<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Mika</first-name><last-name>Waltari</last-name></author><book-title>Jesus - In diesem Zeichen- Minutus der R�mer</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><annotation><p>In diesem Zeichen  
Minutus der R�mer</p></annotation></title-info><document-info><author><first-name>Mika</first-name><last-name>Waltari</last-name></author><program-used>calibre 5.27.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>1.11.2022</date><id>fe0e01fd-e260-4f09-85d7-7fab0e8e142a</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>0101</year></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#3"/></p></section><section><p><strong>Mika Waltari</strong></p><p><strong>In diesem Zeichen</strong></p><empty-line/><p><strong>Inhaltsangabe</strong></p><p>Auf dem H�hepunkt seines Schaffens wagte sich der ber�hmte Autor an eines der gr��ten und anspruchsvollsten Themen �berhaupt: das Leiden und Sterben Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt sowie das allm�hliche Entstehen des von ihm verhei�enen Reiches. Marcus Mezentius, ein junger, vornehmer R�mer, der zum Passahfest nach Jerusalem gekommen ist, wird Augenzeuge jener dramatischen Ereignisse und schildert sie in Briefen seiner Freundin in Rom. Dabei ger�t er, von Natur aus Skeptiker, immer st�rker in den Bann des �K�nigs der Juden���</p></section><section><p/><p>BASTEI-L�BBE-TASCHENBUCH</p><p>Band 10.636</p><p>�bersetzung von Josef Tichy</p><empty-line/><p>nach der bei Werner S�derstr�m, Helsinki, mit dem Titel �VALTAKUNNAN SALAISUUS� erschienenen finnischen Originalausgabe unter Mitbenutzung von Naomi Walfords englischer �bertragung.</p><p>� 1961 by Paul Neff Verlag, Wien</p><p>Lizenzausgabe: Gustav L�bbe Verlag GmbH,</p><p>Bergisch Gladbach</p><p>Printed in Western Germany</p><p>Einbandgestaltung: Manfred Peters</p><p>Satz: ICS Computersatz GmbH, Bergisch Gladbach</p><p>Herstellung: Ebner Ulm</p><p>ISBN 3-404-10636-9</p><p>Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! &#x263A;</p></section><section><p/><empty-line/><p>1</p><p><emphasis>Marcus Mezentius gr��t Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>In meinem vorigen Briefe, Tullia, schrieb ich Dir von den Reisen, die mich den Strom �gyptens entlangf�hrten. Bis zum Einbruch der Herbstst�rme habe ich vergebens auf Dich gewartet und bin dann winters�ber in Alexandria geblieben. Die Liebessehnsucht machte mich kindisch; kein noch so reicher Kaufmann und kein noch so neugieriger Bummler h�tte bei jeder Einfahrt von Seglern aus Ostia oder Brundisium eifriger zum Hafen eilen k�nnen. Solange noch Schiffe verkehrten, habe ich mich Tag f�r Tag an den L�nden herumgetrieben, so da� ich schlie�lich mit meinen Fragen den W�chtern, Z�llnern und Hafenbeamten l�stig fiel.</p><p>Sicherlich ist dabei mein Wissen bereichert worden, und ich habe vielerlei �ber fremde L�nder erfahren. Aber wer lange vergebens auf das Meer hinausgeblickt hat, dem beginnen schlie�lich die Augen zu tr�nen; als das letzte Schiff eingelaufen war, mu�te ich mir gestehen, da� Du wortbr�chig geworden bist. Es ist jetzt ein Jahr her, Tullia, seit wir uns das letztemal sahen; und nun stellt sich heraus, da� Du mich damals mit falschen Beteuerungen und Zusagen dazu gebracht hast, Rom zu verlassen.</p><p>Ich war von Bitterkeit erf�llt, als ich Dir jenen Brief schrieb, worin ich Dir f�r immer Lebewohl sagte und die Absicht kundtat, nach Indien�� dort herrschen in fremdartigen St�dten noch heute griechische K�nige, Abk�mmlinge der Heerf�hrer Alexanders�� auszuwandern. Doch schon neige ich zu der Annahme, da� es mir mit dem, was ich schrieb, kaum ernst gewesen sein mag; ich konnte einfach den Gedanken nicht ertragen, Dich, Tullia, niemals mehr wiedersehen zu sollen.</p><p>Ein Mann, der das drei�igste Lebensjahr hinter sich hat, darf nicht mehr der Sklave seiner Liebe sein. Ich bin bestimmt ruhiger geworden, und die Flammen der Leidenschaft lodern nicht mehr so hoch. In Alexandria hatte meine Unrast mich in zwielichtige Gesellschaft getrieben, und dieses Leben hat meiner Gesundheit sehr zugesetzt. Ich bedaure das nicht; niemand kann den Lauf der Dinge r�ckg�ngig oder Getanes ungeschehen machen. Aber da nichts mich befriedigen konnte, wei� ich jetzt um so bestimmter, da� ich Dich liebe. Deshalb m�chte ich Dich daran mahnen, geliebte Tullia, da� eines Tages auch Deine bl�hende Jugendlichkeit welken, Dein glattes Gesicht Runzeln bekommen und der Blick Deiner Augen sich tr�ben wird, da� Dir die Haare ergrauen und die Z�hne ausfallen werden. Vielleicht wird es Dir dann leid tun, Deine Liebe dem Ehrgeiz und politischem Einflu� geopfert zu haben. Denn da� Du mich liebtest, davon bin ich �berzeugt. An Deinen Schw�ren kann ich nicht zweifeln; sonst w�rde mir nichts auf der Welt jemals mehr etwas bedeuten. Du hast mich geliebt; ob Du es aber noch tust, wei� ich nicht.</p><p>In meinen besseren Augenblicken glaube ich, da� Du wirklich nur mir zuliebe�� um mich vor Gefahren zu sch�tzen, die mein Eigentum und vielleicht sogar mein Leben bedrohten�� mich mit tr�gerischen Versprechungen bewogen hast, Rom zu verlassen. Ich w�re nie gegangen, wenn Du mir nicht gelobt h�ttest, auch nach Alexandria zu kommen und den Winter dort mit mir zu verbringen. Viele andere hochgestellte Damen sind schon, ohne ihre Ehem�nner, f�r den Winter nach �gypten gereist und werden es, falls meine Kenntnis der R�merinnen mich nicht ganz t�uscht, auch weiterhin so halten. Jetzt, da der Schiffsverkehr wieder aufgenommen wurde, h�ttest Du heimfahren k�nnen. Eine Reihe von Monaten aber w�ren wir beisammen gewesen, Tullia.</p><p>Statt dessen habe ich mir w�hrend dieser Monate K�rper und Geist zerr�ttet. Eine Zeitlang war ich auf Reisen, bis ich es m�de wurde, Deinen Namen und meine Liebe auf uralten Denkm�lern und Tempels�ulen einzuritzen. Aus lauter �berdru� lie� ich mich sogar in die Isis-Mysterien einweihen; aber offenbar war ich �lter und verh�rteter als in jener unverge�lichen Nacht zu Baiae, da wir beide, Du und ich, uns dem Dionysos weihten. Die damalige Entz�ckung blieb mir nun versagt. Ich vermochte nicht, diesen Priestern mit ihren kahlgeschorenen K�pfen Glauben zu schenken. Nachher hatte ich blo� die Empfindung, ein sehr belangloses Endchen Wissen weit �berzahlt zu haben.</p><p>Denke indessen keineswegs, da� ich nur mit Isispriestern und Tempelfrauen Umgang pflog! Auch mit Schauspielern und S�ngern habe ich Bekanntschaft angekn�pft, und sogar mit Stierk�mpfern aus der Arena. Ferner habe ich mir einige alte griechische Theaterst�cke angesehen, die es wert w�ren, da� jemand sie, wenn ihn nach dieser Art Ruhm gel�stet, ins Lateinische �bersetzt und f�r unsere B�hne einrichtet. Ich erw�hne das alles, um zu zeigen, da� mir die Monate in �gypten nicht zu lange wurden. Alexandria ist eine Weltstadt�� verfeinerter, abgelebter, kr�fteverschlei�ender als Rom.</p><p>Immerhin habe ich die meiste Zeit im Museion verbracht, in der Bibliothek nahe dem Hafen. Eigentlich handelt es sich um eine Anzahl von Bibliotheken, um eine Geb�udegruppe, die ein ganzes Stadtviertel bildet. Die alten Beamten dort, die noch in der Vergangenheit leben, haben mir dar�ber geklagt, wie armselig die B�chersammlung jetzt sei; nie mehr k�nne sie ihren alten Glanz wiedergewinnen, seit Julius C�sar hier belagert wurde und die �gyptische Flotte im Hafen in Brand scho�. Bei diesen K�mpfen gingen auch einige Bibliotheksgeb�ude in Flammen auf und mit ihnen an die hunderttausend unersetzliche B�cherrollen mit Werken der alten Schriftsteller.</p><p>Trotzdem brauchte ich Wochen, ehe ich auch nur die Kataloge ben�tzen lernte und den Dingen, nach denen ich forschte, auf die Spur kam. Es gibt allein Zehntausende von Rollen mit Anmerkungen zur Ilias, gar nicht zu reden von den in je einem eigenen Geb�ude untergebrachten Kommentaren zu Plato und Aristoteles. Dar�ber hinaus liegen hier zahllose Rollen, die nie in einem Katalog verzeichnet und wahrscheinlich seit ihrer Aufnahme in die Sammlung kaum je von einem Menschen gelesen wurden.</p><p>Aus naheliegenden politischen Erw�gungen gaben die Beamten sich keine besondere M�he, mir die alten Weissagungen zug�nglich zu machen oder auch nur bei der Suche danach zu helfen. Ich war gezwungen, mich auf Umwegen vorzutasten und das Vertrauen der Bibliothekare durch Geschenke und Bewirtungen zu gewinnen. Diese Leute sind k�rglich entlohnt und selber verm�genslos, so' wie gew�hnlich die gro�en Gelehrten und wie stets jene M�nner, die B�cher h�her sch�tzen als ihr Leben, h�her als ihr Augenlicht.</p><p>Derart gelang es mir schlie�lich, in verborgenen Winkeln der Bibliothek eine ganze Reihe teils ber�hmter, teils vergessener Prophezeiungen aufzust�bern. Nat�rlich wurden zu' allen Zeiten und bei allen V�lkern gleichartige Vorhersagen gemacht. Sie sind durchwegs dunkel und von �rgerlicher Vieldeutigkeit, wie die Ausspr�che eines Orakels. H�ufig habe ich, offen gestanden, diesen ganzen Kram beiseite geschoben und mich in eine griechische Erz�hlung vertieft, mit ihrem unbeschwerten Geflunker �ber Reisen und Abenteuer. Und dann fa�te mich das Verlangen, jene einander widersprechenden Prophezeiungen auf sich beruhen zu lassen und nach dem Muster dieser Fabeleien selbst ein Buch ganz eigener Erfindung zu verfassen. Aber trotz meiner Abkunft bin ich zu sehr R�mer, um irgend etwas frei Erdachtes niederzuschreiben.</p><p>In der Bibliothek gibt es auch Schriften �ber die Liebeskunst, bei deren Lekt�re unser guter Ovid sich wie ein Waisenknabe vorgekommen w�re. Einige davon sind griechischen Ursprungs, andere stellen �bersetzungen alter �gyptischer B�cher ins Griechische dar, und ich wei� wirklich nicht, welchen der Vorzug geb�hrt. Aber wenn man ein paar dieser B�cher gelesen hat, bekommt man bald genug von ihnen. Seit den Tagen des g�ttlichen Augustus werden diese Werke in besonderen Geheimr�umen verwahrt, und man darf sie nicht abschreiben. Auch das Lesen ist nur zu Forschungszwecken gestattet.</p><p>Um jedoch auf die Prophezeiungen zur�ckzukommen�� es gibt da alte und neue. Die alten hat man schon auf Alexander bezogen und jetzt selbstredend auch auf C�sar Augustus, der die Welt befriedet hat. Aus den verschiedenen Deutungen dieser Vorhersagen wird mir immer klarer, da� es f�r einen Gelehrten keine gr��ere Versuchung gibt als die, solche Spr�che im Lichte seiner eigenen Zeit und seiner eigenen Erwartung zu sehen.</p><p>Trotzdem bin ich von einem �berzeugt, und alles, was wir selbst erlebt haben, best�rkt nur diese �berzeugung, die sogar von den Sternen bekr�ftigt wird: die Welt tritt in eine neue �ra, deren Zeichen sie von allen vergangenen Zeitaltern unterscheiden. Diese Tatsache ist so klar und augenscheinlich, da� Astrologen in Alexandria und Chald�a, Rhodos und Rom sich dar�ber einig sind; ihnen allein scheint es nat�rlich und sinnvoll, mit dem Sternbild der Fische die Geburt eines Weltherrschers in Verbindung zu bringen.</p><p>Vielleicht ist damit C�sar Augustus gemeint, der in den Provinzen schon bei Lebzeiten als Gott verehrt wurde. Aber wie ich Dir in Rom erz�hlte, hat mein Pflegevater Marcus Manilius in seinem Werke �Astronomica� eine Konjunktion von Saturn und Jupiter in den Fischen erw�hnt. Bei der Herausgabe seines Buches hat er zwar diesen Hinweis aus politischen Gr�nden gestrichen; aber auch in �gypten beziehen die Sterndeuter sich auf diese Konstellation. Allerdings m��te der k�nftige Weltherrscher, wenn er damals zur Welt gekommen w�re, jetzt siebenunddrei�ig Jahre alt sein, und inzwischen h�tte man sicherlich etwas von ihm geh�rt.</p><p>Du wirst Dich wohl dar�ber wundern, da� ich jetzt so offen, in einem Briefe, auf etwas zu sprechen komme, was ich Dir, als in Baiae die Rosen bl�hten und ich glaubte, niemand in der Welt verst�nde mich so gut wie Du, Tullia, eines Morgens als tiefstes Geheimnis ins Ohr gefl�stert habe. Aber jetzt bin ich erfahrener und kann zu solchen Prophezeiungen als erwachsener Mann Stellung nehmen. Ein halbblinder Greis in der Bibliothek hat sp�ttisch zu mir bemerkt, Vorhersagen seien etwas f�r junge Leute. Wenn man einmal tausend B�cher gelesen habe, beginne einem eine niederschmetternde Wahrheit aufzud�mmern; nach dem zehntausendsten werde man tr�bsinnig.</p><p>Auch aus einem anderen Grunde schreibe ich offen, und zwar deshalb, weil heutzutage ohnedies niemand etwas geheimzuhalten vermag. Selbst das vertraulichste Gespr�ch kann belauscht und weitererz�hlt werden, und es gibt keinen Brief, den nicht ein Unberufener lesen und n�tigenfalls abschreiben k�nnte. Wir leben in einer Zeit des Mi�trauens, und ich bin zu dem Schlu� gelangt, da� man am besten durchkommt, wenn man freim�tig spricht und schreibt, genau so, wie man denkt.</p><p>Dank der letztwilligen Verf�gung, von der Du wei�t, bin ich so wohlhabend, da� ich mir alles N�tige leisten kann, aber nicht so reich, da� es sich verlohnte, mich umzubringen. Infolge meiner Abkunft kann ich mich um kein Staatsamt bewerben, und ich w�rde es auch gar nicht w�nschen. Diese Art von Ehrgeiz ist mir fremd.</p><p>Ostw�rts wiesen mich die Sterne. Um mich loszuwerden, hast Du, falsche Tullia, mich dazu beredet, Rom zu verlassen, weil ich Dir l�stig geworden bin. Habe ich nicht schon seinerzeit voll trotziger Verwegenheit geschworen, den k�nftigen Weltbeherrscher ausfindig zu machen, weil es hoch an der Zeit sei, da� er kommt? Ich wollte einer seiner ersten Gefolgsleute sein; ich wollte in seinen Dienst treten und seinen Sold nehmen, um eines Tages w�rdig zu sein, Dein vierter oder f�nfter Gatte zu werden. Wie mu�t Du mich innerlich ausgelacht haben!</p><p>Sei �brigens unbesorgt! Nicht einmal dieses mein Vorhaben wird irgendwen veranlassen, mir nach dem Leben zu trachten. Vorderhand hat man keinerlei Anzeichen f�r einen Weltherrscher gesehen oder geh�rt. So etwas w�re sofort bekannt geworden, besonders in Alexandria, dem Nabel der Welt, dem Mittelpunkt allen Klatsches und R�nkespiels und aller Philosophie. Nebenbei bemerkt, auch Tiberius selbst kennt diese Konjunktion von Jupiter und Saturn vor siebenunddrei�ig Jahren. Und jener Mann, dessen Name in einem Brief nicht erw�hnt zu werden braucht, wei� ebenfalls von all dem. Aber er ist fest davon �berzeugt, da� dieser K�nig nicht aus dem Osten kommen wird.</p><p>Tullia, Geliebte, mir ist sehr wohl bewu�t, da� dieses Studium der Weissagungen f�r mich nur ein L�ckenb��er war, blo� ein Mittel, um von Dir wegzudenken. Wenn ich morgens erwache, bist Du mein erster Gedanke, wenn ich abends einschlafe, mein letzter. Ich habe von Dir getr�umt und lag Deinetwegen wach. Keinem Manne ersetzt eine B�cherrolle die Frau, die er liebt.</p><p>Aus den Prophezeiungen bin ich an die heilige Schriften der Juden geraten. In Alexandria wirkt ein j�discher Philosoph namens Philo, der diese Schriften symbolisch deutet, wie Griechen und R�mer es mit Homer tun. Er meint, die j�dische Religion derart, mit Hilfe der griechischen Philosophie, verst�ndlich machen zu k�nnen.</p><p>Du kennst die Juden und ihren Glauben. Auch in Rom sondern sie sich ja ab und opfern unseren G�ttern nicht. Deshalb empfinden manche Leute ehrf�rchtige Scheu vor ihnen, und eine Anzahl Familien hat schon die Sitte �bernommen, jeden siebenten Tag nach Judenart als Ruhetag zu halten. Im allgemeinen jedoch verachtet man die Juden, weil sie nur einen einzigen Gott haben und von ihm, soviel man wei�, nicht einmal ein Abbild besitzen.</p><p>Jedenfalls ist in ihren heiligen B�chern eine Weissagung von den �ltesten Zeiten her lebendig geblieben: sie bezieht sich auf einen k�nftigen Weltherrscher. Ihre Propheten haben sie mehrfach wiederholt, so da� sie unter allen Vorhersagen am getreulichsten �berliefert ist. Den erwarteten Weltherrscher nennen sie Messias. Sobald er zur Macht gelangt, werden die Juden, so erhoffen sie sich, �ber die gesamte Erde gebieten. Diese Anma�ung entspringt zweifellos den Wunschtr�umen des ganzen Volkes, dessen Schicksal so ungl�cklich und besch�mend war: eine Zeit der Sklaverei in �gypten und dann eine �hnliche Knechtschaft in Babylon, bis die Perser ihnen die R�ckkehr in ihre Heimat gestatteten. Auch ihr Tempel ist einigemal zerst�rt worden, erst j�ngst wieder durch Pompeius, obwohl das unabsichtlich geschehen sein mag. Sie unterscheiden sich von anderen V�lkern auch dadurch, da� sie blo� einen einzigen Tempel haben; er steht in ihrer heiligen Stadt, in Jerusalem. Die Synagogen, die sie allerw�rts besitzen, sind keine Tempel, sondern Versammlungsh�user, wo sie ihre heiligen Schriften gemeinsam in lautem Ges�nge rezitieren und einander auslegen.</p><p>Diese Weissagung, unter den Juden werde ein Weltk�nig geboren werden, durch den sie dereinst die ganze Erde beherrschen w�rden, tr�gt ihnen viel Ha� ein. Darum r�hmen sie sich nicht mehr ihres Wissens, sondern behalten es im allgemeinen bei sich und schlie�en sich von anderen V�lkern ab.</p><p>Andererseits machen sie aus der Prophezeiung kein Geheimnis. Wenn ihre Gelehrten einem Fremden wirkliches Interesse anmerken, helfen sie ihm bereitwillig bei der Ergr�ndung ihrer heiligen Schriften. Zumindest in Alexandria verh�lt es sich so. Manche Autorit�ten, darunter Philo, legen die Messiasverk�ndung als Gleichnis aus; andere jedoch haben mir versichert, sie sei buchst�blich aufzufassen. Ehrlich gesagt, man m��te wohl von Kind auf in ihrer Religion aufgewachsen sein, um diesen vieldeutigen Schriften irgendwelchen wirklichen Glauben entgegenzubringen. Im Vergleich mit den verworrenen Wahrsagereien der �brigen Welt mu� ich allerdings gerade die erw�hnte j�dische Prophezeiung als die klarste anerkennen.</p><p>Die j�dischen Gelehrten in Alexandria sind Freidenker, und zweifellos gibt es unter ihnen echte Philosophen, die sogar bereit sind, sich mit einem Fremden an einen Tisch zu setzen. Mit einem von ihnen bin ich gut Freund geworden, und wir haben gemeinsam ungew�sserten Wein getrunken. Solche Dinge gibt es in Alexandria! Als er bezecht war, sprach er sehr begeistert vom Messias und von der k�nftigen Weltherrschaft der Juden.</p><p>Zum Beweis daf�r, wie buchst�blich die Juden, auch ihre F�hrer, an die Messias-Weissagung glauben, erz�hlte er mir, ihr gro�er K�nig Herodes habe ein paar Jahre vor seinem Tode in einer ganzen Ortschaft alle k�rzlich geborenen Knaben hinmorden lassen. In diese Ortschaft waren n�mlich, einem Sterne folgend, Weise aus Chald�a gereist und hatten dann dem Herodes ganz harmlos berichtet, dort sei der k�nftige K�nig zur Welt gekommen. Herodes aber w�nschte, den Thron f�r seine eigene Familie zu sichern. Diese Geschichte deutet darauf hin, da� er so mi�trauisch war wie ein gewisser anderer Herrscher, der sich als alter Mann auf eine Insel zur�ckzog.</p><p>Du wirst verstehen, Tullia, da� die grausige M�r mir im Kopf herumgegangen ist. Aus dem Todesjahr des Herodes kann man leicht zur�ckrechnen, da� die Metzelei gerade zur Zeit der Begegnung von Saturn und Jupiter stattgefunden haben mu�. Der Vorfall beweist, da� die Sternkonstellation unter den Juden und den Weisen des Ostens ebensoviel Aufsehen erregte wie in Rhodos und Rom.</p><p>Ich fragte: �Glaubst du also, da� der k�nftige Messias schon in der Wiege umgebracht wurde?�</p><p>Der j�dische Gelehrte mit seinem weinfeuchten Bart lachte und sagte: �Wer k�nnte den Messias t�ten? Herodes war krank und ein Wirrkopf.�</p><p>Immerhin erschrak er ein wenig und f�gte, um sich blickend, hinzu: �Du darfst aber nicht meinen, da� damals wirklich der Messias zur Welt kam. Ein Zeitpunkt daf�r ist in der Prophezeiung nirgends angegeben. Unterdessen hatten wir bestimmt schon etwas von ihm geh�rt. �brigens taucht in jeder Generation irgendein falscher Messias auf und stiftet in Jerusalem unter den einf�ltigen Leuten Unfrieden.�</p><p>Doch der von mir aufgeworfene Gedanke lie� ihn nicht los, und als wir noch mehr Wein getrunken hatten, sagte er beziehungsvoll: �In jenen Tagen sind aus Jerusalem und anderen Orten viele Menschen hierher nach �gypten geflohen. Manche blieben, die meisten aber gingen nach dem Tode des Herodes wieder heim.�</p><p>�Zielst du darauf ab�, fragte ich, �da� der Messias vielleicht doch zur Welt gekommen ist und vor Herodes nach �gypten in Sicherheit gebracht wurde?�</p><p>Er antwortete: �Ich bin ein Sadduz�er.� Damit wollte er andeuten, er sei ein Mann von Welt und f�hle sich an die �berlieferten Br�uche der Juden nicht allzusehr gebunden.</p><p>�Deshalb betrachte ich die Dinge kritisch�, fuhr er fort. �Ich glaube auch, im Gegensatz zu den Pharis�ern, nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Wenn der Mensch stirbt, welkt er hin und hat keinen Bestand. So steht es geschrieben. Da wir nur dieses eine Mal auf der Erde leben, ist es blo� vern�nftig, dem Dasein einiges Vergn�gen abzugewinnen. Unsere gro�en K�nige haben sich nichts versagt; ein �berma� an Lebensgenu� hat allerdings schlie�lich des weisen Salomo Gem�t verd�stert. Indes gibt es auch bei dem gebildetsten Menschen einen Winkel des Herzens, wo sich noch kindliche Fr�mmigkeit birgt. Und besonders wenn man�� was ja zu den verbotenen Gen�ssen geh�rt�� ungew�sserten Wein getrunken hat, glaubt man Sachen, die man bei klarem Kopf ablehnen w�rde. Darum will ich dir jetzt eine Geschichte erz�hlen, die ich geh�rt habe, als ich zw�lf Jahre alt und ein junger Mann geworden war.�</p><p>Er begann: �Ah unserem Ruhetag darf niemand k�rperliche Arbeit verrichten. Nun war zur Zeit des K�nigs Herodes auch aus Bethlehem im Lande Jud�a ein alter Handwerker geflohen, mit seinem jungen Weibe und einem neugeborenen Kind. In �gypten, mitten in den Balsamg�rten, hatten sie sich niedergelassen und wohnten dort. Durch seiner H�nde Arbeit erhielt der Mann sich und seine Familie, und niemand konnte den Leuten etwas �bles nachsagen. Eines Sabbats aber ertappten einige Juden des Dorfes den drei Jahre alten Fl�chtlingsjungen dabei, wie er Tonfiguren von Schwalben formte und brannte. Die M�nner holten die Mutter herbei, weil er gegen das Gesetz der Sabbatruhe versto�e. Aber der Knabe blies die t�nernen Gebilde an, und sie flogen auf und davon wie lebendige V�gel. Bald darauf verlie� die Familie die Ortschaft.�</p><p>�Erwartest du von mir, da� ich ein solches Ammenm�rchen glaube?� fragte ich verwundert; ich hatte meinen Bekannten f�r einen aufgekl�rten Menschen gehalten.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf und starrte mit seinen gew�lbten Judenaugen vor sich hin. Er war ein stattlicher, selbstbewu�ter Mann, so wie viele Juden aus alten Geschlechtern. �Keineswegs�, versicherte er mir. �Nur beweist meiner Meinung nach die Entstehung einer solchen Fabel, da� zu Herodes' Zeiten eine besonders fromme oder aber, bei aller �u�erlichen Bescheidenheit, unter den Leuten besonders angesehene Familie hierher nach �gypten geflohen ist. Wenn man eine vernunftgem��e Erkl�rung f�r den Ursprung einer derartigen Legende w�nscht, so mag vielleicht die Mutter des kleinen Sabbatsch�nders ihn mit so treffenden, so befl�gelten Worten aus den heiligen Schriften verteidigt haben, da� die Ankl�ger zum Schweigen gebracht wurden. Aber die richtige Deutung kann derart verwickelt sein, da� sie in Vergessenheit geriet. Mit Hilfe unserer Schriften l��t sich ja alles Erdenkliche beweisen. Und sp�ter, als die Familie wieder verschwand�� ebenso unbemerkt, wie sie aus Jud�a gekommen war��, wurde die Begebenheit auf eine Weise umgemodelt, da� sie auch f�r die Kinder verst�ndlich wurde.�</p><p>Er schlo� mit den Worten: �Ach, h�tte ich blo� noch das Gem�t eines Kindes und k�nnte die Worte der Schrift nach Kinderart glauben! So zu leben w�re leichter, als an der Grenzscheide zweier Welten dahinzutorkeln. Ein Grieche kann ich nie werden, und ein Sohn Abrahams bin ich in meinem Herzen nicht mehr.�</p><p>Am n�chsten Tag tat mir der Kopf weh, und ich f�hlte mich elend, nicht zum erstenmal in Alexandria. Ich verbrachte den Tag in den Thermen. Nach Bad, Massage, Gymnastik und einem guten Essen �berkam mich ein traumhafter Zustand. Die Au�enwelt schien sich von mir zur�ckgezogen zu haben, und mein eigener K�rper wurde schattenhaft. Dieses Gef�hl kenne ich sehr gut; es r�hrt von meinen Ahnen her. Nicht umsonst f�hre ich den Namen Mezentius, der in mythische Vorzeit zur�ckweist. In einem solchen Zustand ist man �beraus empf�nglich f�r Vorzeichen, obwohl es auch da au�erordentlich schwer ist, Wirklichkeit und T�uschung zu unterscheiden.</p><p>Als ich aus der k�hlen S�ulenhalle der Thermen trat, �berfiel mich die Hitze der Stra�e, und die Abendsonne glei�te mir in die Augen wie ein Blitz. Meine merkw�rdige Gem�tsverfassung hielt an. Ich ging durch die menschenerf�llten Stra�en, ohne auf den Weg zu achten. Als ich so, wie geistesabwesend, im Sonnenlicht dahinwanderte, fa�te mich ein Fremdenf�hrer, der in mir einen Vergn�gungsreisenden vermutete, am Mantel und begann mir zungenfertig den Besuch von Sehensw�rdigkeiten zu empfehlen: die Freudenh�user in Kanopos, den Leuchtturm auf der Insel Pharos, den Apis-Stier in seinem Tempel. Der Mann war hartn�ckig, und ich wurde seinen Wortschwall erst los, als ein lautes Rufen ihn unterbrach. Dann wies der Mann mit einem schmutzigen Finger auf den Schreienden und rief lachend: �Schau dir diesen Juden an!�</p><p>An der Ecke des. Gem�semarktes stand ein in Felle gekleideter Mann, mit struppigem Bart und Kopfhaar, vom Fasten abgemagertem Gesicht und wundgelaufenen F��en. St�ndig wiederholte er laut auf aram�isch die gleiche eint�nige Botschaft, und in seinem Gesicht rollten die Augen. Der Fremdenf�hrer meinte: �Wahrscheinlich verstehst du nicht, was er sagt.�</p><p>Aber, wie Du wei�t, spreche ich, seit meiner Jugend in Antiochia, das Aram�ische gut. Damals, ehe ich in Rhodos zur Schule ging und meine Anspr�che an das Leben klarer erkannte, hatte ich ernstlich daran gedacht, bei irgendeinem Prokurator im Osten Sekret�r zu werden.</p><p>Darum verstand ich sehr wohl, was dieser j�dische Sektierer aus der W�ste verk�ndete. Er schrie immer wieder mit vor Anstrengung schon heiserer Stimme: �Wer Ohren hat zu h�ren, der h�re! Das Reich ist nahe. Ebnet die Pfade!�</p><p>Der Fremdenf�hrer erl�uterte: �Er k�ndet das Auftreten eines j�dischen K�nigs an. Solche Hohlk�pfe schw�rmen derart viele aus der W�ste in die Stadt, da� die Polizei sich nicht einmal mehr die M�he nimmt, alle wieder hinauszupeitschen. �berdies ist es politisch sehr geschickt, die Juden in Streitigkeiten untereinander zu verwickeln. Solange sie sich gegenseitig in den Haaren liegen, haben wir Gymnasion-Leute Ruhe vor ihnen. Es gibt keine mordgierigeren Menschen als die Juden. Zum Gl�ck hassen ihre verschiedenen Parteien einander mehr als uns Heiden, wie sie uns nennen.�</p><p>Unterdessen rief die heisere, br�chige Stimme stets von neuem die gleichen Worte, so da� sie sich schlie�lich meinem Ged�chtnis unverge�lich einpr�gten. Diese Stimme verk�ndete die baldige Gr�ndung eines Reiches, und in meinem augenblicklichen Seelenzustand konnte ich den Ruf nur als ein f�r mich bestimmtes Vorzeichen auffassen. Mir war, als h�tten pl�tzlich jene Weissagungen, die ich den ganzen Winter �ber studiert hatte, die Masken dunkler Ausdrucksweise abgeworfen und st�nden vor mir, zu einer einzigen klaren Aussage vereint: �Das Reich ist nahe.�</p><p>Noch immer hielt der Fremdenf�hrer mich am Mantelzipfel fest und schwatzte weiter. �Bald kommt Passah, das j�dische Osterfest�, erz�hlte er. �In K�rze verlassen die letzten Karawanen und Schiffe mit Pilgern nach Jerusalem unsere Stadt. Ich bin schon neugierig, was f�r Keilereien es dieses Jahr wieder dort dr�ben geben wird.�</p><p>Unwillk�rlich bemerkte ich: �Interessant w�re es ja, einmal die heilige Stadt der Juden zu sehen.�</p><p>Diese Worte brachten den Mann derart in Schu�, da� er loslegte: �Ein sehr kluger Wunsch, Herr! Der Tempel des Herodes ist n�mlich eines der Weltwunder. Wer den auf seinen Reisen nicht besucht hat, der 'hat �berhaupt nichts gesehen. Und wegen Keilereien, wie ich es ausdr�ckte, da brauchst du dich keineswegs zu �ngstigen; ich habe nur einen Scherz gemacht. In ganz Jud�a ist man auf den Stra�en sicher, und in Jerusalem herrscht r�mische Zucht. Eine ganze Legion liegt im Lande, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Komm nur ein paar Schritte mit mir! Durch meine guten Beziehungen kann ich dir bestimmt noch einen Platz auf einem Schiff nach Joppe oder C�sarea verschaffen. Nat�rlich wird man zuerst sagen, da� wegen des Passahfestes alles voll besetzt ist; aber ich werde mich schon f�r dich verwenden. Das w�re doch wirklich ein Skandal, wenn ein so vornehmer R�mer wie du nicht auf einem Passagierschiff unterk�me.�</p><p>Er schleppte mich so eifrig am Mantel mit sich, da� ich fast ohne mein Zutun hinter ihm her in das Kontor eines syrischen Reeders gelangte, das tats�chlich blo� einige Schritte vom Gem�semarkt entfernt lag. Bald stellte ich fest, da� ich nicht der einzige Fremde war, der �ber Ostern nach Jerusalem wollte. Neben Juden aus allen Teilen der Welt gab es hier auch viele Vergn�gungsreisende, die gerade nur etwas Neues sehen wollten.</p><p>Nachdem der Fremdenf�hrer eine Zeitlang meinetwegen so wutentbrannt gefeilscht hatte, wie nur ein Grieche mit einem Syrer feilschen kann, wurde ich pl�tzlich gewahr, da� ich eine Koje in einem nach Jud�a bestimmten Pilgerschiff gemietet hatte. Man versicherte mir, es sei das einzige und letzte noch vor Ostern von Alexandria abgehende Schiff. Das Auslaufen habe sich deshalb verz�gert, weil der Segler funkelnagelneu sei und auf einige letzte Ausr�stungsst�cke habe warten m�ssen. Am n�chsten Morgen aber werde er seine Jungfernfahrt antreten. Mit meiner Buchung f�r dieses Schiff sei ich auch der Angst vor dem dickkrustigen Schmutz und dem Ungeziefer enthoben, die sonst Seereisen an der K�ste so widerw�rtig machten.</p><p>Mein F�rsprecher kn�pfte mir f�r seine Dienste f�nf Drachmen ab; aber ich g�nnte sie ihm, weil ich ein Vorzeichen empfangen und eine Entscheidung getroffen hatte. Er blieb im Kontor und freute sich schon darauf, auch dem Angestellten der Reederei eine Provision abpressen zu k�nnen. Am gleichen Abend suchte ich meinen Bankier auf und lie� mir einen in Jerusalem einzul�senden Kreditbrief ausstellen, da ich als erfahrener Reisender nicht �berfl�ssigerweise gro�e Summen Bargeld unterwegs bei mir tragen wollte. Ich zahlte meine Rechnung im Gasthof und beglich verschiedene andere Schulden. Im Laufe des Abends verabschiedete ich mich noch von jenen Bekannten, die ich nicht gut ohne ein Lebewohl verlassen konnte. Um mir sp�ttische Bemerkungen zu ersparen, sagte ich niemandem, wohin ich fuhr, sondern erkl�rte einfach, ich ginge auf Reisen und w�rde sp�testens im Herbst zur�ckkommen.</p><p>In der Nacht lag ich lange wach und sp�rte st�rker denn je, wie sehr der hektische Winter in Alexandria mir Geist und K�rper gel�hmt hatte. Diese Stadt mag, mit allen ihren Sehensw�rdigkeiten, ein Weltwunder sein; dennoch kam mir vor, da� ich sie gerade noch verlie�, bevor es zu sp�t wurde. W�re ich l�nger geblieben, so h�tte mich jene Seuche ergriffen, die in dieser so genu�gierigen, so von der Weisheitslehre Griechenlands angekr�nkelten Stadt umgeht. Wer wie ich in Alexandria zu erschlaffen begonnen hat, kann, wenn er zu lange zaudert, leicht sein ganzes restliches Leben dort tatenlos verd�mmern.</p><p>Deshalb dachte ich, eine Seereise und ein paar Tage unbeschwerten Wanderns auf den R�merstra�en Jud�as w�rden mir an Leib und Seele wohltun. Aber es kam so wie gew�hnlich in solchen F�llen: als ich am n�chsten Morgen, um das Schiff zu erreichen, in aller Fr�he, nach allzu kurzem Schlaf, geweckt wurde, konnte ich nur fluchend mich selber einen ausgemachten Esel hei�en, weil ich alle Annehmlichkeiten eines gesitteten Lebens aufgab, um das fremde, feindliche Judenland aufzusuchen und dort einem aus ein paar dunklen, orakelhaften Ausspr�chen entsprungenen Hirngespinst nachzujagen.</p><p>Es trug keineswegs zu meiner Bes�nftigung bei, als ich, am Hafen angekommen, feststellen mu�te, da� ich unvorstellbar sch�ndlich hineingelegt worden war. Erst nach langem Suchen und Herumfragen entdeckte ich das Schiff und konnte zun�chst nicht glauben, da� dieser erb�rmliche, morsche, alte Kasten jenes �funkelnagelneue� Schiff sein sollte, von dem der Syrer behauptet hatte, es werde gerade erst f�r seine Jungfernfahrt ausger�stet. Da� es gestern noch nicht reisefertig gewesen war, mochte allerdings zweifellos zutreffen; denn es h�tte sich kaum schwimmend erhalten, w�re es nicht bis zum letzten Augenblick kalfatert und geteert worden. Auf dem Schiff roch es wie in den Freudenh�usern von Kanopos; der Reeder hatte n�mlich billigen Weihrauch verbrennen lassen, um die anderen D�fte an Bord zu �bert�uben. �ber die verrotteten Schiffsflanken waren farbige T�cher geh�ngt, und man hatte vom Markt eine Ladung welkender Blumen gebracht, um das Auslaufen festlich zu gestalten.</p><p>Kurz gesagt, dieser in aller Eile �berteerte und zur Not seet�chtig gemachte Kasten sah in seiner Ausfahrtsvermummung einer alten Hafendirne gleich, die sich erst dann ans Tageslicht wagt, wenn sie sich rasch von Kopf bis Fu� in buntscheckige F�hnchen geh�llt, ihre Wangenrunzeln �bermalt und daf�r gesorgt hat, da� der Duft ihres billigen Parf�ms sich l�ngs ihres Weges verbreitet. Und den verschlagenen, hoffnungslos ern�chterten Blick eines solchen Wesens glaubte ich auch in den Augen des Zahlmeisters zu entdecken, als er mich mit der feierlichen Beteuerung, ich sei schon auf dem richtigen Schiff, empfing und zu meiner Koje f�hrte, mitten zwischen Menschen, die schrien und johlten, weinten und zankten und in vielen verschiedenen Sprachen Abschiedsworte riefen.</p><p>Trotz alledem konnte ich mich nachgerade nicht einmal mehr �rgern; ich mu�te einfach lachen. Schlie�lich braucht niemand sich aus eigenem Antrieb in Ungelegenheiten zu st�rzen; er kann ihnen kraft seines gesunden Menschenverstandes ausweichen. Andererseits wird das Leben, wenn man jedes Wagnis scheut, unertr�glich. Ich habe die Vortr�ge einer ganzen Anzahl von Philosophen geh�rt, die mich in der �berzeugung best�rkten, da� der Mensch auch durch die gr��te Vorsicht die ihm zugeteilte Daseinsfrist nicht um einen Augenblick verl�ngern kann.</p><p>Wohl gibt es sogar heutzutage noch selbsts�chtige und abergl�ubische Geldleute, die das r�mische Gesetz mi�achten und der dreik�pfigen G�ttin einen jungen Sklaven opfern, um durch die ihm entzogene Lebensspanne ihr eigenes Dasein zu verl�ngern. In allen gr��eren St�dten des Ostens kann man einen Magier oder einen abtr�nnigen Priester finden, der die zugeh�rigen Zauberworte kennt und gegen betr�chtliches Entgelt bereit ist, diese Art von Opfer zu vollziehen. Meiner Ansicht nach ist das jedoch glatte Selbstt�uschung und grausamer Irrwahn. Gewi� hat das Menschengeschlecht eine unbegrenzte F�higkeit, sich selbst zu bet�ren und zu glauben, was man erhofft; aber mich d�nkt, auch wenn ich ein hohes Alter erreichen sollte, werde ich den Tod nicht so sehr f�rchten, da� ich einer solchen Verblendung anheimfiele.</p><p>In meiner l�cherlichen Lage tr�stete ich mich damit, da� das Schiff l�ngs der K�ste fahren w�rde und da� ich ein guter Schwimmer bin. �berm�tiger Frohsinn bem�chtigte sich meiner, und ich hegte keinen Groll mehr wegen des Betrugs, dem ich zum Opfer gefallen war. Ich beschlo�, allem die beste Seite abzugewinnen und die Reise zu genie�en, um sp�ter�� mit den geb�hrenden �bertreibungen�� eine erg�tzliche Geschichte �ber die durchgemachten M�hsale und Unbilden erz�hlen zu k�nnen.</p><p>Die Anker wurden gelichtet, die Ruder begannen zu schwingen und klapperten regelm��ig gegeneinander, das Schiffsheck l�ste sich vom Kai, und der Kapit�n go� eine Schale Wein �ber Bord, als Trankopfer f�r die Gl�cksg�ttin. Er h�tte keiner passenderen Gottheit die Spende darbieten k�nnen; offenbar wu�te er selber am besten, da� wir Gl�ck brauchten, um �berhaupt an unseren Bestimmungsort zu kommen. Die j�dischen Fahrg�ste hoben die Arme und riefen in ihrer heiligen Sprache ihren Gott um Beistand in den Gefahren des Meeres an. Auf dem Vorderdeck begann ein girlandengeschm�cktes M�dchen die Saiten einer Lyra zu zupfen, w�hrend ein junger Mann dazu eine Fl�te blies, und es dauerte nicht lange, so war der neueste alexandrinische Schlager mit Gesang und Musikbegleitung in vollem Gange. Die j�dischen Pilger stellten mit Schaudern fest, da� wir eine Truppe wandernder Schauspieler an Bord hatten; aber sich dar�ber zu beschweren, h�tte jetzt nichts mehr gen�tzt. �brigens bildeten wir, die in ihren Augen Unreinen, die Mehrheit der Passagiere, und die versp�teten Pilger waren keine reichen Juden. Sie mu�ten sich mit den Schatten, die wir auf sie warfen, abfinden und darauf beschr�nken, unabl�ssig ihre Speisegeschirre zu reinigen.</p><p>Heutzutage ist Einsamkeit der kostbarste aller Gen�sse. Deshalb konnte ich es nie leiden, da� Sklaven sich um mich herumdrehen und jeden meiner Schritte, jeden meiner Blicke beobachten. Mir tun die Menschen leid, die ihre Stellung oder ihre Bequemlichkeit dazu zwingt, ihr ganzes Leben, Tag und Nacht, von Sklaven umgeben zu verbringen. W�hrend der Schiffsreise allerdings mu�te ich Wasser in den Wein meiner Einsamkeitsliebe gie�en und die Schlafst�tte mit den verschiedenartigsten, zum Teil sehr zweifelhaften Leuten teilen. Gl�cklicherweise hatten die j�dischen Passagiere ihren abgesonderten Schlafraum und auch besondere Feuerstellen in Sandkisten, wo sie ihre eigenen Speisen bereiten konnten. Sonst w�ren sie an der jud�ischen K�ste derart gr�ndlich verunreinigt angekommen, da� sie sich kaum getraut h�tten, die Reise in ihre heilige Stadt fortzusetzen.</p><p>W�ren uns nicht g�nstige, sanfte Winde und die Segel zustatten gekommen, so h�tten wir, glaube ich, nie unser Ziel erreicht; denn die Ruderer�� Wracke wie das Schiff selbst�� waren alte Leute, atemlos keuchend, lahm oder verkr�ppelt. Es handelte sich nicht einmal ausschlie�lich um Sklaven, sondern auch um noch niedriger stehendes Hafengesindel, das mangels anderer Besch�ftigung sich f�r diese schwere k�rperliche Arbeit hatte anheuern lassen. Wahrlich, diese Rotte von Ruderern h�tte den Chor f�r ein Satyrspiel abgeben k�nnen! Selbst der Rudermeister, der auf seiner erh�hten Plattform den Takt schlug, lachte sich krank, wenn er sah, wie seine Leute einander und sich selbst mit den Ruderstangen anschlugen oder immer wieder mitten in der Arbeit hinsanken und einschliefen. Ich denke, er gebrauchte seine Peitsche nur der Form halber; denn es w�re einfach unm�glich gewesen, aus den armen Kerlen mehr herauszuschinden, als sie hergaben.</p><p>Von der Fahrt selbst habe ich nichts weiter zu erz�hlen, als da� sie meines Erachtens in keiner Weise dazu angetan war, eine and�chtige Stimmung zu f�rdern oder meine Seele auf die heilige Stadt der Prophezeiungen vorzubereiten. Man mu�te schon die j�dische Glaubenshingabe und Tempelverehrung haben, um morgens, mittags und abends die Arme betend zu heben und unentwegt schwerm�tige oder freudige Psalmen zum Preise Gottes zu singen. Zu den anderen Tageszeiten erklangen vom Vorderdeck her, wo die Schauspieler probten, griechische Gassenhauer. Und wenn die Ruderer eine Zeitlang f�r ihre Arbeit eingespannt wurden, stieg unabl�ssig ihr heiser wehklagender Chor ged�mpft von den Ruderb�nken herauf.</p><p>Das Griechenm�dchen, das die Ausfahrt des Schiffes damit eingeleitet hatte, da� es mit bekr�nztem Kopf sang und die Lyra zupfte, hie� Myrina. Die Kleine war ein schm�chtiges, kurznasiges Gesch�pf mit k�hl forschenden, gr�nen Augen. Trotz ihrer Jugend konnte sie nicht nur singen und ihr Instrument spielen, sondern war auch eine vollendete Tanzakrobatin. Ihren t�glichen �bungen auf dem Vorderdeck zuzusehen war ein Vergn�gen; die frommen Juden allerdings verh�llten ihre Gesichter und jammerten laut �ber das �rgernis.</p><p>Myrina ist ein Amazonenname. Die T�nzerin gestand mir ganz freim�tig, ihn wegen ihrer Magerkeit und Flachbr�stigkeit erhalten zu haben. Sie war schon in Jud�a und jenseits des Jordans in den griechisch-r�mischen St�dten Per�as aufgetreten. Sie erz�hlte, in Jerusalem gebe es zwar ein von Herodes erbautes Theater, aber die Truppe habe wen* Hoffnung, dort spielen zu k�nnen, weil wegen Besuchermangels nur selten Vorstellungen stattf�nden. Die Juden mi�achteten das Theater ebenso wie die ganze griechische und r�mische Zivilisation, sogar einschlie�lich der Aqu�dukte; und an gebildeteren Bewohnern habe die Stadt zu wenig, um ein Theater zu f�llen. Deshalb wollten die Schauspieler jetzt nach dem Ostjordanland reisen, wo die R�mer eine Urlaubersiedlung f�r die zw�lfte Legion errichtet h�tten und wo es stets ein begeisterungsfreudiges, wenn auch etwas rauhes Publikum gebe. Die Truppe hoffe, auch in Tiberias, der Hauptstadt Galil�as am See Genezareth, auftreten zu k�nnen; und auf ihrer R�ckreise wollten die Leute ihr Gl�ck in C�sarea, dem Sitz des r�mischen Statthalters an der jud�ischen K�ste, versuchen.</p><p>Nachdem ich so freundschaftlich mit Myrina geplaudert hatte, schlich sie in der folgenden Nacht an meine Seite und fl�sterte mir zu, ich k�nnte sie mit ein paar Silberm�nzen gl�cklich machen; sie und ihre Gef�hrten seien recht arm, und die Anschaffung aller f�r die B�hne n�tigen Kleider und Schuhe falle ihnen schwer. Sonst h�tte sie sich als anst�ndiges M�dchen nicht in dieser Weise an mich gewandt.</p><p>Als ich in der Finsternis in meinem Geldbeutel kramte, kam mir ein gewichtiges Zehndrachmenst�ck zwischen die Finger, und das gab ich ihr. Sie freute sich �ber die Ma�en, umarmte und k��te mich und sagte, weil ich so nett gewesen sei, w�rde sie sich nicht gegen mich str�uben, und ich m�ge mit ihr tun, was ich wolle. Als sie merkte, da� ich nichts von ihr wollte�� offen gestanden, ich hatte w�hrend meines alexandrinischen Winters die Frauen satt bekommen��, war sie h�chst erstaunt und fragte ganz unbefangen, ob ich vielleicht lieber neben mir ihren Bruder h�tte, der noch jung und bartlos sei. F�r dieses griechische Laster habe ich nie etwas �brig gehabt, obwohl ich nat�rlich w�hrend meiner Studienjahre in Rhodos auch meine platonischen Verehrer hatte. Als ich Myrina versicherte, mir gen�ge vollauf ihre Freundschaft, nahm sie offenbar an, ich h�tte aus irgendeinem Grunde f�r eine gewisse Zeit ein Keuschheitsgel�bde abgelegt, und bedr�ngte mich nicht mehr.</p><p>Daf�r erz�hlte sie mir von den Sittenbegriffen der Juden und behauptete, die Aufgekl�rten unter ihnen betrachteten Unzucht mit Ausl�nderinnen nicht als S�nde; nur von j�dischen Frauen hielten sie sich fern, weil das ihr Gesetz so gebiete. Zum Beweise tuschelte sie mir in der Dunkelheit des Schlafraumes ein paar Geschichten ins Ohr; aber ich glaubte ihr nicht recht. Immerhin hatte ich ja w�hrend meines Umgangs mit j�dischen Gelehrten in Alexandria dieses Volk achten gelernt.</p><p>Als die Berge Jud�as schon wie eine Fata Morgana �ber dem juwelenglitzernden Meer auftauchten, vertraute Myrina mir ihren Zukunftstraum an, wie ein junges M�dchen manchmal einem �lteren Bekannten das Herz aussch�tten mag. Sie wisse sehr wohl, da� eine T�nzerin nur kurze Zeit auf der H�he bleiben k�nne; deshalb hoffe sie, sich Geld zu ersparen und zu gegebener Zeit in einer vorurteilslosen K�stenstadt einen bescheidenen Parf�mladen aufmachen und dazu ein verschwiegenes Vergn�gungshaus betreiben zu k�nnen. Mit unschuldsvollen Augen sah sie mich an, w�hrend sie darlegte, die Wartezeit bis dahin k�nnte sie sich verk�rzen, wenn es ihr gel�nge, einen reichen Liebhaber zu finden. Ich w�nschte ihr von Herzen viel Gl�ck dazu.</p><p>Mochte es nun an den Opfern des Kapit�ns gelegen haben oder an einem g�nstigen Zufall oder an den beharrlichen Glaubens�bungen der j�dischen Pilger, jedenfalls liefen wir�� von Ungeziefer geplagt, hungrig, durstig und schmutzig, aber ansonsten unversehrt�� in den Hafen von Joppe ein, drei Tage vor dem Hauptfesttag des j�dischen Passah, der diesmal nach dem amtlichen Kalender der Juden auf einen Sabbat fiel und ihn zu einem besonders gro�en Feiertag machte. Die Juden hatten es so eilig, da� sie sich knapp Zeit nahmen, sich einer rituellen Reinigung zu unterziehen und bei ihren Landsleuten in der Hafenstadt eine Mahlzeit einzunehmen, ehe sie sich, obwohl schon die Nacht hereinbrach, auf den Weg nach Jerusalem machten. Doch die Luft war milde, zahllose Sterne brannten �ber dem Meer, und bei Mondlicht wanderte es sich leicht. Der Hafen war mit Schiffen vollgepfropft, darunter gro�en Seglern aus Italien, Spanien und Afrika. Daraus h�tte ich, w�re mir das nicht schon fr�her klargeworden, entnehmen k�nnen, da� die Liebe der Juden zu ihrem Tempel f�r alle Reeder der Welt ein eintr�gliches Gesch�ft ist.</p><p>Du wei�t, da� ich kein Vornehmtuer bin; aber ich hatte doch keine Lust, am n�chsten Morgen meine Reise in Gesellschaft der griechischen Schauspielertruppe fortzusetzen, so eindringlich die Leute mich auch darum baten, in der Hoffnung, derart meinen Schutz�� kein einziger von ihnen war r�mischer B�rger�� zu erlangen. Ich beschlo� vielmehr, in Joppe diesen Brief fertigzuschreiben, den ich schon an Bord des Schiffes begonnen hatte, um damit die Zeit zu verbringen und Dir zu erkl�ren, welch merkw�rdige Eingebung mich zu dieser Reise bewogen hat.</p><p>Ich nahm also ein Privatzimmer, wo ich mich jetzt nach der elenden Seefahrt ausruhe und diese Zeilen niederschreibe. Ich habe gebadet und gro�e Mengen Insektenpulver verbraucht. Die auf dem Schiff getragenen Kleider habe ich, als ich bemerkte, da� meine Absicht, sie zu verbrennen, Ansto� erregte, armen Leuten geschenkt. Langsam fange ich an, mich wieder als Mensch zu f�hlen; ich habe mir die Haare frisieren und ein�len lassen und mir neue Kleider gekauft. Da ich ziemlich anspruchslos bin, f�hre ich wenig Gep�ck mit mir, bis auf eine Menge neuen Papyrus, Schreibzeug und ein paar Andenken aus Alexandria, als Geschenke zu passenden Gelegenheiten.</p><p>Hier auf dem* Marktplatz von Joppe k�nnen hoch und niedrig Bef�rderungsmittel f�r die Reise nach Jerusalem finden. Ich h�tte eine S�nfte mit Geleit nehmen oder in einem Ochsenwagen fahren oder sogar auf ein von einem Treiber gef�hrtes Kamel klettern k�nnen. Aber, wie ich schon erw�hnte, Einsamkeit bedeutet f�r mich den kostbarsten aller Gen�sse, und so gedenke ich morgen in aller Fr�he einen Esel zu mieten, ihn mit meinen wenigen Habseligkeiten, einem Weinschlauch und einem Proviantsack zu beladen und zu Fu� nach Jerusalem aufzubrechen, wie es einem friedlichen Pilger geziemt. Nach den Zeiten der Verweichlichung in Alexandria begr��e ich diese k�rperliche �bung; vor R�ubern brauche ich keine Angst zu haben, da die Stra�en von Leuten, die zum Feste, wollen, wimmeln und durch Streifen der zw�lften Legion bewacht werden.</p><p>Tullia, meine Geliebte, nicht, um Dich zu qu�len oder eifers�chtig zu machen, habe ich Dir von Myrina und den Alexandrinerinnen erz�hlt�� falls Dich das �berhaupt schmerzlich ber�hrt, falls es Dein Herz auch nur im geringsten verwundet. Aber ich f�rchte sehr, Du empfindest nichts als Befriedigung dar�ber, da� Du Dich meiner geschickt entledigt hast. Immerhin kenne ich Deine Gedanken nicht, und es mag ja sein, da� Dich irgend etwas an der Reise nach �gypten gehindert hat. Deshalb gelobe ich Dir, da� ich Dich im Herbst wieder in Alexandria erwarten werde, bis zur winterlichen Einstellung des Schiffsverkehrs. Alle meine Sachen sind dort geblieben; nicht einmal ein Buch habe ich mitgenommen. Sollte ich bei Deiner Ankunft nicht am Hafen sein, so kannst Du meine Anschrift im r�mischen Reiseb�ro oder bei meinem Bankier erfragen. Doch im Herzen wei� ich, da� ich wieder zu jeder Schiffsankunft aus Italien an die Mole gehen werde, genau so wie im vergangenen Herbst.</p><p>Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Du Dir die M�he nehmen wirst, diesen Brief zu Ende zu lesen, obwohl ich ihn so abwechslungsvoll wie m�glich zu gestalten versuchte. �brigens bin ich in viel gesetzterer Stimmung, als man aus meinen Zeilen schlie�en k�nnte. Mein Leben lang habe ich zwischen den Lehren des Epikur und denen der Stoiker geschwankt, zwischen Genu� und Entsagung. Alexandrias ma�lose Vergn�gungen, die unsinnige Gefr��igkeit von K�rper und Geist haben meine Seele ausged�rrt. Da� Sinnlichkeit und Liebe zwei ganz verschiedene Dinge sind, wei�t Du ebenso wie ich. In der Wollust kann man sich eine gewisse Fertigkeit erwerben, wie im Laufen oder Schwimmen; aber blo�e Wollust f�hrt zu Tr�bsinn. Dagegen ist es etwas Ungew�hnliches, ja Unglaubliches, jenen Menschen zu finden, f�r den man geboren wurde. Ich bin f�r Dich, Tullia, geboren, und mein t�richtes Herz sagt mir noch immer, da� auch Du f�r mich geboren bist. Denke an die N�chte in Baiae, zur Zeit der Rosenbl�te!</p><p>Jedenfalls nimm, was ich �ber Weissagungen geschrieben habe, nicht allzu ernst! Dein stolzer Mund mag ruhig l�cheln und fl�stern: �Marcus ist noch immer der gleiche unverbesserliche Tr�umer!� Indes, wenn ich anders w�re, w�rdest Du mich vielleicht nicht lieben�� falls Du es �berhaupt noch tust, was ich nicht wei�.</p><p>Joppe ist eine uralte Hafenstadt, ganz syrisch. Aber w�hrend ich Dir schrieb, habe ich mich hier heimisch gef�hlt. Tullia, meine Geliebte, vergi� mich nicht! Ich nehme diesen Brief mit und schicke ihn von Jerusalem aus weg; vor dem Ende des j�dischen Passahfestes fahren ohnedies keine Schiffe nach Brundisium ab.</p></section><section><p/><empty-line/><p>2</p><p><emphasis>Marcus an Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Ich schreibe diesen Brief am Passah-Sabbat der Juden in deren heiliger Stadt Jerusalem, in der Burg Antonia. Etwas v�llig Unvorhergesehenes ist mir widerfahren, und ich bin selbst noch nicht im klaren dar�ber, was es eigentlich war. Tullia, ich bin ganz verst�rt. So schreibe ich Dir denn, um�� f�r mich selbst und f�r Dich�� sorgf�ltig zu erhellen, was sich tats�chlich zugetragen hat.</p><p>Ich verachte nun nicht l�nger Vorzeichen; in tiefstem Herzen tat ich es ja nie, so sp�ttisch ich auch �ber sie geredet und geschrieben haben mag. Mit best�rzender Unbeirrtheit glaube ich jetzt daran, da� mein Weg auf diese Reise gelenkt wurde und da� ich sie, auch beim ernstesten Willen, nicht h�tte vermeiden k�nnen. Aber welche M�chte die Hand dabei im Spiele hatten, das wei� ich nicht. Ich will der Reihe nach erz�hlen.</p><p>Auf dem Markt von Joppe mietete ich also, ohne mich durch die Lockungen aller anderen Reisebequemlichkeiten beirren zu lassen, als Wandergef�hrten einen Esel und machte mich, zusammen mit den letzten Pilgern, auf den von der K�ste her ansteigenden Weg nach Jerusalem. Mein Esel war ein gut abgerichtetes, williges Tier, so da� ich w�hrend der ganzen Reise kein einziges Mal Ungelegenheiten mit ihm hatte. Anscheinend war er so oft von Joppe nach Jerusalem und zur�ck getrottet, da� er jeden Brunnen und auch jedes Rastpl�tzchen, Dorf und Wirtshaus unterwegs kannte. Ich h�tte mir keinen besseren F�hrer w�nschen k�nnen; und mir kommt vor, da� auch er freundschaftliche Gef�hle f�r mich zu hegen begann, weil ich ihn niemals, auch bergab nicht, ritt, sondern immer zu Fu� ging, um meinen K�rper wieder zu st�hlen.</p><p>Von Joppe nach Jerusalem sind es f�r r�mische Truppenverb�nde nur knappe zwei Tagesm�rsche. Zwar ist in diesem h�geligen Gel�nde das Gehen anstrengender als in einer Ebene; daf�r jedoch wird der Weg um so abwechslungsreicher, und Jud�a ist ein sch�nes, fruchtbares Land. In den T�lern waren die Mandelb�ume schon abgebl�ht; aber an allen H�geln l�ngs der Stra�e wuchsen Blumen, deren bitters��er Duft mich die ganze Reise �ber begleitete. Ich war ausgeruht, ich f�hlte mich verj�ngt, und es machte mir Freude, meine Glieder durchzuarbeiten, ganz wie in meiner Jugend auf den Sportpl�tzen.</p><p>Meine Erziehung ebenso wie die Zur�ckhaltung, die, wie Du wei�t, die Wechself�lle des Lebens mir aufzwangen, haben mich gelehrt, alle �u�erlichkeiten zu verachten. Weder durch mein Auftreten noch durch meine Kleidung w�nsche ich mich von der Umgebung abzuheben. �ber derlei Eitelkeiten kann ich nur lachen. Ich brauche keine Bediensteten und keine L�ufer, die mein Kommen k�nden. W�hrend meiner Reise habe ich, wenn hohe Herrschaften, ihre Sklaven und Tiere zur Eile antreibend, vorbeihasteten, meinen Esel bescheiden an den Stra�enrand gef�hrt. Mir bereitete die kluge Art, wie das Tier die Ohren spitzte, den Kopf drehte und mich anblickte, mehr Vergn�gen, als wenn die Reichen und M�chtigen gr��end haltgemacht und mich eingeladen h�tten, mich ihnen anzuschlie�en.</p><p>Die Juden tragen an den Zipfeln ihrer Obergew�nder Quasten, und daran erkennen sie einander �berall auf der Welt, auch wenn sie sich sonst so kleiden wie wir. Doch der Verkehrsweg von der K�ste zur Hauptstadt, den Rom verbessert und in eine ausgezeichnete Milit�rstra�e umgewandelt hat, ist so alt und so sehr an viele V�lkerschaften gew�hnt, da� ich trotz der fehlenden Zipfelquasten niemandem auffiel. In der Nachtherberge, zu der mein Esel mich f�hrte, bekam ich wie alle anderen Reisenden Wasser zum Tr�nken meines Tragtiers und zum Waschen meiner H�nde und F��e. Bei dem Andrang fand das Gasthausgesinde keine Zeit, zwischen Fremden und Juden Unterschiede zu machen. Es war, als bef�nden sich neben den Landesbewohnern s�mtliche Rassen der Erde unterwegs, um mit Frohsinn und Fr�hlichkeit die Befreiung der Juden aus der �gyptischen Knechtschaft zu feiern.</p><p>Wenn ich etwas rascher gewandert w�re, h�tte ich leicht am Abend des zweiten Tages Jerusalem erreichen k�nnen. Aber ich war Ausl�nder, unber�hrt von der Eile der Juden. Mit Behagen atmete ich die frische Bergluft Jud�as, und die Bl�tenpracht auf den H�ngen entz�ckte mein Auge. Nach dem fiebrigen Treiben in Alexandria f�hlte ich mich seelisch entspannt und geno� jeden Augenblick, so da� schlichtes Brot mir besser schmeckte als irgendein Leckerbissen �gyptens. Ja, ich hatte auf dieser Reise nicht einmal Lust, meinem Trinkwasser Wein beizumischen, weil ich meine Sinne nicht abstumpfen wollte; vielmehr lie� ich mir reines Wasser vortrefflich munden.</p><p>So schlenderte ich absichtlich langsam meines Weges und war noch ein geh�riges St�ck von Jerusalem entfernt, als mich der Klang von Rohrfl�ten �berraschte, mit denen Hirten auf einem H�gel ihre Herden f�r die Nacht zusammenriefen. Ich h�tte ohne weiteres eine Zeitlang rasten und sp�ter bei Mondlicht weiterziehen k�nnen; aber ich hatte von dem wundervollen Anblick geh�rt, der den Wanderer erwartet, wenn er sich der Hauptstadt bei Tage n�hert und sie jenseits eines Tales aufsteigen sieht, mit ihrem Tempel, der auf einem H�gel im Sonnenlicht gl�nzt, blendend marmorwei� und golden.</p><p>Auf diese Weise wollte auch ich die heilige Stadt der Juden zum erstenmal sehen. Deshalb verlie� ich, zum Erstaunen meines Esels, die Stra�e und redete einen Hirten an, der mit seiner enggescharten Schafherde zu einer H�hle im Berghang schritt. Er sprach die l�ndliche Mundart, verstand aber mein Aram�isch und versicherte mir, in dieser belebten Gegend gebe es keine W�lfe. Er habe nicht einmal einen Hund zum Schutz der Herde gegen Raubtiere, schlafe aber vor dem Eingang zur H�hle, aus Sicherheitsgr�nden, f�r den Fall, da� Schakale sich anschleichen sollten. Sein Mundvorrat bestand aus ru�igem Gerstenbrot und kugelf�rmig geknetetem Ziegenk�se; darum war er h�chst erfreut, als ich f�r ihn ein St�ck Weizenbrot abbrach und es ihm zusammen mit einer Honigwabe und einer Handvoll getrockneter Pre�feigen anbot.</p><p>Fleisch nahm er, da er sah, da� ich nicht Jude war, keines von mir; sonst jedoch zeigte er sich frei von jeder Scheu. Wir setzten uns vor den H�hleneingang und a�en miteinander, w�hrend mein Esel eifrig die Dornstr�ucher an der B�schung abknabberte. Dann wurde die ganze Welt f�r eine Weile so purpurrot wie ein mit K�chenschellen bewachsener Hang; die Dunkelheit brach herein, und am Himmel entbrannten die Sterne. Gleichzeitig k�hlte die Luft sich ab, und ich sp�rte, wie aus der H�hle die gesammelte W�rme der Schafe str�mte. Es roch sehr stark nach Wolle und Talg. Aber ich fand den Geruch nicht unangenehm; vielmehr gab er mir ein Gef�hl der Geborgenheit, wie ein Hauch von Kindheit und Heimat. Zu meiner Verwunderung traten mir pl�tzlich Tr�nen in die Augen. Sie galten nicht Dir, Tullia. Ich sagte mir, es seien Tr�nen der M�digkeit, weil die Fu�reise meinen geschw�chten K�rper erm�det habe. In Wirklichkeit weinte ich aber wohl �ber mich selbst, �ber alles, was hinter mir lag und unwiederbringlich vergangen war, aber auch �ber alles, was noch vor mir liegt. In dieser Stunde h�tte ich mich furchtlos zu Boden geneigt und aus dem Quell des Vergessens getrunken.</p><p>Ich schlief auf dem Boden vor der H�hle, mit dem Sternhimmel als Dach �ber mir, wie der �rmste Pilger. So tief war mein Schlaf, da� bei meinem Erwachen der Hirt schon seine Schafe auf die Weide gef�hrt hatte. Ich konnte mich keines einzigen be�ngstigenden Traums entsinnen, und doch d�nkte mich alles rings umher, Luft und Erde, anders als am Abend zuvor. Der Hang fiel gegen Westen ab und lag noch im Schatten, w�hrend auf die gegen�berliegende Talseite schon die Sonne schien. Ich f�hlte mich wie ger�dert, schlaff und lustlos; und der Esel stand neben mir und hielt mit trauriger Miene den Kopf gesenkt. Es war mir ein R�tsel, wie sich mein Stimmungsumschwung vollzogen haben mochte; denn so verweichlicht war ich denn doch nicht, da� zwei Tage Fu�marsch und ein Nachtlager auf hartem Boden mich derart ersch�pft haben sollten. Ich vermutete, da� eine Wetter�nderung bevorstand; f�r solche Einfl�sse bin ich seit jeher ebenso empf�nglich wie f�r Tr�ume und Vorzeichen.</p><p>Ich war so niedergeschlagen, da� ich nicht einmal Lust hatte, etwas zu essen. Mir kam vor, ich w�rde keinen Bissen hinunterbringen. Ich nahm ein paar Schlucke Wein aus dem Lederschlauch, sp�rte aber kaum eine belebende Wirkung und f�rchtete schon, ich h�tte verunreinigtes Wasser getrunken und mir eine Krankheit zugezogen.</p><p>Dr�ben auf der Stra�e sah ich andere Reisende die n�chste Steigung erklimmen; doch es dauerte ziemlich lange, ehe ich mein Widerstreben �berwinden, den Esel beladen und selbst zur Stra�e zur�ckkehren konnte. Mit gro�er Anstrengung m�hte ich mich die H�he hinauf; als ich aber endlich oben war, erkannte ich die Ursache meiner Benommenheit. Ein sengend hei�er, trockener Wind blies mir ins Gesicht, jener hartn�ckige W�stenwind, der, sobald er sich einmal erhoben hat, Tag um Tag anh�lt und den Menschen derart zusetzt, da� alle Kopfweh bekommen und die Frauen sich �bergeben m�ssen; jener Wind, der durch die Ritzen der H�user pfeift und nachts an den Fensterl�den r�ttelt.</p><p>Dieser Sturm d�rrte mir augenblicklich die Gesichtshaut, und die Augen begannen mich zu schmerzen. Die schon hoch am Himmel stehende Sonne war zu einer rotgl�henden Scheibe getr�bt. Und nun sah ich jenseits des Tales die heilige Stadt der Juden aufsteigen, mauerumg�rtet. Mit brennenden Augen und einem salzigen Geschmack im Munde erblickte ich die T�rme des herodianischen Palastes, das H�usergewirr der gro�en Stadt auf den H�ngen, die Theater- und Zirkusanlagen und, �ber all dem, den wei� und golden aufragenden Tempel mit seinen Mauern, Geb�uden und S�ulenhallen.</p><p>Unter dieser verd�sterten Sonne leuchtete jedoch der Tempel meinen Augen nicht so, wie man es mir geschildert hatte. Der Marmor war fahl, und den Vergoldungen fehlte der Glanz. Fraglos handelte es sich um einen m�chtigen, festgegr�ndeten Bau, um ein unvergleichlich hoheitsvolles Wunderwerk neuer Baukunst. Aber das, was die Juden bei diesem Anblick empfinden, versp�rte ich nicht. Im Banne einer ausgesprochenen Unlust betrachtete ich den Tempel nur aus Pflichtgef�hl, weil es sich nach der langen Reise so geh�rte. Ich war nicht mehr jener junge Mann, der einst den Tempel von Ephesus zum erstenmal gesehen hatte. Die Ehrfurcht vor dem Wunder der Sch�nheit kam jetzt, da ein hei�er Wind mir Staub in die Augen trieb, nicht in mir auf. Als ich meinen Esel wieder antrieb, wandte er den Kopf und sah mich erstaunt an. Er war aus eigenem Willen am Scheitel der Stra�ensteigung stehengeblieben, auf dem besten Aussichtspunkt, und hatte offenbar erwartet, ich w�rde mich einige Zeit vor Bewunderung und Freude in Ausrufen, Preisliedern und Gebeten ergehen. Ich schalt mich selbst blasiert und einen Sklaven des K�rpers, weil ich einem Anblick, der f�r zahllose Menschen der Gipfel weihevoller Erbauung war, nichts abzugewinnen vermochte, blo�, weil mein Leib m�de und der Wind l�stig war. Der Esel zuckte �rgerlich mit den Ohren und begann die nun in Windungen hinabf�hrende Stra�e weiterzutrotten. Ich schritt neben dem Tier und hielt mich an dem Zaumzeug fest, so schwach in den Knien f�hlte ich mich.</p><p>Je tiefer die Stra�e sich senkte, desto weniger qu�lend wurde der Wind, und unten sp�rte man ihn �berhaupt kaum mehr. Gegen Mittag erreichte ich den Punkt, wo die Stra�e aus Joppe sich mit der aus C�sarea vereinigt und zur r�mischen Heerstra�e wird. Eine gro�e Menschenmenge wanderte stadtw�rts. N�chst dem Tore sah ich, da� Leute in Gruppen stehenblieben und auf einen nahen H�gel starrten, w�hrend andere die Gesichter verh�llten und weitereilten. Mein Esel wurde st�rrisch. Als ich die Augen hob, sah ich auf dem mit Dornengeb�sch bedeckten H�gel drei Kreuze aufgerichtet und konnte die zuckenden Leiber der Verurteilten erkennen. Auf der zur Stadt abfallenden B�schung hatte sich eine ansehnliche Menschenschar versammelt und sah zu.</p><p>Auch die Stra�e war gedr�ngt voll von Leuten, und ich w�re, selbst wenn ich es gewollt h�tte, kaum bis zum Tore durchgekommen. Nat�rlich habe ich schon �fter in meinem Leben gekreuzigte Verbrecher gesehen und ihre Qualen beobachtet, um mich gegen den Anblick von Leiden abzuh�rten. In der Arena hatte ich noch grausamere Todesarten erlebt, aber daran war etwas Spannendes gewesen. Eine Kreuzigung bietet dem Beschauer nichts dergleichen; sie ist blo� ein entehrendes, langwieriges Verfahren der Todesstrafe. Wenn ich einigerma�en froh bin, r�mischer B�rger zu sein, so unter anderem deshalb, weil ich, sollte ich je durch ein Verbrechen mein Leben verwirken, sicher sein kann, mit einem raschen Schwertstreich hingerichtet zu werden.</p><p>In jeder anderen Gem�tsverfassung h�tte ich wahrscheinlich einfach den Kopf abgewandt, das �ble Omen zu vergessen gesucht und mich, so gut es gehen mochte, auf der Stra�e vorw�rtsgedr�ngt. Doch der Anblick der drei Gekreuzigten verst�rkte, obwohl ihr Schicksal mich nichts anging, auf unerkl�rliche Weise in mir das wetterbedingte Gef�hl der Beklemmung. Ich wei� nicht, was mich dazu bewog, aber ich f�hrte den Esel ein paar hundert Schritte von der Stra�e weg und schob mich langsam durch die schweigende Menge den H�gel hinauf.</p><p>In der N�he der Kreuze kauerten auf dem Boden einige syrische Soldaten der zw�lften Legion, w�rfelten und tranken sauren Wein. Ganz gew�hnliche Sklaven oder Verbrecher konnten �brigens die Verurteilten offenbar nicht sein; denn in einiger Entfernung von den Soldaten hielt auch ein Zenturio Wache.</p><p>Zun�chst warf ich nur einen fl�chtigen Blick auf die krampfhaft zuckenden Gestalten. Dann jedoch bemerkte ich auf dem mittleren Kreuz, �ber dem Kopfe des, daran h�ngenden Mannes, eine Tafel, auf der in griechischer, lateinischer und der Landessprache geschrieben stand: �Jesus von Nazareth, der K�nig der Juden�. Anfangs erfa�te ich in meiner Benommenheit nicht den Sinn des Gelesenen. Dann aber sah ich, da� der schlaff herabh�ngende Kopf des Mannes einen tief in die Haut gedr�ckten Dornenkranz in der Art einer K�nigskrone trug. �ber das Gesicht des Gekr�nten zogen sich Streifen geronnenen Bluts, das aus den Dornwunden gesickert war.</p><p>Im n�chsten Augenblick konnte ich die Inschrift und auch die Gesichtsz�ge des Gekreuzigten nur mehr undeutlich erkennen; die Sonne verschwand vom Himmel, und es wurde, obwohl es Mittag war, so dunkel, da� ich selbst die mir zun�chst stehenden Leute nur mit M�he sah. Die V�gel h�rten zu singen auf, wie w�hrend einer Sonnenfinsternis, und auch die Menschen verstummten, so da� man schlie�lich nichts mehr h�rte als das Rollen der W�rfel auf den Schilden der Soldaten und das keuchende Atmen der Verurteilten.</p><p>Wie ich Dir, Tullia, in meinem letzten Brief halb im Scherz schrieb, hatte ich mich auf die Suche nach dem K�nig der Juden begeben. Und nun fand ich ihn auf einem H�gel au�erhalb der Stadtmauer von Jerusalem, an ein Kreuz geheftet, aber noch lebend. Nachdem ich den Sinn jener Inschrift begriffen und die Dornenkrone gesehen hatte, zweifelte ich keinen Augenblick mehr daran, da� ich vor dem Gesuchten stand, vor jenem Manne, dessen Geburt durch eine Sternbegegnung angek�ndigt worden war, dem K�nig der Juden, der sich nach ihren heiligen B�chern zum Weltherrscher h�tte aufschwingen sollen. Wie es kam, da� ich diese Gewi�heit so pl�tzlich gewann, kann ich unm�glich erkl�ren; sicherlich hat aber die Niedergeschlagenheit, die ich seit dem fr�hen Morgen versp�rte, mich f�r den d�steren Anblick besonders empf�nglich gemacht.</p><p>Ich war froh, da� der Himmel sich verdunkelt hatte und es mir ersparte, die Schmach und Qual des Verurteilten in aller Deutlichkeit mit anzusehen. Ich hatte schon gemerkt, da� man ihm heftig ins Gesicht geschlagen und ihn nach r�mischer Sitte gegei�elt hatte. Er befand sich deshalb in wesentlich schlechterer Verfassung als seine beiden Leidensgenossen, kr�ftige, rauhe M�nner aus dem Volke.</p><p>Nach der Verdunkelung der Sonne waren f�r eine Weile alle Stimmen der Menschen und der Natur verstummt. Dann jedoch ert�nten aus der Zuschauermenge Ausrufe der Best�rzung und Angst. Sogar der Zenturio hob den Blick und musterte den Himmel nach allen Richtungen. Unterdessen hatten meine Augen sich an die Finsternis gew�hnt, und ich begann wieder einigerma�en die Umrisse der Landschaft und die Leute um mich her zu sehen. Einige hochgestellte Juden, die das Entsetzen der Menge bemerkt hatten, mischten sich jetzt in das Gew�hl. An ihren Kopfbedeckungen erkannte ich, da� es sogenannte Schriftgelehrte und �lteste des Volkes waren; an den Zipfeln ihrer Obergew�nder trugen sie m�chtige Quasten. Sie schrien den Leuten laut und aufmunternd zu und fingen an, den gekreuzigten Jesus zu verspotten, indem sie ihn aufforderten, sich als K�nig zu erweisen und vom Kreuz herabzusteigen. Auch andere Hohnworte riefen sie ihm zu, offenbar Anspielungen auf Dinge, die er fr�her �ffentlich gesagt hatte.</p><p>Derart versuchten sie, die Menschenmenge auf ihre Seite zu bringen, und tats�chlich wurden da und dort vereinzelte Schm�hrufe laut. Die meisten Zuschauer aber wahrten ein hartn�ckiges Schweigen, als wollten sie ihre Empfindungen f�r sich behalten. Nach Kleidung und Gesichtsz�gen zu schlie�en, handelte es sich �berwiegend um arme Leute, darunter viele Bauern, die zum Passahfest in die Stadt gekommen waren. Ich gewann den Eindruck, da� sie ihrem gekreuzigten K�nig g�nstig gesinnt waren, diese Einstellung aber angesichts der Legion�re und ihrer eigenen W�rdentr�ger nicht zu zeigen wagten. In der Menge gab es auch eine Anzahl Frauen, von denen einige die K�pfe verh�llt hatten und weinten.</p><p>Als der Gekreuzigte die Rufe h�rte, hob er den zitternden Kopf und reckte sich auf seinen nageldurchbohrten F��en hoch. Er war mit gebeugten Knien an das Kreuz geheftet worden, um nicht zu rasch durch Ersticken zu sterben. Jetzt rang er keuchend nach Atem, und krampfhafte Zuckungen sch�ttelten seine blutigen Glieder. Er �ffnete die matten Augen, drehte den Kopf und blickte um sich, als suchte er etwas. Auf die Spottworte aber erwiderte er nichts; offenbar machten ihm die k�rperlichen Schmerzen genug zu schaffen.</p><p>Seine beiden Leidensgenossen hatten noch recht betr�chtliche Kr�fte. Der eine zur Linken fand es angebracht, den Zuschauern Gesichter zu schneiden. Um seine ungebrochene Z�higkeit zu beweisen, wandte er den Kopf dem K�nig zu und stimmte�� vermutlich im Bestreben, sich auf so j�mmerliche Art ein Gef�hl der �berlegenheit zu verschaffen�� in die Spottrufe der Menge ein. �Bist du denn nicht der Gesalbte? So rette dich doch selbst und uns!�</p><p>Der zur Rechten aber schalt ihn von seinem Kreuze her, ergriff die Partei des K�nigs und sagte: �Wir leiden f�r unsere Missetaten. Dieser aber hat nichts B�ses getan.� Dann wandte er sich dem�tig und zerknirscht an den K�nig und bat: �Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!�</p><p>In einem solchen Augenblick, angesichts eines qualvollen Todes, konnte dieser Mann noch etwas von einem �Reich� erhoffen! �ber einen so beharrlichen Glauben h�tte mein fr�heres Ich wahrscheinlich unb�ndig gelacht; nun aber war mir nicht nach Lachen zumute. Die von dem rechten Schacher gesprochenen Worte hatten viel zu mitleiderregend und ersch�tternd geklungen. Indes wuchs mein Staunen, als der Judenk�nig seinem reuigen Schicksalsgenossen liebevoll den schmerzenden Kopf zuwandte und mit halb erstickter Stimme tr�stend sagte: �Heute noch wirst du mit mir im Paradiesgarten sein.�</p><p>Ich w��te nicht, was er damit meinte. Da kam gerade, mit forschenden Augen argw�hnisch die Menge musternd, ein j�discher Schriftgelehrter vorbei. Ich hielt ihn an und fragte: �Was f�r ein Garten ist das, von dem euer K�nig da sprach? Warum wurde er ans Kreuz geschlagen, wenn er nichts B�ses getan hat?�</p><p>Der Schriftgelehrte brach in sp�ttisches Gel�chter aus und entgegnete: �Bist du fremd in Jerusalem? Schenkst du den Worten eines R�ubers mehr Glauben als dem Hohen Rat oder dem r�mischen Statthalter, die ihn verurteilt haben? Er ist nicht der K�nig der Juden. Nur er selber hat sich so genannt und damit Gott gel�stert. Sogar jetzt noch, am Kreuz, l�stert er Gott, indem er vom Paradiesgarten redet.�</p><p>Er h�llte sein Oberkleid enger um sich, damit ja nicht eine Quaste an mich streife. Aufgebracht rief ich: �In dieser Sache werde ich mir Klarheit verschaffen!�</p><p>Er warf mir einen drohenden Blick zu und erwiderte warnend: �K�mmere dich lieber um deine eigenen Angelegenheiten! Du bist doch hoffentlich kein Anh�nger von ihm? Er hat viele bet�rt; aber jetzt ist ihm das Handwerk gelegt. Mit ihm brauchst du kein Mitleid zu haben. Er ist ein Volksverhetzer, ein Aufr�hrer; er ist �rger als die beiden Verbrecher neben ihm.�</p><p>Da machte sich meine Niedergeschlagenheit in einer zornigen Aufwallung Luft. Ich schob den Mann beiseite, schritt, ohne an meinen Aufzug und den hinter mir angebundenen Esel zu denken, auf den Zenturio zu und sagte gr��end, sicherheitshalber auf lateinisch: �Ich bin r�mischer B�rger, aber dieser Jude dort��� ich wies mit dem Finger auf den Schriftgelehrten�� �bedroht mich.�</p><p>Der Hauptmann musterte mich im Halbdunkel forschend, seufzte verdrossen, ging waffenklirrend ein paar Schritte am Rand der Menschenansammlung hin und zwang sie, zur�ckzuweichen und vor den Kreuzen mehr Platz zu lassen. Dann erwiderte er, um seine Bildung zu zeigen, meinen Gru� auf lateinisch, wechselte aber sofort ins Griechische hin�ber und meinte: �Nur immer mit der Ruhe, guter Freund! Wenn du wirklich r�mischer B�rger bist, so ist es unter deiner W�rde, mit Juden H�ndel anzufangen, noch dazu am Vortage des Sabbats.�</p><p>Dann drehte er sich zu den Leuten um und rief, ohne seine Worte im besonderen an die Schriftgelehrten und �ltesten zu richten: �Jetzt verkr�melt euch aber, marsch nach Hause! Ihr habt lange genug eure Schn�bel gewetzt. Wunder gibt es hier keine mehr zu sehen. Trollt euch zu euren Lammbraten, und mir soll's recht sein, wenn euch jedem ein Knochen im Halse steckenbleibt!�</p><p>Aus dieser Zurechtweisung entnahm ich, da� es in der Menge au�er feindseligen Gaffern auch Leute gab, die wirklich ein Wunder erwarteten und darauf hofften, ihr K�nig w�rde aus eigener Kraft vom Kreuze steigen. Aber sie mu�ten sich schweigend im Hintergrund halten, aus Angst vor den eigenen W�rdentr�gern. Viele kamen jetzt der Aufforderung des Hauptmannes nach und kehrten in die Stadt zur�ck. Auch auf der Stra�e hatte die Menschenmenge sich gelichtet.</p><p>Der Hauptmann stie� mich vertraulich an und sagte: �Komm, trinken wir einen Schluck Wein! Diese Sache da geht uns beide pers�nlich nichts an. Ich bin nur dienstlich hier. Die Juden pflegen seit jeher ihre Propheten umzubringen; und wenn sie sich mit aller Gewalt darauf versteifen, da� ihr K�nig mit r�mischer Hilfe gekreuzigt wird, so hat kein R�mer Anla�, ihnen in den Arm zu fallen.�</p><p>Er f�hrte mich zu einem Platz hinter den Kreuzen, wo die Kleider der Verurteilten auf dem Boden lagen. Die Soldaten hatten die Gew�nder unter sich aufgeteilt und in B�ndel geschn�rt. Der Zenturio hob den Weinschlauch seiner Abteilung auf und reichte ihn mir; aus H�flichkeit nahm ich einen Schluck von dem sauren Legion�rswein, und auch der Offizier trank. Dann st�hnte er und sagte: �Am besten, man holt sich einen Schwips! Zum Gl�ck ist mein Dienst am Abend zu Ende. Morgen ist Sabbat, und bei den Juden ist es nicht Brauch, Leichen �ber Nacht h�ngen zu lassen.�</p><p>Dann fuhr er fort: �Dieses ganze Jerusalem ist ein Riesenkorb voll zischender Vipern. Je n�her ich die Juden kennenlerne, desto �berzeugter bin ich davon, da� der beste Jude ein toter Jude ist. Darum kann es nicht schaden, wenn vor dem Fest am Stra�enrand ein paar Vogelscheuchen h�ngen, als Abschreckung, damit nicht einer dieser Radaubr�der jemandem von uns unversehens das Messer in den Leib rennt. Aber der Mann dort am Kreuz ist unschuldig und wirklich ein Prophet.�</p><p>Die Finsternis hielt an; nur zeitweise erhellte sie sich zu einem r�tlichen Schein, verd�sterte sich jedoch dann wieder. Die Luft war sengend hei� und erstickend. Der Hauptmann blickte auf und sagte: �Anscheinend hat der W�stenwind Sand aufgewirbelt; aber eine so dichte Staubwolke habe ich bisher nie gesehen. Wenn ich Jude w�re, w�rde ich denken, die Sonne verh�lle ihr Gesicht und der Himmel betrauere den Tod eines Gottessohnes. F�r einen solchen gibt sich n�mlich dieser Jesus aus, und deshalb hat man einen so qualvollen Tod �ber ihn verh�ngt.�</p><p>Allzu gro�er Hochachtung beflei�igte er sich im Gespr�ch mit mir nicht; dabei musterte er in dem Halbdunkel angestrengt meine Kleidung und mein Gesicht, um herauszubekommen, welche Art Mensch ich sein mochte. Er versuchte zu lachen; aber das Lachen blieb ihm in der Kehle stecken, und wieder blickte er den Himmel an.</p><p>�Auch die Tiere sind unruhig�, meinte er. �Hunde und F�chse fliehen in die Berge. Und die Kamele stehen seit dem Morgen st�rrisch vor den Toren und lassen sich nicht in die Stadthineintreiben. Ein b�ser Tag heute, f�r die ganze Stadt!�</p><p>�Ein b�ser Tag f�r die ganze Welt�, erkl�rte ich, von unbestimmten Vorgef�hlen bewegt.</p><p>Der Hauptmann erschrak �ber meine Worte*. Abwehrend hob er die H�nde und widersprach: �Diese Hinrichtung ist ganz offenkundig Sache der Juden und nicht der R�mer. Der Prokonsul wollte den Mann nicht verurteilen, sondern h�tte ihn laufen lassen. Aber die Leute schrien wie aus einem Munde: �Kreuzige ihn, kreuzige ihn!� Ihr Hoher Rat drohte, die Angelegenheit dem C�sar zu hinterbringen und sich dar�ber zu beschweren, da� man einem Aufr�hrer Vorschub geleistet habe. So hat dann der Stadthalter seine H�nde in einem Becken mit geweihtem Wasser gewaschen, um sich von unschuldigem Blute zu reinigen. Die Juden aber heulten und schrien, sie w�rden es gern auf sich nehmen, wenn das Blut dieses Propheten �ber sie und ihre Kinder komme.�</p><p>�Wer ist denn jetzt Statthalter in Jud�a?� fragte ich. �Ich sollte es allerdings selbst wissen, aber ich bin hier fremd. Ich komme aus Alexandria, wo ich den ganzen Winter �ber studiert habe.�</p><p>�Pontius Pilatus�, antwortete er und warf mir einen geringsch�tzigen Blick zu. Zweifellos hielt er mich f�r einen wandernden Sophisten.</p><p>Ich war �berrascht. �Aber den kenne ich ja!� rief ich. �Zumindest mit seiner Frau bin ich in Rom bekannt geworden. Hei�t sie nicht Claudia und mit dem Familiennamen Procula?�</p><p>Vor langer Zeit war ich einmal im Hause des Proculus eingeladen gewesen, wo ich mir eine langweilige Vorlesung aus einem Werk anh�ren mu�te, das dartun sollte, wieviel die Familie in der Provinz Asia zum Besten Roms geleistet habe. Aber der Wein und was sonst geboten wurde, war ausgezeichnet, und mit Claudia Procula habe ich mich, obwohl sie betr�chtlich �lter ist als ich, angeregt unterhalten. Sie machte auf mich den Eindruck einer gef�hlvollen Frau, und wir haben beide die Hoffnung ausgedr�ckt, einander einmal wiederzusehen. Das war keine blo�e H�flichkeitsfloskel. Aber in Wirklichkeit haben wir uns aus dem oder jenem Grunde nie mehr getroffen. Mir kommt dunkel vor, da� sie erkrankt ist und Rom verlassen hat. Du, Tullia, bist wahrscheinlich zu jung, als da� Du Dich an sie erinnern k�nntest. Vor der �bersiedlung des Kaisers nach Capreae war sie �fter an seinem Hof.</p><p>Jetzt beeindruckte die Nennung des Namens mich derart, da� ich f�r eine Weile Zeit und Ort verga� und mich in eine R�ckschau auf meine Jugend und die ersten gro�en Entt�uschungen meines Lebens verlor. Der Offizier brachte mich in die Wirklichkeit zur�ck, indem er sagte: �Wenn du ein Bekannter des Prokonsuls, r�mischer B�rger und in dieser Stadt fremd bist, w�rde ich dir aufrichtig raten, dich in der Passahzeit auf den Umgang mit R�mern zu beschr�nken. W�hrend ihrer religi�sen Feste sind die Juden immer au�erordentlich fanatisch. Deshalb ist auch der Prokonsul von C�sarea nach Jerusalem gekommen, um allf�llige Unruhen im Keime zu ersticken. Vielleicht werden die Leute jetzt, wo sie die Kreuzigung des heiligen Mannes erreicht haben, sich beruhigen. Aber bei ihnen kennt man sich nie aus. Jedenfalls haben seine Anh�nger sich verkrochen und d�rften jetzt kaum Unfrieden stiften. Und der dort wird nicht mehr vom Kreuz heruntersteigen.�</p><p>Er ging um die Kreuze herum, blieb vor ihnen stehen, blickte aufmerksam den dornengekr�nten K�nig und die beiden Verbrecher an und erkl�rte mit sachverst�ndiger Miene: �Der wird bald tot sein. Zuerst haben die Juden ihn mi�handelt, in der vorigen Nacht, als er gefangengenommen und vor ihren Rat gebracht wurde. Dann hat der Prokonsul ihn nach r�mischem Brauch gei�eln lassen, damit das Volk Mitleid mit ihm hat oder wenigstens sein Tod beschleunigt wird. Du wei�t ja, da� eine ausgiebige Gei�elung vor der Kreuzigung ein Werk der Barmherzigkeit ist. Aber den beiden anderen werden wir die Knochen brechen m�ssen, damit sie frei, ohne die F��e aufst�tzen zu k�nnen, baumeln und noch vor dem Abend ersticken.�</p><p>In diesem Augenblick h�rte ich ein ganz schreckliches Tiergeschrei, eine Art Wiehern, wie ich es noch nie vernommen hatte. Gleichzeitig lichtete sich das Dunkel ein wenig und wich einem gespenstigen roten Schimmer, so da� die Menschenmenge ver�ngstigt hin und her wogte. Und nun bemerkte ich, da� mein Esel sich losgerissen hatte und, vollbeladen, wie er war, auf der Landstra�e zur�ckgaloppierte, fort von Jerusalem. Einige Passanten fingen ihn ein und hielten ihn mit aller Anstrengung fest. Er streckte den Hals und iahte nochmals, in so schauerlichem T�ne, als schrie er die Qual aller Kreatur hinaus. Ich lief zur Stra�e hinunter. Das Tier bockte jetzt nicht mehr, zitterte aber am ganzen Leibe und war in Schwei� gebadet. Ich t�tschelte es und bem�hte mich, es zu beruhigen; aber mein bisher so sanftm�tiger Reisegef�hrte schnappte zornig und versuchte, mich zu bei�en. Und einer der M�nner, die den Esel eingefangen hatten; bemerkte, heute geb�rdeten sich alle Tiere wie behext. Das komme manchmal vor, wenn der W�stenwind blase.</p><p>Von seinem Platz am Stadttor kam der Obmann der Eseltreiber gelaufen, untersuchte das Zaumzeug und die Ohrkerben des Tieres und rief erbost: �Das ist einer unserer Esel. Was hast du dem Tier angetan? Wenn es krank wird und vertilgt werden mu�, bist du ersatzpflichtig!�</p><p>Ich war selbst �ber das Verhalten des Tieres best�rzt; nie habe ich ein solches Gesch�pf in einer derart merkw�rdigen, schreckhaften Verfassung gesehen. Ich begann es abzuladen und sagte zu meiner Rechtfertigung: �Hier in Jerusalem ist alles wie verr�ckt. Ich habe dem Tier nichts getan. Scheu geworden ist es durch den Geruch von Blut und Tod, weil ihr euren K�nig gekreuzigt habt.�</p><p>Aber unsere Auseinandersetzung wurde unterbrochen, und die Traglast fiel mir aus den H�nden; denn in diesem Augenblick erf�llte ein seltsames T�nen die ganze Erde, wie ein tiefes Seufzen, und der Boden bebte unter meinen F��en. Solche Dinge hatte ich schon erlebt, und ich glaubte nun zu verstehen, warum die Sonne sich verfinstert, warum die Tiere gebockt und warum ich selbst vor Angst gekeucht hatte. Mir wurde klar, da� es jetzt nicht besonders klug gewesen w�re, sich in die Stadt hinein und unter ein Dach zu begeben, obwohl ich mir nichts sehnlicher w�nschte, als mich auf ein Bett zu werfen, eine Decke �ber den Kopf zu ziehen und die Welt um mich her m�glichst zu vergessen.</p><p>Ich gab dem Obmann der Eseltreiber einen Silberdenar und sagte: �Wir wollen doch nicht streiten�� in einem solchen Augenblick, wo die Erde vor Angst zittert. Nimm meine Sachen in Verwahrung! Ich hole sie mir sp�ter bei dir am Stadttor ab.�</p><p>Mit Schl�gen und Fu�tritten versuchte der Mann, seinen Esel anzutreiben. Aber das Tier r�hrte sich nicht von der Stelle, und er mu�te sich damit begn�gen, ihm die Vorderbeine zu fesseln. Er nahm die Traglast auf seine eigenen Schultern und kehrte zu seinem Standplatz beim Tor zur�ck.</p><p>Ich wei� nicht, was mich st�rker vom Betreten der Stadt abhielt: die Furcht vor dem Erdbeben oder ein zwingendes Verlangen, zu dem H�gel und den Gekreuzigten zur�ckzukehren, so grauenhaft mir auch der Anblick ihrer Leiden war. Im Herzen betete ich zu den G�ttern, den bekannten und den noch unbekannten, und auch zu den f�r meinesgleichen auf ewig verschleierten Gottheiten: �Die Weissagungen habe ich aus eigenem Antrieb erforscht. Aber aus Alexandria gef�hrt und genau zu dieser Stunde gerade an diesen Ort geleitet haben mich eure Zeichen. Ich bin hierhergekommen, um den K�nig der k�nftigen Zeiten zu suchen, mich ihm zur Seite zu stellen und daf�r Lohn zu finden. La�t mich wenigstens soviel Seelenst�rke aufbringen, ihm bis zu seinem Tode zu huldigen, auch wenn mir nun gar keine Belohnung zuteil wird.�</p><p>So stieg ich z�gernd den Hang hinauf und mischte mich wieder unter die Zuschauer. Die Volksmenge hatte sich gelichtet, und weiter oben sah ich eine Gruppe von Frauen weinend stehen. Ihre Gesichter konnte ich nicht erkennen, weil sie verh�llt waren. Nur ein junger Mann, dessen h�bsche Z�ge von Angst und Qual verzerrt waren, hatte sich als Sch�tzer und Tr�ster zu den Frauen gesellt. Ich fragte, wer sie seien. Der Diener eines Schriftgelehrten erz�hlte mir bereitwillig, sie h�tten immer Jesus begleitet, schon von Galil�a her, wo er das Volk aufgewiegelt und gegen das Gesetz gefrevelt habe.</p><p>�Der junge Mann ist einer seiner Anh�nger. Aber gegen ihn darf niemand einschreiten; er und seine Familie sind mit dem Hohenpriester bekannt, und er ist blo� ein irregeleiteter J�ngling�, erkl�rte der Diener. Dann wies er absch�tzig mit dem Finger auf eine Frau, die der junge Mann st�tzte, und sagte: �Das ist, glaube ich, die Mutter des Aufr�hrers.�</p><p>Nach diesen Ausk�nften hatte ich nicht das Herz, zu der Gruppe hinzugehen und Fragen zu stellen, obwohl ich gerne etwas �ber diesen Jesus aus dem Munde seiner eigenen Gefolgsleute erfahren h�tte. Aber der Gedanke, da� die eigene Mutter Augenzeugin des schm�hlichen Todes ihres Sohnes wurde, erf�llte mich mit Grauen. Selbst die Widersacher des K�nigs schienen so viel Achtung vor ihrer Seelenpein zu empfinden, da� sie die trauernden Frauen nicht behelligten.</p><p>Deshalb blieb auch ich stehen, wo ich war, mitten unter den Zuschauern, und die Zeit verging. Wiederum verdunkelte sich der Himmel, noch tiefer als zuvor, und die ausged�rrte, hei�e Luft erschwerte das Atmen. L�stige Fliegen und M�cken hatten sich um die Augen und Wunden der Gekreuzigten gesammelt, und die an den N�geln h�ngenden Leiber zuckten krampfhaft. K�nig Jesus reckte sich nochmals an seinem Kreuz empor, �ffnete die glasigen Augen, warf heftig den Kopf hoch und schrie laut: �Meine Kraft, meine Kraft, warum hast du mich verlassen?�</p><p>So verstand wenigstens ich die Worte, die mit derart entstellter Stimme gesprochen waren, da� man den Sinn kaum erfassen konnte. Die Zuschauer r�ckten hin und her und fragten einander, was der Mann gerufen habe. Einige meinten, er beklage sich dar�ber, da� Gott ihn verlassen habe; andere erkl�rten, er h�tte sich an Elias gewandt. Elias soll ein j�discher Prophet sein, der mit einem feurigen Wagen zum Himmel fuhr. Darum begannen die b�swilligsten unter den Zuschauern, Jesus wiederum zu h�hnen und riefen ihm, wenn ich sie richtig verstand, zu, er m�ge auch wie Elias in den Himmel auffahren. Aber die Erwartungsvollen und Wundergl�ubigen in der Menge fl�sterten miteinander und schienen allen Ernstes zu hoffen, ihr Prophet Elias w�rde vom Himmel herabschweben und dem Judenk�nig zu Hilfe eilen. Bei dieser Vorstellung wurde vielen so bange, da� sie voll heiliger Scheu von dem Kreuz zur�ckwichen und sich anschickten, ihre Gesichter zu verh�llen.</p><p>Wiederum sagte der K�nig etwas, und die Zun�chststehenden riefen, er klage �ber Durst. Ein gutherziger Mann eilte herbei, tr�nkte einen Schwamm in saurem Wein aus dem Lederschlauch der Soldaten, steckte den Schwamm auf eine Stange und hielt ihn dem Sterbenden an den Mund. Weder die Soldaten noch ihr Hauptmann behinderten diesen Liebesdienst. Ich wei� nicht, ob der Mann am Kreuz noch zu trinken vermochte; es war so dunkel geworden, da� man seine Z�ge nicht unterscheiden konnte. Jedenfalls wurden seine Lippen befeuchtet; denn seine Stimme t�nte jetzt klarer, und selbst in diesem entsetzlichen Todeskampf klang in ihr etwas wie Erleichterung auf, als er sich nach einer kleinen Weile wieder auf die F��e stemmte und ausrief: �Es ist vollbracht.�</p><p>Von neuem begannen die Leute dar�ber zu streiten, was er gesagt hatte. Der eine behauptete dies, der andere jenes. Aber in der Finsternis h�rte ich ein Knacken, als der K�rper des Gekreuzigten an den ausgestreckten Armen niederglitt, w�hrend der Kopf auf die Brust sank. Dieses Ger�usch klang ganz furchtbar in der Stille. Ich wu�te, da� der Mann nicht mehr imstande sein w�rde, den Kopf wieder zu heben, und jetzt sterben mu�te. Seinetwegen freute ich mich dar�ber; er hatte wahrhaftig genug gelitten, wie schwer er sich auch gegen die Gesetze seines Volkes vergangen haben mochte.</p><p>Da� er wirklich tot war, wurde mir zur Gewi�heit, als die Erde wiederum aufst�hnte und unter meinen F��en zu zittern begann. Ein dumpfes, unterirdisches Grollen, schw�cher, aber unheimlicher als das Dr�hnen eines Donnerschlags, drang zu mir herauf und entfernte sich dann stadtw�rts. Ich h�rte das Bersten eines Felsblocks und das Poltern herabkollernder Steine, und ich warf mich, wie alle anderen, zu Boden. Denn dieses Erdbeben war zwar kurz und zog rasch vorbei, doch es verbreitete �berall panischen Schrecken.</p><p>Dann legte sich Totenstille �ber die Erde. Dieses tiefe Schweigen wurde erst durch das Hufgetrappel von Zugtieren unterbrochen, die sich auf der Stra�e losgerissen hatten. Langsam hellte sich der Himmel auf, der Tag wurde wieder verh�ltnism��ig licht. Die Leute erhoben sich m�hsam und sch�ttelten den Staub von den Kleidern. Die Kreuze standen aufrecht; Jesus von Nazareth aber, der K�nig der Juden, hing an seinen Armen, zermartert und zerqu�lt, und atmete nicht mehr. Selbst die Soldaten standen auf, blickten scheu und verwundert zu dem Toten empor und fl�sterten miteinander.</p><p>Der Zenturio gab wohl auch ihren Gef�hlen Ausdruck, als er unerschrocken sagte: �Das war wirklich ein gerechter Mann.� Dann starrte er die eingesch�chterten Juden an, voll Zorn �ber sie und voll Abscheu �ber seine eigene Rolle, und bezeugte: �Wahrlich, dieser war Gottes Sohn!�</p><p>Ich aber rief mir die Weissagungen, die ich im Winter erforscht hatte, ins Ged�chtnis, wunderte mich sehr und murmelte vor mich hin: �Friede sei mit dir, Herrscher der Welt, K�nig der Juden! Dein Reich ist uns nun nicht zugekommen.�</p><p>In diesem gleichen Augenblick aber beschlo� ich, so genau wie m�glich herauszufinden, wie und warum all dies sich so zugetragen hatte und f�r welche Taten dieser Mann ans Kreuz genagelt und auf so schm�hliche Art hingerichtet worden war, ohne da� jemand einen Finger zu seinem Schutze r�hrte. Offenbar mu�ten seine politischen Pl�ne sehr st�mperhaft gewesen sein; auch d�rfte er keinen in der Staatskunst erfahrenen Berater gehabt haben, was an sich verst�ndlich ist, weil sich ja kaum ein halbwegs vern�nftiger Mensch mit einem Juden zur Erlangung der Weltherrschaft zusammentun w�rde.</p><p>Nun kam die Sonne wieder hervor. Doch ihr Licht war noch immer ganz seltsam, und die von ihr beschienenen Gesichter der Menschen sahen bleich und gespenstisch aus. Ja, etwas will ich Dir gestehen, Tullia. Es mu� an mir selber liegen, aber ich kann Dir den Judenk�nig nicht beschreiben. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen und m��te mich seines Gesichtes, so verzerrt es von den entsetzlichen Qualen gewesen sein mochte, entsinnen k�nnen. Aber beim besten Willen vermag ich nicht mehr dar�ber zu sagen, als da� es von Schl�gen blau und verschwollen und von der Dornenkr�nung blut�berrieselt war. Indes mu� in seinen Z�gen etwas Erhabenes gelegen haben, da ich nach dem Lesen der Kreuzesinschrift keinen Augenblick daran zweifelte, da� er wirklich der Judenk�nig war.</p><p>Jetzt, nachdem alles vorbei ist, sage ich mir, der Mann habe eine Art liebevoller W�rde besessen; doch ich f�rchte sehr, das sind Worte, die ich mir hinterher ausgedacht habe. Besser im Ged�chtnis geblieben ist mir ein Ausdruck dem�tiger Entsagung, als Zeichen daf�r, da� er sich willf�hrig in sein Schicksal ergeben hatte. Aber wie kann ein K�nig, der von seiner Bestimmung zum Weltherrscher �berzeugt ist, gelassen und gef�gig zur Kenntnis nehmen, da� seine Mission gescheitert ist und da� er eines schmachvollen Todes sterben mu�? Auch seine letzten Worte verfolgen mich. Was hatte er als vollbracht gew�hnt? Oder bezog sich der Ausspruch blo� darauf, da� er die unmittelbare N�he des Todes sp�rte?</p><p>Nat�rlich habe ich seine Gesichtsz�ge nicht als scharfer Beobachter gemustert; ich war ja selbst innerlich ganz aufgew�hlt. Au�erdem schien es, als hindere ein Gef�hl der Ehrerbietung mich daran, w�hrend seiner Leiden genau hinzusehen. Dazu kam noch, da� es die ganze Zeit �ber ziemlich dunkel war, zeitweise so finster, da� man die Gekreuzigten kaum erkennen konnte. Als die Sonne wieder hervortrat, war Jesus tot, und jetzt verbot mir erst recht der Anstand, ihm schn�de in das leblose Antlitz zu starren.</p><p>Als der K�nig gestorben war, hatten sich zahlreiche Leute entfernt, so da� nun rund um die Kreuze viel freier Raum lag. Auch die j�dischen Schriftgelehrten und �ltesten waren davongegangen, um sich f�r den Sabbat zu r�sten, und hatten nur einige Diener als Beobachter zur�ckgelassen. Einer der gekreuzigten Verbrecher begann in seiner Qual herzzerrei�end zu jammern. Zwei mitleidige Frauen nahmen einen Krug, gingen zu dem Hauptmann und erbaten sich von ihm die Erlaubnis, dem schmerzgemarterten Mann noch etwas von dem mit einem Bet�ubungsmittel versetzten Wein zu reichen. Sie ben�tzten den gleichen Schwamm und die gleiche Stange, wie sie zuvor verwendet worden waren, tauchten den Schwamm in den Krug und gaben beiden Misset�tern zu trinken.</p><p>Nach dem Sonnenstand war schon die neunte Stunde vergangen. Der Zenturio fing an, ungeduldig zu werden; seine Hauptaufgabe war erledigt, und er wollte auch die beiden R�uber so bald als m�glich tot wissen. In diesem Augenblick kamen von der Burg Antonia her zwei M�nner, ein Soldat und ein Henkersknecht, der ein Brett trug. Mit sachkundigem Blick musterte der Henker Jesus und sah, da� er schon gestorben war; dann begann er gleichm�tig, die Schienbeine der beiden anderen mit dem Brett zu zerschmettern. Das Krachen der splitternden Knochen war schrecklich anzuh�ren, und die beiden Opfer schrien und st�hnten; aber der Henker tr�stete sie damit, es geschehe aus reiner Barmherzigkeit. Der Begleitsoldat, den ich Longinus nennen h�rte, begn�gte sich nicht mit dem Augenschein des Henkers, sondern stie� eine Lanze dem K�nig in die Seite und durchbohrte ihm auf geschulte Art das Herz. Als er die Lanze zur�ckzog, rannen Blut und Wasser aus der Wunde.</p><p>Die Wachsoldaten begannen ihre Ausr�stungsst�cke und auch die Kleider der Hingerichteten griffbereit hinzulegen; sie riefen sich Scherzworte zu, froh dar�ber, da� ihr l�stiger Dienst zu Ende ging. Als aber das Schreien der gekreuzigten R�uber allm�hlich verstummte, ben�tzten einige Hitzk�pfe, die sich unter die Zuschauer gemischt hatten, die Gelegenheit zu r�merfeindlichen Rufen. Die Soldaten gingen l�ssig gegen die Menge vor und dr�ngten sie mit ihren Schilden zur�ck. Bei dem daraus entstandenen Handgemenge trug einer der Hetzer einen Kieferbruch davon. Das sch�chterte die �brigen ein, und so machten sie sich aus dem Staube, drohten aber, sie w�rden, sobald sie Waffen zur Hand h�tten, alle R�mer und auch deren Handlanger im Tempel umbringen. Diese Unruhestifter waren, wie der Hauptmann mir erkl�rte, keine Anh�nger Jesu, sondern nur Spie�gesellen der beiden hingerichteten Verbrecher.</p><p>Der Offizier bem�hte sich jetzt sichtlich, m�glichst h�flich zu mir zu sein; er trat n�her an mich heran, entschuldigte sich wegen des kleinen Tumultes und gab der Hoffnung Ausdruck, da� ich bemerkt h�tte, wie behutsam er die Sache beigelegt habe. Der Prokonsul habe den Truppen aufgetragen, Juden gegen�ber nur im �u�ersten Notfall von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Bei gew�hnlichen Krakeelern lohne sich nicht einmal eine Verhaftung, weil sich dabei immer eine Menschenmenge zusammenrotte, dem Festgenommenen zur Burg folge und dort l�rmend und aufbegehrend vor dem Tor lagere. �berhaupt seien Ruhest�rungen m�glichst hintanzuhalten, besonders an den j�dischen Feiertagen. Das sei gegenw�rtig die Politik des Statthalters; zuerst allerdings habe er gewaltsamere Methoden versucht, mit ihnen jedoch nichts eingeheimst als Verdru� und sogar einen R�ffel von seiten C�sars. Schlie�lich sagte der Hauptmann:</p><p>�Mein Name ist Adenabar. Sobald mein Dienst hier erledigt ist, nehme ich dich gern in die Burg mit und stelle dich dem Prokonsul vor, wenn ich mich zum Rapport melde. Es ist nicht ratsam f�r dich, allein durch die Stadt zu bummeln. Diese Halunken haben uns miteinander sprechen sehen und wissen, da� du kein Jude bist. Es w�rde nur Unannehmlichkeiten geben, wenn sie dich mi�handeln oder gar einen r�mischen B�rger umbringen sollten. Man m��te die Schuldigen ausforschen und bestrafen, und in dieser verdammten Stadt gibt es hunderttausend Schlupfwinkel.�</p><p>Er lachte und beeilte sich, seine Worte abzuschw�chen. �Jedenfalls vermeiden wir damit �berfl�ssige Schwierigkeiten. Aber abgesehen davon gef�llt mir dein Gesicht, und ich habe Respekt vor gebildeten Leuten. �brigens kann ich auch selbst lesen und schreiben; nur mein Latein steht auf etwas schwachen F��en. In der Burg ist es zwar ziemlich beengt; aber ich denke, wir k�nnen dich noch anst�ndig unterbringen.�</p><p>Der Prokonsul lebe sehr bescheiden, f�gte er zur Erl�uterung bei; und wenn er Jerusalem besuche, begn�ge er sich meist damit, bei der Besatzung in der Antonia zu wohnen. Der m�chtige Palast, den Herodes erbaut habe, w�re zwar eine unvergleichlich pr�chtigere Residenz; aber die Besatzung sei ein so kleiner Truppenk�rper, da� der Statthalter sie nach einigen unangenehmen Erfahrungen nicht mehr auf zwei Standorte aufteilen wolle. Antonia sei eine unbezwingbare Festung, die den Tempelbereich beherrsche; und vom Tempelvorhof gingen stets alle Unruhen aus.</p><p>Adenabar wies mit dem Daumen hinter sich auf den Leichnam am Kreuze, lachte laut und sagte: �In meinem Leben habe ich nie etwas so Drolliges gesehen wie damals, als dieser Prophet Jesus sich aus Stricken eine Gei�el kn�pfte, die Taubenverk�ufer aus dem Tempelvorhof trieb und die Tische der Wechsler umstie�. Damals trauten die j�dischen �ltesten sich nicht, ihm entgegenzutreten, weil ihn eine ganze Schar Anh�nger begleitete. Als er damals auf einem Esel in Jerusalem einritt, waren die Leute derart au�er sich vor Freude, da� sie ihre Kleider auf seinen Weg breiteten, Palmzweige schwenkten und ihn als Sohn Davids begr��ten. Nur durch diesen Gru� wagten sie ihm zu zeigen, da� sie ihn als ihren K�nig betrachteten. Und tats�chlich war er von v�terlicher ebenso wie von m�tterlicher Seite ein Nachkomme Davids.�</p><p>Er wies mit einem verstohlenen Kopfnicken auf die Frauengruppe, die etwas unterhalb der H�gelkuppe geblieben war, und erkl�rte: �Dort ist seine Mutter.�</p><p>Als der Volksandrang abgeebbt war, hatten die Frauen sich auf den Boden gekauert, wie von �berm�chtiger Qual ersch�pft. Aber nun verbargen sie nicht mehr ihre Gesichter; sie blickten zum Kreuz auf, und es fiel mir nicht schwer zu erraten, welche von ihnen Jesu Mutter war. Sie schien noch nicht alt, und in diesem Augenblick d�nkte mich ihr Gesicht am sch�nsten unter allen, die ich je gesehen hatte. Es war zwar vom Schmerz wie versteinert, doch dabei irgendwie entr�ckt und zugleich unnahbar, ganz, als w�rden diese Lippen niemals mehr ein �berfl�ssiges Wort sprechen. Diese Frau hatte es nicht n�tig, ihre k�nigliche Abkunft zu beweisen; ihr Gesicht war Zeuge genug, mochte auch ihre Kleidung so schlicht sein wie die der anderen Landfrauen.</p><p>Ich h�tte gew�nscht, ihre Begleiterinnen sollten sie von diesem Platz wegf�hren. Gern w�re ich selbst zu ihr hingegangen, um sie zu tr�sten und ihr zu sagen, ihr Sohn sei nun tot und brauche nicht mehr zu leiden. Aber so �berirdisch sch�n und in Kummer versunken war ihr Antlitz, da� es mir unm�glich wurde, mich ihr zu n�hern. Zu ihren F��en kauerte am Boden eine andere Frau, deren schw�rmerisches Gesicht wie im Fieber unabl�ssig bebte und deren Augen nach dem Kreuze starrten, als h�tte sie noch nicht ganz erfa�t, was geschehen war. Eine dritte Frau war �lter als die beiden anderen. Ihre harten, stark j�dischen Z�ge dr�ckten eher Zorn und Entt�uschung aus als Trauer. Es schien, als h�tte sie bis zum letzten Augenblick ein Wunder erwartet und als k�nnte sie sich noch nicht mit der Tatsache abfinden, da� nichts dergleichen geschehen war. Die �brigen Frauen hielten sich im Hintergrund.</p><p>Meine Augen kehrten zu Jesu Mutter zur�ck, und ich blickte sie wie verzaubert an, ohne zu h�ren, was Adenabar sagte. Erst als er meinen Arm ber�hrte, wich der Bann von mir. �Mein Auftrag ist nun durchgef�hrt, und ich gedenke nicht l�nger an diesem tr�bseligen Ort zu bleiben�, erkl�rte er. �Die Juden m�ssen sich selber darum k�mmern, wenn sie nicht wollen, da� die Leichen den Sabbat �ber h�ngenbleiben. Uns R�mer geht das nichts mehr an.�</p><p>Immerhin lie� er einige Soldaten als Wache bei den Kreuzen zur�ck. Da� er sich jetzt entfernte, geschah vermutlich auch dem Scharfrichter zuliebe, der es nicht wagte, ohne gr��eres Geleit in die Burg zur�ckzukehren, weil die Spie�gesellen der R�uber ihm leicht unterwegs auflauern konnten. Die Stra�e lag jetzt leer da, und auch am Stadttor gab es keine Menschenansammlung. Aus den H�usern drang Bratengeruch bis zum H�gel; aber ich war alles eher denn hungrig.</p><p>Nach einem Blick auf die Sonne bemerkte Adenabar: �Bis zum Abend dauert es noch eine Zeitlang. Der j�dische Sabbat f�ngt erst an, wenn man drei Sterne am Himmel erkennen kann. Heute abend essen sie ihr Passahlamm; eine Sekte hat es allerdings schon einen Tag fr�her getan. Ihr Tempel ist jetzt ein gro�er Schlachthof. Gestern und heute hat man dort Tausende und aber Tausende L�mmer ausbluten lassen, wie das bei ihnen der Brauch ist. Von jedem Schlachttier bekommen die Priester ein Schulterst�ck und ihr Gott das Fett.�</p><p>Meine Habseligkeiten lagen noch wohlverwahrt beim Stadttor, und Adenabar befahl dem dort m��ig hockenden Eseltreiber in barschem T�ne, den Pack zu schultern und zur Burg zu tragen. Der Mann wagte nicht zu widersprechen. So machten wir uns auf den Weg nach Antonia; die eisenbeschlagenen Stiefel der Legion�re dr�hnten im Marschtakt auf dem Pflaster. Offenbar waren die Soldaten sehr gut gedrillt; denn keiner schien unterwegs nennenswert atemlos zu werden. Mir dagegen ging, noch ehe wir die Festung erreichten, der Atem aus, weil die Stra�e stellenweise sehr steil war. Der Jude legte meine Sachen unter der Torw�lbung hin und weigerte sich weiterzugehen. Ich gab ihm als Entgelt ein paar M�nzen, obwohl Adenabar das als v�llig �berfl�ssig bezeichnete. Zum Dank f�r meine Freigebigkeit machte der Kerl in sicherer Entfernung vom Tore halt, sch�ttelte zornig die Faust und verfluchte laut alle R�mer. Sobald aber die Wachtposten drohend ihre Speere hoben, verzog er sich schleunigst, und die Legion�re br�llten vor Lachen �ber den davonhastenden Mann.</p><p>Als wir das stattliche Steinpflaster des Festungshofes betraten, blieb Adenabar unschl�ssig stehen und musterte mich von oben bis unten. Mir wurde bewu�t, da� ich nicht besonders vertrauenerweckend aussah und in diesem Aufzug kaum vor dem Statthalter erscheinen konnte. Mochten der Hauptmann und ich uns an der Hinrichtungsst�tte noch so gut verstanden haben, hier in diesem Hof herrschten r�mische Zucht und Ordnung, und ich atmete Kasernenluft. Dieser Geruch nach Metall, Leder, Reinigungsmitteln und Rauch ist nicht unangenehm; aber wenn man ihn in die Nase bekommt, schielt man unwillk�rlich auf seine staubigen Schuhe und zupft die Mantelfalten zurecht. Hier im Hof stand auch der Altar der Legion, und ich gr��te ihn ehrerbietig. Nirgends jedoch sah ich ein Standbild des Kaisers.</p><p>Adenabar bemerkte zu mir, leider gebe es in der Burg nur wenige Waschgelegenheiten, weil mit dem Wasser gespart werden m�sse. Aber er f�hrte mich in den Offizierstrakt und trug den Sklaven auf, daf�r zu sorgen, da� ich mich reinigen und umkleiden k�nne. Inzwischen wolle er zum Prokonsul gehen und ihm Meldung erstatten, erkl�rte er und versprach, dabei meine Ankunft zu erw�hnen.</p><p>Ich zog mich aus, wusch und salbte mich und k�mmte mir die Haare; dann schl�pfte ich in eine reine Tunika und warf mir den inzwischen ausgeb�rsteten Mantel um. Schlie�lich fand ich es auch angezeigt, meinen goldenen Daumenring anzustecken, den ich sonst gew�hnlich nicht trage, weil es mir zuwider ist, �ffentlich unn�tige Aufmerksamkeit zu erregen. Ich tat dies alles in Eile und begab mich dann wieder in den Hof, wo ich gerade zurechtkam, als der Prokurator Pontius Pilatus mit seinem Gefolge die Turmtreppe hinunterstieg. Er schien ungehalten: ein reicher Jude w�nschte ihn zu sprechen, wollte aber, um sich nicht am Vorabend des Sabbat zu verunreinigen, keinesfalls weiter gehen als bis in den Burghof.</p><p>Offenbar handelte es sich um einen einflu�reichen Mann, der mit den R�mern auf gutem Fu�e stand, da der Statthalter sich dazu herbeilie�, ihn derart in der Abendd�mmerung zu empfangen. Ich trat n�her und stellte mich zu den gaffenden Soldaten. Die Vorsprache hing mit den Ereignissen des Tages zusammen; gelassen und w�rdevoll bat n�mlich der reiche alte Mann um Erlaubnis, den Leichnam des Nazareners vor Sabbatbeginn vom Kreuze abzunehmen und in seinem Garten, nahe der Hinrichtungsst�tte, beizusetzen.</p><p>Pontius Pilatus fragte erst die Umstehenden, ob der Judenk�nig tats�chlich tot sei, und sagte dann: �Mit diesem Mann haben wir schon genug �rger und Verdru� gehabt. Meine Frau ist ganz krank von dem �bertriebenen Getue. Nimm seinen Leichnam und schaffe ihn weg, damit ich nichts mehr mit dieser l�stigen Sache zu tun habe!�</p><p>Der Jude gab dem Sekret�r des Statthalters ein Geschenk und ging davon, mit ebensoviel W�rde, wie er gekommen war. Erstaunt fragte Pilatus sein Gefolge: �Ist dieser Joseph von Arimathia nicht selbst Mitglied des Hohen Rates, der Jesus gekreuzigt haben wollte? Wenn der Verurteilte wirklich insgeheim �ber so m�chtige G�nner verf�gte, so h�tten sie ihren Einflu� rechtzeitig geltend machen und uns ein Verfahren ersparen sollen, mit dem wir wenig Ehre einlegen.�</p><p>Adenabar gab mir ein Zeichen. Ich trat mit achtungsvollem Gru� vor, sprach Pilatus als Prokonsul an und nannte meinen Namen. Er erwiderte meinen Gru� ziemlich achtlos und sagte dann, um sein gutes Ged�chtnis zu beweisen: �Ja, nat�rlich, nat�rlich! Ich kenne dich. Dein Vater ist der Astronom Manilius; aber auch mit der vornehmen Maecenas-Familie bist du verwandt. F�r deine Ankunft in Jerusalem hast du dir allerdings einen ungelegenen Tag ausgesucht. Gl�cklicherweise hat wenigstens das Erdbeben in der Stadt keinen nennenswerten Schaden angerichtet. Na, und diesen Jesus von Nazareth hast du auch mit eigenen Augen sterben sehen. Aber genug von ihm! In einem Jahr wird kein Hahn mehr nach ihm kr�hen.�</p><p>Ohne meine Antwort abzuwarten, f�gte er hinzu: �Meine Frau wird sich sehr freuen, dich zu treffen. Sie ist etwas unp��lich, wird aber bestimmt gern aufstehen, um mit uns zu speisen. Ich selber f�hle mich auch nicht hervorragend. Mein alter Rheumatismus plagt mich wieder; und dabei bestehen meine Obliegenheiten in Jerusalem, wie du selbst siehst, haupts�chlich darin, steile Treppen auf und ab zu laufen.�</p><p>Trotz der Beschwerden, �ber die er klagte, bewegte er sich sehr lebhaft und m�helos und war von solcher Unrast erf�llt, da� er kaum stillstehen konnte. Er ist hager und bekommt eine Glatze, die er dadurch zu verdecken sucht, da� er sich die Haare �ber den Scheitel nach vorn k�mmt. Seine Augen sind kalt und forschend. Ich wu�te, da� seine Laufbahn anfangs keineswegs gl�nzend gewesen war; aber dank seiner Heirat hatte er sich schlie�lich doch den immerhin sehr eintr�glichen Posten eines Statthalters gesichert. Ein wirklicher Prokonsul ist er allerdings nicht, sondern untersteht dem Prokonsul von Syrien. Alles in allem d�rfte er kein �bler Mensch sein. Er kann mit trockenem Humor l�cheln und sich �ber die eigene Person lustig machen. Ich glaube, er hat einen sehr wachen Sinn f�r seine Verpflichtung als R�mer, unter streits�chtigen Fremdv�lkern Rechtlichkeit zu gew�hrleisten, und deshalb bedr�ckt ihn dieser Fall des Jesus von Nazareth in so starkem Ma�e.</p><p>Verbittert sagte er: �Ich k�nnte wetten, da� die Juden, sobald ich nur in meinen Gem�chern oben bin, gleich wieder gesch�ftig mit irgendwelchen Feiertagsanliegen daherkommen und mich zwingen werden, von neuem in den Hof hinunterzurennen. Rom hat es leicht, mir R�cksichtnahme auf ihre Sitten und Gebr�uche einzusch�rfen; aber auf diese Weise werde ich mehr ihr Knecht als ihr Herr.�</p><p>Er begann, ruhelos im Hof hin und her zu gehen, gestattete mir aber durch eine Handbewegung, ihm zur Seite zu bleiben. �Hast du ihren Tempel schon gesehen?� fragte er mich. �Zum Vorhof haben auch wir Heiden freien Zutritt; aber in die Innenh�fe darf bei Todesstrafe kein Unbeschnittener seinen Fu� setzen. Man w�rde nicht glauben, da� wir hier im r�mischen Reich leben. Nicht einmal C�sars Bildnis d�rfen wir �ffentlich aufstellen. Und die Androhung der Todesstrafe ist kein leeres Gerede; dar�ber haben wir traurige Erfahrungen. Manchmal setzt ein n�rrischer Reisender sich aus purer Neugier in den Kopf, sich als Jude zu verkleiden, um das verbotene Tempelinnere zu besichtigen, wo es �brigens gar nichts Besonderes zu sehen gibt. Im �rgsten Festestrubel mag er durchrutschen; doch wenn man ihn erwischt, wird er erbarmungslos gesteinigt. Dazu haben sie das Recht, und es ist keine angenehme Todesart. Ich hoffe, du tr�gst dich nicht mit derartigen Absichten.�</p><p>Dann erkundigte er sich behutsam, was es in Rom Neues gebe, und war sichtlich erleichtert, als ich ihm erz�hlte, ich h�tte den Winter in Alexandria mit dem Studium der Philosophie verbracht. Daraus erkannte er, da� ich politisch ungef�hrlich war, und f�hrte mich, zum Zeichen seiner Gewogenheit, sein Rheuma vergessend, in den zweiten Hof und auf den Wachtturm der Burg, von dem aus man den ganzen Tempelbezirk �berblickt. Im Abendlicht bot sich der Tempel mit seinen vielen H�fen und stattlichen S�ulenhallen den Augen als prachtvolles Bauwerk dar. Pilatus zeigte mir die Halle der H�ndler und Wechsler, den sogenannten Vorhof der Heiden, den Frauenhof und den M�nnerhof sowie schlie�lich das mitten im heiligen Gel�nde aufragende eigentliche Tempelgeb�ude, wo sich das Allerheiligste befindet, ein Raum, den sogar der Hohepriester nur einmal im Jahr betreten darf.</p><p>Ich erkundigte mich, ob die Erz�hlungen, im Allerheiligsten der Juden werde ein goldener Wildeselkopf verehrt, irgendeine Grundlage h�tten. Auf diese tief eingewurzelte Meinung st��t man n�mlich bei allen V�lkern. Pilatus erkl�rte, daran sei nichts Wahres. Er versicherte mir: �Im Allerheiligsten befindet sich �berhaupt nichts. Der Raum ist v�llig leer. Als im fr�heren Tempel schon die Flammen w�teten, ging Pompeius mit einigen Offizieren hinter den Vorhang und fand dort gar nichts. Das ist eine feststehende Tatsache.�</p><p>Inzwischen waren wieder Leute gekommen, die den Statthalter sprechen wollten, und wir kehrten in den �u�eren Hof zur�ck. Dort wartete, von j�dischen Tempelw�chtern begleitet, ein Abgesandter des Hohepriesters und verlangte mit vor �bereifer quengelnder Stimme, die Leichen der Gekreuzigten sollten vor Tagesanbruch abgenommen werden. Pontius Pilatus stellte ihm anheim, abzunehmen, was noch abzunehmen war; der Form halber er�rterten sie die Frage, ob das Sache der Juden oder der R�mer sei, obwohl der Abgesandte sich offenbar schon auf die �bernahme der l�stigen Aufgabe eingestellt und deshalb die Tempelw�chter mitgenommen hatte. Sie gedachten die Leichen zum j�dischen Kehrichtplatz zu bringen und in das Feuer zu werfen, das dort Tag und Nacht zur M�llbeseitigung brennt.</p><p>Der Statthalter machte mit einiger Sch�rfe darauf aufmerksam, da� die Leiche des Jesus von Nazareth nicht anger�hrt werden d�rfe, falls sie nicht schon, wie er jemand anderem gestattet habe, begraben worden sei. Das war keine erfreuliche Nachricht f�r den Abgesandten; aber er konnte dar�ber nicht zu rechten beginnen, da er blo� den allgemeinen Auftrag erhalten hatte, f�r die Entfernung der Leichen vor Sabbatbeginn zu sorgen. Er versuchte jedoch herauszubekommen, wer sich f�r Jesu Leichnam interessiert hatte, und wie und warum das geschehen war. Aber Pilatus wurde des Mannes �berdr�ssig, knurrte kurz: �Was ich gesagt habe, habe ich gesagt� und kehrte ihm den R�cken, zum Zeichen, da� die Unterredung zu Ende war. Also mu�te der Jude sich samt seinen Tempelw�chtern zur�ckziehen.</p><p>Ich bemerkte: �Noch als Toter scheint der Judenk�nig Ungelegenheiten zu bereiten.�</p><p>Pontius Pilatus versank in tiefes Nachdenken und erwiderte dann: �Da hast du wohl recht. Ich bin ein erfahrener Mann und zerbreche mir im allgemeinen nicht zwecklos den Kopf. Aber dieses Fehlurteil verdrie�t mich mehr, als ich gedacht h�tte. Heute fr�h hat er, dieser Jesus, vor mir selber behauptet, er sei zwar der K�nig der Juden, doch sein Reich sei nicht von dieser Welt. Daraus habe ich entnommen, da� er politisch harmlos war, und ich wollte nicht die Todesstrafe an ihm vollziehen lassen. Aber die Juden zwangen mich dazu.�</p><p>Er schlug mit der Faust gegen die Innenseite der anderen Hand und rief w�tend: �Ja, wahrhaftig, ich bin das Opfer j�discher Winkelz�ge und R�nke. Mitten in der Nacht haben die Kerle den ihnen verha�ten Wanderprediger gefangengenommen und noch w�hrend der gleichen Nacht in aller Eile so viele Mitglieder des Hohen Rates zusammengetrommelt, da� die Stimmenzahl zu seiner Verurteilung reichte. Es fehlte nicht viel, so h�tten sie ihn selbst gesteinigt, wegen Gottesl�sterung. Sie haben zwar nicht das Recht, ein derartiges Todesurteil zu vollstrecken; aber solche Dinge sind schon vorgekommen, und dann haben sie sich jedesmal heuchlerisch damit herausgeredet, sie seien gegen den gerechten Zorn des Volkes machtlos gewesen. Aber diesmal haben sie das, offenbar aus R�cksicht auf dieses selbe Volk, nicht gewagt und fanden es w�nschenswert, Rom in die Sache zu verwickeln. Ja, ich habe den Mann, weil er in Galil�a aufgewachsen ist und haupts�chlich dort gepredigt hat, zur Aburteilung zum j�dischen Tetrarchen von Galil�a geschickt. Aber dieser schlaue Fuchs, dieser Herodes Antipas, hat blo� seinen Spott mit ihm getrieben und mir ihn dann wieder zur�ckgeschickt, um die Verantwortung auf meinen Nacken abzuw�lzen.�</p><p>�Was mag er wohl�, erlaubte ich mir zu fragen, �damit gemeint haben, da� sein Reich nicht von dieser Welt sei? Ich bin nicht abergl�ubisch; Tatsache jedoch ist, da� bei seinem Tode die Erde bebte. Und der Himmel hat sich barmherzig verdunkelt, damit man sein Leiden nicht allzu deutlich sieht.�</p><p>Der Statthalter warf mir einen grimmigen Blick zu und fuhr mich in h�chst unfreundlichem T�ne an: �Ich hoffe, da� du als eben erst hier Hereingeschneiter nicht auch anfangen wirst, das wiederzuk�uen, was meine Frau seit heute morgen ununterbrochen im Munde f�hrt. Und den Zenturio Adenabar lasse ich einsperren, wenn er weiter von einem Sohne Gottes faselt. Diese syrische Legendengl�ubigkeit ist unausstehlich. Vergi� nicht, da� du R�mer bist!�</p><p>Ich dankte meinem guten Stern, da� ich w�hrend des kurzen vertraulichen Gespr�chs auf dem Turm nichts von den Weissagungen erw�hnt hatte, derentwegen ich nach Jerusalem gereist war. Aber der Zornausbruch des Prokurators best�rkte mich in dem Entschlu�, so tief wie m�glich in die Hintergr�nde dieser ganzen Angelegenheit hineinzuleuchten. F�r gew�hnlich nimmt sich ein r�mischer Statthalter die Kreuzigung eines j�dischen Volksaufwieglers nicht sehr zu Herzen. Dieser Judenk�nig mu�te ein ganz besonderer Mensch gewesen sein.</p><p>Pontius Pilatus begann die Treppe zu seinen Gem�chern hinaufzusteigen, erkl�rte aber, er werde sich freuen, mich nach Einbruch der Dunkelheit beim Abendessen als Gast begr��en zu k�nnen.</p><p>Ich kehrte in den Offizierstrakt zur�ck, wo man jetzt, nach Dienstschlu�, im Speiseraum eifrig dem Weine zusprach. Jud�a sei ein gutes Weinland, erz�hlten mir die Offiziere, und ich konnte ihrem Urteil nach einer Kostprobe nur beipflichten. Mit Wasser vermischt, ist dieser Wein erfrischend, bek�mmlich und nicht zu s��.</p><p>Ich unterhielt mich mit Offizieren, Technikern und Fachbeamten der Legion, und es wurde mir best�tigt, da� der Statthalter tats�chlich widerstrebend und nur unter dem Druck der Juden deren K�nig hatte kreuzigen lassen. Allerdings sei Jesus im Burghof gegei�elt und von den Soldaten verh�hnt worden, aber blo� zu ihrer Belustigung und weil es so Sitte ist. Nachher sei man willens gewesen, ihn freizulassen. Alle diese M�nner hier schien ein Schuldgef�hl zu bedr�cken; denn sie bem�hten sich durchwegs, den Hingerichteten zu verteidigen und die Verantwortung den Juden zuzuschieben. Das Erdbeben hatte tiefen Eindruck auf sie gemacht, und einige gaben, als sie trunken wurden, Geschichten zum besten, die sie von den Juden �ber Wundertaten des K�nigs geh�rt hatten. Er habe Kranke geheilt und b�se Geister ausgetrieben; und erst vor ein paar Tagen habe er, nicht weit von Jerusalem, einen Toten, der schon seit mehreren Tagen im Grab lag, zum Leben erweckt.</p><p>Mir erschienen diese Geschichten als Musterbeispiele daf�r, wie rasch sich um ein aufregendes Ereignis Legenden ranken. Ich konnte kaum ein L�cheln unterdr�cken �ber die Bereitwilligkeit, mit der diese doch recht gebildeten Menschen solche breitspurig erz�hlten Albernheiten anh�rten und glaubten. Jemand wu�te sogar den Namen des aus dem ' Totenreich Zur�ckgekehrten zu nennen. �berdies wurde allen Ernstes behauptet, gerade diese Wiedererweckung�� von der die Kunde sich in ganz Jerusalem verbreitet hatte�� sei der letzte Ansto� daf�r gewesen, da� die j�dische Obrigkeit den Wundert�ter ums Leben zu bringen beschlo�.</p><p>Als weiteres Beispiel j�discher Unduldsamkeit erz�hlte der Kommandant einer f�r die Osterzeit vom W�stenrand her nach Jerusalem beorderten Kameltreibertruppe, erst vor ein, zwei Jahren habe der Tetrarch Herodes von Galil�a die Enthauptung eines Propheten angeordnet. Dieser Mann habe in der W�ste gepredigt und viele Menschen dazu bewogen, sich im Jordan taufen zu lassen und so B�rger eines k�nftigen Reiches zu werden. Der Offizier hatte den Mann mit eigenen Augen gesehen; er trug einen �berwurf aus Kamelhaar und a� kein Fleisch.</p><p>Ich h�rte auch, in einer kaum zug�nglichen W�stengegend unfern dem Salzmeer h�tten sich einige hundert Juden zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, um in den heiligen Schriften zu forschen und auf das neue Reich zu warten. Diese Asketen haben angeblich einen anderen Kalender als die rechtgl�ubigen Juden und kennen verschiedene Grade der Einweihung in ihre Geheimlehre.</p><p>Die Dunkelheit brach herein, die Lampen wurden angez�ndet, und es wurde Zeit f�r mich, beim Statthalter zu erscheinen. Wegen dieser Einladung hatte ich mir manche Neckerei anh�ren m�ssen. Die Offiziere teilten mir aber auch im Vertrauen mit, es sei ihnen gelungen, zwei syrische T�nzerinnen und Musikanten einzuschmuggeln; sobald der Prokonsul sich zur�ckgezogen h�tte, m�ge ich wieder zu ihnen kommen und an der allgemeinen Lustbarkeit teilnehmen. Nachdem das j�dische Osterfest bisher der Legion so viel M�hsal gebracht habe, h�tten die Leute sich etwas Unterhaltung redlich verdient.</p><p>In den Wohnr�umen des Statthalters hatte man versucht, die D�sterkeit der Turmgem�cher durch kostbare Matten und Wandteppiche zu mildern, und die Kissen der Speiselager waren mit feinen Geweben bezogen. Das Tafelgeschirr war syrischer Herkunft, und der Wein wurde in Glasbechern gereicht. Neben mir sa� ein zweiter Gast, der Festungskommandant, ein fast bis zur Stummheit schweigsamer Mann, der ein hervorragender Stratege sein mochte, sich aber in Gegenwart der Hausfrau und ihrer Gesellschaftsdame so befangen f�hlte, da� er nicht den Mund zu �ffnen wagte. Auch Adenabar und der Sekret�r des Prokurators waren anwesend. In den Lampen brannte feinstes �l, mit dessen Wohlgeruch die Salbend�fte der beiden Frauen wetteiferten.</p><p>Ich freute mich, Claudia Procula wiederzusehen; allerdings h�tte ich sie, offen gestanden, kaum erkannt, wenn ich sie zuf�llig auf der Stra�e getroffen h�tte. Sie war abgemagert und bla� und hatte ihr Haar, um zu verbergen, da� es grau wurde, mit Henna rot gef�rbt. Nur wenn ich in ihre Augen�� eigentlich das einzige an ihr, was mir von fr�her her vertraut war�� blickte, bemerkte ich die gleiche rastlose Empfindsamkeit, die mich einst in meiner Jugend einen ganzen Nachmittag lang im Proculus-Haus in Rom entz�ckt hatte.</p><p>Sie streckte mir ihre beiden schlanken, gepflegten H�nde entgegen und blickte mir lange in die Augen. Dann schlang sie, zu meinem ma�losen Erstaunen, ihre Arme um meinen Hals, dr�ckte mich an sich, k��te mich auf beide Wangen und schluchzte mit Tr�nen in den Augen: �Marcus, Marcus! Wie froh bin ich, da� du gekommen bist und mich an diesem schrecklichen Abend ein bi�chen aufheitern kannst!�</p><p>Der Festungskommandant wandte den Blick ab, ebenso um meines Gastgebers willen wie meinetwegen besch�mt. Pontius Pilatus brummte unmutig: �Aber, aber, Claudia! Nimm dich doch zusammen! Wir wissen alle, da� du nicht gesund bist.�</p><p>Claudia Procula l�ste die Arme von meinem Hals. Ihre Sch�nheit hatte einigerma�en dadurch gelitten, da� blaue Augenschminke und Tr�nen ihr �ber die bemalten Wangen geronnen waren. Aber sie stampfte mit den F��en auf den Boden und fauchte: �Es ist nicht meine Schuld, wenn b�se Tr�ume mich qu�len. Habe ich dich nicht gewarnt, du solltest mit jenem heiligen Mann nichts zu schaffen haben?�</p><p>Als ich sah, wie ver�rgert Pontius Pilatus war, wurde mir klar, da� er einen hohen Preis f�r die Stellung bezahlen mu�te, die seine Gattin ihm durch ihre Beziehungen verschafft hatte. Ein anderer Mann h�tte zweifellos seiner Gattin aufgetragen, sich zur�ckzuziehen, bis sie ihre Fassung wiedergew�nne; der Prokurator aber streichelte ihr nur verlegen die Schultern und bat sie, sich zu beherrschen. Die Gesellschaftsdame, ein auffallend h�bsches Wesen, begann rasch, die Wangenbemalung ihrer Herrin instandzusetzen.</p><p>Der Statthalter nahm aus den H�nden eines Sklaven einen Sch�pfl�ffel und go� eigenh�ndig Wein aus dem Mischgef�� in die gl�sernen Becher, auf die er stolz zu sein schien, mit Recht �brigens. Den ersten Becher reichte er, an dem Festungskommandanten vorbei, mir. Daraus schlo� ich, da� er mein Gep�ck hatte durchsuchen lassen. Mit Bedacht hatte ich jenen kurzen Empfehlungsbrief obenauf gelegt, der mir�� zugleich mit einem Wink, ich k�nnte nichts Kl�geres tun, als den Staub Roms von den F��en zu sch�tteln�� zugekommen war. An der Spitze dieses Briefes steht ein Name, den ich hier nicht festhalten will, der sich jetzt aber auch in den �stlichen L�ndern als machtvoll erweist. So mu� ich Dir, Tullia, gar noch danken, weil Du mir, als Du mich aus Rom abschobst, diesen Namen zu meinem Beistand verschafft hast.</p><p>Als wir uns zutranken, setzte Pontius Pilatus m�hsam ein schwaches L�cheln auf und sagte halblaut, wenigstens einen Brauch der Juden beginne er jetzt zu verstehen, den n�mlich, der es den Frauen verbietet, zusammen mit den M�nnern ihre Mahlzeiten einzunehmen. Aber Claudia Procula hatte sich inzwischen beruhigt und forderte mich auf, neben ihr bei Tisch Platz zu nehmen, damit sie mir das Haar streicheln k�nne. �Das kann niemand �bel auffassen�, erkl�rte sie. �Dem Alter nach k�nnte ich ja leicht deine Mutter sein. Und du, armes Waisenkind, hast nie eine Mutter gekannt.�</p><p>�Bei den G�ttern ist kein Ding unm�glich�, erwiderte ich. �Nehmen wir also an, du h�ttest mit f�nf Jahren einen Sohn zur Welt bringen k�nnen.� Da unser Altersunterschied in Wirklichkeit mindestens f�nfzehn Jahre betrug, war meine Bemerkung nat�rlich eine plumpe Schmeichelei; aber so haben die Frauen es ja gern. Claudia Procula be�ugte mich kokett unter ihren Brauen, nannte mich einen Heuchler und warnte ihre Gesellschaftsdame, sie m�ge ja kein Wort von dem glauben, was ich sage. Ich gelte als einer der durchtriebensten Verf�hrer unter den jungen M�nnern Roms und h�tte mit vierzehn Jahren schon meinen Ovid auswendig gekonnt. Gl�cklicherweise machte sie keine Andeutung �ber das Testament, durch das ich wohlhabend geworden bin.</p><p>Der Statthalter nahm meinen Scherz nicht �bel. Ich hatte im Gegenteil die Empfindung, da� er alles begr��te, was seine Frau in frohe Stimmung bringen konnte. Er riet mir blo�, mich zur�ckzuhalten und daran zu denken, da� die Gattin eines Prokonsuls�� so nannte er sich wahrhaftig selbst!�� unantastbar ist. �brigens sei, so versicherte er, seine Frau durch ihren Aufenthalt unter den Juden gehetzter geworden und habe die Leichtfertigkeit der r�mischen Gesellschaftskreise abgelegt.</p><p>W�hrend wir derart dummes Zeug schwatzten, begann das Mahl. Ich habe schon besser gegessen. An den Speisen war jedoch, mochte die Lebensf�hrung des Statthalters noch so bescheiden sein, nichts auszusetzen. Zumindest erwies sich alles, was aufgetragen wurde, als frisch und aus guten Rohstoffen zubereitet, was bestimmt die Grundvoraussetzung aller Kochkunst ist. Am vergn�glichsten allerdings war der H�hepunkt der Mahlzeit, als ein gro�er, zugedeckter Topf hereingebracht und auf die Tafel gestellt wurde, worauf der Hausherr die Sklaven hinausschickte. Eigenh�ndig hob er den Deckel ab, und dem Topf entstr�mte ein k�stlicher Braten- und Rosmarinduft. Adenabar und der Festungskommandant gaben ihrer Freude durch laute Rufe Ausdruck. Pontius Pilatus erkl�rte mir lachend:</p><p>�Da sieht man, wie sehr wir unter der Fuchtel der Juden stehen. Der r�mische Prokonsul ist gezwungen, sein Schweinefleisch aus dem Ostjordanland in die Antonia einzuschw�rzen.�</p><p>Ich erfuhr, da� �stlich des Genezareth-Sees ganze Schweineherden f�r die Besatzungstruppen gehalten werden, da� es aber, um die Gef�hle der Juden zu schonen, streng verboten ist, das Fleisch dieser Tiere nach Jerusalem zu bringen. Die Z�llner m�ssen, so wohlgesinnt sie den R�mern auch sein m�gen, dieses Verbot handhaben. Deshalb wird das Schweinefleisch f�r die Tafel des Statthalters in die Burg als Kuriergep�ck eingeschmuggelt, unter dem r�mischen Staatssiegel.</p><p>�Da f�llt mir ein�, bemerkte Adenabar, um auch etwas zu dem Gespr�ch beizutragen, �da� dieser Jesus, der Judenk�nig, nur ein einziges Mal wirklichen Schaden angerichtet hat, zu Gadara im Ostjordanland. Er war im allgemeinen vorurteilslos; oft genug hat er die j�dischen Vorschriften und sogar die Sabbatruhe gebrochen. Den j�dischen Widerwillen gegen Schweinefleisch aber mu� er geteilt haben; denn als er vor einigen Jahren durch die Gegend von Gadara wanderte, hat er eines Tages mit Hilfe seiner Sch�ler eine ganze, tausendk�pfige Herde dieser Tiere �ber eine steile Felswand ins Wasser getrieben. Die Schweine ertranken alle, und ihr Eigent�mer erlitt einen schweren Verlust. Die �belt�ter aber entflohen �ber die Grenze nach Galil�a. Es w�re schwerlich gelungen, ihnen den Proze� zu machen, und Schadenersatz h�tte man ohnedies nie von ihnen bekommen, weil es lauter arme Leute waren. Sie lebten haupts�chlich von den Gaben ihrer Anh�nger; nur von Zeit zu Zeit arbeiteten sie ein bi�chen. Dein Schweinez�chter blieb nichts �brig, als gute Miene zum b�sen Spiel zu machen. Ich glaube, man h�tte nicht einmal Zeugen f�r den Vorfall aufgebracht; der Ruf des Heiligen war ja auch �ber die Grenze gedrungen, und die Leute f�rchteten sich vor ihm wegen seiner Wundertaten.�</p><p>Adenabar hatte sich am Rande seines Speisesofas aufgesetzt und erz�hlte seine Geschichte sehr eifrig; zum Schlu� brach er in lautes Gel�chter aus. Erst dann bemerkte er, da� seine Anekdote uns keineswegs erg�tzt hatte; denn nun waren wir gl�cklich wieder bei jenem Jesus angelangt, den wir mit leerem Gesellschaftsschwatz f�r eine Weile�� allerdings auch vielleicht nicht ganz�� vergessen hatten.</p><p>Adenabar stutzte verlegen, und sein Lachen erstarb j�h. Pontius Pilatus knurrte: �Nachgerade d�rften wir genug von diesem Mann gesprochen haben.�</p><p>Claudia Procula begann zu zittern, verlor ihre Selbstbeherrschung und rief: �Er war ein Heiliger�� ein Krankenheiler und Wundert�ter, wie die Welt bisher keinen gesehen hat! Wenn du ein Mann und ein richtiger R�mer w�rest, h�ttest du ihn nie verurteilt. Vergebens hast du dir nachher die H�nde gewaschen; das ents�hnt dich nicht. Du hast selbst zugegeben, da� du keine Schuld an ihm findest. Wer herrscht eigentlich in Jerusalem�� die Juden oder du?�</p><p>Der Prokurator wurde bla� vor Wut, und er h�tte seinen Weinbecher zu Boden geschmettert, w�re ihm nicht im letzten Augenblick eingefallen, da� nichts damit getan war, wenn er ein wertvolles Glas in Scherben schlug. Er bedachte sich und blickte umher; da die Tischgesellschaft klein und zuverl�ssig war und keine Sklaven im Zimmer weilten, antwortete er mit erzwungener Gelassenheit:</p><p>�Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehe. Vor mir hat er kein Wunder gewirkt, auch vor Herodes nicht, obwohl der Judenf�rst ihn ausdr�cklich aufgefordert hatte, ihm durch ein Zeichen seine Macht zu beweisen. Die ganze Sache hat einen b�sen politischen Einschlag bekommen, und ich sah keinen anderen Ausweg, als den Mann zu verurteilen. Juristisch betrachtet, habe ich �brigens kein Urteil gesprochen, sondern blo� den Juden freie Hand gelassen. Politik ist Politik, und auf diesem Gebiet wird der Ausgang stets von Zweckm��igkeitserw�gungen bestimmt, nicht durch einen formalen Richterspruch. Und es ist eben zweckm��ig, den Juden in Kleinigkeiten ihren Willen zu lassen; das befriedigt ihr Bed�rfnis nach nationalem Eigenleben. In allen wichtigen Dingen liegt die Macht ausschlie�lich in meiner Hand.�</p><p>�Wie war denn die Sache mit der Wasserleitung f�r Jerusalem?� warf Claudia Procula mit weiblicher Bosheit ein. �War das nicht deine glorreiche Idee, dein Stolz, zum erhabenen Denkmal deiner Amtszeit bestimmt? Zeig mir blo�, wo dieses Bauwerk ist! Es waren ja schon alle Pl�ne eingereicht, und �berall hat man das Gef�lle bereits gemessen.�</p><p>�Ich konnte doch das Geld dazu nicht gewaltsam aus dem Tempelschatz entwenden�, verteidigte sich Pilatus. �Wenn die Juden ihren eigenen Vorteil nicht erkennen, so ist das f�r sie besch�mend und nicht f�r mich.�</p><p>�Mein Herr und Gebieter!� sagte Claudia Procula sp�ttisch. �All die Jahre hindurch hast du den Juden gegen�ber, sobald es hart auf hart ging, immer wieder nachgeben m�ssen, in jeder Sache, ob klein oder gro�. Gerade dieses eine Mal hat es sich jetzt so ergeben, da� du dich leicht h�ttest als Mann erweisen k�nnen, und das Recht w�re auf deiner Seite gewesen. Warum hast du meine Mahnung, nicht einen Unschuldigen zu verurteilen, in den Wind geschlagen?�</p><p>Adenabar versuchte die Lage zu retten, indem er scherzend bemerkte: �Der Aqu�dukt ist an der Starrk�pfigkeit der Jerusalemer Frauen gescheitert. Das Wasserholen ist n�mlich f�r sie die einzige Gelegenheit, bei den Brunnen zusammenzukommen und zu plaudern. Je l�nger und anstrengender der Weg ist, desto mehr Mu�e finden sie zu albernem Geschw�tz.�</p><p>Claudia Procula erwiderte: �Die Jerusalemer Frauen sind keineswegs so einf�ltig, wie du glaubst. W�re nicht alles derart rasch und �berst�rzt abgelaufen, derart gesetzwidrig, und h�tte nicht einer seiner eigenen J�nger ihn f�r Geld dem j�dischen Synedrium verraten, so w�re es nie zur Verurteilung gekommen. Wenn du, mein verehrter Gatte, wenigstens Manns genug gewesen w�rest, die Entscheidung bis nach Ostern zu verschieben, w�rden die Dinge jetzt ganz anders aussehen. Dieser Jesus hatte die Werkt�tigen auf seiner Seite und ebenso auch alle jene rings im Lande, die sich die Stillen nennen und ein neues Reich erwarten. Deren gibt es mehr, als du ahnst. Sogar ein Angeh�riger des Hohen Rates ist erschienen und hat dich um den Leichnam des Gekreuzigten gebeten, um ihn in seine eigene Grabst�tte zu legen. Ich wei� vieles, was dir entging. Ich wei� sogar Dinge, die nicht einmal den schlichten J�ngern Jesu bekannt sind. Aber nun ist alles zu sp�t. Du hast den Mann ums Leben gebracht.�</p><p>Pontius Pilatus hob die H�nde, rief alle G�tter Roms und den Schutzgeist C�sars zu Zeugen an und beteuerte: �Wenn er nicht ans Kreuz geschlagen worden w�re, so h�tten die Juden in Rom Klage gef�hrt, ich sei kein Freund C�sars. Habe ich dir nicht verboten, Claudia, dich mit diesen Frauen zu treffen, die nach Art der Zauberinnen in krankhafte Verz�ckungen fallen? Die Wahnvorstellungen dieser Hexen steigern nur noch deine Unrast. M�nner, R�mer, ich frage euch in aller Form: Was h�ttet ihr an meiner Stelle getan? H�ttet ihr eure Stellung und eure ganze Laufbahn aufs Spiel gesetzt�� nur einem Juden zuliebe, der Glaubenswirren anzettelte?�</p><p>Endlich �ffnete auch der Festungskommandant den Mund und sagte: �Jude bleibt Jude. Heimt�ckische Kerle, einer wie der andere! Peitsche, Speer und Kreuz sind das einzige politische Konzept zu ihrer Befriedung.�</p><p>* Adenabar bemerkte: �Als er starb, bebte die Erde. Ich glaube, er war ein Gottessohn. Aber du konntest nicht anders handeln. Jetzt ist er tot und kommt nicht mehr zur�ck.�</p><p>Ich sagte: �Gerne w��te ich mehr �ber sein Reich.�</p><p>Claudia Procula blickte uns mit weit aufgerissenen Augen an und fragte: �Und wie, wenn er doch wiederkommt? Was tut ihr dann?�</p><p>Sie sprach diese Worte so leidenschaftlich, da� mir ein Schauder �ber den R�cken lief und jedes H�rchen an meinem K�rper sich str�ubte. Mit Gewalt mu�te ich mir ins Ged�chtnis rufen, da� ich mit eigenen Augen den Judenk�nig am Kreuz hatte sterben sehen.</p><p>Pontius Pilatus blickte seine Frau mitleidig an, sch�ttelte den Kopf und sagte, wie zu einer Schwachsinnigen: �Meinetwegen mag er ruhig wiederkommen, meine Liebe. Aber dar�ber wollen wir uns erst zu gegebener Zeit Sorgen machen.�</p><p>Ein Diener trat behutsam ein und bat den Sekret�r hinaus. Erleichtert seufzte der Prokurator auf und meinte: �Bald werden wir die letzten Neuigkeiten erfahren. Unterdessen aber lassen wir dieses leidige Thema!�</p><p>Wir beendeten das Mahl in gedr�ckter Stimmung; das Tafelgeschirr wurde abgetragen, und wir tranken noch Wein. Zur Aufheiterung der Damen summte ich die letzten Schlager aus Alexandria, und Adenabar steuerte, mit recht geschulter Stimme, ein in der zw�lften Legion entstandenes Liedchen bei.</p><p>Der Sekret�r kam zur�ck, und Pilatus forderte ihn, zum Beweis seines Vertrauens uns gegen�ber, auf, in unserer Gegenwart seinen Bericht zu erstatten. Offenbar waren die Spione, die der Statthalter unter den Juden hielt, nach Einbruch der Dunkelheit in die Burg zur�ckgeschlichen und hatten ihre Beobachtungen gemeldet. Der Sekret�r erz�hlte uns folgendes:</p><p>�Das Erdbeben hat unter den j�dischen Priestern gro�e Best�rzung hervorgerufen, weil dabei der Tempelvorhang von oben bis unten entzweiri�. Der Mann, der den Nazarener verraten hat, kam heute wieder in den Tempel und warf den Gottesdienern die drei�ig Silberst�cke, die er bekommen hatte, vor die F��e. Im Hause des Hohenpriesters herrscht helle Emp�rung, seit an den Tag kam, da� zwei Mitglieder des Synedriums, Joseph und Nikodemus, den Leichnam Jesu vom Kreuze nehmen und in einem neu aus dem Felsen gehauenen Grab in der N�he des Hinrichtungsplatzes bestatten lie�en. Nikodemus hat dazu das Grablinnen beigestellt und auch hundert griechische Pfund einer Mischung von Myrrhe und Aloe. Ansonsten ist es in der Stadt ruhig, und der Vorabend des Passahfestes wurde in gewohnter Weise begangen. Die Anh�nger Jesu haben sich zerstreut wie verwehte Asche. Der Rat hat folgende Parole ausgegeben: �Es ist besser, ein einziger Mensch stirbt f�r das Volk, als da� die ganze Nation zugrunde geht.� Dadurch hat sich die Lage in der Stadt entspannt. Jedenfalls redet niemand mehr laut �ber den Gekreuzigten. Die abergl�ubische Volksverehrung, die er geno�, scheint sich zu verfl�chtigen, nachdem er kein Wunder gewirkt hat, sondern eines schmachvollen Todes gestorben ist.�</p><p>Der Sekret�r blickte uns an, r�usperte sich, lachte kurz auf und fuhr fort: �Dann ist da noch eine Sache, die ich nicht einmal der Erw�hnung wert gefunden h�tte, w�re sie mir nicht von zwei verschiedenen Seiten hinterbracht worden. Er, dieser Jesus, soll n�mlich angek�ndigt haben, er werde am dritten Tag nach seinem Tode auferstehen. Woher die Geschichte stammt, konnte ich nicht herausbekommen. Aber auch im Hause des Hohenpriesters ist sie bekannt; dort ber�t man dar�ber, wie man sich da vorsehen k�nnte.�</p><p>�Was habe ich gesagt!� rief Claudia Procula triumphierend.</p><p>Der Sekret�r beeilte sich richtigzustellen: �Ich meine nat�rlich nicht, da� die Priester tats�chlich an eine solche M�glichkeit glauben. Aber die Anh�nger des Gekreuzigten k�nnten versuchen, den Leichnam zu stehlen, um dann einf�ltigen Leuten etwas vorzumachen. Deshalb �rgert es die Priester und die anderen Ratsmitglieder, da� die Leiche nicht, wie es mit den beiden anderen Misset�tern geschah, am M�llplatz verbrannt wurde.�</p><p>Pilatus murmelte erbittert: �Darauf h�tte ich mich eigentlich gefa�t machen m�ssen, da� dieser Mann mich nicht einmal als Toter ruhig schlafen lassen w�rde.�</p><p>Er geriet �ber dieses alberne Ger�cht in derartige Best�rzung, da� er Adenabar und mich beiseite nahm und sich nochmals den Tod den Judenk�nigs best�tigen lie�. Wir waren Augenzeugen seines Sterbens gewesen und hatten auch beobachtet, wie der Soldat seine Lanze in das Herz des Leblosen gesto�en hatte. Darum beteuerten wir beide: �Dieser Mann hat am Kreuze sein Leben ausgehaucht und wird bestimmt kein Glied mehr r�hren.�</p><p>Nach dem Mahle verbrachte ich eine unruhige Nacht.-Der Wein und alles, was ich erlebt hatte, rumorte mir im Kopf, so da� ich trotz meiner M�digkeit schlecht schlief und b�se Tr�ume hatte. Auch das trunkene Gegr�le aus der Offiziersmesse st�rte mich die ganze Nacht �ber. Schlie�lich weckten mich, sobald der Morgen graute, Hornrufe, die vom Tempelbezirk her kamen und �ber die ganze Stadt schallten. Augenblicklich fiel mir wieder ein, was ich am Vortag gesehen und geh�rt hatte. Von neuem begann ich, �ber den Judenk�nig und sein Reich nachzugr�beln.</p><p>Um meine Gedankeng�nge zu kl�ren und mir alles so zu vergegenw�rtigen, wie ich es mitgemacht hatte, setzte ich mich zum Schreiben hin und schrieb ununterbrochen, bis Adenabar hereinkam, mit verquollenen Augen und noch einigerma�en benebelt. Er forderte mich auf, hinunterzukommen und mir etwas Unterhaltsames anzusehen. Und in der Tat, im Hofe stand, obwohl es Sabbat war und noch dazu ein ganz gro�er Sabbat, eine Abordnung des Rates und der Priesterschaft, die den Statthalter sprechen wollte. Pilatus lie� die Leute eine Zeitlang warten und schalt sie dann mit bitteren Worten wegen all der Ungelegenheiten, die man ihm bereitete.</p><p>Aber die Leute waren wirklich ver�ngstigt und beteuerten, der letzte Betrug w�rde �rger sein als der erste, wenn es den Anh�ngern Jesu gel�nge, seinen Leichnam aus der Grabkammer zu stehlen; dann w�rden sie �berall ausposaunen, er h�tte seine Ank�ndigung wahr gemacht und w�re am dritten Tag von den Toten auferstanden. Deshalb baten und beschworen sie den Statthalter, f�r ein paar Tage eine Legion�rswache�� ihren eigenen W�chtern trauten sie nicht ganz�� vor das Grab zu stellen und f�r alle F�lle �berdies am Grufteingang sein pers�nliches Amtssiegel anbringen zu lassen, das zu verletzen kein Jude wagen w�rde.</p><p>Pilatus nannte sie alte Weiber und Schwachk�pfe und verspottete sie mit den Worten: �Mir scheint, ihr f�rchtet euch vor dem Toten noch mehr als vor dem Lebenden.�</p><p>Doch sie versprachen, ihm gleich nach dem Sabbat reiche Geschenke zu schicken. Am Sabbat sei es ihnen als Juden verboten, etwas bei sich zu tragen. Schlie�lich gab Pilatus nach und entsandte zwei Soldaten sowie den Legionsschreiber zum Grab. Der Schreiber erhielt den Auftrag, den Grufteingang zu versiegeln, jedoch nicht mit dem Siegel des Statthalters, sondern mit dem der zw�lften Legion, das den Juden wohl gen�gen werde. Er gab Weisung, w�hrend der Nacht sollte die Wachmannschaft nach Ermessen des Wachkommandanten auf vier oder acht Personen verst�rkt werden; er wu�te ja, da� zwei r�mische Legion�re allein sich nachts au�erhalb der Stadtmauern nie sicher f�hlen konnten.</p><p>Ich hatte die Empfindung, da� etwas Bewegung mir guttun w�rde, und so begleitete ich den Schreiber zu dem Grabe. An der Hinrichtungsst�tte ragten noch d�ster die blutbefleckten Kreuzespf�hle auf, w�hrend die Querbalken bei der Abnahme der Leichen entfernt worden waren. Nicht weit davon befand sich ein sch�ner Garten und darin ein in einen Felsh�cker gehauenes Grab. Den Eingang dazu verstellte ein gro�er M�hlstein, der aufrecht in einer Bodenrille stand. Ihn wegzurollen h�tte zwei kr�ftige M�nner erfordert, und der Tag war hei�. Der Schreiber fand es nicht n�tig, das Grab �ffnen zu lassen, da die j�dischen W�chter ihm versicherten, niemand habe hier etwas anger�hrt, seit die beiden treulosen Ratsmitglieder Joseph und Nikodemus den Stein durch Diener vorw�lzen lie�en.</p><p>W�hrend der Schreiber den Eingang versiegelte, schien mir ein starker Myrrhenduft aus dem Grabe zu dringen. Aber es mochten auch nur Gartenblumen gewesen sein, die rings um mich so w�rzig rochen. Die beiden Legion�re machten rohe Sp��e �ber ihre Aufgabe; aber sie waren sichtlich froh dar�ber, da� sie ihren Wachdienst bei Tage hatten und abends abgel�st werden sollten.</p><p>Auf dem R�ckweg wollte ich den Judentempel besuchen; ich trennte mich deshalb von dem Schreiber, der mir noch sagte, in den �u�eren Hof k�nne ich ungef�hrdet gehen. Ich querte auf einer Br�cke das Tal, aus dem der heilige H�gel aufstieg; durch einen m�chtigen Torbogen betrat ich, zusammen mit einer gro�en Menge anderer Besucher, den Vorhof der Heiden. Seit dem Morgen str�mten aus der Stadt Leute herbei; noch immer aber war Platz im Hofe, und ich bewunderte seine S�ulenhallen. Auf die Dauer jedoch wurden der endlose Singsang und das laute Beten, der Geruch der Opfer und die leidenschaftliche Verz�ckung der Juden mir zuwider. Ich dachte an den Leichnam des Gekreuzigten, der in der kalten Felsengruft lag, und mein ganzes Mitgef�hl geh�rte dem Judenk�nig, so wenig ich von ihm wu�te.</p><p>Ich kehrte zur Burg Antonia zur�ck, und schreibe nun schon bis tief in die Nacht hinein, um meine traurigen Gedanken loszuwerden. Aber ich f�hle mich jetzt keineswegs erleichtert, Tullia, denn diesmal habe ich w�hrend des Schreibens nicht wie sonst Deine N�he gesp�rt.</p><p>F�r mich ist die Geschichte des Judenk�nigs jedenfalls noch nicht zu Ende. Ich sehne mich danach, mehr �ber sein Reich zu erfahren, und ich habe mir schon verschiedene M�glichkeiten ausgedacht, wie ich mit seinen Anh�ngern Verbindung aufnehmen k�nnte, um von ihnen zu h�ren, was er im Laufe seines Lebens gelehrt hat.</p></section><section><p/><empty-line/><p>3</p><p><emphasis>Marcus Mezentius Manilianus an Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Als Briefanfang habe ich meinen Namen hingeschrieben und den Deinen, Tullia. Aber wenn ich den eigenen Namen auf dem Papyrus sehe, mu� ich mich verwundert fragen, ob tats�chlich ich es bin, der da schreibt, oder ob es irgendein Fremder in mir ist. Ich bin nicht mehr der gleiche wie fr�her; und manchmal argw�hne ich w�hrend dieser l�ngsten Tage meines Lebens, j�dische Zauberkunst h�tte mich verhext. Wenn sich all das wirklich so zugetragen hat, wie ich es zweifelnd und pr�fend sich zutragen sah, dann habe ich entweder Dinge erlebt, die sich nie zuvor ereignet haben, oder ich werde auch viele Berichte, die uns durch Philosophen und Skeptiker seit langem als sinnbildlich gemeint dargelegt wurden, w�rtlich glauben m�ssen.</p><p>Ich wei� noch nicht, ob ich mich je dazu aufraffen werde, Dir dieses Schreiben zu senden. Auch meine beiden fr�heren Briefrollen liegen noch immer unabgeschickt hier. Und vielleicht ist es gut so; denn wenn Du jemals diese Zeilen lesen solltest, w�rdest Du Dich kaum des Eindrucks erwehren k�nnen, der arme Marcus habe den letzten Rest seines Verstandes verloren. Aber ich selbst halte mich nicht f�r einen Phantasten, obwohl ich seit jeher�� mit stets wachem Argwohn und kritisch abw�gendem Sinn�� nach etwas in dieser Welt gesucht habe, das jenseits aller Freuden der Sinnlichkeit und auch der Tugenden liegt. Ich gestehe, da� ich infolge meiner Abkunft als junger Mann zu allerlei Ma�losigkeit neigte und nie den Mittelweg des wirklich Weisen zwischen Enthaltung und Sinnentaumel finden konnte. Solche Ma�losigkeit lag in meinen Nachtwachen, Fasten und k�rperlichen �bungen w�hrend der Schulzeit in Rhodos. Ma�los wurde auch meine Liebe zu Dir, Tullia; auch darin war ich uners�ttlich.</p><p>Trotz allem liegt, das kann ich Dir versichern, im Grunde meines Wesens etwas K�hles, Beobachtendes, das mich vor der Selbstzerst�rung bewahrt. Ohne diesen n�chternen W�chter h�tte ich kaum Rom verlassen; eher h�tte ich meinen Besitz und vielleicht selbst mein Leben verwirkt, als mich von Dir zu trennen. Jetzt, w�hrend ich schreibe, ist dieser W�chter ganz besonders rege; die ganze Zeit �ber bem�he ich mich n�mlich auseinanderzuhalten, was ich selbst gesehen, was ich blo� geh�rt habe und was ich in ausreichendem Ma�e als schl�ssig bewiesen betrachten kann.</p><p>Es dr�ngt mich, meine Erlebnisse genauer aufzuzeichnen, auch wenn ich diese Briefe Dir nie schicken sollte. Ich werde auch viel �berfl�ssiges einbeziehen, weil ich noch nicht zwischen dem Belanglosen und dem Wesentlichen unterscheiden kann. Aber ich glaube, ich bin Zeuge der Herabkunft eines Gottes auf unsere Welt geworden. Diese Behauptung wird nat�rlich jedem, der die Dinge nicht selbst miterlebt hat, als Wahnwitz erscheinen. F�r den Fall jedoch, da� ich mit meiner Meinung recht habe, m�gen sich sp�terhin die geringsten Kleinigkeiten als bedeutungsvoll erweisen. Nimm das als Rechtfertigung daf�r, da� ich so viele Worte mache! Denn falls meine Annahme zutrifft, wird diese Welt sich wandeln oder hat sich schon gewandelt�� und ein neues Zeitalter ist angebrochen.</p><p>Indes bleibt mein W�chter rege und warnt mich, Dinge zu glauben, die blo� Ausgeburten meiner eigenen Erwartungen sein k�nnten. Aber h�tte ich je etwas so Unvorstellbares erwarten k�nnen? Nein. Es w�re mir unm�glich gewesen, etwas Derartiges zu ersinnen oder zu ertr�umen. Wenn ich �berhaupt an etwas Bestimmtes dachte, so an ein neues Reich auf dieser Erde; aber von derlei kann �berhaupt keine Rede sein. Es handelt sich um etwas anderes, mir noch Unverst�ndliches.</p><p>Ich sage mir selbst vor, da� ich, vielleicht aus blo�er Eitelkeit, geneigt bin, mehr in die Dinge hineinzudeuten, als sie wirklich enthalten. Wer bin denn ich, Marcus, da� gerade mir solches widerfahren sollte? Ich gebe mich keinen T�uschungen �ber meine Bedeutung hin. Andererseits kann ich nicht meine eigenen Erlebnisse verleugnen. Darum erz�hle ich sie.</p><p>Als ich meinen vorigen Brief beendet hatte, war es sp�t geworden. Meine Finger krampften, und zuerst konnte ich nicht einschlafen. Dann schlief ich fest, aber nur kurze Zeit; denn noch vor dem Morgengrauen weckte mich ein zweites Erdbeben, das l�nger und unheimlicher war als das erste. Das Klirren zerbrochener Tonkr�ge und das Poltern von den Wandgestellen fallender Schilde ri� alles in Antonia aus den Betten. Unter meinen F��en schwankte der Steinboden so heftig, da� ich beim Verlassen des Zimmers der L�nge nach hinfiel. Die Wachen im Hof bliesen Alarm. Ich konnte nur die Manneszucht der Legion�re bewundern; denn trotz ihrer Schlaftrunkenheit und der Finsternis rannte keiner der Soldaten ohne Waffen hinaus, obwohl ihr erster Gedanke gewesen sein mu�te, sich vor einsturzgef�hrdeten D�chern ins Freie zu retten.</p><p>Es war noch so dunkel, da� im Hof Fackeln angez�ndet werden mu�ten. Als der erste Wirrwarr und Trubel sich legten, stellte man fest, da� zwar die Mauern an einigen Stellen Risse abbekommen hatten, jedoch kein Todesopfer in der Festung zu beklagen war. Nur einige harmlose Verstauchungen, Beulen und Wunden wurden gemeldet; und sogar diese Verletzungen r�hrten eher von dem Gehaste in der Dunkelheit her als von dem Erdbeben selbst. Der Festungskommandant schickte unverz�glich Patrouillen in die Stadt, um festzustellen, ob Sch�den entstanden waren, und lie� die Legionsfeuerwehr alarmieren. Oft richten ja die nach Erdbeben ausbrechenden Br�nde mehr Unheil an als die Bodenersch�tterungen selbst.</p><p>Der Prokurator kam geradewegs aus dem Bett ins Freie, hatte nur einen Mantel umgeworfen und stand barfu� auf der Treppe, ohne in den Hof hinunterzugehen oder seine Stimme in die Kommandorufe zu mengen. Da die Erdst��e sich nicht wiederholten und von der Stadt her die ersten Hahnenschreie ert�nten, hielt er es nicht f�r n�tig, die Frauen aus der Festung hinaus in Sicherheit bringen zu lassen. Indes versp�rte nach diesem Schreck begreiflicherweise niemand Lust, sich nochmals ins Bett zu legen. Der Himmel wurde lichter, und sobald die Sterne verbla�ten, schmetterten vom Judentempel wiederum die m�chtigen Hornrufe, zum Zeichen daf�r, da� die gottesdienstlichen Verrichtungen begannen, als w�re nichts geschehen.</p><p>Die Soldaten wurden aus der Alarmaufstellung entlassen und zu ihren regelm��igen Obliegenheiten zur�ckgeschickt, erhielten aber nur kalte Verpflegung, da die K�che vorsichtshalber noch keine Feuer anz�nden durften. Eine Patrouille nach der anderen kehrte zur�ck, und alle meldeten, in der Stadt herrsche zwar gro�e Best�rzung und Verwirrung, viele Leute seien in das offene Gel�nde au�erhalb der Stadt geflohen, doch bis auf ein paar zusammengest�rzte Hausmauern sei kein ernstlicher Schaden entstanden. Offenbar hatte sich das Erdbeben auf einen ganz kleinen Bereich, haupts�chlich auf die Gegend der Festung und des Tempels, beschr�nkt.</p><p>Die Wachen wurden abgel�st, und mit blo� geringf�giger Versp�tung marschierte die erste Kohorte durch die Stadt zum Exerzieren in das Amphitheater. In diesem kostspieligen Geb�ude werden seit Jahren keine Gladiatorenk�mpfe oder Tierhetzen mehr veranstaltet; die Arena dient ausschlie�lich als Truppen�bungsplatz.</p><p>Am Boden liegende Scherben von Tongef��en zertretend, ging ich in mein Zimmer zur�ck, wusch mich und kleidete mich sorgsam an. W�hrend ich noch damit besch�ftigt war, kam ein Bote und forderte mich auf, zum Prokonsul zu kommen. Pontius Pilatus hatte sich am Fu� der Treppe einen Stuhl f�r die Audienz des Tages hinstellen lassen. Obwohl nichts an seiner Miene irgendwelche Besorgnis vor einer Wiederkehr des Erdbebens verriet, glaube ich doch, da� auch er ganz gern im Freien sa�.</p><p>Vor ihm standen der Festungskommandant und der Legionsschreiber, ferner Adenabar und zwei Legion�re, die nach syrischer Art beim Reden zur Unterst�tzung ihrer Aussagen und Erkl�rungen heftig gestikulierten, w�hrend sie sich gleichzeitig bem�hten, aus Ehrerbietung vor ihrem Oberbefehlshaber Haltung zu bewahren. Der Statthalter wandte sich gereizt zu mir und sagte:</p><p>�Am Morgen hat sich wegen des Erdbebens die Wachabl�sung verz�gert. Diese beiden syrischen T�lpel h�tten als neue Wache an dem verw�nschten Grab dort dr�ben aufziehen sollen. Sechs Soldaten waren dort die ganze Nacht, und es sollten immer zwei Dienst tun, w�hrend die anderen schliefen. Jetzt sind die beiden Syrer zur�ckgekommen mit der Meldung, das Legionssiegel sei erbrochen, der Stein vom Grufteingang weggew�lzt und die abzul�sende Wachmannschaft spurlos verschwunden.�</p><p>Er wandte sich an die Legion�re und fuhr sie an: �War der Leichnam noch im Grab?�</p><p>Die beiden Einfaltspinsel antworteten wie aus einem Munde: �Ins Grab sind wir nicht gegangen. Dazu hatten wir keinen Auftrag.�</p><p>Pilatus fragte: �Warum ist nicht wenigstens einer von euch dort geblieben, w�hrend der andere mit seiner Meldung zur�cklief? Jetzt kann jeder, der nur will, in die Grabkammer hinein.�</p><p>Ohne Ausfl�chte gestanden sie: �Wir h�tten uns keiner getraut, allein an diesem Ort zu bleiben.�</p><p>Der Festungskommandant f�hlte sich verpflichtet, f�r seine Leute einzutreten, weil die letzte Verantwortung ihn traf. Er sagte kurz: �Die Soldaten haben strengen Befehl, au�erhalb der Burg immer nur paarweise aufzutreten.�</p><p>Aber von den Mienen der beiden Legion�re konnte ich leicht ablesen, da� sie nicht um ihr Leben gebangt hatten; was sie erschreckt und mit abergl�ubischem Grauen erf�llt hatte, war sichtlich das offene Grab gewesen und das Verschwinden ihrer Kameraden. Der Statthalter schien der gleichen Ansicht zu sein; denn er sagte in ungest�mem T�ne:</p><p>�An dem, was sich da zugetragen hat, ist nichts �bernat�rliches. Den Stein vom Grabe weggeschoben hat selbstverst�ndlich das Erdbeben. Die Wachtposten, diese abergl�ubischen syrischen Feiglinge, haben sich ihrem Dienst entzogen und wagen nicht zur�ckzukommen. Man mu� sie als Fahnenfl�chtige verfolgen; sie haben strengste Bestrafung verdient.�</p><p>Er wandte sich zu mir und erkl�rte: �Hier geht es um die Ehre der Legion, und ich kann mich deshalb auf niemanden, der ihr angeh�rt, verlassen. Andererseits w�nsche ich keine Besch�nigungsversuche welcher Art immer. Was wir brauchen, ist eine unparteiische Zeugenschaft. Du, Marcus, bist ein aufgekl�rter Mensch und hinreichend gesetzeskundig. Nimm Adenabar und diese beiden Soldaten mit dir�� meinetwegen k�nntest du die ganze Kohorte als Bedeckung mit haben, zur Absperrung und Bewachung des Gel�ndes, damit nicht auch noch diese beiden Helden durchgehen�� und stelle am Grab selbst fest, was geschehen ist! Dann komm zur�ck und berichte mir!�</p><p>Sofort rief der Festungskommandant laut nach seinem Hornisten. Das machte den Statthalter noch zorniger, als er schon war; er schlug mit der Faust auf seine Handfl�che und schrie: �Seid ihr denn samt und sonders von Sinnen? Das mit der Kohorte war doch nicht ernst gemeint. Ihr braucht nur einige verl��liche M�nner. Es w�re verr�ckt, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen und so diese f�r uns schm�hliche Angelegenheit erst recht an den Tag zu bringen. Jetzt aber macht euch gef�lligst auf die Beine!�</p><p>Adenabar w�hlte rasch zehn Mann aus, lie� sie im Hof antreten und dann im Laufschritt abmarschieren. Pilatus mu�te Halt gebieten und uns klarmachen, da� ein Eilmarsch durch die Stadt das beste Mittel war, uns eine ganze Schar neugieriger Juden an die Fersen zu heften. Ich war froh �ber diese Mahnung; denn, unge�bt, wie ich jetzt bin, h�tte ich, auch ohne Gep�ck, kaum mit rasch marschierenden Legion�ren Schritt halten k�nnen, obwohl wir keinen weiten Weg hatten.</p><p>Unterwegs trafen wir viele Leute, die wegen des Erdbebens aus der Stadt geflohen waren und nun zur�ckkehrten. Aber sie hatten an ihren eigenen Gedanken genug, und wir fielen nicht weiter auf. Die Juden verga�en sogar, hinter den Legion�ren auszuspucken und ihnen die �blichen Fluchworte nachzurufen.</p><p>Der Garten des Joseph von Arimathia entzog das Grab zum Teil unseren Blicken; doch schon aus einiger Entfernung konnten wir sehen, da� aus der offenen Gruft zwei Juden kamen. Zweifellos waren es Anh�nger des Nazareners; denn in dem einen glaubte ich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit den stattlichen jungen Mann zu erkennen, den ich am Hinrichtungsh�gel die trauernden Frauen besch�tzen sah. Der andere war ein st�mmiger, b�rtiger, rundk�pfiger Mann. Als sie uns bemerkten, ergriffen sie die Flucht und waren bald, obwohl wir sie riefen, wie vom Erdboden verschwunden.</p><p>�Da haben wir jetzt die Bescherung!� wetterte Adenabar, schickte aber niemanden den beiden nach. Er fand es kl�ger, unsere Kr�fte nicht zu verzetteln, zumal er wu�te, da� die Juden in diesem Gewirr von G�rten und H�rden, Kuppen und Hohlwegen jeden Verfolger in die Irref�hren konnten.</p><p>Aber wir hatten immerhin genug gesehen, um sicher zu sein, da� die beiden M�nner nichts weggetragen hatten.</p><p>Als wir die Grabst�tte erreichten, stellten wir fest, da� der Stein offenbar durch sein eigenes Gewicht den Rand der Bodenrille ausgebrochen hatte und von der Gruft weg ausw�rts umgekippt sein mu�te; dann war er den Hang hinuntergeglitten, bis er an einen Felsblock prallte und zerschellte. Wir konnten keine Spuren der Anwendung von Werkzeugen entdecken. Jeder, der etwa das Grab von au�en �ffnen wollte, h�tte den Stein, wie es bezweckt war, in der Bodenrille zur Seite gerollt. Von dem abgerissenen Legionssiegel baumelten nur noch Schnurst�cke am Rande der Gruft�ffnung. Zweifellos hatte das Erdbeben den Stein losger�ttelt. Aus dem dunklen Grabesinneren drang ein starker Geruch nach Myrrhe und Aloe in die feuchte Morgenluft.</p><p>�Geh du voraus, ich komme nach�, bat Adenabar. Er war grau im Gesicht vor Angst und zitterte am ganzen Leibe. Die Legion�re hatten in respektvollem Abstand vom Grabe haltgemacht und dr�ngten sich zusammen wie ein H�uflein Schafe.</p><p>Wir traten hintereinander in den Vorraum und dann durch eine schm�lere �ffnung in die eigentliche Gruftkammer. Solange unsere Augen sich an die Dunkelheit nicht gew�hnt hatten, konnten wir die wei�en Totenlinnen auf der Steinbank nur verschwommen erkennen. Anfangs meinten wir beide, der Leichnam liege ohnedies noch an Ort und Stelle. Als wir jedoch allm�hlich deutlicher sahen, stellten wir bald fest, da� der K�rper aus seiner Umkleidung geglitten und verschwunden war. Die harzgesteiften H�llen zeigten noch die Umrisse des Rumpfes, der darin gelegen hatte; davor bauschte sich, durch einen kleinen Spalt getrennt, das Schwei�tuch, das �ber den Kopf gebreitet worden war.</p><p>Zuerst traute ich meinen Augen nicht und schob die Hand zwischen K�rperh�lle und Schwei�tuch. Ich griff ins Leere; der Tote lag nicht mehr da. Aber das Linnen war nicht auseinandergewickelt, sondern nur etwas eingesunken und wahrte weiterhin die K�rperformen. Es w�re unm�glich gewesen, den Leichnam zu entfernen, ohne die H�llen zu �ffnen. Und doch hatte er sich spurlos verfl�chtigt. Unser eigener Augenschein bezeugte es.</p><p>Adenabar fl�sterte: �Siehst du das gleiche wie ich?�</p><p>Meine Zunge gehorchte mir nicht. Ich nickte blo�. Wieder fl�sterte er: �Habe ich nicht gesagt, er war ein Gottessohn?�</p><p>Dann ermannte er sich, unterdr�ckte sein Zittern, trocknete sich den Schwei� von der Stirn und sagte: �So ein Zauberkunstst�ck habe ich im Leben noch nicht gesehen. Es ist vielleicht am besten, wir bleiben vorl�ufig die einzigen Zeugen dieses Geschehnisses.�</p><p>�brigens h�tten selbst Drohungen die mit uns gekommenen Legion�re kaum dazu gebracht, das Grab zu betreten; derart gro�er Schreck hatte sich ihrer bem�chtigt, dar�ber, da� ihre Kameraden auf r�tselhafte Weise verschwunden waren, ohne da� man in der Umgebung irgendwelche Spuren eines Kampfes entdecken konnte.</p><p>Adenabar und ich brauchten einander nicht zu erkl�ren, da� kein menschliches Wesen imstande sein konnte, aus versteiften Grablinnen zu schl�pfen, ohne sie zu sprengen. Und wenn andererseits diese so fest durch Myrrhe und Aloe verklebten T�cher auseinandergerissen worden w�ren, h�tten wir bestimmt Anzeichen daf�r bemerkt. Ich glaube, nicht einmal die geschickteste Hand h�tte sie nachher so zurechtlegen k�nnen, da� sie wieder die K�rperformen nachbildeten.</p><p>Sobald ich das voll begriffen hatte, �berkam mich ein Gef�hl tiefen Friedens, und ich hatte nicht mehr die geringste Angst. Adenabar schien �hnliches zu empfinden. Woher jedoch unsere Furchtlosigkeit kam, k�nnte ich keineswegs erkl�ren, hatten wir doch eben erst ein Wunder festgestellt, �ber das wir nach allen Ma�st�ben unserer menschlichen Logik heftiger h�tten erschrecken m�ssen als je im Leben. V�llig gelassen traten wir aus dem Grabe und teilten den Legion�ren mit, da� der Leichnam verschwunden war.</p><p>Die Soldaten zeigten nicht die geringste Lust, in das Grab zu treten und sich von dem Sachverhalt zu �berzeugen; wir h�tten sie auch gar nicht hineingelassen. Einige entsannen sich jetzt, da� es um die Ehre der Legion ging, begannen umherzublicken und wiesen darauf hin, da� auch von zwei alten, aus dem gleichen Felsen gehauenen Gr�bern die Steine weggerollt waren. Offenbar sei gerade hier das Erdbeben am heftigsten gewesen�� ein Umstand, der mich pers�nlich nicht �berraschte. Sie schlugen vor, wir sollten aus einem der alten Gr�ber einen Leichnam nehmen und anstelle des Judenk�nigs hinlegen. Ich verbot ihnen in schroffem Ton, an solche Schliche auch nur zu denken.</p><p>W�hrend wir noch �berlegten, was wir tun sollten, tauchten aus einem Geb�sch zwei Legion�re auf und kamen z�gernd heran. Adenabar erkannte sofort, da� sie zu den vermi�ten Ausrei�ern geh�rten, und schrie ihnen zornig zu, sie sollten die Waffen niederlegen. Aber die beiden begannen sich leidenschaftlich zu verteidigen; sie beschworen, sie h�tten ihre Pflicht genau erf�llt und die Grabst�tte von einem sicheren Platz aus fest im Auge behalten. Tats�chlich hatte niemand angeordnet, wie nahe dem Grab sie stehen m��ten.</p><p>Sie berichteten: �Wir beide und zwei andere schliefen, w�hrend die beiden �brigen Wache standen, als in den ersten Morgenstunden das Erdbeben losging. Dieser Stein hier l�ste sich vom Grabe und kam mitten zwischen uns gesprungen. Wir k�nnen von Gl�ck reden, da� niemand zermalmt wurde. Daraufhin zogen wir uns�� noch immer in Sichtweite�� etwas zur�ck, weil wir neue Erdst��e bef�rchteten. Vier von uns liefen weg, um den Hohenpriestern zu erz�hlen, was geschehen war; den Juden zuliebe haben wir ja das Grab bewacht, und nicht im Interesse der Legion.�</p><p>Sie rechtfertigten sich mit solchem �bereifer, da� man schon daraus den Eindruck gewann, sie redeten nicht frei von der Leber weg. Unter anderem sagten sie noch: �Sp�ter haben wir zwar zwei Gestalten als Abl�sung kommen sehen. Trotz ihrer Rufe zeigten wir uns aber nicht, weil wir die R�ckkehr unserer Kameraden abwarten wollten, mit denen wir gemeinsam, einer f�r alle und alle f�r einen, das Grab bewachten. Wenn in dieser Sache etwas aufzukl�ren ist, so werden wir das alle sechs im Einvernehmen tun und uns vorher dar�ber besprechen, was wir sagen sollen und was nicht.�</p><p>Adenabar und ich fragten sie aus und erfuhren, sie h�tten bei Tagesanbruch zwei b�ndeltragende J�dinnen bemerkt, die sich zum Grabe schlichen. Vor dem Eingang h�tten sie gez�gert; eine sei dann eingetreten, aber bald wieder herausgekommen. Gerade in diesem Augenblick sei die Sonne aufgegangen und habe die Augen der Soldaten geblendet; doch eines k�nnten sie beeiden: da� nichts hinein- oder herausgetragen worden sei. Ihre B�ndel h�tten die Frauen drau�en hingelegt, dann aber wieder genommen und damit eilends das Weite gesucht, obwohl die Soldaten nichts gegen sie unternommen h�tten.</p><p>Knapp vor unserem Eintreffen seien zwei Juden, auch in Eile, hier aufgetaucht; zuerst ein J�ngling, der sich aber nicht allein in das Grab getraut, sondern nur durch die �ffnung gesp�ht habe, und kurze Zeit sp�ter ein atemloser �lterer Mann, der gleich eingetreten sei, worauf auch sein Begleiter sich dazu aufgerafft habe, ihm zu folgen. Zweifellos seien sie von den Frauen herbeigeholt worden, h�tten aber nur kurz in der Gruft verweilt und nichts hinausgetragen. Die Soldaten versicherten uns, sie h�tten die beiden M�nner von ihrem Versteck aus genau im Auge behalten, um sie sofort festzunehmen, falls sie den Leichnam zu stehlen versuchten.</p><p>�Wir sind ja hierher beordert worden, um den Leichnam zu bewachen, und das haben wir nach bestem Wissen und Gewissen vorschriftsm��ig getan. Nicht einmal durch das Erdbeben lie�en wir uns vertreiben. Wir haben uns nur in sichere Entfernung vom Grabe zur�ckgezogen�, erkl�rten sie wie aus einem Munde.</p><p>Aber ich beobachtete sie scharf und entnahm ihren Mienen und unsteten Blicken, da� sie etwas verhehlten. �Jedenfalls ist der Leichnam weg!� bemerkte ich barsch.</p><p>Daraufhin begannen sie auf syrische Art mit den H�nden umherzufuchteln und riefen: �Daf�r k�nnen wir nichts. Wir haben die Gruft keinen einzigen Moment lang aus den Augen gelassen.�</p><p>Mehr war aus ihnen nicht herauszubringen. Au�erdem wurde das Verh�r dadurch unterbrochen, da� jetzt von der Stadt her die vier anderen Wachsoldaten kamen, in Begleitung dreier j�discher �ltester, die von weitem an ihren Kopfbedeckungen zu erkennen waren. Als die vier Legion�re ihre beiden Kameraden im Gespr�ch mit uns sahen, schrien sie ihnen schon aus ziemlich gro�er Entfernung warnend zu: �H�tet eure Zungen und plappert nicht darauf los! Die Sache ist schon mit den Juden vollkommen bereinigt. Wir haben alles einbekannt, und sie waren so verst�ndig, unseren Fehler nachzusehen.�</p><p>Die drei Juden waren offenbar Ratsmitglieder; denn als sie herankamen, gr��ten sie uns w�rdevoll und sagten: �Wir erscheinen hier recht sp�t. Aber zuerst wollten wir rasch den Rat zusammenberufen und die Sache unter uns besprechen. Die Legion�re haben das Grab f�r uns auf unser Ansuchen bewacht, und wir w�nschen nicht, da� sie f�r ihren Unverstand bestraft werden. Wie konnten sie ahnen, da� die J�nger dieses verdammten Nazareners so hinterlistig sein w�rden? Wir haben die Sache einvernehmlich beigelegt und lassen die Wachsoldaten in Frieden gehen. Und geht jetzt auch ihr in Frieden! Weder wir noch die R�mer haben hier noch etwas zu tun. Die Nachl�ssigkeit ist nun einmal geschehen, und wir wollen es dabei bewenden lassen, um Aufsehen und �berfl�ssiges Gerede zu vermeiden.�</p><p>Ich entgegnete: �Nein, nein. F�r diese Angelegenheit ist r�misches Heeresrecht zust�ndig, und wir m�ssen eine regelrechte Untersuchung durchf�hren. Der Leichnam eures K�nigs ist verschwunden, und diese Wachmannschaft tr�gt die Verantwortung daf�r.�</p><p>Sie fragten: �Wer bist du? Wie kommst du dazu, uns ins Wort zu fallen? Du bist glattwangig und noch ein junger Mann. Du solltest Rang und Alter hochachten. Wenn die Sache schon er�rtert werden mu�, so wollen wir das mit dem Statthalter tun und nicht mit dir.�</p><p>Aber nach dem Anblick, der sich mir eben in der Grabkammer geboten hatte, f�hlte ich nur Widerwillen gegen diese schlauen Alten, die ihren K�nig verurteilt und den Prokurator gezwungen hatten, ihn kreuzigen zu lassen. Deshalb beharrte ich auf der Feststellung:</p><p>�Euer K�nig ist aus dem Grab verschwunden, und dieser Fall mu� mit aller Gr�ndlichkeit untersucht werden.�</p><p>Aufgebracht wandten sie ein: �Er war nicht unser K�nig. Er hat sich nur so genannt. Und untersucht haben wir den Fall schon selbst. T�richterweise haben die Wachsoldaten sich schlafen gelegt, und w�hrend sie schliefen, sind seine J�nger herangeschlichen und haben den Leichnam gestohlen. Die Legion�re sind bereit, das zu best�tigen und ihren Fehler nach Kr�ften wiedergutzumachen. Deshalb verzeihen wir ihnen und verlangen keine Bestrafung.�</p><p>Ihre Behauptungen widersprachen derart dem gesunden Menschenverstand und meinem eigenen Augenschein, da� ich die bestimmte Empfindung hatte, die Ratsherren m��ten irgendwelche R�nke ausgeheckt und sie Soldaten f�r sich gewonnen haben. So sagte ich zu Adenabar: �Nach r�mischem Recht werden Soldaten, die auf ihren Wachposten einschlafen oder ihn unerlaubt verlassen, zu Tode gekn�ttelt oder enthauptet.�</p><p>Unsere beiden Legion�re zuckten vor Schreck zusammen und be�ugten einander. Die vier mit den Juden gekommenen Soldaten stie�en jedoch ihre Kameraden an, zwinkerten ihnen zu und bedeuteten ihnen mit allerlei Gesten, sie h�tten nichts zu bef�rchten. Die Juden wiederholten: �Die Leute haben f�r uns Wache gestanden und nicht f�r Rom. Es ist also unsere Sache, ihre Bestrafung zu verlangen oder Nachsicht walten zu lassen.�</p><p>Pl�tzlich packte mich �berm�chtig der Wunsch dahinterzukommen, was sich wirklich zugetragen hatte, und nun beging ich einen Fehler. Um den Juden bange zu machen, schlug ich ihnen vor: �Geht in die Grabkammer, seht selbst nach und befragt dann die Wachen wieder, wenn ihr wollt�� und euch traut!�</p><p>Adenabar war kl�ger als ich und rief rasch: �Warum solltet ihr, so fromme M�nner, euch zwecklos durch das Betreten einer Begr�bnisst�tte verunreinigen?�</p><p>Indes schlossen die Juden aus meiner Aufforderung und Adenabars Einwurf, da� in der Gruft etwas Besonderes zu sehen sein mu�te. Nachdem sie sich in ihrer heiligen Sprache, die ich nicht verstehe, beraten hatten, traten sie hintereinander in geb�ckter Haltung ein, und nat�rlich konnten wir sie jetzt nicht mehr daran hindern. Obwohl der Raum f�r drei Personen sicherlich sehr eng war, blieben sie lange drinnen. Schlie�lich ging ich hin und blickte in die Felskammer. Ich sah die gekr�mmten R�cken der Juden und h�rte ihr lebhaftes Reden.</p><p>Endlich tauchten sie, mit roten Gesichtern und unsteten Blicken, wieder auf und sagten: �Jetzt haben wir uns verunreinigt, um bezeugen zu k�nnen, da� alles genau so verlaufen ist, wie die Wachsoldaten geschildert haben. Und da uns nun nichts mehr unreiner machen kann, als wir schon sind, wollen wir gleich zum Statthalter gehen und die Sache mit ihm durchsprechen, um falschen Ger�chten und l�genhaften Darstellungen vorzubeugen.�</p><p>Von schlimmen Vorahnungen erf�llt, eilte ich in das Grab. Sobald ich mich an das Dunkel gew�hnt hatte, stellte ich fest, da� die Juden in ihrer Erregung bei der vergeblichen Suche nach dem Leichnam alle Grabt�cher auseinandergerissen hatten.</p><p>Heftige Wut packte mich �ber meine eigene Dummheit, die den Verlust des einzigen Beweisst�ckes f�r die �bernat�rliche Auferstehung des K�nigs verschuldet hatte. Im selben Augenblick aber begann mir der Kopf zu schwindeln, wohl ebensosehr aus Ersch�pfung und Schlafmangel wie durch den bet�ubenden Myrrhengeruch in der kleinen Grabkammer. Ein schattenhaftes Gef�hl der Unwirklichkeit �berkam mich, und ich glaubte ganz stark die Gegenwart einer h�heren Macht zu sp�ren. Es war, als hielten unsichtbare H�nde mich an den Schultern fest und hinderten mich daran, hinauszust�rzen und den Juden sinnlose Vorw�rfe zu machen. Ich gewann meine Selbstbeherrschung und damit meine Gem�tsruhe wieder, so da� ich mit gesenktem Kopf ins Freie trat, ohne die Juden anzureden oder auch nur anzublicken.</p><p>Mit kurzen Worten erz�hlte ich Adenabar, was sie angerichtet hatten. Er sah mich unschl�ssig an, als wollte er fragen, was wir jetzt am besten tun sollten. Schlie�lich begn�gte er sich damit, resigniert auf syrische Art die Finger zu spreizen. Nochmals forderte er die Soldaten auf, ihre Waffen niederzulegen. Aber sie fingen wieder an, sich herauszureden, und sagten: �Ist das als Befehl aufzufassen? Wenn wir unsere Waffen niederlegen, sieht es so aus, als w�rden wir eine Pflichtverletzung zugeben. Im Namen des Stiergottes, wir haben doch hier ein j�disches Grab auf j�disches Ersuchen bewacht. Da kann es kein Verbrechen gewesen sein, wenn wir auf unserem Posten schliefen. Im Gegenteil, es beweist, da� wir tapfere Leute sind und uns vor der Finsternis nicht f�rchten. Wenn du uns unsere Waffen bel��t und es den Juden anheimstellst, die Sache beim Prokonsul aufzukl�ren, sollst du das nicht bedauern. Daf�r b�rgen wir, und auch die Juden.�</p><p>Wieder warf Adenabar mir einen verstohlenen Blick zu, als wollte er mir nahelegen, auch selbst ein wenig Nutzen aus einer Lage zu ziehen, an der nichts mehr zu �ndern war; aber den Mund zu �ffnen wagte er doch nicht. So marschierten wir alle wohlgeordnet durch die Stadt in die Burg zur�ck. Die Juden folgten uns, da ihnen eine weitere Bewachung des Grabes �berfl�ssig erschien, nachdem der Leichnam, wie sie weiterhin steif und fest behaupteten, inzwischen gestohlen worden war. Die sechs Soldaten der Wachmannschaft schritten in einer geschlossenen Gruppe und tuschelten miteinander.</p><p>Als wir den Burghof erreichten, sa� Pontius Pilatus noch in seinem schweren, rot �berzogenen Richterstuhl am Fu�e der Turmtreppe. Er hatte einen Tisch neben sich stellen lassen, kaute eben an einem St�ck Brathuhn und warf die Knochen hinter sich. Auch Wein war aufgetragen worden, und die Stimmung des Statthalters schien sich v�llig gewandelt zu haben.</p><p>�Nur heran, ihr alle!� forderte er uns in leutseligstem T�ne auf. �Du, Marcus, stelle dich hier neben mich! Du bist ja ein gebildeter Mann und ein unparteiischer Zeuge. Aber halte dir immer vor Augen, da� die Juden gro�z�gige Leute sind! In gesch�ftlichen Dingen kann man wirklich sehr gut mit ihnen auskommen. Bringt St�hle f�r diese ehrw�rdigen Ratsherren, die uns R�mer nicht verachten! Mein Privatsekret�r wird selbst das Protokoll f�hren. Und ihr, ihr S�ndenb�cke der Legion, kommt n�her! Habt keine Angst vor mir, sondern erz�hlt mir unbesch�nigt, was euch widerfahren ist!�</p><p>Die Soldaten glotzten bald ihn, bald die Juden an; dann trat ein breites Grinsen auf ihre verstockten syrischen Gesichter. Sie schoben einen Sprecher vor, der seine Geschichte mit feierlichen Beteuerungen einleitete:</p><p>�Bei C�sars Schutzgeist und beim Stiergott, dies sind Worte der Wahrheit. Mit deiner Genehmigung haben die Juden uns zur Bewachung des Grabes, in das der gekreuzigte Nazarener gelegt worden war, gedungen. Gestern abend sind wir alle sechs hinmarschiert. Nachdem wir uns davon �berzeugt hatten, da� das Siegel unverletzt war, lie�en wir die Tageswache abr�cken, lagerten uns auf dem Boden vor der Gruft und machten es uns gem�tlich. Dank der Freigebigkeit der Juden hatten wir reichlich Wein, um uns die Nachtk�lte vom Leibe zu halten. Zuerst wollten wir es so machen, da� immer zwei Nachtwache hielten und die vier anderen schliefen. Aber an 'diesem Abend hatte niemand Lust zum Schlafengehen. Wir w�rfelten, sangen und unterhielten uns, und eigentlich fehlten nur ein paar M�del zu unserem vollen Gl�ck. Da� die j�dischen Weine heimt�ckisch sein k�nnen, wei�t du ja, Herr. Im Verlaufe der Nacht geriet uns die Reihenfolge der Abl�sungen durcheinander, und wir kamen in Streit dar�ber, weil niemand mehr bestimmt sagen konnte, wer von uns wachen mu�te und wer schlafen durfte. Offen gestanden waren wir so beschwipst, da� wir anscheinend alle sechs eingeschlafen sind, wobei jeder glaubte, zwei von den anderen w�ren wach und auf Posten.�</p><p>Er wandte sich zu seinen Kameraden, die eifrig nickten und dreist best�tigten: �Genau so war es. Das ist die volle Wahrheit.�</p><p>Der Sprecher setzte seinen Bericht fort: �Wir erwachten erst durch das Erdbeben, und da sahen wir, da� die J�nger des Gekreuzigten in die Gruft eingedrungen waren und gerade den Leichnam heraustrugen. Es war ihrer ein ganzer Haufen�� grimmige Kerle, die zu jeder Bluttat f�hig schienen. Als sie bemerkten, da� wir aufgewacht waren, w�lzten sie den Stein vom Grufteingang auf uns hinunter und konnten so entkommen.�</p><p>Pilatus tat sehr interessiert und fragte: �Wie viele waren ihrer?�</p><p>�Zw�lf�, erkl�rte der Sprecher ohne Z�gern. �Sie lie�en ihre Waffen klirren und br�llten f�rchterlich, um uns Angst einzujagen.�</p><p>Einer der j�dischen Ratsherren mischte sich ins Gespr�ch mit der Bemerkung: �Es k�nnen kaum mehr als elf gewesen sein. Den zw�lften, den Mann, der sich von ihnen losgesagt hatte, haben sie n�mlich aus Rache ermordet. Zumindest fanden heute fr�h die Hirten seine Leiche in der N�he der Stadtmauer. Man hat ihn mit seinem eigenen G�rtel erdrosselt und ihn in eine Schlucht geworfen, so da� sein Bauch barst und alle Eingeweide herausquollen.�</p><p>Pilatus fragte: �Trugen die J�nger den Leichnam des Gekreuzigten so weg, wie er dagelegen hatte, oder haben sie vorher in der Gruft die Totenlinnen abgestreift?�</p><p>Der Sprecher geriet etwas aus der Fassung, warf seinen Kameraden einen Seitenblick zu und sagte dann: �Ach, die Leiche mu� wohl noch eingeh�llt gewesen sein. Die R�uber hatten es ja eilig, wegen des Erdbebens.�</p><p>Die Juden sprangen von ihren St�hlen auf und riefen erregt: �Nein, nein, das stimmt nicht. Sie haben das Linnen in der Grabkammer losgewickelt, um die Leute glauben zu machen, der Mann w�re von den Toten auferstanden. Wir haben das Zeug selber dort liegen sehen, wirr durcheinandergeworfen.�</p><p>Der Soldat erwiderte: �Mag sein. Wie h�tten wir dasein der Finsternis erkennen sollen, wo wir noch dazu vom Wein und vom Erdbeben benommen waren?�</p><p>�Aber sonst habt ihr trotz der Dunkelheit alles, was vorging, deutlich gesehen und beobachtet�, bohrte Pilatus. �Ihr seid t�chtige Burschen und macht der zw�lften Legion alle Ehre.�</p><p>Seine Worte klangen so h�misch, da� die Soldaten einander ansahen, dann die K�pfe senkten und von einem Fu� auf den anderen traten. Schlie�lich stie�en sie ihren Sprecher an, der schuldbewu�t zu den Juden hin�berschaute und stammelte: �Nun, eigentlich��� Dann wiederholte er: �Eigentlich��� Aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken.</p><p>�Gestatte, Herr�, begann ich. Doch Pilatus winkte mir zu schweigen und verk�ndete seine Entscheidung.</p><p>�Ich habe den Bericht dieser vertrauenerweckenden M�nner angeh�rt, und gewichtige Gr�nde veranlassen mich zu der Annahme, da� sie r�ckhaltlos die Wahrheit sagten. Auch unsere j�dischen Freunde sind zufriedengestellt und verzichten auf eine S�hne. Ich sehe also keinen Anla�, pers�nlich in Fragen der soldatischen Zucht innerhalb der Legion einzugreifen. Habe ich recht gesprochen?�</p><p>Die j�dischen �ltesten best�tigten wie aus einem Munde: �Wirklich sehr recht!� Und die Soldaten trampelten beif�llig und riefen: �Richtig hast du gesprochen! M�gen die G�tter Roms und unsere G�tter dir alles Gute bescheren!�</p><p>Der Prokurator sagte: �Nun, ich habe also die Sache vollkommen gekl�rt und halte sie f�r abgeschlossen. Falls aber jemand noch etwas vorzubringen hat, m�ge er es jetzt tun und nicht sp�ter.�</p><p>�Gestatte mir eine Bemerkung!� bat ich. Dieses Zerrbild einer Untersuchung schien mir eher eine Szene aus einer derben oskischen Kom�die als eine wirkliche Begebenheit.</p><p>Mit vorget�uschter Verwunderung wandte Pilatus sich zu mir und fragte: �Ach, du bist also auch die ganze Zeit �ber dort gewesen und hast alles miterlebt?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, entgegnete ich. �Das behaupte ich auch keineswegs. Aber du selbst hast mich nachher als Zeugen hingeschickt; du selbst wolltest, ich m�ge feststellen, was sich zugetragen hat.�</p><p>�Gesehen hast du also nichts�, wehrte der Statthalter ab. �Die Soldaten dagegen waren Augenzeugen, und du t�test also besser, �ber Dinge, die dir unbekannt sind, nicht zu reden. Als ich dich hinschickte, war ich der Meinung, die Soldaten w�ren fahnenfl�chtig geworden und der gute Ruf der Legion k�nnte in Gefahr kommen. Aber da stehen ja die Ausrei�er, fromm wie L�mmer, und haben alles offen einbekannt.�</p><p>Mit einer sp�ttischen Verbeugung erhob er sich, um den Juden zu zeigen, da� er von ihnen genug hatte. Sie dankten ihm und zogen sich zur�ck. Als sie durch den Torbogen verschwanden, wollten auch die Soldaten sich entfernen. Doch der Prokurator winkte ihnen l�ssig und befahl: �Wartet ein bi�chen!� Dann wandte er sich an den Festungskommandanten mit den Worten:</p><p>�Aus deiner finsteren Miene schlie�e ich, da� der Schatzmeister des Hohenpriesters es nicht n�tig fand, sich deiner Freundschaft zu versichern. Wie sch�n gesagt, es ist nicht meine Sache, in disziplinare Angelegenheiten der Legion einzugreifen. Ich habe mich zwar diesen Burschen gegen�ber nachsichtig erwiesen; aber das braucht dich nicht daran zu hindern, gegen sie geeignete Verf�gungen zur Wahrung der Zucht zu treffen. Meiner Meinung nach w�re es angezeigt, sie vorerst einmal in Haft zu setzen, damit sie dar�ber nachdenken k�nnen, was tats�chlich vorgefallen ist.�</p><p>Mit leiser Stimme f�gte er hinzu: �Ebenso spricht nichts dagegen, da� du feststellst, wieviel Geld der j�dische Rat ihnen als Unterpfand f�r die Wahrheitsliebe gegeben hat.�</p><p>Das angespannte Gesicht des Kommandanten ging in einem fr�hlichen Grinsen auseinander. Er gab einige Befehle, und ehe die Wachsoldaten recht begriffen, wie ihnen geschah, waren sie entwaffnet. Man f�hrte sie in den Arrestkeller hinunter, und der Kommandant folgte, um sich zu vergewissern, da� die Geldbetr�ge, die sie bei sich trugen, einwandfrei gez�hlt w�rden.</p><p>Als sie gegangen waren, l�chelte der Prokurator vor sich hin und sagte: �Adenabar, du bist selbst ein Syrer. Geh jetzt und versuche, aus diesen Halunken herauszubekommen, was sie wirklich gesehen haben!�</p><p>Steifbeinig stieg Pilatus die Treppe hinauf und winkte mir h�chst leutselig, ihm zu folgen. Ich ging mit in seinen Amtsraum. Er befahl den anderen, sich zur�ckzuziehen, setzte sich st�hnend hin, rieb seine Knie, erlaubte auch mir, Platz zu nehmen, und sagte anspornend: �Sprich! Ich merke es dir an, da� du vor Mitteilungsdrang am Bersten bist.�</p><p>Zerstreut zog er einen Lederbeutel hervor, ri� die versiegelte Schnur auf und lie� sich die mit dem Kopf des Tiberius gepr�gten M�nzen aus purem Gold in die Hand und durch die Finger gleiten.</p><p>�Herr�, sagte ich nach kurzer �berlegung, �ich wei� nicht, warum du so gehandelt hast, wie du es eben tatest; aber ich nehme an, du hast deine Gr�nde daf�r. Es steht mir nicht zu, Ma�nahmen zu bekritteln, die du als r�mischer Amtstr�ger ergreifst.�</p><p>Er klimperte mit den Goldm�nzen und antwortete: �Wie ich dir eben andeutete, habe ich schwerwiegende Gr�nde daf�r�� die gewichtigsten Gr�nde auf Erden, solange die Welt bleibt, wie sie ist. Du wei�t selbst, da� die Zensoren jetzt den Statthaltern auf dem Nacken sitzen. In den Provinzen reich zu werden, ist heutzutage nicht mehr so leicht wie zu Zeiten der Republik. Aber wenn die Juden mir, aus purer Freundschaft, mit Gewalt Geschenke aufzwingen, w�re ich verr�ckt, sie abzulehnen. Ich mu� an meine alten Tage denken. Selbst bin ich nicht beg�tert, und Claudia h�lt auf dem, was ihr geh�rt, fest die Daumen. Soviel ich wei�, bist du so wohlhabend, da� du mir sicherlich meine Geschenke nicht neiden wirst.�</p><p>Nat�rlich beneidete ich ihn um nichts; aber ich war derart erf�llt von dem in Jesu Grab Gesehenen, da� ich ausrief: �Solange die Welt bleibt, wie sie ist�� hast du gesagt. Ich glaube, sie wird nicht lange so bleiben. Denn der Judenk�nig, den du gekreuzigt hast, ist von den Toten auferstanden. Das Erdbeben hat den Stein vom Grufteingang weggeschoben, und der Tote ist aus seiner Umh�llung von Grablinnen und Schwei�tuch herausgeglitten und hat seine Felskammer verlassen. So war es wirklich�� da m�gen die Legion�re l�gen und die Juden schwatzen, so viel sie wollen.�</p><p>Pilatus blickte mich forschend an, ohne seine eigenen Gedanken preiszugeben. Ich erz�hlte ihm, was Adenabar und ich festgestellt hatten, als wir den Boden vor dem Grab und dann die Gruft selbst untersuchten. �Die �bereinandergewickelten Lagen des Linnens waren unversehrt und klebten noch zusammen�, rief ich. �Um dieses Beweismittel zu vernichten, haben die j�dischen �ltesten die Grabt�cher w�tend auseinandergerissen. Sonst h�ttest du dich selbst �berzeugen m�ssen, da� Jesus, seiner Voraussage gem��, am dritten Tage von den Toten auferstanden und aus dem Grab gestiegen ist. Adenabar kann meine Angaben best�tigen.�</p><p>Pontius Pilatus l�chelte mit unverhohlenem Spott und meinte: �Hast du dir wirklich vorgestellt, ich w�rde mich so weit erniedrigen, selbst hinzugehen und mir die Taschenspielerst�cke der Juden anzugucken?� Er sagte in derart mitleidigem T�ne, da� ich einen Moment lang dem eigenen Augenschein mi�traute und mir alle die Gauklerst�cke ins Ged�chtnis rief, mit denen in �gypten einf�ltige Leute bet�rt werden.</p><p>Der Statthalter tat die M�nzen wieder in den Beutel, zog die Verschlu�schnur zu und schleuderte den Beutel beiseite, da� es klirrte. Dann sagte er in ernstem T�ne: �In Wirklichkeit bin ich mir ja v�llig im klaren dar�ber, da� die Wachsoldaten sich diese Geschichte, als Gegenleistung f�r j�dische Bestechungsgelder, aus den Fingern gesogen haben. Kein Legion�r schl�ft auf seinem Posten, wenn er das Siegel der eigenen Truppe zu bewachen hat. �berdies sind die Syrer von Natur aus so abergl�ubisch und nachtscheu, da� sie es schon deshalb kaum gewagt h�tten einzuschlafen. Gewi�, es mu�, wie du sagtest, das Erdbeben gewesen sein, das den Grufteingang freilegte. Was ich aber wissen m�chte, ist, wie die Dinge sich nachher abspielten.�</p><p>Er st�tzte die Ellbogen auf die Knie und sein schmales Kinn in die H�nde und starrte vor sich hin. �Nat�rlich hat er mich sehr beeindruckt, dieser j�dische Wundert�ter�, gestand er. �Tiefer, als du glauben w�rdest�� tiefer, als Claudia meint. Wundert�ter, Propheten und angebliche Messiasse sind ja in Jud�a auch schon fr�her aufgetreten; sie haben alle das Volk aufgewiegelt und Verwirrung gestiftet, bis man sie unsch�dlich machte. Doch dieser Jesus war kein solcher Aufr�hrer. Er war derart dem�tig, da� ich ihm bei meinem Verh�r kaum in die Augen schauen konnte. Du mu�t wissen, ich hatte Gelegenheit, ihn zu befragen, ohne da� ein Hebr�er zugeh�rt h�tte. Dabei nannte er sich, so wie die Juden in ihrer Anklage behauptet hatten, einen K�nig und stellte sich damit gegen C�sar. Aber es war offenkundig, da� er sein K�nigtum als blo� sinnbildlich betrachtete; und soviel ich wei�, hat er sich auch nie geweigert, die Steuern an den r�mischen Staat zu entrichten. Sein Reich sei nicht von dieser Welt, so erkl�rte er mir; und dann sagte er auch, er sei dazu geboren worden und dazu in die Welt gekommen, um f�r die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Selbstverst�ndlich hat mich das tief ergriffen, so abgebr�ht ich auch sonst sein mag. Indes haben die Sophisten l�ngst bewiesen, da� es auf der Welt keine absolute Wahrheit gibt, da� alle Wahrheiten nur bedingt gelten und gegeneinander abgewogen werden m�ssen. �brigens habe ich ihn selbst gefragt, was Wahrheit sei. Aber darauf wollte oder konnte er nicht antworten.�</p><p>�Nein, ich fand keine Schuld an diesem Menschen�, fuhr Pilatus nachdenklich fort. �In seiner j�mmerlichen Verfassung nach den Mi�handlungen der Juden schien er mir im Gegenteil der harmloseste und, in edlem Sinne, schlichteste Mensch, dem ich je begegnet bin. Er hatte gar keine Angst vor mir; er verteidigte sich nicht einmal. In ihm war echte Seelenst�rke. Ich mu� gestehen, da� ich mich, trotz meiner hohen Stellung als Prokonsul, ihm gegen�ber irgendwie als der Schw�chere empfand. Aber das war kein dem�tigendes Gef�hl. Eher k�nnte ich sagen, da� es mir wohltat, mit ihm zu sprechen und seine gelassenen Antworten zu h�ren. Er versuchte nie, sich zu rechtfertigen, und wurde nie ausf�llig.�</p><p>Pilatus blickte mich an, l�chelte wieder und f�gte in vers�hnlichem T�ne hinzu: �Ich hielt es f�r angezeigt, dir das alles zu sagen, damit du mich nicht falsch beurteilst. Ich wollte sein Bestes; aber die politischen Umst�nde hatten sich unerbittlich gegen ihn verschworen. Es war unm�glich, ihn zu retten, da er selbst keinen Finger zu seinen Gunsten r�hrte. Im Gegenteil, es war, als h�tte er nur auf sein Schicksal gewartet und es im voraus genau gekannt.�</p><p>Sein Gesicht wurde hart; er starrte mich finster an und sagte schlie�lich: �Ein au�ergew�hnlicher Mann, vielleicht sozusagen ein Heiliger! Aber Gott war er keiner, Marcus�� gib dich da nicht einer T�uschung hin! Er war ein Mensch, ein lebendes Menschenwesen, so wie wir alle. Du selbst hast ihn nach Menschenart sterben sehen. Nicht einmal die Furien selber k�nnten mir die Wahnvorstellung einfl��en, da� ein Toter auferstehen und durch die Leichenh�llen in die Luft entschwinden kann. Alles auf dieser Welt findet eine nat�rliche�� und gew�hnlich ziemlich einfache�� Erkl�rung.�</p><p>So sprach er zu mir, weil die Angelegenheit ihn st�ndig beunruhigte und weil er sich als r�mischer Beamter auf greifbare Tatsachen beschr�nken wollte. Er mu�te es tun. Ich sah das ein und widersprach ihm nicht, sondern schwieg hartn�ckig. Sp�ter bereute ich dieses Schweigen; denn h�tte ich ihn gefragt, so w�re er in diesem Augenblick der Gewissenserforschung sicherlich bereit gewesen, mir alles zu erz�hlen, was w�hrend des Verh�rs vorgegangen war und was der Nazarener ihm geantwortet hatte.</p><p>Nun aber trat Adenabar ein. Der Prokurator nickte ihm zu und sagte: �Sprich!�</p><p>Der Zenturio rieb sich aufgeregt die H�nde und fragte: �Herr, was willst du, da� ich dir berichte?�</p><p>Pilatus entgegnete barsch: �Es handelt sich hier nicht um ein gerichtliches Verh�r, sondern um eine vertrauliche Unterredung von Mensch zu Mensch. Ich fordere dich nicht auf, die Wahrheit zu reden; Wahrheit ist etwas, wor�ber wir beide, du und ich, wenig wissen. Erz�hle mir einfach, was diese Burschen tats�chlich gesehen zu haben glauben!�</p><p>�Sie haben jeder drei�ig Silberst�cke bekommen�, begann Adenabar. �Daf�r legten ihnen die Juden in den Mund, was sie aussagen sollten. In Wirklichkeit hatten sie w�hrend der Nacht Angst und trauten sich kaum, in der N�he des Grabes zu schlafen, aus Furcht vor Gespenstern. Als die Erde zu beben anfing, waren bestimmt zwei der Soldaten ordnungsgem�� auf Wache. Der Erdsto� warf sie zu Boden. Sobald der Stein vor der Gruftt�r losbrach, wachten alle auf und h�rten in der Finsternis etwas Schweres auf sich zukollern. Und dann���</p><p>Adenabar hielt verlegen inne und meinte entschuldigend: �Ich wiederhole nur, was mir gesagt wurde. Die Burschen mu�ten nicht einmal ausgepeitscht werden, so redselig waren sie von selbst, wohl aus Bedauern dar�ber, da� wir ihnen das Geld weggenommen hatten. Als sie dem rollenden Stein entgangen waren, zitterten sie alle vor Entsetzen, und sie sahen ein blendend wei�es Licht, einem Blitze gleich, obwohl kein Donner zu h�ren war. Der Blitzstrahl schleuderte sie wieder zu Boden, so da� sie eine Zeitlang des Augenlichtes beraubt und bet�ubt dalagen, wie Tote. Als sie es endlich wagten, sich dem Grabe wieder zu n�hern, vernahmen sie keine Bewegung, kein Ger�usch, keine Schritte. Sie sahen auch keine menschlichen Gestalten und sind der festen Meinung, niemand h�tte, ohne von ihnen bemerkt zu werden, in die Gruft eintreten und sie wieder verlassen k�nnen. Nachdem sie untereinander beraten hatten, lie�en sie zwei M�nner als Wache zur�ck, w�hrend die vier anderen�� ohne den Mut aufzubringen, sich durch eigenen Augenschein Gewi�heit dar�ber zu verschaffen, ob der Leichnam noch vorhanden war�� sich eilends davonmachten, um den Juden das Geschehene zu melden.�</p><p>Pilatus sann �ber diesen Bericht nach. Dann wandte er sich an mich und fragte: �Marcus, welche Version h�ltst du f�r glaubw�rdiger: die von den Juden f�r wahr hingestellte oder die uns eben geschilderte?�</p><p>Ich antwortete freim�tig: �Ich kenne die Logik der Sophisten und die Wahrheit der Kyniker. Ich bin auch in Mysterien eingeweiht worden, f�r die ich mich �brigens, bei aller Sch�nheit ihrer Sinnbilder, nicht erw�rmen konnte. Die Philosophie hat einen Zweifler aus mir gemacht. Aber die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Welt hat mir immer wie ein Dolch im Herzen gebohrt. Jetzt durchschaue ich diese Dinge v�llig. Mit eigenen Augen habe ich Jesus sterben sehen. Und mit eigenen Augen habe ich mich heute davon �berzeugt, da� keine irdische Macht ihm den Weg aus dem Grabe ge�ffnet hat. Wie du selbst vorhin sagtest: die Wahrheit ist einfach. Heute morgen kam das Reich dieses Heiligen zur Erde herab. Die Erde bebte und legte das Grab frei. Als er sich erhob und die Gruft verlie�, blendete sein Glanz die Wachen. Wie einfach ist das alles! Warum sollte ich statt dessen irgendwelche zusammengebrauten Geschichten glauben, die nichts mit den Tatsachen zu tun haben?�</p><p>�Marcus, mach dich nicht l�cherlich!� wehrte der Prokurator ab. �Denke daran, da� du r�mischer B�rger bist! Und du, Adenabar, f�r welche Auffassung bist du?�</p><p>�Herr, in dieser Sache habe ich keine eigene Meinung�, erwiderte der Zenturio diplomatisch.</p><p>�Marcus�, beschwor der Statthalter mich, �willst du ernstlich, da� ich mich zum allgemeinen Gesp�tt mache, indem ich die Legion, alle Besatzungen in Jud�a, zur Gefangennahme eines aus seinem Grabe Entwichenen aufbiete? Das w�re ja, wenn du recht h�ttest, meine Pflicht. Besondere Merkmale: eine bis ins Herz reichende Stichwunde an der Seite; N�gelmale an H�nden und F��en; nennt sich K�nig der Juden.�</p><p>Etwas ruhiger fuhr er fort: �Aber ich will dir die Wahl erleichtern. Ich habe dich nicht gefragt, was du f�r die Wahrheit h�ltst, sondern, welche der beiden Versionen dir f�r die Welt, in der wir leben, glaubw�rdiger erscheint. Oder, noch besser, welche von den beiden politisch sachdienlicher ist, sowohl vom j�dischen wie vom r�mischen Gesichtspunkt. Du' wirst gewi� verstehen, da� ich ohne R�cksicht auf meine eigene Meinung den politisch zweckm��igsten Weg einschlagen mu�.�</p><p>�Ja, und jetzt verstehe ich auch deine Frage an ihn: �Was ist Wahrheit?��, entgegnete ich erbittert. �Mag es also bei deiner Auffassung bleiben! Jedenfalls bist offenbar du damit zufrieden. Die Juden haben sich auf deine Seite geschlagen und dir zweierlei ins Haus geliefert: eine glaubw�rdige Geschichte und ein Geschenk, damit die Fabel dir s��er eingeht. Nat�rlich ist ihre Version sachdienlicher. Ich gedenke nicht, den Kopf in deine Schlinge zu stecken und die Gelegenheit zu bieten, mich politischer R�nke zu zeihen. So t�richt bin ich nicht. Aber vielleicht gestattest du mir, pers�nlich bei meiner eigenen Ansicht zu bleiben. Ich werde sie nicht austrompeten.�</p><p>�Dann sind wir alle drei der gleichen Meinung�, erkl�rte Pilatus sehr gelassen. �Je rascher wir die Sache vergessen, desto besser. Du, Adenabar, und der Festungskommandant k�nnt euch jeder ein Drittel des Judengeldes nehmen�� das ist nur recht und billig. Gebt aber den Wachsoldaten je zehn Silberst�cke, um ihnen die M�uler zu stopfen. Morgen soll man sie freilassen und zu gelegener Zeit �ber die Grenze abschieben, wom�glich nach verschiedenen Himmelsrichtungen. Falls sie jedoch unangebrachterweise alberne Ger�chte zu verbreiten anfangen, m�ssen wir raschest einschreiten.�</p><p>Ich nahm diese Bemerkung als Wink, da� auch ich gut daran tat zu schweigen, zumindest, solange ich in Jud�a bleiben wollte. Aber wenn ich es recht �berlege, k�nnte ich ohnedies nirgends in der ganzen gesitteten Welt offen von meinen Erlebnissen reden. Man w�rde mich sonst entweder f�r einen Wirrkopf halten oder f�r einen Aufschneider, der sich wichtig machen m�chte. Im schlimmsten Falle k�nnte Pilatus mich als politischen Unruhestifter anzeigen, der sich zum Schaden Roms in j�dische Angelegenheiten mische. Heutzutage kommt es vor, da� aus nichtigeren Gr�nden B�rger um einen Kopf k�rzer gemacht werden.</p><p>Diese Erw�gungen bedr�ckten mich. Doch ich tr�stete mich damit, da� ich die Wahrheit in erster Linie f�r mich selbst herausfinden wollte und nicht, um sie anderen zu erz�hlen.</p><p>Als Adenabar gegangen war, fragte ich den Prokurator in aller Bescheidenheit: �Aber nachgehen darf ich doch dieser Sache mit dem Judenk�nig? Nicht seiner Auferstehung; dar�ber will ich schweigen. Aber �ber seine Taten und Lehren m�chte ich etwas erfahren. Vielleicht kann ich einigen Nutzen daraus ziehen. Du sagst ja selbst, er sei ein au�ergew�hnlicher Mensch gewesen.�</p><p>Pilatus rieb sich das Kinn, blickte mich wohlwollend an und erwiderte: �Ich glaube, am besten t�test du, diesen Mann ganz zu vergessen und dir mit dieser j�dischen Religion nicht das Hirn zu zermartern. Du bist noch jung, du bist wohlhabend und ungebunden, du hast einflu�reiche Freunde, und das Leben l�chelt dir zu. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Solange du also deine Neugierde behutsam und unauff�llig befriedigst, werde ich dir nichts in den Weg legen. Augenblicklich ist in Jerusalem dieser Jesus noch in aller Munde; aber du ahnst nicht, wie kurz das Ged�chtnis der Menschen ist. Seine Sch�ler werden bald in alle Winde zerstreut sein und nach Hause zur�ckkehren. Glaube mir, in ein paar Jahren redet kein Mensch mehr von dem Manne.�</p><p>Ich verstand, da� damit unser Gespr�ch beendet war, und ging, da der Statthalter mich nicht zu sich eingeladen hatte, in die Offiziersmesse essen. Mich qu�lte solche Unrast, da� ich kaum h�rte, was man zu mir sprach, und nach dem Mahle konnte ich nicht wie die anderen der Mu�e pflegen. Unschl�ssig verlie� ich die Burg und streifte planlos in der Stadt umher. Die Stra�en waren voll Menschen, die nach dem Fest heimkehrten. Ich sah Vertreter s�mtlicher Rassen der Erde und versuchte, mir in den j�dischen L�den die Waren aus aller Herren L�nder anzuschauen. Aber dergleichen hatte ich schon in anderen gro�en St�dten gesehen, und ich fand keinerlei Vergn�gen daran.</p><p>Nach einiger Zeit merkte ich, da� mein Blick sich nur auf eines heftete: auf die an den H�userw�nden kauernden Bettler, auf ihre verkr�ppelten Glieder, blinden Augen und schw�renden Beulen. Dar�ber wunderte ich mich; denn an Bettler gew�hnt der Reisende sich derart, da� er sie ebensowenig beachtet wie die ihn umschwirrenden Fliegen. Die armen Kerle sa�en reihenweise beiderseits der Stra�e vor dem Tempel, und jeder schien seinen angestammten Platz zu haben. Sie streckten die H�nde aus, riefen laut mit weinerlicher Stimme und stie�en und knufften einander.</p><p>Es schien, als w�re mit meinen Augen irgend etwas nicht in Ordnung; denn statt der Putzl�den, statt der Pharis�er mit ihren m�chtigen Mantelquasten und der morgenl�ndischen H�ndler, statt des anmutigen Schreitens der Wassertr�gerinnen erblickte ich allenthalben nur Bettler, verst�mmelte, jammervolle Gestalten. So wurde ich der Stadtstra�en m�de, trat durch ein Tor der Rundmauer ins Freie und sah wiederum den Hinrichtungsh�gel vor mir. Ich eilte an ihm vorbei und trat in den Garten, wo das Grab war. Ich bemerkte, da� dieser Platz mit seinen Obstb�umen und Kr�uterbeeten sich lieblicher ausnahm, als ich gedacht hatte. Jetzt, w�hrend der Mittagsruhe, war es hier menschenleer. Meine Schritte f�hrten mich zu der Felsengruft; nochmals betrat ich sie und sah mich darin um. Die Linnen waren entfernt worden, und nichts mehr Ungew�hnliches fiel dem Betrachter auf, au�er vielleicht dem Geruch nach Spezereien.</p><p>Sobald ich das Grab verlie�, �bermannte mich so ungeheure M�digkeit, wie ich sie noch nie empfunden zu haben glaube. Ich hatte zwei N�chte nicht richtig geschlafen, und die vergangenen beiden Tage schienen mir, ebenso wie der jetzige dritte, die l�ngsten meines Lebens. Vor Ersch�pfung taumelnd schleppte ich mich in den Schatten eines Myrtenstrauches, warf mich ins Gras, h�llte mich in meinen Mantel und schlief sofort ein.</p><p>Als ich erwachte stand die Sonne tief, und es war schon die zehnte Stunde. Vogelgezwitscher umgab mich; der Wohlgeruch von Reseden und die K�hle frischer Luft h�llten mich ein. Ich setzte mich auf und f�hlte mich wunderbar ausgeruht. Meine Unrast war verflogen, und ich sp�rte keinen Drang mehr, mich mit t�richten Gedanken abzuqu�len. Ich sog die w�rzige Luft ein; die ganze Welt schien mir verj�ngt. Und pl�tzlich bemerkte ich, da� der trockene, l�stige W�stenwind sich gelegt hatte und da� alles auf Erden erquickt war. Der Wind mochte schon am Morgen abgeflaut sein, ohne da� ich etwas davon gemerkt hatte. Aber jetzt schmerzte mir der Kopf nicht l�nger, meine Augen brannten nicht mehr vor Schl�frigkeit, ich hatte keinen Hunger, keinen Durst. Ich sp�rte nur, da� es herrlich war, zu atmen, zu leben, da zu sein als Mensch in der Menschenwelt.</p><p>Ich sah einen G�rtner durch den Garten wandeln, die �ste der Obstb�ume heben und die Fruchtans�tze betasten. Er war wie ein Mann aus dem Volke gekleidet, in einen schlichten �berwurf mit kleinen Quasten, und zum Schutz vor der Sonne hatte er den Kopf bedeckt. Ich dachte mir, der Mann k�nnte b�se werden dar�ber, da� ich mich unerlaubt in seinem Garten schlafen gelegt hatte; die j�dischen Br�uche sind ja sehr verwickelt, und ich wu�te wenig davon. Deshalb erhob ich mich rasch, ging auf den G�rtner zu, gr��te ihn und sagte: �Dein Garten ist pr�chtig, und ich hoffe, du nimmst es mir nicht �bel, da� ich hier geruht habe, ohne um Erlaubnis zu fragen.� In diesem Augenblick h�tte ich niemanden auf der ganzen Welt kr�nken wollen.</p><p>Er wandte sich mir zu und l�chelte so g�tig, wie noch kein Jude mir zugel�chelt hatte, mir, einem glattwangigen R�mer. Mehr noch aber �berraschte mich seine Antwort. Er entgegnete freundlich, fast verlegen: �In meinem Garten ist auch f�r dich Platz. Ich kenne dich ja.�</p><p>Ich nahm an, er sei vielleicht kurzsichtig und verwechsle mich mit irgendwem anderen. Erstaunt sagte ich: �Wie du bemerken wirst, bin ich Ausl�nder. Woher solltest du mich denn kennen?�</p><p>In der r�tselvollen Art der Juden entgegnete er: �Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.�</p><p>Er winkte mir zu, mit ihm zu kommen. In der Meinung, er wolle mir etwas zeigen oder mir irgendwie seine Gastfreundschaft erweisen, folgte ich gerne der Aufforderung. Er schritt voraus, und ich bemerkte, da� er stark hinkte, obwohl er mir noch keineswegs alt vorkam. An einer Wegbiegung hob er wieder einen herabh�ngenden Ast, und ich sah, da� seine Hand verletzt war. Er hatte eine h��liche Wunde an der Handwurzel, die noch nicht verheilt schien. Bei diesem Anblick blieb ich wie versteinert stehen, und f�r eine Weile versagten die Beine mir den Dienst. Nochmals lie� der G�rtner vertraulich den Blick auf mir ruhen und setzte dann seinen Weg fort, um einen steilen Abhang herum.</p><p>Sobald ich mich wieder in der Gewalt hatte, lief ich laut rufend dem Manne nach; doch als ich um die B�schung bog, war er verschwunden. Obwohl das Weglein sich fortsetzte, konnte ich ihn nirgends entdecken, ebensowenig aber eine Stelle, wo er sich in so kurzer Zeit h�tte verstecken k�nnen. Die Knie schlotterten mir, und ich setzte mich ratlos mitten auf den Weg.</p><p>Den ganzen Vorfall habe ich hier genau so geschildert, wie er sich zutrug. Nun, da diese Zeilen niedergeschrieben sind, will ich ehrlich gestehen, da� ich eine Zeitlang fest daran glaubte, in der Gestalt des G�rtners dem auferstandenen Judenk�nig begegnet zu sein. Die h��liche Wunde an seiner Handwurzel war genau an der Stelle gewesen, wo bei der Kreuzigung der Henker den Nagel einschl�gt, damit die Knochen das Gewicht des an ihnen zerrenden K�rpers aushalten. Der Mann hatte behauptet, er kenne mich. Wie w�re das anders m�glich gewesen als dadurch, da� er mich vom Kreuz herab erblickt hatte?</p><p>Aber die kurze Spanne seelischer Entr�ckung ging vorbei, die Erde verbla�te vor meinen Augen wieder zu stumpfem Grau, und die Vernunft meldete sich. Ich sa� auf einem staubigen Weg, und ein freundlicher Jude hatte mir zugel�chelt. Weshalb war ich dadurch so au�er Rand und Band geraten? Es mochte wohl noch manche Juden geben, die zu Fremden h�flich waren. Lahme hatte ich in der Stadt mehr als genug gesehen, und an den H�nden verletzt ein G�rtner sich bei der Arbeit leicht. Seine Geb�rde mu� ich mi�verstanden haben; wahrscheinlich hatte er mich damit gar nicht auffordern wollen, ihm zu folgen, und war schlie�lich in eine ihm bekannte H�hle oder dergleichen getreten.</p><p>Vor allem: wenn er der Judenk�nig gewesen w�re, warum h�tte er sich ausgerechnet mir zeigen sollen? Wer bin ich, da� er so etwas t�te? Und andererseits: falls er es doch war und irgendeinen besonderen Grund f�r sein Erscheinen hatte, w�re er sicherlich mir gegen�ber auf seine Absichten und Anliegen zu sprechen gekommen; sonst entbehrte ja sein Sichtbarwerden jeden Sinnes.</p><p>Zun�chst nahm ich an, ich h�tte einfach getr�umt. Als ich mich jedoch aufrappelte und den Weg zur�ckging, fand ich die Stelle, wo ich unter dem Myrtenstrauch im Grase geschlafen hatte. Nein, Traum war es keiner gewesen. Ich streckte mich wieder hin, und mein durch Schulung gesch�rfter Verstand lehnte sich gegen die Unsinnigkeit meines Hirngespinstes auf. Nat�rlich w�re ich �bergl�cklich gewesen, den gekreuzigten K�nig auferstanden und lebend zu sehen; aber ich hatte kein Recht, meinen Wunsch f�r Wahrheit zu nehmen und mir einzureden, ich h�tte tats�chlich in Gestalt des G�rtners Jesus erblickt.</p><p>Derart teilten sich meine Gedankeng�nge, und mich erfa�te das erschreckende Gef�hl, in zwei verschiedene Wesen gespalten zu sein, von denen das eine zu glauben begehrte, w�hrend das andere sich �ber solche Leichtgl�ubigkeit lustig machte. Der Sp�tter hielt mir vor, ich h�tte einfach an Jugendlichkeit und Spannkraft verloren. Die Belastungen jenes alexandrinischen Winters, den ich abwechselnd mit Weingelagen in leichtfertiger Gesellschaft und mit dem Studium dunkler Weissagungen verbracht hatte, seien Gift f�r meine Seele gewesen. Die Fu�wanderung von Joppe hierher, die ersch�tternden Vorf�lle, deren Zeuge ich durch eine Laune des Zufalls geworden war, seien zusammen mit durchwachten N�chten und �bertriebener Schreibwut der bekannte letzte Tropfen zum �berlaufen eines randvollen Bechers gewesen oder die vielberufene Feder der Sophisten, die einem Kamel das R�ckgrat bricht. Ich k�nne meinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen, geschweige denn meiner Urteilskraft. Pontius Pilatus sei �lter als ich und dazu ein erfahrener, klarsichtiger Mensch. Wenn ich klug w�re, m��te ich mich an seinen Rat halten: mich ausruhen, die heilige Stadt Jerusalem besichtigen und meine Erlebnisse vergessen.</p><p>Mir fielen die b�sen Geister ein, die nach j�dischen Sagen in schwachm�tige Menschen fahren und von ihren K�rpern Besitz ergreifen. Ich hatte bei Gr�bern geschlafen und mich den dort lauernden Gefahren ausgesetzt. Das Schwierige f�r mich war nur, zu entscheiden, was in meinem Innern einem solchen D�mon entstammen mochte: jene Stimme, die mich glauben lie�, der Judenk�nig sei von den Toten auferstanden und ich h�tte ihn, als G�rtner verkleidet, gesehen, oder aber die Stimme, die mit all dem nur �tzenden Spott trieb.</p><p>Ich hatte kaum Zeit, diese Gedankeng�nge zu verfolgen; denn schon begehrte der L�sterer in mir auf: �So weit bist du also, da� du an die j�dischen D�monen glaubst! Du hast doch den �rzten in Alexandria beim Zerst�ckeln menschlicher Leichen zugeschaut und hast geh�rt, da� sie auch zum Tode verurteilten Verbrechern bei lebendigem Leibe den Rumpf aufgeschnitten haben, um ihre Seele zu suchen. Gefunden haben sie nichts. Du gaukelst dir vor, da� ein Mensch, den du am Kreuze sterben sahst und dem ein verh�rteter Legion�r das Herz mit einer Lanze durchbohrt hat, als einziger unter allen Menschen von den Toten auferstanden sein k�nnte. Solche Dinge sind unm�glich; und Unm�gliches ereignet sich nicht.�</p><p>Aber mein glaubensbereites Ich widersprach: �Marcus, wenn du jetzt aufgibst und dich zur�ckziehst, wirst du nie mehr im Leben Frieden finden. Unabl�ssig wirst du dich mit dem Gedanken qu�len, vor deinen Augen sei etwas geschehen, was nie zuvor geschah. La� dich nicht zu sehr von der Vernunft leiten! Alle Vernunft ist beschr�nkt und irref�hrend, wie die Sophisten bewiesen haben. Nichts hindert dich daran, unvoreingenommen und sachlich alles zu erforschen. Erst w�ge, dann wage! Die Tatsache, da� sich etwas dergleichen bisher nie zugetragen hat, beweist nicht, da� es sich nie zutragen kann. Hier geht es um etwas weit Gr��eres als bei den Anzeichen und Vorboten, an die du stets wenigstens halb und halb geglaubt hast. Verla� dich mehr auf dein Gef�hl als auf deinen Verstand! Du bist nicht einer der sieben Weltweisen, und niemand hat, auf welchem Gebiet immer, Erfolg gehabt, wenn er den Verstand allein sprechen lie�. Sulla hat sich auf sein Gl�ck verlassen; C�sar aber glaubte nicht, da� die Iden des M�rz ihm Verderben bringen w�rden. Sogar die vernunftlosen Tiere verhalten sich unbewu�t kl�ger als der Mensch. Denke daran, wie vor dem Erdbeben die V�gel zu singen aufh�rten und der Esel scheu wurde! Denke an die Ratten, die das Schiff verlassen, weil es bei der n�chsten Ausfahrt dem Untergang geweiht ist!�</p><p>Ein solcher innerer Zwiespalt l��t sich schwer beschreiben, und ich glaube, niemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, wird ihn verstehen. Es ist ein schreckliches Erlebnis, und ich h�tte wohl dar�ber den Verstand verloren, w�rde nicht in meinem Innersten eine k�hle Gelassenheit wohnen, die mich stets auch durch die schwersten St�rme der Seele sch�tzend geleitet hat. Aus Erfahrung wu�te ich, da� es in diesen F�llen am besten ist, stillzuhalten und sich vor unn�tzem Gr�beln zu h�ten.</p><p>Als ich mich wieder gesammelt hatte, war der Abend schon nahe, und die Schatten der H�gel fielen in die T�ler; oben aber, hoch �ber dem H�usergewirr, leuchtete der Judentempel purpurn in der Sonne. Ich ging in die Stadt und machte mich auf die Suche nach dem Hause des j�dischen Bankiers, um meinen Kreditbrief einzul�sen; ich sah voraus, da� ich f�r meine Nachforschungen ziemlich viel Geld brauchen w�rde. Das Geb�ude befand sich in der N�he des Theaters und des Hohenpriester-Hauses in einem erst k�rzlich aufgebauten Stadtviertel.</p><p>Nachdem ich mein Anliegen dem mir �ffnenden Bedienten mitgeteilt hatte, empfing mich der Bankier selbst. Nach all der j�dischen Ruppigkeit, der ich bisher gew�hnlich begegnet war, wurde sein Betragen zu einer wirklichen �berraschung f�r mich. Er forderte mich gleich auf, ihn mit seinem griechischen Namen, Aristainos, anzureden, und sagte:</p><p>�Ich habe schon von dir geh�rt. Ein Brief aus Alexandria hat dich mir angek�ndigt; und als du nicht gleich kamst, f�rchtete ich schon, du w�rest unterwegs R�ubern in die H�nde gefallen. Gew�hnlich sprechen ausl�ndische Reisende zuallererst bei mir vor, um ihr Geld einzuwechseln und sich zu erkundigen, wie man es am besten loswerden kann; w�hrend des Festes ist n�mlich Jerusalem, so tr�bselig es aussehen mag, eine recht fr�hliche und vielseitige Stadt. In der Regel erscheinen dann die Kunden ein zweitesmal bei mir: um sich Geld f�r die Heimreise auszuborgen. Und bei dieser Gelegenheit verdiene ich, offen gestanden, mehr als bei der Einl�sung eines Kreditbriefes. Falls du w�hrend deines hiesigen Aufenthaltes in irgendwelche Schwierigkeiten ger�tst, so besuche mich ohne Z�gern! Mich setzt nichts in Erstaunen, was lebenslustige junge M�nner auf Reisen tun. Nach den Festtagen kommt es vor, da� in der Fr�he, wenn die Tempelh�rner blasen und meine Haust�r ge�ffnet wird, auf der Schwelle einer meiner Kunden liegt, der in der Nacht sogar Mantel und Sandalen durchgebracht und dann zum Schlafen den Kopf auf die nackten Steine gebettet hat.�</p><p>Er sprach l�ssig, wie ein Mann von Welt. Trotz seiner angesehenen Stellung war er nicht viel �lter als ich. Der Form halber trug er einen kurzen Bart, und seine Mantelquasten waren so winzig klein, da� man sie fast nicht bemerkte. Sein Haar war auf griechische Art gekr�uselt und roch nach kostbaren �len. Er war in jeder Beziehung ein stattlicher, ansehnlicher Mann.</p><p>Ich erz�hlte ihm, da� ich in der Burg Antonia als Gast des Statthalters wohnte, weil mir die R�mer aus Furcht vor Unruhen abgeraten hatten, w�hrend des Passahfestes in der Stadt Quartier zu nehmen. Aristainos breitete best�rzt die Arme aus und rief:</p><p>�Das ist eine Verleumdung! Das ist falsches, b�swilliges Gerede! Unser Hoher Rat verf�gt �ber eine Polizeitruppe, die durchaus in der Lage ist, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich glaube, mit Aufwieglern und Fanatikern werden unsere eigenen Priester sogar besser fertig als die R�mer. Nat�rlich kann die Stadtbev�lkerung die syrischen Legion�re nicht leiden; aber der Grund hierf�r liegt haupts�chlich in dem herausfordernden Betragen der Soldaten. Ein reisender Ausl�nder jedoch, der Geld in die Stadt bringt, unsere Br�uche achtet und die Ordnungsvorschriften einh�lt, kann der besten Aufnahme sicher sein. Man hegt und pflegt ihn; Fremdenf�hrer wetteifern darin, ihm die Sehensw�rdigkeiten zu zeigen, w�hrend viele Schriftgelehrte bereit sind, ihm unsere Glaubenswahrheiten darzulegen. Er kann sich einen Gasthof in jeder beliebigen Preislage w�hlen, vom teuersten bis zum bescheidensten; und innerhalb der Mauern gewisser H�user sind alle erdenklichen Vergn�gen �gyptischer, griechischer oder babylonischer Art erlaubt und den Fremden zug�nglich. Sogar indische Tanzm�dchen findest du hier, wenn du etwas ganz Erlesenes zu sehen w�nschst. Aber nat�rlich tut der Reisende gut daran, in dem neuen Stadtteil beim Forum zu wohnen.�</p><p>Ich erkl�rte, der Ostwind h�tte mir l�stige Kopfschmerzen bereitet, und es sei recht ungem�tlich, in aller Herrgottsfr�he durch ein Erdbeben und das Poltern herabfallender Schilde geweckt zu werden.</p><p>Aristainos nahm seine Stadt noch eifriger in Schutz und wandte ein: �Diese beiden kleinen Erdst��e waren doch ganz belanglos; sie haben keinen nennenswerten Schaden angerichtet. Wenn du hier in diesem besseren Stadtteil gewohnt h�ttest, w�rdest du, glaube ich, das Beben am Morgen �berhaupt kaum bemerkt haben. Ich nahm mir nicht einmal die M�he, das Bett zu verlassen. In der Antonia-Gegend mu� man die Sache allerdings stark gesp�rt haben, wenn dort sogar die Schilde von den W�nden gefallen sind.�</p><p>Nun aber wollte ich, obwohl mir die darin liegende Unh�flichkeit bewu�t war, das Gespr�ch auf Jesus von Nazareth bringen und sagte, wie, um mich �ber einen weiteren Mi�stand zu beklagen: �Und dann seid ihr hingegangen und habt euren K�nig gekreuzigt, gerade, als ich in der Stadt ankam. Das war kein lieblicher Anblick.�</p><p>Die Miene des Bankiers verd�sterte sich. Doch er klatschte in die H�nde, bestellte Honigwein und Backwerk und erwiderte: �Du bist ein seltsamer Reisender; nur unangenehme Dinge bemerkst du in dieser Stadt, der einzigen wirklich heiligen auf der Welt. Sei so freundlich und setze dich! Nachdem du offenbar von diesen Dingen wie der Blinde von der Farbe redest, m�chte ich dir einiges klarmachen. Wir Juden kranken allerdings an unseren heiligen Schriften und Weissagungen; aber das scheint mir keineswegs verwunderlich. Unsere Glaubenslehre ist ja die merkw�rdigste auf Erden, und unsere Geschichte ist ganz unerh�rt. Unter allen V�lkern verehren allein wir einen einzigen Gott, der uns keine anderen G�tter gestattet; und von allen L�ndern ist Israel das einzige mit nur einem Tempel, hier in Jerusalem, wo wir unseren Gott nach Vorschriften anbeten, die er selbst uns durch die gro�en F�hrer unseres Volkes geoffenbart hat.�</p><p>L�chelnd forderte er mich auf, einen Becher Wein zu nehmen und das Backwerk zu kosten. Doch den Becher kredenzte er mir nicht mit eigener Hand, und ich bemerkte auch, da� meine Kuchen auf einer anderen Sch�ssel lagen als seine. Er folgte meinem Blick und erkl�rte mit einem Schmunzeln:</p><p>�Du wirst dir denken, da� ich eben ein Jude bin und noch dazu ein in Vorurteilen befangener Jude. Aber wenn ich nicht aus dem gleichen Becher trinke und in die gleiche Sch�ssel greife wie du, so geschieht es nur der Dienstboten wegen. Glaube nicht, da� ich mich irgendwie besser d�nke als du! Ich bin ja ein aufgekl�rter Mensch und verletze unsere Glaubensvorschriften vielfach, obwohl ich mich nach au�enhin bem�he, sie einzuhalten. Wir haben unsere Pharis�er, die sich und dem ganzen Volk das Leben unertr�glich verg�llen durch die Forderung, die �berlieferung m�sse bis zur letzten Silbe befolgt werden. Das ist der Streitpunkt zwischen ihnen und uns. Im �brigen aber sichert unser Gesetz die Einheit des Volkes. In allen St�dten der Welt h�lt dieses gleiche Gesetz alle Juden zusammen und bewahrt sie davor, sich mit den Fremden zu vermischen und von ihnen aufgesogen zu werden. Sonst h�tte unser Volk, das schon in �gypten und dann in Babylon versklavt war, l�ngst seine Eigenst�ndigkeit verloren. Ich selbst bin ein gebildeter Mann, im Herzen Grieche, und kann einer Bindung des Geistes durch den Buchstaben nicht beipflichten; aber wenn es darauf ank�me, w�rde ich mich f�r unseren Gott und den Tempel in St�cke hauen lassen.</p><p>Unsere Geschichte zeigt, da� wir Juden das auserw�hlte Volk Gottes sind. Gewi� mu� man als vern�nftiger, Mensch zugeben, da� es im Vergleich zu der unfa�baren Glorie unseres Gottes wenig bedeutet, wie jemand i�t oder trinkt oder seine H�nde und sein Geschirr reinigt. Aber diese komplizierten Sitten und Br�uche, die Beschneidung, die Sabbatheiligung und alle anderen Vorschriften, die einem Ausl�nder darzulegen viel zu umst�ndlich w�re�� alle diese Dinge halten unser Volk hier in diesem kleinen Land zwischen Ost und West zusammen, so da� wir nicht in anderen Nationen aufgehen, wenn der Messias auf die Erde kommt und sein Reich gr�ndet.�</p><p>Er warf mir einen Seitenblick zu und f�gte rasch bei: �So haben unsere Propheten es vorausgesagt. Aber nimm das keineswegs w�rtlich oder auch nur als politischen Traum, in dem Sinne, da� eines Tages die Juden unter F�hrung des Messias die Welt beherrschen sollten. Blo� die einfachen Leute�� die Plebejer, wie du als R�mer sie nennen w�rdest�� h�ngen solchen Hirngespinsten nach. Allerdings sind wir Juden alle miteinander Schw�rmer; deshalb taucht in unserer Mitte ein Messias nach dem anderen auf und versucht sein Gl�ck. So armselig kann kein W�rdentr�ger sein, da� er nicht, sofern er nur an sich selbst glaubt, etliche simple Menschen um sich schart. Aber wenn und falls der wirkliche Messias kommt, dann werden wir ihn, dessen sei versichert, von den falschen Anw�rtern unterscheiden k�nnen. Da haben wir einige Erfahrung. Einer unserer Makkab�erk�nige lie� dreitausend fanatische Volksbetr�ger ans Kreuz schlagen. Wozu kr�nkst du dich also ausgerechnet �ber den einen, der jetzt wieder das Volk glauben machen wollte, er sei der K�nig und der Messias?�</p><p>W�hrend er sprach, hatte ich Honigwein getrunken und Backwerk gegessen. Der Wein stieg mir belebend zu Kopf, und ich vergalt meinem Gastgeber lachend seinen Spott von vorhin: �Wozu dieser Wortschwall und diese Leidenschaftlichkeit, wenn die Sache wirklich so belanglos ist, wie du behauptest?�</p><p>Er erkl�rte: �Glaube mir: Messiasanw�rter kommen und gehen; aber unser Gott bleibt ewig, und der Tempel sammelt alle Juden, nun und immerdar. Wir haben Ursache, den R�mern dankbar zu sein, die unsere glaubensbedingte Sonderstellung unter den V�lkern erkannt haben und uns Selbstverwaltung gew�hren. Beide Kaiser, Augustus und Tiberius, waren uns gn�dig und haben unseren Beschwerden Geh�r geschenkt, so da� unsere Lage jetzt gefestigt ist. Ja, es geht dem Lande unter der r�mischen Herrschaft und Zivilisation besser, als wenn wir ein unabh�ngiger Staat w�ren und f�r ein stehendes Heer und f�r st�ndige Kriege mit neidischen Nachbarn Geld ausgeben m��ten. Heute haben wir F�rderer und F�rsprecher in jeder bedeutenden Stadt der Erde, sogar in Gallien und Britannien und an den skythischen K�sten; denn auch die Barbaren sch�tzen unser Geschick als Kaufleute. Ich besch�ftige mich zum Zeitvertreib mit der Ausfuhr von Obst und N�ssen nach Rom. Mein einziger Kummer ist, da� wir keine eigene Flotte besitzen, weil wir Juden aus irgendwelchen Gr�nden eine Scheu vor dem Meer haben. Aber zum Tempel wird jeder fromme Jude, wenn er es k�rperlich vermag, immer wieder reisen, um sein Opfer darzubringen; und mit diesen Pilgern flie�t unserem Tempel in Form von Weihegeschenken stets wachsender Reichtum zu. Darum wirst du vielleicht verstehen, da� wir nicht unt�tig zusehen k�nnen, wenn die Leute durch K�nigstr�ume aus dem Gleichgewicht gebracht werden.�</p><p>Ihm schien viel daran zu liegen, mich davon zu �berzeugen, da� die Politik des Hohen Rates richtig war. Er beugte sich n�her zu mir und fuhr fort: �Aber bei allem Wohlstand leben wir am Rande eines Abgrunds. Jeder habgierige Statthalter kann sich darauf einstellen, in unserem Lande durch Entzweiung zu herrschen, also etwa machtgierigen M�nnern aus unserem Volke ein gewisses Ma� an Unterst�tzung zu gew�hren und uns dann pl�tzlich der Widersetzlichkeit und Auflehnung zu zeihen, so da� er unsere Selbstverwaltung einschr�nken und den Tempelschatz pl�ndern kann. Es liegt in unserem und eigentlich auch in Roms wohlverstandenem Interesse, da� die gegenw�rtige Lage erhalten bleibt und noch gefestigt wird, indem man dem politisch unvoreingenommenen Hohen Rat alle Unterst�tzung zuteil werden l��t.</p><p>Was dieser Hohe Rat ist, wirst du vielleicht am besten verstehen, wenn ich dir sage, da� er etwa dem r�mischen Senat entspricht und sich durch eigene Zuwahl erg�nzt. Dem Rat geh�ren die Hohenpriester an, ferner die hervorragendsten Schriftgelehrten und, als Laienmitglieder, jene M�nner, die wir die �ltesten nennen, obwohl sie keineswegs alle alt sind, sondern durch Geburt oder Verm�gen die Anwartschaft auf diese W�rde besitzen. Das Volk selber ist politisch ungeschult, und wir k�nnen ihm kein Mitspracherecht einr�umen. Deshalb m�ssen wir jeden aus den unteren Schichten kommenden Versuch, ihre politischen Rechte zu erweitern oder eine vom Volk getragene Monarchie wieder einzuf�hren, im Keime ersticken, so harmlos ein solches Unterfangen auch aussehen mag�� etwa, wenn es unter dem Deckmantel religi�ser Beweggr�nde oder, sagen wir, aus Menschenliebe ins Werk gesetzt wird.�</p><p>Mein geringsch�tziges Schweigen reizte ihn offenbar, sich noch eifriger zu rechtfertigen, als h�tte er doch irgendwie ein schlechtes Gewissen. Er erkl�rte: �Als R�mer bist du nur G�tterstatuen zu verehren gewohnt und kannst dir den ungeheuren Einflu�, den die Religion hier hat, nicht vorstellen. Unser Glaube ist unsere St�rke, aber gleichzeitig eine schwere Gefahr, weil die Fr�mmigkeit des Volkes jeden politischen Schw�rmer zwingt, sich, was auch immer seine geheimen Absichten sein m�gen, auf unsere heiligen Schriften zu berufen und aus ihnen darzutun, da� seine Ziele rechtm��ig sind. Nun wirst du nat�rlich sagen, da� dieser Jesus von Nazareth, den gerade noch vor dem Passahfest ans Kreuz zu bringen wir uns so beeilt haben, ein argloser, rechtschaffener Mann war, ein hervorragender Krankenheiler und ein gro�er Lehrer. Das mag zutreffen. Aber gerade solche untadeligen Idealisten, die durch ihre Pers�nlichkeit das Volk f�r ihre Neuerungspl�ne gewinnen, sind gef�hrlich. Aus politischer Unerfahrenheit glaubt ein solcher Mensch von jedem das Beste und wird zum Werkzeug von Ehrgeizlingen�� von M�nnern, denen es nicht das geringste ausmacht, wenn unsere ganze Gesellschaftsordnung zusammenbricht und das Volk dem Zorne Roms zum Opfer f�llt, sofern nur sie selber f�r eine Zeitlang ihrer Machtgier fr�nen k�nnen. Glaube mir, jemand, der sich selbst als Messias ausgibt, wird dadurch politisch zum Rechtsbrecher und verwirkt sein Leben, mag er auch, rein menschlich gesehen, noch so ehrenhaft sein.�</p><p>Er hielt inne und f�gte dann rasch hinzu: �Nat�rlich macht er sich gleichzeitig der Gottesl�sterung schuldig, auf die bei uns die Todesstrafe steht; doch f�r uns aufgekl�rte Menschen ist das Nebensache. H�tte aber der Nazarener sich nochmals im Tempel gezeigt, w�hrend des Passahfestes, so w�re ein Aufstand ausgebrochen; Fanatiker h�tten, mit ihm als Aush�ngeschild, selbst die F�hrung an sich gerissen, und es w�re Blut geflossen. Dann h�tten die R�mer eingegriffen, und mit unserer Selbstverwaltung w�re es vorbei gewesen. Besser, es stirbt ein Mensch, als da� das ganze Volk zugrunde geht.�</p><p>�Dieses Schlagwort habe ich schon einmal geh�rt�, warf ich ein.</p><p>�Denke nicht weiter an den Mann!� riet Aristainos mir eindringlich. �Wir sind nicht stolz auf seine Hinrichtung; mir pers�nlich tut er im Gegenteil aufrichtig leid. Anscheinend war er ja wirklich ein guter Mensch, dieser Jesus. Er h�tte in Galil�a bleiben sollen; dann w�re er kaum zu Schaden gekommen. Dort haben ihn sogar die Steuereinheber gern gehabt, und der Besatzungskommandant von Kapernaum soll mit ihm befreundet gewesen sein.�</p><p>Mir wurde klar, da� ein Hinweis' auf Jesu Auferstehung diesem Mann gegen�ber sinnlos gewesen w�re; er h�tte nur jede Achtung vor mir verloren und mich f�r einen leichtgl�ubigen T�lpel gehalten. Ich �berlegte ein wenig und sagte dann: �Du hast mich �berzeugt, und ich verstehe vollkommen, da� vom j�dischen Standpunkt aus der Tod das Nazareners politisch w�nschenswert war. Aber auf meinen Reisen pflege ich immer allerhand merkw�rdige Begebnisse zu sammeln; da kann ich dann sp�ter die Leute mit meinem Wissen unterhalten, und vielleicht lerne ich auch selbst ein bi�chen dabei. Unter anderem interessieren mich Wunderheilungen. In Antiochia habe ich als junger Mensch einen ber�hmten syrischen Zauberk�nstler gesehen, der ganz erstaunliche Heilungen bewirkte; und auch in �gypten gibt es Wallfahrtsorte, wo Kranke auf unerkl�rliche Art gesund werden. Deshalb m�chte ich gern mit irgendwem, den Jesus geheilt hat, zusammenkommen und etwas �ber sein Verfahren dabei erkunden.�</p><p>Ich tat, als fiele mir pl�tzlich etwas anderes ein. �Am interessantesten w�re es nat�rlich, einen seiner J�nger kennenzulernen�, rief ich. �So bek�me ich aus erster Hand Mitteilungen dar�ber, was er von sich dachte und wo er eigentlich hinauswollte.�</p><p>Aristainos machte eine verdrossene Miene und sagte: �Seine Gefolgsleute halten sich jetzt nat�rlich verborgen oder sind nach Galil�a geflohen. An unmittelbaren J�ngern hatte er, soviel ich wei�, nur zw�lf, von denen noch dazu einer dem Hohen Rat sein Versteck verriet. Es sind durchwegs einfache Leute, Fischer vom See Genezareth und dergleichen, bis auf einen gewissen Johannes, einen jungen Mann aus guter Familie, der vermutlich gebildet ist und griechisch spricht. Auch ein Z�llner ist �brigens unter ihnen. Also, wie du siehst, recht armselige Kerle! Ich glaube kaum, da� du viel aus ihnen herausbekommen k�nntest.�</p><p>�Aber�, fuhr er z�gernd fort, �wenn du wirklich so neugierig bist�� ich sehe, offen gestanden, keinen rechten Grund f�r einen solchen Wissensdrang, wo du doch statt dessen in Jerusalem ein lustiges Leben f�hren k�nntest��, so gibt es da einen Ratsherrn namens Nikodemus, der dir einiges sagen k�nnte. Er ist ein frommer Schriftforscher und sozusagen ein Mann der Erwartung, der Sehnsucht. An ihm ist nichts auszusetzen, obwohl er im Rat durch sein Eintreten f�r Jesus gro�en Unwillen erregt hat. Nur ist er f�r eine so hohe Stellung zu weltfremd. Darum wurde er auch zu der Nachtsitzung des Rates nicht beigezogen; es w�re ihm sehr nahegegangen, an dem Todesurteil gegen den Nazarener mitbeteiligt zu sein.�</p><p>�Von ihm habe ich schon geh�rt�, bemerkte ich. �War nicht er es, der euren K�nig vom Kreuz nahm und ins Grab legte? Er soll auch hundert Pfund Spezereien f�r die Bestattung beigestellt haben.�</p><p>Das Wort �K�nig� �rgerte Alistarnos; aber er berichtigte mich wenigstens nicht, wie andere Juden es getan haben. Widerstrebend gab er zu: �Du bist ja ausgezeichnet unterrichtet. Mit diesem Vorgehen haben Nikodemus und Joseph von Arimathia zweifellos ihr Mi�fallen an der Hinrichtung �ffentlich bekunden wollen; aber man mu� ihnen zugute halten, da� sie vor allem ihr eigenes Gewissen entlasten wollten. Joseph ist nur ein �ltester; Nikodemus ist jedoch einer der Lehrer Israels und h�tte es besser wissen k�nnen. Indes soll man nie nach dem �u�eren Schein die Absichten eines Menschen beurteilen. Vielleicht wollten die beiden durch die Grablegung des Galil�ers eine Kampfgruppe innerhalb des Rates um sich scharen, um die Macht des Hohenpriesters einzuengen.�</p><p>Die Vorstellung schien ihm Vergn�gen zu bereiten; denn er rief: �Und dagegen h�tte ich nichts einzuwenden! Die Unverfrorenheit des Kaiphas beginnt schon unseren Erwerb zu sch�digen. Den gesamten Handel mit Opfertieren und auch den Geldwechsel im Tempel hat er seinen unz�hligen Verwandten zugeschanzt. Du wirst es kaum glauben, aber nicht einmal ich habe im Tempelvorhof einen Wechslertisch, wenigstens nicht unter eigenem Namen. Mag also sein, da� Nikodemus, bei all seiner Arglosigkeit, ein wirklich guter Politiker ist. Aus dem Tempelvorhof einen l�rmenden Marktplatz zu machen, ist unziemlich, ja gesetzwidrig. Und beim Geldwechsel sollte ein gewisses Ma� an Wettbewerb zugelassen bleiben. Alle frommen Pilger w�rden daraus Nutzen ziehen, wenn ihnen nicht von Kaiphas ein Zwangskurs f�r den Tempelschekel aufgen�tigt w�rde.�</p><p>Die Gesch�ftsangelegenheiten des Bankiers interessierten mich nicht. Ich sagte: �Mit Nikodemus w�rde ich gerne zusammenkommen. Aber er d�rfte kaum geneigt sein, mich, einen R�mer, zu empfangen.�</p><p>�Im Gegenteil, teurer Freund!� rief Aristainos. �R�mer zu sein ist bei ihm nur eine Empfehlung. Ein j�discher Gelehrter rechnet es sich zur Ehre an, wenn ein r�mischer B�rger unseren Glauben kennenzulernen w�nscht. Du mu�t dich blo� f�r die Eingottlehre h�chst interessiert zeigen. Das �ffnet dir T�r und Tor und verpflichtet dich zu nichts. Wenn du willst, f�hre ich dich gern bei Nikodemus ein.�</p><p>Wir kamen �berein, da� er meinen Besuch ank�ndigen w�rde. Am n�chsten Abend sollte ich ohne weiteres nach Einbruch der D�mmerung bei Nikodemus vorsprechen. Ich hob etwas Geld ab, belie� aber den gr��ten Teil meines Guthabens bei Aristainos. Er wollte mir unbedingt einen seiner Bedienten aufdr�ngen, der ein erfahrener Fremdenf�hrer sei und mir zu allen geheimen Vergn�gungen Jerusalems Zutritt verschaffen k�nne. Aber ich deutete an, nach dem ausschweifenden Winter in Alexandria h�tte ich ein bestimmtes Gel�bde abgelegt. Er nahm das f�r bare M�nze, bewunderte meine Willenskraft, bedauerte jedoch zugleich, da� mir dadurch vielerlei entgehen werde.</p><p>Wir schieden wie Freunde. Er begleitete mich bis zum Haustor und h�tte mir einen Vorl�ufer mitgegeben, der mir den Weg durch die Stadt bahnen sollte; aber ich w�nschte keine unn�tze Aufmerksamkeit zu erregen. Nochmals versicherte Aristainos mir, ich k�nne, wenn ich in Schwierigkeiten geraten sollte, jederzeit zu ihm kommen. Fraglos ist er der umg�nglichste Jude, den ich bisher kennengelernt habe. Trotzdem konnte ich seine Freundschaftlichkeit nicht r�ckhaltlos erwidern. Seine Art, die Dinge zu sehen, war so unpers�nlich und n�chtern, da� mich fr�stelte und mein Mi�trauen von neuem erwachte; daraus entsprang wohl eine gewisse Widerborstigkeit in mir.</p><p>Als ich in die Burg zur�ckkam, erfuhr ich, da� Claudia Procula einigemal nach mir geschickt hatte. Ich begab mich eilends in ihre Turmgem�cher. Sie war schon zu Bett gegangen, kam aber, in ein leichtes Seidengewand geh�llt und einen �berwurf um die Schultern, von ihrer Kammerfrau begleitet, heraus, um mit mir zu reden. In ihren Augen funkelte es be�ngstigend, und die Linien ihres blassen Gesichts waren wie verstrichen. Allem Anschein nach war sie in einer Art Verz�ckung befangen.</p><p>Sie fa�te mit jeder Hand eine meiner H�nde und rief: �Marcus, Marcus, er ist von den Toten auferstanden! Dieser Judenk�nig ist auferstanden!�</p><p>Unwillig fragte ich sie: �Hat der Prokonsul dir nicht erz�hlt, da� seine J�nger in der Nacht seinen Leichnam aus dem Grab gestohlen haben? Dar�ber gibt es ein amtliches, von sechs Legion�ren beglaubigtes Protokoll.�</p><p>Claudia Procula stampfte mit dem Fu� auf und schrie: �Meinst du, da� Pontius an etwas anderes glaubt als an seinen Geldbeutel und den eigenen Vorteil? Aber ich habe Freundinnen in Jerusalem. Hast du nicht davon geh�rt, da� eine seiner Anh�ngerinnen beim ersten Morgengrauen zum Grab gekommen ist�� jene Frau, aus der er sieben b�se Geister vertrieben hat? Die Gruft war leer. Nur ein Genius stand dort, in blendendwei�em Kleid und mit einem Gesicht, flammend wie Feuer.�</p><p>�Da m�ssen wohl�, entgegnete ich schroff, �die D�monen von neuem in diese Frau gefahren sein.� Und niedergeschlagen dachte ich: In welche Dinge habe ich mich da eingelassen? Ist meine Narrheit schon so weit gediehen, da� ich im Geiste mit faselnden Weibern einen Wettstreit aufnehme?</p><p>Claudia Procula war gekr�nkt und bitter entt�uscht. �Also auch du, Marcus!� schluchzte sie vorwurfsvoll. �Ich dachte, du w�rest auf meiner Seite, nachdem du, wie ich erfuhr, selbst in der Grabkammer warst und sie leer gefunden hast. Glaubst du dem Statthalter und seinen bestechlichen Soldaten mehr als dem eigenen Augenschein?�</p><p>Mir wurde weich ums Herz, denn w�hrend sie weinte, breitete sich �ber ihr entz�cktes Gesicht ein seltsames Leuchten. Gerne h�tte ich sie getr�stet; aber ich erkannte, da� es gef�hrlich gewesen w�re, dieser �berschwenglichen Frau anzuvertrauen, was ich gesehen hatte. Nach meinem Empfinden kam das aufgeregte Weibergerede in Jerusalem �ber Auferstehung, Visionen und Genien blo� dem j�dischen Hohen Rat zupa�, weil es alles nur noch unglaubw�rdiger machte, als es schon war.</p><p>�Nimm dir meine Worte nicht so zu Herzen!� bat ich. �Du wei�t, da� ich etwas zu viel von den Lehren der Kyniker in mich aufgenommen habe. Daher kann ich mich schwer entschlie�en, an �bernat�rliche Dinge zu glauben. Andererseits liegt es mir fern, etwas von vornherein als unm�glich hinzustellen. Wer ist also deine Zeugin und wie hei�t sie?�</p><p>�Sie hei�t Maria�, erwiderte Claudia, eifrig bem�ht, mich zu �berzeugen. �Das ist ein sehr h�ufiger Name bei den Juden; aber diese Maria f�hrt den Beinamen Magdalena, weil sie aus Magdala am See Genezareth stammt. Sie ist eine wohlhabende Dame und eine weithin bekannte Taubenz�chterin. Ihre Taubenschl�ge bringen jedes Jahr Tausende untadeliger Tiere hervor, f�r die Tempelopfer. Als die D�monen von ihr Besitz ergriffen, kam sie allerdings in Verruf; nach der Heilung durch Jesus von Nazareth �nderte sie sich aber von Grund aus und folgte dem Lehrer �berallhin auf seinen Wanderungen. Ich habe sie kennengelernt, als ich eine hochgestellte j�dische Dame meines Bekanntenkreises besuchte, und ihre Erz�hlungen �ber den Lehrer haben tiefen Eindruck auf mich gemacht.�</p><p>�Um ihren Bericht zu glauben, m��te ich ihn aus ihrem eigenen Munde h�ren�, erkl�rte ich. �Vielleicht ist sie einfach eine verstiegene Tr�umerin, die sich um jeden Preis interessant machen will. Was meinst du�� k�nnte ich irgendwie mit ihr zusammenkommen?�</p><p>�Ist es etwa ungeh�rig, Tr�ume zu haben?� begehrte Claudia Procula auf. �Mich haben Tr�ume derart f�rchterlich verfolgt, da� ich meinen Mann davor warnte, einen so frommen Menschen wie Jesus zu verurteilen. Mitten in der Nacht wurde mir die Kunde von seiner Verhaftung �berbracht, mit der Bitte, meinen Einflu� auf Pontius zugunsten des Gefangenen geltend zu machen. Aber die vorangegangenen Tr�ume trieben mich st�rker als die heimliche Botschaft. Bei mir steht es f�r immer fest, da� mein Gatte die gr��te Torheit seines Lebens beging, als er den j�dischen Lehrer dem Kreuzestod preisgab.�</p><p>�Glaubst du, da� ich diese Maria sehen k�nnte?� beharrte ich.</p><p>Claudia Procula meinte ausweichend: �F�r eine J�din gilt es als unziemlich, mit einem unbekannten Mann�� und gar noch mit einem Ausl�nder�� zusammenzutreffen. �brigens wei� ich nicht einmal, wo sie wohnt. Ich mu� zugeben, da� sie zum Gef�hls�berschwang neigt, und ein argw�hnischer Mann wie du k�nnte bei einer Begegnung mit ihr einen falschen Eindruck gewinnen. Aber das hindert mich nicht daran, ihre Erz�hlung zu glauben.�</p><p>Immerhin begann Claudias Begeisterung etwas abzuflauen.</p><p>�Falls ich aber zuf�llig diese Maria Magdalena treffe�, fragte ich, �kann ich dann deinen Namen erw�hnen und ihr versichern, da� sie �ber ihr Erlebnis getrost zu mir sprechen kann?�</p><p>Claudia murmelte, ein Mann k�nne nie das Vertrauen einer Frau so gewinnen, wie eine andere Frau es vermag, und au�erdem k�nne ein Mann eine Frau �berhaupt nie richtig verstehen. Immerhin gab sie widerstrebend ihre Zustimmung. �Aber wenn du ihr die geringste Verdrie�lichkeit oder Unannehmlichkeit bereitest�, drohte sie, �so bekommst du es mit mir zu tun.�</p><p>Damit endete unser Gespr�ch, w�hrend Claudia Procula offenbar mich dahin zu bringen gehofft hatte, an die Auferstehung des Judenk�nigs zu glauben und ihr Entz�cken dar�ber zu teilen. Eigentlich mu� ich ja wirklich an dieses Wunder glauben, da ich selbst die Grabt�cher unber�hrt in der leeren Gruft gesehen habe. Aber es dr�ngt mich, die Sache vom Standpunkt der Vernunft aus zu untersuchen.</p></section><section><p/><empty-line/><p>4</p><p><emphasis>Marcus an Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Ich setze meinen Bericht fort und will alle Begebenheiten in ihrer zeitlichen Abfolge schildern.</p><p>Antonia ist eine d�stere, enge Festung, und ich hatte keine Lust, dort weiterhin unter st�ndiger Beobachtung zu bleiben. �berdies bereitete der Prokurator die R�ckkehr nach C�sarea, seinem Amtssitz vor. Ich schenkte ihm einen gl�ckbringenden �gyptischen Skarab�us und seiner Frau einen alexandrinischen Spiegel und versprach, �ber C�sarea heimzureisen. Dazu hatte Pontius Pilatus mich aufgefordert, weil er mich, bevor ich Jud�a verlie�, unbedingt ausfragen wollte. Auch Claudia Procula beschwor mich, ihr bei dieser Gelegenheit alles zu erz�hlen, was ich �ber den Auferstandenen erfahren sollte.</p><p>Dem Festungskommandanten gab ich einen ziemlich ansehnlichen Geldbetrag, um mich mit ihm gut zu stellen und mir f�r den Notfall eine Zuflucht in der Burg zu sichern. Aber so viel habe ich schon bemerkt, da� mir in Jerusalem, wenn ich das Brauchtum der Juden achte und sie nicht durch meine eigenen Gepflogenheiten herausfordere, keine Gefahr droht.</p><p>F�r den Zenturio Adenabar hege ich wirklich freundschaftliche Gef�hle. Auf seinen Rat mietete ich mich nicht in einem gro�en Gasthof ein, sondern bei einem Bekannten von ihm, einem hierher ausgewanderten syrischen Kr�mer, in der N�he des Hasmon�erpalastes. Mit den Sitten der Syrer und ihren G�ttervorstellungen bin ich seit meiner Jugend vertraut und wei�, da� dieser Menschenschlag schmackhaftes Essen sch�tzt, die Wohnungen rein h�lt und in jeder Hinsicht, vom Geldwesen abgesehen, ehrenhaft ist.</p><p>Der Kr�mer wohnt mit seiner Familie im Erdgescho� und tr�gt t�glich seinen Verkaufstisch auf die Stra�e vor das Haus. Eine Au�entreppe f�hrt unmittelbar zum Dach, so da� ich nach Belieben kommen und gehen und unbeobachtet Besuche empfangen kann. Diesen Vorteil f�r einen Mieter haben Adenabar und mein Hausherr um die Wette betont. Die Frau und die Tochter des Syrers bringen mir das Essen ins Zimmer und sehen darauf, da� stets ein Krug frisches Wasser in dem Raum h�ngt. Die S�hne aber wetteifern darin, Besorgungen f�r mich zu machen, mir Wein und Obst und was ich sonst brauche, einzukaufen. Diese Leute, denen es nicht besonders gut geht, sind froh, mich jetzt, da das Fest vor�ber ist und die meisten Besucher die Stadt verlassen haben, als zahlenden Gast bei sich zu sehen.</p><p>Nachdem ich mich in meiner neuen Wohnung eingerichtet hatte, wartete ich, bis die Sterne herauskamen, und machte mich dann �ber die Au�entreppe auf den Weg zu Nikodemus. Die T�pferei des Ratsherrn ist so bekannt, da� ich sie leicht fand. Das Tor war nur angelehnt, und als ich den Hof betrat, kam in der Dunkelheit ein Diener auf mich zu und fragte leise: �Bist du der, den mein Herr erwartet?�</p><p>Er f�hrte mich �ber eine Treppe auf das Dach; zu leuchten brauchte er mir nicht, so strahlend w�lbte sich der Sternenhimmel �ber Jud�a. Als ich das Dach betrat, sah ich dort einen �lteren Mann auf Kissen sitzen. Er begr��te mich freundlich und fragte: �Bist du der Gottsucher, den der Bankier Alistarnos mir angek�ndigt hat?�</p><p>Er lud mich ein, neben ihm Platz zu nehmen, und begann gleich, mir mit eint�niger Stimme vom Gotte Israels zu erz�hlen. Er fing mit der Erschaffung von Himmel und Erde an und kam bis zu der Sage, Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbilde aus dem Staub der Erde geformt. Dann aber unterbrach ich ihn ungeduldig mit den Worten:</p><p>�Lehrer Israels, das alles habe ich schon geh�rt und dar�ber selbst in griechischen �bersetzungen eurer heiligen Schriften gelesen. Ich wollte von dir etwas �ber Jesus von Nazareth, den K�nig der Juden, erfahren. Das wei�t du doch; sonst h�ttest du mich nicht in der Dunkelheit auf dem Dache empfangen.�</p><p>Mit unsicherer Stimme sagte Nikodemus: �Sein Blut wird �ber mich und mein Volk kommen. Ich bin seinetwegen voll Kummer und t�dlicher Angst. Da� er zum Glaubensk�nder wurde, ist Gottes Werk; nur ein von Gott Gesandter konnte die Zeichen tun, die er tat.�</p><p>Ich entgegnete: �Er war mehr als ein Glaubensk�nder. Sogar mich, den Fremdling, haben die letzten Ereignisse aufs tiefste ersch�ttert. Du mu�t ja erfahren haben, da� er von den Toten auferstanden ist, obwohl du selbst mitgeholfen hast, ihn noch vor Beginn des Sabbats in Grabt�cher zu h�llen und seine Gruft zu verschlie�en.�</p><p>Nikodemus hob das Gesicht dem Sternenhimmel entgegen und rief in klagendem T�ne: �Ich wei� nicht, was ich davon halten soll.�</p><p>Ich wies zum Himmel und fragte: �War er der aus Jakob aufgehende Stern, von dem eure Schriften k�nden?�</p><p>Der Ratsherr erwiderte: �Ich wei� nicht. Ich verstehe nichts und tauge nicht l�nger zum Lehrer Israels. Im Rat wurde ich irregef�hrt, indem man mir versicherte, aus Galil�a erst�nde kein Prophet. Das ist insofern richtig, als dar�ber in den heiligen Schriften nichts ausdr�cklich erw�hnt ist. Aber von Jesu Mutter, die ich erst vor kurzem kennengelernt habe, erfuhr ich, da� ihr Sohn in Bethlehem in Jud�a geboren wurde, zur Zeit des grausamen Herodes. Und die Schriften bezeugen, da� aus Bethlehem Ephratha der eine hervorgeht, der �ber Israel Herrscher sein soll. Ich habe die Texte gr�ndlich durchforscht. Alle Weissagungen haben sich an Jesu erf�llt, sogar die, da� keines seiner Gebeine zerbrochen werden sollte.�</p><p>Er begann die Bibelstellen im Singsang zu rezitieren und �bersetzte sie mir. Als das eine Zeitlang so weitergegangen war, wurde ich wieder ungeduldig und rief: �Ob die Vorhersagen eurer Schriften in Erf�llung gegangen sind, ist f�r mich ohne Belang. Mir kommt es nur auf eines an: Ist er auferstanden oder nicht? Wenn ja, dann ist er mehr als ein K�nig, und seinesgleichen hat noch nie auf Erden geweilt. Diese Frage stelle ich dir ohne jeden unlauteren Hintergedanken; denn jetzt kann ihm niemand mehr etwas zuleide tun. Antworte mir! Mein Herz bebt vor Sehnsucht nach der Wahrheit.�</p><p>Z�gernd bekannte Nikodemus: �Ich habe von dieser Auferstehung geh�rt, wei� aber nicht, was ich davon halten soll. Gestern nacht haben sich die J�nger Jesu versammelt, hinter verschlossenen T�ren, aus Furcht vor Verfolgung. Vielleicht kamen nicht alle, aber doch die meisten. Und sie hatten gro�e Angst. Da soll der Gekreuzigte in ihrer Mitte erschienen sein und ihnen die Wunden an seinen H�nden und F��en und an seiner Seite gezeigt haben. Er hauchte auch jeden der Versammelten an. Dann verschwand er, wie er gekommen war. So wurde mir erz�hlt; aber ich kann es kaum glauben.�</p><p>Mich �berlief in der Dunkelheit ein Schauder. �Sprich mir von seinem Reich!� bat ich. �Was lehrte er �ber sein Reich?�</p><p>Nikodemus berichtete mir: �Als er das erstemal z�rn Passahfest nach Jerusalem kam und den Tempel reinigte, ging ich heimlich zu ihm. Ich werde nie vergessen, was er zu mir sagte, obwohl ich es damals nicht verstand und auch heute noch nicht verstehe. Er sagte, wenn jemand nicht von obenher wiedergeboren werde, k�nne er sein Reich nicht schauen.�</p><p>Sofort fielen mir die Lehren der Orphiker und der Pythagor�er und anderer Philosophen ein, wonach die Menschen innerhalb des irdischen Daseins seelisch wiedergeboren zu werden verm�gen oder aber eine Kette immer neuer Existenzen durchlaufen und dabei, je nach ihrem Verhalten, sogar zu Tieren oder Pflanzen werden k�nnen. Entt�uschung �bermannte mich; das war keine neue Lehre!</p><p>Aber Nikodemus fuhr unbeirrt for: �Ich widersprach ihm und fragte: �Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er schon alt ist? Kann er denn zum zweitenmal in den Scho� seiner Mutter eingehen und neu zur Welt kommen?� Da erkl�rte Jesus, um mir einen Schl�ssel zum Verst�ndnis seiner Worte zu geben: �Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in mein Reich eingehen.� Das mit dem Wasser verstand ich. Viele Menschen gehen ja zu der Bruderschaft in der W�ste, verharren dort im Gebet und werden nach einer Pr�fungszeit in einem Wasserbecken untergetaucht. Auch Johannes ist aus der W�ste gekommen und hat die Leute mit Wasser getauft, bis Herodes Antipas ihn t�ten lie�.�</p><p>Ich unterbrach den Ratsherrn mit der Bemerkung: �In �gypten wird man auf die gleiche Art in die Isis-Mysterien eingeweiht. Die T�uflinge schreiten furchtlos in einer finsteren H�hle in tiefes Wasser; aber starke Arme halten sie fest, so da� sie nicht ertrinken. Das ist ein sinnbildlicher Einweihungsritus und in keiner Weise neu.�</p><p>Nikodemus gab das zu. �Gewi�, gewi�. Die Wassertaufe ist nichts Neues. Aber ich fragte Jesus, was er mit dem �aus Geist geboren werden� meinte. Und der Nazarener erwiderte�� es sind genau seine Worte; ich habe sie mir eingepr�gt: �Was aus Fleisch geboren ist, ist Fleisch; was aus dem Geiste geboren ist, ist Geist. Der Wind weht, wo er will; du h�rst sein Brausen, aber du wei�t nicht, woher er kommt und wohin er f�hrt. So ist es mit jedem, der aus dem Geiste geboren ist!��</p><p>Lange schwieg er und ich erwog seine Worte. Die Sterne Jud�as funkelten am Himmel, und durch das Dunkel drang ein starker Geruch nach feuchtem T�pferton und nach Brenn�fen. Auf geheimnisvolle Art ging mir diese Unterweisung zu Herzen, obwohl ich zum Verzweifeln genau wu�te, da� mein Verstand sie nicht fassen konnte. Schlie�lich fragte ich leise: �Ist das alles, was du �ber sein Reich wei�t?�</p><p>Nikodemus dachte nach und sagte dann: �Von seinen J�ngern habe ich geh�rt, da� er vor Beginn seiner Lehrt�tigkeit in die W�ste hinausging. Dort wachte und betete er vierzig Tage und war allen Trugbildern und Erscheinungen preisgegeben, mit denen erdgebundene M�chte einen fastenden Menschen in die Irre locken. Der Versucher nahm ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Erde und ihre Herrlichkeit und versprach, er sollte �ber sie herrschen, wenn er vor ihm huldigend niederfalle und so der Aufgabe, die zu erf�llen er in die Welt gekommen war, untreu werde. Dieser Versuchung hielt Jesus stand. Dann kamen Engel und dienten ihm in der Wildnis. Er kehrte in die Menschenwelt zur�ck, begann zu lehren und Wunder zu wirken und scharte J�nger um sich. Das ist alles, was ich von seinem Reiche wei�. Es ist kein irdisches Reich. Darum war es unrecht, ja verbrecherisch, ihn zu verurteilen.�</p><p>Es �rgerte mich, da� er nun von Erscheinungen und Engeln sprach. Jeder irgendwie empfindsame Mensch, der lange genug gewacht und gefastet hat, kann Sinnest�uschungen haben; aber sie verschwinden, sobald er wieder i�t und trinkt und unter Leute kommt. Ich drang in Nikodemus: �Ja, welcher Art ist denn dieses Reich?�</p><p>Der Ratsherr st�hnte laut auf, hob die H�nde und rief: �Woher soll ich das wissen? Ich habe nur das Brausen des Windes geh�rt. Als ich mit Jesus zusammentraf, glaubte ich, mit ihm sei das Reich auf die Erde herabgekommen. Er hat mir vielerlei gesagt, unter anderem auch, Gott habe den Sohn nicht in die Welt gesandt, da� er die Welt richte, sondern da� die Welt durch ihn gerettet werde. Aber nichts dergleichen geschah. Der Mann wurde kurzerhand ans Kreuz geschlagen und starb eines schmachvollen Todes. Ich kann es einfach nicht fassen. Nachdem er nun dahin ist, wird auch aus seinem Reiche nichts.�</p><p>Mein Herz sagte es anders; doch mein Verstand zwang mich, sp�ttisch zu bemerken: �Viel hast du mir da nicht zu bieten, Lehrer Israels! Nur ein Windesbrausen. Und du selber glaubst nicht bedingungslos daran, da� er auferstanden ist.�</p><p>�Ich bin kein Lehrer Israels mehr�, bekannte Nikodemus dem�tig. �Ich bin das geringste der Kinder Israels, innerlich niedergeschmettert und zutiefst verwundet. Aber etwas habe ich dir doch zu bieten. Wenn der S�mann die Saat gestreut hat, sorgt er sich nicht weiter um sie. Dennoch geht sie auf; Wind und Regen treiben sie, und w�hrend der S�mann schl�ft, sprie�t das Getreide, bis es zum Schnitte reif ist. So ergeht es mir; so mag es auch mit dir werden, wenn du reinen Herzens bist. Ein Saatkorn wurde in mich gelegt, und es keimt auf. Auch in dich mag ein Saatkorn gelegt worden sein, um eines Tages der Frucht entgegenzureifen. Ich kann nichts tun als in Demut warten und eingestehen, wie wenig ich begreife und wie schwach mein Glaube ist.�</p><p>�Einfach zu warten, damit kann ich mich keinesfalls zufriedengeben�, widersprach ich ungeduldig. �Siehst du das nicht ein? Jetzt ist mir noch alles frisch im Ged�chtnis; jeder Tag aber nimmt etwas davon mit sich in die Vergessenheit. F�hre mich zu Jesu J�ngern! Ihnen mu� er ja das Geheimnis seines Reiches auf verst�ndliche Art enth�llt haben. In meinem Herzen lodert ein Feuer. Ich brenne darauf, zum Glauben zu finden, solange mir noch alles durch Zeugen verb�rgt werden kann.�</p><p>Nikodemus seufzte tief und warnte: �Seine J�nger�� die elf �briggebliebenen�� sind verschreckt und best�rzt, und tiefe Entt�uschung hat sich ihrer bem�chtigt. Es sind einfache M�nner, noch jung und unverst�ndig. Schon zu seinen Lebzeiten haben sie miteinander �ber seine Lehre gestritten; sie haben die hohen Posten in seinem Reich unter sich aufgeteilt und sind auch dar�ber in Zank geraten. Er konnte ihnen sagen, was er wollte, zum Schlu� glaubten sie immer wieder an ein irdisches Reich.</p><p>Noch am letzten Abend vor seiner Gefangennahme hat er mit ihnen nach Art der W�stenbruderschaft das Osterlamm gegessen und ihnen erkl�rt, er werde von der Frucht des Weinstocks nicht mehr trinken, bis zu dem Tage, da er mit ihnen neu davon trinken werde in seinem Reich. Ich glaube, dieses Gel�bde war auch der Grund, warum er den Wein, den die Frauen ihm vor der Kreuzigung als Bet�ubungstrank anboten, nach dem ersten Schluck zur�ckwies. Aber gerade seine Verhei�ung ermutigte die kindischeren unter den J�ngern zu der Hoffnung, er werde eine Legion Engel vom Himmel zu Hilfe rufen und ein Reich gr�nden, worin jeder J�nger �ber einen der St�mme Israels herrschen sollte. Daraus kannst du entnehmen, da� seine Lehren in ihnen noch nicht gereift waren. Es sind ungebildete Leute, die jetzt nicht wissen, was sie denken sollen, obwohl sie zu Augenzeugen aller seiner Beglaubigungszeichen geworden sind. Sie bangen um ihr Leben und halten sich versteckt. Wenn du jetzt mit ihnen zusammenk�mest, w�rde ihr Reden dich sicherlich noch wirrer machen, als sie selbst es sind.�</p><p>Das war mir unverst�ndlich. �Warum hat er sich denn so einf�ltige Menschen als J�nger ausgesucht?