<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_heroic</genre><author><first-name>David</first-name><middle-name>C.</middle-name><last-name>Smith</last-name></author><author><first-name>Richard</first-name><middle-name>L.</middle-name><last-name>Tierney</last-name></author><book-title>Der Stern des Untergangs</book-title><annotation><p>In Conans Welt dem pr�historischen hyborischen Zeitalter, lebt die Rote Sonja, eine gef�rchtete Schwertk�mpferin, die wegen ihrer Wildheit und Tollk�hnheit ber�chtigt ist. Als die Soldaten der grausamen K�nigin Gedren ihre Eltern und ihren Bruder ermorden, schw�rt sie, ihre Familie zu r�chen. Ger�stet mit einem machtvollen Schwert, beginnt sie ihre abenteuerliche, gefahrvolle Reise.</p><p>In glei�enden Feuerschein geh�llt, st�rzt ein Meteor vom Himmel und schl�gt in die geheimnisumwitterte Stufenpyramide des Ordens der Roten Sonne ein. Von den grausamen Priestern des Heiligtums verehrt, verbreitet der Himmelsk�rper fortan Unfrieden und Hass unter den Menschen, und zwischen dem Orden und den Bewohnern des Landes beginnt ein erbarmungsloser Kampf auf Leben und Tod. Unter den S�ldnern, die auf der Seite der unterdr�ckten Bauern streiten, sind Sonja und ihr Begleiter Daron. In ohnm�chtiger Wut angesichts der feindlichen �bermacht beschlie�en die beiden, Darons Vater, einen ber�hmten Zauberer, um Hilfe zu bitten. Es g�be ein Mittel, den H�llenspuk zu beenden � doch unter den zahllosen unschuldigen Opfern bef�nde sich auch Daron �</p></annotation><date>1986</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Lore</first-name><last-name>Stra�l</last-name></translator><sequence name="Die rote Sonja" number="6"/></title-info><src-title-info><genre>sf_heroic</genre><author><first-name>David</first-name><middle-name>C.</middle-name><last-name>Smith</last-name></author><author><first-name>Richard</first-name><middle-name>L.</middle-name><last-name>Tierney</last-name></author><book-title>Star of Doom</book-title><date>1983</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2017</date><src-ocr>till</src-ocr><id>9333ED2F-DB9C-4AC7-83C2-7626A45C9F43</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info><publish-info><isbn>3-453-31272-4</isbn></publish-info></description><body><title><p>David C. Smith</p><p>Richard L. Tierney</p><empty-line/><p>Der Stern des Untergangs</p></title><epigraph><p>Wisset auch, o Prinz, dass in jener gleichen Zeit, da Conan von Cimmerien seinen Weg durch die hyborischen K�nigreiche machte, unter den wenigen Recken, w�rdig die Klinge mit ihm zu kreuzen, die Rote Sonja war, eine Kriegerin aus dem majest�tischen Hyrkanien. Da sie sich die Aufdringlichkeit eines K�nigs mit der Klinge verwehrte, sah sie sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Und so ritt sie westw�rts, durch die turanische Steppe und in schattenumwobene Legende.</p><text-author>Auszug aus der <emphasis>Nemedischen Chronik</emphasis></text-author></epigraph><section><image alt="Die Karte" l:href="#1"/><empty-line/><p><sup>Das Umschlagbild schuf Boris Vallejo</sup></p><p><sup>Die Karte zeichnete Erhard Ringer</sup></p></section><section><title><p>Prolog</p></title><p>�stlich von Brythunien erstreckt die Steppe sich schier bis zum Ende der Welt, dieses wilde Land, nur mit Gras und Strauchwerk bewachsen und lediglich von vereinzelten Geh�lzen, welligen H�geln und schmalen brausenden Fl�ssen durchbrochen. Im Sommer erzitterte dieses Steppenland einst unter den Hufen von Nomaden- und R�uberpferden, und die Landwirtschaft, die hier m�glich war, betrieben die harten M�nner und kr�ftigen Frauen kleiner D�rfer. Fern der St�dte stellten sie sich der Natur und den G�ttern gleicherma�en. Heimsuchungen nahmen sie als naturgegeben hin, und war das Gl�ck ihnen hold, verga�en sie nie den weisen Spruch: Mit dem Guten kommt das B�se. In den rauen Wintern a�en sie, was sie vom Sommer eingelegt hatten, und erduldeten die schlimmen Schneest�rme; im Fr�hjahr fanden sie sich mit den anhaltenden Regeng�ssen ab, die so manches Mal die Fl�sschen in rei�ende Str�me verwandelten und ganze D�rfer �berschwemmten. Die Menschen aber und die Steppe �berlebten.</p><p>Die G�tter waren fern von ihnen in unendlichen H�hen, und andere Menschen, die nicht so stark waren wie sie, lebten in den St�dten im Westen und weiter �stlich, wo sie sich wie Aask�fer auf Kadavern scharten � so zumindest betrachteten sie die Steppenbewohner in ihrer# Verachtung.</p><p>Mitten in der Steppe, s�dlich eines kleinen Flusses, der sie von einigen kleinen Ortschaften trennte, erhob sich ein Stufenturm, eine uralte, riesige Zikkurat, von einem Tempel bekr�nt. Sie schmiegte sich seitlich an einen niedrigen Berg, den letzten des Gebirgszugs, der sich weit nach Osten erstreckte. Die Bewohner der Zikkurat hatten nichts mit denen der D�rfer ringsum zu tun, und die Dorfbewohner ihrerseits wagten sich nie in unmittelbare N�he der Zikkurat. Das Bauwerk, so nahm man an, diente als Zuflucht f�r solche, die sowohl vom Leben in den St�dten als vom einfachen Leben auf den Bauernh�fen und dem Los herumziehender St�mme nichts wissen wollten.</p><p>Des Nachts warfen die Lichter des Stufentempels ihren Schein auf das bewegte braune Gras und die schlanken dunklen B�ume der Steppe. Die Menschen der D�rfer wandten beim Abendbrot der Zikkurat den R�cken und verbrachten den Rest des Feierabends im Licht ihrer �llampen. Der Tempel war so alt, dass niemand wusste, wer ihn erbaut hatte oder wann � obgleich das Ger�cht sich hielt, dass er vor einigen Jahrhunderten durch Zauberei in einer einzigen Nacht entstanden sei. Auch die D�rfer gab es schon, solange man sich �berhaupt erinnern konnte. Die Bauern dort bestellten das Land, z�chteten Vieh und bew�sserten ihre �cker und Weiden durch die Fl�sse. So war es immer gewesen, und so w�rde es immer bleiben.</p><p>Nur dass mit dem Guten auch das B�se kommt.</p><p>In jenem Jahr hatten die Bauern der Gegend die beste Ernte in einem Lebensalter eingebracht. Regen und Sonne hatten es gleicherma�en gut mit den Feldfr�chten gemeint, und R�uber hatten sich erstaunlich kaum gezeigt. So waren die Menschen hocherfreut und dankten den G�ttern.</p><p>In jenem Sp�tsommer fiel der Stern vom Nachthimmel.</p><p>Als der Stern herabst�rzte, ging von ihm ein so blendendes Leuchten aus, dass die Dorfbewohner bef�rchteten, das Ende der Welt sei gekommen. Und dann zerriss das Krachen von zahlreichen Ersch�tterungen die Nacht.</p><p>Sie standen an den T�ren und an die W�nde ihrer H�tten gedr�ckt, die M�tter ihre Kinder sch�tzend in den Armen, und starrten zum berstenden Himmel. Das grelle Licht des fallenden Sterns schmerzte die Augen. So hell war es, dass es die ganze Steppe von Horizont zu Horizont beleuchtete. Die Lichtzuckungen, die aufbl�hten und sich viele Herzschl�ge lang ausbreiteten, lie�en die Umrisse der Zikkurat gegen die Bergwand scharf erkennen. Frauen erschauderten, M�nner fluchten furcht- und schreckerf�llt, Kinder begannen zu weinen. Panik ergriff die Tiere im Dorf. Die K�he muhten und stampften erregt, die Hunde jaulten und rannten davon. Und dann schickte der Druck des fallenden Sterns Sturmwind aus, so dass selbst festgebaute H�tten erzitterten, das Stroh sich von den D�chern l�ste und das Wasser vom Fluss aufgepeitscht �ber die H�fe spr�hte.</p><p>Als der Lichtregen vergl�hte, schlug der Stern hoch auf dem Berg hinter der Zikkurat ein. Die Wucht des Aufpralls ersch�tterte die Steppe erneut, und wieder brauste der Wind. Das Gl�hen erstarb schnell, doch ein gewaltiger flammenerhellter Rauch griff nach den Sternen, eine Feuers�ule, die nach einer Weile ebenfalls erlosch.</p><p>Die ganze Nacht hindurch, nachdem die Dunkelheit zur�ckgekehrt war, hielten die Dorfbewohner Wache vor ihren H�tten, blickten hinauf zu dem Berg und beobachteten den Himmel. W�rde der Stern erneut aufleuchten? W�rden weitere Sterne herabst�rzen? Was hatte es zu bedeuten? Waren die G�tter erz�rnt? War dies das Ende der Welt?</p><p>Beim Morgengrauen fl�sterte Bo-ugan, der Hetman des gr��ten Dorfes, mit kratziger Stimme, die Angst und Grimm verriet: �Die Zikkurat! Die Wahnsinnigen in der Zikkurat haben etwas B�ses gerufen und wollen die Welt vernichten!�</p><p>W�hrend der Nacht, als die Ersch�tterungen durch den fallenden Stern allm�hlich abebbten, beobachtete Thotas, Meister des Ordens der Roten Sonne, von seiner Kammer aus, droben in der Zikkurat, den Berg und �berlegte. Dann befahl er eine Versammlung aller �ltesten Priester in einer gro�en heiligen Halle, deren W�nde mit den Bildern finsterer G�tter bemalt waren. Nur wenige der Gerufenen sagten mehr als ein paar Worte, so ersch�ttert waren sie. In der Halle, in der sie sa�en, hatte sich M�rtel aus den Fugen der uralten Steinquadern gel�st. R�ucherschalen waren umgeworfen, und selbst einige Bodenfliesen hatten sich gelockert � und das alles durch die Wucht, als der Stern auf der Erde aufgeschlagen war. Einzig und allein Thotas zeigte keine Furcht, und seine Anh�nger bemerkten ein tiefes, schier wahnsinniges Glitzern in seinen Augen.</p><p>�Endlich naht die Zeit�, erkl�rte er hochaufgerichtet in seinem Zauberergewand, der kahle Sch�del im Licht der �llampen schimmernd. Seine Stimme war tief und m�chtig.</p><p>�Ihr meint � das Kommen?� wagte ein blaugewandeter Akoluth zu fragen.</p><p>�Es ist vollbracht!� rief Thotas. Er hob die Arme und blickte himmelw�rts, so dass sein dunkler zweigeteilter Bart steif vorw�rtsragte. Dann wandte er sich wieder seinen Priestern zu. �Heute Nacht fanden drei Jahrhunderte der Beschw�rungen durch uns und unsere Vorg�nger ihre Erf�llung. Die finsteren G�tter schickten uns den Stern, und nun m�ssen wir ihn bergen. Wir m�ssen ihn finden und in dem hohen heiligen Tempel sicherstellen, den wir f�r ihn errichteten. Wir m�ssen ihn beh�ten und uns seiner Macht bedienen � wir, die Priester und Magier der Welt heiligsten und geheimsten Ordens. Die Zeit der Macht ist nahe, Br�der � denn wenn wir uns des Sternes zu bedienen verm�gen, werden wir die uneingeschr�nkten Herrscher �ber die gesamte Menschheit sein.�</p><p>Die Versammlung l�ste sich auf unter aufgeregtem Gemurmel, und die �ltesten des Tempels w�hlten kr�ftige junge Akoluthen aus, die fr�h am Morgen mit Thotas aufbrechen sollten, um den gefallenen Stern zu finden und zum Tempel zu bringen.</p><empty-line/><p>Im Morgengrauen machten sie sich auf den Weg.</p><p>Am selben Morgen rief Bo-ugan die Hetmane der vier beieinander liegenden D�rfer in seiner Kriegsh�tte zusammen, und dort besprachen sie sich �ber ihrer aller Furcht: Den Zauberern der Zikkurat war es gelungen, ein �bel vom Himmel zu holen. Es w�rde sich als n�tig erweisen, dass alle Krieger, Bauern, Hirten und sonstige M�nner der D�rfer zu den Waffen griffen und den Tempel st�rmten, um sich vor dem �bel zu bewahren, das sonst zweifellos bald von dort kommen w�rde.</p><p>Alle Hetmane waren sich einig, alle zogen ihre Messer und stie�en sie in die roten Kreise, die auf Bo-ugans Tischplatte gezeichnet waren. Dann trennten sie sich und kehrten im Schein der aufgehenden Sonne in ihre D�rfer zur�ck, um Streittrupps aufzustellen.</p><p>Nicht einer hatte dagegen gesprochen. Alle waren �berzeugt, dass eine Gefahr drohe, die bek�mpft werden musste. Denn ganz gewiss wuchs eine Spannung in der Luft, aus kaum merklichem Wahnsinn geboren �</p><empty-line/><p>Mit Knechten und jungen Akoluthen marschierte und kletterte Thotas fast den ganzen Tag, um die Bergkuppe zu erreichen. Es bestand keine Gefahr, dass sie den Stern nicht f�nden, denn die Verw�stung, die er verursacht hatte, war un�bersehbar, und der verkohlte Pfad gef�llter und verbrannter B�ume wies ihnen einen geraden, obgleich schwierigen Weg zu dem G�ttergeschenk.</p><p>Gegen Mittnachmittag standen sie am Rande eines gro�en Kraters, gr��er noch als der Durchmesser ihrer Zikkurat. Es war nicht leicht, ihr Gleichgewicht auf den schwelenden Tr�mmern zerschmetterter B�ume zu halten, die auf dem noch hei�en, vom Feuer des Himmels ber�hrten Gestein lagen. Doch nur so vermochten sie in den Krater hinabzublicken. Und dort sahen sie einen Stein � nicht gr��er als ein st�mmiger Mann, doch fast wei�gl�hend und Rauch und Gas ausschickend.</p><p>W�hrend sie so standen und auf den wundersamen Stein starrten, begann der wolkenverhangene Himmel zu grollen. Ein kr�ftiger sandaufwirbelnder Wind peitschte ihnen entgegen, und dann fiel Regen, der die verschwitzten Gesichter wusch und dampfend im Krater aufschlug.</p><p>Mit dem Stab in der Hand kletterte Thotas ein paar Fu� die Kraterwand hinab. Ein paar Mal stolperte er auf dem asche�berzogenen Ger�ll und w�re fast gefallen, doch das Ding im Krater zog ihn unwiderstehlich an. Und w�hrend er es betrachtete, freute er sich, dass seine inbr�nstigen Gebete und jene seiner Vorg�nger endlich erh�rt worden waren �</p><p>Nach einer Weile hielt er inne und wandte sich den Begleitern zu. �Seht zu, dass ein paar von euch herunterklettern und den Stein hochschaffen! Benutzt die Seile und Stangen, die wir mitbrachten! Macht schon! Der Regen wird ihn ausreichend abk�hlen.�</p><p>Z�gernd und nicht sicher, ob sie den Stern im Krater oder des Zauberers Zorn mehr f�rchten sollten, kletterten zwei Dutzend junge Akoluthen die Kraterwand hinab, vorbei an Thotas, und plagten sich mit den langen Eichenstangen und den schweren Seidenseilen, die sie den Berg hinaufgeschleppt hatten.</p><p>Thotas stieg wieder zum Kraterrand und beobachtete erregt die Anstrengungen seiner Jungpriester. Auf seinem kahlen Sch�del schimmerte Schwei�, und er fuhr sich mit den Fingern immer wieder durch die zwei Spitzen seines dunklen Bartes. Er fl�sterte dem neben ihm stehenden Akoluthen zu: �Sp�rst du es? F�hlst du es?�</p><p>Der Mann starrte Thotas verst�ndnislos an. �Was soll ich sp�ren, Meister?�</p><p>Thotas� schweres Gesicht verzog sich zu einem L�cheln. Er blickte den Akoluthen nicht mehr an, sondern starrte gebannt auf den Stern im Krater. �Die <emphasis>Macht�,</emphasis> wisperte er mehr zu sich selbst denn als Antwort auf die Frage. �Diese <emphasis>Kraft!</emphasis> Meine Antwort von den G�ttern ��</p><p>Im Nieselregen des Nachmittags n�herten sich Bo-ugan, die vier anderen Hetmane und vierhundert ihrer st�rksten Krieger der Zikkurat, gefolgt von dreihundert weiteren M�nnern. Wohl�berlegt, hatte Bo-ugan seine Mannen aufgeteilt.</p><p>Sie waren zwischen ihren Feldern hindurchmarschiert, hatten den Fluss �berquert, der sie vom Land um die Zikkurat trennte, und nun marschierten sie entschlossen weiter. W�hrend sie durch die leicht h�geligen Wiesen n�rdlich des Stufenbauwerks kamen, sangen sie ihre alten Kampflieder, um den Mut zu st�rken.</p><p>�B�ses! B�ses!� murmelte Bo-ugan fast unentwegt vor sich hin, w�hrend er marschierte, so als k�nnten seine festen Schritte die Herren der Zikkurat erschrecken. �B�ses! Man h�tte die Halunken schon zu meines Gro�vaters Tagen ausl�schen sollen! Aber nun werden <emphasis>wir</emphasis> sie vernichten, sie und das B�se, das sie auf uns herabbringen wollen! Ich werde jeden dieser Hundes�hne t�ten!�</p><p>Je n�her sie der Zikkurat kamen, desto st�rker regnete es. Trotz ihrer Furcht und ihrer Wut waren Bo-ugan und seine M�nner von der Gr��e des Bauwerks beeindruckt. Ihr Leben lang hatten sie es blo� von der anderen Fluss-Seite aus gesehen, und nun erkannten sie, dass es selbst wie ein Berg aus behauenem Stein war oder wie eine kleine Stadt. Es hatte die Form einer stufenf�rmigen Pyramide, und von seinen vielen m�chtigen Stufen erhoben sich leicht schr�ge Mauern um den gesamten Bau, bis ganz nach oben, wo ein kleiner Tempel (zumindest wirkte er aus der Ferne klein) ihn kr�nte. Die Zikkurat schien in verschiedenen Abschnitten erbaut zu sein, denn das unterste St�ck war aus dem schw�rzesten Basalt, gefolgt von braunem und grauem, ja selbst gr�nlichem Stein, w�hrend sie sich nach oben verj�ngte.</p><p>Als Bo-ugan noch n�her kam, erkannte er, dass jeder einzelne Quader zumindest so hoch wie er selbst war. Die Zikkurat war gigantisch und warf einen ungeheuerlichen Schatten auf die Wiese. So klein sie gegen den Berg wirkte, an dem sie kauerte, so klein wirkte die sich n�hernde Streitkraft ihr gegen�ber.</p><p>Kein Zeichen von Leben umgab sie � keine V�gel, kein Getier auf den Wiesen, nicht einmal eine Schlange, ja selbst Maulwurfsh�gel fehlten. Nichts war an Feldfr�chten angebaut, es gab keine Stra�e, keinen Pfad, kein niedergetrampeltes Gras, das auf vereinzelte Karawanen hindeuten mochte � nur den Berg, die Zikkurat und das windbewegte Wiesenland.</p><p>Als die Krieger schon dicht davorstanden, fragten sie sich pl�tzlich, wie sie dieses Bauwerk st�rmen oder erklimmen sollten. Ihre Generation hatte keinerlei Erfahrung in Belagerung. W�hrend sie vorsichtig herantraten und fragend murmelten, schwang einer der gewaltigen Quader nach innen, und ein g�hnender Eingang lag vor ihnen.</p><p>Erschrocken lie� Bo-ugan seine Truppen anhalten. Er und seine Krieger starrten das bleiche Gesicht eines hageren Mannes in langem blauen Gewand an. Eine kurze Weile fl�sterte nur der Wind der Steppe, doch kein Wort wurde laut. Dann brach der Blaugewandete das Schweigen.</p><p>�Was wollt ihr?� fragte er mit ruhiger, doch m�chtiger Stimme. Er hatte die H�nde unter den �rmeln seines Gewandes gefaltet, und sein eindringlicher Blick schien sich in die Augen der Dorfbewohner zu brennen.</p><p>Vom zornigen Murmeln der M�nner hinter ihm gedr�ngt, trat Bo-ugan vorw�rts, das alte Schwert blank in der Hand. �Dieser gefallene Stern � was hat das zu bedeuten?�</p><p>Der Priester funkelte ihn an, als w�re eine solche Frage eine Unversch�mtheit. �F�rchtest du den Stern, Barbar? F�rchtest du ihn etwa gar mehr als den Schatten dieses Tempels?�</p><p>�Ich bin kein Barbar!� br�llte Bo-ugan. �Ihr Hunde, die ihr euch hinter Stein verkriecht, was beabsichtigt ihr damit, einen solchen Stein auf das Land herabzuholen?�</p><p>�Narr!� schnaubte der Priester. �Hebt euch alle hinweg. Kehrt �ber den Fluss zur�ck, dann wird euch nichts geschehen ��</p><p>Doch nun �bert�nten zahlreiche Stimmen, w�tend und doch voll Furcht, die letzten Worte des Blaugewandeten. Ehe Bo-ugan Ruhe herstellen konnte, legte jemand einen Pfeil an die Sehne und schoss auf den Priester.</p><p>Der Pfeil verfehlte ihn, entweder weil er schlecht gezielt war oder weil der Blaugewandete ihn durch eine geheime Macht ablenkte. Die Stahlspitze schlug funkenspr�hend gegen den harten Basalt und brach.</p><p>�Narren!� schrillte der Zauberer.</p><p>H�tten Bo-ugans Leute einen klaren Kopf behalten, h�tten sie bemerkt, dass der Mann aus dem Tempel nicht weniger Angst vor ihnen hatte als sie vor dem Tempel und vor dem Stern. Doch mit dem abgeschossenen Pfeil schwand jegliche Gelegenheit, wieder Ordnung herzustellen. Weitere Pfeile sirrten � so viele, so rasch und auf gut Gl�ck, dass Bo-ugan und andere in den vorderen Reihen sich tief duckten, um nicht von den eigenen Leuten getroffen zu werden.</p><p>Unerschrocken trat der Zauberer aus der T�r. Hinter ihm eilten sechs weitere Blaugewandete waffenlos herbei, und ihre Haltung sprach von Stolz und Macht. Sie begannen etwas in einer unbekannten Zunge zu rufen und heftig zu gestikulieren, als wollten sie die streitbaren Dorfbewohner dadurch verscheuchen.</p><p>Pl�tzlich traf ein Pfeil einen Priester. Er schrie und fiel auf die Knie. Hastig zog er sich den Pfeil aus der Seite und warf ihn ver�chtlich zu Boden, bevor er seitw�rts kippte.</p><p>Bo-ugan, der erkannte, dass dies die Wende bringen mochte, hob sein Schwert und f�hrte seine M�nner zum Sturm auf die T�r. Die Priester zogen sich, ohne ihren blutenden Kameraden mitzunehmen, eilig zur�ck, um die Steint�r zu schlie�en, ehe weitere von ihnen verletzt wurden oder die Angreifer eindringen konnten. Als der m�chtige Quader sich krachend schloss, lie�en die erbosten Dorfbewohner ihre Wut an dem verwundeten Priester aus.</p><p>Der Nachmittag wich allm�hlich dem Zwielicht. Der Regen h�rte auf, und Bo-ugans Truppen begannen auf den Wiesen vor dem Zikkurat ihr Lager aufzuschlagen, in der �berzeugung, sie h�tten sich bereits ihr Recht auf dieses Gebiet gesichert. Viele waren der Meinung, dass die Zauberer nichts weiter als Irre waren und dass es dumm von den St�mmen gewesen war, sich so viele Generationen lang vor diesem Tempel und seinen Bewohnern zu f�rchten. Der Priester, den sie get�tet hatten, war jedenfalls nicht sonderlich geschickt darin gewesen, sich mit Zauber oder sonst wie am Leben zu halten.</p><p>Doch als die Sonne unterging und tiefe Schatten �ber die Wiesen warf, zeigte sich ein hochgewachsener Mann an einem offenen Fenster �ber der ersten Zikkuratstufe. Bo-ugan, die anderen Hetmane und die Krieger blickten zu ihm empor, als dieser Mann, blaugewandet wie die anderen, zu ihnen herabrief:</p><p>�Narren! Barbaren! Wollt ihr euch friedlich zur�ckziehen, oder m�ssen wir euch den Tod schicken?�</p><p>Die Antwort war wieder ein Pfeil, der gegen den Stein unterhalb des simslosen Fensters prallte.</p><p>Der Mann verschwand, nur die H�nde waren noch zu sehen. Sie bewegten sich schnell und streuten ein Gest�ber schillernder Kristallfl�ckchen in die Luft �ber den Dorfbewohnern. Neugierig, aber keineswegs be�ngstigt, starrten Bo-ugan und die anderen auf die Kristallbl�ttchen, die wie gro�e Schneeflocken auf sie herabtrieben.</p><p>Pl�tzlich begannen die Flocken zu brennen � wurden zur Flamme, die der Wind nicht zu l�schen vermochte.</p><p>Die Dorfbewohner schrien und rannten und prallten in Hast gegeneinander. Bo-ugan, die anderen Hetmane und der Gro�teil der Truppen entkamen ungeschoren, doch etwa zwanzig Krieger wurden von den flammenden Kristallen erfasst. Ihr fl�chtiges Schreien wurde vom Prasseln versengenden Fleisches abgel�st.</p><p>Doch wo die Flocken nicht auf Menschen fielen, verbrannten sie nicht einen Grashalm der Wiese.</p><p>Bo-ugan br�llte vor Qual und Wut und rief seine M�nner zur Vergeltung. Sie st�rmten den Basalt der Zikkurat und h�mmerten sinnlos mit Schwertgriffen und Pr�geln dagegen. Wieder fielen flimmernde Flocken auf sie hernieder. Die M�nner, die es sahen, warnten die anderen br�llend, und alle versuchten sich � viel eiliger diesmal � in Sicherheit zu bringen. Trotzdem gingen f�nf in Flammen auf, Flammen, die so anders waren als �bliches Feuer.</p><p>Bo-ugan wurde klar, dass sie nur sich selbst schadeten, wenn sie so weitermachten. �Zur�ck!� br�llte er. �Zur�ck zum Fluss!�</p><p>In diesem Augenblick erwies Bo-ugan sich als echter F�hrer. Denn trotz seines gewaltigen Zorns gelang es ihm, nicht nur sich selbst, sondern auch seine M�nner zu beherrschen. Er trieb sie zum R�ckzug �ber die Wiesen, �ber den Fluss und zur�ck zu ihren D�rfern.</p><p>�Der Krieg beginnt�, versprach er seinen Truppen, ehe sie sich trennten. �Wir werden mit Belagerungsmaschinen zur�ckkehren und diese Hunde t�ten. Ihre Zauberei wird ihnen nichts nutzen.�</p><p>Und so, als die Nacht einbrach, suchten alle ihre D�rfer auf und lie�en auf der Steppe eine verst�mmelte Leiche und f�nfundzwanzig verkohlte Tote zur�ck � die ersten Gefallenen des Krieges, die ersten Opfer einer langen Auseinandersetzung.</p><empty-line/><p>Auch auf dem Berg brach die Nacht herein, rauchig, dunkel und nass. Die M�nner im Krater hatten endlich ein Netz aus den mitgebrachten Seilen geflochten, den Stein hineingerollt und dieses Netz an Eichenstangen gebunden. Als sie das Netz hoben, rissen mehrere Str�nge, und eine Stange brach. Der Stein war ungew�hnlich schwer f�r seine Gr��e. Und dann kam es zu weiteren Verz�gerungen, als sie sich m�hsam die Kraterwand zu Thotas und den anderen wartenden Zauberern hinaufk�mpften.</p><p>Der Weg bergab wurde noch m�hsamer, immer wieder ergaben sich neue Schwierigkeiten, als h�tte die Ber�hrung des Steins die sagenhafte Solisgruft der Probleme ge�ffnet. Ein Jungpriester fiel und verrenkte sich den Kn�chel; auf zwei andere gest�tzt, konnte er kaum den Weg fortsetzen.</p><p>Die mitgebrachten Fackeln wollten in dem Nieselregen nicht richtig brennen, und ein Fackeltr�ger rutschte auf dem nassen Bergpfad aus und zog sich schmerzhafte Verbrennungen zu. Doch das Schlimmste geschah, als sie etwa die H�lfte des Berges zur�ckgelegt hatten: Die M�nner, die den im Netz schaukelnden Stein trugen, schrien pl�tzlich auf, lie�en ihn fallen und wichen zur�ck.</p><p>�Er lebt! Er lebt!�</p><p>Ergrimmt drehte Thotas sich um und funkelte sie an.</p><p>�Er lebt � er hat sich <emphasis>bewegt!�</emphasis> versicherten ihm die jungen Zauberer einstimmig.</p><p>�Narren!� schnaubte Thotas. Trotzdem trat er n�her an den Sternenstein heran und betrachtete ihn. �Bringt Fackeln!� befahl er. �Beleuchtet den Stein!�</p><p>Falls der Stein sich bewegt hatte, jetzt, im Fackellicht und unter der eindringlichen Musterung Thotas, r�hrte er sich jedenfalls nicht. Der Meister streckte die Hand aus und sp�rte die W�rme, die trotz des Regens immer noch vom Stein ausging.</p><p>�Hebt ihn wieder hoch!� befahl er den Jungpriestern. Als sie zauderten�richtete er sich auf und hob drohend eine ringgeschm�ckte Hand, als beabsichtigte er, einen Fluch auf die S�umigen herabzubeschw�ren. �Tut, was ich befehle!� murmelte er gef�hrlich leise.</p><p>Versch�chtert versuchten die Tr�ger sich selbst einzureden, dass sie lediglich einer durch Ersch�pfung hervorgerufenen Sinnest�uschung zum Opfer gefallen waren. Sie griffen nach den Stangen und setzten ihren beschwerlichen Weg fort, ihrem Meister bergab folgend, dem die im Nieselregen und Wind blakenden Fackeln durch den Wald leuchteten.</p><p>Im Morgengrauen gelangte Meister Thotas mit seinen Leuten und dem Sternenstein in der Zikkurat an � m�de, schmutzig, aber mit dem kostbaren Fund.</p><p>Thotas zeigte wenig Interesse, als man ihm vom Angriff der Dorfbewohner erz�hlte. Er befahl ausgeruhten M�nnern aus dem Tempel, den Stern zu �bernehmen. Keuchend unter der Last schleppten sie ihn die inneren Treppen und Korridore der Stufenpyramide empor, um ihn schlie�lich auf den alten Altar im hohen Tempel zu legen.</p><p>Als er an seinem festen Platz war, schickte Thotas die Jungpriester aus dem Tempelraum. Sie schlossen die T�r hinter sich, und der Hohepriester blieb allein mit seinem G�ttergeschenk zur�ck � seinem Geschenk, um das er und seine Vorg�nger gebetet und um dessentwegen sie �ber Generationen hinweg Schwarze Magie gewirkt hatten �</p><p>Das erste Grau des Morgens fiel durch die beiden Fenster des Tempelraums, und der Stein vom Himmel wirkte nun k�hl, ja frostig. Thotas trat nicht n�her heran, aber er betrachtete ihn in unverhohlenem Staunen. Er fl�sterte zu ihm, sprach zu ihm � vielleicht auch zu sich selbst.</p><p>�Lange, so lange haben wir auf dich gewartet�, murmelte er. �Und nun bist du von den finsteren G�ttern zu mir gekommen. Du wirst mir gro�e Macht bringen.�</p><p>Er trat n�her heran, verz�ckt von dem unheimlichen Gl�hen des Sterns. Schwei� brach ihm von der Stirn. Die H�nde zitterten ihm, w�hrend er einen Schritt vorw�rts tat, dann einen zweiten, bis er schlie�lich stehen blieb, um den Stein zu bewundern.</p><p>�Macht von den finsteren G�ttern!� wisperte Thotas. �Und bald wird alles mir geh�ren, alles!�</p><p>Der Stern erbebte.</p><p>Thotas keuchte erschrocken. Nun lie� der einfallende Sonnenschein den Stein greller aufleuchten. Und dann, erzitternd mit dem Licht, sprach der Stein:</p><p><emphasis>�Tor. Mit deinem irdischen Zauber h�ltst du mich jetzt gefangen, doch ich bedeute deinen Tod. Nicht freiwillig verleihe ich dir Macht. Ich bringe dir den Tod.�</emphasis></p><p>Thotas schrie auf und taumelte r�ckw�rts. Er prallte gegen die Wand und st�tzte sich mit den Armen dagegen. Best�rzt weiteten sich seine Augen, er riss unwillk�rlich den Mund auf, und das Leuchten des Steines blendete ihn schier.</p><p>Der Stern h�rte zu zittern auf und verlor ein wenig an Leuchtkraft. Thotas rannte auf ihn zu, legte beide H�nde um ihn und schrie ihn an:</p><p>�Sprich wieder! Sprich wieder!�</p><p>Er erhielt keine Antwort. Heftig stie� der Zauberer den Stein, dann zog er an ihm und verlangte immer wieder: �Sprich doch! Sprich doch wieder!�</p><p>An der T�r pochte es. Die wartenden Akoluthen hatten das aufgeregte Schreien ihres Meisters geh�rt.</p><p>�Sprich wieder!� kr�chzte Thotas. Er hielt den Stein fest und sp�rte W�rme die H�nde hinauf in Herz und Gehirn str�men. �Sprich � wieder ��</p><p>Ohne die H�nde vom Stein zu nehmen, sackte er, gegen den Altar gelehnt, zu Boden, w�hrend die Stimmen hinter der verschlossenen T�r, um seine Sicherheit besorgt, nach ihm riefen.</p><empty-line/><p>Sechs Tage lang war es ruhig in der Steppe. Im Morgengrauen des siebten Tages nach dem vergeblichen Sturm auf die Zikkurat schafften Bo-ugan, die anderen Hetmane und ihre Krieger schwere Ausr�stung �ber den Fluss: Sturmleitern, Widder, einfache Belagerungst�rme und Katapulte. Sie hatten sechs Tage damit verbracht, das Belagerungsger�t herzustellen. Einen halben Tag ben�tigten sie nun dazu, es �ber den Fluss und die Wiesen zu transportieren. Gegen Mittag war das kleine Heer zum Angriff auf die Zikkurat bereit.</p><p>Bo-ugan hatte alles gut durchdacht und erkannt, dass ein Angriff von einer Seite seine Leute zu gro�er Gefahr aussetzen w�rde. So hatte er in der sechsten Nacht, vor dem Morgengrauen, zwei gro�e Trupps ausgeschickt, um in einem weiten Bogen, einer nach links, der andere nach rechts, zu dem Berg hinter der Zikkurat vorzusto�en und ihn zu erklimmen. Von dort aus wollten sie beobachten, wie der Angriff von der Steppe aus verlief, und eingreifen, sobald die Aufmerksamkeit der Tempelleute auf das Heer in den Wiesen gerichtet war.</p><p>Die Priester in der Zikkurat hatten den Anmarsch im Tagesucht von gesch�tzter H�he aus beobachtet und sch�ttelten die K�pfe angesichts dieser Narren. Sie hatten Thotas davon unterrichtet, und auch er war an ein Fenster getreten, um sich die Horde anzusehen.</p><p>�Ja, Narren, wahrhaftig!� brummte er.</p><p>Dann zog er sich in den hohen Tempel zur�ck, wie jeden Tag, seit man diesen Stein gebracht hatte. Im Tempelraum hatte sich seither einiges ge�ndert. Thotas hatte magische Kreise um den Altar gezeichnet, �llampen angez�ndet und Zauber gezogen, so dass der Stein sicher in einem Feld von Erdmagie gefangen war. Danach hatte er mit Hilfe von Matius, seinem �ltesten und st�rksten Priester, den m�chtigsten Zauber gewirkt, um festzustellen, ob er imstande war, den Stern nach seinem Willen zu lenken.</p><p>W�hrend Matius in einer Ecke des Tempelraums sa� und mit dramatischen Gesten eine R�ucherschale schwenkte, konzentrierte sich Thotas reglos auf den Stern. Bald sp�rte er, wie ein gro�es Machtgef�hl ihn durchstr�mte.</p><p>Als die ersten, Steine von den Katapulten der Angreifer gegen die Steinw�nde der Zikkurat prallten und das Kampfgebr�ll der Krieger die Luft zerriss, verlie� Thotas den hohen Raum und machte sich daran, gegen die Feinde vorzugehen.</p><empty-line/><p>In der Schlacht an diesem Tag siegte zun�chst Zauberei �ber rohe Kraft und einfache Waffen; Bo-ugans M�nner legten Leitern an die W�nde. Leitern und M�nner wurden zur�ckgesto�en und von den Feuerkristallen zu Asche verbrannt. Gleichzeitig fanden allerdings so mancher Pfeil und von Katapulten geschleuderte Stein ihr Ziel unter jenen, die die Stufen der Zikkurat bemannten, und viele Blaugewandete fielen.</p><p>Dann eilten die beiden Kompanien, die Bo-ugan den Berg hinaufgeschickt hatte, so heimlich wie m�glich die Felswand zur Zikkurat hinab. Rasch gelangten hundert Mann auf die unbewachten oberen Stufen � unbewacht deshalb, weil keiner in der Zikkurat auch nur auf den Gedanken gekommen war, dass ein Angriff von oben erfolgen k�nne. Man erklomm die hohen Wehrg�nge, brach T�ren auf, drang in die obersten R�ume ein. V�llig �berraschte Priester fielen unter Schwertern, Dolchen und Pr�geln.</p><p>Die Bewohner der Zikkurat erkannten schnell, was vorging, und wandten die Aufmerksamkeit dem Kampf an der zweiten Front zu. Zum ersten Mal in seiner bekannten Geschichte tobte Kampf im Tempel der Roten Sonne.</p><p>Unter dem Befehl eines jungen Kriegers namens Abruk eroberten die vom Berg Eingedrungenen mehrere R�ume und warfen Seile zu ihren Kameraden auf der Steppe hinunter. Bo-ugan befahl, Leitern an jene Fenster zu lehnen, hinter denen seine eigenen Leute warteten. Gleichzeitig lie� er Gr�ben unter der Basaltgrundmauer der Zikkurat schaufeln und Pfeile durch die Fenster schie�en, wann immer Priester sich dort zeigten, um verzweifelt Beschw�rungen hervorzusto�en oder Zauber zu wirken.</p><p>In der Zikkurat tobte Thotas vor Wut. Er f�hrte seine Leute zu jenen R�umen, die Abruk eingenommen hatte, zerschmetterte die T�ren und t�tete die hundert Soldaten kraft seiner Macht, die er dem Sternenstein entzogen hatte. Dazu brauchte er nur die H�nde auszustrecken, und ihnen entstr�mte Welle um Welle der t�dlichen Kraft. Matius und die anderen Priester halfen ihrem Meister mit geringeren Kr�ften. Als Bo-ugans Leute die Leitern hinauf und durch die Fenster in die R�ume kletterten, fanden auch sie den Tod durch Zauberkr�fte.</p><p>Doch die ungeheure Anstrengung ersch�pfte Thotas und die Priester. Sie zogen sich ins Innere der Zikkurat zur�ck, w�hrend geringere Zauberer durch die R�ume und Korridore eilten, um Wachen und Barrikaden aufzustellen. Sie t�teten oder wurden von den restlichen Kriegern get�tet, die in der Falle sa�en und durch die Zikkurat streiften. In den oberen Stockwerken des Heiligtums der Roten Sonne entstand viel Schaden, und viele von Thotas� Priestern fanden den Tod. Doch keiner der Eindringlinge kam mit dem Leben davon. Auf der Steppe wurden Sturmleitern, Belagerungst�rme und alle anderen Belagerungsger�te, die Bo-ugan hatte erbauen lassen, vernichtet oder zur�ckgeworfen. Seine M�nner waren zu Aschenh�ufchen geworden. Wenig mehr als die H�lfte seiner Krieger �berlebten, und nur drei der anderen Hetmane.</p><p>Die Truppen hoben Sch�tzengr�ben aus, und als die Nacht einbrach, h�uften sie Steine als Schutzwall auf. Die gro�e Belagerung hatte begonnen.</p><empty-line/><p>Mehrere Tage sp�ter gelangten die Krieger, die sich unter der Zikkurat durchgegraben hatten, mitten in der Nacht in das Heiligtum. Zwar fielen viele von ihnen, doch auch so manche Blaugewandete lie�en ihr Leben. Gegen Morgen hatten Bo-ugan und seine M�nner ihren ersten dauerhaften Sieg errungen � sie hatten eine Bresche in die Tempelfestung geschlagen und einen �u�eren Raum eingenommen.</p><p>Am folgenden Tag schickte Bo-ugan planm��ig einen Teil seiner M�nner zur�ck �ber die Wiesen, damit sie sich in ihren D�rfern ausruhten und Verst�rkung mit frischen Muskeln und Waffen schickten. An diesem Tag setzte er zwei weitere Trupps zum Untergraben der Zikkuratgrundsteine ein; in der Nacht fochten seine M�nner einen blutigen Kampf gegen die Blaugewandeten und besetzten einen zweiten Raum.</p><p>Best�rzt zog Thotas sich in das hohe Tempelgemach zur�ck, um zu dem g�ttlichen Stern zu sprechen. Ber�ckt von ihm, kam er drei Tage nicht heraus.</p><p>Als er den Raum endlich verlie�, las Matius erschrocken einen neuen Wahnsinn in Thotas� Augen.</p><empty-line/><p>Die Belagerung dauerte Wochen und dehnte sich schlie�lich zu Monaten. Bo-ugans M�nner nahmen Raum um Raum ein, mussten sie wieder aufgeben und eroberten sie zur�ck, indem sie Muskeln und Stahl gegen Zauberei einsetzten. Der Herbst wich dem Winter. K�lte griff nach den M�nnern vor der Zikkurat. Um sich dagegen zu wappnen, erbauten sie steinerne Forts. Ein Pfad wurde durch das schneebedeckte Wiesenland getrampelt; auf ihm kamen Verst�rkung und Verpflegung. M�nner starben und wurden durch andere ersetzt. Verwundete schickte man in die D�rfer zur�ck, damit sie genasen oder starben. Kinder, die in jenem Winter zur Welt kamen, taufte man mit Fl�chen gegen den Feind in der Zikkurat.</p><p>Im Fr�hling verdoppelten Bo-ugan und seine M�nner ihre Anstrengungen, und bis zum Sommer hatten sie das halbe untere Zikkuratstockwerk eingenommen. Hin und wieder f�hrte Thotas seine Priester und Jungpriester gegen die Krieger, doch immer h�ufiger und l�nger zog er sich in sein Gemach oder den Sterntempel zur�ck und h�rte sich lediglich die Berichte seiner M�nner �ber die Lage an. Einmal, im Fr�hling, hatten einige seiner t�richteren Zauberer einen Ausfall gewagt, um gegen die Belagerer zu k�mpfen; aber sie waren alle niedergemacht worden, denn ohne den Schutz ihrer Kameraden und ohne die Macht der Zikkurat waren sie zu schwach.</p><p>Mit dem Fr�hling kamen auch Abenteurer und S�ldner, die von der anhaltenden Belagerung und den Ger�chten �ber sagenhaften Reichtum in der Stufenpyramide geh�rt hatten. Sie unterstellten sich Bo-ugan und k�mpften in Erwartung der Sch�tze gegen die Zauberer. Die D�rfer, die eineinhalb Meilen am Fluss verstreut gelegen hatten, wuchsen zu einer gro�en lang gestreckten Stadt zusammen. H�tten und Festungen wurden als Verbindung errichtet, und die Leute, die weiter au�erhalb gewohnt hatten, zogen herbei, um Heim und Essen mit denen von Bo-ugans Dorf zu teilen.</p><p>Der urspr�ngliche Grund f�r den Krieg war schon ein Jahr nach seinem Ausbruch vergessen. Der Stern vom Himmel? Wer wusste schon, was er bedeutete? Nun k�mpfte Joris, weil sein Bruder Koloti in der Zikkurat get�tet worden war; Thaum, weil er wusste, dass die Zauberer Reicht�mer gehortet hatten; und Ivarm machte mit, weil er daran glaubte, dass Bo-ugan, ein Held war, den die G�tter auserkoren hatten, das B�se zu besiegen. So wurde der Krieg nun aus den unterschiedlichsten Gr�nden gef�hrt.</p><p>Im zweiten Winter befehligte Bo-ugan bereits eine kleine Armee. J�ngere S�hne, die mehr vom Kampf als von der Landwirtschaft verstanden, folgten ihren V�tern und �lteren Br�dern �ber die Steppe, um mit Feuerpfeilen und Schwertern gegen die d�monischen M�nner vorzugehen. Im zweiten Fr�hjahr verschafften Bo-ugan und seine M�nner sich Zugang zum ersten Stock der Stufenpyramide. Doch auch die Priester in dem riesigen Tempel lernten nun zus�tzlich zur Zauberei das K�mpfen.</p><p>Gegen Ende des zweiten Belagerungsjahrs war der Krieg zu einer Lebensweise geworden. Bo-ugans kleines Dorf und die anderen D�rfer rundum waren zu einer befestigten Stadt zusammengewachsen. Frauen und M�dchen stapften durch Felder und Wiesen, um ihre M�nner und Liebsten in den Befestigungsanlagen auf der Steppe und sogar dicht an der Zikkurat zu besuchen. Ja, einige dieser Frauen lernten selbst mit dem Schwert umzugehen und griffen zu den Waffen gegen die Tempelpriester. Mehr und mehr S�ldnertrupps schlossen sich der wachsenden Armee an. Fische, Fr�chte, Gem�se und Getreide, um die sich Frauen sowie junge M�dchen und Knaben k�mmerten, wurden flu�ab gegen Eisen und Waffen getauscht. Selbst ein paar Zauberer wurden angeworben, um an Bo-ugans Seite zu k�mpfen. Doch ihre Magie bewirkte wenig gegen die gewaltigen Zauberkr�fte der Zikkuratbewohner und Priester des Ordens der Roten Sonne.</p><p>Ein weiterer Winter machte dem Fr�hling Platz, und ein weiterer Sommer und Herbst wiederum wichen dem neuen Winter. Kinder, die um die Zeit der ersten Schlacht gezeugt worden waren, wuchsen mit Geschichten von Krieg und Waffenkunst auf. Die Hoffnung auf Gold und Rache trieb die Armee an, und der Tod st�rkte die Entschlossenheit der �berlebenden. Ein ruhmvolles, herrliches Leben in der Welt nach dem Tod wurde jenen versprochen, die als Helden fielen.</p><p>Einige behaupteten, Wahnsinn in dem Ganzen zu sehen, und dass der gefallene Stern das Land verflucht habe. Sie verlie�en die Gegend. Doch die meisten fanden den Krieg notwendig und als das Wichtigste. Sie blieben und k�mpften � und so manche von ihnen fielen.</p><p>Weitere Winter zogen �ber das Land. Die Stadt am Fluss wuchs. Ernteerzeugnisse wurden flu�ab und Waffen flussauf geschickt.</p><p>Zehn Jahre zog sich der Kampf um die Zikkurat dahin: eine Einladung f�r alle mit einem Schwert und einem hungrigen Bauch �</p></section><section><title><p>TEIL EINS</p><p>Die Reise</p></title><section><title><p>1</p><p>Die M�nner der Zikkurat</p></title><p>Sonja machte vorsichtig ein paar Schritte vorw�rts, dann blieb sie wieder stehen. Ein Dutzend Soldaten tat es ihr gleich. Der Schein der Fackeln brachte Sonjas rotes Haar zum Schimmern. Sie zog ihr Schwert, winkte mit dem freien Arm und bedeutete den M�nnern heranzukommen.</p><p>�Daron!� fl�sterte sie.</p><p>Ein junger dunkelhaariger Krieger blieb dicht neben ihr stehen. Wortlos forderte sie ihn auf, seine Fackel vorzustrecken, damit sie und die anderen besser sehen konnten.</p><p>Das flackernde orangefarbene Licht zeigte ihnen lediglich einen leeren Korridor, zumindest soweit der Schein leuchtete. Aber Sonja bemerkte einen aufrechten Schatten an der rechten Wand.</p><p>�Eine Ecke�, fl�sterte sie Daron zu.</p><p>Es war still in dem Gang. Sonja und Daron sowie die M�nner hinter ihnen verharrten stumm. Sie waren weiter gekommen als Bo-ugans M�nner am gestrigen Tag, und das machte Sonja doppelt misstrauisch.</p><p>�Leuchte dorthin!� wisperte sie Daron zu. �Etwas sagt mir ��</p><p>Bevor sie zu Ende gesprochen hatte, war Daron schon vorsichtig weitergegangen, die Hand mit der Fackel hoch erhoben, die andere um den Griff seines in der Scheide steckenden Schwertes. Das Licht flackerte �ber Ziegelwand und Lehmboden und verriet ein paar verschwommene Einzelheiten hinter jener Ecke �</p><p>�Vorw�rts!� br�llte Sonja pl�tzlich. Sie schob Daron zur Seite, als sie losst�rzte.</p><p>Etwas taumelte hinter der Ecke hervor � gro� und breit kam es aus den dunklen Schatten. Es hob die Arme, torkelte vorw�rts und �ffnete schlaff die Kiefer, als stie�e es einen stummen Schrei hervor. Die glasigen Augen brannten gelb durch zauber�bertragene Kraft. Es war ein belebter Toter � einer der gestern Gefallenen �</p><p>Das Rasseln von Schwertern, die aus ihren H�llen gezogen wurden, erklang hinter Sonja � die M�nner warteten ungeduldig auf ihren Einsatz. Mit der geschmeidigen Leichtigkeit der geborenen Schwertk�mpferin hob die rothaarige Hyrkanierin ihre Klinge, um den Untoten aufzuhalten. Ihr Schwert drang ihm in die Brust.</p><p>Ihr Streich brachte die wandelnde Leiche aus dem Gleichgewicht. Mit erhobenen Armen�gekr�mmtem R�cken und dem Kopf prallte die Gestalt gegen die Wand. Sonja riss die Klinge zur�ck.</p><p>�Die Fackel, Daron!� rief sie. �Z�nde den Toten an!�</p><p>Wieder hatte er ihren Befehl vorhergesehen. Er warf die Fackel gegen den Untoten und zog seine Klinge aus der Scheide. Die Leiche, die sich schwerf�llig von der Wand gesto�en hatte, taumelte unter dem Aufprall. Die harzige Fackel klebte ihr an Haut und Kleidung, und die Flamme breitete sich schnell in z�ngelndem roten Feuer aus. Ohne einen Schrei herauszukriegen, wandte sie sich von der Wand ab, und gelenkt vom Zauber jener, die sie belebt hatten, versuchte sie sich auf den Trupp Krieger zu werfen, der den Korridor blockierte.</p><p>Sonja und Daron bedienten sich derselben Strategie wie schon oft; sie stellten sich an die gegen�berliegenden W�nde und lie�en ihre M�nner herankommen. Mit langen Eichenstangen stie�en sie gegen die brennende, immer noch wandelnde Leiche und schoben sie zur�ck.</p><p>Gerade rechtzeitig, denn in dem Augenblick, da der Untote r�ckw�rts st�rzte, kam einer seiner Herren hinter ihm ins Blickfeld � ein schlanker Mann mit funkelnden Augen, auf dessen blauem Gewand sich die Flammen des Untoten spiegelten.</p><p>�Hunde!� schrie der Priester und hob die Arme zu einem Zauber.</p><p>Da fiel die Leiche gegen ihn. Er kreischte, als die Flammen auch ihn erfassten und sein Gewand lichterloh zu brennen begann. Der Gestank von versengtem Fleisch breitete sich aus.</p><p>Ein zweiter Priester trat aus dem Schutz der Ecke hervor. Durch den �ligen Rauch war er nicht deutlich zu sehen, wohl aber war zu erkennen, dass seine Augen wuterf�llt blitzten und er die ringgeschm�ckten H�nde bereits zum Zauber ausgestreckt hatte.</p><p><emphasis>�Imthu!�</emphasis> schrie er. <emphasis>�Na�a ba-aba sui suthuth!�</emphasis></p><p>Ein Blitz magischer Kraft zuckte ihm unter lautem Zischen aus den H�nden. Sonja und Daron, die noch an den beiden Korridorseiten standen, entgingen ihm, sp�rten jedoch seine h�llische Hitze. Zwei ihrer M�nner fielen, der Kopf des einen zu Asche verkohlt; dem zweiten versengte ein Arm bis zu den Knochen. Dieser zweite schrie, w�hrend er zu Boden fiel.</p><p>Sonja st�rmte vorw�rts. Sie hoffte, der Zauberer w�rde nicht imstande sein, wieder einen Blitz zu entladen, ehe sie ihn erreichen konnte. Vor Grimm br�llend, schwang sie ihre Klinge. Der Priester hob die F�uste � und ihr blitzender Stahl traf ihn an den Handgelenken.</p><p>Schreiend wich er zur�ck und starrte ungl�ubig auf seine blutenden Arme. Sonja folgte ihm, ohne ihn aus den Augen zu lassen, um sich zu vergewissern, dass nicht weitere Gefahr hinter der Ecke lauerte. Als der Priester gegen den Eingang des Seitengew�lbes taumelte, schwang sie erneut ihre Klinge, und diesmal trennte sie ihm den Kopf ab.</p><p>Sonja gewann ihr Gleichgewicht zur�ck und starrte, gegen die Wand gest�tzt, in den Seitengang. Und schon stand Daron neben ihr und leuchtete mit der Fackel, doch sie sahen am Ende des kurzen leeren Gew�lbes lediglich eine geschlossene Eisent�r. Durch sie hindurch h�rten sie, wie eine weitere Eisent�r zugeschlagen wurde. Wer immer hinter der ersten T�r gewartet hatte, musste gesehen haben, wie die beiden Priester starben, und sich daraufhin zur�ckgezogen haben.</p><p>Bo-ugans M�nner eilten kampfbegierig herbei, doch als sie feststellten, dass der Kampf bereits vor�ber und der Sieg Sonja zugefallen �war, begl�ckw�nschten sie sie zu ihrer Geschicklichkeit und zogen sich wieder zur�ck.</p><p>�Sie werden wiederkommen�, meinte einer von ihnen. �Aber im Augenblick geh�rt dieser Korridor uns. Wir werden heute Nachmittag mit Verst�rkung kommen und sehen, dass wir die T�r einbrechen und den anschlie�enden Gang einnehmen. Ihr habt Eure Sache gut gemacht, Rote Sonja.�</p><p>Sie nickte ihnen nur stumm zu, doch dann wandte sie sich an Daron. �Hast gut getroffen mit deiner Fackel.�</p><p>�Hast gut getroffen mit deinem Schwert�, entgegnete er l�chelnd.</p><p>Auf dem Weg zur�ck durch den Korridor stiegen sie �ber Tote. Sonja sch�ttelte den Kopf und z�hlte sie zu den anderen, die vor ihren Augen gefallen waren, seit sie und Daron hier angekommen waren: vierzig in knapp zehn Tagen. Ein zu hoher Preis, dachte sie, gleichg�ltig, was dieser Tempel birgt.</p><p>Aber es war nicht ihr Krieg. Sie wollte lediglich ihren Magen zufrieden stellen, und wenn ihr Schwert das f�r sie tun konnte, musste sie nicht General spielen.</p><empty-line/><p>Als er zu sich kam, sp�rte er den Schmerz im rechten Arm, und er erinnerte sich, dass er mit Zauberfeuer verbrannt worden war. Er schob sich nach einer Seite, sofort stach ihm gr��erer Schmerz durch die Schulter. Er glaubte, etwas zu sp�ren � etwas Unstoffliches, etwas hoch �ber ihm in dem Tempel � etwas Unsichtbares, Nichtmenschliches, das sich von Furcht und Schmerz n�hrte �</p><p>Geschw�cht und schaudernd schleppte er sich in die Dunkelheit, bis er gegen etwas Warmes, Weiches prallte, das er als frische Leiche erkannte. V�llig verst�rt durch die Dunkelheit und die Erkenntnis, dass er lebte, schrie er nach seinen Kameraden �</p><p>W�hrend etwas hoch oben sich an seiner Qual st�rkte.</p><p>In einiger Entfernung, wie als Antwort auf sein heiseres Flehen, knarrte eine schwere T�r, gleich darauf erklangen ged�mpfte Schritte. Schwindelerregend schien sich selbst die Dunkelheit um ihn zu drehen. Er schob sich r�ckw�rts, und sein Kopf schlug gegen Stein. Er blieb liegen, und das Schwindelgef�hl raubte ihm das Bewusstsein � doch er erwachte Augenblicke sp�ter, als eine weitere Metallt�r, und diese viel n�her, knarrend aufschwang.</p><p>Er �ffnete die Augen und starrte in blendenden Fackelschein. Hinter diesem Licht sah er gelbe, wie in der Luft schwebende Augen.</p><p>�Einer von ihnen lebt, Meister Thotas.�</p><p>Er sah ein schweres Gesicht mit zweigeteiltem Bart unter einer Glatze und dunkle Augen, die ihn finster anblickten. Das Gesicht war mit zahllosen F�ltchen durchzogen, die es weniger alt denn verderbt machten.</p><p>�Hebt ihn auf!� befahl eine schnarrende Stimme. �Wir haben Verwendung f�r ihn.�</p><p>Kurz verlie� ihn wieder die Besinnung, dann sp�rte er grobe H�nde, die ihn hochzerrten. Er schrie vor Angst und Schmerz und wehrte sich schwach, als ihm bewusst wurde, dass er wie eine schlaffe Puppe getragen wurde.</p><p>Doch immer noch sp�rte er das B�se hoch �ber sich.</p><p>Dann griff schmerzhaft wieder die Schw�rze nach ihm, und w�hrend er in einen alptraumhaften Abgrund st�rzte, wurde ihm benommen bewusst, dass sich eine schwere Eisent�r hinter ihm schloss.</p><empty-line/><p>�St�tzt es gut ab!� befahl Thamir den M�nnern, als sie sich mit ihren Waffen und schweren S�cken auf den Weg machten. �Sch�ttet Salz ringsherum und stemmt das Eisen gut an die Wand!�</p><p>�Und R�ucherwerk�, erinnerte der Mann neben ihm. �Um D�monen abzuwehren.�</p><p>�O verdammt, und R�ucherwerk ebenfalls�, best�tigte Thamir und hustete in dem dichten Rauch. �Und h�ngt den Sch�del eines dieser Hundes�hne von der Decke. Das scheint ohnehin besser zu wirken als Salz.�</p><p>Ein Dutzend Soldaten stiefelte hinaus in den Korridor, um seine Befehle auszuf�hren. Thamir wandte sich nun Sonja, Daron und einer Handvoll anderen zu.</p><p>�Ihr seid schon drei Tage hier�, sagte er nach einem Blick auf die Liste, die sein Adjutant ihm zugeschoben hatte. �Bo-ugan will nicht, dass jemand l�nger als drei Tage hintereinander bleibt. Holt eure Sachen und geht ins Dorf. Ruht euch einen Tag lang aus und esst was Anst�ndiges.�</p><p>Sonja nickte ihm zu und b�ckte sich, um den Riemen ihrer Stiefel zu ordnen, die sich verdreht hatten und ihr in die Waden schnitten. Zu Daron sagte sie: �Gehen wir! Wir haben es uns verdient.�</p><p>Sie verlie�en Thamirs behelfsm��ige Befehlsstelle durch den kurzen Gang, der zum Hauptkorridor des Erdgeschosses der Zikkurat f�hrte. Raum um Raum stand leer und wurde von Bo-ugans M�nnern bewacht. Einige allerdings waren mit Pritschen, Ausr�stung, Verpflegung und Wasserkr�gen ausgestattet. Die Armee hatte hier Quartier bezogen. Es lagen sogar einige pers�nliche Dinge herum, und an die W�nde waren Namen gekritzelt.