keimen,</v><v>Wie sie aus sich selbst erwachen,</v><v>Und wie Kinder aus den Tr&#xE4;umen</v><v>Dir entgegen lieblich lachen.</v></stanza><stanza><v>Ihre Farbe ist im Spielen</v><v>Zugekehrt der goldnen Sonne,</v><v>Deren hei&#xDF;en Kuss zu f&#xFC;hlen,</v><v>Das ist ihre h&#xF6;chste Wonne:</v></stanza><stanza><v>An den K&#xFC;ssen zu verschmachten,</v><v>Zu vergehn in Lieb und Wehmut;</v><v>Also stehn, die eben lachten,</v><v>Bald verwelkt in stiller Demut.</v></stanza><stanza><v>Das ist ihre h&#xF6;chste Freude,</v><v>Im Geliebten sich verzehren,</v><v>Sich im Tode zu verkl&#xE4;ren,</v><v>Zu vergehn in s&#xFC;&#xDF;em Leide.</v></stanza><stanza><v>Dann ergie&#xDF;en sie die D&#xFC;fte,</v><v>Ihre Geister, mit Entz&#xFC;cken,</v><v>Es berauschen sich die L&#xFC;fte</v><v>Im balsamischen Erquicken.</v></stanza><stanza><v>Liebe kommt zum Menschenherzen,</v><v>Regt die goldnen Saitenspiele,</v><v>Und die Seele spricht: ich f&#xFC;hle</v><v>Was das Sch&#xF6;nste sei, wonach ich ziele,</v><v>Wehmut, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.»</v></stanza></poem><p>«Wunderbare, unerme&#xDF;liche Sch&#xE4;tze«, antwortete der Sohn,»muss es noch in den Tiefen der Erde geben. Wer diese ergr&#xFC;nden, heben und an sich rei&#xDF;en k&#xF6;nnte! Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu dr&#xFC;cken verm&#xF6;chte, dass sie ihm in Angst und Liebe gern ihr Kostbarstes g&#xF6;nnte! Das Waldweib hat mich gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier nebenan ist ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten von einem Bergmanne aufgegraben; vielleicht, dass ich sie dort finde!»</p><p>Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn zur&#xFC;ckzuhalten, jener war seinen Blicken bald entschwunden. Nach einigen Stunden, nach vieler Anstrengung gelangte der Vater an den alten Schacht; er sah die Fu&#xDF;stapfen im Sande am Eingange eingedr&#xFC;ckt, und kehrte weinend um, in der &#xDC;berzeugung, dass sein Sohn im Wahnsinn hineingegangen, und in alte gesammelte W&#xE4;sser und Untiefen versunken sei.</p><p>Seitdem war er unaufh&#xF6;rlich betr&#xFC;bt und in Tr&#xE4;nen. Das ganze Dorf trauerte um den jungen Pachter, Elisabeth war untr&#xF6;stlich, die Kinder jammerten laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater gestorben, Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und sie musste die gro&#xDF;e Wirtschaft allein verwalten. Die angeh&#xE4;uften Gesch&#xE4;fte entfernten sie etwas von ihrem Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirtschaftung des Gutes lie&#xDF;en ihr f&#xFC;r Sorge und Gram keine Zeit &#xFC;brig. So entschlo&#xDF; sie sich nach zwei Jahren zu einer neuen Heirat, sie gab ihre Hand einem jungen heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. Aber bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt. Das Vieh starb, Knechte und M&#xE4;gde waren untreu, Scheuren<a l:href="#n_420" type="note">[420]</a> mit Fr&#xFC;chten wurden vom Feuer verzehrt, Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen entwichen mit dem Gelde. Bald sah sich der Wirt gen&#xF6;tigt, einige &#xC4;cker und Wiesen zu verkaufen; aber ein Misswachs und teures Jahr brachten ihn nur in neue Verlegenheit. Es schien nicht anders, als wenn das so wunderbar erworbene Geld auf allen Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen mehrten sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann wurden in der Verzweiflung unachtsam und saumselig; er suchte sich zu zerstreuen, und trank h&#xE4;ufigen und starken Wein, der ihn verdrie&#xDF;lich und j&#xE4;hzornig machte, so dass oft Elisabeth mit hei&#xDF;en Z&#xE4;hren<a l:href="#n_421" type="note">[421]</a> ihr Elend beweinte. So wie ihr Gl&#xFC;ck wich, zogen sich auch die Freunde im Dorfe von ihnen zur&#xFC;ck, so dass sie sich nach einigen Jahren ganz verlassen sahn, und sich nur mit M&#xFC;he von einer Woche zur andern hin&#xFC;berfristeten.</p><p>Es waren ihnen nur wenige Schafe und eine Kuh &#xFC;briggeblieben, welche Elisabeth oft selber mit den Kindern h&#xFC;tete. So sa&#xDF; sie einst mit ihrer Arbeit auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein s&#xE4;ugendes Kind an der Brust, als sie von ferne herauf eine wunderbare Gestalt kommen sahen. Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barf&#xFC;&#xDF;ig, sein Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von einem langen struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine Bedeckung auf dem Kopf, hatte aber von gr&#xFC;nem Laube einen Kranz durch sein Haar geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und unbegreiflicher machte. Auf dem R&#xFC;cken trug er in einem festgeschn&#xFC;rten Sack eine schwere Ladung, im Gehen st&#xFC;tzte er sich auf eine junge Fichte.</p><p>Als er n&#xE4;her kam, setzte er seine Last nieder, und holte schwer Atem. Er bot der Frau guten Tag, die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das M&#xE4;dchen schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht hatte, sagte er:»Nun komme ich von einer sehr beschwerlichen Wanderschaft aus dem rauhesten Gebirge auf Erden, aber ich habe daf&#xFC;r auch endlich die kostbarsten Sch&#xE4;tze mitgebracht, die die Einbildung nur denken oder das Herz sich w&#xFC;nschen kann. Seht hier, und erstaunt!«Er &#xF6;ffnete hierauf seinen Sack und sch&#xFC;ttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen gro&#xDF;e St&#xFC;cke Quarz, nebst andern Steinen lagen.»Es ist nur«, fuhr er fort,»dass diese Juwelen noch nicht poliert und geschliffen sind, darum fehlt es ihnen noch an Auge und Blick; das &#xE4;u&#xDF;erliche Feuer mit seinem Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen<a l:href="#n_422" type="note">[422]</a> Herzen begraben, aber man muss es nur herausschlagen, dass sie sich f&#xFC;rchten, dass keine Verstellung ihnen mehr n&#xFC;tzt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind.»</p><p>Er nahm mit diesen Worten einen harten Stein und schlug ihn heftig gegen einen andern, so dass die roten Funken heraussprangen.»Habt ihr den Glanz gesehen?«rief er aus;»so sind sie ganz Feuer und Licht, sie erhellen das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch tun sie es nicht freiwillig.»</p><p>Er packte hierauf alles wieder sorgf&#xE4;ltig in seinen Sack, welchen er fest zusammenschn&#xFC;rte.»Ich kenne dich recht gut«, sagte er dann wehm&#xFC;tig,»du bist Elisabeth. «Die Frau erschrak.»Wie ist dir doch mein Name bekannt«, fragte sie mit ahnendem Zittern. – »Ach, lieber Gott!«sagte der Ungl&#xFC;ckselige,»ich bin ja der Christian, der einst als J&#xE4;ger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr?»</p><p>Sie wusste nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten Mitleiden sagen sollte. Er fiel ihr um den Hals, und k&#xFC;sste sie. Elisabeth rief aus:»O Gott! mein Mann kommt!»</p><p>«Sei ruhig«, sagte er,»ich bin dir so gut wie gestorben; dort im Walde wartet schon meine Sch&#xF6;ne, die Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen Schleier geschm&#xFC;ckt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore. Komm her, mein teures, liebes Herz, und gib mir auch einen Kuss, nur einen einzigen, dass ich einmal wieder deinen Mund auf meinen Lippen f&#xFC;hle, dann will ich euch verlassen.»</p><p>Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, die in Schluchzen und Tr&#xE4;nen sie halb zum Wandrer lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm sie in die Arme, und dr&#xFC;ckte sie an seine Brust. – Dann ging er still fort, und im Walde sahen sie ihn mit dem entsetzlichen Waldweibe sprechen.</p><p>«Was ist euch?«fragte der Mann, als er Mutter und Tochter bla&#xDF; und in Tr&#xE4;nen aufgel&#xF6;st fand. Keine wollte ihm Antwort geben.</p><p>Der Ungl&#xFC;ckliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen.</p></section><section><title><p>Clemens Brentano</p><p>Geschichte vom braven Kasperl und dem sch&#xF6;nen Annerl</p></title><p>Es war Sommersfr&#xFC;he, die Nachtigallen sangen erst seit einigen Tagen durch die Stra&#xDF;en und verstummten heut in einer k&#xFC;hlen Nacht, welche von fernen Gewittern zu uns herwehte; der Nachtw&#xE4;chter rief die elfte Stunde an, da sah ich, nach Hause gehend, vor der T&#xFC;r eines gro&#xDF;en Geb&#xE4;udes einen Trupp von allerlei Gesellen, die vom Biere kamen, um jemand, der auf den T&#xFC;rstufen sa&#xDF;, versammelt. Ihr Anteil schien mir so lebhaft, dass ich irgendein Ungl&#xFC;ck besorgte und mich n&#xE4;herte.</p><p>Eine alte B&#xE4;uerin sa&#xDF; auf der Treppe, und so lebhaft die Gesellen sich um sie bek&#xFC;mmerten, so wenig lie&#xDF; sie sich von den neugierigen Fragen und gutm&#xFC;tigen Vorschl&#xE4;gen derselben st&#xF6;ren. Es hatte etwas sehr Befremdendes, ja schier<a l:href="#n_423" type="note">[423]</a> Gro&#xDF;es, wie die gute alte Frau so sehr wusste, was sie wollte, dass sie, als sei sie ganz allein in ihrem K&#xE4;mmerlein, mitten unter den Leuten es sich unter freiem Himmel zur Nachtruhe bequem machte. Sie nahm ihre Sch&#xFC;rze als ein M&#xE4;ntelchen um, zog ihren gro&#xDF;en schwarzen, wachsleinenen Hut tiefer in die Augen, legte sich ihr B&#xFC;ndel unter den Kopf zurecht und gab auf keine Frage Antwort.</p><p>«Was fehlt dieser alten Frau?«fragte ich einen der Anwesenden; da kamen Antworten von allen Seiten:»Sie k&#xF6;mmt sechs Meilen Weges vom Lande, sie kann nicht weiter, sie wei&#xDF; nicht Bescheid<a l:href="#n_424" type="note">[424]</a> in der Stadt, sie hat Befreundete am andern Ende der Stadt und kann nicht hinfinden.»</p><p>«Ich wollte sie f&#xFC;hren, «sagte einer,»aber es ist ein weiter Weg, und ich habe meinen Hausschl&#xFC;ssel nicht bei mir. Auch w&#xFC;rde sie das Haus nicht kennen, wo sie hin will.»</p><p>«Aber hier kann die Frau nicht liegen bleiben, «sagte ein Neuhinzugetretener.»Sie will aber platterdings<a l:href="#n_425" type="note">[425]</a>«, antwortete der erste;»ich habe es ihr l&#xE4;ngst gesagt, ich wolle sie nach Haus bringen, doch sie redet ganz verwirrt, ja sie muss wohl betrunken sein.»</p><p>«Ich glaube, sie ist bl&#xF6;dsinnig. Aber hier kann sie doch in keinem Falle bleiben, «wiederholte jener,»die Nacht ist k&#xFC;hl und lang.»</p><p>W&#xE4;hrend allem diesem Gerede war die Alte, grade als ob sie taub und blind sei, ganz ungest&#xF6;rt mit ihrer Zubereitung fertig geworden, und da der letzte abermals sagte:»Hier kann sie doch nicht bleiben«, erwiderte sie, mit einer wunderlich tiefen und ernsten Stimme:</p><p>«Warum soll ich nicht hier bleiben? Ist dies nicht ein herzogliches Haus? Ich bin achtundachtzig Jahre alt, und der Herzog wird mich gewiss nicht von seiner Schwelle treiben. Drei S&#xF6;hne sind in seinem Dienst gestorben, und mein einziger Enkel hat seinen Abschied genommen; Gott verzeiht es ihm gewiss, und ich will nicht sterben, bis er in seinem ehrlichen Grab liegt.»</p><p>«Achtundachtzig Jahre und sechs Meilen gelaufen!«sagten die Umstehenden,»sie ist m&#xFC;d und kindisch, in solchem Alter wird der Mensch schwach.»</p><p>«Mutter, Sie kann aber den Schnupfen kriegen und sehr krank werden hier, und Langeweile wird Sie auch haben«, sprach nun einer der Gesellen und beugte sich n&#xE4;her zu ihr.</p><p>Da sprach die Alte wieder mit ihrer tiefen Stimme, halb bittend, halb befehlend:</p><p>«O lasst mir meine Ruhe und seid nicht unvern&#xFC;nftig; ich brauch keinen Schnupfen, ich brauche keine Langeweile; es ist ja schon sp&#xE4;t an der Zeit, achtundachtzig bin ich alt, der Morgen wird bald anbrechen, da geh ich zu meinen Befreundeten. Wenn ein Mensch fromm ist und hat Schicksale und kann beten, so kann er die paar armen Stunden auch noch wohl hinbringen.»</p><p>Die Leute hatten sich nach und nach verloren, und die letzten, welche noch da standen, eilten auch hinweg, weil der Nachtw&#xE4;chter durch die Stra&#xDF;e kam und sie sich von ihm ihre Wohnungen wollten &#xF6;ffnen lassen. So war ich allein noch gegenw&#xE4;rtig. Die Stra&#xDF;e ward ruhiger. Ich wandelte nachdenkend unter den B&#xE4;umen des vor mir liegenden freien Platzes auf und nieder; das Wesen der B&#xE4;uerin, ihr bestimmter, ernster Ton, ihre Sicherheit im Leben, das sie achtundachtzigmal mit seinen Jahreszeiten hatte zur&#xFC;ckkehren sehen, und das ihr nur wie ein Vorsaal im Bethause erschien, hatten mich mannigfach ersch&#xFC;ttert.»Was sind alle Leiden, alle Begierden meiner Brust? Die Sterne gehen ewig unbek&#xFC;mmert ihren Weg – wozu suche ich Erquickung und Labung, und von wem suche ich sie und f&#xFC;r wen? Alles, was ich hier suche und liebe und erringe, wird es mich je dahin bringen, so ruhig wie diese gute, fromme Seele die Nacht auf der Schwelle des Hauses zubringen zu k&#xF6;nnen, bis der Morgen erscheint, und werde ich dann den Freund finden wie sie? Ach, ich werde die Stadt gar nicht erreichen, ich werde wegem&#xFC;de schon in dem Sande vor dem Tore umsinken und vielleicht gar in die H&#xE4;nde der R&#xE4;uber fallen.»</p><p>So sprach ich zu mir selbst, und als ich durch den Lindengang mich der Alten wieder n&#xE4;herte, h&#xF6;rte ich sie halblaut mit gesenktem Kopfe vor sich hin beten. Ich war wunderbar ger&#xFC;hrt und trat zu ihr hin und sprach:»Mit Gott, fromme Mutter, bete Sie auch ein wenig f&#xFC;r mich!«– bei welchen Worten ich ihr einen Taler<a l:href="#n_426" type="note">[426]</a> in die Sch&#xFC;rze warf.</p><p>Die Alte sagte hierauf ganz ruhig:»Hab tausend Dank, mein lieber Herr, dass du mein Gebet erh&#xF6;rt.»</p><p>Ich glaubte, sie spreche mit mir, und sagte:»Mutter, habt Ihr mich denn um etwas gebeten? Ich w&#xFC;sste nicht.»</p><p>Da fuhr die Alte &#xFC;berrascht auf und sprach:»Lieber Herr, gehe Er doch nach Haus und bete Er fein und lege Er sich schlafen. Was zieht Er so sp&#xE4;t noch auf der Gasse herum? Das ist jungen Gesellen gar nichts n&#xFC;tze; denn der Feind geht um und suchet, wo er sich einen erfange.<a l:href="#n_427" type="note">[427]</a> Es ist mancher durch solch Nachtlaufen verdorben. Wen sucht Er? Den Herrn? Der ist in des Menschen Herz, so er z&#xFC;chtiglich lebt, und nicht auf der Gasse. Sucht Er aber den Feind, so hat Er ihn schon; gehe Er h&#xFC;bsch nach Haus und bete Er, dass Er ihn loswerde. Gute Nacht!»</p><p>Nach diesen Worten wendete sie sich ganz ruhig nach der andern Seite und steckte den Taler in ihren Reisesack. Alles was die Alte tat, machte einen eigent&#xFC;mlichen ernsten Eindruck auf mich, und ich sprach zu ihr:»Liebe Mutter, Ihr habt wohl recht, aber Ihr selbst seid es, was mich hier h&#xE4;lt; ich h&#xF6;rte Euch beten und wollte Euch ansprechen, meiner dabei zu gedenken.»</p><p>«Das ist schon geschehen«, sagte sie;»als ich Ihn so durch den Lindengang wandeln sah, bat ich Gott, er m&#xF6;ge Euch gute Gedanken geben. Nun habe Er sie, und gehe Er fein schlafen!»</p><p>Ich aber setzte mich zu ihr nieder auf die Treppe und ergriff ihre d&#xFC;rre Hand und sagte:»Lasset mich hier bei Euch sitzen die Nacht hindurch, und erz&#xE4;hlet mir, woher Ihr seid, und was Ihr hier in der Stadt sucht; Ihr habt hier keine H&#xFC;lfe, in Eurem Alter ist man Gott n&#xE4;her als den Menschen; die Welt hat sich ver&#xE4;ndert, seit Ihr jung wart.»</p><p>«Dass ich nicht w&#xFC;sste, «erwiderte die Alte,»ich habe mein Lebetag ganz einerlei gefunden; Er ist noch zu jung, da verwundert man sich &#xFC;ber alles; mir ist alles schon so oft wieder vorgekommen, dass ich es nur noch mit Freuden ansehe, weil es Gott so treulich damit meinet. Aber man soll keinen guten Willen von sich weisen, wenn er einem auch grade nicht not tut, sonst m&#xF6;chte der liebe Freund ausbleiben, wenn er ein andermal gar willkommen w&#xE4;re; bleibe Er drum immer sitzen, und sehe Er, was Er mir helfen kann. Ich will Ihm erz&#xE4;hlen, was mich in die Stadt den weiten Weg treibt. Ich h&#xE4;tt es nicht gedacht, wieder hierher zu kommen. Es sind siebenzig Jahre, dass ich hier in dem Hause als Magd gedient habe, auf dessen Schwelle ich sitze, seitdem war ich nicht mehr in der Stadt; was die Zeit herumgeht! Es ist, als wenn man eine Hand umwendet. Wie oft habe ich hier am Abend gesessen vor siebzig Jahren und habe auf meinen Schatz gewartet, der bei der Garde stand! Hier haben wir uns auch versprochen. Wenn er hier – aber still, da k&#xF6;mmt die Runde vorbei.»</p><p>Da hob sie an, mit gem&#xE4;&#xDF;igter Stimme, wie etwa junge M&#xE4;gde und Diener in sch&#xF6;nen Mondn&#xE4;chten, vor der T&#xFC;r zu singen, und ich h&#xF6;rte mit innigem Vergn&#xFC;gen folgendes sch&#xF6;ne alte Lied von ihr:</p><poem><stanza><v>Wann der J&#xFC;ngste Tag wird werden,</v><v>Dann fallen die Sternelein auf die Erden.</v><v>Ihr Toten, ihr Toten sollt auferstehn,</v><v>Ihr sollt vor das J&#xFC;ngste Gerichte gehn;</v><v>Ihr sollt treten auf die Spitzen,</v><v>Da die lieben Engelein sitzen.</v><v>Da kam der liebe Gott gezogen</v><v>Mit einem sch&#xF6;nen Regenbogen.</v><v>Da kamen die falschen Juden gegangen,</v><v>Die f&#xFC;hrten einst unsern Herrn Christum gefangen.</v><v>Die hohen B&#xE4;um erleuchten sehr,</v><v>Die harten Stein zerknirschten sehr.</v><v>Wer dies Gebetlein beten kann,</v><v>Der bets des Tages nur einmal,</v><v>Die Seele wird vor Gott bestehn,</v><v>Wann wir werden zum Himmel eingehn!</v><v>Amen.</v></stanza></poem><p>Als die Runde uns n&#xE4;her kam, wurde die gute Alte ger&#xFC;hrt.»Ach, «sagte sie,»es ist heute der sechszehnte Mai, es ist doch alles einerlei, grade wie damals, nur haben sie andere M&#xFC;tzen auf und keine Z&#xF6;pfe mehr. Tut nichts, wenns Herz nur gut ist!«Der Offizier der Runde blieb bei uns stehen und wollte eben fragen, was wir hier so sp&#xE4;t zu schaffen h&#xE4;tten, als ich den F&#xE4;hnrich Graf Grossinger, einen Bekannten, in ihm erkannte. Ich sagte ihm kurz den ganzen Handel, und er sagte, mit einer Art von Ersch&#xFC;tterung:»Hier haben Sie einen Taler f&#xFC;r die Alte und eine Rose«– die er in der Hand trug —;»so alte Bauersleute haben Freude an Blumen. Bitten Sie die Alte, Ihnen morgen das Lied in die Feder zu sagen, und bringen Sie mir es. Ich habe lange nach dem Lied getrachtet, aber es nie ganz habhaft werden k&#xF6;nnen. «Hiermit schieden wir, denn der Posten der nah gelegenen Hauptwache, bis zu welcher ich ihn &#xFC;ber den Platz begleitet hatte, rief:»Wer da?«Er sagte mir noch, dass er die Wache am Schlosse habe, ich solle ihn dort besuchen. Ich ging zu der Alten zur&#xFC;ck und gab ihr die Rose und den Taler.</p><p>Die Rose ergriff sie mit einer r&#xFC;hrenden Heftigkeit und befestigte sie sich auf ihren Hut, indem sie mit einer etwas feineren Stimme und fast weinend die Worte sprach:</p><poem><stanza><v>Rosen die Blumen auf meinem</v><v>Hut, H&#xE4;tt ich viel Geld, das w&#xE4;re gut,</v><v>Rosen und mein Liebchen.</v></stanza></poem><p>Ich sagte zu ihr:»Ei, M&#xFC;tterchen, Ihr seid ja ganz munter geworden«, und sie erwiderte:</p><poem><stanza><v>Munter, munter,</v><v>Immer bunter,</v><v>Immer runder.</v><v>Oben stund er,</v><v>Nun bergunter,</v><v>‘s ist kein Wunder!</v></stanza></poem><p>«Schau Er, lieber Mensch, ist es nicht gut, dass ich hier sitzengeblieben? Es ist alles einerlei, glaub Er mir; heut sind es siebenzig Jahre, da sa&#xDF; ich hier vor der T&#xFC;re, ich war eine flinke Magd und sang gern alle Lieder. Da sang ich auch das Lied vom J&#xFC;ngsten Gericht wie heute, da die Runde vorbeiging, und da warf mir ein Grenadier<a l:href="#n_428" type="note">[428]</a> im Vor&#xFC;bergehn eine Rose in den Scho&#xDF; – die Bl&#xE4;tter hab ich noch in meiner Bibel liegen —, das war meine erste Bekanntschaft mit meinem seligen Mann. Am andern Morgen hatte ich die Rose vorgesteckt in der Kirche, und da fand er mich, und es ward bald richtig. Drum hat es mich gar sehr gefreut, dass mir heut wieder eine Rose ward. Es ist ein Zeichen, dass ich zu ihm kommen soll, und darauf freu ich mich herzlich. Vier S&#xF6;hne und eine Tochter sind mir gestorben, vorgestern hat mein Enkel seinen Abschied genommen – Gott helfe ihm und erbarme sich seiner! – und morgen verl&#xE4;&#xDF;t mich eine andre gute Seele, aber was sag ich morgen, ist es nicht schon Mitternacht vorbei?»</p><p>«Es ist zw&#xF6;lfe vor&#xFC;ber«, erwiderte ich, verwundert &#xFC;ber ihre Rede.</p><p>«Gott gebe ihr Trost und Ruhe die vier St&#xFC;ndlein, die sie noch hat!«sagte die Alte und ward still, indem sie die H&#xE4;nde faltete. Ich konnte nicht sprechen, so ersch&#xFC;tterten mich ihre Worte und ihr ganzes Wesen. Da sie aber ganz stille blieb und der Taler des Offiziers noch in ihrer Sch&#xFC;rze lag, sagte ich zu ihr:»Mutter, steckt den Taler zu Euch, Ihr k&#xF6;nntet ihn verlieren.»</p><p>«Den wollen wir nicht weglegen, den wollen wir meiner Befreundeten schenken in ihrer letzten Not!«erwiderte sie.»Den ersten Taler nehm ich morgen wieder mit nach Haus, der geh&#xF6;rt meinem Enkel, der soll ihn genie&#xDF;en. Ja seht, es ist immer ein herrlicher Junge gewesen und hielt etwas auf seinen Leib und auf seine Seele – ach Gott, auf seine Seele! – Ich habe gebetet den ganzen Weg, es ist nicht m&#xF6;glich, der liebe Herr l&#xE4;&#xDF;t ihn gewi&#xDF; nicht verderben. Unter allen Burschen war er immer der reinlichste und flei&#xDF;igste in der Schule, aber auf die Ehre war er vor allem ganz erstaunlich. Sein Leutnant hat auch immer gesprochen; ‘Wenn meine Schwadron<a l:href="#n_429" type="note">[429]</a> Ehre im Leibe hat, so sitzt sie bei dem Finkel im Quartier.’ Er war unter den Ulanen. Als er zum erstenmal aus Frankreich zur&#xFC;ckkam, erz&#xE4;hlte er allerlei sch&#xF6;ne Geschichten, aber immer war von der Ehre dabei die Rede. Sein Vater und sein Stiefbruder waren bei dem Landsturm und kamen oft mit ihm wegen der Ehre in Streit; denn was er zuviel hatte, hatten sie nicht genug. Gott verzeih mir meiner schwere S&#xFC;nde, ich will nicht schlecht von ihnen reden, jeder hat sein B&#xFC;ndel zu tragen; aber meine selige Tochter, seine Mutter, hat sich zu Tode gearbeitet bei dem Faulpelz, sie konnte nicht erschwingen, seine Schulden zu tilgen. Der Ulan erz&#xE4;hlte von den Franzosen, und als der Vater und Stiefbruder sie ganz schlecht machen wollten, sagte der Ulan: ‘Vater, das versteht Ihr nicht, sie haben doch viel Ehre im Leibe!’ Da ward der Stiefbruder t&#xFC;ckisch und sagte: ‘Was kannst du deinem Vater so viel von der Ehre vorschwatzen? War er doch Unteroffizier im N… schen Regiment und muss es besser als du verstehn, der nur Gemeiner ist!’</p><p>‘Ja,’ sagte da der alte Finkel, der nun auch rebellisch ward, ‘das war ich und habe manchen vorlauten Burschen f&#xFC;nfundzwanzig aufgez&#xE4;hlt; h&#xE4;tte ich nur Franzosen in der Kompanie gehabt, die sollten sie noch besser gef&#xFC;hlt haben, mit ihrer Ehre!’ Die Rede tat dem Ulanen gar weh, und er sagte: ‘Ich will ein St&#xFC;ckchen von einem franz&#xF6;sischen Unteroffizier erz&#xE4;hlen, das gef&#xE4;llt mir besser. Unterm vorigen K&#xF6;nig sollten auf einmal die Pr&#xFC;gel bei der franz&#xF6;sischen Armee eingef&#xFC;hrt werden. Der Befehl des Kriegsministers wurde zu Stra&#xDF;burg bei einer gro&#xDF;en Parade bekanntgemacht, und die Truppen h&#xF6;rten in Reih und Glied die Bekanntmachung mit stillem Grimm an. Da aber noch am Schluss der Parade ein Gemeiner einen Exzess machte, wurde sein Unteroffizier vorkammandiert, ihm zw&#xF6;lf Hiebe zu geben. Es wurde ihm mit Strenge befohlen, und er musste es tun. Als er aber fertig war nahm er das Gewehr des Mannes, den er geschlagen hatte, stellte es vor sich an die Erde und dr&#xFC;ckte mit dem Fu&#xDF;e los, dass ihm die Kugel durch den Kopf fuhr und er tot niedersank. Das wurde an den K&#xF6;nig berichtet, und der Befehl, Pr&#xFC;gel zu geben, ward gleich zur&#xFC;ckgenommen. Seht, Vater, das war ein Kerl, der Ehre im Leib hatte!’</p><p>‘Ein Narr war es’, sprach der Bruder. ‘Fress deine Ehre, wenn du Hunger hast!’ brummte der Vater. Da nahm mein Enkel seinen S&#xE4;bel und ging aus dem Haus und kam zu mir in mein H&#xE4;uschen und erz&#xE4;hlte mir alles und weinte die bittern Tr&#xE4;nen. Ich konnte ihm nicht helfen; die Geschichte, die er mir auch erz&#xE4;hlte, konnte ich zwar nicht ganz verwerfen, aber ich sagte ihm doch immer zuletzt: ‘Gib Gott allein die Ehre! Ich gab ihm noch den Segen, denn sein Urlaub war am andern Tage aus, und er wollte noch eine Meile umreiten nach dem Orte, wo ein Patchen von mir auf dem Edelhof diente, auf die er gar viel hielt; er wollte einmal mit ihr hausen.</p><p>Sie werden auch wohl bald zusammenkommen, wenn Gott mein Gebet erh&#xF6;rt. Er hat seinen Abschied schon genommen, mein Patchen wird ihn heut erhalten, und die Aussteuer hab ich auch schon beisammen, es soll auf der Hochzeit weiter niemand sein als ich.’ Da ward die Alte wieder still und schien zu beten. Ich war in allerlei Gedanken &#xFC;ber die Ehre, und ob ein Christ den Tod des Unteroffiziers sch&#xF6;n finden d&#xFC;rfe. Ich wollte, es sagte mir einmal einer etwas Hinreichendes dar&#xFC;ber.</p><p>Als der W&#xE4;chter ein Uhr anrief, sagte die Alte:»Nun habe ich noch zwei Stunden. Ei, ist Er noch da, warum geht Er nicht schlafen? Er wird morgen nicht arbeiten k&#xF6;nnen und mit seinem Meister H&#xE4;ndel kriegen; von welchem Handwerk ist Er denn, mein guter Mensch?»</p><p>Da wusste ich nicht recht, wie ich es ihr deutlich machen sollte, dass ich ein Schriftsteller sei.»Ich bin ein Gestudierter«, durfte ich nicht sagen, ohne zu l&#xFC;gen. Es ist wunderbar, dass ein Deutscher immer sich ein wenig sch&#xE4;mt, zu sagen, er sei ein Schriftsteller; zu Leuten aus den untern St&#xE4;nden sagt man es am ungernsten, weil diesen gar leicht die Schriftgelehrten<a l:href="#n_430" type="note">[430]</a> und Pharis&#xE4;er<a l:href="#n_431" type="note">[431]</a> aus der Bibel dabei einfallen. Der Name Schriftsteller ist nicht so eingeb&#xFC;rgert bei uns, wie das homme de lettres<a l:href="#n_432" type="note">[432]</a> bei den Franzosen, welche &#xFC;berhaupt als Schriftsteller z&#xFC;nftig<a l:href="#n_433" type="note">[433]</a> sind und in ihren Arbeiten mehr hergebrachtes Gesetz haben, ja, bei denen man auch fragt:»O&#xF9; avez-vous fait votre philosophie? Wo haben Sie Ihre Philosophie gemacht?«, wie denn ein Franzose selbst viel mehr von einem gemachten Manne hat. Doch diese nicht deutsche Sitte ist es nicht allein, welche das Wort Schriftsteller so schwer auf der Zunge macht, wenn man am Tore um seinen Charakter gefragt wird, sondern eine gewisse innere Scham h&#xE4;lt uns zur&#xFC;ck, ein Gef&#xFC;hl, welches jeden bef&#xE4;llt, der mit freien und geistigen G&#xFC;tern, mit unmittelbaren Geschenken des Himmels Handel treibt. Gelehrte brauchen sich weniger zu sch&#xE4;men als Dichter; denn sie haben gew&#xF6;hnlich Lehrgeld gegeben, sind meist in &#xC4;mtern des Staats, spalten an groben Kl&#xF6;tzen oder arbeiten in Schachten, wo viel wilde Wasser auszupumpen sind. Aber ein sogenannter Dichter ist am &#xFC;belsten daran, weil er meistens aus dem Schulgarten nach dem Parnass<a l:href="#n_434" type="note">[434]</a> entlaufen, und es ist auch wirklich ein verd&#xE4;chtiges Ding um einen Dichter von Profession, der es nicht nur nebenher ist. Man kann sehr leicht zu ihm sagen:»Mein Herr, ein jeder Mensch hat, wie Hirn, Herz, Magen, Milz, Leber und dergleichen, auch eine Poesie im Leibe; wer aber eines dieser Glieder &#xFC;berf&#xFC;ttert, verf&#xFC;ttert oder m&#xE4;stet<a l:href="#n_435" type="note">[435]</a> und es &#xFC;ber alle andre hin&#xFC;ber treibt, ja es gar zum Erwerbzweig macht, der muss sich sch&#xE4;men vor seinem ganzen &#xFC;brigen Menschen. Einer, der von der Poesie lebt, hat das Gleichgewicht verloren, und eine &#xFC;bergro&#xDF;e G&#xE4;nseleber, sie mag noch so gut schmecken, setzt doch immer eine kranke Gans voraus. «Alle Menschen, welche ihr Brot nicht im Schwei&#xDF; ihres Angesichts verdienen, m&#xFC;ssen sich einigerma&#xDF;en sch&#xE4;men, und das f&#xFC;hlt einer, der noch nicht ganz in der Tinte war, wenn er sagen soll, er sei ein Schriftsteller. So dachte ich allerlei und besann mich, was ich der Alten sagen sollte, welche, &#xFC;ber mein Z&#xF6;gern verwundert, mich anschaute und sprach:</p><p>«Welch ein Handwerk Er treibt, frage ich; warum will Er mirs nicht sagen? Treibt Er kein ehrlich Handwerk, so greif Ers noch an, es hat einen goldnen Boden. Er ist doch nicht etwa gar ein Henker oder Spion, der mich ausholen will? Meinethalben sei Er, wer Er will, sag Ers, wer Er ist? Wenn Er bei Tage so hier s&#xE4;&#xDF;e, w&#xFC;rde ich glauben, Er sei ein Lehnerich,<a l:href="#n_436" type="note">[436]</a> so ein Tagedieb,<a l:href="#n_437" type="note">[437]</a> der sich an die H&#xE4;user lehnt, damit er nicht umf&#xE4;llt vor Faulheit.»</p><p>Da fiel mir ein Wort ein, das mir vielleicht eine Br&#xFC;cke zu ihrem Verst&#xE4;ndnis schlagen k&#xF6;nnte:»Liebe Mutter, «sagte ich,»ich bin ein Schreiber.»</p><p>«Nun, «sagte sie,»das h&#xE4;tte Er gleich sagen sollen. Er ist also ein Mann von der Feder; dazu geh&#xF6;ren feine K&#xF6;pfe und schnelle Finger und ein gutes Herz, sonst wird einem drauf geklopft. Ein Schreiber ist Er? Kann Er mir dann wohl eine Bittschrift aufsetzen an den Herzog, die aber gewiss erh&#xF6;rt wird und nicht bei den vielen andern liegen bleibt?»</p><p>«Eine Bittschrift, liebe Mutter, «sprach ich,»kann ich Ihr wohl aufsetzen, und ich will mir alle M&#xFC;he geben, dass sie recht eindringlich abgefasst sein soll.»</p><p>«Nun, das ist brav vom Ihm, «erwiderte sie,»Gott lohn es Ihm und lasse Ihn &#xE4;lter werden als mich und gebe Ihm auch in Seinem Alter einen so geruhigen Mut und eine so sch&#xF6;ne Nacht mit Rosen und Talern wie mir und auch einen Freund, der ihm eine Bittschrift macht, wenn es Ihm not tut. Aber jetzt gehe Er nach Haus, lieber Freund, und kaufe Er sich einen Bogen Papier und schreibe Er die Bittschrift; ich will hier auf Ihn warten, noch eine Stunde, dann gehe ich zu meiner Pate, Er kann mitgehen; sie wird sich auch freuen an der Bittschrift. Sie hat gewiss ein gut Herz, aber Gottes Gerichte sind wunderbar.»</p><p>Nach diesen Worten ward die Alte wieder still, senkte den Kopf und schien zu beten. Der Taler lag noch auf ihrem Scho&#xDF;. Sie weinte.»Liebe Mutter, was fehlt Euch, was tut Euch so weh, Ihr weinet?«sprach ich.</p><p>«Nun, warum soll ich denn nicht weinen? Ich weine auf den Taler, ich weine auf die Bittschrift, auf alles weine ich. Aber es hilft nichts, es ist doch alles viel, viel besser auf Erden, als wir Menschen es verdienen, und gallenbittre<a l:href="#n_438" type="note">[438]</a> Tr&#xE4;nen sind noch viel zu s&#xFC;&#xDF;e. Sehe Er nur einmal das goldne Kamel da dr&#xFC;ben, an der Apotheke, wie doch Gott alles so herrlich und wunderbar geschaffen hat! Aber der Mensch erkennt es nicht, und ein solch Kamel geht eher durch ein Nadel&#xF6;hr als ein Reicher in das Himmelreich.<a l:href="#n_439" type="note">[439]</a></p><p>Aber was sitzt Er denn immer da? Gehe Er, den Bogen Papier zu kaufen, und bringe Er mir die Bittschrift.»</p><p>«Liebe Mutter, «sagte ich,»wie kann ich Euch die Bittschrift machen, wenn Ihr mir nicht sagt, was ich hineinschreiben soll?»</p><p>«Das muss ich Ihm sagen?«erwiderte sie;»dann ist es freilich keine Kunst, und wundre ich mich nicht mehr, dass Er sich einen Schreiber zu nennen sch&#xE4;mte, wenn man Ihm alles sagen soll. Nun, ich will mein M&#xF6;gliches tun. Setz Er in die Bittschrift, dass zwei Liebende beieinander ruhen sollen, und dass sie einen nicht auf die Anatomie bringen sollen, damit man seine Glieder beisammen hat, wenn es hei&#xDF;t: ‘Ihr Toten, ihr Toten sollt auferstehn, ihr sollt vor das J&#xFC;ngste Gerichte gehn!’«Da fing sie wieder bitterlich an zu weinen.</p><p>Ich ahnete, ein schweres Leid m&#xFC;sse auf ihr lasten, aber sie f&#xFC;hle bei der B&#xFC;rde ihrer Jahre nur in einzelnen Momenten sich schmerzlich ger&#xFC;hrt. Sie weinte, ohne zu klagen, ihre Worte waren immer gleich ruhig und kalt. Ich bat sie nochmals, mir die ganze Veranlassung zu ihrer Reise in die Stadt zu erz&#xE4;hlen und sie sprach:»Mein Enkel, der Ulan, von dem ich Ihm erz&#xE4;hlte, hatte doch mein Patchen sehr lieb, wie ich Ihm vorher sagte, und sprach der sch&#xF6;nen Annerl, wie die Leute sie ihres glatten Spiegels wegen nannten, immer von der Ehre vor und sagte ihr immer, sie solle auf ihre Ehre halten und auch auf seine Ehre. Da kriegte dann das M&#xE4;dchen etwas ganz Apartes<a l:href="#n_440" type="note">[440]</a> in ihr Gesicht und ihre Kleidung von der Ehre; sie war feiner und manierlicher als alle andere Dirnen. Alles sa&#xDF; ihr knapper am Leibe, und wenn sie ein Bursche einmal ein wenig derb beim Tanze anfasste oder sie etwa h&#xF6;her als den Steg der Bassgeige schwang, so konnte sie bitterlich dar&#xFC;ber bei mir weinen und sprach dabei immer, es sei wider ihre Ehre. Ach, das Annerl ist ein eignes M&#xE4;dchen immer gewesen. Manchmal, wenn kein Mensch es sich versah, fuhr sie mit beiden H&#xE4;nden nach ihrer Sch&#xFC;rze und ri&#xDF; sie sich vom Leibe, als ob Feuer drin sei, und dann fing sie gleich entsetzlich an zu weinen; aber das hat seine Ursache, es hat sie mit Z&#xE4;hnen hingerissen, der Feind ruht nicht. W&#xE4;re das Kind nur nicht stets so hinter der Ehre her gewesen und h&#xE4;tte sich lieber an unsren lieben Gott gehalten, h&#xE4;tte ihn nie von sich gelassen, in aller Not, und h&#xE4;tte seinetwillen Schande und Verachtung ertragen statt ihrer Menschenehre. Der Herr h&#xE4;tte sich gewiss erbarmt und wird es auch noch; ach, sie kommen gewiss zusammen, Gottes Wille geschehe!</p><p>Der Ulan stand wieder in Frankreich, er hatte lange nicht geschrieben, und wir glaubten ihn fast tot und weinten oft um ihn. Er war aber im Hospital an einer schweren Blessur krank gelegen, und als er wieder zu seinen Kameraden kam und zum Unteroffizier ernannt wurde, fiel ihm ein, dass ihm vor zwei Jahren sein Stiefbruder so &#xFC;bers Maul gefahren: er sei nur Gemeiner und der Vater Korporal, und dann die Geschichte von dem franz&#xF6;sischen Unteroffizier, und wie er seinem Annerl von der Ehre so viel geredet, als er Abschied genommen. Da verlor er seine Ruhe und kriegte das Heimweh und sagte zu seinem Rittmeister, der ihn um sein Leid fragte: ‘Ach, Herr Rittmeister, es ist, als ob es mich mit den Z&#xE4;hnen nach Hause z&#xF6;ge.’ Da lie&#xDF;en sie ihn heimreiten mit seinem Pferd, denn alle seine Offiziere trauten ihm. Er kriegte auf drei Monate Urlaub und sollte mit der Remonte<a l:href="#n_441" type="note">[441]</a> wieder zur&#xFC;ckkommen. Er eilte, so sehr er konnte, ohne seinem Pferde wehe zu tun, welches er besser pflegte als jemals, weil es ihm war anvertraut worden. An einem Tage trieb es ihn ganz entsetzlich, nach Hause zu eilen; es war der Tag vor dem Sterbetage seiner Mutter, und es war ihm immer, als laufe sie vor seinem Pferde her und riefe: ‘Kasper, tue mir eine Ehre an!’ Ach, ich sa&#xDF; an diesem Tage auf ihrem Grabe ganz allein und dachte auch: wenn Kasper doch bei mir w&#xE4;re! Ich hatte Bl&#xFC;melein Vergi&#xDF;nichtmein in einen Kranz gebunden und an das eingesunkene Kreuz geh&#xE4;ngt und ma&#xDF; mir den Platz umher aus und dachte: hier will ich liegen, und da soll Kasper liegen, wenn ihm Gott sein Grab in der Heimat schenkt, dass wir fein beisammen sind, wenns hei&#xDF;t: ‘Ihr Toten, ihr Toten sollt auferstehn, ihr sollt zum J&#xFC;ngsten Gerichte gehn!’ Aber Kasper kam nicht, ich wu&#xDF;te auch nicht, dass er so nahe war und wohl h&#xE4;tte kommen k&#xF6;nnen. Es trieb ihn auch gar sehr, zu eilen; denn er hatte wohl oft an diesen Tag in Frankreich gedacht und hatte einen kleinen Kranz von sch&#xF6;nen Goldblumen von daher mitgebracht, um das Grab seiner Mutter zu schm&#xFC;cken, und auch einen Kranz f&#xFC;r Annerl, den sollte sie sich bis zu ihrem Ehrentage<a l:href="#n_442" type="note">[442]</a> bewahren.»</p><p>Hier ward die Alte still und sch&#xFC;ttelte mit dem Kopf; als ich aber die letzten Worte wiederholte:»Den sollte sie sich bis zu ihrem Ehrentag bewahren«, fuhr sie fort:»Wer wei&#xDF;, ob ich es nicht erflehen<a l:href="#n_443" type="note">[443]</a> kann; ach, wenn ich den Herzog nur wecken d&#xFC;rfte!»</p><p>«Wozu?«fragte ich,»welch Anliegen habt Ihr denn Mutter?«Da sagte sie ernst» O, was l&#xE4;ge am ganzen Leben, wenns kein End n&#xE4;hme; was l&#xE4;ge am Leben, wenn es nicht ewig w&#xE4;re!«und fuhr dann in ihrer Erz&#xE4;hlung fort:</p><p>«Kasper w&#xE4;re noch recht gut zu Mittag in unserm Dorfe angekommen, aber morgens hatte ihm sein Wirt im Stalle gezeigt, dass sein Pferd gedr&#xFC;ckt sei, und dabei gesagt: ‘Mein Freund, das macht dem Reiter keine Ehre.’ Das Wort hatte Kasper tief empfunden; er legte deswegen den Sattel hohl und leicht auf, tat alles, ihm die Wunde zu heilen, und setzte seine Reise, das Pferd am Z&#xFC;gel f&#xFC;hrend, zu Fu&#xDF;e fort. So kam er am sp&#xE4;ten Abend bis an eine M&#xFC;hle, eine Meile von unserm Dorf, und weil er den M&#xFC;ller als einen alten Freund seines Vaters kannte, sprach er bei ihm ein und wurde wie ein recht lieber Gast aus der Fremde empfangen. Kasper zog sein Pferd in den Stall, legte den Sattel und sein Felleisen<a l:href="#n_444" type="note">[444]</a> in einen Winkel und ging nun zu dem M&#xFC;ller in die Stube. Da fragte er dann nach den Seinigen und h&#xF6;rte, dass ich alte Gro&#xDF;mutter noch lebe, und dass sein Vater und sein Stiefbruder gesund seien, und dass es recht gut mit ihnen gehe; sie w&#xE4;ren erst gestern mit Getreide auf der M&#xFC;hle gewesen, sein Vater habe sich auf den Ro&#xDF;- und Ochsenhandel gelegt und gedeihe dabei recht gut, auch halte er jetzt etwas auf seine Ehre und gehe nicht mehr so zerrissen umher. Dar&#xFC;ber war der gute Kasper nun herzlich froh, und da er nach der sch&#xF6;nen Annerl fragte, sagte ihm der M&#xFC;ller: er kenne sie nicht, aber wenn es die sei, die auf dem Rosenhof gedient habe, die h&#xE4;tte sich, wie er geh&#xF6;rt, in der Hauptstadt vermietet, weil sie da eher etwas lernen k&#xF6;nne und mehr Ehre dabei sei; so habe er vor einem Jahre von dem Knecht auf dem Rosenhof geh&#xF6;rt. Das freute den Kasper auch; wenn es ihm gleich leid tat, dass er sie nicht gleich sehen sollte, so hoffte er sie doch in der Hauptstadt bald recht fein und schmuck zu finden, dass es ihm, als einem Unteroffizier, auch eine rechte Ehre sei, mit ihr am Sonntag spazieren zu gehn. Nun erz&#xE4;hlte er dem M&#xFC;ller noch mancherlei aus Frankreich, sie a&#xDF;en und tranken miteinander, er half ihm Korn aufsch&#xFC;tten, und dann brachte ihn der M&#xFC;ller in die Oberstube zu Bett und legte sich selbst unten auf einigen S&#xE4;cken zur Ruhe. Das Geklapper der M&#xFC;hle und die Sehnsucht nach der Heimat lie&#xDF;en den guten Kasper, wenn er gleich sehr m&#xFC;de war, nicht fest einschlafen. Er war sehr unruhig und dachte an seine selige Mutter und an das sch&#xF6;ne Annerl und an die Ehre, die ihm bevorstehe, wenn er als Unteroffizier vor die Seinigen treten w&#xFC;rde. So entschlummerte<a l:href="#n_445" type="note">[445]</a> er endlich leis und wurde von &#xE4;ngstlichen Tr&#xE4;umen oft aufgeschreckt. Es war ihm mehrmals, als trete seine selige Mutter zu ihm und b&#xE4;te ihn h&#xE4;nderingend um H&#xFC;lfe; dann war es ihm, als sei er gestorben und w&#xFC;rde begraben, gehe aber selbst zu Fu&#xDF;e als Toter mit zu Grabe, und sch&#xF6;n Annerl gehe ihm zur Seite; er weinte heftig, dass ihn seine Kameraden nicht begleiteten, und da er auf den Kirchhof komme, sei sein Grab neben dem seiner Mutter; und Annerls Grab sei auch dabei, und er gebe Annerl das Kr&#xE4;nzlein, das er ihr mitgebracht, und h&#xE4;nge das der Mutter an ihr Grab, und dann habe er sich umgeschaut und niemand mehr gesehen als mich und die Annerl; die habe einer an der Sch&#xFC;rze ins Grab gerissen, und er sei dann auch ins Grab gestiegen und habe gesagt: ‘Ist denn niemand hier, der mir die letzte Ehre antut und mir ins Grab schie&#xDF;en will als einem braven Soldaten?’ und da habe er sein Pistol gezogen und sich selbst ins Grab geschossen. &#xDC;ber dem Schu&#xDF; wachte er mit gro&#xDF;em Schrekken auf, denn es war ihm, als klirrten die Fenster davon. Er sah um sich in der Stube, da h&#xF6;rte er noch einen Schu&#xDF; fallen und h&#xF6;rte Get&#xF6;se in der M&#xFC;hle und Geschrei durch das Geklapper. Er sprang aus dem Bett und griff nach seinem S&#xE4;bel; in dem Augenblick ging seine T&#xFC;re auf, und er sah beim Vollmondschein zwei M&#xE4;nner mit beru&#xDF;ten<a l:href="#n_446" type="note">[446]</a> Gesichtern mit Knitteln auf sich zust&#xFC;rzen, aber er setzte sich zur Wehre und hieb den einen &#xFC;ber den Arm, und so entflohen beide, indem sie die T&#xFC;re, welche nach au&#xDF;en aufging und einen Riegel drau&#xDF;en hatte, hinter sich verriegelten. Kasper versuchte umsonst, ihnen nachzukommen; endlich gelang es ihm, eine Tafel in der T&#xFC;re einzutreten. Er eilte durch das Loch die Treppe hinunter und h&#xF6;rte das Wehgeschrei des M&#xFC;llers, den er geknebelt<a l:href="#n_447" type="note">[447]</a> zwischen den Korns&#xE4;cken liegend fand. Kasper band ihn los und eilte dann gleich in den Stall, nach seinem Pferde und Felleisen, aber beides war geraubt. Mit gro&#xDF;em Jammer eilte er in die M&#xFC;hle zur&#xFC;ck und klagte dem M&#xFC;ller sein Ungl&#xFC;ck, dass ihm all sein Hab und Gut und das ihm anvertraute Pferd gestohlen sei, &#xFC;ber welches letztere er sich gar nicht zufrieden geben konnte. Der M&#xFC;ller aber stand mit einem vollen Geldsack vor ihm, er hatte in der Oberstube aus dem Schranke geholt und sagte zu dem Ulan: ‘Lieber Kasper, sei Er zufrieden, ich verdanke Ihm die Rettung meines Verm&#xF6;gens; auf diesen Sack, der oben in Seiner Stube lag, hatten es die R&#xE4;uber gem&#xFC;nzt, und Seiner Verteidigung danke ich alles, mir ist nichts gestohlen. Die Sein Pferd und Sein Felleisen im Stall fanden, m&#xFC;ssen ausgestellte Diebeswachen gewesen sein, sie zeigten durch die Sch&#xFC;sse an, dass Gefahr da sei, weil sie wahrscheinlich am Sattelzeug erkannten, dass ein Kavallerist im Hause herberge. Nun soll Er meinethalben keine Not haben, ich will mir alle M&#xFC;he geben und kein Geld sparen, Ihm Seinen Gaul wiederzufinden, und finde ich ihn nicht, so will ich Ihm einen kaufen, so teuer er sein mag.’ Kasper sagte: ‘Geschenkt nehme ich nichts, das ist gegen meine Ehre; aber wenn Er mir im Notfall siebzig Taler vorschie&#xDF;en will, so kriegt er meine Verschreibung, ich schaffe sie in zwei Jahren wieder.’ Hier&#xFC;ber wurden sie einig, und der Ulan trennte sich vom ihm, um nach seinem Dorfe zu eilen, wo auch ein Gerichtshalter der umliegenden Edelleute wohnt, bei dem er die Sache berichten wollte. Der M&#xFC;ller blieb zur&#xFC;ck, um seine Frau und seinen Sohn zu erwarten, welche auf einem Dorfe in der N&#xE4;he bei einer Hochzeit waren. Dann wollte er dem Ulanen nachkommen und die Anzeige vor Gericht auch machen.</p><p>Er kann sich denken, lieber Herr Schreiber, mit welcher Betr&#xFC;bnis der arme Kasper den Weg nach unserm Dorfe eilte, zu Fu&#xDF; und arm, wo er hatte stolz einreiten wollen; einundfunfzig Taler, die er erbeutet hatte, sein Patent als Unteroffizier, sein Urlaub, und die Kr&#xE4;nze auf seiner Mutter Grab und f&#xFC;r die sch&#xF6;ne Annerl waren ihm gestohlen. Es war ihm ganz verzweifelt zumute, und so kam er um ein Uhr in der Nacht in seiner Heimat an und pochte gleich an der T&#xFC;re des Gerichtshalters, dessen Haus das erste vor dem Dorfe ist. Er ward eingelassen und machte seine Anzeige und gab alles an, was ihm geraubt worden war. Der Gerichtshalter trug ihm auf, er solle gleich zu seinem Vater gehn, welches der einzige Bauer im Dorfe sei, der Pferde habe, und solle mit diesem und seinem Bruder in der Gegend herum patrouillieren, ob er vielleicht den R&#xE4;ubern auf die Spur komme; indessen wolle er andere Leute zu Fu&#xDF; aussenden und den M&#xFC;ller, wenn er komme, um die weiteren Umst&#xE4;nde vernehmen. Kasper ging nun von dem Gerichtshalter weg nach dem v&#xE4;terlichen Hause; da er aber an meiner H&#xFC;tte vor&#xFC;ber musste und durch das Fenster h&#xF6;rte, dass ich ein geistliches Lied sang, wie ich denn vor Gedanken an seine selige Mutter nicht schlafen konnte, so pochte er an und sagte: ‘Gelobt sei Jesus Christus, liebe Gro&#xDF;mutter, Kasper ist hier.’ Ach, wie fuhren mir die Worte durch Mark und Bein! Ich st&#xFC;rzte an das Fenster, &#xF6;ffnete es und k&#xFC;sste und dr&#xFC;ckte ihn mit unendlichen Tr&#xE4;nen. Er erz&#xE4;hlte mir sein Ungl&#xFC;ck mit gro&#xDF;er Eile und sagte, welchen Auftrag er an seinen Vater vom Gerichtshalter habe; er m&#xFC;sse drum jetzt gleich hin, um den Dieben nachzusetzen, denn seine Ehre h&#xE4;nge davon ab, dass er sein Pferd wiedererhalte.</p><p>Ich wei&#xDF; nicht, aber das Wort Ehre fuhr mir recht durch alle Glieder, denn ich wusste schwere Gerichte, die ihm bevorstanden. ‘Tue deine Pflicht und gib Gott allein die Ehre!’ sagte ich; und er eilte von mir nach Finkels Hof, der am andern Ende des Dorfs liegt. Ich sank, als er fort war, auf die Knien und betete zu Gott, er m&#xF6;ge ihn doch in seinen Schutz nehmen; ach, ich betete mit einer Angst wie niemals und musste dabei immer sagen: ‘Herr, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.’</p><p>Der Kasper lief zu seinem Vater mit einer entsetzlichen Angst. Er stieg hinten &#xFC;ber den Gartenzaun, er h&#xF6;rte die Plumpe gehen, er h&#xF6;rte im Stall wiehern, das fuhr ihm durch die Seele; er stand still, er sah im Mondschein, dass zwei M&#xE4;nner sich wuschen, es wollte ihm das Herz brechen. Der eine sprach: ‘Das verfluchte Zeug geht nicht herunter’; da sagte der andre: ‘Komm erst in den Stall, dem Gaul den Schwanz abzuschlagen und die M&#xE4;hnen zu verschneiden. Hast du das Felleisen auch tief genug unterm Mist begraben?’</p><p>‘Ja’, sagte der andre. Da gingen sie nach dem Stall, und Kasper, vor Jammer wie ein Rasender, sprang hervor und schloss die Stallt&#xFC;re hinter ihnen und schrie: ‘Im Namen des Herzogs! Ergebt euch! Wer sich widersetzt, den schie&#xDF;e ich nieder!’ Ach, da hatte er seinen Vater und seinen Stiefbruder als die R&#xE4;uber seines Pferdes gefangen. ‘Meine Ehre, meine Ehre ist verloren!’ schrie er, ‘ich bin der Sohn eines ehrlosen Diebes.’ Als die beiden im Stall diese Worte h&#xF6;rten, ist ihnen b&#xF6;s zumute geworden; sie schrien: ‘Kasper, lieber Kasper, um Gottes willen, bringe uns nicht ins Elend, Kasper, du sollst ja alles wiederhaben, um deiner seligen Mutter willen, deren Sterbetag heute ist, erbarme dich deines Vaters und Bruders!’ Kasper aber war wie verzweifelt, er schrie nur immer: ‘Meine Ehre, meine Pflicht!’ und da sie nun mit Gewalt die T&#xFC;re erbrechen wollten und ein Fach in der Lehmwand einstossen, um zu entkommen, schoss er ein Pistol in die Luft und schrie: ‘H&#xFC;lfe, H&#xFC;lfe, Diebe, H&#xFC;lfe!’ Die Bauern, von dem Gerichtshalter erweckt, welche schon herannahten, um sich &#xFC;ber die verschiedenen Wege zu bereden, auf denen sie die Einbrecher in die M&#xFC;hle verfolgen wollten, st&#xFC;rzten auf den Schuss und das Geschrei ins Haus. Der alte Finkel flehte immer noch, der Sohn solle ihm die T&#xFC;re &#xF6;ffnen; der aber sagte: ‘Ich bin ein Soldat und muss der Gerechtigkeit dienen.’ Da traten der Gerichtshalter und die Bauern heran. Kasper sagte: ‘Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Gerichtshalter, mein Vater, mein Bruder sind selbst die Diebe, o dass ich nie geboren w&#xE4;re! Hier im Stalle habe ich sie gefangen, mein Felleisen liegt im Miste vergraben.’ Da sprangen die Bauern in den Stall und banden den alten Finkel und seinen Sohn und schleppten sie in ihre Stube. Kasper aber grub das Felleisen hervor und nahm die zwei Kr&#xE4;nze heraus und ging nicht in die Stube, er ging nach dem Kirchhofe an das Grab seiner Mutter. Der Tag war angebrochen. Ich war auf der Wiese gewesen und hatte f&#xFC;r mich und f&#xFC;r Kasper zwei Kr&#xE4;nze von Bl&#xFC;melein Vergissnichtmein geflochten; ich dachte: er soll mit mir das Grab seiner Mutter schm&#xFC;cken, wenn er von seinem Ritt zur&#xFC;ckkommt. Da h&#xF6;rte ich allerlei ungewohnten L&#xE4;rm im Dorf, und weil ich das Get&#xFC;mmel nicht mag und am liebsten alleine bin, so ging ich ums Dorf herum nach dem Kirchhof. Da fiel ein Schuss, ich sah den Dampf in die H&#xF6;he steigen, ich eilte auf den Kirchhof – o du lieber Heiland,<a l:href="#n_448" type="note">[448]</a> erbarme dich sein! Kasper lag tot auf dem Grabe seiner Mutter, er hatte sich die Kugel durch das Herz geschossen, auf welches er sich das Kr&#xE4;nzlein, das er f&#xFC;r sch&#xF6;n Annerl mitgebracht, am Knopfe befestigt hatte; durch diesen Kranz hatte er sich ins Herz geschossen. Den Kranz f&#xFC;r die Mutter hatte er schon an das Kreuz befestigt. Ich meinte, die Erde t&#xE4;te sich unter mir auf bei dem Anblick, ich st&#xFC;rzte &#xFC;ber ihn hin und schrie immer: ‘Kasper, o du ungl&#xFC;ckseliger Mensch, was hast du getan? Ach, wer hat dir denn dein Elend erz&#xE4;hlt? O warum habe ich dich von mir gelassen, ehe ich dir alles gesagt! Gott, was wird dein armer Vater, dein Bruder sagen, wenn sie dich so finden!’ Ich wusste nicht, dass er sich wegen diesen das Leid angetan; ich glaubte, es habe eine ganz andere Ursache. Da kam es noch &#xE4;rger. Der Gerichtshalter und die Bauern brachten den alten Finkel und seinen Sohn mit Stricken gebunden; der Jammer erstickte mir die Stimme in der Kehle, ich konnte kein Wort sprechen; der Gerichtshalter fragte mich, ob ich meinen Enkel nicht gesehn. Ich zeigte hin, wo er lag. Er trat zu ihm; er glaubte, er weine auf dem Grabe; er sch&#xFC;ttelte ihn, da sah er das Blut niederst&#xFC;rzen. ‘Jesus, Marie!’ rief er aus, ‘der Kasper hat Hand an sich gelegt.’ Da sahen die beiden Gefangenen sich schrecklich an; man nahm den Leib des Kaspers und trug ihn neben ihnen her nach dem Hause des Gerichtshalters; es war ein Wehgeschrei im ganzen Dorfe, die Bauernweiber f&#xFC;hrten mich nach. Ach, das war wohl der schrecklichste Weg in meinem Leben!»</p><p>Da ward die Alte wieder still, und ich sagte zu ihr:»Liebe Mutter, Euer Leid ist entsetzlich, aber Gott hat Euch auch recht lieb; die er am h&#xE4;rtesten schl&#xE4;gt, sind seine liebsten Kinder. Sagt mir nun, liebe Mutter, was Euch bewogen hat, den weiten Weg hieher zu gehen, und um was Ihr die Bittschrift einreichen wollt?»</p><p>«Ei, das kann Er sich doch wohl denken, «fuhr sie ganz ruhig fort,»um ein ehrliches Grab f&#xFC;r Kasper und die sch&#xF6;ne Annerl, der ich das Kr&#xE4;nzlein zu ihrem Ehrentag mitbringe; es ist ganz mit Kaspers Blut unterlaufen, seh Er einmal!»</p><p>Da zog sie einen kleinen Kranz von Flittergold aus ihrem B&#xFC;ndel und zeigte ihn mir; ich konnte bei dem anbrechenden Tage sehen, dass er vom Pulver geschw&#xE4;rzt und mit Blut besprengt war. Ich war ganz zerrissen von dem Ungl&#xFC;ck der guten Alten, und die Gr&#xF6;&#xDF;e und Festigkeit, womit sie es trug, erf&#xFC;llte mich mit Verehrung.»Ach, liebe Mutter, «sagte ich,»wie werdet Ihr der armen Annerl aber ihr Elend beibringen, dass sie gleich nicht vor Schrecken tot niedersinkt, und was ist denn das f&#xFC;r ein Ehrentag, zu welchem Ihr dem Annerl den traurigen Kranz bringet?»</p><p>«Lieber Mensch, «sprach sie,»komme Er nur mit, Er kann mich zu ihr begleiten, ich kann doch nicht geschwind fort, so werden wir sie gerade zu rechter Zeit noch finden. Ich will Ihm unterwegs noch alles erz&#xE4;hlen.»</p><p>Nun stand sie auf und betete ihren Morgensegen ganz ruhig und brachte ihre Kleider in Ordnung, und ihren B&#xFC;ndel h&#xE4;ngte sie dann an meinen Arm; es war zwei Uhr des Morgens, der Tag graute, und wir wandelten durch die stillen Gassen.</p><p>«Seh Er, «erz&#xE4;hlte die Alte fort,»als der Finkel und sein Sohn eingesperrt waren, musste ich zum Gerichtshalter auf die Gerichtsstube; der tote Kasper wurde auf einen Tisch gelegt und, mit seinem Ulanenmantel bedeckt, hereingetragen, und nun musste ich alles dem Gerichtshalter sagen, was ich von ihm wusste, und was er mir heute morgen durch das Fenster gesagt hatte. Das schrieb er alles auf sein Papier nieder, das vor ihm lag. Dann sah er die Schreibtafel durch, die sie bei Kasper gefunden; da standen mancherlei Rechnungen drin, einige Geschichten von der Ehre und auch die von dem franz&#xF6;sischen Unteroffizier, und hinter ihr war mit Bleistift etwas geschrieben. «Da gab mir die Alte die Brieftasche, und ich las folgende letzte Worte des ungl&#xFC;cklichen Kaspers:»Auch ich kann meine Schande nicht &#xFC;berleben. Mein Vater und mein Bruder sind Diebe, sie haben mich selbst bestohlen; mein Herz brach mir, aber ich musste sie gefangennehmen und den Gerichten &#xFC;bergeben, denn ich bin ein Soldat meines F&#xFC;rsten, und meine Ehre erlaubt mir keine Schonung. Ich habe meinen Vater und Bruder der Rache &#xFC;bergeben um der Ehre willen. Ach, bitte doch jedermann f&#xFC;r mich, dass man mir hier, wo ich gefallen bin ein ehrliches Grab neben meiner Mutter verg&#xF6;nne! Das Kr&#xE4;nzlein, durch welches ich mich erschossen, soll die Gro&#xDF;mutter der sch&#xF6;nen Annerl schicken und sie von mir gr&#xFC;&#xDF;en; ach, sie tut mir leid durch Mark und Bein, aber sie soll doch den Sohn eines Diebes nicht heiraten, denn sie hat immer viel auf Ehre gehalten. Liebe sch&#xF6;ne Annerl, m&#xF6;gest du nicht so sehr erschrecken &#xFC;ber mich, gib dich zufrieden, und wenn du mir jemals ein wenig gut warst, so rede nicht schlecht von mir! Ich kann ja nichts f&#xFC;r meine Schande! Ich hatte mir so viele M&#xFC;he gegeben, in Ehren zu bleiben mein Leben lang, ich war schon Unteroffizier und hatte den besten Ruf bei der Schwadron, ich w&#xE4;re gewiss noch einmal Offizier geworden, und Annerl, dich h&#xE4;tte ich doch nicht verlassen und h&#xE4;tte keine Vornehmere gefreit – aber der Sohn eines Diebes, der seinen Vater aus Ehre selbst fangen und richten lassen muss, kann seine Schande nicht &#xFC;berleben. Annerl, liebes Annerl, nimm doch ja das Kr&#xE4;nzlein, ich bin dir immer treu gewesen, so Gott mir gn&#xE4;dig sei! Ich gebe dir nun deine Freiheit wieder, aber tue mir die Ehre und heirate nie einen, der schlechter w&#xE4;re als ich. Und wenn du kannst, so bitte f&#xFC;r mich, dass ich ein ehrliches Grab neben meiner Mutter erhalte; und wenn du hier in unserm Ort sterben solltest, so lasse dich auch bei uns begraben; die gute Gro&#xDF;mutter wird auch zu uns kommen, da sind wir alle beisammen. Ich habe funfzig Taler in meinem Felleisen, die sollen auf Interessen gelegt werden f&#xFC;r dein erstes Kind. Meine silberne Uhr soll der Herr Pfarrer haben, wenn ich ehrlich begraben werde. Mein Pferd, die Uniform und Waffen geh&#xF6;ren dem Herzog, diese meine Brieftasche geh&#xF6;rt dein. Adies,<a l:href="#n_449" type="note">[449]</a> herztausender Schatz, adies, liebe Gro&#xDF;mutter, betet f&#xFC;r mich und lebt alle wohl!</p><p>Gott erbarme sich meiner – ach, meine Verzweiflung ist gro&#xDF;!»</p><p>Ich konnte diese letzten Worte eines gewiss edeln ungl&#xFC;cklichen Menschen nicht ohne bittere Tr&#xE4;nen lesen.</p><p>«Der Kasper muss ein gar guter Mensch gewesen sein, liebe Mutter«, sagte ich zu der Alten, welche nach diesen Worten stehenblieb und meine Hand dr&#xFC;ckte und mit tiefbewegter Stimme sagte:»Ja, es war der beste Mensch auf der Welt. Aber die letzten Worte von der Verzweiflung h&#xE4;tte er nicht schreiben sollen, die bringen ihn um sein ehrliches Grab, die bringen ihn auf die Anatomie. Ach, lieber Schreiber, wenn Er hierin nur helfen k&#xF6;nnte!»</p><p>«Wieso, liebe Mutter?«fragte ich,»was k&#xF6;nnen diese letzten Worte dazu beitragen.«—»Ja gewiss, «erwiderte sie,»der Gerichtshalter hat es mir selbst gesagt. Es ist ein Befehl an alle Gerichte ergangen, dass nur die Selbstm&#xF6;rder aus Melancholie ehrlich sollen begraben werden, alle aber, die aus Verzweiflung Hand an sich gelegt, sollen auf die Anatomie; und der Gerichtshalter hat mir gesagt, dass er den Kasper, weil er selbst seine Verzweiflung eingestanden, auf die Anatomie schicken m&#xFC;sse.»</p><p>«Das ist ein wunderlich Gesetz, «sagte ich,»denn man k&#xF6;nnte wohl bei jedem Selbstmord einen Prozess anstellen, ob er aus Melancholie oder Verzweiflung entstanden, der so lange dauern m&#xFC;sste, dass der Richter und die Advokaten dr&#xFC;ber in Melancholie und Verzweiflung fielen und auf die Anatomie k&#xE4;men. Aber seid nur getr&#xF6;stet, liebe Mutter, unser Herzog ist ein so guter Herr, wenn er die ganze Sache h&#xF6;rt, wird er dem armen Kasper gewiss sein Pl&#xE4;tzchen neben der Mutter verg&#xF6;nnen.»</p><p>«Das gebe Gott!«erwiderte die Alte.»Sehe Er nun, lieber Mensch: als der Gerichtshalter alles zu Papier gebracht hatte, gab er mir die Brieftasche und den Kranz f&#xFC;r die sch&#xF6;ne Annerl, und so bin ich dann gestern hierher gelaufen, damit ich ihr an ihrem Ehrentag den Trost noch mit auf den Weg geben kann. – Der Kasper ist zu rechter Zeit gestorben; h&#xE4;tte er alles gewu&#xDF;t, er w&#xE4;re n&#xE4;rrisch geworden vor Betr&#xFC;bnis.»</p><p>«Was ist es denn nun mit der sch&#xF6;nen Annerl?«fragte ich die Alte;»bald sagt Ihr, sie habe nur noch wenige Stunden, bald sprecht Ihr von ihrem Ehrentag, und sie werde Trost gewinnen durch Eure traurige Nachricht. Sagt mir doch alles heraus; will sie Hochzeit halten mit einem andern, ist sie tot, krank? Ich muss alles wissen, damit ich es in die Bittschrift setzen kann.»</p><p>Da erwiderte die Alte:»Ach, lieber Schreiber, es ist nun so, Gottes Wille geschehe! Sehe Er, als Kasper kam, war ich doch nicht recht froh; als Kasper sich das Leben nahm, war ich doch nicht recht traurig; ich h&#xE4;tte es nicht &#xFC;berleben k&#xF6;nnen, wenn Gott sich meiner nicht erbarmt gehabt h&#xE4;tte mit gr&#xF6;&#xDF;erem Leid. Ja, ich sage Ihm: es war mir ein Stein vor das Herz gelegt, wie ein Eisbrecher, und alle die Schmerzen, die wie Grundeis gegen mich st&#xFC;rzten und mir das Herz gewiss abgestossen h&#xE4;tten, die zerbrachen an diesem Stein und trieben kalt vor&#xFC;ber. Ich will Ihm etwas erz&#xE4;hlen, das ist betr&#xFC;bt:</p><p>Als mein Patchen, die sch&#xF6;ne Annerl, ihre Mutter verlor, die eine Base<a l:href="#n_450" type="note">[450]</a> von mir war und sieben Meilen von uns wohnte, war ich bei der kranken Frau. Sie war die Witwe eines armen Bauern und hatte in ihrer Jugend einen J&#xE4;ger liebgehabt, ihn aber wegen seines wilden Lebens nicht genommen. Der J&#xE4;ger war endlich in solch Elend gekommen, dass er auf Tod und Leben wegen eines Mordes gefangen sa&#xDF;. Das erfuhr meine Base auf ihrem Krankenlager, und es tat ihr so weh, dass sie t&#xE4;glich schlimmer wurde und endlich in ihrer Todesstunde, als sie mir die liebe sch&#xF6;ne Annerl als mein Patchen &#xFC;bergab und Abschied von mir nahm, noch in den letzten Augenblicken zu mir sagte: ‘Liebe Anne Margret, wenn du durch das St&#xE4;dtchen k&#xF6;mmst, wo der arme J&#xFC;rge gefangen liegt, so lasse ihm sagen durch den Gefangenw&#xE4;rter, dass ich ihn bitte auf meinem Todesbett, er solle sich zu Gott bekehren, und dass ich herzlich f&#xFC;r ihn gebetet habe in meiner letzten Stunde, und dass ich ihn sch&#xF6;n gr&#xFC;&#xDF;en lasse.’ – Bald nach diesen Worten starb die gute Base, und als sie begraben war, nahm ich die kleine Annerl, die drei Jahr alt war, auf den Arm und ging mit ihr nach Haus.</p><p>Vor dem St&#xE4;dtchen, durch das ich musste, kam ich an der Scharfrichterei vor&#xFC;ber, und weil der Meister ber&#xFC;hmt war als ein Viehdoktor, sollte ich einige Arznei mitnehmen f&#xFC;r unsern Schulzen.<a l:href="#n_451" type="note">[451]</a> Ich trat in die Stube und sagte dem Meister, was ich wollte, und er antwortete, dass ich ihm auf den Boden folgen solle, wo er die Kr&#xE4;uter liegen habe, und ihm helfen aussuchen. Ich lie&#xDF; Annerl in der Stube und folgte ihm. Als wir zur&#xFC;ck in die Stube traten, stand Annerl vor einem kleinen Schranke, der an der Wand befestigt war, und sprach: ‘Gro&#xDF;mutter, da ist eine Maus drin; h&#xF6;rt, wie es klappert; da ist eine Maus drin!’</p><p>Auf diese Rede des Kindes machte der Meister ein sehr ernsthaftes Gesicht, ri&#xDF; den Schrank auf und sprach ‘Gott sei uns gn&#xE4;dig!’ denn er sah sein Richtschwert, das allein in dem Schranke an einem Nagel hing, hin und her wanken. Er nahm das Schwert herunter, und mir schauderte. ‘Liebe Frau,’ sagte er, ‘wenn Ihr das kleine liebe Annerl liebhabt, so erschreckt nicht, wenn ich ihm mit meinem Schwert, rings um das H&#xE4;lschen, die Haut ein wenig aufritze; denn das Schwert hat vor ihm gewankt, es hat nach seinem Blut verlangt, und wenn ich ihm den Hals damit nicht ritze, so steht dem Kinde gro&#xDF; Elend im Leben bevor.’ Da fasste er das Kind, welches entsetzlich zu schreien begann, ich schrie auch und riss das Annerl zur&#xFC;ck. Indem trat der B&#xFC;rgermeister des St&#xE4;dtchens herein, der von der Jagd kam und dem Richter einen kranken Hund zur Heilung bringen wollte. Er fragte nach der Ursache des Geschreis, Annerl schrie: ‘Er will mich umbringen!’ Ich war au&#xDF;er mir vor Entsetzen. Der Richter erz&#xE4;hlte dem B&#xFC;rgermeister das Ereignis. Dieser verwies ihm seinen Aberglauben, wie er es nannte, heftig und unter starken Drohungen; der Richter blieb ganz ruhig dabei und sprach: ‘So habens meine V&#xE4;ter gehalten, so halt ichs.’ Da sprach der B&#xFC;rgermeister: ‘Meister Franz, wenn Ihr glaubtet, Euer Schwert habe sich ger&#xFC;hrt, weil ich Euch hiermit anzeige, dass morgen fr&#xFC;h um sechs Uhr der J&#xE4;ger J&#xFC;rge von Euch soll gek&#xF6;pft werden, so wollt ich es noch verzeihen; aber lass Ihr daraus etwas auf dies liebe Kind schlie&#xDF;en wollt, das ist unvern&#xFC;nftig und toll. Es k&#xF6;nnte so etwas einen Menschen in Verzweiflung bringen, wenn man es ihm sp&#xE4;ter in seinem Alter sagte, dass es ihm in seiner Jugend geschehen sei. Man soll keinen Menschen in Versuchung f&#xFC;hren.’ – ‘Aber auch keines Richters Schwert’, sagte Meister Franz vor sich und hing sein Schwert wieder in den Schrank. Nun k&#xFC;&#xDF;te der B&#xFC;rgermeister das Annerl und gab ihm eine Semmel aus seiner Jagdtasche, und da er mich gefragt, wer ich sei, wo ich her komme und wo ich hin wolle, und ich ihm den Tod meiner Base erz&#xE4;hlt hatte und auch den Auftrag an den J&#xE4;ger J&#xFC;rge, sagte er mir: ‘Ihr sollt ihn ausrichten, ich will Euch selbst zu ihm f&#xFC;hren; er hat ein hartes Herz, vielleicht wird ihn das Andenken einer guten Sterbenden in seinen letzten Stunden r&#xFC;hren.’ Da nahm der gute Herr mich und Annerl auf seinen Wagen, der vor der T&#xFC;r hielt, und fuhr mit uns in das St&#xE4;dtchen hinein.</p><p>Er hie&#xDF; mich zu seiner K&#xF6;chin gehn; da kriegten wir gutes Essen, und gegen Abend ging er mit mir zu dem armen S&#xFC;nder; und als ich dem die letzten Worte meiner Base erz&#xE4;hlte, fing er bitterlich an zu weinen und schrie: ‘Ach Gott, wenn sie mein Weib geworden, w&#xE4;re es nicht so weit mit mir gekommen.’ Dann begehrte er, man solle den Herrn Pfarrer doch noch einmal zu ihm bitten, er wolle mit ihm beten. Das versprach ihm der B&#xFC;rgermeister und lobte ihn wegen seiner Sinnesver&#xE4;nderung und fragte ihn, ob er vor seinem Tode noch einen Wunsch h&#xE4;tte, den er ihm erf&#xFC;llen k&#xF6;nne. Da sagte der J&#xE4;ger J&#xFC;rge: ‘Ach, bittet hier die gute alte Mutter, dass sie doch morgen mit dem T&#xF6;chterlein ihrer seligen Base bei meinem Rechte zugegen sein m&#xF6;gen; das wird mir das Herz st&#xE4;rken in meiner letzten Stunde.’ Da bat mich der B&#xFC;rgermeister, und so graulich es mir war, so konnte ich es dem armen, elenden Menschen nicht abschlagen. Ich musste ihm die Hand geben und es ihm feierlich versprechen, und er sank weinend auf das Stroh. Der B&#xFC;rgermeister ging dann mit mir zu seinem Freunde, dem Pfarrer, dem ich nochmals alles erz&#xE4;hlen musste, ehe er sich ins Gef&#xE4;ngnis begab.</p><p>Die Nacht musste ich mit dem Kinde in des B&#xFC;rgermeisters Haus schlafen, und am andern Morgen ging ich den schweren Gang zu der Hinrichtung des J&#xE4;gers J&#xFC;rge. Ich stand neben dem B&#xFC;rgermeister im Kreis und sah, wie er das St&#xE4;blein brach. Da hielt der J&#xE4;ger J&#xFC;rge noch eine sch&#xF6;ne Rede, und alle Leute weinten, und er sah mich und die kleine Annerl, die vor mir stand, gar beweglich an, und dann k&#xFC;sste er den Meister Franz, der Pfarrer betete mit ihm, die Augen wurden ihm verbunden, und er kniete nieder. Da gab ihm der Richter den Todesstreich. ‘Jesus, Maria, Joseph!’ schrie ich aus; denn der Kopf des J&#xFC;rgen flog gegen Annerl zu und biss mit seinen Z&#xE4;hnen dem Kinde in sein R&#xF6;ckchen, das ganz entsetzlich schrie. Ich riss meine Sch&#xFC;rze vom Leibe und warf sie &#xFC;ber den scheu&#xDF;lichen Kopf, und Meister Franz eilte herbei, riss ihn los und sprach: ‘Mutter, Mutter, was habe ich gestern morgen gesagt? Ich kenne mein Schwert, es ist lebendig!’ – Ich war niedergesunken vor Schreck, das Annerl schrie entsetzlich. Der B&#xFC;rgermeister war ganz best&#xFC;rzt und lie&#xDF; mich und das Kind nach seinem Hause fahren; da schenkte mir seine Frau andre Kleider f&#xFC;r mich und das Kind, und nachmittag schenkte uns der B&#xFC;rgermeister noch Geld, und viele Leute des St&#xE4;dtchens auch, die Annerl sehen wollten, so dass ich an zwanzig Taler und viele Kleider f&#xFC;r sie bekam. Am Abend kam der Pfarrer ins Haus und redete mir lange zu, dass ich das Annerl nur recht in der Gottesfurcht erziehen sollte und auf alle die betr&#xFC;bten Zeichen gar nichts geben, das seien nur Schlingen des Satans, die man verachten m&#xFC;sse; und dann schenkte er mir noch eine sch&#xF6;ne Bibel f&#xFC;r das Annerl, die sie noch hat, und dann lie&#xDF; uns der gute B&#xFC;rgermeister, am andern Morgen, noch an drei Meilen weit nach Haus fahren. Ach, du mein Gott, und alles ist doch eingetroffen!«sagte die Alte und schwieg.</p><p>Eine schauerliche Ahnung ergriff mich, die Erz&#xE4;hlung der Alten hatte mich ganz zermalmt.»Um Gottes willen, Mutter, «rief ich aus,»was ist es mit der armen Annerl geworden; ist denn gar nicht zu helfen?»</p><p>«Es hat sie mit den Z&#xE4;hnen dazu gerissen«, sagte die Alte;»heut wird sie gerichtet; aber sie hat es in der Verzweiflung getan, die Ehre, die Ehre lag ihr im Sinn. Sie war zuschanden<a l:href="#n_452" type="note">[452]</a> gekommen aus Ehrsucht, sie wurde verf&#xFC;hrt von einem Vornehmen, er hat sie sitzen lassen, sie hat ihr Kind erstickt in derselben Sch&#xFC;rze, die ich damals &#xFC;ber den Kopf des J&#xE4;gers J&#xFC;rge warf, und die sie mir heimlich entwendet hat. Ach, es hat sie mit Z&#xE4;hnen dazu gerissen, sie hat es in der Verwirrung getan. Der Verf&#xFC;hrer hatte ihr die Ehe versprochen und gesagt, der Kasper sei in Frankreich geblieben. Dann ist sie verzweifelt und hat das B&#xF6;se getan und hat sich selbst bei den Gerichten angegeben. Um vier Uhr wird sie gerichtet. Sie hat mir geschrieben, ich m&#xF6;chte noch zu ihr kommen; das will ich nun tun und ihr das Kr&#xE4;nzlein und den Gru&#xDF; von dem armen Kasper bringen und die Rose, die ich heut nacht erhalten; das wird sie tr&#xF6;sten. Ach, lieber Schreiber, wenn Er es nur in der Bittschrift auswirken kann, dass ihr Leib und auch der Kasper d&#xFC;rfen auf unsern Kirchhof gebracht werden.»</p><p>«Alles, alles will ich versuchen!«rief ich aus,»gleich will ich nach dem Schlosse laufen; mein Freund, der Ihr die Rose gab, hat die Wache dort, er soll mir den Herzog wecken, ich will vor sein Bett knien und ihn um Pardon f&#xFC;r Annerl bitten.»</p><p>«Pardon?<a l:href="#n_453" type="note">[453]</a>«sagte die Alte kalt.»Es hat sie ja mit Z&#xE4;hnen dazu gezogen; h&#xF6;r Er, lieber Freund, Gerechtigkeit ist besser als Pardon; war hilft aller Pardon auf Erden? Wir m&#xFC;ssen doch alle vor das Gericht:</p><poem><stanza><v>Ihr Toten, ihr Toten sollt auferstehn,</v><v>Ihr sollt vor das J&#xFC;ngste Gerichte gehn.</v></stanza></poem><p>Seht, sie will keinen Pardon, man hat ihn ihr angeboten, wenn sie den Vater des Kindes nennen wolle;</p><p>aber das Annerl hat gesagt: ‘Ich habe sein Kind ermordet und will sterben und ihn nicht ungl&#xFC;cklich machen; ich muss meine Strafe leiden, dass ich zu meinem Kinde komme, aber ihn kann es verderben, wenn ich ihn nenne.’ Dar&#xFC;ber wurde ihr das Schwert zuerkannt. Gehe Er zum Herzog, und bitte er f&#xFC;r Kasper und Annerl um ein ehrlich Grab! Gehe Er gleich! Seh Er: dort geht der Herr Pfarrer ins Gef&#xE4;ngnis; ich will ihn ansprechen, dass er mich mit hinein zum sch&#xF6;nen Annerl nimmt. Wenn Er sich eilt, so kann Er uns drau&#xDF;en am Gerichte vielleicht den Trost noch bringen mit dem ehrlichen Grab f&#xFC;r Kasper und Annerl.»</p><p>Unter diesen Worten waren wir mit dem Prediger zusammengetroffen; die Alte erz&#xE4;hlte ihr Verh&#xE4;ltnis zu der Gefangenen, und er nahm sie freundlich mit zum Gef&#xE4;ngnis. Ich aber eilte nun, wie ich noch nie gelaufen, nach dem Schlosse, und es machte mir einen tr&#xF6;stenden Eindruck, es war mir wie ein Zeichen der Hoffnung, als ich an Graf Grossingers Hause vor&#xFC;berst&#xFC;rzte und aus einem offnen Fenster des Gartenhauses eine liebliche Stimme zur Laute singen h&#xF6;rte:</p><poem><stanza><v>Die Gnade sprach von Liebe,</v><v>Die Ehre aber wacht</v><v>Und w&#xFC;nscht voll Lieb der Gnade</v><v>In Ehren gute Nacht.</v></stanza><stanza><v>Die Gnade nimmt den Schleier,</v><v>Wenn Liebe Rosen giebt,</v><v>Die Ehre gr&#xFC;&#xDF;t den Freier,</v><v>Weil sie die Gnade liebt.</v></stanza></poem><p>Ach, ich hatte der guten Wahrzeichen noch mehr! Einhundert Schritte weiter fand ich einen wei&#xDF;en Schleier auf der Stra&#xDF;e liegend; ich raffte ihn auf, er war voll von duftenden Rosen. Ich hielt ihn in der Hand und lief weiter, mit dem Gedanken: ach Gott, das ist die Gnade. Als ich um die Ecke bog, sah ich einen Mann, der sich in seinem Mantel verh&#xFC;llte, als ich vor ihm vor&#xFC;bereilte, und mir heftig den R&#xFC;cken wandte, um nicht gesehen zu werden. Er h&#xE4;tte es nicht n&#xF6;tig gehabt, ich sah und h&#xF6;rte nichts in meinem Innern als: Gnade, Gnade! und st&#xFC;rzte durch das Gittertor in den Schlosshof. Gott sei Dank, der F&#xE4;hndrich, Graf Grossinger, der unter den bl&#xFC;henden Kastanienb&#xE4;umen vor der Wache auf und ab ging, trat mir schon entgegen.</p><p>«Lieber Graf, «sagte ich mit Ungest&#xFC;m,»Sie m&#xFC;ssen mich gleich zum Herzog bringen, gleich auf der Stelle, oder alles ist zu sp&#xE4;t, alles ist verloren!»</p><p>Er schien verlegen &#xFC;ber diesen Antrag und sagte:»Was f&#xE4;llt Ihnen ein, zu dieser ungewohnten Stunde? Es ist nicht m&#xF6;glich; kommen Sie zur Parade, da will ich Sie vorstellen.»</p><p>Mir brannte der Boden unter den F&#xFC;&#xDF;en;»jetzt«, rief ich aus,»oder nie! Es muss sein, es betrifft das Leben eines Menschen.»</p><p>«Es kann jetzt nicht sein, «erwiderte Grossinger scharf absprechend,»es betrifft meine Ehre; es ist mir untersagt, heute nacht irgendeine Meldung zu tun.»</p><p>Das Wort Ehre machte mich verzweifeln; ich dachte an Kaspers Ehre, an Annerls Ehre und sagte:»Die vermaledeite<a l:href="#n_454" type="note">[454]</a> Ehre! Gerade um die letzte H&#xFC;lfe zu leisten, welche so eine Ehre &#xFC;briggelassen, muss ich zum Herzoge, Sie m&#xFC;ssen mich melden, oder ich schreie laut nach dem Herzog.»</p><p>«So Sie sich r&#xFC;hren, «sagte Grossinger heftig,»lasse ich Sie in die Wache werfen, Sie sind ein Phantast, Sie kennen keine Verh&#xE4;ltnisse.»</p><p>«O, ich kenne Verh&#xE4;ltnisse, schreckliche Verh&#xE4;ltnisse! Ich muss zum Herzoge, jede Minute ist unerkauflich!«versetzte ich;»wollen Sie mich nicht gleich melden, so eile ich allein zu ihm.»</p><p>Mit diesen Worten wollte ich nach der Treppe, die zu den Gem&#xE4;chern des Herzogs hinauff&#xFC;hrte, als ich den n&#xE4;mlichen in einen Mantel Verh&#xFC;llten, der mir begegnete, nach dieser Treppe eilend bemerkte. Grossinger drehte mich mit Gewalt um, dass ich diesen nicht sehen sollte.»Was machen Sie, T&#xF6;riger?«fl&#xFC;sterte er mir zu,»schweigen Sie, ruhen Sie, Sie machen mich ungl&#xFC;cklich!»</p><p>«Warum halten Sie den Mann nicht zur&#xFC;ck, der da hinauf ging?«sagte ich» er kann nichts Dringenderes vorzubringen haben als ich. Ach, es ist so dringend, ich muss, ich muss! Es betrifft das Schicksal eines ungl&#xFC;cklichen, verf&#xFC;hrten, armen Gesch&#xF6;pfs.»</p><p>Grossinger erwiderte:»Sie haben den Mann hinaufgehen sehen; wenn Sie je ein Wort davon &#xE4;u&#xDF;ern, so kommen Sie vor meine Klinge; gerade, weil er hinaufging, k&#xF6;nnen Sie nicht hinauf, der Herzog hat Gesch&#xE4;fte mit ihm.»</p><p>Da erleuchteten sich die Fenster des Herzogs.»Gott, er hat Licht, er ist auf!«sagte ich,»ich muss ihn sprechen, um des Himmels willen, lassen Sie mich, oder ich schreie H&#xFC;lfe.»</p><p>Grossinger fasste mich beim Arm und sagte:»Sie sind betrunken, kommen Sie in die Wache. Ich bin Ihr Freund, schlafen Sie aus und sagen Sie mir das Lied, das die Alte heut nacht an der T&#xFC;re sang, als ich die Runde vor&#xFC;berf&#xFC;hrte; das Lied interessiert mich sehr.»</p><p>«Gerade wegen der Alten und den Ihrigen muss ich mit dem Herzoge sprechen!«rief ich aus.</p><p>«Wegen der Alten?«versetzte Grossinger,»wegen der sprechen Sie mit mir, die gro&#xDF;en Herrn haben keinen Sinn f&#xFC;r so etwas; geschwind kommen Sie nach der Wache!»</p><p>Er wollte mich fortziehen; da schlug die Schlo&#xDF;uhr halb vier. Der Klang schnitt mir wie ein Schrei der Not durch die Seele, und ich schrie aus voller Brust zu den Fenstern des Herzogs hinauf:</p><p>«H&#xFC;lfe! Um Gottes willen, H&#xFC;lfe f&#xFC;r ein elendes, verf&#xFC;hrtes Gesch&#xF6;pf!«Da ward Grossinger wie unsinnig. Er wollte mir den Mund zuhalten, aber ich rang mit ihm; er stie&#xDF; mich in den Nacken, er schimpfte; ich f&#xFC;hlte, ich h&#xF6;rte nichts. Er rief nach der Wache, der Korporal eilte mit etlichen Soldaten herbei, mich zu greifen; aber in dem Augenblick ging des Herzogs Fenster auf, und es rief herunter:</p><p>«F&#xE4;hndrich Graf Grossinger, was ist das f&#xFC;r ein Skandal? Bringen Sie den Menschen herauf, gleich auf der Stelle!»</p><p>Ich wartete nicht auf den F&#xE4;hndrich; ich st&#xFC;rzte die Treppe hinauf, ich fiel nieder zu den F&#xFC;&#xDF;en des Herzogs, der mich betroffen und unwillig aufstehen hie&#xDF;. Er hatte Stiefel und Sporen an, und doch einen Schlafrock, den er sorgf&#xE4;ltig &#xFC;ber der Brust zusammenhielt.</p><p>Ich trug dem Herzoge alles, was mir die Alte von dem Selbstmorde des Ulans, von der Geschichte der sch&#xF6;nen Annerl erz&#xE4;hlt hatte, so gedr&#xE4;ngt vor, als es die Not erforderte, und flehte ihn wenigstens um den Aufschub der Hinrichtung auf wenige Stunden und um ein ehrliches Grab f&#xFC;r die beiden Ungl&#xFC;cklichen an, wenn Gnade unm&#xF6;glich sei. – »Ach, Gnade, Gnade!«rief ich aus, indem ich den gefundenen wei&#xDF;en Schleier voll Rosen aus dem Busen zog;»dieser Schleier, den ich auf meinem Wege hierher gefunden, schien mir Gnade zu verhei&#xDF;en.»</p><p>Der Herzog griff mit Ungest&#xFC;m nach dem Schleier und war heftig bewegt; er dr&#xFC;ckte den Schleier in seinen H&#xE4;nden, und als ich die Worte aussprach:»Euer Durchlaucht!<a l:href="#n_455" type="note">[455]</a> Dieses arme M&#xE4;dchen ist ein Opfer falscher Ehrsucht; ein Vornehmer hat sie verf&#xFC;hrt und ihr die Ehe versprochen; ach, sie ist so gut, dass sie lieber sterben will als ihn nennen«– da unterbrach mich der Herzog, mit Tr&#xE4;nen in den Augen, und sagte» Schweigen Sie, ums Himmels willen, schweigen Sie!«– Und nun wendete er sich zu dem F&#xE4;hndrich, der an der T&#xFC;re stand, und sagte mit dringender Eile:»Fort eilend zu Pferde mit diesem Menschen hier; reiten Sie das Pferd tot; nur nach dem Gerichte hin: heften sie diesen Schleier an Ihren Degen, winken und schreien Sie Gnade, Gnade! Ich komme nach.»</p><p>Grossinger nahm den Schleier; er war ganz verwandelt, er sah aus wie ein Gespenst vor Angst und Eile; wir st&#xFC;rzten in den Stall, sa&#xDF;en zu Pferde und ritten im Galopp; er st&#xFC;rmte wie ein Wahnsinniger zum Tore hinaus. Als er den Schleier an seine Degenspitze heftete, schrie er:»Herr Jesus, meine Schwester!«Ich verstand nicht, was er wollte. Er stand hoch im B&#xFC;gel und wehte und schrie:»Gnade, Gnade!«Wir sahen auf dem H&#xFC;gel die Menge um das Gericht versammelt. Mein Pferd scheute vor dem wehenden Tuch. Ich bin ein schlechter Reiter, ich konnte den Grossinger nicht einholen, er flog im schnellsten Karriere; ich strengte alle Kr&#xE4;fte an. Trauriges Schicksal! Die Artillerie exerzierte in der N&#xE4;he, der Kanonendonner machte es unm&#xF6;glich, unser Geschrei aus der Ferne zu h&#xF6;ren. Grossinger st&#xFC;rzte, das Volk stob auseinander, ich sah in den Kreis, ich sah einen Stahlblitz in der fr&#xFC;hen Sonne – ach Gott, es war der Schwertblitz des Richters! – Ich sprengte heran, ich h&#xF6;rte das Wehklagen der Menge.»Pardon, Pardon!«schrie Grossinger und st&#xFC;rzte mit wehendem Schleier durch den Kreis, wie ein Rasender, aber der Richter hielt ihm das blutende Haupt der sch&#xF6;nen Annerl entgegen, das ihn wehm&#xFC;tig anl&#xE4;chelte. Da schrie er:»Gott sei mir gn&#xE4;dig!«und fiel auf die Leiche hin zur Erde;»t&#xF6;tet mich, t&#xF6;tet mich, ihr Menschen; ich habe sie verf&#xFC;hrt, ich bin ihr M&#xF6;rder!»</p><p>Eine r&#xE4;chende Wut ergriff die Menge; die Weiber und Jungfrauen drangen heran und rissen ihn von der Leiche und traten ihn mit F&#xFC;&#xDF;en, er wehrte sich nicht; die Wachen konnten das w&#xFC;tende Volk nicht b&#xE4;ndigen. Da erhob sich ein Geschrei:»Der Herzog, der Herzog!«– Er kam im offnen Wagen gefahren; ein blutjunger Mensch, den Hut tief ins Gesicht gedr&#xFC;ckt, in einen Mantel geh&#xFC;llt, sa&#xDF; neben ihm. Die Menschen schleifen Grossinger herbei.»Jesus, mein Bruder!«schrie der junge Offizier mit der weiblichsten Stimme aus dem Wagen. Der Herzog sprach best&#xFC;rzt zu ihm:»Schweigen Sie!«Er sprang aus dem Wagen, der junge Mensch wollte folgen, der Herzog dr&#xE4;ngte ihn schier unsanft zur&#xFC;ck, aber so bef&#xF6;rderte sich die Entdeckung, dass der junge Mensch die als Offizier verkleidete Schwester Grossingers sei. Der Herzog lie&#xDF; den misshandelten, ohnm&#xE4;chtigen Grossinger in den Wagen legen, die Schwester nahm keine R&#xFC;cksicht mehr, sie warf ihren Mantel &#xFC;ber ihn; jedermann sah sie in weiblicher Kleidung. Der Herzog war verlegen, aber er sammelte sich und befahl, den Wagen sogleich umzuwenden und die Gr&#xE4;fin mit ihrem Bruder nach ihrer Wohnung zu fahren. Dieses Ereignis hatte die Wut der Menge einigerma&#xDF;en gestillt. Der Herzog sagte laut zu dem wachthabenden Offizier:»Die Gr&#xE4;fin Grossinger hat ihren Bruder an ihrem Hause vorbeireiten sehen, den Pardon zu bringen, und wollte diesem freudigen Ereignis beiwohnen; als ich zu demselben Zwecke vor&#xFC;berfuhr, stand sie am Fenster und bat mich, sie in meinem Wagen mitzunehmen; ich konnte es dem gutm&#xFC;tigen Kinde nicht abschlagen. Sie nahm einen Mantel und Hut ihres Bruders, um kein Aufsehen zu erregen, und hat, von dem ungl&#xFC;cklichen Zufall &#xFC;berrascht, die Sache gerade dadurch zu einem abenteuerlichen Skandal gemacht. Aber wie konnten Sie, Herr Leutnant, den ungl&#xFC;cklichen Grafen Grossinger nicht vor dem P&#xF6;bel sch&#xFC;tzen? Es ist ein gr&#xE4;&#xDF;sslicher Fall, dass er, mit dem Pferde st&#xFC;rzend, zu sp&#xE4;t kam; er kann doch aber nichts daf&#xFC;r. Ich will die Misshandler des Grafen verhaftet und bestraft wissen.»</p><p>Auf diese Rede des Herzogs erhob sich ein allgemeines Geschrei:»Er ist ein Schurke, er ist der Verf&#xFC;hrer, der M&#xF6;rder der sch&#xF6;nen Annerl gewesen, er hat es selbst gesagt, der elende, der schlechte Kerl!»</p><p>Als dies von allen Seiten hert&#xF6;nte und auch der Prediger und der Offizier und die Gerichtspersonen es best&#xE4;tigten, war der Herzog so tief ersch&#xFC;ttert, dass er nichts sagte, als:»Entsetzlich, entsetzlich, o, der elende Mensch!»</p><p>Nun trat der Herzog bla&#xDF; und bleich in den Kreis; er wollte die Leiche der sch&#xF6;nen Annerl sehen. Sie lag auf dem gr&#xFC;nen Rasen in einem schwarzen Kleide mit wei&#xDF;en Schleifen. Die alte Gro&#xDF;mutter, welche sich um alles, was vorging, nicht bek&#xFC;mmerte, hatte ihr das Haupt an den Rumpf gelegt und die schreckliche Trennung mit ihrer Sch&#xFC;rze bedeckt; sie war besch&#xE4;ftigt, ihr die H&#xE4;nde &#xFC;ber die Bibel zu falten, welche der Pfarrer in dem kleinen St&#xE4;dtchen der kleinen Annerl geschenkt hatte; das goldene Kr&#xE4;nzlein band sie ihr auf den Kopf und steckte die Rose vor die Brust, welche ihr Grossinger in der Nacht gegeben hatte, ohne zu wissen, wem er sie gab.</p><p>Der Herzog sprach bei diesem Anblick:»Sch&#xF6;nes, ungl&#xFC;ckliches Annerl! Sch&#xE4;ndlicher Verf&#xFC;hrer, du kamst zu sp&#xE4;t! – Arme alte Mutter, du bist ihr allein treu geblieben, bis in den Tod. «Als er mich bei diesen Worten in seiner N&#xE4;he sah, sprach er zu mir:»Sie sagten mir von einem letzten Willen des Korporal Kasper, haben Sie ihn bei sich?«Da wendete ich mich zu der Alten und sagte:»Arme Mutter, gebt mir die Brieftasche Kaspers; Seine Durchlaucht wollen seinen letzten Willen lesen.»