� fragte ich �rgerlich. �Wenn er ein derart gro�er Wundert�ter war, wie es hei�t, h�tte er sich seine Gefolgsleute wohl ebensogut aus den Kreisen der Gebildeten erw�hlen k�nnen.�</p><p>�Da r�hrst du an eine Wunde in mir�, gestand Nikodemus. �Du hast den Kernpunkt meiner entt�uschten Hoffnungen getroffen. Nicht die Weisen und Gelehrten hat er berufen, sondern die Armen, die Schlichten, die Beladenen. Einmal soll er zu einer gro�en Volksmenge geredet und ausdr�cklich gesagt haben, gerade die im Geiste schlichten und armen Menschen seien selig, denn ihrer sei sein Reich. Den Gebildeten und Reichen erschwerte er alles zu sehr. Auch ich h�tte einer seiner J�nger werden k�nnen, aber nur unter Verzicht auf meine Ratsw�rde�� ja, und auch auf meine Familie! Meine T�pfereien h�tte ich verkaufen und den Erl�s unter die Armen verteilen m�ssen. So harte Bedingungen legte er auf und machte es dadurch Menschen wie uns unm�glich, ihm zu folgen. Indes waren ihm auch viele wohlhabende und einflu�reiche Leute gut gesinnt und halfen ihm insgeheim. Er hatte Verbindungen und Nachrichtenquellen, von denen auch seine J�nger nichts wu�ten, weil er es nicht f�r n�tig hielt, sie einzuweihen.�</p><p>�Ich w�rde aber doch gern mit einigen seiner vertrautesten J�nger zusammenkommen�, erkl�rte ich hartn�ckig.</p><p>Nikodemus riet mir jedoch eindringlich davon ab. �Du bist�, meinte er, �kein r�mischer Spion, das sagt mir mein Gef�hl. Aber die J�nger w�rden, verschreckt, wie sie sind, dir niemals trauen. Umgekehrt w�rdest du ihnen nicht glauben, sobald du siehst, was f�r einfache Leute sie sind. Im Gegenteil, wenn sie dir erz�hlen sollten, da� sie in einem verschlossenen Raum den auferstandenen Sohn Gottes sahen, w�rdest du an ihnen mehr denn je irre werden und dir denken, sie h�tten diese ganze Geschichte erkl�gelt, in ihrer Entt�uschung, und um die letzten Tr�mmer ihrer zerbrochenen Selbstachtung zu verbergen.�</p><p>Der Ratsherr lachte freudlos und fuhr fort: �Zuerst wollten sie nicht einmal den Frauen glauben, die vom Grabe mit der Nachricht kamen, es sei leer. Einer von ihnen, der zuf�llig gestern abend nicht in ihrem Versteck weilte, hat sogar angezweifelt, was seine Gef�hrten ihm dann berichteten. Wie sollten sie da dir Vertrauen schenken?�</p><p>Ich tat mein Bestes, um ihn zu �berreden, mir den Verbleib der J�nger zu verraten oder mich irgendwie anders mit ihnen in Verbindung zu bringen. Aber offenbar traute auch er mir nicht ganz; denn er weigerte sich rundweg. Wie ich merkte, begann es ihm leid zu tun, da� er mich empfangen hatte, und ich beeilte mich, ihn zu bitten: �Rate mir wenigstens, was ich tun soll! Ich kann es einfach nicht ertragen, die H�nde in den Scho� zu legen und zu warten, bis sich zuf�llig etwas ergibt.�</p><p>Nochmals warnte er mich: �Der S�mann hat seine Saat ausgestreut. Sollte ein Samenkorn in dein Herz gefallen sein, so t�test du am kl�gsten, in Demut zu warten. Aber wenn du unbedingt willst, so reise nach Galil�a, wo Jesus selbst so oft umhergewandert ist, suche die Stillen im Lande auf und frage sie, was sie sich von seinen Lehren gemerkt haben. Oder sprich mit denen, die krank waren und durch ihn geheilt worden sind und �berzeuge dich so selbst, da� niemand au�er dem Sohne Gottes solche Wunder wirken k�nnte, wie er sie w�hrend seines Lebens vollbracht hat.�</p><p>�ber diese Vorschl�ge war ich nicht gerade begeistert. �Wie soll ich die Stillen finden?� fragte ich. �Galil�a ist weit von hier, und ich bin Ausl�nder.�</p><p>Nikodemus z�gerte; dann teilte er mir das Losungswort mit. �Frage auf deinen Wanderungen nach dem Weg!� sagte er. �Wenn aber jemand den Kopf sch�ttelt und antwortet: �Es gibt viele Wege und mancherlei falsche Wegweiser, und ich will dich nicht in die Irre f�hren�, so entgegne deinerseits: �Es gibt nur einen einzigen Weg. Weise ihn mir, denn ich bin still und dem�tig im Herzen.� Daran wird man dich erkennen und wird dir vertrauen. Auch wenn du �brigens einen dieser Leute anzeigen solltest, w�rde ihm kaum etwas geschehen; denn sie halten die Gebote, entrichten ihre Abgaben und tun niemandem etwas zuleide.�</p><p>Ich sagte: �F�r diesen Rat danke ich dir und will ihn mir einpr�gen. Aber auch in Jerusalem hat ja Jesus Wunder gewirkt. Ich m�chte jetzt die Stadt noch nicht verlassen, da sich hier noch etwas ereignen k�nnte.�</p><p>Nikodemus wurde meiner allm�hlich �berdr�ssig. �Hier kannst du�, teilte er mir mit, �die einst �bel beleumundete Frau finden, aus der er die b�sen Geister vertrieben hat. Dann gibt es nicht weit von der Stadt ein Dorf namens Bethanien. Dort wohnen zwei Schwestern und ein Bruder, bei denen er sich wiederholt aufhielt. Einer der Schwestern erlaubte er, obwohl sie nur eine Frau ist, zu seinen F��en zu sitzen und seinen Lehren zu lauschen. Den Bruder, der schon vier Tage tot im Grabe gelegen und dessen Leiche angeblich schon gerochen hat, hat er wieder zum Leben erweckt. Gehe hin und sprich mit ihm! Er hei�t Lazarus. Das wird dir wohl an Wundertaten gen�gen. Man wird dich aufnehmen, wenn du ihnen einen Gru� von mir bestellst.�</p><p>�War dieser Lazarus wirklich schon tot?� fragte ich ungl�ubig.</p><p>�Gewi�, gewi߫, rief der Ratsherr aufgebracht. �Ich wei� ebensogut wie du, da� es Scheintote gibt. Es kommt vor, da� ein Totgeglaubter mitten w�hrend der Klagelieder und des Fl�tenspiels sich zum Entsetzen der Verwandten von der Bahre aufrichtet und blinzelnd umherschaut. Auch erst im Grabe sollen Menschen zu Bewu�tsein gekommen, sich mit verzweifeltem Kratzen die N�gel von den Fingern gerissen und so lange geschrien haben, bis sie erstickten, weil sie den Stein nicht von der �ffnung w�lzen konnten. Unser Gesetz ordnet die Bestattung am Todestage selbst an, und darum sind Irrt�mer m�glich. Ich bin mit allem irdischen Wissen hinreichend versehen und kann auf deine Erkl�rungsversuche verzichten.�</p><p>Er zeterte: �Welchen Sinn hat es denn, an die Dinge mit Vorurteilen und Zweifeln heranzutreten? Was erwartest du dir davon? Ich kann deine Gedanken lesen. Du h�ltst dir vor Augen, da� die Familie mit Jesus befreundet war. Wie leicht konnten diese Leute, um die Schwankenden zu �berzeugen, eine List ersinnen und den ohnm�chtigen Lazarus ins Grab legen, wo sie doch wu�ten, da� Jesus unterwegs zu ihnen war! Aber was h�tten sie damit f�r sich gewonnen? Sieh dir doch am besten mit eigenen Augen diese drei Leute an, Lazarus und seine beiden Schwestern! Rede mit ihnen und entscheide dann selbst, ob sie die Wahrheit sprechen oder nur L�gen ausspinnen!�</p><p>Sicherlich hatte Nikodemus recht. Da ich nichts weiter aus ihm herausbekam, dankte ich ihm und fragte, was ich ihm f�r seine Ausk�nfte und Unterweisungen schulde. Er lehnte eine Bezahlung glattweg ab und sagte ver�chtlich: �Ich bin kein von der Truppe entlaufener Schauspieler, der sich seinen Unterhalt damit verdient, da� er Kindern das Lesen beibringt, wie es in Rom �blich sein soll. Die Lehrer Israels verkaufen ihr Wissen nicht f�r Geld. Jeder, der ein solcher Lehrer werden will, mu� auch ein Handwerk erlernen, um von seiner Arbeit leben zu k�nnen. Deshalb bin ich T�pfer, wie mein Vater es vor mir war. Aber wenn du willst, gib das Geld den Armen! Das wird dir vielleicht Segen bringen.�</p><p>Er ging mit mir die Treppe hinunter und f�hrte mich vom Hofe aus in seinen Empfangsraum, damit ich im Lichte der dort stehenden Lampe sehen k�nnte, da� er trotz seines T�pferberufes kein Niemand war. Wenigstens so viel menschliche Eitelkeit hatte er doch! Tats�chlich stand ich in einem Zimmer voll Kostbarkeiten, wie sie nur einem reichen Manne geh�ren konnten. Auch sein Mantel war aus bestem Tuche. Vor allem aber konnte ich jetzt im hellen Licht sein Gesicht sehen und betrachtete es genau. Seine Augen waren vom vielen Lesen kurzsichtig; im �brigen aber hatte der Kopf, mit seinen runden Formen, trotz des grauen Bartes etwas Kindliches. Die H�nde verrieten allerdings, da� er schon viele Jahre selbst keinen T�pferton ber�hrt hatte, obwohl er sich auf sein Handwerk noch immer gut verstehen mochte.</p><p>Auch er blickte mich forschend an, als wollte er sich meine Z�ge einpr�gen, und sagte: �In deinem Antlitz entdecke ich nichts B�ses. Du hast unstete Augen; aber es sind nicht die Augen eines Zweiflers oder �belt�ters. Nur solltest du dir einen Bart wachsen lassen, damit man dich eher f�r einen Bekenner des einzigen Gottes h�lt.�</p><p>Zu dem gleichen Schlu� war ich schon selbst gekommen und hatte k�rzlich aufgeh�rt, mich zu rasieren; doch in den wenigen Tagen fand mein Kinn noch nicht die Zeit, mehr hervorzubringen als schwarze Stoppeln.</p><p>Nikodemus begleitete mich selbst bis zum Tor und verriegelte es hinter mir. Offenbar w�nschte er nicht, da� seine Bedienten mich nochmals sehen sollten.</p><p>Ich stolperte �ber die ausgetretenen Pflastersteine, bis meine Augen sich an die Dunkelheit gew�hnt hatten. Zu so sp�ter Stunde brannte nur noch an den Ecken der gro�en Stra�en eine Beleuchtung. Aber ich hatte mir den Weg sorgf�ltig gemerkt und meinte, es w�rde leicht sein, zu meiner neuen Wohnung zur�ckzufinden, obwohl sie von der Unterstadt ein betr�chtliches St�ck entfernt lag. Ich kam zu der Mauer zwischen Vorstadt und Oberstadt, ohne au�er zwei j�dischen Polizisten irgendwen zu treffen. Im Torbogen jedoch gr��te mich eine scheue Frauenstimme: �Was gereicht dir zum Frieden, Fremdling?�</p><p>Ich schrak bei den unerwarteten Lauten auf, erwiderte aber h�flich: �Und was gereicht dir zum Frieden, Frau?�</p><p>Die Unbekannte fiel vor mir auf die Knie und sagte dem�tig: �Ich bin deine Dienerin. Befiehl nur, und ich tue, was du begehrst.�</p><p>Ich erriet ihr Gewerbe und wehrte ab: �Geh in Frieden! Ich brauche nichts von dir.�</p><p>Aber sie war hartn�ckig; sie fa�te den Saum meines Mantels und flehte: �Ich bin arm und habe keine Wohnst�tte, wohin ich dich f�hren k�nnte. Aber hier ist eine Mauernische, wo uns niemand sieht.�</p><p>Nach j�discher Frauensitte war sie so verschleiert und in ihr Gewand geh�llt, da� ich weder Gestalt und Gesichtsz�ge erkennen noch selbst ihr Alter absch�tzen konnte. Doch ihre Armut ging mir zu Herzen. Mir fiel die Anregung ein, die Nikodemus mir zuletzt gegeben hatte, und ich schenkte ihr so viele Silberm�nzen, wie ich ihm f�r seine Unterweisung und Beratung zu schulden glaubte.</p><p>Als ich dann nochmals betonte, ich w�nschte nichts von ihr, konnte sie es zuerst nicht glauben. Sobald es ihr aber zur Gewi�heit wurde, wollte sie mir mit Gewalt die F��e k�ssen und rief: �Noch nie hat jemand mir Geld gegeben, ohne etwas daf�r zu verlangen. M�ge der Gott Israels dich segnen! Allerdings tauge ich nicht dazu, auf jemanden Segen herabzurufen, und sogar mein Geld lehnt der Tempelschatz ab. Aber sage mir deinen Namen, damit ich f�r dich beten kann!�</p><p>Es widerstrebte mir, einer Dirne meinen Namen zu nennen; andererseits wollte ich die Frau nicht kr�nken. So sagte ich: �Bei den R�mern hei�e ich Marcus. Ich bin in Jerusalem fremd.�</p><p>Sie erwiderte: �Deine Dienerin hei�t Maria. Aber Marien gibt es hier mehr als Kerne in einem Granatapfel; damit du mich also von den anderen Marien unterscheiden kannst, die einem so freigebigen Mann wie dir sicher �ber den Weg laufen werden, f�ge ich hinzu, da� ich Maria von Beeroth, dem Brunnendorf, bin.�</p><p>�Freigebig bin ich keineswegs�, sagte ich, um sie loszuwerden. �Ich habe nur eine Schuld beglichen, und du bist mir in keiner Weise zu Dank verpflichtet. Geh in Frieden; dann kann auch ich in Frieden gehen, und wir brauchen nicht mehr aneinander zu denken.�</p><p>Sie versuchte, in der Dunkelheit meine Z�ge zu erkennen, und rief eindringlich: �Du solltest die Gebete der Armen nicht mi�achten. Vielleicht kann ich dir eines Tages, wenn du am wenigsten damit rechnest, einen Dienst erweisen.�</p><p>�Du bist mir nichts schuldig�, wiederholte ich. �Und Dienst verlange ich keinen von dir. Ich suche blo� einen Weg, und den kannst du mir wohl kaum zeigen.�</p><p>Rasch erwiderte sie: �Einen Weg suchst du, Fremdling? Aber es gibt viele Wege, und sie fuhren oft in die Irre. Ich w�rde dich sicher nur mi�leiten, wenn ich dir einen Weg weisen wollte.�</p><p>Ihre Antwort konnte kein blo�er Zufall sein. Doch der Gedanke, da� offenbar die Stillen im Lande Menschen waren, die man am tiefsten verachtete und �berall beiseite stie�, entt�uschte mich bitter. Immerhin versuchte ich an die Maus zu denken, die dem gefesselten L�wen den Strick durchgenagt hatte, und entgegnete: �Man hat mir gesagt, es gebe nur einen einzigen Weg. Und auch ich w�rde gern, wenn es geht, still und dem�tig im Herzen werden.�</p><p>Sie streckte die Hand aus, bef�hlte mein Gesicht und fuhr �ber die steifen Bartstoppeln an meinem Kinn. So dem�tig ich auch zu werden w�nschte, ihre Ber�hrung war mir zuwider. Ich mu�te unwillk�rlich gezuckt haben; denn sie lie� augenblicklich von mir ab und sagte niedergeschlagen: �Nicht die Gesunden bed�rfen des Arztes, sondern die Kranken. Nicht meinetwegen hast du an mir ein gutes Werk getan, sondern nur, um eine dr�ckende Schuld zu begleichen. Du kannst kaum so krank sein, da� du freim�tigen Herzens den Weg gew�hlt h�ttest. Aber ich war wohl dazu ausersehen, deinen Sinn auf die Probe zu stellen. W�rest du mir in die Mauernische gefolgt, so h�tten wir beide mit �blen Gedanken voneinander Abschied genommen. Ich kann dir Hoffnung geben, falls du mich ohne Hintergedanken nach dem Wege fragst.�</p><p>�Ich bin aufrichtig und will niemandem �bel�, versicherte ich ihr. �Ich w�nsche nur eines: Wahrheit �ber eine Anzahl von Dingen, in denen du aber kaum Bescheid wei�t.�</p><p>�Denke nicht geringsch�tzig �ber das Wissen der Frauen!� warnte sie. �Im Reiche kann das Ahnungsverm�gen einer Frau schwerer wiegen als die Vernunft eines Mannes, auch wenn es sich um das mi�achtetste unter den Weibern Israels handeln sollte. Und mein frauliches Gef�hl sagt mir, da� unsere Zeit eine Zeit des Wartens ist. In diesen Tagen begegnet die Schwester der Schwester, ohne sie zu verachten; der Bruder begegnet dem Bruder, ohne ihn zur�ckzusto�en. Darum ist mein Herz, mag ich auch eine Gefallene sein, leichter als fr�her.�</p><p>In ihrer Stimme lag so viel Zuversicht, da� ich glauben mu�te, sie besitze tats�chlich irgendein bestimmtes Wissen. �Heute abend habe ich einem Lehrer Israels zugeh�rt�, sagte ich. �Aber er war ein unsicherer, kleingl�ubiger Mann, und seine Unterweisung lie� mich kalt. Solltest du, Maria von Beeroth, mir bessere Kunde geben k�nnen?�</p><p>W�hrend ich noch sprach, tauchte in mir die Vermutung auf, diese Maria sei vielleicht nicht ganz das, schlechte Wesen, f�r das sie sich ausgab. M�glicherweise war sie wirklich aus irgendeinem Grunde auf diesen Platz gestellt worden, um mich zu pr�fen; denn auf dem Weg zu meiner neuen Wohnung mu�te ich dieses Tor durchschreiten. �Welche Hoffnung hast du mir zu bieten?� fragte ich.</p><p>Sie stellte eine Gegenfrage: �Wei�t du, wo das Quelltor ist?�</p><p>�Nein�, erwiderte ich. �Aber n�tigenfalls kann ich es sicherlich leicht finden.�</p><p>�Durch dieses Tor geht man zum Kidrontal und zur Stra�e nach Jericho�, erl�uterte sie. �Vielleicht ist das der Weg, den du suchst. Sonst aber geh eines Tages, wenn dir der Bart gewachsen ist, zum Quelltor und sieh dich dort um! Es k�nnte sein, da� du dann einen Mann bemerkst, der einen Wasserkrug von der Quelle forttr�gt. Folge ihm! Wenn du ihn ansprichst, wird er vielleicht antworten. Sollte er aber stumm bleiben, so kann ich nichts weiter f�r dich tun.�</p><p>�Wassertragen ist keine M�nnerarbeit�, erkl�rte ich ungl�ubig. �Auch in Jerusalem, so wie �berall auf der Welt, holen die Frauen das Wasser.�</p><p>�Gerade deshalb wirst du ihn leicht erkennen�, versicherte Maria von Beeroth. �L��t er dich aber unbeachtet, so behellige ihn nicht, sondern komm an einem der n�chsten Tage wieder und versuche es nochmals! Einen anderen Rat kann ich dir nicht geben.�</p><p>�Wenn dein Rat gut ist und mir zu dem verhilft, was ich w�nsche�, sagte ich, �dann bin ich wieder in deiner Schuld, Maria.�</p><p>�Im Gegenteil�, erwiderte sie eifrig. �Ich statte eine Schuld ab, wenn ich jemandem den Weg weisen kann. Sollte aber das Gef�hl einer Schuld dich bedr�cken, so gib dein Geld den Armen und vergi� mich! Keinesfalls brauchst du mich hier bei der Mauernische zu suchen, denn hierher komme ich niemals mehr zur�ck.�</p><p>Wir schieden voneinander, ohne da� ich eine Ahnung hatte, wie die Frau aussah; nie h�tte ich sie im Licht des Tages erkannt. Doch ihre frohe Stimme w�rde mir, denke ich, wenn ich sie wieder h�rte, altvertraut klingen.</p><p>Ich ging zu meinem Wohnhaus, stieg �ber die Au�entreppe auf das Dach und betrat mein Zimmer. Als ich die Erlebnisse dieses Abends bedachte, �rgerte ich mich �ber die Geheimniskr�merei der Juden. Dieser Nikodemus wu�te bestimmt mehr, als er mir mitgeteilt hatte. Immer st�rker bem�chtigte sich meiner die Empfindung, da� man mich beobachtet und etwas von mir will.</p><p>Vielleicht, vermuten die J�nger des auferstandenen K�nigs oder aber Claudia Proculas j�dische Freunde, da� ich Dinge wei�, die ihnen unbekannt sind, wagen es aber nicht, mit mir, dem Fremdling, in Verbindung zu treten. Sie haben allen Grund, vorsichtig zu sein, da ihr Meister zum Tode verurteilt, mit dem Fluche belegt und gekreuzigt wurde.</p><p>Auch der G�rtner, den ich beim Grabe traf, verfolgt mich im Geiste. Er behauptete, mich zu kennen, und auch ich h�tte ihn erkennen sollen. Aber ich gedenke nicht nochmals in den Garten zu gehen und den Mann zu suchen; denn ich bin v�llig �berzeugt davon, da� ich ihn dort nicht mehr f�nde.</p></section><section><p/><empty-line/><p>5</p><p><emphasis>Marcus an Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Ich will von meiner Wanderung nach Bethanien erz�hlen und davon, was mir dort widerfahren ist.</p><p>Mein Bart war im Wachsen. Da ich �berdies ein schlichtes Untergewand und einen verschmutzten Reisemantel trug, glich ich wohl eher einem Stra�enr�uber als einem gesitteten R�mer. Meine syrischen Hausleute hatten mich f�r die Reise mit Brot, Salzfisch und Sauerwein versorgt, und ich verlie� die Stadt durch das Quelltor. An dem Teiche im Kidrontal vorbei folgte ich der Stra�e l�ngs des ausgetrockneten Bachbettes. Auf der H�he zur Linken erhob sich die Stadtmauer, und in den Felsb�schungen zur Rechten waren viele Gr�ber. Altersknorrige �lb�ume wuchsen auf den H�ngen, und ich �berschritt eine luftige H�gelkuppe, die einen schattigen dunkelgr�nen Kr�utergarten trug.</p><p>Die Luft war frisch und warm, und kein W�lkchen stand am Himmel. Auf der Stra�e begegneten mir mit Reisig und Holzkohle beladene Esel und k�rbetragende Landleute. Frohen Herzens schritt ich aus und kam mir noch jung und stark vor. Das Vergn�gen k�rperlicher Anstrengung verscheuchte die d�steren Gedanken aus meinem zweifels�chtigen Geist, und ich f�hlte mich aufgeschlossen und empf�nglich. Vielleicht, so sagte ich mir, lebe ich wirklich in einer Zeit, da die Welt ungeahnter Dinge harrt und niemand recht wei�, was geschehen mag. In solchen Zeiten kann ein Au�enstehender wie ich der L�sung eines R�tsels ebenso nahe kommen wie jene, die von Anfang an die Dinge miterlebt haben. Die Erde schien mir nicht mehr die alte, und auch der Himmel d�nkte mich anders als bisher. Alles trat klarer zutage denn je.</p><p>Schon von weitem erblickte ich Bethanien. Die Vorderseiten der niedrigen H�user waren f�r das Fest frisch get�ncht worden und leuchteten durch die B�ume. Als ich mich dem Dorf n�herte, sah ich einen Mann im Schatten eines Feigenbaumes sitzen. Er kauerte so reglos in seinem erdfarbenen Mantel, da� ich bei seinem Anblick erschrocken innehielt.</p><p>�Friede sei mit dir!� rief ich. �Ist das hier Bethanien?�</p><p>Er schaute mich an und die Augen in seinem schm�chtigen Gesicht waren so glasig, da� ich ihn zuerst f�r blind hielt. Er war barh�uptig und hatte, obwohl sein etwas fahles Gesicht noch jugendlich war, schon wei�e Haare.</p><p>�Friede sei auch mit dir!� gr��te er zur�ck. �Hast du den Weg verloren, Fremdling?�</p><p>�Es gibt viele Wege und mancherlei falsche Wegweiser�, sagte ich rasch, w�hrend Hoffnung in meinem Herzen aufstieg. �Vielleicht kannst du mir den richtigen Weg zeigen.�</p><p>�Hat Nikodemus dich geschickt?� fragte er unwirsch. �Nun denn, ich bin Lazarus. Was willst du von mir?�</p><p>Er sprach mit ungelenker Zunge, als fiele ihm das Reden schwer. Ich verlie� die Stra�e und setzte mich an seine Seite, allerdings nicht ganz neben ihn. Der Schatten des Feigenbaumes tat mir wohl, und ich bem�hte mich nach Kr�ften, den Mann nicht allzu auff�llig anzustarren. Unter den Juden ist es n�mlich Sitte, bei der Begegnung mit einem Fremden den Blick zu senken; ihm ins Gesicht zu schauen, gilt ihnen als unh�flich.</p><p>Lazarus mochte sich gewundert haben, da� ich nicht gleich zu reden anfing. Denn nachdem wir eine Weile Seite an Seite gesessen hatten�� ich f�chelte mir mit dem Mantelsaum Luft zu, weil ich vom Gehen in Schwei� geraten war��, sagte er: �Du wei�t ja sicherlich, da� die Hohenpriester auch mich umbringen wollen. Wie du siehst, habe ich mich nicht versteckt, sondern lebe in meinem Hause und in meinem Dorfe. M�gen sie nur kommen und diesen meinen K�rper t�ten, wenn sie k�nnen! Ich f�rchte sie nicht, und dich ebensowenig. Mich kann niemand ums Leben bringen, weil ich nie sterben werde.�</p><p>Seine unheimlichen Worte und sein glasiger Blick best�rzten mich derart, da� mir vorkam, als hauchte sein Atem mich eiskalt an. Darum rief ich: �Bist du von Sinnen? Wie kann ein Mensch von sich behaupten, da� er nicht sterben werde?�</p><p>Er entgegnete: �Vielleicht bin ich kein Mensch mehr. Ich habe diesen K�rper, gewi�. Ich esse und trinke und rede. Aber die Welt um mich her ist f�r mich nicht mehr wirklich. Wenn der K�rper mir abhanden kommt, verliere ich nichts.�</p><p>An diesem Manne war etwas so Ungew�hnliches, da� ich seinen Worten glaubte. �Man hat mir erz�hlt�, bemerkte ich, �der als Judenk�nig Gekreuzigte h�tte dich von den Toten auferweckt. Stimmt das?�</p><p>In sp�ttischem T�ne erwiderte er: �Was soll diese Frage? Hier sitze ich, und du siehst mich. Ich bin den Tod der Menschen gestorben und habe vier Tage lang, mit T�chern umwickelt, im Grab gelegen, bis er kam, den Stein vom Grufteingang wegheben lie� und mir zurief: �Lazarus, komm heraus!� So einfach war das.�</p><p>Aber er sprach freudlos dar�ber. Ja, in seiner Stimme lag Hohn. Als ich nichts erwiderte, fuhr er fort: �Schuld an allem sind meine Schwestern, und ich kann es ihnen nicht verzeihen, da� sie ihm immer wieder Botschaften schickten und ihn veranla�ten, seine Schritte wieder nach Jud�a zu lenken. Ohne meine Krankheit und meinen Tod w�re er vielleicht �berhaupt nicht hierher zur�ckgekommen und nicht in die H�nde seiner Feinde gefallen. Ehe er mich aus dem Grabe rief, hat er �ber mich geweint.�</p><p>�Ich verstehe dich nicht�, widersprach ich ihm. �Statt sich zu freuen, da� er dich von den Toten auferweckt und dem Leben wiedergegeben hat, machst du deinen Schwestern Vorw�rfe. Warum denn?�</p><p>Lazarus entgegnete: �Ich glaube nicht, da� jemand, der einmal das Sterben erfahren hat, jemals wieder froh sein kann. Jesus h�tte mich nicht zu beweinen brauchen.� Dann f�gte er hinzu: �Er mu� wohl der Sohn Gottes gewesen sein, und derjenige, von dem geschrieben steht, er w�rde auf Erden erscheinen�� obwohl ich davon nicht so fest �berzeugt bin wie meine Schwestern. Ich sehe auch nicht ein, weshalb er mich derart geliebt haben sollte; er hatte doch keinen Grund dazu.�</p><p>Schweigend sa�en wir und starrten vor uns hin. Ich wu�te nicht, wonach ich mich sonst noch erkundigen, sollte, so unheimlich schien dieser Mann mir mit seiner Schroffheit und seinem Mi�mut. Schlie�lich fragte ich behutsam: �Aber da� er der Messias war, glaubst du doch wohl?�</p><p>�Er ist mehr als der Messias�, erkl�rte Lazarus sehr entschieden. �Eben dies erschreckt mich an ihm. Er ist mehr als alles, was die Propheten je voraussagen konnten. Du hast ja wohl geh�rt, da� er am dritten Tage aus dem Grabe auferstanden ist?�</p><p>�Ja�, antwortete ich. �Deshalb habe ich dich aufgesucht�� um mehr �ber ihn zu erfahren.�</p><p>�Da� er auferstand ist nur nat�rlich, v�llig klar und selbstverst�ndlich�, meinte Lazarus. �Welche Macht h�tte ihn im Grabe festzuhalten vermocht? Ich hatte es nicht n�tig, mir, wie meine Schwestern es taten, die leere Gruft anzusehen. Ich glaube es auch so. Aber, Fremdling, von ganzem Herzen und sehnlicher als irgend etwas anderes hoffe ich, da� er sich mir in diesem Leben nicht mehr zeigen wird. Ich k�nnte seinen Anblick nicht ertragen. Nein, nein, in diesem Leben nicht mehr! Erst in seinem Reich!�</p><p>�Welche Bewandtnis hat es mit seinem Reich?� fragte ich wi�begierig.</p><p>Lazarus blickte mich unfreundlich an und sagte: �Warum stellst du mir nicht die ebenso naheliegende Frage, welche Bewandtnis es mit dem Reiche des Todes hat? Dar�ber kann ich dir Auskunft geben: der Tod ist hier und dort und �berall. Da� wei� ich aus Erfahrung. Diese Welt ist das Reich des Todes; mein K�rper geh�rt ihm an, ebenso wie deiner. Aber mit Jesus kam das Reich des Gottessohnes auf die Erde. So ist nun sein Reich hier und dort und �berall.�</p><p>Dann jedoch senkte er den Kopf und f�gte hinzu: �Aber glaube lieber nicht, was ich sage! Ich kann falsch verstanden haben. Alles ist so verwirrend.� Nach einer Weile meinte er: �Und la� dich durch meine Niedergeschlagenheit nicht entmutigen! Der Weg ist der richtige, dessen kann ich dich versichern. Wenn du ihn weiterverfolgst, gehst du nicht in die Irre.�</p><p>Er stand auf und sch�ttelte den Staub von seinem Mantel. �Wahrscheinlich wirst du gern meine beiden Schwestern kennenlernen wollen�, sagte er. �Ich bringe dich zu ihnen. Dann aber entferne ich mich, wenn du erlaubst. Mir f�llt es schwer, mit Menschen beisammen zu sein.�</p><p>In Gesellschaft anderer mu�te dieser Mann sich wohl tats�chlich eher tot als lebendig vorkommen. Dazu bewegte er sich nur m�hsam, als h�tte er seine Glieder nicht voll in seiner Gewalt. Ich glaube, er w�re mir auch gleich als seltsam aufgefallen, wenn ich ihn, ohne zu wissen, wer er ist, im Kreise anderer Menschen gesehen h�tte.</p><p>Er f�hrte mich zum Dorfe nicht auf dem k�rzesten Wege, sondern ging vor mir her den Hang hinauf und lie� mich das Felsengrab sehen, aus dem Jesus von Nazareth ihn gerufen hatte. Seine und seiner Schwestern Heimstatt war ein stattlicher Bauernhof. Unterwegs zeigte Lazarus mir zwei Esel auf der Weide, einen Weinberg und Obstb�ume und schlie�lich Gefl�gel, das in der N�he des Hauses scharrte. Es war, als wollte er mir auf b�uerliche Art zu verstehen geben, da� er nicht ein hergelaufener Habenichts sei. Alles war so anheimelnd, friedlich und diesseitig, da� ich kaum den Gedanken festhalten konnte, neben jemandem zu gehen, der offenbar davon �berzeugt war, von den Toten auferweckt worden zu sein.</p><p>Aber f�r mich ist dieser Punkt, das erkannte ich klar, nicht entscheidend. Worauf es mir ankommt, ist nur, ob Jesus von Nazareth wirklich Gottes Sohn und ob er auferstanden ist. Wenn das zutrifft, warum h�tte er dann nicht vorher auch schon den Lazarus auferwecken k�nnen? So �berlegte ich. Und mitten in diesen Gedankeng�ngen fragte ich mich pl�tzlich verwundert, ob ich wirklich noch derselbe Marcus war, der in Rhodos studiert, in den hei�en Stra�en Roms das Nachtleben mitgemacht, dann in den Rosenhainen Baiaes die Gattin eines anderen unsinnig geliebt und schlie�lich in Alexandria die Zeit geteilt hatte zwischen der Erforschung von Prophezeiungen und n�chtelangen Trinkgelagen in schlechter Gesellschaft.</p><p>Was war denn in mich gefahren? Welche j�dischen Hexerk�nste hatten derart Macht �ber mich gewonnen, da� ich mit staubigem, schwei�ig riechendem Mantel in einem jud�ischen Dorf zwischen gackernden Hennen umherstolperte, auf der Suche nach Beweisen f�r eine Totenerweckung, nach Wundern und nach einem Gott, der als Mensch zur Welt kam, dann starb und wieder auferstand, auf da� die Welt gewandelt w�rde? Denn falls dies alles tats�chlich geschah, kann die Welt nicht bleiben, wie sie ist.</p><p>Von Lazarus begleitet, blickte ich in einen gro�en, halbdunklen, quergeteilten Raum, dessen untere H�lfte landwirtschaftliche Kr�ge und S�cke sowie eine Futterkrippe enthielt, w�hrend im oberen Teil einige M�belst�cke standen. Aber in dem Hause mu� es noch sonstige R�ume geben; denn Lazarus rief jetzt seine offenbar anderswo weilenden Schwestern herbei. Dann* f�hrte er mich zu einer Steinbank vor dem Haus und lud mich ein, Platz zu nehmen. Er selbst blieb stehen.</p><p>Nun kamen die Schwestern heraus, bedeckten nach der Sitte ihre Gesichter und blickten zu Boden. Lazarus sagte: �Das ist meine Schwester Martha, und das ist Maria. Frage sie, was du willst!� Dann ging er und zeigte sich nicht mehr.</p><p>Nachdem ich die Frauen begr��t hatte, sagte ich: �Ich m�chte gern etwas �ber den Lehrer erfahren, der, soviel ich wei�, �fter hier gewohnt und sogar euren Bruder vom Tode erweckt hat.�</p><p>Die Frauen empfanden Scheu vor mir; sie hielten sich Zipfel ihrer �berw�rfe vor den Mund und warfen einander verstohlene Blicke zu. Schlie�lich fa�te die �ltere, Martha, sich ein Herz und sprach: �Er war der Sohn Gottes. Wenn du willst, kann ich die Dorfleute zusammenrufen. Sie waren alle dabei, als er den Stein vom Grufteingang wegheben lie� und unseren Bruder mit lauter Stimme herausrief. Lazarus erschien, noch von Binden umwickelt und das Schwei�tuch �ber dem Gesicht, so da� alle sprachlos dastanden und vor Schreck zitterten. Aber er war unser Bruder. So l�sten wir die Grabt�cher und sahen, da� er lebte. Sp�ter a� und trank er vor aller Augen, und die Leute starrten ihn mit offenen M�ndern an.�</p><p>Maria sagte: �Im Dorfe wohnt auch ein Mann, der blind war und durch ihn das Augenlicht wiederbekam. Willst du mit ihm reden, damit du es glaubst?�</p><p>�Ich habe geh�rt, da� er Blinde sehen und Lahme gehen machte�, erwiderte ich. �Daf�r gibt es so viele Zeugen, da� ich mit dem Mann im Dorfe nicht zu sprechen brauche. Lieber w�rde ich etwas �ber Jesu Reich erfahren. Was hat er dar�ber gelehrt?�</p><p>Maria erkl�rte mir: �Er hat im voraus gewu�t, da� und wie er sterben mu�te, obwohl wir seine Andeutungen damals nichtverstanden. Als er unseren Bruder auferweckt hatte, zog er sich in eine Gegend nahe der W�ste zur�ck, weil zu viele Menschen um ihn herumschw�rmten. Aber sechs Tage vor Passah kam er wieder zu uns. W�hrend er a�, habe ich ihm die F��e gesalbt und sie mit meinem eigenen Haar getrocknet, um ihm soviel Ehre zu erweisen, wie ich nur konnte. Da sagte er, ich h�tte ihn f�r sein Begr�bnis gesalbt; so sicher war er seines Todes. Aber warum alles gerade so geschah und weshalb er eines derart schrecklichen Todes sterben mu�te, das k�nnen wir Schwestern beide nicht verstehen.�</p><p>Nun mischte Martha sich ein. �Wie sollten wir als Frauen das verstehen k�nnen? Manche meinen, alles sei geschehen, damit die Schriften erf�llt w�rden. Meinem Frauenverstand leuchtet nicht ein, wozu eine solche Erf�llung gut sein sollte. Jesus war doch der, der er war, durch die Art, wie er war, und hat das selber durch seine Taten gen�gend bewiesen. Aber vielleicht mu�ten die Schriften auf so grausame Weise erf�llt werden, damit auch die vernunftbegabten M�nner bereitwilliger glauben. Die Vernunft ist ja den M�nnern gegeben worden; in dieser Beziehung wurden wir Frauen k�rglich bedacht.�</p><p>�Aber was sagte er von sich selbst und seinem Reich?� dr�ngte ich ungeduldig.</p><p>Martha meinte: �Erz�hle du es ihm, Maria! Du hast ja den Reden Jesu zugeh�rt. Ich kann eher Bescheid dar�ber geben, wie man den Brotteig s�uert und Fleisch br�t, Trauben liest und Feigenb�ume pflegt. Etwas anderes habe ich nicht gelernt. Ich hatte auch keine Worte n�tig, um �berzeugt zu sein, da� er mehr war als ein Mensch.�</p><p>Maria wu�te zuerst nicht recht, was sie berichten sollte. Dann begann sie: �So wie er hat nie jemand gesprochen. Er redete wie einer, dem Gewalt gegeben ist. Er hat gesagt, er sei als Licht in die Welt gekommen, auf da� niemand, der ihm folgt, in der Finsternis wandle.�</p><p>�Was bedeutet da Licht? Und was bedeutet Finsternis?� fragte ich.</p><p>Maria sch�ttelte den Kopf und erwiderte: �Ach ja, wie kannst du das verstehen, ohne jemals selbst Zeuge seiner Belehrungen gewesen zu sein? Er hat gesagt: �Wer mich gesehen hat, hat den gesehen, der mich gesandt hat.� Und auch: �Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.��</p><p>Endlich glaubte ich zu begreifen und rief: �Wenn ich also den Weg suche, so suche ich ihn.�</p><p>Maria nickte eifrig. Dann kauerte sie sich vor mich hin und wandte mir ohne weitere Scheu beflissen das Gesicht zu. Um mir die Dinge klarzumachen, fragte sie: �Was ist deiner Meinung nach schwieriger: jemandem zu sagen: �Deine S�nden sind dir vergeben� oder jemanden, der vier Tage tot im Grabe gelegen hat, wiederzubeleben?�</p><p>Ich erwog diese Frage und erwiderte: �Beides ist gleich schwer und nach menschlichen Begriffen unm�glich. Wie kann ein Mensch einem anderen Menschen die S�nden vergeben? Und abgesehen davon, was ist denn S�nde? Im Grunde genommen will jede Philosophie den Menschen lehren, recht zu leben, sich jeder absichtlichen Sch�digung anderer zu enthalten und zur Gelassenheit gegen�ber dem Tode heranzureifen. Aber der Mensch kann Verfehlungen nicht ganz meiden. Er kann sie nur nachher als solche erkennen und sich vornehmen, das n�chstemal weiser zu sein. Dabei vermag niemand ihm zu helfen. Jeder mu� selbst verantworten, was er tut.�</p><p>Aber noch w�hrend ich so sprach, sp�rte ich schon, wie geringen Trost alle Philosophie zu geben vermag; war sie doch ebensowenig imstande, meinen Weltschmerz zu heilen wie die orphischen und �gyptischen Mysterien. Immer wieder hat dieser Weltschmerz, ohne erkennbaren Anla�, mich von neuem gepackt, gleich einer Krankheit. Dann bot das Leben mir keine Freude mehr, und weder Wein noch irgendwelche k�rperlichen Gen�sse brachten Linderung. Diese Qual hat mich ja dazu getrieben, in den alten Weissagungen nach irgendeinem Sinn f�r mein Dasein zu forschen. Diese Qual hat mich ja aus Alexandria verjagt und dahin gebracht, auf Jud�as Stra�en zu wandern.</p><p>Martha l�chelte ungl�ubig und sagte: �Wenn du nicht wei�t, was S�nde ist, brauchst du keinen Weg zu suchen, weil du in der Finsternis bleiben wirst. Niemand ist ohne S�nde; nicht einmal die Pharis�er sind es.�</p><p>Maria warf zornig ein: �Die sind am aller�rgsten�� gleich wei� �bert�nchten Gr�ften, au�en hui, innen aber�� allerhand anderes. Du bist ja ein merkw�rdiger Mensch, Fremdling, da� du nicht einmal wei�t, was S�nde ist.�</p><p>�Ihr Juden habt euer Gesetz�, rechtfertigte ich mich. �Von Kind auf m��t ihr eure Gebote lernen, und ihr merkt es, wenn ihr gegen sie versto�en habt.�</p><p>�Jesus ist nicht gekommen, um uns Menschen zu richten�, erl�uterte Maria in einem T�ne, als h�tte sie einen Schwachsinnigen vor sich. �Im Gegenteil, er ist gekommen, um uns von der Herrschaft des Gesetzes zu befreien, indem er zeigte, da� niemand ohne S�nde sein kann. Wenn bei uns jemand zu seinem Bruder auch nur ein �bereiltes Wort spricht, so hat er sein Heil verwirkt. Jesus aber hat niemanden verurteilt. Sogar zu den gr��ten �belt�tern konnte er sagen: �Deine S�nden sind dir vergeben.� Mit einem hast du �brigens recht: Diese Worte sind etwas, was nie ein Mensch zu einem anderen Menschen sagen kann. Aber er sprach sie. Beweist nicht das schon, da� er mehr war als ein Mensch?�</p><p>Ich bem�hte mich ehrlich zu verstehen; doch es gelang mir nicht. �Ich habe ihn selbst leiden und am Kreuze sterben sehen�, erkl�rte ich. �Er ist den Tod des Menschen gestorben. Schwei� und Schmutz rannen von ihm in seinem Todeskampf; Blut und Wasser flossen aus seiner Seite, als ein Legion�r ihm mit der Lanze das Herz durchbohrte. Er ist nicht vom Kreuz gestiegen. Keine himmlischen Scharen kamen, um seine Peiniger zu bestrafen.�</p><p>Maria schlug die H�nde vor das Gesicht und brach in Tr�nen aus. Martha blickte mich vorwurfsvoll an. Es war wirklich herzlos von mir, die beiden so lebhaft an das Leiden ihres Meisters zu erinnern. Doch ich wollte Klarheit.</p><p>Schlie�lich fl�sterte Maria: �Er ist als Mensch zur Welt gekommen und hat als Mensch unter uns gewohnt. Aber er vollbrachte Taten, wie kein Irdischer sie bewirken kann. Er hat denen, die an ihn glaubten, die S�nden vergeben. Er ist sogar vom Tode auferstanden, so da� wir nicht mehr um ihn trauern m�ssen. Aber all das ist noch ein R�tsel, das wir nicht l�sen k�nnen.�</p><p>�Du willst mich glauben machen, er sei Mensch und Gott zugleich gewesen�, rief ich. �Aber das ist unm�glich! Zur Not kann ich mir einen Gott vorstellen, der �berall ist, in allem, was geschieht, und auch in jedem von uns. Aber Gott ist Gott, und Mensch ist Mensch.�</p><p>Maria erwiderte: �Vergebens bem�hst du dich, mich in die Enge zu treiben. Ich wei�, was ich wei�, und ich f�hle, was ich f�hle. Auch du ahnst irgend etwas, ohne zu wissen, was es ist. Weshalb sonst w�rest du zu uns gekommen und h�ttest nach dem Wege gefragt? Wie willst du begreifen, wenn selbst wir vor R�tseln stehen? Wir glauben nur, weil uns nichts anderes �brig bleibt.�</p><p>�Ihr glaubt, weil ihr ihn geliebt habt�, entgegnete ich unwirsch. �Sicherlich war er ein hervorragender Mensch und ein gro�er Lehrer. F�r mich jedoch ist es schwer, ihn blo� nach dem zu lieben, was ich vom H�rensagen wei�.�</p><p>�Du bist guten Willens�, meinte Maria. �Sonst w�rde ich dich nicht anh�ren und dir nicht antworten. Darum will ich dir noch etwas zur Erkl�rung sagen. Wir sind unterwiesen worden, da� der Inhalt des ganzen Gesetzes in den folgenden beiden Geboten umschlossen liegt: �Liebe Gott aus deinem ganzen Herzen�, und �Liebe deinen N�chsten wie dich selbst!� In Jesus lieben wir Gott, der ihn uns als unseren N�chsten geschickt hat.�</p><p>F�r mich war es eine ganz �berraschende Vorstellung, da� man Gott lieben k�nnte oder sollte. Scheu, Angst und Furcht konnte ich verstehen, nicht aber Liebe. Ich sch�ttelte den Kopf. Das war eine Lehre, die �ber meine Begriffe ging. Au�erdem schien es mir t�richt, jeden Mitmenschen so zu lieben wie sich selbst, weil es doch gute und schlechte Menschen gibt. Darum bohrte ich weiter: �Wer ist denn mein N�chster?�</p><p>Maria erkl�rte: �Nach Jesu Lehre ist jedermann unser N�chster, sogar ein Samariter, den wir Kinder Israels als unrein betrachten. Die Sonne scheint �ber B�se und Gute. B�ses darf nicht mit B�sem vergolten werden. Wenn einer dich auf die rechte Wange schl�gt, so halte ihm auch die linke hin!�</p><p>Ich hob abwehrend beide H�nde und rief: �Jetzt ist es aber genug! Verr�cktere Vorschriften habe ich nie geh�rt, und mir ist jetzt schon klar, da� kein menschliches Wesen sie befolgen kann. Auf die Kunst der Unterweisung allerdings verstehst du, sch�ne Frau, dich besser als Nikodemus, der Lehrer Israels!�</p><p>Maria schlug die Augen nieder und lie� die H�nde in den Scho� sinken. Leise sagte sie: �Sogar am Kreuze noch hat er seinen Vater beschworen, seinen Peinigern zu verzeihen. So haben es Ohrenzeugen berichtet.� Nach einer Weile meinte sie dem�tig: �Und nenne mich nicht sch�n! Das kr�nkt mich nur.�</p><p>Martha widersprach. �Sicherlich ist meine Schwester sch�n. Sie hatte viele Verehrer. Aber seit dem Tode unserer Eltern haben wir drei Geschwister immer zusammengelebt, unter dem Schutz unseres Bruders. Deshalb war es ein so gro�es Werk der Barmherzigkeit, da� Jesus zu uns kam und Lazarus wieder zum Leben erweckte. Sonst h�tten wir nicht aus noch ein gewu�t. Anfangs h�tten wir viel Angst, die Schriftgelehrten w�rden aus der Stadt hierherkommen und unseren Bruder steinigen. Angedroht haben sie es. Doch jetzt, da sie Jesus get�tet haben, d�rften sie kaum mehr hier erscheinen. Trotzdem bin ich, so sehr ich mich auch zusammennehme, noch immer �ngstlich. Jesus hat das zwar verboten, aber ich kann mir einfach nicht helfen. Ich mag nicht einmal daran denken, wie bange mir war, als Jesus darauf bestand, nach Jerusalem zu gehen und sich selber dem Tode auszuliefern.�</p><p>Ich h�rte ihr nicht sehr aufmerksam zu, weil mir die aller Vernunft widerstreitende neue Lehre, die Maria mir dargelegt hatte und die wahrhaftig nicht von dieser Welt war, im Kopf herumging. Ich hatte mehr davon abbekommen, als ich auf einmal verdauen konnte. Es w�re besser gewesen, solche Grunds�tze zu verlachen und sich von einem derart unsinnigen Wege fernzuhalten. Mir wurde ganz �bel bei der blo�en Vorstellung, ich sollte den erstbesten Schwachkopf oder Schurken, der mir begegnete, als meinen N�chsten betrachten oder mich, ohne einen Finger zu meiner Verteidigung zu r�hren, verunglimpfen lassen.</p><p>Aber Maria sagte: �Wir Schwestern wollen versuchen, unseren Kummer abzusch�tteln. Auch du, Fremdling, solltest dir nicht weiter den Kopf zerbrechen! Wir wollen einfach der Dinge harren, die da kommen werden. Unser Meister hat gesagt, die Haare auf unserem Haupte seien alle gez�hlt, und es falle kein Sperling zur Erde, ohne da� unser aller Vater es w��te. Warum sollten wir uns also sorgen?�</p><p>Ihre �berzeugungsstarken Worte machten tiefen Eindruck auf mich. Ebenso wie ich seinerzeit, hin und her gerissen zwischen Zweifel und Glaubenssehnsucht, mich schlie�lich von Zeichen und Vorbedeutungen hatte leiten lassen, so erf�llte mich jetzt pl�tzlich das bestimmte Empfinden, ich sollte nicht allzusehr darauf erpicht sein, die Wahrheit im Nu zu erhaschen. Vielleicht wird mir im Laufe der Zeit alles offenbar, wenn ich mich damit bescheide, den Weg, auf den ich gelenkt wurde, weiterzuschreiten.</p><p>Deshalb erhob ich mich und sagte: �Jetzt habe ich euch wirklich lange genug von eurer Arbeit abgehalten. Aber ich danke euch beiden daf�r, da� ihr mich so geduldig angeh�rt und mir auf meine Fragen Bescheid gegeben habt. Friede sei mit euch!�</p><p>Martha sprang auf, schlug die H�nde zusammen und rief: �Du darfst noch nicht gehen. Wie kann ich dich hungrig und durstig ziehen lassen?�</p><p>Ohne meinen Widerspruch zu beachten, ging sie in das Haus, um einen Imbi� vorzubereiten. Unterdessen sa� ich, in Gedanken versunken, auf der Steinbank, und Maria kauerte auf dem Boden neben mir. Wir sprachen beide kein Wort. Aber w�hrend ein solches Schweigen auf Menschen, die einander nichts zu sagen haben, bedr�ckend wirkt, war es bei uns nicht so. Maria hatte mir ja im Gegenteil derart vieles gesagt, da� ich mehr gar nicht h�tte in mir aufnehmen k�nnen. Einen Teil hatte ich verstanden, und das �brige mochte mir eines Tages klarwerden. Jedenfalls w�re f�r mich nichts gewonnen gewesen, wenn wir jetzt weitergeredet h�tten. So begn�gte Maria sich damit, mir zur Seite zu sein; und durch ihre Gegenwart allein flo� auf mich ein Strom heiterer Gelassenheit �ber, die mich ihrer N�he froh werden lie�.</p><p>Martha kam zur�ck und brachte in �l getr�nktes und mit herben S�mereien gew�rztes Brot, mit kleingehackten harten Eiern vermischtes Gem�se, gesalzenes Schaffleisch und dicken Traubensirup. Nachdem sie alles neben mich auf die Steinbank gestellt hatte, go� sie mir Wasser �ber die H�nde und segnete die Speisen. Aber weder sie noch ihre Schwester r�hrten das Mahl an; auch Lazarus kam nicht mit mir essen. Bei aller Freundlichkeit dieser Leute f�hlte ich mich pl�tzlich wie ein Auss�tziger.</p><p>Die Wanderung nach Bethanien war nicht lange gewesen. Doch als ich die guten Gerichte sah, sp�rte ich Hunger und a� mit Appetit, w�hrend Martha neben mir sa� und mich aufforderte, von jeder Speise zu nehmen und alles aufzuessen. Ich vermutete, die Schwestern w�rden, wenn ich etwas �briglie�e, es wegwerfen, weil es von einem Fremden ber�hrt worden war, und a� aus H�flichkeit auch noch weiter, als ich genug hatte. Schlie�lich trank ich von dem Wasser, das Martha mit etwas Wein versetzt hatte, und pl�tzlich �berkam mich starke Schl�frigkeit.</p><p>Es war Mittag. Als ich fertiggegessen hatte, meinte Martha f�rsorglich: �Jetzt, in der gr��ten Hitze, brauchst du nicht an den R�ckweg zu denken. Bleibe hier und ruhe ein wenig, damit wir die Pflichten der Gastfreundschaft ganz erf�llen.�</p><p>Ich f�hlte mich �ber die Ma�en ersch�pft, ohne sagen zu k�nnen, ob es mehr seelische oder k�rperliche M�digkeit war. Als ich aufzustehen und zu gehen versuchte, waren meine Beine bleischwer. Au�erdem tat mir die Warmherzigkeit der beiden Frauen so gut, da� ich nicht die geringste Lust hatte wegzugehen. Nat�rlich h�tte ich mich, wenn ich ernstlich gewollt h�tte, jetzt verabschieden und auf den Weg machen k�nnen; aber bei meiner Abgespanntheit fand ich den blo�en Gedanken an einen Aufbruch als qualvoll. Einen Moment lang argw�hnte ich, Martha h�tte in den Wein irgendein Bet�ubungsmittel gegossen. Doch weshalb sollte sie das getan haben? Und beim Trinken hatte ich keinen bitteren Geschmack gesp�rt.</p><p>�Nach Jerusalem ist es nicht weit�, sagte ich. �Aber wenn ihr es wirklich gestatten wollt, bleibe ich gern �ber Mittag hier. Ich f�hle mich sehr wohl bei euch.�</p><p>Die beiden Frauen l�chelten geheimnisvoll, als w��ten sie, was ich ihnen sagte, besser als ich. Diese M�glichkeit geheimen Wissens gab ihnen f�r einen Augenblick ein ganz merkw�rdiges Gepr�ge: sie schienen nicht mehr blo�e Menschen, sondern etwas H�heres. Indes fl��ten sie mir keine Angst ein. Ich f�hlte mich eher wie ein Kind, das sich verlaufen hat und wieder heimfindet.</p><p>Sie f�hrten mich in den Innenhof, den ein Laubdach beschattete. Obwohl mich in meiner Schlaftrunkenheit ein Gef�hl der Unwirklichkeit gefangenhielt, bemerkte ich, da� ihr Anwesen gr��er war, als ich gedacht hatte. Es gab da mindestens vier offenbar zu verschiedenen Zeiten aufgef�hrte Geb�ude, die den Hof umschlossen. Die Schwestern wiesen auf eine Au�entreppe an dem neuesten der Geb�ude, folgten mir, als ich hinaufstieg, und zeigten mir ihr G�stezimmer auf dem Dache. Es war ein kleiner, k�hler Raum mit einer niedrigen, nach Zimt riechenden Schlafbank und einer Matte auf dem Boden.</p><p>Martha sagte: �Strecke dich hier aus und halte ein Mittagsschl�fchen. Unser Lehrer, von dem wir dir erz�hlten, hat oft in dieser Kammer geruht. Nachher aber stieg er allein auf den Berg, um zu beten. Er kam und ging nach belieben. Halte es ebenso!�</p><p>In dem Zimmer waren ein Wasserkrug und ein Linnen vorbereitet. Ohne auf meinen Widerspruch zu achten, kniete Martha vor mich hin, nahm mir die Sandalen ab, wusch mir die staubigen F��e und trocknete sie mit einem Tuche.</p><p>�Warum tust du das?� fragte ich. �Du bist doch nicht meine, Magd!�</p><p>Martha sah mich wieder mit r�tselvollem L�cheln an und erwiderte: �Eines Tages wirst du vielleicht jemand anderem den gleichen Dienst erweisen, ohne sein Knecht zu sein. Wei�t du, ich empfinde dich als einen verwandten Menschen voll Kummer und Bedr�ngnis, obwohl du nach au�en hin heil und gesund bist und dein Kopf den mit verschiedensten Kenntnissen vollgepfropft ist.�</p><p>Diese Worte trafen mich tief. Denn all mein Wissen war mir immer nur ein bohrender Dolch im Herzen. In ewiger Zweifelsucht flatterte mein Fragen um die Wahrheit; und beim besten Willen konnte ich mich nie zum Glauben an Dinge zwingen, die ich nicht zu glauben w�nschte.</p><p>Maria sagte: �Jesus hat den gleichen Liebesdienst seinen J�ngern erwiesen, an jenem letzten Abend, als sie sich dar�ber zankten, wer in seinem Reich der erste werden sollte.�</p><p>Dann gingen die beiden Schwestern still hinaus, und gleich darauf fiel ich in tiefen Schlaf; so lindernd und tr�stlich wirkte es auf mich, in dieser guten Stube auf dem zimtduftenden Bett zu liegen.</p><p>Als ich erwachte, hatte ich das starke Gef�hl, da� ich nicht allein war, da� jemand neben mir weilte, der auf mein Erwachen gewartet hatte. Diese Empfindung war so lebhaft, da� ich mit geschlossenen Augen dalag und mich bem�hte, den Fremden atmen oder sich r�hren zu h�ren. Als ich aber die Lider aufschlug, war das Zimmer leer, und ich lag allein darin. Die Entt�uschung dar�ber traf mich so heftig, da� vor meinen Augen W�nde und Decke des Raumes zu schwanken begannen, als wollten sie jetzt und jetzt einst�rzen. Ich schlo� die Augen wieder, und gleich sp�rte ich von neuem die Gegenwart eines anderen Wesens neben mir. Mir kam vor, ich h�tte etwas �hnliches in Jesu Gruft empfunden. Tiefer Friede erf�llte mich.</p><p>Ich dachte: In ihm selbst lag sein Reich, das auf unsere Welt kam. Nun, da er das Grab verlassen hat, wird auch sein Reich auf Erden bleiben, solange er selbst hier weilt. Vielleicht ist es die Gegenwart dieses Reiches, die ich empfinde.</p><p>Wieder schlief ich ein. Als ich jedoch neuerlich aufwachte, sp�rte ich die volle Last meines K�rpers auf dem Bett; ich roch die Sch�rfe meines eigenen Schwei�es und empfand die beengende Undurchdringlichkeit der Lehmmauern um mich. Bleischwer f�hlte ich mich und hatte keine Lust, die Augen zu �ffnen; so betr�blich war es, wieder in der K�rperwelt zu erwachen.</p><p>Als ich mich schlie�lich dazu aufraffte, um mich zu blicken und aus der Seligkeit des Tr�umens in die Wirklichkeit zur�ckzukehren, entdeckte ich, da� ich diesmal tats�chlich nicht allein war. Eine Frau kauerte reglos auf der Matte und wartete offenbar auf mein Erwachen. Sie trug einen schwarzen �berwurf, und ihr Kopf war mit einem Schleier bedeckt, so da� ich mich zuerst fragte, ob die Gestalt �berhaupt ein lebender Mensch war. Beim Betreten des Zimmers hatte ich niemanden darin bemerkt und auch sp�ter niemanden eintreten h�ren. Ich setzte mich am Rande des Bettes auf und sp�rte in allen Gliedern das Bleigewicht der Erde.</p><p>Als die Frau meine Bewegungen gewahrte, streckte sie den R�cken und l�ftete den Schleier. Sie war bla� und nicht mehr jung. Die Wechself�lle des Lebens hatten wohl ihre fr�here Sch�nheit zerst�rt; noch immer brannte aber eine Flamme in ihrem Gesicht. Als sie merkte, da� ich hellwach war, bedeutete sie mir mit einer unter dem Mantel versteckten Hand, ruhig sitzen zu bleiben, und begann in der heiligen Sprache der Juden kehlig zu singen. Nachdem sie eine Zeitlang so psalmodiert hatte, �bersetzte sie das Vorgetragene ins Griechische.</p><p>��Alles Fleisch ist wie Gras��, begann sie. ��Und alle Herrlichkeit des Menschen ist wie des Grases Blumen. Das Gras verdorret, und die Blume welkt dahin, sobald des Herrn Odem sie anhaucht. Das Gras verdorret, und die Blume welkt dahin; doch des Herren Wort bleibet in Ewigkeit.��</p><p>Dann sagte sie: �Wahrlich, unser Gott ist ein verborgener Gott.�</p><p>Sie blickte mich an, und in der Tiefe ihrer schwarzen Augen gl�hte ein Funke. Ich nickte zum Zeichen, da� ich verstand. Aber noch bedeuteten ihre Worte nichts f�r mich. Sie fuhr fort: ��Und der Herr sprach zu mir: Zu wenig ist's, da� du mir Knecht seist, um aufzurichten Jakobs Stamm und Israels Versprengte heimzuholen. Ich mach' dich vielmehr zum Lichte der Heiden, da� da reiche mein Heil bis ans Ende der Erde!��</p><p>Wie zu Beginn hatte sie das Psalmodieren in der heiligen Sprache aufgenommen, diesmal allerdings dann und wann bei einem Worte stockend, als ents�nne sie sich nicht ganz des genauen Wortlauts. Dann gab sie die Verse auf griechisch wieder und f�gte hinzu: �So hat der Prophet Jesaja von ihm geweissagt. Und die Stillen im Lande haben in ihrem Ged�chtnis auch die Worte bewahrt: �Verachtet war er, von den Menschen gemieden, ein Mann der Schmerzen, mit Leiden vertraut; man verh�llte das Antlitz vor ihm, und wir verachteten ihn. F�rwahr, unsere Leiden trug er, unsere Schmerzen lud er sich auf. Verwundet ward er f�r unsere Frevel, gez�chtigt zu unserem Heil. Wie Schafe irrten wir alle umher, jeder wandte sich seines Weges. Aber auf ihn lie� der Herr fallen unser aller Verschuldung. Man mi�handelte ihn; er beugte sich willig und tat den Mund nicht auf.��</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf; Tr�nen begannen ihr �ber die Wangen zu rollen. Doch mit gebrochener Stimme fuhr sie fort: ��Er verstr�mte seine Seele in den Tod und lie� sich unter die Frevler z�hlen. Er trug die S�nden der Vielen und trat f�r die �belt�ter als Mittler ein.��</p><p>Ich erinnerte mich dunkel, etwas dergleichen im vergangenen Winter in Alexandria gelesen zu haben, zusammen mit dem j�dischen Gelehrten; aber damals hatten die Worte mir nichts besagt. Die Frau kauerte sich weinend auf den Boden hin und barg ihr Gesicht in den schwarzen �berwurf, um mir ihren Kummer nicht preiszugeben.</p><p>Ich sagte: �Ja, ja. Ich verstehe, was du sagst. So wurde es prophezeit, und so traf es ein. Aber welcher Sinn liegt darin?�</p><p>Die Frau sch�ttelte wieder den Kopf und antwortete hinter dem �berwurf hervor: �Wir wissen es noch nicht. Wir verstehen es nicht. Aber nun gibt es nicht mehr verschiedene Wege, es braucht sich nicht jeder seines eigenen Weges zu wenden�� es gibt nur einen einzigen Weg.�</p><p>Als sie den Kopf verh�llt hatte, sann ich �ber ihre Gesichtsz�ge nach und sagte schlie�lich: �Was gereicht dir zum Frieden, Frau? Ich glaube, ich kenne dich.�</p><p>Sie wischte sich die Tr�nen in den Mantel, hob wieder den Kopf, versuchte zu l�cheln und erwiderte: �Auch ich habe dich erkannt. Deshalb kam ich her. Als er am Kreuz gemartert wurde, hast du einen Schriftgelehrten geschlagen und die h�hnenden Gaffer beiseite gesto�en.�</p><p>Ich mu�te lachen. �Nein, nein�, wehrte ich freundlich ab. �Geschlagen habe ich niemanden. Da irrst du dich sehr. Es verhielt sich so: Ich habe einen Schriftgelehrten etwas gefragt, und er ist anma�end geworden; daraufhin habe ich mich an den Zenturio gewandt, und der hat die Sp�tter abgedr�ngt.�</p><p>Aber die Frau sch�ttelte heftig den Kopf und erkl�rte: �Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie du den L�sterer schlugst, weil du dich �ber ihn ge�rgert hast, obwohl du als Fremder mit der ganzen Sache nichts zu tun hattest.�</p><p>Ich sah keine Veranlassung, mit ihr dar�ber zu streiten. Vor dem Tode des Judenk�nigs war es ja so dunkel geworden, da� sie sich leicht get�uscht haben konnte. Nach einer kleinen Weile sagte ich: �Mir kommt vor, ich habe dich dort in der N�he seiner Mutter gesehen.�</p><p>�Ja, gewi߫, erwiderte sie. �Ich bin Maria Magdalena. Du hast von mir schon geh�rt. Jesus hat die b�sen Geister aus mir getrieben, und seither bin ich ihm gefolgt. Er hat mir das gestattet, obwohl man es ihm �belnahm.�</p><p>Pl�tzlich streckte sie mir erregt die H�nde entgegen, als h�tte sie sich die ganze Zeit �ber mit Gewalt bez�hmt, und rief: �Sag doch! Ich habe geh�rt, du bist im Auftrag des Statthalters zum Grabe gegangen und hast als erster R�mer festgestellt, da� Jesus auferstanden ist. Erz�hle mir davon! Bezeuge, was du gesehen hast! Mir glaubt niemand, weil ich nur eine Frau bin.�</p><p>Ich erwog meine Worte sorgf�ltig, da ich Maria Magdalena weder bel�gen noch irreleiten wollte. �Den Stein hat das Erdbeben vom Grufteingang losger�ttelt, und die Wachen w�ren geflohen. Ich bin mit dem Hauptmann eingetreten. Wir sahen das Grablinnen dort liegen, so wie es um den K�rper gewickelt worden war, und das Schwei�tuch lag in einigem Abstand; aber in der H�lle stak kein Leichnam. Als ich das sah, glaubte ich. Dann jedoch kamen die Juden und rissen in ihrer Wut das Linnen auseinander. Trotzdem glaube ich weiterhin, da� er auferstanden ist. Wie das jedoch zuging, begreife ich nicht; bisher hat sich so etwas nie ereignet.�</p><p>Sie lauschte ehrerbietig meinen Worten. Ich wollte die Dinge unvoreingenommen darstellen und f�gte hinzu: �Nat�rlich gab und gibt es in verschiedenen L�ndern Mysterien, bei denen ein Gott begraben wird und dann wieder aufersteht. Aber das ist nicht Wirklichkeit�� nur eine Art frommes Schauspiel. �brigens warst du doch vor uns beim Grabe. Berichte du jetzt dar�ber! Hast du den Zustand der Grabt�cher bemerkt?�</p><p>Maria Magdalena verneinte durch eine Geste und erkl�rte: �Als ich zur Gruft kam, war es noch dunkel. Ich sah, da� der Stein nicht mehr den Eingang verschlo� und dachte, jemand h�tte ihn fortgew�lzt. Doch in die Grabkammer traute ich mich nicht. �brigens h�tte ich drinnen wegen der Dunkelheit ohnedies nichts gesehen. Deshalb rannte ich dorthin, wo seine vertrautesten J�nger sich versteckt hielten, und f�hrte zwei von ihnen zum Grabe: Simon Petrus, einen gro�en starken Mann, und den jungen Johannes, dem Jesus seine Mutter anvertraut hatte. Die beiden liefen so eilig, als ginge es um ihr Leben, traten ein, fanden die Kammer leer und gingen rasch wieder davon, aus Angst vor den Juden. Ich blieb zur�ck und weinte vor dem Grabe. Und nach einer Weile schaute ich in die Gruft. Sie war taghell erleuchtet; ein Engel sa� drinnen, wie in Licht gekleidet und mit feurigem Antlitz, so da� ich erschrak und am ganzen Leibe zu zittern begann und zur�ckwich, als er mich ansprach. Dann aber bemerkte ich pl�tzlich den Herrn selbst, ohne ihn allerdings gleich zu erkennen.�</p><p>Ihre Schilderung stand in Widerspruch zu dem Bericht der Wachsoldaten. Sie blickte mich verst�ndnisheischend an, als sp�rte sie meine Zweifel, und erkl�rte: �Es ist doch begreiflich, da� ich ihn nicht gleich erkannt habe. Nie w�re mir ja in den Sinn gekommen, da� er es sein k�nnte. Nicht einmal seine J�nger haben ihn sofort erkannt, damals, als er, �ber den See Genezareth wandelnd, auf ihr Boot zuschritt. Ich hielt ihn f�r einen Fremden, der den Leichnam fortgetragen hatte. Ich machte ihm Vorw�rfe dar�ber und forderte ihn nachdr�cklich auf, mir zu sagen, wo er ihn hingelegt h�tte, damit ich ihn holen k�nnte. Da rief er mich beim Namen, und ich wu�te, wer er war. Er trug mir eine Botschaft f�r die J�nger auf, und ich war so �bergl�cklich, da� ich den Boden unter den F��en nicht sp�rte, als ich die Kunde zu �berbringen eilte. Aber keiner der J�nger glaubte mir.�</p><p>Eigentlich glaubte auch ich ihr nicht. Ich hatte einfach den Eindruck, da� sie zu jenen Frauen geh�rte, die sich leicht von Gef�hlen fortrei�en lassen, und da� sie beim Erz�hlen die Dinge durcheinanderbrachte. Doch ich kehrte zu dem Hauptpunkt zur�ck und fragte wieder: �Und hast du nun bemerkt, wie die Grabt�cher dalagen?�</p><p>Sie sah mich erstaunt an. �Wie h�tte ich so etwas bemerken sollen? Der Glanz des Engels blendete mich derart, da� ich den Blick abwenden mu�te. Und ich war sehr erschrocken. Die Frauen haben mir geglaubt�� nur die J�nger nicht; sie f�rchten noch immer um ihr Leben und k�nnen keinen anderen Gedanken fassen.�</p><p>Nach Frauenart redete sie sich in �berschwang hinein und fuhr aufgeregt fort: �Es mu�, wie du sagst, das Erdbeben gewesen sein, das den Stein vom Grabe schob. Andere Leute allerdings sind davon �berzeugt, da� der Engel es tat, und haben auch erz�hlt, durch das gleiche Erdbeben seien im Tempel die Stufen zum Heiligtum geborsten. Zwei seiner J�nger haben Jesus auch nicht erkannt, als er sich ihnen am gleichen Tage auf dem Wege nach Emmaus anschlo�. Sie erkannten ihn nicht, obwohl er ihnen die Schrift Stelle f�r Stelle auslegte und ihnen erl�uterte, warum alles so hatte geschehen m�ssen. Erst als sie gegen Abend das Dorf erreichten und ihn zu sich einluden, als er das Brot nahm, es brach und ihnen reichte�� erst da gingen ihnen die Augen auf. Dann aber entschwand er ihren Blicken.�</p><p>�Du meinst also�, sagte ich, und die Zunge wurde mir schwer, �da� er noch hier auf Erden ist, da� er nach Belieben kommt und geht und mit Leuten seiner Wahl spricht? Und da� manche ihn erkennen, andere aber nicht?�</p><p>�Ganz richtig�, erwiderte Maria Magdalena entschieden. �Davon bin ich �berzeugt, und deshalb warte ich. Vielleicht brennen unsere Herzen noch nicht so, wie sie sollten; vielleicht ist unser Verstand zu tr�ge. Darum gew�hrt der Herr uns Frist, bis wir reif dazu geworden sind, den Sinn all dieser Dinge zu begreifen.�</p><p>�Sagtest du wirklich, da� er auf dem Wasser wandelte?� fragte ich, um mir selbst sinnf�llig zu machen, wie unm�glich und vernunftwidrig das alles klang.</p><p>Maria Magdalena blickte mich treuherzig an und erkl�rte: �Er hat so viele Wunder gewirkt, da� auch ein Herz von Stein h�tte glauben m�ssen. Aber wir wissen noch immer nicht, was wir jetzt von ihm halten sollen. Allerdings steht geschrieben, da� der Gesandte des Herrn blind und sein Knecht taub ist. Vielleicht dienen wir unbewu�t seinen Zwecken.�</p><p>�Aber warum vertraust du einem Fremdling wie mir?� fragte ich. �Du bist eine gebildete Frau, sprichst griechisch und kennst die Propheten auswendig, in der heiligen Sprache der Juden. Soweit ich geh�rt habe, bist du auch wohlhabend. Erz�hle mir etwas von dir selbst, damit ich dich besser verstehe!�</p><p>Stolz entgegnete sie: �Ich habe keine Scheu vor Fremden. In meinem Haus haben Griechen und Syrer verkehrt, auch R�mer�� und sogar Hofleute. Wenn Jesus wirklich der ist, als den ich ihn ansehe und bezeuge, so richtet sich meine Botschaft nicht an Israel allein, sondern seine Lehre ist, wie geschrieben steht, ein Licht f�r die ganze Welt. Auch wegen dieser meiner �berzeugung verlacht man mich. Als die b�sen Geister sich meiner bem�chtigt hatten, erlitt ich manches, von dem gew�hnliche Menschen keine Ahnung haben. Ein Zauberer kann den Leib einer besessenen Person derart in ein Wasserbecken bannen, da� sie aufschreit, wenn er in einem anderen R�ume eine Nadel in Wasser sticht. Jesus aber dachte nicht daran, sich meiner so wie anderer zu bedienen; ihm war nur daran gelegen, mich von den b�sen Geistern zu befreien, sobald er sich vergewissert hatte, da� ich von ganzem Herzen ihrer ledig zu werden w�nschte. Mein Gesicht tr�gt ebensowenig Spuren meines fr�heren Lebens wie ein Fels, von dem der Regen das Erdreich abgesp�lt hat. Frage mich nicht nach meiner Vergangenheit; sprich blo� zu dem Menschen, der ich jetzt bin!�</p><p>�Ganz, wie du willst!� sagte ich. �Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Warum vertraust du gerade mir?�</p><p>Ihr Antlitz ergl�hte wieder, und sie rief: �Weil du bei der Kreuzigung f�r Jesus gegen die Sp�tter Partei ergriffen hast. Weil du, ohne mehr von ihm zu wissen, als was zum Hohne auf der Kreuzestafel stand, vor seinem Leiden Achtung empfandest. Du hast ihn verteidigt, w�hrend die Seinen eingesch�chtert entflohen. Niemand war bei ihm au�er uns Frauen und dem jungen Johannes, der nichts zu bef�rchten hatte, weil seine Verwandten Freunde des Hohenpriesters sind. Sogar f�r die beiden mitgekreuzigten Schacher erk�hnten sich deren Spie�gesellen, Hetzrufe gegen die R�mer auszusto�en. F�r Jesus erhob sich keine einzige Stimme.�</p><p>Ich erkannte, da� sie ihren Groll gegen die J�nger in Freundschaftsgef�hle zu mir verwandelte. Nach kurzer �berlegung antwortete ich behutsam: �Soweit ich dich verstehe, meinst du, als leidgepr�fte Frau mehr �ber ihn zu wissen, als seine J�nger je erfa�t haben. Sie aber mi�trauen dir, weil du ein Weib und leicht beeinflu�bar bist, und sie glauben nicht an das, was du gesehen haben willst. Darum brauchst du mich als Zeugen.�</p><p>Maria Magdalene unterbrach mich und rief: �Verstehst du noch immer nicht? Bist du so schwer von Begriff? Unser Herr nahm auch Frauen als Gefolgsleute an. Er war gut zu Maria, der Schwester des Lazarus, und auch zu Martha. Als er bei einem Pharis�er zu Tisch geladen war, lie� er zu, da� eine S�nderin an sein Speiselager kniete, ihm mit ihren Tr�nen die F��e benetzte und sie mit ihrem Haar trocknete. Dadurch verlor Jesus in den Augen der Pharis�er den Ruf der Untadeligkeit. Seitdem waren sie geneigt, ihm alles Schlechte zuzutrauen. Aber h�re weiter! Einmal erbarmte er sich sogar einer Samariterin, die er am Brunnen traf. Und eine andere Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war, rettete er aus den H�nden der Schriftgelehrten, als man schon daran war, sie nach dem Gesetz zu steinigen. Glaube mir, Fremdling, er verstand die Frauen besser als jeder andere. Daran wird es auch liegen, da� wir Frauen ihn besser verstanden haben und verstehen als seine feigen J�nger.�</p><p>Die Stimme versagte ihr; sie keuchte vor Zorn. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: �Oh, diese J�nger! Eine Zeitlang waren sie gro�m�chtig und haben mit der Kraft ihres Meisters Kranke geheilt. Aber der Tag kam, da sie sich mit ihm nach Jerusalem aufmachen sollten, zu jener letzten Wanderung, da hatte jeder eine andere Ausrede bereit und versuchte, sich zu dr�cken. Dabei w�ren sie sich kurz vorher fast in die Haare geraten wegen der Thronsessel in seinem Reich. Zum Volke sprach Jesus in Gleichnissen; ihnen aber gab er f�r alles Auslegung. Doch auch so verstanden sie ihn nicht; immer wieder wurden sie widerspenstig. Nur Thomas, der hellste Kopf unter ihnen allen, war so vern�nftig, seinen Mitj�ngern zu sagen: �Also wollen wir hingehen, mit ihm zu sterben.� Aber meinst du vielleicht, da� auch nur einer wirklich f�r ihn starb, obwohl sie sich zwei Schwerter verschafft hatten, zu seiner Verteidigung, in jener letzten Nacht, vor den Mauern der Stadt? Zwei Schwerter kamen ihnen in die H�nde, wo doch in Jerusalem die heimliche Erwerbung von Waffen bei strenger Strafe verboten ist. Aber, so frage ich blo�, haben sie ihn verteidigt?�</p><p>Sie war ganz au�er Atem gekommen. Dann beruhigte sie sich wieder, sann ein wenig nach und gab zu: �Nun ja, er selbst hat es ihnen verboten. Er hat gesagt: �Alle, die zum Schwerte greifen, werden durch das Schwert umkommen.� Andererseits hat er ihnen auf dem Wege nach Jerusalem angeraten: �Wer einen Mantel hat, verkaufe ihn, um sich daf�r ein Schwert zu kaufen!� Ich verstehe das nicht. Wahrscheinlich wollte er sie auf die Probe stellen. Oder aber ihnen Selbstvertrauen einfl��en. Ich wei� es nicht. Jedenfalls hat Simon Petrus, als die H�scher im Nachtdunkel zur Gefangennahme des Herrn gekommen waren, einem Knecht des Hohenpriesters ein Ohr abgehauen. Jesus aber hat dem Knecht das Ohr wieder angeheilt, so da� man jetzt nur eine schmale Narbe sieht. Diesem Malchus wurde streng verboten, etwas davon verlauten zu lassen; doch seine Verwandten haben die Geschichte herumerz�hlt.�</p><p>�Aber la� mich meinen ganzen Zorn austoben!� fuhr sie fort. �La� mich diese Feiglinge ausschelten! Jesus hat allein gewacht, er kannte sein Los, er betete. Blut soll er in seiner furchtbaren Todesangst geschwitzt haben. Von seinen J�ngern verlangte er nichts, als da� sie mit ihm wachen sollten. Und was taten sie? Schwer und steif wie Kl�tze schliefen sie im Garten! Ich kann sie nicht begreifen�� kann ihnen das nicht verzeihen! Solche Hasenf��e h�tten mithelfen sollen, den Tempel niederzurei�en? Ach, sie waren nicht einmal Manns genug, den Verr�ter umzubringen; er mu�te sich selbst erh�ngen. Ich verstehe das alles nicht. Ich wei� nicht, was der Herr in ihnen sah, warum er ausgerechnet sie als Gefolgsleute berief.�</p><p>So durch und durch weiblich war sie in ihrem eigensinnigen Bezichtigungseifer, da� ich am liebsten gelacht und ihr die Wange gestreichelt h�tte; vielleicht h�tte sich dann ihre Verzweiflung in Tr�nen entladen. Aber ich wagte nicht zu lachen und durfte sie nicht ber�hren. Darum sagte ich blo�, in m�glichst behutsamem T�ne: �Wenn dem so ist�� wenn seine J�nger wirklich derartige Angst haben und trotz seiner Unterweisungen nicht wissen, was sie von ihm halten sollen��, dann ist es wohl kein Wunder, da� ich, ein Fremdling, mich nicht zurechtfinde. �brigens d�rfte vorl�ufig keinem seiner J�nger der Tod bestimmt sein; wenigstens so lange werden sie voraussichtlich am Leben erhalten werden, da� ihnen Zeit bleibt, sich die Lehre ihres Meisters klarer zu machen. Selbst der sch�rfste menschliche Verstand k�nnte wohl derart seltsame Dinge, wie sie sich jetzt ereignet haben, nicht im Nu begreifen. Und diese M�nner stehen noch dazu im Banne aller der j�dischen Vorurteile, in die sie von Kind auf hineingewachsen sind. Deshalb wird es, glaube ich, am besten sein, wenn du dich ihnen gegen�ber nicht auf mein Zeugnis berufst, ja mich �berhaupt nicht erw�hnst. Sie w�rden mich, den R�mer, nur verachten, ebenso wie du dir vermutlich ihre Achtung durch den Umgang mit Ausl�ndern verscherzt hast.�</p><p>Sie warf den Kopf in heftiger Geb�rde hoch. Aber ich hob beg�tigend die Hand und beeilte mich zu erkl�ren: �Nein, zwischen uns ist es anders. Gerade als R�mer verstehe ich dich, Maria, bestimmt so gut, wie kein Jude dich je verstehen k�nnte. In Rom sind die Frauen frei und den M�nnern gleichgestellt; sie lesen B�cher, h�ren Vortr�ge und musikalische Darbietungen und w�hlen sich ihren Liebespartner nach eigenem Geschmack. Ja, sie sind den M�nnern sogar �ber, weil die Frau seit jeher schlauer und in mancher Beziehung unerbittlicher ist als der Mann und in ihren Erw�gungen nicht durch die Erfordernisse logischer Folgerichtigkeit gehemmt wird. Ich schlage also vor, da� wir Freunde werden�� du, Maria aus Magdala, und ich, Marcus Manilianus aus Rom. Ich sch�tze dich als Frau und sch�tze dich noch viel h�her deswegen, weil Jesus dich unter seine Gefolgsleute aufgenommen hat. Es, macht den Eindruck, da� du nicht das Herz auf der Zunge tr�gst. Darum kann ich dir eines versichern: da� ich nach dem, was ich durch eigenen Augenschein festgestellt habe, unbedingt an Jesu Auferstehung glauben mu�. Mit deiner weiblichen Feinf�hligkeit mu�t du mehr von seinem Wesen begriffen haben als die J�nger. Trotzdem w�rde ich�, bemerkte ich schlie�lich sehr vorsichtig, �gern mit diesen M�nnern, oder wenigstens mit einigen von ihnen, zusammenkommen wollen, um mir eine Vorstellung davon zu machen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.�</p><p>Maria Magdalena z�gerte, gab dann aber widerstrebend zu: �Ich stehe nicht auf schlechtem Fu� mit ihnen. Solange sie sich versteckt halten, mu� ich mich ja doch darum k�mmern, da� sie Speise und Trank bekommen. Die meisten sind einfache Fischer. In ihrer Angst wissen sie nicht aus noch ein, und dann streiten sie miteinander, so da� ich sie beschwichtigen mu�. Allerdings wirst du vielleicht meine F�rsorge nicht begreifen, nachdem ich eben erst mit solcher Verbitterung von ihnen gesprochen habe. Aber sie haben nat�rlich auch ihre guten Seiten; das mu� ich anerkennen. Am liebsten w�rden sie nach Galil�a zur�ckkehren; doch vorderhand k�nnen sie sich zu gar nichts entschlie�en. Man w�rde sie ja an den Stadttoren und in den Stra�en sofort an ihrer Mundart erkennen. �brigens auch an ihren Gesichtern; denn nachdem sie zwei oder drei Jahre in Jesus N�he gelebt haben, sehen sie nicht mehr aus wie gew�hnliche Fischer. Vielleicht verstehst du das nicht. Aber wenn du gelegentlich einmal einen von ihnen kennenlernst, wird dir bestimmt klarwerden, was ich meine.�</p><p>Pl�tzlich erw�rmte sie sich jetzt f�r diese M�nner und versicherte mir: �Nat�rlich mu� der Herr seine Gr�nde gehabt haben, warum er sich gerade diese einfachen Leute als J�nger erw�hlte. Einer der wenigen unter ihnen, die vielleicht eine Schule besucht haben, ist Levi; er war Z�llner. Aber wenn ich mir gebildete M�nner vorstelle, etwa Schriftgelehrte oder Philosophen, kann ich mir erst recht kaum denken, da� sie etwas von seiner Lehre erfassen k�nnten. Glaube mir, ein Gebildeter k�nnte sein ganzes Leben der Ergr�ndung eines einzigen seiner Ausspr�che widmen, ebenso wie ein Schriftgelehrter jahrelang �ber einem Wort der heiligen B�cher zu br�ten oder wie ein Grieche ein ganzes Buch �ber einen Ortsnamen in der Odyssee zu schreiben vermag. Tats�chlich entsinne ich mich deutlich an einen Ausspruch Jesu, wonach seine Wahrheiten den Weisen und Klugen verborgen sind, den Kindhaften und Unm�ndigen aber offenbar werden.�</p><p>Ich dachte �ber ihre Worte nach. Daran mochte etwas Wahres sein. Ein Geist, der von fr�her her mit einer bestimmten Bildung und Denkweise belastet ist, k�nnte sich einer so v�llig neuen und unerh�rten Lehre, wie Maria sie mir dargelegt hatte, schwerlich ohne Z�gern �ffnen. Ich selbst stolpere ja auch bei jedem Schritt �ber altgewohnte Ansichten, �ber Dinge, die mir eingelernt wurden und zu Denkgewohnheiten geworden sind.</p><p>�Hat er das gemeint, als er zu Nikodemus sagte, der Mensch m�sse wiedergeboren werden?� fragte ich, fast im Selbstgespr�ch.</p><p>�Nikodemus geh�rt zu den Stillen�, erwiderte Maria Magdalena. �Er ist einer der Frommen, der Wartenden; er meint es gut. Aber da er die heiligen B�cher auswendig kann, mu� er alles Neue, das ihm begegnet, sofort mit den Schriften vergleichen, um es zu verstehen. Er k�nnte noch so gr�ndlich wiedergeboren werden, er wird immer ein S�ugling in zu enggeschn�rten Windeln bleiben!�</p><p>Bei dem Gedanken an das Wickelkind mu�te Maria l�cheln. Als ich ihr wei�es, versteinertes Gesicht sich pl�tzlich durch dieses L�cheln erhellen und ihre Augen aufleuchten sah, erkannte ich, da� sie offenbar fr�her eine unvorstellbar sch�ne Frau gewesen war. Auch jetzt noch mu�te ich ihr, schon dieses kleinen L�chelns wegen, hohe Sch�nheit zubilligen. Auf merkw�rdige Art erinnerte sie mich an den milde leuchtenden Mond. Dann fiel mir ein, da� sie durch den sanften Beruf einer Taubenz�chterin wohlhabend geworden war.</p><p>�Du hast es nicht n�tig, dich kohlschwarz zu kleiden�, sagte ich unwillk�rlich. �Deine Farben sind silbergrau und gr�n, Maria Magdalena. Deine Blume ist das Veilchen, dein Stirnreif ein Myrtenkranz. Mich kannst du nicht t�uschen.�</p><p>Sie erschrak und entgegnete sp�ttisch: �Spielst du den Wahrsager? Sprich mir nicht von irdischen Dingen! Auch wenn ich wieder Silbergrau und Gr�n tr�ge, h�tten die G�tzen dieser Erde keine Macht mehr �ber mich. Ich brauche nur seinen Namen auszusprechen�� Jesus Christus, Sohn Gottes��, und schon flieht alles �ble von mir, und die irdischen M�chte verblassen zu Schatten, die mir nichts anhaben k�nnen.�</p><p>Ihren Worten entnahm ich, da� sie noch immer an ihre b�sen Geister und Qualen w�hrend der Anf�lle von Besessenheit dachte. Meine Neckerei tat mir sofort leid, als ich sah, wie das L�cheln um ihre Lippen erstarb und das Gesicht wieder starr wie Stein wurde. Nur in den Tiefen der Augen gl�hte noch ein unsteter Funke. Trotzdem konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: �Bist du ganz �berzeugt davon, Maria Magdalena, da� nicht auch du alles Neue, um es zu verstehen, mit deinen fr�heren Gedanken vergleichst? Bist du ganz �berzeugt davon, da� du mehr getan hast, als deine einstigen b�sen Geister durch einen neuen, noch m�chtigeren D�mon zu ersetzen?�</p><p>Sie faltete krampfhaft die H�nde und wiegte den K�rper vor und zur�ck, als wollte sie irgendeinen Schmerz unterdr�cken. Aber sie versuchte, mir gerade in die Augen zu sehen, und erkl�rte: �Von einem bin ich �berzeugt, felsenfest �berzeugt: Jesus war und ist das Licht, das volle und vollkommene Licht. Er, der Mensch�� er, der Gott.� Doch unter dem Zwang, ein krankhaftes Mi�trauen, das sie verzehrt hatte, offenzulegen, beharrte sie auf ihrer Selbstrechtfertigung und betonte, mehr zu sich selber als zu mir: �Nein, er war weder ein Zauberer noch ein D�mon, obwohl er auf dem Wasser wandeln konnte. Wenn er nicht mehr gewesen w�re als der m�chtigste aller Magier, h�tte ich mich ihm bestimmt nicht angeschlossen; denn von Hexenmeistern hatte ich genug. Und er hat mir keineswegs befohlen, ihm zu folgen; er hat es mir blo� erlaubt. Das ist ein gro�er Unterschied, wie du einsehen wirst.�</p><p>Ich sch�mte mich meiner Verd�chtigung; doch die Frage war meinem Empfinden nach n�tig gewesen, weil ich Gewi�heit w�nschte, soweit man sie mit den Mitteln menschlicher Erforschung gewinnen kann. Ich merkte, da� ich Maria gekr�nkt hatte, und bat sie, so freundlich ich konnte, um Verzeihung. Dann r�ckte ich ohne Umschweife mit meinem Begehren heraus: �Maria Magdalena, f�hre mich zu einigen seiner J�nger, damit ich mir von ihnen ein klares Bild machen kann!�</p><p>Sie meinte ausweichend: �Dazu kannst du noch nicht reif sein. Und auch die J�nger sind es nicht. Wir alle k�nnen nichts tun als warten. Warte auch du geduldig!�</p><p>Als sie aber merkte, wie aufrichtig mein Streben war, wurde sie etwas weicher und sagte: �Ich halte dich nicht f�r einen r�mischen Spion. In deiner Seele wohnt kein Verrat; so viel Menschenkenntnis glaube ich zu haben. Solltest du aber doch doppelz�ngig sein, so w�rde es dir sehr �bel ergehen�� nicht durch unser Zutun, sondern durch die Macht dessen, der seine J�nger auserw�hlte und sie noch am Leben zu erhalten w�nscht, wie du selbst gemeint hast. Wei�t du, wo das Quelltor ist?�</p><p>�Von dorther komme ich, obwohl es ein Umweg f�r mich war�, erwiderte ich l�chelnd. �Ich wollte mir das Quelltor ansehen.�</p><p>�Dann wei�t du auch von dem Mann, der Wasser tr�gt�, meinte sie. �Das ist gut so. Eines Tages, wenn du still und dem�tig im Herzen bist, wird er sich vielleicht am Quelltor zeigen. Aber bitte, �berhaste nichts! Alles kommt zu seiner Zeit. Ohne diese �berzeugung k�nnte ich nicht weiterleben.�</p><p>Ich fragte sie, ob sie mit mir nach Jerusalem zur�ckkehren wolle; aber ihr war es lieber, noch eine Weile allein in dem Raum zu bleiben, wo Jesus von Nazareth oft geruht hatte. Sie sagte: �Geh, wenn du Lust hast. Und falls du unten niemanden siehst, so halte dich nicht damit auf, f�r die Gastfreundschaft danken zu wollen! Wir Frauen sp�ren Erkenntlichkeit auch ohne Worte. Du kannst hier kommen und gehen, wie es dir beliebt. Allerdings scheint mir, da� du noch nicht recht wei�t, was du eigentlich willst. Aber ich denke, du wirst irgendwie dazu gezwungen werden, den einen, einzigen Weg einzuschlagen, auch wenn du es nicht magst. Friede sei mit dir!�</p><p>�Auch mit dir!� gr��te ich zur�ck. Und etwas trieb mich beizuf�gen: �Ja, Friede sei mit dir, Frau! Du bist mehr als eine Geliebte, eine Gattin, mehr als eine Tochter, weil Jesus dich ihm folgen lie�.�</p><p>Meine Worte freuten sie sichtlich. Denn als ich aufstand, streckte sie, weiter am Boden kauernd, die Hand aus und ber�hrte, w�hrend ich mich nach meinen Sandalen b�ckte, meinen Fu�. Es war eine Geste, aus der so viel unsagbare Sehnsucht, so viel Begehren nach dem Unerreichbaren sprach, da� sie mich tiefer bewegte und ersch�tterte als je etwas in meinem Leben. Ich h�tte die Geb�rde kaum richtig verstanden, w�re mir nicht eben erst im Traum die Herabkunft des Reiches f�hlbar geworden.</p><p>Als ich die Treppe zu dem von Blattwerk beschatteten Hof hinunterstieg, versp�rte ich keinen Kummer mehr. Niemand war zu sehen, und auch die Geb�ude ringsum lagen still. So ging ich, ohne mich zu verabschieden, meines Weges. Als ich zu der Steinbank hinauskam, merkte ich zu meinem Erstaunen am Sonnenstand, da� es schon die elfte Stunde war. Der Schatten des H�gels war l�nger geworden und streifte das Haus.</p><p>Rasch kehrte ich auf dem gleichen Wege, den ich gekommen war, in die Stadt zur�ck, derart in Gedanken vertieft, da� ich mich nur selten umblickte. Wieder kam ich an den uralten �lb�umen am Hang vorbei, die jetzt Sonne hatten, w�hrend die Stra�e in k�hlem Schatten lag. Auch an dem Kr�utergarten ging ich wieder entlang, und jetzt, da es Abend wurde, str�mten alle die Heilpflanzen starke D�fte aus.</p><p>Aus meinem Sinnen ri� mich erst ein eint�niges Klopfen, nicht weit vor dem Stadttor. Ich sah einen Blinden, der am Stra�enrand hockte und unaufh�rlich mit seinem Stock gegen einen Stein schlug, um die Aufmerksamkeit der Vor�bergehenden auf sich zu lenken. An Stelle der Augen g�hnten in seinem Gesicht leere H�hlen, und der abgemagerte Leib war in schmutzstarrende Lumpen geh�llt. Als er mich innehalten h�rte, begann er mit dem durchdringenden Tonfall eines Berufsbettlers zu winseln: �Erbarme dich! Ich bin blind.�</p><p>Mir fiel der Proviantbeutel ein, den die Frau meines syrischen Quartiergebers mir auf den Weg mitgegeben und den ich nicht ben�tigt hatte. Ich legte das P�ckchen dem Bettler in die H�nde und sagte rasch: �Friede sei mit dir! Nimm das und i�! Und den Beutel kannst du behalten. Ich brauche ihn nicht mehr.� Als ich n�mlich n�her herangetreten war und den entsetzlichen Schmutzgestank des Mannes roch, wollte ich mich nicht damit aufhalten, ihm den Beutel in den Scho� zu leeren.</p><p>Der Bettler aber dankte mir nicht einmal. Statt dessen streckte er die H�nde aus, tastete nach meinem Mantel und flehte �ngstlich: �Es ist Abend, bald wird es Nacht, und niemand ist gekommen, mich von meinem Platz hier, wo ich den ganzen Tag gesessen habe, abzuholen. Erbarme dich meiner, du mitleidiger Mann, und f�hre mich in die Stadt! Dort finde ich schon meinen Weg. Aber hier au�erhalb der Stadtmauer kann ich fehlgehen, �ber Steine stolpern und in die Schlucht fallen.�</p><p>Bei der blo�en Vorstellung, dieses greuliche Gesch�pf�� Mensch konnte man hier kaum mehr sagen�� ber�hren zu sollen, wurde mir �bel. Ich dankte deshalb dem Schicksal, da� es mir noch rechtzeitig gelungen war, mich seiner nach mir greifenden Hand zu entziehen. Eilends setzte ich meinen Weg fort und bem�hte mich, nicht hinzuh�ren, als der Mann mit seiner schrill jammernden Berufsbettlerstimme hinter mir herrief und wieder mit seinem Stock auf einen Stein zu schlagen begann, als wollte er sich an ihm f�r seine Entt�uschung r�chen. Im Geiste schalt ich ihn wegen seiner Undankbarkeit aus; auf jeden Fall hatte ich ihm ja gute E�waren geschenkt und dazu noch einen Beutel, den er zu Geld machen konnte.</p><p>Nachdem ich jedoch etwa zehn Schritte gegangen war, hatte ich die Empfindung, gegen eine Mauer zu sto�en. Wie unter Zwang blieb ich stehen, drehte mich um und blickte zur�ck. Die Hoffnung des Bettlers lebte wieder auf, und er quengelte: �Erbarme dich eines Blinden, du Sehender! F�hre mich den Weg in die Stadt, und Segen wird auf dein Haupt fallen. Wenn es finster wird, friert mich hier. Und Hunde schleichen her und lecken meine Geschw�re.�</p><p>Ich fragte mich, wer eigentlich blind war, ich oder dieses stinkende Gesch�pf. Da� ich meinen Proviant, den ich ja gar nicht brauchte, hergegeben hatte, war kein besonders verdienstliches Werk. Wenn ich mich aber dazu zwang, den Mann zu ber�hren, seine N�he zu sp�ren und ihn zum Stadttor zu geleiten�� das k�nnte ich mir wirklich als gute Tat zurechnen. Doch der blo�e Gedanke daran bereitete mir solchen Ekel, da� mich ein Brechreiz anwandelte.</p><p>Widerwillig sagte ich: �Es gibt viele Wege und manche falsche Wegweiser. Woher wei�t du, da� ich dich nicht irref�hren und in die Schlucht sto�en werde, um mich deiner zu entledigen?�</p><p>Als der Blinde diese Worte h�rte, erstarrte er zur Reglosigkeit, und der Stock entfiel seiner Hand. �Friede sei mit dir! Friede sei mit dir!� rief er dann, in Hoffnung und Schreck zugleich. �Ich vertraue dir. Was bleibt mir, einem Blinden, anderes �brig, als dem zu vertrauen, der mich f�hrt, da ich ja selber meinen Weg nicht finden kann?�</p><p>Seine Frage traf mich mitten ins Herz. Auch ich war blind geworden, durch die eigene Zwiesp�ltigkeit. Was konnte ich selber anderes tun als hoffen, da� jemand mich die rechte Stra�e f�hren w�rde? Mir fiel die geheimnisvolle Erscheinung in meinem Traume ein, die verschwunden war, als ich aufwachte und die Augen �ffnete. Kurz entschlossen ging ich zu dem Blinden zur�ck, packte mit beiden H�nden seine knochigen Arme und half ihm auf die Beine. Dem�tig hielt er mir seinen Stock entgegen und gab zu verstehen, ich sollte ein Ende fassen und ihn derart, ohne mich durch seine Ber�hrung zu beschmutzen, f�hren. Aber mir war der Gedanke zuwider, den Blinden so zu schleppen, wie man ein St�ck Vieh am Stricke hinter sich herzerrt; so schob ich die Hand unter seine Achsel und begann ihn stadtw�rts zu geleiten. Trotzdem tastete er noch mit dem Stock �ngstlich den Boden vor sich ab; der Kidronweg war ja keine glatte r�mische Heerstra�e.</p><p>Wir kamen nur langsam vorw�rts, weil mein Sch�tzling so gebrechlich und ausgemergelt war, da� ihm die Knie schlotterten. Ich hatte die Empfindung, nicht einen menschlichen Arm zu umfassen, sondern einen abgenagten Knochen in der Hand zu halten. Ungeduldig fragte ich: �Warum hat man dich so weit weg vom Stadttor gebracht, wenn du derart hilflos bist?�</p><p>Er jammerte: �Ach, Fremdling, ich bin zu schwach, um mich auf einem Platz in der N�he des Tores zu behaupten. Aber es hat Zeiten gegeben, da war ich so kr�ftig, da� ich in der Stra�e vor dem Tempel gebettelt habe.�</p><p>Darauf war er sichtlich stolz und wiederholte, er habe in n�chster N�he des Tempels gebettelt, als w�re das eine hohe Auszeichnung. Verwundert dachte ich mir: Wie z�he doch das Menschengeschlecht ist! Sogar das j�mmerlichste Gesch�pf findet etwas, worauf es stolz sein kann.</p><p>�Trotz meiner Blindheit habe ich meinen guten Platz verteidigt, indem ich mit dem Stock um mich geschlagen und gesto�en habe�, r�hmte er sich. �Aber als ich von Kr�ften kam, mu�te ich selber P�ffe und Hiebe einstecken. Schlie�lich hat man mich zum Stadttor hinausgepr�gelt, so da� mir nichts �brigblieb, als jedesmal einen barmherzigen Menschen zu bitten, mich f�r den Tag an einen Platz irgendwo drau�en am Stra�enrand zu f�hren. Es gibt viel zuviel Bettler in der heiligen Stadt, und manche sind sehr kr�ftige Burschen.�</p><p>Er betastete den Saum meines �berwurfs und sagte: �Aus feinem Stoff ist dein Mantel, Fremdling. Du riechst gut. Du mu�t reich sein. Warum wanderst du am Abend ohne Begleitung au�erhalb der Stadtmauern umher? Wieso hast du keinen Vorl�ufer, der dir den Weg bahnt?�</p><p>Ich war ihm keinerlei Aufkl�rung schuldig. Immerhin sagte ich: �Es hat sich so ergeben, da� ich mir meinen Weg selbst suchen mu�te.� Dann konnte ich der Versuchung nicht wiederstehen, ihn zu fragen: �Sag einmal, hast du auch von dem Judenk�nig geh�rt, von Jesus, dem Nazarener, den man gekreuzigt hat? Was h�ltst du von ihm?�</p><p>Der Bettler wurde so zornig, da� er zu zittern anfing. Er fuchtelte mit seinem Stock und schrie: �Ja, von dem habe ich gerade genug geh�rt. Recht hat man daran getan, ihn zu kreuzigen.�</p><p>Ich wunderte mich sehr. �Aber soviel ich geh�rt habe�, erkl�rte ich, �war er ein guter und liebreicher Mensch. Er hat Kranke geheilt und hat die M�hseligen und Beladenen aufgefordert, zu ihm zu kommen, weil er ihnen Frieden bringen w�rde.�</p><p>�Was? Frieden?� h�hnte der Blinde. �Umst�rzen und zerst�ren wollte er alles, sogar den Tempel. Ein arger Unruhestifter, das war er, und ein b�swilliger Mensch. H�r nur zu! Beim Bethesda-Teich lag immer ein allgemein bekannter Lahmer auf seinem Bett, und ab und zu hatte er sich von jemandem ins Wasser bringen lassen, um das n�tige Mitleid zu erregen. In dem Teich hat seit Menschengedenken niemand Heilung gefunden�� da mochte das Wasser wallen, soviel es wollte, und der Betreffende mochte, wie es angeblich erforderlich ist, nach dem Aufwallen als erster eintauchen oder nicht. Aber die �rtlichkeit liegt vor dem Schaftor, und in den schattigen S�ulenhallen bettelt es sich gut. Was h�tte also dieser Jesus Ungeschickteres tun k�nnen, als den Lahmen anzusprechen und ihn zu fragen: �M�chtest du gesund werden?� Der Mann hat eine ausweichende Antwort gegeben, n�mlich, wenn das Wasser walle, steige immer jemand anderer vor ihm hinein. Und da hat dann der Nazarener ihm gesagt, er m�ge aufstehen, sein Bett nehmen und seines Weges gehen.�</p><p>�Und der Lahme war geheilt?� fragte ich ungl�ubig.</p><p>�Ja, ja, gewi�. Er hat sein Bett genommen und ist gegangen�, erwiderte der Blinde. �So furchtbare Kr�fte standen dem Galil�er zu Gebote. Damit hat aber der Ungl�cksrabe von Bettler sein gutes Auskommen verloren, das er achtunddrei�ig Jahre lang gehabt hat. Und jetzt, auf seine alten Tage, mu� er anfangen, sich sein Brot mit seiner H�nde Arbeit zu verdienen, weil er keine Berechtigung mehr hat, zu betteln.�</p><p>Der Blinde wurde immer w�tender. �Und obendrein war noch Sabbat. Der arme Kerl hat die gr��ten Unannehmlichkeiten gehabt, weil er sein Bett trug, und hat sich mit Priestern herumstreiten m�ssen. Aber nicht genug damit! Schlie�lich hat Jesus ihn im Tempel wiedergetroffen und ihm eingesch�rft, ja nicht mehr zu s�ndigen, sonst w�rde ihm etwas �rgeres widerfahren. Da hat sich dann der Arme zu seinem Schutz den Priestern gegen�ber auf den Wundert�ter berufen und bezeugt, Jesus habe ihn geheilt und ihm, obwohl Sabbat war, ausdr�cklich befohlen, sein Bett zu tragen. Aber was konnten die Priester tun? Dieser Nazarener hatte ja alle seine Anh�nger um sich herum. Er hat gel�stert und klipp und klar erkl�rt, er habe die Macht, den Sabbat zu brechen, weil er als Menschensohn auch Herr sei �ber den Sabbat. Ja, ja, mit Gott hat er sich auf eine Stufe gestellt! Selbstverst�ndlich mu�te er daf�r ans Kreuz genagelt werden.�</p><p>Aus meinem Schweigen schlo� der Blinde, da� ich nicht der gleichen Meinung war, und er fuhr deshalb fort: �Was sollte aus der Welt werden, wenn der Tempel zerst�rt w�rde? Wo bek�men die Kr�ppel ihre Almosen, wenn es keine reichen S�nder mehr g�be, die ihre Verfehlungen wiedergutmachen, indem sie die Armen beschenken?�</p><p>Er stie� mit dem Stock heftig auf den Boden und br�stete sich h�misch: �Auch ich habe es mir nicht nehmen lassen, damals gleich am fr�hen Morgen mit der Menge zu ziehen und zu schreien: �Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!� Der R�mer wu�te ja nicht recht, welches Urteil er f�llen sollte. Er kennt unsere Gesetze nicht, oder vielleicht machte es ihm Spa�, wenn jemand unseren Tempel entweiht und unseren Gott l�stert. Wer von uns Bettlern nur ein bi�chen auf Standesehre h�lt, der f�hlt sich dem Tempel und den H�tern der Ordnung verpflichtet. Deshalb hat man uns von unseren Pl�tzen beim Tempel und an den Stadttoren rasch zusammengetrommelt, damit wir mit aufmarschieren und in das allgemeine Geschrei einstimmen. Wahrhaftig, ich war bei allem dabei und habe auch die Freilassung des Barabbas verlangt. Im Vergleich zu Jesus war Barabbas ein Ehrenmann; er hat nichts Besonderes angestellt�� nur einen R�mer umgebracht.�</p><p>Voll Abscheu rief ich: �Da komme ich einfach nicht mit! Wie gr�ndlich verroht mu�t du sein, da� du mit dieser Kreuzigung noch gro�tust! Vielleicht h�tte er auch dich heilen k�nnen, wenn du an ihn geglaubt h�ttest.�</p><p>Der Blinde wandte mir die leeren Augenh�hlen zu und grinste hinterh�ltig, so da� seine Zahnstummel sichtbar wurden. �Wof�r h�ltst du dich? Was f�r Weisheiten gibst du da von dir? Du bist sicher unrein, Fremdling!� jammerte er. �Du t�test besser, mich nur am Stock zu f�hren, damit ich dich nicht ber�hren mu�. Ich brauche dich nur zu verfluchen, und der Gott Israels zerbl�st dich mit einem einzigen Hauch zu Asche. Wenn du aber gar ein Anh�nger dieses Jesus bist, so sollen dich bei lebendigem Leib die W�rmer auffressen!�</p><p>Er zischte mir seinen Ha� entgegen, da� ich den Gestank seines Atems roch; ich konnte mich nicht losrei�en, so fest klammerte er sich an meinen Mantel.</p><p>�Du bist ein rechter Einfaltspinsel!� h�hnte er und zeigte auf seine Augenh�hlen. �Nicht einmal Gott selber k�nnte Augen, die einmal ausgeronnen sind, wieder nachwachsen lassen. �brigens m�chte ich gar nicht das Augenlicht zur�ckhaben. Was gibt's denn schon f�r unsereinen auf der Welt zu sehen?�</p><p>Ich h�tte mich nur freimachen k�nnen, wenn ich dem Mann einen Sto� versetzt h�tte, aber ich brachte es nicht �ber mich, die Hand gegen ihn zu erheben. Auch wenn ich gewollt h�tte, w�re es mir, glaube ich, unm�glich gewesen, ihn zu schlagen. �Beruhige dich, du Mann ohne S�nde!� war alles, was ich bemerkte. �Wir sind nicht mehr weit vom Stadttor. Dort verlasse ich dich, damit deine Reinheit nicht l�nger gef�hrdet ist.�</p><p>�Wenn ich nur st�rker w�re!� seufzte er. Dann starrte er mich mit den leeren Augenh�hlen an und rief: �Ich zeige dir was, Fremdling!� Und pl�tzlich schlang er mir mit unerwarteter Wucht seinen Arm von hinten um den Hals und stie� mir sein spitzes Knie in den R�cken. Ich sp�rte, wie seine freie Hand nach meinem Geldbeutel tastete. H�tte er mehr Kraft gehabt, so w�re ich wirklich in ernstliche Bedr�ngnis geraten, um so mehr, als ich nicht einmal um Hilfe schreien konnte. So aber fiel es mir nicht schwer, seinen widerlich riechenden Arm zur Seite zu drehen und mich aus seinem R�ubergriff zu befreien.</p><p>Keuchend polterte er: �Einen guten Rat gebe ich dir, Fremdling: La� dir das eine Lehre sein! �berleg dir's k�nftig, dem Wunsch eines Unbekannten nachzukommen und Bettler auf menschenleeren Stra�en zu f�hren! W�re ich nur ein bi�chen st�rker, so h�tte ich dich untergekriegt und Kameraden zu Hilfe gepfiffen. Du w�rest deinen feinen Mantel und deinen Geldbeutel losgeworden. Wenn ich ein schlechter Kerl w�re, h�tte ich dir mit dem Daumen die Augen eingedr�ckt, so da� du nicht mehr imstande gewesen w�rest, mich zu erkennen und gegen mich Zeugnis abzulegen. Und gar, falls du ein R�mer w�rest, ja, da h�tte ich dich mit Wonne umgebracht.�</p><p>�Sch�nen Dank f�r die Belehrung!� sagte ich sp�ttisch. �Woher wei�t du �brigens, da� ich kein R�mer bin?�</p><p>Der Bettler erwiderte: �Ein R�mer h�tte sich nicht dazu herbeigelassen, mich so wie du zu f�hren, du vertrauensseliger, weltfremder Alberling! Von einem R�mer h�tte ich einen Fu�tritt bekommen oder einen Peitschenhieb �ber die Schnauze. Von diesen Kerlen darf man sich keine Gutherzigkeit erwarten; sie haben nichts anderes im Kopf, als Stra�en und Wasserleitungen zu bauen und daf�r zu sorgen, da� Ma� und Gewicht nicht verf�lscht werden.�</p><p>Wir hatten die Zisternen nahe dem Stadttor erreicht. Ich fragte: �Hast du selbst mit dem Lahmen gesprochen, von dem du erz�hltest? Z�rnt er tats�chlich dem Manne, der ihn geheilt hat?�</p><p>�Gesprochen hab ich nicht mit ihm�, gestand der Blinde. �Ich wiederhole nur, was ich geh�rt habe. Aber warum hat der Wundert�ter nur diesen einen und ein paar andere geheilt? Warum nicht uns alle? Warum soll dem einen die Sonne leuchten, w�hrend die anderen ewig im Dunkel bleiben? Du mu�t zugeben, da� wir unsere Gr�nde haben, wenn wir auf diesen Krankenheiler schlecht zu sprechen sind.�</p><p>�Du wirst ja auch geh�rt haben�, bemerkte ich, �da� er, der K�nig Jesus, am dritten Tage nach seiner Grablegung wieder auferstanden ist.�</p><p>Der Bettler bog sich vor Lachen. �Weiberklatsch!� fauchte er. �Und du, ein erwachsener Mann, glaubst so etwas!� Aber sein Lachen klang ebensosehr nach Schluchzen wie nach H�hnen. �Es ist doch klar, da� seine J�nger den Leichnam aus dem Grabe gestohlen haben�, stie� er hervor, �um den Volksbetrug vollzumachen. Es gibt einen Gott im Himmel, das wei� ich. Aber hier auf Erden regieren nur das Geld und die Faust.�</p><p>W�tend tastete er mit seinem Stock auf der Stra�e vor sich her, bis er auf einen Steinbrocken stie�. Er b�ckte sich und hob ihn auf. �Hier ist ein Stein�, schrie er und hielt ihn mir vor die Nase. �Glaubst du, da� er sich in Brot verwandeln kann? Ebensowenig kann die Welt im ganzen sich �ndern, diese Welt voll Ha� und Mord und Buhlerei, diese Welt voll Gier und Rachsucht! Der Gott Israels ist ein Gott der Vergeltung. Eines Tages werden auch die R�mer den geb�hrenden Lohn erhalten; aber wenigstens ist das dann nicht diesem Galil�er zu verdanken.�</p><p>Eine seltsame Erregung �berkam mich, und meine Glieder wurden kalt. �Jesus von Nazareth!� murmelte ich. �Wenn du mehr als der Judenk�nig warst und bist, wenn du in deinem Reiche weilst und das Reich noch hienieden ist, so verwandle diesen Stein in Brot, auf da� ich an dich glaube!�</p><p>Als der Bettler meine Worte h�rte, schob er seinen Stock unter die Achsel und fing an, den Brocken zwischen den H�nden zu rollen, um ihn zu bef�hlen. Unter dem Druck seiner Finger begann der Stein nachzugeben. Mi�trauisch blies der Bettler Staub von dem Klumpen, hob ihn zur Nase und roch daran. Noch ungl�ubiger brach er ein St�ck ab, schob es in den Mund, kostete, kaute und schluckte. �Das ist ja gar kein Stein, sondern K�se!� rief er, voll Spott �ber meine Albernheit.</p><p>Ich konnte nicht umhin, auch ein St�ck von dem innen wei�en Knollen abzubrechen und zu kosten. In der Tat, es war ein harter, kugelf�rmiger Landk�se! Er mu�te unversehens von einem Bauernwagen oder aus einer Traglast gefallen und sp�ter so vom Stra�enstaub �berkrustet worden sein, da� er wie ein Stein aussah und sich auch so anf�hlte.</p><p>Der Bettler mummelte an einem Bissen und fragte argw�hnisch: �Bist du ein Zauberer? Hast du durch Anrufung des Nazarenernamens den Stein in meinen H�nden zu K�se gemacht?�</p><p>�K�se oder Brot, jedenfalls ist es menschliche Nahrung�, erkl�rte ich. �Wenn er imstande war, auf meine Bitte und Anrufung hin so etwas zu wirken, dann mu�t du auch an seine Auferstehung glauben.�</p><p>Aber schon w�hrend meiner Worte stiegen mir Zweifel auf. Vielleicht hatte ich unbewu�t an dem vermeintlichen Stein, den der Mann zuf�llig von der Stra�e auflas, etwas Ungew�hnliches bemerkt? Auch der Fund an sich w�re ja schon ein ganz erstaunlicher Zufall gewesen; aber es gibt noch merkw�rdigere F�gungen.</p><p>Der Blinde dachte praktischer. Rasch, als f�rchte er, ich k�nnte ihm den K�se entrei�en, schob er ihn in den Proviantbeutel, den ich ihm gegeben hatte. Dann begann er mit dem Stock nach anderen Steinen am Stra�enrand zu stochern, kniete hin und betastete sie. Aber die Steine waren Steine�� zwar runde Knollen, genau so wie der K�se; doch sie blieben Steine. Nach einer Weile gab er seine Suche auf.</p><p>Nun stiegen wir aus dem Kidrontal zur Stadtmauer auf, und an ihr entlang f�hrte die Stra�e in sanfter Neigung gegen das Stadttor hin. Dadurch befanden wir uns im tiefen Schatten der Stadt, w�hrend der einsame H�gelkamm jenseits von uns durch die untergehende Sonne in rotes Licht getaucht wurde. Von gespenstiger Angst erf�llt, blickte ich ringsumher und betete laut: �Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meines Unglaubens!�</p><p>Da fiel ein gewaltiger Lichtschein auf mich, und pl�tzlich wurde mir alles K�rperhafte so wesenlos, da� die seelische Wirklichkeit in mir gegenst�ndlicher war als die wuchtige Stadtmauer vor mir. F�r einen ahnungsvollen Augenblick wurde, wie w�hrend meines Traumes im Hause des Lazarus, diese Wirklichkeit so sinnf�llig wie sonst die Wirklichkeit des Bodens und der Steine, ja noch sinnf�lliger als sie. Aber der Blinde merkte nichts; er beschwor mich nur in kl�glichem T�ne: �Wenn dieser Mann tats�chlich auferstanden ist, so rufe ihn nicht an und nenne nicht mit lauter Stimme seinen Namen! Sein Blut kommt sonst auch �ber mich!�</p><p>Der Glanz erlosch ebenso pl�tzlich, wie er aufgezuckt war. Meine Augen waren noch geblendet, und ich hob die Arme, als wollte ich die herrliche Unbeschwertheit, die ich empfunden hatte, festhalten. Wieder sank der Schatten der Stadtmauer auf mich, sogar noch dunkler als vorhin, und mit bleiernen Gliedern kehrte ich zur Erde zur�ck. Als ich �ber das Tal hinweg auf den steilen, sonnenbeschienenen H�gel blickte, sagte mir der Verstand, da� dort irgend etwas aufgeleuchtet und die Strahlen f�r einen Augenblick auf mich geworfen haben mu�te, so wie man mit einem Spiegel zum Scherz mitten in eine Schattenfl�che einen Lichtfleck zaubern kann.</p><p>Trotzdem blieb in mir die jubelnde Gewi�heit, da� Jesus und sein Reich lebendige Wirklichkeit waren. Diese heimliche Gewi�heit war st�rker als meine Vernunft, und ich w�nschte aufrichtig zu glauben. Ich dachte: Wozu diese zwecklose Eile? Warum m�chte ich alles zugleich haben, und alles in vollem Ausma�e?</p><p>Wohlgemut fa�te ich den Bettler am Arm und sagte aufmunternd: �Komm! Nur mehr ein paar Schritte, und wir sind am Tor.�</p><p>Aber der Mann str�ubte sich, wollte von mir loskommen und jammerte: �Hier ist die Stra�e absch�ssig. Wohin f�hrst du mich? Doch nicht zum Abgrund, um mich in die Schlucht hinunterzusto�en, aus Rache, weil auch ich �Kreuzige ihn!� gerufen habe?�</p><p>Ich antwortete: �Ich wei� wenig von Jesus. Aber ich glaube nicht, da� er auferstanden ist, um Rache zu nehmen. Nein, bestimmt nicht!�</p><p>Wir kamen zum Stadttor. Die W�chter kannten den Blinden und begr��ten ihn mit einigen Spottworten und mit der Frage, wieviel er tags�ber erbeutet habe. Wenn ich nicht dabeigewesen w�re, h�tten sie ihn wahrscheinlich durchsucht und sich ihren Anteil genommen. An mich stellten sie keine Fragen, weil der Stoff meines quastenlosen Mantels und mein eingefettetes Haar mich hinreichend auswiesen.</p><p>Als der Bettler die vertrauten Stimmen der W�chter h�rte, war er beruhigt. Im Nu machte er sich von mir los, tastete mit dem Stock an dem Torbogen hin und ging weiter, weil er hie* den Weg schon kannte. Bald nach dem Tor kam ein kleiner offener Platz, und hier hockten noch ein paar Lahme und Kr�ppel, streckten die H�nde aus und sagten mit eint�nigen Stimmen ihre Spr�chlein her. Sonst aber war der abendliche Stra�enverkehr in der Stadt im gro�en und ganzen zu Ende; aus den H�usern drang der Geruch von Herdfeuer, frischgebackenem Brot, Knoblauch und hei�em Speise�l.</p><p>Als der Blinde mir ein paar Schritte voraus war, begann er seinen Stock zu schwingen und seine Bettlerkameraden zu rufen. �Israeliten!� schrie er. �Der Mann hinter mir hat mich hergef�hrt, und ich kann gegen ihn Zeugnis ablegen. Er ist besessen. Er hat den Namen des gekreuzigten Jesus angerufen und dadurch einen Stein unter meinen H�nden in K�se verwandelt. Macht euch auf und steinigt ihn! Er ist bestimmt ein J�nger dieses verfluchten Mannes und bringt Unheil �ber uns.�</p><p>Er b�ckte sich, fa�te einen Klumpen frischen Dung und warf ihn so zielsicher in die Richtung, aus der er meine Schritte h�rte, da� sein Gescho� mich traf und mir den Mantel beschmutzte. Als die anderen Bettler das sahen, beeilten sie sich, den Blinden zu packen und festzuhalten. Mich baten sie seinetwegen um Entschuldigung und ihn warnten sie: �Bist du zu deiner Blindheit auch noch �bergeschnappt? Das ist doch ein reicher Ausl�nder! Wie k�nnte der ein J�nger des Nazareners sein? Er ist kein Galil�er, das sehen wir an seinem Gesicht.�</p><p>Sie begannen im Chor zu jammern, streckten mir die H�nde hin und zeigten ihre Gebrechen. Ich verteilte eine Handvoll M�nzen unter sie, nahm meinen beschmutzten Mantel ab, legte ihn dem Blinden um die Schultern und sagte laut lachend: �Da hast du den Mantel, den du so habgierig befingert hast! Er wird dir zustatten kommen, wenn du einmal �ber Nacht am Stra�enrand bleiben und frieren mu�t, weil dich niemand in die Stadt f�hrt.�</p><p>Der Blinde sch�ttelte die F�uste gegen seine Kameraden und br�llte: �Glaubt ihr wenigstens jetzt, da� er besessen ist? Also, ich m�chte schw�ren, wenn ich ihm eine Maulschelle gebe, der ist imstande, mir die andere Wange hinzuhalten. Der ist verr�ckt genug dazu!�</p><p>�ber seine Worte mu�te ich herzlich lachen. Vielleicht war die Befolgung von Jesu Lehre nicht ganz so unm�glich, wie ich gedacht hatte. Je mehr ich mich bem�hte, diesem Kerl hier B�ses mit Gutem zu vergelten, desto froher f�hlte ich mich. Ich hatte die Empfindung, nur auf diese Weise seiner T�cke Herr werden zu k�nnen. Ihn zu schlagen oder den W�chtern zu �berstellen, h�tte blo� bedeutet, ein �bel mit einem anderen zu bek�mpfen.</p><p>Die anderen Bettler stimmten beflissen in mein Gel�chter ein und riefen ihrem Zunftgenossen zu: �Besessen ist der Mann nicht, sondern einfach betrunken. Merkst du das nicht? Da mu� einer schon einen t�chtigen Rausch haben, wenn er dir den F�hrer macht und dann noch seinen Mantel abnimmt und dir schenkt. Und nur ein sinnlos Besoffener kann aus vollem Halse lachen, wenn man ihn anp�belt!�</p><p>In gewisser Beziehung hatten die Leute recht. Eine Trunkenheit, die menschliche Begriffe �berstieg, brauste in meinem Kopf, lie� mich laut lachen und tr�bte meine Sehkraft derart, da� mir die Blicke der Passanten nicht das mindeste ausmachten, als ich nun, nur mit einer Tunika bekleidet, durch die Stadt ging. Alles andere, dachte ich, konnte vielleicht im voraus zurechtgestellt worden sein�� nur nicht jener harte K�se, auf den der Blinde mitten unter allen anderen �hnlich runden Steinen mit dem Stock gesto�en war!</p><p>Die Frau des syrischen Kr�mers schlug die H�nde zusammen, als sie mich ohne Obergewand zur�ckkommen sah, und ihr Mann erschrak, in der Meinung, ich w�re von R�ubern �berfallen worden. Als ich aber nur lachte, aus meinem Zimmer Geld holte und ihn bat, mir einen neuen Mantel zu besorgen, beruhigte er sich. Auch er nahm an, ich h�tte mich betrunken; meinen �berwurf mochte ich, so dachte er wohl, verspielt haben.</p><p>Nach einiger Zeit brachte er mir unter vielen Entschuldigungen einen h�bschen Wollmantel mit kleinen Quasten an den Zipfeln. Das St�ck sei aus feiner jud�ischer Wolle, erkl�rte er; er dr�ckte und knitterte das Gewebe zwischen den Fingern, um zu zeigen, wie gediegen und wie untadelig gef�rbt es war. Er versicherte auch, er habe f�r mich den Preis auf einen angemessenen Betrag heruntergefeilscht.</p><p>Schlie�lich sagte er: �Das ist ein j�discher Mantel. Wegen eines fremdl�ndischen �berwurfes h�tte ich bis zum Forum gehen und das Vielfache des Preises bezahlen m�ssen. Die Quasten kannst du nat�rlich abschneiden; aber es wird niemand etwas daran finden, wenn du sie beh�ltst, nachdem du dir jetzt einen Bart wachsen l��t. Auch ich f�rchte und verehre den Gott Israels und werfe dann und wann im Vorhof der Heiden eine M�nze in seinen Opferschrein, um mir einen guten Gesch�ftsgang zu sichern.�</p><p>Er blickte mich mit einem schlauen L�cheln in seinen schwarzen Augen an und gab mir, sorgf�ltig gez�hlt, das Restgeld zur�ck. Ich wollte ihn f�r seine M�he entsch�digen. Aber er hob abwehrend die H�nde und erkl�rte: �Von dir brauche ich nichts. Der Kleiderh�ndler hat mir schon eine Vermittlungsgeb�hr bezahlt. Du bist jetzt viel zu gebefreudig aufgelegt; heute darfst du nicht mehr ausgehen. Zieh dich lieber auf dein Zimmer zur�ck, schlafe dich aus und la� deinen Kopf ausrauchen! Vorher aber i� von der guten Suppe, die meine Frau dir macht! Sie kocht reichlich Zwiebeln hinein und Kr�uter, die dich davor bewahren werden, mit Kopfweh aufzuwachen.�</p><p>Als ich mich nicht gleich entschlie�en konnte, auf mein Zimmer zu gehen, sch�ttelte er besorgt den Kopf, breitete die Arme aus und rief: �Sch�n, sch�n, ich habe es nur gut mit dir gemeint. Wenn du durchaus willst, kann ich ja meinen Jungen noch um einen Krug s��en Wein schicken. Aber mehr darfst du keinesfalls trinken. Und versuche nicht, in der Nacht noch einmal die Treppe hinunterzustolpern, sonst kannst du dir den Hals brechen oder in schlechte Gesellschaft geraten.�</p><p>Ich versuchte mich zu verteidigen und mit ungelenker Zunge auseinanderzusetzen, da� ich stockn�chtern sei. Doch er hob sehr bek�mmert die H�nde und meinte: �Dein Gesicht ist rot, und deine Augen gl�nzen. Aber wie du willst! Da rufe ich dir lieber eine junge Frau her, die Ausl�ndern Gesellschaft leistet. Nur kann sie erst erscheinen, wenn es ganz finster ist, weil sie sonst in unserem Stadtviertel in Verruf k�me. Gedulde dich also ein bi�chen! Sie wird das Bett mit dir teilen und dich so gr�ndlich beruhigen, da� du nachher einfach schlafen und den Kopf klarkriegen mu�t. Singen und ein Instrument spielen kann sie allerdings nicht; aber sie ist gesund und h�bsch und wird bestimmt daf�r sorgen, da� du ohne Wiegenlied einschlummerst.�</p><p>Er war von der Richtigkeit seines Befundes und Heilverfahrens so fest �berzeugt, da� ich alle M�he hatte, ihm seine Pl�ne auszureden. Ihm zuliebe ging ich schlafen, und er folgte mir f�rsorglich in mein Zimmer, um mich mit meinem neuen Mantel zuzudecken. Nach einer Weile brachte seine Tochter mir eine dampfende Sch�ssel voll stark gew�rzter Suppe und sah mir beim Essen zu, w�hrend sie hinter der vorgehaltenen Hand versch�mt kicherte. Die Suppe war so scharf, da� sie mir im Munde brannte; aber die hei�e Fl�ssigkeit schien meine taumelige Beschwingtheit nur noch zu steigern.</p><p>Das M�dchen f�llte noch meinen Wasserkrug und ging dann. Aber mich hielt es nicht im Bett. Auf den Zehenspitzen schlich ich mich auf das Dach. W�hrend die Sterne immer leuchtender hervortraten, sa� ich, in meinen neuen Mantel geh�llt, und horchte den verklingenden Stimmen der Stadt und dem Atmen der k�hler werdenden Luft. Dann und wann strich mir ein leichter Windhauch �ber das hei�e Gesicht, und in meiner Gl�ckseligkeit schien es mir, als streichelte eine unsichtbare Hand mir die Wangen. Die Verg�nglichkeit zitterte in mir, der Erdenstaub zitterte in mir; aber irgend etwas anderes fl��te mir zum erstenmal im Leben die Gewi�heit ein, da� ich mehr war als nur Staub und Schemen. Dieses Wissen machte mich still.</p><p>�Du auferstandener Gottessohn�, betete ich in der n�chtlichen Dunkelheit, �tilge alle eitle B�cherweisheit aus meinem Kopf! Nimm mich auf in dein Reich! F�hre mich den einzigen Weg! Ich mu� wohl von Sinnen sein, krank, durch dich verzaubert. Aber ich glaube, da� du mehr bist als alles, was jemals sonst in der Welt bestand.�</p><p>Frierend und steif erwachte ich durch das schrille Schmettern der Tempeltrompeten. Die Sonne beschien die Osth�nge der H�gel; die Stadt aber lag noch in unbestimmtem D�mmerlicht, und der Morgenstern schwebte hell �ber dem Horizont. Mein Kopf war klar geworden. Mich fr�stelte. Ich raffte den Wollmantel fester um mich und schlich in mein Zimmer und mein Bett zur�ck. Ich versuchte, mich meiner Nachtgedanken zu sch�men; aber ich sch�mte mich nicht. Im Gegenteil, ich hatte die Empfindung, da� in mir, mochte auch die Fieberglut erloschen sein, immer noch ein k�hles Licht schimmerte.</p><p>So lie� ich getrost meinen Bart unber�hrt und blieb in meinem Zimmer, um in aller Gelassenheit die Ereignisse des vergangenen Tages zu �berdenken und niederzuschreiben. Sobald ich mit dem Schreiben fertig bin, will ich zum Quelltor gehen. Ich bin innerlich fest �berzeugt davon, da� alles, was mir widerfuhr und noch widerfahren wird, einem bestimmten Zwecke dient. Diese �berzeugung gibt mir ein Gef�hl der Sicherheit. Mag ich auch allerlei Ungereimtheiten niederschreiben, ich sch�me mich keines einzigen meiner Worte.</p></section><section><p/><empty-line/><p>6</p><p><emphasis>Marcus gr��t Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Mit diesem Gru�e an Dich gr��e ich eine merkw�rdig ferne Vergangenheit. Selbst von den leidenschaftlichen N�chten in Rom scheint es mir, als h�tte jemand anderer sie erlebt und nicht ich. Uns trennt ein einziges kurzes Jahr; aber es war f�r mich l�nger als andere Jahre. Die letzten paar Tage allein kommen mir wie Jahre vor. Du bist mir abhanden gekommen, und ich selbst habe mich ge�ndert. Ich bin ein anderer Marcus. Du w�rdest mich nicht mehr verstehen. Wenn ich mir Dich ins Ged�chtnis zur�ckrufe, so sehe ich Dich beim Lesen meiner Berichte den launischen Mund zu einem sp�ttischen L�cheln verziehen.</p><p>Du lebst inmitten all der Dinge, die auch ich einst f�r wichtig hielt. Du achtest darauf, wer Dich gr��t und wie er es tut. Du �berlegst Dir sorgf�ltig, welchen Schmuck Du jeweils bei einer Gesellschaft tragen sollst, damit Deine Freunde sich freuen, die Neider scheele Augen machen und die Feinde sich entr�sten. Du h�llst die d�nne Seide Deines Gewandes eng um Deinen glatten Leib und musterst Deine Gestalt in der polierten Marmortafel an der Wand. Dann versetzt Du der jungen Sklavin, die sich beim Aufstecken Deines Haares ungeschickt anstellt, unversehens einen Nadelstich. Schlie�lich nimmst Du an der Abendgesellschan teil, hebst mit m�dem L�cheln Deinen Weinbecher, tust, als h�rtest Du dem Vortrag irgendeines Philosophen oder Geschichtsschreibers zu, bist von dem letzten Liedschlager begeistert, l��t Deine Sandale von den Zehen baumeln, damit Dein Tischnachbar, wer immer es sei, nur ja bemerke, wie klein Deine wei�en F��e sind. Trotz Deiner Schlankheit bist Du kr�ftig und ausdauernd. Deine unb�ndige Genu�sucht kann Dich ganze N�chte in dem hei�en Rom wachhalten. In Gesellschaft fremder Leute knusperst Du, zerstreut und m�kelig, an Vogelzungen, Schnecken und Meerestieren, als f�ndest Du mit solchen Leckerbissen Dein Auslangen. Aber wenn Du Dich mit Deinem Liebhaber ermattet hast, f�llt es Dir nicht schwer, mitten in der Nacht ein halbgares Bratenst�ck hinunterzuschlingen, um wieder Kr�fte f�r das Spiel zu sammeln, dessen Du nie m�de wirst.</p><p>So sehe ich Deinen Schatten, Tullia. Nicht mehr voll Leben, sondern wie den Widerschein in poliertem schwarzem Marmor. Und dieser Schatten peinigt meine Sinne nicht mehr wie im letzten Winter in Alexandria, als ich Dich vergebens zu vergessen suchte. Etwas anderes erf�llt jetzt, ohne eigenes Zutun, ganz meine Seele. Du w�rdest mich nicht mehr erkennen, Tullia. Vielleicht w�rde auch ich Dich nicht erkennen.</p><p>Darum schreibe ich diese Briefe, auch wenn ich sie mit einem Gru� an Dich beginne, wohl eigentlich eher mir selber als Dir. Ich schreibe, um mich selbst und alles, was mir widerfahren ist, zu erforschen, nach den Weisungen meines verehrten Lehrers in Rhodos, der mir immer wieder einsch�rfte, ich m�ge �ber selbst Gesehenes und selbst Geh�rtes berichten und nicht blo� fremdes Gedankengut in anderen Worten wiedergeben. Nein, ich schreibe nicht mehr nur zum Zeitvertreib und aus Langeweile. Wenn ich meine Briefe abfasse, bist Du mir nicht mehr nahe; Du r�ckst dabei sogar weiter von mir ab als sonst. Das betr�bt mich nicht, Tullia; ich habe keineswegs das Gef�hl, etwas verloren zu haben.</p><p>Es k�mmert mich nicht einmal, ob Du je meine Briefe' zu Gesicht bekommst. Dennoch gr��e ich Dich. Du warst ja, von Sinnenlust und Leidenschaft ganz abgesehen, der einzige mit mir wirklich befreundete Mensch. Von den Dingen dieser Welt hast du viel verstanden, und mehr als ich. Deiner Anbahnungskunst verdanke ich ja in letzter Linie jenes Verm�chtnis, das mich wohlhabend gemacht hat, so da� ich nach eigenem Gutd�nken mein Leben f�hren konnte, ohne anderen gehorchen oder auch nur schmeicheln zu m�ssen. Du warst ein Verstandesmensch, grausam, herrschs�chtig. Und vor allem hattest Du Deine F�higkeiten schon Jahre vor mir entfaltet. Es d�rfte Dich ja keineswegs kr�nken, wenn ich das sage; Du magst meine Feststellung im Gegenteil eher als r�hmlich empfinden. Den Zauber Deiner Augen, Deines Mundes, Deines Leibes kennst du selbst genau. Aber nicht einmal dieser Zauber bindet mich mehr an Dich. So erf�llt bin ich jetzt von anderen Dingen.</p><p>B�rtig, mit einfachen Sandalen an den F��en, in meinen gestreiften j�dischen Mantel geh�llt, ging ich am fr�hen Abend wieder zum Quelltor. Ich habe mir die N�gel nicht gepflegt, und nicht einmal Bimsstein k�nnte die Tintenflecke von den Fingern meiner rechten Hand entfernen. An Dampfbad und hei�es Wasser gew�hnt, habe ich mich blo� kalt gewaschen, weil man mich beim Betreten des M�nnerbades im Gymnasion wegen meines Bartes so anstarrte, da� ich wieder ging. Nicht einmal in die Achselh�hlen habe ich mir Enthaarungssalbe verrieben. Ich bin am ganzen K�rper behaart wie ein Barbar. Aber daran liegt mir nichts, und ich halte es nicht einmal f�r einen Nachteil. Ich w�nsche mich meiner Umgebung anzugleichen, damit man mir mehr Vertrauen schenkt. Sp�ter mag ich ja zu den alten Lebensgewohnheiten, in denen ich aufgewachsen bin, zur�ckkehren.</p><p>Dabei kann ich nicht einmal sagen, da� ich diese Stadt und ihre Menschen liebe. Den Tempel habe ich oft mit seinem Marmor und Gold im vollen Sonnenlicht des Tages strahlen sehen. Die Abendr�te wandelt den Bau zu einem Unget�m mit blutfarbenem Haarkleid. In der Morgenfr�he ist er wie ein blauer Traum. Den ganzen Tag �ber steigt, dem Judengott zu Ehren, vom Brandopferaltar dichter Rauch zum Himmel. Aber mir ist der Tempel fremd geblieben. Ich kann ihm gegen�ber nicht die gleiche Ehrfurcht empfinden wie die Juden. Er ist f�r mich nicht heilig. Als heiliger und gewaltiger empfand ich in meiner Jugendzeit den Artemistempel zu Ephesos. Oder Antiochia. Oder Rhodos. Oder Athen. Gar nicht zu reden vom Forum in Rom.</p><p>Nein, Zuneigung kann ich f�r diese Stadt, deren Bewohner Jesu Blut auf sich herabgerufen haben, nicht empfinden. Als die Frauen Jerusalems �ber den Herrn weinten, der am Wege zum Kreuzigungsh�gel unter Gei�elhieben wankte, da hat er, hei�t es, zu ihnen gesagt, sie sollten nicht �ber ihn weinen, sondern �ber sich selbst und ihre Kinder. Und ich empfinde unwillk�rlich b�se Vorahnungen, wenn ich den Tempel betrachte, dessen geweihter Vorhang durch das Erdbeben von oben bis unten entzweiri� und an dessen Treppe zum Heiligtum beim zweiten Beben einige Stufen einbrachen. Das gen�gt wohl als Omen.</p><p>An all das dachte ich auf dem Wege zum Quelltor. Noch dr�ngten sich die Menschen in den Basarstra�en, alle Sprachen der Welt hallten von den Buden wider, Kamelgl�ckchen klingelten, und Esel schrien. Ich mu� zugeben, da� die heilige Stadt der Juden eine Metropole ist wie nur irgendeine andere; aber f�r mich hat sie etwas Fremdes.</p><p>Jetzt am fr�hen Abend, am Ende eines Arbeitstages, bot die ganze Stadt f�r mich Fremden ein durchaus trauriges Bild. Mein Herz gl�hte in stiller Erwartung; aber die Tr�bsal der Einsamkeit bedr�ckte mein Gem�t. Es ist viel wert, frei zu sein und unabh�ngig von allen Menschen; doch die abendliche Einsamkeit in einer fremden Stadt ist eine bittere Pille.</p><p>Dennoch brach Freude in mir hervor, weil ich etwas zu erhoffen hatte. Ich wu�te, da� ich in einer Welt des Umbruchs, der Erwartung lebte. Jesus ist aus dem Grabe erstanden, sein Reich bleibt f�r immer auf Erden. Nur ein paar Menschen wissen und glauben das; selbst sie zweifeln manchmal im Herzen, weil sich noch nie etwas dergleichen ereignet hat. Zu diesen Zweiflern geh�re auch ich; aber zugleich mit dem Zweifel glaube, hoffe, erwarte ich, da� etwas geschehen wird, was alles kl�rt.</p><p>Nur einige Bettler hockten noch, ohne mich zu erkennen, beim Tor; vom Blinden sah ich keine Spur. Frauen mit Wasserkr�gen auf den K�pfen kamen durch den Torbogen in die Stadt und schwatzten angeregt miteinander. Sie nahmen sich nicht einmal die M�he, meinetwegen den Mantelsaum �ber den Mund zu schieben; ich war ihnen gleichg�ltig.</p><p>Der Himmel wurde dunkelblau. Die D�mmerung vertiefte sich. Schon schimmerten drei Sterne am Firmament; schon z�ndeten die W�chter eine Pechfackel an und steckten sie in den Ring neben dem Tor. Ich war entt�uscht. Doch mit dieser Entt�uschung hatte ich gerechnet und mich darauf gefa�t gemacht, lange Zeit Tag f�r Tag hierherkommen zu m�ssen, ehe ich ein Zeichen empfing. Ich wollte schon nach Hause gehen, z�gerte aber noch. Es spielte keine Rolle, ob ich hier oder dort war.</p><p>Da erschien im Torbogen ein Mann mit einem Wasserkrug. Er trug das Gef�� auf der Schulter und st�tzte es mit der Hand, weniger geschickt als die Frauen; er schritt langsam und vorsichtig, um nicht im Halbdunkel zu stolpern. Erst als er in einer ansteigenden Stra�e verschwunden war, folgte ich ihm. Die steile Gasse wurde zu einer Reihe seichter Stufen. Ich h�rte, wie der Mann, hinter dem ich ging, seine Schritte setzte, wie er unter dem Gewicht des Kruges m�hsam atmete.</p><p>Ohne sich zu beeilen, bog der Wassertr�ger immer wieder in gekr�mmte Seitengassen ein. Wir stiegen in die Oberstadt. Lange waren wir schon unterwegs; ich merkte, da� der Mann nicht den k�rzesten Weg zu seinem Bestimmungsort nahm. An einem einsamen Platz stellte er sein Gef�� nieder, r�ckte es zurecht und wartete. Ich ging auf ihn zu und blieb wortlos neben ihm stehen. Lange standen wir so nebeneinander, an eine Hausmauer gelehnt, bis er nicht mehr keuchte. Dann wandte er sich endlich zu mir, gr��te und fragte: �Hast du den Weg verloren?�</p><p>Ich gr��te zur�ck und f�gte hinzu: �Es gibt viele Wege und mancherlei falsche Wegweiser.�</p><p>�Es gibt nur zwei Wege�, bemerkte er kl�gelnd. �Der eine f�hrt zum Leben, der andere zum Tode.�</p><p>�Dann bleibt f�r mich blo� ein einziger�, entgegnete ich. �Aus eigenem kann ich ihn nicht finden. Aber ich hoffe und vertraue darauf, da� jemand mich geleiten wird.�</p><p>Ohne mir zu antworten, hob er wieder den Krug auf die Schulter und ging weiter. Ich schritt neben ihm, und er verwehrte es mir nicht. Nach einer Weile schlug ich vor: �Die Stufen sind steil. Darf ich dir helfen? Sonst kommst du wieder au�er Atem.�</p><p>Er sagte: �Nicht das Tragen macht mich atemlos, sondern die Angst. Ich f�rchte, aus dieser Sache wird nichts Gutes herauskommen.� Aber er lie� mich das Gef�� auf die Schulter nehmen. Es schien mir nicht sehr schwer. Er ging voraus und machte mich auf Unebenheiten aufmerksam, �ber die ich h�tte stolpern k�nnen. Die Gasse war voll Unrat und roch nach Harn; ich beschmutzte mir die Sandalen.</p><p>Wir durchschritten ein Tor in der alten Mauer und stiegen dann noch h�her in die Oberstadt hinauf. Das Haus, vor dem wir schlie�lich stehenblieben, schien gro� und stattlicher als die Nachbargeb�ude; im Sternenlicht konnte ich nur die Umrisse erkennen. Der Wassertr�ger klopfte an die T�r, die gleich von einer Magd ge�ffnet wurde. Sie gr��te mich nicht, nahm mir aber sofort den Krug ab. Dem Manne bezeugte sie soviel Achtung, da� er offenbar mehr sein mu�te als ein Bedienter, f�r den ich ihn gehalten hatte.</p><p>Er f�hrte mich in einen stillen Hof, wo B�ume wuchsen. Dort kam mir ein Junge von etwa f�nfzehn Jahren entgegen. �Friede sei mit dir!� gr��te er bescheiden. �Mein Vater und mein Onkel haben sich schon zur�ckgezogen; aber gestatte mir, da� ich dich in das Obergemach geleite! Willst du dir die H�nde waschen?�</p><p>Ohne meine Antwort abzuwarten, bego� die Magd mir aus eben dem Krug, den ich gebracht hatte, reichlich die H�nde, wie, um zu zeigen, da� es hier keineswegs an Wasser mangelte. Der Knabe reichte mir ein Leinenhandtuch und sagte: �Ich hei�e Markus.�</p><p>W�hrend ich mir die H�nde trocknete, begann er zu erz�hlen, mit einem Eifer, als h�tte das Gef�hl der eigenen Bedeutsamkeit alle D�mme gesprengt: �Damals, in der Nacht, als unser Herr gefangengenommen wurde, bin ich dabeigewesen. Ich war einfach im Hemd aus dem Bett gesprungen und in den Gethsemane-Garten gelaufen, um Jesus zu warnen, weil ich wu�te, da� er dort die Nacht verbringen wollte. Mich hat man auch gepackt; dabei ist mein Hemd zerrissen und den H�schern in den H�nden geblieben. Ich mu�te nackt davonrennen, zusammen mit den anderen.�</p><p>�Plappere nicht so viel, Markus!� ermahnte mein Begleiter ihn. Aber jetzt, da er wohlbehalten im Hofe stand und seine Furcht �berwunden hatte, war er selbst so erf�llt von verhaltenem Eifer wie der Junge. �Ich bin Nathanael�, sagte er. �Warum sollte ich dir meinen Namen verheimlichen? Ich bin dem Herrn auf dem Wege nach Emmaus begegnet, an dem Tage, als er sein Grab verlassen hatte.�</p><p>�Aber zuerst hast du ihn nicht erkannt�, platzte Markus heraus. Nathanael legte dem Jungen, um seinen Mitteilungsdrang zu hemmen, die Hand auf den Nacken. Markus umfa�te mit fiebrig hei�en Fingern vertrauensvoll meine Hand, und ich erkannte an seiner zarten Haut, da� er nie nennenswerte k�rperliche Arbeit geleistet hatte. Er f�hrte mich �ber eine Treppe zu einem S�ller, der l�ngs des Daches lief, und von dort in das Obergemach des Hauses.</p><p>Es war ein gro�er Raum, den eine einzige Lampe schwach erhellte, so da� die Ecken im Schatten lagen. Als ich eintrat, sah ich, da� zwei M�nner mich erwarteten. Sie standen Hand in Hand da, ganz still im Halbdunkel. Einen erkannte ich: es war der stattliche junge Mann, Johannes, den ich bei den Frauen am Kreuzigungsh�gel gesehen hatte. Als ich ihn nun im schwachen Lampenschein erblickte, fiel mir wieder die unsagbare Reinheit dieses J�nglingsantlitzes auf. Der andere Mann war �lter, mit gefurchter Stirn und forschenden, mi�trauischen Augen.</p><p>�Friede sei mit euch!� gr��te ich.</p><p>Aber sie erwiderten nicht. Schlie�lich wandte Johannes sich mit einem fragenden Blick zu dem �lteren Manne, als wollte er ihn zum Sprechen auffordern. Doch der Unbekannte fuhr fort, mich mit unver�ndert argw�hnischen Augen von oben bis unten zu mustern. Die Stille wurde lastend. Schlie�lich sagte Nathanael entschuldigend: �Er ist dem Wasserkrug gefolgt.�</p><p>�Ich suche den einzigen Weg�, beteuerte ich eindringlich, da ich sehr bef�rchtete, die beiden k�nnten mich aus Mi�trauen wegschicken.</p><p>In dem Zimmer standen um einen gro�en Tisch mehrere Ruhebetten. Das Gemach war offenbar der Speisesaal eines reichen Hauses. Als der argw�hnische Mann mich gen�gend gemustert hatte, winkte er und sagte: �Nathanael, Markus, ihr k�nnt gehen. Aber haltet f�r alle F�lle Wache im Hof!�</p><p>Als sie gegangen waren, drehte er den gro�en Schl�ssel im T�rschlo� um und sagte: �Friede sei mit dir, Fremdling!-Was willst du von uns? Ich f�rchte, der Weg, den du suchst, ist zu schmal f�r dich.�</p><p>Aber Johannes fiel ihm ins Wort und r�gte ihn. �Thomas, warum mu�t du jeden und alles zun�chst einmal anzweifeln?� Zu mir sagte er aufmunternd: �Wer suchet, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan. Wir haben geh�rt, da� du still und dem�tig im Herzen bist. Du hast reinen Sinnes angeklopft; darum haben wir die T�r aufgetan.� Er lud mich ein, Platz zu nehmen, setzte sich mir gegen�ber und sah mich mit den kristallklaren Augen eines Tr�umers an.</p><p>Nach einigem Z�gern setzte auch Thomas sich und erkl�rte: �Ich bin einer der zw�lf, von denen du geh�rt hast. Der Herr hat uns zu seinen Sendboten erw�hlt und berufen, und wir sind ihm gefolgt. Johannes ist der j�ngste unter uns. Ich mu� immer wieder seinen Ungest�m z�geln.�</p><p>�Du darfst uns nicht �bervorsichtig schelten�, fuhr er nach einer kleinen Pause fort. �Sicherlich wei�t du, da� die Beh�rden auch gegen uns eine Anklage zusammenbrauen. Sie behaupten, wir h�tten uns verschworen, den Tempel in Brand zu stecken, als Zeichen f�r das Volk. Sie behaupten, wir h�tten unseren Mitj�nger, der Jesus verraten hat, umgebracht. Warum soll ich nicht offen zugeben, da� wir deinetwegen Auseinandersetzungen hatten? Bis auf Petrus, der von dir, einem Ausl�nder, �berhaupt nichts wissen wollte, habe ich als einziger ernstlich gegen dich Stellung genommen. Aber Maria Magdalena machte sich zu deiner F�rsprecherin.�</p><p>�Ich kenne dich�, sagte Johannes. �Ich habe dich beim Kreuz stehen sehen. Du hast nicht mit den Sp�ttern gemeinsame Sache gemacht.�</p><p>�Auch ich kenne dich und habe von dir geh�rt�, erwiderte ich. Es, fiel mir schwer, ihn nicht anzustarren. Noch nie hatte ich einen jungen Mann mit derart sch�nen Gesichtsz�gen gesehen; sie waren so rein, als h�tte niemals ein b�ser Gedanke sie gestreift. Aber diese Sch�nheit war nicht leblos wie die Pracht einer Bilds�ule; es war ein lebendiges, leidenschaftliches Antlitz, dem ich einen Hauch von Friedsamkeit und W�rme entstr�men f�hlte.</p><p>�Nun, und was willst du von uns?� fragte Thomas wieder, mit m�rrischer Stimme.</p><p>Seine Feindseligkeit hemmte mich. Es war, als bem�hte er sich, ein den Sendboten gemeinsam anvertrautes Geheimnis eifers�chtig vor Au�enstehenden zu h�ten. �Ich wollte euch nur bitten, mir den Weg zu zeigen�, antwortete ich zur�ckhaltend.</p><p>Thomas warf seinem Gef�hrten einen unwilligen Blick zu und sagte: �Vor seiner Gefangennahme hat der Herr uns zugesichert, in seines Vaters Hause seien viele Wohnungen; er werde hingehen, uns eine St�tte zu bereiten. Er mu� uns alle zw�lf gemeint haben, obwohl dann Judas ihm untreu wurde. Und er hat gesagt: �Ihr wi�t, wo ich hingehe, und kennt den Weg.��</p><p>Er rieb sich die gefurchte Stirn, und sein Blick verriet seine Ratlosigkeit. �Damals habe ich erwidert, wir h�tten keine Ahnung, wohin er gehe�� wie sollten wir da den Weg wissen? Und jetzt kommst du, Fremdling, und fragst mich nach dem Wege, den ich selbst nicht kenne.�</p><p>Johannes erinnerte ihn. �Thomas, Thomas, er hat dir ja geantwortet und gesagt, er selbst sei der Weg�� so war es doch!��, der Weg und die Wahrheit. Also kannst du nicht abstreiten, es zu wissen.�</p><p>Aber Thomas sprang voll Verzweiflung auf, schlug mit der Faust auf die Fl�che der anderen Hand und rief: �Ja, was bedeutet denn dieser Ausspruch? Ich verstehe ihn nicht. Erkl�re ihn mir!�</p><p>Johannes w�re dieser Aufforderung sichtlich gerne nachgekommen, wagte es aber in meiner Gegenwart nicht. Ich �berlegte und warf dann ein: �Jedenfalls ist Jesus am dritten Tage auferstanden.�</p><p>�Ja, ganz richtig!� bekr�ftigte Johannes. �Maria Magdalena hat uns berichtet, der Stein sei von der Gruft gew�lzt. Wir sind hingeeilt, Petrus und ich, und fanden das Grab leer.�</p><p>�Alles recht sch�n�, meinte Thomas. �Maria Magdalena hat auch Engel gesehen und einen umherspukenden G�rtner.�</p><p>�Einen G�rtner?� fragte ich erschrocken, und ein Schauder �berlief mich.</p><p>�Weibisches Geschw�tz!� fuhr Thomas, ohne meine Frage zu beachten, fort. �Genau so wie die Geschichte mit Nathanael und Kleophas auf dem Wege nach Emmaus. Nicht einmal erkannt haben die beiden ihn.�</p><p>Johannes sagte voll �berzeugung: �Hier in diesem Gemach, wo wir alle eingesch�chtert bei verschlossenen T�ren sa�en, hat er sich uns am gleichen Abend gezeigt. Er hat mit uns geredet und uns eine Zusage gegeben, an die ich kaum zu denken wage, geschweige denn, da� ich dar�ber vor einem Fremden sprechen k�nnte. Aber ich versichere dir, da� er leibhaft hier in unserer Mitte stand und dann so pl�tzlich, wie er gekommen war, wieder verschwunden ist. Und wir haben geglaubt.�</p><p>�Nun ja!� spottete Thomas. �Ihr seid einer Sinnest�uschung zum Opfer gefallen, genau so wie die beiden Emmausj�nger, von Maria gar nicht zu reden. Ich war nicht dabei, und ich glaube nicht an derartige Erscheinungen. Ich m��te das Mal der N�gel an seinen H�nden sehen und meinen Finger in diese Male legen k�nnen�� das allein und nichts anderes kann mich �berzeugen. Dabei bleibt es, und wenn ich auf der Stelle tot hinfallen sollte!�</p><p>Diese Worte und dieser Zweifel bek�mmerten den jungen Johannes derart, da� er den Kopf abwandte. Aber er widersprach nicht. Mir kam vor, als h�tte w�hrend der wenigen Tage seit der Erscheinung die Ungl�ubigkeit des Thomas auch den Glauben der Augenzeugen ersch�ttert, so da� sie insgeheim an dem gemeinsam Gesehenen irre zu werden begannen.</p><p>Ein seltsamer Frohsinn erfa�te mich, und ich erkl�rte entschieden: �Ich brauche nicht zu sehen, um zu glauben. Mir ist jetzt schon klar, da� er auferstanden ist und noch auf Erden weilt. Wie das alles zugeht, wei� ich nicht. Aber ich harre der kommenden Ereignisse. Dinge, die sich bisher nie zugetragen haben, sind in diesen Tagen geschehen, und ebenso Unerh�rtes wird bestimmt noch kommen.�</p><p>Doch Thomas sagte geringsch�tzig: �Du geh�rst nicht einmal zu den Kindern Israels, obwohl du dir anscheinend Proselytenquasten an deine Mantelzipfel hast n�hen lassen. Ich verstehe nicht, warum du uns so hartn�ckig ausspionierst. Ich traue dir nicht. Glaube ja nicht, es w�re mir unbekannt geblieben, da� du als Gast des Statthalters in Antonia warst. Du versuchst uns in eine Falle zu locken, damit wir uns selbst den Kreuzestod oder die Steinigung an den Hals reden.�</p><p>Er rang die knorrigen H�nde, starrte ver�ngstigt vor sich hin und fuhr fort: �Ich wei� nicht, ob du je gesehen hast, wie es bei einer Steinigung hergeht. Ich habe dabei zugeschaut und m�chte nicht selber das Opfer sein. Wenigstens nicht jetzt, nachdem Jesus gestorben ist, mag nun sein Grab leer sein oder nicht.�</p><p>�Warum bleibst du dann in Jerusalem?� fragte ich im gleichen barschen T�ne, wie er ihn angeschlagen hatte. �Weshalb kehrst du dann nicht sang- und klanglos in deinen Heimatort zur�ck? Worauf wartest du noch?�</p><p>Er senkte den Blick, als w�re er seit jeher gewohnt, sich einer Befehlsstimme zu beugen, und fingerte an einer Mantelfalte. Dann entgegnete er zu seiner Rechtfertigung: �Allein kann ich die Stadt nicht verlassen. Aber meiner pers�nlichen. Meinung nach vergeuden wir hier wirklich blo� die Zeit. Das Vern�nftigste w�re, auf eine Weile in die W�ste zu gehen und dann heimzuwandern, jeder dorthin, wo er zu Hause ist. Statt dessen drehen wir uns hier herum, zaudern und streiten, ohne uns �ber irgend etwas schl�ssig zu werden.�</p><p>Johannes sah ihn mit seinem kristallklaren Blick an und mahnte: �Seit Jesus dich erw�hlte, hast du kein Zuhause mehr. Du hast dein Arbeitsger�t hingelegt und bist ihm gefolgt. Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zur�ckblickt, taugt f�r sein Reich. So hat der Herr es selber gesagt. Nein, Thomas, zu unserem fr�heren Dasein k�nnen wir nicht zur�ckkehren.�</p><p>�Welche Bewandtnis hat es mit seinem Reich?� fragte ich rasch.</p><p>Aber Thomas sch�ttelte nur mit sp�ttischer Miene den Kopf und sagte: �Jedenfalls sieht dieses Reich nicht so aus, wie wir es uns vorgestellt hatten, Fremdling.�</p><p>Wieder schlug er mit der Faust auf die Handfl�che und rief in ohnm�chtiger Wut: �War ich denn nicht sogar bereit, ein Schwert gegen meinen Mantel einzutauschen und mit dem Herrn und f�r ihn zu sterben? Wir selber k�nnen nur auf Gottes Gnade hoffen! Aber er, der Menschensohn, hatte Macht und Kraft, der Welt seinen Willen aufzuzwingen. Doch er duldete es, stumm wie ein Lamm, als man ihn ans Kreuz nagelte, und lie� uns in solcher Bedr�ngnis zur�ck, da� wir nicht wissen, was wir glauben oder wohin wir uns wenden sollen.�</p><p>Nach einer kleinen Weile f�gte er hinzu: �Wenn einer gesteinigt wird, rinnt ihm Blut aus dem Munde; Blut und Schleim tr�ufeln ihm aus der Nase; er schreit und weint und entleert alle Unreinlichkeiten des K�rpers in die Kleider, bevor er den Geist aufgibt. Warum sollen wir uns diesem Schicksal ausliefern�� jetzt, nachdem unser Meister dahingegangen ist und uns im Stich gelassen hat?�</p><p>Johannes klopfte ihm liebreich auf die Schulter und sagte voll �berzeugung: �Als die Stunde kam, waren wir alle gleich schwach. Aber denke daran, da� er versprochen hat, uns von seinem Vater her einen Helfer zu senden!�</p><p>Thomas stie� ihn zornig an, als h�tte er ein Geheimnis ausgeplaudert, und erkl�rte, um meine Aufmerksamkeit abzulenken: �Du hast leicht reden, Johannes. Du wei�t wenig von der H�rte des Lebens. Als Lieblingssohn deines Vaters hast du in seinem Fischereibetrieb zusammen mit deinem Bruder �ltere M�nner unter dir gehabt. Als ich dem Rufe Jesu folgte, tat ich es, weil ich ein Herz hatte f�r die schwer arbeitenden und geknechteten Menschen. Aber welchen Trost diese Unterdr�ckten aus seinem sinnlosen Tode sch�pfen sollen, geht �ber meine Begriffe. Das einzige, was er damit erreicht hat, war, da� er den Spott des Rates und der R�mer auf sich selber und auf uns lenkte.�</p><p>Aber es gelang ihm nicht, mich von der Spur abzubringen. Neugierig fragte ich Johannes: �Was hast du da von einem Helfer gesagt?�</p><p>Johannes blickte mich treuherzig an und gab zu: �Was damit gemeint war, habe ich nicht verstanden und verstehe es auch jetzt nicht. Aber ich baue auf sein Versprechen. Irgend etwas Besonderes steht uns, wie du selbst sagtest, sicherlich noch bevor. Deshalb bleiben wir in Jerusalem.�</p><p>Sie sahen mich beide an, und ihre Gesichter waren so verschieden, wie zwei Menschenantlitze es �berhaupt sein k�nnen. Aber in beiden war etwas Gleiches oder doch �hnliches, das sie, trotz aller Bitterkeit in Thomas' Worten, miteinander verband. Ich dachte daran, was Maria Magdalena mir �ber Jesu auserw�hlte Sendboten gesagt hatte; jetzt verstand ich den Sinn ihrer Worte. Ich glaube, ich w�re imstande gewesen, diese Gesichter inmitten der gr��ten Menschenmenge herauszufinden. Jetzt, nach dieser Begegnung, w�rde ich, so kam mir vor, auch jene Sendboten erkennen, deren Mi�trauen so stark war, da� sie eine Zusammenkunft mit mir �berhaupt ablehnten.</p><p>Da die beiden J�nger weiter kein Wort mehr sprachen, mu�te ich erkennen, da� sie mich, bei allem guten Willen von seiten des Johannes, als Eindringling betrachteten. Mir war, als w�rde ich unwiderruflich von ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Schlie�lich sagte ich daher verlegen:</p><p>�Ich bin euch wohlgesinnt. Allerdings bin ich nicht Jude, ein Unbeschnittener, und gedenke es zu bleiben. Aber mir wurde erz�hlt, da� Jesus sogar zu Samaritern, die den Juden ein Greuel sind, gutherzig war. Er soll auch den Knecht eines r�mischen Hauptmannes in Galil�a geheilt haben, weil der R�mer an seine Heilkraft glaubte. Auch ich glaube an seine Macht und St�rke; ich glaube daran, da� er noch lebt und da� er wieder erscheinen wird. Wenn es dazu kommt, so la�t mich, bitte, nicht drau�en in der Finsternis! Ich werde ihm doch nichts zuleide tun. Wie k�nnte �brigens ein Mensch einem Wesen etwas anhaben, das aus dem Grabe auferstanden ist und durch verschlossene T�ren kommt und geht? Auch ihr habt von mir nichts zu bef�rchten; im Gegenteil, ich will euch nach Kr�ften helfen. Ich wohne in dem Hause des syrischen Kr�mers beim Hasmon�erpalast. Ich bin wohlhabend und kann euch n�tigenfalls auch mit Geld beispringen.�</p><p>�Beweise das!� rief Thomas und streckte die schwielige Hand aus.</p><p>Aber Johannes lehnte mein Angebot ab. �Solche Hilfe brauchen wir nicht�� zumindest vorderhand nicht. Meine eigene Familie ist beg�tert, und Matth�us hat Geld. Au�erdem hatte der Meister reiche G�nner, die auf unseren Wanderungen f�r unseren Unterhalt aufkamen, da sie anders dem Herrn nicht Gefolgschaft leisten konnten. Nein, nein, wir brauchen weder Brot noch Kleidung, sondern nur Dinge, die er allein uns geben kann. Wenn er wiederkommt, werden wir dich nicht vergessen. Aber Geheimnisse, die er uns anvertraut hat, darf ich nat�rlich einem Fremden nicht preisgeben.�</p><p>Thomas bemerkte warnend: �Mir scheint, es war ein Fehler, auf Maria zu h�ren. Die Neugier dieses R�mers verspricht nichts Gutes.�</p><p>Dann wandte er sich zu mir und sagte in drohendem T�ne: �Wisse, da� wir im Gefolge des Herrn die Macht hatten, Kranke zu heilen, ja sogar b�se Geister auszutreiben. Jetzt liegen zwar unsere Kr�fte ganz darnieder; aber du t�test doch gut daran, dich vor uns zu h�ten. Uns hat ja der Herr zu seinen J�ngern erw�hlt; wir waren es, die nach Gutd�nken bestimmte Leute bei ihm vorlie�en und anderen den Zugang verwehrten. Wenn schon einer von uns Zw�lfen zum Verr�ter werden konnte, wie sehr m�ssen wir erst einem Au�enstehenden mi�trauen!�</p><p>�Ich f�rchte weder euch noch eure Kr�fte�, sagte ich. �Ich habe nie davon geh�rt, da� Jesus seine Macht auch nur gegen einen Widersacher gebraucht h�tte, geschweige denn gegen jemanden, der ihn mit Inbrunst sucht.�</p><p>�Oh, du bist ja gl�nzend unterrichtet!� rief Thomas. �Aber eines Tages hat er doch einen Feigenbaum verflucht, so da� er vor unseren Augen verdorrte, und zwar blo� deshalb, weil er nichts als Bl�tter an ihm fand und keine Fr�chte. Dabei war nicht einmal die Jahreszeit f�r Feigen.�</p><p>Johannes warf ein: �Wir haben wohl nie richtig erfa�t, was er damit gemeint hat. Es mu� eines jener Gleichnisse gewesen sein, die wir nicht verstanden.�</p><p>�Nur zum Volk hat der Herr in Gleichnissen geredet�, widersprach Thomas. �Zu uns sprach er ganz offen. Aber wenn wir ihn damals nicht begriffen, wie sollten wir es jetzt? Darum w�re es besser, wir verlassen die Stadt ohne weiteres Zaudern.�</p><p>Ich wurde seiner Einw�nde und Drohungen m�de. �Nun, wie' ihr wollt!� sagte ich. �Es tut mir leid, da� ich euch zu einer Zeit gest�rt habe, da andere Dinge euch so bedr�cken. Ich selber bin von Alexandria hierhergereist, um den Weltherrscher zu suchen, dessen Geburt verschiedene Weissagungen ank�ndeten. Solche Prophezeiungen laufen auch bei anderen V�lkern um, nicht nur bei den Juden. Das vorausgesagte Zeichen ist auch in Rom und in Griechenland beobachtet worden. Und diesen Weltherrscher habe ich in Jesus von Nazareth gefunden, der als Judenk�nig ans Kreuz geschlagen wurde und dessen Sterben ich mit angesehen habe. Allerdings ist sein Reich anders, als ich es mir vorstellte, und anscheinend auch anders, als ihr es erwartet habt. Ich glaube nicht, da� ihr mich daran hindern k�nnt, dieses Reich zu suchen. Jesu Auferstehung hat mich davon �berzeugt, da� sein Reich Wirklichkeit geworden ist.�</p><p>Aber nach diesen Worten brannten mir die Augen vor Tr�nen der Entt�uschung. Ich wandte den Kopf ab und schaute mit getr�btem Blick in den gro�en Speisesaal, dessen Ecken im Dunkel lagen. F�r einen kurzen Augenblick bem�chtigte sich meiner das gleiche Gef�hl einer fremden Gegenwart wie w�hrend meines Schlafes im Obergemach des Lazarushauses. Aber diesmal konnte es kein Traum sein. Ich war im Gegenteil hellwach und allen Eindr�cken offen. Mich erf�llte das Verlangen, den Auferstandenen anzurufen und beim Namen zu nennen, so wie k�rzlich, als der Stein in den H�nden des Blinden zu K�se geworden war. Aber in diesem Raum und in Gegenwart dieser beiden M�nner hielt Befangenheit mich von einer solchen Anrufung ab. Sosehr diese J�nger sich auch drehten und wendeten, sie mu�ten ein verborgenes Wissen besitzen. Jesus hatte sie sicherlich Geheimnisse gelehrt, und ihnen war nicht der Tod bestimmt, ehe sie den Zweck erf�llten, den er allein kannte und den sie noch nicht verstanden.</p><p>Nein, ich wagte nicht, seinen Namen laut auszusprechen. Bescheiden sagte ich: �Friede sei mit euch!� und wandte mich zum Gehen.</p><p>Thomas begleitete mich zur T�r, um sie zu �ffnen. Als er aber den gro�en Holzschl�ssel gedreht hatte und den Griff fa�te, lie� die T�r sich nicht �ffnen. Er r�ttelte und drehte den Schl�ssel nochmals herum, aber vergebens. �Die T�r mu� sich geworfen haben und klemmt jetzt�, brummte er �rgerlich.</p><p>�Rei�e nicht so daran, sonst sprengst du das Schlo�!� warnte Johannes und kam ihm zu Hilfe. Doch auch er richtete nichts aus. Sie waren beide verdutzt und blickten mich vorwurfsvoll an, als l�ge die Schuld an mir. Deshalb versuchte ich ebenfalls mein Gl�ck. Ich hatte nicht viel Erfahrung mit h�lzernen Schl�ssern und Schl�sseln; aber ich drehte nur den Schl�ssel und es gelang mir ohne weiteres, die T�r zu �ffnen. K�hle Nachtluft wehte mir entgegen. �ber dem Hof sah ich einen ausgestirnten Himmel, und eben flog, wie als Zeichen f�r mich, ein Stern in goldener Bahn �ber das Firmament.</p><p>Ich nahm den Vorfall mit der T�r und das Aufleuchten der Sternschnuppe als Unterpfand daf�r, da� er, der Judenk�nig, mich nicht aus seinem Reich ausschlie�en w�rde, wie seine Sendboten es zu tun w�nschten. Sie jedoch erblickten darin keinerlei Omen. Thomas drehte blo� den Schl�ssel im Schlo� und murmelte zu sich selbst, er als armer Mann k�nne eben mit derlei Vorrichtungen nicht umgehen, weil er nichts besitze, was man versperren m��te.</p><p>Die beiden J�nger blieben im Obergemach und lie�en mich allein die Treppe hinuntergehen. Im Hof aber trat der junge Markus auf mich zu und fragte f�rsorglich: �Wirst du wohl selbst den Weg zu deiner Wohnung finden, Fremdling? Es hat schon die zweite Nachtwache begonnen.�</p><p>Ich erwiderte: �Sorge dich nicht um meine Sicherheit! Nathanael hat mich zwar, vor Angst keuchend, auf Umwegen durch gewundene Seitengassen geschleppt, nur damit ich nicht wei�, wo ich mich befinde. Aber ich hoffe trotzdem, in die Unterstadt und in meine Wohnung zur�ckzufinden. Ich gehe zuerst durch die Mauer und dann bergab; die Richtung finde ich schon nach den Sternen. Sobald ich einmal das Theater und das Forum erreiche, frage ich mich schon durch.�</p><p>Doch Markus sagte voll Eifer: �Vater und Onkel haben mir aufgetragen, dich heute abend zu betreuen. Imbi� habe ich dir keinen angeboten, weil die Sendboten unseres Herrn mit dir als einem R�mer nicht essen wollten. Aber gestatte mir wenigstens, dir meine Gastfreundschaft dadurch zu erweisen, da� ich dich zu deiner Wohnung zur�ckbegleite.�</p><p>L�chelnd wehrte ich ab. �Du bist jung, und junge Leute brauchen Schlaf. Du hast schon lange genug meinetwegen aufbleiben m�ssen.�</p><p>�An Abenden wie dem heutigen kann man nicht schlafen�, erkl�rte Markus. �Warte, ich hole nur meinen Mantel.�</p><p>Am Haustor schalt ihn die schl�frige Magd; doch er lachte blo�, t�tschelte ihr die Wange und schl�pfte mit mir durch den Torbogen. Ich bemerkte, da� er einen Stock mit bleibeschwertem Knauf mitgenommen hatte; diese Entdeckung bereitete mir nicht ausgesprochene Freude, obwohl ich vor einem halbw�chsigen Jungen keine Angst hatte.</p><p>Entgegen meinen anf�nglichen Bef�rchtungen geleitete er mich geradeaus bergab, offensichtlich, ohne mich in die Irre f�hren und so am Erkennen des Heimwegs behindern zu wollen. An dunklen Stellen nahm er mich an der Hand, damit ich nicht stolpern sollte. Mir kam vor, da� er sehr gern mit mir gesprochen h�tte, sich aber nicht traute, weil ich beharrlich schwieg, von tiefer Niedergeschlagenheit bedr�ckt, obwohl im Grunde meines Herzens noch Hoffnung lebte.</p><p>Schlie�lich f�hlte ich mich gedr�ngt zu sagen: �Du hast ihn also auch gekannt, diesen Jesus von Nazareth?�</p><p>Markus dr�ckte mir heftig die Hand und antwortete: �Ja, gewi�. Ich habe das Mahl vorbereitet und aufgetragen, als er in unserem Hause mit seinen Sendboten nach der Sitte der W�stenheiligen um einen Tag fr�her, als es allgemein der Brauch ist, das Osterlamm a�. Das war sein letzter Abend. Aber ich habe ihn schon fr�her gesehen und ihm als dem Sohne Davids zugejubelt, als er auf einer Eselin in Jerusalem einritt.�</p><p>Er prahlte ein wenig: �Das Reittier hat ihm mein Vater verschafft; es wartete an einem bestimmten Platz darauf, von den J�ngern geholt zu werden. An diesem Tage haben die Leute ihre �berkleider auf die Stra�e vor Jesus hingebreitet, haben Palmwedel geschwungen und Hosianna geschrien. Vater und Onkel lie�en Jesus unentgeltlich das Obergemach ben�tzen.�</p><p>Ich wurde neugierig und fragte: �Wer ist dein Vater? Wieso konnte er sich derart f�r Jesus einsetzen, ohne die Beh�rden f�rchten zu m�ssen?�</p><p>Die Miene des Jungen verfinsterte sich, und er sagte leise: �Mein Vater w�nscht nicht, da� sein Name mit diesen Dingen in Verbindung gebracht wird. Aber er geh�rt, obwohl er reich ist, zu den Stillen, und ich glaube, seine gleichgesinnten Freunde haben ihn gebeten, den K�nig zu besch�tzen. Jesus wollte jedoch nicht meinen Vater oder dessen Familie dadurch gef�hrden, da� er sich in unserem Hause gefangennehmen lie�e, und so begab er sich f�r die Nacht nach Gethsemane. Aber Judas, der Verr�ter, kannte unser Obergemach; so kamen die Schergen zuerst zu uns, mit brennenden Fackeln und klirrenden Waffen, und trommelten an der T�r. Damals war es, da� ich aus dem Bett sprang und ihn warnen lief.�</p><p>Zur Erkl�rung f�gte er bei: �Mein Vater kann sich vor dem Rat immer damit rechtfertigen, da� er den Saal regelm��ig f�r Gesellschaften, Hochzeiten und dergleichen vermietet. Und es hat ihn auch nie jemand bel�stigt, weil ei unter den f�hrenden M�nnern Freunde hat. Man wei� genau, da� die Galil�er sich jetzt in diesem Raum jedesmal nach Einbruch der Dunkelheit zu versammeln pflegen; aber niemand will durch ein Einschreiten gegen sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese M�nner lenken und die Erregung wieder sch�ren. Auf den hohen Herren laste! schon schwer genug das Schuldbewu�tsein, weil sie auf so schreckliche Art den Sohn Gottes gemordet haben.�</p><p>�War er der Sohn Gottes?� fragte ich, um den Jungen auf die Probe zu stellen.</p><p>Freim�tig erwiderte Markus: �Nat�rlich war er der Sohn und der Gesalbte Gottes! Nur ein von Gott Gesandter konnte das vollbringen, was er gewirkt hat. Und �berdies ist er ja aus dem Grabe auferstanden und lebt, obwohl ei schon tot war. Mein Onkel Nathanael hat sogar nachher noch mit ihm gegessen. Ein Leichnam oder ein k�rperloser Geist, die k�nnen nicht essen. Darum ist er zweifellos am Leben.�</p><p>Im Herzen gefiel mir dieser unentwegte kindliche Glaube; meine Vernunft jedoch trieb mich an, sp�ttisch zu sagen: �Allzusehr mit Wissen belastet bist du offenbar nicht, nachdem du so bereitwillig alles glaubst, was du h�rst.�</p><p>Der Junge wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. �Ich kann griechisch lesen und schreiben, und ein bi�chen lateinisch auch. Mein Vater hat Gesch�ftsverbindungen mit Zypern und sogar bis nach Rom. So unwissend, wie du meinst, bin ich nicht. Aber bedenke, da� ich Jesus des �fteren gesehen und sprechen geh�rt habe. Einmal hat er mir, als er bei uns weilte, die Hand auf den Kopf gelegt. F�r dich mu� es schwerer sein zu glauben, weil du ihn, wie mir gesagt wurde, nur sterben gesehen hast; ich aber sah ihn in den Tagen seiner Kraft und Macht.�</p><p>Wir hatten die Mauer erreicht, die Ober- und Unterstadt scheidet, und ich blieb an dem Tor stehen, wo ich Maria von Beeroth getroffen hatte. �Von hier aus finde ich mich schon zurecht�, sagte ich. Doch ich z�gerte mit dem Weitergehen, und auch Markus schien noch nicht gewillt, mich zu verlassen. Wieder fiel ein Stern vom Firmament, und wir sahen ihn beide.</p><p>�Sogar der Sternhimmel ist in diesen Tagen voll Unruhe�, bemerkte ich. �Irgend etwas liegt in der Luft. Vielleicht beginnen eben jetzt die Tage des Reiches, aber auf eine Art, die wir noch nicht erfassen.�</p><p>Markus verabschiedete sich nicht und traf keine Anstalten heimzugehen. Verlegen zupfte er an seinem Mantel und scharrte mit dem Stock am Boden.</p><p>�Es wundert mich nur�, sagte ich, �da� Nathanael den Auferstandenen nicht gleich erkannte, und auch Maria Magdalena erst dann, als er sie beim Namen rief.�</p><p>�Sie waren v�llig unvorbereitet�, erwiderte Markus zu ihrer Rechtfertigung. �Auch bei Jesu Lebzeiten war �brigens seine Erscheinung vielgestaltig und �nderte sich je nach seiner Gem�tsstimmung. Das ist schwer klarzumachen. Es schien, als h�tte er jedermanns Z�ge. Alle, die an ihn glaubten, fanden, er gleiche irgendwem, den sie einst geliebt hatten. Man konnte ihm kaum recht ins Gesicht schauen. Sein Blick war zu feierlich. Ich habe oft bemerkt, da� alte M�nner, wenn sie ihn trafen, die Augen senkten.�</p><p>�Da magst du recht haben�, stimmte ich bei. �Ich sah ihn, ohne etwas von ihm zu wissen, am Kreuze leiden. Aber auch ich konnte ihm nicht ins Gesicht schauen. Ich w�re ganz au�erstande, sein Aussehen zu beschreiben. Allerdings herrschte ziemliche Dunkelheit. Ich sagte mir vor, nur die Achtung vor seiner Todesqual habe mich davon abgehalten, ihn anzustarren; doch vielleicht h�tte ich es auch, wenn ich dazu willens gewesen w�re, nicht vermocht. Und das erstaunt mich keineswegs, nachdem er Gottes Sohn war. Sogar die Soldaten gaben das zu, als im Augenblick seines Todes die Erde bebte.�</p><p>Dann jedoch mu�te ich meiner Erbitterung Luft machen und noch hinzuf�gen: �Nach welchen Gesichtspunkten er allerdings seine Sendboten auserw�hlt hat, wei� ich nicht. Jedenfalls sind es unwissende Leute, die meiner Ansicht nach nicht das Recht haben, andere Menschen von der Nachfolge ihres Lehrers fernzuhalten. Damit handeln sie falsch und b�se. Ich bin der gleichen Gesinnung wie sie. Aber sie treiben ihre �ngstlichkeit so weit, da� sie seine Geheimnisse als ihr Eigentum h�ten. Dabei w�rden sie wohl, auch wenn sie ihr Versteck verlie�en, jetzt kaum mehr Gefahr laufen, verfolgt zu werden.�</p><p>Markus sann nach und meinte dann: �Ich glaube, du tust ihnen unrecht. Unwissend sind sie vielleicht; aber sie haben etwas, was anderen Menschen fehlt. Ich meine, sie allein konnten es wagen, dem Herrn unangefochten ins Gesicht zu blicken. Zumindest Johannes tat es. Ihn hat Jesus am liebsten gehabt. Geh nicht zu streng mit ihnen ins Gericht, Fremdling!�</p><p>Aber ich h�rte das L�cheln in seiner Stimme, als er fortfuhr: �Immerhin mu� ich gestehen, da� sie nicht jederzeit leicht zu begreifen sind. Auch mein Vater scheint ihrer m�de zu sein, wegen ihrer Streitigkeiten und ihres Ungest�ms. Besonders Petrus, der an K�rpergr��e alle �berragt, ist herrschs�chtig und zetert mit den Frauen, obwohl sie es sind, die den M�nnern die Verpflegung besorgen und ihr Versteck bewachen. Bei all seiner Massigkeit und Kraft ist er recht kindlichen Gem�tes. �brigens sind die Galil�er �berhaupt anders als wir hier in Jerusalem. Sie erfassen die Feinheiten der heiligen Schriften nicht so wie die Lehrer Israels. Sie sind einfache Menschen vom Lande, D�rfler, und fassen alles handgreiflich, sinnenf�llig auf.�</p><p>Nach einigem Z�gern gab er noch zu: �Mit Fremden sind sie kurz angebunden, das stimmt. Schon bei Jesu Lebzeiten lie�en sie nicht jeden zu ihm. Auch jemand anderer hat sie k�rzlich schon aufgesucht; aber sie weigerten sich sogar, ihn zu empfangen, weil sie ihn nicht als wahres Kind Israels betrachteten.�</p><p>Das erregte meine Neugier. �Erz�hle mir davon!� bat ich.</p><p>�Hast du geh�rt, da� Jesus auf dem Weg zur Richtst�tte zu Boden fiel, weil der Kreuzesarm, den er zu tragen hatte, ihm zu schwer wurde?� fragte Markus. �Die R�mer griffen aufs Geratewohl einen Mann, der gerade vom Felde in die Stadt ging, auf und zwangen ihn, das Kreuz zu tragen. Sie hielten ihn f�r einen gew�hnlichen Landarbeiter; aber er ist ein reicher Gutsbesitzer und in der Synagoge der Libertiner sehr angesehen. Erst wollte er gegen den Willk�rakt der R�mer aufbegehren; dann jedoch besann er sich eines anderen. Damals wu�te er noch nichts von dem, was da vorging. Er ist n�mlich aus Kyrene und h�lt sich von Politik fern. Als er jedoch sp�ter erfuhr, was sich da abgespielt und wessen Kreuz er getragen hatte, erf�llte ihn Kummer, und er wollte von den J�ngern mehr �ber Jesus erfahren. Indes mi�traute Petrus sogar ihm. Allerdings war das gerade zu der Zeit, da die J�nger in der gr��ten Angst lebten. Simon kam niemals wieder, sie nach dem Wege zu fragen. Es k�nnte sich dir, denke ich, verlohnen, ihn ausfindig zu machen und mit ihm zu reden. Vielleicht hat Jesus ihm unterwegs etwas Bedeutungsvolles gesagt, was ihn hinterher so bedr�ckt hat.�</p><p>�Wo kann ich ihn finden?� fragte ich.</p><p>�Er wird Simon von Kyrene genannt�, erwiderte Markus. �Erkundige dich in der Synagoge der Libertiner nach ihm! Da erh�ltst du bestimmt Auskunft.�</p><p>�Was ist das f�r eine Synagoge?� wollte ich wissen.</p><p>�Dort liest man die heiligen Schriften auf griechisch�, erl�uterte Markus. �Die Synagoge wurde von Freigelassenen gegr�ndet, die als reiche Leute aus Rom zur�ckkamen. Auch Einwanderer aus Alexandria und Kyrene unterst�tzen sie, weil diese in der Fremde Geborenen gew�hnlich so wenig von ihrem hebr�ischen Volkstum bewahrt haben, da� sie nicht einmal mehr die Sprache unserer V�ter verstehen. Es ist eine wohlhabende, freisinnige Synagoge, die ihren Anh�ngern keine �berschweren Lasten auferlegt. Ich glaube, dort w�rde man dich freundlich empfangen, wenn du dir an einem Sabbat die Schriftlesung auf griechisch anh�ren wolltest.�</p><p>Das war ein wertvoller Wink. �Ich danke dir, Markus�, sagte ich. �Von den J�ngern wurde ich abgewiesen und aufgefordert, mir den Weg selbst zu finden. Vielleicht sucht dieser Simon ihn auch. Zu zweit sucht es sich leichter als allein. Friede sei mit dir!�</p><p>�Auch mit dir, Freund des Statthalters!� gr��te der Junge beziehungsvoll. �Und wenn jemand dich fragt, wirst du ja jetzt best�tigen k�nnen, da� es hier keine gef�hrliche Verschw�rung mehr gibt.�</p><p>�Ich bin mein eigener Freund; einen anderen habe ich nicht�, erwiderte ich, erz�rnt �ber die Unverbl�mtheit, mit der dieser Junge mich verd�chtigte, ich k�nnte meine Beobachtungen den R�mern weitergeben. �Aber sollte jemand mich zuf�llig fragen, so k�nnte ich jedenfalls bezeugen, da� zumindest jene beiden M�nner, mit denen ich jetzt sprach, weder Brandstifter noch Umst�rzler sind. Doch ich glaube nicht, da� mich irgendwer irgendwas fragen wird. Im �brigen w�nscht Pontius Pilatus sicherlich nichts sehnlicher, als da� �ber diese ganze Angelegenheit m�glichst bald Gras w�chst.�</p><p>�Friede sei mit dir!� wiederholte Markus, und wir trennten uns. An diesem Abend ereignete sich nichts weiter.</p><p>Um Simon von Kyrene zu finden, brauchte ich nicht in die Synagoge der Libertiner zu gehen. Als ich meinen Quartiergeber, den Syrer Karanthes, nach dem Mann fragte, sagte er sofort: �Du kannst dir die M�he sparen. Warte blo� einen Augenblick, und ich verschaffe dir alle gew�nschten Ausk�nfte.�</p><p>Er rief seinen Sohn und trug ihm auf, ihn f�r eine Weile am Ladentisch zu vertreten. Er selbst verschwand im G��chen. Ich setzte mich auf die T�rschwelle und fand wirklich kaum Zeit, meinen Durst zu stillen, da war Karanthes schon wieder zur�ck. Er berichtete:</p><p>�Also, dieser Simon hat seinerzeit in Kyrene viel Geld verdient, und als er vor ein paar Jahren hierher �bersiedelte, kaufte er eine Anzahl Felder, Weing�rten und �lhaine in der Umgebung unserer Stadt. Auch in anderen Ortschaften Jud�as hat er Gesch�ftsinteressen. Er f�hrt die Lebensweise eines Griechen. Angeblich besucht er, obwohl er einen Bart tr�gt, sogar das Theater und das Gymnasionbad. Man betrachtet ihn nicht als rechtgl�ubigen Juden. Manche behaupten sogar, er sei nicht einmal beschnitten; aber er ist so reich, da� niemand sich darum k�mmert. Jedenfalls beachtet er das Gesetz und h�lt den Sabbat. Vor kurzem soll ihm etwas Peinliches passiert sein; die R�mer haben ihn aus der Volksmenge herausgegriffen und gezwungen, das Kreuz dieses Aufr�hrers zu tragen, den man j�ngst hingerichtet hat. Die Schmach ist ihm so nahegegangen, da� er sich seither in seinen R�umen eingeschlossen hat und niemanden empf�ngt.�</p><p>Er schilderte mir genau die Lage von Simons Haus und fragte dann mit verschmitztem L�cheln: �Was willst du eigentlich von ihm? Hast du vor, dein Geld in Grundbesitz anzulegen oder auf Pf�nder auszuleihen? Daf�r w��te ich dir viel geeignetere Gesch�ftsfreunde. Diesen Simon kann ich keinesfalls empfehlen. Es hei�t, er geht auf den Feldern herum und sammelt selber Reisig f�r seinen Herd; und er soll kaum etwas anderes essen als Brot und Gem�se.�</p><p>Ich fand, da� die Ausk�nfte des Syrers einander widersprachen, und war auf die Begegnung mit Simon von Kyrene neugierig. Aber mein Hausherr best�rmte mich mit Fragen �ber meine wahren Absichten. Da ich das Gef�hl hatte, er wolle wirklich mein Bestes, sagte ich schlie�lich widerstrebend: �Gerade �ber den Vorfall, den du erw�hnt hast, m�chte ich mit ihm reden und ihn fragen, was er von Jesus, dem Nazarener, dem Judenk�nig, wei�, da er ihm ja das Kreuz getragen hat.�</p><p>Karanthes geriet in gro�e Erregung, zupfte mich am Mantelsaum und warnte: �Sprich nicht so laut �ber diese �rgerliche Sache!�</p><p>Aber ich erwiderte: �Du warst gut zu mir, und ich m�chte deshalb dir gegen�ber nicht unn�tig geheimtun. Ich habe gute Gr�nde zu der Annahme, da� es sich bei dem gekreuzigten Judenk�nig um den erstaunlichsten Mann handelt, der je gelebt hat, und da� er Gottes Sohn gewesen ist. Ich bin so gut wie �berzeugt, da� er am dritten Tage nach der Bestattung sein Grab verlassen hat und am Leben ist, obwohl er schon tot war. Deshalb m�chte ich alles erforschen, was mit ihm zusammenh�ngt, auch jene Einzelheiten, die vielleicht Simon von Kyrene �ber ihn wei�.�</p><p>Mein Syrer rief mit weinerlicher Stimme: �Wehe �ber mich! Was f�r ein Unheil habe ich auf mein Haus und mein Gesch�ft geladen, indem ich dich in mein G�stezimmer aufnahm! Wenn du nicht ein Freund Adenabars, des Zenturionen, w�rest, h�tte ich gute Lust, dich aufzufordern, augenblicklich deine Siebensachen zu packen und mein Haus zu verlassen. Von solchen Dingen redet man doch h�chstens im Fl�sterton in seinen vier W�nden, und nicht hier auf der Stra�e vor dem Haustor, wo jeder es h�ren kann! Keinesfalls darf man den Fabeleien unbedachter M�nner und den Wahnvorstellungen verr�ckter Weiber Glauben beimessen. Nat�rlich habe auch ich ger�chtweise von den Sachen geh�rt, auf die du anspielst. Aber glaube mir, du t�test gut, dich aus dieser Angelegenheit herauszuhalten, sonst werfen dir die Juden bald ein paar Steine auf den Kopf! Du kannst noch nicht dahintergekommen sein, aber bei den Juden ist Religion immer Politik und Politik Religion. Nichts, was sie tun, ist v�llig von ihrem Glauben zu trennen; ihr Gott ist allwissend und belauert sie Tag und Nacht, ob sie sich gesetzestreu verhalten. Darum empfiehlt es sich dringendst, in solchen Sachen leisezutreten und die Zunge zu h�ten, besonders, wenn man Ausl�nder ist.�</p><p>�Ich bin r�mischer B�rger�, betonte ich. �Kein Jude darf mir ein Haar kr�mmen. Ich unterstehe nicht ihrer Gerichtsbarkeit. F�r den Fall, da� sie wirklich irgendwelche mit ihrer Religion zusammenh�ngende Anschuldigungen gegen mich erheben, k�nnte nicht einmal der Prokonsul es wagen, mich zu richten. Ich w�rde nach Rom geschickt und dem C�sar vorgef�hrt werden.�</p><p>�Angeblich ist doch C�sar nicht mehr in Rom, sondern haust irgendwo auf einer abgelegenen Insel�, bemerkte Karanthes arglos. �An seiner Statt regiert wer anderer, ein verschlagener, habs�chtiger, Bestechungen zug�nglicher Mann.�</p><p>Jetzt tauschten wir die Rollen. Ich packte meinen Hausherrn, hielt ihm meine Hand �ber den Mund und blickte mich entsetzt um, ob jemand seine Worte geh�rt hatte.</p><p>�Wenn du das in Rom gesagt h�ttest�, verwies ich ihn, �w�rde dich das den Hals kosten. Von diesem Mann darf nicht laut geredet werden; er soll Sp�her und Lauscher in den fernsten L�ndern haben.�</p><p>Gelassen schob Karanthes meine Hand von seinem Mund und meinte: �Na also, siehst du? Man mu� eben �berall mit den W�lfen heulen. Andere L�nder, andere Sitten. Hier in Jerusalem verbrennt man sich mit dem Namen des Gekreuzigten genau so den Mund wie in Rom mit dem Namen des�� anderen Mannes.�</p><p>Er z�gerte einen Augenblick und schaute sich um; dann kauerte er sich hin, und w�hrend ich weiter, in meinen gestreiften Judenmantel geh�llt, auf seiner T�rschwelle sa�, fl�sterte er mir ins Ohr:</p><p>�Ger�chte sind Ger�chte. Aber wir einfacheren Leute und Ausl�nder haben erst nachtr�glich richtig erfahren, welch schreckliches Unheil uns durch das rasche Eingreifen des j�dischen Hohen Rates erspart wurde. Du mu�t n�mlich wissen, knapp vor den Ostertagen sa�en wir alle, ohne es zu wissen, auf einem Vulkan. Das Volk hatte diesen Jesus schon zum K�nig und Sohn Davids ausgerufen, und angeblich geno� er heimlich die Unterst�tzung einer Sekte und Verschw�rergruppe in der W�ste, die �Stillen� genannt. Man wollte, hei�t es, w�hrend des Festes den Tempel, zum Fanal f�r das Volk, in Brand stecken, den Rat st�rzen und eine Regierung aus Tagl�hnern und Kleinbauern bilden. Du kannst dir vorstellen, welch hochwillkommene Gelegenheit zur Einmischung das f�r die R�mer gewesen w�re. Der Statthalter hatte schon aus allen St�tzpunkten die ganze Legion in Jerusalem zusammengezogen und selber in der Burg Antonia Quartier genommen, weil er sich nicht traute, so wie sonst im Herodespalast zu wohnen. Als aber die Umst�rzler ihren R�delsf�hrer verloren, mu�ten sie sich wieder in ihre Schlupfwinkel verkriechen.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, entgegnete ich. �Nach allem, was ich geh�rt habe, ist sein Reich �berhaupt nicht von dieser Welt.�</p><p>�Ja, ja�� wie gesagt, Ger�chte sind nur Ger�chte�, bemerkte Karanthes vers�hnlich. �Aber irgend etwas mu� an so hartn�ckigen und �bereinstimmenden Munkeleien daran sein. Ohne Feuer kein Rauch! Oder? Was meinst du?�</p><p>�Ich vermute, da� der Rat und die Priester und die Schriftgelehrten derlei Ger�chte selbst in Umlauf bringen, um nachtr�glich einen niedertr�chtigen Mord zu rechtfertigen�, erkl�rte ich entschieden. �So, wie man da glauben machen will, war Jesus nicht geartet. Angeblich hat er den Leuten sogar gesagt, wenn man sie auf die eine Wange schl�ge, sollten sie die andere auch hinhalten, und niemand m�ge B�ses mit B�sem vergelten. Auch ich pers�nlich halte diesen Grundsatz f�r das einzige Mittel, um aus der Gewalt des B�sen loszukommen, das sonst, von Rache zu Rache und immer wieder zu Rache, sich ewig fortpflanzt.�</p><p>�Er hat sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben�, erkl�rte Karanthes in sachlich n�chternem T�ne. �Wer hier auf Erden wirkt und handelt und lehrt, mu� sich den Gesetzen dieser Welt unterwerfen. Mag sein, da� dieser Jesus von anderen Leuten f�r ihre Zwecke mi�braucht wurde; �ber ihn selbst hat man ja wirklich nur Gutes geh�rt. Aber dem j�dischen Rat ist nichts �briggeblieben, als jene Entscheidung zu treffen, die allein der Sachlage und der politischen Vernunft entsprach. Es geht eben nicht an, da� jemand, um das Volk zu verf�hren, Kranke heilt und Tote erweckt oder sich als Sohn Gottes ausgibt. Soweit wir wissen, hat der Judengott keinen Sohn und kann gar keinen haben. Gerade dadurch unterscheidet er sich von den G�ttern anderer V�lker. Solche Irrlehren stiften nur politischen Unfrieden. Und bei einem Umsturz sind es immer die Hitzk�pfe, die an die Macht kommen, nie die Besonnenen. Ich bin �berzeugt, gleich bei Ausbruch der Unruhen und ehe ich auch nur Zeit gefunden h�tte, mich zu dem neuen K�nig zu bekennen, w�re mein Kramladen in Flammen aufgegangen und meine Tochter h�tte mit zerschmettertem Sch�del und gespreizten Beinen in der Gosse gelegen.�</p><p>Ich �berlegte seine warnenden Worte und verglich sie mit allem, was ich sonst geh�rt und erlebt hatte. Dann sagte ich nachdenklich: �Ich glaube, dieser jetzige Umsturz beginnt im Innern der Menschen, nicht von au�enher. Das unterscheidet ihn von allen anderen Revolutionen. Wie allerdings die Dinge im einzelnen weiterverlaufen werden, ist mir noch unklar.�</p><p>Karanthes hob resigniert die H�nde und meinte: �Man sieht, da� du nicht verheiratet bist. Mach, was du willst; aber sage nicht nachher, ich h�tte es verabs�umt, dich zu warnen!�</p><p>So begab ich mich denn zu Simons Haus. Es lag in einer schmalen Gasse und unterschied sich �u�erlich nicht von anderen Stadth�usern. Aber das Tor war, mitten am Tage, verschlossen. Als ich eine Zeitlang geklopft hatte, kam eine Magd, �ffnete die T�r auf einen Spalt und verh�llte, als sie mich sah, rasch ihr Gesicht. Ich gr��te und fragte nach dem Hausherrn; doch sie erkl�rte abwehrend: �Mein Herr ist krank und h�lt sich in einem verdunkelten Zimmer auf. Er w�nscht keine Besuche.�</p><p>Ich nannte ihr meinen Namen, berief mich auf den Bankier Aristainos und sagte schlie�lich: �Ich bin �berzeugt, da� dein Herr mich empfangen wird. Ich komme n�mlich gerade wegen der Sache, die ihn bedr�ckt.�</p><p>Die Magd lie� mich ein und ging ihren Herrn holen. Ich bemerkte, da� hinter der unscheinbaren Au�enseite das ganze Haus im griechischen Stil umgebaut worden war. Das ger�umige Atrium hatte eine �ffnung im Dach und ein Regenwasserbecken im Boden, der entgegen dem j�dischen Bilderverbot mit Mosaikdarstellungen�� Blumen, Fischen und V�geln�� geschm�ckt war. An den W�nden standen Bronzen und griechische Vasen in der Art, wie vornehme H�user ausgestattet zu sein pflegen.</p><p>Nach einer Weile erschien ein griechischer Sklave, grauhaarig, in einen kunstvoll gefalteten Leinenmantel gekleidet, eine Schriftrolle unter dem Arm. Die Augen des Mannes waren rotger�ndert, wie von vielem Lesen bei schlechtem Licht. Er gr��te mich auf r�mische Weise und forderte mich auf, Platz zu nehmen und zu warten.</p><p>�Was liest du denn da?� fragte ich.</p><p>Er versteckte die Rolle hinter seinem R�cken und antwortete: �Nur ein Buch eines j�dischen Propheten. Ich bin Erzieher der beiden S�hne des Hausherrn, Rufus und Alexander. Allerdings ist mein Herr ein schlichter Mann, der f�r Dichtkunst nichts �brig hat.�</p><p>�Darf ich raten, was du da h�ltst?� meinte ich l�chelnd. �Ich habe das gleiche Werk in Alexandria gelesen, und erst k�rzlich hat man mir wieder Stellen daraus hergesagt. Ist es nicht das Buch des Propheten Jesaja?�</p><p>Der Sklave brachte verdutzt die Rolle wieder zum Vorschein, und blickte ernst auf sie, dann auf mich. Schlie�lich fragte er: �Bist du ein Hellseher oder ein Magier, da� du wei�t, was ich meinem Herrn vorgelesen habe?�</p><p>�Magier bin ich bestimmt keiner�, entgegnete ich. �Was ich von Astronomie und Sterndeuterei wei�, verdanke ich meinem Pflegevater Manilius. Seine Schrift �Astronomica� wirst du wohl kaum gelesen haben?�</p><p>Er verneinte und f�gte hinzu: �Jedenfalls aber ist mir bekannt, da� die R�mer alles von uns Griechen entlehnen, es in ihre Sprache �bersetzen und als ihr geistiges Eigentum ausgeben.�</p><p>Der grauhaarige Sklave war offenbar sehr auf seine nationale W�rde erpicht. Ich erkundigte mich: �Und was h�ltst du von dem j�dischen Propheten?�</p><p>Er antwortete: �Ich bin Grieche. Diese ebenso dunklen wie schw�lstigen Judenschriften langweilen mich blo�. Ich lese das Buch meinem Herrn vor, h�nge aber dabei meinen eigenen Gedanken nach. Wie bewiesen wurde, kann die Schildkr�te auch gegen Achilles ihren Vorsprung wahren. Als Sklave habe ich die Rolle der Schildkr�te �bernommen. Ich versuche nie, dem �sop oder Homer den Rang abzulaufen, wie die Juden es tun.�</p><p>In diesem Augenblick trat Simon von Kyrene ein, und ich musterte ihn eingehend. Er hatte einen zerlumpten Mantel achtlos �ber die Schultern geworfen; sein Bart war ungepflegt. Es handelte sich um einen kr�ftigen Mann mittleren Alters, mit stark sonngebr�untem Gesicht und gro�en Bauernh�nden. Er setzte sich in den rot �berzogenen Hausherrnstuhl und winkte dem Sklaven ungeduldig, sich zu entfernen.</p><p>Ohne Gru� fragte er mich barsch: �Was f�hrt dich her, R�mer? Was willst du von mir?�</p><p>Ich blickte um mich, ob nicht irgendwo Horcher versteckt waren. Dann erwiderte ich ganz schlicht und offen: �Ich habe geh�rt, da� du wegen Jesus von Nazareth sehr bek�mmert bist und versucht hast, mit seinen J�ngern zu sprechen, von ihnen aber abgewiesen wurdest. Gestern abend bin auch ich mit zweien von ihnen zusammengekommen; doch sie wollten mir nicht helfen. Auch ich suche den Weg. Hilf du mir, wenn du kannst!�</p><p>Er neigte den Kopf zur Seite, starrte mich unter seinen buschigen Brauen mi�trauisch an und verwahrte sich: �Ich suche keinen Weg. Wer hat dir das gesagt? Meinen Weg habe ich schon vor vielen Jahren gefunden und bin auf ihm ganz gut vorw�rtsgekommen.�</p><p>Ich beobachtete ihn sorgsam, und pl�tzlich kam mir zu Bewu�tsein, da� er den Kopf wie ein Sklave hielt und auch den argw�hnischen Sklavenblick hatte. Unwillk�rlich sp�hte ich nach seinen Fu�kn�cheln und suchte die untilgbaren Spuren der eisernen B�nder. Aber seine Augen folgten meinem Blick, und er schob eilig die F��e unter die Marmorbank. Gleichzeitig schlug er mit einem kleinen Holzhammer auf eine Metallscheibe, um einen Bedienten zu rufen.</p><p>�Du hast scharfe Augen�, gab er widerstrebend zu. �Ja, ich war Sklave, wurde aber schon vor mehr als zehn Jahren freigelassen und habe in Kyrene beim Getreidehandel viel Geld verdient, ehe ich hierher nach Jerusalem kam, wo seinerzeit mein Urgro�vater beheimatet war. Ich habe zwei S�hne, und ich w�nsche nicht, da� jemand sie meiner Abkunft wegen �ber die Achsel anschaut. Doch ich bin, ebenso wie mein Vater und mein Gro�vater, als Sklave zur Welt gekommen. Das dr�ckt einem Menschen seinen Stempel auf, auch wenn man es hier im allgemeinen nicht bemerkt. Ich habe meinen Platz in der Synagoge und im Theater; meine S�hne haben einen griechischen Erzieher, und ich wohne, wie du siehst, in einem vornehmen Hause. Vielleicht gelingt es mir eines Tages, meinen S�hnen das r�mische B�rgerrecht zu erkaufen.�</p><p>Der Diener trat mit einem Silbertablett ein. Er reichte mir einen goldenen Becher und f�llte ihn aus einem staubigen Kruge mit dunkelfarbenem Wein. Auf dem Tablett lagen Honigkuchen und daneben ein von Asche grauer Gerstenfladen. Simon nahm von dem Tablett einen Tonbecher, in den ihm Wasser gef�llt wurde. Er brach von dem Brotfladen ein St�ck ab, blies die Asche weg und schob den Bissen in den Mund; dazu trank er einen Schluck Wasser. Ich kann nicht leugnen, da� mich das Gehaben dieses Mannes �berraschte.</p><p>�An Honigkuchen habe ich mich anscheinend �beressen�, erkl�rte ich. �Wenn du gestattest, koste ich dein Gerstenbrot. Aber deinen Wein will ich nicht verschm�hen, nachdem du nun schon meinetwegen den Siegelabdruck zerbrochen hast. Sonst w�re mir Wasser ebenso lieb gewesen, nachdem es, wie ich sehe, Quellwasser ist.�</p><p>�Ich bekomme das Wasser aus einer guten Quelle weit von hier�, sagte Simon. �Von so einer Quelle habe ich als Junge bei der Arbeit unter der sengenden Sonne auf den Feldern Afrikas getr�umt. �brigens auch von solchem Gerstenbrot wie das hier; unser Sklavenbrot buk man aus einem Gemisch von Spreu und K�rnerresten, Bohnen und Hafer. Als ich reich wurde, habe ich eine Zeitlang Wein getrunken, fand aber dann, da� er mir gar nicht schmeckt. Ich a� Honigkuchen und Gazellenbraten mit scharfen Tunken, bis ich entdeckte, da� reines Brot und frisches Gem�se mir besser munden und besser anschlagen. Ich habe viel durchgemacht�� mehr, als du ahnst, R�mer.�</p><p>Doch er sprach dar�ber nicht verbittert, sondern wie von etwas Selbstverst�ndlichem.</p><p>�Es hat lange gedauert�, fuhr er fort, �ehe ich richtig begriff, da� ich frei war und tun konnte, was ich wollte. Mein Bett ist noch immer eine harte Sklavenbank; von weichen Daunenkissen tut mir nur der R�cken weh. Ich wei� nat�rlich, da� man mich auslacht, wenn ich zuerst meine L�ndereien besichtige und den Arbeitern ihren Tagelohn auszahle und dann in meinem Mantel Reisig sammle und auf dem R�cken heimtrage. Verschwendung nehme ich niemandem �bel; mir selber bereitet sie nicht die geringste Freude. Als Junge bin ich fast zu Tode gepeitscht worden, weil ich aus Unverstand Dung und trockene Disteln von fremdem Land aufgelesen habe, zum Heizen f�r meine Mutter. Deshalb macht es mir jetzt Spa�, auf eigenem Grund und Boden gutes Brennholz aufzulesen und es im eigenen Mantel ins eigene Haus zu tragen.�</p><p>Nach einer Pause sagte er: �Vielleicht bin ich ein strenger Dienstherr, der beim Gesinde keine Faulheit duldet. Doch noch nie habe ich einen Olivenpfl�cker ausgescholten, weil er vom Baum herunterstieg und seine t�glichen Gebete sprach. Ich pers�nlich f�hle mich am wohlsten, wenn ich auf meine Felder hinausgehe, den Mantel sch�rze und mitten unter den Arbeitern selbst Hand anlege.� Anscheinend wollte er dem Thema, das ich angeschnitten hatte, ausweichen; denn er fuhr fort: �Das ist der Weg, den ich f�r mich selber gefunden habe. Als Sklave dachte ich viel �ber die menschliche Freiheit nach. Darum n�tige ich jetzt nie anderen meine eigene Spielart von Freiheit und meine eigenen Steckenpferde auf, sondern lasse sie nach ihrem Zuschnitt leben. Vielleicht war es kindisch von mir, nach Jerusalem zu �bersiedeln. Aber aus den Erz�hlungen meiner Eltern kannte ich Israel als das Gelobte Land; auch von dem Gott Israels haben sie mir erz�hlt, das hei�t, soviel ihnen selbst�� wir Sklaven hatten ja keine Synagoge und keine Lehrer�� davon bekannt war. Weder mein Vater noch ich wurden beschnitten, wie das Gesetz es vorschreibt; derart wenig wu�ten wir von dem Bunde zwischen Gott und dem Volke Israel.</p><p>Vom Getreidehandel allerdings wei� ich alles, was es zu wissen gibt, und h�tte bestimmt gute Gesch�fte gemacht, wenn ich in Rom ans�ssig geworden w�re. Aber das Korn, das dorthin zur freien Verteilung verschifft wird, ist mit Blut getr�nkt, wie auch die vernarbten Striemen auf meinem R�cken bezeugen. Jeder sehnt sich schlie�lich nach dem, wovon seine Eltern erz�hlt haben, nach dem Gott seiner V�ter und nach dem eigenen Volke. Zum R�mer w�re ich nie ganz geworden, und ich sehe auch keinen Sinn darin, Reicht�mer um ihrer selbst willen anzuh�ufen. F�r mich und meine S�hne besitze ich genug, und ich habe mein Geld klug angelegt, unter Bedacht auf alle erdenklichen Gefahren. Jetzt kenne ich keinen weiteren Wunsch, als rechtschaffen zu leben, Gott zu verehren, die Gebote ohne Sch�digung anderer zu halten und mich der Dinge zu erfreuen, die mir wirklich Freude machen. So einfach ist der Weg, den ich gefunden habe.�</p><p>�Ich achte deinen Weg�, erkl�rte ich. �An dir ist nichts von der Protzerei und Anma�ung, durch die sich in Rom viele reich gewordene Freigelassene so unleidlich machen. Dort zahlen sie oft jede Summe, nur, um in das Haus eines Senators eingeladen zu werden oder einen Ritter mit dem Vornamen anreden zu d�rfen. Ihre Lebensweise erweckt nur Spott. Da� du dein Haus, wenn es dir so gef�llt, im griechischen Stil ausgestattet hast und mir deine goldenen Becher vorf�hrst, finde ich begreiflich. Aber du bist, wie ich deinen Worten entnehme, nicht der Sklave deiner Reicht�mer.�</p><p>Simon hob die H�nde. �Eine solche Abh�ngigkeit zu vermeiden, war immer mein Bestreben�, meinte er. �Ich m�chte so frei sein, wie ein Mensch es �berhaupt vermag. Auch wenn ich meinen ganzen Besitz verl�re�� niemand ist ja vor den Launen des Schicksals sicher��, w�rde ich nicht viel verlieren, weil ich gen�gsam bin. Das wenige zum Leben Notwendige macht mir mehr Freude als jeder �berflu�.�</p><p>�Warum hat dich dann�, fragte ich, �deine Begegnung mit dem Nazarener so verst�rt, da� du dich hinter verschlossenen T�ren in einem verfinsterten Raum versteckst und keine Besuche empfangen willst?�</p><p>Er seufzte tief, fuhr sich mit der Hand �ber die Stirn und wich meinem Blick aus. �Was wei�t du selber �ber diesen Jesus?� wollte er zuerst wissen.</p><p>�Ich bin von Alexandria hergereist, wirklich nur zum Zeitvertreib und um die heilige Stadt der Juden w�hrend ihres Passahfestes zu sehen�, antwortete ich. �Vor der Stadt angelangt, hielt ich inne und erblickte, w�hrend eben der Himmel sich verdunkelte, den Gekreuzigten. Ich sah ihn leiden und sterben. Am dritten Tage danach fand ich sein Grab leer und h�rte, da� er auferstanden war. Seitdem komme ich nicht los von ihm�� Du hast ihm, wie man mir erz�hlte, ein St�ck weit das Kreuz getragen, und ich merke, da� auch du von ihm nicht loskommst. Wieso das? Hat er dir etwas Besonderes gesagt?�</p><p>Simon von Kyrene pre�te die F�uste aneinander und erwiderte: �Nein, gesagt hat er mir gar nichts. Und gerade das l��t mir keine Ruhe. Er sagte nichts, sondern blickte mich nur an.�</p><p>�Sonst wei� ich nichts von ihm�, fuhr er nach einer Weile fort. �Ich mische mich nie in Politik und halte die Gebote, wie meine Synagoge sie vorschreibt. Die beiden Schicksalsgenossen des Gekreuzigten waren Verbrecher, das sah man ihnen an. Ich ging gerade von den Feldern heim und blieb stehen, um zu schauen. Im gleichen Augenblick fiel er unter der Last seines Kreuzes nieder und konnte sich nicht mehr erheben. Ich stand da, in die Menge eingekeilt, ohne weiterzuk�nnen. Eine gutherzige Frau b�ckte sich und wischte dem Verurteilten mit ihrem eigenen Schwei�tuch Blut und Schwei� vom Gesicht. Die R�mer wollten ihn mit Tritten ihrer eisenbeschlagenen Schuhe weitertreiben; aber er vermochte nicht aufzustehen. Der Zenturio schaute umher und zeigte auf mich, in der selbstherrlichen Art, wie die R�mer sie haben. In mir mu� noch etwas vom Sklaven stecken; ich folgte dem Wink, und man lud mir das Kreuz auf den R�cken. Der Verurteilte blickte mich an und stellte sich m�hsam auf die zitternden Beine. Ohne Widerrede trug ich hinter ihm her das Kreuz bis auf den H�gel. Wenn ich mich sp�ter beschwert h�tte, w�re der Zenturio streng ger�gt worden; aber ich wollte nicht �berfl�ssige Unannehmlichkeiten mit den R�mern heraufbeschw�ren. Ich stand daneben, als die Henkersknechte den Verurteilten auf den Boden legten und seine Arme mit den Knien niederdr�ckten. Der Legionsprofos trieb ihm die N�gel durch die Handgelenke. Da blickte der Gequ�lte mich wieder an, und ich wandte mich ab, rannte in die Stadt und schlo� mich hier ein.�</p><p>Er rieb sich mit beiden H�nden das Gesicht, sch�ttelte den struppigen Kopf und fuhr fort: �Du wirst das kaum verstehen. Ich habe viele Kreuzigungen mit angesehen. Ich habe es sogar wiederholt erlebt, da� einen Sklaven seine eigenen Gef�hrten verspotteten, wenn er ans Kreuz genagelt wurde, weil er im Zorn einen Aufseher erschlagen oder ein Getreidefeld in Brand gesteckt hatte. Mit der Zeit war mein Sinn gegen fremdes Leid verh�rtet worden. Ich h�tte nie gedacht, da� die Qualen eines anderen mir so stark zusetzen k�nnten. Aber er hat mich angeblickt! Mich schwindelte, und ich lief davon, aus Angst, die Erde w�rde unter meinen F��en nachgeben.�</p><p>�Wie soll ich dir das erkl�ren�, rief er verzweifelt, �wenn ich es selbst nicht begreife? Als er auf dem Boden lag und mich ansah, das Gesicht von Schl�gen verschwollen und die Dornenkrone auf dem Kopf, da verlor alles andere jegliche Bedeutung f�r mich. Derart sollte niemand einen Mitmenschen anschauen! Ich verkroch mich in einen verdunkelten Raum, zog mir den Mantel �ber den Kopf und traute mich nicht einmal dann in den Hof hinaus, als die Erde zitterte und eine Mauer barst. Am n�chsten Tage habe ich den Sabbat gebrochen und bin ein gro�es St�ck Weges gegangen. Ich habe Jesu J�nger aufgesucht; aber sie wollten mich nicht anh�ren. Sp�ter hie� es, die J�nger h�tten die r�mischen Wachsoldaten betrunken gemacht und den Leichnam ihres Herrn heimlich aus dem Grabe beiseite geschafft, um das Volk zu t�uschen. Doch etwas sagt mir, da� diese Ger�chte falsch sind. Jemand, der einen so anzublicken vermag wie er, kann auch aus eigener Kraft das Grab verlassen�� Und jetzt m�chte ich dich bitten, mir deine Meinung dar�ber zu sagen, wer er war und was er wollte.�</p><p>�Soweit ich es mir klarmachen konnte�, erwiderte ich vorsichtig, �hat er sein eigenes Reich mit sich auf die Erde gebracht. Dieses Reich ist nach Jesu Auferstehung noch hienieden, und ich suche den Weg dahin. Ich hoffte, er h�tte zu dir irgend etwas gesprochen, was mir einen Fingerzeig geben k�nnte.�</p><p>�H�tte er es nur getan!� klagte Simon von Kyrene. �Aber vielleicht fand er mich keines Wortes wert, weil ich sein Kreuz so widerwillig auf mich genommen hatte. Seit er mich angeblickt hat, schmeckt mir auch frisches Quellwasser faulig, und gutes Brot bleibt mir in der Kehle stecken. Selbst meine S�hne sind mir so fremd geworden, da� es mir kein Vergn�gen mehr macht, sie zu sehen. Eigentlich sind sie mir ja wirklich entfremdet, weil ich ihnen eine bessere Bildung als die meine angedeihen lassen wollte. Aber fr�her habe ich mich immer daran erg�tzt, wie gut sie sich benehmen und wie sachkundig sie mit ihren Lehrern Dinge nachlesen und er�rtern k�nnen, von denen ich nichts weiߠ� und auch nichts wissen will, weil meine durch Erfahrung erworbenen Kenntnisse mir gen�gen. Doch in dieser Sache mit Jesus hilft mir keine Erfahrung. So verg�llt ist mir alles, da� ich nichts dagegen h�tte, in die Sklavenh�tten zur�ckzukehren und mir wieder Ringe um die Fu�kn�chel schmieden zu lassen.�</p><p>�Hast du von den Stillen im Lande geh�rt, die auf ihn warten?� fragte ich schlie�lich.</p><p>�Weshalb sonst, glaubst du, lasse ich mir das Buch des Propheten Jesaja vorlesen?� fuhr Simon erbost auf. �In der letzten Zeit war die Nachfrage nach dieser Schrift so gro�, da� ich f�r eine griechisch abgefa�te Rolle das F�nffache des fr�heren Preises bezahlen mu�te. Aber ich finde auch in diesem Buch keine Hilfe. Sprich mir nicht von den Stillen im Lande! Ich wei�, da� sie einander durch Gru�worte und geheime Zeichen erkennen; doch ich will in politische Dinge nicht hineingezogen werden. Ich bin Libertiner und w�nsche keine andere Zugeh�rigkeit.�</p><p>�Aber�, wandte ich ein, �diese Leute d�rften kaum politische Ziele anstreben. Wenigstens jetzt nicht mehr. Soviel ich wei�, glauben sie, da� Gott in Menschengestalt zur Welt gekommen ist, da� er auf Erden gelebt, gelitten und den Tod gefunden hat und da� er wieder auferstanden ist, um die Schriften zu erf�llen und auf r�tselhafte Weise den Menschen sein Reich zu er�ffnen. Noch aber wei� niemand, wie das alles zu verstehen ist.�</p><p>Simon hob die breiten Schultern und sch�ttelte den Rumpf, als wollte er sich einer unsichtbaren B�rde entledigen. �Dann habe ich auf diesen meinen Schultern wahrhaft Gottes Kreuz getragen�, murmelte er, voll Entsetzen in der Stimme. �Ich will das nicht leugnen, will dir nicht widersprechen. Mein Herz sagt mir, da� du die Wahrheit redest. Er hat mich zweimal angeblickt.�</p><p>Von Qual erf�llt, fuhr er fort: �Ich hatte schon fr�her von einem neuen Lehrer geh�rt, der gro�en Ansto� erregte. Aber nie w�re mir eingefallen, da� jener Lehrer und der blut�berstr�mte, dornengekr�nte, zur Kreuzigung wankende Mann ein und dieselbe Person sein k�nnten. Erst als wir droben auf dem H�gel waren und jemand mir die Kreuzesinschrift vorlas�� ich kann ja nicht lesen��, erkannte ich, da� es sich um den gleichen Jesus handelte, von dem ich geh�rt hatte. Das Leben hat mich zum Zweifler gemacht; so hatte ich mich auch um die Wunder, die er wirkte, nicht viel gek�mmert. Aber in Jericho lebt ein Oberzolleinnehmer namens Zach�us. Dieser Zach�us kletterte, um den neuen Lehrer besser zu sehen, auf eine Sykomore; und Jesus soll ihn hinuntergerufen haben und in seinem Haus, obwohl er Z�llner ist, eingekehrt sein. Nach diesem Besuche hat Zach�us angeblich die H�lfte seines Verm�gens den Armen gegeben und au�erdem alles, was er den Leuten an Steuern und Z�llen unrechtm��ig abgepre�t hatte, vierfach erstattet. Nachdem er damit seine Vergehen eingestanden hatte, wurde er angeklagt, aber als unzurechnungsf�hig freigesprochen und blo� seines Amtes enthoben.</p><p>Nun, ich kann sehr wohl begreifen, da� jemand, der die Heilkraft dazu hat, einen Lahmen durch seinen Befehl veranlassen kann, aufzustehen und zu gehen. Aber einen Reichen dahin zu bringen, da� er sein halbes Verm�gen unter die Armen verteilt, das w�re ein unvergleichlich gr��eres Wunder! Solche Dinge geschehen einfach nicht. So etwas ist unm�glich. Sogar die Richter haben ja den Zach�us f�r geistesgest�rt erkl�rt. Mit dem Mann m�chte ich wirklich gern einmal zusammenkommen und aus seinem eigenen Munde h�ren, was Jesus ihm gesagt hat und wie es herging, da� er derart von Sinnen kam.�</p><p>Mag auch vielleicht mein angeborener r�mischer Hausverstand zu nichts anderem n�tze gewesen sein, so hat er mich doch, ungeachtet all meiner Schulung in der griechischen Philosophie, zu einem praktisch denkenden Menschen gemacht. �Du hast recht�, erkl�rte ich deshalb. �Wir wollen uns gleich nach Jericho aufmachen und diesen Zach�us besuchen. Vielleicht hat Jesus ihn etwas gelehrt, was mehr wert ist als alle G�ter dieser Erde. Ein solches Geheimnis verlohnt wohl eine Reise. Du selber hast ja erz�hlt, da� Jesus dich blo� anzublicken brauchte, und alles andere verlor seine Bedeutung f�r dich.�</p><p>Aber Simon wandte ein: �Nach Jericho ist es, auch wenn wir uns beeilen, eine gute Tagereise von hier. Heute ist R�sttag, und auch sonst m�chte ich nicht gerade jetzt von Jerusalem weggehen. Falls Jesus wirklich auferstanden ist, dann ist sein Reich, von dem du so begeistert redest, hier uns am n�chsten. Das versteht sich von selbst.�</p><p>Ich wu�te, da� er recht hatte. Nicht einmal Jesu eigene Sendboten wollten ja Jerusalem verlassen, sondern harrten hier der Dinge, die da kommen sollten.</p><p>Ich sagte: �Du und ich, wir haben eines miteinander gemein: wir sind beide Au�enseiter, die nur durch Zufall Zeugen der Ereignisse wurden. Allerdings glaube ich nicht mehr an blo�e Zuf�lle; mir ahnt, da� wir mit Vorbedacht auf die Suche nach einem neuen Wege gef�hrt wurden. Jedenfalls sitzt uns beiden ein Stachel im Herzen, und wir werden so lange keine Ruhe finden, bis wir in diesen Dingen klarsehen.�</p><p>Simon von Kyrene erwiderte erbittert: �Ich hatte in meinem Leben schon Klarheit und einen Weg gefunden. Und jetzt ist es auf einmal wieder aus mit allem, und ich zapple wie ein Fisch im Netz. Mich hat es nie nach einem ewigen Leben verlangt, wie die Pharis�er es sich durch peinlichste, buchst�blichste Gesetzeserf�llung zu gewinnen hoffen. Allzu oft habe ich Sklaven den letzten Atemzug tun sehen, als da� ich an ein jenseitiges Leben glauben k�nnte. Ich halte es da mehr mit den Sadduz�ern, die solche Erwartungen ablehnen. In unserer Synagoge er�rtert man diese Frage nicht; unsere Lehrer haben zu F��en der alexandrinischen Weisen gesessen.</p><p>An Hexerei, an schwarze ebenso wie an wei�e Magie, glaube ich ein wenig, weil ich solche Dinge wiederholt mit eigenen Augen sah und deshalb daran glauben mu�. Nachdem ich erfahren habe, wie voll Grausamkeit und Herzlosigkeit die Welt ist, schaffe ich mir Seelenfrieden, indem ich Almosen gebe und in vern�nftigen Grenzen das Gesetz halte. Aber da� man durch gute Werke allein sich das ewige Leben erkaufen k�nnte, daran glaube ich nicht. Ein Betr�ger mag seine Almosen unter lautem Posaunenschall verteilen, Gott betr�gt er nicht. Ich glaube �berhaupt nicht an ein Leben nach dem Tode�� nicht einmal in der Form eines Schattendaseins, wie die Griechen und R�mer es sich vorstellen, und ebensowenig in der Form, da� man etwa als Hahn wiedergeboren wird, wie man mir in Kyrene einreden wollte; dabei habe ich dort selber mit angesehen, da� entlaufene Sklaven von Hunden gehetzt und zerrissen wurden und da� man solche Hunde mit Sklavenfleisch gef�ttert hat.�</p><p>Er versank in seine Erinnerungen und setzte dann fort: �Von �berallher, sogar aus Rom, sind Leute auf die gro�en Latifundien in Afrika gekommen, um zu studieren, wie wirtschaftlich und zweckm��ig menschliche Arbeitskraft eingesetzt werden kann, wie billig Sklavenkost ist und wie man f�r Nachwuchs sorgt, indem man kr�ftige Sklaven mit gesunden Frauen paart. Aber warum sitze ich da und vergegenw�rtige mir alte Zeiten? Fr�her verhalf es mir dazu, mich meiner Freiheit zu freuen; doch auch diese Wirkung bleibt mir jetzt versagt.�</p><p>Sein starker Wein war mir unversehens zu Kopf gestiegen, und ich sagte herablassend: �Simon von Kyrene, ich verachte dich nicht, magst du auch ein Freigelassener sein. Ich bin zwar r�mischer B�rger und habe sogar das Recht, am Daumen einen goldenen Ring zu tragen; aber in Rhodos habe ich gelernt, man solle den Vorrechten der Geburt keine Bedeutung beimessen, sondern sich lieber durch pers�nliche Verdienste den Menschen gegen�ber auszeichnen. Allerdings habe ich mich da nie sehr ausgezeichnet, da ich eher das Denken als das Tun pflegte. Mit der Sklaverei als Problem habe ich mich �berhaupt nie befa�t; h�chstens fand ich, da� Sklaven ihren Besitzern manches Kopfzerbrechen bereiten und da� ein Reicher nie Ruhe hat vor dem Gesinde, das ihn Tag und Nacht umschw�rmt und einen auf Bequemlichkeit bedachten Menschen zum Sklaven seiner Sklaven macht. Aber du hast mir die Augen ge�ffnet f�r die Tatsache, da� auch ein Sklave eigentlich ein menschliches Wesen ist, in vielen Beziehungen mir �hnlich, auch wenn er auf der Stirn gebrandmarkt oder vielleicht zur Hemmung seiner b�sen Anlagen verschnitten ist. Simon von Kyrene, du bist mein N�chster, und wenn ich k�nnte, w�rde ich dich so lieben wollen wie mich selbst. Das ist n�mlich etwas, was der Auferstandene gefordert hat. Sicherlich bin ich gebildeter als du; aber in diesen neuen Dingen hilft mir meine Bildung nichts. Ich sp�re, da� ich in eine v�llig unbekannte Welt gesto�en wurde, wo ich alles von Anfang an neu lernen mu�. Deshalb habe ich, sosehr wir uns an Rang und Stand unterscheiden, den aufrichtigen Wunsch, dein Freund zu sein.�</p><p>Doch meine Worte verletzten Simons Selbstgef�hl, das bei Freigelassenen empfindlicher ist als bei anderen Menschen. Er stellte seinen Tonbecher so heftig auf die Armlehne seines Sessels, da� mir Wasser daraus in die Augen spritzte, und rief: �Sch�me dich, R�mer! Deinen Daumenring magst du meinetwegen in die Gosse werfen, und auf deine Philosophie pfeife ich. Das alles sind nur l�ppische Ausgeburten des M��iggangs, so unfruchtbar wie W�stensand. Das gleiche ist es mit deinem Interesse; du sammelst nur Geschichten, die du weitererz�hlen willst, um dich vor deinen Bekannten wichtig zu machen. Von dieser heuchlerischen Eitelkeit zeugen auch dein sch�tterer Bart und die Quasten an deinem Mantel. Du bist wie ein Schauspieler, der um jeden Preis eine neue Rolle zu erlangen sucht, weil er mit allen fr�heren durchgefallen ist.�</p><p>Noch vor einigen Tagen h�tte ich ihm meinen Wein ins Gesicht gesch�ttet, h�tte ihn einen erb�rmlichen Freigelassenen gehei�en und w�re aus dem Hause gest�rzt. Aber nun zerrissen seine scharfen Worte blo� den Nebel meiner Angetrunkenheit; ich blieb still sitzen und �berlegte seine Beschuldigungen. Konnte er vielleicht wirklich mit seinem vernichtenden Urteil recht haben? Sicherlich hatte mich zun�chst nur gew�hnliche Neugier auf diesen Weg gef�hrt; aber je weiter ich ihn verfolgte, desto klarer erkannte ich, da� er mir Herzenssache geworden ist und da� ich mich mit jedem Schritt innerlich �ndere.</p><p>�Verzeih meine Gro�tuerei!� bat ich. Ich, ein r�mischer B�rger, lie� mich wahrhaftig dazu herbei, einen ungebildeten Freigelassenen um Verzeihung zu bitten! �Als Menschen sind wir in dieser Sache einander gleichwertig. Ich f�hle mich keineswegs dir gegen�ber bevorzugt. Es hei�t, da� Jesus am letzten Abend niederkniete und seinen J�ngern die F��e wusch, um sie Demut zu lehren. Wenn du willst, Simon von Kyrene, bin ich bereit, meine Verstiegenheit so weit zu treiben, da� ich freiwillig vor dich hinknie und dir die F��e wasche.�</p><p>�Die F��e wasche ich mir schon selber und brauche dazu keinen Bedienten�, knurrte Simon. Dann f�gte er etwas vers�hnlicher hinzu: �Nimm mir meine Worte nicht �bel! Seit Jesus mich angeblickt hat, bedeutet er f�r mich eine Frage auf Leben und Tod.�</p><p>Zum Zeichen, da� er mich als Freund betrachtete, ber�hrte Simon mir Stirne, Schulter und Brust, und seine Ber�hrung war nicht unangenehm.</p><p>�Vielleicht bist du gerade im richtigen Augenblick zu mir gef�hrt worden�, meinte er. �Der griechische Erzieher meiner Jungen hat mir, st�ndig g�hnend, die Schriften vorgelesen; und ich selbst begriff von ihrem Sinn nicht mehr als er. Ich dachte eben daran, das Haus zu verlassen und einen t�chtigen Schriftgelehrten aufzusuchen, der mir die Weissagungen ausdeuten k�nnte. Wahrscheinlich h�tte der Mann jedes Wort gespalten und jede Einzelheit zuerst buchst�blich und dann sinnbildlich erkl�rt und schlie�lich diese Schrift mit anderen Schriften verglichen, und ich w�re vor so viel Fr�mmelei toll geworden. Seit Jesus mich angeblickt hat, ist mir n�mlich klar, da� seine Lehre nicht B�cherwissen ist, sondern Lebensweisheit.�</p><p>Pl�tzlich blickte Simon um sich und fragte: �Was ist da jetzt geschehen? Auf einmal sp�re ich eine gro�e Erleichterung und bin frei von Furcht.�</p><p>Es war, als glitte eine �ber der Dach�ffnung des Atriums h�ngende Wolke davon; denn ganz pl�tzlich wurde alles leuchtend. Im gleichen Augenblick trat ein hochgewachsener Mann ein und schritt, in seinen Mantel geh�llt, durch den Raum auf die ansto�enden Gem�cher zu, als h�tte er uns �berhaupt nicht bemerkt. Simon von Kyrene rief ihm nach: �Bist du es, Eleasar? Ist drau�en auf den Feldern etwas passiert?�</p><p>Simon stand auf und sagte zu mir: �Das ist mein Verwalter Eleasar. Er sucht mich. Wahrscheinlich hat sich jemand den Arm gebrochen, oder ein Esel ist in den Brunnen gefallen, und man braucht meinen Rat.�</p><p>Er folgte dem Mann in die inneren Gem�cher, w�hrend ich sitzen blieb und nachgr�belte, wo ich diesen Menschen, der mir irgendwie bekannt vorkam, schon gesehen haben k�nnte. Ich mu�te lachen, als ich darauf kam, da� er mich stark an meinen verehrten Lehrer in Rhodos erinnerte. Es schien mir, als habe er genau wie dieser Lehrer eine beginnende Glatze gehabt; und w�re er auf griechische Art gekleidet gewesen, so h�tte er ihm v�llig geglichen. Aber ich wu�te, da� mein Lehrer seit Jahren tot war; und mir wurde traurig zumute, als ich daran dachte, wie rege und aufgeschlossen f�r alles Gute ich damals noch gewesen war.</p><p>Nach einer Weile kam Simon zur�ck und sagte �rgerlich: �Ich wei� nicht, wo Eleasar hingeraten sein kann. Vielleicht ist er durch den Hof wieder hinausgegangen, als er mich in meinem Zimmer nicht fand.� Er schlug mit dem Hammer auf die Metallscheibe und befahl dem eintretenden Diener: �Rufe mir Eleasar her! Er ist eben hier durch diesen Raum gegangen, hat mich aber nicht bemerkt, weil ich im Schatten sa�.�</p><p>Der Diener sagte erstaunt: �Ich habe Eleasar heute den ganzen Tag nicht gesehen.� Doch er ging ihn suchen. Bald aber erschien er wieder und meldete: �Nein, nein, du mu�t dich geirrt haben. Eleasar ist nicht hier, und das Tor ist geschlossen.�</p><p>Simon verlie� mich wieder, um sich selbst zu vergewissern. Ich h�rte ihn zornig mit der Magd sprechen, von Zimmer zu Zimmer gehen und Gegenst�nde beiseite schieben. Es dauerte lange, bis er zur�ckkehrte und murmelte: �Es ist tats�chlich niemand hier. Die Magd schw�rt, seit deinem Kommen das Tor nicht ge�ffnet zu haben, und niemand im Haus hat Eleasar gesehen.�</p><p>Belustigt erkl�rte ich: �Also, ich h�tte den Mann fast f�r meinen verstorbenen Lehrer aus Rhodos gehalten. Gut, da� er auf dem Steinboden Spuren hinterlie�! Sonst h�tten wir sicherlich beide an eine Geistererscheinung geglaubt.�</p><p>Ich zeigte auf die Abdr�cke nackter F��e auf den glatten Fliesen. Simon b�ckte sich und sagte dann wie geistesabwesend: �Eleasar scheint sich den Fu� verletzt zu haben.�</p><p>Er ber�hrte einen Abdruck, und seine Fingerspitze war blutrot. Ich fiel auf die Knie und starrte die Spuren an. Ein kalter Schauder �berlief mich vom Kopf bis zu den F��en. Ich hob den Blick zu Simon und stammelte: �Jetzt verstehe ich, warum seine J�nger ihn nicht sofort erkannten.�</p><p>Aber Simon begriff nicht. W�tend polterte er: �Wahrlich schlecht bewacht ist mein Haus, wenn bei geschlossenem Tor jeder nach Belieben aus und ein gehen kann!�</p><p>�Hast du ihn wirklich nicht erkannt?� fragte ich.</p><p>Simon beharrte dickk�pfig auf seiner Meinung: �Das war Eleasar, mein Verwalter.�</p><p>Ich hob die H�nde und rief: �Nein, nein! Diese Fu�spuren sind heilig, und dein Haus ist gesegnet. Er selbst, der Auferstandene, ist hier geschritten und hat sich uns gezeigt, weil wir so eifrig seinen Weg suchen.�</p><p>Simons braunes Gesicht wurde grau. Aber er widersprach heftig: �Das war Eleasar. Ich habe ihn gesehen und erkannt. Was f�llt dir ein, mich so zu erschrecken?�</p><p>�Glaube, was du willst!� erwiderte ich. �Ich wei�, was ich zu glauben habe. Da wir ihn beide sahen, hatte er etwas an sich, was uns beiden bekannt vorkam. Aber wie h�tte uns augenblicklich klarwerden k�nnen, da� er es war? Auch Maria Magdalena erkannte ihn erst, als er ihren Namen aussprach.�</p><p>�Was willst du mir da einreden?� wehrte sich Simon. �Ich habe einen Magier Geister beschw�ren sehen; aber diese Geister waren nur Umrisse auf beleuchtetem Rauch und bewegten sich mit dem Rauch. Ein Geist hinterl��t nicht Fu�spuren auf dem Boden.�</p><p>�Er ist doch kein blo�er Geist�, erkl�rte ich. �Verstehst du noch immer nicht? Er hat das Grab verlassen und lebt unter uns, kommt und geht, wie ihm beliebt�� selbst durch versperrte T�ren.�</p><p>Aber Simons handfester Sklavenverstand wollte sich nicht f�gen. �Nach der Art, wie er mich angeblickt hat, kann ich glauben, da� er auferstanden ist�, meinte er. �Aber warum er sich ausgerechnet dir und mir zeigen sollte, geht mir nicht ein. Wir sind nicht seine J�nger gewesen; wir haben ihn bei seinen Lebzeiten nie gekannt. Du bist ein unbeschnittener R�mer, und ich bin ein ehemaliger Sklave. Weshalb sollte der K�nig gerade vor uns erscheinen?�</p><p>�Sein Reich war uns schon nahe, ehe er sich uns zeigte�, entgegnete ich. �Hast du nicht bemerkt, wie licht es unmittelbar vor seinem Kommen wurde? Du sagtest selbst, da� du dich erleichtert f�hlst, und auch mir erging es so. Ich bin noch immer frohen Muts. Warum sollten wir uns �ber seine Absichten mit uns wundern, nur, weil wir Au�enseiter sind? Durch sein Erscheinen wollte er uns sicherlich zu verstehen geben, da� auch wir ein Anrecht darauf haben, nach besten Kr�ften seinen Weg zu suchen.�</p><p>�Wenn das wirklich er war, dann �bergebe ich meinen Besitz den S�hnen und folge ihm, wohin er mich f�hren mag�, erkl�rte Simon. �Aber es war nicht er, sondern Eleasar.� Dennoch begann er sein Schicksal bitter zu beklagen, ballte die gro�en H�nde zu F�usten und jammerte: �Warum mu� gerade mir das geschehen? H�tte er nicht irgendeinen j�ngeren Menschen in seinem Netz fangen k�nnen? Aber so kommt eben das Unheil �ber einen, ganz pl�tzlich, wenn man am wenigsten darauf gefa�t ist! Welche verh�ngnisvolle F�gung hat damals ausgerechnet mich ausersehen, seinen Weg zu kreuzen, gerade in einer Zeit, da ich hoffte, meine Tage in Ruhe verbringen zu k�nnen, zufrieden mit dem, was mein ist?�</p><p>Aus diesen Worten entnahm ich, da� er, gegen seinen eigenen Willen, doch glaubte. Aufmunternd sagte ich: �Simon, mein Bruder, sei �berzeugt, da� er dir unvergleichlich mehr geben kann, als du bisher hattest! Aber wenn sein Weg dir zu schwer vorkommt, mu�t du ihn nicht gehen. Ich glaube kaum, da� er seine Nachfolge irgendwem aufzwingen w�rde, der nicht schon im tiefsten Herzen sich f�r diesen Weg bereitet hat.�</p><p>Im gleichen Augenblick klopfte es heftig am Tor, und wir fuhren beide auf. Wir h�rten das Knarren des Schlosses und das �ffnen der T�r und dann die zeternde Stimme der Magd. An ihr vorbei st�rzte ein zwergenhafter Mann mit gro�em Kopf herein und jammerte h�nderingend: �Wo ist er? Wo habt ihr ihn versteckt? Als ich ihn hier eintreten sah, band ich meinen Esel an den Mauerring und wartete geduldig. Aber er kommt und kommt nicht heraus. Ich mu� ihn sehen.�</p><p>�Von wem redest du, Fremdling?� fragte Simon. �Hier ist niemand als mein Gast, und wir sprechen seit geraumer Zeit miteinander.�</p><p>Der drollige kleine Mann kam n�her und starrte mich mit dem Blick des Kurzsichtigen an. Dann sagte er: �Das ist nicht der, den ich suche. Er war f�r einen Juden prunkhaft und kostspielig gekleidet; sein Mantel war, wenn mich nicht alles t�uschte, aus milesischer Wolle.�</p><p>�Wen suchst du denn?� fragte Simon wieder. �Und warum dringst du so unschicklich in mein Haus ein?�</p><p>�Wen ich suche, ist ohne Belang f�r dich�, versetzte der Mann geheimnisvoll. �Ich will dir nur das eine sagen, da� er mich auf der Stra�e �berholte. Ich erkannte ihn erst, als er ein St�ck weit war. Aber er blieb auf meine Rufe nicht stehen; vielleicht h�rte er sie nicht. Und sosehr ich auch meinen Esel antrieb, der Mann erreichte die Stadt vor mir, und ich sah ihn hier in dieses Haus eintreten.�</p><p>Da klopfte es neuerlich am Tor, und herein kam ein b�uerlich gekleideter Mann mit offenem, sonngebr�untem Gesicht. Bei seinem Anblick atmete Simon erleichtert auf und rief: �Da bist du ja, Eleasar! Warum ging's du vorhin hier wortlos durch? Und wohin wolltest du?�</p><p>Verwundert antwortete Eleasar: �Ich war heute noch nicht hier. Ich komme unmittelbar von den Feldern, um nachzufragen, was mit dir ist, Herr, weil du schon tagelang nicht drau�en warst. Des Herren Schritte erquicken den Boden, sagt man, und ohne deine Anweisungen getraue ich mich nichts zu unternehmen. Du wirst doch wohl nicht krank sein?�</p><p>Ich starrte seine F��e an. Sie waren nackt und schienen von Blut ger�tet. Ich zeigte auf sie und fragte: �Hast du dir weh getan?�</p><p>Eleasar senkte den Blick verlegen auf seine F��e und erwiderte: �Nein. Das ist die Farbe, die wir zur Merkung der Opferl�mmer verwenden, und ich habe mich nicht gewaschen. Ich bin n�mlich in aller Eile zu meinem Herrn gelaufen, damit er mir ins Ohr br�llt, wie man bestimmte Dinge in Kyrene macht. Sonst kann ich die Arbeit nicht so anordnen, wie es ihm recht ist.�</p><p>Der kleine Mann blickte uns der Reihe nach an. Pl�tzlich geriet er au�er sich und schrie, puterrot im Gesicht: �Wollt ihr mich zum Narren haben? Was redet ihr da von Feldern und L�mmern, wenn ich mich in aller Ruhe und Freundlichkeit erkundige, wo ihr ihn versteckt habt?�</p><p>Ich warf r�gend ein: �Du springst uns ja wie ein w�tender Hahn ins Gesicht, Kleiner! Ich hei�e Marcus und bin r�mischer B�rger. Der Hausherr hier ist Simon von Kyrene, und dieser Mann ist sein Verwalter Eleasar. Wer bist denn du? Und wie kannst du es wagen, in ein fremdes Haus einzudringen, als w�rest du �bergeschnappt?�</p><p>Hochn�sig erwiderte er: �Ich bin Zach�us von Jericho, ehemaliger Oberzolleinnehmer. Und mach dich nicht lustig �ber meine Gestalt! In meiner Heimatstadt gelte ich keineswegs als unansehnlich�� zumindest nicht bei den R�mern.�</p><p>Ich schlug vor Staunen die H�nde zusammen, und Simon rief: �Von dir habe ich schon geh�rt, Zach�us. Eben sprachen wir �ber dich. Welcher Wind hat dich hergeweht? Wenn morgen nicht Sabbat w�re, h�tten wir uns nach Jericho aufgemacht, um dich zu besuchen.�</p><p>Zach�us blinzelte uns argw�hnisch an. Aber ich best�tigte: �Es ist tats�chlich so. Du bist also der Mann, der auf Jesu Befehl sein halbes Verm�gen den Armen gab und alle von ihm �bervorteilten vierfach entsch�digte!�</p><p>Zach�us sagte: �Befehl war es keiner. Ich habe freiwillig unrecht erworbenes Gut an die Armen verteilt. Aber was wei�t du, ein R�mer, von Jesus?�</p><p>Eleasar scharrte verdrossen mit den F��en und sagte: �Da� du wohlauf bist, Herr, davon habe ich mich �berzeugt. Und Dinge, die einem auf Kopf und Magen schlagen, m�chte ich mir nicht anh�ren m�ssen.�</p><p>�Nur keine Sorge!� erwiderte ich. �Vor allem aber erkl�re uns eines: Warum hast du, ein Armer, solche Angst, den Namen des Nazareners zu h�ren?�</p><p>Eleasar trat von einem Fu� auf den anderen, starrte auf den Boden und erkl�rte schlie�lich: �Seine B�rde h�tte leicht und sein Joch milde sein sollen. Er hat uns Frieden versprochen, wenn wir zu ihm k�men. Aber jeder, der Tagl�hnern, Hirten und Ackerknechten Angenehmes verspricht�� Besseres, als es bisher f�r sie gab��, wird vor die Richter gebracht. Auch ihn, Jesus, hat man gekreuzigt. Und deshalb mag ich nichts mehr h�ren �ber ihn.�</p><p>�Nein, nein!� eiferte Zach�us. �Da mi�verstehst du seine Lehre gr�ndlich. Er ist gekommen, um jene zu finden, die sich verirrt haben. Sogar mich hat er einen Sohn Abrahams genannt, obwohl er meine Habgier und Erbarmungslosigkeit kannte. Er hat auch nicht �ber meine Gestalt gespottet, sondern mich beim Namen gerufen und von dem Baum herabsteigen gehei�en, auf den ich geklettert war, um den Wundert�ter besser zu sehen. Dann kehrte er sogar bei mir ein.�</p><p>�Und sein Reich ist nicht von dieser Welt�, f�gte ich bei.</p><p>�Allerdings glaubten wir aus seinen Reden zu entnehmen, sein Reich w�rde sich bald offenbaren�, meinte Zach�us. �Ich ging nicht mit den anderen nach Jerusalem zum Passahfest, weil man im Tempel von mir als einem S�nder keine Gabe annimmt. Erst durch Leute, die nach dem Feste heimkamen, erfuhr ich, auf wie grauenhafte Art er hingemordet worden ist. Und da wu�te ich nicht mehr, was ich von dem allen halten sollte. Ich fand keine Ruhe, und schlie�lich setzte ich mich auf meinen Esel, um nach Jerusalem zu reiten und mich �ber alle Einzelheiten der Ereignisse zu erkundigen. Aber auf der Stra�e, schon nahe bei Jerusalem, kam er hinter mir her und �berholte mich.�</p><p>�Wer?� fragte Simon aufgeregt.</p><p>Zach�us wurde wieder rot, schlug die Augen nieder und rang die H�nde. �Er selber war es!� fl�sterte er. �Behauptet aber jetzt ja nicht, ich w�re von Sinnen! Ich war nur, weil mein K�rper schwach ist, schon m�de von dem Ritt; auch mein Esel trottete langsam, mit gesenktem Kopf, daher. Erst als der Mann mir zuvorkam, sp�rte ich, da� ein Hauch von Macht mich gestreift hatte. Und als ich genau hinblickte, erkannte ich ihn.�</p><p>�Hast du ihn wirklich in mein Haus treten sehen?� fragte Simon in scharfem T�ne.</p><p>�Er kann nirgends anders verschwunden sein�, beteuerte Zach�us. �In Jericho hie� es, er sei von den Toten auferstanden; ich glaubte es nicht, weil so etwas noch nie geschehen ist. Aber als mir heute auf der Landstra�e bewu�t wurde, da� er es war, wagte ich nicht, ihm laut nachzurufen; und auch hier an deinem Haus wollte ich, um ihn nicht zu gef�hrden, es vermeiden, gleich anzuklopfen und Aufsehen zu erregen. Jetzt aber erbarme dich meiner und lasse mich zu ihm! Ich will mich vor ihn hinwerfen und ihm als dem Messias huldigen.�</p><p>Kaum hatte Eleasar das Wort �Messias� geh�rt, stie� er einen derben Fluch aus und rief: �Nimm dieses Wort nicht mehr in den Mund! Er hat Kranke geheilt und Tote erweckt; er ist wie ein K�nig in Jerusalem eingeritten und hat mit einer Gei�el aus Stricken das Heiligtum gereinigt. Aber seine Macht reichte nicht aus, um den Hohen Rat zu sprengen, obwohl manch einer im Volk sich schon den Stock mit Eisen beschlagen hatte und wir alle nur noch auf ein Zeichen von ihm warteten, um uns hinter ihn zu stellen. Nun gut, uns ist ein Zeichen geworden, und daran glauben wir: Er wurde zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt. Und jetzt soll mir, solange ich lebe, niemand mehr von einem Messias reden! Dem Zeichen glaube ich aus freien St�cken und lasse mich von niemandem mehr t�uschen. Und meinen Rindern hinterlasse ich als Erbteil die Gewi�heit, da� es keinen Messias gibt und nie einen geben wird.�</p><p>�Also hast du auch von ihm gewu�t, Eleasar!� sagte Simon von Kyrene vorwurfsvoll. �Warum hast du mir nicht schon seinerzeit �ber ihn erz�hlt?�</p><p>Eleasar war inzwischen ganz au�er Rand und Band gekommen und rief, ohne seine Worte abzuw�gen: �Du warst der letzte, dem ich davon h�tte sprechen k�nnen�� du, ein beg�terter Mann, und so knickerig, da� du selber alles Reisig aufliest, so da� Witwen und Waisen kein Brennholz f�r sich finden! In seinem Reich, wenn es zustande gekommen w�re, h�tten die Gelds�cke keinen Platz gefunden; sie w�ren die ersten gewesen, die wir aus dem Weg ger�umt h�tten, und ihre Felder und Weing�rten und �lhaine w�ren unter das Volk verteilt worden. Zwar haben �ber Jesus die einen dies, die anderen jenes erz�hlt; aber sicherlich w�ren die Kinder des Lichts nach Jerusalem zur�ckgekehrt, um uns zu f�hren. Aber Johannes der T�ufer wurde enthauptet und Jesus von Nazareth ans Kreuz genagelt. Die Reichen und M�chtigen und Gesetzeskundigen haben immer und �berall die Propheten unseres Volkes ermordet. Und jetzt kann ich die Galle nicht l�nger zur�ckhalten; sie ist mir �bergelaufen, und ich spucke sie vor dir auf den Boden, Herr. Du wei�t zwar, wie man die Dinge in Kyrene macht; aber ich habe aus bitterer Erfahrung gelernt, wie man es in Jerusalem und Jud�a treibt.�</p><p>Als er fertiggesprochen hatte, erwiderte Simon mit matter Stimme: �Wenn ich dich so schwer gekr�nkt und wenn ich wirklich Witwen und Waisen um ihr Brennholz gebracht habe, so schlage mir ins Gesicht! Ich verdiene es.�</p><p>Aber Eleasar schlug ihn nicht. Im Gegenteil, er bereute seine geh�ssigen Worte, lie� den Kopf h�ngen und murmelte: �Nein, nein. Ich habe unrecht geredet. Du bist ein guter Herr�� der beste, den man in unseren Tagen weit und breit finden kann. Du sorgst ja sogar f�r die Witwen und Waisen, und du z�hlst nie zu genau und zu kleinlich deine Garben und deine Olivenk�rbe nach. Viele Menschen fristen ihr Dasein ausschlie�lich mit den Brosamen, die von deinem Tisch fallen. Die Sache ist nur die, da� ich tief verbittert und zu Tode betr�bt bin wegen dieses Jesus von Nazareth. Er hat seine Macht bewiesen und so vieles verhei�en; und dann hat er uns mit leeren H�nden zur�ckgelassen.�</p><p>�Sie sind keineswegs leer�, warf ich ein. �Er hat doch etwas vollbracht, gr��er und unerh�rter als alles, was bisher auf Erden geschah.�</p><p>Ich zeigte auf die Fu�spuren, die schon so verbla�t waren, da� man sie im Sonnenlicht gerade noch verschwommen erkennen konnte. Und Simon erz�hlte nun den anderen, was uns widerfahren war und welche Erscheinung wir gehabt hatten. Schlie�lich schlug er vor: �Zach�us, nachdem du mir noch immer nicht glauben willst und argw�hnst, ich hielte den Gekreuzigten hier verborgen, so geh und nimm Eleasar mit dir; durchsuche alle R�ume und Winkel in meinem Haus, schaue in die Keller und Vorratskammern und auf das Dach, la� kein Fleckchen ungepr�ft und zerstreue in dir auch den letzten Zweifel daran, da� der Auferstandene auf die gleiche Art, wie er das Haus betreten hat, wieder daraus verschwunden ist. Dann komm zur�ck, und wir wollen weiter �ber die Sache reden und uns schl�ssig werden, was wir tun sollen.�</p><p>Der argw�hnische Ausdruck in Zach�us' Augen zeigte, da� er Simon von Kyrene wirklich immer noch nicht ganz traute. Aber er ging auf den Vorschlag ein und sagte: �Nicht umsonst hat man mich zum Oberzolleinnehmer ernannt. H�tte ich nur jetzt eine Z�llnerstange zur Hand! Damit w�rde ich bestimmt alle geheimen Schlupfwinkel in deinem Haus abstochern k�nnen. Wenn ich, der Z�llner Zach�us, den Mann nicht finden sollte, so bringt das auch niemand anderer zuwege, und dann w�rde ich halb und halb zugeben, da� der uns Erschienene nicht mehr hier ist.�</p><p>Ungeduldig stellte Simon seinem Besucher anheim, sich so viele Eisenstangen geben zu lassen, wie er brauchte. Von Eleasar gefolgt, stelzte Zach�us mit dem ruckartigen Gang des k�rperlich Verunstalteten in die inneren Gem�cher und machte sich an eine gr�ndliche Durchsuchung des Hauses. Wir, Simon und ich, sa�en lange schweigend da, in tiefer Beklommenheit.</p><p>Schlie�lich sagte ich: �Kaum hatten wir von Zach�us gesprochen, ist er gekommen. Das mag ein Zeichen f�r uns sein.�</p><p>Simon fand nicht Zeit zur Antwort, denn im selben Augenblick h�rten wir von der Stra�e her lautes Schreien und L�rmen. Wiederum knarrte das Tor, und die Magd stritt sich mit einer Menge Leute herum. Dann kam sie ganz au�er sich zu Simon und sagte st�hnend: �Ich wei� nicht, was ich machen soll. Was geht denn in deinem Hause vor? Drau�en steht eine Schar Bettler, furchtbar aufgeregt. Angeblich haben sie geh�rt, du, Simon von Kyrene, w�rdest heute an alle Armen und Kr�ppel von Jerusalem Speise und Trank verteilen.�</p><p>Simon schlug die H�nde �ber den Kopf zusammen und rief: �Wache ich oder tr�ume ich? Heute ist doch kein Fest hier im Hause!� Zu mir gewandt sagte er vorwurfsvoll: �Mir scheint, du bist ein ganz b�ser Zauberer! Das hast alles du angezettelt, und ich kann �berhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen.�</p><p>Er eilte zum Tor, und ich ging ihm nach. Als er ge�ffnet hatte, sahen wir, da� die schmale Gasse gedr�ngt voll war mit Verst�mmelten, Bresthaften und Besessenen; mit ausgemergelten, verwelkten Frauen und mit Kindern, die aus fliegenumschw�rmten Augen starren und abgemagerte H�nde ausstreckten. Alle riefen Worte des Preises und Lobes und segneten den Hausherrn im Namen des Gottes Israels. Vergebens suchte Simon herauszubekommen, woher das unsinnige Ger�cht von einem bei ihm stattfindenden Bankett stammte; keiner der Bettler konnte eine klare Antwort auf diese Frage geben. An beiden Enden der Gasse sah man immer neue Jammergestalten auf das Haus zuhinken oder zukriechen, so rasch sie nur konnten.</p><p>Schlie�lich fand Simon sich mit dem Stand der Dinge ab, rief sein ganzes Gesinde zusammen und befahl: �La�t diese armen Kerle vor dem Tor in meinen Hof! Aber haltet Ordnung unter ihnen und gebt acht, da� sie nichts stehlen! Backt Brot und tragt alles heraus, was es im Hause E�bares gibt, und verteilt es, damit jeder sich s�ttigen kann. Mischt auch Wein f�r sie, aus den gro�en Kr�gen. Aber la�t nur jene herein, die bis jetzt gekommen sind, und sonst niemanden! F�r mehr w�re im Hof gar kein Platz.�</p><p>Zu mir sagte er: �Ich kann nur dem Sch�pfer Himmels und der Erden danken, da� meine beiden Jungen, Alexander und Rufus, zu Besuch auf meinem Landgut in Kirjath sind und dort den Sabbat �ber bleiben. Denn diese Ungl�ckseligen hier k�nnten sonst meine Kinder mit ihren Krankheiten und ihrem Schmutz beflecken. Um mich selber sorge ich mich nicht.�</p><p>Er ging sich vergewissern, ob die Diener wirklich, wie ihnen befohlen war, alles E�bare brachten, ohne mit �l, Weizenmehl, Honig oder D�rrobst zu knausern, und ob sie auch die Salzfischbeh�lter �ffneten und die scharfen Tunken ausgaben. Sobald er feststellte, da� mehr als siebzig Bettler in den Hof geschlichen waren und sich niedergesetzt hatten, wurde ihm klar, da� f�r soviele Menschen seine Vorr�te nicht reichten, und er schickte Bediente aus, Brot und Gr�tze zu kaufen.</p><p>Als die Bettler in den Hof eingelassen worden waren, betrachteten sie zun�chst scheu die griechischen S�ulen und verhielten sich schweigend, um nicht �rgernis zu erregen.</p><p>Nun tauchte Zach�us, der inzwischen das Haus vom Dachboden bis zum Keller durchsucht, in jeden Sack gestochert und selbst den Holzkohlenstapel durchst�bert hatte, wieder auf. Er war von Kopf bis Fu� staubig, mehlig und ru�ig; er keuchte heftig, wischte sich das Gesicht mit einem Schwei�tuch, wodurch er noch schmutziger wurde als bisher, und sagte zu Simon in vorwurfsvollem T�ne: �Du bist mir ein Schlaukopf! Auf diese Art also hast du mich an der Nase herumgef�hrt! Inmitten aller der Bettler hier konnte der Mann, den du versteckt hast, leicht unbemerkt aus dem Hause schl�pfen.�</p><p>Simon seufzte. �Wenn du, ein Augenzeuge von Jesu Auftreten, mir nicht traust, wer sollte dann wohl glauben, was wir sahen und zu erz�hlen wissen? Jesus hat sich pers�nlich, dir auf der Stra�e und uns in meinem Hause, gezeigt. Sei Gott mir gn�dig! Nach allem, was mir heute widerfuhr, mu� ich wirklich meinen, da� er auferstanden ist, um die Welt aus der Ruhe zu scheuchen, wie er heute mein Haus aufgest�rt hat. Darum berichte uns, bitte, �ber ihn und seine Lehren, damit wir verstehen, was er von uns verlangt!�</p><p>Nachdem er so Zach�us etwas bes�nftigt hatte, holte er selbst Wasser und ein neues Obergewand f�r ihn. Ich benetzte ihm den Kopf, und Eleasar wusch ihm die F��e.</p><p>Als er sah, wie eifrig wir alle drei ihn umsorgten, nur, um von ihm Worte des ewigen Lebens zu h�ren, wurde er vers�hnlicher und erkl�rte gelassen: �Geheimnisse hat er mir keine anvertraut, wenn ihr vielleicht derlei vermutet. Was er in meinem Hause redete, konnten alle mit anh�ren. Als er nach Jericho kam, heilte er einen Blinden, der an ihn als den Sohn Davids glaubte. Zu mir aber sprach er: �Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war.� Er sagte auch, in seinem Reich sei mehr Freude �ber einen S�nder, der sich bekehrt, als �ber neunundneunzig Gerechte, die der Bekehrung nicht bed�rfen.�</p><p>Da unterbrach ihn Simon von Kyrene: �Das finde ich aber unbillig. Ein Untergebener, der sein Bestes gibt, wird wohl kaum zufrieden sein, wenn sein Herr an ihm vorbeigeht und ihn keines Wortes w�rdigt. Wie kann ein S�nder Gott wohlgef�lliger sein als ein guter Mensch?�</p><p>Doch Zach�us hob mi�billigend die Hand und fuhr fort: �Mich hat er, obwohl ich ein s�ndiger, verachteter Mann war, mit dem Namen angeredet und ist bei mir eingekehrt. Und w�hrend ich bis dahin, wegen meines Wasserkopfes und meiner Verwachsenheit verbittert, nie Gutes, immer nur B�ses von den Menschen dachte, fielen, als Jesus mich rief, alle Fesseln der Geh�ssigkeit, an denen ich das ganze Leben lang zu schleppen hatte, von meiner Seele ab. Wenn er, der K�nig Israels und der Sohn Davids, mir g�tig begegnen und meine S�nden verzeihen konnte, so war ich nicht mehr auf die Wohlmeinung und Gunst der Menschen angewiesen. Dar�ber f�hlte ich mich so erleichtert, da� ich aus blo�er Freude mein halbes Verm�gen unter die Armen verteilte. Doch das k�nnt ihr wahrscheinlich alle miteinander nicht verstehen.�</p><p>Simon gab zu: �Nein, das ist kaum zu begreifen. Aber wahrscheinlich hast du so viele Ungerechtigkeiten und Frevel angeh�uft, da� du den Tag deiner Entlarvung nahen sahst. Deshalb bist du in dich gegangen und hast deine �beltaten nach M�glichkeit gutgemacht, um dir wenigstens einen Teil deines Verm�gens zu sichern.�</p><p>Aber Zach�us erwiderte frohen Mutes: �Deine Worte kr�nken mich gar nicht. Im Gegenteil, ich bewundere deinen Scharfsinn. Auch ich habe gelernt, den Beweggr�nden und Handlungen der Menschen zu mi�trauen. Nur ich allein wei�, was sich durch Jesu Gegenwart in meinem Innern zutrug. Aber w�hrend er mein Gast war, hat er eine r�tselhafte Geschichte erz�hlt, die ich auch jetzt noch nicht ganz verstehe. Es handelte sich um einen vornehmen Mann, der in ein fernes Land ziehen wollte, um dort die K�nigsw�rde f�r sich zu erwerben und dann wieder heimzukehren. Vor seiner Abreise rief er zehn seiner Knechte zu sich, gab jedem ein Pfund und forderte sie auf, w�hrend seiner Abwesenheit mit dem Gelde f�r ihn Gesch�fte zu machen. Seine Mitb�rger jedoch ha�ten ihn und schickten hinter seinem R�cken in jenes ferne Land eine Gesandtschaft mit der Erkl�rung, sie wollten ihn nicht zum Herrscher haben. Aber er wurde dennoch K�nig, und als er zur�ckkam, rief er die zehn Knechte zu sich und forderte sie auf, ihm �ber ihre Gesch�fte Rechenschaft zu geben. Der erste berichtete ihm stolz, sein Pfund habe zehn Pfund eingebracht. Der K�nig sprach zu ihm: �Recht so, du guter Knecht! Weil du in Geringem treu gewesen bist, sollst du Herr sein �ber zehn St�dte.��</p><p>Ich war so entt�uscht, da� ich mich nicht enthalten konnte, ihn zu unterbrechen und zu fragen: �Sprach er tats�chlich von nichts anderem als von Geld? Ich hatte mir von dir Worte des ewigen Lebens erhofft.�</p><p>Zach�us erwiderte entschuldigend: �Ich war nur Z�llner. Wahrscheinlich dachte Jesus, ein Gleichnis, das sich um Geld dreht, w�rde ich am besten verstehen.�</p><p>Simon f�gte zur weiteren Erl�uterung bei: �Wir Juden begreifen Dinge, die irgendwie mit Geld zusammenh�ngen, am besten�� besser als du, ein in griechischer Philosophie geschulter R�mer. Zehn Pfund ist ein recht ansehnlicher Betrag, auch wenn es wahrscheinlich nur Silber und nicht Gold war. �brigens h�ngt viel davon ab, wie lange der neue K�nig abwesend war. In kurzer Zeit k�nnte niemand auf ehrbare Art mit einem Pfund zehn weitere verdienen; dazu w�rde neben Gl�ck auch eine gewisse Verschlagenheit geh�ren.�</p><p>Zach�us fragte: �Soll ich weitererz�hlen oder nicht?� Dann fuhr er fort: �Ein anderer Knecht hatte aus einem Pfund f�nf herausgewirtschaftet und erhielt die Herrschaft �ber f�nf St�dte. Der letzte aber hatte das ihm �bergebene Pfund aus Angst, er k�nnte es beim Handel verlieren, in ein Tuch geknotet; nun stellte er das Geld dem Herrn zur�ck und sagte zu seiner Rechtfertigung: �Herr, ich f�rchtete mich vor dir, weil du ein strenger Mann bist; du hebst ab, was du nicht angelegt hast, und erntest, was du nicht ges�t hast.� Darauf erwiderte der K�nig: �Aus deinem Munde will ich dich richten, du b�ser Knecht. Du wu�test also, da� ich ein strenger Mann bin, der abhebt, was er nicht angelegt, und erntet, was er nicht ges�t hat. Warum hast du dann mein Geld nicht wenigstens auf eine Bank gegeben, da� ich h�tte kommen und es mit Zins abheben k�nnen?� Und er befahl den Umstehenden, diesem Knecht das eine Pfund abzunehmen und es jenem zu geben, der die zehn Pfund hatte. Aber die anderen wandten ein: �Herr, der hat ja schon zehn Pfund!��</p><p>Ich pre�te mir die Hand an den Mund, um nicht auszusprechen, was ich von dieser langatmigen Geschichte dachte. Aber Zach�us blickte uns triumphierend an, hob die H�nde und sagte: �Jetzt pa�t genau auf und pr�gt euch ein, was Jesus als Lehre aus dem Ganzen vortrug! Der K�nig erwiderte den Leuten: �Ich sage euch, einem jeden, der hat, wird noch hinzugegeben werden. Wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er zu haben meint, genommen werden.� Und schlie�lich lie� er seine Feinde, die ihn nicht als K�nig �ber sich haben wollten, herbeif�hren und vor seinen Augen niedermachen.�</p><p>Ich sann, ebenso wie Simon, �ber diese merkw�rdige Geschichte nach. Schlie�lich erkl�rte ich niedergeschlagen: �Ich wei� nicht, worauf das Gleichnis abzielt. Aber mir kommt die Entscheidung des K�nigs verfehlt und ungerecht vor.�</p><p>Zach�us gab zu: �Auch ich begreife die Geschichte nicht ganz; besonders seit ich von Jesu Tod erfuhr, beunruhigt sie mich. Jetzt kann ich nur glauben, da� er sich selbst mit dem vornehmen Manne meinte, den seine Mitb�rger ha�ten und der davonging, um sich die K�nigsw�rde eines Reiches, das nicht von dieser Welt ist, verleihen zu lassen. Sicherlich wollte er andeuten, da� er eines Tages wiederkommen und von allen Menschen �ber die ihnen anvertrauten Gaben Rechenschaft fordern w�rde, um festzustellen, wie jeder von uns mit seinem Pfunde gewuchert h�tte.�</p><p>Ich fragte: �Bist du sicher, da� die Geschichte dir genau so, wie er sie erz�hlt hat, im Ged�chtnis geblieben ist?�</p><p>Zach�us erkl�rte: �Zumindest den Gedankengang glaube ich erfa�t zu haben. Viele andere haben das Gleichnis auch geh�rt und k�nnen es best�tigen. Manche sagen, er habe nicht von Pfunden, sondern von Talenten gesprochen; etliche meinen, es seien nur drei Knechte gewesen. Aber �ber die Moral der Geschichte sind sich alle einig, gerade weil sie so unerwartet, best�rzend und unbillig ist.�</p><p>Nach kurzer �berlegung f�gte er hinzu: �Ich glaube nicht, da� Jesus �berhaupt Geld gemeint hat; ihm mu� es um etwas anderes gegangen sein. Er hat doch immer davor gewarnt, Besitzt�mer auf Erden zu sammeln, wo Motten und Rost daran zehren, und hat gesagt, es sei besser, sich in seinem Reich Sch�tze anzulegen.�</p><p>Pl�tzlich fiel Simon etwas ein, und er gab Eleasar den Auftrag: �Geh sofort in die Speicher und Vorratskammern. Nimm alles, was du dort an Woll- und Leinensachen findest, und verteile es an die Armen, die in meinem Hofe essen!� Dann starrte er wieder mit d�sterer Miene vor sich hin.</p><p>Eleasar z�gerte, scharrte mit dem Fu� auf dem Boden und sagte schlie�lich: �Mit deinem Eigentum kannst du ja nach Belieben schalten, Herr. Aber sicherlich darf ich mir doch zuerst f�r den eigenen Gebrauch einen neuen Mantel und ein Untergewand nehmen. Auch �ber Kleidungsst�cke f�r meine Kinder und mein Weib w�re ich froh.�</p><p>Simon schob die H�nde zwischen die Knie, wiegte den Oberk�rper hin und her und rief: �Nur zu! Auch die anderen Bedienten sollen sich nehmen, was sie wollen! Pl�ndert mich aus, rei�t alles an euch was ich zeitlebens f�r mich gestapelt habe! Nehmt mir auch diesen zerlumpten Mantel von den Schultern, wenn euch damit gedient ist!�</p><p>Zach�us mahnte verwundert: ��bertreibe nicht, Simon! Man mu� im Geben wie im Nehmen Ma� halten. Im �brigen aber handelst du recht; denn er hat gesagt: �Was ihr auch nur einem meiner geringsten Br�der getan habt, das habt ihr mir getan.� Dies ist sein Weg.�</p><p>Pl�tzlich aber sprang er erschrocken auf und rief: �Was mag wohl mit meinem Esel geschehen sein, den ich vor dem Hause lie�? Die Gasse war mit Bettlern vollgepfercht, und in dem Durcheinander k�nnte leicht jemand das Tier losgebunden und entwendet haben!�</p><p>Doch dann besann er sich, nahm wieder Platz und meinte: �Was liegt schlie�lich daran? Ich will dir in Dingen des Reiches nicht nachstehen, Simon. Wenn jemand den Esel gestohlen hat, so offenbar deshalb, weil er ihn n�tiger braucht als ich, und ich gedenke nicht, ihm nachzulaufen und ihn zur Rede zu stellen. Er soll das Tier ruhig behalten.�</p><p>Simon wiegte sich weiter schwer atmend vor und zur�ck. Dann aber begann er zu l�cheln und sagte: �Das alles kommt mich hart an. Wenn ich h�re, wie diese frechen Bettler schmatzend fressen und sich gegenseitig die besten Bissen streitig machen, ist mir, als w�rde mir St�ck f�r St�ck das eigene Fleisch mit Zangen von den Knochen gerissen. Ich bin �berzeugt, da� die Kerle in ihrer Gier Brot und Salzfisch fallen lassen und zertrampeln. Aber darein mu� ich mich wohl schicken, nachdem anscheinend Jesus selber den Dingen diesen Lauf gegeben hat.�</p><p>�Glaubst du denn wirklich�, fragte ich erstaunt, �da� er nach seinem Verschwinden aus deinem Hause, um dich auf die Probe zu stellen, einem Bettler mit der Kunde, du g�best ein Fest, erschienen ist?�</p><p>�Ich wei� schon selber, was ich zu glauben habe�, knurrte Simon w�tend. �Aber wenn er mich narrt, dann narre ich ihn wieder; und wir wollen sehen, wer von uns beiden zuletzt lacht.�</p><p>Er ging in den Hof, und ich folgte ihm. Dort sahen wir die Bettler manierlich auf dem Boden kauern und das Essen friedfertig miteinander teilen. Sie zankten �berhaupt nicht; im Gegenteil, sie boten einander die besten St�cke an, als w�ren sie tats�chlich G�ste bei einem Bankett. Den Blinden und allen denen, die an die Sch�sseln nicht heran konnten, reichte man die Speisen.</p><p>Unterdessen brachte Eleasar ganze Armvoll Woll�berw�rfe und Leinenkleider und legte sie zwischen die S�ulen. Von der Glut der Holzkohlenfeuer stieg Bratenduft auf, und die Bedienten buken, so rasch sie konnten, Gerstenfladen und Weizenbr�tchen und K�mmelkuchen. Aber die Torh�terin weinte laut, und der griechische Schulmeister war aufs Dach geflohen und weigerte sich hinunterzukommen.</p><p>Die frohe Laune und Ordnung unter den Bettlern �rgerte Simon derart, da� er br�llte: �Fre�t und sauft nur, bis ihr platzt! Und was �brigbleibt, nehmt mit! Aber wi�t, da� ich, Simon von Kyrene, euch kein einziges Kr�mchen von dem allen vorsetze. Bei diesem Festmahl hei�t der Gastgeber Jesus von Nazareth, den euer Hoher Rat gekreuzigt hat. Mag er euer Essen segnen, auf da� es euch zum Leben und nicht zum Tode gereiche! Ich selber bringe es nicht �ber mich, den Segen zu sprechen, weil mir bittere Galle aufsteigt und den Mund zusammenzieht.�</p><p>Die Bettler dachten, er scherze, und blickten ihn freundlich an; ein paar versuchten zu lachen. Das sch�rte erst recht Simons Zorn, und er schrie noch lauter: �Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, l�dt euch zu allen diesen guten Dingen ein; denn er ist von den Toten auferstanden, und sein Reich bleibt bei uns, solange er in unserer Mitte weilt und nach Belieben kommt und geht�� auch durch versperrte T�ren.�</p><p>Jetzt erschraken die Bettler und blinzelten einander zu. Die beherztesten von ihnen aber lachten laut, und einer rief: �Gesegnet seist du, Simon von Kyrene, unter allen M�nnern Israels! Aber warum setzt du uns nur sauren Wein vor, wenn du dich, nach deinen Reden zu schlie�en, mit deinen vornehmen G�sten an s��em Weine g�tlich getan hast?�</p><p>Vor Wut keuchend, rief Simon den Dienern zu: ��ffnet f�r sie auch die kleinen Weinkr�ge und bereitet ihnen in dem gr��ten Mischkessel einen Trunk, damit sie glauben, da� Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, auch nach seinem Tode noch Wunder wirkt!�</p><p>Die Diener taten, wie er befohlen hatte. Aber um zu retten, was noch zu retten war, begannen sie, mit den Bettlern um die Wette zu trinken, und auch Eleasar trank. Inzwischen holte Simon ein Tongef�� mit kostbarer Nardensalbe, brach dem Beh�lter den Hals ab und schrie: �Dieser Schmutz und Eitergestank und die Fliegen auf euren Augen und Schw�ren ekeln mich an. Ich kenne den Geruch nur zu gut. Ich f�hle mich wieder in ein finsteres Sklavenverlies zur�ckversetzt, mit einer Kette am Bein. Bestreicht euch mit dieser Salbe Kopf und Gesicht! Sie hat einen starken Duft, um den euch F�rsten beneiden w�rden.�</p><p>Und tats�chlich erf�llte den ganzen Hof ein k�stlicher Wohlgeruch, seit Simon das kleine Gef�� aufgebrochen hatte. Er selbst ging umher und strich mit dem Daumen den Bettlern etwas Salbe ins Haar. Er geb�rdete sich ganz, als w�re er von Sinnen; bald wieherte er vor Lachen, bald stie� er schreckliche Fl�che aus. Als er aber zu einem Knaben kam, der hei�hungrig a�, stellte er das Salbengef�� hin, kniete nieder und verlangte mit v�llig besonnener Stimme: �Holt mir einen engzahnigen Kamm! Ich m�chte diesem Jungen die L�use aus den Haaren k�mmen.�</p><p>Als man seinem Auftrag nachgekommen war, begann er wirklich, dem schmierigen Jungen aus dem verfilzten Haar die L�use zu k�mmen und sie zu knacken; er machte das so geschickt, als h�tte er sein ganzes Leben lang diese widerliche Arbeit getan. Die Kopfhaut des Knaben war von Ungezieferbissen grindig, und er schrie w�hrend des K�mmens immer wieder auf, hatte es aber so eilig, sich den Bauch vollzuschlagen, da� ihm zur Abwehr keine Zeit blieb.</p><p>Die Bettler wurden unruhig und fl�sterten einander zu: �Simon von Kyrene hat wegen Jesus von Nazareth den Verstand verloren. Das ist ja kein Wunder nach der Schmach, die ihm die R�mer angetan haben! Das Kreuz dieses Gottesl�sterers tragen zu m�ssen! Wir tun wohl gut, rasch zu essen und zu trinken, seine Geschenke zu nehmen und zu verschwinden, bevor er die Gaben zur�ckverlangt!�</p><p>Der �lteste unter ihnen murmelte: �Es ist auch schon vorgekommen, da� reiche Leute zu ihren Festen in Weinlaune ungeladene Bettler zulie�en, dann aber in Wut gerieten und so lange auf den Leibern der Armen herumtrampelten, bis sie das Gegessene und Getrunkene wieder von sich gaben. Schauen wir also, da� wir wegkommen!�</p><p>Sie blickten Simon von Kyrene verstohlen und �ngstlich an; aber er war so in seine L�usesuche vertieft, da� er nichts anderes sah und h�rte. Als er den Knaben gr�ndlich gek�mmt hatte, schleppte er ihn zu den Wasserbecken, ri� ihm seine Lumpen vom Leib und wusch ihm, ohne auf sein Kreischen zu achten, den ganzen K�rper. Dann verstrich er ihm den Rest der Salbe auf Kopf, Brust und F��e. Schlie�lich w�hlte er aus den Kleidern seiner S�hne ein Untergewand, einen �berwurf und rote Sandalen, bekleidete den Jungen damit und sagte: �Jetzt bist du wie ein Prinz angezogen und duftest auch wie ein Prinz. Wenn du nun nicht stattlich genug bist f�r sein Reich, soll er mir eins hinter die Ohren geben!�</p><p>Die Bettler packten die Kleider, die Eleasar unter sie verteilte, und begannen sich behutsam gegen das Tor hin zur�ckzuziehen; sie warteten nur noch eine Gelegenheit ab, um den Jungen den H�nden des offenbar um den Verstand gekommenen Hausherrn zu entrei�en. Aber Simon merkte ihr Vorhaben und schrie: �Geht noch nicht, o G�ste des Jesus von Nazareth! Jeder von euch bekommt ein Abschiedsgeschenk von ihm.�</p><p>Er winkte Zach�us und mir, ihm ins Haus zu folgen, und wir halfen ihm, die vielen Schl�sser einer eisenbeschlagenen Truhe zu �ffnen. Aus ihr nahm er einen versiegelten Lederbeutel, eilte in den Hof zur�ck, brach das Siegel auf und begann, unter die Bettler, die alle ihre H�nde ausstreckten, Silberm�nzen zu verteilen. Einigen schenkte er eine Drachme, anderen ein Vier- oder gar ein Zehndrachmenst�ck; er gab das Geld aufs Geratewohl hin, ohne darauf zu achten, was jeder bekam.</p><p>Viele Bettler fingen zu murren an und sagten: �Warum hat der so viel bekommen und ich so wenig?�</p><p>Aber Simon erwiderte: �Dar�ber rechtet mit Jesus von Nazareth! Er sammelt, wo er nicht ausgestreut hat, und erntet, wo er nicht ges�t hat.� Und wieder fa�te er den Beutel und gab denen, die offenbar am meisten erhalten hatten, noch mehr. Als er aber begann, den Empf�ngern der kleinsten M�nzen diese Geldst�cke wieder wegzunehmen, hielten die Bettler es f�r geraten zu verschwinden, und die ganze Schar entfloh, den Jungen mit sich schleppend, durch das Tor.</p><p>Simon wischte sich den Schwei� von der Stirn, klimperte verwundert mit dem Geldbeutel und murmelte: �So etwas ist mir auch noch nicht passiert. Soll ich das als Zeichen und Wink nehmen? Ich war willens, das ganze Geld zu verteilen, und jetzt ist mir die H�lfte noch im Beutel geblieben.�</p><p>Ich dr�ngte ihn: �Lege nur sch�n dein Geld beizeiten in die Truhe zur�ck und versperre sie. Dann k�mme dir den Bart nach L�usen aus und la� den Hof aufr�umen! Ob du klug oder t�richt gehandelt hast, wei� ich nicht. Aber zumindest werden die Bettler bestimmt zufrieden sein und d�rften dich jetzt f�r lange Zeit nicht bel�stigen.�</p><p>Zach�us sa� neben Eleasar auf dem Rande des gro�en Mischkessels. Er lachte fr�hlich und sagte: �Komm her, R�mer! Nimm einen Becher und sch�pfe dir hier Wein heraus! Am Boden gibt es noch genug davon, und so teuren Wein darf man nicht verderben lassen.�</p><p>Er trank selbst und rief: �Gesegnet sei das Gew�chs des Weinstockes im Namen dessen, der gestorben und wieder auferstanden ist, um f�r uns alle ein Reich zu bereiten! Wir drei haben ihn mit eigenen Augen erblickt; und du, Eleasar, sahst wenigstens seine Fu�spuren auf dem Steinboden, so da� du, ein simpler Ackerknecht und Hirte, uns, den h�hergestellten M�nnern, glauben mu�t.�</p><p>Liebevoll legte er Eleasar den Arm um den Hals, gab ihm einen Ku� und meinte: �Nichts f�r ungut! Nur hier auf Erden bin ich ja angesehener als du; in seinem Reich wirst vielleicht du den Vorrang haben. Jesus hat gesagt, viele Erste w�rden zu Letzten werden und die Letzten zu Ersten.�</p><p>Eleasar ri� sich von ihm los und schalt: �Ihr seid alle wie in Verz�ckung; besonders mein Herr ist au�er Rand und Band. Aber auch ich bin in gehobener Stimmung, seit ich neue Kleider bekommen und so viele gute, teure Sachen an besitzlose Leute verteilt habe. Offenbar ist mir der Trunk zu Kopf gestiegen; so starken Wein bin ich nicht gew�hnt.�</p><p>Aber Simon strich sich �ber den Kopf und sagte: �Friede sei mit euch! Ich bin todm�de und gehe in mein verdunkeltes Zimmer zur�ck. Die letzten N�chte habe ich �ber Jesus von Nazareth nachgegr�belt und kein Auge zugetan. Jetzt f�hle ich wieder Frieden in meiner Seele und werde wahrscheinlich den ganzen Sabbat durchschlafen.�</p><p>Unsicheren Schrittes entfernte er sich. Wir folgten ihm nicht, weil wir beide, Zach�us und ich, einsahen, da� in seiner Verfassung Schlaf das beste f�r ihn war. Aber er gedachte noch seiner Hausvaterpflichten, drehte sich um, blinzelte uns unter seinem zerzausten Haar von der T�r her an, und sagte: �Ich hoffe, das alles ist nur ein b�ser Traum; endg�ltig werde ich das erst wissen, wenn ich erwache und niemanden mehr sehe. Aber du, mein Traum-Zach�us, bleibe, wenn du willst, �ber Nacht in meinem G�stezimmer! Eleasar soll sich hier mit einem Schl�fchen ausn�chtern; dann wird er heimgehen und, ehe noch drei Sterne am Himmel erscheinen, die Sabbatfeier beginnen. Was ich jedoch dir sagen soll, R�mer, wei� ich nicht; denn du mu�t bestimmt ein Traum sein, und dich werde ich nicht mehr treffen.�</p><p>Eleasar gehorchte; er legte sich im Schatten der S�ulenhalle auf den Boden und zog sich den Mantel �ber den Kopf. Wir aber, Zach�us und ich, blieben stehen, wo wir standen, und musterten einander lange. Sein Antlitz schien mir nicht l�nger ein absto�endes Zwergengesicht; seine Augen leuchteten und seine Wangen waren rot�� wohl vom Wein, ganz wie bei einem beliebigen anderen Menschen.</p><p>Er fragte mich, ob ich etwas von den J�ngern w��te, die Jesus sich zu Sendboten erw�hlt hatte. Ich teilte ihm mit, was ich erkundet und was Maria Magdalena beobachtet hatte; ich erz�hlte ihm auch, da� der Auferstandene einigen J�ngern in einem versperrten Raum erschienen war; ich berichtete ihm von meiner Begegnung mit Thomas und Johannes und gab freim�tig zu, da� sie mich nur widerwillig empfangen und mir nicht getraut hatten. Schlie�lich sagte ich: �Mir brennt das Herz in der Brust. Wenn ich aber hinginge und den J�ngern von den heutigen Begebenheiten spr�che, w�rden sie mir nicht glauben. Auf dich werden sie eher h�ren, weil sie dich kennen. Vielleicht fassen sie dann doch Zutrauen und offenbaren uns ihr Geheimnis. Sie m�ssen doch mehr wissen als wir und m�ssen auch Jesu Geheimlehren kennen, die sie nat�rlich Au�enstehenden nicht preisgeben wollen.�</p><p>Zach�us erwiderte voll Zuversicht: �Ja, ich suche sie auf. Zumindest Matth�us vertraut mir; er war ja auch Z�llner. Wir verstehen uns, und er kann vielleicht bei den anderen ein W�rtchen f�r mich einlegen.�</p><p>�Sehr gut!� pflichtete ich bei. �Selber will und kann ich mich nicht aufdr�ngen.� Ich beschrieb ihm, wo ich mit Thomas und Johannes gesprochen hatte. Zach�us schien das Haus und seinen Eigent�mer zu kennen, nannte mir aber den Namen nicht.</p><p>�Geh in Frieden in deine Wohnung und warte ab, bis ich dir den Weg bereitet habe!� sagte Zach�us.</p><p>So schieden wir voneinander, und ich ging heim, voll Verwunderung �ber all die Dinge, die mir im Hause Simons von Kyrene widerfahren waren.</p></section><section><p/><empty-line/><p>7</p><p><emphasis>Marcus an Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Noch immer schreibe ich Dir, Tullia, als wollte ich dich begr��en. Mein verehrter Lehrer in Rhodos hat mir die Einsicht daf�r ge�ffnet, wie tr�gerisch das menschliche Ged�chtnis ist, wie rasch Eindr�cke verblassen und ineinanderflie�en und durcheinandergeraten. Auch wenn mehrere Menschen das gleiche erlebt haben, bewahren sie verschiedene Erinnerungen davon und schildern dasselbe Ereignis ganz abweichend, je nachdem, welche Seite des Vorfalles ihr Interesse besonders erregt hat. Darum schreibe ich jetzt nur mehr, um festzuhalten, wie und in welcher Reihenfolge meine Erlebnisse abgelaufen sind.</p><p>Ich begann diesen Brief an einem Sabbatvorabend, als die Tempeltore sich mit einem Dr�hnen schlossen, das man �ber die ganze Stadt hin bis in die fernsten T�ler h�rte. Auch w�hrend des Sabbats blieb ich zu Hause und schrieb. Darauf, da� die Fremden diesen Tag achten und nicht in den Stra�en umherlaufen, legen ja die Juden viel Wert. Sie selbst besuchen in Festtagskleidung ihre Synagogen, um zu beten und die Schriftlesung zu h�ren. Die Anzahl der Schritte, die sie am Sabbat tun d�rfen, ist beschr�nkt. Im Tempel vollbringen die Priester, wie man mir erz�hlte, doppelte Opfer; doch das gilt nicht als Sabbatverletzung.</p><p>Vor Sonnenuntergang, noch w�hrend des Festes, kam der Zenturio Adenabar zu mir auf Besuch. Er hatte den Helm zu Hause gelassen und sich in einen syrischen Mantel geh�llt, um in den Stra�en nicht aufzufallen. Herzhaft g�hnend begr��te er mich mit den Worten: �Wie geht es dir? Lebst du noch? Bist du gesund? Schon eine Ewigkeit lang habe ich nichts von dir geh�rt. Etwas Langweiligeres als den j�dischen Sabbat gibt es wohl kaum. Nicht einmal ins Amphitheater zum Exerzieren d�rfen wir ausr�cken, damit nicht etwa gar unsere Marschtritte den Juden l�stig fallen. Gib mir einen Schluck Wein! In Antonia h�lt man an Sabbaten auch den Wein unter Verschlu�. Sonst w�rden die Soldaten sich vor lauter Langeweile betrinken und untereinander Raufereien anfangen oder in die Stadt hinuntergehen und den Juden zu ihrem �rger ein Schweinsohr vor die Nase halten.�</p><p>Mein syrischer Hausherr hatte gut f�r mich vorgesorgt. Um mich friedsam und bei froher Laune zu erhalten, hatte er mir einen Krug galil�ischen Weins gebracht, den er als den zutr�glichsten Rebensaft preist. Tats�chlich scheint dieser Wein nicht zu schwer und schl�gt sich kaum auf den Magen; man braucht ihm auch, wenn man ihn nur vor dem Sauerwerden austrinkt, nicht Harz zur Haltbarmachung beizumengen.</p><p>Adenabar trank gierig, wischte sich den Mund, musterte mich aufmerksam und meinte: �Meiner Treu, du hast dich so ver�ndert, da� dich niemand von einem hellenisierten Juden unterscheiden k�nnte. Du hast einen Bart, Tintenflecke auf den Fingern und einen Ausdruck in den Augen, der mir nicht gef�llt. Was ist mit dir? Hoffentlich hat dich nicht gar der statuenlose Judengott aus den Fugen gebracht, wie? Das passiert n�mlich oft fremden Reisenden, die nur den Tempel besichtigen kommen und dann �ber Dinge zu gr�beln anfangen, denen kein normales Hirn gewachsen ist. Nur j�dische K�pfe halten das aus, weil die Hebr�er von Kind auf im Verst�ndnis ihres Gottes geschult werden und mit zw�lf Jahren schon mit g�ttlicher Lohe so vollgesogen sind, da� sie zum Brotsegnen und Vorbeten die Eltern nicht mehr brauchen.�</p><p>�Adenabar, lieber Freund�, sagte ich, �wir beide, du und ich, haben gemeinsam gewisse Dinge gesehen und erlebt. So kann ich dir gestehen, da� ich wirklich aus den Fugen gegangen bin. Und ich sch�me mich dessen nicht einmal.�</p><p>Aber er unterbrach mich rasch: �Nenne mich lieber mit meinem r�mischen Namen! Ich f�hle mich jetzt mehr denn je als R�mer. Petronius hei�e ich. Mit diesem Namen unterschreibe ich dem Legionsqu�stor die Soldquittungen und erhalte ich meine schriftlichen Befehle�� sofern sich jemand die M�he nimmt, diese Befehle auf ein Wachst�felchen zu kritzeln. Du mu�t n�mlich wissen, ich habe Aussicht, Kohortenf�hrer zu werden, mit Garnison in Gallien oder Spanien oder vielleicht sogar in Rom selber. Darum trachte ich, mein Latein aufzufrischen, und m�chte mich auch an meinen r�mischen Namen gew�hnen.�</p><p>Wieder blickte er mich pr�fend an, als wollte er herausbekommen, wie verr�ckt ich wirklich war und wieweit mir zu trauen sein mochte.</p><p>�F�r mich bist du Adenabar�, sagte ich. �Ich verachte dich nicht deiner syrischen Abkunft wegen. Nicht einmal den Juden gegen�ber empfinde ich Fremdheit; ich versuche, mich mit ihren Br�uchen und religi�sen Anschauungen vertraut zu machen. Was mich wundert, ist nur, da� sie nicht deine Abkommandierung auf Erkundungsstreife in die W�ste betreiben oder in irgendeine Gegend, wo skythische Pfeile umherschwirren. Da w�rdest du rascher ums Leben kommen, so da� dein Wissen niemandem Ungelegenheiten bereiten k�nnte.�</p><p>�Mein Wissen? Was faselst du da? Bist du ganz von Sinnen oder hast du dich schon seit der Morgenfr�he diesem guten Wein gewidmet?� schalt Adenabar gutm�tig. �Aber in einem hast du recht. Ich f�hle mich betr�chtlich bedeutsamer als fr�her. Nur von der W�ste sprich mir nicht! Sie blendet auch dem unempfindlichsten Menschen die Augen und gaukelt einem Trugbilder vor. Wenn ich jetzt im Wachdienst in die W�ste geriete, w�rde ich mich sicher ohne langes �berlegen mit Dingen befassen, auf die selbst die spitzfindigsten Leute der Welt nicht verfallen.�</p><p>Er schielte mich mit pfiffigem L�cheln an und fuhr fort: �Du hast sicherlich geh�rt, da� Jerusalem f�r Leute mit schwachen Nerven zu einem unangenehmen Aufenthaltsort geworden ist. Erinnerst du dich an das Erdbeben, das es eines Morgens gab? Angeblich haben sich dabei die Gr�ber vieler Heiliger ge�ffnet, und die teuren Entschlafenen sollen herumspazieren und schon vielen Juden erschienen sein.�</p><p>�Mir ist nur von einem bekannt, da� er auferstanden ist�, erkl�rte ich. �Du wei�t, wen ich meine. Damit du �ber ihn schweigst, bietet man dir jetzt eine Rangerh�hung und die Versetzung in ein anderes Land an. Einem Zenturio kann man ja nicht so leicht den Mund stopfen wie einem gew�hnlichen Soldaten.�</p><p>Adenabar starrte mich mit gespielter Best�rzung an und erwiderte: �Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Aber entsinnst du dich noch des Legion�rs Longinus? Sooft er jetzt seine Lanze fa�t, verh�lt sie sich sehr merkw�rdig. Bei den �bungen kann er sie nie geradeaus werfen. Sie hat ihm schon den Fu� verwundet; und einmal, bei einer Ziel�bung mit dem Heusack, entglitt sie seiner Hand und h�tte mich, obwohl ich hinter ihm stand, fast durchbohrt. Aber die Lanze ist ganz in Ordnung; der Fehler liegt bei Longinus. Zur Beruhigung der �brigen, die diese Waffe nicht mehr anr�hren wollten, habe ich selbst damit geworfen und den Sack auf vierzig Schritte tadellos getroffen. Und Longinus wieder kann mit jeder anderen Lanze umgehen, nur nicht mit dieser.�</p><p>�Es handelt sich offenbar um jene Lanze, die er dem Sohn Gottes in die Seite gesto�en hat�, bemerkte ich.</p><p>Adenabar machte eine Bewegung, als wollte er eine l�stige Raupe absch�tteln, und beschwor mich: �Nenne doch diesen Mann nicht Sohn Gottes! Das klingt mir schrecklich in den Ohren. Aber auch der Legionsprofos hat so steife Arme bekommen, da� er nicht einmal mehr die Gei�el zu schwingen vermag. Er kann gerade noch seine Nahrung zum Munde f�hren, und auch nur das sehr m�hsam, mit beiden H�nden. Der Feldscher in Antonia findet nichts an seinen Armen und verd�chtigt ihn, da� er simuliert, um etwas fr�her ein St�ck Ackerland zu bekommen und behaglich in der Veteranensiedlung leben zu k�nnen. Ihm fehlen nur noch zwei Jahre auf seine zwanzigj�hrige Dienstzeit. Man hat ihn ausgepeitscht, weil nach den Erkenntnissen der milit�r�rztlichen Wissenschaft eine Auspeitschung viele von au�en nicht erkennbare Leiden und Schmerzen heilt. Er ertrug die Prozedur nach alter Legion�rssitte mit einem St�ck Leder zwischen den Z�hnen; aber seine Arme wurden davon nicht besser. Ich glaube, man wird ihn f�r dienstuntauglich erkl�ren, wegen Rheumatismus. Diese Krankheit wird n�mlich beim Heere anerkannt. Wir Offiziere leiden daran sogar mehr als die Mannschaft, weil wir von Zeit zu Zeit auf unseren bequemen Garnisonsdienst verzichten und im Freien auf dem harten Boden in K�lte und N�sse liegen m�ssen.�</p><p>�Allerdings�, f�gte Adenabar sinnend hinzu, �kann ich mich nicht erinnern, da� der Nazarener einen von uns verflucht h�tte. Er hat im Gegenteil noch vom Kreuze herab seinen Vater gerufen und ihn gebeten, uns zu verzeihen, weil wir nicht w��ten, was wir tun. Ich nehme an, da� er im Fieber sprach; sein Vater war ja bei der Hinrichtung gar nicht anwesend.�</p><p>Gereizt unterbrach ich ihn: �Ich verstehe nicht, was der Gekreuzigte mit Longinus und dem Legionsprofosen zu tun haben soll.