</p><p>Auf dem Weg durch den Hauptkorridor, der mit Fackeln beleuchtet war, kamen Sonja und Daron an einem runden Tisch vorbei, an dem ein paar M�nner Karten spielten. Einer winkte Daron herbei. Er blieb stehen, doch Sonja eilte weiter und rief ihm zu, dass sie schon zum Dorf vorausginge. Bewundernde Blicke folgten ihrer hochgewachsenen, wohlgeformten Figur mit den langen Beinen, von denen zwischen Stiefeln und schmiegsamem Kettenhemd einiges zu sehen war.</p><p>�Was meinst du?� fragte der Mann, der Daron aufgehalten hatte, und zeigte ihm sein Blatt.</p><p>�Ich meine, sie ist wirklich ��, begann der Mann ihm gegen�ber.</p><p>�Ach, doch nicht du, Esel!� unterbrach ihn der andere lachend, w�hrend der Spieler in der Mitte, der an der Wand sa�, den Kopf zur�cklehnte und zu schnarchen vort�uschte. �Was meinst du, Daron? Hat er mich?�</p><p>Daron strich sich das glatte dunkle Haar zur�ck und kratzte sich am Kopf. �Das kann ich dir wirklich schlecht sagen.�</p><p>�Aber nat�rlich kannst du es! Du brauchst mich blo� zu stupsen oder so was.�</p><p>�Halt ihn da raus!� befahl der Mann an der Wand gedehnt, ohne die Augen aufzuschlagen.</p><p>�Ein h�bsches Paar Br�ste unter der Kettenr�stung�, murmelte der hintere Mann bewundernd.</p><p>Daron grinste ihn an. �Wenn sie das h�rte, schnitte sie dir vermutlich die Zunge aus dem Mund.�</p><p>�Ach was, jede Frau h�rt gern Schmeicheleien.�</p><p>�Das war eine Schmeichelei?� Daron l�chelte immer noch.</p><p>Der andere zuckte offenbar, ver�rgert die Schulter und wandte sich von ihm ab.</p><p>Der Mann, der ihm sein Blatt gezeigt hatte, blickte Daron an. �Ist sie so gut, wie sie aussieht?�</p><p>�Woher sollte ich das wissen?�</p><p>�Komm schon, Mann! Wir stecken alle gemeinsam in diesem stinkenden Loch. Gib uns wenigstens was, wovon wir tr�umen k�nnen!�</p><p>�Sie ist ebenso Soldat wie wir anderen.�</p><p>�H�r zu, du kamst vor drei Wochen mit ihr �ber die Steppe geritten. Nachts wird�s ganz sch�n kalt auf der Steppe, nicht wahr, Jungs? Ja, es wird kalt in der Nacht, verdammt, und ein Mann und eine Frau, ich meine, wenn man ein Mann ist ��</p><p>�Du wolltest meinen Rat f�r dein Spiel, oder nicht?�</p><p>�Was? Ja, nat�rlich. Was meinst du?�</p><p>Der an der Wand �ffnete die Augen und richtete sich auf. Sonjas Bewunderer machte es sich bequemer und spitzte die Ohren, damit ihm nur ja nichts entging, was Daron dem Mitspieler raten mochte.</p><p>�Nimm dein Blatt�, sagte Daron zu dem Spieler und schlug ihm auf die Schulter, �und leg die Hand auf den Scho�! Dann legst du die andere Hand dr�ber und denkst an die kalten N�chte auf der Steppe mit der Roten Sonja.�</p><p>Er blinzelte den beiden anderen zu, drehte sich auf dem Absatz und ging weiter.</p><p>Es dauerte einen Augenblick, dann folgte ihm schallendes Gel�chter. Der Spieler, der ihn um Rat gebeten hatte, verzog zun�chst das Gesicht, doch dann lachte auch er gutm�tig.</p><p>Daron sch�ttelte beim Weitergehen den Kopf. Er musste sich eingestehen, dass ihr Gerede ihn ins Gr�beln gebracht hatte. Er und Sonja hatten tats�chlich viele kalte N�chte miteinander auf der Steppe verbracht � waren den gesamten vergangenen Monat beisammen gewesen, hatten zusammengekratzt, was an Essen da war, und hatten ihre Pferde angespornt. Sie war bei der Verteidigung von Darons Dorf als Kriegerin mehr denn willkommen gewesen, aber schlie�lich war es den r�uberischen Nomaden trotz allem gelungen, die H�tten zu brandschatzen. Das war vorbei. Er hatte nichts, woran sein Herz gehangen h�tte, zur�cklassen m�ssen. Seine Eltern waren l�ngst von ihm gegangen und hatten ihm kaum mehr als Bitterkeit vermacht. Es hatte auch niemanden gegeben, der ihm sonderlich nahe gestanden h�tte. Wie Sonja war er seit seiner Jugend ein unsteter Wanderer. Er war noch ein junger Mann, genau wie Sonja eine junge Frau war, aber seine Verbitterung schw�rte in ihm und machte ihn �lter als seine Jahre. W�hrend er und Sonja durch die Steppe ritten, hatte sich eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen entwickelt, aber keine Liebe. Was empfand sie eigentlich f�r ihn? fragte sich Daron manchmal. Wenn sie wirklich etwas f�r ihn f�hlte, verbarg sie ihr Herz gut.</p><p>Doch bei ihm war es nicht anders. Das hatte sich zum �berleben als notwendig erwiesen.</p><p>Zweifellos galt das auch f�r die Schwertk�mpferin.</p><empty-line/><p>Sonja war inzwischen noch nicht weit gekommen. Sie wartete darauf, den Tempel verlassen zu d�rfen. Mit anderen war sie zur�ckgehalten worden, da Wachen au�erhalb der Untergrundt�r Bewegung auf den oberen W�nden bemerkt hatten. Die Blaugewandeten hatten zwar schon seit geraumer Zeit nicht mehr versucht, Zauberei gegen die Belagerer zu wirken, aber die M�glichkeit bestand, dass sie wieder damit anfingen. Das erste St�ck zwischen der Stufenpyramide und der vordersten Steinh�tte in der Wiese wurde immer im Galopp zur�ckgelegt, in der Bef�rchtung, ein Zaubergescho� k�nnte von den hohen Fenstern herabbrausen.</p><p>Endlich beschlossen die W�chter am Eingang, das Risiko zuzulassen. Sonja, Daron und f�nf weitere Krieger schwangen sich auf ihre Pferde und lie�en sie bis zum Ende des schweren Stoffdachs in die Wiese trotten. Dort erwarteten sie das Zeichen der Wachen in den etwas entfernteren Sch�tzengr�ben, ehe sie ihren Pferden die Knie gaben und bis zur n�chsten Steinh�tte galoppierten. Ab dort gestatteten sie ihren Tieren wieder den Trott.</p><p>�Seit wir hier sind, ist noch nie etwas passiert�, sagte Daron zu Sonja. �Doch jedes Mal, wenn wir hier weg- oder hinreiten, sp�re ich, dass etwas geschehen wird.�</p><p>�Mach dir nichts vor!� mahnte sie ihn. �Diese Hexerhunde beobachten uns unaufh�rlich. Sie k�nnten gegen uns vorgehen, wann immer sie wollen. Wir wissen es, und sie wissen es. Das d�rften lange zehn Jahre f�r einige dieser Leute gewesen sein, Daron.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht. Aber ich verstehe einfach nicht, weshalb sie den Kampf weiterf�hren, Jahr um Jahr ��</p><p>Daron war nur ein oder zwei Jahre j�nger als Sonja, aber manchmal bewies er. eine Arglosigkeit, die ihn j�nger als seine Jahre zu machen schien. Das war Sonja schon bald aufgefallen, und es hatte sie zuerst beunruhigt, weil sie nicht gewusst hatte, inwieweit sie sich auf ihn verlassen konnte. Allm�hlich hatte sie jedoch gesp�rt, dass dieser Zug eine Tarnung war, die er entwickelt hatte, um sich dahinter zu verbergen. Sein Wesen, war so komplex und versteckt, dass Teile davon nur in gewollt �bertriebener Weise an die Oberfl�che gelangten � wie seine Arglosigkeit oder seine pl�tzlichen Temperamentsausbr�che, oder seine zeitweilige tiefe Niedergeschlagenheit. In Daron steckte mehr als in den meisten weit �lteren M�nnern, die ein ereignisreiches Leben gef�hrt hatten. Trotzdem schien er gew�hnlich lediglich ein junger Schwertk�mpfer zu sein, der durch die Welt zog und sich da und dort ein bisschen �berdurchschnittliches Wissen angeeignet hatte.</p><p>Aber Sonja nahm an, dass auch ihr selbst einige ungew�hnliche Wesensz�ge zu eigen sein mussten, denn sie war nun schon fast zwei Monate mit Daron zusammen und seiner Gesellschaft nicht m�de geworden.</p><p>Auf seine Bemerkung eingehend, sagte sie: �Weshalb sie den Kampf weiterf�hren, fragst du?�</p><p>�Ja ��</p><p>�Aus Furcht � Rachsucht � Gier nach angeblichem Reichtum. Doch mehr als all das, Daron, ist es vermutlich Gewohnheit. Reine Gewohnheit. Sie haben ein anderes Leben schon fast vergessen. Seit der Stern fiel ��</p><p>Sie trotteten ein St�ck vor den drei Dorfkriegern her, die sie begleiteten. Sonja dachte, dass es ganz gut sei, wenn diese drei die �berlegungen von zwei Au�enstehenden, wie Daron und sie es waren, nicht h�rten.</p><p>Daron brummte: �Das kann ich verstehen. Aber, nein � da muss mehr sein. Sind sie hinter dem Stern her?�</p><p>Sonja zuckte die Schulter. �Jeder ist hinter etwas anderem her. So ist es bei einem Krieg immer. Er beginnt aus irgendeinem Grund, ob nun aus einem edlen oder schurkischen Anlass, aber bald geht der unter in einem Sumpf pers�nlicher Gef�hle, wie Kummer, Habsucht und Rache.�</p><p>�Erstaunlich, dass du so sprichst, schlie�lich bist du doch S�ldnerin.�</p><p>�Aber ich war immer vorsichtig, wenn ich mich f�r eine gerechte Sache verdingte. Tat ich es, stand ich es auch bis zum Ende durch � aber schnell. Selbst eine offenbar gerechte Sache erweist sich manches Mal als Vort�uschung. Die meisten edlen Gr�nde stellen sich als Selbsterhaltung oder Habgier heraus.�</p><p>Es war Nachmittag, die Sonne sank allm�hlich den H�geln fern im Westen entgegen. Sonja schlug nach den l�stigen Fliegen und M�cken und sagte: �Ich rede zuviel. Ich bin m�de und hungrig, deshalb kommt mir alles d�ster vor.�</p><p>Daron hing seinen eigenen Gedanken nach. Er schwieg und war so ruhig, dass es Sonja auffiel. Sie musterte ihn aus den Augenwinkeln und bemerkte, dass der arglose junge Mann verschwunden war und dass, in eine dunkle Wolke des Gr�belns eingeh�llt, ein harter Beobachter des Lebens, ein Tr�ger tiefer Geheimnisse neben ihr ritt.</p><p>�Sie haben dem Land etwas angetan, nicht wahr?� Er stellte es als Frage � doch nicht aus Ungewissheit, das sp�rte Sonja, sondern weil er es laut dachte.</p><p>�Haben sie das, Daron?�</p><p>Er drehte sich im Sattel, blickte zur�ck auf die Zikkurat, auf die Steppe, auf die vereinzelten Steinh�tten und auf die drei Krieger, die, in ein Gespr�ch vertieft, hinter ihnen ritten. �Sie haben etwas mit dem Land getan. Es ist mit einem kaum sp�rbaren Zauber belegt.�</p><p>�Meinst du die Tempelpriester?� fragte Sonja. �Aber was?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Keine Ahnung. Etwas � Um die Pflanzen zu beeinflussen? Oder den Verstand der Soldaten?�</p><p>Schweigend ritten sie weiter, schlie�lich kamen sie zu der breiten Br�cke, die vor Jahren errichtet worden war. Es war Sommer, der Fluss seicht, und an den Br�ckenst�tzen haftete getrockneter Schlamm mit Wespennestern und kriechenden K�fern. Ein Frosch oder Fisch platschte im Wasser, als ihre Pferdehufe die Holzplanken ber�hrten.</p><p>Von der h�chsten Stelle der Br�cke aus sahen sie die ganze Weite des Dorfes vor sich � immer noch von allen Dorf genannt, obgleich es nun wahrhaftig gro� genug f�r eine Stadt und mit Holz und Stein befestigt war. Die Abendbrise brachte Kochger�che mit sich; es duftete nach Rinderbraten, ged�nstetem Fisch und Gem�se. Sonjas Magen knurrte laut.</p><p>�Mitra!� st�hnte sie und rutschte im Sattel. �Habe ich Hunger! Und m�de bin ich!�</p><p>Sie n�herten sich dem Dorf, und man �ffnete ihnen das Tor in der dicken Befestigungsmauer. Als Sonja an dem Trupp Soldaten im Hof dahinter vorbeiritt, hielt ihr Offizier sie auf. �Bo-ugan m�chte mit Euch sprechen.�</p><p>�Kann ich zuvor baden und etwas essen?�</p><p>�Ich glaube, er m�chte Euch sofort sehen. Mein Befehl lautet: sobald Ihr zur�ckkommt!�</p><p>Sonja seufzte, sa� ab und streckte die langen Beine. �Bis sp�ter�, sagte sie zu Daran, dann folgte sie dem Offizier.</p><p>�Bis sp�ter�, verabschiedete sich Daron und blickte zu dem dunkler werdenden Himmel auf.</p><empty-line/><p>Bo-ugan war bei sich zu Hause und sa� am Tisch mit ein paar jungen Kriegern und dem �ltesten Agthor � von Bo-ugan selbst abgesehen der einzige Hetman, der aus den Tagen der f�nf D�rfer �berlebt hatte. Bo-ugan lud Sonja ein, sich ihm gegen�ber niederzusetzen. Eine gro�e Platte mit dampfendem Gefl�gel und eine Kanne Wein standen auf dem Tisch.</p><p>�Bedient Euch, Rote Sonja!� forderte Bo-ugan sie auf.</p><p>Sie nickte dankend und griff zu, erfreut �ber die Ungezwungenheit.</p><p>Zehn Jahre Krieg, Anspannung und Befehl �ber die wachsende Dorfarmee hatten Bo-ugan � einst ein hitzk�pfiger, unbeschwerter Mann mittleren Alters � zum selbstbeherrschten, �berlegenen alten Krieger gemacht. Sein langes wei�es Haar, ungestutzt seit jenem Tag, da er seine M�nner zum ersten Mal �ber den Fluss zur Zikkurat gef�hrt hatte, war zu Z�pfen geflochten und im Nacken zusammengehalten. Bart und Schnurrbart waren frisch gestutzt. Die tiefen Runzeln um die Augen und in den Wangen stammten mehr vom vielen Denken denn vom Alter. Ausdruck, Haltung, die ganze Art zeichneten ihn als F�hrer aus, aber als einen Mann, dessen Leben vermutlich unbemerkt und ohne Anerkennung verlaufen w�re, h�tten die Ereignisse ihn nicht pl�tzlich an die Spitze gedr�ngt. Die Un�berlegtheit und Hitzk�pfigkeit seiner Jugend und seines mittleren Alters geh�rten der Vergangenheit an.</p><p>W�hrend Sonja a� und trank, musterte sie sein scharfer, absch�tzender Blick. Er gestattete ihr, ihren Hunger zu stillen und einen Becher des s��en Rotweins zu trinken, ehe er sich an sie wandte.</p><p>�Ich werde Euch nicht lange aufhalten�, versicherte er ihr mit seiner tiefen, schwerm�tig klingenden Stimme. �Ich wei�, dass Ihr ersch�pft seid und Euch gewiss nach einem Bad und Schlaf sehnt. Doch da ich einiges �ber Euch h�rte, seit Ihr hier ankamt, Rote Sonja, halte ich es f�r angebracht, Eure Meinung �ber manches zu h�ren, was die Belagerung betrifft.�</p><p>�Und was habt Ihr �ber mich erfahren?�</p><p>Seine Worte und seine Handlung waren beherrscht und entschlossen.</p><p>�Nun, man erz�hlt, dass Ihr mit Eurem Schwert un�bertrefflich seid und in vielen Schlachten mitgek�mpft habt.�</p><p>�Ich bin noch nicht sehr lange hier�, sagte Sonja und erwiderte Bo-ugans festen Blick. �Ich sage Euch, was ich tun kann: Euch meine Meinung wissen lassen, so gut ich sie mir bisher bilden konnte.�</p><p>�Denkt �ber die Belagerung nach!� bat Bo-ugan. �Ihr braucht Euch nicht sofort eine Antwort zu �berlegen, vielleicht f�llt Euch morgen etwas ein � oder �bermorgen. Ihr k�nnt es mir jederzeit sagen.�</p><p>Sonja lehnte sich zur�ck. Ges�ttigt f�hlte sie sich st�rker und wacher. Sie wischte sich die Lippen ab und fragte Bo-ugan: �Was genau ist Euer Problem?�</p><p>�Seit zehn Jahren zieht die Belagerung sich unabl�ssig dahin�, antwortete er. �Nach den Angriffen im ersten Jahr wurde mir klar, dass sich die Zauberer im Tempel zur�ckgezogen hatten, dass sie ihre Verteidigungen im Innern aufstellten und darum k�mpfen w�rden, sie zu halten, doch ansonsten gen�gte es ihnen zuzusehen, wie wir uns selbst schw�chten. Also entwickelte ich Strategien, meine M�nner mit geringstm�glichen Verlusten einzusetzen. Hin und wieder warb ich sogar Zauberer und Hellseher an, in der Hoffnung, dass ich durch sie etwas erreichen konnte, was meine Schwerter nicht vermochten. Von ihnen erfuhr ich, dass der Oberste der Zikkurat, also jener, der den Befehl �ber alle anderen hat, ein Zauberer namens Thotas ist, den man auch als Meister des Ordens der Roten Sonne kennt. Ihr seid weitgereist, Rote Sonja, und habt schon �fter gegen Zauberei gek�mpft � habt Ihr irgendwann schon einmal von diesem Mann geh�rt?�</p><p>�Es stimmt, dass ich gegen Zauberei k�mpfte � doch von einem Thotas habe ich nie geh�rt.�</p><p>�Die Zauberer, die ich bezahlte, nutzten mir wenig. Ich kenne nun zwar den Namen unseres Gegners, doch das ist alles. Wenn er ein m�chtiger Zauberer ist, d�rfte wohl anzunehmen sein, dass seine Festung gut gesch�tzt ist. Deshalb auch die Dauer der Belagerung. Das einzige, was ich sonst noch erfuhr, waren Vermutungen �ber den gefallenen Stern.�</p><p>�Dann ist die Sage wahr?�</p><p>�Es ist keine Sage. Ich pers�nlich und einige M�nner in diesem Raum sahen, wie er vor zehn Jahren auf den Berg st�rzte. Meine angeworbenen Zauberer glauben, es k�nnte etwas B�ses sein, das Thotas und sein Orden von den G�ttern erflehte und erhielt. Seine Geheimnisse aufzudecken, hat lange gedauert � wenn Thotas sie �berhaupt schon kennt. Nat�rlich k�nnte es auch sein, dass der Stern Thotas beherrscht und er, auf eigene Weise, B�ses verbreitet. Ich wei� es nicht. Ich vermute, dass er ist, was die Zauberer mir sagten: etwas, das die G�tter oder D�monen schickten. Doch in den zehn Jahren der Belagerung sind mir die Ver�nderungen in meinem Land nicht entgangen: Die Felder werden allm�hlich unfruchtbar, sie verdorren; unsere Haustiere, unser Vieh � es stirbt dahin; meine Krieger werden schw�cher, und ihre Frauen siechen immer mehr. Schlimmer noch: Viele unserer Kinder werden tot, verkr�ppelt oder krank geboren. Ich habe festgestellt, dass das Wasser aus den Quellen und Brunnen in der N�he des Tempels sch�dlich ist. M�nner, die regelm��ig davon trinken, werden krank und sterben einen langsamen Tod. Ich habe es gesehen. Thotas oder der Stern ist daf�r verantwortlich, dessen bin ich sicher. Und ich wei�, dass meine Leute keine zehn weiteren Jahre Belagerung durchstehen.�</p><p>�Dann wollt Ihr also ein Ende dieses Krieges?�</p><p>�Ja, und zwar so schnell wie m�glich. Meine Leute und ich haben bereits alles m�gliche versucht. Nun wenden wir uns Rat suchend an erfahrene Krieger von au�erhalb, in der Hoffnung, sie w�ssten eine M�glichkeit, diesen Krieg schnell zu beenden.�</p><p>Sonja verstand sein Problem gut. Dutzend verschiedene Strategien fielen ihr ein, aber sie verwarf sie sogleich, denn zweifellos hatte Bo-ugan sie alle bereits erprobt.</p><p>�Ich brauche eine Weile, um dar�ber nachzudenken�, erkl�rte sie.</p><p>�Selbstverst�ndlich. Ich wei�, dass Ihr klug seid und in vielen Feldz�gen mitgemacht habt. Wenn Euch etwas einf�llt, selbst wenn es nur eine Abwandlung von etwas ist, das wir bereits versuchten, so lasst es mich wissen. Ich m�chte das Ende dieses Kampfes, ich m�chte Thotas� Kopf auf meiner Schwertspitze, und ich m�chte diesen Stern aus meinem Land forthaben!�</p><p>�Das verstehe ich vollkommen.� Sonja nickte Bo-ugan zu und stand auf. �Wenn Ihr mich bitte entschuldigt ��</p><p>Bo-ugan beugte sich vor und streckte ihr seine Hand entgegen. Sonja nahm sie. Der H�ndedruck beider zeugte von Kraft.</p><p>�Ruht Euch aus!� riet Bo-ugan. �Kommt morgen zu mir, wenn Euch etwas einf�llt, das uns n�tzen k�nnte. Wir werden uns dann dar�ber unterhalten, mein Stab und ich.�</p><p>�Das werde ich�, versprach ihm Sonja und verlie� sein Haus.</p><p>Als sie gegangen war, sp�rte Bo-ugan die Blicke seiner M�nner. Ohne jemanden im besonderen anzusehen, sagte er: �Sie ist eine kluge Kriegerin. Sie bildet sich keine �berst�rzte Meinung �ber etwas, das sie nicht genau kennt; sie zieht keine voreiligen Schl�sse und macht sich erst ein Bild von den Dingen.�</p><p>Er streckte sich, m�de von den Sorgen und der Verantwortung, und griff nach einem Becher Wein. Dann breitete er die Pergamentrolle aus, auf die der Plan des Tempels gezeichnet war � das bisschen, das genau bekannt war, und der Rest wie man ihn sich vorstellte �, und studierte ihn, wie er es seit Wochen, Monaten und Jahren tat, und �berlegte sich wie stets, wie die Feinde im Tempel �berlistet werden k�nnten.</p><empty-line/><p>Die Sonne war untergegangen. �llampen und Fackeln beleuchteten die Stra�en und H�user des Dorfes. Laute aller Art waren zu h�ren, von M�nnern, die arbeiteten, von Frauen, die ihre Kinder ausschimpften, von Hunden, die in den Gassen bellten. Sonja, die beschlossen hatte, Bo-ugans Problem einstweilen zur Seite zu schieben, bis sie ausgeschlafen hatte, machte sich auf den Weg zu ihrer H�tte -7 dem langen Bau, den sie mit zwanzig anderen S�ldnern teilte.</p><p>Aus R�cksichtnahme � oder vielmehr, damit der Anblick einer nackten Frau im gleichen Raum mit einem Dutzend oder mehr M�nnern niemanden auf dumme Gedanken brachte - hatte man Sonja die Pritsche in der hinteren Ecke gegeben. Sie hatte Unterkunft in einem Privatquartier abgelehnt und Bo-ugan und seine M�nner aufgefordert, sie als S�ldner anzusehen, wie die anderen auch. Trotzdem war sie die erste gewesen, die einen Vorhang zwischen ihrer Liegestatt und den Pritschen der anderen vorgeschlagen hatte.</p><p>In der Mitte des langen Raumes sa�en M�nner an einem Tisch, unterhielten sich, tranken und spielten Karten. Sie hatten sich inzwischen an ihre Anwesenheit gew�hnt und nickten ihr zu. Daron lag auf seinem Bett in der N�he von Sonjas Liegestatt. Er richtete sich nicht auf, als er sich erkundigte: �Was wollte Bo-ugan von dir?�</p><p>Sie zuckte die Schulter, nahm ihren Schwertg�rtel ab, schl�pfte aus dem �rmellosen Kettenhemd und legte alles ordentlich auf die Wandseite ihrer Pritsche. �Er bespricht Strategien mit seinen M�nnern und wollte meine Meinung h�ren. Aber ich konnte ihm nicht helfen.�</p><p>�Zehn Jahre sind eine lange Zeit�, bemerkte Daron und starrte an die Decke.</p><p>�Ja�, best�tigte Sonja abwesend � und ihre Gedanken wanderten zehn Jahre in ihrer eigenen Vergangenheit zur�ck, als sie ein sehr junges M�dchen auf dem v�terlichen Hof in Hyrkanien gewesen war �</p><p>Sie brauchte ein Bad, war jedoch jetzt viel zu m�de dazu. Sie w�rde sich am Morgen waschen.</p><p>Daron wandte ihr den Kopf zu und blickte sie an. �Und?�</p><p>�Und was?� Sonja zog ihr Schwert aus der H�lle und betrachtete es. Sie w�rde es morgen einfetten und polieren.</p><p>�Er will den Krieg beenden, nicht wahr? Sein Land leidet.�</p><p>Sonja runzelte die Stirn. �Ja, das stimmt ��</p><p>�Es g�be eine M�glichkeit�, sagte er sehr leise, obgleich die anderen nicht auf sie achteten, vertieft in ihre eigene Unterhaltung.</p><p>�Und die w�re, Daron?�</p><p>�Zauberei! Man muss Magie mit Magie bek�mpfen!�</p><p>�Er hat Zauberer angestellt, aber sie waren ihm keine Hilfe. Der Tempel ist zu m�chtig.�</p><p>Daron wandte das Gesicht ab.</p><p>Mit einem �lauten Schaben steckte Sonja die Klinge zur�ck. �Au�er du denkst an etwas ganz Bestimmtes.�</p><p>Daron antwortete nicht.</p><p>�Daron?�</p><p>Er setzte sich auf und schwang die Beine auf den Boden. �Nichts Bestimmtes�, antwortete er nun. �Nur � ein Gedanke.�</p><p>�Verdammt, Daron! Spuck es aus, wenn du einen Einfall hast!�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Es ist wirklich nichts Ausgegorenes, nur ein Gedanke, wie ich schon sagte.� Er l�chelte sie schief an, als w�re er wieder ein argloser Junge, der nicht�verstand, was vorging. Dann entschuldigte er sich. �Ich brauche frische Luft. Also dann bis zum Morgen.�</p><p>Zu m�de, ihn umzustimmen, schluckte Sonja ihren �rger hinunter und blickte ihm nach, bis er aus der T�r war. Dann durchquerte sie den Raum, um sich einen in Pech getauchten Strohhalm anzuz�nden.</p><p>�Gute Nacht, meine Herren!�</p><p>�Gute Nacht, Rote Sonja! Hast du heute jemanden get�tet?�</p><p>�Zwei�, antwortete sie und kehrte zu ihrer Ecke zur�ck.</p><p>�Mehr als du seit l�ngerer Zeit, Doth-odo�, sagte ein Soldat grinsend.</p><p>�Ah, halt�s Maul!� brummte Doth-odo.</p><p>Sonja z�ndete sich die kleine Lampe an, die auf einer Kiste neben ihrer Pritsche stand, und zog den Vorhang zu. Das war das Zeichen f�r die M�nner am Tisch, in ihre Richtung zu blicken. Es war ihr kleines Vergn�gen, von dem Sonja nichts wusste, aber auf das sie sich immer freuten, wenn sie hier war.</p><p>Die kleine Lampe in Sonjas Ecke warf die Umrisse des M�dchens auf den Vorhang, w�hrend sie sich auszog. Erst schl�pfte sie aus dem weichen Lederwams, dazu hob sie die Arme so hoch �ber den Kopf, dass der volle Busen vorsprang. Dann b�ckte sie sich, um die Stiefel auszuziehen, und die M�nner am Tisch sahen, wie die Br�ste leicht vorw�rtsschaukelten, dann hoben ihre H�ften, ihr Ges�� und ihre langen Beine sich am Vorhang ab, w�hrend sie die Stiefel von sich stie�. Schlie�lich wandte sie dem Vorhang den R�cken zu, und die M�nner hatten einen guten Blick auf die ganze Figur, ehe sie die Lampe l�schte und die Dunkelheit sie verbarg. Danach h�rten sie ein Rascheln, w�hrend sie sich niederlegte und die Decke hochzog, und schlie�lich ihr regelm��iges, sanftes Atmen, nachdem sie fast umgehend eingeschlafen war. Es war kein tiefer Schlaf, sondern einer, bei dem sie auf jeden Schritt in der N�he ihrer Pritsche aufmerksam wurde; aber Schlaf war es doch.</p><p>Die M�nner am Tisch widmeten sich wieder ihren Karten und unterhielten sich ged�mpfter. In ihrer Bewunderung von Sonjas Silhouette war keine L�sternheit, nur Anerkennung und vielleicht ein bisschen Wehmut, wenn sie sich dabei an ihre Frauen oder Liebsten erinnerten, die sie l�ngst verloren hatten. Nein, sie empfanden nur Bewunderung f�r die sch�ne Figur. Frauen waren hier zu haben, Huren, wenn sie wollten. Vielleicht war es nur die Anerkennung, dass die Rote Sonja � ein Krieger so gut wie jeder hier, das gaben sie alle zu � auch eine sehr sch�ne Frau war. In dem Gedanken lagen Ironie und Humor gleicherma�en. Sonja war etwas Besonderes, ob es nun ihre Silhouette betraf, ihr Wesen oder ihr Schwertspiel.</p><p>Falls sie vermutete, dass ihr Schatten auf dem Vorhang beobachtet und bewundert wurde, verschwendete sie zumindest keinen Gedanken daran. Daron hatte sie nie darauf aufmerksam gemacht, und die anderen erst recht nicht. Und immer, wenn Sonjas regelm��iger Atem verriet, dass sie schlief, wandte sich die Aufmerksamkeit der M�nner wieder den Karten zu, dem Wein und der Frage, wer am n�chsten Tag aufgerufen w�rde, um �ber den Fluss zu reiten und gegen die Zauberer zu k�mpfen.</p><p>�T�tet ihn nicht!� warnte Thotas den Priester, als die Schreie des verwundeten Kriegers in dem Raum gellten. �Tot nutzt er uns nichts. Wenn wir von ihm nichts erfahren k�nnen, dann bindet ihn los.�</p><p>�Ja, Meister. Mehr w�rde er ohnehin nicht mehr durchstehen, glaube ich.�</p><p>Der gefangene Soldat schauderte und �chzte, als er im Schein der Fackeln auf dem Rad zur�ckgedr�ckt wurde. Blut sickerte ihm aus den Mundwinkeln, und Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen.</p><p>Thotas trat an ihn heran und legte ihm eine klauengleiche Hand auf das ungek�mmte schwei�feuchte Haar. Einen Augenblick blieb er hochaufgerichtet stehen und hielt die Augen geschlossen. Schlie�lich zog er die Hand zur�ck und schnaubte:</p><p>�Ich sp�re nichts � nichts! Der Mann ist ein Niemand. Er kann uns nichts sagen.�</p><p>�Soll ich ihn jetzt losbinden. Meister?�</p><p>�Ja, vorsichtig. Dann fl��e ihm zu trinken ein und koche <emphasis>Chot</emphasis>bl�tter auf. Das wird ihn eine Weile st�rken. Ich m�chte, dass er kr�ftig genug ist, um zu seinen Kameraden zur�ckzukehren.�</p><p>�Zur�ckzukehren?�</p><p>�Ja. Wir schicken ihn zu seinen Leuten. Er wird nicht mehr lange leben, und er kann ihnen nichts erz�hlen. F�g ihm ein paar Wunden mit einem brennenden Scheit zu, als abschreckendes Beispiel f�r die anderen.�</p><p>�Jawohl, Meister Thotas.�</p><p>Der Priester l�ste nach und nach die Bande des Einarmigen. Thotas verlie� die Kammer und stieg die Treppe hoch, unter den Schatten und im Knistern der gl�henden Fackeln.</p></section><section><title><p>2</p><p>Schwerter gegen das B�se</p></title><p>Der Morgen erhob sich warm und diesig �ber den Wiesen. In Bo-ugans Dorf erloschen nach und nach die Fackeln und Lampen, und der Bodennebel brachte die letzten Lagerfeuer zum Schwelen. Die Soldaten, die Nachtwache gehalten hatten, stiegen von der Brustwehr herab und betraten ihre Unterk�nfte oder ihr eigenes Zuhause, um zu fr�hst�cken und sich danach auszuschlafen. Andere Soldaten l�sten sie ab, kletterten die Holzstiegen hoch, von denen aus man die Steppe �berblicken konnte, die steinernen H�tten und kleinen Forts � und die un�bersehbare Stufenpyramide vor dem Berg.</p><p>Die Zikkurat sah jetzt ein wenig anders aus als vor zehn Jahren. W�hrend die oberen Stockwerke fr�her frei gestanden hatten, verband nun dickes Mauerwerk sie mit der Bergwand. Dies war (niemand wusste wie) vor acht Jahren entstanden, und zwar w�hrend einer Woche derma�en starker St�rme, dass die K�mpfe abgebrochen werden mussten. Nachdem die Belagerer damals in die unteren Stockwerke eingedrungen waren, hatten sie festgestellt, dass es G�nge gab, die obere Geschosse mit dem Berg verbanden. Doch die Eindringlinge waren mit solch gewaltigen Zauberkr�ften zur�ckgeschlagen worden und hatten so schwere Verluste erlitten, dass sie sich danach nur selten zu diesem Geb�udeteil vorwagten. Hin und wieder hatten sie noch �ber die oberen Mauern einzusteigen versucht, doch nie war auch nur einer dieser Trupps lebend zur�ckgekehrt. Aus der Heftigkeit der Verteidigung in den oberen Stockwerken schloss Bo-ugan, dass der Stern in dem kr�nenden Tempel untergebracht war, so wie seine dienstbaren Zauberer es behauptet hatten.</p><p>In Bougankad war der Hauptplatz zum Treffpunkt f�r alle jene geworden, die Gesellschaft suchten oder nur irgendwelchen Klatsch loswerden wollten. Es war kein echter Platz; noch vor zehn Jahren hatte hier lediglich ein Pfad an den H�tten vorbei zu Bo-ugans Haus gef�hrt. Daraus hatte sich der Mittelpunkt der Stadt entwickelt. B�nke waren aufgestellt, es gab Brunnen mit Trinkwasser und auch Feuergruben mit Schutzd�chern gegen Regen und Schnee, wo das Feuer nie erlosch, �hnlich der Erinnerung der Dorfbewohner.</p><p>Bei den ersten morgendlichen Ger�uschen erwachte Sonja. Sie schl�pfte in Kittel und Stiefel, schnallte sich das Schwert um, das sie immer bei sich trug, und verlie� die S�ldnerunterkunft. Als erstes besuchte sie das Badehaus unweit des Hauptplatzes. Es war ein einfaches Bauwerk aus zwei Ziegelr�umen um eine hei�e Quelle, ein Raum f�r M�nner, der andere f�r Frauen. Bei sch�nem Wetter, wie heute, war das Haus zum Himmel hin offen. In der k�lteren Jahreszeit wurde ein Schutzdach aus schwerem Tuch und Tierh�uten dar�bergezogen.</p><p>Sonja trat durch die T�r, bog um die Ecke und betrat die Frauenbadestube. Ein paar Fr�haufsteherinnen sa�en bereits auf den Steinen, haupts�chlich junge M�tter mit Kindern auf dem Scho�, die sich beim Baden den neuesten Klatsch erz�hlten. Sonja erwiderte ihren Gru�, zog sich aus und stieg dankbar ins warme Quellwasser. Sie rieb sich am ganzen K�rper mit Sand ein, dann tauchte sie unter. Eine der Frauen bot ihr �l an, mit dem sie sich gr�ndlich wusch. Es roch zwar sauer, l�ste jedoch auch den letzten Schmutz. Offenbar war das das einzige Reinigungsmittel, das die Dorfbewohner kannten. Schlie�lich sprang sie noch einmal in das Becken, dann trocknete sie sich ab und zog sich wieder an. Als sie das Badehaus verlie�, war die Sonne aufgegangen, und der L�rm vom Hauptplatz verriet, dass das Dorf aufgewacht war.</p><p>In der Unterkunft streifte sie das Kettenhemd �ber und k�mmte sich das Haar. Daron schlief noch. Sonja wollte ihn nicht wecken. Auch die meisten anderen schliefen noch. Nur ein S�ldner sa� am Tisch und l�ffelte seinen Fr�hst�cksbrei.</p><p>�Wie lange ist er denn fortgewesen?� fragte Sonja den Veteran.</p><p>�Daron? Er ist erst sehr sp�t zur�ckgekommen. Wir schliefen schon alle. Ich h�rte den Gong dreimal schlagen, kurz danach hat Daron sich niedergelegt.�</p><p>Sonja nickte. Das war wahrhaftig sp�t. Er war nicht weniger ersch�pft gewesen als sie; was hatte ihn so lange aufgehalten?</p><p>�Ich kenne seinesgleichen�, brummte der Veteran.</p><p>Diese Bemerkung gefiel Sonja nicht. Sie empfand sie als Vorurteil oder Anschuldigung. �Wie bitte?�</p><p>Der Mann l�ffelte weiter seinen Brei. �Junge Burschen. Gr�beln zu viel. Versuchen die Probleme der Welt zu l�sen.�</p><p>�Das ist sein Problem?�</p><p>Der Mann l�chelte. �Das � oder er ist hinter Weibern her.�</p><p>Das �rgerte Sonja noch mehr, doch bem�hte sie sich, es nicht zu zeigen. Sie trat n�her an den Mann heran, beugte sich �ber seine Sch�ssel und roch an dem Brei. �Was ist denn da drin?� fragte sie.</p><p>�In dem Brei? Das wei� allein Mitra. Besonders gut schmeckt er jedenfalls nicht.�</p><p>Sie sch�rzte die Lippen. �Ist wohl doch nicht im Brei.�</p><p>�Wovon redest du eigentlich?� Er h�rte zu essen auf und blickte zu ihr hoch.</p><p>�Oh, ich kenne deinesgleichen�, sagte Sonja. �Aber ich glaubte immer, es sei was im Essen, das dran schuld sei.�</p><p>Verbl�fft starrte er sie an. Sie grinste und verlie� die Unterkunft.</p><p>Ein riesiger Fr�hst�ckstisch war auf dem Platz aufgestellt. Sonja schloss sich der bereits bestehenden Schlange an und griff nach Sch�ssel und L�ffel. Ein �lterer Krieger mit graumeliertem Bart war vor ihr. Als er sah, dass Sonja hinter ihm war, w�nschte er ihr einen guten Morgen und erkundigte sich, was sie in der Zikkurat erlebt hatte.</p><p>�Ein paar t�teten wir�, sagte sie, �ansonsten ist dort alles wie immer.�</p><p>�Weiter kommt man dort auch nicht, oder?�</p><p>�Sieht nicht so aus. Wie geht es dir, Iatos?� Sonja hatte den Mann von Anfang an gemocht, gleich als sie ins Dorf gekommen war, und ihre Sympathie war seither noch st�rker geworden. Iatos war in seinem Leben schon so manches gewesen, und jetzt war er wie Sonja und viele andere ein S�ldner und Au�enstehender. Ihre Lebensanschauung war die gleiche. Iatos hatte an Dutzenden von Feldz�gen teilgenommen. Des Nachts am Lagerfeuer hatte er Sonja davon erz�hlt � von Schlachten, von ehemaligen Kameraden, und so hatte Sonja erfahren, dass Iatos einmal auch an der Seite ihres Vaters gek�mpft hatte, in einem Feldzug, den er einmal erw�hnte. Aber Iatos war mehr als ein Krieger. Der Zufall musste ihn in diese Rolle gezwungen haben. Er war von edlem Wesen und auf gewisse Weise ein Poet und Philosoph. Obgleich er sich mit den besten Schwertk�mpfern messen konnte, schien er lieber Geschichten zu erz�hlen oder �ber die R�tsel des Lebens und Todes nachzugr�beln. Aber Sonja war eine der wenigen, die offen zeigte, dass sie ihn mochte, denn man wusste, dass er in der Liebe andersherum war, und deshalb trauten ihm viele nicht. Obwohl seine Geschicklichkeit mit dem Schwert durchaus willkommen war, hatte man ihm schon des �fteren bedeutet, Abstand zu wahren. Gerade diese Ausschlie�ung durch seine Kameraden hatte ihn Sonja n�her gebracht.</p><p>Der alte Krieger f�llte seine Sch�ssel mit Brei, nahm sich einen Becher mit Kr�utertee und setzte sich damit auf eine Bank am Rand des Platzes. Sonja holte sich ihr eigenes Fr�hst�ck und folgte ihm.</p><p>�Du bist heute so still, Iatos�, bemerkte sie.</p><p>Er blickte sie nicht an, sondern starrte auf das Gew�hl vor ihnen. �Ich bin traurig.�</p><p>�Wieso das?� Doch noch w�hrend sie fragte, hatte sie eine Vorahnung, und sie kannte sein Leid, ehe er dar�ber sprach.</p><p>�Sporos�, sagte er leise. �Er fiel vor zwei Tagen.�</p><p>Sporos war Iatos Liebster gewesen, ein kr�ftiger junger Bursche, ein guter Mann.</p><p>�Es tut mir so leid, Iatos.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich musste schon allzu oft erleben, dass die G�tter jenen, die ich liebte, den Tod brachten, als dass ich diesen �berlang betrauerte. Klingt das gef�hllos?�</p><p>�Nein, realistisch.�</p><p>�Es ist nur, dass ich es leid bin, immer der �berlebende zu sein�, gestand er ihr und nippte an seinem Tee. �Ich m�chte niemandem durch meinen Tod Leid bereiten, aber ich f�rchte mich vor dem Leid, das ich immer erdulden muss, wenn jene, die ich liebe, sterben � und sterben und wieder sterben. Bin ich verflucht, Sonja?�</p><p>�Nein, Iatos, nein. Du lebst nur, wie deine Freunde lebten. Sie fanden blo� fr�her den Tod.�</p><p>�Es muss mehr als das sein�, fl�sterte er in seinen Brei.</p><p>Sonja schlug ihm auf die Schulter. �Du und ich, wir sitzen hier und f�llen uns die B�uche, damit wir �ber die Steppe reiten k�nnen, um diese wahnsinnigen � Nun, ich will nicht unfreundlich sein; schlie�lich geben sie mir zu essen. Aber ihnen zu helfen, eines gefallenen Sterns wegen gegen Zauberer zu k�mpfen � Das ist alles, Iatos. Sollte es mehr als das sein?�</p><p>Er musste grinsen. Dann wandte er sich ihr zu und blickte sie halb l�chelnd, halb stirnrunzelnd an. �Deine N�he tut mir gut, Sonja. W�rst du keine Frau ��</p><p>�Nicht auch du noch!� Sonja lachte. �Bin ich denn vor keinem Mann sicher?�</p><p>Nun lachten beide und beendeten ihr Fr�hst�ck.</p><p>Krieger, Frauen, Kinder und Vieh kamen auf dem Platz vor ihnen vorbei. Bo-ugan erschien in Begleitung seines Stabes und sprach mit einigen M�nnern auf der Mauer; dann ging er wieder. Als sie ihn sah, erinnerte sich Sonja an ihr Versprechen, �ber eine bessere Belagerungsm�glichkeit der Zikkurat nachzudenken.</p><p>Sie wollte bereits dar�ber mit Iatos sprechen, als ein kr�ftiger Bursche von sechzehn oder siebzehn Jahren auf den Platz kam. Er trug kein Schwert, wohl aber eine leere Scheide an der Seite, auch hatte er keine Messer oder andere Waffen. Er war ungebadet, das fettige�Haar hing in langen Locken bis auf die Schultern. Speichel sickerte ihm aus den Mundwinkeln. Hin und wieder zuckten seine H�nde, wenn er auf dem glatten Boden stolperte. Als er den Tisch erreichte, wo das Fr�hst�ck aufgestellt war, lie� er zwei h�lzerne Sch�sseln fallen, ehe es ihm gelang, eine dritte festzuhalten.</p><p>Die Frauen, die das Fr�hst�ck austeilten, behandelten den jungen Burschen zuvorkommend und voll Mitleid. Er nahm seinen Brei, verga� jedoch den Tee, ja sogar den L�ffel. Unsicheren Schritts begab er sich zu einer einsamen Bank, setzte sich und machte sich daran, den Brei zu trinken. Ein Teil schwappte ihm auf die Brust, einiges davon sammelte er mit den Fingern auf und hob es an den Mund.</p><p>�Und der da�, murmelte Iatos d�ster.</p><p>�Urrim?� fragte Sonja.</p><p>�Du kennst ihn?�</p><p>�Nur seinen Namen und dass sein entsetzlicher Zustand von einer Verletzung herr�hrt.�</p><p>�Sie trafen ihn am Kopf�, erz�hlte Iatos. �Er wurde von einem Gescho� oder einem Zauberblitz getroffen. Das besch�digte sein Gehirn, ohne ihn zu t�ten.�</p><p>�Der Tod w�re gn�diger gewesen�, meinte Sonja.</p><p>�Wer wei�? Vielleicht wollen die G�tter damit etwas bewirken.�</p><p>�Ich finde, er w�re besser tot�, sagte Sonja erneut, �als dass er so leben muss, nicht ganz Mensch, aber auch nicht ganz Tier.�</p><p>�Nein, nein, das darfst du nicht sagen!� wehrte Iatos ab. �Gewiss hat es irgendeinen Zweck.�</p><p>Sonja sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube, deshalb bewundere ich dich, Iatos. Oder vielmehr, das ist einer der Gr�nde.�</p><p>Der Veteran blickte sie fragend an und schaute ihr fest in die Augen.</p><p>�Du hast so viel durchgemacht, weit mehr als ich, Iatos, und trotzdem bist du nicht verbittert. Du glaubst immer noch an einen Zweck, an einen Sinn f�r das alles, nicht wahr?�</p><p>�Ja, Sonja, das glaube ich, weil ich denke, dass wir durch unser, kurzes Leben beschr�nkt sind. Wir k�nnen nur einen kleinen Teil des Ganzen sehen. Es ist uns nur gegeben, einen Bruchteil zu verstehen. Und doch bilden die meisten sich ein, �ber ein gro�es Wissen zu verf�gen.�</p><p>�Vielleicht m�ssen wir das�, sagte Sonja nachdenklich.</p><p>�Nein, das m�ssen wir nicht. Wir k�nnen mit dem fertig werden, was uns zust��t, und die Dinge mit wachem Blick sehen. Hast du dich je mit einem Frosch besch�ftigt, Sonja? Wenn du neben einem Frosch auf den Boden schl�gst, wird er springen, weil es ihn �berrascht. Wenn du ein zweites Mal auf den Boden schl�gst und ein drittes und viertes Mal, wird der Frosch so �berrascht sein wie beim ersten Mal. Er sammelt keine Erfahrung, er erwartet keine Reihe von Schl�gen.�</p><p>�Es ist gut, Erfahrung zu sammeln, mit weiteren Schl�gen zu rechnen.�</p><p>�Vielleicht, vielleicht auch nicht. Was ist, wenn du Schl�ge erwartest und statt dessen als n�chstes Musik h�rst? Wenn du Schl�ge erwartest, reagierst du auf Musik vielleicht so wie auf einen Schlag. Wessen Schuld ist das? Wenn du unter Feinden aufgewachsen bist, h�ltst du jeden f�r einen Feind. Wenn du daran gew�hnt bist, ein Messer zum T�ten zu verwenden, wie kannst du dir dann beibringen, dass es auch zum Brotschneiden verwendet werden kann � oder um ein wundervolles Kunstwerk aus einem St�ck Holz zu schnitzen?�</p><p>�Menschen sind keine Fr�sche!�</p><p>�Sehr richtig�, best�tigte Iatos. �Aber warum erwartet man etwas, wenn etwas ganz anderes kommen k�nnte? Warum �berhaupt etwas annehmen?�</p><p>�Dar�ber k�nnte man lange philosophieren�, gab Sonja zu. �Aber es scheint mir m��ig zu sein. Was hat es mit Urrim zu tun? Soll ich von ihm erwarten, dass er etwas anderes ist, als man denkt? Was hat er mit dir zu tun oder mit mir, oder mit Bo-ugans Krieg gegen die Zauberer der Roten Sonne?�</p><p>�Alles muss seinen praktischen Wert haben, nicht wahr, Sonja?�</p><p>�Muss es das?�</p><p>�Nat�rlich, das wei�t du so gut wie ich. Vernunft ist zweckm��ig. Tr�ume sind zweckm��ig � sie m�ssen es sein, sonst w�rden wir sie ausrotten. Sie f�hren uns zu Gr��erem. Und du fragst, was meine �berlegungen mit dem wirklichen Leben zu tun haben? Mit unserer Lage hier? H�r mir zu! Bo-ugans Absicht ist, den n�chsten Schlag zu verhindern. Selbst die Luft �ber dem Land ist furchtgetr�nkt. Sp�rst du sie nicht wie die Hand eines Riesen, die jeden Augenblick herabfallen kann?�</p><p>Eine pl�tzliche Aufregung auf der Mauer unterbrach Iatos. Soldaten gestikulierten und redeten aufeinander ein. Einige eilten die Stiege herunter und quer �ber den Platz, auf Bo-ugans Haus zu. Die Leute auf dem Platz, Soldaten und Frauen und Kinder gleicherma�en, unterbrachen, was sie taten. Sie h�rten auf, sich zu unterhalten oder zu spielen, oder stellten ihre Sch�sseln und Becher ab und blickten ohne Ausnahme zu den Soldaten auf dem Mauerwehrgang. Einige der Wachen deuteten herunter. Sonja stand auf. �S�ldner kommen!� rief sie.</p><p>Auch Iatos erhob sich und blickte ihr nach, denn sie hatte ihn f�r den Augenblick vergessen, genau wie seine Philosophie und seine �berlegungen, und er rannte, um nachzusehen, was sich tat.</p><p>Einmal w�rde sie sich an Iatos� Worte erinnern und dar�ber nachdenken. Doch sie war noch sehr jung �</p><p>�Wer ist es?� fragte sie einen Soldaten am Fu� der Mauer.</p><p>�Nordm�nner, wie es aussieht�, antwortete er. �Mehr l�sst sich nicht sagen, sie sind noch etwa eine Stunde entfernt.�</p><p>�Viele?�</p><p>�Genug zur Verst�rkung, w�rde ich sagen. Ich hoffe, Bo-ugan kann sie kaufen.�</p><p>�Der Sommer ist schon zur H�lfte vorbei�, erinnerte Sonja ihn. �Sie brauchen die Sicherheit, dass sie im Winter Unterkunft und Verpflegung haben werden.�</p><p>�ja, ja. Aber wenn sie nicht so klug sind, k�nnte es sein, dass sie sich mit uns anlegen wollen. Vielleicht nicht sofort, aber auf anderem Weg. Dann m�ssten wir sie abwehren und au�erdem die Belagerung aufrechthalten.�</p><p>Das z�ndete irgendwie einen Funken in Sonja; warum war ihr nicht klar, doch die M�glichkeit erregte sie. Zu k�mpfen � zu t�ten � Sie dachte daran, und an Bo-ugans wahnsinnige Ausdauer. Etwas schien in einem Winkel ihres Gehirns zu kribbeln, etwas, das mit der seltsamen Stimmung �ber dem Land zusammenhing �</p><p>�S�ldner?� fragte Iatos sie, als er auf sie zukam.</p><p>So sehr war sie in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie zusammenzuckte. �Ja, etwa eine Stunde entfernt.� Durch Iatos� Frage war das Kribbeln verschwunden � aber es w�rde auch sp�ter wiederkommen, genau wie Iatos� Philosophien.</p><p>Im Augenblick jedoch gab es blo� das angespannte Warten auf die S�ldner.</p><p>Ostor war es, der die S�ldner anf�hrte � ein dunkelblonder Riese in schwerer Kettenr�stung, der gen�gend Schwerter und Messer bei sich trug, um drei kleinere M�nner zu bewaffnen. Sein Gesicht wies Narben von zahllosen Schlachten auf.</p><p>Bo-ugan, der ihn von fr�her kannte, befahl, das Tor zu �ffnen und ihn mit einem Dutzend seiner Leute einzulassen. Und w�hrend Bo-ugan und Ostor sich zu des Hetmans Haus begaben, um die Bedingungen f�r die �bernahme der S�ldner auszuhandeln, blieben die zw�lf Neuank�mmlinge auf dem Hauptlatz als Blickfang zur�ck.</p><p>Doch nicht lange, und sie begannen sich im Dorf umzusehen. Sie schlenderten herum, als w�ren sie hier die Herren. Sie sprachen die h�bschesten jungen Frauen an, machten unfeine Witze oder versprachen ihnen das Blaue vom Himmel. Dann be�ugten sie die paar Soldaten auf dem Platz, und weil sie wussten, dass die Dorfbewohner es nicht wagen w�rden, ernsthaft gegen sie vorzugehen, sparten sie nicht mit Kr�nkungen, wie Barbaren es gern tun, die keine Gemeinschaft au�er ihrer eigenen gew�hnt sind, um sich zu behaupten.</p><p>Sonja, die ein wenig abseits stand, beobachtete die M�nner, wie sie ihre dummen Witze machten und die anderen einzusch�chtern versuchten. Sie hatte das Gef�hl, diese Burschen zu kennen � nicht ihre Namen, aber ihren Schlag. Und sie wusste, was passieren w�rde, weil es immer das gleiche war. Als einer der Kerle sie entdeckte, seufzte sie schwer und sch�ttelte den Kopf �ber das Unvermeidliche.</p><p>�Sieh dir die an!� forderte ein blonder Krieger seinen Begleiter auf, einen untersetzten Burschen mit schwarzem Bart.</p><p>�Mann oder Frau?� wunderte sich der Dicke laut.</p><p>�Bestimmt steckt eine Frau unter der R�stung�, sagte der Blonde.</p><p>�Ich bin mir nicht so sicher. Wir sehen besser nach.�</p><p>Sie stiefelten �ber den Platz auf Sonja zu. Sie stand da, die Arme �ber der Brust gekreuzt und die F��e ganz fest auf den Boden gestemmt: eine Haltung scheinbaren Gleichmuts.</p><p>Blondschopf und Schwarzbart kamen nahe heran, kratzten sich am Kopf und blickten einander an.</p><p>�Bist du eine Frau?� fragte der Blonde.</p><p>�Oder ein Schwertk�mpfer?� wollte der Schwarzb�rtige wissen.</p><p>�Wir versuchen uns dar�ber klar zu werden.�</p><p>�Ja, wir versuchen uns klar zu werden.�</p><p>�Wie auch immer, du darfst gern mit uns reiten.�</p><p>�Ja, wie auch immer, wir w�rden gern mit dir reiten�, sagte der Dicke. �Ich bin sicher, du reitest gut.�</p><p>Sein Freund lachte laut, so als h�tte der andere einen guten Witz gemacht.</p><p>Sonja kniff die Augen leicht zusammen, verzog jedoch keine Miene. Kalt sagte sie: �Ich bin eine Frau. Das seht ihr doch an meinen H�ften! Schaut sie euch an! Na, tut es doch!�</p><p>Als die beiden merkten, dass sie sich nicht einsch�chtern lie�, blickten sie sie finsteren Gesichts an.</p><p>�Ja, ich bin eine Frau�, fuhr sie fort. �Seht euch doch meine H�ften an. Und das Schwert an meiner H�fte. Ein beachtliches Schwert, nicht wahr? Tats�chlich ist es ein besseres Schwert, als ein jeder von euch hat.�</p><p>Sie be�ugten sie misstrauisch. Ein Spa�, ja � aber ein Spa� in h�hnischem, kaltem Ton. Und das von einer Frau � einer Kriegerin. Seltsam. Ja, ein Spa�, aber nicht in ihren Augen �</p><p>�Ich glaube�, sagte Schwarzbart zu Blondschopf, �diese Frau bildet sich ein, sie k�nnte bluffen ��</p><p>�Keine Einbildung�, unterbrach ihn Sonja, �und kein Bluff. Ihr kommt geritten, als h�ttet ihr das Dorf gekauft. Aber das habt ihr nicht. W�hrend ihr herumsteht und darauf wartet, dass euer F�hrer zur�ckkommt und eure �rsche in die S�ttel zur�ckjagt, solltet ihr daran denken, dass ihr hier G�ste seid, verstanden? Ihr seid G�ste, keine Schweine. Also denkt nicht, ihr h�ttet das Recht ��</p><p>�Halt�s Maul!� br�llte der Blonde w�tend.</p><p>�� euch wie Schweine zu benehmen!�</p><p>�Halt�s Maul, Schlampe!� br�llte der Blonde erheut und griff drohend nach seinem Schwert.</p><p>Unger�hrt blieb Sonja mit verschr�nkten Armen stehen, und ihre saphirblauen Augen glitzerten eisig. �Zieh es!� sagte sie ruhig. �Dann wird dein Freund zu tun haben, deine St�cke zusammenzuklauben.�</p><p>�So etwas lasse ich mir von niemand sagen, weder von Mann noch Frau. Zieh dein Schwert!�</p><p>�Dreh dich um und geh weg!� riet ihm Sonja. �Noch kannst du es.�</p><p>�Ich habe gesagt: <emphasis>Zieh dein Schwert!�</emphasis></p><p>Es war still auf dem Platz geworden, und aller Augen richteten sich auf die beiden. Der Dicke war zur�ckgewichen. Er war zwar bereit gewesen, seinen Spa� mit ihr zu treiben, aber nun war er doch unsicher, was die F�higkeiten dieser flammenhaarigen Kriegerin betraf. Es w�re ja dumm, sich m�glicherweise in Gefahr zu bringen, nur weil sein Kamerad ein Hitzkopf war und die Dinge zu ernst nahm.</p><p>Sonja r�hrte sich nicht.</p><p>�Zieh deine Klinge, Weib!� Seine Hand krampfte sich um den Schwertgriff. �Oder ich spie�e dich auf wie einen Bratfisch!� Er machte sich daran, sein Schwert aus der Scheide zu ziehen, als ein anderes Schwert wie eine harte graue Schlange auf ihn zuschnellte und mit der Spitze zwischen seinen Schenkeln anhielt.</p><p>Immer noch ohne sich zu r�hren, schaute Sonja zu.</p><p>Der Blonde hielt in seiner Bewegung inne und drehte vorsichtig den Kopf. Er blickte in das hagere, kalte Gesicht von Iatos.</p><p>�Lass dein Schwert in der H�lle�, warnte Iatos, �wenn du nicht Selbstmord begehen willst! Sie k�nnte aus einem Dutzend deinesgleichen Hackfleisch machen.�</p><p>�Iatos!� knurrte der Blonde. Schwei� rann ihm �ber die Wangen. �Du alter Schwuler! Du hast dich wohl auch nicht ge�ndert?�</p><p>�Hast du geh�rt? Halt�s Maul und verschwinde, solange du es noch kannst!�</p><p>Der Blonde verzog h�hnisch das Gesicht. �Ich staune, dass du immer noch lebst, warmer Bruder. In meinem Stamm pflockt man deinesgleichen auf einen Ameisenhaufen.� Er richtete sich auf und schob die Klinge in die Scheide zur�ck, lie� die Hand jedoch um den Griff. �Ein Schwuler und eine Frau�, fuhr er verletzend fort. �Nettes P�rchen! Geh�ren zwei dazu ��</p><p>�Das gen�gt, Stovis! Ich kann dich gleich aufschlitzen oder mein Schwert zur�ckziehen und es Sonja �berlassen. So oder so verlierst du alles. Du hast deinen Spa� weit genug getrieben, und jetzt ist�s an der Zeit, dass du dich zusammenrei�t, bis Ostor zur�ckkehrt. Verstanden?� Das gefiel Stovis gar nicht, aber er blieb jetzt reglos stehen und schwieg.</p><p>�Ah, ich sehe, du hast begriffen�, brummte Iatos. Langsam, wachsam zog er seine Klinge zur�ck.</p><p>Ein Herzschlag verging.</p><p>In diesem Augenblick war Stovis versucht zur�ckzuspringen, sein Schwert zu ziehen und sich den Alten sowie die Frau vorzunehmen � aber er tat es nicht.</p><p>Als der kritische Moment verstrichen war, wandten die Gesichter sich wieder anderem zu. Der Augenblick der Gefahr war vorbei, denn nun kamen Bo-ugan und Ostor zum Platz zur�ck.</p><p>Sie hatten gesehen, was geschehen war, sprachen jedoch dar�ber nicht zueinander. Dergleichen passierte eben zwischen m�glichen Feinden, manchmal auch zwischen m�glichen Freunden. Aus ihren Mienen schloss Sonja, dass die Unterredung f�r keinen erfolgreich geendet hatte. Entweder konnte Bo-ugan Ostor nicht genug versprechen, oder was Ostor zu bieten hatte, mochte mehr Schwierigkeiten als Nutzen bringen. Jedenfalls verriet ihre schnelle R�ckkehr, dass keine Einigung erzielt worden war.