</p><p>Die Alte, welche sich um nichts bek&#xFC;mmerte, sagte m&#xFC;rrisch:»Ist Er auch wieder da? Er h&#xE4;tte lieber ganz zu Hause bleiben k&#xF6;nnen. Hat Er die Bittschrift? Jetzt ist es zu sp&#xE4;t; ich habe dem armen Kinde den Trost nicht geben k&#xF6;nnen, dass sie zu Kasper in ein ehrliches Grab soll; ach, ich hab es ihr vorgelogen, aber sie hat mir nicht geglaubt.»</p><p>Der Herzog unterbrach sie und sprach:»Ihr habt nicht gelogen, gute Mutter; der Mensch hat sein M&#xF6;glichstes getan, der Sturz des Pferdes ist an allem schuld. Aber sie soll ein ehrliches Grab haben bei ihrer Mutter und bei Kasper, der ein braver Kerl war; es soll ihnen beiden eine Leichenpredigt gehalten werden &#xFC;ber die Worte: ‘Gebt Gott allein die Ehre!’ Der Kasper soll als F&#xE4;hndrich begraben werden, seine Schwadron soll ihm dreimal ins Grab schie&#xDF;en, und des Verderbers Grossingers Degen soll auf seinen Sarg gelegt werden.»</p><p>Nach diesen Worten ergriff er Grossingers Degen, der mit dem Schleier noch an der Erde lag, nahm den Schleier herunter, bedeckte Annerl damit und sprach:»Dieser ungl&#xFC;ckliche Schleier, der ihr so gern Gnade gebracht h&#xE4;tte, soll ihr die Ehre wiedergeben; sie ist ehrlich und begnadigt gestorben, der Schleier soll mit ihr begraben werden.»</p><p>Den Degen gab er dem Offizier der Wache mit den Worten:»Sie werden heute noch meine Befehle wegen der Bestattung des Ulanen und dieses armen M&#xE4;dchens bei der Parade empfangen.»</p><p>Nun las er auch die letzten Worte Kaspers laut mit vieler R&#xFC;hrung; die alte Gro&#xDF;mutter umarmte mit Freudentr&#xE4;nen seine F&#xFC;&#xDF;e, als w&#xE4;re sie das gl&#xFC;cklichste Weib. Er sagte zu ihr:»Gebe Sie sich zufrieden, Sie soll eine Pension haben bis an Ihr seliges Ende, ich will Ihrem Enkel und der Annerl einen Denkstein setzen lassen. «Nun befahl er dem Prediger, mit der Alten und einem Sarge, in welchen die Gerichtete gelegt wurde, nach seiner Wohnung zu fahren und sie dann nach ihrer Heimat zu bringen und das Begr&#xE4;bnis zu besorgen. Da w&#xE4;hrenddem seine Adjutanten mit Pferden gekommen waren, sagte er noch zu mir:»Geben Sie meinem Adjutanten Ihren Namen an, ich werde Sie rufen lassen; Sie haben einen sch&#xF6;nen menschlichen Eifer gezeigt. «Der Adjutant schrieb meinen Namen in seine Schreibtafel und machte mir ein verbindliches Kompliment. Dann sprengte der Herzog, von den Segensw&#xFC;nschen der Menge begleitet, in die Stadt. Die Leiche der sch&#xF6;nen Annerl ward nun mit der guten alten Gro&#xDF;mutter in das Haus des Pfarrers gebracht, und in der folgenden Nacht fuhr dieser mit ihr nach der Heimat zur&#xFC;ck. Der Offizier traf, mit dem Degen Grossingers und einer Schwadron Ulanen, auch daselbst am folgenden Abend ein. Da wurde nun der brave Kasper, mit Grossingers Degen auf der Bahre und dem F&#xE4;hndrichspatent, neben der sch&#xF6;nen Annerl, zur Seite seiner Mutter begraben. Ich war auch hingeeilt und f&#xFC;hrte die alte Mutter, welche kindisch vor Freude war, aber wenig redete; und als die Ulanen dem Kasper zum drittenmal ins Grab schossen, fiel sie mir tot in die Arme. Sie hat ihr Grab auch neben den Ihrigen empfangen. Gott gebe ihnen allen eine freudige Auferstehung!</p><poem><stanza><v>Sie sollen treten auf die Spitzen,</v><v>Wo die lieben Engelein sitzen,</v><v>Wo k&#xF6;mmt der liebe Gott gezogen</v><v>Mit einem sch&#xF6;nen Regenbogen;</v><v>Da sollen ihre Seelen vor Gott bestehn,</v><v>Wann wir werden zum Himmel eingehn.</v><v>Amen.</v></stanza></poem><p>Als ich in die Hauptstadt zur&#xFC;ckkam, h&#xF6;rte ich, Graf Grossinger sei gestorben; er habe Gift genommen. In meiner Wohnung fand ich einen Brief von ihm; er sagte mir darin:</p><cite><p>«Ich habe Ihnen viel zu danken. Sie haben meine Schande, die mir lange das Herz abnagte, zutage gebracht. Jenes Lied der Alten kannte ich wohl, die Annerl hatte es mir oft vorgesagt, sie war ein unbeschreiblich edles Gesch&#xF6;pf. Ich war ein elender Verbrecher. Sie hatte ein schriftliches Eheversprechen von mir gehabt und hat es verbrannt. Sie diente bei einer alten Tante von mir, sie litt oft an Melancholie. Ich habe mich durch gewisse medizinische Mittel, die etwas Magisches haben, ihrer Seele bem&#xE4;chtigt. – Gott sei mir gn&#xE4;dig! – Sie haben auch die Ehre meiner Schwester gerettet. Der Herzog liebt sie, ich war sein G&#xFC;nstling – die Geschichte hat ihn ersch&#xFC;ttert – Gott helfe mir, ich habe Gift genommen</p><text-author>Joseph Graf Grossinger.»</text-author></cite><p>Die Sch&#xFC;rze der sch&#xF6;nen Annerl, in welche ihr der Kopf des J&#xE4;gers J&#xFC;rge bei seiner Enthauptung gebissen, ist auf der herzoglichen Kunstkammer bewahrt worden. Man sagt, die Schwester des Grafen Grossinger werde der Herzog mit dem Namen: Voile de Grace, auf deutsch» Gnadenschleier«, in den F&#xFC;rstenstand erheben und sich mit ihr verm&#xE4;hlen. Bei der n&#xE4;chsten Revue in der Gegend von D… soll das Monument auf den Gr&#xE4;bern der beiden ungl&#xFC;cklichen Ehrenopfer, auf dem Kirchhofe des Dorfs, errichtet und eingeweiht werden, der Herzog wird mit der F&#xFC;rstin selbst zugegen sein. Er ist ausnehmend zufrieden damit; die Idee soll von der F&#xFC;rstin und dem Herzoge zusammen erfunden sein. Es stellt die falsche und wahre Ehre vor, die sich vor einem Kreuze beiderseits gleich tief zur Erde beugen; die Gerechtigkeit steht mit dem geschwungenen Schwerte zur einen Seite, die Gnade zur andern Seite und wirft einen Schleier heran. Man will im Kopfe der Gerechtigkeit &#xC4;hnlichkeit mit dem Herzoge, in dem Kopfe der Gnade &#xC4;hnlichkeit mit dem Gesichte der F&#xFC;rstin finden.</p></section><section><title><p>Heinrich Kleist</p><p>Die Marquise von O…</p></title><p>In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, lie&#xDF; die verwitwete Marquise von O…, eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekanntmachen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andre Umst&#xE4;nde gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie geb&#xE4;ren w&#xFC;rde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienr&#xFC;cksichten, entschlossen w&#xE4;re, ihn zu heiraten. Die Dame, die einen so sonderbaren, den Spott der Welt reizenden Schritt, beim Drang unab&#xE4;nderlicher Umst&#xE4;nde, mit solcher Sicherheit tat, war die Tochter des Herrn von G…, Commendanten der Zitadelle bei M… Sie hatte, vor ungef&#xE4;hr drei Jahren, ihren Gemahl, den Marquis von O…, dem sie auf das innigste und z&#xE4;rtlichste zugetan war,<a l:href="#n_456" type="note">[456]</a> auf einer Reise verloren, die er, in Gesch&#xE4;ften der Familie, nach Paris gemacht hatte. Auf Frau von G…s, ihrer w&#xFC;rdigen Mutter, Wunsch, hatte sie, nach seinem Tode, den Landsitz verlassen, den sie bisher bei V… bewohnt hatte, und war, mit ihren beiden Kindern, in das Commendantenhaus, zu ihrem Vater, zur&#xFC;ckgekehrt. Hier hatte sie die n&#xE4;chsten Jahre mit Kunst, Lekt&#xFC;re, mit Erziehung, und ihrer Eltern Pflege besch&#xE4;ftigt, in der gr&#xF6;&#xDF;ten Eingezogenheit zugebracht: bis der… Krieg pl&#xF6;tzlich die Gegend umher mit den Truppen fast aller M&#xE4;chte und auch mit russischen erf&#xFC;llte. Der Obrist<a l:href="#n_457" type="note">[457]</a> von G…, welcher den Platz zu verteidigen Ordre hatte, forderte seine Gemahlin und seine Tochter auf, sich auf das Landgut, entweder der letzteren, oder seines Sohnes, das bei V… lag, zur&#xFC;ckzuziehen. Doch ehe sich die Absch&#xE4;tzung noch, hier der Bedr&#xE4;ngnisse, denen man in der Festung, dort der Greuel, denen man auf dem platten Lande ausgesetzt sein konnte, auf der Waage der weiblichen &#xDC;berlegung entschieden hatte: war die Zitadelle von den russischen Truppen schon berennt, und aufgefordert, sich zu ergeben. Der Obrist erkl&#xE4;rte gegen seine Familie, dass er sich nunmehr verhalten w&#xFC;rde, als ob sie nicht vorhanden w&#xE4;re; und antwortete mit Kugeln und Granaten. Der Feind, seinerseits, bombardierte die Zitadelle. Er steckte die Magazine in Brand, eroberte ein Au&#xDF;enwerk, und als der Commendant, nach einer nochmaligen Aufforderung, mit der &#xDC;bergabe zauderte, so ordnete er einen n&#xE4;chtlichen &#xDC;berfall an, und eroberte die Festung mit Sturm.</p><p>Eben als die russischen Truppen, unter einem heftigen Haubitzenspiel, von au&#xDF;en eindrangen, fing der linke Fl&#xFC;gel des Commendantenhauses Feuer und n&#xF6;tigte die Frauen, ihn zu verlassen. Die Obristin, indem sie der Tochter, die mit den Kindern die Treppe hinabfloh, nacheilte, rief, dass man zusammenbleiben, und sich in die unteren Gew&#xF6;lbe fl&#xFC;chten m&#xF6;chte; doch eine Granate, die, eben in diesem Augenblicke, in dem Hause zerplatzte, vollendete die g&#xE4;nzliche Verwirrung in demselben. Die Marquise kam, mit ihren beiden Kindern, auf den Vorplatz des Schlosses, wo die Sch&#xFC;sse schon, im heftigsten Kampf, durch die Nacht blitzten, und sie, besinnungslos, wohin sie sich wenden solle, wieder in das brennende Geb&#xE4;ude zur&#xFC;ckjagten. Hier, ungl&#xFC;cklicherweise, begegnete ihr, da sie eben durch die Hintert&#xFC;r entschl&#xFC;pfen wollte, ein Trupp feindlicher Scharfsch&#xFC;tzen, der, bei ihrem Anblick, pl&#xF6;tzlich still ward, die Gewehre &#xFC;ber die Schultern hing, und sie, unter abscheulichen Geb&#xE4;rden, mit sich fortf&#xFC;hrte. Vergebens rief die Marquise, von der entsetzlichen, sich untereinander selbst bek&#xE4;mpfenden, Rotte bald hier-, bald dorthin gezerrt, ihre zitternden, durch die Pforte zur&#xFC;ckfliehenden Frauen, zu H&#xFC;lfe. Man schleppte sie in den hinteren Schlosshof, wo sie eben, unter den sch&#xE4;ndlichsten Misshandlungen, zu Boden sinken wollte, als, von dem Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier erschien, und die Hunde, die nach solchem Raub l&#xFC;stern waren, mit w&#xFC;tenden Hieben zerstreute. Der Marquise schien er ein Engel des Himmels zu sein. Er stie&#xDF; noch dem letzten viehischen Mordknecht, der ihren schlanken Leib umfasst hielt, mit dem Griff des Degens ins Gesicht, dass er, mit aus dem Mund vorquellendem Blut, zur&#xFC;cktaumelte; bot dann der Dame, unter einer verbindlichen, franz&#xF6;sischen Anrede den Arm, und f&#xFC;hrte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen, Fl&#xFC;gel des Palastes, wo sie auch v&#xF6;llig bewusstlos niedersank. Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen w&#xFC;rde; und kehrte in den Kampf zur&#xFC;ck.</p><p>Der Platz war in kurzer Zeit v&#xF6;llig erobert, und der Commendant, der sich nur noch wehrte, weil man ihm keinen Pardon geben wollte, zog sich eben mit sinkenden Kr&#xE4;ften nach dem Portal des Hauses zur&#xFC;ck, als der russische Offizier, sehr erhitzt im Gesicht, aus demselben hervortrat, und ihm zurief, sich zu ergeben. Der Commendant antwortete, dass er auf diese Aufforderung nur gewartet habe, reichte ihm seinen Degen dar, und bat sich die Erlaubnis aus, sich ins Schloss begeben, und nach seiner Familie umsehen zu d&#xFC;rfen. Der russische Offizier, der, nach der Rolle zu urteilen, die er spielte, einer der Anf&#xFC;hrer des Sturms zu sein schien, gab ihm, unter Begleitung einer Wache, diese Freiheit; setzte sich, mit einiger Eilfertigkeit, an die Spitze eines Detachements, entschied, wo er noch zweifelhaft sein mochte, den Kampf, und bemannte schleunigst die festen Punkte des Forts. Bald darauf kehrte er auf den Waffenplatz zur&#xFC;ck, gab Befehl, der Flamme, welche w&#xFC;tend um sich zu greifen anfing, Einhalt zu tun, und leistete selbst hierbei Wunder der Anstrengung, als man seine Befehle nicht mit dem geh&#xF6;rigen Eifer befolgte. Bald kletterte er, den Schlauch in der Hand, mitten unter brennenden Giebeln umher, und regierte den Wasserstrahl; bald steckte er, die Naturen der Asiaten mit Schaudern erf&#xFC;llend, in den Arsen&#xE4;len, und w&#xE4;lzte Pulverf&#xE4;sser und gef&#xFC;llte Bomben heraus. Der Commendant, der inzwischen in das Haus getreten war, geriet auf die Nachricht von dem Unfall, der die Marquise betroffen hatte, in die &#xE4;u&#xDF;erste Best&#xFC;rzung. Die Marquise, die sich schon v&#xF6;llig, ohne Beih&#xFC;lfe des Arztes, wie der russische Offizier vorhergesagt hatte, aus ihrer Ohnmacht wieder erholt hatte, und bei der Freude, alle die Ihrigen gesund und wohl zu sehen, nur noch, um die &#xFC;berm&#xE4;&#xDF;ige Sorge derselben zu beschwichtigen, das Bett h&#xFC;tete, versicherte ihn, dass sie keinen andern Wunsch habe, als aufstehen zu d&#xFC;rfen, um ihrem Retter ihre Dankbarkeit zu bezeugen. Sie wusste schon, dass er der Graf F…, Obristlieutenant vom t…n J&#xE4;gercorps, und Ritter eines Verdienst- und mehrerer anderen Orden war. Sie bat ihren Vater, ihn inst&#xE4;ndigst zu ersuchen, dass er die Zitadelle nicht verlasse, ohne sich einen Augenblick im Schloss gezeigt zu haben. Der Commendant, der das Gef&#xFC;hl seiner Tochter ehrte, kehrte auch unges&#xE4;umt in das Fort zur&#xFC;ck, und trug ihm, da er unter unaufh&#xF6;rlichen Kriegsanordnungen umherschweifte, und keine bessere Gelegenheit zu finden war, auf den W&#xE4;llen, wo er eben die zerschossenen Rotten revidierte, den Wunsch seiner ger&#xFC;hrten Tochter vor. Der Graf versicherte ihn, dass er nur auf den Augenblick warte, den er seinen Gesch&#xE4;ften w&#xFC;rde abm&#xFC;&#xDF;igen k&#xF6;nnen, um ihr seine Ehrerbietigkeit zu bezeugen. Er wollte noch h&#xF6;ren, wie sich die Frau Marquise befinde? als ihn die Rapporte mehrer Offiziere schon wieder in das Gew&#xFC;hl des Krieges zur&#xFC;ckrissen. Als der Tag anbrach, erschien der Befehlshaber der russischen Truppen, und besichtigte das Fort. Er bezeugte dem Commendanten seine Hochachtung, bedauerte, dass das Gl&#xFC;ck seinen Mut nicht besser unterst&#xFC;tzt habe, und gab ihm, auf sein Ehrenwort, die Freiheit, sich hinzubegeben, wohin er wolle. Der Commendant versicherte ihn seiner Dankbarkeit, und &#xE4;u&#xDF;erte, wie viel er, an diesem Tage, den Russen &#xFC;berhaupt, und besonders dem jungen Grafen F…, Obristlieutenant vom t…n J&#xE4;gercorps, schuldig geworden sei. Der General fragte, was vorgefallen sei; und als man ihn von dem frevelhaften Anschlag auf die Tochter desselben unterrichtete, zeigte er sich auf das &#xE4;u&#xDF;erste entr&#xFC;stet. Er rief den Grafen F… bei Namen vor. Nachdem er ihm zuv&#xF6;rderst wegen seines eignen edelm&#xFC;tigen Verhaltens eine kurze Lobrede gehalten hatte: wobei der Graf &#xFC;ber das ganze Gesicht rot ward; schloss er, dass er die Schandkerle, die den Namen des Kaisers brandmarkten, niederschie&#xDF;en lassen wolle; und befahl ihm, zu sagen, wer sie seien? Der Graf F… antwortete, in einer verwirrten Rede, dass er nicht imstande sei, ihre Namen anzugeben, indem es ihm, bei dem schwachen Schimmer der Reverberen im Schlosshof, unm&#xF6;glich gewesen w&#xE4;re, ihre Gesichter zu erkennen. Der General, welcher geh&#xF6;rt hatte, dass damals schon das Schloss in Flammen stand, wunderte sich dar&#xFC;ber; er bemerkte, wie man wohlbekannte Leute in der Nacht an ihren Stimmen erkennen k&#xF6;nnte; und gab ihm, da er mit einem verlegenen Gesicht die Achseln zuckte, auf, der Sache auf das allereifrigste und strengste nachzusp&#xFC;ren. In diesem Augenblick berichtete jemand, der sich aus dem hintern Kreise hervordr&#xE4;ngte, dass einer von den, durch den Grafen F… verwundeten, Frevlern, da er in dem Korridor niedergesunken, von den Leuten des Commendanten in ein Beh&#xE4;ltnis geschleppt worden, und darin noch befindlich sei. Der General lie&#xDF; diesen hierauf durch eine Wache herbeif&#xFC;hren, ein kurzes Verh&#xF6;r &#xFC;ber ihn halten; und die ganze Rotte, nachdem jener sie genannt hatte, f&#xFC;nf an der Zahl zusammen, erschie&#xDF;en. Dies abgemacht, gab der General, nach Zur&#xFC;cklassung einer kleinen Besatzung, Befehl zum allgemeinen Aufbruch der &#xFC;brigen Truppen; die Offiziere zerstreuten sich eiligst zu ihren Corps; der Graf trat, durch die Verwirrung der Auseinandereilenden, zum Commendanten, und bedauerte, dass er sich der Frau Marquise, unter diesen Umst&#xE4;nden, gehorsamst empfehlen m&#xFC;sse: und in weniger, als einer Stunde, war das ganze Fort von Russen wieder leer.</p><p>Die Familie dachte nun darauf, wie sie in der Zukunft eine Gelegenheit finden w&#xFC;rde, dem Grafen irgendeine &#xC4;u&#xDF;erung ihrer Dankbarkeit zu geben; doch wie gro&#xDF; war ihr Schrecken, als sie erfuhr, dass derselbe noch am Tage seines Aufbruchs aus dem Fort, in einem Gefecht mit den feindlichen Truppen, seinen Tod gefunden habe. Der Courier, der diese Nachricht nach M… brachte, hatte ihn mit eignen Augen, t&#xF6;dlich durch die Brust geschossen, nach P… tragen sehen, wo er, wie man sichere Nachricht hatte, in dem Augenblick, da ihn die Tr&#xE4;ger von den Schultern nehmen wollten, verblichen war. Der Commendant, der sich selbst auf das Posthaus verf&#xFC;gte, und sich nach den n&#xE4;heren Umst&#xE4;nden dieses Vorfalls erkundigte, erfuhr noch, dass er auf dem Schlachtfeld, in dem Moment, da ihn der Schuss traf, gerufen habe:»Julietta! Diese Kugel r&#xE4;cht dich!«und nachher seine Lippen auf immer geschlossen h&#xE4;tte. Die Marquise war untr&#xF6;stlich, dass sie die Gelegenheit hatte vorbeigehen lassen, sich zu seinen F&#xFC;&#xDF;en zu werfen. Sie machte sich die lebhaftesten Vorw&#xFC;rfe, dass sie ihn, bei seiner, vielleicht aus Bescheidenheit, wie sie meinte, herr&#xFC;hrenden Weigerung, im Schlosse zu erscheinen, nicht selbst aufgesucht habe; bedauerte die Ungl&#xFC;ckliche, ihre Namensschwester, an die er noch im Tode gedacht hatte; bem&#xFC;hte sich vergebens, ihren Aufenthalt zu erforschen, um sie von diesem ungl&#xFC;cklichen und r&#xFC;hrenden Vorfall zu unterrichten; und mehrere Monden vergingen, ehe sie selbst ihn vergessen konnte.</p><p>Die Familie musste nun das Commendantenhaus r&#xE4;umen, um dem russischen Befehlshaber darin Platz zu machen. Man &#xFC;berlegte anfangs, ob man sich nicht auf die G&#xFC;ter des Commendanten begeben sollte, wozu die Marquise einen gro&#xDF;en Hang hatte; doch da der Obrist das Landleben nicht liebte, so bezog die Familie ein Haus in der Stadt, und richtete sich dasselbe zu einer immerw&#xE4;hrenden Wohnung ein. Alles kehrte nun in die alte Ordnung der Dinge zur&#xFC;ck. Die Marquise kn&#xFC;pfte den lange unterbrochenen Unterricht ihrer Kinder wieder an, und suchte, f&#xFC;r die Feierstunden, ihre Staffelei und B&#xFC;cher hervor: als sie sich, sonst die G&#xF6;ttin der Gesundheit selbst, von wiederholten Unp&#xE4;sslichkeiten befallen f&#xFC;hlte, die sie ganze Wochen lang, f&#xFC;r die Gesellschaft untauglich machten. Sie litt an &#xDC;belkeiten, Schwindeln und Ohnmachten, und wu&#xDF;te nicht, was sie aus diesem sonderbaren Zustand machen solle. Eines Morgens, da die Familie beim Tee sa&#xDF;, und der Vater sich, auf einen Augenblick, aus dem Zimmer entfernt hatte, sagte die Marquise, aus einer langen Gedankenlosigkeit erwachend, zu ihrer Mutter: wenn mir eine Frau sagte, dass sie ein Gef&#xFC;hl h&#xE4;tte, ebenso, wie ich jetzt, da ich die Tasse ergriff, so w&#xFC;rde ich bei mir denken, dass sie in gesegneten Leibesumst&#xE4;nden w&#xE4;re.<a l:href="#n_458" type="note">[458]</a> Frau von G… sagte, sie verst&#xE4;nde sie nicht. Die Marquise erkl&#xE4;rte sich noch einmal, dass sie eben jetzt eine Sensation gehabt h&#xE4;tte, wie damals, als sie mit ihrer zweiten Tochter schwanger war. Frau von G… sagte, sie w&#xFC;rde vielleicht den Phantasus geb&#xE4;ren, und lachte. Morpheus wenigstens, versetzte die Marquise, oder einer der Tr&#xE4;ume aus seinem Gefolge, w&#xFC;rde sein Vater sein; und scherzte gleichfalls. Doch der Obrist kam, das Gespr&#xE4;ch ward abgebrochen, und der ganze Gegenstand, da die Marquise sich in einigen Tagen wieder erholte, vergessen.</p><p>Bald darauf ward der Familie, eben zu einer Zeit, da sich auch der Forstmeister von G…, des Commendanten Sohn, in dem Hause eingefunden hatte, der sonderbare Schrecken, durch einen Kammerdiener, der ins Zimmer trat, den Grafen F… anmelden zu h&#xF6;ren. Der Graf F…! sagte der Vater und die Tochter zugleich; und das Erstaunen machte alle sprachlos. Der Kammerdiener versicherte, dass er recht gesehen und geh&#xF6;rt habe, und dass der Graf schon im Vorzimmer stehe, und warte. Der Commendant sprang sogleich selbst auf, ihm zu &#xF6;ffnen, worauf er, sch&#xF6;n, wie ein junger Gott, ein wenig bleich im Gesicht, eintrat. Nachdem die Szene unbegreiflicher Verwunderung vor&#xFC;ber war, und der Graf, auf die Anschuldigung der Eltern, dass er ja tot sei, versichert hatte, dass er lebe; wandte er sich, mit vieler R&#xFC;hrung im Gesicht, zur Tochter, und seine erste Frage war gleich, wie sie sich befinde? Die Marquise versicherte, sehr wohl, und wollte nur wissen, wie er ins Leben erstanden sei? Doch er, auf seinem Gegenstand beharrend, erwiderte: dass sie ihm nicht die Wahrheit sage; auf ihrem Antlitz dr&#xFC;cke sich eine seltsame Mattigkeit aus; ihn m&#xFC;sse alles tr&#xFC;gen, oder sie sei unp&#xE4;sslich, und leide. Die Marquise, durch die Herzlichkeit, womit er dies vorbrachte, gut gestimmt, versetzte: nun ja; diese Mattigkeit, wenn er wolle, k&#xF6;nne f&#xFC;r die Spur einer Kr&#xE4;nklichkeit gelten, an welcher sie vor einigen Wochen gelitten h&#xE4;tte; sie f&#xFC;rchte inzwischen nicht, dass diese weiter von Folgen sein w&#xFC;rde. Worauf er, mit einer aufflammenden Freude, erwiderte: er auch nicht! und hinzusetzte, ob sie ihn heiraten wolle? Die Marquise wusste nicht, was sie von dieser Auff&#xFC;hrung denken solle. Sie sah, &#xFC;ber und &#xFC;ber rot, ihre Mutter, und diese, mit Verlegenheit, den Sohn und den Vater an; w&#xE4;hrend der Graf vor die Marquise trat, und indem er ihre Hand nahm, als ob er sie k&#xFC;ssen wollte, wiederholte: ob sie ihn verstanden h&#xE4;tte? Der Commendant sagte: ob er nicht Platz nehmen wolle; und setzte ihm, auf eine verbindliche, obschon etwas ernsthafte, Art einen Stuhl hin. Die Obristin sprach: in der Tat, wir werden glauben, dass Sie ein Geist sind, bis Sie uns werden er&#xF6;ffnet haben, wie Sie aus dem Grabe, in welches man Sie zu P… gelegt hatte, erstanden sind. Der Graf setzte sich, indem er die Hand der Dame fahrenlie&#xDF;, nieder, und sagte, dass er, durch die Umst&#xE4;nde gezwungen, sich sehr kurz fassen m&#xFC;sse; dass er, t&#xF6;dlich durch die Brust geschossen, nach P… gebracht worden w&#xE4;re; dass er mehrere Monate daselbst an seinem Leben verzweifelt h&#xE4;tte; dass w&#xE4;hrenddessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen w&#xE4;re; dass er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben k&#xF6;nnte, die sich in dieser Vorstellung umarmt h&#xE4;tten; dass er endlich, nach seiner Wiederherstellung, wieder zur Armee gegangen w&#xE4;re; dass er daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden h&#xE4;tte; dass er mehrere Male die Feder ergriffen, um in einem Briefe, an den Herrn Obristen und die Frau Marquise, seinem Herzen Luft zu machen; dass er pl&#xF6;tzlich mit Depeschen nach Neapel geschickt worden w&#xE4;re; dass er nicht wisse, ob er nicht von dort weiter nach Konstantinopel werde abgeordert werden; dass er vielleicht gar nach St. Petersburg werde gehen m&#xFC;ssen; dass ihm inzwischen unm&#xF6;glich w&#xE4;re, l&#xE4;nger zu leben, ohne &#xFC;ber eine notwendige Forderung seiner Seele ins Reine zu sein; dass er dem Drang bei seiner Durchreise durch M…, einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht habe widerstehen k&#xF6;nnen; kurz, dass er den Wunsch hege, mit der Hand der Frau Marquise begl&#xFC;ckt zu werden, und dass er auf das ehrfurchtsvollste, inst&#xE4;ndigste und dringendste bitte, sich ihm hier&#xFC;ber g&#xFC;tig zu erkl&#xE4;ren. – Der Commendant, nach einer langen Pause, erwiderte: dass ihm dieser Antrag zwar, wenn er, wie er nicht zweifle, ernsthaft gemeint sei, sehr schmeichelhaft w&#xE4;re. Bei dem Tode ihres Gemahls, des Marquis von O…, h&#xE4;tte sich seine Tochter aber entschlossen, in keine zweite Verm&#xE4;hlung einzugehen. Da ihr jedoch k&#xFC;rzlich von ihm eine so gro&#xDF;e Verbindlichkeit auferlegt worden sei: so w&#xE4;re es nicht unm&#xF6;glich, dass ihr Entschlu&#xDF; dadurch, seinen W&#xFC;nschen gem&#xE4;&#xDF;, eine Ab&#xE4;nderung erleide; er bitte sich inzwischen die Erlaubnis f&#xFC;r sie aus, dar&#xFC;ber im Stillen w&#xE4;hrend einiger Zeit nachdenken zu d&#xFC;rfen. Der Graf versicherte, dass diese g&#xFC;tige Erkl&#xE4;rung zwar alle seine Hoffnungen befriedige; dass sie ihn, unter anderen Umst&#xE4;nden, auch v&#xF6;llig begl&#xFC;cken w&#xFC;rde; dass er die ganze Unschicklichkeit f&#xFC;hle, sich mit derselben nicht zu beruhigen: dass dringende Verh&#xE4;ltnisse jedoch, &#xFC;ber welche er sich n&#xE4;her auszulassen nicht imstande sei, ihm eine bestimmtere Erkl&#xE4;rung &#xE4;u&#xDF;erst w&#xFC;nschenswert machten; dass die Pferde, die ihn nach Neapel tragen sollten, vor seinem Wagen st&#xFC;nden; und dass er inst&#xE4;ndigst bitte, wenn irgend etwas in diesem Hause g&#xFC;nstig f&#xFC;r ihn spreche, – wobei er die Marquise ansah – ihn nicht, ohne eine g&#xFC;tige &#xC4;u&#xDF;erung dar&#xFC;ber, abreisen zu lassen. Der Obrist, durch diese Auff&#xFC;hrung ein wenig betreten, antwortete, dass die Dankbarkeit, die die Marquise f&#xFC;r ihn empf&#xE4;nde, ihn zwar zu gro&#xDF;en Voraussetzungen berechtige: doch nicht zu so gro&#xDF;en; sie werde bei einem Schritte, bei welchem es das Gl&#xFC;ck ihres Lebens gelte, nicht ohne die geh&#xF6;rige Klugheit verfahren. Es w&#xE4;re unerlasslich, dass seiner Tochter, bevor sie sich erkl&#xE4;re, das Gl&#xFC;ck seiner n&#xE4;heren Bekanntschaft w&#xFC;rde. Er lade ihn ein, nach Vollendung seiner Gesch&#xE4;ftsreise, nach M… zur&#xFC;ckzukehren, und auf einige Zeit der Gast seines Hauses zu sein. Wenn alsdann die Frau Marquise hoffen k&#xF6;nne, durch ihn gl&#xFC;cklich zu werden, so werde auch er, eher aber nicht, mit Freuden vernehmen, dass sie ihm eine bestimmte Antwort gegeben habe. Der Graf &#xE4;u&#xDF;erte, indem ihm eine R&#xF6;te ins Gesicht stieg, dass er seinen ungeduldigen W&#xFC;nschen, w&#xE4;hrend seiner ganzen Reise, dies Schicksal vorausgesagt habe; dass er sich inzwischen dadurch in die &#xE4;u&#xDF;erste Bek&#xFC;mmernis gest&#xFC;rzt sehe; dass ihm, bei der ung&#xFC;nstigen Rolle, die er eben jetzt zu spielen gezwungen sei, eine n&#xE4;here Bekanntschaft nicht anders als vorteilhaft sein k&#xF6;nne; dass er f&#xFC;r seinen Ruf, wenn anders diese zweideutigste aller Eigenschaften in Erw&#xE4;gung gezogen werden solle, einstehen zu d&#xFC;rfen glaube; dass die einzige nichtsw&#xFC;rdige Handlung, die er in seinem Leben begangen h&#xE4;tte, der Welt unbekannt, und er schon im Begriff sei, sie wiedergutzumachen; dass er, mit einem Wort, ein ehrlicher Mann sei, und die Versicherung anzunehmen bitte, dass diese Versicherung wahrhaftig sei. – Der Commendant erwiderte, indem er ein wenig, obschon ohne Ironie, l&#xE4;chelte, dass er alle diese &#xC4;u&#xDF;erungen unterschreibe. Noch h&#xE4;tte er keines jungen Mannes Bekanntschaft gemacht, der, in so kurzer Zeit, so viele vortreffliche Eigenschaften des Charakters entwickelt h&#xE4;tte. Er glaube fast, dass eine kurze Bedenkzeit die Unschl&#xFC;ssigkeit, die noch obwalte, heben w&#xFC;rde; bevor er jedoch R&#xFC;cksprache genommen h&#xE4;tte, mit seiner sowohl, als des Herrn Grafen Familie, k&#xF6;nne keine andere Erkl&#xE4;rung, als die gegebene, erfolgen. Hierauf &#xE4;u&#xDF;erte der Graf, dass er ohne Eltern und frei sei. Sein Onkel sei der General K…, f&#xFC;r dessen Einwilligung er stehe. Er setzte hinzu, dass er Herr eines ansehnlichen Verm&#xF6;gens w&#xE4;re, und sich w&#xFC;rde entschlie&#xDF;en k&#xF6;nnen, Italien zu seinem Vaterlande zu machen. – Der Commendant machte ihm eine verbindliche Verbeugung, erkl&#xE4;rte seinen Willen noch einmal; und bat ihn, bis nach vollendeter Reise, von dieser Sache abzubrechen. Der Graf, nach einer kurzen Pause, in welcher er alle Merkmale der gr&#xF6;&#xDF;ten Unruhe gegeben hatte, sagte, indem er sich zur Mutter wandte, dass er sein &#xC4;u&#xDF;erstes getan h&#xE4;tte, um dieser Gesch&#xE4;ftsreise auszuweichen; dass die Schritte, die er deshalb beim General en chef, und dem General K…, seinem Onkel, gewagt h&#xE4;tte, die entscheidendsten gewesen w&#xE4;ren, die sich h&#xE4;tten tun lassen; dass man aber geglaubt h&#xE4;tte, ihn dadurch aus einer Schwermut aufzur&#xFC;tteln, die ihm von seiner Krankheit noch zur&#xFC;ckgeblieben w&#xE4;re; und dass er sich jetzt v&#xF6;llig dadurch ins Elend gest&#xFC;rzt sehe. – Die Familie wusste nicht, was sie zu dieser &#xC4;u&#xDF;erung sagen sollte. Der Graf fuhr fort, indem er sich die Stirn rieb, dass wenn irgend Hoffnung w&#xE4;re, dem Ziele seiner W&#xFC;nsche dadurch n&#xE4;her zu kommen, er seine Reise auf einen Tag, auch wohl noch etwas dar&#xFC;ber, aussetzen w&#xFC;rde, um es zu versuchen. – Hierbei sah er, nach der Reihe, den Commendanten, die Marquise und die Mutter an. Der Commendant blickte missvergn&#xFC;gt vor sich nieder, und antwortete ihm nicht. Die Obristin sagte: gehn Sie, gehn Sie, Herr Graf; reisen Sie nach Neapel; schenken Sie uns, wenn Sie wiederkehren, auf einige Zeit das Gl&#xFC;ck Ihrer Gegenwart; so wird sich das &#xFC;brige finden. – Der Graf sa&#xDF; einen Augenblick, und schien zu suchen, was er zu tun habe. Drauf, indem er sich erhob, und seinen Stuhl wegsetzte: da er die Hoffnungen, sprach er, mit denen er in dies Haus getreten sei, als &#xFC;bereilt erkennen m&#xFC;sse, und die Familie, wie er nicht missbillige, auf eine n&#xE4;here Bekanntschaft bestehe: so werde er seine Depeschen, zu einer anderweitigen Expedition, nach Z…, in das Hauptquartier, zur&#xFC;ckschicken, und das g&#xFC;tige Anerbieten, der Gast dieses Hauses zu sein, auf einige Wochen annehmen. Worauf er noch, den Stuhl in der Hand, an der Wand stehend, einen Augenblick verharrte, und den Commendanten ansah. Der Commendant versetzte, dass es ihm &#xE4;u&#xDF;erst leid tun w&#xFC;rde, wenn die Leidenschaft, die er zu seiner Tochter gefasst zu haben scheine, ihm Unannehmlichkeiten von der ernsthaftesten Art zuz&#xF6;ge: dass er indessen wissen m&#xFC;sse, was er zu tun und zu lassen habe, die Depeschen abschicken, und die f&#xFC;r ihn bestimmten Zimmer beziehen m&#xF6;chte. Man sah ihn bei diesen Worten sich entf&#xE4;rben, der Mutter ehrerbietig die Hand k&#xFC;ssen, sich gegen die &#xDC;brigen verneigen und sich entfernen.</p><p>Als er das Zimmer verlassen hatte, wusste die Familie nicht, was sie aus dieser Erscheinung machen solle. Die Mutter sagte, es w&#xE4;re wohl nicht m&#xF6;glich, dass er Depeschen, mit denen er nach Neapel ginge, nach Z… zur&#xFC;ckschicken wolle, blo&#xDF;, weil es ihm nicht gelungen w&#xE4;re, auf seiner Durchreise durch M…, in einer f&#xFC;nf Minuten langen Unterredung, von einer ihm ganz unbekannten Dame ein Jawort zu erhalten. Der Forstmeister &#xE4;u&#xDF;erte, dass eine so leichtsinnige Tat ja mit nichts Geringerem, als Festungsarrest, bestraft werden w&#xFC;rde! Und Kassation obenein, setzte der Commendant hinzu. Es habe aber damit keine Gefahr, fuhr er fort. Es sei ein blo&#xDF;er Schreckschuss beim Sturm; er werde sich wohl noch, ehe er die Depeschen abgeschickt, wieder besinnen. Die Mutter, als sie von dieser Gefahr unterrichtet ward, &#xE4;u&#xDF;erte die lebhafteste Besorgnis, dass er sie abschicken werde. Sein heftiger, auf einen Punkt hintreibender Wille, meinte sie, scheine ihr grade einer solchen Tat f&#xE4;hig. Sie bat den Forstmeister auf das dringendste, ihm sogleich nachzugehen, und ihn von einer so ungl&#xFC;ckdrohenden Handlung abzuhalten. Der Forstmeister erwiderte, dass ein solcher Schritt gerade das Gegenteil bewirken, und ihn nur in der Hoffnung, durch seine Kriegslist zu siegen, best&#xE4;rken w&#xFC;rde. Die Marquise war derselben Meinung, obschon sie versicherte, dass ohne ihn die Absendung der Depeschen unfehlbar erfolgen w&#xFC;rde, indem er lieber werde ungl&#xFC;cklich werden, als sich eine Bl&#xF6;&#xDF;e geben wollen. Alle kamen darin &#xFC;berein, dass sein Betragen sehr sonderbar sei, und dass er Damenherzen durch Anlauf, wie Festungen, zu erobern gewohnt scheine. In diesem Augenblick bemerkte der Commendant den angespannten Wagen des Grafen vor seiner T&#xFC;r. Er rief die Familie ans Fenster, und fragte einen eben eintretenden Bedienten, erstaunt, ob der Graf noch im Hause sei? Der Bediente antwortete, dass er unten, in der Domestikenstube, in Gesellschaft eines Adjutanten, Briefe schreibe und Pakete versiegle. Der Commendant, der seine Best&#xFC;rzung unterdr&#xFC;ckte, eilte mit dem Forstmeister hinunter, und fragte den Grafen, da er ihn auf dazu nicht schicklichen Tischen seine Gesch&#xE4;fte betreiben sah, ob er nicht in seine Zimmer treten wolle? Und ob er sonst irgend etwas befehle? Der Graf erwiderte, indem er mit Eilfertigkeit fortschrieb, dass er untert&#xE4;nigst danke, und dass sein Gesch&#xE4;ft abgemacht sei; fragte noch, indem er den Brief zusiegelte, nach der Uhr; und w&#xFC;nschte dem Adjutanten, nachdem er ihm das ganze Portefeuille &#xFC;bergeben hatte, eine gl&#xFC;ckliche Reise. Der Commendant, der seinen Augen nicht traute, sagte, indem der Adjutant zum Hause hinausging: Herr Graf, wenn Sie nicht sehr wichtige Gr&#xFC;nde haben – Entscheidende! fiel ihm der Graf ins Wort; begleitete den Adjutanten zum Wagen, und &#xF6;ffnete ihm die T&#xFC;r. In diesem Fall w&#xFC;rde ich wenigstens, fuhr der Commendant fort, die Depeschen – Es ist nicht m&#xF6;glich, antwortete der Graf, indem er den Adjutanten in den Sitz hob. Die Depeschen gelten nichts in Neapel ohne mich. Ich habe auch daran gedacht. Fahr zu! – Und die Briefe Ihres Herrn Onkels? rief der Adjutant, sich aus der T&#xFC;r hervorbeugend. Treffen mich, erwiderte der Graf, in M… Fahr zu, sagte der Adjutant, und rollte mit dem Wagen dahin.</p><p>Hierauf fragte der Graf F…, indem er sich zum Commendanten wandte, ob er ihm gef&#xE4;lligst sein Zimmer anweisen lassen wolle? Er w&#xFC;rde gleich selbst die Ehre haben, antwortete der verwirrte Obrist; rief seinen und des Grafen Leuten, das Gep&#xE4;ck desselben aufzunehmen: und f&#xFC;hrte ihn in die f&#xFC;r fremden Besuch bestimmten Gem&#xE4;cher des Hauses, wo er sich ihm mit einem trocknen Gesicht empfahl. Der Graf kleidete sich um; verlie&#xDF; das Haus, um sich bei dem Gouverneur des Platzes zu melden, und f&#xFC;r den ganzen weiteren Rest des Tages im Hause unsichtbar, kehrte er erst kurz vor der Abendtafel dahin zur&#xFC;ck.</p><p>Inzwischen war die Familie in der lebhaftesten Unruhe. Der Forstmeister erz&#xE4;hlte, wie bestimmt, auf einige Vorstellungen des Commendanten, des Grafen Antworten ausgefallen w&#xE4;ren; meinte, dass sein Verhalten einem v&#xF6;llig &#xFC;berlegten Schritt &#xE4;hnlich sehe; und fragte, in aller Welt, nach den Ursachen einer so auf Courierpferden gehenden Bewerbung. Der Commendant sagte, dass er von der Sache nichts verstehe, und forderte die Familie auf, davon weiter nicht in seiner Gegenwart zu sprechen. Die Mutter sah alle Augenblikke aus dem Fenster, ob er nicht kommen, seine leichtsinnige Tat bereuen, und wiedergutmachen werde. Endlich, da es finster ward, setzte sie sich zur Marquise nieder, welche, mit vieler Emsigkeit, an einem Tisch arbeitete, und das Gespr&#xE4;ch zu vermeiden schien. Sie fragte sie halblaut, w&#xE4;hrend der Vater auf und nieder ging, ob sie begreife, was aus dieser Sache werden solle? Die Marquise antwortete, mit einem sch&#xFC;chtern nach dem Commendanten gewandten Blick: wenn der Vater bewirkt h&#xE4;tte, dass er nach Neapel gereist w&#xE4;re, so w&#xE4;re alles gut. Nach Neapel! rief der Commendant, der dies geh&#xF6;rt hatte. Sollt ich den Priester holen lassen? Oder h&#xE4;tt ich ihn schlie&#xDF;en lassen und arretieren, und mit Bewachung nach Neapel schicken sollen? – Nein, antwortete die Marquise, aber lebhafte und eindringliche Vorstellungen tun ihre Wirkung; und sah, ein wenig unwillig, wieder auf ihre Arbeit nieder. – Endlich gegen die Nacht erschien der Graf. Man erwartete nur, nach den ersten H&#xF6;flichkeitsbezeugungen, dass dieser Gegenstand zur Sprache kommen w&#xFC;rde, um ihn mit vereinter Kraft zu best&#xFC;rmen, den Schritt, den er gewagt hatte, wenn es noch m&#xF6;glich sei, wieder zur&#xFC;ckzunehmen. Doch vergebens, w&#xE4;hrend der ganzen Abendtafel, erharrte man diesen Augenblick. Geflissentlich alles, was darauf f&#xFC;hren konnte, vermeidend, unterhielt er den Commendanten vom Kriege, und den Forstmeister von der Jagd. Als er des Gefechts bei P…, in welchem er verwundet worden war, erw&#xE4;hnte, verwickelte ihn die Mutter bei der Geschichte seiner Krankheit, fragte ihn, wie es ihm an diesem kleinen Orte ergangen sei, und ob er die geh&#xF6;rigen Bequemlichkeiten gefunden h&#xE4;tte. Hierauf erz&#xE4;hlte er mehrere, durch seine Leidenschaft zur Marquise interessanten, Z&#xFC;ge: wie sie best&#xE4;ndig, w&#xE4;hrend seiner Krankheit, an seinem Bette gesessen h&#xE4;tte; wie er die Vorstellung von ihr, in der Hitze des Wundfiebers, immer mit der Vorstellung eines Schwans verwechselt h&#xE4;tte, den er, als Knabe, auf seines Onkels G&#xFC;tern gesehen; dass ihm besonders eine Erinnerung r&#xFC;hrend gewesen w&#xE4;re, da er diesen Schwan einst mit Kot beworfen, worauf dieser still untergetaucht, und rein aus der Flut wieder emporgekommen sei; dass sie immer auf feurigen Fluten umhergeschwommen w&#xE4;re, und er Thinka gerufen h&#xE4;tte, welches der Name jenes Schwans gewesen, dass er aber nicht imstande gewesen w&#xE4;re, sie an sich zu locken, indem sie ihre Freude gehabt h&#xE4;tte, blo&#xDF; am Rudern und In-die-Brust-sich-werfen; versicherte pl&#xF6;tzlich, blutrot im Gesicht, dass er sie au&#xDF;erordentlich liebe: sah wieder auf seinen Teller nieder, und schwieg. Man musste endlich von der Tafel aufstehen; und da der Graf, nach einem kurzen Gespr&#xE4;ch mit der Mutter, sich sogleich gegen die Gesellschaft verneigte, und wieder in sein Zimmer zur&#xFC;ckzog: so standen die Mitglieder derselben wieder, und wussten nicht, was sie denken sollten. Der Commendant meinte: man m&#xFC;sse der Sache ihren Lauf lassen. Er rechne wahrscheinlich auf seine Verwandten bei diesem Schritte. Infame Kassation st&#xFC;nde sonst darauf. Frau von G… fragte ihre Tochter, was sie denn von ihm halte? Und ob sie sich wohl zu irgendeiner &#xC4;u&#xDF;erung, die ein Ungl&#xFC;ck vermiede, w&#xFC;rde verstehen k&#xF6;nnen? Die Marquise antwortete: Liebste Mutter! Das ist nicht m&#xF6;glich. Es tut mir leid, dass meine Dankbarkeit auf eine so harte Probe gestellt wird. Doch es war mein Entschluss, mich nicht wieder zu verm&#xE4;hlen; ich mag mein Gl&#xFC;ck nicht, und nicht so un&#xFC;berlegt, auf ein zweites Spiel setzen. Der Forstmeister bemerkte, dass wenn dies ihr fester Wille w&#xE4;re, auch diese Erkl&#xE4;rung ihm Nutzen schaffen k&#xF6;nne, und dass es fast notwendig scheine, ihm irgend eine bestimmte zu geben. Die Obristin versetzte, dass da dieser junge Mann, den so viele au&#xDF;erordentliche Eigenschaften empf&#xF6;hlen, seinen Aufenthalt in Italien nehmen zu wollen, erkl&#xE4;rt habe, sein Antrag, nach ihrer Meinung, einige R&#xFC;cksicht, und der Entschluss der Marquise Pr&#xFC;fung verdiene. Der Forstmeister, indem er sich bei ihr niederlie&#xDF;, fragte, wie er ihr denn, was seine Person anbetreffe, gefalle? Die Marquise antwortete, mit einiger Verlegenheit: er gef&#xE4;llt und missf&#xE4;llt mir; und berief sich auf das Gef&#xFC;hl der anderen. Die Obristin sagte: wenn er von Neapel zur&#xFC;ckkehrt, und die Erkundigungen, die wir inzwischen &#xFC;ber ihn einziehen k&#xF6;nnten, dem Gesamteindruck, den du von ihm empfangen hast, nicht widerspr&#xE4;chen: wie w&#xFC;rdest du dich, falls er alsdann seinen Antrag wiederholte, erkl&#xE4;ren? In diesem Fall, versetzte die Marquise, w&#xFC;rd ich – da in der Tat seine W&#xFC;nsche so lebhaft scheinen, diese W&#xFC;nsche – sie stockte, und ihre Augen gl&#xE4;nzten, indem sie dies sagte – um der Verbindlichkeit willen, die ich ihm schuldig bin, erf&#xFC;llen. Die Mutter, die eine zweite Verm&#xE4;hlung ihrer Tochter immer gew&#xFC;nscht hatte, hatte M&#xFC;he, ihre Freude &#xFC;ber diese Erkl&#xE4;rung zu verbergen, und sann, was sich wohl daraus machen lasse. Der Forstmeister sagte, indem er unruhig vom Sitz wieder aufstand, dass wenn die Marquise irgend an die M&#xF6;glichkeit denke, ihn einst mit ihrer Hand zu erfreuen, jetzt gleich notwendig ein Schritt dazu geschehen m&#xFC;sse, um den Folgen seiner rasenden Tat vorzubeugen. Die Mutter war derselben Meinung, und behauptete, dass zuletzt das Wagst&#xFC;ck nicht allzugro&#xDF; w&#xE4;re, indem bei so vielen vortrefflichen Eigenschaften, die er in jener Nacht, da das Fort von den Russen erst&#xFC;rmt ward, entwickelte, kaum zu f&#xFC;rchten sei, dass sein &#xFC;briger Lebenswandel ihnen nicht entsprechen sollte. Die Marquise sah, mit dem Ausdruck der lebhaftesten Unruhe, vor sich nieder. Man k&#xF6;nnte ihm ja, fuhr die Mutter fort, indem sie ihre Hand ergriff, etwa eine Erkl&#xE4;rung, dass du, bis zu seiner R&#xFC;ckkehr von Neapel, in keine andere Verbindung eingehen wollest, zukommen lassen. Die Marquise sagte: diese Erkl&#xE4;rung, liebste Mutter, kann ich ihm geben; ich f&#xFC;rchte nur, dass sie ihn nicht beruhigen, und uns verwickeln wird. Das sei meine Sorge! erwiderte die Mutter, mit lebhafter Freude; und sah sich nach dem Commendanten um. Lorenzo! fragte sie, was meinst du? und machte Anstalten, sich vom Sitz zu erheben. Der Commendant, der alles geh&#xF6;rt hatte, stand am Fenster, sah auf die Stra&#xDF;e hinaus, und sagte nichts. Der Forstmeister versicherte, dass er, mit dieser unsch&#xE4;dlichen Erkl&#xE4;rung, den Grafen aus dem Hause zu schaffen, sich anheischig mache. Nun so macht! macht! macht! rief der Vater, indem er sich umkehrte: ich muss mich diesem Russen schon zum zweitenmal ergeben! – Hierauf sprang die Mutter auf, k&#xFC;sste ihn und die Tochter, und fragte, indem der Vater &#xFC;ber ihre Gesch&#xE4;ftigkeit l&#xE4;chelte, wie man dem Grafen jetzt diese Erkl&#xE4;rung augenblicklich hinterbringen solle? Man beschloss, auf den Vorschlag des Forstmeisters, ihn bitten zu lassen, sich, falls er noch nicht entkleidet sei, gef&#xE4;lligst auf einen Augenblick zur Familie zu verf&#xFC;gen. Er werde gleich die Ehre haben zu erscheinen! lie&#xDF; der Graf antworten, und kaum war der Kammerdiener mit dieser Meldung zur&#xFC;ck, als er schon selbst, mit Schritten, die die Freude befl&#xFC;gelte, ins Zimmer trat, und zu den F&#xFC;&#xDF;en der Marquise, in der allerlebhaftesten R&#xFC;hrung niedersank. Der Commendant wollte etwas sagen, doch er, indem er aufstand, versetzte, er wisse genug! k&#xFC;&#xDF;te ihm und der Mutter die Hand, umarmte den Bruder, und bat nur um die Gef&#xE4;lligkeit, ihm sogleich zu einem Reisewagen zu verhelfen. Die Marquise, obschon von diesem Auftritt bewegt, sagte doch: ich f&#xFC;rchte nicht, Herr Graf, dass Ihre rasche Hoffnung Sie zu weit – Nichts! Nichts! versetzte der Graf; es ist nichts geschehen, wenn die Erkundigungen, die Sie &#xFC;ber mich einziehen m&#xF6;gen, dem Gef&#xFC;hl widersprechen, das mich zu Ihnen in dies Zimmer zur&#xFC;ckberief. Hierauf umarmte der Commendant ihn auf das herzlichste, der Forstmeister bot ihm sogleich seinen eigenen Reisewagen an, ein J&#xE4;ger flog auf die Post, Courierpferde auf Pr&#xE4;mien zu bestellen, und Freude war bei dieser Abreise, wie noch niemals bei einem Empfang. Er hoffe, sagte der Graf, die Depeschen in B… einzuholen, von wo er jetzt einen n&#xE4;heren Weg nach Neapel, als &#xFC;ber M… einschlagen w&#xFC;rde; in Neapel w&#xFC;rde er sein M&#xF6;glichstes tun, die fernere Gesch&#xE4;ftsreise nach Konstantinopel abzulehnen; und da er, auf den &#xE4;u&#xDF;ersten Fall, entschlossen w&#xE4;re, sich krank anzugeben, so versicherte er, dass wenn nicht unvermeidliche Hindernisse ihn abhielten, er in Zeit von vier bis sechs Wochen unfehlbar wieder in M… sein w&#xFC;rde. Hierauf meldete sein J&#xE4;ger, dass der Wagen angespannt, und alles zur Abreise bereit sei. Der Graf nahm seinen Hut, trat vor die Marquise, und ergriff ihre Hand. Nun denn, sprach er, Julietta, so bin ich einigerma&#xDF;en beruhigt; und legte seine Hand in die ihrige; obschon es mein sehnlichster Wunsch war, mich noch vor meiner Abreise mit Ihnen zu verm&#xE4;hlen. Verm&#xE4;hlen! riefen alle Mitglieder der Familie aus. Verm&#xE4;hlen, wiederholte der Graf, k&#xFC;sste der Marquise die Hand, und versicherte, da diese fragte, ob er von Sinnen sei: es w&#xFC;rde ein Tag kommen, wo sie ihn verstehen w&#xFC;rde! Die Familie wollte auf ihn b&#xF6;se werden; doch er nahm gleich auf das w&#xE4;rmste von allen Abschied, bat sie, &#xFC;ber diese &#xC4;u&#xDF;erung nicht weiter nachzudenken, und reiste ab.