�</p><p>�Ich glaube, die Sache mit dem Nazarener hat uns allen heillosen Schreck eingejagt�, meinte Adenabar. �Er war kein gew�hnlicher Mensch. Und als die Leute, die bei der Hinrichtung Hand angelegt hatten, von seiner angeblichen Auferstehung erfuhren, erschraken sie noch heftiger. Soldaten glauben ja jedes Ger�cht, das etwas Abwechslung in ihr eint�niges Leben bringt. Je unsinniger ein solches Ger�cht ist, desto leichter glauben sie es. Jetzt sind die Dinge so weit gediehen, da� beim geringsten Anlaߠ� wenn etwa in der Nacht ein Schild polternd zu Boden f�llt oder wenn ein alter �lkrug zerbricht und seinen Inhalt �ber den Hof ergie�t�� die ganze Besatzung auf den Beinen ist und alle G�tter um Hilfe anfleht.�</p><p>�Aber�, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, �auch die Juden in der Stadt haben anscheinend die gleichen Verdrie�lichkeiten. Niemand wagt mehr, allein zu schlafen. Kinder wachen mitten in der Nacht auf und erz�hlen, ein fremder Mann habe sich �ber sie gebeugt und sie ber�hrt. Manche Leute wieder behaupten, von etwas Warmem geweckt worden zu sein, das ihnen ins Gesicht tr�ufelte; wenn sie aber die Lampe anz�nden, finden sie nichts. Schlie�lich munkelt man, da� selbst Ratsmitglieder sich st�ndig die H�nde waschen und sich den verschiedensten Reinigungszeremonien, streng nach dem Buchstaben des Gesetzes, unterziehen�� sogar die Sadduz�er, die sonst solche Dinge nicht allzu genau nahmen. Mir pers�nlich ist allerdings nichts �bles widerfahren; ich hatte nicht einmal schlechte Tr�ume. Wie steht es mit dir?�</p><p>�Mit mir?� rief ich. �Ich suche den Weg.�</p><p>Adenabar starrte mich merkw�rdig an. Er hatte den Krug, ohne sich mit einer W�sserung des Weines aufzuhalten, halbleer getrunken; trotzdem konnte ich kein Zeichen von Trunkenheit an ihm merken. �Soviel man mir sagte�, erwiderte er, �gibt es viele Wege und manche falsche Wegweiser. Wie kannst du als R�mer den Weg zu finden hoffen, wenn nicht einmal die Juden ihn recht kennen? Ich f�rchte sehr, da� du in eine Sackgasse geraten und mit der Nase auf eine Mauer sto�en wirst.�</p><p>Diese Worte erstaunten mich sehr, und ich rief: �Du willst mir doch nicht damit andeuten, da� du, ein r�mischer Zenturio, die Stillen im Lande kennst und auch den Weg suchst?�</p><p>Adenabar lachte laut auf, schlug sich auf das Knie und schrie: �Ha, du bist also in die Falle gegangen! Bilde dir ja nicht ein, mir w�re es unbekannt, was du in den letzten Tagen getrieben hast. Ich habe auch Freunde in der Stadt�� und zwar mehr als du Neuank�mmling.�</p><p>Er wurde wieder ernst und sagte: �Ich glaube, die R�mer begehen einen schweren Fehler damit, da� sie die gleiche Legion Jahr f�r Jahr hier im Lande belassen. Anderswo mag dieser Grundsatz sich bew�hren: die Leute lernen das Land, in dem sie Ordnung halten, kennen; die Einwohner freunden sich mit ihnen an und lehren sie ihre Sitten und Br�uche; nach seinen zwanzig Dienstjahren bekommt der Legion�r ein St�ck Ackerboden im gleichen Lande, heiratet eine Einheimische und bringt seiner Umgebung r�mische Lebensart bei. Doch in Jud�a und besonders in Jerusalem ist das anders. Je l�nger ein Fremder hier lebt, desto mehr beginnt er den j�dischen Gott zu f�rchten oder aber einen bis zu blinder Wut gesteigerten Judenha� zu entwickeln. Ob du es glaubst oder nicht, es gibt, besonders in den kleineren Garnisonen, sogar r�mische Offiziere, die heimlich zum j�dischen Glauben �bertreten und sich beschneiden lassen. Aber zu denen geh�re ich nicht, dessen sei versichert! Nur aus purer Neugier habe ich mich nach den verschiedenen Wegen erkundigt, denen die Juden folgen�� keineswegs, um sie auszuspionieren, sondern, um sie besser zu verstehen und nicht in den Bann ihres schrecklichen Gottes zu geraten.�</p><p>�Unter dem Kreuz hast du selber Jesus als Gottes Sohn anerkannt�, mahnte ich ihn. �Du selber bist mit mir in die Gruft getreten und hast gesehen, da� die Grablinnen nach seiner Auferstehung unber�hrt dalagen.�</p><p>�Allerdings!� gab Adenabar zu. Pl�tzlich schleuderte er den Tonbecher zu Boden, da� er in St�cke brach, sprang auf und br�llte mit wutverzerrtem Gesicht: �Verflucht sei dieser Judenk�nig! Verflucht sei diese ganze Magierstadt und dieser Tempel, in dem es nicht einmal ein G�tterbild gibt, das man zerschmettern k�nnte! Das w�re doch gelacht, wenn man nicht mehr einem einzelnen Menschen das Leben nehmen d�rfte! Auch vor ihm sind schon Leute unschuldig gekreuzigt worden, ohne da� sie auferstanden w�ren und herumgespukt h�tten. Dieser Nazarener untergr�bt Zucht und Ordnung bei unseren Soldaten.�</p><p>�Er hatte es�, bemerkte ich nachdenklich, �aus irgendeinem uns unbegreiflichen Grunde offenbar darauf angelegt, da� alles genau so kommen sollte, wie es kam. Eines Tages werden wir vielleicht die Zusammenh�nge verstehen; denn sein Reich ist noch immer bei uns auf Erden. Zweifellos fallen deshalb in der Festung Schilde von den W�nden und h�rt man n�chtlicherweile Gespensterschritte: es ist ein Zeichen, da� er auch von uns R�mern etwas will. Aber Angst brauchst du keine vor ihm zu haben. Er hat gelehrt, da� B�ses nicht mit B�sem vergolten werden darf. �Wenn jemand dich auf die eine Wange schl�gt, so halte ihm auch die andere hin!� Und andere �hnliche Ausspr�che, die wider alle Vernunft sind.�</p><p>Adenabar war �ber meine Worte nicht verwundert, sondern erkl�rte: �Auch ich habe schon Derartiges �ber seine Lehre geh�rt. Ich halte ihn deshalb f�r einen harmlosen Menschen und f�rchte ihn nicht, obwohl es nat�rlich ungem�tlich w�re, ihm zu begegnen, wenn er wirklich noch insgeheim in der Stadt umhergeistert. Wahrscheinlich w�rden mir die Haare zu Berge stehen, wenn er pl�tzlich erscheinen und mich anreden sollte. Aber er offenbart sich angeblich keinem Unbeschnittenen, nur seinen J�ngern und den Frauen, die mit ihm aus Galil�a kamen.�</p><p>Seine Kl�geleien entflammten mich, so da� ich alle Vorsicht verga� und ihm von der seltsamen Erscheinung im Hause Simons von Kyrene erz�hlte und auch davon, da� ich vielleicht Jesus schon am Tage seiner Auferstehung in Gestalt eines G�rtners gesehen hatte.</p><p>Adenabar sch�ttelte mitleidig den Kopf und meinte: �Du mu�t in Alexandria ein schrecklich ausschweifendes Leben gef�hrt und vermutlich auch mehr studiert haben, als dein Kopf vertrug. �berdies schl�gt dir das hiesige Klima sichtlich nicht an. Du t�test also gut, diese Gegend unverz�glich zu verlassen. Zu deinem Gl�ck bin ich dir wohlgesinnt und werde dich nicht anzeigen, wenn du mir versprichst, dich ruhig und besonnen zu verhalten.�</p><p>Als ich ihn so reden h�rte, packte mich pl�tzlich die Wut, und ich rief: �Man hat mich oft genug verd�chtigt, f�r die R�mer zu spionieren. Mir ist es zuwider, umgekehrt selbst irgendwen zu verd�chtigen; sonst w�rde ich vermuten, man h�tte dich zu mir geschickt, um mich von einer Einmischung in j�dische Angelegenheiten abzuschrecken.�</p><p>Adenabar wich meinem Blick aus, sah etwas besch�mt drein, rieb sich die H�nde zwischen den Knien und gestand: �Aufrichtig gesagt, der Festungskommandant hat tats�chlich angedeutet, es k�nnte nicht schaden, wenn ich dich aufsuche und aushorche, weil er keinesfalls m�chte, da� ein Freund des Prokonsuls mit den Juden Scherereien bekommt. Au�erdem w��te er, wegen der in der Festung herrschenden Aufregung, anscheinend gern, was du von der ganz merkw�rdigen Geheimb�ndelei der Juden gegen Ruhe und Ordnung erfahren hast. Nat�rlich kann er dich nicht bespitzeln lassen, nachdem du r�mischer B�rger bist und angeblich einen Empfehlungsbrief einer so hochgestellten Pers�nlichkeit hast, da� ich nicht einmal den Namen auszusprechen wage. Ich gedenke auch nicht weiterzugeben, was ich von dir in freundschaftlichem Gespr�ch geh�rt habe. H�chstens werde ich vielleicht erw�hnen, da� du, so wie viele Leute in diesen Tagen, mit den Nerven zu tun hast. Aber wegen der Erscheinungen und Visionen�� da halte ich dicht. Der Kommandant ist ein n�chterner Mensch und glaubt nicht an solche Dinge. Wenn ich ihm so etwas berichten wollte, w�rde ich mich nur l�cherlich machen und meine Bef�rderung aufs Spiel setzen.�</p><p>Er wischte sich die Stirn, blickte auf die Zimmerdecke und erkl�rte: �Ich dachte schon, durch die Zimmerdecke sickert Wasser, weil ich eben ein paar Tropfen auf meinem Gesicht gesp�rt habe. Dieser verdammte galil�ische Wein ist st�rker, als ich meinte. Wollen wir einen Pakt schlie�en? Wirst du zwischen dem Nazarener und mir Vers�hnung stiften, wenn er dir nochmals begegnet und dich anh�ren will? Als r�mischer Offizier kann ich ihm nicht pers�nlich nachlaufen, das wirst du verstehen; aber ich m�chte meinen Frieden mit ihm machen.�</p><p>Pl�tzlich begann er sich eifrig zu kratzen, blickte umher und bemerkte erstaunt: �Hier h�tte ich kein Ungeziefer vermutet. Nie w�re mir eingefallen, dir dieses Haus zu empfehlen, wenn ich gewu�t h�tte, da� einem in diesem Zimmer, sobald man sich nur niedersetzt, allerlei Getier �ber die Haut zu krabbeln anf�ngt.�</p><p>Als ich ihn sich kratzen sah, fing auch mir die Haut zu jucken an, und alle K�rperhaare str�ubten sich mir. Mich schauderte. �Hier gibt es kein Ungeziefer. Das Zimmer ist vollkommen rein�, beteuerte ich. �Ich glaube, wir bekommen Besuch.�</p><p>Adenabar sprang auf, raffte den Mantel um sich und rief: �Dann will ich dich nicht l�nger st�ren und gehe lieber meines Weges. Ausgesprochen haben wir uns, und der Wein ist auch fast gar.�</p><p>Aber er fand keine Zeit mehr davonzulaufen; denn schon h�rten wir von unten die Stimme meines syrischen Hausherrn und dann Schritte auf der Treppe. Adenabar wich zur Wand zur�ck und streckte, wie zum Schutz, zwei Finger aus. Der Besucher war Zach�us mit dem gro�en Kopf, und er schleppte einen Mann mit sich, der den Mantel �ber Mund und Nase gezogen hatte, um sich unkenntlich zu machen.</p><p>�Friede sei mit dir, Zach�us!� begr��te ich ihn. �Ich bin die ganze Zeit �ber zu Hause geblieben und habe dich sehns�chtig erwartet.�</p><p>�Friede auch mit dir, R�mer!� erwiderte Zach�us auffallend k�hl. Er schien ganz vergessen zu haben, da� er mich, von Simons Wein beschwingt, umarmt und gek��t hatte. Aber der Mann in seiner Begleitung trat, als er Adenabars ansichtig wurde, einen Schritt zur�ck und fragte: �Wer ist das?�</p><p>Mein Hausherr hatte die beiden h�flich bis zu meiner T�r gef�hrt und sagte nun: �Das ist nur ein Zenturio aus der Festung Antonia und trotz seines Ranges ein guter Freund von mir. Vor ihm brauchst du dich nicht zu f�rchten. Er versteht die Juden und wird dich nicht �rger verunreinigen als ich oder mein Haus, nachdem du es schon einmal betreten hast.�</p><p>Der Unbekannte versetzte Zach�us einen Backenstreich und schrie: �Also Verrat! Du hast mich in eine Falle gelockt! Du bist heimt�ckischer als Judas Ischariot!� Er wandte sich zur Flucht; aber ich packte ihn fest am Arm und hielt ihn zur�ck, emp�rt dar�ber, da� er den Kr�ppel Zach�us so b�swillig geschlagen hatte.</p><p>Zach�us rieb sich die Wange, starrte best�rzt Adenabar und mich an und beteuerte seinem Begleiter: �Wenn ich das gewu�t h�tte, w�re ich nie darauf verfallen, dich herzuf�hren. Der R�mer ist hinterlistiger, als ich dachte. Schlage mich auch auf die andere Wange! Das habe ich mir redlich verdient!�</p><p>Adenabar musterte Zach�us und seinen Gef�hrten. Dann sagte er zu dem Unbekannten: �Mir scheint, dein Gesicht und deine schuldbewu�te Miene verraten dich, Jude. Warum solltest du sonst beim Anblick eines r�mischen Offiziers so erschrecken? Geh�rst du nicht zu den Gefolgsleuten des Judenk�nigs, den wir k�rzlich gekreuzigt haben? Nach deiner Redeweise scheinst du wirklich ein Galil�er zu sein.�</p><p>Zach�us trat besorgt f�r seinen Begleiter ein und erkl�rte: �Nein, nein, du irrst, Herr! Er ist Z�llner und Steuereinnehmer wie ich. Wir sind beide aufrichtige Freunde Roms, so wie alle ordnungsliebenden und friedfertigen Kinder Israels.�</p><p>Aber der Unbekannte mahnte: �Belaste dein Gewissen nicht mit neuer S�nde, Zach�us! Wir sind beide keineswegs Freunde Roms. Z�llner bin ich zwar gewesen; doch ich habe meine Verfehlungen bereut, und sie sind mir verziehen worden.�</p><p>Ich lie� seinen Arm rasch los und rieb mir die Hand, die wie Feuer brannte. �Friede sei mit dir!� rief ich. �Ich glaube zu wissen, wer du bist. Den Zenturio brauchst du nicht zu f�rchten, er will dir nicht �bel. Im Gegenteil, er w�nscht, sich, wenn es irgend m�glich ist, mit deinem Herrn auszus�hnen.�</p><p>Der Unbekannte richtete sich auf, sah mir und Adenabar gerade ins Gesicht und sagte: �Ich sch�me mich nicht des Namens meines Herrn; denn wer ihn vor den Menschen verleugnet, den verleugnet auch er in seinem Reich. Ich bin Matth�us, einer von den Zw�lfen, die er sich erw�hlte. Nicht einmal der Tod hat Macht �ber mich, weil der Herr mir in seinem Reich ewiges Leben geben wird. Euch R�mer aber wird er in die �u�erste Finsternis sto�en, wo Heulen und Z�hneknirschen sind.�</p><p>Das war ein mir neuer Ton, und ich rief �berrascht: �Da� er so harte Worte sprach, wu�te ich nicht! Aber Friede sei mit dir und gesegnet dieser Raum, in den du deinen Fu� zu setzen geruhtest, du Sendbote des K�nigs! Nimm Platz! Und auch du, Zach�us! Und erz�hlt uns von eurem Herrn! Ich brenne vor Verlangen, mehr �ber ihn zu erfahren.�</p><p>Matth�us setzte sich bedachtsam, und sein Begleiter zw�ngte sich vor Angst zwischen seine Knie. Der Sendbote Jesu starrte den r�mischen Offizier feindselig an und sagte: �Offenbar habt ihr Legion�re jetzt im Abenddunkel das Haus umstellt. Nie h�tte ich geglaubt, da� ein R�mer sich eine solche Hinterh�ltigkeit ausdenken k�nnte.�</p><p>Adenabar war gekr�nkt und erwiderte in heftigem Ton: �Du hast kein Recht, Galil�er, uns R�mern jede Schlechtigkeit zuzutrauen. Nicht einmal der Prokonsul selber w�nschte euren Lehrer zu verurteilen; nur die Juden haben ihn dazu gezwungen, indem sie die Volksleidenschaften aufpeitschten. Ich habe nichts gegen euch und euren K�nig. Meinetwegen k�nnt ihr entwischen, wohin ihr wollt, wenn es euch gelingt, den Stadtwachen ein Schnippchen zu schlagen. Der j�dische Rat mag vielleicht ein W�rtchen mit euch zu reden haben, aber nicht wir R�mer.�</p><p>Offenbar sch�mte Matth�us sich seiner Furcht; denn als er merkte, da� er bei mir sicher war und niemand ihm nach dem Leben trachtete, wurde er auf Judenart �berheblich und sagte: �Wenn ich nicht so viel von dir geh�rt h�tte, R�mer, w�re ich nicht gekommen. Ohne vom Gesetz und den Propheten eine Ahnung zu haben, behauptest du, ein Unbeschnittener, den Weg zu suchen. Du verdrehst unverst�ndigen Frauen die K�pfe und spionierst unseren Geheimnissen nach. Ich kann nur annehmen, da� du von einem b�sen Geist besessen oder ein Zauberer bist, da du sogar Johannes verleiten konntest, auf deine Fragen zu antworten: La� uns in Frieden, geh deiner Wege und mische dich nicht in Dinge, von denen du nichts verstehen kannst! Das wollte ich dir sagen, damit du es aufgibst, dich hinter verst�rte Frauen zu stecken.�</p><p>Seine harten Worte kr�nkten mich tief. Heftiger Groll regte sich in mir, und ich hatte gute Lust, diesem Mann meine Meinung zu sagen. Aber etwas zwang mich, ihm ins Gesicht zu blicken. In seinen Z�gen und Augen und Stirnfurchen fand ich jenes unerkl�rliche Etwas, das ihn von anderen Menschen unterschied und als J�nger des K�nigs kennzeichnete. Zweifellos wu�te und verstand er von bestimmten Dingen mehr, als ich je erfassen konnte. Darum entgegnete ich bescheiden:</p><p>�Ich will dir nicht widersprechen. Ich dachte blo�, sein Weg st�nde allen offen, die ihn aus schlichter Seele suchen, und mit dem�tigem Herzen. Ich meinte, auch mir w�rde sich die T�r auftun, wenn ich inst�ndig daran klopfe. Erkl�re mir zumindest, warum der Auferstandene sich mir selber im Hause Simons von Kyrene zeigte!�</p><p>Zach�us blickte den Sendboten flehentlich an. Aber Matth�us verh�rtete noch seine Miene und erwiderte: �Unser Herr ist zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden. Deshalb hat er auch mich berufen, von meiner Zollst�tte in Kapernaum weg. Ich stand sofort auf und folgte ihm. Seinetwegen lie� ich Haus und Besitz im Stich, und auch meine Familie. Zach�us war gleichfalls eines der verlorenen Schafe Israels; und selbst Simon von Kyrene geh�rt einer griechischen Synagoge an und hat dem Herrn das Kreuz getragen. Da� er sich ihnen beiden zeigte, k�nnen wir also noch verstehen; aber an sein Erscheinen vor einem unbeschnittenen R�mer glauben wir nie und nimmer. Dar�ber sind wir untereinander einig geworden. K�nnen wir schon den Visionen �berspannter Frauen wenig Glauben beimessen, so begegnen wir mit noch gr��erem Mi�trauen einem R�mer. Vielleicht bist du ein Zauberer, ein Magier, und wolltest dich f�r deine eigenen dunklen Zwecke unseres Wissens bem�chtigen. Du wirst wohl der gleiche Mann sein, von dem ein blinder Bettler erz�hlte, jener Mann, der durch mi�br�uchliche Anrufung des Namens unseres Lehrers einen Stein in menschliche Nahrung verwandelte. Auch Simon von Kyrene und Zach�us hast du bet�rt. Alles, was sich w�hrend deiner Anwesenheit in Simons Haus ereignet hat, sieht nach Hexerei aus und gar nicht nach Jesu Reich.�</p><p>Zach�us nickte und stimmte bei: �Da hast du recht! Ich war von dem allen, als ich es h�rte, ganz betroffen und entsetzt. Durch Zauber hat er Simon dazu gebracht, den Geist seines Verwalters Eleasar zu sehen, w�hrend der Mann noch unterwegs in die Stadt war. Dann hat er Simon verleitet, uns starken Wein vorzusetzen, so da� wir v�llig beduselt wurden. Dir, Matth�us, glaube ich mehr als dem R�mer; dich kenne ich und ihn nicht.�</p><p>Er wandte sich an mich: �Auch Simon hat sich eines Besseren besonnen und will nichts mehr von dir wissen, nachdem du nicht zu den Kindern Israels geh�rst. Er grollt dir nicht, obwohl deine Hexenk�nste ihn um viel Geld und Gut gebracht haben. Aber du t�test gut, nicht mehr seine Gesellschaft zu suchen. Es gibt wirklich schon zu viele Wegweiser auf der Welt.�</p><p>Ich glaube, Matth�us sp�rte meine Niedergeschlagenheit und achtete die Zur�ckhaltung, mit der ich blo� schweigend den Kopf abwandte, um meine Tr�nen zu verbergen. Denn er wurde milder und sagte: �Versuche auch uns zu verstehen, R�mer! Es liegt mir fern, dich b�ser Absichten zu zeihen, weil ich �berhaupt die Dinge lieber gut auslege. Vielleicht bist du kein Hexenmeister; vielleicht hat nur ein m�chtiger D�mon Gewalt �ber dich gewonnen und zwingt dich, den Namen unseres gekreuzigten Herrn zu mi�brauchen, obwohl du weder ihn noch das Geheimnis seines Reiches kennst. Aber ich mu� dich streng verwarnen. Uns allein, seinen Auserw�hlten, hat er Befugnis und Kraft verliehen, in seinem Namen Kranke zu heilen und b�se Geister auszutreiben. Wir haben, ich mu� es gestehen, die uns auferlegte Bew�hrungsprobe nicht bestanden, und wegen unseres Kleinmuts ist die Kraft von uns gewichen; aber sie wird bestimmt zu gegebener Zeit wiederkommen. Bis dahin k�nnen wir nichts tun als wachen und beten und sein Reich erwarten.�</p><p>Mit mi�billigendem Blick hob er die Hand gegen mich, so da� ich seine Kraft, die er eben verneint hatte, deutlich sp�rte. Er sa� in einiger Entfernung von mir und ber�hrte mich keineswegs; und doch war es, als h�tte er mir einen heftigen Schlag versetzt.</p><p>�Ich befehle dir und deinem Irrglauben, von uns zu weichen!� rief er. �Und ich berufe mich dabei am besten auf die Mahnung unseres Herrn: �Gebt das Heilige nicht den Hunden!� Er ist nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern zu erf�llen. Er hat uns verboten, auf einen Seitenpfad zu Heiden abzubiegen oder eine Samariterstadt zu betreten. Wie d�rften wir also seinen Weg und seine Wahrheit dir, einem R�mer, offenbaren?�</p><p>Obwohl er in der derben Art der Juden mich, den r�mischen B�rger, mit einem Hunde verglichen hatte, kr�nkten seine Worte mich nicht. So tief war meine Niedergeschlagenheit, da� ich blo� sagte: �Ich habe mir Jesu Lehre ganz anders vorgestellt. Aber ich mu� dir, dem von ihm berufenen Sendboten, glauben. In deinen Augen bin ich also anscheinend nicht mehr als ein Hund. Aber auch Hunde duldet man im Hause ihres Herrn; sie h�ren seine Stimme und gehorchen ihm. Eure heiligen Schriften sind mir nicht so v�llig unbekannt, wie du meinst. La� mich den Ausspruch eines K�nigs von Israel anf�hren, wonach ein lebender Hund besser daran ist als ein toter L�we. G�nnst du mir nicht einmal den Platz eines lebenden Hundes vor dem Tore des Reiches?�</p><p>Adenabar, der bisher schweigend dagesessen hatte, traute seinen Ohren nicht; mit gekr�mmten Fingern hob er abwehrend die H�nde, sprang auf und rief: �Bist du wirklich so verr�ckt, als r�mischer B�rger um eine Hundeh�tte beim Judenk�nig zu betteln? Sichtlich bist du derjenige, der behext und dem der Kopf v�llig verdreht wurde. Offenbar ist das Geheimnis des Auferstandenen furchtbarer, als ich dachte.�</p><p>Zach�us schmiegte sich noch enger an den Sendboten. Aber Adenabar unterfing sich nicht, die beiden zu ber�hren. Im Gegenteil, sobald er sich etwas beruhigt hatte, streckte er bittend die Arme empor und sagte zu Matth�us: �Ich bin Soldat und habe mich nicht vors�tzlich gegen deinen K�nig vergangen, als ich, einem Befehle gehorchend, bei der Kreuzigung Wache hielt. Aber wenn du mich mit deinem K�nig vers�hnen willst, so wasche ich mir zur Ents�hnung gerne nach j�discher Vorschrift die H�nde oder verbrenne meine alten Kleider oder kratze aus allen Wandritzen etwa hineingeratene Sauerteigreste oder unterziehe mich irgendeiner anderen von dir angeordneten Form der Reinigung. Ich will keinen Streit mit deinem Herrn und wehre seinem Reiche nicht. Ich w�nsche nichts, als in Frieden meines Weges gehen zu k�nnen.�</p><p>Offenbar nahm Matth�us mit Erleichterung zur Kenntnis, da� er und die �brigen J�nger von den R�mern�� zumindest, soweit Adenabar in Betracht kam�� nichts zu f�rchten hatten. Darum sagte er: �Man hat mir berichtet, da� der Herr am Kreuze euch R�mern vergeben hat, weil ihr nicht wu�tet, was ihr tatet. Ich habe diese Worte nicht selbst geh�rt, aber meinetwegen magst du in Frieden gehen.�</p><p>Adenabar rief sehr bewegt: �Gewi�, gewi�. Sicherlich wu�te ich nicht, was ich tat; aber auch sonst h�tte ich als Soldat nur meinen Befehl ausf�hren k�nnen. Darum geben deine Worte mir Trost, und ich vertraue jetzt darauf, da� auch dein Herr mir nichts nachtr�gt.�</p><p>Nun wandte Matth�us sich wieder zu mir, rieb sich die Augen und sagte m�de: �Was ich von dir denken soll, wei� ich nicht. Deine Demut spricht f�r dich, und du redest nicht wie ein Besessener.�</p><p>Dann jedoch hob er mit heftiger Geste die Hand und f�gte, wie mit sich selbst uneins, hinzu: �Als Bruder kann ich dich aber keinesfalls betrachten, da du Heide und R�mer bist und unreine Speisen verzehrst. W�rest du wenigstens ein Proselyt! Diese Quasten an deinem Mantel allein machen noch nicht ein Kind Israels aus dir.�</p><p>Auch Zach�us schlug sich an die hagere Brust und erkl�rte: �Nein, er geh�rt nicht einmal zu den verlorenen Schafen Israels�� wie ich seinerzeit, als der Herr mich sogar einen Sohn Abrahams nannte. Er ist ja unbeschnitten; wie k�nnte er sich dereinst an Abrahams Seite zu Tische setzen?�</p><p>Ich erinnerte ihn: �Gestern noch klangen deine Worte ganz anders. Du hast mir sogar den Arm um den Nacken gelegt und mir den Bruderku� gegeben.� Aber schon w�hrend ich das sagte, sp�rte ich deutlich, wie sehr diese beiden Juden auf ihren Bund mit dem Gott Israels pochten und alle Au�enstehenden ablehnten. Zach�us wurde in meinen Augen wieder h��lich.</p><p>Er entgegnete: �Ich war ersch�pft nach meiner Reise und noch ganz best�rzt �ber die Nachrichten aus Jerusalem. Au�erdem hast du versucht, mich mit diesem starken Wein betrunken zu machen. Ich wu�te nicht, was ich tat. Aber jetzt sehe ich klarer.�</p><p>Adenabar h�nselte mich: �Mir an deiner Stelle w�rde weniger zur Ern�chterung reichen. Zuerst haben sie dich auf die eine, dann auf die andere Backe geschlagen. Und je tiefer du den Kopf beugst, desto h�rtere Hiebe setzt es. Mach jetzt Schlu� mit diesem Unsinn und nimm endlich zur Kenntnis, da� ihr K�nig nicht deinetwegen auferstanden ist!�</p><p>Ich hatte zwar selbst auch schon alle Hoffnung aufgegeben, erwiderte jedoch eigensinnig: �Mein Kopf geh�rt mir, und ich kann mit ihm tun, was mir beliebt. Mir ihn abzuschlagen hat niemand au�er C�sar das Recht. Geh jetzt in Frieden, Adenabar! Angst um mich brauchst du ja keine mehr zu haben.�</p><p>Widerstrebend meinte der Zenturio: �Ich m�chte dich nicht schutzlos mit diesen beiden M�nnern lassen.�</p><p>Zach�us nahm den Sendboten Jesu an der Hand und rief: �Nein, nein! Wir gehen schon selber. Bleibt sch�n unter euch, R�mer! Eure Wege sind nicht die unseren.�</p><p>Aber ich wollte sie nicht ziehen lassen. Ohne Adenabars Mahnung zu beachten, begleitete ich ihn hinaus, kam dann zur�ck und dem�tigte mich so weit, da� ich vor dem unerbittlichen Z�llner auf die Knie fiel und flehte: �Erbarme dich meiner, du von Jesus Berufener und Erw�hlter! Was ist an der neuen Lehre so Au�ergew�hnliches, wenn sie Freundschaft nur innerhalb des eigenen Volkes zul��t? Diese Art von Gemeinsinn kennen auch wir R�mer. Ich dachte, Jesu Gebot w�re die Menschenliebe. Aber dein Herz mu� von Stein sein, wenn du mich so zur�ckweisen kannst. Der Reiche wirft vom �berflu� seiner Tafel Brosamen dem Bettler hin, auch wenn er ihn verachtet. Deshalb belehre mich!�</p><p>Adenabars Weggang hatte Matth�us beruhigt; er setzte sich wieder. Und pl�tzlich lie� er alle Zur�ckhaltung fallen; er barg das Gesicht in den H�nden, unverkennbar von noch gr��erer Qual erf�llt als ich. Seine Stimme klang ganz ver�ndert, als er sagte: �Versuche mich zu verstehen und wirf mir nicht Gef�hllosigkeit vor! Diese Bezichtigung r�hrt mir ans Herz, und mein Herz ist schon gebrochen. Wir sind wie Schafe, die ein Rudel W�lfe auseinandergejagt hat. Zwar k�nnen wir vor drohender Gefahr beieinander Zuflucht suchen; aber seit unser Herr von uns gegangen ist, haben wir alle innerlich den Weg verloren. Ach, R�mer, warum setzt du mir so zu? Wir wissen uns keinen; anderen Rat, als standhaft zu verteidigen, was uns verblieben ist. Sogar unter uns streiten wir und kr�nken einander; Petrus sagt eines, und Johannes etwas anderes. Noch verm�gen wir nicht einmal alle seine Auferstehung zu glauben und zu erfassen. Du dr�ngst dich, in einen Schafpelz geh�llt, in unsere Mitte; aber woher wissen wir, ob du nicht inwendig ein Wolf bist? Von Dornenstr�uchern kann man keine Trauben lesen. Wie sollen wir von einem R�mer etwas Gutes erwarten?�</p><p>H�nderingend sch�ttete er mir sein Herz aus: �Er hie� uns unsere Feinde lieben und f�r die beten, die uns verfolgen. Aber welcher Mensch bringt das zuwege? Und er hat auch gesagt: �Wenn dein Auge dir �rgernis bereitet, so rei� es aus und wirf es von dir! Wenn deine Hand oder dein Fu� dir �rgernis bereiten, so haue sie ab und wirf sie von dir!� Solange er bei uns war, glaubten wir ihm; aber mit seinem Hingang hat alle Kraft uns verlassen, und wir finden nicht mehr unseren Weg. Wie k�nnen wir an einem fremden Menschen echtes und geheucheltes Verst�ndnis unterscheiden, wenn wir selbst uns noch nicht zum wahren Verstehen durchgerungen haben?�</p><p>�Aber�, wandte ich verzweifelt ein, �Jesus mu� euch doch sicherlich gelehrt haben, in der rechten Weise zu beten; er mu� einen Bund mit euch geschlossen und euch ein Geheimnis offenbart haben, durch das ihr mit ihm Verbindung finden k�nnt! Er war doch mehr als blo� ein Mensch.�</p><p>Zach�us stie� den Sendboten warnend an und fl�sterte: �Siehst du! Da schn�ffelt er schon deinen Geheimnissen nach�� Dingen, die sogar mir unbekannt sind! Er ist ein Schlaukopf, trotz seiner biederen Miene. Mich hat er betrunken gemacht, um mir herauszulocken, was der Messias mir als mein Gast anvertraut hat.�</p><p>Aber Matth�us wurde nicht zornig. Er schien sich im Gegenteil beruhigt zu haben und meine Worte zu �berdenken. Nach einer Weile entgegnete er: �Du hast recht, Fremdling. Er hat uns tats�chlich das richtige Gebet gelehrt und einen Bund mit uns geschlossen. Aber was er uns allein mitteilte, kann ich dir nicht weitergeben.�</p><p>Es war, als h�tte er sich nun mit mir ausges�hnt, und G�te erf�llte jetzt sein ganzes Wesen. Kindlich l�chelnd legte er die Handfl�chen aneinander und sagte: �Er wu�te genau, warum er gerade uns berief. An jedem von uns hatte er zweifellos etwas entdeckt, was er f�r den Aufbau seines Reiches brauchte, obwohl wir das seinerzeit nicht verstanden. Weshalb er allerdings auch Judas Ischariot berief und ihm die Verwaltung der gemeinsamen Kasse anvertraute, das begreife ich gar nicht; aber sicherlich hatte er dazu seine besonderen Gr�nde.�</p><p>Er pre�te die Handfl�chen noch fester aneinander, starrte wie ein Kind vor sich hin und erkl�rte: �Als Zollbeamter kann ich lesen und schreiben�� auch griechisch��, schwierige Rechnungen durchf�hren und mit verschiedenen Ma�en und Gewichten umgehen. So ermesse und erw�ge ich im Geiste auch immer wieder zwangsl�ufig sehr sorgsam alle seine Worte und Werke. Da mir daf�r kein neues Ma� zur Verf�gung steht, mu� ich das alte ben�tzen: Moses und die Propheten und die heiligen Schriften. Und mit diesem Ma�e kann kein Heide gemessen werden. Nein, das geht nicht, auch wenn ich mich noch so sehr darum m�he. Dennoch wird mir bei dieser Entscheidung schwer ums Herz, weil gerade jene pers�nlichen Eigenschaften, um derentwillen der Herr mich wohl erw�hlt hat, mich einen seiner Ausspr�che ganz besonders ernst nehmen lassen: �Mit dem Ma�e, mit dem ihr me�t, wird auch euch gemessen werden.� Ich ahne, da� er uns ein v�llig neues Ma� gegeben hat; aber noch wei� ich nicht, welches. So mu� ich stets wieder auf die alten, mir von Kind auf vertrauten Ma�e zur�ckgreifen.�</p><p>Seine Worte machten mir tiefen Eindruck, und ich mu�te an meinen verehrten Lehrer in Rhodos denken, der mir gesagt hatte, der Mensch sei das Ma� aller Dinge. Deshalb waren bisher menschliche Unzul�nglichkeit, Zweifelsucht und Fehlerhaftigkeit meine einzigen Ma�st�be f�r die Ereignisse meines Lebens und die Geschehnisse in der Welt gewesen. Diese Lehre hatte mich f�r fremde Schw�chen ebenso nachsichtig gemacht wie f�r die eigenen, und ich konnte innerlich mit niemandem allzu strenge ins Gericht gehen. Ich begn�gte mich damit, einen Mittelweg, einen Weg des Ausgleichs, zu suchen, weil ich es ebenso anstrengend fand, den �berharten Anforderungen stoischer Tugendhaftigkeit gerecht zu werden, wie ein Dasein z�gelloser Lust zu f�hren.</p><p>Aber wie im Lichte eines Blitzstrahls leuchtete mir nun pl�tzlich ein, was Matth�us gesagt hatte, und ich sp�rte, da� Jesus von Nazareth wirklich der Welt neue Ma�st�be geschenkt hatte. Als Mensch und als Gottes Sohn zugleich war er �ber die Erde geschritten und hatte das Grab verlassen, um seinen g�ttlichen Ursprung zu bezeugen. H�tte nur der Mensch in Jesus ein neues Ma� der Dinge gebracht, so w�re es eines der vielen menschlichen Ma�e geworden, dem Meinungsstreit und der Nachpr�fung unterworfen; aber da es vom Sohne Gottes stammt, kann der Verstand es weder fassen noch in Frage stellen. Es ist das einzige wahre Ma�, das allein demjenigen, der es sich zu eigen macht, Heil zu bringen vermag.</p><p>Welche Art von Ma� aber ist es? Wie sollte ich das wissen, wenn selbst Jesu eigene Sendboten es bisher nur dunkel ahnen k�nnen? Gilt es vielleicht nur f�r die Juden, die sich als auserw�hltes Volk Gottes betrachten und deshalb von allen anderen V�lkern Abstand halten? Aber gerade sie waren es doch, die ihren K�nig von sich gesto�en hatten.</p><p>Es war, als h�tte Matth�us meine Gedanken gelesen. Denn er sagte: �Wir selber tappen im dunkeln, zwischen Altem und Neuem, und verstehen sein Reich noch nicht. Wir meinten, er h�tte uns Zw�lfe ausgesucht als Herrscher �ber die zw�lf St�mme Israels. Nach den Weissagungen soll ja Israel durch den Messias alle V�lker der Erde beherrschen. Wir k�nnen doch nicht die Propheten und alle heiligen B�cher verwerfen. Hier liegt ein unfa�bar schrecklicher Widerspruch. Als Jesus den Tempel reinigte, nannte er ihn selbst seines Vaters Haus. Wie k�nnten wir einen Bund verleugnen, den Gott mit Abraham und Moses geschlossen hat? Ganz Israel w�rde gespalten werden. Darum d�rfen wir seinen Weg Ausl�ndern und Heiden nicht �ffnen. Ebensogut k�nnten wir Unreines essen. La� also ab von mir, Versucher!�</p><p>Zach�us stie� ins gleiche Horn: �Ich habe seinerzeit den R�mern gedient und sie kennengelernt. Deshalb empfand ich es als Wohltat, von ihnen loszukommen. Es war herrlich, nach meinen Irrfahrten heimzukehren in Abrahams Scho�. Qu�le uns nicht l�nger! Wir leiden auch so schon genug.�</p><p>Angesichts der Selbstgef�lligkeit dieses Zwerges fand ich meinen eigenen Stolz wieder und sagte: �Nun, wie es euch beliebt! Ich habe euch angewinselt gleich einem Hund. Aber ihr seid beide von j�discher Eigensucht angekr�nkelt. Dir wollt, was ihr habt, mit niemandem teilen. Dabei erfa�t ihr selber nicht einmal noch den Sinn des Geschehens. Auch mir ergeht es nicht anders. Aber wenigstens eines ist mir klar: Wenn Gott als Mensch auf Erden geboren wird, als Mensch leidet und stirbt, schlie�lich aber von den Toten aufersteht, so geht das jedes Menschenwesen auf der ganzen Welt an und nicht blo� euch Juden. Darum will ich mich auch weiterhin m�hen, sein R�tsel zu l�sen und ihn zu suchen�� wenn nicht mit euch, so ohne euch. Geht in Frieden!�</p><p>Matth�us erhob sich zum Weggehen, und Zach�us tat, mit einem feindseligen Blick auf mich, das gleiche. Der Sendbote aber z�rnte mir nicht; er rieb sich die Stirn und sagte: �Deine Gedankeng�nge widersprechen derart jeder Vernunft, da� ich ihnen nicht folgen kann. Wie sollte das zugehen? K�nnte der Gott Israels seine Macht derart �ber alle V�lker ausdehnen, da� niemand mehr dem Verderben anheimfiele? Nein, nein! Er selbst hat gesagt: �Viele sind berufen, aber wenige auserw�hlt.��</p><p>Er begann, sich heftig �ber Gesicht und Rumpf zu streichen, als wollte er Spinnweben wegwischen, und schrie: �Nein, nein! Das ist Lug und Trug! Er hat uns eingesch�rft, es w�rden keineswegs alle, die ihn als ihren Herrn anerkennen, in sein Reich eingehen. Ich entsinne mich sehr deutlich seiner Worte: �Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, in deinem Namen b�se Geister ausgetrieben und viele Taten der Macht in deinem Namen gewirkt? Alsdann werde ich ihnen erkl�ren: Ich habe euch niemals gekannt! Weichet von mir, ihr �belt�ter!� Diese Worte verurteilen auch dich, was immer du durch Mi�brauch seines Namens mit deinen Beschw�rungen auszurichten vermagst. Du wirst damit nur dir selber schaden�� nicht uns, die er kannte und kennt.�</p><p>Diese Drohung lie� mich vor Furcht erschauern; denn ich mu�te an jenen Vorfall mit dem Blinden an der Stra�e denken, als ich die Wirksamkeit des K�nigsnamens erprobt und der Stein in des Bettlers Hand sich in menschliche Nahrung verwandelt hatte. Aber ich wollte damit niemandem schaden. Darum vertraute ich darauf, da� Jesus von Nazareth mir mein Tun vergeben w�rde, auch wenn seine J�nger es unverzeihlich fanden. Indes wurde mir in diesem Augenblick klar, da� ich die Macht seiner Anrufung nicht in Anspruch nehmen durfte, weil ich ihm fremd war, w�hrend seine Auserw�hlten ihn kannten.</p><p>Darum sagte ich dem�tig: �Ich gestehe, da� ich nur wenig von ihm wei�. Ich habe kein Recht, mich seines Namens zu bedienen. Aber du hast mir viel Stoff zum Nachdenken geboten. Anscheinend ist Jesus von Nazareth nicht so g�tig und barmherzig, wie ich meinte, wenn er von mir verlangt, ich sollte mir, um ihm nachfolgen zu k�nnen, ein Auge aus dem Kopf rei�en oder eine Hand abschlagen. Hast du ihn da bestimmt richtig verstanden?�</p><p>Matth�us beantwortete meine Frage nicht, sondern sagte: �Ich glaube kaum, da� der Herr �berhaupt etwas von dir verlangt, nachdem du ja au�erhalb des Heilskreises stehst und zur Verdammnis bestimmt bist. Ich glaube nicht, da� du in sein Reich Aufnahme finden wirst, ohne dich vorher dem Gott und dem Gesetz Abrahams, Isaaks und Jakobs zu unterwerfen. Erst wenn du das getan hast, k�nntest du beginnen, seinen Weg zu suchen.�</p><p>Er raffte den Mantel um sich und zog ihn �ber den Kopf; dann verlie� er den Raum und stieg die finstere Treppe hinab; Zach�us folgte ihm, und keiner der beiden entbot mir den Friedensgru�.</p><p>Als sie gegangen waren, warf ich mich verzweifelt auf das Bett und w�nschte mir nichts als den Tod. Ich fa�te den Kopf in beide H�nde und fragte mich, was aus mir geworden sei und was mich in diese hoffnungslose Lage gebracht habe. Vielleicht, so dachte ich, t�te ich besser, diese gespenstische Stadt zu verlassen, in der ein statuenloser Gott herrscht und nichts so vor sich geht wie anderswo. Die Leute fliehen mich hier und schauen mich �ber die Achsel an, weil ich R�mer bin. Das unergr�ndliche Reich des Nazareners ist mir verschlossen. Wenn ich meine Sachen packe und in die r�mische Stadt C�sarea reise, kann ich in Theater und Zirkus Zerstreuung suchen, bei Wagenrennen Wetten abschlie�en und sonstige Vergn�gungen in H�lle und F�lle genie�en.</p><p>W�hrend ich so dachte, erblickte ich pl�tzlich vor mir ein deutliches Bild des Mannes, der ich dann nach Jahren werden w�rde. Ich sah mich von au�en: dickwanstig, mit aufgedunsenem Gesicht, mit Glatze und Zahnl�cken. Lallend wiederholte ich mit den gleichen Worten eine Geschichte, die ich schon tausendmal erz�hlt hatte; meine Tunika war von Wein und Brechsel beschmutzt; Fl�tenspieler und Tanzm�dchen m�hten sich vergebens, meine abgestumpften Sinne zur Wollust anzustacheln. Das w�rde meine Zukunft sein, wenn ich jetzt aufgab und wieder meinen sogenannten Mittelweg einschlagen wollte. Und dann? Die Flamme eines Scheiterhaufens, Asche und ein Schattendasein.</p><p>Ich begehrte gegen dieses Zukunftsbild nicht auf, obwohl es h��licher und absto�ender war, als meine Philosophie es mir vorgegaukelt hatte. Ich konnte mir vorstellen, da� ich mich in dieses Schicksal f�gen w�rde; aber es lockte mich keineswegs. Nun hatte sich mir ja ein anderer Weg er�ffnet; er hatte mich von Alexandria nach Joppe gef�hrt und dann zum Kreuzigungsh�gel vor den Mauern Jerusalems und weiter zu einem leeren Grab. Die Wahrheit, die mir dabei zuteil geworden war, konnte mir niemand rauben. Langsam fand ich die innere Gewi�heit wieder, da� nichts von meinen Erlebnissen Zufall gewesen war, da� ich vielmehr die ganze Zeit �ber auf meine eigene Art Zeugnis f�r etwas abzulegen half, was die Welt bisher nie geschaut hatte. Seit Jesu Auferstehung weilt sein Reich hier auf Erden. In meiner trostlosen Einsamkeit im Dunkel dieser Gespensterstadt hatte ich das Gef�hl, als w�re das Reich stets irgendwo in meiner n�chsten N�he�� nicht ferner von mir als eine Ber�hrung, ein Schritt, ein Erzittern. Unsagbar m�chtig wandelte mich die Versuchung an, mit lauter Stimme Jesus von Nazareth, den Sohn Gottes, zu rufen. Aber ich war ja aus seinem Reiche verwiesen worden und durfte nicht mehr wagen, seinen starken Namen zu beschw�ren.</p><p>Dennoch wurde mir pl�tzlich etwas klar, und diese neue Schau der Dinge �berraschte mich derart, da� ich mich verwundert im Bett aufsetzte. H�tten seine J�nger mich nicht zur�ckgewiesen, sondern in ihren Kreis aufgenommen und belehrt und auf jede Weise von seinen Wundern und seiner Auferstehung zu �berzeugen versucht, so w�re ich sicherlich, von Zweifeln geplagt, daran gegangen, sie im Netz meiner Fragen zu verstricken und in Widerspr�che zu verwickeln. Gerade ihre schroffe Ablehnung aber best�rkte nur meine �berzeugung von der Wirklichkeit des Reiches und von Jesu Auferstehung, so da� ich an diese beiden h�chst unglaublichen Wahrheiten nun fest glaube. Die J�nger haben so viel auf einmal erlebt, da� sie nicht alles verdauen k�nnen. Im Vergleich mit ihnen ist mir nur ein winziges Bruchst�ck an Erleben zugefallen; aber dieses Bruchst�ck ist mein, und ich glaube daran. Mein Leben und meine Philosophie sind so weit zur Reife gediehen, da� ich einen neuen Ma�stab �bernehmen kann. Der Mensch als Ma� aller Dinge befriedigt mich nicht mehr, und andererseits bindet mich keine Fessel j�dischen Gesetzes und Brauchtums an die Vergangenheit.</p><p>In diesem Augenblick flackerte die Flamme in meiner �llos gewordenen Lampe auf, wurde blau und erlosch; es roch brandig. Aber mir wurden Finsternis und Einsamkeit jetzt nicht�� wie es manchmal geschieht, wenn pl�tzlich eine Lampe ausgeht�� unheimlich. Um mich her war es dunkel; doch wenn ich die Augen schlo�, wurde es in mir licht�� eine Empfindung, die ich bisher nie gekannt hatte. Es war, als bes��e ich ein zweites, inneres Augenpaar. Dieses seelische Organ sah ein helles Leuchten, w�hrend sich den k�rperlichen Augen nur Dunkelheit bot. Mir fiel der G�rtner ein, dem ich begegnet war, und durch mein Sinnen klangen seine Worte: �Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.�</p><p>Dem�tig und bebend sprach ich laut, noch immer mit geschlossenen Augen: �Ich wage nicht zu sagen, da� ich dich kenne. Aber von ganzem Herzen begehre ich, dich zu erkennen, und w�nsche mir, da� auch du um mich wei�t und dich nicht von mir abwendest.�</p><p>Als ich das gesagt hatte, trat Friede in meine Seele und mit ihm die schlichte Gewi�heit, da� an mir alles so geschieht, wie es geschehen mu�, und da� ich ohne Geduld nichts gewinnen kann. Ich mu� mich bescheiden f�gen und warten. Die Zeit stand still; auch in der Welt hielt alles Kreisen inne und wartete.</p><p>Aus dieser Verz�ckung ri� mich eine Hand, die sich mir auf die Schulter legte. Ich fuhr auf und �ffnete die Augen. Noch immer sa� ich auf dem Bettrand, und der Mann, der mit einer brennenden Lampe eingetreten war und jetzt meine Schulter ber�hrte, war mein syrischer Hausherr.</p><p>Er stellte die Lampe hin, kauerte sich vor mir auf den Boden, sch�ttelte besorgt den Kopf, strich sich den Bart, zupfte an seinen Ohrringen und sagte: �Was fehlt dir? Bist du krank? Warum h�ltst du Selbstgespr�che im Finstern? Das ist ein schlimmes Anzeichen. Ich f�rchte, deine j�dischen G�ste haben dich behext, so da� du nicht mehr du selber bist.�</p><p>Diese �ngstlichen Worte versetzten mich in die Wirklichkeit und in das Zimmer zur�ck, worin ich sa�. Aber ich bedauerte nicht, da� Karanthes gekommen war. Ich lachte vielmehr, t�tschelte ihm den Kopf und erwiderte: �Nein. Ich bin keineswegs krank, sondern ges�nder als jemals. Ich habe n�mlich endlich erkannt, da� ein einfaches Leben besser ist als st�ndige Abwechslung. Mich verfolgen keine beklemmenden Gedanken mehr. Und meine j�dischen G�ste haben mich mir selber �berlassen und wollten nichts mehr mit mir zu tun haben. Du brauchst dich um mich nicht zu sorgen, ich bin von meinen Krankheiten geheilt.�</p><p>Angesichts meiner offenkundigen Wohlgelauntheit beruhigte sich Karanthes, klagte aber: �Der kleinere Jude hat meine T�rschwelle verl�stert, und seit dem Abgang der beiden liegt so viel Unruhe in der Luft, da� die Kinder im Schlaf aufschreien; und als ich selbst zu schlafen versuchte, war mir, als ginge ein Regen auf mich nieder. Deswegen wollte ich nach dir sehen und habe eine frische Lampe mitgebracht, damit dich nicht das Alleinsein und die Finsternis �ngstigen.�</p><p>Ich versicherte ihm, da� mir das Erl�schen der Lampe nichts ausgemacht habe, und f�gte hinzu: �Ich habe die Empfindung, da� ich mich �berhaupt vor der Dunkelheit nicht mehr f�rchten und auch in der Einsamkeit nie allein sein werde. Die Welt ist launisch und unberechenbar; ich gebe es auf, sie mit Vernunft ergr�nden zu wollen. In der Stunde meiner gr��ten Niedergeschlagenheit, als ich so ausgebrannt war wie diese �llose Lampe hier, ist pl�tzlich in mir Freude aufgebl�ht. Unerme�licher Jubel erf�llt mich, und ich w�rde dich gern am Bart zupfen, um meinen Frohsinn auf dich zu �bertragen.�</p><p>Aber Karanthes riet: �Bau dir ein Haus, pflanze B�ume, nimm ein Weib und zeuge Kinder! Dann wird deine Freude vollkommen sein. Erst dann wirst du sp�ren, da� du lebst.�</p><p>�Alles zu seiner Zeit!� erwiderte ich. �Ich glaube, so weit bin ich noch nicht, um deine Ratschl�ge zu befolgen.�</p><p>Ich wollte ihn nicht durch ein Gespr�ch �ber Jesus von Nazareth in Verlegenheit bringen. Ich sagte ihm, ich sei sehr hungrig, weil ich w�hrend des Schreibens keine Lust zum Essen gehabt h�tte. Das freute ihn mehr als alles andere, was ich ihm mitteilen konnte. Wir gingen hinunter, leise, weil seine Familie noch schlief. Er brachte Brot, Oliven und Salat, und wir a�en miteinander und tranken so viel Wein, da� Karanthes laut zu kichern anfing.</p></section><section><p/><empty-line/><p>8</p><p><emphasis>Marcus an Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Meine schlichte Freude hielt an. Sie entsprang wohl der Erleichterung dar�ber, da� ich nicht l�nger den Drang versp�rte, mich mit unfruchtbaren Gr�beleien abzuqu�len oder in wi�begierigem Neid zu verzehren, weil andere Menschen vieles erlebt hatten, was mir versagt blieb.</p><p>Als alles Berichtenswerte niedergeschrieben war, ging ich aus und wanderte durch die Gassen Jerusalems, sah den Kupferschmieden bei der Arbeit zu, und auch den Webern und T�pfern. Ich nahm einen Fremdenf�hrer, lie� mir den Hasmon�erpalast zeigen und stieg auf die T�rme des von Herodes erbauten Palastes, ja sogar auf einen ganz alten, nur mehr von Flederm�usen bewohnten Turm. Ich besuchte den Tempelvorhof und verbrachte einige Zeit auf dem Forum; dann verlie� ich die Stadt, um sie von den umliegenden H�geln aus zu betrachten, und kehrte wieder zur�ck. Hier in Jerusalem geht alles seinen gewohnten Gang, als w�re nichts geschehen. Ich glaube, schon nach einer Woche hatten die meisten Bewohner Jesus von Nazareth und seinen schrecklichen Tod vergessen und wollten nichts mehr von ihm h�ren.</p><p>Ich wurde dieser Judenstadt m�de, deren Br�uche mir fremd sind. Nicht einmal an dem so hochgepriesenen Tempel konnte ich noch etwas Bemerkenswertes entdecken. Eigentlich gleichen sich ja alle gro�en St�dte; nur in den Lebensgewohnheiten der Einwohner gibt es Unterschiede. Ebenso �hneln die ber�hmten Tempel einander, m�gen auch die Opfer und Kultformen jeweils verschieden sein. Eines der ihnen gemeinsamen Merkmale ist das Einsammeln von Geld in der einen oder anderen Art. Wenn die Juden im Tempelvorhof heilige Texte in kunstvoll ausgef�hrten K�stchen verkaufen, die man mit Riemen an Arm oder Stirn bindet, so erinnert mich das lebhaft an die Epheser, die den Pilgern und Touristen Amulette und kleine Artemisstatuen anbieten.</p><p>Als ich abends heimging, sah mein Hausherr Karanthes mich von weitem in der schon d�mmerigen Gasse und kam mir, als h�tte er auf mich gelauert, eilends entgegen. Pfiffig l�chelnd und h�ndereibend erz�hlte er mir: �Jemand hat nach dir gefragt und erwartet dich.�</p><p>Freudig �berrascht erkundigte ich mich: �Wer kann das sein? Ich habe keine Freunde in der Stadt. Warum tust du so geheimnisvoll?�</p><p>Mein Syrer konnte sich nicht mehr zur�ckhalten; er brach in Lachen aus und rief: �Oh, wie froh bin ich, da� du jetzt wieder in jeder Beziehung wohlauf bist und dich wie ein Mann auff�hrst! Es liegt mir fern, auf dein Tun und Treiben neugierig zu sein; aber ich habe sie gebeten, in deinem Zimmer zu bleiben, damit nicht b�se Zungen sich r�hren. Sie sitzt bescheiden auf dem Fu�boden, den Mantel um die Beine geh�llt. Nat�rlich h�ttest du dir etwas Sch�neres finden k�nnen, aber die Geschm�cker sind verschieden. Zumindest ist sie gut gewachsen und hat jedenfalls sch�ne Augen.�</p><p>Ich konnte mir nicht vorstellen, welche Frau auf mich warten sollte. Ich lief in mein Zimmer, erkannte aber die Besucherin nicht, obwohl sie bei meinem Kommen dem�tig das Gesicht enth�llte und mich wie einen Bekannten ansah. Erst der Klang ihrer Stimme�� ich hatte mit ihr seinerzeit nur im Dunkeln gesprochen�� brachte mir Gewi�heit, als sie sagte: �Es ist bestimmt nicht in Ordnung, da� ich mich dir so aufdr�nge; und ich m�chte deinen Ruf, wenn du in dieser Beziehung empfindlich bist, nicht gef�hrden. Eine Frau wie ich darf ja einen Mann, mit dem sie in der Nacht gesprochen hat, bei Tage nicht kennen. Aber ich habe dir etwas zu erz�hlen, wor�ber du sicher staunen wirst.�</p><p>Ich sagte: �Maria von Beeroth, ich erkenne dich. Aber ich wu�te nicht, da� dein Gesicht so sch�n ist und deine Augen so gl�nzen. Um meinen Ruf sorge dich nicht! Ich bin im Gegenteil froh, da� du gekommen bist. Allerdings begreife ich nicht, wie du mich ausfindig gemacht hast.�</p><p>�Sprich nicht von meinem Gesicht und meinen Augen!� bat sie. �Denn sie sind mein Fluch. Aber die Stadt ist kleiner, als du meinst. Viele Leute kennen dich schon und wissen von deiner hartn�ckigen Neugier in Dingen, die nicht deine Sache sind. Du hast also den Mann mit dem Wasserkrug getroffen; nur hat die Begegnung deine Erwartungen entt�uscht.�</p><p>Ich nahm an, sie sei erschienen, um eine Belohnung f�r ihren Rat zu fordern, und beeilte mich zu erkl�ren: �Ja, ja, gewi�. Und ich bin da in deiner Schuld.�</p><p>Sie sch�ttelte heftig den Kopf und erwiderte: �Nein, nein, du schuldest mir nichts. Umgekehrt bin ich dir verpflichtet, und deshalb kam ich uneingeladen her.�</p><p>Ich blickte sie an, ohne mir erkl�ren zu k�nnen, was sie von mir wollte. Nach ihrem Gesicht schien sie j�nger zu sein, als ich geglaubt hatte; es war ein rundes, h�bsches Judengesicht, dem man ihren Beruf ganz und gar nicht anmerkte.</p><p>An der T�r r�usperte Karanthes sich diskret hinter der vorgehaltenen Hand, um meine Aufmerksamkeit zu erregen; neugierig wie eine Elster, war er mir nat�rlich nachgegangen. �Das Abendessen ist fertig�, meldete er. �Aber selbstverst�ndlich kann das Essen warten, wenn du lieber zuerst deiner Freundin Gesellschaft leisten willst. Sage es nur, und ich bringe Wasser und reine Handt�cher. Sicherlich wirst du ja aufpassen, da� sie nicht deine Habseligkeiten durchst�bert und etwas in ihren Kleidern versteckt.�</p><p>Meine Besucherin wurde rot und blickte besch�mt zu Boden. Rasch stellte ich richtig: �Du irrst sehr, mein lieber Hausherr. Wir haben keineswegs solche Absichten, wie du sie vermutest. Deine Frau oder deine Tochter k�nnen ruhig das Essen bringen�� oder trage es selber auf, wenn du das lieber willst! Ich bin hungrig und werde zusammen mit meinem Gast essen.�</p><p>Maria von Beeroth hob entsetzt die H�nde und rief: �Nein, nein! Es ziemt sich nicht, da� ein Mann mit einer Frau speist, zumindest nicht mit einer Frau wie ich. Aber gestatte, da� ich dich beim Mahl bediene! Nachher esse ich gern, was du �brigl��t.�</p><p>Karanthes blickte sie wohlwollend an und lobte: �Ich sehe, du bist ein verst�ndiges, gut erzogenes M�dchen. Dieser R�mer ist noch nicht ganz mit den Landessitten vertraut. Meine Frau w�rde eher sterben wollen, als dir Essen zu reichen; und meiner unschuldigen, unerfahrenen Tochter kann ich einen so unschicklichen Anblick nicht zumuten. Ganz eine andere Sache aber ist es, wenn du mit gesenkten Augen hinuntergehst, das Essen holst, es wie eine Magd auftr�gst und die Reste verzehrst.�</p><p>Zu mir gewandt, erl�uterte er: �Du wei�t, ich bin ziemlich vorurteilsfrei; aber alles hat seine Grenzen. Wenn deine Freundin in einer S�nfte angekommen w�re, in feines Linnen oder goldbestickte Seide gekleidet, mit Juwelenschmuck um den Hals und den Duft wohlriechender Salben verspr�hend, dann h�tte ich es mir zur Ehre angerechnet, ihr mit eigenen H�nden das Essen zu reichen; allerdings h�tte ich dabei vor Besorgnis um dich geseufzt. Diese vern�nftige Kleine kennt ihre Stellung und wird dir nichts �bles antun.�</p><p>Er winkte ihr, ihm zu folgen, und bald kam sie mit meinem Essen wieder. Sie hatte nach M�gdeart ihr Oberkleid gesch�rzt, so da� die Beine bis zu den Knien entbl��t waren. Voll Eifer f�hrte sie mich auf das Dach, go� mir Wasser �ber die H�nde und trocknete sie mit einem reinen Handtuch. Als ich mich gesetzt hatte, hob sie von einer irdenen Sch�ssel den Deckel, legte einen Brotlaib vor mich hin und sagte: �I�, R�mer! Die Augen deiner Dienerin werden sich an jedem Bissen, den du zum Munde f�hrst, erfreuen. Ach, k�nnte ich wirklich deine Magd sein und dir immer dienen!�</p><p>Aber ihre Augen hefteten sich auf den Brotlaib, als ich ein St�ck davon abbrach, und so zog ich sie an meine Seite, hie� sie Platz nehmen, tauchte das Brot in die gew�rzte Tunke und schob es ihr in den Mund, so da� sie trotz ihres Str�ubens essen mu�te. Erst nach dreimaliger Weigerung tauchte sie selber ein St�ck Brot in die Sch�ssel und a�.</p><p>Als wir fertig waren, schmiegte sie den Kopf an meinen Arm, k��te mir die Hand und sagte: �Du bist so, wie man dich mir beschrieben hat und wie ich mir dich nach der n�chtlichen Begegnung am alten Tor vorstellte. Du behandelst eine Frau als gleichgestellt, w�hrend sie bei uns oft weniger gilt als ein Esel oder ein Zugtier. Wenn hier ein M�dchen geboren wird, zerrei�t der Vater seine Kleider, w�rdigt das Kind keines Blickes und spricht nicht ein einziges freundliches Wort zu seiner Frau.�</p><p>Sie starrte vor sich hin und fuhr fort: �Besonders auf dem Lande f�hrt die Frau ein j�mmerliches Dasein. Ein h�bsches M�dchen wird an irgendeinen alten Mann verheiratet, der mehr Felder und Weinberge hat als andere. Mich hat die eigene Eitelkeit ins Verderben gef�hrt, als ich mein Spiegelbild im Wasserkrug sah; in meiner Dummheit bin ich dem ersten Fremden, der mir bunte B�nder und Perlen schenkte und falsche Schw�re ins Ohr fl�sterte, hinaus auf die Felder gefolgt. Meine Geschichte ist so kurz und einfach, da� ich dir nichts weiter zu erz�hlen brauche, weil du das �brige wohl erraten kannst. In einem anderen Lande w�re es mir, solange ich noch jung war, nicht schlechter ergangen als sonst den Frauen im gleichen Falle. Hier bin ich ausgesto�en und verflucht, f�hle mich aber weiterhin als Tochter Israels, und meine S�nde nagt derart an mir, da� ich alles daf�r g�be, um wieder gel�utert zu werden. Doch der Gott Israels ist ein Gott der Vergeltung, und in seihen Augen ist eine unreine Frau gleich einem Hunde oder einem Leichnam.�</p><p>Ich tr�stete sie: �Maria von Beeroth, du bist sicherlich nicht s�ndiger als viele andere Frauen, die gezwungen sind, auf deine Art in dieser Welt zu leben.�</p><p>Sie blickte mich aus ihren dunklen Augen an, sch�ttelte leicht den Kopf und entgegnete: �Du verstehst nicht, was ich meine. Was n�tzt mir der Gedanke, da� viele noch s�ndiger sind als ich, wenn ich mich selbst kenne und eine qu�lende Angst gleich W�rmern an mir fri�t? Es hat jemanden gegeben, der mir h�tte helfen k�nnen. Er hat nicht einmal eine Ehebrecherin verdammt, sondern war barmherzig und hat sie vor der Steinigung gerettet. Er hat alle Kinder, auch die M�dchen, gesegnet, und an ihm war keine S�nde. Aber ich habe ihm nie zu nahen gewagt; ich sah ihn blo� von weitem. �brigens h�tten seine Gefolgsleute mich h�chstwahrscheinlich von ihm ferngehalten. Durch seine Kraft hat er viele geheilt, deren K�rper krank waren, und bestimmt h�tte er auch mir sein Mitleid nicht versagt; denn meine Seele ist krank, und ich sch�me mich meiner und meines Lebens.�</p><p>�Ich wei�, wen du meinst�, bemerkte ich.</p><p>Maria von Beeroth nickte. �Ja, ja. Aber die Frommen und Weisen und S�ndlosen haben ihn gekreuzigt. Dann ist er von den Toten auferstanden und hat sich seinen J�ngern gezeigt. Das klingt zwar unglaublich, doch ich habe es aus verl��licher Quelle geh�rt. Auch du, so sagte man mir, wei�t davon, obwohl du hier nur ein gemiedener Fremdling bist. Deshalb bin ich zu dir gekommen.�</p><p>Pl�tzlich brach sie in Tr�nen aus, warf sich vor mir nieder, umschlang meine Knie und rief: �Ich flehe dich an, nimm mich mit dir; wir wollen nach Galil�a gehen und ihn suchen! Alle, die nur konnten, haben heute die Stadt verlassen und wandern nordw�rts. Auch Frauen. Gestern nacht ist er seinen J�ngern wieder erschienen und hat ihnen verhei�en, er gehe ihnen nach Galil�a voraus,' dort w�rden sie ihn sehen. Vielleicht kann auch ich ihn dort finden, wenn du mich mitnehmen willst.�</p><p>Ich r�ttelte sie heftig an den Schultern, richtete sie auf, hie� sie wieder Platz nehmen und sagte eindringlich: �La� das Weinen und das wirre Gerede! Erz�hle mir deutlich, was du wei�t, damit wir uns gemeinsam dar�ber schl�ssig werden k�nnen, was wir tun sollen!�</p><p>Als Maria merkte, da� ich bereit war, sie anzuh�ren, wischte sie sich die Tr�nen aus den Augen und begann ihren Bericht:</p><p>�Du hast diese reiche Frau kennengelernt, die Taubenz�chterin, die ihm gefolgt ist. Sie versteht dich und wei�, da� du eifrig den neuen Weg suchst. Aber man hat ihr streng verboten, noch einmal mit dir zusammenzukommen, weil du kein Kind Israels bist. Sie hat mir geraten, dich aufzusuchen, weil sie mich nicht mit sich nehmen konnte, w�hrend du als R�mer ebenso verachtet und daher in der gleichen Lage bist wie ich. Sie sagte, der Lehrer wisse selbst am besten, wer seiner Stimme lauschen d�rfe. Am Abend waren die Elf im Obergemach versammelt, und Jesus kam, durch verschlossene T�ren, zu ihnen und stand in ihrer Mitte�� genau so wie am ersten Abend, nachdem er das Grab verlassen hatte; davon wei�t du ja schon. Er versicherte ihnen, er sei Fleisch und Blut und lie� Thomas seine Wundmale ber�hren. Darum glauben sie jetzt alle an seine Auferstehung. Sie haben den Frauen nicht alles erz�hlt, was er gesprochen hatte, machten sich aber sofort reisefertig. Schon fr�her hatte er ihnen ja sagen lassen, er w�rde ihnen nach Galil�a vorausgehen. Zu zweien und dreien verlie�en sie die Stadt, ohne von den Wachen gehindert zu werden. Auch die Frauen sind gegangen und andere Leute, die er geheilt hat. Simon von Kyrene hat sich ebenfalls auf den Weg gemacht. Sie alle sind �berzeugt, ihn in Galil�a wiedersehen zu k�nnen.�</p><p>Ich �berdachte ihren Bericht und fand ihn glaubw�rdig. Weshalb sollte denn Maria eine solche Geschichte erfinden? Es leuchtete mir auch ein, da� Maria Magdalena mir unver�ndert wohlgesinnt sein mochte, obzwar sie wegen der J�nger mich nicht zu treffen wagte.</p><p>�Aber warum gerade nach Galil�a?� fragte ich. �Und was soll sich dort ereignen?�</p><p>Maria von Beeroth sch�ttelte den Kopf und sagte: �Das wei� ich nicht. Wozu brauche ich es auch zu wissen? Gen�gt es nicht, da� er selbst seinen Sendboten aufgetragen hat hinzugehen? Sie hatten es so eilig, da� die ersten heute in aller Fr�he aufbrachen, sobald nur die Stadttore ge�ffnet wurden.�</p><p>Mit scheuer Geb�rde ber�hrte sie mein Knie und bat: �Mache dich auch reisefertig und la� mich als deine Dienerin mitkommen! Sonst duldet niemand meine Gesellschaft, und allein kann ich die Wanderung nach Galil�a nicht unternehmen. Zur Bezahlung von Gesinde fehlt mir das Geld, und ohne Begleitung w�rde ich Legion�ren und R�ubern in die H�nde fallen.�</p><p>Ich war geneigt, ihren Mitteilungen zu vertrauen; bestimmt hatte sie nicht die Absicht, mich zu t�uschen. Ihr eigener schw�rmerischer Eifer war der beste Beweis daf�r. Aber sie gab doch nur ein H�rensagen wieder, und in diesen wirren Tagen konnten von Mund zu Mund gehende Ger�chte entstellt werden und zu Mi�verst�ndnissen f�hren. Es schien mir deshalb geraten, mir die Kunde aus einer zweiten Quelle best�tigen zu lassen.</p><p>Ich legte Maria nahe, sich in Geduld zu fassen, und erkl�rte: �Wir k�nnen nicht jetzt am sp�ten Abend einfach losziehen. Und vor allem gedenke ich nicht, mich kopf�ber in ein solches Abenteuer zu st�rzen. Wir wollen die Sache �berschlafen. Wenn mir morgen dein Bericht von anderer Seite best�tigt wird, will ich die Reise entsprechend vorbereiten, den Weg und die Rastpl�tze bestimmen und uns derart ausr�sten, da� wir Galil�a so bequem und so rasch wie m�glich erreichen. Dort k�nnen wir uns dann umsehen und �berlegen, was wir weiter tun sollen.�</p><p>Aber Maria jammerte: �Ich habe ohnedies schon den ganzen Tag gewartet, und mein Herz ist so unruhig, da� ich in der Nacht kaum ein Auge schlie�en w�rde. Warum k�nnen wir nicht gleich, so wie wir sind, ohne Sack und Pack, aufbrechen und in den Behausungen der Stillen im Lande schlafen oder drau�en im Freien, jetzt, wo die N�chte nicht mehr so kalt sind? Da k�me die Reise auch viel billiger.�</p><p>Ich mu�te �ber ihre Einfalt laut lachen und sagte: �Glaube mir, im Reisen habe ich mehr Erfahrung als du. Manchmal erweist sich dabei die billigste Art zum Schlu� als die teuerste�� zum Beispiel, wenn jemand krank wird oder wenn man von Landstreichern �berfallen und verpr�gelt wird. �berlasse es mir, die Reise vorzubereiten! In Galil�a kannst dann umgekehrt du mir raten, wohin wir gehen sollen.�</p><p>Sie entgegnete: �Ich kenne nur Kapernaum am See Genezareth. Dort hat er gewohnt und gelehrt. Dorthin sollten wir uns wenden, wenn wir unterwegs nichts weiter von ihm h�ren.�</p><p>�Geh also in Frieden!� sagte ich. �Und komm morgen um die Mittagsstunde wieder!�</p><p>Aber Maria f�rchtete anscheinend, ich w�rde sie im Stich lassen; denn sie erwiderte rasch, sie w��te nicht, wohin sie gehen sollte, und bat mich, sie auf dem Dach vor meiner T�r oder in einer Ecke meines Zimmers schlafen zu lassen. Ich dachte, es k�nnte nicht schaden, mich gleich an ihre Gesellschaft zu gew�hnen, da ich ja mit ihr reisen und an den gleichen Orten n�chtigen w�rde. Sie st�rte mich �brigens in keiner Weise, sondern lag die ganze Nacht �ber still in ihrer Ecke auf einer Matte, in ihren Mantel geh�llt.</p><p>In der Fr�he, als die H�rner bliesen, sprach sie nach Judenart laut ihr Morgengebet. Sonst aber versuchte sie nach Kr�ften, sich ruhig zu verhalten und meine Morgenverrichtungen nicht zu behindern. Ich bat sie, im Zimmer zu bleiben, und ging zu meinem Hausherrn hinunter, der schon seinen Ladentisch vor der Eingangst�r aufstellte.</p><p>�Karanthes�, sagte ich, �es ist Zeit geworden, da� ich Jerusalem verlasse und meine Reise fortsetze. Meine Bekannte ist noch oben im Zimmer, und ich nehme sie mit. Ich habe nicht vergessen, was du mir gestern sagtest. Kaufe ihr also neue Gew�nder und kleide sie von Kopf bis Fu� ordentlich ein. Und beschaffe ihr auch entsprechenden Schmuck, damit niemand sie unterwegs verachtet oder als zu armselige Begleitung f�r mich ansieht! Aber vermeide �bertriebenen Prunk! Ich m�chte auch nicht, da� sie allzusehr auff�llt.�</p><p>Mein Syrer schlug vor Staunen die H�nde zusammen und rief: �Ich wei� nicht, ob du klug daran tust; das mu�t du selbst am besten beurteilen k�nnen. Solche M�dchen gibt es in jeder Stadt, und du w�rdest dir die Reisekosten f�r eine Begleiterin ersparen. Abgesehen davon aber handelst du jetzt vern�nftiger als mit deinen Einmischungen in die j�dische Politik, von der du nichts verstehst.� Er fragte mich gar nicht nach meinem Reiseziel, so besch�ftigt war er damit nachzudenken, wie er meinen Auftrag auf eine f�r beide Seiten vorteilhafte Art ausf�hren k�nnte.</p><p>Ich aber ging geradewegs zu meinem Bankier Aristainos, den ich schon auf den Beinen und eifrig mit Rechenbrett und Kreditbriefen hantierend fand. Er begr��te mich mit freudigen Ausrufen, musterte mich von oben bis unten und sagte: �Du scheinst meine Ratschl�ge gr�ndlicher befolgt zu haben, als ich gedacht h�tte. Dein Bart ist schon l�nger als der meine, und nach deinen Mantelquasten zu schlie�en, bist du zumindest ein Tor-Proselyt. Hast du herausbekommen, was dich interessiert hat, und bist du zufrieden?�</p><p>Ich gestand vorsichtig zu: �Ja, ich habe sogar mehr erfahren, als ich wissen wollte, und bin so befriedigt, da� ich meinen Aufenthalt in Jerusalem beenden kann. Man hat mir in den lebhaftesten Farben die Sch�nheiten Galil�as geschildert und viel von Herodes Antipas' neuer Stadt Tiberias am See Genezareth erz�hlt. Dort kann man, so hei�t es, an den hei�en Quellen seine Gesundheit wiederherstellen, man kann Theater und Zirkus besuchen und, ohne Ansto� zu erregen, ganz auf griechische Art leben.�</p><p>Aristainos setzte eine merkw�rdige Miene auf und vermied es, mich anzusehen. Darum f�gte ich rasch hinzu: �Im letzten Winter in Alexandria d�rfte ich mir wohl K�rper und Geist �beranstrengt haben. Ich m�chte gern B�der und Massage gebrauchen und griechische Dramen h�ren, um nach alledem, was ich gelernt und geh�rt habe, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.�</p><p>Aristainos bemerkte l�chelnd: �Offenbar bist du einem von Herodes' zungenfertigen Schleppern auf den Leim gegangen. Der F�rst hat viel Geld in die Erbauung von Tiberias gesteckt, das er zu einer m�glichst modernen und griechischen Stadt machen wollte; und jetzt hofft er, Reisende und Heilungsuchende w�rden sich verleiten lassen, in dieser Atmosph�re duldsamer Ungezwungenheit ihre Moneten mit vollen H�nden auszugeben. Willst du �ber Samaria reisen oder auf der Pilgerstra�e �stlich des Jordan?�</p><p>�Das alles wollte ich mit dir beraten�, erwiderte ich. �Ich m�chte etwas Geld mitnehmen und mir einen Kreditbrief auf einen deiner Gesch�ftsfreunde in Tiberias ausstellen lassen. Um dir die Wahrheit zu sagen�� ich habe ein nettes M�dchen als Reisebegleiterin gefunden. In Baiae habe ich die Erfahrung gemacht, da� ein junger Mann gut daran tut, alles, was er braucht, in einen Badeort mitzunehmen.�</p><p>Das L�cheln des Juden wurde nun sarkastisch. �Als Bankier habe ich nur deine Auftr�ge auszuf�hren�, meinte er. �In deine Privatangelegenheiten darf und will ich mich nicht mischen. Aber t�uscht mich mein Ged�chtnis, oder hast du wirklich schon genug geh�rt von den Lehren des gekreuzigten Nazareners?�</p><p>Ich brachte es nicht �ber mich, ihn anzul�gen. Als er fortfuhr, mich scharf zu mustern, erkl�rte ich, die Worte sorgf�ltig w�hlend: �Ich habe allerdings mancherlei und sehr merkw�rdige Dinge �ber ihn erfahren. Wenn ich Zeit finde, werde ich auch in Galil�a einige Erkundigungen in dieser Sache einziehen. Ich mu� sagen, da� durch seinen Tod in eure heilige Stadt eine gespenstige Stimmung eingezogen ist. Auch ich habe seit jenem Tage viel �ber den Mann nachgedacht.�</p><p>Aristainos �berlegte eine Zeitlang; dann warf er mir einen Seitenblick zu und bemerkte: �Dein pl�tzlicher Entschlu�, nach Galil�a zu reisen, �berrascht mich. Angeblich haben sich gestern viele Leute aus der Stadt dorthin auf den Weg gemacht. Unter dem einfachen Volk geht das Ger�cht um, es w�rden dort Wunder geschehen. Ich wei�, du bist zu aufgekl�rt, um hinter Fischern und Zimmerleuten herzuziehen; immerhin finde ich diese Gleichzeitigkeit auffallend.�</p><p>�Wir wollen aufrichtig miteinander reden�, f�gte er nach einer kleinen Weile hinzu. �Ich habe Grund zur Annahme, da� unser Hoher Rat diese Galil�er, die Gefolgsleute des Gekreuzigten, ebenso satt bekommen hat wie die von ihnen und den Frauen ihrer Umgebung ausgestreuten Ger�chte. Das niedere Volk glaubt jeden Unsinn. Ger�chte zu unterdr�cken ist schwer; noch schwerer aber ist es, jemanden blo� auf Grund von Ger�chten anzuklagen, weil jeder sagen w�rde, ohne Feuer gebe es keinen Rauch. Eine Kreuzigung gen�gt als warnendes Beispiel; die Mitl�ufer zu verfolgen, hie�e der ganzen Sache zu viel Gewicht beilegen. Es ist besser, wenn der Mann in Vergessenheit ger�t. Deshalb haben unsere Oberen, glaube ich, den Galil�ern auf Umwegen zu verstehen gegeben, sie w�rden nicht l�nger verfolgt werden, wenn sie den Staub dieser Stadt von den F��en sch�tteln. Man ist froh, sie derart nach Galil�a, das dem Herodes Antipas untersteht, abzuschieben. Er kann mit ihnen verfahren, wie er es f�r gut befindet; aber ich denke, sie werden zu Hause, unter ihren Landsleuten, wo jeder sie kennt, keinen Schaden anrichten. In der eigenen Heimat gilt ja der Prophet nichts. Ich setze dir das alles auseinander, damit du nicht einen falschen Eindruck von der Sache gewinnst oder dir Vorstellungen machst, die kein vern�nftiger Mensch auch nur in Worte zu kleiden wert f�nde.�</p><p>W�hrend ich dort in seinem pr�chtig ausgestatteten Zimmer sa�, von festen W�nden und verschlossenen T�ren umgeben, wirkten seine n�chtern-sachlichen Worte auf mich so, als w�rde auf Kohlenglut Sand gestreut, um sie zu ersticken.</p><p>�Wenn diese Dinge derart belanglos sind, wie du sagst, so hast du dich bemerkenswert genau �ber sie unterrichtet�, machte ich meinem Unmut Luft. �Auch ich will offen reden. Ich habe geh�rt, da� Jesus von den Toten auferstanden und seinen J�ngern erschienen ist und da� er verhei�en hat, ihnen nach Galil�a vorauszugehen.�</p><p>Aristainos zupfte an einer Naht seines Obergewands, als f�hlte er sich versucht, seine Kleider zu zerrei�en. Aber er gewann rasch seine Selbstbeherrschung wieder, schnitt eine Grimasse und sagte: �Es war eine bodenlose Leichtfertigkeit, diese durchtriebenen J�nger seinen Leichnam w�hrend des Erdbebens aus der Gruft stehlen zu lassen. Jetzt k�nnen sie den Leuten jedes M�rchen auftischen. Nat�rlich f�llt es ihnen nicht schwer, ihren heimlichen Anh�ngern eine solche Geschichte einzureden und damit ihre Flucht aus Jerusalem als frommes Beginnen hinzustellen. Ich k�nnte dich vielleicht begreifen, wenn du ein von den heiligen Schriften ber�ckter und vor lauter Messiaserwartung versauerter Jude w�rest. Aber du bist R�mer und Philosoph. Ein Toter steigt nicht aus dem Grabe. So etwas ist nie geschehen und wird auch nie geschehen.�</p><p>�Warum bist du dann so aufgeregt und au�er dir, du Meister der k�hlen �berlegung?� fragte ich. �Ich finde es ja verst�ndlich, da� du an deinem Haus, Geld und Gesch�ft h�ngst und dein �u�erstes zur Erhaltung des Bestehenden tun mu�t. Ich dagegen kann frei kommen und gehen und sogar Dinge ins Auge fassen, an die du nicht zu denken wagst. Ich verlasse jetzt die Stadt zu einer Badekur in Tiberias, und es soll dich nicht bek�mmern, ob ich vielleicht insgeheim hoffe, dabei etwas zu h�ren oder gar zu sehen, was bisher nie geschehen ist.�</p><p>Wenn ich seinen kurzen Bart, seine gepflegte Haut an Gesicht und H�nden und seine griechische Lockenfrisur betrachtete, erfa�te mich Abscheu vor ihm und seiner Ein-Stellung zur Welt. Ich mu�te an die Schwestern des Lazarus denken und an Maria Magdalena; selbst Maria von Beeroth schien durch ihre sehns�chtigen Hoffnungen meinem Herzen n�her zu stehen als dieser von Geld und Gut beherrschte Mann. Er hatte keine Hoffnung; darum redete er auch anderen so r�cksichtslos jede Hoffnung aus.</p><p>Er mu�te meine Gedanken erraten haben; denn pl�tzlich �nderte er seine Haltung, hob die H�nde und sagte: �Verzeih! Nat�rlich wei�t du selbst am besten, was du tust. Ich sehe, da� du im Herzen ein Dichter bist und deshalb dazu neigst, �ber Dinge nachzugr�beln, die ein Gesch�ftsmann aus seinen Gedankeng�ngen einfach verbannt. Und du wirst dich ja wohl nie von Schwindlern hereinlegen lassen oder an unhaltbare M�rchen glauben�� Wie willst du also reisen? Ich kann dir einen erfahrenen Karawanenf�hrer anbieten, mit Kamelen oder Eseln; ferner ein ausgezeichnetes Zelt mit voller Einrichtung, so da� du von Herbergen unabh�ngig bist und dir ihren Schmutz, ihr Ungeziefer und ihre zweifelhafte Gesellschaft ersparen kannst. Am vern�nftigsten w�re es, zwei syrische Legion�re zu deiner Bewachung anzustellen; dann brauchst du weder bei Tag noch bei Nacht etwas zu f�rchten. Das alles kostet nat�rlich Geld; aber du kannst es dir ja leisten.�</p><p>Ich hatte selbst an eine solche L�sung gedacht und mich deshalb an Aristainos gewandt. Ich verstand auch seine Beflissenheit; denn die Ausr�stung einer solchen Expedition mu�te ihm betr�chtlichen Gewinn abwerfen. Aber dann w�rde einer seiner Vertrauensleute jeden meiner Schritte, jedes meiner Worte �berwachen und ihm nachher alles berichten. Er wieder w�rde, zu seinem eigenen Vorteil, den Beh�rden jede von ihnen gew�nschte Auskunft weitergeben. Deshalb z�gerte ich unschl�ssig. �Eigentlich m�chte ich am liebsten auf eigene Faust reisen�, erkl�rte ich. �Ich bin kein einziges Mal dazugekommen, das hiesige Gymnasion zu besuchen, und hoffe, die Reisestrapazen werden die Schlaffheit aus meinen Gliedern vertreiben. Allerdings mu� ich auch darauf Bedacht nehmen, da� meine Begleiterin die einer Frau unentbehrlichen Bequemlichkeiten genie�t.�</p><p>�Ganz richtig!� stimmte er eifrig bei. �Schon kleine Unbilden k�nnen eine junge Frau reizbar und launisch machen. Auch w�rdest du bestimmt nicht gern ihre wei�e Haut von roten Bissen bedeckt sehen. Gestatte, da� ich f�r sie, w�hrend du dir die Sache �berlegst, ein kleines Geschenk hole.�</p><p>Er verlie� das Zimmer und kam mit einem sch�nen griechischen Handspiegel zur�ck, dessen R�ckseite mit einer kunstvoll eingeritzten Gruppe geschm�ckt war: ein Satyr, der eine sich str�ubende Nymphe umarmt. Es war ein sch�n polierter, wertvoller Spiegel, und ich wollte dem Bankier nicht durch Annahme dieses Geschenkes verpflichtet sein. Aber er dr�ckte es mir in die Hand und sagte: �Sei unbesorgt! Es ist kein Zauberspiegel. Er wird deiner Freundin nur dazu verhelfen, dir genehme Gedanken zu hegen, wenn sie zuerst auf ihr eigenes Abbild schaut und dann auf den br�nstigen Satyr. Angeblich gibt es ja Spiegel, die dem Hineinschauenden den Tod bringen. Als vern�nftiger Mensch kann ich das kaum glauben; doch Vorsicht erweist sich immer als klug. Deshalb hoffe ich vom Herzen, da� du auf deiner Reise nicht ungl�cklicherweise einen Blick in einen solchen Spiegel werfen wirst, in dem man Dinge sehen mag, die der Mensch nicht schauen sollte.�</p><p>Er gab mir keine Zeit, �ber den Sinn seiner Worte nachzudenken, sondern begann an seinen Fingern abzuz�hlen und mir auseinanderzusetzen, da� ich unter anderem eine Zofe f�r meine Begleiterin brauchen w�rde, und einen Koch, und einen Bedienten f�r mich, und einen Eseltreiber, und einen Zeltaufsteller. Schlie�lich sagte er: �Zw�lf Personen d�rften insgesamt gen�gen; und ein so bemessenes Gefolge wird kein Aufsehen erregen, weil es gerade zur Not deinem Rang entspricht.�</p><p>Ich sah vor meinem geistigen Auge einen Schwarm schwatzender, keifender, schreiender, singender Bedienter, den in Zucht zu halten mir ganz unm�glich sein w�rde. Der blo�e Gedanke daran nahm mich gegen den Plan ein, und ich sagte: �Ausgaben schrecken mich nicht; aber mein gr��ter Luxus ist die Einsamkeit. Mach einen besseren Vorschlag! Und deinen Spiegel nimm zur�ck! Die anst��ige Zeichnung ist vergn�glich; doch ich glaube kaum, da� sie mein Ansehen bei den Juden heben w�rde.�</p><p>Er nahm den Spiegel ohne Widerrede und erkl�rte: �Jetzt wei� ich, was wir tun. Da ist ein gewisser Nathan, der von Zeit zu Zeit in meine Dienste tritt. Einen einzigen Fehler hat er: da� er nichts redet; aber er ist ein durch und durch verl��licher Mann und kennt Jud�a, die Dekapolis, Samaria und Galil�a gleich gut. Als ich den Spiegel holte, sah ich ihn im Hof sitzen. Das bedeutet, er sucht Arbeit. Augenblicklich habe ich nichts anderes f�r ihn, und ich m�chte nicht, da� er hier tagelang herumlungert; durch seine Schweigsamkeit geht er meinen Leuten auf die Nerven. Ich wei�, da� er Karawanen sogar bis Damaskus gef�hrt hat. Setze ihm auseinander, wohin und auf welchem Wege du reisen willst, und er wird alles bestens ordnen. Du kannst ihm ruhig deinen Geldbeutel anvertrauen, und er wird in den Herbergen deine Rechnungen begleichen. Er feilscht nicht stundenlang, zahlt aber auch nicht, was man verlangt, sondern einfach das, was er f�r angemessen h�lt. Nat�rlich bekommt er auf diese Art von den Wirten keine Provisionen; aber er begn�gt sich mit seiner Entlohnung.�</p><p>�Diesen Musterknaben w�rde ich gern sehen�, meinte ich, unsicher, ob es sich nicht blo� um eine Finte des Bankiers handelte. Aber er lachte �ber meine Zweifel, f�hrte mich in den Hof und zeigte mir Nathan. Es war ein sonngebr�unter Mann, barfu�, mit kurzgeschorenem Haar, in einen schmutzigen wei�en Mantel geh�llt. Als er mir ins Gesicht blickte, kam mir vor, ich h�tte noch nie so schwerm�tige Augen gesehen; doch irgendwie fa�te ich sofort Vertrauen zu ihm.</p><p>Ich bat Aristainos, mein Vorhaben Nathan auseinanderzusetzen; aber er hob lachend die H�nde und ging in sein Zimmer zur�ck, wo er seinen Buchhalter beauftragte, mein Reisegeld in einen Beutel einzuz�hlen und mir einen auf seinen Gesch�ftsfreund in Tiberias lautenden Kreditbrief auszustellen. Es war, als wollte er mit der ganzen Sache pers�nlich nichts zu tun haben. Als ich jetzt Nathan nochmals anblickte, wurde mir klar, da� ich zumindest keinen Spion vor mir hatte.</p><p>Ich sagte: �Du bist Nathan, und ich bin Marcus, ein R�mer. Ich verreise mit einer Frau nach Tiberias und m�chte das in m�glichst schlichter, unauff�lliger Form tun. Ich zahle dir den Lohn, den du verlangst, und du wirst auf der Reise die Kasse f�hren.�</p><p>Er musterte mein Gesicht und dann meine F��e, als wollte er feststellen, ob ich f�r eine Wanderung tauge, erwiderte aber nur mit einem Kopfnicken. Ich glaubte jedoch in seiner Miene ein gewisses Erstaunen zu entdecken.</p><p>�Ich glaube, drei oder vier Esel werden uns gen�gen�, fuhr ich fort. �Meine Begleiterin und ich brauchen Schlafmatten und Kocht�pfe. Beschaffe also, was dir n�tig erscheint, und komm gegen Mittag zum Hause Karanthes', des Kr�mers, beim Hasmon�erpalast.�</p><p>Er nickte nochmals und lie� einen Zweig, von dem er auf einer Seite die Rinde abgesch�lt hatte, zu Boden fallen. Als er sah, da� der noch berindete Teil nach oben zu liegen kam, nickte er ein drittes Mal. Redselig war er wirklich nicht. Nach dem Verh�r bei Aristainos war ich froh dar�ber, da� dieser Mann mich nichts fragen w�rde. Ich ging in das Haus zur�ck, um mich von dem Bankier zu verabschieden, der mir eine Abrechnung �ber mein Guthaben einh�ndigte und mir durch den Buchhalter Geldbeutel und Kreditbrief �bergeben lie�.</p><p>�Gl�ckliche Reise!� w�nschte er mir. �Und sobald du zur�ckkommst, sehen wir uns hier in Jerusalem wieder.�</p><p>Ich kehrte in den Hof zur�ck und reichte Nathan meinen Geldbeutel. Er wog ihn in der Hand und befestigte ihn am G�rtel, �berlegte ein wenig, blickte nach der Sonne und ging dann einfach seines Weges. Die Art, wie wir handelseins geworden waren, widersprach ebenso wie Nathans sonstiges Verhalten so v�llig allem orientalischen Hang zum Feilschen, da� ich dem Mann lange verwundert nachblickte. Indes hatte ich keineswegs das Gef�hl, da� er mich hintergehen w�rde.</p><p>Nun machte ich mich innerhalb der Mauern nach der Oberstadt auf, in die Gegend, wohin ich in der Dunkelheit dem Mann mit dem Wasserkrug gefolgt war. In dem Gewirr von G��chen und Treppen stieg ich h�her und fand nach einigem Suchen das Tor in der alten Stadtmauer, durch das wir gegangen waren. So fest ich auch beschlossen hatte, die mir gegen�ber derart abweisenden Sendboten nie mehr zu behelligen, ich wollte mich doch nach M�glichkeit vergewissern, ob sie die Stadt verlassen h�tten.</p><p>Ich glaubte, das gro�e Haus, in dem ich gewesen war, zu erkennen. Das schwere Tor stand offen; aber im Hofe regte sich nichts. Pl�tzlich versp�rte ich eine unerkl�rliche Angst und wagte nicht einzutreten. Z�gernden Schrittes ging ich vorbei, kam zur�ck und ging wieder vorbei. Das Tor zu durchschreiten vermochte ich jedoch nicht; auch wenn ich es gewollt h�tte, w�re ich dazu au�erstande gewesen.</p><p>Nach langer Unschl�ssigkeit entfernte ich mich, voll �rger und Selbstvorw�rfen �ber meine Feigheit. Erstaunt bemerkte ich, wie verlassen dieses Viertel war; ich hatte nur ganz wenige Menschen erblickt. In der N�he der Stadtmauer vernahm ich eint�niges Klopfen. Ein Bettler sa� dort und schlug mit seinem Stock gegen einen Stein, um meine Aufmerksamkeit zu erregen; aber er war zu stolz, etwas von mir zu erbitten.</p><p>Ich habe die Erfahrung gemacht, da� man am kl�gsten tut, Bettlern keine Almosen zu geben, weil sie sonst hinter einem herhinken und man sie nicht mehr loswird. Aber dieser Bettler, dem die F��e fehlten, blickte mich blo� wortlos an und h�rte zu klopfen auf, als er sah, da� ich ihn bemerkt hatte. Ich f�hlte mich gezwungen, stehenzubleiben und eine M�nze vor ihm hinzuwerfen.</p><p>Er hob die Gabe ohne Dank auf und fragte: �Was suchst du, Fremder? Wenn ich, der Fu�lose, hier auf der Erde sitze, sehe ich viel und manches, wobei gesehen zu werden nicht allen recht w�re.�</p><p>�Dann gib mir ein Zeichen, wenn du kannst!� bat ich ihn.</p><p>�Reisevorbereitungen und schneller Aufbruch sind die einzigen Zeichen, von denen ich wei߫, erwiderte der Bettler. �Sogar Leute, die sonst bei Tage nicht gern ihre Gesichter zeigen, haben sich in Bewegung gesetzt. Soweit mir bekannt ist, handelt es sich um Fischer, und sie scheinen es eilig gehabt zu haben, zu ihren Netzen zur�ckzukehren. Ist dir dieses Zeichen von Nutzen?�</p><p>�Gewi�, und zwar mehr, als du glaubst�, antwortete ich und warf ihm vor Freude noch eine M�nze hin. Er las sie wie geistesabwesend auf und starrte mich an, als wollte er herausbekommen, wer ich sein mochte. Dann fragte er pl�tzlich: �Hast du nicht eines Abends einen Blinden gef�hrt und ihm beim Quelltor deinen Mantel geschenkt? Wenn ja, w�rde ich dir raten, ein Netz zu kaufen und den anderen zu folgen. Es k�nnte sein, da� dir ein gro�er Fischzug gelingt.�</p><p>Etwas schn�rte mir die Kehle zu, und mein Herz bebte. �Wer hat dich beauftragt, mir das zu bestellen?� brachte ich m�hsam hervor.</p><p>Aber der fu�lose Bettler sch�ttelte den Kopf und erkl�rte: �Niemand hat mich das gehei�en. Ich habe es einfach aus Verbitterung gesagt. Wenn ich noch meine F��e h�tte, w�re ich n�mlich heute auch nach Galil�a gewandert. Durch die Stra�en t�nt es wie ein Lied und wie ein Jubelruf: Nach Galil�a, nach Galil�a! Aber ich kann nicht mit.�</p><p>�Du redest nicht wie ein Bettler�, bemerkte ich.</p><p>�Ich war nicht immer einer�, entgegnete er stolz. �Ich kenne die heiligen Schriften, und w�hrend ich fu�los im Stra�enstaub sitze, f�llt es mir leichter, Dinge aufzufassen und zu glauben, die ein gesunder, unverkr�ppelter Mensch nicht begreifen kann. Wegen dieses Unfugs hat man mir schon �fter eins auf den Mund gegeben, und ich t�te besser, die Zunge zu h�ten. Aber als ich dich so sch�chtern um das Haus, das auch ich von weitem beobachtet habe, streichen sah, da konnte ich nicht schweigen.�</p><p>�Also�� auf nach Galil�a!� rief ich. �Du best�rkst meine Hoffnung.�</p><p>�Auf nach Galil�a!� wiederholte er eifrig. �Und wenn du ihn siehst, so bitte ihn, auch uns zu segnen, die Geringsten seiner Br�der, denen die Kl�glinge ins Gesicht schlagen.�</p><p>In Gedanken vertieft, kehrte ich in die Unterstadt zur�ck. Aber als ich mich dem Hause meines Syrers n�herte, wurden meine F��e ungeduldig. Ein wohliges, erwartungsvolles Fiebern w�rmte mir die Seele, und in mir hob ein T�nen an, wie ein Lied und ein Jubelruf: Nach Galil�a, nach Galil�a! Ich konnte an nichts anderes mehr denken.</p><p>Dennoch durfte ich jetzt nicht geradewegs in mein Zimmer hinaufgehen; ich mu�te mich vor dem Haus auf die T�rschwelle setzen und warten. Frau und Tochter meines Hausherrn waren n�mlich oben und halfen Maria beim Ankleiden. Karanthes erl�uterte: �Die Frauen sind alle gleich; sie konnten einfach der Versuchung nicht widerstehen und mu�ten sich die sch�nen Kleider und den preiswerten Schmuck genauer anschauen. Bei dieser Gelegenheit hat �brigens meine Frau die �berzeugung gewonnen, da� Maria von Beeroth keine verstockte S�nderin ist, sondern eher ein harmloses M�dchen, das du retten und ehrbar machen willst.�</p><p>Ich fand keine Zeit zu einer Erwiderung; denn Frau und Tochter riefen mich jetzt von oben her und forderten mich mit fr�hlichem Plappern auf, mir meine Braut zu besehen. Verwundert �ber ihre Sinnes�nderung gehorchte ich, und mein Staunen wuchs, als ich Maria erblickte. In ihren neuen Kleidern sah sie noch j�nger aus als gestern abend. Zur Zierde trug sie eine gestickte Binde um die Taille und ein Band um die Stirn, eine Halskette aus bunten Steinen, gro�e Ringe in den Ohren und sogar Fu�spangen. Mit vor Freude roten Wangen begr��te sie mich laut und sagte: �Warum staffierst du mich aus wie die Tochter eines reichen Mannes zu einem Fest? Ich bin gewaschen und gek�mmt und gesalbt und habe einen Gesichtsschleier f�r die Reise und einen Mantel zum Schutz meiner Kleider gegen den Staub.�</p><p>Sie probierte den Schleier, nahm den Mantel um und zeigte sich von allen Seiten, so da� ihr Schmuck klirrte. Ihr kindliches Entz�cken r�hrte mich; es war, als h�tte sie mit ihrem alten Gew�nde ihre �ble Vergangenheit mit abgestreift. Auch Karanthes kam sie besichtigen, als w�re sie das Werk seiner H�nde, und betastete jeden Stoff und jedes Schmuckst�ck. Er forderte mich auf, das gleiche zu tun, und nannte bei allem den Preis, als wollte er Maria durch die H�he meiner Ausgaben f�r ein M�dchen ihrer Art beeindrucken. Als Maria seine Aufz�hlung h�rte, verschattete sich ihre Miene, ihr Frohsinn schwand, und sie warf mir einen argw�hnischen Blick zu.</p><p>Ich dankte dem Syrer f�r seine M�he und richtete auch an Frau und Tochter einige h�fliche Worte, bis sie endlich alle drei begriffen, da� ihre Anwesenheit �berfl�ssig war, und sich, hinter den vorgehaltenen H�nden kichernd, zur�ckzogen. Als wir, Maria und ich, allein waren, starrte sie mich angstvoll an und wich wie schutzsuchend bis zur Wand zur�ck.</p><p>�Was f�r Absichten hast du mit mir?� fragte sie. �So etwas ist mir, seit ich aus meinem Heimatdorf in die Stadt durchgebrannt bin, nur ein einziges Mal passiert. Eine alte Frau hat mich von der Stra�e in ihr Haus mitgenommen und mir anstatt meines groben Linnens pr�chtige Gew�nder angelegt. Ich dachte, sie meinte es gut mit mir, bis ich entdeckte, in welche Art von Haus ich geraten war. Sie schlug mich, wenn ich ihren G�sten nicht nach deren Wunsch zu Willen sein konnte, und es hat drei Tage gedauert, bis es mir gelang davonzulaufen. Mir kam vor, du bist anders, und ich habe f�r dich gebetet, weil du lieb zu mir warst und mich in der letzten Nacht nicht, wie ich f�rchtete, bel�stigt hast. Aber jetzt traue ich dir nicht mehr. Wahrscheinlich war ich in meinem armseligen, ungepflegten Aufzug nicht sch�n genug f�r dich.�</p><p>Ich mu�te lachen und tr�stete sie: �Keine Angst! Mich verlangt es nach keinem irdischen Reiche; sonst k�nnte ich ebensogut mit dir hier in Jerusalem bleiben. Ich habe genug erlebt, um zu wissen, da� alle Lust dieser Erde nur eine gl�hend hei�e Grube ist, in der es nirgends einen Hauch von K�hle gibt, sondern blo�, je tiefer man hinuntersteigt, desto �rgere Hitze. Deshalb begehre ich nur mehr nach jenem anderen Reiche, das jetzt noch bei uns hienieden weilt. Und dieses Reich will ich in Galil�a suchen, mit dir zusammen.�</p><p>Aber meine freundlichen Worte verfehlten ihre Wirkung auf sie. Tr�nen schossen ihr in die dunklen Augen, sie stampfte mit dem Fu�e auf, packte Halskette und Stirnband, warf sie zu Boden und rief: �Jetzt verstehe ich, warum du dir nicht einmal die M�he genommen hast, den Schmuck selber f�r mich zu besorgen, sondern es anderen �berlie�est. Deine Gleichg�ltigkeit kr�nkt mich. Ich mag keinen Zierat tragen, den du nicht selbst f�r mich ausgesucht hast�� Und dabei habe ich nie so sch�ne Sachen gehabt!�</p><p>Es fiel ihr derart schwer, auf ihren Putz zu verzichten, da� sie immer heftiger weinte, mit beiden F��en aufstampfte und schluchzte: �Begreifst du denn nicht, da� die einfachste Halskette aus Obstkernen und Samenk�rnern, h�ttest nur du sie mir beschafft, mir wertvoller gewesen w�re als diese teuren Metallsachen?�</p><p>Nun wurde auch ich zornig. Ich stampfte meinerseits auf und befahl: �Jetzt aber augenblicklich Schlu� mit dieser Heulerei, Maria von Beeroth! Ich kann mir einfach nicht erkl�ren, warum du dich so ungeb�hrlich benimmst. Was werden die Leute unten von mir�� und von uns beiden�� denken, wenn sie dieses ganze Getrampel und Geheule h�ren? Eine flennende Frau ist h��lich wie die Nacht, und wenn du meine Gutherzigkeit auf so verletzende Art mi�deutest, so sehe ich keine M�glichkeit, dich nach Galil�a mitzunehmen.�</p><p>�ber diese Drohung erschrak Maria. Sie h�rte gleich zu weinen auf, trocknete sich die Augen, schlang mir die Arme um den Hals, k��te mich auf die Mundwinkel und bat sittsam: �Verzeih mir meine Einf�ltigkeit! Ich werde versuchen, mich zu bessern, wenn du mich nur mitnimmst.�</p><p>Ihre Liebkosung war die eines unfolgsamen, aber reuigen Kindes und bes�nftigte mich sofort. Ich streichelte ihr die Wange und sagte: �Dann nimm also deinen Putz, damit die Wachsoldaten unterwegs dich als meine Begleitdame achten! Sp�ter wird sich bestimmt eine Gelegenheit finden, dir getrocknete Beeren und Obstkerne zu einer Halskette aufzuf�deln, wenn dir das lieber ist. Aber wir sind doch keine Kinder mehr.�</p><p>Kinder waren wir ja wirklich keine mehr. Doch in diesem Augenblick erf�llte mich die Sehnsucht, im Herzen wieder ein Kind zu werden, nichts von Sinnenlust oder Bosheit zu wissen und mich jeden Tages, so wie er kam, harmlos freuen zu k�nnen. Ich wu�te nicht, was mich in Galil�a erwartete; vielleicht unternahm ich diese anstrengende Wanderung vergebens. Aber wenigstens die Reise selbst wollte ich genie�en; und auch meine Hoffnung, die blo�e Vorfreude, wollte ich voll auskosten.</p><p>Karanthes rief zu mir hinauf, die Esel st�nden bereit. Ich erkannte am Sonnenstand, da� es genau Mittag war. Neugierig eilte ich hinunter, und Maria folgte mir. In dem G��chen vor dem Hause sah ich vier kr�ftige Esel, zwei davon mit Schlafmatten auf dem R�cken. Der dritte trug zwei Packk�rbe, und auf dem vierten sa� eine �rmlich gekleidete Frau, die nicht einmal den Blick vom Nacken ihres Reittiers zu heben wagte. Nathan gr��te mich achtungsvoll, aber schweigend und zeigte blo� auf die Sonne, um anzudeuten, da� er zu der von mir festgesetzten Stunde erschienen war.</p><p>�Wer ist diese Frau? Ich w�nsche keine solche Person zur Begleitung�, erkl�rte ich aufgebracht. Aber Nathan erwiderte nichts und schaute weg, als ginge ihn die Sache nichts an. Karanthes trat herzu und sprach mit der Frau; dann wandte er sich, verlegen an seinem Barte zupfend, zu mir.</p><p>�Sie hei�t Susanna�, berichtete er. �Sie sagt, Nathan habe ihr versprochen, sie als Magd mitzunehmen. Sie will n�mlich nach Galil�a heimkehren, kann aber nicht so weit zu Fu� gehen. Deshalb sitzt sie schon auf ihrem Esel, und sie verlangt keinen Dienstlohn, wenn sie mitkommen darf. Soweit ich verstanden habe, ist sie zu Ostern hier krank geworden, und ihre Reisegesellschaft ist ohne sie heimgekehrt.�</p><p>Die Frau sa� weiter wie festgewachsen auf ihrem Esel und wagte nicht, mich anzusehen. Begreiflicherweise wurde ich zornig und rief: �Wir brauchen keine Magd. Wir bedienen uns gegenseitig. Ich kann nicht alle Kranken aus Jerusalem nach Galil�a mitnehmen.�</p><p>Nathan blickte mich forschend an, und als er merkte, da� es mir damit ernst war, zuckte er die Achseln, hob die Hand, l�ste meinen Geldbeutel vom G�rtel, warf ihn mir vor die F��e und entfernte sich, ohne sich um die Esel zu k�mmern, durch die Gasse. Die unbekannte Frau jammerte, blieb aber unentwegt sitzen.</p><p>Ich machte mir klar, da� meine Abreise, wenn ich jetzt einen anderen, vielleicht noch dazu unzuverl�ssigen, F�hrer aufnehmen m��te, weiter verz�gert werden w�rde. Die Wut stieg in mir auf, aber ich schluckte sie hinunter, rief Nathan zur�ck, hie� ihn den Geldbeutel wieder nehmen und rief erbittert: �Ich schicke mich ins Unvermeidliche. Tu nach Belieben, aber schau, da� wir weiterkommen, bevor sich noch mehr Gaffer ansammeln!�</p><p>Ich eilte ins Haus, rechnete mit Karanthes ab, gab ihm mehr, als er verlangte, und sagte: �Nimm die Sachen, die ich zur�ckgelassen habe, in Verwahrung! Ich komme nach Jerusalem zur�ck.�</p><p>Karanthes dankte mir �berschwenglich und best�tigte mit �berzeugtem Kopfnicken: �Ganz recht! Ich zweifle nicht daran, da� du sehr bald zur�ck sein wirst.�</p><p>Neugierige scharten sich um die Esel, w�hrend Nathan geschickt alles, was ich mitzunehmen w�nschte, in die Tragk�rbe verstaute. Die Zuschauer betasteten die Beine der Tiere und nahmen ihre Z�hne in Augenschein; und die Frauen bedauerten die kranke Susanna, die wie ein H�uflein Elend auf ihrer Reitdecke hockte und sich nicht traute, zu jemandem ein Wort zu reden. Auch Bettler kamen heran, streckten heischend die H�nde aus und w�nschten uns viel Gl�ck f�r die Reise; Nathan gab ihnen aus meinem Geldbeutel Almosen in der ihm angemessen erscheinenden H�he, damit sie uns nicht durch ihre Fl�che Unheil br�chten. So gab es in der Gasse des Kr�mers einen betr�chtlichen Auflauf, ehe Maria und ich endlich unsere Esel besteigen konnten und Nathan sich an die Spitze der Karawane stellte. Soweit es mich betraf, h�tte man mir ebensogut einen Sack �ber den Kopf st�lpen k�nnen; denn Nathan sagte kein Wort dar�ber, auf welchem Wege er uns nach Galil�a bringen und in welchen Herbergen er einkehren wollte.</p><p>Zuerst indes f�hrte er uns durch die Vorstadt zum Marktplatz, wo es nach Salzfisch stank, und dann durch das Fischtor aus der Stadt hinaus. Die W�chter kannten ihn, wollten jedoch die K�rbe auf dem Packtier durchsuchen; als ich aber rief, ich sei R�mer, lie�en sie uns sofort durch und blickten uns lange nach. Zu meiner �berraschung folgte Nathan jetzt der Stra�e, die l�ngs der Stadtmauer zur Antonia f�hrte und hielt die Esel vor dem Festungseingang an. Als Susanna beim Tor die Legion�re gewahrte, fing sie wieder an zu jammern an und barg ihr Gesicht am Nacken des Esels. Vergebens forderte ich Nathan auf weiterzuziehen; er winkte mir blo�, ich m�ge in die Festung gehen. Mir stieg schon der Verdacht auf, er sei stumm, da ich ihn bisher �berhaupt kein Wort hatte reden h�ren. Dann musterte ich sein kurzgeschnittenes Haar und fragte mich, ob er nicht vielleicht ein Schweigegel�bde abgelegt habe.</p><p>Widerstrebend durchschritt ich den Torbogen, und die Wachen hielten mich nicht an, so merkw�rdig ich auch mit meinem Bart und dem gestreiften Mantel aussehen mochte. Im gleichen Augenblick kam, wie gerufen, der Festungskommandant vom Turm herab.</p><p>Ich ging auf ihn zu, gr��te ihn mit erhobenem Arm und sagte: �Ich begebe mich nach Tiberias, zu einer Badekur. Mein Karawanenf�hrer war der Meinung, ich sollte mich von dir verabschieden und Ratschl�ge f�r meine Wanderung einholen. Ich reise ganz einfach, mit keiner anderen Begleitung als zwei Frauen.�</p><p>Er fragte: �Willst du durch Samaria ziehen oder im Jordantal?�</p><p>Ich sch�mte mich einzugestehen, da� ich es nicht wu�te, und erwiderte deshalb: �Ich m�chte mich da an deinen Rat halten.�</p><p>Der schwerm�tige, rheumageplagte Mann zupfte sich an der Oberlippe und erkl�rte: �Die Samariter sind boshafte Leute und spielen einfachen Wanderern manchen Schabernack. Der Jordan wieder f�hrt noch Hochwasser. Du k�nntest an den Furten Schwierigkeiten haben, und nachts h�rt man dort oft aus dem Dickicht die L�wen br�llen. Wenn du willst, gebe ich dir nat�rlich zwei Legion�re zur Bedeckung mit; du mu�t sie nur bezahlen und gelegentlich dem Prokurator gegen�ber meine Hilfsbereitschaft erw�hnen.�</p><p>Offensichtlich war er jedoch nicht begeistert dar�ber, seine Garnison auch nur kurzfristig um ein paar Mann zu vermindern. Daher antwortete ich: �Nein, nein. Ich reise in einem Lande, wo Rom f�r Ordnung sorgt, und habe nichts zu bef�rchten.�</p><p>�Dann gebe ich dir wenigstens ein Schwert mit�, sagte er erleichtert. �Als r�mischer B�rger darfst du mit einem Schwert reisen. Aber vorsichtshalber bekommst du noch eine schriftliche Erlaubnis, nachdem du so wunderlich gekleidet gehst und deinem Bart kein Schermesser angedeihen l��t.�</p><p>Ich ging also hinein, �bernahm vom Waffenmeister Schwert und Schultergeh�nge und gab dem Sekret�r f�r den Erlaubnisschein einen Geldbetrag, damit auch der Kommandant aus meiner Abreise in geziemendem Umfange Vorteil ziehe. Er begleite mich dann freundschaftlich durch den Hof zum Tor, konnte aber beim besten Willen ein L�cheln nicht verbei�en, als ich das Schwert �ber meinen Judenmantel g�rtete.</p><p>Nathan l�chelte nicht, sondern nickte befriedigt, w�hrend er die Esel zum Weitermarsch antrieb. Wir umwanderten nun den Tempelbezirk, querten das Kidrontal und schlugen die Stra�e ein, die sich am �lberg emporwindet und die ich bis Bethanien schon kannte. Als die Hauptstadt au�er Sicht war, stieg ich ab und ging zu Fu� weiter. In Bethanien lie� ich Nathan anhalten und begab mich zum Hause des Lazarus.</p><p>Nachdem ich ihn eine Zeitlang laut gerufen hatte, kam er aus seinem Garten und erwiderte meinen Gru�. Ich erkundigte mich nach seinen Schwestern und erfuhr, da� sie nach Galil�a aufgebrochen waren.</p><p>Ich fragte: �Warum bist du nicht mit ihnen gegangen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf und entgegnete: �Ich sah keinen Grund dazu.�</p><p>�Aber mir wurde gesagt, da� er, euer Herr, den anderen dorthin vorausgegangen ist und sie erwartet.�</p><p>Lazarus meinte abwehrend: �Was geht das mich an? Ich pflege meinen Garten und bleibe in der N�he meines Grabes.�</p><p>Er sprach mit ungelenker Zunge, seine Augen waren verd�stert, und er schien �ber irgendein R�tsel nachzugr�beln, das er niemand anderem darlegen konnte. Mich �berlief es eiskalt in seiner Gegenwart, und ich bedauerte, ihn aufgesucht zu haben.</p><p>�Friede sei mit dir!� verabschiedete ich mich.</p><p>�Friede!� �ffte er sp�ttisch nach. �Wenn du w��test, was f�r mich Friede bedeutet, w�rdest du mir ihn kaum w�nschen.�</p><p>Er fuhr sich mit seiner gelblichen Hand �ber die Stirn und f�gte hinzu: �Ich habe Kopfweh, und meine Gedanken zerflattern mir. Als ich dich meinen Namen rufen h�rte, bin ich erschrocken. Ich bekomme jetzt immer Angst, wenn jemand mich ruft. Ich m�chte dir ein Gleichnis sagen. Wenn wir, du und ich, beide nur so gro� wie Nadelspitzen w�ren und alles um uns herum w�re auch nadelspitzenklein oder noch kleiner, so w�rden wir uns gegenseitig dennoch weiter f�r ebenso gro� halten wie bisher, weil wir nur einander zum Vergleich h�tten. F�r mich aber ist die Welt und alles um mich so klein geworden wie eine Nadelspitze. Warum hat er sich bereit gefunden, geboren zu werden, zu sterben und wieder in diese Nadelspitzenwelt aufzuerstehen? Das vermag ich einfach nicht zu fassen.�</p><p>Ich konnte nur annehmen, da� w�hrend der Tage, da er tot im Grab gewesen war, sein Hirn irgendwie Schaden genommen hatte und er nicht mehr so zu denken vermochte wie andere Menschen. Ich wandte mich schweigend ab und kehrte zur Stra�e zur�ck. Nathan blickte mich pr�fend an, und in seiner Miene lag die gleiche Verwunderung, die ich schon einmal an ihm bemerkt hatte. Aber er sagte nichts. Wir setzten unseren Weg fort.</p><p>Die Stra�e f�hrte in einen Talboden und querte einen Wasserlauf. Wir wanderten am Fu� der Bergh�nge und hielten nur einmal an, um an einem Brunnen die Esel zu tr�nken. Nathans Schweigsamkeit steckte auch Maria an, so da� wir wenig sprachen. Aber die Redescheu des Mannes hatte nichts von m�rrischem Mi�mut; ich hatte volles Vertrauen zu seiner F�hrung. Auch gegen die kranke Frau hegte ich keinen Groll mehr; sie ritt als letzte und bem�hte sich, so wenig wie m�glich aufzufallen. Als die Schatten l�nger wurden, begann ich mich sogar ihretwegen zu sorgen und fragte mich, wie weit ihre Kr�fte reichen w�rden. Nathan trieb die Tiere ununterbrochen an; er ging mit langen, unerm�dlichen Schritten einher, als h�tte er es eiliger als wir selbst. Ich stellte fest, da� er Samaria meiden wollte und dem Weg der galil�ischen Pilger folgte, die f�r ihre Tempelreisen zu den gro�en j�dischen Festen �ber Jericho wanderten.</p><p>Erst als einzelne Sterne auftauchten, machten wir in einem kleinen Dorfe halt, und Nathan f�hrte die Esel in den umz�unten Hof einer bescheidenen Herberge. Hier mu�ten wir selbst f�r uns sorgen. Rasch und geschickt entlud Nathan die Tiere und trug unsere Schlafmatten in einen leeren, nach Dung riechenden, aber reinen Raum. Susanna beeilte sich, im Hof ein Feuer anzuz�nden und klapperte sehr vernehmlich mit den Kocht�pfen, um zu zeigen, da� sie sich n�tzlich zu machen und uns ein Essen zu bereiten gedachte.</p><p>Sie mischte Hammelfleischst�cke in die dicke Suppe, die sie an das Feuer gesetzt hatte, und lie� das Fleisch schmoren. Dann holte sie Wasser und bestand darauf, mir die F��e zu waschen. Sie wusch auch Marias F��e und behandelte die junge Frau in jeder Beziehung mit Ehrerbietung. Als das Essen fertig war, reichte sie zuerst mir und dann Maria davon. Ich f�hlte mich sehr wohl.</p><p>In herzlichem T�ne lud ich Nathan und Susanna ein: �Ich wei� nicht, ob ich gegen eure Gesetze versto�e; aber schlie�lich reisen wir miteinander und werden im selben Raum schlafen. Wenn ihr das gleiche essen wollt wie ich, so setzt euch und greift zu!�</p><p>Sie wuschen sich die H�nde und kauerten sich zum Essen auf den Boden hin. Nathan brach das Brot, segnete es auf j�dische Art und reichte mir ein St�ck; den Frauen schenkte er keine Beachtung. Er a� wenig, das Fleisch ber�hrte er �berhaupt nicht. W�hrend des Mahles starrte er in Gedanken versunken vor sich hin, und ich versuchte nicht, ihn ins Gespr�ch zu ziehen. Nachher sah er nochmals nach den Tieren, h�llte sich in seinen Mantel, bedeckte den Kopf und legte sich an der Schwelle schlafen, als wollte er damit andeuten, wir t�ten gut, seinem Beispiel zu folgen. Als aber Susanna fertiggegessen hatte, warf sie sich vor mir nieder und wollte mir die F��e k�ssen, zum Dank daf�r, da� ich sie unter meinen Schutz genommen hatte.</p><p>Ich sagte: �Danke nicht mir, sondern Nathan! Ich hoffe blo�, da� die Reise dich nicht zu sehr hernimmt; sonst wirst du gar von neuem krank.�</p><p>Sie widersprach: �Nein, nein! Wir galil�ischen Frauen sind z�he wie Leder. Meine Krankheit ist haupts�chlich Kummer; aber wenn ich heimkomme, an das Ufer des Galil�ischen Meeres, wird die Freude mich wieder ganz gesund machen.�</p><p>Am n�chsten Morgen weckte Nathan uns vor Sonnenaufgang und setzte uns so rasch in Bewegung, da� ich, vor Schl�frigkeit und K�lte zitternd und einen Bissen Brot kauend, schon auf meinem Esel sa�, als gerade die rote Sonne �ber den H�geln aufstieg. Sobald aber allm�hlich das Sonnenlicht heller und w�rmender wurde, erf�llte mich Freude. Die blauen H�hen, die Weinberge und die silbergrauen �lb�ume auf den H�ngen waren sch�n anzusehen. Ich glaube, wir alle empfanden den gleichen Frohsinn; denn pl�tzlich stimmte Nathan zu meinem gr��ten Erstaunen mit heiserer Stimme ein hebr�isches Lied an.</p><p>Ich warf Maria einen fragenden Blick zu; doch sie sch�ttelte nur den Kopf, zum Zeichen, da� sie die Liedworte nicht verstand. In dem auf- und absteigenden Singsang Nathans war etwas zugleich Jubelndes und Feierliches. Als er verstummte, stieg ich von meinem Esel und wartete, bis Susanna herankam. Auf meine Frage blickte sie mich vertrauensvoll an und erl�uterte: �Das ist ein Pilgerlied und besagt: �Der Herr ist dein H�ter; zu deiner Rechten steht der Herr, dein Besch�tzer. Bei Tage wird dir die Sonne nicht schaden, der Mond nicht bei Nacht. Der Herr wird dich vor jedem �bel bewahren; er wird deine Seele beh�ten. Der Herr wird beh�ten dein Gehen und Kommen, von nun an bis in die Ewigkeit.��</p><p>Ich verstand Susannas Mundart nicht recht, und sie begann daher die gleichen Worte in der Umgangssprache zu summen, den Oberk�rper hin und her wiegend. Und pl�tzlich brach sie zu meiner �berraschung in Tr�nen aus. Ich ber�hrte ' tr�stend ihre Schulter und sagte, etwas erschrocken: �Weine nicht, Susanna! Erz�hle mir, was dich bedr�ckt! Vielleicht kann ich dir helfen.�</p><p>Sie erwiderte: �Nein, nein. Ich weine nur vor Freude, weil ich aus tiefstem Leid und eigentlich aus den Klauen des Todes wieder an das Licht des Tages gekommen bin.�</p><p>Mir wurde unwillk�rlich etwas merkw�rdig zumute, weil ich offenbar gleich zwei Menschen, die nicht ganz richtig im Kopfe waren, zu Reisegef�hrten hatte. Aber ich mu�te l�cheln: schlie�lich war ich nach allen vern�nftigen Ma�st�ben selber ein verr�ckter R�mer, der ohne Rast und Ruhe einem auferstandenen Judenk�nig nachlief.</p><p>Gegen Mittag kamen wir ins Jordantal hinunter und erblickten vor uns weites, fruchtbares Ackerland und die grauen Mauern Jerichos. Die Luft wurde gl�hend hei�; doch immer wieder f�hrte ein Windhauch uns den milden, aber durchdringenden Duft der Palmenhaine zu, die Jerichos Reichtum sind.</p><p>Hier war der Fr�hling weiter fortgeschritten als in Jerusalem, und wir sahen schon Landleute den Weizen mit Sicheln schneiden. Nathan f�hrte uns nicht in die Stadt, sondern auf Viehsteigen l�ngs der Umfassungsmauern, und zu Mittag rasteten wir im Schatten dieser Mauern neben einer Quelle und lie�en die Esel grasen. Nathan entfernte sich ein St�ckchen, um zu beten, und hielt, als er zur�ckkam, noch die Arme gegen Jerusalem hin erhoben. Dadurch erinnerte sich auch Maria an ihre Gebetspflicht, und Susanna murmelte ebenfalls fromme Worte. Das schied diese Menschen von mir. Ich pflege ja nur dann zu beten, wenn das Herkommen es fordert, bei Opfern und an den G�tterfesten des Ortes, wo ich mich gerade aufhalte�� eine Form des Betens, die meinem Empfinden nach nichts fruchten kann. Ich passe mich einfach den Sitten und Gebr�uchen der verschiedenen L�nder an, um nicht aufzufallen. Jetzt erf�llte mich eine Art Neid, und am liebsten h�tte ich meine Gef�hrten ersucht, mich ihre Gebete zu lehren. Doch sie waren Juden und betrachteten ihr Volk als von Gott auserw�hlt; so bef�rchtete ich, Nathan und Susanna w�rden mir meine Bitte abschlagen. Marias Beten aber schien mir nicht viel mehr als kindliche Gewohnheit und konnte mir wohl keinen Nutzen bringen.</p><p>W�hrend unserer Rast a�en wir Brot, Zwiebeln und K�se. Maria und ich tranken sauren Wein, Nathan und Susanna aber nur Wasser. Als ich Nathan Wein anbot, zeigte er wortlos auf sein kurzgeschnittenes Haar, und ich begriff, da� irgendein Gel�bde ihn band. Doch er sah mich so treuherzig an, da� ich ihn fragte: �Hast du auch ein Schweigegel�bde abgelegt?�</p><p>Er entgegnete: �Wo viele Worte sind, da geht's nicht ohne S�nde ab.� Aber er l�chelte dabei gutm�tig.</p><p>Nun jedoch hatte er keine Geduld mehr, l�nger zu rasten, sondern dr�ngte zum Aufbruch. Wir kehrten zur Landstra�e zur�ck und sahen, �ber die Ebene hinweg, in der Ferne den hochgehenden Jordan flie�en. Unsere Wanderung in der Hitze trieb uns derart den Schwei� aus den Poren, da� jeder von uns an seiner eigenen M�he genug hatte. Dazu wurden Mensch und Tier von stechenden Fliegen �berfallen; diese Schw�rme kamen meiner Meinung nach von den Ochsen, die aus den Feldern Weizengarben zu den Dreschtennen schleppten.</p><p>Als der Abend kam, hatten wir einen langen Tagesmarsch hinter uns und waren alle m�de, durstig und steif. Wir n�chtigten in einem Dorf, das einen quellgespeisten Brunnen hatte, so da� wir uns gr�ndlich waschen konnten. Ich hatte schon festgestellt, da� Nathan die Herbergen der gr��eren Ortschaften, wo wir bequemer untergebracht gewesen w�ren und fertiggekochtes Essen bekommen h�tten, zu meiden schien. Als er mich aber pr�fend anblickte, zeigte ich keinerlei Unzufriedenheit. Nach den entnervenden Tagen in Jerusalem tat ja dieses einfache Leben meinem K�rper nur wohl.</p><p>Maria war des Nichtstuens m�de, sch�rzte ihren Mantel und half Susanna beim Feuermachen und Kochen. Ich h�rte die beiden nach Frauenart eifrig miteinander schwatzen, w�hrend vor meinen Augen die Sterne allm�hlich aufleuchteten.</p><p>Als wir gegessen hatten, schob Maria ihre Schlafmatte ganz nahe an die meine heran und fl�sterte mir ins Ohr: �Diese Susanna ist v�llig ungebildet, und man k�nnte sie fast f�r schwachsinnig halten. Aber ich vermute, da� sie zu den Stillen im Lande geh�rt und auch etwas von dem gekreuzigten Jesus wei�. Allerdings hat sie Angst vor uns und wird kaum aus sich herausgehen.�</p><p>Rasch setzte ich mich auf. Nathan hatte schon seinen Kopf verh�llt und sich vor der Schwelle schlafen gelegt; Susanna aber kniete noch und murmelte ihr Gebet. Ich konnte mich nicht enthalten, sie mit leiser Stimme beim Namen zu rufen und zu bitten: �Sag mir, wie du betest, damit ich auch richtig zu beten lerne!�</p><p>Susanna hob abwehrend die H�nde und beteuerte: �Ich bin eine unwissende Frau. Ich kenne das Gesetz nicht. Ich verstehe nicht so zu beten, wie es sich geh�rt. Du w�rdest mich nur auslachen, wenn ich es dich lehren wollte.�</p><p>Ich versicherte ihr: �Lachen werde ich bestimmt nicht. Ich m�chte still und dem�tig im Herzen werden.�</p><p>Auch Maria meinte: �Dein Gebet ist neu. Ich habe noch nie jemanden so beten h�ren.�</p><p>Verschreckt, aber eingedenk ihrer Dankespflicht mir gegen�ber lehrte Susanna uns das Gebet. Zuerst erkl�rte sie: �Ich habe es erlernt, weil es leicht zu merken ist und�� so sagte man mir�� alle anderen Gebete ersetzt, da diesen Worten nichts hinzuzuf�gen ist.� Dann fuhr sie fort: �Ich bete so: �Vater unser, der du bist in dem Himmel, geheiligt werde dein Name. Es komme dein Reich. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. Unser t�gliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern. Und f�hre uns nicht in Versuchung, sondern erl�se uns von dem B�sen.��</p><p>Ich bat sie, das Gebet zu wiederholen, und fand es wirklich einfach und leicht zu behalten. Ich sprach es laut nach, jeden Satz �berlegend, und erkannte, da� diesem Gebet tats�chlich nichts beizuf�gen war, weil darin alles ausgedr�ckt ist, was einem schlichten Menschen vonn�ten sein kann. Es war nicht das ausgekl�gelte Gebet eines Gelehrten; aber es gab mir so viel zu denken, da� ich Susanna nicht mit weiteren Fragen plagte.</p><p>Die n�chste Nacht mu�ten wir in der N�he eines zum Teil �berfluteten Dickichts verbringen. Irgendwo weit im Norden, in den Bergen, wo der Jordan entspringt, schmolz der Schnee. So war der Strom, obwohl seine Zufl�sse fast ausgetrocknet lagen, �ber die Ufer getreten, und die �berschwemmung hatte die wilden Tiere aus ihren Lagern vertrieben. Als die Sterne erschienen, h�rte ich im Bergland die Schakale aufgeregt bellen, und etwas sp�ter ert�nte der Widerhall eines Br�llens, wie ferner Donner. Diesen Klang kannte ich; allerdings hatte ich ihn nie in der freien Natur vernommen, sondern nur in Rom, nachts, im Rund eines Amphitheaters. Die Esel begannen zu zittern, und wir mu�ten sie in den gleichen Raum f�hren, wo wir auf einer Art Estrade schliefen. Maria hatte noch nie L�wengebr�ll geh�rt, und sie schmiegte sich enger an mich und bat mich mit bebender Stimme, die Arme um sie zu schlingen, obwohl die Nacht ohnedies schon erstickend hei� war.</p><p>Nathan beruhigte die Esel, verrammelte die T�r und lehnte sich mit dem R�cken gegen sie, gespannt horchend. Auch Susanna konnte nicht schlafen; so ben�tzte ich die Gelegenheit dazu, sie zu fragen: �Von wem hast du das Gebet gelernt, das du mir gestern vorgesprochen hast?�</p><p>In der Ferne br�llte der L�we wieder, und die d�nnen Lehmmauern unseres Raumes schienen zu wanken. Susanna legte entsetzt die Hand auf die Lippen und murmelte: �Solche Dinge darfst du mich nicht fragen.�</p><p>Aber jetzt tat Nathan den Mund auf und sagte zu meinem Erstaunen: �Sprich nur! Vor ihm brauchst du keine Angst zu haben.�</p><p>Susanna blickte in dem flackernden Licht der Tonlampe unstet um sich, als wollte sie Rei�aus nehmen, begann jedoch dann:</p><p>�Jesus von Nazareth, jener Mann, der in Jerusalem gekreuzigt wurde, hat das Gebet seine J�nger gelehrt und auch uns Frauen, die wir mit ihm durch Galil�a zogen. Er versicherte, das gen�ge f�r uns, andere Gebete brauchten wir nicht.�</p><p>Ich rief �berrascht: �Du wirst mich doch nicht anl�gen wollen! Bist du wirklich mit ihm durch Galil�a gezogen?�</p><p>Susanna erwiderte: �Ich bin sehr wenig mit Klugheit gesegnet und k�nnte gar nicht l�gen, auch wenn ich wollte. Aber f�nf Sperlinge kauft man um zwei Groschen, und doch ist keiner von ihnen vor Gottes Augen vergessen. Mein ganzes Leben lang war ich gierig nach Geld und Gut und habe mir nicht einmal gen�gend Nahrung geg�nnt. Als alle anderen den neuen Propheten aufsuchten, tat ich es auch, weil ich dachte, ich w�rde bei ihm vielleicht etwas umsonst bekommen. Im Tempel gibt es nichts ohne Bezahlung. Ich h�rte mir seine Lehren an, verstand sie aber nicht. Dann jedoch sprach er einmal zum Volk und blickte mich fest an, w�hrend er sagte: �H�tet euch vor Habsucht! Das Leben des Menschen ist durch seine G�ter nicht gesichert.� Das war unten am Seeufer. Ich hatte die Empfindung, da� er wu�te, wer ich war, und von meinem Geiz geh�rt hatte. Dann erz�hlte er von einem Reichen, der sehr ergiebige Felder besa� und seine Scheuern niederri�, um neue und gr��ere zu bauen; denn jetzt, da er so viel erwirtschaftet hatte, gedachte er, sich f�r viele Jahre zur Ruhe zu setzen. Aber Gott sprach zu ihm: �Du Tor, noch heute nacht wird dir deine Seele abgefordert werden. Wem wird dann geh�ren, was du aufgeh�uft hast?� Und Jesus schlo� seine Rede mit den Worten: �So ergeht es dem Menschen, der Sch�tze f�r sich sammelt, nicht aber f�r das Reich.��</p><p>Sie holte tief Atem und fuhr fort: �Ich �rgerte mich �ber ihn und kehrte nach Hause zur�ck. Aber ich konnte seine Worte nicht vergessen, und schlie�lich begannen sie, in mir zu bohren wie der Schmerz in einem eitrigen Zahn. Ich ging wieder zu Jesus und h�rte seine Lehre. Da sprach er �ber die Raben, die Gott ern�hrt, und von den Lilien des Feldes, die weder spinnen noch weben und doch pr�chtiger gekleidet sind als ein K�nig. Er verbot seinen J�ngern, sich um Speise und Trank zu sorgen, und trug ihnen auf, nur das Reich zu suchen, weil ihnen dann alles andere dazugegeben w�rde. Und nun tat er mir leid. Zwar soll er einmal eine gro�e Menge Volkes mit nur wenigen Brotlaiben und Fischen ges�ttigt haben; doch so etwas kann man nicht jeden Tag tun. Mein Verm�gen an faule, nichtsnutzige Arme zu verteilen, hatte ich keine Lust gehabt; jetzt aber verkaufte ich die Stoffe, die ich gewoben hatte, �berlie� meine Felder der Obsorge eines Verwalters und wanderte mit Jesus umher, um ihn und seine J�nger so lange zu unterst�tzen, wie mein Geld reichte. Mir kam n�mlich vor, der Wundert�ter w�rde selber bald Hungers sterben, wenn man ihn nicht verpflegte. Ein paar andere Frauen taten das gleiche wie ich, aus Mitleid. Er war ja im t�glichen Leben so unbeholfen.�</p><p>Bei der Erinnerung an ihre Wanderungen mit Jesu Gefolgsleuten seufzte Susanna auf. Dann setzte sie ihren Bericht fort: �Ich m�chte gar nichts gegen ihn sagen. Ich habe das nur erz�hlt, um zu zeigen, da� er von den Dingen dieser Welt nicht viel verstand. Und darum mu�ten wir Frauen f�r ihn sorgen; �brigens fuhren auch seine J�nger, das gebe ich zu, dann und wann auf Fischfang aus, um etwas zum Unterhalt beizusteuern. In Nazareth hie� es, Jesus habe wohl sein Handwerk vom Vater erlernt, sei jedoch kein besonders guter Zimmermann gewesen; er konnte Joche und Pfl�ge machen, aber nicht ein gutes Rad. Au�erdem war er viel zu vertrauensselig; dem Judas Ischariot hat er die F�hrung der gemeinsamen Kasse �berlassen, und ich bin �berzeugt davon, da� der Geldbeutel manchmal leichter war, als er h�tte sein sollen�� man konnte dem Mann das an den Augen ansehen. Ich will nicht behaupten, da� ich die Lehren des Nazareners verstand; nicht einmal seine J�nger begriffen sie immer. Doch es war irgendwie wohltuend, ihm nahe zu sein. Deshalb blieb ich bei ihm und kehrte nicht nach Hause zur�ck, obwohl ich es manchmal gern getan h�tte. Ohne es zu wollen, hat er sich n�mlich auch fromme Menschen zu Feinden gemacht; sogar ich fand es unleidlich, da� er eine Frau wie diese Taubenh�ndlerin aus Magdala bei sich duldete.�</p><p>Maria unterbrach sie mit den Worten: �Maria Magdalena ist eine gutherzige Frau und kl�ger als du, du h��liche Dorfvettel in deinem groben Sackzeug!�</p><p>Susanna keifte w�tend los: �Wenn du ihre Partei ergreifst, wei� ich schon, was f�r eine Sorte Frau du bist und warum du es jeden Abend so eilig hast, zu diesem R�mer zu schl�pfen. Da� ich nur eine h��liche Dorfvettel in Sackzeug bin, stimmt ja. Aber ich kann spinnen und weben und backen und kochen und aufr�umen; und seinerzeit bin ich auch hinter dem Pflug hergegangen, wenn ich mir teures Geld f�r einen Ackerknecht ersparen wollte. Jesus von Nazareth war �berhaupt viel zu gut f�r diese Welt, zu unbek�mmert und leichtgl�ubig. Er hat Wunder gewirkt und Kranke geheilt, ohne sich auch nur zu vergewissern, ob sie eine solche Gnade verdienten. Man brauchte nur seinen Mantel zu ber�hren, und schon wurde man alle Beschwerden los. Er ist mir vorgekommen wie ein argloses Kind, das in einer s�ndhaften Welt sich selbst �berlassen wird. Wenn er nur auf vern�nftige Ratschl�ge geh�rt h�tte, w�re er nie zu Ostern nach Jerusalem gegangen. Aber er war halsstarrig und hat gemeint, er verstehe auch die Dinge dieser Welt besser als andere Leute. Deshalb ist alles so gekommen, wie es kam.�</p><p>Susanna ereiferte sich derart, da� sie noch nachtr�glich Jesus von Nazareth wie einen unfolgsamen Jungen auszankte. Dann aber fiel ihr pl�tzlich alles, was sich zugetragen hatte, wieder ein; sie brach in Tr�nen aus und sagte: �Mir ist nichts von ihm geblieben als dieses Sackzeug und das Gebet, das er uns lehrte. Sobald er tot war, sind wir entsetzt auseinandergestoben, wie eine Schar Sperlinge. Mir war �bel vor Grauen, als ich von der Kreuzigung davonlief. Tagelang konnte ich keinen Bissen hinunterbringen. Ich verkroch mich einfach in eine H�hle unter dem Tempel und hoffte, es w�rde mich niemand aufsp�ren. Schlie�lich entdeckte mich dieser Nathan in seinem wei�en Gewand und mit dem, Jesu wegen, kurzgeschnittenen Haar. Er vertraute mir an, da� der Gekreuzigte von den Toten auferstanden und vor uns her nach Galil�a gegangen war.�</p><p>Susanna schlug sich mit der Hand auf den Mund und starrte Nathan an, voll Angst, sie k�nnte in ihrer Geschw�tzigkeit zu viel ausgeplaudert haben. Aber Nathan sagte: �Die Rede der Weiber ist wie das Knacken d�rrer Zweige unter dem Kochtopf. Ich wu�te, da� das Reich nahe ist; Jesus selbst aber habe ich nie kennengelernt. Ich schnitt mir die Haare ab, als ich h�rte, er sei aus dem Grab gestiegen. Denn falls das zutrifft, so ist er der Sohn Gottes, ist der, auf den wir gewartet haben.�</p><p>Susanna betonte: �Ich habe ihn gekannt und sogar gut gekannt; ich habe ihm n�mlich die Kleider gewaschen. Er war ein Menschenwesen, hat Hunger und Durst versp�rt und ist manchmal seiner J�nger �berdr�ssig geworden und auch der menschlichen Hartherzigkeit �berhaupt. Doch zweifellos ist er, wenn man das so berichtet, wirklich von den Toten auferstanden, und ich wundere mich gar nicht dar�ber. Im Gegenteil, ich weine vor Freude seinetwegen und hoffe, da� auch alles �brige sich zum Guten wendet. Vielleicht wird er wirklich in Galil�a ein Reich aufrichten, falls wir nur geduldig ausharren und die Engel f�r ihn k�mpfen. Anders kann es nicht gelingen. Jedenfalls spreche ich t�glich morgens, mittags und abends das Gebet, das er uns gelehrt hat. F�r mich gen�gt es, wie er ja selbst versicherte.�</p><p>Ihre Worte machten auf Maria tiefen Eindruck; halb ungl�ubig fragte sie: �Hast du ihm wirklich die Kleider gewaschen?�</p><p>Susanna prahlte: �Wer denn sonst h�tte sie so wei� gekriegt? Deine Maria Magdalena hat bestimmt in ihrem Leben noch nie an einem Waschzuber gestanden. Salome hatte genug an der W�sche ihrer eigenen Jungen. Und Johanna war gewohnt, selbst M�gde zu haben; am liebsten h�tte sie sich, wenn sie es gewagt h�tte, in einer S�nfte hinter Jesus hertragen lassen. Aber dann lernte sie schon, auf eigenen F��en zu gehen.�</p><p>Ich konnte meine Verwunderung nicht mehr bezwingen und fragte: �Warum bist du ihm eigentlich gefolgt und hast dein Verm�gen geopfert, wenn dir weder Jesu Verhalten gepa�t hat noch das seiner J�nger und der sonstigen Gefolgsleute?�</p><p>Susanna sah mich ebenso erstaunt an und erkl�rte: �Er war doch wie ein Lamm unter W�lfen. Sogar seine eigene Mutter hat ihn f�r einen Sonderling gehalten. Und die Nazarener haben ihn einmal an den Rand eines Abgrunds gef�hrt und wollten ihn hinunterst�rzen, schraken aber schlie�lich davor zur�ck.�</p><p>�Dann hast du ihn also geliebt?� fragte ich.</p><p>Susanna wand sich verlegen hin und her und brummte mi�mutig: �Was wei� so ein vertrocknetes altes Weib wie ich schon von Liebe? Aber die Welt ist voll fauler Taugenichtse, habs�chtiger Priester, herzloser Steuereinnehmer und sonstiger Wegelagerer. Eine B�uerin braucht sich nur in der Stadt zu zeigen, und man schert ihr die Haare vom Kopf. Er hat mir einfach leid getan, weil er so harmlos war und nichts von der T�cke dieser Welt wu�te.�</p><p>Sie pre�te die Handfl�chen aneinander und f�gte leise, als sch�mte sie sich ihrer �u�erung, hinzu: �Au�erdem hatte er die Worte des ewigen Lebens.�</p><p>�Was meinst du damit?� erkundigte ich mich.</p><p>Aber Susanna wurde �rgerlich und machte eine ungeduldige Geste der Abwehr. �Ich wei� nicht. Er hatte sie einfach. Ich verstand seine Rede nicht; ich glaubte einfach.�</p><p>�Und du glaubst noch?� bedr�ngte ich sie.</p><p>�Ich wei� nicht�, erwiderte sie mit der gleichen Ungeduld. �Als am Kreuze Blut und Todesschwei� von ihm rannen, glaubte ich nicht mehr und floh, weil ich sein Leiden nicht l�nger mit ansehen konnte. Vielleicht bin ich dann aus Entt�uschung krank geworden, weil ich mir einbildete, zwecklos mein Verm�gen vertan zu haben. Aber nein, das war es eigentlich nicht. Krank geworden bin ich vor allem wegen seiner Qualen; einen solchen Tod hat er nicht verdient, mochte er auch harte Worte gegen die Schriftgelehrten und Pharis�er gesprochen haben. Aber er hat nicht �rgeres gesagt als irgendein einfacher Landmann, der es mit diesen Leuten zu tun bekommt und vielleicht wegen eines unwissentlichen Versto�es gegen das Gesetz seine Obsternte vernichten oder sein Gem�se wegwerfen mu�. Doch jetzt wird bestimmt alles wieder gut, und ich glaube an ihn. Nur m�chte ich ihn noch ein einziges Mal wiedersehen und seine Stimme h�ren.�</p><p>Die Vernunft zwang mich, den Worten dieser Frau zu mi�trauen�� in dieser erstickend hei�en Nacht in der Lehmh�tte, w�hrend die Esel sich ruhelos an ihrer Krippe hin und her schoben und drau�en der L�we br�llte. Ich hatte den Eindruck, Susanna wolle einf�ltiger erscheinen, als sie war, und mir den wichtigsten Teil ihres Wissens vorenthalten. Wenn sie viele Stunden in Jesu Gesellschaft verbracht, seine Wunder gesehen, ihn zum Volk sprechen geh�rt und gelegentlich das eine oder andere von dem aufgeschnappt hatte, was er seine erw�hlten J�nger lehrte, mu�te sie doch auch Dinge erfahren haben, die nicht f�r aller Ohren bestimmt waren.</p><p>�Und wie ist es mit seinen weisen Ausspr�chen?� forschte ich. �Ist dir wirklich nichts von seiner Geheimlehre im Ged�chtnis geblieben?�</p><p>Susanna blickte mich immer unfreundlicher an und erkl�rte: �Weisheit l��t sich Frauen und Kindern nicht beibringen. Gerade deswegen konnte ich Maria Magdalena nicht leiden; st�ndig hockte sie, w�hrend wir anderen n�tzliche Arbeit taten, zu Jesu F��en und hat sich eingebildet, alles zu verstehen. Von dieser Sorte gab es bei uns genug und �bergenug; wir hatten nicht nur ihn und die Zw�lf zu verpflegen und zu betreuen, sondern manchmal bis zu siebzig Personen. F�r mich war seine Weisheit er selber. F�r mich war er das Brot des Lebens, wie er selbst es ausdr�ckte. Was er damit gemeint hat, wei� ich nicht; aber ich glaubte seinen Worten.�</p><p>Ich konnte nur verzweifelt den Kopf sch�tteln �ber ihre Einf�ltigkeit und gab es auf, sie weiter zu befragen. Aber w�hrend das Tonl�mpchen immer schw�cher flackerte, f�hlte Susanna sich gedr�ngt, mich rasch noch zu �berzeugen; sie dachte so angestrengt nach, da� sie eine ganze Weile an ihren Fingern zerrte und sich vor und zur�ck wiegte, ehe sie endlich erkl�rte: �Sein Vater im Himmel ist auch mein Vater. Jesus lie� auch die Kinder zu sich kommen und erkl�rte, denen, die wie Kinder sind, stehe sein Reich offen. Diesen Ausspruch verstand ich. Mir wurde klar, da� ich als Kind mir nicht �ber die Absichten meines Vaters den Kopf zu zerbrechen, sondern mir zu sagen habe, er wisse selbst alles am besten. Diese Erkenntnis ist das einzige Geheimnis, das mir offenbar wurde.�</p><p>W�hrend dieser unruhigen Nacht fand ich keinen tiefen Schlaf, und das ged�mpfte L�wengebr�ll erinnerte mich so lebhaft an Rom, da� ich mich manchmal zwischen Wachen und Schlummer dorthin zur�ckversetzt f�hlte und erwartete, auf einem Purpurkissen, in eine Rosenduftwolke geh�llt, von Leidenschaften ersch�pft, die Augen zu �ffnen. Dieser Traum war wie ein Alpdruck; sobald ich jedoch pl�tzlich aus dem Schlafe fuhr, �berw�ltigte mich ein ebenso beklemmendes Gef�hl der v�lligen Sinnlosigkeit meines jetzigen Tuns. Hier lag ich, b�rtig, unfrisiert, nach Schwei� riechend, in einer schmutzigen Lehmh�tte zwischen Eseln und Juden, und gaukelte mir vor, etwas jeder Vernunft Hohnsprechendes erreichen zu k�nnen. In Rom h�tte ich mir das Haar gekr�uselt und den �berwurf genau nach Vorschrift in Falten gelegt; ich h�tte meine Zeit lesend oder einer interessanten Gerichtsverhandlung zuh�rend oder sonstwie verbracht, nur auf die Stunde des Wiedersehens mit Dir, Tullia, wartend.</p><p>Gedanken, wie ich sie heute w�lzte, w�ren dem Spott anheimgefallen, im albernen Gepr�nge reicher Freigelassener ebenso wie in der verfeinerten Gesellschaft der Gebildeten, wo es zum guten T�ne geh�rt, an nichts zu glauben. Und ich w�re einer der lautesten Lacher gewesen.</p><p>Und doch ist es so, da� jene gleichen leichtfertigen Frauen und vern�nftelnden jungen M�nner darin wetteifern, an der T�re des gerade von der Mode hochgetragenen Sterndeuters, Zauberers oder Wahrsagers Schlange zu stehen und erkleckliche Betr�ge f�r gl�ckbringende Amulette hinzulegen. Diese Frauen und M�nner lachen �ber sich selber, mi�trauen dem eigenen Aberglauben, hoffen aber zugleich, es k�nnte doch etwas daran sein. Alles ist dort ein Gl�cksspiel. Fortuna ist launisch, die Gewinnaussichten sind fraglich; aber man zieht es doch vor, im Spiel zu bleiben, statt beiseite zu stehen und sich mit dem Nichts abzufinden.</p><p>Trieb auch ich noch dieses gleiche vermessene Spiel, hier im Jordantal? Zweifelte ich im tiefsten Inneren, fand es jedoch geratener, weiterzuw�rfeln und mir eine Chance zu wahren, als das Spiel aufzugeben? Welchen Gewinn erhoffte ich mir, alles in allem? Vielleicht war es nur Traum und Blendwerk, jenes Reich, das ich noch immer auf Erden w�hnte und zu dem ich den Weg zu finden hoffte. Im Banne dieser qualvollen Gedanken versp�rte ich pl�tzlich Widerwillen gegen die an meiner Seite atmende Maria, und auch gegen die eigensinnige Susanna und den redescheuen Nathan. Was hatte ich, ein R�mer, mit ihnen zu schaffen?</p><p>Ich wiederholte im Geiste das Gebet, das Susanna mich gelehrt hatte. Es war das erste von Jesu Geheimnissen, in das ich eingeweiht worden war. Die Zauberkraft einer verborgenen Weisheit konnte darin umschlossen sein. Aber wie sehr ich auch die S�tze drehte und deutelte, das Gebet blieb, was es war: eine den Bed�rfnissen einfacher Menschen angepa�te Formel zur Schicksalsunterwerfung, ein Merkspruch, durch dessen dem�tige Wiederholung sie ihre Sorgen absch�tteln und den Seelenfrieden gewinnen mochten. Ich war nicht so kindlichen Gem�tes, da� mir solche Worte sp�rbare Hilfe geboten h�tten.</p><p>Diese Nacht schliefen wir alle schlecht und waren am Morgen �bern�chtig und streits�chtig. Maria von Beeroth setzte es sich in den Kopf, wir sollten uns ins Bergland wenden und die Stra�e nach Samaria einschlagen. Sie habe, so meinte sie grillenhaft, keine Lust, einem L�wen zu begegnen, den die �berschwemmung aus dem Buschwerk getrieben h�tte. Susanna z�hlte immer wieder ihre Kocht�pfe und Proviantbeutel und behauptete unentwegt, etwas verloren zu haben, so da� sich unser Aufbruch verz�gerte. Sogar Nathan schien etwas zappelig und blickte unwirsch herum. Die von Hornissen geplagten Esel aber waren so st�rrisch, da� wir sie die ganze Zeit festhalten mu�ten.</p><p>�ber Marias Geplapper aufgebracht, nahm Nathan schlie�lich zu den Schriften Zuflucht und zitierte: �Gar mancher Weg d�nkt einen eben; doch schlie�lich sind es Wege, die zum Tode f�hren.� Er wies auf das Schwert an meiner Seite und setzte sich entschlossen in Bewegung, als wollte er sagen, wir k�nnten hin, wie wir wollten, er gedenke jedenfalls den urspr�nglich geplanten Weg weiterzuverfolgen.</p><p>Maria jammerte: �Ihr M�nner werdet leicht durchkommen; aber ich bin jung. Der L�we ist ein kluges Tier und sucht sich immer das zarteste Fleisch aus. So habe ich es geh�rt.�</p><p>Susanna fuhr sie an: �Nachdem Jesus von Nazareth diesen Weg vor uns hergegangen ist, k�nnen wir es ihm wohl nachtun. Wenn du Angst hast, reite ich voraus und verscheuche den L�wen. Mich wird er nicht anr�hren, das ist einmal sicher.�</p><p>Ich bemerkte gereizt, niemand von uns wisse, welchen Weg Jesus nach Galil�a eingeschlagen hatte, wenn �berhaupt an dieser Geschichte etwas Wahres sei. Es k�nne sich sehr wohl um ein geschickt erdachtes M�rchen handeln, von der Obrigkeit in Jerusalem nur in Umlauf gesetzt, um die Galil�er aus der Hauptstadt wegzubekommen. Auch ich legte keinen besonderen Wert darauf, einem L�wen, blo� mit dem Schwert bewaffnet, entgegenzutreten, obwohl ich einmal einen sehr ge�bten K�mpfer in der Arena ein solches Wagnis habe lebend �berstehen sehen. Aber Nathan kenne, erkl�rte ich, die Stra�en und ihre Gefahren, und meiner Ansicht nach sei es das beste, sich seiner Entscheidung zu f�gen.</p><p>So nahmen wir in zankm�tiger Stimmung unsere Wanderung wieder auf. An der �berfluteten Furt mu�ten wir die Gew�nder sch�rzen und die widerspenstigen Esel hinter uns herziehen. Kaum waren wir am anderen Ufer angelangt, so fielen wir geradewegs einigen Legion�ren in die H�nde, die unser Erscheinen, als sie Maria erblickten, mit Freudengeschrei begr��ten. Wegen meines Schwertes st�rzten sie sich zuerst auf mich, rissen mich vom Esel, warfen mich zu Boden und h�tten mich h�chstwahrscheinlich erschlagen, wenn ich ihnen nicht auf griechisch und lateinisch zugebr�llt h�tte, da� ich r�mischer B�rger bin. Trotz meiner schriftlichen Genehmigung zum Waffentragen durchsuchten sie unser ganzes Gep�ck und auch�� als vergn�gliche Draufgabe�� Marias Kleidung; wenn ich nicht R�mer gewesen w�re, h�tten sie die junge Frau bestimmt ins Buschwerk geschleppt.</p><p>Ihre Zuchtlosigkeit wurde mir verst�ndlicher, als ich herausbekam, da� sie keine regelrechte Stra�enpatrouille waren und auch nicht an irgendwelchen Gel�nde�bungen teilnahmen; vielmehr hatte ihr Offizier beschlossen, einen L�wen zu erlegen, und lag mit einigen Bogensch�tzen im Hinterhalt auf einer Kuppe, w�hrend unsere Legion�re ihnen den L�wen mit Geschrei und Schildegerassel zutreiben sollten. Das war, obwohl sich der L�we allem Anschein nach gar nicht mehr in der N�he aufhielt, keine angenehme Aufgabe; deshalb hatten sie sich mit Wein Mut angetrunken.</p><p>Dieser rohe �bergriff war so unleidlich und entw�rdigend, da� ich mich leicht in die Lage der Juden versetzen und begreifen konnte, warum sie die R�mer so erbittert ha�ten. Meine Mi�stimmung steigerte sich zur Wut, und als ich schlie�lich oben auf der Kuppe den l�wenfellgel�stigen Zenturio traf, sagte ich ihm geh�rig meine Meinung und drohte, den Vorfall dem Prokurator zu melden.</p><p>Das war nicht klug von mir gewesen. Der narbengesichtige Offizier musterte mich feindselig und fragte, welche Bewandtnis es denn mit mir habe, da� ich da mit einem Judenmantel angetan in j�discher Gesellschaft daherkomme. Sp�ttisch sagte er: �Du wirst doch wohl nicht zu dem Gesindel geh�ren, das hier dutzendweise auf dem Weg zum See Genezareth vorbeizog. Jetzt ist nicht die Zeit f�r Wallfahrten, sondern f�r die Getreideernte. Diese Wanderer haben irgendwelche �blen Absichten.�</p><p>Ich mu�te ihn bes�nftigen und mich wegen meines Ungest�ms entschuldigen. Dann erkundigte ich mich, was f�r Leute er da beobachtet habe. Aber er selbst hatte niemanden gesehen, weil die Juden bei Nacht unterwegs waren und den gew�hnlichen Kontrollpunkten ebenso wie den Zollh�usern m�glichst auswichen; er gebe, so sagte er, nur wieder, was er geh�rt habe. Dann warnte er mich in herablassendem T�ne: �Pa� nur auf, da� du diesen Kerlen nicht in die H�nde f�llst! Alle Galil�er sind Fanatiker. Das Land ist dicht bev�lkert und immerfort sickern aus der W�ste Unruhestifter ein. Erst vor ein paar Jahren war gerade in dieser Gegend ein solcher Aufwiegler am Werk, der ein j�disches Reich predigte und die M�nner unter Zauberriten mit Jordanwasser bego�, um sie f�r den Kampf unverwundbar zu machen. Schlie�lich mu�te der j�dische Tetrarch von Galil�a ihn enthaupten lassen, um zu zeigen, da� nicht einmal er selber gegen die Schwertschneide gefeit war. Aber vielleicht treiben sich noch einige seiner Gefolgsleute hier in der Gegend herum.�</p><p>Vermutlich betrachtete er mich, da ich mich dazu herbeilie�, so zu reisen, wie ich es tat, als Mann ohne Rang und Namen; denn er brach das Gespr�ch unvermittelt ab und verabschiedete mich in schroffer Weise, als h�tte er mir eine gro�e Gnade erwiesen.</p><p>Als wir unsere anstrengende Wanderung wieder aufnahmen, sah Maria von Beeroth mich g�nnerhaft an und bemerkte: �In hohem Ansehen scheinst du bei deinen eigenen Landsleuten nicht zu stehen, nachdem ein schwei�duftender, narbiger Zenturio dich so anma�end zu behandeln wagt.�</p><p>�W�re ich in deinen Augen achtbarer, wenn ich einen Helm auf dem Kopf und Nagelschuhe an den F��en tr�ge?� fragte ich sp�ttisch.</p><p>Maria warf den Kopf zur�ck und erwiderte: �Diese Legion�re wissen wenigstens, was sie wollen. Da du schon einmal R�mer bist, solltest du wie ein R�mer reisen und von deinen Vorrechten Gebrauch machen. Dann m��te ich mich, wenn du mit einem deiner Landsleute redest, nicht wegen deiner haarigen Beine und b�rtigen Wangen sch�men.�</p><p>Ich starrte sie an und traute meinen Ohren nicht, ich hatte gute Lust, von einem Strauch einen Zweig abzubrechen und ihr das Fell zu gerben. Mit zornbebender Stimme fragte ich sie: �Wer mag wohl jene junge Frau gewesen sein, die mich ihr ganzes Leben lang segnen wollte, wenn ich sie nur mitn�hme, und die n�tigenfalls auch im Freien zu n�chtigen bereit war? Wof�r h�ltst du dich eigentlich?�</p><p>Aber Maria warf wieder den Kopf zur�ck und schalt: �Von dir h�tte ich am allerwenigsten gedacht, da� du mir ins Gesicht schleudern w�rdest, was ich dir im Vertrauen aus meinem Leben erz�hlte. Ich habe Ungl�ck gehabt; aber wenn ich den auferstandenen Nazarener treffe und er mir die S�nden vergibt und mich reinigt, so wirst du mir nicht mehr meine Vergangenheit vorwerfen k�nnen. Gestehe nur selber, welche abscheulichen Verfehlungen du zu b��en hoffst, indem du dich auf deiner Suche nach einem neuen Weg so erniedrigst!�</p><p>Ich glaube nicht, da� sie ihre Worte wirklich ernst meinte; wahrscheinlich lie� sie nur ihrem �rger �ber die Unbilden dieses Tages freien Lauf. Ich erwiderte nichts. Sie blieb zur�ck und gesellte sich zu Susanna. Ich h�rte, wie die beiden, nebeneinander reitend, mit schrillen Stimmen zankten und dann ihre Wut vereint gegen Nathan und mich kehrten.</p><p>An diesem Abend ging die Sonne erschreckend rot hinter den Bergen Samarias unter. F�r kurze Zeit bekam die Luft im Tal einen gespenstigen Schimmer, und der in seinem tief eingeschnittenen Bett vorbeibrausende Jordan wurde vor unseren Augen pl�tzlich schwarz. Dieser seltsame Anblick machte alles unwesenhaft und verscheuchte meine b�sen Gedanken. Mir fiel ein, wie der Himmel sich verfinstert hatte, als der Judenk�nig sich in seiner Todesqual auf dem Kreuze wand, und wie im Augenblick seines Todes die Erde bebte. Durch seine Auferstehung hatte er bewiesen, da� sein Reich Wirklichkeit war. Wenn ich meine Reisegef�hrten im Herzen verachtete, mich besser d�nkte als sie und gegen eine T�rin Groll hegte, verrammelte ich mir nur selber den Zugang in jenes Reich.</p><p>Als wir uns daher in unserem Nachtquartier gewaschen hatten, trat ich auf Maria zu und sagte: �Ich verzeihe dir deine b�sen, unbedachten Worte und will sie vergessen.�</p><p>Doch damit sch�rte ich nur Marias Unmut; ihre Augen verfinsterten sich, und sie fauchte mich an: �Was, du verzeihst mir, du mir, nachdem du mich so tief gekr�nkt und mir dann den ganzen Tag lang den R�cken gekehrt hast? Offen gestanden, ich wollte dir jetzt verzeihen und ein paar freundliche Worte sagen, weil du ja ein Mann bist und von dir eben, wie auch Susanna sagt, nichts Besseres zu erwarten ist. Aber da� du, noch bevor ich dir verzeihe, so tust, als m��test du mir vergeben�� das kann ich mir denn doch nicht bieten lassen!�</p><p>Nathan, der das alles mit anh�ren mu�te, hob die Augen zum Himmel und breitete in einer Geb�rde der Ergebung die Arme aus. Seine Langmut bes�nftigte auch mich, so da� mein Zorn verrauchte. �Dein Wille geschehe, Maria von Beeroth!� sagte ich. �Verzeih mir, und wenn wir nur wieder gut Freund werden, will ich gerne zugeben, da� ich dir nichts zu verzeihen habe.�</p><p>Aber Maria stemmte die F�uste in ihre runden H�ften und rief Susanna stichelnd zu: �Komm einmal her und schau; ob das wirklich ein Mann ist oder nur einer von den r�mischen Eunuchen, �ber die man erz�hlt!�</p><p>Susanna kicherte verstohlen, w�hrend sie Binsen und Dung f�r das Feuer zusammentat, und ich konnte mich nicht l�nger beherrschen. Das Blut scho� mir zu Kopf, und ich gab Maria einen weithin h�rbaren Klaps auf die Wange. Im n�chsten Augenblick tat es mir leid, und ich h�tte alles daf�r gegeben, wenn ich es h�tte ungeschehen machen k�nnen. Maria fing zu schluchzen an, schn�ffelte immer wieder durch die Nase und rieb sich die schmerzende Backe. Ich wollte schon um Entschuldigung bitten; aber Nathan hob warnend die Hand. Pl�tzlich ging Maria mit niedergeschlagenen Augen auf mich zu und bekannte: �Mir geschieht ganz recht. Ich habe dich den ganzen Tag absichtlich geh�nselt. Die Ohrfeige zeigt mir, da� du mich jedenfalls lieber hast als den Esel, dem du immer den Nacken kraulst. Und jetzt gib mir einen Ku� zum Zeichen daf�r, da� du wirklich mein schandbares Benehmen verzeihst!�</p><p>Sch�chtern schlang sie die Arme um meinen Hals, und ich k��te sie einmal und noch einmal, um zu bekunden, da� zwischen uns alles wieder in bester Ordnung war. Dann fand ich es eigentlich recht nett, sie nach meinem Wutanfall in den Armen zu halten, und so k��te ich sie ein drittes Mal. Schlie�lich schob Maria mich weg, hielt aber die H�nde weiter auf meinen Schultern, schaute mich fest an und fragte: �W�rdest du auch Susanna so k�ssen, wenn sie dich gekr�nkt h�tte und dann um Verzeihung b�te?�</p><p>Ich blickte in Susannas ledriges Greisengesicht, verglich ihren verschrumpelten Mund mit Marias schwellenden Lippen und kam darauf, da� Maria mich schlau in eine Falle gelockt hatte. Ich lief zu Susanna, fa�te sie am Ellbogen, zog sie hoch und sagte: �Falls ich dich irgendwie gekr�nkt habe, so k�sse mich zum Zeichen der Vergebung!�</p><p>Mitleidig meinte Susanna: �Ach, du armer Mann! So l��t du diese Schelmin mit dir ihr Spiel treiben! Aber Maria ist im Herzen kein schlechter Kerl.�</p><p>Sie wischte sich verlegen mit dem Handr�cken den Mund und k��te mich mit einem belustigten Blick auf die junge Reisegef�hrtin. Maria sah erst verbl�fft zu; dann stie� sie Susanna weg und rief: �Wie kannst du, ein Kind Israels, einen unbeschnittenen R�mer k�ssen? Ich darf das, weil ich ohnedies schon eine S�nderin bin; aber du hast dich verunreinigt.�</p><p>Susanna verteidigte sich: �Mit meiner Kenntnis des Gesetzes ist es nicht sehr weit her, aber ich habe doch schon mit dem Manne aus der gleichen Sch�ssel gegessen. Ich wei�, da� er, trotz seiner r�mischen Abstammung, im Gem�t ein Kind des gleichen Vaters ist wie ich.�</p><p>Ihre Worte r�hrten mich, und ich fand Susanna nicht mehr so absto�end wie bisher, obwohl sie m�chtig nach Knoblauch roch, den sie w�hrend des Reitens st�ndig zur Erfrischung zu kauen pflegte. Ich sagte: �Susanna, nachdem Jesus dich seine Kleider waschen lie�, ist mir durch deinen Ku� gro�e Gnade widerfahren.�</p><p>Als wir aber gegessen hatten, zog ich Maria in einen dunklen Winkel und fragte sie geradeheraus: �Mir scheint, du willst mich zur S�nde mit dir verleiten, wie? Anders kann ich mir dein Gehabe nicht erkl�ren. Dabei habe ich dich doch mitgenommen, um dich aus der S�nde zu retten.�</p><p>Maria fl�sterte mir ins Ohr: �Du warst freundlicher zu mir als andere M�nner. Ich verstehe mich selber nicht; aber deine Gleichg�ltigkeit tut mir weh. Dann w��te ich wenigstens, da� ich dir etwas bedeute.�</p><p>�K�rper ist K�rper�, erwiderte ich barsch. �Du w�rdest mich nicht lange locken m�ssen, um mich herumzukriegen. Ich bin durch kein Gel�bde gebunden und durch keinen Treueschwur. Aber in diesem Falle k�nnten wir ebensogut gleich nach Jerusalem zur�ckkehren.�</p><p>Maria seufzte. �Das Leben ist merkw�rdig, und ich habe gro�e Angst vor Jesus von Nazareth. Doch ich bin �berzeugt, da� er allein mich wieder rein und schuldlos machen kann; und man hat mir versichert, er gehe auch mit den �rgsten S�ndern nicht strenge ins Gericht, sobald sie nur ihre Verfehlungen bereuen und an ihn glauben. Aber wenn ich mit dir s�ndigen sollte, w�rde ich mir daraus kaum ein Gewissen machen. Im Gegenteil, ich habe die Empfindung, da� es mir nur gut t�te, wenn du deine Arme sch�tzend um mich breiten w�rdest. Da zeigt sich, welch eine verstockte S�nderin ich schon bin. Ein unschuldiges M�dchen w�rde bestimmt nicht so denken. Aber kein Mensch kann Fehltritte ganz vermeiden. Als Maria Magdalena mich �ber meine S�nden hinwegtr�sten wollte, erz�hlte sie mir von einem Ausspruch Jesu, wonach jeder Mann, der eine Frau auch nur begehrlich anblickt, in seinem Herzen schon Buhlerei mit ihr begangen hat. In dieser Hinsicht stellte der Nazarener ganz unm�gliche Forderungen, die niemand erf�llen kann.�</p><p>�Maria von Beeroth�, beschwor ich sie, �muten wir auf dieser anstrengenden Reise unseren K�rpern nicht schon genug zu? M�ssen wir uns noch mit s�ndigen Gedanken plagen? Heute nacht darfst du keinen L�wen zum Vorwand nehmen, um dich enge an mich zu schmiegen. Das w�rde uns nur beide entflammen.�</p><p>Maria seufzte noch tiefer auf. Dann sagte sie: �Ich werde dich nicht mehr behelligen oder in Versuchung bringen, wenn du mir blo� zugestehst, da� du gerne mit mir s�ndigen w�rdest, wenn du nur den Mut dazu h�ttest.�</p><p>Ich erwiderte in rauhem Ton: �Meinetwegen! Im Geiste habe ich ohnedies schon ges�ndigt. La� es dir daran gen�gen!�</p><p>Sie pre�te meine H�nde an ihre hei�en Wangen und fl�sterte: �Wie w�rde ich w�nschen, unber�hrt und schuldlos zu sein!� Aber sie versuchte nicht l�nger, mir den Kopf zu verdrehen und schmiegte sich beim Schlafen nicht mehr an meine Seite.</p><p>Ich dachte bei mir selber, sie habe offenbar keine rechte Vorstellung von dem Reich, zu dem sie den Weg suchte; aber man k�nne schlie�lich von ihr keine besonderen Einsichten verlangen. Dann fragte ich mich, was wohl Nathan von Jesus w�nsche, da er sich ihm zuliebe den Kopf geschoren hatte. Richtete sich vielleicht auch sein Verlangen auf Dinge, die, mit den Ma�en des Reiches gemessen, ebenso kindisch waren wie dasjenige, was Maria sich erhoffte?</p><p>Am n�chsten Tag verlie�en wir die gewundene Furche des Jordantales. Sobald wir von der Karawanenstra�e weg auf die Bergh�nge gelangt waren, sahen wir vor uns den See Genezareth hingebreitet. Ein frischer Wind blies uns ins Gesicht, die Wellen hatten wei�e Schaumkronen, und jenseits des Sees konnten wir in der Ferne eben noch eine Kette verschneiter Gipfel sich gegen den Himmel abheben sehen. Wir folgten dem Westufer des Sees und erreichten gegen Abend die hei�en Quellen von Tiberias. Etwas weiter erblickten wir die S�ulenhallen der Residenzstadt des Herodes Antipas. Heilsamer Schwefelgeruch schlug uns entgegen, da die Quellwasser in viele Becken und Teiche geleitet waren, um die herum der Tetrarch eine Badeanstalt hatte erbauen lassen. Am Seeufer lagen Villen in griechischem Stil und einige Fischerh�tten. In die Badebauten einbezogen waren Gasth�fe, teils f�r Griechen, teils f�r Juden.</p><p>Ich hatte die Reisestrapazen satt und mietete mich deshalb mit Maria in einem bequemen griechischen Gasthof ein. Nathan und Susanna aber begaben sich mit den Eseln zu einer j�dischen Herberge. Ich hielt es f�r kl�ger, mich hier in Galil�a, da Jesu J�nger mir mi�trauten, nicht in Gesellschaft Nathans und Susannas zu zeigen; es erschien mir auch am g�nstigsten, wenn Susanna unabh�ngig von mir den Stand der Dinge erkundete. Ich baute darauf, da� sie mir alle ihre Beobachtungen weitergeben w�rde, nachdem ich ihr den gro�en Gefallen erwiesen hatte, sie nach Galil�a mitzunehmen. Nathan kannte ich jetzt so gut, da� ich ihm beruhigt meine Reisekasse und die Betreuung der Esel �berlassen konnte; das erschien mir gleichzeitig als die beste Art, ihn an mich zu binden. Die beiden gedachten, bei Tagesanbruch nach Kapernaum am Nordufer des Sees weiterzuwandern, wo Jesus von Nazareth gewirkt hatte�� keine ganze Tagesreise mehr von Tiberias, der Griechenstadt, die Jesus, soweit Susanna wu�te, nie betrat.</p><p>Tags darauf erwachte ich beim Morgengrauen und stieg, ein wenig hinkend, auf das Dach. Nach dem gl�hend hei�en Jordantal war es erquickend, die Luft Galil�as zu atmen. Der See lag wie ein Spiegel da, vom Feuerschein des Sonnenaufgangs gestreift, und ich roch den starken Duft der Myrtenstr�ucher. Ich meinte, alles um mich her klarer und sch�rfer zu sehen als je und alle Wohlger�che der Erde zu versp�ren. Es war mir, als schwebte ich k�rperlos. Mich �berkam es wie ein Rausch, und ich schwelgte in dieser Entr�ckung, bis mich ein fiebriger Schauer �berlief und ich bemerkte, da� einer meiner F��e angeschwollen war.</p><p>Am Nachmittag bekam ich starken Sch�ttelfrost, der Unterschenkel schwoll bis zum Knie an, und von einer wundgescheuerten, vereiterten Stelle an der Ferse lief ein roter Streifen �ber das Bein. Der griechische Badearzt schnitt die Beule auf und gab mir blutk�hlende Arzneien. Vierzehn Tage lang lag ich krank in dem griechischen Gasthof und glaubte mein letztes St�ndchen gekommen. Aber Maria von Beeroth pflegte mich, und wahrscheinlich trug auch das hei�e, schwefelhaltige Wasser der Quellen zu meiner Heilung bei. Tagelang behielt ich keine Nahrung bei mir, und als ich mich zu erholen begann, f�hlte ich mich sehr schwach. Der Arzt warnte mich davor, den Fu� zu �beranstrengen, und so verbrachte ich die Zeit damit, meine Abreise aus Jerusalem und die ganze Wanderung hierher aufzuzeichnen. Von Nathan und Susanna kam keine Nachricht.</p></section><section><p/><empty-line/><p>9</p><p><emphasis>Marcus an Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Nach meiner Wiederherstellung f�hlte ich mich ersch�pft und niedergeschlagen. Ich konnte mich der Vorstellung nicht erwehren, meine unerwartete, lebensgef�hrliche Erkrankung sei eine Warnung an mich gewesen, mich nicht in Geheimnisse einzudr�ngen, die mich nichts angingen. Ich blieb in meinem Zimmer und vermied es, mit anderen Fremden zusammenzukommen, obwohl die ber�hmten B�der von Tiberias Kurg�ste aus vielen L�ndern und allen V�lkerst�mmen z�hlten. Meist waren es reiche, durch Wohlstand und Verweichlichung krank gewordene Leute; aber es gab auch einige r�mische Offiziere, die von den Folgen langen Lagerlebens Heilung suchten.</p><p>Ich lie� mich massieren und mir sogar von einem Barbier das Kopfhaar auf griechische Art zurichten. Auch den Bart lie� ich mir stutzen und die K�rperhaare auszupfen, weil mir alles, was ich mir vorgenommen hatte, gleichg�ltig geworden war. Ich betrug mich wie ein schmollendes Kind: ich hatte doch in aller Aufrichtigkeit den Weg gesucht und glaubte, eine solche Strafe, wie sie �ber mich verh�ngt worden war, nicht verdient zu haben. Dann und wann dachte ich auch an Dich, Tullia, anders als in Jerusalem, und ich sehnte mich nach Dir, aus Trotz. Die einf�ltige Maria langweilte mich blo�; nachdem sie mich so hingebungsvoll gepflegt und wieder gesund gemacht hatte, wurde sie n�mlich �ber die Ma�en eingebildet und betrachtete mich als ihr Eigentum.</p><p>Dann gab es eines Tages gro�e Aufregung in der Stadt, und Maria berichtete mir, die Frau des Statthalters Pontius Pilatus sei aus C�sarea zu einer Badekur hierhergekommen. Vom Dach aus erblickte ich auch tats�chlich ihre S�nfte und ihr Gefolge. Zu ihrem urspr�nglichen Legion�rsgeleite hatte Herodes noch seine rotmanteligen Reiter gesellt, die sie den ganzen Weg von der galil�ischen Grenze her begleiteten. In der N�he der B�der war ein Sommerpalast f�r sie vorbereitet worden, mit einem eigenen Teich im Garten.</p><p>Ich wu�te zwar, da� Claudia Procula anf�llig und reizbar war, so wie viele Frauen, die, auch wenn sie es sich selbst noch nicht eingestehen wollen, das fortschreitende Alter sp�ren. Zweifellos brauchte sie diese heilkr�ftigen B�der, und am See Genezareth herrscht bestimmt das frischeste und beste Fr�hlingsklima des ganzen Mittelmeergebiets. Die Gesandten des F�rsten Herodes schicken viele Besucher aus Damaskus, und sogar aus Antiochia, nach Tiberias. Dennoch fragte ich mich, ob Claudia Proculas unerwartetes Eintreffen nicht auch andere Gr�nde habe.</p><p>Nach zwei Tagen konnte ich meine Neugier nicht mehr bezwingen; ich schrieb der Gattin des Prokurators eine Botschaft auf einem zusammenklappbaren Wachst�felchen und fragte an, ob ich ihr meine Aufwartung machen d�rfe. Die Magd kam bald zur�ck und meldete mir, die Dame sei �ber meinen Brief erstaunt und hocherfreut gewesen. Ich sollte sofort, wie ich war, kommen.</p><p>Wegen meiner wunden Ferse lie� ich mich durch die G�rten bis zur S�ulenhalle tragen. Dort verlie� ich die S�nfte und hinkte, auf einen Stock gest�tzt, in die Villa. Die mir durch die Einladung erwiesene Gunst erregte gro�es Aufsehen, und viele Kurg�ste beobachteten meine Ankunft. Kurz zuvor hatte n�mlich Claudia Procula wissen lassen, sie w�nsche wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes weder Besuche noch Ehrungen.</p><p>Die Bedienten f�hrten mich sofort in einen k�hlen, aber hellen Raum, wo die Gattin des Statthalters auf einem Ruhebett in Purpurkissen lag. Sie sah auffallend bla� aus, und ihre Augen waren glanzlos. Neben ihr sa� in achtungsvoller Haltung eine feingekleidete, mit ihr etwa gleichaltrige j�dische Frau.</p><p>Claudia streckte mir ihre beiden schlanken H�nde entgegen, gab ihrer Freude durch einen lauten Zuruf Ausdruck und sagte: �Ach, Marcus, wie froh bin ich, einen Bekannten zu sehen und noch dazu jemanden, der mich versteht! Was fehlt dir denn? Was ist los mit deinem Fu�? Ich bin auch krank. Ich leide an Schlaflosigkeit. Und wenn ich wirklich einmal einschlafe, kommen mir b�se Tr�ume. Und mein Magen ist ganz durcheinander, und die Leber tut mir weh.�</p><p>Zu der anderen Frau sagte sie: �Das ist der junge Mann, von dem ich dir erz�hlt habe. Ein Kindheitsfreund, Marcus Mezentius Manilianus. Sein Vater war Roms hervorragendster Astronom. Auch mit der Familie Maecenas ist er verwandt und kann also seine Abkunft auf die Etrusker zur�ckf�hren, die seinerzeit sogar mit �neas in Wettstreit lagen. Ich habe ihn zuletzt zu Ostern in Jerusalem gesehen, h�tte aber nie gedacht, ihn hier zu treffen.�</p><p>Ich lie� sie schwatzen, obwohl sie sich nicht ganz an die Wahrheit hielt, sondern stark �bertrieb. Aber warum sollte ich widersprechen, wenn sie aus irgendwelchen Gr�nden alles im besten Licht erscheinen lassen und mich der anderen Frau gegen�ber herausstreichen wollte? Dann wandte sie sich zu mir und stellte vor: �Diese gute Frau ist Johanna, die Gattin eines K�mmerers im Dienste des F�rsten Herodes Antipas. Ich habe sie in Jerusalem kennengelernt, und sie versprach, mir w�hrend meines hiesigen Aufenthalts Gesellschaft zu leisten. Ich habe volles Vertrauen in sie.�</p><p>Die Frau l�chelte und sah mich pr�fend an. Sie hatte dicke, schlaffe Wangen, aber ihre Augen zeigten, da� sie keineswegs einf�ltig war und ihre Lebenserfahrungen hatte.</p><p>�Ich begr��e dich, Marcus Mezentius�, sagte sie. �Aber warum tr�gst du, ein R�mer, einen Bart und kleidest dich wie ein Kind Israels?�</p><p>�Man soll sich �berall den Landessitten anpassen�, erkl�rte ich leichthin. �Ich bin Philosoph und interessiere mich f�r die Br�uche und �berlieferung verschiedener Gegenden. Und um die Wahrheit zu sagen, ich empfinde tiefe Ehrfurcht vor dem Gott Israels und seinem Gesetz�� nat�rlich nur insoweit es nicht meiner Verehrung f�r den Genius C�sars Abbruch tut.�</p><p>Claudia Procula bemerkte jetzt meine Kleidung und rief: �Nein, so etwas! Du hast dich wirklich sehr ver�ndert, und ich glaube kaum, da� mein Gatte mit deiner Gewandung einverstanden w�re.� Sie schwatzte munter dahin, erz�hlte von dem Gesundheitszustand und den Sorgen des Statthalters und lie� mir eiskalten Wein, B�ckereien und Obst vorsetzen. Schlie�lich entlie� sie ihre Bedienten und sagte leise zu ihrer Gesellschafterin: �Johanna, sieh nach, ob niemand zur�ckgeblieben ist und uns belauschen will! Ich w�nsche keine Horcher.�</p><p>Johanna entledigte sich sachkundig ihres Auftrages: zuerst warf sie einen fl�chtigen Blick in den Vorraum, dann schlenderte sie wie zuf�llig im Zimmer selbst umher und tastete dabei die Beh�nge ab; schlie�lich beugte sie sich aus dem Fenster. Qaudia Procula winkte mich n�her zu sich heran, d�mpfte die Stimme und fragte: �Erinnerst du dich noch an Jesus von Nazareth, den man in Jerusalem gekreuzigt hat?�</p><p>Ich blickte Johanna an und z�gerte. Dann erwiderte ich: �Ich erinnere mich seiner; er bedr�ngt meine Seele. Gern h�tte ich mehr �ber ihn erfahren; aber seine J�nger sind mi�trauische Leute und lehnen Au�enstehende ab.�</p><p>Claudia bemerkte: �Sie sind nach Galil�a heimgekehrt, zu ihren fr�heren Berufen. Die meisten arbeiten wieder als Fischer hier am See.�</p><p>�Ja�, best�tigte ich. �Als ich Jerusalem verlie�, ging dort das Ger�cht von ihrer Heimkehr um. Viele andere sollen ihnen hierher nachgekommen seien. Aber wird man sie hier nicht verfolgen?�</p><p>Johanna warf in lebhaftem T�ne ein: �Nein, nein. Hier verfolgt sie niemand mehr. Kluge Berater haben den F�rsten Herodes �berzeugt, da� er nichts dabei gewinnen w�rde. Im Grunde hat er ja Angst vor ihnen und l��t sie lieber ungeschoren. Schon mit der Enthauptung Johannes des T�ufers hat er einen politischen Fehler begangen. Darum will er jetzt das Wort �Prophet� nicht einmal mehr h�ren.�</p><p>Claudia rief: �Du entsinnst dich doch, da� auch ich alles Erdenkliche tat, um meinen Gatten davon abzuhalten, sich an einem heiligen Mann zu vergreifen!�</p><p>�Warum qu�lst du dich mit dieser alten Geschichte?� erwiderte ich mit Vorbedacht. �Es ist nicht das erstemal, da� ein Unschuldiger hingerichtet wird. Die Welt ist nun einmal so. Wir k�nnen sie nicht �ndern. Vergi� ihn und widme dich deiner Genesung! Dazu bist du doch hergekommen.�</p><p>Erregt entgegnete Claudia: �Du verstehst nicht, um was es geht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie war. Jesus von Nazareth ist tats�chlich, obwohl du es seinerzeit nicht wahrhaben wolltest, aus dem Grab gestiegen und hat sich seinen Anh�ngern gezeigt. Und ob du es glaubst oder nicht, er ist jetzt hier.�</p><p>Johanna legte ihr erschrocken die Hand auf den Mund und warnte: �Du wei�t nicht, was du sagst, Herrin!�</p><p>Ich blickte sie aufmerksam an; mir fiel ein, da� Susanna den gleichen Namen erw�hnt hatte, und ich behauptete schlankweg: �Ich erkenne dein Gesicht, edle Johanna. Du warst seinerzeit unter Jesu Gefolgsleuten; das kannst du nicht leugnen.�</p><p>Johanna starrte mich angstvoll an und bekannte: �Das leugne ich keineswegs und werde es nie tun. Seinetwegen habe ich Haus und Gatten verlassen und bin ihm gefolgt, bis ich wegen der Stellung meines Mannes heimkehren mu�te. Aber wieso wei�t du Fremdling von dem allen?�</p><p>Ich f�hlte mich m�de und niedergeschlagen und hatte keine Lust mehr zu heucheln. �Ich wei� und bin �berzeugt davon, da� Jesus von den Toten auferstanden ist�, erkl�rte ich. �Und deshalb glaube ich auch, da� er der Sohn Gottes ist. Welche Bedeutung das aber hat, kann ich nicht ermessen. Nie hat sich derartiges begeben. Ich wollte sein Reich suchen; aber die Seinen anerkannten mich nicht und nahmen mich nicht auf. Dann jedoch habe ich geh�rt, da� er vor ihnen her nach Galil�a gegangen sei, und folgte ihnen, in der Hoffnung, ihn hier zu finden. Statt dessen hat mich��� setzte ich aufgebracht hinzu�� �sobald ich ankam, eine Blutvergiftung im Fu� ans Bett gefesselt. Das mu� wohl ein Zeichen sein, da� er nichts mit mir zu tun haben will. Aber gestehe offen, Claudia, da� auch du nur seinetwegen nach Galil�a gekommen bist!�</p><p>Beide Frauen sahen h�chst erstaunt zuerst einander und dann mich an. Schlie�lich fragten sie wie aus einem Munde: �Du, ein R�mer und Philosoph, glaubst wirklich, da� er von den Toten auferstanden und nach Galil�a gekommen ist?�</p><p>�Ich glaube es, weil ich es glauben mu߫, antwortete ich, noch immer aufgebracht. Nun aber �berkam mich das heftige Verlangen, meinem Herzen Luft zu machen, und ich erz�hlte ihnen, wie ich Lazarus besucht und Maria Magdalena kennengelernt hatte, wie die Sendboten Thomas und Johannes mich abwiesen, was im Hause Simons von Kyrene geschehen war und wie Matth�us und Zach�us zu mir kamen und mir unter Drohungen sogar das Recht absprachen, den Namen Jesu in den Mund zu nehmen.</p><p>Johanna sagte: �Das war nicht in Ordnung. Ich selber erinnere mich, wie einmal ein Mann, der Jesus nicht einmal kannte, durch Aussprechen seines Namens einen Besessenen heilte. Die J�nger wollten ihm das verwehren; aber der Herr wies sie zurecht und sagte, jemand, der in seinem Namen Machttaten wirke, werde es wenigstens nicht gleich darauf fertigbringen, schlecht �ber ihn zu reden. Ich verstehe nicht, warum du dich, wenn du an ihn glaubst, nicht auch seines Namens bedienen solltest.�</p><p>Schlie�lich erz�hlte ich ihnen, da� ich Susanna aus Jerusalem mitgenommen hatte. �Kennst du die Frau?� fragte ich Johanna.</p><p>Ihre Verachtung m�hsam verbergend, antwortete Johanna: �Nat�rlich kenne ich die z�nkische alte Plappertasche. Sie ist eine ungebildete B�uerin und hat keine Ahnung vom Gesetz. Jesus aber hat sie trotzdem in seinem Gefolge geduldet.�</p><p>Claudia sah mich verwundert und beklommen an und sagte: �Du hast dich seit den Tagen in Rom gr�ndlich ge�ndert, Marcus. Sogar deine Tullia scheinst du des Nazareners wegen vergessen zu haben. Glaube nicht, da� ich von ihr nichts wei�! Der r�mische Klatsch verbreitet sich bis C�sarea. Ich kann wirklich schwer verstehen, was du dir von diesem Jesus erwartest.�</p><p>�Und was erwartest du selber?� entgegnete ich gereizt.</p><p>Claudia zog die jetzt etwas knochigen Schultern hoch und erkl�rte: �Ich bin eine Frau und habe das Recht zu tr�umen. Ich wei�, da� Jesus, wenn ich ihn tr�fe, meine Schlaflosigkeit und alle meine anderen Leiden heilen w�rde. Vor allem aber bin ich nat�rlich neugierig darauf, einen Propheten zu sehen, der gekreuzigt worden und dann wieder aus dem Grab auferstanden ist.�</p><p>Ich sagte: �Mir ist alle Neugier vergangen�� und auch alle Lust zu tr�umen. Ich suche nur sein Reich, solange es noch auf Erden weilt. Angeblich hat er die Worte des ewigen Lebens. Aber was sagt mir das? Erz�hlt mir jetzt, ob er tats�chlich nach Galil�a gekommen ist und sich hier den Seinen gezeigt hat!�</p><p>Johannas Miene verfinsterte sich, als sie antwortete: �Ich wei� nichts Sicheres. Das Geheimnis seines Reiches hat er nur seinen J�ngern anvertraut; zu den anderen Anh�ngern und zu uns Frauen sprach er nur in Gleichnissen. Es war daher so, da� wir sahen und doch nichts erblickten, h�rten und doch nichts vernahmen. Die J�nger schlie�en sich ab und sagen den Frauen nichts. Darum z�rnt Maria ihnen und ist nach Magdala heimgekehrt. Alles, was ich wei�, ist, da� vor einigen Tagen sieben der Sendboten morgens zum Fischfang ausgefahren und mit zum Bersten vollen Netzen zur�ckgekommen sind. Unterwegs mu� irgend etwas Besonderes geschehen sein, weil sie wie verkl�rt waren und vor Freude lachten; aber sie lie�en nichts verlauten.�</p><p>Ich rief: �Es wundert mich, da� diese unwissenden Fischer sich anscheinend jetzt mit Maria Magdalena �berworfen haben, die so viel Geld f�r sie ausgegeben hat. Zumindest h�tte man annehmen k�nnen, sie w�rden eine so vornehme Dame wie dich von den Geschehnissen in Kenntnis setzen. Vermutlich ist es ja dir zuzuschreiben, wenn man sie hier nicht verfolgt.�</p><p>�Es sind undankbare Leute�, beklagte sich Johanna, f�gte aber, um Unvoreingenommenheit bem�ht, hinzu: �Offenbar h�ten sie irgendein ihnen allein anvertrautes Geheimnis. Aber warum hat Jesus ausgerechnet sie dazu erw�hlt?�</p><p>Claudia erkl�rte hochm�tig: �Als Gattin des Prokurators von Jud�a h�tte ich erwarten k�nnen, da� diese armseligen Fischer meinem Range Achtung erweisen und ihrem Meister meinen Wunsch nach einer Begegnung mit ihm vortragen. Schon dadurch, da� ich solchen Leuten ein derartiges Anliegen kundtat, habe ich den denkbar besten Willen bewiesen. �brigens k�nnten sie sich dadurch insgeheim meiner Gunst versichern.�</p><p>Ich konnte mich nicht enthalten zu bemerken: �Claudia, mir scheint, du verstehst nicht viel von seinem Reich. Er war kein Magier oder Quacksalber. Versuche zu begreifen: er ist der Sohn Gottes.�</p><p>Gekr�nkt fuhr Claudia mich an: �Vergi� nicht, da� ich selber mit C�sar verwandt bin und, solange er noch in Rom war, wiederholt an seiner Tafel gespeist habe!�</p><p>Johanna hob, wie zum Zeichen f�r mich, die Hand und bemerkte: �Ich bin nur eine Frau, und Israel spricht den Frauen die Seele ab. Trotzdem hat Jesus uns erlaubt, ihm zu folgen, und im Herzen erfasse ich ein wenig den Sinn seines Reiches. Die J�nger jedoch streiten noch immer miteinander dar�ber, ob und wann er ein j�disches Reich gr�nden wird. Aber Israel hat ihn verworfen und gekreuzigt und sein Blut �ber sich herabgerufen. Nach all diesen Dingen kann es nicht l�nger Gottes auserw�hltes Volk bleiben�� das sagt mir der gesunde Frauenverstand.�</p><p>Ich wurde dieser fruchtlosen Er�rterungen �berdr�ssig, und Claudia Procula sank in meiner Achtung. Ungeduldig gab ich dem Gespr�ch eine andere Wendung: �Lassen wir das dahingestellt sein! Aber was sollen wir unternehmen, um Jesus zu finden?�</p><p>Johanna erwiderte: �Ich wei� es nicht. Wir k�nnen nur warten. Aber ich habe gewartet und gewartet, und nichts ist geschehen. Vielleicht hat er uns Frauen vergessen. Mich beunruhigt auch der Gedanke, da� du seit deiner Ankunft hier durch deine Blutvergiftung unbeweglich bist und dich nicht auf die Suche nach ihm machen kannst.�</p><p>�Ich bin fast schon wieder gesund�, widersprach ich. �In einem Boot oder einer S�nfte k�nnte ich mich �berallhin begeben. Aber mein Herz ist schwer, und ich m�chte mich dem Gottessohn nicht aufdr�ngen. �brigens k�nnte das, glaube ich, niemand. Ich denke, er erscheint nur, wem er erscheinen will. Wenn es sein mu�, bescheide ich mich damit, da� ich seines Anblicks nicht wert bin.�</p><p>Sp�ttisch bemerkte Claudia: �Wie kann man so entschlu�los ein? Ich brenne darauf, ihn zu sehen; die B�der allein werden meine Schlaflosigkeit kaum heilen. Wenn ich ein Mann w�re, t�te ich etwas. Aber ich mu� an meine Stellung denken.�</p><p>Johanna �berlegte und schlug mir dann vor: �Du k�nntest ein Boot nach Magdala mieten und Maria aufsuchen. Ich kann das wegen meines Gatten nicht tun, weil sie trotz allem eine �bel beleumundete Frau bleibt. Aus dem gleichen Grunde k�nnen wir sie ebensowenig zu einem, wenn auch heimlichen, Besuch bei Claudia Procula einladen. Begib dich also zu ihr und frage sie, was wir tun sollen! Mache ihr klar, da� ich mich nat�rlich meiner Bekanntschaft mit ihr jetzt genau so wenig sch�me wie w�hrend unserer gemeinsamen Wanderungen, da� ich aber gegenw�rtig die Stellung meines Gatten bei Hofe zu ber�cksichtigen habe. Das ist eine verwickelte Angelegenheit, die du vielleicht als Mann nicht ganz begreifen kannst; aber sie als Frau wird es vollauf verstehen.�</p><p>Als sie merkte, da� ich z�gerte, l�chelte sie verschmitzt und sagte: �Du bist ein lebenslustiger junger R�mer. Du kannst sie ohne weiteres besuchen; dar�ber wird sich niemand Wundern. Seinerzeit war sie von sieben b�sen Geistern besessen; und auch jetzt noch haftet ihr in ganz Galil�a der fr�here Ruf an, obwohl sie inzwischen�� wenigstens hei�t es so�� ihren Lebenswandel ge�ndert hat.�</p><p>Mit bedr�ckender Klarheit begann ich zu sp�ren, da� ich nichts dabei gewinnen konnte, wenn ich mich in diesen Weiberzank mischte. Ich sagte also zu, mir den Vorschlag zu �berlegen, und wir plauderten eine Zeitlang �ber Alltagsdinge. Claudia Procula forderte mich auf, sie sp�ter, wenn ihr Gesundheitszustand sich gebessert h�tte, in die Stadt zu den Wagenrennen zu begleiten. Herodes Antipas ist stolz auf seine Stadt mit den neuen Rennbahnen und Theatern, und Qaudia hielt es f�r unerl��lich, den Repr�sentationsverpflichtungen einer Pers�nlichkeit ihres Ranges einigerma�en nachzukommen. Dann versprachen wir uns gegenseitig, einander zu verst�ndigen, wenn wir etwas �ber Jesus h�ren sollten. Schlie�lich entlie� Qaudia mich mit der Ank�ndigung, sie werde mich bald zum Essen zu sich einladen.</p><p>Auf dem R�ckweg in den Gasthof bemerkte ich einen sidonischen H�ndler, der sich in einer schattigen S�ulenhalle niedergelassen hatte und Stoffe von einer Stange abrollte. Ich machte halt, kaufte ein St�ck goldbestickte Seide und schickte es gleich als Geschenk an Qaudia Procula.</p><p>Maria von Beeroth hatte ungeduldig gewartet und mich sicherlich mit dem krausb�rtigen Sidonier feilschen sehen. Offenbar war sie der Meinung gewesen, ich h�tte etwas f�r sie gekauft; denn nach einigem vergeblichem Warten begann sie zu zetern: �Wie ich sehe, bist du jetzt schon tadellos auf den Beinen, wenn es sich um etwas handelt, was dir Spa� macht. Und mich h�ltst du hier hinter W�nden und Vorh�ngen, als ob du dich meiner Gesellschaft sch�men m��test. Dabei wei� hier niemand etwas anderes von mir, als da� ich dich w�hrend einer lebensgef�hrlichen Erkrankung gepflegt und betreut habe. Ich m�chte auch unter Leute kommen und in diesen h�bschen G�rten mit anderen Frauen reden, Musik h�ren und mich unter einem Sonnensegel auf den See hinausrudern lassen. Aber an mich denkst du �berhaupt nicht�� nur an dich und deine Vergn�gungen.�</p><p>Tiefe Niedergeschlagenheit erf�llte mich, als ich der Inbrunst gedachte, mit der wir Jerusalem verlassen hatten, w�hrend heute alle unsere Hoffnungen im Sand zu verlaufen schienen. Auch Claudia Procula hatte in jenen schuldbeladenen Tagen in Jerusalem, als die Erde bebte, ganz anders von Jesus gesprochen als jetzt. Ebenso ist auch ihre Gef�hrtin Johanna offenbar nicht mehr jene Frau, die, ohne an ihr Heim und die hohe Stellung ihres Gatten als K�mmerer des Herodes Antipas zu denken, Jesus Gefolgschaft geleistet hatte. Hier zwischen Marmorhallen und G�rten, wo im Schwefelgeruch der hei�en Quellen aus den Myrtenhainen sanfte Fl�tenmusik ert�nt, scheint sich alles zum alten Zustand r�ckverwandelt zu haben; Prunk und Behagen lassen keinen Raum f�r das �bernat�rliche.</p><p>Ich fragte: �Maria von Beeroth, erinnerst du dich noch, weshalb wir hierherkamen?�</p><p>Maria warf den Kopf hoch, starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an und erwiderte vorwurfsvoll: �Gewi�, und zwar besser als du. Ich warte mit Sehnsucht auf Nachricht von Nathan oder Susanna. Sonst kann ich nichts tun. Warum sollte ich nicht in der Zwischenzeit die Annehmlichkeiten genie�en, die es hier gibt und die mir neu sind?�</p><p>�Hier geh�rt alles zur irdischen Welt�, erkl�rte ich. �Diese Art von Gesellschaft und Umgebung bekommt man rascher satt als sonst etwas. Ich w�rde das alles mit Freuden hingeben, wenn ich daf�r den Auferstandenen auch nur f�r einen Augenblick von weitem sehen k�nnte.�</p><p>�Sicherlich, sicherlich�, stimmte Maria ungeduldig bei. �Ich ja auch. Aber warum soll ich mich nicht, w�hrend ich darauf warte, vergn�gen? Ich bin wie ein armes Landm�del, das zum erstenmal in die Stadt kommt und einen syrischen Spielzeugladen betritt. Ich bilde mir nicht ein, alle diese Dinge einmal selber besitzen zu k�nnen�� so albern bin ich nicht. Aber weshalb sollte ich sie nicht anschauen und betasten?�</p><p>Ich verstand sie nicht und wurde ihrer Einwendungen m�de. �Das kannst du haben�, versprach ich kurz angebunden, von dem hei�en Wunsche erf�llt, sie loszuwerden. �Morgen miete ich ein Boot, und wir fahren nach Magdala. Ich habe geh�rt, da� die reiche Taubenz�chterin ihre Gef�hrten verlassen hat und heimgekehrt ist. Wir werden sie besuchen.�</p><p>Aber meine Begleiterin war �ber diese Ank�ndigung keineswegs begeistert. �Maria Magdalena ist eine hitzk�pfige Frau�, murrte sie. �Sie war zwar seinerzeit die einzige, die mich freundlich behandelt und menschlich mit mir gesprochen und mich davon �berzeugt hat, da� Jesus von Nazareth ein K�nig war; aber ich habe Angst vor ihr.�</p><p>�Warum denn?� fragte ich erstaunt. �Sie ist es doch auch gewesen, die dich damals nachts zu dem Tor in der alten Mauer, das ich durchschreiten mu�te, geschickt und dir die Worte, die du sprechen solltest, in den Mund gelegt hat.�</p><p>�Vielleicht wird sie von mir etwas verlangen, was ich jetzt, da du mich unter deinen Schutz genommen hast, nicht mehr tun m�chte�, erkl�rte Maria. �Ihr Wille ist st�rker als der meine, und wenn sie befiehlt, werde ich ganz willenlos.�</p><p>�Aber vor welcher Art von Befehl solltest du dich f�rchten?� fragte ich.</p><p>Maria beklagte sich: �Sie tr�gt schwarze Kleider. Sie k�nnte wollen, da� ich diese sch�nen Gew�nder, deine Geschenke, ablege und das Sackzeug der B��erinnen antue. Sie k�nnte mir gebieten, dich jetzt, nachdem du mich nach Galil�a gebracht hast, zu verlassen. Davor habe ich Angst.�</p><p>�Maria von Beeroth�, rief ich erregt, �worauf hoffst du eigentlich? Und was stellst du dir im Zusammenhang mit meiner Person vor?�</p><p>�Ich hoffe auf nichts und stelle mir nichts vor�, rief sie ebenso heftig und warf den Kopf mit stolzer Geb�rde zur�ck. �Sei �berzeugt davon! Ich m�chte nur eines Tages in deiner N�he leben k�nnen. Noch vor wenigen Tagen hast du andere T�ne angeschlagen, als dich hohes Fieber im Bett sch�ttelte und ich dir die aufgesprungenen Lippen netzte und du mich flehentlich batest, meine Hand auf deine Stirn zu legen und dir die ganze Nacht, w�hrend du schliefst, die Hand zu halten. Aber denke nicht, da� ich mir deswegen irgend etwas erhoffe oder vorstelle. O nein! Diese Tage waren sch�n und geh�ren zu den sch�nsten meines ganzen Lebens. Ich w�rde sie nicht gern pl�tzlich enden sehen. Aber tu nat�rlich, wie dir beliebt! Es ist mir klar, da� du nicht das tun wirst, was mir beliebt.�</p><p>Ich erkannte, da� es hoch an der Zeit war, mich von ihr zu trennen. Je l�nger sie bei mir blieb, desto fester band sie mich Tag f�r Tag auf vielerlei Art an sich, so da� ich mich ganz nutzlos an ihre Gegenwart gew�hnte. �hnlich ergeht es einem, wenn man, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken, einen Sklaven oder einen Hund anschafft und dann feststellt, da� man an dem Hunde h�ngt oder den Sklaven nicht mehr entbehren kann.</p><p>Tags darauf mietete ich also ein Fischerboot mit zwei Ruderern, und wir fuhren �ber die leuchtenden Wellen des Sees nach Magdala. Maria beschattete sich zimperlich den Kopf; im Gasthof hatte sie sich, gleich den anderen Frauen des Ortes, das Gesicht sorgf�ltig mit Gurkensaft eingerieben, zur Beseitigung der Sonnenbr�une. W�hrend der Reise von Jerusalem hierher hatte sie solche Sorgen nicht gekannt.</p><p>Ich unterhielt mich mit den Ruderern, um die galil�ische Mundart ins Ohr zu bekommen. Es waren wortkarge M�nner, die auf meine Fragen nur kurze Antworten gaben. Als wir an Tiberias vorbeikamen, zeigte sich deutlich, da� sie diese h�bsche, neue, erst vor wenigen Jahren von Herodes Antipas gegr�ndete Griechenstadt verabscheuten. Um sie rascher hinter sich zu bringen, versuchten sie, das Segel zu setzen; aber der Wind war ung�nstig und wechselnd, so da� sie schlie�lich doch mit den Rudern vorliebnehmen mu�ten.</p><p>Mir fiel ein, da� Jesus von Nazareth angeblich auf dem Wasser dieses Sees gewandelt war. Jetzt im hellen Tageslicht, mit den br�unlich und bl�ulich verschwimmenden H�geln der fernen Ufer, mit der frischen Brise und dem aufspr�henden Wasser, erschien die Geschichte unglaubw�rdig. Ich geriet in den Bann der schwerm�tigen Empfindung, einer Fata Morgana nachzujagen, einem Traum oder einer von abergl�ubischen Fischern erfundenen M�r. Nun, nach meiner Erkrankung, schien seit den Jerusalemer Tagen unerme�liche Zeit vergangen zu sein. Es war, als h�tte Jesus nie gelebt.</p><p>Um mich selbst in die Wirklichkeit zur�ckzubringen, fragte ich die Ruderer: �Habt ihr einmal Jesus von Nazareth gesehen, damals, als er am Seeufer das Volk unterwies?�</p><p>Sie blickten einander an, st�tzten sich auf ihre Ruder und forschten mi�trauisch: �Wozu willst du das wissen, Fremdling?�</p><p>�Ich war in Jerusalem, als er gekreuzigt wurde�, erkl�rte ich. �Meiner Meinung nach hat er ein so schreckliches Schicksal nicht verdient.�</p><p>Die Fischer sagten: �Man kann das verstehen. Wir Galil�er�� er war ja auch einer�� werden in Jerusalem verachtet. Aber Schuld trug er selber, weil er sich freiwillig den habgierigen Priestern und scheinheiligen Pharis�ern in die H�nde gab.�</p><p>�Habt ihr ihn gesehen?� fragte ich nochmals.</p><p>Sie z�gerten und schauten einander wieder an. Dann siegte ihr Stammesstolz, und sie best�tigten: �Nat�rlich, und zwar oft. Einmal waren wir in einer Volksmenge von f�nftausend Leuten und haben ihm zugeh�rt. Er hat uns alle mit f�nf Gerstenbroten und zwei Fischen gespeist, und wir wurden satt. Ja, es sind noch zw�lf K�rbe mit Brotst�cken �briggeblieben. Ein solcher Mann war das.�</p><p>�Wovon sprach er? K�nnt ihr euch an seine Lehren erinnern?� erkundigte ich mich eifrig.</p><p>Doch sie wichen �ngstlich aus: �Uns einfachen Leuten schl�gt es nicht gut an, seine Worte weiterzugeben. Wir w�rden nur den Zorn der Obrigkeit auf uns lenken.�</p><p>Ich ermunterte sie: �Sagt mir wenigstens irgend etwas, was euch besonders im Ged�chtnis geblieben ist! Ich bin nur ein reisender Fremder und ein Kurgast; ich werde nichts ausplaudern.�</p><p>Sie betonten vorerst: �La� dir also gesagt sein, da� die Worte von ihm stammen und nicht von uns!� Dann hoben sie wie aus einem Munde an: �Selig sind die Armen; denn ihrer ist das Reich. Selig sind die Stillen; denn sie werden das Land zum Besitz erhalten. Selig sind, die verfolgt und geschm�ht werden. Selig seid ihr; denn euer Lohn ist gro� im Himmel! Niemand kann zwei Herren dienen. Sorget euch nicht! Leichter geht ein Kamel durch ein Nadel�hr als ein Mammonsknecht in das Reich.�</p><p>Ich hatte den Eindruck, da� sie Jesu Ausspr�che oft in ihrem Kreise beredet und von seinen Lehren das f�r sich �bernommen hatten, was ihnen am besten gefiel. Mehr hatten sie sich nicht gemerkt oder wollten sie nicht preisgeben. Jedenfalls lag in ihren Augen unverkennbare Schadenfreude, als sie meine guten Kleider und mein Sitzkissen ansahen.</p><p>�Was wi�t ihr �ber ihn selber?� forschte ich weiter.</p><p>Sie erwiderten: �Er war ein ausgezeichneter Fischer. Er konnte einen Schwarm Fische ausfindig machen; nachdem andere vielleicht die ganze Nacht �ber vergebens die Netze ausgeworfen hatten. Einmal sind seine Leute mit vollbeladenen Booten eingefahren, w�hrend andere mit leeren H�nden vom Fang zur�ckkamen. Er konnte St�rme bes�nftigen und gro�e Wellen im Nu gl�tten. Auch Kranke soll er geheilt haben; aber darum haben wir uns nicht gek�mmert, weil wir nie krank waren. Am meisten gewundert an ihm hat uns, da� ein Mensch aus dem Binnenland, aus Nazareth, sich mit Wasser und Wind und den Fischz�gen so gut auskannte.�</p><p>Mehr konnte ich aus ihnen trotz wiederholter Fragen nicht herausbekommen. Sie wurden nur wieder argw�hnisch. Schlie�lich bemerkte ich: �In Jerusalem hie� es, er sei aus dem Grabe gestiegen und nach Galil�a zur�ckgekehrt. Habt ihr davon geh�rt?�</p><p>Sie legten sich st�rker in die Ruder und antworteten erst nach einer Weile. �Altweibergeschw�tz! Kein Toter verl��t sein Grab. Er war ein Mensch, genau wie wir, obwohl er lehrte und Wunder wirkte. Du w�hlst zwar deine Worte sehr geschickt; aber wir gehen dir nicht ins Garn.� Danach sagten sie nichts mehr au�er: �Das ist Klatsch aus der Gegend von Kapernaum. Wir sind Fischer in Tiberias.�</p><p>Magdala ist ein gro�es Fischerdorf mit vielen Einwohnern. Schon von weitem drang zu uns �ber das Wasser der Geruch der P�keleien. Nachdem die Ruderer �ber Bord gesprungen und das Boot an Land gezogen hatten, zahlte ich sie aus und schickte sie nach Tiberias zur�ck. Erst als ich, auf Maria und meinen Stock gest�tzt, durch das Dorf gehumpelt war, lie� ich meine Begleiterin nach Maria Magdalena fragen. Sie war wohlbekannt. Man zeigte uns gleich au�erhalb des Ortes, gegen die Taubenkl�fte zu, die ausgedehnte Geb�udegruppe.</p><p>Ein Gem�sebauer, der von einem Dorfbesuch heimkehrte, lie� mich, sobald er mein Hinken sah, bereitwillig auf seinem Esel aufsitzen. Als er von Maria Magdalena sprach, l�chelte er merkw�rdig, sagte aber anerkennend: �Sie ist eine kluge und sehr reiche Frau. Sie besch�ftigt viele Taubenf�nger, und in ihren gro�en Schl�gen z�chtet sie auch selbst Tauben f�r den Tempel. Au�erdem hat sie einen Kr�utergarten und Anteile an Fischp�keleien. Sie ist viel auf Reisen, soll aber dieser Tage heimgekommen sein.�</p><p>Dann warf er mir einen Seitenblick zu und meinte mit gutm�tigem Grinsen: �So jung wie fr�her ist sie nat�rlich nicht mehr. Angeblich hat sie ein anderes Leben angefangen und gibt den Armen Almosen. Aber du mu�t selber am besten wissen, was du von ihr willst.�</p><p>Ich hatte diese Reise ohne irgendwelche Erwartungen unternommen. Als ich jedoch, zwischen zwei leeren Gem�sek�rben auf dem R�cken eines Esels hockend, mich dem Hause Maria Magdalenas n�herte, freute ich mich unversehens darauf, ihr wei�es Gesicht wiederzusehen. Sie stand mir so in Erinnerung, wie ich sie im Obergemach des Lazarushauses gesehen hatte, und mir kam vor, ich h�tte mich nie zuvor derart nach dem Anblick einer Frau gesehnt. Der Gem�sebauer bemerkte meine Miene und sagte: �Mir scheint, du bist wie alle anderen. Je n�her du ihrem Hause kommst, desto eiliger hast du es. Ich mag dort nicht vorbeigehen. Sei also nicht b�se, wenn ich dich hier an der Weggabelung absetze.�</p><p>Ohne Maria und mich weiter zu beachten, trieb er seinen Esel an, als wollte er so rasch wie m�glich aus dem Umkreis des Hauses gelangen. Auch meine Begleiterin seufzte und unkte: �Bei dieser Sache wird nichts Gutes herauskommen. Wir sollten umkehren. Mir tun schon die Augen von der Sonne weh, sosehr ich mir den Kopf bedecke. Ich bin ganz verschwitzt und kann kaum atmen.�</p><p>Aber ich humpelte unbeirrt durch das Tor und sah mitten in dem gro�en Hof eine schwarzgekleidete Frau Tauben f�ttern. Eine ganze Wolke von V�geln umflatterte sie; einige sa�en ihr auf den Schultern, andere wippten auf ihren H�nden. Als sie uns erblickte, streute sie das K�rnerfutter auf den Boden, rieb die H�nde aneinander und kam uns, ihr Gesicht entbl��end, entgegen. �berrascht, aber erfreut begr��te sie Maria und mich und rief: �Ich habe gesp�rt, da� jemand kommt. Aber ich hatte keine Ahnung, da� du es sein k�nntest, Marcus aus Rom, und du, Maria von Beeroth.�</p><p>�Friede sei mit dir, Maria Magdalena!� gr��te ich und blickte in ihr gefurchtes, wei�es Gesicht und in ihre leuchtenden Augen, die so von Freude erf�llt waren, da� ich mich am liebsten zu Boden geworfen und die Knie dieser Frau umschlungen h�tte.</p><p>Sie verjagte mit beiden H�nden die Tauben, die noch um ihren Kopf flatterten, und f�hrte uns durch den Hof in einen Garten, zu einem Sommerhaus, das sie sich dort hatte erbauen lassen. Zuerst holte sie selbst Wasser und kniete, ohne meinen Einspruch zu beachten, vor mich hin, um mir die F��e zu waschen. Die Ber�hrung ihrer H�nde tat meinem wunden Fu�e wohl und linderte den Schmerz. Auch meiner Begleiterin, die sie, hinter der vorgehaltenen Hand kichernd, wegzuschieben versuchte, erwies sie den gleichen Liebesdienst. Dann gab sie uns frisches Quellwasser zu trinken und schickte das M�dchen mit den Worten weg: �Geh dir die Taubenschl�ge und mein Haus anschauen und st�re uns nicht l�nger, n�rrisches Ding!�</p><p>Meine Begleiterin entfernte sich fast laufend, als w�re sie froh wegzukommen. Maria Magdalena blickte ihr kopfsch�ttelnd nach und wandte sich dann zu mir mit der Frage: �Was hast du aus ihr gemacht? Hast du ihr diese buntscheckigen Kleider geschenkt? Sie war doch in Jerusalem sehr dem�tig und bu�fertig; jetzt aber scheint ihr ein D�mon aus den Augen zu lugen.�</p><p>Ich verteidigte mich: �Meiner Meinung nach habe ich ihr nichts Schlechtes zugef�gt. Ich habe sie nicht ber�hrt, wenn du das meinst. Sie hat mich in Tiberias, als ich mit meinem wunden Fu�e krank lag, treu gepflegt.�</p><p>Maria Magdalena erwiderte: �Wenn ein Mann etwas f�r eine Frau tut, kann er ihr�� mit den erdenklich besten Absichten�� oft �rgeres zuf�gen, als er ahnt. Du eignest dich nicht zum H�ter eines solchen Wesens, Marcus. Du solltest dich von deiner Begleiterin trennen.�</p><p>�Sie sucht Jesus von Nazareth, ebenso wie ich selbst�, entgegnete ich und erleichterte nun mein Herz, indem ich erz�hlte, wie wir aus Jerusalem abgereist waren, wie Susanna und Nathan mich im Stich gelassen hatten und wie ich in Tiberias, bei Claudia Procula, Johanna kennenlernte. Maria Magdalena nickte zu meinem Bericht, und ein hartes L�cheln �berflog ihr wei�es Gesicht.</p><p>�Ich kenne die habgierige Susanna und die hochm�tige Johanna�, sagte sie unwirsch. �Ich mu� f�r ihre Fehler blind gewesen sein w�hrend der Zeit, als wir in schwesterlicher Gemeinsamkeit wanderten; in Wirklichkeit habe ich damals nur Jesus gesehen. Du hast gen�gend Erfahrungen mit seinen J�ngern gemacht, um zu wissen, welche Art Menschen sie sind und wie sie mit dem Geheimnis des Reiches knausern. Wahrscheinlich wunderst du dich inzwischen auch, ebenso wie ich, dar�ber, da� er aus solchen Bausteinen sein Reich aufrichten wollte. Ich habe von der Halsstarrigkeit dieser M�nner ebenso genug bekommen wie von den gegenseitigen Eifers�chteleien der Frauen und bin heimgekehrt, um zu warten. Ich wei�, da� Jesus vor uns herging nach Galil�a; aber es w�rde mich nicht �berraschen, wenn er niemanden aus unserem Kreise wiedersehen wollte. Vielleicht ist er ebenso entt�uscht von uns, wie wir es im Herzen voneinander sind. Ich habe die Fischer ihrem Handwerk �berlassen, und auch Jesu Mutter ist nach Nazareth zur�ckgekehrt.�</p><p>Sie pre�te die H�nde aneinander, zuckte wie vor Schmerz mit den Schultern und klagte: �Warum bin ich nur ein Mensch und noch dazu eine Frau? Und warum werde ich jetzt, da Jesus nicht mehr bei uns ist, so verstockt in meiner Hartherzigkeit? Sein Reich gleitet von mir ab. Wehe �ber mich, die ich so kleingl�ubig bin, da� ich nicht einmal mehr auf ihn vertraue!�</p><p>Sie blickte entsetzt umher, als h�tte sie lauernde Gestalten bemerkt, und rief: �Er ist das Licht der Welt. Wenn er ferne weilt, senkt sich, auch bei hellstem Sonnenschein, Finsternis �ber mich. Ich f�rchte, die b�sen Geister k�nnten wieder in mich fahren. Aber dann w�rde ich nicht l�nger leben wollen. Besser einen Strick um den Hals! Ich habe schon genug durchgemacht.�</p><p>Ihre Qual dr�ckte mir bleischwer auf die Brust. Doch ich versuchte, sie zu tr�sten, und erz�hlte ihr von Johannas Bericht, Jesus sei seinen J�ngern erschienen, als sie eines Morgens fischten.</p><p>�Davon habe ich auch geh�rt�, best�tigte Maria. �Aber diese Kr�merseelen haben sich wohl haupts�chlich dar�ber gefreut, da� sie mehr als hundertf�nfzig gro�e Fische gefangen hatten. Das Netz war so voll, da� sie es, um es nicht zu zerrei�en, an Land ziehen mu�ten. Warum haben sie nicht den anderen zum Trost davon erz�hlt, wenn sie tats�chlich unseren Meister gesehen haben sollten?�</p><p>Es war, als hegte sie im Herzen Groll gegen die J�nger und als neidete sie es ihnen, da� Jesus sich zuerst ihnen und nicht ihr in Galil�a gezeigt haben k�nnte. In gewisser Beziehung fand ich das begreiflich; denn sie war es ja gewesen, die nach Jesu Kreuzigung im Morgengrauen als erste zu seinem Grab geeilt und der er nach seiner Auferstehung zuerst erschienen war.</p><p>�Maria Magdalena�, beschwichtigte ich sie, �verzage nicht! Wenn er sich nach Galil�a begeben hat, so ist sein Reich ganz nahe. Vielleicht habe ich an ihm keinen Teil, und vielleicht wird er mich ebenso zur�ckweisen, wie seine J�nger es taten. Aber sei �berzeugt, falls er in Galil�a ist, wirst du ihn bestimmt noch zu sehen bekommen.�</p><p>Sie warf mir einen stolzen Blick ihrer dunklen Augen zu und sagte: �Du, der R�mer, tr�stest mich, wo die Seinen mir jeden Trost versagten?�</p><p>Aber ihr Antlitz begann zu leuchten, wie von Sonnenlicht �berflutet, obwohl wir im Schatten ihres Sommerhauses sa�en. Sie ber�hrte meine Hand, und wieder war ihre Ber�hrung voll Kraft, als sie fragte: �Glaubst du das wirklich? Ich glaube es ja nat�rlich auch. Nur ist mein Herz in Aufruhr, weil ich die von ihm erw�hlten J�nger nicht nach Geb�hr zu ehren vermag. Es ist s�ndhaft von mir unw�rdigem Weibe, mich seinem Willen nicht zu f�gen. Lehre du mich, was Demut ist, R�mer! Ich verdiene die Zurechtweisung.�</p><p>�Sag mir lieber, ob du meinst, da� er mich, den R�mer, in sein Reich aufnehmen wird!� bat ich niedergeschlagen.</p><p>Maria Magdalena erwiderte in dem gleichen geringsch�tzigen Ton wie Johanna: �Die J�nger erhoffen sich noch immer, er w�rde in Israel ein neues Reich errichten. F�r mich ist er das Licht der Welt. Warum sollte seine Verhei�ung nicht dich ebenso angehen wie die Kinder Israels, wenn du ihn f�r den Christus h�ltst? Sein Reich ist das ewige Leben und kein irdisches Herrschertum.�</p><p>�ber ihre Worte erbebte mein Herz in Furcht. �Was ist ewiges Leben?� fragte ich.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich wei� es nicht�, bekannte sie. �Das wird wohl nur er allein wissen. Solche Dinge hat er auf seinen Wanderungen nicht gelehrt; er hat die Leute unterwiesen, wie sie leben sollten, um seines Reiches wert zu sein. Ich bin nicht dem�tig oder kindlich genug im Herzen, um zu begreifen, was ewiges Leben ist. Ich wei� nur, da� es in und mit Jesus ist. Und mehr braucht man nicht zu wissen.�</p><p>Ich erwog ihre Worte. �Wie soll ich also leben?� fragte ich. �Gen�gt nicht das Bem�hen, still und dem�tig im Herzen zu werden?�</p><p>�Liebe deinen N�chsten wie dich selbst!� sagte Maria Magdalena wie entr�ckt. �Alles, wovon du m�chtest, da� es dir die Menschen tun, das tue auch ihnen!� Pl�tzlich schlug sie die H�nde vor das Gesicht und begann zu schluchzen. �Wie darf ich dich unterweisen, wenn ich selbst seiner Lehre untreu geworden bin? Als wir mit ihm zogen, waren wir alle wie Geschwister. Kaum war er weg von uns, so begann ich diese Geschwister im Herzen zu hassen und zu beneiden. Vielleicht hat er mir dich gesandt, damit ich meiner Bosheit entsage und dem�tig werde.�</p><p>Pl�tzlich ber�hrte sie meinen wunden Fu�, hielt die Hand auf die halbverheilte Schw�re und betete laut: �Jesus Christus, Sohn Gottes, habe Erbarmen mit mir S�nderin! Wenn es dein Wille ist, so la� diesen Fu� wieder gesund werden, als h�tte er nie geschmerzt!�</p><p>Sie zog die Hand zur�ck, blickte auf, richtete in atemloser Erwartung die Augen auf mich und sagte: �Wenn er das tun will, so ist es ein Zeichen. Steh auf, wirf deinen Stock weg und geh!�</p><p>Ich tat, wie mir gehei�en war, und machte einige Schritte. Ich hinkte nicht und sp�rte keinen Schmerz mehr im Fu�. Zuerst staunte ich sehr; dann ging ich zur�ck, setzte mich wieder und sprach: �Nimm dies als das von dir erbetene Zeichen, wenn du willst! Ich selber brauche kein Zeichen von ihm, weil ich auch so glaube. Offen gestanden, mein Fu� war schon gesund, und �ber die wunde Stelle ist frische Haut gewachsen. Wahrscheinlich bin ich blo� aus Gewohnheit noch hinkend gegangen, weil der griechische Arzt, der mir die Beule aufschnitt, mich so eindringlich vor einer �beranstrengung des Fu�es gewarnt hat.�</p><p>Aber Maria Magdalena l�chelte, hob meinen Stock vom Boden auf und fragte: �Soll ich mein Gebet widerrufen, so da� du nochmals zu hinken anf�ngst?�</p><p>Hastig erwiderte ich: �Nein, das nicht! Bestimmt w�rde ich, wenn du darum beten solltest, von neuem hinken und vielleicht mein ganzes Leben lang umherhumpeln.�</p><p>Meine Wort erschreckten Maria; sie blickte um sich, als w�re sie bei etwas Verbotenem ertappt worden, und erkl�rte rasch: �Nein, nein, �bles k�nnen wir in seinem Namen auf einen anderen nicht herabflehen; nur uns selber t�ten wir damit �bles. In; seinem Namen kann man nicht verfluchen�� nur segnen.�</p><p>Sie l�chelte strahlend und starrte vor sich hin und durch mich hindurch, als s�he sie etwas f�r mich Unsichtbares. Zugleich bog sie meinen Stock zwischen ihren H�nden, und zu meiner grenzenlosen Verbl�ffung schien der doch vollkommen starre, harte Eichenstock so biegsam wie eine Weidengerte. Ich traute meinen Augen nicht und konnte nur hinblicken, bis sie aus ihrem Sinnen erwachte, meinen Blick sp�rte und mir ihr Gesicht zuwandte.</p><p>�Warum starrst du mich so an?� fragte sie und h�rte auf, den Stock zu biegen.</p><p>Ich hob beschw�rend beide H�nde und fl�sterte: �Biege den Stock nochmals, wie du es eben getan hast!�</p><p>Sie versuchte es unter Aufgebot aller Kr�fte; aber der Stock gab nicht um Haaresbreite nach. Ich nahm ihn wieder an mich, und es war der gleiche feste, harte Stock, auf den ich mich beim Gehen gest�tzt hatte. Das Geschehene war nicht bewu�t vollzogen worden; Maria Magdalena hatte in Gedanken versunken, mit in sich gekehrtem Blick, dagesessen und konnte sich nachher �berhaupt nicht erkl�ren, warum ich so aufgeregt war. Ich lie� mich auf keine vernunftgem��en Deutungsversuche ein, sondern zog vor, diese Biegsamkeit des harten Holzes als wohlwollendes Zeichen f�r mich zu werten, weil ich nicht an die Heilung meines Fu�es durch die Anrufung von Jesu Namen geglaubt hatte. Wie das hergegangen war, konnte ich mir nicht erkl�ren, da ich ja nicht einmal ein solches Zeichen gew�nscht hatte. Jedenfalls flammte nun wieder Hoffnung in meinem Herzen auf.</p><p>Da� ich den Stock sich biegen gesehen hatte, war mir keinesfalls durch Hexerei vorgegaukelt worden; ich sp�rte n�mlich nichts von jener K�rperstarre, die den umf�ngt, an dem ein Zauberer seine K�nste �bt. Im Gegenteil, ich f�hlte mich wohl, frisch und gel�utert. Deshalb sagte ich: �Maria Magdalena, du gl�ckhafte Frau! Jesus ist dein Herr, und du darfst nicht ungeduldig werden. Sobald du ihn rufst, steht er bei dir, auch wenn du ihn nicht siehst. Wie das m�glich ist, begreife ich nicht; aber ich glaube daran. Du bist wahrhaft durch ihn gesegnet unter den Frauen.�</p><p>Als wir das Sommerhaus verlie�en, waren wir beide von neuer Hoffnung erf�llt. Maria Magdalena zeigte mir ihren Kr�utergarten und ihre Taubenschl�ge und schilderte mir, wie man die V�gel in den nahen Felskl�ften f�ngt und wie auch sie als junges M�dchen durch die Steilw�nde geklettert war, ohne Angst vor R�ubern und ohne Schwindelgef�hl.</p><p>Wir betraten ihr Wohnhaus. Es war voll herrlicher Beh�nge und kostbarer M�bel; aber ihre griechischen Vasen und Statuen hatte Maria, so erz�hlte sie, nach ihrer Befreiung aus der Macht der D�monen vernichtet, da das Gesetz Israels den Gl�ubigen verbietet, sich Schnitzwerke oder sonstige Abbilder von Mensch oder Tier zu machen. Dadurch kam sie darauf zu sprechen, da� Jesus, wenn er�� wie so oft�� in Sinnen versank, einen Stock nahm und in den Sand zeichnete. Aber ehe Maria oder sonstwer hinsehen konnte, verwischte er mit dem Fu�, was er gezeichnet oder geschrieben hatte. Auch anderes erz�hlte sie mir von Jesus, wie es ihr w�hrend des Rundgangs durch das gro�e Haus zuf�llig einfiel.</p><p>Sie hatte f�r uns ein Mahl bereiten lassen und lud mich ein, bei Tische Platz zu nehmen, leistete mir aber nicht Gesellschaft, sondern sagte: �Gestatte, da� ich dich nach Landessitte beim Essen bediene!� Sie forderte auch Maria von Beeroth auf, mir dienstbar zu sein, befahl ihr, mir Wasser �ber die H�nde zu gie�en, und belehrte sie l�chelnd dar�ber, wie man bei Tisch richtig aufwartet. Sie selber mischte mir Wein, einen leichten galil�ischen Wei�wein, der mir wie Fr�hlingsluft zu Kopfe stieg. Nach den salzigen und s��en Vorspeisen reichte sie mir gebratenen Fisch und dann Taubenst�cke in Rosmarintunke. Ich h�tte nicht sagen k�nnen, wann ich zum letztenmal derart gut zubereitetes und k�stliches Essen genossen hatte.</p><p>Erst als ich so satt war, da� ich keinen Bissen her hinuntergebracht h�tte, setzte meine Gastgeberin sich zum Essen auf die Matte zu meinen F��en und lie� auch meine Begleiterin das gleiche tun. Maria Magdalena war mild und heiter geworden, und ein liebliches L�cheln verkl�rte ihr Gesicht. Ich betrachtete sie durch den feinen Schleier der Weinbenommenheit und fand, da� sie wirklich eine der sch�nsten und anziehendsten Frauen dieses Landes gewesen sein mu�te. Angesichts ihrer Freundlichkeit fa�te selbst meine junge Begleiterin Mut und wagte schlie�lich zu sagen: �Wenn du so l�chelst wie jetzt, Maria Magdalena, glaube ich gern, da� M�nner deinetwegen sogar aus Damaskus und Alexandria hierher gereist sind und da� du mit Hilfe ihrer Geschenke dir dieses gro�e Haus samt der wunderbaren Einrichtung schaffen konntest. Aber wie stellt man das an? Lehre mich die Kunst, so staunenswerte Geschenke f�r etwas zu bekommen, wof�r die Kameltreiber in Jerusalem nur ein paar Kupferm�nzen zahlen!�</p><p>Maria Magdalenas Gesicht verd�sterte sich rasch, und sie sagte: �Frage mich nicht solche Dinge! Allerdings kann wohl keine Frau so etwas ohne Unterweisung lernen. Nur wenn sie von einem b�sen Geist besessen ist, oder gar von mehreren, vermag sie derartiges. Gleichzeitig aber martert und w�rgt der D�mon die von ihm Besessene, und sie geht umher, als h�tte sie st�ndig die Schlinge eines Henkerstrickes um den Hals. Nichts macht ihr Freude, nichts schenkt ihr Zufriedenheit; und schlie�lich ha�t sie sich selbst mehr als die M�nner und die M�nner mehr als irgend etwas sonst.�</p><p>Meine Begleiterin blinzelte sie argw�hnisch an, neigte den Kopf zur Seite und meinte in zweifelndem T�ne: �Was du sagst, mag ja stimmen. Aber ich w�rde den D�mon freudig begr��en, wenn er mich in den Augen der M�nner verf�hrerisch sch�n machen k�nnte.�</p><p>Maria Magdalena schlug sie auf den Mund und rief: �Schweig, albernes Ding! Du wei�t nicht, was du redest.�</p><p>Die junge Frau erschrak heftig und brach in Tr�nen aus. Maria Magdalena atmete schwer, sprengte Wasser rings um sich und sagte: �Ich bitte dich nicht um Verzeihung wegen der Maulschelle; nicht aus Zorn habe ich sie dir gegeben, sondern zu deinem Besten. Ich hoffe, da� mir jemand das gleiche t�te, wenn ich je etwas so Unsinniges sagen sollte wie du. Ein b�ser Geist kann sein Opfer zwingen, in Gr�ben zu hausen und Unrat zu essen; keine Kette kann sein Opfer fesseln, und die st�rksten M�nner k�nnen es nicht halten, wenn in ihm der D�mon rast. Und ich wei� nicht, welche D�monen �rger sind; jene, die am K�rper nagen, oder jene, welche die Seele aush�hlen, bis in ihr nur mehr Leere bleibt.�</p><p>�Du hast mich gekr�nkt�, fuhr sie nach einer Weile fort, �aber ich nehme es dir nicht �bel. Wahrscheinlich mu�test du mich an meine Vergangenheit mahnen. Unter der H�lle des K�rpers war damals nur mehr ein kahlgenagtes Gerippe, und mit mir als ihrem Werkzeug haben die b�sen Geister viele M�nner ins Verderben gest�rzt. Meine S�nde war grenzenlos, aber sie wurde mir vergeben. Du solltest beten: �F�hre uns nicht in Versuchung, sondern erl�se uns von dem B�sen!� Statt dessen betest du im Herzen: �F�hre mich in Versuchung und treibe mich dem B�sen in die Arme'!� Ich erkenne das an deinen Augen, deinem Mund und deinen so ungeduldig scharrenden F��en. Entsinnst du dich noch jener Frau, die in Jerusalem gelobte, sich f�r den Rest des Lebens mit Salzfisch und Gerstenbrot als Speise zu begn�gen, wenn sie nur aus ihrem Elend erl�st w�rde? Wegen dieses Gel�bnisses habe ich dich dem R�mer Marcus in den Weg geschickt; aber statt die Augen dankbar niederzuschlagen, wirfst du ihm Fallstricke um die Beine.�</p><p>Meine Begleiterin schluchzte erschrocken auf und wagte nicht, mich anzusehen; unwillk�rlich tat sie mir leid. Aber Maria Magdalena starrte sie mit d�ster gefurchter Stirn an.</p><p>��berlege dir genau, was du willst!� mahnte sie. �Willst du Versuchung, S�nde und �bel, die dich zugrunde richten werden? Oder willst du ein einfaches, ehrenhaftes Leben?�</p><p>Meine Begleiterin hob den Blick und erkl�rte leidenschaftlich: �Ich m�chte, da� mir die S�nden so vergeben werden wie dir und da� ich gereinigt werde, um wieder schuldlos zu sein. Zwinge mich nicht auszusprechen, was ich mir dann w�nschen w�rde! Aber k�nnte es mir nicht beschieden werden, wenn ich innig darum bete?�</p><p>Maria Magdalena redete ihr zu: �Ich verstehe dich besser, als du glaubst, und lese in deiner einfachen Seele. Vertraue mir, ich habe mehr Erfahrung als du. Lege diese bunten Kleider ab und bleib bei mir, zu deinem eigenen Besten! Ich werde dich lehren, Tauben zu fangen und b�se Gedanken zu verscheuchen. Vielleicht wird Jesus sich deiner erbarmen, wenn er sich mir zeigen sollte.�</p><p>Aber die junge Frau weinte noch bitterlicher, schlang die Arme um mein Knie und rief: �Genau das habe ich bef�rchtet, Marcus, und du darfst mich nicht in ihren H�nden lassen. Sie wird mich zur Tagl�hnerin machen oder als Sklavin verkaufen. Sie hat einen schrecklichen Ruf, das wei�t du gar nicht.�</p><p>Maria Magdalena sch�ttelte den Kopf und erkl�rte: �Wenn du mehr Lebenserfahrung h�ttest, w�rdest du verstehen, da� du dich jetzt von Marcus trennen mu�t�� f�r eine Zeitlang wenigstens. Sonst wird dein R�mer dich gr�ndlich satt bekommen und schmachvoll wegschicken. Woher wei�t du, da� du nicht bei mir etwas lernen kannst, was dich in seinen Augen angenehmer macht?�</p><p>Ich konnte nur vor Erleichterung dar�ber aufseufzen, da� Maria Magdalena mich so verst�ndnisvoll von einer unertr�glich werdenden B�rde zu befreien suchte. Meine Begleiterin schmiegte sich an meine Knie und benetzte meinen Mantelsaum mit ihren Tr�nen; als sie aber eine Weile geweint hatte, beruhigte sie sich und ergab sich in ihr Schicksal. Maria Magdalena befahl ihr, sich das Gesicht zu waschen und andere Kleider anzulegen, und sagte zu mir, als wir allein waren: �Ich f�hle mich ihr gegen�ber verantwortlich. Sie ist noch so jung, da� ihr Herz gleicherma�en zum Guten wie zum B�sen neigt. Ein solches Wesen ist eine zu schwere Versuchung f�r einen Mann. Es spricht f�r dich, da� du der Pr�fung standgehalten hast. Maria von Beeroth ist in ihrer Einfalt eine der Geringsten unter uns. Wenn du sie verf�hren solltest, w�re es besser, dir w�rde ein M�hlstein um den Hals geh�ngt und du w�rdest in die Tiefe des Meeres versenkt.�</p><p>�Ich habe keineswegs die Absicht, sie zu verf�hren�, entgegnete ich verletzt. �In ihrem kindischen Sinn hat umgekehrt sie mich verlocken wollen. Wenn ich nicht erkrankt w�re, h�tte ich sie vielleicht aus �berdru� zu mir genommen, als Susanna und Nathan mich im Stich lie�en. Aber so ist es jetzt am besten. Schaue auf sie, und ich kann unbehindert meine Suche nach Jesus wieder aufnehmen.�</p><p>Maria Magdalena bemerkte: �Ich glaube nicht, da� Susanna dich hintergangen hat. Dazu ist sie zu einf�ltig. Wahrscheinlich vertut sie ihre Zeit in Kapernaum, ebenso best�rzt wie alle anderen Frauen, weil nichts geschieht. Aber erlaube mir eine Frage, Marcus Mezentius: Was erwartest du dir vom Leben?�</p><p>Ihre Frage machte mich dem�tig im Herzen. Ich dachte �ber mein Leben nach und begann, ihr aus meiner Vergangenheit zu erz�hlen: �Mir war das Gl�ck gewogen. Als junger Mensch habe ich in Antiochia fremde Sprachen gelernt und wurde an der Rednerschule in Rhodos ausgebildet. Mein h�chstes Ziel war eine Amtsstellung als Sekret�r eines Statthalters im Osten oder ein Aufenthalt in Rom als Hausphilosoph eines ungebildeten Reichen. Trotz meiner geringen Neigung f�r den Soldatenberuf war ich wirklich verbittert dar�ber, da� es mir nach meiner �bersiedlung nach Rom nicht gelungen war, in die Ritterschaft Aufnahme zu finden. Erst durch eine letztwillige Verf�gung erwarb ich das Recht zum Tragen eines Daumenringes. Aber inzwischen hatte diese Auszeichnung ihre Bedeutung f�r mich verloren; ich mi�achte solche Dinge und trage den Ring in meiner Geldb�rse. Gerade als ich mir alles, was ich w�nschte, anschaffen konnte, fand ich, da� kaum irgend etwas davon wirklichen Wert f�r mich hatte. Dann verblendete mich Begierde, bis ich vor Mordanschl�gen aus Rom entfliehen mu�te. Was ich mir vom Leben erwarte? Darauf kann ich keine Antwort geben. Ich mu� mich nur fragen, welche Gewalt es war, die mich von Alexandria nach Jerusalem trieb und vor das Kreuz des Judenk�nigs f�hrte, als die ganze Welt im Dunkel lag.�</p><p>�Durch g�nstige F�gung�, fuhr ich fort, �konnte ich in den ersten Mannesjahren alles erreichen, was ich als J�ngling so hei� und vergeblich ersehnt hatte�� Freundschaft, Beliebtheit, k�rperliche Gen�sse. Sogar Macht h�tte ich erlangen k�nnen; aber f�r diese Art von Streben hatte ich nie etwas �brig. Bald blieb mir von allem nur mehr ein schaler Geschmack im Munde. Nach ungez�gelten Vergn�gungen f�hlte ich mich ausweglos verzweifelt. Eines wei� ich bestimmt: da� mein Sinn nicht danach steht, als aufgedunsener, ausgebrannter Greis in Rom zu leben, alte Gedanken wiederzuk�uen und wie ein Schwachsinniger endlos die gleichen abgedroschenen Geschichtchen zu erz�hlen. Das aber ist die einzige Zukunft, die ich f�r den Fall einer R�ckkehr nach Rom vor mir sehe. �brigens gedenke ich vorl�ufig keinesfalls nach Rom zu gehen. Ich w�rde damit nur meinen Kopf aufs Spiel setzen; denn dort erwartet man, wie du vielleicht wei�t, f�r nahe Zukunft einen Staatsstreich. Dann wird man jeden fragen, auf welcher Seite er steht. Ich habe zu viel Achtung vor C�sars Genius, als da� ich an den R�nken eines blutd�rstigen, niedriggeborenen Mannes teilhaben wollte. Mich verlangt es mehr danach, still und dem�tig im Herzen zu werden.�</p><p>�Was erhoffst du dir von Jesus?� fragte Maria Magdalena.</p><p>�Ich habe sein Reich erahnt�, erkl�rte ich, �und es ist nicht blo� Traum und Dichtung, nach Art von Vergils Totenreich; es ist ebenso Wirklichkeit wie die, in der wir leben. Ja; wenn ich an Jesus denke, verschmilzt mir seine Wirklichkeit mit der irdischen auf verwirrende Art. Maria Magdalena, ich bin gl�cklich, da� ich in diesen Tagen leben darf, einfach, weil ich wei�, da� er in Galil�a ist. Nein, ich begehre und w�nsche nichts von ihm, was er nicht selbst mir gew�hren will. Sein Reich kann ja kein gew�hnliches weltliches Herrschertum, sondern mu� etwas mir noch unbegreifliches Neues sein. Sonst w�rde alles sinnlos werden; irdische Reiche sind doch seit Anbeginn der Zeiten immer wieder gegr�ndet und auch�� sogar vom Reich Alexanders gilt das�� immer wieder zerst�rt worden. Nur Rom wird wahrscheinlich Bestand haben. Schon aus diesem Grunde kann Jesu Reich nicht von dieser Welt sein.�</p><p>Wir sprachen noch �ber andere Dinge, bis Maria von Beeroth zur�ckkam. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen, das Haar glattgek�mmt und einen wei�en Mantel angelegt; sie war barfu�. Nun sah sie so r�hrend jung aus, da� mir warm ums Herz wurde und ich ihr nichts mehr nachtrug. Um die Trennung nicht allzu schmerzlich zu machen, beschlo� ich, noch am gleichen Tage nach Tiberias zur�ckzukehren. Maria Magdalena versprach, mich zu verst�ndigen, wenn sie etwas Wichtiges erfuhr, und gab mir Gr��e f�r Johanna und Claudia Procula auf.</p><p>Ich ging zu Fu� in das Dorf Magdala und sp�rte beim Gehen �berhaupt keine Schmerzen mehr, so da� ich einen Augenblick lang erwog, bis nach Tiberias auf der K�stenstra�e zu wandern. Aber unten am Gestade traf ich die beiden Fischer, die Maria von Beeroth und mich nach Magdala gebracht hatten; sie warteten offenbar auf mich, weil sie es nicht eilig hatten und von mir gut entlohnt worden waren. Der Himmel war jetzt umzogen, und der Wind hatte aufgefrischt, so da� die Wellen des Sees wei�e Schaumkronen trugen. Die Fischer schauten zum Himmel und auf die schwarzen Wolken, die um die Berge �ber der Taubenkluft brauten, und sagten: �Der See Genezareth ist heimt�ckisch. Durch einen pl�tzlichen Windsto� k�nnte das Boot abtreiben und kentern. Kannst du schwimmen, Herr?�</p><p>Ich erz�hlte ihnen, da� ich als junger Mann eine Wette gewonnen hatte, indem ich, ungeachtet der Str�mungen, von Rhodos zum Festland schwamm; aber sie hatten nie von dieser Insel geh�rt und konnten deshalb die Leistung nicht w�rdigen. Allerdings war mir auf der ganzen Strecke ein Kahn gefolgt, und ich befand mich nie in ernstlicher Lebensgefahr. Aber zu meinem Bravourst�ck hatte mich weniger die Wette angetrieben als die Tatsache, da� ich in ein spottlustiges M�dchen vernarrt war, das mich im Falle des Gelingens mit einem Blumenkranz zu kr�nen versprochen hatte. So schwamm ich mit �u�erstem Kraftaufwand; als jedoch die Wette gewonnen war, f�hlte ich mich zu dem M�dchen nicht mehr hingezogen.</p><p>Jetzt streckte ich mich auf die Kissen im Heck des Bootes und sah den Wolken zu, wie sie �ber den Himmel jagten. Unterdessen sch�rzten die Fischer ihre M�ntel, stie�en ab und fa�ten die Ruder. Ich merkte, da� sie von meinem Besuch bei Maria Magdalena wu�ten. Wie h�tte auch so etwas verborgen bleiben k�nnen in einem Fischerdorf, wo offenbar jeder jeden kannte und ein Fremder neugierig beobachtet wurde? Auch dar�ber, da� ich Maria von Beeroth zur�ckgelassen hatte, wunderten sie sich nicht, sondern tauschten nur lachend einige Witze dar�ber.</p><p>�Was redet ihr da miteinander?� erkundigte ich mich.</p><p>�Nichts Schlimmes. Gar nichts Schlimmes�, versicherten sie mir. �Nur, da� die Taubenz�chterin zu ihren alten Gepflogenheiten zur�ckgekehrt zu sein scheint. Was hat sie dir f�r das M�dchen bezahlt?�</p><p>Ich schuldete ihnen keine Aufkl�rungen; aber da mich die Bemerkung um Maria Magdalena willen kr�nkte, sagte ich: �Sie hat nur aus Gutherzigkeit das M�dchen bei sich behalten, um es ihr Handwerk zu lehren.�</p><p>Die beiden M�nner br�llten vor Lachen und riefen: �Ganz richtig, ganz richtig! Sie wird das M�dchen bestimmt ihr Handwerk lehren. Sie hat schon vielen jungen Dingern beigebracht, heidnische Musikinstrumente zu spielen, unz�chtige T�nze zu tanzen und Tauben zu fangen�� aber was f�r Tauben, das wollen wir anstandshalber verschweigen.�</p><p>Ehe ich erwidern konnte, h�rte ich das Heulen einer B�; das Boot neigte sich zur Seite, die Wellen stiegen steil auf, und sch�umender Seegang schleuderte Wasser in unser Fahrzeug, da� meine Kissen na� wurden. Ich fand gerade noch Zeit zu den Worten: �Das ist eine Warnung f�r euch, wegen eurer b�sen Reden!� Dann aber hatten wir alle drei genug damit zu tun, den Kahn zu trimmen, der wie eine Nu�schale vor der steifen Brise auf das gegen�berliegende Ufer zutrieb. H�tten wir unseren urspr�nglichen Kurs gehalten, so w�ren wir im Nu gekentert.</p><p>Die beiden Dummk�pfe wollten auf den Mast klettern und das Segel setzen; aber ich verbot ihnen das strenge, da wir keinen Ballast hatten. Aus den Gewitterwolken, die sich hinter den Bergen heraufw�lzten, zuckten Blitze, und es wurde dunkel. Wir sch�pften verbissen Wasser aus dem Kahn, konnten aber nicht verhindern, da� er sich f�llte; bald trieb das Fahrzeug rollend und stampfend immer mehr an die Ostk�ste heran, bis zur Bordlinie voll Wasser. Durchn��t und entsetzt warfen die Fischer mir drohende Blicke zu und riefen: �Wir haben einen Fluch auf uns geladen, als wir dich, einen r�mischen Heiden, mitnahmen. Wir haben uns einer Gottlosigkeit schuldig gemacht, weil wir dir halfen, ein Kind Israels in ein Freudenhaus zu verschleppen. Aber wir kannten deine Absichten nicht.�</p><p>Ich klammerte mich, bis zum Hals im Wasser sitzend, an den Bootsrand und schleuderte ihnen meine Antwort entgegen: �Ihr habt selber einen Fluch auf euch herabgerufen, als ihr schlecht von Maria Magdalena redetet!�</p><p>Das Wasser war nicht sehr kalt; aber wir waren ganz durchfroren, als endlich der Wind so weit abflaute, da� wir den Kahn aussch�pfen und an der M�ndung eines ausgetrockneten Bachbettes an Land setzen konnten. Der ebene Strandsaum war hier schmaler und steiniger als am Westufer, und die Berge stiegen steil vor uns auf. Es wehte noch immer ziemlich stark, und die Wellen schlugen so heftig an das Gestade, da� die Fischer keine Lust hatten, wieder in diesen Gegenwind hinauszufahren, wenngleich sie glaubten, er w�rde sich nachts legen.</p><p>Die D�mmerung brach herein, und uns fror, obwohl wir unsere Kleider, so gut es ging, ausgewunden hatten. Ein St�ckchen weiter, dort, wo der flache Strand am Fu� der Berge endete, sahen wir eine bescheidene Unterstandsh�tte mit einem glimmenden Feuer daneben. Ich schlug vor, wir sollten dorthin gehen und unsere Kleider trocknen. Aber die M�nner z�gerten und sagten: �Wir sind am falschen Ufer. Gl�cklicherweise haben wir keine Netze bei uns; sonst w�rden wir wegen verbotenen Fischens bestraft werden. Hierher fliehen manchmal R�uber und Verbrecher aus Galil�a. Und in den H�hlen hausen Auss�tzige.�</p><p>Sie trugen Feuerstein und Stahl bei sich; aber das Gewitter hatte alle d�rren Binsen am Strande durchweicht, so da� wir nichts zum Unterz�nden fanden. Ich machte mich zur H�tte auf, und nach einigem Z�gern folgten mir die Fischer. Als ich n�herkam, sah ich einen Mann vor dem Feuer sitzen. Er warf einen Armvoll Zweige hinein, so da� es aufflammte. Ich roch gebratenen Fisch und frischgebackenes Brot. Neben der H�tte hing ein Wurfnetz zum Trocknen.</p><p>�Friede sei mit dir!� gr��te ich den einsamen Fischer. �Wir sind in das Unwetter geraten. D�rfen wir unsere Kleider an deinem Feuer trocknen?�</p><p>Er machte bereitwillig Platz, und ich legte meine Kleider ab und hing sie zum Trocknen �ber einen Stock. Ich sah, da� der Mann flache Steine erhitzt und darauf Brot gebacken hatte, w�hrend er in der Asche am Boden einer Grube zwei gro�e Fische briet. Die Zeit des Sonnenuntergangs war sch�n vorbei, und der im Bergschatten liegende Strand wurde rasch dunkel, w�hrend wir �ber den H�usern und S�ulenhallen von Tiberias am Westufer noch Abendlicht gl�hen sahen.</p><p>Ich blickte den fremden Fischer genauer an; er hatte scharfgeschnittene Z�ge und schien ein gutm�tiger, schlichter Mensch, vor dem man keine Angst zu haben brauchte. Er nickte auch meinen beiden Ruderern freundlich zu und wies ihnen Pl�tze am Feuer an. Sie befingerten sein Netz und fragten, was er gefangen habe. Er antwortete verlegen, er hoffe, der Sturm werde einen Schwarm Fische in die Bucht treiben, wo der Bachlauf ausm�nde; dort wolle er am n�chsten Morgen sein Gl�ck versuchen.</p><p>Ohne uns ausdr�cklich einzuladen, nahm er ein Brot, segnete es, brach f�r jeden von uns ein St�ck ab und nahm sich selbst einen Bissen. Er hatte auch sauren Wein und go� etwas davon in eine aus einem Rebstock geschnitzte Schale, segnete sie und reichte sie herum; wir tranken alle vier hintereinander daraus. Den Fisch hatte er gut zubereitet, ihn aber, mangels Salz, mit Strandlauch und bitteren Kr�utern gew�rzt. Wir a�en schweigend. Ich sah, da� meine Ruderer einen argw�hnischen Blick auf den fremden Mann warfen, der mit gesenkten Augen dasa� und still l�chelte, als freue er sich jedes Bissens. Als er gegessen hatte, nahm er einen d�rren Zweig und begann�� offenbar, um seine Scheu zu verbergen�� zerstreut im Sande zu zeichnen.</p><p>W�hrend des Mahles hatten unsere Kleider in der Hitze des Feuers zu dampfen begonnen und wurden bald trocken. Aus meinen Gliedern wich die Steifheit, und mir wurde wieder warm; ich f�hlte mich wohl und zufrieden. Schl�frigkeit �bermannte mich, und ich konnte kaum die Augen offenhalten. Dankbar blinzelte ich den freundlichen Fischer an, der wortlos sein Essen so gastfreundlich mit uns geteilt hatte. Ich sah seine narbigen H�nde und F��e und glaubte, in seinem Gesicht eine fiebrige Abgezehrtheit zu erkennen, als w�re er krank und h�tte sich zur Genesung in die Einsamkeit zur�ckgezogen. Aber da auch meine Ruderer nichts fragten, wollte ich nicht vorwitzig erscheinen. Ohne es gewahr zu werden, schlief ich, nackt, wie ich war, am Feuer ein und sp�rte eben noch, wie der fremde Mann mich mit meinen getrockneten Kleidern zudeckte.</p><p>Ich tr�umte; als ich erwachte und mich aufsetzte, standen meine Augen voll Tr�nen. Die beiden Fischer schliefen fest neben mir und schnarchten leise. Die Tr�nen rannen mir hei� und brennend �ber die Wangen, und nach meinem Traum erf�llte mich unsagbare Verzweiflung. Das Feuer war ausgegangen. An den Sternen und dem Mond las ich ab, da� es schon die dritte Nachtwache war. Vor mir gl�nzte der See, eben und glatt wie ein Spiegel. Aber wir waren unser nur drei; der vierte Mann war verschwunden. Dar�ber erschrak ich sehr. Ich warf die Kleider um und sprang auf; dann bemerkte ich zu meiner Erleichterung, da� er nur zum Ufer gegangen war und �ber den See hinausblickte. Ich h�llte den Mantel um mich, ging rasch zu dem Unbekannten und stellte mich neben ihn.</p><p>�Wonach schaust du aus?� fragte ich.</p><p>Er drehte sich nicht um, aber antwortete: �Ich sehe den Himmel offen und habe die Herrlichkeit meines Vaters erblickt und mich nach dem Vaterhause gesehnt.�</p><p>Jetzt kam mir zu Bewu�tsein, da� ich ihn auf griechisch angesprochen und er ebenso geantwortet hatte. Daraus und aus seinen Worten schlo� ich, er k�nnte einer der J�nger von Johannes dem T�ufer sein; vielleicht war er vor den Verfolgungen des Herodes auf diese Seite des Sees geflohen und lebte jetzt hier in der Einsamkeit vom Fischfang.</p><p>Ich sagte: �Auch ich suche das Reich. Tr�nen der Sehnsucht danach haben mich aus dem Schlaf geweckt. Zeige mir den Weg!�</p><p>Er antwortete:</p><p>�Es gibt nur einen einzigen Weg: Was du dem Geringsten der Menschen tust, tust du mir.�</p><p>Dann fuhr er fort: �Ich gebe nicht so, wie die Welt gibt. Aber sei nicht traurig oder �ngstlich! Nach mir wird der Geist der Wahrheit kommen. Die Welt wird ihn zwar nicht aufnehmen, weil sie ihn nicht sehen kann und nicht erkennen wird. Aber wenn du ihn erkennst, werde ich bei dir einkehren und in dir bleiben. Ich lasse niemanden im Stich.�</p><p>Mein Herz zerflo� in mir, Tr�nen tr�bten meinen Blick, und ich hob unbeholfen die H�nde, wagte aber nicht, den Mann vor mir zu ber�hren. �Du sprichst nicht wie ein Mensch�, fl�sterte ich. �Du redest wie jemand, der Macht hat.�</p><p>Er entgegnete: �Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.�</p><p>Jetzt erst wandte er sich zu mir. Im Licht der Sterne und des Mondes bemerkte ich, als er mich ansah, sein g�tiges, ernstes L�cheln. Sein Blick entkleidete mich, als fiele eine H�lle nach der anderen von meinem K�rper, bis ich nackt dastand. Doch an diesem Gef�hl war kein Unbehagen; es war eine Ent�u�erung und Befreiung.</p><p>Nachdem der Unbekannte mich gemustert hatte, zeigte er �ber den See hin und sagte: �Dr�ben in der Stadt des Tetrarchen, im griechischen Theater, weint ein M�dchen, weil ihm der Bruder gestorben ist, und es sonst keinen Besch�tzer hat. Was hast du getr�umt?�</p><p>�Ich sah ein wei�es Pferd�, entsann ich mich.</p><p>�Sei es so!� erwiderte er. �Dieser Tage wirst du einem Wagenrennen beiwohnen. Setze einen Geldbetrag auf das wei�e Gespann. Dann suche das M�dchen auf und schenke ihm deinen Gewinn!�</p><p>�Wie kann ich in einer so gro�en Stadt ein M�dchen finden, das den Bruder verloren hat?� fragte ich. �Und wie hoch soll mein Einsatz sein?�</p><p>Wieder l�chelte er; aber nun war sein L�cheln so schmerzlich, da� mir schwer ums Herz wurde. �Ach, Marcus, du fragst so viel Unn�tzes�, tadelte er.</p><p>Aber ich verstand seine Warnung nicht. Erstaunt rief ich blo�: �Woher wei�t du meinen Namen? Kenne ich dich? Mir kommt vor, als h�tte ich dich schon irgendwo gesehen.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf und fragte: �Gen�gt es nicht, da� ich dich kenne?� Mir wurde klar, da� er sich nicht zu erkennen geben wollte. Das best�rkte mich in der Annahme, es handle sich bei ihm um einen der Stillen im Lande, dessen Geist durch Glaubensgr�beleien und Einsamkeit gelitten hatte. Wie h�tte er sich sonst r�hmen k�nnen, alle Gewalt im Himmel und auf Erden zu besitzen? Aber die Gabe der Weissagung mochte ihm vielleicht verliehen sein. Deshalb beschlo� ich, mir sein Gehei� einzupr�gen.</p><p>Er aber sprach: �Ach, du Menschenkind! Du siehst und siehst nicht. Du h�rst und h�rst nicht. Aber eines Tages, Marcus, wirst du an dies alles denken. Dann wirst du um meines Namens willen sterben, auf da� mein Name durch dich verherrlicht werde, wie meines Vaters Name durch mich verherrlicht worden ist.�</p><p>�Was f�r b�se Dinge sagst du mir da voraus?� rief ich entsetzt, ohne den Sinn seiner Worte zu begreifen. Ich dachte, er beherrsche vielleicht das Griechische nicht recht, und ich h�tte ihn mi�verstanden.</p><p>Er seufzte laut; dann lie� er pl�tzlich seinen Mantel von den Schultern gleiten und entbl��te den Oberk�rper. Der Mann war offenbar so arm, da� er nicht einmal eine Unterkleidung besa�. Er wandte sich von mir ab und sagte: �Bef�hle meinen R�cken!�</p><p>Ich streckte die Hand aus, fuhr �ber den R�cken und sp�rte die Striemen einer Gei�elung. Er seufzte wieder und f�hrte die Hand an seine Stirn. Ich folgte mit meinen Fingern und tastete eine tiefe Narbe. Er mu�te wirklich verfolgt und mi�handelt worden sein, so da� es kein Wunder war, wenn er jetzt etwas schrullig<sub>(</sub> schien. Im Geist verfluchte ich diese Juden, die sich, nur ihres Glaubens wegen, gegenseitig so qu�lten; denn trotz seiner unheilk�ndenden Worte war offenbar nichts B�ses an diesem Mann. Von tiefem Mitleid erf�llt, sagte ich zu ihm: �Nenne mir wenigstens deinen Namen, von dem du vorhin gesprochen hast! Vielleicht kann ich dir Verfolgungen fernhalten.�</p><p>Er entgegnete: �Wenn du dich vor den Menschen zu mir bekennst, werde ich mich, sobald die Zeit kommt, vor meinem Vater zu dir bekennen.�</p><p>�Aber wie hei�t du?� dr�ngte ich wieder. �Und wer ist dein Vater, mit dem du merkw�rdiger Mann so viel Aufhebens machst?�</p><p>Ohne Antwort zu geben, h�llte er wieder den Mantel um sich und entfernte sich dem Ufer entlang, als h�tte er mir nichts mehr zu sagen. Da� er Fleisch und Blut war, davon hatte ich mich �berzeugt; aber er machte einen so seltsamen Eindruck, da� ich trotzdem nicht wagte, ihm zu folgen und ihn mit weiteren Fragen zu bel�stigen. Nach einigem Z�gern kehrte ich zu der H�tte zur�ck und legte mich wieder nieder. Ich schlief sofort ein und hatte keine Tr�ume mehr.</p><p>Ich erwachte in einer F�lle von Sonnenschein und Wasserglitzern. Die Berge am Westufer schimmerten wie Gold �ber den unwirklich anmutenden S�uleng�ngen von Tiberias, und alles erschien meinen Augen so frisch und lieblich, als w�re ich selbst neu geworden, in eine neue Welt erwacht. Meine beiden Ruderer waren schon auf den Beinen; sie standen mit gefalteten H�nden und beteten: �H�re, Israel!�</p><p>Doch der einsame Fischer war verschwunden, und sein Netz mit ihm. Die Reste des Abendessens hatte er vor die H�tte hingestellt, offenbar f�r uns. Wir a�en hei�hungrig, ohne etwas zu reden. Dann gingen wir wieder zur Ausm�ndung des Bachbettes, brachten das Boot zu Wasser und sprangen an Bord. Ich blickte mich nach dem Fischer um; aber er war nirgends zu sehen, obwohl er uns gestern gesagt hatte, er gedenke am Morgen gerade hier sein Netz auszuwerfen. Nicht einmal Fu�spuren konnte ich entdecken.</p><p>Die M�nner legten sich t�chtig in die Ruder. Das Boot scho� dahin wie durch eine Glasschicht, die das Spiegelbild der Berge und feurige Streifen des Sonnenaufgangs zur�ckwarf. Ich empfand noch immer die gleiche Unbeschwertheit und Erleichterung, als h�tte ich viele H�llen �berfl�ssiger Kleidungsst�cke abgeworfen. Je mehr ich jedoch �ber die Geschehnisse dieser Nacht gr�belte, desto ernstere Zweifel stiegen in mir auf. War nicht alles einfach ein besonders lebhafter Traum gewesen? Wie konnte ein Einsiedler am See Genezareth des Griechischen kundig sein?</p><p>Die M�nner ruderten taktm��ig und kr�ftig, als wollten sie so rasch wie m�glich von dem fremden Gestade loskommen. Aber ich blickte mich immer wieder nach diesem Ufer um und sp�hte, ob ich nicht irgendwo am Strande eine einsame Gestalt sichten w�rde. Nichts zeigte sich. Schlie�lich fragte ich: �Wer war dieser Mann, mit dem wir die Nacht verbrachten? Kanntet ihr ihn?�</p><p>Die Fischer erwiderten: �Du bist zu neugierig, R�mer. Wir waren am falschen Ufer.�</p><p>Aber nach einer Weile f�gte der eine hinzu: �Er k�nnte jemand gewesen sein, den wir schon gesehen haben�� vielleicht jemand, der zum Volk gesprochen hat. Er mu� gegei�elt und aus Galil�a vertrieben worden sein. Dazu braucht es nicht viel. Johannes ist um einen Kopf k�rzer gemacht worden, weil er es wagte, dem Tetrarchen die Ehe mit der Frau seines Bruders zu verweisen.�</p><p>Der andere erkl�rte: �Etwas in seinen Gesichtsz�gen und Augen hat an Jesus von Nazareth erinnert. Wenn es nicht unm�glich w�re, h�tte ich ihn f�r den Gekreuzigten selber gehalten. Aber soweit ich mich entsinne, ist Jesus gr��er und ernster gewesen als dieser Mann und nicht so umg�nglich. Vielleicht war es einer seiner Verwandten oder Begleiter, der sich jetzt versteckt h�lt.�</p><p>Die nach menschlichem Ermessen so unglaubhafte Vermutung traf mich wie ein Blitzstrahl und ersch�tterte mich bis in die Tiefen der Seele. �Wendet sofort!� rief ich und sprang auf. Sie nahmen mein Verlangen nicht ernst, bis ich drohte, mich ins Wasser zu st�rzen und an Land zu schwimmen. Widerstrebend wendeten sie und ruderten zur�ck. Ehe noch der Bug des Bootes den Boden streifte, sprang ich �ber Bord und rannte zu der H�tte. Dort sah ich, wie beim Verlassen des Platzes, die Grube im Boden und die Asche des erloschenen Feuers, aber nirgends einen Menschen. Gleich einem Verr�ckten lief ich, auf der vergeblichen Suche nach Fu�wegen, den Strand nach beiden Richtungen ab, bis die Fischer mich packten und gewaltsam ins Boot setzen.</p><p>Dort verh�llte ich mir den Kopf und schalt mich einen heillosen Toren, weil ich Jesus von Nazareth, fall er es tats�chlich gewesen war, nicht erkannt hatte. Dann kamen mir wieder Zweifel, weil dieser Mann, so �berlegte ich, sich doch in keiner Weise von mir oder einem anderen lebenden Menschen unterschieden hatte. Ich hatte ihn betastet und nichts an ihm bemerkt, was meinem Begriff des G�ttlichen entsprach. Aber, dachte ich, vielleicht ist G�ttlichkeit etwas so Schlichtes wie das Brot, das er uns gab, und der Wein, den wir tranken. Wer bin ich, da� ich dar�ber entscheiden k�nnte, auf welche Weise in und welcher Gestalt der Sohn Gottes sich den Menschen zu offenbaren hat?</p><p>Ich war von qu�lender Unsicherheit erf�llt und wu�te nicht, was ich glauben sollte. Darum ging ich Wort f�r Wort durch, was ich gefragt und was er mir geantwortet hatte. Schlie�lich schob ich alles Gr�beln dar�ber beiseite und dachte mir, es werde sich bald genug herausstellen, ob ich wirklich bei einem Wagenrennen im Zirkus von Tiberias zugegen sein w�rde oder nicht.</p><p>Aber ich konnte mich nicht enthalten, meine beiden Ruderer scharf zu r�gen: �Ich habe euch doch selbst gesagt, da� der Nazarener am dritten Tage nach seinem Tode auferstanden ist. Wenn ihr ihn also wirklich zu erkennen glaubtet, warum habt ihr ihn nicht angesprochen und gefragt, ob er der Gekreuzigte ist?�</p><p>Sie warfen sich Blicke des Einverst�ndnisses zu und fragten ihrerseits: �Weshalb h�tten wir ihn anreden sollen? Wenn er etwas von uns gewollt h�tte, war es an ihm gewesen, es uns zu sagen. Au�erdem war uns bange.�</p><p>Nach einer Weile f�gten sie hinzu: �Wir werden von dieser Begegnung niemandem erz�hlen; auch du darfst es nicht tun. Sollte es, was kaum zu glauben ist, wirklich Jesus von Nazareth gewesen sein, so hat er bestimmt gute Gr�nde, die Einsamkeit zu suchen und sich vor den R�mern zu verstecken.�</p><p>Diese Bitte konnte ich ihnen nicht abschlagen. Aber ich gab ihnen zu bedenken: �Falls er es wirklich ist, so braucht er doch nichts in der Welt zu f�rchten. In Jerusalem hat er sich seinen J�ngern, w�hrend sie hinter verschlossenen T�ren versammelt waren, gezeigt.�</p><p>Beide lachten sp�ttisch und sagten: �Du darfst uns Galil�ern nicht alles aufs Wort glauben, Fremdling. Wir sind Gef�hlsmenschen mit sehr lebhafter Einbildungskraft.�</p><p>Als ich in mein nun schon vertrautes Zimmer in dem bequemen griechischen Gasthof zur�ckgekehrt war, f�hlte ich gro�e Erleichterung dar�ber, da� ich endlich wieder allein war, in Ruhe nachdenken und meine Tage nach Belieben verbringen konnte. Meine Reisebegleiterin hatte mich �berallhin verfolgt. Erst jetzt, da ich sie durch Maria Magdalenas Hilfe losgeworden war, erkannte ich, wie sehr sie mich gest�rt hatte.</p><p>Im Frieden meines Zimmers versank ich wieder in Gr�beln �ber meine letzten Erlebnisse. W�hrend ich aber so dasa�, empfand ich die Friedlichkeit meines Raumes immer mehr als �de; Unrast und Reizbarkeit �berkamen mich. In dieser behaglichen Umwelt, wo die Kurg�ste nichts Wichtigeres zu tun hatten, als die Zeit totzuschlagen und sich gegenseitig von ihren Krankheiten und ihrer Di�t zu erz�hlen, erschien es mir nicht l�nger als m�glich, da� ich wirklich Jesus von Nazareth gesehen haben sollte. Die Aufregungen und �ngste w�hrend des Gewitters mu�ten mich verst�rt und in mir irgendwie die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum verwischt haben. Und meine Ruderer hatten mich bestimmt nur geh�nselt. Wenn der fremde Fischer Jesus gewesen w�re und sich mir h�tte offenbaren wollen, so h�tte er unverh�llt gesprochen und sich zu erkennen gegeben. *</p><p>Mein Unbehagen wurde so bedr�ckend, da� ich nicht stillsitzen konnte, sondern, mit Tr�nen in den Augen, im Zimmer auf und ab gehen mu�te und meines Alleinseins nicht mehr froh wurde. Schlie�lich benachrichtigte ich Claudia Procula von meiner R�ckkehr, erhielt aber Bescheid, da� sie keine Zeit f�r mich habe. Der Bote erz�hlte mir, es seien vornehme G�ste vom Hofe des F�rsten Herodes zu Besuch gekommen.</p><p>Erst am n�chsten Tage schickte sie mir eine Einladung zum Essen. Ich war nicht der einzige Gast. Auch drei Mitglieder des herodianischen Hofstaates sollten an dem Mahl teilnehmen: der r�mische Berater des Tetrarchen, ferner Johannas Gatte Chusa und der Leibarzt des F�rsten, den Herodes zur Untersuchung Claudia Proculas geschickt hatte. Dieser freigeistige Jude hatte auf der Insel Kos die Heilkunde studiert und war so v�llig hellenisiert, da� er griechischer wirkte als jeder Grieche. W�hrend wir in der Palasthalle auf Claudia Proculas Erscheinen und den Beginn des Mahles warteten, wurde uns gew�sserter Wein aufgetragen, mit s��en und scharfen Leckerbissen zum Knabbern. Die Hofleute versuchten, mir mit allen m�glichen Fragen auf den Zahn zu f�hlen. Aber ich beschr�nkte mich darauf, die Wirksamkeit der Heilb�der zu loben und verwies zum Beweis daf�r auf die rasche Ausheilung meiner Blutvergiftung.</p><p>Claudia Procula erschien zum Mahle in Begleitung Johannas, obwohl Chusa offenbar die Teilnahme seiner Gattin, die sich �brigens dann die ganze Zeit �ber schweigsam verhielt, nicht billigte. Die Hausfrau war sehr bla� und klagte dar�ber, sie sei zwar von den B�dern ganz ersch�pft, leide aber weiter an Schlaflosigkeit. Wenn sie wirklich einmal einschlafe, habe sie sofort Schrecktr�ume, und die Zofe m�sse sie wecken, weil sie im Schlaf st�hne.</p><p>�Du kannst dir nicht vorstellen, Marcus�, wandte sie sich an mich, �in welche Klemme ich arme, schwache, kranke Frau geraten bin. Als ich hierherreisen wollte, warnte mein Gatte mich; aber ich h�tte nie gedacht, da� meine Lage so schwierig werden w�rde. Ich habe immer zur�ckgezogen gelebt und mich von der Politik ferngehalten. Der Tetrarch Herodes �berbietet sich aber an Aufmerksamkeiten. Um seine Freundschaft f�r Pontius Pilatus zu erweisen, will er jetzt zu meinen Ehren ein gro�es Wagenrennen veranstalten. Dabei verabscheue ich gerade unn�tiges Aufsehen; meinem Empfinden nach war es mehr als genug, da� der F�rst mir seine rotmanteligen Reiter bis zur Grenze entgegengeschickt hat.�</p><p>Sie warf einen betont b�sen Blick auf die Hofleute und erkl�rte: �Au�erdem, mu�t du wissen, ist auch noch geplant, da� seine sch�ne Gattin Herodias und ich nebeneinander in der F�rstenloge sitzen und die Huldigung der Bev�lkerung entgegennehmen sollen. Aber ich kenne Herodias gar nicht. �berdies soll angeblich ihre Ehe nach dem j�dischen Gesetz ung�ltig sein.�</p><p>Die Hofleute hoben aufgeregt die H�nde, als wollten sie diese Beleidigung abwehren; zumindest der langb�rtige Chusa schaute jedoch, wie ich bemerkte, recht verlegen drein. Da ich nichts zu verlieren hatte und von der Gunst des Tetrarchen nicht abhing, erwiderte ich�� im Gef�hl, da� Claudia Procula es so w�nschte�� freim�tig: �Wir reden ja hier alle vertraulich miteinander. Der Fuchs ist ein kluges Tier, und ich h�re, da� der F�rst Herodes Antipas sich geschmeichelt f�hlt, wenn man ihn einen Fuchs nennt. Seine Absicht ist offenbar darauf gerichtet, da� du, die rangh�chste R�merin in diesem Lande und eine Verwandte C�sars, in aller �ffentlichkeit deine Billigung dieser Heirat kundgibst, die so viel b�ses Blut gemacht hat, da� sogar ein Prophet deswegen enthauptet wurde. Ich kann mir den st�rmischen Beifall vorstellen, mit dem die gef�hlsseligen Galil�er dein Erscheinen im Zirkus begr��en werden, wenn sich ihnen dabei Gelegenheit bietet, gleichzeitig ihrer Liebe zu den R�mern und ihrer Verehrung f�r die Landesf�rstin Ausdruck zu geben. Ich nehme an, da� man ein paar Kohorten brauchen wird, um im Zirkus einigerma�en die Ordnung aufrechtzuerhalten, und da� man an den Toren alle Zuschauer durchsuchen mu�, um sicherzugehen, da� nicht die eine oder andere der beiden Damen eine kleine Huldigungsgabe an den Kopf geworfen bekommt.�</p><p>Rasch fiel Claudia Procula ein: �Pers�nlich habe ich nat�rlich nichts gegen die F�rstin Herodias. Aber wenn ich als Ehrengast neben ihr beim Rennen sitze und es zu Kundgebungen kommt, wird mein Gatte in C�sarea kaum entscheiden k�nnen, ob das Mi�fallen den R�mern oder der F�rstin galt. Ich habe geh�rt, da� die Leute ihr sogar den Gru� verweigern und bei ihrem Erscheinen die Stra�en verlassen oder ihr den R�cken kehren.�</p><p>Der r�mische Berater erkl�rte: �Im Fall von Kundgebungen k�nnte man immer betonen, die Emp�rung habe sich gegen Rom gerichtet. Dann f�nde der Tetrarch Gelegenheit, seine Loyalit�t zu erweisen, indem er seinen Untertanen eine t�chtige Abreibung verordnet. Damit w�re die F�rstin sehr einverstanden.�</p><p>�Aber mein Gatte nicht�, erwiderte Claudia Procula. �Er ist ein ma�voller Mann und tut sein Bestes, um �berfl�ssige Unruhen zu vermeiden. Die ganze Sache betr�fe ja sicherlich nicht ihn, sondern den Tetrarchen; aber man kann nie wissen, in welcher Form so etwas nach Rom berichtet w�rde. Es ist mir recht, Marcus, da� du meinen Standpunkt vertreten hast; ich habe n�mlich schon selbst beschlossen, da� ich die Einladung h�chstens als Privatperson annehme. In diesem Fall werde ich meine eigene Loge haben. Naturlieh bin ich gern bereit, nach dem Rennen die F�rstin zu begr��en und mich freundlich mit ihr zu unterhalten. Ich bin nicht engstirnig; eine solche Haltung w�rde sich ja auch wirklich mit meiner Stellung als Gattin des Prokurators von Jud�a schlecht vertragen.�</p><p>�Ich wu�te gar nicht, da� die Galil�er sich f�r Wagenrennen interessieren�, bemerkte ich, um dem Gespr�ch eine harmlosere Wendung zu geben.</p><p>�Diese Fischer und Bauern verstehen nat�rlich nichts von Pferden�, erkl�rte der Arzt ver�chtlich. �Aber Zirkus und Theater sind die besten Mittel zur Verbreitung von Kultur und zur �berwindung von Vorurteilen. Die Zeiten sind vorbei, da die Menschen sich nach �gypten zur�ckzogen und in der W�ste umherwanderten. Statt dessen bereisen jetzt Wagenlenker mit ihren Gespannen die ganze Welt und messen sich �berall in Wettk�mpfen. Diesmal kommt ein Gespann aus Idum�a hierher und ein anderes von der r�mischen Reiterei in C�sarea. Ein ausgezeichnetes Gespann wird aus Damaskus erwartet. Und die arabischen Stammesh�uptlinge sind ganz wild auf Wagenrennen; nicht einmal pers�nlicher Groll k�nnte sie von einer Teilnahme daran abhalten.�</p><p>Chusa meinte: �Das Rennen wird tats�chlich den geeigneten Boden abgeben, um gewisse Ha�gef�hle zu beschwichtigen. Die Araber sind n�mlich erbost dar�ber, da� die fr�here Frau des Tetrarchen, eine Araberin, versto�en wurde und als Fl�chtling in das Zeltlager ihres Vaters zur�ckkehren mu�te.�</p><p>�Ein merkw�rdiges Land�, erkl�rte ich trocken, �wo Wagenrennen V�lker miteinander zu vers�hnen verm�gen. In Rom befehden sich vor und nach den Wettk�mpfen Anh�nger der rivalisierenden Farben mit Steinen und Kn�tteln.�</p><p>Der r�mische Berater behauptete: �Wenn die Leute sich wegen Pferden und Wagenlenkern gegenseitig die Sch�del spalten oder sich braun und blau schlagen, so ist das ein Zeichen hoher Kultur. Anders ist es bei religi�sen Zwistigkeiten. Aber jetzt, nachdem wir diesen Judenk�nig los sind, den dein Gatte, Claudia, so erfreulich prompt in Jerusalem kreuzigen lie�, k�nnen wir hoffen, wieder einige friedliche Jahre zu genie�en.�</p><p>�Du meinst Jesus von Nazareth�, warf ich ein. �Wei�t du nicht, da� er auferstanden ist und wieder in Galil�a weilt?�</p><p>Ich sagte das im gleichen Ton wie fr�her, so da� man meinen konnte, ich scherze. Aber alle fuhren auf und machten finstere Mienen, bis Chusa bemerkte: �Die Galil�er sind ein abergl�ubisches V�lkchen. Meiner Treu, sogar der Tetrarch soll Jesus, als er von ihm h�rte, f�r den wiedererstandenen Propheten mit dem Kamelhaargewand gehalten haben, den er hatte hinrichten lassen. Aber offen gesagt, ich h�tte mir nicht gedacht, da� dieses unliebsame Ger�cht einem zuf�lligen Vergn�gungsreisenden zu Ohren kommen k�nnte.�</p><p>Der hellenisierte Arzt mischte sich mit lebhaften Gesten ins Gespr�ch: �Als ich dieses Gerede h�rte, habe ich viel dar�ber nachgedacht und auch Leute befragt, die den Mann sterben sahen. Seine Gebeine wurden nicht gebrochen, obwohl die Leute es offenbar eilig hatten, ihn vom Kreuze abzunehmen. Als ein Soldat ihm, um festzustellen, ob er tot w�re, seine Lanze in die Seite stie�, soll Blut aus der Wunde geronnen sein. Nun lehrt die �rztliche Wissenschaft, da� ein Leichnam nicht bluten kann. Wir m�ssen also annehmen, da� der Mann einen Schlaftrunk oder sonst ein Bet�ubungsmittel bekommen hat oder nur scheintot war. Warum sonst h�tten die J�nger seinen K�rper aus dem Grabe gestohlen? Vielleicht ist es ihnen gelungen, ihn wieder gesund zu pflegen, und er mag sich tats�chlich irgendwo in einer H�hle verstecken. Schlie�lich war er ja ein hervorragender Zauberer.�</p><p>Der r�mische Berater widersprach in scharfem T�ne: �Wen Rom gekreuzigt hat, der wird nicht mehr lebendig. Es ist ein schwerwiegender Vorwurf, den du da gegen Pontius Pilatus erhebst. �berlege dir, was du sagst!�</p><p>�Ich bin zuf�llig gerade zur Zeit seiner Kreuzigung in Jerusalem angekommen und habe ihn sterben sehen�, versetzte ich. �Deshalb interessiert mich diese Angelegenheit besonders. Ich kann bezeugen, da� er wirklich am Kreuze gestorben ist. Und selbst wenn er nur bewu�tlos gewesen w�re, h�tte er nie den Lanzenstich ins Herz �berleben k�nnen. Auch diesen Stich habe ich gesehen.�</p><p>Aber der Arzt war auf seine Deutung ganz versessen und erkl�rte: �F�r einen Laien ist es schwer zu erkennen, ob der Tod wirklich eingetreten ist. Dazu bedarf es eines erfahrenen Arztes.� Er begann, einschl�gige F�lle aus seiner Praxis zu schildern, bis Claudia Procula die H�nde auf die Ohren legte und rief: �H�r auf, von so schaurigen Dingen zu erz�hlen, sonst tr�ume ich heute nacht wieder von Gespenstern.�</p><p>Der Arzt wurde verlegen und wandte sich, um auf einen anderen Gespr�chsstoff zu kommen, mit der Frage an mich'. �Ist es wahr, da� Maria Magdalena, wie es hei�t, ihren bisherigen Beruf aufgegeben hat?�</p><p>Ein eisiges Schweigen folgte. Der Arzt blickte erstaunt umher und fragte: �Habe ich etwas Unpassendes gesagt? Darf man davon nicht reden? Warum denn nicht? Galil�a ist dicht bev�lkert, aber es bleibt ein kleines Land. Hier um den See herum wei� jedenfalls jeder von jedem alles. Seinerzeit war Maria Magdalena die gr��te Sehensw�rdigkeit dieser Gegend, und nachts waren bei Fackellicht ganze Reihen von S�nften aus Tiberias zu ihr unterwegs. Ich habe geh�rt, da� du sie besucht hast, um ein aus Jerusalem mitgebrachtes M�dchen ihrer Obhut zu �bergeben. Was hat es damit auf sich?�</p><p>Als ich nicht gleich antwortete, fuhr er unbek�mmert fort: �Viele halten sie f�r eine gef�hrliche Frau. In ihrer Jugend soll ein samaritischer Magier in ihrer Begleitung das Land bereist und mit ihrer Hilfe Geister beschworen haben. F�r einen verst�ndigen Arzt ist allerdings an solchen Dingen nichts R�tselhaftes.�</p><p>Widerstrebend erkl�rte Chusa: �Meine Frau kennt sie, obwohl sie jetzt nat�rlich in keiner Verbindung mehr mit ihr steht. Jesus von Nazareth hat sie geheilt, und sie �bt keine Hexenk�nste mehr aus, sondern verteilt Almosen und f�hrt ein schlichtes Leben. �brigens bin ich �berhaupt der Meinung, da� Jesus mehr Gutes als B�ses getan hat. Er war weder ein Aufwiegler noch ein Gottesl�sterer, obwohl man ihn wegen solcher Anschuldigungen verurteilte. Meine Frau hat ihn eine Zeitlang begleitet�� in Erf�llung eines Gel�bdes, weil er eine Verwandte von einer fiebrigen Krankheit geheilt hat��, und sie hatte nichts Nachteiliges �ber ihn zu berichten.�</p><p>Er schlug mit der Faust gegen die Fl�che der anderen Hand und rief mit erhobener Stimme: �Ihm w�re gar nichts geschehen, wenn er nicht auf den Gedanken verfallen w�re, nach Jerusalem zu gehen. Immer wieder sind Pharis�er dahergekommen und haben ihm Fragen gestellt, um aus seinen Antworten eine Anklage gegen ihn zusammenzubrauen, aber ohne Erfolg. Zum Beispiel ist es doch eine aufreizende Verschwendung des Volksverm�gens, wenn aus dem ganzen Lande der Zehnt f�r den Tempel entrichtet wird. Soweit ich verstehen kann, hat nun Jesus von Nazareth einmal erkl�rt, Gott k�nne nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden. Nat�rlich argw�hnte der Hohe Rat gleich, auf Grund dieses Ausspruches k�nnten die Tempeleink�nfte sinken. Aber es ist Wahnsinn, da� etwa ein Kleinbauer einen Zehnten an den Tempel und einen weiteren Zehnten an den Tetrarchen zahlen soll, dann noch Grund- und Kopfsteuer an die R�mer, und obendrein Salzabgaben, Markt- und Stra�enz�lle. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Bauern ihre Felder und Obstg�rten aufgeben m�ssen, weil sie diesen Verpflichtungen nicht nachkommen k�nnen. Und das Ergebnis? Eine Menge Landstreicher, allgemeine Unruhe und Unzufriedenheit, Ha� aller gegen alle�� wie es sich schon in Jud�a gezeigt hat, wo die Reichen kleine Bauerng�ter zu gro�en Latifundien verschmelzen. Ich habe dem Tetrarchen wiederholt versichert, da� er von Jesus nichts zu bef�rchten habe.�</p><p>Der r�mische Berater schickte sich an, eine Bemerkung zu machen; aber Claudia Procula kam ihm zuvor und erkl�rte mit Nachdruck: �Ich bin ganz deiner Meinung, Chusa. Jesus von Nazareth war ein g�tiger und frommer Mann, und mein Gatte h�tte ihn nie verurteilt, wenn er nicht von den Juden dazu gezwungen worden w�re.�</p><p>Nach dem Essen klagt Claudia Procula �ber Kopfweh und zog sich in ihre Gem�cher zur�ck. Der Arzt folgte ihr besorgt, um einen Beruhigungstrank f�r sie zu brauen. Auch Chusa erhob sich, um, wie er sagte, mit seiner Frau Haushaltsangelegenheiten zu besprechen. So blieben nur der r�mische Berater und ich bei Tische; wir lagerten uns bequem hin und tranken Wein. Der Berater sprach dem Becher unbek�mmert zu und versuchte, mir Neuigkeiten aus Rom zu entlocken. Er h�tte gern etwas �ber Sejans Machtzuwachs erfahren; aber ich hielt mit �u�erungen vorsichtig zur�ck. Ich erkl�rte, schon ein ganzes Jahr nicht in Rom gewesen zu sein; damit verlor er sein Interesse an meinen Ausk�nften. Dann fragte ich ihn meinerseits �ber den Hof und den Tetrarchen aus. Er lachte laut auf und sagte:</p><p>�Jedenfalls w�rde ich dir empfehlen, den Antipas nicht �ffentlich Fuchs zu nennen. Alle Abk�mmlinge Herodes' des Gro�en sind nachtragend und empfindlich und sehr auf ihre W�rde bedacht. Sie sind zwar fraglos in ebenso ungew�hnlichem Ma�e ausschweifend wie begabt; aber zumindest halten sie Rom, dem sie ihre Stellung verdanken, die Treue. Nur ihre Verwandtschaftsverh�ltnisse sind so verwickelt, da� man sie am besten nicht allzu genau untersucht. Herodes der Gro�e ist der Gro�vater der bewu�ten Herodias und zugleich Vater des Herodes Antipas. Die Juden haben also allen Grund, diese Ehe zu mi�billigen. Gl�cklicherweise kann ein Tetrarch sich nach eigenen Gesetzen richten; sonst k�men die Rechtsgelehrten an seinem Hof in Verlegenheit. Bei Todesurteilen habe ich ein Einspruchsrecht, bin aber nat�rlich nicht so dumm, davon Gebrauch zu machen. Ich habe keinen anderen Wunsch, als mir durch meine gute Stellung ein kleines Kapital zu schaffen. Und Tiberias ist kein so �bler Ort f�r Leute wie wir. Was meinst du dazu, da� wir uns jetzt vollpumpen und dann einen kleinen Bummel durch die Stadt machen? Ich kann dir zeigen, wie angenehm man sich das Leben auch mitten unter Juden einrichten kann, wenn man nur so vern�nftig ist, die Finger von Dingen zu lassen, die einen nichts angehen.�</p><p>Als ich mich wegen meines Fu�es entschuldigte, �nderte er seinen Ton und sagte zu seiner Ehrenrettung: �Nat�rlich habe ich meine Gew�hrsleute an verschiedenen Orten, und die Legion unterh�lt im Einvernehmen mit mir da und dort kleine St�tzpunkte. Ich sehe darauf, da� keine Waffen ins Land geschmuggelt werden und da� der Tetrarch sich nicht Vorr�te davon ansammelt. Ich halte auch ein wachsames Auge auf seine ausw�rtige Politik. Zum Gl�ck hat er sich mit den Arabern verfeindet; und Persien ist f�r einen Kleinf�rsten wie ihn zu weit entfernt. Ich bin in Rom sehr gut angeschrieben.�</p><p>Ich fragte ihn, wie es ihm gelungen sei, in einem derart von Propheten und heiligen M�nnern wimmelnden Lande gar nicht in die j�dischen Religionsfragen hineingezogen zu werden. Er schwenkte beide H�nde und rief voll �berzeugung: �In dieses Wespennest steche ich nicht. Wir haben nat�rlich C�sars Standbild aufgestellt und opfern ihm, trotz der lauen Mi�billigung durch den Kaiser; aber selbstverst�ndlich zwingen wir das Volk nicht, desgleichen zu tun. Diese Menschen sind noch so unkultiviert, da� sogar Hofleute sich nach kurzer Zeit aus dem Theater schleichen, sobald wir eine Vorstellung veranstalten. Wir k�nnen gar nicht daran denken, auf der B�hne einen zum Tode Verurteilten wirklich umbringen zu lassen, wie es in Alexandria geschieht. In den Trauerspielen m�ssen wir uns mit den �blichen blutgef�llten Beuteln begn�gen. Nicht einmal lustige Schl�pfrigkeiten wollen die Juden sich ansehen. Oskische Possen kommen gar nicht in Frage.�</p><p>Mir fiel etwas ein, und ich fragte, ob augenblicklich eine fremde Schauspielertruppe in Tiberias auftrete. Er sch�ttelte den Kopf und antwortete: �Meines Wissens nicht. Wenn nicht der Tetrarch selbst eine Vorstellung bezahlt, h�lt es schwer, irgendeinen Einheimischen zur �bernahme der Kosten zu bewegen. Interesse am Theater hebt hier keineswegs, wie in Kulturl�ndern, den �ffentlichen Ruf eines Mannes.�</p><p>Jetzt machte auch er sich auf den Heimweg, und Chusa tat desgleichen. Ich verabschiedete mich achtungsvoll von ihnen drau�en im Hof, als sie in ihre S�nften stiegen; ich dachte mir, es k�nnte nicht schaden, zu diesen beiden einflu�reichen M�nnern h�flich zu sein. Auch der Leibarzt des Herodes ging jetzt; offenbar wollte er die Gelegenheit zu einem Rundgang durch die B�der ben�tzen, um zur F�llung seines Geldbeutels da oder dort einen zahlungskr�ftigen Patienten seinen Berufsgenossen wegzuschnappen. Sobald sie sich alle entfernt hatten, lie� Claudia Procula mich zu sich rufen. Sie hielt sich den Kopf mit beiden H�nden und fragte mich mit schwacher Stimme: �Wu�te Maria Magdalena etwas Neues? Welche Botschaft hat sie dir f�r mich mitgegeben?�</p><p>�Sie wartet�, antwortete ich. �Niemand scheint mehr zu wissen als wir.�</p><p>Johanna bemerkte: �Mir wurde hinterbracht, da� im Landesinneren, in der Gegend von Nain, jemand, den man f�r Jesus hielt, umherging. Aber ehe noch die Stillen ihn ausfindig machen konnten, war er wieder verschwunden.�</p><p>Ich sagte: �Vielleicht wollten die Leute, denen er begegnet ist, aus irgendeinem Grunde nicht davon reden.�</p><p>Claudia Procula jammerte: �Fromm und willig habe ich eine anstrengende Reise auf mich genommen, um ihm Gelegenheit zu geben, mich zu heilen und so nach seiner Auferstehung neuen Ruhm zu gewinnen. Warum erscheint er mir nicht? Es hindert ihn doch nichts daran, da er nach Belieben auch durch verschlossene T�ren geht. Ich w�rde nicht einmal erschrecken; ich habe ja jede Nacht gr��liche Angsttr�ume. Des ewigen Wartens aber werde ich jetzt m�de. Diese schwefelstinkenden B�der �den mich an, und ich wei� nicht, was ich f�r das Wagenrennen anziehen soll. Mein Gatte hat allerhand gute Eigenschaften; aber er ist knauserig. Das h�ngt mit den bescheidenen Verh�ltnissen zusammen, aus denen er stammt; seine Mutter war eine Barbarin aus dem Norden Britanniens, wo man Torf i�t.�</p><p>�Ich habe Chusa einen Wink gegeben�, sagte Johanna. �Er sieht ein, da� der Tetrarch dir zumindest ein Seidenkleid schenken mu�, wenn du wirklich sein Rennen mit deiner Anwesenheit zu beehren gedenkst.�</p><p>�Sollte er mir aber etwas von den alten F�hnchen der Herodias andrehen wollen, so fasse ich das als Kr�nkung auf�, drohte Claudia Procula aufgeregt. �Ich hoffe, du hast das klargestellt. Ich lasse mir keine von einer j�dischen Ehebrecherin abgelegte Kleider schenken. Wenn ich etwas bekomme, mu� es aus den ausl�ndischen Sch�tzen des F�rsten stammen.�</p><p>Sie wandte sich zu mir und erkl�rte: �Du wei�t sehr gut, Marcus, da� ich nicht eitel bin, sondern einfach eine schwerm�tige Frau, die lieber zur�ckgezogen lebt, als sich �ffentlich zu zeigen. Aber wenn ich schon einmal ins allgemeine Blickfeld trete, so mu� ich, schon dem Ansehen Roms zuliebe, so gekleidet sein, wie es der Stellung meines Gatten entspricht. Doch das sind Dinge, von denen ein Mann nichts versteht, wenn er auch hundertmal das Gegenteil behauptet.�</p><p>�Nein, das verstehe ich wirklich nicht recht�, gab ich zu. �Es sieht ja so aus, als l�ge dir an diesem Rennen mehr als an Jesus von Nazareth, dessentwegen du hergekommen bist. Gerade jetzt baut vielleicht der auferstandene Gottessohn ein unsichtbares Reich vor uns auf, und du sorgst dich, was du anziehen sollst, um arabischen H�uptlingen und reichen Pferdez�chtern zu gefallen.�</p><p>�Unsichtbare Dinge habe ich genug in meinen alln�chtlichen Tr�umen�, murmelte Claudia Procula verdrossen. �Da koste ich alle Schrecken der Unterwelt aus. Ich kann kein Glied r�hren und nicht einmal um Hilfe rufen, obwohl ich mein letztes St�ndchen gekommen glaube. Bei zunehmendem Mond wird es �rger. Ich f�rchte f�r meinen Verstand.�</p><p>Niedergeschlagen und vom Weine erhitzt, ging ich in den griechischen Gasthof zur�ck. Unterwegs sah ich, an eine Gartenmauer gelehnt, eine alte Frau in Sackzeug sitzen; sie hielt den Kopf bedeckt, so da� ich ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Doch sie hatte auf mich gewartet. Sie rief mich beim Namen und sagte leise: �Ich gehe voraus, zum Strand hinunter. Folge mir! Aber gib acht, da� dich niemand sieht!�</p><p>Sie machte sich auf den Weg, und ich ging ihr in einiger Entfernung nach. Sie f�hrte mich an einen einsamen K�stenpunkt, wo wir reden konnten, ohne gesehen oder geh�rt zu werden. Jetzt erst enth�llte sie ihr Gesicht, und ich erkannte, da� es Susanna war. Aber sie l�chelte weder, noch begr��te sie mich freudig. Im Gegenteil, sie atmete schwer und seufzte und rang die H�nde, als w�rde sie von argen Gewissensn�ten geplagt und w��te nicht, wie sie beginnen sollte. Ich r�gte sie streng wegen ihres Verschwindens und fragte sie nach Nathan und nach meinen Eseln, und auch nach meinem Geldbeutel.</p><p>Sie st�hnte noch heftiger und sagte: �Ich habe dich keineswegs im Stich gelassen. Auch Nathan tat es nicht, und dein Eigentum ist wohlbeh�tet. Nathan hat sogar die Esel dazu ben�tzt, f�r das neue Zollhaus in Kapernaum Sand und Lehm zuzutragen, so da� die Zeit, f�r die du ihn bezahlst, nicht verloren ist. Er wird �ber alles genau Rechnung legen. W�hrend du hier der Ruhe pflegst, arbeiten die Esel f�r dich und f�gen gutes Geld zu deinem Reichtum. Aber ich wei� wirklich nicht, ob ich recht daran tue oder nicht, dir ein Geheimnis preiszugeben. Und ich h�tte dich bestimmt nie aufgesucht, wenn du mich nicht damals auf den Mund gek��t h�ttest, obwohl ich so ein altes Knochengerippe bin und nicht mehr viele Z�hne habe. Dabei erfreuen sich zahlreiche Galil�erinnen in meinem Alter noch eines ganz gesunden Gebisses. Wie das kommt, ist mir unverst�ndlich.