</p><p>Ostor sa� auf und br�llte seinen M�nnern zu, das gleiche zu tun. Es gab keine gr��ere Abschiedskundgebung zwischen den beiden F�hrern, lediglich diesen Befehl Ostors; dann ritten die Neuank�mmlinge aus dem Ort hinaus. Innerhalb von Minuten nach dem Aufbruch erhoben sich Staubwolken galoppierender Pferde auf der vom Dorf wegf�hrenden Stra�e und verloren sich allm�hlich am Horizont.</p><p>Bo-ugan kehrte mit seinem Stab zu seinem Haus zur�ck. Sonja, die nahe der Mauer stand, blickte auf den Boden vor ihren F��en, wo jetzt, wenn die Dinge einen Augenblick anders verlaufen w�ren, vermutlich Stovis� Leiche gelegen h�tte. Fast traurig sagte sie zu Iatos: �Das ist auch der Grund, weshalb ich dich bewundere.� Dann l�chelte sie ihn an und machte sich auf den Weg zur S�ldnerunterkunft.</p><p>Sie wusste, dass etwas geschehen musste, und zwar bald. Der Wahnsinn in diesem Land wuchs �</p><p>Daron lag wach auf seiner Pritsche, die Arme hinter dem Kopf verschr�nkt und auf die Decke starrend, als Sonja eintrat. Die Hyrkanierin warf sich auf ihr Bett, ahmte seine Haltung nach, biss sich nachdenklich auf die Unterlippe und sagte bedr�ckt: �Mein Freund, falls du eine M�glichkeit kennst, hier Schluss zu machen, damit ich auf anst�ndige Weise von hier fort kann, w�re ich dir dankbar, wenn du mich einweihen w�rdest.�</p><p>Zu ihrem Staunen antwortete Daron: �Gut, dann tue ich es.�</p><p>Sonja rollte sich auf die Seite und setzte sich halb auf. �Was?�</p><p>�Ich werde helfen.�</p><p>�Du kannst helfen? Ich m�chte wissen, was du ��</p><p>�Ich habe die ganze Nacht dar�ber nachgedacht.� Es klang seltsam abwesend. �Ich werde es tun. Wir werden es beenden!�</p><p>�Daron ��</p><p>Er setzte sich auf die Kante seiner Pritsche, schl�pfte in die Stiefel, blickte Sonja in die Augen und sagte: �Lass mich erst mal waschen und fr�hst�cken, einverstanden? Dann gehen wir zu Bo-ugan.�</p><p>Ohne ihr Gelegenheit zu geben, weitere Fragen zu stellen, verlie� der ungew�hnliche junge Mann die Unterkunft.</p><p>Doch w�hrend Daron in einem ungest�rten Winkel des Dorfes (wohin er sich manchmal vor der Betriebsamkeit der Stra�en und des Platzes zur�ckzog) sein versp�tetes Fr�hst�ck zu sich nahm, kam es zu einer neuerlichen Aufregung auf der Mauer. Ein Pferd in der Ferne � nein, drei Pferde. Drei Reiter � nein, zwei Reiter, die einen dritten zwischen sich auf seinem Pferd st�tzten.</p><p>�Gebt Bo-ugan Bescheid!� rief ein W�chter. �Etwas stimmt nicht!�</p><p>Der Befehlshaber kam mit seinem Stab, gerade als das Tor ge�ffnet wurde, um die Reiter einzulassen. Die Soldaten und Herumstehenden holten Luft und fluchten vor Grimm und Best�rzung, w�hrend die Reiter stumm ihren Kameraden vom Pferd hoben und auf den Boden legten.</p><p>�Holt Wein!� schrie einer den Neugierigen zu.</p><p>Burschen f�hrten die ersch�pften Pferde zu einem Trog in der N�he. Einer der beiden Reiter kauerte sich neben den Verwundeten und wischte ihm den Schwei� mit einem Tuch vom Gesicht. Der andere schritt Bo-ugan entgegen, salutierte und beantwortete des Kriegsherrn ungestellte Fragen.</p><p>�Er hat w�hrend des ganzen Rittes kein klares Wort hervorgebracht, Befehlshaber. Er war bei einem Kampf verwundet worden und als tot zur�ckgeblieben. Nach dem bisschen, das wir aus seinem Gebrabbel schlie�en konnten, wurde er von Thotas und anderen Zauberern gefoltert.�</p><p>Bo-ugans stahlblaue Augen verrieten nur einen Hauch des Zorns, der in ihm tobte. �Wird er �berleben?�</p><p>�Nein.�</p><p>Bo-ugan trat zu dem Mann und blieb kurz stehen, als eine Frau dem anderen Reiter einen Weinbeutel reichte. Der Verwundete hustete und spuckte, als ihm der Wein in die Kehle sickerte, aber er belebte ihn zumindest kurz. M�hsam versuchte er sich aufzusetzen, aber es gelang ihm nicht. Die Wunden auf seinem Gesicht und dem K�rper, soviel unter der in Fetzen h�ngenden Kleidung zu sehen war, �ffneten sich bei dieser Anstrengung und begannen wieder zu bluten. Er fiel schwer auf die Seite, aus dem Gleichgewicht gebracht, da ihm ein Arm fehlte, und der Reiter st�tzte ihn.</p><p>Daran stand unter der Menge und schaute zu. Sonja kam herbei und stellte sich neben ihn.</p><p>Bo-ugan beugte sich �ber den Verwundeten und fragte sanft: �Hat Thotas dir das angetan, Junge?�</p><p>�Ja, Befehlshaber. Sie � sie folterten mich. Aber ich sagte ihnen nichts.�</p><p>�Ruh dich aus, wir bringen dich in ein Haus, und die Frauen werden dich pflegen.�</p><p>�Mein Befehlshaber, ich sagte ihnen nichts. Aber der Stern � er n�hrt sich von Schmerzen und Furcht � Der Stern geh�rt Thotas, aber Thotas geh�rt auch dem Stern. Thotas ist wahnsinnig. Er ist ��</p><p>�Ruh dich aus! Die Frauen k�mmern sich um dich ��</p><p>Der Beklagenswerte fiel ersch�pft auf den R�cken. Bo-ugan stand auf. Er befahl den Soldaten, eine Bahre anzufertigen und den Mann in sein eigenes Haus zu tragen. Doch noch w�hrend die M�nner sich daranmachten, Schilde mit Lederriemen zur Bahre zusammenzubinden, erschauderte der Verwundete heftig, �ffnete Augen und Mund weit, wie vor Grauen vor etwas, das nur er allein zu sehen vermochte, dann sackte er schlaff zusammen.</p><p>Die Frauen in der Menge fingen zu weinen an und zogen ihre Kinder nach Hause.</p><p>Eine lange Weile starrte Bo-ugan auf die Leiche. Dann drehte er sich zu Agthor um. Keiner sagte etwas, doch beider Augen funkelten. Dann wandten sie sich von dem Gesicht ab, das das B�se zerst�rt hatte, und gingen zu Bo-ugans Haus.</p><p>�So etwas haben die Zauberer seit langem nicht mehr getan�, sagte einer der beiden Reiter furchterf�llt und deutete auf ein Strahlenzeichen, das dem Toten in die Stirn gebrannt war.</p><p>Sonja drehte sich um, weil sie jemanden dicht hinter sich sp�rte. Es war Iatos.</p><p>�Es stimmt�, best�tigte er. �Eine Zeitlang, aber das ist schon eine Weile her, war es eine Angewohnheit der Zauberer, uns verst�mmelte Leichen, mit dem Zeichen der Roten Sonne versehen, als Warnung zu schicken. Manchmal warfen sie sie einfach �ber die Mauer. Einmal schickten sie einen ganzen Haufen fliegend durch die Luft und lie�en ihn mitten auf die Steppe fallen. Es war grauenvoll!�</p><p>Sonja schluckte.</p><p>�Nun fangen sie offenbar wieder damit an�, fuhr Iatos leise fort. �Im Kampf zu fallen, ist eins, selbst f�r eine Wahnsinnssache. Aber diese sinnlose Folterung ��</p><p>Soldaten scharten sich um die Leiche des Einarmigen, entsetzt und w�tend �ber die Verst�mmelung. Nach der abgelehnten Hilfe der S�ldner am Vormittag wurde dieser Beweis der Unmenschlichkeit ihrer Feinde zum Funken eines gef�hrlichen Feuers f�r die Hitzk�pfigen unter ihnen. Einer hob die Arme und forderte die Menge auf, ihm zuzuh�ren. Und immer weitere Soldaten sammelten sich um ihn.</p><p>�Wie lange sollen wir uns diese Gr�uel noch gefallen lassen?� rief er. �Seht euch das an! Seht euch den Tod eures Kameraden an! Und wie viele weitere sterben jeden Tag? Wie viele werden bei Tag und bei Nacht von diesen seelenlosen Wahnsinnigen gefoltert? Lasst uns ein Ende mit ihnen machen, ein f�r allemal! Lasst uns eine Armee aufbauen, so stark, dass keine Zauberei uns aufhalten kann, und dann ihre Festung in einem einzigen Sturm nehmen!�</p><p>Beifall wurde laut, und w�hrend der Mann noch weiterredete, scharten sich immer mehr M�nner um ihn. Sonja, Daron und auch Iatos wandten ihnen den R�cken und gingen.</p><p>�Wenn du einen Plan hast, irgendwas, dann sollten wir m�glichst gleich mit Bo-ugan sprechen�, sagte Sonja zu Daron.</p><p>�Ja.� Er nickte. �Ja.�</p><p>Gedankenverloren stapfte er weiter. Sonja blieb noch kurz bei Iatos stehen.</p><p>�Ich werde dich auf dem laufenden halten�, versprach sie ihm. �Jedenfalls d�rfen wir nicht zulassen, dass diese Dummk�pfe durch einen neuen Sturmangriff Selbstmord begehen.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, best�tigte Iatos. �Ich halte euch den Daumen, dir und Daron.�</p><p>Sie schlug ihm auf die Schulter und eilte hinter Daron her, um sich mit ihm zu Bo-ugans Haus zu begeben.</p></section><section><title><p>3</p><p>Finstere Wurzeln</p></title><p>Bo-ugan sa� mit Agthor und einigen anderen M�nnern in seinem d�mmrigen Haus an dem langen Tisch. Die Pergamentkarte war ausgebreitet, Wein und Erfrischungen standen bereit.</p><p>Einer von Bo-ugans Stab spielte mit einem Messer. Er sa� in einem Holzsessel und lie� die Klingenspitze immer wieder in die Armlehne fallen. M�helos las Sonja seine Gedanken.</p><p>Bo-ugan lehnte sich nach vorn und hob die verschr�nkten H�nde zum Kinn, als Sonja und Daron eintraten. Der Soldat, der sie hereingef�hrt hatte, salutierte und zog sich wieder zur�ck.</p><p>�Ja�, sagte Bo-ugan zu Sonja. �Setzt euch � beide.�</p><p>Sie taten es. Daron nahm neben Sonja Platz, griff nach einem Becher, schenkte sich Wein ein und nippte sogleich daran. Keinem blieb verborgen, wie nerv�s er war. Das gefiel Sonja nicht, denn so benahm man sich nicht, wenn man zu seinem Kriegsherrn ging, um ihm einen guten Plan zu unterbreiten, der die Wende des Krieges bedeuten sollte.</p><p>�Wir sprachen gestern von einer m�glichen �nderung der Taktik�, wandte Sonja sich an den Hetman.</p><p>�Ja, ja�, dr�ngte Bo-ugan.</p><p>�Mein Freund Daron hat einen Plan � so versicherte er mir.�</p><p>Bo-ugan musterte den jungen Mann. �Was ist dein Plan, Daron?�</p><p>Daron starrte in den Weinbecher. �Weniger ein Plan�, gestand er, �als eine M�glichkeit.� Er blickte auf und in des Hetmans stahlblaue Augen. �Erfolg garantieren kann ich allerdings nicht. Doch allein, um damit anzufangen, muss ich um eure Hilfe ersuchen. Es ist � vielerlei zugleich, Bo-ugan. Wenn ich es richtig sehe, wird es Eure Probleme l�sen � und vielleicht meine ebenfalls.�</p><p>Bo-ugan runzelte die Stirn. �Du sprichst in R�tseln. Erkl�r bitte genau, was du dir ausgedacht hast!�</p><p>Daron richtete sich in seinem Sessel auf, blickte Sonja und die anderen an und legte die H�nde auf den Tisch! �Ich glaube, ich wei�, wo ich eine Waffe finden kann, die imstande ist, Thotas und seine Priester zu vernichten.�</p><p>Bo-ugan unterdr�ckte seine Aufregung. �Sag mir wo! Ich werde eine Armee danach schicken.�</p><p>�Ich wei� eben nicht genau wo. Das ist einer der Gr�nde, weshalb ich zaudere, �berhaupt davon zu sprechen.�</p><p>�Jegliche Hoffnung auf Erfolg ist jetzt ein Wagnis wert�, versicherte Bo-ugan dem jungen Mann.</p><p>�Wirklich?� murmelte Daron und starrte den Hetman an. Nach seinem Ton schien er dabei an mehr zu denken als an eine einfache Strategie gegen�ber dem Feind.</p><p>Bo-ugan griff nach der Weinkanne und fragte, ob er Daron nachschenken d�rfe. Der junge Mann nickte. �Erz�hl mir mehr �ber dieses Geheimnis!� bedr�ngte er ihn. �Ich muss schlie�lich wissen, welches Risiko ich eingehe.�</p><p>�Ihr�, sagte Daron zu ihm, �geht so gut wie keines ein, von dem zeitweiligen Verlust von zwei Kriegern abgesehen � nein, von drei: Sonja, ich und noch einer. Wir m�ssen uns auf eine Reise begeben, damit ich Hinweisen auf dieses � Geheimnis folgen kann. Wenn wir es finden, kehre ich zur�ck mit der Macht, die Zikkurat zu vernichten!�</p><p>�Du sprichst immer noch in R�tseln�, sagte Sonja. �Kannst du uns nicht n�her erkl�ren, worum es geht?�</p><p>�Nein�, entgegnete Daron. �Ich muss euch bitten, mein Schweigen einstweilen zu achten.�</p><p>Sonja und auch Bo-ugan blickten ihn �berrascht an.</p><p>�Ich will mich wahrhaftig nicht wichtig machen�, fuhr Daron ernst fort. �Obgleich ich noch jung bin, Befehlshaber, bin ich weitgereist und habe viel gelernt. In meiner Vergangenheit gibt es R�tsel, die ich hoffentlich noch aufdecken kann. Und wenn mir das gelingt, bin ich imstande, euch ebenfalls zu helfen.�</p><p>�Das klingt nach mehr als nur nach Schwertern�, meinte Bo-ugan angespannt.</p><p>�Ja, Hetman. Es geht um weit mehr als nur um Schwerter.�</p><p>�Zauberei?�</p><p>�Auch viel davon.�</p><p>Bo-ugans Gesicht verd�sterte sich. �Ich habe Zauberer angestellt. Sie haben mir herzlich wenig geholfen. Keine Zauberei kommt gegen Thotas an.�</p><p>�Da t�uscht Ihr Euch, seid versichert. Aber ich darf Euch nicht sagen, woher ich das wei�. K�nnt Ihr mein Schweigen achten, Lord Bo-ugan? Ich wei�, dass Ihr Zauberer angeworben habt, doch lediglich unbedarfte, schw�chliche. Sie taten m�chtiger, als sie waren, um daran zu gewinnen. Ich spreche nicht von kleinen Zaubern und Hellseherei, sondern von derselben Art von Zauberei, wie Thotas sie gegen euch einsetzt � einer Zauberei der Macht. Wenn ich Erfolg habe, kann ich ihn vernichten.�</p><p>�Dann wirst du eine ganze Armee zu Hilfe haben�, versprach ihm Bo-ugan. �Falls du mich von der Wahrheit deiner Worte �berzeugen kannst.�</p><p>�Ich werde keine Armee ben�tigen, Lord Bo-ugan. Ich h�tte nur gern, dass die Rote Sonja und ein Mann mich begleiten. Das hei�t, falls Sonja mitkommen mag ��</p><p>�Selbstverst�ndlich�, versicherte sie ihm.</p><p>�Dann such einen Soldaten aus. Nimm den besten! Du kannst gern einen Mann aus meinem Stab haben.�</p><p>�Ich f�rchte, der w�rde meinen Zweck nicht erf�llen�, lehnte Daron dankend ab, �auch wenn er vermutlich im Kampf unschlagbar ist. Ich m�chte den armen Irren mitnehmen, Bo-ugan, diesen Urrim.�</p><p>Bo-ugan hob die Brauen. �Das meinst du doch nicht ernst?�</p><p>�Ich k�nnte es nicht ernster meinen. Eure Soldaten sind im Schwertkampf unvergleichlich, aber wohin ich gehe, ist Schwertkampf nicht so wichtig wie Urrim. Er ist verwundet und scheint ein Irrer zu sein; dennoch ist er durchaus nicht ohne Geist � und wenn er sich dessen bedient, sieht er manchmal seltsame Dinge. Er spricht zwar selten und unbeholfen, aber dann und wann redet er von den Dingen, die er sieht. Deshalb brauche ich ihn.�</p><p>�Willst du damit sagen�, wandte Sonja sich an Daron, �dass Urrims Kopfverletzung bewirkt hat, dass er etwas verstehen kann, wozu die meisten anderen nicht imstande sind?�</p><p>�Das stimmt. Ich habe mich mit ihm unterhalten � habe seine verworrenen Worte gedeutet.�</p><p>Sonja erinnerte sich an ihr Gespr�ch mit Iatos. <emphasis>Gewiss hat es irgendeinen Zweck,</emphasis> hatte er �ber Urrims Verwundung gesagt �</p><p>�Verzeih, wenn ich es unverbl�mt sage�, warf nun Bo-ugan ein, �aber je mehr ich von diesem � ah, Plan � h�re, desto weniger halte ich davon.�</p><p>�Gestattet Sonja, mir und Urrim, dass wir noch heute aufbrechen�, beharrte Daron. �Bei Euren vielen Hunderten von Kriegern werden wir Euch nicht fehlen. Und wenn wir zur�ckkommen ��</p><p>�Wann mag das sein?�</p><p>�Vielleicht in einer Woche, m�glicherweise erst in einem Monat. L�nger gewiss nicht.�</p><p>�Dann geht!� Bo-ugan erkl�rte sich einverstanden. �Geht und tut, was du f�r richtig h�ltst, Daron. Inzwischen werde ich mit der Belagerung fortfahren und zusehen, was ich erreichen kann.�</p><p>�Das erinnert mich an etwas�, sagte Sonja. �Eine Menge Eurer Soldaten ist der Leiche auf dem Hauptplatz wegen aufgebracht. Man steigert sich in einen Sturmangriff hinein.�</p><p>�Ich werde ihnen schon Vernunft beibringen�, versprach Bo-ugan.</p><p>Als sie das Haus verlie�en, wandte sich Sonja an Daron: �Das war ein merkw�rdiges Gespr�ch. Ich hoffe, du wei�t, worauf du dich da einl�sst.�</p><p>�Du brauchst nicht mitzukommen, Sonja, wenn du nicht m�chtest.�</p><p>�O nein!� Sie l�chelte. �So leicht wirst du mich nicht los.�</p><p>�Dann�, sagte Daron leise, �hoffe auch ich, dass ich wei�, worauf ich mich da einlasse ��</p><empty-line/><p>Urrim weigerte sich, am Feuer zu sitzen. In dieser dritten Nacht, weit westlich des Dorfes, ruhte er sich, wie in den vergangenen beiden N�chten, weit entfernt von dem Lagerfeuer aus, das Sonja und Daron entfacht hatten, und er sah ihnen zu, wie sie dieses schreckliche Element meisterten. Beim Anblick der �ber dem Feuer brutzelnden Wildgans rann ihm das Wasser nicht nur im Mund zusammen, sondern wie bei einem kleinen Hund auch aus den Mundwinkeln.</p><p>Seine Gedanken wanderten. Als die Sonne von den Wiesen schwand, die allm�hlich W�ldern wichen, legte Urrim den Kopf schr�g und lauschte angespannt den Rufen der Nachtv�gel, als k�nnte er sie verstehen. Hin und wieder kratzte er sich, betrachtete eingehend Finger und H�nde, sog an den N�geln oder versuchte die kleinen K�fer zu fangen, die in der Rinde des Baumstamms umherkrabbelten, auf dem er sa�.</p><p>An diesem Abend beobachtete Sonja Urrim hin und wieder. Nach einem Schluck Wein sagte sie zu Daron: �Willst du mir denn nicht verraten, warum du ihn mitgenommen hast?�</p><p>Daron antwortete ihr nicht sofort, sondern schien �ber ihre Bitte nachzudenken.</p><p>Aber sie lie� nicht locker. �Sagst du mir nun endlich, wonach wir �berhaupt suchen?�</p><p>�Du klingst misstrauisch.�</p><p>�Es gef�llt mir nicht, dass du mich auch jetzt noch nicht in dein Vertrauen ziehst, nachdem ich dir versprochen habe zu helfen und wir nun schon seit Tagen unterwegs sind.�</p><p>�Ich bat Bo-ugan, mein Schweigen zu respektieren ��</p><p>�Ich bin nicht Bo-ugan! Wir reiten schon eine lange Zeit miteinander, Daron. Ich vertraue dir, sonst w�re ich nicht mitgekommen, und ich f�rchte auch nicht, dass du mich in irgendeine Falle f�hren willst. Aber manchmal frage ich mich, ob du wirklich wei�t, was du tust. Betrachte es einmal so: Je l�nger du wartest, bis du mich einweihst, desto z�gernder k�nnte meine Reaktion sein, wenn du dich darauf verl�sst. Wie dem auch sei, ich m�chte Bescheid wissen. Ich tappe nicht gern im dunkeln. Also �berzeuge mich lieber schnell, dass all dies notwendig ist! Ich warte auf eine Erkl�rung, seit wir aufgebrochen sind.�</p><p>Daron seufzte tief. �Du hast ja recht, Sonja. Wenn ich dir nicht trauen kann, kann ich wirklich niemandem trauen � habe ich recht?�</p><p>�Ich wollte kein Kompliment h�ren, sondern einen guten Grund f�r unser Hier sein.�</p><p>�Das ist verst�ndlich.�</p><p>�Wei�t du �berhaupt, wohin es geht, Daron?�</p><p>�Ungef�hr. Ich wei�, dass wir westw�rts m�ssen. In zwei oder drei Tagen sollten wir einen gr��eren Sumpf erreichen. Es ist dort im Sumpf, irgendwo.�</p><p>�Was ist dort? Wonach suchen wir?�</p><p>�Nach meinem Vater.�</p><p>�Deinem Vater?� Sonja runzelte die Stirn. Sie beugte sich vor und musterte Daron im Licht des Lagerfeuers. �Dein Vater ist tot.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Verdammt, du hast mir gesagt ��</p><p>�Ich sagte, dass ich ihn verloren habe � meine Wortwahl. Ich habe dich get�uscht, und ich entschuldige mich daf�r. Aber damals konnte ich ja nicht wissen, ob ich dir trauen k�nnte � oder sollte.�</p><p>�Dein Vater lebt in einem Sumpf? Warum? Ist er ein Gesetzloser? Was hat er getan?�</p><p>�Sonja!� Daron wandte sich ihr zu. Qual sprach aus seinem Gesicht. �Mein Vater ist ein Zauberer.�</p><p>Eine Weile war der einzige Laut das Zischen, wenn G�nsefett ins Feuer tropfte.</p><p>Vorsichtig wiederholte Sonja: �Ein Zauberer?�</p><p>�Ja. Willst du � willst du die ganze Geschichte h�ren?�</p><p>�Wenn du bereit bist, sie zu erz�hlen.�</p><p>�Die Geschichte meiner unverzeihlichen Geburt? Die Ermordung meiner Mutter? Meine merkw�rdige Kindheit? Meine Erziehung? Mein Fluch?�</p><p>�Nur wenn du davon reden m�chtest, Daron�, sagte Sonja leise. Seine bitteren Worte, die seine innere Verzweiflung beleuchteten, erregten tiefes Mitgef�hl in der Hyrkanierin. Auch sie unterlag dem Fluch einer dunklen, schmerzhaften und einsamen Vergangenheit.</p><p>�Ja, ich m�chte jetzt davon sprechen. Es brennt in mir. Ich muss es jemandem erz�hlen. Vielleicht wirst du einiges davon verstehen, Sonja, einiges �ber mich. Du bist weise, auf diese oder jene Art. Du bist in der Welt herumgekommen.�</p><p>�Vielleicht leide ich unter �hnlichen Qualen, Daron�, sagte Sonja behutsam. Vielleicht dachte sie daran, wie Liebende sich so manches aus ihrer Vergangenheit anvertrauen.</p><p>Darons Blick folgte dem Schein auflodernder Flammen, der �ber Sonjas Wange und den Nasenr�cken spielte und. die Augen im Schatten lie�. �Vielleicht�, antwortete er, �vielleicht ��</p><p>Nach dem Abendessen, und als Urrim neben seinem blitzgef�llten Baumstamm eingeschlafen war, legten Daron und Sonja dicke d�rre �ste auf das Feuer und r�ckten enger zusammen. Und w�hrend sie so sa�en und das Feuer und die Nacht miteinander teilten, erz�hlte der junge Mann der jungen Frau, wer er war und wie er zu dem geworden war, der er war. Die Geschichte eines Lebens, so anders als andere �</p><empty-line/><p>�Du hast deinen Vater also nicht mehr gesehen, seit du vier oder f�nf warst?�</p><p>�Stimmt�, antwortete Daron leise. Als wollte er ein wenig Abstand von der ungew�hnlichen Geschichte gewinnen, die er Sonja erz�hlt hatte, stand er auf und legte Holz auf das niedergebrannte Feuer. Er wartete, bis es aufflammte und Rauch aufstieg. Dann blickte er hin�ber zu dem Geistesgest�rten. Urrim schlief. Daron betrachtete ihn, und Sonja sah seinen Gesichtsausdruck � was war es? Schwermut? Neid? Misstrauen? Zweifel? Doch dann verschwand er mit dem flackernden Schein neuer Flammen.</p><p>Daron drehte sich wieder zu ihr um. �Wie ich bereits sagte, zog mich meine Mutter nicht auf, weil sie es nicht konnte. Ich wurde vom Stamm angenommen, geduldet, aber ich blieb immer ein Au�enseiter. Als der Stamm sich vor meinem Vater zu f�rchten begann, weil er sich zu sehr mit seinen magischen Studien besch�ftigte, ging Vater eines Nachts und kehrte nie wieder. Kaum war er fort, fielen sie �ber meine Mutter her und t�teten sie, weil sie das Verbrechen begangen hatte, sich in einen so fremdartigen Mann zu verlieben. Sie hatten nicht gewagt, ihr etwas anzutun, solange Vater in der N�he war. Ich lief davon, einen Tag nachdem mein Vater verschwunden war, um ihn zu suchen. So kam es zu meinen Jahren der Wanderschaft, den Hexen, von denen ich dir erz�hlte, den Zauberern, und schlie�lich lie� ich mich als S�ldner anwerben und lernte mit dem Schwert umzugehen. Doch nie war ich imstande, meine Herkunft zu vergessen, so sehr ich es auch versuchte. Und nun kann ich mein Erbe vielleicht zu etwas Nutzbringendem verwenden ��</p><p>�Und alles, wonach du dich richten kannst, sind � Tr�ume?�</p><p>�Ja. Tr�ume � wenn du sie so nennen willst. Wahrscheinlich, glaube ich, sind es Erscheinungen, eine Antwort auf meine Jahre des Gr�belns und der Suche in meinem Schlaf. Ich bin der Sohn eines Zauberers. Mein Vater war nicht v�llig menschlich, obgleich er durchaus wie ein Mensch aussah. Und ich habe Kr�fte, die �ber �bliche Kr�fte hinausgehen. Ich bin unbeholfen mit ihnen, kann nie auf sie z�hlen, aber ich sp�rte sie stetig wachsen, seit ich aufh�rte, Kind zu sein. Ich bin ein Zauberer, Sonja, und der Sohn eines Zauberers. Mir fehlen lediglich die M�glichkeiten, meinen Beruf zu erlernen und ihn auszu�ben. Ich bin wie ein Kind mit der Begabung zum K�nstler, dem niemand einen Pinsel, Ton oder Stein und Mei�el gibt, damit es sich sch�pferisch ausdr�cken kann.�</p><p>Sonja schwieg lange. �Ich glaube dir, Daron�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Die Bemerkung erschien ihm merkw�rdig. �Warum solltest du mir nicht glauben?� fragte er erstaunt. Er setzte sich wieder neben sie.</p><p>�Ich meine�, fuhr Sonja fort, �dass ich <emphasis>an</emphasis> dich glaube. Oder �� Sie blickte ihn an und dann zur Seite.</p><p>Daron brauchte keine Zauberkr�fte, um zu verstehen, was sie meinte. Er stand wieder auf, ging zum Feuer und warf ein paar dickere �ste in die Flammen. Nach einer Weile kehrte er zu Sonja zur�ck und legte eine Hand auf ihr Haar.</p><p>Als sie zu ihm hochblickte, zitterten ihre Lippen.</p><p>Kurz danach, als sie sich am Feuer in ihre Decke kuschelte, lauschte Sonja den gequ�lten Atemz�gen Darons, bis sie in der Dunkelheit au�erhalb des Flammenscheins allm�hlich ruhiger wurden. Dann fiel ihr Blick auf Urrim, der in seine Decke gewickelt tief und fest schlief. Sie fragte sich, welche Geheimnisse der Kopfverletzte barg. Sie alle hatten ihre Geheimnisse. Es war eine Welt der Geheimnisse, eine Welt finsterer S�mpfe und Hexer, eine Welt der Schwerter und unheimlicher Laute, der Tempel und Krieger � und noch weiterer Geheimnisse. Gr�belnd schlief sie ein.</p><empty-line/><p>�Dieser Sumpf erscheint mir irgendwie vertraut�, erkl�rte Daron am n�chsten Tag, als sie im Morgengrauen westw�rts ritten.</p><p>�Auf welche Weise, Daron?� erkundigte sich Sonja.</p><p>�Nun - so wie ich ihn in meinen Tr�umen sah. Ich habe das Gef�hl, nach Hause zu kommen � oder zu einem wohlbekannten, trostlosen Ort zur�ckzukehren.�</p><p>Urrim ritt zwischen ihnen, und als Sonjas Blick auf ihn fiel, dachte sie �ber die Frage nach, die sie Daron vergangene Nacht gestellt hatte, die jedoch durch ihre tiefere Unterhaltung verloren gegangen war: Was war der Grund f�r Urrims Anwesenheit? Sie z�gerte, sie jetzt noch einmal zur Sprache zu bringen, und tat es auch nicht, aber sie ging ihr weiterhin durch den Kopf.</p><p>Der Sumpf, der sie nun umgab � nass, grau und kalt � erschien ihr wie ein lebendes Wesen, so schwer war er von Feuchtigkeit und Schatten und h�ngenden Ranken, die von knorrigen Wurzeln und �sten fielen. Moos wuchs so dick an den B�umen, dass es selbst die Luft zu d�mpfen schien. Unentwegt waren das Platschen und Kriechen aufgest�rter Gesch�pfe zu h�ren, unsichtbar, doch allgegenw�rtig. Hin und wieder spitzte bereits die Sonne durch das Grau. Sie brachte das Tau auf dem Moos zum Glitzern, genau wie die dicken Tropfen, die von den h�ngenden Zweigen hoher B�ume perlten.</p><p>Die Pferdehufe sanken tief im Schlamm des Pfades ein. Sonja bem�hte sich, ihr Pferd so weit wie m�glich in der Pfadmitte zu halten. Die Erinnerung an Erlebnisse in anderen S�mpfen hielt ihre Sinne hellwach, denn sie wusste, dass der Sumpf niemandem eine zweite Chance gab und ein falscher Schritt sie oder ihr Ross zu einem langsamen, aber sicheren Tod zu verdammen vermochte.</p><p>Ihr fiel auf, dass sie unwillk�rlich Darons Schritte nachahmte. Wohin er sein Pferd und das Urrims auch f�hrte, sie folgte. Dieser Instinkt, sich so auf einen anderen zu verlassen, verwunderte und �rgerte sie. Aber ihre Instinkte hatten sie selten getrogen, und wenn sie ihr jetzt rieten, einem anderen Menschen zu vertrauen, nun, dann tat sie es.</p><p>Das brachte sie wieder auf Urrim zur�ck und auf die Frage, weshalb Daron ihn mitgenommen hatte. In diesem Augenblick, da, sie an ihn dachte, richtete der Junge sich in seinem Sattel auf und schaute sich sichtlich �berrascht um. Lange Speichelf�den sickerten ihm �bers Kinn und schwangen zu seinem Wams hinunter. Sonja las in seinen Augen etwas wie die Furcht eines Tieres, wenn es nahende Gefahr wittert.</p><p>Sonja blickte auf Daron, doch er achtete nicht auf den Jungen. Welche Vorahnung Urrim erschreckt haben mochte, Daron hatte es nicht bemerkt. Schon einen Augenblick sp�ter erwies Urrims Angst sich als berechtigt � und Sonjas Frage, weshalb Daron ihn mitgenommen hatte, war vergessen.</p><p>Der Junge stie� einen Schrei aus. Daron wirbelte herum, blickte zuerst ihn, dann Sonja an und b�gelte sein Pferd.</p><p>Sofort tat Sonja es ihm gleich.</p><p>�Dort!� Daron deutete mit dem Kopf und zog sein Schwert.</p><p>Die Kreaturen waren schon ganz nahe, ehe Sonja erkennen konnte, was Schatten und was Gegenstand war � so geschickt waren sie, so nichtmenschlich, so gut getarnt, so sehr Teil der grauenvollen Landschaft.</p><p>Eine gelbe Klaue schnellte vor. Sonjas Pferd wieherte und b�umte sich auf, und es kostete sie M�he, nicht abgeworfen zu werden.</p><p>Sumpfteufel � Ghuls � Untote � wer immer sie auch sein mochten, sie waren nur von vager menschlicher Form. Totenbleich waren sie, wo der Morast sie nicht bedeckte; nackt und geh�rnt, mit Krallen und F�ngen, mit knorrigen Gliedma�en.</p><p>Mit schwerf�lligen Bewegungen und todwei�en Augen sprangen zwei Kreaturen Sonjas Pferd an. Eine dritte lie� sich von einer vom Baum h�ngenden Ranke auf Daron fallen und warf ihn zu Boden. Br�llend wehrte sich Daron und befreite, sich von seinem Angreifer.</p><p>Sonjas Pferd stolperte vor Furcht, als das erste Monster nach seinem Kopf krallte. Fluchend lehnte Sonja sich vor und schwang die Klinge. Der schlammbedeckte wei�e Sch�del des Sumpfwesens flog durch die Luft. Arme fuchtelten, w�hrend der k�pflose K�rper r�ckw�rts taumelte. Sonja trat ihm mit einem Stiefel gegen die Brust, und es st�rzte in den Sumpf.</p><p>Sie fluchte erneut, als ihr bewusst wurde, dass nicht ein Tropfen Blut aus der klaffenden Wunde gedrungen war.</p><p>Das zweite Ungeheuer war vorsichtiger. Es kam geduckt, aber zweifellos angriffsbereit heran. Wieder b�umte Sonjas Pferd sich auf und wirbelte zu einem pl�tzlichen Galopp herum, als das Sumpfwesen vorw�rtsschwankte. Sonja schrie auf, warf sich nach einer Seite und fiel aus dem Sattel.</p><p>Urrim schrie gellend auf vor Angst, als auch er von seinem Pferd geworfen wurde, und fiel mit dem Gesicht in den Morast. Er hob den Kopf und schrie erneut, als er sah, dass eine Sumpfkreatur auf ihn zurannte. Er versuchte wegzukriechen, sank dabei aber nur tiefer in den Schlamm.</p><p>Sonja eilte ihm zu Hilfe und verfluchte den z�hen Morast, der ihre Stiefel festzuhalten suchte. Aber ihr Schwert war ihr dritter Arm und das Sumpfwesen war ein schwacher Gegner, solange sie seinen Klauen auszuweichen vermochte.</p><p>Sie sprang es an. Das Ungeheuer drehte sich. Die Klauen mit den gelblichen Krallen tasteten durch die feuchte Luft. Sonjas Stahl trennte eine Klauenhand halb ab, so dass sie schlaff herunterhing. Doch ohne darauf zu achten, h�pfte das Ungeheuer vorw�rts, und Schlamm spritzte auf. Sonja streckte die Klinge aus, und die Kreatur spie�te sich selbst unterhalb des Brustbeins auf. Mit aller Kraft riss Sonja die Klinge hoch und zog sie zur�ck. Das Sumpfwesen stolperte r�ckw�rts und verlor das Gleichgewicht. Erneut hieb Sonja danach, und die Klinge schnitt in den Hals. Das Ungeheuer st�rzte in den Sumpf. In wenigen Augenblicken verriet nur noch blubbernder Schlamm, wo es verschwunden war.</p><p>Keuchend wandte Sonja sich Urrim zu. Sie sah, dass er nun in Sicherheit war und Daron ihm das Gesicht abwischte. Hinter dem Jungen, bei einem kr�ftigen Baum, der seine Wurzeln in den Sumpf gestreckt hatte, lag ein nichtmenschlicher Kadaver. Auch Daron hatte seine Klinge demnach gut geschwungen.</p><p>Das Blut pochte noch in Sonjas Schl�fen, als sie ihr zitterndes Schwert zum Boden senkte und fragte: �Haben wir noch mehr dergleichen zu erwarten, Daron?�</p><p>Er blickte Urrim an. �Ich wei� es nicht.�</p><p>�Es k�nnten unz�hlige von ihnen dort drau�en lauern, uns beobachten.�</p><p>�Zweifellos.�</p><p>�Dann sag mir, was wir hier sollen ��</p><p>�Ich wei� es nicht, Sonja!� schrie er w�tend.</p><p>Hitzk�pfig br�llte sie zur�ck: �Verdammt, dies ist dein Sumpf, Daron!�</p><p>�Es ist <emphasis>nicht</emphasis> mein Sumpf!�</p><p>�Warum bist du dann ��</p><p>Sie fing sich. Sie starrte Daron an, sah den Schmerz und die Wut und die kaum verrauchte Blutlust und wurde sich bewusst, woher ihr eigener Zorn kam.</p><p>�Ich erinnere mich noch an � Hass�, sagte sie ruhiger.</p><p>�Genau wie ich.�</p><p>Sie runzelte die Stirn. �Es war wie beim Kampf gegen die Untoten der Stufenpyramide.�</p><p>�Ja, ja, genauso! Nicht wie bei einem normalen Kampf. Immer h�ngt dieser Hass in der Luft, der uns alles pers�nlich nehmen l�sst ��</p><p>Sie trat n�her zu Daron und Urrim heran. �Ist er in Ordnung?�</p><p>�Ich glaube schon. In ihm steckt nur noch die Angst.�</p><p>�Das ist verst�ndlich�, murmelte sie.</p><p>Daron blickte Sonja an. �Ja, das ist verst�ndlich.� Seine Augen hatten denselben Ausdruck wie in der vergangenen Nacht.</p><p>Das entging Sonja nicht. Sie blickte weg und wandte ihre Aufmerksamkeit ihrem schlammigen Schwert zu. Sie schwang es ein paar Mal durch die Luft, bis der Schmutz in Tropfen abfiel. Dann wischte sie es an ihrem Stiefel ab und schob es in die H�lle.</p><p>Die verst�rten Pferde waren nicht weit gekommen. M�helos fing Sonja ihr und Urrims Tier ein. Sie sa�en wieder auf und ritten ein St�ck weiter, bis sie zu einer Erh�hung aus fester Erde kamen, wo auch die B�ume weniger dicht standen. Daron hielt an und schwang sich aus dem Sattel. Er forderte seine Begleiter auf, es ihm gleichzutun. Zu Sonjas Erstaunen sammelte er d�rre �ste und Reisig und h�ufte sie f�r ein kleines Feuer.</p><p>�Daron, was hast du vor?�</p><p>�Ich kehre ein St�ck um, Sonja�, erkl�rte er ihr. �Bleibst du bei Urrim?�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Passt du eine Weile auf ihn auf?�</p><p>�Warum? <emphasis>Wohin</emphasis> willst du?�</p><p>�Zur�ck in den Sumpf. Nicht lange.�</p><p>�Und du l�sst mich hier mit drei Pferden und diesem � mit Urrim zur�ck?�</p><p>�Ich bleibe nicht lange.� Er kam ihrer Besorgnis zuvor. �Selbst wenn sie noch lauern, werden sie nicht so schnell wieder angreifen, denn wir sind bewaffnet und haben drei der ihren get�tet.�</p><p>�Das macht mir weniger Sorgen als das, was du im Sumpf zu tun gedenkst.�</p><p>�Vielleicht finde ich einen besseren Schutz f�r uns als einfache Schwerter.�</p><p>�Schutz?�</p><p>�Sei so gut und pass solange auf Urrim auf. Bitte, Sonja!�</p><p>Ohne l�nger zu warten, machte er kehrt und folgte dem Pfad, den sie gekommen waren.</p><p>Sonja ging zu Urrim hin�ber. Der Junge sa� ruhig auf dem Boden, und als sie n�her kam, schaute er mit traurigen Unschuldsaugen zu ihr hoch. Sie blickte sie an und sp�rte etwas in ihnen � so wie Urrim die Kreaturen im Sumpf geahnt hatte: lauernd, abwartend und schlie�lich angreifend.</p><p>�Was ist es?� fl�sterte sie und blickte ihm weiter in die Augen.</p><p>Speichel sickerte ihm wie stets aus den Mundwinkeln. Er wimmerte und beruhigte sich erst, als Sonja sich �ber ihn beugte und ihm �bers Haar strich. �Was, Urrim?� wisperte sie mehr zu sich als zu ihm. �Was? Was ist in dir?�</p><p>In der Ferne, in dem Zwielicht aus Schatten und ged�mpftem Sonnenschein, platschte etwas ins Wasser und hinterlie� hohle Echos in der schweren Luft. Von Daron war kein Laut zu h�ren, wo immer er auch war und aus welchem Grund er sich im Sumpf verborgen hatte.</p><empty-line/><p>Seinem Versprechen getreu, kehrte Daron bald zur�ck und hielt etwas in den geschlossenen H�nden.</p><p>Sonja hatte ihren Sattelbeutel ge�ffnet und kaute an Bl�ttern und Beeren, die sie des Morgens gesammelt hatte. Sie hatte Urrim davon angeboten, doch der Junge wollte nichts anderes, als am Rande eines T�mpels zu sitzen und den Insekten zuzusehen. Nun, als Daron durch die B�ume zur�ckkehrte, schluckte sie die letzten Beeren, wischte sich die fleckigen H�nde am Wams ab, stand auf und ging ihm entgegen.</p><p>�Was hast du da?�</p><p>Daron l�chelte sie geheimnisvoll an, ohne die H�nde zu �ffnen, die er dicht an die Brust hielt. �Such einen Stein!� bat er. �Einen m�glichst d�nnen, flachen.�</p><p>Sonja blickte sich um, fand einen und reichte ihn Daron.</p><p>�Ja, der ist genau richtig.� Er kauerte sich neben das Reisigh�ufchen und legte das, was er zwischen den H�nden gehalten hatte, auf die gerade Oberfl�che des Steins.</p><p>Sonja schaute ihm zu. Wurzeln und Bl�tter, mehr war es nicht. Sie kannte sie nicht, aber mehr als Wurzeln und Bl�tter war es trotzdem nicht. Daron z�ndete ein Feuer an, dann schaute er sich nach etwas um. Er w�hlte einen kleinen Stein und machte sich daran, die Bl�tter und Wurzeln zu zerschneiden und zu zerquetschen; dann hielt er sie zum Trocknen auf dem flachen Stein �ber das Feuer.</p><p>�Fr�hst�ck?� fragte ihn Sonja. �Abendessen?�</p><p>Ohne sie anzublicken, antwortete er: �Magie.�</p><p>Sie sch�rzte die Lippen. �Oh ��</p><p>Urrim grunzte pl�tzlich. Wie eine besorgte Mutter drehte Sonja sich zu ihm um. Der Junge sa� wie zuvor und murmelte etwas in den T�mpel � vielleicht sah er einen Frosch oder eine Schlange. Die Sonne filterte durch das wirre Gr�n einiger Wipfel und h�llte Urrims Kopf fl�chtig wie in einen wei�en Strahlenkranz ein. M�cken summten laut. Sonja wandte den Blick wieder Daron zu. Er hatte nun ein kleines H�ufchen braungrauen Puders auf einer Seite des flachen Steins und zermahlte die restlichen Wurzeln mit einer Geschicklichkeit, als h�tte er Jahre nichts anderes getan.</p><p>�Die Sonne steht hoch�, bemerkte Sonja, als das Pulverh�ufchen wuchs.</p><p>Daron nickte. �Wir k�nnen bald aufbrechen.�</p><p>�Willst du mir nicht verraten, wozu dieses Zauberzeug gut sein soll?�</p><p>Als er mit den letzten Wurzeln und Bl�ttern fertig war, sagte er: �Es hilft uns vielleicht gegen die Sumpfungeheuer.� Er stand auf, streckte die Beine, schn�uzte sich die Nase mit Daumen und Zeigefinger; dann nahm er einen kleinen Lederbeutel vom G�rtel und schob mit seinem Mahlstein das Pulver hinein, verschn�rte ihn und h�ngte ihn wieder an den G�rtel. �Vielleicht hilft es uns gegen die Sumpfungeheuer�, wiederholte er und grinste Sonja an. �Das ist alles.�</p><p>Er warf den Mahlstein, dann den flachen gr��eren Stein in den Sumpf. Das Platschen riss Urrim aus seiner Andacht. Er erhob sich vom T�mpelrand und schritt auf die beiden Weggef�hrten zu.</p><p>�Bereit zum Weiterreiten, Sonja?� erkundigte sich Daron.</p><p>Sie nickte und wandte sich an den Irren. �Steig auf dein Pferd, Urrim!�</p><p>Doch der Junge blieb stehen, wo er war, und starrte auf den Sumpf.</p><p>�Nicht schon wieder!� Sonja langte nach ihrem Schwert.</p><p>Daron warf ihr einen fl�chtigen Blick zu, ehe er Urrim beobachtete � und dann sah er hinter ihm etwas Wei�es, das sich tief im Wald bewegte.</p><p>�Noch einer! Und noch einer!� schrie Urrim pl�tzlich. Er rannte auf Sonja zu, stolperte, plagte sich wieder hoch und kreischte: �Wieder einer! Lasst nicht zu, dass sie mir wieder weh tun! Lasst nicht zu, dass sie mir in dem gro�en Bauwerk weh tun. Nicht in dem gro�en Bauwerk!�</p><p>Sonja zog ihr Schwert, bedeutete Urrim, sich hinter sie zu stellen und bei den Pferden zu bleiben. Der Junge gehorchte und zitterte am ganzen Leib, w�hrend er � genau wie Sonja und Daron � den einzelnen wei�en Sumpfbewohner beobachtete, der durch den Wald kam.</p><p>Eine lange Weile verging, w�hrend die gro�e hagere schlammbespritzte Gestalt unter dem bewegten Dunst der hohen verborgenen Sonne platschend durch den Morast stapfte.</p><p>Mehrmals schauten Daron und Sonja sich um, um sich zu vergewissern, dass sich nicht weitere Gestalten aus anderen Richtungen anschlichen. Ihre Augen trafen sich kurz, und Daron sah den Grimm in Sonjas Gesicht und das Spiel ihrer Armmuskeln, als sie das Schwert fester umklammerte.</p><p>Er schaute nun wieder dem N�her kommenden entgegen. �berraschenderweise hob dieser die H�nde zum Zeichen des Friedens.</p><p>Daron nahm den Beutel, den er gerade erst angeh�ngt hatte, vom G�rtel, sch�ttete ein wenig des Pulvers in seine Rechte und gab den Beutel wieder zur�ck. Dann machte er ein paar Schritte vorw�rts. �Ich werde mit ihm sprechen�, erkl�rte er Sonja.</p><p>�Daron, zur H�lle mit diesem ��</p><p>�Nein, lass mich ungest�rt zu ihm sprechen! Vertrau mir!� Er ging weiter auf das Sumpfwesen zu.</p><p>Sonja nahm die Hand nicht vom Schwertgriff. Hinter ihr brabbelte Urrim immer noch: �Nicht noch einer � nicht noch einer � lasst nicht zu, dass sie mir wieder weh tun ��</p></section><section><title><p>4</p><p>Der Sumpf der Seelen</p></title><p>Das Gesch�pf war gro� � so gro� wie Daron � und m�nnlichen Geschlechts. Es hatte gespenstische Augen, aber nicht ganz so unheimliche wie jene Ungeheuer, die Sonja und Daron get�tet hatten. Und es konnte sprechen.</p><p>�Geht!� sagte es heiser zu Daron. �Kehrt um, sogleich! Wir wollen euch nicht!�</p><p>�Wir sind aus einem bestimmten Grund gekommen�, entgegnete Daron, �und wir werden weiterziehen, wenn wir dazu bereit sind.�</p><p>Sonja schaute sich wachsam um, um sicherzugehen, dass keine anderen Sumpfungeheuer zu sehen waren, obwohl sie annahm, dass sie sich hinter jedem einzelnen Baum und Buschwerk versteckt hielten. Sie ging ein paar Schritte auf Daron zu und sah, dass des Sumpfmannes wei�e tote Augen nun sie anblickten.</p><p>�Ich muss zu Osylla�, erkl�rte Daron.</p><p>Die Kreatur fletschte die Z�hne und hob die schmutzigen H�nde, als wollte sie etwas abwehren. �Geht jetzt, oder wir werden ��</p><p>�Bring uns zu Osylla, der Hexe�, sagte Daron ruhigen Tones, �oder ich muss dich dazu zwingen.�</p><p>�Nichts B�ses! Nichts B�ses!� jammerte der Sumpfmann und fuchtelte mit den Armen. �Geht jetzt, oder wir tun euch etwas an! Geht jetzt, oder ��</p><p>Daron erachtete das als Aufforderung zu handeln. Er hob die Rechte, �ffnete sie und warf sein Pulver geradewegs ins Gesicht des Monsters.</p><p>Es hustete, als der Staub seinen Kopf einh�llte. Daron wich ein St�ck zur�ck, um nicht selbst das Pulver einzuatmen. Dann, als das Sumpfwesen blindlings umherstolperte und fast auf die Knie st�rzte, ging er wieder n�her und dr�ckte schnell die Rechte auf die Brust der Kreatur, geradewegs �ber dem Herzen.</p><p>�Nein! Nein!� wimmerte der Sumpfmann. Er fasste nach Darons Hand und versuchte sie wegzuziehen, doch vergebens.</p><p>�Jetzt geh�rst du mir�, sagte Daron. �Du musst meine Fragen beantworten. Dein Geist ist nicht dein eigener, und du bist nicht l�nger Osyllas Eigentum.�</p><p>Die Kreatur begann zu weinen. �Du hast mich verhext�, murmelte sie. Tr�nen rannen durch den Schmutz der Wangen, w�hrend sie Daron anstarrte. �Ja, ja, ich muss dir gehorchen.�</p><p>�So f�hre uns zu Osylla!�</p><p>Das Wesen wehrte sich dagegen, und die Tr�nen flossen st�rker � doch der Wille des t�dlichen Sumpfungeheuers konnte Darons seltsamem Pulver nicht widerstehen. Der junge Zauberer wandte sich an Sonja, die mit der Hand am Schwert herangekommen war.</p><p>�Sitz auf�, forderte er sie auf, �und hilf Urrim in den Sattel!�</p><p>Sie tat es und f�hrte Darons Pferd heran, und er sa� ebenfalls auf.</p><p>�Du hast mich verhext�, klagte der Sumpfmann erneut. �Verhext ��</p><p>�F�hr uns!� befahl Daron. �Oder ich t�te dich. Du bist machtlos.�</p><p>Wispernd und mit rasselnder Kehle drehte die Kreatur sich um und stapfte langsam um den T�mpel herum auf den Wald zu, Daron sch�ttelte den Kopf, denn das war nicht der Pfad, den zu nehmen er vorgehabt hatte.</p><p>Sonja lenkte ihr Pferd dichter an Darons Tier heran, w�hrend sie dahintrotteten.</p><p>�Osylla?�</p><p>�Ja.� Er nickte. �Eine Hexe.�</p><p>�Das schloss ich bereits.�</p><p>�Eine Verb�ndete meines Vaters.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Ich wei� nur, dass sie zumindest fr�her in diesem Sumpf hauste. Wenn diese Kreatur uns zu ihr f�hrt ��</p><p>Er beendete den Satz nicht.</p><p>�Werden wir deinen Vater finden?� fragte Sonja.</p><p>Daron zuckte die Schulter, dann wanderte sein Blick von Sonja zu Urrim, der hinterdreinritt.</p><p>Sonja versp�rte ein nagendes Unbehagen, nur wusste sie nicht, weshalb �</p><empty-line/><p>Es war eine Insel mitten im Sumpf � eine gro�e Insel, dicht mit B�umen und dickem gr�nen Sumpfmoos bewachsen, ringsum von einem tr�gen schmutzigen Fluss umgeben. Der verhexte Sumpfmann schritt geradewegs zum Flussufer, ehe er sich zu Daron umdrehte.</p><p>�Weiter kann ich nicht gehen.�</p><p>�Ich verstehe�, versicherte ihm Daron. �Wie k�nnen wir den Fluss �berqueren?�</p><p>�Dort!� Die Kreatur deutete auf eine riesige Eiche, deren m�chtige Wurzeln unter dem stehenden stinkigen Wasser verschwanden. �Geht von diesem Baum geradewegs zu dem fast gleichen auf der Insel. Weicht nicht vom Weg ab, sonst fallt ihr ins Wasser und sterbt.�</p><p>Daron schwang sich aus dem Sattel und blickte zu der gewaltigen Eiche am anderen Ufer. �Danke�, sagte er schlie�lich zu der Kreatur.</p><p>Die sch�ttelte den Kopf und wich in den Sumpf zur�ck. �Ihr werdet sterben�, sagte sie mit gurgelnder Stimme. �Osylla wird eure Herzen stehlen und an die D�monen verf�ttern, oder sie wird euch zu meinesgleichen machen �� Dann watete das Scheusal davon.</p><p>Urrim rutschte unruhig in seinem Sattel. �Ich habe Angst�, fl�sterte er.</p><p>Sonja grinste ihn an. �Jetzt brauchst du keine Angst mehr zu haben, Junge. Das Schlimmste haben wir �berstanden.�</p><p>�Nein. Nnnnh ��, entgegnete er und schlug nach M�cken, die ihm um den Kopf summten. �Mehr Schlimmes, mehr Schlimmes.�</p><p>Daron ging mit seinem Pferd voraus. Vorsichtig stieg es vom Ufer ins Wasser. Fester Boden lag unmittelbar unter der tr�ben Wasseroberfl�che. Daron f�hrte es mit gutem Zureden weiter, genau auf die Eiche gegen�ber zu.</p><p>Sonja beobachtete ihn, dann stie� sie Urrim an. �Jetzt du!�</p><p>�Ich habe Angst.�</p><p>�Geh nur, ich bin bei dir, Urrim!�</p><p>Er blickte sie an, und pl�tzlich sprach ein so grenzenloses Vertrauen aus seinen Augen, dass Sonja wieder dieses m�tterliche Gef�hl f�r ihn empfand. Sie schluckte. �Komm, Urrim! Wir wollen doch Daron nicht im Dunst aus den Augen verlieren.�</p><p>Sonja f�hrte ihr Pferd, und Urrim folgte. Behutsam �berquerten sie den Fluss. Die Hufe schienen regelrecht auf seiner Oberfl�che aufzusetzen.</p><p>Am anderen Ufer kletterte Darons Hengst einen steilen schlammigen Hang hinauf. Daron rief zu Sonja zur�ck: �Da ist eine H�tte � irgendein Bauwerk � auf einer Lichtung.�</p><p>Er eilte voraus. Sonja blickte ihm nach, dann dr�ngte sie ihr Pferd vorw�rts, doch nicht schneller, als Urrim ihr folgen konnte.</p><p>�Alles in Ordnung, Urrim?�</p><p>�Ich � mag Wasser nicht.�</p><p>�Es ist auch ein seltsames Wasser.� Sie zweifelte nicht, dass gr�ssliche Wesen links und rechts in der dunklen Tiefe lauerten.</p><p>�Ich mag <emphasis>dich!�</emphasis> erkl�rte Urrim ihr.</p><p>Sie l�chelte ihn an. �Das freut mich, denn ich mag dich ebenfalls, Urrim.�</p><p>�Da � ein Haus da oben?�</p><p>�Ich glaube ja.�</p><p>Urrim bem�hte sich, sein Pferd dicht hinter Sonja zu halten. �Was � wer wohnt dort?�</p><p>�Osylla. Erinnerst du dich?�</p><p>�Eine Hexe.� Urrim nickte.</p><p>Auch sie hatten den Fluss nun verlassen und kletterten das schlammige Steilufer hinauf. Eine aus Holz und Stein erbaute H�tte stand in der Mitte einer Lichtung. Urrim schob das Kinn vor und schien zu wittern.</p><p>�Hexe ist hier.�</p><p>�Wie kannst du das wissen?� wunderte Sonja sich laut.</p><p>�Sie ist hier ��</p><p>�Du scheinst keine sonderliche Angst zu haben.�</p><p>Sein Pferd warf den Kopf unruhig herum und begann zu t�nzeln. Urrim wurde im Sattel hin und her geworfen. Schnell griff Sonja nach den Z�geln. Der Junge beugte sich vor, schirmte den Mund mit einer Hand ab und fl�sterte dem Pferd etwas ins Ohr. Sofort trottete die Stute ruhig weiter.</p><p>Daron stand neben seinem Hengst und blickte Sonja und Urrim entgegen. Hinter ihm �ffnete sich die H�ttent�r. Sonja nickte Daron zu und warnte ihn mit einem Blick. Er wirbelte herum, und zum ersten Mal in seinem Leben sah er Osylla.</p><p>Sie war sch�n, was Daron so verwirrte, dass er seine Wachsamkeit verga�. Und sie schien noch jung zu sein � nicht �lter als Anfang zwanzig. Sie hatte weich fallendes goldblondes Haar und leuchtendgr�ne Augen. Sie war schlank und trug ein Mieder aus weichem Leder, das vorn nicht ganz bis oben zugeschn�rt war, so dass ein St�ck des Spalts zwischen den Br�sten zu sehen war; und ihr kurzer Rock aus grober Wolle wies Schlitze an den Seiten auf. Die F��e steckten in leichten Wildlederschuhen. Alles war einfach und ohne Zierrat. Alles dies �berraschte Daron. Er hatte damit gerechnet, eine h�ssliche, d�rre Alte vorzufinden, die in dieser Wildnis auch wie eine Wilde gekleidet war.</p><p>Sonja hasste Ossyla vom ersten Blick an � nicht weil die Frau sch�n war oder weil Daron behauptet hatte, sie sei eine Hexe, sondern rein instinktiv. Sie sp�rte sofort, dass diese Frau, so jung sie auch aussah, unendlich alt war und �ber ungeheure Kr�fte verf�gte, �ber eine Macht, beschr�nkt zwar, doch elementar, abwehrend und doch bedrohlich. Um die Hexe herum schien die Luft geradezu geladen zu sein. Und so, wie Sonja es sp�rte, sp�rte es auch Urrim.</p><p>Nachdem Sonja abgesessen war, blieb der Junge noch kurz auf seinem Pferd. Dann, langsam und vorsichtig, als bef�rchtete er, die Erde k�nnte sich zu einer Schlangengrube �ffnen, stieg er aus dem Sattel; doch er lie� kein Auge von der Hexe.</p><p>Osylla r�hrte sich nicht von der T�r. Daron ging ein paar Schritte auf sie zu, ehe er stehen blieb, sie musterte und sagte: �Ich suche meinen Vater. Ich bin Daron.�</p><p>�O ja, nat�rlich.� Osylla l�chelte ihn an. Ihre Stimme war auf klangvolle Weise rauchig.</p><p>�Mein Vater ist Odurac, der Zauberer ��</p><p>�Ich wei�. Ich sp�rte, dass Ihr k�mt.�</p><p>�Ich muss ihn finden, Osylla. Ich brauche Eure Hilfe.�</p><p>�Das ist mir klar. Aber Odurac ist tot.�</p><p>Daron erstarrte. Sonja sah ihn vor Schrecken schwanken. Dann stie� er gepeinigt und mit angespannter Stimme hervor: �Tot? Nein! Er kann nicht tot sein � Ihr l�gt! Ihr <emphasis>m�sst</emphasis> l�gen!�</p><p>Osyllas klirrendes Gel�chter hallte �ber den Sumpf, ehe sie Daron mit einem bet�renden L�cheln bedachte. �Ja, vielleicht l�ge ich. Vielleicht lebt Odurac noch.�</p><p>Sonja verzog finster das Gesicht. Die Frau genoss es offensichtlich, andere zu qu�len. Urrim neben ihr begann zu brummeln und zu husten. Rasch legte sie ihm eine Hand auf den Arm, um ihn zu beruhigen und zu mahnen, vorsichtig zu sein:</p><p>�Weshalb l�gt Ihr?� fragte Daron gepresst und ballte die F�uste an den Seiten. Er trat n�her, w�tend, doch unsicher, nerv�s, aber drohend.</p><p>Osylla sch�ttelte den Kopf, schmollte fl�chtig, dann l�chelte sie wieder. Ihre gr�nen Augen spr�hten wie bei einem guten Witz. �Tretet ein, Daron! Euer Vater ist nicht tot. Ich log � oder vielleicht l�ge ich jetzt. Entschuldigt meine Launen und tretet ein.� Sie warf einen Blick auf Sonja und Urrim. �Sind das Eure Freunde?�</p><p>�Ja, gute Freunde, Hexe.� Darons Stimme war jetzt fest. �Kann ich Euch trauen, was sie anbelangt?�</p><p>Wieder das Gel�chter. �Oh, tretet ein, tretet ein!� forderte sie auf, als n�hme sie Darons. Zweifel nicht ernst. �Ihr alle, kommt herein! Ich wei� von eurem Unternehmen. Verzeiht den kleinen Spa�! Odurac lebt, Daron. Ihr seid sein Sohn, das l�sst sich nicht verleugnen � diese Augen, das Kinn ��</p><p>Die H�tte war innen so schlicht wie au�en. Ein Holztisch, ein paar einfache St�hle, Kerzen da und dort, ein Strohsack als Bett, einige grob gewebte Kleidungsst�cke und Kochgeschirr am Herd an der Wand � das war alles, au�er ein paar B�chern und Schriftrollen und einer gro�en eisenbeschlagenen Truhe in einer Ecke. Eine Einsiedlerbehausung, nichts weiter.