</p><p>Mehrere Wochen, in welchen die Familie, mit sehr verschiedenen Empfindungen, auf den Ausgang dieser sonderbaren Sache gespannt war, verstrichen. Der Commendant empfing vom General K…, dem Onkel des Grafen, eine h&#xF6;fliche Zuschrift; der Graf selbst schrieb aus Neapel; die Erkundigungen, die man &#xFC;ber ihn einzog, sprachen ziemlich zu seinem Vorteil; kurz, man hielt die Verlobung schon f&#xFC;r so gut, wie abgemacht; als sich die Kr&#xE4;nklichkeiten der Marquise, mit gr&#xF6;&#xDF;erer Lebhaftigkeit, als jemals, wieder einstellten. Sie bemerkte eine unbegreifliche Ver&#xE4;nderung ihrer Gestalt. Sie entdeckte sich mit v&#xF6;lliger Freim&#xFC;tigkeit ihrer Mutter, und sagte, sie wisse nicht, was sie von ihrem Zustand denken solle. Die Mutter, welche so sonderbare Zuf&#xE4;lle f&#xFC;r die Gesundheit ihrer Tochter &#xE4;u&#xDF;erst besorgt machten, verlangte, dass sie einen Arzt zu Rate ziehe. Die Marquise, die durch ihre Natur zu siegen hoffte, str&#xE4;ubte sich dagegen; sie brachte mehrere Tage noch, ohne dem Rat der Mutter zu folgen, unter den empfindlichsten Leiden zu: bis Gef&#xFC;hle, immer wiederkehrend und von so wunderbarer Art, sie in die lebhafteste Unruhe st&#xFC;rzten. Sie lie&#xDF; einen Arzt rufen, der das Vertrauen ihres Vaters besa&#xDF;, n&#xF6;tigte ihn, da gerade die Mutter abwesend war, auf den Diwan nieder, und er&#xF6;ffnete ihm, nach einer kurzen Einleitung, scherzend, was sie von sich glaube. Der Arzt warf einen forschenden Blick auf sie; schwieg noch, nachdem er eine genaue Untersuchung vollendet hatte, eine Zeitlang: und antwortete dann mit einer sehr ernsthaften Miene, dass die Frau Marquise ganz richtig urteile. Nachdem er sich auf die Frage der Dame, wie er dies verstehe, ganz deutlich erkl&#xE4;rt, und mit einem L&#xE4;cheln, das er nicht unterdr&#xFC;cken konnte, gesagt hatte, dass sie ganz gesund sei, und keinen Arzt brauche, zog die Marquise, und sah ihn sehr streng von der Seite an, die Klingel, und bat ihn, sich zu entfernen. Sie &#xE4;u&#xDF;erte halblaut, als ob er der Rede nicht wert w&#xE4;re, vor sich nieder murmelnd: dass sie nicht Lust h&#xE4;tte, mit ihm &#xFC;ber Gegenst&#xE4;nde dieser Art zu scherzen. Der Doktor erwiderte empfindlich: er m&#xFC;sse w&#xFC;nschen, dass sie immer zum Scherz so wenig aufgelegt gewesen w&#xE4;re, wie jetzt; nahm Stock und Hut, und machte Anstalten, sich sogleich zu empfehlen. Die Marquise versicherte, dass sie von diesen Beleidigungen ihren Vater unterrichten w&#xFC;rde. Der Arzt antwortete, dass er seine Aussage vor Gericht beschw&#xF6;ren k&#xF6;nne: &#xF6;ffnete die T&#xFC;r, verneigte sich, und wollte das Zimmer verlassen. Die Marquise fragte, da er noch einen Handschuh, den er hatte fallen lassen, von der Erde aufnahm: und die M&#xF6;glichkeit davon, Herr Doktor? Der Doktor erwiderte, dass er ihr die letzten Gr&#xFC;nde der Dinge nicht werde zu erkl&#xE4;ren brauchen; verneigte sich ihr noch einmal, und ging ab.</p><p>Die Marquise stand, wie vom Donner ger&#xFC;hrt.<a l:href="#n_459" type="note">[459]</a> Sie raffte sich auf, und wollte zu ihrem Vater eilen; doch der sonderbare Ernst des Mannes, von dem sie sich beleidigt sah, l&#xE4;hmte alle ihre Glieder. Sie warf sich in der gr&#xF6;&#xDF;ten Bewegung auf den Diwan nieder. Sie durchlief, gegen sich selbst mi&#xDF;trauisch, alle Momente des verflossenen Jahres, und hielt sich f&#xFC;r verr&#xFC;ckt, wenn sie an den letzten dachte. Endlich erschien die Mutter; und auf die best&#xFC;rzte Frage, warum sie so unruhig sei? erz&#xE4;hlte ihr die Tochter, was ihr der Arzt soeben er&#xF6;ffnet hatte. Frau von G… nannte ihn einen Unversch&#xE4;mten und Nichtsw&#xFC;rdigen, und best&#xE4;rkte die Tochter in dem Entschluss, diese Beleidigung dem Vater zu entdecken. Die Marquise versicherte, dass es sein v&#xF6;lliger Ernst gewesen sei, und dass er entschlossen scheine, dem Vater ins Gesicht seine rasende Behauptung zu wiederholen. Frau von G… fragte, nicht wenig erschrocken, ob sie denn an die M&#xF6;glichkeit eines solchen Zustandes glaube? Eher, antwortete die Marquise, dass die Gr&#xE4;ber befruchtet werden, und sich dem Scho&#xDF;e der Leichen eine Geburt entwickeln wird! Nun, du liebes wunderliches Weib, sagte die Obristin, indem sie sie fest an sich dr&#xFC;ckte: was beunruhigt dich denn? Wenn dein Bewusstsein dich rein spricht: wie kann dich ein Urteil, und w&#xE4;re es das einer ganzen Consulta von &#xC4;rzten, nur k&#xFC;mmern? Ob das seinige aus Irrtum, ob es aus Bosheit entsprang: gilt es dir nicht v&#xF6;llig gleichviel? Doch schicklich ist es, dass wir es dem Vater entdecken. – O Gott! sagte die Marquise, mit einer konvulsivischen Bewegung: wie kann ich mich beruhigen. Hab ich nicht mein eignes, innerliches, mir nur allzuwohlbekanntes Gef&#xFC;hl gegen mich? W&#xFC;rd ich nicht, wenn ich in einer andern meine Empfindung w&#xFC;sste, von ihr selbst urteilen, dass es damit seine Richtigkeit habe? Es ist entsetzlich, versetzte die Obristin. Bosheit! Irrtum! fuhr die Marquise fort. Was kann dieser Mann, der uns bis auf den heutigen Tag sch&#xE4;tzensw&#xFC;rdig erschien; f&#xFC;r Gr&#xFC;nde haben, mich auf eine so mutwillige und niedertr&#xE4;chtige Art zu kr&#xE4;nken? Mich, die ihn nie beleidigt hatte? Die ihn mit Vertrauen, und dem Vorgef&#xFC;hl zuk&#xFC;nftiger Dankbarkeit, empfing? Bei der er, wie seine ersten Worte zeugten, mit dem reinen und unverf&#xE4;lschten Willen erschien, zu helfen, nicht Schmerzen, grimmigere, als ich empfand, erst zu erregen? Und wenn ich in der Notwendigkeit der Wahl, fuhr sie fort, w&#xE4;hrend die Mutter sie unverwandt ansah, an einen Irrtum glauben wollte: ist es wohl m&#xF6;glich, dass ein Arzt, auch nur von mittelm&#xE4;&#xDF;iger Geschicklichkeit, in solchem Falle irre? – Die Obristin sagte ein wenig spitz: und gleichwohl muss es doch notwendig eins oder das andere gewesen sein. Ja! versetzte die Marquise, meine teuerste Mutter, indem sie ihr, mit dem Ausdruck der gekr&#xE4;nkten W&#xFC;rde,<a l:href="#n_460" type="note">[460]</a> hochrot im Gesicht gl&#xFC;hend, die Hand k&#xFC;sste: das muss es! Obschon die Umst&#xE4;nde so au&#xDF;erordentlich sind, dass es mir erlaubt ist, daran zu zweifeln. Ich schw&#xF6;re, weil es doch einer Versicherung bedarf, dass mein Bewusstsein, gleich dem meiner Kinder ist; nicht reiner, Verehrungsw&#xFC;rdigste, kann das Ihrige sein. Gleichwohl bitte ich Sie, mir eine Hebamme rufen zu lassen, damit ich mich von dem, was ist, &#xFC;berzeuge, und gleichviel alsdann, was es sei, beruhige. Eine Hebamme! rief Frau von G… mit Entw&#xFC;rdigung. Ein reines Bewusstsein, und eine Hebamme! Und die Sprache ging ihr aus. Eine Hebamme, meine teuerste Mutter, wiederholte die Marquise, indem sie sich auf Knien vor ihr niederlie&#xDF;; und das augenblicklich, wenn ich nicht wahnsinnig werden soll. O sehr gern, versetzte die Obristin; nur bitte ich, das Wochenlager nicht in meinem Hause zu halten. Und damit stand sie auf, und wollte das Zimmer verlassen. Die Marquise, ihr mit ausgebreiteten Armen folgend, fiel ganz auf das Gesicht nieder, und umfasste ihre Knie. Wenn irgend ein unstr&#xE4;fliches Leben, rief sie, mit der Beredsamkeit des Schmerzes, ein Leben, nach Ihrem Muster gef&#xFC;hrt, mir ein Recht auf Ihre Achtung gibt, wenn irgend ein m&#xFC;tterliches Gef&#xFC;hl auch nur, solange meine Schuld nicht sonnenklar entschieden ist, in Ihrem Busen f&#xFC;r mich spricht: so verlassen Sie mich in diesen entsetzlichen Augenblicken nicht. – Was ist es, das dich beunruhigt? fragte die Mutter. Ist es weiter nichts, als der Ausspruch des Arztes? Weiter nichts, als dein innerliches Gef&#xFC;hl? Nichts weiter, meine Mutter, versetzte die Marquise, und legte ihre Hand auf die Brust. Nichts, Julietta? fuhr die Mutter fort. Besinne dich. Ein Fehltritt, so uns&#xE4;glich er mich schmerzen w&#xFC;rde, er lie&#xDF;e sich, und ich m&#xFC;sste ihn zuletzt verzeihn; doch wenn du, um einem m&#xFC;tterlichen Verweis auszuweichen, ein M&#xE4;rchen von der Umw&#xE4;lzung der Weltordnung ersinnen, und gottesl&#xE4;sterliche Schw&#xFC;re h&#xE4;ufen k&#xF6;nntest, um es meinem, dir nur allzugerngl&#xE4;ubigen, Herzen aufzub&#xFC;rden: so w&#xE4;re das sch&#xE4;ndlich: ich w&#xFC;rde dir niemals wieder gut werden. – M&#xF6;ge das Reich der Erl&#xF6;sung einst so offen vor mir liegen, wie meine Seele vor Ihnen, rief die Marquise. Ich verschwieg Ihnen nichts, meine Mutter. – Diese &#xC4;u&#xDF;erung, voll Pathos getan, ersch&#xFC;tterte die Mutter. O Himmel! rief sie: mein liebensw&#xFC;rdiges Kind! Wie r&#xFC;hrst du mich! Und hob sie auf, und k&#xFC;sste sie, und dr&#xFC;ckte sie an ihre Brust. Was denn, in aller Welt, f&#xFC;rchtest du? Komm, du bist sehr krank. Sie wollte sie in ein Bett f&#xFC;hren. Doch die Marquise, welcher die Tr&#xE4;nen h&#xE4;ufig flossen, versicherte, dass sie sehr gesund w&#xE4;re, und dass ihr gar nichts fehle, au&#xDF;er jenem sonderbaren und unbegreiflichen Zustand. – Zustand! rief die Mutter wieder; welch ein Zustand? Wenn dein Ged&#xE4;chtnis &#xFC;ber die Vergangenheit so sicher ist, welch ein Wahnsinn der Furcht ergriff dich? Kann ein innerliches Gef&#xFC;hl denn, das doch nur dunkel sich regt, nicht tr&#xFC;gen? Nein! Nein! sagte die Marquise, es tr&#xFC;gt mich nicht! Und wenn Sie die Hebamme rufen lassen wollen, so werden Sie h&#xF6;ren, dass das Entsetzliche, mich Vernichtende, wahr ist. – Komm, meine liebste Tochter, sagte Frau von G…, die f&#xFC;r ihren Verstand zu f&#xFC;rchten anfing. Komm, folge mir, und lege dich zu Bett. Was meintest du, dass dir der Arzt gesagt hat? Wie dein Gesicht gl&#xFC;ht! Wie du an allen Gliedern so zitterst! Was war es schon, das dir der Arzt gesagt hat? Und damit zog sie die Marquise, ungl&#xE4;ubig nunmehr an den ganzen Auftritt, den sie ihr erz&#xE4;hlt hatte, mit sich fort. – Die Marquise sagte: Liebe! Vortreffliche! indem sie mit weinenden Augen l&#xE4;chelte. Ich bin meiner Sinne m&#xE4;chtig. Der Arzt hat mir gesagt, dass ich in gesegneten Leibesumst&#xE4;nden bin. Lassen Sie die Hebamme rufen: und sobald sie sagt, dass es nicht wahr ist, bin ich wieder ruhig. Gut, gut! erwiderte die Obristin, die ihre Angst unterdr&#xFC;ckte. Sie soll gleich kommen; sie soll gleich, wenn du dich von ihr willst auslachen lassen, erscheinen, und dir sagen, dass du eine Tr&#xE4;umerin, und nicht recht klug bist. Und damit zog sie die Klingel, und schickte augenblicklich einen ihrer Leute, der die Hebamme rufe.</p><p>Die Marquise lag noch, mit unruhig sich hebender Brust, in den Armen<a l:href="#n_461" type="note">[461]</a> ihrer Mutter, als diese Frau erschien, und die Obristin ihr, an welcher seltsamen Vorstellung ihre Tochter krank liege, er&#xF6;ffnete. Die Frau Marquise schw&#xF6;re, dass sie sich tugendhaft verhalten habe, und gleichwohl halte sie, von einer unbegreiflichen Empfindung get&#xE4;uscht, f&#xFC;r n&#xF6;tig, dass eine sachverst&#xE4;ndige Frau ihren Zustand untersuche. Die Hebamme, w&#xE4;hrend sie sich von demselben unterrichtete, sprach von jungem Blut und der Arglist der Welt; &#xE4;u&#xDF;erte, als sie ihr Gesch&#xE4;ft vollendet hatte, dergleichen F&#xE4;lle w&#xE4;ren ihr schon vorgekommen; die jungen Witwen, die in ihre Lage k&#xE4;men, meinten alle auf w&#xFC;sten Inseln gelebt zu haben; beruhigte inzwischen die Frau Marquise, und versicherte sie, dass sich der muntere Korsar,<a l:href="#n_462" type="note">[462]</a> der zur Nachtzeit gelandet, schon finden w&#xFC;rde. Bei diesen Worten fiel die Marquise in Ohnmacht. Die Obristin, die ihr m&#xFC;tterliches Gef&#xFC;hl nicht &#xFC;berw&#xE4;ltigen konnte, brachte sie zwar, mit H&#xFC;lfe der Hebamme, wieder ins Leben zur&#xFC;ck. Doch die Entr&#xFC;stung siegte, da sie erwacht war. Julietta! rief die Mutter mit dem lebhaftesten Schmerz. Willst du dich mir entdekken, willst du den Vater mir nennen? Und schien noch zur Vers&#xF6;hnung geneigt. Doch als die Marquise sagte, dass sie wahnsinnig werden w&#xFC;rde, sprach die Mutter, indem sie sich vom Diwan erhob: geh! geh! du bist nichtsw&#xFC;rdig! Verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar! und verlie&#xDF; das Zimmer.</p><p>Die Marquise, der das Tageslicht von neuem schwinden wollte, zog die Geburtshelferin vor sich nieder, und legte ihr Haupt heftig zitternd an ihre Brust. Sie fragte, mit gebrochener Stimme, wie denn die Natur auf ihren Wegen walte? Und ob die M&#xF6;glichkeit einer unwissentlichen Empf&#xE4;ngnis<a l:href="#n_463" type="note">[463]</a> sei? – Die Hebamme l&#xE4;chelte, machte ihr das Tuch los, und sagte, das w&#xFC;rde ja doch der Frau Marquise Fall nicht sein. Nein, nein, antwortete die Marquise, sie habe wissentlich empfangen, sie wolle nur im allgemeinen wissen, ob diese Erscheinung im Reiche der Natur sei? Die Hebamme versetzte, dass dies, au&#xDF;er der heiligen Jungfrau, noch keinem Weibe auf Erden zugestossen w&#xE4;re. Die Marquise zitterte immer heftiger. Sie glaubte, dass sie augenblicklich niederkommen w&#xFC;rde, und bat die Geburtshelferin, indem sie sich mit krampfhafter Be&#xE4;ngstigung an sie schloss, sie nicht zu verlassen. Die Hebamme beruhigte sie. Sie versicherte, dass das Wochenbett noch betr&#xE4;chtlich entfernt w&#xE4;re, gab ihr auch die Mittel an, wie man, in solchen F&#xE4;llen, dem Leumund der Welt ausweichen k&#xF6;nne, und meinte, es w&#xFC;rde noch alles gut werden. Doch da diese Trostgr&#xFC;nde der ungl&#xFC;cklichen Dame v&#xF6;llig wie Messerstiche durch die Brust fuhren, so sammelte sie sich, sagte, sie bef&#xE4;nde sich besser, und bat ihre Gesellschafterin sich zu entfernen.</p><p>Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der Mutter gebracht ward, in welchem diese sich so auslie&#xDF;:»Herr von G… w&#xFC;nsche, unter den obwaltenden Umst&#xE4;nden, dass sie sein Haus verlasse. Er sende ihr hierbei die &#xFC;ber ihr Verm&#xF6;gen lautenden Papiere, und hoffe dass ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wiederzusehen.«– Der Brief war inzwischen von Tr&#xE4;nen benetzt; und in einem Winkel stand ein verwischtes Wort: diktiert. – Der Marquise st&#xFC;rzte der Schmerz aus den Augen. Sie ging, heftig &#xFC;ber den Irrtum ihrer Eltern weinend, und &#xFC;ber die Ungerechtigkeit, zu welcher diese vortrefflichen Menschen verf&#xFC;hrt wurden, nach den Gem&#xE4;chern ihrer Mutter. Es hie&#xDF;, sie sei bei ihrem Vater; sie wankte nach den Gem&#xE4;chern ihres Vaters. Sie sank, als sie die T&#xFC;re verschlossen fand, mit jammernder Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld anrufend, vor derselben nieder. Sie mochte wohl schon einige Minuten hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus hervortrat, und zu ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie h&#xF6;re dass der Commendant sie nicht sehen wolle. Die Marquise rief: mein liebster Bruder! unter vielem Schluchzen; dr&#xE4;ngte sich ins Zimmer, und rief: mein teuerster Vater! und streckte die Arme nach ihm aus. Der Commendant wandte ihr, bei ihrem Anblick, den R&#xFC;cken zu, und eilte in sein Schlafgemach. Er rief, als sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die T&#xFC;re zuwerfen; doch da sie, unter Jammern und Flehen, dass er sie schlie&#xDF;e, verhinderte, so gab er pl&#xF6;tzlich nach und eilte, w&#xE4;hrend die Marquise zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand. Sie warf sich ihm, der ihr den R&#xFC;cken zugekehrt hatte, eben zu F&#xFC;&#xDF;en, und umfasste zitternd seine Knie, als ein Pistol, das er ergriffen hatte, in dem Augenblick, da er es von der Wand herabriss, losging, und der Schuss schmetternd in die Decke fuhr. Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich leichenbla&#xDF; von ihren Knien, und eilte aus seinen Gem&#xE4;chern wieder hinweg. Man soll sogleich anspannen, sagte sie, indem sie in die ihrigen trat; setzte sich, matt bis in den Tod, auf einen Sessel nieder, zog ihre Kinder eilfertig an, und lie&#xDF; die Sachen einpacken. Sie hatte eben ihr Kleinstes zwischen den Knien, und schlug ihm noch ein Tuch um, um nunmehr, da alles zur Abreise bereit war, in den Wagen zu steigen: als der Forstmeister eintrat, und auf Befehl des Commendanten die Zur&#xFC;cklassung und &#xDC;berlieferung der Kinder von ihr forderte. Dieser Kinder? fragte sie; und stand auf. Sag deinem unmenschlichen Vater, dass er kommen, und mich niederschie&#xDF;en, nicht aber mir meine Kinder entrei&#xDF;en k&#xF6;nne! Und hob, mit dem ganzen Stolz der Unschuld ger&#xFC;stet, ihre Kinder auf, trug sie ohne dass der Bruder gewagt h&#xE4;tte, sie anzuhalten, in den Wagen und fuhr ab.</p><p>Durch diese sch&#xF6;ne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich pl&#xF6;tzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgest&#xFC;rzt hatte, empor. Der Aufruhr, der ihre Brust zerriss, legte sich, als sie im Freien war, sie k&#xFC;sste h&#xE4;ufig die Kinder, diese ihre liebe Beute, und mit gro&#xDF;er Selbstzufriedenheit gedachte sie, welch einen Sieg sie, durch die Kraft ihres schuldfreien Bewusstseins, &#xFC;ber ihren Bruder davongetragen hatte. Ihr Verstand, stark genug, in ihrer sonderbaren Lage nicht zu rei&#xDF;en, gab sich ganz unter der gro&#xDF;en, heiligen und unerkl&#xE4;rlichen Einrichtung der Welt gefangen. Sie sah die Unm&#xF6;glichkeit ein, ihre Familie von ihrer Unschuld zu &#xFC;berzeugen, begriff, dass sie sich dar&#xFC;ber tr&#xF6;sten m&#xFC;sse, falls sie nicht untergehen wolle, und wenige Tage nur waren nach ihrer Ankunft in V… verflossen, als der Schmerz ganz und gar dem heldenm&#xFC;tigen Vorsatz Platz machte, sich mit Stolz gegen die Anf&#xE4;lle der Welt zu r&#xFC;sten. Sie beschloss, sich ganz in ihr Innerstes zur&#xFC;ckzuziehen, sich, mit ausschlie&#xDF;endem Eifer, der Erziehung ihrer beiden Kinder zu widmen, und des Geschenks, das ihr Gott mit dem dritten gemacht hatte, mit voller m&#xFC;tterlichen Liebe zu pflegen. Sie machte Anstalten, in wenig Wochen, sobald sie ihre Niederkunft &#xFC;berstanden haben w&#xFC;rde, ihren sch&#xF6;nen, aber durch die lange Abwesenheit ein wenig verfallenen Landsitz wiederherzustellen; sa&#xDF; in der Gartenlaube, und dachte, w&#xE4;hrend sie kleine M&#xFC;tzen, und Str&#xFC;mpfe f&#xFC;r kleine Beine strickte, wie sie die Zimmer bequem verteilen w&#xFC;rde; auch, welches sie mit B&#xFC;chern f&#xFC;llen, und in welchem die Staffelei am schicklichsten stehen w&#xFC;rde. Und so war der Zeitpunkt, da der Graf F… von Neapel wiederkehren sollte, noch nicht abgelaufen, als sie schon v&#xF6;llig mit dem Schicksal, in ewig kl&#xF6;sterlicher Eingezogenheit zu leben, vertraut war. Der T&#xFC;rsteher erhielt Befehl, keinen Menschen im Hause vorzulassen. Nur der Gedanke war ihr unertr&#xE4;glich, dass dem jungen Wesen, das sie in der gr&#xF6;&#xDF;ten Unschuld und Reinheit empfangen hatte, und dessen Ursprung, eben weil er geheimnisvoller war, auch g&#xF6;ttlicher zu sein schien, als der anderer Menschen, ein Schandfleck in der b&#xFC;rgerlichen Gesellschaft ankleben sollte. Ein sonderbares Mittel war ihr eingefallen, den Vater zu entdecken: ein Mittel, bei dem sie, als sie es zuerst dachte, das Strickzeug selbst vor Schrekken aus der Hand fallen lie&#xDF;. Durch ganze N&#xE4;chte, in unruhiger Schlaflosigkeit durchwacht, ward es gedreht und gewendet um sich an seine ihr innerstes Gef&#xFC;hl verletzende, Natur zu gew&#xF6;hnen. Immer noch str&#xE4;ubte sie sich, mit dem Menschen, der sie so hintergangen hatte, in irgendein Verh&#xE4;ltnis zu treten: indem sie sehr richtig schloss, dass derselbe doch, ohne alle Rettung, zum Auswurf seiner Gattung geh&#xF6;ren m&#xFC;sse, und, auf welchem Platz der Welt man ihn auch denken wolle, nur aus dem zertretensten und unfl&#xE4;tigsten Schlamm derselben, hervorgegangen sein k&#xF6;nne. Doch da das Gef&#xFC;hl ihrer Selbst&#xE4;ndigkeit immer lebhafter in ihr ward, und sie bedachte, dass der Stein seinen Wert beh&#xE4;lt, er mag auch eingefa&#xDF;t sein, wie man wolle, so griff sie eines Morgens, da sich das junge Leben wieder in ihr regte, ein Herz, und lie&#xDF; jene sonderbare Aufforderung in die Intelligenzbl&#xE4;tter von M… r&#xFC;cken, die man am Eingang dieser Erz&#xE4;hlung gelesen hat.</p><p>Der Graf F…, den unvermeidliche Gesch&#xE4;fte in Neapel aufhielten, hatte inzwischen zum zweitenmal an die Marquise geschrieben, und sie aufgefordert, es m&#xF6;chten fremde Umst&#xE4;nde eintreten, welche da wollten, ihrer, ihm gegebenen, stillschweigenden Erkl&#xE4;rung getreu zu bleiben. Sobald es ihm gegl&#xFC;ckt war, seine fernere Gesch&#xE4;ftsreise nach Konstantinopel abzulehnen, und es seine &#xFC;brigen Verh&#xE4;ltnisse gestatteten, ging er augenblicklich von Neapel ab, und kam auch richtig, nur wenige Tage nach der von ihm bestimmten Frist, in M… an. Der Commendant empfing ihn mit einem verlegenen Gesicht, sagte, dass ein notwendiges Gesch&#xE4;ft ihn aus dem Hause n&#xF6;tige, und forderte den Forstmeister auf, ihn inzwischen zu unterhalten. Der Forstmeister zog ihn auf sein Zimmer, und fragte ihn, nach einer kurzen Begr&#xFC;&#xDF;ung, ob er schon wisse, was sich w&#xE4;hrend seiner Abwesenheit in dem Hause des Commendanten zugetragen habe. Der Graf antwortete, mit einer fl&#xFC;chtigen Bl&#xE4;sse: nein. Hierauf unterrichtete ihn der Forstmeister von der Schande, die die Marquise &#xFC;ber die Familie gebracht hatte, und gab ihm die Geschichtserz&#xE4;hlung dessen, was unsre Leser soeben erfahren haben. Der Graf schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Warum legte man mir so viele Hindernisse in den Weg! rief er in der Vergessenheit seiner. Wenn die Verm&#xE4;hlung erfolgt w&#xE4;re: so w&#xE4;re alle Schmach und jedes Ungl&#xFC;ck uns erspart! Der Forstmeister fragte, indem er ihn anglotzte, ob er rasend genug w&#xE4;re, zu w&#xFC;nschen, mit dieser Nichtsw&#xFC;rdigen verm&#xE4;hlt zu sein? Der Graf erwiderte, dass sie mehr wert w&#xE4;re, als die ganze Welt, die sie verachtete; dass ihre Erkl&#xE4;rung &#xFC;ber ihre Unschuld vollkommnen Glauben bei ihm f&#xE4;nde; und dass er noch heute nach V… gehen, und seinen Antrag bei ihr wiederholen w&#xFC;rde. Er ergriff auch sogleich seinen Hut, empfahl sich dem Forstmeister, der ihn f&#xFC;r seiner Sinne v&#xF6;llig beraubt hielt, und ging ab. Er bestieg ein Pferd und sprengte nach V… hinaus. Als er am Tore abgestiegen war, und in den Vorplatz treten wollte, sagte ihm der T&#xFC;rsteher, dass die Frau Marquise keinen Menschen spr&#xE4;che. Der Graf fragte, ob diese, f&#xFC;r Fremde getroffene, Massregel auch einem Freund des Hauses g&#xE4;lte; worauf jener antwortete, dass er von keiner Ausnahme wisse, und bald darauf, auf eine zweideutige Art hinzusetzte: ob er vielleicht der Graf F… w&#xE4;re? Der Graf erwiderte, nach einem forschenden Blick, nein; und &#xE4;u&#xDF;erte, zu seinem Bedienten gewandt, doch so, dass jener es h&#xF6;ren konnte, er werde, unter solchen Umst&#xE4;nden, in einem Gasthofe absteigen, und sich bei der Frau Marquise schriftlich anmelden. Sobald er inzwischen dem T&#xFC;rsteher aus den Augen war, bog er um eine Ecke, und umschlich die Mauer eines weitl&#xE4;ufigen Gartens, der sich hinter dem Hause ausbreitete. Er trat durch eine Pforte, die er offen fand, in den Garten, durchstrich die G&#xE4;nge desselben, und wollte eben die hintere Rampe hinaufsteigen, als er, in einer Laube, die zur Seite lag, die Marquise, in ihrer lieblichen und geheimnisvollen Gestalt, an einem kleinen Tischchen emsig arbeiten sah. Er n&#xE4;herte sich ihr so, dass sie ihn nicht fr&#xFC;her erblicken konnte, als bis er am Eingang der Laube, drei kleine Schritte von ihren F&#xFC;&#xDF;en, stand. Der Graf F…! sagte die Marquise, als sie die Augen aufschlug, und die R&#xF6;te der &#xDC;berraschung &#xFC;berflog ihr Gesicht. Der Graf l&#xE4;chelte, blieb noch eine Zeitlang, ohne sich im Eingang zu r&#xFC;hren, stehen; setzte sich dann, mit so bescheidener Zudringlichkeit, als sie nicht zu erschrecken n&#xF6;tig war, neben ihr nieder, und schlug, ehe sie noch, in ihrer sonderbaren Lage, einen Entschlu&#xDF; gefa&#xDF;t hatte, seinen Arm sanft um ihren lieben Leib. Von wo, Herr Graf, ist es m&#xF6;glich, fragte die Marquise – und sah sch&#xFC;chtern vor sich auf die Erde nieder. Der Graf sagte: von M…, und dr&#xFC;ckte sie ganz leise an sich; durch eine hintere Pforte, die ich offen fand. Ich glaubte auf Ihre Verzeihung rechnen zu d&#xFC;rfen, und trat ein. Hat man Ihnen denn in M… nicht gesagt —? – fragte sie, und r&#xFC;hrte noch kein Glied in seinen Armen. Alles, geliebte Frau, versetzte der Graf; doch von Ihrer Unschuld v&#xF6;llig &#xFC;berzeugt – Wie! rief die Marquise, indem sie aufstand, und sich loswickelte; und Sie kommen gleichwohl? – Der Welt zum Trotz, fuhr er fort, indem er sie festhielt, und Ihrer Familie zum Trotz, und dieser lieblichen Erscheinung sogar zum Trotz; wobei er einen gl&#xFC;henden Kuss auf ihre Brust dr&#xFC;ckte. – Hinweg! rief die Marquise – So &#xFC;berzeugt, sagte er, Julietta, als ob ich allwissend w&#xE4;re, als ob meine Seele in deiner Brust wohnte – Die Marquise rief: Lassen Sie mich! Ich komme, schloss er – und lie&#xDF; sie nicht – meinen Antrag zu wiederholen, und das Los der Seligen, wenn Sie mich erh&#xF6;ren wollen, von Ihrer Hand zu empfangen. Lassen Sie mich augenblicklich! rief die Marquise; ich befehl’s Ihnen! riss sich gewaltsam aus seinen Armen, und entfloh. Geliebte! Vortreffliche! fl&#xFC;sterte er, indem er wieder aufstand, und ihr folgte. – Sie h&#xF6;ren! rief die Marquise, und wandte sich, und wich ihm aus. Ein einziges, heimliches gefl&#xFC;stertes —! sagte der Graf, und griff hastig nach ihrem glatten, ihm entschl&#xFC;pfenden Arm. – Ich will nichts wissen, versetzte die Marquise, stie&#xDF; ihn heftig vor die Brust zur&#xFC;ck, eilte auf die Rampe, und verschwand.</p><p>Er war schon halb auf die Rampe gekommen, um sich, es koste, was es wolle, bei ihr Geh&#xF6;r zu verschaffen, als die T&#xFC;r vor ihm zuflog, und der Riegel heftig, mit verst&#xF6;rter Beeiferung, vor seinen Schritten zurasselte. Unschl&#xFC;ssig, einen Augenblick, was unter solchen Umst&#xE4;nden zu tun sei, stand er, und &#xFC;berlegte, ob er durch ein, zur Seite offenstehendes Fenster einsteigen, und seinen Zweck, bis er ihn erreicht, verfolgen solle; doch so schwer es ihm auch in jedem Sinne war, umzukehren, diesmal schien es die Notwendigkeit zu erfordern, und grimmig erbittert &#xFC;ber sich, dass er sie aus seinen Armen gelassen hatte, schlich er die Rampe hinab, und verlie&#xDF; den Garten, um seine Pferde aufzusuchen. Er f&#xFC;hlte dass der Versuch, sich an ihrem Busen zu erkl&#xE4;ren, f&#xFC;r immer fehlgeschlagen sei, und ritt schrittweis, indem er einen Brief &#xFC;berlegte, den er jetzt zu schreiben verdammt war, nach M… zur&#xFC;ck. Abends, da er sich, in der &#xFC;belsten Laune von der Welt, bei einer &#xF6;ffentlichen Tafel eingefunden hatte, traf er den Forstmeister an, der ihn auch sogleich befragte, ob er seinen Antrag in V… gl&#xFC;cklich angebracht habe? Der Graf antwortete kurz: nein! und war sehr gestimmt, ihn mit einer bitteren Wendung abzufertigen; doch um der H&#xF6;flichkeit ein Gen&#xFC;ge zu tun, setzte er nach einer Weile hinzu: er habe sich entschlossen, sich schriftlich an sie zu wenden, und werde damit in kurzem ins Reine sein. Der Forstmeister sagte: er sehe mit Bedauern, dass seine Leidenschaft f&#xFC;r die Marquise ihn seiner Sinne beraube. Er m&#xFC;sse ihm inzwischen versichern, dass sie bereits auf dem Wege sei, eine andere Wahl zu treffen; klingelte nach den neuesten Zeitungen, und gab ihm das Blatt, in welchem die Aufforderung derselben an den Vater ihres Kindes einger&#xFC;ckt war. Der Graf durchlief, indem ihm das Blut ins Gesicht schoss, die Schrift. Ein Wechsel von Gef&#xFC;hlen durchkreuzte ihn. Der Forstmeister fragte, ob er nicht glaube, dass die Person, die die Frau Marquise suche, sich finden werde? – Unzweifelhaft! versetzte der Graf, indessen er mit ganzer Seele &#xFC;ber dem Papier lag, und den Sinn desselben gierig verschlang. Darauf nachdem er einen Augenblick, w&#xE4;hrend er das Blatt zusammenlegte, an das Fenster getreten war, sagte er: nun ist es gut! nun wei&#xDF; ich, was ich zu tun habe! kehrte sich sodann um; und fragte den Forstmeister noch, auf eine verbindliche Art, ob man ihn bald wiedersehen werde; empfahl sich ihm, und ging, v&#xF6;llig ausges&#xF6;hnt mit seinem Schicksal, fort. —</p><p>Inzwischen waren in dem Hause des Commendanten die lebhaftesten Auftritte vorgefallen. Die Obristin war &#xFC;ber die zerst&#xF6;rende Heftigkeit ihres Gatten und &#xFC;ber die Schw&#xE4;che, mit welcher sie sich, bei der tyrannischen Versto&#xDF;ung der Tochter, von ihm hatte unterjochen lassen, &#xE4;u&#xDF;erst erbittert. Sie war, als der Schuss in des Commendanten Schlafgemach fiel, und die Tochter aus demselben hervorst&#xFC;rzte, in eine Ohnmacht gesunken, aus der sie sich zwar bald wieder erholte; doch der Commendant hatte, in dem Augenblick ihres Erwachens, weiter nichts gesagt, als, es t&#xE4;te ihm leid, dass sie diesen Schrecken umsonst gehabt, und das abgeschossene Pistol auf einen Tisch geworfen. Nachher, da von der Abforderung der Kinder die Rede war, wagte sie sch&#xFC;chtern, zu erkl&#xE4;ren, dass man zu einem solchen Schritt kein Recht habe; sie bat mit einer, durch die gehabte Anwandlung, schwachen und r&#xFC;hrenden Stimme, heftige Auftritte im Hause zu vermeiden; doch der Commendant erwiderte weiter nichts, als, indem er sich zum Forstmeister wandte, vor Wut sch&#xE4;umend: geh! und schaff sie mir! Als der zweite Brief des Grafen F… ankam, hatte der Commendant befohlen, dass er nach V… zur Marquise herausgeschickt werden solle, welche ihn, wie man nachher durch den Boten erfuhr, beiseite gelegt, und gesagt hatte, es w&#xE4;re gut. Die Obristin, der in der ganzen Begebenheit so vieles, und besonders die Geneigtheit der Marquise, eine neue, ihr ganz gleichg&#xFC;ltige Verm&#xE4;hlung einzugehen, dunkel war, suchte vergebens, diesen Umstand zur Sprache zu bringen. Der Commendant bat immer, auf eine Art, die einem Befehle gleichsah, zu schweigen; versicherte, indem er einst, bei einer solchen Gelegenheit, ein Portr&#xE4;t herabnahm, das noch von ihr an der Wand hing, dass er sein Ged&#xE4;chtnis ihrer ganz zu vertilgen w&#xFC;nsche; und meinte, er h&#xE4;tte keine Tochter mehr. Drauf erschien der sonderbare Aufruf der Marquise in den Zeitungen. Die Obristin, die auf das lebhafteste dar&#xFC;ber betroffen war, ging mit dem Zeitungsblatt, das sie von dem Commendanten erhalten hatte, in sein Zimmer, wo sie ihn an einem Tisch arbeitend fand, und fragte ihn, was er in aller Welt davon halte? Der Commendant sagte, indem er fortschrieb: oh! sie ist unschuldig. Wie! rief Frau von G…, mit dem aller&#xE4;u&#xDF;ersten Erstaunen: unschuldig? Sie hat es im Schlaf getan, sagte der Commendant, ohne aufzusehen. Im Schlafe! versetzte Frau von G… Und ein so ungeheurer Vorfall w&#xE4;re —? Die N&#xE4;rrin! rief der Commendant, schob die Papiere &#xFC;bereinander, und ging weg.</p><p>Am n&#xE4;chsten Zeitungstage las die Obristin, da beide beim Fr&#xFC;hst&#xFC;ck sa&#xDF;en, in einem Intelligenzblatt, das eben ganz feucht von der Presse kam, folgende Antwort:</p><cite><p>«Wenn die Frau Marquise von O… sich, am 3ten… 11 Uhr morgens, im Hause des Herrn von G…, ihres Vaters, einfinden will: so wird sich derjenige, den sie sucht, ihr daselbst zu F&#xFC;&#xDF;en werfen.»—</p></cite><p>Der Obristin verging, ehe sie noch auf die H&#xE4;lfte dieses unerh&#xF6;rten Artikels gekommen war, die Sprache; sie &#xFC;berflog das Ende, und reichte das Blatt dem Commendanten dar. Der Obrist durchlas das Blatt dreimal, als ob er seinen eignen Augen nicht traute. Nun sage mir, um des Himmels willen, Lorenzo, rief die Obristin, was h&#xE4;ltst du davon? O die Sch&#xE4;ndliche! versetzte der Commendant, und stand auf; o die verschmitzte Heuchlerin! Zehnmal die Schamlosigkeit einer H&#xFC;ndin, mit zehnfacher List des Fuchses gepaart, reichen noch an die ihrige nicht! Solch eine Miene! Zwei solche Augen! Ein Cherub hat sie nicht treuer! – und jammerte und konnte sich nicht beruhigen. Aber was in aller Welt, fragte die Obristin, wenn es eine List ist, kann sie damit bezwecken? – Was sie damit bezweckt? Ihre nichtsw&#xFC;rdige Betr&#xFC;gerei, mit Gewalt will sie sie durchsetzen, erwiderte der Obrist. Auswendig gelernt ist sie schon, die Fabel, die sie uns beide, sie und er, am Dritten 11 Uhr morgens hier aufb&#xFC;rden wollen. Mein liebes T&#xF6;chterchen, soll ich sagen, das wusste ich nicht, wer konnte das denken, vergib mir, nimm meinen Segen, und sei wieder gut Aber die Kugel dem, der am Dritten morgens &#xFC;ber meine Schwelle tritt! Es m&#xFC;&#xDF;te denn schicklicher sein, ihn mir durch Bedienten aus dem Hause zu schaffen. – Frau von G… sagte, nach einer nochmaligen &#xDC;berlesung des Zeitungsblattes, dass wenn sie, von zwei unbegreiflichen Dingen, einem, Glauben beimessen solle, sie lieber an ein unerh&#xF6;rtes Spiel des Schicksals, als an diese Niedertr&#xE4;chtigkeit ihrer sonst so vortrefflichen Tochter glauben wolle. Doch ehe sie noch vollendet hatte, rief der Commendant schon: tu mir den Gefallen und schweig! und verlie&#xDF; das Zimmer. Es ist mir verhasst, wenn ich nur davon h&#xF6;re.