�</p><p>�Schwatze jetzt nicht von deinen Z�hnen�, schalt ich, �sondern erz�hle mir rasch, ob du etwas �ber Jesus von Nazareth geh�rt hast!�</p><p>Susanna sagte: �Ja, ja, gleich! du meine G�te, mich auszuschimpfen, ist keine Kunst. Also ich kann dir berichten, da� Jesus schon vor langer Zeit einigen seiner J�nger am See erschienen ist, mit ihnen gegessen, sie belehrt und Petrus zu ihrem Oberhaupt gemacht hat. Wenn ich richtig verstanden habe, soll Petrus der Hirte sein, und in Hinkunft seine L�mmer weiden. Aber m�ge ein D�mon mir den Garaus machen, wenn Petrus sich jemals bereit finden wird, dich, einen unbeschnittenen Fremdling, wie ein Lamm zu weiden oder in seine Obhut zu nehmen! Ich verstehe nicht, warum Jesus ausgerechnet den Petrus zum Hirten bestellte�� den gleichen Petrus, der ihn zu Jerusalem, ehe der Hahn kr�hte, dreimal verleugnet hat. Gewi� ist er der gr��te und kr�ftigste von ihnen allen; aber er ist zu hitzk�pfig, um andere beraten zu k�nnen.�</p><p>�Haben die J�nger selber dir das erz�hlt?� fragte ich ungl�ubig.</p><p>Susanna hielt die H�nde zwischen den Knien, seufzte und jammerte: �Ach, wie empfindlich meine F��e sind! Nie h�tte ich den ganzen Weg von Kapernaum hierher zu Fu� gehen k�nnen; aber man hat mich im Boot der Steuereinnehmer in die Heidenstadt Tiberias mitfahren lassen. Ich bin nur eine einfache alte Frau, und niemand sagt mir etwas. Aber mein Geh�r ist noch in Ordnung, und jemand mu� schlie�lich die gefangenen Fische ausnehmen und in T�pfen einsalzen, jemand mu� den M�nnern die Kleider waschen und f�r sie kochen. So schnappt man eines oder das andere auf�� manchmal vielleicht mehr, als die Leute glauben, die mich alle f�r zu einf�ltig halten, als da� ich etwas auffassen k�nnte. Ich bin so schwach und m�de und sehne mich derart nach Jesus, da� ich nicht schlafen kann. Oft gehe ich nachts zum Stand und bete. Wenn ich dann etwas h�re, was nicht f�r meine Ohren bestimmt war, so ist das nicht meine Schuld, sondern Gottes Wille. Gegen den Willen Gottes k�nnte es ja kaum geschehen, falls diese J�nger wirklich so heilige M�nner sind, wie sie sich einbilden. Sie sind n�mlich buchst�blich geschwellt vor Stolz, weil der Herr sich ihnen schon einigemal, immer einer ganzen Gruppe, bald hier, bald dort, gezeigt und sie belehrt hat. Aber Petrus und Jakobus und Johannes stehen in seiner Gunst obenan; von ihren Gesichtern flammt es wie Feuer, so da� man sie im Finstern ohne Lampe oder Laterne sehen kann.�</p><p>�Nathan ist ein ehrlicher Kerl�, fuhr Susanna fort. �Er hat sogar ein Gel�bde abgelegt, und ein Mann bleibt immer ein Mann; darum vertraue ich ihm mehr als meinem eigenen Frauenverstand. Er hat mir gesagt, da� ich dir einen Bericht schuldig bin, weil du mich so edelm�tig aus Jerusalem nach Galil�a gebracht hast, w�hrend die heiligen M�nner mich im Stiche lie�en. Dadurch warst du f�r mich der barmherzige Samariter, den Jesus bei seinen Unterweisungen als Beispiel anzuf�hren pflegte. Schlie�lich ist ein R�mer nicht �rger als ein Samariter; diese Leute verachten ja unseren Tempel und dienen Gott auf ihrem eigenen Berge und feiern Passah nach ihrem eigenen Kopf. Aber die R�mer haben �berhaupt keinen Schimmer von irgend etwas und sind v�llig ahnungslos, dich ausgenommen nat�rlich!�</p><p>So machte sie ihrer Angst und Qual in einem Redeschwall Luft, bis ich sie endlich unterbrechen und fragen mu�te: �Also ist Jesus von Nazareth der Messias und der Sohn Gottes? Und ist er auferstanden?�</p><p>�Er ist wahrhaft auferstanden und wandert in Galil�a und ist vielen erschienen�, best�tigte Susanna. Dann brach sie in Tr�nen aus. �M�ge er mir verzeihen, wenn ich jetzt falsch und b�se gehandelt und an dich verraten habe! Aber sicherlich willst du ihm ja nicht �bel.�</p><p>�Doch warum hat er sich nicht Maria Magdalena oder Johanna oder dir gezeigt?� fragte ich verwundert.</p><p>�Mein Gott, wir sind nur Frauen�, rief Susanna, �ber meine Frage ehrlich erstaunt. �Warum sollte er sich uns offenbaren?� Sie legte die Hand an den Mund, weil sie ein Kichern �ber eine so unsinnige Vorstellung nicht unterdr�cken konnte. Aber bald wurde sie wieder ernst und fuhr fort: �Die S�hne des Zebed�us m�ssen ihrer Mutter Salome etwas gesagt haben; sie ist n�mlich eine so eigenwillige, herrschs�chtige Frau, da� die S�hne es ihr nicht ganz zu verschweigen wagten. Aber wenigstens hat sie es bisher keiner anderen Frau weitererz�hlt. Eines wei� ich bestimmt: in ganz Galil�a ist Nachricht ergangen an alle jene, die ihm gefolgt waren und seinetwegen trauern, und auch an jene, die an ihn glauben und denen die J�nger vertrauen. Darunter die Siebzig, die er seinerzeit zur Verk�ndung seines Namens ausgesandt hat; aber es gibt au�erdem viele andere Stille. Die Botschaft ist von Mund zu Mund gegangen, von Dorf zu Dorf: �Der Herr ist erstanden, haltet euch bereit! Die Zeit ist bald um; er bleibt nur vierzig Tage auf Erden. Aber ehe er die Erde verl��t, wird er alle die Seinen zum Berge rufen, um ihnen Lebewohl zu sagen.� Ob allerdings die Botschaft von ihm selbst stammt oder von den J�ngern, wei� ich nicht.�</p><p>�Zum Berge?� fragte ich. �Welcher Berg ist das?�</p><p>Doch Susanna sch�ttelte den Kopf und erkl�rte: �Das ist mir unbekannt; seine Getreuen und die Stillen d�rften es wissen. Es gibt viele Berge, auf die er sich zum Beten zur�ckzog, in der N�he von Kapernaum und auch auf der anderen Seite des Sees. Aber ich glaube, der jetzige mu� mitten in Galil�a sein und in der N�he der Hauptstra�e, damit die Empf�nger der Botschaft sich, wenn das Zeichen dazu erfolgt, rasch und ohne Aufsehen hinbegeben k�nnen. Es geht auch die Rede von einem Unsterblichkeitstrank; doch ich kann nicht sagen, ob der Herr so einen Trank den J�ngern gegeben hat oder ihn sp�ter allen seinen Anh�ngern auf dem Berge geben will.�</p><p>�Susanna�, rief ich, �ich wei� nicht, wie ich dir f�r deine Treue danken soll. M�ge Jesus dich segnen f�r die Gutherzigkeit, mit der du mich nicht im Dunkel lie�est! Sobald die Zeit gekommen ist, werde ich mit den anderen zum Berge gehen, und wenn man mich totschl�gt. Sage Nathan, er m�ge die Esel bereithalten, und zwar auch einen f�r dich, falls die anderen dich nicht mitnehmen.�</p><p>Freudig entgegnete Susanna: �Ja, wirklich, das gleiche habe ich mir auch gedacht; und ich segne dich, R�mer, weil du mitleidiger bist als Jesu Gefolgsleute. In meinem Herzen hat die Angst genagt, sie w�rden pl�tzlich eilends aufbrechen und mich zur�cklassen, so da� ich mit meinen lahmen F��en zu sp�t k�me und nie mehr meinen Herrn sehen w�rde. Aber jetzt hast du mir versprochen, mich nicht im Stich zu lassen, auch wenn die anderen es tun sollten.�</p><p>Wir �berlegten uns noch, ob ich nach Kapernaum reisen sollte, um den J�ngern nahe zu sein. Susanna f�rchtete jedoch, sie k�nnten mich vorzeitig erkennen und mir mi�trauen. Die Hauptstra�e in das Innere von Galil�a verlaufe ohnedies durch Tiberias, und es w�re am besten, wenn ich ruhig bliebe, wo ich war und auf sie oder Nathan warte. Auf dem Berge w�rden �brigens so viele Leute aus den verschiedensten Gegenden zusammentreffen, da� nicht alle sich gegenseitig kennen w�rden. Wenn die Zeit komme, m�sse es m�glich sein, nach Art der Stillen den Weg zu dem Platz zu erfragen, auch wenn die J�nger pl�tzlich nachts aus Kapernaum verschwinden und querfeldein wandern sollten.</p><p>Wir verabschiedeten uns mit Zusagen und hoffnungsvollen Erwartungen. Susanna ging l�ngs des Ufers davon, ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben, obwohl ich ihr gern alles Erdenkliche zur Labung vorgesetzt h�tte. Sie sorgte sich sehr, jemand k�nnte uns beisammen sehen und den J�ngern Jesu davon erz�hlen.</p><p>So kehrte ich wieder zuversichtlich in mein Haus zur�ck. Ich wurde still und dem�tig, und die Unrast wich von mir. Im Geiste betete ich die Worte, die Susanna mich gelehrt hatte. Und ich glaube, es gibt keine irdische Ehrung oder Auszeichnung oder Gunst, keinen Erfolg und keine Weisheit, die ich nicht mit Freuden hing�be f�r Jesu Reich, wenn er es mir er�ffnen mag. Ich habe meine Seele bis in ihre Tiefen gepr�ft und bin �berzeugt, da� es nicht Unsterblichkeit oder ewiges Leben ist, was ich begehre. Ich habe nur einen Wunsch: da� Jesus mich anblicken und als einen der Seinen anerkennen m�ge.</p><p>Nach der Zusammenkunft mit Susanna befa�te ich mich einige Tage lang nur mit der Aufzeichnung dessen, was mir widerfahren war.</p></section><section><p/><empty-line/><p>10</p><p><emphasis>Marcus gr��t nochmals Tullia.</emphasis></p><empty-line/><p>Im Herzen wei� ich, da� ich mich Dir schon seit langem entfremdet habe, Tullia. Nichts, was ich niederschrieb, k�nnte Dich �berzeugen�� auch das wei� ich. Falls Du es lesen solltest, w�rdest Du meiner nur spotten und Dir denken, die Juden h�tten mir das Hirn vernebelt. Dennoch verfolgt mich die seltsame Vorstellung, da� ich Dich eines Tages anblicken und da� dann Dein Gewand von Dir abfallen und selbst Dein K�rper eine �berfl�ssige H�lle werden k�nnte; da� ich dann Deine Seele sehen und Dich dazu bringen k�nnte, zu glauben, wie ich selbst glaube. Das w�rde nat�rlich f�r Dich den Verzicht auf vieles bedeuten, was du in diesem Leben sch�tzenswert und angenehm findest. Aber wenn ich Dich derart anzublicken verm�chte, h�tte nichts mehr auf dieser Welt Bedeutung f�r Dich, und so w�rdest Du nur auf wertlose Dinge verzichten. Doch diese Vorstellung ist sicherlich ein Hirngespinst. Eines solchen Glaubens ist man nur f�hig, sobald man gewisse Dinge selbst erlebt und gesehen hat. Und es gibt viele Leute, die auch, nachdem sie diese Dinge mit eigenen Augen gesehen haben, nicht glauben.</p><p>Aber ich will berichten, was weiterhin geschah. Am Tage des Wagenrennens berief Claudia Procula mich zu sich und teilte mir als Erweis h�chster Gunst mit, sie lade mich in ihre Loge ein, und ich d�rfe hinter ihr sitzen. Sie war in Purpur und Seide gekleidet, was vielleicht etwas unbedacht schien; aber sie konnte immer auf ihre weitl�ufige Verwandtschaft mit C�sar hinweisen. Ihr Haar war pr�chtig frisiert, und ein kostbares Diadem schm�ckte ihre Stirn. F�r mich hatte sie Tunika und Toga vorbereitet, und ein Barbier wartete darauf, mich zu rasieren und mir die Haare zu kr�useln.</p><p>�Es ist h�chste Zeit, da� du diesen j�dischen Unsinn aufgibst und dich wieder als R�mer unter den Barbaren zeigst�, erkl�rte Claudia.</p><p>Ich wies auf das v�llige Kleiderdurcheinander bei den Kurg�sten hin und darauf, da� sogar der r�mische Berater orientalische Gewandung �bernommen und sich einen Bart hatte wachsen lassen, um nicht bei Hofe unn�tz sein R�mertum zur Schau zu stellen. Aber schlie�lich mu�te ich ihr reinen Wein einschenken.</p><p>�Sei mir nicht b�se, Claudia�, sagte ich, �aber ich habe keine Lust, jetzt von hier wegzugehen und dem Rennen beizuwohnen. Vielmehr m�chte ich jeden Augenblick erreichbar und reisefertig sein. Ich habe n�mlich Grund zur Annahme, da� Jesu Gefolgsleute sich demn�chst versammeln sollen, um ihn zu treffen. Ich hoffe, von dem Zeitpunkt rechtzeitig verst�ndigt zu werden, so da� ich seinen Anh�ngern in einiger Entfernung folgen und den Versammlungsplatz finden kann.�</p><p>Claudia Procula entgegnete barsch: �Du erz�hlst mir da keine Neuigkeit. Johanna wei� das alles. Wenn ich j�nger und in Rom w�re und gen�gend verl��liche, verschwiegene Besch�tzer h�tte, w�rde ich mich vielleicht auch zu diesem Abenteuer bestimmen lassen und verkleidet zu dem Berge wandern. Der Treffpunkt ist ja ein Berg, nicht wahr?�</p><p>Erstaunt fragte ich: �Warum hat Johanna mir nichts davon gesagt? Traut sie mir nicht?�</p><p>�Ich glaube, es ist ihr Stillschweigen auferlegt worden�, bemerkte Claudia leichthin. �Aber sie hat mir versprochen, zu Jesus von Nazareth �ber mich zu reden. Es ist ja bekannt, da� er Kranke auch aus der Ferne geheilt hat. Oder vielleicht gibt er Johanna ein St�ck Stoff, das er vorher an seinen K�rper hielt. Dich braucht man dort in keiner Weise, Marcus. Komm doch zur Vernunft und sei endlich wieder ein R�mer! Dieses Rennen ist das gr��te Ereignis des Jahres in ganz Galil�a und allen Nachbarl�ndern.�</p><p>Ich starrte sie an und traute meinen Ohren nicht. �Du gibst also Gottes Sohn f�r ein Wagenrennen hin!� rief ich vorwurfsvoll.</p><p>�Alles zu seiner Zeit�, verteidigte sich Claudia. �Die B�der haben mir gut getan, und ich bin jetzt anscheinend bei klarerem Verstand als du. In vollem Ernst, mir scheint, du hast jeden Sinn f�r die Rangordnung der Dinge verloren.�</p><p>�Claudia Procula�, rief ich streng, �dein Gatte hat Jesus zum Tode verurteilt; von dieser Schuld konnte ihn alles nachtr�gliche H�ndewaschen nicht reinigen. Hast du nicht Angst beim Gedanken an den Gekreuzigten?�</p><p>Sie breitete die H�nde aus. �Aber, Marcus, ich habe alles getan, um ihn zu retten. Das mu� er doch wissen oder zumindest erfahren. Au�erdem hat Johanna mir sehr eingehend dargelegt, da� alles genauso geschehen mu�te, um die heiligen Schriften der Juden zu erf�llen. Deshalb, so meint sie, sollte Jesus eigentlich dem Pontius Pilatus dankbar sein daf�r, da� er unter dem Druck der Juden bei dieser Erf�llung mithalf. Die j�dische Philosophie ist zwar dunkel und vieldeutig; aber ich kann wohl glauben, da� Johanna recht hat. �brigens kommt sie auch mit zum Rennen, auf die Gefahr hin, da� sich dadurch ihr Eintreffen auf dem Berge verz�gert. Daraus ersiehst du, was f�r ein besonderes Ereignis dieses Rennen ist.�</p><p>Schlie�lich mu�te ich mich f�gen. Aber den Bart lie� ich mir nicht abnehmen, sondern nur stutzen und salben, so da� er nun, dem Barbier zufolge, der Barttracht der Herodianer entspricht.</p><p>Der Zirkus des Herodes Antipas ist kein gro�er Bau; er d�rfte nicht einmal drei�igtausend Zuschauer fassen. Jedenfalls war er gedr�ngt voll mit einer schreienden, erregten Menschenmenge. Auf den B�nken schienen mehr Ausl�nder als Galil�er zu sitzen.</p><p>F�r Claudia Procula hatte Herodes ein Podium, gegen�ber dem seinen, auf der anderen Seite der Rennbahn aufbauen lassen. Ihre Loge war nur um eine Stufe niedriger als die des F�rsten, und von der Br�stung hingen rote Teppiche. All dies zeigt, da� Herodes sich mit dem r�mischen Statthalter gut stellen wollte. Auch f�r die arabischen H�uptlinge und andere auf Besuch weilende W�rdentr�ger hatte er Estraden errichten lassen. Seinen Hofleuten waren entsprechende Anweisungen gegeben worden, und als Claudia mit ihrem Gefolge erschien, wurde sie von allen Seiten mit Beifallsrufen empfangen, in die das Volk einstimmte, um seiner erwartungsvollen Spannung Luft zu machen.</p><p>Wir sahen Herodias und ihre junge Tochter die F�rstenloge betreten. Soweit man von der anderen Seite der Arena her erkennen konnte, war die Frau des Tetrarchen �beraus prunkvoll gekleidet. Jedenfalls seufzte Claudia Procula und murmelte, diese geltungss�chtige Ehebrecherin h�tte ihr und Rom den Gefallen tun k�nnen, sich ein bi�chen weniger protzig anzuziehen. Auch Herodias war von verschiedenen Seiten mit lauten Rufen begr��t worden; aber diesmal stimmte das Volk nicht ein, und als die Fremden bemerkten, da� die Rufer sogar geknufft und geschlagen und bedroht wurden, verstummten auch sie sehr bald. Damit mu�te die F�rstin sich abfinden und nahm Platz. Schlie�lich erschien Herodes Antipas und breitete, alle Anwesenden leutselig begr��end, die Arme weit aus. Wie um ihre Mi�billigung f�r seine Gattin noch zu betonen, bereitete die Menge ihm durch Erheben von den Sitzen, Zurufe und Trampeln einen herzlichen Empfang.</p><p>In die Arena trat nun eine Schar Gladiatoren, die sich zu zweien oder in gr��eren Gruppen miteinander ma�en; aber ihre Waffen waren stumpf, und es flo� kein Blut. Wegen des j�dischen Gesetzes wagte Herodes nicht, zum Tode verurteilte Verbrecher um ihr Leben k�mpfen zu lassen. Dann zeigten seine Reiter verschiedene Kunstst�cke, bis die Zuschauer aufstampfend den Beginn der Wagenrennen verlangten.</p><p>Als nun in einer einleitenden Schaurunde ein Gespann nach dem anderen die Bahn durchfuhr, zeigte es sich, da� die Rennwagen wirklich pr�chtig und die Pferde in hervorragender Verfassung waren. Buchmacher begannen mit ihren gro�en Wachstafeln durch die Bankreihen zu gehen, um Wetten entgegenzunehmen. Dem Rappengespann des F�rsten selbst schien man die gr��ten Gewinnaussichten zu geben. �brigens waren keineswegs alle Gespanne derart auf eine einheitliche Farbe der Pferde abgestimmt; vielmehr hatten die barbarischen Wagenlenker ihre Rosse nach eigenem Geschmack aus den Stallungen ihrer Herren ausgew�hlt. Die f�r die Wetten ma�gebenden Farben waren nur an den Wagen selbst und an den Trachten der Lenker ersichtlich. Die Buchmacher riefen auch ein idum�isches und ein syrisches Gespann aus, die beide �berhaupt keine bestimmte Farbe f�hrten.</p><p>Das zuletzt einfahrende Gespann war das eines arabischen F�rsten; es hatte schneewei�e Pferde. Aber die vorherigen Wagen hatten schon die �bliche l�stige Stockung am Eingang verursacht, und die feurigen Schimmel sanken stolpernd auf die Vorderknie, als ihr Lenker sie scharf z�geln mu�te, w�hrend sie gerade zum vollen Galopp f�r die Schaurunde ansetzten. Das war ein so b�ses Omen, da� viele Zuschauer laut zu lachen begannen. Der Wagenlenker wurde w�tend und gab seinen Pferden die Peitsche zu kosten; das machte sie nat�rlich nur noch st�rrischer.</p><p>Bei einem regelrechten, ungef�hrlichen Wagenrennen, wie es Sachkundige sch�tzen, weil es vern�nftige Wetten gestattet und weil mit jeder folgenden Rennphase die Spannung w�chst, werden die Wagen gew�hnlich paarweise abgelassen, und jedes Paar durchf�hrt die Bahn blo� einigemal. Die verlierenden Gespanne scheiden aus, und das letzte Rennen spielt sich zwischen den beiden noch im Bewerbe gebliebenen Gespannen ab. Aber die Barbaren hier lieben Geschwindigkeit und L�rm, zu meiner gr��ten �berraschung reihten sich alle Gespanne nebeneinander auf, in einer vom Los bestimmten Anordnung. Ich h�rte, sie sollten vierzig Runden fahren. Mir taten die Pferde leid, von denen viele sich unweigerlich die Beine brechen w�rden; au�erdem konnte man fast mit Sicherheit damit rechnen, da� ein solches Rennen dem einen oder anderen Teilnehmer das Leben kosten w�rde.</p><p>Als ich die sich aufb�umenden Schimmel des arabischen Gespannes betrachtete, fiel mir ein, was der einsame Fischer mir gesagt hatte, und ich fragte mich, ob ich wirklich an dieses Gespann Geld wagen sollte. Als ich mich erkundigte, erfuhr ich, da� es zu den aussichtsreichen Bewerbern gez�hlt hatte, da� aber jetzt wegen des schlimmen Vorzeichens niemand mehr darauf wetten wollte. In einem so harten Massenrennen konnten kr�ftige Pferde und geistesgegenw�rtige Lenker bei einigem Gl�ck auch raschere Gespanne besiegen.</p><p>Claudia Procula hob begeistert die Arme und rief: �Das Herodesgespann!� Die schimmernden Rappen und ihr dunkelh�utiger Lenker fl��ten tats�chlich Vertrauen ein. Die Farbe des Gespanns war �brigens rot, weil kein vern�nftiger Mensch auf Schwarz gesetzt h�tte. Claudia wandte sich zerstreut zu mir und sagte: �Ich nehme an, du hast genug Geld bei dir?�</p><p>Nat�rlich h�tte ich gleich erraten k�nnen, warum sie solchen Wert darauf gelegt hatte, mich bei sich zu haben. Eine Frau wettet ja nie mit eigenem Geld. Wenn sie verliert, macht es ihr keine M�he, das Darlehen zu vergessen und nur das Pech zu bedauern; gewinnt sie aber, so kann man froh sein, wenigstens den Einsatz zur�ckzubekommen.</p><p>�Hundert Drachmen�, schlug ich widerstrebend vor.</p><p>Claudia Procula drehte sich mit einem entgeisterten Blick zu mir herum. �Marcus Mezentius Manilianus�, rief sie, �willst du mich beleidigen? Oder bist du wirklich schon ein Jude geworden? Sage zumindest hundert Goldst�cke�� und auch das ist noch zu wenig f�r so herrliche Pferde!�</p><p>So viel Geld hatte ich nicht bei mir; aber alle Bankiers und Geldwechsler von Tiberias gingen zwischen den B�nken der reichen Zuschauer umher und nahmen auch Wetten entgegen. Ich rief den Namen aus, den mir Aristainos in Jerusalem genannt hatte, und man zeigte mir einen Mann, der nach Gesichtsz�gen und Kleidung sein Zwillingsbruder h�tte sein k�nnen. Ich erz�hlte ihm von meiner Verlegenheit. Er war bereit, mir Kredit zu geben, sagte aber, es w�rde schwerhalten, auf das Gespann des Herodes einen g�nstigen Gegeneinsatz zu finden. Tats�chlich war das Beste, was er schlie�lich vermitteln konnte, eine Eins-zu-Eins-Quote seitens eines hochgestellten Idum�ers, der diese Wette, wie er sagte, nur aus H�flichkeit gegen die Gattin des Prokurators von Jud�a abschlo�.</p><p>�Denke an mich, wenn du nach dem Siege dein Geld z�hlst!� rief der Bankier lachend Claudia Procula zu, als h�tte er ihr ein Geschenk gemacht; und er verzeichnete die Wette auf seiner Wachstafel.</p><p>Nochmals musterte ich die Gespanne, die nur mit gro�er M�he zum Stillstehen geb�ndigt werden konnten. Da� so lange zugewartet wurde, lag zum Teil daran, da� man zum Abschlu� der Wetten Zeit lassen wollte; zum Teil sollten dadurch auch die Pferde erregt und die Lenker nerv�s gemacht werden. Ich bef�rchtete, einige Wagen w�rden gleich nach dem Rennbeginn umst�rzen. Das Schimmelgespann des arabischen H�uptlings war sichtlich die barbarische Massenbeteiligung nicht gewohnt; denn die Pferde schlugen nach dem Wagen aus und warfen, gegen die Z�gelung aufbegehrend, die K�pfe derart hin und her, da� ihnen aus den Mundwinkeln der Speichel spr�hte.</p><p>�Was bietest du mir auf das wei�e Gespann?� fragte ich den Bankier.</p><p>L�chelnd erwiderte er: �Wenn du ernstlich dein Geld an mich verlieren willst, �bernehme ich selbst die Wette, und zwar sieben zu eins. Wie hoch stellst du deinen Einsatz?�</p><p>�Notiere dir vierzig Goldst�cke f�r Marcus auf das wei�e Gespann, sieben zu eins!� entschied ich im letzten Augenblick, als Herodes schon seinen Speer hob. Der Bankier verzeichnete die Wette, und schon bohrte sich der bewimpelte Speer in den Sand. Die Wagenlenker schrien auf, und mit Get�se fuhren die Gespanne los. Die erfahreneren Lenker lehnten sich zur�ck und z�gelten ihre Pferde mit aller Kraft, damit die tollk�hnen Neulinge vorpreschen und sich vielleicht gleich das Genick brechen sollten. Aber es war fast unm�glich, die ungest�men Pferde zur�ckzuhalten. Zwei Gespanne sausten im Galopp davon; die Lenker beugten sich vor und gebrauchten die Peitsche, um einen m�glichst gro�en Vorsprung zu gewinnen und den durch drei Steinkegel bezeichneten Wendepunkt der Bahn raschest zu erreichen. Nur so konnten sie ihr Leben retten und verhindern, da� sie von den dicht hinterherfolgenden Gespannen niedergetrampelt w�rden.</p><p>Unwillk�rlich sprang ich auf und stellte mich auf die Bank; einen so st�rmischen Start hatte ich nie erlebt. Das Rappengespann des Herodes bahnte sich geschickt einen Weg durch das Massengedr�nge, und der Fahrer lie� erbarmungslos seine schwere Peitsche sausen, um seine n�chsten Rivalen abzusch�tteln. Ich sah, wie die Peitschenschnur das linke Au�enpferd des Schimmelgespanns in der Augengegend traf, und bildete mir ein, den Peitschenknall bis zu mir zu h�ren. Der Wagen des Arabers stie� so heftig gegen den Schutzsockel des Wendepunkts, da� die Funken stoben und das Rad nur wie durch ein Wunder heil blieb.</p><p>Beim zweiten Umlauf fuhr der schwere Wagen der Reiterei aus C�sarea mit seinen braunen Pferden r�cksichtslos den Idum�erwagen an, der dadurch umst�rzte. Der idum�ische Lenker wurde an den Z�geln �ber die Rennbahn geschleift, bis das Au�enpferd niederbrach. Das Gespann der Braunen kam weit voran. Dann aber brach der Herodeswagen durch und nahm die Verfolgung auf. Der Idum�er erhob sich schwankend, mit blut�berronnenem K�rper, griff dem gefallenen Pferd in die N�stern und ri� es hoch; es gelang ihm sogar, den Wagen aufzurichten und sich wieder in das Rennen einzureihen. Aber das gest�rzte Pferd lahmte derart, da� sein Gespann f�r das Rennen nicht mehr z�hlte und nur die anderen behindern konnte. Ich vermutete, da� der Lenker den Kampf blo� wiederaufgenommen hatte, um sich an dem R�mer zu r�chen.</p><p>In einem derartigen Wettkampf, bei dem ziemlich gleichwertige Gespanne die Bahn durchrasen, ist es praktisch fast unm�glich, um mehr als eine Runde zu f�hren. Die Nachz�gler der vorigen Runden versperren den Weg, und der Fahrer, der bis zu ihnen vorgedrungen ist, w�rde wider alle Vernunft das Schicksal herausfordern, wenn er sie �berholen wollte. Das Schimmelgespann geriet jetzt v�llig aus dem Takt, weil das gleich anfangs von einem Peitschenhieb getroffene Pferd st�ndig vor Schmerz den Kopf hin und her warf. Der Lenker war au�er sich; er schlug mit der Peitsche ein, fluchte und sch�ttelte, als er an der F�rstenloge vorbeikam, die Faust zu Herodes hin. Aber das Rappengespann kam den Braunen mit ihrem schweren Wagen immer n�her. Claudia Procula sprang auf, schrie gellend und stampfte mit ihren Goldsandalen.</p><p>Ich konnte weder die Runden z�hlen noch allen Einzelheiten des Rennens folgen. Aber pl�tzlich sah ich das syrische Gespann, Wagen und Pferd, wie von einer Wurfmaschine geschleudert, aus dem Haufen der Rennwagen in das Zirkusrund hinausfliegen. Die Pferde �berschlugen sich, und der Fahrer, dem die Z�gel noch an den G�rtel geknotet waren, sauste zwischen die wild strampelnden Hufe. Ich wei� nicht, was schrecklicher war, sein Todesschrei oder das letzte Aufwiehern eines der Pferde.</p><p>Kurz darauf preschte das Schimmelgespann an einem der Wendepunkte vor und dr�ngte einen anderen Wagen gegen die Steinsockelung, so da� er umkippte. Das arabische Gespann kam unbesch�digt vorbei; vielleicht verdankte es das der Augenverletzung seines Au�enpferdes, das wahrscheinlich bei erhaltenem Sehverm�gen des linken Auges kaum so dicht an das Hindernis herangerast w�re. Der Fahrer des umgest�rzten Wagens brachte unter Lebensgefahr seine Pferde noch seitw�rts aus der Rennbahn, knapp bevor das n�chste Gespann hinter ihm herkam. Ich mu�te die Geschicklichkeit der Wagenlenker bewundern. Dieser Mann sah die Stallknechte ihm entgegenlaufen, machte einige Schritte auf sie zu, fiel aber dann der L�nge nach hin und konnte sich nicht mehr erheben.</p><p>Wieder begann man, mitten in der ungeheuren Aufregung, Wetten abzuschlie�en. Das braune Gespann der r�mischen Reiterkohorte schien jetzt eingesch�tzt zu werden, und viele setzten darauf gegen den Herodeswagen, besonders Araber, die ihre M�ntel schwenkten und das Verh�ltnis ihrer Wetteins�tze mit den Fingern anzeigten. Nachdem sie ihrem nationalen Gespann keine Gewinnaussichten mehr gaben, zogen sie das r�mische dem herodianischen vor. Die Rappen hatten schon einigemal die Braunen zu �berholen versucht; aber immer wieder verstellte der R�mer kaltbl�tig durch Ausw�rtskurven den Weg und lie� seine Peitsche knallen. Herodes sprang in seiner Loge auf, stampfte mit den F��en und forderte seinen Wagenlenker durch laute Zurufe auf, sich vorzuk�mpfen. Alle Pferde waren von schaumigem Schwei� bedeckt, und in der Luft schwebten gro�e Staubwolken, obwohl man die Bahn vor dem Rennen reichlich mit Wasser besprengt hatte.</p><p>Das erstaunlichste aber war, da� die Schimmel sich trotz aller R�ckschl�ge durch ihre Schnelligkeit an den dritten Platz vorgearbeitet hatten, obwohl ihr leichter Wagen dabei einige rauhe St��e abbekam. Die pr�chtigen Pferde fanden sich langsam immer mehr und liefen nun wieder wunderbar. Das am Auge verletzte Tier hob den Kopf und wieherte laut. Der Fahrer beugte sich vor und redete ihm zu; es h�rte dann tats�chlich auf, von seinen Gef�hrten wegzustreben.</p><p>Ein weiterer Wagen fiel durch Verlust eines Rades aus. Dem Lenker gelang eine Wendung, so da� der Wagen au�erhalb der Rennstrecke einw�rts umkippte und so den �brigen nicht den Weg verlegte. Aber das losgebrochene Rad rollte geradeaus weiter, und das unmittelbar dahinter folgende braune Gespann mu�te ihm ausweichen. Diese Gelegenheit benutzte der Fahrer des Herodes geschickt. Weit vorgebeugt schlug er auf seine Rosse ein und kam tats�chlich dem R�mer zuvor. Unter Beifallsrufen und Gebr�ll sprangen die Zuschauer auf, und Claudia Procula schrie vor Freude, obwohl es eigentlich recht w�rdelos von ihr war, �ber das Mi�geschick des r�mischen Gespanns zu frohlocken. Doch die in ihrer N�he Sitzenden klatschten ihr Beifall, und viele andere l�chelten ihr zu.</p><p>Die Zahl der im Rennen gebliebenen Wagen war zusammengeschmolzen; aber die letzten Nachz�gler hinderten den Wagenlenker des Herodes daran, seinen Vorsprung auszun�tzen. Der blut�berstr�mte Idum�er, von dessen einer Gesichtsh�lfte die Haut abgeschunden war, blickte um sich, winkte und wich aus, um den Herodianer vorbeizulassen. Dann aber fuhr er absichtlich dem dahinterkommenden r�mischen Gespann in den Weg und verminderte dabei noch seine Geschwindigkeit. Das spielte sich mitten in der Renngeraden ab, nicht an einem der Wendepunkte, und der R�mer fluchte w�tend, weil dieses Man�ver nat�rlich gegen alle Regeln war. Aber wie wollte man das nachweisen? Der Idum�er konnte f�r sein Tun immer irgendeine Rechtfertigung vorsch�tzen. Jene Araber, die auf den R�mer gewettet hatten, begannen zu br�llen und die F�uste zu sch�tteln. In diesem Augenblick aber scho� das Schimmelgespann sowohl an dem R�mer wie an dem Idum�er vorbei, kam vor ihnen zum Wendepunkt und schmiegte sich dicht an den Innenrand der Bahnkurve, wo es sich knapp hinter den Herodeswagen setzte. Dieser Anblick verschlug den Zuschauern den Atem, und f�r eine Weile verstummten alle Zurufe; so etwas h�tte niemand f�r m�glich gehalten.</p><p>Nach der Kurve nahm der R�mer die �u�ere Fahrbahn und konnte unschwer mit dem Idum�er gleichziehen. Er h�tte das in seiner Leistungsf�higkeit beeintr�chtigte Gespann leicht vor der n�chsten Biegung �berholen k�nnen; aber er hielt seine Pferde zur�ck und versetzte dem Idum�er mit Bedacht einen Peitschenhieb auf den Kopf, so da� der Mann im Wagen auf die Knie sank. �ber diese Roheit br�llte die Menge. Manche klatschten Beifall; doch in anderen flammte der Ha� gegen Rom auf, und ich sah auf den B�nken an vielen Stellen Handgemenge entbrennen.</p><p>Aber das dauerte nur einen Augenblick, so rasch folgten nun die Ereignisse aufeinander. Der Idum�er rappelte sich in seinem Wagen auf, holte aus seinen Pferden ein Letztes heraus, �berfl�gelte das r�mische Gespann und bog wieder in die Bahn seines Gegners. Das war kein Rennen mehr, sondern glatter Mord. Die m�chtigen Braunen prallten mit voller Wucht an den Idum�erwagen, und beide Gespanne w�lzten sich auf dem Boden. Durch den pl�tzlichen Ruck flog der R�mer kopf�ber aus seinem Wagen, so da� er sich trotz Lederhaube und Sturzhelm an der steinernen Umrandung vor den Sitzreihen den Sch�del zerschmetterte und leblos liegenblieb. Auch der Idum�er starb noch vor Beendigung des Rennens; er hatte von einem der Pferde einen schweren Hufschlag bekommen.</p><p>Das Freimachen der Bahn nach diesem Zusammensto� h�tte die �brigen Gespanne zur Verlangsamung ihrer Fahrt zwingen m�ssen. Der Wagenlenker des Herodes aber br�llte und schwang die Peitsche, so da� die Stallburschen, die den R�mer wegtragen wollten, den Leichnam wieder fallen lie�en und sich durch einen raschen Sprung in Sicherheit brachten. Der Herodianer versuchte, sein Gespann �ber den entseelten K�rper des R�mers zu treiben; aber die Rappen waren keine Soldatenpferde und weigerten sich, einen Menschen niederzutrampeln. Sie b�umten sich wild auf und rissen den Wagen zur Seite, so da� er beinahe umkippte.</p><p>Fast im Schritt lenkte nun der arabische Fahrer seine Schimmel an dem Herodesgespann vorbei. Ein Rad streifte die Steinumrandung und stieg an ihr hoch; aber der Wagen blieb aufrecht und erreichte den Wendepunkt, ehe der Herodianer den Leichnam umfahren und seine Pferde wieder zu geregeltem Ausgreifen gebracht hatte. So unglaublich es scheinen mochte, das Schimmelgespann lag jetzt, dem �blen Omen zum Trotz, in F�hrung, und es waren nur mehr wenige Runden ausst�ndig. Nun war an mir die Reihe, aufzuspringen und Beifall zu rufen, und alle Araber stimmten mit ein. Aber die unbefestigte Bahn war jetzt so voll von Furchen und H�ckern wie ein frischgepfl�gtes Feld und ebenso gef�hrlich zu befahren.</p><p>Zum erstenmal verlor der Rappenlenker die Selbstbeherrschung; er schlug auf seine Tiere ein und versuchte einigemal mit Gewalt, an dem Schimmelgespann vorbeizukommen. Doch die rasche und gleichm��ige Gangart der Araberpferde bewahrte sie vor dieser Gefahr, und da ihr Wagen leicht war, brauchte der Lenker die Wendepunkte nicht ganz knapp zu umfahren, sondern konnte, auf seine Geschwindigkeit vertrauend, einen etwas weiteren Bogen nehmen, ohne bef�rchten zu m�ssen, da� der Herodianer sich einschieben w�rde.</p><p>Nur drei andere Gespanne waren noch im Rennen geblieben. Der Schimmelfahrer versuchte sie regelrecht an der Au�enseite zu �berholen. Der Herodianer jedoch br�llte ihnen zu, sie sollten ihn vorbeilassen. Zwei lie�en sich einsch�chtern; der dritte indes, der ein kr�ftiges, aber langsames Gespann fuhr, dem niemand eine Chance gegeben hatte, weigerte sich, Platz zu machen. Wieder griff der Herodianer zur Peitsche, brachte sein Gespann absichtlich aus der Gangart und trieb die Nabe seines linken Rades in die rechten Radspeichen des gegnerischen Wagens, so da� er ihn m�helos, einfach durch Geschwindigkeit und Gewicht seines Fahrzeugs, umwarf. Der Lenker wurde arg zugerichtet und gab das Rennen auf. Die beiden anderen Nachz�gler aber fuhren weiter in der Hoffnung, Gl�ck zu haben und den beiden Siegesanw�rtern den Weg verlegen zu k�nnen.</p><p>Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Die Flagge wurde geschwungen, und blitzschnell galoppierten die Schimmel in den Sieg. Die Zuschauer brachen in wildes Br�llen aus und jubelten auch dem Herodesgespann zu, das nur um ein paar Pferdel�ngen zur�cklag. Die beiden Fahrer reihten ihre Wagen h�flich Seite an Seite, hielten an, begr��ten sich mit gespielter Hochachtung und Dankbezeugungen f�r einen ehrenhaften Kampf. Der Araberh�uptling sprang �ber die Br�stung seiner Loge auf die Fahrbahn und lief mit wehendem Mantel zu seinen Pferden. Er sprach ihnen zu, klopfte sie ab und k��te aufschluchzend das geschwollene Auge des vom Peitschenhieb getroffenen Tieres. Auf den Zuschauerb�nken kam es zu Raufereien; aber die Aufseher stellten die Ordnung bald wieder her. Die Wettverlierer suchten sich zumindest damit zu tr�sten, da� sie ein �beraus spannendes Rennen genossen hatten.</p><p>Der Bankier kam heran, begl�ckw�nschte mich ebenso wie den idum�ischen Kaufmann und h�ndigte ihm in meiner Gegenwart die hundert Goldst�cke aus, die Claudia Procula verloren hatte. Mir z�hlte er hundertachtzig Goldst�cke hin, so da� ich nach Abzug des Einsatzes hundertvierzig Goldst�cke gewonnen hatte, einen Betrag, der f�r viele Leute ein kleines Verm�gen bedeutet. Darum hegte ich keinen Groll mehr gegen Claudia Procula.</p><p>Wie seinerzeit berichtet, hatte ich in der Nacht nach dem Gewitter von einem Schimmel getr�umt. Aus irgendeinem Grund war der Traum so lebhaft gewesen, da� ich davon mit Tr�nen in den Augen erwachte. Dieses Traumes mochte ich mich dunkel entsonnen und ihn unwillk�rlich als Vorzeichen genommen haben, sobald ich das sch�ne Schimmelgespann erblickte. Vielleicht h�tte ich auch aus eigenem Antrieb auf dieses Gespann gesetzt; das ist m�glich, aber keineswegs sicher. Die Pferde waren beim Einzug gestolpert; und so mi�trauisch man gegen ein solches Omen sein mag, ganz in den Wind schl�gt man es als vern�nftiger Mensch nicht. Deshalb f�hlte ich mich verpflichtet, nun jenes M�dchen zu suchen, dessen Bruder gestorben war, wobei ich allerdings keinen anderen Anhaltspunkt hatte als die Worte des einsamen Fischers, wonach die trauernde Schwester sich in dieser Nacht im griechischen Theater der Stadt aufhielt.</p><p>Claudia Procula forderte mich auf, sie zum Gastmahl des Herodes zu begleiten, obwohl ich nicht dazu eingeladen worden war. Offenbar meinte sie, dieser Gunstbeweis sei hundert Goldst�cke wert. Aber ich hatte keine Lust, mich ungebeten unter die Menge der G�ste einzudr�ngen, die Herodes Antipas aus politischen Gr�nden zu bewirten f�r n�tig erachtete. Claudia Procula war �brigens nicht b�se, als ich mich verabschiedete; nur wird sie es wohl albern von mir gefunden haben, eine solche Gelegenheit ungenutzt zu lassen.</p><p>W�hrend der Zirkus sich leerte, wimmelte es in den Stra�en der Stadt von Menschen aller Rassen, und mir ahnte, da� trotz der �berall zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgestellten W�chter und Legion�re eine unruhige Nacht bevorstand. Unschwer fand ich den Weg zu dem kleinen griechischen Theater. Aber hier war keine Vorstellung angek�ndigt. Trotzdem standen die Tore offen, und arme Stadtbesucher, die nirgends sonst untergekommen waren, schienen auf den Zuschauerb�nken n�chtigen zu wollen. Manche hatten sogar Feuer angez�ndet und kochten ihre Mahlzeiten; man konnte sich also vorstellen, wie dieses sch�ne Theater am n�chsten Tag aussehen w�rde.</p><p>Ich ging zwischen B�hne und Sitzreihen hinunter, und niemand hinderte mich am Betreten der Kellerr�ume, wo B�hnendekorationen aufbewahrt werden und manchmal Wandertruppen die Nacht verbringen, wenn sie keinen G�nner haben, der ihnen Quartier b�te. Alles war verlassen und leer und�� wie jedesmal unter der B�hne eines Theaters, wenn die Schauspieler gegangen sind�� ein bi�chen gespenstig, als schwebten Gestalten und Worte aus allen Auff�hrungen noch unsichtbar in der Luft. Diese finsteren Kellerr�ume eines Theaters haben mich immer an das Totenreich gemahnt, wie Dichter es beschrieben. Ich mochte nach einer Vorstellung noch so begeistert hinuntergeeilt sein, ein Geschenk f�r einen Schauspieler, der meine Seele aufgew�hlt hatte, in der Hand, jedesmal �berlief mich ein Fr�steln, ein Gef�hl der Unwirklichkeit. Ein Darsteller, der sein B�hnenkost�m abgelegt hat, ist nicht mehr die Person, die er auf der Szene war.</p><p>W�hrend ich durch diese unterirdischen R�ume schritt, sp�rte ich, wie weit ich mich in kurzer Zeit von meinem fr�heren Leben und von allem entfernt hatte, was mir einst Freude und Vergn�gen bereitete. Alles Vergangene war nur mehr Erinnerung, und es gab mir einen Stich, als ich mir dar�ber klar wurde, da� ich diese Dinge nie mehr auf gleiche Art w�rde erleben k�nnen.</p><p>Ich glaubte, das Gespenst eines Toten zu erblicken, als durch den finsteren Korridor ein alter Grieche heranschlurfte. Er hatte einen H�ngebauch, und seine Augen waren von unm��igem Trinken verquollen. Er schwenkte seinen Stock gegen mich und fragte fluchend, was ich suchte und wie ich hierher unter die B�hne gekommen sei.</p><p>In beschwichtigendem T�ne erkundigte ich mich, ob in den Kellerr�umen jemand wohne. Er wurde noch w�tender und br�llte: �Du meinst doch nicht diese Schurken, diese �gyptischen Landstreicher, die mich mit windigen Flausen hintergangen und mir Ungl�ck gebracht haben, indem sie einen Leichnam ins Theater trugen? Ich w�re froher als du, wenn ich sie erwischen k�nnte.�</p><p>Ich sagte: �Man hat mir erz�hlt, ich k�nnte hier ein M�dchen finden, dem der Bruder gestorben ist. Ich habe etwas zu �berbringen.�</p><p>Der Alte sah mich mi�trauisch an und fragte: �Du bist hoffentlich nicht auch so ein Flausenmacher, was? Das M�dchen halte ich als Pfand zur�ck. Ich habe der Gauklerin die Kleider und Schuhe weggenommen und gebe sie erst frei, wenn ihre Schuld bis zum letzten Groschen bezahlt ist.�</p><p>�Man hat mich geschickt, um sie auszul�sen�, erkl�rte ich und klimperte mit meiner Geldb�rse. �Bringe mich zu ihr, und es wird dich nicht reuen.�</p><p>Unschl�ssig f�hrte der argw�hnische Alte mich weiter durch den unterirdischen Gang und �ffnete die T�r eines Gelasses, in das nur durch eine Mauerritze etwas Licht drang. In dieser Beleuchtung gewahrte ich ein mageres, nacktes M�dchen, das, wie versteinert vor Kummer, in einer Ecke kauerte und auch bei unserem Eintreten das von herabh�ngendem Haar bedeckte Gesicht nicht erhob. In dem Raum war nichts E�bares, keine Schale Wasser, nicht einmal etwas zum Zudecken.</p><p>�Ist sie krank?� fragte ich.</p><p>�St�rrisch ist sie! Sie hat mir den Bart gerauft, als ich sie am Tor tanzen lassen wollte�, erwiderte der Alte. �Die Stadt ist voll Fremde, und f�r das Tanzen h�tte man der Gauklerin vielleicht ein bi�chen Geld zugeworfen. Du mu�t begreifen: Ich war gezwungen, das Begr�bnis ihres Bruders zu bezahlen, damit niemand erf�hrt, da� im Theater ein Leichnam gelegen hat. Und das ist keineswegs alles, was diese �gyptischen Betr�ger mir schulden.�</p><p>Ich ber�hrte die Gefangene an der Schulter und warf meine B�rse vor sie hin. �Man hat mich hergeschickt, um dir hundertvierzig Goldst�cke zu �berbringen�, sagte ich laut. �Zahle damit alle Schulden und verlange deine Kleider und Habseligkeiten zur�ck! Dann kannst du ungehindert hingehen, wohin du willst.� Aber das M�dchen regte sich nicht.</p><p>�Hundertvierzig Goldst�cke!� rief der alte Grieche und machte eine Geste mit der rechten Hand, als wollte er D�monen abwehren. �Das habe ich ja immer bef�rchtet. Der Wein ist zu Ende, und ich sehe Gespenster und h�re Geisterstimmen.� Dann aber versuchte er doch, die B�rse zu packen; ich nahm jedoch das Geld, da das M�dchen es nicht anr�hrte, wieder an mich und fragte den Alten, was er zu bekommen habe.</p><p>Er begann sich die H�nde zu reiben, verdrehte scheinheilig die aufgequollenen Augen, rechnete und murmelte und sagte schlie�lich mit schlauer Miene: �Ich bin kein Ausbeuter und will es die Gauklerin nicht entgelten lassen, da� sie Ungl�ck �ber mich gebracht hat. In einem runden Betrage macht die Schuld zehn Goldst�cke aus. Ich hole gleich ihre Sachen; und ein bi�chen Speise und Wein lasse ich dreingehen. Wahrscheinlich ist sie so von Hunger ersch�pft, da� sie kein Wort herausbringt; und in dieser Verfassung h�ttest du kein Vergn�gen an ihr.�</p><p>Dann klopfte er mir auf die Schulter und fl�sterte mir ins Ohr: �Hundertvierzig Goldst�cke ist ein Wahnsinnspreis f�r so eine Person. Du bist anscheinend von Sinnen. Es gen�gt, wenn du ihre Schulden bezahlst; dann kannst du sie nehmen und mit ihr tun, was du willst. F�r ein einziges weiteres Goldst�ck stelle ich dir die n�tigen Papiere aus, so da� du ihr als deiner Sklavin nach Recht und Gesetz dein Eigent�merzeichen auf das Hinterteil einbrennen lassen kannst. Sie hat n�mlich keinen Besch�tzer.�</p><p>Ohne den Kopf zu heben, strich das M�dchen sich die Haare aus den Augen und zischte: �Zahl dem sch�bigen alten Schuft f�nf Goldst�cke aus! Damit sind meine Schulden und die aller anderen mehrfach gedeckt. Und dann gib ihm noch f�r meine Rechnung einen Tritt zwischen die Schenkel!�</p><p>Ich �ffnete meine Geldb�rse und reichte dem Alten f�nf Goldst�cke. Er war so begeistert, da� er nicht einmal zu feilschen versuchte, sondern sofort die Kleider des M�dchen holen ging. Nachdem er das B�ndel gebracht hatte, rief er beflissen, er werde gleich Essen und Wein besorgen. Als wir allein waren, warf ich dem M�dchen wieder die B�rse hin und wandte mich zum Gehen. Aber die Unbekannte hielt mich zur�ck und fragte: �Was begehrst du von mir? So viel Vergn�gen kann ich dir nicht bieten, da� es hundertvierzig Goldst�cke wert w�re. Heute nacht wollte ich mich an meinen Haaren erh�ngen.�</p><p>�Ich begehre nichts von dir�, erwiderte ich. �Ich bin blo� mit dem Geld hergeschickt worden.�</p><p>�So etwas gibt es nicht�, meinte sie ungl�ubig. Zum erstenmal hob sie den Kopf und blickte mich an. Zu meiner gr��ten �berraschung stellte ich fest, da� es Myrina war, die T�nzerin, die ich auf dem Schiff nach Joppe kennengelernt hatte. Aber sie erkannte mich nicht gleich, wegen meines Bartes und meiner j�dischen Kleidung.</p><p>�Myrina!� rief ich. �Ich hatte keine Ahnung, da� du es bist. Was ist mit dir geschehen? Warum bist du so ungl�cklich, da� du dir das Leben nehmen wolltest?�</p><p>Myrina zuckte vor Scham zusammen, verbarg ihre nackten Lenden mit den Haaren und beschwor mich: �Schau mich nicht an, so wie ich jetzt bin! Dreh dich wenigstens um, w�hrend ich mich anziehe!� Sie �ffnete ihr B�ndel, suchte einen Kamm hervor, k�mmte sich das Haar und steckte es mit einem Band auf, legte eine kurze Tunika an und befestigte ein Paar bunte Sandalen an den F��en. Dann aber begann sie bitterlich zu weinen, umarmte mich mit ihrem ganzen schm�chtigen K�rper, schmiegte ihr Gesicht an meine Brust und benetzte meinen Mantel mit ihren Tr�nen.</p><p>Ich streichelte ihr die Schultern, sprach ihr Trost zu und fragte: �Ist dein Bruder wirklich gestorben und weinst du seinetwegen?�</p><p>Sto�weise schluchzend brachte Myrina hervor: �Ihn habe ich schon beweint. Ich glaube, jetzt mu� ich deshalb weinen, weil es noch jemanden auf der Welt gibt, der es gut mit mir meint. Noch eine Nacht, und ich w�re tot gewesen, ohne auch nur einen Obolus zu hinterlassen, den man mir f�r den F�hrmann h�tte in den Mund legen k�nnen.�</p><p>Sie pre�te sich enge an mich und weinte noch bitterlicher. Ich konnte kaum ein vern�nftiges Wort aus ihr herausbekommen. Endlich beruhigte sie sich so weit, da� sie mir von dem Mi�geschick erz�hlen konnte, das die Wandermimen seit unserer Meerfahrt betroffen hatte. Die Truppe war nach Per�a gereist und dort in der Urlaubersiedlung der Legion aufgetreten; dann jedoch waren alle Mitglieder an Fieber erkrankt. Auf dem R�ckweg fristeten sie ihr Dasein durch T�nze auf den Dreschtennen der Bauernh�user; zuletzt aber hatten die Juden sie gesteinigt. In Tiberias wollten sie im Zusammenhang mit dem Wagenrennen eine Auff�hrung veranstalten. Doch Myrinas Bruder ertrank beim Baden im See. Obwohl sie gleich nach ihm tauchten, ihn an Land zogen und Myrina ihm ihren Atem einzuhauchen versuchte, kam er nicht mehr ins Leben zur�ck. Sie trugen ihn verstohlen ins Theater, und schlie�lich half der alte Grieche mit, ihn n�chtlicherweise zu begraben, damit nicht das Theater rituell gereinigt werden m��te, wie es bei Bekanntwerden der Einbringung eines Leichnams erforderlich gewesen w�re. Die anderen Mitglieder der Truppe flohen und lie�en Myrina und ihre Habseligkeiten als Pfand zur�ck. Aber die durch ihren Tanz heraufbeschworene Steinigung hatte ihr derartigen Schreck eingejagt, da� sie nicht mehr zu tanzen vermochte.</p><p>Sie erkl�rte: �Solange mein Bruder lebte, haben wir eine St�tze aneinander gehabt, und ich war nicht ganz allein auf der Welt. Seit er jedoch tot und begraben ist, f�hle ich mich schutzlos und bin �berzeugt davon, da� mich �berallhin ein Unheil und Bosheit verfolgen werden. Darum habe ich keinen Lebenswillen mehr. Ich kann nichts essen und trinken, meine Glieder sind wie gel�hmt, und ich mag nichts mehr auf der Welt sehen, nichts mehr h�ren, nichts mehr schmecken und riechen. Ich habe genug von allem und trauere nur um meinen Bruder.�</p><p>�Und dich kann ich nicht verstehen�, fuhr sie nach einer Weile fort. �Dein Geld mu� eine neue Art von Lug und Trug sein, damit ich mein zweckloses Leben weiterf�hre und in immer anderes Elend gerate. Nein, nein! Nimm dein Geld wieder und la� mich hier allein sterben! Ich mag keine weiteren Entt�uschungen erleben, jetzt, wo ich wei�, was f�r ein unsicherer, hoffnungsloser Aufenthalt diese Erde ist.�</p><p>Der alte Grieche kam mit Brot und Gr�tzebrei zur�ck, go� mit zittrigen H�nden Wein in eine Schale und reichte sie Myrina. �Kommt mit in das Beschlie�erzimmer!� sagte er. �Dort ist mehr Licht, und auch ein Bett. Ich mache es euch bequem.�</p><p>�Uns gen�gt, glaube ich, jeder Raum�, erwiderte ich. �La� uns jetzt allein! Wir haben viel zu besprechen.�</p><p>Dienstfertig erkl�rte er, wir k�nnten nach Belieben bis zum Morgen bleiben; und auch frischen Wein w�rde er uns, wenn wir wollten, bringen. Mit dem Weinschlauch unter dem Arm ging er weg, und Myrina begann zu essen, zuerst widerstrebend, allm�hlich aber mit immer gr��erem Appetit, bis die Sch�ssel leer wurde und kein Kr�mchen Brot �brigblieb.</p><p>Dann fragte sie: �Was ist B�ses an meinem Tanzen? Und warum liegt anscheinend ein Fluch auf mir, so da� ich meinen Gliedern nicht mehr traue und Angst habe? Du hast mich auf dem Schiff tanzen sehen�� du wei�t, da� ich es nicht tue, um M�nner zu verf�hren, sondern, um die Leute zu unterhalten und durch meine K�rperbeherrschung zu verbl�ffen. Was liegt schon daran, wenn ich nackt tanze? Flatternde Kleider behindern mich nur und bringen mich aus dem Gleichgewicht. Und an meinem mageren Leib ist nicht viel zu sehen; er besteht nur aus durchgearbeiteten Muskeln. Nicht einmal Br�ste habe ich. Warum die Juden mich so erbarmungslos gesteinigt haben, ist mir unverst�ndlich.�</p><p>Sie zeigte mir die blutunterlaufenen Flecke und eine schlecht verheilte Platzwunde am Kopf unter den Haaren und erz�hlte mir: �In einem Dorf haben wir ums Essen gebeten und wollten daf�r die Leute nach besten Kr�ften mit Singen, Spielen und meinem Tanz erfreuen. Aber sie h�tten mich, wenn unser nicht so viele gewesen w�ren, zu Tode gesteinigt. Mich qu�lt die Vorstellung, da� ich etwas Ungeh�riges getan haben k�nnte, und ich werde bestimmt nie mehr so tanzen k�nnen wie fr�her.�</p><p>Ich �berdachte ihren Bericht und sagte: �Ich glaube zu wissen, warum sie so w�tend waren. Wie es hei�t, hat die F�rstin Herodias ihre Tochter vor dem sittenlosen Herodes Antipas tanzen lassen, um ihm die Hinrichtung eines j�dischen Propheten, der schlecht von ihr gesprochen hatte, abzulisten. Deshalb verabscheuen fromme Juden in dieser Gegend alle heidnischen T�nze besonders.�</p><p>Myrina sch�ttelte den Kopf. �Ich war stolz auf meine Kunst und habe das freie, abwechslungsreiche Leben in einer Wandertruppe geliebt. Aber uns ist ein Unheil nach dem anderen zugesto�en, bis ich schlie�lich ganz verschreckt war und an jedem Morgen schon Angst vor dem kommenden Tage hatte. Der Tod meines Bruders war der gr��te Schlag f�r mich und hat mich v�llig niedergeschmettert.�</p><p>Als sie mir jedoch so ihr Herz ausgesch�ttet hatte, begann sie, sich �ber die letzte Wendung der Dinge zu wundern. Sie �ffnete die B�rse, befingerte die Goldst�cke und fragte, weshalb ich ihr das Geld gegeben und wie ich sie �berhaupt gefunden h�tte. Ich erz�hlte ihr von dem einsamen Fischer und von meiner Rennwette und schlo� mit den Worten: �Ich glaube, jener Mann mu� dein Weinen �ber den ganzen See hinweg geh�rt haben. Aber wie das zuging und wieso er vom Tode deines Bruders wu�te, daf�r wage ich nicht einmal eine Erkl�rung zu suchen. Jedenfalls geh�rt das Geld dir, und du kannst jetzt tun und lassen, was dir beliebt.�</p><p>Myrina zog die Stirn nachdenklich in Falten und sagte: �Beschreibe mir den Mann! Sah er aus, als h�tte er viel gelitten und w�re ganz ersch�pft? War er w�rdevoll und g�tig, so da� du sein Gesicht nicht vergessen kannst? Hatte er Narben an den Handgelenken und den F��en?�</p><p>Lebhaft erwiderte ich: �Offenbar denkst du an den gleichen Mann wie ich. Du mu�t ihn auch gesehen haben.�</p><p>Myrina berichtete mir: �Nachdem wir den w�tenden Juden entkommen waren, hatten wir nichts zu essen als Korn�hren, die wir von den Feldern pfl�ckten. Schlie�lich gelangten wir zu einem Brunnen und beschlossen, dort �ber Nacht zu bleiben. Wir waren ganz verzagt. Da kam dieser Mann m�de auf der Stra�e heran und bat: �La�t mich trinken!� Aber wir waren alle aufgebracht gegen die Juden. Die M�nner lie�en ihn nicht zum Brunnen, und mein Bruder l�sterte: �Und wenn du in eurer j�dischen H�lle w�rest, w�rde ich nicht eine Fingerspitze in Wasser tauchen, um dich verfluchten Juden zu laben.� Mir aber tat er doch leid. Ich sch�pfte Wasser, gab ihm zu trinken und wusch seine wunden F��e; er war n�mlich so schwach, da� er es nicht selbst h�tte tun k�nnen. Niemand hinderte mich daran. Mimen sind im Herzen freundliche Leute. Wahrscheinlich hat mein Bruder nur gescherzt und h�tte ihn schlie�lich ohne weiteres zum Brunnen gelassen; wir waren nur gerade damals alle voll Groll gegen die Juden. Als der Mann getrunken und ich ihm die F��e reingesp�lt hatte, warf er mir einen g�tigen Blick zu, segnete mich und sagte: �Was du mir getan hast, hast du dem getan, der mich gesandt hat. Wegen dieser einen guten Tat wird dir viel vergeben werden. K�nige und F�rsten werden dich beneiden, weil du mir zu trinken reichtest, als ich durstig war.��</p><p>�Das hat er wirklich zu dir gesprochen, Myrina?� fragte ich erstaunt.</p><p>�Genau mit diesen Worten�, bekr�ftigte Myrina. �Sie sind mir im Ged�chtnis geblieben, obwohl ich sie nicht verstand. Ich habe sie mir eingepr�gt, weil er ein so merkw�rdiger Mann war. Dann drehte ich mich f�r einen Augenblick zu meinen Gef�hrten um, und inzwischen verschwand er. Wir waren so hungrig, da� wir Rinde kauten, als wir uns beim Brunnen schlafen legten. Etwas sp�ter kam aber eine alte Frau die Stra�e entlang und schaute umher, als suchte sie etwas. Sie hatte Gerstenbrot und Hammelfleisch in einem Korb und bot es uns an. Wir gestanden ihr, da� wir keinen Groschen Geld hatten. Doch sie sagte: �Nehmet und esset! Mir ist verhei�en worden, da� mir alles, was ich freiwillig wegschenke, vielfach wiedergegeben wird.� Wir nahmen Brot und Fleisch und a�en und wurden alle satt. Die M�nner meinten, wahrscheinlich sei den Juden, nachdem sie uns so �bel mitgespielt hatten, bange geworden, und sie versuchten nun, uns zu vers�hnen. Aber die Frau sammelte die �berbleibsel unseres Mahles in ihren Korb und ging ihres Weges. Ich hatte die Empfindung, da� der m�de Mann sie getroffen und ihr aufgetragen hatte, uns Essen zu bringen, weil ich freundlich zu ihm gewesen war. Wer kann das sein, wenn er tats�chlich der gleiche Mann war, mit dem du am anderen Ufer des Sees zusammengekommen bist?�</p><p>Ich wu�te nicht recht, wieviel ich ihr sagen durfte, und erkl�rte deshalb: �Ich wei� es nicht und begreife das alles nicht. Jedenfalls hat er dich f�r einen Trunk Wasser f�rstlich belohnt. Aber ich h�tte nicht im Traum gedacht, da� ich hier dich, Myrina, wiedersehen w�rde oder da� du es sein solltest, der ich meinen Wettgewinn zu �bergeben hatte. Ich kann das nur als Zeichen und als Mahnung betrachten, da� ich nicht ganz aus eigenem Entschlu� jenes Schiff in Alexandria bestiegen habe. Doch jetzt Friede mit dir, Myrina! Und n�tze das Geld, wie dir am besten scheint! Ich mu� nun gehen, weil ich auf eine Nachricht warte.�</p><p>Myrina fa�te mich am Arm, zog mich mit Gewalt wieder zu sich auf den Lehmboden hinab und rief: �Nein, du wirst nicht gehen! Das lasse ich nicht zu. Der Mann, von dem du mir erz�hlt hast, kann kein gew�hnlicher Mensch sein. So redet und handelt nicht ein Mensch.�</p><p>Aber ich gedachte nicht, das Geheimnis des Reiches mit einem wildfremden M�dchen anr�chigen Berufes zu er�rtern und sagte schroff: �Du hast von ihm alles bekommen, was du dir erwarten konntest, und noch mehr. Setze mir nicht weiter zu!�</p><p>Erbost dr�ckte Myrina mir die B�rse in die Hand zur�ck und fuhr mich an: �Behalte deine Goldst�cke! Und m�gen sie dir bis ans Ende deiner Tage auf der Seele brennen! Mit Geld kannst du dich von mir nicht loskaufen. Geld ist kein Heilmittel f�r meine Qual. Lieber erh�nge ich mich. Erz�hle mir sofort, was du von jenem Mann wei�t, und dann f�hre mich zu ihm!�</p><p>Ich merkte, da� ich in eine Klemme geraten war, und rief, von Zorn �bermannt: �Sein Tun ist nicht Menschentun, und mit meinem Menschenverstand begreife ich ihn nicht. Gibt es hier im Lande nicht genug j�dische Witwen und Waisen, die Gott verehren und das Reich suchen? Warum hat er sich ausgerechnet eine �gypterin erw�hlt�� ein M�dchen, das von Kind auf ges�ndigt hat?�</p><p>Myrina entgegnete gekr�nkt: �Ich bin keine niedrige �gypterin. Ich wurde auf einer der Inseln geboren, von guten griechischen Eltern. Und was du mit dem �S�ndigen von Kind auf� meinst, wei� ich nicht. Meines Berufs brauche ich mich keineswegs zu sch�men; ich schenke damit vielen Leuten Freude und Vergn�gen. Ich will nicht behaupten, da� ich nie einem Mann geh�rt habe; aber zu einer solchen S�nde geh�ren zwei, und ich m�chte wissen, wer s�ndiger war: ich oder der Mann, der meine Armut ausn�tzte, um mich zur S�nde zu verf�hren. �brigens habe ich unter mein fr�heres Leben einen so dicken Strich gezogen, als h�tte ich mich wirklich schon erh�ngt. Ich sehne mich nach einem neuen und besseren Dasein. Aber f�r Geld kann ich es mir nicht kaufen. Darum mu�t du mir helfen, als w�rest du mein Bruder.�</p><p>Am liebsten h�tte ich heulen m�gen. Kaum war ich Maria von Beeroth losgeworden, und schon klammerte sich ein anderes, noch fremderes, noch fragw�rdigeres M�dchen an meine Mantelfalte. Aber ich mu�te Rede und Antwort stehen. Ich dachte nach, was ich sagen sollte, und begann so: �Ich wei� nicht, wieviel du von dem allen verstehst; immerhin hast du die Welt gesehen und wahrscheinlich auch schon andere unerkl�rliche Dinge erlebt. Also h�re! Ich habe Grund zur Annahme, da� der Mann, dem du am Brunnen Wasser gereicht hast und mit dem ich beim See gesprochen habe, ein gewisser Jesus von Nazareth ist.�</p><p>�Aber von ihm wei� ich ja!� unterbrach Myrina mich zu meinem Staunen. �In der Dekapolis haben die Legion�re kaum von etwas anderem geredet. Er hat Wunder gewirkt, Kranke geheilt und sogar Tote auferweckt; und er hat versprochen, den Juden ein Reich zu errichten. Deshalb wurde er in Jerusalem gekreuzigt, und seine J�nger haben seinen Leichnam vor der Nase des Pontius Pilatus aus dem Grab gestohlen, um dem Volke einzureden, er w�re von den Toten auferstanden. Oder glaubst du, da� er wirklich aus dem Grab gestiegen ist und da� er es war, dem ich am Brunnen begegnet bin?�</p><p>�Er ist von den Toten auferstanden�, bekr�ftigte ich. �Deshalb ist er der Sohn Gottes, und ich glaube, da� er alle Gewalt im Himmel und auf Erden besitzt. Etwas Derartiges hat sich bisher nie zugetragen. Nach seiner Auferstehung wanderte er hierher nach Galil�a und hat die Seinen ihm nachkommen gehei�en. W�hrend dieser Wanderung mu�t du ihn getroffen haben. Er hat zugesagt, sich den Seinen nochmals auf einem Berg zu zeigen.�</p><p>�Aber�, wandte Myrina mit handfestem Menschenverstand ein, �wie kann er, wenn er wirklich Gottes Sohn war, durstig gewesen sein?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� entgegnete ich verdrossen. �Ich habe selbst die Gei�elschwielen auf seinem R�cken gesp�rt, wenn es tats�chlich er gewesen ist. Da� er Fleisch und Blut war, kann ich bezeugen. Er ist ein Mensch unter Menschen und zugleich der Sohn Gottes. Frage mich nicht, wie das m�glich und warum es so ist! Es wird wohl das gr��te Wunder an ihm sein, eben das ganz Einmalige, noch nie Dagewesene. Deshalb kann sein Reich nicht, wie die Juden es sich vorstellen, ein blo� irdisches Reich sein.�</p><p>Mit weit aufgerissenen Augen blickte Myrina um sich, sann lange �ber meine Worte nach und sagte dann: �Wenn dem so ist, dann hat er mir dich als Ersatz f�r meinen Bruder geschickt und nicht blo� als �berbringer des Geldes. Damit hat er uns zusammengebunden, wie man ein Paar Tauben an den F��en zusammenbindet. Auch ich sehne mich nach seinem Reich, welcher Art es auch sein mag, wenn es nur nicht dem irdischen Leben gleicht; denn dieses Dasein hier habe ich gr�ndlich satt bekommen. Gehen wir miteinander zu jenem Berg, werfen wir uns gemeinsam vor Jesus hin und bitten wir ihn, uns in sein Reich aufzunehmen, nachdem er mir dich zum Bruder und mich dir zur Schwester gegeben hat!�</p><p>�Myrina�, betonte ich entschieden, �ich w�nsche mir keine Schwester und brauche keine. Wirklich nicht. Das ist ein gro�er Irrtum. Und zum Berge gedenke ich dich keinesfalls mitzunehmen, schon, weil ich nicht einmal sicher bin, ob ich selber ihn erreiche. Wer wei�, ob nicht seine J�nger mich erschlagen in der Meinung, ich spionierte ihre heiligen Geheimnisse aus? Du mu�t wissen, da� sie sein Reich nur beschnittenen Juden vorbehalten wollen. Sie lassen keine R�mer oder Griechen zu, nicht einmal Samariter�� niemanden, der den Vorrang ihres Tempels nicht anerkennt. Die ganze Sache ist viel schwieriger und gef�hrlicher, als du denkst. Aber wenn du versprichst, dich ruhig zu verhalten und mich nicht zu bedr�ngen, werde ich dich nach meiner R�ckkehr aufsuchen und dir von Jesus erz�hlen, falls er nicht vielleicht jene, die er als die Seinen anerkennt, gleich in das Reich aufnimmt. In diesem Falle komme ich nicht zur�ck. Aber ich hoffe, du wirst mir trotzdem ein freundliches Andenken bewahren.�</p><p>Mit einer heftigen Bewegung schleuderte Myrina mir die B�rse an den Kopf. �Nun gut!� rief sie erbittert. �Ein Ertrinkender klammert sich an einen Strohhalm. Darum wollte ich mich an Jesus von Nazareth klammern und dich zum Bruder nehmen, obwohl du meinem Bruder nicht einmal nahekommst. Er und ich, wir haben uns mit halben Worten und mit Blicken verst�ndigt. Wir haben �ber die gleichen Dinge gelacht und uns �ber alles, auch �ber Hunger und Dem�tigungen, lustig gemacht, so da� wir das elende Dasein der wandernden Mimen ertragen konnten. Geh nur deines Weges, du hartherziger Mann, wenn du dir einbildest, Menschen f�r Geld kaufen zu k�nnen! Eile nur freudig zu deinem Berg! Aber ich wei� nicht, welche Art von Reich dich dort erwarten mag, wenn du mich hier der Verzweiflung und dem Tode �berl��t. Ach, du reicher Mann, was wei�t du von Schutzlosigkeit und Ausgesetztheit?�</p><p>Ich starrte sie an und erkannte an dem Blick ihrer funkelnden gr�nen Augen, da� sie in dieser Gem�tsverfassung tats�chlich imstande sein konnte, sich aus Kummer und wildem Trotz zu erh�ngen, wenn auch vielleicht nur, um mir etwas anzutun. Sie hatte mit solcher �berzeugtheit gesprochen, da� Zweifel �ber meine Haltung mir am Herzen zu nagen begannen. Vielleicht hatte Jesus von Nazareth tats�chlich gew�nscht, ich sollte mich f�gen und Myrina, so unerh�rt es scheinen mochte, zur Schwester nehmen! Mir d�mmerte, da� sein Reich nicht reines Wohlbehagen bedeutete, sondern schwer erf�llbare Anforderungen stellte.</p><p>�Myrina, meine Schwester�, sagte ich mit saurer Miene, �gehen wir also miteinander! Und trage mir meine Worte nicht nach!�</p><p>Aber damit gab Myrina sich nicht zufrieden. Sie rief: �Rede nicht so verdrossen zu mir! Wenn du mich mitnimmst, so tu es wie ein Bruder, bereitwillig und freudig! Sonst hat mein Mitkommen keinen Sinn.�</p><p>Mir blieb nichts �brig, als ihren schm�chtigen K�rper br�derlich zu umarmen, sie auf die Wangen zu k�ssen und mit freundlichen Worten zu bes�nftigen. Sie zerdr�ckte noch ein paar Tr�nen; dann aber machten wir uns davon. Der alte Grieche, der in seinem Pf�rtnerverschlag lallend �ber einem Kruge Wein sa�, hielt uns nicht auf.</p><p>Eben war die Sonne hinter den Bergen untergegangen, und in der von Regsamkeit brodelnden Stadt wurden zahllose Lampen und Pechfackeln angez�ndet. Ich hatte es so eilig, in den Gasthof zu kommen, da� ich nicht daran dachte, in welchem Aufzug Myrina neben mir ging. Wegen ihrer kurzen Schauspielertunika und der bunten Sandalen riefen viele Passanten ihr unziemliche Worte zu, und es kostete mich einige M�he, sie unbel�stigt aus der Stadt und zu den Thermen zu bringen. Ich hatte das Vorgef�hl, die J�nger Jesu w�rden sich schon in dieser Nacht auf den Weg machen. Einen besseren Zeitpunkt konnten sie sich ja nicht w�nschen; am n�chsten Tag verlie�en viele Leute Tiberias, und auf den Stra�en fielen dann Wanderer, die zu dem Berge wollten, in keiner Weise auf. Deshalb beeilte ich mich.</p><p>Erst als ich atemlos und erhitzt unter den strahlenden Lampen des griechischen Gasthofs stand, wurde ich gewahr, da� ich eine Dummheit begangen hatte. Der w�rdevolle Gastwirt, der im allgemeinen gewohnt war, die Schrullen der reichen Kurg�ste ohne Wimpernzucken mit anzusehen, trat auf uns zu, musterte Myrina von oben bis unten und rief vorwurfsvoll: �R�mer, du bist ja ein Sack ohne Boden! Zuerst hattest du eine J�din zur Kurzweil bei dir; da habe ich nichts gesagt, weil du sie in deinem Zimmer hinter zugezogenen Vorh�ngen hieltest. Aber da� du in einer Festnacht mit einer liederlichen Gauklerin anr�ckst, die, sobald du einschl�fst, dein Zimmer verl��t, sich f�r ein paar Drachmen anderen G�sten anbietest, Krach macht und Bettlaken stiehlt�� das geht denn doch zu weit! Wir haben unsere Erfahrung mit solchen Weibspersonen.�</p><p>Ich warf einen Blick auf Myrina und sah, wie zerlumpt und besudelt ihre kurze Tanztunika war, wie abgescheuert ihre h�bschen Sandalen und wie schmutzig ihre Knie waren. Nach ihrem noch vom Weinen ganz aufgedunsenen Gesicht konnte man wirklich annehmen, sie k�me geradewegs von einer Orgie. Unter dem Arm trug sie die f�nfrohrige Pansfl�te ihres Bruders, und solche Musikinstrumente sind keine Empfehlung f�r jemanden, der in einem vornehmen Gasthof Quartier sucht. Ich verstand den Wirt, und Myrina starrte zu Boden, weil sie sp�ren mochte, da� sie am besten den Mund hielt, obwohl sie bestimmt allerhand zu sagen gewu�t h�tte.</p><p>Immerhin �rgerte ich mich �ber die Worte des Gastwirts. Offenbar hatte er eine geringe Meinung von meinem�� des vielgereisten r�mischen B�rgers!�� Geschmack. Pl�tzlich kam mir die Unsinnigkeit meiner Lage voll zu Bewu�tsein. Ich schlug die H�nde �ber dem Kopf zusammen und erkl�rte: �Du verkennst mich vollkommen, guter Mann! Dieses M�dchen ist meine Schwester. Wir haben uns auf der Schiffsreise von Alexandrien nach Jud�a zerstritten, und aus Trotz hat sie sich einer Truppe wandernder Kom�dianten angeschlossen. Jetzt habe ich sie im Theater von Tiberias aufgest�bert, und sie hat genug von ihrem Abenteuer. Warte nur, bis sie gebadet und frisiert und anst�ndig gekleidet ist! Aber schweige ihrem Ruf zuliebe �ber alles, was du gesehen hast, und es soll dein Schade nicht sein.�</p><p>Der Gastwirt glaubte mir nicht recht und murmelte �rgerlich, noch nie sei ihm ein so betrunkener Gast untergekommen, da� er, um eine Dirne in sein Zimmer zu schmuggeln, darauf verfallen w�re, sie als seine Schwester auszugeben. Als er aber bemerkte, da� ich stockn�chtern war und Myrina anscheinend wirklich von fr�her kannte und nicht eben erst von der Stra�e aufgelesen hatte, lie� er uns ein und gab entsprechende Anweisungen. Eine Sklavin mu�te Myrina ins Bad f�hren, der Barbier sich bereitmachen, um ihr das Haar zu locken, und der Garderobenverwalter in meinem Zimmer Kleider zur Auswahl und zum Kauf auslegen. Ich wollte f�r Myrina nur ein nettes, unauff�lliges Reisekleid anschaffen. Als sie jedoch aus dem Bade kam, bestand sie darauf, verschiedene Gew�nder zu probieren und sich von vorn und von hinten in dem Spiegel, den eine Sklavin ihr hielt, zu betrachten, bis ich das Getue satt hatte, mich ins Bett warf, das Gesicht in die Kissen vergrub und mir die Ohren zuhielt, um das unertr�gliche Geschnatter der beiden Frauenzimmer nicht l�nger mit anh�ren zu m�ssen.</p><p>Als Myrina merkte, da� ich ihr ernstlich z�rnte, warf sie die Kleider beiseite, entlie� die Sklavin, setzte sich neben mich, tippte mir auf die Schulter und sagte: �Die besten Heilmittel f�r Kummer und Verzweiflung einer Frau sind wohlriechende Salben und frisch gelegte Locken und h�bsche Kleider. Aber glaube mir, da� die zerfetzte Tunika und die abgetragenen Sandalen mir unvergleichlich wertvoller w�ren, wenn ich sie noch in Gesellschaft meines leiblichen Bruders tragen und ein St�ck Gerstenbrot mit ihm teilen k�nnte. Nachdem ich versuche, dich aufzuheitern und dir die tr�ben Gedanken aus dem Kopf zu scheuchen, k�nntest du wenigstens in mein Lachen einstimmen.�</p><p>Ich pre�te die H�nde an die Schl�fen und sagte: �Ach, Schwester, ich freue mich, da� deine Trauer sich lindert. Aber daf�r scheint deine Seelenqual auf mich �bergegangen zu sein. Es ist schon tiefe Nacht, und meine Angst w�chst mit jeder Stunde. Ich wei� nicht, was ich bef�rchte; aber im Herzen bete ich zu Jesus, er m�ge uns nicht im Stich lassen. Sprich mir nicht von Frisuren und Kleidern! Mir ist es gleichg�ltig, was ich anziehe oder esse und trinke, jetzt, da die Stunde der Erf�llung naht und Jesus sich bald den Seinen zeigen wird.�</p><p>Myrina schmiegte sich neben mich, schlang die Arme um mich, legte ihre magere Wange an meine Schulter und fl�sterte: �Kam dir das vom Herzen, als du mich jetzt Schwester nanntest? Wenn ja, so w�nsche ich mir nichts weiter. Genauso habe ich in den Armen meines Bruders geruht, den Kopf an seiner Schulter geborgen.�</p><p>Im Nu schlummerte sie in meinen Armen ein, noch im Schlaf ein paarmal leise aufschluchzend. Ich selber konnte jedoch vor Unruhe nicht richtig einschlafen. D�send sah ich ein schreckliches Traumbild vor mir. Alt und grauhaarig wanderte ich auf einem endlosen Pfad durch die W�ste, barfu�, in zerlumptem �berwurf. Neben mir ging Myrina, hager und abgeh�rmt, mit einem B�ndel auf dem R�cken. Hinter uns aber ritt auf einem zottigen Esel Maria von Beeroth, so dick und mit so scharfen Gramfalten um den Mund, da� ich sie nur an ihren Augen erkannte. Irgendwo weit vor uns schritt eine strahlende Gestalt, die sich von Zeit zu Zeit umsah und zur�ckblickte. Aber ich wu�te, da� ich diese Gestalt, mochte ich mich auch noch so eilen, nie einholen w�rde.</p><p>In Schwei� gebadet, erwachte ich aus diesem Traum. Wenn das wirklich ein Bild meiner Zukunft war und wenn jenes Reich, das Jesus von Nazareth seinen Anh�ngern bot, so aussah, dann geriet mein Vorsatz, ihn zu suchen, ins Wanken. Mir fiel ein, da� er mir auch anderes �bel vorhergesagt hatte, in jener Nacht am See�� falls der Fischer tats�chlich Jesus gewesen war. Eine Anfechtung �bermannte mich, und mir schien, da� ein Dunkel, tiefer als das Dunkel der Nacht, k�rperliche Gestalt annahm und mich zu umschlingen suchte.</p><p>�Jesus von Nazareth, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!� rief ich laut in meiner Qual. Das Dunkel wich. Ich pre�te die Handfl�chen aneinander und wiederholte das Gebet, das Susanna mich gelehrt hatte. Als ich die letzten Worte: ���sondern erl�se uns von dem B�sen!�, gesprochen hatte, fiel ich in ruhigen Schlummer und schlief bis zum Morgengrauen.</p><p>Ich erwachte dadurch, da� Myrina an meiner Seite pl�tzlich auffuhr. Durch die Ritzen der Fensterl�den sah ich den bleichen Morgen. Aber Myrina starrte mit leuchtenden Augen und l�chelndem Gesicht vor sich hin und rief dann: �O mein Bruder Marcus, was f�r ein wunderbarer Traum!�</p><p>Und sie erz�hlte mir ihn: �Wir, du und ich und noch jemand, stiegen eine brennende Treppe hinauf. Aber das Feuer versengte uns nicht. Wir stiegen h�her und h�her, und es wurde lichter und lichter. Du wurdest m�de und wolltest nicht mehr weiter. Aber ich nahm dich an der Hand und half dir von Stufe zu Stufe. Es war der sch�nste Traum, den ich im Leben gehabt habe. Er k�ndet uns Gutes.�</p><p>�Auch ich habe getr�umt�, sagte ich, und mich durchzuckte der Gedanke, beide Tr�ume k�nnten dieselbe Bedeutung gehabt haben. Man kann ja die gleiche Sache von ganz verschiedenen Seiten betrachten.</p><p>In diesem Augenblick klopfte es an der T�r, und eine verschlafene Magd trat sch�chtern mit den Worten ein: �Sei nicht b�se, Herr, aber unten fragt jemand nach dir. Ich h�tte mich nie getraut, dich zu wecken, wenn dieser Mann mit seinen beiden Eseln nicht so hartn�ckig gewesen w�re. Er sagt, du mu�t dich sofort auf den Weg machen.�</p><p>Ich warf meinen Mantel um und eilte hinunter. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Vor K�lte zitternd, erblickte ich Nathan und stie� einen Freudenschrei aus. Nathan war so aufgeregt, da� er seine Schweigsamkeit brach und mir berichtete: �Heute nacht haben sie Kapernaum verlassen. Alle wurden verst�ndigt. Sie gingen in einzelnen Gruppen, jeder mit Familie und Verwandtschaft. Auch Susanna haben sie mitgenommen, und ich gab ihr einen der Esel. Einen zweiten habe ich Simon Petrus geliehen, dessen Schwiegermutter alt und krank ist. Er wei� zwar noch nicht, wessen Reittier er geborgt hat; aber ich dachte, es k�nnte nur n�tzen, wenn du bei ihm einen Stein im Brett hast. Allerdings glaube ich nicht, da� die J�nger irgendwen, der die Botschaft erhalten hat, wegschicken werden; denn heute ist ein Tag des Heils. Vielleicht wird in der kommenden Nacht in Israel das Reich errichtet werden.�</p><p>�Soll ich mein Schwert mitnehmen?� fragte ich rasch.</p><p>�Nein�, entgegnete Nathan. �Jesus hat gesagt: �Alle, die das Schwert ergreifen, werden durch das Schwert umkommen.� Wenn es not tut, kann er eine Legion Engel zu Hilfe rufen. Aber jetzt wollen wir uns beeilen und zum Berge ziehen!�</p><p>Ich fragte ihn, ob es weit bis dorthin sei, und er antwortete, er kenne die Gegend und auch den Weg, und es sei eine lange Tagesreise. Seiner Meinung nach w�rde es klug sein, zur Vermeidung jeden Aufsehens nicht vor dem Abend dort einzulangen. Ich bat ihn, sich eine Weile zu gedulden; ich wolle mich ankleiden und auch meiner Begleiterin auftragen, sich fertigzumachen.</p><p>Erst als ich mit Myrina hinunterkam, fiel mir ein, da� Nathan mich noch in Gesellschaft Marias von Beeroth w�hnte. Er warf Myrina einen verwunderten Blick zu und sah mich dann vorwurfsvoll an. Ich war schuldbewu�t, als h�tte ich sein Vertrauen mi�braucht; aber ich bem�hte mich eifrig, den Sachverhalt aufzukl�ren: �Das ist Myrina, eine Ausl�nderin wie ich selbst. Ihr ist der Bruder gestorben, und ich habe sie an Schwester Statt angenommen. Hab Erbarmen mit ihr, um Jesu Willen! Wenn du sie nicht mitnimmst, kann auch ich nicht mit dir gehen, weil ich feierlich gelobt habe, sie zum Berge zu bringen.�</p><p>Ich sank in der Achtung des gestrengen Nathan, und er hielt mich wohl f�r einen Windbeutel. Aber er hob blo� die H�nde und nahm meinen Entschlu� widerspruchslos zur Kenntnis. Nach der langen Wartezeit f�hlte er sich offenbar so erleichtert, das er mir notfalls und �ber inst�ndiges Flehen sogar Herodes Antipas als Begleiter zugestanden h�tte. Ich war frohen Mutes und hoffte, auch die J�nger w�rden in ihrer freudigen Erwartung es Jesus anheimstellen, wen er zulassen und wen er abweisen wollte.</p><p>Nathan f�hrte uns auf einem Abk�rzungspfad an der Stadt vorbei zu der Stra�e ins Landesinnere. Wie ich vermutet hatte, waren viele Leute unterwegs, haupts�chlich Besucher des Wagenrennens, die in Tiberias �bernachtet hatten. Als wir h�her hinauf in die Berge kamen, blickte ich zur�ck und geno� die pr�chtige Aussicht �ber den See und auf die Stadt mit ihren S�ulenhallen. Die Stra�e hinter uns wimmelte von Menschen, und vor uns schwebten Staubwolken, die uns die Richtung wiesen.</p><p>In kurzen Abst�nden waren l�ngs der Stra�e und bei jeder Br�cke Legion�re aufgestellt. Augenscheinlich hatten die r�mischen Beh�rden beschlossen, an diesem Tage ein dichtes Netz von Ordnungsh�tern �ber das ganze Land zu legen; denn die Soldaten hielten alle Fahrzeuge, Esel, Kamele, Pferde und Ochsengespanne an und hoben Stra�enzoll ein. Von den Fu�g�ngern verlangten sie keine Abgabe, holten sich aber von Zeit zu Zeit einen Wanderer, der ihnen verd�chtig vorkam, heraus, stellten ihm Fragen und untersuchten ihn auf Waffen.</p><p>Als wir jenseits einer H�gelkette gegen das Landesinnere abzusteigen begannen, schien mir ganz Galil�a ein einziger gro�er Garten zu sein, so dicht gedr�ngt lagen die Anpflanzungen beiderseits unseres Weges. Viele Wanderer verlie�en, wenn sie einen Wachtposten erblickten, aus Furcht vor den R�mern die Stra�e und wollten querfeldein ziehen. Aber die Bauern liefen herbei und jagten mit Fl�chen und Vorw�rfen jene zur�ck, die bei ihrem Versuch, den Wachen auszuweichen, Felder zertrampelten oder ummauerte Weing�rten besch�digten.</p><p>Wir selber hatten zwar wegen der beiden Esel dreimal Zoll zu zahlen, wurden aber weder befragt noch durchsucht. Zu Mittag machten wir bei einem Brunnen halt, a�en und lie�en die Tiere ruhen. Pl�tzlich fiel mir etwas ein, was mich mit Sorge erf�llte. Ich fragte Nathan, ob Maria Magdalena bestimmt verst�ndigt worden sei oder ob ich umkehren und sie aufsuchen sollte. Nathan beruhigte mich und erkl�rte, allen, die auf die Botschaft gewartet h�tten, sei sie zweifellos zugegangen.</p><p>W�hrend wir rasteten, beobachtete ich die Leute, die, ohne sich auch nur w�hrend der Mittagshitze einen Augenblick Ruhe zu g�nnen, vorbeihasteten. Ich fragte mich, wie viele und welche von ihnen wohl auch zum Berge unterwegs waren. Es mochten jene sein, die vor freudiger Erwartung strahlten und offenbar weder Stra�enstaub noch M�digkeit versp�rten. Die heimkehrenden Besucher des Wagenrennens dagegen schritten mit gesenkten K�pfen einher, und alles schien ihnen zuwider. Viele Wanderer hatten belaubte �ste abgebrochen und benutzten sie als Sonnenschirme; denn es war ein hei�er Tag. Ein h�bscher J�ngling kam vorbei, der einen blinden Greis f�hrte.</p><p>Gerade als wir uns wieder auf den Weg machen wollten, h�rten wir von weitem R�derrollen und Hufgetrappel und bald auch Warnungsrufe: ein Grauschimmelgespann vom gestrigen Rennen sauste vorbei. Der Wagenlenker hatte im Gedr�nge der Lastfuhrwerke beim Kontrollposten warten m�ssen und wollte jetzt ohne R�cksicht auf die Fu�g�nger die verlorene Zeit hereinbringen. Mir kam vor, bei diesem Tempo und diesem dichten Stra�enverkehr k�nne es gar nicht ausbleiben, da� er jemanden niederrannte.</p><p>Als wir zur n�chsten Stra�enbiegung kamen, sahen wir, da� tats�chlich ein Unfall geschehen war. Menschen hatten sich angesammelt und sch�ttelten die F�uste hinter dem in der Ferne verschwindenden Wagen her. Dem jungen Mann, der den Blinden gef�hrt hatte, war es zwar gelungen, den Greis beiseitezurei�en; er selbst aber war arg zugerichtet worden. Er blutete aus einer Stirnwunde und schien sich auch ein Bein gebrochen zu haben; denn als er sich aufzurichten versuchte, konnte er auf dem Bein nicht stehen. Der Blinde begriff nicht recht, was geschehen war, murmelte aber zornige Klageworte.</p><p>Als die Leute erkannten, da� Hilfe n�tig war, verkr�melten sie sich rasch und setzten ihren Weg fort. Der junge Mann wischte sich das Blut vom Gesicht und bef�hlte vorsichtig seinen Fu�. Ich blickte ihn neugierig an und dachte mir, er k�nne von Gl�ck reden, da� er noch am Leben war. Mit zusammengebissenen Z�hnen begegnete er meinem Blick, wandte sich dann zu dem Blinden und beschwor ihn mit ein paar eindringlichen Worten, sich zu beruhigen. Auch wir w�ren weitergewandert, h�tte nicht Myrina dem wie gew�hnlich schweigenden Nathan zugerufen, er m�ge haltmachen. Sie schwang sich behende vom R�cken ihres Esels, kniete neben den jungen Mann hin, betastete mit beiden H�nden seinen Fu� und rief uns zu: �Er hat sich den Kn�chel gebrochen.�</p><p>�Wenn deine Neugier befriedigt ist�, sagte ich scharf, �so komm! Wir haben es eilig!�</p><p>Der junge Mann flehte uns an: �Kinder Israels, erbarmt euch um Himmels willen meines blinden Vaters! Wir sind nicht s�ndhafte Leute; doch mein Vater hat das Augenlicht verloren. Jetzt aber wurde ihm versichert, jemand w�rde ihn heilen, wenn er bis heute abend bei diesem Heiler sei. Morgen ist es schon zu sp�t. Ob ich hinkomme, ist nicht wichtig. Meinen Vater aber nehmt, bitte, bis zur Ebene von Nazareth mit! Dort wird bestimmt jemand kommen, ihm helfen und ihn den rechten Weg f�hren.�</p><p>�Es gibt viele Wege und manche falsche Wegweiser�, warf Nathan ein. �Bist du selber deines Weges ganz sicher, junger Mann?�</p><p>Trotz seiner Schmerzen l�chelte der J�ngling, und dieses L�cheln machte ihn, obwohl er mit blut�berrieseltem Gesicht auf dem Boden kauerte, ausgesprochen sch�n. �Es gibt nur einen Weg�, entgegnete er frohgemut.</p><p>�Dann gehen wir ja alle in die gleiche Richtung�, bemerkte Nathan und warf mir einen fragenden Blick zu. Widerstrebend stieg ich von meinem Esel und sagte: �Komm, blinder Mann! Ich helfe dir auf mein Reittier und gehe selber zu Fu�.�</p><p>Myrina meinte: �Wenn wir das gleiche Ziel haben�� wenn also diese beiden auch zum Berge wollen��, warum sollten wir dann den jungen Mann seinem Schicksal �berlassen? Wir k�nnen ihm doch die Wunden verbinden und ihn auf meinen Esel heben. Ich bin das Gehen gewohnt.�</p><p>Der junge Mann sagte: �Ich m�chte euch nicht zur Last fallen. Aber wenn wir Kinder desselben Vaters sind, wird er euch bestimmt f�r eure Hilfe segnen.�</p><p>Ich konnte mich nur schwer in den Gedanken finden, da� ein armseliger Galil�er mit gebrochenem Kn�chel und sein w�tend vor sich hinbr�llender blinder Vater meinesgleichen sein und ebensolches Anrecht wie ich�� wenn nicht gr��eres, da sie Juden waren�� haben sollten, Jesus von Nazareth zu suchen. Als ich aber die Billigkeit dieser Betrachtungsweise erkannte, war ich Myrina dankbar daf�r, da� ihre angeborene Herzensg�te meine Gedankenstumpfheit besiegt hatte. Gemeinsam wuschen wir dem jungen Mann das Gesicht, verbanden ihm den Kopf, schienten seinen Unterschenkel und schnitten einen festen Stock zurecht, mit dessen Hilfe er auf einem Bein bis zu meinem Esel humpeln konnte. Inzwischen war sein blinder Vater auf das andere Tier gestiegen und w�re gern schon losgeritten. Ungeduldig hatte er den Kopf gewandt und horchte, was wir redeten. Pl�tzlich rief er im Befehlston: �Wer ist diese junge Frau, deren Stimme ich h�re und die nur ein paar Worte unserer Sprache kann? La� dich nicht von ihr ber�hren, Sohn! Sprich nicht zu ihr und schau sie nicht einmal an, damit wir uns auf unserer frommen Reise nicht verunreinigen!�</p><p>Der junge Mann machte eine verlegene Miene und sagte: �Mein Vater kennt das Gesetz genau und hat es sein Leben lang peinlich befolgt. Nicht aus Mangel an Fr�mmigkeit ist ihm sein Unheil zugesto�en. Ihr m��t ihn verstehen. Er will sich nicht der Gefahr aussetzen, da� er unrein wird, ehe er vor den tritt, der ihn heilen soll.�</p><p>Trotz seiner Feindseligkeit klammerte der Blinde sich mit beiden H�nden so fest an den Esel, da� man ihn auch unter Gewaltanwendung nur mit M�he h�tte herunterheben k�nnen. Meine wohlwollende Stimmung war verflogen, und ich schalt ihn barsch: �Deine eigenen Landsleute sind weitergezogen, ohne sich um dich zu k�mmern. Das M�dchen ist Griechin, und ich selber trage zwar j�dische Kleidung, bin aber ein unbeschnittener Heide. Ich hoffe, da� wenigstens mein Esel, auf dem du so fest sitzt, dich nicht verunreinigen wird.�</p><p>Nathan sagte beschwichtigend: �Du brauchst die beiden nicht zu f�rchten, blinder Mann. Ich bin ein Sohn Israels und einer der Stillen im Lande. Meine Begleiter suchen ebenso den Weg wie ich. Wisse, da� ich fr�her in der W�ste gelebt habe, in einem abgeschiedenen Hause, wo ich die Schriften lesen lernte. Ich habe meinen ganzen Besitz den Kindern des Lichtes hingegeben und am gleichen Tisch mit ihnen gegessen. Aber zum Schriftgelehrten eignete ich mich nicht, und so verlie� ich die W�ste, um einen neuen Lehrer der Gerechtigkeit zu suchen, und schlo� mich dem Propheten im Kamelhaargewand an, der verk�ndete, das Reich sei nahe. Ich lie� mich von ihm taufen. Dann wurde er hingerichtet, und ich habe ein Schweigegel�bde abgelegt, um nicht in Versuchung zu kommen, von Dingen zu reden, die nur ein wahrer Lehrer der Gerechtigkeit wissen kann. Aber die Stunde ist gekommen, sie ist da. Und so l�se ich mich von meinem Gel�bde. Glaube mir, blinder Mann, in dieser Zeit und diesem Lande findet sich unter allen unseren Geschlechtern kein einziger Mensch, der ganz rein oder s�ndlos w�re. Waschungen und Opfer k�nnen niemanden reinigen, und nicht einmal der beste Lehrer kann es. Aber Gottes Weisheit hat sich verk�rpert und hatte unter uns ihr Zelt aufgeschlagen; doch wir erkannten sie nicht. Jesus wurde gekreuzigt und ist von den Toten auferstanden, um uns von unseren S�nden zu befreien. Wenn du an ihn glaubst, wird er dir das Augenlicht wiedergeben. Aber falls du dich reiner d�nkst als wir anderen, wird er dich, glaube ich, nicht heilen.�</p><p>Der blinde jammerte laut und tastete mit einer Hand nach den N�hten seines Mantels, um ihn zu zerrei�en. Aber der Sohn hielt ihn zur�ck und sagte: �Die Reinen haben uns im Stich gelassen. Diese Fremdlinge aber erwiesen uns Gutes. Kr�nke sie nicht durch deine Hartherzigkeit. Unseres Vaters Sonne scheint �ber Gerechte und Ungerechte, �ber die Kinder Israels und �ber die Heiden. Bilde dir nicht ein, da� du strahlender leuchtest als seine Sonne�� du, der schon mit Blindheit geschlagen wurde!�</p><p>Aber der Greis hie� ihn den Mund halten und befahl Nathan, seinen Esel ein St�ck vorauszuf�hren, damit wir ihm nicht zu nahe seien. Myrina und ich blieben zur�ck. Doch der junge Mann z�gelte seinen Esel, so da� er an unserer Seite blieb, blickte uns treuherzig an und erkl�rte: �Die Alten h�ngen stets am Alten. Aber der Mann, der euch f�hrt, hat recht. Es gibt auf der Welt niemanden, der ohne Fehl ist. Ich selber habe alles getan, um die Gebote und das Gesetz zu halten, bin aber deshalb keineswegs frei von S�nde. Ich d�nke mich nicht besser als irgendein Heide und w�rde nie auf den Gedanken kommen, eure Barmherzigkeit k�nnte uns verunreinigen.�</p><p>Ich blickte ihn an. Sein Gesicht war fahl vor Schmerz; er bi� die Z�hne zusammen und versuchte, sich mit Gewalt auf seinem Esel aufrecht zu halten. Ich sagte: �Deine Stirn ist rein; deine Augen sind klar. Ich glaube nicht, da� du bewu�t der S�nde Raum gibst.�</p><p>Er entgegnete: �Gott hat den Menschen als sein Ebenbild erschaffen. Aber durch den S�ndenfall unserer Ureltern Adam und Eva wurde dieses Ebenbild in uns getr�bt, und vor Gott f�hlen wir uns nackt und sch�men uns.�</p><p>�Davon habe ich gelesen und geh�rt�, antwortete ich. �Doch ich habe es nie verstanden. �brigens hat mir ein j�discher Gelehrter in Alexandria erkl�rt, diese Geschichte vom S�ndenfall sei nur sinnbildlich aufzufassen.�</p><p>Der junge Mann versuchte zu l�cheln. �Wie sollte ein ungebildeter J�ngling wie ich solche Dinge begreifen? Aber ich habe Jesus von Nazareth beim See gesehen. Er gab den Blinden das Augenlicht wieder und machte Lahme gehen. Er sagte, er sei das Brot des Lebens. Ich w�re ihm mit Freuden gefolgt; aber mein Vater ist sehr strenge. Einem sanften und g�tigen Vater w�re ich vielleicht entlaufen. So jedoch sagte das Herz mir, ich w�rde, wenn ich mich dem Nazarener anschl�sse, es nur tun, um mich der H�rte meines Vaters zu entziehen. Er stand mehr auf Seite der Synagogenlehrer, die Jesus wegen seines Umgangs mit S�ndern verdammten. Wiederholt hat er mich geschlagen, weil ich meine Alltagspflichten vernachl�ssigte, um dem neuen Lehrer zu lauschen. Mein Vater hielt ihn f�r einen Volksaufwiegler. Dann wurde er ganz pl�tzlich mit Blindheit geschlagen. Eines Abends sprach er sein Gebet und legte sich schlafen; morgens aber beim Erwachen sah er nichts und dachte zuerst, es sei noch Nacht.</p><p>Er wurde ganz verzweifelt, und niemand konnte ihn heilen. Da entschlo� er sich, an den Nazarener zu glauben und ihn aufzusuchen. Inzwischen aber war Jesus nach Jud�a gegangen und in Jerusalem gekreuzigt worden. So wandte mein Vater sich zu den Stillen im Lande, die ihm Jesu Auferstehung kundtaten; von ihnen erfuhren wir auch den Tag und die Stunde und die Stra�e, auf der wir nun ziehen. Der Vater glaubt fest daran, da� Jesus ihn zu heilen vermag, wenn wir nur rechtzeitig hinkommen. Auch ich glaube es. Doch mir w�re lieber, mein Vater w�rde das Reich begehren und nicht blo� sein Augenlicht.�</p><p>Myrina fragte mich neugierig, was der junge Mann gesagt habe, und ich erz�hlte es ihr. Sie wunderte sich sehr und meinte: �Dieser J�ngling hat einen so strahlenden Blick; sein Herz ist bestimmt rein. Ich h�tte nie gedacht, da� es solche Menschen geben k�nnte. Warum mu�te gerade ihn dieser Unfall treffen?�</p><p>�Wenn er selbst sein Mi�geschick ohne Murren tr�gt�, erwiderte ich, �so darfst du eine solche Frage nicht stellen. Er ist so erf�llt davon, seinem griesgr�migen Vater alles Gute zu w�nschen, da� er den eigenen Schmerz vergi�t. Die Juden haben ein Gebot, Vater und Mutter zu ehren.�</p><p>Nathan, der Griechisch verstand, h�rte meine Worte, wandte sich um und sagte: �So war das Gebot. Aber Jesus von Nazareth soll gelehrt haben, um des Reiches willen m�sse der Gatte sein Weib verlassen, der Sohn Eltern und Geschwister, der Beg�terte Haus und Hof. Wenn Jesus rief, mu�ten die Fischer ihre Netze im See lassen und die Pfl�ger ihre Ochsen auf dem Felde; und einer, der zuerst seinen Vater begraben wollte, durfte ihm nicht folgen.�</p><p>Wieder begann der Blinde zu jammern und rief: �Ich bin unter Gottesl�sterer gefallen, und Satan selbst f�hrt meinen Esel. Kann man Gutes erwarten von einem Wege, auf dem Menschen wandern, die das Gesetz mit F��en treten?�</p><p>Die Miene des Sohnes verfinsterte sich; aber er beschwichtigte den Vater: �So etwas habe ich Jesus nie sagen h�ren. Er hat die Sanftm�tigen und die Friedensstifter selig genannt. Er hat uns verboten, �bles zu reden oder B�ses mit B�sem zu vergelten. Er befahl uns, unsere Feinde zu lieben und f�r die zu beten, die uns verfolgen. Er sagte, sein Vater kenne alle unsere Bed�rfnisse; er werde sie befriedigen, wenn wir, ohne uns um den morgigen Tag zu sorgen, nur das Reich suchen.�</p><p>Verwundert und erbittert rief ich: �Nun habe ich schon viel �ber ihn und seine Lehren geh�rt. Diese Berichte sind voll von Widerspr�chen, offenbar je nachdem, wer den einen oder anderen Anspruch weitergegeben hat. Ich wei� nicht mehr, was ich glauben soll.�</p><p>Aber Myrina blickte uns erstaunt an und fragte: �Warum streitet ihr pl�tzlich �ber ihn, wo wir doch gerade unterwegs zu ihm sind? Mir kommt vor, ich bin am gl�cklichsten unter euch, weil ich wenig von ihm wei� und wie ein leeres Gef�� bin, das er nach Belieben f�llen kann.�</p><p>Ihre Worte trafen mich ins Herz. W�hrend ich hinter den Reittieren herging und in den Stra�enstaub starrte, vergegenw�rtigte ich mir der Reihe nach alles, was mir widerfahren war, und alle die verschiedenen Stimmungen, in denen ich meine Erlebnisse aufgenommen hatte. Ich fand nichts Gutes mehr in mir und nicht genug Liebe. Aber nochmals beteuerte ich vor mir selber, da� ich keineswegs blo� aus Neugier den Auferstandenen suchte. Innerlich betete ich im Namen Jesu und flehte, alle meine Eitelkeit und Selbstsucht m�gen von mir abfallen, all mein Wissen und meine irdische Klugheit, ja selbst mein gesunder Menschenverstand, so da� auch ich nur ein leeres Gef�� w�rde, bereit, Jesu Wahrheit aufzunehmen, wenn er sie in mich ergie�en wollte.</p><p>Nach diesem Gebet hob ich die Augen und sah einen Berg sich �ber die Ebene erheben, dessen gerundete Kuppe von der Nachmittagssonne vergoldet war. Sofort wu�te ich: das war der Berg, zu dem wir wanderten. Hoch, ebenm��ig, wohlgeformt, beherrschte er die ganze Umgebung. Wir folgten der Stra�e noch ein St�ck weit, bis �ber ein aufgetrocknetes Flu�bett hinweg, und schlugen dann einen s�dw�rts an den Berg geschmiegten Fu�pfad ein, um eine Stadt zu vermeiden, die, wie Nathan uns erz�hlte, am Nordhang des Berges lag. Wir kamen an das Ende der Anpflanzungen. Nun verlief der Weg ansteigend durch Buschwerk, und wir wanderten im Bergschatten. Rings herrschte Schweigen. Wir h�rten keine Tierstimmen und sahen keine Menschen. Alles war so still, da� ich mich zu fragen begann, ob wir den richtigen Weg gingen. Aber der Boden selbst, die B�ume und der sch�n geschwungene Hang sagten mir, da� der Berg heilig war. Friede senkte sich in meine Seele, und ich war nicht l�nger ungeduldig.</p><p>Auch Nathan eilte sich nicht. Ich glaube, er hatte diesen beschwerlichen Pfad nur gew�hlt, um den Menschen auf der Stra�e und �berfl�ssigen Fragen zu entgehen. Nun richtete er die Augen zum Himmel und auf die tiefer werdenden Schatten und lie� die Esel zu einer Rast halten. Als R�mer wunderte ich mich dar�ber, da� wir auf keine W�chter der Stillen gesto�en waren; wo es sich um eine so gro�e geheime Zusammenkunft handelte, mu�ten doch Jesu Gefolgsleute auf alle zum Berge f�hrenden Stra�en M�nner ausgesandt haben, um den Berufenen den Weg zu weisen, die Ungebetenen aber zur�ckzuschicken. Als drei Sterne am Himmel erschienen waren, setzten wir unsere Wanderung fort, und im Dunkel kamen wir an eine Stelle nahe dem Gipfel, wo eine gro�e Menschenmenge in kleinen Gruppen wartend lagerte.</p><p>Alles war unglaublich ruhig. Die Leute fl�sterten nur miteinander, so da� eine sanfte Brise �ber den Berg hin zu wehen schien. Nathan band die Esel unter einer Baumgruppe an und half dem Blinden absteigen. Myrina und ich st�tzten den jungen Mann. So n�herten wir uns der Menge und setzten uns an deren Rand hin, wenige Schritte von den n�chsten Gruppen. Jenseits der Lagernden sahen wir immer neue Schatten, gegen den Nachthimmel abgehoben, heranschreiten. Ohne jemanden zu fragen, setzten die Ank�mmlinge sich auf den Boden und warteten gleich den �brigen. Aus dem Klang des Fl�sterns entnahm ich, da� viele Hunderte hier versammelt sein mu�ten, und ich h�tte nie gedacht, da� eine so gro�e Menge derart still sein k�nnte.</p><p>So verstrich die erste Nachtwache. Aber niemand wurde des Wartens m�de, niemand stand auf oder ging weg. Es war mondlos; doch das Sternenlicht strahlte und �bergo� die Erde mit Silber. Immer mehr wurde ich das Walten einer starken Macht gewahr; ich legte den Arm um Myrina und sp�rte, da� ihr magerer Leib vor Erwartung erstarrt war. So wie einst in meinem Zimmer in Jerusalem schienen schwere Regentropfen auf mich zu fallen; als ich jedoch mein Gesicht bef�hlte, war es nicht feucht.</p><p>Ich bemerkte, da� jetzt viele sich erhoben, wie, um besser zu sehen, und ich tat desgleichen. Mitten in der Menge stand eine m�chtige Gestalt aufrecht unter dem Sternlicht und rief mit gewaltiger Stimme: �Leute! Br�der!�</p><p>Alle verstummten; rings herrschte v�llige Stille. Der Mann fuhr fort: �Das Korn reift dem Schnitt entgegen, das Erntefest steht vor der T�r, und die vierzig Tage, die Jesus uns gab, neigen sich dem Ende zu. Die Stunde naht, und mit ihr der Abschied. Wo er hingeht, dahin k�nnen wir ihm nicht folgen. Er war das Brot, das vom Himmel kam. Wer von diesem Brote i�t, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das er uns reichte, war sein Fleisch, hingegeben f�r das Leben der Welt. Und wir streiten nicht, wie einst die feindlichen Juden untereinander, dar�ber, wie er uns sein Fleisch zu essen geben kann; denn wir Sendboten haben es erlebt und k�nnen es bezeugen. Uns hat er das Geheimnis des Reiches anvertraut. Wahrlich, wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, so habt ihr das Leben nicht in euch. Wer aber sein Fleisch i�t und sein Blut trinkt, hat ewiges Leben und wird am J�ngsten Tage erweckt werden. Sein Fleisch ist die wahre Speise, und sein Blut ist der wahre Trank. Wer sein Fleisch i�t und sein Blut trinkt, bleibt in Jesus und Jesus in ihm. Wenn aber jemand unter euch ist, der daran �rgernis nimmt und solche Worte absto�end findet, so m�ge er aufstehen und gehen! Keiner wird ihn verdammen.�</p><p>Aber niemand erhob sich zum Gehen. Auch ich tat es nicht, obwohl mir dieses Geheimnis Schrecken einfl��te. Selbst wenn ich gewollt h�tte, w�re ich �brigens nicht imstande gewesen aufzustehen, weil die Beine mir den Dienst versagten. Ich wagte kaum zu atmen.</p><p>Lange schwieg der Sprecher und stand im Sternenlicht mitten in der lautlosen Volksmenge, unbewegt wie ein Fels. Dann hob er wieder an und erz�hlte so schlicht wie ein Kind und als wunderte er sich selbst dar�ber: �Wir a�en das Osterlamm mit ihm, in jener Nacht, da er verraten wurde. Er nahm das Brot, segnete und brach es, gab es uns und sprach: �Dies ist mein Leib!� Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn uns und sprach: �Trinket alle daraus! Denn dies ist mein Blut, das vergossen wird f�r viele zur Vergebung der S�nden.��</p><p>Nachdem er das berichtet hatte, streckte er beide Arme empor und rief: �Tut also desgleichen! E�t und trinkt, ihr alle, die ihr ihn liebt und daran glaubt, da� er der Christus ist und der Sohn Gottes! Segnet euer Brot in seinem Namen und brecht es und teilt es unter euch; segnet den Wein in seinem Namen und gebt einander davon zu trinken! Wer hat, der gebe dem, der nicht hat, damit niemand Hunger oder Durst leide! Wenn wir gegessen und getrunken haben, wollen wir wachen und auf ihn warten.�</p><p>Nach diesen Worten setzte er sich. Nun kam Leben und Bewegung in die Menge. Alle standen auf, um sich die H�nde zu waschen oder sie sich gegenseitig hilfsbereit zu begie�en. Wir hatten nur wenig Wasser; aber Nathan go� ein bi�chen uns ebenso wie dem Blinden und seinem Sohne �ber die H�nde. Dann nahm ich den Wasserschlauch und benetzte Nathans Finger; und er nahm keinen Ansto� daran. Wir hatten Speise und Trank f�r alle; der Blinde indes fing an zu zittern und bat fl�sternd, er wolle sein eigenes Brot essen und seinen eigenen Wein trinken. Noch immer sprach niemand laut; doch das Murmeln der Menge war wie auffrischender Wind.</p><p>Ich nahm es dem Blinden nicht �bel, da� er sich geweigert hatte, das Mahl mit uns zu teilen. Nathan segnete das Brot des Greises im Namen Jesu Christi, brach es in zwei H�lften und reichte sie ihm und seinem Sohn. Dann segnete er in gleicher Weise unser Brot, gab davon mir und Myrina und nahm selbst ein St�ck. Zu mir sagte er: �M�ge dieses Brot, wie es verhei�en wurde, das Brot der Unsterblichkeit sein! M�ge es auch dir zum Leben und nicht zum Tode gereichen!�</p><p>Dem�tig erwiderte ich: �Sein Wille geschehe; denn er ist der Sohn Gottes. Wenn er es mir, weil ich ein Fremdling bin, zum Tode gereichen lassen will, so sei es so!�</p><p>Als wir von dem Brote gegessen hatten, segnete Nathan das Getr�nk des Blinden und reichte es ihm und seinem Sohne. Uns mischte er Wasser in den Wein und sprach �ber den Becher das Dankgebet. Zuerst trank ich, dann er und schlie�lich Myrina. So hielten wir unser Mahl, wie es alle um uns, ihre Vorr�te miteinander teilend, taten.</p><p>Aber der Blinde a� nur ein paar Bissen. Dann brach er in Tr�nen aus, wiegte den Kopf hin und her und klagte: �Ich habe vom Leibe des Gottessohnes gegessen und sein Blut getrunken. Ich bin �berzeugt davon, da� bei ihm alles m�glich ist. M�ge er sich meines Unglaubens erbarmen!�</p><p>Von Myrina wanderte jetzt der Becher zu mir, dann zu Nathan und wieder zu Myrina zur�ck. Wir tranken alle drei. Dann neigte Myrina den Becher, blickte verwundert hinein und fl�sterte: �Der Wein wird nicht weniger.�</p><p>Ebenso verbl�fft stellte ich fest: �Ich dachte, wir h�tten das Brot aufgegessen. Aber neben mir liegt ein ganzer Laib. Hast du ihn hergelegt, Nathan?�</p><p>Er antwortete: �Nein. Aber vielleicht haben wir mehr Brot mit, als ich glaubte.�</p><p>Wieder tranken wir, und noch immer wurde der Becher nicht leer. Doch jetzt staunte ich �ber nichts mehr; denn alles schien wie ein lebhafter Traum, obwohl ich auf dem Boden sa� und seine K�hle sp�rte, obwohl ich den Sternenhimmel �ber mir sah und das Murmeln der Menge wie ferne Brandung h�rte. In mir war kein anderer Gedanke als die jubelnde Gewi�heit, da� Jesus von Nazareth kommen und ich ihn sehen w�rde. Sein Brot war mir nicht in der Kehle steckengeblieben; sein Wein hatte mir nicht den Lebensodem benommen.</p><p>So verbrachten wir die zweite Nachtwache, und niemand schlief, glaube ich; alle warteten, dieses Warten hatte nichts von Ungeduld; es war wie eine Vorbereitung. Pl�tzlich hob der Blinde den Kopf und fragte: �Bricht schon der Morgen an? Ich sehe eine Helle.� J�hlings drehte er sich um und starrte in die Volksmenge.</p><p>Auch wir reckten die H�lse und bemerkten, da� der Auferstandene erschienen war und mitten unter den Seinen stand. Wie und wann er sich ihren Blicken gezeigt hatte, vermag ich nicht zu sagen. Aber da� er es war, litt keinen Zweifel. Wei�e Gew�nder umh�llten ihn und warfen das Sternlicht zur�ck, so da� er selbst Licht auszustrahlen schien. Und auch sein Antlitz leuchtete. Sehr langsam schritt er durch die Menge, blieb da und dort stehen, wie, um die Seinen zu gr��en, und streckte ihnen segnend die H�nde entgegen.</p><p>Allm�hlich hatten alle die K�pfe erhoben und blickten in die gleiche Richtung. Aber niemand wagte es, aufzuspringen und dem Herrn entgegenzueilen. Pl�tzlich h�rten wir einen Schrei, unnat�rlich laut, und eine Frau warf sich mit ungest�mer Geb�rde vor Jesus auf den Boden nieder und rief mit Tr�nen und Jubel in der Stimme: �Mein Herr und mein Gott!� Ein Schauder lief durch die Menge. Der Nazarener b�ckte sich und streichelte der Frau den Kopf, und mit einem Male wurde sie ganz ruhig. Wir h�rten das st�hnende Atmen der Menge, und immer mehr Leute fl�sterten: �Das ist er. Der Meister ist zu uns gekommen.�</p><p>Der Blinde reckte den Hals, kniete mit hoch erhobenen Armen hin und rief: �Ich sehe ihn nicht. Ich sehe nur ein Licht, als schiene die Sonne mir geradewegs in die Augen.�</p><p>Ich w��te nicht zu sagen, wie lange der Auferstandene unter uns weilte; denn die Zeit schien stillzustehen. Doch ich lebte ein volles Menschenleben, w�hrend er durch die Menge ging und bei jedem der Seinen, ohne irgendwen zu vergessen, anhielt. Alles war einfach und nat�rlich und so selbstverst�ndlich, da� kein Zweifel mich anwandelte. �ber nichts, was geschah, erstaunte ich. Ich kann nur annehmen, da� ich in dieser Nacht, solange ich den Herrn sehen konnte, in seinem Reiche weilte.</p><p>Nun kam er n�her zu uns; und als er heranschritt, bebte und schwankte alles in mir, gleich einer Wasserfl�che, die sich kr�uselt. Er schien zu denen, die er segnete, zu sprechen; aber man h�rte keinen Laut, obwohl ich einige M�nner, wie zur Antwort, eifrig nicken sah. Schlie�lich stand er vor uns und blickte uns an. Sein Antlitz war m�de, aber strahlend, und aus seinen Augen leuchtete das Reich. Ich sah die Lippen des Blinden sich lautlos bewegen und fragte mich, ob ich vielleicht mit Taubheit geschlagen worden sei. Jesus strich mit den Fingern leicht �ber die Augen des Greises und legte seinem Sohn die H�nde auf den Kopf. Beide sanken vor ihm zu Boden und lagen reglos da. Auch andere in der N�he lagen so; auch sie waren ber�hrt worden.</p><p>Dann blickte er mich fest an, und ich wu�te, da� ich sterben w�rde, wenn er mich ber�hrte. Meine Lippen bewegten sich, und ich mu� zu ihm gesprochen haben, obwohl ich die eigene Stimme nicht h�rte. Ich glaube, ich flehte ihn an: �Herr, nimm mich in dein Reich auf!�</p><p>Er sprach: �Nicht jeder, der zu mir sagt: �Herr, Herr!�, wird in mein Reich eingehen, sondern nur, wer mein Wort h�rt und den Willen meines Vaters tut.�</p><p>Ich fragte: �Welches ist dein Wort? Und was ist deines Vaters Wille?�</p><p>Er antwortete: �Das wei�t du schon. Was du einem jener Geringsten tust, das tust du mir.�</p><p>Ich mu� noch etwas �ber sein Reich gefragt haben; denn er l�chelte nachsichtig wie zu einem hartn�ckigen Kinde und sagte: �Vom Himmelreich kann man nicht sagen, es sei hier oder dort. Das Reich liegt in dir und in allen, die mich kennen.�</p><p>Dann f�gte er hinzu: �Ich verlasse niemanden, der mich anruft. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ich bleibe bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. Und wenn du mich rufst, wirst du nie so allein sein, da� du ohne mich bist.�</p><p>Er wandte sich von mir ab und blickte Nathan an. Ich sah Nathan die Lippen bewegen, h�rte aber kein Wort. Dann schaute Jesus auch Myrina freundlich an; doch ihre Lippen regten sich nicht. Schlie�lich kehrte er um und ging zu den Seinen zur�ck.</p><p>Der Blinde und sein Sohn lagen noch wie Tote da. Als aber Nathan bemerkte, da� ich beunruhigt war, sch�ttelte er den Kopf und fl�sterte: �Sie sind nicht tot; sie schlafen. R�hre sie nicht an!�</p><p>Dann, sah ich die Elf sich um Jesus scharen, und es war, als spr�che er liebevoll zu ihnen und als antworteten sie ihm. Aber Tr�nen tr�bten meinen Blick, so da� ich den Auferstandenen nur als leuchtenden Schimmer mitten unter seinen Sendboten sah. Als ich mich ausgeweint hatte, war er verschwunden, und ich kann nicht sagen, wann und wie er uns verlie�. Da� er nicht mehr da war, erfa�te ich eher in der Seele als mit den Augen; ich merkte es darein, da� mit ihm eine starke Kraft aus unserem Kreise gewichen war. Mir kam vor, als erwache ich aus einem Schlafe. Ich mu�te niesen und konnte meine Glieder regen.</p><p>Die Zeit trat wieder ihre Herrschaft an. An den Sternen erkannte ich, da� die dritte Nachtwache gekommen war und der Morgen nahte. Die Leute standen auf und blickten forschend umher. Ich h�rte Rufe und lebhafte Gespr�che, als wetteiferten alle darin, sich gegenseitig zu erz�hlen, was der Auferstandene jedem von ihnen gesagt hatte.</p><p>Auch ich rief frohlockend: �Nathan, Nathan, ich sprach zu ihm, und er antwortete mir. Du kannst bezeugen, da� er mich nicht aus seinem Reiche ausschlo�.�</p><p>Aber Nathan sch�ttelte verwundert den Kopf und erwiderte: �Das kann ich keineswegs bezeugen. Ich sah wohl deine Lippen sich bewegen, doch deine Zunge mu� gel�hmt gewesen sein; ich h�rte keinen Laut. Aber daf�r habe ich zu ihm gesprochen, und er hat mir geantwortet.�</p><p>Myrina umklammerte mit beiden H�nden meine Arme und berichtete verz�ckt: �Ich wagte nicht, ihn anzureden. Aber er erkannte mich und l�chelte und sagte mir, ich w�rde nie mehr im Leben durstig sein, weil ich ihm zu trinken gab, als ihn d�rstete.�</p><p>Nathan geriet au�er sich und rief erbost: �Ihr seid von Sinnen, ihr beide! Zu euch hat er nichts gesagt. Zu mir allein von uns dreien sprach er und hat mir den Weg gewiesen. Er belehrte mich, da� nicht, was in den Mund eingeht, den Menschen unrein macht, sondern, was aus dem Mund hervorgeht. In seinem Reiche sind viele Wohnungen. Mit dem Ma�e, mit dem jeder mi�t, wird auch ihm zugemessen werden�� dem einen mehr, dem anderen weniger��; aber niemandem, der innig um etwas bittet, wird es verweigert werden. Ich mu� den Sendboten vertrauen, weil er sie zu Tr�gern seiner Botschaft erw�hlt hat. Sein Reich ist wie ein Senfkorn; es w�chst langsam, aber eines Tages wird es zu einem Baum, so da� aus allen Himmelsrichtungen die V�gel kommen und in seinen Zweigen Nester bauen.�</p><p>Nathan verstummte und starrte wie lauschend vor sich hin. Schlie�lich sagte er unbeholfen: �Noch vieles andere hat er mich gelehrt; aber ich habe es vergessen. Doch sicherlich wird mir alles zur rechten Zeit wieder einfallen.�</p><p>Ich verwunderte mich sehr. Indes wohnte nun Jesu Reich, wie er es gesagt hatte, in mir, und meine Seele war befriedigt. �Sei mir nicht b�se, Nathan�, sagte ich, �aber ich dachte wirklich, er h�tte zu mir gesprochen. Und ich glaube es noch immer. Vielleicht redete er mit jedem nur �ber die Dinge, die gerade ihn angingen. Wenn ich alles, was er heute nacht zu den Seinen sprach, w��te und niederschreiben k�nnte, w�rde es sicherlich in keinem noch so gro�en Buche Platz finden. Es mag so eingerichtet gewesen sein, da� wir gegenseitig nicht h�ren sollten, was er zu jedem von uns redete.�</p><p>Nathan beruhigte sich, legte mir seine Hand auf die Schulter und erkl�rte: �Zumindest habe ich ihn dich anblicken sehen, und kein �bel traf dich. So ber�hre ich dich jetzt, und f�r mich bist du nicht unrein.�</p><p>Wir berieten miteinander und kamen �berein, da� wir am besten t�ten, den Berg vor dem Morgengrauen zu verlassen, damit niemand uns erkennen sollte. Aber der Blinde und sein Sohn schliefen noch immer wie Tote, und wir wagten nicht, sie zu wecken; im Stiche lassen aber konnten wir sie auch nicht. So blieben wir und warteten. Bei Tagesanbruch wurde die Hochstimmung und Begeisterung der Menge immer lauter. Viele stimmten gemeinsam Danklieder an. Andere liefen atemlos von Gruppe zu Gruppe, um ihre Freunde zu begr��en und ihnen zu bekunden, da� sie den Auferstandenen mit eigenen Augen gesehen hatten. Rot vor Aufregung riefen sie einander zu: �Friede sei mit dir! Sind auch dir die S�nden vergeben worden? Hat er auch dir ewiges Leben verhei�en? Wahrhaftig, wir, die ihn hier auf dem Berge sahen, werden den Tod nicht schmecken.�</p><p>Der Boden unter mir war hart, meine Glieder wurden steif, und ich mu�te die H�nde verschr�nken, um mich zu vergewissern, da� noch Leben in ihnen war. Als in der zunehmenden Helligkeit alle einander erkennen konnten, gingen die Sendboten zu zweien oder dreien durch die Menge. Ich sah, da� sie jene, die nach der Ber�hrung durch den Auferstandenen wie ohnm�chtig hingesunken waren, weckten und aufrichteten.</p><p>Drei von ihnen kamen auf uns zu, und den ersten erkannte ich als den Mann, der in der Nacht die Stimme erhoben und so erschreckende Worte zu der Menge gesprochen hatte. Ich erkannte ihn an dem runden Kopf und den breiten Schultern; und im matten Morgenlicht sah ich, da� sein b�rtiges Gesicht leidenschaftlich und trotzig war. Er hatte den jungen Johannes bei sich. Johannes war bla� von der durchwachten Nacht; dennoch hatte ich nie an einem J�ngling ein so reines und strahlendes Gesicht gewahrt. Dieser Anblick allein schon machte mich froh. Den dritten Mann kannte ich nicht, wu�te aber nach seinem Aussehen, da� auch er einer der Sendboten sein mu�te. Ich kann es nicht anders ausdr�cken als so: seine Z�ge hatten etwas von Jesu Antlitz, nur weniger ausgepr�gt, wie durch einen Schleier gesehen.</p><p>W�hrend ich ihn betrachtete, fiel mir der einsame Fischer ein, mit dem ich eines Nachts beim See sprach. Jetzt, nachdem ich den Auferstandenen von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte, versuchte ich, mir auch die �u�ere Erscheinung jenes Fischers ins Ged�chtnis zu rufen. Aber ich konnte noch immer nicht mit Gewi�heit sagen, ob er wirklich Jesus gewesen war; immerhin glaube ich, dort am See mit ihm, ohne ihn zu erkennen, geredet zu haben. Warum er sich jedoch damals gerade mir gezeigt haben sollte, blieb mir unbegreiflich.</p><p>Je n�her die drei M�nner kamen, desto schuldbewu�ter wurde mir zumute; ich versuchte mein Gesicht abzuwenden und es vor ihnen zu verbergen. Ohne mir Beachtung zu schenken, beugten sie sich zun�chst �ber den Blinden, sch�ttelten ihn, richteten ihn auf und riefen: �Erwache, Schl�fer!�</p><p>Der Greis rieb sich die Augen, starrte die J�nger an und sagte:</p><p>�Ich sehe euch. Ihr seid drei M�nner. Aber ich kenne euch nicht.�</p><p>Der erste der drei erwiderte: �Wir sind Sendboten, die Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, erw�hlt hat. Ich bin Simon, den er Petrus nannte. Aber wer bist du? Wir kennen dich nicht.�</p><p>Der Greis strich sich �ber die Stirn, blickte sehenden Auges um sich und rief voll Freude: �In der Nacht habe ich ein starkes Licht gewahrt. In meinen Augen wirkte eine Macht, so schmerzhaft, da� ich ohnm�chtig wurde. Aber jetzt bin ich wach und sehe mit beiden Augen, w�hrend ich doch blind hierherkam.�</p><p>Frohlockend beugte er sich �ber seinen Sohn, r�ttelte ihn wach, half ihm auf die Beine, umarmte ihn und jubelte: �Der auferstandene Jesus von Nazareth hat mich in der Nacht geheilt! Gesegnet sei sein Name. Alle Tage meines Lebens will ich Gott preisen, der ihn gesandt hat.�</p><p>Im Halbschlaf streifte der junge Mann sich den Verband vom Kopf. Die Stirnwunde war geschlossen und vernarbt, und er stand, ohne Schmerzen zu sp�ren, auf beiden Beinen. Da er merkte, da� ihn noch etwas behinderte, b�ckte er sich und entfernte die Schienung, rieb sich die Wade und murmelte verwundert: �Mir scheint, mein Bein ist wieder in Ordnung!�</p><p>Simon Petrus erkl�rte: �In dieser Nacht hat Jesus alle geheilt, die er zu Zeugen seiner Auferstehung berufen hat, auf da� es viele solche Zeugen gebe. Wir alle haben ihn zur gleichen Zeit erblickt. Nicht nur hat er Blinden das Augenlicht, Tauben das Geh�r und Lahmen die Beweglichkeit wiedergegeben; auch von unseren S�nden hat er uns geheilt und uns das Tor zum ewigen Leben ge�ffnet.�</p><p>Aber Johannes starrte mir ins Gesicht. Pl�tzlich stie� er Petrus an und sagte: �Die beiden kennen wir nicht und haben sie nicht gerufen; aber der Herr hat ihre Gebrechen geheilt. Auch andere sind ungeladen gekommen, und er hat diese Nacht niemanden weggeschickt.� Dann wies er anklagend mit dem Finger auf mich und fuhr fort: �Doch diesen hier kenne ich. Er hat sich uns schon in Jerusalem aufgedr�ngt, uns mit l�stigen Fragen zugesetzt, die Frauen irregeleitet und Simon von Kyrene und Zach�us in Versuchung gef�hrt, so da� Levi ihm schlie�lich einsch�rfen mu�te, den Namen unseres Herrn nicht zu mi�brauchen. Es ist ein gewisser Marcus, ein Heide und R�mer. Ich verstehe nicht, wie er hier sein kann.�</p><p>Simon Petrus fuhr auf, ballte die gro�en F�uste und rief: �Haben wir sogar hier einen Verr�ter unter uns?�</p><p>Doch Johannes und der dritte Sendbote hielten ihn an den Armen zur�ck und warnten: �Wir m�ssen jedes Aufsehen vermeiden. Nimm ihn beiseite, sonst k�nnten die Leute in Erregung geraten und ihn steinigen. Dann w�rde man uns wegen des Blutvergie�ens zur Rechenschaft ziehen. Er ist ja r�mischer B�rger.�</p><p>Petrus atmete schwer, warf mir einen finsteren Blick zu und erkl�rte: �Es gibt Hei�sporne genug hier in der Menge. Was w�rdest du sagen, R�mer, wenn ich dich ihnen �berantworten wollte? Man w�rde dich in eine H�hle schleppen, aus der du nicht mehr zur�ckk�mest.�</p><p>�Ich f�rchte weder dich noch sonst einen Menschen�, erwiderte ich. �Warum sollte ich Angst haben, wenn euer Herr mich in dieser Nacht nicht fortgewiesen hat? Sicherlich hatte er doch die Macht, mein Kommen zu verhindern, wenn er es gewollt h�tte. Oder bezweifelt ihr das?�</p><p>Aufgeregt f�hrten die drei M�nner uns schlie�lich zu der etwas abgelegenen Baumgruppe, wo unsere Esel angebunden waren, und berieten miteinander, ob sie die anderen J�nger verst�ndigen sollten. Aus ihrem Gespr�ch entnahm ich, da� auch Nikodemus, Simon von Kyrene und Zach�us, die ich kannte, mit auf dem Berge waren. Aber Johannes meinte: �Je mehr Leute wir herbeirufen, desto gr��eres Aufsehen erregen wir. Der R�mer hat recht: unser Meister hat ihn nicht weggeschickt. Wie das kommt, ist mir unverst�ndlich. Aber der Diener soll sich nicht kl�ger d�nken als der Herr.�</p><p>Nun, da wir allein waren, sprachen der Blinde und sein Sohn f�r uns und erz�hlten, was unterwegs geschehen war, wie ich mich ihrer erbarmt und sie zum Berge gebracht hatte. Aber Simon Petrus rief ergrimmt: �War es euch nicht Zeichen genug, da� die Pferde euch �berrannten und dem jungen Mann den Kn�chel brachen? Jesus hat euch nicht berufen und wollte nicht, da� ihr herkommt.�</p><p>Der junge Mann wurde traurig, warf sich vor Petrus auf die Knie und flehte: �Verzeiht mir, ihr heiligen M�nner! Ich habe nichts B�ses im Schilde gef�hrt. Ich tat es nur um meines Vaters willen. Ich habe Jesus keineswegs gebeten, mein Bein gesund zu machen; daran dachte ich nicht einmal. Aber in einer G�te hat er mich ber�hrt, und ich war geheilt. Vielleicht wollte er mir damit seine Vergebung kundtun. So vergebt auch ihr mir�� mir und meinem Vater!�</p><p>Es fiel mir nicht schwer, mich vor den drei mich mi�trauisch anblickenden J�ngern gleicherma�en zu dem�tigen. �Auch ich bin bereit, vor euch hinzuknien, heilige M�nner Gottes�, sagte ich. �Ich bitte euch um Verzeihung, da ihr seine Auserw�hlten seid und die Ersten in seinem Reich. Ich bin kein Verr�ter: ich will euch nicht �bel. Wenn ihr es w�nscht, werde ich �ber alles Geschehene schweigen. Aber ich bin, falls ihr es wollt, ebenso bereit, seine Auferstehung vor der ganzen Welt zu bezeugen�� sogar vor C�sar selbst.�</p><p>Ergrimmt fingerte Simon Petrus an seinem Gew�nde, als wollte er es zerrei�en, und rief: �Schweig, du Tor! Was w�rden die Leute sagen, wenn ein R�mer und Heide Zeugnis ablegen wollte �ber das Reich? Es w�re besser gewesen, du h�ttest nie vom Wege geh�rt. Heute nacht magst du der Unreinheit entronnen sein; aber du wirst wieder in ihren Bann geraten und zu deiner heidnischen Welt zur�ckkehren, wie der Hund zu seinem Brechsel. F�r uns seid ihr Heiden nicht besser als Hundebrechsel.�</p><p>Zornig wandte er sich zu Nathan und sagte vorwurfsvoll: �Dich habe ich in Kapernaum gesehen und vertraue dir. Aber du hast uns hintergangen und einen Heiden zum Fest des ewigen Lebens gef�hrt.�</p><p>Nathan rieb sich die Nase mit dem Zeigefinger und erwiderte: �H�re, Simon, du Menschenfischer! Habe ich dir nicht in Kapernaum einen Esel geborgt, damit du deine kranke Schwiegermutter hierherbringen kannst?�</p><p>Petrus wurde verlegen und sah seine beiden Gef�hrten schuldbewu�t an. Aber er entgegnete hitzig: �Was soll das? Ich habe dir eben vertraut, und Susanna sprach f�r dich.�</p><p>�Dieser Esel geh�rt dem R�mer hier�, stellte Nathan in gelassenem T�ne fest. �Marcus ist sehr gutherzig. Aber wenn du ihn �rgerst, wird er, so mitleidig er sonst ist, vielleicht sein Reittier zur�ckverlangen. Dann kannst du mit deiner Schwiegermutter hier auf dem Berge bleiben. Allerdings wird dir wohl Susanna Gesellschaft leisten; sie ist n�mlich auf einem anderen Esel dieses R�mers geritten.�</p><p>Simon Petrus war verdutzt. Er scharrte mit dem Fu� auf dem Boden und meinte schlie�lich: �Meine Schwiegermutter hat einen sehr beredten Mund und ist seinerzeit sogar gegen Jesus ausf�llig geworden, weil er mich veranla�t hat, seinetwegen meine Netze zu lassen und, wie sie meinte, ein Faulenzerleben zu f�hren. Doch der Herr hat sie geheilt, als sie an einem Fieber erkrankt war und sterben zu m�ssen glaubte. Seither h�tet sie ihre Zunge. Ich m�chte sie nicht im Stich lassen. Wir Sendboten m�ssen aber jedenfalls sofort aufbrechen und Tag und Nacht wandern, wenn wir Jerusalem erreichen wollen, ehe die vierzig Tage um sind. Dann m�ssen wir n�mlich dort bleiben und die Erf�llung der Verhei�ung abwarten. Wenn meine Schwiegermutter kein Reittier f�r die Heimkehr nach Kapernaum hat, wei� ich nicht, was ich tun soll.�</p><p>Beflissen versicherte ich ihm: �Ich vergelte nicht B�ses mit B�sem. Behalte ruhig den Esel, auch wenn ich in deinen Augen nur Hundebrechsel bin. Nimm dazu noch diese beiden Tiere hier und lasse Frauen darauf reiten! Wir brauchen die Esel nicht mehr; wir k�nnen leicht zu Fu� wandern. Einigen wir uns also darauf, da� du vorl�ufig die Tiere beh�ltst! Nathan wird sie dann in Kapernaum abholen. Ich gehe meines Weges, ohne jemandem l�stig zu fallen. Aber verfluche mich nicht und hetze mir keine Fanatiker auf den Nacken; denn das w�rde, glaube ich, nicht in Einklang mit eurem Gesetz stehen.�</p><p>Nun mischte Johannes sich ins Gespr�ch und beschwor mich: �R�mer, versuche uns zu verstehen! Vieles ist uns noch unklar, und die Verhei�ung wurde noch nicht erf�llt. Wir wissen nur, da� der Weg schmal und die Pforte eng ist; sie aus eigenem zu erweitern, wagen wir nicht.�</p><p>Der dritte Sendbote sagte: �Jesus hat uns aufgetragen, alle V�lker zu J�ngern zu machen. Aber wann und wie das geschehen soll, ahnen wir nicht. Zuerst wollte Jesus sicherlich ein Reich f�r Israel gr�nden. Alles das werden wir in Jerusalem erfahren.�</p><p>Als ich die drei M�nner so Hand in Hand, wie Br�der, dastehen und das Erbe erw�gen sah, das Jesus ihrem Ermessen anvertraut hatte, beneidete und f�rchtete ich sie pl�tzlich. Ich warf mich vor ihnen zu Boden und flehte sie nochmals an: �Euch und allen seinen Sendboten hat Jesus die Worte des ewigen Lebens hinterlassen. Ich f�ge mich widerspruchslos dieser Entscheidung, m�gt ihr auch einfache Menschen sein. Wissenschaftlich geschulte M�nner w�rden ja seine Lehre, jeder nach dem eigenen Kopfe, auslegen und ihr manches Pers�nliche hinzuf�gen. Ihr hingegen bem�ht euch, seinen Absichten, so gut ihr k�nnt, gerecht zu werden. Er hat mein Kommen nicht verhindert und mich nicht von sich ferngehalten; ich durfte ihn sehen. In der Nacht war ich sogar �berzeugt davon, da� er zu mir gesprochen hat; aber das will ich, wenn ihr es so w�nscht, aus meinem Ged�chtnis tilgen. Ich begehre auch keinen Unsterblichkeitstrank von euch. Nur la�t mich sein Reich in meinem Herzen bewahren und sto�t mich nicht ganz von euch! Ich will alles so glauben, wie ihr es darlegt, ohne etwas aus eigenem beizusetzen oder an irgendwelchem geheimen Wissen Anteil zu fordern. All mein Hab und Gut will ich zu eurer Unterst�tzung hingeben. Und falls man euch vor den Beh�rden zur Verantwortung zieht oder Jesu wegen verfolgt, mag ich als r�mischer B�rger euch von Nutzen sein.�</p><p>Simon Petrus hob abwehrend die H�nde und sagte: �Nicht f�r Gold und Silber!�</p><p>Der dritte Sendbote f�gte hinzu: �Ich, Jakobus, erinnere mich, da� er uns versichert hat, wir brauchten uns um unsere Verteidigung nicht zu sorgen, wenn wir vor die Richter geschleppt w�rden; in dieser Stunde werde er uns die n�tige Rede und Weisheit in den Mund legen.�</p><p>Dem Johannes aber traten pl�tzlich Tr�nen in die Augen. Mit einem Blick voll Sch�nheit sah er mich an und sagte: �R�mer, ich habe dich deiner Demut wegen liebgewonnen, und ich glaube dir, da� du uns nicht �belwillst. Jesus ist in die Unterwelt hinabgestiegen, hat ihre Tore gesprengt und die Toten befreit. Das habe ich von seiner Mutter geh�rt, die er mir unter dem Kreuz wie eine leibliche Mutter anvertraut hat. Warum sollte er dann nicht auch die Heiden befreien? Aber wie das geschehen soll, wissen wir noch nicht. Fasse dich in Geduld! Bete, faste und reinige dich! Aber sprich von Jesus nie zu anderen, damit du sie nicht durch Mi�verst�ndnisse in die Irre f�hrst! La� die Bezeugung unsere Sorge sein!�</p><p>Ich stand mit gesenktem Kopfe auf und bem�hte mich nach Kr�ften, meines geistigen Hochmuts Herr zu werden. Indes qu�lte mich doch die Bef�rchtung, Jesu Erbe k�nnte, wenn diese ungebildeten M�nner allein seine H�ter sein sollten, vertan und in alle Winde verstreut werden. Aber bestimmt�� so tr�stete ich mich�� mu�te Jesus selbst gewu�t haben, wie es am besten war.</p><p>Zu Nathan sagte ich: �Nimm die Esel! Und sei unterwegs den Frauen behilflich, besch�tze sie und geleite sie nach Kapernaum oder wohin sie sonst wollen. Dann raste nach deinen M�hsalen, und wenn du ausgeruht bist, so hole mich aus dem Badegasthof in Tiberias ab!�</p><p>�Es wird f�r dich nicht leicht sein, mit dem M�dchen als einziger Begleitung durch Galil�a zu wandern�, warnte Nathan. Und als ich mich umblickte, stellte ich fest, da� der von seiner Blindheit geheilte Mann die Gelegenheit ergriffen hatte, sich davonzustehlen und seinen Sohn mitzunehmen. Aber trotziger Wagemut �berkam mich: sicherlich w�rde Jesus von Nazareth mich nicht im Stich lassen, auch wenn die Menschen es taten.</p><p>�Friede sei mit euch allen!� verabschiedete ich mich, nahm Myrina an der Hand und stieg den Berg hinab, auf dem gleichen Pfade, den wir im Dunkel hinaufgestiegen waren. Ich schaute mich nochmals um und sah, da� in die Menschenmenge Leben und Bewegung gekommen war; man suchte Bekannte und begr��te sie mit lauten Zurufen. Viele allerdings hatten sich, von der durchwanderten Nacht m�de, in ihre M�ntel geh�llt und nochmals auf den Boden hingestreckt, um vor ihrem Aufbruch eine Weile zu schlafen.</p><p>Unterwegs �berdachte ich die Geschehnisse dieser Nacht. Da� der Blinde sein Augenlicht wiedererhalten oder da� seinem Sohn der gebrochene Kn�chel�� falls tats�chlich ein Bruch vorlag�� heil geworden war, erstaunte mich gar nicht. Diese Wunder schienen mir v�llig nat�rlich und das geringste an dem, was sich zugetragen hatte. So gro� war Jesu G�te gewesen, da� er sich nicht nur den Seinen offenbarte, sondern auch jenen, die er nicht gerufen hatte, k�rperliche Gebrechen heilte.</p><p>Die vierzig Tage gingen zu Ende, und der Auferstandene sollte zu seinem Vater zur�ckkehren. Ich versuchte, mich an den Gedanken zu gew�hnen, da� er dennoch jederzeit, sobald ich ihn rief, zu mir kommen w�rde und ich nie mehr allein sein sollte. Es war eine seltsame Vorstellung, die mir, wenn jemand anderer sie mir dargelegt h�tte, sinnlos vorgekommen w�re. Nun aber mu�te ich daran glauben, so tief war der Eindruck gewesen, den Jesu Anblick auf mich gemacht hatte.</p><p>Mit diesen Gedankeng�ngen besch�ftigt, wanderte ich durch das Buschwerk bergab und f�hrte Myrina an der Hand. Ein Fuchs huschte vor uns �ber den Weg. Myrina sah mich an und sagte: �Mir scheint, du h�ltst zwar meine Hand, hast aber ganz vergessen, da� du nicht allein bist.�</p><p>Verdutzt blickte ich sie, wie aus einem Traum erwachend, an, und mir wurde klar, da� Jesus offenbar, um sie vor dem Untergang zu bewahren, gerade mich ihr an Bruders Statt gegeben hatte. Einem Juden, der nur Verachtung f�r sie bezeugt h�tte, konnte er sie nicht anvertrauen; deshalb war seine Wahl auf mich, einen R�mer gefallen. Und alle diese F�rsorge f�r einen Trunk Wasser!</p><p>Aber ich, so dachte ich best�rzt, hatte dem Herrn nie etwas gegeben. Im Gegenteil, stets war er der Gebende gewesen, und zwar so weit, da� er�� falls ich in dem einsamen Fischer wirklich Jesus erblicken durfte�� am See Genezareth mich an seinem Feuer w�rmen und die Kleider trocknen lie� und sein Mahl mit mir teilte. Meinem Dank daf�r und meiner Dienstfertigkeit konnte ich jedoch dadurch Ausdruck geben, da� ich an Myrina Bruderstelle vertrat.</p><p>�Myrina�, sagte ich, �von dieser Stunde an bist du mir wie eine Schwester, und ich werde dich nie im Stich lassen. Was mein ist, ist auch dein. �be Nachsicht mit meiner �berheblichkeit und meinen sonstigen Fehlern!�</p><p>Myrina dr�ckte mir fest die Hand und entgegnete: �Marcus, mein Bruder, habe auch du mit mir Geduld! Vor allem aber erkl�re mir, was uns eigentlich heute nacht wiederfahren ist und was diese drei M�nner wollten und warum sie mich so unwillig ansahen!�</p><p>Da aber die Sendboten mir dar�ber zu sprechen verboten hatten, wagte ich nicht, Myrina etwas �ber Jesus und sein Reich, wie ich es verstand, zu erz�hlen. Ich erwiderte blo�: �Das waren heilige M�nner, drei jener elf J�nger, denen Jesu das Geheimnis seines Reiches offenbart hat. Sie haben uns weggeschickt, weil wir nicht zu den Kindern Israels geh�ren, sondern Heiden und in ihren Augen unrein sind. Sie haben mir untersagt, �ber Jesus von Nazareth zu reden. Aber sage du mir, was nach deiner Auffassung die Geschehnisse dieser Nacht bedeuten!�</p><p>Myrina dachte nach und meinte dann: �Zuerst haben wir ein Opfermahl gegessen, wie man es auch in Syrien feiert, wenn Adonis begraben und wiedererweckt wird. Aber bei Jesus von Nazareth war es anders: er hat sich selbst als Opfer dargebracht und ist dann auferstanden. Seit heute nacht halte ich ihn f�r den Sohn Gottes. Unser Weinbecher wurde nie leer; und es ist uns Brot zugekommen, von nirgendsher. Aber nicht das hat mich �berzeugt, sondern allein die Tatsache, da� ich Jesus, als er mich ansah, von Herzen liebgewann und da� es in diesem Augenblick nichts gab, was ich nicht ohne Z�gern f�r ihn getan h�tte. Darin liegt ein gewaltiges Mysterium, bestimmt gewaltiger als alle griechischen und sogar �gyptischen Mysterien. Offenbar ist sein Reich unsichtbar und doch gegenw�rtig, so da� ich darin weile, w�hrend doch meine F��e auf diesem Wege auf dieser Erde schreiten. Nein, von seinem Reiche k�nnte ich mich, auch wenn ich wollte, nicht losrei�en. Aber mir wird deshalb nicht bange; denn in diesem Reiche ist gut sein, und ich bin darin frei von S�nde.�</p><p>Verwundert blickte ich in Myrinas schmales Gesicht mit den gr�nen Augen und sagte neidvoll: �Bestimmt hat er dich auf dem Berge gesegnet, und du bist gl�cklicher als ich. Seine Wahrheit scheint wirklich so schlicht und zug�nglich wie Brot oder Wein, so da� auch der �rmste sie besitzen kann. In mir erhebt sich die Weltklugheit wie eine schwarze Mauer; das Wissen ist ein Netz, das mich zu umgarnen droht, und die Spitzfindigkeiten der Sophisten sind Fallstricke f�r meine F��e. Hilf mir, meine Schwester, damit ich es merke, wenn diese Lockungen mich bedr�ngen!�</p><p>In unser Gespr�ch versunken, kamen wir an den Fu� des Berges. Als ich umherblickte, erkannte ich, da� wir von dem gestern gegangenen Pfade abgekommen waren. Doch das beunruhigte mich nicht, weil ich die Richtung zur Hauptstra�e nach der Sonne bestimmen konnte. Wir hatten es nicht eilig. Und in diesem Augenblick wurde mir bewu�t: niemals mehr brauchte irgend etwas mir eilig zu sein, denn ich hatte ja in meinem Dasein schon alles erlangt, was mir erreichbar war. Ich besa� ein kleines Verm�gen; bei sorgsamer Wirtschaft w�rde es mir und Myrinas f�r den Rest unserer Tage gen�gen.</p><p>Mit dieser Erkenntnis �berkam mich pl�tzlich grenzenlose Mattigkeit, und ich hatte das Gef�hl, nie im Leben so m�de gewesen zu sein. �Myrina�, sagte ich, �ich kann keinen Schritt weiter. Von nun macht es mir nichts aus, wo ich mich befinde. Wir' wollen hier bleiben und uns im Schatten dieses Feigenbaums schlafen legen. Wir haben unser ganzes Leben vor uns und werden es gemeinsam durchwandern. Solange Jesu Reich noch um uns ist und wir uns so zufrieden f�hlen, ist es gut ruhen.�</p><p>Wir legten uns unter den Feigenbaum, und ich nahm Myrina in die Arme. Wir fielen beide in tiefen Schlaf. Als wir erwachten, waren die Schatten weiterger�ckt, und die Sonne hatte den Scheitelpunkt ihrer Bahn �berschritten. Wir begannen wieder unsere Wanderung auf Fu�wegen und entlang der Feldraine, zur Hauptstra�e hin. Wir sprachen nichts; aber ich f�hlte mich wie neugeboren und empfand Myrinas schwesterliche Gegenwart. Galil�as reifegelbe Felder, bl�uliche H�gel und br�unliche Bergk�mme boten sich in Sch�nheit meinem Blick. Die Luft atmete sich leicht, und ich grollte niemandem auf Erden.</p><p>Zu meiner ma�losen Verwunderung waren die ersten Menschen, die wir auf der Stra�e vor uns sahen, Maria Magdalena und Maria von Beeroth. Die Taubenz�chterin ritt einen Esel; die junge Frau schritt barfu� im Staube hinterdrein und trieb das Reittier mit einer Gerte an. �berrascht schlug ich die H�nde zusammen, eilte den beiden Frauen nach und begr��te sie. Aber Maria Magdalena warf mir einen k�hlen Blick zu und zeigte sich keineswegs erfreut, mich zu sehen.</p><p>�Ach, du bist es? So, so! Und du kommst vom Berge?� fragte sie m�rrisch. �Ich w�re sch�n in der Patsche gesessen, h�tte ich mich blo� auf deine Verst�ndigung verlassen wollen. Und nachdem du gerade einer Versuchung um Haaresbreite entgangen bist, hast du schon wieder eine andere Begleiterin! Wer ist denn das?�</p><p>Beide Frauen musterten Myrina, und ich erkannte, da� Maria Magdalena erwartet hatte, ich w�rde sie zum Berg begleiten. Aber sie hatte nie etwas dergleichen mit mir verabredet und mir auch keine Nachricht geschickt. Ohne Nathans treue F�rsorglichkeit w�re ich nie auf den Berg gelangt. Doch jetzt mit Gegenvorw�rfen zu erwidern, hatte wenig Sinn.</p><p>�Da du keinen Mann als Besch�tzer hast, werde ich dich, wenn du gestattest, heimbegleiten und unterwegs f�r deine Sicherheit sorgen�, schlug ich vor. �Es wird bald Abend. Wir wollen einen Gasthof aufsuchen und dort nach einem gemeinsamen Essen die Nacht verbringen. Und morgen gehe ich mit dir bis zu deinem Haus.�</p><p>Aber Maria Magdalena war �ber mein Anerbieten schwer gekr�nkt. Hochm�tig fuhr sie mich an: �Fr�her hatte ich viele Begleiter; man hat mir S�nften angeboten, und es fehlte mir nie an Besch�tzern. Aber seit ich den Herrn auf dem Berge gesehen habe, ist er mir Schutz genug, und du brauchst mich nicht durch die Bemerkung zu beleidigen, ich h�tte keinen Mann zur Begleitung.�</p><p>Ich konnte nur annehmen, da� ihr bei ihrem Aufbruch zum Berge nicht alles nach Wunsch gegangen war. Noch gr��er aber wurde mein Staunen, als auch Maria von Beeroth mich sehr frostig begr��te und sagte: �Mir scheint, du bist ein recht leichtfertiger und flatterhafter Mann und hast dich rasch getr�stet. Ich freue mich deinetwegen dar�ber, weil du dir bei mir keine Hoffnungen mehr machen kannst. Mir sind die S�nden vergeben worden; ich bin gereinigt und wieder unber�hrt, so da� ich mit dir, einem R�mer und Heiden, nichts mehr zu schaffen haben darf. Schau mich also nicht begehrlich an! Und deiner plattnasigen Begleiterin verbiete gef�lligst, mich derart unversch�mt und krittlig mit ihren h��lichen Augen anzuglotzen!�</p><p>Zum Gl�ck verstand Myrina nur wenig von diesen Worten; aber die Blicke der beiden Frauen verstand sie und senkte den Kopf. Sie tat mir leid, und ich fragte: �Was ist denn los mit euch? Warum redet ihr so unfreundlich zu mir?�</p><p>Maria von Beeroth erz�hlte nun: �Heute fr�h habe ich auf dem Berge einen jungen Mann gesehen. Seine Augen waren klar wie Quellwasser, und seine Wangen glichen Granat�pfeln, und sein Kinn war noch nicht von Bartwuchs struppig. Er hat mich angeblickt, und ich mu� ihm gefallen haben; er versprach n�mlich, er werde sofort seinen Freund zu Maria Magdalena schicken, um alles abzureden, damit er und ich miteinander den Weinbecher leeren k�nnen. Er kann es nicht aushalten vor Liebe, und auch ich beeile mich gern, solang ich noch rein bin. Sein Vater hat einen Acker und einen Weinberg, �lb�ume und Schafe, und ich w�nsche mir nichts weiter als ein geruhsames Leben. Sein Vater ist auch mit mir einverstanden; weil Jesus von Nazareth ihm heute nacht das Augenlicht wiedergegeben hat, und weil er keinen Brautpreis f�r mich zu zahlen braucht, ist er bereit, an meine Unber�hrtheit zu glauben.�</p><p>Maria Magdalena unterbrach sie mit den Worten: �Das alles ist wahr. Kaum hatte ich sie einen Moment lang aus den Augen gelassen, fand sie schon einen Freier. Sonst h�tte ich sie mit dir verheiraten m�ssen, und das w�re eine S�nde gewesen. In Israel sollen ja die Frauen mit Heiden keine Ehen schlie�en, w�hrend die M�nner es leichter haben. Es war wirklich ein besonderer Gl�cksfall, da� der Vater des jungen Mannes sehend geworden ist und aus purer Freude dar�ber auch glauben will, da� Maria von allen ihren S�nden gereinigt wurde. Ein anderer Vater w�rde allerdings, selbst wenn er an diese Reinigung glaubte, kaum eine solche Schwiegertochter w�nschen, wegen ihrer Vergangenheit.�</p><p>Ich musterte Maria Magdalenas marmorwei�es Gesicht und erkannte, da� sie tats�chlich die Macht und die Kraft gehabt h�tte, meine ehemalige Begleiterin, auch gegen meinen Willen, mit mir zu verheiraten. Erleichtert seufzte ich auf und meinte: �Ich kann blo� mein Gl�ck preisen und auch deines, Maria von Beeroth. Immerhin verstehe ich die ganze Sache nicht recht. Ich erhielt n�mlich im Schlaf ein Zeichen: mir tr�umte, da� ich mit diesem griechischen M�dchen durch die W�ste wanderte, und du warst dabei.�</p><p>Maria Magdalena wurde pl�tzlich neugierig und rief: �Erz�hle den Traum ganz genau! Wei�t du bestimmt, da� sie mit dir war?�</p><p>Ich schilderte getreulich meinen Traum; aber noch w�hrend ich sprach, verbla�te er in meinem Ged�chtnis und wurde undeutlich. Doch ohne Z�gern schlo� ich: �Ganz bestimmt war auch sie dabei. Sie ritt einen Esel, war dick und aufgedunsen, und ich sah tiefe Kummerfalten um ihre Mundwinkel. Aber an ihren Augen erkannte ich sie sofort.�</p><p>Maria von Beeroth wurde zornig und rief: �Du hast kein Recht, so von mir zu tr�umen, und ich glaube dir nicht. Dick und aufgedunsen wirst du selber werden vor lauter S�nden; und dazu werden dir noch die Haare und die Z�hne ausfallen!�</p><p>Ich hob die H�nde und meinte: �M�ge mein Traum nicht in Erf�llung gehen! Warum sollen wir uns gegenseitig beschimpfen, wo wir doch eben erst alle auf dem Berge waren und den Auferstandenen sahen? Niemanden von uns hat er weggeschickt, nicht einmal Myrina.�</p><p>Rasch berichtete ich ihnen, wie ich Myrina gefunden hatte und was ihr widerfahren und wie ihr Weinbecher voll geblieben war. Ich erz�hlte auch von dem Rennwagen, der den jungen Mann auf der Stra�e niedergesto�en hatte, und wie wir ihm und seinem blinden Vater halfen.</p><p>Maria Magdalena nickte verst�ndnisvoll und sagte schlie�lich: �Bestimmt war das alles eine F�gung. So f�hrt der Herr den Heiden mit der Heidin und den Juden mit der J�din zusammen. Aber die Schatten werden immer l�nger, und ich halte mich nicht gern in dieser einsamen Gegend auf, mit dem vielen Geld, das ich bei mir trage. Ich �bergab es nicht den Sendboten, weil sie mich nicht nach Jerusalem mitnehmen wollten. Petrus befahl mir heimzukehren. Was sie in Jerusalem vorhaben, wei� ich nicht. Begleite mich also, und wir werden miteinander in einem Gasthof �bernachten. Wenn du mich heil nach Hause gebracht hast, wollen wir uns als gute Freunde verabschieden.�</p><p>Wir setzten die Wanderung gemeinsam fort, und auf der Stra�e waren nicht mehr viele Leute. W�hrend unseres Gespr�ches hatte Myrina mit gesenktem Blick geschwiegen, und das rechnete ich ihr hoch an. Nun fragte sie mich fl�sternd, wer diese Frauen seien. Ich erkl�rte ihr, da� Maria Magdalena dem Herrn Gefolgschaft geleistet und als erste an seinem Grab geweilt und es leer gefunden hatte. Gleich empfand Myrina hohe Ehrfurcht f�r sie, ging zu ihr und bat sie, neben ihrem Esel einherschreitend, dem�tig: �Erz�hle mir von dem Auferstandenen, o gl�cklichste der Frauen!�</p><p>Ihre Sanftmut gefiel Maria Magdalena so gut, da� sie Myrina freundlich ansah und ihr auf griechisch allerlei �ber Jesus zu erz�hlen begann. Auf dem Berge habe sie ein junges Ehepaar aus Kana kennengelernt, bei dessen Hochzeit der Herr sein erstes Wunder gewirkt und zur gro�en Freude der G�ste Wasser in Wein verwandelt hatte. Dann sprach sie von Jesu Geburt, wie seiner Mutter Maria ein Engel erschien, wie sie auf �bernat�rliche Art schwanger geworden war und wie Joseph, ihr Verlobter, sie im stillen zu entlassen gedacht hatte, bis ihm durch ein Traumbild Aufkl�rung wurde. W�hrend ich zuh�rte, begann ich, die von Jesus zu Sendboten erw�hlten M�nner besser zu verstehen, und begriff, warum sie Maria Magdalena als zu redselig bezeichnet hatten. Aber Myrina verschlang jedes Wort und lauschte mit verhaltenem Atem und leuchtenden Augen.</p><p>Schlie�lich konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken: �Auch nach den griechischen und r�mischen Sagen haben die G�tter sich mit den T�chtern der Sterblichen vermischt und mit ihnen Kinder gezeugt. Sogar der Stammvater der R�mer soll ein S�hn der Aphrodite gewesen sein. Heutzutage betrachten aufgekl�rte Menschen derartige Erz�hlungen nur als Gleichnisse, in derselben Art, wie die j�dischen Schriftgelehrten in Alexandria ihre heiligen Schriften ausdeuten. Ich glaube nicht, da� Jesus von Nazareth irgendwelcher Legenden bedarf, um ihn als Sohn Gottes auszuweisen.�</p><p>Maria Magdalena war gekr�nkt; sie legte Myrina die Hand auf die Schulter und meinte: �Wir Frauen empfinden auf gleiche Art, ob wir nun Griechinnen sind oder Kinder Israels. Die M�nner werden uns nie verstehen. Und du, R�mer, solltest keine Vergleiche ziehen mit erdgebundenen G�ttern, die den Menschen an die Trugbilder des irdischen Daseins fesseln. Diese G�tter haben jetzt, nachdem Jesus zum Messias der Welt geworden ist, keine Macht mehr �ber das Menschengeschlecht, au�er, wenn die Menschen sich freiwillig ihrer Herrschaft unterwerfen und den Weg des Verderbens w�hlen. Aber was ich berichte, wei� ich bestimmt, und es ist die reine Wahrheit. Maria, Jesu Mutter, hat es selber mir und anderen Frauen erz�hlt, als wir gemeinsam in seinem Gefolge wanderten. Selbst Herodes, der alte, grausame, glaubte daran, da� in Israel ein K�nig zur Welt gekommen war, und lie�, um ihn aus dem Wege zu r�umen, in Bethlehem alle Kn�blein bis zu zwei Jahren ermorden. Daf�r gibt es noch unz�hlige Zeugen.�</p><p>Ihre Worte machten mich nachdenklich. Maria Magdalena selbst mochte zu viele Erscheinungen und Engel sehen und zu lebhaft tr�umen; aber von Jesu Mutter konnte ich das nicht annehmen. Ich hatte ihr trauererf�lltes Gesicht unter dem Kreuz erblickt und den Eindruck gewonnen, da� sie nicht mitteilsam war, sondern lieber schwieg und andere sprechen lie�. Welchen Grund k�nnte sie gehabt haben, solche Dinge, wie Maria Magdalena sie mir berichtet hatte, zu erz�hlen, wenn sie nicht der Wahrheit entsprachen? Die von Jesus gewirkten Wunder legten hinreichend Zeugnis ab f�r ihn. Wenn ich an diese Machttaten glaubte�� und nach meiner Unterredung mit Lazarus blieb mir wohl nichts anderes �brig��, weshalb sollte ich dann gerade jene eine Sache bezweifeln? Warum konnte nicht, wenn Gott auf Erden als Mensch geboren werden sollte, ein �berirdischer Geist in eine Frau den Keim dazu legen? Verglichen mit jenem Wunder der Menschwerdung Gottes, verbla�ten alle anderen Wundertaten.</p><p>Myrina stellte noch weitere Fragen �ber Jesus, und Maria Magdalena erkl�rte mit einem tadellosen Blick auf mich: �Oft sprach er von einem S�mann, der zu s�en ausging. Einige von den Samen fielen auf steinigen Grund und fanden keine Erde, um zu verwurzeln. Etliches fiel unter Dornen, und die Dornen wuchsen auf und erstickten es. Anderes aber fiel auf guten Boden und brachte vielfache Frucht.�</p><p>Nach einer Pause fuhr sie fort: �Nicht jeder also, der Jesu Wort geh�rt hat und an ihn glaubt, taugt deshalb schon f�r sein Reich. Dein Herz ist nicht hart, R�mer; es ist zu weich. Das macht dich anf�llig. Wenn du zu deinem eigenen Volk zur�ckkehrst, werden rings um dich Dornen und Disteln �ppig aufschie�en und dir den Weg ins Reich verlegen.�</p><p>Ihre Warnung erf�llte mich mit Angst. Ich blickte um mich, auf die roten Berge Galil�as und auf die dunkelgr�nen Weinpflanzungen, �ber denen die Schatten sich dehnten, und sagte: �Wie k�nnte ich je vergessen? Bis zu meinem Todestage werde ich an dieses Galil�a und an den Berg denken und an Jesus, den ich in der vergangenen Nacht sah. Und ich werde nie so einsam sein, da� nicht er, wenn ich ihn rufe, bei mir w�re.�</p><p>Nach einigem Sinnen f�gte ich hinzu: �Ich bin ihm ein schlechter Diener, dem K�nig, der sich jetzt, da die vierzig Tage zu Ende gehen, in ein fernes Land begeben wird. Ich wei� nicht, ob er auch mir ein Pfund oder ein Talent anvertraut hat; wenn ja, mu� ich es auf Gebot seiner J�nger in der Erde vergraben. Das bedr�ckt mich. Aber mir ist eine Verhei�ung geworden, an die ich glaube; von ihr erz�hle ich dir, weil du mich sonst auslachen w�rdest.�</p><p>Ich dachte daran, da� ich eines Tages zur Verherrlichung des Namens Jesu sterben sollte. Es erschien mir unglaublich; aber so hatte der Fischer es mir in jener Nacht am See verk�ndet. Meinem K�rper zuliebe freue ich mich, da� ich r�mischer B�rger bin und durch das Schwert hingerichtet werden mu�; die Qualen einer Kreuzigung w�rde ich nie ertragen. Sonst jedoch empfinde ich diese Vorhersage nicht l�nger als erschreckend. Ein solcher Tod ist ja das einzige, wodurch ich Jesus zeigen kann, da� ich zu ihm geh�re.</p><p>Vor Einbruch des Abends bogen wir von der Landstra�e auf einen Eselspfad ab, der, wie Maria Magdalena uns sagte, �ber die Berge nach Magdala f�hrte. Sie kannte einen Gasthof, wo wir die Nacht verbringen konnten. Wir erreichten ihn bald nach Sonnenuntergang, ehe es noch ganz dunkel wurde. Die Herberge war voll besetzt, und zu essen gab es nichts mehr; aber f�r Maria Magdalena und ihre Begleiterin machte man h�flich in dem Geb�ude Platz. Ich sah viele G�ste rund um ihre Feuer sitzen, mit leuchtenden Augen leise Gespr�che f�hrend; sogar vom Dach her h�rte man lebhaftes Gemurmel. Daraus schlo� ich, da� alle diese Leute auch vom Berge kamen. Sie redeten freundlich miteinander, und wer Proviant besa�, teilte ihn, mit solchen, die keinen hatten. So durften auch Myrina und ich unser Brot in eine gemeinsame Sch�ssel tauchen.</p><p>Dennoch sp�rte ich, da� ich inmitten dieser Galil�er ein Fremdling war. Sobald die Nachtk�lte kam, h�tte ich mir nichts sehnlicher gew�nscht, als neben ihnen zu sitzen und gleich ihnen �ber Jesu Erscheinen zu reden, �ber sein Reich, �ber S�ndenvergebung und ewiges Leben. Aber sie sahen mich nicht als ihren Bruder an, und aufdr�ngen konnte ich mich ihnen nicht. Immerhin f�hrte der Wirt die Esel einiger Herbergsg�ste in den Hof, fegte eine Stallecke aus und breitete reines Stroh hin, so da� Myrina und ich nicht unter freiem Himmel schlafen mu�ten.</p><p>Da alle anderen auch noch, im schwachen Schein einer einzigen Laterne, miteinander fl�sterten, sprach ich Myrina das Gebet vor, das Susanna mich gelehrt hatte. Sie fand, es eigne sich gut f�r sie und gebe ihr ein Gef�hl der Sicherheit. Es sei auch eine gro�e Erleichterung, da� man, um beten zu k�nnen, nicht erst darauf achten m�sse, ob zunehmender oder abnehmender Mond sei, da� man nicht Salz auszustreuen, unverst�ndliche Beschw�rungsformeln zu wiederholen und sich aus Rebholz G�tterbilder zu schnitzen brauche. Bei solchen Riten wisse man nie, ob man nicht etwas falsch gemacht oder ein unrechtes Wort gesprochen habe, womit dann das ganze Gebet seine Wirkung verliere.</p><p>Als ich am Morgen erwachte, sah ich als erstes Maria von Beeroth neben mir im Stroh kauern und mir ins Gesicht starren. Als sie merkte, da� meine Augen offen waren, begann sie, den Kopf hin und her zu wiegen und die H�nde zu ringen. Leise sagte sie:</p><p>�Mir war drinnen zu hei�, und ich konnte nicht schlafen. Ich wollte schauen, was du tust und wie du die H�nde h�ltst, wenn du mit dieser Ausl�nderin schl�fst. Lieber als mit Maria Magdalena zusammen in einem schmalen Bett zu schwitzen und von Ungeziefer gebissen zu werden, h�tte ich hier im Stroh geschlafen, den Kopf auf deiner Schulter. So haben wir beide am Jordan geruht, auf dem Wege nach Tiberias. Nimm mir meine boshaften Worte von gestern abend nicht �bel! Ich war ganz best�rzt, als du so unerwartet mit dieser Griechin des Weges kamst und habe un�berlegt dahergeredet. Ich wu�te nicht, was ich denken sollte, und wei� es eigentlich auch jetzt noch nicht. Die ganze Nacht hatte ich schreckliche Gewissensbisse, weil ich mich derart pl�tzlich in diesen jungen Mann verliebt habe und seinen Freund in Magdala zu erwarten versprach. Vielleicht bereut er die Sache schon, und es wird nie ein Abgesandter von ihm hinkommen.�</p><p>Ich beeilte mich, ihr zu versichern: �Der junge Mann ist ohne Falsch. Er wird bestimmt seinen Freund schicken und dich dann nach galil�ischer Sitte zum Brautbett f�hren. Die Musikanten werden aufspielen, die Dorfleute werden Wein trinken und zum Klang der Fl�ten mit den F��en den Takt schlagen, und Freudenlieder werden dir zu Ehren erklingen.�</p><p>Maria wurde ungehalten. Sie h�rte auf, die H�nde zu ringen, und erhob die Stimme: �Du mi�verstehst mich absichtlich. Die ganze Nacht habe ich mich mit dieser Sache abgequ�lt und kaum ein Auge zugetan. Nach zwei schlaflosen N�chten hintereinander mu�t du mich mit meinen roten Augen sehr h��lich finden. Immerhin wei� ich, da� meine S�nden mir vergeben wurden und da� ich so unber�hrt bin, als h�tte ich nie einen Mann gekannt. Auch du wei�t das, nachdem du Jesus von Auge zu Auge gesehen hast. Dem jungen Mann habe ich allerdings nicht viel von meiner Vergangenheit erz�hlt, nur das Notwendigste, um ihn nicht unn�tz zu bek�mmern. Und nun schreckt mich der Gedanke, da� seine Verwandten und alle Leute im Dorf am n�chsten Morgen das Bettlaken ausbreiten werden und vielleicht kein Anzeichen meiner Unber�hrtheit finden. Dann w�rde man mir den Ring wegnehmen und mich mit Steinen und St�cken schmachvoll davonjagen. Ihr R�mer seid in solchen Dingen weniger heikel; aber ich kenne meine Landsleute, und in Galil�a ist man da nicht anders als in Beeroth.�</p><p>Ich sagte: �Maria Magdalena ist eine erfahrene Frau und eine Taubenz�chterin. Vertraue dich ihr an! Auch die R�mer pflegen an ihrem Hochzeitstag der Venus zwei Tauben zu opfern�� sicherheitshalber, damit der Braut Schande erspart bleibt.�</p><p>Maria rief noch lauter: �Geh nicht wie die Katze um den hei�en Brei herum! Du wirst doch nicht leugnen wollen, da� du mich aus Jerusalem mitgenommen hast, damit ich rein werde und f�r dich tauge. Nat�rlich verletze ich das Gesetz, wenn ich einen R�mer heirate; aber im Namen Jesu bin ich dazu bereit, um einen der Geringsten unter den Seinen zu retten.�</p><p>Mit einem absch�tzigen Blick auf Myrina fuhr sie fort: �Gegen diese Kleine hier hege ich keinen Groll. Sie ist es nicht wert. Ich werde nicht einmal etwas einwenden, wenn du sie zur Nebenfrau nimmst. Das wird einem Mann nicht als schwere S�nde angerechnet, und selbst Pharis�er sind in dieser Beziehung nicht ganz untadelig. Ich werde allerdings die Griechin auf ihren Platz verweisen, damit sie so dem�tig bleibt wie jetzt.�</p><p>Myrina war schon lange wach geworden. Sie hatte uns durch ihre Wimpern hindurch beobachtet und sich bem�ht, Marias Worte zu verstehen. Jetzt �ffnete sie die Augen weit, setzte sich auf und sagte: �Beim Schlafengehen habe ich mich geborgen und gl�cklich gef�hlt. Jetzt im blassen Morgenlicht fr�stelt mich. Aber die Zeit der Wahrheit ist ja das Morgengrauen und keineswegs die Abendw�rme. Ich habe nicht alles erfa�t, aber soviel ist mir klargeworden: diese J�din hat Rechte auf dich. Wenn ich ihr im Wege stehe oder dir als deine Schwester zur Last falle, will ich meines Weges gehen. Ich habe die Goldst�cke und kann mir damit auf irgendeine Art ein gesichertes Dasein kaufen. Mach dir also meinetwegen keine Sorgen! Und du brauchst auch nicht R�cksicht auf mich zu nehmen, wenn du mit diesem h�bschen Judenm�dchen deine Angelegenheiten besprechen willst.�</p><p>Maria verstand kein Wort Griechisch. Sie starrte Myrina argw�hnisch an und zeterte: �Glaube ihr nicht, glaube ihr kein Wort! Sie redet freundlich und wohlgesetzt. Aber ich wei�, wie verschlagen die Griechen sind. Und mit Frauen kennst du dich �berhaupt wenig aus.�</p><p>Sie begann zu schluchzen, schlug die H�nde vor das Gesicht und jammerte: �Schrecklich hartherzig bist du! Verstehst du denn nicht, da� ich dir zuliebe, um dich aus dem heidnischen Schmutz zu retten, alles verlassen und mit dir kommen will?�</p><p>Best�rzt sah Myrina sie mit ihren gr�nen Augen an, ber�hrte meine Hand und fragte: �Warum l��t du sie weinen? Siehst du nicht, wie sch�n sie ist und wie ihre Augen leuchten und was f�r einen weichen, roten Mund sie hat? Schon gestern habe ich sie beneidet. Ich habe nicht einmal Br�ste wie eine richtige Frau; meine Nase ist zu kurz, und meine Augen sind h��lich.�</p><p>V�llig aus der Fassung gebracht, schaute ich die beiden an und dachte mir, das sei es, was mein Traum bedeutet hatte. Maria zu heiraten, war mir nie in den Sinn gekommen. Ihr ganzes Leben lang w�rde sie sich als Tochter Israels mir �berlegen d�nken. Sie w�rde Myrina zu ihrer Dienerin machen und mich schlie�lich durch ewiges N�rgeln dazu bewegen, mich um des lieben Friedens willen beschneiden zu lassen. So ist es in Rom vielen schwachen M�nnern ergangen, obwohl sie alles Erdenkliche tun, um es geheimzuhalten.</p><p>Dann durchzuckte mich ein beklemmender Gedanke. Vielleicht f�hrte der Weg zum Reich des Nazareners nur �ber den abbildlosen Gott der Juden. Vielleicht w�rden die J�nger mich nicht mehr von sich weisen, wenn ich dank Maria von Beeroth ein regelrechter Proselyt wurde. Ich hatte Rom verlassen und konnte mein Leben frei gestalten. Wenn nur ein schmerzhafter kleiner Schnitt mit einem j�dischen Feuersteinmesser mich von der Gemeinschaft mit Jesu Anh�ngern trennte, war das Opfer gering. Ich habe �rgere Schmerzen durchgemacht. Und r�mische Offiziere in W�stengarnisonen unterziehen sich oft genug aus rein praktischen Gr�nden dieser Operation, um die von dem feinen Sand verursachten st�ndigen Schwellungen loszuwerden. Die Araber und �gypter �ben den gleichen Brauch.</p><p>Dennoch lehnte ich mich innerlich gegen diese einfache Erw�gung auf. Es waren die h�chsten Vertreter dieser Religion, die Hohenpriester, Schriftgelehrten und �ltesten von Israel, gewesen, die Jesus von Nazareth zum Tode verurteilt hatten. Im Herzen f�hlte ich, da� ich den Auferstandenen preisgeben und verraten w�rde, wenn ich den j�dischen Tempelbezirk, jenen prunkvollen Schlachthof, betrat und die Priester um Aufnahme in ihre Glaubensgemeinschaft bat. Lieber wollte ich schlicht und dem�tig im Herzen bleiben, statt mich unter falschem Vorwand beschneiden zu lassen, blo�, um vor den Augen der J�nger, die jetzt nichts mit mir zu tun haben wollten, Gnade zu finden.</p><p>Maria von Beeroth hatte zu weinen aufgeh�rt und starrte mir erwartungsvoll ins Gesicht. Auch Myrina sah mich an, mit einem Blick, als h�tte sie mich schon verloren. Wenn ich sie mit der zungenfertigen Maria verglich, sp�rte ich nur f�r Myrina Z�rtlichkeit und wu�te, da� sie mir immer n�herstehen w�rde als Maria. Mein gesunder Menschenverstand gewann wieder die Oberhand, und ich erkl�rte entschieden: �Du brauchst mir kein Opfer zu bringen, Maria. Du w�rdest nur dich ins Verderben st�rzen, wenn du dich mir, einem unreinen Heiden, zuliebe von Gottes auserw�hltem Volke trennen wolltest. Denke daran, da� ich selber den jungen Mann, nachdem er sich den Kn�chel gebrochen hatte, auf meinem Esel zum Berg brachte. Das ihm gegebene Versprechen darfst du nicht brechen. Ich mu� auf dich verzichten, will dir aber gern ein so reiches Hochzeitsgeschenk geben, da� du nicht vollkommen von deinem Gatten abh�ngst.�</p><p>Maria mu�te einsehen, da� mein Entschlu� feststand. Sie h�rte zu weinen auf und sagte blo�: �Undank ist der Welt Lohn, und jetzt glaube ich selber, da� die R�mer, wie man sagt, Hunde sind. Aber vielleicht wirst du eines Tages, wenn du auf weichen Kissen hinter Vorh�ngen liegst und duftende Salben von dir tr�ufeln, vergebens an mich denken. Vielleicht wirst du dich meiner zu Liebkosungen geschaffenen H�nde erinnern, mit denen ich, krummr�ckig hingekauert, eine Handm�hle drehen mu�, und meiner Augen, die beim Brotbacken vor Rauch tr�nen.�</p><p>Ihre Worte r�hrten mich nicht, weil ich ihnen keineswegs Glauben schenkte. Ich vermutete, sie werde im Gegenteil ihren Gatten dazu antreiben, sich �ber seine Kr�fte abzurackern, und ihre Verwandtschaft dazu, stets um sie herumzuscharwenzeln, und sie werde im Alter die Schwiegert�chter peinigen und die Schwiegers�hne �rgern. Aber nat�rlich konnte ich mich irren.</p><p>Nachdem sie sich redlich bem�ht hatte, mich m�glichst zu vergr�men, verzieh sie mir und meinte: �Von Rechts wegen sollte ich dir dein Angebot entr�stet an den Kopf werfen. Aber im eigenen Interesse mu� ich wohl dein Hochzeitsgeschenk annehmen, um in der Achtung der Familie meines Mannes zu steigen. Ein Geschenk ist es �brigens nicht, sondern vielmehr die Abstattung einer Schuld, weil du alle deine Zusagen gebrochen hast.�</p><p>Es dr�ngte mich, sie zu fragen, wann ich ihr je irgend etwas versprochen h�tte; aber inzwischen war ich kl�ger geworden und schwieg. W�hrend unseres Gespr�ches hatten die meisten anderen Herbergsg�ste sich auf die Weiterreise gemacht. Jetzt kam Maria Magdalena mit strahlendem Gesicht zu uns und schalt:</p><p>�Was zankt ihr euch da? Schaut hinaus, wie herrlich jetzt, nachdem Jesu Reich auf die Erde gekommen ist, die Welt im Glanz seiner Sonne leuchtet! Ich grolle niemandem mehr, nicht einmal dem Petrus. In der Nacht hatte ich einen Traum, der mir anzeigte, da� der Welt Gnade widerfahren ist. Wei�e Tauben schwebten vom Himmel herab und setzten sich den Menschen auf die K�pfe. Auch auf deinem Kopf, R�mer, lie� sich eine nieder. Ich kann keinen Menschen mehr verachten. Denn allen wird, nach Verdienst oder auch unverdient, eine solche F�lle von Liebe zuteil werden, da� niemand leer ausgeht. Ein Vater mag sein Kind, wenn es ungehorsam ist, bestrafen: aber nie wird er es ganz versto�en. Darum sehe ich heute keinen Unterschied zwischen R�mern und Hebr�ern, und alle Menschen unter dem blauen Firmament sind meine Geschwister. Nicht einmal die Samariter nehme ich aus, obwohl es ein samaritischer Zauberer war, der sich die in mir hausenden b�sen Geister dienstbar gemacht hat.�</p><p>Sie schlang mir die Arme um den Hals und k��te mich auf beide Wangen, und ich f�hlte ihr solche Kraft entstr�men, da� alles vor meinen Augen sich wandelte und ich am liebsten wie ein Kind getanzt und gelacht h�tte. Auch der Griechin gab sie einen Ku�; und Maria von Beeroth dr�ckte sie z�rtlich an sich und nannte sie ihre Tochter. So empfanden wir alle nur jubelnde Freude. Ohne an Essen und Trinken zu denken, machten wir uns auf den Weg�� derart erf�llt waren wir von Jesu Reich. An diesem Tage wanderten wir, mochten wir auch noch auf Erden weilen, in Wahrheit durch sein Reich.</p><p>Nachmittags sahen wir wieder den See Genezareth und erreichten Maria Magdalenas Haus. Ihre Bedienten entboten ihr begeisterten Willkomm. Sie hatte n�mlich, mit Maria von Beeroth als einziger Begleiterin, heimlich ihr Haus verlassen, ohne jemanden zu verst�ndigen; so war man ihretwegen beunruhigt gewesen und hatte schon gef�rchtet, die D�monen k�nnten wieder von ihr Besitz ergriffen haben. Aber jetzt befahl sie:</p><p>�Nehmt euch aus meiner Kleiderkammer jeder ein neues Gewand und bereitet f�r diesen Abend ein gro�es Festmahl! Tut euer Bestes! Die Tage der Freude und des Frohsinns sind gekommen. Unser Herr, Jesus von Nazareth, ist von den Toten auferstanden und hat sich den Seinen gezeigt. Wir waren unser mehr als f�nfhundert, die das bezeugen k�nnen. Geht daher nach Magdala und ladet alle, die kommen wollen, zum Mahl, nur keine Pharis�er oder Synagogenvorsteher, keine �ltesten oder Reiche! Ladet die Armen und Elenden ein, die Z�llner und Steuereinnehmer, und auch Fremdlinge! Sagt ihnen allen: �Maria Magdalena w�nscht f�r diesen Abend nur S�nder als G�ste und keine Gerechten.� Auch der Herr hat ja nicht die Gerechten eingeladen, sondern die S�nder, und in seinen Augen war niemand unrein. Mit ihm ist die Vergebung der S�nden auf die Erde gekommen.�</p><p>So sprach sie wie in Verz�ckung zu ihren Bedienten, die kopfsch�ttelnd gehorchten. Mich f�hrte sie beiseite, sah mir liebevoll in die Augen, legte mir die H�nde auf die Schultern und sagte:</p><p>�F�r uns ist die Zeit des Abschiednehmens gekommen. Aber zumindest ich betrachte dich als Kind des Reiches, m�gen auch andere dich verwerfen. B�se Tage werden noch �ber dich kommen, und niemand ist ohne S�nde. Aber verh�rte dein Herz nicht, trachte nicht nach dem Ruf der Fr�mmigkeit vor den Menschen und versprich nichts unbedacht! Wenn du in unvermeidbare S�nde f�llst, so bekenne es und entschuldige dich nie mit der leeren Ausrede, du seiest nicht �rger als andre, die das gleiche tun! Sobald du aber an den begangenen S�nden so leidest, da� sie dir nur Verzweiflung und nicht Gen�ge bereiten, dann bist du reif zur Heilung. Und keine S�nde ist so furchtbar, da� Jesus sie dir nicht vergeben w�rde, wenn du ihn reuigen Herzen darum bittest. Nur Verstocktheit kann er nicht verzeihen; denn durch sie trennt der Mensch sich geflissentlich von Gott. Indes kann, glaube ich, niemand sich so weit von ihm entfernen, da� er den R�ckweg nicht mehr finden k�nnte. Derart grenzenlos ist Gottes Gnade. Aber wenn du den Weg des Reiches gehst, wirst du dadurch allein viel �bel meiden. Und ich will dir eine wunderbare Erkenntnis anvertrauen, die mir in meinem Traum offenbart wurde: der Weg selbst ist schon das Reich.�</p><p>Mit Tr�nen in den Augen blickte sie mich an und fuhr fort: �Das ist meine Lehre, Maria Magdalenas Lehre. Sie mu� wohl in mir gereift sein, als ich zu Jesu F��en sa� und ihm lauschte. Nach allen den gro�en Ereignissen, die sich zugetragen haben, wird der eine dies, der andere jenes �ber Jesus sagen, je nach seiner Urteilskraft. Mit meiner Auffassung treffe ich die Wahrheit nicht besser als irgendwer anderer�� aber auch nicht schlechter, glaube ich.�</p><p>Nach einer Weile f�gte sie noch hinzu: �Ich bin nur eine Frau. Die J�nger haben mir zu schweigen befohlen, und hinfort werde ich in ihrer Gegenwart dem�tig schweigen. Aber dir m�chte ich sagen, da� Jesus deshalb als Mensch zur Welt gekommen ist und sich dem Elend der K�rperlichkeit unterworfen hat, um die Welt zu erl�sen. Er wu�te, was ihm bevorstand, und hat oft klar und deutlich davon gesprochen. Er wollte als Menschensohn und Sohn Gottes die S�nden der Welt auf sich nehmen, sich f�r viele opfern und dadurch einen neuen Bund schlie�en. Mein Herz ist gl�ckselig, wenn ich an ihn denke.�</p><p>So, von hinrei�ender Begeisterung erf�llt, belehrte sie mich, und ich nahm ihre Worte in mich auf, mochte ich auch manches nicht verstehen. Dann sprachen wir von Alltagsdingen und einigten uns �ber das Hochzeitsgeschenk, da� ich Maria von Beeroth schicken wollte, wenn wir nach Tiberias kamen. Sobald Maria Magdalena sie unter die Haube gebracht h�tte, was sie auf Grund ihrer Kenntnis der Braut m�glichst rasch zu tun gedachte, wollte sie nochmals nach Jerusalem reisen, um sich zu vergewissern, ob den J�ngern nichts abging; sie wu�ten ja selbst nicht, wie lange sie dort bleiben m��ten. Thomas war der einzige, der gesagt hatte: �Wir bleiben dort und warten die Erf�llung seiner Verhei�ung ab, und wenn es zw�lf Jahre dauern sollte.�</p><p>Schlie�lich begleitete sie mich zur Haust�r, und beim Abschied weinte Maria von Beeroth so bitter, da� ihre Augen aufschwollen; und auch Myrina weinte, blo� aus Freundschaft f�r Maria. Mich aber erf�llte die tr�stliche Gewi�heit, da� ich, was auch immer mir zusto�en mochte, jederzeit, wenn ich meinen Seelenfrieden nirgends sonst zu finden imstande war, hierher zu Maria Magdalena kommen konnte. Ich hatte nicht die Absicht, es zu tun. Aber schon das Bewu�tsein, in der Not eine Zuflucht zu haben, ist wohltuend.</p><p>Myrina und ich wanderten schweigend durch Magdala und bogen in die Stra�e nach Tiberias ein. Wir f�hlten uns nicht m�de und brauchten deshalb kein Boot zu mieten, was leicht m�glich gewesen w�re. Als ich unterwegs um mich schaute und die reine Seeluft einatmete, dachte ich mir, ich h�tte zwar in dem fremden Galil�a nichts mehr zu verrichten, aber auch anderswohin zu kommen eilte nicht. So tat es wohl, einfach an dem glitzernden Gew�sser dahinzuschlendern. Und ich war nicht allein, ich hatte Myrina an meiner Seite.</p><p>Im roten Abendlicht kamen wir nach Tiberias, und ich wollte, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, schon Myrinas wegen gleich weiter zu den Thermen jenseits des Ortes. Aber auf dem Forum des Herodes Antipas prallte ein tief in Gedanken versunkener Mann mit mir zusammen, ehe ich Zeit hatte auszuweichen, und ich mu�te mich, um nicht zu fallen, an seinem Arm festhalten; denn er war gro� und stark. Er fuhr wie aus dem Schlafe auf und blickte mich an. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, da� es Simon von Kyrene war.</p><p>�Friede sei mit dir!� gr��te ich befangen, in Sorge, er w�rde, wenn er mich erkannte, zornig werden. Aber er l�chelte nur verlegen und antwortete: �Bist du es, R�mer? Auch mit dir sei Friede!�</p><p>Ich lie� seinen Arm los, ging aber nicht weiter. Wir standen da und blickten einander an. Seit den Ereignissen in seinem Hause hatten wir uns nicht getroffen; mir schien, als w�re er in der kurzen, seither verstrichenen Zeit sehr gealtert. Seine Augen waren ganz tr�be, und er hielt den Kopf beharrlich gesenkt. Es war, als freute ihn nichts mehr auf dieser Welt.</p><p>Ich h�tte �berhaupt kein Gespr�ch mit ihm beginnen m�ssen; aber mir kam in den Sinn, da� die Begegnung vielleicht nicht ganz zuf�llig sein mochte. So fragte ich f�gsam: �Hast du mir verziehen, was bei dir zu Hause geschah? Ich f�hle mich verantwortlich daf�r, obwohl die Schuld, glaube ich, nicht ausschlie�lich mich trifft. Wenn du mir noch grollst, so vergib mir jetzt!�</p><p>Er entgegnete: �Ich z�rne dir nicht. Was ich tue, verantworte ich schon selber. Ich habe dir ja sagen lassen, da� ich dir nicht b�se bin.�</p><p>�Aber wohlgesinnt warst du mir auch nicht�, erwiderte ich. �Du wolltest nichts mit mir zu tun haben. Glaubst du jetzt schon, da� ich kein Zauberer bin? Was denkst du von den Dingen, die sich inzwischen zugetragen haben?�</p><p>Er blickte argw�hnisch um sich; doch zu dieser Tagesstunde war das Forum verlassen. Ich hob die Hand und rief: �Mi�traue mir nicht! Ich komme vom Berge, ebenso wie du. Was denkst du also dar�ber?�</p><p>Mit einem Sto�seufzer meinte er ausweichend: �Nun ja, es waren unser mehr als f�nfhundert. Da ist es kein Wunder, da� ich dich in der Menge nicht sah. Aber wenn du dort warst, mu�t du selbst wissen, wie mir ums Herz ist.�</p><p>Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: �Als ich erfuhr, da� Jesus vor uns nach Galil�a gegangen war, verlie� ich Hals �ber Kopf Jerusalem. Viele andere taten das gleiche. Aber die Wartezeit war zerm�rbend, die Nachrichten widersprachen einander, und nicht alle glaubten, da� er wirklich den J�ngern am See erschienen war. Manche kehrten entt�uscht nach Jerusalem zur�ck. Doch ich habe im Leben Geduld gelernt; als Sklave lernt man sie. �brigens hatte ich auch gesch�ftlich in Galil�a zu tun, und die Zeit war nicht verloren. Im Herzen hoffte ich schon, die J�nger h�tten nur geflunkert. Mein vergebliches Warten beschwichtigte mich allm�hlich, und ich freute mich darauf, nach Jerusalem, zu meiner fr�heren Lebensf�hrung, die mir zusagte, zur�ckkehren zu k�nnen. Ich wollte meinen beiden S�hnen das Beste bieten, was ich auf der Welt gefunden hatte: die Gl�ubigkeit Israels, die Kultur Griechenlands, den Frieden Roms und ein sorgsam angelegtes Verm�gen. Aber dann erhielt ich die Kunde und wanderte zum Berg. Und dort sah ich Jesus.�</p><p>Seine Gesichtsmuskeln begannen zu zucken, und er konnte nur mit M�he weiterreden. �Nun mu�te ich daran glauben, da� er wirklich auferstanden ist. Ich mu�te ihn als den Christus anerkennen. Und so bin ich gezwungen, jetzt alles wieder von vorn zu beginnen. Es gibt also auf Erden mehr, als die Augen sehen und die H�nde tasten oder als Ma�e und Gewichte feststellen k�nnen. Diese Erkenntnis ist furchtbar. Ich k�nnte den Tag verfluchen, da ich Jesus traf und sein Kreuz auf den R�cken nahm. Er ist schuld daran, da� von dem, was ich f�r meine S�hne so umsichtig aufgebaut habe, nichts mehr Bestand hat.</p><p>Du fragst mich, was ich zu dem allen meine. Ich kann nur daran denken, was ich tun mu�, um f�r sein Reich zu taugen und um auch meine jungen zu w�rdigen Gliedern dieses Reiches zu machen. Jesu Forderungen entsprechen in keiner Weise unserem Gerechtigkeitsbegriff; sie sind erbarmungslos f�r jemanden, der sich aus der Sklaverei zu Freiheit und Wohlstand emporgearbeitet hat. Aber jetzt, da ich mich von seiner Auferstehung �berzeugt habe, mu� ich seinen Forderungen Rechnung tragen. Ich hoffte, ihm wenigstens etwas abhandeln zu k�nnen, wie es unter uns Menschen bei jedem vern�nftigen Gesch�ft �blich ist. Aber er ist nicht einfach ein Mensch. Als ich ihn auf dem Berge sah, wu�te ich pl�tzlich, da� es bei ihm kein Feilschen gibt. Ich mu� sein Sklave werden, bin ihm mit Haut und Haaren verfallen. Mir bleibt nichts anderes �brig. Nachher liegt es an ihm, ob er mich zum Freigelassenen machen will oder nicht. Darauf steht mir kein Einflu� zu. �ber alles das habe ich so angestrengt nachgegr�belt, da� ich geradewegs in dich hineingerannt bin, R�mer.�</p><p>�Aber�<sup>-</sup>, verwunderte ich mich, �hast du keine Bedenken, dich mir, einem R�mer und Heiden, derart anzuvertrauen?�</p><p>Simon blickte mich �berrascht an und erkl�rte: �Seit ich alles mit neuen Augen betrachte, kommt es mir undenkbar vor, da� vor Jesus ein Jude irgendwie besser sein sollte als ein R�mer oder Grieche. Seine Sache allein ist, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Ich w�re von Sinnen, wenn ich mir ein Urteil dar�ber anma�en wollte, wer zu den Seinen geh�rt und wer nicht. Auch darin h�lt er sich in keiner Weise an menschliche Gerechtigkeitsbegriffe. Nein, durch Gr�beln werde ich aus ihm nicht klug. Ich geh�re nicht zu den Leuten, die sich ihre Seligkeit davon erhoffen, da� sie sich in die Wildnis zur�ckziehen, fern von allen anderen. Ich bin ein Realist. Mir gelten Taten mehr als Worte. Ich mu� mein Dasein unter Menschen verbringen, seien es Juden oder R�mer. �brigens habe ich f�r mein eigenes Volk b�se Vorahnungen, falls durch Brot und Wein tats�chlich ein neuer Bund geschlossen wurde. Jesus selbst soll �ber Jerusalem geweint haben. Sollte sich der Tempel wirklich als unf�hig erweisen, jemanden zu retten, so werde ich vielleicht einer zum Bankrott verurteilten Gemeinschaft mein Eigentum entziehen und mit meinen S�hnen in einem anderen Lande Zuflucht nehmen. Aber das wei� ich noch nicht sicher.�</p><p>Er sprach sehr schroff, und seine Gedanken schienen immer wieder Haken zu schlagen. Neugierig fragte ich: �Hast du mit Jesus auf dem Berge gesprochen?�</p><p>Simon starrte mich an, als h�tte ich den Verstand verloren, und stie� hervor: �Wie h�tte ich wagen k�nnen, ihn anzusprechen? Genug, da� ich ihn sah!�</p><p>Verzagt erz�hlte ich ihm: �Die Sendboten wollen nichts mit mir zu tun haben. Petrus hat mir sogar verboten, von Jesus zu reden, weil ich R�mer bin.�</p><p>Aber Simon nahm die Sache nicht so ernst. �Wenn diese M�nner einmal meine Jahre und meine Lebenserfahrung haben, werden sie verst�ndiger sein�, versicherte er mir. �Sie sind nur Menschen, und jeder Mensch hat seine Fehler. Aber bed�chtige, einfache Leute wie sie werden in einer so verantwortungsvollen Lage weniger Unheil anrichten als wenige Ehrgeizlinge. Mir gen�gt es, wenn sie ihr Erbteil nicht v�llig vertun. Weit werden wir ja nicht kommen, falls sie allein das Reich betreuen sollen. Aber es ist noch immer besser, als wenn Schriftgelehrte sich �ber das Erbe in die Haare geraten. Vielleicht werden die Sendboten an ihrer Aufgabe wachsen. Derlei ist schon vorgekommen.�</p><p>�Und woraus besteht eigentlich deiner Meinung nach dieses Erbe?� wagte ich zu fragen. �Sag es mir!�</p><p>Ohne es selbst zu merken, hatten wir begonnen, auf dem Forum mit langen Schritten hin und her zu gehen, wie Sophisten im Wortgefecht. Myrina hatte sich unterdessen auf den Mittelpunktstein der Stadt gesetzt, um ihren F��en Ruhe zu g�nnen. Pl�tzlich hielt Simon inne und warf mir einen finsteren Blick zu; der Arm, den er ausgestreckt hatte, fiel schlaff herab.</p><p>�W��te ich es nur selber!� klagte er gequ�lt. �W�hrend der Wartezeit habe ich viel von Jesu Botschaft geh�rt; aber je mehr ich erfuhr, desto inbr�nstiger hoffte ich, alles sei nur das Gestammel eines verr�ckten Propheten. �brigens hielten auch Jesu Mutter und seine Verwandten ihn f�r einen Sonderling und versuchten, ihn, nachdem er in Galil�a zu predigen angefangen hatte, wieder nach Hause zu bringen, allerdings vergebens. Er war den Rechtschaffenen gegen�ber zu erbarmungslos und den S�ndern gegen�ber zu nachsichtig. Es gibt sehr urteilsf�hige Leute, die der Meinung sind, er habe seine Wunder mit Hilfe Beelzebubs gewirkt�� eines b�sen Geistes, eines jener alten G�tter, die, wie du vielleicht geh�rt hast, noch im Lande leben. Ich habe mir auch nicht alles genau eingepr�gt, was Jesus gesagt haben soll; es scheint ja heute dies und morgen das gewesen zu sein. Sogar Leute, die ihm an genau dem gleichen Tage gelauscht haben, berichten ganz verschieden dar�ber. Du kannst dir vielleicht vorstellen, was f�r ein heilloser Schreck es f�r mich war, als ich ihn lebend vor mir sah, jenen Mann, dem ich selbst auf meinem R�cken das Kreuz zur Sch�delst�tte getragen hatte. Ich kann ihn nicht verleugnen, aber auch nicht verstehen.�</p><p>�Vergib uns unsere Schulden�, fuhr er nach einer kleinen Weile, die Handfl�chen aneinanderpressend, fort, �wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern. Das verstehe ich, obwohl es mir ganz gegen den Strich geht. Soll ich etwa auch dem Herodes Antipas nachsehen, was er mir schuldet? Jedesmal, wenn der Tetrarch Jerusalem besucht, kommt sein K�mmerer Chusa zu mir um Geld gelaufen. Ich rechne zwar ohnedies kaum damit, diese Betr�ge je zur�ckzubekommen; es handelt sich auch nicht um gro�e Darlehnssummen, sondern eher um h�flich verschleierte Bestechungsgelder, damit er mir bei gewissen Gesch�ften in Per�a und Galil�a keine Schwierigkeiten macht. Aber es wurmt mich, da� ich zum F�rsten gehen und, nicht nur mit den Lippen, sondern aus ganzem Herzen, seine Schulden f�r nichtig erkl�ren soll. Dabei wei� ich, da� er Jesus vor der Kreuzigung verspottet hat.</p><p>Einigen armen Galil�ern habe ich die Schulden gestrichen, statt, wie ich urspr�nglich wollte, ihren Grundbesitz zu einem gro�en Landgut f�r meinen Sohn Rufus zu verschmelzen. Aber das sind Familienv�ter, die ohne eigenes Verschulden, durch die dreifachen Abgaben und die Heuschreckenplage, mit ihrer Darlehenstilgung in R�ckstand gerieten. Ich erz�hle dir das nicht, um damit zu prahlen; angeblich hat ja Jesus gesagt, bei einer Guttat d�rfe die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, geschweige denn, da� jemand anderer es erf�hrt. Aber rate mir! W�re es nicht in jeder Beziehung vern�nftiger, beim Tetrarchen so viel wie m�glich an Au�enst�nden einzutreiben und den Betrag unter die Armen zu verteilen, als ihm seine Schulden zu erlassen?�</p><p>Er stellte mir die Frage ernstlich, und ich dachte dar�ber nach. �Ich glaube, du zerbrichst dir zu sehr den Kopf �ber dein Verm�gen und deine Au�enst�nde�, erkl�rte ich behutsam. �Ich bin auch wohlhabend, mache mir aber keine �bertriebenen Sorgen mehr um meinen Besitz. Vielleicht kommt das daher, da� mir mein Reichtum ohne eigenes Zutun und auf eine vielfach als unr�hmlich betrachtete Art in den Scho� gefallen ist. Jedenfalls aber w�rde ich dir empfehlen, zu warten und nichts zu �bereilen. Ich habe geh�rt, da� sogar die Sendboten sich darauf gefa�t machen, n�tigenfalls zw�lf Jahre in Jerusalem darauf zu harren, da� eine bestimmte Verhei�ung sich erf�llt und ihnen ein klareres Verst�ndnis aller Dinge zuteil wird. Warum solltest du ihnen mit deinen Entschl�ssen vorgreifen?�</p><p>�Warum? Weil ich ein harter, schlechter Mensch bin�, erwiderte Simon ohne Z�gern, als h�tte er diese Frage schon lange erwogen. �Ich habe es eilig, damit mir meine eigene Schuld, die Herzlosigkeit, verziehen wird.�</p><p>�Jetzt denkst du auf deine altgewohnte Art, als Kaufmann�, hielt ich ihm vor. �Du willst f�r das, was du bietest, einen Gegenwert empfangen. Ich bezweifle, da� Jesus von Nazareth jemandem etwas blo� deshalb gibt, weil es ihm geb�hrt. Er wurde, glaube ich, als Mensch in diese Welt geboren, um, da niemand sich selbst ents�hnen kann, f�r die S�nden aller Menschen zu b��en. Das ist eine widersinnige Vorstellung. Aber, wie du selbst sagst, es gibt in seiner Lehre noch viele andere Dinge, die in den Augen der Weisen Torheit sind.�</p><p>Simon griff sich an die Stirn und seufzte tief auf. �Ich verstehe nicht, was du sagst. Ich bekomme nur immer st�rkeres Kopfweh davon. Glaubst du wirklich, da� es sich um eine Art von Sklaven- und Kaufmanns�berheblichkeit handelt, wenn ich mir auf dem einzigen mir offenstehenden Wege die Vergebung meiner S�nden zu erkaufen trachte? Wer bist du, da� du mich belehren willst? Sagtest du nicht, man h�tte dir verboten, von Jesus zu reden?�</p><p>Ich bereute bitter meine Unbedachtheit und bat: �Verzeih mir, Simon von Kyrene! Wer bin ich wirklich, da� ich dich belehren d�rfte? Du hast mich zwar um Rat gefragt, aber ich h�tte schweigen sollen. Von diesen Dingen verstehe ich ja bestimmt nicht mehr als du, wahrscheinlich sogar weniger, nachdem du �lter und erfahrener bist. Suche also sein Reich auf deinem Wege, und ich will es auf meinem Wege tun.�</p><p>Wie geistesabwesend streckte Simon seine schwielige Hand aus und streichelte der noch immer auf dem Stein sitzenden Myrina die Wange. �H�tte ich doch eine Tochter!� klagte er. �Immer habe ich mir eine Tochter gew�nscht. Vielleicht w�re ich vertr�glicher geworden, wenn ich au�er meinen Buben noch ein M�del h�tte.�</p><p>Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen, und vor den H�usern wurden Lampen angez�ndet. �Wieder haben wir viel miteinander gesprochen�, sagte Simon, �und je l�nger wir sprachen, desto unbehaglicher wurde mir zumute.� Dann starrte er verwundert auf seine Hand und f�gte hinzu: �Kaum aber habe ich die Wange deiner Tochter ber�hrt, so hat mein Kopfweh aufgeh�rt, und ich f�hle mich zufrieden und wohl!�</p><p>�Sie ist nicht meine Tochter. So alt bin ich noch nicht�, erkl�rte ich. �Es ist meine Schwester Myrina. Sie versteht deine Sprache nicht.�</p><p>�Sie mu� mit dir auf dem Berge gewesen sein�, meinte Simon und starrte noch immer wie im Halbschlaf auf seine Hand. �Ich habe das gesp�rt, sobald ich sie ber�hrte. Als du mit mir zusammenstie�est und meinen Arm packtest, habe ich nichts dergleichen empfunden. Von ihr ist Friede auf mich her�bergestr�mt, und jetzt werde ich mich nicht l�nger um unn�tige Dinge sorgen. Unsere Begegnung hat sich gef�gt, nicht, damit ich mir deine Spitzfindigkeiten anh�re, sondern, damit ich die Wangen deiner Schwester ber�hre.�</p><p>Das war unbillig gesprochen, dachte ich mir. Aber ich wollte seinen Seelenfrieden, wenn er ihn tats�chlich durch die Ber�hrung gefunden hatte, nicht mit Einwendungen st�ren. Indes f�hlte ich mich pl�tzlich sehr m�de; das Gespr�ch schien mich mehr ersch�pft zu haben als die lange Tagereise. Ich setzte deshalb meinen Weg zu den Thermen fort. Simon begleitete uns, Myrina an der Hand haltend. So schritten wir alle drei, Hand in Hand, Myrina in der Mitte. Als wir zu einem beleuchteten Gasthof kamen, bestand Simon darauf, uns ein Mahl zu geben; es war n�mlich eines jener Speiseh�user, wo freisinnige Juden und Heiden gemeinsam aus der gleichen Sch�ssel essen konnten.</p><p>So brachen wir miteinander das Brot, a�en Fisch und Salat, und niemand nahm Ansto� daran, da� Myrina mit uns teilte. Simon lie� sogar Wein f�r uns mischen, w�hrend er selbst Wasser trank. Myrinas Augen begannen zu gl�nzen, ihre schmalen Wangen r�teten sich, und auch ich sp�rte, wie die guten Speisen und der Wein mich wohlig w�rmten. W�hrend des Mahles sprach Simon mit ganz anderer Stimme als bisher, viel umg�nglicher. Um uns zu unterhalten, erz�hlte er uns in seinem kyren�ischen Griechisch eine Geschichte.</p><p>�Am anderen Ende der Welt liegt ein gro�es Reich, aus dem die Seide nach Rom kommt. So weit ist es dorthin, da� die Seidenstra�e durch viele L�nder verl�uft, und es dauert zwei Jahre, bis die Ware Tyros erreicht. Im r�mischen Reich ist die Erde rot; aber im Seidenreich ist sie gelb, und auch die Einwohner haben gelbe Haut. Das ist kein M�rchen. Ich selbst habe in Tyros einen gelbh�utigen Mann gesehen, und seine Hautfarbe war nicht Folge einer Krankheit. Der Mann hat mir beteuert, in seiner Heimat seien alle Leute am ganzen K�rper gelb; sein Land sei m�chtiger als Rom und habe eine so hohe Gesittung, da� die Griechen dagegen Barbaren seien. Ohne Zweifel �bertrieb er die Vorz�ge seines Vaterlandes, aus dem er hatte fliehen m�ssen. Er erz�hlte mir�� und das gleiche habe ich auch von anderen weitgereisten M�nnern geh�rt��, da� dort vor einiger Zeit ein neuer K�nig zur Macht gekommen sei, der den fr�heren Herrscher abgesetzt und sich Sohn des Himmels genannt habe. Er soll die bestehende Ordnung umgest�rzt und den Boden zum gemeinsamen Eigentum aller erkl�rt haben. Seither durfte niemand mehr Land besitzen. Vielmehr mu�ten alle den Boden gemeinschaftlich bebauen, und der K�nig sorgte angeblich daf�r, da� jeder einzelne seinen Lebensunterhalt fand. Und das alles ist noch nicht sehr lange her. Der K�nig hat n�mlich zwanzig Jahre lang geherrscht, und erst vor wenigen Jahren drangen nach Tyros Nachrichten, wonach die Bauern sich erhoben und den K�nig durch einen Aufruhr absetzten. Der neue Herrscher soll die urspr�ngliche Ordnung wiederhergestellt haben. Der Fl�chtling in Tyros r�stete sich gerade f�r die R�ckkehr in seine Heimat, wo er vor der Zeit des verr�ckten K�nigs eine hohe Stellung eingenommen hatte.�</p><p>Nach einer kleinen Pause fuhr Simon fort: �Nat�rlich ist vieles nur Fabelei. Zum Beispiel hat der gelbe Mann erz�hlt, in seinem Lande werde die Seide von W�rmern gesponnen und die Menschen h�tten nichts zu tun, als die F�den einzusammeln und zu Stoffen zu verweben. Aber �ber diesen Sohn des Himmels und seine tollen Neuerungen habe ich viel nachgedacht. So etwas k�nnte sich ja auch im r�mischen Reich zutragen, wo mehr und mehr Land in den H�nden einzelner vereinigt wird, so da� schlie�lich alle anderen zu Tagl�hnern oder zu Sklaven werden m�ssen. F�r die gro�e Mehrheit der Bev�lkerung w�re es dann ganz gleichg�ltig, ob das Land im gemeinsamen Besitz aller st�nde und von Staats wegen bewirtschaftet w�rde oder aber in den H�nden einiger weniger bliebe. Und wenn ich an Jesus von Nazareth denke, f�rchte ich manchmal, er k�nnte, falls er auf Erden K�nig w�rde, eine �hnliche Ordnung einf�hren, bei der niemand etwas f�r sich besitzt, sondern alles gemeinsames Eigentum ist. Nur jemand, der wie ich Sklave war, kann ganz ermessen, wie gef�hrlich, ja wie unm�glich etwas Derartiges ist. Selbst ein Sklave mu�, um leben zu k�nnen, etwas haben, was er sein eigen nennen kann, und sei es auch nur eine Kleinigkeit. In Kyrene war oft ein Sklave sogar auf seine Fu�eisen stolz, weil sie gr��er und schwerer waren als die anderer. Jedenfalls ist es eine Beruhigung f�r mich, da� Jesu Reich nicht von dieser Welt ist. Wenn er solche Neuerungen vorgehabt h�tte, w�re er als Kaiser von Rom und nicht als K�nig der Juden zur Welt gekommen.�</p><p>Ich warnte: �Ist es klug, in einem �ffentlichen Speisehaus zu politisieren? Im �brigen kam nach meiner Auffassung schon mit Jesu Geburt sein Reich auf die Erde und weilt noch bei uns, allerdings unsichtbar. Deshalb vermag kein Herrscher sich von au�enher dieses Reiches zu bem�chtigen. Man kann Jesu Anh�nger verfolgen, nicht aber sein Reich st�rzen, da es in uns ist�� falls du verstehst, was ich meine; ich begreife es n�mlich selber nicht recht.�</p><p>Traurig sch�ttelte Simon den Kopf und sagte: �Bist du aber unerfahren! Und Menschenkenntnis hast du auch wenig! Das Reich jenes Himmelssohnes ging nach zwanzig Jahren unter, obwohl es fa�bare Wirklichkeit war. Wie soll dann ein unsichtbares Reich sich halten, wenn der Herrscher nicht mehr da ist? Glaube mir, sobald wir Augenzeugen seines Auftretens tot sind, wird sein Andenken auf Erden uns nicht um viele Jahre �berleben. Wie sollte jemals ein Mensch, der sich nicht mit eigenen Augen von Jesu Gotteskindschaft �berzeugt hat, zum Glauben an ein unsichtbares Reich bekehrt werden? Ein Jahrhundert lang h�tte sich etwas von ihm erhalten k�nnen, wenn seine Lehre vern�nftig und der menschlichen Natur gem�� w�re. Aber sie schl�gt doch allem ins Gesicht, was je bestanden hat!�</p><p>Seine einleuchtenden Darlegungen betr�bten mich. �Also glaubst du nicht, da� die Welt sich durch ihn und kraft seines Namens �ndern wird?� fragte ich.</p><p>�Nein, wirklich nicht�, entgegnete Simon rundheraus. �Nein. Diese Welt und die menschliche Natur kann jetzt nicht einmal Gott mehr �ndern.�</p><p>Er hielt inne und fuhr dann fort: �Nach der Speisung der F�nftausend haben doch sogar diese Galil�er vorgehabt, Jesus zu entf�hren und zum K�nig zu kr�nen. Wenn selbst sie ihn so v�llig mi�verstanden, wie sollen jene ihn begreifen, die ihn �berhaupt nie gesehen haben? Denke nur daran, wie anfechtbar, wie gef�hrlich seine Lehre ist! Er hat S�nder um sich versammelt. Noch am Kreuze hat er, wie man mir erz�hlte, einem der Schacher neben ihm verhei�en, er werde in sein Reich eingehen. Mit einem Worte, seiner Lehre kann nur der P�bel, der nichts anderes zu erhoffen hat, Geh�r schenken. Die Machthaber werden bestimmt alles tun, damit eine solche Lehre sich nicht zu sehr ausbreitet.�</p><p>Myrina hob l�chelnd die Hand und streichelte Simons b�rtige Wange. �Weshalb machst du dir so viele Sorge um die Verbreitung seiner Lehre?� fragte sie. �Diese Dinge brauchen dich nicht zu bek�mmern, ebensowenig wie meinen Bruder Marcus oder mich. Freuen wir uns doch lieber �ber ihn und dar�ber, da� wir ihn auf dem Berge sahen! Er ist ein tr�stliches Licht, und jetzt, nachdem ich ihn erblickt habe, werde ich mich nie mehr ganz schutzlos f�hlen. Du aber redest immer nur von der b�sen Finsternis.�</p><p>Die Griechin hatte bisher derart bescheiden und schweigsam dagesessen, da� wir beide �ber ihre Worte so erstaunten, als h�tte ein lebloser Tisch pl�tzlich zu sprechen begonnen. Frohsinn kehrte von neuem in uns ein, und als wir in ihr strahlendes Gesicht blickten, sch�mten wir uns unserer t�richten Reden. Wieder wohnte das Reich in uns, und mein Herz str�mte �ber vor Liebe zu Myrina, und auch zu Simon von Kyrene. Lange sa�en wir schweigend und blickten uns blo� gegenseitig an, ohne uns von dem L�rm der anderen G�ste st�ren zu lassen. Simon bezahlte freigebig die Zeche und begleitete uns noch bis zu dem griechischen Gasthof. Dort verabschiedeten wir uns von ihm.</p><p>Fast bis Mittag schliefen Myrina und ich in unserem Zimmer hinter zugezogenen Vorh�ngen, so ersch�pft waren wir von der Wanderung und allen unseren Erlebnissen. Auch w�hrend des Schlafes schwand unser Gl�cksgef�hl nicht; es war noch da, als wir die Augen wieder aufschlugen, und jeder von uns beiden freute sich, den anderen erwachen zu sehen.</p><p>Mein Frohsinn hielt an, bis mir Claudia Frocula einfiel und meine Zusage, ihr zu berichten, was sich auf dem Berge ereignet hatte. Myrina fragte, was mich bedr�ckte. Als ich ihr von der Gattin des Statthalters und ihrer Krankheit erz�hlte, schlug sie treuherzig vor, wir sollten sie gemeinsam aufsuchen, um ihr die frohe Botschaft zu �berbringen und zu bezeugen.</p><p>Aber vorerst hatte ich das Bed�rfnis, die Spuren der Strapazen einer Wanderfahrt zu tilgen, die schon mit meiner Ankunft in Jerusalem begonnen zu haben schien. Mein j�discher Mantel roch nach Schwei�, und mein Untergewand war schmutzig. Ich wollte frische Kleider anlegen und mir den Bart abnehmen lassen, da ich jetzt keine Ursache mehr sah, die Tatsache, da� ich R�mer bin, zu verbergen. So ging ich in die Thermen und lie� mich rasieren und frisieren und mir die K�rperhaare auszupfen. Nachdem man mir die Reisem�digkeit aus den Gliedern massiert und meinen Leib mit Salben eingerieben hatte, zog ich neue Kleider an und schenkte die alten dem Badew�rter. Jetzt, da ich wieder so aussah wie fr�her, sch�mte ich mich innerlich meines Bem�hens, mich bei den Juden durch Bart und Mantelquasten in Gunst zu setzen. Als ich in mein Zimmer zur�ckkam, nahm ich sogar meinen Goldring aus der B�rse und streifte ihn mir �ber den Daumen.</p><p>Auch Myrina kam aus dem Bade zur�ck; sie hatte sich, wie ich feststellte, ebenfalls das Haar behandeln und das Gesicht versch�nern lassen. Nun trug sie ein wei�es, mit Goldf�den durchwirktes Kleid. Wir blickten einander lange an, als kennten wir uns gegenseitig nicht. Ich h�tte mich dar�ber freuen m�ssen, da� ich mich nun ihrer vor den reichen Kurg�sten und vor Claudia Procula nicht zu sch�men brauchte. Aber ich wurde ihrer Sch�nheit nicht froh. Ihr Gewand und ihr bemaltes Gesicht machten sie mir fremd. Mir wurde bewu�t, da� ich lieber in ihr das M�dchen mit dem mageren Gesicht und den schlanken Gliedern sah, das, mit einem schmutzigen Mantel zugedeckt, auf einem Berg in Galil�a in meinen Armen geschlafen hatte.</p><p>Doch Myrina hatte sich bestimmt mir zuliebe besonders sch�n gemacht; darum durfte ich sie nicht bekritteln und ihr auch nicht gestehen, da� mir ihre Schauspielertunika und die abgetragenen B�hnensandalen lieber waren als feine Schuhe und Goldstickereien. Aber Myrina sah mich befremdet an und sagte: �So habe ich dich auf dem Schiff nach Joppe kennengelernt. So hast du ausgesehen, als du mir die schwere Silberm�nze aus deiner B�rse gabst. Nat�rlich tust du recht daran, mir ins Ged�chtnis zu rufen, wer du bist und wer ich bin. Es war gedankenlos von mir, dir vorzuschlagen, du solltest mich zur Gattin des Prokurators mitnehmen.�</p><p>Ich erinnerte sie an die Freude, mit der wir beide unser Erwachen gesehen hatten, und f�gte' hinzu: �Du mu�t begreifen, da� ich des schwei�igen Wollmantels und meines Bartes �berdr�ssig war. Ich wollte mich wieder sauber f�hlen. Wenn die rechtgl�ubigen Juden jetzt sogar meinem Schatten ausweichen, kann umgekehrt eines Tages ihren Nachkommen das gleiche widerfahren, und vielleicht werden dann die V�lker der Erde ausspucken, sobald sie nur einen Juden erblicken. Ich dachte, du w�rdest froh sein, mich so zu sehen.�</p><p>Aber zwischen uns war eine Abk�hlung eingetreten, und pl�tzlich �berkam mich der Gedanke, es k�nnte wirklich unpassend sein, Myrina zu Claudia Procula mitzunehmen. Doch im Herzen wu�te ich, da� ein solcher Gedanke Verrat an ihr war, ein Verrat, den ich ihr unter keinen Umst�nden antun wollte. Sie lie� sich lange zureden, ehe sie sich einverstanden erkl�rte mitzukommen, und im gleichen Augenblick erschien schon ein Bedienter mit der Nachricht, die Gattin des Statthalters sei bereit, mich zu empfangen.</p><p>Als wir uns dem Sommerpalast n�herten, bemerkte ich, da� die Kurg�ste nicht mehr neugierig das Geb�ude umschw�rmten und in den Garten zu sp�hen versuchten; auch von der rotmanteligen Ehrengarde des Herodes Antipas war nichts zu sehen. Ein syrischer Legion�r aus Claudias eigenem Gefolge winkte l�ssig, zum Zeichen, da� ich eintreten k�nne. Alles zeigte, da� der Aufenthalt der Prokuratorsgattin in Tiberias schon zum Alltag geh�rte; sie war nur mehr ein vornehmer Kurgast in der Menge der anderen Badeg�ste.</p><p>Claudia Procula ruhte in einem k�hlen Zimmer hinter einem flatternden Vorhang. Sie hatte keine M�he darauf verschwendet, sich f�r mich sch�n zu machen. Die Kr�henf��e an ihren Augenwinkeln und die Unmutsfalten um ihren Mund verrieten mir, wie sehr sie gealtert war. Aber sie gab sich ruhig und aufgeschlossen. Sie zuckte nicht mehr bei jeder Kleinigkeit zusammen, und ihre H�nde hatten aufgeh�rt zu zittern. Aufmerksam musterte sie meine Begleiterin vom Kopf bis zum Fu�e und hob die Augen mit einem fragenden Blick zu mir.</p><p>�Das ist meine Schwester Myrina�, stellte ich vor. �Sie war mit mir auf dem Berge. Deshalb habe ich sie mitgebracht, Claudia. So k�nnen wir drei allein, ohne Zuh�rer, miteinander reden.�</p><p>Nach kurzem Z�gern entlie� Claudia Procula ihre Gesellschafterin, lud uns aber nicht zum Sitzen ein. W�hrend sie immer wieder Myrina musterte, begann sie sehr lebhaft auf mich einzureden:</p><p>�Du wei�t nicht, was du vers�umt hast. Wenn du nach dem Rennen mit mir zum Bankett des Tetrarchen gekommen w�rest, h�ttest du eine ganze Menge �ber die Lebensart dieses Landes erfahren. Ich mu� zugeben, da� Herodias betr�chtlich besser ist als ihr Ruf und selber an der Peinlichkeit ihrer Stellung leidet. Sie hat mir ein dreireihiges persisches Halsband geschenkt, und wir sprachen ganz offen miteinander �ber alles. Ihre Tochter Salome ist freilich ein schamloses Weibsst�ck und wickelt den Herodes um den kleinen Finger; aber das kommt nur ihrer Mutter zugute. Herodias ist nicht mehr die J�ngste. Und offenbar schrecken die Nachkommen Herodes' des Gro�en vor keiner Form von Blutschande zur�ck. Das scheint so eine Art �berlieferung bei ihnen zu sein, und wir R�mer d�rfen uns nicht zu Sittenrichtern �ber die Br�uche der Orientalen aufwerfen. Diese Leute k�nnen immerhin, wenn sie wollen, ganz bezaubernd sein.</p><p>Jedenfalls ist Herodias eine Pers�nlichkeit, und ihr Endziel scheint es zu sein, dem Gatten die K�nigsw�rde zu verschaffen. Auch dar�ber haben wir gesprochen. F�r Pontius Pilatus ist es ja lebenswichtig, da� Herodes nicht, aus purem Mi�mut, Brandbriefe an den Kaiser Tiberius richtet. Und Herodias ihrerseits versteht vollkommen, da� der Kaiser jetzt nur mehr ein kranker alter Mann ist. Sejanus st�tzt meinen Gatten, und ihm haben wir die Prokuratorstelle zu verdanken. Bei der gegenw�rtigen Sachlage liegt es ebensosehr im Interesse des Herodes wie des Pilatus, gute gegenseitige Beziehungen zu pflegen. Eine Hand w�scht die andere. Das wurde zwischen Herodias und mir klargestellt. So war mein hiesiger Kuraufenthalt auch in dieser Beziehung von Nutzen, und ich gedenke, bald nach C�sarea zur�ckzukehren.�</p><p>Eigentlich verriet ich damit keine Geheimnisse; all das war f�r jeden denkenden Menschen offenkundig. Der Kaiser ist ein gebrechlicher Greis, und der blo�e Name Sejanus weckt solche Furcht, da� alle vern�nftigen Leute im r�mischen Reich sich darauf beschr�nken, schweigend abzuwarten, wann er sich das Volkstribunat und damit die entscheidende Machtposition sichert.</p><p>Ich war der Meinung gewesen, da� Claudia mit ihren st�ndigen Seitenblicken auf Myrina nur herausbekommen wollte, ob meine Begleiterin die lateinische Sprache verstand; aber pl�tzlich zeigte Claudia erregt mit dem Finger auf sie und rief: �Bei der Hekate und ihren schwarzen Hunden�� dieses M�dchen ist doch eine Doppelg�ngerin Tullias!�</p><p>Verdutzt starrte ich Myrina an, und einen Moment lang schien sie mich tats�chlich an Dich, Tullia, zu erinnern. Im gleichen Augenblick wu�te ich, da� ich Dir nie einen meiner Briefe schicken w�rde, und mir ist nun auch klar, da� ich Dich nie mehr zu treffen w�nsche. Denn solange ich Dich in Myrinas Gestalt vor mir stehen sah, f�hlte ich nur Abneigung und Bangigkeit. Aber der Zauber l�ste sich, und als ich jeden Zug in Myrinas Gesicht pr�fte, stellte ich fest, da� sie Dir in keiner Weise gleicht.</p><p>Trotzdem fuhr Claudia Procula boshaft fort: �In der Tat! W�ren ihre Augen dunkel und leuchtend, w�re ihre Nase feiner geschnitten, ihr Haar schwarz und ihr Mund voll, so h�tte sie wirklich einige Ankl�nge an Tullia.�</p><p>Ich wu�te nicht recht, ob sie vielleicht nur Myrina necken wollte. Aber anscheinend meinte sie es im Ernst, und ich wunderte mich dar�ber, was sie an Dich, Tullia, erinnern konnte, da Du nicht die geringste �hnlichkeit mit Myrina hast. �rgerlich rief ich: �La� Myrina in Frieden! Sie wei� schon selbst, da� sie nicht sch�n ist. Und an Tullia mag ich nicht denken. Sprechen wir griechisch! Willst du also erfahren, was auf dem Berg geschehen ist, oder nicht?�</p><p>�Nat�rlich will ich es erfahren�, entsann sich Claudia. �Nun, was gab es dort? Hast du Jesus gesehen?�</p><p>�Wir sahen ihn beide�, erkl�rte ich. �Er ist von den Toten auferstanden und lebt.�</p><p>Auch Myrina best�tigte stockend: �Ja, ja, er lebt.�</p><p>Nun stellte Claudia Procula eine merkw�rdige Frage: �Woher wei�t du, da� es wirklich Jesus von Nazareth war?�</p><p>Daran hatte ich nicht gedacht. F�r einen Augenblick verlor ich die Fassung. Dann erwiderte ich: �Nat�rlich war er es. Wer h�tte es sonst sein sollen? Mehr als f�nfhundert Menschen haben ihn erkannt.� Ich mu�te lachen. �Ich sah ihn selbst; und sein Blick hat mich getroffen. Das gen�gt mir. Er ist kein gew�hnlicher Mensch.�</p><p>Und Myrina erg�nzte: �Kein Mensch kann einen so anblicken.�</p><p>Claudia musterte uns scharf und verh�rte uns wie ein Untersuchungsrichter: �Ihr saht ihn bei Nacht. War es nicht mondlos und sehr dunkel?�</p><p>�Dunkel war es�, gab ich zu. �Aber ich sah ihn deutlich genug. Ein Irrtum ist ausgeschlossen.�</p><p>Claudia Procula hob die H�nde und sagte: �Nein, ich zweifle nat�rlich nicht daran, da� er es war. Aber der Leibarzt des Herodes, der mich weiter behandelt und von Zeit zu Zeit aufsucht, hat mir, ebenso wie auch Herodias selbst, im Vertrauen mitgeteilt, in Galil�a sei ein merkw�rdiger Mann umhergewandert, den viele f�r Jesus hielten. Doch die Berichte dar�ber widerspr�chen einander, und niemand k�nne sein Aussehen genau beschreiben. Nach der Ansicht verschiedener H�flinge soll es sich um einen Verr�ckten oder Besessenen handeln, der sich absichtlich H�nde und F��e verwundet hat. Andere wieder behaupten, seine J�nger h�tten, nachdem sie den Leichnam aus dem Grabe stahlen, ihre Machenschaften fortgef�hrt, indem sie jemanden dazu verleiteten, Jesu Rolle zu spielen.�</p><p>Als Claudia meinen Blick sah, f�gte sie entschuldigend hinzu: �Ich wiederhole nur, was ich geh�rt habe. Ich sage nicht, da� es meine Meinung ist. Aber es bestehen sehr viele M�glichkeiten. Der Arzt hat die Angelegenheit vollkommen sachlich mit anderen Gelehrten er�rtert. Da gibt es zum Beispiel in der W�ste beim Salzmeer eine j�dische Sekte, deren Mitglieder in einem abgeschiedenen Hause leben und durch Beten, Fasten, Kasteiungen, gemeinsame M�hler und die Taufe so heilig wurden, da� sie nicht mehr gew�hnliche Menschen sind. Ihre wei�en Kleider sollen im Finstern leuchten. Sie haben geheime Anh�nger in Jerusalem und anderswo. Herodes der Gro�e hat sie f�r so gef�hrlich erachtet, da� er sie verfolgte. Sie mu�ten nach Damaskus fliehen und kehrten erst nach seinem Tode in die W�ste zur�ck. Man wei� nicht viel von ihnen, weil sie keine Fremden zulassen; aber es mag sein, da� sie�� oder zumindest die heiligsten unter ihnen�� mehr wissen als andere Menschen. Bei ihnen werden verschiedene Grade der Heiligkeit unterschieden.</p><p>Gestern nun hat der Leibarzt, nachdem er mit anderen Gelehrten gesprochen hatte, auf die M�glichkeit hingewiesen, diese W�stensekte k�nnte aus irgendwelchen Gr�nden Jesu T�tigkeit genau beobachtet und ihn, vielleicht sogar ohne sein Wissen, besch�tzt haben. Besonders auff�llig ist ja, da� es zwei Mitglieder des Hohen Rates waren, die Jesus nach der Kreuzigung ins Grab legten. Maria Magdalena hat in der Gruft im D�mmerlicht eine leuchtend wei�e Gestalt gesehen und sie f�r einen Engel gehalten. Jesu J�nger sind schlichte Leute und m�gen zu verschreckt gewesen sein, um seinen Leichnam zu stehlen; aber f�r die W�stenheiligen war das nicht schwierig. Vielleicht haben sie durch Magie den K�rper wiederbelebt. Oder aber es spielt einer von ihnen unter dem einfachen Volk von Galil�a Jesu Rolle. Was sie dazu veranlassen mag, das Volk an die Auferstehung des Gekreuzigten glauben zu machen, ist schwer zu sagen. Unter Umst�nden k�nnten sie ein bestimmtes Interesse daran haben, das Ansehen des Tempels zu untergraben. Aber, wie der Arzt sagte, wer politisch zu denken gewohnt ist, wird alles politisch erkl�ren wollen. Sie m�gen ebensogut geheime religi�se Beweggr�nde haben. Jedenfalls sind sie zu klug, um die T�uschung endlos fortzusetzen. Mit dieser Erscheinung�� oder was immer es gewesen sein mag�� vor den zuverl�ssigsten Anh�ngern des Nazareners im Nachtdunkel auf dem Berge soll, soviel ich erfahren habe, die ganze Sache ein Ende finden.�</p><p>Da Claudia merkte, mit welcher Best�rzung ich diesen Deutungsversuchen folgte, hob sie nochmals die H�nde und sagte: �Ich glaube das alles nicht. Ich gebe nur wieder, was andere mir hinterbracht haben. Seine eigenen vertrautesten J�nger k�nnen ihn bestimmt nicht verkannt haben, auch im Dunkel nicht�� au�er, sie hatten selbst bei der T�uschung die Hand im Spiele. Sag mir �brigens eines: Hast du zu ihm von mir gesprochen?�</p><p>Verlegen erwiderte ich: �Ich kann es dir nicht auf verst�ndliche Art erkl�ren; doch ich glaube, ich h�tte auch, wenn ich dazu willens gewesen w�re, ihm gegen�ber nichts von dir erw�hnen k�nnen. Aber es kam mir nicht einmal in den Sinn; denn als ich Jesus sah, schwanden alle Gedanken aus meinem Kopf.�</p><p>Zu meiner �berraschung machte Claudia mir keine Vorw�rfe. Im Gegenteil, sie sagte mit einer gewissen Genugtuung: �Johanna hat mir genau das gleiche erz�hlt. Und sie hat am Morgen von einer Stelle, auf der ihrer Erinnerung nach Jesus gestanden hatte, ein wenig Erde genommen, in ein Tuch gewickelt und mir gebracht. Diese Erde sollte ich in die Hand nehmen oder nachts auf die Stirn legen, um vielleicht Heilung zu finden. Aber derlei Dinge brauche ich nicht mehr.�</p><p>Sie warf mir einen r�tselhaften Blick zu und erkl�rte zu meiner ma�losen Verbl�ffung: �Du mu�t n�mlich wissen, ich war selbst auf dem Berg, und Jesu hat mich geheilt.�</p><p>Als sie meine Verdutztheit sah, brach sie in fr�hliches Lachen aus, klatschte in die H�nde und rief: �Da staunst du, was? Setz dich neben mich, Marcus! Und du M�dchen, nimm auch Platz, wo du magst! Nein, ich will damit nicht sagen, da� ich k�rperlich dort war. Aber ich hatte in dieser Nacht einen wunderbarerf Traum, den ersten guten seit langer Zeit. Du wei�t, ich bin eine empfindsame, leicht beeinflu�bare Frau. Ich tr�ume oft, da� man mir ins Gesicht schl�gt, mich kneift oder an den Haaren zieht. Das alles sp�re ich leibhaft, als Wirklichkeit, und kann trotz aller Anstrengungen keinen Finger r�hren, bis es mir schlie�lich gelingt, einen Schrei auszusto�en. Dann erwache ich von dem eigenen Kreischen, in Schwei� gebadet und so ver�ngstigt, da� ich nicht mehr einzuschlafen wage.�</p><p>Nach einer kleinen Pause fuhr sie in ernstem T�ne fort: �Ja, also, wir sprachen vom Berge. An ihn habe ich in den letzten Tagen sehr viel gedacht, und so ist es nicht verwunderlich, da� mich�� empfindsam wie ich bin�� in dieser Nacht der Traum dorthin versetzt hat. Es war so finster, da� ich die vielen reglosen Gestalten, die wartend um mich her auf dem Boden knieten, mehr sp�rte als sah. Und im Traum hatte ich nicht die geringste Furcht. Dann stand pl�tzlich eine leuchtende Erscheinung vor mir, und ich wagte nicht, den Blick zu heben�� keineswegs aus Angst, sondern aus dem starken Gef�hl, es sei besser, der Lichtgestalt nicht ins Antlitz zu schauen. Die Erscheinung sprach zu mir in g�tigem T�ne und fragte: �Claudia Procula, h�rst du meine Stimme?� Ich antwortete: �Ich h�re deine Stimme.� Die Gestalt sprach: �Ich bin Jesus von Nazareth, der Judenk�nig, den dein Gatte Pontius Pilatus in Jerusalem kreuzigen lie�.� Ich erwiderte: �Ja, der bist du.� Dann sagte Jesus etwas von L�mmern, was ich, in der Schafzucht unbewandert, nicht verstand und vergessen habe. Aber es klang wie Tadel, als er schlie�lich erkl�rte: �Ich bin die T�r f�r die Schafe. Ich lasse meine L�mmer nicht von Dieben und R�ubern t�ten.� Ich wu�te sofort, da� er mit den Dieben und R�ubern auf Pontius Pilatus anspielte und erkl�rte rasch: �Er wird bestimmt deine L�mmer nicht mehr verfolgen. Und auch dir h�tte er nichts zuleide getan, w�re er nicht durch politische Erw�gungen dazu gezwungen worden.�</p><p>Aber er achtete nicht auf meine Erkl�rungen; und so nahm ich an, die ganze Sache sei f�r ihn v�llig belanglos geworden und er hegte keinen Groll gegen Pilatus. Er sprach weiter �ber Schafe und sagte: �Ich habe auch noch andere L�mmer.� Da ich nicht wu�te, was ich antworten sollte, bemerkte ich, um freundlich zu sein: �Ich bin �berzeugt, da� du ein guter Hirte bist.� Diese Worte schienen ihn zu freuen; denn er entgegnete gleich: �Du sagst es. Ich bin der gute Hirte. Ein guter Hirte gibt das Leben hin f�r seine Schafe.� Im Traum kamen mir fast die Tr�nen, und es dr�ngte mich, ihn zu fragen, ob auch ich in seine Herde aufgenommen werden k�nnte. Doch ich wagte die Frage nicht. Ich f�hlte nur, wie er mir die Hand auf den Kopf legte. Und davon erwachte ich, sp�rte aber auch nach dem Erwachen noch die Hand auf dem Kopfe. Es war ein sch�ner Traum�� der sch�nste, den ich je gehabt habe. Als ich ihn mir so eingepr�gt hatte, da� ich nichts davon vergessen konnte, schlummerte ich wieder ein und schlief lange. Seitdem habe ich keine Schrecktr�ume mehr. Ich verstehe es so: Jesus hat mich geheilt, unter der Bedingung, da� seine Anh�nger nicht verfolgt werden.�</p><p>Claudia Procula kicherte wie ein Backfisch und hielt sich dann besch�mt die Hand an den Mund. �Diese Bedingung ist leicht zu erf�llen�, meinte sie. �Pontius hat keine Veranlassung, die J�nger des Nazareners zu verfolgen. Im Gegenteil. Wenn aus ihnen eine Partei wird, so f�hrt das zu einer weiteren Zersplitterung unter den Juden, und das ist Wasser auf die M�hlen der R�mer. Tr�ume sind Sch�ume, sagt man; und wenn Jesus zu mir von L�mmern geredet hat, so wohl deshalb, weil ich geh�rt habe, da� er bei seinen Unterweisungen oft dieses Gleichnis verwendete. Immerhin war es ein besonders lebhafter Traum, und ich hatte ihn zur gleichen Zeit, als du und dieses M�dchen Jesus auf dem Berge sahen. Und vor allem bin ich dadurch von meinen n�chtlichen Angstzust�nden geheilt worden.�</p><p>�Nat�rlich�, fuhr sie nach einer Weile fort, �behauptet der Leibarzt des Herodes, die Genesung sei auf die Schwefelb�der und auf seine Behandlung zur�ckzuf�hren. Ich mag ihn selbstverst�ndlich nicht kr�nken, und er bekommt die �blichen Geschenke. Dennoch glaube ich�� du kannst mich auslachen, wenn du willst��, da� Jesus von Nazareth sich meiner erbarmt und mich durch das Traumbild geheilt hat, weil ich so oft an ihn gedacht und so viele b�se Tr�ume seinetwegen hatte.�</p><p>Dann f�gte sie triumphierend hinzu: �Es mag also fraglich bleiben, wen ihr auf dem Berge gesehen habt; ich habe jedenfalls in meinem Traum Jesus von Nazareth erblickt. Allerdings ist Johanna davon �berzeugt, da� sie auf dem Berge wirklich Jesus sah, und ich bezweifle es nicht.�</p><p>Ich �berdachte Claudia Proculas Bericht. Pl�tzlich begann ich vor Freude zu zittern und fragte ungest�m: �Sagte er wirklich, er habe auch andere L�mmer? Dann hat er ja auch f�r sie sein Leben hingegeben! Hast du geh�rt, Myrina? Dann sind wir nicht aus seiner Gemeinschaft ausgeschlossen!�</p><p>Claudia Procula brach in Lachen aus und rief: �Nein, nein, diese L�mmerfabelei geht entschieden zu weit! Ich kenne Jesus und glaube ziemlich fest daran, da� er von den Toten auferstanden und der Sohn Gottes ist. Johanna hat mich unterwiesen, so da� ich im Notfall beten kann. Und einige seiner Gebote gedenke ich zu befolgen, soweit ich es insgeheim und ohne mir in meiner Stellung etwas zu vergeben, tun kann. Dem Genius C�sars mu� ich auf jeden Fall opfern, auch wenn ich mich um die anderen G�tter Roms nicht mehr schere. Aber das heikelste Problem bei dem allen ist die Frage, wieviel ich meinem Gatten sagen soll. Er ist ein Tatsachenmensch, hat Rechtswissenschaften studiert und h�lt nicht viel von Wundern.�</p><p>�Ich meine�, sagte ich z�gernd, �du t�test gut, ihm so wenig wie m�glich �ber Jesus zu erz�hlen. Diese ganze Angelegenheit ist ein rotes Tuch f�r ihn, weil sein Gerechtigkeitssinn verletzt wurde. Er wird sich �rgern, wenn du ihn daran erinnerst.�</p><p>�Aus ihm wird man nie recht klug�, erkl�rte Claudia. �Als r�mischer Beamter ist er so gew�hnt, seine Gef�hle zu verbergen, da� ich mich manchmal frage, ob er �berhaupt welche hat. Er ist kein b�ser Mensch. Jud�a h�tte einen schlechteren Statthalter bekommen k�nnen. Ihn einen Dieb und einen R�uber zu nennen, war ganz unangebracht; aber ich f�hre das auf die �bliche j�dische Hitzk�pfigkeit zur�ck. Vielleicht hast du recht. Wenn er nicht selbst fragt, schweige ich einfach von der Sache.�</p><p>�Na, und jetzt von etwas anderem!� lenkte sie ab und musterte mich. �Ich bin froh, dich wieder rasiert und anst�ndig gekleidet zu sehen. Deine Begegnung mit Jesus auf dem Berge scheint dir gut getan zu haben. Ich habe mir schon Sorgen �ber dich gemacht und bef�rchtet, die Juden h�tten dir den Verstand vernebelt. Du hast so krankhaft erregt ausgesehen, da� der Leibarzt, mit dem du seinerzeit sprachst, mich nachher fragte, was dir fehlt. Solltest du nicht demn�chst nach Rom zur�ckkehren? In Baiae werden jetzt bald wieder die Rosen bl�hen. Und von dort ist es nicht weit nach Capreae. Manche deiner hier im Osten weilenden Freunde werden sich vielleicht f�r gelegentliche eingehende und wahrheitsgetreue Nachrichten �ber C�sars Gesundheitszustand erkenntlich zeigen. Nat�rlich m��te man daf�r vorher eine Art Geheimsprache verabreden, weil es lebensgef�hrlich w�re, anders �ber das Befinden des Kaisers zu schreiben.�</p><p>Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte Myrina. Offenbar behagte ihr nicht, was sie sah; denn sie zuckte die Achseln und sagte schonungslos: �Ein Jahr der Verbannung d�rfte gen�gt haben, um einen allzu gl�henden Liebhaber abzuk�hlen, so da� du jetzt deiner Tullia wohl wieder recht sein wirst. Ich glaube, sie hat sich in der Zwischenzeit scheiden lassen und neu verm�hlt; ihr k�nnt also eure Beziehungen gut und gern wieder aufnehmen. Niemand trachtet dir in Rom nach dem Leben, falls sie dir das einzureden versucht hat.�</p><p>Offenbar sprach Claudia die Wahrheit. In Rom hat mich also nie Gefahr bedroht! Mir gab es einen Stich. Nicht Deinetwegen, Tullia, sondern wegen meiner albernen Selbstgef�lligkeit, die es Dir erm�glichte, mir vorzugaukeln, Du w�rdest mir nach Alexandria nachkommen.</p><p>�Ich glaube nicht, da� ich je mehr nach Rom zur�ckkehren werde�, erkl�rte ich verbittert. �Und beim blo�en Gedanken an Rosen wird mir �bel.�</p><p>�Dann komm wenigstens nach C�sarea!� lud Claudia Procula mich ein. �Das ist eine moderne, verfeinerte Stadt, unvergleichlich pr�chtiger als das Tiberias des Herodes Antipas. Von dort aus kannst du dich �berallhin nach Belieben einschiffen. Dort kannst du auch Ratschl�ge einholen, die dir helfen werden, etwas aus deinem Leben zu machen. Sch�ne J�dinnen und magere Griechinnen k�nnen doch auf die Dauer einem R�mer nicht gen�gen.�</p><p>Zu meiner �berraschung beendete Myrina selbst das Gespr�ch, indem sie gelassen aufstand und Claudia Procula h�flich f�r die ihr erwiesene Ehre dankte. Dann schlug sie mich ebenso gelassen mit der flachen Hand zuerst auf die eine, dann auf die andere Wange, nahm mich am Arm und f�hrte mich zur T�r. Dort wandte sie sich um und sagte: �Hochgesch�tzte Claudia Procula, zerbrich dir nicht den Kopf dar�ber, wohin Marcus gehen und was er aus seinem Leben machen wird! Ich, Myrina, werde darauf sehen, da� dieses Lamm sich nicht verl�uft.�</p></section><section><p/><empty-line/><p>11</p><p><emphasis>Marcus Mezentius Manilianus gr��t den einstigen Marcus.</emphasis></p><empty-line/><p>Mein letzter Brief ist unbeendet geblieben, und ich will es dabei bewenden lassen. Dieses Schreiben leite ich nicht mit einem Gru� an Tullia ein; er h�tte keinen Sinn mehr. Die fr�heren Briefe waren ja, das wu�te ich im Herzen, ebensowenig f�r sie bestimmt. Schon ihr Name ist jetzt eine Qual f�r mich und verg�llt mir die Erinnerung an mein fr�heres Dasein. Auch Myrina zuliebe mag ich diese Zeilen nicht mehr an Tullia richten.</p><p>Darum gr��e ich nur mein einstiges Selbst, damit ich mir eines Tages, nach vielen Jahren, alles, was mir in dieser Zeit widerfahren ist, vergegenw�rtigen kann, genauso, wie es sich zutrug. Raum und Zeit r�cken ja das Erlebte in die Ferne, die Erinnerung verbla�t, und beim besten Willen entsinnt man sich vergangener Dinge nur undeutlich. Schon w�hrend der Abfassung dieser Briefe hat mich stets der Gedanke beunruhigt, da� ich die Ereignisse verf�lschen k�nnte, da� ich vielleicht �bertreibe oder dieses und jenes hinzudichte. Aber wenn das zutrifft, so geschah es unabsichtlich. Sogar sehr verl��liche Zeugen, die vor Gericht unter Eid aussagen, k�nnen ja Darstellungen liefern, die von dem Gesehenen und Erlebten abweichen.</p><p>Es ist um so wichtiger f�r mich zu schreiben, weil mir zu sprechen verboten wurde. Bezeugen kann ich �brigens vom Reiche nur, da� ich Jesu Tod und sp�ter einen �ber jeden Zweifel erhabenen Beweis seiner Auferstehung sah. Aber selbst dar�ber mu� ich als Nicht-Jude schweigen.</p><p>Wenn daher jemand anderer, der das Geheimnis des Reiches besser kennt, diese Dinge ganz anders darstellen sollte, so will ich gern zugeben, da� er recht hat und mehr dar�ber wei� als ich. Mein Bericht ist blo� f�r mich selbst bestimmt, damit mir noch im Greisenalter�� wenn ich es erreiche�� alles ebenso frisch in Erinnerung tritt wie jetzt. Darum habe ich vieles niedergeschrieben, was f�r jeden anderen au�er mir �berfl�ssig und belanglos ist. Und ich will es auch weiterhin so halten. Wenn einmal viele Jahre verflossen sind, werden diese Briefe mir sagen: Mag ich auch manche gleichg�ltige und nebens�chliche Dinge sorgf�ltig festgehalten haben, ich habe ebenso getreulich vieles Bedeutsame aufgezeichnet.</p><p>W�hrend des Schreibens versuche ich auch, meine eigene Seele blo�zulegen. Meinem pr�fenden Blick entgeht es dabei nicht, da� ich wankelm�tig und allem Neuen zugewandt und oft innerlich haltlos bin. Eitel und ichbezogen und ein Sklave des eigenen K�rpers bin ich, wie Myrina sagt, und habe nichts, worauf ich stolz sein k�nnte. Auch deshalb sind diese Briefe heilsam f�r mich, weil sie mir, sobald ich jemals wieder in �berheblichkeit verfallen sollte, einen Spiegel vorhalten werden.</p><p>Man hat mir Schweigen auferlegt. Ich f�ge mich und gestehe offen, da� dieses Gebot gerechtfertigt ist. Mir fehlt die n�tige Charakterfestigkeit. Ich bin wie Wasser, das, von Gef�� zu Gef�� gegossen, immer die Gestalt des jeweiligen Beh�ltnisses annimmt. K�nnte ich zumindest klar und lauter bleiben! Aber alles Wasser tr�bt sich im Lauf der Zeit und wird faulig. Eines Tages, wenn ich nur mehr ein versumpfender T�mpel bin, werde ich all das wieder lesen und mich daran erinnern, da� mir einst verg�nnt war, Jesu Reich zu schauen.</p><p>Wie kommt es, da� ich, ein Fremdling, Zeuge f�r seine Auferstehung werden und sein Reich erleben durfte? Ich kenne die Gr�nde nicht. Noch immer bin ich �berzeugt, da� es keineswegs ohne Absicht geschah. Mich selbst jedoch kenne ich und wei�, da� meine �berzeugung im Laufe der Jahre zerbr�ckeln wird.</p><p>Aber mag ich in unserer trostlosen Zeit der Zweifelsucht und Triebhaftigkeit noch so sehr durch die eigene Schw�che entarten, stets wird mir die Prophezeiung jenes einsamen Fischers am Strande teuer und wertvoll bleiben. Wie sich diese Vorhersage je erf�llen sollte, w��te ich allerdings nicht zu sagen; sie ist nicht mehr als der Schimmer einer Hoffnung. Doch ohne Hoffnung vermag der Mensch kaum zu leben. Jene anderen M�nner sind unerme�lich reich, und im Vergleich mit ihnen bin ich arm. Doch ich habe Myrina. Vielleicht wurde sie mir gegeben, damit ich an sie meine Hoffnungen kn�pfe. Sie besitzt die Charakterst�rke, die mir fehlt.</p><p>In der Tat hat Myrina gesagt, ich sei, mangels eines besseren Hirten, ihr zur Beh�tung anvertraut worden, und das erfordere gro�e Geduld. Ich schreibe diese Zeilen in Jerusalem, wohin sie mich unversehens gebracht hat. Aber ihretwegen mu� ich zun�chst in diesem Bericht zu den Thermen von Tiberias zur�ckkehren.</p><p>Ich kann mir jetzt nicht mehr erkl�ren, wieso wir, nachdem uns so hohe Freude erf�llt hatte, pl�tzlich in Zwietracht gerieten. Es mu� Claudia Proculas wegen gewesen sein. Jedenfalls verlor Myrina ihre Selbstbeherrschung, versetzte mir zwei Backenstreiche und schleppte mich aus Claudias Hause.</p><p>Ich entsinne mich, da� sie, als wir wieder in unserem Zimmer waren, mir sagte, je mehr feine Damen sie kennenlerne, desto selbstsicherer f�hle sie sich, wenn sie einfach das bleibe, was sie sei, ohne zu versuchen, etwas anderes zu werden. Sie durchst�berte alles nach ihren alten Kleidern, da sie mich unverz�glich verlassen wollte. Ich tat nichts, um sie zur�ckzuhalten, weil ich gegen sie aufgebracht war und weil sie so verletzende Worte zu mir sprach, da� nur Tullia in ihren �rgsten Augenblicken es ihr h�tte gleichtun k�nnen.</p><p>Mit meiner Selbstgef�lligkeit r�umte sie gr�ndlich auf. Sie behauptete sogar, ich h�tte dadurch, da� ich mir Claudia Proculas leeres Geschw�tz anh�rte, Jesus von Nazareth verraten. Sie bezweifelte, ob Claudia �berhaupt etwas getr�umt habe. Ich konnte mich vor Staunen kaum fassen. In diesem T�ne redete sie, die bisher immer derart f�gsam und still gewesen war! Offenbar hatte ich mich in ihr get�uscht, und sie zeigte sich jetzt in ihrer wahren Gestalt.</p><p>So erbarmungslos und treffsicher legte sie alle meine Fehler blo�, da� ich meinte, ein D�mon m��te von ihr Besitz ergriffen haben. Wie h�tte sie sonst mit solchem Scharfblick vieles erw�hnen k�nnen, was sie keinesfalls von mir erfahren hatte? Kurz, sie lie� kein gutes Haar an mir. Und alles, was sie sagte, war gerade in solchem Ausma�e wahr, da� ich sie anh�ren mu�te, obwohl ich schon beschlossen hatte, nie mehr im Leben ein Wort mit ihr zu reden.</p><p>Schlie�lich beruhigte sie sich so weit, da� sie sich hinsetzte, den Kopf in die H�nde st�tzte und vor sich hinstarrte, ehe sie sagte: �Jetzt wei�t du, wie du wirklich bist! Ich wollte weggehen und dich deinem Schicksal �berlassen; du h�ttest es nicht besser verdient. Aber um Jesu willen darf ich mich nicht von dir lossagen, er hat mir dich ja auf die Schultern geladen. Du bist tats�chlich wie ein Schaf unter W�lfen in dieser Welt. Du verstehst dir niemanden vom Leibe zu halten. Jeder kann dich an der Hand nehmen und ins Verderben f�hren. Ich ertrage es einfach nicht, mit anzusehen, wie du dir beim Gedanken an diese Tullia und an alle deine vergangenen Ausschweifungen die Lippen leckst. Zieh dir diesen Goldring vom Daumen!�</p><p>Sie sprang auf, schnupperte an mir und zeterte: �Wie ein alexandrinischer Lustknabe riechst du! Und dein Haar hat mir voll von Kletten besser gefallen als jetzt in Locken geschniegelt. Wahrhaftig, ich w�rde dich auf der Stelle verlassen, w�re ich nicht mit dir auf den galil�ischen Bergwegen gewandert und h�tte ich nicht dabei gesehen, da� du Staub schlucken, dir den Schwei� von der Stirn wischen und ohne Jammern mit wunden F��en weiterlaufen kannst.�</p><p>So zog sie �ber mich her, bis ihr die Worte ausgingen. Ich w�rdigte sie keiner Antwort. �brigens konnte ich ihr nicht einmal in die Augen sehen, da viele ihrer Anschuldigungen zutrafen. Ich will sie nicht alle niederschreiben; meine mir bisher nicht bewu�t gewesenen Schw�chen werden ja ohnedies in meinen Briefen offenbar.</p><p>Schlie�lich rief Myrina: �Und jetzt bleib einmal allein mit dir selber und denke dar�ber nach, ob ich die Wahrheit gesprochen oder �bertrieben habe! Ich will nicht mehr im gleichen R�ume mit dir wohnen.�</p><p>Sie ging und schlug die T�r hinter sich so heftig zu, da� es im ganzen Haus widerhallte. Bald kam eine Magd sehr verlegen herein und holte die Sachen meiner Begleiterin. Aber ich machte mir Myrinas wegen keine Sorgen; nachdem sie von Claudia Procula empfangen worden war, w�rde der Inhaber des Gasthofs ihr schon ein anderes Zimmer geben.</p><p>Als ich alle ihre Anw�rfe �berdachte, war ich tats�chlich niedergeschmettert. Ich setzte mich hin, um die letzten Geschehnisse aufzuzeichnen. Ich schilderte Myrina so sachlich wie m�glich und bem�hte mich, in den Bericht meine eigene Erbitterung nicht einflie�en zu lassen. Tagelang schrieb ich so hinter zugezogenen Vorh�ngen und lie� mir die Mahlzeiten auf das Zimmer bringen. Myrina kam einmal, um mir zu sagen, sie gehe nach Tiberias, um einen griechischen Grabstein f�r ihren Bruder zu bestellen. Ein anderes Mal meldete sie mir, Nathan sei mit den Eseln zur�ckgekommen und wolle mich sprechen. Aber ich blieb verstockt und antwortete nicht, sondern gab nur durch Gesten zu verstehen, da� ich beim Schreiben nicht gest�rt zu werden w�nschte.</p><p>Von nun an kam Myrina nicht mehr nachfragen, ob sie weggehen d�rfe, und erst sp�ter erfuhr ich, da� sie Maria Magdalena besucht hatte. Auch nach Kapernaum war sie gegangen, mit Nathan zusammen.</p><p>Ich z�hlte nicht die Tage, die ich schreibend verbrachte. Zeit bedeutete mir so wenig, da� ich auch nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, schrieb. Schlie�lich schwand die Bitternis in mir, und beim Einschlafen und Erwachen dachte ich wieder an Myrina und an ihre Strafpredigt. Ich fand, es sei hoch an der Zeit gewesen, da� jemand mir die Augen �ber mich selbst �ffnete. Ich konnte zwar manchmal still und dem�tig im Herzen sein; aber bald begann ich, mich wieder aufzubl�hen, und d�nkte mich besser als andere.</p><p>Schlie�lich h�rte ich eines Morgens Myrina in mein Zimmer treten. Ich f�hlte, da� sie mich, in der Meinung, ich schliefe, betrachtete; und im n�chsten Augenblick sp�rte ich, wie sie mein Haar sanft streichelte. Schon durch diese leise Ber�hrung kehrte wieder Freude in mich zur�ck, und ich sch�mte mich, so lange mein Herz verh�rtet zu haben. Aber ich wollte wissen, wie sie sich weiter mir gegen�ber verhalten w�rde; darum drehte ich mich im Bett herum und tat, als erwachte ich eben erst langsam. Sobald ich die Augen �ffnete, wich sie ein wenig zur�ck und sagte eher barsch zu mir: �Du tatest sicher gut daran, dich eine Zeitlang auszuschweigen, Marcus. So hast du nur viel Tinte auf deine Rollen verschwendet, aber keine Dummheiten geredet und niemanden gekr�nkt. Aber jetzt mach dich auf die Beine! Die vierzig Tage sind um, und wir m�ssen sofort nach Jerusalem zur�ck. Nathan wartet unten mit den Eseln. Packe also deine Sachen, zahle die Rechnung und komm! Schmollen kannst du ebensogut auf der Stra�e wie im Zimmer hinter deinen Vorh�ngen.�</p><p>�Myrina�, sagte ich, �verzeih mir, da� ich so bin, wie ich eben bin! Vergib mir auch alle Bosheiten, die ich in diesen Tagen des Schweigens �ber dich dachte! Aber was habe ich in Jerusalem zu tun? Es geht doch schlie�lich nicht an, da� du nach eigenem Belieben �ber mein Kommen und Gehen entscheidest.�</p><p>�Auch das k�nnen wir unterwegs besprechen�, erkl�rte Myrina. �Das j�dische Wochenfest des Webeopfers ist nahe, und viele Leute reisen nach Jerusalem. Beeile dich!�</p><p>Eigentlich �berraschte ihre Aufforderung mich nicht. In den letzten Tagen war in mir selber der Wunsch aufgetaucht, zu erkunden, was Jesu J�ngern in Jerusalem widerfahren w�rde. Ich hatte nichts gegen eine sofortige Abreise, da ich des Schreibens und Schweigens m�de war. Als ich Myrina anblickte, konnte ich meine Freude nicht l�nger bezwingen; ich umarmte sie, dr�ckte sie an mich, k��te sie auf die Wangen und rief: �Du kannst noch so m�rrisch mit mir reden, ich glaube doch, da� du mir wohlwillst. Ich bin in dem Augenblick wieder froh geworden, als du mir, in der Meinung, ich schliefe, das Haar gestreichelt hast.�</p><p>Zuerst wollte Myrina mir einreden, ich h�tte blo� getr�umt. Dann gab sie ihre Ruppigkeit auf, k��te mich und erkl�rte: �Ich habe b�se Worte zu dir gesprochen, aber ich mu�te dir einmal offen meine Meinung sagen. Ich mag dich genau so, wie du bist, wenn du nur einsiehst, da� du so bist und nicht anders. Anders w�rde ich mir dich gar nicht w�nschen. Und ich w�re nie derart grausam gewesen, wenn ich dich nicht so gern h�tte. Nat�rlich entscheidest du selber �ber dein Kommen und Gehen; nur entscheide jetzt, sofort mit mir nach Jerusalem zu kommen!�</p><p>�Mich zieht es ja selber nach Jerusalem�, erkl�rte ich eifrig. �Lange ahnt mir schon, da� dort noch etwas Besonderes zu erwarten ist. Wohin sonst sollte ich mich jetzt wenden? Ich habe nirgends einen Ort, den ich Heimat nennen k�nnte, und bin so sehr ein Fremdling auf der Erde geworden, da� alle L�nder mir gleich sind.�</p><p>Myrina ber�hrte mir Stirn und Brust und sagte: �Auch ich bin ein Fremdling auf Erden. Meine einzige Heimat ist Jesu Reich, obwohl ich nur sehr wenig von ihm wei�. Er hat dich mir 'anvertraut. Deshalb w�nsche ich, dir in deiner Schwachheit St�tze zu sein, deine Freundin, deine Schwester�� was du willst�� und deine Heimat, in guten wie in b�sen Tagen.�</p><p>Auch ich ber�hrte ihr Stirn und Brust und k��te sie wieder. Dann packten wir rasch unsere Sachen, und ich legte mein Reisegewand an. Erst beim Bezahlen der Rechnung stellte ich fest, wie hoch mein griechischer Wirt sein Haus einsch�tzte. Er h�tte mir mein ganzes Geld samt der B�rse abgenommen und sich auch damit noch nicht zufriedengegeben, w�re Myrina mir nicht zu Hilfe gekommen und h�tte ihm seine Rechenfehler nachgewiesen. Ich freute mich, als ich im Hof Nathan und die vertrauten Reittiere sah, und wir machten uns ohne �berfl�ssiges Reden auf den Weg.</p><p>�ber die Reise brauche ich nichts weiter zu erz�hlen, als da� wir diesmal durch Samaria zogen, um die Hitze im Jordantal zu vermeiden und auch den Galil�ern auszuweichen, die sich zum pfingstfestlichen Webeopfer in die Hauptstadt begaben. Knapp vor dem Fest erreichten wir Jerusalem von Sichern her.</p><p>Beim Anblick des Tempels und der Stadt und des Kreuzigungsh�gels befiel mich so heftiges Zittern, da� ich fast von meinem Esel gefallen w�re. Ich stieg ab, bebte aber noch immer an allen Gliedern, so da� ich einen Anfall von Sch�ttelfrost bef�rchtete. Mir wurde schwarz vor den Augen, und die Z�hne klapperten mir. Ich konnte nicht sprechen, nur stammeln, und hatte das Gef�hl, als w�lzte sich �ber mir eine gewaltige Wolke hinweg, aus der jeden Augenblick Blitz und Donner losbrechen k�nnten. Aber der Himmel war klar.</p><p>Die Anwandlung ging bald vorbei, und als Myrina mir Stirn und Wangen bef�hlte, waren sie k�hl. Doch ich wagte nicht, meinen Esel wieder zu besteigen, und ging lieber zu Fu� weiter. Wir betraten die Stadt durch das stinkende Fischtor. Als die Legion�re mein mit Bedacht umgeg�rtetes Schwert sahen und h�rten, da� ich r�mischer B�rger bin, lie�en sie uns unbehelligt passieren. Durch die Stadttore gingen so viele Menschen ein und aus, da� man nicht jeden �berpr�fen konnte.</p><p>Der Syrer Karanthes begr��te mich freudig, und auch ich sah sein b�rtiges Gesicht und seine schlauen Augen gerne wieder. Als er jedoch Myrina erblickte, blinzelte er einigemal, ri� die Augen auf und rief: �Bist du aber von den Reisestrapazen abgemagert, Maria von Beeroth! Und deine Augen haben sich verf�rbt, und auch die Haare! Und deine Nase ist k�rzer geworden! Galil�a ist wirklich ein Zauberland, und ich fange an zu glauben, was man von dort erz�hlt.�</p><p>Er sagte das sicherlich nur, um mich gutm�tig zu h�nseln; aber Myrina mochte solche Scherze nicht.</p><p>Jetzt mu�ten wir uns von Nathan verabschieden und ihn seines Weges ziehen lassen. Er kratzte sich den Kopf und begann, �ber den ihm �bergebenen Geldbeutel Rechnung zu legen. W�hrend ich im Badegasthof krank lag, hatte er die Esel f�r mich in Kapernaum arbeiten lassen; den so verdienten Betrag legte er nun hin und verlangte f�r sich nicht mehr als seinen Tagelohn. Ihm zu Gefallen nahm ich die Verrechnung widerspruchslos zur Kenntnis. Dann jedoch sagte ich: �Du hast mir treu gedient, du guter Knecht. Ich m�chte dich nicht dadurch kr�nken, da� ich dir Geld aufdr�nge; aber nimm wenigstens diese vier Reittiere, als Erinnerung an mich!�</p><p>Nathan blickte die Esel verlangend an, wand sich verlegen hin und her und erkl�rte: �Ich darf nichts annehmen, was ich nicht zu meinem Lebensunterhalt brauche. Ich freue mich darauf, den Armen ihren Anteil an dem zu geben, was ich bei dir verdient habe. Damit lege ich mir einen Schatz in Jesu Reich an. Aber vier Esel sind ein Verm�gen f�r einen Mann meines Standes. Ich h�tte nur Sorgen mit ihnen, weil ich f�rchten m��te, der eine oder andere k�nnte gestohlen werden oder erkranken. Dadurch w�rden meine Gedanken von bedeutsamen zu weniger wichtigen Dingen abgezogen werden; und je mehr Anh�nglichkeit ich den Tieren schenkte, desto mehr w�rde ich mich selbst verlieren.�</p><p>Seine Worte r�hrten mich. Ich sagte: �Nimm nur die Tiere, Nathan! Sie haben uns brav auf einer frommen Reise gedient, und die Vorstellung, sie einem Fremden verkaufen zu sollen, ist mir zuwider. Jetzt sind viele Pilger zu Fu� aus Galil�a hierhergekommen, darunter Sieche und Frauen. �bergib die Esel den Sendboten Jesu, als dein eigenes Geschenk! Diese heiligen M�nner werden am besten wissen, wie man die Tiere zur Hilfe f�r schwache Menschen verwenden kann. Dar�ber werden sie sicherlich nicht miteinander in Streit geraten.�</p><p>Nathan billigte meinen Vorschlag und erwiderte l�chelnd: �Ja, diese Grautiere sollen denen dienen, die dem Herrn am n�chsten standen. So ist es gut.�</p><p>Aber noch z�gerte er und fragte: �Soll ich dich verst�ndigen, wenn ich h�re, da� sich bei den J�ngern etwas Wichtiges zugetragen hat?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und entgegnete: �Nein, Nathan. Ich habe es aufgegeben, Dingen nachzuforschen, von denen man mich ausgeschlossen hat. Wenn es mir bestimmt ist, von etwas zu erfahren, wird es geschehen. Sorge dich nicht um mich! Trachte nur du selbst, dir Sch�tze in Jesu Reich anzusammeln!�</p><p>Wir schieden voneinander. Der Sonnenuntergang wandelte den Himmel zu Purpur, und mein Herz war schwer, obwohl Myrina an meiner Seite stand. Ich wollte nicht einmal die Augen zu dem herrlichen Tempel der Juden heben, und als das Abenddunkel niedersank, �berkam mich das gleiche gespenstige Einsamkeitsgef�hl, wie ich es vor der Reise nach Galil�a empfunden hatte. Wieder war die gro�e Stadt voller Menschen, nicht blo� aus Galil�a und Jud�a, sondern aus allen L�ndern, wo Juden in der Zerstreuung leben.</p><p>Dennoch wurde mir in meinem Zimmer unheimlich zumute. Eine gewaltige Macht schien �ber der Stadt zu dr�uen, und mir war, als k�nnte sie mich jetzt und jetzt in einem Wirbelwind von der Erde fegen und wie einen Funken im Sturm ausl�schen. Im Bann dieser Empfindung fa�te ich Myrinas Hand. Sie schlang mir den Arm um den Nacken, und wir sa�en eng aneinandergeschmiegt in dem dunkler werdenden Zimmer. Ich war nicht mehr allein und w�nschte auch nicht, es zu sein.</p><p>Dann trat Karanthes ein und brachte eine Lampe. Als er uns so nahe beisammensitzen sah, bewegte er sich auf den Zehenspitzen. Ohne mit seinem �blichen Redeschwall loszulegen erkundigte er sich nur mit leiser Stimme, ob wir essen wollten. Aber wir sch�ttelten beide die K�pfe; ich sp�rte, da� ich in dieser Stimmung keinen Bissen hinuntergebracht h�tte. Der Syrer dr�ngte uns nicht, sondern nahm unsere Weigerung einfach zur Kenntnis.</p><p>Er kauerte sich vor uns hin und sah uns mit Augen, die im Lampenlicht glitzerten, an; und in diesem Blick lag nicht der mindeste Spott, sondern eher Scheu und Ehrerbietung. Bescheiden fragte er: �Wie steht es mit dir, Marcus, mein Herr? Was ist geschehen? Was bewegt euch beide? Wenn ich euch anschaue, sp�re ich ein Zucken in den Gliedern. In der Luft liegt Gewitterstimmung, obwohl der Himmel ausgestirnt ist. Als ich eintrat, schienen eure Gesichter im Finstern zu leuchten.�</p><p>Aber ich konnte ihm nicht antworten; auch Myrina vermochte es nicht. Nach einer Weile stand er auf und ging mit gesenktem Kopfe hinaus.</p><p>In dieser Nacht schliefen wir Seite an Seite. Ich erwachte einigemal, und immer wieder sp�rte ich Myrinas N�he und hatte keine Angst. Selbst im Schlaf blieb ich stets ihrer Ber�hrung gewahr und wu�te, da� auch sie sich bei mir sicher f�hlte und nichts f�rchtete.</p><p>Am n�chsten Tag war j�discher Sabbat. Wir sahen gro�e Menschenmengen zum Tempel str�men, r�hrten uns aber selbst nicht aus dem Zimmer. Wir h�tten ohne weiteres ausgehen und durch die Stadt schlendern k�nnen; uns band ja nicht das j�dische Verbot, mehr als den Sabbatweg zur�ckzulegen. Doch wir hatten beide keine Lust dazu. Dann und wann sprachen wir�� nur, um des anderen Stimme zu vernehmen. Myrina erz�hlte mir von ihrer Kindheit, und wir riefen uns beim Namen. Aus Myrinas Munde klang mir mein Name sch�n, und sie freute sich, den ihren von meinen Lippen zu h�ren.</p><p>So verschmolzen an diesem stillen Tage in Jerusalem Myrinas und mein Leben zur Einheit. F�r mich bedeutete das wahrhaft eine Begnadung; denn allein weiterzuleben w�re mir sehr schwergefallen. Aber noch immer erma� ich nicht ganz, welch wertvolle Gabe der unbekannte Fischer mir beschert hatte, als er mir auftrug, im Theater von Tiberias ein M�dchen aufzusuchen. W�hrend dieses Tages sprachen wir kein unfreundliches Wort zueinander. Gemeinsam a�en wir unser Mahl an dem Abend, der das j�dische Pfingstfest einleitete.</p><p>Sobald ich am n�chsten Morgen erwachte, versp�rte ich eine starke Unrast. Ich mu�te im Zimmer auf und ab gehen, meine Glieder zitterten, und mich fr�stelte, obwohl der Tag hei� zu werden versprach. Nicht einmal, als Myrina mir �ber die Stirn strich und die Wange streichelte, beruhigte ich mich. Vorwurfsvoll sagte ich: �Wozu sind wir eigentlich nach Jerusalem gekommen? Was haben wir hier zu suchen? Diese Stadt geh�rt nicht zu uns; sie ist eine Stadt der Juden. Und auch, was heute gefeiert wird, ist nicht unser, sondern ein j�disches Fest.�</p><p>Aber Myrina r�gte: �Ist deine Geduld so rasch ersch�pft? Du wurdest als Fremdling dazu berufen, die Auferstehung zu bezeugen. Kannst du nicht auf die Erf�llung der Verhei�ung warten, die den J�ngern gegeben wurde, damit du auch davon Zeugnis ablegen kannst? Die Sendboten sind bereit, zw�lf Jahre zu harren, und dir wird ein Tag zu viel.�</p><p>�Ich wei� nicht, was ihnen verhei�en worden ist, und ich habe keinen Teil daran�, erkl�rte ich ungeduldig. �F�r das, was mir beschieden wurde, bin ich dankbar, und ich habe mein Leben lang daran zu zehren. Warum sollte ich mehr verlangen, nachdem ich Dinge erlebt habe, um die mich K�nige und F�rsten beneiden w�rden?�</p><p>Doch Myrina beharrte eigensinnig: �Da sich in dieser Stadt Jesu Leiden und Kreuzigung, sein Tod und seine Auferstehung begeben haben, f�hle ich mich hier zufrieden, und wenn ich zw�lf Jahre warten m��te.�</p><p>Indes steigerte sich meine Unruhe derart, da� es mich nicht l�nger im Zimmer hielt. Unentschlossen fragte ich mich, ob ich den Zenturio Adenabar in der Burg Antonia oder Simon von Kyrene oder den gelehrten Nikodemus besuchen sollte. Schlie�lich schlug ich vor: �Verlassen wir auf jeden Fall einmal diesen beengenden Raum! Ich mu� zu dem Bankier Aristainos gehen und meine Verrechnung mit ihm ordnen. Er wird sicher zu Hause sein; ein solcher Festtag ist f�r ihn die beste Gesch�ftszeit.�</p><p>Myrina hatte nichts dagegen einzuwenden. Wir verlie�en das Haus. Als wir an das Ende der Gasse kamen, wo sie auf einen offenen Platz m�ndete, wurden meine Erregung und Verst�rung so heftig, da� mir war, als l�sten sich die Rippen von meinem K�rper und als zerberste mein Brustkorb. Ich mu�te stehenbleiben und, Myrina fest an der Hand haltend, nach Atem ringen.</p><p>Ich blickte zum Himmel auf; er war wolkenlos und nur von leichtem Dunst verhangen, der das Sonnenlicht r�tlich f�rbte. Nichts deutete auf ein Gewitter, und der Tag war nicht hei�er, als es der Jahreszeit, dem Abschlu� der Getreideernte, entsprach. Ich konnte mir meine Unrast und Beklemmung nicht erkl�ren.</p><p>Mit aller Kraft bezwang ich mich. Um Myrina Freude zu machen, zeigte ich ihr im Tempel den Vorhof der Heiden und die S�ulenhalle, wo trotz der fr�hen Stunde Handel und Geldwechsel in vollem Gange waren. Wir schritten Hand in Hand, und beim Verlassen des Tempelbezirks f�hrte ich Myrina an die Ostmauer, um ihr noch die �Sch�ne Pforte� zu zeigen, das gro�e Tor aus korinthischem Erz, das die Juden als eines der Weltwunder betrachten. Aber an der Mauer drang jetzt zu uns der Unratgestank aus dem Kidrontal, das, als ich unmittelbar nach dem Passahfeste dort wanderte, von den Winterregen reingesp�lt gewesen war. So kehrten wir um und machten uns auf den Weg zum Hause des Aristainos.</p><p>Kaum hatten wir das Forum erreicht, da h�rten wir auf einmal ein Brausen, das einem heftigen Windsto� glich. Der L�rm war so laut, da� viele Menschen aufblickten und zur Oberstadt schauten. Man sah kein Gewitter, keine Wolke. Einige Leute allerdings zeigten in eine bestimmte Richtung und behaupteten, sie h�tten dort auf die Oberstadt einen Blitzstrahl niederzucken sehen. Aber es war kein Donnerschlag zu h�ren gewesen. Das m�chtige Windesbrausen klang so �bernat�rlich, da� mir pl�tzlich das gro�e Haus einfiel, dessen Obergemach ich besucht hatte. So rasch ich konnte, eilte ich hin, Myrina mit mir ziehend. Viele andere Leute schienen voll Neugier in die gleiche Richtung zu laufen; das seltsame Ger�usch hatte man ja in der ganzen Stadt vernommen.</p><p>Eine derart gro�e Menschenmenge war unterwegs, da� an dem Tore in der alten Mauer ein be�ngstigendes Gedr�nge herrschte. Die Leute stie�en sich gegenseitig in fieberhafter Hast durch das Stadttor und fragten in verschiedenen Sprachen, was denn los sei. Einige schrien, in der Oberstadt sei ein Geb�ude eingest�rzt; andere wieder meinten, ein Erdbeben habe das Dr�hnen verursacht.</p><p>Aber das gro�e Haus war nicht zusammengefallen. Stumm standen seine Mauern und umschlossen ihr Geheimnis. Hunderte Menschen hatten sich davor angesammelt, und immer mehr str�mten herbei. Das Eingangstor stand offen. Ich sah Jesu Sendboten schwankenden Schrittes aus dem Haus taumeln, mit funkelnden Augen und ger�teten Gesichtern, als w�ren sie trunken oder entr�ckt. Sie mischten sich in die Menge und sprachen erregt auf jeden, dem sie begegneten, ein; die Leute machten ihnen scheu Platz.</p><p>Man h�rte die Sendboten laut in vielen Zungen reden, zu jedem in seiner Muttersprache. Das weckte solches Staunen, da� die N�chststehenden ungeduldig der �brigen Menge Schweigen geboten. F�r eine Weile herrschte v�llige Stille, und nur die leidenschaftlichen Worte der J�nger t�nten in den verschiedensten Sprachen rings um das Haus.</p><p>Einer der Sendboten, dessen Namen ich nicht kannte, kam auf Myrina und mich zu. Ich sah die erschreckende Hingerissenheit in seiner verzerrten Miene und sp�rte die Gewalt, die ihm entstr�mte. Mir kam vor, als flackerte �ber seinem Kopf eine schmale Feuerzunge in der Luft. Er wandte mir sein Gesicht zu und sprach zu mir auf lateinisch. Aber in seiner Entr�ckung blickte er nicht mich an; seine Augen starrten offenbar geradewegs in das Reich und nicht in diese Welt. Doch er redete zweifellos meine Muttersprache, allerdings so rasch, da� ich die einzelnen Worte kaum unterschied und ihren Sinn nicht erfassen konnte. Dann kehrte er sich Myrina zu und begann griechisch zu sprechen; er schrie derart, und die Worte str�mten ihm in so unaufhaltsamer Flut von den Lippen, da� man ihnen unm�glich folgen konnte. Es war mir unbegreiflich, wie dieser st�mmige, sonngebr�unte, schlichte Mann vom Lande so rasch und flie�end Latein und Griechisch zu sprechen vermochte.</p><p>Er eilte weiter, und die Kraft, die von ihm ausging, fegte uns ihm aus dem Wege, wie d�rres Laub im Wind. Die gleiche Kraft �ffnete ihm eine Gasse durch das Menschengew�hl; immer wieder blieb er stehen und sprach andere Leute in Sprachen an, die ich nie geh�rt hatte. Auf gleiche Weise gingen die �brigen Sendboten durch die Menge, die sie umdr�ngte und umwogte. Elamiter und Meder, Araber und Kreter, und fromme Juden aus fernen L�ndern hoben verbl�fft die H�nde und fragten einander, wieso diese ungeschulten Galil�er zu jedem in seiner Muttersprache reden konnten. Sie verstanden, da� die aufs h�chste erregten M�nner ihnen die Gro�taten Gottes verk�ndeten; aber Einzelheiten konnten sie dem rei�enden Redestrom nicht entnehmen.</p><p>Ich sagte zu Myrina: �Sie reden nicht aus eigener Kraft, sondern der Geist spricht aus ihnen.�</p><p>Die Menge wuchs auf Tausende an, und die Zuletztgekommenen unterhielten sich lebhaft miteinander dar�ber, was dies alles wohl bedeuten mochte. Einige Sp�tter lachten sich gegenseitig zu und riefen, diese Galil�er seien schon am fr�hen Morgen voll des s��en Weines. Aber selbst die Sp�tter gaben den Sendboten den Weg frei.</p><p>W�hrend so die J�nger weiter mit unverminderter Gewalt in einem ganzen Sprachengewirr redeten, �berkam mich pl�tzlich ein Schw�chegef�hl. Der Boden wankte mir unter den F��en, und ich mu�te mich an Myrina festhalten, um nicht zu fallen. Als sie sah, da� ich ganz bla� war und der Schwei� mir auf der Stirn stand, f�hrte sie mich kurz entschlossen durch das Tor in den Hof. Niemand hielt uns auf, obwohl dort eine Schar Frauen und aufgeregter Bedienter stand und auf die Stra�e hinaussp�hte. Im Hof mu�te ich mich auf Myrinas Weisung in den Schatten eines Baumes legen, und sie bettete meinen Kopf in ihren Scho�. Die Gem�tsersch�tterung raubte mir die Besinnung; als ich wieder zu mir kam, wu�te ich zuerst nicht, wo ich war und wie lange ich leblos dagelegen hatte.</p><p>Aber meine Glieder waren k�hl, und in meiner Seele herrschte Frieden, als h�tte ich mich von aller M�hsal ausgeruht. Mein Kopf lag auf Myrinas Knien. Ich wandte die Augen und sah neben uns eine Gruppe Frauen auf dem Boden sitzen. Ich erkannte Maria, die Schwester des Lazarus, dann Maria Magdalena und auch Maria, die Mutter Jesu. Ihre Gesichter leuchteten in solcher Verz�ckung, da� ich sie im ersten Augenblick nicht f�r irdische Wesen, sondern f�r Engel in Frauengestalt hielt.</p><p>Vom Tor her drang das Murmeln einer gro�en Menschenmenge. Ich sah, da� Simon Petrus drau�en die anderen J�nger um sich versammelt hatte, und h�rte ihn mit m�chtiger Stimme furchtlos zum Volke reden. Und das war nun kein schw�rmerischer Ergu� in einer fremden Zunge, sondern Petrus redete eindringlich in seiner galil�ischen Mundart und zitierte die Propheten. Er sprach von dem Herrn und seiner Auferstehung, von der Verhei�ung, die Jesus durch seinen Vater �ber die Ausgie�ung des Heiligen Geistes empfangen hatte, und davon, da� die Anwesenden selbst diese Herabkunft des Geistes gesehen h�tten und bezeugen k�nnten. Aber bei all dem redete er nur als Jude zu Juden. Ich war so entt�uscht, da� ich nicht weiter zuh�rte und flehentlich die heiligen Frauen ansah.</p><p>Maria Magdalena bemerkte meinen Blick und erbarmte sich meiner. Sie erhob sich, kam zu mir und begr��te mich mit Namen, als wollte sie allen zeigen, da� zumindest sie mich nicht ablehnte. Ich fragte sie mit kraftloser Stimme, was denn geschehen sei. Sie setzte sich neben mich auf den Boden, ergriff meine Hand und erz�hlte:</p><p>�Sie waren alle im Obergemach versammelt, wo sie seit Tagen immer zusammenkamen: die Elf und Matthias, den sie durch das Los als Zw�lften in ihren Kreis aufgenommen haben. Pl�tzlich entstand ein Brausen vom Himmel her, wie von einem gewaltigen Sturm, und erf�llte das ganze Gemach, in dem sie sa�en. Sie sahen etwas wie Zungen von Feuer sich teilen und auf jeden von ihnen sich niederlassen. Da wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, in fremden Sprachen zu reden, wie du ja geh�rt hast.�</p><p>Ich fragte: �War es das, was Jesus ihnen verhei�en hatte und was sie erwarteten?�</p><p>Maria Magdalena nickte und erwiderte: �Zumindest h�rst du, wie Petrus nun in unverh�llten Worten allen verk�ndet, da� Jesus von Nazareth der Christus ist, und du siehst die elf anderen ohne Angst neben ihm stehen. Woher k�me ihnen solcher Mut und solche Gewalt, wenn nicht durch den Geist?�</p><p>�Aber Petrus redet noch immer blo� zum Volke Israel�, beklagte ich mich wie ein Kind, dem man ein Spielzeug genommen hat.</p><p>Und tats�chlich vernahm ich im n�chsten Augenblick, gleichsam zum Erweis meiner Behauptung, die Stimme des Petrus: �So m�ge denn das ganze Haus Israel mit Sicherheit erkennen, da� Gott ihn zum Herrn und Messias gemacht hat, eben diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt!�</p><p>Bei diesen Worten verga� ich meinen Groll und begann f�r Petrus zu f�rchten. Ich st�tzte mich auf die Ellbogen und rief: �Jetzt wird der P�bel �ber sie herfallen und sie steinigen!�</p><p>Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, die Leute verstummten und standen regungslos da, als h�tte die Anklage sie mitten ins Herz getroffen. Dann wurden einige z�gernde Stimmen laut, und man fragte die Sendboten: �Was sollen wir tun, M�nner, Br�der?�</p><p>Mit einer Stimme, die in ganz Jerusalem wie aus Himmelsh�hen zu vernehmen sein mochte, rief Simon Petrus: �Bekehret euch, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer S�nden, und ihr werdet den Heiligen Geist als Gabe empfangen. Denn euch gilt die Verhei�ung und euren Kindern und allen jenen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.�</p><p>So verk�ndete er laut das Geheimnis des Reiches. Und ich senkte traurig den Kopf; denn auch jetzt, im Banne des Geistes, war der Sendbote mir nicht gn�dig gewesen, sondern hatte sich nur an die Juden gewandt und die Verhei�ung blo� jenen hier und in der Zerstreuung zugedacht, die beschnitten waren, das Gesetz befolgten und dem Gotte Israels dienten. Damit schwand�� soweit ich noch im stillen gehofft hatte�� auch meine letzte Hoffnung, in die Gemeinschaft einbezogen zu werden. Doch da� ich von Jesus und seiner Auferstehung durch eigenen Augenschein wu�te, konnte Petrus mir nicht nehmen.</p><p>Als Maria Magdalena meine Niedergeschlagenheit sah, tr�stete sie mich: �Er ist ein schwerf�lliger, halsstarriger Mann. Aber sein Glaube ist wie ein Fels, und er wird sicherlich an seiner Aufgabe wachsen. Eben vorhin berief er sich auf einen Ausspruch des Propheten Joel und tat kund, da� die Endzeit nahe sei. Aber das glaube ich nicht, nein. Denn als unser Herr auf dem �lberg von seinen J�ngern Abschied nahm, da ermahnte er sie und sagte, es sei nicht ihre Sache, Zeit und Stunde zu wissen, wie der Vater in seiner Machtf�lle festgesetzt habe. Aber sie begriffen so wenig davon, da� sie noch im letzten Augenblick, ehe die Wolke kam und Jesus aufnahm, ihn mit der Frage qu�lten: �Herr, richtest du in dieser Zeit das K�nigtum f�r Israel wieder auf?� Deshalb darfst du die Hoffnung nicht aufgeben, Marcus.�</p><p>Das war mir neu. Ich nahm Maria Magdalenas Worte gierig in mich auf und fragte: �Halten die Sendboten die Geschehnisse nicht mehr vor den Frauen geheim? Und was f�r eine Wolke hat den Herrn davongetragen?�</p><p>�Sie verbergen uns nichts mehr�, versicherte Maria Magdalena mir mit Befriedigung. �Das Geheimnis der Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut wurde uns auf dem Berge enth�llt. Die Schar der Gl�ubigen z�hlt schon hundertzwanzig Menschen. Am vierzigsten Tage nach seiner Auferstehung begab Jesus sich mit den Sendboten auf den �lberg, bis in die N�he von Bethanien, und gebot ihnen, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern die Verhei�ung des Vaters zu erwarten. Er sprach zu ihnen: �Johannes hat mit Wasser getauft; ihr aber werdet mit dem Heiligen Geiste getauft werden, und zwar schon nach wenigen Tagen.� Diese Taufe ist ihnen heute zuteil geworden; das unterliegt keinem Zweifel, denn nun wohnt Macht in ihnen. Von der Wolke aber wei� ich nur, da� Jesus auf dem �lberg sich vor den Augen der J�nger vom Boden erhob und da� eine Wolke ihn ihren Blicken entzog. Daraus erkannten sie, da� er ihnen nicht mehr erscheinen w�rde. Ich m�chte nicht mit ihnen streiten; aber wenigstens ein bi�chen l�cheln darf ich wohl, wenn ich h�re, wie sie jetzt so matt und plump alles das in Worte zu kleiden versuchen, was ich schon bei Jesu Lebzeiten im Herzen als die Wahrheit empfunden habe.�</p><p>W�hrend sie sprach, blickte ich um mich auf die B�ume im Hof mit ihrem silberschimmernden Laub, auf die Treppe zum Dach und auf die schwere Holzt�r des Obergemachs, um mir all das unausl�schlich einzupr�gen. In meiner Ersch�pfung war ich wieder still und dem�tig und fand es genug f�r mich, da� ich den Ort, wo das Reich Wirklichkeit geworden war, mit eigenen Augen gesehen hatte.</p><p>Knieschlotternd stand ich auf und sagte: �Ich mu� jetzt gehen, um nicht unter die heiligen M�nner Zwist und Unfrieden zu bringen. Die Macht jenes Geistes hat mich zu Boden geworfen, und sie w�rden das zweifellos als Zeichen daf�r ansehen, da� ich von den Toren des Reiches gewiesen werden m�sse.�</p><p>Von Herzen gern h�tte ich Maria Magdalena f�r ihre G�te gesegnet; aber ich f�hlte mich zu gering, als da� ich jemanden segnen d�rfte. Vielleicht las sie aus meiner Miene die gute Absicht; denn sie ber�hrte mir die Stirn und sagte: �Vergi� nicht, da� du einem der verlorenen Kinder Israels geholfen hast, den Weg zu Jesus zu finden! Maria von Beeroth hat inzwischen begl�ckt Hochzeit gefeiert und ihr neues Heim bezogen. Ich glaube nicht, da� einer jener M�nner so viel f�r sie getan h�tte. Und unter den Frauen segnet auch Susanna deine Gutherzigkeit. Wisse deshalb, da� dir, magst du auch ein Fremdling sein, aus unserer Mitte �berallhin, wohin du gehst, heimlich ein Gebet folgen wird!�</p><p>Ich widersprach: �Nein, nein. Alles, was ich tat, war selbsts�chtig und unlauter. Ich glaube, keine einzige meiner Taten k�nnte mir zum Verdienst gereichen. In mir ist nichts Gutes als mein Wissen, da� Jesus der Christus und der Sohn Gottes ist. Aber dieses Wissen wird mir nicht hoch anzurechnen sein, weil ich mich ja mit eigenen Augen von diesen Wahrheiten �berzeugen durfte.�</p><p>Myrina warf ein: �Marcus hat kein anderes Verdienst als seine Schw�che. Vielleicht wird er sich eines Tages, wenn das Reich bis an die Grenzen der Erde ausbreitet, zur St�rke durchringen. Bis dahin werde ich ihm St�rkung sein. In mir ist ja ein Quell lebendigen Wassers, der nicht nur mich zeitlebens vor Durst bewahren, sondern auch f�r ihn reichen wird.�</p><p>Ich blickte sie mit neuen Augen an. In meinem Entkr�ftungszustand t�uschten mich die Sinne; sie schien mir verwandelt, kein menschliches Wesen mehr, sondern ein fleischgewordener Schutzengel, mir gesandt, damit ich nicht vom Wege des Reiches abirre. Das war eine seltsame Vorstellung, da ich ja von ihrer Vergangenheit sehr wohl wu�te, und sie schon auf dem Schiff nach Joppe kennengelernt hatte.</p><p>Aber es waren menschliche H�nde, mit denen Myrina mich nun am Arm fa�te und aus dem Hof f�hrte, durch die aufgeregt murmelnde Menge hindurch. Immer mehr Leute fragten bange, was sie tun sollten; manche hatten sich aus Kummer �ber ihre S�nden die Gew�nder zerrissen. Der Reum�tigen waren so viele, da� die zw�lf Sendboten, Petrus an der Spitze, sie durch die engen Gassen hinunter und aus der Stadt ins Freie geleiteten, um jene, die sich bekehren und ihrer S�nden ledig werden wollten, auf den Namen Jesu Christi zu taufen. Myrina f�rchtete f�r mich wegen meiner Ermattung, fand sich aber dann doch bereit, mich hinter der Menge herzuf�hren, damit wir sehen k�nnten, was weiter geschah.</p><p>So kam es, da� ich die Sendboten an einem Teich au�erhalb der Stadtmauer stehen sah, wo sie jeden Israeliten, der es w�nschte, tauften und ihm zur Vergebung der S�nden und zur Herabrufung des Geistes die H�nde auf den Kopf legten. Auch Frauen tauften sie. Und je mehr die Menge derer wuchs, denen sie Geist von ihrem Geiste spendeten, desto inniger wurde die Freude in der Volksmenge und desto williger dr�ngten sich immer andere zur Taufe vor. Die Leute sangen fromme Jubelhymnen und umarmten einander. Das ging so bis zum Abend, und ich h�rte sp�ter, da� die Zahl der Getauften an diesem Tage auf dreitausend stieg.</p><p>Und die Sendboten wiesen keines der Kinder Israels ab, sondern nahmen Arme und Reiche auf, Kr�ppel und Bettler, sogar Sklaven, ohne Unterschied. Und ihre Kraft schwand nicht, sondern reichte f�r alle, mit denen sie den Geist teilten.</p><p>Ich wurde sehr traurig und kehrte noch vor Abend in die Stadt und unsere Behausung zur�ck. Betr�bt dachte ich daran, wie leicht selbst jenen, die vor dem Hause des Pilatus: �Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!� gerufen hatten, nun die S�nden vergeben worden waren. Denn viele solche waren zweifellos unter den verschreckten, reuigen Juden, die sich nun zur Taufe dr�ngten.</p><p>Vielleicht h�tte ich mich an diesem Tage der Entr�ckung verstohlen unter die Juden mischen und mit den �brigen taufen lassen k�nnen. Doch ich wollte die Sendboten nicht hintergehen; und selbst wenn sie versehentlich auch mir die H�nde auf den Kopf gelegt h�tten, w�re eine solche Taufe f�r mich wertlos gewesen. Vielleicht aber h�tte ihnen der auf sie herabgekommene Geist entdeckt, da� ich R�mer bin, und ich w�re fortgeschickt worden. Das mu�te offenbleiben; denn eine solche T�uschung zu versuchen, lag mir nicht.</p><p>Am n�chsten Tage f�hlte ich mich noch immer so benommen, da� Myrina, w�hrend sie im Zimmer umherging und mich betreute, mir wie ein Engel zu leuchten schien. W�hrend ich mich erholte, begann ich, mich selbst zu beobachten, und fand, es m�sse, w�hrend ich gestern bewu�tlos im Hofe des Sendbotenhauses lag, mit mir etwas Besonderes geschehen sein. Meine Seele lag so blo� wie noch nie, und ich dachte viel weniger an unn�tige Dinge.</p><p>Eines Tages trat Karanthes in mein Zimmer, sah mich pr�fend an und sagte: �Du hast mir noch gar nichts von deiner Reise nach Galil�a erz�hlt. Warum bist du so schweigsam geworden? Du mu�t wissen, hier in der Stadt geschehen wiederum Wunder, im Namen jenes gekreuzigten Nazareners, �ber den du Erkundigungen eingezogen hast. Seine J�nger sind zur�ckgekehrt und verk�nden, ihr Lehrer habe ihnen die Macht der Magie verliehen. Sie verdrehen den Leuten derart den Kopf, da� Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern verlassen, um ihnen zu folgen. Viele geben sogar ihr ganzes Hab und Gut hin; und das spricht wohl deutlich genug daf�r, welch schreckliche Hexenk�nste hier am Werke sind. Tag f�r Tag stehen die J�nger in den Tempelarkaden und halten Strafpredigten, ohne den Hohen Rat zu f�rchten. Die Anh�nger der neuen Lehre haben alles gemeinsam und versammeln sich in den einzelnen H�usern zu ihren fragw�rdigen Mysterien. Sogar hochangesehene Juden, von denen niemand etwas Derartiges erwartet h�tte, werden von dieser Nazarenerseuche erfa�t und bezeugen den Gekreuzigten als K�nig von Israel.�</p><p>Ich konnte ihm nicht erwidern. Wer war ich, da� ich ihn h�tte belehren d�rfen? Er konnte ja ungehindert hingehen und selbst den Sendboten lauschen. Als er keine Antwort erhielt, wurde er niedergeschlagen. Er sch�ttelte den Kopf und fragte: �Was ist mit dir? Du liegst da und starrst tagaus tagein vor dich hin! Wohin soll das f�hren?�</p><p>Ich �berlegte die Frage, l�chelte traurig und entgegnete: �Vielleicht werde ich deinen seinerzeitigen Rat befolgen: mir ein Haus zu bauen und B�ume zu pflanzen. Das ist kein �bler Vorschlag f�r jemanden, der eine lange Zeit geduldigen Wartens vor sich sieht.� Und mit einem Seufzer f�gte ich hinzu: �Nur auf eines mu� ich achten. Mein Herz darf sich an nichts in dieser Welt zu stark h�ngen; nichts darf so sehr ein Teil meiner selbst und mir derart teuer werden, da� mir der Verzicht darauf, wenn er n�tig w�rde, schwerfiele.�</p><p>Karanthes seufzte auch und erwiderte trocken: �Sobald jener gewisse Tag kommt, mu� jeder auf alles verzichten. Aber m�ge der Tag f�r uns beide fern sein!� Er dachte ein wenig nach und sagte dann scheu: �Angeblich haben diese galil�ischen Hexenmeister einen Unsterblichkeitstrank.�</p><p>Aber auch dazu wagte ich keine Ansicht zu �u�ern; mein Syrer konnte sich ja bei Jesu eigenen Gefolgsleuten erkundigen. Karanthes stand auf, st�hnte ein paarmal und meinte: �Du hast dich sehr ver�ndert, R�mer Marcus! Du bist nicht mehr der gleiche Mann, der von hier nach Galil�a aufbrach. Ob du dich zu deinem Vorteil oder deinem Nachteil gewandelt hast, kann ich nicht sagen; aber ich mu� seufzen deinetwegen. Nur eines wei� ich: Myrina, die du mitgebracht hast, ist ein friedsames M�dchen, und ihre N�he tut wohl. Seit sie ins Haus gekommen ist, geht das Gesch�ft gut, und meine Frau schl�gt mir nicht mehr ein paarmal im Tag mit einer Sandale hinter die Ohren. Wenn deine Myrina etwas dicker w�re, w�rde sie ausgesprochen sch�n sein.�</p><p>Ich mu�te unwillk�rlich lachen, schalt aber: �Karanthes, k�mmere dich nicht darum, ob Myrina besser dick oder mager w�re! Mir gef�llt sie so, wie sie ist. Auch als grauhaarige und zahnlose Alte werde ich sie wahrscheinlich, wenn wir so lange leben, noch sch�n finden.�</p><p>Nachdem es Karanthes endlich gelungen war, mich zum Lachen zu bringen, ging er befriedigt. Ich sann �ber seine letzte Bemerkung nach, und mir kam zum Bewu�tsein, da� Myrina tats�chlich in meinen Augen mit jedem Tag sch�ner wurde. Seit sie das Leben der Wandermimen aufgegeben hatte und immer genug zu essen bekam, war sie fast unmerklich, aber ansprechend rundlicher geworden, und ihre Wangen waren weniger schmal als fr�her. Der Gedanke daran weckte Z�rtlichkeit in mir und erquickte mich wunderlich. Diese Tatsache bewies, da� sie kein Engel war, sondern eine Frau, ein Wesen meiner Art.</p><p>Myrina hatte sich zum Tempel begeben, wo t�glich zwei oder drei der Sendboten in den S�uleng�ngen standen, eine Schar von Zuh�rern, Getaufte und blo� Neugierige, unterwiesen, die Auferstehung verk�ndeten und Jesus als den Christus bezeugten. Pl�tzlich f�hlte ich mich neubelebt, k�mmte mir das Haar, kleidete mich sorgf�ltig und besuchte meinen Bankier Aristainos, um Vorbereitungen f�r meine Abreise aus Jerusalem zu treffen. Er empfing mich freundlich und meinte sehr aufger�umt:</p><p>�Die Thermen von Tiberias haben dir sichtlich wohlgetan; jedenfalls bist du nicht mehr so verbissen wie seinerzeit. Du trittst wieder als R�mer auf. Das f�gt sich gut; denn ich mu� dich, falls die Sache dir nicht schon zu Ohren gekommen ist, gleich warnen. Die Galil�er sind wieder in der Stadt und stiften viel Verwirrung. Obwohl jeder Eingeweihte den wahren Sachverhalt kennt, verk�nden sie �ffentlich, Jesus von Nazareth w�re von den Toten auferstanden. Sie nennen ihn Messias und biegen die Schriftworte f�r ihre Zwecke zurecht. Sie behaupten sogar, von ihm die Macht zur S�ndenvergebung erhalten zu haben.</p><p>Als Sadduz�er anerkenne ich die Schriften, lasse aber weder die m�ndliche �berlieferung noch die unleidlichen Auslegungen der Pharis�er gelten. Dieses Gerede von einer Auferstehung ist Tollheit, m�gen auch die Pharis�er zu solchen verf�hrerischen Irrwegen neigen. Man pflegt uns Juden der Unduldsamkeit in Glaubenssachen zu zeihen; wie duldsam wir aber in Wirklichkeit sind, beweist am besten die Tatsache, da� wir verschiedene Sekten sich frei miteinander messen lassen. Auch Jesus von Nazareth w�re h�chstwahrscheinlich nicht gekreuzigt worden, wenn er nicht Gott gel�stert h�tte. Das ist n�mlich das einzige, was wir nicht dulden.</p><p>Jetzt indes scheint sich in seinem Namen eine neue Kluft in unserem Volke aufzurei�en. Die Zeit wird lehren, ob wir zusehen d�rfen, wie diese Kluft sich erweitert, oder ob wir die Anh�nger Jesu verjagen m�ssen. Sie taufen; aber das geschah schon fr�her und wurde nie mi�billigt. Sie sollen Kranke heilen; aber das tat ihr Lehrer auch und wurde nicht deshalb angeklagt, obwohl die Pharis�er ihm Krankenheilungen am Sabbat als ungeh�rig verwiesen. Jedoch das Verderbliche an ihrer Lehre ist die Forderung, alles Eigentum m�sse gemeinsam sein. Bisher vern�nftige Leute verkaufen ihre Felder und legen den Erl�s den J�ngern zu F��en, die jedem das zuteilen, was er braucht. Ein solches Gebaren ist blo� eine Umgehung des Zehnten und eine sehr geschickte Form der Steuervereitelung. Unter Jesu Anh�ngern gibt es weder Arme noch Reiche.</p><p>�ber diese Wendung sind unsere Oberen best�rzt; wir hatten ja angenommen, mit der Kreuzigung des Nazareners sei alles wieder ins Lot gebracht. Wir w�nschen niemanden zu verfolgen; aber wir begreifen nicht, wieso diese J�nger pl�tzlich derart dreist geworden sind. Vielleicht deshalb, weil sie geh�rt haben, da� Pontius Pilatus keine Behelligung der Galil�er dulden will? Das hat er n�mlich in verschleierter Form den Hohen Rat wissen lassen. Ein weiteres Beispiel der unausstehlichen R�merpolitik! Du verzeihst doch, da� ich offen mit dir rede, nachdem du mein Freund und mit unseren Landeseigenheiten vertraut bist. Jetzt kann der Prokurator erst recht seine H�nde in Unschuld waschen und uns h�hnisch vorhalten, der letzte Betrug sei tats�chlich noch �rger geworden als der erste. Die J�nger haben das leichtgl�ubige Volk auf ihrer Seite, und deshalb w�re es unklug, sie zu bel�stigen. W�rden sie verfolgt, so w�ren alle Leute nur noch geneigter, die von diesen Galil�ern aufgetischten Fischerm�rchen zu glauben.�</p><p>Ohne sich recht zum Atemholen Zeit zu g�nnen, hatte er schlie�lich fast in einem Zuge gesprochen. Ich konnte mir die Bemerkung nicht versagen: �Du scheinst dich �ber Jesus von Nazareth viel mehr aufzuregen als ich. Beruhige dich, Aristainos, und denke an die Schriften! Wenn das Wirken der Galil�er menschlichen Ursprungs ist, wird es im Sand verlaufen, und du brauchst dir dar�ber keine Sorge zu machen. Leitet es sich aber von Gott her, dann kann niemand diesen M�nnern standhalten, weder du noch der Hohe Rat noch irgendeine Macht auf dieser Erde.�</p><p>Schwer atmend, �berlegte er meine Worte. Dann fing er zu lachen an, hob vers�hnlich die Hand und rief: �Soll ein R�mer mich lehren, die Schriften zu erkunden? Nein, von Gott kann das Tun dieser unwissenden Fischer nicht herstammen. Das ist einfach unm�glich; da w�re das Leben nicht mehr lebenswert, und der Tempel w�rde zusammenst�rzen. Nat�rlich wird ihr Unternehmen im Sand verlaufen. Wie oft sind schon fr�her M�nner aufgetreten mit dem Anspruch, gro�e Pers�nlichkeiten zu sein! Und alle verschwanden wieder spurlos. �berdies kommen ungeschulte Leute mit der Berufung auf Prophezeiungen nicht weit, weil sie sich schlie�lich in ihre eigenen Worte verstricken und in die selbst gegrabenen Gruben fallen.�</p><p>Damit beruhigte er sich und fragte nach meinen W�nschen. Er lie� seinen Buchhalter gleich meine Verrechnung abschlie�en und sagte dazu einen f�r seine Tasche vorteilhaften Wechselkurs an. Ich erz�hlte ihm, wie gut sein Gesch�ftsfreund in Tiberias mir eine Geldangelegenheit geordnet hatte, und er nickte zufrieden, eine schmale Briefrolle schwenkend, die er mir nun mit den Worten reichte: �Fast h�tte ich vergessen. Dieser Brief wurde deinem Bankier in Alexandria �bergeben, und er hat ihn hierher weitergesandt. Ich wollte ihn dir nicht nach Tiberias nachschicken, da ich nicht wu�te, wie lange du dort bleibst, und gef�rchtet habe, die Rolle k�nnte verlorengehen.�</p><p>W�hrend ich das Siegel aufbrach und den kurzen Brief entrollte, �berlief es mich kalt vor Bangen. Auf den ersten Blick erkannte ich Tullias fahrige, fl�chtige Handschrift und las:</p><p>�Tullia gr��t den falschen Marcus Mezentius.</p><p>Kann man sich denn nicht mehr auf ein Versprechen verlassen? Gibt es keine Treue mehr auf der Welt? Hast Du mir nicht geschworen, mich in Alexandria zu erwarten, bis ich meine Angelegenheiten in Rom geordnet habe und ganz Dein sein kann? Nach Deiner Abreise war Rom nicht mehr Rom; aber durch kluges Handeln konnte ich meine Stellung sichern. Und jetzt, da ich, nach einer st�rmischen �berfahrt krank und schwach, in Alexandria ankomme, was mu� ich erfahren? Da� Du Dein Wort leichtfertig gebrochen hast und in das j�dische Jerusalem gereist bist. Komm unverz�glich zur�ck, sobald Du diesen Brief erh�ltst! Ich wohne in Daphnes Gasthof beim Hafen. Ich werde mich freuen, Dich wiederzusehen. Aber endlos gedenke ich nicht zu warten. Ich habe Freunde hier. Wenn Du jedoch Dein Studium der j�dischen Philosophie, mit dem Du Dich anscheinend jetzt befa�t, fortsetzen willst, so schicke Nachricht, und ich reise zu Dir nach Jerusalem. Ich glaube, ich werde es bald zuwege bringen, da� Du Dir die j�dische Weisheit aus dem Kopf schl�gst. Komm also, so rasch Du kannst! Ich bin ungeduldig. Ich brenne vor vergeblicher Erwartung.�</p><p>Jedes dieser Worte jagte mir einen Schauder der Best�rzung �ber den R�cken. Als ich mich ein wenig gefa�t hatte, las ich das Schreiben nochmals durch und fragte mit unsicherer Stimme: �Wie lange liegt der Brief schon hier?�</p><p>Aristainos z�hlte an den Fingern und erwiderte: �Vielleicht zwei Wochen. Du mu�t entschuldigen, aber ich h�tte nicht gedacht, da� du so lange in Tiberias bleiben w�rdest.�</p><p>Ich rollte den Brief zusammen, schob ihn in die Brustfalte meiner Tunika und sagte mit einer m�den Handbewegung: �Lassen wir die Abrechnung f�r sp�ter! Augenblicklich bin ich nicht in der Stimmung f�r Ziffern.�</p><p>Von eisiger Angst erf�llt, verlie� ich das Haus des Bankiers und eilte wie gehetzt, ohne einen Blick um mich zu werfen, in meine Wohnung zur�ck. Tullias Brief kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel, gerade, als ich schon gemeint hatte, Frieden gewonnen und mich mit meinem Schicksal ausges�hnt zu haben.</p><p>Zum Gl�ck war Myrina noch nicht zur�ck. Einen Augenblick lang verzehrte mich gleich einer Flamme die furchtbare Versuchung, meinen Geldbeutel bei Karanthes f�r Myrina zur�ckzulassen, aus Jerusalem zu fliehen und auf dem k�rzesten Wege nach Alexandria zu reisen, um Tullia wieder in die Arme zu schlie�en. Ich zog ihr Schreiben hervor und streichelte es. Jeder fiebrig hingekritzelte Buchstabe bannte mir Tullia selbst vor Augen, und bei dem blo�en Gedanken an sie ergl�hte mein ganzer K�rper.</p><p>Aber zur gleichen Zeit vermochte ich, sie n�chtern zu beurteilen. Wie bezeichnend war es doch f�r sie, da� sie gleich mit den ersten Worten den Spie� umdrehte und mir die Schuld zuschob! Ein ganzes Jahr lang hatte ich in Alexandria geduldig auf sie gewartet, ohne das geringste Lebenszeichen von ihr zu erhalten. Und was meinte sie mit der Wendung: �Ich konnte meine Stellung sichern�? Offenbar die Scheidung und Wiederverheiratung. Wirklich verlassen durfte man sich ja auf nichts von dem, was sie schrieb. So krank und schwach sie nach der Seereise tats�chlich gewesen sein mochte, vers�umte sie es doch nicht, ihre Krallen zu zeigen und anzudeuten, sie h�tte Freunde in Alexandria. In wessen Armen w�rde ich sie finden, wenn ich hink�me? Tullia hatte reiche Auswahl. Ich war nur eine Marotte ihrer Begehrlichkeit. Bestimmt war sie nicht blo� meinetwegen nach Alexandria gereist; sie mu�te wohl eine Anzahl von Gr�nden daf�r gehabt haben.</p><p>In Tullia schien mir mein fr�heres Leben verk�rpert, mit seinen Gen�ssen und seiner Leere. Jetzt konnte ich frei w�hlen. Wenn ich mich f�r Tullia entschied, verzichtete ich endg�ltig auf meine Suche nach dem Reich; ich wu�te ja ebensogut wie sie selbst, da� es ihr, wenn ich zu ihren seelent�tenden L�sten zur�ckkehrte, m�helos gelingen w�rde, mir alle anderen Gedanken aus dem Kopf zu scheuchen.</p><p>W�hrend ich so �berlegte, �bermannte mich pl�tzlich Ekel vor mir selber und meiner Schw�che; nie zuvor hatte mich, glaube ich, solche Selbstverachtung erf�llt. Nicht deswegen, weil Tullia noch meine Sinne reizte, sondern, weil ich noch immer erwog, ob ich nicht doch zu ihr reisen und mich wieder von ihr qu�len lassen sollte. Das war die tiefste Erniedrigung, die ich mir selber antat; denn bei der geringsten Charakterfestigkeit h�tte ich keinen Augenblick lang gezaudert. Nach all meinen Erfahrungen und Erlebnissen h�tte die Entscheidung klar sein m�ssen: H�nde weg von Tullia! H�nde weg von meiner ganzen Vergangenheit! So schwach war ich noch immer, so leicht verf�hrbar, da� ich vor dem hei�en Anhauch der Erinnerungen wie ein Rohr im Winde schwankte!</p><p>Mit schwei�triefender Stirn stemmte ich mich gegen die Anfechtung und verdammte mich selbst. Ich sch�mte mich derart in Grund und Boden, da� ich Jesus nicht zum Zeugen meiner Schmach machen wollte. Dennoch mu�te ich schlie�lich, das Gesicht in den H�nden bergend, beten: �F�hre mich nicht in Versuchung, sondern erl�se mich von' dem B�sen! Dein Reich komme zu mir!� Das war alles, was ich zu tun vermochte.</p><p>Im gleichen Augenblick h�rte ich Schritte auf der Treppe. Die T�r �ffnete sich, und Myrina trat rasch ein, mit ausgestreckten Armen, als br�chte sie wichtige Neuigkeiten. �Petrus und Johannes���, begann sie. �Petrus und Johannes��� Dann sah sie meine Miene. Ihre Arme sanken herab, ihr Gesicht verlor den Glanz und schien mir pl�tzlich h��lich.</p><p>�Sprich mir nicht von diesen M�nnern!� wehrte ich aufgebracht ab. �Ich will nichts von ihnen h�ren.�</p><p>Z�gernd tat Myrina einen Schritt auf mich zu, wagte aber nicht, mich zu ber�hren. Ich h�tte jetzt auch keine Vertrautheit gew�nscht; ich wich bis zur Wand zur�ck.</p><p>�Eben haben die beiden Sendboten durch ihre Macht einen Mann, der von Geburt an gel�hmt war, geheilt, an der Sch�nen Pforte des Tempels���, versuchte Myrina zu berichten. Aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und sie starrte mich �ngstlich an.</p><p>�Nun, wenn schon!� entgegnete ich. �Ich zweifle nicht daran, da� sie die Macht dazu haben. Aber was geht das mich an? Wunder habe ich genug gesehen. Diese Dinge lassen mich kalt.�</p><p>�Aber Petrus hat ihn an der Hand gefa�t und ihn aufgerichtet�, stammelte Myrina. �Und seine F��e trugen ihn. Alle Leute im Tempel liefen zur Halle Salomos. Dort ist jetzt der Lahmgeborene, springt umher und lobt Gott. Mi�trauische Menschen betasten seine Beine, und Petrus verk�ndet die Vergebung der S�nden.�</p><p>�Ein herrliches Schauspiel f�r die Juden!� spottete ich.</p><p>Myrina konnte nicht l�nger an sich halten, fa�te mich an beiden Armen, sch�ttelte mich und fragte mit Tr�nen in den Augen: �Was hast du denn nur? Was ist geschehen, Marcus?�</p><p>Ich verh�rtete mein Herz und sagte: �Weine nur, Myrina! Es werden nicht die letzten Tr�nen sein, die du meinetwegen vergie�t. Das wei� ich.�</p><p>Myrina lie� mich unvermittelt los, trocknete sich rasch die Augen und warf den Kopf zur�ck. Sie wurde rot vor Zorn, stampfte auf und rief: �Rede nicht herum! Was gibt es?�</p><p>K�hl und erbittert musterte ich sie, pr�fte jeden ihrer Z�ge, die mir heute fr�h noch so teuer gewesen waren, und versuchte herauszubekommen, was ich an ihnen gefunden hatte. Durch ihr Gesicht hindurch sah ich Tullias gl�nzende Augen, Tullias stolzen, begehrlichen Mund. Ich zeigte Myrina den Brief mit den Worten: �Tullia hat geschrieben. Sie erwartet mich in Alexandria.�</p><p>Myrina blickte mich lange an. Ihr Gesicht fiel ein und wurde ganz schmal. Dann sank sie auf die Knie und beugte den Kopf; ich hatte die Empfindung, da� sie betete, obwohl die Lippen unbewegt schienen. Mein Denken war wie eingefroren. Ich schaute nur auf ihren goldblonden Kopf; und pl�tzlich tauchte die Vorstellung in mir auf, ein einziger blitzschneller Schwertstreich k�nnte diesen Kopf von den Schultern trennen und mich frei machen. Der Gedanke d�nkte mich so belustigend, da� ich lachen mu�te.</p><p>Endlich stand Myrina auf und begann, ohne mich anzusehen, meine Sachen zu packen und meine Kleider zurechtzulegen. Zuerst war ich �berrascht, dann best�rzt, und schlie�lich fragte ich fast unwillk�rlich: �Was tust du denn? Warum legst du meine Sachen zusammen?�</p><p>Sie z�hlte zerstreut an ihren Fingern ab: �Eine Tunika und ein Reisemantel sind in der W�sche��� Dann erwiderte sie: �Du verl��t die Stadt, nicht wahr? Du gehst zu deiner Tullia. Ich bereite deine Sachen vor. Dazu bin ich da.�</p><p>�Wer sagt dir, da� ich verreise?� rief ich hitzig. Ich fa�te sie an den Handgelenken und zwang sie, alles fallen zu lassen, was sie gerade hielt. �Ich habe nichts dergleichen erw�hnt. Ich habe dir einfach von dem Briefe erz�hlt, damit wir gemeinsam besprechen, was geschehen soll.�</p><p>Aber Myrina sch�ttelte den Kopf. �Nein, nein�, erkl�rte sie. �In deinem Herzen hast du dich schon entschlossen. Wenn ich dich umstimmen wollte, w�rdest du mir sp�ter nur grollen. Du bist zwar schwach, und vielleicht k�nnte ich dich zum Bleiben bewegen, indem ich dich an das Reich mahne; doch du w�rdest mir das dein ganzes Leben lang nicht verzeihen. Immer w�rde in dir der Gedanke bohren, du h�ttest meinetwegen deine unersetzliche Tullia aufgegeben. Darum ist es besser, du gehst. Du darfst sie nicht entt�uschen, nachdem sie nun einmal auf dich wartet.�</p><p>Ich traute meinen Ohren nicht. Offenbar entglitt mir Myrina, und ich verlor den einzigen Freund, an den ich mich auf dieser Erde halten konnte! �Aber���, stotterte ich. �Aber��� Mehr brachte ich nicht heraus.</p><p>Schlie�lich erbarmte Myrina sich meiner und erkl�rte: �In dieser Sache kann ich dir nicht helfen. Da mu�t du selbst entscheiden und deine Entscheidung selber verantworten.� Mit einem traurigen L�cheln blickte sie mich an und f�gte hinzu: �Ich m�chte dir den Entschlu� doch nur erleichtern. Geh nur zu deiner Tullia, la� dich von ihr versengen und mit rotgl�henden Nadeln stechen und langsam zugrunde richten! Du hast mir genug von ihr erz�hlt; ich kann mir vorstellen, wie sie ist. Aber nat�rlich komme ich dir eines Tages nach. Und sobald die Zeit reif ist und deine Tullia sich aus dem Staube gemacht hat, werde ich das, was von dir �briggeblieben ist, in meine Obhut nehmen. Du brauchst keine Angst zu haben, mich zu verlieren. Jesus von Nazareth hat dich mir anvertraut. Geh also, wenn du der Versuchung nicht widerstehen kannst! Sicherlich wird Jesus dir verzeihen, wie ich dir im Herzen verzeihe, weil ich dich kenne.�</p><p>W�hrend sie so gefa�t sprach, stieg in mir immer st�rkerer Widerwille gegen Tullia auf, und ich vergegenw�rtigte mir im Geiste alle Erniedrigungen und Qualen, denen sie mich zur W�rzung ihres Genusses aussetzen w�rde. Schlie�lich rief ich: �Still, Myrina, du verr�cktes Ding! Willst du mich einem grausamen, l�sternen Frauenzimmer ausliefern? Das h�tte ich dir nicht zugetraut. Solltest du nicht eher meiner Schw�che deine Willenskraft entgegensetzen? Ich erkenne dich nicht wieder. Wie kannst du mich so behandeln?�</p><p>Entr�stet fuhr ich fort: ��brigens habe ich mich noch gar nicht entschlossen, zu ihr zu reisen. Das redest du mir nur ein. Dabei hoffte ich, du w�rdest mir helfen. Ich gehe nicht nach Alexandria, verstanden? Ich wei� blo� nicht, wie ich ihr das alles erkl�ren soll. Wenigstens ein paar Worte schreiben m��te ich; sonst glaubt sie vielleicht, ich w�re unterwegs umgekommen.�</p><p>�Und was liegt daran, wenn sie das glaubt?� fragte Myrina behutsam. �Oder verlangt dein m�nnlicher Stolz unbedingt, da� du sie dem�tigst, indem du es ihr schriftlich gibst, da� du nichts mehr von ihr wissen willst?�</p><p>�Tullia hat mich tausendmal gedem�tigt�, wandte ich �rgerlich ein.</p><p>�Willst du B�ses mit B�sem vergelten?� fragte Myrina. �La� sie lieber glauben, du w�rest spurlos verschwunden! So kr�nkst du nicht die Frau in ihr. Sie hat bestimmt andere Freunde und wird sich bald tr�sten.�</p><p>Ihre Vermutung stimmte derart genau, da� es mir einen Stich gab. Aber dieses Zucken tat nicht �rger weh, als wenn man mit der Zunge �ber die Stelle f�hrt, wo einem eben ein schmerzender Zahn gezogen worden ist. Unsagbare Erleichterung erf�llte mich, als w�re ich nach langem Siechtum genesen. �Myrina�, sagte ich, �du hast mir jetzt vor Augen gef�hrt, da� ich nicht einmal den Gedanken an eine Trennung von dir ertragen kann. Myrina, du bist nicht blo� eine Schwester f�r mich. Myrina, ich f�rchte, ich liebe dich, wie man eine Frau liebt.�</p><p>Myrinas Gesicht begann wieder, mir wie ein Engelsantlitz zu leuchten. In meinen Augen war sie sch�n, als sie entgegnete: �Myrina und Marcus�� wir beide! Im Herzen wei�t du es ja: ich will dir alles sein, was du mir zudenkst. Aber jetzt m�ssen wir �berlegen, wie wir unser Leben gestalten werden.�</p><p>Sie nahm meine Hand, zog mich sanft neben sich auf eine Bank und fing an zu sprechen, als h�tte sie �ber all das schon lange nachgedacht: �Ich habe innige Sehnsucht, mich von Jesu J�ngern taufen und mir von ihnen in seinem Namen die H�nde auf den Kopf legen zu lassen. Vielleicht gewinne ich so Kraft von ihrer Kraft, um dieses Leben zu ertragen und um teilzuhaben an dem Geist, der in Gestalt feuriger Zungen auf sie herabkam. Zwar geh�re ich ebensowenig wie du dem j�dischen Volke an. Aber die J�nger taufen ohne Bedenken auch redliche Proselyten aus anderen L�ndern, M�nner, die sich beschneiden lassen und dem Gesetz in vollem Umfang gehorchen. Au�erdem habe ich von sogenannten Tor-Proselyten geh�rt: gottesf�rchtigen M�nnern, die, ohne sich der Beschneidung zu unterziehen, den G�tzendienst meiden und Gott nicht l�stern. Blutschande, Mord, Diebstahl und blutige Nahrung sind ihnen verboten, und sie m�ssen ein frommes Leben f�hren. Vielleicht w�rden die J�nger, wenn wir sie inst�ndig darum bitten, uns als solche Tor-Proselyten taufen wollen.�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und sagte: �Von diesen Dingen wei� ich und habe oft daran gedacht. Seit mir Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, begegnet ist, habe ich keine anderen G�tter. Es ist wohl auch nicht so besonders schwer, jene Gebote zu halten. Warum sollte ich etwa nicht das Fleisch auf j�dische Art geschlachteter Tiere essen? Fleisch ist Fleisch. Doch ich sehe nicht ein, wie mich das gottgef�lliger machen sollte. Zu einem frommen Leben aber kann ich mich nicht verpflichten, weil ich, so sehr ich auch das Gute w�nsche, nicht fromm bin. Das ist einer der wenigen Punkte, in denen ich mich genau kenne. �brigens irrst du sehr, wenn du glaubst, die J�nger w�rden einen blo�en Tor-Proselyten taufen; da k�nnte ich noch so laut an das Tor pochen. Sie sind weniger barmherzig als ihr Meister.�</p><p>Myrina nickte, dr�ckte meine Hand fest und erkl�rte willf�hrig: �Gewi�, das war ein kindischer Wunsch von mir. Ich glaube nicht, da� ich unter den Seinen mehr sein w�rde als jetzt, wenn sie mich tauften und mir die H�nde auflegten. Wir wollen also dieser Hoffnung entsagen und Jesu Weg gehen, wie er selbst ihn uns gewiesen hat. Wir wollen beten, da� sein Wille geschehe und sein Reich komme. Er ist die Wahrheit und die Gnade. Ich glaube, uns gen�gt es, da� wir ihn gesehen haben.�</p><p>�Sein Reich���, wiederholte ich. �Wir k�nnen nur warten. Aber wir sind zwei. Zu zweien mu� es leichter sein, den Weg zu gehen, als allein. Das ist Jesu Gnadengeschenk f�r uns.�</p><p>Indes verlie�en wir Jerusalem nicht sofort. Zuerst wollte ich ja all dies zur St�tze des Ged�chtnisses niederschreiben. Die letzten Ereignisse waren zwar kaum ungew�hnlicher als die vorangegangenen. Aber da� der Geist als Windesbrausen kam und sich in feurigen Zungen auf die zw�lf Sendboten Jesu niederlie�, w�nschte ich genau festzuhalten, damit ich nie mehr an ihnen zweifeln oder ihre Handlungen nach dem eigenen Verst�nde beurteilen sollte.</p><p>W�hrend dieser Zeit setzten die j�dischen Beh�rden Petrus und Johannes in Gewahrsam, mu�ten die beiden aber mit R�cksicht auf das Volk schon am n�chsten Tage wieder freilassen. Und die Sendboten lie�en sich durch Drohungen nicht einsch�chtern. Mutig setzten sie ihre Predigt fort. Ich glaube, seit sie durch ihre Kraft den Lahmen an der Sch�nen Pforte des Tempels geheilt hatten, haben sich ihnen wieder etwa zweitausend Menschen angeschlossen. Und auch alle diese neuen Anh�nger begannen, in ihren H�usern im Namen Jesu Christi das Brot zu brechen und den Wein als Unsterblichkeitstrank zu segnen. Niemand unter ihnen leidet Not. Denn die Reichen verkaufen ihre H�user und Felder, und jeder erh�lt, was er braucht. Ich glaube, sie tun es, weil sie noch alles wie in einem Spiegel sehen und damit rechnen, das Reich k�nnte jeden Tag kommen. Da� Simon von Kyrene seinen Landbesitz verkauft h�tte, habe ich allerdings nicht geh�rt.</p><p>Nachdem ich alles niedergeschrieben hatte, erhielt ich aus der Burg Antonia einen Hinweis, wonach Pontius Pilatus w�nschte, ich m�ge sofort Jerusalem und �berhaupt seinen Verwaltungsbezirk Jud�a verlassen. T�te ich es nicht freiwillig, so w�rde ich von Legion�ren festgenommen und dem Statthalter in C�sarea vorgef�hrt werden. Warum er so gegen mich vorgeht, wei� ich nicht; offenbar h�lt er aus irgendeinem Grunde meine weitere Anwesenheit in Jud�a vom r�mischen Standpunkt aus f�r unerw�nscht. Aber ich m�chte dem Manne nicht mehr begegnen, und so haben Myrina und ich beschlossen, nach Damaskus zu �bersiedeln. Wir w�hlten diese Stadt wegen eines Traumes, den Myrina hatte. Ich habe gegen Damaskus nichts einzuwenden; zumindest liegt es in einer Richtung, die der nach Alexandria entgegengesetzt ist.</p><p>Ehe wir abreisten, f�hrte ich Myrina auf den H�gel au�erhalb des Stadttores, wo ich bei meiner ersten Ankunft in Jerusalem Jesus von Nazareth zwischen zwei Verbrechern auf dem Kreuze hatte h�ngen sehen. Ich zeigte ihr auch den nahen Garten und die Gruft, in die Jesus nach seinem Tode gelegt worden war und aus der er auferstand, w�hrend die Erde bebte. Aber sein Reich war nicht mehr dort.</p><p/><p/><p/></section><section><p><image l:href="#2"/></p></section><section><empty-line/><p><strong>ERSTER TEIL