</p><p>So zumindest sah es aus. Sonja f�hlte sich unbehaglich, wie sie so mit Daron und Urrim herumstand. Ihr Blick schweifte umher, w�hrend sie den Worten der Hexe lauschte. Wachsam achtete sie auf Ger�usche oder Bewegungen, die auf eine Falle deuten mochten.</p><p>Auch Urrim f�hlte sich sichtlich nicht wohl hier. Doch im Gegensatz zu Sonja, die gemessen in der Stube umherwanderte und da und dort einfache Ger�tschaften wie h�lzerne L�ffel, Schreibpinsel und dergleichen betrachtete, sa� der Junge reglos auf dem Boden neben dem Tisch, die Arme um die hochgezogenen Knie geschlungen, und beobachtete angespannt Daron und Osylla, die sich unterhielten.</p><p>�Euer Vater ist b�se�, sagte Osylla zu Daron. �Ja, er lebt noch, doch was seine Verbindung zur Welt betrifft, k�nnte er genauso gut tot sein. Ihr seht also, ich habe nicht v�llig gelogen. Odurac hat sich selbst eine gewaltige Aufgabe gestellt. Zuletzt erfuhr ich von ihm, dass er versucht eine Verbindung zu den Jenseitigen herzustellen. Hin und wieder �ffnete ich meine magischen Spiegel und suchte seinen Geist, doch seine Kraft ist so gut gesch�tzt, dass selbst meine Zaubermittel ihn nicht, aufzusp�ren vermochten � das ist zweifellos, wie er es beabsichtigt.�</p><p>�Trotzdem muss ich ihn finden!�</p><p>�Ihr habt gewiss ein wenig von seiner Veranlagung�, schmeichelte ihm Osylla schnurrend wie eine Katze. �Nicht wahr, Daron?�</p><p>�Ich muss ihn aus bestimmten Gr�nden finden.� Er wich ihrem Blick aus.</p><p>�Hmm, ja.� Osylla schien einen eigenen Gedankengang zu verfolgen. �Diese Gabe k�me Euch gerade recht, nicht wahr?�</p><p>�Ihr m�sst mir helfen, ihn zu finden�, sagte Daron fest.</p><p>�Muss ich?�</p><p>�Ihr k�nnt gekauft werden, das wei� ich. Oder �berzeugt. Oder gezwungen!�</p><p>�Durch Euch?� fragte Osylla jetzt ohne die Spur eines L�chelns. �Durch diesen Geistesgest�rten und diese Frau in M�nnerr�stung?�</p><p>Sonja, die hinter der Hexe stand, blickte von einem mit magischen Zeichen versehenen Tuch auf, das sie interessiert studiert hatte. Osylla sp�rte ihren durchdringenden Blick und drehte sich zu ihr um.</p><p>�Ihr nennt Euch die Rote Sonja, nicht wahr?�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Ein � interessanter Name.�</p><p>�Ich <emphasis>bin</emphasis> interessant!�</p><p>Osyllas L�cheln verschwand. �Genau wie ich! Ja, genau wie ich!�</p><p>Ein Gedanke huschte Sonja durch den Kopf: Sie sah sich das Schwert ziehen, Osylla k�pfen und Schluss mit diesem Mummenschanz machen � Doch die Hexe wandte sich wieder von ihr ab und erneut Daron zu. Jetzt erst bemerkte Sonja, dass ihre Finger sich um das Tuch verkrampft hatten.</p><p>�Ihr m�sst mir erz�hlen, weshalb es so wichtig f�r Euch ist, Euren Vater zu finden.� Osylla deutete auf einen Stuhl. �Bitte setzt Euch! M�chtet Ihr einen Schluck Wein?�</p><p>�Nein, danke.�</p><p>�Ihr, Rote Sonja?�</p><p>Sonja legte das Tuch zur�ck und blickte Osylla gleichm�tig an. �Nein.� Aber sie kam zum Tisch und setzte sich Osylla gegen�ber neben Daron. Urrim, der es sich inzwischen neben dem Herd bequem gemacht hatte, schien aufmerksam zu lauschen.</p><p>Osylla legte die H�nde gespreizt auf die Tischplatte, betrachtete kurz die langen, fast spitz zulaufenden Finger mit den langen N�geln, dann blickte sie Daron in die Augen. �Sagt mir, weshalb Ihr Euren Vater unbedingt finden m�sst!�</p><p>Irgendwie wusste Daron, dass er � obwohl er dieser Frau nicht v�llig trauen konnte � gezwungen war, sie zumindest teilweise einzuweihen. Sein Schwert erschien ihm gegenw�rtig eine allzu schwache Waffe und sein Stolz bedeutungslos, genau wie sein Selbstbewusstsein.</p><p>Also berichtete er ihr von dem Krieg, einige Tagesritte ostw�rts, jenseits des Sumpfes; von den Dorfbewohnern, die seit zehn Jahren eine Zikkurat belagerten, die dicht an einem Berg kauerte und in der Zauberer hausten. Er erz�hlte ihr von Thotas, dem r�tselhaften �ltesten, einem Meister des Ordens der Roten Sonne, und seiner Verbindung zu dem vom Himmel gefallenen Stern. Und wie es durch das Fallen dieses Sterns zum Kampf zwischen Dorfbewohnern und Zauberern gekommen war und dass sich durch ihn Hass und Tod und Verw�stung �ber das Land ausgebreitet hatten. Er erz�hlte auch von seinen rastlosen Jahren, w�hrend er durch die Welt gestreift war und wie er durch Zufall die Rote Sonja kennen gelernt hatte und sie zu Weggef�hrten geworden waren, und wie sie beide sich in Ermangelung von Wegzehrung und klingender M�nze entschlossen, sich von den kriegerischen D�rflern anwerben zu lassen. Und schlie�lich, wie die Verzweiflung dieser Dorfbewohner zum Ausl�ser wurde, der Daron letztendlich veranlasste, etwas zu tun, womit er in Gedanken schon seit Jahren spielte: seinen Zaubervater zu suchen.</p><p>W�hrend dieses langen Berichts behielt Sonja die Hexe unentwegt im Auge, ohne selbst ein Wort einzuwerfen oder Daron zu unterbrechen. Ihr fiel auf, dass Osyllas Z�ge sich, w�hrend Daron sprach, ganz leicht ver�nderten. Die Hexe schien ihre aufreizende Maske boshafter Oberfl�chlichkeit fallengelassen zu haben. Sie lauschte Daron mit uneingeschr�nkter Aufmerksamkeit und, wie es fast schien, voller Verst�ndnis. Als Daron geendet hatte und der letzte Widerhall seiner Worte in der Stube verklungen war, sprach Osylla leise und wispernd, mit einer Spur von Furcht und Schicksalsergebenheit.</p><p>�Ja, nat�rlich! Nat�rlich seid Ihr mit dem Stern verbunden! Warum sonst solltet Ihr Euch gezwungen f�hlen, Euren Vater zu suchen, w�re nicht dieser Stern, der das ganze Land in den Wahnsinn treibt?�</p><p>Sonja lehnte sich vor. �Was meint Ihr damit, Hexe?�</p><p>Trotz des Tonfalls f�hlte Osylla sich nicht gekr�nkt, sondern erkl�rte Daron: �Als der Stern vor einem Jahrzehnt vom Himmel fiel, erkannten viele von uns, die wir uns mit �bernat�rlichen Kr�ften besch�ftigen, ihn als Zeichen. Wir schickten Geistf�den aus, um Verbindung mit ihm aufzunehmen und den Grund seines Hier seins sowie seine Botschaft zu erfahren. Ja, wir wussten, dass er Thotas in die Hand gefallen war. Ein Grund, weshalb Thotas und sein Orden sich kaum um die Belagerer k�mmerten, ist die Tatsache, dass sie gegen andere, m�chtigere k�mpfen mussten -Zauberer, Magier und Hexen - die auf alle m�gliche Weise versuchten, Thotas die Macht zu stehlen oder das Geheimnis seines Sterns zu erfahren. Doch mehr noch liegt es daran, dass Thotas die Hauptkr�fte seines Sterns einem �Unternehmen zukommen l�sst, dessen Wesen wir nicht ergr�nden k�nnen. Dieses Himmelsgeschenk, was immer es auch ist und was sein Zweck sein mag, schickte Schockwellen durch uns alle, die wir daf�r � empf�nglich sind. Und es entzieht ganz langsam allem Leben in diesem Gebiet Vernunft und Kraft. Au�erdem sp�ren wir Adepten, wenn wir uns angestrengt damit befassen, was es allm�hlich mit Thotas selbst macht. Er war ein m�chtiger Gelehrter, der sich seit langem dem finsteren Pfad der Macht und des Wissens widmete, doch nun treibt der Besitz dieses Sterns ihn in den v�lligen Wahnsinn.�</p><p>�Wir m�ssen ihn vernichten�, sagte Daron ernst. <emphasis>�Und</emphasis> den Stern!�</p><p>�Thotas vernichten?� Osylla lachte d�ster. �Ja � gewiss. Irgendwie. Aber den Stern? Wir wissen ja nicht einmal, was er wirklich ist und ob Menschen �berhaupt imstande sind, sein Wesen zu ergr�nden.�</p><p>Sonja unterbrach sie. �Muss er denn ein Wesen haben, das wir verstehen k�nnen?�</p><p>Osyllas Augen weiteten sich. Sie. starrte Sonja �berrascht an und l�chelte grimmig. Dann sagte sie, als �u�erte sie lediglich ihre Gedanken: �Ah, und ich hielt Euch lediglich f�r eine Wildkatze mit einem Schwert. Ihr verf�gt �ber keine �bernat�rlichen Gaben, eh? Seid Ihr dessen sicher?�</p><p>�Wovon redet Ihr?� fragte Sonja gereizt.</p><p>Osyllas L�cheln verschwand. �Vielleicht�, murmelte sie, �ist es tats�chlich nur die Wildkatze in Euch � die ihre Pfote durch Zufall auf die richtige Stelle legt.�</p><p>Daron jedoch war besorgt und ungeduldig. �Ich habe Euch erz�hlt, weshalb wir hier sind�, erinnerte er Osylla. �Und ich kam mit voller Absicht zu Euch, weil ich sp�rte, dass Ihr mir helfen k�nnt, meinen Vater zu finden.�</p><p>�Das kann ich vielleicht wirklich, Daron.�</p><p>�Dann tut es, Osylla, bitte! Weist mir den Weg, gebt mir einen Hinweis oder ��</p><p>Die Hexe hob eine Hand. �Es l�sst sich machen. Ich habe Euren Vater schon einige Male gefunden, doch nie habe ich es gewagt, ihn zu st�ren. Es ist nicht meine Art, mich selbst in Todesgefahr zu bringen. Ihn zu finden, bedarf m�chtiger Magie.�</p><p>�Ihr <emphasis>seid</emphasis> m�chtig!� erinnerte Daron sie. �Und ich bin es ebenfalls.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht. Trotzdem ben�tigen wir ein Werkzeug.�</p><p>Als sie es ausgesprochen hatte, wurde es sehr still in der Stube.</p><p>Nach einer Weile sagte Daron ged�mpft: �Ein Werkzeug.�</p><p>�Ja ��</p><p>Wieder bohrte Unbehagen in Sonja. Sie verstand nicht, was die beiden meinten. Da sah sie, wie Osyllas Blick von Daron zu Urrim und zur�ck schweifte.</p><p>�Ich � ich habe es gedacht�, sagte Daron leise.</p><p>Sonja sprang heftig auf. �Einen Augenblick!� knurrte sie und legte die Hand um den Schwertgriff. �Welche Art von Werkzeug?�</p><p>Da blickten sowohl Osylla wie Daron sie an, doch sie antworteten nicht.</p><p>Krachend stie� Sonja mit ihrem Stuhl gegen den Tisch. Sie schritt zu Urrim und bat ihn aufzustehen. Daron drehte sich im Sitzen um.</p><p>�Sonja!�</p><p>Ohne auf ihn. zu achten, sagte sie zu dem Jungen: �Sei so lieb und schau nach unseren Pferden, Urrim!�</p><p>Er brummte etwas, blickte ihr in die Augen und fragte: �Haben sie Hunger?�</p><p>�Das k�nnte sehr wohl sein, Urrim.� Sie strich ihm �ber das Haar. �K�mmere dich um sie, ja? Ich mache mir hier Gedanken �ber � unsere Pferde. Bist du so nett?�</p><p>Er senkte den Kopf und murmelte etwas. Dann schlurfte er zur T�r, �ffnete sie, ging hinaus und schloss sie hinter sich.</p><p>Sonja drehte sich in der d�mmrigen Stube um und blickte Osylla und Daron an. �Und jetzt noch einmal: Was f�r ein <emphasis>Werkzeug?�</emphasis></p><p>Daron wich ihrem Blick aus und wischte sich die H�nde am Wams ab. �Stell dich nicht so an, Sonja! Der Junge bedeutet niemandem etwas, nicht einmal sich selbst. So ��</p><p>�Er lebt!� fauchte Sonja. �H�tte dir ein Blitz den Verstand verwirrt � wie f�ndest du es dann, wenn deine Seele durch eine Zauberei verdammt w�rde, damit ��</p><p>�Seiner Seele wird nichts geschehen, Sonja!� rief Osylla und stand herausfordernd auf.</p><p>Sonja kniff die Augen zusammen und sagte heftig: �Oh? Und dieses Heer verdammter Seelen drau�en im Sumpf � ist das Eure Vorstellung von Seelen, denen nichts geschehen ist, Hexe?�</p><p>Osylla erbleichte. �Das ist etwas ganz anderes. Ihr versteht das gro�e Ganze nicht!�</p><p>�Verschont mich damit, bitte! Ich verstehe genug, Daron, du � ekelst mich an! Diesen unschuldigen Jungen mitzunehmen, um seine Seele der Verdammnis auszusetzen!�</p><p>�F�r seine Seele besteht keine Gefahr�, beteuerte ihr Daron heftig. Er schob seinen Stuhl zur�ck, stand auf, und die herabh�ngenden F�uste zitterten. <emphasis>�Keine!</emphasis> Im Gegenteil, er wird befreit werden. Er h�tte in jener Schlacht fallen m�ssen, aber er tat es nicht, und jetzt habe ich keine andere Wahl, als ihn ��</p><p>�Mir wird �bel, dir zuzuh�ren!�</p><p>�Eine Armee kommt nicht an meinen Vater heran!� br�llte Daron jetzt. �Doch ein kleines, unbedeutendes Leben � und ein verkr�ppeltes noch dazu, den Gro�en M�chten dargebracht ��</p><p>�Ich habe M�nner im Kampf get�tet�, erinnerte ihn Sonja eisig, �und Frauen ebenfalls. Und ich habe gesehen, wie Rohlinge von Soldaten Kinder und S�uglinge im Krieg verst�mmelten. Das drehte mir den Magen um! Wenige, die die Klinge gegen mich hoben, �berlebten es, um davon zu sprechen. Ja, Daron, ich habe Tod und Zauberei im �berma� gesehen, aber ich werde es nicht zulassen, dass du diesen kopfverletzten Jungen in irgendeine D�monenh�lle schickst, nur weil Bo-ugans Leute nicht f�hig sind, eine Festung einzunehmen!�</p><p>�Bo-ugan hat herzlich wenig damit zu tun, Sonja.�</p><p>�Ja. Und jetzt erscheint alles andere gering f�r den Bastardsohn eines Zauberers, der auf sein verfluchtes Geburtsrecht pocht!�</p><p>Mit einem w�tenden Aufschrei trat Daron nach seinem Stuhl. Seine Hand flog um den Schwertgriff, und es fehlte nicht viel, und er h�tte es aus der Scheide gerissen.</p><p>�Zieh es, Daron!� br�llte Sonja. �Zieh es, Sohn eines Hexers! Keine Zauberei wird dich vor meiner Klinge bewahren.�</p><p>Doch da r�hrte er sich nicht mehr � und stellte fest, dass er es nicht konnte. Er blickte in die funkelnden blauen Augen der Hyrkanierin und erinnerte sich � erinnerte sich � und sein Ich erhob sich im Streit gegen sich selbst � Er erinnerte sich, und doch hoffte er � auf zweierlei �</p><p>�Ich � ich kann nicht�, wisperte er bitter, und Tr�nen glitzerten ihm in den Augen. �Ich kann das Schwert nicht gegen dich ziehen, Sonja.�</p><p>Sie blickte ihn an und err�tete. �Hexers Sohn!�</p><p>�Ihr G�tter Acherons!� fluchte Daron gequ�lt. �Sieh es doch auch aus meiner Warte, Sonja, bitte! Was w�re, wenn es eine letzte Hoffnung g�be, dass <emphasis>dein</emphasis> Vater noch lebte � irgendwo da drau�en. Eine Hoffnung! W�rdest du da des Preises achten?�</p><p>Sie starrte ihn an, sah die Tr�nen in seinen Augen. Sie schluckte und sp�rte ihr Herz heftig pochen. Seine Worte hatten sie zutiefst getroffen. �Verdammt�, murmelte sie d�ster zu sich selbst. �Verdammt! Warum musst du ein Zauberersohn sein?�</p><p>Sie warf einen fl�chtigen Blick auf Osylla, die sie schweigend beobachtet hatte, dann drehte sie sich hastig auf dem Absatz um, riss die T�r auf, ging hinaus und knallte sie hinter sich zu.</p><p>Daron schmetterte die Faust auf den Tisch, dann krallte er die Finger um die Kante und stand starr, mit gespreizten Beinen. Er zitterte am ganzen K�rper, knirschte mit den Z�hnen und k�mpfte gegen die Tr�nen an.</p><p>�H�llengespinst!� sagte Osylla leise, staunend. �Ihr liebt sie, Daron. Ihr liebt sie, nicht wahr?�</p><p>�Ja.� Er unterdr�ckte ein Schluchzen. �Ja, ich liebe sie.�</p><p>�Ja � Und sie liebt Euch.�</p><p>Mit feuchten Augen starrte er sie an, Osylla begegnete seinem Blick. �Wirklich? Sie liebt mich?� murmelte er leise.</p><empty-line/><p>Urrim war nicht bei den Pferden zu sehen. Sonja entdeckte ihn schlie�lich am Rand der Lichtung, wo er an einen Baumstamm gelehnt dasa�. Ringsum f�llte der dichte Sumpfwald sich mit Nebel und dem orangefarbenen Gl�hen der untergehenden Sonne.</p><p>Nachdenklich ging Sonja auf Urrim zu. Sie kannte ihre Gef�hle, wusste jedoch nicht, wie sie sie offenbaren sollte � und ob sie es �berhaupt tun sollte. Wenn Daron zwischen Schlangen und Flammen gefangen war, war sie es nicht weniger.</p><p>Urrim blickte bei ihrem Kommen auf. Er spielte mit Steinchen im Schlamm, der sein zerknittertes Beinkleid und die abgetragenen Stiefel ebenso wie die H�nde bedeckte.</p><p>Sonja starrte in den Sumpf und dachte: Ich k�nnte ihn jetzt t�ten � Sein Vertrauen missbrauchen, aber ihn aus seinem Elend erl�sen � und dadurch diese Hexer hereinlegen �</p><p>�Wie geht es den Pferden, Urrim?�</p><p>Er zuckte gleichm�tig die Schulter. �Sie � es geht ihnen gut. Ich brauchte nichts � muss nichts tun ��</p><p>Sonja sagte zu ihm: �Sie � Daron und die Hexe � m�chten deinen Geist befreien, Urrim.�</p><p>Er hob die H�nde, schien sie jedoch nicht zu verstehen.</p><p>�Verdammt!� fluchte sie. �Sie wollen dich t�ten, Urrim. Verstehst du nicht? Sie brauchen dich, damit sie gegen das Ding k�mpfen k�nnen, das dir das angetan hat! Den Stern! Diese M�nner in dem Tempel � in dem gro�en Raum.�</p><p>Tr�nen gl�nzten in seinen Augen.</p><p>�Urrim � verstehst du? Sie wollen dich t�ten, aber nur damit sie ��</p><p>Ihr G�tter! Mitra! Was sagte sie da? Glaubte sie das wahrhaftig? War es �berhaupt sie selbst, die da sprach? Oder war sie irgendwie verhext � durch Osylla oder Daron? Mitra, das war teuflisch!</p><p>Ich k�nnte ihn jetzt t�ten, sagte sie sich wieder, und diese Hexer hereinlegen �</p><p>�Nein!� keuchte sie laut. �Urrim � sieh mich an! Du willst doch nicht, dass sie dich umbringen, oder? Sag mir, dass du es nicht willst! Und bei den G�ttern, ich werde es nicht zulassen!�</p><p>Urrims Augen weiteten sich pl�tzlich, und etwas geschah mit ihm � wie ein Kind aus langem Schlaf oder wie ein Kranker aus tiefer Bewusstlosigkeit schien er zu erwachen.</p><p>Im gleichen Augenblick erhob sich fern �ber dem Sumpf ein blaues Gl�hen. Sonja sah es sofort. Der Anblick und das, was davon ausging, schien sich ihr wie eine eisige Hand ums Herz zu legen. Sie starrte in den Sumpfwald, und rasch verbreitete sich das blaue Gl�hen. Erschrocken holte sie Luft, Furcht und Erstaunen erf�llten sie � denn es war dasselbe blaue Gl�hen, hauchzart und unirdisch, das ihr in jener Nacht erschienen war, vor vielen Jahren, als sie miterleben musste, wie die Familie vor ihren Augen niedergemetzelt wurde, wie man ihr selbst Gewalt antat und sie vor dem brennenden Haus zum Sterben liegenlie� �</p><p>Dasselbe blaue Gl�hen.</p><p>Urrims Lippen �ffneten sich. �Ich verstehe, Sonja.� Klar und fast mechanisch kamen die Worte. �Vertrau mir! Ich verstehe, was geschieht � und alles, was bisher geschehen ist.�</p><p>�Urrim? Was �?�</p><p>Immer noch hing dieses blaue Gl�hen �ber dem Sumpf und verst�rkte sich weiter, bis die ganze Luft davon erf�llt war. Fern, im Herzen dieses Leuchtens, erschien das Bild -Mann-Frau-Wesen-Gott-G�ttin-Geschick, was immer es auch war �, das damals Sonjas Schicksal geformt oder sie zumindest darauf aufmerksam gemacht hatte. Es sprach nicht; daf�r tat es Urrim, w�hrend Sonja erstaunt lauschte und sich fragte, was die Welt dazu bewegt hatte, sich wieder auf den Kopf zu stellen.</p><p>�Ja, ich verstehe alles �ber die Zikkurat und diese Sumpfhexe und das andere. Ihr m�sst zulassen, dass sie mich von dieser Lebensform befreien, Sonja. Denn wir alle sind lediglich Bruchst�cke des gro�en Ganzen � Ihr und ich, diese Hexe, selbst der wahnsinnige Thotas mit seinen Tr�umen von absoluter Macht und Weltbeherrschung. Ja, sogar dieser Stern ist ein Teil des gro�en Ganzen. Also f�rchte nicht f�r mich! Ich bin ...�</p><p>�Urrim, das ist Wahnsinn � ausgesprochener Wahnsinn. Sie bewirken einen Zauber!�</p><p>Doch w�hrend sie dies sagte, wurde ihr Blick wieder auf jene gl�hende Gestalt gezogen, ihr Schicksal, fern in der Mitte des Sumpfes, und doch ganz nahe �</p><p>�Ich bin ganz ich und war es immer. Vertraut mir! Sie bieten den Jenseitigen mein Leben nur f�r eine kurze Weile. Es ist nichts B�ses, wenn sie diese H�lle f�r ihren Zweck benutzen, sondern ein Zauber, der mich befreien und Euch und ihnen beim Erreichen eines hehren Zieles helfen wird. Vertraut Daron, Sonja! Er ist nicht schlecht!�</p><p>Das blaue Gl�hen begann zu schwinden. Die Erscheinung in der Ferne schwand ebenfalls, und sie war es, die das Gl�hen mit sich nahm. Wei�e Nebelschwaden erschienen statt dessen, wie sie �ber dem Sumpf �blich waren.</p><p>�Was � was <emphasis>bist du?�</emphasis> rief Sonja. �Bist du eine Gottheit? Oder � ich selbst? Erscheine wieder, in Mitras Namen!�</p><p>Urrim sickerte erneut der Speichel aus den Mundwinkeln, das blaue Gl�hen war verschwunden, und Sonja stand benommen und unsicher da, als erwachte sie aus einem Traum.</p><p>�Urrim!�</p><p>�Ich habe nicht � Die Pferde � schon gut, Sonja.�</p><p>Schritte hinter ihr lie�en sie herumwirbeln. Sie zog ihr Schwert und hielt es blank und grau im D�mmerlicht des Sumpfes an der Seite bereit.</p><p>Daron und Osylla kamen n�her. Daron trug eine Fackel.</p><p>�Welche Hexerei war das?� knurrte Sonja.</p><p>Osylla wirkte ehrlich verwundert. �Was wollt Ihr damit andeuten?�</p><p>�Hexe, Ihr wisst genau, was ich meine! Urrim spricht! Und dieses � dieses <emphasis>Gl�hen</emphasis> im Wald!�</p><p>Osylla runzelte die Stirn. �Wenn hier etwas geschehen ist, wei� ich zumindest nichts davon! Ich habe keine Ahnung ��</p><p>�Eine L�ge! Ihr l�gt, Hexe!� Das Schwert zitterte in Sonjas Hand.</p><p>�Sonja! Wovon sprichst du?� fragte Daron scharf.</p><p>�Eine Frage, Daron. Und beantworte sie mir ehrlich, oder ich schw�re dir bei Erliks Rachen, dass mein Schwert dich durchbohren wird! Habt ihr, du und Osylla, gerade eine Hexerei in der H�tte gewirkt, die Urrim klar reden und ein blaues Gl�hen im Wald erscheinen lie�?�</p><p>Einen langen Moment starrte Daron ihr ins Gesicht. Ruhig antwortete er ihr: �Nein, Sonja. Glaub es oder glaub es nicht, wir wirkten keinen Zauber gegen dich oder Urrim.�</p><p>Sie blickte ihm in die Augen und hatte keine Wahl, als ihm zu glauben.</p><p>Daron drang in sie: �Was ist hier geschehen? Erz�hl es uns!�</p><p>�Nicht so wichtig.� Sie steckte ihr Schwert ein. Allem zum Trotz, was sie w�hrend der Erscheinung geh�rt hatte, klang ihre Stimme gequ�lt, als sie fragte: �Seid ihr gekommen, es zu tun?�</p><p>�Im Sumpf�, antwortete Osylla. �Ich kenne eine geeignete Stelle ein St�ck weit im Sumpf.�</p><p>�Nat�rlich�, murmelte Sonja grimmig. �Bei den � anderen.�</p><p>Die beiden �bergingen diese Bemerkung. Osylla streckte eine Hand aus. �Urrim?�</p><p>Der Junge stand auf, ging zu ihr und nahm ihre Hand. Sonja blickte ihm in die Augen. Sein Blick wich dem ihren nicht aus, und einen fl�chtigen Moment lang � oder t�uschte sie sich? � glaubte sie die gleiche Intelligenz in ihnen zu sehen wie zuvor, als er so klar zu ihr gesprochen hatte.</p><p>Hand in Hand mit Urrim ging Osylla auf den Sumpf zu. Daron schritt mit der Fackel voraus.</p><p>�Ich komme mit�, erkl�rte Sonja und legte die Hand wieder um den Schwertgriff.</p><p>�Ich denke, Ihr tut es besser nicht�, sagte Osylla.</p><p>�Ich komme mit�, wiederholte Sonja. Ihre Augen wanderten blitzend zu Daron. �Ich geh�re dazu, verdammt, und ich habe genug Zauberei gesehen und gegen sie gek�mpft, um zu verstehen, worauf ich mich einlasse. Eure Geheimnisse, Hexe, m�ssen schon sehr geheim sein, wenn ich sie nicht erfahre.�</p><p>Osylla be�ugte sie abf�llig. Daron bemerkte: �Sie hat recht, Osylla. Es stimmt. Ihre Seele ist st�rker als jene der meisten, die unsere Kunst aus�ben. Lasst sie uns begleiten!�</p><p>�Also gut.� Osylla gab nach und l�chelte boshaft. �Vielleicht ist tats�chlich mehr da als ihre Klinge und das Flammenhaar. So kommt, Rote Sonja!�</p><p>Daron schritt weiter voran, und seine Fackel leuchtete einen Weg durch die wirbelnden Nebelschwaden, w�hrend sie durch den Schlamm wateten.</p></section><section><title><p>5</p><p>Des Zauberers Sohn</p></title><p>Der Mond stand hoch, als sie Osyllas magischen Ort erreichten. Drei B�ume zeigten ihn an: knorrige, uralte B�ume, die sich in den Himmel streckten und deren raue Rinde im silbernen Mondschein wie feuchtes Leder schimmerten. Ihre moosbewachsenen und rankenbehangenen Zweige und �ste schienen wie Klauenfinger nach den Wolken zu greifen. Ihre dicken Wurzeln hoben sich aus dem schlammigen Grund und nahmen ein Bodenst�ck von der Reichweite zweier gro�er M�nner ringsum ein. Auf dieses Wurzelbett war ein riesiger scheibenf�rmiger Stein gelegt worden, so dick wie eine Arml�nge, und in ihn waren tiefe Runen und andere Zeichen gepr�gt. Dieser einfache Altar schien alles Leben des Sumpfes fernzuhalten. Die B�sche und B�ume ringsum waren verkr�ppelt, und es sah aus, als wollten sie von diesem Stein fortstreben. Das faulige Wasser des riesigen Sumpfes reichte nicht heran, nur der Mondschein bahnte sich einen Weg durch die bewegten �ste, um die Runen und Zeichen zu versilbern.</p><p>�Hier!� Das war alles, was Osylla sagte, w�hrend sie eine Hand hob.</p><p>Urrim ging vor ihr her. Als folgte er einem lautlosen Befehl, stieg er auf die gewaltige Steinscheibe, legte sich mit dem R�cken darauf, spreizte Arme und Beine und starrte durch die �ste zum Mond empor. Der Wind wehte schwach �ber die Lichtung � ein �bel riechender Wind, leise und abgestanden wie D�mpfe aus der H�lle.</p><p>Sonja sah besorgt zu und empfand den Schauder tiefer menschlicher Furcht in dieser unirdischen Atmosph�re. Daron schien ihre Gef�hle zu ahnen. Er trat dichter an sie heran und fl�sterte: �Ich flehe dich an, Sonja, misch dich nicht ein, so entsetzt du auch sein wirst.�</p><p>�Entsetzt? Das bezweifle ich�, sagte sie traurig. �Abgesto�en, ja.�</p><p>Osylla drehte sich um und streckte Daron die Hand entgegen. Er reichte ihr die Fackel. Sie hochhaltend, n�herte die Hexe sich dem liegenden Urrim. Sie blickte ihn nicht an. Sie hatte den Kopf zur�ckgeworfen, und die Augen starrten himmelw�rts zum vollen Mond. Der st�rker werdende Wind brachte die Fackel zum Flackern und peitschte Funken auf, die den Sumpf auf gespenstische Weise erhellten.</p><p>Urrim st�hnte.</p><p>Osylla achtete nicht darauf. Die Fackel weiterhin hochhaltend, spreizte sie die Beine, hob den anderen Arm zur Beschw�rung und rief mit gellender Stimme Worte, die Sonja nicht verstand.</p><p><emphasis>�Doth-Abru! E sokassa ne teh hoheles Doth-Abru! Sei karamas hoheles, Doth-Abru! Doth-Abru keles! Thodbura!�</emphasis></p><p>�Was zur H�lle ruft sie?� fragte Sonja Daron fl�sternd.</p><p>�Sie beschw�rt �� Er hielt inne, offenbar selbst erstaunt �ber das pl�tzliche Bild vor ihnen.</p><p>Sonja, die wusste, dass manche Zauberer Tage, ja Wochen der Vorbereitung f�r gewisse Zauberriten ben�tigten, staunte �ber die Schnelligkeit, mit der Osyllas Beschw�rung beantwortet wurde. Denn kaum verlie� das letzte unverst�ndliche Wort die Lippen der Hexe, nahm die Fackel in Osyllas Hand pl�tzlich eigenes Leben an, und eine gewaltige Flamme mit orangefarbener Schleppe schoss dem Mond entgegen, schwebte in seinem Schein als rotgelbe S�ule, die sich sanft zischelnd drehte, immer l�nger wurde und schlie�lich heftig wirbelnd herabtauchte zu dem auf dem Altar liegenden Urrim.</p><p>Gellend rief Osylla ein paar weitere fremdartige Worte.</p><p>Der Sumpfwind erhob sich in einer gewaltigen B�, so dass Sonjas Haar flatterte und sie die F��e gespreizt auf den Boden stemmte, um nicht umgeworfen zu werden. Die Feuers�ule in der Luft tanzte mit dem Wind. Pl�tzlich dehnte sie sich zu einer gewaltigen Kugel, in der fl�chtig ein Gesicht zu sehen war: die grinsende Fratze eines D�mons oder Ungeheuers mit brennenden H�hlen als Augen und einem klaffenden Mund, dessen Zunge Funken spr�hte, ehe ein Feuerschwall herausschoss.</p><p><emphasis>Doth-Abru! Doth-Abru!</emphasis></p><p>Daron holte h�rbar Luft. Er stand steif neben Sonja, und sie sah, dass er zitterte. �Der D�mon�, hauchte er. �Der Sumpfd�mon ��</p><p>Da verschwand die Flammenfratze. Die wirbelnde Feuers�ule kehrte zur�ck und tauchte wieder tiefer, f�cherte aus und quoll �ber den runden Steinaltar und das Opfer. Urrim schrie in Todesangst und versuchte auszuweichen; doch es war bereits zu sp�t. Ein letzter, abgew�rgter Schrei war zu h�ren, w�hrend das Feuer so grell brannte, dass Sonja die Augen abwenden musste.</p><p>Als sie sich wieder umwandte, zog sich der letzte Rest von Urrims verkohlter Leiche zusammen, als steckte immer noch Leben darin. Das Fleisch l�ste sich, und zur�ck blieb br�unlich-wei�es Gebein in der Mitte des scheibengleichen Altars.</p><p>Die k�rperlichen Reste rannen zusammen, bis sie einen faustgro�en Klumpen bildeten. Schwelend, beruhigte die Masse sich, dann begann sie zu gl�hen, immer st�rker. Unwillk�rlich holte Sonja tief Luft. Blendendes farbiges Licht ging von dem nun edelstein�hnlichen Ding auf dem Altar aus.</p><p>Osylla warf die Fackel von sich. Zischend versank sie in einem nahen Sumpft�mpel. Sie trat durch den ersterbenden Wind zum Altar, streckte die Hand nach dem ungew�hnlichen Edelstein aus und hob ihn auf. Dann drehte sie sich um und reichte ihn Daron. Vor dem strahlenden Licht des magischen Steins floh die Finsternis tiefer in den Sumpf.</p><p>Darons Miene verriet Schmerz und Bedauern, als die Hexe ihm den Stein entgegenstreckte.</p><p>�Ich � ich wusste nicht ��</p><p>�Ihr wolltet Euren Vater finden�, sagte Osylla hart. �Ihr wusstet, dass dazu ein Menschenopfer erforderlich war, auch wenn Ihr nicht ahnen konntet, in welcher Form die G�tter ihre Anweisungen erteilen mochten. Ich wusste es genauso wenig. Nehmt!�</p><p>Immer noch hielt sie ihm den Stein dicht vor die Hand. Die Zeit schien stillzustehen. Sonja beobachtete Darons grimmige Miene und der Hexe kaltes, h�hnisches Gesicht. Wieder bedr�ngte sie der Wunsch, Osylla an Ort und Stelle zu t�ten. Und auch diesmal, als sie nachgeben und das Schwert ziehen wollte, lenkte etwas sie ab � Daron griff nach dem leuchtenden Stein.</p><p>�Benutzt es als Amulett�, riet Osylla ihm, �es wird Euch zu Eurem Vater f�hren.�</p><p>Daron schluckte schwer. �Aber � wie soll ich das erkennen?�</p><p>�Ihr seid der Sohn eines Zauberer. Es wird Euch zu Odurac f�hren. Verlasst Euch darauf!�</p><p>Sie trat an ihm vorbei und schritt hinein in den Sumpf, in die Richtung, aus der sie gekommen waren.</p><p>Sonja knurrte, langte nach ihrem Schwert und zog es halb, doch dann starrte sie Osylla nur nach.</p><p>Daron drehte sich um und blickte der Hexe ebenfalls nach. Der Ausdruck seiner Augen d�mpfte Sonjas Grimm. Tiefe Qual sprach aus ihnen, Furcht und Staunen. Seine Finger schlossen sich um das grell leuchtende Amulett, dessen Licht die Tr�nen zeigte, die ihm �ber die Wangen rannen.</p><empty-line/><p>Sie folgten Osylla zur�ck durch den Sumpf zu ihrer H�tte. Sie gingen nicht mit ihr, sondern hielten gerade soviel Abstand, dass sie sie noch sehen und so den Weg nicht verfehlen konnten. W�hrend des Rests der Nacht sprachen Sonja und Daron kein Wort zueinander.</p><p>Der Morgen graute, als sie zu ihren Pferden zur�ckkehrten und aufsa�en. Osylla beobachtete sie von der T�r ihrer H�tte aus. Sie bot ihnen Fr�hst�ck an.</p><p>Sonja lachte nur sp�ttisch.</p><p>Daron, der noch sichtlich ersch�ttert war, lenkte sein Pferd zu der Hexe und fragte grimmig: �Welche Bezahlung schulde ich Euch f�r Eure Hilfe?�</p><p>�Bezahlung?�</p><p>�Gewiss habt Ihr es nicht umsonst getan.�</p><p>Sie l�chelte heiter. �Ich kenne Euch. Ich kenne Euren Vater. Ihr habt mich bereits bezahlt, Daron, indem Ihr mit Eurem Verlangen meine H�tte betreten habt. Am Tag Eures Todes wird Eure Seele zur Aufbewahrung zu mir kommen, und dann werdet Ihr bezahlen, Daron � Ihr werdet bezahlen ��</p><p>In der Stille des Sumpfes, in der feuchten W�rme des morgendlichen Waldes befiel Daron eine eisige K�lte, die ihm ins Herz schnitt. �So bin ich denn verflucht?� fragte er dumpf.</p><p>�Ihr seid eines Zauberers Sohn, der eine Hexe und die �lteren Wesen um Hilfe bat�, erwiderte Osylla mit durchdringendem Blick. �Lebt und lernt, Daron kos Odurac.�</p><p>�Seid verflucht �� Mit der Schwere von Stein oder Eisen fielen ihm diese Worte von den Lippen. Er h�tte die Faust heben, seine Klinge ziehen oder sein Pferd aufb�umen lassen k�nnen, um die Hexe zu zertrampeln � aber er tat nichts dergleichen.</p><p>Statt dessen, Osyllas finsteres L�cheln noch in den Augen, wendete er sein Pferd und ritt fort von der H�tte. Das leuchtende Amulett trug er unter seinem Wams.</p><p>Ohne einen Blick zur�ck gab Sonja ihrem Pferd die Fersen und f�hrte Urrims Stute an den Z�geln hinter sich her. W�hrend sie ritten, merkte sie sich gewisse feste Punkte der Landschaft, um den Weg nicht zu vergessen.</p><p>Gegen Mittag erreichten sie ein noch unbekanntes Gebiet des Sumpfes und hielten sich in nordwestlicher Richtung, die Daron ausgew�hlt hatte � oder vielmehr das Amulett, denn er hatte ganz einfach seinem Hengst den Willen gelassen, und dieser hatte ihn hergef�hrt. M�chtige B�ume, armselige B�sche, schaumbedecktes schmutziges Wasser und �bler Geruch umgaben sie. Das Sonnenlicht wirkte grau.</p><p>Sie banden ihre Pferde an und lehnten sich gegen hohe Steine in der Mitte einer kleinen Erhebung. Dann holten sie aus den Sattelbeuteln altes Brot und D�rrfr�chte. Sonja kaute bed�chtig Bissen um Bissen und starrte gedankenverloren vor sich hin.</p><p>Ihr Schweigen schmerzte Daron. �Hasst � hasst du mich jetzt, Sonja?�</p><p>Tonlos antwortete sie. �Nein, ich hasse dich nicht. Ich kann dich nicht hassen, Daron.�</p><p>�Ich vermutete, dass sie vielleicht � Deshalb nahm ich ihn mit. Vielleicht war es unrecht.�</p><p>�Du brauchst dich nicht bei mir zu entschuldigen. Ich hoffe nur, du kannst leben mit dem Gedanken an das Schicksal, das du Urrim gebracht hast. Und ich hoffe, ich kann es ebenfalls.�</p><p>Er blickte sie verwundert an.</p><p>Sonja seufzte. �Ich versuche mir nur dar�ber klar zu werden, was ich mit dem allen zu schaffen habe. Ich habe hier nichts zu suchen.�</p><p>�Sonja ��</p><p>�Es ist wahr.� Sie war niedergeschlagen, m�de, erregt.</p><p>�Was geht ihr mich an, du und dein Vater? Oder Urrim, um genau zu sein? Und was bedeutet es mir, ob Bo-ugan und seine Dorftrottel gegen die Priester der Roten Sonne siegen oder nicht?�</p><p>�Das meinst du nicht wirklich!�</p><p>�Und ob ich es so meine!� Aus ihren feurigen saphirblauen Augen sprach Entschlossenheit, als sie sie ihm zuwandte. �Ich bin mehr Wege geritten als die meisten in einem ganzen Leben; habe mehr K�mpfe �berstanden, als die meisten �berleben; war in jedem teufelsverfluchten Klima und in jedem verseuchten H�llenloch, das die G�tter in ihrem Wahnsinn erschufen. Und wozu? Wozu, Daron?�</p><p>�H�r mich an! Ich wei�, dass all das an dir frisst ��</p><p>�Sei still, Daron! Halt blo� den Mund und lass mich eine Weile in Ruhe, verstanden?�</p><p>Er blickte sie an.</p><p>�Ich stecke genau in der Mitte von all dem�, fuhr sie fort, �und ich begreife einfach nicht, weshalb! Bei Erliks H�llen! In der Mitte eines verfluchten Sumpfes mit einem Zauberersohn � mit einer wahnsinnigen Hexe hinter uns und einem Tempel voll Teufelanbetern noch ein St�ck weiter zur�ck � In Mitras Namen, was tue ich denn?�</p><p>�Sonja ��</p><p>�Lass mich in Ruhe, dass ich eine Weile nachdenken kann, Daron!�</p><p>Da �nderte sich sein Ton. �Sonja!� Er sprang auf und zog seine Klinge.</p><p>Sonja blickte ihn scharf an, schaute in die gleiche Richtung wie er und sprang ebenfalls auf, w�hrend sie mit der Flinkheit einer Katze, die eine Maus anspringt, ihr Schwert aus der Scheide riss.</p><p>Schatten bewegten sich im Sumpf � wandelnde Schatten mit Krallen und Augen und Z�hnen �</p><p>Die Pferde wieherten und versuchten sich loszurei�en. Sonja redete beruhigend auf sie ein, stieg von den Steinen hinunter auf den Sumpf zu, bis ihre Sohlen im schlammigen Boden versanken. Sie warf einen schnellen Blick zur�ck, sah jedoch keine lauernden Schatten und h�rte keine bedrohlichen Ger�usche hinter sich. So ging sie weiter vorw�rts, ganz langsam, und studierte die Bewegungen der Schatten. Es waren ihrer sechs � nein ein siebter kam hinter einem Baum hervor.</p><p>�Sonja!�</p><p>Sie wirbelte herum. Daron hatte sein Schwert fallengelassen und dr�ckte schmerzverkr�mmt beide H�nde auf den Bauch und machte sich unter seinem Wams zu schaffen.</p><p>�Was hast du, Daron?�</p><p>�Der Stein! Er brennt!� Doch in wenigen Herzschl�gen beruhigte er sich. Er b�ckte sich nach seinem Schwert und rannte zu Sonja hinunter.</p><p>�Was war los?� fragte Sonja grimmig.</p><p>�Der � Stein. Das Amulett. Er brannte einen Augenblick grauenvoll. Aber ich sp�rte noch etwas anderes ��</p><p>�Was?�</p><p>�Es � es � Osylla. Verdammt, ich h�tte wissen m�ssen, dass sie uns nicht so einfach wegreiten l�sst! Diese � Kreaturen, Sonja, die da auf uns zukommen � das sind andere Seelen, die Osylla in wiederbelebten Leichen gefangen h�lt. Verstehst du, Sonja? Wenn uns diese � diese Ungeheuer t�ten, geh�ren ihr auch <emphasis>unsere</emphasis> Seelen. Wir werden f�r immer gefangen sein!�</p><p>. �Zur H�lle!� knurrte Sonja. �Diese Hundes�hne kommen nicht n�her als eine Schwertl�nge an mich heran!� Sie schaute sich um und bemerkte eine m�chtige Eiche links von Daron. �Lauf zu dem Baum! Nimm ihn als R�ckendeckung!�</p><p>�Aber die Pferde! Sie werden auch die Pferde angreifen!�</p><p>�Bei Erliks Z�hnen! <emphasis>Lauf!�</emphasis></p><p>Daron rannte zu der Eiche, gerade als eine der vordersten Kreaturen sich auf ihn st�rzen wollte. Rasch, verzweifelt schwang er seine Klinge wie eine Sense. Mit einem schrillen Aufschrei fiel das Sumpfungeheuer mit klaffender Brust zur�ck und versank, sich windend und um sich schlagend, im Sumpf.</p><p>Ein zweites folgte ihm, doch nun stand Daron bereits mit dem R�cken zum Baum. Er bedachte das Ungeheuer mit Schimpfnamen, stocherte mit dem Schwert nach ihm und forderte es heraus.</p><p>Sonja hatte inzwischen zwei der Pferde losbinden k�nnen; sie klatschte ihnen auf den Rumpf, damit sie davongaloppierten; doch als sie Darons Pferd erreichte, war einer der Untoten bereits bedrohlich nahe. Heftig schwang sie das Schwert und hieb dem Ungeheuer in die Seite. Es wimmerte gespenstisch und kippte r�ckw�rts. In diesem Augenblick jedoch st�rzte ein anderer Untoter sich auf den Hengst. Das Pferd b�umte sich auf und wieherte schmerzvoll, als ihm sein Angreifer Z�hne und Krallen ins Fleisch grub. Sonja rannte auf ihn zu.</p><p>�H�llenbrut!� heulte sie. Als der Untote ihr knurrend die Z�hne zuwandte, aus denen Blut troff, brachte sie ihn endg�ltig zum Schweigen.</p><p>Drei waren erledigt �</p><p>Nein, vier, denn soeben halbierte Daron einen anderen. Er stie� den Untoten zur Seite, um den Ansturm eines f�nften abzuwehren �</p><p>Zur gleichen Zeit kamen zwei auf Sonja zu. Sie sprang zur�ck, duckte sich, griff nach einem Stein und schleuderte ihn. Mit lautem Krachen traf er die Stirn des vordersten, so dass dieser r�ckw�rts kippte. Sonja stie� einen hyrkanischen Schlachtruf aus und warf sich auf den anderen. In seinem vergeblichen Versuch, ihren Arm oder Hals zu fassen, fuchtelte er durch die Luft. Sonjas Klinge blitzte, und eine Leichenhand flog durch die Luft. Der Untote kreischte. Sie duckte sich zur Seite, als er sich auf sie st�rzte, die �brig gebliebene Hand ausgestreckt. Wieder blitzte ihr Schwert und traf des Untoten Sch�del.</p><p>Daron schrie triumphierend, als sein letzter Angreifer in den Schlamm sank.</p><p>Doch der, den Sonjas Stein getroffen hatte, erhob sich und kam wieder auf sie zu.</p><p>�Wie konntest du blo� deine Seele an eine Hexe verkaufen?� knurrte sie. �Sumpfabschaum! Komm nur her und versuch dein Gl�ck!�</p><p>Daron sah ihr zu und wunderte sich �ber ihr Benehmen. Sie war w�tend � gewiss nicht nur �ber die Sumpfkreatur, sondern �ber etwas tief in sich selbst.</p><p>Das Ungeheuer be�ugte sie giftig und zischend. Die wei�en Augen wanderten von ihrem Gesicht zu ihrem Schwertarm und ihrer Taille.</p><p>�Stinkender Abschaum!� schrie Sonja.</p><p>Mit ausgestreckten Klauenh�nden st�rzte es sich auf sie. Sonja schrillte vor Wut. Mit zwei schnell aufeinander folgenden Streichen machte sie ihm den Garaus.</p><p>In der schweren Stille, die dem Kampf folgte, war das Summen von M�cken und Fliegen laut zu h�ren � und Sonjas heftiger Herzschlag, wie sie glaubte.</p><p>Vorsichtig ging Daron auf sie zu. �Das w�r�s wohl.�</p><p>Sie blickte zu ihm hoch. �Bist du denn sicher, dass sie nicht noch mehr schicken wird?�</p><p>Er grinste finster und zuckte die Achseln. �Ich glaube es zumindest nicht � Mitra!� Er starrte ihr �ber die Schulter.</p><p>Sonja wirbelte herum.</p><p>Darons verwundetes Pferd lag blutend im Schlamm und schlug mit den Beinen um sich. Schaum quoll aus den N�stern, die Augen waren verdreht, und nur noch schmutziges Wei� war zu sehen. W�hrend Sonja und Daron es beobachteten, begannen die entbl��ten Z�hne sich mit Speichel zu �berziehen und zu spitzen F�ngen zu wachsen. Und dann fingen die Augen auf unheimliche Weise gelb zu gl�hen an. Es bewegte sich schwach, um auf die Beine zu kommen, und knurrte dabei � ein Laut, wie kein lebendes Pferd ihn je hervorgebracht hatte!</p><p>�Ich muss es t�ten�, sagte Daron zu Sonja. �Wir haben keine andere Wahl.�</p><p>Er rannte auf das Tier zu, blieb einen Schritt davor stehen und lie� die Klinge auf die Kehle sausen. Das Pferd schrie noch einmal auf, dann bewegte es sich nicht mehr. Das gelbe Gl�hen schwand aus den Augen, und es starb, ohne dass seine Lebenskraft gefangen gehalten werden konnte.</p><p>Daron blickte hinter sich. �Die anderen Pferde �?�</p><p>Sonja starrte nur stumm zu Boden.</p><p>�Sonja � wie sieht es mit den anderen Pferden aus?�</p><p>Sie schaute ihn mit brennendem, durchdringendem Blick an. �Was zur H�lle machen wir hier, Daron? Sieh dir das an! Sieh dir alles an! Sag mir, verdammt � wer zum Teufel bist du �berhaupt?�</p><p>Er steckte seine Klinge ein und ging auf sie zu. �Sonja! Die anderen Pferde?�</p><p>Sie holte schaudernd Atem, betrachtete ihre Klinge und schob sie in die Scheide. �Die anderen Pferde sind unverletzt, Daron.�</p><p>�Gut�, sagte er. �Das ist eigentlich alles, was ich wissen wollte.�</p><p>Er hob eine Hand und strich sanft �ber Sonjas Haar.</p><p>Sie stierte weiterhin zu Boden.</p><empty-line/><p>Bei Einbruch der Nacht lag der Sumpf hinter ihnen. Sie befanden sich in trockenem Wald mit verh�ltnism��ig frischer Luft und so lichtem Bewuchs, dass der Mond und die Sterne zu sehen waren.</p><p>Sie machten ein Feuer, sorglos oder gleichg�ltig, ob jemand oder etwas davon angezogen werden k�nnte. Und w�hrend sie so in der Dunkelheit unter den Sternen sa�en, wie in so vielen fr�heren N�chten, jeder mit seinem eigenen Schuldgef�hl, seinen Sorgen und Erinnerungen, begann Daron von Osylla und Urrim zu sprechen, dann von Bestimmung und Tod, von Schicksalswegen und ihrer Wahl und von Unsicherheit � von allem, was es bedeuten mochte, wenn ein Stern vom Himmel f�llt und das Land ringsum vom Wahnsinn ergriffen wird.</p><p>W�hrend er sprach, hielt er hin und wieder inne, um seine Gedanken zu sammeln, und bei einer dieser Pausen sagte auch Sonja etwas, die bisher nur stumm dagesessen hatte. Ein wenig von der K�lte um ihr Herz war bei seinen ernsten Worten geschmolzen, und so erz�hlte sie ihm schlie�lich von der vergangenen Nacht. �War es wirklich erst gestern Nacht? Es scheint alles so weit zur�ckzuliegen � Aber doch gestern Abend, als du mit Osylla in der H�tte warst und Urrim und ich im Freien waren �� Sie erz�hlte ihm, wie Urrim seine Stimme wieder gefunden hatte, so beredsam und prophetisch, und von dem blauen Gl�hen im Wald.</p><p>�Es war dieselbe blaue Wesenheit�, gestand Sonja, �die mir vor Jahren erschien, in jener Nacht, als meine Familie gemordet und mir Gewalt angetan wurde � jene Wesenheit, die mir meine Bestimmung wies. Daron � kannst du das verstehen? Weshalb geschah das?�</p><p>�Ich � ich bin nicht sicher, Sonja ��</p><p>�Es war keine Einbildung, obwohl ich in den vergangenen Jahren so manches Mal dachte, ich k�nnte es mir blo� eingebildet haben. Und jetzt � nach dieser langen Zeit, nachdem ich meinen Weg gegangen bin und mich selbst erkannt habe �, jetzt, da ich <emphasis>ich</emphasis> bin, die Rote Sonja von Hyrkanien, und alles, was das bedeutet, so dachte ich jedenfalls, da kehrt diese Wesenheit wieder und spricht von etwas, das ich nicht verstehen kann und auch nicht hinnehmen will � von etwas, das genau entgegengesetzt von dem zu sein scheint, was sie mich vor Jahren lehrte. Da bricht mir das Herz, und ich stehe im Widerstreit mit mir selbst.�</p><p>�Und deshalb warst du den ganzen Tag �ber so finster, so zornig.�</p><p>�Ja, ja! Osylla � Urrim � Ich kann meinen Abscheu nicht leugnen. Daron! All das zur gleichen Zeit! Was bedeutet es?�</p><p>�All das�, fl�sterte er, �seit unsere Wege sich getroffen haben.�</p><p>Sie schaute ihn an, blickte ihm in die dunklen Augen. �Nicht, Daron!�</p><p>�Zwischen uns ist etwas, Sonja. Das kannst du nicht abstreiten. Du wei�t, dass es etwas gibt.�</p><p>�Etwas. Aber ��</p><p>�Es mag sich durch viele Leben vor uns erstreckt haben und sich noch durch viele nach uns erstrecken. Wir m�gen es verleugnen, aber es ist trotzdem vorhanden. Es war schon da, als wir noch nicht Sonja und Daron waren, und wenn du einmal nicht mehr die Rote Sonja sein wirst und ich nicht mehr Daron kos Odurac sein werde, wird dies immer noch zwischen uns sein, dieser kleine Teil des gro�en Sturms, des gro�en Windes des Alls und der Ewigkeit.�</p><p>�Jetzt h�rst du dich wahrhaftig an wie der Sohn eines Zauberers.�</p><p>�Wirklich? Oder h�re ich mich nicht an wie einer, der an Gr��eres glaubt als nur an den Menschen? Denn obwohl ich immer noch an die Gr��e des Menschen glaube, glaube ich doch auch an die Gro�e Ordnung, an das Ganze.�</p><p>Sonja blickte ins Feuer. �Ich glaube an mich, Daron. Diese blaue Wesenheit muss ich selbst gewesen sein, das ist alles � eine Vorstellung meines Geistes, eine Sch�pfung meiner eigenen Gef�hle.�</p><p>�Das ist alles, was das Leben ist�, sagte Daron.</p><empty-line/><p>Etwas war in dieser Nacht in der Luft. Der Mond stand hoch, und immer noch unterhielten sie sich, obgleich sie sich mit manchen ernsten Themen nur oberfl�chlich besch�ftigten � aus M�digkeit oder Ehrfurcht.</p><p>�Ich bewundere deine Einstellung zu den Dingen�, gestand Daron. �Ich wollte, meine k�me deiner gleich.�</p><p>Sonja verzog lediglich das Gesicht.</p><p>�Ich meine es ehrlich. Du wei�t, dass du das Ganze nicht verleugnen kannst, und du tust es auch nicht, doch statt dir sinnlose Sorgen dar�ber zu machen, verbringst du deine Zeit damit, das zu tun, was dich gesund und leistungsf�hig erh�lt.�</p><p>�Wie andere es auch tun.�</p><p>�Nein, nein. Das glaube ich nicht. Nicht wie du. Ich habe nie jemanden kennen gelernt, der so � erfolgreich ist wie du.�</p><p>�Erfolgreich?�</p><p>�Wenn es z�hlt, zweifelst du nie an dir. Du verl�sst dich auf dich selbst. Du kennst dich � vertraust dir.�</p><p>�Aber ich bin einsam � und allein.�</p><p>�Das bist du?�</p><p>�Unvorstellbar, Daron. Manchmal frage ich mich, ob ich meine R�stung trage, um mehr als nur meinen K�rper zu sch�tzen � als wollte ich mich damit ganz beschirmen, meine Person, meine Tr�ume, meine Erinnerungen, meine Hoffnungen ��</p><p>�Und was erhoffst du dir, Sonja?�</p><p>�Das kann ich nicht beantworten. Wie oft habe ich dar�ber nachgegr�belt, immer wieder � manchmal die ganze Nacht hindurch. Ich kann es nicht beantworten. Denn wenn ich des Nachts wirklich eine Antwort finde, ergibt sie am Morgen keinen Sinn mehr. Ich habe mich auf einen Weg begeben, und ich frage mich, ob ich auf diesem Pfad meinen eigenen Weg gehe oder ob er mich leitet.�</p><p>Daron nickte und blickte nachdenklich ins Feuer. Der Flammenschein fiel auf seine Z�ge, aus denen im Augenblick Schwermut und Edelmut gleicherma�en sprachen.</p><p>�Auch ich bin allein�, gestand er ihr. �Manchmal ist mir, als w�re ich verdammt, weil ich eines Zauberers Sohn bin. Diese Dinge in mir � ich kann mich nicht auf sie verlassen. Ich habe Kr�fte, doch bin ich nicht sicher, wo sie liegen. Eine Hexe, eine gemeine Hexe wie Osylla kann mich verspotten und mir Angst machen. Doch meine Macht, meine Kr�fte, meine Tr�ume � fast Erinnerungen an Dinge, die ich in fr�heren Leben getan oder geleistet habe, genau wie meine Tr�ume von Zuk�nftigem � all das verfolgt mich. Mein Ich verfolgt mich, mein Blut. Du bist die Tochter eines Schwertk�mpfers, Sonja, und sieh doch, wie gut du dein Schwert f�hrst! Ich bin der Sohn eines Zauberers, aber wie gut bin ich in seiner Kunst? Manchmal f�rchte ich mich vor mir � vor dem, was ich tun kann, und vor dem, was ich nicht tun kann. Manchmal habe ich das Gef�hl, nur eine halbe Person und doch doppelt soviel zu sein wie jede andere Person, der ich begegne.�</p><p>�Das ist genau, wie auch ich mich f�hle, Daron�, gestand ihm Sonja.</p><p>Sie starrte in das Feuer, und Daron schaute sie an, blickte auf ihr sch�nes Gesicht, das der Feuerschein w�rmte.</p><p>Sp�ter, als das Feuer fast niedergebrannt war und sie stumm in die klare Nacht blickten, sahen sie einen Lichtstreifen, der sich vom Firmament abhob. Er war so schnell verschwunden wie ein Gedanke. Eine Sternschnuppe, ein fallender Stern �</p><p>Daron sa� dicht neben Sonja. Jeder sp�rte die N�he des anderen ganz deutlich. Sie hielten sich bei der Hand.</p><p>�Das Feuer erlischt�, stellte Daron fest.</p><p>�Tu�s nicht!� bat Sonja heftig, doch mit schwacher Stimme.</p><p>�Was soll ich nicht tun, Sonja?�</p><p>�K�ss mich nicht, Daron! Bitte, k�ss mich nicht!�</p><p>�Wie du willst.�</p><p>Sie schaute wieder zum Himmel, doch keine weitere Sternschnuppe lie� sich sehen.</p></section><section><title><p>6</p><p>Gegenstr�mungen</p></title><p>Am Morgen ritten sie weiter, und gegen Mittag kamen sie an einen tiefen Bach, der mitten durch ein bl�hendes Tal floss. Die golden leuchtende Sonne h�llte Daron, Sonja und die �ppige Niederung in diesiges Licht und wohltuende W�rme. Die beiden Menschen f�hlten sich freier und leichter, als sie Osyllas bedr�ckendes Land hinter sich hatten. Selbst Sonja, die die Sp�tsommersonne genoss, fand den Gedanken an Urrim nicht mehr so schmerzhaft wie zuvor. Sie band ihr Pferd an einen Holzapfelbaum, a� ein paar Fr�chte und trank Wasser aus dem klaren Bach. Daron �u�erte die Absicht zu baden, und so legte Sonja sich ans Ufer, kaute an einem Grashalm und blickte zu den fernen grauen Wolken am leicht dunstigen Himmel auf. Es dauerte nicht lange, und sie war eingeschlafen. Sie tr�umte, doch waren ihre Tr�ume so verschwommen wie der Himmel, den sie betrachtet hatte. Sie vermochte nichts richtig zu erkennen, denn die Traumfiguren schienen wie hinter Schleiern zu schweben und n�herten sich ihr nicht, aber sie wusste ungef�hr, was sie darstellten. Eine Hexe war dabei, ihr Vater, ein Tempel, ein Zauberersohn und ein Stern, der vom Himmel gefallen war � und eine hochgewachsene wei�e Frau, die in Flammen geh�llt in einem d�steren Korridor gefangen war.</p><p>Wie lange sie so ged�st hatte, wusste Sonja nicht. Sie wachte auf, als sie h�rte, wie Daron sich neben sie setzte. Von seiner Hose abgesehen, war er unbekleidet, und er streifte sich das Wasser aus dem Haar. Sonja, die auf der Seite lag, war beeindruckt von seinen gewaltigen Muskeln. Sie hatte nie zuvor darauf geachtet, obgleich sie ihn in Bo-ugans Dorf h�ufig genug halbnackt gesehen hatte.</p><p>Er sp�rte ihren Blick und l�chelte.</p><p>�Habe ich lange geschlafen?� fragte sie ihn.</p><p>�Lange genug, dass ich ein erfrischendes Bad nehmen konnte. Nein, nicht lange.�</p><p>�Ist das Wasser warm?