</p><p>Wenige Tage nachher erhielt der Commendant, in Beziehung auf diesen Zeitungsartikel, einen Brief von der Marquise, in welchem sie ihn, da ihr die Gnade versagt w&#xE4;re, in seinem Hause erscheinen zu d&#xFC;rfen, auf eine ehrfurchtsvolle und r&#xFC;hrende Art bat, denjenigen, der sich am Dritten morgens bei ihm zeigen w&#xFC;rde, gef&#xE4;lligst zu ihr nach V… hinauszuschicken. Die Obristin war gerade gegenw&#xE4;rtig, als der Commendant diesen Brief empfing; und da sie auf seinem Gesicht deutlich bemerkte, dass er in seiner Empfindung irre geworden war: denn welch ein Motiv jetzt, falls es eine Betr&#xFC;gerei war, sollte er ihr unterlegen, da sie auf seine Verzeihung gar keine Anspr&#xFC;che zu machen schien? so r&#xFC;ckte sie, dadurch dreist gemacht, mit einem Plan hervor, den sie schon lange, in ihrer von Zweifeln bewegten Brust, mit sich herumgetragen hatte. Sie sagte, w&#xE4;hrend der Obrist noch, mit einer nichtssagenden Miene, in das Papier hineinsah: sie habe einen Einfall. Ob er ihr erlauben wolle, auf einen oder zwei Tage, nach V… hinauszufahren? Sie werde die Marquise, falls sie wirklich denjenigen, der ihr durch die Zeitungen, als ein Unbekannter, geantwortet, schon kenne, in eine Lage zu versetzen wissen, in welcher sich ihre Seele verraten m&#xFC;sste, und wenn sie die abgefeimteste Verr&#xE4;terin w&#xE4;re. Der Commendant erwiderte, indem er, mit einer pl&#xF6;tzlich heftigen Bewegung, den Brief zerriss: sie wisse, dass er mit ihr nichts zu schaffen haben wolle, und er verbiete ihr, in irgendeine Gemeinschaft mit ihr zu treten. Er siegelte die zerrissenen St&#xFC;cke ein, schrieb eine Adresse an die Marquise, und gab sie dem Boten, als Antwort, zur&#xFC;ck. Die Obristin, durch diesen hartn&#xE4;ckigen Eigensinn, der alle M&#xF6;glichkeit der Aufkl&#xE4;rung vernichtete, heimlich erbittert, beschloss ihren Plan jetzt, gegen seinen Willen, auszuf&#xFC;hren. Sie nahm einen von den J&#xE4;gern des Commendanten, und fuhr am n&#xE4;chstfolgenden Morgen, da ihr Gemahl noch im Bette lag, mit demselben nach V… hinaus. Als sie am Tore des Landsitzes angekommen war, sagte ihr der T&#xFC;rsteher, dass niemand bei der Frau Marquise vorgelassen w&#xFC;rde. Frau von G… antwortete, dass sie von dieser Massregel unterrichtet w&#xE4;re, dass er aber gleichwohl nur gehen, und die Obristin von G… bei ihr anmelden m&#xF6;chte. Worauf dieser versetzte, dass dies zu nichts helfen w&#xFC;rde, indem die Frau Marquise keinen Menschen auf der Welt spr&#xE4;che. Frau von G… antwortete, dass sie von ihr gesprochen werden w&#xFC;rde, indem sie ihre Mutter w&#xE4;re, und dass er nur nicht l&#xE4;nger s&#xE4;umen, und sein Gesch&#xE4;ft verrichten m&#xF6;chte. Kaum aber war noch der T&#xFC;rsteher zu diesem, wie er meinte, gleichwohl vergeblichen Versuche ins Haus gegangen, als man schon die Marquise daraus hervortreten, nach dem Tore eilen, und sich auf Knien vor dem Wagen der Obristin niederst&#xFC;rzen sah. Frau von G… stieg, von ihrem J&#xE4;ger unterst&#xFC;tzt, aus, und hob die Marquise, nicht ohne einige Bewegung, vom Boden auf. Die Marquise dr&#xFC;ckte sich, von Gef&#xFC;hlen &#xFC;berw&#xE4;ltigt, tief auf ihre Hand hinab, und f&#xFC;hrte sie, indem ihr die Tr&#xE4;nen h&#xE4;ufig flossen, ehrfurchtsvoll in die Zimmer ihres Hauses. Meine teuerste Mutter! rief sie, nachdem sie ihr den Diwan angewiesen hatte, und noch vor ihr stehen blieb, und sich die Augen trocknete: welch ein gl&#xFC;cklicher Zufall ist es, dem ich Ihre, mir unsch&#xE4;tzbare Erscheinung verdanke? Frau von G… sagte, indem sie ihre Tochter vertraulich fasste, sie m&#xFC;sse ihr nur sagen, dass sie komme, sie wegen der H&#xE4;rte, mit welcher sie aus dem v&#xE4;terlichen Hause verstossen worden sei, um Verzeihung zu bitten. Verzeihung! fiel ihr die Marquise ins Wort, und wollte ihre H&#xE4;nde k&#xFC;ssen. Doch diese, indem sie den Handkuss<a l:href="#n_464" type="note">[464]</a> vermied, fuhr fort: denn nicht nur, dass die, in den letzten &#xF6;ffentlichen Bl&#xE4;ttern einger&#xFC;ckte, Antwort auf die bewusste Bekanntmachung, mir sowohl als dem Vater, die &#xDC;berzeugung von deiner Unschuld gegeben hat; so muss ich dir auch er&#xF6;ffnen, dass er sich selbst schon, zu unserm gro&#xDF;en und freudigen Erstaunen, gestern im Hause gezeigt hat. Wer hat sich —? fragte die Marquise, und setzte sich bei ihrer Mutter nieder; – welcher er selbst hat sich gezeigt —? und Erwartung spannte jede ihrer Mienen. Er, erwiderte Frau von G…, der Verfasser jener Antwort, er pers&#xF6;nlich selbst, an welchen dein Aufruf gerichtet war. – Nun denn, sagte die Marquise, mit unruhig arbeitender Brust: wer ist es? Und noch einmal: wer ist es? – Das, erwiderte Frau von G…, m&#xF6;chte ich dich erraten lassen. Denn denke, dass sich gestern, da wir beim Tee sitzen, und eben das sonderbare Zeitungsblatt lesen, ein Mensch, von unsrer genauesten Bekanntschaft, mit Geb&#xE4;rden der Verzweiflung ins Zimmer st&#xFC;rzt, und deinem Vater, und bald darauf auch mir, zu F&#xFC;&#xDF;en f&#xE4;llt. Wir, unwissend, was wir davon denken sollen, fordern ihn auf, zu reden. Darauf spricht er: sein Gewissen lasse ihm keine Ruhe; er sei der Sch&#xE4;ndliche, der die Frau Marquise betrogen, er m&#xFC;sse wissen, wie man sein Verbrechen beurteile, und wenn Rache &#xFC;ber ihn verh&#xE4;ngt werden solle, so komme er, sich ihr selbst darzubieten. Aber wer? wer? wer? versetzte die Marquise. Wie gesagt, fuhr Frau von G… fort, ein junger, sonst wohlerzogener Mensch, dem wir eine solche Nichtsw&#xFC;rdigkeit niemals zugetraut h&#xE4;tten. Doch erschrecken wirst du nicht, meine Tochter, wenn du erf&#xE4;hrst, dass er von niedrigem Stande, und von allen Forderungen, die man sonst an deinen Gemahl machen d&#xFC;rfte, entbl&#xF6;&#xDF;t ist. Gleichviel, meine vortreffliche Mutter, sagte die Marquise, er kann nicht ganz unw&#xFC;rdig sein, da er sich Ihnen fr&#xFC;her als mir, zu F&#xFC;&#xDF;en geworfen hat. Aber, wer? wer? Sagen Sie mir nur: wer? Nun denn, versetzte die Mutter, es ist Leopardo, der J&#xE4;ger, den sich der Vater j&#xFC;ngst aus Tirol verschrieb, und den ich, wenn du ihn wahrnahmst, schon mitgebracht habe, um ihn dir als Br&#xE4;utigam vorzustellen. Leopardo, der J&#xE4;ger! rief die Marquise, und dr&#xFC;ckte ihre Hand, mit dem Ausdruck der Verzweiflung, vor die Stirn. Was erschreckt dich? fragte die Obristin. Hast du Gr&#xFC;nde, daran zu zweifeln? – Wie? Wo? Wann? fragte die Marquise verwirrt. Das, antwortete jene, will er nur dir anvertrauen. Scham und Liebe, meinte er, machten es ihm unm&#xF6;glich, sich einer andern hier&#xFC;ber zu erkl&#xE4;ren, als dir. Doch wenn du willst, so &#xF6;ffnen wir das Vorzimmer, wo er, mit klopfendem Herzen, auf den Ausgang wartet; und du magst sehen, ob du ihm sein Geheimnis, indessen ich abtrete, entlockst. – Gott, mein Vater! rief die Marquise; ich war einst in der Mittagshitze eingeschlummert, und sah ihn von meinem Diwan gehen, als ich erwachte! – Und damit legte sie ihre kleinen H&#xE4;nde vor ihr in Scham ergl&#xFC;hendes Gesicht. Bei diesen Worten sank die Mutter auf Knien vor ihr nieder. O meine Tochter! rief sie; o du Vortreffliche! und schlug die Armee um sie. Und o ich Nichtsw&#xFC;rdige! und verbarg das Antlitz in ihren Scho&#xDF;. Die Marquise fragte best&#xFC;rzt: was ist Ihnen, meine Mutter? Denn begreife, fuhr diese fort, o du Reinere als Engel sind, dass von allem, was ich dir sagte, nichts wahr ist; dass meine verderbte Seele an solche Unschuld nicht, als von der du umstrahlt bist, glauben konnte, und dass ich dieser sch&#xE4;ndlichen List erst bedurfte, um mich davon zu &#xFC;berzeugen. Meine teuerste Mutter, rief die Marquise, und neigte sich voll froher R&#xFC;hrung zu ihr herab, und wollte sie aufheben. Jene versetzte darauf: nein, eher nicht von deinen F&#xFC;&#xDF;en weich ich, bis du mir sagst, ob du mir die Niedrigkeit meines Verhaltens, du Herrliche, &#xDC;berirdische, verzeihen kannst. Ich Ihnen verzeihen, meine Mutter! Stehen Sie auf, rief die Marquise, ich beschw&#xF6;re Sie – Du h&#xF6;rst, sagte Frau von G…, ich will wissen, ob du mich noch lieben, und so aufrichtig verehren kannst, als sonst? Meine angebetete Mutter! rief die Marquise, und legte sich gleichfalls auf Knien vor ihr nieder; Ehrfurcht und Liebe sind nie aus meinem Herzen gewichen. Wer konnte mir, unter so unerh&#xF6;rten Umst&#xE4;nden, Vertrauen schenken? Wie gl&#xFC;cklich bin ich, dass Sie von meiner Unstr&#xE4;flichkeit &#xFC;berzeugt sind! Nun denn, versetzte Frau von G…, indem sie, von ihrer Tochter unterst&#xFC;tzt, aufstand: so will ich dich auf H&#xE4;nden tragen, mein liebstes Kind. Du sollst bei mir dein Wochenlager halten; und w&#xE4;ren die Verh&#xE4;ltnisse so, dass ich einen jungen F&#xFC;rsten von dir erwartete, mit gr&#xF6;&#xDF;erer Z&#xE4;rtlichkeit nicht und W&#xFC;rdigkeit k&#xF6;nnt ich dein pflegen. Die Tage meines Lebens nicht mehr von deiner Seite weich ich. Ich biete der ganzen Welt Trotz; ich will keine andre Ehre mehr, als deine Schande: wenn du mir nur wieder gut wirst, und der H&#xE4;rte nicht, mit welcher ich dich verstie&#xDF;, mehr gedenkst. Die Marquise suchte sie mit Liebkosungen und Beschw&#xF6;rungen ohne Ende zu tr&#xF6;sten; doch der Abend kam heran, und Mitternacht schlug, ehe es ihr gelang. Am folgenden Tage, da sich der Affekt der alten Dame, der ihr w&#xE4;hrend der Nacht eine Fieberhitze zugezogen hatte, ein wenig gelegt hatte, fuhren Mutter und Tochter und Enkel, wie im Triumph, wieder nach M… zur&#xFC;ck. Sie waren &#xE4;u&#xDF;erst vergn&#xFC;gt auf der Reise, scherzten &#xFC;ber Leopardo, den J&#xE4;ger, der vorn auf dem Bock sa&#xDF;; und die Mutter sagte zur Marquise, sie bemerke, dass sie rot w&#xFC;rde, sooft sie seinen breiten R&#xFC;cken ans&#xE4;he. Die Marquise antwortete, mit einer Regung, die halb ein Seufzer, halb ein L&#xE4;cheln war: wer wei&#xDF;, wer zuletzt noch am Dritten 11 Uhr morgens bei uns erscheint! – Drauf, je mehr man sich M… n&#xE4;herte, je ernsthafter stimmten sich wieder die Gem&#xFC;ter, in der Vorahndung entscheidender Auftritte, die ihnen noch bevorstanden. Frau von G…, die sich von ihren Pl&#xE4;nen nichts merken lie&#xDF;, f&#xFC;hrte ihre Tochter, da sie vor dem Hause ausgestiegen waren, wieder in ihre alten Zimmer ein; sagte, sie m&#xF6;chte es sich nur bequem machen, sie w&#xFC;rde gleich wieder bei ihr sein, und schl&#xFC;pfte ab. Nach einer Stunde kam sie mit einem ganz erhitzten Gesicht wieder. Nein, solch ein Thomas! sprach sie mit heimlich vergn&#xFC;gter Seele; solch ein ungl&#xE4;ubiger Thomas! Hab ich nicht eine Seigerstunde gebraucht, ihn zu &#xFC;berzeugen. Aber nun sitzt er, und weint. Wer? fragte die Marquise. Er, antwortete die Mutter. Wer sonst, als wer die gr&#xF6;&#xDF;te Ursache dazu hat. Der Vater doch nicht? rief die Marquise. Wie ein Kind, erwiderte die Mutter; dass ich, wenn ich mir nicht selbst h&#xE4;tte die Tr&#xE4;nen aus den Augen wischen m&#xFC;ssen, gelacht h&#xE4;tte, sowie ich nur aus der T&#xFC;re heraus war. Und das wegen meiner? fragte die Marquise, und stand auf; und ich sollte hier —? Nicht von der Stelle! sagte Frau von G… Warum diktierte er mir den Brief. Hier sucht er dich auf, wenn er mich, solange ich lebe, wiederfinden will. Meine teuerste Mutter, flehte die Marquise – Unerbittlich! fiel ihr die Obristin ins Wort. Warum griff er nach der Pistole. – Aber ich beschw&#xF6;re Sie – Du sollst nicht, versetzte Frau von G…, indem sie die Tochter wieder auf ihren Sessel niederdr&#xFC;ckte. Und wenn er nicht heut vor Abend noch kommt, zieh ich morgen mit dir weiter. Die Marquise nannte dies Verfahren hart und ungerecht. Doch die Mutter erwiderte: Beruhige dich – denn eben h&#xF6;rte sie jemand von weitem heranschluchzen: er k&#xF6;mmt schon! Wo?</p><p>fragte die Marquise, und horchte. Ist wer hier drau&#xDF;en vor der T&#xFC;r; dies heftige —? Allerdings, versetzte Frau von G… Er will, dass wir ihm die T&#xFC;re &#xF6;ffnen. Lassen Sie mich! rief die Marquise, und riss sich vom Stuhl empor. Doch: wenn du mir gut bist, Julietta, versetzte die Obristin, so bleib; und in dem Augenblick trat auch der Commendant schon, das Tuch vor das Gesicht haltend, ein. Die Mutter stellte sich breit vor ihre Tochter, und kehrte ihm den R&#xFC;cken zu. Mein teuerster Vater! rief die Marquise, und streckte ihre Arme nach ihm aus. Nicht von der Stelle, sagte Frau von G…, du h&#xF6;rst! Der Commendant stand in der Stube und weinte. Er soll dir abbitten, fuhr Frau von G… fort. Warum ist er so heftig! Und warum ist er so hartn&#xE4;ckig! Ich liebe ihn, aber dich auch; ich ehre ihn, aber dich auch. Und muss ich eine Wahl treffen, so bist du vortrefflicher, als er, und ich bleibe bei dir. Der Commendant beugte sich ganz krumm, und heulte, dass die W&#xE4;nde erschallten. Aber mein Gott! rief die Marquise, gab der Mutter pl&#xF6;tzlich nach, und nahm ihr Tuch, ihre eigenen Tr&#xE4;nen flie&#xDF;en zu lassen. Frau von G… sagte: – er kann nur nicht sprechen! und wich ein wenig zur Seite aus. Hierauf erhob sich die Marquise, umarmte den Commendanten, und bat ihn, sich zu beruhigen. Sie weinte selbst heftig. Sie fragte ihn, ob er sich nicht setzen wolle? sie wollte ihn auf einen Sessel niederziehen; sie schob ihm einen Sessel hin, damit er sich darauf setze: doch er antwortete nicht; er war nicht von der Stelle zu bringen; er setzte sich auch nicht, und stand blo&#xDF;, das Gesicht tief zur Erde gebeugt, und weinte. Die Marquise sagte, indem sie ihn aufrecht hielt, halb zur Mutter gewandt: er werde krank werden; die Mutter selbst schien, da er sich ganz konvulsivisch geb&#xE4;rdete, ihre Standhaftigkeit verlieren zu wollen. Doch da der Commendant sich endlich, auf die wiederholten Anforderungen der Tochter, niedergesetzt hatte, und diese ihm, mit unendlichen Liebkosungen, zu F&#xFC;&#xDF;en gesunken war: so nahm sie wieder das Wort: sagte, es geschehe ihm ganz recht, er werde nun wohl zur Vernunft kommen, entfernte sich aus dem Zimmer, und lie&#xDF; sie allein.</p><p>Sobald sie drau&#xDF;en war, wischte sie sich selbst die Tr&#xE4;nen ab, dachte, ob ihm die heftige Ersch&#xFC;tterung, in welche sie ihn versetzt hatte, nicht doch gef&#xE4;hrlich sein k&#xF6;nnte, und ob es wohl ratsam sei, einen Arzt rufen zu lassen? Sie kochte ihm f&#xFC;r den Abend alles, was sie nur St&#xE4;rkendes und Beruhigendes aufzutreiben wusste, in der K&#xFC;che zusammen, bereitete und w&#xE4;rmte ihm das Bett, um ihn sogleich hineinzulegen, sobald er nur, an der Hand der Tochter, erscheinen w&#xFC;rde, und schlich, da er immer noch nicht kam, und schon die Abendtafel gedeckt war, dem Zimmer der Marquise zu, um doch zu h&#xF6;ren, was sich zutrage? Sie vernahm, da sie mit sanft an die T&#xFC;r gelegtem Ohr horchte, ein leises, eben verhallendes Gelispel, das, wie es ihr schien, von der Marquise kam; und, wie sie durchs Schl&#xFC;sselloch bemerkte, sa&#xDF; sie auch auf des Commendanten Scho&#xDF;, was er sonst in seinem Leben nicht zugegeben hatte. Drauf endlich &#xF6;ffnete sie die T&#xFC;r, und sah nun – und das Herz quoll ihr vor Freuden empor: die Tochter still, mit zur&#xFC;ckgebeugtem Nacken, die Augen fest geschlossen, in des Vaters Armen liegen; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl sitzend, lange, hei&#xDF;e und lechzende K&#xFC;sse, das gro&#xDF;e Auge voll gl&#xE4;nzender Tr&#xE4;nen, auf ihren Mund dr&#xFC;ckte: gerade wie ein Verliebter! Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit &#xFC;ber sie gebeugtem Antlitz sa&#xDF; er, wie &#xFC;ber das M&#xE4;dchen seiner ersten Liebe, und legte ihr den Mund zurecht, und k&#xFC;sste sie. Die Mutter f&#xFC;hlte sich, wie eine Selige; ungesehen, wie sie hinter seinem Stuhle stand, s&#xE4;umte sie, die Lust der himmelfrohen Vers&#xF6;hnung, die ihrem Hause wieder geworden war, zu st&#xF6;ren. Sie nahte sich dem Vater endlich, und sah ihn, da er eben wieder mit Fingern und Lippen in uns&#xE4;glicher Lust &#xFC;ber den Mund seiner Tochter besch&#xE4;ftigt war, sich um den Stuhl herumbeugend, von der Seite an. Der Commendant schlug, bei ihrem Anblick, das Gesicht schon wieder ganz kraus nieder, und wollte etwas sagen; doch sie rief: o was f&#xFC;r ein Gesicht ist das! k&#xFC;sste es jetzt auch ihrerseits in Ordnung, und machte der R&#xFC;hrung durch Scherzen ein Ende. Sie lud und f&#xFC;hrte beide, die wie Brautleute gingen, zur Abendtafel, an welcher der Commendant zwar sehr heiter war, aber noch von Zeit zu Zeit schluchzte, wenig a&#xDF; und sprach, auf den Teller niedersah, und mit der Hand seiner Tochter spielte.</p><p>Nun galt es, beim Anbruch des n&#xE4;chsten Tages, die Frage: wer nur, in aller Welt, morgen um 11 Uhr sich zeigen w&#xFC;rde; denn morgen war der gef&#xFC;rchtete Dritte. Vater und Mutter, und auch der Bruder, der sich mit seiner Vers&#xF6;hnung eingefunden hatte, stimmten unbedingt, falls die Person nur von einiger Ertr&#xE4;glichkeit sein w&#xFC;rde, f&#xFC;r Verm&#xE4;hlung; alles, was nur immer m&#xF6;glich war, sollte geschehen, um die Lage der Marquise gl&#xFC;cklich zu machen. Sollten die Verh&#xE4;ltnisse derselben jedoch so beschaffen sein, dass sie selbst dann, wenn man ihnen durch Beg&#xFC;nstigungen zu H&#xFC;lfe k&#xE4;me, zu weit hinter den Verh&#xE4;ltnissen der Marquise zur&#xFC;ckblieben, so widersetzten sich die Eltern der Heirat; sie beschlossen, die Marquise nach wie vor bei sich zu behalten, und das Kind zu adoptieren. Die Marquise hingegen schien willens, in jedem Falle, wenn die Person nur nicht ruchlos w&#xE4;re, ihr gegebenes Wort in Erf&#xFC;llung zu bringen, und dem Kinde, es koste was es wolle, einen Vater zu verschaffen. Am Abend fragte die Mutter, wie es denn mit dem Empfang der Person gehalten werden solle? Der Commendant meinte, dass es am schicklichsten sein w&#xFC;rde, wenn man die Marquise um 11 Uhr allein lie&#xDF;e. Die Marquise hingegen bestand darauf, dass beide Eltern, und auch der Bruder, gegenw&#xE4;rtig sein m&#xF6;chten, indem sie keine Art des Geheimnisses mit dieser Person zu teilen haben wolle. Auch meinte sie, dass dieser Wunsch sogar in der Antwort derselben, dadurch, dass sie das Haus des Commendanten zur Zusammenkunft vorgeschlagen, ausgedr&#xFC;ckt scheine; ein Umstand, um dessentwillen ihr gerade diese Antwort, wie sie frei gestehen m&#xFC;sse, sehr gefallen habe. Die Mutter bemerkte die Unschicklichkeit der Rollen, die der Vater und der Bruder dabei zu spielen haben w&#xFC;rden, bat die Tochter, die Entfernung der M&#xE4;nner zuzulassen, wogegen sie in ihren Wunsch willigen, und bei dem Empfang der Person gegenw&#xE4;rtig sein wolle. Nach einer kurzen Besinnung der Tochter ward dieser letzte Vorschlag endlich angenommen. Drauf nun erschien, nach einer, unter den gespanntesten Erwartungen zugebrachten, Nacht der Morgen des gef&#xFC;rchteten Dritten. Als die Glocke eilf Uhr schlug, sa&#xDF;en beide Frauen, festlich, wie zur Verlobung angekleidet, im Besuchzimmer; das Herz klopfte ihnen, dass man es geh&#xF6;rt haben w&#xFC;rde, wenn das Ger&#xE4;usch des Tages geschwiegen h&#xE4;tte. Der eilfte Glockenschlag summte noch, als Leopardo, der J&#xE4;ger, eintrat, den der Vater aus Tirol verschrieben hatte. Die Weiber erblassten bei diesem Anblick. Der Graf F…, sprach er, ist vorgefahren, und l&#xE4;sst sich anmelden. Der Graf F…! riefen beide zugleich, von einer Art der Best&#xFC;rzung in die andre geworfen. Die Marquise rief: Verschlie&#xDF;t die T&#xFC;ren! Wir sind f&#xFC;r ihn nicht zu Hause; stand auf, das Zimmer gleich selbst zu verriegeln, und wollte eben den J&#xE4;ger, der ihr im Wege stand, hinausdr&#xE4;ngen, als der Graf schon, in genau demselben Kriegsrock, mit Orden und Waffen, wie er sie bei der Eroberung des Forts getragen hatte, zu ihr eintrat. Die Marquise glaubte vor Verwirrung in die Erde zu sinken; sie griff nach einem Tuch, das sie auf dem Stuhl hatte liegenlassen, und wollte eben in ein Seitenzimmer entfliehn; doch Frau von G…, indem sie die Hand derselben ergriff, rief: Julietta —! und wie erstickt von Gedanken, ging ihr die Sprache aus. Sie heftete die Augen fest auf den Grafen und wiederholte: ich bitte dich, Julietta! indem sie sie nach sich zog: wen erwarten wir denn —? Die Marquise rief, indem sie sich pl&#xF6;tzlich wandte: nun? doch ihn nicht —? und schlug mit einem Blick funkelnd, wie ein Wetterstrahl, auf ihn ein, indessen Bl&#xE4;sse des Todes ihr Antlitz &#xFC;berflog. Der Graf hatte ein Knie vor ihr gesenkt; die rechte Hand lag auf seinem Herzen, das Haupt sanft auf seine Brust gebeugt, lag er, und blickte hochgl&#xFC;hend vor sich nieder, und schwieg. Wen sonst, rief die Obristin mit beklemmter Stimme, wen sonst, wir Sinnberaubten, als ihn —? Die Marquise stand starr &#xFC;ber ihm, und sagte: ich werde wahnsinnig werden, meine Mutter! Du T&#xF6;rin, erwiderte die Mutter, zog sie zu sich, und fl&#xFC;sterte ihr etwas in das Ohr. Die Marquise wandte sich, und st&#xFC;rzte, beide H&#xE4;nde vor das Gesicht, auf den Sofa nieder. Die Mutter rief: Ungl&#xFC;ckliche! Was fehlt dir? Was ist geschehn, worauf du nicht vorbereitet warst? – Der Graf wich nicht von der Seite der Obristin; er fasste, immer noch auf seinen Knien liegend, den &#xE4;u&#xDF;ersten Saum ihres Kleides, und k&#xFC;sste ihn. Liebe! Gn&#xE4;dige! Verehrungsw&#xFC;rdigste! fl&#xFC;sterte er: eine Tr&#xE4;ne rollte ihm die Wangen herab. Die Obristin sagte: stehn Sie auf, Herr Grat stehn Sie auf! Tr&#xF6;sten Sie jene; so sind wir alle vers&#xF6;hnt, so ist alles vergeben und vergessen. Der Graf erhob sich weinend. Er lie&#xDF; sich von neuem vor der Marquise nieder, er fasste leise ihre Hand, als ob sie von Gold w&#xE4;re, und der Duft der seinigen sie tr&#xFC;ben k&#xF6;nnte. Doch diese —: gehn Sie! gehn Sie! gehn Sie! rief sie, indem sie aufstand; auf einen Lasterhaften war ich gefasst, aber auf keinen – Teufel! &#xF6;ffnete, indem sie ihm dabei, gleich einem Pestvergifteten, auswich, die T&#xFC;r des Zimmers, und sagte: ruft den Obristen! Julietta! rief die Obristin mit Erstaunen. Die Marquise blickte, mit t&#xF6;tender Wildheit, bald auf den Grafen, bald auf die Mutter ein; ihre Brust flog, ihr Antlitz loderte: eine Furie blickt nicht schrecklicher. Der Obrist und der Forstmeister kamen. Diesem Mann, Vater, sprach sie, als jene noch unter dem Eingang waren, kann ich mich nicht verm&#xE4;hlen! griff in ein Gef&#xE4;&#xDF; mit Weihwasser, das an der hinteren T&#xFC;r befestigt war, besprengte, in einem gro&#xDF;en Wurf, Vater und Mutter und Bruder damit, und verschwand.</p><p>Der Commendant, von dieser seltsamen Erscheinung betroffen, fragte, was vorgefallen sei; und erblasste, da er, in diesem entscheidenden Augenblick, den Grafen F… im Zimmer erblickte. Die Mutter nahm den Grafen bei der Hand und sagte: frage nicht; dieser junge Mann bereut von Herzen alles, was geschehen ist; gib deinen Segen, gib, gib: so wird sich alles noch gl&#xFC;cklich endigen. Der Graf stand wie vernichtet. Der Commendant legte seine Hand auf ihn; seine Augenwimpern zuckten, seine Lippen waren wei&#xDF;, wie Kreide. M&#xF6;ge der Fluch des Himmels von diesen Scheiteln weichen! rief er: wann gedenken Sie zu heiraten? – Morgen, antwortete die Mutter f&#xFC;r ihn, denn er konnte kein Wort hervorbringen, morgen oder heute, wie du willst; dem Herrn Grafen, der so viel sch&#xF6;ne Beeiferung gezeigt hat, sein Vergehen wiedergutzumachen, wird immer die n&#xE4;chste Stunde die liebste sein. – So habe ich das Vergn&#xFC;gen, Sie morgen um 11 Uhr in der Augustinerkirche zu finden! sagte der Commendant; verneigte sich gegen ihn, rief Frau und Sohn ab, um sich in das Zimmer der Marquise zu verf&#xFC;gen, und lie&#xDF; ihn stehen.</p><p>Man bem&#xFC;hte sich vergebens, von der Marquise den Grund ihres sonderbaren Betragens zu erfahren; sie lag im heftigsten Fieber, wollte durchaus von Verm&#xE4;hlung nichts wissen, und bat, sie allein zu lassen. Auf die Frage: warum sie denn ihren Entschluss pl&#xF6;tzlich ge&#xE4;ndert habe? und was ihr den Grafen geh&#xE4;ssiger mache, als einen andern? sah sie den Vater mit gro&#xDF;en Augen zerstreut an, und antwortete nichts. Die Obristin sprach: ob sie vergessen habe, dass sie Mutter sei? worauf sie erwiderte, dass sie, in diesem Falle, mehr an sich, als ihr Kind, denken m&#xFC;sse, und nochmals, indem sie alle Engel und Heiligen zu Zeugen anrief, versicherte, dass sie nicht heiraten w&#xFC;rde. Der Vater, der sie offenbar in einem &#xFC;berreizten Gem&#xFC;tszustande sah, erkl&#xE4;rte, dass sie ihr Wort halten m&#xFC;sse; verlie&#xDF; sie, und ordnete alles, nach geh&#xF6;riger schriftlicher R&#xFC;cksprache mit dem Grafen, zur Verm&#xE4;hlung an. Er legte demselben einen Heiratskontrakt vor, in welchem dieser auf alle Rechte eines Gemahls Verzicht tat, dagegen sich zu allen Pflichten, die man von ihm fordern w&#xFC;rde, verstehen sollte. Der Graf sandte das Blatt, ganz von Tr&#xE4;nen durchfeuchtet, mit seiner Unterschrift zur&#xFC;ck. Als der Commendant am andern Morgen der Marquise dieses Papier &#xFC;berreichte, hatten sich ihre Geister ein wenig beruhigt. Sie durchlas es, noch im Bette sitzend, mehrere Male, legte es sinnend zusammen, &#xF6;ffnete es, und durchlas es wieder; und erkl&#xE4;rte hierauf, dass sie sich um 11 Uhr in der Augustinerkirche<a l:href="#n_465" type="note">[465]</a> einfinden w&#xFC;rde. Sie stand auf, zog sich, ohne ein Wort zu sprechen, an, stieg, als die Glokke schlug, mit allen Ihrigen in den Wagen, und fuhr dahin ab.</p><p>Erst an dem Portal der Kirche war es dem Grafen erlaubt, sich an die Familie anzuschlie&#xDF;en. Die Marquise sah, w&#xE4;hrend der Feierlichkeit, starr auf das Altarbild; nicht ein fl&#xFC;chtiger Blick ward dem Manne zuteil, mit welchem sie die Ringe wechselte. Der Graf bot ihr, als die Trauung vor&#xFC;ber war, den Arm; doch sobald sie wieder aus der Kirche heraus waren, verneigte sich die Gr&#xE4;fin vor ihm: der Commendant fragte, ob er die Ehre haben w&#xFC;rde, ihn zuweilen in den Gem&#xE4;chern seiner Tochter zu sehen, worauf der Graf etwas stammelte, das niemand verstand, den Hut vor der Gesellschaft abnahm, und verschwand. Er bezog eine Wohnung in M…, in welcher er mehrere Monate zubrachte, ohne auch nur den Fu&#xDF; in des Commendanten Haus zu setzen, bei welchem die Gr&#xE4;fin zur&#xFC;ckgeblieben war. Nur seinem zarten, w&#xFC;rdigen und v&#xF6;llig musterhaften Betragen &#xFC;berall, wo er mit der Familie in irgendeine Ber&#xFC;hrung kam, hatte er es zu verdanken, dass er, nach der nunmehr erfolgten Entbindung der Gr&#xE4;fin von einem jungen Sohne, zur Taufe desselben eingeladen ward. Die Gr&#xE4;fin, die, mit Teppichen bedeckt, auf dem Wochenbette sa&#xDF;, sah ihn nur auf einen Augenblick, da er unter die T&#xFC;r trat, und sie von weitem ehrfurchtsvoll gr&#xFC;&#xDF;te. Er warf unter den Geschenken, womit die G&#xE4;ste den Neugebornen bewillkommten, zwei Papiere auf die Wiege desselben, deren eines, wie sich nach seiner Entfernung auswies, eine Schenkung von 20 000 Rubel an den Knaben, und das andere ein Testament war, in dem er die Mutter, falls er st&#xFC;rbe, zur Erbin seines ganzen Verm&#xF6;gens einsetzte. Von diesem Tage an ward er, auf Veranstaltung der Frau von G…, &#xF6;fter eingeladen; das Haus stand seinem Eintritt offen, es verging bald kein Abend, da er sich nicht darin gezeigt h&#xE4;tte. Er fing, da sein Gef&#xFC;hl ihm sagte, dass ihm von allen Seiten, um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen, verziehen sei, seine Bewerbung um die Gr&#xE4;fin, seine Gemahlin, von neuem an, erhielt, nach Verlauf eines Jahres, ein zweites Jawort von ihr, und auch eine zweite Hochzeit ward gefeiert, froher, als die erste, nach deren Abschluss die ganze Familie nach V… hinauszog. Eine ganze Reihe von jungen Russen folgte jetzt noch dem ersten; und da der Graf, in einer gl&#xFC;cklichen Stunde, seine Frau einst fragte, warum sie, an jenem f&#xFC;rchterlichen Dritten, da sie auf jeden Lasterhaften gefasst schien, vor ihm, gleich einem Teufel, geflohen w&#xE4;re, antwortete sie, indem sie ihm um den Hals fiel: er w&#xFC;rde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen w&#xE4;re.</p></section><section><title><p>Wortschatz</p></title><section><title><p>A</p></title><p><strong>Abbildung </strong><emphasis>f </emphasis>изображение, иллюстрация, рисунок</p><p><strong>abbringen </strong>(<strong>von Dat</strong>) отговаривать (от чего-л.)</p><p><strong>Abfeuerung </strong><emphasis>f </emphasis>старт, запуск (ракеты)</p><p><strong>Abgrund </strong><emphasis>m </emphasis>пропасть, бездна</p><p><strong>Abhauen </strong><emphasis>n </emphasis>скат; уклон</p><p><strong>Ablass </strong><emphasis>m </emphasis>отпущение грехов</p><p><strong>absaugen </strong>отсасывать, вытягивать</p><p><strong>abscheulich </strong>1. отвратительный, мерзкий, гнусный, ужасный; 2. 1) отвратительно; 2) ужасно, жутко</p><p><strong>abschnallen </strong>расстегивать (пряжку); отстегивать (пристегнутое пряжкой)</p><p><strong>Absicht </strong><emphasis>f </emphasis>намерение, цель; умысел</p><p><strong>Abwesenheit </strong><emphasis>f </emphasis>1) отсутствие; 2) рассеянность</p><p><strong>achtsam </strong>внимательный, осторожный</p><p><strong>Ackerwagen </strong><emphasis>m </emphasis>полевая тележка, повозка для полевых работ</p><p><strong>Ahnung </strong><emphasis>f </emphasis>1) предчувствие; 2) представление, понятие</p><p><strong>&#xC4;hre </strong><emphasis>f </emphasis>колос</p><p><strong>akkorddieren </strong>1) договариваться полюбовно; 2) заключать трудовой договор [договор найма] на условиях аккордной (сдельной) оплаты труда</p><p><strong>Alge </strong><emphasis>f </emphasis>водоросль</p><p><strong>Altertum </strong><emphasis>n </emphasis>древность, древние времена</p><p><strong>am&#xFC;sieren </strong>1. развлекать, веселить, забавлять; 2. употр. в сочетаниях:</p><p><strong>sich am&#xFC;sieren </strong>– 1) развлекаться, веселиться, забавляться; 2) (<strong>&#xFC;ber Akk</strong>) подшучивать, подтрунивать (над кем / чем-л.)</p><p><strong>and&#xE4;chtig </strong>благоговейный</p><p><strong>anf&#xE4;nglich </strong>1. первоначальный; 2. сначала, вначале</p><p><strong>anf&#xFC;hren </strong>1) возглавлять; 2) приводить (примеры, факты, доказательства), цитировать, ссылаться (на что-л.); 3) подводить, обманывать</p><p><strong>angeben </strong>1. 1) указывать, называть; 2) обозначать, намечать; 3) задавать (тон, темп); 2. задаваться, хвастать(ся) (<strong>mit Dat </strong>– чем-л.)</p><p><strong>angeblich </strong>1. 1) мнимый, так называемый; 2) предполагаемый; 2. будто бы, якобы, как говорят [утверждают]</p><p><strong>angemessen </strong>1) соответствующий, подобающий; 2) уместный</p><p><strong>Angriff </strong><emphasis>m </emphasis>1) нападение; наступление, атака (тж. спорт.); <strong>zum Angriff &#xFC;bergehen </strong>– переходить в наступление; 2) pl нападки</p><p><strong>Anh&#xE4;nger </strong><emphasis>m </emphasis>сторонник, последователь, приверженец; болельщик</p><p><strong>anh&#xE4;ufen </strong>накапливать</p><p><strong>Anh&#xF6;he </strong><emphasis>f </emphasis>возвышенность, холм, пригорок</p><p><strong>ankn&#xFC;pfen </strong>1) привязывать; 2) завязывать, заводить (разговор, знакомство и т. п.)</p><p><strong>Ankn&#xFC;pfen </strong><emphasis>n </emphasis>связывание (узлами); подвязывание; надвязывание</p><p><strong>anlangen </strong>(<strong>s</strong>) 1) добраться (до дому, до цели и т. п.); 2) дойти (о письме); 3) (<strong>bei Dat</strong>) дойти (до какого-л. места при чтении)</p><p><strong>anmutig </strong>прелестный</p><p><strong>anr&#xFC;cken </strong>1) придвигать; 2) придвигаться, приближаться</p><p><strong>Anschuldigung </strong><emphasis>f </emphasis>обвинение</p><p><strong>Ansehen </strong><emphasis>n </emphasis>1) уважение; авторитет, престиж; 2) <strong>j</strong>-<strong>n </strong>(<strong>nur</strong>) <strong>von </strong>[<strong>vom</strong>]</p><p><strong>Ansehen kennen </strong>– знать кого-л. (только) в лицо;</p><p><strong>ohne Ansehen der Person </strong>– невзирая на лица</p><p><strong>ansehnlich </strong>1) видный, представительный; 2) значительный, внушительный, существенный</p><p><strong>anspannen </strong>1) натягивать, напрягать; 2) запрягать</p><p><strong>Anspruch </strong><emphasis>m </emphasis>претензия, притязание; требование; право требовать</p><p><strong>Anstalt </strong><emphasis>f </emphasis>1) учреждение; (учебное) заведение; 2) рl меры, приготовления</p><p><strong>ansto&#xDF;en </strong>чокаться; (auf Akk) выпить, произнести тост (за кого / что-л.)</p><p><strong>antreffen </strong>застать, встретить</p><p><strong>antreiben </strong>1) погонять (животное); 2) приводить в движение (машину); 3) побуждать, заставлять; подгонять, торопить; 4) приносить течением</p><p><strong>Anweisung </strong><emphasis>f </emphasis>1) указание; распоряжение; 2) инструкция, руководство</p><p><strong>applizierter </strong>печатный</p><p><strong>arg </strong>1. дурной, злой, плохой; 2. 1) зло;</p><p><strong>j</strong>-<strong>m arg mitspielen </strong>– сыграть с кем-л. злую шутку; 2) сильно</p><p><strong>Arglist </strong><emphasis>f </emphasis>1) злой умысел; 2) обман, ложь</p><p><strong>auf einmal </strong>1) сразу, одновременно; 2) вдруг, внезапно</p><p><strong>aufdringlich </strong>назойливый, навязчивый</p><p><strong>auffallend </strong>бросающийся в глаза; поразительный</p><p><strong>Aufforderung </strong><emphasis>f </emphasis>предложение, приглашение</p><p><strong>aufhalten (sich) </strong>задерживаться, останавливаться</p><p><strong>aufmachen (sich) </strong>отправляться (куда-л), собираться в путь</p><p><strong>aufrichtig </strong>откровенный, искренний, прямой</p><p><strong>Aufschub </strong><emphasis>m </emphasis>отсрочка</p><p><strong>Auftrag </strong><emphasis>m </emphasis>1) поручение; задание;</p><p><strong>j</strong>-<strong>m einen Auftrag geben </strong>– дать кому-л. какое-л. поручение, поручить кому-л. что-л.; <strong>im Auftrag j</strong>-<strong>s </strong>(или)</p><p><strong>von j</strong>-<strong>m </strong>– по поручению (кого-л.), по (чьему л.) поручению; 2) заказ; <strong>etw</strong>.</p><p><strong>in Auftrag nehmen </strong>– принять заказ на что-л.; 3) (пред)назначение, миссия</p><p><strong>auftragen </strong>1) подавать на стол; 2) наносить (краску); накладывать (грим); 3) (<strong>j</strong>-<strong>m</strong>) поручать (что-л комул.)</p><p><strong>ausbleiben </strong>(<strong>s</strong>) не состояться, не произойти (вопреки ожиданию, надеждам)</p><p><strong>ausbr&#xFC;ten </strong>1) высиживать (птенцов); 2) замышлять</p><p><strong>ausschlagen </strong>1. 1) выбивать, вышибать; 2) отказываться (от чего-л.) отклонять, отвергать; 2. 1) брыкаться, лягаться; 2) (<strong>h</strong>/<strong>s</strong>) распускаться, (за)зеленeть; 3) завершаться, оборачиваться (как-л.)</p><p><strong>Auster </strong><emphasis>f </emphasis>устрица</p><p><strong>authentisch </strong>подлинный, аутентичный, достоверный</p><p><strong>Axt </strong><emphasis>m </emphasis>топор</p></section><section><title><p>B</p></title><p><strong>Bach </strong><emphasis>m </emphasis>ручей</p><p><strong>Balg </strong><emphasis>m </emphasis>1) сильфон; 2) (кузнечный) мех</p><p><strong>bange </strong>тревожный, полный тревоги</p><p><strong>Barbarei </strong><emphasis>f </emphasis>варварство</p><p><strong>Barke </strong><emphasis>f </emphasis>барка; баржа; баркас</p><p><strong>beben </strong>1) сотрясаться, содрогаться; 2) дрожать (<strong>vor Dat </strong>от холода, злости); 3) (<strong>vor j</strong>-<strong>m</strong>) дрожать трепетать (перед кем-л.), (<strong>um j</strong>-<strong>n</strong>) дрожать, бояться, трепетать (за кого-л.)</p><p><strong>bedenken </strong>обдумывать (что-л.), думать, размышлять (о чем-л. или над чем – л.)</p><p><strong>Bedr&#xE4;ngnis </strong><emphasis>n </emphasis>бедственное (тяжелое) положение</p><p><strong>Bed&#xFC;rftigkeit </strong><emphasis>f </emphasis>бедность</p><p><strong>befassen </strong>(<strong>sich</strong>) (<strong>mit Dat</strong>) заниматься (чем-л.)</p><p><strong>Befehlshaber </strong><emphasis>m </emphasis>(главно)командующий</p><p><strong>bef&#xF6;rdern </strong>1) перевозить, транспортировать; отправлять, доставлять; 2) повышать в должности [в звании, в чине]; (<strong>zu Dat</strong>) назначать (кого-л. кем-л., воен.) присваивать (какое-л.) звание (кому-л.)</p><p><strong>befriedigt </strong>удовлетворенный</p><p><strong>Begattung </strong><emphasis>f </emphasis>совокупление, половое сношение</p><p><strong>Begebenheit </strong><emphasis>f </emphasis>событие, случай</p><p><strong>begn&#xFC;gen </strong>(<strong>sich</strong>) (<strong>mit Dat</strong>) довольствоваться, удовлетворяться (чем-л.)</p><p><strong>begreifen </strong>понимать, постигать</p><p><strong>Begriff </strong><emphasis>m </emphasis>1) понятие; 2) представление</p><p><strong>behorchen </strong>выслушивать</p><p><strong>behutsam </strong>1) осторожный, осмотрительный; 2) бережный</p><p><strong>Beifall </strong><emphasis>m </emphasis>1) аплодисменты;</p><p><strong>j</strong>-<strong>m Beifall klatschen </strong>– аплодировать кому-л.; 2) одобрение</p><p><strong>beil&#xE4;ufig </strong>1. случайный, попутный; 2. вскользь, мимоходом, между прочим</p><p><strong>beimessen </strong>приписывать (что-л. кому / чему-л.); придавать (значение и т. п. чему-л.)</p><p><strong>beitragen </strong>(<strong>zu Dat</strong>) способствовать, содействовать (чемул.); вносить свой вклад (во что-л.)</p><p><strong>beiwohnen </strong>присутствовать (на чем-л.)</p><p><strong>bekennen </strong>1. признавать (что-л.), признаваться (в чем-л.); 2. употр. в сочетаниях:</p><p><strong>sich bekennen zu Dat </strong>– объявлять [признавать] себя сторонником (кого / чего-л.)</p><p><strong>belagern </strong>осаждать</p><p><strong>Belagerung </strong><emphasis>f </emphasis>осада</p><p><strong>bemannt </strong>пилотируемый; с экипажем [с человеком] на борту</p><p><strong>bemitleiden </strong>жалеть (кого-л.) сочувствовать (кому-л.)</p><p><strong>beneiden </strong>(<strong>um Akk </strong>или <strong>wegen Gen</strong>) завидовать (комул. в чем-л. или из-за чего-л.)</p><p><strong>berauschen </strong>пьянить, опьянять; дурманить (о запахе);</p><p><strong>berauschen an Dat </strong>– упиваться (чем-л.)</p><p><strong>beriechen </strong>обнюхивать</p><p><strong>Besatzung </strong><emphasis>f </emphasis>1) экипаж, команда; 2) оккупационные войска</p><p><strong>Bescheidenheit </strong><emphasis>f </emphasis>скромность</p><p><strong>Bescherung </strong><emphasis>f </emphasis>раздача (рождественских) подарков</p><p><strong>Beschlag </strong><emphasis>m </emphasis>1) оковка; 2) налет</p><p><strong>Beschluss </strong><emphasis>m </emphasis>решение, постановление,</p><p><strong>einen Beschluss fassen </strong>– принимать решение [постановление]</p><p><strong>beschwerlich </strong>затруднительный, трудный; утомительный; тягостный</p><p><strong>besinnen </strong>(<strong>sich</strong>) 1) раздумывать, размышлять, думать; 2) (<strong>auf Akk</strong>) вспоминать, припоминать (кого / чтол.);</p><p><strong>wenn ich mich recht besinne </strong>– если мне память не изменяет;</p><p><strong>sich eines Besseren besinnen </strong>– 1) передумать (изменить свои намерения); 2) одуматься</p><p><strong>Besinnen </strong><emphasis>n </emphasis>размышление</p><p><strong>best&#xE4;ndig </strong>1. постоянный, устойчивый; прочный; 2. постоянно, все время</p><p><strong>Bestattung </strong><emphasis>f </emphasis>похороны, погребение</p><p><strong>bestechen </strong>подкупать</p><p><strong>besteigen </strong>1) всходить, подниматься (на что-л.); 2) садиться (на лошадь, на пароход, в вагон)</p><p><strong>bestrafen </strong>наказывать; карать</p><p><strong>best&#xFC;rzt </strong>озадаченный, смущенный; пораженный, ошеломленный</p><p><strong>bet&#xE4;uben </strong>оглушать, ошеломлять</p><p><strong>Bet&#xE4;ubung </strong><emphasis>f </emphasis>1) обезболивание, анестезия, наркоз; 2) обморок; состояние одурманености, оцепенение</p><p><strong>betr&#xFC;ben </strong>печалить, огорчать</p><p><strong>betrunken </strong>пьяный</p><p><strong>Bettelei </strong><emphasis>f </emphasis>нищенство, попрошайничество</p><p><strong>beurlauben </strong>давать отпуск (кому-л.); увольнять в отпуск; временно освободить (от чего-л.)</p><p><strong>Beute </strong><emphasis>f </emphasis>добыча; трофеи</p><p><strong>Beutel </strong><emphasis>m </emphasis>1) (хозяйственная) сумка (мягкая); 2) кошелек</p><p><strong>bezeugen </strong>свидетельствовать, удостоверять, подтверждать</p><p><strong>bezwingen </strong>1) побороть, преодолеть (какое-л. чувство); превозмочь (боль и т. п.); 2) победить, одолеть; одержать верх (над кем-л.)</p><p><strong>Biene </strong><emphasis>f </emphasis>пчела</p><p><strong>Bittschritt </strong><emphasis>f </emphasis>прошение, ходатайство</p><p><strong>blasen </strong>1. 1) дуть (<strong>in Akk </strong>на что-л.); 2) (<strong>auf </strong>или <strong>in Akk</strong>) играть (на флейте и т. п.), <strong>ins Horn blasen </strong>– трубить в рог; 3) (<strong>zu Dat</strong>) – давать сигнал, трубить (к чему-л.)</p><p><strong>Blei </strong>I. <emphasis>n </emphasis>свинец; II. 1) m лещ; 2) карандаш</p><p><strong>bleiern </strong>свинцовый</p><p><strong>Blessur </strong><emphasis>f </emphasis>ранение</p><p><strong>Blumenbeet </strong><emphasis>n </emphasis>(цветочная) клумба</p><p><strong>blutgierig </strong>жаждущий крови</p><p><strong>Bohne </strong><emphasis>f </emphasis>1) боб; 2) фасоль</p><p><strong>Bramsegel </strong>n (суд.) брамсель</p><p><strong>brauchbar </strong>1) (<strong>f&#xFC;r Akk </strong>или</p><p><strong>zu Dat</strong>) годный, пригодный (для чего-л. или на что-л.); 2) полезный, дельный</p><p><strong>brausen </strong>1. 1) бушевать, шуметь (о ветре, море и т. п.); 2) бурлить, кипеть; 3) (<strong>s</strong>) мчаться [проноситься] с шумом; 2. употр. в сочетаниях:</p><p><strong>sich brausen </strong>– принимать душ</p><p><strong>brav </strong>1. послушный; 2. славно; молодцом</p><p><strong>brummen </strong>1) рычать, реветь; жужжать (о жуке, мухе); гудеть (о моторе); 2) бормотать, бурчать</p><p><strong>Bugspriet </strong><emphasis>m </emphasis>(суд.) бушприт</p><p><strong>B&#xFC;rde </strong><emphasis>f </emphasis>ноша, бремя, обуза</p><p><strong>Bursche </strong><emphasis>m </emphasis>парень; мальчик, паренек</p><p><strong>Busch </strong><emphasis>m </emphasis>1) куст; 2) кустарник</p><p><strong>Busen </strong><emphasis>m </emphasis>(женская) грудь</p></section><section><title><p>D</p></title><p><strong>D&#xE4;mmerung </strong><emphasis>f </emphasis>(ч. sg) сумерки; рассвет</p><p><strong>Daune </strong><emphasis>f </emphasis>пушинка, пух</p><p><strong>Degen </strong><emphasis>m </emphasis>шпага</p><p><strong>Deichsel </strong><emphasis>f </emphasis>дышло; оглобли</p><p><strong>Demut </strong><emphasis>f </emphasis>смирение, покорность</p><p><strong>dem&#xFC;tigen </strong>1. унижать, оскорблять; 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich dem&#xFC;tigen </strong>– унижаться (<strong>vor j</strong>-<strong>m </strong>– перед кем-л.)</p><p><strong>denkw&#xFC;rdig </strong>памятный, знаменательный, достопримечательный</p><p><strong>Deputation </strong><emphasis>f </emphasis>депутация</p><p><strong>Dichte </strong><emphasis>f </emphasis>1) густота; плотность (населения); интенсивность (движения транспорта); 2) плотность</p><p><strong>Dickicht </strong><emphasis>n </emphasis>(лесная) чаща, заросли, дебри</p><p><strong>Diener </strong><emphasis>m </emphasis>слуга, лакей, прислуга</p><p><strong>Dunst </strong><emphasis>f </emphasis>1) испарения; пар; чад; угар; 2) дымка (тумана), легкий туман</p><p><strong>durchg&#xE4;ngig </strong>непрерывный</p><p><strong>durchl&#xF6;chern </strong>продырявить; изрешетить (пулями)</p><p><strong>durchsichtig </strong>прозрачный</p></section><section><title><p>E</p></title><p><strong>Efeu </strong><emphasis>m </emphasis>плющ</p><p><strong>Ehre </strong><emphasis>f </emphasis>1) честь; <strong>das macht dir keine Ehre </strong>– это не делает тебе чести; 2) честь, почет</p><p><strong>Ehrenwort </strong><emphasis>n </emphasis>(честное) слово</p><p><strong>ehrw&#xFC;rdig </strong>почтенный</p><p><strong>Eiche </strong><emphasis>f </emphasis>дуб</p><p><strong>Eichel </strong>f желудь</p><p><strong>Eifersucht </strong><emphasis>f </emphasis>ревность</p><p><strong>einbilden </strong>1)</p><p><strong>sich etw</strong>.