    </strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>MINUTUS</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>�Die Juden, die, von Christus aufgewiegelt, fortw�hrend Unruhe stifteten, verbannte er aus Rom.�</emphasis></p><p>Sueton, XII vitae imperatorum: Claudius</p><empty-line/><p><emphasis>�Als J�ngling, w�hrend der ersten f�nf Jahre seiner Regierung, bewies er so viel Gr��e und f�rderte er Rom auf so mannigfaltige Weise, da� Trajan mit gutem Grund so oft versichert, die Taten aller anderen Kaiser w�rden von den Leistungen Neros w�hrend dieser f�nf Jahre in den Schatten gestellt.�</emphasis></p><p>Aurelius Victor, De caesaribus, 5</p></section><section><empty-line/><p><strong>I

    </strong></p><p><strong>ANTIOCHIA
  </strong></p><p>Ich war sieben Jahre alt, als mir der Veteran Barbus das Leben rettete. Ich erinnere mich noch gut, wie ich meine alte Amme Sophronia �berlistete, um ans Ufer des Orontes hinuntergehen zu k�nnen. Dieser rei�ende, an Wirbeln reiche Strom zog mich an, und ich beugte mich �ber das Br�ckengel�nder, um die Wasserblasen zu betrachten. Da trat Barbus an mich heran und fragte freundlich: �M�chtest du schwimmen lernen, mein Junge?�</p><p>Als ich bejahte, blickte er sich um, packte mich am Genick und im Schritt und schleuderte mich weit in den Flu� hinaus. Dann stie� er einen wilden Schrei aus, rief Herkules und den r�mischen Jupiter, den Sieger, an, warf seinen zerlumpten Mantel auf die Br�cke und sprang mir ins Wasser nach.</p><p>Bei seinen Schreien str�mten die Leute zusammen, und alle sahen und bezeugten �bereinstimmend, da� Barbus sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, um mich vor dem Ertrinken zu retten, mich an Land brachte und auf dem Boden hin und her w�lzte, bis ich das Wasser von mir gab, das ich geschluckt hatte. Als Sophronia, schreiend und sich die Haare raufend, herbeigelaufen kam, hob Barbus mich eben auf seine starken Arme und trug mich, obgleich ich vor Widerwillen gegen seine schmutzigen Kleider und seinen nach Wein stinkenden Atem strampelte und um mich schlug, nach Hause.</p><p>Mein Vater war von meinem Abenteuer nicht sehr erbaut. Er bot Barbus jedoch Wein an und glaubte seiner Versicherung, ich sei am Ufer gestolpert und ins Wasser gefallen. Ich widersprach Barbus nicht, da ich mir angew�hnt hatte, in Gegenwart meines Vaters stillzuschweigen; ja, ich lauschte hingerissen, als Barbus bescheiden berichtete, da� er in seinen Legion�rsjahren sowohl die Donau als auch den Rhein und sogar den Euphrat in voller R�stung durchschwommen hatte. Auch mein Vater trank Wein, um seinen Schrecken zu bet�uben, wurde selbst gespr�chig und erz�hlte, wie er in seiner Jugend, als er die Philosophenschule auf Rhodos besuchte, eine Wette eingegangen war, da� er von Rhodos ans Festland zu schwimmen imstande sei. Zuletzt waren er und Barbus sich von Herzen einig, da� es hoch an der Zeit sei, mich schwimmen zu lehren. Mein Vater gab Barbus neue Kleider, so da� dieser, als er sich umzog, Gelegenheit hatte, seine zahlreichen Narben vorzuzeigen.</p><p>Von jener Stunde an blieb Barbus in unserem Hause und nannte meinen Vater seinen Hausvater. Er begleitete mich zur Schule und holte mich, sofern er nicht zu betrunken war, nach der Schule wieder ab. Vor allem aber erzog er mich zu einem R�mer, denn er war wirklich in Rom zur Welt gekommen und aufgewachsen und hatte volle drei�ig Jahre in der F�nfzehnten Legion gedient. Mein Vater holte dar�ber genaue Erkundigungen ein, denn er mochte zwar ein zerstreuter und zur�ckgezogen lebender Mensch sein, aber er war nicht dumm und h�tte niemals einen entsprungenen Legion�r in seinem Hause beherbergt.</p><p>Dank Barbus lernte ich nicht nur schwimmen, sondern auch reiten. Auf seine Vorstellungen hin kaufte mir mein Vater ein eigenes Pferd, so da� ich in die Jungritterschaft in Antiochia aufgenommen werden konnte, sobald ich vierzehn war. Zwar hatte Kaiser Gajus Caligula den Namen meines Vaters mit eigener Hand aus der Rolle des Ritterstandes gestrichen, aber in Antiochia wurde meinem Vater dies eher zur Ehre denn zur Schande angerechnet, da man sich dort nur zu gut erinnerte, was f�r ein Taugenichts Caligula schon als Knabe gewesen war. Er wurde �brigens sp�ter im Gro�en Zirkus in Rom ermordet, als er die Absicht ge�u�ert hatte, sein Lieblingspferd zum Senator zu ernennen.</p><p>Zu jener Zeit hatte mein Vater bereits, ohne es zu wollen, eine solche Stellung in Antiochia erreicht, da� man ihn gern unter den Gesandten gesehen h�tte, die die Stadt nach Rom schickte, um Kaiser Claudius zu seiner Thronbesteigung zu begl�ckw�nschen. Gewi� w�re dies eine Gelegenheit f�r ihn gewesen, seine alte Ritterw�rde wiederzuerlangen, aber mein Vater weigerte sich standhaft, nach Rom zu reisen. Wie sich sp�ter herausstellte, hatte er daf�r seine gewichtigen Gr�nde. Er selbst behauptete jedoch damals, er wolle am liebsten in Stille und Demut leben und trage kein Verlangen nach der Ritterw�rde.</p><p>Ebenso zuf�llig wie Barbus in unser Haus gekommen war, vermehrte sich auch das Verm�gen meines Vaters. Er versicherte oft auf seine griesgr�mige Art, da� er kein Gl�ck mehr gehabt habe, seit bei meiner Geburt die einzige Frau gestorben war, die er jemals wirklich geliebt hatte. Schon in Damaskus hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, allj�hrlich am Todestag meiner Mutter auf den Markt zu gehen und den einen oder andern elenden Sklaven zu kaufen. Hatte er ihn dann einige Zeit in seinem Hause gehalten und wieder zu Kr�ften gebracht, ging er mit ihm zu den Beh�rden, erlegte das L�segeld f�r ihn und gab ihm seine Freiheit zur�ck.</p><p>Er gestattete diesen Freigelassenen, nach ihm den Namen Marcius � nicht aber Manilianus � anzunehmen, und gab ihnen Geld, damit sie sich in dem Gewerbe niederlassen konnten, das sie erlernt hatten. So wurde aus einem seiner Freigelassenen Marcius der Seidenh�ndler und aus einem anderen Marcius der Fischer. Marcius der Barbier verdiente sich ein Verm�gen, indem er Frauenper�cken nach der neuesten Mode herrichtete. Von allen der reichste jedoch war Marcius der Bergmann, der hernach meinen Vater zwang, ein stillgelegtes Kupferbergwerk in Kilikien zu kaufen. Mein Vater beklagte sich gern dar�ber, da� es ihm nicht verg�nnt sei, das geringste Werk der Barmherzigkeit zu tun, ohne gleich selbst Nutzen und Ehre davon zu haben.</p><p>Als er sich nach siebenj�hrigem Aufenthalt in Damaskus in Antiochia niederlie�, war er dank seinen Sprachkenntnissen und seiner Besonnenheit eine Zeitlang Berater des Prokonsuls, vor allem in Angelegenheiten, welche die Juden betrafen, die er auf seinen fr�heren Reisen in Jud�a und Galil�a gr�ndlich kennengelernt hatte. Er war ein friedfertiger, gutm�tiger Mann und zog allen Gewaltma�nahmen stets eine L�sung im Guten vor. Auf diese Weise gewann er hohes Ansehen unter den Einwohnern Antiochias und wurde, als er seine Ritterw�rde verloren hatte, in den Rat der Stadt gew�hlt; nicht etwa, weil man ihm ein ungew�hnliches Ma� an Entschlossenheit und Tatkraft zutraute, sondern weil jede Partei glaubte, sich seiner bedienen zu k�nnen.</p><p>Als Caligula verlangte, da� seine Statue im Tempel zu Jerusalem und in allen Synagogen in den Provinzen aufgestellt werde, verstand mein Vater nur zu gut, da� dies zu bewaffnetem Aufruhr f�hren konnte. Er riet den Juden, sie sollten, anstatt nutzlose Einw�nde vorzubringen, lieber versuchen, Zeit zu gewinnen. Tats�chlich gaben die Juden Antiochias dem r�mischen Senat zu verstehen, sie h�tten die Absicht, dem Kaiser Gajus aus eigenen Mitteln wahrhaft kostbare Statuen in ihren Synagogen zu errichten, behaupteten dann jedoch das eine Mal, die Statuen seien nicht gut gelungen, und das andere Mal, ung�nstige Vorzeichen verhinderten ihre Aufstellung. Als Kaiser Gajus dann ermordet wurde, lobte man meinen Vater um seiner klugen Voraussicht willen. Ich glaube jedoch nicht, da� er von dem Mord im voraus gewu�t hat. Er hatte nur, wie es seine Art war, Zeit gewinnen wollen, um zu verhindern, da� es unter den Juden zu Unruhen k�me, die dem Handel der Stadt h�tten schaden k�nnen.</p><p>Doch konnte mein Vater auch eigensinnig sein. Als Mitglied des Stadtrates weigerte er sich mit aller Bestimmtheit, f�r Zirkusvorstellungen mit wilden Tieren und Gladiatoren Gelder zur Verf�gung zu stellen, und wollte selbst von Theaterauff�hrungen nichts wissen. Auf Anraten seiner Freigelassenen lie� er jedoch immerhin eine S�ulenhalle bauen, die seinen Namen trug. Aus der Vermietung der L�den, die darin untergebracht waren, bezog er so hohe Eink�nfte, da� ihm sogar dieses Unternehmen zum Vorteil anschlug, von der Ehre ganz zu schweigen.</p><p>Die Freigelassenen meines Vaters konnten nicht verstehen, warum er mich so knapp hielt und von mir verlangte, da� ich mich mit seiner eigenen einfachen Lebensweise zufriedengab. Sie wetteiferten darin, mir Geld zu schenken, das ich gut brauchen konnte, gaben mir sch�ne Kleider, lie�en meinen Sattel und mein Zaumzeug kostbar verzieren und bem�hten sich nach besten Kr�ften, meine un�berlegten Streiche zu bem�nteln und zu decken. Jung und t�richt, wie ich war, f�hlte ich mich n�mlich gedr�ngt, mich in allen Dingen ebenso, wenn nicht noch mehr, hervorzutun wie die geachtetsten J�nglinge der Stadt, und die Freigelassenen meines Vaters meinten in ihrem Unverstand, dies m�sse sowohl ihrer eigenen Stellung als auch der meines Vaters zugute kommen.</p><p>Barbus brachte meinen Vater zu der Einsicht, da� ich die lateinische Sprache erlernen mu�te. Das einfache Legion�rslatein des Veteranen reichte jedoch nicht weit. Daher sah mein Vater darauf, da� ich die Geschichtswerke des Virgil und des Titus Livius las. Barbus erz�hlte mir ganze Abende lang von den H�geln Roms, seinen Sehensw�rdigkeiten, seinen �berlieferungen, G�ttern und Kriegsherren, so da� mich zuletzt hei�e Sehnsucht nach Rom ergriff. War ich doch kein Syrer, sondern R�mer von Geburt, aus dem Geschlecht der Manilier und Maecener, wenngleich meine Mutter nur eine Griechin gewesen war. Selbstverst�ndlich vers�umte ich nicht, Griechisch zu lernen, und mit f�nfzehn kannte ich schon viele Dichter der Griechen. Zwei Jahre lang war Timaios von Rhodos mein Lehrer. Mein Vater hatte ihn nach den Unruhen auf Rhodos gekauft und wollte ihn sp�ter freilassen, aber Timaios lehnte dies voll Bitterkeit ab und erkl�rte, es bestehe kein wirklicher Unterschied zwischen Sklaven und Freien, sondern die Freiheit wohne allein in den Herzen der Menschen.</p><p>Der bittere Timaios unterwies mich in der Lehre der Stoa und verachtete meine Lateinstudien, da die R�mer in seinen Augen Barbaren waren und er tiefen Groll gegen Rom hegte, das Rhodos seiner ererbten Freiheit beraubt hatte.</p><p>Unter den jungen Burschen, die an den Reiterspielen teilnahmen, gab es etwa zehn, die einander an tollen Streichen zu �berbieten trachteten. Wir hatten einen Eidbund gegr�ndet und einen Baum erw�hlt, dem wir Opfer darbrachten. Als wir eines Tages von den Reit�bungen heimkehrten, beschlossen wir in unserem �bermut, in gestrecktem Galopp durch die Stadt zu reiten, wobei jeder einen der Kr�nze an sich rei�en sollte, die an den T�ren der L�den hingen. Wir hatten weiter nichts im Sinn, als die H�ndler zu �rgern, doch ich bekam aus Versehen einen schwarzen Kranz aus Eichenlaub zu fassen, den man vor die T�r geh�ngt hatte, um anzuzeigen, da� im Hause jemand gestorben war. Ich h�tte wissen m�ssen, da� dies ein b�ses Vorzeichen war, und in meinem Innersten erschrak ich auch, aber ich h�ngte den Kranz dennoch an unserem Opferbaum auf.</p><p>Wer Antiochia kennt, kann sich ausmalen, was f�r einen Aufruhr unser Streich verursachte, aber selbstverst�ndlich gelang es den Ordnungsw�chtern nicht, uns zu �berf�hren. Gleichwohl mu�ten wir uns stellen und selbst unsere Schuld bekennen, da sonst alle Teilnehmer an den Reiterspielen bestraft worden w�ren. Wir kamen mit einer Geldbu�e davon, denn die Richter wollten sich nicht mit unseren Eltern �berwerfen, aber wir begn�gten uns hinfort damit, unseren �bermut au�erhalb der Stadtmauern auszutoben.</p><p>Einmal erblickten wir unten am Flu� eine Schar M�dchen, die mit irgend etwas besch�ftigt waren, was unsere Neugier weckte. Wir hielten sie f�r Bauernm�dchen, und ich schlug meinen Eidbr�dern vor, so zu tun, als wollten wir sie rauben, wie einst die R�mer die Sabinerinnen geraubt hatten. Ich erz�hlte ihnen die Geschichte von den Sabinerinnen, und sie fanden sie sehr lustig. Wir ritten also zum Ufer hinab, und jeder packte das M�dchen, das ihm gerade in den Weg kam, und setzte es vor sich in den Sattel. Das ging freilich nicht so leicht, wie wir gedacht hatten, und nicht minder schwierig war es, die kreischenden, strampelnden M�dchen festzuhalten. Zudem wu�te ich nicht, was ich mit meinem M�dchen beginnen sollte. Ich kitzelte es, um es zum Lachen zu reizen, und als ich glaubte, ihm deutlich genug gezeigt zu haben, da� es ganz und gar in meiner Gewalt war, ritt ich zur�ck und lie� es wieder auf den Boden niedergleiten. Meine Kameraden taten dasselbe. Als wir davonritten, warfen uns die M�dchen Steine nach, und wir begannen B�ses zu ahnen. Ich selbst hatte sehr wohl bemerkt, da� ich keine Bauerndirn in den Armen hielt.</p><p>Tats�chlich handelte es sich um lauter M�dchen aus vornehmen Familien, die aus der Stadt und an den Flu� gezogen waren, um sich zu reinigen und gewisse Opferhandlungen zu vollziehen, die ihre neue Frauenw�rde von ihnen forderte. Wir h�tten es an den bunten B�ndern erkennen m�ssen, die sie zuf�llig des Weges Kommenden zur Warnung an den B�schen aufgeh�ngt hatten, aber wer von uns kannte sich schon so genau in den Mysterien junger M�dchen aus!</p><p>Die M�dchen selbst h�tten um ihres Rufes willen vielleicht geschwiegen. Es war aber eine Priesterin bei ihnen gewesen, die im Eifer ihres Amtes glaubte, wir h�tten uns mit voller Absicht der L�sterung schuldig gemacht. Mein Einfall f�hrte daher zu einem entsetzlichen Skandal. Es wurde sogar die Ansicht vorgebracht, wir m��ten zur Bu�e die M�dchen heiraten, deren Tugend wir in hingebungsvoller Opferstunde gekr�nkt hatten. Zum Gl�ck trug noch keiner von uns die M�nnertoga.</p><p>Mein Lehrer Timaios erz�rnte sich so sehr, da� er mir, obwohl er nur ein Sklave war, einen Stockhieb versetzte. Barbus wand ihm den Stock aus der Hand und riet mir, aus der Stadt zu fliehen, denn in seinem Aberglauben f�rchtete er auch die syrischen G�tter. Timaios f�rchtete zwar keine G�tter, die er allesamt nur als Sinnbilder betrachtete, aber er meinte, mein Benehmen habe Schande �ber ihn als Lehrer gebracht. Das schlimmste aber war, da� der Vorfall meinem Vater nicht verheimlicht werden konnte.</p><p>Ich war unerfahren und leicht zu beeindrucken, und als ich sah, wie die anderen erschraken und sich entsetzten, begann ich selbst unsere Tat f�r schrecklicher zu halten, als sie im Grunde war. Timaios, ein alter Mann und Stoiker dazu, h�tte wohl mehr Gleichmut bewahren und mich angesichts solcher Schicksalspr�fungen ermutigen sollen, anstatt mich zu dem�tigen, aber er gab mir seine wahre Denkart und all seine Bitterkeit zu erkennen, als er zu mir sagte: �F�r wen h�ltst du dich eigentlich, du eitles, widerliches Gro�maul! Nicht ohne Grund hat dein Vater dir den Namen Minutus gegeben, was der Unbedeutende hei�t. Deine Mutter war nichts als eine leichtfertige Griechin, eine T�nzerin und Schlimmeres, vielleicht auch eine Sklavin. Ja, das ist deine Herkunft! Das Gesetz, und nicht eine Laune, bewog Kaiser Gajus, deinen Vater aus der Rolle der Ritter zu streichen, denn er wurde zu der Zeit des Statthalters Pontius Pilatus aus Jud�a ausgewiesen, weil er sich mit dem Aberglauben der Juden abgegeben hatte. Er ist nicht einmal ein richtiger Manilius, sondern nur ein Manilianus, ein Adoptivsohn. Er machte sich in Rom mit Hilfe eines sch�ndlichen Testaments ein Verm�gen und war in einen Skandal mit einer verheirateten Frau verwickelt, so da� er nie mehr dorthin zur�ckkehren kann. Du bist also nichts und wirst nie etwas sein, du lasterhafter Sohn eines habs�chtigen Vaters.�</p><p>Er w�rde gewi� noch mehr gesagt haben, wenn ich ihn nicht auf den Mund geschlagen h�tte. Ich erschrak augenblicklich �ber meine Tat, denn es ziemt sich nicht, da� der Sch�ler den Lehrer schl�gt, mag dieser auch Sklave sein. Timaios wischte sich zufrieden das Blut von den Lippen, l�chelte b�se und sagte: �Ich danke dir, Minutus, mein Sohn, f�r dieses Zeichen. Was krumm ist, kann nie gerade wachsen, was gew�hnlich ist, kann nie vornehm werden. Und von deinem Vater sollst du noch wissen, da� er heimlich mit den Juden Blut trinkt und in der Abgeschiedenheit seines Zimmers den Becher der Gl�cksg�ttin anbetet. Auf andere Weise k�nnte auch keinem ohne eigenes Verdienst soviel Erfolg und Reichtum zuteil werden. Ich aber habe nun genug von ihm und von dir und von dieser ganzen ruhelosen Weithin der die Ungerechtigkeit �ber die Gerechtigkeit siegt und die Weisheit bei der T�r sitzen mu�, wenn die Frechheit zum Mahle l�dt.�</p><p>Ich achtete nicht auf seine Worte, denn ich hatte �ber meine eigenen N�te genug nachzudenken. Ein blinder Drang ergriff mich, durch irgendeine k�hne Tat zu beweisen, da� ich nicht unbedeutend war, und zugleich wiedergutzumachen, was ich B�ses getan hatte. Ich erinnerte mich, wenige Tage zuvor von einem L�wen geh�rt zu haben, der etwa einen halben Tagesritt von der Stadt entfernt einige Rinder gerissen hatte und den man zu fangen beabsichtigte. Es kam nur noch selten vor, da� ein L�we sich in die N�he einer gro�en Stadt wagte, und das Ereignis wurde daher viel besprochen. Ich dachte, wenn wir, meine Eidbr�der und ich, diesen L�wen lebend einfingen und dem Amphitheater unserer Stadt schenkten, so k�nnten wir dadurch unsere Missetaten s�hnen und �berdies Heldenruhm gewinnen.</p><p>Dieser Gedanke war so wahnwitzig, da� er nur in dem verwundeten Herzen eines F�nfzehnj�hrigen entstehen konnte, aber das Verr�ckteste war wohl, da� Barbus, der an diesem Nachmittag wie �blich betrunken war, meinen Plan ganz au�ergew�hnlich fand und guthie�. Er h�tte sich ihm auch, nach den vielen Erz�hlungen von seinen Heldentaten, nur schwer widersetzen k�nnen. Hatte er nicht selbst unz�hlige Male L�wen mit dem Netz gefangen, um sich neben seinem knappen Sold ein wenig Geld zu verdienen?</p><p>Wir mu�ten die Stadt unverz�glich verlassen, denn die Ordnungsw�chter konnten schon auf dem Wege sein, um mich zu verhaften, und auf jeden Fall glaubte ich mit Sicherheit zu wissen, da� man uns sp�testens am n�chsten Morgen f�r alle Zukunft unsere Pferde wegnehmen werde. Ich traf noch sechs meiner Kameraden an, denn nur drei von ihnen waren klug genug gewesen, ihren Eltern gleich zu berichten, was geschehen war, worauf diese sie sofort aus der Stadt geschickt hatten.</p><p>Meine ver�ngstigten Kameraden waren von meinem Plan so begeistert, da� wir alle miteinander auf der Stelle zu prahlen anfingen. Heimlich f�hrten wir unsere Pferde aus den St�llen und ritten aus der Stadt. Barbus holte unterdessen bei Marcius, dem Seidenh�ndler, einen Sack voll Silberm�nzen, ging damit ins Amphitheater und bestach einen erfahrenen Tierb�ndiger, uns zu begleiten. Sie beluden einen Karren mit Netzen, Waffen und Schutzledern und stie�en bei unserem Opferbaum drau�en vor der Stadt zu uns. Barbus hatte auch Fleisch, Brot und ein paar gro�e Kr�ge Wein mitgenommen. Der Wein machte mir wieder Appetit, denn bis dahin war ich so unruhig und niedergeschlagen gewesen, da� ich es nicht �ber mich gebracht hatte, auch nur einen Bissen zu essen.</p><p>Der Mond schien, als wir uns auf den Weg machten. Barbus und der Tierb�ndiger ermunterten uns durch Erz�hlungen vom L�wenfang in den verschiedenen L�ndern. Sie beschrieben ihn als etwas derma�en Einfaches, da� meine Kameraden und ich, vom Wein erhitzt, den beiden nahelegten, sich in unser Unternehmen nicht allzusehr einzumischen, sondern eher darauf bedacht zu sein, da� die ganze Ehre uns zufiel. Das gelobten sie bereitwillig und versicherten, sie wollten uns nur dank ihrer Erfahrenheit mit gutem Rat beistehen, sich aber im �brigen abseits halten. Ich f�r mein Teil hatte mit eigenen Augen gesehen, wie rasch eine Schar erfahrener M�nner einen L�wen mit dem Netz fangen kann und wie leicht es f�r einen mit zwei Spie�en bewaffneten Mann ist, einen L�wen zu t�ten.</p><p>In der Morgend�mmerung kamen wir in der Stadt an, von der man uns berichtet hatte. Die Einwohner waren eben im Begriff, ihre Herdfeuer anzuz�nden. Doch nun zeigte es sich, da� das Ger�cht gelogen hatte, denn die Stadt lebte nicht in Angst und Schrecken, sondern war, im Gegenteil, sehr stolz auf ihren L�wen. Seit Menschengedenken hatte man in diesem Landstrich kein solches Tier mehr zu Gesicht bekommen. Der L�we hauste in einer nahegelegenen Bergh�hle und hatte sich zu einem Bach hinunter einen Wechsel getreten. In der vorausgegangenen Nacht hatte er eine Ziege gefressen, die die Stadtbewohner an einem Baum neben dem Wechsel festgebunden hatten, damit er wertvolleres Vieh verschone. Einen Menschen hatte der L�we noch nicht angegriffen. Er hatte sogar die Gewohnheit, sich mit einem dumpfen Gebr�ll zu melden, wenn er seine H�hle verlie�, und war im �brigen nicht w�hlerisch. In Ermangelung eines Besseren gab er sich mit Aas zufrieden, sofern ihm nicht die Schakale zuvorgekommen waren. In der Stadt hatte man auch schon einen Holzk�fig gebaut, in dem man den L�wen nach Antiochia bef�rdern wollte, um ihn dort zu verkaufen. Ein L�we, der mit dem Netz gefangen wird, mu� n�mlich so fest gefesselt werden, da� seine Glieder Schaden nehmen k�nnen, wenn man ihn nicht rasch in einen K�fig bringt und die Stricke l�st.</p><p>Als die Stadtbewohner h�rten, was wir planten, waren sie alles andere denn zufrieden, aber zum Gl�ck hatten sie noch keinen K�ufer f�r den L�wen ausfindig gemacht, und sobald sie erfa�ten, in welcher Lage wir uns befanden, drangen sie so lange in uns, bis Barbus versprach, ihnen zweitausend Sesterze f�r das Tier zu zahlen. Um diesen Preis sollten wir den K�fig dazubekommen. Als der Handel abgeschlossen und das Geld ausbezahlt war, begann Barbus pl�tzlich vor K�lte zu zittern und schlug vor, wir sollten uns alle schlafen legen und die L�wenjagd auf den n�chsten Tag verschieben. Indessen mochten sich auch in Antiochia die Gem�ter ein wenig beruhigen. Dagegen wandte jedoch der Tierb�ndiger bed�chtig ein, gerade der Vormittag sei die g�nstigste Zeit, den L�wen aus seiner H�hle zu treiben, denn da habe er gefressen und getrunken und sei schwerf�llig und m�de vom Schlaf.</p><p>Barbus und er legten also ihren Lederschutz an, und gef�hrt von einigen M�nnern aus der Stadt ritten wir auf den Berg zu. Die M�nner zeigten uns den Wechsel und die Tr�nke des L�wen sowie seine F�hrte und ein H�ufchen frischer, kr�ftig riechender Losung, vor der unsere Pferde scheuten. Als wir uns langsam der H�hle n�herten, wurde der Aasgeruch immer st�rker. Unsere Pferde begannen zu zittern, rollten die Augen und weigerten sich schlie�lich weiterzugehen. Wir waren gezwungen abzusitzen und die Pferde fortzuschicken, so sehr hatte sie die blo�e Witterung erschreckt. Zu Fu� gingen wir weiter auf die H�hle zu, bis wir das grollende Schnarchen des L�wen vernahmen. Er schnarchte so gewaltig, da� der Boden unter unseren F��en bebte; doch wer wei�, vielleicht waren es auch unsere eigenen Beine, die zitterten, als wir da zum erstenmal in unserem Leben vor der H�hle eines L�wen standen.</p><p>Die M�nner aus der Stadt hatten nicht die geringste Angst vor ihrem eigenen L�wen. Sie versicherten, er werde nun ruhig bis zum Abend durchschlafen, ja sie schworen sogar, sie h�tten ihn zu einem so faulen und fetten L�wen herausgef�ttert, da� unsere gr��te Schwierigkeit gewi� darin bestehen werde, ihn zu wecken und ins Freie zu jagen.</p><p>Zwischen den B�schen vor der H�hle hatte der L�we einen breiten Pfad ausgetreten, und zu beiden Seiten dieses Pfades stiegen die Felsen so steil und so hoch, da� Barbus und der Tierb�ndiger sich in Sicherheit bringen und uns von dort oben mit ihren guten Ratschl�gen helfen konnten. Sie zeigten uns, in welchem Abstand von der H�hle wir das schwere Netz ausspannen sollten, das links und rechts von je dreien gehalten werden mu�te. Der siebente sollte hinter dem Netz hin und her springen und schreien, so da� der schlaftrunkene und von der Sonne geblendete L�we auf ihn losrannte und mitten ins Netz st�rzte. Dann brauchten wir nur noch das Netz �ber ihm zusammenzuschlagen und ihn recht fest einzuwickeln, wobei wir lediglich darauf zu achten h�tten, da� wir den F�ngen und Pranken nicht zu nahe k�men. Als wir die Sache bedachten, fanden wir, da� sie nicht so einfach war, wie die beiden da oben auf dem Felsen sie darstellten.</p><p>Wir lie�en uns auf dem Boden nieder, um zu beraten, wer von uns in die H�hle gehen und den L�wen wecken solle. Barbus meinte, das beste w�re es, die Bestie mit einem Lanzenschaft zu reizen, ohne sie zu verletzen, und der Tierb�ndiger versicherte, er h�tte uns diese kleine Gef�lligkeit gern erwiesen, allein seine Knie seien steif vor Gicht und im �brigen wolle er uns ja auch nicht um die Ehre bringen.</p><p>Meine Kameraden beobachteten mich verstohlen aus den Augenwinkeln und erkl�rten sich aus reiner Gutherzigkeit bereit, mir die Ehre zu �berlassen. Meinem Kopf sei schlie�lich der Plan entsprungen, und ich sei es auch gewesen, der sie dazu �berredet hatte, den Raub der Sabinerinnen zu spielen, womit ja dieses Abenteuer seinen Anfang genommen habe. Mit der scharfen Witterung des L�wen in der Nase beeilte ich mich, meine Kameraden daran zu erinnern, da� ich meines Vaters einziger Sohn war, und als wir den Fall n�her untersuchten, entdeckten wir, da� in der Tat f�nf von uns einzige S�hne waren, was m�glicherweise unser Betragen erkl�rt. Einer hatte nur Schwestern, und der J�ngste, Charisios, machte geltend, da� sein einziger Bruder stotterte und noch an einigen anderen Gebrechen litt.</p><p>Als Barbus sah, da� mich meine Kameraden immer mehr bedr�ngten und ich zuletzt gezwungen sein w�rde, in die H�hle zu gehen, nahm er einen gro�en Schluck aus seinem Weinkrug, rief mit zitternder Stimme Herkules an und versicherte, er liebe mich mehr als seinen eigenen Sohn, wenn man davon absehe, da� er nie einen Sohn gehabt habe. Der Auftrag zieme sich nicht f�r mich, sagte er, aber er, ein alter Legion�r, sei bereit, in die Schlucht niederzusteigen und den L�wen zu wecken. Sollte ihn dieser Versuch das Leben kosten, was wegen seiner schlechten Augen und schwach gewordenen Beine leicht m�glich w�re, so w�nsche er nur, da� ich f�r einen stattlichen Scheiterhaufen sorgte und eine Ged�chtnisrede auf ihn hielte, damit seine zahllosen ruhmvollen Taten allgemein bekannt w�rden. Im �brigen gedenke er, mir durch seinen Tod zu beweisen, da� alles, was er mir im Lauf der Jahre von seinem Wagemut berichtet hatte, wenigstens zum Teil wahr sei.</p><p>Als er allen Ernstes mit einer Lanze in der Hand die Felswand herabzuklettern begann, wurde auch mir weh ums Herz, und wir umarmten einander und vergossen zusammen einige Tr�nen. Ich konnte nicht zulassen, da� er, ein alter Mann, f�r mich und meine Missetaten sein Leben opferte, und bat ihn, meinem Vater zu berichten, da� ich wenigstens dem Tode wie ein Mann entgegengetreten sei, nachdem ich ihm schon im Leben nichts als Ungl�ck gebracht hatte. Meine Mutter war bei meiner Geburt gestorben, und nun hatte ich, wenngleich ohne b�se Absicht, Schande �ber seinen guten Namen gebracht.</p><p>Barbus reichte mir einen Weinkrug und hie� mich trinken, da, wie er sagte, nichts wirklich weh tun kann, wenn man nur genug Wein im Leibe hat. Ich trank also, und dann lie� ich meine Kameraden schw�ren, da� sie wenigstens das Netz ordentlich festhalten und um keinen Preis fallen lassen w�rden. Darauf packte ich meine Lanze mit beiden H�nden und schlich den L�wenwechsel entlang durch die Schlucht. In meinen Ohren dr�hnte das Schnarchen des Raubtiers, und schon sah ich es lang hingestreckt in der H�hle liegen. Ich stie� es, ohne recht hinzusehen, mit der Lanze, h�rte es aufbr�llen, schrie selbst laut auf und lief schneller als je bei einem Wettrennen mitten in das Netz hinein, das meine Kameraden in der Eile hochgerissen hatten, ohne zu warten, bis ich dar�bergesprungen war.</p><p>W�hrend ich in den Maschen des Netzes um mein Leben strampelte, kam der L�we hinkend und winselnd aus seiner H�hle, blieb verwundert stehen und blinzelte mich an. Er war so riesengro� und furchtbar, da� meine Kameraden seinen Anblick nicht ertrugen, das Netz fallen lie�en und flohen. Der Tierb�ndiger gab br�llend seine Ratschl�ge und schrie, wir m��ten das Netz �ber den L�wen werfen, bevor er sich ans Tageslicht gew�hnt habe und wirklich gef�hrlich werde.</p><p>Auch Barbus schrie und ermahnte mich, Geistesgegenwart zu bewahren und dessen eingedenk zu sein, da� ich ein R�mer und ein Manilier sei. Sollte ich in Not geraten, werde er sogleich niedersteigen und den L�wen mit seinem Schwert t�ten, zuerst aber m�sse ich versuchen, ihn lebend zu fangen. Ich wei� nicht, welche von diesen beiden M�glichkeiten mich die bessere d�nkte, aber jedenfalls gelang es mir, mich aus dem Netz zu befreien, nachdem meine Kameraden es losgelassen hatte. Ihre Feigheit machte mich rasend. Das Netz in den F�usten haltend, drehte ich mich um und blickte dem L�wen ins Auge. Mit majest�tischer Miene und zugleich bek�mmert und gekr�nkt starrte er zur�ck, hob das eine Hinterbein, das blutete, und winselte leise. Ich stemmte das Netz mit aller Kraft in die H�he, denn es war sehr schwer f�r einen einzelnen Mann, und warf es. Der L�we tat im gleichen Augenblick einen Sprung nach vorn, verfing sich in den Stricken und fiel auf die Seite. Unter schrecklichem Gebr�ll w�lzte er sich auf dem Boden hin und her und zog selbst die Maschen immer fester um sich, so da� er mir nur einen einzigen Prankenhieb versetzen konnte, der mir allerdings zu sp�ren gab, welche Kr�fte in dem Tier steckten, denn ich flog Hals �ber Kopf in die B�sche, was mir zweifellos das Leben rettete.</p><p>Barbus und der Tierb�ndiger feuerten sich gegenseitig mit lauten Rufen an. Letzterer nahm seine Holzgabel, setzte sie dem L�wen auf den Hals und dr�ckte ihn gegen den Boden. Barbus gelang es unterdessen, ihm eine Seilschlinge �ber das eine Hinterbein zu streifen. Nun wollten uns die syrischen Bauern zu Hilfe kommen, aber ich schrie und fluchte und verbat es ihnen, denn ich wollte, da� meine feigen Kameraden mit mir zusammen den L�wen fesselten, da ja sonst unser Plan nicht ausgef�hrt wurde. Zuletzt taten sie es auch, obwohl sie von den Krallen des L�wen noch einige Kratzer und Schrammen abbekamen. Der Tierb�ndiger zog unsere Schlingen und Knoten nach, bis der L�we so fest gebunden war, da� er sich kaum noch r�hren konnte. W�hrenddessen sa� ich zitternd vor Wut auf dem Boden und war gleichzeitig so erregt, da� ich mich zwischen meine Knie erbrach.</p><p>Die syrischen Bauern schoben eine lange Stange unter den gefesselten Pranken des L�wen hindurch und machten sich mit ihrer Last auf den Weg zur Stadt. Als er so auf der Stange hing, war er nicht mehr so gro� und prachtvoll wie in dem Augenblick, da er aus seiner H�hle in die Sonne getreten war. Er war vielmehr ein alter, schwacher, von H�hen zerbissener L�we, dessen M�hne schon mehrere kahle Stellen aufwies und der mit stumpfen Z�hnen auf seinem Knebel kaute. Ich bef�rchtete, er k�nnte unterwegs die Fesseln abstreifen. Dann aber wandte ich mich an meine Kameraden und sagte ihnen, was ich von ihnen im einzelnen und von unserem Eidbund im allgemeinen hielt. Ich h�tte nun immerhin das eine gelernt, sagte ich, da� man sich in der Gefahr auf keinen Menschen verlassen d�rfe. Meine Kameraden sch�mten sich f�r ihr Verhalten und lie�en meine Vorw�rfe still �ber sich ergehen. Dann aber erinnerten sie mich an unseren Schwur und daran, da� wir beschlossen hatten, den L�wen gemeinsam zu fangen. Sie g�nnten mir ja gern den gr��eren Anteil an der Ehre, aber sie h�tten schlie�lich auch ihren Beitrag geleistet, und bei diesen Worten wiesen sie mir ihre Kratzer vor. Ich wiederum zeigte ihnen meinen Arm, der noch immer stark blutete, so da� mir ganz schwach in den Knien wurde. Zuletzt einigten wir uns darauf, da� wir bei diesem heldenm�tigen Abenteuer allesamt f�r unser ganzes Leben mit Narben gezeichnet worden seien. In der Stadt feierten wir ein Fest und brachten dem L�wen, sobald wir ihn gl�cklich in den festen K�fig eingesperrt hatten, ehrerbietig ein Opfer dar. Barbus und der Tierb�ndiger tranken sich einen Rausch an, w�hrend die M�dchen der Stadt uns zu Ehren Reigen tanzten und uns Kr�nze flochten. Am n�chsten Tag mieteten wir einen Ochsenkarren, luden den K�fig darauf und ritten mit bekr�nzten Stirnen hinter dem Gespann her, nachdem wir uns vergewissert hatten, da� unsere Verb�nde deutlich sichtbare Blutflecke aufwiesen.</p><p>Am Stadttor von Antiochia wollte uns die Wache anhalten und die Pferde beschlagnahmen, aber ihr Befehlshaber war kl�ger und schlo� sich unserem Zug an, als wir ihm sagten, wir seien unterwegs zum Rathaus, um uns zu stellen. Zwei Ordnungsw�chter bahnten uns mit ihren St�cken den Weg, denn wie es in Antiochia �blich ist, hatten sich sogleich alle M��igg�nger versammelt, als die Kunde von einem ungew�hnlichen Ereignis durch die, Stadt lief. Zuerst schm�hte uns der Volkshaufe, da das Ger�cht ging, wir h�tten alle Jungfrauen und die G�tter der Stadt gesch�ndet. Vom L�rm und Geschrei der Leute aufgeschreckt, begann unser L�we zu br�llen und br�llte, von seiner eigenen Stimme angestachelt, immer lauter, so da� unsere Pferde wieder schwitzten, scheuten und sich b�umten.</p><p>M�glich, da� der erfahrene Tierb�ndiger an dem Gebr�ll des L�wen nicht ganz schuldlos war. Jedenfalls machte uns nun das Volk bereitwillig Platz, und einige Frauen riefen uns sogar mitleidige Worte zu und weinten, als sie unsere blutbefleckten Verb�nde erblickten.</p><p>Wer mit eigenen Augen die breite, meilenlange Hauptstra�e Antiochias mit ihren endlosen S�uleng�ngen gesehen hat, wird verstehen, da� unser Marsch immer mehr einem Triumphzug und immer weniger einem Bu�gang glich. Es dauerte nicht lange, und der wankelm�tige Haufe begann Blumen auf unseren Weg zu streuen. Wir waren jung, unser Selbstbewu�tsein erwachte wieder, und als wir endlich vor dem Rathaus angekommen waren, f�hlten wir uns eher als Helden denn als Verbrecher.</p><p>Die Stadtv�ter erlaubten uns zun�chst, unseren L�wen der Stadt zu schenken und Jupiter, dem Besch�tzer, zu weihen, der in Antiochia meist Baal genannt wird. Dann erst wurden wir den Strafrichtern vorgef�hrt. Mit diesen unterhandelte indessen schon ein ber�hmter Anwalt, den mein Vater hinzugezogen hatte, und unser freiwilliges Erscheinen machte tiefen Eindruck auf sie. Die Pferde nahmen sie uns freilich weg, dagegen halfen alle unsere Vorstellungen nichts, und wir bekamen harte Worte �ber die Sittenlosigkeit der Jugend zu h�ren. Was f�r einer Zukunft ging man entgegen, wenn die S�hne der besten Familien der Stadt, dem Volk ein schlechtes Beispiel gaben, und wie anders war doch alles gewesen, als unsere V�ter und Vorv�ter noch jung waren!</p><p>Als ich mit Barbus nach Hause kam, hing ein Totenkranz vor unserer T�r, und anfangs wollte niemand mit uns sprechen, nicht einmal Sophronia. Zuletzt brach sie jedoch in Tr�nen aus und berichtete, mein Lehrer Timaios habe sich am Abend zuvor ein Becken mit hei�em Wasser bringen lassen und sich dann die Pulsadern ge�ffnet. Erst am Morgen hatte man ihn leblos aufgefunden. Mein Vater hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen und nicht einmal seine Freigelassenen empfangen, die erschienen waren, um ihn zu tr�sten.</p><p>Niemand hatte den stets m�rrischen und �belnehmerischen Timaios, dem man nichts recht machen konnte, geliebt, aber nun, da er tot war, dr�ckte mich das Gewissen. Ich hatte ihn, meinen Lehrer, geschlagen und durch mein Benehmen Schande �ber ihn gebracht, und deshalb packte mich nun das Entsetzen. Ich verga�, da� ich einem L�wen mutig ins Auge geblickt hatte, und mein erster Gedanke war, f�r ewige Zeiten zu fliehen, zur See zu gehen, Gladiator zu werden oder mich in einer der fernsten Legionen Roms anwerben zu lassen, in den L�ndern des Schnees und des Eises oder an den hei�en Grenzen Parthiens. Doch konnte ich nicht aus der Stadt fliehen, ohne festgenommen und ins Gef�ngnis gesteckt zu werden, und so dachte ich in meinem Trotz daran, dem Beispiel des Timaios zu folgen und auf diese Weise meinem Vater alle Verantwortung abzunehmen und ihn von meiner �rgerniserregenden Gegenwart zu befreien.</p><p>Mein Vater empfing mich jedoch ganz anders, als ich gedacht hatte, und ich h�tte eigentlich darauf gefa�t sein m�ssen, da er sich doch in allem anders benahm als andere Menschen. �bern�chtigt und verweint st�rzte er mir entgegen, schlo� mich in seine Arme, dr�ckte mich fest an seine Brust, k��te mich auf die Wangen und auf das Haar und wiegte mich sanft hin und her. Auf solche Weise und so z�rtlich hatte er mich noch nie in den Armen gehalten, denn als ich klein war und mich nach seinen Liebkosungen sehnte, hatte er mich nie ber�hren oder auch nur ansehen wollen.</p><p>�Minutus, mein Sohn�, fl�sterte er. �Ich glaubte schon, ich h�tte dich f�r immer verloren und du seist mit dem alten Trunkenbold ans Ende der Welt geflohen, da ihr Geld mitgenommen hattet. Wegen Timaios brauchst du dir keine Gedanken zu machen, denn der wollte sich nur f�r sein Sklavenlos und seine nichtsnutzige Philosophie an dir und mir r�chen, und es gibt nichts auf dieser Welt, was so schlimm w�re, da� es nicht auf irgendeine Art ges�hnt oder vergeben werden k�nnte.�</p><p>Und nach einer Weile fuhr er fort: �O Minutus, ich tauge nicht dazu, jemanden zu erziehen, habe ich doch nicht einmal mich selbst erziehen k�nnen. Aber du hast die Stirn und die Augen deiner Mutter und ihre kurze gerade Nase, und auch ihren sch�nen Mund hast du. Kannst du mir meine Hartherzigkeit und alles, was ich an dir vers�umte, vergeben?�</p><p>Seine unbegreifliche Z�rtlichkeit stimmte auch mich weich, so da� ich laut zu weinen begann, obwohl ich schon f�nfzehn Jahre alt war. Ich warf mich vor meinem Vater nieder, umschlang seine Knie mit den Armen, bat ihn um Vergebung f�r all die Schande, die ich ihm angetan hatte, und gelohte, mich zu bessern, wenn er nur dieses eine Mal noch Nachsicht �ben wollte. Da fiel auch mein Vater vor mir auf die Knie und umarmte und k��te mich, so da� wir nun beide auf den Knien lagen und uns abwechselnd um Verzeihung baten. Ich war dar�ber, da� mein Vater sowohl Timaios� Tod als auch meine Schuld auf sich nehmen wollte, so froh und erleichtert, da� ich noch lauter weinte.</p><p>Als aber Barbus meine Klagelaute h�rte, konnte er nicht l�nger an sich halten. Polternd drang er mit gez�cktem Schwert und erhobenem Schild ins Zimmer ein, da er glaubte, mein Vater pr�gle mich, und gleich hinter ihm erschien heulend und pl�rrend Sophronia, die mich aus den Armen meines Vaters ri� und an ihren �ppigen Busen dr�ckte. Barbus und die Amme baten meinen grausamen Vater, lieber sie zu schlagen, da sie in h�herem Ma� als ich die Schuld an allem tr�gen. Ich sei ja noch ein Kind und h�tte mit meinen unschuldigen Streichen gewi� nichts B�ses beabsichtigt.</p><p>Mein Vater stand verwirrt auf und verwahrte sich heftig gegen den Vorwurf der Grausamkeit, indem er den beiden versicherte, er habe mich weder geschlagen noch schlagen wollen. Als Barbus erkannte, in welcher Gem�tsverfassung mein Vater sich wirklich befand, rief er laut alle G�tter Roms an und schwor, er werde sich in sein Schwert st�rzen, um wie Timaios seine Schuld zu s�hnen. Der Alte ereiferte sich so sehr, da� er sich allen Ernstes ein Leid angetan haben w�rde, wenn wir drei, mein Vater, Sophronia und ich, ihm nicht mit vereinten Kr�ften das Schwert und den Schild entrissen h�tten. Was er eigentlich mit dem Schild im Sinne gehabt hatte, begriff ich nicht recht. Er selbst erkl�rte mir sp�ter, er habe bef�rchtet, mein Vater k�nnte ihn auf den Kopf schlagen wollen, und sein alter Sch�del vertr�ge kr�ftige Hiebe nicht mehr so gut wie einst in Armenien.</p><p>Mein Vater bat Sophronia, das beste Fleisch holen und ein Festmahl bereiten zu lassen, da wir Ausrei�er gewi� hungrig seien und er selbst seit der Entdeckung, da� ich aus dem Haus verschwunden und da� es ihm so ganz und gar mi�gl�ckt war, seinen eigenen Sohn zu erziehen, nicht einen Bissen gegessen hatte. Er lie� auch alle seine Freigelassenen in der Stadt einladen, da sie meinetwegen in gro�er Sorge gewesen waren.</p><p>Mit eigener Hand wusch mein Vater meine Wunden, bestrich sie mit heilenden Salben und verband sie mit frischem Linnen, obwohl ich die blutigen Binden ganz gern noch eine Weile getragen h�tte. Barbus hatte w�hrenddessen Gelegenheit, von dem L�wen zu berichten, und mein Vater klagte sich noch heftiger an, da sein Sohn sich gen�tigt gesehen hatte, lieber im Rachen eines L�wen den Tod zu suchen als zu seinem eigenen Vater zu gehen und einen dummen Streich zu gestehen.</p><p>Zuletzt war Barbus vom vielen Reden durstig geworden und ging, und ich blieb mit meinem Vater allein zur�ck. Mein Vater wurde sehr ernst und sagte, er sehe nun ein, da� er mit mir �ber meine Zukunft sprechen m�sse, denn ich sollte ja nun bald die M�nnertoga bekommen. Er wu�te jedoch nicht, wie er beginnen sollte, da er noch nie mit mir gesprochen hatte, wie ein Vater mit seinem Sohne spricht. Er sah mich nur bek�mmert an und suchte vergeblich nach Worten, die ihm helfen konnten, mich zu erreichen.</p><p>Auch ich blickte ihn an und sah, da� sein Haar d�nn geworden und da� sein Gesicht voller Furchen war. Er war nun den F�nfzig n�her als den Vierzig, und ich sah in ihm einen alternden, einsamen Mann, der weder sein Leben noch die Reicht�mer, die er seinen Freigelassenen verdankte, zu genie�en imstande war. Ich betrachtete seine Buchrollen, und zum erstenmal fiel mir auf, da� es in seinem Zimmer nicht ein einziges G�tterbild gab, ja nicht einmal das Bild irgendeines Genius. Da mu�te ich an die b�swilligen Anschuldigungen denken, die Timaios vorgebracht hatte.</p><p>�Marcus, mein Vater�, begann ich. �Mein Lehrer Timaios hat b�se Worte �ber dich und meine Mutter gesagt, bevor er starb. Deshalb schlug ich ihn auch auf den Mund. Ich will meine schlimme Tat nicht entschuldigen, aber berichte du mir nun �ber meine Mutter und dich selbst. Ich habe ein Recht, alles zu erfahren, auch wenn es nichts Gutes sein sollte. Wie k�nnte ich sonst als Mann f�r mich und meine Taten einstehen!�</p><p>Mein Vater sah gequ�lt drein, rang die H�nde und wich meinem Blick aus. Z�gernd sagte er: �Deine Mutter starb, als sie dich gebar, und das konnte ich weder dir noch mir selbst verzeihen, bis ich heute endlich bemerkte, da� du deiner Mutter Ebenbild bist, wenn auch von h�herem Wuchs. Erst als ich f�rchtete, dich verloren zu haben, gingen mir die Augen auf, und ich begriff, da� ich letzten Endes f�r kaum etwas anderes mehr leben kann als f�r dich, mein Sohn.�</p><p>�War meine Mutter eine T�nzerin, ein leichtes Frauenzimmer und eine Sklavin, wie Timaios behauptete?� fragte ich geradeheraus.</p><p>Mein Vater erschrak und rief: �Wie kannst du solche Worte in den Mund nehmen, Minutus! Deine Mutter war vornehmer als jede andere Frau, die ich gekannt habe, und Sklavin war sie auf keinen Fall, wenngleich sie sich aufgrund eines Gel�bdes f�r einige Zeit dem Dienst an Apoll geweiht hatte. Mit ihr zusammen war ich einst in Galil�a und Jerusalem, um den K�nig der Juden und sein Reich zu suchen.�</p><p>Diese Worte best�rkten meinen schrecklichen Verdacht, und ich erwiderte mit unsicherer Stimme: �Timaios sagte, du seist in die Verschw�rung der Juden verwickelt gewesen, so da� der Statthalter dich aus Jud�a ausweisen mu�te. Deshalb also verlorst du deine Ritterw�rde und nicht nur dank einer Laune des Kaisers Gajus.�</p><p>Nun begann auch die Stimme meines Vaters zu zittern, als er erkl�rte: �All dies wollte ich dir berichten, sobald du selbst zu denken gelernt h�ttest und ich dich nicht zu zwingen brauchte, Dinge zu denken, die ich selbst nicht recht verstehe. Doch nun stehst du an einem Scheideweg und mu�t w�hlen, welche Richtung du einschlagen willst. Ich kann nur die H�nde ringen und hoffen, da� du richtig w�hlst. Zwingen kann ich dich zu nichts, denn ich habe nur Unsichtbares zu bieten, das ich selbst nicht begreife.�</p><p>�Vater�, sagte ich erschrocken, �du hast dich doch nicht insgeheim zum Glauben der Juden bekehren lassen, nachdem du so viel mit ihnen zu schaffen hattest?�</p><p>�Aber Minutus�, antwortete mein Vater verwundert. �Du warst mit mir im Bad und bei den Leibes�bungen und hast dich selbst davon �berzeugen k�nnen, da� ich nicht das Zeichen ihres Bundes am K�rper trage. Ich w�re ja ausgelacht worden.�</p><p>Er unterbrach sich und fuhr nach einer Weile fort: �Ich bestreite nicht, da� ich viel in den heiligen Schriften der Juden gelesen habe, um sie besser verstehen zu lernen. Doch im Grunde bin ich ihnen aber �bel gesinnt, weil sie selbst es waren, die ihren K�nig ans Kreuz schlugen. Auch um des schmerzlichen Todes deiner Mutter willen grollte ich den Juden und sogar ihrem K�nig, der am dritten Tage von den Toten auferstand und ein unsichtbares Reich gr�ndete. Seine j�dischen J�nger glauben gewi� noch immer, da� er eines Tages wiederkehren und ein sichtbares Reich gr�nden wird, doch all dies ist sehr verworren und wider die Vernunft, so da� ich dich nichts lehren kann. Deine Mutter h�tte es besser gekonnt, denn als Frau verstand sie besser als ich, was es mit diesem Reich f�r eine Bewandtnis hat, und ich kann noch immer nicht fassen, weshalb sie deinetwegen sterben mu�te.�</p><p>Ich begann am Verstande meines Vaters zu zweifeln und dachte wieder, da� er doch in allen Dingen anders als die meisten Menschen war. Ich fragte hitzig: �Da hast du gewi� mit den Juden bei ihren abergl�ubischen Mysterien Blut getrunken?�</p></section><section><p>Mein Vater sah mich traurig an und erwiderte: �Das ist etwas, was du nicht verstehen kannst, weil du nichts davon wei�t.� Er nahm einen Schl�ssel, sperrte eine Truhe auf, entnahm ihr einen abgen�tzten h�lzernen Becher, umfa�te ihn z�rtlich mit beiden H�nden, zeigte ihn mir und sagte: �Dies ist der Becher deiner Mutter Myrina, und aus diesem Becher haben wir zusammen einen Trank der Unsterblichkeit getrunken, in einer mondlosen Nacht auf einem Berg in Galil�a. Und obgleich wir beide daraus tranken, wurde der Becher nicht leer. Der K�nig zeigte sich uns in jener Nacht und sprach mit einem jeden, obwohl wir �ber f�nfhundert waren. Zu deiner Mutter sagte er, sie werde in ihrem Leben nicht mehr zu d�rsten brauchen. Sp�ter mu�te ich seinen J�ngern versprechen, niemals andere in diese Dinge einzuweihen, denn nach ihrem Daf�rhalten geh�rt das Reich allein den Juden, und ich als R�mer habe kein Teil daran.�</p><p>Ich verstand, da� dieser Becher, nach Timaios Ansicht der der Gl�cksg�ttin, verzaubert war. Als ich ihn in die Hand nahm, sp�rte und sah ich jedoch nur einen sch�bigen Holzbecher, obwohl mich bei dem Gedanken, da� meine Mutter ihn in der Hand gehalten und hochgesch�tzt hatte, eine schmerzliche R�hrung �berkam. Ich sah meinen Vater mitleidig an und sagte: �Ich kann dir wegen deines Aberglaubens keine Vorw�rfe machen, denn die Zauberkunstst�cke der Juden haben schon Kl�geren als dir den Kopf verdreht. Zweifellos hat dir dieser Becher Reichtum und Erfolg gebracht. Von der Unsterblichkeit will ich lieber nicht reden, um dich nicht zu kr�nken, und wenn du einen wiederauferstandenen Gott suchst, so gibt es deren genug unter den alten: Osiris und Tammuz, Attis, Adonis und Dionysos und viele andere. Doch das alles sind Gleichnisse und Sagen, die von denen in Ehren gehalten werden, die in die Mysterien eingeweiht sind. Gebildete Menschen trinken kein Blut mehr, und von Mysterien habe ich mehr als genug, seit ich junge M�dchen kennengelernt habe, die bunte B�nder in die B�sche h�ngen.�</p><p>Mein Vater sch�ttelte den Kopf, dr�ckte seine Handfl�chen gegeneinander und sagte bek�mmert: �Wenn ich es dir nur verst�ndlich machen k�nnte!�</p><p>�Ich verstehe mehr als genug, obgleich ich noch nicht erwachsen bin�, versicherte ich ihm. �Ich habe hier in Antiochia immerhin einiges gelernt. Du sprichst von dem, den sie den Gesalbten oder Christus nennen, und dieser neue Aberglaube ist noch verderblicher und sch�ndlicher als die anderen Lehren der Juden. Es stimmt, da� er gekreuzigt wurde, aber er war weder ein K�nig noch ist er auferstanden, sondern seine Anh�nger stahlen seine Leiche aus dem Grab, um sich vor dem Volk nicht sch�men zu m�ssen. Es lohnt sich nicht, �ber ihn zu reden. Gen�gt es nicht, wenn die Juden sich seinetwegen zanken?�</p><p>Mein Vater lie� jedoch nicht locker. �Er war ganz gewi� ein K�nig�, sagte er. �Es stand sogar in drei Sprachen auf seinem Kreuz, und ich habe es selbst gelesen: �Jesus von Nazareth, K�nig der Juden.� Wenn du schon den Juden nicht glauben willst, so mu�t du doch dem r�mischen Statthalter glauben. Es ist auch nicht wahr, da� die J�nger seine Leiche stahlen. Die Hohenpriester bestachen vielmehr die W�chter, damit sie es bezeugten. Ich wei� es, denn ich war dort und sah es mit eigenen Augen, ja ich begegnete sogar ihm selbst nach seiner Auferstehung am Ostufer des Galil�ischen Meeres oder glaubte zumindest noch immer, da� er es war. Er selbst hie� mich in die Stadt Tiberias gehen, wo deine Mutter damals in arger Bedr�ngnis lebte, und so lernte ich sie durch ihn kennen. Seit diesen Geschehnissen sind sechzehn Jahre vergangen, aber jetzt, wo du mich durch dein Unverm�gen, mich zu verstehen, aufregst, sehe ich alles wieder lebendig vor mir.�</p><p>Ich durfte mir nicht erlauben, meinen Vater gegen mich aufzubringen, und sagte hastig: �Ich will keineswegs �ber g�ttliche Dinge mit dir streiten. Ich m�chte nur eines wissen: kannst du nach Rom reisen, wann immer du willst? Timaios behauptete, du d�rftest dich wegen gewisser Dinge in deiner Vergangenheit nie wieder in Rom blicken lassen.�</p><p>Mein Vater richtete sich auf, runzelte die Stirn, sah mir streng in die Augen und sagte: �Ich bin Marcus Mecentius Manilianus und kann nach Rom zur�ckkehren, wann ich will. Ich bin kein Landfl�chtiger, und Antiochia ist, wie du selbst wissen m��test, kein Verbannungsort. Ich hatte meine eigenen pers�nlichen Gr�nde, Rom fernzubleiben. Heute k�nnte ich wieder in Rom leben, wenn es unbedingt sein m��te, denn ich bin nun �lter geworden und w�rde nicht mehr so leicht gewissen Einfl�ssen unterliegen wie in jungen Jahren. Nach anderen Gr�nden brauchst du mich nicht zu fragen. Du w�rdest sie nicht verstehen.�</p><p>Seine Worte machten mich froh, und ich rief: �Du sprachst von einem Scheideweg und von meiner Zukunft, die ich mir selbst w�hlen m�sse. Woran dachtest du?�</p><p>Mein Vater trocknete sich z�gernd die Stirn, bedachte sich eine lange Weile und sagte endlich: �Die M�nner hier in Antiochia, die am besten �ber den Weg unterrichtet sind, beginnen allm�hlich zu begreifen, da� das Reich nicht nur den Juden geh�rt. Ich habe den Verdacht, nein, um ganz aufrichtig zu sein, ich wei�, da� sie auch unbeschnittene Griechen und Syrer getauft haben und an ihrem geheimen Mahl teilnehmen lassen. Es hat deshalb viel Streit gegeben, aber jetzt wirkt hier ein Jude von der Insel Kypros, dem ich einmal pers�nlich in Jerusalem begegnete, als der Geist �ber sie kam, und dieser hat als seinen Gehilfen einen gewissen Saulus aus Tarsos, einen Juden, kommen lassen, den ich ebenfalls schon fr�her einmal sah, in Damaskus, als sie ihn in die Stadt f�hrten. Er hatte n�mlich bei einer g�ttlichen Offenbarung das Augenlicht verloren, gewann es aber, wie ich h�rte, sp�ter wieder zur�ck. Sei dem, wie ihm wolle. Ich mag nichts behaupten, was ich nicht wei�, aber das sage ich: der Mann ist es wert, da� man ihn kennenlernt, und es ist mein hei�ester Wunsch, da� du diese M�nner aufsuchst und ihre Lehre anh�rst. Wenn es ihnen gelingt, dich zu �berzeugen, werden sie dich als einen Untertan in Christi Reich taufen und an ihrem Mahl teilnehmen lassen. Ohne Beschneidung brauchst du nicht zu bef�rchten, unter das j�dische Gesetz zu fallen.�</p><p>Ich traute meinen Ohren nicht und rief: �W�nschst du wirklich, da� ich mich in die j�dischen Mysterien einweihen lasse, um irgendeinen gekreuzigten K�nig und ein Reich zu verehren, das es nicht gibt, denn wie soll ich etwas, was man nicht sehen kann, anders nennen?�</p><p>Mein Vater sagte ungeduldig: �Es ist mein Fehler. Ich finde offenbar nicht die richtigen Worte, da es mir nicht gelingt, dich zu �berzeugen. Jedenfalls vers�umst du nichts, wenn du dir anh�rst, was diese M�nner zu sagen haben.�</p><p>Der blo�e Gedanke entsetzte mich. �Nie im Leben lasse ich zu, da� die Juden mich mit ihrem Weihwasser bespritzen!� rief ich. �Und ich werde auch nie mit ihnen Blut trinken. Ich w�rde ja das letzte verlieren, was von meinem guten Ruf noch �brig ist!�</p><p>Noch einmal versuchte mein Vater geduldig zu erkl�ren, da� dieser Saulus ein gebildeter Mann war, der die Rhetorenschule in Tarsos besucht hatte, und da� nicht nur Sklaven und Handwerker, sondern auch viele vornehme Frauen Antiochias heimlich zu ihm gingen und ihm lauschten.</p><p>Ich hielt mir die Ohren zu, stampfte auf den Boden und schrie laut und unbeherrscht: �Nein, nein, nein!�</p><p>Mein Vater kam wieder zur Vernunft und sagte in k�hlerem Ton: �Es soll geschehen, was du willst. Der gelehrte Kaiser Claudius hat errechnet, da� n�chsten Fr�hling achthundert Jahre seit Gr�ndung der Stadt vergangen sein werden. Dieses Jubil�um hat zwar schon der Gott Augustus feiern lassen, und es leben noch viele, die damals dabei waren, aber es soll nun noch einmal begangen werden, und das w�re f�r uns eine ausgezeichnete Gelegenheit, nach Rom zu reisen.�</p><p>Bevor er noch geendet hatte, umarmte und k��te ich ihn und rannte vor Freude im Zimmer umher, denn ich war ja noch ein Knabe. In diesem Augenblick trafen die Freigelassenen zum Festmahl ein, und er ging in die Aula hinaus, um sie zu begr��en und ihre Geschenke entgegenzunehmen. Ich mu�te mich neben meinen Vater stellen, zum Zeichen, da� er mir in allem beizustehen gedachte. Sie freuten sich, als sie es sahen, streichelten mir �bers Haar, tr�steten mich wegen des Verlusts meines Pferdes und bewunderten meinen Verband.</p><p>Als sie sich zu Tisch gelegt hatten und ich zu F��en meines Vaters auf einem Schemel Platz genommen hatte, denn liegen durfte ich als Minderj�hriger noch nicht, erkl�rte mein Vater, da� es der Zweck dieser Zusammenkunft sei, im Kreise der Familie �ber meine Zukunft zu beraten. �Das soll euch jedoch nicht den Appetit verderben�, f�gte er l�chelnd hinzu. �St�rken wir uns also zun�chst mit Wein. Der Wein l�st die Zunge, und wir brauchen kluge Worte und guten Rat.�</p><p>Er sch�ttete keinen Wein auf den Boden, aber Barbus lie� sich von seiner Ungl�ubigkeit nicht beeindrucken. Er opferte an meines Vaters Stelle den G�ttern und sagte mit lauter Stimme den Spruch. Ich folgte seinem Beispiel, und auch die Freigelassenen tauchten zumindest einen Finger in den Wein und sprengten ein paar Tropfen auf den Boden, wenn sie auch nichts Vernehmliches dazu sagten. Mein Herz schwoll vor Liebe, als ich sie alle ansah, und ich w�nschte in meinem Innern, da� ich zu einem Mann heranw�chse, mit dessen Ansehen auch das ihre zun�hme. Von meinem Vater erwarteten sie nichts mehr und hatten sich mit seiner Eigenart abgefunden.</p><p>Mein Vater sagte indessen: �Als ich euch freikaufte, lie� ich euch von � dem Trank der Unsterblichkeit aus dem Holzbecher meiner verstorbenen Gemahlin trinken. Ihr aber habt nie andere Sch�tze gesammelt als die Reicht�mer dieser Welt, die von einer Stunde zur anderen enden kann. Es ist mir wohl vorbestimmt, da� ich an �berflu� und S�ttigung leiden und mich mit lauter unn�tzen Gesch�ften abgeben mu�, denen ich nicht den geringsten Wert beimesse, da ich nichts anderes will, als in Stille und Demut leben.�</p><p>Die Freigelassenen beeilten sich zu versichern, da� auch sie in Stille und Demut zu leben versuchten, soweit dies eben f�r erfolgreiche Gesch�ftsleute angehe. Wer mit seinem Reichtum prahle, m�sse nur h�here Steuern zahlen und der Stadt Schenkungen machen. Und seiner Vergangenheit k�nne sich keiner von ihnen r�hmen, da sie Sklaven gewesen waren, so da� man besser dar�ber schwieg.</p><p>Darauf sagte mein Vater: �Euretwegen und weil mein Sohn Minutus so halsstarrig ist, kann ich dem neuen Weg nicht folgen, der nun auch den Unbeschnittenen, Griechen wie R�mern, offensteht, denn wollte ich mich zum Christusglauben bekennen, wie dieser neue Weg zum Unterschied von der alten Lehre der Juden genannt wird, so m��tet ihr und mein ganzes Haus meinem Vorbild folgen, und ich glaube nicht, da� solcher Zwang jemandem n�tzen w�rde. Ich glaube �brigens auch nicht, da� etwa Barbus irgendeines Geistes teilhaftig w�rde, wenn ihm einer seine H�nde aufs Haupt legte und ihn anhauchte. Von Minutus, der beim blo�en Gedanken an dergleichen die Beherrschung verlor und zu schreien begann, will ich lieber schweigen.</p><p>Deshalb will ich mich nun um meine Familie k�mmern, und was ich tue, das tue ich ganz. Ich reise mit Minutus nach Rom, um mir die allgemeinen Begnadigungen zum Jubil�umsfest zunutze zu machen und meine Ritterw�rde zur�ckzuerlangen. Minutus soll in Rom, in Gegenwart seiner Verwandten, die M�nnertoga anlegen, und dort soll er auch ein neues Pferd bekommen, nachdem er das seine hier verloren hat.�</p><p>Das war f�r mich eine �berraschung, von der ich nicht einmal zu tr�umen gewagt hatte. Ich hatte im g�nstigsten Falle gehofft, durch meine eigene K�hnheit und meine eigenen Verdienste meinem Vater einst die Ehre zur�ckgeben zu k�nnen, die er dank einer Laune des Kaisers verloren hatte. F�r die Freigelassenen dagegen war dies offenbar nichts Neues, und ich entnahm ihren Gesten und Mienen, da� sie schon seit langem in diesem Sinne auf meinen Vater eingewirkt haben mu�ten, da sie selbst nur Ehre und Gewinn hatten, wenn er seine Ritterw�rde zur�ckbekam. Sie nickten also nur und erkl�rten, da� sie sich bereits mit den Freigelassenen des Kaisers Claudius in Verbindung gesetzt h�tten, die wichtige �mter in der Verwaltung des Reiches bekleideten. Mein Vater besa� sogar ein Mietshaus auf dem Aventin und Landg�ter bei Caere. Er erf�llte daher die Forderungen, die hinsichtlich Verm�gen und Grundbesitz an einen Ritter gestellt wurden, mehr als zur Gen�ge.</p><p>Mein Vater bat sie zu schweigen und sagte: �Dies alles ist von geringerer Bedeutung. Das wichtigste ist, da� ich mir endlich Urkunden verschaffen konnte, aus denen Minutus� Abstammung klar ersichtlich ist, und dazu hat es gro�er juristischer Sachkenntnis bedurft. Zuerst hatte ich die Absicht, Minutus ganz einfach an Sohnes Statt anzunehmen, sobald er vollj�hrig w�re, aber mein Anwalt �berzeugte mich, da� wir damit nichts gewonnen h�tten. Seine r�mische Abstammung w�re in aller Zukunft angezweifelt worden.�</p><p>Mein Vater packte einen ganzen Sto� Urkunden aus, las ein wenig daraus vor und erkl�rte: �Das wertvollste Dokument ist der von den r�mischen Beh�rden in Damaskus best�tigte Ehevertrag zwischen Myrina und mir. Er ist ein unwiderlegbares, echtes und rechtskr�ftiges Zeugnis, denn als meine Gemahlin in Damaskus von mir schwanger wurde, war ich sehr gl�cklich und darauf bedacht, die Stellung meines zuk�nftigen Erben im voraus zu festigen.�</p><p>Er blickte eine Weile zur Decke empor und fuhr dann fort: �Viel schwieriger war es, �ber die Herkunft von Minutus� Mutter Genaues zu erfahren. Ich hielt es damals nicht f�r wichtig, und wir sprachen nie dar�ber. Nach langwierigen Nachforschungen gelang es uns endlich, �berzeugend nachzuweisen, da� ihr Geschlecht aus der Stadt Myrina herstammt, die nahe bei Kyme in der Provinz Asia liegt.</p><p>Mein Anwalt riet mir wegen der Namensgleichheit, bei meinen Nachforschungen von dieser Stadt auszugehen. Es stellte sich heraus, da� ihre Familie ihr Verm�gen verlor und sich auf den Inseln im Meer ansiedelte, aber ihre Abstammung ist ohne Zweifel vornehm, und zur Bekr�ftigung dessen lie� ich meiner Gemahlin Myrina vor dem Rathaus in Myrina eine Statue errichten. Ich machte der Stadt noch andere Schenkungen, damit sie ihr Andenken bewahrte. Mein Bevollm�chtigter lie� au�erdem das ganze Rathaus, das allerdings nicht gro� war, neu erbauen, und die Stadtv�ter machten sich erb�tig, Myrinas Geschlecht bis in die Urzeit zur�ck zu belegen und von einem der Flu�g�tter abzuleiten, aber das schien mir denn doch nicht erforderlich. Auf der Insel Kos fand mein Bevollm�chtigter einen alten, ehrw�rdigen Priester im �skulaptempel, der sich noch genau an Myrinas Eltern erinnerte und unter Eid versicherte, er sei Myrinas leiblicher Onkel. Als Myrinas und ihrer Br�der unbescholtene, wenngleich mittellose Eltern starben, weihten sich die Geschwister Apoll und verlie�en die Insel.�</p><p>�Wie gern w�rde ich diesen Onkel meiner Mutter kennenlernen, der doch mein einziger noch lebender Verwandter m�tterlicherseits ist!� rief ich eifrig.</p><p>�Das ist ganz und gar unn�tig�, sagte mein Vater rasch. �Er ist ein sehr alter Mann mit einem schlechten Ged�chtnis, und ich habe daf�r gesorgt, da� er bis an sein Lebensende ein Dach �ber dem Kopf, Speise und Trank und einen Pfleger hat. Du brauchst dir nur zu merken, da� du von der Mutter her aus vornehmem griechischem Geschlecht stammst. Sp�ter, wenn du einmal erwachsen bist, magst du dich der armen Stadt Myrina erinnern und mit einem passenden Geschenk daf�r Sorge tragen, da� man dort nichts vergi�t. Ich, dein Vater�, fuhr er eilig fort, �geh�re durch Adoption dem Geschlecht der Manilier an und nenne mich daher Manilianus. Mein Stiefvater, der dem Gesetz nach dein Gro�vater ist, war der ber�hmte Astronom Manilius. Er verfa�te ein astronomisches Werk, das noch heute in allen Bibliotheken der Welt studiert wird. �ber deinen zweiten Namen, Mecentius, hast du dich gewi� schon gewundert. Dieser Name erinnert an meine eigentliche Herkunft. Der ber�hmte Maecenas, der Freund des Gottes Augustus, war ein weitschichtiger Verwandter von mir, der seine sch�tzende Hand �ber meine Eltern hielt, wenngleich er sie dann in seinem Testament verga�. Er stammte seinerseits von den Herrschern �ber Caere ab, die schon, lange bevor Aeneas aus Troja floh, K�nige waren. Daher geht dein r�misches Blut zur�ck auf die Etrusker. Rechtlich gesehen m�ssen wir uns jedoch zu den Maniliern z�hlen, und von den Tuskern schweigt man in Rom besser, da die R�mer nicht gern daran erinnert werden, da� sie einst von ihnen beherrscht wurden.�</p><p>Mein Vater sprach so hochgestimmt, da� wir alle still und regungslos lauschten. Nur Barbus dachte ab und zu daran, sich mit Wein zu st�rken.</p><p>�Mein Adoptivvater Manilius war ein armer Mann�, fuhr mein Vater fort. �Er gab sein ganzes Verm�gen f�r B�cher und f�r seine Wissenschaft aus, anstatt durch seine Weissagekunst Geld zu verdienen, und es war eigentlich nur der Zerstreutheit des Tiberius zuzuschreiben, da� er seine Ritterw�rde behalten durfte. Es w�rde zu weit f�hren, wollte ich von den Hungerjahren berichten, die ich in meiner Jugend hier in Antiochia als Buchhalter zubrachte. Der haupts�chliche Grund f�r meine bescheidene Stellung war der, da� ich mir wegen der Armut der Manilier kein Pferd leisten konnte. Als ich nach Rom zur�ckkehrte, hatte ich jedoch das Gl�ck, die Gunst einer hochgestellten Frau zu gewinnen. Ihren Namen will ich verschweigen. Diese kluge, erfahrene Frau machte mich mit einer betagten, kr�nklichen, aber edelgesinnten Witwe bekannt, und diese vermachte mir in ihrem Testament ihr gesamtes Verm�gen, so da� ich endlich mein Recht, den Goldring zu tragen, bekr�ftigen konnte, aber da war ich schon drei�ig Jahre alt und mochte nicht mehr die Beamtenlaufbahn einschlagen. Au�erdem fochten die Verwandten der Witwe das Testament an, ja sie brachten sogar die abscheuliche Beschuldigung vor, die alte Frau sei, nachdem sie das Testament abgefa�t hatte, vergiftet worden. Das Recht war auf meiner Seite, aber wegen des leidigen Prozesses und auch aus anderen Gr�nden verlie� ich Rom und fuhr nach Alexandria, um mich dort mit gewissen Studien zu besch�ftigen. In Rom wird zwar viel geklatscht, aber ich glaube nicht, da� sich noch jemand an diesen alten Streit erinnert, der von neidischen, boshaften Menschen vom Zaun gebrochen wurde. Ich spreche �berhaupt nur davon, um Minutus zu beweisen, da� es nichts gibt, wessen ich mich zu sch�men h�tte, und da� nichts mich daran hindert, nach Rom zur�ckzukehren. Und ich glaube, da� wir nach allem, was geschehen ist, gut daran tun, so bald wie m�glich zu reisen und solange das Wetter f�r die �berfahrt noch g�nstig ist. So bleibt mir der ganze Winter, um bis zur Jahrhundertfeier meine Angelegenheiten zu ordnen.�</p><empty-line/><p>Wir hatten gegessen und getrunken. Die Fackeln vor unserem Haus begannen zu schwelen und zu verl�schen, und in den Lampen versiegte das �l. Ich selbst hatte mich so still verhalten, wie ich nur konnte, und versucht, die Finger von den Schrammen auf meinen Armen zu lassen, die schon zu jucken begannen. Vor dem Haus hatten sich einige Bettler aus Antiochia versammelt, und nach gutem syrischen Brauch lie� mein Vater die Reste des Mahls an sie verteilen. Als die Freigelassenen eben aufbrechen wollten, dr�ngten sich zwei Juden herein, die sie erst f�r Bettler hielten und aus dem Haus weisen wollten. Mein Vater eilte ihnen jedoch entgegen, begr��te sie achtungsvoll und sagte: �Nein, nein, ich kenne diese M�nner. Sie sind Boten des h�chsten Gottes. Gehen wir alle noch einmal hinein, und h�ren wir, was sie uns zu sagen haben.�</p><p>Der W�rdigere von den beiden hielt sich sehr steif und hatte einen grauen Bart. Es stellte sich heraus, da� er ein Kaufmann von der Insel Kypros war. Er oder seine Familie besa� ein Haus in Jerusalem, und dort hatte ihn mein Vater schon vor meiner Geburt aufgesucht. Er hie� Barnabas. Der andere war sichtlich j�nger. Er trug einen engen schwarzen Ziegenhaarmantel. Sein Kopf begann schon kahl zu werden. Er hatte abstehende Ohren und Augen, die so stechend blickten, da� die Freigelassenen unwillk�rlich zur�ckwichen und ein abwehrendes Zeichen mit den Fingern machten. Dies war Saulus, von dem mein Vater zu mir gesprochen hatte, aber er war nicht unter seinem eigentlichen Namen bekannt, sondern nannte sich Paulus, aus Demut, wie er sagte, aber auch deshalb, weil sein fr�herer Name bei den Untertanen Christi einen �blen Klang hatte. Paulus hei�t der Geringe, der Unbedeutende, geradeso wie mein eigener Name Minutus, und das machte mich neugierig. Er war kein sch�ner Mann, aber in seinen Augen, in seinem ganzen Antlitz lag eine solche Glut, da� man keine Lust versp�rte, mit ihm Streit zu bekommen. Ich f�hlte, da� nichts, was man zu diesem Manne sagte, imstande w�re, ihn zu beeinflussen, da� aber er selbst gro�en Einflu� auf andere aus�bte. Neben ihm wirkte Barnabas, gewi� auch auf Grund seines Alters, ruhig und besonnen.</p><p>Den Freigelassenen war die Ankunft dieser beiden M�nner l�stig, aber sie konnten sich nun nicht mehr entfernen, ohne meinen Vater zu kr�nken. Barnabas und Paulus traten bescheiden auf. Sie sprachen abwechselnd und berichteten, da� die �ltesten ihrer Versammlung eine Offenbarung gehabt hatten, in der ihnen gehei�en worden war, sich auf Reisen zu begeben, um die gute Botschaft zu verk�nden, zuerst den Juden, dann den Heiden. Auch in Jerusalem waren sie gewesen und hatten den Heiligen dort Geld gebracht, und deren �lteste hatten ihre Vollmacht durch Handschlag bekr�ftigt. Danach hatten sie Gottes Wunder mit solcher Kraft verk�ndet, da� sogar Kranke geheilt wurden. In einer der St�dte im Landesinnern war Barnabas f�r Jupiter in Menschengestalt gehalten worden und Paulus f�r Merkur, so da� der Priester der Stadt bekr�nzte Ochsen als Opfer f�r sie hatte herbeitreiben lassen. Sie hatten alle M�he gehabt, eine so gottlose Ehrung abzuweisen. Darauf hatten die Juden Paulus vor die Stadt gef�hrt und gesteinigt, waren dann aber aus Angst vor den Beh�rden geflohen und hatten Paulus in dem Glauben, er habe seinen Geist aufgegeben, auf dem Feld liegengelassen. Er war jedoch wieder zum Leben erwacht.</p><p>Die Freigelassenen fragten verwundert: �Wovon seid ihr besessen, da� es euch nicht genug ist, zu leben wie andere Menschen und euer t�gliches Werk zu verrichten, sondern da� ihr euer Leben aufs Spiel setzen m��t, um von Gottes Sohn und der Vergebung der S�nden Zeugnis abzulegen?�</p><p>Barbus brach bei der Vorstellung, da� jemand diese beiden Juden f�r G�tter halten konnte, in lautes Gel�chter aus, aber mein Vater verwies es ihm. Er st�tzte den Kopf in beide H�nde und klagte: �Ich habe euern Weg kennengelernt und in meiner Eigenschaft als einer der V�ter der Stadt oft und oft versucht, Jude mit Jude zu vers�hnen. Ich m�chte gern glauben, da� ihr die Wahrheit sprecht, aber noch scheint euch der Geist nicht vers�hnlich gestimmt zu haben. Im Gegenteil, ihr habt fortw�hrend Streit miteinander, und der eine sagt dies, der andere das. Die Heiligen in Jerusalem verkauften ihre Habe und warteten tagt�glich auf die Wiederkunft eures K�nigs. Sie warten nun schon mehr als sechzehn Jahre. Ihr Geld ist aufgebraucht, und sie leben nur noch von Almosen. Was habt ihr dazu zu sagen?�</p><p>Paulus versicherte, da� er f�r sein Teil niemanden gelehrt habe, sich ehrlicher Arbeit zu enthalten und seinen Besitz an die Armen auszuteilen. Barnabas wiederum sagte, ein jeder m�sse tun, wie der Geist ihm zu tun befehle. Nachdem man in Jerusalem begonnen hatte, die Heiligen zu verfolgen und zu t�ten, seien viele in fremde L�nder gezogen, auch nach Antiochia, und h�tten sich als H�ndler und Handwerker niedergelassen und auch Erfolg gehabt, der eine mehr, der andere weniger.</p><p>Barnabas und Paulus sprachen noch lange weiter, bis die Freigelassenen ihrer m�de wurden und sagten: �Nun haben wir genug von Gott geh�rt. Wir w�nschen euch nichts B�ses, aber sagt nun, was ihr von unserem Herrn wollt, da ihr sp�t am Abend bei ihm eindringt und ihn st�rt. Er hat ohnedies Sorgen genug.�</p><p>Darauf berichteten sie, da� ihre T�tigkeit viel b�ses Blut unter den Juden Antiochias gemacht hatte, so da� sich zuletzt sogar die Parteien der Pharis�er und Sadduz�er gegen sie und die Christen verb�ndeten. Die Juden betrieben eine eifrige Bekehrungsarbeit zugunsten des Tempels in Jerusalem und hatten von den Gottesf�rchtigen reiche Gaben eingesammelt. Aber die Sekte der christlichen Juden lockte die Neubekehrten auf ihre Seite, indem sie ihnen Vergebung der S�nden versprach und behauptete, sie brauchten das j�dische Gesetz nicht mehr zu befolgen. Aus diesem Grunde wollten nun die Juden vor dem Rat der Stadt Anklage gegen die Christen erheben. Barnabas und Paulus versicherten, sie h�tten zwar ohnehin die Absicht, Antiochia vorher zu verlassen, aber sie f�rchteten, der Rat k�nnte sie verfolgen und vor Gericht stellen.</p><p>Mein Vater freute sich, sie beruhigen zu k�nnen. �Ich habe durch zahllose Vermittlungen und Vergleiche erreicht, da� der Rat der Stadt sich nicht mehr in die inneren Glaubensangelegenheiten der Juden einmischt�, sagte er. �Die Juden m�ssen die Streitigkeiten zwischen ihren verschiedenen Sekten selbst schlichten. Wir betrachten die Christen vom juristischen Standpunkt aus als eine der vielen j�dischen Sekten, obwohl sie weder die Beschneidung noch die buchstabengetreue Befolgung des Gesetzes Mose fordern. Deshalb sind die Ordnungsh�ter der Stadt verpflichtet, die Christen zu sch�tzen, wenn andere Juden ihnen Gewalt antun wollen. Ebenso ist es aber auch unsere Pflicht, die anderen Juden in Schutz zu nehmen, wenn sie von den Christen behelligt werden.�</p><p>�Wir sind beide Juden�, sagte Barnabas tief bek�mmert, �aber erst die Beschneidung macht einen zum rechtgl�ubigen Juden. Daher behaupten nun die Juden Antiochias, da� unbeschnittene Judenchristen rechtlich gesehen keine Juden seien und somit wegen Schm�hung des j�dischen Glaubens verurteilt werden k�nnten.�</p><p>Aber mein Vater war sehr starrsinnig, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, und wandte dagegen ein: �Soviel ich wei�, ist der einzige Unterschied zwischen Christen und Juden der, da� die Christen, die beschnittenen wie die unbeschnittenen, glauben, der Messias der Juden, der Gesalbte, habe bereits in Jesus von Nazareth menschliche Gestalt angenommen, sei von den Toten auferstanden und werde fr�her oder sp�ter zur�ckkehren, um das Tausendj�hrige Reich zu gr�nden, w�hrend die Juden dies nicht glauben und weiter auf ihren Messias warten. Juristisch gesehen ist es jedoch v�llig gleichg�ltig, ob einer glaubte, da� der Messias schon gekommen sei oder da� er erst kommen werde. Es gen�gt, da� er an einen Messias glaubt. Die Stadt Antiochia ist weder willens noch befugt, zu entscheiden, ob der Messias gekommen ist oder nicht. Deshalb m�ssen Juden und Christen die Sache friedlich untereinander ausmachen, anstatt sich gegenseitig zu verfolgen.�</p><p>Paulus fuhr auf. �So haben wir es bisher gehalten, und so k�nnte es auch bleiben, wenn nicht manche beschnittene Christen so feige w�ren, wie zum Beispiel Kephas, der zuerst mit den unbeschnittenen zusammen a� und sich dann von ihnen zur�ckzog, weil er die Heiligen in Jerusalem mehr f�rchtet als Gott. Ich habe ihm ins Gesicht gesagt, was ich von seiner Feigheit halte, aber der Schaden war schon geschehen, und immer �fter nehmen nun die beschnittenen Christen ihr Liebesmahl getrennt von den unbeschnittenen ein. Deshalb k�nnen letztere nicht einmal mehr juristisch als Juden betrachtet werden. Nein, es gibt unter uns weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie, sondern wir sind alle nur noch Glieder Christi.�</p><p>Mein Vater bemerkte, da� es unklug w�re, dergleichen vor Gericht zu bezeugen, denn die Christen w�rden dadurch einen unersetzlichen Vorteil und allen Schutz verlieren. Viel vern�nftiger w�re es, wenn sie sich als Juden zu erkennen g�ben und alle politischen Vorteile der Juden f�r sich in Anspruch n�hmen, auch wenn sie die Beschneidung und das j�dische Gesetz gering achteten.</p><p>Es gelang ihm jedoch nicht, die beiden Juden zu �berzeugen. Sie hatten ihre eigene unumst��liche Anschauung, da� ein Jude ein Jude sei und ein Heide ein Heide. Doch k�nne ein Heide Christ werden, und auf die gleiche Weise k�nne ein Jude Christ werden, so da� es zwischen ihnen keinen Unterschied mehr gebe, sondern sie eins seien in Christus. Darum bleibe ein Jude doch auch als Christ ein Jude, ein zum Christentum bekehrter Heide m�sse sich aber erst beschneiden lassen, um Jude zu werden, und dies sei nun nicht mehr n�tig, ja nicht einmal w�nschenswert, da alle Welt begreifen m�sse, da� ein Christ kein Jude zu sein brauche.</p><p>Mein Vater sagte bitter, diese Philosophie �bersteige sein Fassungsverm�gen. Er sei seinerzeit in aller Demut bereit gewesen, Untertan im Reiche jenes Jesus von Nazareth zu werden, aber man habe ihn nicht aufgenommen, weil er kein Jude war. Der F�hrer der nazarenischen Sekte habe ihm sogar verboten, �ber ihren K�nig zu sprechen. Er halte es nach allem f�r das kl�gste, weiterhin zu warten, bis die Angelegenheiten dieses Reiches endlich gekl�rt und auch f�r einen schlichteren Verstand fa�bar w�ren. Es zeige sich nun, da� die Vorsehung selbst ihn nach Rom schicke, da ihn in Antiochia nur Verdru� erwarte, und zwar von den Juden wie von den Christen, denn nun wisse selbst der beste Mittler keinen Rat mehr.</p><p>Immerhin versprach er, dem Rat der Stadt vorzuschlagen, man solle die Christen nicht verurteilen, weil sie den Glauben der Juden geschm�ht h�tten, da sie durch die �bernahme der von den Juden erfundenen Taufe und dadurch, da� sie einen j�dischen Messias als ihren K�nig verehrten, jedenfalls de facto, wenn schon nicht de jure, sozusagen selbst Juden seien. Schlo� sich der Rat dieser Auffassung an, so konnte die Angelegenheit zumindest aufgeschoben und die Klage der Juden f�rs erste abgewiesen werden.</p><p>Damit gaben sich Barnabas und Paulus, da ihnen nichts anderes �brigblieb, zufrieden. Mein Vater versicherte ihnen noch, da� seine Sympathien mehr den Christen als den Juden g�lten. Die Freigelassenen ihrerseits baten meinen Vater, unverz�glich um seine Entlassung aus dem Rat der Stadt anzusuchen, da er mit seinen eigenen Angelegenheiten genug zu tun habe. Mein Vater hielt ihnen jedoch mit gutem Grund entgegen, da� er gerade das nicht tun d�rfe, denn ein �ffentliches Abschiedsgesuch w�rde alle glauben machen, er halte mich f�r schuldig, vors�tzlich die G�tter gel�stert zu haben.</p><p>Die Freigelassenen begannen ernstlich zu f�rchten, meines Vaters offenkundige Sympathie f�r die Christen k�nne den Verdacht erwecken, er habe mich, seinen Sohn, am Ende gar dazu angestiftet, die unschuldvollen Mysterien der M�dchen zu entweihen, denn es sei ja bekannt, da� die Christen ebenso wie die Juden erbitterte Gegner der G�tterbilder, der heiligen Opfer und der �berlieferten Mysterien sind.</p><p>�Diejenigen, die sich taufen lassen und dann mit ihren Glaubensbr�dern Blut trinken, zerschlagen und verbrennen ihre Hausg�tter und vernichten ihre kostbaren Weissagungsb�cher, anstatt sie zu einem m��igen Preis solchen zu �berlassen, die noch Verwendung daf�r haben�, sagten die Freigelassenen. �Diese leidenschaftliche Unduldsamkeit macht sie gef�hrlich. Du, unser guter, geduldiger Herr, solltest nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben, sonst k�nnte es deinem Sohn �bel ergehen.�</p><p>Zur Ehre meines Vaters sei es gesagt, da� er mich nach dem Besuch dieser beiden Juden nicht mehr aufforderte, zu ihnen zu gehen und ihre Lehre anzuh�ren. Sie zerstritten sich �brigens, nachdem sie sich mit den anderen Juden �berworfen hatten, und verlie�en Antiochia in verschiedenen Richtungen. Nach ihrer Abreise beruhigten sich die rechtgl�ubigen Juden wieder, denn die besonneneren Christen gingen offenem und �ffentlichem Streit aus dem Wege, sonderten sich ab und bildeten eine eigene geheime Gesellschaft.</p><p>Auf Anraten meines Vaters wiesen die V�ter der Stadt die Klage der Juden gegen Barnabas und Paulus ab und entschieden, da� die Juden ihre Glaubenszwistigkeiten selbst zu schlichten h�tten. Im gleichen Sinn wurde die Klage gegen mich und meine Kameraden behandelt und die Entscheidung dem Orakel in Daphne �berlassen. Unsere Eltern erlegten schwere Bu�en, und wir selbst mu�ten uns einer Reinigungszeremonie in Daphnes Hainen unterziehen, die drei Tage und drei N�chte dauerte. Die Eltern der M�dchen, die wir gekr�nkt hatten, wagten danach nicht mehr, uns mit Heiratsangeboten nahezutreten, aber w�hrend der Zeremonie in Daphne waren wir gezwungen worden, der Mondg�ttin ein gewisses Gel�bde abzulegen, �ber das ich mit meinem Vater nicht sprechen konnte. Er fragte �brigens auch nicht danach.</p><p>Gegen seine Gewohnheit ging er mit mir zur n�chsten Vorstellung in das Amphitheater, wo wir sieben J�nglinge die Ehrenpl�tze hinter den obersten Beamten einnehmen durften. Unser L�we hatte eine Abmagerungskur gemacht und war geh�rig aufgereizt worden, so da� er sich in der Arena besser auff�hrte, als wir zu hoffen gewagt hatten. Einen Verbrecher, der verurteilt worden war, den wilden Tieren vorgeworfen zu werden, ri� er mir nichts dir nichts in St�cke, dann bi� er den ersten Gladiator ins Knie und k�mpfte unerschrocken, bis ihm der letzte den Fangsto� versetzte. Die Zuschauer johlten vor Vergn�gen und ehrten den L�wen und uns, indem sie sich unter lauten Beifallsrufen von ihren Sitzen erhoben. Ich glaube, mein Vater war stolz auf mich, wenn er auch nichts sagte. Einige Tage sp�ter nahmen wir Abschied von den weinenden Hausgenossen und reisten, von den Freigelassenen geleitet, zum Hafen Seleukia. Dort bestiegen wir, mein Vater, ich und Barbus, ein Schiff, um nach Neapel zu fahren und von dort aus weiter nach Rom.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>II

    </strong></p><p><strong>ROM
  </strong></p><empty-line/><p>Wie soll ich beschreiben, wie einem zumute ist, wenn man mit f�nfzehn Jahren im Sonnenglanz des Herbstes in Rom ankommt und von Kind an gewu�t hat, da� einen die Erinnerung des Blutes mit diesen heiligen H�geln und T�lern verbindet? Mir war, als bebte der Boden unter meinen F��en, um seinen Sohn willkommen zu hei�en, und als spr�che mir jeder rissige Pflasterstein von einer achthundertj�hrigen Geschichte. Sogar der schlammige Tiber war mir so heilig, da� mir bei seinem Anblick schwindelte.</p><p>Vielleicht war ich einfach ersch�pft von den Aufregungen und dem vielen Wachen der langen Reise, aber jedenfalls f�hlte ich eine Art gl�cklichen Rausch, der s��er war als der von Wein. Dies war meine und meiner V�ter Stadt, Herrin �ber die ganze zivilisierte Welt bis Parthien und Germanien.</p><p>Barbus sog eifrig schnuppernd die Luft ein, als wir auf dem Weg zum Haus von meines Vaters Tante Laelia waren. �Mehr als vierzig Jahre habe ich den Geruch Roms vermi�t�, sagte er. �Es ist ein Geruch, den man nie vergessen kann, und am kr�ftigsten ist er mitten in der Stadt, in Suburra, so wie jetzt am Abend, wenn der Duft von gekochten Speisen und hei�er Wurst sich mit den nat�rlichen Ger�chen der engen Gassen vermengt. Das ist eine Mischung aus Knoblauch, siedendem �l, Gew�rzkr�utern, s��en D�nsten und Weihrauch aus den Tempeln, und �ber alldem schwebt etwas, was ich nicht anders nennen kann als eben den Geruch Roms, da ich es nirgends sonst gefunden habe. Aber mir scheint, in den vierzig Jahren hat sich seine Zusammensetzung ein wenig ver�ndert, oder vielleicht ist meine Nase schon zu alt geworden. Nur mit M�he gelingt es mir, den unvergleichlichen Duft meiner Kindheits- und Jugendjahre wahrzunehmen.�</p><p>Wir waren zu Fu� in der Stadt angekommen, denn tags�ber d�rfen in Rom keine Fahrzeuge verkehren. Es g�be sonst ein solches Gedr�nge, da� man nicht mehr von der Stelle k�me. Mir oder vielleicht auch sich selbst zuliebe w�hlte mein Vater nicht den geraden Weg zum Palatin, sondern einen Umweg �ber das Forum, so da� wir den Palatin zun�chst linker Hand erblickten und vor uns das Kapitol aufragte. Dann bogen wir in die alte Tuskerstra�e ein, um neben der gro�en Rennbahn den Palatin zu erreichen. Ich wandte den Kopf hierhin und dorthin, mein Vater nannte geduldig die Namen der Bauwerke und Tempel, und Barbus staunte �ber die neuen Prachtbauten auf dem Forum, die zu seiner Zeit noch nicht da gestanden waren. Mein Vater schwitzte und atmete schwer. Ich dachte mitleidig, da� er, obwohl noch nicht ganz f�nfzig, ein alter Mann war.</p><p>Er blieb jedoch erst stehen, um Atem zu sch�pfen, als wir vor dem runden Vestatempel ankamen. Durch die �ffnung in seinem Dach stieg die d�nne Rauchs�ule von Roms heiligem Feuer auf, und mein Vater versprach mir, da� ich, wenn ich wollte, schon am n�chsten Tag mit Barbus zusammen die H�hle besichtigen durfte, in der die W�lfin Romulus und Remus ges�ugt hatte und die der Gott Augustus als Sehensw�rdigkeit f�r, die ganze Welt hatte instand setzen lassen. Vor der H�hle stand noch der heilige Baum der Wolfsbr�der. �ber den Geruch Roms aber sagte mein Vater: �F�r mich ist er ein unverge�licher Duft von Rosen und Salben, von reinem Linnen und gescheuerten Steinb�den, ein Duft, der nirgends auf der Welt seinesgleichen hat, da in ihm etwas von der Erde und der Luft Roms ist, und der blo�e Gedanke daran stimmt mich so wehm�tig, da� ich lieber tot sein m�chte, als noch einmal durch diese unverge�lichen Stra�en wandern. Wir wollen deshalb nicht l�nger verweilen, damit ich nicht zu sehr ger�hrt und ergriffen werde und die Selbstbeherrschung verliere, in der ich mich nun seit f�nfzehn Jahren �be.�</p><p>Doch Barbus klagte im Weitergehen: �Die Erfahrung eines ganzen Lebens hat mich gelehrt, da� es nur einiger Schlucke Weins bedarf, damit meine Sinne und mein ganzes Wesen D�fte und Laute st�rker als sonst erleben. Nichts hat mir je so gut geschmeckt in meinem Munde wie die kleinen scharfgew�rzten W�rste, die in Rom zischendhei� aufgetragen werden. La�t uns wenigstens so lange Rast machen, wie wir brauchen, um so eine Wurst zu versuchen.�</p><p>Mein Vater mu�te lachen. Wir waren gerade am Viehmarkt angelangt und traten in eine kleine Schenke, die so alt war, da� ihr Boden schon tief unter die Stra�enh�he gesunken war. Wir beide, Barbus und ich, sogen begehrlich die Luft ein, die nach Wein und hei�en Speisen roch, und Barbus rief erfreut aus: �Herkules sei gelobt, es gibt noch Dinge in Rom, die geblieben sind, wie sie einmal waren. Diese Schenke erkenne ich wieder, obgleich ich sie viel gr��er und ger�umiger in Erinnerung hatte. Schnuppere nur eifrig, Minutus, der du j�nger bist als ich. Wie findest du diesen Geruch von Fisch und Schlamm, Schilf und Dung, schwei�nasser Haut und R�ucherwerk aus den Buden in der Rennbahn?�</p><p>Er sp�lte sich den Mund mit Wein, spuckte das Opfer auf den Boden, stopfte sich den Mund mit warmer Wurst voll, kaute und schmeckte mit schief gelegtem Kopf und sagte endlich: �Etwas Altes, l�ngst Vergessenes kehrt da in der Tat in mein Ged�chtnis zur�ck, aber mir scheint, auch mein Gaumen ist schon zu alt geworden, denn so gl�cklich wie fr�her bin ich nicht mehr mit einer Wurst im Mund und einem Becher Wein in der Hand.�</p><p>Tr�nen traten ihm in seine runzeligen Augenwinkel, und er seufzte: �Ich bin wahrhaftig so etwas wie ein Geist aus der Vergangenheit, nun da das Jubil�um gefeiert werden soll. Hier habe ich keinen einzigen Bekannten, Verwandten oder Besch�tzer mehr. Eine neue Generation ist an die Stelle der meinen getreten und wei� nichts mehr von den Dingen der Vergangenheit. Darum haben die sch�rfsten W�rste ihren Geschmack verloren, und der Wein ist schal geworden. Ich hatte gehofft, unter den Pr�torianern oder wenigstens bei der Feuerwehr den einen oder anderen Kriegskameraden wiederzufinden, aber nun frage ich mich, ob wir einander denn �berhaupt wiedererkennen w�rden. Weh den Besiegten! Ich bin wie Priamos auf den Tr�mmern Trojas.�</p><p>Der Wirt eilte mit schmalztriefendem Gesicht herbei und fragte, was zu Diensten sei. Er versicherte, man k�nnte in seinem Hause Wagenlenker aus dem Zirkus, Beamte aus dem Staatsarchiv und Schauspieler antreffen und neuerdings auch Baumeister, die damit besch�ftigt waren, die alten Sehensw�rdigkeiten Roms f�r die Jahrhundertfeier instand zu setzen. Sogar mit reizenden kleinen W�lfinnen k�nne man unter seinem Dach Bekanntschaft schlie�en. Doch Barbus war untr�stlich und erwiderte finster, er m�ge nicht einmal an Dirnen denken, denn gewi� seien auch die nicht mehr so schmackhaft wie in alten Tagen. Danach stiegen wir den Aventin hinauf, und mein Vater sagte seufzend, wir h�tten lieber nicht in diese Schenke gehen sollen, denn die Knoblauchwurst verursache ihm Magenschmerzen, die nicht einmal der Wein zu lindern imstande sei. Er f�hle eine schwere Beklemmung in der Brust und sei d�sterer Ahnungen voll. Ein Rabe, der zu unserer Linken vor�berflog, d�rfte ihn darin best�rkt haben.</p><p>Wir kamen an neuen und alten Mietsh�usern vorbei und an einigen uralten Tempeln, die neben den gro�en Geb�uden, tief in den Erdboden eingesunken, verfielen. Auf der anderen Seite des H�gels fand mein Vater dann endlich den Familiensitz der Manilier. Verglichen mit dem unseren in Antiochia war es ein recht kleines, bauf�lliges Haus, das irgendwann einmal aufgestockt worden war, damit man zus�tzlichen Wohnraum gewann. Es war jedoch von einer Mauer und einem verwilderten Garten umgeben. Als mein Vater meine geringsch�tzige Miene bemerkte, sagte er streng, da� allein schon das Grundst�ck und der Garten von dem Alter und der Vornehmheit des Hauses Zeugnis ablegten.</p><p>Die Tr�ger hatten schon l�ngst unser Reisegep�ck vom Capuanischen Tor heraufgebracht, und Tante Laelia war daher auf unseren Besuch gewi� vorbereitet. Sie wartete jedoch, bis mein Vater sich daranmachte, die Tr�ger zu entlohnen, ehe sie die Treppe herabschritt und uns zwischen den Lorbeerb�schen im Garten entgegenkam. Sie war eine gro�e, magere Frau, und sie hatte sich sorgf�ltig die Wangen geschminkt und ein wenig Schwarz um die Augen aufgetragen. Sie trug einen Ring am Finger und eine Kupferkette um den Hals. Ihre erhobenen H�nde zitterten, als sie uns mit einem wohlbemessenen Freudenschrei entgegentrippelte.</p><p>Da sich aber mein Vater, bescheiden wie immer, im Hintergrund hielt und selbst mit den Tr�gern abrechnete, versah sie sich und blieb vor Barbus stehen, duckte sich ein wenig, bedeckte sich das Haupt wie zum Gebet und rief: �Ach, Marcus, was f�r ein Freudentag! Du hast dich seit deiner Jugend kaum ver�ndert, nur deine Haltung ist besser geworden, und kr�ftiger bist du auch.�</p><p>Mein Vater lachte und rief: �O Tante Laelia, du bist noch ebenso kurzsichtig und zerstreut wie fr�her. Sieh her, ich bin Marcus. Dieser alte ehrenwerte Veteran ist unser Freund und Begleiter Barbus, einer meiner Klienten.�</p><p>Tante Laelia �rgerte sich �ber ihren Irrtum, trat auf meinen Vater zu, musterte ihn mit funkelnden Blicken, w�hrend sie mit zitternden H�nden seine Schultern und seinen Bauch betastete, und meinte schlie�lich: �Kein Wunder, da� ich dich nicht wiedererkannt habe. Dein Gesicht ist feist geworden, dein Bauch ist schlaff, und ich kann meinen Augen kaum trauen, denn fr�her einmal sahst du doch beinahe gut aus.�</p><p>Mein Vater nahm ihr diese Bemerkung nicht �bel. Im Gegenteil, er sagte sogar: �Dank f�r deine Worte, liebe Tante Laelia. Mir f�llt ein Stein vom Herzen, denn fr�her hat mir mein Aussehen nur Kummer eingebracht. Nachdem du mich nicht wiedererkanntest, brauche ich nicht zu* f�rchten, da� andere mich erkennen. Du selbst aber bist dir gleichgeblieben, schlank wie eh und je und von edler Miene und Haltung. Die Jahre haben dir nicht das geringste anhaben k�nnen. Umarme also meinen Sohn Minutus, und sei zu ihm so gut und z�rtlich, wie du es zu mir in meiner Jugend und meines Leichtsinns Tagen warst.� Tante Laelia nahm mich entz�ckt in die Arme, k��te mich mit ihren d�nnen Lippen auf die Stirn und auf die Augen, streichelte mir die Wangen und rief: �Aber Minutus, du hast ja schon einen Flaumbart und bist kein Kind mehr, das ich auf dem Scho� halten kann!�</p><p>Sie hielt meinen Kopf zwischen den H�nden, betrachtete mich genau und sagte: �Du siehst eher wie ein Grieche denn wie ein R�mer aus, aber ich mu� gestehen, da� deine gr�nen Augen und dein helles Haar sehr ungew�hnlich sind. W�rst du ein M�dchen, w�rde ich dich sch�n nennen, aber auch so wirst du gewi� eine gute Partie machen. Deine Mutter war, wenn ich mich recht erinnere, Griechin, nicht wahr?�</p><p>Erst als sie zu stottern begann und fort und fort redete, ohne selbst recht zu wissen, was sie sagte, begriff ich, da� sie zutiefst erschrocken war. An der Haust�r wurden wir von einem kahlk�pfigen, zahnlosen Sklaven begr��t, neben dem eine lahme, ein�ugige Frau stand. Die beiden fielen vor meinem Vater auf die Knie und sagten einen Spruch auf, den offenbar Tante Laelia sie gelehrt hatte. Mein Vater sah verlegen drein, legte Tante Laelia die Hand auf die Schulter und bat sie, vor uns einzutreten, da sie in diesem Hause die Herrin sei. Das kleine Atrium war voll Rauch, so da� wir alle zu husten begannen, denn Tante Laelia hatte uns zu Ehren ein Feuer auf dem Hausaltar anz�nden lassen. Durch den Rauch hindurch erkannte ich die Ahnenbilder unserer Familie, Figuren aus gebranntem Ton, deren vergoldete Wachsmasken sich in den wirbelnden Schwaden zu bewegen schienen.</p><p>Hustend und mit fahrigen Handbewegungen begann Tante Laelia wortreich zu erkl�ren, da� wir eigentlich nach altem manilischen Familiengebrauch ein Schwein opfern m��ten; da sie jedoch den Tag unserer Ankunft nicht genau gewu�t habe, sei es ihr unm�glich gewesen, eines zu beschaffen, und wir m��ten daher mit Oliven, K�se und Gem�sesuppe vorliebnehmen. Selbst ��e sie schon seit langem kein Fleisch mehr.</p><p>Wir besichtigten die R�ume des Hauses und sahen Spinnweben in den Winkeln, wir sahen die sch�bigen Betten und die anderen, ebenso schlechten M�bel, und bald wurden wir gewahr, da� unsere vornehme, hochgeachtete Tante Laelia in bitterster Armut lebte. Von der Bibliothek des Astronomen Manilius waren nur noch einige von Ratten zernagte Buchrollen �brig, und Tante Laelia mu�te gestehen, da� sie sogar eine Portr�tb�ste an die �ffentliche Bibliothek am Fu�e des Palatin verkauft hatte. Zuletzt begann sie kl�glich zu weinen und rief: �Tadle mich nur, Marcus. Ich bin eine schlechte Wirtschafterin, und das kommt daher, da� ich in meiner Jugend bessere Tage gesehen habe. Ich h�tte nicht einmal das Haus behalten k�nnen, wenn du mir nicht aus Antiochia Geld geschickt h�ttest. Unser Geld ist verschwunden. Wie das zuging, kann ich mir selbst nicht erkl�ren, aber f�r ausgefallene Speisen, Wein und wohlriechende Salben ist es nicht verwendet worden, das mu�t du mir glauben. Ich habe immer noch die Hoffnung, da� sich mein Geschick eines Tages wenden wird, denn dies ist mir geweissagt worden. Du darfst mir nicht z�rnen, und du darfst nicht von mir verlangen, da� ich dir �ber die Gelder, die du mir schicktest, genau Rechenschaft ablege.�</p><p>Mein Vater machte sich heftige Vorw�rfe und versicherte ihr, da� er nicht nach Rom gekommen sei, um von ihr Rechenschaft zu fordern, und da� er nun bereue, ihr nicht mehr Geld f�r den Lebensunterhalt und die Pflege des Hauses geschickt zu haben. Doch nun solle alles anders werden, ganz wie man es ihr prophezeit hatte. Er bat Barbus, auszupacken, breitete kostbare orientalische Stoffe auf den Boden aus, schenkte Tante Laelia eine Seidentunika und ein Seidentuch, h�ngte ihr eine Kette aus edlen Steinen um den Hals und bat sie, in ein Paar weiche rote Lederschuhe zu schl�pfen. Als er ihr noch eine pr�chtige Per�cke gab, weinte sie noch lauter und rief: �Ach Marcus, bist du wirklich so reich! Du bist doch nicht etwa auf unehrliche Weise zu diesen kostbaren Dingen gekommen! Ich glaubte, du seist auf die schiefe Bahn geraten und den Lastern des Ostens verfallen, denen die R�mer nur zu leicht erliegen, wenn sie zu lang da drau�en bleiben. Daher wurde mir so bang zumute, als ich dein aufgedunsenes Gesicht sah, aber gewi� haben mir nur die Tr�nen den Blick getr�bt. Nun da ich dich mit gr��erem Gleichmut betrachte, gew�hne ich mich an dein Gesicht und finde, da� es vielleicht nicht so �bel aussieht, wie ich zuerst meinte.�</p><p>Tante Laelia glaubte und f�rchtete in Wirklichkeit, meine Vater sei gekommen, um das Haus zu �bernehmen und sie irgendwohin aufs Land zu schicken, wo sie ihre Tage in Armut verbringen m��te. Diese �berzeugung war schon so fest eingewurzelt, da� sie uns mehrmals zu verstehen gab, eine Frau wie sie k�nne unm�glich anderswo leben und atmen als in Rom. Allm�hlich fa�te sie jedoch ein wenig Mut und erinnerte uns daran, da� sie immerhin die Witwe eines Senators und in vielen der alten H�user Roms ein gern gesehener Gast sei, obwohl ihr Gemahl Gnaeus Laelius schon zu des Kaisers Tiberius Zeiten Leben und Gut verloren habe.</p><p>Ich bat sie, von dem Senator Gnaeus Laelius zu erz�hlen, aber Tante Laelia h�rte meine Bitte mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an und fragte dann: �Sag, Marcus, wie ist es m�glich, da� dein Sohn unsere Sprache mit einem so furchtbaren syrischen Akzent spricht? Das mu� anders werden, sonst lacht ganz Rom �ber ihn.�</p><p>Mein Vater erwiderte unbek�mmert, er habe selbst so viel Griechisch und Aram�isch gesprochen, da� sein eigenes Latein gewi� auch fremd klinge, doch Tante Laelia unterbrach ihn und sagte scharf: �Dir wird man es nachsehen, denn du bist alt, und ein jeder wird verstehen, da� du im Kriegsdienst oder bei der Aus�bung deiner �mter in anderen L�ndern die Eigent�mlichkeiten fremder Sprachen angenommen hast. Du mu�t unbedingt einen guten Redner oder Schauspieler anstellen, der Minutus� Aussprache verbessert. Er mu� ins Theater gehen und �ffentliche Lesungen besuchen. Kaiser Claudius nimmt es mit der Reinheit der Sprache sehr genau, wenngleich er zul��t, da� seine Freigelassenen Staatsangelegenheiten in griechischer Sprache bereden, und seine Gemahlin noch ganz andere Dinge treibt, die zu nennen mir meine Schamhaftigkeit verbietet.�</p><p>Dann wandte sie sich an mich und sagte: �Mein armer Mann, der Senator Gnaeus, war weder d�mmer noch geringer als Claudius, ja Claudius verlobte seinerzeit sogar seinen unm�ndigen Sohn Drusus mit der Tochter des Pr�fekten Sejanus und verm�hlte sich selbst mit seiner Adoptivschwester Aelia. Der Junge war ebenso wirrk�pfig wie sein Vater und erstickte sp�ter an einer Birne. Ich denke, da� mein verstorbener Gemahl ebenso nach Sejanus� Gunst strebte und dem Staat damit zu dienen glaubte. Du, Marcus, warst doch irgendwie in die Intrigen dieses Sejanus verwickelt, denn kurz bevor die Verschw�rung aufgedeckt wurde, warst du ganz pl�tzlich aus Rom verschwunden, und man h�rte jahrelang nichts mehr von dir. Deshalb wurdest du auch von unserem lieben Kaiser Gajus aus der Rolle der Ritter gestrichen, ja, aus keinem andern Grunde, als weil niemand mehr etwas von dir wu�te. �Ich wei� auch nicht, wo er steckt�, sagte er scherzend und zog einen Strich durch deinen Namen. So hat man es mir jedenfalls berichtet, aber vielleicht wollten die, die es mir hinterbrachten, meine Gef�hle schonen und nicht alles verraten, was sie wu�ten.�</p><p>Mein Vater antwortete steif, er werde gleich am n�chsten Tag ins Reichsarchiv gehen, um nachpr�fen zu lassen, warum sein Name aus der Rolle der Ritter getilgt worden sei. Tante Laelia schien davon nicht sehr erbaut zu sein und fragte, ob es nicht das beste w�re, diese alten Dinge ruhen zu lassen. Wenn Kaiser Claudius getrunken habe, sei er reizbar und launisch, obwohl man zugeben m�sse, da� er so manchen politischen Mi�griff des Kaisers Gajus wiedergutgemacht habe.</p><p>�Ich verstehe allerdings, da� wir um Minutus� willen alles tun m�ssen, um die Ehre unserer Familie wiederherzustellen�, r�umte sie ein. �Der rascheste Weg dazu w�re, Minutus die M�nnertoga zu geben und es so einzurichten, da� er Valeria Messalina vor die Augen kommt. Die junge Kaiserin hat gro�es Wohlgefallen an J�nglingen, die eben erst die M�nnertoga angelegt haben, und l�dt sie gern in ihre Gem�cher ein, um sie �ber ihre Herkunft und ihre Zukunftshoffnungen auszufragen. Wenn ich nicht so stolz w�re, k�nnte ich die H�ndin um eine Audienz f�r Minutus bitten, aber ich mu� bef�rchten, da� sie mich gar nicht empf�ngt, denn sie wei� nur zu gut, da� ich die liebste Jugendfreundin der Mutter unseres Kaisers Claudius war. Zugleich geh�rte ich zu den wenigen vornehmen R�merinnen, die Agrippina und der jungen Julia halfen, den Leichnam ihres armen Bruders einigerma�en geziemend zu bestatten, nachdem die M�dchen aus der Verbannung heimgekehrt waren. Der arme Gajus wurde auf so grausame Weise ermordet, und dann unterst�tzten die Juden Claudius mit Geld, damit er Kaiser werden konnte. Agrippina hatte Gl�ck und konnte sich einen reichen Mann angeln, aber Julia wurde zum zweitenmal aus Rom verbannt, weil Messalina der Ansicht war, sie treibe sich ein wenig zuviel in der N�he ihres Onkels Claudius herum. Wegen dieser beiden munteren M�dchen hat so mancher Rom verlassen m�ssen. Ich entsinne mich noch eines gewissen Tigellinus, der zwar ungebildet war, aber unter allen J�nglingen Roms die sch�nste Gestalt hatte. Er machte sich �brigens nicht viel aus der Verbannung, sondern gr�ndete eine Fischerei und soll neuerdings Rennpferde z�chten. Dann war da noch ein spanischer Philosoph, Seneca, der viele B�cher schrieb. Er hatte ein Verh�ltnis mit Julia, obwohl er an der Schwindsucht litt. Nun schmachtet er schon seit mehreren Jahren auf Korsika in der Verbannung. Messalina fand, es zieme sich nicht, da� Claudius� Nichten, und sei es nur im geheimen, Unzucht trieben. Im �brigen ist jetzt nur noch Agrippina am Leben.�</p><p>Als sie endlich Atem holte, hatte mein Vater Gelegenheit, taktvoll anzudeuten, da� es das beste sei, wenn Tante Laelia vorerst nichts untern�hme, um mir zu helfen. Er wolle die Sache selbst in die Hand nehmen und zu Ende bringen, ohne da� sich eine Frau einmischte. Von weiblicher Einmischung habe er schon in seiner Jugend genug und �bergenug zu sp�ren bekommen, schlo� er bitter.</p><p>Tante Laelia wollte etwas sagen, warf dann jedoch einen Blick auf mich und zog es vor, zu schweigen. Wir konnten uns endlich den Oliven, dem K�se und der Gem�sesuppe widmen. Mein Vater sah darauf, da� wir nicht alles aufa�en, sondern sogar von dem faustgro�en St�ck K�se etwas �briglie�en, denn sonst h�tten die beiden alten Sklaven des Hauses gewi� hungern m�ssen. Ich f�r meinen Teil verstand es nicht, da ich daheim in Antiochia die besten Bissen bekommen hatte und immer noch genug f�r die Hausgenossen und die Armen, die sich in meines Vaters N�he hielten, �briggeblieben war.</p><p>Tags darauf stellte mein Vater einen Baumeister an, der den alten Familiensitz gr�ndlich instand setzen sollte, und zugleich erhielten einige G�rtner den Auftrag, sich des ungepflegten, verwilderten Gartens anzunehmen. Es wuchs darin eine mehr als hundertj�hrige Sykomore. Sie war von einem Manilius gepflanzt worden, der sp�ter von Marius� Leuten auf offener Stra�e ermordet wurde. Einige andere uralte B�ume standen nahe beim Haus, und mein Vater war sehr darauf bedacht, da� sie keinen Schaden litten. Auch das kleine, ein wenig in den Boden eingesunkene Haus lie� er �u�erlich so wenig ver�ndern wie nur m�glich, und er erkl�rte mir auch den Grund daf�r: �Du wirst in Rom viel Marmor und anderen Luxus sehen, aber wenn du einmal erwachsen bist, wirst du verstehen, da� das, was ich hier tue, der allergr��te Luxus ist. Solche uralten B�ume kann sich selbst der reichste Empork�mmling nicht ums Haus stellen, und das altert�mliche Aussehen unseres Hauses ist mehr wert als aller S�ulenschmuck.�</p><p>Seine Gedanken gingen in die Vergangenheit zur�ck, und seine Miene verd�sterte sich, als er fortfuhr: �Einst in Damaskus hatte ich selbst die Absicht, mir ein einfaches Haus bauen zu lassen und darum herum B�ume zu pflanzen, um dort mit deiner Mutter Myrina in der Stille zu leben. Nach ihrem Tod bem�chtigte sich meiner jedoch eine so tiefe Verzweiflung, da� mir viele Jahre hindurch nichts mehr etwas bedeuten konnte. Vielleicht w�rde ich mir das Leben genommen haben, wenn meine Pflichten dir gegen�ber mich nicht gezwungen h�tten, weiterzuleben. Und einmal hat mir sogar ein Fischer am Ufer des Galil�ischen Meeres etwas verhei�en, was mich immer wieder mit Neugier erf�llt, obwohl ich mich daran nur noch wie an einen Traum erinnere.�</p><p>Von dieser Verhei�ung wollte mein Vater nicht weiter sprechen. Statt dessen sagte er, da� er sich nun mit diesen alten B�umen begn�gen m�sse, da ihm die Freude nicht verg�nnt gewesen sei, selbst welche zu pflanzen und wachsen zu sehen.</p><p>W�hrend sich die Bauarbeiter und der Architekt mit dem Haus besch�ftigten und mein Vater von morgens bis abends Besuche in der Stadt machte, um seine Angelegenheiten zu regeln, streiften Barbus und ich unerm�dlich durch Rom und betrachteten seine Sehensw�rdigkeiten und die Menschen auf den Stra�en. Kaiser Claudius lie� alle alten Tempel und Denkm�ler nach bestem Verm�gen f�r die Jahrhundertfeier herrichten und hielt Priester und Gelehrte dazu an, alle Sagen und �berlieferungen, die sich daran kn�pften, sorgf�ltig zu sammeln und den Bed�rfnissen unserer Zeit anzupassen. Die Kaiserpal�ste auf dem Palatin, der Tempel auf dem Kapitolinischen H�gel, die B�der und Theater Roms machten mir, f�r sich selbst betrachtet, keinen gro�en Eindruck, denn ich war in Antiochia aufgewachsen, wo man nicht minder kostspielige und sogar noch gr��ere �ffentliche Bauten zu sehen bekommt, ja im Grunde war Rom mit seinen krummen Gassen und steilen H�geln eine viel zu enge Stadt f�r jemanden, der wie ich die breiten, geraden Stra�en Antiochias gewohnt war.</p><p>Ein Bauwerk gab es jedoch, das mich durch seine Gro�artigkeit und durch die Erinnerungen, die es weckte, zu ersch�ttern vermochte, und das war das ungeheure runde Mausoleum des Gottes Augustus auf dem Marsfeld. Rund war es, weil die heiligsten Tempel Roms rund waren, zum Andenken an die alten Zeiten, da die R�mer in runden H�tten wohnten. Die schlichte Gr��e dieses Mausoleums d�nkte mich eines Gottes und des gr��ten Herrschers aller Zeiten w�rdig, und ich wurde es nie m�de, die Gedenkinschriften zu lesen, welche die Taten festhielten, durch die Augustus den Staat gef�rdert hatte. Barbus war von diesen Inschriften weniger angetan. Er sagte, er habe w�hrend seiner Jahre in der Legion gelernt, allen Inschriften zu mi�trauen, da sie gew�hnlich mehr verschwiegen als sagten. Eine Niederlage k�nne in einen Sieg umgef�lscht werden und ein politischer Irrtum in einen Akt der Staatsklugheit. Er versicherte mir, er k�nne zwischen den Zeilen der Grabinschrift des Gottes Augustus das Verderben ganzer Legionen, den Untergang Hunderter von Kriegsschiffen und die ungez�hlten Morde des B�rgerkrieges lesen.</p><p>Er war zu einer Zeit geboren worden, da Augustus l�ngst Frieden und Ordnung im Reiche wiederhergestellt und die Macht Roms gefestigt hatte, aber sein Vater hatte ihm wenig �ber den kleinlich berechnenden Augustus und daf�r um so mehr �ber den gefeierten Antonius erz�hlt, der manchmal so berauscht auf die Rednertrib�ne auf dem Forum stieg, da� er sich w�hrend der Rede, von seinen eigenen Worten erregt, in einen Eimer erbrechen mu�te, den er neben sich stehen hatte. Das war zu der Zeit, da man noch �ffentlich das Volk aufrief. Augustus hatte zwar w�hrend seiner allzu langen Regierungszeit die Achtung des Senates und des Volkes gewonnen, aber das Leben in Rom war, wenn man Barbus� Vater glauben will, langweilig geworden. Gemocht hatte den vorsichtigen Augustus eigentlich niemand, w�hrend man den waghalsigen Antonius gerade wegen seiner Fehler und seines gro�artigen Leichtsinns geliebt hatte. Doch ich kannte Barbus� Geschichten, die mein Vater, h�tte er sie geh�rt, als f�r meine Ohren unpassend betrachtet haben w�rde, schon zur Gen�ge. Das Mausoleum des Augustus beeindruckte mich durch seine g�ttlich einfache Gr��e, und wir wanderten immer und immer wieder durch ganz Rom, um es zu betrachten. Noch etwas anderes lockte mich allerdings zum Marsfeld, und das war der Reitplatz der r�mischen Knaben und J�nglinge, auf dem die S�hne der Senatoren und Ritter schon flei�ig f�r die Reiterspiele zur Jahrhundertfeier �bten. Neidisch sah ich zu, wie sie sich gruppierten, wieder auseinanderritten und sich auf ein Hornsignal zu neuen Gruppen zusammenschlossen. Ich kannte das alles und wu�te, da� ich ein Pferd ebensogut, wenn nicht besser, zu reiten verstand.</p><p>Unter den Zuschauern befanden sich auch immer einige besorgte M�tter, denn die vornehmen Reiter waren zwischen sieben und f�nfzehn Jahre alt. Selbstverst�ndlich taten sie so, als s�hen sie ihre M�tter nicht, und schnaubten zornig, wenn einer der Kleinsten von seinem Pferde fiel und seine erschrockene Mutter mit flatterndem Mantel zu ihm hinst�rzte, um ihn vor den Hufen des Pferdes zu retten. Die Kleinsten bekamen allerdings sehr zahme, gut dressierte Reittiere, die sofort stehenblieben, um den aus dem Sattel Gefallenen zu sch�tzen. Nein, was diese r�mischen Edlen ritten, das waren wahrhaftig keine wilden Streitr�sser. Wir hatten in Antiochia feurigere Pferde gehabt.</p><p>Einmal sah ich unter den Zuschauern Valeria Messalina mit ihrem gl�nzenden Gefolge und betrachtete sie neugierig. In ihre N�he konnte ich freilich nicht gelangen, und aus der Ferne gesehen erschien sie mir nicht so ber�ckend sch�n, wie man sie mir geschildert hatte. Ihr siebenj�hriger Sohn, dem Kaiser Claudius zum Andenken an seine Siege in Britannien den Namen Britannicus gegeben hatte, war ein schm�chtiges, bleiches B�rschchen, das offensichtlich vor dem Pferd, das es ritt, Angst hatte. Er h�tte eigentlich auf Grund seiner Herkunft diese Wettk�mpfe anf�hren m�ssen, doch das war unm�glich, denn sobald er sich aufs Pferd setzte, schwollen seine Z�ge an, und seine Augen begannen zu tr�nen. Nach jeder Reit�bung war sein Kindergesicht von einem brandroten Hautausschlag bedeckt, und er konnte mit seinen aus den H�hlen getretenen Augen kaum ein paar Schritte weit sehen.</p><p>Unter dem Vorwand, da� Britannicus zu jung sei, ernannte Claudius den Sohn seiner Nichte Domitia Agrippina, Lucius Domitius, zum Anf�hrer der Reiterschar. Lucius war noch keine zehn Jahre alt, aber er war der genaue Widerpart des sch�chternen Britannicus, sehr kr�ftig f�r sein Alter und ein unerschrockener Reiter. Nach den �bungen blieb er oft allein auf dem Platz zur�ck und f�hrte waghalsige Kunstst�cke vor, um den Beifall der Zuschauer zu gewinnen. Von den Domitiern hatte er das r�tliche Haar geerbt. Daher nahm er w�hrend der �bungen gern den Schutzhelm ab, um den Leuten zu zeigen, da� er einem Geschlecht von Gewaltt�tern entstammte. Mehr als um der Domitier willen bewunderten und r�hmten ihn jedoch die Leute darum, da� er der Sohn der Schwester des Kaisers Gajus war, so da� in seinen Adern sowohl das Blut Julias, der Tochter Julius Caesars, als auch das des Marcus Antonius flo�. Sogar Barbus ereiferte sich, wenn er ihn sah, und rief ihm mit seiner rauhen Stimme, die jedesmal br�llendes Gel�chter unter den Umstehenden ausl�ste, freundliche, wenn auch unfl�tige Scherzworte zu.</p><p>Es hie�, seine Mutter Agrippina wage es nicht, wie die anderen M�tter zu den Reit�bungen zu kommen, weil sie Valeria Messalinas krankhafte Eifersucht f�rchte und sich �berhaupt, des Schicksals ihrer Schwester eingedenk, so selten wie m�glich in der �ffentlichkeit zeige. Doch Lucius Domitius bedurfte des Schutzes seiner Mutter nicht. Er gewann die Bewunderung der Zuschauer durch sein jungenhaft frisches Auftreten. Er beherrschte seinen K�rper gut und bewegte sich mit Anmut, seine Augen blickten k�hn, und die �lteren Kameraden schienen nicht eifers�chtig zu sein, sondern f�gten sich willig seinem Befehl.</p><p>Sehns�chtig stand ich oft, an die blankgewetzte Einz�unung gelehnt und sah den Reitern zu. Doch mein M��iggang fand bald ein Ende. Mein Vater beschaffte mir einen tr�bseligen, �bellaunigen Lehrer der Beredsamkeit, der jedes Wort, das ich sagte, sp�ttisch berichtigte und mich wie absichtlich nur aus langweiligen B�chern vorlesen lie�, die Selbstbeherrschung, Bescheidenheit und andere Mannestugenden lehrten. Mein Vater hatte offenbar die besondere Gabe, lauter Lehrer ausfindig zu machen, die mich um den Verstand brachten.</p><p>W�hrend das Haus repariert wurde, bewohnten Barbus und ich ein Zimmer im oberen Stockwerk, das nach Weihrauch roch und auf dessen W�nden magische Zeichen zu sehen waren. Ich beachtete sie nicht weiter, da ich annahm, sie stammten noch aus der Zeit des Astronomen Manilius, aber sie bewirkten, da� ich immer schlechter schlief und b�se Tr�ume hatte, so da� ich bald von meinen eigenen Schreien erwachte, bald von Barbus geweckt werden mu�te, weil ich, von einem Mahr heimgesucht, laut st�hnte. Mein Rhetor wurde des L�rms und der Hammerschl�ge, die das Haus erf�llten, bald m�de und nahm mich in die Vorlesungss�le der Thermen mit.</p><p>Seine mageren Glieder und sein runder, gelblicher Bauch stie�en mich ab, und noch gr��ere Abscheu empfand ich, wenn er mitten in seinen sp�ttischen Reden pl�tzlich schmeichelnd meine Arme zu streicheln begann und sagte, ich h�tte in Antiochia gewi� mit der griechischen Liebe Bekanntschaft gemacht. Er wollte, da� ich, solange die Arbeiten in unserem Haus andauerten, bei ihm wohnte, in einem sch�bigen Mietshaus in Suburra, wo er im obersten Stockwerk ein Zimmer hatte, das man nur �ber eine Leiter erreichen konnte. Dort, meinte er, w�re es ihm m�glich, mich ganz ungest�rt zu unterrichten und in ein Leben der Weisheit einzuf�hren.</p><p>Barbus durchschaute seine Absichten. Er gab ihm zuerst eine ernste Warnung und dann, als diese nichts fruchtete, eine Tracht Pr�gel, die den Weisen so einsch�chterte, da� er sich nie wieder blicken lie� und sich nicht einmal traute, meinen Vater um seinen Lohn zu bitten. Andrerseits wagten wir beide nicht, meinem Vater den wahren Grund f�r sein merkw�rdiges Verschwinden zu verraten. Daher glaubte dieser, ich h�tte einen hervorragenden Lehrer durch meine Widersetzlichkeit vergr�mt und schlie�lich gar verscheucht.</p><p>Wir bekamen deshalb Streit miteinander, und ich rief trotzig: �Gib mir lieber ein Pferd, damit ich mit anderen jungen M�nnern Bekanntschaft schlie�en und mit meinesgleichen verkehren kann, um zu lernen, was in Rom Sitte und Brauch ist.�</p><p>�Ein Pferd hat dich schon in Antiochia ins Ungl�ck gebracht�, erwiderte darauf mein Vater. �Kaiser Claudius hat eine sehr vern�nftige Verordnung erlassen, wonach ein alter oder sonstwie gebrechlicher Senator oder Ritter bei den Standesaufm�rschen sein Pferd am Z�gel f�hren darf, ohne aufsitzen zu m�ssen. Sogar den f�r ein Amt erforderlichen Waffendienst braucht man nicht mehr wirklich abzuleisten.�</p><p>�O Zeiten! O Sitten!� sagte ich boshaft. �Dann gib mir wenigstens soviel Geld, wie ich brauche, um mir unter Schauspielern, Musikern und Wagenlenkern aus dem Zirkus Freunde zu machen. Wenn ich mich an dergleichen Leute halte, lerne ich auch die verweichlichten jungen R�mer kennen, die sich vor dem Waffendienst dr�cken.�</p><p>Aber auch davon wollte mein Vater nichts wissen. �Tante Laelia hat mich schon gewarnt und mir vorgehalten, ein J�ngling wie du d�rfe nicht zu lange die Gesellschaft Gleichaltriger entbehren�, gab er jedoch immerhin zu und fuhr fort: �Bei meinen Gesch�ften habe ich einige Schiffsreeder und Getreideh�ndler kennengelernt. Jetzt, nach der Hungersnot, l��t Kaiser Claudius in Ostia einen neuen Hafen ausbauen, und er zahlt eine Entsch�digung f�r jedes Schiff, das mit einer Getreideladung an Bord sinkt. Auf Anraten Marcius� des Fischers habe ich Anteile an diesen Schiffen erworben, da man nun keine Verluste mehr zu bef�rchten braucht, und manch einer hat sich schon ein Verm�gen damit gemacht, da� er alte, l�ngst untaugliche Schiffe wieder ausr�stete und in See schickte. Ich kenne jedoch den Lebenswandel dieser Empork�mmlinge und versp�re keine Lust, dich mit ihren S�hnen bekannt zu machen.�</p><p>Ich hatte immer mehr das Gef�hl, da� er selbst nicht wu�te, was er eigentlich wollte. �Bist du denn nach Rom gekommen, um reich zu werden?� fragte ich.</p><p>Mein Vater wurde zornig und antwortete heftig: �Du solltest am besten wissen, da� ich mir nichts sehnlicher w�nsche als ein einfaches Leben fern den Gesch�ften, aber meine Freigelassenen haben mich gelehrt, da� es ein Verbrechen gegen den Staat und das Gemeinwohl ist, seine Goldm�nzen in Beuteln und Truhen zu horten. Au�erdem will ich noch mehr Land in Caere kaufen, wo meine eigentliche Familie herstammt, denn Manilier sind wir nur durch Adoption, das darfst du nie vergessen.�</p><p>Er sah mir mit seinem kummervollen Blick in die Augen und sagte: �Du hast, ebenso wie ich, eine Falte in den Augenwinkeln, und das ist das Zeichen unserer wirklichen Herkunft. Ich habe im Reichsarchiv nachgeforscht und mit eigenen Augen die Ritterrolle aus Kaiser Gajus� Zeiten gesehen, aber es findet sich kein Vermerk neben meinem Namen. Er ist nur mit einer gezackten Linie durchgestrichen. Gajus� H�nde zitterten n�mlich stark wegen seiner Krankheit. Es gibt auch kein Gerichtsurteil und keine Anklage gegen mich. Warum ist mein Name getilgt worden? Weil ich so lange abwesend war? Ich wei� es nicht. Der Prokurator Pontius Pilatus fiel vor zehn Jahren selbst in Ungnade, verlor sein Amt und wurde nach Galil�a versetzt. Aber Kaiser Claudius hat noch ein Geheimarchiv, und darin kann nat�rlich irgend etwas f�r mich Nachteiliges aufgezeichnet sein. Ich bin mit seinem Freigelassenen Felix zusammengetroffen, der sich f�r die Angelegenheiten Jud�as interessiert. Er hat mir versprochen, er werde bei passender Gelegenheit versuchen, von Narcissus, dem Privatsekret�r des Kaisers, N�heres �ber meinen Fall zu erfahren. Ich h�tte diesen einflu�reichen Mann gern selbst gesprochen, aber er soll so anma�end sein, da� es zehntausend Sesterze kostet, nur zu ihm vorgelassen zu werden. Es ist mir nicht um das Geld zu tun, aber ich m�chte ihn um meiner eigenen Ehre willen nicht geradezu bestechen m�ssen.�</p><p>Mein Vater berichtete weiter, er habe sich alles, was �ber Kaiser Claudius erz�hlt werde, Gutes wie B�ses, aufmerksam angeh�rt und gut gemerkt. Letzten Endes h�nge es vom Kaiser selbst ab, ob unser Name wieder in die Ritterrolle eingetragen werde oder nicht, und Claudius sei mit zunehmendem Alter so launisch geworden, da� er bisweilen wegen eines pl�tzlichen Einfalls oder eines Omens imstande sei, die wohl�berlegteste Entscheidung wieder umzusto�en. Auch k�nne er mitten in einer Senatssitzung oder einem Proze� unversehens einschlafen und vergessen, wovon die Rede war. W�hrend seiner Wartezeit hatte mein Vater die Gelegenheit gen�tzt und alle Werke gelesen, die Kaiser Claudius geschrieben hatte, sogar dessen Lehrbuch des W�rfelspiels.</p><p>�Kaiser Claudius ist einer der wenigen R�mer, die noch die Sprache der Etrusker sprechen und ihre Schrift lesen k�nnen�, erkl�rte mir mein Vater. �Wenn du mir eine Freude machen willst, dann gehst du in die �ffentliche Bibliothek beim Palatin und bittest, das Buch lesen zu d�rfen, das er �ber die Geschichte der Etrusker geschrieben hat. Es besteht aus mehreren Rollen, aber es ist darum nicht langweilig. Es erkl�rt sogar die W�rter, die von den Opferpriestern bei den Ritualen gebraucht werden und bisher einfach auswendig gelernt werden mu�ten. Dann reisen wir nach Caere und besichtigen unsere G�ter, die ich selbst noch nie gesehen habe. Dort sollst du dann auch ein Pferd haben und reiten.�</p><p>Der Rat meines Vaters machte mich nur noch trauriger, und am liebsten h�tte ich mir auf die Lippen gebissen und geweint. Als er gegangen war, zwinkerte mir Barbus listig zu und sagte: �Wie seltsam, da� so viele M�nner schon in ihren mittleren Jahren vergessen, wie es ist, wenn man jung ist. Ich f�r mein Teil erinnere mich noch sehr gut, da� ich in deinem Alter oft ohne Anla� weinen mu�te und schlimme Tr�ume hatte. Ich wei�, wie dir zu helfen w�re und wie du deine Sinnesruhe und deinen guten Schlaf zur�ckerlangen k�nntest, aber deines Vaters wegen werde ich mich h�ten, dir irgendwelche Vorschl�ge zu machen.�</p><p>Auch Tante Laelia musterte mich immer h�ufiger mit sorgenvoller Miene, und eines Tages rief sie mich zu sich, blickte sich vorsichtig um und sagte: �Wenn du mir gelobst und schw�rst, da� du deinem Vater nichts verr�tst, will ich dir ein Geheimnis anvertrauen.�</p><p>Ich versprach aus reiner H�flichkeit, zu schweigen, obwohl ich innerlich lachen mu�te, denn ich konnte mir nicht vorstellen, da� Tante Laelia tats�chlich im Besitze irgendeines Geheimnisses sein sollte. Darin t�uschte ich mich allerdings, denn sie erz�hlte mir das folgende: �In dem Zimmer, in dem du schl�fst, wohnte lange Zeit ein j�discher Zauberer namens Simon als mein Gast. Er selbst behauptete zwar, Samariter zu sein, aber das sind doch auch Juden, nicht wahr? Sein Weihrauch und seine magischen Zeichen sind es, die deinen Schlaf st�ren. Er kam vor einigen Jahren nach Rom und stand bald in dem Ruf eines Heilers, Wahrsagers und Wundert�ters. Der Senator Marcellus beherbergte ihn in seinem Haus und lie� ihm sogar eine Statue errichten, denn er glaubte, Simon besitze g�ttliche Kr�fte, was dieser auch bewiesen hat! Einmal versenkte er einen jungen Sklaven in Todesschlaf und erweckte ihn dann wieder von den Toten, obwohl der Knabe schon kalt gewesen war und nicht das geringste Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.�</p><p>�Gewi�, gewi߫, sagte ich. �Aber ich habe in Antiochia von den Juden genug bekommen.�</p><p>�Mag sein�, unterbrach mich Tante Laelia eifrig. �Aber la� mich weitererz�hlen: Die anderen Juden, die dr�ben auf der anderen Seite des Flusses und auch diejenigen, die hier auf dem Aventin wohnen, waren auf Simon den Zauberer eifers�chtig. Er konnte sich n�mlich unsichtbar machen und fliegen. Deshalb lie�en die Juden einen anderen Zauberer kommen, der auch Simon hei�t. Die beiden Zauberer sollten ihre Kr�fte messen. Simon, ich will sagen mein Simon, bat die Zuschauer, eine kleine Wolke genau zu betrachten, und pl�tzlich war er verschwunden. Als er sich wieder zeigte, kam er aus der Wolke �ber dem Forum geflogen. Da rief aber der andere Jude mit lauter Stimme seinen G�tzen Christus an, und Simon st�rzte mitten im Fluge ab und brach sich ein Bein. Er nahm es sich sehr zu Herzen, lie� sich aus der Stadt tragen und versteckte sich, w�hrend sein Bein heilte, auf dem Lande, bis der andere Simon aus der Stadt verschwand, nachdem er ebenfalls Kranke geheilt hatte. Simon der Zauberer kehrte mit seiner Tochter zur�ck, und da er keine besser gestellten G�nner mehr hatte, lie� ich ihn bei mir wohnen. Er blieb, solange ich noch Geld hatte, doch dann zog er in ein Haus beim Tempel der Mondg�ttin, wo er seine Kunden empf�ngt. Er fliegt nicht mehr, und er erweckt auch keine Toten mehr, aber seine Tochter verdient sich ihren Unterhalt als Mondpriesterin, und viele Vornehme lassen sich von ihr weissagen, und Simon schafft verschwundene Gegenst�nde wieder herbei.�</p><p>�Warum erz�hlst du mir dies alles?� fragte ich mi�trauisch.</p><p>Tante Laelia rang die H�nde und sagte verlegen: �Ich sehne mich so nach Simon dem Zauberer, aber er empf�ngt mich nicht mehr, weil ich kein Geld mehr habe, und deines Vaters wegen. Ich glaube aber, da� er dich von deinen b�sen Tr�umen heilen und deine Ruhelosigkeit lindern k�nnte. Ganz gewi� aber k�nnte er dir mit Hilfe seiner Tochter weissagen und dir raten, was du essen sollst und was dir nicht bekommt, welche Tage deine Gl�ckstage sind und an welchen du dich vorsehen mu�t. Mir, zum Beispiel, verbot er, Erbsen zu essen, und seither wird mir �bel, sobald ich Erbsen sehe, und w�ren es nur getrocknete.�</p><p>Mein Vater hat mir ein paar Goldm�nzen geschenkt, einerseits um mich zu tr�sten und andrerseits, damit ich die Geschichte der Etrusker l�se. Ich hielt Tante Laelia f�r eine arme alte Frau, der sich schon der Verstand verwirrte und die zu Aberglauben und Zauberei Zuflucht nahm, weil ihr das Leben sonst nicht viel Freude bescherte, aber ich g�nnte ihr diesen Zeitvertreib gern und fand den samaritischen Zauberer und seine Tochter immer noch interessanter als die staubige Bibliothek, in der alte Mummelgreise herumhockten und ohne Unterla� mit trockenen Buchrollen raschelten. Auch war es, im Hinblick auf ein gewisses Gel�bde, das ich in Daphne abgelegt hatte, an der Zeit, da� ich den Tempel der Mondg�ttin kennenlernte.</p><p>Als ich Tante Laelia versprach, mit ihr zu dem Zauberer zu gehen, geriet sie vor Freude au�er sich, kleidete sich in Seide, salbte und schminkte ihr welkes Gesicht, setzte sich die rote Per�cke auf, die mein Vater ihr geschenkt hatte, und legte sich die Edelsteinkette um ihren mageren Hals. Barbus beschwor sie bei allen G�ttern, doch wenigstens ihr Haupt zu bedecken, sonst k�nnten die Leute auf der Stra�e sie f�r eine Bordellmutter halten. Tante Laelia nahm ihm diese Worte nicht �bel. Sie drohte ihm nur mit dem Zeigefinger und verbot ihm, mitzukommen. Doch Barbus hatte meinem Vater versprochen, mich in Rom niemals aus den Augen zu lassen, und zuletzt einigten wir uns darauf, da� er bis zum Tempel mitgehen d�rfe, dann aber drau�en warten m�sse.</p><p>Der Tempel der Mondg�ttin auf dem Aventin ist so uralt, da� alle Sagen, die einst �ber ihn, wie �ber den j�ngeren Dianatempel, berichtet wurden, erloschen sind. Man wei� noch, da� der K�nig Servius Tullius ihn urspr�nglich aus kostbaren H�lzern errichten lie�. Sp�ter baute man um den runden Holztempel herum einen aus Stein. Das Innerste dieses Tempels ist so heilig, da� es dort keinen Steinboden gibt, sondern nur einen aus festgestampfter Erde. Abgesehen von den Weihgeschenken finden sich darin keine anderen heiligen Gegenst�nde als ein gro�es Ei aus Stein, dessen Oberfl�che von �l und Salben ganz schwarz und glatt geworden ist. Tritt man ins Halbdunkel des Tempels, so f�hlt man jenen heiligen Schauder, den nur sehr alte Tempel zu erwecken verm�gen. Ich selbst hatte �hnliches bisher nur im Saturntempel empfunden, der von allen Tempeln in Rom der �lteste, furchtgebietendste und heiligste ist. Er ist der Tempel der Zeit, und noch immer schl�gt an einem bestimmten Tag im Jahr der oberste Priester, der gew�hnlich der Kaiser selbst ist, einen Kupfernagel in den Eichenpfahl, der in seiner Mitte steht.</p><p>Im Tempel der Mondg�ttin sah ich keine heilige S�ule, sondern nur das Ei aus Stein. Neben diesem Ei, auf einem dreibeinigen Schemel, sa� so regungslos, da� ich sie im Dunkeln zuerst f�r eine Statue hielt, eine leichenblasse Frau. Tante Laelia sprach sie mit vor Unterw�rfigkeit winselnder Stimme an, nannte sie Helena und kaufte von ihr heiliges �l, um das steinerne Ei damit zu betr�ufeln. Als sie das �l niedertropfen lie�, murmelte sie eine Zauberformel, die nur Frauen lernen d�rfen. M�nnern n�tzt es nichts, diesem Ei zu opfern. W�hrend Tante Laelia ihr Opfer vollzog, betrachtete ich die Weihegeschenke und bemerkte zu meiner Freude, da� sich darunter mehrere kleine runde silberne B�chsen befanden. Ich wurde n�mlich schamrot bei dem Gedanken an das, was ich der Mondg�ttin zu opfern gelobt hatte, und nahm mir vor, es in einer geschlossenen B�chse in den Tempel zu bringen, wenn die Zeit gekommen war.</p></section><section><p>Doch nun wandte sich die bleiche Frau zu mir, betrachtete mich mit ihren furchtgebietenden schwarzen Augen, l�chelte und sagte: �Err�te nicht wegen deiner Gedanken, sch�ner J�ngling. Die Mondg�ttin ist m�chtiger, als du glaubst. Wenn du ihre Gunst erwirbst, erh�ltst du eine Macht, die dir unvergleichlich mehr n�tzt als des Mars rohe Kraft und der Minerva unfruchtbare Weisheit.�</p><p>Ihr Latein hatte einen fremden Klang, und daher war mir, als h�tte sie in irgendeiner uralten, vergessenen Sprache zu mir gesprochen. Ihr Antlitz wurde immer gr��er vor meinen Augen, so als ginge ein verborgenes Mondlicht von ihm aus, und als sie l�chelte, sah ich, da� sie trotz ihrer Bl�sse sch�n war. Tante Laelia sprach zu ihr und winselte und miaute so, da� ich pl�tzlich fand, sie gleiche einer mageren Katze, die schmeichelnd um das steinere Ei strich.</p><p>�Nein, nein, nicht einer Katze�, sagte die Priesterin noch immer l�chelnd. �Einer L�win. Siehst du es nicht? Was hast du mit L�wen zu schaffen, Knabe?�</p><p>Ihre Worte erschreckten mich sehr, denn f�r einen ganz kurzen Augenblick glaubte ich wirklich, dort, wo Tante Laelia stand, eine magere, traurige L�win zu erblicken, die mich geradeso vorwurfsvoll ansah wie der alte L�we vor Antiochia, als ich ihn mit meiner Lanze in die Hinterpranke stach. Das Gesicht verschwand jedoch sofort, als ich mir mit der Hand �ber die Stirn fuhr.</p><p>�Ist dein Vater zu Hause, und glaubst du, da� er uns empfangen wird?� fragte Tante Laelia.</p><p>�Mein Vater Simon hat gefastet und ist in mancherlei L�nder entschwunden, um sich denen zu offenbaren, die seine g�ttliche Kraft ehren�, antwortete die Priesterin Helena. �Aber ich wei�, da� er in diesem Augenblick gerade wach ist und euch beide erwartet.�</p><p>Sie f�hrte uns durch eine Hintert�r aus dem Tempel und zu einem wenige Schritte entfernten hohen Mietshaus, in dessen Erdgescho� ein Laden f�r heilige Reiseandenken ausgerichtet war. Es gab da sowohl billige als auch teure Monde und Sterne aus Kupfer und ganz kleine glattpolierte Eier aus Stein. Die Priesterin Helena sah auf einmal ganz allt�glich aus. Ihr schmales Gesicht f�rbte sich gelblich, und ihr wei�er Mantel war schmutzig und roch widerlich nach altem Weihrauch. Ich sah nun auch, da� sie nicht mehr jung war.</p><p>Sie f�hrte uns durch den Laden in ein unaufger�umtes Hinterzimmer, in dem ein schwarzb�rtiger Mann mit einer kr�ftigen Nase auf einer Matte auf dem Boden sa�. Er blickte uns aus tr�ben Augen entgegen, so als weilte er noch in anderen Welten, stand dann aber mit ungeschickten Bewegungen auf, um Tante Laelia zu begr��en.</p><p>�Ich unterhielt mich gerade mit einem �thiopischen Zauberer�, sagte er mit �berraschend dumpfer Stimme. �Aber ich f�hlte, da� du auf dem Wege zu mir warst. Warum st�rst du mich, Laelia Manilia? An deinem Seidentuch und deiner Halskette erkenne ich, da� du all das Gute, das ich dir geweissagt habe, schon bekommen hast. Was willst du noch?�</p><p>Tante Laelia antwortete sch�chtern, da� ich in dem Zimmer schliefe, in dem er, Simon, solang gewohnt hatte, und da� ich nachts b�se Tr�ume hatte, mit den Z�hnen knirschte und im Schlaf aufschrie. Sie wollte die Ursache daf�r und wom�glich auch ein Heilmittel wissen.</p><p>�Ich schuldete dir au�erdem noch Geld, liebster Simon, als du voll Bitterkeit mein Haus verlie�est�, sagte sie und bat mich, dem Zauberer drei Goldst�cke zu geben.</p><p>Simon der Zauberer nahm das Geld jedoch nicht selbst entgegen, sondern deutete nur mit dem Kopf auf seine Tochter, sofern die Mondpriesterin Helena seine Tochter war, und die steckte die M�nzen gleichg�ltig zu sich. Drei r�mische Aurei sind immerhin dreihundert Sesterze oder f�nfundsiebzig Silberst�cke, und deshalb �rgerte ich mich �ber ihren Hochmut.</p><p>Der Zauberer setzte sich wieder auf seine Matte und bat mich, ihm gegen�ber Platz zu nehmen. Die Priesterin Helena warf einige K�rnchen Weihrauch in das Glutbecken. �Ich h�rte, du brachst dir ein Bein, als du flogst�, sagte ich h�flich, da der Zauberer mich nur schweigend anstarrte.</p><p>�Ich hatte einen Turm jenseits des Meeres in Samaria�, begann er mit eint�niger Stimme, aber Tante Laelia wurde ungeduldig, wandte sich hin und her und sagte flehend: �Ach Simon, willst du nicht �ber mich gebieten wie fr�her!�</p><p>Der Zauberer hielt den Zeigefinger in die Luft. Tante Laelia starrte darauf und r�hrte sich nicht mehr. Ohne sie anzusehen, sagte Simon: �Du kannst den Kopf nicht mehr drehen, Laelia Manilia. St�r uns nicht, sondern geh und bade in der Quelle, die du kennst. Wenn du ins Wasser tauchst, wirst du gro�e Wonne empfinden und dich verj�ngen.�</p><p>Tante Laelia blieb jedoch, wo sie war. Sie stand und starrte nur dumm vor sich hin und machte einige Bewegungen, als z�ge sie sich aus. Simon der Zauberer blickte mich wieder an und fuhr fort: �Ich hatte einen Turm aus Stein. Der Mond und alle f�nf Planeten dienten mir, und meine Kraft war g�ttlich. Die Mondg�ttin nahm Menschengestalt an und wurde meine Tochter. Mit ihrer Hilfe konnte ich in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen. Dann aber kamen Zauberer aus Galil�a, deren Macht gr��er war als meine. Sie brauchten einem nur die H�nde aufs Haupt zu legen, und schon begann er mit Zungen zu reden und der Geist kam �ber ihn. Ich war noch jung und wollte alle K�nste erlernen. Daher bat ich sie, ihre H�nde auch auf mein Haupt zu legen, und versprach ihnen eine gro�e Summe Geldes, wenn sie ihre Kraft auf mich �bertr�gen, so da� ich ebenso tun k�nnte wie sie. Sie aber geizten mit ihrer Macht, verfluchten mich und verboten mir, den Namen ihres Gottes bei meinen Werken zu gebrauchen. Sieh mir in die Augen, Knabe. Wie hei�t du?�</p><p>�Minutus�, sagte ich widerstrebend, denn von seiner Erz�hlung und mehr noch von seiner eint�nigen Stimme begann sich mir der Kopf zu drehen. �M��test du nicht, ohne mich zu fragen, wissen, wie ich hei�e, da du doch einmal so ein gro�er Magier warst?� fragte ich sp�ttisch.</p><p>�Minutus, Minutus�, wiederholte er. �Die Macht, die mich bewohnt, sagt mir, da� du einen anderen Namen bekommen wirst, ehe der Mond sich zum drittenmal rundet. Doch la� mich weiterberichten: Ich glaubte den galil�ischen Zauberern nicht, sondern heilte im Namen ihres Gottes, bis sie mich zu verfolgen begannen und in Jerusalem wegen einer kleinen goldenen Erosfigur vor Gericht schleppten. Eine reiche Frau hatte sie mir aus eigenem freien Willen geschenkt. Sieh mir in die Augen, Minutus. Sie behexten sie jedoch mit all ihren K�nsten, bis die Frau zuletzt verga�, da� sie selbst mir die Figur gegeben hatte, und behauptete, ich h�tte mich unsichtbar gemacht und sie ihr gestohlen. Du wirst mir hoffentlich glauben, da� ich mich unsichtbar machen kann. wann immer ich will! Ich z�hle bis drei, Minutus: eins, zwei, drei. Nun siehst du mich nicht mehr.�</p><p>Er verfl�chtigte sich tats�chlich f�r einen Augenblick, so da� ich den Eindruck hatte, auf eine schimmernde Kugel zu starren, die ein Mond sein mochte. Dann sch�ttelte ich jedoch kr�ftig den Kopf, schlo� die Augen und �ffnete sie wieder, und da sa� er wieder vor mir.</p><p>�Ich sehe dich wie zuvor, Zauberer Simon�, sagte ich mi�trauisch. �Aber ich mag dir nun nicht mehr in die Augen blicken.�</p><p>Er lachte freundlich, machte eine wegwerfende Geste mit beiden H�nden und sagte: �Du bist ein widerspenstiger Bursche, und ich will dich zu nichts zwingen, denn das w�rde zu nichts f�hren. Aber sieh dir Laelia Manilia an.�</p><p>Ich wandte mich nach Tante Laelia um. Sie hatte die H�nde erhoben und beugte sich mit entr�cktem Gesicht zur�ck. Die Falten um ihren Mund und um ihre Augen gl�tteten sich, und ihre ganze Gestalt war straff und jugendlich geworden.</p><p>�Wo bist du gerade, Laelia Manilia?� fragte Simon der Zauberer gebieterisch.</p><p>Mit zarter Jungm�dchenstimme antwortete Tante Laelia augenblicklich: �Ich bade in deiner Quelle. Das Wasser umsp�lt mich so wonniglich, da� ich an allen Gliedern zittere.�</p><p>�Dann setze dein g�ttliches Bad nur fort, Laelia�, ermahnte der Zauberer sie, und zu mir gewandt sagte er: �Das ist ein sehr einfaches kleines Kunstst�ckchen, das niemandem schadet. Dich k�nnte ich so verhexen, da� du unaufh�rlich stolperst und dir die F��e und die H�nde aufschl�gst, weil du so widerspenstig bist. Doch warum sollte ich meine Kraft an dich verschwenden? Wir wollen dir lieber weissagen, da du nun einmal da bist. Helena, du schl�fst.�</p><p>�Ich schlafe, Simon�, antwortete die Priesterin Helena unterw�rfig, obwohl ihre Augen weit ge�ffnet waren.</p><p>�Was siehst du �ber diesen J�ngling, der Minutus hei�t?� fragte der Zauberer.</p><p>�Sein Tier ist der L�we�, sagte die Priesterin. �Aber der L�we kommt wild auf mich zugerannt, und ich kann ihm nicht ausweichen. Hinter dem L�wen sehe ich einen Mann, der mit todbringenden Pfeilen droht. Sein Gesicht erkenne ich nicht, er ist noch zu weit in der Zukunft. Deutlich sehe ich aber einen gro�en Raum mit F�chern an den W�nden, in denen Buchrollen liegen.</p><p>Eine Frau reicht ihm eine offene Rolle. Die Frau ist jung, sie hat geschw�rzte H�nde, und ihr Vater ist nicht ihr Vater. Nimm dich vor ihr in acht, Minutus. Nun sehe ich Minutus auf einem schwarzen Hengst reiten. Er tr�gt einen blinkenden Brustharnisch. Ich h�re das L�rmen eines Volkshaufens. Der L�we, er ist gleich bei mir, ich mu� fliehen. Simon, Simon, rette mich!�</p><p>Sie stie� einen Schrei aus und schlug die H�nde vors Gesicht. Simon befahl ihr rasch, aufzuwachen, dann blickte er mich forschend an und fragte: �Du bist doch nicht etwa selbst ein Zauberer, da ein L�we dich so eifers�chtig bewacht? Sei getrost, du brauchst keine b�sen Tr�ume mehr zu haben, wenn du nur im Traum daran denkst, deinen L�wen zu Hilfe zu rufen. Hast du geh�rt, was du h�ren wolltest?�</p><p>�Das Wichtigste habe ich geh�rt�, gab ich zu. �Es war mir angenehm, mag es nun die Wahrheit gewesen sein oder nicht, und ich werde bestimmt an dich und deine Tochter denken, wenn ich eines Tages auf einem schwarzen Hengst durch einen l�rmenden Volkshaufen reite.�</p><p>Darauf wandte sich Simon der Zauberer an Tante Laelia, rief sie beim Namen und sagte: �Es wird Zeit f�r dich, aus der Quelle zu steigen. M�ge dein g�ttlicher Freund dich zum Zeichen dessen in den Arm kneifen. Du wei�t, es tut nicht weh, es brennt nur angenehm.�</p><p>Tante Laelia erwachte langsam aus ihrer Verzauberung und tastete mit der gleichen entr�ckten Miene wie zuvor nach ihrem linken Arm. Ich betrachtete ihn neugierig und sah, da� sich darauf wirklich ein gro�er blauer Fleck bildete. Tante Laelia rieb ihn und zitterte vor Wonne am ganzen K�rper, so da� ich den Blick abwenden mu�te. Die Priesterin Helena l�chelte mich an. Ihre Lippen waren flehend halb ge�ffnet. Ich mochte aber auch sie nicht ansehen. Ich war verwirrt und f�hlte ein Prickeln am ganzen K�rper. Daher verabschiedete ich mich. Tante Laelia mu�te ich am Arm nehmen und aus dem Zimmer des Zauberers f�hren, so benommen war sie noch immer.</p><p>Im Laden drau�en nahm die Priesterin ein kleines schwarzes Ei aus Stein reichte es mir und sagte: �Das schenke ich dir. M�ge es deine Tr�ume besch�tzen, wenn der Vollmond scheint.�</p><p>Ein starker Widerwille, irgend etwas von ihr anzunehmen, ergriff mich, und ich sagte: �Ich kaufe es. Wieviel willst du daf�r haben?�</p><p>�Nur eines deiner hellen Haare�, sagte die Priesterin Helena und streckte schon die Hand aus, um mir ein Haar auszurei�en. Aber Tante Laelia wehrte sie erschrocken ab und fl�sterte mir zu, ich solle der Frau lieber Geld geben.</p><p>Ich hatte keine kleineren M�nzen bei mir und gab ihr ein ganzes Goldst�ck. Vielleicht hatte sie es sich durch ihre Weissagung verdient. Sie nahm es gleichg�ltig entgegen und sagte h�hnisch: �Du sch�tzt ein Haar von dir sehr hoch ein, aber vielleicht hast du recht. Die G�ttin wei� es.�</p><p>Vor dem Tempel fand ich Barbus wieder, der, so gut es ging, vor uns zu verbergen trachtete, da� er die Gelegenheit gen�tzt und Wein getrunken hatte. Er ging auf unsicheren Beinen hinter uns her. Tante Laelia war froh gestimmt, streichelte den blauen Fleck auf ihrem Arm und sagte: �So gut war Simon der Zauberer schon lange nicht mehr zu mir. Ich f�hle mich erfrischt und verj�ngt und sp�re keine Schmerzen mehr. Aber ich bin froh, da� du seiner schamlosen Tochter keins von deinen Haaren gegeben hast. Mit Hilfe eines solchen Haares h�tte sie im Traum dein Bett heimsuchen k�nnen.�</p><p>Sie schlug sich erschrocken mit der Hand auf den Mund, sah mich zweifelnd an und sagte: �Du bist ja nun kein Kind mehr. Gewi� hat dir dein Vater diese Dinge schon erkl�rt. Ich wei� jedenfalls ganz bestimmt, da� Simon der Zauberer manchmal einen Mann behext, damit er sich zu seiner Tochter legt. Der Mann ger�t ganz und gar in ihre Gewalt, aber daf�r hat er dann auf andere Weise Gl�ck und Erfolg. Ich h�tte dich vorher warnen m�ssen, dachte aber nicht an dergleichen, weil du ja noch minderj�hrig bist. Was Helena wollte, erkannte ich erst, als sie dich um ein Haar bat.�</p><p>Nach dem Besuch bei Simon dem Zauberer hatte ich wirklich keine Alptr�ume mehr. Wenn der Mahr erschien und von mir Besitz ergreifen wollte, dachte ich im Traum an Simons Rat und rief meinen L�wen. Er kam sofort, legte sich neben mich, um mich zu besch�tzen, und war in allem so wirklich und lebendig, da� ich mit der Hand sein Fell streicheln konnte. Wenn ich dann aus meinem leichten Schlaf erwachte, bemerkte ich freilich, da� ich eine Falte in der Decke gestreichelt hatte.</p><p>Ich hatte so gro�e Freude an meinem L�wen, da� ich ihn hin und wieder auch ohne Grund rief, wenn ich gerade einschlief, und sogar auf den Stra�en der Stadt konnte ich mir einbilden, der L�we gehe hinter mir her und bewache meine Schritte.</p><p>Ein paar Tage nach dem Gespr�ch mit Simon dem Zauberer fiel mir die Ermahnung meines Vaters wieder ein, und ich ging in die Bibliothek am Fu� des Palatins, wo ich den m�rrischen Bibliothekar um Kaiser Claudius� Geschichte der Etrusker bat. Zuerst behandelte er mich wegen meiner Knabenkleidung von oben herab, aber ich kannte nun die �berheblichkeit der R�mer schon und wu�te, wie ich ihr zu begegnen hatte. Daher sagte ich zornig, ich wolle dem Kaiser selbst schreiben und mich dar�ber beschweren, da� man seine Werke in den Bibliotheken nicht zu lesen bekomme. Da rief er rasch einen blaubekleideten Sklaven. Der f�hrte mich in einen Saal, in dem eine gro�e Statue des Kaisers Claudius stand, und zeigte mir die richtigen F�cher.</p><p>Ich blieb verbl�fft stehen und starrte die Statue des Kaisers an, denn Claudius hatte sich als Apoll darstellen lassen, aber der Bildhauer hatte seine mageren Glieder und sein pfiffiges S�ufergesicht ohne jede Besch�nigung wahrheitsgetreu wiedergegeben, so da� die Statue eher l�cherlich denn ehrfurchtgebietend wirkte. Ich dachte, der Kaiser k�nne zumindest nicht eitel sein, sonst h�tte er niemals zugelassen, da� ein solches Spottbild seiner selbst in einer �ffentlichen Bibliothek aufgestellt wurde.</p><p>Zuerst glaubte ich, allein in dem Saal zu sein, und nahm an, da� die R�mer Claudius als Schriftsteller nicht allzu hoch einsch�tzten, sondern seine Werke unbenutzt in ihren F�chern liegen und Staub sammeln lie�en. Dann bemerkte ich aber, da� weiter dr�ben bei einem schmalen Fenster eine junge Frau sa�, die mir den R�cken zuwandte und in einer Buchrolle las. Ich suchte eine Weile nach der Geschichte der Etrusker, fand aber nur die Geschichte Karthagos, die ebenfalls von Claudius stammte, und stellte zuletzt fest, da� das Fach, in dem das gesuchte Werk offenbar aufbewahrt wurde, leer war. Ich sah wieder nach der lesenden Frau und entdeckte neben ihr auf dem Boden einen ganzen Sto� Buchrollen.</p><p>Ich hatte f�r meine langweilige Arbeit den ganzen Tag vorgesehen, denn bei Lampenlicht durfte man in der Bibliothek wegen der Feuersgefahr nicht lesen, und ich wollte nicht wieder fortgehen, ohne die Sache endlich hinter mich gebracht zu haben. Zwar scheute ich mich, eine fremde Frau anzusprechen, aber ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, trat zu ihr und fragte sie, ob sie die Geschichte der Etrusker lese und ob sie f�r ihre Forschungen unbedingt alle Buchrollen zugleich ben�tige. Ich sagte es so sp�ttisch wie m�glich, obgleich ich sehr gut wu�te, da� viele gebildete Frauen richtiggehende B�cherw�rmer sind. Allerdings lesen sie keine Geschichtswerke, sondern lieber Ovids einfallsreiche und unterhaltsame Liebesgeschichten und Reiseabenteuer.</p><p>Die Frau schrak auf, ganz so, als h�tte sie meine Anwesenheit jetzt erst bemerkt, und sah mich mit blitzenden Augen an. Sie war jung, und, der Haartracht nach zu urteilen, unverm�hlt. Ihr Gesicht war nicht sch�n, sondern eher unregelm��ig geformt und ein wenig grob. Ihre glatte Haut war von der Sonne gebr�unt wie die einer Sklavin, und sie hatte einen gro�en Mund und volle Lippen.</p><p>�Ich lerne die Worte aus den heiligen Ritualen und vergleiche sie miteinander in den verschiedenen B�chern�, sagte sie b�se. �Was gibt es da zu lachen?�</p><p>Ich f�hlte, da� sie sich trotz ihrer Schroffheit ebenso vor mir sch�mte wie ich mich vor ihr, und bemerkte, da� ihre H�nde schwarz von Tinte waren und da� sie sich auf einem Papyrusbogen mit einer klecksenden Rohrfeder einige Aufzeichnungen gemacht hatte. An den Schriftz�gen erkannte ich, da� sie zu schreiben gewohnt war. Die Buchstaben waren nur durch das schlechte Schreibwerkzeug verschmiert.</p><p>�Ich lache nicht�, versicherte ich rasch und l�chelte sie an. �Im Gegenteil, ich achte deine gelehrte Besch�ftigung, und ich w�rde es nicht gewagt haben, dich zu st�ren, wenn ich meinem Vater nicht versprochen h�tte, gerade dieses Buch zu lesen. Gewi� verstehe ich davon nicht soviel wie du, aber was ich versprochen habe, mu� ich auch halten.�</p><p>Ich hatte gehofft, sie werde mich fragen, wer mein Vater sei, so da� ich selbst sie nach ihrem Namen h�tte fragen k�nnen, aber so neugierig war sie nicht. Sie sah mich nur an, wie man eine l�stige Fliege ansieht, suchte eine Weile unter den Buchrollen, die zu ihren F��en lagen, und reichte mir den ersten Teil des Buches. �Nimm das und verschone mich mit deinen Zudringlichkeiten.�</p><p>Ich err�tete so heftig, da� mein Gesicht ganz hei� wurde. Sie irrte sich, wenn sie glaubte, ich h�tte nur einen Vorwand gesucht, mit ihr bekannt zu werden. Ich nahm die Rolle, ging zu dem Lesefenster auf der anderen Seite des Saales, setzte mich mit dem R�cken zu ihr und begann zu lesen. Ich las so schnell wie m�glich, ohne mir die langen Namensverzeichnisse einzupr�gen. Claudius hielt es offenbar f�r n�tig, aufzuz�hlen, von wem und auf welche Weise er die einzelnen Angaben erhalten hatte, was andere geschrieben hatten und wie sie sich dagegen seiner Meinung nach dies und jenes in Wirklichkeit verhielt. Ein pedantischeres und langweiligeres Buch glaubte ich noch nie gelesen zu haben. Ich hatte aber schon damals, als Timaios mir immer die B�cher zu lesen befahl, die ihm selbst gefielen, gelernt, so schnell wie m�glich zu lesen und mir nur das eine oder andere, das mich wirklich fesselte, zu merken. An diese Einzelheiten hatte ich mich dann geklammert, wenn Timaios mich nach dem Inhalt fragte. Auf dieselbe Art gedachte ich nun auch mit diesem Werk fertig zu werden.</p><p>Doch das M�dchen lie� mich nicht in Ruhe lesen. Sie schnaubte vor sich hin, raschelte mit den Buchrollen und fluchte ab und zu laut. Zuletzt wurde sie es m�de, ihre untaugliche Rohrfeder immer wieder nachzuschneiden. Sie brach sie entzwei, stampfte auf den Boden und rief w�tend: �Bist du taub oder blind, du ekelhafter Kerl? Geh sofort und hole mir eine ordentliche Feder. Du scheinst �berhaupt keine Erziehung zu haben, da du nicht einmal siehst, da� ich eine Feder brauche.�</p><p>Ich bekam wieder eine hei�e Stirn und �rgerte mich, denn das Benehmen dieses M�dchens lie� darauf schlie�en, da� sie selbst keine gute Erziehung genossen hatte. Ich wollte aber nicht mit ihr um weitere Buchrollen streiten m�ssen, sobald ich die erste zu Ende gelesen hatte. Daher beherrschte ich mich, ging zum Bibliothekar und bat um eine neue Rohrfeder. Er murmelte, nach den Stiftungssatzungen der Bibliothek w�rden Rohrfedern und Papier zwar umsonst abgegeben, es sei aber noch kein B�rger so arm gewesen, da� er die Stirn gehabt h�tte, eine Feder ohne Bezahlung zu nehmen. Ich gab ihm zornig eine Silberm�nze, und er reichte mir erfreut ein B�ndel Federn und eine Rolle vom schlechtesten Papier. Ich kehrte in den Claudius-Saal zur�ck, und das M�dchen ri� mir Federn und Papier aus der Hand, ohne sich zu bedanken.</p><p>Als ich den ersten Teil gelesen hatte, ging ich wieder zu ihr und bat um die n�chste Rolle. �Kannst du wirklich so schnell lesen?� fragte sie verwundert. �Und wei�t du nachher �berhaupt noch, was du gelesen hast?�</p><p>�Ich wei� immerhin noch, da� die etruskischen Priester die �ble Gewohnheit hatten, Giftschlangen als Wurfgeschosse zu verwenden�, antwortete ich. �Es wundert mich daher gar nicht, da� du ihre Sitten und Br�uche studierst.�</p><p>Ich glaubte zu bemerken, da� sie ihr Benehmen schon bereute, denn sie ging auf meine Stichelei nicht ein, sondern reichte mir bescheiden eine Feder und bat wie ein kleines M�dchen: �M�chtest du sie mir nicht zuschneiden? Ich mache es wohl nicht richtig, denn meine Federn fangen immer gleich zu klecksen an.�</p><p>�Das kommt von dem schlechten Papier�, sagte ich. Ich nahm die Feder, schnitt sie zu und spaltete vorsichtig ihre Spitze. Als ich sie ihr zur�ckgab, sagte ich: �Du darfst sie nicht so fest aufdr�cken, denn dann gibt es nat�rlich sofort einen Klecks. Wenn man seinen J�hzorn bemeistert, l��t sich�s auch auf dem schlechten Papier ganz gut schreiben.�</p><p>Auf ihr Gesicht trat pl�tzlich ein L�cheln wie ein Blitz in dunklem Sturmgew�lk, und die groben Z�ge, der gro�e Mund und die schr�ggestellten Augen sahen auf einmal ganz bezaubernd aus. Als sie bemerkte, da� ich sie verwundert anstarrte, schnitt sie eine h��liche Grimasse, streckte mir die Zunge heraus und fauchte: �Nimm dein Buch und geh und lies, wenn du es wirklich so unterhaltsam findest.�</p><p>Sie st�rte mich jedoch immer wieder, denn immer wieder kam sie zu mir und bat mich, ihre Feder nachzuschneiden, so da� meine Finger bald ebenso schwarz waren wie die ihren. Ihre Tinte war so klumpig, da� sie ihr Tintenhorn ein paarmal verfluchte.</p><p>Zur Mittagszeit �ffnete sie ein B�ndel und begann gierig zu essen, indem sie gro�e St�cke von einem Brot abri� und herzhaft in einen Landk�se bi�.</p><p>Als sie meine mi�billigenden Blicke bemerkte, verteidigte sie sich: �Ich wei� sehr wohl, da� man in der Bibliothek nicht essen darf, aber was soll ich tun? Wenn ich auf die Stra�e hinausgehe, werde ich nur angerempelt, und fremde M�nner gehen neben mir her und fl�stern mir schamlose Dinge zu, weil ich allein bin.� Nach einer kleinen Weile f�gte sie mit zu Boden gesenktem Blick hinzu: �Mein Sklave holt mich erst am Abend ab, wenn die Bibliothek geschlossen wird.�</p><p>Ich dachte mir jedoch gleich, da� sie gar keinen Sklaven hatte. Ihr Mundvorrat war einfach, und sie besa� offenbar nicht genug Geld, um sich Federn und Papier zu kaufen. Deshalb hatte sie mir so hochm�tig befohlen, ihr eine Feder zu holen. Ich wu�te nicht, wie ich mich verhalten sollte, denn kr�nken wollte ich sie auf keinen Fall. Im �brigen bekam ich selbst Hunger, als ich sie essen sah.</p><p>Ich mu� wohl schwer geschluckt haben, denn pl�tzlich sagte sie freundlich: �Armer Junge, du bist bestimmt hungrig.� Sie brach freigebig ein Brot auseinander und reichte mir auch ihren runden K�se, von dem wir nun abwechselnd abbissen, so da� die Mahlzeit beendet war, noch ehe sie recht begonnen hatte. Wenn man jung ist, schmeckt einem alles. Ich lobte daher ihr Brot und sagte: �Das ist ja ein richtiges Landbrot, und dein K�se ist frischer Landk�se. So etwas bekommt man in Rom nicht alle Tage.�</p><p>Sie freute sich �ber mein Lob und sagte: �Ich wohne au�erhalb der Mauern. Du wei�t, wo der Zirkus des Gajus ist und die Begr�bnisst�tte und das Orakel. Dort drau�en hinter dem Vatikanischen H�gel ist es.�</p><p>Ihren Namen wollte sie mir aber noch immer nicht sagen. Wir nahmen unsere Lekt�re wieder auf. Sie schrieb ein paar alte Texte heraus, die Claudius aus den heiligen B�chern der Etrusker �bernommen hatte, und lernte sie murmelnd auswendig. Ich las eine Rolle nach der andern und pr�gte mir alles gut ein, was ich �ber die Kriege und die Flotte der Stadt Caere fand. Gegen Abend wurde es dunkel im Saal, denn der Schatten des Palatins fiel auf die Lesefenster, und der Himmel �berzog sich mit Wolken.</p><p>�Wir wollen uns nicht die Augen verderben�, sagte ich zuletzt. �Morgen ist auch ein Tag, aber mir steht diese langweilige alte Geschichte schon bis zum Hals. Eigentlich solltest du als gelehrte Frau mir helfen k�nnen. M�chtest du mir nicht kurz berichten, was in den B�chern steht, die ich noch nicht gelesen habe, oder mir zumindest das Wichtigste daraus mitteilen? Mein Vater hat G�ter in der N�he von Caere. Deshalb wird er mich vermutlich ausfragen, was Kaiser Claudius �ber Caere schreibt.�</p><p>Als sie schwieg, fuhr ich sch�chtern fort: �Nimm mir meinen Vorschlag nicht �bel, aber ich habe gro�e Lust auf hei�e W�rste und wei�, wo man welche bekommt. Ich m�chte dich gern einladen, wenn du mir hilfst.�</p><p>Sie runzelte die Stirn, stand auf, trat so nah an mich heran, da� ich ihren warmen Atem im Gesicht sp�rte, und sah mir in die Augen. �Wei�t du wirklich nicht, wer ich bin?� fragte sie argw�hnisch und f�gte rasch hinzu: �Nein, du kennst mich nicht und hast nichts B�ses im Sinne. Du bist ja noch ein Knabe.�</p><p>�Ich kann jeden Tag die M�nnertoga bekommen�, sagte ich beleidigt. �Ich habe sie nur noch nicht, weil zun�chst einige famili�re Angelegenheiten zu ordnen waren. Du bist nicht viel �lter als ich, und gr��er als du bin ich auch.�</p><p>�Mein liebes Kind�, sagte sie neckend. �Ich bin ganze zwanzig Jahre alt und im Vergleich zu dir eine alte Frau. Und ich bin bestimmt st�rker als du. Hast du keine Angst, mit einer fremden Frau zu gehen?�</p><p>Sie warf jedoch die Buchrollen drunter und dr�ber in ihr Fach, ordnete ihr Gewand und machte sich eifrig zum Gehen fertig, so, als f�rchtete sie, ich k�nnte mich anders besinnen. Als wir hinausgingen, blieb sie zu meiner Verwunderung vor der Statue des Kaisers Claudius stehen und spuckte sie an, bevor ich sie daran hindern konnte. Als sie mein Entsetzen bemerkte, lachte sie laut auf und spuckte noch einmal auf die Statue. Sie war wahrhaftig sehr schlecht erzogen.</p><p>Dann schob sie ohne Z�gern ihren Arm unter den meinen und zog mich so rasch mit sich fort, da� ich f�hlte, da� sie nicht nur geprahlt hatte, sondern wirklich sehr kr�ftig war. Sie verabschiedete sich hochm�tig von dem Bibliothekar, der sich davon �berzeugte, da� wir keine Buchrollen unter den Kleidern versteckt hatten. Er tastete uns jedoch nicht ab, wie es mi�trauische Bibliothekare bisweilen tun.</p><p>Den Sklaven erw�hnte das M�dchen nicht mehr. Das Forum war jetzt am Abend voller Menschen, und sie verlangte, da� auch wir ein Weilchen zwischen den Tempeln und der Kurie auf und ab spazierten, und lie� w�hrenddessen meinen Arm nicht los, so, als wollte sie den Leuten eine Beute, ein Besitzst�ck vorf�hren. Der eine oder andere rief ihr etwas zu, als w�re er mit ihr bekannt, und sie lachte und antwortete, ohne zu err�ten. Ein Senator und einige Ritter kamen uns mit ihrem Gefolge entgegen. Sie wandten hastig den Blick ab, als sie das M�dchen sahen, aber sie machte sich nichts daraus.</p><p>�Wie du den Zurufen entnehmen kannst, werde ich nicht eben als ein tugendsames M�dchen angesehen�, sagte sie lachend. �Aber ganz und gar verdorben bin ich doch nicht. Du brauchst also keine Angst zu haben.�</p><p>Endlich ging sie mit mir in eine Schenke am Viehmarkt. Ich bestellte k�hn hei�e W�rste, Schweinefleisch in irdenen T�pfen und Wein. Das M�dchen a� gierig wie ein Wolf und wischte sich die fettigen Finger an einem Mantelzipfel ab. Sie mischte kein Wasser in ihren Wein, weshalb auch ich es nicht tat, doch ich war es nicht gewohnt, unvermischten Wein zu trinken und bekam einen schweren Kopf. Sie summte vor sich hin, w�hrend sie a�, t�tschelte mir die Wangen, schimpfte mit dem Wirt in der einfachen Sprache des Marktes und schlug mir pl�tzlich v�llig gef�hllos mit der Faust auf die Hand, als diese zuf�llig ihr Knie streifte. Ich begann allm�hlich zu glauben, da� sie nicht ganz richtig im Kopfe sei.</p><p>Die Schenke f�llte sich pl�tzlich mit Menschen. Auch Spielleute, S�nger und Gaukler dr�ngten sich herein, unterhielten die G�ste und sammelten mit einem Krug Kupferm�nzen ein. Einer der zerlumpten S�nger blieb vor uns stehen, klimperte ein wenig auf seiner Zither und begann zu singen:</p><empty-line/><p>�Kam die Wolfstochter mit den H�ngebacken,</p><p>die auf dem Treppenstein geborene.</p><p>Der Vater soff, die Mutter hurte,</p><p>die Jungfernschaft nahm ihr ein Vetter.�</p><empty-line/><p>Weiter kam er nicht. Das M�dchen sprang auf, schlug ihn ins Gesicht und schrie: �Lieber Wolfsblut in den Adern als Pisse so wie du!�</p><p>Der Wirt st�rzte herbei und f�hrte den S�nger hinaus. Dann schenkte er uns mit eigener Hand noch einmal Wein ein und sagte: �Clarissima, dein Besuch ehrt mich, aber der Knabe ist minderj�hrig. Ich bitte euch herzlich, trinkt eure Becher aus und geht, sonst bekomme ich es mit den �dilen zu tun.�</p><p>Es war schon sp�t, und ich wu�te nicht, was ich von dem z�gellosen Benehmen des M�dchens halten sollte. Vielleicht war sie wirklich eine lasterhafte kleine W�lfin, die der Wirt nur im Scherz �wohlgeboren� nannte. Zu meiner Erleichterung war sie ohne weiteres bereit, zu gehen. Als wir aber auf die Stra�e traten, packte sie mich am Arm und bat: �Begleite mich noch bis zur Tiberbr�cke.�</p><p>Wir kamen ans Ufer und sahen unruhige, tiefh�ngende Wolken �ber uns hinziehen, die im Schein der Fackeln r�tlich leuchteten. Das nun im Herbst rasch str�mende Wasser gluckste zu unseren F��en, und es roch nach Schlamm und faulendem Schilf. Das M�dchen f�hrte mich an die Br�cke zur Tiberinsel. In den �skulaptempel auf der Insel pflegten unbarmherzige Hausv�ter ihre todkranken Sklaven schaffen zu lassen, die zu nichts mehr n�tze waren, und von der anderen Seite der Insel f�hrte eine zweite Br�cke in den vierzehnten Stadtteil, das Transtiberina der Juden. Im Abenddunkel war die Br�cke kein angenehmer Aufenthaltsort. Wo das Gew�lk den Himmel freigab, funkelten die Sterne des Herbstes, der Flu� blinkte schwarz herauf, und der Wind trug das St�hnen der Sterbenden und Kranken zu uns her�ber wie Klagen aus der Unterwelt.</p><p>Meine Begleiterin beugte sich �ber das Br�ckengel�nder und spuckte zum Zeichen ihrer Verachtung in den Tiber. �Spuck du auch�, forderte sie mich auf. �Oder f�rchtest du dich vor dem Flu�gott?� Ich mochte den Tiber nicht kr�nken, aber als sie mich eine Weile geneckt hatte, spuckte ich doch, kindisch, wie ich noch war. Im gleichen Augenblick flog ein Stern in glei�endem Bogen �ber den Tiber. Ich glaube, ich werde das in der Stunde meines Todes noch nicht vergessen haben: das Murmeln des Flusses, die rasch treibenden, r�tlich schimmernden Wolken, der Weinrausch in meinem Kopf und die helle Sternschnuppe �ber dem schwarzblinkenden Tiber.</p><p>Das M�dchen dr�ckte sich so fest an mich, da� ich ihren straffen, festen K�rper sp�rte. �Deine Sternschnuppe flog von Osten nach Westen�, fl�sterte sie. �Ich bin abergl�ubisch. Du hast auch Gl�ckslinien in den Handfl�chen, das habe ich heimlich beobachtet. Vielleicht kannst du auch mir Gl�ck bringen.�</p><p>�Sag du mir nun endlich, wie du hei�t�, bat ich ungeduldig. �Ich habe dir meinen Namen genannt und dir von meinem Vater erz�hlt. Man wird mich bestimmt schelten, wenn ich so sp�t nach Hause komme.�</p><p>�Ja, ja, du bist ja noch ein Kind�� seufzte sie und zog sich die Schuhe aus. �Ich gehe jetzt, und zwar barfu�. Die Schuhe haben mich schon genug gedr�ckt, so da� ich mich auf dich st�tzen mu�te, als ich neben dir dahinstolperte. Nun brauche ich dich aber nicht mehr. Lauf nur rasch nach Hause, damit du nicht meinetwegen ausgeschimpft wirst.�</p><p>Ich bestand jedoch darauf, da� sie mir ihren Namen sagte. Endlich seufzte sie tief auf und fragte: �Versprichst du mir, da� du mich mit deinem unschuldigen Knabenmund auf den Mund k�ssen und keine Angst haben wirst, wenn ich dir meinen Namen sage?�</p><p>Ich antwortete, da� ich kein M�dchen anr�hren d�rfe und k�nne, solange ich nicht mein Gel�bde an das Orakel in Daphne erf�llt h�tte. Das machte sie neugierig, und sie schlug vor: �Wir k�nnten es doch zumindest versuchen. Ich hei�e Claudia Plautia Urgulanilla.�</p><p>�Claudia!� wiederholte ich. �Du stammst also aus dem Geschlecht der Claudier!�</p><p>Sie wunderte sich dar�ber, da� mir ihr Name nichts sagte: �Willst du allen Ernstes behaupten, da� du nichts �ber mich wei�t?� fragte sie auffahrend, doch dann beruhigte sie sich wieder und fuhr fort: �Du bist wohl wirklich gerade erst aus Syrien gekommen. Mein Vater lie� sich von meiner Mutter scheiden, und f�nf Monate nach der Scheidung wurde ich geboren. Mein Vater nahm mich nicht auf seine Arme, sondern Lie� mich nackt auf die T�rschwelle meiner Mutter legen. Er h�tte besser daran getan, mich in die Kloake zu werfen. ich habe zwar nach dem Gesetz das Recht, mich Claudia zu nennen, aber kein ehrlicher Mann kann oder will mich zur Frau nehmen, da mein Vater durch sein Verhalten zu verstehen gegeben hat, da� er mich als au�erhalb der Ehe geboren betrachtet. Verstehst du jetzt, warum ich seine B�cher lese � um n�mlich zu sehen, wie verr�ckt er wirklich ist � und warum ich seine Statue anspucke!�</p><p>�Bei allen bekannten und unbekannten G�ttern!� rief ich verbl�fft. �Du Wahnsinnige willst mir doch nicht weismachen wollen, du seist eine Tochter des Kaisers Claudius!�</p><p>�Das wei� in Rom jedes Kind�, fauchte sie zornig. �Deshalb wagen Senatoren und Ritter nicht, mich zu gr��en. Deshalb h�lt man mich auf dem Lande, hinter dem Vatikanischen H�gel, versteckt. Aber nun, da ich dir meinen Namen gesagt habe, was ich lieber nicht h�tte tun sollen, mu�t du auch dein Versprechen halten.�</p><p>Sie lie� ihre Schuhe fallen und umarmte mich. Zuerst wehrte ich mich, aber dann begann sie und ihre Geschichte mich zu reizen. Ich dr�ckte sie fest an mich und k��te im Dunkeln ihren warmen Mund. Und es geschah nichts, obwohl ich mein Gel�bde brach. Oder vielleicht f�hlte sich die G�ttin nicht beleidigt, weil ich nicht zu zittern begann, als ich Claudia k��te. Vielleicht auch konnte ich wegen ebendieses Gel�bdes nicht zittern, wenn ich ein M�dchen k��te. Ich wei� es nicht.</p><p>Claudia lie� ihre H�nde auf meinen Schultern liegen, hauchte mir ihren warmen Atem ins Gesicht und fragte: �Versprichst du mir, Minutus, da� du zu mir kommst, sobald du die M�nnertoga angelegt hast?�</p><p>Ich murmelte, da� ich auch dann noch meinem Vater gehorchen m�sse, aber Claudia sagte entschieden: �Nachdem du mich gek��t hast, bist du an mich gebunden.�</p><p>Sie b�ckte sich, suchte in der Dunkelheit nach ihren Schuhen, richtete sich wieder auf, strich mir mit der einen Hand �ber meine kalte Wange und eilte davon. Ich rief ihr nach, da� ich mich keineswegs an sie gebunden f�hlte, da sie mich mit Gewalt gek��t h�tte, aber Claudia war schon in der Nacht verschwunden. Der Wind trug nur noch das Jammern der Kranken von der Insel her�ber, das Wasser gurgelte unheilverk�ndend, und ich lief nach Hause, so schnell ich konnte. Barbus hatte mich vergeblich in der Bibliothek und auf dem Forum gesucht und war zornig auf mich. Zum Gl�ck hatte er jedoch Tante Laelia noch nicht von meinem Verschwinden zu benachrichtigen gewagt, und mein Vater war wie �blich noch sp�t unterwegs.</p><p>Tags darauf fragte ich Tante Laelia beil�ufig nach Claudia. Ich erz�hlte ihr, da� ich sie in der Bibliothek getroffen und ihr eine Rohrfeder geschenkt hatte. Tante Laelia erschrak und beschwor mich: �La� dich nie in deinem Leben mit diesem schamlosen M�dchen ein, und lauf lieber davon, wenn du ihr noch einmal begegnen solltest. Kaiser Claudius hat schon oft bereut, da� er sie damals nicht ertr�nken lie�, aber zu der Zeit wagte er so etwas noch nicht. Ihre Mutter war au�erdem eine gro�e, wilde Frau, und Claudius h�tte f�r seine eigene Haut f�rchten m�ssen, wenn er das M�dchen ausgesetzt h�tte. Kaiser Gajus nannte Claudia gern seine Base, um Claudius zu reizen, und ich glaube, da� sie auch irgendwie an seinem sittenlosen Treiben teilhatte. Der arme Gajus schlief ja sogar bei seinen eigenen Schwestern, weil er sich f�r einen Gott hielt. Claudia wird in keinem anst�ndigen Haus empfangen. Ihre Mutter wurde �brigens von einem ber�hmten Gladiator aus Versehen erschlagen, und der Mann wurde nicht einmal verurteilt, weil er beweisen konnte, da� er nur seine Tugend verteidigt hatte. Die Urgulanilla wurde n�mlich mit den Jahren immer gewaltt�tiger bei ihren Liebesabenteuern.� Ich verga� Claudia bald, denn mein Vater nahm mich nach Caere mit, und wir blieben dort einen ganzen Wintermonat, um die G�ter zu besichtigen. Die unz�hligen m�chtigen Grabh�gel der K�nige und Edlen der Etrusker, die sich zu beiden Seiten der heiligen Stra�e erhoben, ersch�tterten mich. Als die R�mer vor Hunderten von Jahren Caere eroberten, pl�nderten sie die alten Gr�ber und nahmen alles mit, was von Wert war, aber es gab noch j�ngere, unber�hrte Gr�ber an der Stra�e. Ich begann Achtung vor meiner Herkunft zu empfinden, denn bisher hatte ich trotz den Erz�hlungen meines Vaters nicht geahnt, da� die Etrusker einst ein so m�chtiges Volk gewesen waren. Wer nur Kaiser Claudius� Geschichte gelesen hat, macht sich keinen Begriff von der d�steren Erhabenheit dieser k�niglichen Grabh�gel. Man mu� sie mit eigenen Augen gesehen haben.</p><p>Die Bewohner des l�ngst verarmten Caere h�teten sich, zur Nachtzeit in die N�he der Totenstadt zu gehen, und versicherten, da� dort Geister umgingen. Bei Tag aber wanderten viele Reisende hinaus, um die alten H�gel und die Wandskulpturen und Reliefs in den ausgeraubten Grabkammern zu besichtigen. Mein Vater n�tzte die Gelegenheit und legte sich eine Sammlung alter Bronzeminiaturen und heiliger, schwarzer Tonkr�ge an, die die Bauern der Gegend beim Pfl�gen oder Kellerausschachten gefunden hatten. Die besten Bronzen hatten die Sammler freilich schon zu Augustus� Zeiten mitgehen lassen, als es Mode wurde, etruskische Gegenst�nde zu sammeln, und die meisten der mit Gr�nspan bedeckten Statuetten waren von den Deckeln von Bestattungsurnen losgebrochen worden.</p><p>F�r die Landwirtschaft vermochte ich mich nicht zu erw�rmen. Ich begleitete meinen Vater gelangweilt auf seinen G�ngen durch die Felder, Olivenhaine und Weinberge. Die Dichter preisen zwar das einfache Landleben, aber ich selbst versp�rte ebensowenig Verlangen danach, mich auf dem Lande anzusiedeln, wie jene Dichter. In der Gegend von Caere konnte man au�erdem nur F�chse, Hasen und V�gel jagen, und mich stie� diese Jagd ab, bei der man nur Fallen, Schlingen und Leimruten, aber keinen Mut braucht.</p><p>Wenn ich mir ansah, wie mein Vater mit den Sklaven und Freigelassenen umging, die seine G�ter bewirtschafteten, kam ich zu dem Schlu�, da� die Landwirtschaft f�r einen Stadtbewohner ein teures Vergn�gen ist, das mehr verschlingt, als es einbringt. Nur sehr gro�e G�ter, die mit billiger Sklavenarbeit betrieben werden, werfen noch nennenswerte Gewinne ab, aber von dieser Art von Landwirtschaft wollte mein Vater nichts wissen.</p><p>�Lieber habe ich Untergebene, die als gl�ckliche Menschen leben und gesunde Kinder haben�, sagte er. �Ich lasse sie gern auf meine Kosten reich werden, denn es ist gut, zu wissen, da� man ein Fleckchen Erde hat, auf das man sich zur�ckziehen kann, wenn einen das Gl�ck einmal im Stich l��t.�</p><p>Ich bemerkte aber, da� die Bauern nie zufrieden waren, sondern ununterbrochen jammerten. Bald regnete es zuviel, bald zuwenig, bald fra�en Sch�dlinge die Weinreben auf, bald fiel die Olivenernte zu reichlich aus, und die �lpreise sanken. Und die Untergebenen schienen meinen Vater nicht einmal zu achten. Sie benahmen sich frech und unversch�mt, sobald sie merkten, wie gutm�tig er war. Ohne Unterla� klagten sie �ber ihre elenden Behausungen, ihr schlechtes Werkzeug und die Leiden ihrer Zugochsen.</p><p>Manchmal wurde mein Vater gegen seine Natur b�se und gab ihnen harte Worte. Dann duckten sie sich, tischten hastig eine gute Mahlzeit auf und kredenzten ihm gek�hlten Wei�wein. Die Kinder wanden Kr�nze f�r seine Stirn und tanzten um ihn herum, bis er wieder bes�nftigt war und seinen P�chtern und Freigelassenen neue Zugest�ndnisse machte. Mein Vater trank in Caere so viel Wein, da� er kaum einen Tag n�chtern war.</p><p>In der Stadt trafen wir mit einigen dickb�uchigen Opferpriestern und Handelsleuten zusammen, die alle die bewu�te Hautfalte in den Augenwinkeln hatten und ihr Geschlecht an die tausend Jahre zur�ckverfolgen konnten. Sie halfen meinem Vater, seine Ahnen bis zur�ck in die Zeit, da Lykurg den Hafen und die Kriegsflotte Caeres zerst�rt hatte, ausfindig zu machen, und mein Vater kaufte sogar eine Grabst�tte an der heiligen Stra�e.</p><p>Eines Tages brachte ein Eilbote aus Rom die Nachricht, da� alles nach Wunsch gegangen war. Der Zensor hatte das Ansuchen meines Vaters um Wiederverleihung des Ritterranges genehmigt, und es konnte nun t�glich Kaiser Claudius vorgetragen werden, weshalb wir nach Rom zur�ckkehren mu�ten. Dort hielten wir uns einige Tage in unserem Haus in Bereitschaft, da wir jeden Augenblick auf den Palatin gerufen werden konnten. Der Sekret�r des Kaisers, Narcissus, hatte versprochen, einen g�nstigen Augenblick zu w�hlen, um das Gesuch vorzulegen. Es war ein strenger Winter. Die r�mischen Steinb�den waren eisig, und in den Mietsh�usern erstickten t�glich Menschen an dem Rauch aus schlecht gewarteten Glutbecken. Tags�ber schien zwar die Sonne und k�ndete den Fr�hling voraus, aber sogar die Senatoren lie�en sich zu den Versammlungen in der Kurie Glutbecken bringen und unter die Elfenbeinschemel stellen. Tante Laelia klagte, da� von den alten r�mischen Tugenden nicht mehr viel �briggeblieben sei. Noch zu Augustus� Zeiten h�tte sich so mancher alte Senator lieber eine Lungenentz�ndung oder einen Rheumatismus f�rs Leben geholt, ehe er seinen K�rper auf so unm�nnliche Weise verz�rtelte.</p><p>Tante Laelia wollte unbedingt das Luperkalienfest und den Umgang der Faunuspriester sehen. Sie erkl�rte uns, da� der Kaiser selbst bei diesem Fest der oberste Priester sei und man uns daher am Luperkalientag kaum auf den Palatin rufen werde. Zeitig am Morgen der Iden des Februar ging ich mit ihr so nahe wie m�glich zu dem uralten Feigenbaum. Drinnen in der Grotte schlachteten die Priester die Ziege zu Ehren des Faunus Lupercus. Mit dem blutigen Messer zeichnete der Opferpriester jedem Faunuspriester ein Mal auf die Stirn, das sich alle zugleich mit einem St�ck heiligen Linnens, das in Milch getaucht worden war, wieder abwischten, wobei sie gemeinsam in das heilige Gel�chter ausbrachen. Und dieses Gel�chter klang so laut und entsetzlich aus der Grotte, da� der Volkshaufe fromm erstarrt und einige in Verz�ckung geratene Frauen auf dem Weg voraussprangen, den die W�chter mit ihren heiligen Ruten f�r den Festzug bahnten. In der Grotte schnitten die Priester die Ziegenhaut mit dem Opfermesser in Streifen und tanzten dann auf den Weg hinaus. Sie waren alle nackt, lachten ihr heiliges Gel�chter und peitschten mit den Riemen aus der Ziegenhaut die Frauen, die sich an den Weg herandr�ngten, da� deren Kleider mit Blut befleckt wurden. So umtanzten sie den ganzen Palatin.</p><p>Tante Laelia war zufrieden und versicherte, das heilige Lachen habe schon seit vielen Jahren nicht mehr so festlich geklungen. Eine Frau, die von dem blutigen Riemen eines Faunuspriesters getroffen wurde, durfte hoffen, binnen Jahresfrist schwanger zu werden, erkl�rte sie. Es war dies ein unfehlbares Mittel gegen Unfruchtbarkeit, und Tante Laelia beklagte nur, da� so viele vornehme Frauen keine Kinder haben wollten, so da� sich meist nur die Frauen gew�hnlicher B�rger von den Faunuspriestern gei�eln lie�en. Sie hatte nicht eine einzige Senatorenfrau am heiligen Weg entdeckt. Einige unter den dichtgedr�ngten Zuschauern behaupteten, sie h�tten auch Kaiser Claudius in eigener Person gesehen, wie er am Eingang der Grotte nackt hin und her gesprungen sei und die Faunuspriester vor der Gei�elung laut schreiend angefeuert habe. Wir selbst sahen ihn nicht. Als der Zug den H�gel umschritten hatte und die Priester in die Grotte zur�ckgekehrt waren, um eine tr�chtige H�ndin zu opfern, gingen wir nach Hause und nahmen das vorgeschriebene Festmahl aus gekochtem Ziegenfleisch und Weizengeb�ck in Form von menschlichen Geschlechtsteilen ein. Tante Laelia trank Wein und freute sich, da� nach dem dunklen Winter endlich der herrliche r�mische Fr�hling nahte.</p><p>Gerade als mein Vater sie ermahnte, sich zur Mittagsruhe zur�ckzuziehen, ehe sie anfing Dinge zu reden, die nicht f�r meine Knabenohren taugten, kam ein Botensklave des Sekret�rs Narcissus atemlos angerannt und sagte, wir sollten uns, ohne einen Augenblick zu verlieren, auf den Palatin begeben. Wir machten uns zu Fu� und nur von Barbus begleitet auf den Weg, wor�ber sich der Sklave sehr verwunderte. Zum Gl�ck waren wir wegen des Festes beide schon so gekleidet, wie es der Anla� erforderte.</p></section><section><p>Der in Wei� und Gold gekleidete Sklave berichtete, da� alle Vorzeichen g�nstig waren und da� das Ritual fehlerfrei durchgef�hrt worden war. Kaiser Claudius war daher wohlgelaunt und gn�dig gesinnt. Er bewirtete die Faunuspriester in seinen eigenen R�umen und trug noch die Rangzeichen des obersten Priesters. Am Tor des Palatiums wurden wir auf verborgene Waffen untersucht, und Barbus mu�te drau�en bleiben, weil er sein Schwert an der Seite trug. Mein Vater wunderte sich dar�ber, da� man auch mich abtastete, obwohl ich doch noch unm�ndig war.</p><p>Narcissus, der Freigelassene und Privatsekret�r des Kaisers, war Grieche, ein von Sorgen und einer ungeheuren Arbeitslast ausgezehrter Mann. Er empfing uns unerwartet freundlich, obwohl mein Vater ihm kein Geschenk geschickt hatte, und sagte sehr offenherzig, da� es in einer Zeit, in der sich allerlei Ver�nderungen ank�ndigten, dem Staat zum Vorteil gereiche, wenn man zuverl�ssige M�nner in den Ritterstand erh�be, die w��ten und sich sp�ter erinnerten, wem sie ihre Stellung verdankten. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, suchte er in den Akten, die meinen Vater betrafen, entnahm ihnen ein zerknittertes Blatt, reichte es meinem Vater und sagte: �Diese Anmerkungen �ber deinen Charakter und deine Gewohnheiten aus Kaiser Tiberius� Zeiten nimmst du am besten selbst in Verwahrung. Das sind vergessene Dinge, die heutzutage keine Bedeutung mehr haben.�</p><p>Mein Vater las das Blatt, err�tete und steckte es rasch weg. Narcissus fuhr mit der gleichen Offenheit fort: �Der Kaiser ist stolz auf seine Gelehrsamkeit und seine Menschenkenntnis, aber er bleibt leicht an Einzelheiten h�ngen und kann manchmal einen ganzen Tag ununterbrochen �ber alte Geschichten reden, nur um sein gutes Ged�chtnis unter Beweis zu stellen. Dar�ber vergi�t er dann gern die Hauptsache.�</p><p>Mein Vater sagte verlegen: �Wer hat nicht in seiner Jugend einmal in Baiaes Rosenhainen gewacht! F�r mich ist das alles vorbei und vergangen. Doch ich wei� nicht, wie ich dir danken soll. Man hat mir ja berichtet, wie streng Kaiser Claudius und im besonderen Valeria Messalina �ber die Sitten des Ritterstandes wachen.�</p><p>�Vielleicht lasse ich dich eines Tages wissen, wie du dich mir erkenntlich zeigen kannst�, erwiderte Narcissus mit einem bleichen L�cheln. �Ich bin als habgierig verschrien, aber begehe nicht den Fehler, mir Geld anzubieten, Marcus Manilianus. Ich bin ein Freigelassener des Kaisers. Daher geh�rt alles, was ich besitze, dem Kaiser, und alles, was ich tue, das tue ich, so gut ich es wei� und verstehe, zum Besten des Kaisers und des Staates. Doch wir m�ssen uns beeilen, denn der g�nstigste Augenblick, ein Anliegen vorzutragen, ist gleich nach einem Opfermahl, wenn sich der Kaiser auf seine Mittagsruhe vorbereitet.�</p><p>Er f�hrte uns in den s�dlichen Empfangssaal, dessen W�nde Malereien schm�ckten, die den Trojanischen Krieg darstellten. Mit eigener Hand lie� er den Lattenvorhang vor dem Fenster herunter, so da� die Sonne nicht so hei� in den Raum brannte. Kaiser Claudius erschien gest�tzt von zwei Sklaven, die ihn auf einen Wink von Narcissus auf den Thron setzten. Er summte die Faunushymne vor sich hin und blinzelte uns kurzsichtig entgegen. Als er sa�, sah er w�rdevoller aus, denn da er gestanden war, obwohl sein Kopf hin und her pendelte und er sich beim Mahl mit So�en und Wein bekleckst hatte. Er war �brigens nach seinen Statuen und den Abbildungen auf den M�nzen leicht wiederzuerkennen. Der Wein hatte ihn offensichtlich f�r den Augenblick heiter gestimmt, und er war bereit, sich eifrig den Staatsgesch�ften zu widmen, ehe ihn der Schlaf �berkam.</p><p>Narcissus stellte uns vor und sagte rasch: �Der Sachverhalt ist klar. Hier sind die Nachweise �ber die Herkunft und das Verm�gen sowie die Empfehlung des Zensors. Marcus Mecentius Manilianus hat sich als Mitglied des Rates der Stadt Antiochia ausgezeichnet und verdient volle Genugtuung f�r das Unrecht, das ihm angetan wurde. Er selbst strebt nicht nach �u�eren Ehren, aber sein Sohn kann zu einem treuen Diener des Staates heranwachsen.�</p><p>Kaiser Claudius rollte die Akten auf, w�hrend er etwas �ber den Astronomen Manilius murmelte, den er in seiner Jugend gekannt hatte. Die Herkunft meiner Mutter erregte seine Aufmerksamkeit, und er versank in gelehrte Betrachtungen. �Myrina�, sagte er, �das war die K�nigin der Amazonen, die gegen die Gorgonen k�mpfte, aber dann kam der Thraker Mopsos, den Lykurg in die Verbannung geschickt hatte, und t�tete sie. Myrina hei�t sie �brigens nur als G�ttin. Ihr irdischer Name war Batieia. Es w�re passender gewesen, deine Gattin h�tte diesen irdischen Namen getragen. Vermerke und verbessere das in den Akten, Narcissus.�</p><p>Mein Vater dankte dem Kaiser ehrerbietig f�r diese Berichtigung und versprach, sogleich daf�r Sorge zu tragen, da� die Statue, welche die Stadt Myrina meiner Mutter errichtet hatte, auf Batieia umbenannt werde. Der Kaiser mu�te den Eindruck gewinnen, meine Mutter sei in Myrina eine hochangesehene Frau gewesen, da die Stadt sie sogar durch eine Statue ehrte.</p><p>�Deine griechische Herkunft ist vornehm�, sagte er zu mir und betrachtete mich wohlwollend mit seinen rotge�derten Augen. �Die Bildung ist das Erbe Griechenlands, Roms St�rke ist die Staatskunst. Du bist rein und sch�n wie eine meiner Goldm�nzen, die ich mit einer lateinischen Inschrift auf der einen und einer griechischen auf der anderen Seite pr�gen lie�. Wie kann ein so sch�ner, stattlicher Knabe Minutus hei�en! Das ist �bertriebene Bescheidenheit.�</p><p>Mein Vater beeilte sich zu erkl�ren, da� er den Tag meiner Mannesweihe hinausgeschoben hatte, damit mein Name gleichzeitig in die Ritterrolle im Tempel des Castor und des Pollux eingeschrieben werden k�nne. Es w�re eine gro�e Ehre f�r ihn, f�gte er hinzu, wenn Kaiser Claudius selbst mir einen passenden Zunamen g�be. �Ich habe G�ter bei Caere, und mein Geschlecht geht zur�ck in die Zeit, da Syrakus der Seeherrschaft Caeres ein Ende bereitete. Doch �ber diese Dinge wei�t du mehr als ich, Clarissimus.�</p><p>�Dachte ich mir nicht, da� mir deine Z�ge bekannt vorkommen!� rief Claudius entz�ckt. �Ich habe dein Gesicht und deine Augen auf den alten etruskischen Grabmalereien gesehen, die ich in meiner Jugend studierte, obwohl sie durch Feuchtigkeit und mutwillige H�nde schon arg besch�digt waren. Da du selbst Mecentius hei�t, soll dein Sohn den Namen Lausus erhalten. Wei�t du auch, wer Lausus war, Minutus?�</p><p>Ich antwortete ihm, da� Lausus der Sohn des K�nigs Mecentius gewesen sei, der mit Turnus gegen �neas k�mpfte. �So steht es in deiner Geschichte der Etrusker geschrieben, sonst w��te ich es nicht�, sagte ich mit unschuldsvoller Miene.</p><p>�Hast du wirklich trotz deiner Jugend schon mein bescheidenes Buch gelesen, Minutus?� fragte Claudius und bekam vor R�hrung den Schluckauf. Narcissus klopfte ihm leicht auf den R�cken und befahl den Sklaven, Wein zu holen. Claudius lie� auch uns Wein anbieten, ermahnte mich jedoch v�terlich, keinen unvermischten Wein zu trinken, bevor ich nicht so alt sei wie er. Narcissus n�tzte diesen Augenblick und bat ihn, die Verleihung der Ritterw�rde an meinen Vater durch seine Unterschrift zu best�tigen. Claudius schrieb bereitwillig seinen Namen nieder, obwohl er, wie ich glaube, schon vergessen hatte, worum es sich handelte.</p><p>Mein Vater fragte: �Ist es wirklich dein ausdr�cklicher Wille, da� mein Sohn Lausus hei�en soll? Wenn dem so ist, wird Kaiser Claudius selbst bei ihm Pate stehen, und das ist die h�chste Ehre, die mir zuteil werden kann.�</p><p>Claudius trank mit wackelndem Kopf von seinem Wein und sagte mit besonderer Betonung: �Schreibe auch das auf, Narcissus. Und du, Mecentius, schicke mir nur einen Boten, wenn dem Knaben das Haar geschnitten werden soll. Ich will dein Gast sein, sofern mich nicht wichtige Staatsangelegenheiten hindern.�</p><p>Er stand entschlossen auf, st�rzte beinahe, ehe die Sklaven vorspringen und ihn st�tzen konnten, und sagte nach einem kr�ftigen R�lpser: �Meine vielen gelehrten Besch�ftigungen haben einen zerstreuten Menschen aus mir gemacht, so da� ich mich alter Begebenheiten besser erinnere als j�ngst vergangener. Daher lasse ich sofort aufschreiben, was ich gelobe und was ich verbiete. Doch nun will ich meine Mittagsruhe halten und sehen, ob ich mich erbrechen kann, denn sonst bekomme ich Magenschmerzen von dem z�hen Ziegenfleisch.�</p><p>Als er, wiederum von seinen Sklaven gest�tzt, den Saal verlassen hatte, riet Narcissus meinem Vater: �La� deinen Sohn am n�chstbesten g�nstigen Tag die M�nnertoga anlegen und gib mir Nachricht. Es ist m�glich, da� der Kaiser wirklich an sein Versprechen denkt und bei ihm Pate steht. Zumindest kann ich ihn an den Namen und das Versprechen erinnern, und dann wird er so tun, als w�re es ihm selbst eingefallen.�</p><p>Tante Laelia hatte gro�e M�he, einige Vornehme ausfindig zu machen, die dem Geschlecht der Manilier zugerechnet werden durften. Einer der G�ste war ein uralter ehemaliger Konsul, der mich freundlich an der Hand hielt, als ich das Schwein opferte. Die meisten waren aber Frauen in Tante Laelias Alter, die wohl haupts�chlich die Aussicht auf eine gute Mahlzeit ins Haus gelockt hatte. Sie schnatterten wie eine Herde G�nse, w�hrend mir der Barbier das Haupthaar schnitt und den d�nnen Flaumbart schor. Ich konnte mich ihrer kaum erwehren, als sie mir die M�nnertoga anlegten und mir dabei die Glieder streichelten und die Wangen t�tschelten, und sie wu�ten sich vor Neugier nicht zu fassen, als ich um meines Gel�bdes willen den Barbier mit in mein Zimmer nahm, damit er mir dort auch die K�rperhaare abschere, die meine Mannheit bezeugten. Ich legte sie zusammen mit den Barthaaren in eine silberne B�chse, deren Deckel mit einem Mond und einem L�wen verziert war. Der Barbier schwatzte und scherzte, w�hrend er seine Arbeit verrichtete, und versicherte mir, es sei durchaus nichts Ungew�hnliches, da� vornehme J�nglinge, wenn sie die M�nnertoga bekamen, ihre Schamhaare der G�ttin Venus opferten, um ihre Gunst zu gewinnen.</p><p>Kaiser Claudius kam nicht zu unserem Familienfest, aber er lie� mir durch Narcissus einen goldenen Ritterring schicken und erlaubte, da� in der Ritterrolle neben meinem Namen die Anmerkung gemacht wurde, da� er selbst mir den Zunamen Lausus verliehen hatte. Unsere G�ste folgten meinem Vater und mir zum Tempel des Castor und des Pollux. Mein Vater bezahlte im Archiv die vorgeschriebenen Eintragungsgeb�hren, und man steckte mir drei Goldringe auf den Daumen. Meine Festtoga mit der schmalen roten Borte war schon fertig. Eine solche Borte durfte ich sonst nur auf dem Untergewand tragen. Vom Archiv gingen wir dann in den Versammlungssaal der Ritter, wo wir die Genehmigung erkauften, uns Reitpferde aus den St�llen auf dem Marsfeld auszuw�hlen.</p><p>Als wir wieder daheim waren, schenkte mir mein Vater alles, was zur Ausr�stung eines r�mischen Ritters geh�rte: einen aus Silber geschmiedeten Schild, einen versilberten Helm mit rotem Federbusch, ein langes Schwert und eine Lanze. Die alten Frauen redeten auf mich ein, ich solle meine R�stung gleich anlegen, und ich konnte der Versuchung begreiflicherweise nicht widerstehen. Barbus half mir, das weiche Lederkoller umzuschnallen, und bald stolzierte ich in meinen roten Halbstiefeln, mit dem Helm auf dem Kopf und dem gez�ckten Schwert in der Hand, wie ein Hahn auf und ab.</p><p>Mittlerweile war es Abend geworden. Unser Haus erstrahlte in festlicher Beleuchtung, und drau�en scharte sich eine Menge Volkes zusammen und begaffte die aus und ein gehenden Gratulanten. Pl�tzlich begr��ten die Zuschauer mit lauten Beifallsrufen eine prachtvoll ausgestattete S�nfte, die von kohlschwarzen Sklaven vor unsere T�r getragen wurde. Tante Laelia lief, �ber ihr Gewand stolpernd, hinaus, um den sp�ten Gast zu empfangen. Aus der S�nfte stieg eine kleine rundliche Frau, deren seidenes Gewand allzu deutlich ihre �ppige Gestalt enth�llte. Sie hielt ihr Gesicht unter einem violetten Schleier verborgen, den sie zur Seite schob, um sich von Tante Laelia auf beide Wangen k�ssen zu lassen, und ich sah, da� ihr Gesicht sch�n geschminkt war.</p><p>�Lieber Minutus!� rief Tante Laelia mit vor R�hrung schriller Stimme. �Dies ist die hochwohlgeborene Tullia Valeria, die gekommen ist, um dir Gl�ck zu w�nschen. Sie ist Witwe, aber ihr letzter Gemahl war ein echter Valerius.�</p><p>Diese noch immer blendend sch�ne, wenn auch schon zu reiferen Jahren gekommene Frau streckte mir ihre wei�en Arme entgegen und dr�ckte mich samt R�stung und Schwert an sich. �O Minutus Lausus!� rief sie. �Ich h�rte, der Kaiser selbst gab dir deinen Zunamen, und es nimmt mich nicht wunder, wenn ich dein Gesicht betrachte. Wenn mein Gl�ck und die Launen deines Vaters es zugelassen h�tten, k�nntest du mein eigener Sohn sein. Dein Vater und ich waren einmal gute Freunde, aber gewi� sch�mt er sich heute seines Betragens mir gegen�ber, da er mich bei seiner R�ckkehr nach Rom nicht sofort aufsuchte.�</p><p>Sie dr�ckte mich noch immer z�rtlich an sich, so da� ich ihre weichen Br�ste sp�rte und den bet�ubenden Duft ihrer Salben roch, w�hrend sie sich suchend umblickte. Als mein Vater ihr Gesicht erkannte, erstarrte er, wurde bleich und machte eine unwillk�rliche Bewegung, als wolle er sich umdrehen und fliehen. Die sch�ne Tullia nahm mich an der Hand, trat mit einem strahlenden L�cheln auf meinen Vater zu und sagte: �Hab keine Angst, Marcus. An einem Tag wie heute verzeihe ich dir alles. Was gewesen ist, ist gewesen, und wir wollen Vergangenem nicht nachtrauern, obwohl ich deinetwegen so manches Tr�nenfl�schchen gef�llt habe, du Herzloser!�</p><p>Sie lie� mich los, schlang ihm die Arme um den Hals und k��te ihn z�rtlich auf den Mund. Mein Vater stie� sie heftig von sich. Er zitterte vom Kopf bis zu den F��en und sagte, vor �berraschung stotternd: �Tullia, Tullia! Du solltest selbst besser wissen, was f�r deinen Frieden gut ist. Lieber h�tte ich an diesem Abend hier in meinem Haus das Haupt der Gorgo erblickt als dein Gesicht!�</p><p>Aber Tullia legte ihm nur die Hand auf den Mund und sagte schelmisch zu Tante Laelia: �Marcus ist noch ganz der alte. Es wird Zeit, da� sich jemand um ihn k�mmert. Wenn ich sehe, wie verwirrt er ist, und wenn ich h�re, wie unvern�nftig er daherredet, so reut es mich, da� ich meinen Stolz nicht �berwunden habe und selbst zu ihm gegangen bin, da er sich sch�mte, zu mir zu kommen.�</p><p>Diese sch�ne, in Seide gekleidete, welterfahrene Frau bezauberte mich, so alt sie war, und ich beobachtete voll Schadenfreude, wie mein Vater in ihrer Gegenwart die Beherrschung verlor. Tullia richtete nun ihre Aufmerksamkeit auf die anderen G�ste und gr��te die einen freundlich, die anderen hochm�tig. Die alten Frauen steckten die K�pfe zusammen und hatten viel zu tuscheln, aber sie k�mmerte sich nicht um ihre b�sen Blicke.</p><p>Sie wollte nur ein paar S��igkeiten essen und ein wenig Wein trinken, bat mich jedoch, mich zu ihr auf das Sofa zu setzen, und sagte: �Daran ist nichts Unziemendes, auch wenn du nun ein Mann bist, denn ich k�nnte deine Mutter sein.� Dann streichelte sie mir mit ihrer weichen Hand den Hals, seufzte und sah mir auf eine Art in die Augen, da� ich ein Kribbeln am ganzen K�rper versp�rte. Mein Vater bemerkte meine Befangenheit. Er trat mit geballten F�usten auf uns zu und sagte: �La� meinen Sohn in Ruhe, Tullia. Du hast mir schon genug Unheil gebracht.�</p><p>Tullia sch�ttelte wehm�tig den Kopf und seufzte: �Wenn je in deinen jungen Jahren jemand dein Wohlt�ter war und nach deinem Besten sah, so war wohl ich es. Sogar nach Alexandria bin ich dir einst nachgereist, aber glaube nur ja nicht, da� ich das ein zweites Mal tun w�rde. Nur deines Sohnes wegen bin ich gekommen. Ich warne dich, Marcus. Valeria Messalina ist beleidigt, weil Claudius deinem Sohn einen Namen gegeben und einen Ritterring geschickt hat, ohne sie zu fragen. Aus diesem Grunde gibt es einige, die auf dich und deinen Sohn sehr neugierig sind und gern ihre Gunst all denen zuwenden, mit denen diese schamlose Person Streit sucht. Du stehst vor einer schweren Wahl, Marcus.�</p><p>�Ich will mit alledem nichts zu schaffen haben und kein Wort von diesen Weiberr�nken h�ren!� rief mein Vater in gro�er Verzweiflung aus. �Und ich mag nicht glauben, da� du mich nach so vielen Jahren aufs neue in deine Intrigen verwickeln willst, so da� ich meinen guten Ruf, den ich eben erst mit knapper Not zur�ckgewonnen habe, gleich wieder verliere. Weh dir, Tullia!�</p><p>Die sp�ttische Tullia lachte entz�ckt, streichelte meinem Vater die Hand und rief: �Nun verstehe ich pl�tzlich, warum ich damals so in dich vernarrt war, Marcus. Kein anderer Mann hat meinen Namen je so bezaubernd ausgesprochen wie du.�</p><p>Und wirklich, als er ihren Namen sagte, lag ein Hauch Wehmut in seiner Stimme, nur konnte ich nicht begreifen, was eine so feine, vornehme Dame an meinem Vater fand. Tante Laelia trat kichernd zu uns, t�tschelte meinem Vater die Wangen und sagte warnend: �Ihr sitzt hier beisammen und neckt euch wie junge Liebende. Wird es nicht Zeit, da� du endlich zur Ruhe kommst, liebe Tullia? Du hast immerhin vier Ehem�nner gehabt und den letzten vor nicht allzu langer Zeit erst zu Grabe getragen.�</p><p>�Wie recht du hast, liebste Laelia. Es wird Zeit, da� ich zur Ruhe komme�, gab Tullia zu. �Deshalb bin ich so uns�glich froh dar�ber, da� ich Marcus wiedergefunden habe. Seine N�he beruhigt mich so wunderbar.� Sie wandte sich an mich und fuhr fort: �Du aber, du neuer Achill mit deinem jungen Schwert, bringst mich um meine Gem�tsruhe. W�re ich nur zehn Jahre j�nger, ich w�rde dich bitten, mit mir hinauszugehen und den Mond zu betrachten. In meinem Alter kann ich das leider nicht mehr. Geh also deines Wegs und suche dir deine Freuden anderswo. Dein Vater und ich haben mancherlei zu bereden.�</p><p>Als sie den Mond erw�hnte, wurde ich unruhig. Ich ging in das obere Stockwerk hinauf, um meine Waffen abzulegen, und als ich mir mit der Hand �ber mein kurzes Haar und die glatten Wangen fuhr, f�hlte ich mich pl�tzlich traurig und entt�uscht. So lange hatte ich auf diesen Tag gewartet, und nichts von dem, was ich mir dunkel ertr�umt hatte, war geschehen. Doch ich mu�te nun das Gel�bde erf�llen, das ich vor dem Orakel in Daphne abgelegt hatte.</p><p>Ich verlie� das Haus durch die hintere T�r und nahm in der K�che den Segen der verschwitzten Sklaven entgegen, die ich zu essen und zu trinken bat, soviel sie vermochten, da keine G�ste mehr zu erwarten waren, sondern das Haus sich schon zu leeren begann. Drau�en bei der Pforte sah ich pflichtgetreu nach den beinahe schon ganz niedergebrannten Fackeln und dachte wehm�tig, da� dies nun vielleicht der gr��te und festlichste Tag meines Lebens gewesen sei. Das Leben selbst ist ja eine Fackel, die anfangs hell brennt und zuletzt in Rauch und Qualm verlischt.</p><p>Da trat mir pl�tzlich aus dem Schatten der Mauer eine weibliche Gestalt entgegen, die in einen braunen Mantel geh�llt war. �Minutus, Minutus�, fl�sterte sie vorsichtig. �Ich will dir Gl�ck w�nschen, und diese Kuchen habe ich selbst f�r dich gebacken. Ich wollte sie den Sklaven �bergeben, aber das Schicksal war mir g�nstig und ich traf dich selbst.�</p><p>Erschrocken erkannte ich Claudia, vor der Tante Laelia mich gewarnt hatte. Zugleich aber schmeichelte es mir, da� dieses sonderbare M�dchen sich nach meinem Festtag erkundigt hatte, um mir Gl�ck w�nschen zu k�nnen. Und als ich ihre dichten schwarzen Brauen, ihren gro�en Mund und ihre sonnengebr�unte Haut sah, da durchstr�mte mich pl�tzlich eine tiefe Freude. Sie war so ganz anders als diese s�uerlichen alten Frauen, die sich in unserem Haus versammelt hatten. Claudia war lebendig und nat�rlich und verstellte sich nicht. Und sie war meine Freundin.</p><p>Scheu legte sie mir eine Hand an die Wange und war lange nicht so �berm�tig und selbstsicher wie bei unserem ersten Zusammentreffen. �Minutus�, fl�sterte sie. �Du hast gewi� Schlimmes �ber mich geh�rt, aber ich bin nicht so schlecht, wie die Leute sagen. Seit ich dir begegnet bin, mag ich �berhaupt nur noch gute Gedanken denken, und auf diese Weise hast du mir wirklich Gl�ck gebracht.�</p><p>Wir gingen nebeneinander her. Claudia zog mir die Toga am Hals zurecht, und dann a�en wir zusammen einen ihrer Kuchen, indem wir abwechselnd davon abbissen, ganz wie wir es damals in der Bibliothek mit dem K�se gemacht hatten. Der Kuchen war mit Honig und K�mmel gew�rzt, und Claudia erz�hlte mir, da� sie selbst den Honig und den K�mmel gesammelt und in einer alten Handm�hle die Weizenk�rner gemahlen hatte.</p><p>Diesmal nahm sie beim Gehen nicht meinen Arm, sondern wich jeder Ber�hrung mit mir scheu aus. Von meiner neuen Mannheit ganz erf�llt, ergriff ich selbst ihren Arm und f�hrte sie zwischen den Menschengruppen auf der Stra�e hindurch. Sie seufzte gl�cklich, und ich fa�te so viel Vertrauen zu ihr, da� ich ihr von meinem Gel�bde berichtete und ihr sagte, da� ich nun mit meiner Opfergabe in einer Silberb�chse auf dem Weg zum Tempel der Mondg�ttin war.</p><p>�Huh!� machte sie erschrocken. �Dieser Tempel hat einen schlechten Ruf. Nachts werden dort hinter verschlossenen T�ren sittenlose Mysterien gefeiert. Wie gut, da� ich vor deinem Haus stand und auf dich wartete. Wenn du allein gegangen w�rst, h�ttest du mehr dort drinnen gelassen als nur deine Opfergabe.�</p><p>Und nach einer kleinen Weile fuhr sie fort: �Ich selbst mag mir nicht einmal mehr die staatlichen Opfer ansehen. Die G�tter sind nur Stein und Holz. Der Narr auf dem Palatin erweckt die alten Zeremonien wieder zum Leben, nur um das Volk noch fester mit den alten Fesseln zu binden. Ich habe meinen eigenen heiligen Baum und einen klaren Opferquell. Wenn mir traurig zumute ist, gehe ich hinauf zum Orakel auf dem Vatikanischen H�gel und betrachte den Vogelflug.�</p><p>�Du sprichst wie mein Vater�, sagte ich. �Der will nicht einmal, da� mir ein Seher aus einer Leber weissagt. Aber es gibt geheimnisvolle M�chte und Zauberei, das geben sogar vern�nftige Menschen zu. Daher will ich mein Gel�bde lieber erf�llen.�</p><p>Indessen waren wir vor dem tief in den Boden eingesunkenen Tempel angekommen. Zu meiner Erleichterung stand die T�r weit offen, und drinnen brannten einige kleine �llampen, aber es war niemand zu sehen. Ich h�ngte meine Silberb�chse zwischen den anderen Tempelgaben auf. Wahrscheinlich h�tte ich die Glocke l�uten m�ssen, um die Priesterin zu rufen, aber ich hatte, offen gestanden, Angst vor ihr und wollte gerade in diesem Augenblick ihr leichenblasses Gesicht nicht sehen. Schnell tauchte ich die Fingerspitzen in das heilige �l und strich es auf das schwarze steinerne Ei. Claudia l�chelte belustigt und legte einen Kuchen als Geschenk auf den leeren Schemel der Priesterin. Dann liefen wir aus dem Tempel wie zwei mutwillige Kinder.</p><p>Drau�en k��ten wir uns. Claudia hielt mein Gesicht zwischen beiden H�nden und fragte eifers�chtig: �Hat dein Vater dich schon einer versprochen, oder hat man dir nur ein paar kleine M�dchen gezeigt, unter denen du dir eins aussuchen sollst? Das ist ja an einem Tag wie diesem der Brauch.�</p><p>Ich hatte den wahren Grund nicht vermutet, warum Tante Laelias alte Freundinnen einige kleine M�dchen mitgebracht hatten, die mich mit dem Finger im Mund anstarrten, und hatte angenommen, sie seien nur gekommen, um Backwerk und S��igkeiten zu naschen. Daher sagte ich nun erschrocken: �Nein, nein, mein Vater hat nicht die Absicht, mich schon mit irgend jemandem zu verheiraten.�</p><p>�Ach, wenn ich nur meine Zunge im Zaum halten und dir in ruhigen, wohlgesetzten Worten sagen k�nnte, was ich denke�, sagte Claudia traurig. �Binde dich nur nicht zu fr�h, das bringt nichts als Unheil. Es gibt ohnehin schon genug Ehebrecher in Rom. Der Altersunterschied zwischen uns beiden kommt dir jetzt gewi� sehr gro� vor, denn ich bin ja f�nf Jahre �lter als du, aber mit den Jahren und wenn du erst einmal deinen Waffendienst als Kriegstribun geleistet hast, wird dieser Unterschied immer geringer werden. Du hast einen Kuchen gegessen, den ich gebacken habe, und mich aus freiem Willen auf den Mund gek��t. Ich habe darum zwar keine Rechte auf dich, aber ich nehme es als ein Zeichen daf�r, da� du mich nicht ganz unausstehlich findest, und daher bitte ich dich, bisweilen an mich zu denken und dich an keine andere zu binden, ehe du nicht mit mir dar�ber gesprochen hast.�</p><p>Ich dachte im Traum nicht daran, mich zu verm�hlen, und daher fand ich ihre Bitte ganz vern�nftig. Ich k��te sie ja gerne, und es wurde mir so warm, wenn ich sie im Arm hielt. Daher sagte ich: �Das verspreche ich dir gern, nur darfst du nicht darauf bestehen, mir st�ndig nachzulaufen und �berall mit dabeisein zu wollen. Au�erdem habe ich mir nie etwas aus den albernen M�dchen in meinem eigenen Alter gemacht. Dich mag ich, weil du reifer bist und B�cher liest. Ich kann mich auch nicht erinnern, da� die Dichter in ihren Liebesliedern Hochzeitszeremonien beschreiben. Nein, sie schildern die Liebe als frei und ungebunden. Kein Wort von Heim und Herd, sondern nichts als Mondschein und Rosenduft.�</p><p>Claudia wurde unruhig und r�ckte ein wenig von mir ab. �Du wei�t nicht, wovon du redest�, sagte sie tadelnd. �Warum sollte ich nicht an den feuerroten Schleier, den safrangelben Mantel und den G�rtel mit den zwei Knoten denken d�rfen! Es ist der innigste Wunsch jeder wirklichen Frau, wenn sie einem Mann die Wangen streichelt und ihn auf den Mund k��t.�</p><p>Ihre Einw�nde reizten mich nur dazu auf, sie noch einmal fest in die Arme zu schlie�en, um ihren widerstrebenden Mund und ihren warmen Hals zu k�ssen. Aber Claudia ri� sich los, gab mir eine schallende Ohrfeige und brach in Tr�nen aus, die sie sich mit der Hand fortwischte.</p><p>�Ich glaubte, du d�chtest anders von mir�, sagte sie schluchzend. �Das ist nun also der Dank daf�r, da� ich mir Zwang antat und nur Gutes von dir dachte. Du willst nichts anderes, als mich dort dr�ben bei der Mauer auf den R�cken werfen und mir die Knie auseinanderzw�ngen, um deine neugierigen Gel�ste an mir zu stillen. Nein, so ein M�dchen bin ich nicht!�</p><p>Ihre Tr�nen ern�chterten mich, und ich sagte verdrossen: �Du bist stark genug, um dich zu wehren, und ich wei� nicht einmal, ob ich das, was du meinst, mit dir tun k�nnte. Ich habe nie mit Sklavinnen gespielt, und meine Amme hat mich auch nicht verf�hrt. Du brauchst also nicht zu flennen, denn du bist in diesen Dingen bestimmt erfahrener als ich.�</p><p>Claudia starrte mich verbl�fft an und verga� zu weinen. �Ist das wirklich wahr? Ich habe immer geglaubt, Knaben seien die reinsten Affen. Je vornehmer sie sind, desto �ffischer sind die Sitten, die sie sich angew�hnen. Aber wenn du die Wahrheit sprichst, habe ich um so mehr Grund, meinen zitternden K�rper zu beherrschen. Du w�rdest mich verachten, wenn ich dir und mir selbst zu Willen w�re. Eine kurze Freude und ein langes Vergessen, mehr h�tten wir nicht davon.�</p><p>Meine brennende Wange und die Entt�uschung, die ich in meinem ganzen K�rper f�hlte, lie�en mich h�hnisch antworten: �Das wei�t du offenbar selbst am besten.� Dann drehte ich mich um und begann, ohne sie noch eines Blickes zu w�rdigen, heimw�rts zu gehen. Sie z�gerte einen Augenblick und kam dann langsam hinter mir her. Lange sprachen wir nicht ein Wort miteinander. Zuletzt aber mu�te ich herzlich lachen, denn ich fand es zu spa�ig, wie sie da dem�tig und bescheiden hinter mir herging.</p><p>Sie machte sich meinen Stimmungsumschwung rasch zunutze, legte mir die Hand auf die Schulter und bat: �Versprich mir noch etwas, lieber Minutus. Lauf nicht geradewegs ins n�chste Freudenhaus oder um der Venus zu opfern, wie es die meisten tun, sobald sie die Toga bekommen haben. Wenn du einmal unwiderstehliche Lust auf so etwas versp�rst, und ich wei� ja, wie z�gellos die M�nner sind, dann sprich auch dar�ber zuerst mit mir, und ich sage das, obwohl du mir damit gro�en Kummer bereiten wirst.�</p><p>Ich versprach ihr auch das, da sie mich so eindringlich bat. Ich selbst dachte in Wirklichkeit nur daran, was f�r ein Pferd ich wohl bekommen w�rde, und in diesem Augenblick h�tte mir nicht einmal Kleopatra mehr Interesse abzugewinnen vermocht als ein Pferd. Ich lachte, als ich Claudia mein Versprechen gab, und sagte, sie sei ein sonderbares und ein wenig verr�cktes M�dchen. Wir nahmen l�chelnd und als gute Freunde voneinander Abschied, und mir war danach sehr froh zumute. Als ich nach Hause kam, stieg mein Vater gerade in Tullias S�nfte, um sie h�flich heimzubegleiten. Sie wohnte auf dem Virinal, am anderen Ende der Stadt, auf der Grenze zwischen den Vierteln Altasemita und Esquilina. Mein Vater starrte mich aus gro�en, leblosen Augen an und fragte mich nicht, wo ich gewesen sei. Er bat mich nur, mich zeitig schlafen zu legen. Ich argw�hnte, da� er sehr viel Wein getrunken hatte, aber seinem Gang merkte man nichts an.</p><p>Ich schlief tief und lange und war sehr entt�uscht, als ich am Morgen feststellen mu�te, da� mein Vater nicht zu Hause war. Ich hatte gehofft, wir w�rden uns unverz�glich zu den St�llen auf dem Marsfeld begeben, um ein Pferd f�r mich auszusuchen. Das Haus wurde nach dem Fest aufger�umt, und Tante Laelia klagte �ber Kopfweh. Ich fragte sie, wohin mein Vater schon in aller Fr�he gegangen sei, aber sie antwortete mir nur zornig: �Dein Vater ist alt genug, um selbst zu wissen, was er tut. Er hatte mit seiner Jugendfreundin viel zu besprechen. Wahrscheinlich ist er bei Tullia geblieben. Sie hat Schlafgelegenheiten f�r mehr M�nner als nur ihn.�</p><p>Barbus und ich vertrieben uns die Zeit, indem wir unter den B�schen im Garten w�rfelten, w�hrend sich im Haus die Putzfrauen mit ihren B�rsten und Eimern zu schaffen machten. Es roch schon ganz nach Fr�hling. Gegen Mittag kam endlich mein Vater zur�ck, stoppelb�rtig und mit rotge�derten Augen. Er verbarg sein Gesicht in einem Zipfel seiner fleckigen Toga und war von einem Advokaten mit Schreibzeug und Papierrollen begleitet. Barbus stie� mich in die Seite und bedeutete mir, da� es das beste � f�r mich sei, mich ganz still zu verhalten.</p><p>Ganz gegen seine Gewohnheit trat mein sanftm�tiger Vater gegen die Scheuereimer und br�llte die Sklaven an, sie sollten ihm schneller als der Blitz aus den Augen verschwinden. Nach kurzer Beratung mit dem Advokaten rief er mich zu sich. Tante Laelia weinte wie ein Springbrunnen, und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte meinen Vater stotternd, ob er nun Zeit h�tte, mit mir zu den St�llen zu gehen, um ein Pferd auszuw�hlen.</p><p>�Du und dein Pferd, ihr habt mich ins Verderben gest�rzt!� schrie er. Sein Gesicht war vor Wut so entstellt, da� ich pl�tzlich sehr gut verstehen konnte, da� er in seiner Jugend jahrelang mit verwirrten Sinnen umhergewandert war. Er bereute jedoch sogleich seinen Zorn und rief: �Nein, nein, ich selbst bin an allem schuld. Meine eigene Schwachheit richtet mich zugrunde. Ein schweres Ungl�ck hat alle meine Pl�ne vereitelt, und ich mu� unverz�glich nach Antiochia zur�ckreisen. Ich habe daher bestimmt, da� die Ertr�ge einiger meiner G�ter bei Caere und die Mietsh�user hier in der Stadt auf dich �berschrieben werden. Auf diese Weise hast du mehr als die zwanzigtausend Sesterze j�hrliche Eink�nfte, die ein Ritter nachweisen mu�. Tante Laelia k�mmert sich um das Haus, das nun dein Heim bleiben wird. Ich habe ihr �brigens eine Leibrente angewiesen. Du brauchst nicht zu weinen, Minutus. Mein Advokat wird dein Vormund sein. Er stammt aus altem Rittergeschlecht. Ihr k�nnt gehen und euch das Pferd aussuchen, wenn ihr wollt, aber ich mu� nach Antiochia reisen, ohne einen Augenblick zu verlieren.�</p><p>Er war so verst�rt, da� er so, wie er war, auf die Stra�e hinausst�rzen wollte, um seine Reise zu beginnen, aber der Advokat und Tante Laelia hielten ihn zur�ck, obwohl er zuerst ungeduldig versicherte, man brauche ihm weder seine Kleider einzupacken noch einen Mundvorrat zu richten, denn er k�nne beim Stadttor einen Wagen nach Puteoli mieten und sich unterwegs alles N�tige besorgen. Ein trauriges Durcheinander herrschte nun nach dem fr�hlichen Fest des Vortages pl�tzlich in unserem Haus, und da wir ihn nicht wie einen Fl�chtigen scheiden lassen konnten, der sich mit verh�lltem Antlitz davonschleicht, begleiteten wir ihn alle � Tante Laelia, der Advokat, Barbus und ich. Zuletzt kamen die Sklaven, die seine hastig zusammengepackten Habseligkeiten trugen.</p><p>Als mein Vater vor dem Capuanischen Tor unterhalb des Caelius angekommen war, atmete er erleichtert auf und begann sich von uns zu verabschieden, indem er sagte, da� er jenseits des Tores schon die goldene Freiheit winken sehe und da� er Antiochia nie h�tte verlassen d�rfen. Am Tor trat uns jedoch ein �dil mit seinem Amtsstab in der Hand und zwei Ordnungsw�chtern im Gefolge entgegen.</p><p>�Bist du der r�mische Ritter Marcus Mecentius Manilianus?� fragte er meinen Vater. �Wenn du es bist, so hat eine hochgestellte Dame in einer wichtigen Angelegenheit mit dir zu reden.�</p><p>Mein Vater wurde zuerst feuerrot und dann kreidewei� im Gesicht. Er blickte zu Boden, behauptete, er habe mit niemandem etwas zu regeln, und versuchte, durch das Tor zu entkommen. Der �dil warnte ihn: �Solltest du die Mauern Roms verlassen wollen, habe ich Befehl, dich vor den Stadtpr�fekten zu bringen, und es w�re meine Pflicht, dich festzunehmen, um dich an der Flucht zu hindern.�</p><p>Der Advokat eilte an die Seite meines Vaters, verlangte, da� der �dil die Gaffer, die sich bereits um uns versammelten, zerstreue, und fragte, wessen mein Vater angeklagt sei. �Eine einfache, abgeschmackte Geschichte�, antwortete der �dil. �Die Senatorenwitwe Tullia Valeria behauptet, Manilianus habe ihr in der vergangenen Nacht in Gegenwart von Zeugen ein gesetzlich bindendes Eheversprechen gegeben und ihr darauf de facto beigewohnt. Da sie aus dem einen oder anderen Grunde an seinen ehrlichen Absichten zweifelte, lie� sie ihn durch einen ihrer Sklaven �berwachen, denn er hatte ihr Haus ohne Abschied verlassen. Als Tullia Valeria die Gewi�heit hatte, da� er zu fliehen beabsichtigte, wandte sie sich an den Stadtpr�fekten. Wenn Manilianus sich aus der Stadt entfernt, wird er wegen betr�gerischen Eheversprechens, Notzucht und Diebstahls einer kostbaren Halskette aus Tullia Valerias Besitz verurteilt, und letzteres ist f�r einen Ritter gewi� schimpflicher als der Bruch eines Ehegel�bnisses.�</p><p>Mein Vater tastete mit steifen H�nden unter dem Mantel nach seinem Hals, zog eine mit Edelsteinen in verschiedenen Farben besetzte Goldkette hervor und sagte mit gebrochener Stimme: �Tullia hat mir mit ihren eigenen H�nden diese verfluchte Kette umgelegt, und in der Eile verga� ich, sie wieder abzulegen. Dringende Gesch�fte erfordern meine Anwesenheit in Antiochia. Ich gebe ihr die Kette selbstverst�ndlich zur�ck und stelle jede gew�nschte Sicherheit, aber ich mu� sofort abreisen.�</p><p>Der �dil sch�mte sich f�r meinen Vater und fragte: �War es nicht vielmehr so, da� ihr miteinander die Ketten tauschtet, um euer Treuegel�bnis und das Eheversprechen zu bekr�ftigen?�</p><p>�Ich war betrunken und wu�te nicht, was ich tat�, erwiderte mein Vater.</p><p>Der �dil zweifelte an dieser Behauptung und sagte: �Nein, im Gegenteil, du machtest viele Worte und nanntest eine ganze Reihe Beispiele, wonach Philosophen eine rechtsg�ltige Ehe allein dadurch eingehen k�nnen, da� sie in Gegenwart von Zeugen ein Versprechen abgeben. Soll ich dich etwa so verstehen, da� du nur in betrunkenem Zustand deine Scherze triebst, um eine ehrbare Frau ins Bett zu locken? Wenn dem so ist, verdienst du um so schwerere Strafe f�r deine Tat. Ich gebe dir Gelegenheit, dich mit Tullia Valeria im Guten zu einigen. Solltest du aber durch das Tor gehen, lasse ich dich festnehmen, und deine Angelegenheit wird vor Gericht bereinigt.�</p><p>Der Advokat beschwor meinen Vater, nun wenigstens zu schweigen, und versprach ihm, er werde mit ihm zu Tullia Valeria gehen, um mit ihr zu verhandeln. M�de und �bern�chtigt, wie er war, begann mein Vater zu weinen und sagte: ��berla�t mich nur meinem Elend. Ich gehe lieber ins Gef�ngnis, gebe meine Ritterw�rde zur�ck und zahle die Geldbu�e, als da� ich dieses falsche Weib noch einmal sehen mu�. Bestimmt hat sie mir Gift gegeben und irgend etwas Sch�ndliches in meinen Wein getan, sonst h�tte ich nicht so von Sinnen sein k�nnen. Ich erinnere mich wirklich nicht mehr, was alles geschehen ist.�</p><p>�Man wird es in Erfahrung bringen�, versicherte der Advokat und versprach, meinen Vater vor Gericht zu verteidigen. Da mischte sich Tante Laelia ein, stampfte auf den Boden und rief mit brandroten Flecken auf den Wangen: �Ein zweites Mal wirst du den ehrlichen Namen der Manilier nicht durch einen schimpflichen Proze� besudeln, Marcus! Sei endlich ein Mann und steh zu deinen Taten!�</p><p>Ich schlo� mich weinend Tante Laelia an und rief, ein solcher Proze� k�nne auch mich in ganz Rom zum Gesp�tt machen und meine Zukunft zerst�ren. Wir sollten alle zusammen sogleich zu Tullia gehen, sagte ich und versprach, neben meinem Vater vor dieser sch�nen, vornehmen Dame auf die Knie zu fallen und um Vergebung zu bitten.</p><p>Mein Vater vermochte uns nicht zu widerstehen. Zusammen mit dem �dil und den Ordnungsw�chtern gingen wir auf den Virinal. Die Sklaven folgten uns mit dem Gep�ck meines Vaters, denn in der Aufregung dachte niemand daran, sie nach Hause zu schicken. Tullia Valerias Haus und Garten waren ungeheuer gro� und pr�chtig. Im S�ulengang des Atriums trat uns ein h�nenhafter, in Gr�n und Silber gekleideter T�rh�ter entgegen. Er gr��te meinen Vater ehrerbietig und rief: �Willkommen, Herr, in deinem Haus. Meine Herrin erwartet dich schon voll Ungeduld.�</p><p>Nach einem letzten verzweifelten Blick in die Runde bat uns mein Vater mit schwacher Stimme, im Atrium zu warten, und ging allein weiter. Eine ganze Schar Sklaven kam herbei und bot uns Fr�chte und Wein aus silbernen Gef��en an. Tante Laelia sah sich erfreut um und bemerkte: �Es gibt offenbar M�nner, die sich nicht auf ihren eigenen Vorteil verstehen. Ich begreife nicht, was Marcus an einem Haus wie diesem auszusetzen hat!�</p><p>Kurz darauf kam Tullia Valeria selbst, um uns zu begr��en. Sie trug nur eine durchsichtige Seidentunika, war aber kunstvoll gek�mmt und sch�n geschminkt. Strahlend rief sie: �Ich wei� mich nicht zu fassen vor Freude dar�ber, da� Marcus so schnell zu mir zur�ckgekehrt ist und gleich seine Sachen mitgebracht hat. Nun braucht er dieses Haus gar nicht mehr zu verlassen, und wir k�nnen hier gl�cklich zusammen leben bis ans Ende unserer Tage.�</p><p>Sie bat ihren Schatzmeister, dem �dilen als Entgelt f�r seine M�he einen Beutel aus weichem rotem Leder zu geben, und sagte reuevoll: �Nat�rlich habe ich Marcus in meinem Herzen nicht einen Augenblick mi�traut, aber eine alleinstehende Witwe kann nicht vorsichtig genug sein, und in seinen jungen Jahren war Marcus recht wankelm�tig. Ich sehe zu meiner Freude, da� er einen Advokaten mitgebracht hat, so da� wir gleich den Ehevertrag aufsetzen k�nnen. Ich h�tte nicht geglaubt, da� du so bedachtsam sein w�rdest, Marcus, so unbedacht warst du heut nacht in meinem Bett.�</p><p>Mein Vater r�usperte sich und schluckte, brachte aber kein Wort hervor. Tullia f�hrte uns in ihre gro�en S�le und lie� uns die Mosaikfu�b�den, die sch�n eingeteilten Wandfelder und die Wandmalereien bewundern. Auch in ihr Schlafzimmer lie� sie uns einen kurzen Blick werfen, tat dabei jedoch so, als sch�mte sie sich, hob einen Arm vors Gesicht und rief: �Nein, tretet lieber nicht ein. Es ist von der Nacht her noch alles in Unordnung!�</p><p>Mein Vater fand endlich die Sprache wieder und rief: �Beim einzigen allm�chtigen Gott, du hast gewonnen, Tullia, und ich f�ge mich in mein Schicksal! Aber schick nun endlich den �dilen fort, damit er meine Erniedrigung nicht l�nger mit anzusehen braucht.�</p><p>Prachtvoll gekleidete Sklaven bem�hten sich um uns und sorgten nach bestem Verm�gen f�r unser Wohlbehagen. Sogar zwei kleine Knaben sprangen nackt im Haus umher und stellten Liebesg�tter dar. Ich f�rchtete zuerst, sie k�nnten sich erk�lten, aber dann entdeckte ich, da� die Steinb�den in diesem verschwenderisch eingerichteten Haus durch Warmwasserleitungen erw�rmt wurden. Der �dil und der Advokat meines Vaters berieten sich noch eine Weile und kamen zu dem Schlu�, da� ein in Gegenwart von Zeugen abgelegtes Ehegel�bnis auch ohne �ffentliche Trauung rechtskr�ftig sei. Der �dil entfernte sich mit seinen Begleitern, nachdem er sich vergewissert hatte, da� mein Vater bereit war, den Ehevertrag ohne Einw�nde zu unterzeichnen. Der Advokat beschwor ihn, �ber die Sache zu schweigen, aber sogar ich mit meinem geringen Verstand begriff, da� ein Mann in seiner Stellung es sich unm�glich versagen konnte, eine so leckere Skandalgeschichte weiterzuverbreiten.</p><p>Aber war es denn wirklich ein Skandal? War es nicht eher schmeichelhaft f�r meinen Vater, da� eine so vornehme und offensichtlich ungeheuer reiche Dame sich um jeden Preis mit ihm verm�hlen wollte? Bei all seiner Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit mu�te mein Vater verborgene Eigenschaften besitzen, die ich nicht kannte und die in ganz Rom Neugier erwecken konnten, und ein wenig von dieser Neugier galt dann gewi� auch mir. Zudem konnte sich diese Heirat selbst auch f�r mich sehr vorteilhaft auswirken. Sie zwang jedenfalls meinen Vater, in Rom zu bleiben, so da� ich in dieser gro�en Stadt, in der ich mich noch verloren f�hlte, nicht allein meinem Schicksal ausgeliefert war.</p><p>Was aber fand die sch�ne, verw�hnte Tullia an meinem Vater? Einen Augenblick dachte ich argw�hnisch, da� sie vielleicht ein leichtsinniges Leben f�hrte und bis �ber die Ohren in Schulden steckte, so da� sie ihn des Geldes wegen nahm. Doch dann bedachte ich, da� mein Vater f�r r�mische Verh�ltnisse gar keine so gro�en Reicht�mer besa�, wenngleich seine Freigelassenen in Antiochia und anderen St�dten des Ostens verm�gend waren. V�llig zerstreut wurde mein Mi�trauen, als mein Vater und Tullia beschlossen, den Ehevertrag so abzufassen, da� auch in Zukunft ein jeder f�r sich �ber sein Eigentum verf�gte.</p><p>�Wenn du aber Zeit und Lust hast, lieber Marcus�, sagte Tullia sanft, �dann m�chte ich dich bitten, da� du mit meinem Schatzmeister sprichst, meine Eigentumsverzeichnisse durchsiehst und mich bei meinen Gesch�ften ber�tst. Was versteht schon eine einfache Witwe von diesen Dingen! Ich habe mir sagen lassen, da� du ein sehr t�chtiger Gesch�ftsmann geworden bist, was wohl keiner je f�r m�glich gehalten h�tte, der dich als jungen Mann kannte.�</p><p>Mein Vater erwiderte gereizt, da� nun, da dank Kaiser Claudius und seinen Freigelassenen Friede und Ordnung im Reiche herrschten, ein vern�nftig angelegtes Verm�gen sich ganz von selbst vermehre. �Aber mein Kopf ist leer, und ich kann nicht einen klaren Gedanken fassen�, sagte er und kratzte sich am Kinn. �Ich mu� zu einem Barbier und in ein Bad gehen, um auszuruhen und mich zu sammeln.�</p><p>Tullia f�hrte uns jedoch an Marmorstandbildern und Springbrunnen vorbei durch den gro�en Innengarten, in dessen hinterem Teil sie uns ihr eigenes Bad mit Kalt- und Warmwasserbecken und einem Abk�hlraum zeigte. Dort warteten schon ein Barbier, ein Masseur und ein Badesklave darauf, uns zu bedienen.</p><p>�Du brauchst nie wieder einen einzigen Denar f�r den Kleiderw�chter in einem �ffentlichen Bad auszugeben oder dich dem Gedr�nge und dem Schwei�geruch der Menge auszusetzen�, sagte Tullia. �Solltest du nach dem Bad eine Vorlesung, Gedichtvortr�ge oder Musik w�nschen, so gibt es f�r diesen Zweck einen eigenen Raum. Nun geht und badet, Marcus und Minutus. Ich werde unterdessen mit meiner lieben Freundin Laelia beraten, wie wir in Zukunft unser Leben einrichten wollen. Wir Frauen verstehen uns auf dergleichen ja besser als ihr ungeschickten M�nner.�</p><p>Mein Vater schlief bis Sonnenuntergang. Als wir die neuen Gew�nder anzogen, die der Kleiderverwalter f�r uns bereitgelegt hatte, f�llte sich das ganze gro�e Haus pl�tzlich mit G�sten. Die meisten waren junge, fr�hliche Menschen, aber es fanden sich auch einige schmerb�uchige Greise von liederlichem Aussehen darunter, die ich nicht achten konnte, obwohl sie Senatoren waren. Mit einem Oberzenturio von den Pr�torianern konnte ich wenigstens �ber Pferde sprechen, aber zu meiner Verwunderung zeigte er weit gr��eres Interesse f�r die Frauen, die, nachdem sie Wein getrunken hatten, ohne Scham die Kleider �ffneten, um freier atmen zu k�nnen.</p><p>Als ich bemerkte, welchen Verlauf dieses Hochzeitsfest nahm, suchte ich Barbus auf, den die Diener reichlich bewirtet hatten. Er hielt sich den Kopf und sagte: �Ich habe in diesem Haus gr��ere Gastlichkeit erfahren als je zuvor in meinem Leben und w�re sogar im Handumdrehen verheiratet worden, wenn ich es als alter Veteran nicht verstanden h�tte, mich in acht zu nehmen. Dieses Haus ist nicht der richtige Ort f�r dich, Minutus, und auch f�r mich taugt es nicht, obwohl ich ein alter Krieger bin.�</p></section><section><p>Die Musik gellte mir in den Ohren, und �berall wanden sich nackte T�nzerinnen und Akrobaten auf dem Boden, als ich zu meinem Vater ging. Er lag finster und in sich gekehrt neben Tullia auf einem Ruhebett, und ich sagte: �Es mag in Rom Sitte sein, da� vornehme Damen alle W�nde anspeien und die M�nner mir unanst�ndige Zeichen machen, aber ich dulde nicht, da� irgendeiner sich das Recht herausnimmt, an meinem K�rper herumzufingern, wann und wo er will. Ich bin weder Sklave noch Lustknabe, und ich m�chte nach Hause gehen.� Mein Vater gestand: �Ich bin zu willensschwach und tr�ge, um der Verderbtheit zu entgehen, aber versuche du, st�rker zu sein als ich. Ich freue mich �ber deinen Entschlu�, da du selbst ihn gefa�t hast. Ich selbst mu� hierbleiben, denn seinem Schicksal kann niemand entrinnen, aber f�r dich ist es besser, du wohnst bei Tante Laelia, und im �brigen hast du ja dein eigenes Verm�gen. Es w�re nicht zu deinem Nutzen, wenn du im Haus deiner Stiefmutter wohntest.�</p><p>Tullia sah mich nicht mehr so z�rtlich an wie am Abend zuvor. Ich fragte, ob ich meinen Vater am Morgen abholen d�rfe, damit wir ein Pferd ausw�hlten, aber sie entgegnete schroff: �Dein Vater ist zum Reiten zu alt. Er w�rde nur vom Pferd fallen und sich seinen kostbaren Kopf aufschlagen. Bei der Parade zur Jahrhundertfeier kann er sein Pferd am Z�gel f�hren.�</p><p>Ich begriff, da� ich meinen Vater verloren hatte. Ein banges Gef�hl der Verlassenheit �berw�ltigte mich. Wie kurz war die Zeit gewesen, in der ich seine Gunst genossen hatte! Aber ich begriff auch, da� es das beste f�r mich war, wenn ich hart wurde und mein Leben selbst in die Hand nahm. Als ich Tante Laelia suchte, taumelte eine halbnackte Frau auf mich zu, sah mich aus schwimmenden Augen an und fiel mir um den Hals. Ich versetzte ihr einen kr�ftigen Schlag aufs Hinterteil, aber davon wurde sie nur noch hitziger, so da� mir Barbus zu Hilfe kommen und sie zur�ckrei�en mu�te.</p><p>Tullia, die froh war, uns so schnell loszuwerden, stellte uns ihre eigene S�nfte zur Verf�gung. Als wir sie bestiegen hatten, ordnete Tante Laelia ihr Gewand und sagte kichernd: �Man hat mir zwar schon viel von dem Treiben in den neuen H�usern Roms erz�hlt, aber ich habe doch meinen Augen nicht getraut. Dabei wird Tullia Valeria noch als eine vergleichsweise anst�ndige Frau angesehen. Vielleicht hat die neue Heirat sie so z�gellos gemacht, nachdem sie als Witwe enthaltsam lebte, obgleich ich geh�rt habe, da� so mancher stattliche Mann in ihrem Hause aus- und einging wie in seinem eigenen. Es wird deinen Vater einige M�he kosten, sie im Zaum zu halten.