�</p><p>�Es geht. Wo es von den Felsbrocken hochspr�ht, ist es ziemlich kalt. Aber in der Mitte des Baches ist eine warme Str�mung � und dort gibt es Elritzen.�</p><p>Sie setzte sich auf und machte sich daran, aus dem Kettenhemd zu schl�pfen. �Elritzen? Machten sie Spa�?�</p><p>�Sie machten das Bad zum Vergn�gen.�</p><p>Sie wunderte sich �ber sich selbst, w�hrend sie sich vor Daron auszog. Falsche Scham kannte sie nicht, aber was sie pl�tzlich st�rte, war die Tatsache, dass sie sich �berhaupt Gedanken dar�ber machte. So wie sie die M�nner kannte, hatte sie es unterlassen, sich vor ihnen zu entbl��en. Doch wenn die Umst�nde es ergaben, dass sie unbekleidet war, dachte sie sich nichts dabei. Nacktheit war f�r sie nichts, dessen sie sich sch�men musste. Je nach den Umst�nden konnte es eine Bedrohung oder ein Vorteil sein.</p><p>Andererseits war es manchmal der erste Schritt zum Vertrauen �</p><p>Sie schl�pfte aus dem weichen Lederwams und den Stiefeln und legte das Schwert obenauf. Ein Blick hinunter zeigte ihr, wie viel Schmutz die Durchquerung des Sumpflands zur�ckgelassen hatte. Sie schaute Daron an, dann schritt sie anmutig zum Bach hinunter und watete hinein.</p><p>Daron, der sich im Gras ausgestreckt hatte, beobachtete sie bewundernd, ohne l�sterne Gedanken. W�hrend Sonja sich wusch, nahm er seinen Sattelbeutel und den Sonjas und ging am Ufer bachauf, bis er zu einem kleinen Hain mit Obstb�umen und Beerenstr�uchern kam. Daron pfl�ckte Fr�chte, die noch nicht ganz reif waren, und verteilte sie in die Beutel. Damit besch�ftigte er sich, bis ihm auffiel, dass die Sonne den Mittag verlassen hatte. Nun schlang er sich die Sattelbeutel �ber die Schultern und kehrte durch den Hain und entlang dem Ufer zur�ck.</p><p>Als er aus den B�umen trat, sah er, dass Sonja wieder im Gras unter den Holzapfelb�umen lag. Sie war noch nackt, und die goldene Sonne f�rbte ihre Haut. Das flammenfarbige Haar sah wie ein F�cher um ihren Kopf aus.</p><p>Er lauschte in sich, beobachtete sich, wie er es bei einem Fremden getan h�tte, und n�herte sich leise der Hyrkanierin. Als er noch einige Schritte entfernt war, erkannte er, dass sie wieder schlief. Vorsichtig setzte er die Sattelbeutel ab und kniete neben Sonja nieder.</p><p>Ja, sie war sch�n. Er wusste, wie sch�n und stark ihr Geist, ihr Wesen, ihre Seele waren, und sie war auch sch�n von Figur. Ein m�chtiges Gef�hl erwachte in Daron. Seine Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit unterwegs, an ihre K�mpfe Seite an Seite im Tempel, an ihren Ritt durch den gef�hrlichen Sumpf, an die Zeit, da er sie ver�rgert und sich sp�ter mit ihr dar�ber unterhalten hatte � all das verschmolz in diesem Augenblick zu einer Einheit, und er erkannte sie, als das, was sie war. Rote Sonja � die Rote Sonja von Hyrkanien, die Schwertk�mpferin. Fast eine G�ttin, dachte Daron, unvollkommen und doch v�llig sie selbst, feurig und mutig, hart wie Stahl und doch mit einem menschlich warmen Kern.</p><p>Ja, er liebte sie.</p><p>Das Haar im Gras ausgebreitet, mit einer Locke, die das Kinn zu liebkosen schien � Die hohen Wangenknochen und die langen geschwungenen Wimpern � Die vollen Lippen, im Schlaf leicht ge�ffnet � Die weiche Linie vom Hals zu den Schultern und Armen � Die Br�ste, voll und fest, von angenehmer Form und beim Atmen sanft erzitternd � Die weiche Haut �ber dem straffen Bauch, der sich ganz leicht hob und senkte � Das rotgoldene Schamhaar, das nicht weniger leuchtete als die langen Locken um das Gesicht � Und die muskul�sen wohlgeformten Schenkel und Waden, die sich in zahllosen K�mpfen in geschmeidigem Gleichma� mit dem Schwertarm, dem Handgelenk und den Augen gespannt und entspannt hatten � Das alles, ihre k�rperliche Sch�nheit und mehr. Wie konnte er diese Frau nur ver�rgert, sich mit ihr gestritten haben? Wie konnte er anders, als sie bewundern und achten, ihr Wesen, das Leben, das sie gef�hrt hatte, und das schreckliche Leid, das ihr zuteil geworden war, und das viele B�se, das sie ertragen und gegen das sie gek�mpft hatte? Diese Frau, dieser einmalige Geist in dieser wundervollen H�lle � diese lebende Frau!</p><p>�Sonja � ich liebe dich!�</p><p>Sie antwortete nicht.</p><p>�Ich liebe dich, Sonja. Liebst du mich nicht?�</p><p>Es war pl�tzlich eine neue Sonja, die da lag, eine Rote Sonja, die sich selbst fremd war, eine Sonja, die, ohne ihn. anzusehen, mit zitternder Stimme antwortete: �Ja, Daron. Ja, ich liebe dich.�</p><p>Er beugte sich zu ihr, und das Gras machte ein verr�terisches Ger�usch.</p><p>Bei diesem Laut sprang Sonja auf und blickte zu Daron hinab. �Ja, ich liebe dich. Doch verlange nicht mehr von mir, Daron. Gib mir Zeit � mit mir selbst ins reine zu kommen!�</p><p>Der Zauberersohn sp�rte �rger in sich aufsteigen � und dann schwand er, und er begn�gte sich. Denn was hatte er sonst von ihr f�r sich gebeten � ob er nun die Frage gestellt hatte oder nicht?</p><p>Sonja ging zu ihrer Kleidung und zog sich an.</p><p>Die Sonne senkte sich den fernen W�ldern entgegen, als sie sich in die S�ttel schwangen und ihren Weg durch den Sp�tnachmittag fortsetzten.</p><empty-line/><p>Sonja und Daron hielten an, sa�en ab und lie�en ihre Pferde weiden, w�hrend sie sich die Beine vertraten, k�hles Wasser aus einem Bach tranken und Fr�chte kauten. Sie schwiegen, ein jeder mit den eigenen Gedanken besch�ftigt. Sonja dachte an ihr Erwachen in Darons Armen, an seine K�sse und an ihre K�sse. Halb schlafend, halb wach, mit dem Verlangen, ihn zu liebkosen, seine Arme zu sp�ren � war sie da im Halbtraum ehrlicher zu sich gewesen als in wachem Zustand?</p><p>W�hrend sie dar�ber nachdachte und staunte, erinnerte sie sich pl�tzlich an den Tag, �da Daron und sie von dem Dorf aufgebrochen waren. Verwundert �ber sich selbst, entsann sie sich der Worte des alten Iatos an einem Morgen, der ihr Jahrhunderte zur�ckzuliegen schien.</p><p><emphasis>Was ist, wenn du Schl�ge erwartest und statt dessen als n�chstes Musik h�rst? Wenn du Schl�ge erwartest, reagierst du auf Musik vielleicht so wie auf einen Schlag. Wessen Schuld ist das? Wenn du unter Feinden aufgewachsen bist, h�ltst du jeden f�r einen Feind. Wenn du daran gew�hnt bist, ein Messer zum T�ten zu verwenden, wie kannst du dir dann beibringen, dass es auch zum Brotschneiden verwendet werden kann � oder um ein wundervolles Kunstwerk aus einem St�ck Holz zu schnitzen?</emphasis></p><p>Die Erinnerung an diese Worte und an Darons K�sse r�ttelten sie auf. Ihre Gef�hle flammten auf, sie versp�rte ein neues Vertrauen. Sie stellte fest, dass sie l�chelte, als sie sich Darons Gesicht vorstellte.</p><p>Sie drehte sich um und blickte zu ihm hin�ber, der ein paar Schritte entfernt sa�.</p><p>Etwas in seiner Haltung k�hlte die Gef�hle, die in ihr aufgeflammt waren.</p><p>�Daron?�</p><p>Er starrte auf den Sonnenuntergang fern im Westen, starrte auf die orangefarbengl�hende Kugel, die die Wipfel zu entz�nden schien und ein Zwielicht in vielen Blaut�nen zur�cklie�, das sich wie Rauch von den Kohlen eines Feuerbeckens ausbreitete.</p><p>�Was hast du, Daron?�</p><p>�Das � Amulett.� Er hatte die H�nde auf sein Wams gedr�ckt. �Es wird w�rmer. Es f�hlt sich schon sehr warm an.�</p><p>Fast fl�sternd fragte Sonja: �Osylla? Oder meinst du � dein Vater?�</p><p>�Ja, mein Vater�, antwortete er, ohne den Blick von der untergehenden Sonne zu nehmen. �Bald ��</p><empty-line/><p>Zuerst war es nur ein Schatten an einem Berghang � ein dunkler Fleck, der sich von dem umgebenden grauen Schiefer und den vereinzelten Pflanzen abhob. Doch beim N�her kommen teilte der Schatten sich und erwies sich als steinerne S�ulen, eine breite Freitreppe und als B�ume mit knorrigen Wurzeln am oberen Hang. Frostiger Mondschein l�ste das Abendrot fast unmittelbar ab, als Sonja und Daron dem Hang mit seinen seltsamen Schatten schon nahe waren und das sahen, was sie vermutlich suchten: ein kleines steinernes Haus, eine S�ulenreihe und eine breite Steintreppe zu einer T�r, die in den Berg zu f�hren schien.</p><p>Ihre Pferde scheuten, Darons Tier b�umte sich auf, ehe er es zu beruhigen versuchte. Vor ihnen lag ein mit Steinplatten gepflasterter breiter Platz, jahrhundertealt vermutlich, vor der Freitreppe. Pl�tzlich fluchte Daron laut und riss sich das Wams auf.</p><p>�Was ist?� rief Sonja, doch ein Blick verriet ihr sofort sein Problem. Daron hatte sich das Amulett von der Brust gerissen und schwenkte es in der Rechten. Es gl�hte in wechselnden Rott�nen mit einem leuchtenden wei�en Kern.</p><p>�Mitra! Mitra!� knurrte er. �Das verdammte Ding ist zu hei� zum Anfassen.�</p><p>Etwas unbeholfen stieg er ab, dabei fiel der gl�hende Stein zu Boden. Sonja sa� gleichzeitig ab. F�r kurze Zeit verstellte Darons Stute den Blick auf das Amulett, doch sie h�rte Daron wieder fluchen, aber diesmal klang es erstaunt. Als sie um die Stute herumging, sah sie, was geschah.</p><p>Von dem feurigen Stein stieg eine gelbliche Rauchwolke auf, w�hrend er selbst vor ihren Augen auf dem Pflaster zerbr�ckelte. Sonja h�rte ein Zischen wie von Dampf, der einem zugedeckten Kessel entweicht, und pl�tzlich schoss aus dem Herzen des Amuletts ein glitzernder Strahl empor und verschwand am Nachthimmel, ehe das Auge ihm noch zu folgen vermochte.</p><p>�Erlik �!�</p><p>Sonja rannte herbei und kniete nieder. Wo gerade noch der pr�chtig gl�hende Stein gelegen hatte, befand sich nur noch ein winziges H�ufchen Asche.</p><p>�Er ist zur Vollkommenheit zur�ckgekehrt�, hauchte Daron ehrf�rchtig.</p><p>�Du meinst � Urrim?�</p><p>�Ja. Trauere nicht um ihn, Sonja! Er ist heimgekehrt, um wieder mit dem EINEN vereint zu sein, der vor allen Welten war. Uns und vielen anderen wird dieses Gl�ck noch lange nicht zuteil, wir m�ssen noch so manchen Kreislauf von Geburt und Tod erdulden.�</p><p>Sonja schaute zum Nachthimmel empor und nickte. �Dann ist alles gut mit Urrim. Ich glaube dir, Daron � ich muss dir glauben. Doch nun m�ssen wir wohl weiter unserem Geschick folgen. Wohin?�</p><p>Daron blickte zum Eingang in den Berg. �Das muss es sein�, antwortete er ged�mpft. �Das Amulett kann uns nicht weiter f�hren.�</p><p>Sie banden ihre Pferde an junge B�ume, lockerten ihre Schwerter in den H�llen und schritten �ber den Pflasterhof zu den breiten Stufen. Eine k�hle Brise wehte von dem weiten Wiesenland herbei, trieb welke Bl�tter �ber das Pflaster und wirbelte Staub und Sandk�rnchen auf. Der Mond, voll und leuchtend wie Mitras Auge, l�ste sich von einem Wolkenschleier und strahlte seinen Silberschein hernieder.</p><p>In seinem Licht sahen sie nun den Eingang hinter der S�ulenreihe am Hang. Es war eine g�hnende �ffnung, die einst eine T�r gesch�tzt hatte. Doch jetzt waren von ihr nur noch die Angeln �brig, und sie sa�en verrostet und verbogen auf der Eisenhalterung, die im Gestein des Berges verankert war.</p><p>Eine lange Weile starrten Daron und Sonja in diese �ffnung. Das Mondlicht zeigte ihnen jedoch nur die ersten paar Fu� des Bodens; dahinter erstreckte sich ungebrochene, lautlose Schw�rze.</p><p>�Nun denn ��, murmelte Daron und tastete in seinem Beutel nach Feuerstein und Stahl.</p><p>Aber Sonja war ihm bereits ein paar Schritte voraus. Sie zog das Messer aus der Scheide im Stiefelschaft und schnitt einen Zweig von einem B�umchen, der aus den Spalten im Pflaster wuchs.</p><p>�Hol ein bisschen von dem Gras dort dr�ben! Es sieht trocken aus.�</p><p>Er sammelte eine Handvoll d�rrenden Buschgrases, und Sonja band es an das Ende des Zweiges. �Es wird nicht lange brennen�, meinte sie, �aber es ist besser als gar kein Licht. Du hast nicht zuf�llig eine �llampe bei dir?�</p><p>�Leider nicht. Alle meine �llampen sind frisch ausverkauft.�</p><p>Als Sonja das Gras mit einem Lederband rings um den Zweig befestigt hatte, sagte sie: �Hier ist es zu windig, gehen wir erst einmal durch die �ffnung.�</p><p>Es war irgendwie unheimlich in der Dunkelheit hinter dem Eingang. Das Rascheln trockener Bl�tter und das vereinzelte Wiehern der Pferde auf dem Platz klangen gespenstisch fern oder wie durch dichte Schleier.</p><p>�Bitte, Daron, halt die Fackel ruhig!�</p><p>�Oh, verzeih ��</p><p>Sie schabte weiter Feuerstein gegen Stahl, bis ein Funke endlich das trockene Gras zum Brennen brachte. Und nun sahen sie einen langen geraden Gang vor sich.</p><p>�Verdammt!� murmelte Sonja. �Die Fackel wird uns nicht weit bringen.�</p><p>Daron ging mit dem brennenden Zweig voraus, Sonja einen Schritt hinter ihm her. Als sie den Eingang zur�ckgelassen hatten, begann ihre Fackel gleichm��iger zu brennen und flackerte nicht mehr. Sie sahen, dass der Gang aus dem Gestein gehauen war und tief in den Berg f�hrte.</p><p>Sie folgten ihm eilig. Als die Fackel immer tiefer niederbrannte, bemerkten Sonja und Daron gleichzeitig eine offene T�r zu ihrer Linken. Sie sp�hten hinein, sahen jedoch nichts; so folgten sie weiter dem Gang.</p><p>�Zumindest k�nnen wir weitergehen, solange wir etwas sehen, denn verirren werden wir uns hier nicht. Wenn es sein muss, brauchen wir blo�1 zur�cklaufen und uns weitere Fackeln holen.�</p><p>Sonja pflichtete ihm bei, und sie gingen noch schneller.</p><p>Eine zweite T�r, offen, aber dunkel war in die rechte Wand gebrochen, dann eine dritte T�r, diesmal wieder links. Sonja ging dicht an dieser T�r vorbei und vermeinte ein leises Ger�usch aus dem Dunkel dahinter zu h�ren, war sich aber nicht sicher.</p><p>Sie ging etwas langsamer. �Daron ��</p><p>Er war ein paar Schritte vor ihr und winkte ihr zu. �Beeil dich, Sonja, die Fackel wird gleich erl�schen, aber ich glaube, da ist ein Licht.�</p><p>�Was?�</p><p>�Komm schon, komm!�</p><p>Sonja sah nun eine Biegung des Ganges, und als sie sie erreichten, stellte sich heraus, dass Daron sich nicht get�uscht hatte � da war tats�chlich ein Licht, und es kam vom Ende des Ganges. Der Boden viel leicht ab.</p><p>Und dann war die Fackel niedergebrannt. Von den letzten Grashalmen spr�hten noch ein paar Funken gegen die Steinwand. Daron warf die Fackel zu Boden und hastete weiter, Sonja dicht hinter ihm.</p><p>W�hrend Daron �ber den absch�ssigen Boden rannte, fl�sterte er Sonja angespannt zu: �Das Lichtes ist in einem Raum, da ist ein Raum, Sonja!�</p><p>�Schon gut! �berst�rz nichts! Wir wissen nicht, worauf wir uns einlassen!�</p><p>Der Gang endete an einem gro�en T�rbogen, dahinter befand sich ein saalartiger Raum, von Fackeln und einer Vielzahl von �llampen beleuchtet.</p><p>�Ihr G�tter!� hauchte Daron, dem war, als prickle er am ganzen K�rper. �Sonja, mir ist so eigenartig zumute, so hei�, als h�tte ich Fieber ��</p><p>�Beruhige dich, es ist die Aufregung!�</p><p>�Meine Handfl�chen sind feucht! Da ist etwas, was mich anzieht!�</p><p>Er hastete weiter, streckte die Arme seitw�rts und hielt sich an dem Bogenrahmen fest, als bef�rchtete er zusammenzusacken. Er starrte wortlos ins Innere.</p><p>Sonja kam heran. Sie blieb hinter ihm stehen und blickte �ber seine Schulter. Obwohl ihr Zauberer und ihre Behausungen nicht fremd waren, war der Anblick doch ein Schock f�r sie. Sie bemerkte aber auch, dass Daron am ganzen K�rper heftig zitterte, dass ihm Schwei� �bers Gesicht rann und dass er sich, obwohl er sich mit verkrampften Fingern am Rahmen festhielt, kaum noch aufrechthalten konnte.</p><p>Sie sah, dass der Raum vor ihnen nicht nur mit Fackeln und �llampen erhellt war, sondern zus�tzlich mit seltsameren Lichtquellen. Kristallkugeln aller Gr��en warfen ihren vielfarbigen Schein � purpur, blau, rosa und safrangelb �ber den Saal. Es gab Alt�re hier, Tische und Fenster � Fenster! Diese Fenster waren in den Berg gehauen, und hinter ihnen, wo nur Gestein sein sollte, sah sie seltsame Schaupl�tze mit Gesch�pfen auf windigen Ebenen, ganz in Rot und Lila und Gelb � gr�ssliche Lebensformen und Wahngebilde. Feuerschalen mit fl�ssigem Brennstoff sandten eigenartig riechenden Rauch empor. B�cher lagen aufgeschlagen, und ihre Seiten flatterten, obgleich Sonja keinen Luftzug sp�rte. Runen und laubgleiche Verzierungen waren in den Boden, in W�nde und in die Decke gehauen, einige mit Edelsteinen geschm�ckt, andere mit leuchtendem Metall, wieder andere mit poliertem Holz oder Knochenst�ckchen.</p><p>In der Mitte des merkw�rdigen Raums, in der Mitte aller eigenartigen Gegenst�nde und Lichter, war ein riesiger Doppelkreis in den Steinboden eingelassen. Er war mit Kerzen, Fackeln und R�ucherschalen gef�llt, von denen blauer Dunst aufstieg und eine Kugel bildete. In der Mitte des Doppelkreises sa� ein Mann � hochgewachsen, hager und bleich � in einem schwarzen und einem roten Gewand. Sein Kopf war kahl und gl�nzend, die Augen lagen tief in den H�hlen, die Arme hatte er seitw�rts mit gespreizten Fingern ausgebreitet; er zitterte und bewegte lautlos die Lippen.</p><p>Ein Zauberer � d�rr wie der Tod, aber lebend, verschleiert durch den blauen Rauch und stumm murmelnd, w�hrend er geradewegs Sonja und Daron anblickte.</p><p>Schaudernd und sich weiter an den Bogenrahmen st�tzend, keuchte Daron: �Mein � mein Vater!�</p><empty-line/><p>Die F��e fest auf den Boden gestemmt und die Arme an den Rahmen, hatte es den Anschein, als k�mpfte Daron gegen einen Zwang an. Sein Blick hing an dem reglosen Zauberer, seinem Vater, innerhalb der blauen Dunstkugel. Kein Wort vermochte Daron zu sagen; aber seine Arme zitterten, w�hrend er sich an den Seiten des Bogenrahmens festklammerte. Auf Sonja hatte der Raum weniger Anziehungskraft. Nach ihrer urspr�nglichen �berraschung und dem Schock �ber seine magische Schwingung hielt sie sich instinktiv von seiner Ausstrahlung des B�sen fern, denn sie sp�rte, dass die Luft in dem Raum nicht nur von den D�mpfen des R�ucherwerks und den ihren eigenen Geruch aussendenden bunten Lichtern geschw�ngert war. Ein sechster Sinn warnte sie, diesen Saal zu betreten. Sie konnte auch das Ger�usch nicht vergessen, das sie weiter zur�ck auf dem Gang zu h�ren geglaubt hatte.</p><p>Vorsichtig griff sie an Daron vorbei nach einer �llampe auf einem niedrigen St�nder etwas seitlich vor der T�r�ffnung. Die Luft des Saales prickelte gegen ihre Haut, aber die Lampe war beruhigend fest. Daron starrte immer noch gebannt auf den Kreis aus Kerzen und Rauch. Ohne die Augen von ihm zu lassen, wich Sonja mit der �llampe zur�ck.</p><p>�Pass auf ihn auf, Daron!� mahnte sie, in der Hoffnung, er werde sie h�ren. �Warne mich, wenn er aus seiner Trance aufwacht. Ich m�chte etwas �berpr�fen.� Dann drehte sie sich um und eilte im Licht der �llampe den Gang zur�ck.</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter erreichte sie die T�r, nun zu ihrer Rechten, und blieb davor stehen, um zu lauschen.</p><p>Das Ger�usch war erneut zu h�ren, ged�mpft und unbestimmbar, und keineswegs eine Sinnest�uschung.</p><p>Die Lampe ausstreckend, betrat Sonja den Raum. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit versp�rte sie einen eisigen Schauder. Die Lampe warf mehr Schatten denn Licht in den gro�en Raum aus kahlem Stein. Nur ein einfacher Tisch stand darin sowie ein Stuhl, und an den W�nden steckten nicht angez�ndete Fackeln in Haltern � und in der Mitte befand sich etwas sehr Eigenartiges: Auf einem steinernen Podest erhob sich eine kristallklare Kugel mit einem Durchmesser von doppelter Mannsh�he, die von innen heraus leuchtete.</p><p>Sonja zweifelte an ihren Augen. Etwas Wei�es schien sich in der Kugel zu bewegen, doch da das Licht der Lampe nicht sehr hell und das in der Kugel abwechselnd grell, dann schwach und verschwommen war, war sie nicht sicher, ob sie sich nicht t�uschte. Was aber war, wenn in dieser Kugel etwas von dem schwarzen Zauberer gefangen gehalten wurde? Ein D�mon vielleicht? Eine Ausgeburt der H�lle �</p><p>Sonja hob die �llampe und z�ndete die drei n�chsten Fackeln an der Wand an, dann wandte sie sich wieder der Kugel auf dem Podest zu. Ganz erstaunt trat sie n�her, stellte die �llampe ab und lockerte das Schwert in der Scheide.</p><p>In der Kugel war ein Mann! Er trieb zwischen milchigen Wolken. Aber nein, das konnte nicht sein! Das Leuchten im Innern der Kugel musste sie durch sein schwingendes Gl�hen get�uscht haben!</p><p>Nein! Es war wirklich ein Mann! Jetzt kam sein Gesicht ganz nah innerhalb des Glases an ihres heran. Seine Augen, verzerrt durch die Kr�mmung der Kugel, blickten sie flehend an. Es war ein alter Mann, gefangen und verzweifelt. Mit den F�usten h�mmerte er auf das Glas seines Gef�ngnisses. Mit aller Kraft schien er zuzuschlagen, doch der dichte Dunst um ihn d�mpfte seine Bewegung, so dass nur der stumpfe Laut erklang, wie Sonja ihn beim Vorbeikommen geh�rt hatte.</p><p>Da sie nicht wusste, was sie tun sollte, blieb sie stehen, wo sie war. Der Greis in der Kugel schwamm wieder auf sie zu. Offenbar musste er gegen die Str�mungen ank�mpfen, die an ihm zerrten, und gegen die D�mpfe in der Kugel.</p><p>In ihrem Innern war Dunst �hnlich jener glitzernden Schicht, die sich an der Oberfl�che eines kalten Glases in einem warmen Raum bildet. Als der Gefangene auf gut Gl�ck wieder herbeitauchte, bem�hte er sich, auf diese Schicht zu schreiben; die Lettern zeichnete er mit dem Finger. Sein Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. Er streckte und wand sich in der Str�mung, die ihn mit sich rei�en wollte. So sehr plagte er sich, seine Botschaft zu beenden. Die Buchstaben rieb er r�ckw�rts in die Schicht. Doch schon sog der Dunst ihn wieder ein, ohne dass er seine Worte beendet hatte. Sonja aber sah genug, um zu verstehen.</p><p>Sein Finger hatte geschrieben: EMOI ADOL �</p><p><emphasis>Befreit mich!</emphasis></p><p>Sofort st�rmte Sonja die Stufen zum Podest hinauf. Sie w�rde nicht l�nger zusehen, wie dieser Mann ganz offensichtlich gequ�lt wurde, wenn sie ihm vielleicht helfen konnte. Sie legte die H�nde auf die kristallgleiche Oberfl�che, spreizte die Beine, stemmte die Stiefel auf den Steinboden und dr�ckte gegen die leuchtende Kugel.</p><p>Sie f�hlte sich unangenehm warm an. Einen Augenblick wackelte sie unter dem heftigen Sto�, doch dann stand sie wieder v�llig reglos.</p><p>Das runzlige Gesicht des Greises schwamm erneut heran. Es wirkte eingefallen vor Qual und flehend. Die Lippen bewegten sich. Sonja konnte seinen Worten nicht folgen, doch das brauchte sie auch nicht. Sie wusste, was er von ihr wollte.</p><p>W�tend, dass ihr erster Versuch misslungen war, zog Sonja das Schwert und trat vorsichtig zur�ck, gerade so weit, dass sie genug Platz hatte, um es zu schwingen. Erstaunt stellte sie fest, dass die Klinge in bl�ulichem Licht zu gl�hen schien � es war der gleiche bl�uliche Schimmer wie im Saal des Zauberers am Ende des Ganges. Sie blinzelte, denn nun nahmen die D�mpfe in der Kugel offenbar denselben Blauton an wie der des Gl�hens im Sumpfwald und der Erscheinung in jener Nacht ihrer Bestimmung vor vielen Jahren �</p><p>�Erlik und Tarim!� heulte sie wild und schmetterte ihr Schwert mit aller Kraft auf die Kristallkugel.</p><p>Aber es prallte zur�ck. Ein Schmerz durchzog ihren Arm und brannte im Handgelenk, als die Klinge zur�ckpeitschte. Sie fluchte heftig, fletschte die Z�hne und holte zu einem zweiten Streich aus, ohne R�cksicht auf den neuen Schmerz, den er bringen mochte.</p><p>Doch da kam der Greis in der Kugel wieder in Sicht. Er schwenkte schwerf�llig die Arme in dem blauwei�en Dunst. M�hsam deutete er auf Sonja, dann von ihr fort. Sie folgte seinem eindringlichen Blick, drehte sich um und sah den kleinen Tisch in der Ecke.</p><p>Darauf lag etwas.</p><p>�Das?� fragte sie br�llend den Mann.</p><p>Er konnte gerade noch best�tigend nicken, als die Str�mung ihn fortzog.</p><p>Knurrend steckte Sonja ihr Schwert ein, sprang vom Podest, ging zu dem Tisch und griff nach dem Ding, das darauf lag. Es war ein Stein, sehr schwer, ungew�hnlich glatt, und er f�hlte sich fast �lig an. Er war etwa eif�rmig und hatte Runen oder Buchstaben eingeritzt, die ihr nichts sagten.</p><p>�Was soll ich damit tun? Etwa einen Zauber damit versuchen?�</p><p>Ihr erster Gedanke war gewesen, ihn auf das Glas zu schleudern. Bei n�herer �berlegung war das vielleicht keine schlechte Idee. Sie hob den Stein, da tauchte das runzlige Gesicht wieder hinter der Glasw�lbung auf.</p><p>Die Augen des Greises flehten sie an, als er mit den H�nden auf sich deutete.</p><p>Wieder fletschte Sonja die Z�hne, die Nasenfl�gel bl�hten sich auf. Mit aller Kraft schmetterte sie den Stein auf die Kugel. Nur fl�chtig blickte sie dem Gescho� nach, da warnte eine innere Stimme sie, sich auf den Boden zu werfen. Sie tat es sofort und verschr�nkte sch�tzend die H�nde �ber dem Kopf �</p><p>Eine gewaltige Explosion ersch�tterte den Raum, und Sonja wurde kurz vom Boden gehoben. Als sie die Augen wieder �ffnete und nach Atem rang, der ihr geraubt worden war, sah sie lediglich einen undurchdringlichen blauen Dunst und h�rte ein schwaches Scharren, offenbar von dem Greis, ganz in ihrer N�he.</p><p>Dann gellte der Schrei.</p><p>Es war ein grauenvoller Laut, ein qualvolles Dr�hnen wie von einem Gott, der im Kampf schmerzhaft einem Titanen erliegt. Aber er kam nicht von dem Greis am Boden, sondern durch den Gang � ein erschreckender, peinvoller Schrei, der nicht aufh�ren wollte.</p><p>Verwirrt und benommen qu�lte Sonja sich auf die F��e, sp�hte durch die schwindenden D�mpfe auf den Mann am Boden und starrte dann durch die T�r�ffnung.</p><p>Schwere Schritte n�herten sich immer lauter �ber den Gang. Dann f�llte ein Schatten die T�r�ffnung aus � eine Gestalt, die mit ausgestreckten Armen in den Raum taumelte, in den bl�ulichen Dunst und das flackernde Licht der Fackeln an der Wand.</p><p>Daron!</p><p>Sein Gesicht war voller Wut und schmerzverzerrt. Als er Sonja sah, verzogen sich seine Z�ge zu einer Maske des Hasses und Abscheus. Er zog sein Schwert.</p><p>�Sei verdammt!� kreischte er. �Verdammt, verdammt, <emphasis>verdammt</emphasis> in die tausend H�llen! Verdammt, du Ausgeburt der H�lle! Verdammte Rote Sonja, du Schlampe, du Tochter einer Hure und eines D�mons!�</p><p>�Daron! Bei allen G�ttern �!�</p><p>�Du hast meinen Vater get�tet! Sei verdammt! <emphasis>Du hast meinen Vater umgebracht!�</emphasis></p><p>Er riss das Schwert hoch und st�rmte mit schwingender Klinge auf sie zu.</p></section><section><title><p>7</p><p>Ein Pakt</p></title><p>Sonja warf sich zur�ck und entging Darons Sto� nur knapp. Sie stolperte gegen den Tisch, fluchte, als die Schneide ihr �ber den Nacken streifte, und warf sich zur Seite. Ihre Knie schlugen auf den Boden, und sie rollte sich herum. Darons Klinge krachte in den Holztisch hinter ihr. Sie kroch hastig fort von dem wahnsinnigen jungen Zauberer und fand endlich genug Platz, um die eigene Klinge zu ziehen.</p><p>Ein sechster Sinn riet ihr, sich lieber zu ducken, als sie eigentlich aufstehen wollte. Sie rollte wieder herum, und der Luftzug von Darons Schwert pfiff �ber ihrem Kopf.</p><p>�Hol dich Erlik!� br�llte sie. Die Wut verdr�ngte ihren Schock. Als sie einen Stiefel vor ihrem sah und den Schatten eines durch den blauen Dunst auf sie herabsausenden Arms, riss Sonja ihre Klinge vor sich hoch. Die Wucht des Aufpralls beider Klingen l�hmte ihren Schwertarm. Darons Stiefel zogen sich schwerf�llig zur�ck. Dieser Augenblick gen�gte ihr, um auf die F��e zu gelangen und ihn durch den nun viel d�nneren Dunst zu stellen.</p><p>�Verdammt, Daron!� fluchte sie. �Was in Mitras Namen ist in dich gefahren?�</p><p>�Du hast meinen Vater umgebracht!� zischte er.</p><p>�Wie h�tte ich das tun k�nnen?� fragte sie. Sie deutete mit dem Schwert auf den wei�gewandeten Greis, der benommen zwischen den Scherben auf dem Podest herumtastete. �Ich war hier und befreite den alten Mann da aus einer Zauberfalle.�</p><p>�Mein Vater ist tot!� heulte Daron. �Mein ganzes Leben sehnte ich mich danach, ihn wieder zu finden, und im Augenblick, da ich ihn erkenne, <emphasis>mordest</emphasis> du ihn!� Br�llend schwang er erneut die Klinge.</p><p>Sonja fluchte ver�rgert und �berrascht, handelte jedoch sofort. Ihr Schwert parierte Darons, dass Funken aufspr�hten. Und nun fochten sie miteinander, und immer wieder klirrten und scharrten die Klingen aneinander. Sonja t�nzelte nach der einen und der anderen Seite, parierte, hieb, stach und wich aus. Daron war ein gro�artiger Schwertk�mpfer, das wusste sie, denn oft genug hatten sie Seite an Seite gefochten, doch durch ihr geschicktes Fu�spiel entging sie zweimal seinen Streichen und erkannte, dass sie nun die Oberhand gewann.</p><p>Der Greis auf dem Boden st�hnte, doch keiner der beiden achtete auf ihn.</p><p>�Daron, ich hatte nicht die Absicht ��</p><p>�Er ist tot!�</p><p>�Ich werde dich nicht t�ten, Daron. Gib auf!�</p><p>�Mein Vater ist tot!� �chzte er �ber dem Klirren der Klingen.</p><p>�Er war ein Zauberer, verdammt! H�r auf mit diesem Wahnsinn und erkl�r mir ��</p><p>Aber Daron in seiner blinden Raserei schlug erneut zu. Sein Schwert stie� zu wie eine angreifende Schlange, und Sonja musste, �berrascht von seiner Flinkheit und Geschicklichkeit, ein paar Schritte zur�ckweichen. Doch sie parierte seine Klinge und schlug sie zur Seite.</p><p>Als ihr Grimm �ber die Verr�cktheit dieses Streites �berm�chtig wurde, beschloss Sonja, ihn zu beenden. Einen Schritt, zwei Schritte kam sie heran und schwang den Schwertarm im Rhythmus dazu. Daron verfehlte sie zweimal und erschrak pl�tzlich �ber ihre geschickte Verteidigung gegen�ber seinem leidenschaftlichen Verlangen sie zu schlagen, ihr wehzutun, so wie sie ihm � dessen hatte er geglaubt, sicher zu sein � wehgetan hatte. Sonja lenkte gekonnt seine Klinge ab und schwang die eigene zum Streich �</p><p>Doch dann z�gerte sie.</p><p>In diesem Augenblick fing Daron sich, parierte den zaudernden Hieb; doch er selbst war nun langsamer.</p><p>Der Greis auf dem Boden des Podests begann zu keuchen und zu husten. Sie h�rten seine Stimme, aber keiner schaute in seine Richtung. �Was �? Was?� kr�chzte er. Und dann rief er streng, wenn auch mit leicht bebender Stimme: �H�rt sofort auf!�</p><p>Doch Sonja drang wieder vor. Mit drei geschickten Streichen hatte sie Daron gegen den Holztisch gedr�ngt. Mit einem vorget�uschten Schritt zur Seite forderte sie ihn heraus, dann schlug sie sein Schwert seitw�rts und griff erneut an.</p><p>�Aufh�ren, sage ich! <emphasis>H�rt sofort auf!�</emphasis> Sie h�rten, wie der Greis scharrend auf die F��e kam.</p><p>Aus dem Gleichgewicht geworfen, wurde Daron mit dem R�cken �ber den Tisch gedr�ngt, und seine Klinge schnitt ins Holz, niedergepre�t von Sonjas Schwert.</p><p>Und so war er gezwungen, in dieser Lage zu verharren.</p><p>Keuchend starrten sie einander durch die jetzt fast klare Luft an.</p><p>�Daron �?�</p><p>�Lass � mich hoch, Sonja!�</p><p>�Gut, doch zuerst musst du ��</p><p>�Meine Wut � ist vergangen, Sonja.�</p><p>Sie blickte ihm eindringlich in die Augen, denn sie traute ihm nicht. Doch diese Augen verrieten keine Heimt�cke.</p><p>Hinter ihnen schlurfte der Greis herbei. �H�rt auf! H�rt auf! Legt eure Waffen weg, ich flehe euch an!�</p><p>Daron schaute ihn an, doch Sonja drehte sich nicht zu ihm um. �Daron?� fl�sterte sie.</p><p>�Lass mich hoch�, bat er heiser. �Mein Wahn ist vergangen. Verzeih mir, Sonja ��</p><p>Sie traute ihm immer noch nicht, denn sie wusste, dass niemandem zu trauen war, dessen Leidenschaft, gleich welcher Art, zuh�chst erregt war. Sie lockerte den Druck ihres Schwertes, hob es und trat zur�ck, doch noch hielt sie die Schneide nach oben und die Spitze dicht vor Darons Brust.</p><p>Er richtete sich auf, hob seine freie Hand, um sich den Speichel vom Mund zu wischen, dann machte er sich daran, die Klinge aus dem Tisch zu ziehen.</p><p>Er bewegte den Schwertarm langsam. Sonja wich zur�ck und achtete darauf, dass er die Lage nicht zu seinem Vorteil ausn�tzen konnte. Doch Daron blieb vor ihr stehen, geschlagen, gebrochen � doch mehr wegen seines eigenen Gef�hlsausbruches, wie es schien, als wegen Sonjas Sieges im Schwertkampf �ber ihn.</p><p>Er warf das Schwert leicht in die Luft, fing es am Griff mit der Spitze nach unten auf und steckte es in die Scheide, um es klackend ganz hineinzuschieben.</p><p>�Das w�r�s�, sagte er immer noch keuchend.</p><p>Sonja steckte ebenfalls die Klinge in die H�lle und stellte sich neben Daron, dann drehte sie sich zu dem Greis um, doch so, dass sie Daron aus den Augenwinkeln sehen konnte.</p><p>�Bitte�, sagte der alte Mann, �keine Gewaltt�tigkeit mehr. Die Frau tat nur, worum ich sie bat.�</p><p>Alt war er, doch voll Leben und sichtlich Macht ausstrahlend. Er trug ein schimmernd wei�es Gewand und braune Ledersandalen. Sein einziges Schmuckst�ck war ein Ring mit gr�nem Stein am rechten Mittelfinger. Sein Kopf war kahl, doch ein langer wei�er Bart, vereint mit Schnurrbart, wallte weit �ber die Brust. Seine Augen waren grau und durchdringend.</p><p>�Ich wei� nicht, was euch hierher f�hrte�, setzte er fort, �aber ihr kamt gerade noch rechtzeitig, um mich zu befreien, und daf�r bin ich dankbar. Bald w�re es nicht mehr m�glich gewesen, denn ich glaube, die Beschw�rung n�herte sich ihrem H�hepunkt.�</p><p>�Beschw�rung?� echote Sonja. �Wart Ihr deshalb in dieser � Kugel gefangen?�</p><p>Der Greis nickte. �Odurac rief mich vor einem Monat hierher. Wir kannten einander von fr�her und hatten noch eine Rechnung zu begleichen, aber er versicherte mir, dass er meiner Hilfe bed�rfe. Ich kam mit meiner Magie als Waffe hierher und war wachsam. Aber seit unserer letzten Begegnung hatte er ungeheure Kr�fte erworben, deshalb gelang es ihm schnell, mich zu �berw�ltigen und gefangen zu setzen. Doch verzeiht � Ich bin Ban-Itos, ein Fl�chtling aus den �stlichen Landen.�</p><p>�Ich bin die Rote Sonja, eine freie Schwertk�mpferin.�</p><p>�Und Euer Begleiter?�</p><p>Daron kam n�her. Seine Stimme bebte noch vor Erregung. �Mein Name ist Daron. Ich bin � der Sohn Oduracs.�</p><p>Ban-Itos� buschige Brauen hoben sich, die grauen Augen funkelten. �Ah! Ah!� murmelte er. �Des Zauberers Sohn! Bei Hotath und Enlil, jetzt erkenne ich die �hnlichkeit! Seid Ihr Zauberer, wie er? Habt Ihr Verruchtes vor?�</p><p>�Ich habe nie die Zauberei beherrscht. Wie Sonja bin ich S�ldner. Doch kam ich hierher, um meinen Vater zu suchen � Ich sah ihn nicht mehr seit meiner Kindheit.� Darons Gesicht verfinsterte sich. �Und jetzt ist er tot!� Er wandte sich von Sonja ab und schritt weg.</p><p>�So ist Odurac wahrhaftig tot? Ich glaubte es zu sp�ren, als Ihr mich befreit habt, Rote Sonja.�</p><p>�Ist das, was du erz�hlst, wirklich war?� fragte sie. Ihre Stimme klang betr�bt, und sie blickte zu Daron, der stumm in einiger Entfernung von ihnen stehen geblieben war.</p><p>�Ja�, fl�sterte Daron und starrte zu Boden.</p><p>Ban-Itos schaute den jungen Mann an. �Es tut mir leid, dass Ihr Euren Vater verloren habt. Doch sicher ist Euch klar geworden, dass er ein ��</p><p>�Ich � wei�. Er war ein Anh�nger der Schwarzen Magie. Aber ich hatte einen wichtigen Grund, ihn zu finden.�</p><p>�Welcher Grund ist das?� erkundigte sich Ban-Itos. �Verzeiht, es ist nicht Neugier, die mich diese Frage stellen l�sst. Nur etwas von allergr��ter Dringlichkeit kann Euch dazu gebracht haben, diesen Ort aufzusuchen. Und wenn wir alle in demselben Netz gefangen sind, das sich nun schon fast zehn Jahre ausbreitet ��</p><p>Daron drehte sich um und starrte ihn erstaunt an. �Ihr meint � den Stern?�</p><p>�Den Stern?� wiederholte Ban-Itos. �Ah, ich verstehe. Ihr nennt ihn Stern, weil er vom Himmel fiel. Es tut mir leid. F�r mich nenne ich ihn seit so langer Zeit <emphasis>Empu ki Thotak.�</emphasis></p><p>�Thotas� Gott?� Sonja nickte und lachte sp�ttisch.</p><p>�Ja, ein Wortspiel�, antwortete Ban-Itos. <emphasis>�Empu ki Thotak -</emphasis> �Thotas� Gott�. <emphasis>Ampuk i Thotak �</emphasis> �das B�se von Thotas� � Das f�hrte euch hierher?�</p><p>�Ja�, erwiderte Daron.</p><p>Sonja seufzte tief. �Es ist eine seltsame Geschichte, Ban-Itos � eine lange Reise mit vielen Gesichtern und Geschichten, und vielem � anderen ��</p><p>�Ich glaube�, sagte der Greis nachdenklich, �dass uns dreien das gleiche Geschick eigen ist. Es w�re gut, wenn wir ihm gemeinsam folgten. W�ret ihr bereit?�</p><p>Sonja nickte und blickte zu Daron.</p><p>�Mir ist es recht�, murmelte er.</p><p>Ban-Itos streckte den Arm aus einem wallenden �rmel und deutete auf die T�r. �Vielleicht�, meinte er, �w�rde uns allen frische Luft gut tun.�</p><p>Das fand Sonja auch. Als erste schritt sie zur T�r. und blickte zur�ck.</p><p>�Bitte�, sagte Ban-Itos mit ruhiger Stimme zu Daron. �Ich f�hre nichts B�ses gegen Euch im Schild, wie Ihr gewiss sp�rt. Was immer auch unsere Wege zusammenbrachte � bitte, lasst uns dar�ber reden und feststellen, wohin es uns als n�chstes schicken will.�</p><p>Z�gernd durchquerte Daron den Raum und ging ohne aufzublicken an Sonja vorbei. Seine Schritte hallten hohl auf dem Gang in Richtung der fernen Au�ent�r.</p><p>Sonja schaute Ban-Itos an, der auf sie zukam. �Oduracs Sohn�, murmelte er zu sich, als staune er immer noch �ber diese Tatsache.</p><p>�Ja�, versicherte ihm Sonja. �Oder glaubt Ihr es nicht?�</p><p>�Doch, doch. Odurac war voll �berraschungen. Vielleicht ist das bei seinem Sohn auch der Fall.�</p><p>�Zweifellos�, best�tigte Sonja leise. �Zweifellos �� Sie folgte Ban-Itos auf den Gang.</p><empty-line/><p>Der Morgen war noch ein schwacher Graustreifen am �stlichen Horizont, als sie aus dem Berg traten. Die beiden Pferde begr��ten wiehernd ihre Reiter. Sonja ging zu ihnen, t�tschelte sie, sprach beruhigend zu ihnen, dann kehrte sie zu Ban-Itos und Daron zur�ck, die sich in einiger Entfernung voneinander auf die gespaltenen Steinstufen der breiten Treppe gesetzt hatten.</p><p>Ein feuchter, k�hler Wind blies. Die frische Luft war belebend. Sonja atmete ein paar Mal tief ein, ehe sie sich neben Ban-Itos niederlie�.</p><p>�Sonja�, sagte Daron mit leiser, angespannter Stimme und schaute sie an. �Ich m�chte mich entschuldigen f�r � f�r das, was mich �berkam.�</p><p>Sie musterte ihn. Ihr Herz schlug heftig, ihre Gef�hle spielten pl�tzlich verr�ckt, was offenbar zur Gewohnheit zu werden schien, wann immer sie Daron anschaute.</p><p>Doch ein unverf�ngliches Brummen war ihre einzige Antwort, ehe sie sich wieder Ban-Itos zuwandte. �Erz�hlt uns doch bitte, wie es dazu kam, dass Odurac Euch gefangen setzen konnte. Dann sollt Ihr von uns erfahren, wie wir hier herkamen und weshalb der Stern so wichtig f�r uns ist.�</p><p>Ban-Itos nickte und begann mit seiner Geschichte. Als die Nacht sich allm�hlich zur�ckzog und das fr�he Grau des Morgens durch die B�ume fiel, erkannte Sonja langsam ein Muster in den Dingen, die Daron und sie beunruhigt hatten, seit sie in das Land Bo-ugans gekommen waren.</p><p>�Als der Stern vor zehn Jahren herabfiel�, erz�hlte Ban-Itos, �erkannten sowohl Odurac als auch ich seine Bedeutung und die Gefahr, die er dem Land brachte. Odurac schlug vor, dass wir unsere Meinungsverschiedenheiten vergessen und zusammenarbeiten sollten, um seine Macht aufzudecken � und aus der Ferne Thotas� dem Wahnsinn entsprungene Absichten zu verhindern. Doch in Oduracs Herzen brannte noch der Zorn auf mich, und bald wurde mir klar, dass er den Stern f�r seine eigenen verruchten Zwecke haben wollte.</p><p>Ich habe mich immer bem�ht, mich an den <emphasis>Dilu�um �</emphasis> den Weg � zu halten und meine Macht nicht zu missbrauchen. Ich habe unter vielen Meistern studiert, einmal auch, vor langer Zeit unter Thotas in demselben Tempel, den er jetzt zur H�lle gemacht hat. Ich war immer entschlossen, die Magie zu beherrschen und mich nie von ihr beherrschen zu lassen. Ich glaube, das gelang mir auch. Doch Odurac, wie so viele unserer Art, erstrebte die absolute Macht, f�r die die Zeitspanne, eines Lebens nicht ausreicht. Er verga�, dass er sterben und zur�ckkehren muss, wieder und immer wieder, beladen mit der Last seiner fr�heren Leben. Statt dessen versuchte er sein jetziges Leben in alle Ewigkeit zu verl�ngern und �ber Welten zu herrschen. Deshalb fachte sein Neid auf Thotas und sein Verlangen nach dem Stern die Feuer seiner Machtgier bis zum Wahnsinn an.</p><p>Es ekelte mich so an, dass ich Odurac schlie�lich verlie�. St�ndig auf Wanderschaft, bem�hte ich mich, Thotas� Macht auf meine Weise einzud�mmen, und zwar mit Hilfe eines Gegenzaubers. Doch im Schutze seines Ordens und durch seine geballte Macht im Tempel stellte er einen zu starken Gegner f�r mich dar.</p><p>Mehrere Jahre zog ich so durch die Lande und arbeitete unerm�dlich daran, Thotas� Kr�fte in Schranken zu halten, bis ich eines Nachts einen Traumruf von Odurac erhielt. Ich glaubte ihm, dass er es ernst meinte, als er vorschlug, wir sollten unsere Unstimmigkeiten vergessen und uns wieder zusammentun. Tief in meinem Herzen hoffte ich, ich k�nnte Odurac bekehren, sich wieder f�r den wahren Weg zu entscheiden. Deshalb kam ich hierher. Das war vor nicht ganz einem Monat.�</p><p>Der alte Magier seufzte schwer. �Ich muss gestehen, Odurac gelang es sehr gut, mich zu t�uschen, mich mit Versprechen zu blenden, die zu halten er nie beabsichtigte. Weil ich ihm glauben wollte, lie� ich in meiner Wachsamkeit nach. Ich hatte keine Falschheit im Herzen, doch Falschheit war das einzige, was Oduracs Handeln bestimmte. Er hielt mich in der Kugel gefangen, um mich als Opfer zu missbrauchen. Dann begann er mit dem langen Ritual, durch das er hoffte, mit Hilfe der Uralten meinen Geist gegen Macht �ber Thotas eintauschen zu k�nnen, ja vielleicht gar gegen den Besitz des Sterns. Er war v�llig von Zauberleidenschaft besessen; er wollte doch wahrhaftig die Kosmischen Elemente dazu bewegen, sich f�r ihn einzusetzen!. Es war schon Irrsinn, dieses Wagnis einzugehen! Und ich hatte unwahrscheinliches Gl�ck, dass Ihr, Rote Sonja, und Daron zu diesem Zeitpunkt hier hergekommen seid. Gewiss war es schicksalsgewollt, dass Ihr mich befreit!�</p><p>Daron warf ihm einen Blick zu, schwieg jedoch.</p><p>Sonja aber, die mehr �ber den Stern erfahren wollte, fragte Ban-Itos eifrig: �So wisst Ihr also, was dieses Ding ist, das da vom Himmel fiel?�</p><p>�Ich vermute�, antwortete er, �dass es sich um einen <emphasis>Ajar-Alazwat</emphasis> handelt, das ist eine der Kreaturen der Alten G�tter, die die Kraft aller leidenden Lebewesen anziehen und sie ihren Herren weiterleiten. Der, den Thotas gefangen hat, muss Jahrhunderte in der Leere zwischen den Sternen umhergetrieben sein, nach seiner Gier zu schlie�en, mit der er die Kr�fte von Lebewesen aufsaugt. Thotas und seine Vorg�nger brauchten viele Generationen, um ihn vom Himmel zu rufen, und nun ist er von ihrer Erdmagie gebunden � allerdings sp�re ich, dass Thotas ihn nicht auf die Dauer halten kann. Es k�nnte sogar einer der Urg�tter selbst sein, doch bezweifle ich das, denn sein Fluch breitete sich nur langsam aus. Was immer es auch sein mag, es ern�hrt sich von der Lebenskraft der Erde, denn es wird alle unsere Kr�fte mit Hass vergiften, und es kann uns vernichten � zun�chst den Tempel, dann die Steppen, danach die St�dte, viele Heiligt�mer und Volk um Volk. <emphasis>Wenn</emphasis> es ein Urgott ist, kann er uns aussaugen, bis die ganze Erde nur noch eine Aschenebene ist. Thotas ist verr�ckt, wenn er sich einbildet, er k�nnte so etwas seinem Willen unterwerfen!�</p><p>�Aber zehn Jahre sind inzwischen vergangen�, warf Sonja ein, �und es ist immer noch Thotas� Gefangener!�</p><p>�Ver�ndern die Lande ringsum sich nicht auf verh�ngnisvolle Weise? Und werden nicht immer mehr Menschen krank? Die gewaltigen M�chte vor den Tagen Acherons und Valusiens � weder Zauberer, noch D�monen, sondern die ungeheuren Kr�fte der Sch�pfungsd�mmerung � waren so: langsam, aber unausweichlich. Was sind einem, der schon immer lebte, denn zehn Jahre? Wie kann er zehn Jahre messen? So wie wir Tr�nen oder Sandk�rner? Was bedeutet uns beispielsweise das ganze Leben einer Eintagsfliege?�</p><p>�Dann muss es vernichtet werden!� erkl�rte Sonja grimmig.</p><p>�Wenn m�glich, ja. Zumindest aber von Thotas befreit und in die Leere zwischen den Sternen zur�ckgeschickt! Thotas� Zauberbann um es muss gebrochen werden, wenn wir die Welt retten wollen.�</p><p>�Aber � wie k�nnen wir das?� fragte Sonja. �Wenn der Stern so m�chtig ist, und wenn Thotas und sein Orden seine Kr�fte lenken ��</p><p>�Vielleicht mit einer der kostbarsten Kr�fte, die Zauberern bekannt ist�, beantwortete Ban-Itos Sonjas Frage, blickte dabei jedoch Daron an. �In seinem Leben ist die Magie eines Zauberers durch seine irdische, k�rperliche Existenz beschr�nkt. In seinem Tod dagegen kennen seine Kr�fte keine Grenzen, wenn sie richtig angewandt werden.�</p><p>Daron starrte ihn an, aber er verstand bereits. Es ging um etwas Elementares! Weshalb sonst sammelten Zauberer die Gebeine oder den Staub l�ngst toter Hexer oder zauberbehafteter Dinge? Weshalb sonst war eine Haarstr�hne, ein St�ck Fingernagel, ein wei�gebleichter Knochen so m�chtig? Oder � die Asche eines Zauberers? Ja � Asche �</p><p>�Euer Vater ist tot�, sagte Ban-Itos ernst zu Daron.</p><p>�Sofort verkohlt�, erkl�rte Daron, �als die Kr�fte seiner Zauberei �ber ihm zusammenbrachen.�</p><p>�Doch seine Asche ist �brig geblieben?�</p><p>Daron nickte. �Und sie gl�ht immer noch blau von der Kraft dessen, was er heraufbeschworen hatte � was er ins Leben rufen wollte.�</p><p>�Wir werden diese Asche brauchen.�</p><p>�berrascht blickte Sonja von einem zum anderen.</p><p>�Daron�, fuhr Ban-Itos fort. �Ich muss diese Asche an mich nehmen. Ich muss sie benutzen. Ich werde sie brauchen, um Thotas vernichten zu k�nnen. Aber es w�re mir viel lieber, wenn ich es mit Eurem Einverst�ndnis und Eurer Unterst�tzung tun k�nnte. Gebt Ihr mir die Asche Eures Vaters, damit Ihr und ich � nein, wir drei � unseren Pakt besiegeln und die Welt von diesem �bel befreien k�nnen?�</p><p>Daron schien lange dar�ber nachzudenken, doch in Wirklichkeit hatte er sich bereits entschieden. �Ich muss mich�, sagte er schlie�lich, �Euren W�nschen beugen, Ehrw�rdiger. Ich habe mich entschlossen, diese Reise zu machen, um Bo-ugan in seinem Kampf unterst�tzen zu k�nnen und um meinen Vater zu suchen. Ich habe ihn gefunden. Vielleicht ist seine Asche die Antwort � das Bindeglied zwischen beiden Gr�nden meiner Reise.�</p><p>�Ihr seid weise und gut.� Ban-Itos legte seine Handfl�chen gegeneinander und verneigte sich in dem alten Gru� zwischen gleichgesinnten Seelen.</p><p>�Nicht so sehr weise�, entgegnete Daron, �obgleich ich vielleicht lerne. Und gut? Gut f�r ein paar Dinge, nehme ich an. Ihr �berw�ltigt mich mit Eurer Schlichtheit und Ehrlichkeit.�</p><p>�Wenn Ihr von mir lernen k�nnt, junger Mann, dann tut es, denn ich versuche von Euch zu lernen.� Nach diesem Kompliment erhob der alte Zauberer sich und ging die paar Stufen zu Daron, um ihm die Hand entgegenzustrecken.</p><p>Daron blickte zu ihm hoch, dann erhob er sich langsam und griff z�gernd nach Ban-Itos Arm �ber dem Handgelenk, genau an der Stelle, wo der Greis seinen nahm. Ein ehrf�rchtiger Schauder durchzog Daron, als er in die Augen des alten Mannes blickte, doch konnte er nicht sicher sein, ob das, was er in ihnen sah, wahrhaftig dort oder nur eine Spiegelung seiner eigenen Ersch�pfung war. Er neigte sich n�her zu dem Zauberer und presste sein Gesicht an Ban-Itos� Schulter.</p><p>Ger�hrt von Darons Gef�hlsaufwallung, erhob sich Sonja.</p><p>�Ich wurde aus Verderbtheit geboren�, wisperte Daron dem Greis mit rauer Stimme zu. �Weist mir den Weg, Vater Itos. <emphasis>Emoi sedoli ai su dilu�um, pos Itos-ban!�</emphasis></p><p>�Es ist geschehen!� versicherte der Greis ihm in beruhigendem Ton. �Ihr seid gekommen, um Hilfe zu suchen, und Ihr habt sie gefunden � wie ich auch.� Er blickte �ber Darons Schulter, als der junge Mann ihn umarmte, und sah im Osten die Sonne in all ihrer Pracht aufgehen, und tief im Westen, wo der Mond versank, den roten Planeten Nilitu.</p><p>�Seht her, Daron kos Odurac�, sagte er und l�ste sich sanft von ihm. Er deutete gen Osten, dann nach Westen. �Die Sonne, die G�ttin der Lebenskraft, schickt uns ihre Strahlen, dagegen gehen der Mond und Nilitu unter, die Zwillinge der Schatten und Finsternis. Im ewigen Kampf gegen ihre Herrschaft schlossen wir unseren Pakt, Ihr und ich.� Dann f�gte er die uralten Worte hinzu: �Ihr f�hrt, ich werde folgen und Euch unterwegs zufl�stern.� Er blickte Daron fest in die Augen. �Mein Sohn ��</p><p>Wieder umarmten sie sich, so wie M�nner es tun, wenn ein starkes Gef�hl sie miteinander verbindet.</p><p>Sie fr�hst�ckten in der strahlenden Morgensonne, dann kehrten sie in den Berg zur�ck, um die Asche des Zauberers Odurac einzusammeln. Daron bestand darauf, es allein zu tun. Er f�llte sie in einen Lederbeutel und legte einen gro�en blauen Stein dazu, den er in seines Vaters Arbeitsgemach gefunden hatte. Anschlie�end steckte er den Beutel unter sein Wams.</p><p>Als sie sich zum Aufbruch anschickten, bot Sonja Ban-Itos ihr Pferd an.</p><p>�Es macht mir nichts aus zu laufen�, versicherte sie ihm.</p><p>Sie hatte es gut mit ihm gemeint und war �berrascht, als der Greis ablehnte. Doch Darons Angebot nahm er genauso wenig an.</p><p>�Es ist besser, wenn ich auf der guten Erde schreite, denn von ihr bekomme ich meine Kraft. Ich bin in meinem Leben weit gewandert, immer mit beiden F��en fest auf der Erde. Sie ist meine Macht.�</p><p>Daron nickte entschlossen. �Dann werde auch ich zu Fu� gehen � neben Euch, Meister Ban-Itos.�</p><p>Der alte Zauberer l�chelte. �Das ist eine gute Entscheidung�, lobte er.</p><p>Sonja, die praktisch veranlagt war und keineswegs beabsichtigte, Zauberkr�fte aus der Erde oder sonst woher zu gewinnen, schwang sich in den Sattel und trottete neben den beiden M�nnern, die Stute f�hrte sie am Z�gel hinter sich her.</p><p>�Wir werden mehr als nur Oduracs Asche brauchen�, sagte Ban-Itos zu Sonja und Daron. �Eine Armee w�re nicht schlecht.�</p><p>�Eine Armee versucht seit zehn Jahren, den Tempel einzunehmen�, erinnerte Sonja ihn.</p><p>�Eine Armee�, wiederholte Ban-Itos, �doch diesmal verst�rkt durch die Kr�fte der Magie.�</p><p>Sonja fiel schnell eine M�glichkeit ein. �S�ldner�, sagte sie.</p><p>�Ja�, pflichtete Daron ihr bei. �Eine S�ldnerarmee, um Bo-ugans Streitkr�fte zu verst�rken. Viele werden sich schon allein durch die Erw�hnung von Macht und die Aussicht auf die Sch�tze der Zikkurat verlocken lassen.