</p><p><strong>einbilden </strong>– вообразить (себе) что-л.; <strong>das bildest du dir blo&#xDF; ein </strong>– ты себе это просто вообразил, ты себе это внушаешь, ты это выдумываешь; 2) <strong>sich viel </strong>[<strong>etwas</strong>] <strong>einbilden </strong>– быть слишком высокого мнения [много мнить] о себе</p><p><strong>einf&#xE4;ltig </strong>наивный, простодушный, простоватый; глуповатый</p><p><strong>eingetroffen </strong>наступивший</p><p><strong>Eingeweide </strong><emphasis>pl </emphasis>внутренности; кишки, потроха</p><p><strong>einheimisch </strong>местный, здешний</p><p><strong>einholen </strong>1. 1) догнать (кого-л.) ликвидировать разрыв (с кем-л.); 2) наверстать</p><p><strong>einigerma&#xDF;en </strong>в [до] некоторой степени, в какой-то степени [мере]; несколько</p><p><strong>einkerkern </strong>бросать (кого-л.) в тюрьму</p><p><strong>einlassen </strong>1. 1) впускать (посетителей и т. п.); 2) (<strong>in Akk</strong>) впускать (что-л. во что-л.), наполнять (что-л. чемл.); 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich einlassen </strong>– 1) (<strong>mit jm</strong>) связываться (с кем-л.); 2) (<strong>auf Akk</strong>) пойти (на чтол.); 3) (<strong>auf </strong>/ <strong>in Akk</strong>) пускаться, ввязываться, впутываться (во что-л.)</p><p><strong>darauf lass ich mich nicht ein </strong>– на это я не пойду</p><p><strong>einreichen </strong>подавать (заявление и т. п.)</p><p><strong>Einsamkeit </strong><emphasis>f </emphasis>1) одиночество; уединение; 2) уединенное место</p><p><strong>einschenken </strong>разливать (напитки); (<strong>j</strong>-<strong>m</strong>) наливать (кому-л. кофе, вино и т. п.)</p><p><strong>einschl&#xE4;fern </strong>усыплять</p><p><strong>einsehen </strong>опознавать, признавать, видеть, понимать</p><p><strong>einst </strong>1) когда-то, некогда (в) (прошлом); 2) когда-нибудь (в будущем)</p><p><strong>eintr&#xE4;chtig </strong>дружный, единодушный</p><p><strong>Einwendung </strong><emphasis>f </emphasis>возражение</p><p><strong>Einwilligung </strong><emphasis>f </emphasis>согласие (<strong>zu Dat </strong>на что-л.)</p><p><strong>emsig </strong>усердный, прилежный</p><p><strong>entgehen </strong>(<strong>s</strong>) 1) избегать (чего-л.), уходить (от чего-л.); 2) (<strong>j</strong>-<strong>m</strong>) ускользать от (кого-л., от чьего-л. внимания);</p><p><strong>das ist mir entgangen </strong>– это я упустил [пропустил], этого я не заметил; 3) <strong>sich etw</strong>.</p><p><strong>nicht entgehen lassen </strong>– не упускать чего-л., не отказывать себе в чем-л.</p><p><strong>Entr&#xFC;stung </strong><emphasis>f </emphasis>возмущение, негодование</p><p><strong>entschlagen (sich) </strong>отказываться</p><p><strong>entsetzlich </strong>ужасный</p><p><strong>entz&#xFC;cken </strong>восхищать, приводить в восторг</p><p><strong>erbarmen </strong>(<strong>sich</strong>) сжалиться (над кем-л.)</p><p><strong>Erdbeben </strong><emphasis>n </emphasis>землетрясение</p><p><strong>Erfinder </strong><emphasis>m </emphasis>изобретатель</p><p><strong>erg&#xF6;tzen </strong>(<strong>sich</strong>) (<strong>an Dat</strong>) наслаждаться, любоваться (чем-л.)</p><p><strong>erhaben </strong>1) возвышенный, благородный; 2) величественный; 3) выпуклый, рельефный (об изображении)</p><p><strong>Ermahnung </strong><emphasis>f </emphasis>наставление, предостережение; призыв (к чему-л.)</p><p><strong>Ersatz </strong><emphasis>m </emphasis>1) замена;</p><p><strong>als Ersatz </strong>– взамен; 2) заменитель; суррогат; имитация; 3) пополнение</p><p><strong>ersticken </strong>1. задушить; 2. (<strong>s</strong>) задохнуться, умереть от удушья</p><p><strong>ersuchen </strong>(<strong>um Akk</strong>) просить (кого-л. о чем-л.), обращаться (к кому-л.) с (какой-л.) просьбой; <strong>zu </strong>+ Inf предлагать (кому-л. сделать что-л.)</p><p><strong>erwerben </strong>1) приобретать, получать, добывать, наживать (трудом); зарабатывать; 2) заслужить, завоевать (славу, доверие и т. п.)</p><p><strong>Erz </strong><emphasis>n </emphasis>руда</p><p><strong>erz&#xFC;rnen </strong>рассердить, разгневать</p><p><strong>exerzieren </strong>заниматься строевой подготовкой, маршировать</p><p><strong>Extremit&#xE4;ten </strong><emphasis>pl </emphasis>конечности</p></section><section><title><p>F</p></title><p><strong>F&#xE4;hnrich </strong><emphasis>m </emphasis>прапорщик, мичман</p><p><strong>falten </strong>1) складывать, сгибать (бумагу, ткань); 2) морщить (лоб, лицо)</p><p><strong>Fang </strong><emphasis>m </emphasis>1) ловля; лов; 2) улов, добыча</p><p><strong>faseln </strong>разглагольствовать; нести чепуху</p><p><strong>Fassungsverm&#xF6;gen </strong><emphasis>n </emphasis>емкость, вместимость</p><p><strong>Faulenzer </strong><emphasis>m </emphasis>лентяй</p><p><strong>Faulpelz </strong><emphasis>m </emphasis>лентяй, лежебока</p><p><strong>feindselig </strong>враждебный, неприязненный</p><p><strong>Fell </strong><emphasis>m </emphasis>1) мех; шерсть (животного); 2) шкура, шкурка</p><p><strong>Festung </strong><emphasis>f </emphasis>крепость</p><p><strong>feurig </strong>1) огненный, пылающий; 2) пламенный, страстный, пылкий</p><p><strong>Flaum </strong><emphasis>m </emphasis>1) пух; 2) пушок</p><p><strong>Flechte </strong><emphasis>f </emphasis>лишай</p><p><strong>Fleck </strong><emphasis>m </emphasis>пятно</p><p><strong>Flinte </strong><emphasis>f </emphasis>ружье</p><p><strong>flott </strong>1. бойкий; энергичный, расторопный; 2. лихо, ловко</p><p><strong>Flucht </strong><emphasis>f </emphasis>бегство, побег</p><p><strong>fl&#xFC;chten </strong>(<strong>s</strong>) (<strong>vor Dat</strong>) убегать, спасаться бегством (от кого / чего-л.); укрыться (где-л. от грозы и т. п.)</p><p><strong>Fl&#xFC;chtling </strong><emphasis>m </emphasis>1) беженец; 2) беглец</p><p><strong>flunkern </strong>привирать</p><p><strong>Flur </strong><emphasis>m </emphasis>1) коридор; передняя, прихожая, вестибюль, холл; сени; 2) (лестничная) площадка</p><p><strong>Fohlen </strong><emphasis>n </emphasis>жеребенок</p><p><strong>foppen </strong>дразнить, дурачить (кого-л.), подтрунивать (над кем-л.)</p><p><strong>Forst </strong><emphasis>m </emphasis>лес</p><p><strong>freudig </strong>радостный</p><p><strong>frevelhaft </strong>1) преступный; 2) кощунственный</p><p><strong>frohlocken </strong>ликовать, торжествовать</p><p><strong>Fr&#xF6;mmigkeit </strong><emphasis>f </emphasis>набожность, благочестие; смирение</p><p><strong>Fr&#xFC;hjahr </strong><emphasis>n </emphasis>весна</p><p><strong>Fuchs </strong><emphasis>m </emphasis>1) лисица, лиса;</p><p><strong>junger Fuchs </strong>– лисенок; 2) лисий мех, лиса; 3) лошадь рыжей масти</p><p><strong>Fuder </strong>m 1) тележка; 2) воз (напр. сена)</p><p><strong>Fuhrmann </strong><emphasis>m </emphasis>извозчик</p><p><strong>Fuhrwerk </strong><emphasis>n </emphasis>повозка</p><p><strong>Futteral </strong><emphasis>n </emphasis>футляр</p></section><section><title><p>G</p></title><p><strong>Gaffer </strong><emphasis>m </emphasis>зевака, ротозей</p><p><strong>Galgen </strong><emphasis>m </emphasis>виселица</p><p><strong>Galle </strong><emphasis>f </emphasis>1) желчь; 2) желчный пузырь</p><p><strong>Gatter </strong><emphasis>n </emphasis>решетка</p><p><strong>Gattin </strong><emphasis>f </emphasis>супруга</p><p><strong>Gaul </strong><emphasis>m </emphasis>кляча</p><p><strong>Gebet </strong><emphasis>n </emphasis>молитва</p><p><strong>geb&#xFC;rtig </strong>родом из</p><p><strong>Ged&#xE4;rm </strong><emphasis>n </emphasis>кишки</p><p><strong>gedeihen </strong>(<strong>s</strong>) 1) (хорошо) расти, развиваться; 2) преуспевать, процветать</p><p><strong>gedenken Gen </strong>чтить (чью-л.) память, хранить память (о чем-л.)</p><p><strong>gef&#xE4;llig </strong>1) любезный, услужливый; 2) приятный, привлекательный</p><p><strong>Gef&#xE4;lligkeit </strong><emphasis>f </emphasis>любезность, услуга</p><p><strong>Gefolge </strong><emphasis>n </emphasis>свита; эскорт</p><p><strong>gefr&#xE4;&#xDF;ig </strong>прожорливый, ненасытный</p><p><strong>gef&#xFC;gig </strong>уступчивый, податливый</p><p><strong>Gegenvorstellung </strong><emphasis>f </emphasis>возражение</p><p><strong>gegenw&#xE4;rtig </strong>1. настоящий, современный; 2. в настоящее время, теперь</p><p><strong>geh&#xF6;rig </strong>как следует, основательно</p><p><strong>Geh&#xF6;rn </strong><emphasis>n </emphasis>рога</p><p><strong>Geier </strong><emphasis>m </emphasis>гриф, стервятник</p><p><strong>Geistliche </strong><emphasis>m</emphasis>/<emphasis>f </emphasis>духовное лицо, священник, священнослужитель</p><p><strong>Gelegenheit </strong><emphasis>f </emphasis>(удобный) случай, возможность, повод</p><p><strong>gellen </strong>резко [пронзительно] звучать</p><p><strong>gem&#xE4;chlich </strong>спокойный, неторопливый</p><p><strong>Gemahl </strong><emphasis>m </emphasis>супруг</p><p><strong>gemein </strong>1) общий; 2) подлый, низкий</p><p><strong>Gem&#xFC;t </strong><emphasis>n </emphasis>душа, натура, нрав</p><p><strong>Genick </strong><emphasis>n </emphasis>затылок</p><p><strong>gequetscht </strong>1) сдавленный; ущемленный; 2) раздавленный, размозженный</p><p><strong>ger&#xE4;umig </strong>просторный, вместительный</p><p><strong>Gerechtsame </strong>f отчуждаемые и передаваемые по наследству права [привилегии]</p><p><strong>geschickt </strong>искусный, ловкий, умелый</p><p><strong>Gesch&#xFC;tz </strong><emphasis>n </emphasis>орудие</p><p><strong>geschwind </strong>проворный, шустрый</p><p><strong>gesellig </strong>общительный, коммуникабельный; компанейский</p><p><strong>Gewand </strong><emphasis>n </emphasis>одеяние, облачение</p><p><strong>gewandt </strong>1) ловкий, проворный; 2) искусный, умелый; 3) уверенный, свободный</p><p><strong>Gewehr </strong><emphasis>n </emphasis>винтовка, ружье</p><p><strong>Geweih </strong><emphasis>n </emphasis>оленьи рога</p><p><strong>Gewohnheit </strong><emphasis>f </emphasis>привычка</p><p><strong>Gie&#xDF;er </strong><emphasis>m </emphasis>литейщик</p><p><strong>glitschen </strong>(<strong>s</strong>) скользить Glut f зной, жара</p><p><strong>Gnade </strong><emphasis>f </emphasis>милость, пощада</p><p><strong>g&#xF6;nnen </strong>1) (<strong>j</strong>-<strong>m</strong>) искренне желать (что-л. кому-л.); 2)</p><p><strong>sich etw</strong>.</p><p><strong>g&#xF6;nnen </strong>– позволить себе что-л. (какое-л. удовольствие)</p><p><strong>Gottesdienst </strong>m богослужение</p><p><strong>Gram </strong><emphasis>m </emphasis>скорбь, горе</p><p><strong>gr&#xE4;sslich </strong>1) страшный, ужасный; 2) отвратительный, мерзкий Greuel m 1) pl ужасы, злодеяния, зверства; 2) отвращение, мерзость</p><p><strong>Grille </strong><emphasis>f </emphasis>I. кузнечик; сверчок; II. причуда, каприз</p><p><strong>grimmig </strong>1) свирепый, яростный, гневный; 2) страшный, ужасный</p><p><strong>Gr&#xFC;n </strong><emphasis>n </emphasis>1) зеленый цвет; 2) зелень (лугов, садов)</p><p><strong>Grundsatz </strong><emphasis>m </emphasis>основное правило, принцип</p><p><strong>Gunst </strong><emphasis>f </emphasis>1) благосклонность, расположение; любезность, одолжение; 2) <strong>zu j</strong>-<strong>s Gunsten </strong>– в чью-л. пользу;</p><p><strong>sich zu seinen Gunstn ver&#xE4;ndern </strong>– измениться к лучшему</p></section><section><title><p>H</p></title><p><strong>H&#xE4;ckerling </strong>= <strong>H&#xE4;cksel </strong>сечка</p><p><strong>Hagel </strong><emphasis>m </emphasis>град</p><p><strong>Hai </strong>= <strong>Haifisch </strong><emphasis>m </emphasis>акула</p><p><strong>Hain </strong><emphasis>m </emphasis>роща</p><p><strong>Hammel </strong><emphasis>m </emphasis>1) баран; 2) баранина</p><p><strong>Handvoll </strong>f горсть, горсточка, пригоршня</p><p><strong>Hanf </strong><emphasis>m </emphasis>1) конопля; 2) пенька</p><p><strong>h&#xE4;ngen </strong>1. 1) висеть; 2) (<strong>an Dat</strong>) испытывать привязанность (к кому-л.); любить (что-л.), дорожить (чемл.); 2. (<strong>an </strong>/ <strong>auf Akk</strong>) вешать, повесить (на что-л.)</p><p><strong>haspeln </strong>1) мотать, наматывать, сматывать; 2) разматывать; 3) поднимать лебедкой или воротом</p><p><strong>hastig </strong>торопливый, поспешный</p><p><strong>hauen </strong>1. бить, колотить, дубасить (кого-л.); 2. (<strong>auf Akk</strong>) ударять, бить (по чему-л.)</p><p><strong>Hauer </strong><emphasis>m </emphasis>I. бивень; клык; II. забойщик</p><p><strong>Haufen </strong><emphasis>m </emphasis>1) куча, груда; 2) толпа</p><p><strong>Hebamme </strong><emphasis>f </emphasis>акушерка, повитуха</p><p><strong>Hecke </strong><emphasis>f </emphasis>живая изгородь</p><p><strong>heiter </strong>1) веселый; 2) ясный (о погоде)</p><p><strong>Helfershelfer </strong><emphasis>m </emphasis>сообщник</p><p><strong>Henker </strong><emphasis>m </emphasis>палач</p><p><strong>Henne </strong><emphasis>f </emphasis>курица, наседка</p><p><strong>Herberge </strong><emphasis>f </emphasis>туристская база, турбаза</p><p><strong>Herde </strong><emphasis>f </emphasis>стадо; табун</p><p><strong>herzdurchschneidend </strong>душераздирающий</p><p><strong>Heuschrecke </strong><emphasis>f </emphasis>саранча</p><p><strong>Hexerei </strong><emphasis>f </emphasis>колдовство, волшебство, чародейство, магия</p><p><strong>Hieb </strong><emphasis>m </emphasis>удар</p><p><strong>hinreichend </strong>достаточный</p><p><strong>Hinrichtung </strong><emphasis>f </emphasis>(смертная) казнь</p><p><strong>Hinterhalt </strong><emphasis>m </emphasis>засада</p><p><strong>Hirsch </strong><emphasis>m </emphasis>олень</p><p><strong>Hoheit </strong><emphasis>f </emphasis>верховная власть, господство; суверенитет</p><p><strong>h&#xF6;rnern </strong>роговой</p><p><strong>H&#xFC;fte </strong><emphasis>f </emphasis>бедро</p><p><strong>H&#xFC;gel </strong><emphasis>m </emphasis>холм, пригорок</p><p><strong>H&#xFC;lle </strong><emphasis>f </emphasis>оболочка, покров; обертка; упаковка, чехол; футляр</p><p><strong>h&#xFC;llen </strong>1. укутывать, закутывать; 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich h&#xFC;llen </strong>– укутываться, закутываться</p><p><strong>Hummer </strong><emphasis>m </emphasis>омар</p><p><strong>hurtig </strong>прыткий, проворный, шустрый</p><p><strong>H&#xFC;tte </strong><emphasis>f </emphasis>хижина, избушка (обычно в горах); шалаш</p></section><section><title><p>I</p></title><p><strong>Inbegriff </strong><emphasis>m </emphasis>воплощение</p><p><strong>inbr&#xFC;nstig </strong>страстный, пылкий</p><p><strong>irre </strong>1) помешанный, сумасшедший; 2) безумный (о взгляде, улыбке); сумасбродный (о мысли и т. п.); 3) безумный, ужасный; бешеный (о скорости); 4) <strong>er ist ganz irre </strong>– он совсем сбит с толку</p><p><strong>irremachen </strong>сбивать с толку, приводить в замешательство</p></section><section><title><p>J</p></title><p><strong>j&#xE4;hzornig </strong>вспыльчивый, несдержанный</p><p><strong>jauchzen </strong>ликовать</p><p><strong>Jungfrau </strong><emphasis>f </emphasis>дева, девственница</p></section><section><title><p>K</p></title><p><strong>Kanne </strong><emphasis>f </emphasis>1) бидон, фляга (для молока); 2) кувшин (для пива и т. п.); 3) кофейник, заварочный чайник; 4) лейка</p><p><strong>Kanzel </strong><emphasis>f </emphasis>церковная кафедра</p><p><strong>Karren </strong>m 1) тачка; 2) тележка; кар(а)</p><p><strong>kauen </strong>1. жевать, разжевывать, пережевывать; 2. (<strong>an Dat</strong>) грызть, кусать (ногти, кончик карандаша и т. п.)</p><p><strong>Kehle </strong><emphasis>f </emphasis>горло, гортань, глотка</p><p><strong>Keiler </strong><emphasis>m </emphasis>(дикий) кабан</p><p><strong>Keim </strong><emphasis>m </emphasis>1) росток, зародыш; 2) микроб, микроорганизм</p><p><strong>Kelch </strong><emphasis>m </emphasis>1) чаша, кубок, бокал, фужер (на высокой ножке); 2) чашечка</p><p><strong>Keller </strong><emphasis>m </emphasis>погреб; подвал</p><p><strong>Kessel </strong><emphasis>m </emphasis>1) (паровой) котел; 2) котел; котелок, чугунок, 3) котловина; 4) котел, окружение</p><p><strong>Keule </strong><emphasis>f </emphasis>1) дубина; 2) кострец (часть туши)</p><p><strong>Kiesel </strong>m 1) кремнистая галька; 2) кремень</p><p><strong>Kinn </strong><emphasis>m </emphasis>подбородок</p><p><strong>kitzeln </strong>1) щекотать; 2) (<strong>nach Dat </strong>или <strong>zu </strong>+ Inf) подмывать (кого-л. сделать что-л.)</p><p><strong>kl&#xE4;ffen </strong>тявкать</p><p><strong>Klaue </strong><emphasis>f </emphasis>1) копыто; 2) кoготь; 3) лапа (с когтями)</p><p><strong>Klippe </strong><emphasis>f </emphasis>утес, скала; риф; подводный камень</p><p><strong>Klotz </strong><emphasis>m </emphasis>колода, чурбан</p><p><strong>Kluft </strong><emphasis>f </emphasis>ущелье, расселина; трещина, пропасть, бездна</p><p><strong>Knall </strong><emphasis>m </emphasis>треск, шум, выстрел, звук выстрела; хлопанье (двери)</p><p><strong>knapp </strong>1. 1) тесный, узкий (об одежде); 2) скудный; 3) краткий, сжатый</p><p><strong>kn&#xF6;chern </strong>1) костяной; 2) костлявый</p><p><strong>Korpulenz </strong><emphasis>f </emphasis>полнота, дородность</p><p><strong>Kranz </strong><emphasis>m </emphasis>венок</p><p><strong>Kreuz </strong><emphasis>m </emphasis>1) крест; 2) поясница, крестец; 3) трефы</p><p><strong>Kropf </strong><emphasis>m </emphasis>зоб</p><p><strong>Kr&#xFC;mmung </strong><emphasis>f </emphasis>1) изгиб, выгиб; 2) поворот, извилина</p><p><strong>Kundschaft </strong><emphasis>f </emphasis>1) клиентура; покупатели; заказчики; потребители; 2) сведения, информация</p><p><strong>Kuppel </strong><emphasis>f </emphasis>купол</p><p><strong>K&#xFC;ste </strong><emphasis>f </emphasis>(морской) берег, побережье</p></section><section><title><p>L</p></title><p><strong>Ladung </strong><emphasis>f </emphasis>1) груз; 2) заряд; 3) (боевой) заряд, патрон</p><p><strong>Laich </strong><emphasis>m </emphasis>икра (рыб, лягушек и т. п.)</p><p><strong>lallen </strong>лепетать; говорить неразборчиво;</p><p><strong>er lallt </strong>у него заплетается язык</p><p><strong>Lamm </strong><emphasis>n </emphasis>ягненок, барашек; козленок</p><p><strong>Landgut </strong>n 1) земельная собственность; 2) поместье</p><p><strong>Landmann </strong><emphasis>m </emphasis>крестьянин</p><p><strong>Last </strong><emphasis>f </emphasis>1) ноша; груз; 2) бремя; <strong>j</strong>-<strong>m zur Last fallen </strong>– быть кому-л. в тягость; <strong>j</strong>-<strong>m etw</strong>. <strong>zur Last legen </strong>– ставить кому-л. что-л в вину;</p><p><strong>zu Lasten des K&#xE4;ufers</strong>– за счет покупателя</p><p><strong>Lastschiff </strong><emphasis>n </emphasis>грузовое судно</p><p><strong>Laune </strong><emphasis>f </emphasis>1) настроение; <strong>gute Laune haben</strong>, <strong>in </strong>[<strong>bei</strong>] (<strong>guter</strong>) <strong>Laune sein </strong>– быть в хорошем настроении; <strong>er ist nicht bei Laune </strong>– он не в духе; 2) капризы; <strong>Launen haben – </strong>капризничать; 3) каприз, причуда, прихоть</p><p><strong>lecken </strong>(<strong>an Dat</strong>) лизать, облизывать</p><p><strong>Leckermaul </strong>n лакомка, сластена</p><p><strong>ledig </strong>холостой; незамужняя</p><p><strong>Lehrgeld </strong><emphasis>n </emphasis>плата за (профессиональное) обучение</p><p><strong>lehrreich </strong>поучительный, назидательный</p><p><strong>Leiche </strong><emphasis>f </emphasis>труп</p><p><strong>Leichtsinn </strong><emphasis>m </emphasis>легкомыслие; беспечность</p><p><strong>Leid </strong><emphasis>n </emphasis>горе</p><p><strong>Lende </strong><emphasis>f </emphasis>филе, филейная часть (туши)</p><p><strong>liebgewinnen </strong>полюбить (кого-л.)</p><p><strong>lieblich </strong>миловидный, хорошенький; прелестный</p><p><strong>Liebling </strong><emphasis>m </emphasis>1) любимец, любимица; любимчик; 2) милый, милая (как обращение)</p><p><strong>List </strong><emphasis>f </emphasis>1) хитрость, лукавство; 2) хитрость, уловка</p><p><strong>loben </strong>хвалить (<strong>f&#xFC;r Akk </strong>или <strong>wegen Gen </strong>– за что-л.)</p><p><strong>Lorbeer </strong>m 1) лавр, лавровое дерево; 2) лавровый лист; 3) лавровый венок</p><p><strong>l&#xFC;ften </strong>1) проветривать; 2) (слегка) приподнимать (крышку, шляпу, занавес)</p><p><strong>ein Geheimnis l&#xFC;ften </strong>– открыть секрет; выдать тайну</p><p><strong>Lunte </strong><emphasis>f </emphasis>фитиль</p><p><strong>Lust </strong><emphasis>f </emphasis>1) желание, охот 2) удовольствие</p><p><strong>Lustbarke </strong><emphasis>f </emphasis>увеселительное заведение</p></section><section><title><p>M</p></title><p><strong>Majest&#xE4;t </strong><emphasis>f </emphasis>величество</p><p><strong>mannigfaltig </strong>разнообразный</p><p><strong>Mast </strong><emphasis>f </emphasis>мачта</p><p><strong>Meile </strong><emphasis>f </emphasis>миля</p><p><strong>Meisterst&#xFC;ck </strong><emphasis>n </emphasis>эталонная деталь; шаблон; копир</p><p><strong>Melasse </strong><emphasis>f </emphasis>меласса, патока</p><p><strong>Messe </strong><emphasis>f </emphasis>I. торговая ярмарка, выставка-ярмарка; II. месса, богослужение; обедня</p><p><strong>Milbe </strong><emphasis>f </emphasis>клещ</p><p><strong>Milz </strong><emphasis>f </emphasis>селезенка</p><p><strong>Missbehagen </strong><emphasis>n </emphasis>чувство неуютности [неудобства] (морального); неудовлетворенность</p><p><strong>Missgeburt </strong><emphasis>f </emphasis>неудачные роды</p><p><strong>Misshandlung </strong><emphasis>f </emphasis>жестокое обращение, истязание</p><p><strong>Missvergn&#xFC;gen </strong><emphasis>n </emphasis>неудовольствие, недовольство</p><p><strong>Morast </strong><emphasis>m </emphasis>1) болото, трясина; 2) грязь</p><p><strong>M&#xF6;rder </strong><emphasis>m </emphasis>убийца</p><p><strong>M&#xF6;rser </strong><emphasis>m </emphasis>1) ступа; ступка; 2) миномет</p><p><strong>muffig </strong>затхлый, спертый</p><p><strong>m&#xFC;rrisch </strong>ворчливый, брюзгливый; угрюмый</p><p><strong>Muschel </strong><emphasis>f </emphasis>1) раковина, ракушка; 2) (телефонная) трубка</p><p><strong>Mu&#xDF;e </strong><emphasis>f </emphasis>свободное время, досуг</p><p><strong>m&#xFC;&#xDF;ig </strong>праздный, бездеятельный; бесцельный, бессмысленный, пустой</p><p><strong>mutma&#xDF;en </strong>предполагать (что-л.), догадываться (о чем-л.)</p></section><section><title><p>N</p></title><p><strong>nachdr&#xFC;cklich </strong>настоятельно, убедительно</p><p><strong>nachgeben </strong>1) поддаваться (чему-л.), уступать (кому / чему-л.); 2) <strong>j</strong>-<strong>m an etw</strong>. <strong>nicht nachgeben </strong>– не уступать кому-л. в чем-л.</p><p><strong>nachsetzen </strong>(<strong>s</strong>) погнаться (за кем / чем-л.), пуститься вслед (за кем / чем-л.)</p><p><strong>Nagel </strong><emphasis>m </emphasis>I. гвоздь</p><p><strong>den Nagel auf den Kopf treffen </strong>– попасть в самую точку; II. ноготь</p><p><strong>Nahrung </strong><emphasis>f </emphasis>пища, питание</p><p><strong>naschen </strong>1) любить сладкое; 2) (<strong>von Dat</strong>) тайком лакомиться (чем-л.), украдкой таскать (еду, сладости)</p><p><strong>nichtsdestoweniger </strong>несмотря на это, тем не менее</p><p><strong>nieten </strong>клепать, соединять [скреплять] заклепками</p></section><section><title><p>O</p></title><p><strong>Oberaufsicht </strong>f верховный надзор</p><p><strong>Oberst </strong><emphasis>m </emphasis>полковник</p><p><strong>Ochse </strong><emphasis>m </emphasis>вол</p></section><section><title><p>P</p></title><p><strong>P&#xE4;chter </strong><emphasis>m </emphasis>арендатор</p><p><strong>parieren </strong>парировать, отражать, отбивать</p><p><strong>Pate </strong><emphasis>m </emphasis>1) крестный (отец); 2) крестник</p><p><strong>Pfad </strong>m тропинка, тропа</p><p><strong>Pfanne </strong><emphasis>f </emphasis>сковорода; противень</p><p><strong>Pfarrer </strong><emphasis>m </emphasis>пастор, (приходский) священник</p><p><strong>Pflock </strong><emphasis>m </emphasis>кол, колышек</p><p><strong>pfl&#xFC;cken </strong>рвать, срывать, собирать (цветы, плоды и т. п.)</p><p><strong>Pfund </strong>n фунт; полкило, пятьсот грамм(ов)</p><p><strong>platt </strong>1) плоский; 2) пошлый; банальный; 3) полный, чистейший</p><p><strong>polstern </strong>обивать (мебель)</p><p><strong>Posse </strong><emphasis>f </emphasis>фарс</p><p><strong>prallen </strong>(<strong>s</strong>) (<strong>gegen Akk </strong>/ <strong>auf Akk </strong>/ <strong>an Dat</strong>) удариться (обо что-л.), наскочить, наткнуться, наехать (на кого / что-л.) preisen восхвалять, превозносить</p><p><strong>Profit </strong>m 1) прибыль; 2) выгода</p><p><strong>Proviant </strong>m провиант, продовольствие</p></section><section><title><p>Q</p></title><p><strong>Quetschung </strong><emphasis>f </emphasis>ушиб</p></section><section><title><p>R</p></title><p><strong>Rachen </strong><emphasis>m </emphasis>1) пасть (хищника); 2) зев, глотка</p><p><strong>Ranke </strong><emphasis>f </emphasis>усик, ветвь, побег (вьющегося растения)</p><p><strong>Ranzen </strong><emphasis>m </emphasis>ранец, сумка</p><p><strong>Rasen </strong><emphasis>m </emphasis>газон</p><p><strong>rasseln </strong>1) греметь; звенеть, трещать; 2) (s) двигаться с грохотом, громыхать</p><p><strong>Rast </strong><emphasis>f </emphasis>отдых, передышка</p><p><strong>Rathaus </strong><emphasis>n </emphasis>ратуша</p><p><strong>Raubtier </strong><emphasis>n </emphasis>хищник</p><p><strong>Rebhuhn </strong>n куропатка</p><p><strong>redlich </strong>честный; добросовестный</p><p><strong>Regenbogen </strong><emphasis>m </emphasis>радуга</p><p><strong>Regiment </strong><emphasis>n </emphasis>полк</p><p><strong>Reh </strong>n косуля</p><p><strong>Reitkunst </strong><emphasis>f </emphasis>верховая езда</p><p><strong>Reiz </strong><emphasis>m </emphasis>1) раздражение; 2) прелесть; привлекательность, заманчивость</p><p><strong>Rendezvous </strong>n свидание</p><p><strong>Rennschlitten </strong><emphasis>pl </emphasis>гоночные сани</p><p><strong>Rettich </strong><emphasis>m </emphasis>редька</p><p><strong>Reue </strong><emphasis>f </emphasis>раскаяние</p><p><strong>Revenue </strong>f доход</p><p><strong>Roller </strong><emphasis>m </emphasis>1) самокат; 2) мотороллер</p><p><strong>R&#xFC;ckgrat </strong>n позвоночник, спинной хребет</p><p><strong>R&#xFC;cksicht </strong><emphasis>f </emphasis>внимание, уважение</p><p><strong>R&#xFC;ckzug </strong><emphasis>m </emphasis>отступление, отход</p><p><strong>rudern </strong>1. 1) грести, сидеть на веслах; 2) (<strong>s</strong>) плыть на веслах, грести (в каком-л. направлении); идти на веслах; 2. 1) <strong>das Boot aus andere Ufer rudern </strong>– направить лодку к противоположному берегу; 2) перевозить на лодке</p><p><strong>ruhen </strong>1) отдыхать; 2) бездействовать, стоять, не работать</p><p><strong>r&#xFC;hren </strong>1) двигать, шевелить; 2) (рас)трогать</p><p><strong>Rumpf </strong><emphasis>m </emphasis>1) туловище; корпус; торс; 2) остов; 3) корпус (судна); фюзеляж (самолета)</p><p><strong>Ru&#xDF; </strong><emphasis>m </emphasis>сажа, копоть</p></section><section><title><p>S</p></title><p><strong>Samen </strong><emphasis>m </emphasis>семя</p><p><strong>s&#xE4;mtlich </strong>все (без исключения)</p><p><strong>Sattel </strong>m седло</p><p><strong>saufen </strong>(<strong>o</strong>, <strong>o</strong>) 1. пить (о животных); 2. пьянствовать</p><p><strong>s&#xE4;umen </strong>подрубать (ткань); подшивать (подол)</p><p><strong>Schale </strong><emphasis>f </emphasis>1) скорлупа; кожура, шелуха; кожица; 2) чаша; пиала; ваза; блюдо; мелкая миска</p><p><strong>schamhaft </strong>стыдливый; застенчивый</p><p><strong>Schande </strong><emphasis>f </emphasis>позор, стыд</p><p><strong>Schanze </strong><emphasis>f </emphasis>(лыжный) трамплин</p><p><strong>sch&#xE4;rfen </strong>1) точить (нож и т. п.); править (бритву); чинить (карандаш); 2) тренировать, оттачивать, развивать, изощрять</p><p><strong>Scharfrichter </strong><emphasis>m </emphasis>палач</p><p><strong>Scharfsinn </strong><emphasis>m </emphasis>1) проницательность; 2) остроумие</p><p><strong>Schatzkammer </strong><emphasis>f </emphasis>сокровищница</p><p><strong>Schauder </strong><emphasis>m </emphasis>1) ужас; отвращение; страх; 2) дрожь; озноб; содрогание</p><p><strong>schaudern </strong>1) дрожать; 2) ужасаться, содрогаться (от ужаса)</p><p><strong>schauerlich </strong>ужасный</p><p><strong>Schaum </strong><emphasis>m </emphasis>1) пена; 2) накипь</p><p><strong>scheuchen </strong>прогонять, спугивать Scheune f сарай, амбар</p><p><strong>Schilf </strong><emphasis>n </emphasis>камыш, камыши</p><p><strong>schimpfen </strong>1. 1) (<strong>auf </strong>/ <strong>&#xFC;ber Akk</strong>) ругать, бранить (кого / что-л.); 2) ругаться, браниться (<strong>mit j</strong>-<strong>m </strong>с кем-л.); 2. 1) ругать, бранить (кого / что-л.); 2) обозвать, обругать (кого-л. кем-л.)</p><p><strong>Schlachtfeld </strong><emphasis>n </emphasis>поле сражения [битвы]</p><p><strong>schlaftrunken </strong>сонный, заспанный</p><p><strong>schleichen </strong>1. (<strong>s</strong>) красться, подкрадываться; 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich schleichen </strong>– прокрасться</p><p><strong>sich in j</strong>-<strong>s Vertrauen schleichen </strong>– вкрасться к кому-л в доверие</p><p><strong>Schleier </strong><emphasis>m </emphasis>1) вуаль; фата; чадра; паранджа; 2) покров, завеса</p><p><strong>schleppen </strong>1. 1) (с трудом) тащить, тянуть; волочить; 2) тащить (на буксире), буксировать; 2. волочиться (по земле); 3. употр. в сочетаниях: <strong>sich schleppen </strong>– тащиться, плестись</p><p><strong>Schleuder </strong><emphasis>f </emphasis>1) рогатка; 2) центрифуга; сепаратор; центробежная сушилка (для белья); 3) катапульта; праща</p><p><strong>Schlinge </strong><emphasis>f </emphasis>1) петля; 2) силок; 3) ловушка, западня</p><p><strong>Schlund </strong><emphasis>m </emphasis>1) глотка; 2) пасть</p><p><strong>schl&#xFC;pfen </strong>(<strong>s</strong>) 1) (<strong>in Akk</strong>) проскользнуть, (про)шмыгнуть (куда-л.); (<strong>aus Dat</strong>) выскользнуть (из чего-л.); 2) вылупиться (о цыпленке); 3) (<strong>in</strong>) быстро надеть, натянуть на себя (что-л.); (<strong>aus Dat</strong>) быстро снять, сбросить с (себя что-л.)</p><p><strong>schl&#xFC;rfen </strong>1. 1) (шумно) хлебать; 2) потягивать (вино); попивать (кофе и т. п.); 2. чавкать</p><p><strong>schm&#xE4;chtig </strong>щуплый, худощавый, тщедушный</p><p><strong>schm&#xE4;lern </strong>1) умалять, принижать (значение чего-л., чьил. заслуги); 2) ущемлять (чьи-л. права, интересы)</p><p><strong>schmatzen </strong>чавкать, чмокать</p><p><strong>schmiegen </strong>(<strong>sich</strong>) 1) (<strong>an Dat</strong>) прижиматься, льнуть (к кому / чему-л.); 2) (<strong>an Dat </strong>/ <strong>um Akk</strong>) облегать (что-л.), прилегать (к чему-л.)</p><p><strong>schnarchen </strong>храпеть</p><p><strong>schnauben </strong>сопеть, фыркать</p><p><strong>Schnecke </strong><emphasis>f </emphasis>улитка</p><p><strong>sch&#xF6;pfen </strong>1) черпать, зачерпнуть; вычерпывать (жидкость); 2) черпать, почерпнуть (знания, сведения)</p><p><strong>Schornstein </strong><emphasis>m </emphasis>(дымовая) труба</p><p><strong>schottisch </strong>шотландский</p><p><strong>schroff </strong>1. 1) крутой, обрывистый; 2) резкий, крутой, жесткий; 2. резко; наотрез</p><p><strong>Schurke </strong><emphasis>m </emphasis>негодяй; мошенник, плут</p><p><strong>Sch&#xFC;tze </strong><emphasis>m </emphasis>стрелок</p><p><strong>Schutzpatron </strong><emphasis>m </emphasis>покровитель</p><p><strong>Schwalbe </strong><emphasis>f </emphasis>ласточка</p><p><strong>Schwanz </strong><emphasis>m </emphasis>хвост</p><p><strong>schwatzen </strong>1. болтать (с кем-л.), разговаривать (на уроке); 2. болтать (разное) (о чем-л); <strong>dummes Zeug schwatzen </strong>– болтать вздор</p><p><strong>schweben </strong>1) висеть в воздухе; 2) (s) парить, плыть (в воздухе)</p><p><strong>schwellen </strong>I. (<strong>s</strong>) 1) отекать, пухнуть, вздуваться; 2) набухать (о почках); 3) прибывать (о воде); II. надувать (паруса – о ветре)</p><p><strong>Schwermut </strong><emphasis>m </emphasis>уныние, тоска</p><p><strong>Schwert </strong><emphasis>m </emphasis>меч</p><p><strong>schwindelnd </strong>головокружительный</p><p><strong>Schwitzkammer </strong><emphasis>f </emphasis>1) камера потения (парафина); 2) швицкамера, камера для швицевания</p><p><strong>schw&#xFC;l </strong>душный; знойный</p><p><strong>Schwung </strong><emphasis>m </emphasis>подъем, воодушевление, порыв; поворот</p><p><strong>Seepferd </strong><emphasis>n </emphasis>морской конек</p><p><strong>Segel </strong><emphasis>m </emphasis>парус</p><p><strong>Segen </strong><emphasis>n </emphasis>1) благословение; 2) благо, счастье</p><p><strong>sehnen </strong>(<strong>sich</strong>) (<strong>nach Dat</strong>) тосковать, скучать (по кому / чему-л.), (страстно) желать (чего-л.) (страстно) стремиться (к чему-л.)</p><p><strong>sehnlich </strong>1. заветный, сокровенный, страстный; 2. с нетерпением, страстно; всей душой; <strong>sehnlichst </strong>– с огромным нетерпением</p><p><strong>Seilt&#xE4;nzer </strong><emphasis>m </emphasis>эквилибрист-канатоходец</p><p><strong>Selbstmord </strong><emphasis>m </emphasis>самоубийство</p><p><strong>Senkblei </strong><emphasis>f </emphasis>1) отвес; 2) лот</p><p><strong>senkrecht </strong>1) вертикальный, отвесный; 2) перпендикулярный</p><p><strong>siech </strong>хилый, болезненный</p><p><strong>Sintflut </strong><emphasis>f </emphasis>всемирный потоп</p><p><strong>Sitte </strong><emphasis>f </emphasis>1) обычай, нравы; <strong>Sitten und Gebr&#xE4;uche </strong>– обычаи и нравы; <strong>das ist bei und so Sitte </strong>– у нас так принято; 2) манеры, поведение; <strong>gute Sitten </strong>– хороший тон; хорошие манеры</p><p><strong>Sklave </strong><emphasis>m </emphasis>раб</p><p><strong>Soziet&#xE4;t </strong><emphasis>f </emphasis>1) сообщество, объединение людей; 2) кооператив, (торговое) общество, товарищество</p><p><strong>spannen </strong>1. 1) натягивать; 2) напрягать; 3) запрягать; 2. натягиваться</p><p><strong>Spargel </strong>m спаржа</p><p><strong>spazieren </strong>(<strong>s</strong>) гулять, прогуливаться</p><p><strong>speisen </strong>1. питать, снабжать; 2. питаться (где-л.)</p><p><strong>Sperling </strong><emphasis>m </emphasis>воробей</p><p><strong>Spie&#xDF; </strong>m 1) вертел, шампур; 2) пика, копье</p><p><strong>er schrie wie am Spie&#xDF; </strong>– он кричал, как будто его резали</p><p><strong>Spindel </strong><emphasis>f </emphasis>веретено</p><p><strong>spinnen </strong>1) прясть (пряжу); 2) плести (паутину)</p><p><strong>Sporn </strong>m шпора</p><p><strong>sprengen </strong>I. 1) взрывать; подрывать; 2) взламывать; II. поливать; спрыскивать; III. (s) скакать (на лошади)</p><p><strong>Spreu </strong>f 1) мякина; полова; 2) костра</p><p><strong>Springer </strong><emphasis>m </emphasis>1) прыгун; 2) конь (шахматы)</p><p><strong>Spr&#xF6;&#xDF;ling </strong><emphasis>m </emphasis>отпрыск</p><p><strong>Spur </strong><emphasis>f </emphasis>1) след, следы (признаки); 2) колея; лыжня; 3) ряд, полоса (движения); 4) дорожка (магнитной ленты); 5) <strong>eine Spur </strong>– немножко, чуточку; <strong>keine Spur</strong>,</p><p><strong>nicht die Spur </strong>– (разг.) вовсе не(т), ничуть не(т), нисколько, ни чуточки, ни тени</p><p><strong>Staffelei </strong><emphasis>f </emphasis>мольберт</p><p><strong>Stall </strong>m 1) стойло; 2) хлев; коровник; свинарник; конюшня; овчарня; птичник; курятник</p><p><strong>Stammvater </strong><emphasis>m </emphasis>родоначальник</p><p><strong>Steg </strong><emphasis>m </emphasis>1) мостик; 2) причал; 3) сходни</p><p><strong>steil </strong>крутой, отвесный, обрывистый</p><p><strong>Stein </strong><emphasis>m </emphasis>1) камень; 2) косточка (в плодах); 3) фигура (шахматная); шашка (игральная); 4) камни</p><p><strong>Stellvertreter </strong><emphasis>m </emphasis>заместитель</p><p><strong>Stiefbruder </strong><emphasis>m </emphasis>сводный брат</p><p><strong>Stillstand </strong><emphasis>m </emphasis>1) состояние покоя;</p><p><strong>zum Stillstand kommen</strong>– остановиться; <strong>etw</strong>. <strong>zum Stillstand bringen </strong>– остановить что-л.; 2) застой, бездействие; 3) простой</p><p><strong>Strauch </strong><emphasis>m </emphasis>куст, кустарник</p><p><strong>Streich </strong><emphasis>m </emphasis>шутка, выходка, проделка</p><p><strong>Strick </strong><emphasis>m </emphasis>веревка, бечевка; канат</p><p><strong>Stube </strong><emphasis>f </emphasis>комната</p><p><strong>Stummel </strong><emphasis>m </emphasis>окурок; огарок (свечи); огрызок (карандаша)</p><p><strong>St&#xFC;mper </strong><emphasis>m </emphasis>халтурщик</p><p><strong>st&#xFC;rzen </strong>1. 1) сталкивать; опрокидывать; 2) свергать; 2. (s) 1) броситься, ринуться; 2) падать, упасть; 3. употр. в сочетаниях: <strong>sich st&#xFC;rzen </strong>– броситься, ринуться; <strong>auf </strong>– наброситься (на кого / что-л.)</p><p><strong>Stute </strong><emphasis>f </emphasis>кобыла</p><p><strong>S&#xFC;nde </strong><emphasis>f </emphasis>грех</p><p><strong>Tadel </strong><emphasis>m </emphasis>порицание; выговор; упрек</p><p><strong>tadelnswert </strong>достойный порицания</p></section><section><title><p>T</p></title><p><strong>Tagewerk </strong><emphasis>n </emphasis>1) работа за день; 2) рабочий день</p><p><strong>Tapferkeit </strong><emphasis>f </emphasis>храбрость, отвага, мужество</p><p><strong>Tau </strong><emphasis>m </emphasis>I. роса; II. канат, трос</p><p><strong>taumeln </strong>1) шататься; еле держаться на ногах (от усталости, слабости); 2) (s) шатаясь, идти (куда-л.)</p><p><strong>T&#xE4;uschung </strong><emphasis>f </emphasis>1) обман; 2) заблуждение, ошибка; иллюзия</p><p><strong>Tauwerk </strong><emphasis>n </emphasis>1) такелаж, оснастка; 2) снасти; тросы; 3) снасть; трос</p><p><strong>Testament </strong>n 1) завещание; 2) завет</p><p><strong>Torheit </strong><emphasis>f </emphasis>сумасбродство, глупость</p><p><strong>t&#xF6;richt </strong>безумный, безрассудный</p><p><strong>totlachen </strong>(<strong>s</strong>) помирать со смеху, смеяться до упаду</p><p><strong>Tracht </strong><emphasis>f </emphasis>(национальный) костюм</p><p><strong>trampeln </strong>топать [стучать] ногами</p><p><strong>treuherzig </strong>простодушный, доверчивый</p><p><strong>Trichter </strong><emphasis>m </emphasis>1) воронка; 2) рупор; 3) кратер (вулкана)</p><p><strong>Trieb </strong><emphasis>m </emphasis>1) инстинкт; 2) побег</p><p><strong>triftig </strong>обоснованный; убедительный</p><p><strong>Triller </strong><emphasis>m </emphasis>трель</p><p><strong>tr&#xFC;bselig </strong>печальный, унылый</p><p><strong>Tr&#xFC;mmer </strong><emphasis>m </emphasis>1) развалины; 2) обломки</p><p><strong>t&#xFC;chtig </strong>1) прилежный, усердный; дельный, толковый; 2) порядочный, изрядный</p><p><strong>t&#xFC;ckisch </strong>коварный</p><p><strong>Tunke </strong><emphasis>f </emphasis>соус, подливка</p><p><strong>T&#xFC;rpfosten </strong><emphasis>m </emphasis>дверной косяк</p></section><section><title><p>U</p></title><p><strong>&#xFC;belnehmen </strong>(<strong>j</strong>-<strong>m</strong>) обижаться (за что-л. на кого-л.)