�</p><p>Zeitig am n�chsten Morgen, bei Brot und Honig, sagte ich zu Barbus: �Ich will mir nun mein Pferd aussuchen gehen, und zwar allein, denn als Erwachsener brauche ich keinen Begleiter mehr. Du hast nun die beste Gelegenheit, deinen alten Traum zu verwirklichen und Schankwirt zu werden.�</p><p>Barbus antwortete ernst: �Ich habe mir ein paar kleine, gutgehende Schenken in verschiedenen Vierteln Roms angesehen und k�nnte mir, dank der G�te deines Vaters, auch eine kaufen, aber ich mu� dir offen gestehen, da� die Sache mich nicht mehr so reizt wie damals, als ich auf der nackten Erde schlief und den sauren Wein der Legion trank. Ich bin selbst ein starker Trinker und lade gern andere ein, sobald ich zuviel getrunken habe. Au�erdem braucht eine Schenke nicht nur einen Wirt, sondern auch eine Wirtin, aber nach meinen unliebsamen Erfahrungen sind t�chtige Schankwirtinnen hartherzige, scharfz�ngige Weiber. Ich m�chte f�rs erste, um die Wahrheit zu sagen, viel lieber in deinem Dienst bleiben. Als Besch�tzer brauchst du mich freilich nicht mehr, das ist wahr, aber ich habe bemerkt, da� ein Ritter, der auf sich h�lt, immer einen oder mehrere Begleiter bei sich hat, und manche haben gleich zehn oder hundert. Es ist gewi� das kl�gste, wenn du dich von einem narbenbedeckten Veteranen begleiten l��t. Das Reiten ist nat�rlich eine Sache f�r sich�, fuhr er nach kurzem Schweigen fort. �Aber ich f�rchte, du hast ein paar schwere Wochen vor dir. Vergi� nicht, da� du in den Augen der anderen ein Neuling bist. Ich habe dir ja erz�hlt, wie die Neulinge in der Legion gedrillt werden, aber du hast mir wahrscheinlich nicht alles geglaubt, und vielleicht habe ich auch ein bi�chen �bertrieben, damit du deinen Spa� hattest. Vor allem mu�t du dich beherrschen, die Z�hne zusammenbei�en und dich niemals �ber einen Vorgesetzten �rgern. Wir gehen zusammen. Vielleicht kann ich dir den einen oder anderen guten Rat geben.�</p><p>Als wir durch die Stadt zum Marsfeld gingen, sagte Barbus wehm�tig: �Ich sollte eigentlich die Rangabzeichen eines Unterzenturios und sogar die Mauerkrone tragen d�rfen, aber leider habe ich mich zu oft in Raufh�ndel eingelassen, wenn ich Wein getrunken hatte, und so ist nichts daraus geworden. Sogar die Halskette, die mir der Kriegstribun Lucius Porcius zur Erinnerung schenkte, den ich mir, als er schwer verwundet war, auf den R�cken lud und zwischen den Eisschollen hindurchschwimmend �ber die Donau brachte, habe ich verloren. Ich mu�te sie in einer schmutzigen Barbarenkneipe in M�sien als Pfand hinterlegen und konnte sie nicht mehr ausl�sen, bevor wir versetzt wurden. Aber wir k�nnten ja zu einem Waffenh�ndler gehen und irgendeine alte Kette kaufen. Vielleicht wirst du besser aufgenommen, wenn dein Begleiter so ein Ding um den Hals tr�gt.�</p><p>Ich antwortete ihm, da� er schon genug Ehrenzeichen auf der Zunge trage, aber Barbus lie� sich nicht von seinem Vorsatz abbringen und erstand wenigstens eine Triumphnadel aus Kupfer, deren Inschrift schon so abgeschliffen war, da� sich nicht mehr feststellen lie�, welcher Triumphator einst solche Nadeln an seine Veteranen verteilt hatte. Als Barbus sie an seiner Schulter befestigt hatte, meinte er, nun werde er sich unter den Rittern sicherer f�hlen.</p><p>Auf dem gro�en Feld �bten etwa hundert junge Reiter f�r die Jahrhundertfeier. Der Stallmeister war ein grobschl�chtiger Riese, der laut lachte, als er die Bescheinigung las, die mir der Qu�stor der Ritter ausgestellt hatte. �Wir werden schon einen passenden Gaul f�r dich finden!� schrie er. �Was f�r einen h�ttest du denn gern? Einen gro�en oder einen kleinen, einen wilden oder einen zahmen, einen schwarzen oder einen wei�en?�</p><p>Er f�hrte uns in den Stall, in dem die freien Pferde standen. Ich entdeckte auch gleich eines, das mir gefiel, und zeigte darauf, aber er blickte in seine Liste und behauptete, es geh�re schon jemandem. �Am besten nimmst du ein ruhiges, friedsames Pferd, das die �bungen und den L�rm im Zirkus gewohnt ist und die Hornsignale schon kennt, sofern du die Absicht hast, an der Parade zur Jahrhundertfeier teilzunehmen�, sagte er und fragte: �Bist du �berhaupt schon einmal geritten?�</p><p>Ich erwiderte sch�chtern, da� ich mich in Antiochia schon ein wenig ge�bt h�tte, denn Barbus hatte mir verboten, mit meinen Reitk�nsten zu prahlen, und f�gte hinzu: �Ich m�chte am liebsten ein Pferd haben, das noch nicht zugeritten ist, und es selbst ein�ben, aber ich kann mir denken, da� ich damit vor der Jahrhundertfeier nicht mehr fertig werde.�</p><p>�Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!� rief der Stallmeister und erstickte beinahe vor Lachen. �Es gibt nicht viele junge M�nner, die sich darauf verstehen, ein Pferd zuzureiten. Bei uns besorgen das gew�hnlich die Berufszureiter. Herkules, steh mir bei, sonst zerplatze ich!�</p><p>Unterdes trat ein Zureiter zu uns, musterte mich vom Kopf bis zu den F��en und sagte: �Wir haben ja Arminia. Sie ist den Zirkusl�rm gewohnt und h�lt sch�n still, selbst wenn man ihr einen Sack Steine in den Sattel hebt.�</p><p>Bei diesen Worten zeigte er auf eine gro�e falbe Stute, die sich in ihrem Stand umdrehte und mich mi�trauisch ansah.</p><p>�Nein, nicht Arminia!� sagte der Stallmeister erschrocken. �Sie ist viel zu gut f�r so einen jungen Kerl, so stattlich und dabei so fromm wie ein Lamm. Nein, nein, wir m�ssen sie f�r irgendeinen alten Senator aufheben, der bei der Parade mitreiten will.�</p><p>Barbus fl�sterte mir eifrig zu, ich m�sse unbedingt versuchen, ein so gem�tliches, zuverl�ssiges Pferd zu bekommen. Arminias Augen und Ohren sagten mir jedoch, da� sie nicht ganz so fromm sein konnte, wie der Stallmeister mich glauben machen wollte. �Ich nehme nat�rlich nicht an, da� ich ein Pferd umsonst bekomme, nur mit der Bescheinigung des Qu�stors�, sagte ich. �Wenn du erlaubst, m�chte ich es gern einmal mit diesem Pferd versuchen.�</p><p>�Er will es versuchen, und er will obendrein noch daf�r bezahlen!� rief der Zureiter entz�ckt. Nach einigen Einw�nden lie� sich der Stallmeister endlich erweichen. �Es ist ein viel zu gutes Pferd f�r ein B�rschchen wie dich�, sagte er. �Aber zieh dir die Stiefel an und lege deine R�stung an. Inzwischen lasse ich das Pferd satteln.�</p><p>Ich antwortete bedauernd, da� ich keine R�stung mitgebracht hatte, aber der Stallmeister sah mich an, als zweifelte er an meinem Verstand, und fragte: �Was willst du eigentlich anziehen? Deine Parader�stung vielleicht? F�r deine �bungsr�stung kommt der Staat auf!�</p><p>Er f�hrte mich in die R�stkammer, und hilfreiche Sklaven schn�rten mir den Brustharnisch so eng, da� ich kaum Atem zu holen vermochte. Auf den Kopf bekam ich einen gebuckelten Schutzhelm und an die F��e ein Paar alte Stiefel mit kurzen Sch�ften. Schild, Schwert und Lanze gaben sie mir nicht, sondern forderten mich auf, erst einmal zu lernen, mich im Sattel zu halten.</p><p>Die falbe Stute trabte munter aus dem Stall und wieherte laut, aber auf ein Kommando des Stallmeisters blieb sie regungslos stehen. Ich sa� auf, indem ich gleich nach den Z�geln griff, und bat, die Steigb�gelriemen auf die richtige L�nge einzustellen. Der Stallmeister sagte billigend: �Es scheint, du bist schon oft zu Pferde gesessen.� Dann rief er mit donnergleicher Stimme: �Der Ritter Minutus Lausus Manilianus hat Arminia gew�hlt und gedenkt sie zu reiten!�</p><p>Die Reiterschar auf dem �bungsfeld zog sich an die R�nder zur�ck, ein Horn schmetterte das Angriffssignal, und im n�chsten Augenblick begann ein Spiel, das nicht so sehr dank meiner Geschicklichkeit zuletzt doch noch gut ausging, sondern weil ich einfach Gl�ck hatte. Ich h�rte noch, wie der Stallmeister mich ermahnte, die empfindlichen Lefzen der Stute zu schonen, aber Arminia hatte ein Maul aus Gu�eisen. Von Z�geln und Trense schien sie nichts zu wissen. Zuerst keilte sie nach hinten aus, um mich �ber ihren Kopf abzuwerfen. Als ihr das nicht gl�ckte, begann sie zu t�nzeln und sich aufzub�umen, und dann stob sie in wildem Galopp davon und wandte nacheinander alle Kniffe an, auf die ein boshaftes, erfahrenes Zirkuspferd verf�llt, um einen ungeschickten Reiter aus dem Sattel zu werfen. Ich verstand nun, warum die anderen Reiter an die R�nder des �bungsfeldes zur�ckgewichen waren, als Arminia losgelassen wurde.</p><p>Mir blieb nichts anderes �brig, als mit aller Macht an den Z�geln zu rei�en, um ihr den Kopf ein wenig nach links zu wenden, denn sie raste geradewegs auf die Einz�unung zu und versuchte, mich an den Pf�hlen abzustreifen. Als ich trotzdem im Sattel blieb, wurde sie vollends wild und setzte mit Riesenspr�ngen �ber die Hindernisse auf dem Feld. Ich hatte es wahrhaftig mit einem ungew�hnlich kr�ftigen und listigen Pferd zu tun, so da� ich, sobald ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte, den Ritt zu genie�en begann, ein paar laute Schreie ausstie� und ihr die Hacken in die Weichen dr�ckte, damit sie ihren Zorn austobte und m�de wurde.</p><p>Verbl�fft versuchte Arminia nach mir zu schielen und gehorchte den Z�geln gerade so viel, da� ich sie auf den Stallmeister und den Zureiter zulenken konnte. Den beiden verging das Lachen, und sie brachten sich eilig hinter der Stallt�r in Sicherheit. Der Stallmeister br�llte, zornrot im Gesicht, einige Befehle. Ein Horn schmetterte, und ein geschlossener Trupp begann mir entgegenzutraben.</p><p>Arminia dachte nicht daran, auszuweichen, sosehr ich auch an den Z�geln ri�. Schaumflocken schnaubend und den Kopf hin und her werfend, trug sie mich in vollem Galopp auf die Reiter zu. Ich machte mich schon darauf gefa�t, niedergeritten zu werden, aber entweder sank den vordersten Reitern der Mut oder sie hatten es so beabsichtigt: Im letzten Augenblick �ffneten sich die Reihen und lie�en mich durch, aber jeder, der dazu in der Lage war, versuchte mich mit der Holzlanze aus dem Sattel zu heben oder im R�cken zu treffen. Die rasende Arminia trug mich jedoch, um sich bei�end, springend und auskeilend, mitten durch die Reiterschar hindurch, ohne da� ich mehr als ein paar blaue Flecke abbekam.</p><p>Dieser boshafte, niedertr�chtige Angriff, der mich erschrecken sollte, brachte mich so in Zorn, da� ich Arminia mit aller Kraft herumri�, um selbst einen der Reiter aus dem Sattel zu sto�en, doch im letzten Augenblick entsann ich mich des Rates, den Barbus mir gegeben hatte, beherrschte mich und sprengte rufend, lachend und einen Gru� winkend an ihnen vor�ber.</p><p>Sobald sich Arminia ausgearbeitet hatte, wurde sie tats�chlich lammfromm und gehorchte. Zwar versuchte sie, mich in den Hals zu bei�en, als ich vor dem Stall abgesessen war, aber ich glaube, das war mehr Scherz als Ernst, weshalb ich sie auch nur leicht mit dem Ellenbogen unters Maul stie�.</p><p>Der Stallmeister und der Zureiter glotzten mich an wie ein Ungeheuer, aber der Stallmeister tat, als w�re er w�tend, und sagte tadelnd: �Du hast ein kostbares Pferd halb zuschanden geritten und ihm die Lefzen blutig gerissen. Das hat dich niemand gehei�en.�</p><p>�Es ist mein eigenes Pferd, und daher ist es auch meine Sache, wie ich es reite�, antwortete ich unbek�mmert.</p><p>�Da irrst du dich gr�ndlich!� sagte er aufbrausend. �Bei den �bungen kannst du Arminia nicht reiten. Sie bleibt nicht im Glied und h�rt auf kein Kommando, weil sie es gewohnt ist, an der Spitze zu traben.�</p><p>�Dann reite ich eben an der Spitze�, erwiderte ich k�hn. �Du selbst hast mich f�r diesen Platz ausersehen, als du mir die Stute gabst.�</p><p>Mehrere Reiter waren abgesessen und bildeten einen Kreis um uns. Sie spornten mich an, riefen, ich sei ein t�chtiger Reiter, und bezeugten einstimmig, da� der Stallmeister selbst mir das Pferd durch Ausruf zugeteilt hatte.</p><p>�Verstehst du denn nicht, da� das nur ein Scherz war?� sagte der Stallmeister endlich kleinlaut. �Jeder Neuling bekommt zuerst einmal Arminia, sofern er nicht gar zu klein ist. Arminia ist ein richtiges Streitro� und nicht irgendein lahmer Paradegaul. Sie hat sogar schon im Amphitheater gegen wilde Tiere gek�mpft. Was glaubst du eigentlich, wer du bist, du Dicksch�del!�</p><p>�Scherz hin, Scherz her�, wandte ich ein. �Ich habe mich im Sattel gehalten, und du bist in deine eigene Falle gegangen. Es ist eine Schande, ein solches Pferd Tag f�r Tag im dunklen Verschlag stehen zu lassen und nur dazu zu verwenden, Anf�nger abzuschrecken. Einigen wir uns auf halbem Wege. Ich nehme Arminia f�r mich selbst und reite bei den �bungen ein anderes Pferd, wenn sie wirklich nicht im Glied bleiben kann.�</p><p>Der Stallmeister rief laut alle G�tter Roms zu Zeugen an, da� ich anstelle eines einzigen Pferdes gleich zwei von ihm verlangte, aber die anderen Reiter stellten sich auf meine Seite und sagten, er habe nun mit Arminia lange genug Schindluder getrieben. Ein jeder von ihnen dachte an die Beulen, Narben oder Knochenbr�che, die er bei seinem ersten Versuch, die Stute zu reiten, davongetragen hatte, obwohl er schon als Kind reiten gelernt hatte. Wenn ich so verr�ckt sei und mir unbedingt das Genick brechen wolle, meinten sie, so h�tte ich ein Recht auf Arminia. Schlie�lich geh�re sie der Ritterschaft.</p><p>Ich wollte jedoch mit dem Stallmeister keinen Streit haben. Deshalb versprach ich ihm tausend Sesterze und erkl�rte mich bereit, allen zusammen ein paar Kr�ge Wein zu spendieren, �um meine Ritterstiefel zu begie�en�. So wurde ich in die r�mische Reiterei aufgenommen und machte mir Freunde unter gleichaltrigen und �lteren Kameraden. Bald darauf wurde ich als Ersatz f�r einen J�ngling, der sich ein Bein gebrochen hatte, unter die Kunstreiter gew�hlt, und wir �bten mit gro�em Ernst, um an den Wettspielen zur Jahrhundertfeier teilnehmen zu k�nnen. Diese Reiterspiele waren so gef�hrlich, da� niemand allein dank seiner vornehmen Herkunft oder seinem Verm�gen zugelassen wurde, sondern nur auf Grund seiner Geschicklichkeit und Tauglichkeit.</p><p>Ich war daher sehr stolz, einer der Auserw�hlten zu sein, und brauchte mich meiner Fortschritte bei den Reiterspielen nicht weiter zu r�hmen. Wir waren in zwei Parteien eingeteilt und f�hrten bei der Jahrhundertfeier im Gro�en Zirkus einen regelrechten Reiterkampf vor. Es war, ungeachtet der Bestimmung, da� keine Partei gewinnen oder verlieren sollte, ein hartes Spiel. Ich selbst hielt mich bis zum Schlu� auf Arminias R�cken, danach aber mu�te ich nach Hause getragen werden und konnte den Vorstellungen im Amphitheater und den Festen im Zirkus nicht mehr beiwohnen, welche die pr�chtigsten und am gro�artigsten angelegten gewesen sein sollen, die man in Rom je gesehen hatte. W�hrend die Festlichkeiten noch andauerten, nahmen sich viele meiner Kameraden die Zeit, zu mir an mein Krankenbett zu kommen, und sie versicherten mir, da� sie ohne mich viel weniger Ehre gewonnen h�tten. Ich will nicht mehr sagen, als da� ich meine falbe Stute ritt und einige Hunderttausend Menschen vor Spannung keuchen und mein Lob rufen h�rte, bevor ich mir ein paar Rippen und den linken Oberschenkel brach. Aber im Sattel blieb ich, wie gesagt, trotz den Schmerzen bis zuletzt.</p><p>Das wichtigste politische Ereignis dieser Jahrhundertfeier war, da� das Volk dem Neffen des Kaisers, dem zehnj�hrigen Lucius Domitius, der sch�n und unerschrocken die Spiele der Knaben anf�hrte, begeistert zujubelte. Claudius� einziger eigener Sohn, Britannicus, wurde v�llig in den Schatten gestellt. Zwar rief ihn der Kaiser zu sich in seine Loge und zeigte ihn dem Volk, aber das Volk wollte nur Lucius Domitius sehen, und dieser nahm die Huldigungen so h�flich und bescheiden entgegen, da� er alle noch mehr f�r sich einnahm.</p><p>Ich f�r mein Teil w�rde zeit meines Lebens ein Kr�ppel geblieben sein, wenn der Arzt aus dem Tempel des Castor und des Pollux nicht so geschickt gewesen w�re. Er behandelte mich ohne Schonung, und ich mu�te grausame Schmerzen erdulden. Ganze zwei Monate lag ich geschient. Danach mu�te ich lernen, auf Kr�cken zu gehen, und lange konnte ich das Haus nicht verlassen.</p><p>Die Schmerzen, meine Angst, zum Kr�ppel geworden zu sein, und die Erkenntnis, wie fl�chtig die Gunst des Volkes ist und wie wenig der Erfolg bedeutet, machten sicherlich einen besseren Menschen aus mir. Zumindest war ich nicht mit in die zahllosen Raufh�ndel verwickelt, die die wildesten meiner Kameraden auf Roms n�chtlichen Stra�en anstifteten. Ich glaube zu verstehen, da� das Schicksal durch die Bettl�gerigkeit und die unausstehlichen Schmerzen meinen Charakter formen wollte. Ich war allein, von meinem Vater um seiner neuen Ehe willen versto�en. Ich mu�te mir selbst dar�ber klarwerden, was ich vom Leben erwartete.</p><p>Als ich bis in den hei�en Sommer hinein in meinem Bett lag, befiel mich eine so tiefe Mutlosigkeit, da� mir alles, was bisher in meinem Leben geschehen war, eitel erschien. Tante Laelias gute, nahrhafte Kost schmeckte mir nicht. In den N�chten fand ich keinen Schlaf. Ich dachte an den m�rrischen Timaios, der sich meinetwegen das Leben genommen hatte. Zum erstenmal sah ich ein, da� ein gutes Pferd vielleicht doch nicht das einzig Erstrebenswerte im Leben war. Ich mu�te selbst herausfinden, was f�r mich besser taugte: Pflichttreue und Tugend oder Bequemlichkeit und Genu�. Die Schriften der Philosophen, die mich fr�her gelangweilt hatten, gewannen pl�tzlich Bedeutung f�r mich, und ich brauchte nicht lange nachzugr�beln, um zu erkennen, da� Selbstbeherrschung mir gr��ere Zufriedenheit schenkte als kindische Z�gellosigkeit.</p><p>Als der treueste unter meinen Freunden erwies sich Lucius Pollio, der Sohn eines Senators. Er war nur ein Jahr �lter als ich, aber er war schm�chtig und kr�nklich und hatte die Reiter�bungen nur mit M�h und Not durchgestanden. Er f�hlte sich zu mir hingezogen, weil ich sein genauer Widerpart war, aufbrausend, selbstsicher und r�cksichtslos, und ihm doch nie ein b�ses Wort gegeben hatte. So viel hatte ich offenbar doch unbewu�t von meinem Vater gelernt, da� ich zu Schw�cheren h�flicher und freundlicher war als zu meinesgleichen. Ich fand es, zum Beispiel, abscheulich, einen Sklaven zu schlagen, selbst wenn er frech war.</p><p>In der Familie Pollio hatte man sich immer mit B�chern und den Wissenschaften besch�ftigt. Auch Lucius selbst war eher ein B�cherwurm als ein Ritter. In den Reiter�bungen sah er nicht mehr als eine l�stige Pflicht, deren er sich um seiner Laufbahn willen zu entledigen hatte, und die Ert�chtigung seines K�rpers verschaffte ihm keinen Genu�. Er brachte mir B�cher aus der Bibliothek seines Vaters, aus deren Lekt�re ich seiner Meinung nach Nutzen ziehen konnte, und er beneidete mich um mein vorz�gliches Griechisch. Sein heimlicher Wunsch war es, Schriftsteller zu werden, obwohl sein Vater, der Senator Mummius Pollio, es als selbstverst�ndlich ansah, da� er die Beamtenlaufbahn einschlug.</p><p>�Was n�tzt es mir, mehrere Jahre mit den Reiter�bungen zu vergeuden und mir Prozesse anzuh�ren?� sagte Lucius emp�rt. �Zu gegebener Zeit erhalte ich den Befehl �ber eine Manipel, mit einem erfahrenen Zenturio unter mir, dann kommandiere ich eine Abteilung Reiterei irgendwo in den Provinzen, und zuletzt bin ich Kriegstribun im Stab irgendeiner Legion, die am Ende der Welt Stra�en baut. Erst wenn ich drei�ig Jahre alt geworden bin, kann ich mich um das Amt eines Qu�stors bewerben, obwohl man jetzt auch schon fr�her zugelassen werden kann, wenn man entsprechende Verdienste nachzuweisen hat. Ich wei� nur zu gut, da� ich ein schlechter Offizier und ein unt�chtiger Beamter sein werde, weil mich weder das eine noch das andere befriedigen kann.�</p><p>�W�hrend ich hier so lag, dachte ich mir selbst oft, da� es vielleicht nicht daf�rsteht, sich um der Ehre eines Augenblicks willen die Glieder zerschlagen zu lassen�, r�umte ich ein. �Aber was willst du eigentlich tun?�</p><p>�Rom herrscht bereits �ber die ganze Welt und sucht keine neuen Eroberungen mehr�, sagte Lucius. �Schon der Gott Augustus beschr�nkte vern�nftigerweise die Anzahl der Legionen auf die unbedingt n�tigen f�nfundzwanzig. Jetzt geht es vor allem darum, Roms derbe Sitten nach griechischem Vorbild zu veredeln. B�cher, Gedichte, Theater, Musik, Tanz und Sch�nheit der Bewegungen tun uns mehr not als die blutigen Vorstellungen im Amphitheater.�</p><p>�La� mir aber die Wagenrennen�, bat ich im Scherz. �Da bekommt man wenigstens edle Pferde zu sehen.�</p><p>�Wetten abschlie�en, Unzucht treiben und sich betrinken sind kein Beweis echter Bildung�, sagte Lucius finster. �Wenn ich versuche, ein Symposion zustande zu bringen, um nach der Weise der alten Philosophen auf griechisch zu diskutieren, endet es unweigerlich mit unanst�ndigen Geschichten und schwerer Trunkenheit. Es ist offenbar unm�glich, in Rom eine Gesellschaft zu finden, die sich von Gesang und sch�ner Musik bezaubern l��t oder die Dramen der Alten h�her sch�tzt als R�ubergeschichten und Zoten. Ich m�chte am liebsten nach Athen oder Rhodos reisen, um dort zu studieren, aber das l��t mein Vater nicht zu. Er ist der Ansicht, die griechische Bildung untergrabe nur die m�nnlichen Tugenden der r�mischen Jugend. Als ob von den alten r�mischen Tugenden noch anderes �brig w�re als ein matter Abglanz und hohle Worte.�</p><p>Ich konnte aber auch viel von Lucius lernen, denn er berichtete gern �ber die Verwaltung Roms und ihre Schl�ssel�mter. Er versicherte mir treuherzig, der Senat k�nne, wann immer er wolle, einen Gesetzesvorschlag des Kaisers abweisen, so wie andrerseits der Kaiser in seiner Eigenschaft als Volkstribun auf Lebenszeit imstande sei, eine Beschlu�fassung des Senats durch sein Veto zu unterbinden. Der gr��te Teil der r�mischen Provinzen wurde mit Hilfe von Prokonsuln durch den Senat verwaltet, der Rest war sozusagen Privateigentum des Kaisers, der selbst die Art der Verwaltung bestimmte. Die wichtigste Provinz des Kaisers war �gypten. Dazu gab es mit Rom verb�ndete L�nder und mehrere K�nigreiche, deren Herrscher von Kind an in der Schule des Palatiums erzogen wurden und r�mische Sitten annahmen. Ich hatte bis dahin nicht erkannt, wie klar und vern�nftig diese scheinbar so verwickelte Verwaltungsform im Grunde war.</p><p>Meinem Freund Lucius sagte ich, da� ich selbst am liebsten Reiteroffizier werden wollte, und wir dachten gemeinsam dar�ber nach, welche M�glichkeiten mir offenstanden. Zur kaiserlichen Leibwache hatte ich keinen Zutritt, denn dort wurden alle Kriegstribunenstellen mit den S�hnen von Senatoren besetzt. In Mauretanien konnte man L�wen jagen. In Britannien gab es fortw�hrend neuen Aufruhr. Die Germanen stritten mit den R�mern um Weideland.</p><p>�Kriegsruhm wirst du so oder so keinen gewinnen, auch wenn du an dem einen oder anderen Kampf teilnimmst�, versicherte Lucius. ��ber kleine Grenzscharm�tzel werden nicht einmal mehr Berichte geschrieben, da es die vornehmlichste Aufgabe der Legionen ist, den Frieden an den Grenzen zu wahren. Ein allzu einfallsreicher und streitlustiger Legat verliert seinen Posten, noch ehe er wei�, was ihm geschieht. Die besten Bef�rderungsm�glichkeiten hat ein ehrgeiziger Mann noch bei der Flotte, und ein Seeoffizier braucht nicht einmal ritterb�rtig zu sein. Es gibt ja in Rom nicht einmal einen Neptuntempel. Du bekommst einen guten Sold und f�hrst ein bequemes Leben und kannst gleich von Anfang an damit rechnen, das Kommando �ber ein Schiff zu erhalten. F�r die Navigation ist selbstverst�ndlich ein geschickter Steuermann zur Hand. Aber kein vornehmer R�mer dr�ngt sich zur Flotte.�</p><p>Ich antwortete Lucius, so viel R�mer sei ich immerhin, da� ich es als keine lohnende Aufgabe f�r einen Mann erachte, sich von einem Ort zum andern rudern zu lassen, vor allem da man seit Menschengedenken nichts mehr von Seer�ubern geh�rt habe. Von gr��tem Nutzen f�r Rom konnte ich meiner Meinung nach im Osten sein, da ich wie jeder, der in Antiochia aufgewachsen ist, flie�end Aram�isch sprach, aber ich versp�rte keine Lust, Stra�en zu bauen und in einer Garnisonsstadt zu leben, wo die Legion�re heiraten und ein Handwerk betreiben durften und die Zenturionen erfolgreiche Gesch�ftsleute werden konnten. Nein, ich wollte nicht in den Osten.</p><p>�Warum mu�t du dich �berhaupt irgendwo am Ende der Welt vergraben?� fragte Lucius. �Unvergleichlich besser ist es doch, in Rom zu bleiben, wo man sich fr�her oder sp�ter auszeichnen kann. Mit deinen Reitk�nsten, deiner stattlichen Gestalt und deinen sch�nen Augen kannst du es hier in einem Jahr weiter bringen denn in zwanzig Jahren als F�hrer einer Kohorte unter den Barbaren.�</p><p>Durch meine lange Bettl�gerigkeit reizbar geworden und aus reinem Widerspruch sagte ich: �Rom ist in der Sommerhitze eine schwitzende, stinkende Stadt voll ekelhafter Fliegen. Sogar in Antiochia war die Luft reiner.�</p><p>Lucius sah mich pr�fend an, da er hinter meinen Worten eine versteckte Bedeutung suchte. �Ohne Zweifel ist Rom voll ekelhafter Fliegen�, erwiderte er. �Voll richtiger Aasfliegen. Es w�re vielleicht besser, wenn ich den Mund hielte, denn ich wei� sehr wohl, da� dein Vater dank einem aufgeblasenen Freigelassenen des Kaisers seine Ritterw�rde zur�ckbekam. Es ist dir gewi� bekannt, da� die Gesandten von St�dten und K�nigen vor Narcissus katzbuckeln und da� er sich durch den Verkauf von B�rgerrechten und �mtern ein Verm�gen von mehreren Zehnmillionen Sesterze gemacht hat. Und noch habs�chtiger ist Valeria Messalina. Sie lie� einen der edelsten M�nner Roms ermorden, um sich in den Besitz der G�rten des Lucullus auf dem Pincius zu bringen. Aus ihren Gem�chern im Palatium hat sie ein Freudenhaus gemacht, und damit nicht genug, verbringt sie so manche Nacht verkleidet und unter falschem Namen in den Hurenh�usern Suburras, wo sie sich aus reinem Vergn�gen f�r ein paar sch�bige Kupferm�nzen jedem Dahergelaufenen hingibt.�</p><p>Ich hielt mir die Ohren zu und erkl�rte, da� Narcissus ein Grieche von untadeligem Benehmen sei und da� ich all das Schlechte, das �ber die sch�ne Gemahlin des Kaisers mit ihrem hell klingenden Lachen berichtet werde, nicht glauben k�nne. �Messalina ist nur sieben Jahre �lter als wir�, sagte ich. �Sie hat au�erdem zwei sch�ne Kinder und durfte bei den Festauff�hrungen unter den unbefleckten Jungfrauen der Vesta sitzen.�</p><p>�Kaiser Claudius� Schmach und Schande im Ehebett ist sogar in den L�ndern unserer Feinde, in Parthien und Germanien, bekannt�, behauptete Lucius. �Man darf zwar nicht alles glauben, aber ich kenne selbst einige junge Ritter, die sich damit br�sten, da� sie auf Gehei� des Kaisers bei ihr gelegen sind. Claudius befiehlt einem jeden, Messalina in allem zu Willen zu sein.�</p><p>Ich dachte nach und antwortete: �Du wei�t selbst von deinen Symposien her, womit junge M�nner prahlen, Lucius. Je sch�chterner einer in Frauengesellschaft ist, desto lauter br�stet er sich mit seinen angeblichen Eroberungen, sobald er ein wenig Wein getrunken hat. Da� man derlei Ger�chte auch im Ausland kennt, scheint mir nur ein Beweis daf�r zu sein, da� sie von irgend jemandem mit Absicht in Umlauf gesetzt werden. Je gr�ber eine L�ge ist, desto leichter wird sie geglaubt. Der Mensch ist von Natur leichtgl�ubig, und gerade solche L�gen, die ein verderbtes Gem�t erregen, glaubt das Volk am liebsten.�</p><p>Lucius err�tete. �Ich habe eine andere Erkl�rung�, fl�sterte er mit einer Stimme, die beinahe zitterte. �Vielleicht war Messalina wirklich unschuldig, als sie im Alter von vierzehn Jahren mit dem f�nfzigj�hrigen verkommenen S�ufer Claudius verm�hlt wurde, den sogar seine eigene Familie verachtete. Claudius selbst verdarb Messalina, indem er ihr Myrrhe zu trinken gab, so da� sie mannstoll wurde. Er ist jedoch ein verlebter Greis, und es w�re nicht unm�glich, da� er absichtlich beide Augen zudr�ckt. Er verlangt jedenfalls von Messalina, da� sie ihm st�ndig neue Sklavenm�dchen in sein Bett schickt, je kindlicher, desto besser. Was er mit denen treibt, ist eine Sache f�r sich. All das hat Messalina selbst einer Person, die ich nicht nennen will, der ich aber vorbehaltlos Glauben schenke, weinend gestanden.�</p><p>�Wir sind Freunde, Lucius�, sagte ich. �Aber du bist von hoher Geburt, Sohn eines Senators, und daher scheust du dich, offen zu sprechen. Ich wei�, da� der Senat die Republik wieder einf�hrte, als Gajus ermordet wurde. Dann aber entdeckten die Pr�torianer, als sie das Palatium pl�nderten, seinen Onkel Claudius, der sich hinter einem Vorhang versteckt hatte, und riefen ihn zum Imperator aus, weil er als einziger das Geburtsrecht besa�. Das ist eine so alte Geschichte, da� schon niemand mehr dar�ber lachen mag. Mich aber wundert es nicht, da� Claudius sich mehr auf seine Freigelassenen und die Mutter seiner Kinder verl��t als auf den Senat.�</p><p>�Ist dir ein wahnsinniger Tyrann lieber als die Freiheit?� fragte Lucius bitter.</p><p>�Eine Republik unter Senatoren und Konsuln ist nicht gleichbedeutend mit Freiheit und Herrschaft des Volkes, sondern sie bedeutet Aristokratenherrschaft, Auspl�nderung der Provinzen und neuen B�rgerkrieg, so viel sagt mir das Studium der Geschichte. Begn�ge dich damit, Rom von innen her durch griechische Bildung zu veredeln, und la� die Finger von der Politik.�</p><p>Lucius lachte hell auf. �Wenn man das Ideal der Republik mit der Muttermilch eingesogen hat, kann einem hei� werden bei solchen Gedanken�, sagte er. �Aber vielleicht ist die Republik wirklich nur ein blutiger �berrest aus vergangenen Zeiten im K�rper des Staates. Ich kehre jedenfalls zu meinen B�chern zur�ck. Da kann ich niemandem schaden, nicht einmal mir selbst.�</p><p>�Und Rom mag meinetwegen voller Aasfliegen sein�, sagte ich. �Wir beide, du und ich, werden sie nicht ausrotten.�</p><p>Die gr��te Ehre, die mir zuteil wurde, w�hrend ich tatenlos und mit d�steren Gedanken in meinem Bett lag, war ein Besuch des Anf�hrers der vornehmen jungen Reiter, eben jenes zehnj�hrigen Lucius Domitius. Er kam mit seiner Mutter Agrippina, ganz bescheiden und ohne sich vorher anmelden zu lassen. Sie lie�en ihre S�nfte und ihr Gefolge vor dem Haus warten und traten f�r eine kleine Weile ein, um mir ihre Anteilnahme an meinem Mi�geschick auszusprechen. Barbus, der w�hrend meiner Krankheit das Amt des T�rh�ters versah, war nat�rlich betrunken und schlief. Domitius schlug ihn scherzend mit der Faust vor die Stirn und rief ein Kommandowort, worauf Barbus aufsprang, noch ganz verschlafen Haltung annahm, die Hand zum Gru� hob und �Ave Caesar Imperator!� rief.</p><p>Agrippina fragte ihn neugierig, warum er den Knaben als Kaiser gr��e. Barbus antwortete, er habe getr�umt, ein Zenturio habe ihn mit dem Befehlsstab auf den Kopf geschlagen. Als er die Augen �ffnete, habe er vor sich in der Mittagssonne eine �berirdisch gewaltige Juno und einen Imperator in funkelnder R�stung gesehen, der seine Truppen inspizierte. Barbus kam erst ganz zu sich, als sie eine Weile auf ihn eingesprochen hatten. Er erkannte endlich Lucius Domitius wieder und erriet, da� Agrippina, ihrer g�ttlichen Sch�nheit und Haltung wegen, dessen Mutter sein mu�te.</p><p>�Ich habe mich also nicht geirrt�, sagte er schmeichlerisch. �Du bist ja eine Schwester des Kaisers Gajus, und Kaiser Claudius ist dein Onkel. Von der Seite des Gottes Julius Caesar her stammst du von der Venus ab und durch Marcus Antonius von Herkules. Es ist also nicht verwunderlich, da� ich deinen Sohn mit der h�chsten Ehrenbezeigung gr��e.�</p><p>Tante Laelia geriet �ber diesen vornehmen Besuch au�er sich. Sie eilte mit schiefsitzender Per�cke herbei, um meine Bettdecken glattzustreichen, und sagte aufgeregt schnatternd, Agrippina h�tte uns von ihrem Kommen unbedingt im voraus benachrichtigen m�ssen, so da� wir Gelegenheit gehabt h�tten, einige Vorbereitungen zu treffen.</p><p>Agrippina erwiderte bek�mmert: �Du wei�t sehr gut, liebe Laelia, da� es f�r mich seit dem Tode meiner Schwester Julia das sicherste ist, alle offiziellen Besuche zu unterlassen. Aber mein Sohn wollte unbedingt seinen Helden Minutus Lausus sehen, und deshalb sind wir vorbeigekommen, um ihm eine rasche Genesung zu w�nschen.�</p><p>Der lebhafte, unwiderstehlich sympathische und trotz seinem roten Haar sch�ne Knabe eilte scheu auf mich zu, um mich zu k�ssen, und trat gleich wieder einige Schritte zur�ck, w�hrend sein Blick bewundernd auf meinem Gesicht ruhte: �Ach Minutus!� rief er. �Mehr als jeder andere verdientest du, Magnus zu hei�en. Wenn du w��test, wie sehr ich deine unfa�bare K�hnheit bewundere. Keiner der Zuschauer ahnte, da� dein Bein gebrochen war, denn du hieltest dich tapfer im Sattel bis zuletzt.� Er nahm eine Buchrolle aus der Hand seiner Mutter und reichte sie mir. Agrippina wandte sich an Tante Laelia und erkl�rte, sich gleichsam entschuldigend: �Es ist ein Buch �ber den Gleichmut, das mein Freund Seneca auf Korsika geschrieben hat. Es ist gewi� eine n�tzliche Lekt�re f�r einen jungen Mann, der an den Folgen seines �bermuts zu leiden hat. Man wird sich vielleicht dar�ber wundern, da� ein so edel gesinnter Mann lebendig begraben in der Verbannung schmachten mu�, aber das ist nicht meine Schuld, sondern eine Folge der derzeitigen Verh�ltnisse in Rom.�</p><p>Tante Laelia war zu ungeduldig, um ihr zuzuh�ren. Sie dachte nach, was sie den hohen G�sten anbieten konnte, denn es w�re eine Schande gewesen, wenn sie, ohne einen Bissen zu sich zu nehmen, unser Haus wieder verlassen h�tten. Agrippina machte viele Einw�nde und sagte zuletzt: �Nun gut, so wollen wir dir zuliebe einen Schluck von dem erfrischenden Zitronenwasser versuchen, das dein tapferer Kranker in dem Krug neben seinem Bett stehen hat, und mein Sohn mag auch ein wenig von seinem Backwerk kosten.�</p><p>Tante Laelia starrte sie mit runden Augen an und fragte erschrocken: �Ist es wirklich schon so weit gekommen, liebste Agrippinia?�</p><p>Agrippina war zu jener Zeit vierunddrei�ig Jahre alt. Sie war von hohem Wuchs und hatte edle, wenn auch ausdruckslose Gesichtsz�ge und gro�e gl�nzende Augen. Zu meiner Verwunderung sah ich, wie diese klaren Augen sich mit Tr�nen f�llten. Sie senkte den Kopf, weinte und gestand zuletzt: �Du hast es erraten, Laelia. Am liebsten w�rde ich mit eigenen H�nden das Trinkwasser f�r meinen Sohn aus der Leitung holen und selbst auf dem Markt ausw�hlen, was ich zu essen und ihm zu geben wage. Das Volk hat ihm bei der Jahrhundertfeier allzu offen zugejubelt. Vor drei Tagen versuchte man ihn w�hrend der Mittagsruhe zu ermorden. Ich traue nicht einmal mehr den Dienern, denn es war gar zu auff�llig, da� nicht ein einziger in der N�he war und da� wildfremde M�nner mit b�sen Absichten ungesehen ins Haus einzudringen vermochten. Ich dachte daher � nein, nein, ich schweige lieber davon.�</p><p>Tante Laelia wurde nat�rlich neugierig, was auch der Zweck dieser Andeutung gewesen war, und fragte eifrig, was Agrippina sich gedacht habe. Nach kurzem Z�gern sagte diese: �Ich dachte daran, da� Lucius st�ndig einige vornehme junge Ritter um sich haben sollte, auf deren Treue man sich verlassen k�nnte und die ihm gleichzeitig ein gutes Beispiel g�ben. Doch nein, das w�rde ihnen nur schaden und ihre Zukunftsaussichten verderben.�</p><p>Tante Laelia sah ungl�cklich und erschrocken drein, und ich war meiner selbst nicht sicher genug, um glauben zu k�nnen, da� Agrippina mich gemeint hatte. Lucius legte jedoch sch�chtern seine Hand auf die meine und rief: �Wenn du, Minutus, an meiner Seite w�rst, w�rde ich niemanden und nichts mehr f�rchten!�</p><p>Tante Laelia stammelte, es k�nne falsch ausgelegt werden, wenn Lucius Domitius ein Rittergefolge um sich zu scharen beg�nne, aber ich antwortete bereitwillig: �Ich kann schon ein wenig auf Kr�cken gehen, und bald wird mein Oberschenkelknochen ganz ausgeheilt sein. Vielleicht werde ich mein Leben lang hinken, aber wenn man mich deshalb nicht auslacht, will ich gern Lucius� Begleiter sein und ihn besch�tzen, bis er gro� genug ist, sich selbst zu sch�tzen. Du bist ja schon sehr kr�ftig f�r dein Alter und kannst sowohl reiten als auch die Waffen gebrauchen.� Um die Wahrheit zu sagen, wirkte er mit seinen zierlichen Bewegungen und seiner kunstvollen Haartracht eher m�dchenhaft als m�nnlich, und dieser Eindruck wurde noch unterstrichen durch die milchwei�e Haut, die alle Rothaarigen haben, aber ich dachte mir, da� er ja erst zehn Jahre alt war und doch schon imstande, ein Pferd zu reiten und einen Streitwagen zu fahren. Gar so kindlich konnte er also nicht mehr sein.</p><p>Wir plauderten noch eine Weile �ber Pferde und griechische Dichter und S�nger, die er zu bewundern schien, aber irgendein �bereinkommen trafen wir nicht. Gleichwohl wurde mir klar, da� ich in Agrippinas Haus jederzeit willkommen war. Sie gingen wieder ihres Wegs, und Agrippina befahl ihrem B�rsentr�ger, Barbus ein Goldst�ck zu geben.</p><p>�Die �rmste ist sehr einsam�, erkl�rte mir Tante Laelia sp�ter.</p><p>�Ihre hohe Geburt trennt sie von anderen Menschen, und ebenb�rtige wagen nicht mit ihr zu verkehren, aus Angst, beim Kaiser in Ungnade zu fallen. Es ist traurig, zu sehen, da� eine so hochgestellte Frau um die Freundschaft eines verkr�ppelten jungen Ritters buhlen mu�.�</p><p>Ich nahm ihr diese Worte nicht �bel, da ich mich dar�ber selbst nicht genug wundern konnte. �Hat sie wirklich solche Angst, vergiftet zu werden?� fragte ich vorsichtig.</p><p>Tante Laelia schnaubte ver�chtlich. �Sie nimmt sich wichtiger, als sie ist. Am hellichten Tag wird in einem bewohnten Haus mitten in Rom niemand ermordet. Die ganze Geschichte klingt an den Haaren herbeigezogen. Am besten mischst du dich da nicht ein. Es stimmt zwar, da� Kaiser Gajus, das Herzchen, eine ganze Truhe voll der verschiedensten Gifte besa�, mit denen er seine Versuche anstellte, aber Kaiser Claudius soll sie vernichtet haben, und Giftmischer werden streng bestraft. Du wei�t ja, da� Agrippinas Gemahl, Lucius� Vater Domitius, ein Bruder der Domitia Lepida, der Mutter Messalinas, war. Als Lucius drei Jahre alt war, erbte er nach ihm, aber Gajus behielt alles f�r sich. Agrippina wurde verbannt und mu�te, um ihr Leben zu fristen, auf einer einsamen Insel nach Schw�mmen tauchen lernen. Lucius wurde von seiner Tante Domitia in Pflege genommen. Sein Lehrer war der Barbier Anicetus, und das sieht man seinem Haar noch heute an. Inzwischen hat sich aber Domitia Lepida mit Messalina zerstritten, und sie ist eine der wenigen, die es wagen, offen mit Agrippina zu verkehren und Lucius zu verw�hnen. Messalina tr�gt den Namen ihres Gro�vaters, Valerius Messalas, um darzutun, da� sie eine Verwandte des Gottes Augustus in absteigender Linie ist. Ihre Mutter ist auf sie b�se, weil sie allzu offen zeigt, da� sie in Gajus Silius verliebt ist und diesen �berallhin mitnimmt, mit ihren Sklaven und Freigelassenen in seinem Haus aus und ein geht wie in ihrem eigenen und sogar kostbare M�bel aus dem Palatium dorthin schleppen lie�. Andrerseits ist ihre Verliebtheit verst�ndlich, denn Gajus Silius ist ohne Zweifel der h�bscheste Mann in ganz Rom. Vielleicht ist die Sache auch harmlos, da alles so offen zugeht. Eine junge Frau h�lt es nicht aus, st�ndig einem griesgr�migen alten S�ufer Gesellschaft zu leisten. Claudius vernachl�ssigt sie �ber seinen Regierungsgesch�ften, und in seinen Mu�estunden w�rfelt er lieber oder geht ins Theater. Am liebsten sitzt er im Amphitheater und sieht zu, wie Raubtiere Verbrecher zerfleischen, und das ist nicht der rechte Zeitvertreib f�r eine empfindsame junge Frau wie sie.�</p><p>Ich hielt mir den Kopf mit den H�nden und rief: �Genug �ber Messalina! Und von den verzwickten Verwandtschaftsbeziehungen zwischen all diesen g�ttlichen Familien brummt mir schon der Sch�del!�</p><p>Tante Laelia war jedoch durch den hohen Besuch so angeregt, da� sie rasch fortfuhr: �Das ist doch alles ganz einfach. Der Gott Augustus war der Enkel der Schwester des Gottes Julius Caesar. Durch die erste Ehe seiner Schwester Octavia ist Messalina eine Tochter des Enkels ebendieser Octavia, w�hrend Kaiser Claudius durch Octavias zweite Ehe mit Marcus Antonius ein Enkel Octavias ist. Agrippina ist seine Nichte, zugleich aber Witwe nach Octavias zweitem Enkel Gnaeus Domitius. Mithin ist Lucius � pa� gut auf � zugleich ein Enkel der ersten Tochter Octavias und ein Enkel von deren zweiter Tochter, das hei�t mit anderen Worten, er ist Messalinas Vetter zweiten Grades.�</p><p>�Wenn ich dich recht verstanden habe, hat sich also Kaiser Claudius in dritter Ehe mit der Enkelin der Halbschwester seiner Mutter verm�hlt, die sich Valeria Messalina nennt�, warf ich ein. �Daher ist Messalina von ebenso vornehmer Geburt wie Agrippina.�</p><p>�Sozusagen, ja�, stimmte Tante Laelia mir bei. �Nur hat sie nicht das verderbte Blut des Marcus Antonius, unter dem die anderen so schwer leiden. Ihr Sohn Britannicus hat freilich durch Claudius ein wenig davon abbekommen, sofern ��</p><p>�Sofern �?� fragte ich.</p><p>�Nun, Claudius hat ja schon einen Bankert�, sagte Tante Laelia z�gernd. �Wenn man wei�, was alles �ber Messalina erz�hlt wird, ist es durchaus nicht sicher, ob Britannicus wirklich sein Sohn ist. Es hie� seinerzeit, die Ehe sei von Kaiser Gajus befohlen worden, um den Ruf des M�dchens zu retten.�</p><p>�Tante Laelia�, sagte ich scherzend. �Aus Treue zu meinem Kaiser m��te ich dich f�r solche Verleumdung anzeigen.�</p><p>�Nicht, da� Claudius irgend etwas Schlechtes �ber die Kinder seiner sch�nen Gemahlin d�chte!� versicherte Tante Laelia rasch und sah sich f�r alle F�lle vorsichtig um.</p><p>Sp�ter fragte ich Barbus, ob er wirklich einen so prophetischen Traum gehabt habe, als er aus seinem Schlaf und seinem Rausch geweckt wurde. Er behauptete unbeirrt, er habe tats�chlich etwas dieser Art gesehen, aber daran k�nnten ja der Wein und die �berraschung schuld gewesen sein. �In der Sommerhitze kann man vom Wein so sonderbar tr�umen, da� einem manchmal angst und bange wird�, entschuldigte er sich.</p><p>Als ich eine Zeitlang auf Kr�cken gegangen war, schickte mir der Reiterarzt einen geschickten Masseur, der mein Bein behandelte und meine schlaffen Muskeln so gut �bte, da� ich binnen kurzem ohne St�tze gehen konnte. Ich trage seither am linken Fu� einen Schuh mit dickerer Sohle, so da� man mein Hinken kaum bemerkt.</p><p>Ich begann wieder zu reiten, bemerkte aber bald, da� nur wenige junge Ritter an den Reit�bungen teilnahmen. Die meisten dachten nicht daran, die milit�rische Laufbahn einzuschlagen. Es gen�gte ihnen, da� sie sich bei der n�chsten Parade schlecht und recht im Sattel halten konnten.</p><p>Brennende Unruhe und Tatenlust ergriffen mich in der Hitze des Sommers. Einige Male besuchte ich Lucius Domitius, aber er war mir letzten Endes doch noch zu kindlich, als da� ich seine Gesellschaft auf die Dauer ertragen h�tte. Er �bte sich eifrig in der Dichtkunst und las mir von seiner Wachstafel Verse vor, die ich verbessern sollte. Mit besonderem Geschick knetete er Tiere und Menschen aus Ton. Lobte man ihn, war er sehr zufrieden, ja gl�cklich, aber jede kritische Bemerkung nahm er �bel auf, obgleich er es zu verbergen trachtete. Er schlug mir allen Ernstes vor, ich solle bei seinem Tanzlehrer Stunden nehmen, damit ich lernte, mich sch�n und mit gef�lligen Geb�rden zu bewegen.</p><p>�Die Tanzkunst bringt einem wenig Nutzen, wenn man lernen will, Schwert, Lanze und Schild zu gebrauchen�, sagte ich.</p></section><section><p>Lucius Domitius gestand mir darauf, da� er die Schwertk�mpfe im Amphitheater verabscheute, bei denen rohe Gladiatoren einander verwundeten und erschlugen.</p><p>�Ich will aber doch kein Gladiator werden!� antwortete ich gekr�nkt. �Ein r�mischer Ritter mu� das Kriegshandwerk erlernen.�</p><p>�Der Krieg ist ein blutiges und sinnloses Gesch�ft�, meinte er. �Rom hat der Welt den Frieden geschenkt. Aber ich habe geh�rt, da� ein Verwandter meines verstorbenen Vaters, Gnaeus Domitius Corbulo, jenseits des Rheins in Germanien herumrumort, um sich das Recht auf einen Triumph zu erwerben. Wenn du wirklich willst, kann ich ihm schreiben und dich als Kriegstribun empfehlen. Er ist allerdings ein grober Kerl und wird dich hart arbeiten lassen, sofern er nicht ohnehin bald zur�ckberufen wird, denn ich glaube, Onkel Claudius sieht es nicht gern, wenn irgendein Verwandter meines Vaters allzu ber�hmt wird.�</p><p>Ich versprach, dar�ber nachzudenken. Barbus zog n�here Erkundigungen ein und versicherte mir, Corbulo habe sich mehr als Stra�enbauer in Gallien denn als Krieger in Germaniens W�ldern ausgezeichnet.</p><p>Nat�rlich las ich das kleine Buch, das ich bekommen hatte. Der Philosoph Seneca schrieb eine sch�ne, neuartige Sprache und behauptete, ein Weiser k�nne in allen Schicksalspr�fungen seinen Gleichmut bewahren. Ich fand jedoch, da� er ein wenig langatmig schrieb, denn er f�hrte keine Beispiele an, sondern philosophierte nur, so da� man von seinen Gedanken nicht viel im Ged�chtnis behielt.</p><p>Mein Freund Lucius Pollio lieh mir auch einen Trostbrief, den er an Polybius, einen Freigelassenen des Kaisers, geschrieben hatte. Darin tr�stete Seneca besagten Polybius, als dessen Bruder gestorben war, und bewies, da� er eigentlich keinen Grund zur Trauer habe, solange er das Gl�ck genie�e, dem Kaiser zu dienen.</p><p>Was die B�cherleser in Rom am meisten belustigte, war, da� Polybius erst k�rzlich verurteilt worden war, weil er B�rgerrechte verkauft hatte. Lucius zufolge hatte er sich wegen der Aufteilung des Erl�ses mit Messalina gestritten, und Messalina hatte ihn angezeigt, was ihr die �brigen Freigelassenen des Kaisers sehr �belnahmen. Der Philosoph Seneca hatte nach wie vor kein Gl�ck.</p><p>Ich wunderte mich dar�ber, da� Claudia w�hrend meiner langen Krankheit keinen Versuch unternommen hatte, mit mir in Verbindung zu treten. Mein Selbstbewu�tsein litt darunter, obgleich mir mein Verstand sagte, da� mir ihr Besuch mehr �rger als Freude verursacht haben w�rde. Doch ich konnte ihre schwarzen Brauen, ihren trotzigen Blick und ihre vollen Lippen nicht vergessen.</p><p>Als ich wieder genesen war, unternahm ich lange Wanderungen, um mein gebrochenes Bein wieder zu kr�ftigen und meine Unruhe zu d�mpfen. Der warme r�mische Herbst war gekommen. Ich konnte der Hitze wegen nicht die Toga tragen, und auch die Tunika mit der roten Borte wollte ich nicht anlegen, um in den Randvierteln der Stadt kein unn�tiges Aufsehen zu erregen. Eines Tages ging ich auf die andere Seite des Flusses hin�ber, um dem Gestank der Innenstadt zu entfliehen, vorbei an Kaiser Gajus� Amphitheater, in das dieser unter ungeheuren Kosten einen Obelisken ans �gypten hatte schleppen lassen, und stieg den Vatikanischen H�gel hinauf. Dort oben stand ein uralter etruskischer Orakeltempel, dessen Holzw�nde Kaiser Claudius mit einer Schicht Ziegel verkleiden lie�. Der alte Augur hob seinen Krummstab, um mich auf sich aufmerksam zu machen, rief mich aber nicht an. Ich ging auf der anderen Seite des H�gels wieder hinunter, immer weiter von der Stadt fort und auf die Gem�seg�rten zu. Vor meinen Blicken lagen einige stattliche Geh�fte. Von hier aus und aus der weiteren Umgebung rollte Nacht f�r Nacht ein endloser Zug von Karren in die Stadt, deren Frachten auf dem Gem�semarkt abgeladen und an die Gro�h�ndler in den Markthallen verkauft wurden. Noch vor dem Morgengrauen mu�ten die Karren die Stadt wieder verlassen.</p><p>Ich mochte die schwarzbraun gebrannten Sklaven, die auf den Gem�sefeldern arbeiteten, nicht nach Claudia fragen, sondern ging aufs Geratewohl weiter und lie� meine F��e mich tragen, wohin sie wollten. Claudia hatte jedoch etwas von einer Quelle und alten B�umen gesagt. Daher blickte ich mich aufmerksam um, und meine Ahnungen leiteten mich richtig, als ich einem ausgetrockneten Bachbett folgte. Unter uralten B�umen stie� ich auf eine kleine H�tte. Daneben befand sich ein gro�es Geh�ft, und in dessen Gem�segarten kniete Claudia, die H�nde und die F��e schwarz von Erde. Sie trug nur ein grobes Untergewand und einen breitkrempigen spitzen Strohhut, um sich vor den Sonnenstrahlen zu sch�tzen. Obwohl ich sie seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, war sie mir so vertraut, da� ich sie an den Bewegungen ihrer H�nde und der Art, wie sie sich b�ckte, wiedererkannte.</p><p>�Sei gegr��t, Claudia!� rief ich, und warme Freude erf�llte mich, als ich mich vor ihr niederhockte, um ihr Gesicht unter der Hutkrempe zu sehen.</p><p>Claudia fuhr auf und starrte mich aus schreckgeweiteten Augen an. Dann wurde sie flammend rot, schlug mir ein B�ndel Erbsenreiser, an denen noch Erdklumpen hingen, ins Gesicht, sprang auf und rannte hinter die H�tte. Ich war �ber diesen Empfang emp�rt und fluchte vor mich hin, w�hrend ich mir die Erde aus den Augen rief. Z�gernd folgte ich ihr dann hinter die H�tte und sah sie Wasser aus der Quelle sch�pfen und sich das Gesicht waschen. Sie schrie mich zornig an und hie� mich vor der H�tte warten. Erst als sie sich gek�mmt und reine Kleider angezogen hatte, kam sie zu mir und sagte, noch immer zornig: �Ein gut erzogener Mann meldet sich vorher an, aber was kann man schon von dem Sohn eines syrischen Wucherers erwarten! Was willst du denn?�</p><p>So b�se schimpfte sie mich aus. Ich err�tete und wandte mich ab, um ohne ein Wort zu gehen, hatte aber kaum ein paar Schritte getan, als sie mir nachlief, mich am Arm packte und rief: �Bist du wirklich so empfindlich, Minutus? Bleib und vergib mir meine b�se Zunge. Ich habe mich ge�rgert, weil du mich bei der Arbeit �berraschtest, so schmutzig und voller Erde, wie ich war.�</p><p>Sie f�hrte mich voll Eifer in ihre bescheidene H�tte, in der es nach Herdrauch, Kr�utern und reinem Linnen roch. �Du siehst, ich kann sogar spinnen und weben, wie es sich einst f�r eine R�merin geh�rte�, sagte sie. �Vergi� nicht, da� in alter Zeit sogar der stolzeste Claudier selbst seine Ochsen vor dem Pflug f�hrte.�</p><p>Auf diese Weise versuchte sie, ihre Armut zu entschuldigen. Ich antwortete h�flich: �So, das Gesicht frisch vom Quellwasser, bist du mir lieber, Claudia, als alle geschminkten und in Seide gekleideten Frauen in der Stadt.�</p><p>Claudia gestand mir jedoch offenherzig: �Ich h�tte es freilich lieber, wenn meine Haut wei� wie Milch w�re, mein Gesicht sch�n geschminkt und mein Haar in kunstvollen Locken um die Stirn gelegt, und wenn meine Gew�nder mehr enth�llten, als sie verbergen, und ich nach den Balsamen des Ostens duftete. Aber Tante Paulina Plautia, die mich nach dem Tode meiner Mutter hier bei sich wohnen l��t, will von derlei Dingen nichts wissen. Sie selbst tr�gt Trauerkleider, schweigt lieber, als da� sie den Mund aufmacht, und geht ihresgleichen aus dem Weg. Geld hat sie �bergenug, aber sie gibt alles, was sie einnimmt, lieber f�r gute Werke und andere, noch zweifelhaftere Zwecke aus, als da� sie mich Wangenrot und Augenschminke kaufen lie�e.�</p><p>Ich mu�te unwillk�rlich lachen, denn Claudias Gesicht war so frisch, so rein und gesund, da� sie wirklich keine k�nstlichen Sch�nheitsmittel brauchte. Ich wollte ihre Hand nehmen, aber sie entzog sie mir und sagte unwillig, da� ihre H�nde w�hrend des Sommers hart und rauh geworden seien wie die einer Sklavin. Ich hatte das Gef�hl, da� sie mir etwas verbarg, und fragte sie, ob sie nichts von meinem Mi�geschick geh�rt habe. Sie antwortete ausweichend: �Deine Tante Laelia h�tte mich nicht ins Haus gelassen, um dich zu besuchen. Im �brigen bin ich sehr bescheiden geworden und sehe wohl ein, da� du von meiner Freundschaft keinen Nutzen, sondern nur Schaden h�ttest. Ich w�nsche dir Gl�ck, Minutus.�</p><p>Ich antwortete heftig, da� ich �ber mein Leben selbst bestimmte und mir auch meine Freunde selbst ausw�hlte. �Au�erdem wirst du mich bald los sein�, f�gte ich hinzu. �Man hat mir ein Empfehlungsschreiben zugesagt, und ich werde unter dem ber�hmten Corbulo gegen die Germanen k�mpfen. Mein Bein ist wieder gesund und nur eine Spur k�rzer als das andere.�</p><p>Claudia versicherte rasch, sie habe nicht einmal bemerkt, da� ich ein wenig hinkte. Sie dachte eine Weile nach und bekannte dann mit bek�mmerter Miene: �Jedenfalls bist du mir im Feld sicherer als hier in Rom, wo irgendeine fremde Frau dich mir wegnehmen kann. Ich w�rde weniger trauern, wenn du aus einf�ltiger Ehrsucht dein Leben im Krieg verl�rst, als wenn du dich in eine andere verliebtest. Aber warum mu�t du dich ausgerechnet mit den Germanen herumschlagen? Das sind furchtbar gro�e und starke Krieger. Wenn ich Tante Paulina bitte, gibt sie dir gewi� ein Empfehlungsschreiben an meinen Onkel Aulus Plautius in Britannien. Er befehligt dort vier Legionen und hat so viel erreicht, da� die Briten ganz bestimmt schw�chere Gegner sind als die Germanen. Onkel Aulus ist kein Feldherrngenie, und sogar Claudius hat sich in Britannien so auszeichnen k�nnen, da� er einen Triumph feiern durfte. Man braucht also die Briten als Gegner nicht sehr hoch einzusch�tzen.�</p><p>Ich hatte nicht gewu�t, da� Aulus Plautius ihr Onkel war, und fragte nach weiteren Einzelheiten. Claudia erkl�rte mir, da� ihre Mutter eine Plautia gewesen war. Als Aulus Plautius� Frau Paulina die elternlose Nichte ihres Mannes in ihre Obhut nahm, behandelte der gutm�tige Aulus Claudia wie seine eigene Tochter, zumal die beiden selbst keine Kinder hatten.</p><p>�Onkel Aulus mochte meine Mutter Urgulanilla nicht�, erz�hlte Claudia. �Aber sie war immerhin auch eine Plautia, und es kr�nkte meinen Onkel tief, da� Claudius sich unter einem fadenscheinigen Vorwand von ihr scheiden und mich nackt auf ihre Schwelle legen lie�. Onkel Aulus war auch bereit, mich zu adoptieren, aber dazu bin ich zu stolz. Vor dem Gesetz bin und bleibe ich die Tochter des Kaisers Claudius, sosehr mich auch der Lebenswandel dieses Mannes anwidert.�</p><p>Ihre Herkunft langweilte mich in diesem Augenblick, aber der Gedanke an Britannien erregte mich, und ich sagte: �Dein gesetzlicher Vater Claudius hat Britannien nicht unterworfen, wenn er auch einen Triumph feierte. Im Gegenteil, man f�hrt dort unaufh�rlich Krieg. Es hei�t, dein Onkel Aulus kann �ber f�nftausend erschlagene Feinde nachweisen und hat sich daher ebenfalls das Recht auf einen Triumph erworben. Das sind widerspenstige, heimt�ckische St�mme. Kaum ist in einem Teil des Landes der Friede hergestellt, bricht in einem anderen Teil erneut der Krieg aus. Gehen wir sogleich zu deiner Tante Paulina.�</p><p>�Du hast es sehr eilig, Kriegsruhm zu gewinnen�, sagte Claudia gereizt. �Tante Paulina hat mir streng verboten, allein in die Stadt zu gehen und die Statuen meines Vaters anzuspucken, aber heute habe ich ja dich als Begleiter. Ich f�hre dich gern zu ihr, denn ich habe sie seit Wochen nicht mehr gesehen.�</p><p>Wir gingen zusammen in die Stadt, und ich eilte heim, um mich standesm��ig zu kleiden. Claudia wollte aus Angst vor Tante Laelia nicht mit ins Haus kommen, sondern wartete vor dem Tor und plauderte mit Barbus. Als wir uns auf den Weg zum Haus der Plautier auf dem Caelus machten, blitzten Claudias Augen vor Zorn.</p><p>�Du hast dich also mit Agrippina und ihrem verdammten Bengel eingelassen!� rief sie. �Dieses schamlose Weib ist gef�hrlich. Dem Alter nach k�nnte sie �brigens deine Mutter sein.�</p><p>Ich wandte verwundert ein, da� Agrippina zwar sch�n, aber dabei doch sehr zur�ckhaltend sei und da� ich ihren Sohn noch als ein Kind betrachtete, doch Claudia unterbrach mich w�tend: �Ich wei� mehr als genug �ber alle diese bis ins Mark verdorbenen Claudier. Agrippina holt sich jeden ins Bett, von dem sie glaubt, da� er ihr n�tzen k�nnte. Der Schatzmeister des Kaisers, Pallas, ist seit langem ihr Liebhaber. Sie sucht vergeblich einen neuen Gatten. Die M�nner, die vornehm genug sind, sind viel zu vorsichtig, um sich in ihre Intrigen mit einspinnen zu lassen, aber du in deiner Unerfahrenheit l��t dich nat�rlich von jeder liederlichen r�mischen Witwe verf�hren.�</p><p>Streitend gingen wir durch die ganze Stadt, aber im Grunde war Claudia sehr zufrieden, weil ich ihr versicherte, da� mich noch keine verf�hrt hatte und da� ich des Versprechens eingedenk war, das ich ihr an dem Tag, an dem ich die Toga erhielt, auf dem Heimweg vom Tempel der Mondg�ttin gegeben hatte.</p><p>Im Atrium der Plautier gab es eine lange Reihe von Ahnenbildern, Totenmasken und Kriegstroph�en. Paulina Plautia war eine alte Frau mit gro�en Augen, die durch mich hindurch auf irgendeinen Punkt weit hinter mir zu blicken schienen. Man sah ihr an, da� sie geweint hatte. Als sie meinen Namen und mein Anliegen erfuhr, verwunderte sie sich, fuhr mir mit ihrer mageren Hand �ber die Wange und sagte: �Dies ist ein wunderbares, unfa�bares Zeichen von dem einzigen Gott. Du wei�t vermutlich nicht, Minutus Manilianus, da� dein Vater und ich Freunde wurden und einen heiligen Ku� tauschten, als wir beim Liebesmahl zusammen Brot gebrochen und Wein getrunken hatten. Es ist jedoch nichts B�ses geschehen. Tullia hat deinem Vater nachspionieren lassen. Als sie genug Beweise gegen mich gesammelt hatte, zeigte sie mich an und behauptete, ich h�tte an sch�ndlichen �stlichen Mysterien teilgenommen.�</p><p>�Bei allen G�ttern Roms!� rief ich erschrocken aus. �Hat sich mein Vater wirklich auch hier wieder in die Verschw�rung der Christen eingemischt? Ich glaubte, er h�tte seine Grillen in Antiochia gelassen!�</p><p>Die alte Frau sah mich mit seltsam gl�nzenden Augen an. �Das sind keine Grillen, Minutus. Es ist der einzige Weg zur Wahrheit und zum ewigen Leben. Ich sch�me mich nicht, zu glauben, da� der Jude und Nazarener Jesus Gottes Sohn war und ist. Er zeigte sich deinem Vater in Galil�a, und dein Vater wei� mehr �ber ihn zu berichten als so mancher andere hier. Seine Ehe mit der herrschs�chtigen Tullia betrachtet er als Gottes Strafe f�r seine S�nden. Daher hat er seinen fr�heren Hochmut fahrenlassen und ebenso wie ich die heilige Taufe der Christen angenommen. Und keiner von uns sch�mt sich dessen, obwohl sich unter den Christen nicht viele Reiche oder Vornehme finden.�</p><p>Diese schreckliche Neuigkeit lie� mich verstummen. Als Claudia meinen finsteren, vorwurfsvollen Blick bemerkte, verteidigte sie sich: �Ich bin zwar nicht zu ihrem Glauben �bergetreten und habe mich nicht taufen lassen, aber dr�ben auf der anderen Tiberseite, im Judenviertel, habe ich ihre Lehren geh�rt. Ihre Mysterien und heiligen M�hler befreien sie von allen S�nden.�</p><p>�Raufbolde sind sie!� rief ich zornig. �Ewige St�nkerer, Unruhestifter und Aufwiegler! Das habe ich schon in Antiochia gesehen. Die richtigen Juden verabscheuen sie mehr als die Pest.�</p><p>�Man braucht nicht Jude zu sein, um zu glauben, da� Jesus von Nazareth Gottes Sohn ist�, erkl�rte Paulina. Ich versp�rte jedoch keine Lust, Glaubensfragen zu diskutieren. Mir stieg das Blut zu Kopf bei dem Gedanken, da� mein Vater nun gar noch zu einem Anh�nger der verachteten Christen herabgesunken war.</p><p>�Mein Vater war nat�rlich wieder betrunken und zerflo� vor Selbstmitleid�, sagte ich schroff. �Au�erdem bedient er sich jedes noch so unsinnigen Vorwands, um Tullias Schreckensherrschaft zu entrinnen. Er h�tte doch auch mit seinem Sohn �ber seinen Kummer sprechen k�nnen.�</p><p>Die gro��ugige Frau sch�ttelte den Kopf dar�ber, da� ich so unehrerbietig von meinem Vater sprach, und sagte: �Gerade bevor ihr kamt, erfuhr ich, da� der Kaiser, um das Ansehen meines Gatten zu retten, keinen �ffentlichen Proze� w�nscht. Aulus Plautius und ich sind nach der l�ngeren Formel getraut worden. Daher hat der Kaiser bestimmt, da� ich von meinem Gatten vor dem Familiengericht abgeurteilt werden soll, sobald er aus Britannien heimkehrt. Als ihr kamt, dachte ich eben dar�ber nach, wie ich ihm eine Botschaft zukommen lassen k�nnte, bevor er von anderer Seite �bertriebene Anschuldigungen zu h�ren bekommt und sich gegen mich erz�rnt. Mein Gewissen ist rein, denn ich habe nichts Sch�ndliches oder B�ses getan. M�chtest du nicht nach Britannien reisen und einen Brief an meinen Gatten mitnehmen, Minutus?�</p><p>Ich war nicht gerade darauf erpicht, mit unliebsamen Nachrichten von daheim bei dem ber�hmten Feldherrn einzutreffen, denn ich begriff nur zu gut, da� ich mir auf diese Weise seine Gunst verscherzen konnte, aber die sanften Augen der alten Frau bezauberten mich, und ich dachte, da� ich gewisserma�en in ihrer Schuld stand, da sie doch meines Vaters wegen in Schwierigkeiten geraten war. Aulus Plautius konnte sie auf Grund dieser altmodischen l�ngeren Formel ohne weiteres t�ten lassen. Ich sagte daher widerwillig: �Es ist mir wohl so bestimmt. Ich bin bereit, morgen zu reisen, wenn du in deinem Brief ausdr�cklich vermerkst, da� ich mit deinem Aberglauben nichts zu schaffen habe.�</p><p>Das versprach sie mir und machte sich sogleich daran, den Brief zu schreiben. Dann fiel mir jedoch ein, da� die Reise viel zu lange dauern w�rde, wenn ich mein eigenes Pferd, Arminia, nahm, das immer wieder rasten mu�te. Paulina versprach, mir das Brustschild eines kaiserlichen Boten zu verschaffen, das mich dazu berechtigte, die Postpferde und Wagen des Kaisers zu ben�tzen wie ein reisender Senator. Paulina war ja die Gemahlin des Oberbefehlshabers in Britannien. Als Entgelt verlangte sie jedoch noch einen Dienst von mir: �Auf dem Hang des Aventins wohnt der Zeltmacher Aquila. Geh zu ihm, sobald es dunkel geworden ist, und sage ihm oder seiner Frau Prisca, da� man mich angezeigt hat. Sie wissen dann, da� sie auf der Hut sein m�ssen. Sollte dich aber irgendein Fremder ausfragen, so sagst du, ich h�tte dich geschickt, um eine Bestellung auf Zeltleinen, die Aulus Plautius aufgegeben hat, wieder r�ckg�ngig zu machen. Meine eigenen Diener wage ich nicht zu schicken, da mein Haus seit der Anzeige unter Bewachung steht.�</p><p>Ich fluchte innerlich dar�ber, da� ich auf diese Weise gezwungen war, mich an den abscheulichen R�nken der Christen zu beteiligen, aber Paulina segnete mich im Namen jenes Jesus von Nazareth und ber�hrte mit den Fingerspitzen sanft meine Stirn und meine Brust, da� ich es nicht �ber mich brachte, meinem Unwillen Ausdruck zu geben. Ich versprach also, den Auftrag auszuf�hren und am n�chsten Tag reisefertig zu ihr zur�ckzukehren, um den Brief in Empfang zu nehmen.</p><p>Als wir uns von ihr verabschiedeten, seufzte Claudia. Ich aber f�hlte mich neu belebt von meinem pl�tzlichen Entschlu� und dem Gedanken an die lange Reise, die unversehens allen meinen Sorgen und K�mmernissen ein Ende bereitete. Trotz Claudias Z�gern bestand ich darauf, da� sie mit mir ins Haus trat, so da� ich sie Tante Laelia als meine Freundin vorstellen konnte. �Nun, da mein Vater ein verachteter Christ geworden ist, brauchst du dich in unserem Haus wahrhaftig nicht mehr zu sch�men�, sagte ich. �Du bist ja vor dem Gesetz die Tochter des Kaisers und aus vornehmem Geschlecht.�</p><p>Die weltkluge Tante Laelia machte gute Miene zu meinem b�sen Spiel. Sobald sie sich von ihrer Best�rzung erholt hatte, umarmte sie Claudia, blickte ihr pr�fend ins Gesicht und sagte: �Du bist eine kr�ftige, gesunde junge Frau geworden. Ich sah dich oft, als du noch klein warst, und erinnere mich noch gut, wie Kaiser Gajus, der liebe Junge, dich immer seine Base nannte. Dein Vater hat sch�ndlich an dir gehandelt, doch wie geht es Paulina Plautia? Stimmt es, da� du auf ihrem Hof drau�en vor den Mauern mit deinen eigenen H�nden die Schafe scherst? So ist es mir berichtet worden.�</p><p>�Unterhaltet euch ein Weilchen�, schlug ich den beiden vor. �Soviel ich wei�, mangelt es Frauen nie an Gespr�chsstoff. Ich mu� mit meinem Advokaten und meinem Vater sprechen, denn morgen in aller Fr�he breche ich nach Britannien auf.�</p><p>Tante Laelia begann zu weinen und sagte jammernd, Britannien sei eine feuchte, neblige Insel, deren Klima die Gesundheit all derer, die die K�mpfe mit den wilden, mit blauen Streifen bemalten Briten heil �berstanden, f�r den Rest ihres Lebens zerst�re. Als Kaiser Claudius seinen Triumph feierte, hatte sie in der Arena Briten gesehen, die einander grausam niedermetzelten. Auf dem Marsfeld hatte man au�erdem eine ganze britische Stadt aufgebaut, gepl�ndert und zerst�rt, und sie meinte, es gebe in diesem Britannien wenig Hoffnung auf Kriegsbeute, wenn die Stadt, die man aus Anla� der Triumphfeier errichtet hatte, wirklich den St�dten der Briten entsprach.</p><p>Ich �berlie� es Claudia, sie zu tr�sten, holte mir bei meinem Advokaten Geld und ging dann in Tullias Haus, um mit meinem Vater zu sprechen. Tullia empfing mich ungn�dig und sagte: �Dein Vater hat sich wieder einmal mit seiner �blen Laune in sein Zimmer eingeschlossen und will niemanden sehen. Mit mir hat er seit Tagen nicht ein einziges Wort gesprochen, und den Dienern gibt er seine Befehle nur durch Kopfnicken und Handbewegungen. Versuch du, ihn zum Sprechen zu bringen, bevor er uns ganz verstummt.�</p><p>Ich tr�stete Tullia und sagte ihr, da� mein Vater schon daheim in Antiochia unter solchen Anf�llen tiefer Niedergeschlagenheit gelitten hatte. Als Tullia h�rte, da� ich nach Britannien reisen wollte, um in eine der dortigen Legionen einzutreten, sagte sie rasch mit lebhafter Zustimmung: �Das ist ein vern�nftiger Vorsatz. Ich hoffe, du wirst deinem Vater Ehre machen. Ich habe vergeblich versucht, ihn f�r die Staatsgesch�fte zu interessieren. In seiner Jugend hat er zwar Rechtswissenschaft studiert, aber seither hat er bestimmt alles wieder vergessen. Er ist zu tr�ge und zu bequem, um sich eine Stellung zu verschaffen, die seiner w�rdig w�re.�</p><p>Ich ging zu meinem Vater. Er sa�, den Kopf in die H�nde gest�tzt, in seinem Zimmer, trank Wein aus seinem geliebten Holzbecher und sah mich aus ger�teten Augen an. Ich schlo� die T�r hinter mir und sagte: �Ich bringe dir Gr��e von deiner Freundin Paulina Plautia, die nun um deiner heiligen K�sse willen in der Patsche sitzt und wegen gef�hrlichen Aberglaubens verurteilt worden ist. Ich mu� nach Britannien eilen, um Aulus Plautius Botschaft von ihr zu bringen, und bin zu dir gekommen, damit du mir Gl�ck w�nschst f�r den Fall, da� ich nicht zur�ckkehre. In Britannien will ich auch meinen Waffendienst leisten.�</p><p>�Ich habe nie gewollt, da� du Soldat wirst�, stammelte mein Vater, �doch vielleicht ist das immer noch besser als ein Leben hier in diesem Hurenbabel. Ich wei�, da� meine Frau Tullia Paulina aus bl�der Eifersucht ins Ungl�ck gest�rzt hat und da� ich selbst vor allen anderen verurteilt werden m��te. Ich habe mich in ihrem Taufbecken taufen lassen, und sie legten mir die H�nde aufs Haupt, aber der Geist kam darum doch nicht �ber mich. Ich werde nie wieder ein Wort mit Tullia sprechen.�</p><p>�Was will Tullia eigentlich, Vater?� fragte ich.</p><p>�Da� ich Senator werde�, antwortete mein Vater leise. �Nichts Geringeres als das hat sich dieses Ungeheuer von einem Weib in den Kopf gesetzt. Ich besitze genug L�ndereien in Italien und bin von hinl�nglich vornehmer Herkunft, um Senatsmitglied werden zu k�nnen, und Tullia hat es verstanden, sich durch eine Ausnahmebewilligung die Rechte zu verschaffen, die einer Mutter von drei Kindern zustehen, obwohl sie sich nie dazu bequemen konnte, ein Kind zu geb�ren. Als ich jung war, liebte ich sie. Sie reiste mir nach Alexandria nach und hat mir nie verzeihen k�nnen, da� ich ihr deine Mutter Myrina vorzog. Nun stachelt sie mich Tag f�r Tag, wie man einen Ochsen stachelt, schimpft mich wegen meines Mangels an Ehrgeiz aus und macht mich so zum unverbesserlichen S�ufer, wenn ich ihr nicht den Willen tue und wenigstens den Versuch unternehme, Senator zu werden. Ich habe aber kein Wolfsblut in mir, obgleich ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sagen mu�, da� schlechtere M�nner als ich in roten Stiefeln auf dem Elfenbeinschemel sitzen. Verzeih mir, mein Sohn. Du wirst verstehen, da� mir unter solchen Umst�nden nichts anderes �brigblieb, als Christ zu werden.�</p><p>Als ich das aufgedunsene Gesicht und den unruhig irrenden Blick meines Vaters sah, fa�te mich tiefes Mitleid. Ich verstand, da� er nach irgendeinem Lebensinhalt suchte, um Tullia zu ertragen. Aber mir schien, es w�re heilsamer f�r ihn gewesen, im Senat die Zeit totzuschlagen, als an den heimlichen Zusammenk�nften der Christen teilzunehmen.</p><p>Als h�tte er meine Gedanken erraten, sah mich mein Vater an, strich mit den Fingern �ber den abgen�tzten Holzbecher und sagte: �Ich darf nicht mehr zu den Liebesm�hlern gehen, denn meine Anwesenheit kann den Christen nur schaden, wie sie Paulina schon geschadet hat. Tullia hat in ihrem Zorn geschworen, daf�r zu sorgen, da� sie allesamt aus Rom verbannt werden, wenn ich mich nicht von ihnen zur�ckziehe. Und all das wegen einiger unschuldiger K�sse, die man nach dem heiligen Mahl zu tauschen pflegt! � Reise du nur nach Britannien�, fuhr er fort und reichte mir bei diesen Worten seinen geliebten Holzbecher. �Es wird Zeit, da� du das einzige an dich nimmst, was deine Mutter dir hinterlassen hat, sonst verbrennt es Tullia noch in ihrer Wut. Aus diesem Becher hat Jesus von Nazareth, der K�nig der Juden, vor bald achtzehn Jahren einmal getrunken, als er aus dem Grabe auferstanden war und mit den N�gelmalen in seinen H�nden und F��en und den Wunden von der Gei�elung auf dem R�cken durch Galil�a wanderte. Behalte ihn stets bei dir. Vielleicht ist dir deine Mutter ein wenig n�her, wenn du daraus trinkst. Ich konnte dir nicht der Vater sein, der ich gern gewesen w�re.�</p><p>Ich nahm den Becher entgegen, von dem die Freigelassenen meines Vaters in Antiochia glaubten, er sei von der Gl�cksg�ttin geheiligt worden. Er hatte meinen Vater allerdings nicht vor Tullia besch�tzt, sofern man nicht ein prunkvolles Haus, alle Bequemlichkeiten, die das Leben zu bieten hat, und am Ende vielleicht gar noch die Senatorw�rde als den gr��tm�glichen Erfolg auf Erden betrachten wollte. Ich empfand jedoch heimliche Ehrfurcht, als ich den alten Becher mit den H�nden umfa�te.</p><p>�Tu mir noch einen Gefallen�, bat mein Vater bescheiden. �Auf dem Hang des Aventins wohnt ein Zeltmacher ��</p><p>�� der Aquila hei�t�, unterbrach ich ihn sp�ttisch. �Ich habe ihm etwas von Paulina auszurichten und kann ihm ja gleichzeitig sagen, da� auch du die Christen verl��t.�</p><p>Meine Bitterkeit war jedoch schon dahingeschwunden, als mein Vater mir den Holzbecher gegeben hatte, den er so liebte. Ich umarmte ihn und pre�te das Gesicht in sein Gewand, um meine Tr�nen zu verbergen. Er dr�ckte mich fest an sich. Wir schieden voneinander, ohne uns noch einmal in die Augen zu sehen.</p><p>Tullia erwartete mich, in w�rdevoller Haltung auf dem hochlehnigen Stuhl sitzend, auf dem die Hausherrin die G�ste empf�ngt. Sie blickte mich lauernd an und sagte: �Gib in Britannien auf deinen kostbaren Sch�del acht, Minutus. Es wird deinem Vater noch zugute kommen, da� er einen Sohn hat, der dem Staat und dem Gemeinwohl dient, wenn ich sage, da� ein junger Offizier rascher bef�rdert wird, wenn er seine Vorgesetzten freigebig zu Wein und W�rfelspiel einl�dt, als wenn er sich zu gef�hrlichen Unternehmungen meldet. Geize nicht mit deinem Geld, sondern mache lieber Schulden. Dein Vater wird dir schon aushelfen. Jedenfalls wird man dich als einen in jeder Hinsicht gesunden jungen Mann betrachten.�</p><p>Auf dem Heimweg ging ich am Tempel des Castor und des Pollux vorbei, um den Kurator der Reiterei von meiner Reise nach Britannien in Kenntnis zu setzen. Daheim waren sich Tante Laelia und Claudia v�llig einig geworden. Gemeinsam w�hlten sie die besten Untergew�nder aus dicker Wolle zum Schutz gegen Britanniens rauhe Winde f�r mich aus, und auch andere Dinge hatten sie schon in solchen Mengen f�r mich hergerichtet, da� ich mindestens einen Reisewagen gebraucht h�tte, um sie alle zu bef�rdern. Ich hatte jedoch die Absicht, sogar meine R�stung, bis auf das Schwert, zur�ckzulassen, da ich es f�r das beste ansah, mich an Ort und Stelle neu auszur�sten und mich nach dem zu richten, was das fremde Land und die neuen Verh�ltnisse forderten. Barbus hatte mir erz�hlt, wie man die verw�hnten r�mischen J�nglinge auslachte, die eine Unmenge nutzloser Dinge mit ins Feld schleppten.</p><p>Sp�ter suchte ich an diesem schw�len Herbstabend, an dem ein unruhiger r�tlicher Himmel �ber der Stadt hing, den Zeltmacher Aquila auf. Er war offenbar ein recht wohlhabender Mann, denn er besa� eine gro�e Weberei. Er begr��te mich mi�trauisch an der T�r und blickte sich um, als h�tte er Angst vor Spionen. Er war in den Vierzigern und sah nicht wie ein Jude aus. Da er keinen Bart hatte und keine Quasten auf dem Mantel trug, hielt ich ihn zuerst f�r einen von Aquilas Freigelassenen. Claudia, die mit mir gekommen war, begr��te ihn wie einen alten Bekannten. Als er meinen Namen h�rte und ich ihm die Gr��e meines Vaters ausrichtete, verschwand seine Furcht. In seinen Augen sah ich jedoch den gleichen unruhigen Ausdruck, den ich bei meinem Vater bemerkt hatte. Er hatte �brigens senkrechte Falten auf der Stirn wie ein Augur oder ein Haruspex. Aquila bat uns freundlich, einzutreten, und seine Frau Prisca bot uns sofort Fr�chte und mit Wasser vermischten Wein an. Prisca war, ihrer Nase nach zu urteilen, J�din von Geburt; eine gesch�ftige, redselige Frau, die in jungen Jahren zweifellos sch�n gewesen war. Die beiden erschraken, als sie h�rten, da� Paulina ihres Aberglaubens wegen angeklagt worden war und da� mein Vater beschlossen hatte, ihre heimlichen Zusammenk�nfte zu meiden, um ihnen nicht zu schaden.</p><p>�Wir haben Feinde und Neider�, sagten sie. �Die Juden verfolgen uns. Sie jagen uns aus den Synagogen und pr�geln uns auf der Stra�e. Sogar ein m�chtiger Zauberer, Simon aus Samaria, ha�t uns bitter. Wir werden aber vom Geist besch�tzt, der die Worte in unseren Mund legt, und deshalb brauchen wir keine Macht der Welt zu f�rchten.�</p><p>�Du bist doch kein Jude�, sagte ich zu Aquila.</p><p>Er lachte. �Ich bin Jude und beschnitten, geboren in Trapezus in Pontus, an der S�dostk�ste des Schwarzen Meeres, aber meine Mutter war Griechin, und mein Vater nahm die galil�ische Taufe an, als er einst in Jerusalem Pfingsten feierte. Es gab jedoch Streit in Pontus, als einige vor den Synagogen dem Kaiser opfern wollten. Ich ging nach Rom und wohne hier auf der Armenseite des Aventins wie so viele, die nicht mehr glauben, da� die Befolgung des Gesetzes Mose sie von ihren S�nden befreien kann.�</p><p>Prisca mischte sich ein und erkl�rte uns: �Die Juden auf der anderen Seite des Flusses hassen uns am meisten, weil die Heiden, die sie anh�ren, lieber unseren Weg w�hlen, der sie leichter d�nkt. Ich wei� nicht, ob unser Weg wirklich leichter ist, aber wir besitzen die Gnade und das geheime Wissen.�</p><p>Aquila und Prisca waren angenehme Menschen, die nichts von dem �blichen Hochmut der Juden an sich hatten. Claudia gestand, da� sie und ihre Tante Paulina ihre Belehrungen angeh�rt hatten, und meinte, die beiden h�tten nichts zu verbergen. Jeder, der wolle, k�nne zu ihnen kommen und sie anh�ren, und manch einer gerate dabei in Verz�ckung und beginne mit Zungen zu reden. Nur das Liebesmahl war Au�enstehenden verwehrt, erfuhr ich, aber das verhielt sich mit den syrischen und �gyptischen Mysterien, die in Rom begangen wurden, auch nicht anders.</p><p>Sie versicherten uns, da� vor ihrem Gott alle gleich seien, Sklave oder Freier, arm oder reich, klug oder dumm, und da� sie alle Menschen als ihre Br�der und Schwestern betrachteten. Ich glaubte nicht alles, was sie sagten, da sie so erschrocken waren, als sie h�rten, da� mein Vater und Paulina Plautia sie verlassen hatten. Claudia tr�stete sie und sagte, da� Paulina gewi� nicht aus innerem Antrieb so gehandelt habe, sondern nur zum Schein, um den guten Ruf ihres Gatten zu wahren.</p><p>Am n�chsten Morgen bekam ich ein Reitpferd und ein Kurierschild, das ich auf der Brust zu tragen hatte. Paulina gab mir den Brief an Aulus Plautius, und Claudia weinte. Ich trat meine Reise an, die mich auf den Milit�rstra�en quer durch Italien und Gallien f�hrte.</p></section><section><empty-line/><p><strong>III

    </strong></p><p><strong>BRITANNIEN
  </strong></p><empty-line/><p>Ich erreichte Britannien bei Anbruch des Winters und wurde von St�rmen, Nebel und eiskalten Regenschauern empfangen. Wie jeder Besucher Britanniens wei�, wirkt dieses Land bedr�ckend. Es gibt nicht einmal St�dte von der Art, wie man sie noch im n�rdlichen Gallien findet. Wer in Britannien nicht an Lungenentz�ndung stirbt, holt sich zumindest einen Rheumatismus, den er sein Lebtag lang nicht mehr los wird, sofern ihm nicht ohnehin die Briten in einem ihrer Wei�dornhaine den Kopf abschlagen oder ihn zu einem ihrer Priester, den Druiden, schleppen, die aus den Eingeweiden von R�mern das k�nftige Schicksal ihres Stammes zu lesen pflegen. All dies erz�hlten mir Legion�re, die schon drei�ig Jahre gedient hatten.</p><p>Aulus Plautius traf ich in der Handelsniederlassung Londinium an, die an einem rei�enden Flu� liegt. Er hatte sein Hauptquartier in Londinium, weil es dort noch das eine oder andere r�mische Haus gab. Als er den Brief seiner Gattin las, wurde er nicht zornig, wie ich bef�rchtet hatte. Im Gegenteil, er begann laut zu lachen und schlug sich auf die Schenkel. Einige Wochen zuvor hatte er ein geheimes Schreiben von Kaiser Claudius erhalten, worin ihm mitgeteilt wurde, da� er sich das Recht auf einen Triumph erworben habe. Er war gerade dabei, seine Angelegenheiten in Britannien zu ordnen, um im Fr�hjahr den Oberbefehl �bergeben und nach Rom heimkehren zu k�nnen.</p><p>�Ich soll also die Familie zusammenrufen, um meine gute Frau zu verurteilen!� rief er und hatte vor Lachen Tr�nen in den Augen. �Dabei mu� ich froh sein, wenn Paulina mir nicht die letzten Haare vom Kopf rei�t, wenn sie mich nach dem Leben ausfragt, das ich hier in Britannien gef�hrt habe. Ich habe genug damit zu tun gehabt, die heiligen Haine der Druiden niederzuhauen, und mag von Glaubensdingen nichts mehr h�ren. Eine ganze Schiffsladung G�tterbilder hatte ich aus meiner eigenen Tasche bezahlt, damit diese Briten endlich ihre scheu�lichen Menschenopfer aufgeben, aber das erste, was sie tun, ist, da� sie die heiligen Tonstatuen zerschlagen und wieder zu den Waffen greifen. Nein, nein, der Aberglaube bei uns daheim ist sicherlich unschuldiger als der, den ich hier kennengelernt habe. Diese Anklage ist lediglich eine Intrige meiner lieben Senatorenkollegen, die f�rchten, ich sei vielleicht zu reich geworden, nachdem ich vier Jahre lang vier Legionen befehligt habe. Als ob sich einer in diesem Land bereichern k�nnte! Roms Geld verschwindet hier wie in einem Fa� ohne Boden. Claudius mu� einen Triumph feiern lassen, damit man in Rom glaubt, Britannien sei befriedet. Aber dieses Land kann niemand befrieden. Hier wird es immer wieder Aufruhr geben. Schl�gt man einen der K�nige in ehrlichem Kampf, tritt gleich ein anderer an seine Stelle, der weder auf Geiseln R�cksicht nimmt, noch sich an eidlich bekr�ftigte Vertr�ge h�lt. Oder es kommt ein Nachbarstamm, erobert das Land, das man soeben erst unterworfen hat, und reibt unsere ganze Garnison auf. Man darf sie nicht einmal ganz entwaffnen, weil sie die Waffen brauchen, um sich gegeneinander zu verteidigen. Glaube mir, ich w�re gern auch ohne Triumph nach Rom zur�ckgekehrt, nur um dieses von allen G�ttern verlassene Land nicht mehr sehen zu m�ssen.�</p><p>Er wurde ernst, blickte mir streng in die Augen und fragte: �Hat es sich schon in Rom herumgesprochen, da� ich einen Triumph feiern werde, oder aus was f�r einem Gr�nde sonst kommt ein junger Ritter wie du freiwillig hierher? Du hoffst nat�rlich, ohne viel Beschwer an meinem Triumph teilnehmen zu k�nnen!�</p><p>Ich antwortete tief gekr�nkt, da� ich von diesem Triumph nichts geahnt hatte, ja, da� man in Rom vielmehr zu der Ansicht neigte, Claudius w�rde aus Eifersucht niemals einen Triumph f�r Kriegstaten in Britannien genehmigen, da er doch selbst nach der sogenannten Unterwerfung Britanniens schon einen Triumph gefeiert hatte. �Ich bin gekommen, um unter einem ber�hmten Feldherrn die Kriegskunst zu erlernen�, sagte ich. �Der Reiterspiele in Rom bin ich nun m�de.�</p><p>�Hier gibt es keine seidenblanken Pferde und silbernen Schilde�, erwiderte Aulus barsch. �Und keine warmen Betten und geschickten Masseure. Hier gibt es nur das Kriegsgeschrei blau angestrichener Barbaren in den W�ldern, t�gliche Furcht vor Hinterhalten, ewigen Schnupfen, unheilbaren Husten und st�ndiges Heimweh.�</p><p>Da� er kaum �bertrieb, das sollte ich in den n�chsten zwei Jahren, die ich in Britannien verbrachte, noch erfahren. Aulus Plautius behielt mich einige Tage in seinem Stab, um sich meine Abstammung best�tigen zu lassen, den neuesten Klatsch aus Rom zu h�ren und mir an einem Relief die Beschaffenheit Britanniens und die Standorte seiner Legionen zu erkl�ren. Er schenkte mir sogar einen ledernen Brustharnisch, ein Pferd und Waffen und gab mir freundliche Ratschl�ge: �Pa� gut auf dein Pferd auf, sonst stehlen es dir die Briten. Sie k�mpfen selbst mit Streitwagen, weil ihre kleinen Pferde nicht zum Reiten taugen. Roms Politik und Kriegf�hrung st�tzen sich auf die Bundesgenossen unter den britischen St�mmen. Daher verf�gen auch wir �ber einige Einheiten, die mit Streitwagen ausger�stet sind. Trau aber nie einem Briten! Wende nie einem Briten den R�cken zu! Sie versuchen mit allen Mitteln, unserer gro�en, kr�ftigen Pferde habhaft zu werden, um selbst eine Reiterei aufzustellen. Claudius verdankt seine Siege in Britannien seinen Elefanten, die kein Brite je zuvor gesehen hatte. Die Elefanten stampften die Verschanzungen nieder und machten die Zugpferde der Streitwagen scheu. Bald lernten aber die Briten, mit ihren Wurfspeeren auf die Augen der Elefanten zu zielen und sie mit Fackeln zu brennen. Au�erdem vertragen die Dickh�uter das Klima nicht. Der letzte ging uns vor einem Jahr an Schwindsucht ein.</p><p>Ich werde dich der Legion des Flavius Vespasian zuteilen. Er ist mein erfahrenster Krieger und mein zuverl�ssigster Legat, ein bi�chen schwerf�llig, aber ruhig und besonnen. Seine Herkunft ist sehr bescheiden, und seine Sitten sind derb und volkst�mlich, ansonsten ist er ein Ehrenmann. Mehr als Unterfeldherr wird er wohl nie werden, aber die Kriegskunst kannst du unter ihm erlernen, wenn du wirklich deshalb hierhergekommen bist.�</p><p>Ich traf Flavius Vespasian am Ufer der Hochwasser f�hrenden Antona, wo er seine Legion auf einen gr��eren Raum aufgeteilt hatte und Schanzen bauen lie�. Er war ein Mann von �ber vierzig Jahren, kr�ftig gebaut, mit einer breiten Stirn und einem gutm�tigen Zug um den Mund. Vor allem aber wirkte er viel bedeutender, als ich nach der �berheblichen Schilderung des Aulus Plautius vermutet hatte. Er lachte gern laut und konnte �ber seine eigenen Mi�geschicke scherzen, die oft von der Art waren, da� sie einen schw�cheren Mann zur Verzweiflung getrieben h�tten. Seine blo�e Gegenwart gab einem ein Gef�hl der Sicherheit. Er sah mich pfiffig an und rief: �Wendet sich endlich unser Geschick, da nun ein junger Ritter aus Rom freiwillig zu uns kommt und sein Gl�ck in Britanniens S�mpfen und dunklen W�ldern sucht? Nein, nein, das kann nicht sein. Gesteh nur gleich, was du ausgefressen hast und weshalb du unter meinem Legionsadler Schutz suchst, dann werden wir uns von Anfang an besser verstehen.�</p><p>Als er sich genau nach meiner Familie und meinen Beziehungen in Rom erkundigt hatte, dachte er eine Weile nach und meinte dann offenherzig, da� ihm meine Anwesenheit weder zum Vorteil noch zum Nachteil gereiche. Gutm�tig, wie er von Natur aus war, beschlo� er, mich langsam, Schritt f�r Schritt, an den Schmutz, die Rauheit und die M�hen des Soldatenlebens zu gew�hnen. Er nahm mich zun�chst auf seine Inspektionsreisen mit, damit ich das Land kennenlernte, und diktierte mir seine Berichte an Aulus Plautius, da er selbst zum Schreiben zu faul war. Als er sich vergewissert hatte, da� ich wirklich reiten konnte und auch nicht �ber mein Schwert stolperte, �bergab er mich einem der Baumeister der Legion, damit ich lernte, wie man Holzbefestigungen baut.</p><p>Unsere weit abgelegene Garnison bestand aus nicht einmal einer ganzen Manipel. Ein Teil von uns ging auf die Jagd und sorgte f�r die Verk�stigung, ein anderer f�llte B�ume und ein dritter baute Schanzen. Bevor Vespasian wieder davonritt, ermahnte er mich, darauf zu achten, da� die M�nner ihre Waffen sorglich pflegten und da� die Wachtposten ordentlich aufpa�ten und nicht faulenzten, denn, so sagte er, Faulheit im Waffendienst ist die Mutter aller Laster und untergr�bt die Zucht.</p><p>Nach ein paar Tagen war ich es m�de, im Lager umherzuwandern und mir die unversch�mten Witzeleien der alten Legion�re anzuh�ren. Ich nahm eine Axt und begann B�ume zu f�llen. Beim Einrammen der Pf�hle griff ich mit ins Zugseil der Ramme und stimmte in den Gesang der anderen ein. Die beiden Zenturionen und den Baumeister lud ich abends zum Wein, den man zu unversch�mten Preisen vom H�ndler des Lagers kaufen konnte, aber oft gesellte ich mich auch zu den narbenbedeckten unteren Dienstgraden am Lagerfeuer und teilte mit ihnen Gr�tze und P�kelfleisch. Ich wurde kr�ftiger, h�rter und rauher, ich lernte fluchen und machte mir nichts mehr daraus, wenn man mich fragte, wann ich eigentlich von der Mutterbrust entw�hnt worden sei.</p><p>Zu unserer Garnison geh�rten zwanzig gallische Reiter. Als deren F�hrer merkte, da� ich es nicht darauf anlegte, ihm das Kommando abzunehmen, sagte er, es sei an der Zeit, da� ich meinen ersten Briten erschl�ge, und nahm mich auf einen Beutezug mit. Wir setzten �ber den Flu� und ritten auf einer langen Stra�e zu einer Stadt, deren Bewohner dar�ber geklagt hatten, da� ein Nachbarstamm sie bedrohe. Sie hatten ihre Waffen versteckt, aber die Veteranen, die uns zu Fu� nachfolgten, wu�ten sie in den Erdb�den der runden H�tten und den Abfallhaufen davor zu finden. Nachdem sie die Waffen ausgegraben hatten, pl�nderten sie die Stadt und nahmen alles Getreide und einen Teil des Viehs an sich. Die M�nner, die ihre Habe zu verteidigen versuchten, machten sie erbarmungslos nieder, da die Briten, wie sie mir versicherten, nicht einmal zu Sklaven taugten. Die Frauen, die sich nicht in den W�ldern versteckt hatten, vergewaltigten sie freundlich grinsend und mit der Selbstverst�ndlichkeit, mit der man Gewohntes tut.</p><p>Diese wahnwitzige, zwecklose Zerst�rung erschreckte mich, aber der F�hrer der Reiterabteilung lachte nur und bat mich, ruhig Blut zu bewahren und die Waffen bereitzuhalten. Die Bitte der Stadt um Schutz sei nur eine der �blichen Fallen gewesen, sagte er, das bewiesen ja die Waffen, die wir gefunden hatten. Tats�chlich setzten beim Morgengrauen die blaubemalten Briten von allen Seiten her laut br�llend zum Angriff auf die Stadt an.</p><p>Sie hatten gehofft, uns zu �berrumpeln, aber wir waren auf der Hut gewesen und hielten den leicht bewaffneten Barbaren, die nicht die starken Schilde unserer Legion�re hatten, ohne weiteres stand. Die Veteranen, die tags zuvor die Stadt verw�stet hatten und denen ich die Bluttaten, die ich mit eigenen Augen angesehen hatte, nie verzeihen wollte, nahmen mich f�rsorglich in ihre Mitte und sch�tzten mich. Als die Briten flohen, lie�en sie einen Krieger zur�ck, der am Knie verwundet war. Er schrie wild, st�tzte sich auf seinen Lederschild und schwang sein Schwert. Die Veteranen stie�en mich nach vorn und riefen lachend: �Da hast du einen! Nun t�te deinen Briten, kleiner Freund!�</p><p>Es war mir ein leichtes, mich gut zu decken und den Verwundeten trotz seiner K�rperkraft und seinem Schwert zusammenzuschlagen. Als ich ihm aber zuletzt mein langes Reiterschwert in die Kehle gesto�en hatte und er r�chelnd und aus vielen Wunden blutend auf dem Boden lag, mu�te ich mich abwenden und mich erbrechen. Voll Scham �ber meine Schw�che sprang ich rasch in den Sattel und schlo� mich den Galliern an, die den fliehenden Feind in den Wald hinein verfolgten, bis das Horn sie zur�ckrief. Wir verlie�en die Stadt und bereiteten uns auf einen zweiten Angriff vor, denn unser Zenturio war �berzeugt, da� die Briten sich noch nicht geschlagen gaben. Wir hatten einen beschwerlichen Weg vor uns, denn wir mu�ten das Vieh treiben und das Korn in Weidenk�rben schleppen. Die Briten unternahmen mehrere �berraschungsangriffe, und ich f�hlte mich ein wenig besser, als ich mich selbst meiner Haut erwehren mu�te und sogar versuchen konnte, andere vom Pferd aus zu sch�tzen, aber eine ehrenhafte Kriegf�hrung schien mir das dennoch nicht zu sein.</p><p>Als wir endlich im Schutz unserer Befestigungen den Flu� �berquert hatten, stellten wir fest, da� wir zwei Mann und ein Pferd verloren hatten und da� viele verwundet worden waren. Todm�de ging ich in meine H�tte, um zu schlafen, aber immer wieder schrak ich auf und glaubte aus den W�ldern das Kriegsgeheul der Briten zu h�ren.</p><p>Am n�chsten Tag mochte ich nichts von der Beute annehmen, aber der F�hrer der Reiterabteilung r�hmte mich laut und rief, ich h�tte mich vortrefflich geschlagen, gewaltig mit dem Schwert um mich gehauen und vor Angst fast ebenso laut gebr�llt wie die Briten. Daher h�tte ich dasselbe Recht auf Beute wie die anderen. Da stie�en die Veteranen ein halbw�chsiges Britenm�dchen mit gefesselten H�nden vor mich hin und sagten: �Hier hast du deinen Anteil an der Beute, damit du dich nicht langweilst und uns wieder verl��t, du tapferes Ritterkn�blein.�</p><p>Ich rief entsetzt, ich d�chte nicht daran, mich mit einer Sklavin abzuplagen, aber die Veteranen grinsten nur und versicherten mir mit unschuldsvollen Mienen: �Wenn einer von uns sie nimmt, steckt sie ihm blo� einen Dolch in die Gurgel, sobald sie die H�nde frei hat. Du aber bist ein vornehmer J�ngling mit feinen Manieren und kannst sogar Griechisch. Du gef�llst ihr bestimmt besser.�</p><p>Sie versprechen mir bereitwillig, mir mit gutem Rat zu helfen und mir zu zeigen, wie man sich so eine Sklavin zieht. Zu allererst einmal m�sse ich sie jeden Morgen und jeden Abend pr�geln, um ihr die Mucken auszutreiben, sagten sie und gaben mir noch andere Ratschl�ge, die ich aber nicht auf sauberem Papier niederschreiben mag. Als ich mich immer noch weigerte, spielten sie die Betr�bten, sch�ttelten traurig die K�pfe und sagten: �Dann bleibt uns nichts anderes �brig, als sie f�r ein paar Denare an den H�ndler zu verschachern. Wie es ihr dort ergeht, kannst du dir selber ausmalen.�</p><p>Ich h�tte es mir nie verzeihen k�nnen, wenn dieses verschreckte Kind mit Peitschenhieben zur Lagerhure gemacht worden w�re. Widerwillig erkl�rte ich mich daher bereit, die Britin als meinen Anteil an der Beute anzunehmen. Ich geleitete die Veteranen aus meiner H�tte, setzte mich ihr gegen�ber nieder und starrte sie an. Ihr kindliches Gesicht war voll blauer Flecke, und ihr rotleuchtendes Haar hing ihr in wirren Str�hnen in die Stirn. Sie erinnerte mich an eines der kleinen britischen Fohlen, wie sie da unter den Haaren hervor nach mir schielte.</p><p>Ich begann zu lachen, zerschnitt mit meinem Messer ihre Fesseln und forderte sie durch Gesten auf, sich das Gesicht zu waschen und das Haar zu k�mmen. Sie rieb sich die geschwollenen Handgelenke und starrte mich argw�hnisch an. Zuletzt holte ich den Baumeister, der ein wenig von der Sprache der Briten verstand, und bat ihn, mir zu helfen. Er lachte �ber meine Verlegenheit und stellte fest, da� das M�dchen wenigstens gesund war und gerade Glieder hatte. Als sie ihre eigene Sprache h�rte, schien sie Mut zu fassen. Die beiden schwatzten eine Weile lebhaft miteinander, dann erkl�rte mir der Baumeister: �Sie will sich weder waschen noch k�mmen, weil sie deinen Absichten mi�traut. Wenn du sie anr�hrst, bringt sie dich um, das schw�rt sie bei der Haseng�ttin.�</p><p>Ich versicherte, der Gedanke, das M�dchen anzur�hren, l�ge mir fern, und der Baumeister meinte, es w�re das Vern�nftigste, ihr Wein zu trinken zu geben. �Sie wird schnell betrunken sein, denn die unzivilisierten Briten sind den Wein nicht gewohnt, und dann kannst du mit ihr machen, was du willst. Pa� nur auf, da� du selbst dich nicht betrinkst, denn sie ist imstande und schneidet dir die Kehle durch, wenn sie wieder n�chtern wird. So ist es einem unserer Gerber ergangen, der unvorsichtig genug war, sich in Gesellschaft einer ungez�hmten Britin einen Rausch anzutrinken.�</p><p>Ich wiederholte ungeduldig, da� ich nicht die Absicht hatte, dem M�dchen etwas anzutun, aber der Baumeister meinte, ich sollte sie lieber fesseln, sonst w�rde sie bei der ersten besten Gelegenheit zu den Ihren fliehen. �Ich w�nsche mir nichts Besseres�, sagte ich. �Erkl�re ihr, da� ich sie heute nacht an den Posten vorbeibringe und laufenlasse.�</p><p>Der Baumeister sch�ttelte den Kopf und gestand mir, er habe mich schon f�r verr�ckt gehalten, als er sah, wie ich freiwillig mit den Legion�ren schuftete, aber da� es so schlecht mit mir stehe, h�tte er sich nicht gedacht. Er sprach wieder eine Weile mit dem M�dchen, dann sagte er: �Sie traut dir nicht. Sie glaubt, du willst sie nur in den Wald f�hren, um sie dir dort gef�gig zu machen, und selbst wenn sie dir aus den H�nden schl�pfte wie eine H�sin, sagt sie, w�rden Briten von anderen St�mmen sie einfangen und als Geisel festhalten, da sie nicht aus dieser Gegend stammt. Sie hei�t �brigens Lugunda.�</p><p>Auf einmal bekam der Baumeister so seltsame Augen. Er schleckte sich �ber die Lippen, w�hrend er das M�dchen musterte, und schlug mir vor: �H�r einmal, ich gebe dir zwei Silbersl�cke f�r sie, da bist du sie los.�</p><p>Das M�dchen sah seinen Blick, st�rzte auf mich zu und packte mich fest am Arm, als w�re ich ihr einziger Schutz auf dieser Welt. Gleichzeitig stie� sie ein paar S�tze in ihrer zischenden Sprache hervor. Der Baumeister lachte laut auf und �bersetzte mir, was sie sagte: �Sie behauptet, wenn du ihr unziemlich nahe trittst, wirst du als ein Frosch wiedergeboren werden. Zuvor aber werden ihre Stammesgenossen dir den Bauch aufschlitzen, deine Ged�rme auf den Boden herauszerren und dir einen gl�henden Spie� durch den Mastdarm in den Leib bohren. Wenn du gescheit bist, trittst du das M�dchen zu einem angemessenen Preis an einen erfahreneren Mann ab.�</p><p>Einen Augenblick hatte ich gute Lust, sie dem Baumeister zu schenken, aber dann versicherte ich ihm nur noch einmal geduldig, da� ich Lugunda nichts tun, sondern sie wie ein britisches Fohlen pflegen wolle. Diesen k�mmt man ja auch die Stirnfransen, und in kalten N�chten legt man ihnen eine Decke �ber. Ich wollte es den alten Legion�ren gleichtun, die sich die Langeweile mit allerlei Tieren vertrieben, die sie verh�tschelten, und das M�dchen war immer noch besser als ein Hund, denn sie konnte mir die Sprache der Briten beibringen.</p><p>All das sagte ich dem Baumeister, und ich wei� nicht, wie er dem M�dchen meine Worte verdolmetschte oder ob seine Sprachkenntnis �berhaupt ausreichte, um wiederzugeben, was ich meinte. Ich habe den Verdacht, da� er Lugunda erkl�rte, ich wolle sie ebensowenig anr�hren, wie ich daran d�chte, mit einer Stute oder einer H�ndin Unzucht zu treiben. Jedenfalls lie� sie meinen Arm los, st�rzte an den Holzzuber und begann sich hastig das Gesicht zu waschen, so als wollte sie mir beweisen, da� sie weder eine Stute noch eine H�ndin war.</p><p>Ich bat den Baumeister zu gehen, und gab Lugunda ein St�ck Seife. Dergleichen hatte sie noch nie gesehen, und ich selbst hatte die Seife, um die Wahrheit zu sagen, auch erst auf dem Weg nach Britannien kennengelernt, als ich in der gallischen Stadt Lutetia das elende Badehaus aufsuchte. Es war am Todestag meiner Mutter, also an meinem Geburtstag gewesen, und ich war in Lutetia siebzehn Jahre alt geworden, ohne da� jemand mir Gl�ck w�nschte.</p><p>Der magere Badesklave wusch mich mit etwas, was meine Verwunderung erregte, denn es war weich und mild und reinigte vorz�glich. Um wieviel angenehmer war das, als sich die Haut mit Bimsstein zu scheuern! Ich kaufte den Sklaven samt seinen Seifen um drei Goldst�cke. Am Morgen, bevor ich Lutetia verlie�, gab ich ihn vor den Beh�rden der Stadt frei, bezahlte die Freilassungssteuer f�r ihn und erlaubte ihm, den Namen Minutius zu f�hren. Ein paar St�ck Seife, die er mir zum Dank geschenkt hatte, hielt ich vor den Legion�ren versteckt, nachdem ich bemerkt hatte, da� sie dieses �neumodische Zeug� verachteten.</p><p>Als ich nun Lugunda zeigte, wie sie die Seife gebrauchen mu�te, fa�te sie Zutrauen und wusch und k�mmte sich. Ich rieb ihr die geschwollenen Handgelenke mit einer guten Salbe ein, und als ich sah, wie �bel ihr Gewand von den Dornen zerrissen war, ging ich zum H�ndler und kaufte ihr ein Untergewand und einen Mantel aus Wolle. Danach folgte sie mir treu wie ein H�ndchen, wohin ich ging.</p><p>Bald mu�te ich jedoch einsehen, da� es f�r mich leichter war, Lugunda Latein zu lehren, als selbst die fauchende Sprache der Barbaren zu erlernen. An den langen dunklen Abenden, wenn wir vor dem Feuer sa�en, versuchte ich sogar, ihr das Lesen beizubringen. Ich ritzte Buchstaben in den Sand und forderte sie auf, sie nachzuzeichnen. Die einzigen B�cher, die es in der Garnison gab, waren das Jahrbuch der Zenturionen und ein �gyptisch-chald�isches Traumbuch, das dem H�ndler geh�rte. Ich hatte es daher schon seit langem bereut, da� ich mir nichts zu lesen mitgebracht hatte, aber nun ersetzten mir die Unterrichtsstunden mit Lugunda das Vergn�gen der Lekt�re.</p><p>�ber die vielen unanst�ndigen Scherze, die ich von den Legion�ren wegen des M�dchens in meiner H�tte zu h�ren bekam, lachte ich nur, denn ich wu�te, da� sie nicht b�s gemeint waren. Die M�nner fragten sich, was f�r Zauberk�nste ich angewandt haben mochte, um das wilde M�dchen so rasch zu z�hmen. Nat�rlich glaubten sie, ich schliefe bei ihr, und ich lie� sie in dem Glauben, obwohl ich Lugunda trotz ihrer dreizehn Jahre nicht anr�hrte.</p><p>W�hrend ein eiskalter Regen niederging und die schon bei g�nstiger Witterung schlechten Wege sich in bodenlosen Morast und T�mpel verwandelten, auf denen jeden Morgen eine krachende Eisdecke lag, wurde das Leben in der Garnison immer ruhiger und eint�niger. Einige junge Gallier, die sich hatten anwerben lassen, um nach drei�ig Dienstjahren das r�mische B�rgerrecht zu erhalten, machten es sich zur Gewohnheit, still in meiner Holzh�tte zu erscheinen, wenn ich Lugunda unterrichtete. Sie h�rten mit offenen M�ndern zu und sprachen laut die lateinischen W�rter nach, und ehe ich noch wu�te, wie mir geschah, unterwies ich auch sie in der lateinischen Sprache und den Anfangsgr�nden der Schreibkunst. Wer in der Legion aufr�cken will, mu� zumindest ein wenig lesen und schreiben k�nnen, denn ohne Wachstafeln l��t sich nun einmal kein Krieg f�hren.</p><p>Eines Tages, als ich gerade vor meiner torfgedeckten H�tte Unterricht hielt, stand unversehens Vespasian hinter uns, der zur Inspektion gekommen war. Seiner Gewohnheit treu, hatte er sich nicht angemeldet und auch den Wachtposten verboten, Alarm zu blasen, da er ohne Aufsehen im Lager umhergehen und das allt�gliche Treiben beobachten wollte. Er war der Ansicht, da� man auf diese Weise ein besseres Bild von dem Geist bekam, der in der Legion herrschte, als durch eine im voraus festgesetzte Musterung. Ich las gerade laut und deutlich aus dem schon arg zerfetzten Traumbuch vor, was es bedeutet, wenn man von Flu�pferden tr�umt, und zeigte mit dem Finger auf jedes einzelne Wort, das ich aussprach, w�hrend Lugunda und die jungen Gallier dicht aneinandergedr�ngt und Kopf an Kopf in die Buchrolle starrten und die lateinischen W�rter wiederholten. Vespasian begann zu lachen, da� ihm die Tr�nen kamen. Er hockte sich nieder und schlug sich auf die Schenkel. Wir fielen beinahe vor Schreck in Ohnmacht, als er so pl�tzlich hinter uns auftauchte, sprangen auf und nahmen Haltung an, und Lugunda versteckte sich hinter meinem R�cken. An Vespasians Lachen merkte ich jedoch, da� er nicht ernstlich erz�rnt war.</p><p>Als er sich endlich wieder gefa�t hatte, musterte er uns streng mit gerunzelten Brauen. Er erkannte gewi� an der guten Haltung und den sauber gewaschenen Gesichtern, da� meine jungen Gallier tadellose Soldaten waren, und sagte schlie�lich, es gefalle ihm, da� sie in ihrer kurzen Freizeit die lateinische Sprache und die Lesekunst erlernten, anstatt sich mit Wein vollaufen zu lassen. Ja, er setzte sich sogar zu uns und erz�hlte, er habe zu Kaiser Gajus� Zeiten im Amphitheater in Rom mit eigenen Augen solch ein Flu�pferd gesehen, und das sei ein ganz gewaltiges Tier gewesen. Die Gallier glaubten freilich, er flunkere uns etwas vor, und lachten scheu, aber Vespasian nahm es ihnen nicht �bel, sondern befahl ihnen nur, ihre Sachen f�r die Musterung in Ordnung zu bringen.</p><p>Ich bat ihn ehrerbietig, in meine H�tte zu treten, und fragte, ob ich es wagen d�rfe, ihm Wein anzubieten. Er antwortete mir, da� er sich gern eine Weile bei mir ausruhen wolle. Die Garnison habe er nun ja besichtigt und die M�nner �berall bei der Arbeit angetroffen. Ich holte meinen Holzbecher hervor, der mir von meinen Trinkgef��en das beste zu sein schien. Vespasian drehte ihn verwundert in der Hand hin und her und sagte: �Du hast doch das Recht, den Goldring zu tragen?�</p><p>Ich erwiderte, da� ich zwar einen silbernen Becher bes��e, den h�lzernen aber h�her achtete, weil ich ihn von meiner Mutter geerbt hatte. Vespasian nickte zustimmend und sagte: �Es ist recht, da� du das Andenken deiner Mutter ehrst. Ich selbst habe von meiner Gro�mutter einen buckligen Silberbecher geerbt und trinke aus ihm an allen Festtagen, ohne mich um die Mienen der Leute zu scheren.� Er trank gierig von meinem Wein, und ich schenkte ihm freigebig nach, obwohl ich mich schon so sehr an das �rmliche Soldatenleben gew�hnt hatte, da� ich mir unwillk�rlich im stillen ausrechnete, wieviel er sich ersparte, indem er meinen Wein trank. Nicht aus Geiz dachte ich daran, sondern weil ich gelernt hatte, da� ein Legion�r es fertigbringen mu�, mit zehn Kupferm�nzen oder, anders gesagt, zweieinhalb Sesterze im Tag sich zu verk�stigen, seine Kleidung instand zu halten und noch einen Beitrag f�r die Legionskasse zu er�brigen, damit er im Falle von Krankheit oder Verwundung eine kleine R�cklage hatte.</p><p>Vespasian sch�ttelte langsam seinen breiten Kopf und sagte: �Bald kommt der Fr�hling und zerstreut Britanniens Nebel. Das kann eine schwere Zeit f�r uns werden. Aulus Plautius macht sich bereit, nach Rom zu reisen, um seinen Triumph zu feiern, und er nimmt die verdientesten, mithin die erfahrensten Truppen mit. Kluge Veteranen ziehen allerdings die Geldabl�sung vor und ersparen sich den m�hseligen Marsch nach Rom, den ein paar Tage Festesrausch und Trunkenheit nicht aufwiegen. Von den Unterfeldherren w�re ich derjenige, der am ehesten das Recht h�tte, ihn zu begleiten, da ich mir durch die Eroberung der Insel Vectis die h�chsten Verdienste erworben habe, aber einer mu� ja in Britannien nach dem Rechten sehen, bis der Kaiser einen Nachfolger f�r Aulus Plautius ernannt hat. Aulus hat mir versprochen und geschworen, mir mindestens ein Triumphzeichen zu verschaffen, wenn ich mich bereit erkl�re, hierzubleiben.�</p><p>Er rieb sich nachdenklich die Stirn und fuhr fort: �Wenn es nach mir geht, haben nun die Beutez�ge ein Ende, und wir betreiben eine Politik des Friedens. Das bedeutet aber, da� wir von den Unterworfenen und den Bundesgenossen um so h�here Steuern f�r den Unterhalt der Legionen einheben m�ssen, was wiederum zu neuem Aufruhr f�hrt. Allerdings wird es diesmal eine Weile dauern, denn Aulus Plautius nimmt nat�rlich K�nige, Heerf�hrer und andere vornehme Gefangene als Kriegsbeute nach Rom mit. Dort werden sie sich an die Bequemlichkeiten eines zivilisierten Lebens gew�hnen, und ihre Kinder wird man in der Schule des Palatiums erziehen, aber was hilft�s! Ihre St�mme werden sich einfach von ihnen lossagen. Wir bekommen nur eine Atempause, w�hrend die Familien, die hier um die Macht k�mpfen, ihre Zwistigkeiten austragen. Wenn die Briten aber rasch genug handeln, bricht schon in der k�rzesten Nacht der Aufstand los, denn das ist ihr gr��tes Fest. Sie opfern in dieser Nacht in bestem Einvernehmen ihre Gefangenen auf einen Steinaltar, der ihr gemeinsames Heiligtum ist. An sich ist das verwunderlich, denn ihre h�chste Verehrung gilt sonst unterirdischen G�ttern und der G�ttin der Dunkelheit mit dem Eulengesicht. Die Eule ist ja �brigens auch der Vogel der Minerva.�</p><p>Er dachte eine Weile �ber diese heiligen Dinge nach und sagte dann: �Genaugenommen wissen wir viel zuwenig �ber Britannien und seine verschiedenen St�mme, Sprachen, Sitten und G�tter. Gut kennen wir nur die Stra�en, die Fl�sse und Furten, die Berge und P�sse, die W�lder, Weiden und Viehtr�nken, denn dar�ber verschafft sich ein guter Feldherr als erstes Auskunft. Es gibt ja Kaufleute, die unbehelligt zwischen einander feindlich gesinnten St�mmen hin und her reisen, w�hrend andere ausgepl�ndert werden, sobald sie den n�heren Bereich der Legion verlassen. Auch gibt es zivilisierte Briten, die Gallien bereist haben und sogar in Rom waren und ein wenig Latein radebrechen, aber diese M�nner verstanden wir nicht so zu behandeln, wie es ihr Rang erfordert h�tte. In einer Zeit wie dieser k�nnte es Rom mehr als die Unterwerfung eines ganzen Volkes n�tzen, wenn einer daranginge, das Wissenswerteste �ber die Briten, ihre Br�uche und ihre G�tter zu sammeln und ein zuverl�ssiges Buch �ber Britannien zu schreiben. Der Gott Julius Caesar wu�te nicht viel �ber dieses Land, sondern verlie� sich auf allerlei haltloses Geschw�tz. Er nahm es ja selbst mit der Wahrheit nicht so genau, als er, um sich herauszustellen, sein Buch �ber den Gallischen Krieg schrieb, in dem er seine Siege vergr��erte und seine Fehler verschwieg.�</p><p>Vespasian trank wieder aus meinen Holzbecher und fuhr fort, indem er sich immer mehr ereiferte: �Nat�rlich m�ssen sich die Briten r�mische Sitten und r�mische Bildung aneignen, aber ich frage mich, ob wir sie nicht leichter zivilisieren k�nnten, wenn wir ihre eigenen Sitten und vor allem ihre Vorurteile besser verst�nden, denn damit, da� wir sie totschlagen, ist niemandem geholfen. Gerade jetzt w�re es der rechte Augenblick, etwas dergleichen zu versuchen, denn wir brauchen Frieden, w�hrend unsere besten Truppen aus Britannien abgezogen sind und wir auf einen neuen, unerfahrenen Oberbefehlshaber warten. Aber du hast ja auch schon einen Briten erschlagen und wirst an Aulus Plautius� Triumph teilnehmen wollen. Deine Herkunft und deine rote Borte berechtigen dich jedenfalls dazu, und ich lege gern ein Wort f�r dich ein, wenn du willst. Da wei� ich dann wenigstens, da� ich einen wirklichen Freund in Rom habe.�</p><p>Der Wein stimmte ihn wehm�tig. �Zwar habe ich ja meinen Sohn Titus, der als Spielkamerad des gleichaltrigen Britannicus im Palatium aufw�chst und die gleiche Erziehung wie dieser erh�lt. Er wird es einmal besser haben als ich. Vielleicht wird er Britannien endlich den Frieden geben.�</p><p>�Dann habe ich deinen Sohn bestimmt bei den Reiter�bungen vor der Jahrhundertfeier in Gesellschaft des Britannicus gesehen�, warf ich ein. Vespasian sagte, er selbst habe seinen Sohn seit vier Jahren nicht mehr gesehen und werde ihn so bald auch nicht zu sehen bekommen. Seinen zweiten Sohn, Domitian, hatte er noch nicht einmal auf seine Knie gesetzt, denn der Kleine war eine Frucht des Triumphes des Claudius, und Vespasian hatte gleich nach Beendigung der Feiern wieder nach Britannien zur�ckkehren m�ssen.</p><p>�Viel war der ganze Triumph nicht wert�, sagte er bitter. �Eine wahnwitzige Verschwendung zum Gaudium des P�bels. Ich will nicht abstreiten, da� ich selbst gern einmal mit dem Lorbeerkranz auf dem Haupt die Stufen zum Kapitol hinaufgekrochen w�re. Wer tr�umt nicht davon, wenn er jahrelang eine Legion gef�hrt hat! Aber saufen kann man auch in Britannien, und billiger obendrein!�</p><p>Ich sagte, ich w�rde gern unter seinem Befehl in Britannien bleiben, wenn er glaubte, mich brauchen zu k�nnen, denn ich h�tte kein Verlangen danach, ohne wirkliches Verdienst an einem Triumph teilzunehmen. Vespasian betrachtete dies als einen gro�en Vertrauensbeweis und war sichtlich ger�hrt. �Je l�nger ich aus deinem Holzbecher trinke, desto besser gef�llst du mir�, sagte er mit Tr�nen in den Augen. �Mein Sohn Titus soll so werden wie du, das w�nsche ich mir. Ich will dir ein Geheimnis verraten.�</p><p>Er gestand mir, da� er einen Opferpriester der Briten gefangengenommen hatte, den er vor Aulus Plautius verbarg, denn dieser sammelte nun Gefangene f�r den Triumph und die K�mpfe im Amphitheater. Um dem Volk etwas Besonderes zu bieten, h�tte er gern einen echten Priester gehabt, der bei einer Vorstellung einige Gefangene opfern sollte. �Aber ein wirklicher Druide w�rde sich nie dazu hergeben�, sagte Vespasian. �Es ist viel einfacher f�r Aulus, irgendeinen Briten als Priester zu verkleiden. Die R�mer merken den Unterschied nicht. Sobald Aulus abgereist ist, will ich den Priester freigeben und zum Zeichen meiner guten Absichten zu seinem Stamm zur�ckschicken. Wenn du Mut hast, Minutus, kannst du ihn begleiten und dich mit den Sitten der Briten vertraut machen. Dank seiner Hilfe k�nntest du mit vornehmen J�nglingen Freundschaftsbande kn�pfen. Er w�rde dein Leben besch�tzen, denn ich habe den heimlichen Verdacht, da� unsere erfolgreichen Kaufleute sich um schweres Geld freies Geleit von den Druiden erkauft haben, auch wenn sie es nicht zugeben wollen.�</p><p>Ich hatte wenig Lust, mich mit fremden und abschreckenden Religionen einzulassen, und fragte mich im stillen, was f�r ein Fluch mich verfolgte, da ich schon in Rom gezwungen gewesen war, mit dem Aberglauben der Christen Bekanntschaft zu schlie�en. Vertrauen f�r Vertrauen, dachte ich und berichtete Vespasian, wie ich eigentlich ausgerechnet nach Britannien gekommen war. Die Vorstellung, da� die Gattin eines Triumphators von diesem wegen sch�ndlichen Aberglaubens abgeurteilt werden sollte, belustigte ihn �ber alle Ma�en. Um mir aber zu zeigen, da� er sehr wohl wu�te, was in Rom geklatscht wurde, erz�hlte er mir: �Ich kenne Paulina Plautia pers�nlich. Soviel ich wei�, verlor sie den Verstand, nachdem sie einem jungen Philosophen � ich glaube, er hie� Seneca � Gelegenheit gegeben hatte, Julia, die Schwester des Kaisers Gajus, heimlich in ihrem Haus zu treffen. Die beiden wurden deshalb aus Rom verbannt, und Julia starb schlie�lich. Paulina Plautia nahm sich die Anklage wegen Kuppelei so zu Herzen, da� sie verr�ckt wurde. Sie legte Trauerkleider an und zog sich in die Einsamkeit zur�ck. Eine solche Frau kommt nat�rlich auf wunderliche Gedanken.�</p><p>Lugunda war w�hrend dieses Gespr�chs in einem Winkel der H�tte gekauert und hatte uns aufmerksam beobachtet. Wenn ich l�chelte, l�chelte auch sie, machte ich aber ein ernstes Gesicht, so wurde sie unruhig. Vespasian hatte sie manchmal zerstreut angeblickt und sagte nun zu meiner �berraschung: �Frauen haben �berhaupt seltsame Dinge im Kopf. Ein Mann kann nie genau sagen, was sie vorhaben. Der Gott Caesar hielt ja nicht viel von den Frauen der Briten, aber er hatte im gro�en ganzen keine allzu gute Meinung von den Frauen. Ich selbst bin der Ansicht, da� es gute und schlechte Frauen gibt, bei den Barbaren wie bei den zivilisierten V�lkern. Das gr��te Gl�ck f�r einen Mann ist die Freundschaft einer guten Frau. Deine Wilde da sieht noch wie ein Kind aus, aber sie kann dir mehr n�tzen, als du glaubst. Du kannst nicht wissen, da� der Stamm der Icener sich an mich gewandt hat und das M�dchen zur�ckkaufen will. Das pflegen die Briten im allgemeinen nicht zu tun, denn sie betrachten Stammesgenossen, die uns R�mern in die H�nde fallen, als f�r alle Zeit verloren.�</p><p>Er sprach mit Lugunda m�hsam ein paar Worte in der Sprache der Icener, und ich verstand nur wenig von dem, was sie sagten. Lugunda sah ihn jedoch verwirrt an und trat dann an meine Seite, wie um bei mir Schutz zu suchen. Sie antwortete Vespasian zuerst sehr scheu und dann ein wenig freim�tiger, bis er den Kopf sch�ttelte und sich wieder an mich wandte: �Es ist schwer, sich mit den Briten zu verst�ndigen. Die K�stenbewohner im S�den sprechen eine andere Mundart als die St�mme weiter landeinw�rts, und die Leute im Norden verstehen von der Sprache der s�dlichen St�mme nicht ein Wort. Ich kann dir jedoch sagen, da� deine Lugunda schon als kleines Kind von den Druiden als Hasenpriesterin auserw�hlt worden ist. Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, trauen sich die Druiden zu, schon einem Kind anzumerken, ob es f�r ihre Zwecke taugt und zum Priester erzogen werden kann. Das ist notwendig, da es Druiden der verschiedensten Grade und R�nge gibt und sie ihr ganzes Leben lang lernen m�ssen. Bei uns ist das Priesteramt mehr eine politische Ehrenstellung, aber bei den Briten sind die Priester zugleich �rzte, Richter und sogar Dichter, sofern Barbaren so etwas wie eine Dichtkunst kennen.�</p><p>Ich kam immer mehr zu der �berzeugung, da� Vespasian keineswegs so ungebildet war, wie er selbst gern vorgab. Ich glaube, er spielte den groben Klotz, um andere dazu zu verleiten, ihre ganze �berheblichkeit und Eitelkeit zu verraten. Da� Lugunda zur Priesterin auserkoren war, hatte ich nicht geahnt. Ich hatte zwar bemerkt, da� sie kein Hasenfleisch essen konnte, ohne sich zu erbrechen, und sie duldete auch nicht, da� ich Hasen mit der Schlinge fing, aber ich hatte das nur f�r eine Barbarenlaune gehalten, da ich wu�te, da� die vielen Sippen und St�mme der Briten die verschiedensten Tiere heilig hielten, �hnlich wie der Dianapriester bei uns in Nemi kein Pferd ber�hren oder auch nur ansehen durfte.</p><p>Vespasian sprach noch einmal mit Lugunda, und pl�tzlich lachte er laut auf und rief: �Sie will nicht zu den Ihren zur�ckkehren, sondern bei dir bleiben, und sie behauptet, du lehrst sie Zauberkunstst�cke, die nicht einmal ihre Priester kennen. Beim Herkules, sie glaubt, du seist ein Heiliger, weil du nie versucht hast, sie zu nehmen!�</p><p>Ich sagte zornig, da� ich kein Heiliger, sondern nur durch ein gewisses Gel�bde gebunden und da� Lugunda ja noch ein Kind sei. Vespasian sah mich pfiffig an, rieb sich die breiten Backenknochen und meinte, keine Frau sei ganz und gar ein Kind. Dann dachte er eine Weile nach und sagte schlie�lich: �Ich kann sie nicht zwingen, zu ihrem Stamm zur�ckzukehren. Ich glaube, ich mu� sie ihr Hasenorakel befragen lassen.�</p><p>Tags darauf hielt Vespasian die �bliche Musterung im Lager ab. Er sprach zu den Soldaten auf seine grobe Art und erkl�rte ihnen, sie m��ten sich hinfort damit begn�gen, sich gegenseitig die Sch�del einzuschlagen, und die Briten in Ruhe lassen. �Habt ihr das begriffen, ihr T�lpel?� br�llte er. �Jeder Brite ist euer Vater oder Bruder, jedes alte Britenweib ist eure Mutter, jedes noch so leckere J�ngferlein eure liebe Schwester. Behandelt sie danach. Wedelt freundlich mit gr�nen Zweigen, wenn ihr sie seht, macht ihnen Geschenke und gebt ihnen zu essen und zu trinken. Ihr wi�t, da� das Kriegsgesetz eigenm�chtige Pl�nderung mit dem Scheiterhaufen ahndet. Darum gebt acht, da� ich euch nicht die Schwarte ansengen mu�! Aber wartet nur, wie ich euch einheize, wenn ihr euch auch nur ein einziges Pferd, ein einziges Schwert von einem Briten stehlen la�t! Denkt daran, da� die Briten Barbaren sind. G�tig und voll Nachsicht m��t ihr sie eure Sitten lehren. Bringt ihnen also bei, zu w�rfeln, Wein zu saufen und bei den r�mischen G�ttern zu fluchen. Das ist der erste Schritt zur h�heren Bildung. Wenn euch ein Brite auf die eine Backe schl�gt, dann haltet ihm auch die andere hin. Meiner Treu, ich habe mir sagen lassen, es gibt da jetzt so einen neuen, gef�hrlichen Aberglauben, der verlangt, da� man�s so macht, ob ihr es glauben wollt oder nicht. Aber haltet die andere Backe jedenfalls nicht zu oft hin, sondern tragt eure Meinungsverschiedenheiten lieber auf britische Art durch Ringk�mpfe, Hindernisl�ufe oder Ballspiele aus.�</p><p>Selten habe ich die Legion�re so herzlich lachen geh�rt wie bei Vespasians Ansprache. Die Glieder wankten vor Gel�chter, und einer lie� sogar seinen Schild in den Schlamm fallen. Zur Strafe pr�gelte ihn Vespasian eigenh�ndig mit einem Befehlsstab, den er sich von einem Zenturio ausborgte, was noch mehr Heiterkeit ausl�ste. Zuletzt aber opferte Vespasian auf dem Legionsaltar nach dem vorgeschriebenen Ritual so feierlich und fromm, da� keiner mehr zu lachen wagte. Er opferte so viele K�lber, Schafe und Schweine, da� alle wu�ten, da� sie sich einmal umsonst mit ger�stetem Fleisch m�sten konnten, und wir verwunderten uns alle laut �ber die g�nstigen Vorzeichen.</p><p>Nach der Musterung befahl mir Vespasian, von einem Veteranen, der zu seinem Vergn�gen nach Art der Briten in einem K�fig Hasen z�chtete, einen lebenden Hasen zu kaufen. Vespasian nahm den Hasen unter den Arm, und dann gingen wir drei, er, Lugunda und ich, aus dem Lager und tief in den Wald hinein. Er nahm keine Leibwache mit, denn er war ein furchtloser Mann, und au�erdem trugen wir beide nach der Musterung noch unsere R�stungen und Waffen. Drinnen im Wald packte er den Hasen bei den L�ffeln und reichte ihn Lugunda, die ihn geschickt unter ihren Mantel steckte und sich nach einem geeigneten Ort umsah. Ohne ersichtlichen Grund f�hrte sie uns so lange in die Kreuz und in die Quere, da� ich schon an einen Hinterhalt der Briten zu glauben begann. Ein Rabe flog kr�chzend vor uns auf, wandte sich aber zum Gl�ck nach rechts.</p><p>Bei einer m�chtigen Eiche blieb Lugunda endlich stehen, blickte sich um, zeichnete mit einer Hand die vier Himmelsrichtungen in die Luft, warf eine Faustvoll fauler Eicheln in die H�he, beobachtete, wie sie fielen, und begann dann mit eint�niger Stimme eine Beschw�rung herzusagen. Sie sprach und sang so lange, da� ich schon schl�frig wurde, dann aber zog sie pl�tzlich den Hasen unter ihrem Mantel hervor, warf ihn in die H�he und starrte ihm vorn�bergebeugt und mit vor Erregung dunklen Augen nach. Der Hase floh in langen S�tzen genau nach Nordwesten und verschwand im Geh�lz. Lugunda begann zu weinen, schlang mir die Arme um den Hals und dr�ckte sich schluchzend an mich.</p><p>Vespasian sagte bedauernd: �Du hast den Hasen selbst ausgew�hlt, Minutus. Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Wenn ich aber den Hasen recht verstanden habe, will er, da� sie unverz�glich zu ihrem Stamm zur�ckkehrt. W�re er sitzen geblieben und h�tte er den Kopf in einen Busch gesteckt, so w�rde das ein ung�nstiges Vorzeichen gewesen sein und bedeutet haben, da� sie bleiben soll. So viel glaube ich vom Hasenorakel der Briten zu verstehen.�</p><p>Er klopfte Lugunda freundlich auf die Schulter und redete mit ihr in der Sprache der Icener, indem er auf mich zeigte. Lugunda beruhigte sich, l�chelte, ergriff meine Hand und k��te sie mehrere Male.</p><p>�Ich habe ihr nur versprochen, da� du sie sicher ins Land der Icener geleiten wirst�, sagte Vespasian unger�hrt. �Aber nun wollen wir noch einige andere Orakel befragen, um zu erfahren, ob es nicht gen�gt, wenn ihr erst ein wenig sp�ter aufbrecht, damit du noch Gelegenheit hast, den Druiden kennenzulernen, den ich gefangenhalte. Ich habe den Eindruck, du bist verr�ckt genug, um als umherziehender Sophist auftreten zu k�nnen, der in den verschiedensten L�ndern Wissen und Weisheit sammelt. Ich schlage vor, du kleidest dich in Ziegenh�ute. Das M�dchen kann bezeugen, da� du ein Heiliger bist, und der Druide wird dein Leben besch�tzen. Sie halten ihr Versprechen, wenn sie sie auf eine bestimmte Art beim Namen einer ihrer unterirdischen G�tter abgelegt haben, und sollten sie sie nicht halten, dann m�ssen wir uns etwas anderes ausdenken, um ein friedliches Zusammenleben zu sichern.�</p><p>So begleiteten Lugunda und ich Vespasian, als er von seiner Musterungsreise wieder ins Hauptlager der Legion zur�ckkehrte. Als wir aufbrachen, bemerkte ich zu meiner Verwunderung, da� viele M�nner der Garnison mich w�hrend des langen Winters ins Herz geschlossen hatten, so sp�ttisch sie mir anfangs auch entgegengetreten waren. Sie gaben mir kleine Abschiedsgeschenke, sagten, ich d�rfe nie die Brust bei�en, die mich ges�ugt habe, und versicherten mir, da� in meinen Adern echtes Wolfsblut rinne, wenn ich auch Griechisch k�nne. Es tat mir weh, sie zu verlassen.</p><p>Als wir im Hauptlager ankamen, verga� ich, den Legionsadler nach Vorschrift zu gr��en. Vespasian br�llte vor Zorn, befahl mir, die Waffen abzulegen, und schickte mich in den Kerker. Diese Strenge verwirrte mich, bis ich erkannte, da� er mich auf diese Weise nur mit dem gefangenen Druiden zusammenbringen wollte. Dieser Mann war noch keine drei�ig, aber in jeder Hinsicht bemerkenswert. Er gestand offen, da� er auf der Heimreise aus Westgallien gefangengenommen worden war, als ein Sturm sein Schiff an einen von den R�mern bewachten K�stenstrich trieb.</p><p>�Dein Legat Vespasian ist ein schlauer Fuchs�, sagte er l�chelnd. �Kein anderer von euch h�tte in mir den Druiden erkannt oder mich auch nur f�r einen Briten gehalten, da ich mir das Gesicht nicht blau bemale. Er hat versprochen, mir den qualvollen Tod im Amphitheater in Rom zu ersparen, aber deshalb werde ich ihm doch nicht zu Willen sein. Ich tue nur, was meine Wahrtr�ume mir zu tun gebieten. Vespasian f�hrt ohne sein Wissen einen h�heren Willen als den seinen aus, wenn er mein Leben schont. Doch ich f�rchte nicht einmal einen qualvollen Tod, da ich ein Eingeweihter bin.�</p></section><section><p>Ich hatte mir einen Splitter in den Daumenballen gerissen, und meine Hand schwoll an. Der Druide zog den Splitter heraus, ohne da� ich etwas sp�rte, denn er pre�te mir mit der anderen Hand das Handgelenk zusammen. Als er den Splitter mit einer Nadel entfernt hatte, hielt er meine hei�e, schmerzende Hand lang zwischen den seinen. Am n�chsten Morgen war der Schmerz verschwunden, und meine Hand war so gut geheilt, da� man nicht einmal mehr die Wunde sah.</p><p>An diesem Tag kam der Druide wieder auf Vespasian zu sprechen. �Er begreift vielleicht besser als andere R�mer, da� dieser Krieg ein Krieg zwischen den G�ttern der Briten und den G�ttern der R�mer ist�, sagte er. �Deshalb versucht er, einen Waffenstillstand zwischen den G�ttern herbeizuf�hren, und handelt damit unvergleichlich kl�ger, als wenn er versuchen wollte, unsere St�mme zu einem politischen B�ndnis mit Rom zu bewegen. Unseren G�ttern kann die Waffenruhe recht sein, denn sie sind unsterblich. Dagegen sagen uns zuverl�ssige Vorzeichen, da� die G�tter Roms sterben werden. Deshalb wird Rom Britannien nie ganz in seine Gewalt bekommen, so schlau Vespasian es auch anzustellen meint. Aber ein jeder mu� freilich an seine eigenen G�tter glauben.�</p><p>Der Druide versuchte sogar, die scheu�lichen Menschenopfer zu verteidigen, die sein Glaube forderte, und erkl�rte mir: �Leben mu� mit Leben erkauft werden. Wird ein Vornehmer krank, so opfert er einen Verbrecher oder einen Sklaven, um geheilt zu werden. F�r uns bedeutet der Tod nicht dasselbe wie f�r euch R�mer, denn wir wissen, da� wir fr�her oder sp�ter wiedergeboren werden. Der Tod ist daher nur ein Wechsel von Zeit und Ort. Ich wage nicht zu behaupten, da� alle Menschen wiedergeboren werden, aber der Eingeweihte wei�, da� er mit einem Rang, <strong>der</strong> seinem Wert entspricht, zur�ckkehrt. Darum ist der Tod f�r ihn nur ein tiefer Schlaf, aus dem er wieder erwacht.�</p><p>Vespasian gab den Druiden, den er zu seinem Sklaven gemacht hatte, in der durch das Gesetz vorgeschriebenen Form frei, bezahlte aus eigener Tasche die Freilassungssteuer in die Legionskasse und erlaubte ihm, seinen zweiten Familiennamen, Petro, zu tragen. Dann f�hrte er ihm streng die Pflichten vor Augen, die ein Freigelassener seinem fr�heren Herrn gegen�ber hat. Danach schenkte er uns drei Maulesel und schickte uns �ber den Flu� ins Land der Icener. Im Kerker hatte ich mein Haar und meinen hellen Flaumbart wachsen lassen, und als wir das Lager verlie�en, kleidete ich mich wirklich in Ziegenh�ute, obwohl Petro �ber diese Vorsichtsma�regel lachte.</p><p>Kaum befanden wir uns im Schutz des Waldes, da warf er seinen Freilassungsstab in die B�sche und stie� den markersch�tternden Schlachtruf der Briten aus. In k�rzester Zeit waren wir von einer Schar bewaffneter, blaubemalter Icener umgeben, doch geschah weder mir noch Lugunda etwas B�ses.</p><p>Zusammen mit Petro und Lugunda reiste ich auf Eselsr�cken von den ersten Fr�hlingstagen bis in den dunklen Winter hinein zwischen den verschiedenen St�mmen der Briten hin und her und sogar ins Land der Briganter. Petro unterrichtete mich nach bestem Verm�gen in den Sitten und Glaubensvorstellungen der Briten, nur von den Geheimnissen der Eingeweihten erfuhr ich nichts. Ich brauche keine Einzelheiten �ber diese Reise zu berichten, denn ich habe alles in meinem Buch �ber Britannien geschildert, wo man es nachlesen kann.</p><p>Eines mu� ich jedoch bekennen, n�mlich da� mir erst mehrere Jahre sp�ter klar wurde, da� ich damals in einer Art Verzauberung umherwanderte. �bte Petro oder Lugunda einen heimlichen Einflu� auf mich aus, oder war nur meine Jugend daran schuld? Ich wei� es nicht. Ich glaube, ich sah alles sch�ner, als es in Wirklichkeit war, und fand Gefallen an Br�uchen und an Menschen, die ich sp�ter nicht mehr auf dieselbe Weise zu sch�tzen vermochte. Gleichwohl sah und lernte ich in dem einen Sommer so viel, da� ich mich nach einem halben Jahr bedeutend �lter f�hlte, als ich der Zahl meiner Jahre nach war.</p><p>Lugunda blieb bei ihren Stammesgenossen im Land der Icener, um Hasen zu z�chten. Ich dagegen verbrachte die dunkelste Winterszeit in der Stadt Londinium im r�misch besetzten Teil des Landes, um aufzuzeichnen, was ich auf meiner Reise erlebt und erfahren hatte. Lugunda hatte mich unbedingt begleiten wollen, aber Petro w�nschte, da� ich ins Land der Icener zur�ckkehrte, und �berzeugte sie davon, da� dies um so sicherer zu erwarten sei, wenn sie bei ihrer eigenen Familie blieb, die �brigens f�r britische Verh�ltnisse vornehm war.</p><p>Vespasian erkannte mich nicht wieder, als ich ihm mit blauen Streifen im Gesicht und goldenen Ringen in den Ohren und in kostbares Pelzwerk gekleidet gegen�bertrat. Ich redete ihn in der Sprache der Icener an und machte mit der Hand das einfachste der geheimen Zeichen der Druiden, das zu gebrauchen Petro mir erlaubt hatte, damit ich bei meiner R�ckkehr nicht in Gefahr geriet.</p><p>Ich sagte: �Ich bin Ituna aus dem Land der Briganter, der Blutsbruder des R�mers Minutus Lausus Manilianus, von dem ich dir Botschaft bringe. Er lie� sich von den Druiden in Todesschlaf versenken, um ein g�nstiges Vorzeichen f�r dich zu ersp�hen. Nun kann er nicht mehr in seiner eigenen Gestalt zur Erde zur�ckkehren, aber ich habe versprochen, ihm eine Gedenktafel in r�mischer Schrift zu stiften. Kannst du mir einen guten Steinmetzen empfehlen?�</p><p>�Bei allen G�ttern der Unterwelt und Hekate dazu!� fluchte Vespasian. �Minutus Manilianus ist tot! Was soll ich nun seinem Vater schreiben!�</p><p>�Als mein kluger Blutsbruder f�r dich starb, sah er im Traum ein Flu�pferd�, fuhr ich fort. �Das bedeutet ein stetiges Anwachsen deiner Macht, das keine Gewalt verhindern kann. Flavius Vespasian, die G�tter Britanniens bezeugen, da� du vor deinem Tod noch Kranke durch Handauflegen heilen und im Land der �gypter zum Gott erhoben werden wirst.�</p><p>Erst da erkannte mich Vespasian wieder, weil er sich des �gyptisch-chald�ischen Traumbuchs erinnerte, und begann zu lachen. �Mich hat vor Schreck beinah der Schlag getroffen!� rief er. �Aber was faselst du da f�r ungereimtes Zeug?�</p><p>Ich erz�hlte ihm, da� ich wirklich einen Traum dieser Art gehabt hatte, als ich mich von einem der h�chsten Druiden im Land der Briganter in einen todes�hnlichen Schlaf versenken lie�. �Ob es aber etwas zu bedeuten hat, wei� ich nicht�, sagte ich n�chtern. �Vielleicht habe ich mich zu sehr erschreckt, als ich damals Lugunda und den Galliern aus dem Traumbuch von dem Flu�pferd vorlas und du pl�tzlich hinter mir standest. Daher kehrte das Flu�pferd in meinem Traum wieder, und gleichzeitig tr�umte ich von �gypten. Ich sah alles so deutlich, da� ich den Platz und den Tempel beschreiben k�nnte, vor dem sich die Szene abspielte. Du sa�est dick und kahlk�pfig auf einem Richterstuhl. Um dich herum standen viele Menschen. Ein Blinder und ein Lahmer flehten dich an, sie zu heilen. Zuerst wolltest du nicht, aber dann spucktest du dem Blinden in die Augen und tratest den Lahmen gegen das Bein. Der Blinde konnte wieder sehen und der Lahme wieder gehen. Als das Volk das sah, brachte es dir Opferkuchen und ernannte dich zum Gott.�</p><p>Vespasian lachte herzlich, aber doch auch ein wenig gezwungen. �Sprich mir ja nicht zu anderen von solchen Tr�umen, nicht einmal im Scherz�, warnte er mich. �Ich verspreche dir, da� ich an diese Heilmittel denken werde, wenn ich wirklich einmal in eine solche Klemme geraten sollte. Es erscheint mir allerdings glaubhafter, da� ich Rom noch als zahnloser Greis als Unterfeldherr in Britannien dienen werde.�</p><p>Er konnte dies jedoch nicht ganz ernst meinen, denn ich sah, da� er ein Triumphzeichen trug. Ich begl�ckw�nschte ihn dazu, aber seine Miene verd�sterte sich, und er berichtete mir als Neuestes aus Rom, da� Kaiser Claudius seine junge Gemahlin Messalina hatte ermorden lassen und dann vor den Pr�torianern weinend und schreiend geschworen hatte, er werde sich nie mehr verm�hlen.</p><p>�Ich wei� aus zuverl�ssigem Munde, da� Messalina sich von Claudius trennte, um den Konsul Silius zu heiraten, mit dem sie es schon lange getrieben hatte�, berichtete Vespasian. �Sie gingen die Ehe ein, als Claudius sich einmal aus der Stadt entfernt hatte. Ihr Plan war, entweder die Republik wiedereinzuf�hren oder Silius mit der Zustimmung des Senats zum Kaiser zu machen. Was wirklich geschah, ist schwer in Erfahrung zu bringen. Jedenfalls lie�en Claudius� Freigelassene, Narcissus, Pallas und die �brigen Schmarotzer, Messalina im Stich und redeten Claudius ein, sein Leben sei in Gefahr, was vermutlich auch stimmte. Beim Hochzeitsgelage begingen die Verschw�rer in ihrer Siegesfreude jedoch den Fehler, sich zu betrinken. Claudius, der in die Stadt zur�ckgekehrt war, bekam die Pr�torianer auf seine Seite. Darauf wurde eine betr�chtliche Anzahl Senatoren und Ritter hingerichtet, und nur wenigen wurde die Gnade gew�hrt, Selbstmord zu begehen. Die Verschw�rung hatte weite � Kreise gezogen und war offensichtlich gr�ndlich vorbereitet worden.�</p><p>�Was f�r eine wahnsinnige Geschichte!� rief ich. �Ich h�rte zwar schon, kurz bevor ich Rom verlie�, da� es die Freigelassenen des Kaisers mit der Angst bekamen, als Polybius auf Messalinas Befehl verurteilt wurde, aber ich habe nie recht glauben k�nnen, was �ber Messalina erz�hlt wurde. Ich hatte vielmehr den Verdacht, da� man absichtlich boshafte Ger�chte in Umlauf setzte, um ihren Ruf zu untergraben.�</p><p>Vespasian kratzte sich seinen gro�en Sch�del, zwinkerte mir listig zu und sagte: �Ich bin nur ein einfacher Unterfeldherr und lebe hier drau�en wie in einem Ledersack. Ich sehe und wei� nicht, was wirklich vorgeht. Was soll ich dir also sagen? Es hei�t jedenfalls, da� f�nfzig Senatoren und einige Hundert Ritter im Zusammenhang mit der Verschw�rung hingerichtet wurden. Am meisten sorge ich mich um meinen Sohn Titus, der sich in Messalinas Obhut befand, um zusammen mit Britannicus zu einem r�mischen Edlen erzogen zu werden. Wenn Claudius gegen die Mutter seiner Kinder so �bel gesinnt war, da� er sie beiseite schaffen lie�, kann der launische Alte sich eines Tages auch gegen die Kinder wenden.�</p><p>Danach sprachen wir nur noch �ber die St�mme und K�nige Britanniens, die ich dank Petro kennengelernt hatte. Vespasian befahl mir, einen genauen Bericht zu verfassen, gab mir aber weder f�r �gyptisches Papier, Tinte und Rohrfedern noch f�r meinen Aufenthalt in Londinium Geld. Sold bezog ich auch keinen und war nicht einmal mehr in der Rolle meiner Legion gef�hrt weshalb ich mir w�hrend des ganzen bitter kalten und nebligen Winters wie ein Ausgesto�ener vorkam.</p><p>Ich mietete einen Raum im Hause eines gallischen Kornh�ndlers und begann zu schreiben, mu�te mir aber bald eingestehen, da� es mir schwerer von der Hand ging, als ich geglaubt hatte. Ich sollte ja nicht ein bereits geschriebenes Werk kommentieren oder bearbeiten, sondern meine eigenen Erlebnisse aufzeichnen. Ich verdarb viel kostbares Binsenpapier und wanderte oft, durch Pelze und Wollkleider gegen den eisigen Wind gesch�tzt, am Ufer des gro�en Flusses Tamesa auf und ab. Als Vespasian von einer Musterungsreise zur�ckkehrte, lie� er mich rufen und sich vorlesen, was ich geschrieben hatte. Nach der Vorlesung schien er ein wenig verwirrt zu sein und sagte: �Ich bin nicht f�hig, �ber Literatur zu urteilen, und hege auch zuviel Achtung vor gelehrten M�nnern, um mich zu ihrem Richter aufzuwerfen, aber mir scheint, du hast da einen gr��eren Bissen in den Mund genommen, als du schlucken kannst. Du schreibst sehr sch�n, nur meine ich, du solltest dir zuerst einmal dar�ber klarwerden, ob du ein Gedicht schreiben willst oder einen sachlichen Bericht �ber Britannien. Es ist zwar angenehm zu lesen, wie die Wiesen so gr�n sind, wie der Wei�dorn bl�ht und wie die V�gel zwitschern, wenn der Sommer naht, aber ich frage dich: was n�tzt es einem Krieger oder Handelsmann, dergleichen zu erfahren? Au�erdem ist mir aufgefallen, da� du dich zu sehr auf die Erz�hlungen der Druiden und vornehmen Briten verl��t, wenn du von der Geschichte der St�mme und der g�ttlichen Abstammung der K�nige berichtest. Du beschreibst ihre Taten und Tugenden so begeistert, als h�ttest du vergessen, da� du R�mer bist. Ich w�rde an deiner Stelle lieber nicht mit britischer Zunge den Gott Julius Caesar l�stern und behaupten, er habe Britannien nie erobern k�nnen, sondern sei unverrichteter Dinge von den K�sten dieses Landes geflohen. Diese an und f�r sich nicht ganz unbegr�ndete Behauptung ist zwar sehr schmeichelhaft f�r Claudius, dem es dann dank den Fehden unter den britischen St�mmen gelang, einen so gro�en Teil des Landes zu befrieden, aber du mu�t einsehen, da� es nicht angeht, den Gott Julius Caesar �ffentlich zu beleidigen.�</p><p>Als er so v�terlich mit mir redete, begann mein Herz lauter zu klopfen, und ich begriff, da� ich mich w�hrend des Schreibens aus dem dunklen Winter und meiner eigenen finsteren Einsamkeit in einen traumhaften Sommer gefl�chtet, da� ich alle M�hsal und Gefahr vergessen und mich nur des Sch�nen erinnert hatte. Ich hatte mich beim Schreiben nach Lugunda gesehnt und mich eingedenk der Blutsbr�derschaft, die ich bei den Briganten geschlossen hatte, mehr als Brite denn als R�mer gef�hlt. Gleichwohl nahm ich Vespasians Tadel nach der Weise aller Schriftsteller �bel und antwortete gekr�nkt: �Schade, da� ich deine Hoffnungen entt�uscht habe. Es ist wohl das beste, ich packe meine Sachen und kehre nach Rom zur�ck, sofern es bei den Winterst�rmen m�glich ist, nach Gallien �berzusetzen.�</p><p>Vespasian legte mir seine gro�e Hand auf die Schulter und sagte beg�tigend: �Du bist noch jung, und deshalb verzeihe ich dir deine Empfindlichkeit. Es wird dir guttun, mich auf einer Musterungsreise in die Veteranenstadt Comulodunum zu begleiten. Dann gebe ich dir eine Kohorte, damit du dir die n�tige milit�rische Erfahrung erwirbst. Deine britischen Blutsbr�der werden dich darum nur um so h�her achten, wenn du im Sommer zu ihnen zur�ckkehrst. Im Herbst kannst du dann dein Buch neu schreiben.�</p><p>Auf diese Weise erhielt ich noch in demselben Jahr den Rang eines Kriegstribuns, obwohl ich erst achtzehn war. Dies schmeichelte meiner Eitelkeit, und ich tat mein Bestes, mich meiner Aufgabe w�rdig zu erweisen, obwohl sich w�hrend des Winters der Dienst auf Musterungen in der Garnison, Bauarbeiten und �bungsm�rsche beschr�nkte. Ein wenig sp�ter erhielt ich von meinem Vater eine ansehnliche Summe Geldes und folgenden Brief: �Marcus Mecentius Manilianus gr��t seinen Sohn Minutus Lausus. Du wirst geh�rt haben, da� sich in Rom mancherlei ver�ndert hat. Um Tullias Verdienste um die Aufdeckung der Verschw�rung zu belohnen, und nicht so sehr um meiner eigenen Verdienste willen, hat Kaiser Claudius mir als besonderes Privileg den Purpurstreifen gew�hrt. Ich habe nun also einen Sitz in der Kurie. Benimm dich danach. Ich schicke dir eine Zahlungsanweisung nach Londinium. Hier wird berichtet, die Briten h�tten Claudius zum Gott erh�ht und ihm einen Tempel mit spitzem Dach errichtet. Du handelst klug, wenn du diesem Tempel ein passendes Geschenk machst. Tante Laelia geht es, soviel ich wei�, gut. Dein Freigelassener Minutius wohnt bei ihr. Er stellt eine gallische Seife her, die er gut verkauft. Meine Gattin Tullia l��t dich gr��en. Trink auf mein Andenken aus dem Holzbecher deiner Mutter.�</p><p>Mein Vater war also tats�chlich Senator geworden, woran ich nie geglaubt hatte, und ich brauchte mich nun nicht mehr dar�ber zu wundern, da� Vespasian mich so schnell zum Kriegstribun bef�rdert hatte. Er erfuhr immer viel rascher als ich, was in Rom vorging. Ich empfand eine gewisse Bitterkeit und konnte den Senat nicht mehr so hoch achten wie zuvor.</p><p>Dem Rat meines Vaters folgend, reiste ich zu dem Holztempel, den die Briten Claudius in der Veteranenstadt errichtet hatten, und stiftete ein buntbemaltes Holzbildwerk. Etwas Kostbareres wagte ich nicht zu schenken, da die Tempelgaben der Briten einfache, billige Gegenst�nde waren: Schilde, Waffen, Gewebe und Tonkr�ge. Vespasian hatte nur ein abgebrochenes Schwert gestiftet, um die britischen K�nige nicht durch eine zu kostbare Gabe zu beleidigen. Dies ist jedenfalls der Grund, den er selbst anf�hrte.</p><p>Als der Sommer kam, legte ich froh meine Rangabzeichen und meine r�mische R�stung ab, malte mir blaue Streifen auf die Wangen und legte mir den bunten Ehrenmantel der Briganter um die Schultern. Vespasian meinte zwar, er k�nne unm�glich den Sohn eines r�mischen Senators in die W�lder ziehen lassen, wo die wilden Briten nur darauf warteten, ihn zu erschlagen, aber er wu�te in Wirklichkeit sehr gut, da� ich unter dem Schutz der Druiden in den L�ndern Britanniens sicherer umhergehen konnte als daheim auf den Stra�en Roms.</p><p>�berm�tig best�tigte ich ihm, da� ich auf eigene Rechnung und Gefahr reiste. Ich h�tte gern aus reiner Eitelkeit mein Pferd mitgenommen, um vor den vornehmen britischen J�nglingen damit zu prahlen, doch das verbot mir Vespasian mit Nachdruck, indem er wie �blich die Z�higkeit der Maulesel und ihre besondere Tauglichkeit f�r die britischen Gel�ndeverh�ltnisse r�hmte. Er hatte ja sogar einen Pferdeh�ndler kreuzigen lassen, der eine Schiffsladung Pferde aus Gallien einschmuggeln und den Briten zu Wucherpreisen verkaufen wollte. Mein Hengst, meinte er, w�re eine allzu gro�e Versuchung f�r sie, denn sie bem�hten sich, ihre kleinen einheimischen Pferde zu veredeln, seit sie schmerzhaft am eigenen Leibe hatten erfahren m�ssen, da� die r�mische Reiterei ihren Streitwagen eindeutig �berlegen war.</p><p>Ich beschr�nkte mich also darauf, Geschenke f�r meine Gastfreunde zu kaufen. Vor allem belud ich meine Maulesel mit Weinkr�gen, denn die britischen Edlen waren dem Wein wom�glich noch mehr ergeben als die Legion�re.</p><p>In diesem Sommer nahm ich in der k�rzesten Nacht in einem Rundtempel aus m�chtigen Steinen an einer Sonnenanbetung teil, fand Goldschmuck und Bernstein in einem Grab aus grauer Vorzeit und machte eine Reise zu den Zinngruben, deren Hafen vor Jahrhunderten die Karthager regelm��ig aufgesucht hatten, um Zinn zu kaufen. Die gr��te �berraschung aber war f�r mich Lugunda, die w�hrend des Winters zur jungen Frau herangewachsen war. Ich traf sie in ihrem Hasenhof. Sie trug den wei�en Mantel der Hasenpriesterinnen und ein silbernes Band im Haar. Ihre Augen leuchteten wie die einer G�ttin. Als wir uns zur Begr��ung umarmt hatten, traten wir beide best�rzt einen Schritt zur�ck und wagten nicht mehr, einander zu ber�hren. Ihr Stamm erlaubte ihr in diesem Jahr nicht, mich auf meinen Reisen zu begleiten, und ich floh geradezu vor ihr, als ich das Land der Icener verlie�. Doch ihr Bild begleitete mich auf allen meinen Wanderungen. Als letztes am Abend und als erstes am Morgen dachte ich an sie.</p><p>Fr�her als ich beabsichtigt hatte, kehrte ich zu ihr zur�ck, aber viel Freude sollte ich davon nicht haben. Wir waren zwar froh, wieder beisammen zu sein, aber sehr bald bekamen wir mit oder ohne Grund Streit und kr�nkten einander so tief, da� ich sie aus ganzem Herzen ha�te und sie nie wiederzusehen w�nschte. Als sie dann aber wieder zu mir kam, mich anl�chelte und mir ihren Lieblingshasen zu halten gab, schmolz mein Zorn, und ich war willenlos wie das Wasser. Es fiel mir schwer, mich daran zu erinnern, da� ich r�mischer Ritter und Sohn eines Senators war und das Recht hatte, den roten Mantel der Kriegstribunen zu tragen. Rom schien mir nur ein Traum, als ich in der W�rme des britischen Sommers im Grase sa� und den zappelnden Hasen zwischen meinen Knien hielt.</p><p>Pl�tzlich trat Lugunda zu mir, legte ihre Wange an meine, ri� dann aber den Hasen an sich und beschuldigte mich mit blitzenden Augen, ich h�tte das Tier absichtlich gequ�lt. Den Hasen im Arm haltend und mit erhitzten Wangen sah sie mich so sp�ttisch an, da� ich bedauerte, sie nicht durchgepr�gelt zu haben, als sie sich im Lager noch in meiner Gewalt befunden hatte.</p><p>An anderen Tagen war sie freundlich und f�hrte mich durch den ungeheuren Besitz ihrer Eltern. Sie zeigte mir die Viehherden, die Felder und D�rfer. Wir gingen sogar in das Vorratshaus, und ich durfte ihre Stoffe, ihren Schmuck und die Erinnerungsst�cke sehen, die in ihrer Familie von der Mutter auf die Tochter weitervererbt wurden.</p><p>�Gef�llt dir das Land der Icener nicht?� fragte sie neckend. �Ist seine Luft nicht leicht zu atmen? Schmeckt dir unser Gerstenbrot und unser dickes Bier nicht? Mein Vater w�rde dir viele Gespanne mit kleinen Pferden und silbernen Wagen geben, und Land k�nntest du so viel haben, wie du an einem Tag zu umfahren vermagst, wenn du ihn nur darum b�test.�</p><p>Doch ein andermal sagte sie: �Erz�hl mir von Rom. Ich m�chte auf steingepflasterten Stra�en gehen, gro�e Tempel mit S�ulenhallen und Kriegstroph�en aus allen L�ndern sehen und mit Frauen Bekanntschaft schlie�en, die anders sind als ich, um ihre Sitten zu lernen, denn so bin ich ja in deinen Augen nur ein ungebildetes Icenerm�dchen.�</p><p>Wenn sie aber ganz aufrichtig war, sagte sie: �Wei�t du noch, wie du mich in einer kalten Winternacht in deiner H�tte in den Armen hieltst, um mich mit deinem eigenen K�rper zu w�rmen, als ich Heimweh hatte? Nun bin ich daheim, und die Druiden haben mich zur Hasenpriesterin gemacht. Du verstehst nicht, was f�r eine gro�e Ehre das ist, aber jetzt m�chte ich lieber in deiner Holzh�tte sitzen, meine Hand in deine legen und deinen Belehrungen lauschen.�</p><p>So unerfahren war ich noch, da� ich meine eigenen Gef�hle und das, was zwischen uns geschah, nicht verstand. Ich mu�te erst von dem Druiden Petro dar�ber aufgekl�rt werden, der bei Herbstbeginn von einer geheimnisvollen Insel jenseits des t�ckischen alivernischen Meeres zur�ckkehrte, wo er in einen noch h�heren Priesterrang eingeweiht worden war. Er sah uns eines Tages, ohne da� ich es bemerkte, bei unseren Spielen zu und trat pl�tzlich zu uns, setzte sich auf den Boden, deckte sich die Augen mit den H�nden zu, legte das Haupt auf die angezogenen Knie und versank in heilige Verz�ckung. Wir wagten nicht, ihn zu wecken, denn wir wu�ten beide, da� er in seinen Tr�umen in Gesellschaft der Unterirdischen wandelte. Bald verga�en wir jedoch unsere Neckereien, setzten uns ihm gegen�ber auf einen Rasenh�cker und warteten darauf, da� er erwachte.</p><p>Als er wieder zu sich kam, sah er uns an wie aus einer anderen Welt und sagte: �Du, Minutus Lausus, hast ein gro�es Tier an deiner Seite, das wie ein Hund mit einer M�hne aussieht, und Lugunda hat als einzigen Besch�tzer ihren Hasen.�</p><p>�Das ist kein Hund�, sagte ich beleidigt. �Das ist ein richtiger L�we, aber solch ein edles Tier hast du freilich noch nie gesehen, und deshalb verzeihe ich dir deinen Irrtum.�</p><p>�Dein Hund�, fuhr Petro unger�hrt fort, �wird noch den Hasen t�ten. Da wird Lugunda das Herz brechen, und sie wird sterben, wenn ihr nicht zur rechten Zeit auseinandergeht.�</p><p>Ich versicherte ihm verwundert: �Ich will Lugunda nichts B�ses. Wir spielen ja miteinander wie Bruder und Schwester.�</p><p>�Wie sollte so ein R�mer mir das Herz brechen�, sagte Lugunda ver�chtlich. �Und seinem Hund jage ich den Atem aus dem Leib. Ich halte nichts von b�sen Tr�umen, Petro, und Ituna ist nicht mein Bruder.� Petro sagte mit starrem Blick: �Es ist besser, ich spreche mit jedem von euch allein, zuerst mit dir, Ituna Minutus, und dann mit dir, Lugunda. Du magst einstweilen nach deinen Hasen sehen.�</p><p>Lugunda blitzte uns aus zorngelben Augen an, wagte sich aber dem Befehl des Druiden nicht zu widersetzen. Petro legte seine Beine �bers Kreuz, nahm einen Zweig in die Hand und begann damit zerstreut Zeichen in den Boden zu ritzen.</p><p>�Eines Tages werden die R�mer ins Meer zur�ckgeworfen�, sagte er. �Britannien ist das Land der unterirdischen G�tter, und die himmlischen G�tter k�nnen die unterirdischen nicht besiegen, solange die Erde steht. Die R�mer m�gen unsere heiligen Haine niederhauen, die heiligen Steine umwerfen, ihre Stra�en bauen und die unterworfenen St�mme den r�mischen Ackerbau lehren, um sie zu ihren Steuersklaven zu machen: eines Tages, wenn die Zeit reif ist, werden sie doch ins Meer geworfen. Es bedarf dazu nur eines Mannes, der die St�mme zu gemeinsamem Kampf aufzurufen vermag und die Kriegskunst der R�mer beherrscht.�</p><p>�Darum haben wir ganze vier Legionen hier stehen�, erwiderte ich. �Nach ein oder zwei Geschlechtern wird Britannien ein zivilisiertes Land sein und den r�mischen Frieden haben.�</p><p>Als wir auf diese Weise unsere Ansichten dargelegt hatten, gab es dar�ber nichts mehr zu sagen. Da fragte mich Petro unvermittelt: �Was willst du von Lugunda, Ituna Minutus?�</p><p>Er sah mich so finster an, da� ich besch�mt zu Boden blickte.</p><p>�Denkst du daran, sie nach britischem Brauch zur Gattin zu nehmen und ihr ein Kind zu machen?� fragte Petro. �Sei ohne Furcht. Eine solche Ehe w�re nach r�mischem Recht ung�ltig und w�rde dich nicht hindern, Britannien wieder zu verlassen, wann immer du willst. Lugunda behielte das Kind zum Gedenken an dich. Wenn du aber nur mit ihr spielst, wird ihr das Herz brechen, sobald du sie verl��t.�</p><p>Der blo�e Gedanke an ein Kind entsetzte mich, obwohl ich in diesem Augenblick in meinem Herzen erkannte, was ich von Lugunda wollte. �In Rom sagt man: �Wo du bist, da bin auch ich��, erkl�rte ich Petro. �Ich bin kein abenteuernder Seemann oder umherziehender H�ndler, der bald hier, bald dort eine Ehe schlie�t, wenn er anders seinen Willen nicht bekommt. Das will ich Lugunda nicht antun.�</p><p>�Lugunda w�rde sich vor ihren Eltern oder Stammesgenossen nicht zu sch�men brauchen�, erwiderte Petro. �Dein einziger Fehler ist, da� du R�mer bist, aber du bist immerhin ein vornehmer R�mer, und das ist der Unterschied. Bei uns hat die Frau gro�e Macht. Es steht ihr frei, den Gatten selbst zu w�hlen, ja sogar ihn wieder fortzuschicken, wenn sie mit ihm nicht zufrieden ist. Eine Hasenpriesterin ist keine Vestalin, die geloben mu�, sich niemals zu verm�hlen, wie es in Rom der Fall sein soll.�</p><p>�Ich will bald aufbrechen und heim zu den Meinen reisen�, sagte ich steif. �Britannien wird mir sonst zu eng.�</p><p>Aber Petro sprach auch mit Lugunda. In der D�mmerung kam sie zu mir, schlang mir die Arme um den Hals, sah mich mit ihren bernsteinfarbenen Augen z�rtlich an und sagte, in meinen Armen zitternd: �Ituna Minutus, du wei�t, da� ich dir geh�re. Petro sagt mir, du willst uns verlassen und nie mehr zur�ckkehren. W�re es wirklich so eine Schande f�r dich, wenn du mich nach britischem Brauch zur Frau n�hmst?�</p><p>Ich versp�rte selbst ein Fr�steln und antwortete ihr mit zitternder Stimme: �Nein, Schande w�re es keine, aber es w�re unrecht an dir gehandelt.�</p><p>�Recht oder unrecht�, sagte Lugunda. �Was bedeutet mir das, da ich doch sp�re, wie dein Herz in deiner Brust ebenso laut pocht wie das meine.�</p><p>Ich legte ihr die H�nde auf die Schultern, schob sie von mir und sagte: �Ich bin so erzogen worden, da� ich es als eine gr��ere Tugend ansehe, sich zu beherrschen, als sich gehenzulassen und ein Sklave seiner Begierden zu werden.�</p><p>Lugunda entgegnete starrsinnig: �Ich bin deine Kriegsbeute und deine Sklavin. Du kannst mit mir tun, was du willst. Du hast ja letzten Sommer nicht einmal das L�segeld von meinen Eltern angenommen.�</p><p>Als ich nur den Kopf sch�ttelte, ohne ein Wort hervorzubringen, bat Lugunda: �Nimm mich mit, wenn du fortgehst. Ich folge dir, wohin du willst. Ich verlasse meinen Stamm und sogar meine Hasen. Ich bin deine Dienerin, deine Sklavin, was du willst.�</p><p>Sie sank vor mir auf die Knie nieder, so da� sie mein Gesicht nicht mehr sah, und fl�sterte: �Wenn du w��test, was diese Worte mich kosten, w�rdest du erschrecken, R�mer.�</p><p>Ich aber glaubte, da� ich als Mann, als der st�rkere von uns beiden, Lugunda gegen meine eigene Schwachheit sch�tzen mu�te, und versuchte ihr das zu erkl�ren, doch meine Redekunst war machtlos gegen ihr gesenktes Haupt. Zuletzt stand sie auf, starrte mich an wie einen Fremden und sagte kalt: �Du wirst nie wissen, wie sehr du mich beleidigt hast. Von dieser Stunde an hasse ich dich und bete um deinen Tod.�</p><p>Das traf mich so tief, da� mein Magen zu schmerzen begann und ich nichts mehr essen mochte. Am liebsten w�re ich sofort aufgebrochen, aber die Ernte war eben beendet worden, und im Hause wurde nach altem Brauch das Erntefest gefeiert. Ich konnte daher nicht Abschied nehmen, ohne Lugundas Eltern zu kr�nken. Au�erdem wollte ich die Br�uche beim Erntefest aufzeichnen und in Erfahrung bringen, wie die Icener ihr Korn verstecken.</p><p>Am n�chsten Abend war Vollmond. Ich war schon betrunken von dem Bier der Icener, als die vornehmen J�nglinge aus der n�heren und weiteren Umgebung mit ihren Gespannen auf einem Stoppelfeld auffuhren und an dessen Rand ein gro�es Feuer anz�ndeten. Ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, w�hlten sie ein Kalb aus dem Viehbestand des Hofes aus und opferten es unter Scherzen und Gel�chter. Ich begab mich zu ihnen, da ich einige gut kannte, aber sie begegneten mir nicht so freundlich und neugierig wie sonst, ja sie begannen sogar, mich zu schm�hen. �Wasch dir die blauen Streifen aus dem Gesicht, verfluchter R�mer. Zeig uns lieber deinen schmutzigen Schild und dein mit Britenblut beflecktes Schwert!�</p><p>Einer fragte mich: �Stimmt es, da� die R�mer in warmem Wasser baden und dadurch ihre Manneskraft verlieren?�</p><p>Und ein anderer antwortete: �Es ist die reine Wahrheit. Daher legen sich die Frauen in Rom zu ihren Sklaven. Ihr Kaiser mu�te seine eigene Gattin t�ten, weil sie auf diese Weise hurte.�</p><p>Diese Verunglimpfung enthielt so viel Wahres, da� ich zornig wurde. �Ich selbst will mir die Scherze meiner Freunde gern gefallen lassen, vor allem wenn diesen das Bier zu Kopf gestiegen ist und sie sich mit gestohlenem Kalbfleisch m�sten�, sagte ich. �Aber ich dulde nicht, da� �ber den Kaiser in Rom, meinen obersten Feldherrn, unziemend gesprochen wird.�</p><p>Sie schielten einander b�se an und sagten unter sich: �Wir wollen mit ihm ringen. Da werden wir sehen, ob ihm im hei�en Wasser die Hoden zergangen sind wie den anderen R�mern.�</p><p>Ich erkannte, da� sie mit Absicht Streit suchten, aber ich konnte nicht mehr zur�ck, da sie in Kaiser Claudius� Bett gespuckt hatten. Nachdem sie sich gegenseitig Mut gemacht hatten, ging der Tapferste auf mich los, aber nicht, um mit mir nach den Kunstregeln zu ringen, sondern nur, um mit den F�usten auf mich einzudreschen. Ich war in der Legion zu einem guten Ringer ausgebildet worden, und es fiel mir daher nicht schwer, mit ihm fertigzuwerden, zumal er betrunkener war als ich. Ich warf ihn auf den R�cken, und als er immer noch strampelte und sich nicht f�r besiegt erkl�ren wollte, setzte ich ihm den Fu� auf die Kehle. Da st�rzten sich alle miteinander auf mich, schlugen mich nieder und hielten mich an Armen und Beinen fest.</p><p>�Was machen wir mit dem R�mer?� fragten sie einander, und einer schlug vor: �Schlitzen wir ihm den Bauch auf, und sehen wir nach, was seine Eingeweide prophezeien.� Aber ein anderer sagte eifrig: �Nein, wir wollen ihn lieber verschneiden, damit er nicht mehr wie ein Hase um unsere M�dchen herumspringt.� Und ein dritter meinte: �Das beste ist, wir werfen ihn ins Feuer, dann sehen wir, wieviel Hitze so eine R�merhaut aush�lt.�</p><p>Ich wu�te nicht, ob es ihnen damit ernst war oder ob sie nur nach Art der Betrunkenen ihren Scherz mit mir trieben. Die Schl�ge, die ich bekommen hatte, waren jedenfalls kein Scherz gewesen, aber mein Stolz verbot mir, um Hilfe zu rufen. Als sie sich nun aber gegenseitig aufhetzten und immer mehr in Wut gerieten, begann ich f�r mein Leben zu f�rchten.</p><p>Pl�tzlich verstummten sie und r�ckten ein wenig zur Seite. Ich sah Lugunda auf mich zukommen. Sie blieb stehen, legte den Kopf schr�g und sagte h�hnisch: �Ein R�mer liegt gedem�tigt und hilflos auf der Erde. Ich genie�e diesen Anblick und h�tte beinahe Lust, deine Haut und dein Fleisch ein wenig mit der Messerspitze zu versuchen, wenn es mir nicht verboten w�re, mich mit Menschenblut zu besudeln.�</p><p>Sie schnitt eine h��liche Fratze und streckte mir die Zunge heraus. Dann aber redete sie bes�nftigend auf die jungen Briten ein, die sie alle beim Namen nannte, und sagte: �T�tet ihn lieber nicht. Sein Blut w�rde nach neuem Blut schreien. Schneidet mir eine Rute aus Birkenreisern, dreht ihn auf den Bauch und haltet ihn gut fest, dann will ich euch zeigen, wie man mit R�mern umgeht.�</p><p>Die Burschen waren froh, da� sie sich nicht mehr selbst auszudenken brauchten, was sie mit mir anfangen sollten. Sie schnitten Birkenzweige und rissen mir das Gewand vom Leibe. Lugunda trat dicht neben mich und versetzte mir mit der Rute einen vorsichtigen, gleichsam pr�fenden Hieb auf den R�cken. Dann schlug sie unbarmherzig und mit aller Kraft auf mich ein. Ich bi� die Z�hne zusammen und gab keinen Laut von mir, was sie erst recht zur Raserei brachte. Sie peitschte mich, da� mein ganzer K�rper zuckte und mir vor Schmerz die Tr�nen in die Augen sprangen.</p><p>Als ihre Arme endlich erlahmten, warf sie die Rute fort und rief: �So, nun sind wir quitt, R�mer.�</p><p>Die mich festhielten, lie�en mich los und traten aus Angst, ich k�nnte mich auf sie st�rzen, mit erhobenen F�usten zur�ck. Mein Sch�del dr�hnte, ich blutete aus der Nase, und mein R�cken war ein einziges Feuer, aber ich schwieg und leckte mir nur das Blut von den Lippen. Dennoch hatte ich etwas an mir, was die Briten erschreckte, denn sie verspotteten mich nicht mehr, sondern machten mir Platz. Ich hob mein zerrissenes Gewand vom Boden auf und ging, doch nicht auf das Haus zu, sondern aufs Geratewohl in den vom Mondlicht erhellten Wald hinein, und im Gehen dachte ich dunkel, da� es f�r uns alle das beste war, wenn niemand etwas von meiner Schmach erfuhr. Weit kam ich jedoch nicht. Ich begann bald zu stolpern und sank schlie�lich auf einen k�hlen Moosh�gel nieder. Eine Weile sp�ter l�schten die Briten ihr Feuer. Ich h�rte sie nach ihren Gespannen pfeifen und im Galopp davonfahren, da� der Boden unter den R�dern donnerte.</p><p>Der Mond schien gespenstisch hell, und unheimlich tief waren die Schatten des Waldes. Ich wischte mir mit einer Handvoll Moos das Blut aus dem Gesicht, rief meinen L�wen und sagte zu ihm: �Wenn du da bist, L�we, so br�lle und st�rze ihnen nach, sonst glaube ich nicht mehr an dich.�</p><p>Aber ich sah nicht einmal den Schatten eines L�wen. Ich war allein, bis auf einmal Lugunda geschlichen kam. Sie duckte sich unter den Zweigen hindurch und suchte nach mir. Ihr Gesicht war im Mondlicht ganz wei�. Als sie mich entdeckt hatte, trat sie zu mir, legte mir die H�nde auf den R�cken und fragte: �Wie geht es dir, und hat es sehr weh getan? Es ist dir recht geschehen!�</p><p>Eine wilde Lust packte mich, die H�nde um ihren schlanken Hals zu klammern und sie zu Boden zu werfen und sie zu peinigen, wie ich selbst gepeinigt worden war. Ich beherrschte mich jedoch, weil ich einsah, da� das nun niemandem mehr n�tzte, und fragte sie nur: �Ist das alles auf deinen Befehl geschehen, Lugunda?�</p><p>�Glaubst du, sie h�tten es sonst gewagt, sich an einem R�mer zu vergreifen?� fragte sie mich statt einer Antwort.</p><p>Dann kniete sie neugierig neben mir nieder, tastete ohne Scham meinen Leib ab, bevor ich sie daran hindern konnte, und fragte besorgt: �Sie haben dir doch nicht wirklich die Hoden zerquetscht? Es w�re schade, wenn du nicht mehr mit einem vornehmen r�mischen M�dchen Kinder zeugen k�nntest!�</p><p>Da vermochte ich mich nicht mehr zu beherrschen. Ich schlug sie auf beide Wangen, ri� sie unter mich und dr�ckte sie mit meinem Gewicht zu Boden, obwohl sie mit beiden F�usten auf meine Schultern trommelte, mit den Beinen trat und mich in die Brust bi�. Sie rief nicht um Hilfe. Pl�tzlich erlahmte ihr Widerstand, und sie nahm mich auf. Meine Lebenskraft ergo� sich in ihren Scho�, und ich empfand eine so hei�e Wollust, da� ich laut st�hnte. Dann f�hlte ich nur noch, wie sie meine Wangen zwischen ihren H�nden hielt und mich unaufh�rlich k��te. Erschrocken befreite ich mich aus ihrer Umarmung und setzte mich auf. Im gleichen Augenblick richtete sich auch Lugunda auf und begann zu lachen.</p><p>�Was ist nur mit uns geschehen?� fragte sie sp�ttisch.</p><p>Ich war so verst�rt, da� ich keine Antwort fand, und rief nur: �Du blutest ja!�</p><p>�Da� du das wenigstens bemerkt hast, du Dummkopf�, sagte sie versch�mt, und als ich immer noch stumm dasa�, lachte sie wieder und sagte: �Petro riet es mir. Selbst w�re ich nie darauf gekommen. Es hat mir keine Freude gemacht, dich so erbarmungslos zu peitschen, aber Petro meinte, bei einem sch�chternen, dickh�utigen R�mer helfe kein anderes Mittel.�</p><p>Sie stand auf, nahm meine Hand und sagte: �Wir gehen zu Petro. Er h�lt gewi� Wein und einen Napf Mehl f�r uns bereit.�</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte ich mi�trauisch.</p><p>�Du hast mich ja mit Gewalt genommen, obwohl ich mich so lange wehrte, wie es mir meine Selbstachtung gebot�, antwortete Lugunda verwundert. �Willst du etwa, da� mein Vater das Schwert von der Wand nimmt und seine verlorene Ehre in deinen Eingeweiden sucht? Dazu hat er laut Gesetz das Recht, und es ist ein Gesetz, das sogar die R�mer achten. Glaub mir, es ist das vern�nftigste, wir lassen uns von Petro das Haar mit Mehl und �l einreiben. Er kann mir aber auch nach r�mischer Sitte einen Ring auf den Finger stecken, wenn du unbedingt willst.�</p><p>�Du kannst nicht mit mir nach Rom gehen, Lugunda, ja nicht einmal nach Londinium!� rief ich best�rzt.</p><p>�Ich habe nicht die Absicht, dir nachzulaufen�, sagte Lugunda schroff. �Hab keine Angst. Du kannst zu mir zur�ckkehren, wenn du willst, aber ebensogut kann es geschehen, da� ich des Wartens m�de werde, die Hochzeitsschale zerschlage und deinen Namen zu Asche verbrenne. Dann bin ich wieder frei und ledig. Sagt dir nicht deine eigene Vernunft, da� es besser f�r dich ist, dich nach den Sitten meines Volkes zu richten, als einen Skandal hervorzurufen, von dem man sogar in Rom sprechen wird? Wei�t du, was es hei�t, mitten im Frieden eine Hasenpriesterin zu sch�nden? Oder willst du etwa leugnen, da� du das getan hast? Du hast dich auf mich gest�rzt wie ein wildes Tier und meinen Widerstand mit Gewalt gebrochen.�</p><p>�Du h�ttest um Hilfe rufen sollen�, sagte ich bitter. �Und du h�ttest mich nicht so schamlos an meiner empfindlichsten Stelle streicheln d�rfen, als ich von den Mi�handlungen ohnehin schon von Sinnen war.�</p><p>�Ich war nur um dein Zeugungsverm�gen besorgt�, log sie unbek�mmert. �Und ich konnte doch nicht ahnen, da� eine leichte Ber�hrung nach den Regeln der Liebeskunst dich gleich zur Raserei bringen werde.�</p><p>Meine aufrichtige Reue �nderte nichts an dem Geschehenen. Wir gingen an einen Bach und wuschen uns sorgf�ltig, dann kehrten wir Hand in Hand zu der aus Pf�hlen errichteten Halle zur�ck, in der Lugundas Eltern uns schon ungeduldig erwarteten. Petro hatte aus Mehl und �l einen Brei geknetet. Er strich uns diesen Brei aufs Haupt und gab uns Wein aus einer Tonschale zu trinken, die Lugundas Vater danach sorgsam in einer Truhe verwahrte. Dann f�hrte uns dieser zu einem Hochzeitslager, stie� mich �ber Lugunda und deckte uns mit einem gro�en Lederschild zu.</p><p>Als die anderen die Hochzeitskammer taktvoll verlassen hatten, warf Lugunda den Schild auf den Boden und fragte mich dem�tig, ob ich ihr nun nicht in aller Z�rtlichkeit und Freundschaft das tun wolle, was ich ihr in meinem wilden Zorn im Wald getan hatte. Der Schaden sei ja nun geschehen und nicht wiedergutzumachen.</p><p>Wir umarmten uns also z�rtlich, nachdem ich sie zuerst nach r�mischer Sitte auf den Mund gek��t hatte. Danach erst stand Lugunda auf und holte lindernde Salben, mit denen sie vorsichtig meinen R�cken bestrich. Ich hatte, nun da ich wieder daran denken konnte, wirklich gro�e Schmerzen.</p><p>Gerade als ich in den tiefsten Schlaf meines Lebens versank, kam mir der Gedanke, da� ich nun dem Versprechen untreu geworden war, das ich Claudia gegeben hatte, aber ich schob das auf den Vollmond und die Zauberk�nste der Druiden. Niemand entgeht seinem Schicksal, dachte ich, sofern ich �berhaupt noch f�hig war, vern�nftig zu denken.</p><p>Am n�chsten Tag begann ich mich ohne weitere Umst�nde auf meine Reise vorzubereiten, aber Lugundas Vater bat mich, ihn auf einer Fahrt durch seine Besitzt�mer zu begleiten und mir die Herden, Weiden und W�lder anzusehen, die er Lugunda und ihren Erben zu vermachen gedachte. Wir brauchten dazu drei Tage, und bei unserer R�ckkehr schenkte ich Lugunda meine goldene Kriegstribunenkette.</p><p>Ihr Vater betrachtete das als eine zu geringe Hochzeitsgabe, und als Lugunda sich das Haar aufgesteckt hatte, nahm er einen goldenen Halsring, so dick wie das Handgelenk eines Kindes, und legte ihn seiner Tochter um den Hals. Dergleichen Ringe werden nur von den K�niginnen und den vornehmsten Frauen der Briten getragen.</p><p>An alledem erkannte ich Dummkopf endlich, da� Lugunda von edlerer Herkunft war, als ich gedacht hatte, ja da� ihr Geschlecht so vornehm war, da� ihr Vater es nicht einmal n�tig hatte, davon zu reden. Petro erkl�rte mir schlie�lich, da� ich, w�re ich nicht r�mischer Ritter und Sohn eines Senators gewesen, ohne Zweifel ein Schwert in den Leib bekommen h�tte und nicht, auf dem Hochzeitslager, den Kriegerschild des Geschlechts �ber meinen wundgepeitschten R�cken.</p><p>Und nur dem Einflu� meines Schwiegervaters und Petros Stellung als Opferpriester, Arzt und Richter hatte ich es zu verdanken, da� ich nicht obendrein noch wegen Zauberei angeklagt wurde, denn der vornehme junge Brite, der mich aus Eifersucht als erster angegriffen hatte, brach sich noch am selben Vollmondabend das Genick, weil seine Pferde in vollem Galopp vor einem unbekannten Tier scheuten, so da� er mit dem Kopf voran gegen einen Stein geschleudert wurde.</p><p>Manchmal qu�lten mich der Gedanke an das Claudia gegebene Versprechen, das ich ohne meinen Willen gebrochen hatte, und die peinliche Empfindung, da� Lugunda eher meine Beischl�ferin als meine gesetzliche Gattin sei, denn ich konnte die Trauung nach der Sitte der Icener nicht als rechtskr�ftig betrachten. Doch ich war jung. Mein so lange in harter Zucht gehaltener K�rper erlag Lugundas Liebkosungen, so da� ich meine R�ckkehr nach Comulodunum Tag um Tag aufschob.</p><p>Aber mehr als alle Selbstbeherrschung erm�det einen die �berm��ige Befriedigung der Sinne, und bald trat eine st�ndige Gereiztheit zwischen Lugunda und mich. Wir wechselten harte Worte und waren uns nur noch im Bett einig. Als ich endlich zu den Meinen zur�ckkehrte, war mir, als fielen Ketten von mir ab, als erwachte ich aus einer Verzauberung. Wie ein Vogel, der aus dem Bauer fliegt, f�hlte ich mich, und ich machte mir keine Vorw�rfe, weil ich Lugunda verlie�. Sie hatte nur ihren eigenen Willen durchgesetzt und konnte nun zufrieden sein, fand ich.</p><p>Vespasian befreite mich wieder von den Waffen�bungen und dem Stabsdienst, den ich als Tribun h�tte leisten m�ssen. Ich schrieb mein Buch �ber Britannien noch einmal neu. Die traumgleiche Verzauberung des ersten Sommers war dahin, und ich beschrieb alles so sachlich und so knapp ich konnte. Ich sah die Briten nicht mehr in dem gleichen vorteilhaften Licht und machte mich sogar �ber einige ihrer Br�uche lustig. Ich anerkannte die Verdienste des Gottes Julius Caesar um die Zivilisierung Britanniens, wies aber unter anderem darauf hin, da� die Bundesgenossenschaft des Gottes Augustus mit den Brigantern in den Augen der letzteren in nichts anderem bestand als im freundlichen Austausch von Geschenken.</p><p>Dagegen zollte ich Kaiser Claudius uneingeschr�nkte Anerkennung f�r die Eingliederung des s�dlichen Britannien ins R�mische Reich und r�hmte die Verdienste des Aulus Plautius um die Befriedung dieses Reichsteiles. Vespasian bat mich, seine Leistungen nicht allzusehr herauszustreichen. Er wartete noch immer vergeblich auf einen neuen Prokurator oder Oberbefehlshaber und wollte mit seinem Kriegsruhm niemanden in Rom gegen sich aufbringen. �Ich bin schlau oder, wenn du es lieber so nennen willst, unaufrichtig genug, um mich den ver�nderten Gegebenheiten anzupassen, und bleibe lieber still und bescheiden hier in Britannien, als da� ich nach Rom und in meine fr�here Armut zur�ckkehre�, sagte er.</p><p>Ich wu�te bereits, da� Kaiser Claudius den Eid gebrochen hatte, den er bei der G�ttin Fides mit in ein wei�es Tuch gebundener rechter Hand vor den Pr�torianern geschworen hatte. Einige Monate nach Messalinas Tod hatte er n�mlich erkl�rt, er k�nne nicht l�nger unbeweibt sein, und sich die vornehmste aller Frauen Roms zur Gattin genommen: seine eigene Nichte Agrippina, dieselbe, deren Sohn Lucius Domitius einst meine Freundschaft gesucht hatte.</p><p>Zu dieser Ehe war freilich ein neues Gesetz erforderlich gewesen, das die Blutschande gestattete, aber dieses Gesetz hatte der Senat nur zu gern erlassen, und einige besonders weitblickende Senatoren hatten Claudius sogar weinend und auf den Knien gebeten, sein heiliges Gel�bde zur�ckzunehmen und sich zum Wohle des Staates erneut zu verm�hlen. Binnen k�rzester Zeit war in Rom das Oberste zuunterst gekehrt worden, und Vespasian h�tete sich wohlweislich, sich an dieser Suppe zu verbrennen.</p><p>�Agrippina ist eine sch�ne, kluge Frau�, sagte er heuchlerisch. �Gewi� hat sie aus den bitteren Erfahrungen ihrer Jugend und aus ihren beiden fr�heren Ehen viel gelernt. Ich hoffe nur, sie wird Britannicus eine gute Stiefmutter sein und sich auch meines Sohnes Titus annehmen, obwohl ich den Fehler begangen habe, ihn bei Messalina zu lassen, als ich in den Krieg zog.�</p></section><section><p>Vespasian sah ein, da� ich, als mein Buch beendet war, von Britannien genug hatte und mich nach Rom sehnte. Ich selbst war unruhig und unsicher. Immer �fter dachte ich an Lugunda, als der Fr�hling �ber Britannien kam.</p><p>Nach dem Fest der Flora erhielt ich in Londinium einen Brief, der in mangelhaftem Latein auf Birkenrinde geschrieben war. Man hoffe, hie� es darin, ich w�rde auf raschestem Wege ins Land der Icener zur�ckkehren, um meinen neugeborenen Sohn auf die Knie zu setzen. Diese �berraschende Nachricht bereitete meiner Sehnsucht nach Lugunda augenblicklich ein Ende, und ich w�nschte mir nun erst recht, Rom so bald wie m�glich wiederzusehen. So jung war ich noch, da� ich glaubte, mich von aller Schuld befreien zu k�nnen, indem ich den Aufenthaltsort wechselte.</p><p>Vespasian gab mir freundlich ein Kurierschild und einige Briefe, die ich in Rom �bergeben sollte. Ohne den heftigen Wind zu f�rchten, schiffte ich mich ein und spie unterwegs das ganze Britannien in den Gischt dieses salzigen Meeres. Mehr tot als lebendig ging ich in Gallien an Land, und damit endet meine Erz�hlung �ber Britannien. Ich nahm mir vor, nie wieder dorthin zu reisen, ehe ich es nicht trockenen Fu�es tun k�nnte, und dies ist einer der wenigen Vors�tze meines Lebens, denen ich treu geblieben bin.</p></section><section><empty-line/><p><strong>IV

    </strong></p><p><strong>CLAUDIA
  </strong></p><empty-line/><p>Es ist herrlich, achtzehn Jahre alt zu sein, sich den Kriegstribunenrang selbst verdient zu haben, zu wissen, das man �berall gern gesehen ist, und sein Erstlingswerk einer sachverst�ndigen Zuh�rerschaft ohne Stottern vorlesen zu k�nnen. Mir war, als erlebte ganz Rom mit mir zusammen seinen sch�nsten Fr�hsommer. Ein frischerer Wind wehte in der Stadt, seit nach der allzu jungen Messalina die vornehme, edle Agrippina Kaiser Claudius� Gemahlin geworden war.</p><p>Man versuchte nicht mehr, einander an Ausschweifungen zu �berbieten. Die Sitten waren reiner geworden, denn Agrippina lie� sich die Listen des Ritterstandes und der Senatoren bringen und tilgte unbarmherzig die Namen all derer, die durch einen unsittlichen Lebenswandel von sich reden machten oder sonst irgendeine Schuld auf sich geladen hatten. Claudius, der immer noch das Amt des Zensors aus�bte und unter seinen Pflichten seufzte, nahm die Vorschl�ge einer so guten, politisch erfahrenen Frau dankbar an.</p><p>Agrippina zuliebe versuchte sogar er selbst, sich ein wenig aufzuraffen. Seine Freigelassenen, an erster Stelle der Sekret�r Narcissus und der Verwalter der Staatskasse, Pallas, waren wieder in Gnaden aufgenommen worden, und es hie�, der von seinem anstrengenden Amt ersch�pfte Pallas m�sse Nacht f�r Nacht mit der unerm�dlichen, willensstarken Agrippina �ber den Staatshaushalt beraten.</p><p>Als ich selbst zum erstenmal wieder mit Agrippina zusammentraf, schien sie mir sanftm�tiger und strahlender geworden zu sein. Sie nahm sich die M�he, mich in die Knabenschule des Palatiums zu f�hren. Sie rief Vespasians achtj�hrigen Sohn Titus zu sich und strich ihrem Stiefsohn Britannicus z�rtlich �bers Haar. Britannicus wirkte f�r seine neun Jahre zu m�rrisch und verschlossen, aber das war, nachdem er seine sch�ne Mutter auf so schmerzliche Weise verloren hatte, kaum verwunderlich. Eine Stiefmutter kann wohl selbst durch die hingebungsvollste Z�rtlichkeit die wirkliche Mutter nicht ersetzen. Als wir wieder gingen, sagte Agrippina bedauernd, da� Britannicus zum gro�en Kummer seines Vaters an der Fallsucht leide und daher keine k�rperlichen �bungen vertr�ge. Besonders bei Vollmond sei er sehr unruhig und m�sse �berwacht werden.</p><p>Dann aber f�hrte mich Agrippina voll Eifer in einen sonnigen Teil des Palatiums, um ihren eigenen Sohn, den sch�nen, verwegenen Lucius Domitius, zu besuchen, und stellte mich auch dessen Lehrer vor. Es war der Philosoph Annaeus Seneca, den Agrippina gleich nach ihrem Machtantritt aus der Verbannung zur�ckgeholt und mit der Erziehung ihres Sohnes beauftragt hatte. Der Aufenthalt auf Korsika war Seneca gut bekommen, und er war sogar von seiner Schwindsucht geheilt worden, so bitter er sich auch in seinen Briefen �ber die Verbannung beklagt hatte. Seneca, ein beleibter Mann, der mich freundlich begr��te, war etwa f�nfundvierzig Jahre alt. An seinen weichen roten Stiefeln erkannte ich, da� er sogar zum Senator ernannt worden war.</p><p>Lucius Domitius �berraschte mich, indem er auf mich zust�rzte und mich auf beide Wangen k��te, als s�he er einen lang entbehrten Freund endlich wieder. Er hielt mich an der Hand, setzte sich neben mich, fragte mich nach meinen Erlebnissen in Britannien aus und wunderte sich dar�ber, da� die Ritterschaft meinen Tribunenrang so rasch best�tigt hatte.</p><p>Von so viel Gunst verwirrt, erdreistete ich mich, mein kleines Buch zu erw�hnen und Seneca zu bitten, es zu pr�fen, bevor ich es �ffentlich vorlas, um vor allem die Sprache zu verbessern. Er erkl�rte sich freundlich dazu bereit, und ich suchte den Palast aus diesem Anla� noch mehrere Male auf. Nach seiner aufrichtigen Meinung mangelte es meiner Darstellung an Schwung, aber er r�umte ein, da� ein straffer, trockener Stil durchaus am Platze sei, da ich ja haupts�chlich die Landesnatur und Geschichte Britanniens sowie die Sitten und Gebr�uche der britischen St�mme, ihren Aberglauben und ihre Kampfweise beschrieb. Lucius Domitius las mir laut aus meinem Werk vor, um mir zu zeigen, wie man es vortragen m�sse. Er hatte eine ungew�hnlich sch�ne Stimme und vermochte sich so in das Gelesene einzuleben, da� er mich mitri� und ich beinahe den Eindruck gewann, mein Buch sei au�erordentlich verdienstvoll und bemerkenswert. Ich sagte daher: �Wenn du es vorl�sest, w�re mir der Erfolg gewi�.�</p><p>In der verfeinerten Atmosph�re des Palastes wurde mir erst so echt bewu�t, wie �berdr�ssig ich des trostlosen Lagerlebens und der rohen Sitten der Legion�re geworden war. Entz�ckt und voll Bewunderung folgte ich den Belehrungen des Lucius Domitius, der mir die angenehmen Geb�rden beibrachte, die einem Schriftsteller anstehen, der sein Werk vorliest. Auf seinen Rat ging ich �fter ins Theater, und zusammen spazierten wir durch die G�rten des Lucullus auf dem Pincius, die seine Mutter nach Messalina geerbt hatte. Lucius Domitius sprang und tollte umher wie ein Kind, war aber dennoch stets auf die Sch�nheit seiner Bewegungen bedacht. Hin und wieder blieb er pl�tzlich wie in tiefe Gedanken versunken stehen und sagte etwas so Kluges, da� ich mich fragte, ob ich wirklich mit einem Knaben sprach, der noch nicht einmal den Stimmbruch hatte. Man mu�te einfach Gefallen an ihm finden, wenn er es darauf anlegte, zu gefallen, und es war, als empf�nde er nach seiner freudlosen Kindheit das Bed�rfnis, jeden Menschen, mit dem er zusammentraf, und sogar die Sklaven f�r sich einzunehmen. Seneca hatte ihn �brigens gelehrt, da� auch die Sklaven Menschen seien. Dasselbe hatte mir mein Vater schon in Antiochia gesagt.</p><p>Es war, als h�tte der Geist, der in diesen denkw�rdigen Tagen im Palatium herrschte, ganz Rom ergriffen. Sogar Tullia empfing mich freundlich in ihrem prunkvollen Haus und hinderte mich nicht daran, meinen Vater zu besuchen, sooft ich wollte. Sie kleidete sich w�rdig und einfach, wie es sich f�r die Gattin eines r�mischen Senators mit den Rechten einer Mutter von drei Kindern ziemte, und trug nicht mehr so viel Schmuck wie fr�her.</p><p>Mein Vater �berraschte mich angenehm. Er war nicht mehr so aufgedunsen, kurzatmig und mi�mutig wie vor meiner Abreise nach Britannien. Tullia hatte ihm einen griechischen, in Alexandria ausgebildeten Arzt gekauft, den mein Vater selbstverst�ndlich sofort freigelassen hatte. Dieser Arzt verordnete ihm B�der und Massagen, verbot ihm den unm��igen Weingenu� und hie� ihn jeden Tag eine Weile spielen, so da� mein Vater nun seinen breiten Purpurstreifen beinahe mit W�rde trug. Er stand in dem Ruf, ebenso g�tig wie reich zu sein, und daher fanden sich jeden Morgen zahlreiche Klienten und Bittsteller bei ihm ein. Er half vielen, weigerte sich aber, irgend jemanden f�r die Verleihung der B�rgerrechte zu empfehlen, wozu er als Senator berechtigt gewesen w�re.</p><p>Doch ich mu� von Claudia berichten, die ich schuldbewu�t und widerstrebend aufsuchte. �u�erlich hatte sie sich nicht im geringsten ver�ndert, und dennoch war sie mir anfangs fremd. Sie l�chelte mich strahlend an, dann aber kniff sie die Lippen zusammen, und ihre Augen wurden dunkel.</p><p>�Ich habe b�se Tr�ume gehabt�, sagte sie. �Und jetzt sehe ich, da� sie die Wahrheit sprachen. Du bist nicht mehr derselbe wie fr�her, Minutus.�</p><p>�Wie sollte ich noch derselbe sein, nachdem ich zwei Jahre in Britannien gelebt, ein Buch geschrieben, Barbaren erschlagen und mir den roten Helmbusch verdient habe!� entgegnete ich aufgebracht. �Du lebst hier auf dem Lande, fern von aller Welt, wie eine Ente auf ihrem Teich, aber du kannst nicht dasselbe von mir verlangen!�</p><p>Claudia sah mir in die Augen, hob die Hand, um meine Wange zu streicheln, und sagte: �Du wei�t sehr gut, was ich meine, Minutus. Aber ich war dumm. Ich h�tte dir nicht ein Versprechen abverlangen d�rfen, das offenbar kein Mann halten kann.�</p><p>Es w�re gewi� das kl�gste gewesen, wenn ich ihre Worte zum Anla� genommen h�tte, gleich bei diesem ersten Wiedersehen mit ihr zu brechen. Es ist ja so leicht, sich zu erz�rnen, wenn man sich im Unrecht wei�. Als ich aber ihre bittere Entt�uschung sah, ri� ich sie in meine Arme, k��te und streichelte sie und wurde von dem unwiderstehlichen Drang ergriffen, wenigstens einem Menschen von Lugunda und meinen Erlebnissen in Britannien zu erz�hlen.</p><p>Wir setzten uns bei ihrer Quelle auf eine Steinbank unter einem alten Baum, und ich berichtete, so aufrichtig ich es vermochte, wie Lugunda in meine H�nde geraten war, wie ich sie lesen gelehrt hatte und von welch gro�em Nutzen sie mir auf meinen Reisen unter den Briten gewesen war. Dann begann ich ein wenig zu stottern und mu�te zu Boden blicken. Claudia ergriff mit beiden H�nden meinen Arm, ri� mich zu sich herum, sah mir in die Augen und bat mich, weiterzuerz�hlen. Ich gestand ihr also, was meine Selbstachtung mir zuzugeben gestattete, wagte aber trotz allem nicht, Claudia zu sagen, da� Lugunda mir einen Sohn geboren hatte. Dagegen prahlte ich mit meiner Mannheit und Lugundas Unber�hrtheit. Zu meiner Verwunderung kr�nkte es Claudia am meisten, da� Lugunda Hasenpriesterin war. �Ich bin es nun auch m�de geworden, vom Vatikanischen H�gel aus den Vogelflug zu beobachten�, sagte sie. �Ich glaube nicht mehr an Vorzeichen. Roms G�tter sind mir nur noch machtlose Statuen. Die b�sen M�chte, die gibt es freilich, und es wundert mich nicht, da� du in deiner Unerfahrenheit in einem fremden Land behext werden konntest. Wenn du aber deinen S�ndenfall aufrichtig bereust, kann ich dir einen neuen Weg zeigen. Der Mensch braucht mehr als Zauberei, Vorzeichen und Statuen aus Stein. Ich habe, w�hrend du fort warst, Dinge erfahren, von denen ich nie gedacht h�tte, da� sie je einem Menschen offenbart werden k�nnten.�</p><p>Nichts B�ses ahnend, bat ich sie eifrig, zu erz�hlen, aber das Herz sank mir, als ich erkannte, da� ihre Tante Paulina sie dazu mi�brauchte, die Verbindung mit ihren Freunden aufrechtzuerhalten, und sie damit noch tiefer als mich in die sch�ndliche Geheimnistuerei der Christen hineingezogen hatte.</p><p>�Sie haben die Macht, Kranke zu heilen und die S�nden zu vergeben�, sagte Claudia verz�ckt. �Ein Sklave oder der �rmste Handwerker ist bei ihren heiligen M�hlern den Reichsten und Vornehmsten gleich. Wir begr��en uns mit einem Ku� zum Zeichen der Liebe, die uns verbindet. Wenn der Geist �ber die Versammlung kommt, wird sie von einem heiligen Beben ergriffen, ungebildete Menschen beginnen in fremden Zungen zu reden, und die Gesichter der Heiligen leuchten in der Dunkelheit.�</p><p>Ich sah sie mit dem gleichen Entsetzen an, mit dem man einen Schwerkranken betrachtet, aber Claudia nahm meine H�nde und bat: �Verurteile sie nicht, bevor du sie nicht kennengelernt hast. Gestern war der Tag des Saturn und der Sabbat der Juden. Heute haben die Christen ihren Feiertag, denn am Tage nach dem Sabbat ist ihr K�nig von den Toten auferstanden. Jeden Tag aber kann sich der Himmel auftun, und er kehrt zur Erde zur�ck und gr�ndet sein tausendj�hriges Reich, in dem die Letzten die Ersten sein werden und die Ersten die Letzten.�</p><p>Claudia war sch�n wie eine Seherin, als sie so sprach, und ich glaube, da� in diesem Augenblick wirklich eine unwiderstehliche Macht durch ihren Mund zu mir redete, meinen Willen l�hmte und meinen Verstand verdunkelte, denn als sie sagte: �Komm, gehen wir sogleich zu ihnen�, da stand ich auf und folgte ihr willenlos. Da sie meinte, ich h�tte Angst, versicherte sie mir, ich brauchte nichts zu tun, was ich nicht selbst wolle. Ich brauchte nur zu sehen und zu lauschen. Vor mir selbst redete ich mich damit heraus, da� ich alle Ursache h�tte, diese neuen Sitten in Rom kennenzulernen, nachdem ich doch auch versucht hatte, mich in den Glauben der Druiden in Britannien einzuleben.</p><p>Als wir den j�dischen Stadtteil Transtiberina erreichten, herrschten dort L�rm und Unruhe. Schreiende Frauen kamen uns entgegengelaufen, und an den Stra�enecken schlugen die Menschen mit F�usten, Steinen und Kn�ppeln aufeinander ein. Sogar w�rdige grauhaarige Juden mit Quasten auf ihren M�nteln beteiligten sich an der Pr�gelei, und die M�nner des Stadtpr�fekten waren offenbar machtlos. Gelang es ihnen wirklich, eine der k�mpfenden Gruppen mit ihren St�cken auseinanderzutreiben, so wurde die Schl�gerei eine Gasse weiter fortgesetzt.</p><p>�Was, bei allen G�ttern Roms, geht hier vor?� fragte ich einen der atemlosen Ordnungsw�chter, der sich die blutende Stirn wischte.</p><p>�Es gibt da einen entflohenen Sklaven namens Christus, der die Juden gegeneinander aufhetzt�, erkl�rte er. �Wie du siehst, kommt das Gesindel aus anderen Stadtteilen �ber alle Br�cken her�ber und rottet sich hier zusammen. Du gehst mit deinem M�dchen am besten einen anderen Weg. Gleich werden die Pr�torianer da sein, und dann gibt es blutige K�pfe.�</p><p>Claudia sah sich eifrig um, stie� einen freudigen Ruf aus und sagte: �Gestern jagten die Juden alle, die Christus anerkennen, aus ihren Synagogen und schlugen sie. Jetzt zahlen es ihnen die Christen zur�ck, und sie werden sogar von Christen unterst�tzt, die keine Juden sind.�</p><p>Durch die engen Gassen zogen wirklich ganze Scharen kr�ftiger Sklaven, Schmiede und Schauerleute vom Tiberstrand, die die verschlossenen L�den der Gesch�fte aufbrachen und in die H�user eindrangen, aus denen man ein kl�gliches Gejammer h�rte. Aber die Juden sind furchtlose Streiter, wenn sie f�r ihren unsichtbaren Gott k�mpfen. Sie versammelten sich vor den Synagogen und wehrten alle Angriffe ab. Eigentliche Waffen sah ich bei ihnen keine, denn es war ihnen, ebenso wie dem anderen P�bel, der aus allen Himmelsrichtungen, meist aber aus dem Osten, nach Rom str�mt, verboten, Waffen zu besitzen.</p><p>Da und dort tauchten �ltere M�nner auf und riefen mit erhobenen Armen: �Friede, Friede um Jesu Christi willen!� Einige senkten wirklich ihre Kn�ppel oder lie�en ihre Steine fallen, schlichen aber dann nur in die n�chste Gasse, um sich dort erneut ins Gew�hl zu st�rzen. Die w�rdevollen �lteren Juden ergrimmten �ber diese Rufe so sehr, da� sie sich mitten vor der sch�nen Synagoge Julius Caesars die Barte zu raufen und die Kleider zu zerrei�en begannen und die Friedensmittler laut der Ketzerei bezichtigten.</p><p>Ich hatte alle M�he, Claudia zu besch�tzen und sie davon abzuhalten, sich an der Schl�gerei zu beteiligen, denn sie wollte unbedingt das Haus betreten, in dem ihre Freunde an diesem Abend ihre Mysterien feiern sollten. Vor dem Haus stand aber ein aufgehetzter Haufe glaubenseifriger Juden, und diese schlugen alle nieder, die sich dem Haus n�herten, und schleppten andere, die sich darin versteckt hatten, auf die Gasse heraus. Sie zerrissen die B�ndel dieser armen Menschen, st�lpten ihre E�k�rbe um und trampelten die Speisen in den Kot und schlugen sie schonungsloser, als sie Schweine geschlagen h�tten. Wer zu fliehen versuchte, wurde zu Boden gerissen und ins Gesicht getreten.</p><p>Ich wei� nicht mehr, wie es zu dem Folgenden kam. Ergriff mich pl�tzlich der dem R�mer eingeborene Drang, die Ordnung aufrechtzuerhalten, oder wollte ich die Schw�cheren gegen die Roheit der Angreifer sch�tzen, oder hetzte Claudia mich auf? Jedenfalls wurde ich auf einmal gewahr, da� ich einen hochaufgewachsenen Juden bei seinem Bart packte und ihm mit einem Ringergriff den Stock aus der Hand wand, da er mit heiligem Eifer auf ein M�dchen eindrosch, das er zu Boden geworfen hatte, und eh ich wu�te, wie mir geschah, befand ich mich mitten im dichtesten Handgemenge � offenbar auf der Seite der Christen, denn Claudia feuerte mich, vor Eifer gl�hend, im Namen ihres Jesus von Nazareth an, alle Juden, die ihn nicht als den Gesalbten anerkannten, gr�n und blau zu schlagen.</p><p>Ich kam erst wieder zur Besinnung, als Claudia mich ins Haus zog, und lie� rasch einen blutigen Kn�ppel fallen, den ich irgendwo aufgelesen hatte. Entsetzt machte ich mir klar, was mir bevorstand, wenn man mich festnahm und der Einmischung in die Glaubenszwistigkeiten der Juden anklagte. Ich hatte nicht nur meinen Kriegstribunenrang zu verlieren, sondern auch die schmale rote Borte auf meiner Tunika. Claudia f�hrte mich in ein gro�es trockenes Kellergew�lbe, in dem eine ganze Anzahl Judenchristen laut schreiend dar�ber stritt, wer die Schl�gerei angestiftet hatte, w�hrend weinende Frauen damit besch�ftigt waren, Wunden zu verbinden und Salben auf Beulen zu streichen. Vom G�steraum �ber uns kamen einige Greise herunter, die vor Angst schlotterten, und M�nner, die, der Kleidung nach zu urteilen, keine Juden waren. Sie schienen ebenso verwirrt wie ich zu sein und fragten sich vermutlich, wie sie sich aus dieser Klemme ziehen k�nnten.</p><p>Mit ihnen kam ein Mann, in dem ich erst, als er sich das Blut und den Schmutz aus dem Gesicht gewaschen hatte, den Zeltmacher Aquila erkannte. Er war �bel zugerichtet, denn die Juden hatten ihm das Nasenbein zerschlagen und ihn dann in eine Kloake gerollt. Trotzdem ergriff er erregt das Wort und rief: �O ihr Verr�ter, die ich nicht einmal mehr meine Br�der zu nennen wage. Dient euch die Freiheit in Christus nur dazu, eure Schlechtigkeit zu bem�nteln! Wo ist euer Duldermut! Ist uns nicht aufgetragen worden, uns der Ordnung und dem Gesetz der Menschen zu unterwerfen und den Sp�ttern mit guten Taten den Mund zu verschlie�en!�</p><p>Einige wandten heftig ein: �Es geht jetzt nicht darum, ohne Tadel unter den Heiden zu leben, damit sie lernen, Gott zu preisen, wenn sie unsere guten Taten sehen. Nein, es geht nun um die Juden, die uns schlagen und unseren Herrn Christus verh�hnen. Um seinetwillen und ihm zu Ehren haben wir dem B�sen Widerstand geleistet, nicht um unser eigenes erb�rmliches Leben zu verteidigen.�</p><p>Ich dr�ngte mich an ihnen vorbei, ergriff Aquila am Arm und fl�sterte ihm zu, da� ich diesen Ort so rasch wie m�glich verlassen m��te. Als er mich wiedererkannte, verkl�rte sich sein Gesicht vor Freude. Er segnete mich und rief: �Minutus, Sohn des Marcus Manilianus, hast auch du den einzigen Weg gew�hlt!�</p><p>Er umarmte mich, k��te mich auf den Mund, geriet in Verz�ckung und begann zu predigen: �Christus hat auch f�r dich gelitten. Warum nimmst du ihn nicht zum Vorbild und wandelst auf seinen Spuren? Er schm�hte nicht, die ihn schm�hten, und er drohte niemandem, da er litt. Vergilt auch du nicht B�ses mit B�sem. Wenn du um Christi willen leiden darfst, so preise Gott daf�r!�</p><p>Ich erinnere mich nicht mehr, was er noch alles daherfaselte, denn er k�mmerte sich nicht um meine Einw�nde, sondern redete und redete, aber seine Verz�ckung ri� die anderen mit. Nach und nach begannen sie alle um Vergebung ihrer S�nden zu beten, wenngleich einige noch zwischen den Z�hnen murmelten, da� das Reich gewi� nicht kommen werde, solange die Juden die Untertanen Christi ungestraft beleidigen, unterdr�cken und mi�handeln durften.</p><p>W�hrenddessen wurden drau�en zahllose Verhaftungen vorgenommen, ohne da� man darauf sah, ob es sich um rechtgl�ubige Juden, Christen oder anderes Pack handelte. Da die Pr�torianer alle Br�cken bewachten, flohen viele in Booten. Andere machten die Lastk�hne am Kai los, so da� sie mit der Str�mung davontrieben. Da alle Ordnungstruppen ins Judenviertel geschickt worden waren, war die Stadt selbst ohne Schutz. Der P�bel rottete sich in den Gassen zusammen und schrie als Losungswort den Namen Christus, den er jenseits des Tibers aufgeschnappt hatte. Er pl�nderte L�den und legte Feuer an einige H�user, so da� der Stadtpr�fekt, kaum da� im Judenviertel die Ordnung einigerma�en wiederhergestellt war, seine Leute eilends in die eigentliche Stadt zur�ckziehen mu�te. Das war meine Rettung, denn er hatte schon Befehl gegeben, das Judenviertel Haus f�r Haus zu durchsuchen, um den Aufwiegler Christus zu fassen.</p><p>Es wurde Abend. Ich sa�, den Kopf in die H�nde gest�tzt, verzweifelt auf dem Boden des Kellers und wurde immer hungriger. Die Christen sammelten, was ihnen an Speisen geblieben war, und begannen es unter sich zu verteilen, so da� keiner leer ausging. Sie hatten Brot und �l, Zwiebeln, ged�nstete Erbsen und sogar Wein. Aquila segnete nach der Art der Christen das Brot und den Wein als den Leib und das Blut des Jesus von Nazareth. Ich nahm, was man mir anbot, und teilte eines der Brote der Armen mit Claudia. Auch ein kleines St�ck K�se und einen Bissen D�rrfleisch bekam ich. Den Wein trank ich aus demselben Becher wie alle anderen, als die Reihe an mich kam. Als sich alle satt gegessen hatten, k��ten sie einander z�rtlich. Claudia k��te mich und rief: �O Minutus, wie bin ich froh, da� auch du sein Fleisch gegessen und sein Blut getrunken hast, um der Vergebung der S�nden und des ewigen Lebens teilhaftig zu werden. F�hlst du nicht den Geist in deinem Innern brennen, als h�ttest du die zerlumpten H�llen deines fr�heren Lebens von dir geworfen und dich in ein neues Gewand gekleidet!�</p><p>Ich entgegnete bitter, das einzige, was in mir brenne, sei der billige saure Wein. Dann erst verstand ich ganz, was sie meinte, und erkannte, da� ich am geheimen Mahl der Christen teilgenommen hatte. Ich erschrak so heftig, da� ich mich am liebsten erbrochen h�tte, obwohl ich genau wu�te, da� ich nicht wirklich Blut aus dem Becher getrunken hatte.</p><p>�Dummes Geschw�tz!� sagte ich erbost. �Brot ist Brot, und Wein ist Wein. Wenn ihr nichts anderes und nichts Schlimmeres treibt als dies, dann verstehe ich nicht, warum �ber eueren Aberglauben soviel unsinnige Geschichten verbreitet werden, und noch unbegreiflicher ist mir, da� man sich dergleichen harmloser Dinge wegen die Sch�del einschl�gt.�</p><p>Ich war zu m�de, um lang mit ihr zu streiten, und sie war auch noch viel zu erregt, aber zuletzt brachte sie mich doch dazu, da� ich mich bereit erkl�rte, mich mit der Lehre der Christen n�her bekannt zu machen, vorausgesetzt, da� an ihr �berhaupt etwas Vern�nftiges war. Ich konnte an sich nichts B�ses darin sehen, da� sie sich gegen die Juden zur Wehr setzten, aber ich war der �berzeugung, da� sie bestraft werden mu�ten, wenn die Unruhen nicht aufh�rten, gleich, ob die Schuld bei ihnen oder den rechtgl�ubigen Juden lag.</p><p>Aquila erkl�rte mir, da� es schon fr�her zu Streitigkeiten und Schl�gereien gekommen war, wenn auch nicht in dem Ausma�e wie jetzt. Er versicherte, da� die Christen ohnehin versuchten, so wenig Aufmerksamkeit wie m�glich zu erregen und b�se Worte mit guten zu vergelten, da� aber andrerseits die Judenchristen das Recht h�tten, in die Synagogen zu gehen, um der Lesung der Schriften zu lauschen. Viele von ihnen h�tten sogar selbst zum Bau der neuen Synagogen, beigesteuert.</p><p>Ich begleitete Claudia in der warmen Sommernacht aus der Stadt hinaus und am Vatikanischen H�gel vorbei zu ihrer H�tte. Auf der anderen Seite des Flusses sahen wir Br�nde lodern und h�rten das Geschrei der Menge. Unz�hlige Wagen und Karren, die Gem�se und Fr�chte zum Markt brachten, warteten dicht gedr�ngt auf der Stra�e. Die Landleute fragten einander besorgt, was in der Stadt geschehen sei, und pl�tzlich ging das Ger�cht von Mann zu Mann, ein gewisser Christus habe die Juden zum Morden und Brennen angestiftet. Kein einziger hatte �ber die Juden ein gutes Wort zu sagen.</p><p>Als wir weitergingen, begann ich zu hinken, mein Kopf schmerzte, und ich wunderte mich dar�ber, da� ich die Hiebe, die ich bei der Schl�gerei abbekommen hatte, erst jetzt sp�rte. Als wir endlich Claudias H�tte erreichten, war mir so elend zumute, da� sie mich nicht gehen lie�, sondern mich bat, �ber Nacht bei ihr zu bleiben. Trotz meinen Einw�nden bettete sie mich beim Schein einer �llampe auf ihr eigenes Lager, wirtschaftete dann aber ger�uschvoll in ihrer H�tte herum und seufzte so tief, da� ich sie schlie�lich fragte, was ihr fehle.</p><p>�Ich bin weder rein noch ohne S�nde�, gestand sie mir. �Wie Feuer brennt in meinem Herzen jedes Wort, das du mir �ber dieses schamlose Britenm�dchen berichtet hast, an dessen Namen ich mich nicht einmal erinnern mag.�</p><p>Ich bat sie aufrichtig: �Versuche mir zu verzeihen, da� ich mein Versprechen nicht zu halten vermochte.�</p><p>�Was k�mmert mich noch dein Versprechen�, klagte Claudia. �Ich verfluche mich selbst. Ich bin Fleisch von meiner Mutter Fleisch, und der liederliche Claudius ist mein Vater. Ich kann nicht daf�r, da� eine gef�hrliche Unruhe in mir gl�ht, wenn ich dich so in meinem Bett liegen sehe.�</p><p>Sie hatte jedoch eiskalte H�nde, als sie die meinen ergriff, und kalt waren auch ihre Lippen, als sie sich zu mir niederbeugte, um mich zu k�ssen.</p><p>�Ach Minutus�, fl�sterte sie. �Ich bin noch nicht dazu gekommen, dir zu gestehen, da� mein Vetter Gajus mich gesch�ndet hat, als ich noch ein Kind war. Er tat es zum Spa�, nachdem er der Reihe nach bei allen seinen Schwestern gelegen war, und ich habe seither die M�nner geha�t. Nur dich konnte ich nicht hassen, denn du wolltest mich zur Freundin haben, ohne zu wissen, wer ich bin.�</p><p>Was soll ich noch viel erkl�ren? Um sie zu tr�sten, zog ich sie zu mir ins Bett. Sie zitterte vor K�lte und vor Scham. Ich will mich nicht damit herausreden, da� sie f�nf Jahre �lter als ich war, sondern gebe gern zu, da� mir immer hei�er wurde, bis sie mich lachend und weinend umarmte, und ich wu�te, da� ich sie liebte.</p><p>Als wir am Morgen erwachten, waren wir so gl�cklich, da� wir nur noch an uns beide denken mochten, und Claudia, die vor Freude und Gl�ck strahlte, war in meinen Augen trotz ihren groben Gesichtsz�gen und dichten Brauen sch�n. Lugunda verbla�te zu einem Schatten. Claudia war eine reife Frau, Lugunda dagegen ein kindlich, launisches M�dchen.</p><p>Wir tauschten kein Versprechen aus und wollten nicht an die Zukunft denken. Wenn mich wirklich ein dunkles Schuldbewu�tsein dr�ckte, so sagte ich mir, da� Claudia wissen mu�te, was sie tat. Zumindest hatte sie nun an etwas anderes zu denken als an die abergl�ubischen Mysterien der Christen, und das war gut so.</p><p>Als ich nach Hause kam, sagte Tante Laelia giftig, sie habe sich meinetwegen gro�e Sorgen gemacht, da ich die ganze Nacht bis in den Vormittag hinein ausgeblieben sei, ohne ihr vorher ein Wort zu sagen. Sie musterte mich mit ihren rotger�nderten Augen und sagte vorwurfsvoll: �Dein Gesicht leuchtet, als h�ttest du ein sch�ndliches Geheimnis. Du hast dich doch nicht am Ende in ein syrisches Bordell verirrt?� Sie schnupperte mi�trauisch an meinen Kleidern. �Nein, nach Bordell riechst du nicht, aber irgendwo mu�t du ja die Nacht verbracht haben. La� dich nur nicht auf irgendeine unw�rdige Liebschaft ein. Das w�rde dir und anderen nur Verdru� bringen.�</p><p>Am Nachmittag besuchte mich mein Freund Lucius Pollio, dessen Vater in diesem Jahr Konsul war, und erz�hlte mir aufgeregt: �Die Juden werden im Schutze ihrer Privilegien immer frecher. Der Pr�fekt hat den ganzen Vormittag die Festgenommenen verh�ren lassen und eindeutige Beweise daf�r erhalten, da� ein Jude namens Christus die Sklaven und den P�bel aufwiegelt. Er ist jedoch nicht, wie seinerzeit Spartacus, ein ehemaliger Gladiator, sondern ein Staatsverbrecher, der in Jerusalem zum Tode verurteilt wurde, dann aber auf irgendeine merkw�rdige Weise die Kreuzigung lebend �berstand. Der Pr�fekt l��t ihn suchen und hat einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt, aber ich f�rchte, der Kerl hat sich aus der Stadt geschlichen, nachdem der Aufruhr mi�gl�ckt war.�</p><p>Ich hatte gute Lust, dem B�cherwurm Lucius Pollio zu erkl�ren, da� die Juden mit Christus den Messias meinten, an den sie glaubten, aber ich durfte mir nicht anmerken lassen, da� ich von dieser neuen, aufr�hrerischen Lehre allzuviel wu�te. Wir gingen zusammen noch einmal mein Buch durch, da ich eine m�glichst reine Sprache anstrebte. Lucius Pollio versprach, mir einen Verleger zu finden, wenn das Buch die Feuerprobe der �ffentlichen Vorlesung bestand. Seiner Meinung nach konnte es einen recht guten Absatz finden. Claudius gedachte gern seiner eigenen erfolgreichen Kriegsz�ge in Britannien. Man konnte sich bei ihm einschmeicheln, indem man Interesse f�r Britannien bekundete, und dazu war mein Buch, Lucius Pollio zufolge, gut geeignet. Die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Eigentumsrechts an den Synagogen, die der erste Anla� zu den Judenunruhen gewesen waren, versuchte der Stadtpr�fekt durch die Bestimmung zu schlichten, da� alle jene die Synagogen ben�tzen durften, die zu ihrer Errichtung beigetragen hatten. Sowohl die strenggl�ubigen, engstirnigen Juden wie auch die freisinnigeren hatten ja ihre eigenen Synagogen. Sobald aber die Juden, die Christus anerkannten, eine Synagoge f�r sich in Anspruch nahmen, holten die strenggl�ubigen Juden die kostbaren Schriftrollen aus ihrem heiligen Schrein und steckten die Synagoge in Brand, um sie nur ja nicht den verha�ten Christen �berlassen zu m�ssen. Daraus entstanden neue Unruhen, und zuletzt begingen die rechtgl�ubigen Juden in ihrer Unversch�mtheit einen schweren politischen Fehler, indem sie sich an den Kaiser selbst wandten.</p><p>Claudius war bereits �ber die Schl�gereien aufgebracht, die sein neues Ehegl�ck st�rten. Er geriet au�er sich, als der j�dische Rat ihn daran zu erinnern wagte, da� er ohne die Unterst�tzung der Juden niemals Kaiser geworden w�re. Es verhielt sich n�mlich tats�chlich so, da� Claudius� Zechkumpan Herodes Agrippa von den reichen Juden Roms das Geld geborgt hatte, das Claudius brauchte, um nach der Ermordung Gajus Caligulas die Pr�torianer zu bestechen. Claudius mu�te f�r dieses Geld Wucherzinsen zahlen und mochte an diese Sache, die seine Eitelkeit kr�nkte, nicht erinnert werden.</p><p>Sein S�ufersch�del begann vor Wut zu zittern, und noch �rger stotternd als sonst, befahl er den Juden, ihm aus den Augen zu verschwinden, ja er drohte ihnen, er werde sie allesamt aus Rom verbannen, wenn er noch einmal von Streit und Schl�gerei zu h�ren bek�me.</p><p>Die Judenchristen und das Gesindel, das sich ihnen anschlo�, hatten sogar ihre F�hrer. Zu meinem Entsetzen stie� ich bei meinem Vater in Tullias Haus auf den eifrig disputierenden, schiefnasigen Aquila, seine Frau Prisca und einige andere offenbar durchaus achtbare B�rger, deren einziger Fehler darin bestand, da� sie sich zu der Mysterienlehre der Christen hingezogen f�hlten. Ich war gekommen, um mit meinem Vater unter vier Augen �ber Claudia zu sprechen. Ich besuchte sie nun zweimal in der Woche und blieb �ber Nacht bei ihr, und ich f�hlte mich verpflichtet, irgend etwas in unserer Sache zu unternehmen, obgleich sie selbst keine Forderungen an mich gestellt hatte.</p><p>Als ich �berraschend bei meinem Vater eintrat und die Versammlung st�rte, sagte dieser: �Bleib, Minutus�, und fuhr zu den anderen gewandt fort: �Ich kenne den K�nig der Juden und wei� einiges �ber ihn, denn ich wanderte nach seiner Kreuzigung in Galil�a umher und konnte mich sogar selbst vergewissern, da� er aus seinem Grabe auferstanden war. Seine J�nger wiesen mich zwar ab, aber ich kann bezeugen, da� er niemals das Volk aufgewiegelt hat, wie es nun hier in Rom geschieht.�</p><p>All das hatte ich schon fr�her geh�rt, und ich wunderte mich dar�ber, da� mein Vater, der sonst so vern�nftig war, nun in der Weisheit des Alters noch immer die gleiche alte Geschichte wiederk�ute. Der schiefnasige Aquila verteidigte sich: �Wir m�gen tun, was wir wollen: immer nimmt man Ansto�. Man ha�t uns mehr als die G�tzenanbeter. Nicht einmal unter uns selbst verm�gen wir Liebe und Demut zu bewahren, sondern ein jeder will es besser wissen als die anderen, und am eifrigsten wollen jene die anderen belehren, die eben erst auf den Weg gefunden und Christus anerkannt haben.�</p><p>Und Prisca f�gte hinzu: �Es wird jedenfalls behauptet, da� er selbst einen Feuerbrand �ber die ganze Erde schleuderte, den Mann von seinem Weibe trennte und die Kinder sich gegen ihre Eltern erheben hie�, und gerade das geschieht eben jetzt in Rom, obwohl wir nur das Beste wollen. Wie freilich Liebe und Demut zu Streit, Uneinigkeit, Ha�, Groll und Neid f�hren k�nnen, das begreife ich nicht.�</p><p>Als ich dies alles geh�rt hatte, ergriff mich ein gerechter Zorn, und ich rief: �Was wollt ihr von meinem Vater? Was setzt ihr ihm so zu, da� er mit euch streiten mu�? Mein Vater ist ein guter, sanftm�tiger Mann. Ich dulde nicht, da� ihr ihn in eure unsinnigen Zwistigkeiten mit hineinzieht!�</p><p>Mein Vater richtete sich auf und bat mich zu schweigen. Dann blickte er lange in die Vergangenheit und sagte zuletzt: �Im allgemeinen schafft ein Gespr�ch Klarheit, aber dieses unbegreifliche Ding wird um so verworrener, je l�nger man dar�ber spricht. Da ihr mich aber um Rat gefragt habt, sage ich euch: bittet um Aufschub. Zu Kaiser Gajus� Zeiten hatten die Juden in Antiochia gro�en Nutzen von diesem Rat.�</p><p>Sie starrten meinen Vater an und verstanden ihn nicht. Er l�chelte gedankenverloren. �Trennt euch von den Juden, verla�t die Synagogen, zahlt die Tempelsteuer nicht mehr. Baut euch eigene Versammlungsh�user, wenn ihr wollt. Es gibt Reiche unter euch, und vielleicht k�nnt ihr auch gro�e Zuwendungen von solchen M�nnern und Frauen erhalten, die glauben, sich ein ruhiges Gewissen dadurch zu erkaufen, da� sie diese und jene G�tter unterst�tzen. Fordert die Juden nicht heraus. Schweigt, wenn man euch verh�hnt. Bleibt auf eurer Seite, so wie ich auf meiner Seite bleibe, und versucht niemanden zu kr�nken.�</p><p>Da riefen sie wie aus einem Munde: �Das sind harte Worte. Wir m�ssen f�r unseren K�nig Zeugnis ablegen und das Kommen seines Reiches verk�nden, wenn wir seiner w�rdig sein wollen.�</p><p>Mein Vater hob abwehrend beide H�nde, seufzte tief und sagte: �Sein Reich l��t auf sich warten, aber ohne Zweifel seid ihr es, die an seinem Geiste teilhaben, und nicht ich. Tut also, wie ihr meint. Wenn die Sache vor den Senat kommt, werde ich versuchen, ein Wort f�r euch einzulegen. Darum seid ihr ja zu mir gekommen. Wenn es euch aber nichts ausmacht, will ich von dem Reich lieber nicht sprechen, denn das k�nnte b�ses Mi�trauen gegen euch erwecken.�</p><p>Damit gaben sie sich zufrieden und gingen gerade zur rechten Zeit, denn Tullia kam eben von ihren Besuchen zur�ck. Sie begegnete ihnen noch unter den S�ulen und rief unwillig, als sie eintrat: �Wie oft, Marcus, habe ich dich schon davor gewarnt, diese zweifelhaften Juden bei dir zu empfangen. Ich habe nichts dagegen, da� du zu Philosophen gehst, und wenn es dich freut, magst du meinetwegen auch den Armen helfen, deinen Arzt zu bed�rftigen Kranken schicken und elternlosen M�dchen eine Mitgift schenken. Mit irgend etwas mu� der Mensch ja seine Zeit hinbringen. Aber, bei allen G�ttern, halte dich von diesen Juden fern, wenn dir dein eigenes Wohlergehen lieb ist!�</p><p>Nachdem sie auf diese Weise ihrem �rger Luft gemacht hatte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf mich, tadelte mein schlechtes Schuhwerk, die ungeschickt gelegten Falten in meinem Mantel und mein plump geschnittenes Haar und sagte b�se: �Du bist hier nicht mehr unter rohen Kriegern. Du mu�t deinem Vater zuliebe besser auf dein �u�eres achten. Ich werde dir einen Barbier und einen Kleiderpfleger schenken m�ssen, denn Tante Laelia ist zu altmodisch und zu kurzsichtig, um sich ordentlich um dich k�mmern zu k�nnen.�</p><p>Ich antwortete verdrossen, ich h�tte schon einen Barbier, denn ich wollte nicht, da� einer von Tullias Sklaven jeden meiner Schritte �berwachte. Es stimmte auch, da� ich an meinem Geburtstag einen Barbiersklaven gekauft und gleich freigelassen hatte, obwohl es eigentlich schade um ihn war, und da� ich ihm in Suburra eine eigene Barbierstube eingerichtet hatte. Er taugte schon recht gut dazu, Frauenper�cken zu verkaufen und die �blichen Kuppelgesch�fte zu besorgen. Nun erkl�rte ich Tullia, es w�rde Tante Laelia zutiefst kr�nken, wenn ein fremder Sklave ins Haus k�me, um f�r meine Kleidung zu sorgen. �Au�erdem hat man mit Sklaven mehr �rger als Freude�, sagte ich zuletzt.</p><p>Tullia meinte darauf, es k�me nur auf die rechte Zucht und Ordnung an, und dann fragte sie mich: �Was willst du eigentlich mit deinem Leben anfangen, Minutus? Ich habe mir sagen lassen, du treibst dich ganze N�chte in den Bordellen herum und schw�nzt die Lese�bungen bei deinem Rhetor. Wenn du wirklich im Winter dein Buch vorlesen willst, mu�t du deinem z�gellosen K�rper Zwang antun und hart arbeiten. Au�erdem ist es h�chste Zeit, da� du eine standesgem��e Ehe schlie�t.�</p><p>Ich erwiderte, da� ich meine Jugend noch eine Weile zu genie�en ged�chte und da� ich immerhin noch nicht ein einziges Mal wegen Trunkenheit oder irgendwelcher dummen Streiche, wie sie bei den jungen Rittern an der Tagesordnung waren, mit den Beh�rden in Konflikt geraten sei. �Ich sehe mich um�, sagte ich. �Ich beteilige mich an den Reit�bungen, ich h�re mir Prozesse an, wenn ein wirklich interessanter Fall verhandelt wird. Ich lese B�cher, und Seneca selbst, der Philosoph, hat mir gro�e Freundlichkeit erwiesen. Ich denke freilich daran, mich fr�her oder sp�ter um eine Qu�stur zu bewerben, aber noch bin ich zu jung und unerfahren, obwohl ich eine Sondergenehmigung erhalten k�nnte.�</p><p>Tullia betrachtete mich mitleidig. �Du mu�t begreifen, da� es f�r deine Zukunft das Wichtigste ist, mit den richtigen Leuten bekannt zu werden�, sagte sie. �Ich habe dir Einladungen in vornehme H�user verschafft, aber man hat sich dar�ber beklagt, da� du m�rrisch und maulfaul bist und Freundschaft nicht mit Freundschaft vergelten magst.�</p><p>Daf�r hatte ich meine guten Gr�nde. �Liebe Stiefmutter�, sagte ich daher, �ich wei� dein kluges Urteil zu sch�tzen, aber alles, was ich in Rom geh�rt und gesehen habe, warnt mich davor, gute Beziehungen zu Leuten anzukn�pfen, die im Augenblick gerade die richtigen zu sein scheinen. Einige hundert Ritter, von den Senatoren ganz zu schweigen, wurden hingerichtet oder begingen Selbstmord, nur weil sie einmal die richtigen waren oder die richtigen allzugut kannten.�</p><p>�Dank Agrippina ist das jetzt alles anders geworden�, wandte Tullia mit verd�chtigem Eifer ein, aber meine Worte machten sie doch nachdenklich, und nach einer kleinen Weile meinte sie: �Das Kl�gste, was du tun k�nntest, w�re, dich den Wagenrennen zu widmen und dich einer der Farbparteien anzuschlie�en. Das ist eine ganz unpolitische Besch�ftigung, die doch zu wertvollen Freundschaftsverbindungen f�hrt. Ein Pferdenarr bist du ja.�</p><p>�Man kann auch von Pferden genug bekommen�, erwiderte ich.</p><p>�Sie sind jedenfalls weniger gef�hrlich als Frauen�, sagte Tullia giftig. Mein Vater sah sie nachdenklich an und gab zu, da� sie dieses eine Mal recht hatte. Um sich zu r�chen, sagte sie: �Es w�rde unn�tiges Aufsehen erregen, wenn du dir gleich ein eigenes Gespann zulegtest, obwohl dir dein Vater dabei behilflich sein k�nnte. Sobald der neue Hafen in Ostia fertig ist, wird der Getreideanbau in Italien zum reinen Verlustgesch�ft. Es ist zwar nur eine Frage der Zeit, bis aus den �ckern wieder Weiden geworden sind, aber du taugst wohl kaum zum Pferdez�chter. Begn�ge dich damit, bei den Wagenrennen Wetten abzuschlie�en.�</p><p>Meine Tage waren aber auch ohne den Zirkus angef�llt. Ich hatte ja mein eigenes Haus auf dem Aventin, ich mu�te mich um den b�rbei�igen alten Barbus k�mmern und Tante Laelia bes�nftigen, und dazu kam ein Proze�, den die Nachbarn meinem gallischen Freigelassenen anh�ngten, weil seine Seifensiederei nicht eben angenehm duftete. Ich verteidigte ihn vor Gericht, und es war keine gro�e Kunst vonn�ten, einen Freispruch zu erwirken, da ich darauf hinweisen konnte, da� die Werkst�tten der Gerber und F�rber, in die man die Urinf�sser von den Stra�enecken brachte, einen noch abscheulicheren Gestank verbreiteten. Schwieriger war es, die Behauptung zu widerlegen, der Gebrauch von Seife anstelle von Bimsstein verweichliche den K�rper und widerspreche dem Geist der V�ter. Der Anwalt der Nachbarn meines Galliers versuchte sogar zu erreichen, da� die Seifenherstellung in Rom grunds�tzlich verboten werde, indem er sich auf unsere V�ter und Vorv�ter zur�ck bis Romulus berief, die sich alle damit begn�gt hatten, sich mit dem gesunden, abh�rtenden Bimsstein zu reinigen. In der Verteidigungsrede f�r meinen Freigelassenen r�hmte ich Rom als Reich und Weltmacht. �Romulus verbrannte auch keinen Weihrauch aus dem Osten vor seinen G�tterbildern!� rief ich stolz. �Unsere Vorv�ter lie�en sich auch keinen St�rrogen vom jenseitigen Ufer des Schwarzen Meeres kommen und keine seltenen V�gel aus den Steppen, keine Flamingozungen und keine indischen Fische. Rom ist ein Schmelztiegel vieler V�lker und Sitten. Es w�hlt sich von allem das Beste aus und veredelt fremde Sitten, indem es sie zu seinen eigenen macht.�</p><p>Der Gebrauch der Seife wurde in Rom nicht verboten, und mein Freigelassener verbesserte seine Ware dadurch, da� er seihen Seifen wohlriechende Essenzen beimengte und ihnen sch�ne Namen gab. An der echt �gyptischen Kleopatraseife, die in einer Seitengasse in Suburra hergestellt wurde, verdienten wir ein kleines Verm�gen. Ich mu� allerdings gestehen, da� die besten Kunden au�er den R�merinnen Griechen und Fremde aus den L�ndern des Ostens waren, die in Rom wohnten. In den �ffentlichen B�dern galt der Gebrauch von Seife nach wie vor als unsittlich.</p><p>Ich war vollauf besch�ftigt, und doch geschah es mir des Abends, bevor ich einschlief, oft, da� ich von einer unbestimmten Ruhelosigkeit ergriffen wurde und mich fragte, wozu ich auf der Welt sei. Bald freute ich mich �ber meine kleinen Erfolge, bald war ich niedergeschlagen, weil ich mir allzu unbedeutend vorkam. Der Zufall und Fortuna herrschten �ber die Gegenwart, und am Ende sah ich den Tod, das traurige Los aller Menschen. Zwar lebte ich unbeschwert und hatte Gl�ck in allem, was ich unternahm, aber immer, wenn ich etwas erreicht hatte, wurde meine Freude rasch schal, und ich war mit mir selbst unzufrieden.</p><p>Als es auf den Winter zuging, kam endlich der Tag, auf den ich mich so eifrig vorbereitet hatte. Ich durfte mein Buch im Vorlesungssaal der kaiserlichen Bibliothek auf dem Palatin vortragen. Durch meinen Freund Lucius Domitius lie� mich Kaiser Claudius wissen, da� er selbst am Nachmittag anwesend sein werde. Das hatte zur Folge, da� alle, die nach der Gunst des Kaisers strebten, um die Pl�tze im Saal k�mpften.</p><p>Unter den Zuh�rern befanden sich Offiziere, die in Britannien gedient hatten, Mitglieder des Senatsausschusses f�r britische Fragen und sogar der Feldherr und Triumphator Aulus Plautius. Viele, die die Lesung h�ren wollten, mu�ten vor den T�ren bleiben und beklagten sich sp�ter bei Claudius, weil sie ungeachtet ihres, wie sie behaupteten, ungeheuren Interesses f�r das Thema keinen Platz bekommen hatten.</p><p>Ich begann mit der Vorlesung am fr�hen Vormittag, und trotz meiner begreiflichen Erregung las ich ohne zu stottern und geriet, w�hrend ich las, immer mehr in Feuer, wie es allen Schriftstellern ergeht, die auf die Vollendung ihres Werkes genug M�he und Sorgfalt verwendet haben. Es st�rte mich auch niemand und nichts, wenn ich von Lucius Domitius absehe, der st�ndig fl�sterte und mir Zeichen machte, um mir zu bedeuten, wie ich zu lesen h�tte. Zu Mittag wurde ein allzu k�stliches Mahl aufgetragen, das Tullia angeordnet und mein Vater bezahlt hatte. Als ich danach weiterlas und zu den G�ttern und Mysterien der Briten kam, nickten viele meiner Zuh�rer ein, obwohl dies meiner Ansicht nach der interessanteste Teil des Buches war.</p><p>Bald darauf mu�te ich unterbrechen, denn Claudius hielt sein Wort und erschien wirklich. Mit ihm kam Agrippina. Sie lie�en sich auf der Ehrenbank nieder und nahmen Lucius Domitius in ihre Mitte. Der Vorlesungssaal war pl�tzlich gedr�ngt voll, und Claudius rief denen, die keinen Platz mehr bekamen, gereizt zu: �Wenn das Buch wert ist, geh�rt zu werden, wird man es noch einmal vorlesen. Seht zu, da� ihr dann dabei seid. Jetzt aber geht, sonst haben wir anderen keine Luft zum Atmen.�</p><p>Er war, um die Wahrheit zu sagen, leicht angetrunken und r�lpste oft laut. Ich hatte kaum ein paar Zeilen gelesen, als er mich auch schon unterbrach und sagte: �Mein Ged�chtnis ist schlecht. Erlaube mir darum, da� ich als Roms erster B�rger auf Grund meines Ranges und meines Alters dich immer gleich unterbreche und dartue, worin du recht hast und worin du irrst.�</p><p>Er begann seine eigene Auffassung von den Menschenopfern der Druiden langatmig darzulegen und sagte, er habe in Britannien vergeblich nach den gro�en Weidenk�rben gefragt, in die man angeblich die Gefangenen sperrt, um sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen. �Ich glaube nat�rlich, was mir zuverl�ssige Zeugen berichten, aber mehr noch verlasse ich mich auf meine eigenen Augen. Daher schlucke ich diese deine Behauptung nicht ungekaut. Doch sei so gut und fahre fort, junger Lausus.�</p><p>Ich war nicht viel weitergekommen, als ihm schon wieder etwas einfiel, was er in Britannien gesehen hatte und den anderen sogleich mitteilen mu�te. Das laute Gel�chter der Zuh�rer verwirrte mich, und ich bekam einen hei�en Kopf. Claudius machte allerdings auch einige sachliche Anmerkungen zu meinem Buch.</p><p>Pl�tzlich begann er mit Aulus Plautius ein lebhaftes Gespr�ch �ber gewisse Einzelheiten seines Feldzugs. Die Zuh�rer feuerten die beiden an und riefen: �H�rt! H�rt!� Ich mu�te schweigen, aber eine beruhigende Geste Senecas lie� mich meinen �rger rasch vergessen. Ein Senator namens Ostorius, der alles besser wissen wollte, mischte sich ins Gespr�ch. Er behauptete, der Kaiser habe einen politischen Fehler begangen, indem er den Feldzug abbrach, ehe ausnahmslos alle britischen St�mme unterworfen waren.</p></section><section><p>�Die Briten unterwerfen, das ist leichter gesagt als getan!� schnaubte Claudius, mit Recht gekr�nkt. �Zeig ihm deine Narben, Aulus. Aber du erinnerst mich daran, da� in Britannien zur Zeit alles stillsteht, weil ich noch keinen Nachfolger f�r Aulus Plautius ernennen konnte. Zum Gl�ck haben wir dich, Ostorius. Ich glaube, ich bin nicht der einzige hier im Saal, der deine ewige Besserwisserei satt hat. Geh nach Hause und bereite deine Reise vor. Narcissus schreibt dir noch heute die Vollmacht aus.�</p><p>Ich glaube, mein Buch hatte den Zuh�rern schon vor Augen gef�hrt, da� es kein Leichtes war, Britannien zu zivilisieren, denn alle lachten nun. Nachdem Ostorius den Saal gedem�tigt verlassen hatte, konnte ich in Ruhe meinen Vortrag beenden. Claudius gestattete mir wohlwollend, bei Lampenlicht weiterzulesen, da er selbst mich st�ndig unterbrochen und viel Zeit vergeudet hatte. Als er zuletzt klatschte, brach ein ganzer Beifallssturm im Saale los. Niemand hatte mehr irgendwelche Berichtigungen vorzubringen, denn zu dieser sp�ten Stunde waren alle hungrig geworden.</p><p>Ein Teil der Zuh�rer begleitete mich nach Hause, wo Tullia ein Festmahl hatte vorbereiten lassen, denn ihr Koch war ber�hmt. �ber mein Buch wurde nicht mehr viel gesprochen. Seneca stellte mich seinem eigenen Verleger vor. Der fein gebildete, alte Mann, bleich, geb�ckt und kurzsichtig vom vielen Lesen, erkl�rte sich gern bereit, mein Buch anzunehmen und f�rs erste in einer Auflage von f�nfhundert St�ck herauszubringen. �Zwar hast du gewi� die Mittel, dein Buch selbst zu ver�ffentlichen�, meinte er freundlich, �aber der Name eines bekannten Verlegers ist dem Absatz eines Buches doch sehr dienlich. Mein Freigelassener verf�gt �ber einhundert kundige Schreibsklaven, die nach einem einzigen Diktat jedes beliebige Buch rasch und leidlich fehlerfrei nachschreiben.</p><p>Seneca lobte diesen Mann mit vielen Worten, der ihn auch in den Tagen der Verbannung nicht im Stich gelassen, sondern die Buchh�ndler treu mit den vielen Schriften beliefert hatte, die aus Korsika nach Rom gesandt worden waren. Der Verleger sagte sanft: �Am meisten verdiene ich selbstverst�ndlich mit den �bersetzungen und Bearbeitungen griechischer Liebesgeschichten und Reiseschilderungen, aber ich habe noch bei keinem Werk Senecas zusetzen m�ssen.�</p><p>Ich verstand den Wink und erkl�rte, ich sei bereit, mich an den Kosten der Herausgabe meines Buches zu beteiligen, war es doch eine gro�e Ehre f�r mich, da� er mit seinem geachteten Namen f�r die G�te meines Werkes b�rgen wollte. Dann mu�te ich ihn verlassen, um mich anderen G�sten zu widmen. Es waren so viele, da� ich bald nicht mehr wu�te, wo mir der Kopf stand. Zuviel Wein trank ich au�erdem, und zuletzt ergriff mich tiefe Mutlosigkeit, da ich erkannte, da� keinem der Anwesenden wirklich an mir und meiner Zukunft gelegen war. Mein Buch war ihnen nur ein Vorwand. Sie waren gekommen, um seltene Gerichte zu essen, die besten Weine Kampaniens zu trinken, einander zu beobachten und zu bem�keln und sich im stillen �ber die Erfolge meines Vaters zu verwundern, f�r die ihm in ihren Augen alle pers�nlichen Voraussetzungen fehlten.</p><p>Ich sehnte mich immer mehr nach Claudia, die mir der einzige Mensch auf der ganzen Welt zu sein schien, der mich wirklich verstand und auf mein Wohl bedacht war. Sie hatte nat�rlich nicht gewagt, zur Vorlesung zu kommen, aber ich wu�te, wie sehr sie darauf brannte, zu erfahren, wie alles abgelaufen war, und ich ahnte, da� sie in dieser Nacht keinen Schlaf fand. Ich stellte mir vor, wie sie vor ihre H�tte trat, zu den Sternen des Winterhimmels emporblickte und dann nach Rom her�berstarrte, w�hrend nicht weit von ihr in der Stille der Nacht die Gem�sekarren rumpelten und das Schlachtvieh br�llte. Ich hatte mich in den N�chten bei Claudia so sehr an diese Laute gew�hnt, da� ich sie liebte, und nun f�hrte mir der blo�e Gedanke an polternde Karrenr�der Claudia so lebendig vor Augen, da� mein Blut unruhig wurde.</p><p>Es gibt wohl kaum einen bedr�ckenderen Anblick als das Ende eines gro�en Festes. Die niedergebrannten Fackeln beginnen zu schwelen. Die Sklaven f�hren die letzten G�ste zu ihren S�nften, die Lampen verl�schen, vergossener Wein wird von den gl�nzenden Mosaikb�den aufgewischt, andere Diener waschen das Erbrochene von den Marmorw�nden der Abtritte. Tullia war selbstverst�ndlich von der gelungenen Feier entz�ckt und unterhielt sich angeregt mit meinem Vater �ber den einen oder andern Gast und berichtete, was dieser und jener gesagt oder getan hatte. Ich selbst f�hlte mich alldem sehr fern.</p><p>W�re ich erfahrener gewesen, so w�rde ich gewu�t haben, da� dies allein auf der Nachwirkung des Weins beruhte, aber jung, wie ich war, nahm ich meine Empfindungen ernst. Daher lockte mich nicht einmal die Gesellschaft meines Vaters, denn er und Tullia erfrischten sich mit leichtem Wein und Meeresfr�chten, w�hrend die Sklaven und Diener die gro�en S�le aufr�umten. Ich dankte ihnen und ging, allein und ohne an die Gefahren des n�chtlichen Roms zu denken, ganz von meiner Sehnsucht nach Claudia erf�llt.</p><p>Ihre H�tte war warm, und ihr Bett roch gut nach Wolle. Sie f�llte das Glutbecken nach, damit ich nicht fror. Zuerst behauptete sie, sie habe nicht damit gerechnet, da� ich nach meinem gro�en Erfolg von der vornehmen Gesellschaft weg zu ihr kommen w�rde, aber sie hatte Tr�nen in ihren schwarzen Augen, als sie z�rtlich fl�sterte: �Ach Minutus, jetzt erst glaube ich, da� du mich wirklich liebst.�</p><p>Nach langen Freuden und einem kurzen, unruhigen Schlaf schlich kalt der Wintermorgen in die H�tte. Die Sonne war nicht zu sehen, und wir empfanden den grauen Winter wie einen tiefinnerlichen Schmerz, als wir einander bleich und m�de anblickten.</p><p>�Was soll aus dir und mir werden, Claudia?� fragte ich. �Bei dir bin ich ganz aus der Wirklichkeit gefallen, in einer fremden Welt, unter anderen Sternen. Gl�cklich bin ich nur hier. Doch es kann so nicht weitergehen.�</p><p>Selbsts�chtig hoffte ich insgeheim wohl, sie w�rde sich beeilen, mir zu versichern, da� alles gut sei, wie es war, und bleiben k�nne wie bisher, da wir anderes nicht erhoffen durften. Aber Claudia seufzte erleichtert auf und rief: �Jetzt liebe ich dich noch mehr als je zuvor, Minutus, weil du selbst von dieser heiklen Sache als erster sprichst. Nein, es kann wirklich nicht so weitergehen. Du als Mann wirst kaum verstehen, mit wieviel Angst ich jedesmal auf meine Monatsblutung warte, und du kannst einer echten Frau auch nicht zumuten, da� sie immerzu geduldig harrt, bis es dir beliebt, sie aufzusuchen. Mein Leben ist nichts als Angst und qualvolles Warten.�</p><p>Ihre Worte verletzten mich. �Diese Gef�hle hast du aber gut zu verbergen gewu�t�, sagte ich geh�ssig. �Bisher hast du mir immer zu verstehen gegeben, da� du dich �ber mein Kommen freust. Was schl�gst du vor?�</p><p>Sie packte meine beiden H�nde mit festem Griff, sah mir starr in die Augen und sagte: �Es gibt nur eine M�glichkeit, Minutus. Verlassen wir Rom. Verzichte auf alle �mter. Irgendwo auf dem Land oder weit fort auf der anderen Seite des Meeres k�nnen wir ohne Furcht zusammen leben, bis Claudius tot ist.�</p><p>Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen und entzog ihr meine H�nde. Claudia zuckte zusammen. �Es hat dir Freude gemacht, die Schafe zu halten, wenn ich sie schor, und Reisig f�r unser Feuer zu brechen�, sagte sie. �Und du hast das Wasser aus meiner Quelle gelobt und mir versichert, meine einfachen Speisen schmeckten dir besser als das, was du bisher gekostet hast. Dieses bescheidene Gl�ck k�nnen wir in jedem Erdenwinkel finden, der nur weit genug von Rom entfernt ist.�</p><p>Ich dachte eine Weile nach und antwortete ernst: �Ich leugne nichts und nehme meine Worte nicht zur�ck, aber dies ist ein folgenschwerer Entschlu�. Wir k�nnen nicht auf einen blo�en Einfall hin freiwillig in die Verbannung gehen.� Und aus reiner Bosheit f�gte ich hinzu: �Was soll dann aus dem Reich werden, auf das du wartest, und aus den geheimen M�hlern, an denen du teilnimmst?�</p><p>Claudia sah mich traurig an und sagte: �Ich s�ndige ohne Unterla� mit dir und f�hle nicht mehr dasselbe Feuer wie fr�her, wenn ich bei ihnen bin. Mir ist, als s�hen sie in mein Herz und sorgen sich um meinetwillen, und bei jedem Zusammentreffen dr�ckt mich meine Schuld schwerer. Deshalb gehe ich ihnen am liebsten aus dem Weg. Du nimmst mir meinen Glauben und meine Hoffnung, wenn alles bleibt, wie es bisher war.�</p><p>Als ich zum Aventin zur�ckging, f�hlte ich mich wie mit kaltem Wasser �bergossen. Ich begriff, da� ich unrecht handelte, wenn ich Claudia ausn�tzte wie eine Hure, die ich nicht einmal bezahlte, aber die Ehe d�nkte mich doch ein allzu hoher Preis f�r die blo�e Befriedigung des Fleisches, und ich mochte auch Rom nicht verlassen, da ich mich viel zu gut erinnere, wie ich mich als Knabe in Antiochia und als Mann in Britanniens Wintern nach dieser Stadt gesehnt hatte.</p><p>Ich besuchte Claudia fortan nur noch selten und fand immer etwas anderes, Wichtigeres zu tun, bis die Unruhe in meinem K�rper mich wieder zu ihr trieb. Gl�cklich waren wir nur noch im Bett. Sonst qu�lten wir einander so lange, bis ich wieder Ursache hatte, sie im Zorn zu verlassen.</p><p>Im n�chsten Fr�hjahr verbannte Claudius die Juden aus Rom, da nicht ein einziger Tag mehr ohne Streit und Schl�gereien verging, so da� schlie�lich die Zwietracht der Juden die ganze Stadt in Unruhe versetzte. In Alexandria rauften die Juden mit den Griechen, und in Jerusalem zettelten j�dische Aufwiegler so schwere Unruhen an, da� Claudius zuletzt die Geduld ri�.</p><p>Seine einflu�reichen Freigelassenen unterst�tzten seinen Beschlu� mit Eifer, da sich nun die Gelegenheit bot, den reichsten Juden, die der Ausweisung entgehen wollten, zu hohen Preisen Ausnahmebewilligungen zu verschaffen. Claudius legte seinen Beschlu� nicht einmal dem Senat vor, obwohl viele Juden seit mehreren Geschlechtern in Rom ans�ssig waren und sich das B�rgerrecht erworben hatten. Der Kaiser war der Ansicht, ein einfacher Erla� gen�ge, da er ja niemandem das B�rgerrecht nahm, und au�erdem ging das Ger�cht, die Juden h�tten zu viele Senatoren bestochen.</p><p>Auf diese Weise leerten sich die H�user jenseits des Tibers, und die Synagogen wurden geschlossen. Viele Juden, die nicht das Geld hatten, sich freizukaufen, versteckten sich irgendwo in Rom, und die Vorsteher der einzelnen Stadtteile hatten alle H�nde voll zu tun, sie aufzusp�ren. Die M�nner des Stadtpr�fekten hielten sogar verd�chtig erscheinende B�rger auf offener Stra�e an und zwangen sie, das Glied zu entbl��en, um sich zu vergewissern, da� sie nicht beschnitten waren.</p><p>Einige wurden in den �ffentlichen Bed�rfnisanstalten gefa�t, denn die R�mer mochten die Juden im allgemeinen nicht und beteiligten sich gern an der Jagd. Sogar die Sklaven waren ihnen �bel gesinnt. Die gefangenen Juden schickte man zum Hafenbau nach Ostia oder in die Bergwerke Sardiniens, was freilich eine sinnlose Verschwendung kostbarer Arbeitskraft war, denn die meisten waren geschickte Handwerker. Aber Claudius kannte kein Erbarmen. Unter den Juden selbst wurde der Ha� noch gr��er. Nun stritten sie n�mlich dar�ber, welche Partei an der Verbannung schuld sei. Auf den Stra�en in der Umgebung Roms fand man zahllose erschlagene Juden, ob Christen oder Rechtgl�ubige, das lie� sich nicht feststellen. Ein toter Jude ist ein toter Jude, und die Stra�enaufseher sahen nichts und wu�ten von nichts, sofern der Mord nicht gerade vor ihren Augen geschah. �Der beste Jude ist ein toter Jude�, scherzten sie untereinander, wenn sie der Ordnung halber untersuchten, ob die mi�handelte Leiche, auf die sie stie�en, beschnitten war oder nicht.</p><p>Die unbeschnittenen Christen waren �ber den Auszug ihrer Lehrmeister tief bek�mmert und folgten ihnen eine Strecke Wegs, um sie gegen die �bermacht zu sch�tzen. Es waren ungebildete, arme Menschen, viele von ihnen Sklaven, und die vielen erlittenen Entt�uschungen hatten sie bitter gemacht. In der Verwirrung, die auf die Austreibung der Juden folgte, waren sie wie eine Herde ohne Hirt.</p><p>Es war r�hrend anzusehen, wie sie sich nun noch enger zusammenschlossen und ihre armseligen M�hler abhielten. Aber es gab auch M�nner unter ihnen, die die anderen lehrten, so da� sie bald wieder in streitende Gruppen gespalten waren. Die �lteren hielten sich allein an das, was sie mit eigenen Ohren �ber Jesus von Nazareths Leben und Lehren geh�rt hatten. Dagegen standen aber andere auf und sagten: �Nein, nein, so war es nicht, sondern vielmehr so �� und hielten starrsinnig an ihrer Meinung fest.</p><p>Die k�hnsten erprobten ihre Kr�fte, indem sie sich in Ekstase steigerten und durch Handauflegen zu heilen versuchten, was ihnen jedoch selten gelang. Simon der Zauberer wurde nicht ausgewiesen, und ich wei� nicht, ob er sich freikaufte oder als Samariter nicht f�r einen Juden gehalten wurde. Tante Laelia berichtete mir, da� er noch immer Kranke heilte, und zwar mit gutem Gl�ck, weil er, wie sie sagte, g�ttliche Kr�fte besa�. Ich f�r mein Teil glaubte eher, er versuchte seine Kunst �berhaupt nur an solchen, die sich ihm v�llig unterwarfen. Ich suchte ihn nicht mehr auf, aber er hatte Anh�nger unter den Christen, haupts�chlich wohlhabende, neugierige Frauen. Sie glaubten lieber ihm als denjenigen, die Demut, eine schlichte Lebensweise, Liebe und die Wiederkunft des Gottessohnes auf einer Wolke predigten. Durch diese Menschen best�rkt, versuchte Simon der Zauberer wieder zu fliegen. Er verschwand vor den Augen seiner ihm ergebenen Zuschauer und wurde an einem anderen Ort wieder sichtbar.</p><p>Barbus machte mir Sorgen, denn er vers�umte oft seine T�rh�terpflichten und ging seine eigenen Wege. Tante Laelia hatte Angst vor Einbrechern und verlangte, da� ich Barbus zurechtwies. Er rechtfertigte sich mit den Worten: �Ich bin ein B�rger wie jeder andere und liefere bei der Austeilung meinen Korb Getreide an den Haushalt ab. Du wei�t, da� ich mich nie viel um die G�tter gek�mmert habe. Bei besonderen Gelegenheiten opferte ich bestenfalls Herkules. Aber wenn das Alter naht, m�chte man sein Haus versorgt wissen. Einige M�nner von der Feuerwache und andere alte Krieger haben mich in eine geheime Gesellschaft aufgenommen, und ich habe nun die frohe Gewi�heit, da� ich nie sterben werde.�</p><p>�Dunkel sind die Gefilde der Unterwelt�, sagte ich. �Die Schatten m�ssen damit vorlieb nehmen, das Blut um die Opferalt�re aufzuschlecken. Aber ist es nicht das kl�gste, sein Schicksal hinzunehmen und sich mit Schatten und Asche zu begn�gen, wenn einmal die Zeit des Lebens vor�ber ist?�</p><p>Barbus sch�ttelte nur den Kopf und erwiderte: �Ich darf die Geheimnisse der Eingeweihten nicht preisgeben, aber soviel kann ich dir sagen: Der neue Gott hei�t Mithras. Ein Berg hat ihn geboren. Hirten fanden ihn und beugten sich vor ihm. Er t�tete den Urstier und schuf alles, was gut ist. Denn Eingeweihten, die mit Blut getauft sind, gelobte er Unsterblichkeit. Wenn ich die Sache recht verstanden habe, erhalte ich nach dem Tode neue Gliedma�en und komme in eine prachtvolle Kaserne, wo der Dienst leicht ist und Wein und Honig nie zu Ende gehen.�</p><p>�Barbus!� sagte ich tadelnd. �Ich dachte, du seist nun alt und lebenserfahren genug, um solche Ammenm�rchen nicht mehr zu glauben. Du solltest eine Wasserkur machen, denn ich f�rchte, du siehst vor lauter Trunkenheit schon Gespenster.�</p><p>Barbus hob seine zitternden H�nde und schwor: �Nein, nein. Wenn die Worte ausgesprochen sind, das Licht von seiner Krone die Dunkelheit erhellt und das heilige Gl�ckchen erklingt, beginnt man tief innen im Leib zu erzittern, die Haare stellen sich einem auf, und selbst der Kleingl�ubige ist von seiner g�ttlichen Kraft �berzeugt. Danach, und vor allem wenn ein alter Zenturio die Bluttaufe erhalten hat, nehmen wir ein heiliges Mahl ein, gew�hnlich aus Ochsenfleisch, und nachdem wir Wein getrunken haben, singen wir zusammen.�</p><p>�Wir leben in einer wunderlichen Zeit�, sagte ich. �Tante Laelia sucht ihr Heil bei einem Zauberer aus Samaria, mein eigener Vater bangt um die Christen, und ein alter Krieger wie du l��t sich von irgendwelchen Mysterien aus dem Osten einfangen.�</p><p>�Im Osten geht die Sonne auf�, entgegnete Barbus ernst. �In gewissem Sinne ist der Stiert�ter auch der Sonnengott und somit der Gott der Pferde. Niemand, wei�t du, blickt hochm�tig auf einen armseligen alten Marschierer wie mich herab, und niemand hindert dich daran, dich selbst �ber unseren Gott belehren zu lassen, wenn du nur zu schweigen versprichst. Es finden sich unter uns einige �ltere und j�ngere Ritter, denen die �blichen Opfer und G�tterbilder nichts mehr bedeuten.�</p><p>Als ich dieses Gespr�ch mit Barbus f�hrte, war ich der Wagenrennen und Wetten und des seichten Lebensgenusses in Gesellschaft eitler, selbstgef�lliger Schauspieler l�ngst ebenso �berdr�ssig geworden wie des B�cherwurms Lucius Pollio und der endlosen Gespr�che seiner Freunde �ber Philosophie und die neue Dichtkunst. Ich versprach daher Barbus gern, ihn zu einem der Gastm�hler zu Ehren des neuen Gottes zu begleiten. Er freute sich und war sehr stolz, und zu meiner Verwunderung fastete er wirklich, wusch sich sorgf�ltig, zog reine Kleider an und wagte keinen Wein zu trinken.</p><p>Gegen Abend f�hrte er mich durch krumme, stinkende Gassen zu einem unterirdischen Tempel im Tal zwischen dem Esquilin und dem Caelius. Als wir eine Treppe zu einem sp�rlich erhellten Saal mit Steinw�nden hinabschritten, wurden wir von einem Mithraspriester mit einem L�wenfell um die Schultern empfangen, der keine unn�tigen Fragen stellte und mir bereitwillig erlaubte, an den Mysterien teilzunehmen.</p><p>�Es gibt nichts, dessen wir uns zu sch�men h�tten�, sagte er. �Wir fordern Sauberkeit, Ehrlichkeit und M�nnlichkeit von denen, die sich zu unserem Gott Mithras bekennen, um den inneren Frieden und ein gutes Leben nach dem Tode zu finden. Du hast ein offenes Gesicht und eine gute Haltung. Deshalb glaube ich, da� dir unser Gott gefallen wird. Sprich aber nicht ohne guten Grund zu anderen �ber ihn.�</p><p>Im Saal war bereits eine gro�e Schar alter und j�ngerer M�nner versammelt. Unter ihnen erkannte ich zu meiner Verbl�ffung einige Kriegstribunen und Zenturionen von der Pr�torianergarde. Viele waren Veteranen und Invaliden. Sie trugen alle reine Kleidung und das heilige Zeichen des Mithras je nach dem Einweihungsgrad, den sie erreicht hatten. Milit�rischer Rang und pers�nliches Verm�gen schienen nicht viel zu bedeuten. Barbus erkl�rte mir, da� die reicheren Eingeweihten den Ochsen stifteten, wenn ein tapferer, unbescholtener Veteran mit Ochsenblut eingeweiht wurde. Er selbst begn�gte sich mit dem Grad des Raben, weil er nicht immer ein Leben ohne Tadel gef�hrt und es mit der Wahrheit oft nicht allzu genau genommen hatte.</p><p>Es war so d�mmerig in dem unter der Erde gelegenen Saal, da� ich viele Gesichter nicht erkennen konnte. Ich sah jedoch einen Altar mit dem Bild eines Gottes, der einen Stier t�tete. Er trug eine Krone auf dem Haupt. Dann wurde es still. Der �lteste der Versammlung begann heilige Texte herzusagen, die er auswendig konnte. Er sprach lateinisch, und ich verstand nur die Bedeutung einiger der heiligsten Worte nicht, begriff aber, da� nach dieser Lehre ein st�ndiger Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und B�se �ausgetragen wurde. Schlie�lich verlosch auch das letzte Licht. Ich vernahm ein geheimnisvolles Pl�tschern und ein silbrig klingendes Gl�ckchen. Viele seufzten tief, und Barbus packte mich am Arm. Licht, das aus verborgenen �ffnungen in den W�nden fiel, erhellte die Krone des Gottes und dann das ganze Bild.</p><p>Mehr will ich �ber die Mysterien nicht berichten. Ich �berzeugte mich davon, da� die Mithrasanbeter voll ernster Fr�mmigkeit waren und fest an ein k�nftiges Leben glaubten. Nach dem Sieg des Lichts und der guten M�chte wurden die Fackeln im Saal wieder angez�ndet, und wir nahmen ein anspruchsloses Mahl ein. Die Anwesenden waren heiter und wie von einer Last befreit, ihre Gesichter leuchteten vor Freude, und sie sprachen freundlich und ohne R�cksicht auf Rang oder Einweihungsgrad miteinander. Das Mahl bestand aus z�hem Ochsenfleisch und dem billigen, sauren Wein, den man in den Lagern bekommt.</p><p>Den frommen Ges�ngen und dem �brigen Gerede entnahm ich, da� diese ehrlichen, wenn auch einfachen M�nner aufrichtig nach einem untadeligen Leben strebten. Die meisten waren Witwer oder unverehelicht und suchten Trost und Schutz bei ihrem siegreichen Sonnengott und im Beisammensein mit Gleichgesinnten. Zumindest f�rchteten sie keine Zauberei und glaubten an keine anderen Vorzeichen als an ihre eigenen.</p><p>Ich fand, da� diese Gesellschaft Barbus nur n�tzen konnte, aber mich selbst sprachen diese Zeremonien nicht an. Vielleicht f�hlte ich mich zu gebildet und zu jung unter diesen ernsten, �lteren M�nnern. Zuletzt begannen sie �brigens Geschichten zu erz�hlen, aber es waren die gleichen Geschichten, die man auch ohne Zeremonien an allen Grenzen des R�mischen Reiches an den Lagerfeuern zu h�ren bekommt. Ich suchte den Tempel nicht mehr auf.</p><p>Doch die Unruhe verlie� mich nicht. Bisweilen nahm ich den sch�bigen Holzbecher aus meiner verschlossenen Truhe, streichelte ihn und dachte an meine griechische Mutter, die ich nicht gekannt hatte. Zuletzt trank ich, um ihrer zu gedenken, ein wenig Wein aus dem Becher und err�tete dabei �ber meinen Aberglauben. Es war mir in solchen Augenblicken, als f�hlte ich die gute, z�rtliche N�he meiner Mutter, aber ich scheute mich, mit jemandem dar�ber zu sprechen.</p><p>Ich begann mich mit schonungslosen Reit�bungen zu qu�len, denn ich glaubte, gr��ere Befriedigung zu versp�ren, wenn ich ein schwer zu reitendes Pferd unter mir hatte, als wenn ich eine Nacht bei Claudia zubrachte und ohne Unterla� mit ihr stritt. Jedenfalls konnte ich so mein schlechtes Gewissen und meine Selbstvorw�rfe zum Schweigen bringen.</p><p>Der junge Lucius Domitius zeichnete sich nach wie vor auf dem Reitfeld aus, aber sein h�chstes Gl�ck war es, auf einem gut dressierten Pferd sch�n zu reiten. Er war der Erste unter den jungen Rittern, und Agrippina zuliebe beschlossen wir anderen Mitgliedern des Ritterstandes, ihm zu Ehren eine neue Goldm�nze pr�gen zu lassen. Claudius hatte ihn �brigens noch vor Ablauf eines Jahres adoptiert.</p><p>Auf die eine Seite der M�nze lie�en wir sein feingeschnittenes Knabenprofil pr�gen und um das Bildnis herum seinen neuen Adoptivnamen: �F�r Nero Claudius Drusus und zur Erinnerung an seinen Gro�vater Germanicus, den Bruder des Claudius.� Die Inschrift auf der anderen Seite lautete: �Die Ritterschaft freut sich ihres F�hrers.� In Wirklichkeit bezahlte Agrippina diese M�nze, die als Erinnerungsgabe in allen Provinzen ausgeteilt wurde, zugleich aber, wie alle im Tempel der Juno Moneta gepr�gten Goldm�nzen, vollg�ltiges Zahlungsmittel war. Nat�rlich verstand es Agrippina, eine kleine politische Demonstration zugunsten ihres Sohnes zu veranstalten. Von ihrem zweiten Gatten, Pasienus Crisus, der nur kurze Zeit Lucius Domitius� Stiefvater gewesen war, hatte sie ein Verm�gen von zweihundert Millionen Sesterze geerbt, das sie in ihrer Stellung als Gemahlin des Kaisers und Vertraute des Verwalters der Staatskasse geschickt zu vermehren wu�te.</p><p>Der Zuname Germanicus war �lter und ehrenvoller als der des Britannicus, den wir seiner Fallsucht und Pferdescheu wegen nicht mochten. Sogar �ber seine Geburt gingen gewisse Geschichten um, da Kaiser Gajus seinerzeit die siebzehnj�hrige Messalina gar zu rasch mit dem verlebten Claudius verm�hlt hatte.</p><p>Als Freund des Lucius Domitius nahm ich an dessen Adoptionsfest und den damit verbundenen Opferfeiern teil. Ganz Rom war der Meinung, da� er seine neue Stellung auf Grund seiner kaiserlichen Abstammung und seines eigenen angenehmen Wesens verdiente. Wir nannten ihn von diesem Tage an nur noch Nero. Den Adoptivnamen w�hlte Claudius zur Erinnerung an seinen eigenen Vater, den j�ngeren Bruder des Kaisers Tiberius.</p><p>Lucius Domitius oder Nero war von allen jungen R�mern, die ich kannte, der begabteste. Er war sowohl k�rperlich als auch geistig reifer als seine Altersgenossen. Er rang gern und besiegte alle, obgleich gesagt werden mu�, da� es, bei der allgemeinen Bewunderung, die er geno�, niemand ernstlich darauf anlegte, ihn zu besiegen, um sein empfindliches Gem�t nicht zu kr�nken. Nero konnte noch immer zu weinen beginnen, wenn seine Mutter oder sein Rhetor Seneca ihn zu streng tadelten. Er wurde von den vornehmsten Lehrern Roms unterrichtet, und sein Lehrer in der Redekunst war Seneca. Ich mochte meinen jungen Freund Nero gut leiden, obwohl ich oft genug bemerkte, da� er geschickt und durchaus glaubw�rdig log, wenn er etwas angestellt hatte, was Seneca tadelnswert fand. Doch wer tut das nicht! Au�erdem war es nicht m�glich, Nero lange b�se zu sein.</p><p>Agrippina sorgte daf�r, da� Nero an den offiziellen M�hlern des Claudius teilnahm und im gleichen Abstand wie Britannicus am Fu�ende von dessen Liegesofa sa�. Auf diese Weise konnten die Vornehmen Roms wie auch die Gesandten aus den Provinzen ihn kennenlernen und die beiden Knaben miteinander vergleichen: den aufgeweckten, liebensw�rdigen Nero und den m�rrischen Britannicus. Agrippina lud die S�hne der vornehmen Familien Roms der Reihe nach an den Tisch der beiden Knaben. Nero �bernahm die Rolle des Gastgebers, und Seneca leitete die Unterhaltung, indem er jedem ein Thema stellte, �ber das er zu reden hatte. Ich glaube, er gab Nero sein Thema im voraus und half ihm bei der Ausarbeitung, denn Nero zeichnete sich jedesmal durch seine gewandte, sch�ne Sprache aus.</p><p>Ich wurde oft eingeladen, denn mindestens die H�lfte der G�ste trug schon die Toga, und Nero schien mich aufrichtig gern zu haben. Bald war ich es jedoch m�de, immer wieder zu h�ren, wie die Redner ihren Vortrag mit denselben abgedroschenen Versen des Vergil oder Horaz oder mit Zitaten aus den Werken griechischer Dichter aufputzten. Deshalb begann ich mich auf diese Einladungen dadurch vorzubereiten, da� ich Senecas Werke las und mir seine Lieblingssentenzen �ber die Beherrschung des Zorns, die K�rze des Lebens und die unersch�tterliche Ruhe des Weisen unter allen Schicksalsschl�gen einpr�gte.</p><p>Als ich Seneca kennenlernte, empfand ich hohe Achtung vor ihm, denn es gab nichts auf der Welt, wor�ber er nicht mit seiner vorz�glich geschulten Stimme ein paar kluge, wohl�berlegte Worte zu sagen wu�te. Nun wollte ich jedoch erproben, ob die Unersch�tterlichkeit des Weisen auch gr��er war als die nat�rliche Eitelkeit des Menschen.</p><p>Selbstverst�ndlich durchschaute Seneca mein Spiel, denn er war nicht dumm, aber es gefiel ihm offensichtlich, seine eigenen Gedanken im Verein mit denen der Gro�en der Vergangenheit ausgesprochen zu h�ren. Ich war noch dazu so durchtrieben und nannte nie seinen Namen, wenn ich ihn zitierte, denn das w�re eine gar zu grobe Schmeichelei gewesen, sondern sagte nur: �Ich las unl�ngst irgendwo �� oder: �Ich mu� immer an folgenden Ausspruch denken ��</p><p>Nero machte den Stimmbruch durch, unter dem er sehr litt, und erhielt mit vierzehn Jahren die Toga. Das Opfer f�r Jupiter vollzog er als ein ganzer Mann, und er sagte die Opferlitaneien auf, ohne zu stottern und sich zu wiederholen. Die Leberschau ergab nur die g�nstigsten Vorzeichen. Nero lud die Jugend Roms zu einem gro�en Gastmahl, und der Senat beschlo� einstimmig, da� er den Konsulsrang erhalten sollte, sobald er zwanzig war. Damit, n�mlich als zuk�nftiger Konsul, bekam er unmittelbar Sitz und Stimme im Senat. Von Rhodos, der ber�hmten Insel der Philosophen, kamen Gesandte und baten um die Wiederherstellung der Freiheit und Selbstverwaltung der Insel. Ich wei� nicht, ob Claudius nicht ohnehin schon milder gegen die Bewohner von Rhodos gestimmt war. Jedenfalls war Seneca der Ansicht, da� dies die denkbar g�nstigste Gelegenheit f�r Nero sei, seine erste Rede in der Kurie zu halten. Mit Senecas Hilfe bereitete sich Nero in aller Heimlichkeit sorgf�ltig vor.</p><p>Mein Vater erz�hlte mir, da� er seinen Ohren nicht traute, als Nero nach der Rede der Gesandten und einigen sarkastischen Bemerkungen von Seiten der Senatoren pl�tzlich aufstand und �Ehrw�rdige V�ter!� rief. Alle wachten auf und blickten ihn erwartungsvoll an. Als Claudius durch ein Kopfnicken seine Zustimmung gegeben hatte, stieg Nero auf die Rednertrib�ne und sprach mit leidenschaftlicher Begeisterung von der ruhmreichen Geschichte der Insel Rhodos, ihren ber�hmten Philosophen und den gro�en R�mern, die auf Rhodos ihre Bildung vollendet hatten. �Hat nicht die rosenduftende Insel der Weisen, der Gelehrten, der Dichter und Redner genug f�r ihren Irrtum geb��t, und wird dieser nicht durch ihre Ber�hmtheit wiedergutgemacht!� Und so fort.</p><p>Als er geendet hatte, sahen alle Claudius an wie einen Verbrecher, da er es ja gewesen war, der dieser Insel die Freiheit geraubt hatte. Claudius f�hlte sich schuldbewu�t, und Neros Beredsamkeit hatte ihn ersch�ttert. �Starrt mich nicht an wie K�he einen neuen Zaun�, knurrte er unwillig. �Fa�t einen Beschlu�. Ihr seid ja der r�mische Senat.�</p><p>Man schritt zur Abstimmung, und Neros Begnadigungsantrag erhielt nahezu f�nfhundert Stimmen. Mein Vater meinte, am besten habe ihm Neros Bescheidenheit gefallen, denn als Antwort auf alle Gl�ckw�nsche sagte er nur: �Lobt nicht mich. Lobt meinen Lehrer.� Mit diesen Worten trat er auf Seneca zu und umarmte ihn. Seneca l�chelte und sagte so laut, da� es alle h�rten: �Nicht einmal der beste Rhetor k�nnte aus einem unbegabten J�ngling einen guten Redner machen.�</p><p>Die �lteren unter den Senatoren lehnten jedoch Seneca ab, einmal wegen seines weltm�nnischen Auftretens und zum andernmal, weil sie meinten, der strenge Stoizismus der Alten sei in seinen Schriften zu eitler Schaumschl�gerei geworden. Es hie� auch, er sei gar zu sehr darauf bedacht, sch�ne Knaben als Sch�ler zu gewinnen, doch das lag, glaube ich, nicht an Seneca allein, denn Nero verabscheute die H��lichkeit in dem Grade, da� ein entstelltes Gesicht oder ein auff�lliges Muttermal ihm die E�lust verderben konnte. Mir selbst trat Seneca jedenfalls niemals nahe, und er verbot sogar dem z�rtlichkeitsbed�rftigen Nero, ihn zu k�ssen.</p><p>Nach seiner Ernennung zum Pr�tor f�hrte Seneca haupts�chlich Zivilprozesse, die an sich beschwerlicher und schwieriger waren als Strafprozesse, da es dabei zumeist um Grundst�cke, Besitzrechte, Scheidungen und Testamente ging. Er selbst sagte, es gehe ihm wider die Natur, einen Menschen zur Pr�gelstrafe oder zum Tode zu verurteilen. Als er bemerkte, da� ich mir jeden seiner Prozesse anh�rte, sprach er mich eines Tages nach einer Verhandlung an und sagte: �Du bist begabt, Minutus Lausus. Du beherrscht neben der lateinischen Sprache die griechische und bekundest f�r Rechtsfragen das Interesse, das einem echten R�mer ansteht. M�chtest du nicht mein Gehilfe werden und beispielsweise unter meiner Anleitung im Archiv Pr�judizf�lle und vergessene Verordnungen heraussuchen?�</p><p>Ich err�tete vor Freude und Eitelkeit und antwortete, ein solcher Auftrag w�re mir eine gro�e Ehre. Seneca machte eine s�uerliche Miene und bemerkte: �Du verstehst, hoffe ich, da� mancher ein Auge aus seinem Kopf daf�r geben w�rde, wenn er eine solche Gelegenheit erhielte, sich vor seinen Mitbewerbern um Beamtenstellen auszuzeichnen.�</p><p>Das verstand ich nat�rlich, und ich versicherte ihm, da� ich ihm f�r diese unvergleichliche Gunst ewig Dank wissen werde. Er sch�ttelte den Kopf. �Du wei�t, da� ich f�r r�mische Begriffe kein reicher Mann bin. Ich baue mir gerade ein Haus, und wenn es fertig ist, will ich mich wieder verheiraten, um den Verleumdungen ein Ende zu machen. Du verf�gst ja wohl selbst �ber dein Eigentum und kannst mir ein Entgelt f�r meine juristischen Belehrungen zahlen?�</p><p>Ich rang vor Verbl�ffung nach Atem und bat ihn, mir meinen Unverstand zu verzeihen. Auf meine Frage, wieviel er verlange, l�chelte Seneca, klopfte mir auf die Schulter und sagte: �Es ist vielleicht das kl�gste, du ber�tst dich mit deinem reichen Vater Marcus Mecentius.�</p><p>Ich suchte meinen Vater unverz�glich auf und fragte ihn, ob beispielsweise zehn Goldst�cke ein unziemlich gro�es Geschenk f�r einen Philosophen seien, der die Gen�gsamkeit und ein einfaches Leben liebt. Mein Vater lachte hellauf und rief: �Ich kenne Senecas bescheidene Gewohnheiten. La� mich nur machen, und k�mmere dich nicht mehr um die Sache.� Sp�ter h�rte ich, da� er Seneca tausend Goldst�cke oder, mit anderen Worten, einhunderttausend Sesterze schickte, was f�r meine Begriffe eine ungeheuerliche Summe war. Seneca nahm jedoch keinen Ansto�, ja er behandelte mich wom�glich noch freundlicher als zuvor, um zu zeigen, da� er meinem Vater diese geschmacklose �bertreibung, die nur einem Empork�mmling einfallen konnte, verzieh.</p><p>Ich arbeitete mehrere Monate als Senecas Gehilfe im Pr�torium. Er war unbedingt gerecht in seinen Urteilen, die genau �berlegt waren. Keinem Advokaten gelang es, ihn durch Beredsamkeit irrezuf�hren, denn er war selbst der hervorragendste Redner seiner Zeit. Trotzdem streuten einige, die ihren Proze� verloren hatten, das Ger�cht aus, er habe sich bestechen lassen; doch das wird freilich jedem Pr�tor nachgesagt. Seneca selbst versicherte, er habe niemals vor dem Urteilsspruch Geschenke angenommen. �Andererseits�, meinte er, �ist es ganz nat�rlich, da� sich der Gewinner eines Prozesses, in dem es etwa um das Besitzrecht an einem Grundst�ck im Werte von einer Million Sesterze ging, dem Richter erkenntlich zeigt, denn kein Beamter kann vom blo�en Pr�torensold leben und w�hrend seiner Amtszeit auch noch Gratisvorstellungen im Theater bezahlen.�</p><p>Es war wieder Fr�hling geworden. Das frische Gr�n, die w�rmende Sonne und die Zitherkl�nge lenkten unsere Gedanken von den trockenen, geschraubten juristischen Texten ab und zu den leichtsinnigen Versen des Ovid und des Properz hin, und ich sann immer h�ufiger dar�ber nach, was ich mit Claudia beginnen sollte. Nach und nach kam ich zu der �berzeugung, da� Agrippina der einzige Mensch sei, der eine gute und gerechte L�sung finden k�nnte. Mit Tante Laelia konnte ich nicht �ber Claudia sprechen, und noch weniger mit Tullia. An einem sch�nen Abend, als die Wolken �ber Rom goldrot gl�hten, bot sich mir endlich die erhoffte Gelegenheit. Nero nahm mich in die G�rten auf dem Pincius mit, und dort trafen wir seine Mutter, die den G�rtnern Anweisungen f�r die Fr�hjahrsarbeit gab. Ihr Gesicht strahlte vor Freude, wie immer, wenn sie mit ihrem sch�nen Sohn zusammentraf. Mich fragte sie m�tterlich: �Was dr�ckt dich, Minutus Manilianus? Du siehst aus, als h�ttest du einen heimlichen Kummer. Dein Blick ist unstet, und du wagst mir nicht in die Augen zu sehen.�</p><p>Ich wagte es doch, und ihre Augen waren so klar und allwissend wie die einer G�ttin. Ich fragte stammelnd: �Erlaubst du wirklich, da� ich von einer gro�en Sorge mit dir spreche?�</p><p>Sie f�hrte mich freundlich ein St�ck von den G�rtnern und den zur Erde geb�ckten Sklaven fort und bat mich, aufrichtig und ohne Furcht zu sprechen. Ich erz�hlte ihr von Claudia, aber schon bei meinen ersten Worten richtete sie sich steif auf, obwohl sich kein Muskel in ihrem ruhigen Antlitz verzog.</p><p>�Plautia Urgulanillas Ruf war bedenklich�, erinnerte sie sich. �In meiner Kindheit kannte ich sie sogar, obgleich ich w�nsche, ich h�tte sie nie gesehen. Wie ist es m�glich, da� du mit so einem M�dchen bekannt werden konntest? Soviel ich wei�, darf sie sich nicht innerhalb der Stadtmauern blicken lassen. H�tet denn dieser Bastard nicht irgendwo auf Aulus Plautius� G�tern die Ziegen?�</p><p>Ich berichtete, wie wir zusammengetroffen waren, aber als ich mehr erz�hlen wollte, unterbrach mich Agrippina st�ndig mit neuen Fragen, um, wie sie sagte, der Sache ganz auf den Grund zu kommen. Zuletzt gelang es mir aber doch noch zu gestehen: �Wir lieben uns und m�chten heiraten, wenn wir nur w��ten, wie wir es anfangen sollen.�</p><p>�Minutus, solche M�dchen heiratet man nicht�, sagte Agrippina kurz.</p><p>Ich versuchte, Claudias gute Eigenschaften zu loben, aber Agrippina h�rte kaum zu. Mit Tr�nen in den Augen starrte sie in die blutrot �ber Rom untergehende Sonne, so als h�tten meine Worte sie tief betr�bt. Schlie�lich unterbrach sie mich und fragte: �Seid ihr beisammen gelegen? Sage es, wie es ist.�</p><p>Ich durfte die Wahrheit nicht verschweigen, beging jedoch den Fehler, zu sagen, da� wir miteinander gl�cklich waren und uns gut verstanden, was allerdings, seit wir so oft Streit hatten, nicht mehr ganz stimmte, und dann fragte ich sch�chtern, ob es nicht m�glich w�re, da� eine unbescholtene Familie Claudia adoptierte.</p><p>�Armer Minutus, worauf hast du dich da eingelassen?� antwortete Agrippina mitleidig. �In ganz Rom wirst du keine achtbare Familie finden, die um einen noch so hohen Preis bereit w�re, sie zu adoptieren. Und lie�e wirklich eine Claudia ihren Namen tragen, so w�rde das nur beweisen, da� sie nicht achtbar ist.�</p><p>Ich versuchte, meine Worte so wohl zu setzen, wie ich nur vermochte, aber Agrippina war unersch�tterlich. �Als Besch�tzerin des Ritterstandes ist es meine Pflicht, an dein Bestes zu denken und nicht nur an das arme leichtfertige M�dchen. Du bist dir nicht recht im klaren dar�ber, in was f�r einem Ruf sie steht, und ich will nichts weiter dazu sagen, da du mir in deiner Verblendung ohnehin nicht glauben w�rdest. Ich verspreche dir aber, da� ich �ber euch nachdenken werde.�</p><p>Ich sagte verwirrt, sie m�sse mich falsch verstanden haben. Claudia sei weder leichtfertig noch verderbt, sonst h�tte ich nie daran gedacht, mich mit ihr zu verm�hlen. Ich mu� gestehen, da� Agrippina viel Geduld mit mir hatte. Sie fragte mich genau aus, was Claudia und ich miteinander getan hatten, lehrte mich den Unterschied zwischen Tugend und Lasterhaftigkeit im Bett und gab mir zu verstehen, da� Claudia in dieser Sache offenbar erfahrener war als ich.</p><p>�Der Gott Augustus selbst verbannte Ovid, der mit seinen sittenlosen B�chern zu beweisen versuchte, da� die Liebe eine Kunst sei�, sagte sie. �Du zweifelst doch wohl nicht an seinem Urteil! Solche Spiele geh�ren ins Hurenhaus, und der beste Beweis daf�r ist, da� du mir nicht in die Augen sehen kannst, Minutus, ohne zu err�ten.�</p><p>Ich f�hlte mich trotz allem von einer schweren B�rde befreit, da ich mich der klugen, edlen Agrippina anvertraut hatte, und eilte froh aus der Stadt, um Claudia sogleich zu berichten, da� unser Schicksal in guten H�nden lag. Ich hatte ihr zuvor nichts von meiner Absicht gesagt, um nicht Hoffnungen in ihr zu erwecken, die sich am Ende vielleicht als tr�gerisch herausstellten.</p><p>Als ich ihr aber nun von meiner Unterredung mit Agrippina berichtete, wurde sie vor Schreck so bleich, da� die Sommersprossen links und rechts von ihrer kr�ftigen Nase braun und h��lich auf der wei�en Haut hervortraten. �Minutus, Minutus, was hast du da angerichtet!� jammerte sie. �Bist du denn wirklich ganz und gar von Sinnen?�</p><p>Ich war tief gekr�nkt, weil sie mich einer Sache wegen tadelte, die ich glaubte vortrefflich angepackt zu haben und auf die ich mich zudem nur ihr zuliebe eingelassen hatte. Es hatte nicht wenig Mut dazu geh�rt, mit Roms erster Dame �ber so heikle Dinge zu sprechen. Ich fragte Claudia, was sie gegen eine so edle Frau wie Agrippina habe, aber sie antwortete mir nicht, sondern sa� nur da wie gel�hmt, die H�nde auf den Knien, und sah mich nicht einmal an.</p><p>Auch durch Z�rtlichkeiten gelang es mir nicht, sie zum Sprechen zu bringen. Sie wies mich schroff ab, und zuletzt konnte ich mir ihr Verhalten nicht anders erkl�ren als damit, da� sie etwas auf dem Gewissen hatte, was sie mir nicht sagen konnte oder wollte. Das einzige, was ich endlich von ihr zu h�ren bekam, war, da� es keinen Sinn habe, mir irgend etwas zu erkl�ren, wenn ich so einf�ltig sei, einer Frau wie Agrippina zu vertrauen.</p><p>Ich verlie� Claudia im Zorn, denn sie selbst hatte unserem f�r mich so angenehmen Verh�ltnis durch ihr st�ndiges Gerede von der Zukunft und von der Ehe ein Ende bereitet. Als ich schon ein St�ck gegangen war, erschien sie in der T�r ihrer H�tte und rief mir nach: �Sollen wir so auseinandergehen, Minutus? Hast du kein gutes Wort f�r mich? Wir sehen uns vielleicht nie wieder.�</p><p>Ich war entt�uscht, weil sie sich nicht, wie bei fr�heren Vers�hnungen, meinen Liebkosungen ergeben hatte, und antwortete zornig: �Beim Herkules, ich hoffe, ich brauche dich nie wiederzusehen!�</p><p>Als ich an der Tiberbr�cke angekommen war, bereute ich meine Worte, aber mein Stolz hinderte mich daran, zu ihr zur�ckzukehren.</p><p>Ein Monat verging, ohne da� sich etwas Besonderes ereignete. Eines Tages nahm Seneca mich beiseite und sagte: �Du bist nun zwanzig Jahre alt, Minutus Lausus, und es ist an der Zeit, da� du dich, im Hinblick auf deine sp�tere Laufbahn, mit der Provinzverwaltung vertraut machst. Mein j�ngerer Bruder wurde, wie du wissen d�rftest, auf Grund seiner Verdienste f�r einige Jahre mit der Verwaltung der Provinz Achaia betraut. Nun schreibt er mir, da� er zu seiner Unterst�tzung jemanden braucht, der gesetzeskundig ist und milit�rische Erfahrungen besitzt. Du bist zwar noch jung, aber ich glaube dich zu kennen. Au�erdem hat sich dein Vater mir gegen�ber so freigebig erwiesen, da� ich meine, du vor allen anderen solltest diese ausgezeichnete Gelegenheit erhalten, dich zu verbessern. Du reist am besten so bald wie m�glich. Nach Brundisium kannst du sofort fahren, und dort nimmst du das erste Schiff nach Korinth.�</p><p>Ich verstand, da� dies nicht nur ein Gunstbeweis, sondern ein Befehl war, aber ein junger Mann wie ich konnte kaum in eine bessere Provinz geschickt werden. Korinth ist eine lebensfrohe Stadt, und nicht weit davon liegt das alte Athen. Ich konnte auf meinen Inspektionsreisen all die erinnerungstr�chtigen St�tten Hellas� besuchen. Nach meiner R�ckkehr in einigen Jahren durfte ich vielleicht schon auf ein Amt hoffen, auch ohne die Altersgrenze von drei�ig Jahren erreicht zu haben. Daher dankte ich Seneca voll Ehrerbietung und begann mich augenblicklich auf meine Reise vorzubereiten.</p><p>Im Grunde kam mir dieser Auftrag so g�nstig gelegen wie nur m�glich. Man wu�te in Rom, da� sich die britischen St�mme wieder erhoben hatten, um zu sehen, wie weit sie es mit Ostorius treiben konnten. Vespasian wu�te, woran er war, aber Ostorius war mit den Verh�ltnissen in Britannien noch nicht vertraut. Daher hatte ich schon bef�rchtet, ich k�nnte wieder dorthin geschickt werden, und dazu versp�rte ich wenig Neigung. Sogar die Icener, bisher die friedlichsten und treuesten Bundesgenossen Roms, hatten begonnen, Ausf�lle �ber ihren Grenzflu� zu unternehmen, und es w�re mir Lugundas wegen schwergefallen, gegen sie Krieg zu f�hren.</p><p>Ich glaubte, nicht reisen zu d�rfen, ohne mich von Claudia verabschiedet zu haben, so schlecht sie mich auch behandelt hatte. Daher ging ich eines Tages auf die andere Tiberseite hin�ber, aber Claudias H�tte war verriegelt und leer, niemand antwortete auf mein Rufen, und ihre Schafherde war fort. Ich lief verwundert zum Gut des Aulus Plautius hin�ber, um mich nach ihr zu erkundigen. Dort wurde ich k�hl empfangen, und niemand schien etwas �ber Claudia zu wissen. Es war, als d�rfte man nicht einmal ihren Namen nennen.</p><p>Beunruhigt eilte ich in die Stadt zur�ck und suchte Tante Paulina in Plautius� Haus auf. Die st�ndig in Trauer gekleidete alte Frau empfing mich noch verweinter als sonst, wollte mir aber keine Auskunft �ber Claudia geben.</p><p>�Je weniger du davon sprichst, desto besser�, sagte sie und musterte mich feindselig. �Du hast Claudia ins Verderben gest�rzt, aber vielleicht w�re es fr�her oder sp�ter auch ohne dich so gekommen. Du bist noch jung, und ich kann nicht glauben, da� du wei�t, was du getan hast, aber verzeihen kann ich dir darum doch nicht. Ich will zu Gott beten, da� er dir verzeiht.�</p><p>Vor so viel Geheimnistuerei befielen mich Angst und b�se Ahnungen. Ich wu�te nicht, was ich denken sollte. Ich f�hlte mich schuldlos, da alles zwischen Claudia und mir aus ihrem eigenen freien Willen geschehen war. Doch ich hatte keine Zeit zu verlieren.</p><p>Nachdem ich mich umgekleidet hatte, eilte ich zum Palatium, um von Nero Abschied zu nehmen, der mir sagte, er beneide mich aufrichtig, weil ich an Ort und Stelle die Bildung des alten Griechenland kennenlernen d�rfe. Dann nahm er mich zum Zeichen seiner Freundschaft an der Hand und f�hrte mich zu seiner Mutter, obwohl Agrippina gerade mit dem finsteren Pallas �ber den B�chern der Staatskasse sa�. Pallas galt als der reichste Mann in ganz Rom. Er war so hochfahrend, da� er nie mit seinen Sklaven redete, sondern seine W�nsche nur durch Handbewegungen zu erkennen gab, die alle sofort verstehen mu�ten.</p><p>Die St�rung kam Agrippina offensichtlich ungelegen, aber wie immer erhellte sich ihre Miene, als sie Nero erblickte. Sie w�nschte mir Erfolg, warnte mich vor dem Leichtsinn und sagte, sie hoffe, ich w�rde mir von der griechischen Bildung das Beste aneignen, aber als guter R�mer zur�ckkehren.</p></section><section><p>Ich stammelte etwas, sah ihr in die Augen und machte eine bittende Geb�rde. Sie verstand auch ohne Worte, was ich wollte. Der vornehme Freigelassene Pallas w�rdigte mich nicht eines Blickes, sondern raschelte nur ungeduldig mit seiner Papyrusrolle und schrieb ein paar Zahlen auf eine Wachstafel. Agrippina forderte Nero auf, zu seinem Nutzen zuzusehen, wie geschickt Pallas hohe Zahlen addierte, und f�hrte mich in einen anderen Saal. �Es ist besser, wenn Nero nicht h�rt, wovon wir reden�, sagte sie. �Er ist noch ein unschuldiger Knabe, wenn er auch schon die Toga tr�gt.�</p><p>Das war nicht wahr, denn Nero selbst hatte sich damit gebr�stet, da� er mit einer Sklavin geschlafen und es spa�eshalber auch mit einem Knaben versucht hatte, aber das konnte ich seiner Mutter nicht sagen. Agrippina betrachtete mich mit ihrem klaren, ruhigen Blick, seufzte und sagte: �Du willst von Claudia h�ren. Ich m�chte dich nicht entt�uschen, denn ich wei� selbst, wie schwer man diese Dinge nimmt, wenn man jung ist, und doch ist es besser f�r dich, man �ffnet dir beizeiten die Augen, wenn es auch schmerzt. Ich habe Claudia �berwachen lassen. Um deinetwillen mu�te ich ja die Wahrheit �ber ihren Lebenswandel in Erfahrung bringen. Es k�mmert mich nicht, da� sie gegen das ausdr�ckliche Verbot versto�en und die Stadt betreten hat, und es ist mir auch gleichg�ltig, da� sie zusammen mit Sklaven an gewissen geheimen M�hlern teilgenommen hat, bei denen es nicht ganz schicklich zugegangen sein soll, aber es ist unverzeihlich, da� sie sich au�erhalb der Stadtmauern und ohne die unerl��liche Gesundheits�berwachung f�r ein paar sch�bige M�nzen an Fuhrleute, Hirten und dergleichen verkaufte.�</p><p>Diese schreckliche, unglaubliche Beschuldigung verschlug mir den Atem. Agrippina sah mich mitleidig an und fuhr fort: �Der Fall wurde ohne gro�es Aufsehen vor dem Ordnungsgericht verhandelt, und es gab genug Zeugen, die ich dir jedoch lieber nicht nennen will, damit du dich nicht zu sehr sch�men mu�t. Aus Barmherzigkeit wurde Claudia nicht nach Vorschrift bestraft. Man hat sie nicht ausgepeitscht und ihr nicht einmal das Haar geschnitten. Sie wurde in ein geschlossenes Haus in einer kleinen Landstadt gebracht, wo sie bessere Sitten lernen kann. Ich sage dir nicht, wo es ist, damit du mir keine Dummheiten machst. Wenn du sie nach deiner R�ckkehr aus Griechenland sehen willst, kann ich es einrichten, vorausgesetzt, da� sie sich gebessert hat, aber du mu�t mir versprechen, da� du vorher keinen Versuch unternehmen wirst, mit ihr in Verbindung zu treten. Das bist du mir schuldig.�</p><p>Ihre Worte waren mir so unfa�bar, da� mir schwindelte, und ich f�hlte, wie meine Knie nachgaben. Unwillk�rlich erinnerte ich mich an alles, was mir an Claudia ungew�hnlich vorgekommen war, und ich dachte an ihre Erfahrenheit und Hei�bl�tigkeit. Agrippina legte ihre sch�ne Hand auf meinen Arm, sch�ttelte den Kopf und ermahnte mich: �Pr�fe dich selbst, Minutus. Allein deine jugendliche Eitelkeit hindert dich daran, augenblicklich zu erkennen, wie grausam du hintergangen wurdest. Zieh die Lehre aus dem Geschehenen, und schenke verderbten Frauen und ihren Einfl�sterungen nicht mehr soviel Glauben. Es war dein Gl�ck, da� du dich noch rechtzeitig aus ihrer Umgarnung retten konntest, indem du dich an mich wandtest. Wenigstens darin hast du klug gehandelt.�</p><p>Ich starrte sie an und versuchte, in ihrem sch�nen Gesicht mit der zarten Haut und in ihren klaren Augen das geringste Anzeichen von Unsicherheit zu entdecken. Sie streichelte meine Wange und bat: �Sieh mir in die Augen, Minutus Lausus. Wem glaubst du mehr: mir oder diesem gew�hnlichen M�dchen, das dein blindes Vertrauen so grausam entt�uschte?�</p><p>Sowohl meine gesunde Vernunft als auch meine verwirrten Gef�hle sagten mir, da� ich dieser g�tigen Frau, der Gemahlin des Kaisers, mehr glauben m�sse als Claudia. Ich senkte den Kopf, denn hei�e Tr�nen der Entt�uschung stiegen mir in die Augen. Agrippina dr�ckte mein Gesicht an ihren weichen Busen, und pl�tzlich sp�rte ich bei all meinem �berschwenglichen Schmerz ein hei�es Zittern in meinem K�rper und err�tete noch mehr �ber mich selbst.</p><p>�Ich bitte dich, mir nicht jetzt zu danken, obwohl ich viel f�r dich in einer Sache getan habe, die mich anekelte�, fl�sterte sie mir ins Ohr, so da� ich ihren warmen Atem f�hlte und noch heftiger zu zittern begann. �Ich wei�, du wirst mir sp�ter danken, wenn du Zeit gehabt hast nachzudenken. Ich habe dich aus der schlimmsten Gefahr errettet, die einem J�ngling an der Schwelle zum Mannesalter begegnen kann.�</p><p>Aus Furcht vor Augenzeugen schob sie mich von sich und schenkte mir noch einmal ein warmes L�cheln. Mein Gesicht war so hei� und von Tr�nen na�, da� ich es niemandem zeigen mochte. Agrippina schickte mich durch eine Hintert�r aus dem Palast. Ich ging mit gesenktem Kopf und �ber die wei�en Pflastersteine stolpernd die steile Gasse der Siegesg�ttin hinunter.</p></section><section><empty-line/><p><strong>V