�</p><p>Ban-Itos hielt mitten im Schritt inne und stellte den Beutel, den er bei sich trug, auf die staubige Stra�e. Er �ffnete ihn, kramte darin herum und holte so einiges heraus, das Sonja und Daron erstaunt Luft holen lie�: einen goldenen Kelch, M�nzen und Broschen, Amulette aus reinem Silber, viele goldene und silberne Fingerringe, Armreifen und Kettchen sowie eine gro�e Zahl buntgemischter Edelsteine.</p><p>�Wo habt Ihr denn das her?� fragte Sonja ihn verbl�fft.</p><p>Mit einem Kopfnicken deutete Ban-Itos den Weg zur�ck, den sie gekommen waren. �Aus dem Berg des Zauberers! Odurac hauste in einer wahren Schatzkammer. Unter dem Gescho�, in dem wir seine Asche fanden, gab es ein weiteres mit H�hlen, in denen er seinen Reichtum untergebracht hatte. So manches davon hatte er herbeigezaubert, anderes gestohlen, weiteres im Tauschhandel von D�monen erworben, um es als Verhandlungsgrundlage mit anderen M�chten zu benutzen.�</p><p>�Wie viel?� fragte Sonja.</p><p>�Genug jedenfalls, um einen Thron zu kaufen � oder eine S�ldnerarmee zu bezahlen.�</p><p>�Gro�artig!� freute sich Sonja. �Bei Mitra, Ban-Itos, f�r einen Weisen und Zauberer seid Ihr wahrhaftig praktisch veranlagt.�</p><p>�Ich schreite mit beiden F��en fest auf der Erde�, erinnerte er sie.</p><p>�Wenn wir mit solchen Sch�tzen locken, k�nnen wir jeden S�ldner weit und breit anwerben!�</p><p>�In der N�he ist eine kleine Ortschaft�, sagte Ban-Itos. �Wir k�nnten dort mit dem Anwerben anfangen. Und nicht ganz zwei Tagesreisen weiter ist die Handelsstadt Ikrahad ��</p><p>�Ihr scheint diesen Plan sehr gut durchdacht zu haben, Meister Ban-Itos. Wahrscheinlich schon, bevor Sonja und ich Eure Bekanntschaft gemacht hatten?� erkundigte sich Daron.</p><p>�Ja�, best�tigte der Greis. �Das stimmt. F�r Magier gibt es nie ein Morgen, sondern immer nur ein Heute voll endloser M�glichkeiten. Heute also, und viele Gestern � unentwegt, wie mir nun scheint � studierte ich meine Spiegel und Edelsteine und Weinschalen, um zu ergr�nden, wie Thotas unsch�dlich gemacht werden k�nnte. Ich sagte euch, dass es uns vom Schicksal bestimmt war zusammenzukommen. Es war unvermeidlich.�</p><p>�Ihr wusstet demnach, dass <emphasis>wir</emphasis> es sein w�rden?� fragte Sonja leicht beunruhigt. �Ihr wusstet, dass wir kommen w�rden, lange ehe wir ��</p><p>�Nein!� verbesserte Ban-Itos sie. �Wie ich Euch sagte, gibt es kein Morgen � nur die st�ndigen M�glichkeiten eines immer wieder neuen Heute. Ich wusste, dass jemand kommen w�rde, mir zu helfen. Ich wusste nicht, ob dieser Jemand rechtzeitig k�me, um mein gebrechliches Leben zu retten. Ich wusste nicht, was die Bestimmung war, und auch nicht, ob ich einen Platz in ihr hatte. Aber ich wusste, dass sie unausbleiblich war � und f�r mich g�nstig, so hoffte ich.�</p><p>Schweigend setzten sie ihren Weg fort, und Sonja gr�belte �ber Ban-Itos� Worte nach.</p><p>Am Abend schlugen sie ihr Lager auf einem kleinen H�gel auf, und unter ihnen, in einem weiten bewaldeten Tal entdeckten sie die Ortschaft.</p><p>Nach dem Nachtmahl zog Ban-Itos sich in den Wald, der sie umgab, zur�ck, um zu meditieren und Kraft zu sch�pfen. Sonja blieb am Feuer sitzen und g�hnte hin und wieder. Daron kauerte neben ihr. Der Mond ging auf, und Daron blickte zu ihm hoch.</p><p>Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen, dann sagte Daron mit schwerer, ahnungsvoller Stimme leise: �Mir ist wahrhaftig eine Bestimmung auferlegt, Sonja, nicht wahr?�</p><p>�Ja ��</p><p>�Genau wie dir.�</p><p>�Ja, Daron.�</p><p>�Innerhalb eines Monats werden wir zur�ck sein in Bo-ugans Dorf, zur�ck im Tempel der Roten Sonne. Mit einer Armee. Und mit der Asche eines � Zauberers.�</p><p>�Ja, Daron.�</p><p>�Und <emphasis>ich</emphasis> bin ein Zauberer, Sonja.�</p><p>�Ja �� Sie blickte ihn an, beobachtete ihn nachdenklich.</p><p>Er wandte sich ihr zu. �Aber mein Herz geh�rt mir, Sonja. Und ich liebe dich. Verzeih mir, was ich bin, was ich getan habe, aber � ich liebe dich, Sonja.�</p><p>Sie antwortete mit ihrer Hand, die sich in seine legte. Und im Schein des Feuers beugte sich Daron zu ihr, und sie kam ihm entgegen. Sie k�ssten sich � wie Liebende sich k�ssen, lang und sanft und inbr�nstig �, bis die Schwermut �ber das, was sie waren, sie wieder trennte. Dann sa�en sie Hand in Hand beisammen, starrten ins Feuer, lauschten dem Schlag ihrer trommelnden Herzen und hielten sich an ihre Bestimmung, ohne dass sie von ihr freikamen, wie die Liebe es Liebenden manchmal gew�hrt.</p></section></section><section><title><p>TEIL ZWEI</p><p>Die R�ckkehr</p></title><section><title><p>8</p><p>S�ldner</p></title><p>Von der Grenzstadt Ikrahad kommend, ritt an einem frischen k�hlen Herbstmorgen eine gewaltige S�ldnerarmee dahin, voll Eifer, endlich auf dem Weg zu Eroberung und Reichtum zu sein � auf dem Weg in den Krieg.</p><p>Das Anwerben war erfolgreich gewesen in Ikrahad und den umliegenden Ortschaften, denn die Stadt lag an der n�rdlichen Haupthandelsroute zwischen den hyrkanischen K�nigreichen und den Landen, die im Osten an die Vilayetsee anschlossen. In ihren schmalen Stra�en fanden sich Reisende und Abenteurer aus vielen L�ndern: hochgewachsene, selbstbewusste Turaner in feingeschmiedeter R�stung, dunkle Zamorier mit Dolchen unter den Gew�ndern, dunkelblonde hyborische Krieger aus Brythunien und Hyperborea, hellh�utige Barbaren von riesenhafter Statur aus dem fernen Nordheim und selbst vereinzelte Wanderer aus Landen so weit westlich wie Cimmerien, Argos und Zingara. Ban-Itos� Verhei�ung von reicher Beute zog sie alle an: freie Schwertk�mpfer, S�ldner, k�ufliche Meuchler; die Guten und B�sen, die Schuldlosen und Schuldigen, die Gelegenheitsgauner, die zu allem bereit waren, und die ehrlichen M�nner, die wegen schlechter Ernten oder Barbaren�berf�llen ihr Zuhause verloren hatten. Mehr als einmal mussten Sonja, Daron und Ban-Itos M�nner abweisen, die von fr�her H�ndel mit bereits Angeworbenen hatten, damit nicht pl�tzlich zwischen den Leuten sinnlose Streitigkeiten ausbrachen.</p><p>Doch wenn dies dennoch geschah, lie� es sich recht bald zum Guten wenden. Daron staunte immer wieder �ber den Mut und die Weisheit Ban-Itos�, denn der kleine, zerbrechliche Greis hielt Abend um Abend seine Bataillone rauer Gesellen in Bann.</p><p>�Wir ziehen in den Krieg!� sagte er zu ihnen. �Doch wer von euch bef�rchtet, dass sein Schwert zaudern k�nnte, verlasse uns lieber jetzt gleich und pl�ndere anderswo.�</p><p>Dann lie� er durch eine einfache Handbewegung die Flammen des Lagerfeuers hoch auflodern oder fast erl�schen, oder das Fackellicht pl�tzlich heftig flackern. So verschaffte er sich bei den leichtgl�ubigen Soldaten genug Ehrfurcht und Achtung, dass sie ihm gehorchten. �Wir ziehen gegen eine Tempelfestung voll M�nner, die Zauber wie diese bewirken k�nnen. Ich kann euch nicht versprechen, dass meine Magie imstande ist, euch stets zu sch�tzen. Ihr m�sst schon selbst etwas dazu tun, auf welche Weise ihr auch immer gelernt habt zu k�mpfen und zu �berleben. Und wenn wir siegen � und wir <emphasis>werden</emphasis> siegen, selbst wenn einige von euch fallen �, findet ihr genug Gold und anderen Reichtum, dass ihr euer Leben lang nichts mehr zu tun braucht, oder ihr k�nnt euch einen eigenen S�ldnertrupp aufbauen, oder eben tun, was euch beliebt. Daf�r, dass ihr gegen das Unirdische k�mpft, verspreche ich euch irdische Belohnung!�</p><p>Bei diesen Worten hob er goldene Kelche oder H�ndevoll M�nzen. Und manchmal las er in den Augen einiger und rief sie zu sich, damit sie das Gold und Silber ber�hrten, und ihre sichtliche Befriedigung �berzeugte so manchen Zweifler in der Menge.</p><p>�Es interessiert mich nicht, wer ihr seid, oder weshalb ihr euch uns angeschlossen habt, auch nicht, was ihr gutmachen wollt oder mit welcher Schlechtigkeit in eurem Herzen ihr leben m�sst�, sagte Ban-Itos zu ihnen. �Ich habe euch angeworben � ich, dieser Mann Daron und diese Frau Sonja �, und ihr werdet unsere Befehle ausf�hren. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann geht jetzt. T�uscht ihr uns etwas vor, wird meine Magie es entlarven und euch daf�r zerschmettern. So ist unsere Gerechtigkeit hier. Ich bin ein Zauberer. Eure Schwerter sind t�dlich, doch sie k�nnen mir nichts anhaben. Euer �rger mag brennen, doch ist er nicht imstande, mich zu versengen. Eure Arme m�gen stark sein, doch gegen mich sind sie schwach. Denkt daran! Doch wenn ihr wirklich mit uns k�mpfen wollt, so werden unsere vereinten Kr�fte Thotas und seinen Tempel der Ungeheuer schlagen. Danach k�nnt ihr alle eures eigenes Weges ziehen, und ihr seid reich, weil ihr mit uns gefochten habt. Doch solange ihr mir untersteht, werdet ihr tun, was ich befehle � oder ich t�te euch! Vielleicht seht ihr in mir einen schwachen Greis, doch ihr d�rft mir glauben, ich verf�ge �ber die Macht eines D�mons, und meine Rache gegen�ber Verr�tern ist t�dlich!�</p><p>Sonja und Daron wussten, dass vieles, was Ban-Itos behauptete, nicht der Wahrheit entsprach. Er war kein D�mon, und er w�rde nur im �u�ersten Notfall t�ten. Doch seine gebieterischen Worte und die Proben seiner Zauberk�nste dienten als Warnung f�r die Aufr�hrerischen unter der Menge, und das w�rde ihnen unterwegs viel Zeit und Schwierigkeiten ersparen.</p><p>Zu den letzten, die sich ihnen zugesellten, geh�rten Ostor und seine wilde Schar. Sonja und Daron machten Ban-Itos darauf aufmerksam, dass diese Bande Unruhestifter sein mochten, doch der alte Zauberer war entschlossen, einen jeden aufzunehmen, der keine regelrechte Blutfehde mit irgendeinem anderen hier hatte. �Wenn es Unstimmigkeiten zwischen Ostors und Bo-ugans M�nnern gibt�, antwortete er auf ihre Einw�nde, �dann werden sie zur richtigen Zeit behoben, und zwar durch mich, nicht durch die M�nner selbst. Ich habe vor, mich zu einem gegebenen Augenblick immer nur mit einer Sache zu besch�ftigen!�</p><p>W�hrend der Wochen der Anwerbung in Ikrahad lernten Sonja und Daron Ban-Itos besser kennen, und die Achtung beider vor ihm wuchs. Sonja nickte so manchesmal zu sich selbst, �ber Dinge, die Ban-Itos sagte, andeutete oder vorf�hrte. Daron folgte ihm wie ein Sch�ler dem weisen Lehrer und bekam von dem alten Magier die ersten Unterrichtsstunden in Zauberei; eine Begabung dazu hatte seit seiner Geburt in ihm geschlummert. Und Ban-Itos war mit seines Sch�lers Geschicklichkeit und Entschlossenheit sehr zufrieden. Beide hatten dasselbe Ziel im Auge, doch Sonja fragte sich manchmal, ob es wahrhaftig die Vernichtung Thotas� war. Denn w�hrend so mancher fr�heren Abenteuer hatte sie festgestellt, dass die angeblichen Ziele von Zauberern h�ufig nur Tarnung f�r ihre wahren Absichten waren.</p><p>Gegen Ende des Monats verlie�en Ban-Itos, Daron, Sonja und ihre buntgew�rfelte Armee Ikrahad. Die Stadt�ltesten waren keineswegs traurig, sie zu verlieren, im Gegenteil, f�r sie war damit ein Gebet erh�rt worden. Als die letzte Staubwolke der forttrabenden Pferde sich �ber der Stra�e aufl�ste, z�ndeten die Priester von Ikrahad dankbar R�ucherschalen an und hofften, dass nie wieder eine so raue und gef�hrliche Meute sich in der Gegend sammeln, ihre Stadt beschmutzen und ihre T�chter bel�stigen w�rde.</p><p>Doch Sonja, die den Aufbruch dieser Armee von ihrem Lager �stlich des Stadttors aus beobachtete, versp�rte ein Prickeln, ja sogar etwas wie Stolz. Dreitausend Mann stark war sie, zwar keine gro�e Armee, aber doch die gr��te Kriegertruppe, bei deren Zusammenstellung sie je mitgewirkt hatte. Auf der Stra�e gen Osten zog sie dahin, auf die Steppe zu, aufgeteilt in Dutzende buntgemischter Abteilungen, und die Krieger sangen die Marschlieder ihrer Heimat, und ihre Augen gl�nzten in Erwartung der Beute und des Ruhms. Ihr Anblick lie� Sonjas Herz h�her schlagen, obwohl sie die Wahrheit selbst �ber die Schlimmsten kannte, und fl�chtig bem�chtigte sich ihrer das Gef�hl, das gro�e Feldherrn zu gro�en Eroberungen f�hrt.</p><p>Und so zog die Armee fort von Ikrahad in das weite Steppenland, in der Hoffnung auf Gold und Abenteuer, um ein Land, das sie noch nie zuvor gesehen hatte, von tyrannischer Zaubermacht zu befreien.</p><empty-line/><p>Ban-Itos� S�ldnerarmee kam Tag um Tag weiter ostw�rts. Sie brach im Morgengrauen auf und schlug ihr Lager auf, wenn die Sonne am Horizont verschwand. Es kam zu keinen Streitereien, zu keiner Unzufriedenheit. Die Truppe war guten Mutes und bester Hoffnung, und die Ehrfurcht, die ihr Magierf�hrer sich verschafft hatte, hielt sie auch von �bertriebenen Begeisterungsausbr�chen ab.</p><p>Eines Tages sahen sie fern im S�dosten ein dunkles Wolkenband, das sich unbewegt tief �ber den Horizont erstreckte. Am n�chsten Tag war es n�her und gr��er, und am Tag darauf noch gr��er. Es war unheimlich, wie es reglos am Himmel hing und sein Grau sich in der unteren Schicht zu einem grimmigen Purpur f�rbte, wie ein riesiger Deckel �ber dem Land.</p><p>Tag um Tag, w�hrend sie sich dem Fluss n�herten und ihm dann aufw�rts zu Bo-ugans Dorf folgten, wuchs ganz allm�hlich eine seltsame Anspannung unter den M�nnern dieser S�ldnerarmee, besonders aber sp�rte Sonja sie bei Daron. Er sprach nur noch selten, und wenn, dann haupts�chlich zu Ban-Itos. Er wanderte auch nach dem Abendessen oft allein durch die Wiesen und �ber die sanften H�gel und stahl sich des Nachts aus dem Lager in die Dunkelheit, um ungest�rt seinen Gedanken nachzuh�ngen. Er sprach zu Sonja auch nicht mehr �ber seine Liebe zu ihr.</p><p>Dagegen unterhielten Sonja und Ban-Itos sich nun h�ufig miteinander, wenn die Krieger sich nach des Magiers Kostproben seiner Zauberkr�fte friedlich zur�ckgezogen hatten, denn nun hatte Sonja mit ihrer gro�en milit�rischen Erfahrung die F�hrung der Armee �bernommen. Doch immer noch erbat sie sich Ban-Itos� Rat in Dingen, die �ber praktische Erfahrung hinausgingen. W�hrend eines ihrer Gespr�che, eine Nacht von Bo-ugans Dorf entfernt, sagte der greise Zauberer zu Sonja: �Ich bin auf dem Weg in meinen Tod.�</p><p>Erstaunt blickte sie ihn an. �Was meint Ihr damit? Doch nicht, dass Thotas Euer Ende sein wird?�</p><p>Er zuckte die Schulter. �Thotas mag das Werkzeug sein, doch nicht der wahre Grund. Dieses Leben ist fast zu Ende f�r mich. Es wird Zeit, dass ich mich neuen, anderen Dingen zuwende.� Er blickte sie streng an. �Sagt es Daron nicht!�</p><p>�Nat�rlich nicht, Weiser. Aber kann seine Zauberei uns helfen, wenn Eure versagt oder Ihr sterbt?�</p><p>Bed�chtig antwortete der Greis. �Sie kann es, wenn er es will, wenn er imstande ist, den Kampf in seinem Innern zu schlichten.�</p><p>�Er k�mpft mit sich, seit ich ihn kenne. Das ist zwar noch nicht sehr lange, trotzdem kommt es mir manchmal vor, als w�re es � eine Ewigkeit. Zwischen uns ist etwas ��</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Er liebt mich. Und ich, Ban-Itos � Ehrw�rdiger, ich liebe ihn, und ich f�hle mich zerrissen.�</p><p>�Euer Kampf ist nicht neu; er ist alt, sehr alt. Ihr beide k�mpft in Eurem Innern.�</p><p>Beim Ton seiner Stimme wurde es Sonja kalt ums Herz � nicht aus �rger, sondern aus Angst. �Was � meint Ihr, Ban-Itos?� fragte sie und f�rchtete seine Antwort.</p><p>�Ihr habt schon vor dieser Zeit gelebt, Ihr beide � und habt Euch in vergangener Zeit gekannt. Vielleicht schon viele Male. Jedes Leben sucht neue Antworten zu alten Fragen.�</p><p>�Wir haben uns beide schon � fr�her gekannt?�</p><p>�Und Euer Problem l�st sich m�glicherweise auch in diesem Leben nicht, Sonja. Ihr beide kehrt vielleicht immer wieder, bis in fernste Zukunft. Ich wei� aus eigener Erfahrung, wie so etwas ist. Ich kann den Tod kaum erwarten, damit ich zur�ckkehren und nach der Frau suchen kann, die ich in meiner Jugend liebte. Ich verlor sie vor langer Zeit durch eine schreckliche Seuche.�</p><p>Sonjas Herz h�mmerte. �Ban-Itos � Ban-Itos � erz�hlt mir mehr � bitte!�</p><p>Er zuckte die Schulter. �Was gibt es da mehr zu erz�hlen, meine hyrkanische Freundin? Ich habe Euch gesagt, was zu sagen ist. Denkt dar�ber nach � Ihr selbst werdet die Umrisse meiner Worte ausf�llen.�</p><p>So sprach Ban-Itos in der Nacht, ehe sie Bo-ugans Dorf erreichten �, und auf Sonja dr�ckte eine Ahnung drohenden Unheils, nur wusste sie nicht, welcher Art es war.</p><empty-line/><p>Fl�chtig zeigte sich die untergehende Sonne zwischen dem Horizont und der merkw�rdigen Wolkendecke. Fakeln und Kr�hen kreisten hoch an dem d�steren, bleifarbenen Himmel. Eine Brise kr�uselte das Wasser des Flusses, dass es an die h�sslichen Bauchschuppen eines alten Drachen erinnerte.</p><p>Die B�ume hier waren still und laublos, die Wiesen verd�rrt, und Staub wehte �ber sie. Kein Leben zeigte sich auf den Feldern, auch nicht bei den H�tten und Sch�tzengr�ben dort, wohl aber ein wenig auf der Brustwehr der Mauer um Bo-ugans Dorf: die dort ihre Runden ziehenden Posten. Sonja, Daron und Ban-Itos, die an der Spitze ihrer Armee ritten und die der pfeifende Wind peitschte, f�hlten sich immer unbehaglicher.</p><p>�Etwas stimmt hier nicht�, sagte Sonja und sprach damit aus, was alle f�hlten.</p><p>�Ja �� Daron hob den Kopf, schaute zum eisengrauen Himmel hoch, dann �ber den leicht aufgew�hlten Fluss zur Zikkurat, die sich riesig und finster jenseits des d�rren Grases erhob. Sein Blick traf Ban-Itos�. Der Greis nickte ernst.</p><p>Als sie sich dem Tor in der Mauer n�herten, ritt Sonja voraus, um den Anruf des Postens auf der Brustwehr zu erwidern. �Wer da?� rief er. �Was ist das f�r eine Armee?�</p><p>�Ich bin die Rote Sonja von Hyrkanien�, rief sie zu ihm hoch. �Ich komme mit Daron, dem freien Schwertk�mpfer, zur�ck. Wir brachen vor nicht ganz sechs Wochen von hier auf, um eine Armee zusammenzustellen � nun haben wir es geschafft, �ffne das Tor, Soldat.�</p><p>Er blickte sie unentschlossen an. Einige Kameraden kamen den Wehrgang entlang zu ihm gerannt.</p><p>��ffnet das Tor, verdammt!� schrie Sonja ungeduldig, w�hrend Daron herbeiritt und neben ihr stehen blieb. �Wir m�ssen mit Bo-ugan sprechen.�</p><p>Einige der M�nner stiegen die Stufen von der Mauer hinunter. Nach einer l�ngeren Weile rief der Posten Sonja zu: �Ihr und Euer Begleiter d�rft eintreten. Die Armee muss warten!�</p><p>�Was ist denn los mit Euch? Diese Armee ist f�r Bo-ugan!�</p><p>�Sie muss warten, Sonja von Hyrkanien.� Die Stimme des Wachmanns klang angespannt und streng.</p><p>Sonja schaute Daron an. Er wirkte beunruhigt. �Warte�, sagte er zu ihr.</p><p>Er ritt zu Ban-Itos und den Abteilungsf�hrern ihrer Armee und sprach kurz zu ihnen. Dann kehrte er zu Sonja zur�ck. Ban-Itos schritt hinter ihm her.</p><p>��ffnet das Tor!� rief Daron nunmehr. �Wir drei werden eintreten.�</p><p>Die Soldaten auf der Mauer riefen hinunter, und langsam schwang das Tor auf. Sonja, Daron und Ban-Itos traten heran. Als sie durch das Tor schritten, sagte Sonja ver�rgert:</p><p>�Was ist los mit euch, ihr Zauderer? Unsere M�nner sind m�de und hungrig. Sie sind gekommen, um f�r Bo-ugan zu k�mpfen ��</p><p>Sie hielt inne und schaute sich auf dem Platz vor dem Tor um. Er war fast leer. Keine Soldaten standen oder spazierten wie sonst herum, keine B�rger, ja nicht einmal Tiere waren zu sehen, lediglich ein paar Wachen, die m�de und hungrig aussahen. Eine pl�tzliche Brise wirbelte Staub auf und spielte mit zerbrochenen Fensterl�den in einer leeren Gasse.</p><p>�Was ist hier denn passiert?� fragte Daron einen der Soldaten.</p><p>�Tot. Alle tot �� Die Augen des Mannes lagen tief in den dunklen H�hlen. �Tot ��</p><p>�Durch Hexerei?� erkundigte sich Sonja.</p><p>Der Mann zuckte die Schulter. �Unsere Leute begannen zu sterben � Viele desertierten � Ganze Familien verlie�en das Dorf und fuhren flussabw�rts. Tiere verrecken, Kinder sterben. Wir waren Narren � Narren ��</p><p>Sonja sp�rte den aufsteigenden �rger. �Wie lange schon?�</p><p>�Wochen. Es begann vor Wochen � etwa vor einem Monat �� Er sah aus, als k�nnte er sich kaum auf den Beinen halten, und selbst das Sprechen bedeutete eine Anstrengung f�r ihn.</p><p>Sonja atmete tief ein. �Bring uns zu Bo-ugan. Wir m�ssen mit ihm sprechen. Sofort!�</p><p>�Er ist krank�, antwortete der Mann stumpf. �Bo-ugan ist krank. Auch er stirbt.�</p><p>�Verdammt!� br�llte Sonja ihn an. �Bist du ein Mann oder nicht? Hier ist eine Armee, die vor dem Tor wartet, um die Zikkurat zu st�rmen und Thotas, den Zauberer, zu t�ten. Bring uns endlich zu Bo-ugan, Soldat!�</p><p>Unbeeindruckt von ihrem Grimm wandte der W�chter sich zu einem anderen Soldaten: �F�hr sie zu Bo-ugan!� war alles, was er sagte.</p><p>Der zweite Mann, ebenfalls mager und m�de und mit einem von Krankheit gezeichneten Gesicht, nickte Sonja, Daron und Ban-Itos zu, dann drehte er sich um und �berquerte den Platz.</p><p>Sonja und Daron sa�en ab und �bergaben ihre Tiere den Soldaten vor dem Tor. Als sie das eigentliche Dorf betraten, fl�sterte Ban-Itos Daron leise zu: �Das B�se ist entfesselt und hat mit der Vernichtung des Landes begonnen. Wir m�ssen uns beeilen. Vielleicht sind wir bereits zu sp�t gekommen ��</p><p>Bo-ugan war in seinem Haus, in der Ratskammer � aber er lag in der R�stung auf einem Bett, das Gesicht fieberger�tet. Die Arme hingen schwach und schlaff an seinen Seiten, und Schwei� perlte auf seiner Stirn.</p><p>Es war d�mmrig in der Kammer, die paar �llampen brannten ged�mpft und verbreiteten eine Grabesstimmung, was Sonja an kleine verfallene Tempel erinnerte � wie sie sie w�hrend ihres Umherstreifens gesehen hatte �, in denen alte Weiber den ganzen Tag zu tauben G�ttern beteten oder um geliebte Verstorbene trauerten. Von Bo-ugans altem Stab waren nur noch wenige hier, so fehlte zum Beispiel der alte Agthor, aber Iatos war da.</p><p>Als sie die Ratskammer betraten, erhob sich Iatos und ging ihnen sichtlich erfreut entgegen. Er nahm Sonjas H�nde in seine und dr�ckte sie fest. Sonja erschrak insgeheim, als sie sah, dass auch Iatos krankhaft bleich und hager war.</p><p>�Was ist passiert?� erkundigte sie sich besorgt. �Ist Bo-ugan sehr krank?�</p><p>�Er liegt im Sterbe�, antwortete Iatos fl�sternd. �Wir alle � sterben.� Er blickte ihr in die Augen, nickte Daron zu und verbeugte sich knapp vor Ban-Itos. Sonja machte Iatos und den greisen Zauberer miteinander bekannt und fragte erneut: �Was ist hier passiert? Ist das Thotas� Werk?�</p><p>Iatos seufzte schwer. �Etwa ein bis zwei Wochen nach Eurem Aufbruch �nderte sich die allgemeine Stimmung im Dorf. Die M�nner wurden aufs�ssig und verlangten einen Sturmangriff auf die Stufenpyramide. Bo-ugan verlor die Befehlsgewalt �ber sie, und gegen seinen Willen zogen sie zum Angriff aus, mit Agthor als F�hrer. Nur wenige von uns blieben aus Pflichtgef�hl gegen�ber Bo-ugan hier. Die Belagerung dauerte lediglich drei Tage, dann lagen unsere Toten nur so vor der Zikkurat herum. Viele Zauberer der Roten Sonne hatten auch den Tod gefunden � behauptete man jedenfalls. Wie auch immer, die Verluste der unsrigen waren zu gro�, und die �berlebenden zogen sich zur�ck. In jener Nacht erhob sich der Wind � ein gl�hender Wind! Er brachte den Kranken im Dorf den Tod. Keiner wagte sich mehr aus dem Lager. Schiffe, die Nachschub h�tten bringen sollen, kamen nie an, aber Leichen trieben flussabw�rts. Panik setzte ein, und viele flohen. Dann griff der Wahnsinn um sich, und unsere Leute fingen an, sich gegenseitig umzubringen. Dann packte auch noch das Fieber einen nach dem anderen. Bo-ugan war einer der letzten, den es befiel � sein Stolz und Grimm hielten ihn l�nger als die meisten aufrecht, doch nun ist er ebenfalls krank, und die Erkenntnis, dass er versagt hat, f�hrt sein Ende noch schneller herbei, denn er w�nscht sich nichts anderes mehr, als zu sterben und sich am Busen der G�tter zu verbergen.�</p><p>Sonja blickte auf den alten Hetman. Er schien zu schlafen, doch nun hob er die Lider und bem�hte sich, den Kopf zu heben.</p><p>�Stimmen �?� Seine eigene klang spr�de und kraftlos.</p><p>Ein Soldat beugte sich �ber ihn und fl�sterte ihm ins Ohr: �Die Rote Sonja, die Hyrkanierin, und Daron sind zur�ckgekehrt und haben einen Seher mitgebracht.�</p><p>�Sonja? Die Rote Sonja?� kr�chzte Bo-ugan und versuchte sich aufzusetzen.</p><p>Sonja trat neben sein Bett, w�hrend ihm ein Mann Kissen in den R�cken schob.</p><p>�Seid Ihr es, Rote Sonja?� wisperte der Hetman.</p><p>�Ich bin es, Lord Bo-ugan. Daron ist bei mir, und Ban-Itos � ein Zauberer, der wei�, wie wir Thotas besiegen k�nnen.�</p><p>�Besiegen � Thotas?�</p><p>�Und eine Armee�, versicherte sie ihm. �Lord Bo-ugan, wir haben eine Armee von �ber dreitausend Mann mitgebracht, die alle den Eid geleistet haben, den Tempel anzugreifen und Euch Thotas� Sch�del zu bringen!�</p><p>�Eine � Armee ��</p><p>Sonja brach es fast das Herz, als sie diesen ehemaligen L�wen von einem Mann zu solcher Hilflosigkeit verdammt sah. Welche Sch�ndlichkeit hatte dies verursacht? Thotas w�rde daf�r zu bezahlen haben! Der Zorn, der in ihr aufquoll, machte sich in einem pl�tzlichen Befehl Luft.</p><p>�Tragt ihn hinaus!� wies sie seine Pfleger an. �Hebt ihn hoch und tragt ihn ins Freie!�</p><p>Sie gestikulierten abwehrend. �Das d�rfen wir nicht, Rote Sonja. Er ist zu krank, zu ��</p><p>�Hebt ihn hoch, tragt ihn hinaus und zeigt ihm seine Armee!� br�llte sie sie an. �Wenn ihr es nicht sofort tut, zerre ich ihn selbst hinaus!�</p><p>Sie berieten sich untereinander, da beendete Iatos ihre Unentschlossenheit: �Bringt unseren F�hrer zu seiner Armee!� Er sagte es entschieden. �Oder ist unsere Treue ihm gegen�ber so gering, dass wir unseren Befehlshaber nicht tragen wollen, damit er seine Truppen sehen kann?�</p><p>Vier der M�nner plagten sich mit der Liege und Bo-ugans Gewicht, das immer noch beachtlich war, obgleich die Krankheit ihn ausgezehrt hatte. Daron und Sonja halfen mit. So trugen die sechs den Hetman den langen Weg zum Platz vor dem Tor. Ban-Itos und Iatos folgten ihnen. Auf dem Platz befahl Sonja, das Tor zu �ffnen. Die Wachen dort blickten fragend von ihr zu Iatos, der ihnen zunickte, und sie schwangen das Tor auf.</p><p>Sie schleppten Bo-ugan hinaus auf die Ebene au�erhalb der Westmauer und richteten seine Liege so auf, dass er seine Armee �berblicken konnte. Wind und Staub wehten vom Fluss herbei und k�hlten den Schwei� auf seinem Gesicht, und eine scharfe Brise zerrte an den Decken, in die sie ihn geh�llt hatten.</p><p>Bo-ugan blickte auf die Reihen um Reihen harter M�nner, die gekommen waren, ihm zu dienen � S�ldner und Abenteurer, von ihrem Land vertriebene Bauern und heimatlose Wanderer. Der Stahl ihrer Waffen gl�nzte und blitzte im letzten Schein der untergehenden Sonne, auf die die bleigrauen Wolken dr�ckten.</p><p>Tr�nen glitzerten auf Bo-ugans fieberger�teten Wangen.</p><p>�Eine Armee!� wisperte er ergriffen. �Aber � ich kann sie nicht mehr f�hren.�</p><p>�Sie wird gef�hrt werden, Bo-ugan. Sie wird unter dieser F�hrung auf den Feind zust�rmen.�</p><p>Daron stand hinter ihr und blickte auf den Hetman, der nun zu ihm hochschaute. �Und du hast die Waffe gefunden, die du suchtest � die Waffe, mit der Thotas vernichtet werden kann?�</p><p>Daron nickte. �Die Waffen sind diese Armee, Lord Bo-ugan � und Zauberei. Ich bin ein Zauberer. Ich habe Euch das bisher verschwiegen. Mein Vater war ein Zauberer. Gen�gt es, wenn ich sage, dass ich ging, um die Waffe zu finden, die mein durch Geburt war? Thotas wird geschlagen und Euer Land befreit werden.�</p><p>Bo-ugans Kopf sank auf seine Brust. �Ich � glaube dir�, sagte er leise. �Ich glaube dir. Und ich wei�, dass Thotas get�tet werden muss.�</p><p>Er streckte eine Hand aus. Sonja nahm sie. Kraftlos zog er sie zu sich heran. Sie beugte den Kopf und legte ein Ohr dicht an seine Lippen.</p><p>�Ich liege im Sterben�, fl�sterte er. �Mein K�rper ist ein einziger Schmerz. Ich bin kein Mann mehr, und schon gar kein Feldherr � Ich bin m�de und w�nsche mir, zu meinen G�ttern und meinen Ahnen heimzukehren. Ich kann diese Armee nicht f�hren. Ich habe versagt, Sonja von Hyrkanien, gegen�ber meinem Volk und mir selbst. Kriegerin � versagt nicht auch Ihr.�</p><p>�Bo-ugan, ich ��</p><p>�Versagt nicht!� flehte er und hielt ihre Hand so fest es seine Kr�fte zulie�en. �H�rt �� Er hielt inne und st�hnte. Sein ganzer K�rper zuckte, und er biss in unendlicher Qual die Z�hne zusammen. Dann keuchte er verzweifelt und rang nach Luft. Als er wieder einigerma�en zu Atem kam, �ffnete er die feuchten Augen und blickte zu Sonja hoch. Ein eindringliches Licht brannte in diesen Augen � ein neues Licht, doch es schwand schnell.</p><p>�F�hrt sie! Schlagt sie! Vernichtet Thotas!� Er st�hnte aufs neue, dann schnappte er w�rgend nach Luft und sprach langsamer, qualvoller weiter: �F�hrt sie, Rote Sonja � Vernichtet �� Seine Augen �ffneten sich weiter. �Ihr seid eine Frau, und doch � seid Ihr keine Frau. Von welchem Geist seid Ihr besessen? Weshalb seid Ihr seit Eurem Aufbruch durch meine Tr�ume gegeistert? Warum�?� Er hustete, zitterte. �Ich verstehe Euch nicht, Frau aus Hyrkanien, Frau � mit R�stung und Schwert. Ihr kommt in mein Lager, wenn wir um unser Leben k�mpfen. Ihr seid jedem einzelnen meiner M�nner ebenb�rtig; dann � brecht Ihr auf und kehrt mit einer Armee zur�ck � Ihr gebt Euch mit Zauberei ab � Ihr seid � ein wei�er Schatten mit Flammenhaar und einem Schwert � so stark wie Mitra � und von einem Temperament, das meinem nicht nachsteht �� Er �chzte pl�tzlich und wand sich heftig vor Schmerzen. �Ihr G�tter � G�tter! Ich sterbe � und habe mein Volk im Stich gelassen. Meine Pflicht sie f�llt Euch zu, Frau-die-mehr-ist-als-Frau. Aber � wer seid Ihr, Sonja von Hyrkanien? Wer � seid Ihr?�</p><p>Ein neuer Schmerzanfall sch�ttelte ihn, und ein pl�tzlicher Ruck warf ihn halb von der Liege. Sonja fing ihn auf. Sie legte ihn sanft zur�ck und blickte besorgt in sein eingefallenes Gesicht. Eine heftige Brise f�chelte sein schwei�feuchtes Haar � dann entspannte sich seine Hand, die Sonjas noch gehalten hatte, sank herab, sein Kopf nickte fl�chtig und fiel zur Seite. Mit zitternden Fingern dr�ckte Sonja ihm die Augen zu. Die Soldaten, die seine Liege gest�tzt hatten, setzten sie vorsichtig wieder auf den Boden zur�ck.</p><p>Sonja wandte das Gesicht Daron zu und blickte ihn durch einen Tr�nenschleier an. Sie bemerkte, dass auch seine Augen feucht waren.</p><p>Ban-Itos trat heran. Er legte eine Hand auf Bo-ugans reglose Brust und betete gemessen:</p><p>�Irdischer, gehe jetzt zu deinen G�ttern und lehre sie, was du gelernt hast. Leide nicht l�nger, und m�ge dein Geist von nun an nur noch Licht und G�te kennen. Atme, o Geist, und kehre in die Vollkommenheit ein. Wisse, dass du ewig bist, dass deine jetzige Freiheit deine Belohnung ist und ein Versprechen deiner k�nftigen irdischen Leben.� Er blickte Sonja an. �Sprich seinen Namen!�</p><p>Sie verstand ihn nicht, tat jedoch wie gehei�en. �Bo-ugan.�</p><p>�Sprich auch du seinen Namen, Wanderer�, forderte er nunmehr Daron auf.</p><p>�Bo-ugan ��</p><p>Als n�chsten wandte er sich an Iatos: �Mann der Erde, ruf seinen Namen.�</p><p>�Bo-ugan ��</p><p>�Nun ist er frei. M�ge er eine Freude der G�tter sein und sein Geist von nun an nur noch Licht kennen.�</p><p>Doch Sonja, die sich an die letzten Worte des Sterbenden erinnerte, fragte sich: Ja, Bo-ugan, wer bin ich? Wer bin ich? Wer bin ich?</p><empty-line/><p>Das dreitausend Kopf starke Heer �bernahm die Stadt, die nach ihrem Hetman Bougankad genannt worden war und die nun mit ihres F�hrers Asche getauft wurde. In dieser Nacht versammelte Sonja alle auf dem Hauptplatz. Im Schein Hunderter von Fackeln stand sie auf einer in aller Eile grob gezimmerten Plattform und sprach zu ihnen, flankiert von Daron zur einen und Ban-Itos zur anderen Seite.</p><p>�Am Morgen brechen wir auf und ziehen gegen die Herren der Zikkurat�, erkl�rte sie.</p><p>Dann wandte Ban-Itos sich an die Krieger und erz�hlte ihnen von der Stufenpyramide � ihrer Errichtung und ihren Geheimnissen, soweit er sie kannte. �Daron und ich verf�gen �ber den Zauber, der euch helfen kann�, versicherte er ihnen. �Doch der Hauptzweck unseres Zaubers ist, das B�se zu vernichten, �ber das Thotas herrscht und dessen Ursprung im h�chsten Teil des Tempels zu finden ist. Damit wir an Thotas und dieses B�se herankommen, m�ssen eure Schwerter uns einen Weg schlagen.</p><p>Ihr wollt Geld? Gold und Silber? Ihr werdet es im Tempel finden und braucht es euch blo� zu nehmen. Sch�tze �ber Sch�tze wurden �ber Generationen hinweg von der Welt �ltestem und m�chtigstem Orden der Zauberer zusammengetragen und dort gehortet. Doch d�rft ihr keinen Augenblick vergessen, dass ihr gegen Schwarze Magie k�mpft, also seid jederzeit bereit, rasch zuzuschlagen und keinem zu trauen. Die Leichen von Gefallenen m�ssen verbrannt oder gek�pft werden, damit sie nicht wiederbelebt werden k�nnen.�</p><p>�Wir werden uns in vier Truppen aufteilen�, ergriff Sonja nun wieder das Wort. �Den genauen Einsatz erkl�re ich euch am Morgen. Und nun seht zu, dass ihr euch ausschlaft und f�r den morgigen Kampf gut ger�stet seid!�</p><p>Sie zog sich in Bo-ugans Haus zur�ck und nahm die vier F�hrer mit, die sie pers�nlich aus den S�ldnertruppen ausgew�hlt hatte. Mit ihnen sowie mit Iatos, Ban-Itos und Daron besprach sie anhand von Bo-ugans alter Karte die Taktik.</p><p>Es war bereits Mitternacht, als sie ihre Unterf�hrer anwies, sich auszuruhen, ehe der Sonnenaufgang sie zur Schlacht rief. Sie selbst g�nnte sich erst sp�ter Schlaf.</p><p>�Seid stark, Rote Sonja. Die G�tter sind mit Euch�, ermutigte Ban-Itos sie.</p><p>�Wirklich?� Sie l�chelte ihn m�de an. �Nun � Ich nehme an, fr�her oder sp�ter werden die G�tter sich wohl entschlie�en, mir beizustehen. Irgendwann d�rften sie mir doch gewogen sein.�</p><p>Ban-Itos zog sich in ein Gemach im Haus zur�ck, wo er ein Bett gefunden hatte. Sonja blickte ihm nach und fragte sich, wer von ihnen morgen wohl fallen w�rde.</p><p>Iatos trat auf sie zu und nahm ihre H�nde. L�chelnd erkl�rte er ihr. �Ich m�chte mitkommen ��</p><p>�Nein�, lehnte sie ab. �Das geht nicht. Jemand muss hier bleiben. Du und deine M�nner seid geschw�cht und krank. Ihr habt euren Teil bereits beigetragen. Bitte, Iatos.�</p><p>Seine Augen verrieten, wie verletzt er war.</p><p>Sie sagte: �Ostor und seine M�nner schlossen sich uns an. Sie k�nnten Unruhe stiften.�</p><p>�Ah � um so mehr Grund mitzukommen!�</p><p>�Um so mehr Grund hier zu bleiben, mein Freund � bitte!�</p><p>Er verstand und nickte, versuchte sogar ein L�cheln.</p><p>Sonja wandte sich an Daron: �Sollten wir vielleicht gleich morgen fr�h jemanden zu deines Vaters Berg schicken, um noch Gold und Silber zu holen � f�r den Fall, dass sich in der Zikkurat nicht so viele Reicht�mer finden, wie wir den Truppen versprachen?�</p><p>�In den H�hlen wimmelt es von Fallen, von denen keineswegs alle durch meines Vaters Tod unsch�dlich wurden�, antwortete er. �Es ist sicher besser zu warten, bis wir wissen, wie viele �berlebende es gibt ��</p><p>Noch sp�ter, als alle au�er Sonja und Daron sich zur�ckgezogen hatten, fragte sie ihn: �Wird es �berhaupt �berlebende geben, Daron?�</p><p>�Ja�, antwortete er �berzeugt. �Einige werden �berleben.�</p><p>�Hast du die Kraft zu �berleben � gegen das B�se zu k�mpfen, falls Ban-Itos versagt?�</p><p>Er blickte sie fest an und l�chelte grimmig. �Ich bin dazu bestimmt zu �berleben, bis mein Schicksal erf�llt ist � genau wie du.�</p><p>Sie seufzte tief in der Dunkelheit der Nacht und fl�sterte:</p><p>�Wer sind wir, Daron? Inmitten von all diesem hier, inmitten unseres Lebens � wer sind wir?�</p><p>Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich aus, und Sonja sah unbest�ndige Formen in den Schatten. Sie war pl�tzlich entsetzlich m�de, zu ersch�pft um dar�ber zu gr�beln. Sie wollte �berhaupt nicht mehr denken m�ssen. Aber sie sp�rte den Zwang dringender Fragen in sich, und da erst wurde ihr bewusst, dass Daron sprach.</p><p>�Wir sind ewig. Wenn du erst erkannt hast, dass wir lediglich Scheinbilder unseres eigenen Bewusstseins sind, wirst du auch die Art unseres ewigen Wesens erkannt haben. Alles, was geschah, und alles, was geschehen wird, ist nichts anderes als das, was wir tr�umen � Eigenbewu�tsein ist ein Geschenk, das einem wieder fortgenommen werden kann. Aber was ist mit einem Geschenk, das wir uns selbst im flackernden Licht dieses Bewusstseins geben? Erkennt man erst die Macht und Kraft seiner Tr�ume, erkennt man auch, dass dieses Scheinbild der Welt nichts weiter als ein Aspekt einer gr��eren und sich stetig wandelnden Wirklichkeit ist. Und der Glaube � der Geist � wird m�chtiger sein als die m�chtigste und �belste Zauberei.�</p><p>Sie war m�de. �Worte�, brummte sie, weil sie nicht verstand oder nicht verstehen wollte.</p><p>�Die Wahrheit�, entgegnete er fest. �Die Wahrheit. Das wei�t du, sonst h�ttest du nicht so lange �berleben k�nnen!�</p><p>�Worte ��</p><p>�Die Wahrheit. Du wirst es eines Tages sp�ren, Sonja.�</p><p>Er erw�hnte seine Liebe zu ihr nicht, und sie sp�rte, dass es so besser war. Auch sie erinnerte ihn nicht daran, dass sie ihn liebte. Wenn der morgige Tag erst vorbei war �</p><p>Jetzt jedenfalls war es sp�t. Sie waren beide ersch�pft, und in wenigen Stunden mussten sie bereits in den Kampf gegen die Ausgeburten der H�lle ziehen.</p></section><section><title><p>9</p><p>Die Schlacht um die Stufenpyramide</p></title><p>Ein Schrei zerriss das Morgengrauen.</p><p>Sonja, der nur ein paar kurze Stunden Schlaf verg�nnt gewesen waren, befand sich in diesem Moment auf dem Hauptplatz. Sofort riefen die kaum halbwachen Posten auf der Mauer laut vor �berraschung und deuteten �ber den Fluss. Sonja horchte auf, rannte �ber den Platz und raste die Stufen zum Mauerwehrgang hoch. Fr�haufsteher und jene, die der Schrei aus dem Schlaf gerissen hatte, eilten aus den H�usern und sammelten sich auf dem Platz.</p><p>�Was war das?�</p><p>�Klang wie aus der Ferne, aber zu laut, als dass es ein Mensch h�tte gewesen sein k�nnen!�</p><p>�Verdammt! Was f�hren diese Hundes�hne jetzt im Schild?�</p><p>Ein zweiter Schrei zerschnitt die Luft, dann ein dritter, und nun war deutlich zu erkennen, dass er sehr wohl menschlich war, obwohl ungemein verst�rkt. Von der Brustwehr aus war der Ursprung schnell erkennbar: eine graurote Wolke, die aus der Richtung des Tempels auf das Dorf zubrauste. Sie schrillte in unverkennbaren Qualen.</p><p>Sie, oder vielmehr der Schatten in ihr. Denn als sie n�her kam � unm�glich schnell f�r eine echte Wolke �, konnten die Beobachter in ihrer Mitte einen sich windenden menschenf�rmigen Schatten sehen.</p><p>�Erlik und Tarim!� fluchte Sonja. �Das Ding hat einen Menschen eingefangen!�</p><p>Sie wirbelte herum, als sie jemanden herbeirennen h�rte, und ihre Hand zuckte in Richtung Schwertgriff. Sie entspannte sich erst, als sie sah, dass es Daron war.</p><p>Er achtete jedoch �berhaupt nicht auf sie, sondern starrte unentwegt auf die sich n�hernde Wolke.</p><p>Sie war verh�ltnism��ig gro� und warf ihren Schatten im Vorbeirasen �ber die grauen Wildkr�uter der Wiesen und auf das kalte Wasser des Flusses und auf die krummen Planken der Br�cke. Aller Augen ruhten auf ihr. Sie sah aus wie aus Meeresgischt, zu schwer, um von der Luft hochgehalten zu werden. Der Schatten in ihr war gewiss der eines menschlichen Wesens, denn ohne Zweifel war der Schrei, der davon ausging, der eines Mannes, durch Zauber ins Ungeheure verst�rkt.</p><p>Sonja und Daron drehten beide die K�pfe und verrenkten sich fast den Hals, als die Wolke langsam �ber sie hinwegtrieb und in der Luft �ber dem Hauptplatz des Dorfes anhielt. Inzwischen hatten sich Hunderte hier zusammengefunden, und als die Wolke herbeisegelte, wichen sie ihr furchtsam aus.</p><p>Die Gestalt in ihr, die h�her schwebte als das h�chste Haus, war nun deutlich zu erkennen. Es war ein junger b�rtiger Mann in R�stung. Er drehte sich hilflos in dem wirbelnden r�tlichen Schaum wie der Braten eines J�gers auf dem Spie�. �Helft mir!� schrie er gellend und fuchtelte heftig mit den Armen in dem roten Dunst.</p><p>Dann entrang sich ihm ein lautes Wimmern.</p><p>Bei diesem Laut drehte sich Sonja der Magen um. Der rotgraue Schaum der Wolke f�rbte sich nun scharlachrot. Die Beobachter keuchten entsetzt, als aus der Wolke Blut auf den Boden tropfte. Und pl�tzlich spritzte Blut in alle Richtungen: auf die Erde, die Ziegel der Hausw�nde, auf das Holz von T�ren und Fensterl�den, und auf die D�cher.</p><p><emphasis>�Helft � mir!�</emphasis></p><p>Sonjas Hand krampfte sich um den Schwertgriff, w�hrend sie nur unt�tig hochsehen konnte. �Gib mir Schwingen!� fl�sterte sie verzweifelt zu keinem Gott, keinem D�mon, keiner Macht ihres Wissens. �Gib mir Schwingen und lass mich Vergeltung �ben ��</p><p>Pl�tzlich l�ste die Wolke sich auf wie Dampf im Wind. Das beklagenswerte Opfer �chzte ein letztes Mal, dann schlug es mit h�rbarem Bersten seiner Knochen auf dem Platz auf.</p><p>Sonja eilte die Stufen hinunter, bahnte sich einen Weg durch die Menge und blieb �ber die Leiche gebeugt stehen, die verkr�mmt mit verrenkten Gliedern lag, von der Blut sickerte und Lachen bildete. Als Sonja Blicke auf sich sp�rte, schaute sie hoch. Ihr gegen�ber standen Ban-Itos und der vor Wut und Schw�che zitternde Iatos, der sich auf einen langen Stock st�tzte.</p><p>Iatos blickte sie an. Auf seinen Wangen gl�nzten Tr�nen.</p><p>�Einer � der unseren�, murmelte er bedr�ckt.</p><p>Wispernd und murmelnd starrten die S�ldner auf den Toten. Sonja lie� den Blick �ber sie schweifen und las in ihren Gesichtern das Erwachen von Furcht � der Angst vor einem verst�ndlichen Tod, das Grauen vor einem Ende durch Zauberei.</p><p>Daron neben ihr sagte jedoch laut mit kaltem Ton: �Sie begreifen nicht, dass eine Warnung wie diese uns nicht schreckerf�llt in die Flucht jagt, sondern unseren Entschluss anzugreifen nur noch verst�rkt!�</p><p>Sonja blickte in die Richtung der Zikkurat und zeigte die Z�hne. �Dann werden wir es diesen Hundes�hnen beibringen!� erwiderte sie heftig. �Jeder dieser H�llenpriester, die sich in der Stufenpyramide verkriechen, wird es bald am eigenen Leib erfahren, was wir sind und worauf sie sich eingelassen haben! Bei Tarims H�rnern, wir werden ihre verderbten Seelen in die H�llen schicken!�</p><p>Atemlos hielt sie inne, erstaunt �ber ihre eigene Heftigkeit. Steckte der Wahnsinn in diesem Land sie bereits an? Doch selbst wenn dem so war, stachen die Dummheit, die Sinnlosigkeit, die Vergeudung von Leben und die Gewaltt�tigkeit � und die h�hnische Verachtung, wie die Todesart des jungen Kriegers sie verriet � wie vergiftete Messer in ihre Seele.</p><p>�Wir werden es diesen Hundes�hnen beibringen!� wiederholte sie und schritt davon.</p><p>Daron schaute ihr nach, dann wechselte er einen Blick mit Ban-Itos.</p><p>�Der Stern�, murmelte der greise Zauberer. �Man sp�rt, wie er sich n�hrt � Gebe Mitra, dass der Hass, den er ausl�st, sich gegen ihn selbst wenden wird!�</p><empty-line/><p>Sonja ritt an der Spitze der vordersten Division, als die Armee durch die grauen Wiesen mit dem sp�rlichen Gras durch die vormitt�gliche D�sternis zog. An den Flanken der ihren trabten drei weitere Divisionen, die sich nun daranmachten, jeweils ihre eigene Richtung einzuschlagen. Sie wurden von starken, t�chtigen S�ldneroffizieren gef�hrt. Sie w�rden gar nicht versuchen, ihre Absicht zu verbergen: zwei sollten die Zikkurat von unten angreifen, die beiden anderen die oberen Geschosse vom Berg aus. Im Augenblick ritten sie lediglich dahin, jeder Pferdeschritt brachte sie unausweichlich Zauberei, Schlacht, Blut und Tod n�her �</p><p>�T�tet!� war Sonjas abschlie�ender Befehl gewesen. �Wer oder was sich euch �dort in den Weg stellt � t�tet es! Ich will, dass jeder dieser Teufelspriester sein verdientes Ende findet!�</p><p>Ban-Itos, der zum ersten Mal auf einem Pferder�cken sa�, ritt neben Daron, unmittelbar hinter Sonja. Ihnen folgten, in respektvollem Abstand zu den beiden schwarzgewandeten Zauberern, die S�ldner in Reihen von je zweieinhalb Dutzend, hartgesottene M�nner mit zusammengekniffenen Lippen, ha�verzogenem Gesicht und Augen, die verrieten, dass sie es kaum erwarten konnten, das Schwert zu schwingen. Der Geist des Landes hatte von ihnen Besitz ergriffen und verdr�ngte sogar ihre Gedanken an Pl�nderung.</p><p><emphasis>T�tet! Wer oder was sich euch in den Weg stellt � t�tet es!</emphasis></p><p>Im Reiten begannen Ban-Itos und Daron, fremdartige Worte aufzusagen und vor ihrer Brust Zeichen in die Luft zu schreiben. Sonja wurde erst darauf aufmerksam, als ihr das anhaltende Geleier der beiden ins Bewusstsein drang. Sie drehte sich im Sattel um. Das Knarren des Leders und das knappe Rasseln ihrer R�stung waren in der stillen Vormittagsluft weit zu h�ren. Fragend blickte sie Daron an.</p><p>Er starrte sie an � nein, <emphasis>durch sie hindurch,</emphasis> als w�re er sich ihrer Anwesenheit gar nicht bewusst � und hielt nicht einen Herzschlag lang mit seinem Gemurmel und Gestikulieren inne.</p><p>Pl�tzlich sp�rte Sonja eine Brise hinter sich aufkommen.</p><p>Die Brise wurde zum Wind und der Wind wurde st�rker, bis er rings um sie tobte. Aber er ber�hrte sie nicht, sondern baute eine lange Mauer aus Staub, d�rrem Gras und Reisigst�cken vor ihr und ihrer Armee auf. Es war ein Schirm, ein Schild, der sie vor den Augen jeglicher Beobachter in der Zikkurat verbergen sollte. Nicht einer der mehrere tausend Mann starken Armee wurde von dem aufwirbelnden Staub oder den wehenden Grasb�scheln ber�hrt, doch vor Sonjas Division und vor den vordersten Reihen der drei anderen weit ausgebreiteten Divisionen hatte sich ein riesiger Halbkreis aus Staub und losen Pflanzenteilen gebildet, der ihnen vorauseilte.</p><p>Durch den Staubschleier ersp�hte Sonja die gewaltigen Mauern und Stufen der Zikkurat. Sie waren bereits sehr nahe � unmittelbar bei der Reihe von H�tten und Forts, die Bo-ugans Truppen zu Anfang des Krieges als vorderste Linie errichtet hatten. Die Pferdehufe hallten hohl auf den verlassenen Wegen, da war das Pfeifen des magischen Windes eine willkommene Ablenkung.</p><p>Sonja wollte schon Ban-Itos und Daron bitten, den Staubschild aufzuheben, damit ihre M�nner die Sturmleitern, Grabger�te und Waffen einsammeln konnten, die von Bo-ugans Leuten liegengelassen worden waren � die W�nde der Stufenpyramide waren inzwischen bedrohlich nah und die alten Eing�nge deutlich zu sehen, die die Leute vom Dorf in Thotas� Festung geschlagen hatten �, als die Erde erbebte.</p><p>Zun�chst dachte Sonja, es l�ge an der Bewegung des Windes und der Pferde, doch dann erkannte sie, dass es tats�chlich die Erde war.</p><p>Zu ihrer Linken schrien M�nner auf, und Pferde wieherten panikerf�llt. Durch den Staubschleier sah sie, wie M�nner in die Luft gehoben und Pferde zur�ckgeworfen wurden, und dann, dass die Erde vor ihnen sich wie ein Wall erhob.</p><p>�Mitra und Hotath!� Sie riss ihre Klinge heraus, als ein dunkler Schatten �ber sie fiel.</p><p>�Stell den Wind ein!� rief Ban-Itos Daron zu und hob die Arme.</p><p>Staub und Pflanzenteile sanken zu Boden. Als der Windschleier sich ganz aufgel�st hatte, erblickten Sonja und die Soldaten in einem riesigen Halbkreis um die Vorderfront und die Seiten der Zikkurat � <emphasis>Riesen!</emphasis></p><p>Ungeheuer aus fester Erde, von vielfacher Gr��e eines Menschen, hoben sich aus dem Boden mit grobgeformten K�pfen und gewaltigen Armen. Sie hinterlie�en gro�e L�cher im Boden, als sie schwerf�llig auf die S�ldner zustapften und sie mit ihren steinverst�rkten Armen niederschmetterten.</p><p>�Ban-Itos! Daron!� br�llte Sonja, als immer mehr Schreckensschreie aus den Reihen der dichtgedr�ngten und verwirrten S�ldner schrillten. �Zur�ck! H�rt ihr? Weicht zur�ck!�</p><p>Sie wurde fast vom Pferd geworfen, als ein m�chtiges Beben den Boden unter ihr ersch�tterte. W�hrend sie sich bem�hte, ihr Pferd zu z�geln und zu beruhigen, sah sie zu ihrer Rechten, wie sich ein weiterer Erdwall erhob und einen schwarzen Schatten auf die Soldaten davor warf. Drei�ig M�nner mit ihren Pferden wurden von der Erde hochgehoben und st�rzten auf die Hunderte hinter ihnen. Verzweifelte Schreie erschallten, das Krachen von R�stungen war zu h�ren und das Bersten von Knochen �</p><p>Sonja drehte ihr taumelndes Pferd herum und schaute sich nach den beiden Zauberern um. �Tut was!� br�llte sie.</p><p>Ban-Itos und Daron waren abgesessen. Zu Sonjas Verbl�ffung sammelten sie kleine Erdklumpen auf und zerdr�ckten sie in den H�nden, als k�mmerten sie sich �berhaupt nicht um die Ungeheuer ringsum. Dann � w�hrend Ban-Itos etwas Puder�hnliches auf den Boden streute � griff Daron nach seinem Bogen und trat n�her neben seinen Meister.</p><p>Die Schreie, das Gebr�ll und das Krachen der berstenden Erde waren bet�ubend. Sonja wurde von ihrem Pferd fast abgeworfen, als es sich verzweifelt bem�hte, sich auf den Beinen zu halten. Sie beschloss, lieber abzusitzen, weil sie sich auf den eigenen F��en sicherer f�hlte. Ringsum dr�ngten die M�nner und Pferde, die durch das Aufb�umen der Erde zusammengeworfen worden waren und die kurz darauf von neuen Ersch�tterungen wieder auseinander gerissen wurden. Sonja stellte fest, dass die vorderen Reihen ihrer S�ldner gebrochen waren und ihre M�nner sie in dem allgemeinen L�rm auch nicht h�ren konnten. Die Truppen der hinteren Reihen waren von dieser neuen Hexerei am wenigsten betroffen und bem�hten sich, ihren gest�rzten Kameraden zu helfen oder zumindest in ihren Reihen die Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch immer wieder �berschwemmte die Erde wie eine Lawine zwanzig bis f�nfzig M�nner gleichzeitig, und Panik erf�llte jene, die ihr entgingen. Schwerter, Bogen, Schleudern, all das war nutzlos. Einige Erdungeheuer waren mit Klingen und Pfeilen gespickt, mit denen ihre kleinen Gegner sie tapfer angegriffen hatten, doch das st�rte sie nicht im geringsten.</p><p>Sonja blickte zur Zikkurat hoch. An einem breiten Fenster des dritten Geschosses ersp�hte sie eine Gruppe von Gestalten � etwa ein halbes Dutzend blaugewandete Priester hatten sich um einen hochgewachsenen, hageren in dunklem Gewand geschart.</p><p>Thotas?</p><p>W�hrend die Erde schwankte und Schreie schrillten, als wollten sie die Ohren der G�tter durchbohren, rannte Sonja zu einem Bogensch�tzen in der N�he und br�llte �ber den L�rm: �Ziel auf die Hundes�hne am Fenster � das dort genau in der Mitte!