</p><p><strong>&#xDC;berdru&#xDF; </strong><emphasis>m </emphasis>пресыщение</p><p><strong>&#xFC;bereilt </strong>опрометчивый, необдуманный</p><p><strong>&#xDC;berfall </strong><emphasis>m </emphasis>нападение, налет</p><p><strong>&#xFC;berirdisch </strong>неземной, небесный</p><p><strong>&#xDC;berlegung </strong><emphasis>f </emphasis>1) размышление; 2) соображения</p><p><strong>&#xFC;berreden </strong>уговаривать, убеждать</p><p><strong>&#xDC;berschwemmung </strong><emphasis>f </emphasis>наводнение</p><p><strong>&#xFC;bersteigen </strong>1) перелезать (через что-л.); 2) превышать, превосходить (расходы, ожидания, возможности, силы)</p><p><strong>umst&#xE4;ndlich </strong>обстоятельно</p><p><strong>unab&#xE4;nderlich </strong>1) неизменный; 2) неотвратимый</p><p><strong>unaufh&#xF6;rlich </strong>беспрерывный, беспрестанный; нескончаемый</p><p><strong>unb&#xE4;ndig </strong>неукротимый, необузданный</p><p><strong>unentschlossen </strong>нерешительный</p><p><strong>ungehalten </strong>рассерженный, раздраженный</p><p><strong>Ungeheuer </strong><emphasis>n </emphasis>чудовище</p><p><strong>ungelegen </strong>1. неудобный, неподходящий (о времени); 2. не вовремя, некстати</p><p><strong>ungeschminkt </strong>1) без косметики, без макияжа; без грима; 2) неприкрашенный</p><p><strong>ungest&#xFC;m </strong>1) стремительный; 2) бурный, неистовый; пылкий</p><p><strong>unschl&#xFC;ssig </strong>нерешительный</p><p><strong>unstreitig </strong>бесспорный, неоспоримый</p><p><strong>Unterhalt </strong><emphasis>m </emphasis>материальная помощь, пособие; средства к жизни</p><p><strong>Unterhaltung </strong><emphasis>f </emphasis>1) разговор, беседа; 2) развлечение</p><p><strong>unterirdisch </strong>подземный</p><p><strong>Untertan </strong><emphasis>m </emphasis>подчиненный</p><p><strong>unverdaut </strong>непереваренный</p><p><strong>unvermutet </strong>неожиданный, непредвиденный, внезапный</p><p><strong>unversch&#xE4;mt </strong>наглый, беспардонный, бесстыдный</p><p><strong>unverz&#xFC;glich </strong>немедленный, безотлагательный</p><p><strong>unvorsichtig </strong>неосторожный, опрометчивый</p><p><strong>unwiderruflich </strong>категорический; не подлежащий отмене (о приказе и т. п.)</p><p><strong>Urgro&#xDF;vater </strong><emphasis>m </emphasis>прадед, прадедушка</p><p><strong>Urheber </strong><emphasis>m </emphasis>1) инициатор; 2) автор</p></section><section><title><p>V</p></title><p><strong>Verachtung </strong><emphasis>f </emphasis>презрение</p><p><strong>Veranlassung </strong><emphasis>f </emphasis>1) повод; 2) побуждение, инициатива; <strong>auf j</strong>-<strong>s Veranlassung </strong>– по чьему-л. распоряжению, по чьей-л. инициативе</p><p><strong>verborgen </strong>I. давать взаймы; II. 1) укромный; 2) скрытый; сокровенный</p><p><strong>Verdeck </strong><emphasis>m </emphasis>1) тент; складной верх (автомобиля); 2) палуба, палубное перекрытие; 3) тент; легкая кабина (трактора); 4) фонарь кабины, обтекатель</p><p><strong>verderben </strong>1. портить; 2. (s) портиться (<strong>es mit j</strong>-<strong>m verderben</strong>) – испортить с кем-л. отношения</p><p><strong>verdrie&#xDF;en </strong>раздражать (кого-л.)</p><p><strong>Verdru&#xDF; </strong><emphasis>m </emphasis>досада, огорчение, неприятность</p><p><strong>verf&#xFC;gen </strong>(<strong>&#xFC;ber Akk</strong>) 1) располагать, обладать (чем-л.), иметь (что-л.); 2) распоряжаться (чем-л.)</p><p><strong>Verf&#xFC;hrer </strong><emphasis>m </emphasis>соблазнитель, совратитель</p><p><strong>verg&#xE4;nglich </strong>преходящий</p><p><strong>vergebens </strong>напрасно, тщетно</p><p><strong>vergelten </strong>(<strong>j</strong>-<strong>m</strong>) отплатить (за что-л. кому-л.)</p><p><strong>Vergissmeinnicht </strong><emphasis>n </emphasis>незабудка</p><p><strong>verhaften </strong>арестовать, взять под стражу</p><p><strong>verhasst </strong>ненавистный</p><p><strong>verheeren </strong>опустошать</p><p><strong>verhei&#xDF;ungsvoll </strong>многообещающий</p><p><strong>verirren </strong>(<strong>sich</strong>) заблудиться</p><p><strong>Verleumdung </strong>f клевета; диффамация; дискредитирование</p><p><strong>verlieben </strong>(<strong>sich</strong>) (<strong>in j</strong>-<strong>n</strong>) влюбиться (в кого-л.)</p><p><strong>vermehren </strong>1. увеличивать, расширять; (при)умножать; 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich vermehren </strong>– размножаться</p><p><strong>vermuten </strong>1) предполагать; 2) догадываться (о чем-л.), подозревать (что-л.)</p><p><strong>vern&#xFC;nftig </strong>1) разумный (о плане, предложении); благоразумный (о поведении); 2) рассудительный; 3) приличный</p><p><strong>verschlingen </strong>I. 1) проглатывать; 2) поглощать, съедать (большие средства); II. 1. сплетать; 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich verschlingen </strong>– сплетаться, переплетаться</p><p><strong>versch&#xFC;tten </strong>засыпать (чем-л.)</p><p><strong>Versehen </strong><emphasis>n </emphasis>ошибка, недосмотр</p><p><strong>versetzen </strong>1. 1) переставлять, перемешать, переносить; пересаживать (деревья); 2) <strong>in Akk </strong>переводить (служащего, ученика куда-л.); 3) <strong>in Akk </strong>приводить, повергать (кого-л. в какое-л. состояние)</p><p><strong>Verstellung </strong><emphasis>f </emphasis>перестановка</p><p><strong>verstohlen </strong>украдкой, тайком</p><p><strong>Verteidigung </strong><emphasis>f </emphasis>защита, оборона</p><p><strong>vertragen </strong>переносить, выносить, терпеть</p><p><strong>verwahren </strong>хранить</p><p><strong>verwehren </strong>(<strong>j</strong>-<strong>m</strong>) запрещать (что-л. кому-л.)</p><p><strong>verweilen </strong>пребывать, пробыть (где-л. какое-л. время)</p><p><strong>verwelken </strong>(<strong>s</strong>) увядать</p><p><strong>Verwesung </strong><emphasis>f </emphasis>разложение, гниение</p><p><strong>verwickeln </strong>1) спутывать, запутывать (пряжу и т. п.); 2)<strong>in Akk </strong>впутывать, замешивать (кого-л. во что-л.)</p><p><strong>verwirrt </strong>1) сбитый с толку; 2) смущенный, растерянный</p><p><strong>Verwirrung </strong><emphasis>f </emphasis>1) путаница; 2) смущение; замешательство, растерянность</p><p><strong>Verw&#xFC;stung </strong><emphasis>f </emphasis>опустошение, разорение</p><p><strong>verzehren </strong>съедать, поглощать</p><p><strong>Verzicht </strong><emphasis>m </emphasis>(<strong>auf Akk </strong>– от чего-л.)</p><p><strong>verzieren </strong>(<strong>mit Dat</strong>) украшать, отделывать (что-л. чем-л.)</p><p><strong>Verzweiflung </strong><emphasis>f </emphasis>отчаяние</p><p><strong>Vollmond </strong><emphasis>m </emphasis>полнолуние</p><p><strong>voraussetzen </strong>предполагать</p><p><strong>Vorhaben </strong><emphasis>n </emphasis>1) намерение; 2) проекты, планы</p><p><strong>vorlassen </strong>1) пропустить вперед; 2) пропустить вне очереди</p><p><strong>vornehm </strong>1) знатный, аристократический; 2) благородный, возвышенный</p><p><strong>vornehmen </strong>употр. в сочетаниях: <strong>sich vornehmen zu </strong>+ Inf— решить, собраться, наметить (сделать что-л.)</p><p><strong>Vorrat </strong><emphasis>m </emphasis>запас(ы)</p><p><strong>Vorstellung </strong><emphasis>f </emphasis>1) представление, понятие (<strong>von Dat </strong>о ком / чем-л); 2) спектакль (театральный); представление (цирковое); сеанс (в кино)</p><p><strong>vortrefflich </strong>отличный, превосходный</p><p><strong>vorz&#xFC;glich </strong>превосходный, великолепный</p></section><section><title><p>W</p></title><p><strong>Wache </strong><emphasis>f </emphasis>1) охрана; караул; вахта; 2) караульный, часовой; вахтенный; постовой</p><p><strong>wackeln </strong>шататься, качаться</p><p><strong>wagen </strong>1. 1) осмелиться, решиться, рискнуть (сделать что-л.); 2) рисковать (чем-л.); 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich wagen </strong>– сметь (сделать что-л.), отваживаться (на что-л.)</p><p><strong>Wahnsinn </strong><emphasis>m </emphasis>безумие, безумство</p><p><strong>Waldrevier </strong>n лесоучасток</p><p><strong>Wanderung </strong><emphasis>f </emphasis>1) (туристский) поход, турпоход; пешеходная экскурсия; прогулка; 2) миграция (животных)</p><p><strong>wehm&#xFC;tig </strong>тоскливый, унылый</p><p><strong>wehren </strong>(<strong>sich</strong>) (<strong>gegen Akk</strong>) 1) обороняться, защищаться (от кого / чего-л.); 2) противиться, сопротивляться (чему-л.)</p><p><strong>wehrlos </strong>беззащитный</p><p><strong>Weib </strong><emphasis>n </emphasis>женщина; баба</p><p><strong>Weide </strong><emphasis>f </emphasis>I. пастбище, выгон; II. ива; верба</p><p><strong>Weigerung </strong><emphasis>f </emphasis>отказ; уклонение; неповиновение</p><p><strong>weissagen </strong>предсказывать</p><p><strong>weitl&#xE4;ufig </strong>1) пространный; 2) дальний (о родстве)</p><p><strong>Wette </strong><emphasis>f </emphasis>пари</p><p><strong>Wetterhahn </strong><emphasis>m </emphasis>флюгер</p><p><strong>Widerlegung </strong><emphasis>f </emphasis>опровержение</p><p><strong>Widerspruch </strong><emphasis>m </emphasis>1) противоречие; 2) возражение</p><p><strong>Wiedervergeltung </strong><emphasis>f </emphasis>возмездие</p><p><strong>wiehern </strong>ржать</p><p><strong>Wilddieb </strong><emphasis>m </emphasis>браконьер</p><p><strong>Willk&#xFC;r </strong><emphasis>f </emphasis>произвол</p><p><strong>Wink </strong><emphasis>m </emphasis>1) знак (глазами, рукой); кивок; 2) намек; 3) (полезный) совет</p><p><strong>Wipfel </strong><emphasis>m </emphasis>вершина, верхушка (дерева)</p><p><strong>Wirt </strong><emphasis>m </emphasis>1) хозяин небольшого ресторана; 2) хозяин (частного) дома</p><p><strong>wittern </strong>1) чуять; 2) предчувствовать</p><p><strong>Wohl </strong><emphasis>n </emphasis>благо, благополучие</p><p><strong>wohlerworben </strong>благоприобретенный</p><p><strong>Wohlklang </strong><emphasis>m </emphasis>благозвучие</p><p><strong>Wohltat </strong><emphasis>f </emphasis>1) благодеяние; 2) благотворное действие</p><p><strong>Wollust </strong><emphasis>f </emphasis>вожделение</p><p><strong>Wonne </strong><emphasis>f </emphasis>блаженство, наслаждение</p><p><strong>w&#xFC;&#xDF;t </strong>1) пустынный; необитаемый; 2) беспорядочный; запушенный; 3) распутный, беспутный</p><p><strong>Wut </strong><emphasis>f </emphasis>ярость, бешенство</p></section><section><title><p>Z</p></title><p><strong>zanken </strong>1. 1) браниться, ругаться; 2) (<strong>mit j</strong>-<strong>m</strong>) бранить, ругать (кого-л.); 2. употр. в сочетаниях: <strong>sich zanken</strong>– ссориться, ругаться</p><p><strong>Zaum </strong>m узда, уздечка</p><p><strong>zausen </strong>трепать; ерошить (волосы)</p><p><strong>Zeiger </strong><emphasis>m </emphasis>стрелка (часов)</p><p><strong>Zeitvertreib </strong><emphasis>m </emphasis>времяпрепровождение</p><p><strong>zerknirscht </strong>подавленный, сокрушенный</p><p><strong>zermalmen </strong>раздроблять; крошить; размалывать</p><p><strong>zerr&#xFC;tten </strong>расстраивать, расшатывать</p><p><strong>zerstreuen (sich) </strong>рассеяться, развлечься, отвлечься</p><p><strong>zerstreut </strong>рассеянный, невнимательный</p><p><strong>zeugen </strong>1) (<strong>von Dat</strong>) свидетельствовать (о чем-л.); 2) давать показания</p><p><strong>Zirkel </strong><emphasis>m </emphasis>1) циркуль; 2) кружок (в школе и т. п.)</p><p><strong>zittern </strong>дрожать; трястись</p><p><strong>zubringen </strong>проводить (время где-л.)</p><p><strong>Zuchthaus </strong><emphasis>n </emphasis>тюрьма строгого режима</p><p><strong>Z&#xFC;gel </strong><emphasis>m </emphasis>повод, узда, вожжи</p><p><strong>Zumutung </strong><emphasis>f </emphasis>несправедливое требование, чрезмерное требование</p><p><strong>z&#xFC;nden </strong>1) загораться, воспламеняться; 2) заводиться (о моторе)</p><p><strong>der Motor z&#xFC;ndet nicht </strong>– зажигание не работает</p><p><strong>Z&#xFC;nder </strong><emphasis>m </emphasis>взрыватель</p><p><strong>zurechtmachen </strong>1. приготовить (завтрак, ванну и т. п.), постелить (постель); 2. употр. в сочетаниях:</p><p><strong>sich zurechtmachen </strong>– приводить себя в порядок (одеваться, причесываться, подкрашиваться)</p><p><strong>zurichten </strong>производить отделку</p><p><strong>Zuversicht </strong><emphasis>f </emphasis>уверенность, глубокое убеждение</p><p><strong>zuvorkommen </strong>(<strong>s</strong>) 1) опережать (кого-л.); 2) предупреждать (возникновение чего-л.); (чье-л. желание)</p><p><strong>Zweig </strong><emphasis>m </emphasis>ветвь, ветка</p><p><strong>Zweikampf </strong><emphasis>m </emphasis>1) поединок; дуэль; единоборство; 2) двоеборье zwingen понуждать, заставлять</p></section></section></body><body name="notes"><title><p>Примечания</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p>Kur- und Livland – historische Landschaft in Estland und Lettland</p></section><section id="n_2"><title><p>2</p></title><p>Affaire d’honneur &lt;franz.&gt; – дело чести</p></section><section id="n_3"><title><p>3</p></title><p>Postillion <emphasis>m </emphasis>[franz. postillon &lt;ital. postiglione, zu: <emphasis>posta</emphasis>] (fr&#xFC;her) – Kutscher einer Postkutsche</p></section><section id="n_4"><title><p>4</p></title><p>Schenke <emphasis>f </emphasis>= Gastst&#xE4;tte, bes. [kleinere] Schankwirtschaft <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_5"><title><p>5</p></title><p>jmdm. zumute sein = jmdn. in einer bestimmten inneren Verfassung sein lassen; jmdn. als eine bestimmte Gem&#xFC;tsstimmung ergreifen</p></section><section id="n_6"><title><p>6</p></title><p>Anger <emphasis>m </emphasis>(landsch.) – kleinere Grasfl&#xE4;che, Grasplatz [in einem Dorf]</p></section><section id="n_7"><title><p>7</p></title><p>Schambl&#xF6;&#xDF;e <emphasis>f </emphasis>– постыдная нагота</p></section><section id="n_8"><title><p>8</p></title><p>dauern (geh.) – jmdm. leid tun, bei jmdm. Mitleid erregen</p></section><section id="n_9"><title><p>9</p></title><p>ausnehmend &lt;Adj.&gt; (geh.) = sehr gro&#xDF;, au&#xDF;ergew&#xF6;hnlich, au&#xDF;erordentlich</p></section><section id="n_10"><title><p>10</p></title><p>Halfter <emphasis>n </emphasis>= Pistolentasche <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_11"><title><p>11</p></title><p>Maxime <emphasis>f </emphasis>[franz. maxime &lt; lat. maxima (regula) = h&#xF6;chste (Regel)] (bildungsspr.) = Leitsatz <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_12"><title><p>12</p></title><p>wohlgemut &lt;Adj.&gt; (geh.) = fr&#xF6;hlich und voll Zuversicht</p></section><section id="n_13"><title><p>13</p></title><p>Ingermanland – Landschaft am Finnischen Meerbusen</p></section><section id="n_14"><title><p>14</p></title><p>schlechterdings &lt;Adv.&gt; [aus &#xE4;lterem: <emphasis>schlechter Dinge</emphasis>] (veraltend) = geradezu, &#xFC;berhaupt, einfach</p></section><section id="n_15"><title><p>15</p></title><p>agieren [lat. agere= (an)treiben] (bildungsspr.) = handeln, t&#xE4;tig sein, wirken</p></section><section id="n_16"><title><p>16</p></title><p>sich bek&#xFC;mmern um Akk – заботиться (о ком / чем-л.)</p></section><section id="n_17"><title><p>17</p></title><p>wohlbehalten – благополучно; живой (целый) и невредимый</p></section><section id="n_18"><title><p>18</p></title><p>Schmatz <emphasis>m </emphasis>(ugs.) = [lauter] Kuss</p></section><section id="n_19"><title><p>19</p></title><p>Wildbret <emphasis>n </emphasis>– Fleisch des geschossenen Wildes</p></section><section id="n_20"><title><p>20</p></title><p>Klunker <emphasis>f </emphasis>(landsch.) = Quaste, Troddel; Kl&#xFC;mpchen</p></section><section id="n_21"><title><p>21</p></title><p>Kapriole <emphasis>f </emphasis>&lt;ital.&gt; = n&#xE4;rrischer Einfall, Streich; Luftsprung</p></section><section id="n_22"><title><p>22</p></title><p>Sch&#xF6;ngeist <emphasis>m </emphasis>[Lehn&#xFC;bertragung von franz. <emphasis>bel esprit</emphasis>] (auch leicht abwertend) – jmd., der sich weniger mit allt&#xE4;glichen Dingen besch&#xE4;ftigt, sondern in Belletristik, Kunst o. &#xC4;. schwelgt, darin aufgeht und dabei einen vergeistigten, intellektualistischen Eindruck macht</p></section><section id="n_23"><title><p>23</p></title><p>Haarkr&#xE4;usler <emphasis>m </emphasis>= Friseur <emphasis>m </emphasis>0</p></section><section id="n_24"><title><p>24</p></title><p>Bouteille <emphasis>f </emphasis>[franz. &lt; vlat. but(t)icula = F&#xE4;sschen] (veraltet) = Flasche <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_25"><title><p>25</p></title><p>pflegen + zu + Inf – (при одушевленном подлежащем) иметь обыкновение [привычку] (делать что-л.)</p></section><section id="n_26"><title><p>26</p></title><p>Arrak <emphasis>m </emphasis>[franz. arak &lt; arab. ‘araq, eigtl. = Schwei&#xDF;] – [ostindischer] Branntwein aus Reis od. Melasse</p></section><section id="n_27"><title><p>27</p></title><p>da capo [ital. &lt; lat. caput, also eigtl. = vom Kopf an] = wiederholen! noch einmal! (als Beifallsruf im Theater, Konzert o.&#xC4;., der zur Wiederholung des Vorgetragenen auffordert)</p></section><section id="n_28"><title><p>28</p></title><p>Arg <emphasis>n </emphasis>(geh. veraltet) = Falschheit, Boshaftigkeit, B&#xF6;ses &lt;meist verneint in festen Verbindungen ohne Art&gt;</p></section><section id="n_29"><title><p>29</p></title><p>geistige Getr&#xE4;nke = Alkoholgetr&#xE4;nke <emphasis>pl</emphasis></p></section><section id="n_30"><title><p>30</p></title><p>Kumpan <emphasis>m </emphasis>(ugs.) = Kamerad [bei bestimmten Unternehmungen]</p></section><section id="n_31"><title><p>31</p></title><p>wissen + zu + Inf – уметь (делать что-л.)</p></section><section id="n_32"><title><p>32</p></title><p>gereichen (geh.) = einbringen (nur in Verbindung mit <emphasis>zu </emphasis>und bestimmten Substantiven)</p></section><section id="n_33"><title><p>33</p></title><p>Schlafgemach <emphasis>n </emphasis>(geh.) = Schlafzimmer <emphasis>n</emphasis></p></section><section id="n_34"><title><p>34</p></title><p>flugs &lt;Adv.&gt; = schnell, sofort, sogleich</p></section><section id="n_35"><title><p>35</p></title><p>die Faust [die Hand zur Faust] ballen – сжимать (руку в) кулак</p></section><section id="n_36"><title><p>36</p></title><p>Weidmann <emphasis>m </emphasis>(J&#xE4;gerspr.) = [weidgerechter] J&#xE4;ger</p></section><section id="n_37"><title><p>37</p></title><p>willens sein, etw. zu tun (geh.) = bereit, entschlossen sein, etw. zu tun</p></section><section id="n_38"><title><p>38</p></title><p>j-m zustatten kommen – быть кстати, пригодиться кому-л.</p></section><section id="n_39"><title><p>39</p></title><p>in Verlegenheit geraten – попасть в затруднительное положение</p></section><section id="n_40"><title><p>40</p></title><p>Behausung <emphasis>f </emphasis>(geh.) = Wohnung, [schlechte, notd&#xFC;rftige] Unterkunft</p></section><section id="n_41"><title><p>41</p></title><p>Schrot <emphasis>m</emphasis>/<emphasis>n </emphasis>– kleine K&#xFC;gelchen aus Blei f&#xFC;r die Patronen bestimmter Feuerwaffen</p></section><section id="n_42"><title><p>42</p></title><p>es ist jammerschade, dass… – ужасно [до слез] жалко, что…</p></section><section id="n_43"><title><p>43</p></title><p>Reineke Fuchs – Name des Fuchses in der Tierfabel</p></section><section id="n_44"><title><p>44</p></title><p>Weidmesser <emphasis>n </emphasis>(J&#xE4;gerspr.) = Jagdmesser</p></section><section id="n_45"><title><p>45</p></title><p>karbatschen (selten) – mit einer Karbatsche (Riemenpeitsche) schlagen</p></section><section id="n_46"><title><p>46</p></title><p>Frischling <emphasis>m </emphasis>(J&#xE4;gerspr.) – junges, h&#xF6;chstens ein Jahr altes Wildschwein</p></section><section id="n_47"><title><p>47</p></title><p>Bache <emphasis>f </emphasis>– weibliches Wildschwein vom3. Lebensjahr an</p></section><section id="n_48"><title><p>48</p></title><p>f&#xFC;rbass &lt;Adv.&gt; (veraltet, noch scherzh.) = weiter, vorw&#xE4;rts</p></section><section id="n_49"><title><p>49</p></title><p>dergestalt &lt;Adv.&gt; (geh.) = derart, so, auf diese Weise</p></section><section id="n_50"><title><p>50</p></title><p>lebendig und wohlbehalten – живой и невредимый</p></section><section id="n_51"><title><p>51</p></title><p>vonstatten gehen = stattfinden</p></section><section id="n_52"><title><p>52</p></title><p>vorzeiten &lt;Adv.&gt; (dichter.) = vor langer Zeit; einstmals</p></section><section id="n_53"><title><p>53</p></title><p>zum Vorschein kommen – появиться, обнаружиться</p></section><section id="n_54"><title><p>54</p></title><p>Fu&#xDF; <emphasis>m </emphasis>– [veraltetes] L&#xE4;ngenma&#xDF; unterschiedlicher Gr&#xF6;&#xDF;e</p></section><section id="n_55"><title><p>55</p></title><p>Aut oder Naut = eigtl. <emphasis>ought or nought </emphasis>&lt;engl.&gt; – eine wenigstens in Niederdeutschland in dieser Aussprache sehr popul&#xE4;re Redensart</p></section><section id="n_56"><title><p>56</p></title><p>zum Exempel (veraltend) = zum Beispiel; Abk. z. E.</p></section><section id="n_57"><title><p>57</p></title><p>deucht, deuchte = d&#xFC;nken (geh. veraltend) – den Anschein haben, zu denken</p></section><section id="n_58"><title><p>58</p></title><p>a posteriori &lt;lat.&gt; (Philos. <emphasis>aus der Wahrnehmung gewonnen, aus Erfahrung</emphasis>; geh.) = nachtr&#xE4;glich</p></section><section id="n_59"><title><p>59</p></title><p>a priori &lt;lat.&gt; (Philos. <emphasis>von der Wahrnehmung unabh&#xE4;ngig, aus Vernunftgr&#xFC;nden</emphasis>) = von vornherein</p></section><section id="n_60"><title><p>60</p></title><p>um ein Haar – на волосок, чуть-чуть, едва</p></section><section id="n_61"><title><p>61</p></title><p>Petz <emphasis>m </emphasis>(scherzh.) = B&#xE4;r <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_62"><title><p>62</p></title><p>&#xE4;ugeln (veraltet) = [verstohlen] blicken</p></section><section id="n_63"><title><p>63</p></title><p>&#xDC;berrock <emphasis>m </emphasis>= Mantel <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_64"><title><p>64</p></title><p>ohngef&#xE4;hr &lt;Adv.&gt; = ungef&#xE4;hr</p></section><section id="n_65"><title><p>65</p></title><p>Weib <emphasis>n </emphasis>(veraltend) = Frau (als Geschlechtswesen im Unterschied zum Mann)</p></section><section id="n_66"><title><p>66</p></title><p>Klafter <emphasis>m </emphasis>(fr&#xFC;her) – L&#xE4;ngeneinheit von ungef&#xE4;hr der L&#xE4;nge, die ein Erwachsener mit ausgebreiteten Armen greifen kann</p></section><section id="n_67"><title><p>67</p></title><p>weiland &lt;Adv.&gt; (veraltet, noch altert&#xFC;melnd) = einst, fr&#xFC;her</p></section><section id="n_68"><title><p>68</p></title><p>mit Jungen tr&#xE4;chtig &lt;Adj.&gt; = (von S&#xE4;ugetieren) ein Junges, Junge tragend</p></section><section id="n_69"><title><p>69</p></title><p>auf einmal – сразу, одновременно</p></section><section id="n_70"><title><p>70</p></title><p>ebender, ebendie, ebendas &lt;Demonstrativpron.&gt; = genau der, die, das</p></section><section id="n_71"><title><p>71</p></title><p>Gebl&#xFC;t <emphasis>n </emphasis>(geh.) = [vornehme] Abstammung, Herkunft <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_72"><title><p>72</p></title><p>ergetzten = erg&#xF6;tzen</p></section><section id="n_73"><title><p>73</p></title><p>M&#xFC;nnich = Burkhard Christoph Graf von M&#xFC;nnich (russ. Миних) (1683–1767) – russischer Generallfeldmarschall und Politiker</p></section><section id="n_74"><title><p>74</p></title><p>Bucephal – Name des Pferdes von Alexander dem Gro&#xDF;en</p></section><section id="n_75"><title><p>75</p></title><p>gemeint wird Alexander der Gro&#xDF;e von Mazedonien</p></section><section id="n_76"><title><p>76</p></title><p>gemeint wird Peter der Gro&#xDF;e, Kaiser Russlands</p></section><section id="n_77"><title><p>77</p></title><p>Pruth <emphasis>m </emphasis>– Nebenfluss der Donau</p></section><section id="n_78"><title><p>78</p></title><p>Subalterne <emphasis>m</emphasis>/<emphasis>f </emphasis>= Abgeordnete <emphasis>m</emphasis>/<emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_79"><title><p>79</p></title><p>gemeiniglich (veraltend) = gew&#xF6;hnlich, im Allgemeinen</p></section><section id="n_80"><title><p>80</p></title><p>von Belang sein – иметь значение, быть существенным</p></section><section id="n_81"><title><p>81</p></title><p>sich einen Begriff von etw. machen – составить себе представление о чем-л.</p></section><section id="n_82"><title><p>82</p></title><p>Gef&#xE4;hrte <emphasis>m </emphasis>[eigtl. der mit einem zusammen f&#xE4;hrt, reist] (geh.) = jmd., der durch Freundschaft od. gleiche Lebensumst&#xE4;nde mit jmdm. verbunden ist; [begleitender] Freund, Kamerad</p></section><section id="n_83"><title><p>83</p></title><p>jmdm., einer Sache zugute kommen = n&#xFC;tzlich f&#xFC;r jmdn., etw. sein, sich positiv auswirken</p></section><section id="n_84"><title><p>84</p></title><p>p&#xEA;le m&#xEA;le [pel’mel] &lt;franz.&gt; &lt;Adv.&gt; (selten) = bunt gemischt; durcheinander</p></section><section id="n_85"><title><p>85</p></title><p>ma&#xEE;tre des plaisirs &lt;franz.&gt; (veraltet, noch scherzh.) – jmd., der bei einer Veranstaltung das Unterhaltungsprogramm leitet, der bei einem Fest f&#xFC;r die Unterhaltung der G&#xE4;ste sorgt</p></section><section id="n_86"><title><p>86</p></title><p>etw. / j-n ausfindig machen – отыскать, разыскать, подыскать что / кого-л.</p></section><section id="n_87"><title><p>87</p></title><p>Harem <emphasis>m </emphasis>&lt;arab.&gt; – von Frauen bewohnter Teil des islamischen Hauses</p></section><section id="n_88"><title><p>88</p></title><p>etw. in Betracht ziehen /nehmen – принимать что-л. во внимание</p></section><section id="n_89"><title><p>89</p></title><p>verm&#xF6;gen + zu + Inf (geh.) = die n&#xF6;tige Kraft aufbringen, die F&#xE4;higkeit haben, imstande sein, etw. zu tun</p></section><section id="n_90"><title><p>90</p></title><p>voltigieren – eine Volte ausf&#xFC;hren; Luft-, Kunstspr&#xFC;nge, Turn&#xFC;bungen auf dem [galoppierenden] Pferd ausf&#xFC;hren</p></section><section id="n_91"><title><p>91</p></title><p>vorhanden sein – иметься, быть в наличии</p></section><section id="n_92"><title><p>92</p></title><p>im Hui/in einem Hui (ugs.) = sehr schnell [und dadurch unsorgf&#xE4;ltig]</p></section><section id="n_93"><title><p>93</p></title><p>querfeldein &lt;Adv.&gt; = mitten, quer durch das Gel&#xE4;nde</p></section><section id="n_94"><title><p>94</p></title><p>untert&#xE4;nig &lt;Adj.&gt; (abwertend) – eine Haltung zeigend, die erkennen l&#xE4;sst, dass man den Willen eines H&#xF6;hergestellten,M&#xE4;chtigeren als verbindlich anerkennt, ihm nachzukommenwillens ist</p></section><section id="n_95"><title><p>95</p></title><p>(einen) Anlauf nehmen – разбежаться, взять разбег</p></section><section id="n_96"><title><p>96</p></title><p>&#xFC;bermannen – (von Gef&#xFC;hlen, k&#xF6;rperlichen Zust&#xE4;nden) mit solcher Intensit&#xE4;t auf jmdn. einwirken, dass er sich dagegen nicht wehren kann</p></section><section id="n_97"><title><p>97</p></title><p>daselbst (geh., veraltend) = dort</p></section><section id="n_98"><title><p>98</p></title><p>nebst &lt;Pr&#xE4;p. mit Dativ&gt; (veraltend) = [zusammen] mit; sowie,</p></section><section id="n_99"><title><p>99</p></title><p>Usamngtemach <emphasis>n </emphasis>(veraltend) = Unannehmlichkeit <emphasis>f</emphasis>, &#xC4;rger <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_100"><title><p>100</p></title><p>zuv&#xF6;rderst &lt;Adv.&gt; (veraltend) = in erster Linie, zuerst, vor allem</p></section><section id="n_101"><title><p>101</p></title><p>Unfug treiben/machen – безобразничать</p></section><section id="n_102"><title><p>102</p></title><p>bisweilen &lt;Adv.&gt; (geh.) = manchmal, hin und wieder, ab und zu</p></section><section id="n_103"><title><p>103</p></title><p>geraume Zeit = l&#xE4;ngere Zeit</p></section><section id="n_104"><title><p>104</p></title><p>Dune <emphasis>f </emphasis>(nordd.) = Daune</p></section><section id="n_105"><title><p>105</p></title><p>Ceylon – fr&#xFC;herer Name von Sri Lanka</p></section><section id="n_106"><title><p>106</p></title><p>vor Anker liegen – стоять на якоре</p></section><section id="n_107"><title><p>107</p></title><p>Kazike <emphasis>m </emphasis>&lt;indian.&gt; – H&#xE4;uptling bei den s&#xFC;d- und mittelamerikanischen Indianern; auch indianischer Ortsvorsteher</p></section><section id="n_108"><title><p>108</p></title><p>M&#xE4;tresse <emphasis>f </emphasis>&lt;franz.&gt; (fr&#xFC;her) = Geliebte [eines F&#xFC;rsten] <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_109"><title><p>109</p></title><p>Insulaner <emphasis>m </emphasis>&lt;lat.&gt; = Inselbewohner <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_110"><title><p>110</p></title><p>Dukaten <emphasis>m </emphasis>[ital. ducato &lt;lat. ducatus = Herzogtum] – (vom 13. bis 19. Jh.) in ganz Europa verbreitete Goldm&#xFC;nze</p></section><section id="n_111"><title><p>111</p></title><p>Portsmouth – Hafenstadt an der S&#xFC;dk&#xFC;ste Englands in der Grafschaft Hampshire</p></section><section id="n_112"><title><p>112</p></title><p>ohnweit = unweit, nicht weit</p></section><section id="n_113"><title><p>113</p></title><p>Marseille [mar’se: j] – Stadt in S&#xFC;dfrankreich</p></section><section id="n_114"><title><p>114</p></title><p>sich belustigen —1) веселиться, развлекаться;2) (&#xFC;ber Akk) насмехаться (над кем / чем-л.)</p></section><section id="n_115"><title><p>115</p></title><p>Mare di Marmora &lt;ital.&gt; – Мраморное море</p></section><section id="n_116"><title><p>116</p></title><p>Konstantinopel – fr&#xFC;herer Name Istanbuls</p></section><section id="n_117"><title><p>117</p></title><p>Sreemraglio [se’ra: lio] – Palast der t&#xFC;rkischen Herrscher; Harem</p></section><section id="n_118"><title><p>118</p></title><p>Knicker <emphasis>m </emphasis>(ugs.) = geiziger, kleinlicher Mensch</p></section><section id="n_119"><title><p>119</p></title><p>Cornwall – Grafschaft in S&#xFC;dwestengland</p></section><section id="n_120"><title><p>120</p></title><p>Exeter – Stadt in England</p></section><section id="n_121"><title><p>121</p></title><p>Mahomet = Mohammed – Stifter des Islams</p></section><section id="n_122"><title><p>122</p></title><p>J&#xFC;ngster Tag – день Страшного суда</p></section><section id="n_123"><title><p>123</p></title><p>bedienen + sich + Gen (geh.) = von jmdm., etw. Gebrauch machen; etw., jmdn. verwenden, benutzen</p></section><section id="n_124"><title><p>124</p></title><p>Kairo – Hauptstadt &#xC4;gyptens</p></section><section id="n_125"><title><p>125</p></title><p>so beschaffen – такой</p></section><section id="n_126"><title><p>126</p></title><p>Pomp <emphasis>m </emphasis>&lt;franz.&gt; = prachtvolle Ausstattung; [&#xFC;bertriebener] Prunk</p></section><section id="n_127"><title><p>127</p></title><p>Pr&#xE4;zeptor <emphasis>m </emphasis>(veraltet) = [Haus]lehrer <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_128"><title><p>128</p></title><p>Asahel &lt;bibl.&gt; – Neffe des K&#xF6;nigs David</p></section><section id="n_129"><title><p>129</p></title><p>Grasrain <emphasis>m </emphasis>(geh.) = Graswiese <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_130"><title><p>130</p></title><p>zum Zeitvertreib – от нечего делать</p></section><section id="n_131"><title><p>131</p></title><p>Stra&#xDF;burg – franz&#xF6;sische Stadt am Rhein im Elsa&#xDF;</p></section><section id="n_132"><title><p>132</p></title><p>Berg Libanon <emphasis>m </emphasis>– Gebirge im Vorderen Orient</p></section><section id="n_133"><title><p>133</p></title><p>Ambassadeur <emphasis>m </emphasis>&lt;franz.&gt; (veraltet) = Botschafter, Gesandter <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_134"><title><p>134</p></title><p>Musketier <emphasis>m </emphasis>(fr&#xFC;her) – [mit einer Muskete bewaffneter] Fu&#xDF;soldat</p></section><section id="n_135"><title><p>135</p></title><p>Unhold <emphasis>m </emphasis>– b&#xF6;ser Geist; W&#xFC;stling, Sittlichkeitsverbrecher</p></section><section id="n_136"><title><p>136</p></title><p>Ihro Exzellenz = Ihre Exzellenz – veraltete Anrede od. Erw&#xE4;hnung hochgestellter [adliger] Pers&#xF6;nlichkeiten</p></section><section id="n_137"><title><p>137</p></title><p>Windmacher <emphasis>m </emphasis>(ugs. abwertend) = Wichtigtuer, Prahler <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_138"><title><p>138</p></title><p>Nil <emphasis>m </emphasis>– Fluss in Afrika</p></section><section id="n_139"><title><p>139</p></title><p>Alexandria, Alexandrien – &#xE4;gyptische Stadt</p></section><section id="n_140"><title><p>140</p></title><p>Unstern <emphasis>m </emphasis>(geh.) = ung&#xFC;nstiges, b&#xF6;ses Geschick</p></section><section id="n_141"><title><p>141</p></title><p>terra firma &lt;lat.&gt; = festes Land</p></section><section id="n_142"><title><p>142</p></title><p>Bei <emphasis>m </emphasis>&lt;t&#xFC;rk.&gt; = Herr <emphasis>m </emphasis>(t&#xFC;rkischer Titel, oft hinter Namen, z. B. Ali-Bei)</p></section><section id="n_143"><title><p>143</p></title><p>Potentat <emphasis>m </emphasis>(bildungsspr. abwertend) = Machthaber; Herrscher <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_144"><title><p>144</p></title><p>Pr&#xE4;lat <emphasis>m </emphasis>&lt;lat.&gt; – geistlicher W&#xFC;rdentr&#xE4;ger</p></section><section id="n_145"><title><p>145</p></title><p>Generalsuperintendent <emphasis>m </emphasis>(ev. Kirche) – dem Bischof od. Pr&#xE4;laten rangm&#xE4;&#xDF;ig entsprechender leitender Geistlicher einer Landeskirche</p></section><section id="n_146"><title><p>146</p></title><p>Mufti <emphasis>m </emphasis>&lt;arab.&gt; – islamischer Rechtsgelehrter</p></section><section id="n_147"><title><p>147</p></title><p>Gratias <emphasis>n </emphasis>[nach dem Anfang des Gebetes, lat. <emphasis>gratias agamus Deo </emphasis>= lasst uns Gott danken] (kath. Kirche) – [kl&#xF6;sterliches] Dankgebet nach Tisch</p></section><section id="n_148"><title><p>148</p></title><p>verstehen + sich + auf Akk = mit etw. Bescheid wissen, etw. gut kennen und damit gut umzugehen wissen</p></section><section id="n_149"><title><p>149</p></title><p>Tokaier, Tokajer <emphasis>m </emphasis>[nach der ungarischen Stadt <emphasis>Tokaj</emphasis>] – s&#xFC;&#xDF;er, aus Ungarn stammender Dessertwein von hellbrauner Farbe</p></section><section id="n_150"><title><p>150</p></title><p>potz &lt;Interj.&gt; – in bestimmten F&#xFC;gungen, die sich auf das Leiden Jesu Christi beziehen</p></section><section id="n_151"><title><p>151</p></title><p>Kr&#xE4;tzer <emphasis>m </emphasis>(abwertend) = [im Hals kratzender] saurer Wein</p></section><section id="n_152"><title><p>152</p></title><p>ich verbitte mir das! – я этого не потерплю!</p></section><section id="n_153"><title><p>153</p></title><p>kein Pappenstiel sein (ugs.) = keine Kleinigkeit sein</p></section><section id="n_154"><title><p>154</p></title><p>topp &lt;Interj.&gt; [aus der niederd. Rechtsspr., Bez. des (Hand)schlags (bei Rechtsgesch&#xE4;ften)] (veraltend) – Ausruf der Bekr&#xE4;ftigung nach einer vorausgegangenen [mit einem Handschlag besiegelten] Abmachung o.&#xC4;. = einverstanden!</p></section><section id="n_155"><title><p>155</p></title><p>Maria Theresia (1717–80) – Gemahlin des Kaisers Franz I, Erzherzogin von &#xD6;sterreich, Prinzessin von Sachsen, K&#xF6;nigin von Ungarn und B&#xF6;hmen (1740–80)</p></section><section id="n_156"><title><p>156</p></title><p>Billett n (veraltet) = Zettel <emphasis>m</emphasis>, kurzes Briefchen</p></section><section id="n_157"><title><p>157</p></title><p>Universalerbe <emphasis>m </emphasis>= Erbe des gesamten Nachlasses; Allein-, Gesamterbe</p></section><section id="n_158"><title><p>158</p></title><p>vollends &lt;Adv.&gt; = (im Hinblick auf einen Rest, etw. noch Verbliebenes) v&#xF6;llig; ganz und gar</p></section><section id="n_159"><title><p>159</p></title><p>frische Luft sch&#xF6;pfen – (по)дышать свежим воздухом</p></section><section id="n_160"><title><p>160</p></title><p>Schlingel <emphasis>m </emphasis>(scherzh.) – &#xFC;berm&#xFC;tiger Junge; freches Kerlchen</p></section><section id="n_161"><title><p>161</p></title><p>aus Leibeskr&#xE4;ften – изо всех сил, во все горло (кричать); со всех ног, что есть духу (бежать)</p></section><section id="n_162"><title><p>162</p></title><p>auf den Zehen – на цыпочках</p></section><section id="n_163"><title><p>163</p></title><p>Belgrad – heutige Hauptstadt Serbiens</p></section><section id="n_164"><title><p>164</p></title><p>Gaudium <emphasis>n </emphasis>&lt;lat.&gt; (bildungsspr. veraltend) = Spa&#xDF; <emphasis>m</emphasis>, Belustigung <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_165"><title><p>165</p></title><p>verabfolgen (Papierdt. veraltend) = verabreichen, geben</p></section><section id="n_166"><title><p>166</p></title><p>widrig = zuwider; unangenehm</p></section><section id="n_167"><title><p>167</p></title><p>&#xFC;ber Hals und Kopf – сломя голову, стремглав</p></section><section id="n_168"><title><p>168</p></title><p>insinuieren (veraltet) = zutragen, einfl&#xFC;stern, auf feine Art beibringen</p></section><section id="n_169"><title><p>169</p></title><p>Weimar – Stadt in deutschem Bundesland Th&#xFC;ringen</p></section><section id="n_170"><title><p>170</p></title><p>honett &lt;franz.&gt; (veraltend) = ehrenhaft; anst&#xE4;ndig</p></section><section id="n_171"><title><p>171</p></title><p>Simois (fr&#xFC;her) – Fluss bei Troja, floss in den Hellespont</p></section><section id="n_172"><title><p>172</p></title><p>Kanonier <emphasis>m </emphasis>&lt;sumer.-franz.&gt; – Soldat, der ein Gesch&#xFC;tz bedient</p></section><section id="n_173"><title><p>173</p></title><p>G&#xF6;nner <emphasis>m </emphasis>– einflussreiche, verm&#xF6;gende Pers&#xF6;nlichkeit, die jmdn. in seinen Bestrebungen [finanziell] f&#xF6;rdert</p></section><section id="n_174"><title><p>174</p></title><p>Venedig, Venezia – Stadt in Italien</p></section><section id="n_175"><title><p>175</p></title><p>im Begriff sein + zu + Inf – собираться, намереваться (делать что-л.)</p></section><section id="n_176"><title><p>176</p></title><p>schlechtweg = geradezu, einfach</p></section><section id="n_177"><title><p>177</p></title><p>Bern – Hauptstadt der Schweiz und des gleichnamigen Kan-</p></section><section id="n_178"><title><p>178</p></title><p>Gtoansssenkehrer <emphasis>m </emphasis>(landsch.) = Stra&#xDF;enkehrer</p></section><section id="n_179"><title><p>179</p></title><p>Savoyen – historische Provinz in Ostfrankreich</p></section><section id="n_180"><title><p>180</p></title><p>Liebeswerke – wohlt&#xE4;tige Handlung</p></section><section id="n_181"><title><p>181</p></title><p>Scharwache <emphasis>f </emphasis>(fr&#xFC;her) – von einer kleinen Gruppe (bes. B&#xFC;rgern einer Stadt) gebildete Wache</p></section><section id="n_182"><title><p>182</p></title><p>Ganganelli, Clemens XIV = Lorenzo Ganganelli (1705–74) war unter dem Namen Clemens XIV Papst von 1769 bis 1774</p></section><section id="n_183"><title><p>183</p></title><p>St. Peterskirche = Petersdom (auch: Petersbasilika) – Grabeskirche des Apostels Simon Petrus in Vatikan, eine der gr&#xF6;&#xDF;ten Kirchen der Welt</p></section><section id="n_184"><title><p>184</p></title><p>Hochamt n (kath. Kirche) – feierliche Messe, bei der bestimmte liturgische Texte gesungen werden</p></section><section id="n_185"><title><p>185</p></title><p>Schlafkammer <emphasis>f </emphasis>(fr&#xFC;her) – (meist au&#xDF;erhalb des eigentlichen Wohnbereichs eines Hauses gelegener) kleinerer [einfach ausgestatteter] Raum zum Schlafen</p></section><section id="n_186"><title><p>186</p></title><p>&lt;lat.&gt; Still schwieg alles umher mit gespannt aufmerkendem Antlitz – erste Zeile aus dem 2. Buch des» Aeneis «von Vergilius</p></section><section id="n_187"><title><p>187</p></title><p>Gibraltar &lt;arab.&gt; – Halbinsel an der S&#xFC;dspitze Spaniens</p></section><section id="n_188"><title><p>188</p></title><p>Dollond <emphasis>m </emphasis>[nach dem Namen des Erfinders, dem Engl&#xE4;nder J.Dollond (1706–61)] – achromatisches Fernglas</p></section><section id="n_189"><title><p>189</p></title><p>H&#xFC;lfe <emphasis>f </emphasis>(veraltet) = Hilfe <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_190"><title><p>190</p></title><p>Lafette <emphasis>f </emphasis>&lt;franz.&gt; – Untergestell der Gesch&#xFC;tze</p></section><section id="n_191"><title><p>191</p></title><p>j-m einen Dank abstatten – принести (свою) благодарность кому-л.</p></section><section id="n_192"><title><p>192</p></title><p>in [w&#xE4;hrend] meiner Abwesenheit – в мое отсутствие, пока меня не было</p></section><section id="n_193"><title><p>193</p></title><p>in Brand setzen – поджигать</p></section><section id="n_194"><title><p>194</p></title><p>lichterloh &lt;Adj.