    </strong></p><p><strong>KORINTH
  </strong></p><p>Korinth ist eine Weltstadt � von allen St�dten der Welt die lebhafteste und lebensfrohste, wie die Korinther selbst versichern. Mummius zerst�rte sie vor zweihundert Jahren bis auf die Grundmauern, aber in unseren Tagen hat diese aus der Asche auferstandene Stadt dank der klugen Voraussicht des Gottes Julius Caesar wieder eine halbe Million Einwohner, die aus allen L�ndern der Welt stammen. Von der Akropolis aus sieht man die Stra�en bis in die sp�te Nacht hinein in hellem Licht erstrahlen, und mit seinem bunten Treiben ist Korinth f�r einen jungen Mann, der bitter �ber seine eigene Leichtgl�ubigkeit nachgr�belt, ein heilsamer Erholungsort. Mein Diener Hierax dagegen mu� es oft bereut haben, da� er mich auf dem Sklavenmarkt in Rom mit Tr�nen in den Augen flehentlich gebeten hat, ihn zu kaufen. Er konnte lesen und schreiben, massieren, kochen und mit den H�ndlern feilschen und sprach Griechisch und gebrochen Latein. Er bat mich, den Preis nicht allzusehr zu dr�cken, da sein Hausvater sich nur widerstrebend und der Not gehorchend von ihm trennte, weil er auf Grund eines ungerechten Gerichtsurteils in Geldschwierigkeiten geraten war. Ich begriff, da� Hierax eine Provision erhielt, wenn es ihm durch seine Zungenfertigkeit gelang, den Preis in die H�he zu treiben, aber in meiner damaligen Gem�tsverfassung war ich ohnehin nicht zum Feilschen aufgelegt.</p><p>Hierax hoffte nat�rlich, einen jungen, freundlichen Herrn zu bekommen, und f�rchtete, er k�nnte in ein sparsam gef�hrtes Haus voll alter Geizkragen geraten. Mein Tr�bsinn und meine Schweigsamkeit lehrten auch ihn schweigen, so schwer es ihn ankam, denn er war ein echt griechischer Schw�tzer. Mich konnte nicht einmal die Schiffsreise zerstreuen, und ich mochte mit niemandem sprechen. Daher gab ich Hierax meine Anweisungen nach der Art des Pallas nur mit Gesten. Er diente mir nach bestem Verm�gen, vermutlich weil er f�rchtete, hinter meinem finsteren �u�eren verberge sich ein im Grunde grausamer Herr, der sein Vergn�gen daran fand, einen Sklaven zu z�chtigen.</p><p>Hierax war als Sklave geboren und erzogen worden. Kr�ftig war er nicht, aber ich kaufte ihn, um nicht l�nger suchen zu m�ssen und weil er kein sichtbares Gebrechen hatte. Sogar seine Z�hne waren gesund, obwohl er schon drei�ig Jahre alt war. Nat�rlich nahm ich an, da� er irgendeinen anderen, verborgenen Fehler hatte, da er wieder verkauft worden war, aber in meiner Stellung konnte ich nicht ohne Diener reisen. Anfangs war er mir eine rechte Plage. Sobald ich ihn aber gelehrt hatte, zu schweigen und ebenso d�ster dreinzublicken wie ich selbst, k�mmerte er sich ordentlich um mein Reisegep�ck, meine Kleidung und meine Mahlzeiten, und er verstand es sogar, mir meinen immer noch weichen Bart zu scheren, ohne mich allzu oft zu schneiden.</p><p>In Korinth war er fr�her schon einmal gewesen, und er verschaffte uns Unterkunft in einer Herberge in der N�he des Neptuntempels, die den Namen �Schiff und Laterne� f�hrte. Es entsetzte ihn, da� ich nicht unverz�glich in den Tempel eilte, um ein Dankopfer f�r den gl�cklichen Ausgang der gef�hrlichen Seereise darzubringen, sondern als erstes zum Forum ging, um mich beim Prokonsul zu melden.</p><p>Der Sitz des Prokonsuls in Achaia war ein stattliches Geb�ude mit einem S�ulenportal. Der �u�ere Hof war von einer Mauer mit einem Wachhaus umgeben. Die beiden Legion�re, die vor dem Tor auf Posten standen, stocherten sich in den Z�hnen, schwatzten mit den Vor�bergehenden und hatten Schild und Lanze an die Mauer gelehnt. Sie schielten sp�ttisch nach meiner schmalen roten Borte, lie�en mich aber ohne Fragen ein.</p><p>Der Prokonsul Lucius Annaeus Gallio empfing mich auf griechische Art gekleidet, nach Salben duftend und mit einem Bl�tenkranz auf dem Haupt, als w�re er im Begriff, zu einem Fest zu gehen. Er machte mir einen gutm�tigen Eindruck und Ke� sofort Wein aus Samos bringen, w�hrend er den Brief seines �lteren Bruders Seneca und das andere Schreiben las, das ich ihm als Kurier des Senats �berreicht hatte. Ich lie� meinen Glasbecher halb geleert stehen und verlangte nicht nach mehr Wein, da ich die ganze Welt, in der ich zu meinem Ungl�ck geboren worden war, tief verachtete und �berhaupt von den Menschen nichts Gutes mehr glauben mochte.</p><p>Als Gallio seine Briefe gelesen hatte, sah er mich ernst und aufmerksam an. �Ich glaube, du tr�gst die Toga am besten nur bei den Gerichtssitzungen�, schlug er mir vorsichtig vor. �Wir m�ssen bedenken, da� Achaia Achaia ist. Seine Zivilisation ist �lter oder jedenfalls in unvergleichlich h�herem Ma�e geistig als die r�mische. Die Griechen leben nach ihren eigenen Gesetzen und sorgen selbst f�r die Aufrechterhaltung der Ordnung. Rom verfolgt in Achaia eine Politik der Nichteinmischung. Wir lassen den Dingen ihren Lauf, solange man uns nicht ausdr�cklich bittet einzuschreiten. Verbrechen gegen das Leben sind eine Seltenheit. Am meisten machen uns, wie in allen Hafenst�dten, die Diebe und Betr�ger zu schaffen. Amphitheater gibt es in Korinth keines, aber einen pr�chtigen Zirkus mit Wagenrennen. Die Theater sind jeden Abend ge�ffnet, und alle anderen Vergn�gungen, die f�r einen anst�ndigen jungen Mann in Frage kommen, gibt es im �berma�.�</p><p>Ich antwortete verdrossen: �Ich bin nicht nach Korinth gekommen, um mich zu unterhalten, sondern um mich auf die Beamtenlaufbahn vorzubereiten.�</p><p>�Gewi�, gewi߫, stimmte Gallio mir bei. �Mein Bruder schreibt es mir in seinem Brief. Vielleicht meldest du dich zuerst einmal beim Kohortenf�hrer unserer Garnison. Er ist ein Rubrius, behandle ihn also h�flich. Im �brigen kannst du daf�r sorgen, da� der Waffendienst wieder ernstgenommen wird. Die Leute sind unter seinem Kommando nachl�ssig geworden. Sp�ter gehst du dann auf Reisen und inspizierst die anderen Garnisonen. Viel sind es ohnehin nicht. Athen und gewisse andere heilige St�dte betritt man aber tunlichst nicht in milit�rischem Aufzug. Die zerlumpte Kleidung des Philosophen ist dort eher am Platze. Einmal in der Woche halte ich hier vor dem Haus Gericht, und da mu�t du nat�rlich zugegen sein. Die Sitzungen beginnen nicht zeitig am Vormittag, sondern am Nachmittag. Man mu� sich an die Sitten des Landes halten, in das man kommt. Aber jetzt will ich dich durch das Haus f�hren und dich mit meinen Kanzleivorstehern bekanntmachen.</p><p>Freundlich plaudernd stellte er mich seinem Kassenverwalter und seinem Juristen, dem Vorsteher der Steuerbeh�rde f�r Achaia und dem r�mischen Handelsdelegierten vor.</p><p>�Ich w�rde dich gern in meinem Haus wohnen lassen�, sagte Gallio, �aber es ist f�r Rom vorteilhafter, wenn du dir in der Stadt eine Bleibe suchst, entweder in einer guten Herberge oder in einem eigenen Haus. Du kommst auf diese Weise mit der Bev�lkerung in Ber�hrung und lernst ihre Sitten, ihre W�nsche und Beschwerden kennen. Denk immer daran, da� wir Achaia �u�erst behutsam anfassen m�ssen. Ich erwarte gerade einige Gelehrte und Philosophen zum Mittagessen und w�rde dich gern mit einladen, aber ich sehe, da� du von der Reise ersch�pft bist und da� das Essen dir nicht schmecken w�rde, nachdem dir nicht einmal mein Wein zugesagt hat. Ruhe dich zuerst von deinen Anstrengungen aus, lerne die Stadt ein wenig kennen und melde dich dann bei Rubrius, wann es dir beliebt. Es eilt keineswegs.�</p><p>Zuletzt stellte mich Gallio auch seiner Gattin vor. Sie war in einen goldgestickten griechischen Mantel gekleidet und trug Sandalen aus vergoldetem Leder an den F��en und einen Goldreif in ihrem kunstvoll aufgesteckten Haar. Sie blickte schelmisch zuerst mich und dann Gallio an, wurde ernst und begr��te mich mit einer so tr�b und d�ster klingenden Stimme, als dr�ckten sie alle Sorgen der Welt, schlug sich pl�tzlich die Hand vor den Mund, kicherte und lief davon.</p><p>Ich fand, da� die aus Spanien geb�rtige Helvia bei all ihrer Sch�nheit doch noch sehr kindisch war. Gallio unterdr�ckte ein L�cheln, blickte seiner Gattin erst nach und best�tigte mir meine eigene Meinung: �Ja, Lausus, sie ist zu jung und kann die Pflichten, die ihre Stellung ihr auferlegt, noch nicht ernst nehmen. Zum Gl�ck ist das hier in Korinth nicht weiter von Bedeutung.�</p><p>Tags darauf �berlegte ich lange, ob ich eine Nachricht in die Garnison schicken sollte, um f�r meinen Antrittsbesuch ein Reitpferd und eine Ehrenwache zu bekommen, worauf ich selbstverst�ndlich ein Recht hatte. Da ich aber meinen Vorgesetzten Rubrius noch nicht kannte, hielt ich es zuletzt doch f�r das beste, eher bescheiden aufzutreten. Ich legte daher nur nach Vorschrift meinen Brustharnisch mit dem silbernen Adler an, zog die eisenbeschlagenen Schuhe und die Beinschienen an und setzte den Helm mit dem roten Federbusch auf. Um die Schultern legte mir Hierax den kurzen roten Kriegstribunenmantel.</p><p>Mein Aufzug erweckte so viel Aufsehen in der Herberge, da� sogar die K�che und die Putzweiber sich in der T�r dr�ngten, um einen Blick zu erhaschen. Als ich mit klirrender R�stung ein St�ck marschiert war, begannen die Leute hinter und neben mir herzulaufen und zu gaffen. Die M�nner zeigten auf meinen Helmbusch und riefen etwas, was ich nicht verstand, die Frauen betasteten meinen Brustharnisch, und einige Stra�enjungen gingen schreiend und gr�lend im Gleichschritt neben mir her. Es dauerte dennoch eine Weile, bis ich endlich begriff, da� man mich verspottete.</p><p>Ich empfand meine Lage als so peinlich, da� ich am liebsten mein langes Reiterschwert gezogen und mit der flachen Klinge um mich gehauen h�tte, sagte mir jedoch, da� das nur zu noch gr��erem Aufruhr f�hren w�rde, und wandte mich mit rotem Kopf an einen Ordnungsw�chter. Der verjagte mit seinem Rohrstock die Gassenjungen, um mir einen Weg zu bahnen. Trotzdem folgten mir noch immer mindestens hundert Menschen bis zum Tor der Garnison.</p><p>Die Posten nahmen hastig Schild und Lanze von der Mauer, und der eine blies auf seinem Horn Alarm, als er den johlenden Volkshaufen auf die Kaserne zukommen sah. Die Leute dachten jedoch nicht daran, den Bereich der Garnison zu betreten und sich daf�r ein paar Stockhiebe einzuhandeln. Sie hielten im Halbkreis vor den Lanzenspitzen der Soldaten, riefen mir Gl�ckw�nsche zu und beteuerten, sie h�tten seit Jahren keinen so erhebenden Anblick mehr genossen.</p><p>Der Oberzenturio der Kohorte kam im Untergewand auf mich zugerannt. Eine Handvoll mit Lanze und Schild bewaffneter Legion�re rottete sich zu einem formlosen Haufen auf dem Hof zusammen. Man m�ge mir verzeihen, da� ich sie in der Dummheit meiner Jugend anbr�llte und ihnen Befehle erteilte, wozu ich gar nicht berechtigt war, da ich mich noch nicht bei Rubrius gemeldet hatte. Ich jagte sie im Laufschritt zur Mauer und wieder zur�ck und befahl ihnen, ordentlich anzutreten, dann bat ich den Zenturio, den Befehl zu �bernehmen. Er stand breitbeinig vor mir, die Arme in die Seiten gestemmt und mit langen Bartstoppeln im Gesicht, und antwortete verbl�fft: �Rubrius schl�ft noch nach einer schweren Nacht�bung, und es geht nicht an, ihn zu wecken. Auch die Mannschaft ist m�de von der �bung. Wie w�re es, wenn du erst einmal einen Schluck Wein mit mir tr�nkest und mir sagtest, wer du bist, woher du kommst und warum du stirnrunzelnd und z�hneknirschend auf uns niederf�hrst wie der Kriegsgott selbst?�</p><p>An seinem Gesicht und seinen narbenbedeckten Oberschenkeln erkannte ich, da� ich einen alten Veteranen vor mir hatte, und ich mu�te seiner Aufforderung wohl nachkommen. Ein junger Ritter wie ich konnte von so einem alten Zenturio leicht einen Nasenst�ber bekommen, und ich wollte nach der soeben erlittenen Schmach nicht auch noch vor der Mannschaft gedem�tigt werden, von der bereits einige langsam auf uns zuschlenderten.</p><p>Der Zenturio f�hrte mich in seine Kammer, die nach Leder und Metallputzmitteln roch, und wollte mir aus einem Tonkrug Wein einschenken. Ich lehnte ab und sagte, ich d�rfe auf Grund eines Gel�bdes nur Wasser und Gem�se zu mir nehmen. Er sah mich erstaunt an und meinte: �Korinth gilt im allgemeinen nicht als Verbannungsort. Du mu�t aus einer sehr vornehmen Familie stammen, wenn man dich f�r das, was du in Rom angestellt hast, hierherschickt.�</p><p>Er kratzte sich am Kinn, da� die Bartstoppeln raschelten, g�hnte herzhaft und trank dann selbst von dem Wein. Auf meinen Befehl holte er schlie�lich wenigstens Rubrius� Schreiber und die Kohortenrolle und erkl�rte: �In der Stadt hier haben wir nur vor dem Hof des Prokonsuls und an den Toren der meistben�tzten Stra�en Posten stehen. In Kenchreae und Lykaion � das sind, wie du wissen d�rftest, H�fen � befinden sich st�ndige Garnisonen, die ihre eigenen Unterk�nfte haben, so da� die M�nner nicht zwischen Hafen und Kaserne hin und her zu laufen brauchen. Laut Rolle sind wir eine vollz�hlige Kohorte samt Zeugmeistern und anderen Spezialisten, so dal? wir im Bedarfsfall eine selbst�ndige Feldeinheit bilden k�nnen.�</p><p>Ich fragte nach der Reiterei, und der Zenturio antwortete: �Genaugenommen haben wir im Augenblick nicht einen einzigen Berittenen. Rubrius und dem Statthalter stehen nat�rlich Pferde zur Verf�gung, aber sie ben�tzen lieber eine S�nfte. Du kannst dir ja ein Pferd nehmen, wenn du unbedingt eines haben mu�t. Im �brigen hat uns die korinthische Reiterei auf Befehl beizustehen.�</p><p>Als ich mich nach der Tageseinteilung, dem Exerzieren, Waffenputzen und dergleichen erkundigte, warf er mir einen mi�trauischen Blick zu und sagte: �Dar�ber sprichst du am besten mit Rubrius selbst. Ich bin nur sein Untergebener.�</p><p>Um Zeit zu gewinnen, besichtigte ich die leeren Unterk�nfte, die voller Unrat und Spinnweben waren, die Waffenkammer, die K�che und den Altar. Die Garnison hatte keinen eigenen Adler, sondern nur eines der �blichen Kohortenfeldzeichen mit Quasten und Gedenkschildern. Ich war nach dieser Besichtigungsrunde ebenso verbl�fft wie entsetzt.</p><p>�Wo stecken denn die Kerle alle?� rief ich laut. �Was tun wir, wenn wir pl�tzlich ausr�cken und k�mpfen m�ssen?�</p><p>Der Zenturio verlor allm�hlich die Geduld mit mir und antwortete �bellaunig: �Das fragst du am besten auch deinen unmittelbaren Vorgesetzten Rubrius.�</p><p>Zu Mittag lie� mich Rubrius endlich rufen. Er bewohnte einen auf griechische Art sehr geschmackvoll eingerichteten Raum, und ich sah mindestens drei recht junge Frauen, die ihn bedienten. Er hatte eine Glatze, ein aufgedunsenes Gesicht mit geplatzten �derchen und bl�uliche Lippen. Ich bemerkte, da� er beim Gehen den linken Fu� nachzog. Er empfing mich herzlich, umarmte mich und blies mir seinen nach Wein riechenden Atem ins Gesicht und forderte mich auf, mich sogleich niederzulassen und mich so frei und ungezwungen zu benehmen, als w�re ich bei mir zu Hause.</p><p>�Du kommst aus Rom und wunderst dich gewi� �ber unser faules, bequemes Leben�, sagte er. �Es ist wirklich an der Zeit, da� einmal ein junger Ritter erscheint und uns Beine macht. Ach ja, du bist ja Kriegstribun und hast dir den Rang in Britannien erworben! Ich verstehe! Da� man dich hierherschickte, ist also eine Auszeichnung!�</p><p>Ich bat ihn um Dienstanweisungen. Er z�gerte mit der Antwort und meinte schlie�lich: �Wir brauchen uns in Korinth nicht in Kriegsbereitschaft zu halten; im Gegenteil, der Rat der Stadt und die Einwohner w�rden das nur als eine Beleidigung auffassen. Die meisten Legion�re sind verheiratet. Ich habe ihnen erlaubt, bei ihren Familien in der Stadt zu wohnen, ein Handwerk auszu�ben oder Handel zu treiben. Ab und zu, an r�mischen Festtagen, halten wir nat�rlich Musterung, aber nur innerhalb unserer Mauern, um kein unn�tiges Aufsehen zu erregen.�</p><p>Ich erk�hnte mich, darauf hinzuweisen, da� die Soldaten, die ich gesehen hatte, faul und zuchtlos waren, da� in der Waffenkammer der Staub fingerdick lag und da� die Unterk�nfte vor Schmutz starrten. �Wohl m�glich�, gab Rubrius zu. �Ich habe mich schon seit einer Weile nicht mehr so recht um die Leute k�mmern k�nnen. Das Gesellschaftsleben hier in Korinth fordert einen hohen Zoll von einem betagten Manne wie mir. Zum Gl�ck habe ich einen zuverl�ssigen Oberzenturio, der f�r alles verantwortlich ist. An sich w�rst du der n�chste nach mir, aber es w�rde ihn kr�nken, wenn ich ihn zur�cksetzte. Vielleicht k�nnt ihr euch miteinander einigen und euren Dienst sozusagen als Gleichgestellte tun, nur kommt mir nicht und beschwert euch einer �ber den andern. Ich habe in meinem Leben genug Verdru� gehabt und m�chte meine restliche Zeit in Ruhe abdienen. Es sind ohnehin nur noch ein paar Jahre.� Pl�tzlich sah er mich scharf an und f�gte anscheinend zerstreut hinzu: �Wei�t du �brigens, da� meine Schwester Rubria die �lteste der Vestalinnen in Rom ist?�</p><p>Danach gab er mir noch einige vorsichtige Ratschl�ge: �Denk immer daran, da� Korinth eine griechische Stadt ist, wenn sie auch von Menschen aus vielen anderen L�ndern bewohnt wird. Milit�rische Verdienste gelten hier nicht viel. Wichtiger ist es, die richtigen Umgangsformen zu haben. Sieh dich erst einmal um und stelle dann selbst eine Dienstordnung auf, aber strenge mir meine Leute nicht �ber Geb�hr an.�</p><p>Damit wurde ich entlassen. Auf dem Hof stand der Zenturio und fragte mich mit einem geh�ssigen Blick: �Nun, hast du Bescheid bekommen?�</p><p>Ich sah zwei Legion�re aus dem Tor bummeln, die ihre Schilde auf dem R�cken und die Lanzen �ber der Schulter trugen, und h�rte den Zenturio zu meinem Entsetzen mit aller Ruhe erkl�ren, dies sei eine Wachabl�sung.</p><p>�Sie sind ja nicht einmal gemustert worden!� rief ich. �Sollen sie denn wirklich so gehen, wie sie sind: mit schmutzigen Beinen und langen Haaren und ohne Begleitabteilung?�</p><p>�Hier in Korinth halten wir keine Wachparaden ab�, sagte der Zenturio ruhig. �Ich m�chte dir au�erdem raten, deinen Federbusch an den Nagel zu h�ngen und dich an den Landesbrauch zu gew�hnen.�</p><p>Er lie� mich jedoch gew�hren, als ich die unteren Dienstr�nge zu mir rief und daf�r zu sorgen befahl, da� die ganze Kaserne gereinigt und die Waffen geputzt wurden und da� die M�nner sich die Barte schoren und im �brigen wieder einmal versuchten, wie R�mer auszusehen. Am n�chsten Morgen bei Sonnenaufgang wollte ich zur�ck sein und Musterung halten, und ich ordnete an, den Kerker zu scheuern und frische Ruten bereitzulegen. Die kampferprobten Veteranen sahen verwundert bald mich, bald den grimmige Fratzen schneidenden Zenturio an, entschieden sich aber daf�r, den Mund zu halten. Ich nahm mir immerhin den Rat, den ich erhalten hatte, zu Herzen, lie� meine Parader�stung in der R�stkammer und kehrte in einfachem Lederzeug und mit dem runden �bungshelm in meine Herberge zur�ck.</p><p>Hierax hatte f�r mich Kohl und Bohnen d�nsten lassen. Ich trank Wasser dazu und zog mich so niedergeschlagen in mein Zimmer zur�ck, da� ich nicht die geringste Lust versp�rte, die Sehensw�rdigkeiten Korinths kennenzulernen.</p><p>Als ich in der Morgend�mmerung wieder zur Kaserne ging, bemerkte ich gleich, da� w�hrend meiner Abwesenheit einiges geschehen war. Die Posten am Tor nahmen Haltung an, streckten die Lanzen und gr��ten mich mit einem lauten Ruf. Der Oberzenturio war �bungsm��ig gekleidet. Er jagte die verschlafenen M�nner zur Morgenw�sche an die Wassertr�ge und br�llte sie mit heiserer Stimme an. Der Barbier war vollauf besch�ftigt, auf dem ru�igen Altar prasselte ein Feuer, und der Hof roch wieder nach Milit�r und nicht mehr wie ein Schweinestall.</p><p>�Verzeih, da� ich kein Signal blasen lie�, als du kamst�, sagte der Zenturio sp�ttisch. �Rubrius legt Wert auf einen ungest�rten Morgenschlaf. Nun �bernimmst du wohl am besten den Befehl, und ich sehe zu. Die M�nner warten schon auf ein Opfer. Ich denke, du stiftest ein paar Schweine, wenn dir ein Ochse zu teuer ist?�</p><p>Ich hatte auf Grund meiner Ausbildung wenig Erfahrung mit Schlachtopfern und f�rchtete, mich der L�cherlichkeit auszusetzen, wenn ich quiekende Schweine abstach. �Das Opfer hat noch Zeit�, antwortete ich daher zornig. �Zuerst will ich sehen, ob es sich �berhaupt lohnt, da� ich bleibe, oder ob ich den Auftrag nicht am besten gleich ablehne.�</p><p>Als ich sie exerzieren lie�, bemerkte ich, da� die kleine Mannschaft die �bungen beherrschte und ordentlich marschieren konnte, wenn sie nur wollte. Beim Laufschritt ging den M�nnern zwar bald der Atem aus, aber sie warfen ihre Speere immerhin wenigstens in die N�he der Strohs�cke. Bei den Fecht�bungen mit stumpfer Waffe fielen mir einige wirklich geschickte Fechter auf. Als zuletzt alle keuchten und schwitzten, meinte der Zenturio: �Willst du uns nicht auch deine eigene Fechtkunst vorf�hren? Ich bin zwar schon recht dick geworden und auch nicht mehr der J�ngste, aber ich m�chte dir gern zeigen, wie wir in Pannonien das Schwert f�hrten. Dort bekam ich n�mlich den Zenturionenstab, in Carnuntum.�</p><p>Zu meiner �berraschung machte er mir schwer zu schaffen, und er w�rde mich zuletzt vermutlich an die Mauer gedr�ckt haben, obwohl ich das l�ngere Schwert hatte, wenn ihm nicht vorzeitig der Atem ausgegangen w�re. Die Bewegung und der helle Sonnenschein brachten mich endlich wieder ein wenig zu mir, und ich begann mich meiner fr�heren Gereiztheit zu sch�men. Ich sagte mir, da� diese M�nner alle �lter waren als ich und einige Jahrzehnte l�nger gedient hatten. Fast alle hatten einen Dienstgrad, denn es gab in einer Legion von der �blichen St�rke an die siebzig verschiedene Soldstufen, die den Zweck hatten, zu gr��erem Diensteifer anzuspornen.</p><p>Ich versuchte mich daher mit dem Oberzenturio auszus�hnen und sagte: �Nun bin ich bereit, einen Jungstier zu opfern. Au�erdem komme ich f�r einen Widder auf, den du selbst opfern magst, und der �lteste der Veteranen soll ein Schwein opfern. Es wird mir wohl keiner ernstlich darum grollen, da� ich eine kleine �bung abgehalten habe, damit wir uns aneinander gew�hnen!�</p><p>Der Zenturio musterte mich vom Kopf bis zu den F��en, seine Miene hellte sich auf, und er sagte: �Ich schicke sofort meine besten Leute auf den Viehmarkt und lasse sie die Opfertiere ausw�hlen. Und ein wenig Wein wirst du gewi� auch spendieren wollen?�</p><p>Ich konnte mich nat�rlich nicht weigern, am Opfermahl teilzunehmen. Die M�nner wetteiferten darin, mir die besten Fleischst�cke aus den Tont�pfen zu fischen, und ich mu�te auch Wein trinken. Nach den Anstrengungen dieses Tages f�hlte ich mich vom Fleisch allein schon berauscht, und der Wein ging mir in die Kniekehlen, da ich solange enthaltsam gelebt hatte. Nach Einbruch der Dunkelheit kam eine Anzahl Frauen in den Hof geschlichen, und ich konnte �ber ihr Gewerbe nicht im Zweifel sein, obwohl einige von ihnen noch verh�ltnism��ig jung und h�bsch waren. Ich erinnere mich noch, da� ich bitterlich weinte und dem Zenturio klagte, man k�nne nicht einer einzigen Frau auf der ganzen Welt trauen, weil jede ein Ausbund von Falschheit und eine Falle sei. Weiter erinnere ich mich noch, da� die Soldaten mich auf ihren Schultern rund um den Hof trugen und mir zu Ehren die alten unanst�ndigen Lobges�nge der pannonischen Legion gr�lten. Was dann kam, wei� ich nicht mehr.</p><p>Gegen Morgen, zur Zeit der letzten Nachtwache, erwachte ich davon, da� ich mich erbrechen mu�te. Ich lag auf einer harten Holzpritsche in einer der Kammern, stand auf, pre�te die H�nde an den Kopf und ging auf zitternden Beinen hinaus. Die M�nner lagen �ber den ganzen Hof verstreut, ein jeder, wo er gerade hingefallen war. Ich war in einer so elenden Verfassung, da� die Sterne am Morgenhimmel vor meinen Augen tanzten, als ich hinaufblickte. Ich wusch mich, so gut es ging, und sch�mte mich so �ber meine Auff�hrung, da� ich mich vielleicht in mein Schwert gest�rzt h�tte, wenn nicht am Abend zuvor alle scharfen Waffen weggeschlossen worden w�ren.</p><p>Ich schwankte durch Korinths Stra�en mit ihren verl�schenden Fackeln und Pechpfannen und erreichte endlich meine Herberge. Hierax hatte die ganze Nacht gewacht und voller Sorge auf mich gewartet. Als er sah, da� ich mich kaum auf den Beinen zu halten vermochte, zog er mich aus, rieb mir die Glieder mit einem feuchten Tuch, fl��te mir ein bitteres Getr�nk ein, bettete mich auf mein Lager und deckte mich mit einer dicken Wolldecke zu. Als ich wieder erwachte, gab er mir behutsam einige L�ffel mit Wein verquirltes Eigelb ein, und ehe ich noch an mein Gel�bde denken konnte, hatte ich schon eine gro�e Portion kr�ftig gew�rztes ged�nstetes Fleisch verschlungen. Hierax seufzte erleichtert und sagte: �Ich danke allen G�ttern, bekannten und unbekannten, vor allem aber deiner eigenen Gl�cksg�ttin! Ich war in gro�er Sorge um dich und f�rchtete schon f�r deinen Verstand. Es ist weder recht noch nat�rlich, da� ein junger Mann von deinem Rang den Kopf h�ngen l��t und nur noch Kohl essen und Wasser trinken will. Deshalb fiel mir eine schwere Last von meinem R�cken, als du pl�tzlich, nach Wein und Erbrochenem stinkend, vor mir standest, und ich erkannte, da� du dich in das Los des Menschen gef�gt hast.�</p><p>�Ich f�rchte, ich darf mich in Korinth nicht mehr blicken lassen�, jammerte ich. �Wenn mich meine Erinnerung nicht tr�gt, habe ich sogar mit den einfachen Legion�ren zusammen den griechischen Bockstanz getanzt. Der Prokonsul Gallio wird mir einen Abschiedsbrief in die Hand dr�cken und mich mit Schimpf und Schande nach Rom zur�ckschicken, wo ich dann Schreiber oder Advokat werden kann.�</p><p>Hierax �berredete mich jedoch, mit ihm auszugehen, und beteuerte, die Bewegung werde mir guttun. Wir besichtigten zusammen die Sehensw�rdigkeiten Korinths, den morschen Steven des Argonautenschiffes im Neptuntempel, die Quelle des Pegasus und dessen Hufabdruck auf dem Fels daneben und anderes mehr. Hierax versuchte sogar, mich zu einem Besuch des ber�hmten Venustempels oben auf dem Berg zu verleiten, aber so viel Vernunft hatte ich noch, da� ich mich dem entschieden widersetzte.</p><p>Statt dessen betrachteten wir das korinthische Wunder: eine mit Talg geschmierte Holzbahn, auf der sogar gro�e Schiffe zwischen Kenchreae und Lykaion hin- und hergeschleppt werden konnten. Man h�tte meinen sollen, da� dazu Unmengen von Sklaven und unz�hlige Peitschenhiebe n�tig seien, aber die griechischen Schiffsreeder hatten eine klug erdachte Vorrichtung aus Winden und Zahnr�dern bauen lassen, mit deren Hilfe sich das Schleppen so einfach bewerkstelligen lie�, da� es aussah, als glitten die Schiffe ganz von selbst �ber die Bahn. Ein Seemann, der unser Interesse bemerkte, schwor bei den Nereiden, da� es bei vollem R�ckenwind gen�ge, die Segel zu hissen. Nach dieser Wanderung f�hlte ich mich erleichtert, mein Kummer verschwand allm�hlich, und als Hierax mir einige Abenteuer aus seinem Leben berichtete, konnte ich sogar ein paarmal lachen.</p><p>Dennoch war ich verlegen, als ich am n�chsten Tag wieder in die Kaserne ging. Zum Gl�ck war nach der Orgie alles s�uberlich aufger�umt worden, die Posten standen in guter Haltung auf ihren Pl�tzen, und der Dienst nahm seinen gewohnten Gang. Rubrius lie� mich zu sich rufen und erteilte mir eine schonungsvolle Verwarnung: �Du bist noch jung und unerfahren. Es besteht kein Grund, diese alten narbenbedeckten M�nner dazu anzustiften, sich zu schlagen und dann die ganze Nacht hindurch betrunken zu gr�len. Ich hoffe, das wird nicht mehr vorkommen. Du mu�t versuchen, deine angeborene r�mische Roheit zu z�geln und, so gut es dir gelingt, die verfeinerten Sitten Korinths anzunehmen.�</p><p>Der Oberzenturio nahm mich, wie er es versprochen hatte, mit, um die M�nner zu besuchen, die in der Kohortenrolle gef�hrt wurden, aber in der Stadt wohnten und ein Gewerbe betrieben. Sie waren Schmiede, Gerber, Weber und sogar T�pfer, aber viele hatten einfach auf Grund ihres durch langj�hrigen Dienst erworbenen r�mischen B�rgerrechts in reiche Kaufmannsfamilien eingeheiratet und sicherten diesen besondere Vorrechte und sich selbst damit ein angenehmes Leben im �berflu�. Die Riemen ihrer R�stung waren von Ratten zernagt, die Lanzenspitzen verrostet, die Schilde waren seit Menschengedenken nicht mehr blank geputzt worden, und nicht ein einziger war imstande, seine gesamte Ausr�stung vollst�ndig vorzulegen.</p><p>Wohin wir kamen, bot man uns Wein und Speisen und sogar Silberst�cke an. Ein Legion�r, der sich auf den Parf�mhandel verlegt hatte und seinen Schild nicht finden konnte, versuchte mich in ein Zimmer zu schieben, in dem ein leichtes M�dchen wartete. Als ich ihn wegen seiner Nachl�ssigkeit und seines unversch�mten Benehmens tadelte, sagte er bitter: �Gut, gut. Ich wei� schon, was du willst. Aber wir bezahlen Rubrius schon so viel f�r das Recht, ein freies Gewerbe auszu�ben, da� ich f�r deinen Beutel nicht mehr viele Drachmen �brig habe.�</p><p>Erst da verstand ich den Zusammenhang und versicherte ihm rasch, da� ich nicht gekommen war, um Bestechungsgelder zu erpressen, sondern nur, um meine Pflicht zu tun und mich zu vergewissern, da� alle in der Kohortenrolle gef�hrten M�nner wehrf�hig waren und ihre Waffen bereithielten. Der Parf�mh�ndler beruhigte sich und versprach, bei n�chster Gelegenheit auf dem Tr�delmarkt einen neuen Schild zu kaufen. Er erkl�rte sich sogar bereit, zu den �bungen zu erscheinen, wenn ich wollte, und meinte, ein wenig k�rperliche Bet�tigung w�rde ihm nur guttun, da er bei seinem Beruf den ganzen Tag sitzen m�sse und zuviel Fett ansetze.</p><p>Ich sah ein, das es das kl�gste f�r mich war, mich nicht allzu sehr in die Angelegenheiten meines Vorgesetzten Rubrius einzumengen, vor allem da seine Schwester die vornehmste Priesterin Roms war. Der Oberzenturio lie� mit sich reden. Wir stellten zusammen eine Dienstordnung auf, die zumindest den Anschein erweckte, als w�ren die M�nner besch�ftigt. Nach der Inspektion der Wachtposten kamen wir �berein, da� sie in Zukunft nach der Sonnen- und der Wasseruhr abgel�st werden sollten. Auch sollten sie nicht mehr sitzen oder liegen d�rfen, und sie mu�ten vorschriftsm��ig gekleidet und ausger�stet sein. Ich verstand zwar nicht, was die Doppelposten an den Stadttoren eigentlich bewachten, aber der Zenturio erkl�rte mir, da� die Tore seit hundert Jahren ihre Wache hatten und da� man diese nicht pl�tzlich abziehen konnte, ohne die Korinther zu ver�rgern, die durch ihre Steuern f�r den Unterhalt der r�mischen Garnison in ihrer Stadt aufkamen.</p><p>Ich kam allm�hlich zu der �berzeugung, da� ich meine Kriegstribunenpflichten in Korinth aufs beste versah. Die Legion�re hatten ihren ersten Groll gegen mich �berwunden und gr��ten mich freundlich. Als der Prokonsul Gerichtstag hielt, meldete ich mich bei ihm in der Toga. Ein griechischer Schreiber unterrichtete ihn im voraus �ber die zu verhandelnden F�lle, und Gallio befahl g�hnend, den Richterstuhl vor das Haus zu stellen.</p><p>Als Richter war er mild und gerecht. Er fragte uns Beisitzer nach unserer Meinung, machte ab und zu einen Scherz, vernahm selbst mit aller Gr�ndlichkeit die Zeugen und schob jeden Fall auf, der seiner Ansicht nach durch die Beweisf�hrung der Advokaten und die Zeugenaussagen nicht v�llig eindeutig gekl�rt wurde. Bei Streitigkeiten um Dinge, die ihn allzu geringf�gig d�nkten, weigerte er sich, ein Urteil zu f�llen, und forderte Kl�ger und Beklagte auf, sich im guten zu einigen, sofern sie nicht wollten, da� er ihnen wegen Mi�achtung des Gerichtes eine Geldbu�e auferlegte. Nach der Gerichtssitzung lud er zu einem guten Mahl ein und erkl�rte mir einiges �ber die korinthischen Bronzen, die zu der Zeit in Rom eifrig gesammelt wurden.</p><p>Als ich, trotz allem ein wenig verstimmt wegen Gallios n�chterner Kl�gelei und der Gew�hnlichkeit dieses Gerichtes, in meine Herberge zur�ckkehrte, machte mir Hierax einen Vorschlag: �Ohne Zweifel hast du die Mittel, zu leben, wie du willst, aber es ist eine sinnlose Verschwendung, ein ganzes Jahr lang in einer Herberge zu wohnen. Korinth ist eine bl�hende Stadt. Du legst dein Geld am sichersten an, indem du ein eigenes Haus auf eigenem Grund erwirbst. Wenn du nicht genug Bargeld hast, kannst du als r�mischer Beamter bestimmt so viel Recht bekommen, wie du die Stirn hast zu verlangen.�</p><p>Ich antwortete ihm unwillig: �Ein Haus mu� st�ndig repariert werden, mit den Dienern hat man nichts als �rger, und als Grundbesitzer bin ich in Korinth steuerpflichtig. Warum sollte ich mir so viel Sorgen einhandeln? Es ist viel einfacher, mir eine billigere Herberge zu suchen, wenn ich wirklich glaube, da� man mir hier die Haut vom Leibe zieht.�</p><p>�Bin ich als dein Sklave nicht dazu da, dir alle deine Sorgen abzunehmen?� wandte Hierax ein. �Gib mir nur eine Vollmacht, und ich ordne alles zu deinem Besten. Du brauchst nichts anderes zu tun, als die Urkunde im Merkurtempel eigenh�ndig zu unterzeichnen. Schlie�lich wirst du Gastfreundschaft mit Gastfreundschaft erwidern m�ssen, und bedenke nur, was dich ein Mahl f�r beispielsweise sechs Personen mit Weinen hier in der Herberge kostet! Wenn du ein eigenes Haus hast, besorge ich selbst die Eink�ufe auf dem Markt, kaufe den Wein zum Gro�handelspreis und berate deine K�chin. Au�erdem brauchst du nicht mehr gleichsam vor aller Augen zu leben, so da� jeder Fremde genau sagen kann, wann du dein Wasser abschl�gst oder dir die Nase schneuzt.�</p><p>Es war viel gesunde Vernunft in dem, was Hierax sagte, und einige Tage sp�ter war ich pl�tzlich Eigent�mer eines recht gro�en zweist�ckigen Hauses mit einem Garten. Der Empfangssaal hatte einen sch�nen Mosaikboden, und Innenr�ume standen mir mehr zur Verf�gung, als ich ben�tigte. Ich bemerkte, da� ich unversehens auch eine K�chin und einen griechischen T�rh�ter hatte. Das ganze Haus war mit alten bequemen M�beln eingerichtet, so da� nichts neu oder neureich wirkte. Sogar ein paar griechische Hausg�tter standen in Nischen zu beiden Seiten des vor Alter ru�igen und �ligen Altars, und Hierax war so weit gegangen, bei einer Versteigerung einige Wachsmasken f�r Ahnenbilder zu erstehen, aber ich sagte ihm, ich wolle keine fremden Ahnen.</p><p>Meine ersten G�ste waren Rubrius, der Oberzenturio und Gallios griechischer Jurist. Hierax stellte einen griechischen Gelehrten an, der den G�sten Gesellschaft leisten sollte, und eine T�nzerin sowie einen Fl�tenspieler f�r die leichtere Unterhaltung. Die Speisen waren vorz�glich zubereitet. Um Mitternacht verabschiedeten sich meine G�ste im Zustand gesitteter Trunkenheit, aber sp�ter erfuhr ich, da� sie sich auf geradem Wege ins n�chste Bordell hatten tragen lassen, denn von dort aus lie�en sie mir eine gesalzene Rechnung schicken, um mich zu lehren, was in Korinth Brauch und Sitte sei. Ich war unverm�hlt, und deshalb h�tte ich f�r jeden meiner G�ste eine Tischgenossin vom Tempelberg einladen m�ssen; doch in solche Sitten wollte ich mich nicht finden.</p><p>Ich wei� nicht, wie es mir noch ergangen w�re, denn Hierax tat sein Bestes, um mich behutsam und in aller Stille zu dem Hausvater zu erziehen, den er sich w�nschte. Es kam jedoch der n�chste Gerichtstag. Gallio hatte sich, �bern�chtigt von einem Fest, gerade gesetzt und die Toga �ber seinen Knien in gef�llige Falten gelegt, als pl�tzlich ein hundertk�pfiger Haufe Juden heranst�rmte und zwei M�nner, die ebenfalls Juden waren, vor den Richterstuhl stie�. Nach j�discher Art schrien sie alle durcheinander, bis Gallio, der zuerst eine Weile l�chelte, die Stimme erhob und rief, einer m�ge f�r alle sprechen. Sie berieten eine Weile, um ihre Anklage in allen Punkten festzulegen, dann trat der Vornehmste vor und sagte: �Dieser Mann verf�hrt das Volk, Gott auf gesetzwidrige Weise zu ehren.�</p><p>Ich erschrak, weil ich bef�rchten mu�te, auch hier, und noch dazu als Mitglied eines Gerichtes, in die Streitigkeiten der Juden mit hineingezogen zu werden. Der Angeklagte, den ich genau betrachtete, hatte einen stechenden Blick und gro�e Ohren und bewahrte in seinem sch�bigen Ziegenhaarmantel eine stolze Haltung.</p><p>Wie in einem Traum erinnerte ich mich, da� ich ihn vor vielen Jahren einmal im Hause meines Vaters in Antiochia gesehen hatte, und erschrak noch mehr, denn in Antiochia hatte er solchen Aufruhr verursacht, da� sogar die Juden, die sich zu Christus bekannten, es vorgezogen hatten, ihn aus der Stadt zu schicken, damit er anderswo Zwietracht unter den Juden s�e.</p><p>Der Mann �ffnete schon den Mund, um sich zu verteidigen, aber Gallio, der wohl wu�te, was er zu erwarten hatte, bedeutete ihm zu schweigen und sagte zu den Juden: �Ginge es um ein Verbrechen oder eine Missetat, so w�rde ich euch gern geduldig anh�ren. Wenn ihr euch aber �ber euer Gesetz und eure Lehre streitet und dar�ber, wie ihr diese nennen wollt, so macht das unter euch aus. In dieser Sache sitze ich nicht zu Gericht.�</p><p>Dann befahl er den Juden, sich zu entfernen, wandte sich an uns Beisitzer und erkl�rte: �Wenn ich den Juden den kleinen Finger reichte, w�rde ich sie nie wieder los.�</p><p>Allem Anschein nach lie�en sie ihm aber auch so keine Ruhe. Er lud uns nach der Sitzung wieder zum Essen ein, war jedoch zerstreut und versank in endlose Gr�beleien. Zuletzt nahm er mich beiseite und sagte mir im Vertrauen: �Ich kenne den Mann sehr gut, den die Juden anklagen wollten. Er h�lt sich seit einem Jahr in Korinth auf, ist ein Zeltmacher und f�hrt ein untadeliges Leben. Er hei�t Paulus, und es wird behauptet, er habe, um seine Vergangenheit zu verbergen, seinen alten Namen abgelegt und den neuen nach dem fr�heren Statthalter auf Kypros, Sergius Paulus, angenommen. Auf Sergius machte seine Lehre damals tiefen Eindruck, und Sergius ist kein Narr, wenngleich er sich mit der Sterndeuterei versuchte und einen Zauberer bei sich wohnen lie�. Paulus mu� daher ein bedeutender Mann sein. Ich hatte das Gef�hl, da� seine stechenden Augen mitten durch mich hindurch in eine andere Welt blickten, als er da so furchtlos vor mir stand.�</p><p>�Er ist unter allen Juden der schlimmste Unruhestifter�, sagte ich. �Schon in Antiochia, als ich noch ein Kind war, versuchte er, meinen gutm�tigen Vater f�r seine Sache zu mi�brauchen.�</p><p>�Du warst damals zweifellos noch zu jung, um seine Lehre zu verstehen�, sagte Gallio. �Bevor er nach Korinth kam, hat er auf dem Markt in Athen gesprochen. Die Athener machten sich die M�he, ihn anzuh�ren, und erkl�rten sogar, sie w�ren nicht abgeneigt, ihn ein zweites Mal zu h�ren. Du willst doch wohl nicht kl�ger sein als die Athener? Ich w�rde ihn gern einmal heimlich zu mir bitten, um seine Lehre von Grund auf kennenzulernen, aber das k�nnte zu b�sem Gerede Anla� geben und die reichen Juden Korinths ver�rgern. Ich bin ja gezwungen, mich streng unparteiisch zu verhalten. Soviel ich wei�, hat er eine eigene Synagoge oder etwas dergleichen neben der Synagoge der Juden gegr�ndet und unterscheidet sich von diesen zumindest dadurch angenehm, da� er sich nicht f�r mehr als andere h�lt und jeden ohne Ansehen der Person unterrichtet � Griechen sogar noch lieber als Juden.�</p><p>Gallio hatte �ber diese Dinge offenbar viel nachgedacht, denn er fuhr fort: �Als ich noch in Rom war, glaubte ich diese einf�ltige Geschichte von dem entsprungenen Sklaven namens Christus nie. Wir leben in einer Zeit, in der unsere Gedanken �berall ins Leere sto�en. Von den G�ttern will ich nicht reden, denn in ihrer �berlieferten Gestalt sind sie nichts als Gleichnisse, mit denen sich schlichte Gem�ter unterhalten m�gen. Aber auch die Weisheitslehren machen den Menschen nicht besser, noch verm�gen sie ihm den Frieden zu geben, das haben die Stoiker und Epikureer gezeigt. Vielleicht hat dieser elende Jude wirklich irgendein g�ttliches Geheimnis erfahren. Wie sollte seine Lehre sonst so viel Streit, Ha� und Eifersucht unter den Juden erwecken?�</p><p>Ich will nicht alles wiedergeben, was Gallio mir in seiner Katerstimmung noch sagte. Zuletzt gab er mir aber den Befehl: �Geh zu diesem Mann, Minutus, und mache dich mit seiner Lehre bekannt. Du hast dazu die besten Voraussetzungen, denn du hast ihn schon in Antiochia kennengelernt. Im �brigen nehme ich an, da� du einiges �ber den Jahve der Juden und ihre Sitten und Gebr�uche wei�t, denn dein Vater soll in Antiochia mit gro�em Erfolg zwischen den Juden und dem Rat der Stadt vermittelt haben.�</p><p>Ich sa� in einer Falle und kam nicht wieder heraus. Gallio hatte f�r alle meine Einw�nde taube Ohren. �Du mu�t deine Vorurteile �berwinden�, sagte er. �Wer die Wahrheit sucht, mu� ehrlich und aufrichtig sein, sofern politische R�cksichten ihn nicht daran hindern. Zeit hast du genug, und du kannst sie dir auf schlechtere Weise vertreiben als damit, da� du das geheime Wissen dieses armen Juden und Welterl�sers zu ergr�nden suchst.�</p><p>�Und wenn er mich durch Zauberei in seine Gewalt bringt?� fragte ich verbittert, aber Gallio fand meine Frage nicht einmal einer Antwort wert.</p><p>Ein Befehl ist ein Befehl, und ich mu�te ihn nach bestem Verm�gen ausf�hren. Es konnte f�r Gallio tats�chlich von Vorteil sein, volle Klarheit dar�ber zu erlangen, was dieser gef�hrliche und einflu�reiche Aufwiegler lehrte. Am Tag des Saturn kleidete ich mich daher in ein einfaches griechisches Gewand, suchte die Synagoge der Juden und trat dann in das Haus nebenan. Ich sah, da� es gar keine richtige Synagoge war, sondern ein stilles Haus, das ein Stoffh�ndler der von Paulus gegr�ndeten Gemeinde zur Verf�gung gestellt hatte.</p><p>Der G�steraum im oberen Stockwerk war gedr�ngt voll. Ich sah lauter einfache Menschen. Frohe Erwartung leuchtete in aller Augen. Sie begr��ten einander freundschaftlich und hie�en auch mich willkommen, ohne nach meinem Namen zu fragen. Die meisten waren Handwerker, kleine H�ndler oder Sklaven, aber es gab da auch eine ganze Anzahl alter Frauen, die sich mit Silberschmuck beh�ngt hatten. Der Kleidung nach zu urteilen, waren nur wenige der Anwesenden Juden.</p><p>Paulus erschien in Gesellschaft mehrerer J�nger. Er wurde mit Huldigungsrufen begr��t wie der Bote eines wirklichen Gottes. Einige Frauen weinten vor Freude, als sie ihn erblickten. Er sprach mit hallender, durchdringender Stimme und steigerte sich durch seine eigenen Worte in einen solchen Eifer, da� es wie ein gluthei�er Wind durch die schwitzende, dichtgedr�ngte Zuh�rerschar ging.</p><p>Seine blo�e Stimme lie� einen bis ins Mark erschauern. Ich h�rte ihm aufmerksam zu und machte mir Anmerkungen auf einer Wachstafel, denn er wies gleich zu Anfang auf die heiligen Schriften der Juden hin, um durch Zitate daraus zu beweisen, da� Jesus von Nazareth, den man in Jerusalem gekreuzigt hatte, wirklich der Messias oder der Gesalbte war, dessen Kommen die Propheten vorausgesagt hatten.</p><p>Am meisten fesselte mich, da� er offen von seiner eigenen Vergangenheit sprach. Er war ohne Zweifel hoch begabt, denn er hatte in der bekannten Philosophenschule in seiner Heimatstadt Tarsos und sp�ter in Jerusalem bei ber�hmten Lehrern studiert. Schon in seiner Jugend war er in den h�chsten Rat der Juden gew�hlt worden. Er berichtete, da� er ein leidenschaftlicher Anh�nger des Gesetzes und Verfolger der J�nger Jesu gewesen war und sogar die Kleider der Steiniger bewacht und damit an der ersten gesetzwidrigen Hinrichtung eines Mitgliedes der Gemeinde der Armen teilgenommen hatte. Er hatte mehrere, die den neuen Weg wandelten, verfolgt, gebunden und vor den Richter geschleppt und zuletzt auf eigenes Begehren die Vollmacht erhalten, die Anh�nger des Nazareners festzunehmen, die vor der Verfolgung nach Damaskus geflohen waren.</p><p>Auf dem Weg nach Damaskus hatte ihn aber pl�tzlich ein so �berirdisches Licht umleuchtet, da� er davon geblendet wurde. Jesus selbst hatte sich ihm offenbart. Von dieser Stunde an war er ein anderer. In Damaskus legte ihm einer von denen, die sich zu Jesus bekannten, ein gewisser Ananias, die H�nde auf und gab ihm das Augenlicht zur�ck, da Jesus von Nazareth ihm zeigen wollte, wieviel er daf�r leiden m�sse, da� er Christi Namen verk�ndete.</p><p>Und gelitten hatte er. Viele Male war er mit Ruten geschlagen worden, und einmal hatte man ihn beinahe zu Tode gesteinigt. Er trug, wie er behauptete, die Narben Christi an seinem Leib. All das hatten die Anwesenden schon oft geh�rt, aber sie lauschten ihm dennoch aufmerksam und brachen immer wieder in Freudenrufe aus.</p><p>Paulus bat sie, sich umzusehen und sich mit eigenen Augen davon zu �berzeugen, da� sich unter ihnen nicht viele auf Menschenart Weise, M�chtige oder Vornehme befanden. Das war nach seiner Meinung ein Beweis daf�r, da� Gott die Niedrigen und Verachteten erw�hlt hatte, um die Weisen zu besch�men. Ja, Gott erw�hlte die T�richten und Schwachen anstelle der Weisen, da er die Weisheit der Welt in Torheit verwandelt hatte.</p><p>Paulus sprach auch von einer Pr�fung durch einen Geist und von einem Wettl�ufer, und dann redete er �ber die Liebe und sagte Dinge, wie ich sie noch nie zuvor vernommen hatte. Ein jeder m�sse seinen N�chsten wie sich selbst lieben, und wenn einer anderen Gutes tue ohne Liebe, so helfe es ihm nichts. Ja, er sagte ausdr�cklich, da� es einem Menschen nicht n�tze, wenn er all seine Habe den Armen g�be und seinen Leib verbrennen lie�e, ohne wahre Liebe zu empfinden.</p><p>Diese Worte pr�gten sich mir tief ein. Auch Gallio hatte gesagt, da� Weisheit allein den Menschen nicht zu bessern verm�ge. Ich begann dar�ber nachzugr�beln und achtete nicht mehr so genau auf Paulus� Worte, die wie Sturmgebraus an mir vor�berzogen. Er redete ohne Zweifel in g�ttlicher Verz�ckung und sprach von dem einen und dem andern, ganz wie der Geist ihm die Worte in den Mund legte. Dabei schien er jedoch genau zu wissen, was er sagte, und darin unterschied er sich von den Christen, denen ich in Rom begegnet war und von denen der eine dies, der andere das behauptete. Alles, was ich bis dahin geh�rt hatte, war wie das Lallen eines Kindes, verglichen mit dieser kraftvollen Rede.</p></section><section><p>Ich versuchte das Wesentliche, den Kern seiner Lehre, zu erkennen und schrieb mir einige strittige Punkte auf, um sp�ter nach der Art der Griechen mit ihm diskutieren zu k�nnen, aber ich vermochte ihm kaum zu folgen, denn er eilte wie vom Winde getragen von einer Sache zur n�chsten. Und obwohl ich ihm in meinem Innern widersprach, mu�te ich doch zugeben, da� er ein bedeutender Mann war.</p><p>Zuletzt schickte er alle fort, die nicht getauft oder Mitglieder seines inneren Kreises waren. Einige baten ihn inniglich, sie zu taufen und ihnen die H�nde aufs Haupt zu legen, aber er weigerte sich und gebot ihnen, die Taufe von ihren eigenen Lehrern entgegenzunehmen, denen die Gnade gegeben war. Er hatte, als er gerade erst nach Korinth gekommen war, den Fehler begangen, einige zu taufen, und dann h�ren m�ssen, da� diese sich damit br�steten, in Pauli Namen getauft und damit seines Geistes teilhaftig zu sein. Eine solche Irrlehre wollte er nicht verbreiten, da er sich selbst zu gering erachtete.</p><p>In tiefe Gedanken versunken, ging ich heim und schlo� mich in mein Zimmer ein. Ich glaubte nicht, was dieser Mensch behauptete, und dachte dar�ber nach, wie ich ihn widerlegen k�nnte. Als Mensch fesselte mich Paulus jedoch, und ich mu�te widerwillig zugeben, da� er etwas Unerkl�rliches erlebt hatte. Wie w�re sonst sein Leben so von Grund auf ver�ndert worden?</p><p>Zu seinen Gunsten sprach, da� er nicht den Vornehmen und Reichen nach dem Munde redete und Geschenke von ihnen annahm, wie es die wandernden Isispriester und andere zu tun pflegten, die es darauf anlegten, den Menschen den Kopf zu verdrehen. Der einfache Sklave, ja sogar ein Schwachsinniger, war ihm gleich viel, wenn nicht mehr wert als ein Weiser und Vornehmer. Da� Sklaven Menschen seien, lehrte zwar auch Seneca, aber Seneca lie� sich darum doch nicht mit Sklaven ein. Er suchte sich einen anderen Umgang.</p><p>Ich wurde zuletzt gewahr, da� ich bei all meinen Gr�beleien mehr Argumente gegen Paulus als f�r ihn zu finden suchte. Ein m�chtiger Geist mu�te aus ihm sprechen, da ich nicht unger�hrt abseits zu stehen und kalt und klar �ber seinen wahnwitzigen Aberglauben nachzudenken vermochte, um dann Gallio l�chelnd Bericht zu erstatten. Meine Vernunft sagte mir, da� ich nicht einen so tiefen Widerwillen gegen die Selbstsicherheit dieses Paulus empfinden w�rde, wenn seine Gedanken mich nicht trotz allem beeindruckt h�tten.</p><p>Ich mochte nicht mehr �ber ihn nachdenken und versp�rte wieder einmal das Bed�rfnis, aus dem alten Holzbecher meiner Mutter zu trinken, der meinem Vater so teuer gewesen war und den ich lange nicht mehr in der Hand gehalten hatte. Es wurde d�mmerig in meinem Zimmer. Ich z�ndete jedoch keine Lampe an, sondern holte nur den Becher aus der Truhe, go� Wein ein und trank. Und pl�tzlich glitten meine Gedanken ins Bodenlose.</p><p>Die auf reine Vernunft gegr�ndete Philosophie unserer Tage versagt dem Menschen alle Hoffnung. Er mag selbst entscheiden, ob er sein Dasein in vollen Z�gen genie�en oder ob er ein sittenstrenges Leben f�hren und dem Staate dienen will. Eine Seuche, ein fallender Ziegel, ein Loch im Boden kann seinem Leben von einem Augenblick zum andern ein Ende machen. Der Weise w�hlt den Selbstmord, wenn ihm das Leben unertr�glich wird. Pflanze, Stein, Tier und Mensch sind nichts als ein blindes Spiel der Atome ohne jeden tieferen Sinn. Es ist ebenso vern�nftig, ein b�ser Mensch zu sein wie ein guter. G�tter, Opfer, Vorzeichen sind nur ein staatlich genehmigter Aberglaube, der Frauen und einfache Menschen befriedigt.</p><p>Zwar gibt es M�nner wie Simon den Zauberer oder die Druiden, die besondere geistige Kr�fte entwickeln und einen Menschen in todes�hnlichen Schlaf versenken oder einen schw�cheren Willen beherrschen k�nnen, aber diese Kr�fte kommen aus ihnen selbst und fliegen ihnen nicht von au�en zu. Das ist meine feste �berzeugung, wenngleich die Druiden glauben, sie seien wirklich in der Unterwelt gewandert und h�tten dort wahre Gesichte gehabt.</p><p>Der Weise kann durch seine Worte und sein Leben anderen ein Beispiel geben und, indem er ruhig und gefa�t stirbt, beweisen, da� Leben und Tod gleich unbedeutend sind. Doch ich glaube nicht, da� Weisheit dieser Art so sehr erstrebenswert sei.</p><p>Ich sa� im Dunkeln, meine Gedanken gingen im Kreis, und auf eigent�mliche Weise empfand ich die barmherzige Gegenwart meiner Mutter, als ich den abgenutzten Holzbecher in meinen H�nden hielt. Auch an meinen Vater dachte ich, der ernstlich glaubte, der K�nig der Juden sei nach der Kreuzigung auferstanden, und sich einredete, er habe ihn gesehen, als er mit meiner Mutter durch Galil�a wanderte. Schon als Knabe hatte ich immer bef�rchtet, er werde sich in den Augen aller anst�ndigen Menschen unm�glich machen, indem er solch unsinnige Dinge �u�erte. Doch was bedeutete mir eigentlich die Meinung der Anst�ndigen oder �ber mir Stehenden, wenn das Leben sinnlos war? Es war freilich ein angenehmes Gef�hl, als vornehmer junger Ritter einem Reich zu dienen, dessen Ziel es war, der Welt den Frieden und die r�mische Ordnung zu schenken, aber sind gute Stra�en, pr�chtige Aqu�dukte, gro�e Br�cken und unverg�ngliche Steinh�user wirklich das Letzte und H�chste, was der Mensch erstreben kann? Wozu lebe ich, Minutus Lausus Manilianus, und wozu bin ich da? Das fragte ich mich damals, und das frage ich mich noch heute, hier in der Wasserheilanstalt, wo man meine Durchblutungsst�rungen behandelt und ich zum Zeitvertreib die Ereignisse meines Lebens aufzeichne � f�r Dich, mein Sohn, der Du unl�ngst erst die Toga angelegt hast.</p><empty-line/><p>Am folgenden Tag �berwand ich meinen Stolz und verlie� das Haus, um Paulus im Viertel der Zeltmacher aufzusuchen und mit ihm unter vier Augen zu sprechen. Schlie�lich war er r�mischer B�rger und nicht nur Jude.</p><p>Der Zunft�lteste wu�te sogleich, wen ich meinte, lachte und sagte: �Du suchst den gelehrten Juden, der von seinem Gesetz abgefallen ist und eine neue Lehre verk�ndet, den Juden droht, Blut werde �ber ihre H�upter kommen und von ihnen verlangt, sie sollten sich nicht nur beschneiden, sondern gleich verschneiden lassen. Ein t�chtiger Kerl und ein guter Handwerker. Man braucht ihm nicht lange zuzureden. Wenn�s drauf ankommt, predigt er gleich am Webstuhl. Sein Ruf schafft uns �brigens neue Kunden. Was h�ttest du denn gern: ein Zelt oder einen regendichten Wintermantel?�</p><p>Als ich den geschw�tzigen Alten wieder losgeworden war, ging ich weiter durch das staubige, mit Ziegenhaaren �bers�te Viertel und kam an eine offene Werkstatt, in der zu meiner gro�en Verwunderung der schiefnasige Aquila, den ich aus Rom kannte, sa� und mit Paulus um die Wette webte. Seine Frau Prisca erkannte mich sofort wieder, stie� einen Freudenruf aus und erz�hlte Paulus, wer ich war und wie tapfer ich einmal bei einer Schl�gerei jenseits des Tibers die Christen gegen die rechtgl�ubigen Juden verteidigt hatte.</p><p>�Diese Zeiten sind freilich vorbei�, f�gte Prisca rasch hinzu. �Wir bereuen heute den blinden Eifer, der uns dazu trieb, uns �ber die anderen zu stellen. Wir haben gelernt, die andere Wange hinzuhalten, wenn man uns schl�gt, und f�r die zu beten, die uns verh�hnen.�</p><p>Sie sprach noch immer so lebhaft wie fr�her, und Aquila war noch immer so schweigsam wie fr�her und unterbrach seine eint�nige Arbeit nicht, um mich zu begr��en. Ich fragte sie �ber ihre Flucht aus und wie es ihnen in Korinth ergehe. Sie k�nnten nicht klagen, meinte Prisca, aber sie begann zu weinen, als sie der Toten gedachte, die auf der Flucht aus Rom in den Stra�engr�ben liegengeblieben waren.</p><p>�Sie haben sich eine unverg�ngliche Siegespalme erworben�, versicherte sie. �Und sie starben nicht mit einem Fluch auf den Lippen, sondern priesen Jesus Christus, der sie von ihren S�nden erl�ste und aus der Macht des Todes zum ewigen Leben f�hrte.�</p><p>Ich wollte darauf nichts sagen, denn was war sie anderes als ein n�rrisches Judenweib, das den Ihren und den rechtgl�ubigen Juden in Rom gro�en Schaden zugef�gt hatte. Ich wandte mich statt dessen voll Ehrerbietung an Paulus: �Ich habe dich gestern predigen geh�rt und m�chte mir deine Lehre gr�ndlich erkl�ren lassen. Allerdings habe ich mir nach deiner Rede einige Gegenargumente zurechtgelegt, so da� wir diskutieren k�nnen, wie es sich geh�rt. Hier k�nnen wir nicht ungest�rt sprechen. M�chtest du nicht zum Abendessen zu mir kommen? Wenn ich dich recht verstanden habe, hast du, was deine Lehre angeht, nichts zu verbergen, und gewi� hindert sie dich auch nicht daran, mit einem R�mer zu Tisch zu liegen?�</p><p>Zu meinem Erstaunen f�hlte sich Paulus durch meine Einladung nicht geehrt. Er musterte �mich mit seinem stechenden Blick und erwiderte kurz, Gottes Weisheit mache alle Argumente zuschanden. Er sei nicht berufen, zu disputieren, sondern f�r Jesus Christus Zeugnis abzulegen auf Grund der Offenbarung, die ihm zuteil geworden war.</p><p>�Ich habe aber geh�rt, da� du auf dem Markt in Athen gesprochen hast�, wandte ich ein. �Und die Athener haben dich gewi� nicht ziehen lassen, ohne mit dir zu disputieren.�</p><p>Ich hatte den Eindruck, da� Paulus nicht gern an sein Auftreten in Athen erinnert wurde. Sicherlich hatte man sich dort �ber ihn lustig gemacht. Er versicherte mir jedoch, einige h�tten ihm geglaubt, darunter sogar ein Richter. Ob sie sich wirklich von dem fremden Redner hatten �berzeugen lassen oder nur aus Feingef�hl geschwiegen hatten, um diesen gl�ubigen Menschen nicht zu kr�nken, darauf wollte ich nicht n�her eingehen.</p><p>�Du kannst mir aber doch einige aufrichtig gemeinte Fragen beantworten, und essen mu�t du wohl wie alle anderen Menschen auch�, sagte ich, nun schon ein wenig gereizt. �Ich verspreche dir, da� ich deinen Gedankengang nicht mit rhetorischen Einw�nden unterbrechen werde. Ich werde nicht disputieren, sondern nur zuh�ren.�</p><p>Aquila und Prisca redeten ihm beide zu, er solle die Einladung annehmen, und versicherten ihm, sie w��ten �ber mich nichts B�ses zu berichten. W�hrend der Unruhen in Rom h�tte ich einmal, gleichsam aus Versehen, an einem Liebesmahl der Christen teilgenommen. Mein Vater helfe den Armen und trete auf wie ein gottesf�rchtiger Mann. Ich glaube aber nicht, da� Paulus mir aus politischen Gr�nden mi�traute.</p><p>Als ich wieder daheim war, gab ich meine Anweisungen wegen des Abendessens und sah mich um. Auf seltsame Weise erschienen mir die M�bel und alle anderen Gegenst�nde fremd, und ein Fremder war mir auf einmal auch Hierax, den ich doch gut zu kennen glaubte. Was wu�te ich eigentlich �ber den T�rh�ter oder die K�chin? Dadurch, da� ich mit ihnen sprach, vermochte ich sie nicht zu ergr�nden, denn sie antworteten mir nur, was mir ihrer Meinung nach gefallen mu�te.</p><p>Ich h�tte gl�cklich und mit meinem Leben zufrieden sein m�ssen. Ich hatte Geld, Ansehen, eine gewisse Stellung im Staatsdienst, hochgestellte G�nner und einen gesunden K�rper. Die meisten Menschen brachten es in ihrem ganzen Leben nicht so weit wie ich in meinen jungen Jahren schon. Und doch konnte ich nicht froh sein.</p><p>Paulus kam mit seinen Begleitern, als der Abendstern aufging. Er hie� die anderen drau�en warten und trat allein bei mir ein. Aus H�flichkeit ihm gegen�ber hatte ich T�cher �ber meine Hausg�tter geh�ngt, denn ich wu�te, da� die Juden Menschenbilder verabscheuen, und ich lie� Hierax meinem Gast zu Ehren duftende Wachslichter anz�nden.</p><p>Nach einem einfachen Gem�segericht wurde ein Fleischgericht aufgetragen, aber ich sagte ihm, er brauche nicht davon zu kosten, wenn seine Lehre ihm verbiete, Heisch zu essen. Paulus bediente sich l�chelnd und erwiderte, er wolle mir kein �rgernis geben und nicht einmal danach fragen, wo das Heisch gekauft worden sei. F�r Griechen wolle er Grieche sein, f�r Juden Jude. Er trank sogar mit Wasser vermischten Wein, bemerkte aber, da� er aus gewissen Gr�nden bald ein Gel�bde zu tun beabsichtige.</p><p>Ich wollte ihn nicht durch verbotene Speisen oder heimt�ckische Fragen in Verlegenheit bringen. Als unser Gespr�ch frei dahinzuflie�en begann, versuchte ich meine Worte so vorsichtig wie m�glich zu w�hlen. Von Gallios und Roms Standpunkt aus war es das Wichtigste, zu erfahren, wie er sich zum r�mischen Staat stellte.</p><p>Er versicherte mir, er rate allen, der weltlichen Obrigkeit zu gehorchen, die Gesetze zu befolgen und alles zu vermeiden, was Ansto� erregen k�nnte. Er hetzte die Sklaven nicht gegen ihre Herren auf, nein, denn seiner Meinung nach sollte sich ein jeder mit seiner Stellung begn�gen. Ein Sklave, sagte er, m�sse den Willen seines Herrn ausf�hren, ein Hausvater seine Diener gut behandeln und dessen eingedenk sein, da� ein Herr ist, der �ber allen steht.</p><p>Meinte er damit den Kaiser? Nein. Er meinte den lebendigen Gott, den Sch�pfer des Himmels und der Erde, und Jesus Christus, seinen Sohn, der nach seinen eigenen Worten wiederkehren wird, um die Lebenden und die Toten zu richten.</p><p>Ich mochte nicht l�nger bei dieser heiklen Sache verweilen, sondern fragte ihn, welche Vorschriften f�r das t�gliche Leben er denen gab, die er bekehrte. Dar�ber hatte er offenbar viel nachgedacht, aber er begn�gte sich damit, zu sagen: �Tr�stet die Kleinm�tigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Vergeltet nicht B�ses mit B�sem, sondern trachtet, einander Gutes zu tun. Seid allezeit fr�hlich. Betet ohne Unterla�. Seid dankbar in allen Dingen.�</p><p>Er sagte mir auch, da� er seine Br�der auffordere, ein stilles Leben zu f�hren und mit ihren H�nden zu arbeiten, da� er es ihnen aber verwiesen habe, die Hurer, die Geizigen, die R�uber und G�tzendiener dieser Welt zu tadeln, denn das sei nicht ihre Sache, und sie m��ten sich sonst selbst aus der Welt begeben. Wenn sich aber einer ihnen zugesellt habe und erweise sich als ein Hurer oder Geiziger oder G�tzendiener oder L�sterer oder Trunkenbold oder R�uber, so m�sse er zurechtgewiesen werden. Besserte er sich danach nicht, so d�rfe man mit ihm nichts mehr zu schaffen haben und auch nicht mit ihm essen.</p><p>Ich fragte l�chelnd: �Du verurteilst mich also nicht, obgleich ich in deinen Augen gewi� ein G�tzendiener, Hurer und Trunkenbold bin?�</p><p>�Du stehst drau�en�, antwortete er. �Es kommt mir nicht zu, dich zu richten. Wir richten nur, die drinnen sind. Dich wird Gott richten.�</p><p>Er sagte das so ernst, da� es klang, als stellte er eine eindeutige Tatsache fest, und ich in meinem Innern erbebte. Und obwohl ich mir vorgenommen hatte, ihn nicht zu kr�nken, konnte ich es mir doch nicht versagen, ihn sp�ttisch zu fragen: �Wann wird, nach den Ausk�nften, die du offenbar erhalten hast, Gerichtstag sein?�</p><p>Paulus erwiderte, es stehe ihm auch nicht zu, diesen Tag oder einen anderen vorauszusagen, aber der Tag des Herrn werde unerwartet kommen wie der Dieb in der Nacht. Ich entnahm seinen Worten, da� er glaubte, sein Herr werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkehren.</p><p>�Wie wird das alles zugehen? Erkl�r mir das�, bat ich ihn.</p><p>Paulus stand pl�tzlich auf. �Der Herr wird vom Himmel niedersteigen, und die in Christus gestorben sind, werden als erste auferstehen. Dann wird man uns, die wir noch am Leben sind, mit ihnen zusammenf�hren, damit wir oben unter den Wolken dem Herrn gegen�bertreten, und wir werden immer in der N�he des Herrn weilen.�</p><p>�Und das Gericht, von dem du soviel sprichst?� fragte ich.</p><p>�Der Herr Jesus wird sich in einer Flamme am Himmel offenbaren mit den Engeln seiner Macht�, verk�ndete er. �Und er wird alle richten, die Gott nicht kennen und die Freudenbotschaft unseres Herrn Jesus nicht h�ren. Zur Strafe werden sie auf ewiglich aus dem Antlitz des Herrn und dem Glanz seiner Macht verdammt sein.�</p><p>Ich mu�te zugeben, da� er sich zumindest nicht verstellte, sondern offen sagte, was seine Meinung war. Seine Worte r�hrten mich, denn er war aufrichtig in seinem Glaubenseifer. Ohne da� ich ihn danach fragte, berichtete er von Engeln und den M�chten des B�sen, von seinen Reisen in verschiedene L�nder und von den Vollmachten, die ihm die �ltesten der Gemeinde in Jerusalem gegeben hatten. Am meisten verwunderte ich mich dar�ber, da� er nicht darauf aus war, mich zu seiner Lehre zu bekehren. Zuletzt h�rte ich kaum noch, was er sagte, sondern unterwarf mich ganz der Kraft und Sicherheit, die aus ihm zu reden schien.</p><p>Ich sp�rte deutlich seine N�he, ich roch den Duft der Wachslichter und der Speisen und nahm den Geruch von Weihrauch und reinem Ziegenhaar wahr. Es war gut, mit ihm zusammen zu sein, und doch strebte ich in meinem Halbschlaf von ihm fort. Ich fuhr aus meiner Bet�ubung auf und rief: �Wie kannst du dir einbilden, alles so genau und besser als andere Menschen zu wissen?�</p><p>Er breitete die H�nde aus und sagte schlicht: �Ich bin Gottes Mitarbeiter.�</p><p>Und das war keine L�sterung, sondern er war ganz von seinen Worten �berzeugt. Ich schlug die Hand vor die Stirn, sprang auf und lief wie behext im Zimmer hin und her. Wenn dieser Mann die Wahrheit sprach, konnte ich von ihm den Sinn all dessen, was geschah, erfahren. Ich gestand mit zitternder Stimme: �Ich verstehe nicht, was du sagst. Lege deine starken H�nde auf mein Haupt, da es nun einmal so Sitte ist unter euch, damit dein Geist in mich eingeht und ich verstehe.�</p><p>Er r�hrte mich jedoch nicht an. Statt dessen versprach er, er werde f�r mich beten, da� Jesus sich auch mir zu erkennen gebe und mein Christus werde, denn die Zeit sei kurz und die Gestalt dieser Welt vergehe schon.</p><p>Als er gegangen war, d�nkte mich pl�tzlich alles, was er gesagt hatte, der reine Wahnwitz. Ich schrie laut auf, schalt mich selbst f�r meine Leichtgl�ubigkeit, trat den Tisch um und zerschlug die Tont�pfe auf dem Boden.</p><p>Hierax st�rzte ins Zimmer. Als er sah, in welchem Zustand ich mich befand, rief er den T�rh�ter zu Hilfe, und zusammen brachten sie mich ins Bett. Ich weinte laut, und pl�tzlich dr�ngte sich ein wahnsinniger Schrei �ber meine Lippen, der nicht aus mir selbst kam. Es war, als h�tte eine fremde Macht meinen ganzen K�rper gesch�ttelt und sei als f�rchterlicher Schrei aus mir gefahren.</p><p>Endlich schlief ich ersch�pft ein. Am Morgen schmerzten mir der Kopf und alle Glieder. Ich blieb daher liegen und schluckte m�de die bitteren Arzneien, die Hierax mir mischte. Er schalt mich und sagte: �Warum hast du nur diesen ber�chtigten j�dischen Zauberer eingeladen? Von den Juden kommt nichts Gutes. Sie bringen es zustande, da� vern�nftige Menschen an sich selbst irre werden.�</p><p>�Er ist kein Zauberer�, erwiderte ich. �Er ist entweder von Sinnen, oder er ist der st�rkste Geist, der mir je begegnet ist. Ich f�rchte sehr, er ist der Vertraute eines unbegreiflichen Gottes.�</p><p>Hierax sah mich bek�mmert an. Dann sagte er: �Ich bin als Sklave geboren und zum Sklaven erzogen worden. Das hat mich gelehrt, alle Dinge von unten zu sehen und zu beurteilen, aus der Sicht der Fr�sche. Ich bin aber auch �lter als du und viel gereist, habe Gutes und Schlimmes erlebt und die Menschen kennengelernt. Wenn du willst, gehe ich zu deinem Juden und h�re ihn an, und dann will ich dir meine Meinung �ber ihn aufrichtig sagen.�</p><p>Seine Treue r�hrte mich, und ich fand, ich k�nnte von dem, was Hierax auf seine Weise �ber Paulus erfuhr, nur Nutzen haben. Deshalb sagte ich: �Ja, geh du zu ihm, h�r an, was er lehrt, und versuche es zu begreifen.�</p><p>Dann schrieb ich einen kurzen Bericht f�r Gallio und dr�ckte mich so knapp und sachlich aus, wie ich nur konnte:</p><empty-line/><p>�Minutus Lausus Manilianus �ber den Juden Paulus.</p><p>Ich h�rte ihn in der Synagoge seiner Glaubensfreunde lehren. Ich verh�rte ihn unter vier Augen. Er sprach offen, verstellte sich nicht, verbarg mir nichts.</p><p>Er ist Jude und stammt von j�dischen Eltern. Studierte in Tarsos, danach in Jerusalem. R�mischer B�rger von Geburt, aus verm�gendem Haus.</p><p>Rabbi. Davor Mitglied des H�chsten Rates in Jerusalem. Verfolgte fr�her die J�nger und Anh�nger des Jesus von Nazareth. Hatte eine Offenbarung. Bekannte sich in Damaskus zu Jesus als zu dem Messias der Juden. Lebte in der W�ste. Entzweite sich in Antiochia mit dem Ersten der J�nger des Nazareners, Simon dem Fischer. Sp�ter wieder mit ihm vers�hnt. Erhielt das Recht, Jesus auch Unbeschnittenen als den Christus zu verk�nden.</p><p>Bereiste die �stlichen Provinzen. Mehrfach bestraft. Taktik: Sucht zuerst die Synagoge der Juden auf. Verk�ndet Jesus als den Messias. Wird gepr�gelt. Bekehrt die Zuh�rer, die den Gott der Juden annehmen wollen, zu seiner Partei. Beschneidung wird nicht gefordert. Das j�dische Gesetz braucht nicht befolgt zu werden. Wer glaubt, da� Jesus der Christus ist, erh�lt Gnade und ewiges Leben.</p><p>Kein Aufwiegler. Hetzt nicht die Sklaven auf. Ermahnt zu einem stillen Leben. Mischt sich nicht in die Angelegenheiten Au�enstehender, sondern h�lt sich an seinesgleichen. Kraftvolle Pers�nlichkeit. Wirkt am st�rksten auf solche, die schon vom Judenglauben angesteckt sind.</p><p>Zu beachten: Ist �berzeugt, da� Jesus von Nazareth wiederkehren wird, um die ganze Welt zu richten, wobei Gottes Zorn alle treffen wird, die sich nicht zu Christus bekennen. In gewissem Sinne also ein Feind der Menschheit.</p><p>Politisch v�llig ungef�hrlich f�r Rom. S�t Zwietracht und Zersplitterung unter den Juden. Wirkt dadurch zum Vorteil Roms.</p><p>Ich fand nichts Tadelnswertes an diesem Mann.�</p><empty-line/><p>Mit diesem Bericht ging ich zu Gallio. Er las ihn, blickte mich mit halb abgewandtem Gesicht verstohlen an und sagte: �Du bist sehr lakonisch.�</p><p>�Diese Aufzeichnungen sind nur eine Ged�chtnishilfe�, erwiderte ich gereizt. �Wenn du willst, kann ich dir mehr �ber den Mann berichten.�</p><p>�Was f�r ein g�ttliches Geheimnis besitzt er?� fragte Gallio m�de.</p><p>�Das wei� ich nicht�, sagte ich aufgebracht. Dann senkte ich den Kopf, f�hlte, da� ich zitterte, und sagte: �Wenn ich nicht R�mer w�re, w�rde ich vielleicht mein Kriegstribunenzeichen ablegen, auf meine Laufbahn verzichten und ihm folgen.�</p><p>Gallio sah mich pr�fend an, richtete sich auf, streckte das Kinn in die H�he und entgegnete kurz: �Ich habe einen Fehler begangen, indem ich dich zu ihm schickte. Du bist noch zu jung.�</p><p>Er sch�ttelte mi�mutig den Kopf und fuhr fort: �Ja, das ist es. Du bist zu jung. Die Weisheit der Welt und die Gen�sse des Lebens haben dich noch nicht zerm�rbt. Du bist doch nicht etwa krank, da du so zitterst? Wir haben hier zwar ausgezeichnete Wasserleitungen, aber manchmal bekommt man doch schlechtes Wasser zu trinken und wird von der Klimaseuche befallen, wie die korinthische Krankheit genannt wird. Ich habe sie selbst schon gehabt. Im �brigen kannst du unbesorgt sein. Ich glaube nicht, da� ihr Jesus von Nazareth noch zu unseren Lebzeiten wiederkehrt, um die Menschheit zu richten.�</p><p>Ich glaube aber, da� Gallio sich viel mit �bernat�rlichen Dingen besch�ftigte, da er bisweilen dar�ber sprach, und welcher R�mer ist wohl ganz frei von Aberglauben! Um sich abzulenken, bat er mich nun, Wein mit ihm zu trinken. Er rief seine Frau, damit sie uns Gesellschaft leiste, und begann uns ein Schauspiel vorzulesen, das er nach einer griechischen Vorlage in lateinischer Sprache geschrieben und f�r den r�mischen Geschmack bearbeitet hatte. Zwischendurch las er immer wieder griechische Verse vor, um zu zeigen, wie gut sich unsere Sprache den griechischen Rhythmen f�gte, wenn man es nur richtig anpackte.</p><p>Das Schauspiel handelte vom Trojanischen Krieg und h�tte mich interessieren m�ssen, da die Troer ja durch Aeneas die Vorfahren der R�mer sind. Nachdem ich ein wenig Wein getrunken hatte, sagte ich jedoch: �Die griechische Buchsprache ist sch�n, aber heute klingt sie f�r meine Ohren merkw�rdig tot. Paulus spricht die lebendige Sprache des Volkes.�</p><p>Gallio sah mich mitleidig an und erkl�rte: �In der Volkssprache kann man nur die allergr�bsten Satyrspiele schreiben, weil sie an und f�r sich komisch wirkt. Daher bedienen sich ja auch die oskischen Schauspieler in Rom der Sprache des Marktes. Aber Philosophie in der Volkssprache? Du bist nicht bei Sinnen, Minutus!�</p><p>Er wurde pl�tzlich rot im Gesicht, rollte seine Handschrift zusammen und sagte: �Es wird Zeit, da� wir dir die j�dischen Giftd�mpfe aus dem Kopf vertreiben. Du warst noch nicht in Athen. Wir haben einen kleinen Grenzstreit in Delphi, der eine Besichtigung am Platz erfordert, und in Olympia wird man sich wegen der Wettspiele nicht einig. Mach dich auf den Weg. Mein Vortragender in der Kanzlei gibt dir alle Ausk�nfte, die du brauchst, sowie eine Vollmacht.�</p><p>Die sch�ne Helvia strich ihm mit den Fingerspitzen �ber die Schl�fe und die eine seiner feisten Wangen und sagte mitleidig: �Warum willst du einen begabten jungen Mann zu unaufh�rlicher Wanderschaft verdammen? Die Griechen werden schon noch mit ihren Streitigkeiten zu dir kommen. Wir sind hier in Korinth. Die Freundschaft einer reifen Frau w�rde ihm gewi� mehr n�tzen als alles Umherziehen.�</p><p>Sie sah mich an Gallio vorbei l�chelnd an und bedeckte ihre wei�e Schulter, die sich unversehens entbl��t hatte. Ich verstehe nicht genug von dergleichen Dingen, um den kunstvollen Faltenwurf ihres Gewandes, ihre Haartracht und den seltenen indischen Schmuck, den sie trug, zu beschreiben. Ich ri� meine Blicke von ihr los, sprang auf, stellte mich breitbeinig in vorschriftsm��iger Haltung vor Gallio auf und murmelte: �Wie du befiehlst, Prokonsul!�</p><p>Auf diese Weise hatte der j�dische Unruhestifter Paulus auch Gallio und mich entzweit. Ich lie� mein Haus in der Obhut meines Sklaven Hierax zur�ck und ritt mit einigen M�nnern der Kohorte und einem griechischen F�hrer aus der Stadt.</p><p>�ber Delphi, Olympia und Athen gibt es so viele begeisterte Reiseschilderungen, da� ich ihre unvergleichlichen Sehensw�rdigkeiten nicht eigens zu erw�hnen brauche. nicht einmal Rom ist es bisher gegl�ckt, aus diesen St�dten mehr als einen geringen Teil der Kunstsch�tze fortzuschleppen, obwohl zugegeben werden mu�, da� wir seit Sulla unser Bestes getan haben, Rom auf Kosten des griechischen Wunders zu bereichern.</p><p>Aber sosehr ich mich auch bem�hte, alles Sehenswerte in mich aufzunehmen, erschien mir doch die Sch�nheit, die ich allenthalben sah, im Grunde nichtssagend. Weder der bemalte Marmor noch das Elfenbein noch das Gold der sch�nsten Statuen, die je geschaffen wurden, sprach zu meinem Herzen.</p><p>Mit dem Grenzstreit in Delphi befa�te ich mich gr�ndlich und lie� mich der Gerechtigkeit halber von beiden Parteien zum Mahl einladen. In Delphi selbst sah ich mit eigenen Augen die Pythia in ihrem Rausch. Aus ihren unverst�ndlichen Worten formte ihr Priester ein paar f�r mich schmeichelhafte Orakelverse, die es nicht wert sind, hier wiedergegeben zu werden.</p><p>Nahe bei Olympia gibt es einen heiligen Bezirk mit einem Tempel, den der Feldherr Xenophon vor mehr als vierhundert Jahren der G�ttin Artemis weihte.</p><p>Ein Zehntel von allem, was dort geerntet wurde, war fr�her f�r das Erntefest der Bewohner dieses Landstrichs verwendet worden, und in den uralten Obstg�rten durfte jeder so viel Fr�chte pfl�cken, wie er nur wollte.</p><p>Im Laufe der Jahre waren jedoch viele Grenzsteine verr�ckt worden, und der Tempel war verfallen. Zu Pompejus� Zeiten hatte man sogar die Statue der G�ttin nach Rom entf�hrt. Die Bewohner der Gegend f�hrten nun dar�ber Klage, da� der Mann, der das der G�ttin geweihte Land in Besitz genommen hatte, die urspr�nglich aufgestellten Bedingungen nicht mehr erf�llte. Sie bewahrten eine alte Steintafel auf, worauf noch deutlich zu lesen war: �Dies Land ist Artemis geweiht. Wer es besitzt, opfere j�hrlich einen zehnten Teil. Vom Verbleibenden unterhalte er den Tempel. Vers�umt er diese Pflicht, die G�ttin wird es ihm nicht vergessen.�</p><p>In der Volksversammlung berichteten einige Greise langatmig von ihren Erinnerungen aus fr�heren Zeiten, da zum Artemisfest Wein, Mehl und s��es Backwerk ausgeteilt worden waren. Ein jeder hatte auf dem heiligen Boden im Namen der Artemis jagen d�rfen. Ich lie� sie alle ausreden. Der Besitzer des Landes gelobte, er werde den alten Brauch beim Erntefest wieder einf�hren, erkl�rte aber, es �bersteige sein Verm�gen, den Tempel instand zu halten.</p><p>In meinem Urteilsspruch sagte ich hierzu: �Dies ist nicht Sache Roms. Macht es mit der G�ttin aus, wie es hier auf der Steintafel steht.�</p><p>Mit dieser Entscheidung war niemand zufrieden. Sp�ter, w�hrend meines Aufenthalts in Olympia, h�rte ich, da� der Besitzer bei einer Rehjagd in eine Schlucht gest�rzt war. Artemis hatte sich das Ihre geholt. Er hatte keine Leibeserben, weshalb die Bewohner der Gegend das heilige Land unter sich aufteilten. Ich nahm mir vor, mir diese Geschehnisse gut zu merken, um sie, falls ich noch einmal mit ihm zusammentreffen sollte, Claudius zu berichten. Der Kaiser liebte alte Denkm�ler und Inschriften und konnte den Tempel leicht wieder instand setzen lassen.</p><p>Zuletzt kam ich nach Athen. Wie es die gute Sitte verlangt, legte ich meine R�stung am Stadttor ab, zog einen wei�en Mantel an, setzte mir einen Kranz auf und ging zu Fu� und nur von meinem griechischen F�hrer begleitet in die Stadt. Die Soldaten schickte ich auf Urlaub nach dem Pir�us, wo sie sich im Schutz der r�mischen Garnison ein paar vergn�gte Tage machen mochten.</p><p>Es stimmt, was man mir berichtet hatte; da� man n�mlich in Athen mehr G�tterbilder als Menschen sieht. Es gibt dort prachtvolle Bauten, die K�nige aus dem Osten haben auff�hren lassen, und auf dem Forum wandeln von morgens bis abends die Philosophen mit ihren Sch�lern umher. In jedem Winkel st��t man auf einen der Andenkenl�den, in denen der billigste Kram verkauft wird, aber auch kostbare kleine Nachbildungen der Tempel und G�tterbilder der Stadt.</p><p>Nachdem ich pflichtgem�� die Besuche im Rathaus und im Versammlungshaus des Areopags hinter mich gebracht hatte, zog ich in die beste Herberge und wurde dort mit allerlei jungen Leuten aus Rom bekannt, die in Athen ihre Bildung vervollkommneten, bevor sie die Beamtenlaufbahn antraten. Der eine lobte mir seinen Lehrer, ein anderer z�hlte mir die Namen und Preise ber�hmter Het�ren auf, und wieder ein anderer nannte mir die besten Speiseh�user, in denen ich seiner Meinung nach unbedingt essen mu�te.</p><p>Zahlreiche F�hrer wollten mir die Sehensw�rdigkeiten Athens zeigen, aber als ich ein paar Tage auf dem Markt umhergegangen war und verschiedene Lehrer angeh�rt hatte, kannte man mich und lie� mich in Ruhe. Ich fand bald heraus, da� alle Philosophen Athens darin wetteiferten, andere die Kunst zu lehren, wie man Gleichmut und unersch�tterliche Seelenruhe erlangt. Sie redeten feurig und schnell, wandten treffende Gleichnisse an und disputierten gern miteinander.</p><p>Es befanden sich auch einige langhaarige, in Ziegenh�ute gekleidete Philosophen unter ihnen. Diese wandernden Lehrer br�steten sich damit, da� sie Indien oder �thiopien bereist und geheime Kenntnisse erworben h�tten. Sie berichteten so unglaubliche L�gen, da� sich die Zuh�rer vor Lachen kr�mmten. Einige der schamlosesten L�genm�uler soll der Areopag zwar aus der Stadt verwiesen haben, aber im �brigen konnte sich dort hinstellen, wer wollte, und reden, was ihm einfiel, solange er nicht die G�tter l�sterte oder sich in politische Dinge einmischte.</p><p>Ich a� und trank und versuchte mein Leben zu genie�en. Es war angenehm, an einem sonnigen Tag nach einem guten Mahl auf einer warmen Marmorbank zu sitzen und die Schattenbilder zu betrachten, die die Vor�bergehenden auf die Marmorfliesen des Marktes warfen. Der attische Witz ist scharf und feingeschliffen. In einem Disput gewinnt, wer die Lacher auf seine Seite bekommt. Aber das attische Lachen d�nkte mich unfroh, und die Gedanken, die sich dahinter verbargen, pr�gten sich mir nicht so tief ein, wie sie es getan haben w�rden, wenn sie wirklich weise gewesen w�ren. Ich glaube, was in unseren Tagen in Athen gelehrt wird, ist eher eine verfeinerte Lebenskunst als Gegengewicht zur Ungeschliffenheit der R�mer denn eine eigentliche Philosophie.</p><p>Aus reinem Trotz beschlo� ich dennoch, in Athen zu bleiben und zu studieren, bis der Prokonsul Gallio mich nach Korinth zur�ckbeorderte. Doch in der Gem�tsverfassung, in der ich mich befand, vermochten die B�cher in den Bibliotheken mich nicht zu fesseln, und ich fand auch keinen Lehrer, dessen Sch�ler ich werden wollte. Eine immer tiefere Bedr�cktheit bem�chtigte sich meiner, und ich f�hlte mich in Athen als Fremder. Einige Male a� und trank ich mit den jungen R�mern, nur um das unbarmherzige klare Latein anstelle des schw�lstigen Griechisch sprechen zu k�nnen.</p><p>Eines Tages ging ich mit ihnen in das Haus einer ber�hmten Het�re, h�rte Fl�tenmusik und sah die Vorf�hrungen von T�nzerinnen und Akrobaten. Ich glaubte unserer l�chelnden Gastgeberin gern, als sie sagte, sie k�nne den Sinnengenu� zur sch�nen Kunst erheben. Sie trat mir jedoch nicht nahe, und keiner, der ihr Haus besuchte, war gezwungen, die Kunst des Sinnengenusses mit Hilfe einer ihrer angelernten Sklavinnen zu erlernen. Sie selbst unterhielt sich lieber mit ihren G�sten, als da� sie sich zu ihnen legte, und von denen, die mit ihr das Lager teilen wollten, verlangte sie einen so wahnwitzigen Preis, da� nur die reichsten alten Lebem�nner ihn bezahlen konnten. Sie war daher so verm�gend, da� sie uns junge R�mer nicht dazu verleiten wollte, unser Reisegeld zu verschwenden.</p><p>Zu mir sagte sie schlie�lich: �Vielleicht ist meine Schule der Sinne nur etwas f�r die schon verlebten Alten, obgleich ich auf meine Kunst stolz bin. Du bist noch jung. Du wei�t, was Hunger und Durst ist. Harziger Wein und trocken Brot schmecken deinem hungrigen Munde besser als zyprischer Wein und Flamingozungen einem erm�deten Gaumen. Wenn du dich in eine Jungfrau verliebst, erregt der Anblick einer entbl��ten Schulter deine Sinne mehr als die Erf�llung deiner Begierde. Streich die Falten aus deiner Stirn, und freue dich deines Lebens, da du noch jung bist.�</p><p>�Berichte du mir lieber von g�ttlichen Geheimnissen, denn du dienst Aphrodite mit deiner Kunst�, bat ich sie.</p><p>Sie sah mich aus ihren sch�n geschw�rzten Augen an und sagte zerstreut: �Aphrodite ist eine launische und unbarmherzige, aber auch herrliche G�ttin. Wer am eifrigsten nach ihrer Gunst strebt und ihr am meisten opfert, bleibt unbefriedigt. Sie ist aus dem Schaum des Meeres geboren und ist selbst wie Schaum. Wer gierig nach ihren makellosen Gliedern greift, vor dem l�st sie sich in Luft auf.�</p><p>Sie runzelte selbst ihre glatte Stirn, hob beide H�nde und betrachtete gedankenverloren ihre hellrot gef�rbten N�gel.</p><p>�Ich k�nnte dir an einem Beispiel zeigen, wie launisch die G�ttin ist�, fuhr sie fort. �Unserer Zunft geh�rte eine Frau an, die noch nicht sehr alt ist. Sie hat noch keine Runzeln oder andere Makel. Fr�her stand sie Bildhauern Modell und gewann damit gro�en Ruhm. Die G�ttin blies ihr die Laune ein, da� sie alle ber�hmten Philosophen verf�hren m�sse, die nach Athen kamen, um die Tugenden und die Kunst der Selbstbeherrschung zu lehren. Sie wollte in ihrer Eitelkeit die Weisheit dieser M�nner zuschanden machen und sie so weit bringen, da� sie in ihren Armen weinten, und es gelang ihr auch. Zuerst h�rte sie Abend f�r Abend dem�tig ihre Belehrungen an. Die Philosophen priesen sie als die weiseste aller Frauen, denen sie je begegnet seien, da sie so aufmerksam zuzuh�ren verstand. Aber nicht auf ihre Weisheit war sie aus, sondern sie verwandte ihre ganze Kunst darauf, ihre Tugend zu Fall zu bringen. Kaum war ihr das gegl�ckt, da jagte sie die M�nner sp�ttisch davon und wollte mit ihnen nichts mehr zu schaffen haben, obwohl sie vor ihrer T�r auf den Knien lagen und einer von ihnen sich sogar auf ihrer Schwelle das Leben nahm. Eines Tages aber, anderthalb Jahre mag es nun her sein, kam ein gelehrter Jude nach Athen.�</p><p>�Ein Jude!� rief ich und fuhr auf. Meine Kopfhaut begann zu prickeln, da� sich mir die Haare aufstellten. Die Het�re mi�verstand mein Erschrecken und fuhr fort: �Ja, ich wei�. Die Juden sind m�chtige Zauberer, aber dieser war anders. Er sprach auf dem Markt und wurde, wie es der Brauch ist, vor dem Areopag �ber seine Lehre befragt. Er war kahlk�pfig, hatte eine schiefe Nase und krumme Beine, aber er war voll Feuer. Die Frau, von der ich dir berichtete, versp�rte unwiderstehliche Lust, auch die Lehre dieses Juden zuschanden zu machen. Sie lud ihn zusammen mit anderen G�sten in ihr Haus, um ihn anzuh�ren, kleidete sich sittsam und verh�llte ihm zu Ehren ihr Haupt. Aber wie sie es auch anstellte, es gelang ihr nicht, diesen Juden zu verf�hren oder ihn auch nur die Versuchung empfinden zu lassen. Zuletzt gab sie die Hoffnung auf und begann, ihm ernsthaft zuzuh�ren. Als er Athen wieder verlassen hatte, verfiel sie in tiefe Betr�bnis, schlo� ihr Haus f�r alle G�ste und pflegt nun nur noch Umgang mit einigen wenigen Athenern, die sich von der Lehre des Juden beeindrucken lie�en; und solche gibt es, denn in Athen findet auch der n�rrischste Philosoph noch seine Anh�nger. Auf diese Weise strafte die G�ttin sie f�r ihre Eitelkeit, obwohl sie Aphrodite gro�en Ruhm eingebracht hatte. Ich f�r mein Teil habe daraus den Schlu� gezogen, da� der Jude gar kein wirklicher Weisheitslehrer war, sondern von der G�ttin selbst gefeit, so da� er allen Versuchungen widerstand. Unsere Freundin aber ist �ber ihre Niederlage so verbittert, da� sie aus unserer Zunft austreten und in aller Bescheidenheit von ihren Ersparnissen leben will.�</p><p>Sie lachte laut auf und warf mir einen Blick zu, der mich aufforderte, in ihr Lachen einzustimmen, doch danach war mir nicht zumute. Sie wurde wieder ernst und sagte: �Die Jugend flieht rasch dahin, die Sch�nheit vergeht, aber die Macht zu bezaubern kann man sich durch die Gnade der G�ttin bis ins hohe Alter hinein bewahren. Daf�r hatten wir ein Beispiel in der seinerzeit �ltesten Angeh�rigen unserer Zunft, die noch mit siebzig Jahren jeden J�ngling zu verf�hren vermochte.�</p><p>�Wie hei�t sie, und wo finde ich sie?� fragte ich.</p><p>�Sie ist schon Asche. Die G�ttin lie� sie in ihrem Bett an einem Herzschlag sterben, als sie zum letztenmal ihre Kunst aus�bte�, antwortete die Het�re.</p><p>�Ich meine nicht sie, sondern die andere, die der Jude bekehrte�, sagte ich.</p><p>�Sie hei�t Damaris, und den Weg zu ihrem Haus kannst du leicht erfragen, aber ich sagte dir schon, da� sie sich wegen ihres Versagens sch�mt und keine G�ste mehr empf�ngt. Was gef�llt dir denn nicht hier bei mir?�</p><p>Ich besann mich darauf, was die H�flichkeit erforderte, lobte ihr Haus, die Vorf�hrungen, die sie ihren G�sten bot, ihren duftenden Wein und ihre eigene unvergleichliche Sch�nheit, bis sie sich beruhigte und ihren Unmut verga�. Nach einer Weile erhob ich mich, legte meine Gabe auf die Platte und kehrte in der d�stersten Stimmung in meine Herberge zur�ck. Es war wie ein Fluch, da� ich nicht einmal in Athen dem Juden Paulus entging, denn von ihm war die Rede gewesen.</p><p>Ich konnte lange nicht einschlafen. Ich lag und lauschte auf die n�chtlichen Ger�usche der Herberge, bis durch die Ritzen im Fensterladen das erste Morgenlicht in mein Zimmer fiel und ich mir w�nschte, ich w�re tot oder nie geboren worden. Ich hatte �ber nichts zu klagen. Ich hatte mehr erreicht als die meisten meiner Altersgenossen, und ich war gesund, wenn man von einem leichten Hinken absah, das mich nicht behinderte, es sei denn, ich h�tte Pontifex in einem r�mischen Priesterkollegium werden wollen. Warum war alle Freude von mir genommen worden? Warum hatte Claudia meine Leichtgl�ubigkeit so grausam ausgenutzt? Warum war ich jedesmal so verzweifelt, wenn ich auf den Juden Paulus stie�? Zuletzt versank ich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst um die Mittagszeit wieder erwachte. Ich hatte etwas Sch�nes getr�umt, konnte mich aber nicht mehr erinnern, was es war, und nach den d�steren Gedanken der Nacht f�hlte ich pl�tzlich die Gewi�heit, da� ich nicht aus blo�em Zufall von der Het�re Damaris erfahren hatte, sondern da� darin eine tiefere Bedeutung lag. Diese �berzeugung machte mich so froh, da� ich mit gro�er Lust a� und sodann zu einem Barbier ging, um mir Locken k�mmen und meinen griechischen Mantel in die kunstvollsten Falten legen zu lassen.</p><p>Ich fand das sch�ne Haus der Damaris leicht. Der T�rklopfer war eine korinthische Bronze in Gestalt einer Eidechse. Ich klopfte viele Male. Ein Mann, der vorbeiging, machte eine unanst�ndige Geb�rde und sch�ttelte den Kopf, um mir zu bedeuten, da� ich vergeblich Einla� begehrte. Endlich �ffnete mir eine verweinte junge Sklavin, die, als sie mich erblickte, die T�r gleich wieder schlie�en wollte, aber ich setzte meinen Fu� dazwischen und sagte, was mir als erstes einfiel: �Ich habe in Korinth den Juden Paulus getroffen. �ber ihn will ich mit deiner Herrin sprechen. Ein anderes Begehren habe ich nicht.�</p><p>Das M�dchen lie� mich z�gernd in einen Saal eintreten, in dem sich viele bemalte Statuen, bequeme Ruhelager und orientalische Wandteppiche befanden. Nach einer kleinen Weile erschien, nur halb bekleidet und barfu�, Damaris. Ihr Gesicht leuchtete in froher Erwartung, sie hie� mich mit erhobenen H�nden eifrig willkommen und fragte: �Wer bist du, Fremder? Hast du mir wirklich Gr��e von dem Boten Paulus zu �berbringen?�</p><p>Ich versuchte ihr zu erkl�ren, da� ich vor einiger Zeit in Korinth mit Paulus zusammengetroffen war und eine lange Unterredung mit ihm gehabt hatte, die mir unverge�lich geblieben war. Nun h�tte ich geh�rt, sagte ich, da� sie, Damaris, wegen der Lehre dieses wandernden Juden in Schwierigkeiten geraten sei, und sogleich den Entschlu� gefa�t, mit ihr dar�ber zu sprechen.</p><p>W�hrend ich dies sagte, betrachtete ich Damaris und sah, da� sie das beste Alter schon �berschritten hatte. Die Freude auf ihrem Gesicht erlosch, und sie trat ein wenig zur�ck. Gewi� war sie einmal sch�n gewesen, und ihre schlanke Gestalt war noch immer ohne Fehl. Aufreizend gekleidet und sch�n gek�mmt und geschminkt h�tte sie, zumindest bei schwacher Beleuchtung, noch auf jeden Mann Eindruck machen k�nnen. Sie lie� sich m�de auf einem Ruhebett nieder und gab auch mir ein Zeichen, mich zu setzen. Dann schien sie meinen forschenden Blick zu bemerken, denn sie strich sich nach Frauenart �bers Haar, ordnete ihr Gewand und zog die nackten F��e unter die Falten ihres Mantels. Mehr als dies tat sie jedoch nicht f�r ihre �u�ere Erscheinung, sondern sah mich nur mit gro�en Augen fragend an. Pl�tzlich wurde mir so sonderbar wohl in ihrer Gesellschaft. Ich l�chelte und sagte: �Diesem schrecklichen Juden verdanke ich es, da� ich mir vorkomme wie die Maus in der Falle. Ergeht es dir nicht ebenso, Damaris? La� uns zusammen dar�ber nachdenken, wie wir aus der Falle herauskommen und unseres Lebens wieder froh werden k�nnen.�</p><p>Nun l�chelte auch sie, hob aber abwehrend die Hand und sagte: �Wovor f�rchtest du dich? Paulus ist der Bote des auferstandenen Christus und verbreitet die Botschaft der Freude. Erst seit ich ihn kenne, wei� ich, da� ich nie zuvor in meinem Leben wahre Freude empfunden habe.�</p><p>�Bist wirklich du das, die die Weisesten zu Fall gebracht hat?� rief ich verwundert. �Du sprichst, als w�rst du von Sinnen.�</p><p>�Meine fr�heren Freunde glauben, ich h�tte den Verstand verloren�, gestand sie offenherzig. �Aber lieber bin ich um der neuen Lehre willen von Sinnen, als da� ich mein fr�heres Leben fortsetze. Er war ganz anders als die liederlichen wei�b�rtigen Philosophen und durchschaute mich bis auf den Grund. Ich sch�mte mich und erschrak �ber das, was ich zuvor gewesen war. Durch seinen Herrn erhielt ich Vergebung f�r meine S�nden. Ich wandle den neuen Weg mit geschlossenen Augen, als leitete mich der Geist.�</p><p>Entt�uscht sagte ich: �Wenn es so ist, haben wir einander nicht mehr viel zu sagen.�</p><p>Sie hielt mich jedoch zur�ck, legte die eine Hand �ber ihre Augen und bat: �Geh nicht. Es hat eine Bedeutung, da� du gekommen bist. Du hast einen Sto� in deinem Herzen erhalten, sonst h�ttest du mich nicht aufgesucht. Wenn du willst, mache ich dich mit den Br�dern bekannt, die ihn anh�rten und der Freudenbotschaft glaubten.�</p><p>Auf diese Weise lernte ich Damaris und einige Griechen kennen, die gegen Abend durch die Hintert�r ihr Haus betraten, um �ber Paulus und die neue Lehre zu sprechen. Sie hatten sich schon fr�her durch die Neugier verf�hren lassen, die Synagogen zu besuchen und sich �ber den Gott der Juden zu unterrichten, und hatten sogar die heiligen Schriften der Juden gelesen. Der gelehrteste unter ihnen war Dionysos, ein Richter im Areopag, der von Amts wegen mit Paulus �ber dessen Lehre gesprochen hatte.</p><p>Aufrichtig gesagt, war die Rede des Dionysos so verworren und gelehrt, da� nicht einmal seine Freunde ihn ganz verstanden, und um so weniger ich. Er meinte es jedoch sicherlich gut. Damaris lauschte ihm mit dem gleichen abwesenden L�cheln, mit dem sie vermutlich den anderen Weisen zugeh�rt hatte.</p><p>Nach der Unterhaltung lud uns Damaris immer zu einem einfachen Mahl ein. Wir brachen das Brot miteinander und tranken den Wein in Christi Namen, wie Paulus es sie gelehrt hatte. Aber selbst einem einfachen Liebesmahl dieser Art mu�ten die Athener eine vierfache Bedeutung unterlegen. Es war zugleich wirklich und symbolisch, sittlich erhebend und ein mystisches Streben nach Vereinigung mit Christus.</p></section><section><p>W�hrend des Gespr�chs betrachtete ich zumeist Damaris, und nach dem Mahl k��te ich sie gern, wie es die Sitte der Christen verlangt. Ich hatte noch keine Frau gesehen, die so anziehend und zugleich so nat�rlich war wie Damaris. Jede ihrer Bewegungen war sch�n, ihre Stimme war lieblich, so da� man mehr ihrem Klang lauschte als den Worten. Was sie auch tat, sie tat es so sch�n, da� man ihr mit unendlichem Wohlbehagen zusah, und dieses Wohlbehagen wurde zu warmer Freude, wenn ich zum Zeichen der Freundschaft ihre weichen Lippen k��te.</p><p>Paulus hatte den Griechen offensichtlich einige N�sse zu knacken gegeben, und sie genossen ihre Diskussionen. Im wesentlichen glaubten sie wohl Paulus, aber ihre eigene Gelehrsamkeit gab ihnen doch allerlei Vorbehalte ein. Von Damaris bezaubert, begn�gte ich mich damit, sie zu betrachten, und lie� all die vielen eitlen Worte an mir vor�berfliegen.</p><p>Sie waren sich zun�chst einig, da� jedem Menschen eine Sehnsucht nach der Klarheit Gottes innewohne, begannen dann aber sogleich zu er�rtern, ob und wieweit dieselbe Sehnsucht nicht auch Steinen, Pflanzen und Tieren eigen sei, die sich doch alle aus urspr�nglich einfachen Formen weiterentwickelt hatten. Dionysos versicherte, Paulus besitze �berraschend gro�e geheime Kenntnisse von den Geistesm�chten, glaubte aber selbst noch mehr von Rang und Ordnung dieser M�chte zu wissen. F�r mich waren derlei Reden wie rinnendes Wasser.</p><p>Ich machte es mir zur Gewohnheit, Damaris ein kleines Geschenk mitzubringen, Blumen oder eingelegte Fr�chte, Badewerk oder reinsten Veildienhonig vom Hymettos. Sie sah mich, wenn sie die Geschenke entgegennahm, mit ihren klaren, wissenden Augen so aufmerksam an, da� ich mir jung und tolpatschig vorkam. Binnen kurzem wurde ich gewahr, da� ich sie st�ndig in meinen Gedanken trug und nur auf die Stunde wartete, da ich wieder zu ihr gehen konnte.</p><p>Ich glaube, sie lehrte mich bei unseren Gespr�chen durch ihr blo�es Verhalten mehr als durch ihre Worte, und es kam der Tag, an dem ich mir eingestehen mu�te, da� ich blind in sie verliebt war. Ich sehnte mich nach ihr, nach ihrer N�he, ihrer Ber�hrung, ihrem Ku� mehr, als ich mich je zuvor nach irgend etwas gesehnt hatte. Meine fr�heren Liebeserlebnisse erschienen mir bedeutungslos, verglichen mit dem, was ich in ihren Armen glaubte finden zu k�nnen, und es war mir, als sei allein dadurch, da� ich an sie dachte, alles in mir zu Asche verbrannt worden.</p><p>Ich erschrak �ber mich selbst. War es mir wirklich vorbestimmt, f�r den Rest meines Lebens eine Het�re zu lieben, die zwanzig Jahre �lter als ich war und die Spuren all dessen in sich trug, was sie an B�sem erlitten hatte? ich w�re am liebsten aus Athen geflohen, als mir die Wahrheit aufging, aber ich vermochte es schon nicht mehr. ich verstand die Weisen, die nach ihr geschmachtet hatten, ja, ich verstand sogar den Philosophen, der auf ihrer Schwelle aus dem Leben geschieden war, als er das Hoffnungslose seines Begehrens erkannt hatte.</p><p>Ich konnte nicht fliehen. ich mu�te zu ihr gehen. Als wir wieder beisammen sa�en und ich sie betrachtete, pre�te ich die Lippen zusammen, und die hei�en Tr�nen der Begierde stiegen mir in die Augen. �Vergib mir, Damaris�, fl�sterte ich. �Ich f�rchte, da� ich dich bis zum Wahnsinn liebe.�</p><p>Damaris sah mich mit ihrem klaren Blick an und fuhr mir mit den Fingerspitzen �ber die Hand. Mehr bedurfte es nicht, da� ein schreckliches Zittern durch meinen ganzen K�rper lief. Meine Lust befreite sich in einem tiefen, Seufzer.</p><p>�Auch ich habe mich davor gef�rchtet�, gestand Damaris. �Ich habe es kommen sehen. Zuerst war es nur eine unschuldige wei�e Wolke am Horizont, aber nun ist es ein schwarzes Gewitter in dir. Ich h�tte dich zur rechten Zeit fortschicken sollen, aber ich bin trotz allem nur eine Frau.�</p><p>Sie st�tzte das Kinn in die Hand, so da� sich die Falten an ihrem Hals gl�tteten, starrte vor sich hin und fragte finster: �So geht es immer. Der Mund trocknet, die Zunge bebt, die Augen tr�nen.�</p><p>Sie hatte recht. Die Zunge zitterte mir in meinem ausgetrockneten Mund, so da� ich nicht ein einziges Wort hervorbrachte. Ich warf mich vor ihr auf die Knie und versuchte die Arme um sie zu schlingen, aber Damaris wich mir aus und sagte: �Bedenke, da� man tausend Goldst�cke f�r eine einzige Nacht mit mir geboten hat. Ein reicher Empork�mmling verkaufte um meinetwillen ein Silberbergwerk und begann sein Leben von neuem als armer Mann.�</p><p>�Ich kann dir tausend, ja zweitausend Goldst�cke verschaffen, wenn du mir Zeit gibst, mit meinen Bankiers zu sprechen�, gelobte ich.</p><p>�Manchmal, wenn ich an einem sch�nen J�ngling Gefallen fand, gab ich mich auch mit einem Veilchen zufrieden�, sagte Damaris neckend. �Doch dar�ber wollen wir nun nicht sprechen. Ich will von dir kein Geschenk. Ich will dir selbst eines geben, und dieses Geschenk ist die traurige Gewi�heit, die mir aus all meinen Erfahrungen wurde, da� die Gen�sse des Fleisches eine Qual sind. Die Befriedigung der Sinne ist keine wirkliche Befriedigung, sondern weckt nur die Begierde nach noch schrecklicherer Befriedigung. Sich in die fleischliche Liebe st�rzen, das ist wie sich auf gl�hende Kohlen werfen. Mein Feuer ist niedergebrannt. Ich gedenke, nicht mehr zu eines anderen Menschen Untergang die Opferflamme zu entz�nden. Verstehst du nicht, da� ich mich meines fr�heren Lebens sch�me?�</p><p>�Du hast mit deinen Fingern meine Hand gestreichelt�, fl�sterte ich mit gesenktem Kopf, und die Tr�nen aus meinen Augen tropften auf den Marmorboden nieder.</p><p>�Das war unrecht�, gab Damaris zu. �Aber ich wollte dich so ber�hren, da� du mich nie mehr vergi�t. Minutus, mein Geliebter, die Sehnsucht bedeutet so viel mehr als die Erf�llung. Das ist eine schmerzliche, aber s��e Wahrheit. Glaub mir, Minutus, mein Lieber. Wenn wir nun voneinander scheiden, bewahren wir beide eine sch�ne Erinnerung und brauchen nie B�ses voneinander zu denken. Ich habe einen neuen Weg gefunden, aber es gibt viele Wege. Vielleicht wird dich dein Weg eines Tages zu der gleichen Seligkeit f�hren wie mich der meine.�</p><p>Doch ich wollte sie nicht verstehen. �Predige mir nicht, verfluchtes Weib!� rief ich mit vor Begierde heiserer Stimme. �Ich habe dir versprochen, zu bezahlen, was du verlangst.�</p><p>Damaris richtete sich steif auf und sah mir eine Weile unverwandt ins Gesicht. Dann erbleichte sie und sagte sp�ttisch: �Wie du willst. Komm morgen abend zu mir, so da� ich mich vorbereiten kann. Aber gib sp�ter nicht mir die Schuld!�</p><p>Ihr Versprechen machte mich schwindeln, obwohl der Klang ihrer Worte nichts Gutes verhie�. Die Knie zitterten mir, als ich ihr Haus verlie�. Von Ungeduld verzehrt, wanderte ich in der Stadt umher, stieg zur Akropolis hinauf und blickte auf das weinfarbene Meer nieder. Tags darauf ging ich in ein Bad und machte durch k�rperliche �bungen meine Glieder geschmeidig, obwohl mir bei jeder Bewegung, und beim Gedanken an Damaris, ein verzehrendes Feuer durch den ganzen K�rper flammte.</p><p>Endlich senkte sich taubenblau die D�mmerung nieder, und der Abendstern leuchtete auf. Ich klopfte laut an Damaris� T�r, aber niemand �ffnete mir. Ich dachte schon, sie habe ihren Sinn ge�ndert und gedenke ihr Versprechen nicht zu halten, und tiefe Entt�uschung ergriff mich, doch dann dr�ckte ich gegen die T�r und erkannte zu meiner Freude, da� sie nicht versperrt war. Ich trat ein und sah, da� der G�stesaal hell erleuchtet war.</p><p>Meine Nase nahm jedoch einen widerlichen Gestank wahr. �ber die Ruhebetten waren zerlumpte Decken geworfen, die Lampen hatten die W�nde beru�t, der Geruch von altem Weihrauch nahm mir den Atem. Ich blickte mich verst�ndnislos in dem sonst so sch�nen Raum um, schlug dann aber ungeduldig mit der Faust auf die f�r die Geschenke bestimmte Platte, und die Schl�ge hallten durchs ganze Haus. Kurz darauf erschien Damaris mit schleppendem Schritt. Ich starrte sie entsetzt an. Das war nicht die Damaris, die ich kannte.</p><p>Sie hatte sich die Lippen grell und grob bemalt, ihr Haar war ungek�mmt und str�hnig wie das einer Hafendirne, und sie war in Lumpen gekleidet, die nach Wein und Erbrochenem stanken. Um die Augen hatte sie unheimliche schwarze Ringe gemalt, und mit demselben Pinsel hatte sie jede Falte in ihrem Gesicht nachgezogen, so da� ich ein liederliches altes Weib vor mir sah.</p><p>�Hier bin ich, Minutus. Deine Damaris�, sagte sie gleichg�ltig. �Hier bin ich, so wie du mich haben willst. Nimm mich also. Zum Lohn will ich nicht mehr als f�nf Kupferscherflein.�</p><p>Ich verstand, was sie meinte. Alle Kraft verlie� mich, so da� ich vor ihr auf die Knie fiel. Ich beugte den Kopf zu Boden und weinte �ber mein ohnm�chtiges Verlangen. Zuletzt sagte ich: �Vergib mir, Damaris, meine Geliebte.�</p><p>�Du verstehst also, Minutus�, sagte sie mit weicherer Stimme. �Das wolltest du aus mir machen. Dazu wolltest du mich erniedrigen. Die Sache ist dieselbe, ob sie nun nach gebildeter Menschen Art in einem duftenden Bett geschieht oder im Hafen, zwischen stinkendem Schweinemist und Urin an eine Mauer gelehnt.�</p><p>Ich legte meinen Kopf auf ihre Knie und weinte meine Entt�uschung aus. Meine Begierde war erloschen. Sie streichelte mir tr�stend �bers Haar und fl�sterte z�rtliche Worte. Zuletzt lie� sie mich allein, ging fort und wusch sich, zog ein reines Gewand an und kam mit gek�mmtem Haar zur�ck. Auf ihrem Gesicht leuchtete eine so innige Freude, da� ich mit zitternden Lippen ihr L�cheln erwidern mu�te.</p><p>�Ich danke dir, Minutus, Lieber�, sagte sie. �Im letzten Augenblick hast du mich doch verstanden, obwohl es in deiner Macht lag, mich in meine Vergangenheit zur�ckzusto�en. Ich werde dir, solange ich lebe, f�r deine G�te dankbar sein und daf�r, da� du mir nicht die Freude nahmst, die ich endlich erleben durfte. Eines Tages wirst du verstehen, da� meine Freude durch Christus wunderbarer ist als alle Freuden der Welt.�</p><p>Wir sa�en lange Hand in Hand und sprachen miteinander wie Schwester und Bruder oder, besser, wie Mutter und Sohn. Ich versuchte ihr vorsichtig zu erkl�ren, da� vielleicht doch nur das wirklich ist, was wir mit unseren Augen sehen, und alles andere T�uschung und Einbildung, aber Damaris l�chelte nur und sagte: �Bald bin ich tief betr�bt, bald froh, aber in guten Stunden erlebe ich eine Freude, die alles Irdische hinter sich l��t. Das ist meine Gnade, meine Wahrheit und meine Barmherzigkeit. Nichts anderes brauche ich zu glauben oder zu verstehen.�</p><p>Als ich in meine Herberge zur�ckkehrte, noch immer wie gel�hmt vor Entt�uschung und ohne zu wissen, was ich hinfort noch glauben oder hoffen sollte, erwartete mich dort einer der M�nner aus meinem Gefolge. Er war in einen schmutzigen Mantel gekleidet und trug kein Schwert. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich erschrocken und die weltber�hmte athenische Allwissenheit abergl�ubisch f�rchtend an den unz�hligen Statuen und G�tterbildern vorbeigedr�ckt haben mochte. Nun warf er sich vor mir auf die Knie und bat: �Verzeih, da� ich gegen deinen ausdr�cklichen Befehl handle, Tribun, aber meine Kameraden und ich, wir halten das Leben im Hafen nicht mehr aus. Dein Pferd siecht dahin vor Langeweile und wirft uns alle aus dem Sattel, wenn wir ihm ein bi�chen Bewegung verschaffen wollen, wie du befahlst. Mit der Hafengarnison haben wir st�ndig Streit wegen des Verpflegungsgeldes. Vor allem aber machen diese verfluchten attischen Windbeutel mit uns, was sie wollen. Wir sind wie gebundene Schafe in ihren H�nden und sind doch von den Gaunern in Korinth einiges gewohnt. Der Schlimmste von allen ist ein Sophist, der sich �ber uns lustig macht, indem er uns eindeutig beweist, da� Achill einen Wettlauf mit einer Schildkr�te nie gewinnen kann. In Korinth haben wir �ber die Taschenspieler gelacht, die eine winzige Kugel unter einem von drei Weinbechern verstecken und die Leute raten lassen, unter welchem, aber dieser Mensch h�lt uns zum Narren, denn wer w�rde nicht wetten, da� Achill schneller l�uft als eine Schildkr�te! Er teilt aber die Strecke in die H�lfte und die H�lfte wiederum in die H�lfte und so weiter ohne Ende und beweist, da� Achill immer noch ein kleines St�ckchen bis zum Ziel zu laufen hat und es nicht vor der Schildkr�te erreichen kann. Wir sind selbst mit einer Schildkr�te um die Wette gelaufen und haben sie nat�rlich leicht besiegt, aber damit konnten wir seinen Beweis nicht widerlegen, als wir ihn noch einmal aufsuchten und ein zweites Mal mit ihm wetteten. Herr, ich flehe dich an bei allen r�mischen Adlern: f�hr uns nach Korinth zur�ck, bevor wir den Verstand verlieren.�</p><p>Der Mann sprudelte seine Klage so rasch hervor, da� ich nicht zu Worte kam. Ich tadelte ihn wegen seines unw�rdigen Benehmens, aber in der Stimmung, in der ich mich befand, hatte ich keine Lust, ihm das R�tsel mit Achill und der Schildkr�te zu l�sen. Zuletzt hie� ich ihn mein Reisegep�ck auf den R�cken nehmen, beglich meine Rechnung mit dem Herbergswirt und verlie� Athen, ohne mich von jemandem zu verabschieden und in solcher Eile, da� ich zwei Untergew�nder verga�, die ich noch in der W�sche hatte und nie zur�ckbekam.</p><p>Wir brachen tief bedr�ckt vom Pir�us auf und brauchten drei Tage f�r eine Strecke, die ich allein an einem bew�ltigt h�tte. Die erste Nacht verbrachten wir in Eleusis, die zweite in Megara. Die M�nner erholten sich so weit, da� sie sangen und l�rmten, als wir endlich in Korinth einzogen.</p><p>Ich �bergab sie dem Oberzenturio und meldete mich bei Rubrius. Er empfing mich in einem weinfeuchten Untergewand und mit einem Kranz aus Weinlaub schief auf dem Kopf. Offenbar erkannte er mich nicht wieder, denn er fragte mich mehrere Male nach meinem Namen. Er erkl�rte mir seine Zerstreutheit damit, da� er ein �lterer Mann sei, der an den Folgen einer Kopfverletzung litt, die er in Pannonien erhalten hatte, und der nun nur noch darauf wartete, in den Ruhestand treten zu k�nnen.</p><p>Danach ging ich zum Haus des Prokonsuls. Gallios Sekret�r berichtete mir, da� die Bewohner von Delphi sich mit ihrem Grenzstreit an den Kaiser gewandt und Einspruch erhoben hatten. Andrerseits f�hrten die Bewohner des der Artemis geweihten Bezirks schriftlich Klage gegen mich und behaupteten, ich h�tte die G�ttin gel�stert und dadurch den pl�tzlichen Tod des Besitzers herbeigef�hrt. Das taten sie nat�rlich, um ihre eigene Haut zu retten, da sie das Land unter sich aufgeteilt hatten und, den Tempel weiter verfallen lie�en. Aus Athen war zum Gl�ck kein Bericht �ber mich eingegangen.</p><p>Ich war niedergeschlagen, aber Gallio empfing mich trotz allem freundlich, umarmte mich sogar und lud mich zu Tisch. �Du bist gewi� zum Platzen voll von athenischer Weisheit�, meinte er. �Aber wir wollen zuerst �ber die Angelegenheiten Roms sprechen.�</p><p>W�hrend wir a�en, erz�hlte er mir, sein Bruder Seneca habe ihm geschrieben, da� der junge Nero erstaunliche Fortschritte mache und Senatoren und einfachen Rittern gegen�ber so w�rdig auftrete, da� man ihn die Freude und das Entz�cken der Menschheit nenne. Claudius hatte ihn, um seiner geliebten Agrippina zu, gefallen, mit seiner achtj�hrigen Tochter Octavia verheiratet, deren Mutter Messalina war.</p><p>Juristisch gesehen war das Blutschande, da ja Claudius Nero sogar als seinen Sohn adoptiert hatte, aber dieses kleine Hindernis wurde auf die Weise beseitigt, da� ein Senator Octavia vor der Eheschlie�ung adoptierte.</p><p>Britannicus blieb weit hinter Nero zur�ck und zeichnete sich nicht besonders aus. Er hielt sich meist in seinen eigenen R�umen im Palatium auf und begegnete seiner Stiefmutter Agrippina schroff und unfreundlich. Zum einzigen Befehlshaber der Pr�torianer anstelle der fr�heren zwei Pr�toren hatte man den einarmigen alten Haudegen Burrus ernannt, der ein guter Freund Senecas war und besondere Hochachtung f�r Agrippina hegte, weil sie die Tochter des gro�en Germanicus war.</p><p>�Dem Kaiser geht es gut�, sagte Gallio mit einem Blick in seinen Brief und lie� ein wenig Wein aus seinem Becher auf den Boden tropfen. �Er tritt so stattlich auf wie eh und je und leidet nur gelegentlich an einem harmlosen Sodbrennen. Die wichtigste Neuigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet ist, da� der Hafen in Ostia endlich fertiggestellt wurde. Die Getreideschiffe k�nnen dort nun bequem gel�scht werden. Wie viele Millionen Goldst�cke liegen nicht im Schlick und in den Sandb�nken Ostias begraben! Aber nun braucht man in Rom nie mehr Unruhen wegen versp�teter Getreideausteilungen zu bef�rchten. Es geschah Claudius einmal, da� er auf dem Forum von einem w�tenden Volkshaufen so hart gegen eine Mauer gedr�ckt wurde, da� er schon f�r sein Leben f�rchtete. Im �brigen sinken die Preise f�r Korn aus �gypten und Afrika, und es lohnt sich nicht mehr, in Italien Getreide anzubauen. Die umsichtigen Senatoren sind schon dazu �bergegangen, Schlachtvieh zu z�chten, und verkaufen ihre Sklaven auf Versteigerungen ins Ausland.�</p><p>W�hrend Gallio so v�terlich mit mir sprach, zerstreute sich meine Unruhe, und ich begriff, da� ich keinen Tadel wegen meines zu langen Aufenthalts in Athen zu bef�rchten brauchte. Dann aber sah mich Gallio forschend an und fuhr in dem gleichen leichten Ton fort: �Du bist bla�, und deine Augen blicken starr. Aber das Studium in Athen hat schon so manchem ehrenwerten jungen R�mer den Kopf verwirrt. Ich habe geh�rt, du hast dich von einer klugen Frau belehren lassen. Das ist nat�rlich sehr anstrengend und kostet obendrein viel Geld, und ich hoffe nur, du hast dich nicht in allzu hohe Schulden gest�rzt. Wei�t du, mein lieber Minutus, ich glaube, ein bi�chen Seeluft w�rde dir guttun.�</p><p>Ehe ich noch zu �berfl�ssigen Erkl�rungen ansetzen konnte, hob er warnend die Hand und sagte l�chelnd: �Deine pers�nlichen Angelegenheiten gehen mich nichts an. Wichtig ist nur, da� der junge Nero und die sch�ne Agrippina dich durch meinen Bruder gr��en lassen. Nero vermi�t dich. Man kann nur Roms Gl�cksg�ttin daf�r preisen, da� eine so willensstarke und wirklich kaiserliche Frau wie Agrippina Claudius zur Seite steht und ihm einen Teil seiner Last abnimmt. Du sollst Agrippina einen sch�nen korinthischen Bronzebecher geschickt haben. Sie hat sich �ber deine Aufmerksamkeit sehr gefreut.�</p><p>F�r einen kurzen Augenblick fa�te mich eine tiefe Sehnsucht nach Rom, wo mir das Leben so viel einfacher und an eine feste Ordnung gebunden zu sein schien. Gleich darauf sagte ich mir jedoch, da� ein blo�er Ortswechsel mir auch keine Erleichterung verschaffen konnte, und seufzte.</p><p>Gallio fuhr zerstreut l�chelnd fort: �Ich h�re, du hast dich auf deiner Reise mit Artemis verfeindet. Es w�re wohl das kl�gste, wenn du ihr pers�nlich im Tempel zu Ephesus eine Opfergabe darbr�chtest. Ich habe einen vertraulichen Brief an den Prokonsul in Asia. Wenn du mit ihm zusammentriffst, kannst du ihm auch gleich berichten, wie begabt Nero ist, wie bescheiden er in der Kurie auftritt und wie klug Agrippina ihn erzieht. Neros Ehe mit Octavia hat eine gewisse politische Bedeutung, wie du bei einigem Nachdenken selbst erkennen wirst. Nat�rlich leben die beiden noch nicht zusammen, denn Octavia ist ja noch ein Kind.�</p><p>Mein Kopf war so umnebelt, da� ich nur einf�ltig zu nicken vermochte. Gallio hielt es f�r n�tig, mir zu erkl�ren: �Unter uns gesagt, ist die Abstammung von Britannicus und Octavia wegen Messalinas schlechtem Ruf, gelinde ausgedr�ckt, zweifelhaft, aber Claudius betrachtet sie als seine eigenen Kinder, was sie vor dem Gesetz ja auch sind, und nicht einmal Agrippina wagt es, an so heikle Dinge zu r�hren und seine m�nnliche Eitelkeit zu kr�nken.�</p><p>Ich gab zu, da� ich in Rom vor meiner Reise nach Britannien allerlei Ger�chte vernommen hatte, f�gte aber offenherzig hinzu: �Damals hatte es den Anschein, als br�chte man absichtlich so furchtbare Dinge �ber Messalina in Umlauf. Ich konnte das Gerede nicht ernst nehmen. Sie war jung, sch�n und genu�s�chtig, und Claudius war, verglichen mit ihr, ein Greis. Trotzdem mag ich �ber sie nicht das Schlimmste denken.�</p><p>Gallio schwenkte ungeduldig seinen Becher. �Vergi� nicht, da� wegen Messalinas Leichtfertigkeit f�nfzig Senatoren und einige hundert Ritter den Kopf verloren oder sich selbst die Pulsadern aufschneiden durften. Dein Vater h�tte sonst wohl kaum den Purpurstreifen bekommen.�</p><p>�Wenn ich dich recht verstanden habe, Prokonsul�, sagte ich z�gernd, �so meinst du, da� Claudius einen kranken Magen und einen schwachen Kopf hat. Einmal wird er die Schuld eines jeden Menschen bezahlen m�ssen, soviel wir auch seinem Genius opfern.�</p><p>�Wer wird ihm Schlimmes voraussagen wollen!� rief Gallio. �Es soll sein, als h�ttest du diese Worte nie laut ausgesprochen. Claudius hat Rom trotz seiner Schw�chen so gut regiert, da� der Senat ihn nach seinem Tode getrost zum Gott erh�hen kann, obgleich das nicht wenig Spott und Gel�chter geben wird. Wer vorausblickt, fragt sich eben nur zur rechten Zeit, wer an seine Stelle treten soll.�</p><p>�Nero Imperator�, fl�sterte ich tr�umend. �Aber Nero ist ja noch ein Knabe.� Zum erstenmal dachte ich an diese M�glichkeit, und der Gedanke entz�ckte mich, da ich schon Neros Freund gewesen war, bevor seine Mutter sich mit Claudius verm�hlte.</p><p>�Dieser Gedanke braucht dich nicht zu erschrecken, Tribun Minutus�, sagte Gallio. �Es ist nur gef�hrlich, ihn offen auszusprechen, solange Claudius noch lebt und atmet. Um aber die F�den des Schicksals und des Zufalls zu entwirren und in die Hand zu bekommen, w�re es gewi� sehr n�tzlich, wenn dieser vortreffliche Gedanke auch in die K�pfe f�hrender M�nner in anderen Provinzen Eingang f�nde. Ich h�tte nichts dagegen, wenn du dich von Ephesus nach Antiochia beg�bst. Das ist ja deine alte Heimatstadt. Die Freigelassenen deines Vaters sollen dort Reicht�mer und gro�en Einflu� erworben haben. Du brauchst nur gut �ber Nero zu reden, sonst nichts. Nur keine Andeutungen �ber die Zukunft in klaren Worten � davor mu�t du dich h�ten! Ein jeder, mit dem du sprichst, mag seine eigenen Schl�sse ziehen. Es gibt im Osten mehr klug berechnende politische Vernunft, als man in Rom zu glauben geneigt ist.�</p><p>Er lie� mich eine Weile nachdenken, bevor er fortfuhr: �Nat�rlich mu�t du f�r die Kosten deiner Reise selbst aufkommen, wenngleich ich dir der Form halber ein paar Handschreiben mitgebe. Was du sagst, das sagst du aus eigenem, freiem Willen, nicht in meinem Auftrag. Du hast ein so offenes Wesen und bist noch so jung, da� dich kaum einer f�r einen politischen R�nkeschmied halten wird. Und das bist du ja auch auf keinen Fall, nicht wahr? Es gibt eine ganze Anzahl R�mer, die nur um einer Laune des Kaisers willen die Qualen der Verbannung erleiden m�ssen, und diese M�nner haben Freunde in Rom. Geh ihnen nicht aus dem Weg, denn sobald Claudius tot ist, werden alle Verbannten, auch die Juden, begnadigt. Das verspricht mein Bruder, der selbst acht Jahre lang die Verbannung geschmeckt hat. Du kannst das Magenleiden des Kaisers erw�hnen, darfst aber nicht vergessen hinzuzuf�gen, da� es sich gewi� nur um ganz harmlose Bl�hungen handelt, und dann magst du darauf hinweisen, da� man �hnliche Beschwerden auch bei Magenkrebs hat. Unter uns gesagt: Agrippina macht sich wegen Claudius� Gesundheitszustand gro�e Sorgen. Er ist ein Leckermaul und will keine vern�nftige Di�t halten.�</p><p>Ich mu�te unwillk�rlich glauben, da� Gallio der Wein zu Kopf gestiegen war. H�tte er sonst gewagt, mir solche Dinge laut zu sagen? Vermutlich �bersch�tzte er meinen Ehrgeiz, weil er den Ehrgeiz f�r eine jedem R�mer angeborene Eigenschaft hielt, und auch ich habe ja Wolfsblut in meinen Adern. Jedenfalls hatte er mir den Kopf hei� gemacht, und ich hatte nun �ber anderes nachzudenken als nur �ber Damaris in Athen.</p><p>Zuletzt bat er mich, die Sache in Ruhe zu �berschlafen, und schickte mich nach Hause. Es war sehr sp�t geworden. Trotzdem brannte in dem Ring neben der T�r meines Hauses eine Fackel, und von drinnen h�rte ich Gesang und Geschrei. Ich fragte mich, ob Hierax von meiner Ankunft geh�rt und vielleicht irgendeinen festlichen Empfang vorbereitet hatte. Als ich eintraf, erblickte ich eine gro�e Menge Menschen, M�nner und Frauen, die sich gerade von einem gemeinsamen Mahl erhoben. Offensichtlich waren alle schwer bezecht. Einer tanzte herum und verdrehte die Augen, ein anderer schwatzte ununterbrochen in einer Sprache, die ich nicht verstand. Hierax ging als Gastgeber umher und k��te seine G�ste der Reihe nach mit gro�er Z�rtlichkeit. Als er mich endlich bemerkte, blieb er verwirrt stehen, gewann jedoch rasch die Fassung wieder und rief: �Gesegnet sei dein Eingang und dein Ausgang, Herr! Wie du siehst, �ben wir uns gerade in heiligen Ges�ngen. Auf deinen Befehl habe ich mich mit der neuen Lehre der Juden bekannt gemacht. Sie pa�t einem einfachen Sklaven wie ein Handschuh.�</p><p>Der T�rh�ter und die K�chin wurden rasch n�chtern und warfen sich vor mir auf die Knie. Als Hierax sah, wie mein Gesicht vor Zorn rot anlief, zog er mich beiseite und erkl�rte eilig: ��rgere dich nicht, Herr. Es ist alles in guter Ordnung. Der strenge Paulus hat aus dem einen oder anderen Grunde pl�tzlich den Mut verloren. Er schnitt sich das Haar und segelte nach Asia und Jerusalem, um den �ltesten Rechenschaft abzulegen. Als er fort war, begannen wir Christen darum zu streiten, wer nun die anderen lehren solle. Die Juden glauben, sie w��ten alles besser als andere, selbst wo es sich um Christus handelt. Deshalb versammeln wir Unbeschnittenen uns hier in deinem Haus, wo wir, so gut wir es verstehen, die neue Lehre aus�ben und auch ein wenig besser essen k�nnen als bei den gemeinsamen M�hlern, zu denen immer viel zu viele arme, nicht zahlende G�ste kommen. Dieses Mahl hier bezahle ich selbst. Ich habe n�mlich diese verm�gende und noch recht ansehnliche Witwe dort dr�ben an der Angel. Unter den Christen habe ich �berhaupt lauter n�tzliche Bekanntschaften geschlossen. Das ist bei weitem die beste geheime Gesellschaft, der ich je angeh�rt habe.�</p><p>�Bist du Christ geworden und hast dich taufen lassen, und hast du Bu�e getan und was sonst noch alles dazugeh�rt?� fragte ich entsetzt.</p><p>�Du hast es mir selbst befohlen�, verteidigte Hierax sich. �Ohne deine Erlaubnis h�tte ich mich nicht darauf eingelassen, da ich doch nur dein Sklave bin. Aber unter den Christen habe ich mein s�ndiges Sklavenkleid abgelegt. Nach ihrer Lehre sind wir, du und ich, vor Christus gleich. Du mu�t g�tig und sanft gegen mich sein, und ich werde dir wie bisher nach bestem Verm�gen dienen. Wenn wir nur einmal die hochm�tigsten und engstirnigsten Juden losgeworden sind, wird unser Liebesbund ganz Korinth zur Zierde gereichen.�</p><p>Am n�chsten Morgen war Hierax wieder klar im Kopf und weit bescheidener. Er machte jedoch ein langes Gesicht, als ich ihm sagte, ich m�sse nach Asia reisen und ihn mitnehmen, da ich auf einer so langen Reise nat�rlich nicht ohne Diener auskommen k�nne.</p><p>�Das ist unm�glich!� jammerte Hierax und raufte sich die Haare. �Ich habe doch gerade erst hier Fu� gefa�t und auf deine Rechnung allerhand n�tzliche Gesch�fte angekn�pft. Wenn du dich nun pl�tzlich aus allen laufenden Unternehmungen zur�ckziehen mu�t, so f�rchte ich, da� du sehr viel Geld verlieren wirst. Au�erdem kann ich die Christen in Korinth nicht einfach ihrem Schicksal �berlassen, nun da Paulus abgereist ist und Streit und Zersplitterung unter ihnen herrscht. Und wer wird sich um die Witwen und die Waisen k�mmern, wie es ihre Lehre verlangt, da ich doch der einzige bin, der mit Geld umzugehen versteht, oder jedenfalls einer der wenigen aus der ganzen Gemeinde? Ich habe eine lehrreiche Geschichte geh�rt von einem Herrn, der seinen Knechten pfundweise Gold gab und sie dann aufforderte, Rechenschaft abzulegen, wie sie es vermehrt h�tten. Ich will am Tag der Abrechnung nicht als ein untauglicher Knecht dastehen.�</p><p>Hierax hatte w�hrend meiner Abwesenheit Fett angesetzt und sich eine gro�sprecherische Art angew�hnt. Auf l�ngeren und beschwerlichen Reisen h�tte er mir nichts mehr gen�tzt. Er h�tte nur geschnauft und gejammert und sich nach dem bequemen Leben in Korinth zur�ckgesehnt. Ich sagte daher: �Bald j�hrt sich der Todestag meiner Mutter. Ich werde dich freilassen, so da� du in Korinth bleiben und dich um das Haus k�mmern kannst. Ich sehe ein, da� ich nur Verluste erleiden w�rde, wenn ich alles verkaufte, was ich mir hier zu meiner Bequemlichkeit geschaffen habe.�</p><p>�Eben das wollte ich dir vorschlagen�, sagte Hierax eifrig. �Bestimmt hat dir der Gott der Christen diesen Gedanken eingegeben. Ich habe mir einiges erspart, so da� ich die H�lfte meiner Freilassungssteuer selbst bezahlen kann. Ich habe mich auch schon auf Umwegen bei einem bekannten Rechtsgelehrten im Rathaus erkundigt, was f�r mich ein geziemender Preis w�re. So dick, wie ich nun geworden bin, tauge ich nicht mehr zu k�rperlicher Arbeit, und au�erdem habe ich einige Fehler, die ich zwar vor dir verbergen konnte, die aber meinen Wert senken w�rden, wenn ich noch einmal verkauft werden sollte.�</p><p>Ich nahm sein Anerbieten nicht an, da ich der Meinung war, da� er seine geringen Ersparnisse selbst brauchte, um in dem gierigen Korinth auf die Beine zu kommen und Erfolg zu haben. Ich erlegte also das L�segeld f�r ihn und dr�ckte ihm selbst den Freilassungsstab in die Hand. Zugleich stellte ich ihm eine beh�rdlicherseits best�tigte Vollmacht aus, mein Haus und meinen �brigen Besitz in Korinth zu verwalten. Ich war im Grunde recht froh, auf diese Weise sowohl ihn als auch alle l�stigen Pflichten loszuwerden. Die Leichtfertigkeit, mit der er die Sache der Christen betrieb, gefiel mir nicht, und ich wollte daher keine andere Verantwortung f�r ihn tragen als die, die einer f�r seinen Freigelassenen �bernimmt.</p><p>Hierax Lausius begleitete mich bis Kenchreae, wo ich an Bord eines Schiffes ging, das nach Ephesus segelte. Er dankte mir noch einmal daf�r, da� ich ihm erlaubt hatte, sich Lausius zu nennen, denn dieser Name d�nkte ihn vornehmer und w�rdevoller als Minutius. Seine Abschiedstr�nen waren wohl aufrichtig, obwohl ich annehme, da� er erleichtert aufseufzte, als das Schiff auslief und er einen allzu jungen und unberechenbaren Herrn losgeworden war.</p></section><section><empty-line/><p><strong>VI

    </strong></p><p><strong>SABINA
  </strong></p><p>Troxobores, ein Bandenf�hrer aus dem Bergvolk der Kliter, machte sich die Unruhen in Armenien, welche die syrischen Legionen banden, zunutze, um ein ge�btes Kriegsheer im Innern Kilikiens aufzustellen, und stie� von dort zur K�ste nieder, wo er die H�fen pl�nderte und mit seinen Ruderschiffen die Seefahrt st�rte. Der kilikische Bundesk�nig, der bejahrte Antiochus, war machtlos, da seine Hilfstruppen in Armenien standen. In ihrer Frechheit belagerten die Kliter zuletzt sogar die Hafenstadt Anemurium. Ich stie� auf dem Wege von Ephesus nach Antiochia auf eine Abteilung syrischer Reiterei unter dem Pr�fekten Curtius Severus, die Anemurium entsetzen wollte, und erachtete es in dieser Notlage f�r meine Pflicht, mich Severus anzuschlie�en.</p><p>Wir erlitten vor den Mauern Anemuriums eine schwere Niederlage, da das Gel�nde f�r die Bergbewohner des Troxobores g�nstiger war als f�r unsere Reiterei. Zum Teil hatte auch Severus Schuld daran, denn er glaubte, eine kampfungewohnte R�uberbande einfach dadurch in die Flucht schlagen zu k�nnen, da� er die H�rner blasen lie� und in vollem Galopp angriff, ohne vorher das Gel�nde und die wirkliche St�rke des Troxobores erkunden zu lassen.</p><p>Ich wurde in der Seite, an einem Arm und an einem Fu� verwundet. Mit einem Strick um den Hals und hinter dem R�cken gefesselten H�nden wurde ich in die unzug�nglichen Berge der Kliter hinaufgef�hrt, und dort war ich zwei Jahre lang Gefangener des Troxobores. Die Freigelassenen meines Vaters in Antiochia h�tten mich auf der Stelle freigekauft, aber Troxobores war ein listiger, kriegsl�sterner Mann und wollte lieber einige hochgestellte R�mer in der Hand haben, als in seinen Schlupfwinkeln L�segelder ansammeln. Der syrische Prokonsul und K�nig Antiochus verkleinerte in seinen Berichten an den Senat die Bedeutung dieses nicht enden wollenden Aufstandes in den Bergen, um ihn mit eigener Kraft niederwerfen zu k�nnen, und auch weil er, nicht ohne Grund, den Zorn des Kaisers f�rchtete.</p><p>Troxobores sagte: �Mit dem R�cken an der Wand kann ich mir um Gold mein Leben nicht erkaufen, aber euch r�mische Ritter kann ich zuletzt immer noch kreuzigen lassen, um mit einem stattlichen Gefolge in die Unterwelt einzuziehen.�</p><p>Er behandelte uns Gefangene, wie es seine Laune ihm eingab, bald gut, bald schlecht. Er konnte uns zu seinen rohen Mahlzeiten einladen, uns zu essen und zu trinken geben und uns mit Tr�nen in den Augen seine Freunde nennen, aber nach dem Mahl schlo� er uns in eine schmutzige H�hle ein, lie� die �ffnung zumauern und uns durch ein faustgro�es Loch gerade so viel trocken Brot reichen, da� wir mit knapper Not am Leben blieben. Zwei von uns begingen Selbstmord, indem sie sich mit einem Steinsplitter die Halsschlagader aufschnitten.</p><p>Meine Wunden entz�ndeten sich und qu�lten mich. Sie w�sserten, und ich glaubte sterben zu m�ssen. In diesen zwei Jahren lernte ich, in der tiefsten Erniedrigung zu leben, stets auf die Folter oder den Tod gefa�t. Mein Sohn Julius, mein einziger Sohn, wenn Du dies nach meinem Tode liest, sollst Du wissen, da� die tiefen Narben, die ich in meinem Gesicht trug und von denen ich Dir, als Du noch klein warst, in meiner Eitelkeit sagte, sie stammten von meinen K�mpfen in Britannien, nicht das Werk der Briten sind. Ich bekam sie viele Jahre vor Deiner Geburt in einer kilikischen H�hle, wo ich zu Demut und Geduld erzogen wurde und vor Scham mein Gesicht in die rauhe Felswand dr�ckte. Denk manchmal daran, wenn Du so eifrig Deinen habs�chtigen und altmodischen toten Vater kritisierst.</p><p>So viele M�nner, wie Troxobores, als er noch Erfolg hatte, um sich zu sammeln und zu Kriegern auszubilden vermochte, so viele lie�en ihn nach seiner ersten Niederlage im Stich. Er beging n�mlich den Fehler, sich auf eine offene Feldschlacht einzulassen, der seine nicht genug ge�bten Truppen nicht gewachsen waren.</p><p>K�nig Antiochus behandelte seine Gefangenen freundlich. Er lie� sie frei und schickte sie in die Berge hinauf, wo sie allen Begnadigung versprachen, die von Troxobores abfielen. Die meisten seines Volkes waren der Ansicht, das Spiel habe, da sie genug Kriegsbeute gesammelt hatten, lang genug gedauert. Sie flohen zu ihren Heimst�tten zur�ck, um den Rest ihres Lebens als f�r kilikische Begriffe reiche M�nner zu verbringen. Troxobores lie� die Fl�chtigen verfolgen und t�ten, was viel b�ses Blut unter seinen eigenen Stammesfreunden machte.</p><p>Zuletzt waren seine n�chsten Vertrauten seiner Grausamkeiten und Launen m�de und nahmen ihn gefangen, um sich selbst die Begnadigung zu verdienen. Das geschah gerade noch zur rechten Zeit, denn schon r�ckte K�nig Antiochus heran, Sklaven rissen die Mauer vor unserer H�hle nieder, und drau�en waren schon die Pf�hle f�r unsere Hinrichtung in den Boden gerammt worden. Meine Mitgefangenen verlangten, da� Troxobores an unserer Stelle gekreuzigt werde, aber K�nig Antiochus lie� ihm unverz�glich den Kopf abschlagen, um einer peinlichen Geschichte so rasch wie m�glich ein Ende zu machen.</p><p>Ich schied von meinen Mitgefangenen ohne Bedauern. In der Dunkelheit der H�hle und in unserem Hunger und Elend hatten wir einander zuletzt nicht mehr ausstehen k�nnen. W�hrend sie nach Antiochia zur�ckkehrten, bekam ich in Anemurium einen Platz an Bord eines r�mischen Kriegsschiffes, das nach Ephesus bestimmt war. K�nig Antiochus entsch�digte uns gro�z�gig f�r die ausgestandenen Leiden, damit wir stillschwiegen.</p><p>In Ephesus wurde ich von dem damaligen Prokonsul in Asia, Junius Silanus, freundlich empfangen. Er lud mich auf sein Landgut vor der Stadt ein und stellte mir seinen eigenen Arzt zur Verf�gung. Silanus war etwa f�nfzig Jahre alt, ein vielleicht etwas schwerf�lliger, aber so redlicher Mann, da� man ihn zu Kaiser Gajus� Zeiten wegen seiner unerme�lichen Reicht�mer einen vergoldeten Schafskopf genannt hatte.</p><p>Als ich auf Agrippina und Nero zu sprechen kam, verbot er mir streng, in seiner Gegenwart auch nur ein einziges Wort �ber das Magenleiden des Kaisers zu sagen. Einige hochgestellte M�nner waren unl�ngst deshalb aus Rom verbannt worden, weil sie einen Astrologen ausgefragt hatten, wie lange Claudius noch zu leben habe. Danach hatte der Senat eine Verordnung erlassen, derzufolge alle Chald�er Rom verlassen mu�ten.</p><p>Silanus schien der eigent�mlichen Auffassung zu sein, Agrippina sei am Tode seines Bruders Lucius schuld, ganz so, wie er auch meinte, da� Messalina seinerzeit Verderben �ber Appius Silanus gebracht habe, indem sie Schlimmes �ber ihn tr�umte. Sein unsinniges Mi�trauen �rgerte mich. �Wie kannst du so �ber die erste Dame Roms denken!� sagte ich aufgebracht. �Agrippina ist eine edle Frau. Ihr Bruder Gajus war Imperator, und sie selbst die Gemahlin des Imperators und stammt vom Gott Augustus ab.�</p><p>Silanus l�chelte d�mmlich und sagte: �Nicht einmal die vornehmste Abstammung scheint einem in Rom noch etwas zu n�tzen. Du erinnerst dich gewi� an Domitia Lepida, Neros Tante, die Nero aus Freundschaft in ihre Obhut nahm, als Agrippina wegen ihres unz�chtigen Lebenswandels und Hochverrats verbannt worden war. Domitia hat sich seiner immer z�rtlich angenommen, wenn er unter Agrippinas Strenge allzusehr zu leiden hatte. Vor kurzem wurde sie zum Tode verurteilt, weil sie angeblich Agrippina durch Zauberei zu schaden versuchte und ihre Sklaven in Kalabrien nicht im Zaun hielt. Auch Domitia stammte aus dem Geschlecht des Augustus.�</p><p>Silanus blinzelte mich listig an und fuhr fort: �Wenn Claudius� Zeit wirklich einmal abgelaufen ist, doch dar�ber d�rfen wir nicht laut sprechen, so ist zu bedenken, da� auch ich im Vierten Glied vom Gott Augustus abstamme. Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn der Senat in Rom einen Mann gesetzten Alters einem halbw�chsigen Knaben vorz�ge. Mein Ruf ist untadelig, und ich habe keine Feinde.�</p><p>Darin hatte er recht, denn wer h�tte wohl Ursache gehabt, den einf�ltigen Silanus zu hassen? Seine Einbildung erstaunte mich jedoch so sehr, da� ich entsetzt fragte: �Denkst du im Ernst daran, Imperator zu werden?�</p><p>Junius Silanus err�tete versch�mt. �Du darfst dar�ber mit niemandem sprechen. Die Entscheidung steht dem Senat zu. Ich will dir aber im Vertrauen sagen, da� ich Nero nicht unterst�tzen kann. Schon sein Vater hatte einen �blen Ruf und war so grausam, da� er einmal einem r�mischen Ritter auf dem Forum ein Auge ausquetschte, nur weil dieser ihm nicht ehrerbietig genug Platz gemacht hatte.�</p><p>Dank seinem Reichtum trat Silanus in Asia wie ein K�nig auf. Ich erfuhr �brigens von ihm, da� Gallio nach Ablauf seiner Amtszeit an dem Familien�bel der Annaeer, der Schwindsucht, erkrankt und nach Rom zur�ckgekehrt war, um Rechenschaft abzulegen, bevor er sich in das trockene Klima �gyptens begab, um seine Gesundheit wiederzuerlangen. Ich hatte den Verdacht, da� er nicht nur seiner Gesundheit wegen nach �gypten gereist war, aber ihm konnte ich nun von den wahnwitzigen Hoffnungen des Prokonsuls Silanus nicht mehr berichten, und doch erschien es mir wichtig, nach Rom zu melden, da� Nero in den Provinzen nicht auf die Unterst�tzung rechnen durfte, die seine Mutter und Seneca offenbar als selbstverst�ndlich voraussetzten.</p><p>Nach langer �berlegung schrieb ich an Seneca selbst und berichtete ihm von meiner Gefangenschaft. Zuletzt schrieb ich: �Der Prokonsul Junius Silanus erweist mir gro�e Gastfreundschaft und will nicht, da� ich heimreise, ehe nicht meine Wunden vollst�ndig ausgeheilt sind, die noch eitern. Es betr�bt mich, da� er nicht ebenso gut wie ich von Agrippina und Nero denkt, sondern sich damit br�stet, da� er aus dem Geschlecht des Augustus stammt, und viele Freunde im Senat zu haben glaubt. Ich erwarte Deinen Rat, ob ich nach Rom zur�ckkehren oder einstweilen noch hier bleiben soll.�</p><p>Die Gefangenschaft hatte mich abgestumpft und entkr�ftet. Ich lie� die Zeit gedankenlos verrinnen. Manchmal ging ich mit Silanus zu den Wagenrennen und setzte mit gutem Erfolg auf sein Gespann. Auch ein pr�chtiges Theater gab es in Ephesus, und wenn einem nichts anderes einfiel, konnte man immer noch in den Tempel gehen, der eines der Wunder der Welt ist und von Sehensw�rdigkeiten �berquillt.</p><p>Allm�hlich erlangte ich dank der guten Kost, einem bequemen Bett und der Geschicklichkeit des Arztes meine Gesundheit wieder. Ich begann wieder zu reiten und nahm an Wildschweinjagden teil, die Silanus� Kriegstribunen veranstalteten.</p><p>Der griechische Arzt des Silanus war auf Kos ausgebildet worden. Als ich ihn nach seinen Eink�nften fragte, antwortete er lachend: �Ein Arzt kann, um seine Kunst auszu�ben, keinen elenderen Ort finden als Ephesus. Die Artemispriester betreiben Wunderheilungen, und daneben gibt es Hunderte von Zauberern aus aller Herren L�nder. Den meisten Zulauf hat zur Zeit ein Jude, der durch Handauflegen Kranke heilt und Tobs�chtige beruhigt. Seine Schwei�t�cher und Sch�rzen werden im ganzen Lande als Heilmittel gegen so gut wie jede Krankheit verkauft. Aber das gen�gt ihm noch immer nicht. Er hat die Schule des Tyrannos gemietet, um seine Kr�fte andere zu lehren. Noch dazu ist er eifers�chtig auf seine Berufsgenossen und spricht geringsch�tzig von Zauberb�chern und heilenden G�tterbildern.�</p><p>�Von den Juden kommt aller Unfriede, weil sie sich nicht mehr damit begn�gen, unter sich zu bleiben und im Schutz ihrer besonderen Rechte ihren Gott zu verehren, sondern nun auch die Griechen anstecken�, sagte ich bitter.</p><p>Der jonische Herbst ist mild. Helius, ein Freigelassener des Junius Silanus, der dessen Besitz in Asia verwaltet, war in allem auf meine Bequemlichkeit bedacht. Er lie� zu den Mahlzeiten Schauspiele und Pantomimen auff�hren, und manchmal, wenn er glaubte, da� ich mich langweilte, schickte er mir auch eine sch�ne Sklavin in mein Bett. Die goldenen Tage und die dunkelblauen N�chte flossen ruhig dahin. Ich glaubte nichts anderes mehr zu w�nschen als die kleinen Freuden des Alltags. Eine andere Hoffnung hatte ich nicht mehr, eine andere Zukunft sah ich nicht mehr vor mir. Ich lie� mich willenlos treiben.</p><p>Kurz vor Winteranfang traf ein r�mischer Schnellruderer in Ephesus ein, an dessen Bord sich Publius Celer, ein betager Ritter, befand. Er brachte die Nachricht, da� Kaiser Claudius, wie man seit langem erwartete, seiner Magenkrankheit erlegen war. Afranius Burrus, der Pr�fekt der Pr�torianer, hatte Nero ins Pr�torianerlager tragen lassen. Nero hatte eine au�erordentliche Rede gehalten und den M�nnern das �bliche Geldgeschenk versprochen. Darauf war er unter allgemeinem Jubel zum Imperator ausgerufen worden, und der Senat hatte den Beschlu� einstimmig bekr�ftigt.</p><p>Junius Silanus pr�fte die Erl�sse und Vollmachten, die Celer mitgebracht hatte, genau. Publius Celer war ein f�r sein Alter r�stiger Mann, der genau zu wissen schien, was er wollte. Ein Schwerthieb hatte eine Narbe in dem einen Mundwinkel hinterlassen, die den Mund schief zog, so da� er stets sp�ttisch zu grinsen schien.</p><p>Mir �berbrachte er Gr��e von Seneca, der f�r meinen Brief dankte und mich aufforderte, nach Rom zur�ckzukehren, da Nero, nun er seine freisinnige Regierung antrat, seine Freunde um sich brauchte. Die Vergehen, Streitigkeiten und Fehler vergangener Tage waren vergessen und vergeben. Die Verbannten durften nach Rom zur�ckkehren. Von den V�tern in der Kurie unterst�tzt, hoffte Nero der ganzen Menschheit ein Gl�cksbringer werden zu k�nnen. Die �blichen offiziellen Ma�nahmen wurden getroffen. Die Verwaltungsbeh�rde beschlo�, bei dem bekanntesten Bildhauer Roms eine Statue Neros zu bestellen. Junius Silanus aber gab trotz seines Reichtums kein �ffentliches Mahl zu Neros Ehren, was eigentlich seine Pflicht gewesen w�re, sondern lud nur seine n�chsten Freunde auf sein Landgut ein, so da� wir nicht mehr als drei�ig bei Tisch waren. Nachdem er Kaiser Claudius, der durch Senatsbeschlu� zum Gott erhoben worden war, ein Trankopfer dargebracht hatte, wandte sich Junius Silanus mit rotem Kopf an Celer und sagte b�se: �Wir haben genug dummes Zeug geschwatzt. Sag mir jetzt, was in Rom wirklich geschehen ist.�</p><p>Publius Celer hob die Brauen und fragte mit einem schiefen L�cheln: �Haben deine Pflichten dich �beranstrengt? Wor�ber ereiferst du dich? Dein Alter und deine k�rperliche Verfassung vertragen keine unn�tigen Gem�tsbewegungen.�</p><p>Junius Silanus atmete wirklich schwer und war gereizt wie jeder, der eine Entt�uschung erlitten hat. Aber Publius Celer berichtete in scherzendem Tonfall: �An Claudius� Begr�bnistag hielt Nero als sein Sohn die �bliche Gedenkrede auf dem Forum. Ob er sie ganz allein entworfen oder ob Seneca ihm geholfen hatte, wage ich nicht zu sagen. Nero hatte trotz seiner Jugend schon Beweise seiner eigenen dichterischen Begabung abgelegt. Jedenfalls sprach er mit weithin hallender Stimme und sch�nen Geb�rden. Die V�ter, die Ritter und das Volk lauschten fromm, als Nero das ber�hmte Geschlecht des Claudius und die Triumphe seiner V�ter, seine eigene Gelehrsamkeit und seine Regierungszeit pries, in der der Staat von allen �u�eren Gefahren verschont geblieben war. Dann aber wechselte Nero geschickt den Tonfall und lobte, widerwillig und gleichsam nur durch Schick und Brauch gezwungen, auch des toten Claudius� Klugheit, G�te und Staatskunst. Da vermochte keiner mehr an sich zu halten. Gewaltiges Gel�chter unterbrach immer wieder Neros Rede. Man lachte sogar, als er von seinem eigenen unersetzlichen Verlust und gro�en Kummer sprach. Der Begr�bniszug war eine einzige Narrenposse, und niemand verbarg mehr seine Erleichterung dar�ber, da� Rom endlich der Willk�r eines grausamen, genu�s�chtigen und schwachsinnigen Prassers entronnen war.�</p><p>Junius Silanus schlug seinen goldenen Becher so heftig gegen die Kante seines Liegesofas, da� mir der Wein ins Gesicht spritzte, und br�llte: �Claudius war so alt wie ich, und ich dulde nicht, da� man sein Andenken beschimpft. Sobald die V�ter zur Vernunft kommen, werden sie wohl einsehen, da� der siebzehnj�hrige Sohn einer machtl�sternen Mutter nicht �ber die Welt herrschen kann.�</p><p>Celer nahm diese Worte ruhig auf. �Claudius ist zum Gott erh�ht worden�, sagte er. �Wer kann von einem Gott schlecht sprechen! In Elysiums Blumengefilden steht Claudius g�ttlich erhaben �ber aller Kritik und Verunglimpfung; das m��test du doch begreifen, Prokonsul. Senecas Bruder Gallio scherzte gewi� nur, als er sagte, Claudius sei mit einem Haken unterm Kinn zum Himmel hinaufgezogen worden, so wie wir die Leichen der Staatsverbrecher von Tullianum zum Tiber schleifen. Ein solcher Scherz beweist aber nur, da� man in Rom wieder offen zu lachen wagt.�</p><p>Als Junius Silanus immer noch vor Zorn und Atemlosigkeit schnaubte, schlug Publius Celer einen anderen Ton an und sagte warnend: �Es ist besser, du trinkst auf das Wohl des Imperators und vergi�t deinen Groll, Prokonsul.�</p><p>Auf seinen Wink brachte Helius einen neuen Goldbecher und reichte ihn Celer. Celer mischte vor aller Augen den Wein, schenkte ein, trank selbst aus dem Becher und reichte ihn Silanus, der ihn nach seiner Gewohnheit in wenigen Z�gen leerte, da er wohl oder �bel auf den neuen Kaiser trinken mu�te.</p><p>Als er den Becher wieder niedergesetzt hatte, wollte er offensichtlich noch eine bissige Bemerkung anbringen, aber pl�tzlich schwollen seine Schl�fenadern, er fuhr sich mit den H�nden an den Hals und st�hnte nur, w�hrend sein Gesicht blau anlief. Wir starrten ihn erschrocken an, und noch ehe einer von uns einer einzigen Bewegung f�hig war, st�rzte er schwer zu Boden. Sein K�rper zuckte noch einige Male, und dann tat er vor unser aller Augen seinen letzten Atemzug.</p><p>Wir waren entsetzt aufgesprungen, und keiner vermochte ein Wort zu sagen. Nur Publius Celer bewahrte die Fassung und lie� sich in ruhigem Tonfall vernehmen: �Ich warnte ihn davor, sich aufzuregen. Die Pflichten, die diese unerwarteten Ver�nderungen mit sich brachten, haben ihn �beranstrengt, und er nahm vor dem Mahl ein zu hei�es Bad. Wir wollen aber diesen Herzschlag eher als ein gutes Vorzeichen betrachten denn als ein b�ses. Ihr habt alle geh�rt, welch bitteren Groll er gegen den Imperator und dessen Mutter hegte. Aus Groll nahm sich seinerzeit auch sein j�ngerer Bruder Lucius das Leben, nur um Claudius und Agrippina den Hochzeitstag zu verderben, nachdem Claudius seine Verlobung mit Octavia gel�st hatte.�</p><p>Wir begannen alle durcheinanderzureden und bezeugten, da� wir gesehen hatten, wie pl�tzlich das Herz eines zu dicken Mannes vor �rger brechen kann. Helius holte den Arzt des Silanus, der sich an die gesunden Lebensregeln der Bewohner von Kos hielt und schon fr�h schlafen gegangen war. Er eilte erschrocken herbei, wandte die Leiche um, bat um mehr Licht und blickte mi�trauisch in den Hals des Toten. Dann verh�llte er, ohne ein Wort zu sagen, sein Haupt.</p><p>Als Publius Celer ihm einige Fragen stellte, bekannte er, da� er seinen Herrn oft vor der Prasserei gewarnt hatte, und best�tigte, da� alle Anzeichen auf einen Herzschlag deuteten.</p><p>��ber diesen Vorfall mu� ein �rztliches Zeugnis und ein amtliches Dokument ausgestellt werden, das wir alle als Zeugen unterzeichnen�, sagte Publius Celer. �Wenn eine bekannte Pers�nlichkeit eines pl�tzlichen Todes stirbt, geraten rasch die L�sterzungen in Bewegung. Deshalb mu� auch bezeugt werden, da� ich selbst von dem Wein kostete, den ich ihm reichte.�</p><p>Wir sahen einander verwirrt an. Es hatte zwar so ausgesehen, als h�tte Celer selbst aus dem Becher getrunken, aber er konnte uns auch get�uscht haben, wenn der Becher wirklich Gift enthielt. Ich habe hier alles so berichtet, wie es sich zutrug, denn sp�ter hie� es, Agrippina habe Celer mit dem ausdr�cklichen Auftrag entsandt, Silanus zu vergiften, und dieser starb ja auch genau zum richtigen Zeitpunkt.</p><p>Das Ger�cht behauptete, Celer habe sowohl Helius als auch den Arzt bestochen. Sogar mein Name wurde in diesem Zusammenhang genannt, und es fielen einige b�se Andeutungen des Sinnes, da� ich ein guter Freund Neros sei. Der Proze�, der auf Verlangen des Senats gegen Celer eingeleitet wurde, um der Sache auf den Grund zu gehen, wurde so lange verschleppt, bis Celer schlie�lich an Altersschw�che starb. Ich h�tte jederzeit gern zu seinen Gunsten ausgesagt. Helius bekam sp�ter eine hervorragende Stellung im Dienste Neros.</p><p>Das pl�tzliche Hinscheiden des Prokonsuls erregte verst�ndlicherweise Aufsehen in Ephesus und der ganzen Provinz Asia. Um die Bev�lkerung nicht zu beunruhigen, wurde kein gro�es Begr�bnis angesetzt, sondern wir verbrannten die Leiche in seinem eigenen geliebten Garten auf dem Landgut. Als der Scheiterhaufen niedergebrannt war, sammelten wir seine Asche in eine kostbare Urne, die wir in das in letzter Zeit rasch sich f�llende Mausoleum seiner Familie in Rom schickten. Publius Celer �bernahm, auf seine Vollmachten gest�tzt, das Amt des Prokonsuls in Asia, bis der Senat aus den Reihen der Bewerber, die ein Anrecht auf diese Stellung hatten, einen neuen ordentlichen Prokonsul ausloste. Die Amtszeit des Silanus w�re �brigens ohnehin bald abgelaufen gewesen.</p><p>Der Herrschaftswechsel f�hrte in Ephesus zu den �blichen Unruhen, die diesmal, durch den pl�tzlichen Tod des Prokonsuls, noch heftigere Formen als sonst annahmen. Die unz�hligen Wahrsager, Wunderheiler, Verk�ufer von Zauberb�chern und vor allem Silberschmiede, die kleine Nachbildungen des Artemistempels als Reiseandenken verkauften, nutzten die Gelegenheit, um auf den Stra�en L�rm zu schlagen und die Juden zu mi�handeln.</p><p>Schuld daran war selbstverst�ndlich wieder einmal Paulus, der, wie ich jetzt erst erfuhr, seit einigen Jahren Uneinigkeit in Ephesus stiftete. Ihn hatte der Arzt des Silanus gemeint, und ich hatte es nicht erraten. Paulus hatte seine Anh�nger dazu �berredet, alle ihre astrologischen Kalender und Traumb�cher im Wert von insgesamt ein paar Hunderttausend Sesterze auf dem Forum der Stadt zusammenzutragen und zu verbrennen, um seine, des Paulus, Gegner �ffentlich zu beleidigen. Diese B�cherverbrennung hatte im abergl�ubischen Ephesus viel b�ses Blut gemacht, und auch die Gebildeten, die nichts auf Horoskope und Traumdeutung gaben, hielten es f�r unrecht, B�cher zu verbrennen, und f�rchteten, man k�nnte nach der Sterndeuterei die Philosophie und die Dichtung zum Scheiterhaufen verdammen.</p><p>Ohnm�chtiger Zorn ergriff mich, als mir wieder einmal Paulus als Friedensst�rer genannt wurde. Ich h�tte Ephesus am liebsten augenblicklich verlassen, aber Publius Celer verlangte von mir, da� ich den Befehl �ber die r�mische Garnison und die Reiterei der Stadt �bernahm. Er f�rchtete neue Aufst�nde.</p><p>Tats�chlich vergingen kaum ein paar Tage, als uns auch schon der Rat der Stadt die beunruhigende Nachricht sandte, da� durch alle Stra�en der Stadt gro�e Volkshaufen zum griechischen Theater zogen, um dort eine gesetzwidrige Versammlung abzuhalten. Die Silberschmiede hatten zwei der Weggef�hrten des Paulus auf offener Stra�e ergriffen, aber seine anderen J�nger hinderten Paulus mit Gewalt daran, sich selbst zum Theater zu begeben. Sogar die V�ter der Stadt sandten ihm eine Warnung und legten ihm nahe, sich nicht unter die Menge zu mischen, denn das h�tte zu Mord f�hren k�nnen.</p><p>Als es offenbar wurde, da� der Rat der Stadt der Lage nicht mehr Herr war, befahl mir Publius Celer, die Reiterei herauszuf�hren, und stellte selbst eine Kohorte Fu�volk an den Eing�ngen des Theaters auf. Er l�chelte mit k�hlen Augen und schiefem Mund und sagte, er warte schon seit einiger Zeit auf eine g�nstige Gelegenheit dieser Art, um diesem streits�chtigen Volk einmal beizubringen, was r�mische Zucht und Ordnung sei.</p><p>Zusammen mit einem Hornisten und dem Kohortenf�hrer betrat ich das Theater, um ein Zeichen zu geben, falls es zu Gewaltt�tigkeiten kam. In dem riesigen Theater herrschten L�rm und Unruhe, und viele der Anwesenden wu�ten offenbar nicht einmal, worum es ging, sondern waren einfach nach Art der Griechen mitgelaufen, um wieder einmal aus vollem Hals zu br�llen. Bewaffnet schien keiner zu sein, aber ich konnte mir vorstellen, was f�r eine Panik ausbrechen w�rde, falls das Theater mit Gewalt ger�umt werden sollte.</p><p>Der Zunft�lteste der Silberschmiede versuchte die Volksmenge zu beruhigen, um sprechen zu k�nnen. Zuvor hatte er sich jedoch solche M�he gegeben, die Leute aufzuhetzen, da� er heiser geworden war und sich kaum verst�ndlich zu machen vermochte. Ich begriff immerhin so viel, da� er den Juden Paulus beschuldigte, er habe nicht nur in Ephesus, sondern in der ganzen Provinz Asia das Volk zu dem Glauben verf�hrt, die von Menschenhand gemachten G�tter seien keine wirklichen G�tter.</p><p>�Der Tempel der Artemis wird sein Ansehen verlieren und sie selbst, sie, die in Asia und der ganzen Welt verehrt wird, ihre Macht!� schrie er mit gebrochener Stimme.</p><p>Die gewaltige Zuh�rermenge br�llte aus vollem Hals: �Gro� ist die Artemis der Epheser!� Das Gebr�ll w�hrte so lange, da� mein Hornist unruhig wurde und schon blasen wollte, aber ich schlug seinen Arm nieder.</p><p>Einige Juden mit Quasten an den M�nteln dr�ngten sich zur B�hne, stie�en einen Kupferschmied nach vorn und riefen: �La�t Alexander sprechen!� Ich nehme an, dieser Alexander wollte erkl�ren, da� die rechtgl�ubigen Juden nichts mit Paulus zu schaffen hatten und da� dieser nicht einmal unter den Christen in Ephesus volles Vertrauen geno�.</p><p>Als die Zuh�rer aber an seiner Kleidung erkannten, da� er Jude war, wollten sie ihn nicht zu Wort kommen lassen, und sie hatten insofern recht, als ja auch die rechtgl�ubigen Juden die G�tterbilder und deren handwerkliche Anfertigung verurteilten. Um ihn am Reden zu hindern, brach das Volk wieder in den Ruf aus: �Gro� ist die Artemis der Epheser!� Nun dauerte das Gebr�ll, ich �bertreibe nicht, volle zwei Striche auf der Wasseruhr.</p><p>Auf einmal stand Publius Celer mit blankem Schwert neben mir und herrschte mich an: �Warum l��t du nicht das Signal blasen? Wir jagen die ganze Versammlung im Handumdrehen auseinander!�</p><p>Ich sagte warnend: �In dem Gedr�nge w�rden einige Hundert Menschen niedergetrampelt werden.� Der Gedanke schien ihm zu behagen, deshalb f�gte ich rasch hinzu: �Sie preisen ihre eigene Artemis. Es w�re sowohl eine L�sterung als auch eine politische Dummheit, eine Versammlung aus diesem Grunde auseinanderzutreiben.�</p><p>Als der oberste Richter der Stadt uns an einer der Eingangst�ren stehen und z�gern sah, winkte er uns verzweifelt zu und bedeutete uns, zu warten. Sein Ansehen war so gro�, da� das Volk sich allm�hlich beruhigte, als er die B�hne betrat, um zu sprechen.</p><p>Nun wurden die beiden Christen nach vorn gesto�en. Man hatte sie geschlagen und ihnen die Kleider zerrissen, aber Schlimmeres war ihnen nicht geschehen. Die Juden bespuckten sie, um zu zeigen, was sie von ihnen hielten. Der Richter ermahnte jedoch das Volk, nicht un�berlegt zu handeln, und erinnerte es daran, da� die Stadt Ephesus das vom Himmel herabgefallene Abbild der G�ttin Artemis zu verehren habe und keine anderen. Seiner Meinung nach waren die Anh�nger des Juden Paulus weder Tempelsch�nder noch auch nur L�sterer.</p><p>Die Vern�nftigsten unter den Zuh�rern schielten nach meinem roten Helmbusch und dem Hornisten und begannen sich einen Weg aus dem Theater zu bahnen. Einen Augenblick stand alles auf des Messers Schneide, dann aber erinnerten sich viele der Gebildeteren abschreckender Beispiele aus der Geschichte und beeilten sich, das Theater zu verlassen. Publius Celer knirschte mit den Z�hnen. Wenn es ihm verg�nnt gewesen w�re, einen scheinbaren Aufstand niederzuschlagen, h�tte er nach alter r�mischer Sitte einen Brand legen und die Werkst�tten der Silberschmiede pl�ndern k�nnen. So blieb ihm nichts anders �brig, als das Theater zu besetzen und die letzten der Aufwiegler und der Juden, die noch nicht gehen wollten, verpr�geln zu lassen. Das war aber auch alles, was an diesem Tag geschah.</p><p>Sp�ter machte er mir bittere Vorw�rfe und sagte: �Wir k�nnten beide steinreich sein, wenn du nicht so unentschlossen gewesen w�rst. Nach der Niederwerfung eines Aufstandes st�nden wir obenan auf der Rolle des Ritterstandes. Als Ursache des Aufruhrs h�tten wir die schlappe Regierung des Silanus angeben k�nnen. Man mu� die Gelegenheit im Flug ergreifen, sonst vers�umt man sie f�r alle Zeit.�</p><p>Paulus hielt sich eine Weile versteckt und mu�te dann aus der Stadt fliehen. Nachdem ich ihm auf Umwegen eine ernste Warnung hatte zugehen lassen, h�rten wir, da� er nach Makedonien gereist war. Nach seinem Fortgang wurde es allm�hlich ruhig in der Stadt, und die Juden hatten an anderes zu denken. Es befanden sich unter ihnen �brigens viele aus Rom verbannte Handwerker, die auf Grund der allgemeinen Begnadigung bei Fr�hjahrsbeginn zur�ckzukehren gedachten.</p><p>Einstweilen tobten die Winterst�rme, und im Hafen lag nicht ein einziges Schiff, das bereit gewesen w�re, nach Italien abzusegeln. Publius Celer hatte jedoch einen tiefen Groll gegen mich gefa�t. Um nicht bleiben und mit ihm streiten zu m�ssen, suchte ich weiter und machte schlie�lich ein kleines Schiff ausfindig, das, mit G�tterbildern schwer befrachtet, unter dem Schutz der Artemis die Fahrt nach Korinth anzutreten wagte. Wir hatten das Gl�ck, den Nordst�rmen zu entgehen, mu�ten aber unterwegs mehrere Male in Inselh�fen Schutz suchen.</p><p>Hierax Lausius hatte mich als tot betrauert, da er so lange nichts von mir geh�rt hatte. Er war noch dicker geworden, trug den Kopf sehr hoch und hatte sich beim Sprechen einen feierlichen Tonfall angew�hnt. Er war mit der f�lligen griechischen Witwe verheiratet und hatte zwei elternlose Knaben ins Haus genommen, um f�r ihre Erziehung zu sorgen und ihr Eigentum zu verwalten. Stolz zeigte er mir seinen Fleischladen, der im Sommer durch Quellwasser aus dem Berg k�hl gehalten wurde. Er hatte auch Anteile an Schiffen erworben und kaufte handwerklich ausgebildete Sklaven, um eine eigene Bronzegie�erei zu gr�nden. Als ich ihm von den Unruhen in Ephesus erz�hlte, nickte er verst�ndnisvoll und sagte: �Ja, wir haben auch hier unsere Zwistigkeiten. Du erinnerst dich gewi�, da� Paulus nach Jerusalem reiste, um vor den �ltesten Rechenschaft abzulegen. Sie fanden seine Lehre zu verworren und verweigerten ihm, soviel wir h�rten, ihre Zustimmung. Kein Wunder, da� er nun in seinem Zorn noch hitziger predigt. Es ist vielleicht wirklich etwas von der Kraft Christi auf ihn �bergegangen, da er ja einige Wunderheilungen zustande gebracht hat, aber die vern�nftigen Christen halten sich lieber von ihm fern.�</p><p>�Du bist also immer noch Christ?� fragte ich verwundert.</p><p>�Ich glaube sogar, ich bin ein besserer Christ als je zuvor�, antwortete Hierax. �Ich habe den Frieden in meiner Seele, eine gute Frau und Erfolge in meinen Unternehmungen. Es kam �brigens ein Bote, der Apollos hei�t, hierher nach Korinth. Er hat die Schriften der Juden in Alexandria studiert und ist in Ephesus von Aquila und Prisca unterrichtet worden. Er ist ein hinrei�ender Redner und gewann sich viele Anh�nger. Wir haben daher nun eine Apollos-Partei, die ihre eigenen Versammlungen und M�hler abh�lt und nicht mit den �brigen Christen verkehrt, Prisca hatte so gut von ihm gesprochen, da� er hier herzlich empfangen wurde, und sp�ter erst erkannten wir, wie machtl�stern er ist. Zum Gl�ck weilt auch Kephas unter uns, der Erste der J�nger Christi. Er ist viel umhergereist, um die Gem�ter zu beruhigen, und gedenkt im Fr�hling Rom aufzusuchen, um daf�r zu sorgen, da� nicht der alte Streit wieder ausbricht, wenn die verbannten Juden zur�ckkehren. Ich glaube ihm mehr als allen anderen, denn was er lehrt, das hat er aus dem Munde Christi selbst geh�rt.�</p><p>Hierax sprach so ehrerbietig von Kephas, da� ich Lust bekam, ihn zu sehen, obwohl mir Juden wie Christen schon bis zum Halse standen. Ich erfuhr, da� Kephas urspr�nglich ein galil�ischer Fischer gewesen war, den Jesus von Nazareth etwa f�nfundzwanzig Jahre vor meiner Geburt gelehrt hatte, Menschen zu fischen. Kephas hatte da gewi� eine schwere B�rde auf sich genommen, denn er war ein ungebildeter Mann aus dem Volke und sprach mit knapper Not ein paar Worte Griechisch. Er mu�te daher immer einen Dolmetsch mitf�hren. Ich glaubte jedoch allen Grund zu haben, einen Mann kennenzulernen, dem es gelungen war, Hierax fromm zu machen, denn dieses Wunder hatte nicht einmal Paulus mit all seiner j�dischen Gelehrsamkeit und seinem Glaubenseifer bewirken k�nnen.</p><p>Kephas wohnte bei einem der Juden, die sich zu Christus bekannten. Dieser Jude betrieb einen Handel mit in �l eingelegtem Fisch und war kein verm�gender Mann. Als ich sein Haus, zu dem Hierax mich gef�hrt hatte, betrat, r�mpfte ich die Nase. Es stank nach Fisch, und unter meinen Schritten knirschte der Sand, den die vielen Besucher ins Haus gebracht hatten. Ich befand mich in einem kleinen, schlecht beleuchteten Raum. Der j�dische Wirt des Kephas begr��te uns verlegen und mi�trauisch, so als f�rchtete er, meine Anwesenheit k�nnte seine Wohnstatt verunreinigen.</p><p>Er geh�rte offenbar zu jenen Juden, die zwar Christus gew�hlt hatten, dabei aber immer noch versuchten, das j�dische Gesetz einzuhalten und die Ber�hrung mit unbeschnittenen griechischen Christen zu vermeiden. Er befand sich in einer schwierigeren Lage als die Griechen, da die rechtgl�ubigen Juden ihn als Abtr�nnigen mit besonderem Ha� verfolgten, und zudem litt er st�ndig Gewissensqualen wegen des Gesetzes.</p><p>Der Jude Kephas trug Quasten an seinem Mantel. Er war ein hochgewachsener Mann mit dichtem Haupthaar und Silberf�den im Bart. Seinen breiten, kr�ftigen H�nden sah man an, da� er fr�her einmal schwere k�rperliche Arbeit verrichtet hatte. Sein Blick war gelassen und furchtlos, und als er mich betrachtete, glaubte ich, in seinen Augen eine gewisse Bauernschl�ue zu erkennen, die mich f�r ihn einnahm. Er strahlte Ruhe und Sicherheit aus.</p><p>Ich mu� gestehen, da� ich von unserem Gespr�ch nicht viel behalten habe. Meist sprach Hierax, auf eine schmeichlerische Art, und wir hatten unsere Not mit dem Dolmetsch, einem schm�chtigen Juden, der Marcus hie� und viel j�nger als Kephas war. Kephas sprach ein tr�ges Aram�isch in kurzen S�tzen. Ich erinnerte mich meiner Kindheit in Antiochia und versuchte zu verstehen, was er sagte, bevor der Dolmetsch �bersetzte, doch das verwirrte mich nur. Im Grunde aber fand ich, da� Kephas eigentlich nichts Bemerkenswertes zu sagen hatte. Er wirkte am st�rksten durch die vers�hnliche W�rme, die von ihm ausging.</p><p>Kephas versuchte auf eine etwas kindliche Art seine Gelehrsamkeit zu beweisen, indem er aus den Schriften der Juden zitierte. Er wies die Schmeicheleien des Hierax w�rdevoll zur�ck und ermahnte ihn, nur Jesu Christi Gott und Vater zu preisen, der ihn, Hierax, in seiner Barmherzigkeit zu lebendiger Hoffnung wiedergeboren hatte.</p><p>Hierax hatte pl�tzlich Tr�nen in den Augen und bekannte aufrichtig, da� er zwar eine Art Wiedergeburt in seinem Herzen wahrgenommen habe, da� aber sein K�rper noch immer ein Tummelplatz selbsts�chtiger Begierden sei. Kephas tadelte ihn nicht, sondern betrachtete ihn nur mit einem zugleich milden und schlauen Blick, so als durchschaute er ihn zwar in seiner ganzen menschlichen Schw�che, s�he aber doch auch eine Spur echten Strebens nach dem Guten in seiner abgefeimten Sklavenseele.</p><p>Hierax bat Kephas eifrig, zu berichten, wie er K�nig Herodes entronnen war und welche Wunder er in Jesu Christi Namen getan hatte. Der aber hatte begonnen, mich aufmerksam zu mustern, und mochte nicht mit seinen Wundertaten prahlen. Statt dessen trieb er ein wenig Spott mit sich selbst und sagte uns, wie wenig er Jesus von Nazareth verstanden hatte, als er vor dessen Kreuzigung noch mit ihm wanderte. Er berichtete uns sogar, da� es ihm nicht einmal gelungen war, wach zu bleiben, w�hrend Jesus in der letzten Nacht seines Erdenlebens betete. Als Jesus gefangengenommen worden war, war er ihm nachgegangen und hatte drau�en im Hof beim Kohlenfeuer dreimal geleugnet, da� er ihn kannte, ganz wie Jesus es ihm vorausgesagt hatte, als er, Kephas, sich damit br�stete, da� er bereit sei, mit ihm zu leiden.</p><p>Ich kam allm�hlich zu der �berzeugung, da� des Kephas eigentliche St�rke gerade solche einfachen Geschichten waren, die er Jahr f�r Jahr so oft wiederholt hatte, da� er sie flie�end vorzutragen vermochte. Er, der ungelehrte und des Schreibens unkundige Fischer, trug Christi eigene Worte und Lehrspr�che genau im Ged�chtnis und versuchte durch seine Demut und Bescheidenheit anderen Christen ein Vorbild zu sein, die sich, wie Hierax, im Namen Christi wie Kr�ten aufblasen konnten.</p><p>Kephas hatte nichts Absto�endes an sich, aber ich ahnte, da� er schrecklich aussehen konnte, wenn er sich erz�rnte. Auch er machte keinen Versuch, mich zu bekehren, als er mich eine ganze Weile pr�fend betrachtet hatte, und das kr�nkte mich ein wenig.</p><p>Auf dem Heimweg gab mir Hierax seine eigene Auffassung offenherzig zu erkennen: �Wir Christen betrachten einander als Br�der. Wie aber alle Menschen ungleich sind, so sind es auch wir Christen. Deshalb gibt es nun eine Partei des Paulus, eine Partei des Apollos, eine Partei des Kephas und andere, die sich, wie ich, einfach an Christus halten und tun, was sie selbst f�r gut finden, und unsere gegenseitige Unduldsamkeit und Eifersucht machen uns viel zu schaffen. Die Neubekehrten schreien und zanken sich am lautesten im Namen des Geistes und tadeln die friedsameren wegen ihrer Lebensweise. Ich f�r mein Teil halte mich, seit ich mit Kephas zusammengetroffen bin, nicht f�r vortrefflicher und weniger tadelnswert als andere.�</p><p>Mein erzwungener Aufenthalt in Korinth machte mich unruhig, und ich f�hlte mich in meinem eigenen Hause nicht wohl. Ich kaufte ein Geschenk f�r Nero: ein aus Elfenbein sch�n geschnitztes Viergespann, denn ich erinnerte mich, da� er als Kind, als seine Mutter ihn noch nicht zu den richtigen Wagenrennen gehen lie�, mit etwas �hnlichem gespielt hatte.</p><p>Die Saturnalien waren l�ngst vor�ber, als ich endlich nach einer st�rmischen �berfahrt �ber Puteoli nach Rom heimkehrte.</p><p>Tante Laelia war vor Alter krumm und z�nkisch geworden und schimpfte mich aus, weil ich mir fast drei Jahre lang nicht die M�he genommen hatte, ihr zu schreiben. Nur Barbus freute sich aufrichtig, mich wiederzusehen, und berichtete, da� er Mithras f�r mein Wohlergehen einen ganzen Stier geopfert hatte, und als ich ihm meine Erlebnisse erz�hlte, war er �berzeugt, da� mich nur das Opfer aus der Gefangenschaft in Kilikien errettet hatte.</p><p>Ich wollte als erstes auf den Virinal gehen, um meinen Vater zu begr��en, so fremd ich mich ihm gegen�ber auch f�hlte, aber Tante Laelia, die sich wieder beruhigt hatte, zog mich beiseite und sagte: �Du gehst am besten nirgendshin, solange du noch nicht wei�t, was alles in Rom geschehen ist.�</p><p>Sie kochte vor boshaftem Eifer und behauptete, Claudius habe in seinen letzten Tagen beschlossen, Britannicus trotz dessen Jugend die Toga zu geben, und in betrunkenem Zustand von Agrippinas Herrschsucht gesprochen. Deshalb habe ihm Agrippina giftige Pilze zu essen gegeben. Ganz Rom spreche davon, und Nero habe von der Sache gewu�t und gesagt, ein Pilzgericht k�nne einen Menschen zum Gott machen. Claudius war, wie ich schon wu�te, zum Gott erh�ht worden, und Agrippina lie� ihm einen Tempel errichten. Bisher hatten sich aber noch nicht viele zum Priesterkollegium gemeldet.</p><p>�Rom ist also noch das gleiche Klatschnest wie fr�her�, sagte ich bitter. �Man wei� doch schon seit Jahren, da� Claudius an Magenkrebs litt, wenn er es sich selbst auch nicht eingestehen wollte. Willst du mir mit Absicht die Freude verderben? Ich kenne Agrippina und bin ein Freund Neros. Wie sollte ich so Schlimmes von den beiden denken!�</p><p>�Der Sekret�r Narcissus hat auch einen Sto� abbekommen, der ihn in den Hades bef�rderte�, fuhr Tante Laelia fort, ohne auf meine Worte zu achten. �Zu seiner Ehre mu� allerdings gesagt werden, da� er vor seinem Selbstmord das Geheimarchiv des Claudius verbrannte, das Agrippina um jeden Preis haben wollte. Auf diese Weise rettete er so manchem Mann im Staate das Leben. Agrippina mu�te sich mit hundert Millionen Sesterze begn�gen, die sie aus seiner Hinterlassenschaft forderte. Glaub, was du willst, aber ich sage dir, da� es in Rom ein Blutbad gegeben h�tte, wenn es Agrippina gelungen w�re, ihren Willen durchzusetzen. Zum Gl�ck sind Seneca und Burrus, der Pr�fekt der Pr�torianer, vern�nftige M�nner und hinderten sie daran. Seneca wurde zum Konsul gew�hlt, nachdem er, um dem Senat zu gefallen, eine so b�se Satire �ber Claudius geschrieben hatte, da� niemand mehr von dessen G�ttlichkeit h�ren kann, ohne einen Lachanfall zu bekommen. An sich war das ja nur eine Rache f�r die Verbannung. Wer sich in Rom ein wenig auskennt, wei�, da� Seneca wegen der Liebschaft mit Agrippinas Schwester in die Verbannung geschickt wurde. Das arme M�dchen mu�te deshalb sterben. Ich wei� nicht, ob wir viel Gutes zu erwarten haben, wenn ein sch�nrednerischer Philosoph die Staatsgesch�fte wahrnimmt. Die Zeiten haben sich ge�ndert. Die jungen Leute lassen sich sogar nach Art der Griechen unanst�ndig gekleidet auf der Stra�e blicken, nun da Claudius sie nicht mehr zwingt, die Toga zu tragen.�</p><p>Tante Laelia schwatzte noch viel, bis ich ihr endlich entkam. W�hrend ich zum Haus meines Vaters auf dem Virinal eilte, bemerkte ich, da� man sich auf den Stra�en Roms viel freier benahm als fr�her. Die Menschen wagten zu lachen. Die unz�hligen Statuen auf dem Forum waren mit Spottversen vollgekritzelt, die unter allgemeiner Heiterkeit laut vorgelesen wurden. Niemand machte sich die M�he, Sie wegzukratzen. Obwohl es noch fr�her Nachmittag war, sah ich eine ganze Anzahl betrunkener und auf der Zither klimpernder langhaariger J�nglinge.</p><p>Tullias Atrium war wie �blich gedr�ngt voll von Menschen, die empfangen werden wollten, um irgendeine Gunst zu erbitten, diensteifrige Klienten und zu meinem Leidwesen auch Juden, die meinen Vater offenbar nie in Ruhe lie�en. Tullia brach ihr eifriges Gespr�ch mit zwei vornehmen Klatschbasen ab, kam mir zu meiner Verwunderung entgegengest�rzt und umarmte mich herzlich. Ihre fetten Finger glitzerten vor lauter Ringen, und die schlaffe Haut ihres Halses versuchte sie mit einem breiten Halsband zu verbergen, das mit Juwelen in mehreren Farben besetzt war.</p><p>�Es ist h�chste Zeit, da� du von deinen Irrfahrten nach Rom heimkehrst, Minutus!� rief sie. �Als dein Vater h�rte, da� du verschwunden warst, wurde er krank vor Unruhe und Sorge, obwohl ich ihn daran erinnerte, wie er selbst sich in seiner Jugend aufgef�hrt hatte. Zum Gl�ck sehe ich nun, da� du frisch und gesund bist, du schlechter Kerl! Aber hast du dich in Asia mit Betrunkenen gepr�gelt, weil du so h��liche Narben im Gesicht hast? Ich f�rchtete schon, dein Vater sorgt sich deinetwegen noch zu Tode.�</p><p>Mein Vater war gealtert, benahm sich aber in seiner Eigenschaft als Senator w�rdevoller als zuvor. Als ich ihn nach so langer Zeit zum erstenmal wiedersah, fiel mir auf, da� er die traurigsten Augen hatte, die ich je bei einem Menschen bemerkt hatte. Wir konnten nicht unbeschwert miteinander reden, so froh er gewi� �ber meine Heimkehr war. Ich begn�gte mich damit, von meinen Erlebnissen zu berichten, und tat die Zeit meiner Gefangenschaft mit ein paar Worten ab.</p><p>Zuletzt fragte ich ihn, mehr im Scherz als im Ernst, was denn die Juden noch immer von ihm wollten.</p><p>Mein Vater erkl�rte mir schuldbewu�t: �Prokurator in Jud�a ist jetzt Felix, der Bruder des Pallas. Du wirst dich erinnern: Felix, der sich mit einer Enkelin Kleopatras verm�hlte. Seine Habsucht gibt st�ndig zu Klagen Anla�, oder vielleicht verh�lt es sich ganz einfach so, da� den Juden, diesen ewigen Streithammeln, nichts gut genug ist. Nun hat wieder einmal irgendeiner irgendwo irgendeinen erschlagen. Ich glaube, ganz Jud�a ist in den H�nden einer R�uberbande. Das ist ein Morden und Brennen ohne Ende, und Felix ist offenbar nicht imstande, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Juden wollen die Sache vor den Senat bringen, aber wer m�chte sich da einmischen! Pallas ist viel zu m�chtig, und keiner will sich mit ihm verfeinden. Au�erdem hat der Senat genug wirkliche Sorgen mit Armenien und Britannien. Wir treten jetzt im Palast zusammen, weil Agrippina hinter einem Vorhang den Besprechungen des Senats lauschen will. Bequemer haben wir es dort allerdings als in der entsetzlichen Kurie, wo einige von uns stehen mu�ten, wenn der Senat einmal durch ein Wunder vollz�hlig versammelt war, und wo man sich im Winter die F��e erfror.�</p><p>�Und Nero?� fragte ich eifrig. �Was h�ltst du von ihm?�</p><p>�Ich wei�, da� Nero w�nschte, er h�tte nie schreiben gelernt, als er zum erstenmal ein Todesurteil durch seine Unterschrift best�tigen mu�te�, erwiderte mein Vater. �Vielleicht ist er wirklich die Hoffnung der Menschheit, wie einige aufrichtig glauben. Jedenfalls hat er einen Teil seiner richterlichen Gewalt den Konsuln und dem Senat �bertragen. Ob er es tat, um uns V�tern seine Achtung zu erweisen oder um sich selbst einem angenehmeren Zeitvertreib widmen zu k�nnen, das wei� ich nicht.�</p><p>Mein Vater redete offensichtlich nur, um irgend etwas zu sagen. Er runzelte die Stirn, blickte zerstreut an mir vorbei und schien sich nicht im geringsten f�r die Staatsgesch�fte zu interessieren. Pl�tzlich sah er mir forschend in die Augen und fragte: �Minutus, mein Sohn, was gedenkst du mit deinem Leben anzufangen?�</p></section><section><p>�Ich habe zwei Jahre lang gedem�tigt und elender als ein Sklave in einer finsteren H�hle gehaust�, erwiderte ich trotzig. �Zwei Jahre hat mir eine Laune der Gl�cksg�ttin von meinem Leben genommen. Wenn ich �berhaupt etwas denke, so das, da� ich mir einmal diese zwei Jahre zur�ckholen und mich wie ein Mensch meines Lebens freuen will, ohne mich mit unn�tigen Dingen zu beschweren und mir die Gaben des Lebens zu versagen.�</p><p>Mein Vater zeigte auf die glattpolierten W�nde, und seine Geb�rde schlo� gleichsam die ganze Pracht des Hauses ein. �Vielleicht lebe auch ich in einer finsteren H�hle�, sagte er mit abgrundtiefer Trauer in der Stimme. �Ich unterwerfe mich Pflichten und Ehren, um die ich nicht gebeten habe. Du aber bist Blut von deiner Mutter Blut und darfst nicht verlorengehen. Hast du den Becher deiner Mutter noch?�</p><p>�Er ist nur aus Holz, und deshalb hielten es die kilikischen R�uber nicht der M�he wert, ihn mir abzunehmen�, sagte ich. �Wenn wir mehrere Tage kein Wasser bekamen, die Zunge am Gaumen klebte und unser Atem stank wie Raubtieratem, hielt ich den Becher an die Lippen und bildete mir ein, er sei voll. Doch das war er nicht. Ich glaubte es nur in meinem Wahn.�</p><p>Ich h�tete mich, meinem Vater von Paulus und Kephas zu erz�hlen, denn ich wollte sie aus meinem Ged�chtnis streichen, als h�tte ich sie nie gesehen. Mein Vater sagte jedoch: �Ich wollte, ich w�re ein Sklave und arm, um mein Leben von neuem zu beginnen. Aber f�r mich ist es zu sp�t. Die Fesseln sind mir schon ins Fleisch eingewachsen.�</p><p>Der Traum der Philosophen vom einfachen Leben bedeutete mir nichts. Seneca hatte die Segnungen der Armut und der Sinnesruhe in sch�nen, wohlgesetzten Worten gepriesen, er selbst aber lie� sich von Macht, Ehre und Reichtum bezaubern und erkl�rte, diese k�nnten den Weisen ebensowenig ersch�ttern wie Armut und Verbannung.</p><p>Zuletzt sprachen wir �ber finanzielle Dinge. Nachdem er sich mit Tullia beraten hatte, beschlo� mein Vater, mir zun�chst einmal eine Million Sesterze zur Verf�gung zu stellen, damit ich standesgem�� leben, G�ste einladen und n�tzliche Verbindungen ankn�pfen konnte. Er versprach mir f�r sp�ter noch mehr, da es ihm, wie er sagte, unm�glich war, sein Geld aufzubrauchen, sosehr er sich auch bem�hte.</p><p>�Dein Vater braucht etwas, was ihn befriedigen und sein Leben ausf�llen w�rde�, klagte Tullia. �Er macht sich nicht einmal mehr etwas aus den Vorlesungen, obwohl ich ein eigenes Auditorium im Haus einrichten lie�, weil ich annahm, du w�rdest dich vielleicht ganz dem Schreiben widmen. Er sollte alte Musikinstrumente oder griechische Malereien sammeln und dadurch ber�hmt werden. Manche legen Wasserbecken an, in denen sie seltene Fische z�chten, oder bilden Gladiatoren aus, und er h�tte sogar die Mittel, sich Rennpferde zu halten. Das ist der kostspieligste und vornehmste Zeitvertreib, den ein Mann in mittleren Jahren sich leisten kann. Aber nein, er ist ja so starrsinnig. Bald l��t er irgendeinen Sklaven frei, bald teilt er Geschenke an wertloses Gesindel aus. Er k�nnte sich freilich auch noch einen schlimmeren Zeitvertreib einfallen lassen, und im allgemeinen kommen wir ja ganz gut miteinander aus, nachdem jeder gelernt hat, ein wenig nachzugeben.�</p><p>Ich h�tte bis zum Abend bleiben sollen, glaubte aber, mich so rasch wie m�glich im Palast anmelden zu m�ssen, bevor die Kunde von meiner Ankunft auf anderen Wegen dorthin gelangt war. F�r so wichtig hielt ich mich. Die Wachtposten lie�en mich eintreten, ohne mich auf Waffen zu durchsuchen, so sehr hatten sich die Zeiten ge�ndert, aber wie verwunderte ich mich, als ich sah, was f�r eine Menge von Gl�cksrittern in den Arkaden herumlungerte und auf eine g�nstige Gelegenheit wartete! Ich wandte mich an mehrere H�flinge, aber Seneca war so besch�ftigt, da� er mich nicht empfangen konnte, und Kaiser Nero selbst hatte sich eingeschlossen, um zu dichten, und durfte nicht gest�rt werden, wenn die Musen bei ihm weilten.</p><p>Ich war bedr�ckt, als ich erkannte, wie gro� die Zahl derer war, die auf irgendeine Weise die Gunst des jungen Kaisers zu erlangen trachteten. Als ich schon wieder gehen wollte, kam einer der unz�hligen Sekret�re des Pallas und f�hrte mich zu Agrippina. Sie schritt erregt auf und ab und trat die kostbaren orientalischen Teppiche zur Seite.</p><p>�Warum l��t du dich nicht sofort bei mir melden?� fragte sie zornig. �Hast auch du alle Achtung und Verehrung f�r mich abgelegt? Undank ist der Welt Lohn. Ich glaube nicht, da� es eine Mutter gibt, die so viel f�r ihren Sohn und seine Freunde getan hat wie ich.�</p><p>�Augusta, Mutter des Vaterlandes�, rief ich, obwohl ich wu�te, da� sie diesen Ehrentitel nicht erhalten hatte, denn sie war nur Priesterin des Gottes Claudius. �Wie kannst du mir Undank vorwerfen! Ich wagte es nur nicht, dich mit meinen unwichtigen Angelegenheiten in deiner gro�en Trauer und Sorge zu st�ren.�</p><p>Agrippina ergriff meine Hand, dr�ckte ihren vollen Busen gegen meinen Arm und atmete mir einen aufdringlichen Veilchenduft ins Gesicht. �Es ist gut, da� du zur�ckgekommen bist, Minutus Lausus�, sagte sie. �Du bist nicht leichtsinnig, obwohl du einst in deiner Unerfahrenheit einen Fehltritt begangen hast. Nero braucht jetzt seine wirklichen Freunde. Er ist unentschlossen und allzu leicht zu beeinflussen. Vielleicht habe ich ihn zu streng behandelt, ich wei� es nicht, aber ich glaube nun zu bemerken, da� er mir mit Absicht ausweicht, obwohl er anfangs immer neben mir in der S�nfte sa� oder ihr h�flich folgte. Du wei�t vielleicht, da� mir der Senat das Recht zugesprochen hat, im Wagen bis zum Kapitol hinaufzufahren, wenn ich will. Nero verschwendet wahnwitzige Summen f�r unw�rdige Freunde, Zitherspieler, Schauspieler, Wagenlenker und Verfasser aller erdenklichen Huldigungsschriften, so als h�tte er vom Wert des Geldes keine Vorstellung. Pallas ist sehr besorgt. Ihm ist es zu danken, da� zu Lebzeiten des armen Claudius wenigstens noch eine gewisse Ordnung in den Staatsfinanzen herrschte. Die kaiserliche Handkasse war streng von der Staatskasse getrennt, aber diesen Unterschied will Nero nicht begreifen. Noch dazu hat er sich in eine Sklavin vergafft. Es ist nicht zu fassen: Nero zieht ein wei�h�utiges M�dchen seiner eigenen Mutter vor! Das ist ein Benehmen, wie es sich f�r einen Kaiser nicht ziemt, und noch dazu hat er betr�gerische Freunde, die ihn zu allerlei unsittlichen Dingen verf�hren.�</p><p>Die willensstarke, sch�ne Agrippina, die sonst so beherrscht und erhaben wie eine G�ttin auftrat, war so erregt, da� sie, in allzu gro�em Vertrauen auf meine Freundschaft, ihrer Entt�uschung vor mir Luft machte!</p><p>�Seneca hat mein Vertrauen auf die gemeinste Weise mi�braucht!� rief sie. �Dieser verfluchte glattz�ngige Heuchler! Ich war es, die ihn aus der Verbannung zur�ckholte. Ich war es, die ihn als Lehrer f�r Nero anstellte. All seine Erfolge hat er mir zu danken. Du wei�t, wie es in Armenien aussieht. Als Nero Gesandte von dort empfangen sollte, ging ich in den Saal, um meinen rechtm��igen Platz an seiner Seite einzunehmen. Seneca aber bat Nero, mich hinauszuf�hren, behutsam und ganz als liebender Sohn. Es war eine Beleidigung in aller �ffentlichkeit. Die Frau soll sich nicht in die Staatsgesch�fte einmischen, ja, aber es gibt eine Frau, die Nero zum Kaiser gemacht hat!�</p><p>Ich konnte mir vorstellen, was die armenischen Gesandten gedacht haben w�rden, wenn sie eine Frau �ffentlich neben dem Kaiser h�tten auftreten sehen, und fand, da� Nero in dieser Sache mehr Verstand bewiesen hatte als Agrippina, aber das konnte ich ihr nicht sagen. Ich betrachtete sie erschrocken, wie man eine verwundete L�win betrachtet, und begriff, da� ich gerade rechtzeitig zur�ckgekehrt war, um die Entscheidung in dem Kampf darum mitzuerleben, wer in Rom herrschen sollte: Agrippina oder die Ratgeber Neros. Ich war �berrascht, denn ich wu�te, wie abh�ngig Nero einst von seiner Mutter gewesen war.</p><p>Verwirrt versuchte ich etwas von meinen eigenen Erlebnissen zu berichten, aber Agrippina hatte nicht die Geduld, mir zuzuh�ren. Erst als ich den Herzschlag des Prokonsuls Silanus erw�hnte, merkte sie auf, nickte und sagte: �Es war das beste so, sonst w�ren wir eines Tages gezwungen gewesen, ihn wegen Verrats zu verurteilen. Alle Silvaner waren giftige Ottern in ihrem Familienstolz.�</p><p>In diesem Augenblick kam ein Diener herbeigeeilt und meldete, da� Nero sich, versp�tet wie �blich, zu Tisch begeben hatte. Agrippina gab mir einen Schlag auf die Schulter und sagte: �Lauf, du Dummkopf! Lauf, und la� dich von niemandem aufhalten.�</p><p>So bezwingend war ihr Wille, da� ich mich wirklich halb laufend auf den Weg machte und allen Dienern, die mich aufhalten wollten, zu verstehen gab, ich sei zum Abendtisch des Kaisers geladen. Nero hielt in dem kleineren Speiseraum des Palastes Tafel, der nur etwa f�nfzig G�ste fa�te und schon so voll war, da� die Liegesofas nicht mehr ausreichten und je drei sich eines teilten. Mehrere G�ste mu�ten sogar sitzen. Nero war erhitzt und nachl�ssig gekleidet, aber sein angenehmes J�nglingsgesicht strahlte vor Freude. Er starrte mich zuerst kurzsichtig an, umarmte mich dann aber und lie� mir einen Stuhl neben seinen eigenen Ehrenplatz stellen.</p><p>�Die Musen waren mir gewogen!� rief er. Dann beugte er sich vor und fl�sterte mir ins Ohr: �Minutus, Minutus, hast du je erfahren, was es hei�t, aus ganzer Seele zu lieben? Lieben und geliebt werden, was kann der Mensch sich Sch�neres w�nschen!�</p><p>Er a� rasch und gierig, w�hrend er einem gewissen Terpnus Anweisungen gab. Man mu�te mir erst sagen, da� Terpnus der ber�hmteste Zitherspieler jener Tage war, so ungebildet war ich noch. W�hrend des Mahls komponierte er eine Weise zu den Liebesversen, die Nero am Nachmittag gedichtet hatte, und sang sie dann den atemlos lauschenden G�sten vor.</p><p>Seine Stimme war gut geschult und so kr�ftig, da� sie einem in die Eingeweide fuhr. Nach seinem Gesang zur Zither brachen wir alle in tosenden Beifall aus. Ich wei� nicht, wie kunstfertig Neros Verse waren und ob oder wieweit er andere Dichter nachahmte, aber so, wie Terpnus sie vortrug, machten sie einen gro�en Eindruck. Nero dankte mit gespielter Versch�mtheit f�r den Beifall, nahm Terpnus das Instrument aus der Hand, schlug sehns�chtig die Saiten an, wagte aber nicht zu singen, obwohl viele ihn darum baten.</p><p>�Eines Tages werde ich singen�, sagte er bescheiden. �Aber erst mu� Terpnus meine Stimme ausbilden und kr�ftigen. Ich wei� wohl, da� aus meiner Stimme etwas werden kann, und wenn ich einmal singe, will ich nur mit den Besten in Wettstreit treten. Das ist mein einziger Ehrgeiz.�</p><p>Immer wieder bat er Terpnus, zu singen, und wurde es nicht m�de, ihm zu lauschten. All denen, die sich bei ihren Bechern halblaut zu unterhalten versuchten, warf er zornige Blicke zu. Mir selbst fiel es zuletzt, offen gestanden, schwer, das G�hnen zu unterdr�cken. Ich betrachtete die anderen G�ste und stellte fest, da� Nero bei der Wahl seiner Freunde nicht sonderlich auf Geburt und Rang achtete, sondern sich ganz von seinen pers�nlichen Neigungen leiten lie�.</p><p>Der vornehmste der G�ste war Marcus Otho, der wie mein Vater von den etruskischen K�nigen abstammte und dessen Vater der Senat eine Statue errichtet hatte. Er hatte jedoch wegen seiner Verschwendungssucht und Unversch�mtheit einen schlechten Ruf, und ich erinnerte mich, geh�rt zu haben, da� sein Vater ihn noch z�chtigte, als er schon die Toga trug. Auch Claudius Senecio war anwesend, dessen Vater nur ein Freigelassener des Kaisers Gajus war. Die beiden waren stattliche junge M�nner, die allen zu gefallen vermochten, wenn sie nur wollten. Einer der G�ste war ein reicher Verwandter Senecas, Annaeus Serenus, und Nero unterhielt sich fl�sternd mit ihm, wenn Terpnus schwieg und seine Stimme mit Eiern gl�ttete.</p><p>Wenn Nero dem Gesang lauschte, versank er in Tr�umerei und sah mit seinen sch�nen Z�gen und dem r�tlichen Haar wie ein marmorner Endymion aus. Zuletzt sandte er die meisten G�ste fort und behielt nur etwa zehn zur�ck. Auch ich blieb, da er mich nicht zu gehen bat. In seiner jugendlichen Lebenslust hatte er den Abend noch nicht genug genossen und schlug uns vor, wir sollten uns verkleiden und den Palast heimlich verlassen, um uns in der Stadt zu unterhalten.</p><p>Er selbst legte Sklavenkleidung an und zog sich eine Kapuze �ber den Kopf. Wir waren allesamt so betrunken, da� wir alles spa�ig fanden. Lachend und johlend schwankten wir die steile Stra�e zum Forum hinunter, und nur als wir am Haus der Vestalinnen vorbeikamen, geboten wir einander zu schweigen. Otho machte einige unfl�tige Bemerkungen, die bewiesen, da� er v�llig gottlos war.</p><p>In der Stra�e der Goldschmiede stie�en wir auf einen betrunkenen Ritter, der dar�ber klagte, da� er seine Gesellschaft verloren hatte. Nero suchte Streit mit ihm und schlug ihn nieder, als er handgreiflich werden wollte. Er war sehr kr�ftig f�r seine achtzehn Jahre. Otho zog seinen Mantel aus, und mit diesem prellten wir den Ritter hoch in die Luft. Zuletzt stie� Senecio ihn in eine Kloaken�ffnung, aber wir zogen ihn wieder heraus, denn ertrinken sollte er doch nicht. Dann trommelten wir mit den F�usten gegen die geschlossenen L�den der Gesch�fte und rissen die Schilder los, die wir als Triumphzeichen mitnahmen, und schlie�lich erreichten wir die stinkenden Gassen Suburras.</p><p>Dort drangen wir in eine kleine Schenke ein, warfen, die G�ste hinaus und zwangen den Wirt, uns Wein anzubieten. Der Wein war, wie nicht anders zu erwarten, schlecht, und zur Strafe zerschlugen wir alle Kr�ge, so da� das elende Ges�ff �ber den Boden und hinaus auf die Stra�e rann. Als der Wirt in seiner Machtlosigkeit zu weinen begann, versprach ihm Serenus jedoch, er werde ihm den Schaden ersetzen. Nero war sehr stolz auf eine Platzwunde auf der einen Wange und verbot uns streng, den Ochsentreiber aus Latium zu bestrafen, der sie ihm geschlagen hatte, ja er nannte den grobschl�chtigen Flegel auch noch einen Ehrenmann.</p><p>Senecio war daf�r, irgendein Bordell aufzusuchen, aber Nero sagte traurig, er d�rfe seiner strengen Mutter wegen nicht einmal mit den besten Dirnen verkehren. Serenus machte eine geheimnisvolle Miene, beschwor uns zu schweigen und f�hrte uns zu einem sch�nen Haus auf dem Hang des Palatins. Er erz�hlte uns, da� er es f�r die sch�nste Frau der Welt gekauft und eingerichtet habe. Nero gab sich sch�chtern und verwirrt und fragte mehrere Male: �D�rfen wir sie wohl so sp�t noch st�ren?� und: �Was meinst du, werde ich ihr vielleicht ein Gedicht vortragen d�rfen?�</p><p>All das war Verstellung, denn in dem Haus wohnte niemand anders als die freigelassene griechische Sklavin Acte, in die Nero sich bis �ber beide Ohren verliebt hatte. Serenus war nur zum Schein ihr Liebhaber, um ihr in seinem Namen die zahllosen Geschenke Neros �bergeben zu k�nnen. Ich mu� zugeben, da� Acte mit ihren reinen Z�gen bewundernswert sch�n war, und offensichtlich war auch sie wirklich verliebt, denn sie war au�er sich vor Freude, als sie da gegen Morgen geweckt wurde, um den betrunkenen Nero und seine Zechkumpane zu empfangen.</p><p>Nero schwor, da� Acte von K�nig Attalus abstamme, was er eines Tages der ganzen Welt zu beweisen gedachte. Mir gefiel es nicht, da� er uns das M�dchen unbedingt nackt zeigen wollte, um mit ihrer schneewei�en Haut zu prahlen. Das wohlerzogene M�dchen weigerte sich zuerst auch, aber Nero hatte nur sein Vergn�gen daran, da� sich ihre Wangen vor Scham r�teten, und sagte, er k�nne seinen Freunden nichts vorenthalten, und sie m��ten selbst sehen, da� er der gl�cklichste und beneidenswerteste Mann der Welt sei.</p><p>So begann mein neues Leben in Rom, und es war kein ehrbares Leben. Nach einiger Zeit bot mir Nero seine F�rsprache an, falls ich irgendein Amt w�nschte, ja er war sogar bereit, daf�r zu sorgen, da� ich eine Kohorte der Pr�torianergarde bekam. Ich lehnte ab und sagte, ich wollte nur sein Freund und Begleiter sein, um die Lebenskunst zu erlernen. Das gefiel ihm, und er antwortete mir: �Du w�hlst klug, Minutus. Jedes noch so leichte Amt ist eine Zeitvergeudung.�</p><p>Zu Neros Ehre mu� ich sagen, da� er gerecht und bedachtsam urteilte, wenn er in Angelegenheiten zu Gericht sitzen mu�te, die er nicht auf den Stadtpr�fekten oder den Pr�fekten der Pr�torianer, Burrus, abschieben konnte. Er beschr�nkte die Suada der Advokaten auf das n�tige Ma� und forderte von den anderen Richtern schriftliche Gutachten an, um ihren Schmeicheleien zu entgehen. Nachdem er die verschiedenen Gutachten gelesen hatte, f�llte er am n�chsten Tag nach eigenem Gutd�nken das Urteil. Er verstand es trotz seiner Jugend, w�rdevoll in der �ffentlichkeit aufzutreten, obwohl er nach K�nstlerart nachl�ssig gekleidet ging und das Haar lang trug.</p><p>Ich beneidete ihn nicht um sein Los. Es ist nicht einfach, mit siebzehn Jahren zum r�mischen Imperator ausgerufen zu werden und, st�ndig von einer eifers�chtigen und machtl�sternen Mutter bedr�ngt, �ber die Welt zu herrschen. Ich glaube, nur seine innige Liebe zu Acte bewahrte ihn davor, Agrippinas Einflu� zu unterliegen. Da� sie ihn auch von seiner Mutter entfernte, bereitete ihm Kummer, aber er konnte ihre geh�ssigen Worte �ber Acte nicht ertragen, und er h�tte gewi� eine schlechtere Wahl treffen k�nnen, denn Acte mischte sich nicht in die Politik ein und verlangte nicht einmal Geschenke von ihm, wenngleich sie sich �ber die freute, die sie bekam.</p><p>Allm�hlich und ohne da� er es merkte, gelang es Acte auch, in Nero die Wildheit der Domitier zu z�geln. Sie verehrte Seneca, und Seneca beg�nstigte daher insgeheim auch diese Liebschaft. Er war der Meinung, da� es f�r Nero viel gef�hrlicher w�re, wenn er sich in eine vornehme, geburtsstolze r�mische Jungfrau oder junge Matrone verliebte. Neros Ehe mit Octavia war eine reine Formsache. Er hatte Octavia noch nicht beigewohnt, da sie noch zu kindlich war. Au�erdem verabscheute er sie darum, da� sie die Schwester des Britannicus war, und ich mu� selbst sagen, da� Octavia nicht viel Einnehmendes an sich hatte. Sie war ein verschlossenes hochm�tiges M�dchen, mit dem man kaum ein vern�nftiges Wort reden konnte, und hatte leider nichts von der Sch�nheit und dem Zauber ihrer Mutter Messalina geerbt.</p><p>Agrippina war zu klug, um nicht letzten Endes einzusehen, da� ihre Vorw�rfe und Zornausbr�che Nero nur abstie�en. Sie wurde wieder die z�rtliche Mutter, streichelte und k��te ihn und bot ihm an, ihr Schlafgemach zu teilen, damit sie seine engste Vertraute werden k�nne. Auf Grund all dessen plagte ihn nun st�ndig das Gewissen. Einmal, als er aus dem Kleider- und Schmuckvorrat des Palatiums ein Geschenk f�r Acte ausw�hlte, legte er, von seinem schlechten Gewissen getrieben, in aller Unschuld das sch�nste Kleid und einen Juwelenschmuck f�r Agrippina zur Seite, aber Agrippina geriet dar�ber in ma�losen Zorn und schrie, da� alle Kostbarkeiten des Palastes ohnehin ihr geh�rten, da sie sie nach Claudius geerbt hatte, und da� Nero nur dank ihrem stillschweigenden Einverst�ndnis dar�ber verf�gen durfte.</p><p>Auch ich zog mir den Zorn Agrippinas zu, weil ich ihr nach ihrer Meinung nicht aufrichtig genug berichtete, was Nero und seine Freunde anstellten und welche politischen Ansichten sie hegten. Es war, als h�tte diese durch ihre Erfahrungen bitter gewordene Frau pl�tzlich jeden Halt verloren, als sie zu begreifen begann, da� sie nicht durch ihren Sohn �ber Rom herrschen konnte. Ihre Z�ge verkrampften sich zu absto�ender H��lichkeit, ihre Augen starrten wie die der Medusa, und ihre Sprache wurde so grob und unfl�tig, da� es einem schwerfiel, ihr zuzuh�ren. Ich dachte nicht mehr gut von ihr.</p><p>Ich glaube, der eigentliche Grund daf�r, da� Nero sich mit seiner Mutter nicht vertrug, war der, da� er sie zu sehr liebte, mehr liebte, als ein Sohn seine Mutter lieben soll, und daran war Agrippina selbst schuld. Er f�hlte sich zugleich zu ihr hingezogen und von ihr abgesto�en und fl�chtete deshalb in Actes Arme oder tobte sich bei n�chtlichen Schl�gereien in den Gassen Roms aus. Andrerseits verhielt es sich wohl so, da� Senecas Tugendlehre seinem innersten Wesen Zwang auferlegte und Nero sich wenigstens nach au�en hin als ein w�rdiger Sch�ler zu erweisen versuchte. Agrippina aber beging in ihrer rasenden Eifersucht den Fehler, die Beherrschung zu verlieren.</p><p>Ihre einzige, daf�r aber um so kr�ftigere St�tze war der griechische Freigelassene Pallas, der von sich behauptete, er stamme von den sagenhaften arkadischen K�nigen ab, und der, nachdem er dem Staat unter drei Kaisern gedient hatte, so schlau und vorsichtig geworden war, da� er niemals mit seinen Sklaven sprach, damit ihm keiner seine Worte verdrehe, sondern alle Befehle schriftlich gab. Ich f�r mein Teil glaube, da� er selbst das Ger�cht ausstreute, Agrippina habe ein Verh�ltnis mit ihm. Jedenfalls war es Pallas gewesen, der Claudius als erster geraten hatte, sich mit ihr zu verm�hlen, und es war verst�ndlich, da� die Freundschaft, die sie ihm, dem ehemaligen Sklaven, �ffentlich erwies, ihm schmeichelte.</p><p>Nero behandelte er, als w�re er ein unvern�nftiger Knabe, und er nutzte jede Gelegenheit, zu beweisen, wie unentbehrlich seine Erfahrungen dem Staate waren. Als Nero die Steuern senken wollte, um dem Volk und den Provinzen zu gefallen, stimmte ihm Pallas scheinbar bereitwillig zu, fragte dann aber sp�ttisch, wo der Herrscher die Eink�nfte hernehmen wolle, die der Staat brauchte, und bewies mit eindeutigen Zahlen, da� dem Reich der Bankrott drohte, wenn die Steuern gesenkt w�rden. So begabt Nero in vielen anderen Dingen war: von Zahlen verstand er nichts, und im �brigen war er der Ansicht, da� das Rechnen eines Kaisers nicht w�rdig, sondern Sache der Sklaven sei.</p><p>Pallas war ein furchtloser Mann. Vor einem Vierteljahrhundert hatte er ohne Z�gern sein Leben aufs Spiel gesetzt und war nach Capri geeilt, um die Verschw�rung des Sejanus aufzudecken. Sein Verm�gen war ungeheuer � man sprach von dreihundert Millionen Sesterze �, und ebenso gro� war sein Einflu�. Britannicus und Octavia achtete er als Kinder des Claudius, und an Messalinas erb�rmlichem Tod war er nicht unmittelbar mitschuldig. Als er sich seinerzeit bereit erkl�rte, die Staatsfinanzen zu �bernehmen, hatte Claudius ihm versprechen m�ssen, da� er nie Rechenschaft von ihm fordern werde, und das gleiche Versprechen hatte Pallas auch Nero am Tag seines Machtantritts abverlangt, als er die Gelder, die Nero den Pr�torianern versprochen hatte, aus der Staatskasse zahlte.</p><p>Er war jedoch ein alternder, m�der Mann, und die Verwaltung der Staatsfinanzen hatte, wie man von allen Seiten h�ren konnte, mit der gewaltigen Entwicklung Roms nicht Schritt gehalten, sondern war in alten Traditionen erstarrt. Trotzdem betrachtete sich Pallas als unentbehrlich. Jedesmal wenn er mit Nero Streit hatte, drohte er, von seinem Amt zur�ckzutreten, was, wie er sagte, den unmittelbaren Zusammenbruch der Finanzen zur Folge haben w�rde, und sp�ttisch f�gte er hinzu: �Frag nur deine Mutter, wenn du mir nicht glaubst.�</p><p>Seneca, der f�r seine eigene Stellung f�rchtete, unternahm an Neros Stelle den entscheidenden Schritt. Mit Hilfe der geschicktesten Bankiers Roms arbeitete er in allen Einzelheiten einen Plan f�r die Verwaltung der Staatsfinanzen und eine gr�ndliche Erneuerung des Steuerwesens zum Nutzen f�r den Staat und die Wirtschaft aus. Dann beriet er sich mit Burrus und lie� die Pr�torianer das Palatium und das Forum bewachen. Zu Nero sagte er: �Bist du der Kaiser, oder bist du es nicht? Ruf Pallas zu dir und sag ihm, da� er zu gehen hat.�</p><p>Nero f�rchtete und verehrte Pallas so sehr, da� er fragte: �Soll ich ihm nicht lieber einen schriftlichen Befehl schicken, wie er selbst es zu tun pflegt?�</p><p>Aber Seneca wollte Nero hart machen und verlangte, er m�sse Pallas selbst gegen�bertreten, so schwer es ihn auch ankomme. Pallas hatte nat�rlich schon von der Neuordnung geh�rt, aber er verachtete den Schulmeister und Philosophen Seneca zu sehr, um die Ger�chte ernst zu nehmen. Nero wollte seine Freunde um sich haben, um ihren Beifall einzuheimsen, wenn er als Herrscher auftrat, allerdings aber auch, weil er ihren Beistand n�tig hatte, und so kam es, da� auch ich dieses unangenehme Ereignis mit eigenen Augen bezeugen mu�te.</p><p>Als Pallas die Aufforderung erhielt, vor Nero zu erscheinen, stand er bereits unter Bewachung, so da� es ihm nicht mehr m�glich war, Agrippina zu benachrichtigen. Er trat stolz und furchtlos vor Nero hin, und nicht eine Miene r�hrte sich in seinem von Sorge und Verantwortung gefurchten Gesicht, als dieser mit sch�nen Geb�rden eine wohlklingende Rede zu seinen Ehren hielt, ohne die arkadischen K�nige zu vergessen, und ihm ger�hrt f�r die Dienste dankte, die er dem Staat geleistet hatte.</p><p>�Ich kann es nicht l�nger ertragen, dich vor der Zeit altern und unter dem Gewicht der allzu gro�en Verantwortung, �ber die du selbst so oft geklagt hast, zusammenbrechen zu sehen�, schlo� Nero. �Als besondere Gunst gestatte ich dir, dich unverz�glich auf dein Landgut zur�ckzuziehen, von dessen Pracht das Ger�cht zu berichten wei�, um bis zum Ende deiner Tage die Reicht�mer zu genie�en, die du angesammelt hast, ohne da� das geringste Mi�trauen deinen Ruf befleckt.�</p><p>Pallas antwortete darauf nur: �Du erlaubst doch wohl, da� ich, bevor ich gehe, den Reinigungseid im Kapitol ablege, wie es mir in meiner Stellung zukommt.�</p><p>Nero erwiderte, da� er sein Versprechen halten und einem so treuen, zuverl�ssigen Diener des Staates einen solchen Eid nicht abverlangen wolle. Wenn aber Pallas, um sein Gewissen zu erleichtern, darauf best�nde, so habe er, Nero, nichts dagegen einzuwenden; im Gegenteil: der Eid w�rde den Ger�chten ein Ende machen, die �ber die Habgier des Pallas im Umlauf seien.</p><p>Wir dr�ckten alle durch eifriges Klatschen, Gel�chter und Zurufe unseren Beifall aus. Nero reckte sich in seinem purpurnen Imperatorenmantel wie ein Hahn und l�chelte zufrieden vor sich hin. Pallas begn�gte sich damit, uns der Reihe nach kalt in die Augen zu blicken, und ich werde diesen Blick nie vergessen, so voll eisiger Verachtung f�r uns, die besten Freunde Neros, war er. Sp�ter gestand ich mir besch�mt, da� ein Verm�gen von dreihundert Millionen Sesterze keine �berm��ig reichliche Entsch�digung f�r die ordentliche Verwaltung der ungeheuren Finanzen des r�mischen Reiches durch volle f�nfundzwanzig Jahre war. Seneca hatte, als Wiedergutmachung f�r seine Verbannung ebensoviel in nur f�nf Jahren eingestrichen, und ich schweige von meinem eigenen Verm�gen, dessen Umfang Du, mein Sohn Julius, nach meinem Tode anhand des Nachla�verzeichnisses ermitteln wirst. Ich selbst habe mir seit Jahren nicht mehr die M�he genommen, es auch nur ann�hernd abzusch�tzen.</p><p>Das Ausr�cken der Pr�torianer brachte ganz Rom auf die Beine, und das Volk versammelte sich auf dem Forum und den anderen Pl�tzen. Die Nachricht, da� Pallas in Ungnade gefallen war, l�ste allgemeine Freude aus, denn was verschafft der Masse gr��ere Genugtuung als der Sturz eines verm�genden und allzu einflu�reichen Mannes! Bald �fften umherziehende Gaukler die gro�artigen Geb�rden des Pallas an allen Stra�enecken nach und dichteten Spottlieder auf ihn.</p><p>Als aber Pallas mit einem Gefolge von achthundert Freigelassenen und Helfern vom Palatin herabgeschritten kam, verstummte der Volkshaufe und machte seinem feierlichen Zuge ehrerbietig Platz. Pallas verlie� sein Amt wie ein orientalischer K�nig. Sein Gefolge funkelte vor kostbaren Stoffen, Silber und Juwelen. Niemand treibt mehr Aufwand mit seiner Kleidung als ein ehemaliger Sklave, und Pallas hatte allen befohlen, in ihren besten Gew�ndern zu erscheinen.</p><p>Selbst trug er nur einen einfachen wei�en Mantel, als er den Kapitolinischen H�gel hinaufstieg, zuerst zur M�nze im Tempel der Juno Moneta und von dort zur Staatskasse im Saturntempel. Vor den G�tterbildern in beiden Tempeln legte er den Reinigungseid ab, den er danach im Jupitertempel noch einmal bekr�ftigte.</p><p>Um Verwirrung zu stiften, nahm Pallas alle seine Freigelassenen mit, die er im Lauf der Jahre f�r die verschiedenen Aufgaben ausgebildet hatte. Vermutlich hoffte er, Nero werde gezwungen sein, ihn nach wenigen Tagen zur�ckzurufen. Seneca hatte diesen Fall jedoch vorausgesehen. F�nfhundert geschickte Sklaven, die von den Bankiers zur Verf�gung gestellt worden waren, besetzten unverz�glich das Amtsgeb�ude des Pallas auf dem Palatin, und mehrere Untergebene des Pallas kehrten bereitwillig zu ihren fr�heren Besch�ftigungen zur�ck, sobald dieser die Stadt verlassen hatte. Seneca behielt sich selbst die h�chste Verf�gungsgewalt vor und gr�ndete eine Art Staatsbank, die auf seine Rechnung gro�e Summen an �gypten und die britischen Stammesk�nige auslieh. Auf diese Weise arbeitete das Geld und trug Seneca Zinsen ein.</p><p>Nero wagte mehrere Tage nicht vor seine Mutter zu treten. Agrippina f�hlte sich t�dlich beleidigt, schlo� sich in ihren Gem�chern im Palatium ein und rief Britanniens mit seinem Gefolge und seinen Lehrern zu sich, um zu zeigen, an wen sie sich hinfort zu halten gedachte. Zum Gefolge des Britannicus geh�rte Vespasians Sohn Titus und eine Zeitlang auch Annaeus Lucanus, dessen Vater ein Vetter Senecas war und der selbst viel zu gute Verse machte, um Nero gefallen zu k�nnen. Denn Nero umgab sich zwar gern mit Dichtern und K�nstlern und ordnete ab und zu sogar einen Wettstreit unter den Dichtern an, aber er mochte nie zugeben, da� ein anderer ihm �berlegen sei.</p><p>Nero glaubte seine Rolle bei der Absetzung des Pallas sehr geschickt gespielt zu haben, aber sein Gewissen lie� ihm keine Ruhe, wenn er an seine Mutter dachte. Gleichsam zur Bu�e �bte er nun unter der Anleitung des Terpnus seine Stimme mit Eifer und Ausdauer, fastete und lag stundenlang mit einer Bleiplatte auf der Brust auf dem R�cken. Seine Stimmbildungs�bungen h�rten sich kl�glich an, und wir sch�mten uns, offen gestanden, f�r ihn und achteten darauf, da� nicht etwa ein alter Senator oder ein Gesandter, der sich gerade im Palatium aufhielt, ihn h�rte.</p><p>Die guten Nachrichten, die zu dieser Zeit aus Armenien eintrafen, st�rkten in gewissem Sinne sein Selbstbewu�tsein. Auf Senecas und Burrus� Rat hatte Nero Corbulo, den ber�hmtesten Feldherrn Roms, aus Germanien zur�ckberufen und nach Armenien geschickt, damit er dort die Unruhen niederschlage. Da� dieser Pufferstaat von den Parthern besetzt worden war, stellte nach r�mischer �berlieferung einen ausreichenden Kriegsgrund dar.</p><p>In gegenseitigem Wettstreit um den Oberbefehl hatten Corbulo und der Prokonsul in Syrien nach Eilm�rschen das Ufer des Euphrat besetzt und so viel Entschlossenheit bewiesen, da� die Parther es f�r angezeigt hielten, Armenien zu r�umen, ohne da� es zu regelrechten Kampfhandlungen gekommen w�re. Der Senat beschlo�, in Rom ein Dankfest zu feiern, erteilte Nero das Triumphrecht und lie� sein Liktorenb�ndel mit Lorbeer umwinden.</p><p>Diese Geschehnisse waren ganz dazu angetan, die �ffentlichkeit wieder zu beruhigen. Viele hatten n�mlich bef�rchtet, Neros Entschlossenheit k�nne zu einem Krieg mit den Parthern f�hren, und das Gesch�ftsleben Roms war durch die Kriegsger�chte empfindlich gest�rt worden.</p><p>Die Saturnalien wurden in diesem Jahr vier Tage lang und ausgelassener denn je zuvor gefeiert. Einer versuchte den andern an kostbaren Geschenken zu �berbieten, und man lachte �ber die geizigen Alten, die am �berlieferten Brauch festhalten wollten und nur Tonfiguren und Festbrot austauschten. Im Palatium f�llte sich ein ganzer gro�er Saal mit Geschenken f�r Nero, denn die Vornehmen und Reichen in den Provinzen hatten sich kostbare und ungew�hnliche Geschenke ausgedacht, und alle diese Geschenke, ihr Wert und ihre Spender mu�ten genau verzeichnet werden, da Nero es seiner Stellung schuldig zu sein glaubte, jede Gabe mit einer noch wertvolleren zu vergelten.</p><p>In den Stra�en fanden Narrenumz�ge statt, �berall wurde auf der Zither gespielt, gesungen und gejohlt. Sklaven stolzierten in den Gew�ndern ihrer Herren einher, und diese bedienten gutm�tig ihre Sklaven und f�hrten ihre Befehle aus, denn in diesen Tagen hob Saturn den Unterschied zwischen Herren und Sklaven auf.</p><p>Nero lud wie �blich die vornehmsten jungen M�nner Roms in den Palast. Bei der Auslosung wurde er der Saturnalienk�nig, der die Macht hatte, von den anderen die ausgefallensten Tollheiten zu verlangen. Wir hatten bereits so viel Wein getrunken, da� die schw�cheren schon die W�nde anspien, als Nero auf den Gedanken verfiel, Britannicus m�sse uns etwas vorsingen. Zweifellos sollte er gedem�tigt werden, und Britannicus mu�te dem Festk�nig gehorchen, obwohl seine Lippen zitterten. Wir bereiteten uns auf ein gro�es Gel�chter vor, aber zu unserer �berraschung ergriff Britannicus entschlossen die Zither und sang ergreifend das traurigste aller Klagelieder, das mit den Worten beginnt: �O Vater, o Land der V�ter, o Priamos� Reich ��</p><p>Wir lauschten aufmerksam und ohne einander anzusehen. Als Britannicus dieses Lied vom sterbenden Troja beendet hatte, herrschte eine beklemmende Stille im ganzen Saal. Wir konnten ihm nicht Beifall spenden, denn er hatte durch dieses Klagelied gezeigt, da� er sich als �bergangen und widerrechtlich der Macht beraubt betrachtete. Wir konnten aber auch nicht lachen, denn zu tief war die Trauer, die sein Lied ausdr�ckte.</p><p>Die sch�ne Stimme und das gegl�ckte Auftreten des Britannicus waren eine unangenehme �berraschung f�r Nero, aber er verbarg seine wahren Gef�hle und lobte seine Begabung mit schmeichelhaften Worten. Nach einer Weile verlie� uns Britannicus, da er sich, wie er sagte, nicht wohl f�hlte. Ich glaube, er f�rchtete nach der Aufregung einen seiner Anf�lle. Auch seine Freunde gingen, und einige streng erzogene junge M�nner nutzten die Gelegenheit und schlossen sich ihnen an. Nero legte das, mit oder ohne Grund, als eine Kundgebung gegen ihn selbst aus und raste vor Zorn.</p><p>�Dieses Lied bedeutet B�rgerkrieg!� rief er. �Erinnert euch, da� Pompejus erst achtzehn und der Gott Augustus neunzehn Jahre alt war, als sie im B�rgerkrieg eine Legion befehligten. Wir brauchen also nicht mehr lange zu warten! Wenn Rom lieber einen �bellaunigen falls�chtigen Knaben zum Herrscher hat als mich, lege ich die Macht nieder und gehe nach Rhodos. Nie werde ich den Staat in die Greuel eines B�rgerkrieges st�rzen. Es ist besser, sich die Pulsadern aufzuschneiden oder Gift zu nehmen, als zuzulassen, da� dem Vaterland dies geschieht!�</p><p>Wir erschraken �ber diese Worte, so betrunken wir auch waren. Einige verabschiedeten sich und gingen. Wir anderen r�hmten Nero und versuchten ihm zu erkl�ren, da� Britannicus gegen ihn machtlos sei. Aber Nero sagte: �Zuerst Mitregent. Damit droht mir meine Mutter. Dann B�rgerkrieg. Wer wei�, was f�r eine Proskriptionsliste Britannicus im stillen schon aufgestellt hat. Ihr steht vielleicht alle schon darauf.�</p><p>Der blo�e Gedanke war schrecklich. Nero hatte recht, wenn wir auch zu lachen versuchten und meinten, als Saturnalienk�nig d�rfe er so grimmig scherzen, wie er nur wolle. Er nahm das Spiel wieder auf und erteilte uns freche Auftr�ge. Einer mu�te den einen Schuh einer Vestalin herbeischaffen. Senecio erhielt den Befehl, die alte Hofdame, der er es verdankte, da� er trotz seiner niedrigen Geburt in den Palast Eingang gefunden hatte, zu wecken und herbeizuholen. Doch Nero war dieser einf�ltigen Streiche bald m�de und wollte etwas Unm�gliches. Es waren nur noch wenige von uns �brig, als er pl�tzlich rief: �Meinen Lorbeerkranz dem, der mir Locusta bringt!�</p><p>Die anderen schienen zu wissen, wen er meinte, aber ich fragte in aller Unschuld: �Wer ist Locusta?�</p><p>Niemand wollte mir antworten. Da sagte Nero selbst: �Locusta ist eine Frau, die viel gelitten hat und ein Pilzgericht f�r G�tter zuzubereiten versteht. Vielleicht gel�stet es mich heute abend nach einer G�tterspeise, da ich so blutig gekr�nkt worden bin.�</p><p>Ohne auf seine dunklen Worte zu achten, rief ich: �Gib mir deinen Kranz. Ich habe von dir noch keinen Auftrag bekommen.�</p><p>�Ja, du, Minutus Lausus, mein bester Freund, sollst den schwersten Auftrag bekommen�, sagte Nero. �Minutus soll unser Saturnalienheld sein.�</p><p>�Und nach uns das Chaos�, sagte Otho.</p><p>�Nein, nicht nach uns, jetzt!� rief Nero. �Warum sollten wir es unversucht lassen!�</p><p>In diesem Augenblick kam die alte Hofdame, halbnackt, betrunken wie eine Bacchantin und Myrtenzweige um sich streuend, w�hrend Senecio, dem die Schamr�te ins Gesicht stieg, sie zur�ckzuhalten versuchte. Diese Frau wu�te alles, was in Rom vorging, und ich fragte sie, wo Locusta zu finden sei. Meine Frage verwunderte sie nicht. Sie hielt sich nur die Hand vor den Mund, kicherte und sagte, ich solle mich in der Gegend des Caelius nach ihr erkundigen. Ich machte mich eilig auf den Weg. Die Stadt war hell erleuchtet. Ich brauchte nicht lang zu fragen und stand auch schon vor Locustas kleinem Haus. Auf mein Klopfen �ffnete mir zu meiner Verwunderung ein zorniger Pr�torianer, der mir einzutreten verbot. Erst als er meinen schmalen roten Streifen sah, wurde er h�flicher und erkl�rte: �Locusta ist wegen schwerer Verbrechen verurteilt worden und steht unter Bewachung. Sie darf mit niemandem sprechen. Ihretwegen komme ich um die Freuden der Saturnalien.�</p><p>Ich eilte zum Pr�torianerlager, um mit seinem Vorgesetzten zu sprechen, und dieser war zum Gl�ck Julius Pollio, ein Bruder meines Jugendfreundes, des B�cherwurms Lucius Pollio. Er war nun Kriegstribun bei der Pr�torianergarde. Er widersetzte sich dem Befehl des Saturnalienk�nigs nicht, sondern nutzte die Gelegenheit, selbst vor Nero zu erscheinen und sagte: �Ich bin f�r die Frau verantwortlich. Deshalb mu� ich mitgehen und Locusta bewachen.�</p><p>Locusta war noch nicht alt, aber ihr Gesicht glich einer Totenmaske, und das eine ihrer Beine war auf der Folter so schwer verst�mmelt worden, da� wir eine S�nfte herbeischaffen mu�ten, um sie ins Palatium zu bringen. Unterwegs sprach sie nicht ein einziges Wort, sondern starrte nur mit bitterer Miene vor sich hin. Sie hatte etwas Furchteinfl��endes.</p><p>Nero war mit den letzten noch �brigen G�sten in den kleinen Saal gegangen und hatte die Sklaven fortgeschickt. Zu meiner Verwunderung hatten sich Seneca und Burrus mitten in der Nacht der Gesellschaft angeschlossen. Ich wei� nicht, ob Nero selbst nach ihnen geschickt oder ob Otho, den Neros Stimmung erschreckte, es getan hatte. Von der fr�hlichen Festeslaune war nichts mehr zu sp�ren. Jeder wich dem Blick des andern aus, als h�tte er vor irgend etwas Angst.</p><p>Als Seneca Locusta erblickte, sagte er zu Nero: �Du bist der Herrscher. Du entscheidest. So hat es das Schicksal bestimmt. Mir aber erlaube zu gehen.� Er verh�llte sich das Haupt mit einem Zipfel seines Mantels und ging.</p><p>Als Burrus z�gerte, sagte Nero heftig: �Soll ich schw�cher sein als meine Mutter? Ich werde doch wohl mit dieser treuen Freundin meiner Mutter sprechen und sie nach der Speise der G�tter fragen d�rfen.� In meiner Unschuld dachte ich, Locusta sei vielleicht eine der fr�heren K�chinnen des Palastes. Burrus erwiderte finster: �Du bist der Herrscher. Du wei�t selbst am besten, was du tust.� Auch er verlie� mit gesenktem Kopf die Gesellschaft. Sein verkr�ppelter Arm hing schlaff an seiner Seite nieder.</p><p>Nero sah sich mit starrem Blick um und befahl: �Geht alle und la�t mich allein mit der lieben Freundin meiner Mutter. Wir m�ssen uns �ber allerlei wichtige Fragen der Kochkunst unterhalten.�</p><p>Ich f�hrte Julius Pollio in den nun leeren gro�en Saal, wo er Wein trinken und von den Resten des Mahls essen konnte. �Wessen ist Locusta angeklagt, und was hat sie mit Agrippina zu tun?� fragte ich neugierig.</p><p>Julius Pollio sah mich verwundert an und fragte seinerseits: �Wei�t du denn nicht, da� Locusta Roms geschickteste Giftmischerin ist? Sie h�tte l�ngst nach der Lex Julia abgeurteilt werden sollen, aber dank Agrippina ist die Verhandlung immer wieder aufgeschoben worden, und nach dem f�r Giftmischer �blichen peinlichen Verh�r wurde sie nur in ihrem eigenen Haus unter Bewachung gestellt. Ich glaube, sie hatte so viel zu sagen, da� die M�nner, die sie verh�rten, es mit der Angst zu tun bekamen.�</p><p>Ich war entsetzt und unf�hig, ein Wort zu sagen. Julius Pollio zwinkerte mir zu, nahm einen Schluck Wein und fragte: �Hast du nicht einmal von dem Pilzgericht geh�rt, das Claudius zum Gott machte? Ganz Rom wei�, da� Nero es nur der geschickten Zusammenarbeit seiner Mutter und Locustas zu verdanken hat, da� er Imperator wurde.�</p><p>�Ich habe mich in den Provinzen aufgehalten und glaube nicht alles, was in Rom geredet wird�, sagte ich heftig, w�hrend mir die wildesten Gedanken durch den Kopf gingen. Zuerst dachte ich, Nero wolle sich Gift verschaffen, um seinem eigenen Leben ein Ende zu machen, wie er es an diesem Abend angedroht hatte, aber dann sah ich klarer.</p><p>Ich glaubte nun zu verstehen, warum Seneca und Burrus gekommen waren, n�mlich wenn es sich wirklich so verhielt, da� Nero, durch das trotzige Auftreten des Britannicus gekr�nkt, Locusta selbst ins Verh�r nehmen wollte, um seine Mutter des Giftmordes an Claudius anzuklagen. Wenn er Agrippina damit drohte, brachte er sie zum Schweigen oder konnte sogar erreichen, da� sie nach einem geheimen Proze� aus Rom verbannt wurde, �ffentlich anklagen konnte er seine Mutter nicht, und dieser Gedanke beruhigte mich, obwohl ich nicht glauben mochte, da� Agrippina Claudius ermordet hatte. Ich hatte ja schon einige Jahre vor seinem Tod geh�rt, da� er an Magenkrebs litt.</p><p>Nachdem ich eine Weile nachgedacht hatte, sagte ich: �Es ist wohl f�r uns beide das beste, �ber alles, was heute nacht geschehen ist, den Mund zu halten.�</p><p>Julius Pollio lachte und antwortete: �Ich habe nichts zu bef�rchten. Ein Soldat gehorcht ohne Widerspruch dem Befehl.�</p><p>Ich schlief schlecht in dieser Nacht und hatte Tr�ume, die Schlimmeres voraussagten. Am Morgen hielt es mich nicht in Rom. Ich reiste auf das Landgut meines Vaters bei Caere und nahm nur Barbus mit. Es war eisigkalt und die dunkelste Zeit des Jahres, aber ich wollte in l�ndlicher Ruhe und Ungest�rtheit versuchen, einen lang gehegten Plan auszuf�hren und ein Buch �ber meine Erlebnisse in Kilikien zu schreiben.</p><p>Zum Dichter taugte ich nicht, das hatte ich wohl bemerkt. Einen eigentlichen historischen Bericht �ber den Aufstand der Kliter konnte ich auch nicht schreiben, wenn ich den K�nig in Kilikien und den Prokonsul in Syrien nicht in ein schlechtes Licht stellen wollte. Ich erinnerte mich der griechischen Abenteuergeschichten, die ich bei Silanus gelesen hatte, um mir die Zeit zu vertreiben, und beschlo�, eine der �blichen derb-komischen R�ubergeschichten zu schreiben. Ich wollte die l�cherlichen Seiten meiner Gefangenschaft herausstreichen und meine Leiden mit ein paar Worten �bergehen. Einige Tage lang vertiefte ich mich so eifrig in diese Arbeit, da� ich Zeit und Ort verga�. Ich glaube, es gelang mir, mich von den bedr�ckenden Erlebnissen meiner Gefangenschaft zu befreien, indem ich mich scherzend �ber sie hinwegsetzte.</p><p>Als ich gerade die letzten Zeilen schrieb, da� die Tinte spritzte, erhielt ich aus Rom die �berraschende Nachricht, da� Britannicus w�hrend eines Vers�hnungsmahles im Kreise der kaiserlichen Familie einen schweren Anfall erlitten hatte. Man hatte ihn zu Bett gebracht, und dort hatte er kurz darauf den Geist aufgegeben. Niemand hatte auch nur ahnen k�nnen, da� es so weit mit ihm kommen w�rde, denn sonst hatte er sich immer rasch von seinen Anf�llen erholt.</p><p>Mit dem Hinweis auf die Sitte der V�ter, schmerzliche Geschehnisse zu verbergen, hatte Nero die Leiche des Britannicus noch in derselben Nacht im winterlichen Regen auf dem Marsfeld verbrennen und seine Gebeine ohne Lobrede oder �ffentlichen Umzug in das Mausoleum des Gottes Augustus schaffen lassen. In seiner Rede an den Senat und das Volk erkl�rte er, seine einzige Hoffnung und Zukunft sei nun das Vaterland, nachdem er die Hilfe und den Beistand seines Bruders bei der Regierung des Reiches auf so unerwartete Weise verloren habe.</p><p>Der Mensch glaubt gern, was er hofft. Daher empfand ich zun�chst nichts als eine ungeheure Erleichterung. Der pl�tzliche Tod des Britannicus l�ste meiner Meinung nach alle politischen Konflikte auf die f�r Nero und ganz Rom gl�cklichste Weise. Agrippina konnte nun nicht mehr auf Britannicus verweisen, wenn sie Nero wegen seines Undanks tadelte, und das Gespenst des B�rgerkriegs verbla�te.</p><p>Auf dem Grunde meiner Gedanken lauerte jedoch ein heimlicher Zweifel, wenn ich es mir auch nicht eingestehen wollte. Daher mochte ich nicht nach Rom zur�ckkehren und blieb in Caere, obwohl ich nur meine Zeit vergeudete. Ich h�rte, da� Nero das gro�e Verm�gen, das er nach Britannicus erbte, unter seine Freunde und die einflu�reichsten Senatoren aufteilte, und es hatte den Anschein, als werfe er mit Geschenken um sich, weil er sich die Gunst aller erkaufen wollte. Ich selbst mochte an dem Erbe nach Britannicus keinen Anteil haben.</p><p>Als ich zu Fr�hjahrsbeginn endlich nach Rom zur�ckkehrte, hatte Nero Agrippina die Ehrenwache genommen und ihr selbst befohlen, den Palast zu verlassen und in das verfallene Haus Antonias, der verstorbenen Mutter des Claudius, zu �bersiedeln. Dort besuchte er sie ab und zu, aber nie ohne Zeugen, deren Gegenwart sie zwang, ihren Zorn zu meistern.</p></section><section><p>Agrippina hatte befohlen, dem Claudius auf dem Caelius einen Tempel zu errichten, und man hatte auch schon mit den Arbeiten begonnen. Nero lie� die Ger�ste wieder niederrei�en und sagte, er brauche den Baugrund f�r seine eigenen Zwecke. Er hatte gro�e Pl�ne f�r die Erweiterung des Palastes. Auf diese Weise verlor Agrippinas Rang einer Claudiuspriesterin jede Bedeutung. Von Tante Laelia h�rte ich, da� sie wieder ebenso einsam war wie w�hrend ihrer schwersten Zeit, als Messalina noch lebte.</p><p>Titus, der Sohn Vespasians und Freund und st�ndige Begleiter des Britannicus, war krank seit dem verh�ngnisvollen Mahl, bei dem Britannicus den Anfall gehabt hatte, der zu seinem Tode f�hrte. Ich beschlo�, ihn zu besuchen, da ich seinen Vater gut kannte. Titus selbst war ich allerdings ausgewichen, seit ich mich dem Freundeskreis um Nero angeschlossen hatte.</p><p>Titus war noch sehr bleich und mager, und er betrachtete mich mi�trauisch, als ich so unerwartet mit Geschenken bei ihm erschien. Durch sein kantiges Gesicht, sein Kinn und seine Nase verriet er deutlicher als sein Vater die etruskische Abstammung der Flavier. Man brauchte ihn nur einen Augenblick mit einer etruskischen Grabskulptur zu vergleichen, und da ich gerade aus Caere kam, fiel mir die �hnlichkeit besonders auf.</p><p>Ich sagte: �Ich habe mich seit den Saturnalien in Caere aufgehalten und eine R�ubergeschichte geschrieben, aus der ich vielleicht ein Schauspiel machen werde. Ich wei� daher nicht, was in Rom geschehen ist, aber ich habe b�se Ger�chte geh�rt. Sogar mein eigener Name soll mit dem pl�tzlichen Tod des Britannicus in Verbindung gebracht worden sein. Du kennst mich gut genug, um mir nichts B�ses zuzutrauen. Sag mir die Wahrheit. Wie starb Britannicus?�</p><p>Titus erwiderte meinen Blick ohne Furcht und sagte: �Britannicus war mein bester und einziger Freund. Eines Tages werde ich ihm eine goldene Statue unter den kapitolinischen G�ttern errichten, und sobald ich wieder gesund bin, reise ich zu meinem Vater nach Britannien.</p><p>Ich sa� beim Mahl neben Britannicus. Nero erlaubte uns Knaben nicht, bei Tisch zu liegen. Es war ein k�hler Abend, und wir nahmen hei�e Getr�nke zu uns. Britannicus� Mundschenk bot ihm einen so hei�en Becher an, da� er selbst sich beim Vorkosten die Zunge verbrannte. Britannicus lie� sich ein wenig kaltes Wasser in den Becher gie�en, trank und verlor auf der Stelle die Sprache und das Sehverm�gen. Ich nahm seinen Becher und kostete, und im gleichen Augenblick packte mich ein heftiger Schwindel, und vor meinen Augen verschwamm alles. Zum Gl�ck erbrach ich mich. Seither bin ich krank, aber ich w�re wahrscheinlich auch gestorben, wenn ich das Gift nicht wieder von mir gegeben h�tte.�</p><p>Ich traute meinen Ohren nicht. �Du glaubst wirklich, da� er vergiftet wurde und da� du selbst von dem Gift gekostet hast?� fragte ich.</p><p>Titus sah mich ernst an und antwortete: �Ich glaube es nicht, ich wei� es. Frag mich nicht, wer der Schuldige ist. Agrippina war es nicht, denn sie entsetzte sich zu sehr, als es geschah.�</p><p>�Wenn das wahr w�re, k�nnte im auch glauben, da� sie Claudius vergiftete, wie das Ger�cht noch immer hartn�ckig behauptet.�</p><p>Seine Mandelaugen blickten mich mitleidig an. �Wu�test du nicht einmal das?� fragte er. �Sogar die Hunde Roms scharten sich um Agrippina und heulten Tod, als sie zum Forum niederstieg, nachdem die Pr�torianer Nero zum Imperator ausgerufen hatten.�</p><p>�Dann ist die Macht gef�hrlicher, als ich je glaubte�, sagte ich.</p><p>�Die Macht ist zu schwer, um von einem einzigen Manne getragen zu werden, so klug auch seine Ratgeber sein m�gen�, stimmte mir Titus bei. �Keiner der Herrscher Roms hat sie ertragen, ohne durch sie verdorben zu werden. Ich habe w�hrend meiner Krankheit Zeit genug gehabt, �ber diese Dinge nachzudenken, und doch denke ich immer noch eher gut als schlecht von den Menschen. Auch von dir will ich gut denken, da du zu mir gekommen bist, um mich offen nach der Wahrheit zu fragen. Ein Mann kann sich zwar verstellen, aber ich glaube nicht, da� du im Auftrag Neros gekommen bist, um mich auszuhorchen, was ich vom Tode meines besten Freundes denke. Ich kenne Nero. Er glaubt, er habe durch seine Bestechungsgeschenke alle seine Freunde dazu gebracht, zu vergessen, was geschehen ist, und er m�chte selbst am liebsten vergessen. Ich habe ein Messer bereitgehalten f�r den Fall, da� du gekommen w�rst, um mir zu schaden.�</p><p>Er zog einen Dolch unter dem Kissen hervor und schleuderte ihn fort, um mir zu zeigen, da� er mir vertraute, aber er sprach im folgenden zu vorsichtig und �berlegt, als da� ich h�tte glauben k�nnen, da� er mir ganz traute. Wir zuckten gleichsam schuldbewu�t zusammen, als pl�tzlich eine sch�ngekleidete junge Frau eintrat, der eine Sklavin mit einem Korb folgte. Sie war schlank und breitschultrig wie Diana, ihr Gesicht war feingeschnitten, aber hart, und ihr Haar war auf griechische Art zu kleinen Locken gekr�uselt. Sie sah mich mit ihren gr�nschillernden Augen fragend an, und diese Augen kamen mir so bekannt vor, da� ich dumm zur�ckstarrte.</p><p>�Kennst du meine Base Flavia Sabina nicht?� fragte Titus. �Sie bringt mir jeden Tag die Speisen, die mir der Arzt verordnet und deren Zubereitung sie selbst �berwacht hat. M�chtest du mir nicht als mein Freund beim Mahl Gesellschaft leisten?� Ich begriff, da� das M�dchen die Tochter des Flavius Sabinus, des Pr�fekten von Rom und �lteren Bruders Vespasians war. Vielleicht hatte ich sie schon einmal bei irgendeinem gro�en Mahl oder bei einem festlichen Umzug gesehen, da sie mir so bekannt vorkam. Ich gr��te sie voll Ehrerbietung, aber die Zunge wurde mir trocken in meinem Munde, und ich starrte wie verzaubert ihr Gesicht an.</p><p>Ohne die geringste Verlegenheit tischte sie mit ihren eigenen H�nden ein spartanisch einfaches Mahl auf. Es gab nicht einmal Wein zu trinken. Ich a� aus H�flichkeit mit, aber die Bissen blieben mir im Halse stecken, wenn ich sie ansah. Ich sagte mir, da� noch keine Frau beim allerersten Anblick einen solchen Eindruck auf mich gemacht hatte.</p><p>Nach dem Grund fragte ich mich vergeblich. Sie selbst schien keine Lust zu versp�ren, mit mir zu lieb�ugeln. Sie war k�hl, verschlossen, schweigsam und stolz, ganz die Tochter des Stadtpr�fekten, und w�hrend ich a�, qu�lte mich immer st�rker die Empfindung, da� das Ganze ein Traum sei. Wir tranken nur Wasser, und dennoch f�hlte ich mich leicht berauscht. Schlie�lich fragte ich: �Warum i�t du selbst nichts?�</p><p>Sie antwortete sp�ttisch: �Ich habe das Essen zubereitet. Ich bin nicht euer Mundschenk und habe auch keine Ursache, mit dir Brot und Salz zu teilen, Minutus Manilianus. Ich kenne dich.�</p><p>�Wie willst du mich kennen, wenn ich dich nicht kenne?� fragte ich gekr�nkt.</p><p>Flavia Sabina streckte ohne Umst�nde ihren schlanken Zeigefinger aus und betastete mein linkes Auge. �Deinem Auge ist jedenfalls nichts geschehen, Narbengesicht�, sagte sie bedauernd. �Wenn ich ein wenig geschickter gewesen w�re, h�tte ich dir den Daumen hineingedr�ckt. Ich hoffe, du hast von meinem Fausthieb wenigstens ein blaues Auge gehabt.�</p><p>Titus horchte �berrascht auf und fragte: �Habt ihr miteinander gerauft, als ihr Kinder wart?�</p><p>�Nein, ich wohnte als Kind in Antiochia�, antwortete ich zerstreut, aber pl�tzlich glomm eine Erinnerung auf, und ich bekam vor Scham einen roten Kopf. Sabina sah mich forschend an, geno� meine Verwirrung und rief: �Aha, jetzt ist es dir wieder eingefallen! Du warst mit einer Bande von Sklaven und Strolchen unterwegs, ihr wart betrunken und verr�ckt und triebt euren Unfug auf offener Stra�e. Wir haben sehr wohl in Erfahrung gebracht, wer du bist, aber mein Vater wollte dich aus Gr�nden, die du selbst am besten kennst, nicht vor Gericht bringen.�</p><p>Ich erinnerte mich nur zu gut. Im letzten Herbst, auf einem von Neros n�chtlichen Streifz�gen, hatte ich versucht, ein M�dchen anzufangen, das uns entgegenkam, aber ich hatte von ihrer kleinen Faust einen solchen Schlag aufs Auge bekommen, da� ich auf den R�cken fiel, und hatte eine Woche lang ein blaues Auge gehabt. Ihre Begleiter griffen uns an, und Otho hatte sp�ter das Gesicht voll Brandblasen von einem Schlag mit einer brennenden Fackel. Ich war in jener Nacht so betrunken, da� ich kaum wahrnahm, was geschah.</p><p>�Ich habe dir nichts B�ses getan. Ich nahm dich nur in die Arme, als wir im Dunkeln zusammenstie�en�, verteidigte ich mich nun. �Wenn ich gewu�t h�tte, wer du bist, w�rde ich mich gleich am n�chsten Tag bei dir entschuldigt haben.�</p><p>�Du L�gner�, entgegnete sie. �Versuche nur ja nicht noch einmal, mich zu umarmen. Es k�nnte dir noch schlechter ergehen als beim letzten Mal.�</p><p>�Ich w�rde es nie wagen�, versuchte ich zu scherzen. �In Zukunft ergreife ich die Flucht, wenn ich dich von weitem sehe, so �bel bist du mit mir umgesprungen.�</p><p>Ich ergriff jedoch nicht die Flucht, sondern begleitete Sabina bis zum Haus des Stadtpr�fekten. Ihre gr�nschillernden Augen waren voll Gel�chter, und ihre nackten Arme waren glatt wie Marmor. Eine Woche sp�ter sammelte mein Vater ein Gefolge von zweihundert Klienten und lie� sich zum Haus des Flavius Sabinus tragen, um f�r mich um die Hand seiner Tochter anzuhalten.</p><p>Tullia und Tante Laelia h�tten noch andere Partien f�r mich gewu�t, aber diese Verlobung war nicht die schlechteste. Da� die Flavier arm waren, fiel bei dem Verm�gen meines Vaters nicht ins Gewicht.</p><p>Auf Sabinas Wunsch wurden wir nach der l�ngeren Formel getraut, obwohl ich nicht die Absicht hatte, in irgendein Priesterkollegium einzutreten, aber Sabina sagte, sie wolle eine Ehe f�rs ganze Leben schlie�en und sich nicht gleich wieder scheiden lassen. Ich tat, was sie wollte, und wir waren noch nicht lange verheiratet, als ich bemerkte, da� ich ihr in noch so manchen anderen Dingen ihren Willen tat.</p><p>Die Hochzeit war ein gro�es Fest. Auf Kosten meines Vaters und im Namen des Stadtpr�fekten wurden nicht nur der Senat und die Ritterschaft, sondern auch das ganze Volk zum Mahl geladen. Nero war ebenfalls anwesend und wollte unbedingt als Brautf�hrer auftreten und zur Fl�tenbegleitung eine unanst�ndige Hochzeitshymne singen, die er selbst gedichtet hatte. Zuletzt aber schwenkte er h�flich seine Fackel auf und nieder und ging wieder, ohne einen Streit anzufangen.</p><p>Ich nahm Sabina den feuerroten Schleier vom Haupt und den gelben Hochzeitsmantel von den Schultern. Als ich aber die beiden festen Knoten in ihrem Leineng�rtel l�sen wollte, setzte sie sich mit gr�nfunkelnden Augen zur Wehr und rief: �Ich bin eine Sabinerin! Nimm mich zum Raube, wie die Sabinerinnen geraubt wurden!�</p><p>Ich hatte kein Pferd und taugte im �brigen auch nicht zu der Art Raub, den sie sich w�nschte. Ich verstand nicht einmal recht, was sie eigentlich wollte, da mich mein Verh�ltnis mit Claudia an Z�rtlichkeit und gegenseitiges Nachgeben gew�hnt hatte. Sabina war entt�uscht. Sie schlo� die Augen, ballte die F�uste und lie� mich mit ihr tun, was ich wollte und wozu uns der rote Schleier verpflichtete. Zuletzt schlang sie ihre starken Arme um meinen Hals, gab mir einen hastigen Ku� und wandte mir den R�cken zu, um zu schlafen. Ich bildete mir ein, wir seien beide so gl�cklich, wie zwei hochzeitsm�de junge Menschen nur sein k�nnen, und schlief mit einem Seufzer der Zufriedenheit ein.</p><p>Erst viel sp�ter erkannte ich, was Sabina von der fleischlichen Liebe erwartete. Sie hatte mich wegen der Narben in meinem Gesicht f�r etwas ganz anderes gehalten, als ich wirklich war, und unsere erste Begegnung auf der n�chtlichen Stra�e hatte sie in dem Glauben best�rkt, da� ich ihr geben k�nnte, wonach sie verlangte.</p><p>Ich hege keinen Groll gegen sie. Ich habe sie mehr entt�uscht als sie mich. Wie und warum sie so wurde, wie sie war, wei� ich nicht zu erkl�ren. Venus ist eine launische und oft grausame G�ttin. Juno ist, was die Familie angeht, zuverl�ssiger, aber in anderen ehelichen Dingen auf die Dauer eher langweilig.</p></section><section><empty-line/><p><strong>VII

    </strong></p><p><strong>AGRIPPINA