�</p><p>Der S�ldner griff nach seinem Bogen, legte einen Pfeil an die Sehne und hielt den Atem an. Als die Erde unter seinen gespreizten Beinen sich nicht mehr r�hrte, zielte er und schoss. Der Pfeil sirrte schnurgerade durch die Luft, doch kurz ehe er das Fenster erreichte, warf ein pl�tzlicher Windsto� ihn aus der Bahn.</p><p>Mit einemmal �ffnete der Himmel seine Schleusen, und Sonja, Daron, Ban-Itos und ihre Armee standen in einem peitschenden Regen, der genau die von den beiden Magiern erw�nschte Wirkung erzielte: Thotas� Erdgiganten konnten unter ihm ihre Form nicht halten und sackten zu schlammigen Haufen zusammen. Alles, was von ihnen blieb, waren St�cke zerbrochener Klingen und Pfeilsch�fte, die noch tief in den jetzt unbewegten Erdhaufen steckten.</p><p>Die S�ldner brachen in Jubelrufe aus. Sonja wischte sich das nasse Haar aus der Stirn und l�chelte erleichtert Ban-Itos an und den ungew�hnlichen jungen Zauberer, den sie liebte.</p><p>�Kommt!� rief sie den beiden zu, als die Soldaten immer lauter jubelten und der Regen nachlie�. �Wir st�rmen jetzt die Festung!�</p><p>Daron eilte hinter ihr her, w�hrend Ban-Itos langsamer folgte, als Sonja die Soldaten �ber die schlammige Ebene auf den alten Tempeleingang zuf�hrte.</p><p>�Hierher!� br�llte sie. �Folgt mir!�</p><p>Sie und die ersten der Truppen platschten durch den Schlamm und waren dem Eingang schon nahe, da erschienen Schatten dahinter. Sonja zog das Schwert, um sie zu stellen.</p><empty-line/><p>Leichen � die Leichen von Soldaten � bewachten den Eingang zur Zikkurat.</p><p>Es waren S�ldner � Dorfbewohner -; wer auch immer tot oder schwerverwundet in Thotas� Festung zur�ckgeblieben war, nachdem Bo-ugans M�nner sich zur�ckgezogen hatten, erwartete sie jetzt � wiederbelebt durch teuflische Hexerei � als zweite Verteidigungslinie.</p><p>�Zerhackt sie!� schrie Sonja durch den nachlassenden Regen. �Zerhackt sie, oder sie sind un�berwindbar.� Als ein Trupp Krieger sich zu ihrer Verst�rkung herbeidr�ngte, warf sie sich auf den ersten Untoten, der im Schatten der Zikkuratmauer wartete.</p><p>Sie hatte schon fr�her gegen Untote gek�mpft � hier in der Stufenpyramide und im wilden Sumpfland der Hexe Osylla. Sie widerten sie an, diese gr�sslichen belebten Leiber mit dem Gestank des Todes um sich, ihren schwerf�lligen Bewegungen, ihren blicklosen Augen und der durch Zauber verliehenen F�higkeit, Feinde zu finden und sie anzugreifen. Die Furcht vor ihnen hatte sie l�ngst verloren, denn sie wusste, was sie waren. So besch�ftigte sie sich lediglich damit, sie auf die Dauer kampfunf�hig zu machen und sie so auch dem Einfluss von Thotas� Verderbtheit zu entziehen.</p><p>M�helos k�pfte sie den ersten Untoten. Es st�rte sie nicht weiter, denn sie wusste, dass sie lediglich totes Fleisch unsch�dlich machte und nicht wirklich t�tete, denn die bereits Toten konnten nicht noch einmal get�tet werden. Wiederbelebte Leichen hatten nichts mehr mit dem Geist, mit der Seele zu tun, deren sterbliche H�lle sie gewesen waren. Das war etwas, das sie schon vor Jahren erfahren hatte. Aber Sonja wusste sehr wohl, dass viele ihrer S�ldner z�gern w�rden, eine Leiche niederzuschlagen, die einst der Leib eines Kameraden gewesen war � und dieser Augenblick des Zauderns mochte ihr Tod sein.</p><p>�Zerhackt sie!� br�llte sie den M�nnern hinter sich zu. �Es sind keine Menschen! Es sind <emphasis>Dinge!</emphasis> Zauberer haben ihre Seelen geraubt! Macht sie nieder! Wenn es ihnen gelingt, euch zu t�ten, werdet ihr wie sie sein!�</p><p>Solch erschreckende Warnungen veranlassten ihre S�ldner, erbarmungslos anzugreifen, aber immer neue Untote, Dutzende um Dutzende, str�mten herbei. Da begann Sonja die Verzweiflung zu verstehen, die Bo-ugan gequ�lt hatte, weil er so viele Tote im Tempel zur�cklassen musste, und das, ohne dass er etwas erreicht h�tte. Sie hieb und stach nach den Leichen und machte eine nach der anderen unsch�dlich, w�hrend st�ndig neue Wellen nachkamen. �Es werden allm�hlich weniger!� rief sie. �Auf sie! Wir m�ssen ins Innere! Daron � Ban-Itos, k�nnt ihr denn nichts tun?�</p><p>Auch die beiden Zauberer steckten mitten in dem Mahlstrom wandelnder Toten und k�mpfender S�ldner. Daron hatte seine Klinge gezogen und bereits mit mehreren der Leichen Schluss gemacht, doch Ban-Itos hielt sich zur�ck und schritt erst weiter, nachdem Sonja und ihre Leute sich einen Weg in die vordersten Zikkuratgem�cher gebahnt hatten.</p><p>Aber im Vorw�rtsdr�ngen gerieten sie in Dunkelheit. Die Fackeln, die Bo-ugans M�nner mitgebracht hatten, waren l�ngst niedergebrannt oder gel�scht worden. Pl�tzliche Panik befiel Sonja.</p><p>�Fackeln!� br�llte sie den M�nnern hinter sich zu. �Holt Licht � damit wir uns nicht wom�glich in der Finsternis gegenseitig umbringen!�</p><p>Als sie wieder sehen konnten, stellten sie fest, dass die meisten Untoten unsch�dlich gemacht waren. Keuchend umklammerte Sonja ihr Schwert fester und stie� weiter vor. Als ein letzter Untoter auf sie zukam, schwang sie heftig die Klinge und k�pfte ihn.</p><p>�Hierher!� rief die tiefe Stimme eines Soldaten. Gleich darauf f�llte Licht den Raum, und nach und nach brannten f�nf Fackeln �ber den eindringenden S�ldnern.</p><p>Sie befanden sich in der ehemaligen Wachstube von Bo-ugans Leuten, in der Sonja und Daron sich oft genug aufgehalten hatten. Sie hatte immer nach Schwei� und Wein gerochen und unter den Verw�nschungen, Witzen und dem Gel�chter rauer Krieger gedr�hnt. Nun waren die Tische umgekippt, die St�hle zerschmettert, und reglose Untote lagen herum.</p><p>Trotz des Gestanks atmete Sonja tief, streckte eine Hand aus und ergriff eine Fackel, mit der sie wortlos durch die �ffnung auf den Korridor trat, der tiefer ins Erdgescho� der Zikkurat f�hrte. Ihr folgten Daron, einige der wildesten K�mpfer und Ban-Itos. Weitere Soldaten fassten Mut und kamen in einigem Abstand nach.</p><p>Die Fackel warf ihren Schein voraus. Sonja erinnerte sich an diesen Gang. Sie und andere hatten sich jeden Meter gegen die Teufelsbrut erk�mpfen m�ssen. Jetzt war der Weg frei. Sie schritt voraus, ohne dass irgendwelche Grauengestalten sie aufgehalten h�tten. Aber sie war wachsam und misstrauisch.</p><p>An der Ecke, wo sie vor vielen Wochen ein endg�ltiges Ende mit einer wiederbelebten Leiche gemacht und einen Zauberpriester get�tet hatte, streckte sie die Fackel aus, sp�hte um die Ecke und blieb wachsam mit leicht zitterndem Schwertarm stehen �</p><p>Der Weg war frei.</p><p>�Verdammt!� fluchte sie leise. �Bleib bei mir, Daron. Ich traue diesem Frieden nicht!�</p><p>Langsam und vorsichtig schlich Sonja den Nebenkorridor entlang, gefolgt von ihren M�nnern, die sich besorgt umsahen. Es herrschte unheilvolle Stille. Die Fackel beleuchtete lediglich den leeren Gang und eine offen stehende Eisent�r.</p><p>�Es ist eine Falle�, murmelte Sonja. �Haltet Augen und Ohren offen!� mahnte Sonja. �Irgend etwas f�hren sie im Schilde!�</p><p>Sie traten durch die T�r und schlichen wachsam den dahinterliegenden Korridor entlang. Schritt um Schritt weiter �</p><p>Dann kamen sie durch eine Bogen�ffnung � und sahen am fernen Ende dieses Ganges einen Schatten, der sich bewegte.</p><p>�Vorsicht!� fl�sterte Daron.</p><p>Trotz seiner Warnung beschleunigte Sonja ihren Schritt. Es dr�ngte sie danach, mit etwas zu k�mpfen, das sichtbar war. Sie hob die Fackel, um besser erkennen zu k�nnen, was dieser Schatten war, und erwartete Untote oder D�monen oder �</p><p>Aber es war lediglich eine einsame Gestalt in langem Gewand.</p><p>Sie stand weit entfernt, am Ende des schmalen Korridors, der so lang sein musste, dass er durch die Mitte der Zikkurat und bis in den Berg selbst f�hrte, sch�tzte Sonja. Schatten schienen an dieser Gestalt zu haften, und hinter ihr begann die Dunkelheit. Er rief keine Drohung aus und r�hrte weder einen Schritt vorw�rts noch zur�ck.</p><p>Sonja bewegte sich langsam auf ihn zu. Daron mahnte sie:. �Sei vorsichtig!�</p><p><emphasis>�Narren!�</emphasis> echote die kreischende Stimme der Gestalt jetzt durch den Gang.</p><p>Sonja und die Soldaten hinter ihr sahen die Gestalt nun deutlich: es war ein hochgewachsener, hagerer Mann in blauem Gewand. Er versperrte das Ende des Korridors, der, wie es aussah, in einen riesigen Raum f�hrte. Der Blaugewandete blickte ihnen mit funkelnden Augen entgegen, streckte die Arme seitw�rts aus und dr�ckte die Handfl�chen links und rechts an die Gangw�nde.</p><p>�Narren! Narren! Ihr habt euer Ende selbst verschuldet!�</p><p>Bei diesen Worten spannte er die ausgestreckten Arme, und die Handfl�chen pressten fester gegen die Steinw�nde. Die S�ldner fingen zu fluchen und beunruhigt zu brummeln an, als sie das Scharren von Gestein h�rten und sahen, wie Staub sich l�ste und die W�nde erzitterten.</p><p>�Verdammt!� fluchte Sonja. �Er bringt die Decke zum Einst�rzen ��</p><p>Staub und Steinchen rieselten von pl�tzlichen Rissen auf sie herab, und dann wurde das Scharren von Stein, der gegen Stein schleift, noch lauter.</p><p>Die Decke des Mittelgangs verzog sich, und die W�nde dehnten sich unter der ungeheuren Kraft des Zauberers. Die Risse weiteten sich, und nun fielen schon gr��ere Steinchen herab auf die S�ldner, die sich auf den Gang dr�ngten.</p><p>�Narren! Narren! Jetzt werdet ihr alle sterben!� kreischte der Zauberer, dessen Augen gelb gl�hten, w�hrend er sich noch st�rker gegen die W�nde stemmte.</p><p>Ein Krachen hinter ihr lie� Sonja �ber die Schulter blicken. Ein gro�er Stein hatte sich von der Decke gel�st und war mitten auf ihre M�nner herabgest�rzt.</p><p>�Verdammt in alle H�llen!� br�llte sie den Hexer an und rannte auf ihn zu.</p><p>�Sonja!� rief Daron. �Wir k�nnen ��</p><p>Aber sie wusste, dass keine Zeit blieb, keine Zeit f�r Daron, seine Zauberkraft einzusetzen, keine Zeit f�r Ban-Itos, durch die S�ldner und die fallenden Steine zu ihr zu eilen, um zu helfen. Es gab nur sie allein mit Schwert und Fackel.</p><p>�Narren! Narren!�</p><p>�Stirb, Schlangenbrut!� schrie sie und schleuderte dem Zauberer die Fackel entgegen.</p><p>Der Blaugewandete rief etwas in einer unbekannten Sprache. Er lie� die W�nde los und gestikulierte hastig mit den Armen. Die Fackel erreichte ihn und explodierte in einer Welle von so greller Farben, dass Sonja fl�chtig den Blick abwenden musste. Als das Blenden nachlie�, schaute sie wieder auf und erwartete, den Zauberer verbrannt zu sehen.</p><p>Aber er stand nach wie vor aufrecht, eingeh�llt vom Gl�hen der Fackel � in einem wahren Feuerkranz, als h�tte sich die Fackelflamme zu einem luftigen Schirm um ihn verwandelt. Aber zumindest senkte er nicht mehr die Decke auf ihre K�pfe herab.</p><p>�Verdammt!� heulte Sonja und schnappte nach Luft. �Verdammt, verdammt in alle H�llen!� Sie duckte sich leicht, riss ihr Messer aus dem Stiefelschaft, hob den Arm, um es zu werfen �</p><p>Da packte jemand ihr Handgelenk und hielt sie zur�ck. Knurrend drehte Sonja sich um � und blickte in Darons Augen.</p><p>�Sinnlos�, sagte er leise. �Gib es mir!�</p><p>Verbl�fft nickte Sonja. Daron nahm das Messer, dann ging er vorsichtig die letzten Schritte auf den Zauberer am Ende des Korridors zu.</p><p>Der Blaugewandete l�chelte ver�chtlich, als hielte er den herbeikommenden jungen Krieger f�r den gr��ten aller Narren.</p><p>Knapp vor des Priesters Flammenschild blieb Daron stehen. Er sp�rte dessen Hitze im Gesicht, w�hrend er dem Zauberer in die Augen blickte. Sonjas Messer hielt er in der ausgestreckten Hand, die Spitze geradewegs auf des Mannes Stirn gerichtet.</p><p>Das h�hnische L�cheln des Zauberers schwand, da er sich offenbar anstrengen musste. Gleich darauf verst�rkte sich die Leuchtkraft seines Flammenschirms und weitete sich, bis er fast Darons R�stung ber�hrte.</p><p>Daron r�hrte sich nicht vom Fleck. Er starrte den Hexer an � von dessen Gesicht nun auch die letzte Spur des abf�lligen L�chelns schwand.</p><p>�Du schimpfst uns Narren!� fl�sterte Daron ihm zu. �Der gr��te Narr bist du! Sieh mir in die Augen! Ich bin der Sohn des Schwarzen Oduracs, und ich bringe dir seinen Fluch der tausend Tode.�</p><p>Der Priester �ffnete den Mund zum Schrei, doch im selben Moment l�ste Daron die Finger vom Messer. Es schoss vorw�rts, durchdrang m�helos den feurigen Schirm und bohrte sich bis zum Griff durch Knochen und Gehirn in des Blaugewandeten Stirn.</p><p>Der Zauberer brach zusammen. Das gespenstische Licht um ihn l�ste sich auf. Kurz noch wand er sich auf dem Steinboden, dann erschlaffte er, und im Augenblick seines Todes l�ste sich etwas wie eine hauchd�nne bl�uliche Rauchschwade.</p><p>Daron drehte sich mit ausdruckslosem Gesicht um und sah, dass es Ban-Itos gelungen war, sich durch die S�ldner zu dr�ngen. Er stand nun neben Sonja.</p><p>�Jetzt k�nnen wir weiter eindringen�, sagte er. �Folgt mir ��</p><empty-line/><p>Sonja sah nun, dass der Korridor in einem riesigen wei�en Raum endete � wahrhaftig ungeheuerlich gro� �, der von einem geradezu grellen Licht erhellt wurde, dessen Quelle nicht erkennbar war. Hoch �ber ihrem Kopf bemerkte sie, als sie durch dieses blendende Leuchten inmitten des Berges emporblickte, Steinbr�cken. Sie �berkreuzten einander, zwanzig oder drei�ig, und verbanden offenbar jedes Stockwerk der Zikkurat mit schwarzen �ffnungen, die tiefer in den geheimnisvollen Berg f�hrten.</p><p>Daron deutete nach oben. �Dort!� Er meinte damit die oberste Br�cke. �Das ist der Weg zum h�chsten Haus des Tempels, in dem der Stern aufbewahrt wird.�</p><p>Sonja ging auf die weite wei�e Ebene zu, doch Daron hielt sie zur�ck.</p><p>�Nein! Hier tr�gt der Schein.� Er machte selbst einige Schritte nach vorn, dann drehte er sich zu Sonja, Ban-Itos und den erwartungsvollen Soldaten um, blickte sie an und wandte sich wieder dem grellen Wei� zu. Er schnellte den Arm vor, und seine Faust krachte durch eine unsichtbare Barriere � sofort verschwand der wei�leuchtende Boden.</p><p>Sonja holte erschrocken Luft, genau wie die S�ldner, von denen auch einige zu fluchen begannen. Nun, da das Trugbild durch Daron zerschmettert war, sahen sie ganz deutlich eine gewaltige, g�hnende Kluft vor sich, deren gegen�berliegender Rand sich in der D�sternis von wirbelndem Nebel und Rauchschwaden verbarg. Schmale rote Zungen leckten nach den W�nden der ungeheuren Grube, wie tief am Boden brennende Flammen.</p><p>Sonja trat n�her heran. Schnell streckte Daron einen Arm aus, als wolle er verhindern, dass sie vorw�rts gezogen w�rde. Tats�chlich versp�rte Sonja ein seltsames Dr�ngen weiterzugehen, als bef�nde sich vor ihr noch fester Boden.</p><p>�Dieser Abgrund verliert sich im Nichts�, warnte Daron sie. �Er f�llt in einen endlosen Wirbel jenseits von Raum und Zeit. Es ist ein Loch in der Welt, durch Thotas� Willen und mit den Kr�ften des Sterns erschaffen. Allein seine D�mpfe einzuatmen, kann Menschen zu geistlosen Kreaturen machen. Wir m�ssen uns beeilen!�</p><p>Sonja verzog das Gesicht und blickte empor. �Wie kommen wir dann dort hinauf?� Sie deutete mit dem Schwert zum Fu� der ersten hohen schwarzen Steinbr�cke.</p><p>Daron blickte �ber sie hinweg, und sein Kopf wies die Richtung. ��ber die Treppe.�</p><p>Sonjas Blick folgte seinem. In den Stein war im Zickzack eine Treppe gehauen, mit breiten Abs�tzen, die zu den gew�lbten Br�cken �ber dem unendlichen Abgrund f�hrten. Sonja wandte sich an die S�ldner. �Seht ihr die Treppe? Wir m�ssen sie erklimmen! Und lasst euch von nichts und niemandem aufhalten!�</p></section><section><title><p>10</p><p>Der Tod in der Zikkurat</p></title><p>Als Sonja den ersten Treppenlauf hocheilte, h�rte sie von oben Kampfl�rm. Erstaunt hielt sie an und sp�hte zu den Br�cken empor. Sie sah einige ihrer eigenen M�nner � offenbar von den Divisionen, die vom Berg aus angegriffen hatten. Wie immer sie auch eingedrungen waren, nun befanden sie sich in gro�er Zahl auf allen oberen Br�cken �ber dem bodenlosen Abgrund und k�mpften gegen Scharen von Zauberern und wandelnde Leichen. Das Klirren und Rasseln von Schwertern klang wie aus weiter Ferne, ged�mpft durch die ungeheure Gr��e dieser H�hle.</p><p>Erst nachdem ihr klar geworden war, dass sie hier den Sturm ihrer S�ldner gegen die Zauberer beobachtete, fielen ihr auch die vereinzelten Dinge auf, die von hoch oben an ihr vorbeiwirbelten und in der dampfenden Tiefe des Abgrunds verschwanden: K�pfe, Gliedma�en, vollst�ndige Gestalten und Waffen. Der Gedanke an ein so schreckliches Geschick f�r einen Menschen lie� Sonja die Finger um das Treppengel�nder krallen, w�hrend sie hochstarrte.</p><p>�Stirb! Stirb!� erklangen die fernen Rufe ihrer Krieger, w�hrend Schwerter blitzten und Trupps Ger�steter im Kampf vor- und zur�ckdr�ngten. Schreiend st�rzten immer mehr Zauberer und Soldaten �ber den Rand der schmalen Br�cken und verschwanden im Abgrund.</p><p>�Taarans Stacheln!� murmelte Daron.</p><p>Sonja sah Kopf und Brust eines Zauberers und gleich danach seine untere H�lfte, als beide Teile getrennt in die Tiefe st�rzten.</p><p>Sie raste die Treppe hoch, gefolgt von Daron und Ban-Itos und den S�ldnertrupps. Der erste Absatz war unbewacht, auch am zweiten und dritten leistete ihnen niemand Widerstand. Ihre Beine schmerzten, und ihre Herzen pochten von der Anstrengung des Aufstiegs, doch an jedem Treppenabsatz sahen sie nur g�hnende, unbewachte Eing�nge. Und �ber ihnen, auf den oberen Br�cken, wurde weitergek�mpft, w�hrend der Abgrund tief unten rot aufflackerte, wenn Tote und schreiende M�nner in ihn fielen. Bei einem Blick auf die feurige Tiefe glaubte Sonja unheimliche Wesen zu sehen � mit gro�en flammenfarbigen Augen, riesigen Tastarmen, gewaltigen Schwingen. Dieser Abgrund war die H�lle!</p><p>Sie hatten das vierte Stockwerk erreicht, dann das f�nfte, und als Sonja sich dem sechsten n�herte, rang sie bereits um Luft. Daron fasste sie am Arm, und sie rannten gemeinsam weiter. Im sechsten Gescho� drehten ein paar Zauberer sich auf der Br�cke um und bemerkten sie. Br�llend rannten sie auf den Absatz zu. Sonja, Daron, Ban-Itos und ein Dutzend weitere waren bereits auf der Treppe zum siebten Stockwerk, als die Zauberer sich auf jene hinter ihnen st�rzten. Doch diese M�nner hielten ihrem Angriff stand und dr�ngten sie auf die Br�cke zur�ck, um ihren Kameraden den weiteren Aufstieg zu erm�glichen.</p><p>Sonja und die anderen gelangten zum achten Gescho�, dann zum neunten � und Sonja prallte fast gegen eine Reihe Untoter auf dem Absatz. Schwer atmend k�pfte sie den ersten und schlug dem zweiten einen Arm ab, dann stie� sie beide �ber die niedrige Br�stung des Absatzes in den rotflackernden Abgrund. Inzwischen hatten auch die S�ldner den Absatz erreicht. Sie st�rzten sich auf die schwerf�lligen Untoten und dr�ngten sie ebenfalls �ber die Br�stung.</p><p>�Weiter!� befahl Sonja.</p><p>Sie rang nach Luft, w�hrend sie den n�chsten Treppenlauf hocheilte. Der alte Ban-Itos war immer noch bei ihr und schien die Stufen geradezu hochzugleiten, und seine Augen leuchteten wie von innen heraus. Sonja staunte �ber seine Kraft und Ausdauer, obwohl ihr klar war, dass er beides nur durch Zauberei aufrechthalten konnte.</p><p>Im zehnten Stockwerk stie�en sie auf die Priester, die sichtlich �berrascht waren vom pl�tzlichen Herbeist�rmen Sonjas und ihrer Begleiter. Daron legte einen Pfeil an die Sehne, als er zum Absatz kam, und schoss. Er traf einen Zauberer, der dadurch r�ckw�rts �ber das Br�ckengel�nder kippte.</p><p>Seine Br�der hoben drohend die Arme und begannen, eine Zauberformel zu murmeln. Sonja sprang mit erhobenem Schwert vorw�rts � doch unerkl�rlicherweise war Ban-Itos vor ihr, ehe sie sie erreichen konnte. Er zog aus seinem Gewand einen flachen Stein, in den Zeichen geritzt waren, und warf ihn gegen die Priester. Sie wichen zur�ck, als der Stein in der Luft schwebend anschwoll und ihm ein Dutzend leuchtende Tentakel entsprossen. Im n�chsten Augenblick schlangen diese Fangarme sich um die Zauberer, hoben sie hoch und schleuderten sie in den Abgrund. Ihre gellenden Schreie verloren sich in der Tiefe. Die leuchtende Kugel verschwand mit ihren Tentakeln, und Ban-Itos� kleiner flacher Stein fiel auf den Br�ckenaufgang.</p><p>Dann gelangte die Rote Sonja mit ihrer Schar zum elften, zum zw�lften und dreizehnten Stockwerk. Und da sich ihnen auf jedem Absatz Priester und Untote entgegenstellten, befahl Sonja jeweils einem Teil ihrer M�nner, sie abzuwehren. So schmolz die Zahl ihrer Leute, je h�her sie mit Daron und Ban-Itos kam.</p><p>�Die T�r zum Hohentempel!� rief Daron und deutete nach oben, als sie den Absatz des vierzehnten Geschosses erreichten.</p><p>Die T�r befand sich noch zwei Treppenl�ufe �ber ihnen.</p><p>�Beeilt euch!� dr�ngte Sonja und warf einen Blick zur�ck. Viele M�nner hatte sie nicht mehr bei sich. Wie viele waren zur�ckgeblieben, um gegen Priester und Untote auf den Br�cken zu k�mpfen? Wie viele waren gefallen? Wie viele w�rden �berleben?</p><p>Auf dem f�nfzehnten Stockwerk kam ihnen eine Gruppe furchterregender Tempelpriester entgegen, �lter und finsterer als jene in den unteren Geschossen. �Weiter kommt ihr nicht!� rief einer und hob die Hand. Ober ihr formte sich ein blaues Gl�hen.</p><p>Ein Pfeil von Darons Bogen traf den Mann in die Brust. Der Zauberer schrie gellend, sank auf den Stein und blieb tot liegen. Das blaue Gl�hen erlosch.</p><p>Aber die sechs restlichen fassten einander an den H�nden und begannen im Chor zu sprechen. Wieder bildete sich ein blaues Gl�hen � drohend wie ein Blitz, der jeden Augenblick herabzusto�en drohte. Daron legte einen zweiten Pfeil an die Sehne, gerade als Ban-Itos ein kleines Steintiegelchen aus einem �rmel holte und es vor den Zauberern auf den Boden warf. Als es zerschellte, stieg Rauch davon auf, und da sirrte Darons Pfeil auf die Gruppe zu.</p><p>In dem Rauch verwandelte er sich zu einem schimmernden Band aus einem gespenstischen Stoff.</p><p>�Weiter die Treppe hoch!� dr�ngte Daron Sonja und die anderen.</p><p>Als Sonja die Stufen hochhastete, warf sie einen raschen Blick �ber die Schulter. Das Band hatte sich um die sechs Priester geschlungen und zog sich zusammen. Das blaue Gl�hen ihrer Zauberkraft versuchte es zur�ckzuhalten, trotzdem wurde es enger und glitzerte nun. Die S�ldner rannten hinter Sonja her, begeistert von dem wirkungsvollen Zauber, und sie trat zur Seite, um sie vorbeizulassen.</p><p>Daron blickte zu ihr hoch. �Beeil dich! Ban-Itos und ich halten sie zur�ck. Seht zu, dass ihr zum Hohentempel kommt!�</p><p>Doch als sie sich wieder umdrehen wollte, um dem letzten ihrer S�ldner zu folgen, h�rte sie Ban-Itos keuchen: �Daron � hilf mir! Sie sind stark!�</p><p>Besorgt schaute Sonja zu, wie die blaue Kraft der sechs Ban-Itos� Band zur�ckdr�ngte. Der greise Magier hielt die H�nde vor sich, die in ihrer aufgeladenen Kraft gl�hten und zitterten, und er schien sich �ber alle Ma�en anzustrengen. Daron rannte, um Ban-Itos zu Hilfe zu kommen � doch einen Augenblick zu sp�t!</p><p>Ban-Itos schrie gellend, als das blaue Licht um die sechs pl�tzlich durch das Band brach und wie M�rderh�nde nach seinem Gesicht griff. Schnell legte Daron beide H�nde auf den Greis. Da schloss sich das schimmernde Band erneut um die sechs. Das blaue Licht verlor an Kraft, und die Priester sanken langsam sterbend auf den Steinboden. Wo das Band sie ber�hrte, wurde ihr Fleisch aschgrau. Vier lagen bereits, dann f�nf �</p><p>Doch offenbar schwindelig von dem Verlust an Kraft, die Ban-Itos ihm entzogen hatte, lie� Daron den Greis los und taumelte zwei Schritte zur�ck. In diesem Augenblick kreischte der st�rkste der sechs Zauberer und durchbrach das Band, in einem letzten verzweifelten Versuch, sich zu retten. Doch es peitschte �ber sein Gesicht und blendete ihn. Und dann war er nicht l�nger ein Mensch, sondern ein wandelnder Leichnam, denn sein Fleisch fiel wie Asche von seinem Sch�del, und dann von seinem ganzen K�rper, bis er nur noch ein Gerippe war, das grauenvoll grinste. Doch irgendwie gelang es ihm, sich mit seiner restlichen Zauberkraft vorw�rtszubewegen, geradewegs auf Daron zu.</p><p>Sonja schrie wie besessen. Mit erhobenem Schwert sprang sie die Treppe hinunter, gerade als Ban-Itos v�llig ersch�pft und st�hnend auf die Knie fiel.</p><p>Das lebende Skelett des Priesters st�rzte sich auf den noch benommenen Daron. Die Knochenhand schlug gegen Darons Brust und durchdrang die Kettenr�stung. Daron schrie auf. Ein neuer Geruch versengten Fleisches stieg auf.</p><p>Sonja raste �ber den Absatz und schmetterte das Schwert herab.</p><p>�Stirb! Stirb! <emphasis>Stirb!�</emphasis> heulte sie.</p><p>Ihre Klinge trennte die gr�ssliche Knochenhand vom Arm. Das Schwert zischte und rauchte, als es das Gerippe ber�hrte, das ein Mensch gewesen war. Mit der flachen Klinge stie� Sonja es �ber die Br�stung in den Abgrund.</p><p>Daron fiel auf den R�cken. Wo die Knochenhand seine Brust ber�hrt hatte, war nun ein Aschenfleck, umgeben von den geborstenen Gliedern des Kettenhemds. Sonja warf sich neben ihn auf die Knie. Ban-Itos kroch mit letzter Kraft zu ihnen.</p><p>Der greise Zauberer blickte in Darons Augen. �Ihr G�tter! Ihr G�tter!� st�hnte er. �Das war ein Versehen! Es h�tte nicht sein d�rfen! Das war nicht sein Los ��</p><p>�Daron! Daron!� rief Sonja flehend.</p><p>Er �chzte und �ffnete die Augen, doch als er Atem holen wollte, verzog sein Gesicht sich vor Schmerzen und Tr�nen rollten �ber seine Wangen. Dunkles Blut, vermischt mit der Asche auf seiner Brust, sickerte aus der vergl�hten R�stung, und zwei wei�e Rippen waren durch die zerrissenen Muskeln und das angesengte Fleisch zu sehen.</p><p>�Mitra! Mitra!� schluchzte Sonja. �Ban-Itos, rettet ihn!�</p><p>Der Greis blickte sie nur an, und Tr�nen glitzerten in seinen Augen.</p><p>�Mitra!� hauchte Sonja.</p><p>Sie stand auf und schaute hinter sich. Drei Soldaten warteten auf der Treppe. Sie hatten gesehen und geh�rt, was passiert war, aber sie waren auf den Stufen geblieben und erwarteten Sonjas Befehl.</p><p>Sonja blickte sie an, dann sah sie zu der gro�en dunklen T�r�ffnung �ber ihnen. Die Treppe endete dort.</p><p>Sie blickte Ban-Itos an. �Sind dort oben Gem�cher?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Wir m�ssen ihn in eines bringen.�</p><p>�Rote Sonja, Thotas und der Stern sind ��</p><p>Sie wandte sich von ihm ab und winkte die Soldaten herbei. �Kommt und tragt ihn hoch!�</p><p>Die drei hoben Daron vom Boden. Sie waren so behutsam wie nur m�glich, trotzdem st�hnte Daron, und frisches Blut quoll aus der Wunde.</p><p>�Hinauf!� zischte Sonja die M�nner an.</p><p>Vorsichtig trugen sie ihn den letzten Treppenlauf hoch. Sonja folgte ihnen, und hinter ihr Ban-Itos. Die Treppe endete an einem Korridor, der in Richtung Zikkuratspitze f�hrte. Die W�nde hier sahen wie neuerbaut aus. Sonja ging vor den drei Soldaten her, und als sie zur ersten von mehreren T�ren in diesem Gang kam, versuchte sie die Klinge hinunterzudr�cken.</p><p>Die T�r lie� sich �ffnen. Dahinter befand sich eine Kammer mit einer Liege, einem Tisch, St�hlen und B�cherregalen � die Zelle eines Priesters.</p><p>�Hier herein!� rief sie.</p><p>Sie trugen Daron in die Kammer und legten ihn auf das harte Bett. Ban-Itos folgte ihnen nicht, sondern hielt Wache. Sonja sah, wie Daron um Atem ringend in der D�sternis lag. �Z�ndet eine Fackel an�, befahl sie ihren M�nnern. Einer kniete sich nieder, dann war das Scharren von Feuerstein und Stahl zu h�ren, und schon flammte eine Fackel auf, die sie in eine Wandhalterung steckten. Oranger Schein fiel �ber Darons bleiches Gesicht.</p><p>�Geht jetzt�, wies Sonja die S�ldner an. Als sie nicht sofort Schritte h�rte, die vom R�ckzug der M�nner k�ndeten, brauste sie auf: �Geht! Geht! Lasst mich mit ihm allein!�</p><p>Best�rzt �ber ihren Ton wichen sie zur�ck. Sonja folgte ihnen, bis sie �ber der Schwelle waren, dann schlug sie die schwere Holzt�r zu und schob den Riegel vor. Als sie sich wieder dem Lager zuwandte, lie� sie das Schwert zu Boden fallen. Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen, als sie zu Darons Bett zur�ckkehrte und davor auf die Knie sank.</p><p>Ob �berhaupt Geister ein Heim hier finden konnten, in dieser trostlosen Umgebung, in dieser Zikkurat, die �ber einem H�llenschlund erbaut war?</p><p>Sonja sp�rte, wie die K�lte aus der Welt der Toten sich um sie stahl und sie wie ein eisiges Leichenhemd einh�llte. Schlug ihr Herz noch? Hatte sie wahrhaftig das Leben gelebt, an das sie sich erinnerte? Gab es irgendwo irgendwelche Antworten, wahre Antworten, die jemand inmitten all des Wahnsinns zu finden vermochte, die Leben und Tod boten?</p><p>Welcher Fehler war begangen worden, dass die Zeit nicht wie ein Pfad r�ckw�rts beschriften werden und die Wahrheit gelehrt werden konnte, die dies erm�glichte?</p><p>Neben dem geliebten Mann kniend, lauschte sie seinem qualvollen Atmen und sp�rte den Schmerz seiner Wunde am eigenen K�rper. Es zerriss ihr beinah das Herz. Sie blickte in seine halbgeschlossenen Augen und suchte nach einem Hinweis auf die Sterne, dem Versprechen einer R�ckkehr. Doch da war nur der Schmerz und das Verlangen nach Erl�sung.</p><p>Mitra! Eine Leere hatte sich im Herzen der Welt aufgetan!</p><p>Ihr wurde nun klar, dass der Trost von hunderterlei M�glichkeiten sie besch�ftigt hatte, und zwar sowohl bewusst wie unbewu�t, w�hrend all der langen Stunden der Entbehrungen, der Furcht und Gefahr, die sie mit Daron geteilt hatte, und deshalb konnte sie vermeiden, sich der Wahrheit in ihrem Herzen zu stellen.</p><p>Und nun starb Daron.</p><p>Daron, der einzige Mensch, dem Sonja je begegnet war, der aufgrund seines eigenen Seins die Einsamkeit verstand, die ihre Seele sogar den Seelen ihrer besten Freunde entfremdete; und in dieser Entfremdung hatte er ihre Treue gegen�ber der gesamten Menschheit erkannt. Er hatte verstanden.</p><p>Die Tiefe des Abgrunds unter der Zikkurat war nicht gr��er als die von Sonjas Trauer.</p><p>Sie rutschte auf den Knien dichter heran und sp�rte seinen schwachen Atem an ihrer Wange. Ihre Lippen zitterten.</p><p>�Daron �?�</p><p>Seine Hand griff kraftlos nach ihrer, verfehlte sie, tastete herum. Sonja legte die Finger �ber seine und hielt sie, hielt sie ganz fest � hielt Daron fest.</p><p>�Daron, kannst du mich h�ren? Pass auf ��</p><p>Er dr�ckte ihre Hand, schwach zun�chst, dann dr�ngender. Er hob die Lider nun ganz und blickte ihr in die Augen. Seine wirkten im orangen Fackelschein eingefallen.</p><p>�Daron ��</p><p>�Sonja, ich �� Er hustete. Frisches Blut quoll aus der Wunde und rann ihm �ber die Seite.</p><p>�Still, Daron. Ruh dich aus.�</p><p>�Nicht jetzt. Ich � sterbe, S-sonja ��</p><p>�Ruhig, Daron!�</p><p>�Sonja, ich liebe dich, und ich bin ein Narr.�</p><p>�Ruhig, Daron, <emphasis>ruhig!�</emphasis></p><p>Er l�chelte, doch das machte sein Gesicht zur Grimasse. Seufzend schloss er die Augen, �ffnete sie aber gleich wieder. Ihr Gesicht war seinem nahe, und er sp�rte ihren Atem warm auf der Wange.</p><p>�Was bin ich f�r ein Narr!� fl�sterte er heiser. �Was versuchte ich zu beweisen? Und doch ��</p><p>�Daron, sei still! Unsere Soldaten sind dabei, die Zikkurat einzunehmen � sie werden ein Ende mit Thotas machen. Ich hole jetzt Ban-Itos herein. Er kann dir helfen. Er wird dich heilen ��</p><p>�F�r mich gibt es keine Heilung mehr. Ich sterbe, Sonja. Und ich m�chte sterben. Kannst du das verstehen? Oder glauben? Ich nicht, und doch ��</p><p>�Bitte, Daron, bitte! Du bist verwundet, doch Ban-Itos kann dir wirklich ��</p><p>�Ich m�chte sterben, Sonja. Ich muss � um meines Vaters willen �, das schulde ich den Menschen, wer immer und wo immer sie auch sind. Ich schulde es dir ��</p><p>�Daron! Wie kannst du so etwas sagen!�</p><p>�Ich w�rde dir nur Leid bringen, Sonja, wenn ich am Leben bliebe. Wei�t du das nicht?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Und es ist mir egal!�</p><p>�Mir nicht. Ich bin der � Sohn eines b�sen Zauberers. Und du ��</p><p>�Mitra, es st�rt mich nicht!� rief sie. Tr�nen rannen �ber ihre Wangen. <emphasis>�Ich</emphasis> war die N�rrin, Daron � ich wusste nicht, wie sehr ich dich liebe! Mutter Mitras, ich schw�re bei den G�ttern, dass ich nie zuvor in meinem Leben so empfand! Nie, nie!�</p><p>�Sonja ��</p><p>�Ich liebe dich, Daron. Bei den G�ttern des Himmels, den Teufeln der H�llen � Mitra, hilf mir! Ich - ich liebe dich!�</p><p>Ihre Hand dr�ckte seine. Er quetschte ihre Finger und �chzte vor Schmerz, als seine Wunde sich erneut �ffnete und das Blut hervorquoll. Sonja schluchzte und beugte sich noch tiefer �ber ihn. Ihre Tr�nen sickerten auf sein Gesicht, als sie ihres an seine Wange dr�ckte. Dann hob sie den Kopf und blickte tief in Darons brennende Augen.</p><p>�Ich liebe dich ��</p><p>Sie dr�ckte ihren Mund auf seinen und k�sste ihn fest. Schlie�lich zog sie ihn zur�ck und wischte sich schluchzend die Tr�nen vom Gesicht.</p><p>�Ihr G�tter!� st�hnte Daron und versuchte, den Kopf ein bisschen zu heben. �Mir geh�rte die Welt ��</p><p>�bermannt von ihren Gef�hlen warf Sonja den Kopf zur�ck und starrte auf die rauchige Decke der Kammer. �Ihr wahnwitzigen G�tter der Sch�pfung!� w�rgte sie mit zittriger Stimme hervor. �Ich liebe diesen Mann, ich liebe ihn! Gebt ihn mir zur�ck!�</p><p>�Was habe ich getan?� �chzte Daron. Sein H�ndedruck wurde mit seinem verebbenden Leben schlaffer. �Das - Sonja, wollte ich nicht. Nicht ��</p><p><emphasis>�Ich liebe ihn!�</emphasis> br�llte Sonja zur gleichg�ltigen Decke hoch. �Lasst ihn nicht sterben!�</p><p>�Sonja ��</p><p>�Daron! Daron!� Seine Hand lag kraftlos und kalt in ihrer.</p><p>�Diesen � Schmerz wollte ich � dir nicht zuf�gen �� Er hustete Blut. �Die Welt � war unser � Sonja ��</p><p>�Daron, nein! Nein!� Sie rieb verzweifelt seine Hand, blickte in seine sich schlie�enden Augen, k�sste ihn auf die Stirn, die Augen, die Lippen �</p><p>Seine reglosen Lippen.</p><p>Seine Hand in ihrer war nun v�llig schlaff.</p><p>�Nein!� heulte Sonja. <emphasis>�Nein!�</emphasis></p><p>Sie stand auf, beugte sich �ber ihn, nahm sein Gesicht in ihre H�nde. Einen langen Moment betrachtete sie ihn durch Tr�nenschleier. Sie hatte das Gef�hl, in einen Abgrund zu sinken, einen eisigen Abgrund der Verzweiflung, in dem etwas Grauenvolles lauerte �</p><p>Etwas, das sich von ihrer Trauer, von ihrem Leid n�hrte.</p><p><emphasis>�Nein!�</emphasis> rief sie w�tend. Sie tastete blindlings nach ihrem Schwert, und ein heftiges Verlangen erf�llte sie, die grausamen G�tter zu t�ten, die die Welten erschaffen hatten. Sofort schwand das Gef�hl, dass sie in einen Abgrund mit etwas Grauenvollem sank �</p><p>�Nein�, wisperte sie, halb als Frage, halb als Feststellung. Dann wandte sie sich wieder der Leiche ihres Geliebten zu. �Ich habe es falsch gemacht! Ich liebte dich vom ersten Augenblick an, aber ich weigerte mich, es mir einzugestehen! Und jetzt habe ich dich verloren � Du bist der Sohn eines Zauberers, aber ich liebe dich, Daron!� Wieder drohte ihre Trauer sie zu �bermannen, und wieder tat sich der Abgrund auf. �Im Namen Mitras, �ffne die Augen und sieh mich an! Ich glaube, ich verliere den Verstand, Daron. Einen Moment vermeinte ich, ein D�mon n�hre sich von meinem Leid!�</p><p>Er antwortete nicht, konnte nicht antworten, konnte die Augen nicht �ffnen, noch den Kuss ihrer warmen Lippen erwidern.</p><p>�Daron!�</p><p>Erneut dieses gr�ssliche Gef�hl, etwas warte darauf, sich von ihrer Qual zu n�hren � etwas, das gar nicht so weit entfernt war. Etwas innerhalb der Zikkurat!</p><p><emphasis>�Ihr G�tter der H�llen!�</emphasis> br�llte sie zur dunklen Decke hoch. Wieder rannen ihr die Tr�nen �ber Wangen. �Warum habt ihr ihn nicht f�r mich besch�tzt?�</p><p>Dann brach sie neben ihm auf der Liege zusammen, grub den Kopf in die Arme und schluchzte.</p><empty-line/><p>Eine tr�nenvolle, seelenlose Zeit lang kniete sie neben dem Bett, f�hlte sich verdammt von ihrem Stolz und ihrem eigenen Schicksal.</p><p>Sie weinte, bis keine Tr�nen mehr flossen, bis ihr Kopf und ihre Seiten schmerzten und ihr ganzer K�rper von all den Qualen, die sie je erlitten hatte. Und sie litt wegen einer Liebe, die sie zu sp�t erkannt hatte, und das war das Qualvollste von allem.</p><p>Bis ein blaues Licht die Kammer erhellte.</p><p>Ein blaues Licht!</p><p>Sie hob die geschwollenen Lider �ber den brennenden Augen, und sah die seltsame Wesenheit ihrer Bestimmung, halb Mann, halb Frau, in dem blauen Gl�hen der tiefen Nacht ihres Schicksals leuchten.</p><p>�Mitra!�</p><p><emphasis>�Du bist dein eigenes Schicksal, Sonja von Hyrkanien!�</emphasis></p><p>�Was, bei �?�</p><p><emphasis>�Rufe niemanden, au�er dich selbst; suche niemanden, au�er dich selbst; halte nicht die Bewegung auf, die dich auf deinem vorbestimmten Weg weiterf�hrt!�</emphasis></p><p>Erstaunt fl�sterte Sonja: �Wer bist du?�</p><p><emphasis>�Du bist du allein, Sonja von Hyrkanien. Die Vergangenheit �ffnet sich in dir; die Zukunft entfaltet sich vor dir. Du bist dein eigenes Schicksal, Rote Sonja.�</emphasis></p><p>Immer noch kniend, lehnte Sonja sich zur�ck, doch nun erwuchs Grimm in ihr: denn das Schicksal, das sie hinter der Prophezeiung sah, war voll von Blut und Zauberei, von schrecklicher Einsamkeit, und Liebe, die sie erst fand, wenn sie verloren war.</p><p>�Im Namen Mitras!� br�llte sie die Wesenheit an. �Sag mir, wer du bist und weshalb du mich so heimsuchst!�</p><p><emphasis>�Du w�hlst deinen Weg, wie er f�r dich erkoren war. Du bist der Weg, den du erw�hlt hast, Rote Sonja. Du bist die Erkorene dieses Weges.�</emphasis></p><p>�Sag mir, wer du bist �!�</p><p>Das blaue Leuchten verst�rkte sich pl�tzlich, und Sonja musste den Blick abwenden. Sie schwieg nun, �bermannt von M�digkeit und den Nachwirkungen von Trauer �ber den Verlust. Stumpf h�rte sie zu, wie ihr ihr Schicksal kundgetan wurde, und dachte: Warum sagt man es mir? Den meisten Menschen bleibt ihre Zukunft verborgen, und so k�nnen sie hoffen.</p><p><emphasis>�Du bist dein eigenes Schicksal, Sonja von Hyrkanien. Du erw�hltest dein Schwert als deine St�rke und dein Herz, doch bist du mehr! Du bist allein du selbst! Verfluche nicht die G�tter des Pfades wegen, den du selbst erkorst und der du bist, Rote Sonja! Vor langer Zeit hast du dich entschieden, ihm zu folgen und f�r ihn zu leben!�</emphasis></p><p>Das blaue Leuchten schwand. Allein blieb Sonja in einer dunklen Kammer zur�ck, mit dem Leichnam ihres Geliebten und einer einzelnen Fackelflamme, die sie zu verh�hnen schien.</p><p>Ihr G�tter der G�tter. Es war Iatos, der zu ihr gesagt hatte: <emphasis>Ich bin es leid, immer der �berlebende zu sein!</emphasis></p><p><emphasis>�Warum verfluchst du die G�tter des Pfades wegen, den du erkorst und der du bist, Rote Sonja?�</emphasis></p><p>�Daron! Mitra, hilf mir!�</p><p><emphasis>�Du bist dein eigenes Schicksal, Rote Sonja von Hyrkanien.�</emphasis></p><empty-line/><p>Sie war sich der ungeheuren wartenden Stille des Alls bewusst � und dann eines Klopfens an der T�r.</p><p>M�de und ausgebrannt erhob sie sich schwerf�llig. Sie schlurfte zur T�r, schob den Riegel zur�ck und blieb stehen.</p><p>Die T�r schwang auf. Ban-Itos stand davor. Wortlos trat er ein und schloss die T�r hinter sich. Er blickte auf Daron, dann auf Sonja. Ihr leuchtendes Rothaar war zerzaust, ihr Gesicht wei� und tr�nenbefleckt.</p><p>�Ist er tot?� fragte der Zauberer leise.</p><p>�Er ist tot, und ich liebte ihn ��</p><p>Ban-Itos bedachte sie mit einem r�tselhaften Blick. �Dann werdet Ihr ihn r�chen!�</p><p>Sie starrten einander an, atemlos, dann breitete Ban-Itos die Arme aus. Vorw�rtstaumelnd warf Sonja sich an seine Brust und schlang die Arme um ihn, so wie er seine um sie legte. Zum ersten Mal seit dem Tod ihres Vaters erlaubte sie einem Mann, ihr so Trost zu schenken.</p><p>Voll Achtung und Zuneigung hielt Ban-Itos sie schlie�lich von sich, blickte in ihre blauen Augen und sagte leise: �Wir haben den Hohentempel noch nicht eingenommen. Thotas ist dort, er lebt noch. Nehmt Oduracs Asche, Sonja, und kommt mit.�</p><p>Sonja f�hlte sich wie ein Geist, der sich in die Erinnerungen einer Familie dr�ngte, die er geliebt hatte, aber zu der er nicht mehr geh�rte, w�hrend sie sich von dem greisen Zauberer abwandte und auf den leblosen Daron zuging. Sie hob sein geborstenes Kettenhemd und nahm sich von dem G�rtel darunter den Lederbeutel mit der Asche des toten Zauberers.</p><p>Dann blickte sie auf Darons stilles Gesicht, das feucht und grau war � einen langen, eindringlichen Augenblick lang betrachtete sie es. Schlie�lich beugte sie sich dar�ber, k�sste es, betrachtete noch einmal die geliebten Z�ge, ehe sie Daron die Augen zudr�ckte und durch sein feuchtes Haar strich. Sie drehte sich um, hob sein Schwert auf und befestigte den Beutel mit Oduracs Asche an ihrem eigenen G�rtel.</p><p>Ban-Itos ging zur T�r und �ffnete sie. Eine gr��ere Schar S�ldner wartete auf dem Korridor. Die M�nner waren m�de und kampfgezeichnet, doch bereit, Sonja zu folgen, wohin sie sie f�hren mochte. Sonja trat auf die Schwelle, blickte auf ihre M�nner, z�hlte sie. Sie war erleichtert, dass so viele den Kampf auf der Treppe �berlebt und ihr so weit hatten folgen k�nnen. Sie war stolz auf sie, trotz der Trauer �ber Daron, ihren Geliebten.</p><p>Nunmehr wandte sie sich Ban-Itos zu und sagte grimmig: �Wenn es meinen Tod bedeutet, dann soll es so sein. Ich werde Daron r�chen!�</p><p>�Daron h�tte nicht sterben d�rfen!� Ban-Itos sch�ttelte den Kopf. �Meine Zeit war abgelaufen, nicht seine. In seinen Sternen stand nichts von Unheil. Es ist, als st�nde er unter einem Fluch, der den Tod auf ihn �bertrug.�</p><p>�Ja, ein Fluch!� Sonjas Augen wurden hart, entschlossen. �Osylla ��</p><p>Dann schritt sie vorw�rts. Ihre Soldaten machten ihr Platz und bildeten eine Gasse f�r sie. Die Rote Sonja von Hyrkanien schritt hindurch und f�hrte sie an � den Korridor entlang zum Hohentempel der Zikkurat und zu dem Zauberer, der �ber ihn herrschte, und zu dem Stern des Untergangs.</p></section><section><title><p>11</p><p>Thotas</p></title><p>Auf halbem Weg in dem Gang, der den Tempel mit der gewaltigen H�hle verband, stie�en sie auf einen Haufen verst�mmelter und versengter Leichen.</p><p>Nein � nicht alle waren Leichen. Da und dort verriet ein Auge noch Leben, bewegte sich m�hsam ein Arm, oder zuckten blutige Finger. Finster blickte Sonja hinab auf diese Beklagenswerten, die von einer Gangseite zur anderen verstreut lagen. An ihrer R�stung und Kleidung erkannte sie sie als Ostors Barbaren. Offenbar hatten sie die anderen gegen die Priester auf den Br�cken k�mpfend zur�ckgelassen, in der Hoffnung, den Hohentempel pl�ndern zu k�nnen, und waren dabei blindlings in Stahl und m�rderische Zauberei gerannt. Zwischen ihnen lagen auch einige blaugewandete Priester.</p><p>Als sie durch und �ber die Leichen trat, entschlossen, Thotas um jeden Preis zu erreichen, h�rte sie jemanden schwach ihren Namen rufen. Sie zuckte zusammen, und ihr Blick wanderte suchend �ber den Haufen Gemetzelter, um festzustellen, welcher der grimmigen Krieger in Leder und Kettenr�stung es f�r wichtiger hielt, im Sterben nach ihr zu rufen, statt Frieden mit seinen G�ttern zu schlie�en.</p><p>�Rote � Sonja ��</p><p>Da sah sie ihn. Sein Gesicht war ihr zugewandt. Blut sickerte aus Nase und Mund und verkrustete bereits im Schnurrbart und Bart. Er war helmlos, und auch sein langes dunkelblondes Haar war blutbesudelt.</p><p>�Rote �� Es war Ostor, der gro�sprecherische F�hrer der kleinen Armee Gesetzloser, der hier auf einem Korridor in einer Hexerfestung starb, ein armseliges �berbleibsel seiner ehemaligen Gro�spurigkeit.</p><p>�Ostor!� rief Sonja. �Warum hast du nicht gewartet?�</p><p>�Welcher Wahnsinn ist dies hier?� fl�sterte er d�ster, w�hrend sich Schleier vor seine Augen schoben. �Du hast uns geradenwegs in die H�lle gef�hrt! Alle meine M�nner sind � tot! Blitze und blauer Rauch � Kreaturen aus den H�llen � Dies ist nicht die Erde � Ich sterbe inmitten eines Alptraums � Enkidu verfluche dich!�</p><p>�Du warst ein Narr!� zischte Sonja ihn an. �Du wolltest alles Pl�ndergut f�r dich allein!�</p><p>�Es gibt hier kein Gold�, keuchte Ostor. �Hier war auch nie eines. Hier gibt es nur den Tod � und Flammen � und diese Ungeheuer in Menschengestalt.�</p><p>�Du bist ein Narr, Ostor. Und du stirbst den Tod eines Narren. Das hast du nur deiner Habgier zuzuschreiben.�</p><p>�Ich � ich wurde in eine Falle gef�hrt. Du hast mich � in den Tod gef�hrt!�</p><p>�Du selbst bist an deinem Tod schuld, Narr! Du hast M�nner gef�hrt, obwohl du nicht einmal dich selbst beherrschen konntest! Du wolltest uns alle betr�gen!�</p><p>�Du hast uns angelogen! Hier gibt es keine Sch�tze!�</p><p>Sonja zuckte die Schulter. �Woher willst du das wissen? Diese H�llenpriester haben vielleicht ungeheure Reicht�mer in ihren Gew�lben versteckt. Aber meinetwegen k�nnen sie im H�llenfeuer schmelzen!�</p><p>�Du bist � wahnsinnig, Weib!�</p><p>�Und du bist ein Narr!� Sonja wandte sich von ihm ab.</p><p>�Gib mir den Gnadensto�! T�te mich!� flehte Ostor zitternd. �T�te mich, lass nicht zu, dass ich an zaubergeschlagenen Wunden sterbe.�</p><p>�Was macht das schon f�r einen Unterschied?� fragte Sonja. �Du hast vom Brandschatzen gelebt, Ostor! Hast Hunderte unschuldiger Steppenbewohner in den Tod geschickt! Du wirst bis zum Ende der Welt in den H�llen brennen, ob ich dir den Gnadensto� gebe oder nicht.�</p><p>Seine Augen schlossen sich, das Gesicht verzerrte sich in unertr�glichem Schmerz, er erschauderte kurz � und erschlaffte.</p><p>Sonja betrachtete ihn d�ster und wunderte sich �ber ihre Gef�hle. Was war dies f�r ein Hass, der sie einen Sterbenden verh�hnen lie� � selbst wenn es ein so grausamer, erbarmungsloser wie Ostor war? Lag es daran, dass der Wahnsinn des Sterns in ihr wuchs? Dann war es das beste, sie machte hier so schnell wie m�glich ein Ende, denn Daron hatte versprochen, dass einige �berleben w�rden. Also w�rden welche �brig bleiben und froh sein, wieder unvergiftete Luft atmen zu d�rfen. Dabei war es ihr egal, ob sie zu ihnen geh�ren w�rde oder nicht.</p><p>Sie blickte von dem soeben Verstorbenen hoch �ber den Rest der Toten und wollte sich auf den Weiterweg machen � da standen pl�tzlich neun Blaugewandete ihr jenseits des Leichenhaufens gegen�ber � bleiche, kahlk�pfige M�nner, die sie reglos mit gelben Augen anstarrten.</p><p>Funkelnd erwiderte sie ihren Blick und spannte sich zum Angriff, falls einer sich auch nur im geringsten bewegte.</p><p>Aber sie r�hrten sich nicht. Der vorderste fragte mit ruhiger Stimme: �Seid Ihr die F�hrerin dieser Barbaren?�</p><p>�Ja!� antwortete Sonja knapp.</p><p>�Wir m�chten mit Euch sprechen.�</p><p>�Dann tut es. Oder handelt � was immer euch lieber ist. Euer Leben kostet es auf jeden Fall.�</p><p>�Wir m�chten nicht sterben, weder durch Eure Hand noch durch Thotas�. Genauso wenig wie Ihr sterben wollt, was Ihr zweifellos w�rdet, wenn Ihr versuchtet, Euch gegen uns zu stellen. Beenden wir das T�ten!�</p><p>�Welche List habt Ihr im Sinn?� fragte Sonja scharf. Sie sp�rte, dass Ban-Itos herbeikam, und sah ihn aus den Augenwinkeln, als er neben ihr stehen blieb.</p><p>�Keine List!� versicherte ihr der vorderste Priester. �Wenn Ihr uns helft, Thotas zu vernichten, besch�tzen wir Euch vor ihm.�</p><p>�Also doch eine List!� murmelte Sonja.</p><p>Ban-Itos fl�sterte ihr ins Ohr. �Das glaube ich nicht.�</p><p>�Wir m�chten Euer Versprechen, dass Ihr uns helft�, fuhr derselbe Priester fort. �Ihr habt von uns nichts zu bef�rchten.�</p><p>�Hunderte, ja Tausende sind gefallen, in eure H�llengr�be gest�rzt oder durch eure Hexerei gemordet�, erinnerte Sonja ihn.</p><p>�Wir h�tten euch vernichten k�nnen, als ihr �ber die Steppe kamt, w�re uns nicht viel von unserer Kraft entzogen gewesen. Thotas und sein Stein haben sie uns gestohlen � und etliche der euren ebenfalls.�</p><p>Sonjas Augen blitzten, und ihre Nasenfl�gel zitterten.</p><p>�Es stimmt�, fl�sterte Ban-Itos ihr wieder zu. �Das Wesen im Stein ist wahrhaftig ein <emphasis>Ajar-Alazwat,</emphasis> ein Schmerzfresser, der von der Kraft lebt � und durch sie w�chst �, die er allem Lebenden in seiner Reichweite entzieht. Wir h�tten wahrhaftig vernichtet werden k�nnen, h�tte dieses Ungeheuer im Tempel die Priester nicht zur�ckgehalten. Ich wei� nun, dass unsere Entschlossenheit gegen ihre Zauberei nichts ausgerichtet h�tte.�</p><p>�Aber Eure Magie, Ban-Itos, � und Darons �?�</p><p>�Nicht genug. Diese M�nner sind stark. Ich erkannte alsbald�dass etwas ihnen die Kraft entzog und sie anderswohin lenkte.�</p><p>�Dann war all das nur T�uschung?�</p><p>Der vorderste Priester warf ein: �Keine T�uschung. Wir sind wahrhaftig geschw�cht, rothaarige Frau. Thotas und der <emphasis>Ajar-Alazwat</emphasis> haben unseren Schutz geraubt. Unseren Meister gel�stet es nach unbeschr�nkter Macht; er vernichtet sich selbst dadurch. Wir werden ihm nicht mehr dienen � und wir k�nnen euch helfen, wenn ihr uns helft.�</p><p>�Wir brauchen eure Hilfe nicht�, wehrte Sonja ab. �Wir haben eine wirkungsvolle Waffe.�</p><p>Der vordere Priester entgegnete darauf nichts, da traten zwei andere Priester von hinten zu ihm und besprachen sich fl�sternd mit ihm. Sonja h�rte Verw�nschungen von den S�ldnern hinter ihr und Rufe: �Lasst sie uns sofort t�ten!� �Vergeuden wir keine Zeit mehr!� �Bringen wir die Hundes�hne endlich um!�</p><p>�Welche Waffe?� erkundigte sich der F�hrer der Blaugewandeten.</p><p>Sonja wollte es ihm nicht verraten, doch Ban-Itos antwortete: �Die Asche des Zauberers Odurac, dessen Sohn durch einen der euren get�tet wurde.�</p><p>Der F�hrer nickte achtungsvoll, und seine Leute hinter ihm waren ganz offensichtlich beeindruckt. �Ihr habt Odurac get�tet und besitzt nun seine irdische Asche?�</p><p>�So ist es!� best�tigte Sonja.</p><p>Der Priesterf�hrer verbeugte sich. �Damit l�sst sich Thotas vielleicht wirklich besiegen. Bitte � helft uns jetzt. Die Zeit dr�ngt. Thotas und der <emphasis>Ajar-Alazwat</emphasis> k�mpfen miteinander.�</p><p>�K�mpfen miteinander?� fragte Sonja verbl�fft. �Ich verstehe nicht, wie k�nnen ��</p><p>�Mit dem Geist�, erkl�rte der Priester. �Der Schmerzfresser beabsichtigt, Thotas endlich zu vernichten und zum Himmel zur�ckzukehren. Wir m�ssen daf�r sorgen, dass er entkommen kann!