&gt; – mit hellen, aufschlagenden Flammen brennend</p></section><section id="n_195"><title><p>195</p></title><p>L&#xE4;rm machen – шуметь, поднимать шум</p></section><section id="n_196"><title><p>196</p></title><p>Schildwache <emphasis>f </emphasis>(veraltet) = milit&#xE4;rischer Wachposten [bes. vor einem Eingang]</p></section><section id="n_197"><title><p>197</p></title><p>beifallen (veraltet) = einfallen, in den Sinn kommen</p></section><section id="n_198"><title><p>198</p></title><p>David – biblischer K&#xF6;nig, Goliath – riesenhafter Krieger der Philister, der nach 1. Sam. 17 vom jungen David im Zweikampf mit einer Steinschleuder get&#xF6;tet wurde</p></section><section id="n_199"><title><p>199</p></title><p>Uria, Urias, &#xF6;kum. Urija – biblischer m&#xE4;nnlicher Eigenname</p></section><section id="n_200"><title><p>200</p></title><p>Noahs Arche (bibl.) – schiff&#xE4;hnlicher Kasten, in dem Noah mit seiner Familie und zahlreichen Tierpaaren die Sintflut &#xFC;berlebte</p></section><section id="n_201"><title><p>201</p></title><p>S&#xFC;ndflut – volksm&#xE4;&#xDF;ige Umdeutung von <emphasis>Sintflut</emphasis></p></section><section id="n_202"><title><p>202</p></title><p>Altertumskundige = Altertumskundler <emphasis>m </emphasis>= Arch&#xE4;ologe <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_203"><title><p>203</p></title><p>zum Andenken an etw. (Akk) – на [в] память о чем-л., в напоминание</p></section><section id="n_204"><title><p>204</p></title><p>Plagiarius <emphasis>m </emphasis>(veraltet) = Plagiator <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_205"><title><p>205</p></title><p>Shakespeare = William Shakespeare (1564–1616) – englischer Dichter</p></section><section id="n_206"><title><p>206</p></title><p>ins Gef&#xE4;ngnis werfen – бросать, сажать в тюрьму</p></section><section id="n_207"><title><p>207</p></title><p>gemeint wird K&#xF6;nigin Elisabeth I Tudor (1533–1603)</p></section><section id="n_208"><title><p>208</p></title><p>etw. (Gen) &#xFC;berdr&#xFC;ssig werden – надоедать</p></section><section id="n_209"><title><p>209</p></title><p>ehrliche Haut [sein] = aufrichtig [sein], nicht l&#xFC;gen</p></section><section id="n_210"><title><p>210</p></title><p>beef-eaters &lt;engl.&gt; = Rindfleischesser <emphasis>pl</emphasis>, ein Name, der – nicht selten von solchen, die gerne Rindfleisch &#xE4;&#xDF;en und aus &#xF6;konomischen Gr&#xFC;nden nicht d&#xFC;rfen – der k&#xF6;niglichen Garde gegeben wird</p></section><section id="n_211"><title><p>211</p></title><p>Harwich – Stadt in England</p></section><section id="n_212"><title><p>212</p></title><p>Philanthrop <emphasis>m </emphasis>(bildungsspr.) = Menschenfreund <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_213"><title><p>213</p></title><p>Spekulation <emphasis>f </emphasis>– auf blo&#xDF;en Annahmen, Mutma&#xDF;ungen beruhende Erwartung, Behauptung, dass etw. eintrifft</p></section><section id="n_214"><title><p>214</p></title><p>Pegasus <emphasis>m </emphasis>– gefl&#xFC;geltes Ross der griechischen Sage; Dichterross</p></section><section id="n_215"><title><p>215</p></title><p>Rosinante <emphasis>f </emphasis>[nach dem Namen des Pferdes des <emphasis>Don Quichotte</emphasis>] (bildungsspr. scherzh. selten) – nicht sehr edles, ausgemergeltes Pferd</p></section><section id="n_216"><title><p>216</p></title><p>weidlich &lt;Adv.&gt; (veraltend) = in kaum zu &#xFC;bertreffendem Ma&#xDF;e; sehr, geh&#xF6;rig</p></section><section id="n_217"><title><p>217</p></title><p>Getreuer <emphasis>m </emphasis>= Freund <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_218"><title><p>218</p></title><p>R&#xFC;ckkunft <emphasis>f </emphasis>(geh.) = Zur&#xFC;ckkommen <emphasis>n</emphasis>; R&#xFC;ckkehr <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_219"><title><p>219</p></title><p>der vierte Junius – Geburtstag des damals regierenden K&#xF6;nigs</p></section><section id="n_220"><title><p>220</p></title><p>gewaltsamer Tod – насильственная смерть</p></section><section id="n_221"><title><p>221</p></title><p>spornstreichs &lt;Adv.&gt; = (als Reaktion auf etw.) unverz&#xFC;glich und ohne lange zu &#xFC;berlegen</p></section><section id="n_222"><title><p>222</p></title><p>j-m etw. nachmachen – подражать кому-л. в чем-л.</p></section><section id="n_223"><title><p>223</p></title><p>Simson = Samson</p></section><section id="n_224"><title><p>224</p></title><p>Lord Mayor <emphasis>m </emphasis>– Titel der Oberb&#xFC;rgermeister mehrerer engl. Gro&#xDF;st&#xE4;dte</p></section><section id="n_225"><title><p>225</p></title><p>City <emphasis>f </emphasis>&lt;engl.&gt; – Gesch&#xE4;ftsviertel in Gro&#xDF;st&#xE4;dten; Innenstadt</p></section><section id="n_226"><title><p>226</p></title><p>Dolgorucki = Wassilij Dolgorukij (1722–82) – russischer F&#xFC;rst, General; genannt Krimskij</p></section><section id="n_227"><title><p>227</p></title><p>geschweige denn – не говоря уже о том (, чтобы)</p></section><section id="n_228"><title><p>228</p></title><p>j-m etw. als Verdienst anrechnen – ставить что-л. кому-л. в заслугу</p></section><section id="n_229"><title><p>229</p></title><p>Pair <emphasis>m </emphasis>[frz. pair, eigtl. = Ebenb&#xFC;rtiger] (hist.) – Mitglied des franz&#xF6;sischen Hochadels</p></section><section id="n_230"><title><p>230</p></title><p>H&#xFC;hnerhund <emphasis>m </emphasis>= Jagdhund</p></section><section id="n_231"><title><p>231</p></title><p>Guinee <emphasis>f </emphasis>&lt;franz.&gt; – ehemalige englische M&#xFC;nze</p></section><section id="n_232"><title><p>232</p></title><p>nicht bei Sinnen sein – быть не в своем уме</p></section><section id="n_233"><title><p>233</p></title><p>Gulliver = Lemuel Gulliver aus Jonathan Swifts Roman» Gullivers Reisen«– Arzt und Schiffskapit&#xE4;n</p></section><section id="n_234"><title><p>234</p></title><p>Brobdignag – nach einer Seereise erreicht Gulliver die Insel Brobdignag, ein Land, in dem nun er der Zwerg ist und die Einheimischen die Riesen sind</p></section><section id="n_235"><title><p>235</p></title><p>Eldorado <emphasis>n </emphasis>&lt;span.&gt; – sagenhaftes Goldland in S&#xFC;damerika; &#xFC;bertr. f&#xFC;r Paradies</p></section><section id="n_236"><title><p>236</p></title><p>Menuett <emphasis>n </emphasis>[frz. menuet, eigtl. = Tanz mit kleinen Schritten] – (alter, aus Frankreich stammender) m&#xE4;&#xDF;ig schneller Tanz im 3/4-Takt</p></section><section id="n_237"><title><p>237</p></title><p>Otahiti – urspr&#xFC;nglicher Name von Tahiti</p></section><section id="n_238"><title><p>238</p></title><p>Bullenbei&#xDF;er <emphasis>m </emphasis>= Bulldogge <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_239"><title><p>239</p></title><p>Gottesgelehrte <emphasis>m </emphasis>(veraltet) = Theologe <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_240"><title><p>240</p></title><p>usf. = und so fort</p></section><section id="n_241"><title><p>241</p></title><p>allenthalben &lt;Adv.&gt; (geh. veraltend) = &#xFC;berall</p></section><section id="n_242"><title><p>242</p></title><p>&#xC4;tna <emphasis>m </emphasis>– Vulkan auf Sizilien</p></section><section id="n_243"><title><p>243</p></title><p>Zyklop <emphasis>m </emphasis>[lat., also eigtl. = der Rund&#xE4;ugige] (griechische Mythologie) – Riese mit nur einem, mitten auf der Stirn sitzenden Auge</p></section><section id="n_244"><title><p>244</p></title><p>Nektar <emphasis>m </emphasis>&lt;griech.&gt; – zuckerhaltige Bl&#xFC;tenabsonderung; (griechische Mytholologie) ewige Jugend spendender G&#xF6;ttertrank</p></section><section id="n_245"><title><p>245</p></title><p>Vesuv <emphasis>m </emphasis>– Vulkan bei Neapel</p></section><section id="n_246"><title><p>246</p></title><p>Cook = James Cook (1728-79) – britischer Entdecker, hat 3 Weltreisen gemacht</p></section><section id="n_247"><title><p>247</p></title><p>Botany-Bay – gro&#xDF;e Bucht im gleichnamigen Vorort Sydneys. Am 28. April 1770 wurde sie Schauplatz der ersten Landung der Briten in Australien durch J. Cook.</p></section><section id="n_248"><title><p>248</p></title><p>in Ohnmacht fallen – потерять сознание, упасть в обморок</p></section><section id="n_249"><title><p>249</p></title><p>Oxhoft <emphasis>n </emphasis>(fr&#xFC;her) – Hohlma&#xDF; unterschiedlicher Gr&#xF6;&#xDF;e (bes. f&#xFC;r Wein und Spirituosen)</p></section><section id="n_250"><title><p>250</p></title><p>vormalig &lt;Adj.&gt; = ehemalig</p></section><section id="n_251"><title><p>251</p></title><p>Kaspische See <emphasis>f </emphasis>– See im S&#xFC;dwesten Russlands</p></section><section id="n_252"><title><p>252</p></title><p>Schlemihl <emphasis>m </emphasis>[jidd. schlemiel = ungeschickte Person, unschuldiges Opfer von Streichen, viell. zu hebr. <emphasis>selem </emphasis>= (Dank)opfer] (bildungsspr.) – jmd., dem [durch eigene Dummheit] alles misslingt; Pechvogel</p></section><section id="n_253"><title><p>253</p></title><p>ermatten (geh.) = schlapp, matt; (bei etw.) an Kraft verlieren</p></section><section id="n_254"><title><p>254</p></title><p>&#xFC;berschw&#xE4;nglich &lt;Adj.&gt; = von [&#xFC;berm&#xE4;&#xDF;ig] heftigen Gef&#xFC;hls&#xE4;u&#xDF;erungen begleitet, auf exaltierte Weise [vorgebracht]</p></section><section id="n_255"><title><p>255</p></title><p>Hitzig, Julius Eduard, urspr&#xFC;nglich Isaac Elias Itzig (1780–1849) – Schriftsteller und Kammergerichtsrat, gab ab 1842 gemeinsam mit Willibald Alexis eine Sammlung von Kriminalf&#xE4;llen, den <emphasis>Neuen Pitaval </emphasis>heraus. Hitzig war ein enger Freund des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso.</p></section><section id="n_256"><title><p>256</p></title><p>Kurtka <emphasis>f </emphasis>[poln. kurtka, kurta = kurze Uniformjacke (der Husaren), zu lat. <emphasis>curtus </emphasis>= kurz] – mit Pelz besetzte, vorn geschn&#xFC;rte lange [Haus]jacke</p></section><section id="n_257"><title><p>257</p></title><p>Fouqu&#xE9; [fu’ke: ] = Friedrich de la Motte Fouqu&#xE9; (1777–1843) – deutscher Dichter, ber&#xFC;hmt durch seine Ritterromane</p></section><section id="n_258"><title><p>258</p></title><p>jmdn., etw. an den Pranger heften – jmdn., etw. &#xF6;ffentlich blo&#xDF;stellen, der allgemeinen Verachtung preisgeben</p></section><section id="n_259"><title><p>259</p></title><p>Jean Paul &lt;eigtl. Johann (Jean) Paul Friedrich Richter&gt; (1763–1825) – deutscher Schriftsteller</p></section><section id="n_260"><title><p>260</p></title><p>jedweder (veraltend) = jeder</p></section><section id="n_261"><title><p>261</p></title><p>Gott befohlen! (veraltet, noch landsch.) = auf Wiedersehen! leb[t] wohl!</p></section><section id="n_262"><title><p>262</p></title><p>Cruikshank = George Cruikshank (1792–1878), britischer Maler und Karikaturist, die Karikaturen gegen das englische K&#xF6;nigshaus, gegen englische Politiker oder gegen die Franz&#xF6;sische Revolution zeichnete</p></section><section id="n_263"><title><p>263</p></title><p>Hoffmann = Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776–1822) – deutscher Schriftsteller der Romantik, Jurist, Komponist, Musikkritiker und Zeichner</p></section><section id="n_264"><title><p>264</p></title><p>Erasmus Spikher – Protagonist der Erz&#xE4;hlung von Hoffmann „Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild“</p></section><section id="n_265"><title><p>265</p></title><p>Glitschbahn <emphasis>f </emphasis>(landsch.) – Rutschbahn auf dem Eis</p></section><section id="n_266"><title><p>266</p></title><p>wimmeln – sich [in gro&#xDF;er Menge] rasch, lebhaft durcheinander bewegen, irgendwohin bewegen</p></section><section id="n_267"><title><p>267</p></title><p>Schuft <emphasis>m </emphasis>(abwertend) = jmd., der gemein, niedertr&#xE4;chtig ist; Schurke</p></section><section id="n_268"><title><p>268</p></title><p>t&#xE4;ndeln (veraltend) = sch&#xE4;kern, flirten</p></section><section id="n_269"><title><p>269</p></title><p>Rosenhain <emphasis>m </emphasis>(dichter. veraltet) = Rosenhecke</p></section><section id="n_270"><title><p>270</p></title><p>Englischpflaster <emphasis>n </emphasis>[wohl zuerst in England hergestellt] (veraltet) = Heftpflaster</p></section><section id="n_271"><title><p>271</p></title><p>hager = schlank</p></section><section id="n_272"><title><p>272</p></title><p>devot &lt;lat.&gt; (veraltet) = unterw&#xFC;rfig, ein &#xFC;bertriebenes Ma&#xDF; an Ergebenheit zeigend, dem&#xFC;tig</p></section><section id="n_273"><title><p>273</p></title><p>Honneurs machen (geh.) = G&#xE4;ste begr&#xFC;&#xDF;en</p></section><section id="n_274"><title><p>274</p></title><p>durchwirken (geh.) = durchweben</p></section><section id="n_275"><title><p>275</p></title><p>ohne Umst&#xE4;nde – не церемонясь</p></section><section id="n_276"><title><p>276</p></title><p>Aufschluss <emphasis>m </emphasis>= [Auf]kl&#xE4;rung, Auskunft <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_277"><title><p>277</p></title><p>Rappe <emphasis>m </emphasis>– Pferd mit schwarzem Fell</p></section><section id="n_278"><title><p>278</p></title><p>Lustzelt n – Zelt, das auf l&#xE4;ngeren Wanderungen, Ausritten o. &#xC4;. mitgef&#xFC;hrt wird und bei einer Rast aufgeschlagen wird</p></section><section id="n_279"><title><p>279</p></title><p>entkommen = es schaffen zu fliehen; von etw. freikommen</p></section><section id="n_280"><title><p>280</p></title><p>wie angewurzelt – как вкопанный</p></section><section id="n_281"><title><p>281</p></title><p>mir geht [es wie] ein M&#xFC;hlrad im Kopf herum (ugs.) = ich bin ganz konfus, verwirrt</p></section><section id="n_282"><title><p>282</p></title><p>Antrag machen (geh. veraltend) = Vorschlag machen</p></section><section id="n_283"><title><p>283</p></title><p>Kleinod n &lt;Pl. -ien&gt; = kostbares Schmuckst&#xFC;ck</p></section><section id="n_284"><title><p>284</p></title><p>Springwurzel <emphasis>f </emphasis>(Volksk.) – Wurzel des Salomonsiegels, der Zauberkraft zugeschrieben wird</p></section><section id="n_285"><title><p>285</p></title><p>Alraunwurzel <emphasis>f </emphasis>– (haupts&#xE4;chlich im Mittelmeergebiet vorkommendes) Nachtschattengew&#xE4;chs mit giftiger, in der Volksmedizin verwendeter Wurzel</p></section><section id="n_286"><title><p>286</p></title><p>Wechselpfennig <emphasis>m </emphasis>(nach altem Volksglauben) – Geldst&#xFC;ck, das jedes Mal, wenn es ausgegeben od. gewechselt worden ist, auf wundersame Weise zu seinem Vorbesitzer zur&#xFC;ckkehrt</p></section><section id="n_287"><title><p>287</p></title><p>Raubtaler <emphasis>m </emphasis>(nach altem Volksglauben) – Geldst&#xFC;ck, das, wenn es ausgegeben worden ist, immer wieder zu seinem Besitzer zur&#xFC;ckkehrt und dabei alle anderen Geldst&#xFC;cke, die es ber&#xFC;hrt, mitbringt</p></section><section id="n_288"><title><p>288</p></title><p>Tellertuch <emphasis>n </emphasis>(nach altem Volksglauben) – Tischtuch, das sich selbst mit allen Gerichten deckt, die von ihm verlangt werden</p></section><section id="n_289"><title><p>289</p></title><p>Galgenm&#xE4;nnlein <emphasis>n </emphasis>(nach altem Volksglauben) – unter einem Galgen wachsende, Gl&#xFC;ck bringende Alraunwurzel</p></section><section id="n_290"><title><p>290</p></title><p>Wunschh&#xFC;tlein <emphasis>n </emphasis>(im Volksglauben) – zauberkr&#xE4;ftiger Hkauntn, der seinen Besitzer an jeden gew&#xFC;nschten Ort versetzen</p></section><section id="n_291"><title><p>291</p></title><p>Gl&#xFC;ckss&#xE4;ckel <emphasis>n </emphasis>(nach altem Volksglauben) – Geldbeutel, dessen Inhalt sich nie ersch&#xF6;pft</p></section><section id="n_292"><title><p>292</p></title><p>Korduanleder <emphasis>n </emphasis>[afranz. corduan = Leder, Schuhwerk, zu: <emphasis>Cordouel </emphasis>= franz. Name der span. Stadt <emphasis>C&#xF3;rdoba</emphasis>] = (fr&#xFC;her bes. f&#xFC;r Bucheinb&#xE4;nde verwendetes) weiches Ziegen- od. Schafleder</p></section><section id="n_293"><title><p>293</p></title><p>topp! – zustimmender Ausruf</p></section><section id="n_294"><title><p>294</p></title><p>unges&#xE4;umt (geh. veraltend) = sofort</p></section><section id="n_295"><title><p>295</p></title><p>wohlgemeinter Rat – доброжелательный (дельный) совет</p></section><section id="n_296"><title><p>296</p></title><p>Jesus [Maria], Jesus [Maria und Josef] &lt;Interj.&gt; (veraltend) – Ausruf des Erschreckens, Erstaunens o.&#xC4;.</p></section><section id="n_297"><title><p>297</p></title><p>verdrie&#xDF;en (geh.) – jmdn. missmutig machen; bei jmdm. &#xC4;rger ausl&#xF6;sen</p></section><section id="n_298"><title><p>298</p></title><p>etw., jmdn. mit Kot bewerfen (geh.) – jmdn. in &#xFC;bler Weise beschimpfen, verleumden</p></section><section id="n_299"><title><p>299</p></title><p>err&#xF6;ten (geh.) = im Gesicht rot werden, sich sch&#xE4;men</p></section><section id="n_300"><title><p>300</p></title><p>Feuersbrunst <emphasis>f </emphasis>(geh.) = Schadenfeuer, Brand von gr&#xF6;&#xDF;erem Ausma&#xDF;</p></section><section id="n_301"><title><p>301</p></title><p>Estrich <emphasis>m </emphasis>[mhd. est(e)rich, ahd. esterih, astrih &lt; mlat. astracum, astricum = Pflaster &lt; griech. &#xF3;strakon&gt; = Scherbe, irdenes T&#xE4;felchen] – fugenloser Fu&#xDF;boden, Unterboden aus einer erh&#xE4;rteten Masse (insbesondere Zement)</p></section><section id="n_302"><title><p>302</p></title><p>Albrecht von Haller (1708–77) – schweizer Dichter und Gelehrter. Haller studierte ab 1723 Naturwissenschaften und Medizin in T&#xFC;bingen und promovierte 1727 in Leiden. Der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt (eigentlich Friedrich Heinrich Alexander Freiherr von Humboldt, 1769–1859) – Begr&#xFC;nder der physischen Geografie. Carl Linnaeus, nach seiner Erhebung in den Adelsstand 1761 Carl von Linn&#xE9;, in lateinisch geschriebenen Werken auch Carolus Linnaeus (1707–78) – schwedischer Naturwissenschaftler, der die Grundlagen der modernen Taxonomie entwikkelte. Als Bestandteil wissenschaftlicher Namen wird sein Name mit L. abgek&#xFC;rzt.</p></section><section id="n_303"><title><p>303</p></title><p>Der Zauberring – Ritterroman von Fouqu&#xE9;</p></section><section id="n_304"><title><p>304</p></title><p>bequemen, sich – sich endlich zu etw. entschlie&#xDF;en, wozu man keine Lust hatte</p></section><section id="n_305"><title><p>305</p></title><p>Handvoll <emphasis>f </emphasis>– пригоршня, горсть</p></section><section id="n_306"><title><p>306</p></title><p>Lehnstuhl <emphasis>m </emphasis>= Sessel <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_307"><title><p>307</p></title><p>Anh&#xE4;nglichkeit <emphasis>f </emphasis>= Treue <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_308"><title><p>308</p></title><p>Los <emphasis>n </emphasis>(geh.) = Schicksal, Geschick</p></section><section id="n_309"><title><p>309</p></title><p>Antlitz <emphasis>n </emphasis>(geh.) = Gesicht, Angesicht</p></section><section id="n_310"><title><p>310</p></title><p>darben (geh.) – Mangel an etw. haben [und daher Not, Hunger leiden]</p></section><section id="n_311"><title><p>311</p></title><p>hegen (geh.) – als Empfindung, als Vorhaben o.&#xC4;. in sich tragen, bewahren; n&#xE4;hren</p></section><section id="n_312"><title><p>312</p></title><p>vertrauern (geh.) – freudlos, in trauriger Stimmung, ohne inneren Antrieb, ohne Aufgabe hinbringen</p></section><section id="n_313"><title><p>313</p></title><p>zehren = schw&#xE4;chen</p></section><section id="n_314"><title><p>314</p></title><p>sich abh&#xE4;rmen (geh.) = sich sorgen</p></section><section id="n_315"><title><p>315</p></title><p>martern (geh.) = foltern; physisch qu&#xE4;len</p></section><section id="n_316"><title><p>316</p></title><p>Schlagschatten <emphasis>m </emphasis>(bes. Malerei, Fot.) – scharf umrissener Schatten, den [auf einem Bild] eine Person, ein Gegenstand wirft</p></section><section id="n_317"><title><p>317</p></title><p>wehe, weh &lt;Interj.&gt; – als Ausruf, mit dem man etw. Schlimmes, Unheilvolles o.&#xC4;. ank&#xFC;ndigt od. androht</p></section><section id="n_318"><title><p>318</p></title><p>Gebrechen <emphasis>n </emphasis>(geh.) = dauernder [k&#xF6;rperlicher, gesundheitlicher] Schaden</p></section><section id="n_319"><title><p>319</p></title><p>verhehlen (geh.) – jmdm. etw. (bes. Gef&#xFC;hle, Gedanken) verschweigen, es vor ihm verbergen</p></section><section id="n_320"><title><p>320</p></title><p>Eigenheit <emphasis>f </emphasis>= Eigenart <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_321"><title><p>321</p></title><p>Laune <emphasis>pl </emphasis>– wechselnde Gem&#xFC;tsverfassung, Stimmung[en]</p></section><section id="n_322"><title><p>322</p></title><p>verhei&#xDF;en (geh.) = versprechen</p></section><section id="n_323"><title><p>323</p></title><p>sittig &lt;Adj.&gt; (veraltet) = sittsam, tugendhaft; keusch</p></section><section id="n_324"><title><p>324</p></title><p>Bollwerk <emphasis>n </emphasis>(fr&#xFC;her) = Befestigung <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_325"><title><p>325</p></title><p>ausrasten (s&#xFC;dd., &#xF6;sterr.) = [sich] ausruhen</p></section><section id="n_326"><title><p>326</p></title><p>tragieren &lt;gr.-lat.&gt; – eine Rolle tragisch spielen</p></section><section id="n_327"><title><p>327</p></title><p>vergaffen, sich (salopp) = sich in jmdn., etw. verlieben</p></section><section id="n_328"><title><p>328</p></title><p>Vivat <emphasis>n </emphasis>(bildungsspr. veraltend) – Hochruf; Lebehoch</p></section><section id="n_329"><title><p>329</p></title><p>frischweg &lt;Adv.&gt; = munter, unbek&#xFC;mmert, ohne Hemmungen</p></section><section id="n_330"><title><p>330</p></title><p>beh&#xE4;nd, beh&#xE4;nde &lt;Adj.&gt; – flink, gewandt und geschickt, bes. in seinen Bewegungen; von Flinkheit, Gewandtheit, Geschicktheit zeugend</p></section><section id="n_331"><title><p>331</p></title><p>P&#xF6;bel <emphasis>m </emphasis>[(unter Einfluss von franz. <emphasis>peuple</emphasis>) &lt; lat. populus = Volk(smenge)] (abwertend) – ungebildete, unkultivierte, in der Masse gewaltbereite Menschen [der gesellschaftlichen Unterschicht]</p></section><section id="n_332"><title><p>332</p></title><p>wasma&#xDF;en &lt;Adv.&gt; = wie</p></section><section id="n_333"><title><p>333</p></title><p>inkognito &lt;lat.-ital.&gt; – unerkannt, unter fremdem Namen [auftretend, lebend]</p></section><section id="n_334"><title><p>334</p></title><p>huldreich &lt;Adj.&gt; (geh. veraltend, heute meist iron.) – jmdm. seine Huld zuteil werden lassend, sie in einer bestimmtenHandlung erkennen lassend</p></section><section id="n_335"><title><p>335</p></title><p>z&#xFC;rnen (geh.) = zornig, &#xE4;rgerlich auf jmdn. sein, ihm grollen, b&#xF6;se sein</p></section><section id="n_336"><title><p>336</p></title><p>einstweilen &lt;Adv.&gt; = zun&#xE4;chst einmal, vorderhand, vorl&#xE4;ufig, unterdessen, inzwischen</p></section><section id="n_337"><title><p>337</p></title><p>Huldigung <emphasis>f </emphasis>(fr&#xFC;her) – Treuegel&#xF6;bnis eines Untertanen gegen&#xFC;ber einem Landesherr Ehrung; Zeichen der Ehrerbietung</p></section><section id="n_338"><title><p>338</p></title><p>Fest begehen – отмечать (праздновать) праздник</p></section><section id="n_339"><title><p>339</p></title><p>vergeuden – leichtsinnig und verschwenderisch mit etw. beim Verbrauch umgehen, verschwenden</p></section><section id="n_340"><title><p>340</p></title><p>vorgefasste Meinung &lt;Adj.&gt; – von vornherein feststehend; auf Vorurteilen beruhend Meinung</p></section><section id="n_341"><title><p>341</p></title><p>Bankerot machen (ugs. scherzh.) = arm machen</p></section><section id="n_342"><title><p>342</p></title><p>Taugenichts <emphasis>m </emphasis>(veraltend abwertend) = nichtsnutziger Mensch</p></section><section id="n_343"><title><p>343</p></title><p>M&#xFC;&#xDF;igg&#xE4;nger <emphasis>m </emphasis>(geh.) = Faulenzer <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_344"><title><p>344</p></title><p>unter keinem Vorwand – ни под каким предлогом</p></section><section id="n_345"><title><p>345</p></title><p>Argusaugen <emphasis>f/pl </emphasis>– scharf beobachtender Blick</p></section><section id="n_346"><title><p>346</p></title><p>zeuch! (veraltet geh.) = zieh[e]!</p></section><section id="n_347"><title><p>347</p></title><p>schaudern = frieren, zittern</p></section><section id="n_348"><title><p>348</p></title><p>unwandelbar &lt;Adj.&gt; (geh.) = nicht wandelbar, sich immer gleich bleibend</p></section><section id="n_349"><title><p>349</p></title><p>die Zeit ist um – время прошло</p></section><section id="n_350"><title><p>350</p></title><p>schaurig &lt;Adj.&gt; = Schauder hervorrufend; gruselig, unheimlich, sehr unangenehm, schlimm, schlecht</p></section><section id="n_351"><title><p>351</p></title><p>eilf = elf</p></section><section id="n_352"><title><p>352</p></title><p>bang = &#xE4;ngstlich</p></section><section id="n_353"><title><p>353</p></title><p>Hand an jmdn. legen (geh.) – jmdn. t&#xE4;tlich angreifen [und t&#xF6;ten]</p></section><section id="n_354"><title><p>354</p></title><p>andere/strengere Saiten aufziehen = h&#xE4;rtere Ma&#xDF;nahmen ergreifen, strenger vorgehen</p></section><section id="n_355"><title><p>355</p></title><p>abhanden kommen = verloren gehen</p></section><section id="n_356"><title><p>356</p></title><p>fl&#xE4;misch = m&#xFC;rrisch; zornig</p></section><section id="n_357"><title><p>357</p></title><p>Tarnkappe <emphasis>f </emphasis>(Myth.) – Kappe, die den Tr&#xE4;ger unsichtbar macht; Nebelkappe</p></section><section id="n_358"><title><p>358</p></title><p>Kobold <emphasis>m </emphasis>– (im Volksglauben existierender) sich in Haus und Hof aufhaltender, zwergenhafter Geist, der zu lustigenStreichen aufgelegt, zuweilen auch b&#xF6;se und t&#xFC;ckisch ist</p></section><section id="n_359"><title><p>359</p></title><p>A propos [apro’po: ] &lt;franz.; <emphasis>zum Gespr&#xE4;chsthema</emphasis>&gt; = nebenbei bemerkt, &#xFC;brigens</p></section><section id="n_360"><title><p>360</p></title><p>verschimmeln = faulen</p></section><section id="n_361"><title><p>361</p></title><p>stolzieren – sich sehr wichtig nehmend einhergehen, gravit&#xE4;tisch irgendwohin gehen</p></section><section id="n_362"><title><p>362</p></title><p>Ein&#xF6;de <emphasis>f </emphasis>– einsame, menschenleere, meist &#xF6;de und eint&#xF6;nig wirkende Gegend</p></section><section id="n_363"><title><p>363</p></title><p>Schmach <emphasis>f </emphasis>(geh. emotional) – etw., was als Kr&#xE4;nkung, Schande, Herabw&#xFC;rdigung, Dem&#xFC;tigung empfunden wird</p></section><section id="n_364"><title><p>364</p></title><p>Federzug <emphasis>m </emphasis>(geh.) = Federstrich <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_365"><title><p>365</p></title><p>sich selbst [vor Wut] die Haare ausraufen – рвать на себе волосы</p></section><section id="n_366"><title><p>366</p></title><p>Nemesis <emphasis>f </emphasis>[griechische G&#xF6;ttin der ausgleichenden Gerechtigkeit] (bildungsspr.) – ausgleichende, vergeltende, strafende Gerechtigkeit</p></section><section id="n_367"><title><p>367</p></title><p>freveln (geh.) = einen Frevel begehen, s&#xFC;ndigen</p></section><section id="n_368"><title><p>368</p></title><p>heischen (geh.) = fordern, verlangen</p></section><section id="n_369"><title><p>369</p></title><p>Fu&#xDF;stapfe, Fu&#xDF;tapfe <emphasis>f </emphasis>= Fu&#xDF;spur <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_370"><title><p>370</p></title><p>greinen (ugs.) = weinen</p></section><section id="n_371"><title><p>371</p></title><p>wohlan &lt;Adv.&gt; (geh. veraltet) – (dr&#xFC;ckt eine Aufforderung aus, allein stehend am Anfang od. Ende einer Aussage) nun gut, nun denn; frischauf</p></section><section id="n_372"><title><p>372</p></title><p>Anbeginn <emphasis>m </emphasis>(geh.) = Beginn, Anfang <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_373"><title><p>373</p></title><p>Erg&#xF6;tzung <emphasis>f </emphasis>(geh.) = Vergn&#xFC;gen <emphasis>n</emphasis>, Zerstreuung <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_374"><title><p>374</p></title><p>Carriere = Karriere &lt;gall.-lat.-provenzal.-franz.&gt; <emphasis>f </emphasis>– schnellste Gangart des Pferdes</p></section><section id="n_375"><title><p>375</p></title><p>Kreatur &lt;lat.&gt; <emphasis>f </emphasis>= [Lebe]wesen, Gesch&#xF6;pf <emphasis>n</emphasis></p></section><section id="n_376"><title><p>376</p></title><p>&lt;lat.&gt; Von Gottes gerechtem Gericht bin ich verurteilt; Von Gottes gerechtem Gericht bin ich verdammt.</p></section><section id="n_377"><title><p>377</p></title><p>Fu&#xDF;knecht <emphasis>m </emphasis>= Fu&#xDF;soldat <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_378"><title><p>378</p></title><p>Einsiedler <emphasis>m </emphasis>[Lehn&#xFC;bertragung von lat. <emphasis>monachus</emphasis>] = M&#xF6;nch, Eremit, Asket</p></section><section id="n_379"><title><p>379</p></title><p>Malakka – s&#xFC;dostasiatische Halbinsel</p></section><section id="n_380"><title><p>380</p></title><p>Sumatra – zweitgr&#xF6;&#xDF;te der Gro&#xDF;en Sundainseln</p></section><section id="n_381"><title><p>381</p></title><p>Java – kleinste der Gro&#xDF;en Sundainseln</p></section><section id="n_382"><title><p>382</p></title><p>Bali – westlichste der Kleinen Sundainseln</p></section><section id="n_383"><title><p>383</p></title><p>Lambok – gr&#xF6;&#xDF;ter historischer Vulkanausbruch</p></section><section id="n_384"><title><p>384</p></title><p>Borneo – gr&#xF6;&#xDF;te der Gro&#xDF;en Sundainseln</p></section><section id="n_385"><title><p>385</p></title><p>Zoophyteninsel <emphasis>f </emphasis>= Koralleninsel</p></section><section id="n_386"><title><p>386</p></title><p>Sextant <emphasis>m </emphasis>[lat. Sextans = sechster Teil (nach dem als Messskala benutzten Sechstelkreis)] – (bes. in der Seefahrt zur astronomisch-geographischen Ortsbestimmung benutztes) Winkelmessinstrument zur Bestimmung der H&#xF6;he eines Gestirns</p></section><section id="n_387"><title><p>387</p></title><p>Naikcotiana <emphasis>f </emphasis>[lat. (herba) Nicotiana, Nikotin] = Nikotin; Tabak</p></section><section id="n_388"><title><p>388</p></title><p>Thebais – altgriechische Bezeichnung f&#xFC;r das Gebiet um die &#xE4;gyptische Stadt Theben</p></section><section id="n_389"><title><p>389</p></title><p>Libysche W&#xFC;ste – Ливийская пустыня</p></section><section id="n_390"><title><p>390</p></title><p>Rune <emphasis>f </emphasis>= Geheimnis; geheime Beratung; Gefl&#xFC;ster, wahrsch. eigtl. = (heimliches) Fl&#xFC;stern, Tuscheln</p></section><section id="n_391"><title><p>391</p></title><p>Woge <emphasis>f </emphasis>(veraltet) = Welle <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_392"><title><p>392</p></title><p>Schluft <emphasis>f </emphasis>(veraltet) = Schlucht, H&#xF6;hle <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_393"><title><p>393</p></title><p>Aurora (r&#xF6;mische Mythologie) – G&#xF6;ttin der Morgenr&#xF6;te</p></section><section id="n_394"><title><p>394</p></title><p>Diana (r&#xF6;mische Mythologie) – G&#xF6;ttin der Jagd</p></section><section id="n_395"><title><p>395</p></title><p>entbrennen (geh.) – mit Heftigkeit ausbrechen</p></section><section id="n_396"><title><p>396</p></title><p>begl&#xFC;ckt = gl&#xFC;cklich</p></section><section id="n_397"><title><p>397</p></title><p>in sich versunken – погруженный в себя</p></section><section id="n_398"><title><p>398</p></title><p>sein innerstes Herz – до глубины души</p></section><section id="n_399"><title><p>399</p></title><p>verscheiden (geh.) = sterben</p></section><section id="n_400"><title><p>400</p></title><p>wahnsinnig werden – сойти с ума</p></section><section id="n_401"><title><p>401</p></title><p>Get&#xF6;se <emphasis>n </emphasis>(oft abwertend) = L&#xE4;rm <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_402"><title><p>402</p></title><p>[jmdm.] Lebewohl sagen (geh.) = sich [von jmdm.] verabschieden</p></section><section id="n_403"><title><p>403</p></title><p>Wohllaut <emphasis>m </emphasis>(geh.) = Wohlklang <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_404"><title><p>404</p></title><p>Angedenken <emphasis>n </emphasis>(veraltet) = Andenken, Souvenir <emphasis>n</emphasis></p></section><section id="n_405"><title><p>405</p></title><p>der Morgen graut – занимается заря, светает</p></section><section id="n_406"><title><p>406</p></title><p>ruchlos (geh.)= niedrig, gemein, b&#xF6;se, verrucht</p></section><section id="n_407"><title><p>407</p></title><p>Abendmahl – Abschiedsmahl Christi mit seinen J&#xFC;ngern in der Passahnacht</p></section><section id="n_408"><title><p>408</p></title><p>erquicken (geh.) = neu beleben, st&#xE4;rken, erfrischen</p></section><section id="n_409"><title><p>409</p></title><p>Pachter <emphasis>m </emphasis>= P&#xE4;chter</p></section><section id="n_410"><title><p>410</p></title><p>trunken (geh.) = berauscht, betrunken</p></section><section id="n_411"><title><p>411</p></title><p>peinigen (geh.) (veraltend) – jmdm., einem Tier Schmerzen, Qualen zuf&#xFC;gen</p></section><section id="n_412"><title><p>412</p></title><p>beiher (Adv., geh.) = nebenher</p></section><section id="n_413"><title><p>413</p></title><p>jmdm. gewogen sein (geh.) = jmdn. lieben</p></section><section id="n_414"><title><p>414</p></title><p>gottlob (Adv.) = Gott sei (Lob und) Dank, gl&#xFC;cklicherweise</p></section><section id="n_415"><title><p>415</p></title><p>verschmachten (geh.) = an Entbehrung (bes. Durst, Hunger) leiden und daran zugrunde gehen</p></section><section id="n_416"><title><p>416</p></title><p>von etw., jmdm. Besitz nehmen – овладеть чем-л., кем-л.</p></section><section id="n_417"><title><p>417</p></title><p>Gemeine <emphasis>f </emphasis>(veraltet, noch landsch.) = Gemeinde <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_418"><title><p>418</p></title><p>etw. aus der Acht lassen – упустить что-л. (из виду); оставить без внимания</p></section><section id="n_419"><title><p>419</p></title><p>Lineament <emphasis>n </emphasis>&lt;lat.&gt; = Linie, Kontur <emphasis>f; </emphasis>Umriss <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_420"><title><p>420</p></title><p>Scheure <emphasis>f </emphasis>(landcsh.) = Scheune <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_421"><title><p>421</p></title><p>Z&#xE4;hre <emphasis>f (</emphasis>dichter., veraltet) = Tr&#xE4;ne <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_422"><title><p>422</p></title><p>inwendig = innen</p></section><section id="n_423"><title><p>423</p></title><p>schier = geradezu, nahezu, fast</p></section><section id="n_424"><title><p>424</p></title><p>in etw. Bescheid wissen – знать толк, разбираться в чем-л.; ориентироваться</p></section><section id="n_425"><title><p>425</p></title><p>platterdings (veraltet) = glatterdings</p></section><section id="n_426"><title><p>426</p></title><p>Taler [im 16.Jh. gek. aus Joachimstaler, nach <emphasis>St. Joachimsthal </emphasis>in B&#xF6;hmen (heute Jachymov, Tschechien)] – Silberm&#xFC;nze in Deutschland bis in die Mitte des 18.Jh.s</p></section><section id="n_427"><title><p>427</p></title><p>erfangen = [ein]fangen</p></section><section id="n_428"><title><p>428</p></title><p>Grenadier <emphasis>m </emphasis>[franz. grenadier = Handgranatenwerfer, zu: <emphasis>grenade </emphasis>= Granate] = Infanterist <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_429"><title><p>429</p></title><p>Schwadron <emphasis>f </emphasis>[ital. squadrone, eigtl.= gro&#xDF;es Viereck, zu: <emphasis>squadra </emphasis>= Viereck] (Milit. fr&#xFC;her) – kleinste Einheit der Kavallerie</p></section><section id="n_430"><title><p>430</p></title><p>Schriftgelehrte <emphasis>m </emphasis>(Rel.) = (im fr&#xFC;hen Judentum) Gelehrter, der sich durch gr&#xFC;ndliche Kenntnisse der religi&#xF6;sen &#xDC;berlieferung, bes. der Gesetze, auszeichnet</p></section><section id="n_431"><title><p>431</p></title><p>Pharis&#xE4;er <emphasis>m </emphasis>[sp&#xE4;tlat. Pharisaeus &lt; griech. Pharisaios &lt; aram. per&#xFB;s&#xEE;m, eigtl. = die Abgesonderten] – [nach Luk. 18, 10ff] Angeh&#xF6;riger einer altj&#xFC;dischen, die religi&#xF6;sen Gesetze streng einhaltenden Partei</p></section><section id="n_432"><title><p>432</p></title><p>homme de lettres (franz.) = Schriftsteller <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_433"><title><p>433</p></title><p>z&#xFC;nftig (veraltend) = fachm&#xE4;nnisch, fachgerecht</p></section><section id="n_434"><title><p>434</p></title><p>Parnass <emphasis>m </emphasis>[nach griech. <emphasis>Parnas(s)&#xF3;s</emphasis>, Name eines mittelgriech. Gebirgszuges, in der griechischen Mythologie Sitz des Apollo und der Musen] (dichter. veraltet) – Reich der Dichtkunst</p></section><section id="n_435"><title><p>435</p></title><p>m&#xE4;sten = ern&#xE4;hren</p></section><section id="n_436"><title><p>436</p></title><p>Lehnerich <emphasis>m </emphasis>(landsch.) = fauler Mensch</p></section><section id="n_437"><title><p>437</p></title><p>Tagedieb <emphasis>m </emphasis>(abwertend) = Nichtstuer, M&#xFC;&#xDF;igg&#xE4;nger <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_438"><title><p>438</p></title><p>gallenbitter = sehr bitter, so bitter wie Galle</p></section><section id="n_439"><title><p>439</p></title><p>ein solch Kamel geht eher durch ein Nadel&#xF6;hr als ein Reicher in das Himmelreich = [nach Matth. 19, 24] das ist so gut wieunm&#xF6;glich, wird sicherlich nicht geschehen</p></section><section id="n_440"><title><p>440</p></title><p>apart &lt;franz.&gt; = geschmackvoll, reizvoll</p></section><section id="n_441"><title><p>441</p></title><p>Remonte <emphasis>f </emphasis>(Milit. fr&#xFC;her) = Remontieren (den milit&#xE4;rischen Pferdebestand durch junge Pferde erg&#xE4;nzen)</p></section><section id="n_442"><title><p>442</p></title><p>Ehrentag <emphasis>m </emphasis>(geh.) – jmdm. zu Ehren festlich begangener [Erinnerungs]tag</p></section><section id="n_443"><title><p>443</p></title><p>erflehen (geh.) = bitten</p></section><section id="n_444"><title><p>444</p></title><p>Felleisen <emphasis>n </emphasis>(veraltet) = Rucksack, Tornister <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_445"><title><p>445</p></title><p>entschlummern (geh.) = einschlafen, sterben</p></section><section id="n_446"><title><p>446</p></title><p>beru&#xDF;en – mit Ru&#xDF; beschmutzen</p></section><section id="n_447"><title><p>447</p></title><p>knebeln – (veraltend) jmdn. festbinden, an Armen und Beinen fesseln, sodass er sich nicht bewegen kann</p></section><section id="n_448"><title><p>448</p></title><p>Heiland <emphasis>m </emphasis>(geh.) = Retter, Erl&#xF6;ser <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_449"><title><p>449</p></title><p>Adies (volkst.) = adieu [franz. adieu (= &#xE0; dieu) = zu Gott, Gott befohlen] (landsch., sonst veraltend) = auf Wiedersehen! leb[t] wohl!</p></section><section id="n_450"><title><p>450</p></title><p>Base <emphasis>f </emphasis>(veraltet, noch s&#xFC;dd.) = Kusine <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_451"><title><p>451</p></title><p>Schulze <emphasis>m </emphasis>(veraltet) = Gemeindevorsteher <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_452"><title><p>452</p></title><p>zuschanden (geh.) = in einen Zustand des Zerst&#xE4;rt-, Zugrundegerichtet-Seins</p></section><section id="n_453"><title><p>453</p></title><p>Pardon <emphasis>m</emphasis>/<emphasis>n </emphasis>&lt;franz.&gt; (veraltend) = Verzeihung; Gnade; Nachsicht <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_454"><title><p>454</p></title><p>vermaledeien (veraltend) = verfluchen, verw&#xFC;nschen</p></section><section id="n_455"><title><p>455</p></title><p>Eure Durchlaucht – Anrede f&#xFC;r Angeh&#xF6;rige des hohen Adels im Rang von F&#xFC;rsten</p></section><section id="n_456"><title><p>456</p></title><p>jmdm. zugetan sein (geh.) – Zuneigung, Sympathie f&#xFC;r jmdn. empfinden, jmdn. lieben</p></section><section id="n_457"><title><p>457</p></title><p>Obrist <emphasis>m </emphasis>(veraltet) = Oberst</p></section><section id="n_458"><title><p>458</p></title><p>in gesegneten Leibesumst&#xE4;nden sein = schwanger sein</p></section><section id="n_459"><title><p>459</p></title><p>wie vom Donner ger&#xFC;hrt – как громом пораженная (сраженная)</p></section><section id="n_460"><title><p>460</p></title><p>mit dem Ausdruck der gekr&#xE4;nkten W&#xFC;rde – с чувством оскорбленного достоинства</p></section><section id="n_461"><title><p>461</p></title><p>in den Armen – в объятиях</p></section><section id="n_462"><title><p>462</p></title><p>Korsar <emphasis>m </emphasis>&lt;ital.&gt; = Seer&#xE4;uber <emphasis>m</emphasis></p></section><section id="n_463"><title><p>463</p></title><p>unwissentliche Empf&#xE4;ngnis – непорочное зачатие</p></section><section id="n_464"><title><p>464</p></title><p>Handkuss <emphasis>m </emphasis>– воздушный поцелуй</p></section><section id="n_465"><title><p>465</p></title><p>Augustiner <emphasis>m </emphasis>[nach dem Kirchenlehrer <emphasis>Augustinus </emphasis>(354–430)] – Angeh&#xF6;riger der auf der Augustinerregel aufgebauten Ordensgemeinschaften</p></section></body><binary id="cover" 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