�</p><p>Sonja staunte. �Ban-Itos�, fragte sie, �kann das wahr sein?�</p><p>Der Greis nickte ernst. �Falls das eintritt, ist der Stern wieder sein eigener Herr. Thotas fand ihn, als er geschw�cht war, und brachte ihn in seine Gewalt. Aber er hat wieder Kr�fte gesch�pft. M�glicherweise ist er nach zehn Jahren vergeblicher Gegenwehr nun endlich stark genug, Thotas die Macht zu entziehen und sich aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Die Kraft aller in diesem Tempel und im Land ringsum wurde allm�hlich von diesem Schmerzfresser aufgesogen, damit er sich von Thotas befreien k�nne.�</p><p>Der F�hrer der Blaugewandeten nickte. �Ihr habt es erkannt, Wei�bart. So wie eure Lande entkr�ftet wurden und ihre Fruchtbarkeit verloren, so zehrte es an unserer Kraft und Gesundheit, an unserem K�rper und unserer Seele. Wir sind nur noch ein Schatten unseres Selbst. Der <emphasis>Ajar-Alazwat �</emphasis> n�hrt sich von uns ��</p><p>�Genug!� rief einer der hinteren Priester. �Sie wollen uns nicht helfen! Wir aber k�nnen nicht ohne Schutz zur�ckkehren � es ist unser Untergang! Ich will nicht sterben, wenn mein Geist mir entzogen ist!� Er l�ste sich aus der Gruppe seiner Br�der, zog einen Dolch aus seinem G�rtel, stie� ihn sich in den Leib und st�rzte mit dem Gesicht auf den Boden.</p><p>Sonja holte erschreckt Luft und ging auf ihn zu, um sich �ber ihn zu beugen. Es war keine List! Die Dolchspitze ragte eine halbe Handbreit aus dem R�cken des Mannes.</p><p>�Ihr G�tter �� hauchte sie.</p><p>�Wir werden nicht zulassen, dass ihr uns t�tet�, sagte der F�hrer der Priester. �Aber wir wollen auch nicht dulden, dass Thotas oder der Schmerzfresser unsere Seelen stiehlt. Also werden wir euch t�ten und danach uns, au�er ihr erkl�rt euch einverstanden, uns gegen Thotas dabei zu helfen, den <emphasis>Ajar-Alazwat</emphasis> zu befreien. Es ist f�r uns alle die einzige Hoffnung.�</p><p>Sonja �berlegte.</p><p>�Tut ihr es nicht�, mahnte der Priester sie, �wird der Schmerzfresser bald seine angestaute Kraft einsetzen, um Thotas zu vernichten � und ihm ist es egal, ob er dabei die ganze Welt vernichtet. Keiner von uns wird �berleben.�</p><p>�Ihr vergeudet Zeit, Kriegerin!� rief ein anderer Blaugewandeter. �Ihr setzt uns alle der Verdammnis aus!�</p><p>Und aus den Reihen der S�ldner erklangen Rufe, wie: �Zur H�lle mit ihren Tricks!� �Bringen wir die falschen Hunde endlich um!� �Ich sagte, t�ten wir sie alle!�</p><p>Im gleichen Augenblick flog ein Messer auf die Gruppe der Zauberpriester zu. Es verfehlte sie knapp und fiel zu Boden, ohne jemanden verletzt zu haben. Aber die Blaugewandeten wichen ein St�ck zur�ck, machten finstere Gesichter, und zwei oder drei warfen ihre Arme auf eine Weise hoch, die einer Zauberei vorherging, wie Sonja wohl wusste.</p><p>Ban-Itos jedoch war rascher als alle anderen. Er hob einen Arm als Schild um das abzuwehren, was immer Thotas� M�nner beabsichtigten, und rief zornig: �Verdammter Narr!� Sein Blick bannte den S�ldner, der das Messer geschleudert hatte, und er murmelte: <emphasis>�Eliazu inamu!�</emphasis></p><p>Der Mann schrie, als sein Haar pl�tzlich Feuer fing, und rannte kopflos von einer Gangseite zur anderen, bis seine Kameraden ihm einen Umhang �ber den Kopf warfen und die Flammen ausdr�ckten. Als sie ihn wieder von dem Umhang befreiten, hatte er nicht mehr verloren als sein Haar � und seine un�berlegte Wut. Nun blieb er still bei seinen Kameraden stehen, mit grauen Aschespuren auf dem Kopf und mit versengten Brauen.</p><p>�Narren!� br�llte Ban-Itos sie an. Dann wandte er sich immer noch erregt Sonja zu, senkte jedoch die Stimme. �Ich k�mpfe mit Euch, Sonja, aber nun sind neue Strategien erforderlich. Die Vernichtung des <emphasis>Ajar-Alazwat</emphasis> ist von gr��ter Wichtigkeit. F�hrt die M�nner an, mit diesen Tempelpriestern an Eurer Seite � oder ich werde Euch verlassen!�</p><p>Sie blickte ihm in die Augen � die Augen des Mannes, der ihr noch vor Minuten sein Mitgef�hl und seine Zuneigung gezeigt hatte.</p><p>�Daron ��, wisperte sie schmerzvoll.</p><p>�Daron h�tte keine Zeit mit Gerede verschwendet�, sagte Ban-Itos zu ihr. �Er h�tte, genau wie ich, sofort erkannt, dass diese M�nner es ehrlich meinen. Glaubt ihm, Rote Sonja! Glaubt <emphasis>mir!�</emphasis></p><p>Sie h�rte ihm zu, und da sie ihn kannte, nickte sie. Sie stieg �ber die Leichen und streckte die Hand aus, um auch Ban-Itos dar�ber zu helfen. Dann drehte sie sich zu ihren S�ldnern um und sagte: �Folgt uns � oder sterbt auf h�llische Weise wie die hier.� Sie kamen ihr nach, zwar brummend in ihrer Uneinsichtigkeit, aber doch ihrer flammenhaarigen F�hrerin pflichttreu. Der mit dem verbrannten Haar strich sich mit leicht ru�iger Hand �bers Gesicht und folgte als letzter.</p><p>Sonja ging auf die Blaugewandeten zu und erkannte, dass alle noch verh�ltnism��ig jung waren. Ihr F�hrer ersuchte sie: �Darf ich die Asche des starken Oduracs f�hlen?�</p><p>Die Hyrkanierin zog den Beutel von ihrem G�rtel und hielt ihn hoch.</p><p>Der Mann ber�hrte ihn nicht, sondern hielt lediglich die Handfl�che in seine unmittelbare N�he, als sp�rte er eine Ausstrahlung von ihm, von der Sonja nichts bemerkte.</p><p>Dann blickte er in ihre saphirblauen Augen und nickte. �Kommt schnell!�</p><p>Sie eilten den Korridor entlang und kamen zu einer T�r aus dunklem Hartholz, die mit Bronze, Gold und Silber verziert war. Die Priester �ffneten sie und gingen stumm hindurch. Sonja und Ban-Itos folgten, ebenso wie einige S�ldner, bis kein Platz mehr in dem kleinen Vorraum war, der zum eigentlichen Tempelraum vom S�den her f�hrte.</p><p>Nachdem die Priester vor ihr ihn betreten hatten und sich verteilten, sah Sonja zwar Thotas, den Stern aber nicht.</p><p>Der Hohepriester sa� in der Mitte des Raums auf einem steinernen Altar und hatte die H�nde um die Kante eines riesigen Eisenobelisken gelegt, der ihn an Gr��e �berragte und auf dem Altar stand. Ringsum, am Fu� des Altars, lagen Menschen mit schwei�glitzernder Haut, durchsichtig wie Gallerte, so dass ihre Organe, Nerven- und Blutbahnen sichtbar waren und man ihr Pulsieren beobachten konnte.</p><p>�Ihr G�tter der G�tter!� hauchte Sonja best�rzt.</p><p>�Ihre Seelen geh�ren Thotas�, fl�sterte Ban-Itos ihr zu. �Er n�hrt sich von ihnen, und ihre K�rper sterben ganz langsam. Mitra und Hotath! Wie viele mussten wohl auf diese Weise ihr Leben lassen?�</p><p>�Hunderte!� antwortete der Priester neben ihm. �Wir waren Toren! Wir beschworen Opfer von �berall herbei, um sie hier gefangen zu setzen. Selbst die Gew�lbe unserer Zikkurat raubten wir aus und holten Seelen aus den Gr�ften � wir taten alles, um Thotas und seinen <emphasis>Ajar-Alazwat</emphasis> zu f�ttern, nur um ihnen die M�glichkeit zu geben, uns zu vernichten ��</p><p>Als Sonja Thotas musterte, wurde ihr klar, dass er wahnsinnig war. Er schien die Eindringlinge nicht zu h�ren, oder wenn er es tat, k�mmerte er sich nicht um ihre Worte. Auf dem Altar sitzend, blickte er sie an, als w�ren sie lange erwartete Anbeter, die endlich zu ihm gefunden hatten.</p><p>�Ich bin frei!� rief er und lachte schrill. �Frei!� Pl�tzlich verzog er w�tend das Gesicht und br�llte: <emphasis>�Ihr</emphasis> k�nnt mich nicht t�ten! Ich bin frei! Ich kann nicht vernichtet werden!</p><p>Ich herrsche �ber alle Ewigkeit! Ungeziefer, Geister � hebt euch hinweg!�</p><p>Er machte eine gebieterische Handbewegung. Sonja bef�rchtete schon eine Zauberei, aber nicht einmal ein Windhauch erhob sich durch seine Geb�rde. Doch die Menschen auf dem Boden rund um den Altar, die untoten Opfer mit der gl�nzenden durchsichtigen Haut, st�hnten grauenvoll.</p><p>Sonja schauderte. Ja, Thotas war wahnsinnig, und er war abscheulich verwahrlost. Sein stinkendes Gewand schien er seit Jahren nicht mehr gewechselt zu haben. Sein geteilter Bart war fettig und verfilzt; seine l�chrigen Z�hne bedeckte eine gelbliche Schicht; und von seiner Haut ging ein ungesundes Leuchten aus. Verkrustetes Blut klebte an seinen Fingern, um die Nase und unter den Augen.</p><p>�Frei!� kicherte er und drehte den d�rren Kopf einmal nach dieser, dann der anderen Seite. �Frei, frei, frei � f�r alle Ewigkeit!�</p><p>Der Priester neben Sonja wandte sich ihr zu. �Es bleibt uns nur noch wenig Zeit�, sagte er. �Gebt mir Oduracs Asche!�</p><p>V�llig benommen von dem Grauen vor ihr, nahm sie den Beutel vom G�rtel und reichte ihn wortlos dem Blaugewandeten.</p><p>Er �ffnete ihn, blickte hinein, murmelte ein Gebet oder eine Beschw�rung und reichte ihn an den n�chsten der Priester weiter, die sich im Kreis um den Altar aufgestellt hatten.</p><p>So wanderte der Beutel von einem zum andern, jeder nickte und betete ebenfalls. Als der Beutel die Runde gemacht hatte, begann der F�hrer der Priester mit einem lauten Gebet, in das alle einstimmten, und ging langsam um den Steinaltar und die durchsichtigen Leiber herum, dabei streute er sparsam Asche aus.</p><p>Thotas br�llte und w�tete, als er sah, was vorging, doch schien er zu schwach oder krank zu sein, um sich von seinem Altarthron zu erheben. Die anderen Priester traten auf den Altar zu und blieben knapp au�erhalb der Aschespur stehen. Als der Aschekreis geschlossen war, fing er zu gl�hen an. Thotas heulte grauenerregend, klammerte sich wie flehend an seinen. Eisenobelisken und brabbelte Unverst�ndliches.</p><p>Erstaunt und wie gel�hmt sah Sonja zu, wie ein Netz aus Zauberkraft gewoben wurde. Thotas, der durch die Macht von Oduracs Asche, vereint mit der verzweifelten Entschlossenheit der rebellierenden Priester, gefangen gehalten wurde, schien nichts anderes tun zu k�nnen, als zu schreien, zu kreischen und vor Schmerzen zu heulen, als er starb.</p><p>Und er starb langsam und auf gr�ssliche Weise.</p><p>Seine gl�hende Haut bildete Geschw�re, die schlie�lich barsten und aus denen fahles Blut schoss. Vor Sonjas entsetztem Blick l�sten sich seine Z�ge auf.</p><p>�Ich bin frei! Frei!� schrillte er. �Meister der Ewigkeit!� �belriechender Rauch quoll aus seinem Mund. Seine Stimme klang nicht l�nger menschlich. Das Gemurmel der Zauberpriester, das immer lauter wurde, begann sein Gebr�ll zu �bert�nen, w�hrend Thotas Stimme an Kraft verlor, je weiter seine menschliche Gestalt schwand.</p><p>�Frei!� Es war nur noch ein heiseres Wispern.</p><p>Schlie�lich blieb Thotas eine abscheuliche Lache, die �ber den Altarrand sickerte und auf den Boden tropfte. Die gequ�lten Leiber ringsum erschauderten, rollten die blicklosen Augen und starben, dankbar �ber ihre Erl�sung.</p><p>Die S�ldner, die im Vorraum und an der T�r gestanden hatten, wichen furchterf�llt zur�ck. Einige hatten gesehen, was geschehen war, die anderen wollten es gar nicht. Hier war kein Gold zu holen, und Thotas war tot. Die Aufgabe war auf h�llische Weise durch Sonja und ihren greisen Zauberer erf�llt. Die gr�sslichen Schreie verrieten ihnen mehr als genug. Es war besser, von hier zu fliehen und anderswo nach Beute zu suchen �</p><p>Ban-Itos wandte sich an Sonja und fl�sterte angespannt: �Sehen wir zu, dass wir wegkommen ��</p><p>Sie starrte wie gebannt auf den eisernen Obelisken. �Ban-Itos, was ist in ��</p><p>�Nein, nein, Sonja! Ihr d�rft dieses Geheimnis nicht erfahren! Laufen wir, ehe die gesamte Zikkurat ��</p><p>�Was ist in dem Obelisken, Ban-Itos? Ist es �?�</p><p>�Sonja!� Er fasste sie heftig am Arm, um ihre Aufmerksamkeit auf sich und ihren Blick in seine Augen zu lenken. �Es ist der Stern, der Stern! Wir haben keine Macht �ber ihn!�</p><p>�Er ist � b�se! Er verursachte den Tod von ��</p><p>Der Obelisk erzitterte. Sonjas Augen verengten sich. Trog ihr Eindruck sie? Aber die Zauberer um den Altar begannen zur�ckzuweichen, und ihr unabl�ssiges Gemurmel stockte fl�chtig.</p><p>Ban-Itos schoss vorw�rts und hob etwas vom Boden auf: den Beutel, in dem sich Oduracs Asche befunden hatte. Er war nicht ganz leer. Eilig kehrte der greise Magier an Sonjas Seite zur�ck und befestigte den Beutel an seinem G�rtel.</p><p>�Vielleicht ist er uns noch eine Hilfe. Schnell � wir m�ssen fort!�</p><p>�Nein!� fauchte Sonja. �Zuerst muss dieses � Ding sterben!� Sie drehte sich um und stellte fest, dass ihre M�nner, au�er einer Handvoll, alle fortgelaufen waren. Auf ihren grimmigen, fragenden Blick antwortete ein S�ldner: �Sie hatten Angst.�</p><p>�Sie suchen nach der Beute, die Ihr uns versprochen habt�, meinte ein anderer.</p><p>�Bei Tarims Fluch!�</p><p>Ban-Itos drehte sich rasch zu ihnen um, w�hrend er wieder Sonjas Arm packte. �Lauft! Lauft so schnell ihr k�nnt, wenn ihr nicht einen schlimmeren Tod als Thotas sterben wollt!� Ihre Augen weiteten sich erstaunt und beunruhigt �ber seine Eindringlichkeit. Dann rasten sie den Korridor zur�ck.</p><p>Sonja funkelte ihn an. �In Tarims Namen, was meint Ihr � mit �?�</p><p>�Der Stern!� schrie er sie an. �Der Stern!�</p><p>Sonja riss den Kopf herum, starrte auf den Obelisken. �Er <emphasis>ist b�se!�</emphasis> schrie sie gegen ein lauter werdendes Summen an, das den Raum zu f�llen begann � ein Summen, das von dem Obelisken kam �</p><p>�Er ist ein Saatkorn vom Himmel!� rief Ban-Itos dr�ngend. �Er wei� nichts von uns! Er n�hrt sich, weil er es muss! Seine Art ist b�se! Thotas fing ihn mit seiner Zauberei ein, doch der Hexer ist jetzt tot, und nun kann der <emphasis>Ajar-Alazwat</emphasis> sich bedrohlich schnell befreien. Rasch! Wir m�ssen von hier fort sein, ehe �!�</p><p>Sonja drehte sich um und starrte wieder auf den Altar � als der Obelisk hin und her zu schwingen begann, und dann kippte er �ber den Rand, mitten auf die Leichen. Mit dr�hnendem Krachen, einem metallischen Klirren, das sich �ber den Steinboden zog, barst er auf.</p><p>�Ihr G�tter der G�tter!� schrie der F�hrer der Priester. �Das Ding ist frei!�</p><p>Das Summen wurde bet�ubend � doch pl�tzlich verstummte es, und ein Laut wie von einem heulenden Wind erhob sich. Ban-Itos kr�chzte etwas Unverst�ndliches und riss sich den Umhang von den Schultern. Sonja wich einen Schritt zur�ck, einen zweiten � Und da schrien die Zauberer rings um den Altar gellend auf, denn ein blendendes Licht schoss aus dem gebrochenen Obelisken.</p><p>�Ihr G�tter der �!�</p><p>Ban-Itos wandte den Blick ab. Er warf Sonja den Umhang �ber den Kopf, denn er wusste, dass sie sich nicht selbst rechtzeitig abwenden w�rde. Sonja h�rte ein Zischen, so heftig, als tauchte ein wei�gl�hender Meteor ins Meer, � aber es roch weder nach Dampf noch Rauch und wurde auch nicht hei�. Da sp�rte sie den Steinboden unter den F��en erzittern. Ungeduldig riss sie sich Ban-Itos� Umhang vom Gesicht und sah den Greis die H�nde vor die Augen halten, um sie vor dem schrecklichen Gl�hen in der Mitte des Tempelraums zu sch�tzen.</p><p><strong>HINWEG VON HIER!</strong></p><p>Sonja erstarrte vor Schrecken. Diese gewaltige, ungeheure Stimme donnerte, obwohl sie lautlos war. Es war kein Stern, kein Stein. Es war mehr denn ein D�mon; es h�tte eine Gottheit irgendeiner unvorstellbaren Welt fern von dieser sein k�nnen.</p><p>Instinktiv beschirmte auch sie die Augen. Als sie sich jedoch abwandte, fiel ihr Blick auf einen Schild aus gl�nzendem Silber, der mit anderen, Thotas Opfern abgenommenen Sachen in einer Ecke stand.</p><p><strong>ICH BIN FREI!</strong></p><p>�Schnell! Schnell!� dr�ngte Ban-Itos, der mit einer Hand weiter seine Augen besch�tzte und mit der anderen Sonja am Arm zog.</p><p>Doch sie starrte auf die spiegelnde Oberfl�che des Silberschilds und nahm Bilder von Ewigkeiten wahr, auf die keine Worte, keine Tr�ume oder irdische Erfahrungen sie vorbereitet hatten. So schnell reihten sich Bilder aneinander, dass nicht ein Herzschlag zwischen ihnen war. Bilder der Urg�tter �</p><p><strong>ICH BIN FREI!</strong></p><p>Sonja sp�rte, wie sie weggezerrt wurde. Eine Hand griff nach ihrem Kinn, riss ihre Augen fort von dem t�dlichen Silberschild. Sie sah Ban-Itos� Gesicht.</p><p>�Sonja � rennt!�</p><p>�Was ist es?�</p><p>�Ein Diener der G�tter �ber den G�ttern! Er ist jetzt frei, Sonja. <emphasis>Lauft!�</emphasis></p><p><strong>ICH HEBE MICH VON HIER HINWEG!</strong></p><p>�Rasch!� br�llte Ban-Itos die noch benommene Sonja an und zog sie aus dem Tempelraum. �Schaut nicht zur�ck!�</p><p>Sie stolperte, aber als sie die vertraute Kraft in ihren F��en wieder sp�rte, rannte sie den Korridor entlang. Sie verga� die Bilder und sp�rte nur noch ein Dr�ngen.</p><p>Das Ding � was war es?</p><p>Immer noch von Ban-Itos gezogen, rannte sie.</p><p>�Ban-Itos!�</p><p>�Lauft! <emphasis>Lauft!�</emphasis> Er schob sie vor sich her, doch Sonja stemmte die Beine auf den Boden und blieb stehen.</p><p>�Die � anderen?� keuchte sie.</p><p>�Sie sind tot! Sie wandten den Blick nicht von ihm, als er erwachte!�</p><p>Der Boden unter ihren F��en bebte.</p><p>�Erlik und Tarim!�</p><p>�Der Tempel st�rzt ein!� schrie Ban-Itos. �Das <emphasis>Wesen</emphasis> � bricht auf! Es verl�sst die Erde! Beeilt Euch, Sonja! Schnell! Oder wir st�rzen in den H�llenschlund!�</p><p>Noch w�hrend er sie dr�ngte, erreichte Sonja den ersten Treppenabsatz und sah, wie die oberste der vielen �berkreuzlaufenden Br�cken brach und in den bodenlosen Abgrund st�rzte. Die S�ldner, die sich auf ihr befanden und nach Gem�chern mit Beute gesucht hatten, fielen mit ihr. Sie br�llten, doch das Krachen der bebenden Erde war lauter.</p><p>�Mitra!�</p><p>W�nde erzitterten, Steinsplitter regneten auf Sonja und Ban-Itos hinab. Hintereinander rannten sie den ersten Treppenlauf hinunter, rasten fort vom Hohentempel des Sterns.</p></section><section><title><p>12</p><p>Erinnerung und Vergeltung</p></title><p>Es gab keine andere Wirklichkeit f�r sie, w�hrend sie diese Zickzacktreppen hinunterrasten, als ihre F��e auf dem Stein, immer schneller, schneller, die Stufen kaum noch ber�hrend. Die W�nde zitterten und �chzten. Obere Treppenl�ufe barsten �ber ihnen, und einmal, als Sonja einen raschen Seitenblick wagte, sah sie, wie die Tr�mmer einer weiteren Br�cke in den Abgrund st�rzten.</p><p>Keine Erinnerungen, kein Schmerz, kein Gedanke � nur der �berlebenswille, der sie einen Treppenlauf nach dem anderen hinabrasen lie�, bis sie endlich das Freie erreichen w�rde.</p><p>Doch noch war es nicht soweit. Das <emphasis>Wesen</emphasis> hoch �ber ihnen, was immer es auch war, wollte zur�ckkehren in das gro�e, lautlose All der G�tter, in jene Weite, wo die Menschheit nichts war, wo nichts lebte als Schatten im Abgrund.</p><p>Ein letzter Treppenlauf noch � und etwas hinter ihr brach zusammen. Ban-Itos? Doch nein, wie ein Wunder war er noch dicht hinter ihr. Seine Zauberkr�fte halfen ihm, mit ihr Schritt zu halten, doch schien er mehr zu schweben als zu laufen. Seine Hand legte sich fl�chtig auf ihre Schulter. Etwas wie ein elektrischer Schlag durchzuckte sie und gab ihr neue Kraft. Sie warf sich um eine Biegung herum und rannte die letzten Stufen hinunter und ohne anzuhalten zur T�r�ffnung; der H�llenschlund � aus dem nun Flammen so hoch wie die Zikkurat selbst loderten � lag jetzt zu ihrer Linken. Sie blickte hoch. Soweit sie sehen konnte, waren die meisten Br�cken in der Mitte gebrochen, und Tr�mmer fielen von ihnen und polterten um sie herum. Vom obersten Zikkuratteil war lediglich ein grelles gelbes Gl�hen zu sehen, das die Augen schmerzte.</p><p>�Ban-Itos �!�</p><p>�Hinter Euch!� mahnte er sie keuchend. �Lauft weiter! Das Ding w�chst!�</p><p>Der ganze Berg erzitterte nun unter den bedrohlichen Zuckungen der Zikkurat. Sonja warf nur einen hastigen Blick �ber die Schulter bei einem Laut, der so gewaltig war, dass sie ihn weniger zu h�ren, denn wie einen Schlag zu sp�ren schien.</p><p>Dann war sie im Korridor, rannte mit schmerzenden Beinen an den zitternden W�nden entlang. Sie wusste � <emphasis>wusste,</emphasis> dass schon beim n�chsten Schritt die W�nde einbrechen und auf sie fallen konnten. Dann w�re sie zermalmt und unter einem Berg von Tr�mmern begraben, den selbst die Zeit nicht wieder entfernen w�rde.</p><p>Weiter rannte sie, durch die offen stehenden Eisent�ren, bog nach links ab und hastete mit nachlassender Kraft weiter zum Gangende, zu den Kammern, zum Tageslicht im Freien �</p><p>Hinter ihr ein leiser Aufschrei. Sie schaute �ber die Schulter und sah Ban-Itos am Boden liegen.</p><p>�Zauberer!�</p><p>�Lauft weiter � schnell ��</p><p>Sie drehte sich um, rannte zur�ck, kniete sich neben ihn. Die zitternden W�nde zu beiden Seiten spuckten Staub, und von der nachgebenden Decke hagelte es Steinchen.</p><p>�Lauft!� keuchte Ban-Itos.</p><p>�Auf die F��e! Hoch mit Euch, marsch!� Mit einer Kraft, die sie sich nicht mehr zugetraut hatte, fasste Sonja den Greis unter den Armen und zog ihn hoch. Er st�hnte. Steinst�cke polterten auf den schwankenden Boden.</p><p>�Ich � bin � auf � Jetzt � <emphasis>lauft!�</emphasis></p><p>�Ihr k�nnt nicht �!�</p><p>�Ich bin ein Zauberer. <emphasis>Lauft!�</emphasis></p><p>Erschrocken zuckte Sonja zusammen, als gr��ere Steinbrocken herabst�rzten. Sie drehte sich um und rannte den letzten kurzen Korridor entlang.</p><p><strong>ICH BIN FREI!</strong></p><p>Das Poltern aufschlagender Steine wurde st�rker. Sie raste durch die einbrechende Wachstube, wo sie und Daron sich unterhalten hatten, warf einen Blick zur�ck � sah Ban-Itos hasten � hasten �</p><p><strong>FREI! FREI!</strong></p><p>Sie warf sich vorw�rts, rannte hinaus auf die Ebene, eilte mit schw�cheren Schritten durch feuchtes Gras und �ber niedrige Haufen, die einst Erdungeheuer gewesen waren, und vorbei an Sch�tzengr�ben.</p><p>Eine gewaltige Explosion hinter ihr ersch�tterte den Boden.</p><p>Sonja keuchte, st�rzte auf die Knie, drehte sich um � und sah, wie Ban-Itos sich durch Rauch und hagelnde Tr�mmerst�cke tastete.</p><p>�Nein!� schrie sie mit all ihr verbliebenen Kraft. �Ban-Itos!�</p><p>Dann erfasste die Schockwelle sie und warf sie auf den Bauch. Ihr Gesicht wurde in den Dreck gedr�ckt, und einen Augenblick lang glaubte sie, sie ersticke. Ihr Herz pochte zum Zerspringen.</p><p>Benommen m�hte sie sich auf die Ellbogen, rieb den Schmutz aus den Augen und spuckte ihn aus dem Mund. Es gelang ihr, auf die Beine zu kommen, doch sie taumelte, und es dauerte eine Weile, bis sie ihr Gleichgewicht wieder fand. Sie sch�ttelte den Kopf, damit die Benommenheit nachlie�, dann ging ihr Atem allm�hlich gleichm��iger. Immer noch hallte der Berg von der gewaltigen Explosion wider, doch der Staub begann sich bereits zu senken, und der Blick auf den Zikkurateingang war fast frei.</p><p>Sonja sah Ban-Itos reglos unmittelbar vor den gest�rzten Tr�mmern liegen., Sie schwankte auf ihn zu. �Ban-Itos �?�</p><p>Er r�hrte sich! Er lebte!</p><p>Sie rannte zu ihm, als er sich aufzust�tzen versuchte, lie� sich neben ihm auf die Knie fallen und griff nach seinen H�nden. Er verdrehte den Hals, blickte zu ihr hoch. �Schnell ��</p><p>�Wir sind gerettet, Ban-Itos.� Sie l�chelte ihn m�de an.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Der ganze Berg � Wir m�ssen �ber die Steppe ��</p><p>�Bei Erlik! Wird die ganze Welt explodieren?� Sie half ihm auf die F��e, und gemeinsam taumelten sie fort von dem einst�rzenden Tempel. Soviel sie sehen konnten, hatten nur sie beide �berlebt. Ein St�ck entfernt standen ein paar Pferde auf der Steppe. Von ihnen abgesehen, schienen sie die einzigen Lebewesen weit und breit zu sein.</p><p>Ban-Itos winkte den Pferden, sofort trotteten zwei auf sie zu. M�de sa�en sie auf und hielten sich m�hsam im Sattel, als sie die Tiere antrieben.</p><p>Mit bet�ubendem Krachen und Hallen brach die Zikkurat hinter ihnen ein. Die Pferde gingen durch, aber Sonja und der greise Zauberer versuchten gar nicht, sie zu b�ndigen, sondern bem�hten sich lediglich, sie beisammen zu halten und nicht aus dem Sattel zu fallen.</p><p>Sie hatten den halben Weg zum Dorf hinter sich, als der Wind aufkam.</p><p>Sonja sp�rte ihn pl�tzlich im R�cken. Als sie sich im Sattel umdrehte, sah sie, dass aus dem Gipfel des bebenden Berges eine grell leuchtende Lichts�ule zum sich verdunkelnden Himmel aufstieg.</p><p><strong>ICH BIN �</strong></p><p>�Schneller!� befahl Sonja keuchend ihrem Pferd. �Verdammt, lauf schneller!�</p><p>Sie und Ban-Itos rasten �ber die Wiesen, ihre Pferde galoppierten und gaben ihr Bestes. Dicht glitzerte der Schwei� auf ihren Flanken, als die blendende Lichts�ule zum Himmel hoch schoss � endlich frei, fort von Thotas und dem Erdzauber, der sie gefangen gehalten hatte, kehrte sie zur�ck in die unendliche Wirklichkeit jenseits der Wolken, in die Leere zwischen den Sternen, jenseits der G�tter der Menschheit �</p><p>Sonja und Ban-Itos hatten gerade das Tor in der Dorfmauer erreicht, als die volle Wucht des Sturmwinds sie traf. B�ume, Felsbl�cke, Stroh von D�chern wirbelten hoch durch die Luft und verloren sich rasch, immer kleiner werdend in der Ferne. Niemand war am Tor, um ihnen zu �ffnen, doch das erwies sich ohnehin als unn�tig. Der Wind dr�ckte beide Fl�gel des Tores ein und blies Sonja, Ban-Itos und ihre Pferde geradezu auf den Platz dahinter. Der ungeheure Sturm toste gegen die Mauer. Das von ihm erfasste Wasser des Flusses erhob sich zur schimmernden Wand und krachte wieder zu Boden. Spr�hb�en griffen durch das eingebrochene Tor und schlugen gegen Sonja und den Zauberer. Die Mauer hinter ihnen drohte unter der Gewalt des brandenden Wassers und des Sturms nachzugeben.</p><p>V�gel wurden wie Sandk�rnchen durch die Luft geblasen. Uralte m�chtige B�ume knickten ab, andere wurden entwurzelt und davongetragen. Die Stroh- und Holzh�tten des ehemaligen Dorfes dr�ckte der Wind platt, und ihr Holz und Stroh wirbelte schlie�lich hoch. Die seit Beginn des Krieges erbauten Steinh�user rissen auseinander, und ihr M�rtel zerbr�ckelte wie feuchter Sand.</p><p>Alles geschah so schnell � und Sonja und Ban-Itos wurden von ihren panikerf�llten Pferden gehoben und nahmen verzweifelt einander bei den H�nden, um beisammenzubleiben, und noch w�hrend sie �ber den Boden schlitterten und versuchten, sich irgendwo festzuhalten, war es auch schon vor�ber.</p><p>Ein Krachen und Schmerzenslaute von durch die Luft gewirbelten und pl�tzlich herabst�rzenden Gesch�pfen waren kurz zu h�ren, dann herrschte gespenstische Stille.</p><p>Auf dem Bauch liegend, st�tzte Sonja sich auf die H�nde. Sie schaute nach Ban-Itos, dann zu der Mauer. Stellenweise wies sie nur Risse auf, anderswo neigte sie sich nach innen, und wo die offenen Wiesen dem Wind keinen Widerstand geboten hatten, war sie flachgewalzt. Sonja wurde nun erst bewusst, dass sie und Ban-Itos wie Staubk�rner fast �ber den ganzen Platz geschleift worden waren. Des Zauberers einfaches Gewand hing nur noch in Fetzen von ihm, und ihre eigenen Gliedma�en waren aufgesch�rft und brannten von der Reibung.</p><p>�berall lagen Leichen herum � von Bo-ugans Leuten, die am Morgen des Aufbruchs von Sonjas Armee noch gelebt hatten. Nicht einer war �brig geblieben, Sonja und Ban-Itos zu ihrem Sieg zu begl�ckw�nschen � wenn man es �berhaupt Sieg nennen konnte! Ihre Leichen lagen wirr zwischen Tierkadavern, �sten, Steintr�mmern und zerbrochenem Hausrat. Alles war wie mit einem Riesenbesen an den inneren Rand des Dorfplatzes gefegt worden.</p><p>Da lenkte ein Gl�hen am Himmel Sonjas Aufmerksamkeit auf sich.</p><p>�Ban-Itos ��</p><p>Auch er blickte hoch und sah es.</p><p>Der Feuerpfeiler, die Lichts�ule, der Stern, erreichte soeben den d�mmernden Wolkenhimmel � und verschwand in ihm auf den Weg zu den Sternen jenseits der Erde. Alles, was noch von ihm zeugte, war eine d�nne Flammenzunge, die geradewegs von einem rauchenden Tr�mmerhaufen aufstieg, der der Tempel der Roten Sonne gewesen war.</p><p>Aus dieser Entfernung konnten Sonja und Ban-Itos nicht viel mehr als das schattenhafte Wirbeln sich herabsenkenden Staubes sehen und erkennen, dass die Vorderseite des Berges wie eine offene Wunde klaffte. Was zuvor von ihm verborgen gewesen war, war durch die Explosion abgetrennt worden und auf die zusammenbrechende Zikkurat und in den H�llenschlund gest�rzt.</p><p>Ersch�pft, wund und blutig von zahllosen kleinen Verletzungen, bem�hte sich Sonja, auf die F��e zu kommen. Auch Ban-Itos stand auf. In der Dorfmitte standen noch ein paar Steinh�user, da sie vor dem Schlimmsten durch andere H�user gesch�tzt gewesen waren. Sie waren nun das Ziel der beiden �berlebenden. Ihr Gang glich fast dem eines Untoten, als Sonja sich darauf zuschleppte, und Ban-Itos folgte ihr nicht weniger schwerf�llig. Im grauen D�mmerlicht des schwindenden Tages fand jeder ein Bett in einem der H�user. F�r den Augenblick hatten sie beide keinen anderen Wunsch, als zu schlafen und zu vergessen.</p><p>Sonja schl�pfte aus Kettenhemd und Lederwams. Nackt kroch sie unter die d�nne Decke auf dem schmucklosen Bett und schlief sofort tief und traumlos. W�re die H�lle in dieser Nacht ausgebrochen und h�tten ihre Legionen von Ungeheuern die Welt verschlungen, es h�tte Sonja nicht geweckt.</p><p>Aber hatte sie nicht bereits erlebt, wie die H�lle losgebrochen war?</p><empty-line/><p>Sonja erwachte am n�chsten Morgen erst sp�t. Die Sonne schien durch das offene Fenster. Sie brauchte einen Augenblick, um sich zu entsinnen, wo sie war, dann erkannte sie, dass die Wolkendecke verschwunden war. Sie stand auf, um nach Ban-Itos zu sehen, nachdem sie sich angezogen hatte.</p><p>Er lag nicht mehr im Bett, aber Sonja h�rte Ger�usche vor dem Haus. Sie schnallte sich den Schwertg�rtel um und trat ins Freie. Der greise Zauberer sa� mitten auf der Stra�e, wo er ein Feuer gemacht hatte, �ber dem ein Schneehuhn brutzelte. Neben Ban-Itos lagen ein Bogen und ein K�cher voll Pfeile.</p><p>Der Greis blickte Sonja entgegen. �Ich schie�e nicht schlechter als in meiner Jugend�, erkl�rte er grinsend.</p><p>�Wie sch�n.� Sie g�hnte. �Ohne Zauber?�</p><p>�Nun � Vielleicht half ich dem Pfeil nach, aber nur ein bisschen.� Mit den H�nden beschrieb er, wie er die Flugbahn des Pfeils leicht korrigiert hatte.</p><p>Erst jetzt fiel Sonja auf, dass er ein frisches lachsfarbenes Gewand trug. Er hatte offensichtlich gebadet, sein langes wei�es Haar war aus der Stirn zur�ckgek�mmt, Schnurrbart und Bart waren s�uberlich gestutzt und gek�mmt.</p><p>�Das Badehaus steht anscheinend noch?� Sie blickte ihn an.</p><p>�O ja. �u�erst entspannend. Ich fand die Kleidung dort.�</p><p>�Gut.� Sie drehte sich um und schlug die Richtung zum Bad ein, um sich diese Entspannung ebenfalls zu g�nnen. �Hebt mir etwas von Eurem Vogel auf, Zauberer�, rief sie zur�ck.</p><p>�Entweder das, oder ich schie�e auch noch einen f�r Euch.�</p><p>�Wie sieht es mit Wein aus?�</p><p>�Habe ein volles Fass gefunden!�</p><p>�Das d�rfte uns f�r den Vormittag reichen.� Sie ging weiter.</p><p>Sonja fand das warme Wasser des Badebeckens sehr erholsam. Sie lie� sich auf der Oberfl�che treiben und von dem wohligen Nass umschmeicheln, dann erst schrubbte sie sich und wusch ihr Haar. Danach schwamm sie noch eine Weile gem�chlich. Angenehm m�de legte sie sich auf den breiten Sandstreifen neben dem Becken und schloss die Augen. Doch mit dem nahen Schlaf kamen Erinnerungen und Tr�ume. Hastig �ffnete sie die Lider und setzte sich auf.</p><p>Da ihr Unterhemd nicht so schnell trocken w�rde, selbst wenn sie es jetzt wusch, schaute sie sich nach einem Ersatz um und fand einen kurzen M�nnerkittel. Sie schl�pfte hinein. Er passte zwar gut, doch das grobe Gewebe schmerzte auf ihren Sch�rf- und Brandwunden. Also zog sie sich noch einmal aus und rieb sich mit �l ein. Danach taten die Verletzungen weniger weh. Sie w�nschte sich, es g�be eine Salbe, die ihren seelischen Schmerz lindern k�nnte.</p><p>Ban-Itos hatte tats�chlich ein zweites Schneehuhn f�r sie geschossen und gebraten. Als sie vom Badehaus zur�ckkam, war es schon gar. Sie dankte dem Zauberer und begann, gierig zu essen. Als der gr��te Hunger gestillt war, blickte sie von dem halbverzehrten Schneehuhn in ihren H�nden auf und sagte: �Ich lie� einen Freund hier im Dorf zur�ck, als wir zur Zikkurat aufbrachen.�</p><p>Der Zauberer schaute sie betr�bt an.</p><p>�Er hei�t Iatos�, fuhr sie fort. �Ich muss nach ihm suchen. Vielleicht ��</p><p>�Nein, Sonja�, unterbrach Ban-Itos sie. �Er lebt nicht mehr. Niemand hier lebt noch. Als ich im Morgengrauen aufwachte, forschte ich mit Hilfe der Magie nach Lebenden hier. Leider sind wir die einzigen im Dorf � und im gesamten Land ringsum, bis zum Horizont.�</p><p>Sonja legte das Brathuhn zur Seite und hing eine Weile d�ster ihren Gedanken nach. Zumindest w�rde Iatos nicht mehr dar�ber klagen m�ssen, der �berlebende zu sein �</p><p>So viele waren gestorben, so viele Tausende � und sie wusste, dass auch sie in der Zikkurat gefallen w�re ohne Ban-Itos magische Hilfe.</p><p>�War es das Ganze wert, alter Freund?� fragte sie schlie�lich. �All diese Menschen, die ihr Leben verloren?�</p><p>Er nickte ernst. �H�tten wir den Stern nicht befreit, h�tte Thotas vermutlich lange genug gelebt, um sich seiner Macht so zu bedienen, wie er es vorgehabt hatte. Er h�tte die ganze Welt erobert und die Menschheit als ungeheures Opfer zu diesem H�llenschlund geschafft, um von den finsteren G�ttern, die den Kosmos erschufen, noch gr��ere Macht zu gewinnen. Es war der gr��te von Zauberern je ersonnene Plan � doch weder Thotas, noch seine Vorg�nger erkannten in vollem Ma� das Wesen dessen, was sie aus dem schwarzen All jenseits des Erdenhimmels herbeibeschworen. Letztendlich w�ren sie vernichtet worden, doch mit ihnen die Erde. Thotas musste aufgehalten werden. Ohne Bo-ugans Hartn�ckigkeit, auch dann noch weiterzuk�mpfen, als er erkannt hatte, dass er nicht gewinnen konnte, h�tte Thotas vielleicht sein Ziel erreicht. Doch Bo-ugan hielt ihn auf und lenkte ihn in gerade ausreichendem Ma�e ab ��</p><p>Sonja versank wieder in Schweigen. Von allen Soldaten, die diesen zehnj�hrigen Wahnsinn nicht �berlebt hatten, konnte sie lediglich Iatos betrauern. Nun gab es keine Gelegenheit mehr, ihr unterbrochenes Gespr�ch mit ihm wieder aufzunehmen. Er w�rde ihr keinen Trost mehr mit seiner Lebensphilosophie zu schenken verm�gen. Sie w�rde sich an ihn nur erinnern k�nnen, wie sie ihn gekannt hatte � als entschlossenen, unabh�ngigen Geist, der gleicherma�en Schwertk�mpfer und Gelehrter, Tatmensch und Denker gewesen war. Sie war froh �ber Ban-Itos� Worte � froh zu wissen, dass Iatos und die anderen nicht umsonst gestorben waren.</p><p>Nachdem sie mit dem Essen fertig war, machte sie es sich auf dem Boden bequem, genau wie der Zauberer. Sie tranken Wein, sprachen jedoch kaum. Nicht, dass sie kein Vertrauen zueinander gehabt h�tten, doch waren sie einfach noch nicht bereit, sich �ber ihre Erlebnisse zu unterhalten, dazu war ihre seelische, emotionale Ersch�pfung noch zu gro�.</p><p>�Und Ihr sagt, Thotas� Zauber hielt ihn gefangen? Was war der Stern denn nun genau?�</p><p>Ban-Itos runzelte nachdenklich die Stirn. �Es gibt so manches Seltsame in diesem Kosmos: schlafende Riesen im Erdkern, die nur auf die richtigen Rituale warten, um zu erwachen; tote G�tter, die �berall rings um uns schweben und darauf harren, wiederbelebt und mit neuer Macht ausgestattet zu werden; Geister so alt wie die Zeit, die in Menschengestalt �ber die Erde wandeln auf der Suche nach Antworten; andere Welten � Der Stern? Ich wei� es nicht. Er war etwas, das unser Begriffsverm�gen �bersteigt.�</p><p>Er nahm einen Schluck Wein und schien zu gr�beln.</p><p>�Was ist mit diesen Bildern, die ich im Silberschild widergespiegelt sah?� fragte Sonja.</p><p>�Ihr habt mehr erschaut, als den meisten Zauberern je verg�nnt ist�, antwortete Ban-Itos. �Wahre Bilder des Alls � Keinem Sterblichen ist mehr als ein fl�chtiger Blick darauf verg�nnt, ohne dass es ihm den Tod bringt.�</p><p>�Und mein � H�ter? Meine Bestimmung? Was ist dieses blaue Wesen, das mir die Geschicklichkeit im Umgang mit dem Schwert schenkte und auf meiner Bestimmung beharrt?�</p><p>�Es ist, was es zu sein behauptet�, erwiderte Ban-Itos sanft. �Es ist � Ihr selbst. Um es zu erkennen, braucht Ihr blo� Euch zu erkennen.�</p><p>Sonja starrte in ihren Becher. �Und � Daron?�</p><p>Ban-Itos l�chelte traurig, unsicher. �Ihr kanntet ihn besser als ich, Sonja. Ihr erkanntet ihn als das, was er war. Die Antwort zu dieser Frage liegt ebenfalls in Euch.�</p><p>Schweigend blickte sie eine lange Weile auf ein verbogenes Metallst�ck ihr gegen�ber, in dem sich die Sonne spiegelte. M��ig fragte sie sich, was es wohl gewesen war. So lange starrte sie darauf, bis es vor ihren Augen verschwamm und nur noch ein Funkeln war.</p><empty-line/><p>Gegen Mittnachmittag waren sie aufbruchsbereit. Jeder hatte Wegzehrung f�r sich zusammengetragen, dazu Kleidung und Waffen, und sowohl der Greis wie Sonja hatten ein Pferd gefunden.</p><p>�Wohin werdet Ihr ziehen, Ban-Itos?� erkundigte sich Sonja. �Was werdet Ihr tun?�</p><p>�Ich f�rchte, ich habe noch viele Jahre vor mir, da Daron statt meiner dem Schicksal folgte, als es rief. Ich werde durch die Lande wandern, und schlie�lich werde ich wohl zu Oduracs Behausung zur�ckkehren.�</p><p>�Warum denn, Zauberer?�</p><p>�So viel ist dort, das verbessert werden muss, und viel Kraft, die ich wieder dem WEG zuwenden kann. Dann gibt es viel zu studieren, zu lernen. F�r mich wird es ein angenehmeres Zuhause werden, als es f�r Odurac war, denn ich kann das, was er begann, zu einem besseren Zweck f�hren als er, h�tte er l�nger gelebt.�</p><p>Sonja nickte.</p><p>�Und Ihr?� fragte Ban-Itos sie.</p><p>Sie �berlegte kurz. �Auch ich werde herumstreifen. Doch zun�chst muss ich noch etwas erledigen, das nur ich tun kann.�</p><p>Ban-Itos betrachtete sie nachdenklich. �Ja, nat�rlich�, sagte er. Er langte in sein Gewand, brachte etwas zum Vorschein und gab es ihr. �Nehmt das, Sonja � vielleicht kann es Euch helfen.�</p><p>Sonja erkannte es als den kleinen Lederbeutel, in dem noch der Rest von Oduracs Asche war. Vorsichtig �ffnete sie ihn und blickte hinein. Sie sah, dass die Asche schwach gl�hte, so dass der blaue Stein, den Daron dazugelegt hatte, gespenstisch gl�hte.</p><p>�Ban-Itos, ich kann nicht ��</p><p>�In der Asche eines Zauberers liegt viel Macht�, versicherte ihr der Greis. �Darons Seele ist gef�hrdet, doch Odurac war sein Vater � Lebt wohl, Sonja.�</p><p>�Ihr auch, Ban-Itos!�</p><p>Sie h�ngte den Beutel an ihren G�rtel. Dann standen sie einander gegen�ber, halb gl�cklich, halb traurig. Sie erinnerten sich an alles, was sie in den vergangenen Wochen erlebt hatten, wie sie einander sch�tzen gelernt hatten und was sie nun f�reinander empfanden. Ban-Itos breitete die Arme aus. Sonja warf sich an seine Brust und umarmte ihn. Da legte auch der Greis seine Arme um sie und dr�ckte sie an sich.</p><p>�Lebt wohl, Ban-Itos�, fl�sterte Sonja. �Bei Mitra, lebt wohl � und danke, danke f�r alles, was Ihr getan habt!�</p><p>�Die Kraft der G�tter auf Euch, Tochter der Bestimmung. Denkt immer ��, er hielt sie ein St�ck von sich, �� an das, was Ihr gelernt habt. Habt Vertrauen zu Euch, seid Ihr selbst, aber lasst Euch auch � �berraschen.�</p><p>�Ich werde es versuchen, alter Freund.�</p><p>�Und es wird Euch gelingen�, sagte er ruhig. �Ihr werdet Euch selbst �berraschen.�</p><p>�Ich � ich m�chte weise sein, Ban-Itos. Wohin mein Weg auch f�hrt, ich m�chte weise sein.�</p><p>�Das werdet Ihr. Ihr seid es und werdet es sein.� Er umarmte sie erneut. �M�gen die G�tter immer bei Euch sein, Sonja von Hyrkanien.�</p><p>�Und mit Euch, Ban-Itos. Weiser, guter Mann �� Ganz sanft strich sie mit den Fingerspitzen �ber seine Wange und f�hlte die feuchte Tr�nenspur. �Vielleicht sehen wir uns wieder und trinken Wein miteinander.�</p><p>�Vielleicht�, fl�sterte er. �Wenn nicht in diesem Leben, dann in einem anderen ��</p><p>Als er aus dem Dorf ritt, blickte ihm Sonja durch einen Tr�nenschleier nach. Sie fl�sterte ein Gebet f�r ihn und dankte ihm erneut in Gedanken.</p><empty-line/><p>Nach zwei Tagen erreichte Sonja das Sumpfland, und einen Tag sp�ter ritt sie mit ihrem scheuenden Pferd zum Ufer des Flusses zur Insel der Hexe.</p><p>Als sie ihr Pferd gez�gelt hatte, nahm sie den Beutel vom G�rtel, �ffnete ihn und schaute hinein. Das Gl�hen von Oduracs Asche war selbst in der D�sternis unter dem Laubdach der Sumpfb�ume kaum bemerkbar, und der blaue Edelstein schimmerte nur schwach.</p><p>�Odurac!� murmelte Sonja grimmig. �Wenn dir das Geschick von Darons Seele auch nur das geringste bedeutet, so hilf mir jetzt!� Behutsam lenkte sie ihr Pferd weiter, zwischen den zwei m�chtigen Eichen �ber den Fluss.</p><p>Da sah sie Osylla. Die Hexe, diesmal in einfachem wei�en Gewand, stand hochgewachsen und sch�n anzusehen an der offenen T�r ihrer H�tte und wartete auf ihre Besucherin. Sonja sa� ab, band ihr Pferd an einen jungen Baum und strich ihr Haar aus der Stirn.</p><p>�Ihr! Ihr lebt also noch�, bemerkte Osylla, und ihre gr�nen Augen verengten sich.</p><p>�Die meisten fielen�, antwortete Sonja knapp. �Ich �berlebte, und noch jemand.�</p><p>�Ihr habt also �berlebt, aber was wollt Ihr hier?� fragte die Hexe.</p><p>�Des Zauberers Sohn � Daron. Er fand den Tod.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Ich wei�, dass Ihr seiner Seele einen Fluch auferlegtet, Osylla.� Sonjas Stimme klang fest und ruhig, w�hrend sie der Hexe in die smaragdgr�nen Augen blickte. �Ich m�chte wissen, welcher Art dieser Fluch ist.�</p><p>Osylla hob die Brauen, st�tzte die H�nde in die H�ften und bewegte den geschmeidigen K�rper in einem aufreizenden Wiegen. �Oh, dann war es also <emphasis>wirklich</emphasis> Liebe zwischen euch?�</p><p>�Allerdings. Doch warum dieser sp�ttische Ton?�</p><p>�Ich staune immer noch �ber die Allgewalt der menschlichen Seele, das ist alles�, antwortete Osylla trocken. �Eine wahre Liebe, eine wahre Liebe � Vielleicht sind die G�tter doch gut.�</p><p>�Welche Art von Fluch?� erwiderte Sonja weiterhin mit ruhiger Stimme.</p><p>�Seine Seele ist mein eigen�, antwortete Osylla. �Er geh�rt nun mir und diesem Sumpf. So einfach ist das.�</p><p>�Und was muss ich tun, um ihn zu befreien?�</p><p>Sichtliche Verachtung zog �ber der Hexe Gesicht. �Soll das ein Witz sein?�</p><p>�Hexe, meine Geduld war noch nie sonderlich gro�, und bei Euch wird sie bald rei�en. Was muss ich tun, Darons Seele freizubekommen? Ihn von Euch kaufen? Ich kann das Gold besorgen. Euch dienen? Selbst das w�rde ich tun, verdammt! Braucht Ihr eine S�ldnerin �?�</p><p>Osyllas sp�ttisches Lachen sch�rte Sonjas Zorn und reizte sie fast soweit, sich auf die Hexe zu st�rzen, um sie an Ort und Stelle zu t�ten. Aber sie wollte Daron nicht in Gefahr bringen. Dazu kannte sie sich mit Zauberei zu gut aus.</p><p>�So ist dies <emphasis>wahrhaftig</emphasis> eine wahre Liebe, nicht wahr?� bemerkte Osylla verletzend. �Ihr wagt es, meinen Sumpf nicht nur einmal, sondern sogar zweimal zu durchqueren � und das aus Liebe! Und nun bietet Ihr mir Euer Leben � Euer Leben! � im Austausch f�r eines Zauberers Sohn?�</p><p>Sonja holte tief Atem, um ihre Ruhe wiederzugewinnen. �Welchen Preis?� fragte sie erneut. �Daron ist im K�rper eines Eurer � Sumpfungeheuer gefangen. Ich will ihn befreien!�</p><p>Osylla schien kurz nachzudenken, doch dann sagte sie: �Nichts, was Ihr mir bieten k�nntet, w�rde mir soviel nutzen, wie die Seele von Oduracs Sohn in meinem Besitz zu haben. Er ist eine wirkungsvolle Macht, ein sehr altes Leben, ein <emphasis>echter</emphasis> Geist � und dadurch, dass er sich mir freiwillig opferte, steckt gro�e Kraft in ihm.�</p><p>�Dann passt auf!� schrie Sonja. Sie zog ihr Schwert aus der Scheide und hielt es so, dass Osylla es gut sehen konnte. Die Hexe hob vorsichtig die Arme, um sich durch Zauber zu sch�tzen, doch als ihr klar wurde, dass Sonja nicht vorhatte, es gegen sie zu benutzen, entspannte sie sich wieder.</p><p>�Dieses Schwert�, erkl�rte ihr Sonja wild, �war das meines Vaters. Meines <emphasis>Vaters</emphasis> Schwert, Hexe! Er schmiedete es selbst und f�hrte es im Kampf. Als er get�tet wurde, nahm ich es an mich. Nun verf�gt es sowohl �ber meine Kraft als auch �ber seine! Es hat Zauberer und D�monen get�tet; es hat das Blut Hunderter wahnwitziger Krieger gekostet � und so wurde es selbst zu einer wirkungsvollen magischen Waffe.�</p><p>�Das stimmt wahrscheinlich alles�, gestand Osylla ihr zu und runzelte die Stirn.</p><p>�Ich � ich gebe es Euch�, sagte Sonja, �und mich selbst noch dazu in Eure Dienste. Nur � befreit Daron von Eurem Fluch!�</p><p>Osyllas Lider schlossen sich halb. Zog sie Sonjas Angebot vielleicht ernsthaft in Erw�gung? Sonja trat n�her an sie heran. Sie hatte die zitternde Linke an ihrer Seite zur Faust geballt, mit der Rechten streckte sie der Hexe die Klinge entgegen. �Ich <emphasis>bin</emphasis> diese Klinge!� erkl�rte sie eindringlich. �Und diese Klinge <emphasis>ist</emphasis> ich.� Ihre Stimme senkte sich zu einem vertraulichen Wispern: �Diese Klinge ist mehr als eine st�hlerne Waffe. Ber�hrt sie!�</p><p>Sonja streckte sie ihr noch weiter entgegen. Die Hexe wich wachsam einen Schritt zur�ck und beschrieb ein hastiges Zeichen in die Luft. Ein schwachgelbes Gl�hen legte sich um sie. �Versucht nicht, mich zu t�uschen!� warnte sie. �Ich bin von einem magischen Schild gesch�tzt, den kein Stahl durchdringen kann!�</p><p>�Meine Waffe ist Euer. Sie kann die Kraft Eurer Zauberei noch bedeutend st�rken. F�hlt ihre Macht!�</p><p>Die Hexe betrachtete die Klinge. Sie streckte die Hand danach aus und legte vorsichtig zwei Finger auf ihre Schneide. �Wahrhaftig, es steckt gro�e Kraft ihn ihr. Sie k�nnte ��</p><p>Sie blickte hoch � und blickte in Sonjas pl�tzlich wilde saphirblaue Augen, in denen brennender Hass gl�hte.</p><p>Sonjas Linke schoss vor. Die Finger �ffneten sich, als sie Oduracs Aschenreste geradewegs in Osyllas Gesicht warf. Sofort wurde die Asche zu unz�hligen F�nkchen, die sich in die Wangen, Lippen und Augen der Hexe brannten. Osylla keuchte. Das gelbe Gl�hen um sie erlosch.</p><p>Da schlug Sonjas Klinge zu, w�hrend Osyllas Finger noch auf ihr lagen. Sonjas ganzer Grimm �bertrug sich auf diesen Streich. Die Hexe in ihrem Schutzschirm h�tte den Hieben von hundert Klingen widerstehen k�nnen, doch die Asche hatte sie ihrer Zauberkraft beraubt. Die rasiermesserscharfe Schneide des Schwerts schnitt ihre Fingerspitzen ab und drang in ihre Kehle. Selbst die Halswirbel konnten Sonjas w�tendem Hieb nicht standhalten. Der Kopf der Hexe sprang vom Rumpf, ihre Arme erschlafften, die Beine gaben nach.</p><p>Sonja sprang zur�ck, dann blieb sie stocksteif stehen und schaute wie bet�ubt zu, wie Osyllas Leiche zusammenbrach.</p><p>Denn schon w�hrend der Kopf sich vom Hals l�ste, setzte die schreckliche Ver�nderung ein. Der K�rper alterte unbeschreiblich schnell, und dann begann auch noch, fast gleichzeitig mit der Aufl�sung, eine R�ckverwandlung. Den schlanken wei�en Armen entwuchs zun�chst dichte Behaarung, dann �berzogen Schuppen sie; der gr�n�ugige Kopf wurde zum Reptilsch�del, danach zu dem eines unirdisch wirkenden Ungeheuers. Und genauso schnell wie diese Verwandlung sich vollzog, zersetzte sich der K�rper. Osylla, was immer sie auch gewesen sein mochte, wurde im Tod fl�chtig noch einmal zu allem, was sie einst gewesen war, bis ihr Fleisch verweste und ihr Gerippe zerfiel und nur graubrauner Staub blieb.</p><p>Da kam eine Brise auf, und dieser Staub � vor so wenigen Augenblicken noch eine Hexe mit finstersten Kr�ften � wirbelte so widerstandslos in die Luft, wie es gewiss auch bei dem Staub einer jeden anderen lange toten Kreatur der Erde der Fall gewesen w�re, sei sie einst als Mensch oder Tier geboren worden.</p><p>Sonjas Pferd schnaubte und t�nzelte seitw�rts. Doch die Hyrkanierin, die noch unter der Nachwirkung der ungeheuren Anspannung ihres erfolgreich durchgef�hrten Plans zitterte und der Erleichterung, dass es vor�ber war, starrte weiterhin auf den wirbelnden Staub, bis nichts mehr davon zu sehen war. Fl�chtig sp�rte sie eine W�rme an ihrer Seite � es kam von dem Gl�hen aus dem Beutel, der die Asche des Zauberers enthalten hatte. Als sie ihn �ffnete und hineinschaute, sah sie, dass der blaue Stein in ihm kurz hell leuchtete. Dann schwand sein Licht allm�hlich.</p><p>�Danke�, murmelte Sonja. �Danke � Odurac.�</p><p>Sie schwang sich in den Sattel und machte sich auf den Weg aus dem Sumpf. Er wirkte bereits weniger unheimlich und trostlos, selbst die Luft schien reiner zu sein.</p><p>Im Reiten sah sie Leichen in dem dichten Riedgras liegen und in dunklen T�mpeln treiben � Leichen, die nun endlich wirklich leblos waren.</p><p>Mitra! Wie lange hatte die Hexe in diesem Sumpf ihr Unwesen getrieben?</p><p>Alle Leichen waren die von Menschen � von M�nnern, Frauen, einige sogar von Kindern �, nicht ein Ungeheuer war darunter, nein, alle stammten von Menschen, die nun endlich frei von dem Grauen waren, das ihr Fleisch zur Falle ihrer Seele gemacht hatte. Wie lange mochten diese armen Seelen gelitten und gehorcht und gewartet haben � �ber jegliche Hoffnung hinaus �, dass Sonja oder jemand wie sie sie befreien w�rde?</p><p>Die Sonne brach durch die Wolken in all ihrer Pracht und schien auf den Sumpf. Ein leichter Wind blies. Er trug keine �blen Ger�che mit sich, es war frische, saubere, gute Luft, die er brachte, die neue Kraft bescherte.</p><p>Sonja hielt ihr Pferd an, blieb jedoch im Sattel sitzen und blickte auf ein ganz bestimmtes St�ck Sumpfland. Auch dort drang die Sonne nun durch das Laubdach und erhellte es. Dort war der Stein, auf dem Daron gesessen hatte, der Baum, wo er sich verteidigt und wo er bei ihrer Verteidigung geholfen hatte.</p><p>Nun sa� sie ab.</p><p>�Daron?�</p><p>Sie blickte hoch, �berrascht von etwas, von dem pl�tzlichen Gef�hl, dass sie nicht allein war � Sie sch�ttelte den Kopf. Ein ihr ungewohnter Friede erf�llte sie.</p><p>Es war noch Zeit genug f�r den Weg. Zeit genug f�r Sonja, die freie Schwertk�mpferin, Sonja, die S�ldnerin, und f�r den Sonnenschein und den Wind. Und f�r Erinnerungen an Daron.</p><p>Sie schaute sich um, gab sich diesen Erinnerungen hin und schien sein Lachen zu h�ren. War es nur Einbildung? Sie l�chelte, warf den Kopf zur�ck und blickte hoch zu den sonnenhellen Wipfeln. Dann, langsam, kehrte sie zu ihrem Pferd zur�ck, sa� auf und ritt weiter, ihrer Bestimmung entgegen.</p></section></section></body><binary id="cover" 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