  </strong></p><empty-line/><p>Wir verbrachten die hei�este Sommerszeit an der K�ste bei Caere. Meine Gattin Flavia Sabina suchte sich einen Auslauf f�r ihren Bet�tigungsdrang und lie� ein neues Sommerhaus an Stelle der alten, mit Schilf gedeckten Fischerh�tte errichten. Sie beobachtete mich und meine Schw�chen, ohne da� ich dessen gewahr wurde, und vermied es, mich �ber meine Zukunftspl�ne auszufragen, da sie bemerkt hatte, da� mich die blo�e Erw�hnung der Beamtenlaufbahn schon verstimmte. Sobald wir aber in die Stadt zur�ckgekehrt waren, sprach sie mit ihrem Vater �ber mich, worauf der Stadtpr�fekt Flavius Sabinus mich zu sich rufen lie�.</p><p>�Das neue h�lzerne Amphitheater geht der Fertigstellung entgegen, und Nero wird beim Er�ffnungsfest selbst anwesend sein�, erkl�rte er mir. �Was mir Sorgen macht, sind die wertvollen wilden Tiere, die von allen Enden der Welt herbeigebracht werden. Der alte Tiergarten an der Via Flaminia ist zu klein. Au�erdem stellt Nero besondere Forderungen. Er will dressierte Tiere haben, die noch nie gesehene Kunstst�cke vorf�hren. Senatoren und Ritter sollen in der Arena ihre Jagdk�nste zeigen, und dazu brauchen wir Tiere, die nicht zu wild sind. Andrerseits m�ssen die Tiere, die gegeneinander k�mpfen, den Zuschauern etwas bieten. Was wir brauchen, ist ein zuverl�ssiger Tiergartenvorsteher, der sich um die Tiere k�mmert und diesen Teil des Festprogramms entwirft. Nero ist gewillt, dir diesen Posten zu �bertragen, da du Erfahrungen im Umgang mit Raubtieren hast. Er bietet dir damit ein Ehrenamt im Dienste des Staates an.�</p><p>Ich war selbst schuld, denn ich hatte oft damit geprahlt, da� ich als Knabe in Antiochia einen L�wen lebend eingefangen hatte und unter den R�ubern in Kilikien meinen Mitgefangenen einmal das Leben rettete, als man uns in eine B�renh�hle stie�, um sich an unserem Entsetzen zu weiden. Aber f�r Hunderte von wilden Tieren sorgen und Vorf�hrungen im Amphitheater veranstalten, das schien mir eine so schwere, verantwortungsvolle Aufgabe zu sein, da� ich mich ihr nicht gewachsen f�hlte. Als ich das meinem Schwiegervater erkl�rte, antwortete er in scharfem Ton: �Du bekommst die n�tigen Geldmittel aus der kaiserlichen Kasse. Die erfahrensten Tierb�ndiger aller L�nder werden sich darum rei�en, in den Dienst Roms zu treten. Von dir wird weiter nichts verlangt als Urteilsverm�gen und guter Geschmack bei der Zusammenstellung des Programms. Sabina wird dir helfen. Sie hat sich schon als Kind ganze Tage im Tiergarten aufgehalten und liebt die Dressur.�</p><p>Mein Schicksal verfluchend, kehrte ich nach Hause zur�ck und beklagte mich bitter bei Sabina. �Lieber w�re ich Qu�stor geworden, um dir zu Willen zu sein, als Tierb�ndiger!�</p><p>Sabina betrachtete mich absch�tzend mit zur Seite geneigtem Kopf und sagte: �Nein, zum Konsul w�rst du letzten Endes doch nie gew�hlt worden, du Armer. Als Tiergartenvorsteher hast du wenigstens ein abwechslungsreiches Leben, und im �brigen ist dieser Posten noch nie mit einem Ritter besetzt gewesen.�</p><p>Ich erkl�rte ihr, da� meine Neigungen mehr den B�chern galten, aber Sabina fiel mir ins Wort und rief: �Was f�r Ehren gewinnst du schon in einem Vorlesungssaal, wo f�nfzig oder hundert gelangweilte Menschen zum Dank daf�r, da� du endlich zu lesen aufgeh�rt hast, Beifall klatschen! Du bist faul. Du hast keinen wirklichen Ehrgeiz.�</p><p>Sabina war so aufgebracht, da� ich mich h�tete, sie noch mehr zu reizen, obwohl ich mich fragte, was f�r Ehren wohl unter stinkenden Raubtieren zu holen seien. Wir begaben uns unverz�glich in den Tiergarten, und auf einem kurzen Rundgang stellte ich fest, da� es noch schlechter um ihn stand, als der Stadtpr�fekt angedeutet hatte.</p><p>Die Tiere kamen ausgehungert an und fanden kein passendes Futter vor. Der wertvollste Tiger war am Verenden, und niemand wu�te recht, was die unter gro�en Kosten aus Afrika geholten Nash�rner fra�en, da sie den einzigen, der es h�tte sagen k�nnen, ihren afrikanischen W�rter, zertrampelt hatten. Das Trinkwasser war faulig. Die Elefanten nahmen ihr Futter nicht an. Die K�fige waren zu eng und schmutzig. Die Giraffen gingen vor Angst ein, weil sie in einem Gehege unmittelbar neben den L�wenk�figen untergebracht waren.</p><p>Die kranken, Hunger und Durst leidenden Tiere br�llten, fauchten und kreischten, da� mir der Sch�del dr�hnte, und mir wurde �bel von dem Gestank der Raubtiere. Keiner der Aufseher und Sklaven wollte f�r irgend etwas verantwortlich sein. �Das geh�rt nicht zu meinen Aufgaben�, war die �bliche Antwort auf meine Fragen. Man hielt mir sogar entgegen, da� ausgehungerte und verschreckte Tiere am besten in der Arena k�mpfen. Man mu�te sie eben nur bis zur Vorf�hrung irgendwie am Leben erhalten.</p><p>Sabina fand besonderen Gefallen an zwei riesigen, dicht behaarten Affen, die gr��er als ein Mensch waren und aus einer unbekannten Gegend Afrikas nach Rom gebracht worden waren. Sie r�hrten das Fleisch nicht an, das ihnen in den K�fig geworfen wurde, und wollten nicht einmal trinken.</p><p>�Die ganze Anlage mu� umgebaut werden�, beschlo� ich. �Die Tierb�ndiger m�ssen genug Platz f�r die Dressur bekommen. Die K�fige m�ssen so gro� sein, da� die Tiere sich bewegen k�nnen. Flie�endes Wasser mu� eingeleitet werden. Jede Tierart mu� von eigenen W�rtern gef�ttert und gepflegt werden, die ihre Lebensgewohnheiten kennen.�</p><p>Der Aufseher, der mich begleitete, sch�ttelte den Kopf und wandte ein: �Wozu soll das gut sein? Die Tiere sind doch f�r die Arena bestimmt!�</p><p>Da ich nach der Art schwacher Menschen keine Einw�nde ertrug, schleuderte ich einen Apfel, in den ich gerade gebissen hatte, in den K�fig der Riesenaffen und schrie: �Mu� ich als erstes euch alle auspeitschen lassen, um euch euer Handwerk zu lehren!�</p><p>Sabina legte mir die Hand auf den Arm, um mich zu beruhigen, und deutete gleichzeitig mit einer Kopfbewegung in die Richtung des Affenk�figs. Ich sah verwundert, wie sich ein haariger Arm nach dem Apfel ausstreckte und das Tier die furchtbaren Z�hne entbl��te, um die Frucht mit einem einzigen Bi� zu zermalmen. Ich runzelte die Stirn, sah, wie ich hoffte, grimmig drein und sagte: �Gebt ihnen einen Korb Fr�chte und frisches Wasser in einem sauberen Gef��.�</p><p>Der Tierw�rter lachte und antwortete mir: �Solche wilden Tiere sind Fleischfresser. Das sieht man doch an den Z�hnen.�</p><p>Sabina ri� ihm die Peitsche aus der Hand, zog sie ihm �bers Gesicht und schrie zornig: �Wie redest du mit deinem Herrn!�</p><p>Der Mann erschrak und starrte uns b�se an, holte aber, um mich vor den anderen l�cherlich zu machen, einen Korb <strong>voll</strong> Fr�chte und leerte ihn in den Affenk�fig. Die ausgehungerten Tiere erwachten zum Leben und fra�en im Nu alles auf. Zu meiner eigenen Verwunderung lie�en sie nicht einmal die Weintrauben �brig, die sich unter den Fr�chten befanden. Das war in den Augen der Tierw�rter etwas so Unerh�rtes, da� sich alle um den K�fig versammelten und zusahen, und keiner lachte mehr �ber meine Befehle.</p><p>Ich merkte bald, da� es den Leuten nicht so sehr an Erfahrung mangelte, sondern da� die Hauptfehler Gleichg�ltigkeit, Habgier und Unordnung waren. Alle, von den Aufsehern bis zum letzten Sklaven, betrachteten es als ihr selbstverst�ndliches Recht, einen Teil der f�r die Versorgung der Tiere zur Verf�gung stehenden Mittel f�r sich auf die Seite zu schaffen.</p><p>Der Baumeister, der Neros Amphitheater entworfen und die Bauarbeiten beaufsichtigt hatte, fand es unter seiner W�rde, sich Tierk�fige und Freigehege auszudenken. Erst als er meine Zeichnungen sah und Sabinas Erkl�rungen entnahm, worum es in Wirklichkeit ging, n�mlich darum, einen ganzen neuen Stadtteil zu errichten, erwachte sein Ehrgeiz.</p><p>Ich entlie� oder versetzte alle, die die Tiere qu�lten oder sich zu sehr vor ihnen f�rchteten. Sabina und ich dachten uns eine einheitliche Kleidung f�r die vielen Hundert Angestellten des Tiergartens aus, und au�erdem bauten wir uns ein Haus auf dem Gel�nde des Tiergartens, denn ich erkannte bald, da� ich Tag und Nacht zur Stelle sein mu�te, wenn ich mich wirklich um die vielen wertvollen Tiere k�mmern wollte.</p><p>Es gab f�r uns kein Gesellschaftsleben mehr. Wir widmeten uns ganz den Tieren, und Sabina hielt sogar ein paar L�wenjunge, deren Mutter an einem Fieber eingegangen war, nachdem sie sie geworfen hatte, in unserem Ehebett und zwang mich, sie mit einem Horn zu s�ugen. Unser eigenes Eheleben verga�en wir vor lauter Gesch�ftigkeit, denn die Leitung eines Tiergartens ist unleugbar eine fesselnde, verantwortungsvolle Aufgabe.</p><p>Sobald der Tiergarten sauber war und die Tiere richtig gef�ttert wurden und t�chtige, aufmerksame W�rter hatten, mu�ten wir uns die Programmnummern f�r die gro�e Vorf�hrung ausdenken, denn der Tag der Er�ffnung des Amphitheaters r�ckte rasch n�her.</p><p>Ich hatte gerade so viele Tierk�mpfe gesehen, da� ich wu�te, wie man die Jagden in der Arena so leitete, da� sie f�r die J�ger ungef�hrlich waren und dabei doch f�r die Zuschauer atemberaubend wirkten. Schwieriger war es, zu bestimmen, welche Tiere gegeneinander gehetzt werden sollten, denn die Zuschauer waren die merkw�rdigsten Zusammenstellungen gewohnt. Am meisten versprach ich mir von den Kunstst�cken der gez�hmten Tiere, und da sich mir wirklich st�ndig kundige Tierb�ndiger aus allen L�ndern antrugen, hatte ich Erstaunliches zu bieten.</p><p>Es war jedoch nicht leicht, diese Dressurakte bis zum Fest geheimzuhalten, denn der Tiergarten war von Besuchern �berlaufen. Zuletzt verfiel ich darauf, eine Eintrittsgeb�hr zu verlangen. Das Geld, das auf diese Weise zusammenkam, verwendete ich zum Nutzen des Tiergartens, obgleich ich es ruhig h�tte f�r mich behalten d�rfen, denn ich selbst war ja auf diesen Gedanken gekommen. Kinder und Sklaven hatten �brigens freien Zutritt, wenn der Andrang nicht zu gro� war.</p><p>Eine Woche vor dem Er�ffnungstag besuchte mich ein hinkender, b�rtiger Mann. Erst als er mich anredete, erkannte ich in ihm Simon den Zauberer wieder. Das Verbot der Sterndeuterei war noch immer in Kraft, daher durfte er seinen pr�chtigen chald�ischen Mantel mit den Sternbildern darauf nicht tragen. Er wirkte heruntergekommen, sein Blick irrte unruhig hin und her, und er brachte ein so sonderbares Begehren vor, da� ich annehmen mu�te, er habe den Verstand verloren. Er wollte im Amphitheater seine Flugk�nste zeigen, um seinen alten Ruf wiederzuerlangen!</p><p>Ich entnahm seiner verworrenen Erz�hlung, da� seine Heilkr�fte im Schwinden waren und da� er keinen Zulauf mehr hatte. Seine Tochter war, wie er behauptete, durch die R�nke feindselig gesinnter Zauberer ums Leben gekommen. Vor allem aber verfolgten ihn die Christen in Rom mit solchem Ha�, da� er vollends zu verarmen drohte und nicht mehr wu�te, wovon er im Alter leben sollte. Daher wollte er nun vor allem Volk seine g�ttlichen Kr�fte beweisen.</p><p>�Ich wei�, da� ich fliegen kann�, sagte er. �Ich bin vor Jahren geflogen und vor den Augen der Menge aus einer Wolke aufgetaucht, aber dann kamen die Christen mit ihren Beschw�rungen, und ich st�rzte auf das Forum nieder und zerschlug mir die Kniescheibe. Ich will den anderen und mir selbst beweisen, da� ich noch fliegen kann. In einer der letzten N�chte habe ich mich vom Turm auf dem Aventin in einen brausenden Sturm geworfen und meinen Mantel als Schwingen ausgebreitet. Ich bin geflogen und unbeschadet wieder auf die F��e zu stehen gekommen.�</p><p>�Ich glaube, du bist nie wirklich geflogen�, sagte ich mi�trauisch. �Du blendest mit deiner Macht den Leuten die Augen, so da� sie glauben, sie s�hen dich fliegen.� Simon der Zauberer rang die H�nde, raufte sich den Bart und sagte: �Mag sein, da� ich den Leuten die Augen blendete, aber ich dachte mit solcher Kraft, da� ich fliege, da� ich noch immer glaube, wirklich geflogen zu sein. Doch ich strebe nicht mehr nach den Wolken. Es gen�gt mir, wenn es mir gelingt, ein- oder zweimal um das Amphitheater zu fliegen. Dann glaube ich wieder an meine Macht und daran, da� mich meine Engel in der Luft unter den Armen halten.�</p><p>Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, zu fliegen. Schlie�lich fragte ich ihn, wie er es anstellen wollte. Er meinte, man k�nnte mitten im Amphitheater einen hohen Mast errichten und ihn in einem Korb hinaufhissen, so da� er genug Luft unter sich bekam. Vom Boden k�nne er sich nicht erheben, wenn hunderttausend Menschen zusahen, sagte er. Er starrte mich mit seinem stechenden Blick an und sprach so �berzeugend, da� mir schwindelte, und ich dachte mir, dergleichen sei jedenfalls noch nie in einem Theater gezeigt worden. Wenn er sich unbedingt den Hals brechen wollte, so war das schlie�lich seine Sache; und wer wei�, vielleicht gl�ckte ihm der k�hne Versuch wirklich.</p><p>Nero befand sich im Amphitheater, um einigen griechischen J�nglingen zuzusehen, die einen Schwerttanz �bten. Es war ein gl�hendhei�er Herbsttag. Nero trug nur ein schwei�getr�nktes Untergewand. Er feuerte die Griechen an und lobte sie und nahm ab und zu selbst an dem Tanz teil, um ihnen ein Beispiel zu geben. Als ich ihm von dem Vorschlag Simons des Zauberers berichtete, war er entz�ckt, meinte jedoch: �Das Fliegen ist an sich merkw�rdig genug, aber wir m�ssen einen k�nstlerischen Rahmen finden, um eine wirklich sehenswerte Nummer daraus zu machen. Er k�nnte Ikarus darstellen, und wir sollten auch D�dalus und sein Meisterwerk haben, und warum nicht auch Pasiphae?�</p><p>Seine Einbildung begann so lebhaft zu arbeiten, da� ich froh war, als ich ihm endlich wieder entkam. Wir waren �bereingekommen, da� Simon der Zauberer sich den Bart scheren und als griechischer J�ngling verkleiden mu�te. Auf dem R�cken sollte er goldschimmernde H�gel tragen.</p><p>Als ich Simon die Forderungen des Kaisers �berbrachte, weigerte er sich zuerst, sich den Bart abzunehmen, und behauptete, er w�rde dadurch alle Kraft verlieren. Gegen die H�gel hatte er nichts einzuwenden. Ich erz�hlte ihm von D�dalus und der h�lzernen Kuh, aber darauf berichtete er mir von einer j�dischen Sage, derzufolge ein gewisser Simson alle Kraft verlor, als ihm eine fremde Frau die Haare abschnitt. Erst als ich sagte, er glaube wohl selbst nicht an seine Kunst, ging er auf die Forderung ein. Ich fragte ihn, ob ich den Mast gleich aufstellen lassen solle, damit er �ben k�nne, aber er antwortete mir, da� das �ben nur an seinen geheimen Kr�ften zehren w�rde. Er halte es f�r besser, zu fasten und in der Einsamkeit Beschw�rungen zu sprechen und seine Kr�fte f�r die Vorf�hrung aufzusparen.</p><p>Nero hatte vorgeschrieben, da� die Vorf�hrungen im Amphitheater die Zuschauer sowohl unterhalten als auch veredeln m��ten. Zum erstenmal in geschichtlicher Zeit sollte eine so gewaltige Vorstellung stattfinden, ohne da� absichtlich Menschenblut vergossen wurde. Daf�r mu�te das Volk zwischen den aufregenden und k�nstlerisch wertvollen Nummern soviel wie m�glich zu lachen haben, und in den unumg�nglichen Pausen sollten Geschenke unter die Zuschauer geworfen werden: gebratene V�gel, Fr�chte, Backwerk und kleine Lost�felchen aus Elfenbein, mit denen dann Getreide, Kleider, Silber, Gold, Zugochsen, Sklaven und sogar ganze Landg�ter verlost werden sollten.</p><p>Nero wollte keine Berufsgladiatoren verwenden. Statt dessen befahl er, um den besonderen Wert seiner Vorstellung zu betonen, da� das Spiel durch einen Kampf zwischen vierhundert Senatoren und sechshundert Rittern eingeleitet werden sollte, und tats�chlich erheiterte es das Volk �ber alle Ma�en, vornehme M�nner von untadeligem Ruf mit stumpfen Lanzen und Holzschwertern aufeinander einhauen zu sehen. Zuletzt aber herrschte allgemeines Mi�vergn�gen dar�ber, da� niemand zu Schaden kam, und die Leute begannen laut zu murren. Die Wachsoldaten machten sich daran, zu tun, was ihre Pflicht war, aber Nero lie� kundmachen, da� die Soldaten sich zur�ckzuziehen h�tten, denn das r�mische Volk m�sse sich an die Freiheit gew�hnen.</p><p>Diese Worte weckten Beifall und allgemeines Entz�cken. Die Unzufriedenen beherrschten sich, um sich des Vertrauens des Kaisers w�rdig zu erweisen. Ein Zweikampf mit Netz und Dreizack zwischen zwei feisten, kurzatmigen Senatoren war au�erdem so komisch, da� die Leute in nicht enden wollendes Gel�chter ausbrachen. Die beiden w�rdigen M�nner wurden n�mlich so b�se aufeinander, da� sie einander sicherlich verwundet h�tten, wenn die Dreizacke gespitzt oder die Netze mit den �blichen Bleikugeln best�ckt gewesen w�ren.</p><p>Man entsetzte sich �ber drei M�nner, die Riesenschlangen vorf�hrten und sich von den Tieren ganz umschlingen lie�en, aber Nero machte ein saures Gesicht, weil niemand ohne Erkl�rung verstand, da� die M�nner Laokoon und seine S�hne darstellten. Die Jagd auf L�wen, Tiger und Auerochsen verlief zur gro�en Entt�uschung der Zuschauer ohne Ungl�cksf�lle, wof�r die jungen Ritter, die als J�ger auftraten, mir und den Schutzt�rmen, die an verschiedenen Stellen in der Arena errichtet worden waren, danken konnten. Mir selbst mi�fiel diese Vorf�hrung, denn ich hatte meine Tiere so liebgewonnen, da� ich sie nicht sterben sehen mochte.</p><p>Gro�en Beifall erhielt eine L�wenb�ndigerin, eine schlanke, biegsame Frau, die pl�tzlich aus einem dunklen Tor st�rzte und, von drei L�wen verfolgt, quer durch die Arena lief. Ein Rauschen ging durch die Zuschauermenge, aber pl�tzlich drehte sich die Frau um und trieb die L�wen mit der Peitsche zur�ck. Die Tiere gehorchten ihren Befehlen, machten M�nnchen wie folgsame Hunde und sprangen durch gro�e Reifen.</p><p>Das Gemurmel und der Beifall reizten jedoch die L�wen. Als die Frau ihr gewagtestes Kunstst�ck vorf�hrte und den Kopf in den offenen Rachen des gr��ten L�wen steckte, klappte dieser pl�tzlich die Kiefer zusammen und bi� ihr den Kopf ab. Diese unvorhergesehene Wendung weckte so gewaltigen Jubel und solche Beifallsst�rme, da� ich Zeit hatte, die L�wen zu retten. Eine Kette von Sklaven, die mit Fackeln und rotgl�henden Eisenstangen ausger�stet waren, umkreiste sie und trieb sie durch die Pforte in ihre K�fige zur�ck. Sonst h�tten n�mlich die reitenden Bogensch�tzen sie get�tet, und ich war um meine kostbaren gez�hmten L�wen so besorgt, da� ich selbst unbewaffnet in die Arena sprang und den Sklaven meine Befehle erteilte.</p><p>Ich war so zornig, da� ich dem L�wen mit meinem eisenbeschlagenen Stiefel unter das Kinn trat, um ihn zu zwingen, den Kopf seiner Herrin auszuspucken. Er br�llte nur b�se, war aber offenbar selbst so erschrocken �ber das, was er angerichtet hatte, da� er mich nicht angriff.</p><p>Nachdem ein Trupp bemalter Neger ein Nashorn gehetzt hatte, stellte man eine Kuh aus Holz mitten in die Arena, und der Pantomimiker Paris stellte die Geschichte von D�dalus und Pasiphae so lebendig dar, w�hrend ein riesiger Stier die h�lzerne Kuh bestieg, da� die meisten Zuschauer glaubten, in der hohlen Kuh habe sich wirklich Pasiphae versteckt.</p><p>Simon der Zauberer mit seinen gro�en golden gl�nzenden Fl�geln war eine �berraschung f�r alle. Paris versuchte ihn durch Gesten zu einigen Tanzschritten zu verlocken, aber Simon wies ihn mit einem Schlag der pr�chtigen Fl�gel stolz ab. Einige Seeleute hi�ten ihn im Handumdrehen zu einer Plattform auf der Spitze des schwindelnd hohen Mastes hinauf. Ein paar Juden in den obersten Reihen stie�en Fl�che und Verw�nschungen aus, aber die anderen Zuschauer brachten sie zum Schweigen, und Simon der Zauberer wandte sich gr��end in alle Richtungen, als er da in der gr��ten Stunde seines Lebens oben auf dem Mast stand. Ich glaube, er war bis zum letzten Augenblick �berzeugt, da� er alle seine Widersacher besiegen werde.</p><p>Dann schlug er noch einmal mit den Fl�geln und sprang, zur Loge des Kaisers gewandt, in die Luft. Er st�rzte so kurz vor der Loge nieder, da� einige Blutstropfen bis zu Nero hinaufspritzten, und war auf der Stelle tot. Sp�ter stritt man sich dar�ber, ob er wirklich geflogen sei oder nicht. Einige behaupteten, gesehen zu haben, da� der linke Fl�gel besch�digt worden war, als man ihn im Korb zur Mastspitze hinaufzog. Andere wieder glaubten, die Verw�nschungen der Juden h�tten seinen Absturz bewirkt. Vielleicht w�re er geflogen, wenn er seinen Bart h�tte behalten d�rfen.</p><p>Die Vorstellung mu�te weitergehen. Die Seeleute spannten <strong>nun</strong> ein mannsdickes Tau zwischen dem Fu� des Mastes und der untersten Reihe, und zur ungeheuren �berraschung und Verwunderung der Zuschauer schritt ein Elefant langsam und vorsichtig �ber dieses Tau. Auf seinem Nacken sa� ein Ritter, der in ganz Rom f�r seine Dummdreistigkeit bekannt war. Nat�rlich hatte nicht er den Elefanten gelehrt, auf dem Tau zu gehen � das tat das Tier auch ohne F�hrer �, aber er heimste den Schlu�beifall f�r seine Vorstellung ein, wie man dergleichen bis dahin nicht gesehen hatte.</p><p>Ich glaube, das Volk war im gro�en ganzen recht zufrieden. Besonders der Todessprung Simons des Zauberers und der Tod der L�wenb�ndigerin waren Glanznummern gewesen, und das einzige, was man daran auszusetzen hatte, war, da� sie zu rasch ausgef�hrt worden waren. Die Senatoren und Ritter, die als J�ger auftreten mu�ten, waren zufrieden, weil kein Ungl�ck geschehen war, und nur die altmodischsten Zuschauer klagten, da� kein Menschenblut zu Ehren der r�mischen G�tter geflossen war, und gedachten wehm�tig der grausamen Spiele, die Claudius geboten hatte.</p><p>Die meisten verbargen jedoch ihre Entt�uschung recht tapfer, denn Nero hatte in den Pausen wirklich kostbare Geschenke verteilen lassen. Auch die Abberufung der Pr�torianer gefiel dem Volk, das sich etwas auf seine ererbte Freiheit einbildete, und bei der Schl�gerei um die Elfenbeinlose hatten keine hundert Zuschauer ernsthaftere Verletzungen erlitten.</p><p>Octavia, die Gemahlin des Kaisers, nahm es schweigend hin, da� Nero die sch�ne Acte der Vorstellung in der Kaiserloge beiwohnen lie�, wo sie allerdings hinter einer eigenen Wand mit einem Guckloch verborgen war. Agrippina hatte keinen Platz erhalten. Nero lie� verk�nden, es gehe seiner Mutter nicht gut. Irgend jemand soll gerufen haben, ob Agrippina vielleicht gar Pilze gegessen habe. Ich selbst h�rte diesen Ruf nicht, und Nero sagte, er sei gl�cklich, da� das Volk in seiner Gegenwart im Amphitheater von seiner Redefreiheit ohne Furcht Gebrauch mache.</p><p>Mein Tierbestand war auf betr�bliche Weise verringert worden, aber ein gewisser Stamm war selbstverst�ndlich �briggeblieben, und ich entwarf einen Plan, demzufolge der Tiergarten in Zukunft st�ndig mit wilden Tieren aus allen L�ndern aufgef�llt werden sollte, so da� die Vorstellungen nicht mehr vom Zufall abhingen. Es mu�te m�glich sein, innerhalb kurzer Frist gute Vorf�hrungen zustande zu bringen, wenn Nero es f�r notwendig erachtete, das Volk an irgendeinem Festtag zu unterhalten. Und da ich Neros Launen kannte, hielt ich es f�r klug, sich auf politische Ereignisse vorzubereiten, die es erforderlich machten, dem Volk Unterhaltung zu bieten, um es unangenehme Dinge vergessen zu lassen.</p><p>Die Fu�ballen der get�teten Nash�rner hatten die ganze Nacht in Kochgruben nach afrikanischer Art geschmort und waren am n�chsten Tag zu einer durchsichtigen, wabbelnden Masse erstarrt. Ich bereitete mich darauf vor, diesen seltenen Leckerbissen, der, soviel ich wei�, bis dahin Rom noch unbekannt gewesen war, auf den Tisch des Kaisers zu bringen. Wehm�tig betrachtete ich die leeren K�fige, die Sklaven, die zu ihren t�glichen Verrichtungen zur�ckgekehrt waren, und das bescheidene Haus, in dem Sabina und ich einen anstrengenden, aber, wie ich nun glaubte, gl�cklichen Lebensabschnitt verbracht hatten.</p><p>�Sabina!� rief ich dankbar. �Ohne deine Erfahrung im Umgang mit Tieren und deine unerm�dliche Arbeitslust w�re es mir wohl nicht gelungen, mich dieses Auftrags ehrenvoll zu entledigen. Trotz allen Schwierigkeiten, die wir �berwinden mu�ten, werden wir bestimmt gern an diese Zeit zur�ckdenken, wenn wir wieder ein gew�hnliches Leben fuhren.�</p><p>�Ein gew�hnliches Leben f�hren?� fragte Sabina schroff und blickte mich streng an. �Wie soll ich das verstehen?�</p><p>�Ich habe meinen Auftrag ausgef�hrt, und zwar, wie ich hoffe, zur Zufriedenheit deines Vaters und des Kaisers�, antwortete ich gut gelaunt. �Nun gehe ich mit diesem Gericht zu Nero, und unser Verwalter macht die Abrechnung mit der kaiserlichen Kasse. Nero versteht nichts von Geldangelegenheiten, und mir selbst ist unsere Buchf�hrung, offen gestanden, auch viel zu schwierig. Ich hoffe aber, sie ist in Ordnung, und trauere dem verlorenen Geld nicht nach. Vielleicht gibt Nero mir auch eine Belohnung, aber mein sch�nster Lohn ist der Beifall des Volkes. Mehr als das begehre ich nicht, und im �brigen h�tte ich diese st�ndigen Aufregungen auch nicht mehr lange ausgehalten.�</p><p>�Wer von uns beiden hat wohl am meisten aushalten m�ssen?� fragte Sabina lebhaft. �Ich traue meinen Ohren nicht! Du hast ja erst den ersten Schritt getan. Meinst du denn, du k�nntest die L�wen, die nun keine W�rterin mehr haben, einfach im Stich lassen, oder diese beinahe menschlichen Riesenaffen, von denen der eine so hustet, da� es einem ins Herz schneidet � von den anderen Tieren ganz zu schweigen? Nein, Minutus, ich will annehmen, da� du nur m�de und schlecht gelaunt bist. Mein Vater hat versprochen, da� du deine jetzige Stelle unter meiner Aufsicht behalten darfst. Das erspart ihm viele Sorgen, weil er nicht mehr um die ohnehin knapp bemessenen Mittel zu streiten braucht, die der Senat dem Tiergarten bewilligt.�</p><p>Nun war ich derjenige, der seinen Ohren nicht traute. �Flavia Sabina�, sagte ich, �ich gedenke nicht, mein ganzes Leben lang Tierw�rter zu sein, so teuer und sch�n die Tiere auch sein m�gen. Ich erinnere dich daran, da� ich in der v�terlichen Linie ebenso wie Otho oder sonst einer von den etruskischen K�nigen in Caere abstamme.�</p><p>Sabina fauchte zornig: �Deine Abstammung ist, gelinde ausgedr�ckt, zweifelhaft, und von deiner griechischen Mutter wollen wir lieber nicht reden. Die sch�bigen Wachsmasken im Haus deines Vaters sind Tullias Erbgut. Unter den Flaviern hat es zumindest Konsuln gegeben. Wir leben in einer neuen Zeit. Begreifst du nicht, da� der Vorsteher des Tiergartens eine politische Stellung innehat, um die man ihn beneiden kann, auch wenn das noch nicht allen einleuchtet?�</p><p>�Ich habe keine Lust, mit Stallburschen und Zitherspielern in Wettbewerb zu treten�, entgegnete ich steif. �Dagegen kann ich dir ein paar vornehme �ltere M�nner nennen, die sich schon jetzt einen Zipfel ihrer Toga vor die Nase halten, wenn sie mir begegnen, um den Raubtiergestank nicht riechen zu m�ssen. Vor f�nfhundert Jahren konnte sich der vornehmste Patrizier damit br�sten, da� er nach Dung roch, aber diese Zeiten sind vorbei. Au�erdem m�chte ich, ehrlich gesagt, auch keine jungen L�wen mehr in unserem Ehebett haben, f�r die du mehr Z�rtlichkeit �brig zu haben scheinst als f�r mich.�</p><p>Sabinas Gesicht wurde gelb vor Zorn. �Ich habe von deinen Eigenschaften als Ehemann nie gesprochen, weil ich dich nicht verletzen wollte�, sagte sie b�se und beherrschte sich mit M�he. �Ein kl�gerer, r�cksichtsvollerer Mann h�tte l�ngst seine Schl�sse gezogen. Wir sind nicht aus demselben Holz, aber eine Ehe ist eine Ehe, und das Bett ist nicht das Wichtigste. An deiner Stelle w�rde ich mich freuen, da� deine Frau eine andere Besch�ftigung gefunden hat, die ihr leeres Leben ausf�llt. Wir behalten den Tiergarten, das ist mein fester Entschlu�, und mein Vater stimmt mir zu.�</p><p>�Mein Vater k�nnte da anderer Meinung sein, und er hat wohl auch noch ein Wort mitzureden�, erwiderte ich kl�glich. �So viel Geld hat er auch nicht, da� er st�ndig f�r den Unterhalt des Tiergartens aufkommen kann.� Das war jedoch im Grunde belanglos. Was mich am tiefsten gekr�nkt hatte, war Sabinas unerwarteter Vorwurf, ich h�tte als Ehemann versagt.</p><p>Doch nun mu�te ich daf�r sorgen, da� das Gelee aus den Fu�ballen der Nash�rner ins Palatium kam, solange es noch warm war, und deshalb brach ich unseren Streit ab, der gewi� nicht der erste, aber der bisher schwerste gewesen war.</p><p>Nero bat mich, am Mahl teilzunehmen, was ganz nat�rlich war, und um mir seine Gunst zu beweisen, befahl er, mir als Anerkennung f�r meine Leistungen eine halbe Million Sesterze auszuzahlen. Ich ersah daraus, da� er keine Vorstellung davon hatte, was der Tiergarten kostete. Es fand sich au�erdem nie einer, der mir wenigstens diesen Betrag ausgezahlt h�tte, und ich selbst nahm mir nicht die M�he, danach zu fragen, denn an Kleingeld hatte mein Vater keinen Mangel.</p><p>Ich bemerkte ein wenig m�rrisch, es w�re wichtiger f�r mich, da� der Posten des Tiergartenvorstehers unter die staatlichen �mter aufgenommen w�rde, damit ich ihn auf der Liste meiner Verdienste anf�hren k�nnte, wenn ich ihn eines Tages aufgab. Mein Vorschlag l�ste eine scherzhafte Diskussion aus, die mein Schwiegervater damit beendete, da� er erkl�rte, ein so wichtiges Amt, das noch dazu ein so gro�es eigenes Verm�gen erforderte, d�rfe nicht eines Tages von dem launischen Senat mit einem untauglichen Bewerber besetzt werden. Es sei, seiner Auffassung nach, juristisch gesehen, ein Amt von Kaisers Gnaden, etwa wie das des K�chenvorstehers oder Kleiderverwalters oder Oberstallmeisters, und k�nne einem nur durch Ungnade des Kaisers abgesprochen werden.</p><p>�An der fr�hlichen Miene unseres Herrschers erkenne ich, da� du noch sein Vertrauen besitzt�, schlo� mein Schwiegervater, an mich gewandt. �Soweit es von mir als dem Stadtpr�fekten abh�ngt, bist du der Vorsteher des Tiergartens. Und nun st�re unser wichtiges Gespr�ch nicht mehr mit dergleichen Bemerkungen.�</p><p>Nero begann uns voll Eifer seine Pl�ne zu erkl�ren. Er wollte alle f�nf Jahre nach griechischem Vorbild gro�e Spiele veranstalten, um die Bildung und den Geschmack des Volkes zu heben. �Wir k�nnen ja sagen, sie dienten dem Fortbestand des Staates�, meinte er. �Ich selbst m�chte es dahin bringen, da� diese Spiele als die gr��ten aller Zeiten betrachtet werden. F�rs erste k�nnte man sie ganz bescheiden Neronische Festspiele nennen, um das Volk daran zu gew�hnen. Wir unterteilen sie in musische Spiele, athletische Spiele und die �blichen Wagenrennen. Zu den athletischen Spielen will ich die Vestalinnen als Zuschauerinnen einladen, denn ich habe geh�rt, da� in Griechenland die Cerespriesterinnen den olympischen Spielen beiwohnen. Auf diese Weise wird man ganz von selbst meine Spiele mit den olympischen vergleichen. Alle edlen Wettk�mpfe werden in Zukunft in Rom ihre Heimstatt haben, und das ist politisch betrachtet nicht mehr als recht und billig, denn wir verwalten das Erbe Griechenlands und wollen uns dessen w�rdig erweisen.�</p><p>Ich vermochte mich f�r diese gro�en Pl�ne nicht zu begeistern, denn die gesunde Vernunft sagte mir, da� solche Spiele nach griechischem Vorbild nur das Ansehen der Tiervorf�hrungen und damit den Wert meines eigenen Amtes mindern konnten. Ich kannte freilich das Volk von Rom und wu�te, da� es stets mehr Vergn�gen an den Vorstellungen im Amphitheater finden w�rde als an Gesang, Musik und dem Wettstreit der Athleten, aber Neros k�nstlerische Neigungen und hochfliegende Pl�ne verwandelten das Amphitheater gleichsam in einen Ort niedriger, sittlich zweifelhafter Vergn�gungen.</p><p>Als ich in unser Haus im Tiergarten zur�ckkehrte, war ich nicht bei bester Laune, und zu meinem Ungl�ck traf ich dort auch noch Tante Laelia an, die sich mit Sabina stritt. Sie war gekommen, um die Leiche Simons des Zauberers zu holen, die sie nach der abergl�ubischen Juden Weise unverbrannt bestatten wollte, da Simon nach seinem Ungl�ck keinen anderen Freund mehr hatte, der ihm diesen letzten Dienst erwiesen h�tte. Die Juden und ihresgleichen lie�en drau�en vor der Stadt unterirdische H�hlen graben und bestatteten darin ihre Toten, ohne sie zu verbrennen. Tante Laelia hatte viel Zeit verloren, bis es ihr endlich gelungen war, diese halb und halb geheimgehaltenen Begr�bnisst�tten ausfindig zu machen.</p><p>Ich ging der Sache nach und erfuhr, da� niemand rechtzeitig nach der Leiche Simons des Zauberers gefragt hatte. Sie war daher, wie die Leichen von im Tiergarten verungl�ckten Sklaven, den Raubtieren zum Fra� vorgeworfen worden. Ich war mit diesem Brauch selbst nicht ganz einverstanden, aber nat�rlich sparte man auf diese Weise Futterkosten, und man mu�te nur darauf sehen, da� das Fleisch nicht verdorben war. Ich hatte es daher meinen Untergebenen verboten, Menschen zu verf�ttern, die an Krankheiten gestorben waren.</p><p>In diesem Fall hatte Sabina wohl voreilig gehandelt. Simon der Zauberer war immerhin ein in seinen eigenen Kreisen geachteter Mann gewesen und hatte eine Bestattung nach der Sitte seines Volkes verdient. Ein benagter Sch�del und ein paar Knochen waren alles, was die Sklaven noch retten konnten, als sie die L�wen mit Besenstielen von ihrer Mahlzeit verjagten.</p><p>Ich lie� die Reste in eine schnell herbeigeholte Urne legen und �bergab diese Tante Laelia mit der Bitte, sie um ihrer eigenen Gem�tsruhe willen nicht zu �ffnen. Sabina lie� sich deutlich ihre Verachtung f�r unsere Gef�hlsduselei anmerken.</p><p>Von diesem Abend an schliefen wir in getrennten R�umen, und trotz meiner Bitterkeit schlief ich besser als seit langem, da ich mich nicht mehr der L�wenjungen zu erwehren brauchte, die auf mir herumgeklettert waren und in letzter Zeit schon nadelscharfe Z�hne bekommen hatten.</p><p>Nach dem Tod Simons des Zauberers verlor Tante Laelia in k�rzester Zeit ihren Lebenswillen und das Restchen Verstand, das ihr noch geblieben war. Sie war zwar schon lange eine alte Frau mit allen Eigenheiten einer solchen gewesen, aber w�hrend sie bisher immer noch versucht hatte, es durch Kleider, Per�cken und Schminke zu verbergen, lie� sie sich nun gehen und versteckte sich die meiste Zeit in meinem Haus, murmelte vor sich hin und erz�hlte von l�ngst vergangenen Zeiten, an die sie sich besser erinnerte als an alles, was zuletzt geschehen war.</p><p>Als ich bemerkte, da� sie nicht einmal mehr zu sagen vermochte, wer Kaiser war, und mich mit meinem Vater verwechselte, hielt ich es f�r angebracht, so oft wie m�glich in meinem alten Haus auf dem Aventin zu �bernachten. Sabina hatte nichts dagegen einzuwenden. Im Gegenteil, es schien ihre Herrschsucht zu befriedigen, da� sie im Tiergarten schalten und walten durfte, wie sie wollte.</p><p>Sabina verstand sich ausgezeichnet mit den Tierb�ndigern, obwohl diese trotz ihrer gewi� achtenswerten beruflichen Geschicklichkeit zumeist ungebildete Menschen waren und �ber nichts anderes zu reden wu�ten als �ber ihre Tiere. Sabina �berwachte auch das Ausladen der Tiere von den Schiffen und verstand es viel besser als ich, die Preise herunterzuhandeln. Vor allem aber hielt sie unter den Angestellten des Tiergartens unerbittlich Zucht und Ordnung.</p><p>Ich mu�te mir bald eingestehen, da� ich eigentlich nicht mehr viel zu tun hatte und Sabina nur die n�tigen Mittel zur Verf�gung zu stellen brauchte. Die Zuwendungen aus der kaiserlichen Kasse reichten bei weitem nicht f�r den Unterhalt und die Neuanschaffungen. Deswegen hatte man mir ja auch zu verstehen gegeben, da� die Leitung des Tiergartens ein Ehrenamt sei, das betr�chtliche eigene Mittel voraussetze.</p><p>Ich hatte Eink�nfte aus dem Seifenhandel meines gallischen Freigelassenen, einer meiner �gyptischen Freigelassenen stellte teure Hautsalben f�r Frauen her, und Hierax sandte mir reiche Geschenke aus Korinth. Meine Freigelassenen steckten ihre Gewinne gern in neue Unternehmungen. Der Seifensieder hatte seine Verbindungen in allen gro�en St�dten des Reiches, und Hierax betrieb in Korinth Grundst�ckspekulationen. Nur der Tiergarten brachte mir nichts ein.</p><p>Um die Wohnraumnot zu lindern, lie� ich auf einem durch Brand zerst�rten Grundst�ck, das ich dank meinem Schwiegervater billig erwerben konnte, einige siebenst�ckige Mietsh�user errichten. Ein wenig verdiente ich auch dadurch, da� ich Fangexpeditionen nach Thessalien, Armenien und Afrika ausr�stete und �bersch�ssige Tiere in Provinzst�dte verkaufte. Die besten behielt ich nat�rlich selbst.</p><p>Bald verdiente ich auch das erste Geld an den Schiffen, die vom Roten Meer nach Indien segelten und an denen ich � um seltene Tiere aus Indien herbeischaffen zu k�nnen � Anteile hatte erwerben d�rfen. Die Waren wurden �ber Alexandria nach Rom bef�rdert. Es war die Zeit, in der handwerkliche Erzeugnisse aus Gallien und kampanische Weine nach Indien ausgef�hrt wurden.</p><p>Dank einem �bereinkommen mit den arabischen F�rsten erhielt Rom einen St�tzpunkt mit einer st�ndigen Garnison am s�dlichen Ende des Roten Meeres. Das war notwendig, weil die Nachfrage nach Luxuswaren mit dem steigenden Wohlstand des Reiches immer gr��er wurde und die Parther die r�mischen Karawanen nicht durch ihr Gebiet ziehen lassen, sondern selbst als Zwischenh�ndler an den Waren verdienen wollten.</p><p>Alexandria gewann durch die neue Ordnung, aber gro�e Handelsst�dte wie Antiochia und Jerusalem erlitten Verluste, weil die Preise der Waren aus Indien sanken. Daher lie�en die m�chtigen syrischen Handelsherren durch Mittelsm�nner in Rom die Auffassung verbreiten, ein Krieg gegen Parthien sei fr�her oder sp�ter unerl��lich, um dem Handel einen Landweg nach Indien zu er�ffnen.</p><p>Sobald in Armenien Ruhe eingetreten war, hatte Rom Beziehungen zu den Hyrkanern angekn�pft, die das salzige Kaspische Meer n�rdlich des Partherreiches beherrschten. Auf diese Weise erhielt man unter Umgehung der Parther einen Handelsweg nach China und konnte Seide und andere Waren �ber das Schwarze Meer nach Rom bringen. Ich hatte davon, offen gestanden, recht unklare Vorstellungen, und wie mir erging es den anderen. Es wurde zum Beispiel behauptet, man brauche zwei Jahre, um die Waren auf Kamelr�cken von China an die K�ste des Schwarzen Meeres zu schaffen, aber die meisten vern�nftigen Menschen glaubten nicht, da� irgendein Land so weit entfernt liegen k�nne, sondern meinten, die Behauptung sei eine reine Erfindung der Karawanenkaufleute, die ihre unversch�mten Wucherpreise rechtfertigen wollten.</p><p>Wenn Sabina recht schlecht gelaunt war, forderte sie mich auf, selbst auf Reisen zu gehen und Tiere heimzubringen, Tiger aus Indien, Drachen, von denen die Sagen berichten, aus China oder Nash�rner aus dem dunkelsten Nubien. In meiner Verbitterung hatte ich manchmal wirklich Lust, eine so lange Reise anzutreten, aber zuletzt siegte doch immer wieder die Vernunft, und ich sagte mir, da� erfahrenere M�nner als ich besser dazu taugten, wilde Tiere einzufangen und die M�hen der Reisen zu bestehen.</p><p>Ich lie� daher allj�hrlich am Todestag meiner Mutter einen der Sklaven des Tiergartens frei und r�stete ihn f�r eine Reise aus. Einen meiner abenteuerlustigen griechischen Freigelassenen schickte ich nach Hyrkanien. Er sollte versuchen, nach China zu gelangen, und da er des Schreibens kundig war, hoffte ich, von ihm einen brauchbaren Reisebericht zu bekommen, aus dem ich ein neues Buch h�tte machen k�nnen. Ich h�rte jedoch nie mehr von ihm.</p><p>Nach dem Tod des Britannicus und meiner Verm�hlung war ich Nero mehr oder weniger aus dem Weg gegangen. Wenn ich heute dar�ber nachdenke, will mir scheinen, da� meine Ehe mit Sabina in gewissem Sinne eine Flucht aus dem Kreis um Nero war. Vielleicht habe ich mich deshalb so pl�tzlich und auf so vern�nftige Weise in sie verliebt.</p><p>Als ich wieder mehr Zeit f�r mich selbst hatte, begann ich r�mische Schriftsteller in mein Haus einzuladen. Annaeus Lucanus, der Sohn eines Vetters Senecas, hielt sich gern in meiner Gesellschaft auf, weil ich seine dichterische Begabung ohne Hemmungen lobte. Petronius, der einige Jahre �lter als ich war, fand Gefallen an dem kleinen Buch, das ich �ber die R�uber in Kilikien geschrieben hatte, vor allem wegen der absichtlich volkst�mlichen Sprache.</p><p>Petronius war ein fein gebildeter Mann, der es � n�chst der Erf�llung seiner politischen Pflichten � als sein Lebensziel ansah aus dem Leben selbst ein Kunstwerk zu machen. Er war insofern ein recht anstrengender Freund, als er gern tags�ber schlief und des Nachts wachte, weil ihn, wie er behauptete, der n�chtliche Verkehrsl�rm Roms nicht schlafen lie�.</p><p>Ich begann ein Handbuch �ber wilde Tiere, ihren Fang, ihre Bef�rderung, Pflege und Dressur zu schreiben. Um es f�r die Zuh�rer genie�bar zu machen, berichtete ich von vielen merkw�rdigen Ereignissen, die ich selbst mit angesehen oder von anderen geh�rt hatte, und machte flei�ig Gebrauch von dem Recht eines jeden Schriftstellers, zu �bertreiben, um das Interesse wachzuhalten. Petronius meinte, es k�nnte ein ausgezeichnetes Buch von bleibendem Wert werden, und entlehnte daraus f�r seine eigenen Schriften einige grobe Wendungen, wie sie in der Sprache des Amphitheaters �blich sind.</p><p>An den n�chtlichen Streifz�gen Neros in die verrufenen Viertel Roms nahm ich nicht mehr teil, da mein Schwiegervater der Stadtpr�fekt war, und ich handelte klug, denn diese wilden Vergn�gungen nahmen ein trauriges Ende.</p><p>Nero war nie b�se, wenn er Pr�gel bekam. Er nahm das nur als ein Zeichen daf�r, da� ehrlich gek�mpft worden war. Eines Nachts versetzte ihm ein Senator, der die Ehre seiner Gattin verteidigte, einen kr�ftigen Hieb �ber den Sch�del, und als er zu seinem Entsetzen erfuhr, wen er geschlagen hatte, schrieb er in seiner Dummheit Nero einen Brief, in dem er sich dem�tig entschuldigte. Darauf blieb Nero nichts anderes �brig, als sich dar�ber zu verwundern, da� ein Mann, der seinen Herrscher geschlagen hatte, noch am Leben war und sich obendrein in schamlosen Briefen mit seiner Missetat br�stete. Der Senator lie� sich von einem Arzt die Pulsadern �ffnen.</p><p>Seneca nahm diese Sache sehr �bel auf und fand, Nero m�sse seine Wildheit auf andere Weise austoben. Er lie� daher den Zirkus des Kaisers Gajus am Rand des Vatikanischen H�gels instand setzen und stellte ihn Nero zur Verf�gung. Dort konnte sich dieser nun endlich, mit zuverl�ssigen Freunden als Zuschauer, nach Herzenslust in der Kunst �ben, ein Viergespann zu lenken.</p><p>Agrippina schenkte ihm dazu ihre G�rten, die sich bis zum Janiculum erstreckten. Seneca hoffte, da� die Wettk�mpfe, in denen sich Nero mehr oder weniger heimlich �bte, seine f�r einen Kaiser �bertriebene Vorliebe f�r Musik und Gesang aufs rechte Ma� zur�ckf�hren w�rden. Binnen kurzer Zeit wurde Nero ein k�hner, unerschrockener Wagenlenker. Er hatte ja die Pferde schon als Kind geliebt.</p><p>Um die Wahrheit zu sagen, brauchte er sich freilich auf der Rennbahn selten umzusehen oder zu bef�rchten, da� andere seinen Wagen umwarfen, aber es geh�rt doch einiges dazu, ein iberisches Viergespann im Zirkus zu wenden, ohne die Herrschaft �ber die Pferde zu verlieren, und so mancher hat sich schon auf der Rennbahn den Hals gebrochen oder ist f�rs Leben zum Kr�ppel geworden, weil er vom Wagen st�rzte und die um den Leib geschlungenen Z�gel nicht rechtzeitig zu kappen vermochte.</p><p>In Britannien hatte sich Flavius Vespasian ernstlich mit Ostorius �berworfen, und er erhielt den Befehl, zur�ckzukehren. Der junge Titus hatte sich in seinem Dienst ausgezeichnet, indem er eines Tages mutig den Befehl �ber eine Abteilung Reiterei �bernahm und seinem von Briten umzingelten Vater zu Hilfe eilte. Vespasian meinte allerdings, er h�tte sich auch ohne fremde Hilfe herausgehauen.</p><p>Seneca betrachtete den st�ndigen Kleinkrieg in Britannien als nutzlos und gef�hrlich und vertrat die Ansicht, da� die Anleihen, die er den britischen K�nigen gew�hrt hatte, eher dazu angetan seien, den Frieden im Lande herzustellen, als Straffeldz�ge, die nur die Staatskasse belasten. Nero lie� Vespasian ein paar Monate lang das Konsulsamt aus�ben, machte ihn zum Mitglied eines hochgestellten Priesterkollegiums und lie� ihn danach f�r die �bliche Amtsdauer zum Prokonsul in Afrika w�hlen.</p><p>Als wir in Rom zusammentrafen, musterte er mich eine Weile, l�chelte dann verschmitzt und sagte: �Du hast dich in diesen Jahren sehr ver�ndert, Minutus Manilianus, und ich meine nicht nur die Narben in deinem Gesicht. Als du noch in Britannien warst, h�tte ich mir nicht tr�umen lassen, da� wir eines Tages miteinander verwandt sein w�rden, weil du meine Nichte geheiratet hast. Aber ein junger Mann bringt es in Rom nat�rlich viel weiter, als wenn er sich in Britannien einen Rheumatismus f�rs Leben holt und sich bald hier, bald dort nach der Sitte der Briten verheiratet.�</p><p>Ich hatte meine Ehe im Land der Icener beinahe schon ganz vergessen, und Vespasian erinnerte mich nun zu meinem Unbehagen an die peinlichen Dinge, die ich dort erlebt hatte. Ich flehte ihn an, dar�ber zu schweigen, und er sagte tr�stend: �Welcher Legion�r hat nicht irgendwo einen Bankert! Aber deine Hasenpriesterin Lugunda hat nicht wieder geheiratet. Sie erzieht deinen Sohn nach r�mischer Art, so zivilisiert sind die vornehmsten Icener nun schon.�</p><p>Diese Worte schmerzten mich, denn Sabina zeigte keine Neigung, mir ein Kind zu geb�ren, und wir waren schon lange nicht mehr mit dieser Absicht beieinander gelegen. Ich verjagte jedoch die st�renden Gedanken an Lugunda, wie ich es bisher getan hatte. Vespasian versprach bereitwillig, meine britische Ehe geheimzuhalten, da er, wie er sagte, das herbe Wesen seiner Nichte Sabina kannte.</p><p>Auf einem Fest, das mein Schwiegervater zu Ehren seines Bruders Vespasian gab, traf ich zum erstenmal Lollia Poppaea. Es hie�, ihre Mutter sei einst die sch�nste Frau Roms gewesen und habe die Aufmerksamkeit des Claudius in solchem Ma�e erregt, da� Messalina es f�r angebracht hielt, sie aus der Zahl der Lebenden verschwinden zu lassen. Doch was wurde nicht alles �ber Messalina geredet!</p></section><section><p>Poppaeas Vater Lollius hatte als junger Mann dem Freundeskreis des Verschw�rers Sejanus angeh�rt und war deshalb in ewige Ungnade gefallen. Lollia Poppaea war mit einem ziemlich unbedeutenden Ritter namens Crispinus verm�hlt und hatte den Namen ihres Gro�vaters m�tterlicherseits, Poppaeus Sabinus, angenommen, da der Name ihres Vaters einen schlechten Klang hatte. Dieser Gro�vater hatte den Konsulsrang innegehabt und seinerzeit sogar einen Triumph gefeiert.</p><p>Poppaea war also mit Flavius Sabinus verwandt, wenn auch auf eine so verzwickte Weise, da� mir nie recht klargeworden ist, wie. Tante Laelias Ged�chtnis hatte schon sehr gelitten. Sie brachte die verschiedensten Personen durcheinander und konnte mich auch nicht aufkl�ren. Als ich Poppaea begr��te, sagte ich zu ihr, ich bedauerte, da� meine Gattin Sabina mit ihr leider nur den Namen gemeinsam habe.</p><p>Poppaea sperrte unschuldsvoll ihre gro�en rauchgrauen Augen auf, die, wie ich sp�ter bemerkte, die Farbe je nach Stimmung und Beleuchtung wechselten, tat, als h�tte sie nicht verstanden, was ich meinte, und fragte: �Findest du, ich sei nach einem einzigen Kindbett so alt und unansehnlich geworden, da� ich mich nicht mehr mit der jungfr�ulichen Artemis Sabina vergleichen kann? Wir sind gleichalt, deine Sabina und ich.� Mir wurde hei�, als ich ihr in die Augen sah, und ich sagte rasch: �Nein, ich meine, da� du die z�chtigste verheiratete Frau bist, die mir in Rom begegnet ist, und ich mu� deine Sch�nheit bewundern, nun da ich dich zum erstenmal ohne Schleier sehe.�</p><p>Poppaea erwiderte mit einem scheuen L�cheln: �Ich mu� in der Sonne immer einen Schleier tragen, weil meine Haut so empfindlich ist. Ich beneide deine Sabina, die kr�ftig und braungebrannt wie eine Diana mit der Peitsche in der Hand im Sonnenglast in der Arena stehen kann.�</p><p>�Sie ist nicht meine Sabina, wenn wir auch nach der l�ngeren Formel getraut sind�, sagte ich bitter. �Sie ist eher die Sabina der L�wen und der Tierb�ndiger. Sie kennt keine Scham, ihre Lieblingsgesellschaft ist nicht anst�ndig, und ihre Sprache wird von Jahr zu Jahr gr�ber.�</p><p>�Vergi� nicht, da� wir miteinander verwandt sind, sie und ich�, mahnte mich Poppaea Sabina. �Aber abgesehen davon bin ich nicht die einzige Frau in Rom, die sich dar�ber wundert, da� ein fein empfindender Mann wie du sich ausgerechnet Sabina ausgesucht hat, obwohl er andere h�tte haben k�nnen.�</p><p>Ich wies mit finsterer Miene auf meine Umgebung und deutete an, da� es noch mehr Gr�nde f�r eine Ehe gebe als nur gegenseitige Zuneigung. Flavia Sabinas Vater war Pr�fekt von Rom, und ihr Onkel hatte das Triumphrecht. Ich wei� nicht, wie es kam, aber Poppaeas scheue Gegenwart erregte mich, und ich begann von diesem und jenem zu plaudern. Es dauerte nicht lang, und Poppaea gestand mir err�tend, wie sehr sie unter der Ehe mit einem eitlen Pr�torianerzenturio litt.</p><p>�Von einem wirklichen Mann verlangt man ja mehr als nur ein hochfahrendes Wesen, einen blinkenden Brustharnisch und einen roten Helmbusch�, sagte sie beziehungsvoll. �Ich war ein unschuldiges Kind, als ich mit ihm verm�hlt wurde. Ich bin, wie du siehst, sehr zart, und meine Haut ist so empfindlich, da� ich mein Gesicht jeden Tag mit in Eselsmilch getunktem Weizenbrot behandeln mu�.�</p><p>Ganz so zart, wie sie behauptete, war sie auch wieder nicht; das f�hlte ich, als sie, ohne es zu bemerken, ihre eine Brust in meine Armbeuge dr�ckte. Ihre Haut war so strahlend wei�, da� ich dergleichen nie zuvor gesehen hatte. Ich wu�te nicht, womit ich sie vergleichen sollte, denn ich bin kein Dichter. Ich murmelte etwas von Gold und Elfenbein, aber ich glaube, da� mein Blick deutlicher als alles andere ausdr�ckte, wie sehr mich ihre junge Sch�nheit bezauberte.</p><p>Wir konnten nicht so lange miteinander plaudern, wie ich gern gewollt h�tte, da ich meinen Pflichten als Schwiegersohn nachkommen mu�te. Ich tat es jedoch zerstreut und vermochte an nichts anderes zu denken als an Poppaeas rauchgraue Augen und schimmernde Haut, und als ich die Schutzgeister des Hauses anrief und die uralten Beschw�rungen hersagte, geriet ich ins Stottern.</p><p>Zuletzt zog mich meine Gattin Sabina beiseite und sagte spitz: �Du hast ganz glasige Augen und ein rotes Gesicht, dabei ist doch fast noch gar kein Wein getrunken worden. La� dich nicht von Poppaea umgarnen. Sie ist eine berechnende kleine H�ndin. Sie hat freilich ihren Preis, aber ich f�rchte, der ist zu hoch f�r einen Dummkopf wie dich.�</p><p>Ich nahm ihr diese Worte sehr �bel, denn Poppaea war so bescheiden, und ihr Benehmen war so unschuldsvoll, da� man sich unm�glich t�uschen konnte. Zugleich aber erregte mich Sabinas geh�ssige Behauptung und weckte in mir den Gedanken, da� ich vielleicht gewisse M�glichkeiten h�tte, wenn es mir nur gel�nge, mich Poppaea behutsam und taktvoll genug zu n�hern.</p><p>Als ich mich f�r eine Weile meiner Pflichten entledigt hatte, kn�pfte ich daher ein neues Gespr�ch mit ihr an, was nicht schwer war, da die anderen Frauen ihre Gesellschaft offenbar mieden. Die M�nner ihrerseits hatten sich um den Ehrengast versammelt, der, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, von seinen Kriegserlebnissen in Britannien berichtete.</p><p>Meinen verblendeten Augen erschien Poppaea wie ein kleines verlassenes M�dchen, so stolz sie auch ihren blonden Kopf in die H�he reckte. Eine gro�e Z�rtlichkeit ergriff mich. Als ich aber wie unbeabsichtigt ihren nackten Arm ber�hrte, fuhr sie auf, r�ckte ein St�ck von mir ab und sah mich an mit einem Blick, in dem sich die tiefste Entt�uschung spiegelte.</p><p>�Willst du nur das, Minutus?� fl�sterte sie. �Bist du gleich wie alle anderen M�nner, obwohl ich hoffte, in dir einen Freund zu finden? Verstehst du nun, warum ich lieber mein Gesicht hinter einem Schleier verberge, als da� ich es allen l�sternen Blicken aussetze? Denk daran, da� ich verheiratet bin. Nur wenn ich die Scheidung bek�me, k�nnte ich mich frei f�hlen.�</p><p>Ich verwahrte mich gegen ihre Verw�rfe und versicherte, ich w�rde mir lieber die Pulsadern �ffnen, als sie kr�nken. Sie bekam feuchte Augen und lehnte sich gegen mich, so da� ich ihre W�rme sp�rte. Ihren weiteren Worten entnahm ich, da� sie kein Geld f�r einen Scheidungsproze� hatte und da� ihre Ehe eigentlich nur durch den Kaiser selbst aufgel�st werden konnte, da sie Patrizierin war. Sie kannte jedoch nicht genug einflu�reiche Personen im Palast, um ihre Angelegenheit Nero vortragen zu lassen.</p><p>�Ich habe die ganze Gemeinheit der M�nner erfahren m�ssen�, sagte sie. �Wenn ich mich an einen Fremden wende und um Hilfe bitte, versucht er nur, meine Wehrlosigkeit auszun�tzen. H�tte ich nur einen einzigen wahren Freund, der sich mit meiner ewigen Dankbarkeit begn�gte, ohne Dinge von mir zu verlangen, die zu gew�hren meine Schamhaftigkeit mir verbietet!�</p><p>Das Ende vom Lied war, da� ich sie vom Fest nach Hause begleitete. Ihr Gatte Crispinus erlaubte es mir gern, um selbst in Ruhe und Frieden weitertrinken zu k�nnen. Die beiden waren so arm, da� sie nicht einmal eine eigene S�nfte besa�en. Ich bot Poppaea die meine an. Sie z�gerte zuerst, setzte sich dann aber neben mich, so da� ich w�hrend des ganzen Weges ihre N�he f�hlte.</p><p>Wir lie�en uns jedoch nicht gleich zum Pr�torianerlager tragen, denn die Nacht war sch�n und sternenklar, und Poppaea versp�rte ebensowenig Sehnsucht nach dem Schwei�geruch des Lagers wie ich nach dem Gestank des Tiergartens. Zuerst genossen wir vom n�chsten H�gel die Aussicht �ber den erleuchteten Markt, und kurz darauf befanden wir uns auf einmal in meinem Haus auf dem Aventin, weil Poppaea Tante Laelia nach irgend etwas fragen wollte, was ihren armen Vater betraf. Tante Laelia war nat�rlich schon schlafen gegangen, und Poppaea brachte es nicht �ber sich, sie wecken zu lassen. Wir waren also allein und tranken ein wenig Wein, w�hrend wir zusahen, wie �ber dem Palatin der Morgen heraufzog. Und wir tr�umten, wie es sein k�nnte, wenn sie und ich frei w�ren.</p><p>Poppaea lehnte sich vertrauensvoll gegen mich und gestand mir, da� sie sich schon immer nach einer reinen, selbstlosen Freundschaft gesehnt und sie nie gefunden habe. Nachdem ich sie recht herzlich gebeten hatte, erlaubte sie mir, ihr eine ansehnliche Summe zu leihen, damit sie die Scheidung einreichen konnte.</p><p>Um ihr Mut zu machen, erz�hlte ich ihr von Neros seltener Menschenfreundlichkeit, seinem Edelmut gegen�ber seinen Freunden und noch so manchen anderen Eigenschaften, denn Poppaea war nach Frauenart neugierig und noch nie selbst mit Nero zusammengetroffen. Auch von Acte erz�hlte ich ihr, von ihrer Sch�nheit und ihrem untadeligen Auftreten, und von anderen Frauen, mit denen Nero zu tun gehabt hatte. Ich versicherte ihr, da� Nero seine Ehe mit Octavia noch nicht vollzogen hatte, da sie ihm sowohl als die Schwester des Britannicus wie auch als seine eigene Halbschwester zuwider war.</p><p>Poppaea Sabina verstand es, mir zu schmeicheln, und verleitete mich durch so geschickte Fragen dazu, immer mehr zu erz�hlen, da� ich ihren Verstand nicht minder als ihre Sch�nheit zu bewundern begann. Es d�nkte mich erstaunlich, da� eine so liebliche, empfindsame Frau, die schon einen Sohn geboren hatte, noch immer wie ein unber�hrtes M�dchen wirken und in ihrer Unverderbtheit tiefen Widerwillen gegen die Laster des Hofes f�hlen konnte, und ich bewunderte sie darum nur noch um so mehr. Je deutlicher ich ahnte, wie unnahbar sie war, desto begehrenswerter wurde sie f�r mich.</p><p>Als wir uns bei Sonnenaufgang, kurz bevor die H�rner erklangen, trennten, erlaubte sie mir, ihr einen Freundschaftsku� zu geben, und als ich ihre weichen Lippen unter den meinen schmelzen f�hlte, ergriff mich ein solches Entz�cken, da� ich schwor, alles zu tun, was in meiner Macht stand, um sie aus ihrer unw�rdigen Ehe zu befreien.</p><p>An den folgenden Tagen lebte ich wie im Traum. Alle Farben leuchteten st�rker als je zuvor, die Sonne strahlte heller, die Dunkelheit der N�chte erschien mir warm und weich. Ich war wie berauscht und versuchte sogar Gedichte zu schreiben. Wir trafen uns im Minervatempel und taten, als betrachteten wir die Gem�lde und Skulpturen der griechischen Meister.</p><p>Poppaea Sabina sagte mir, da� sie mit ihrem Gatten gesprochen habe. Crispinus sei mit der Scheidung einverstanden, sofern man ihm eine angemessene Entsch�digung zahle. Mit hinrei�end klarer Vernunft bewies mir Poppaea, da� es besser sei, das Geld Crispinus zu geben, als es f�r die Advokaten hinauszuwerfen und gegenseitige Beschuldigungen zu erfinden, die dann wieder bewiesen werden m��ten und letzten Endes nur zu einem �ffentlichen Skandal f�hren w�rden.</p><p>Der blo�e Gedanke, da� sie noch mehr Geld von mir annehmen sollte, entsetzte sie jedoch. Sie hatte ja noch kostbaren Schmuck, den sie verkaufen k�nnte, sagte sie. Es handelte sich zwar um Familienerbst�cke, die ihr teuer waren, aber noch teurer war ihr die Freiheit.</p><p>Ich sch�mte mich f�rmlich, als ich Poppaea dennoch zwang, eine Zahlungsanweisung auf meinen Bankier anzunehmen. Nun brauchte also nur noch Neros Zustimmung zur Aufl�sung der Ehe eingeholt zu werden, die er als oberster Pontifex jederzeit geben konnte, denn dieses Amt stand ihm zu, wenn er es auch nicht aus�ben wollte, weil, wie er sagte, die religi�sen Pflichten seine ohnehin schwere Arbeitslast vollends unertr�glich gemacht h�tten.</p><p>Ich f�rchtete etwas zu verderben, wenn ich selbst mit Nero sprach, denn er h�tte mich unlauterer Absichten verd�chtigen k�nnen, da ich ja selbst nach der l�ngeren Formel getraut war. Au�erdem hatte Nero des �fteren sp�ttisch bemerkt, es sei besser, wenn ich mich an die Angelegenheiten des Tiergartens hielte, auf die ich mich verst�nde, und mich nicht in Gespr�che �ber Philosophie oder Musik einmischte, und das gr�mte mich.</p><p>Ich suchte nach einem Mittelsmann und verfiel zuletzt auf Otho, der Neros bester Freund war und so viel Geld und Einflu� hatte, da� er es wagte, mit ihm zu streiten, wenn es ihm daf�rstand. Otho tat sich einiges auf seine zarte, glatte Gesichtshaut zugute, die er sorgsam pflegte, und das gab mir Gelegenheit, eines Tages ganz beil�ufig zu erw�hnen, da� ich eine Frau kannte, die ihre empfindliche Haut mit Eselsmilch behandelte.</p><p>Otho zeigte sich sofort interessiert und sagte mir, da� er selbst sich auch manchmal, nach durchwachten N�chten und Zechgelagen, das Gesicht mit Weizenbrot abrieb, das er in Milch aufweichte. Ich berichtete ihm im Vertrauen von Poppaea Sabina und ihrer ungl�cklichen Ehe. Er wollte sie selbstverst�ndlich selbst kennenlernen, bevor er mit Nero �ber sie sprach.</p><p>Und ich Dummkopf f�hrte Poppaea in Othos prachtvolles Haus. Ihre Sch�nheit, ihre Zur�ckhaltung und ihre schimmernde Haut machten einen solchen Eindruck auf ihn, da� er sich gern bereit erkl�rte, ihr F�rsprecher bei Nero zu sein. Zu diesem Zweck aber mu�te er nat�rlich alle Umst�nde genau kennen.</p><p>Daher fragte er Poppaea freundlich l�chelnd nach allen Einzelheiten ihrer Ehe aus, und als er bemerkte, da� ich verlegen wurde und nicht wu�te, wohin ich blicken sollte, meinte er taktvoll, ich sollte mich vielleicht besser entfernen. Das tat ich gern, denn ich sah ein, da� die scheue Poppaea �ber derlei Dinge am liebsten ohne Zuh�rer mit dem erfahrenen, verst�ndnisvollen Otho sprach.</p><p>Sie berieten hinter verschlossenen T�ren bis sp�t am Nachmittag. Zuletzt kam Poppaea wieder zu mir heraus, nahm mich an der Hand und schlug die rauchgrauen Augen scheu nieder. Otho dankte mir daf�r, da� ich ihn mit einer so bezaubernden Frau bekannt gemacht hatte, und versprach, sein Bestes zu tun, um die Scheidung zu erwirken. Poppaea hatte bei dem Gespr�ch mit ihm rote Flecke auf ihrem wei�en Hals bekommen � so empfindlich war ihre Haut.</p><p>Otho hielt sein Versprechen. Nero l�ste in Gegenwart zweier Richter und gest�tzt auf gewisse Dokumente, die man ihm vorgelegt hatte, die Ehe zwischen Poppaea und Crispinus auf. Poppaea durfte ihren Sohn behalten, und Otho verm�hlte sich mit ihr einige Wochen sp�ter in aller Stille, ohne die �blichen neun Monate abzuwarten. Ich wollte es zuerst nicht glauben, als ich es erfuhr. Mir war, als st�rzte der Himmel auf mich nieder, vor meinen Augen wurde es dunkel, und ich bekam so heftige Kopfschmerzen, da� ich mich mehrere Tage in einen dunklen Raum einschlie�en mu�te.</p><p>Als ich wieder Herr meiner Sinne war, verbrannte ich die Gedichte auf dem Hausaltar und beschlo�, nie wieder welche zu schreiben. Diesem Vorsatz bin ich auch treu geblieben. Ich konnte Otho keine Vorw�rfe machen, denn ich kannte Poppaeas Zauber selbst nur zu gut. Ich hatte nur geglaubt, Otho, der wegen seiner zahllosen Liebesh�ndel mit Frauen und J�nglingen ber�chtigt war, k�nne sich niemals in eine so sch�chterne, unerfahrene Frau wie Poppaea verlieben. Doch vielleicht wollte er sein Leben �ndern. Vielleicht konnte die sittsame Poppaea einen g�nstigen Einflu� auf sein verderbtes Gem�t aus�ben.</p><p>Ich bekam eine Einladung zur Hochzeit von Poppaeas eigener Hand und sandte im voraus als Hochzeitsgabe einen Satz silberner Trinkgef��e, die sch�nsten, die ich fand. Auf dem Fest selbst glich ich wohl einem Schatten aus der Unterwelt und trank mehr als gew�hnlich, und zuletzt sagte ich zu Poppaea, w�hrend mir die Tr�nen aus den Augen st�rzten, ich selbst h�tte vielleicht auch die Scheidung bewilligt bekommen.</p><p>�O Minutus, warum hast du das aber auch mit keinem Wort angedeutet!� rief Poppaea wehm�tig aus. �Aber nein, das h�tte ich Flavia Sabina nie antun k�nnen. Otho hat nat�rlich seine Fehler. Er ist ein wenig weibisch und zieht beim Gehen das eine Bein nach, w�hrend man dein Hinken kaum bemerkt. Er hat mir aber fest versprochen, da� er sich bessern und die schlechten Freunde verlassen will, die ihn zu gewissen Lastern verf�hrt haben, �ber die ich mit dir nicht einmal sprechen kann. Der arme Otho ist so feinf�hlig und l��t sich so leicht von anderen beeindrucken, aber ich hoffe, mein Einflu� wird einen neuen Menschen aus ihm machen.�</p><p>�Und au�erdem ist er reicher als ich, aus uraltem Geschlecht und der engste Vertraute des Kaisers�, sagte ich ohne meine Bitterkeit zu verbergen.</p><p>Poppaea sah mich tadelnd an und fl�sterte mit zitternden Lippen: �So schlecht denkst du von mir, Minutus? Ich dachte, du habest verstanden, da� mir Name und Reichtum nichts bedeuten, wenn ich mich f�r jemanden entscheide. Ich blicke ja auch nicht auf dich herab, obwohl du nur Tiergartenvorsteher bist.�</p><p>Sie war so gekr�nkt und so sch�n, da� ich ihr nicht l�nger b�se sein konnte und sie um Vergebung bat. Otho war eine Zeitlang wie verwandelt. Er hielt sich Neros Gelagen fern, und wenn er wirklich erschien, weil Nero nach ihm geschickt hatte, verabschiedete er sich fr�h und sagte, er k�nne seine sch�ne Gattin nicht so lange warten lassen. Von Poppaeas Sch�nheit und Liebeskunst sprach er so offenherzig, da� Nero immer neugieriger wurde und Otho schlie�lich bat, seine junge Frau ins Palatium mitzubringen.</p><p>Otho erwiderte darauf, Poppaea sei zu scheu und zu stolz. Er fand noch andere Ausfl�chte und sagte dann wieder, nicht einmal Venus selbst k�nne, als sie aus dem Meerschaum geboren wurde, sch�ner gewesen sein als Poppaea, wenn sie des Morgens ihr Bad in Eselsmilch nahm. Otho hatte einen ganzen Stall voll Eselinnen angeschafft, die f�r sie gemolken wurden. Sie pflegten beide mit gleicher Hingabe ihre zarte Haut, sofern ihnen die Liebe daf�r Zeit lie�.</p><p>Ich litt solche Eifersuchtsqualen, da� ich alle Zusammenk�nfte mied, bei denen ich Otho h�tte antreffen k�nnen. Meine Freunde verspotteten mich wegen meiner finsteren Miene, aber allm�hlich tr�stete ich mich mit dem Gedanken, da� ich Poppaea, wenn ich sie wirklich liebte, nur das Beste w�nschen durfte, und zumindest dem �u�eren Anschein nach hatte sie die g�nstigste Partie gemacht, die in Rom �berhaupt m�glich war. Sabina aber war mir fremder geworden denn je zuvor. Wir konnten nicht mehr zusammen sein, ohne zu streiten, und ich begann ernstlich die Scheidung zu erw�gen, obwohl ich wu�te, da� ich mir dadurch den Ha� des ganzen flavischen Geschlechts zuziehen mu�te. Ich vermochte mir allerdings die herbe, schroffe Sabina nicht recht als Ehebrecherin vorzustellen, zumal sie mich deutlich genug merken lie�, da� ich ihr einen tiefen Abscheu gegen die Freuden des Bettes eingefl��t hatte.</p><p>Ihr machte es nichts aus, da� ich mich dann und wann zu einer liebeskundigen Sklavin legte, solange ich nur sie in Frieden lie�. Es gab somit keinen stichhaltigen Grund, eine nach der l�ngeren Formel eingegangene Ehe zu l�sen, und ich wagte nicht einmal mehr andeutungsweise von Scheidung zu sprechen, so au�er sich vor Zorn war Sabina das eine Mal gewesen, da ich die Sache zur Sprache gebracht hatte � wohl weil sie f�rchtete, ihre geliebten Tiere zu verlieren. So blieb mir nur die Hoffnung, da� die L�wen sie eines Tages zerrissen, wenn sie ihnen ihren starken Willen aufzwang und sie, von dem erfahrenen L�wenb�ndiger Epaphroditus unterst�tzt, unglaubliche, nie zuvor gesehene Kunstst�cke ausf�hren lie�.</p><p>Auf diese Weise vergingen f�r mich die ersten f�nf Jahre der Regierung Neros. Wahrscheinlich war dies die gl�cklichste Zeit, die die Welt je erlebt hat und erleben wird. Ich selbst aber f�hlte mich wie in einen K�fig eingesperrt. Ich begann allm�hlich mein �u�eres zu vernachl�ssigen, mochte nicht mehr reiten und setzte �berm��ig viel Fett an.</p><p>Gleichwohl unterschied ich mich nicht sehr von den anderen jungen M�nnern Roms. Man sah damals viele ungepflegte, langhaarige M�nner auf den Stra�en, die schwei�triefend, singend und klimpernd den Einzug eines neuen Geschlechts verk�ndeten, das die strengen Sitten der Alten verachtete. Mir selbst war alles gleichg�ltig, da der beste Teil meines Lebens unbemerkt und ungenutzt an mir vor�bergeglitten war, obwohl ich freilich noch keine drei�ig war.</p><p>Dann entzweiten sich Nero und Otho. Nur um Nero zu reizen, nahm Otho eines Tages Poppaea ins Palatium mit. Nero verliebte sich blind in sie. Nach der Art verw�hnter Kinder war er gewohnt, alles zu bekommen, was er haben wollte. Poppaea wies ihn mit aller Entschiedenheit ab und sagte ihm, er k�nne ihr nicht mehr bieten als Otho. Nach dem Mahl lie� Nero eine Flasche seines teuersten Parf�ms �ffnen, und alle G�ste durften sich mit einigen Tropfen davon betupfen. Als Nero kurz darauf bei Otho zu Gast war, lie� dieser das gleiche Parf�m aus d�nnen Silberr�hrchen �ber alle Anwesenden regnen.</p><p>Es wurde behauptet, Nero habe sich einmal in seiner Liebeskrankheit mitten in der Nacht zu Othos Haus tragen lassen und vergeblich ans Tor geklopft. Otho lie� ihn nicht ein, weil Poppaea den Zeitpunkt f�r einen Besuch unpassend fand. Ein andermal soll Otho in Gegenwart von Zeugen zu Nero gesagt haben: �In mir siehst du den k�nftigen Kaiser.�</p><p>Ich wei� nicht, ob Otho dergleichen geweissagt worden war oder aus welchem Grunde sonst er sich diesen Wahn in den Kopf gesetzt hatte. Nero lachte nur laut auf und sagte h�hnisch: �In dir sehe ich nicht einmal einen k�nftigen Konsul.�</p><p>Eines strahlenden Wochentags, als in den G�rten des Lukull auf dem Pincius die Kirschb�ume bl�hten, lie� mich Poppaea zu sich rufen. Ich glaubte sie schon vergessen zu haben, aber sie war mir wohl doch nur scheinbar gleichg�ltig gewesen, denn ich kam ihrer Aufforderung sofort, vor Eifer zitternd, nach. Poppaea war sch�ner, als ich sie je gesehen hatte. Sie hatte ihren kleinen Sohn bei sich und trat auf, wie es einer Mutter geziemt. Sie trug ein seidenes Gewand, das die lockende Sch�nheit ihrer Gestalt mehr entbl��te als verh�llte.</p><p>�O Minutus!� rief sie. �Wie habe ich dich vermi�t! Du bist der einzige selbstlose Freund, den ich habe. Ich brauche dringend deinen Rat.�</p><p>Ich wurde mi�trauisch, denn ich erinnerte mich, wie es mir beim letztenmal als Ratgeber ergangen war. Poppaea l�chelte mich aber so unschuldsvoll an, da� ich nichts Schlechtes von ihr denken konnte.</p><p>�Du wirst geh�rt haben, in was f�r eine peinliche Lage ich durch Nero geraten bin�, sagte sie. �Ich begreife nicht, wie es dazu kommen konnte, denn ich habe ihm nicht den geringsten Anla� gegeben. Du kennst mich ja. Nero verfolgt mich mit seinen Antr�gen, und Otho wird noch in Ungnade fallen, nur weil er meine Tugend besch�tzt.�</p><p>Sie betrachtete mich aufmerksam. Ihre rauchgrauen Augen wurden pl�tzlich veilchenblau. Sie hatte sich ihr goldblondes Haar so sch�n um den Kopf legen lassen, da� sie wie die Statue einer G�ttin aussah: lauter Gold und Elfenbein.</p><p>Sie rang ihre schmalen H�nde und gestand mir: �Das schrecklichste ist, da� ich Nero gegen�ber nicht ganz gleichg�ltig bleiben kann. Er ist ein sch�ner Mann. Sein r�tliches Haar und seine heftigen Gef�hle entz�cken mich. Er ist edelm�tig und ein gro�er K�nstler. Wenn ich ihn spielen und singen h�re, bin ich so verzaubert, da� ich den Blick nicht von ihm wenden kann. W�re er so selbstlos wie du, w�rde er versuchen, mich vor meinen eigenen Gef�hlen zu sch�tzen, anstatt sie anzufachen. Aber vielleicht wei� er gar nicht, was f�r Empfindungen seine N�he in mir weckt. Ja, Minutus, ich zittere an allen Gliedern, wenn ich ihn nur sehe. Zum Gl�ck konnte ich es bisher verbergen und ihm aus dem Weg gehen, soweit dies meine Stellung zul��t.�</p><p>Sie sprach zur�ckhaltend und zugleich tr�umerisch, und ich glaube, sie wu�te nicht, wie sehr ich litt. �Du bist in gro�er Gefahr, Poppaea�, sagte ich erschrocken. �Du mu�t fliehen. Bitte Otho, da� er versucht, sich zum Prokonsul in irgendeiner Provinz ernennen zu lassen. Bleib nicht in Rom!�</p><p>Poppaea sah mich an, als w�re ich nicht ganz bei Sinnen. �Wie sollte ich anderswo leben k�nnen als in Rom? Ich w�rde vor Sehnsucht sterben. Es gibt aber etwas noch Schlimmeres und Merkw�rdigeres, und ich w�rde nicht wagen, mit dir dar�ber zu sprechen, wenn ich nicht w��te, da� ich mich auf deine Verschwiegenheit verlassen darf. Denk dir, ein j�discher Wahrsager � du wei� ja, da� die Juden sich auf derlei Dinge verstehen � hat mir gesagt, da� ich eines Tages � du darfst mich aber nicht auslachen �, da� ich eines Tages die Gemahlin eines Kaisers sein werde!�</p><p>�Liebe Poppaea�, sagte ich beg�tigend. �Hast du nicht gelesen, was Cicero �ber die Weissagungen schreibt? Zerbrich dir �ber solchen Unfug nicht deinen h�bschen Kopf.�</p><p>Sie warf mir einen b�sen Blick zu und fragte beleidigt: �Warum nennst du das einen Unfug? Othos Geschlecht ist uralt, und er hat viele Freunde unter den Senatoren. Nero k�nnte diese Weissagung nur dadurch zunichte machen, da� er unsere Ehe aufl�ste. Er selbst hat ja seine Octavia. Er schw�rt freilich, er habe es noch nie �ber sich gebracht, sich zu ihr zu legen � so gro� ist seine Abneigung gegen dieses einf�ltige M�dchen. Aber andrerseits kann ich nicht begreifen, da� ein junger Herrscher wie er eine freigelassene Sklavin zur Bettgenossin hat und haben will. Das ist in meinen Augen etwas so Niedriges und Verachtenswertes, da� mein Blut kocht, wenn ich nur daran denke!�</p><p>Ich schwieg und dachte nach, und schlie�lich fragte ich mi�trauisch: �Was willst du eigentlich von mir?�</p><p>Poppaea t�tschelte meine Wange, seufzte und blickte mir z�rtlich in die Augen. �Ach Minutus, du bist wirklich nicht sehr durchtrieben�, klagte sie. �Aber vielleicht mag ich dich deshalb so gern. Eine Frau braucht ja einen Freund, mit dem sie �ber alles ganz aufrichtig sprechen kann. Wenn du wirklich mein Freund bist, dann gehst du zu Nero und sagst ihm alles. Er wird dich bestimmt anh�ren, wenn er erf�hrt, da� du von mir kommst. Er ist schon so verliebt, da� ich ihn gleichsam in der Zange habe.�</p><p>�Wie soll ich das verstehen?� fragte ich. �Gerade eben erst hast du auf meine Verschwiegenheit angespielt!�</p><p>Poppaea ergriff verlegen meine willenlose Hand, dr�ckte sie gegen ihre H�fte und sagte: �Er soll mich in Ruhe lassen, weil ich schwach werde, wenn ich ihn sehe. Ich bin nur eine Frau, und er ist unwiderstehlich. Das sollst du ihm sagen. Wenn ich aber in meiner Schwachheit seinen Verf�hrungsk�nsten erliege, mu� ich mir das Leben nehmen, um mir meine Selbstachtung zu bewahren. Ehrlos kann ich nicht leben. Sag ihm das. Erz�hl ihm auch von der Weissagung. Ich ertrage den Gedanken nicht, da� Otho ihm Schaden zuf�gen k�nnte. Ich habe Otho in meiner Dummheit von der Weissagung berichtet und bereue es tief. Ich ahnte ja nicht, wie machtl�stern er in seinem Innersten ist.�</p><p>Es widerstrebte mir, noch einmal f�r Poppaea den Boten zuspielen, aber ihre N�he l�hmte meinen Willen, und da� sie sich so auf mich verlie�, sprach mein m�nnliches Bed�rfnis an, die Schwachen zu besch�tzen. Zwar begann ich dunkel zu ahnen, da� Poppaea vielleicht gar nicht so schutzbed�rftig sei, aber wie sollte ich ihr scheues unschuldiges Wesen anders auslegen als zu ihren Gunsten? Sie w�rde sich gewi� nicht so vertrauensvoll auf mich gest�tzt und mir erlaubt haben, sie zu umarmen, wenn sie gewu�t h�tte, was f�r Gef�hle das in meinem schamlosen Leib weckte.</p><p>Nach langem Suchen fand ich Nero endlich im Zirkus des Gajus. Er �bte sich mit seinem Viergespann und fuhr mit dem aus der Verbannung zur�ckgekehrten Gajus Sophonius Tigellinus um die Wette, den er zu seinem Stallmeister gemacht hatte. Der Form halber standen zwar Wachen an den Toren, aber es hatte sich trotzdem eine ganze Menge Volks auf den Zuschauerb�nken versammelt, um Nero anzufeuern und ihm Beifall zu rufen.</p><p>Ich mu�te lange warten, bis Nero endlich, staubig und verschwitzt, den Schutzhelm abnahm und sich die Leinenbinden abwickeln lie�, die seine Beine sch�tzten. Tigellinus lobte seine raschen Fortschritte, tadelte ihn dann aber scharf wegen eines Fehlers, den er beim Wenden begangen hatte. Nero nahm den Tadel dem�tig entgegen. Er wu�te, da� er gut daran tat, Tigellinus in allem, was Pferde und Gespanne betraf, ohne Einw�nde zu gehorchen.</p><p>Tigellinus f�rchtete niemanden. Er war gewohnt, seinen Willen durchzusetzen, und behandelte seine Sklaven grausam. Gro� und kr�ftig, mit schmalem Gesicht, so stand er da und blickte sich hochm�tig um wie einer, der sagen will, da� sich mit Gewalt alles im Leben erzwingen l��t. Er hatte einmal alles verloren, was er besa�, und hatte sich in der Verbannung durch Fischfang und Pferdezucht ein neues Verm�gen geschaffen. Es hie�, da� keine Frau und kein Knabe vor ihm sicher seien.</p><p>Ich gab Nero durch Mienen und Gesten zu verstehen, da� ich ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen w�nschte, und er erlaubte mir, ihm zum Badehaus im Garten zu folgen. Als ich ihm Poppaea Sabinas Namen ins Ohr fl�sterte, schickte er alle anderen fort und lie� mich gn�dig seinen untersetzten K�rper mit; Bimsstein abreiben, w�hrend er mich eifrig ausfragte und nach und nach alles erfuhr, was Poppaea mir gesagt hatte. Zuletzt bat ich ihn ernsthaft: �La� sie also in Ruhe. Das ist alles, was sie sich w�nscht, um nicht st�ndig zwischen ihren eigenen, einander widersprechenden Gef�hlen hin und her gerissen zu werden. Sie will nur eine ehrbare Gattin sein. Du kennst ihre Unschuld und ihre Zur�ckhaltung.�</p><p>Nero lachte laut auf, wurde aber gleich wieder ernst, nickte mehrere Male und sagte: �Lieber h�tte ich es freilich gesehen, wenn du mit dem Lorbeerkranz auf der Speerspitze zu mir gekommen w�rst, Bote. Ich kann mich nur wundern, wie gut du die Frauen kennst. Ich aber habe genug von ihren Launen. Es gibt noch andere Frauen au�er Lollia Poppaea, und ich will sie in Ruhe lassen. Sie soll nur selbst aufpassen, da� sie mir nicht mehr so oft vor die Augen kommt wie bisher. Gr��e sie und sage ihr, ihre Bedingungen sind mir zu hoch.�</p><p>�Sie hat doch gar keine Bedingungen gestellt�, wandte ich verwirrt ein.</p><p>Nero betrachtete mich mitleidig und sagte: �Es ist das beste, du k�mmerst dich um deine wilden Tiere und deine eigene Gattin. Schick mir Tigellinus, damit er mir das Haar w�scht.�</p><p>So ungn�dig entlie� er mich. Doch ich verstand ihn gut. Er liebte Poppaea und war nun entt�uscht, weil sie ihn abwies. Ich eilte mit meiner guten Nachricht froh zu Poppaea zur�ck, aber zu meiner Verwunderung war Poppaea nicht zufrieden, ja sie zerschlug sogar eine kleine Glasb�chse, so da� die kostbare Salbe auf den Boden tropfte und mir von dem bet�ubenden Duft ganz wirr im Kopf wurde. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer h��lichen Fratze, und sie schrie: �Wir werden sehen, wer zuletzt gewinnt, er oder ich!�</p><p>Ich erinnere mich noch gut an den Tag im darauffolgenden Herbst, an dem ich beim Aufseher �ber die Aqu�dukte sa� und starrsinnig durchzusetzen versuchte, da� neue und gr��ere Bleileitungen zum Tiergarten gelegt w�rden. Wir hatten schon tagelang jenen hei�en Wind gehabt, der roten Staub mit sich f�hrt und Kopfschmerzen verursacht.</p><p>Wegen der Wasserverteilung gab es st�ndig Streit, weil die Reichen und Vornehmen ihre eigenen Leitungen von den Aqu�dukten zu ihren Thermen, G�rten und Teichen legen lie�en. Durch den raschen Bev�lkerungszuwachs herrschte in Rom Wassermangel. Der Aufseher �ber die Aqu�dukte befand sich daher in einer schwierigen Lage. Er war nicht um sein Amt zu beneiden, obwohl einer, der bedenkenlos genug war, sich w�hrend seiner Amtszeit bereichern konnte. Ich war jedoch der Ansicht, da� der Tiergarten eine Sonderstellung einnahm und da� ich keine Ursache hatte, ihm Geld zu geben, um meine berechtigten Forderungen durchzusetzen.</p><p>Ich forderte, er lehnte ab. Wir kamen keinen Schritt weiter, und es gelang uns gerade noch, eine rein �u�erliche H�flichkeit zu bewahren. Ich h�tte am liebsten aufgegeben und die Sache auf sich beruhen lassen, aber ich f�rchtete den Zorn Sabinas. Schlie�lich sagte ich gereizt: �Ich kenne die Verordnungen der �dilen und den Senatsbeschlu� �ber das Wasser auswendig. Ich kann mich an Nero selbst wenden, obwohl er mit solchen Kleinigkeiten nicht gern bel�stigt werden will, und ich f�rchte, die Sache geht f�r dich schlechter aus als f�r mich.� Der Aufseher, ein langweiliger Mensch, l�chelte sp�ttisch und entgegnete mir: �Tu nur, was du f�r richtig h�ltst. Ich an deiner Stelle w�rde aber Nero nicht ausgerechnet in diesen Tagen mit dem Streit wegen der Wasserverteilung behelligen.�</p><p>Ich hatte mich lange nicht mehr um den Klatsch in der Stadt gek�mmert und fragte daher, was denn Besonderes geschehen sei. �Wei�t du es wirklich nicht, oder tust du nur so, als h�ttest du noch nichts geh�rt?� fragte er mi�trauisch. �Otho ist zum Prokonsul in Lusitanien ernannt und aufgefordert worden, so rasch wie m�glich zu reisen. Heute morgen hat Nero seine Ehe aufgel�st, selbstverst�ndlich auf Ansuchen Othos. Alle anderen Angelegenheiten wurden aufgeschoben, weil sich Nero nat�rlich zuerst einmal der armen, schutzbed�rftigen Poppaea annehmen mu�te, die ins Palatium �bersiedelte.�</p><p>Es war wie ein Keulenschlag auf meinen ohnehin schmerzenden Kopf. �Ich kenne Poppaea Sabina!� rief ich. �Sie w�rde so etwas nie aus freiem Willen getan haben. Nero hat sie mit Gewalt ins Palatium bringen lassen.�</p><p>Der Aufseher sch�ttelte seinen grauen Kopf. �Ich f�rchte, wir bekommen eine neue Agrippina an Stelle der alten, die �brigens Antonias Haus verlassen und sich aufs Land zur�ckziehen mu�, nach Antium.�</p><p>Ich achtete nicht auf seine geh�ssigen Andeutungen. Das Einzige, was ich klar erfa�te, war der Name Agrippina. Ich verga� meine durstigen Tiere und das ausgetrocknete Becken der Flu�pferde. Agrippina war, so glaubte ich, die einzige, die Poppaea Sabina vor Neros verruchten Absichten zu retten vermochte. So viel Einflu� mu�te eine Mutter auf ihren Sohn haben, da� sie ihn daran hindern konnte, die sch�nste Frau Roms �ffentlich zu sch�nden. Ich mu�te Poppaea besch�tzen, da sie offenbar nicht mehr imstande war, sich selbst zu sch�tzen.</p><p>Vor Erregung ganz von Sinnen, eilte ich zu dem alten Haus der Antonia auf dem Palatin, wo des Umzugs wegen ein gro�es Durcheinander herrschte, so da� mir niemand den Zutritt verwehrte. Agrippina raste vor Zorn. Octavia war bei ihr, das schweigsame M�dchen, dessen einzige Freude ihre Stellung als Gemahlin des Kaisers war. Auch ihre sch�ne Halbschwester Antonia, die Tochter des Claudius aus dessen erster Ehe, war anwesend und mit ihr ihr zweiter Gatte, der gleichg�ltige, schwerf�llige Faustus Sulla. Als ich unerwartet unter sie trat, verstummten sie pl�tzlich. Agrippina begr��te mich und rief mit schriller Stimme: �Was f�r eine Freude und �berraschung nach so vielen Jahren! Ich glaubte schon, du habest alles vergessen, was ich f�r dich getan habe, und seist ebenso undankbar wie mein Sohn. Desto mehr freue ich mich nun dar�ber, da� du als einziger Ritter in ganz Rom gekommen bist, um von einer armen Verbannten Abschied zu nehmen.�</p><p>Ich rief verzweifelt: �Es mag sein, da� ich unsere Freundschaft vergessen habe, aber dar�ber k�nnen wir ein andermal reden. Rette Poppaea Sabina aus Neros l�sternen H�nden und stelle sie unter deinen Schutz! Dein Sohn macht nicht nur die unschuldige Poppaea, sondern auch sich selbst in ganz Rom unm�glich.�</p><p>Agrippina starrte mich an, sch�ttelte den Kopf und sagte: �Ich habe getan, was m�glich war, ich habe geweint und geflucht, um meinen Sohn aus den H�nden dieses liederlichen, niedertr�chtigen Weibes zu retten. Zur Belohnung bekam ich den Befehl, Rom zu verlassen. Poppaea hat ihren Willen durchgesetzt und bei�t sich nun fest wie eine Laus.�</p><p>Ich versuchte ihr zu erkl�ren, da� Poppaea lediglich w�nsche, in Ruhe gelassen zu werden, aber Agrippina lachte nur h�hnisch. Sie konnte von anderen Frauen nur das Schlimmste glauben.</p><p>�Dieses Weib hat Nero mit seinen schamlosen K�nsten um den Verstand gebracht�, sagte sie. �Nero ist so veranlagt, und ich habe bisher mein Bestes getan, um es zu verbergen. Wer er wirklich ist, das zeigt seine ungl�ckselige Neigung f�r niedrige, gemeine Vergn�gungen. Ich habe begonnen, meine Erinnerungen zu schreiben, und werde sie in Antium beenden, und ich gedenke nichts zu verschweigen. Ich habe alles f�r meinen Sohn geopfert und sogar ein Verbrechen begangen, das nur er selbst mir vergeben kann. Ja, ich will es nun offen aussprechen, da es doch alle wissen.�</p><p>Ihr Blick wurde eigent�mlich starr, und sie hob die H�nde, wie um Geister abzuwehren. Dann betrachtete sie Octavia, streichelte ihr die Wangen und weissagte: �Ich sehe schon den Todesschatten �ber deinem Gesicht. Deine Wangen sind kalt. Aber noch kann alles vor�bergehen, wenn nur Nero von seinem Wahn geheilt wird. Nicht einmal der Kaiser kann der Meinung des Senats und des Volkes trotzen. Die glatth�utige kleine Hure hat sich verrechnet. Auf Nero kann sich niemand verlassen. Er ist ein gemeiner Heuchler, ein Schauspieler durch und durch.� Als ich die trotz ihrer Bl�sse sch�ne Antonia betrachtete, tauchte ein Schatten aus der Vergangenheit in meiner Erinnerung auf. Ich dachte an ihre Halbschwester Claudia, die ihren Spott mit meiner Liebe zu ihr getrieben hatte. Ich mu� durch Agrippinas unsinnige Anklagen gegen Poppaea v�llig verwirrt gewesen sein, denn pl�tzlich sagte ich, ohne mich zu bedenken, zu ihr: �Du hast deine Erinnerungen erw�hnt. Erinnerst du dich noch an Claudia? Was ist mit ihr? Hat sie sich gebessert?�</p><p>Ich glaube, Agrippina w�re stillschweigend �ber meine Frage hinweggegangen, wenn der Zorn sie nicht v�llig um die Beherrschung gebracht h�tte. �Frag im Flottenbordell in Misenum nach ihr!� antwortete sie h�hnisch. �Ich habe dir ja versprochen, deine Claudia in ein geschlossenes Haus zu schicken, um ihre Erziehung zu vollenden. Ein Bordell ist gerade der richtige Ort f�r einen Bankert.�</p><p>Sie starrte mich an wie die Medusa und f�gte hinzu: �Du bist der leichtgl�ubigste Dummkopf, der mir je begegnet ist. Du hast mich mit offenem Munde angestarrt und alle falschen Beweise f�r ihre angebliche Hurerei geschluckt. Aber mir gen�gte es, da� sie es ohne Erlaubnis gewagt hatte, sich mit einem r�mischen Ritter einzulassen. H�tte ich gewu�t, wie undankbar du bist, ich w�rde mir nicht die M�he gemacht haben, dich daran zu hindern, in dein eigenes Verderben zu rennen!�</p><p>Antonia lachte laut auf und fragte: �Hast du Claudia wirklich in ein Bordell gesteckt, liebe Stiefmutter? Ich habe mich dar�ber gewundert, da� sie auf einmal verschwunden war und mich nicht mehr damit bel�stigte, da� ich sie als meine Schwester anerkennen solle.� Antonias Nasenfl�gel zitterten. Sie fuhr sich mit der Hand �ber ihren zarten Hals, wie um etwas wegzuwischen. Ihre ganze schlanke Gestalt strahlte in diesen Augenblicken eine eigent�mliche Sch�nheit aus.</p><p>Ich war unf�hig, ein Wort zu sagen. Erschrocken bis ins Herz hinein, starrte ich diese beiden Ungeheuer an. Und pl�tzlich sah ich alles wie von einem Blitz erhellt vor mir und glaubte all das B�se, das ich je �ber Agrippina geh�rt hatte.</p><p>Ja, ich erkannte nun auch, da� Poppaea Sabina meine Freundschaft r�cksichtslos ausgenutzt hatte, um ihre eigenen Pl�ne zu verwirklichen. Es �berkam mich in einem Augenblick wie eine Offenbarung, und mir war, als w�re ich pl�tzlich um Jahre gealtert und hart, sehr hart geworden. Vielleicht war ich dieser Verwandlung unbewu�t seit langem entgegengereift. Ein K�fig wurde niedergerissen, und ich stand als freier Mann unter freiem Himmel. So empfand ich es.</p><p>Es war die gr��te Dummheit meines Lebens gewesen, mit Agrippina �ber Claudia zu sprechen. Nein, es war mehr als eine Dummheit. Es war ein Verbrechen an Claudia, und dieses Verbrechen mu�te ges�hnt werden. Ich mu�te in meine Vergangenheit zur�ckkehren und mein Leben von dem Tage an neu beginnen, da Agrippina mir das Gift eintr�ufelte und meine Liebe zu Claudia zerst�rt hatte.</p><empty-line/><p>Ich mu�te vorsichtig sein und reiste unter dem Vorwand nach Misenum, zu untersuchen, ob es nicht m�glich w�re, mit Schiffen der Kriegsflotte Tiere aus Afrika her�berzuholen. Der Befehlshaber der Flotte war Anicetus, ein ehemaliger Barbier und der erste Lehrer Neros. Es ist eine ganz eigene Sache mit der Flotte. Kein r�mischer Ritter mag auf See dienen. W�hrend ich dies schreibe, hat den Oberbefehl ein Verfasser von Nachschlagewerken inne, ein gewisser Plinius, der die Kriegsschiffe dazu verwendet, seltene Pflanzen und Steine aus fernen L�ndern zu holen, was freilich nicht die schlechteste Art ist, die Seeleute zu besch�ftigen. Sie kommen in der Welt herum und k�nnen Barbarenv�lker mit Wolfsblut veredeln.</p><p>Der Empork�mmling Anicetus empfing mich achtungsvoll. Ich war von guter Herkunft, Ritter und Sohn eines Senators. Au�erdem hatten die Klienten meines Vaters mit den Docks zu tun, und Anicetus erhielt von ihnen ansehnliche Bestechungsgelder. Nachdem er eine Weile mit seiner griechischen Bildung, seinen Gem�lden und Kunstgegenst�nden geprahlt hatte, bekam er einen Rausch und begann unanst�ndige Geschichten zu erz�hlen, wobei er mir seine eigene Lasterhaftigkeit offen eingestand.</p><p>�Jeder Mensch hat ein besonderes Laster�, sagte er. �Das ist nat�rlich und begreiflich, und es braucht sich dessen niemand zu sch�men. Die Tugend ist nur Verstellung. Diese Wahrheit habe ich Nero beizeiten eingetrichtert. Ich hasse niemanden so sehr wie einen Menschen, der den Tugendhaften spielt. Was f�r eine h�ttest du denn gern: eine Dicke oder eine Magere, eine Schwarze oder eine Blonde? Oder soll�s ein Knabe sein? Ich kann dir besorgen, was du w�nschst, ein junges, aber geschicktes M�dchen oder eine alte Vettel, einen Akrobaten oder eine unber�hrte Jungfrau. M�chtest du bei einer Gei�elung zusehen, oder m�chtest du selbst gegei�elt werden? Wenn du willst, lasse ich ein Dionysosmysterium nach allen Regeln feiern. Sag mir ein Wort, gib mir einen Wink, und ich befriedige um der Freundschaft willen deine geheimsten W�nsche. Wir sind hier in Misenum, und hier ist nicht viel los, verstehst du, aber es ist nicht weit nach Baiae, Puteoli und Neapolis, wo du alle Laster Alexandrias finden kannst. Auf Capri lebt in diesen Dingen noch der ganze Einfallsreichtum des Gottes Tiberius fort, und in Pompeji gibt es ein paar pr�chtige Bordelle. Sollen wir uns hinrudern lassen?�</p><p>Ich gab mich ein wenig befangen, sagte dann aber, um mich seines Vertrauens w�rdig zu erweisen: �Vor Jahren hat es mir das gr��te Vergn�gen gemacht, mich zu verkleiden und mit deinem begabten Sch�ler Nero des Nachts durch Suburra zu streifen. Ich glaube, ich habe nirgends gr��ere Wollust empfunden als in den elenden Hurenh�usern, die von den Sklaven aufgesucht werden. Du verstehst, was ich meine: man hat bisweilen die Leckereien satt und freut sich an grobem Brot und ranzigem �l. Als ich dann heiratete, gab ich diese Gewohnheiten auf, aber jetzt h�tte ich Lust, das Flottenbordell kennenzulernen, das du, wie man mir sagte, tadellos eingerichtet hast.�</p><p>Anicetus grinste liederlich, nickte verst�ndnisvoll und erkl�rte: �Wir haben drei H�user, das beste f�r die Dienstgrade, das zweite f�r die Mannschaft und das dritte f�r die Rudersklaven. Ob du mir�s glaubst oder nicht: ich bekomme manchmal Besuch von vornehmen Frauen aus Baiae, denen es anders keinen Spa� mehr macht und die eine Nacht in einem Bordell arbeiten wollen. Die �lteren gehen am liebsten zu den Rudersklaven und �bertreffen unsere erfahrensten Huren an Bereitwilligkeit. Aus Gr�nden der Wirtschaftlichkeit habe ich es so eingerichtet, da� die Neuen zuerst einmal die Dienstgrade bedienen, dann die Mannschaft und nach drei Jahren die Rudersklaven. Manche halten diesen anstrengenden Beruf zehn Jahre aus, aber ich m�chte behaupten, da� im allgemeinen f�nf Jahre reichen. Einige h�ngen sich nat�rlich schon vorher auf, ein gewisser Teil wird krank und untauglich, und andere fangen an zu saufen, da� sie zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Wir bekommen aber st�ndig Nachschub aus Rom und anderen italienischen St�dten. Die Flottenbordelle sind n�mlich Strafanstalten f�r solche, die wegen unsittlichen Lebenswandels abgeurteilt werden, das hei�t, weil sie einen Kunden bestohlen oder irgendeinem Grobian einen Weinkrug �ber den Sch�del gehauen haben.�</p><p>�Was geschieht mit denen, die ihre Dienstzeit �berleben?� fragte ich.</p><p>�F�r die Ruderer ist so ein Weib noch lange gut genug�, antwortete Anicetus. �Sei unbesorgt. Keine verl��t meine H�user lebend. Zuletzt finden sich immer gewisse M�nner, die kein gr��eres Vergn�gen kennen, als auf irgendeine viehische Art ein Weibsbild abzumurksen, und die k�nnen sich hier austoben. Meine H�user haben ja unter anderem den Zweck, die anst�ndigen Frauen und M�dchen der Umgebung vor den Seeleuten zu sch�tzen. Ich habe da zum Beispiel einen Ehrenmann auf meiner Liste, der einmal im Monat Blut aus der Halsschlagader einer Frau saugen mu�. Wegen dieser kleinen Schw�che ist er an die Ruderbank gekettet. Das spa�igste ist, da� er es hinterher immer bitter bereut und darum bittet, totgeschlagen zu werden.�</p><p>Ich glaubte nicht alles, was mir Anicetus erz�hlte. Er prahlte und wollte mich mit seiner Lasterhaftigkeit erschrecken, weil er im Innern ein schwacher, unzuverl�ssiger Mensch war. Au�erdem<sup>1</sup> hatte er von den Seeleuten das Flunkern gelernt.</p><p>Er f�hrte mich zuerst zu einem kleinen runden Venustempel, von dem aus man das glitzernde Meer unter sich liegen sah und der, um alles unn�tige Aufsehen zu vermeiden, durch einen unterirdischen Gang mit den Unterk�nften der Seeleute verbunden war. Die ersten beiden H�user, die mit einer Mauer umgeben waren, unterschieden sich in nichts von den sauberen, ordentlichen Lupanaren Roms. Sie hatten sogar flie�endes Wasser. Das Haus f�r die Rudersklaven glich dagegen eher einem Gef�ngnis. Ich ertrug kaum den Anblick seiner Bewohnerinnen, so verkommen und vertiert waren sie.</p></section><section><p>So genau ich aber alle Frauen musterte, Claudia befand sich nicht unter ihnen. Ich entdeckte sie erst am folgenden Tag im Quartier der Seewache in Puteoli. Sie war gealtert. Die Haare und die Augenbrauen hatte man ihr des Ungeziefers wegen geschoren. Sie trug einen zerlumpten Sklavinnenmantel, denn sie verrichtete Sklavenarbeit in der K�che.</p><p>Nur ihre Augen sagten mir, da� ich Claudia vor mir hatte. Sie selbst erkannte mich auf den ersten Blick wieder, lie� es sich aber nicht anmerken. Es war nicht schwer, sie gegen einen Beutel Silber auszutauschen. Ich h�tte sie auch umsonst haben k�nnen, um aber die Spuren zu verwischen, hielt ich es f�r das beste, mir durch das Bestechungsgeld Stillschweigen zu erkaufen.</p><p>Als wir uns in der besten Herberge der Stadt allein gegen�berstanden, waren Claudias erste Worte: �Du hast bestimmt sehr eifrig nach mir gesucht, mein lieber Minutus, sonst h�ttest du mich nicht so schnell gefunden. Seit unserem letzten Zusammensein sind ja erst sieben Jahre vergangen. Was willst du von mir?�</p><p>Auf meine inst�ndigen Bitten erkl�rte sie sich endlich bereit, ordentliche Kleider anzuziehen, eine Per�cke aufzusetzen und sich mit Augenschw�rze Brauen auf die Stirn zu malen. Sie war, dank der Besch�ftigung in der K�che, ziemlich dick geworden und sehr gesund.</p><p>Von ihren Erlebnissen in Misenum wollte sie nicht sprechen. Ihre H�nde waren hart wie Holz, und sie hatte eine dicke Hornhaut auf den Fu�sohlen. Die Sonne hatte sie dunkelbraun gebrannt, und man sah trotz der Kleidung und der Per�cke auf den ersten Blick, da� sie eine Sklavin war. Je l�nger ich sie betrachtete, desto fremder wirkte sie auf mich.</p><p>Zuletzt sagte ich verzweifelt: �Agrippina, niemand anders als Agrippina ist an deinem Schicksal schuld. Ich wollte dein Bestes und wandte mich in meiner Dummheit an sie, um ein Wort f�r dich einzulegen.�</p><p>�Habe ich mich beklagt?� fragte Claudia scharf. �Alles, was mir angetan wurde, geschah mit Gottes Willen, um meinen Hochmut zu strafen und mich zu dem�tigen. Glaubst du, ich w�re noch am Leben, wenn nicht Christus meinem Herzen Kraft gegeben h�tte?�</p><p>Wenn der Aberglaube der Christen ihr geholfen hatte, die Erniedrigung und den Sklavendienst zu ertragen, wollte ich ihr nicht widersprechen. Ich begann daher vorsichtig von mir selbst zu erz�hlen, und um ihr Vertrauen wiederzugewinnen, berichtete ich von meiner Begegnung mit Paulus und Kephas in Korinth und von meinem Freigelassenen Hierax Lausius, der Christ geworden war und gro�en Einflu� unter den anderen Christen hatte. Claudia h�rte mir, den Kopf in die Hand gest�tzt, aufmerksam zu. Ihre dunklen Augen hellten sich auf, und sie sagte lebhaft: �Wir sind hier in Puteoli mehrere Br�der und Schwestern, die Jesus als den Christus anerkennen. Auch unter den Seeleuten gibt es Br�der, die sich bekehrten, als sie h�rten, da� Jesus von Nazareth �ber das Wasser gegangen ist. Ich w�re sonst nicht aus dem geschlossenen Haus in Misenum herausgekommen.�</p><p>�Das Leben der Seeleute ist voller Gefahren�, sagte ich. �In Puteoli und Neapolis wird alles abgeladen, was aus dem Osten kommt. Es wundert mich daher nicht, da� die Juden auch den neuen Glauben hierhergebracht haben.�</p><p>Claudia sah mich forschend an: �Und du, Minutus?� fragte sie. �Glaubst du an etwas?�</p><p>Ich dachte eine Weile nach, sch�ttelte den Kopf und bekannte: �Nein, Claudia. Ich glaube an nichts mehr. Ich bin verh�rtet.�</p><p>�Dann mu� ich dir den rechten Weg zeigen�, sagte sie entschlossen und pre�te ihre harten Handfl�chen gegeneinander. �Deshalb bist du hierhergef�hrt worden, deshalb hast du mich nach so vielen Jahren gesucht, um mich von der Sklaverei loszukaufen. Nach Misenum war die Sklaverei gewi� die gr��te Gnade, die Gott mir zuteil werden lie�.�</p><p>�Ich bin von niemandem gef�hrt worden�, wandte ich gereizt ein. �Ich habe aus eigenem freiem Willen nach dir zu suchen begonnen, sobald ich aus Agrippinas Mund h�rte, wie grausam sie mich get�uscht hatte.�</p><p>Claudia sah mich mitleidig an und sagte: �Minutus, du hast keinen eigenen Willen und hast nie einen gehabt, sonst w�re alles anders gekommen. Ich verlasse die Christen in Puteoli nicht gern, aber ich sehe ein, da� ich mit dir nach Rom gehen und Tag und Nacht auf dich einwirken mu�, bis du deinen Hochmut ablegst und Untertan in Christi heimlichem Reiche wirst. Sieh mich nicht so entsetzt an. Bei ihm allein findet man wahren Frieden und wahre Freude in dieser verworrenen Welt, die bald untergehen wird.�</p><p>Ich dachte mir, da� Claudia nach all dem Schweren, das sie erlebt hatte, wohl nicht mehr ganz bei Sinnen war, und widersprach ihr deshalb nicht. Wir reisten zusammen auf einem Frachtschiff, das wilde Tiere an Bord hatte, nach Antium und von dort aus nach Ostia. In Rom angekommen, f�hrte ich sie heimlich in mein Haus auf dem Aventin. Ich stellte sie als Dienerin an, und Tante Laelia gewann sie lieb und hielt sie f�r ihre einstige Amme. Sie war in ihren Gedanken ganz in ihre Kindheit zur�ckgekehrt und am gl�cklichsten, wenn sie mit Puppen spielen durfte.</p><p>Es verging jedoch kein Tag, an dem Claudia mir nicht mit ihrem Jesus von Nazareth in den Ohren lag. Ich floh in mein Haus im Tiergarten. Dort machte mir wieder Sabina mit ihrer Bosheit das Leben unertr�glich. Sie wurde immer hochm�tiger, seit einer ihrer Verwandten eine f�hrende Stellung in der Finanzverwaltung erhalten hatte, wodurch sie nicht mehr so sehr auf mein Geld angewiesen war. Sie war in Wirklichkeit die Vorsteherin des Tiergartens, sie bestimmte, was f�r Tiere gekauft werden mu�ten, und plante die Vorf�hrungen im Amphitheater. Sie trat sogar selbst �ffentlich auf, um zu zeigen, was f�r eine geschickte L�wenb�ndigerin sie war.</p><p>Ich glaube, Neros Leben war damals ebenso unertr�glich wie meines. Als er seine Mutter nach Antium verbannte und Lollia Poppaea als seine Geliebte ins Palatium holte, kam er vom Regen ; in die Traufe. Das Volk nahm ihm die Zur�cksetzung Octavias �bel, und Poppaea weinte und jammerte und verlangte, er solle sich von Octavia trennen. Sie erschreckte ihn durch die Behauptung, Agrippina zettle eine Verschw�rung gegen ihn an, was vielleicht nicht ganz frei erfunden war. Jedenfalls mu�te Nero Antonias Gatten Faustus Sulla nach Massilia verbannen. Antonia folgte ihm, und es vergingen f�nf Jahre, ehe ich sie wiedersah.</p><p>Seneca sprach sich mit Nachdruck gegen eine Scheidung aus, und der alte Burrus sagte �ffentlich, wenn Nero sich von Octavia trenne, dann m�sse er auch auf die Mitgift verzichten, das hei�t ; auf den Rang des Imperators. Und Poppaea hatte kein Verlangen danach, mit Nero nach Rhodos zu gehen und dort ihr Leben als Gattin eines K�nstlers zu beschlie�en.!</p><p>Agrippina beschwor vielleicht durch ihre Machtl�sternheit und ; Eifersucht ihr Schicksal selbst herauf. Sie besa� Reicht�mer genug, die sie nach ihrem zweiten Gatten und nach Claudius geerbt hatte, und war trotz der Verabschiedung des Pallas noch immer sehr einflu�reich. Wirkliche Freunde hatte sie freilich keine mehr, aber mehr als eine politische Verschw�rung f�rchtete Nero, sie k�nnte in ihrer Unbesonnenheit tats�chlich ihre Erinnerungen ver�ffentlichen, die sie in Antium mit eigener Hand niederschrieb, weil sie nicht einmal dem zuverl�ssigsten Sklaven zu diktieren wagte. Agrippina hatte selbst daf�r gesorgt, da� man in Rom von diesen Erinnerungen wu�te, und es gab daher so manchen, der ihr den Tod w�nschte, weil er auf die eine oder andere Art mit in ihre Machenschaften verwickelt gewesen war.</p><p>Ich selbst klagte Agrippina in meinen Gedanken dessen an, da� sie mein Leben zerst�rt hatte, als ich noch jung war und Claudia liebte. Alles Schlimme, das mir widerfahren war, legte ich ihr zur Last. Einmal besuchte ich die alte Locusta in ihrem kleinen Haus. Sie l�chelte mich an, soweit eine Totenmaske zu l�cheln vermag, und sagte offenherzig, da� ich nicht der erste sei, der sie in dieser Sache zu sprechen w�nsche. Vor mir waren schon andere bei ihr gewesen.</p><p>Sie hatte nichts dagegen, auch f�r Agrippina ein Gift zu mischen, nein, durchaus nicht. Es kam nur darauf an, wieviel man zu zahlen bereit war. Dann aber sch�ttelte sie den Kopf und behauptete, sie habe bereits alle Mittel versucht. Agrippina sei viel zu vorsichtig. Sie bereite ihre Speisen selbst zu und pfl�cke nicht einmal Fr�chte von ihren eigenen B�umen, da sich diese besonders leicht vergiften lie�en. Ich schlo� daraus, da� auch Agrippina ihres Lebens nicht froh werden konnte, obwohl die Niederschrift ihrer Erinnerungen gewi� ihre Rachegel�ste befriedigte.</p><p>Nero konnte erst mit Poppaea Frieden schlie�en, als er den festen Entschlu� gefa�t hatte, seine Mutter zu ermorden. Agrippinas Tod war f�r ihn aus politischen Gr�nden ebenso notwendig wie seinerzeit der Tod des Britannicus. Ich h�rte jedenfalls nichts davon, da� Seneca sich diesem Mord auch nur mit einem einzigen Wort widersetzt h�tte, wenngleich er selbst freilich nichts damit zu tun haben wollte.</p><p>Die Frage war nur, wie der Mord so ausgef�hrt werden konnte, da� man allgemein an einen Ungl�cksfall glauben mu�te. Neros Phantasie begann zu arbeiten. Er verlangte m�glichst dramatische Umst�nde und beriet sich mit seinen vertrautesten Freunden.</p><p>Tigellinus, der gewisse pers�nliche Gr�nde hatte, Agrippina zu hassen, wollte sie mit einem Viergespann �berfahren, sofern es gelang, sie in Antium auf die Stra�e zu locken. Ich dachte an Raubtiere, aber wie sollten wir diese in Agrippinas sorgf�ltig bewachten Garten bringen?</p><p>Nero glaubte, ich st�nde ihm und Poppaea zuliebe auf seiner Seite, und ahnte nicht, da� mich allein meine Rachsucht leitete. Agrippina verdiente tausendfachen Tod f�r alle ihre Verbrechen, und ich betrachtete es als einen Beweis f�r die Gerechtigkeit des Schicksals, da� sie ihn durch ihren eigenen Sohn finden sollte. Auch Du, mein Sohn Julius, hast Wolfsblut in Deinen Adern, echteres als ich. Versuche es besser im Zaum zu halten, als es Dein Vater vermochte.</p><p>Wir verdankten es eigentlich Sabina, da� wir zuletzt eine brauchbare L�sung fanden. Ein griechischer Techniker hatte ihr den Entwurf zu einem kleinen Schiff gezeigt, das dazu bestimmt war, wilde Tiere aufzunehmen, und dessen Teile so miteinander verbunden waren, da� sie durch den Druck auf einen einzigen Hebel auseinanderfielen.</p><p>Sabina wollte diesen Entwurf unbedingt ausf�hren, um auch in dem neuen Theater, in dem ganze Seeschlachten vorgef�hrt werden konnten, ein Wort mitzureden. Ich selbst lehnte Meerestiere wegen der hohen Kosten ab, aber zuletzt siegte Sabinas Herrschsucht. Die neue Erfindung erregte schon im voraus so viel Aufsehen, da� Anicetus eigens zur Vorstellung aus Misenum nach Rom gereist kam.</p><p>Das Schiff bildete den H�hepunkt der Vorf�hrungen. Es zerfiel wie geplant, die Tiere st�rzten ins Wasser, und die Zuschauer sahen Auerochsen und L�wen mit Seeungeheuern k�mpfen oder an Land schwimmen, wo sie von mutigen J�gern erlegt wurden. Nero klatschte begeistert Beifall und rief Anicetus zu: �Kannst du mir so ein Schiff bauen, aber gr��er und so prunkvoll, da� es � der Mutter eines Kaisers w�rdig ist?�</p><p>Ich versprach bereitwillig, Anicetus wenigstens einen Teil der geheimen Zeichnungen des Griechen zu beschaffen, obwohl ich der Meinung war, da� dieser Plan zu viele Mithelfer erforderte, um geheimgehalten werden zu k�nnen.</p><p>Zum Lohn lud Nero mich zu dem Fest in Baiae ein, wo ich Gelegenheit haben sollte, die besondere Vorstellung mit anzusehen, die er sich ausgedacht hatte. In Gesellschaft und vor dem Senat begann er nun den reum�tigen Sohn zu spielen, der sich mit seiner Mutter auss�hnen wollte. Mit ein wenig gutem Willen auf beiden Seiten lassen sich alle Zerw�rfnisse beseitigen, erkl�rte er.</p><p>Agrippinas Kundschafter meldeten diese Worte unverz�glich nach Antium, und sie war daher weder sonderlich �berrascht noch mi�trauischer als gew�hnlich, als sie von Nero einen in sch�nen Worten abgefa�ten Brief erhielt, in dem sie zum Minervafest nach Baiae eingeladen wurde. Da� Nero das Minervafest f�r die Begegnung gew�hlt hatte, war an sich schon eine deutliche Anspielung, denn Minerva ist ja auch die G�ttin der Schulknaben, und es erschien ganz nat�rlich, da� er die Vers�hnung fern von Rom und der z�nkischen Poppaea feiern wollte.</p><p>Am Tag der Minerva darf kein Blut vergossen werden, und es ist verboten, Waffen sichtbar zu tragen. Nero hatte anfangs vorgehabt, Agrippina mit dem neuen Prunkschiff aus Antium holen zu lassen, um mit dieser Ehrung zu bekunden, da� er seiner Mutter ihren fr�heren Rang zur�ckzugeben beabsichtigte. Wir errechneten jedoch mit Hilfe einer Wasseruhr, da� das Schiff in diesem Fall am hellichten Tag h�tte versenkt werden m�ssen.</p><p>Zudem war Agrippina bekannterma�en so mi�trauisch, da� sie die Ehrung vielleicht dankend abgelehnt h�tte und zu Lande gereist w�re. Sie kam daher auf einer Trireme in Misenum an, die von ihren eigenen treuen Sklaven gerudert wurde. Nero empfing sie mit gro�em Gefolge, und um den politischen Charakter der Vers�hnungshandlungen zu betonen, hatte er sogar Seneca und Burrus an seine Seite gerufen.</p><p>Ich mu�te seine gl�nzende schauspielerische Begabung unwillk�rlich bewundern. Gebrochen vor R�hrung, eilte er seiner Mutter entgegen, umarmte sie und begr��te sie als die edelste aller M�tter. Auch Agrippina hatte sich M�he gegeben. Sie war sch�n gekleidet und hergerichtet, so da� sie wie die schlanke, der dick aufgetragenen Schminke wegen aber recht ausdruckslose Statue einer G�ttin wirkte.</p><p>Es herrschte allgemein eine freudige Fr�hlingsstimmung am Tag der Minerva, weshalb das Volk, das von politischen Dingen nicht viel versteht, Agrippina zujubelte, als sie von ihrem Landgut Bauli am Lucrinersee geleitet wurde. An den Landebr�cken am Meeresufer lagen mehrere wimpelgeschm�ckte Kriegsschiffe vert�ut. Unter ihnen befand sich das Prunkschiff, das Anicetus auf Neros Gehei� Agrippina zur Verf�gung stellte. Sie zog es jedoch am n�chsten Morgen vor, sich wieder in der S�nfte nach Baiae tragen zu lassen, denn der Weg ist kurz, und sie wollte die Huldigungen des Volkes genie�en.</p><p>Bei den Feiern zu Ehren der Minerva in Baiae lie� Nero Agrippina den Vorrang und hielt sich wie ein sch�chterner Schuljunge abseits. Durch das Mittagsmahl mit den hohen Beamten der Stadt und die vielen Reden sowie die Ruhe danach zogen sich die Festlichkeiten so in die L�nge, da� die Dunkelheit schon eingebrochen war, als Neros abendliches Gelage begann, an dem auch Seneca und Burrus teilnahmen. Agrippina lag auf dem Ehrenplatz. Nero sa� zu ihren F��en und unterhielt sich eifrig mit ihr. Man trank reichlich Wein. Als Agrippina bemerkte, da� es schon sp�t sei, setzte Nero eine ernste Miene auf und begann, sie mit gesenkter Stimme in verschiedenen Staatsangelegenheiten um Rat zu fragen.</p><p>Soweit ich dem Gespr�ch zu folgen vermochte, ging es darum, welche Stellung Poppaea in Zukunft innehaben solle. Agrippina war unerbittlich. Durch Neros Bescheidenheit ermutigt, erkl�rte sie, sie verlange nur das eine, da� Nero Poppaea nach Lusitanien, zur�ck zu Otho, schicke. Danach d�rfe er wieder auf ihre Hilfe und Mutterliebe z�hlen. Sie wolle f�r ihren Sohn nur das Beste.</p><p>Nero pre�te ohne gro�e M�he ein paar Zornestr�nen hervor, gab dann aber zu verstehen, da� seine Mutter ihm lieber sei als jede andere Frau der Welt. Er sagte sogar einige Verse auf, die er zu Ehren Agrippinas gedichtet hatte.</p><p>Agrippina war vom Wein und von ihrem Erfolg berauscht, da der Mensch gern glaubt, was er hofft. Ich bemerkte aber, da� sie sich trotz allem h�tete, den Weinbecher anzur�hren, bevor nicht Nero daraus getrunken hatte, oder von einer Speise zu kosten, solange nicht Nero oder ihre Freundin Acerronia sich aus derselben Sch�ssel bedient hatte. Ich glaube jedoch, da� Agrippina in diesen Stunden kein Mi�trauen hegte, sondern nur einer jahrelangen, tief eingewurzelten Gewohnheit gehorchte.</p><p>Auch Anicetus erwies sich als ein begabter Schauspieler, als er pl�tzlich verst�rt herbeigeeilt kam, um zu melden, da� Agrippinas Trireme von zwei Kriegsschiffen, die an den Festvorf�hrungen teilgenommen hatten, versehentlich gerammt und so �bel zugerichtet worden sei, da� sie nicht nach Antium zur�ckkehren k�nne, aber zum Gl�ck liege ja das mit t�chtigen Seeleuten bemannte Prunkschiff bereit.</p><p>Wir geleiteten Agrippina zum festlich beleuchteten Hafen. Beim Abschied k��te Nero ihre Augen und ihre Brust. Dann f�hrte er die vom Wein Schwankende an Bord und rief mit seiner gut geschulten Stimme: �M�ge es dir wohl ergehen, meine Mutter. Aus dir bin ich geboren. Nur durch dich kann ich herrschen!�</p><p>Ich mu� ehrlich sagen, da� ich diesen Abschiedsgru� �bertrieben und eines so guten Schauspielers unw�rdig fand. Die Nacht war still und sternklar. Als das Schiff aus dem Lichterkreis des Hafens verschwand, begaben sich Seneca und Burrus in ihre Nachtquartiere. Wir Verschw�rer feierten weiter.</p><p>Nero war schweigsam. Pl�tzlich wurde er leichenbla� und ging hinaus, um sich zu erbrechen. Wir glaubten schon, Agrippina sei es gelungen, ihm heimlich Gift in seinen Becher zu tun. Sp�ter erst begriffen wir, wie schwer es ihm gefallen war, sich einen ganzen Tag lang zu verstellen, und nun litt er unter der Spannung des Wartens, obgleich Anicetus ihn zu tr�sten versuchte und immer wieder versicherte, der Plan k�nne nicht fehlschlagen.</p><p>Ich h�rte sp�ter von dem Seezenturio Obaritus, der das Prunkschiff befehligte, wie alles zugegangen war. Agrippina hatte sich sofort in ihre prachtvoll eingerichtete Kaj�te begeben, aber keinen Schlaf gefunden. Ihr Mi�trauen erwachte wieder drau�en auf dem dunklen Meer, als ihr bewu�t wurde, da� sie als einzige zuverl�ssige Begleiter Acerronia und ihren Verwalter Crepeius Gallus bei sich hatte und der Willk�r fremder Seeleute ausgesetzt war.</p><p>Sie schickte Gallus nach achtern. Er sollte verlangen, da� das Schiff Bauli anlaufe. Dort wollte sie die Nacht verbringen, um am Morgen, bei Tageslicht, nach Antium weiterzureisen. Anicetus wu�te, da� Agrippina sich w�hrend ihrer Verbannung auf der Insel Pandataria durch Schwammtauchen ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Das Schiff war daher so gebaut worden, da� es mit zwei Handgriffen zerst�rt werden konnte.</p><p>Durch die Bedienung des ersten Hebels st�rzten die mit Blei beschwerten Decksaufbauten zusammen, und durch Druck auf den zweiten Hebel brach der Rumpf selbst auseinander. Aus Sicherheitsgr�nden hatte man nur einen kleinen Teil der Mannschaft eingeweiht, und die Einrichtung der Kaj�te war durch Zufall Leuten anvertraut worden, die von dem Plan nichts wu�ten und ein Prunkbett mit hohen Giebeln aufstellten. Als das Dach einst�rzte, sch�tzten die Giebel Agrippina, und sie wurde nur an der Schulter verwundet. Acerronia, die gerade auf dem Boden kniete und ihr die F��e massierte, geschah nichts, und Gallus war der einzige, der von dem herabfallenden Dach sofort get�tet wurde.</p><p>Auf dem Schiff herrschte v�lliges Durcheinander, als pl�tzlich die Aufbauten einst�rzten. Nur Agrippina erfa�te die Lage sofort, denn die See war ruhig, und das Schiff war auf kein Hindernis gesto�en. Sie befahl Acerronia, aufs Deck hinauszukriechen und zu rufen: �Ich bin Agrippina. Rettet die Mutter des Kaisers!�</p><p>Der Zenturio befahl den Eingeweihten, sie auf der Stelle mit Rudern zu erschlagen. Dann zog und zerrte er vergeblich an dem zweiten Hebel, der sich verklemmt hatte. Daraufhin versuchte er, das Schiff zum Kentern zu bringen, das durch das herabgest�rzte und mit Blei beschwerte Dach schon Schlagseite hatte. Mehrere M�nner, die den Plan kannten, rannten auf die tieferliegende Seite, aber andere kletterten gleichzeitig auf die h�here, so da� das Schiff nicht kentern konnte. W�hrenddessen glitt Agrippina unbemerkt ins Wasser und begann auf das Land zuzuschwimmen. Trotz der Trunkenheit und der Wunde an der Schulter gelang es ihr, weite Strecken zu tauchen, so da� niemand ihren Kopf auf der von den Sternen erhellten Wasserfl�che sah.</p><p>Als sie das Schiff schon aus den Augen verloren hatte, traf sie auf ein auslaufendes Fischerboot. Die Fischer zogen sie an Bord und brachten sie auf ihren Wunsch nach Bauli. Der Zenturio war ein kaltbl�tiger Mann. Er w�re sonst nicht von Anicetus f�r diese Aufgabe auserw�hlt worden. Als er sah, da� die Erschlagene Acerronia war und da� Agrippina selbst spurlos verschwunden war, lie� er das halb zerbrochene, kr�ngende Schiff nach Baiae zur�ckrudern, um Anicetus sofort Bericht zu erstatten. In Baiae verbreiteten diejenigen der Mannschaft, die immer noch ahnungslos waren, die Nachricht von einem entsetzlichen Ungl�ck.</p><p>Die Bewohner rannten aufgeschreckt zum Strand hinunter und wateten zu ihren Booten, um auszufahren und Agrippina zu retten. Indessen kehrten ihre wirklichen Retter zur�ck, die reich belohnt worden waren, und berichteten, da� sie nur leichte Verletzungen erlitten hatte und sich in Sicherheit befand. Die Menge beschlo� auf der Stelle, nach Bauli zu ziehen, um Agrippina zu huldigen und zu ihrer wunderbaren Errettung zu begl�ckw�nschen.</p><p>Nero hatte sich, zwar unruhig, aber nichts B�ses ahnend, von uns treuen Freunden umgeben, bald weinend, bald lachend, darauf vorbereitet, den Tod seiner Mutter zu betrauern. Er plante Trauerfeiern im ganzen Imperium und entwarf eine Mitteilung an den Senat und das Volk von Rom.</p><p>Da ihm das Gewissen doch keine Ruhe lie�, fragte er uns, ob er wohl den Vorschlag machen d�rfe, Agrippina zur G�ttin zu erh�hen. Sie war schlie�lich die Tochter des gro�en Germanicus, die Schwester des Kaisers Gajus, Witwe nach Claudius und Mutter des Kaisers Nero, mithin eine Frau von noch h�heren Verdiensten, als es Livia gewesen war. All dies wirkte auf eine grauenerregende Weise l�cherlich, und wir begannen uns gegenseitig zu Mitgliedern des Priesterkollegiums der neuen G�ttin zu ernennen.</p><p>W�hrend wir so unsern Scherz trieben, kam pl�tzlich Obaritus hereingest�rzt und meldete, da� das Schiff nur zur H�lfte auseinandergefallen war und da� von Agrippina jede Spur fehlte. Die Hoffnung, sie k�nnte ertrunken sein, erlosch, als kurz darauf an der Spitze eines jubelnden Volkshaufens die Fischer ankamen und von Agrippinas Rettung berichteten. Sie hofften, Nero werde sie belohnen, aber der verlor die Fassung und schickte nach Seneca und Burrus wie ein Schuljunge, den man bei einem Streich ertappt hat und der nun weinend zu seinem Lehrer fl�chtet.</p><p>Ich behielt so viel Geistesgegenwart, da� ich Anicetus befahl, die Fischer an einem sicheren Ort einzusperren, w�hrend sie auf ihre Belohnung warteten, damit sie nicht Ger�chte verbreiteten, die die ohnehin verworrene Lage noch h�tten verschlimmern k�nnen. Zum Gl�ck f�r Nero hatte Agrippina den Fischern gegen�ber offenbar keinen Verdacht ge�u�ert, denn sonst w�rden diese nicht so froh und in aller Unschuld von der Rettung gesprochen haben.</p><p>Seneca und Burrus erschienen zur gleichen Zeit, Seneca barfu� und im Untergewand. Nero benahm sich wie ein Wahnsinniger und rannte hin und her. Anicetus berichtete kurz, was geschehen war. Von seinem schlechten Gewissen gequ�lt, f�rchtete Nero ernstlich f�r sein eigenes Leben, und er schrie laut hinaus, was seine erregte Phantasie ihm vorgaukelte. Agrippina bewaffnete ihre Sklaven oder wiegelte die Soldaten der Garnison gegen ihn auf, oder sie befand sich bereits auf dem Wege nach Rom, um ihn vor dem Senat des Mordversuchs anzuklagen, ihre Wunden vorzuweisen und von dem grausamen Tod ihrer Diener zu berichten.</p><p>Seneca und Burrus waren erfahrene Staatsm�nner und brauchten keine langen Erkl�rungen. Seneca begn�gte sich damit, Burrus fragend anzusehen. Burrus zuckte die Schultern und sagte: �Ich werde weder die Pr�torianer noch die Germanen der Leibwache ausschicken, um die Tochter des Germanicus zu t�ten.� Dann wandte er sich mit einer Miene unverhohlenen Abscheus nach Anicetus um und f�gte hinzu: �Anicetus soll zu Ende f�hren, was er begonnen hat. Ich wasche meine H�nde.�</p><p>Anicetus lie� es sich nicht zweimal sagen. Er f�rchtete mit gutem Grund f�r sein eigenes Leben. Nero hatte ihn bereits in seinem Zorn mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er versprach eifrig, mit Hilfe der Seeleute seinen Auftrag auszuf�hren. Nero starrte Seneca und Burrus mit einem irren Blick an und rief vor wurfsvoll: �Erst heute nacht werde ich der Vormundschaft ledig und wirklich zum Herrscher. Aber ich verdanke die Macht einem ehemaligen Barbier, einem freigelassenen Sklaven, nicht dem Staatsmann Seneca und nicht dem Feldherrn Burrus. Geh, Anicetus, beeile dich und nimm alle mit, die willens sind, ihrem Herrscher diesen Dienst zu erweisen.�</p><p>Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als er pl�tzlich erbleichte und einen Schritt zur�cktrat, denn man meldete ihm, ein Freigelassener Agrippinas, ein gewisser Agerinus, habe ihm eine Botschaft auszurichten. �Ein M�rder!� rief Nero, ergriff sein Schwert und verbarg es unter seinem Mantel.</p><p>Er hatte im Grunde nichts zu bef�rchten, denn die durch den Blutverlust und von der Anstrengung des Schwimmens ersch�pfte Agrippina hatte ihre M�glichkeiten �berdacht und eingesehen, da� ihr nichts anderes blieb, als gute Miene zum b�sen Spiel zu, machen und so zu tun, als ahnte sie nichts von dem Mordanschlag. Agerinus trat zitternd ein und brachte mit einem leichten Stottern seine Botschaft vor: �Die G�tter und der Schutzgeist des Kaisers haben mich vor dem Tode bewahrt. Sosehr es dich erschrecken wird, von der Gefahr zu h�ren, die deiner Mutter drohte, sollst du mich einstweilen nicht aufsuchen. Ich brauche Ruhe.�</p><p>Als Nero erkannte, da� er von Agerinus nichts zu f�rchten hatte, gewann er die Fassung zur�ck, lie� heimlich das Schwert dem Boten vor die F��e fallen, sprang zur�ck, zeigte anklagend auf die Waffe und rief: �Ich nehme euch alle zu Zeugen daf�r, da� meine eigene Mutter ihren Freigelassenen geschickt hat, um mich zu ermorden!�</p><p>Wir st�rzten vor und ergriffen Agerinus, ohne auf seine verzweifelten Einw�nde zu achten. Nero befahl, ihn gefangenzusetzen, aber Anicetus, kaum da� er mit ihm den Raum verlassen hatte, hielt es f�r kl�ger, ihm das Schwert in den Hals zu sto�en. Ich beschlo�, Anicetus zu begleiten, um mich zu vergewissern, da� er seinen Auftrag auch wirklich zu Ende f�hrte. Nero eilte uns nach, glitt im Blut des Agerinus aus und rief erleichtert: �Meine Mutter trachtet mir nach dem Leben. Niemand wird sich dar�ber wundern, da� sie sich selbst das Leben nahm, als ihr Verbrechen aufgedeckt wurde. Handelt danach!�</p><p>Auch Obaritus schlo� sich uns an, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Anicetus befahl seinem n�chsten Untergebenen, Herculeius, in der Kaserne Alarm zu schlagen. Wir holten unsere Pf erde und ritten los. Eine Schar Seesoldaten lief barfu� vor uns her und trieb br�llend und die Schwerter schwingend die Menge auseinander, die nach Bauli unterwegs war, um Agrippina zu huldigen, und uns am Vorw�rtskommen hinderte.</p><p>Als wir in Bauli ankamen, graute der Morgen. Anicetus befahl seinen Leuten, das Haus zu umzingeln. Wir schlugen die T�r ein und verjagten die Sklaven, die Widerstand zu leisten versuchten. Der Schlafraum war sp�rlich erhellt. Agrippina lag mit einem warmen Umschlag um die eine Schulter in ihrem Bett. Eine Dienerin, die gerade nach ihr gesehen hatte, floh Hals �ber Kopf. Agrippina hob die Hand und rief nach ihr: �So verl��t auch du mich!�</p><p>Anicetus schlo� die T�r hinter uns, damit nicht zu viele Zuschauer nachdr�ngten. Agrippina gr��te uns mit matter Stimme und sagte: �Wenn ihr gekommen seid, um auch nach meinem Befinden zu erkundigen, so sagt meinem Sohn, da� ich mich schon ein wenig erholt habe.�</p><p>Dann erst sah sie unsere Waffen. Ihre Stimme wurde fester, und sie rief drohend: �Wenn ihr aber gekommen seid, um mich zu t�ten, so glaube ich nicht, da� es auf Befehl meines Sohnes geschieht. Er w�rde nie einen Muttermord begehen!�</p><p>Anicetus, Herculeius und Obaritus traten an ihr Lager, standen t�ppisch da und wu�ten nicht, was sie tun sollten, so gebieterisch wirkte Agrippina noch als Kranke. Ich selbst dr�ckte mit dem R�cken die T�r zu. Endlich versetzte Herculeius Agrippina mit seinem kurzen Befehlsstab einen Schlag auf den Kopf, jedoch so ungeschickt, da� sie nicht das Bewu�tsein verlor. Er hatte die Absicht gehabt, sie bewu�tlos zu schlagen, um ihr dann die Pulsadern aufzuschneiden, so da� die Behauptung, sie habe Selbstmord ver�bt, wenigstens den Anschein von Wahrscheinlichkeit gehabt h�tte.</p><p>Agrippina gab nun alle Hoffnung auf. Sie entbl��te den Unterleib, spreizte die Beine auseinander und schrie Anicetus zu: �Sto�e dein Schwert in den Scho�, der Nero geboren hat!�</p><p>Der Zenturio zog sein Schwert und stie� zu. Danach hieben und stachen auch die anderen auf Agrippina ein, so da� sie viele Wunden erhielt, ehe sie r�chelnd den letzten Atemzug tat.</p><p>Als wir uns vergewissert hatten, da� sie tot war, steckten wir rasch einige kleine Gegenst�nde, die sich im Raum befanden, als Andenken zu uns. Anicetus befahl den Dienern, die Leiche zu waschen und f�r den Scheiterhaufen herzurichten. Ich selbst nahm eine kleine goldene Fortunastatue mit, die neben dem Bett stand und von der ich glaubte, sie sei dieselbe, die Kaiser Gajus seinerzeit immer bei sich gehabt hatte. Sp�ter erfuhr ich, da� sie es nicht war, und das betr�bte mich.</p><p>Ein Eilbote ritt zu Nero, um ihm Agrippinas Selbstmord zu melden. Nero, der bereits mit Senecas Hilfe einen Bericht an den Senat �ber den auf ihn ver�bten Mordanschlag abgefa�t hatte, eilte sofort nach Bauli, um sich mit eigenen Augen davon zu �berzeugen, da� Agrippina tot war. So wenig traute er Anicetus.</p><p>Er traf so fr�h ein, da� die Diener noch damit besch�ftigt waren, den nackten Leichnam zu waschen und zu salben. Nero untersuchte die Wunden mit einem Finger und sagte: �Seht nur, wie sch�n meine Mutter bis zuletzt noch war.�</p><p>Im Garten wurde Holz zu einem Scheiterhaufen geschichtet, und Agrippinas Leichnam wurde ohne Zeremonien auf ein Liegesofa gebettet und hinaufgehoben. Als der Rauch aufzusteigen begann, bemerkte ich pl�tzlich, was f�r ein strahlender Morgen �ber Bauli heraufgezogen war. Das Meer leuchtete tiefblau, die V�gel zwitscherten, und im Garten bl�hten die Blumen des Fr�hlings in pr�chtigen Farben. Auf den Wegen war jedoch niemand zu sehen. Die Leute waren verwirrt und hielten sich in ihren H�usern verborgen, da sie nicht wu�ten, wie das Geschehen zu deuten sei.</p><p>Der Scheiterhaufen brannte noch, als pl�tzlich ein Trupp Kriegstribunen und Zenturionen in vollem Galopp heranpreschte. Nero sah die Soldaten vor den Pferden zur Seite weichen und blickte sich entsetzt nach einem Fluchtweg um. Die Reiter sprangen jedoch aus den S�tteln, st�rzten auf ihn zu, dr�ckten ihm die H�nde und dankten den G�ttern, da� er dem verbrecherischen Anschlag seiner Mutter entronnen war.</p><p>Die Reiter waren vom Pr�fekten Burrus ausgesandt worden, der dem Volk zeigen wollte, wie man sich zu verhalten habe. Er selbst kam nicht, weil er sich zu sehr sch�mte. Als die �berreste von Agrippinas Leichnam aus der Asche gesammelt und im Garten vergraben worden waren, lie� Nero die Erde �ber dem Loch gl�tten. Er g�nnte seiner Mutter keinen Grabh�gel, weil er f�rchtete, ein solcher k�nnte zu einer Art Pilgerst�tte f�r politisch Unzufriedene werden.</p><p>Wir stiegen zu dem Tempel in Bauli hinauf, um den G�ttern ein Dankopfer f�r Neros wunderbare Rettung darzubringen, aber im Tempel h�rte Nero pl�tzlich H�rner und laute Klagerufe erschallen. Er behauptete sogar, es sei dunkel geworden, obwohl die Sonne hell schien.</p><empty-line/><p>Agrippinas Tod war weder f�r den Senat noch f�r das Volk eine �berraschung. Man war darauf vorbereitet, da� sich etwas Au�ergew�hnliches ereignet hatte, denn in Agrippinas Todesnacht war ein Unwetter, wie man es seit Jahren nicht mehr erlebt hatte, �ber Rom niedergegangen. Der Senat hatte schon im voraus Vers�hnungsopfer beschlossen. Als die Todesnachricht eintraf, wurden sie in Dankopfer verwandelt, und so tief war der seit langem gegen Agrippina aufgestaute Ha�, da� der Senat beschlo�, ihren Geburtstag k�nftig zu den Ungl�ckstagen zu rechnen.</p><p>Nero hatte ohne Grund Unruhen bef�rchtet. Als er endlich aus Neapolis eintraf, wurde er wie ein Triumphator empfangen. Die Senatoren waren festlich gekleidet. Die Frauen und Kinder der vornehmsten Familien begr��ten ihn mit Lobges�ngen und streuten ihm Fr�hlingsblumen auf den Weg. Zu beiden Seiten des Weges waren in aller Eile Schauger�ste errichtet worden.</p><p>Als Nero zum Kapitol hinaufging, um sein eigenes Dankopfer darzubringen, war es, als w�re ganz Rom aus einem Alptraum erwacht, und gern glaubten an diesem strahlenden Tag alle Senecas l�gnerischem Bericht �ber Agrippinas Selbstmord. Den Alten war der blo�e Gedanke an einen Muttermord so entsetzlich, da� sie ihn von sich wiesen.</p><p>Ich war selbst schon vor Nero nach Rom zur�ckgekehrt und hatte sofort Claudia rufen lassen. �Ich habe dich ger�cht�, sagte ich stolz. �Agrippina ist tot. Ich war selbst mit dabei. Ihr eigener Sohn befahl, sie zu t�ten. Beim Herkules, ich habe meine Schuld beglichen. Du brauchst dich deiner Erniedrigung nicht mehr zu sch�men.�</p><p>Zur Bekr�ftigung meiner Worte reichte ich Claudia die kleine Fortunastatue, die ich von Agrippinas Nachttisch genommen hatte<strong>. C</strong>laudia starrte mich jedoch an wie ein Ungeheuer, hob abwehrend beide H�nde und rief entsetzt: �Ich habe dich nicht gehei�en, mich zu r�chen. Du hast Blut an deinen H�nden, Minutus!�</p><p>Ich trug wirklich einen blutigen Verband um die eine Hand und versicherte ihr nun verlegen, da� ich meine H�nde nicht mit dem Blut Agrippinas besudelt, sondern mir nur in der Eile mit meinem eigenen Schwert den Daumenballen geritzt hatte. Es half mir jedoch nichts. Claudia beschimpfte mich, drohte mir mit dem Zorn ihres Jesus von Nazareth und benahm sich alles in allem kindisch und dumm. Zuletzt konnte ich nicht mehr an mich halten und fuhr sie an: �Wenn es <emphasis>so</emphasis> ist, wie du sagst, war ich nur ein Werkzeug deines Gottes. Nimm an, Christus selbst habe Agrippina f�r ihre Verbrechen bestraft. Au�erdem sind die Juden das rachs�chtigste Volk der Welt, das habe ich selbst in ihren heiligen Schriften gelesen. Du vergeudest deine Tr�nen, wenn du um Agrippina weinst.�</p><p>�Manche haben Ohren und h�ren nicht!� rief Claudia zornig. �Hast du wirklich nicht ein Wort von alledem begriffen, was ich dich zu lehren versuchte?�</p><p>Ich schrie w�tend zur�ck: �Verfluchte Claudia, du bist die undankbarste Frau der Welt. Ich habe bisher dein Geschw�tz �ber Christus geduldig ertragen, aber jetzt schulde ich dir nichts mehr. Halt deinen Mund und geh aus meinem Haus!�</p><p>�Christus, verzeihe mir mein heftiges Gem�t�, murmelte Claudia mit zusammengebissenen Z�hnen. �Ich kann mich nicht mehr beherrschen.�</p><p>Sie schlug mich mit ihren harten H�nden auf beide Wangen, da� es mir in den Ohren gellte, packte mich im Genick, dr�ckte mich auf die Knie nieder und befahl: �Nun bitte den himmlischen Vater um Vergebung f�r deine furchtbare S�nde.�</p><p>Meine Selbstachtung hinderte mich, mit ihr handgreiflich zu werden. Au�erdem waren ihre Arme von der Sklavenarbeit noch sehr kr�ftig. Ich kroch auf allen vieren aus dem Raum, und Claudia warf mir die Fortunastatue nach. Als ich wieder auf beiden Beinen stand, rief ich zitternd vor Zorn die Diener und befahl ihnen, Claudias Habseligkeiten zusammenzupacken und vor die T�r zu schaffen. Dann hob ich die Fortunastatue auf, deren linker Fl�gel verbogen war, und ging in den Tiergarten, um wenigstens vor Sabina mit meiner Tat zu prahlen. Zu meiner Verwunderung empfing sie mich freundlich und t�tschelte mir sogar die Wangen, die von Claudias Ohrfeigen geschwollen waren. Sie nahm die Fortunastatue dankbar entgegen und h�rte sich willig, wenn auch etwas zerstreut, meinen Bericht �ber die Geschehnisse in Baiae und Bauli an.</p><p>�Du bist ein Mann, Minutus, und tapferer, als ich glaubte�, sagte sie zuletzt. �Nur darfst du nicht �berall und jedem erz�hlen, wie alles zuging. Die Hauptsache ist, da� Agrippina tot ist. Niemand trauert ihr nach. Und die Hure Poppaea hat nun auch ausgespielt, denn nach diesem Mord wird es Nero im Leben nicht wagen, sich von Octavia zu trennen. So viel glaube ich von Politik zu verstehen.�</p><p>Ich wunderte mich �ber diese Behauptung, aber ehe ich noch antworten konnte, legte mir Sabina z�rtlich die Hand auf meinen Mund und fl�sterte: �Es ist Fr�hling, Minutus. Die V�gel singen, die Blumen bl�hen, und die Erde erzittert von dem brunftigen Gebr�ll der L�wen. Es rieselt mir so hei� durch meine Glieder. Au�erdem meine ich, da� wir sowohl um des Geschlechts der Flavier als auch um deiner Familie willen ein Kind haben sollten. Ich glaube nicht, da� ich unfruchtbar bin, wenngleich du mich fortw�hrend beleidigst, indem du meinem Bett fernbleibst.�</p><p>Ihr Vorwurf war ungerecht. Ich dachte mir jedoch, da� sie mich, nach allem, was geschehen war, vielleicht mit anderen Augen ansah oder da� die Schilderung der Bluttat ihre Sinne gekitzelt hatte, denn es gibt ja genug Frauen, die beim Anblick entsetzlicher Dinge wie Feuersbr�nste oder Blut, das in den Sand rinnt, in Erregung geraten.</p><p>Ich betrachtete meine Gattin und fand an ihr nichts auszusetzen, obgleich ihre Haut nicht so wei� war wie die Poppaeas. Wir lagen ein paar N�chte beisammen, was wir lang nicht mehr getan hatten, aber das Entz�cken, das ich zu Beginn unserer Ehe empfunden hatte, kehrte nicht zur�ck. Auch Sabina war steif und h�lzern und gestand mir schlie�lich, da� sie nur eine Pflicht erf�llte und keine Freude daran hatte, obwohl die L�wen die N�chte hindurch dumpf br�llten.</p><p>Acht Monate sp�ter wurde unser Sohn geboren. Ich f�rchtete, wir w�rden ihn aussetzen m�ssen, wie man es mit den zu fr�h Geborenen zu tun pflegt, aber er war gesund und wohlgestaltet, und nach der gl�cklichen Entbindung herrschte gro�e Freude im Tiergarten. Ich lud unsere vielen hundert Angestellten zu einem gro�en Festmahl zu Ehren meines Erstgeborenen ein, und ich h�tte nie geglaubt, da� die rohen Tierb�ndiger zu einem Kind so sanft und z�rtlich sein k�nnten.</p><p>Des dunkelh�utigen Epaphroditus konnten wir uns kaum erwehren. Er war st�ndig bei dem Kind, um es zu streicheln und zu t�tscheln, vers�umte dar�ber die F�tterung der Tiere und seine �brigen Pflichten und wollte unbedingt die Kosten f�r eine Amme �bernehmen. Ich ging zuletzt darauf ein, weil ich begriff, da� er mich durch sein Anerbieten ehren wollte.</p><p>Claudia lie� jedoch nicht von mir ab. Als ich einige Tage nach unserem Streit nichts B�ses ahnend in mein Haus auf dem Aventin zur�ckkehrte, fand ich dort alle Diener und sogar den alten Barbus im Atrium versammelt. Mitten unter ihnen sa� der j�dische Wundert�ter Kephas, der einige mir g�nzlich unbekannte junge M�nner mitgebracht hatte.</p><p>Einer von ihnen verdolmetschte die aram�ischen Worte des Kephas. Tante Laelia tanzte entz�ckt umher und klatschte in die H�nde. Ich f�hlte einen solchen Zorn in mir aufsteigen, da� ich schon daran dachte, die Diener auspeitschen zu lassen, aber Claudia erkl�rte mir rasch, da� Kephas unter dem Schutz des Senators Pudens Publicola stand und in dessen Haus wohnte, so da� er nicht mit den anderen Juden jenseits des Tibers zusammentraf und neue Unruhen vermieden wurden. Pudens war ein kindischer Greis, aber ein echter Valerius, und deshalb schwieg ich.</p><p>Kephas entsann sich unserer Begegnung in Korinth und sprach mich freundlich bei meinem Namen an. Er war nicht gekommen, um mich zu seinem Glauben zu bekehren, sondern wollte, da� ich mich mit Claudia auss�hnte. Ich wei� selbst nicht, wie es zuging, aber zuletzt reichte ich Claudia zu meiner eigenen Verwunderung wirklich die Hand und k��te sie, und dann nahm ich sogar an ihrem gemeinsamen Mahl teil, denn schlie�lich konnte ich in meinem eigenen Haus tun und lassen, was ich wollte.</p><p>Mehr will ich von diesem besch�menden Ereignis nicht berichten. Ich fragte Barbus sp�ter, ob er von Mithras abgefallen und Christ geworden sei. Er wollte mir nicht geradeheraus antworten, sondern murmelte nur: �Ich bin alt. In den N�chten plagt mich der Rheumatismus aus meinen Legionsjahren so f�rchterlich, da� ich bereit bin, alles zu tun, um nur die Schmerzen loszuwerden, und wenn ich den fr�heren Fischer Kephas sehe, lassen sie jedesmal nach. Ich brauche nur von seinem Brot zu essen und von seinem Wein zu trinken, um tagelang keine Beschwerden zu haben. Die Priester des Mithras konnten mir nicht helfen, obwohl sie sich sonst besser als alle anderen auf die Krankheiten eines alten Legion�rs verstehen.�</p></section><section><p><a l:href="https://www.lul.to/?ref%3d4"><image l:href="#0"/></a></p><empty-line/><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>ZWEITER TEIL

    </strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>JULIUS MEIN SOHN</emphasis></strong></p><empty-line/><p>�� <emphasis>Um nun dem Gerede ein Ende zu bereiten, lie� er jene ob ihres Irrwahns verha�ten Menschen, die das Volk Christen nannte, f�lschlich anklagen und unter den ausgesuchtesten Martern hinrichten. Christus, von dem sie ihren Namen hatten, war unter der Regierung des Tiberius von dem Prokurator Pontius Pilatus zum Tode verurteilt worden. Dadurch wurde dieser verabscheungsw�rdige Aberglaube zun�chst unterdr�ckt. Aber er brach sich von neuem Bahn, und zwar nicht nur in Jud�a, seiner Wiege, sondern auch in Rom, wo alle nur erdenklichen Sch�ndlichkeiten und Greuel aus aller Welt zusammenkommen und Anh�nger finden. Zuerst fa�te man jene, die sich als Christen bekannten, dann, auf deren Angabe hin, eine ungeheure Anzahl von Menschen, die zwar nicht der Brandstiftung, wohl aber des allgemeinen Menschenhasses �berf�hrt wurden. Noch bei ihrem Tode tat man ihnen Schmach an. Sie wurden in Felle wilder Tiere gesteckt, um von Hunden zerrissen zu werden, oder ans Kreuz geschlagen oder nach Eintritt der Dunkelheit angez�ndet, um als Fackeln zu dienen.�</emphasis></p><p>Tacitus, Annalen XV, 44</p><empty-line/><p><emphasis>�Lassen wir es genug sein an Beispielen aus der Vergangenheit, und wenden wir uns den Streitern j�ngst verflossener Zeiten zu, um aus unserer eigenen Generation edle Vorbilder zu w�hlen. Um des Neides und der Eifersucht willen litten die Fr�mmsten Verfolgung und k�mpften bis zum Tode. Gedenken wir vor allem unserer eigenen tapferen Apostel: Grundlosen Neides wegen mu�te Petrus leiden, nicht nur eine oder zwei, sondern viele Martern, und, nachdem er mit seinem Blute Zeugnis abgelegt, zu der ewigen Herrlichkeit aufbrechen. Des Neides und der Zwietracht wegen gewann auch Paulus die Siegespalme des Dulders. Siebenmal war er gefangen, er mu�te fliehen, ward gesteinigt, war Bote in Ost und West und erwarb sich herrlichen Ruhm durch seinen Glauben. Nachdem er alle Welt in der Fr�mmigkeit unterwiesen, die Grenzen der L�nder im Westen erreicht und vor den M�chtigen mit seinem Blute Zeugnis abgelegt als das gr��te Beispiel wahren Duldermuts, wurde er von der Welt erl�st und ging ein in die Seligkeit. Zu diesen M�nnern, die zu ihren Lebzeiten ganz Gott ergeben wandelten, gesellte sich eine gro�e Schar Auserw�hlter, die des Neides und der Zwietracht wegen viele Kr�nkungen und Leibesqualen erlitten und uns dadurch die herrlichsten Vorbilder wurden. Auch viele Trauen wurden aus eifers�chtigem Ha� verfolgt. Sie mu�ten Danaiden und die Dirke darstellen und die schrecklichste und sch�ndlichste Mi�handlung erdulden, bis auch sie, die Schwachen, das Ziel ihres Kampfes erreichten und die herrliche Siegespalme gewannen.�</emphasis></p><p>Clemens, 1. Korintherbrief 5 � 6</p></section><section><empty-line/><p><strong>VIII

    </strong></p><p><strong>POPPAEA
  </strong></p><empty-line/><p>Die Voraussagen meiner Gattin Sabina bewahrheiteten sich insofern, als es tats�chlich zwei Jahre dauerte, bis Nero ernstlich an eine Scheidung von Octavia zu denken wagte. Nach dem Tod seiner Mutter und seiner R�ckkehr nach Rom hatte er Poppaea aus politischen Gr�nden aus dem Palatium geschickt und seine N�chte heimlich bei ihr zugebracht. Er begnadigte viele Verbannte, setzte verabschiedete Senatoren wieder in ihr Amt ein und teilte das unerme�liche Verm�gen, das er nach Agrippina geerbt hatte, so freigiebig aus, da� jeder, der die Stirn hatte, etwas zu verlangen, seinen Anteil bekam. Agrippinas Landg�ter, Wertgegenst�nde und Sklaven erschienen den Vornehmen Roms jedoch nicht begehrenswert, so da� Nero den gr��ten Teil dem Volk schenkte, indem er bei den Vorstellungen im Zirkus aufs Geratewohl Loskugeln unter die Zuschauer werfen lie�.</p><p>Um sein Gewissen zu beruhigen und die Gunst des Volkes zu gewinnen, ging er sogar so weit, dem Senat die Abschaffung aller direkten Steuern vorzuschlagen. Er wu�te nat�rlich selbst, da� dieser Vorschlag undurchf�hrbar war, aber er erreichte auf diese Weise, da� der Senat, der ihn aus sachlichen Gr�nden ablehnen mu�te, sich in ein ung�nstiges Licht setzte, w�hrend er selbst als Wohlt�ter dastand.</p><p>Immerhin wurden im Steuerwesen einige sp�rbare Verbesserungen und Erleichterungen eingef�hrt. Gewisse Umsatzsteuern wurden gesenkt, und vor allem hatte in Zukunft jeder ein Recht darauf zu erfahren, warum, wie und in welcher H�he er besteuert wurde. Die Steuereinnehmer murrten �ber die Neuregelung, denn es war ihnen nun nicht mehr m�glich, willk�rlich Zuschl�ge zur Deckung ihrer eigenen Ausgaben einzutreiben. Die Kaufleute dagegen waren besser gestellt als zuvor, da sie die Preise unver�ndert beibehalten konnten und dabei weniger Umsatzsteuern zu zahlen brauchten.</p><p>Nero beteiligte sich nun �ffentlich an Wagenrennen und erkl�rte zu seiner Rechtfertigung, sie seien vorzeiten ein Zeitvertreib der G�tter und K�nige gewesen. Um den Vornehmen Roms ein Beispiel zu geben, trat er vor seinen gro�en Spielen nach griechischem Vorbild als S�nger auf und begleitete sich selbst auf der Zither. Seine Stimme war seit dem Tod seiner Mutter kr�ftig, weittragend und blank wie Metall geworden. Sicherheitshalber schickte jedoch Burrus jedesmal eine Abteilung Pr�torianer ins Theater, die f�r Ruhe und Ordnung zu sorgen und Nero Beifall zu spenden hatten. Er ging selbst mit gutem Beispiel voran und klatschte laut, obwohl er sich f�r das Benehmen seines Kaisers sch�mte. Vielleicht war er aber im stillen der Meinung, da� Nero auf einen noch viel sch�ndlicheren Zeitvertreib als diesen verfallen konnte.</p><p>Die Folge von all dem war, da� die griechische Mode endg�ltig Rom eroberte. Ein gro�er Teil der Senatoren und der Ritterschaft nahm an Neros Spielen teil. Vornehme junge M�dchen f�hrten griechische T�nze auf, und sogar zu Jahren gekommene Matronen stellten in der Arena die Geschmeidigkeit ihrer Glieder unter Beweis. Ich hatte nichts gegen die Vergn�gungen, die das Volk veredeln sollten, da sie mir M�he und Unkosten ersparten, aber das Volk selbst konnte den Vorf�hrungen mit Ausnahme der Wagenrennen keinen Geschmack abgewinnen.</p><p>Es war der Ansicht, da� Berufsk�nstler � S�nger, Spielleute, T�nzer und Schauspieler � ihre Sache unvergleichlich besser machten als Laien, und es herrschte auch gro�e Entt�uschung dar�ber, da� nicht einmal in den Pausen wilde Tiere vorgef�hrt wurden, von den Gladiatoren ganz zu schweigen. Die �lteren unter den Vornehmen waren entsetzt, weil sie meinten, da� gymnastische �bungen, hei�e B�der und weibische Musik die r�mische Jugend verweichlichten und ihre Kriegst�chtigkeit gerade in einem Augenblick schw�chten, da Rom nicht genug hart erzogene und vorz�glich ausgebildete Kriegstribunen haben konnte.</p><p>Wie um ihnen recht zu geben, brach der Krieg in Armenien von neuem aus, und in Britannien einte eine Frau namens Boadicea die St�mme zu einer gro�en Erhebung gegen Rom. Eine ganze Legion wurde aufgerieben, mehrere r�mische St�dte wurden dem Erdboden gleichgemacht, und der Prokurator verlor in dem Ma�e die Fassung, da� er nach Gallien floh.</p><p>Ich f�r meinen Teil glaube, da� die K�nigin Boadicea kaum so viele Anh�nger in Britannien gewonnen h�tte, wenn die Legionen nicht gezwungen gewesen w�ren, sich aus dem Lande zu ern�hren, und wenn die hohen Zinsen und R�ckzahlungsraten f�r die Anleihen, die Seneca den britischen Stammesk�nigen bewilligt hatte, nicht f�llig gewesen w�ren. Die Barbaren verstehen nichts von dem heute �blichen Geldwesen.</p><p>Die jungen Ritter zeigten keine Lust, freiwillig nach Britannien zu gehen, um sich pf�hlen und verbrennen zu lassen. Sie blieben lieber in Rom, klimperten auf der Zither, wanderten in der griechischen Tunika umher und lie�en sich die Haare lang wachsen. Bevor die Lage noch endg�ltig gekl�rt war, gab Nero dem Senat zu bedenken, ob es nicht �berhaupt das beste sei, die Legionen aus Britannien zur�ckzuziehen. Das Land verschlang mehr, als es einbrachte. Durch die Aufgabe Britanniens wurden drei Legionen frei � die vierte war ja vernichtet worden � und konnten im Osten den Parthern entgegengestellt werden.</p><p>W�hrend der erregten Debatte, die auf diesen Vorschlag folgte, hielt Seneca, der F�rsprecher des Friedens und der Menschenliebe, eine gl�nzende Rede, in der er auf die Siege des Gottes Claudius in Britannien hinwies. Nero k�nne nicht auf die Eroberungen seines Adoptivvaters verzichten, sagte er, ohne seinen Namen und seinen Ruf zu verlieren. In Wirklichkeit ging es Seneca nat�rlich nur um die ungeheuren Geldsummen, die er in Britannien angelegt hatte.</p><p>Einer der Senatoren fragte, ob es unbedingt n�tig gewesen sei, da� siebzigtausend r�mische B�rger und Bundesgenossen ermordet und zwei bl�hende St�dte gepl�ndert und niedergebrannt wurden, nur um Senecas Eink�nfte zu sch�tzen. Seneca err�tete und versicherte, das Geld, das er den Briten geliehen hatte, sei dazu bestimmt, das Land zu zivilisieren und den Handel zu f�rdern. Dies k�nnten andere Senatoren bezeugen, die ihre Mittel f�r denselben Zweck zur Verf�gung gestellt h�tten. Wenn einige unzuverl�ssige Stammesk�nige die Anleihen dazu verwendet hatten, in Saus und Braus zu leben und Waffen anzuschaffen, so sei dies nicht seine Schuld. Die Hauptursache des Krieges sei ohne Zweifel das willk�rliche, politisch unkluge Verhalten der Legionen. Man m�sse ihre Befehlshaber bestrafen und unverz�glich Entsatz nach Britannien schicken.</p><p>Der Senat dachte selbstverst�ndlich nicht daran, Britannien aufzugeben, denn noch ist der alte R�merstolz nicht erloschen. Man beschlo� zuletzt, neue Truppen zu entsenden. Einige ergrimmte V�ter zwangen ihre erwachsenen S�hne sogar, sich das Haar schneiden zu lassen und als Kriegstribunen nach Britannien zu gehen. Sie nahmen ihre Zither mit, warfen sie aber in die B�sche, als sie die verheerten St�dte sahen und das gellende Kriegsgeschrei der Briten h�rten, und k�mpften tapfer.</p><p>Ich habe meine besonderen Gr�nde, so viel �ber die Ereignisse in Britannien zu berichten, obwohl ich selbst in Rom blieb. Boadicea war die K�nigin der Icener. Als ihr Gatte starb, legten die r�mischen Beamten sein Testament dahingehend aus, da� sein Land r�misches Erbland wurde. Das Testament war allerdings so abgefa�t, da� sogar wir selbst zu seiner Auslegung gelehrte Juristen ben�tigten. Als Boadicea gegen den Beschlu� Einspruch erhob und geltend machte, da� sie nach altem britischem Recht als Frau erbberechtigt sei, wurde sie von Legion�ren ausgepeitscht und enteignet, und ihre beiden T�chter wurden gesch�ndet. Die Legion�re verjagten �berdies viele vornehme Icener von ihrem Besitz, mordeten und begingen zahllose andere �beltaten.</p><p>Sie hatten das Recht auf ihrer Seite. Der K�nig, der selbst des Lesens unkundig gewesen war, hatte tats�chlich ein Testament aufsetzen lassen, in dem er sein Land dem Kaiser vermachte. Er hatte geglaubt, dadurch die Stellung seiner Witwe und seiner T�chter gegen�ber den eifers�chtigen icenischen Edlen zu sichern. Die Icener waren au�erdem von Anfang an Bundesgenossen Roms gewesen, obwohl sie uns R�mer nicht liebten.</p><p>Zur Entscheidungsschlacht kam es nach dem Eintreffen der Entsatztruppen. Die von der rachs�chtigen K�nigin gef�hrten Briten wurden vernichtend geschlagen. Rom vergalt Gleiches mit Gleichem und r�chte die Schandtaten, die die Icener auf Boadiceas Gehei� an r�mischen Frauen begangen hatten.</p><p>In Rom traf ein langer Zug britischer Sklaven ein, allerdings nur Frauen und halbw�chsige Knaben, denn erwachsene Briten taugen nicht zu Sklaven, und Nero hatte zur gro�en Entt�uschung des Volkes verboten, Kriegsgefangene im Amphitheater k�mpfen zu lassen.</p><p>Eines Tages suchte mich ein Sklavenh�ndler auf, der einen etwa zehnj�hrigen Britenknaben an einem Strick mit sich f�hrte. Er trat sehr geheimnisvoll auf, zwinkerte mir unabl�ssig zu und verlangte, da� ich alle Zeugen fortschickte. Als dies geschehen war, klagte er eine Weile �ber die schlechten Zeiten, seine gro�en Ausgaben und den Mangel an willigen K�ufern. Der Knabe sah sich unterdessen mit zornigen Blicken um. Endlich erkl�rte der Sklavenh�ndler: �Dieser junge Krieger versuchte mit dem Schwert in der Hand seine Mutter zu verteidigen, als unsere ergrimmten Legion�re sie sch�ndeten und erschlugen. Aus Achtung vor seiner Tapferkeit lie�en sie ihn am Leben und verkauften ihn mir. Wie du an seinen geradegewachsenen Gliedern, seiner zarten Haut und seinen gr�nen Augen siehst, ist er von edler icenischer Abstammung. Er kann reiten, schwimmen und mit dem Bogen schie�en, und ob du es glaubst oder nicht: er kann sogar ein bi�chen lesen und schreiben und ein paar Brocken Latein radebrechen. Man hat mir gesagt, du wirst ihn unbedingt kaufen wollen und mir mehr bieten, als ich auf dem Sklavenmarkt f�r ihn bekommen kann.�</p><p>Ich fragte erstaunt: �Wer konnte dir so etwas sagen? Ich habe schon genug Sklaven. Sie machen mir das Leben unertr�glich und nehmen mir meine Freiheit, ganz zu schweigen von dem wahren Reichtum, der die Einsamkeit ist.�</p><p>�Ein gewisser Petro, ein icenischer Heilkundiger im r�mischen Dienst, erkannte den Knaben in Londinium wieder und nannte mir deinen Namen�, antwortete der Sklavenh�ndler. �Er versicherte mir, du werdest mir den besten Preis f�r ihn zahlen. Aber wer kann einem Briten trauen. Zeig dein Buch!�</p><p>Bei diesen Worten versetzte er dem Knaben einen Schlag auf den Kopf. Der junge Brite griff unter seinen G�rtel und zog ein zerfetztes, schmutziges �gyptisch-chald�isches Traumbuch hervor. Ich erkannte es sofort wieder, als ich es in die Hand nahm, und begann am ganzen Leibe zu zittern.</p><p>�Hie� deine Mutter Lugunda?� fragte ich, obwohl ich es bereits wu�te. Allein Petros Name bewies mir, da� ich meinen eigenen Sohn vor mir hatte. Ich wollte ihn in die Arme schlie�en und als meinen Sohn anerkennen, obgleich keine Zeugen anwesend waren, er aber schlug mit den F�usten auf mich ein und bi� mich in die Wange. Der Sklavenh�ndler griff nach seiner Peitsche.</p><p>�Schlage ihn nicht�, sagte ich rasch. �Ich kaufe ihn. Nenne mir deinen Preis.�</p><p>Der Sklavenh�ndler betrachtete mich absch�tzend, redete wieder eine Weile von seinen Auslagen und Verlusten und meinte schlie�lich: �Um ihn loszuwerden, lasse ich ihn dir f�r nur hundert Goldst�cke. Er ist ja noch ungez�hmt.�</p><p>Zehntausend Sesterze waren eine wahnwitzige Summe f�r einen halbw�chsigen Knaben, denn auf dem Markt konnte man sogar eine f�rs Bett taugliche junge Frau f�r wenige Goldst�cke bekommen. Dennoch schreckte mich der hohe Preis nicht, und ich h�tte n�tigenfalls noch mehr bezahlt, aber ich mu�te mich zuerst einmal setzen und nachdenken, w�hrend ich meinen Sohn betrachtete. Der Sklavenh�ndler legte mein Schweigen falsch aus. Er begann seine Ware anzupreisen und sagte, es f�nde sich mehr als ein Reicher in Rom, der die Sitten und Gewohnheiten des Ostens angenommen habe und f�r dessen Zwecke der Knabe gerade im besten Alter sei. Er ging jedoch mit seinem Preis herunter, zuerst auf neunzig und dann auf achtzig Goldst�cke.</p><p>Ich dachte w�hrenddessen nur dar�ber nach, wie ich den Kauf abschlie�en konnte, ohne da� mein Sohn zum Sklaven wurde. Ein rechtsg�ltiger Kauf mu�te durch einen Gerichtsschreiber beurkundet werden, und ich mu�te den Knaben mit meinem Besitzzeichen MM brandmarken, worauf er zwar freigelassen, aber niemals r�mischer B�rger werden konnte.</p><p>Zuletzt sagte ich: �Vielleicht k�nnte ich ihn zum Wagenlenker ausbilden lassen. Der Petro, den du genannt hast, war wirklich ein Freund von mir, als ich in Britannien als Kriegstribun diente. Ich verlasse mich auf seine Empfehlung. K�nntest du mir nicht eine schriftliche Best�tigung geben, da� Petro als Vormund des Knaben dich beauftragt hat, diesen hierherzubringen, damit ich mich seiner annehme?�</p><p>Der Sklavenh�ndler zwinkerte mir listig zu und sagte: �Ich mu� die Umsatzsteuer f�r ihn zahlen, nicht du. Billiger kann ich ihn dir wirklich nicht mehr geben.�</p><p>Ich kratzte mir den Kopf. Die Sache war verzwickt und konnte leicht den Anschein erwecken, als versuchten wir nur, die hohen Steuern zu umgehen, mit denen der Sklavenhandel belegt war. Aber als Schwiegersohn des Stadtpr�fekten mu�te es <strong>mir doch</strong> m�glich sein, einen Ausweg zu finden.</p><p>Ich legte meine Toga an, und wir gingen alle drei zum Merkurtempel. Unter den vielen, die dort herumlungerten, entdeckte ich einen B�rger, der seinen Ritterrang verloren hatte und gegen angemessene Entsch�digung bereit war, den n�tigen zweiten Eideszeugen abzugeben. Wir konnten also eine Urkunde aufsetzen und durch doppelten Eid bekr�ftigen.</p><p>Dieser Urkunde zufolge war der Knabe ein freigeborener Brite, dessen Eltern Ituna und Lugunda wegen ihrer Romfreundlichkeit erschlagen worden waren. Durch die Vermittlung des unbescholtenen Arztes Petro hatten sie ihren Sohn jedoch beizeiten nach Rom geschickt, damit er dort von ihrem einstigen Gastfreund, dem Ritter Minutus Lausus Manilianus, erzogen werde.</p><p>In einer Zusatzklausel wurde mir als dem Vormund das Recht vorbehalten, mich um das Erbe des Knaben im Land der Icener zu k�mmern, sobald in Britannien der Friede geschlossen war. Das machte meinen Schwindel glaubw�rdiger, denn die Merkurpriester nahmen nat�rlich an, ich wollte bei der Aufteilung der Kriegsbeute meinen besonderen Vorteil herausschlagen.</p><p>�Was f�r einen Namen sollen wir eintragen?� fragte der Schreiber.</p><p>�Jucundus�, antwortete ich. Es war der erste Name, der mir einfiel. Alle brachen in ein befreiendes Gel�chter aus, denn der finster blickende Bursche war alles andere als angenehm anzusehen. Einer der Priester meinte, ich w�rde noch viel Arbeit mit ihm haben, bis ein ordentlicher R�mer aus ihm geworden sei.</p><p>Die Geb�hren f�r die Erstellung und Best�tigung der Urkunde und die �bliche Gabe f�r die Merkurpriester machten bedeutend mehr aus als die Umsatzsteuer f�r einen gew�hnlichen Verkauf. Der Sklavenh�ndler begann das Gesch�ft zu bereuen und hielt mich f�r gerissener, als ich war. Er hatte zwar schon seinen Eid geleistet, aber ich zahlte ihm zuletzt doch die hundert Goldst�cke, die er urspr�nglich gefordert hatte, um keinen Streit mit ihm zu bekommen.</p><p>Als wir den Merkurtempel endlich wieder verlassen hatten und auf dem Heimweg waren, schob Jucundus pl�tzlich seine Hand in die meine, so als f�rchtete er sich in dem L�rm und Gedr�nge der Straften. Ein eigent�mliches Gef�hl ergriff von mir Besitz, als ich seine kleine Hand hielt und ihn durch den Trubel Roms f�hrte. Ich dachte dar�ber nach, wie ich ihm, wenn er einmal erwachsen war, das r�mische B�rgerrecht verschaffen konnte und da� ich ihn adoptieren wollte, sofern ich dazu Sabinas Zustimmung erhielt. Doch das waren Sorgen, die noch Zeit hatten.</p><p>Mein Sohn Jucundus machte mir mehr Verdru� als Freude. Er sprach anfangs nicht ein Wort, so da� ich schon glaubte, die Greuel des Krieges h�tten ihn stumm gemacht. Er zerschlug viele Gegenst�nde im Haus und wollte die r�mische Knabenkleidung nicht tragen. Claudia vermochte ihn nicht zu b�ndigen. Als er zum erstenmal einen etwa gleichaltrigen r�mischen Knaben vor unserm Haus erblickte, st�rzte er auf ihn los und schlug den armen Kerl, bevor Barbus eingreifen konnte, mit einem Stein auf den Kopf. Barbus war daf�r, ihm eine Tracht Pr�gel zu verabreichen, aber ich fand, man m�sse es zuerst im Guten versuchen. Daher rief ich ihn zu mir, um ihm unter vier Augen ins Gewissen zu reden.</p><p>�Du betrauerst den Tod deiner Mutter�, begann ich. �Du bist mit einem Strick um den Hals hierher geschleppt worden wie ein Hund. Aber du bist kein Hund. Du mu�t ein Mann werden. Wir wollen dir nur Gutes. Sag mir, was du am liebsten tun m�chtest.�</p><p>�R�mer erschlagen!� rief Jucundus lebhaft.</p><p>Ich seufzte erleichtert auf, da er zumindest sprechen konnte. �Das geht hier in Rom nicht�, erkl�rte ich ihm. �Du kannst hier aber die r�mischen Sitten und Gebr�uche lernen. Eines Tages werde ich daf�r sorgen, da� du Ritter wirst. Wenn du dann deine Pl�ne noch nicht aufgegeben hast, kannst du nach Britannien zur�ckkehren und dort R�mer auf r�mische Art erschlagen. Die r�mische Kriegskunst ist, wie du am eigenen Leibe erfahren hast, der britischen �berlegen.�</p><p>Jucundus schwieg st�rrisch, aber ich glaubte zu bemerken, da� meine Worte Eindruck auf ihn gemacht hatten. �Barbus ist ein alter Veteran�, fuhr ich listig fort. �Frag ihn. Er kann dir �ber Krieg und Kampf mehr erz�hlen als ich, wenn auch sein Kopf schon zittert.�</p><p>Auf diese Weise erhielt Barbus noch einmal Gelegenheit, zu berichten, wie er in voller R�stung und mit einem verwundeten Zenturio auf dem R�cken im Eisgang �ber die Donau geschwommen war. Er konnte seine Narben zeigen und erkl�ren, warum unbedingter Gehorsam und ein gest�hlter K�rper die wichtigsten Voraussetzungen des Kriegers sind. Der Wein schmeckte ihm wieder, er ging mit dem Knaben in Rom umher, nahm ihn zum Tiberstrand mit, wo sie badeten, und brachte ihm das saftige Latein des Volkes bei.</p><p>Doch auch Barbus erschrak �ber seine Wildheit. Eines Tages nahm er mich beiseite und sagte: �Jucundus ist ein frecher Bursche, das steht ihm zu in seinem Alter, aber wenn er mir in allen Einzelheiten erz�hlt, was er einmal mit r�mischen M�nnern und Frauen anstellen will, dann kommt selbst mich alten Mann, der manches gesehen und erlebt hat, das Gruseln an. Ich f�rchte, er hat entsetzliche Dinge mit ansehen m�ssen, als der Aufstand der Briten niedergeworfen wurde. Das schlimmste ist, da� er immerzu auf die H�gel hinaufgehen will, um Rom in seiner Barbarensprache zu verfluchen. Er verehrt heimlich unterirdische G�tter und opfert ihnen M�use. Er ist von b�sen M�chten besessen, und man kann ihn nicht erziehen, solange er nicht von seinen D�monen befreit wird.�</p><p>�Wie sollte das zugehen?� fragte ich mi�trauisch.</p><p>�Der Kephas der Christen versteht es, D�monen auszutreiben�, antwortete Barbus und wich meinem Blick aus. �Ich habe selbst gesehen, wie ein Tobs�chtiger auf seinen Befehl lammfromm wurde.�</p><p>Barbus f�rchtete, ich k�nnte zornig werden, aber ich war weit davon entfernt und fragte mich vielmehr, warum ich nicht auch einmal Nutzen davon haben sollte, da� ich den Christen erlaubte, sich in meinem Haus zu versammeln, und meine Sklaven glauben lie�, was sie wollten. Als Barbus merkte, da� ich seinen Vorschlag g�nstig aufnahm, erz�hlte er mir voll Eifer, da� Kephas mit Hilfe seiner des Lateinischen kundigen J�nger die Kinder Demut und Gehorsam gegen�ber den Eltern lehrte. Viele B�rger, die wegen der Zuchtlosigkeit der Jugend in gro�er Sorge waren, schickten ihre Kinder in eine Feiertagsschule, wo man obendrein nicht einmal etwas zu bezahlen brauchte.</p><p>Einige Wochen sp�ter kam Jucundus eines Tages ganz von selbst zu mir, ergriff mich an der Hand und zog mich in mein Zimmer hinein. �Ist es wahr, da� es ein unsichtbares Reich gibt und da� die R�mer den K�nig ans Kreuz geschlagen haben?� fragte er mich erregt. �Und stimmt es, da� er bald zur�ckkommen wird, um die R�mer allesamt ins Feuer zu werfen?�</p><p>Ich fand es sehr vern�nftig, da� er nicht einfach alles glaubte, was man ihm erz�hlte, sondern von mir eine Best�tigung verlangte. In diesen Dingen war ich allerdings ein schlechter Ratgeber, aber ich antwortete vorsichtig: �Es stimmt, da� die R�mer ihn kreuzigten. Auf einem Schild auf dem Kreuz stand, da� er der K�nig der Juden war. Mein Vater war damals dabei und sah alles mit eigenen Augen. Er behauptet noch heute, der Himmel habe sich verdunkelt und die Felsen seien eingest�rzt, als der K�nig starb. Die Christen glauben, er werde bald wiederkehren, und es ist nun schon hoch an der Zeit, denn seit seinem Tode sind mehr als drei�ig Jahre vergangen.�</p><p>Jucundus sagte nachdenklich: �Der Lehrer Kephas ist ein Hirtendruide und m�chtiger als die Druiden Britanniens, obwohl er Jude ist. Er verlangt dies und jenes von einem, ganz wie die Druiden. Man soll sich waschen und saubere Kleider tragen, man soll beten, Beschimpfungen erdulden, dem, der einen geschlagen hat, auch die andere Wange hinhalten. Das sind Selbstbeherrschungsproben, wie sie auch Petro gefordert hat. Wir haben auch geheime Zeichen, an denen die Eingeweihten einander erkennen.�</p><p>Ich sagte darauf: �Ich bin sicher, da� Kephas dich nichts B�ses lehrt. Die �bungen, die er vorschreibt, erfordern gro�e Willenskraft. Doch du wei�t gewi� selbst, da� dies Geheimnisse sind, �ber die man nicht mit dem n�chsten besten sprechen darf.�</p><p>Dann tat ich sehr geheimnisvoll, holte den Holzbecher meiner Mutter aus der Truhe, zeigte ihn Jucundus und sagte: �Dies ist ein Zauberbecher. Der K�nig der Juden hat selbst einmal daraus getrunken. Nun wollen wir beide zusammen daraus trinken, aber du darfst zu keinem Menschen davon sprechen, nicht einmal zu Kephas.�</p><p>Ich go� Wein und Wasser in den Becher, und wir tranken, mein Sohn und ich. In dem d�mmerigen Raum schien es mir, als w�rde der Becher nicht leerer, aber das war gewi� nur eine Sinnest�uschung, die von der schlechten Beleuchtung herr�hrte. Dennoch f�hlte ich pl�tzlich gro�e Z�rtlichkeit, und ich erkannte wie durch Offenbarung, da� ich mit meinem Vater �ber Jucundus sprechen mu�te.</p><p>Wir machten uns unverz�glich auf den Weg zu Tullias prachtvollem Haus auf dem Virinal. Jucundus benahm sich wirklich fromm wie ein Lamm und sah sich mit gro�en Augen um, denn solchen Prunk hatte er noch in keinem Haus gesehen. Der Senator Pudens, der Kephas aufgenommen hatte, wohnte eher �rmlich und altmodisch, und ich selbst hatte in meinem Haus auf dem Aventin, obwohl es schon viel zu eng geworden war, keine �nderungen vornehmen lassen, weil Tante Laelia den L�rm der Bauarbeiten nicht ertragen h�tte.</p><p>Ich lie� Jucundus bei Tullia, schlo� mich mit meinem Vater ein und erz�hlte ihm offen alles �ber meinen Sohn. Ich hatte meinen Vater schon lange nicht mehr aufgesucht. Tiefes Mitleid ergriff mich, als ich sah, wie kahl er geworden war. Er war nun schon �ber sechzig. Er h�rte mich an, ohne ein Wort zu sagen und ohne mir auch nur ein einziges Mal in die Augen zu sehen.</p><p>Zuletzt sagte er: �Wie doch das Schicksal der V�ter sich an den S�hnen wiederholt! Deine eigene Mutter war eine Griechin von den Inseln, die Mutter deines Sohnes eine Britin vom Stamm der Icener. Als ich jung war, wurde mein Name im Zusammenhang mit einem Giftmord und einer Testamentsf�lschung genannt. �ber dich habe ich so furchtbare Dinge geh�rt, da� ich sie nicht ganz glauben kann. Deine Ehe mit Sabina hat mir nie gefallen, mag ihr Vater auch Stadtpr�fekt sein, und ich habe aus Gr�nden, die ich dir wohl nicht zu erkl�ren brauche, kein Verlangen danach, mir den Sohn anzusehen, den sie dir geboren hat. Mit deinem britischen Sohn aber verh�lt es sich anders. Wie bist du nur auf den klugen Einfall gekommen, ihn von Kephas erziehen zu lassen? Ich kenne Kephas aus meinen Jahren in Galil�a. Er ist heute nicht mehr der Eiferer, der er damals war. Wie denkst du dir die Zukunft deines Sohnes?�</p><p>�Am liebsten m�chte ich ihn in der Schule des Palatiums erziehen lassen, wo vorz�gliche Rhetoren und Sch�ler Senecas die S�hne der K�nige und Vornehmen unserer Bundesgenossen unterrichten�, erwiderte ich. �Dort w�rde sein schlechtes Latein nicht weiter auffallen, und er k�nnte n�tzliche Freundschaften mit Gleichaltrigen schlie�en, sobald Kephas ihn ein wenig gez�hmt hat. Wenn Britannien einmal eine neue Verwaltung bekommt, wird man eine vom r�mischen Geist durchdrungene F�hrungsschicht brauchen, und Jucundus ist m�tterlicherseits aus vornehmem icenischem Geschlecht. Aus gewissen Gr�nden darf ich aber Nero zur Zeit nicht unter die Augen treten, obwohl wir einmal Freunde waren.�</p><p>Mein Vater sagte nach langem Nachdenken: �Ich bin Senator und habe mir von Nero noch nie eine Gunst erbeten. Ich habe sogar bei den Senatssitzungen den Mund zu halten gelernt, was allerdings eher Tullias Verdienst ist als mein eigenes, denn in all den Jahren unseres Zusammenlebens habe ich ihr immer das letzte Wort gelassen. In Britannien herrscht zur Zeit ein vollkommenes Durcheinander, und die Archive sind zum gr��ten Teil zerst�rt. Ein geschickter Jurist wird daher leicht Unterlagen herbeischaffen k�nnen, die beweisen, da� Jucundus� Eltern auf Grund ihrer Verdienste r�mische B�rger waren. Das kommt der Wahrheit sogar recht nahe, da du mit seiner Mutter nach britischer Sitte die Ehe geschlossen hast. Deiner eigenen Mutter hat man ja sogar in der Stadt Myrina eine Statue errichtet, und sobald Comulodunum wiederaufgebaut ist, kannst du im Claudiustempel eine Statue deiner Lugunda aufstellen lassen. Das bist du der Mutter deines Sohnes schuldig.� Das Unglaublichste war, da� sich Tullia w�hrend unseres langen Gespr�chs in Jucundus vergafft hatte und sich vor Z�rtlichkeit und Entz�cken nicht zu fassen wu�te. Ihre �ppige Sch�nheit begann zu verwelken, und aus ihrem rundlichen Doppelkinn war ein runzliger Beutel geworden. Als sie von dem traurigen Schicksal seiner Eltern erfuhr, brach sie in Tr�nen aus, schlo� Jucundus in die Arme und rief: �An seinem Mund, seiner Nase, seinen Brauen, ja sogar an seinen Ohren sehe ich, da� er aus edlem Geschlecht stammt. Seine Eltern m�ssen alle Tugenden besessen haben, nur am Verstand hat es ihnen offenbar gefehlt, sonst h�tten sie nicht einen Mann wie Minutus zu seinem Vormund gemacht. Glaubt mir. Ich kann auf den ersten Blick Gold von Messing unterscheiden.�</p><p>Jucundus ertrug ihre K�sse und Liebkosungen geduldig wie ein Opferlamm. Die Erziehung durch Kephas begann schon Fr�chte zu tragen. Tullia fuhr wehm�tig fort: �Die G�tter haben mir nie ein eigenes Kind geg�nnt. In meiner Jugend, w�hrend meiner ersten beiden Ehen, hatte ich nichts als Fehlgeburten. Mein dritter Mann, Valerius, war seines hohen Alters wegen unfruchtbar, wenn sonst auch reich, und Marcus vergeudete seinen Samen in den Scho� eines griechischen Freudenm�dchens. Doch genug davon, ich will deine Mutter nicht beleidigen, lieber Minutus. Aber da� dieser kleine Brite in unser Haus gekommen ist, darin sehe ich ein Zeichen. Marcus, rette den sch�nen Jucundus aus den H�nden deines Sohnes. Sabina ist imstande und macht noch einen Tierb�ndiger aus ihm. K�nnten wir ihn nicht adoptieren und wie unser eigenes Kind aufziehen?�</p><p>Ich war vor Verwunderung wie gel�hmt, und mein Vater wu�te zuerst nicht, was er sagen sollte. Wenn ich heute �ber dieses Geschehnis nachdenke, wei� ich mir keine andere Erkl�rung als die, da� dem Holzbecher meiner Mutter irgendeine �bernat�rliche Kraft innewohnte.</p><p>Wie dem auch war, ich wurde auf diese Weise von einer dr�ckenden Pflicht befreit, denn ich taugte damals kaum dazu, jemanden zu erziehen. Ich tauge auch heute noch nicht dazu. Diese bittere Erkenntnis verdanke ich Dir, Julius. Ich hatte aus mancherlei Gr�nden einen schlechten Ruf, w�hrend man meinen Vater allgemein f�r einen gutm�tigen Dummkopf ansah. Er hatte keinen Ehrgeiz, und niemand vermochte sich vorzustellen, da� er sich mit Absicht und Bedacht in politische Intrigen einmischen k�nnte.</p><p>Als Sachverst�ndiger f�r orientalische Angelegenheiten hatte er der Form halber zwei Monate lang eine Pr�tur innegehabt, und einmal war er aus reinem Wohlwollen sogar zum Konsul vorgeschlagen worden. Als sein Adoptivsohn hatte Jucundus unvergleichlich bessere Zukunftsaussichten, und als Sohn eines Senators konnte er sich gleich unter den ersten Namen in die Ritterrolle einschreiben lassen, sobald er die Toga anlegte.</p><empty-line/><p>Kurz nachdem ich diese Sorge losgeworden war, erfuhr ich, da� der Pr�torianerpr�fekt Burrus mit einem Halsgeschw�r auf den Tod darniederlag. Nero schickte ihm seinen eigenen Leibarzt. Als Burrus dies erfuhr, schrieb er sein Testament und sandte es zur Verwahrung in den Vestatempel.</p><p>Erst dann erlaubte er dem Arzt, ihm mit einer Feder, die in eine unfehlbare Arznei getaucht worden war, den Hals zu pinseln. Schon in der n�chsten Nacht war er endg�ltig tot. Er w�re wahrscheinlich auf jeden Fall gestorben, denn die Blutvergiftung hatte sich schon ausgebreitet, und er hatte bereits im Fieber irrezureden begonnen.</p><p>Man begrub Burrus unter gro�en Ehrenbezeigungen. Bevor der Scheiterhaufen auf dem Marsfeld angez�ndet wurde, ernannte Nero Tigellinus zum Pr�fekten der Pr�torianer. Dieser ehemalige Pferdeh�ndler brauchte keine juristischen Erfahrungen. Mit der Behandlung von Streitsachen zwischen r�mischen B�rgern und Ausl�ndern wurde ein gewisser Fenius Rufus betraut, ein Mann j�discher Abstammung, der ehedem in seiner Eigenschaft als staatlicher Aufseher �ber den Getreidehandel weit gereist war.</p><p>Ich ging auf der Suche nach einem Geschenk, das ich f�r wertvoll genug halten durfte, durch die ganze Stra�e der Goldschmiede und entschied mich zuletzt f�r eine mehrfach geschlungene Halskette aus erlesenen Perlen. Diese sandte ich mit folgendem Brief an Poppaea:</p><empty-line/><p>�Minutus Lausus Manilianus gr��t Poppaea Sabina.</p><p>Venus wurde aus dem Schaum des Meeres geboren. Perlen sind eine w�rdige Gabe f�r Venus, wenngleich der Glanz der allerreinsten dieser bescheidenen parthischen Perlen nicht mit dem Schimmer Deiner Haut verglichen werden darf, den ich nicht vergessen kann. Ich hoffe, diese Perlen werden Dich an unsere Freundschaft erinnern. Gewisse Zeichen sagen mir, da� die Weissagung, von der Du mir einst sprachst, bald in Erf�llung gehen wird.�</p><empty-line/><p>Ich war offenbar der erste, der die Vorzeichen richtig zu deuten verstand, denn Poppaea lie� mich sogleich zu sich rufen, dankte mir f�r das sch�ne Geschenk und versuchte mich auszuhorchen, woher ich gewu�t h�tte, da� sie schwanger war, denn sie hatte selbst erst vor wenigen Tagen Gewi�heit erhalten. Ich konnte mich nur auf mein etruskisches Erbe ausreden, dem ich bisweilen seltsame Tr�ume verdankte. Zuletzt sagte Poppaea: �Nach dem traurigen Tod seiner Mutter war Nero eine Zeitlang nicht Herr seiner selbst und wollte sich von mir lossagen. Aber nun ist alles wieder gut. Er braucht wirkliche Freunde, die ihm zur Seite stehen und seine politischen Pl�ne unterst�tzen.�</p><p>Die brauchte Nero in der Tat, denn seit er Octavia vor dem Senat der Unfruchtbarkeit angeklagt und seine Absicht angedeutet hatte, sich von ihr scheiden zu lassen, herrschten in der Stadt gef�hrliche Unruhen. Er hatte versuchsweise eine Statue Poppaeas auf dem Forum, nahe dem Brunnen der Vestalinnen, aufstellen lassen. Ein Volkshaufe warf sie um, bekr�nzte die Standbilder Octavias und zog johlend den Palatin hinauf, so da� die Pr�torianer zu den Waffen greifen mu�ten, um ihn auseinanderzujagen.</p><p>Ich vermutete, da� Seneca seine geschickten Finger mit im Spiel hatte, denn diese Kundgebungen schienen nach einem bestimmten Plan zu verlaufen. Nero bekam es jedoch mit der Angst zu tun und lie� Octavia zur�ckrufen, die auf seinen Befehl schon nach Kampanien unterwegs war. Eine jubelnde Menge folgte ihrer S�nfte, und in den Tempeln auf dem Kapitolinischen H�gel wurden Dankopfer dargebracht, als sie ins Palatium zur�ckgekehrt war.</p><p>Tags darauf schickte Nero nach zwei Jahren zum erstenmal wieder nach mir. Eine der Dienerinnen hatte Octavia des Ehebruchs mit einem alexandrinischen Fl�tenbl�ser namens Eucerus bezichtigt, und Tigellinus hatte sofort eine geheime Verhandlung angesetzt, bei der Octavia selbst nicht zugegen war.</p><p>Ich wurde als Zeuge vernommen, da ich Eucerus kannte, und ich konnte nichts anderes sagen, als da� der Klang der Fl�te allein schon dazu angetan sei, dem Menschen leichtfertige Gedanken einzufl��en. Ich hatte mit eigenen Augen gesehen, wie Octavia Eucerus wehm�tig seufzend betrachtete, als er einmal bei Tisch spielte. Aber, f�gte ich um der Gerechtigkeit willen hinzu, Octavia seufzte auch bei anderen Anl�ssen und war �berhaupt, wie jedermann wu�te, meist traurig gestimmt.</p><p>Octavias Sklavinnen wurden einer peinlichen Befragung unterzogen. Mir wurde unbehaglich zumute, als ich zusah. Einige waren bereit zu gestehen, vermochten aber nicht anzugeben, wann, wo und unter welchen Umst�nden der Ehebruch stattgefunden habe. Tigellinus griff in das Verh�r ein, das nicht nach seinem Wunsch ging, und fragte ein sehr reizvolles M�dchen ungeduldig: �Sprach denn nicht die ganze Dienerschaft �ber diesen Ehebruch?�</p><p>Das M�dchen erwiderte sp�ttisch: �Wenn man alles glauben will, was geredet wird, dann ist Octavias Scham unvergleichlich keuscher als dein Mund, Tigellinus.�</p><p>Diese Worte l�sten ein solches Gel�chter aus, da� das Verh�r abgebrochen werden mu�te. Das Laster des Tigellinus war allgemein bekannt, und nun hatte er auch noch seine Unkenntnis in juristischen Dingen unter Beweis gestellt, indem er der Sklavin durch seine plumpe Frage eine Antwort f�rmlich in den Mund legte, die offenkundig nicht der Wahrheit entsprach. Das Mitgef�hl der Richter galt den Sklavinnen, und sie lie�en nicht zu, da� Tigellinus die peinliche Befragung gegen die Gesetzesvorschriften so weit trieb, da� die armen Frauen bleibenden Schaden h�tten nehmen k�nnen.</p><p>Die Verhandlung wurde auf den n�chsten Tag aufgeschoben, an dem als einziger Zeuge mein alter Freund Anicetus auftrat. Mit gespielter Verlegenheit berichtete er, indem er Ort und Zeit genau angab, da� Octavia bei einem Badeaufenthalt in Baiae ein �berraschendes Interesse f�r die Flotte gezeigt und den Wunsch ge�u�ert hatte, die Kapit�ne und Zenturionen kennenzulernen.</p><p>Anicetus hatte ihre Absicht mi�verstanden und eine Ann�herung gewagt, die jedoch von Octavia mit Bestimmtheit abgewiesen worden war. Da hatte er sie, von verbrecherischer Lust verblendet, mit einem Bet�ubungstrank eingeschl�fert und mi�braucht, gleich darauf aber seine Untat bitter bereut. Das Gewissen, behauptete er, zwinge ihn nun, sein Verbrechen zu gestehen, und er k�nne nur noch die Barmherzigkeit des Kaisers erflehen. Da� Anicetus ein Gewissen besa�, das hatte bis zu jenem Tage wohl nicht einmal er selbst geahnt, aber die Richter sprachen die Scheidung aus. Octavia wurde auf die Insel Pandataria verbannt, Anicetus nach Sardinien versetzt. Nero verfa�te, diesmal ohne Senecas Hilfe, eine wortreiche Mitteilung �ber das Geschehene an den Senat und das Volk von Rom. Er deutete darin an, Octavia habe im Vertrauen auf Burrus gehofft, die Pr�torianer auf ihre Seite zu bekommen. Um sich auch der Unterst�tzung durch die Flotte zu versichern, habe sie deren Befehlshaber Anicetus verf�hrt und als sie schwanger geworden war, ihre Leibesfrucht auf verbrecherische Weise abgetrieben.</p><p>Diese Mitteilung machte einen glaubw�rdigen Eindruck auf alle, die Octavia nicht pers�nlich kannten. Ich selbst las sie mit einiger Verwunderung, denn ich war bei der geheimen Verhandlung zugegen gewesen, aber ich sagte mir, da� eine gewisse �bertreibung aus politischen Gr�nden n�tig sein mochte, n�mlich wegen der Gunst, die Octavia beim Volk geno�.</p><p>Um Kundgebungen zu vermeiden, lie� Nero unverz�glich die Standbilder Octavias in der ganzen Stadt zerst�ren, aber die Leute zogen sich in ihre H�user zur�ck wie in Zeiten allgemeiner Trauer, und der Senat war nicht einmal beschlu�f�hig, so viele waren der Sitzung ferngeblieben. Im �brigen gab es �ber Neros Mitteilung, die ein blo�er Bericht, nicht ein Vorschlag war, keinen Beschlu� zu fassen.</p><p>Zw�lf Tage sp�ter verm�hlte sich Nero mit Poppaea Sabina, aber es wurde kein sehr frohes Fest, obwohl die Hochzeitsgeschenke einen ganzen Saal im Palatium f�llten.</p><p>Nero lie� wie �blich ein genaues Verzeichnis der Geschenke anlegen und f�r jedes einen Dankbrief schreiben. Einem Ger�cht zufolge wurden au�erdem auf einer eigenen Liste alle Senatoren und Ritter vermerkt, die nichts geschickt hatten oder unter dem Vorwand, krank zu sein, der Hochzeit ferngeblieben waren. Daher trafen zugleich mit den Geschenken aus den Provinzen zahllose versp�tete Hochzeitsgaben aus Rom mit vielen Erkl�rungen und Entschuldigungen ein. Der Rat der Juden in Rom sandte Poppaea einige mit Tauben verzierte Goldbecher im Gesamtwert von einer halben Million Sesterzen.</p><p>An Stelle der Standbilder Octavias wurden in ganz Rom Statuen Poppaeas aufgestellt. Tigellinus lie� sie Tag und Nacht durch seine Pr�torianer bewachen, und mancher, der sie in aller Unschuld bekr�nzen wollte, erhielt zum Dank einen Sto� mit dem Schild oder einen Hieb mit der flachen Klinge.</p><p>Eines Nachts st�lpte jemand der Riesenstatue Neros auf dem Kapitolinischen H�gel einen Sack �ber den Kopf. Am Morgen sprach ganz Rom davon, und jeder wu�te, was dieser Streich zu bedeuten hatte. Nach dem Gesetz unserer V�ter mu� ein Vater oder Mutterm�rder zusammen mit einer Schlange, einer Katze und einem Hahn in einem Sack ertr�nkt werden. Soviel ich wei�, war dies das erstemal, da� jemand �ffentlich andeutete, Nero habe seine Mutter ermordet.</p><p>Mein Schwiegervater Flavius Sabinus war wegen der gedr�ckten Stimmung, die in Rom herrschte, in gro�er Sorge. Als er erfuhr, da� man auf einem der Marmorb�den im Palatium eine lebende Kreuzotter gefunden hatte, befahl er, alle verd�chtig erscheinenden Personen anzuhalten. So kam es, da� man zum Beispiel die Gattin eines wohlhabenden Ritters festnahm, die auf einem Abendspaziergang ihre Katze auf dem Arm trug und da� ein Sklave, der mit einem Hahn, den er f�r die Gesundheit seines Hausvaters opfern wollte, zum Aeskulaptempel unterwegs war, die Rute zu schmecken bekam. Solche Vorf�lle erweckten allgemeine Heiterkeit, obwohl mein Schwiegervater gewi� in gutem Glauben handelte und nichts B�ses beabsichtigte. Nero nahm ihm jedoch diese Albernheiten so �bel, da� er ihn f�r eine Weile seines Amtes enthob.</p><p>F�r uns alle, die vern�nftig zu denken vermochten, gab es keinen Zweifel daran, da� die Versto�ung Octavias nur den billigen Vorwand daf�r lieferte, Nero in jeder Hinsicht anzuschw�rzen. Poppaea Sabina war eine sch�nere und kl�gere Frau als die verschlossene, �berempfindliche Octavia, aber die Partei der Alten tat, was in ihrer Macht stand, um das Volk aufzuwiegeln.</p><p>Ich griff mir in jenen Tagen manchmal an den Hals und fragte mich, was f�r ein Gef�hl es wohl sein mochte, wenn einem der Kopf abgeschlagen wurde. Ein Milit�raufstand war t�glich zu erwarten. Die Pr�torianer ha�ten Tigellinus, der von niedriger Geburt war � ein ehemaliger Pferdeh�ndler � und mit schonungsloser H�rte auf Zucht und Ordnung sah. Er hatte sich von allem Anfang an mit seinem Amtsbruder Fenius Rufus zerstritten, so da� sie nicht mehr in demselben Raum zusammentreffen konnten, ohne da� der eine, gew�hnlich Rufus, sogleich wieder seines Weges ging. Wir, die Freunde Neros, die aufrichtig sein Bestes w�nschten, versammelten uns eines Tages zu einer ernsten Beratung im Palatium. Tigellinus war der �lteste und willensst�rkste unter uns, und wir verlie�en uns ganz auf ihn, sowenig wir ihn auch mochten. Er �bernahm das Wort und redete eindringlich auf Nero ein: �Hier in der Stadt kann ich die Gew�hr f�r Ruhe und Ordnung und deine eigene Sicherheit �bernehmen. Aber in Massilia lebt der verbannte Sulla, der von Antonia gest�tzt wird. Er ist arm und durch die Erniedrigung vor der Zeit grau geworden. Ich habe erfahren, da� er Verbindungen mit vornehmen Kreisen in Gallien angekn�pft hat, die Antonia um ihres eigenen ber�hmten Namens willen und weil sie die Tochter des Claudius ist, hoch sch�tzen. Auch die Legionen in Germanien sind so nahe, da� Sullas blo�e Anwesenheit in Massilia eine Gefahr f�r den Staat und das Gemeinwohl bildet.�</p><p>Nero gab dies zu und sagte verzweifelt: �Ich kann nicht begreifen, warum niemand Poppaea so liebt wie ich. Sie befindet sich zur Zeit in einem �u�erst reizbaren Zustand, und alles, was sie erregen k�nnte, mu� ihr ferngehalten werden.�</p><p>Tigellinus fuhr fort: �Noch gef�hrlicher f�r dich ist Plautus. Es war ein gro�er Fehler, ihn nach Asia zu verbannen, wo immer noch Unruhen herrschen. Der Vater seiner Mutter war ein Drusus. Und wer kann die Hand daf�r ins Feuer legen, da� Corbulo und seine Legionen dir treu bleiben? Ich wei� aus sicherer Quelle, da� sein Schwiegervater, der Senator Lucius Antistius, einen seiner Freigelassenen zu Plautus geschickt hat, um ihn aufzuhetzen, die Gelegenheit zu nutzen. Er ist au�erdem sehr reich, und das ist bei einem ehrgeizigen Manne ebenso gef�hrlich, wie wenn er arm w�re.�</p><p>Ich fiel ihm ins Wort: ��ber die Vorg�nge in Asia bin ich gut unterrichtet. Ich habe geh�rt, da� Plautus nur mit Philosophen verkehrt. Der Etrusker Musonius, ein guter Freund des weltber�hmten Apollonius von Tyana, folgte ihm freiwillig in die Verbannung.�</p><p>Tigellinus schlug triumphierend die H�nde zusammen und rief: �Da siehst du es! Die Philosophen sind die allergef�hrlichsten Ratgeber, wenn sie jungen M�nnern ihre unversch�mten Ansichten �ber Freiheit und Tyrannei ins Ohr fl�stern.�</p><p>�Wer k�nnte behaupten, ich sei ein Tyrann!� sagte Nero tief gekr�nkt. �Ich habe dem Volk mehr Freiheit gegeben als je ein Herrscher vor mir, und ich unterbreite alle meine Vorschl�ge dem�tig und bescheiden dem Senat.�</p><p>Wir beeilten uns, zu versichern, da� er der mildeste, edelm�tigste Herrscher sei, aber nun, so sagten wir, gehe es um das Wohl des Staates, und es gebe nichts Furchtbareres als einen B�rgerkrieg.</p><p>In diesem Augenblick kam Poppaea hereingest�rzt, sp�rlich bekleidet, mit offenem Haar und tr�nen�berstr�mtem Gesicht. Sie fiel vor Nero nieder, dr�ckte ihre Br�ste gegen seine Knie und rief: �Mir liegt nichts an mir selbst oder an meiner Stellung, und ich denke nicht einmal an unser ungeborenes Kind. Aber es geht um dein Leben, Nero. H�re auf Tigellinus! Er wei�, was er sagt.�</p><p>Ihr Arzt war ihr aufgeregt gefolgt. �Poppaea wird ihr Kind verlieren, wenn sie sich nicht beruhigt�, versicherte er und versuchte, sie mit sanfter Gewalt aufzuheben.</p><p>�Wie soll ich Ruhe finden, solange dieses entsetzliche Weib auf Pandataria seine R�nke schmiedet!� klagte Poppaea. �Sie hat dein Bett entehrt, sie hat Zauberei getrieben und mich zu vergiften versucht. Ich habe mich heute vor Angst schon einige Male erbrechen m�ssen.�</p><p>Tigellinus sagte mit Nachdruck: �Wer einmal seinen Weg gew�hlt hat, darf nicht mehr zur�ckblicken. Wenn dir an deinem eigenen Leben nichts liegt, Nero, so denke an uns. Durch deine Unentschlossenheit bringst du uns alle in Gefahr. Wen werden die Aufr�hrer als erste aus dem Weg r�umen? Uns, deine Freunde, die dein Bestes wollen und nicht, wie Seneca, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Vor dem Unvermeidlichen m�ssen sich selbst die G�tter beugen.�</p><p>Nun wurden auch Neros Augen feucht, und er bat uns: �Seid ihr alle meine Zeugen, da� dies die schwerste Stunde meines Lebens ist. Ich gebiete meinen eigenen Gef�hlen zu schweigen und unterwerfe mich der politischen Notwendigkeit.�</p><p>Tigellinus� harte Z�ge erhellten sich, und er hob den Arm zum Gru�. �Nun bist du ein wahrer Herrscher, Nero. Zuverl�ssige Pr�torianer sind bereits auf dem Wege nach Massilia. Nach Asia habe ich, da wir mit bewaffnetem Widerstand rechnen m�ssen, eine ganze Manipel geschickt. Der Gedanke war mir unertr�glich, da� deine Neider die Gelegenheit n�tzen k�nnten, dich zu st�rzen und dem Vaterland zu schaden.�</p><p>Anstatt sich �ber diese Eigenm�chtigkeit zu erz�rnen, seufzte Nero erleichtert auf und lobte Tigellinus als wahren Freund. Dann fragte er zerstreut, wie lange ein Eilbote nach Pandataria brauche.</p><p>Nur wenige Tage danach fragte mich Poppaea Sabina mit geheimnisvoller Miene: �Willst du das sch�nste Hochzeitsgeschenk sehen, das ich von Nero bekommen habe?�</p><p>Sie f�hrte mich in eines ihrer Gem�cher, zog ein rotbraun geflecktes Tuch von einem Weidenkorb und zeigte mir Octavias blutleeren Kopf. Sie r�mpfte ihre h�bsche Nase und sagte: �Pfui, er f�ngt schon an zu stinken und die Fliegen anzuziehen. Mein Arzt hat mir befohlen, ihn wegzuwerfen, aber wenn ich ab und zu dieses Hochzeitsgeschenk betrachte, dann wei� ich, da� ich wirklich die Gemahlin des Kaisers bin. Denk dir, als die Pr�torianer sie in ein hei�es Bad hoben, um ihr auf schmerzlose Art die Pulsadern zu �ffnen, schrie sie wie ein M�dchen, das seine Puppe zerbrochen hat: �Ich habe nichts getan!� Dabei war sie immerhin schon zwanzig Jahre alt, aber ich glaube, sie war ein wenig zur�ckgeblieben. Wer wei�, von wem Messalina sie hatte. Vielleicht sogar von dem verr�ckten Kaiser Gajus.�</p><p>Nero forderte den Senat auf, ein Dankopfer im Kapitol f�r die gl�cklich abgewendete Gefahr, die dem Staat gedroht hatte, zu beschlie�en. Zw�lf Tage sp�ter traf aus Massilia der vorzeitig ergraute Kopf des Faustus Sulla ein, und der Senat beschlo� von sich aus, mit den Dankopfern fortzufahren.</p></section><section><p>In der Stadt verbreitete sich das hartn�ckige Ger�cht, Plautus habe in Asia einen regelrechten Aufstand angestiftet. Man sprach von einem m�glichen B�rgerkrieg und dem Verlust der ganzen Provinz. Die Folge davon war, da� Gold und Silber im Preis stiegen und viele es f�r angebracht hielten, Grundst�cke und L�ndereien zu verkaufen. Ich nutzte die Gelegenheit und schlo� einige sehr g�nstige Gesch�fte ab.</p><p>Als Plautus� Kopf endlich, mit einer gewissen Verz�gerung wegen des st�rmischen Wetters, aus Asia eintraf, war die allgemeine Erleichterung so gro�, da� nicht nur der Senat, sondern auch einfache B�rger Dankopfer darbrachten. Nero machte sich diese Stimmung zunutze, um Rufus wieder in sein fr�heres Amt als Aufseher �ber den Getreidehandel einzusetzen und ihn zugleich zum Verwalter der staatlichen Getreidevorr�te zu bef�rdern. Tigellinus f�hrte unter seinen Pr�torianern eine S�uberung durch und schickte eine ganze Anzahl verdienter M�nner vorzeitig in die Veteranenkolonie in Puteoli. Ich selbst war nach all diesen Ereignissen um, vorsichtig gesch�tzt, f�nf Millionen Sesterze reicher.</p><p>Seneca nahm an den festlichen Umz�gen und den Dankopfern teil, aber viele bemerkten, da� sein Schritt wankte und seine H�nde zitterten. Er war nun schon f�nfundsechzig Jahre alt und dick geworden. Sein Gesicht war aufgedunsen, und �ber den Backenknochen traten die Adern blau hervor. Nero wich ihm nach M�glichkeit aus und vermied es, mit ihm unter vier Augen zusammenzutreffen, weil er seine Vorw�rfe f�rchtete.</p><p>Eines Tages bat Seneca jedoch um eine offizielle Audienz. Nero versammelte vorsichtshalber seine Freunde um sich und hoffte, Seneca werde es nicht wagen, ihn im Beisein anderer zu tadeln. Dies war auch nicht seine Absicht gewesen. Er hielt vielmehr eine sch�ne Rede und pries Nero f�r seinen Weitblick und die Entschlossenheit, mit der er das Vaterland aus Gefahren errettet hatte, die seine, Senecas, eigenen, alt gewordenen Augen nicht mehr zu erkennen vermochten. Danach war Seneca f�r niemanden mehr zu sprechen. Er verabschiedete seine Ehrenwache und zog aufs Land, auf sein sch�nes Landgut an der Stra�e nach Praeneste. Als Grund gab er an, da� er leidend sei und sich im �brigen mit einem philosophischen Werk �ber die Freuden der Entsagung besch�ftigen wolle. Er hielt angeblich strenge Di�t und wich den Menschen aus, so da� er seine Reicht�mer nicht zu genie�en vermochte.</p><p>Mir wurde die unerwartete Ehre zuteil, mitten in einer Amtsperiode zum au�erordentlichen Pr�tor ernannt zu werden. Das verdankte ich wahrscheinlich der Freundschaft Poppaeas, andrerseits aber auch der Tatsache, da� Tigellinus mich f�r willensschwach genug hielt. Nero, der unter der Stimmung litt, die durch die politischen Morde entstanden war, und sich zudem wegen Poppaeas Schwangerschaft beunruhigte, f�hlte das Bed�rfnis, sich als guter, t�chtiger Herrscher zu erweisen, und drang darauf, da� die vielen Prozesse, deren Akten sich im Pr�torium t�rmten, endlich zu Ende gebracht wurden.</p><p>Sein Selbstvertrauen wurde �brigens bald durch ein seltsames Vorzeichen gest�rkt. W�hrend eines pl�tzlich losbrechenden Gewitters schlug ihm der Blitz einen goldenen Becher aus der Hand. Ich glaube allerdings nicht, da� der Blitz den Becher selbst getroffen, sondern eher, da� er so nahe bei Nero eingeschlagen hatte, da� diesem der Becher aus der Hand gefallen war. Man versuchte das Geschehnis geheimzuhalten, aber es wurde bald in der ganzen Stadt bekannt und selbstverst�ndlich als b�ses Vorzeichen gedeutet.</p><p>Nach der uralten Blitzkunde der Etrusker ist jedoch ein Mensch, der vom Blitz getroffen wird, ohne get�tet zu werden, heilig und den G�ttern geweiht. Nero, der gern an Vorzeichen glaubte, betrachtete sich von dieser Stunde an als einen Heiligen und versuchte eine Zeitlang sogar dementsprechend aufzutreten, solange n�mlich die aus politischen Gr�nden n�tigen Morde sein �berempfindliches Gewissen noch belasteten.</p><p>Als ich mein Amt antrat, stellte mir Tigellinus einen Raum zur Verf�gung, der mit staubbedeckten Akten vollgestopft war. Sie betrafen allesamt Streitsachen, in denen sich im Ausland ans�ssige r�mische B�rger an den Kaiser gewandt hatten. Tigellinus legte einige davon zur Seite und sagte: �Ich habe ansehnliche Geschenke entgegennehmen m�ssen, um diese hier rascher zu erledigen. Bearbeite sie zuerst. Ich habe dich zu meinem Mitarbeiter erw�hlt, weil du eine gewisse Geschmeidigkeit in schwierigen Angelegenheiten bewiesen hast und weil du selbst so reich bist, da� deine Rechtschaffenheit nicht angezweifelt zu werden braucht. Die Ansichten, die bei deiner Ernennung im Senat ge�u�ert wurden, waren �brigens nicht sehr schmeichelhaft. Sei also darauf bedacht, da� sich der Ruf unserer Rechtschaffenheit in allen Provinzen verbreitet. Wenn man dir Geschenke anbietet, so weigere dich, sie entgegenzunehmen. Du darfst aber durchblicken lassen, da� ich als Pr�fekt die M�glichkeit habe, eine Sache zu beschleunigen. Bedenke dabei jedoch, da� das endg�ltige Urteil in keinem Fall erkauft werden kann, denn es wird auf Grund unserer Vortr�ge von Nero selbst gef�llt.�</p><p>Er wandte sich schon zum Gehen, als er noch hinzuf�gte: �Wir halten seit einigen Jahren einen j�dischen Zauberer gefangen. Er ist von der Schreibwut besessen und hat sogar Seneca mit seinen Briefen bel�stigt. Wir m�ssen ihn freilassen. Poppaea Sabina darf w�hrend ihrer Schwangerschaft nicht der Gefahr irgendeiner Zauberei ausgesetzt werden. Sie beg�nstigt diese Juden �brigens mehr als gut w�re. Unser Jude hat mehrere meiner Pr�torianer Schon so verhext, da� sie nicht mehr zum Wachdienst zu gebrauchen sind.�</p><p>Meine Aufgabe war nicht so schwierig, wie ich zuerst geglaubt hatte. Die meisten Prozesse stammten noch aus Burrus� Zeiten und waren von einem kundigeren Juristen, als ich es bin, mit Anmerkungen versehen worden. Nach Agrippinas Tod war Nero Burrus aus dem Wege gegangen und hatte die Prozesse aufgeschoben, um eine allgemeine Unzufriedenheit wegen der Saumseligkeit des Gerichts und damit eine feindselige Stimmung gegen Burrus zu erzeugen.</p><p>Aus Neugier nahm ich mir zuerst die Akten vor, die den j�dischen Zauberer betrafen, und stellte zu meiner Verwunderung fest, da� es sich um meinen alten Bekannten Saulus aus Tarsos handelte. Er war angeklagt, den Tempel zu Jerusalem gesch�ndet zu haben. Nach den Unterlagen war er festgenommen worden, als Felix noch Prokurator war.</p><p>Bei der Neubesetzung der Beamtenstellen nach Agrippinas Tod war Felix seines Amtes enthoben worden, weil er ein Bruder des Pallas war. Der neue Statthalter, Festus, hatte Paulus gebunden nach Rom bringen lassen, und ich sah nun, da� er tats�chlich seit ganzen zwei Jahren gefangensa�.</p><p>Er durfte jedoch in der Stadt wohnen, da er seine Bewachung selbst bezahlte. Unter den Dokumenten fand ich ein Gutachten Senecas, das seine Freilassung bef�rwortete. Ich hatte nicht gewu�t, da� Saulus, oder vielmehr Paulus, die Mittel besa�, sich sogar an den Kaiser selbst zu wenden.</p><p>Binnen weniger Tage hatte ich einige Prozesse ausgesondert, die Nero Gelegenheit gaben, seine Milde und seinen Edelmut zu beweisen. Mit Paulus wollte ich zun�chst selbst sprechen, denn ich kannte seinen Eifer und f�rchtete, er k�nnte vor dem kaiserlichen Gericht den Fehler begehen, Neros Zeit mit unn�tigem Gerede zu verschwenden. Seine Freilassung war ja ohnehin beschlossene Sache.</p><p>Paulus wohnte recht bequem in einigen R�umen, die er im Hause eines j�dischen H�ndlers gemietet hatte. Er war in den letzten Jahren merklich gealtert. Sein Gesicht war tief gefurcht, sein Scheitel noch kahler als zuvor. Er trug zwar die vorgeschriebenen Ketten, aber seine Pr�torianerdoppelwache erlaubte ihm, G�ste zu empfangen und Briefe zu schreiben, wohin er wollte.</p><p>Bei ihm wohnten einige seiner Anh�nger. Er hatte sogar einen eigenen Arzt, einen Juden aus Alexandria, der Lucas hie�. Paulus mu�te recht wohlhabend sein, da� er sich seine Gefangenschaft so angenehm einrichten konnte und nicht in eine der stinkenden Gemeinschaftszellen des allgemeinen Gef�ngnisses gesteckt worden war. Das schlimmste aller Gef�ngnisse, die Mamertinischen Kerker, kam f�r ihn nicht in Frage, weil er kein Staatsverbrecher war.</p><p>In den Akten wurde er selbstverst�ndlich als Saulus gef�hrt, denn dies war vor dem Gesetz sein Name. Um ihn aber freundlich zu stimmen, nannte ich ihn Paulus. Er erkannte mich sofort wieder und erwiderte meinen Gru� so vertraulich, da� ich es f�r angebracht hielt, den Schreiber und die beiden Liktoren hinauszuschicken, denn ich wollte sp�ter bei der Verhandlung nicht der Befangenheit bezichtigt werden. �Deine Sache steht gut�, sagte ich zu ihm. �Sie wird in den n�chsten Tagen verhandelt. Der Kaiser ist jetzt, vor der Geburt seines Erben, sehr milde gestimmt. Du solltest deine Zunge im Zaum halten, wenn du vor ihm stehst.�</p><p>Paulus l�chelte mit der schmerzlichen Miene eines Mannes, der viel erduldet hat, und antwortete ergeben: �Ich habe den Auftrag, die gute Botschaft zu verk�nden, ob nun die Stunde g�nstig ist oder nicht.�</p><p>Aus Neugier fragte ich ihn, warum die Pr�torianer ihn als Zauberer betrachteten. Er erz�hlte eine lange Geschichte von einem Schiffbruch, den er und seine Reisebegleiter auf der Fahrt nach Rom erlitten hatten. Wenn er m�de wurde, �bernahm der Arzt Lucas das Wort. Paulus versicherte mir, die Anklage wegen Tempelsch�ndung sei falsch oder unbegr�ndet oder beruhe zumindest auf einem Mi�verst�ndnis. Der Prokurator Felix w�rde ihn ohne Z�gern freigelassen haben, wenn er, Paulus, bereit gewesen w�re, genug zu zahlen.</p><p>Von den R�mern wu�te er nur Gutes zu sagen, denn dadurch, da� sie ihn gebunden von Jerusalem nach Caesarea f�hrten, retteten sie ihm das Leben. Vierzig glaubenseifrige Juden hatten n�mlich geschworen, weder zu essen noch zu trinken, ehe sie ihn nicht get�tet h�tten. Sie d�rften jedoch kaum wirklich verhungert sein, meinte Paulus l�chelnd und ohne Groll. Er war au�erdem seinen Bewachern dankbar, denn er f�rchtete, die rechtgl�ubigen Juden Roms w�rden ihn sonst ermorden.</p><p>Ich versicherte ihm, da� seine Furcht grundlos war. Unter Claudius waren die Juden streng genug verwarnt worden, und sie enthielten sich deshalb innerhalb der Mauern aller Gewalttaten gegen Christen. Auch hatte Kephas einen beruhigenden Einflu� ausge�bt und bewirkt, da� die Christen sich den Juden fernhielten. Meiner Ansicht nach war dies um so leichter gegangen, als die Anh�nger des Jesus von Nazareth, deren Zahl sich dank Kephas betr�chtlich vermehrt hatte, nunmehr nur noch in den seltensten F�llen beschnittene Juden waren.</p><p>Sowohl der Arzt Lucas als auch Paulus machte eine saure Miene, als ich den Namen Kephas erw�hnte. Kephas hatte dem Gefangenen gro�e Freundlichkeit erwiesen und ihm seinen besten J�nger, den griechischen Dolmetsch Marcus, zur Verf�gung gestellt. Paulus aber hatte dieses Vertrauen offenkundig mi�braucht und Marcus in seinen eigenen Angelegenheiten auf lange Reisen geschickt, mit Briefen an die Gemeinden, die er gegr�ndet hatte und f�r sich behalten wollte wie ein L�we seine Beute. Deshalb wohl sah es Kephas nicht mehr gerne, wenn Christen aus seiner eigenen Herde zu Paulus gingen und dessen dunklen Reden lauschten.</p><p>Der Arzt Lucas erz�hlte mir, da� er zwei Jahre lang in Galil�a und Jud�a umhergereist war, um aus dem Munde von Menschen, die ihn selbst gesehen und geh�rt hatten, alles �ber das Leben, die Wundertaten und die Lehre jenes Jesus von Nazareth zu erfahren. Er hatte alles genau in aram�ischer Sprache aufgezeichnet und dachte nun ernstlich daran, einen eigenen Bericht in griechischer Sprache zu schreiben, um zu beweisen, da� Paulus alles ebensogut wu�te wie Kephas. Ein verm�gender Grieche namens Theophilus, der von Paulus bekehrt worden war, hatte schon versprochen, das Buch zu verlegen.</p><p>Ich vermutete, da� sie reiche Gaben von den Christengemeinden in Korinth und Asia erhielten, �ber denen Paulus eifers�chtig wachte, damit sie weder mit den rechtgl�ubigen Juden noch mit den anderen Parteien unter den Christen in Ber�hrung kamen. Er verbrachte die meiste Zeit damit, ihnen Ermahnungen zu schreiben, denn in Rom hatte er nicht viele Anh�nger.</p><p>Meine Ahnungen sagten mir, da� er nach seiner Freilassung am liebsten in Rom geblieben w�re. Aber ich wu�te, da� es �berall, wo er erschien. Streit gab. Wenn ich ihn freibekam, was zu erwarten war, zog ich selbst mir den Zorn der Juden zu, und wenn er wirklich in der Stadt blieb, kriegten sich �ber kurz oder lang die Christen wieder in die Haare. Deshalb sagte ich nun vorsichtig: �F�r zwei H�hne ist nicht Platz auf demselben Misthaufen. Um deines eigenen Friedens und des meinen willen w�rdest du gut daran tun, Rom sofort nach deinem Freispruch zu verlassen.�</p><p>Paulus blickte finster vor sich hin, meinte dann aber, Christus habe ihn zu einem ewigen Wanderer gemacht, der an keinem Ort lange verweilen d�rfe. Daher sei f�r ihn die Gefangenschaft eine harte Pr�fung gewesen. Er habe den Auftrag erhalten, alle Menschen zu Anh�ngern Christi zu bekehren, und wolle demn�chst in die Provinz Baetica in Iberien reisen. Dort gebe es mehrere Hafenst�dte, die von Griechen gegr�ndet worden seien und in denen noch haupts�chlich Griechisch gesprochen werde. Ich legte ihm aus ganzer �berzeugung nahe, wom�glich bis nach Britannien zu reisen.</p><p>Trotz meiner Ermahnungen und wohlgemeinten Ratschl�gen konnte Paulus nat�rlich nicht den Mund halten, als er im Pr�torium vor Nero gef�hrt wurde. Nero war bei guter Laune und rief, sobald er ihn sah: �Der Gefangene ist Jude! Da mu� ich ihn freilassen, sonst ist Poppaea mir b�se, Sie ist nun im letzten Monat, und sie achtet den Gott der Juden h�her als je zuvor.�</p><p>Er lie� die Wasseruhr einstellen, um die L�nge der Verteidigungsrede zu messen, und vertiefte sich in die Akten der folgenden Prozesse. Paulus pries sich gl�cklich, Gelegenheit zu erhalten, sich von allen Beschuldigungen reinzuwaschen, und bat Nero, ihn geduldig anzuh�ren, da ihm die Sitten und die Glaubenslehre der Juden vielleicht doch nicht gut genug bekannt seien. Er begann mit Moses, erz�hlte sein eigenes Leben und berichtete, wie Jesus von Nazareth sich ihm geoffenbart habe.</p><p>Ich schob Nero ein pers�nliches Gutachten zu, das der Prokurator Festus den Akten beigelegt hatte und in dem er erkl�rte, er selbst betrachte Paulus als einen harmlosen Toren, dem allzuviel Gelehrsamkeit den Verstand verwirrt hatte. Auch K�nig Herodes Agrippa, der sich in den Glaubensfragen der Juden am besten auskannte, hatte, nachdem er ihn ins Verh�r genommen, vorgeschlagen, man solle Paulus auf freien Fu� setzen. Nero nickte und tat, als h�rte er aufmerksam zu, obwohl er, wie ich glaube, nicht ein einziges Wort verstand. Paulus konnte gerade noch sagen: �Darum mu�te ich den himmlischen Gesichten gehorchen. Ach, da� auch dir die Augen ge�ffnet w�rden und du dich von der Finsternis zum Licht wendetest und von der Gewalt Satans zu Gott! Wenn du an Jesus von Nazareth glaubtest, w�rdest du Vergebung deiner S�nden und ein Erbteil unter den Heiligen erhalten.�</p><p>Dann aber klirrte die Wasseruhr, und Paulus mu�te schweigen. Nero sagte mit Nachdruck: �Ich verlange nicht von dir, da� du meiner in deinem Testament gedenkst. Ich bin nicht auf das Erbe anderer aus. Das ist nichts als �ble Verleumdung, und das kannst du den anderen Juden sagen. Du erweist mir aber einen gro�en Dienst, wenn du f�r meine Gemahlin Poppaea Sabina zu deinem Gott betest. Die arme Frau scheint sehr fromm auf den Gott zu vertrauen, von dem du mir gerade sehr �berzeugend berichtet hast.�</p><p>Er befahl, Paulus von seinen Ketten zu befreien und diese zum Zeichen seines Wohlwollens gegen�ber dem Glauben der Juden als Weihgabe dem Tempel zu Jerusalem zu schicken. Ich nehme an, die Juden hatten keine gro�e Freude daran. Die Kosten des Prozesses mu�te Paulus selbst bezahlen, da er ja die Berufungsklage eingebracht hatte.</p><p>Wir erledigten in wenigen Tagen eine gro�e Anzahl von Prozessen. Die meisten Urteile waren Freispr�che, und es wurden nur solche Prozesse aufgeschoben, bei denen es Tigellinus aus wirtschaftlichen Gr�nden vorteilhaft erschien, zu warten, bis die Beklagten an Altersschw�che starben, ehe sein Urteil gef�llt wurde. Zwei Monate sp�ter war ich meines Amtes wieder ledig, mein Flei� und meine Unbestechlichkeit wurden �ffentlich gelobt, und man verleumdete mich nicht mehr so viel wie vorher.</p><p>Der Proze� des Paulus war eine ganz und gar belanglose Angelegenheit. Geschichtlich bedeutsam war dagegen die Verhandlung, die auf die Ermordung des Pedanus Secundus folgte. Wie ich schon berichtete, setzte Nero in seinem Zorn meinen Schwiegervater ab und ernannte an seiner Stelle Pedanus zum Stadtpr�fekten. Nur wenige Monate sp�ter wurde dieser von einem seiner eigenen Sklaven im Bett erstochen. Der wahre Grund f�r diesen Mord wurde nie erforscht, aber ich kann aufrichtig versichern, da� zumindest meiner Meinung nach mein Schwiegervater nichts mit dieser Sache zu tun hatte.</p><p>Unser altes Gesetz schreibt vor, da�, wenn ein Sklave seinen Herrn ermordet, alle Sklaven unter demselben Dach das Leben verlieren m�ssen. Es ist ein notwendiges Gesetz, das sich auf lange Erfahrung gr�ndet und der allgemeinen Sicherheit dient. Nun hatte aber Pedanus �ber f�nfhundert Sklaven in seinem Haus, und das Volk versammelte sich und wollte verhindern, da� sie zur Hinrichtung gef�hrt wurden. Der Senat mu�te in aller Eile zusammengerufen werden, und wie weit unsere Sitten schon verfallen sind, ersieht man daraus, da� mehrere Senatoren allen Ernstes zu behaupten wagten, das Gesetz d�rfe in diesem Fall nicht angewandt werden. Einige Freunde Senecas erkl�rten in aller �ffentlichkeit, ein Sklave sei ein Mensch, und es gehe nicht an, Unschuldige zusammen mit den Schuldigen zu bestrafen. Der Senator Pudens und mein Vater ergriffen ebenfalls das Wort und widersetzten sich einer solchen Grausamkeit. Man fand sogar eine Entschuldigung f�r den Sklaven, der sich angeblich nur f�r erlittenes Unrecht ger�cht hatte.</p><p>Die anderen aber fragten sich mit vollem Recht, wer sich in seinem eigenen Haus noch sicher f�hlen durfte, wenn die Sklaven des Pedanus wirklich begnadigt wurden. Unsere V�ter hatten dieses Gesetz geschaffen und damit zu erkennen gegeben, da� sie � mit Recht � auch solchen Sklaven mi�trauten, die im Hause geboren worden waren und ihrem Herrn von Kind auf anhingen. Wir haben heute �berdies Sklaven aus den verschiedensten V�lkern mit fremden Sitten und fremden G�ttern.</p><p>Soviel ich wei�, wurde bei dieser Gelegenheit zum erstenmal der Verdacht laut ausgesprochen, da� sich unter den Senatoren selbst M�nner bef�nden, die einem fremden Glauben ergeben seien und nun ihre Glaubensfreunde zu verteidigen versuchten. Bei der Abstimmung siegten jedoch zum Gl�ck f�r Rom die Anh�nger des Gesetzes.</p><p>Die Volksmenge, die das Haus des Pedanus umringt hatte, sammelte Steine auf und drohte, die ganze Nachbarschaft in Brand zu stecken. Die Pr�torianer mu�ten zu Hilfe geholt werden, und Nero erlie� eine strenge Bekanntmachung. L�ngs der Stra�en, durch die die f�nfhundert zum Hinrichtungsplatz gef�hrt wurden, nahmen mehrere Reihen Pr�torianer Aufstellung.</p><p>Das Volk warf Steine und rief Schimpfworte, aber zu einem regelrechten Aufruhr kam es nicht. Eine betr�chtliche Anzahl der Sklaven des Pedanus schien den Christen anzugeh�ren, denn in der Menge gingen andere Christen umher und warnten vor Gewalttaten, da nach ihrer Lehre B�ses nicht mit B�sem vergolten werden darf.</p><p>Die Vorf�lle brachten das eine Gute mit sich, da� mein Schwiegervater wieder in sein Amt eingesetzt wurde. Der Senat, und das Volk hatten einen neuen Gespr�chsgegenstand, und auch Poppaeas Schwangerschaft begann nun ein gewisses Mitgef�hl zu erwecken.</p><p>Nero wollte, da� sein Kind in Antium zur Welt komme, wo er selbst geboren worden war. Vielleicht dachte er, ein solches gl�ckliches Ereignis k�nne das Landgut, das er nach Agrippina geerbt hatte, von allen traurigen Erinnerungen befreien. Au�erdem betrachtete er das hei�e, von �blen Ger�chen erf�llte sommerliche Rom als keinen gesunden Ort f�r die Entbindung.</p><p>Ich hatte das Gl�ck, noch einmal mit Poppaea zusammenzutreffen, bevor sie sich nach Antium begab. Die Schwangerschaft hatte sie nicht h��lich gemacht. Ihre Augen hatten einen stillen Glanz, der dem ganzen Gesicht einen sanften, fraulichen Ausdruck verlieh.</p><p>Ich fragte sie vorsichtig: �Ist es wahr, da� du den Gott der Juden verehrst? Man behauptet es in Rom, und es hei�t auch, du habest Nero dazu gebracht, die Juden auf Kosten anderer zu beg�nstigen?�</p><p>�Du mu�t selbst zugeben, da� die Weissagung der Juden sich erf�llt hat�, antwortete Poppaea. �In meinen schwersten Stunden gelobte ich, immer ihren Gott zu verehren, der so m�chtig ist, da� es nicht einmal ein Bild von ihm geben darf. Und ebenso m�chtig ist Moses. Ich w�rde es nicht wagen, nach Antium zu reisen, um dort zu geb�ren, ohne einen j�dischen Arzt mitzunehmen. Auch einige alte j�dische Frauen nehme ich mit, aber vorsichtshalber nat�rlich auch einen gr�ndlich ausgebildeten griechischen und einen r�mischen Arzt.�</p><p>�Hast du auch von Jesus von Nazareth, dem K�nig der Juden, geh�rt?� fragte ich.</p><p>Poppaea schnaubte durch die Nase und sagte auf ihre launische Art: �Ich wei�, da� es unter den Juden allerlei Heilige gibt. Sie haben strenge Gesetze, aber eine gottesf�rchtige Frau in meiner Stellung braucht sich nicht viel um die Gesetze zu k�mmern, solange sie nur den beh�rnten Moses verehrt und kein Blut trinkt.�</p><p>Ich erkannte, da� sie ebenso dunkle Vorstellungen vom Glauben der Juden hatte wie alle anderen R�mer, die einen Gott ohne Abbild nicht begreifen k�nnen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Wenn Poppaea gewu�t h�tte, wie sehr die Juden Paulus verabscheuten, w�rde sie Nero und mir kaum daf�r gedankt haben, da� wir ihn freigelassen hatten, damit er weiter bittere Zwietracht unter den Juden s�en konnte.</p><p>Poppaea reiste also nach Antium, und ich hoffte von Herzen, sie m�ge recht bald ihr Kind geb�ren. Nero war w�hrend der Wartezeit eine anstrengende Gesellschaft. Sang er, mu�te er gelobt werden. Lenkte er sein Viergespann, mu�te man seine unvergleichliche Geschicklichkeit preisen. Er trank ganze N�chte hindurch und w�hlte seine Freunde nicht sehr sorgf�ltig aus. Auch mit Acte traf er heimlich wieder zusammen, und er kn�pfte Beziehungen zu vornehmen Frauen an, die es mit der Heiligkeit der Ehe nicht so genau nahmen. Tigellinus f�hrte ihm seine Knaben zu. Als wir uns einmal dar�ber unterhielten, berief sich Nero auf das Vorbild der Griechen und brachte die folgende erstaunliche Rechtfertigung vor: �Als mir der Blitz den Becher aus der Hand schlug, wurde ich heilig. Es war ein Zeichen daf�r, da� ich nach meinem Tode zum Gott erh�ht werden soll. Die G�tter sind aber zwiegeschlechtig. Ich k�nnte mich nicht wirklich g�ttergleich f�hlen, wenn ich nicht zum Zeitvertreib auch h�bsche Knaben lieben d�rfte, und Poppaea ist es lieber, ich spiele mit Knaben als mit ehrgeizigen Frauen. Sie meint, sie braucht dann wenigstens nicht eifers�chtig zu sein und zu bef�rchten, ich k�nnte versehentlich die eine oder andere schw�ngern.�</p><p>Meinen Sohn Jucundus sah ich nur selten. Barbus hatte mein Haus verlassen und war zu Tullia gezogen, da er sich f�r den Mentor des Knaben ansah. Das war n�tig, denn Tullia verw�hnte Jucundus und lie� ihn tun und treiben, was er wollte. Mir wurde er immer mehr entfremdet.</p><p>In Sabinas Haus im Tiergarten war ich nur geduldet, wenn sie gerade Geld brauchte. Der kleine Lausus war mir noch fremder als Jucundus. Seine Haut war merkw�rdig dunkel und sein Haar kraus. Ich versp�rte keine Lust, ihn auf meinen Scho� zu setzen und mit ihm zu spielen. Sabina machte mir deshalb Vorw�rfe und nannte mich einen entarteten Vater.</p><p>Ich antwortete darauf, da� Lausus unter den Tierb�ndigern genug V�ter zu haben schien, die mit ihm spielten, und ich hatte leider recht. Jedesmal, wenn ich meinen Sohn sehen wollte, war auch gleich Epaphroditus da und dr�ngte sich zwischen ihn und mich, um mir zu zeigen, wie gut er sich mit ihm verstand. Sabina wurde bleich vor Zorn und verlangte, ich solle wenigstens in Gegenwart anderer solche unziemlichen Scherze unterlassen. Sie hatte viele Freundinnen unter den vornehmen Damen, die in den Tiergarten kamen, um ihren Kindern die Tiere zu zeigen und selbst die waghalsigen Kunstst�cke der Tierb�ndiger mit begehrlichen Blicken zu bewundern. Es war damals in den vornehmen H�usern Mode, Gazellen und Geparde zu halten, und ich hatte viel �rger mit gewissenlosen Betr�gern, die mein Alleinrecht verletzten und diese Tiere selbst einf�hrten, um sie zu einem niedrigen Preis zu verkaufen. Sogar wilde Bluthunde aus Britannien wurden eingef�hrt. Ich erzielte gute Preise f�r die Welpen.</p><p>Poppaea kam endlich mit einer wohlgestalteten Tochter nieder. Nero war ebenso entz�ckt, wie wenn sie ihm einen Sohn geboren h�tte. Er �berh�ufte Poppaea mit Geschenken und benahm sich in jeder Hinsicht wie ein junger Vater, der vor Freude den Verstand verloren hat.</p><p>Der ganze Senat reiste nach Antium, um seine Gl�ckw�nsche auszusprechen, und mit dem Senat ein jeder, der in Rom jemand zu sein glaubte. Die Flu�boote und die von Ostia auslaufenden Schiffe waren �berf�llt, und auf dem ziemlich schlechten Landweg von Aricia nach Antium stauten sich die Wagen und S�nften, da� kein Weiterkommen war. Einer meiner Freigelassenen verdiente sich ein Verm�gen, indem er entlang des Weges Behelfsherbergen und Gark�chen einrichtete.</p><p>Das Neugeborene erhielt den Namen Claudia und dazu gleich den Ehrentitel Augusta. Beim Wein kam irgendein Schwachkopf auf den Einfall, Poppaea Sabina auf die gleiche Weise zu ehren, und da Nero selbst zugegen war, wagte keiner zu widersprechen. Poppaea Sabina sandte einige heilige Gegenst�nde aus Gold als Dankesgabe an den Tempel zu Jerusalem, und ihr j�discher Arzt wurde zum r�mischen B�rger gemacht.</p><p>Ich f�r mein Teil hatte mich beizeiten vorbereitet, und wir f�hrten w�hrend dieser Freudentage in dem h�lzernen Theater so pr�chtige Tierk�mpfe vor, da� wir, wie ich in aller Unbescheidenheit selbst sagen mu�, wenigstens dieses eine Mal die Wagenrennen im gro�en Zirkus in der Gunst des Volkes ausstachen. Die Vestalinnen ehrten meine Vorf�hrung durch ihre Anwesenheit, und man versicherte mir, es sei mir gelungen, die Tierdressur zur sch�nen Kunst zu erheben.</p><p>Sabina fuhr als Amazone gekleidet in einem goldenen, von vier L�wen gezogenen Wagen um die Arena und nahm den brausenden Beifall entgegen. Es war mir unter gro�en Schwierigkeiten gelungen, haarige Riesenaffen als Ersatz f�r die beiden an Schwindsucht eingegangenen aus Afrika herbeizuschaffen. Sie waren ganz klein im Tiergarten angekommen und von gelbh�utigen Zwergen gef�ttert und aufgezogen worden, die im dunkelsten Afrika mit den gro�en Affen zusammenleben.</p><p>Diese Affen verstanden es, Steine und Kn�ppel als Waffen zu gebrauchen, wenn sie miteinander k�mpften, und den gelehrigsten hatten wir als Gladiator verkleidet. Ein Teil der Zuschauer glaubte, sie seien Menschen und nicht Tiere. Es gab deshalb einen Streit und schlie�lich eine Schl�gerei, bei der ein B�rger get�tet wurde und einige Dutzend mehr Verletzungen davontrugen. Eine gegl�cktere Vorstellung h�tte man sich nicht w�nschen k�nnen.</p><p>Ich wurde endlich f�r alle meine Auslagen und Verluste entsch�digt. Seneca, der so geizig �ber die Staatskasse gewacht hatte, war nicht mehr da. Nero verstand nichts vom Geldwesen und begriff den Unterschied zwischen der Staatskasse und der kaiserlichen Privatkasse noch immer nicht ganz. Ich stellte daher meine Forderungen an beide und legte das Geld, das ich erhielt, mit Hilfe meiner Freigelassenen in Mietsh�usern in Rom und L�ndereien bei Caere an.</p><p>Neros Vatergl�ck war jedoch nicht von langer Dauer. Der Herbst war regnerisch. Der Tiber schwoll beunruhigend an, und mit den giftigen D�nsten verbreitete sich in der Stadt eine Halskrankheit, die f�r Erwachsene nicht lebensgef�hrlich war, aber zahllose Kinder im zarten Alter hinraffte.</p><p>Auch Nero erkrankte. Er wurde so heiser, da� er nicht ein Wort hervorbrachte und schon f�rchtete, seine Singstimme f�r alle Zeit verloren zu haben. In allen Tempeln wurden, vom Staat und von einzelnen B�rgern, Vers�hnungsopfer f�r seine Stimme dargebracht. Doch kaum begann er zu genesen, da erkrankte seine Tochter und starb trotz den Anstrengungen der �rzte und den Gebeten der Juden innerhalb weniger Tage. Poppaea war von den Nachtwachen und vor Kummer wie von Sinnen und machte Nero heftige Vorw�rfe, weil er trotz seinem kranken Hals nicht davon abgelassen hatte, das Kind zu umarmen und zu k�ssen.</p><p>Nero dagegen kam zu der abergl�ubischen Auffassung, die �ffentlichen und privaten Opfer h�tten nicht ausgereicht, die G�tter zu bes�nftigen und seine Stimme zu retten, und die G�tter h�tten auch noch seine Tochter gefordert. Dies best�rkte ihn in der �berzeugung, da� er ausersehen sei, der gr��te K�nstler seiner Zeit zu werden, und linderte seinen Kummer.</p><p>Der Senat verlieh Claudia Augusta g�ttlichen Rang, lie� sie wie eine G�ttin bestatten und einen Tempel f�r sie errichten und ernannte ein eigenes Priesterkollegium. Nero war insgeheim �berzeugt, da� in dem neuen Tempel in Wirklichkeit seine Stimme verehrt wurde, die von den Opfern immer besser werden mu�te.</p><p>Daher erhielt das neue Priesterkollegium neben den �ffentlichen Opfern noch ein besonderes, geheimes Ritual aufgetragen, das keinem Au�enstehenden enth�llt werden durfte. Und wirklich wurde Neros Stimme, ganz wie nach Agrippinas Tod, kr�ftiger. Sie klang wie Erz und s�� wie Honig zugleich, so da� die Zuh�rer tiefinnerlich erzitterten. In mir r�hrte sich allerdings nichts. Ich gebe nur wieder, was sachkundigere Beurteiler ihm versicherten.</p><p>Nero nahm zu, seine Wangen wurden feist, er m�stete sich, denn man hatte ihm gesagt, ein guter S�nger m�sse reichlich Fleisch auf den Knochen haben, um die Anstrengungen des Singens zu ertragen. Und Poppaea war es lieber, er vertrieb sich die Zeit mit Gesangs�bungen, als da� er wieder in sein Luderleben zur�ckfiel.</p><p>Nach dem Tod seiner Tochter widmete sich Nero den ganzen Winter der Ausbildung seiner Stimme, und das in dem Ma�e, da� er die Staatsgesch�fte als eine �berfl�ssige Sorge ansah. Er vers�umte die Versammlungen des Senats, weil er f�rchtete, er k�nnte sich auf dem eiskalten Boden der Kurie erk�lten. Wenn er wirklich einmal kam, wie �blich zu Fu�, hatte er die F��e mit Wolle umwickelt. Er erhob sich auch von seinem Platz, wenn ein Konsul ihn anredete. Sobald er aber das erstemal niesen mu�te, entfernte er sich eilig und �berlie� es dem zust�ndigen Senatsausschu�, die wichtigsten Angelegenheiten zu entscheiden.</p><empty-line/><p>W�hrend des Winters, kurz vor dem Saturnalienfest, wollte Claudia mich einmal dringend sprechen, um, wie sie mir sagen lie�, unter vier Augen etwas Wichtiges mit mir zu er�rtern. Als ich meine t�glichen Gesch�fte mit meinen Klienten und Freigelassenen erledigt hatte, lie� ich sie rufen, f�rchtete jedoch, sie werde wieder davon anfangen, da� ich mich bessern und die Taufe der Christen annehmen m�sse.</p><p>Aber Claudia rang die H�nde und sagte klagend: �Ach Minutus, ich bin eine Beute meiner widerstrebenden Gef�hle, und es zieht mich bald hierhin, bald dorthin. Ich habe etwas getan, was ich dir bisher noch nicht zu sagen wagte. Doch sieh mich erst einmal an. Findest du nicht, da� ich mich ver�ndert habe?�</p><p>Sie war mir wegen ihrer unaufh�rlichen N�rgelei und ihrer christlichen Neunmalklugheit seit langem so widerw�rtig gewesen, da� ich sie nie hatte ansehen m�gen. Nun bes�nftigte mich aber ihre Demut, ich betrachtete sie n�her und bemerkte zu meiner Verbl�ffung, da� die Sonnenbr�une der Sklavin aus ihrem Gesicht verschwunden war. Sie war sch�n gekleidet und hatte sich das Haar nach der neuesten griechischen Mode gelegt.</p><p>Ich schlug die H�nde zusammen und rief aufrichtig und ohne ihr schmeicheln zu wollen: �Du siehst aus wie die vornehmste R�merin. Ich glaube gar, du w�schst dein Gesicht heimlich mit Eselsmilch!�</p><p>Claudia err�tete bis zum Hals und sagte rasch: �Nicht aus Eitelkeit pflege ich mich, sondern weil du mir deinen gro�en Haushalt anvertraut hast. Bescheidenheit und ein schlichter Sinn sind die sch�nste Zierde einer Frau, aber nicht in den Augen deiner Klienten und der Fleischh�ndler in den Markthallen. Ich meinte jedoch etwas anderes: entdeckst du in meinem Gesicht nicht eine gewisse �hnlichkeit mit Kaiser Claudius?�</p><p>Ich beruhigte sie: �Nein, ganz gewi� nicht. Sei ohne Sorge. Der alte Claudius brauchte sich auf sein Aussehen nichts einzubilden. Du aber bist eine sch�ne, reife Frau, vor allem da du dir nun, wie ich sehe, die dichten Brauen auszupfst.�</p><p>Claudia war offenbar entt�uscht. �Du irrst dich ganz bestimmt�, sagte sie verdrossen. �Tante Paulina und ich haben in aller Heimlichkeit meine Halbschwester Antonia besucht, die uns in ihrer Einsamkeit dauert. Claudius lie� ihren ersten Gatten ermorden und Nero den zweiten. Daher wagt, seit sie aus Massilia zur�ckgekehrt ist, niemand mit ihr Umgang zu haben. Ihre Leiden haben sie gelehrt, die Dinge anders zu betrachten als zuvor. Sie bot uns Honigwein und Obsttorten an und schenkte mir ein goldenes Haarnetz. Wie die Dinge nun stehen, w�re sie vielleicht bereit, mich �ffentlich als ihre Schwester anzuerkennen. Von den echten Claudiern sind nur noch sie und ich �brig.� Ich erschrak, als ich erkannte, wie sehr sie sich in ihrem weiblichen Ehrgeiz an eitle Einbildungen klammerte.</p><p>�Hast du vergessen, da� dich Agrippina auf die blo�e Andeutung deiner Herkunft hin durch falsche Zeugenaussagen in Schande und Ungl�ck st�rzte?� rief ich. �Als Adoptivsohn des Claudius wird Nero kaum erfreut sein, wenn er erf�hrt, da� er noch eine Schwester hat!�</p><p>�Ich habe Antonia nat�rlich nicht gesagt, was mir widerfahren ist�, sagte Claudia ver�rgert. �Ich gab ihr zu verstehen, ich h�tte mich aus Furcht vor Agrippina auf dem Lande versteckt, und das ist zum Teil sogar wahr. Meine b�sen Erinnerungen waren wie durch Gnade ausgel�scht, sobald ich es �ber mich brachte, Agrippina in meinem Herzen zu verzeihen. Ich habe, wie du dich vielleicht erinnern wirst, im Sklavinnenkleid und mit geschorenen Haaren und Augenbrauen Bu�e getan und f�hle mich rein und frei von der S�nde, an der ich nicht selbst schuld war.�</p><p>Sie sah mich mit seltsam gl�nzenden Augen an, seufzte so schwer, da� sich ihr f�lliger Busen hob, und ergriff mit beiden H�nden eine der meinen, als ich erschrocken zur�ckwich.</p><p>�Wie soll ich das alles verstehen, ungl�ckliche Claudia?� fragte ich.</p><p>�Minutus�, sagte sie. �Du wei�t wohl selbst, da� du nicht so weiterleben kannst. Deine Ehe mit Sabina ist keine richtige Ehe. Du bist dumm und scheinst das noch nicht begriffen zu haben. Ganz Rom lacht dar�ber. In deiner Jugend gabst du mir ein gewisses Versprechen. Nun bist du ein erwachsener Mann, und der Altersunterschied zwischen uns beiden ist nicht mehr so gro� wie damals, ja man bemerkt ihn kaum noch. Minutus, du mu�t dich um deines eigenen Ansehens willen von Sabina scheiden lassen.�</p><p>Ich f�hlte mich wie ein Tier, das man in eine Ecke seines K�figs dr�ngt und mit gl�henden Stangen b�ndigt. �Das kann nicht dein Ernst sein�, sagte ich. �Der Aberglaube der Christen hat deine Sinne verwirrt, was ich schon seit langem bef�rchte.�</p><p>Claudia starrte mich unverwandt an und sagte klagend: �Ein Christ mu� die Unzucht meiden. Aber Jesus von Nazareth soll gesagt haben, wer eine Frau mit begehrlichen Blicken betrachtet, der treibt in seinem Herzen schon Hurerei mit ihr. Ich habe es unl�ngst erst geh�rt, und ich wei�, da� dieses Wort auch f�r eine Frau gilt. Deshalb ist mir das Leben unertr�glich, denn ich sehe dich jeden Tag und f�hle ein hei�es Begehren in meinem Herzen. In den N�chten werfe ich mich ruhelos in meinem Bett hin und her und bei�e vor Sehnsucht in mein Kissen.�</p><p>Ich f�hlte mich unwillk�rlich geschmeichelt und betrachtete sie mit anderen Augen. �Warum hast du mir das nicht fr�her gesagt?� fragte ich. �Ich h�tte ja aus reiner Barmherzigkeit die eine oder andere Nacht zu dir kommen k�nnen! Mir selbst ist es nie eingefallen, weil du immerzu mit mir gestritten hast.�</p><p>Claudia sch�ttelte heftig den Kopf: �Deine Barmherzigkeit brauche ich nicht. Ich w�rde eine gro�e S�nde begehen, wenn ich ohne das Band der Ehe in dein Bett k�me. Da� du mir so etwas vorschl�gst, zeigt mir, wie verh�rtet dein Herz ist und wie niedrig du mich einsch�tzt.�</p><p>Mein Taktgef�hl verbot mir, sie daran zu erinnern, wie tief gesunken sie war, als ich sie wiederfand. Ihre Absichten waren so wahnwitzig, da� ich vor Schreck verstummte. Aber Claudia fuhr fort: �Antonia k�nnte vor den Vestalinnen den heiligsten Eid schw�ren, da� ich eine Tochter des Claudius bin und vom selben Blute wie sie. Sie w�re wahrscheinlich auch dazu bereit, und sei es nur, um Nero zu �rgern. Eine Ehe mit mir w�re dann f�r dich nicht ohne Vorteil. Wenn wir ein Kind h�tten, w��ten die Vestalinnen von seiner hohen Geburt, und wenn sich einmal die Verh�ltnisse �ndern, k�nnte dein und mein Sohn zu den h�chsten �mtern Roms aufsteigen. Antonia ist sehr ungl�cklich dar�ber, da� ihre beiden Ehen kinderlos geblieben sind.�</p><p>Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und schrie: �Wie sollte ein verdorrter Baum frische Sprosse treiben! Denk doch, was du gewesen bist!�</p><p>�Ich bin eine Frau!� rief Claudia tief gekr�nkt. �Mein Leib beweist es mir jeden Monat. Ich habe dir gesagt, da� ich von meiner Vergangenheit gereinigt bin. Du kannst dich selbst davon �berzeugen, wenn du willst.�</p><p>Als ich aus dem Raum zu fliehen versuchte, vertrat sie mir den Weg. Wir begannen miteinander zu ringen, und pl�tzlich hielt ich sie in meinen Armen. Alte Wunden jucken, und ich war lange bei keiner Frau gelegen. Ehe wir noch wu�ten, wie uns geschah, k��ten wir uns leidenschaftlich, und Claudia verlor alle Beherrschung. Sp�ter weinte sie zwar bitter, aber sie hielt mich fest umschlungen und sagte: �Mein unz�chtiges Benehmen beweist am besten, da� ich die Tochter des lasterhaften Claudius bin. Da du mich aber zur S�nde verleitet hast, mu�t du es auch wiedergutmachen. Wenn du ein Mann bist, gehst du zu Sabina und sprichst mit ihr �ber die Scheidung.�</p><p>�Ich habe aber einen Sohn mit ihr�, wandte ich ein. �Die Flavier w�rden es mir nie verzeihen. Und Sabinas Vater ist Stadtpr�fekt. Ich w�rde meine Stellung verlieren.�</p><p>�Ich will Sabina ja nicht verleugnen�, sagte Claudia mit unschuldsvoller Miene. �Es gibt aber einige Christen unter den Angestellten des Tiergartens, und die haben mir von Sabinas sittenlosem Lebenswandel einiges berichtet.�</p><p>Ich mu�te lachen. �Sabina ist eine kalte, geschlechtslose Frau�, sagte ich voll Verachtung. �Das mu� ich selbst wohl am besten wissen. Nein, ich finde keinen stichhaltigen Scheidungsgrund, denn sie hat nicht einmal etwas dagegen, da� ich meine Gel�ste an anderen Frauen befriedige. Vor allem aber, das wei� ich genau, wird sie sich nie von den L�wen trennen wollen. Die sind ihr lieber als ich.�</p><p>�Was hindert sie daran, im Tiergarten zu bleiben?� wandte Claudia sehr vern�nftig ein. �Sie hat dort ihr eigenes Haus, das du ohnehin nur noch selten aufsuchst. Ihr k�nnt ja auch nach der Scheidung noch gute Freunde sein. Sag ihr, du wei�t alles und willst dich ohne gro�es Aufsehen von ihr scheiden lassen. Der Kleine kann ja deinen Namen behalten, da du ihn nun einmal in deiner Leichtgl�ubigkeit und Einfalt auf deine Knie gesetzt hast und dies nicht mehr widerrufen werden kann.�</p><p>�Willst du etwa andeuten, Lausus sei nicht mein Sohn?� fragte ich verwundert. �Da� du so boshaft bist, h�tte ich nicht gedacht. Wo bleibt da deine christliche N�chstenliebe?�</p><p>Claudia geriet au�er sich und schrie: �Es gibt nicht einen Menschen in ganz Rom, der nicht w��te, da� er nicht dein Sohn ist. Sabina hat es mit Tierb�ndigern und Sklaven und bestimmt auch mit den Affen getrieben. Nero lacht �ber dich hinter deinem R�cken, von deinen anderen sch�nen Freunden ganz zu schweigen.�</p><p>Ich hob meine Toga vom Boden auf, schlang sie um mich und ordnete den Faltenwurf, so gut ich es mit meinen vor Zorn zitternden H�nden vermochte.</p><p>�Nur um dir zu beweisen, was dein niedertr�chtiges Geschw�tz wert ist, gehe ich jetzt zu Sabina und rede mit ihr!� rief ich. �Dann komme ich zur�ck und lasse dich vor meinen Genien auspeitschen, weil du eine untaugliche Beschlie�erin und ein gift spritzendes L�stermaul bist. Danach kannst du in den Lumpen, in denen du gekommen bist, zu deinen Christen gehen.�</p><p>Ich rannte wie von den Furien gehetzt mit flatternder Toga geradewegs in den Tiergarten, so da� ich weder das Gedr�nge auf den Stra�en bemerkte noch die Gr��e erwiderte, die mir allenthalben entboten wurden. Ich lie� mich nicht einmal, wie es die gute Sitte erfordert h�tte, bei meiner Gattin anmelden, sondern st�rzte in ihr Zimmer, ohne der Sklaven zu achten, die mich aufzuhalten versuchten.</p><p>Sabina machte sich aus Epaphroditus� Armen frei, fuhr rasend wie eine verwundete L�win auf mich los und schrie mit flammendem Blick: �Wie f�hrst du dich auf, Minutus! Hast du den letzten Rest Vernunft verloren? Wie du sahst, war ich gerade dabei, Epaphroditus mit der Zungenspitze ein Staubkorn aus dem Auge zu nehmen. Er ist halb erblindet und kann sich nicht einmal mehr um die L�wen k�mmern, die wir unl�ngst aus Numidien bekommen haben.�</p><p>Ich schrie zur�ck: �Schweig! Ich habe mit eigenen Augen gesehen, da� vielmehr er gerade dabei war, nach einer gewissen Stelle an dir zu suchen. Reicht mir mein Schwert, da� ich diesen schamlosen Sklaven erschlage, der in mein Ehebett spuckt!�</p><p>Sabina verh�llte ihre Nacktheit, befahl den erschrockenen Sklaven, sich zu entfernen, und schlo� die T�r. �Du wei�t, da� wir immer so leicht gekleidet wie nur m�glich �ben�, sagte sie. �Wehende Kleider reizen die L�wen nur. Du hast dich geirrt. Bitte Epaphroditus sofort um Vergebung daf�r, da� du ihn beleidigt und einen Sklaven genannt hast. Er hat l�ngst den Freilassungsstab erhalten und f�r seine Verdienste im Amphitheater das r�mische B�rgerrecht aus Neros eigener Hand.�</p><p>Nur halb �berzeugt, rief ich weiter laut nach meinem Schwert und sagte: �Hier und jetzt fordere ich von dir eine Erkl�rung, was es mit den sch�ndlichen Ger�chten auf sich hat, die �ber dich in Rom verbreitet werden. Morgen bitte ich den Kaiser um die Scheidung.�</p><p>Sabina erstarrte, warf Epaphroditus einen bedeutsamen Blick zu und sagte kalt: �Erw�rge ihn. Wir rollen ihn in einen Teppich und werfen ihn in den L�wenk�fig. Es ist schon so mancher verungl�ckt, als er mit Raubtieren spielte.�</p><p>Epaphroditus kam auf mich zu und streckte seine riesigen H�nde nach mir aus. Er war kr�ftig gebaut und um einen ganzen Kopf gr��er als ich. Trotz meinem begreiflichen Zorn begann ich f�r mein Leben zu f�rchten und sagte hastig: �Versteh mich recht, Sabina. Warum sollte ich den Vater meines Sohnes beleidigen wollen! Epaphroditus ist r�mischer B�rger und mir dadurch ebenb�rtig. La� uns dies in Ruhe besprechen. Es will doch keiner von uns einen �ffentlichen Skandal!�</p><p>Auch Epaphroditus sagte beg�tigend: �H�r auf ihn, Sabina. Ich bin ein harter Mann, aber ich m�chte nur ungern deinen Gatten t�ten. Er hat beide Augen zugedr�ckt und uns tun lassen, was wir wollten. Wenn er jetzt die Scheidung verlangt, wird er wohl seine eigenen Gr�nde haben. Wie oft hast du nach deiner Freiheit geseufzt! Nimm Vernunft an, Sabina.�</p><p>Aber Sabina verh�hnte ihn und schrie so zornig wie zuvor: �Wirst du weich in den Knien, wenn du dieses glatte Narbengesicht siehst, du Riesenkerl! Beim Herkules, das Beste an dir ist gr��er als dein Mut. Begreifst du nicht, da� es kl�ger ist, ihn einfach zu erw�rgen und zu erben, was er hat, als seinetwegen verspottet zu werden?�</p><p>Epaphroditus wich meinem Blick aus und legte mir mit einem so eisenharten Griff die Finger um den Hals, da� jeder Widerstand sinnlos war. Meine Stimme erstickte, und es wurde mir schwarz vor Augen, aber ich gab durch Zeichen zu verstehen, da� ich bereit war, um mein Leben zu handeln. Als Epaphroditus seinen Griff gelockert hatte, sagte ich r�chelnd: �Es versteht sich von selbst, da� du dein Eigentum beh�ltst und im Tiergarten bleibst, wenn wir wie vern�nftige Menschen auseinandergehen. Verzeih mir meine ganz unn�tige Erregung, liebe Sabina. Dein Sohn tr�gt selbstverst�ndlich weiter meinen Namen und erbt nach mir, wenn einmal die Zeit gekommen ist. Um der Liebe willen, die uns einst verband, m�chte ich nicht, da� du dich eines Verbrechens schuldig machst, das fr�her oder sp�ter doch entdeckt wird. La� uns Wein trinken und ein Vers�hnungsmahl halten, du und ich und mein Schwager, vor dessen K�rperkr�ften ich die gr��te Achtung hege.�</p><p>Epaphroditus brach pl�tzlich in Tr�nen aus, umarmte mich und rief: �Nein, ich kann dich nicht erw�rgen! Wir wollen Freunde sein, alle drei. Es ist eine Ehre f�r mich, wenn du wirklich am selben Tisch mit mir essen willst.�</p><p>Vor Schmerz und Erleichterung stiegen auch mir die Tr�nen in die Augen. �Das ist das mindeste, was ich tun kann�, sagte ich und legte meinen Arm um seine breiten Schultern. �Meine Gattin habe ich schon mit dir geteilt, daher ist deine Ehre auch meine Ehre.�</p></section><section><p>Als Sabina sah, wie wir uns umschlungen hielten, kam auch sie wieder zur Vernunft. Wir lie�en das Beste auftragen, was das Haus zu bieten hatte, tranken Wein miteinander und riefen auch Lausus zu uns, damit Epaphroditus ihn auf den Scho� nehmen und mit ihm plaudern konnte. Ab und zu lief mir ein kalter Schauder �ber den R�cken, wenn ich bedachte, was beinahe durch meine Dummheit geschehen w�re, aber nach und nach beruhigte mich der gute Wein.</p><p>Als wir eine Weile getrunken hatten, wurde mir recht traurig zumute. Ich erinnerte mich vergangener Zeiten und fragte Sabina: �Wie konnte es dahin mit uns kommen, da wir doch anfangs gl�cklich waren? Zumindest war ich blind verliebt in dich.�</p><p>Der Wein hatte auch Sabina weich gestimmt. �Du hast mich nie wirklich verstanden, Minutus�, sagte sie. �Ich mache es dir nicht zum Vorwurf, und ich bereue meine b�sen Worte, damals, als ich deine Manneskraft anzweifelte. Wenn du mir wenigstens einmal ein blaues Auge geschlagen h�ttest wie bei unserer ersten Begegnung, oder wenn du mich ab und zu verpr�gelt h�ttest! Glaub mir, dann w�re alles anders gekommen. Erinnerst du dich noch, wie ich dich in der Hochzeitsnacht bat, mich zu vergewaltigen? Aber du bist nicht so ein herrlicher Mannskerl, der mit einem macht, was er will, soviel man auch zappelt und strampelt und schreit.�</p><p>Ich sagte verbl�fft: �Bisher habe ich immer geglaubt, eine Frau verlange von der Liebe vor allem Z�rtlichkeit und Geborgenheit.�</p><p>Sabina sch�ttelte mitleidig den Kopf und antwortete: �Das beweist nur, wie wenig du von den Frauen verstehst.�</p><p>Nachdem wir uns �ber die n�tigen finanziellen Ma�nahmen einig geworden waren, und ich Epaphroditus zu wiederholten Malen als einen Ehrenmann und den gr��ten K�nstler in seinem Fach gepriesen hatte, ging ich, gest�rkt vom Wein, zu Flavius Sabinus, um ihn davon zu unterrichten, da� wir uns scheiden lassen wollten. Ich hatte, offen gestanden, beinahe mehr Angst vor seinem Zorn als vor Sabina. Zu meiner Verwunderung zeigte er sich jedoch sehr verst�ndnisvoll.</p><p>�Ich habe l�ngst bemerkt, da� es mit eurer Ehe nicht zum besten steht�, sagte er und vermied es, mir in die Augen zu sehen. �Ich hoffe aber von Herzen, da� die Scheidung an unserer Freundschaft und an der Achtung, die wir beide f�reinander hegen, nichts �ndern wird. Ich w�rde in eine �ble Klemme geraten, wenn du mir beispielsweise die Anleihe k�ndigtest, die du mir zugesagt hast. Wir Flavier sind leider nicht so verm�gend, wie es zu w�nschen w�re. Mein Bruder Vespasian soll zur Zeit vom Maultierhandel leben. Als Prokonsul in Afrika ist er nur �rmer geworden, als er ohnehin schon war. Es hei�t, die Leute h�tten ihn mit Kohlr�ben beworfen. Er wird, f�rchte ich, den Senat verlassen m�ssen, wenn der Zensor merkt, da� er die finanziellen Voraussetzungen nicht mehr erf�llt.�</p><p>Nero war unerwartet nach Neapolis gereist, nachdem er es sich in den Kopf gesetzt hatte, da� dort sein erstes gro�es �ffentliches Auftreten als S�nger stattfinden solle. Die Zuh�rer dort sind griechischer Abstammung und kunstverst�ndiger als die R�mer. Nero f�rchtete sich trotz seinem Selbstbewu�tsein vor jedem Auftritt und zitterte und schwitzte so, da� er sich erst beruhigte, wenn er wu�te, da� seine eigenen, bezahlten Leute sich unter die Zuschauer gemischt hatten, um diese durch st�rmisches Klatschen zu den ersten befreienden Beifalls�u�erungen hinzurei�en.</p><p>Ich reiste ihm schleunigst nach, wozu ich allein schon durch mein Amt verpflichtet war. Das sch�ne Theater in Neapolis war gedr�ngt voll. Neros glanzvolle Stimme versetzte die Zuh�rer in Ekstase. Einige Reisende aus Alexandria, die ihrem Entz�cken nach der Sitte ihrer Heimat durch rhythmisches Klatschen Ausdruck verliehen, fielen besonders auf.</p><p>W�hrend der Vorstellung wurde das Theater pl�tzlich durch ein Erdbeben ersch�ttert. Unter den Zuh�rern drohte eine Panik auszubrechen, aber Nero sang weiter, als w�re nichts geschehen, und machte ihnen durch seine Unerschrockenheit Mut. Man pries ihn wegen seiner Selbstbeherrschung, er aber sagte sp�ter, er habe sich so in seine Rolle eingelebt, da� er von dem Erdbeben nichts bemerkte.</p><p>Von seinem Erfolg begeistert, trat er mehrere Tage hintereinander im Theater auf. Zuletzt mu�te der Rat der Stadt seinen Gesangslehrer bestechen, damit dieser ihn warnte und seine unvergleichliche Stimme zu schonen bat, denn die t�glichen Gesch�fte der Stadt, der Handel und die Seefahrt kamen durch die Vorstellungen beinahe v�llig zum Erliegen. Die Alexandriner belohnte Nero f�r ihren Kunstverstand, indem er sie zu r�mischen B�rgern machte und ihnen viele Geschenke gab. Auch beschlo� er, so bald wie m�glich nach Alexandria zu reisen, um dort vor einem Publikum aufzutreten, das seiner, wie er sagte, w�rdig war.</p><p>Als ich bei passender Gelegenheit f�r mein eigen Teil seinen gl�nzenden Erfolg r�hmte, fragte mich Nero: �Glaubst du nicht, da� ich mir, wenn ich nicht Kaiser w�re, an jedem beliebigen Ort der Welt als K�nstler mein Brot verdienen k�nnte?�</p><p>Ich versicherte ihm, da� er als K�nstler nicht nur freier, sondern in gewissem Sinne auch reicher w�re denn als Kaiser, da er sich nicht wegen jeder kleinen Ausgabe mit seinen Verwaltern herumzustreiten brauchte. Ich erw�hnte, da� es nach meiner Amtszeit als Pr�tor meine Schuldigkeit war, dem Volk eine Theatervorstellung zu bieten, da� es aber meiner Meinung nach in ganz Rom keinen wirklich guten S�nger gebe. Zuletzt sagte ich mit gespielter Verlegenheit: �Wenn du in meiner Vorstellung auftreten wolltest, w�re mir die Gunst des Volkes gewi�. Ich w�rde dir eine Million Sesterze zahlen. Das St�ck d�rftest du dir nat�rlich selbst w�hlen.�</p><p>Soviel ich wei�, war das das h�chste Honorar, das man jemals einem S�nger f�r ein einziges Auftreten geboten hatte. Sogar Nero war �berrascht und fragte: �Meinst du wirklich, da� meine Stimme eine Million Sesterze wert ist und da� du mit ihr die Gunst des Volkes gewinnen kannst?�</p><p>Ich versicherte ihm, da� es f�r mich die h�chste Gunst w�re, die ich mir vorstellen k�nne, wenn er einwilligte. Nero runzelte die Stirn, murmelte etwas von seinen vielen Pflichten und sagte schlie�lich: �Ich mu� als Schauspieler verkleidet auftreten und mit einer Maske vor dem Gesicht. Dir zuliebe kann ich mir ja eine Maske anfertigen lassen, die mir �hnelt. Ich m�chte einmal den Geschmack des r�mischen Publikums auf die Probe stellen, und deshalb d�rfen wir meinen Namen erst nach der Auff�hrung bekanntgeben. Unter diesen Bedingungen nehme ich dein Angebot an. Ich glaube, ich werde den Orest w�hlen. Das ist eine Rolle, die ich schon lang einmal singen m�chte, und ich traue mir zu, mit der aufgestauten Kraft meiner Empfindungen sogar das harth�rige r�mische Publikum zu ersch�ttern.�</p><p>In seiner K�nstlereitelkeit wollte er ausgerechnet diese Mutterm�rderrolle spielen, um seine eigenen Gef�hle in Wallung zu versetzen. Im Grunde verstand ich ihn. Hatte ich selbst mich doch von meinen b�sen Erinnerungen an die kilikische Gefangenschaft, die mich an den Rand des Wahnsinns trieben, dadurch befreit, da� ich ein komisches Buch schrieb. F�r Nero war die Ermordung Agrippinas ein ersch�tterndes Erlebnis, das er durch den Gesang zu �berwinden suchte. ich f�rchtete jedoch, da� ich mich durch mein Angebot in gro�e Gefahr gebracht hatte. Was geschah, wenn das Publikum Nero nicht erkannte und seine Darbietung nicht zu w�rdigen verstand?</p><p>Ja, es konnte sogar noch schlimmer kommen. Eine Maske, die Nero �hnelte, in der Rolle des Mutterm�rders! Die Zuschauer fa�ten die Vorstellung wom�glich als eine Kundgebung gegen Nero auf und lie�en sich mitrei�en. In dem Falle war ich verloren. Und wenn andere Zuschauer es sich angelegen sein lie�en, Neros Ruf zu verteidigen, kam es zu einem Handgemenge, das sogar Menschenleben fordern konnte.</p><p>Ich wu�te mir keinen anderen Rat, als heimlich die Kunde zu verbreiten, da� Nero selbst in meiner Vorstellung als Orest aufzutreten gedachte. Viele altmodisch gesinnte Senatoren und Ritter weigerten sich, zu glauben, da� ein Kaiser imstande sei, sich mit Schauspielern und Gauklern auf eine Stufe zu stellen und mit Absicht und Bedacht zum Gesp�tt der Leute zu machen. Als sie gar noch erfuhren, was f�r ein St�ck gew�hlt worden war, hielten sie das Ger�cht f�r einen boshaften Scherz.</p><p>Zum Gl�ck hatte auch Tigellinus in dieser Sache seinen Vorteil zu wahren. Er stellte eine Kohorte Pr�torianer ab, die einerseits f�r Ruhe und Ordnung im Theater sorgen und andrerseits an bestimmten Stellen, dem Beispiel der von Nero selbst zu diesem Zweck gedungenen M�nner folgend, klatschen mu�te. Als Anf�hrer wurden einige junge Ritter auserw�hlt, die ein wenig von Musik und Gesang verstanden und nicht den Fehler begingen, den Beifall im falschen Augenblick einsetzen zu lassen. Alle mu�ten au�erdem �ben, vor Entz�cken zu tr�llern, mit zu Schalen gew�lbten H�nden dumpf zu klatschen und dann wieder weithin schmetternde Klatschlaute hervorzubringen und an ergreifenden Stellen schmachtend und im Takt zu seufzen.</p><p>Das Ger�cht von einer politischen Kundgebung im Theater lockte ungeheure Mengen von Zuschauern an, die unter anderen Umst�nden wohl kaum meine Vorstellung mit ihrer Gegenwart beehrt h�tten. Das Gedr�nge war so gro�, da� bei den Eing�ngen einige Menschen niedergetrampelt wurden und die Sklaven so manchen alten Senators handgreiflich werden mu�ten, um ihren Herrn zu den Ehrensitzen des Senats tragen zu k�nnen. Es ging zu wie bei den Wagenrennen im Zirkus, wenn etwas Besonderes zu erwarten stand.</p><p>Nero war so aufgeregt, da� er sich vor der Vorstellung mehrere Male erbrach und seine Kehle unaufh�rlich mit Getr�nken sp�lte, die sein Lehrer ihm verschrieben hatte und die die Stimmb�nder kr�ftigen sollten. Ich mu� jedoch gestehen, da� er eine gl�nzende Vorstellung gab, sobald er die Szene betreten hatte. Seine m�chtige Stimme hallte durch das ganze Theater und erreichte die Ohren von wohl zwanzigtausend Menschen, und er stellte seine grausame Rolle so echt und ergreifend dar, da� einige empfindsamere Frauen in Ohnmacht fielen.</p><p>Das Tr�llern, Seufzen und Klatschen kam an den richtigen Stellen, und das gew�hnliche Publikum stimmte bereitwillig in den Beifall ein. Als Nero aber zuletzt mit blutbefleckten H�nden auf die Szene st�rzte, erhob sich von den B�nken der Senatoren und Ritter ein lautes Miauen, Kr�hen und Zischen, das selbst der st�rkste Beifall nicht zu �bert�nen vermochte. Ich glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen, als ich mit weichen Knien hinter die Szene ging, um zusammen mit Nero, der die Maske abgenommen hatte, hinauszutreten und zu verk�nden, dal? der Kaiser selbst vor seinem Volke aufgetreten war.</p><p>Zu meiner unbeschreiblichen Verwunderung fand ich jedoch einen Nero vor, der, schwei�na� und mit vor Ersch�pfung verzerrtem Gesicht, vor Freude weinte.</p><p>�Hast du gesehen, hast du geh�rt, wie ich das Publikum mitri�?� fragte er mich. �Sie miauten und kr�hten sogar, um die Strafe f�r den Muttermord auf Orest herabzurufen! Ich glaube, es ist noch nie vorgekommen, da� die Zuschauer bei einer Auff�hrung so vollst�ndig mitlebten!�</p><p>Nero trocknete sich den Schwei� ab und trat dann siegesstolz l�chelnd hinaus, um den Beifall entgegenzunehmen, der zu Donnertosen anschwoll, als ich, durch einen Trichter rufend, verk�ndete, da� der Kaiser in eigener Person mitgespielt hatte. Das Publikum forderte wie ein Mann, er solle noch mehr singen.</p><p>Mir wurde die Ehre zuteil, Nero die Zither zu bringen. Er sang und begleitete sich selbst, um auch seine Meisterschaft als Zitherspieler zu beweisen, bis es so dunkel wurde, da� man sein Gesicht nicht mehr erkennen konnte. Erst dann h�rte er widerstrebend auf, lie� aber kundmachen, da� er auch in Zukunft vor dem Volk auftreten werde, wenn dies der Wunsch des Volkes sei.</p><p>Als ich ihm die Anweisung auf eine Million Sesterze reichte, sagte ich ihm, da� ich Befehl gegeben hatte, seinem Geburtsgenius, seiner verstorbenen Tochter und zur Sicherheit auch Apoll ein Dankopfer darzubringen. �Obwohl�, f�gte ich hinzu, �obwohl ich glaube, da� du Apoll bereits �bertroffen hast und seine Hilfe nicht mehr brauchst.�</p><p>W�hrend er noch vor Freude ganz au�er sich war, brachte ich so beil�ufig wie m�glich den Wunsch vor, er m�ge meine Ehe in aller Stille aufl�sen, da wir uns, Sabina und ich, nicht vertrugen, beide die Scheidung w�nschten und im �brigen auch die Einwilligung unserer Eltern hatten.</p><p>Nero begann laut zu lachen und sagte, es sei ihm schon l�ngst klar, da� ich meine sonderbare Ehe aus reiner Lasterhaftigkeit weitergef�hrt h�tte. Er fragte mich neugierig, ob es wahr sei, da� Sabina geschlechtlichen Umgang mit den afrikanischen Riesenaffen pflege, wie in der Stadt so hartn�ckig behauptet werde. Er h�tte ganz und gar nichts dagegen, sich einmal heimlich so eine Vorstellung anzusehen. Ich bat ihn, Sabina selbst danach zu fragen, und gab vor, wir seien so verfeindet, da� wir nicht einmal mehr miteinander redeten. Er stellte mir nur noch die Bedingung, da� Sabina auch nach der Scheidung zum Vergn�gen des Volkes im Amphitheater auftreten m�sse, und schon am n�chsten Morgen erhielt ich die Scheidungsurkunde, f�r die ich nicht einmal die �bliche Geb�hr zu entrichten brauchte.</p><p>Neros Auftreten als Orest erweckte Verwunderung und endlose Diskussionen, und ich geriet in den Ruf eines k�hnen, r�cksichtslosen Menschen. Zu jener Zeit begannen Neros Feinde boshafte Geschichten �ber ihn zu erfinden, indem sie den gleichen Grundsatz befolgten, den er selbst sich zu eigen gemacht hatte, als er beispielsweise Octavias Ehebruch bekanntgab: Je gr��er die L�ge, desto lieber wird sie geglaubt.</p><p>Diese Wahrheit kehrte sich nun gegen Nero selbst, denn das Volk glaubte die schamlosesten L�gen mit der gr��ten Bereitwilligkeit. Dagegen wollte niemand von dem Guten h�ren, das man �ber ihn berichtete.</p><p>Da� die Herrscher Roms das Volk belogen, war freilich nichts Neues. Denken wir nur an den Gott Julius, der durch t�gliche Bekanntmachungen seinem schlechten Ruf entgegenzuarbeiten versuchte, oder an den Gott Augustus, dessen Grabinschrift auf der Mauer des Mausoleums ungez�hlte Verbrechen verschweigt.</p><p>Ich hatte mir unter Einsatz meines Lebens die Scheidung verschafft, aber damit waren meine Schwierigkeiten noch nicht zu Ende. Zwar bedeutete die Scheidung an sich eine Erleichterung, denn sie befreite mich von der herrschs�chtigen Sabina, aber ich konnte nat�rlich nicht daran denken, mich mit Claudia zu verm�hlen, die der Tatsache, da� wir sozusagen aus reinem Zufall, der Verlockung des Augenblicks gehorchend wie in unserer Jugend Tagen, beieinandergelegen waren, eine �bertriebene Bedeutung beima�.</p><p>Ich sagte ihr offen ins Gesicht, da� ich nicht der Meinung war, ein Mann m�sse jede Frau, die sich in seine Arme warf, gleich heiraten. Unter solchen Umst�nden w�re ja unter den Menschen kein vern�nftiges Zusammenleben mehr m�glich. In meinen Augen war das Geschehene weder eine S�nde noch eine Erniedrigung f�r Claudia.</p><p>Nicht einmal Christus selbst hatte, w�hrend er auf Erden lebte, eine Ehebrecherin verdammen wollen, weil er diejenigen, die sie anklagten, f�r nicht minder schuldig hielt. Diese Geschichte hatte ich selbst geh�rt. Aber Claudia erboste sich und sagte, sie wisse besser als ich, was Christus gesagt und getan habe, denn sie habe es aus Kephas� eigenem Munde geh�rt. Nachdem sie gefallen sei und mit mir ges�ndigt habe, sei sie auch s�ndhaft und werde immer s�ndhafter, je �fter sie mich sehe.</p><p>Ich versuchte ihr daher nach M�glichkeit auszuweichen, damit sie mich nicht so oft zu sehen brauchte. Ich lie� mich auf neue gro�e Gesch�fte ein, um meine Stellung zu f�rdern und mich durch Arbeit abzulenken. Einer meiner Freigelassenen brachte mich zu der Einsicht, da� wirklich gro�e Verm�gen nur durch den Getreidehandel und die Einfuhr von Speise�l zu verdienen waren. Der Handel mit Seide aus China, Gew�rzen aus Indien und anderen Kostbarkeiten f�r die Reichen und Vornehmen war daneben eine ganz unbedeutende Erwerbsquelle. Dank meinen Tiereink�ufen hatte ich bereits gute Handelsverbindungen in Afrika und Iberien, und durch meine Freundschaft mit Fenius Rufus war es mir m�glich, im Getreidehandel Fu� zu fassen. Mein Freigelassener reiste selbst nach Iberien, um Oliven�l aufzukaufen.</p><p>Ich hatte nun oft in Ostia zu tun und stellte fest, da� dort eine ganz neue, sch�n gebaute Stadt emporgewachsen war. Ich hatte mich schon lange �ber Claudias Vorwurf ge�rgert, ich verschaffte mir verbrecherische Eink�nfte aus meinen Mietsh�usern in Suburra und auf der dem Zirkus zugekehrten Seite des Aventins. Sie behauptete, meine Mieter wohnten unmenschlich eng, schmutzig und ungesund, aber ich wu�te, da� es nur die armen Christen waren, die sich bei ihr beklagt hatten, weil ihnen die Mieten zu hoch waren.</p><p>Wenn ich aber die Mieten gesenkt h�tte, w�rde der Andrang zu meinen H�usern noch gr��er geworden sein, und ich w�re �berdies von allen anderen Hausherren des unlauteren Wettbewerbs bezichtigt worden. Da� die H�user in schlechtem Zustand waren, sah ich selbst, aber an eine Instandsetzung war nicht zu denken, denn ich brauchte all mein Bargeld und mu�te sogar noch Anleihen aufnehmen, um meine neuen Unternehmungen voranzubringen. Ich fa�te daher einen raschen Entschlu�, verkaufte mehrere Mietsh�user auf einmal und erwarb mit dem Erl�s einige billige Baugr�nde an den R�ndern Ostias.</p><p>Claudia machte mir deshalb bittere Vorw�rfe und behauptete, ich h�tte meine Mieter in noch �rgere Bedr�ngnis gebracht, denn die neuen Hausherren dachten ebensowenig daran, die H�user instand zu setzen, und erh�hten obendrein die Mieten, um die Riesensummen wieder hereinzubringen, die sie mir bezahlt hatten. Ich warf Claudia meinerseits vor, da� sie nicht hauszuhalten verstand und mein Geld f�r wohlt�tige Zwecke verschwendete, die mir nicht einmal die Gunst der Leute eintrugen, da es die Christen f�r selbstverst�ndlich hielten, da� man den Armen half, und f�r die Hilfe, die sie bekamen, nur Christus dankten.</p><p>Daraufhin hielt mir Claudia wiederum vor, da� ich unvergleichlich gr��ere Summen f�r gottlose Theatervorstellungen hinausw�rfe. Sie machte keinen Unterschied zwischen Schauspielen und Tierk�mpfen im Amphitheater und wollte nichts h�ren, als ich ihr zu erkl�ren versuchte, da� ich nur einer Verpflichtung nachkam, weil ich Pr�tor gewesen war und mein Vater einen Sitz im Senat hatte. Ein Mann in meiner Stellung brauchte die Gunst der B�rger. Die Christen sind dagegen zum gr��ten Teil ohnehin nur Sklaven und anderes Pack, das nicht das B�rgerrecht besitzt.</p><p>Ich konnte Claudia erst den Mund stopfen, als ich sagte, sie sei offenbar keine echte Claudierin. Ihr Vater hatte n�mlich an den Vorstellungen im Amphitheater so gro�en Gefallen gefunden, da� er nicht einmal essen gehen wollte, w�hrend die Raubtiere die zum Tode Verurteilten in St�cke rissen. Anst�ndige Menschen halten dann Mittagsruhe und verlassen das Amphitheater f�r eine Weile. Der menschliche Nero hatte gleich zu Beginn seiner Regierungszeit das Verbot erlassen die Verurteilten den Tieren vorzuwerfen, und duldete nicht einmal, da� die Berufsgladiatoren bis zum letzten Atemzug k�mpften.</p><p>Ich gestehe, da� ich Claudias weibliche Schwachheit ausn�tzte, um sie wenigstens ab und zu einmal zum Schweigen zu bringen. Ich verschlo� ihr den Mund mit K�ssen und streichelte sie so lange, bis sie der Versuchung nicht mehr zu widerstehen vermochte und sich mir lachend in die Arme warf. Sp�ter war sie dann freilich noch finsterer und drohte mir sogar mit dem Zorn ihrer Halbschwester Antonia. Als ob Antonias Zorn damals noch� irgendeine politische Bedeutung gehabt h�tte!</p><p>Ich lie�, wenn wir auf diese Weise beisammen waren, jede Vorsicht au�er acht, wu�te ich doch, was Claudia in Misenum erlebt hatte. Im �brigen dachte ich daran nicht gern, denn in gewissem Sinne war ich an ihrem Schicksal schuld. Wie dem auch sei: ich vertraute auf die Richtigkeit des Sprichworts, da� auf �ffentlichen Wegen kein Gras w�chst.</p><p>Um so gr��er war meine Verwunderung, ja mein Entsetzen, als Claudia mich eines Tages, da ich eben aus Ostia zur�ckgekehrt war, mit geheimnisvoller Miene beiseite f�hrte und mir strahlend vor Stolz ins Ohr fl�sterte, da� sie von mir schwanger sei. Ich glaubte ihr nicht und nahm vielmehr an, sie sei ein Opfer ihrer Einbildungen oder leide an einer Frauenkrankheit. Ich lie� rasch einen griechischen Arzt kommen, der in Alexandria studiert hatte, glaubte aber auch ihm nicht, als er mir versicherte, Claudia sei vollkommen gesund. Ihr Harn hatte ein Haferkorn sofort zum Keimen gebracht, was ein sicheres und untr�gliches Zeichen f�r Schwangerschaft ist.</p><p>Als ich eines Abends, gut gelaunt und nichts B�ses ahnend, in mein Haus auf dem Aventin heimkehrte, erblickte ich im G�stezimmer Antonia mit ihrem feingeschnittenen Gesicht und dazu die alte Paulina, mit der ich seit meiner Abreise nach Achaia nicht mehr zusammengetroffen war. Sie war vom vielen Fasten ganz vom Fleisch gefallen und kleidete sich noch immer in Schwarz. In ihren alten Augen leuchtete ein �berirdisches Licht.</p><p>Antonia war offensichtlich verlegen, bewahrte aber ihre sp�ttische Haltung und musterte mich von oben herab. W�hrend ich mich noch fragte, ob ich ihr nicht, mit einiger Versp�tung zwar, mein Beileid zu dem pl�tzlichen Hinscheiden ihres Gatten Faustus Sulla aussprechen m�sse, sagte Tante Paulina pl�tzlich streng: �Du hast deine Pflichten gegen�ber Claudia vers�umt. Ich fordere im Namen Christi, da� du sie unverz�glich zur Gattin nimmst. Wenn du Gott nicht f�rchtest, so f�rchte die Plautier. Es geht um das Ansehen unseres Geschlechts.�</p><p>Auch Antonia tadelte mich: �Ich kann dein Betragen gegen meine Halbschwester nicht eben bewundern, und es w�re mir lieber, sie m��te nicht einen Mann mit einem so schlechten Ruf nehmen. Doch du hast sie verf�hrt, sie ist schwanger, und es l��t sich nicht mehr �ndern.�</p><p>Vor Verwunderung au�er mir, fragte ich: �Glaubst auch du, die du eine vern�nftige Frau bist, die unsinnige Geschichte von ihrer Abstammung? Claudius hat sie doch nie anerkannt!�</p><p>�Aus politischen Gr�nden�, sagte Antonia ruhig. �Mein Vater Claudius lie� sich seinerzeit von Plautia Urgulanilla scheiden, um meine Mutter Aelia zu heiraten, die, wie du wei�t, eine Adoptivschwester des Sejanus war. Claudia wurde f�nf Monate nach der Scheidung geboren, und aus R�cksicht auf meine Mutter hielt es Sejanus f�r unziemlich, ihr die gesetzliche Stellung einer Kaisertochter zu geben. Du wei�t, welchen Einflu� Sejanus damals hatte. Um seine Gunst zu gewinnen, hatte Claudius meine Mutter geheiratet. Ich erinnere mich noch gut, da� sie sich oft �ber das ehrlose Benehmen meines Vaters beklagte. �ber Claudias Mutter erz�hlt man das eine und das andere. Ich war zu hochm�tig, um Claudia auch nur im geheimen als meine Halbschwester anzuerkennen, aber jetzt ist von meinem Hochmut nicht mehr viel geblieben. Deshalb m�chte ich das Unrecht wiedergutmachen, das ich Claudia angetan habe.�</p><p>�Bist auch du unter die Christen gegangen?� fragte ich sp�ttisch.</p><p>Antonia err�tete �ber meine Frage. �Ich bin nicht eingeweiht�, sagte sie abwehrend. �Aber ich erlaube meinen Sklaven, Christus zu verehren. Das tust auch du. Und ich m�chte nicht, da� das uralte Geschlecht der Claudier mit mir ausstirbt. Ich bin bereit, dein Kind zu adoptieren, wenn es sein mu�. Wenigstens h�tten Nero und Poppaea immer etwas, woran sie denken k�nnten.�</p><p>Ich begriff, da� sie mehr aus Ha� gegen Nero denn aus Liebe zu Claudia handelte. Nun mischte sich Paulina ins Gespr�ch und sagte: �Urgulanilla hat auf dem Totenbett den heiligsten Eid geschworen, da� Claudia wirklich die Tochter des Claudius ist. Ich war mit Urgulanilla wegen ihres lasterhaften Lebenswandels w�hrend ihrer letzten Jahre nicht mehr gut befreundet, aber ich glaube nicht, da� eine Frau in einer so ernsten Sache auf dem Totenbett einen Meineid zu schw�ren imstande ist. Die Schwierigkeit war von Anfang an die, da� du als Ritter dich nicht mit einer unehelich Geborenen glaubtest verm�hlen zu d�rfen. Aus demselben Grund und aus Angst vor Claudius weigerte sich mein Gatte, Claudia zu adoptieren. Im Grunde ist Claudia jedoch sowohl r�mische B�rgerin als auch in der Ehe geboren. Es w�rde niemanden einfallen, dies zu bezweifeln, wenn sie nicht die Tochter eines Kaisers w�re.�</p><p>Claudia, die in diesen Tagen wie alle Schwangeren empfindlich war, begann zu weinen und rief: �Ich glaube nicht einmal, da� mein armer Vater mich wirklich ha�te. Er ist nur so beeinflu�t worden, zuerst von der ungl�ckseligen Messalina und dann von der niedertr�chtigen Agrippina, da� er es nicht wagte, mich als seine Tochter anzuerkennen, selbst wenn er es gewollt h�tte. In meinem Herzen habe ich ihm bereits verziehen.�</p><p>Als ich �ber die juristische Seite der Sache nachdachte, fiel mir ein, wie rasch ich Jucundus zum r�mischen B�rger gemacht hatte. �Claudia war gezwungen, sich jahrelang in einer Landstadt versteckt zu halten�, sagte ich vorsichtig. �Es lie�e sich vielleicht so einrichten, da� sie in die B�rgerrolle irgendeines abgelegenen Ortes eingeschrieben wird, und zwar als Tochter eines bereits verstorbenen Vaters A und einer ebenfalls dahingeschiedenen Mutter B. Man brauchte nur eine kleine Stadt zu w�hlen, in der etwa ein Brand das Archiv zerst�rt hat. Es gibt ja Millionen r�mischer B�rger in den verschiedensten L�ndern, und wir wissen, da� so mancher Zugewanderte behauptet, r�mischer B�rger zu sein, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil es zur Zeit nicht m�glich ist, ihm das Gegenteil zu beweisen. Auf diese Weise k�nnte ich Claudia heiraten.�</p><p>Claudia fuhr mich zornig an: �La� mich mit deinem Alphabet in Frieden. Ich will weder A zum Vater noch B zur Mutter. Mein Vater war Tiberius Claudius Drusus, und meine Mutter war Plautia Urgulanilla. Immerhin danke ich dir daf�r, da� du die M�glichkeit zu erw�gen geruhst, mich zu heiraten. Ich fasse deine Worte als eine Werbung auf, und ich habe hier zwei achtbare Zeugen.�</p><p>Paulina und Antonia beeilten sich, mich l�chelnd zu begl�ckw�nschen. Ich war in eine Falle gegangen und hatte mich doch eigentlich nur rein theoretisch zu einem juristischen Problem ge�u�ert. Nach einigem Hin und Her kamen wir �berein, eine Urkunde �ber Claudias Herkunft aufzusetzen, die Antonia und Paulina als Geheimdokument im Archiv der Vestalinnen hinterlegen sollten.</p><p>Die Hochzeit sollte in aller Stille stattfinden, ohne Opfer und Festlichkeiten, und in die B�rgerrolle sollte Claudia unter dem Namen Plautia Claudia Urgulanilla eingetragen werden. Da� die Beh�rden keine �berfl�ssigen Fragen stellten, daf�r hatte ich zu sorgen. Claudias Stellung brauchte keine Ver�nderung zu erfahren, denn sie stand l�ngst mit allen Vollmachten meinem Hause vor.</p><p>Ich ging schweren Herzens auf alles ein, da mir keine andere Wahl blieb, und f�rchtete, auf die �belste Art und Weise in eine politische Verschw�rung gegen Nero verwickelt worden zu sein. Tante Paulina dachte gewi� an nichts dergleichen, aber Antonia sagte zuletzt ganz offen: �Ich bin einige Jahre j�nger als Claudia, aber Nero erlaubt mir nicht, noch einmal zu heiraten. Und kein vornehmer Mann w�rde es wagen, sich mit mir zu verm�hlen, denn jeder wei�, wie es Faustus Sulla erging. Vielleicht w�re alles anders gekommen, wenn Sulla nicht so t�ppisch gewesen w�re. Er verstand es nicht, Fortuna beim Schopf zu fassen. Deshalb freute ich mich nun, da� Claudia als Tochter des Kaisers heiraten kann, wenn auch nur heimlich. Deine Durchtriebenheit, lieber Minutus, deine R�cksichtslosigkeit und dein Reichtum ersetzen vielleicht die anderen Eigenschaften, die ich mir von Claudias Gatten gew�nscht h�tte. Denke immer daran, da� du dich durch diese Heirat sowohl mit den Claudiern als auch mit den Plautiern verbindest.�</p><p>Paulina und Claudia baten uns, mit ihnen zusammen zu beten, da� unser Bund im Namen Christi gesegnet werde. Antonia l�chelte ver�chtlich, sagte jedoch: �Mir ist ein Name so recht wie der andere, wenn ihr an seine Macht glaubt. Ich unterst�tze seine Partei, weil ich wei�, wie sehr die Juden ihn hassen, deren Einflu� unertr�glich wird. Poppaea verhilft ihnen zu �mtern, und Nero �bersch�ttet einen j�dischen Pantomimiker mit den kostbarsten Geschenken, obwohl der Kerl sich frech weigert, am j�dischen Sabbat aufzutreten.�</p><p>Die stolze Antonia dachte in ihrer Verbitterung offenbar an nichts anderes, als wie sie Nero und Poppaea mit allen Mitteln schaden k�nnte. Sie konnte gef�hrlich sein, obgleich sie keinen Einflu� mehr besa�, und ich war froh, da� sie so viel Verstand bewiesen hatte, erst nach Einbruch der Dunkelheit und in einer S�nfte mit geschlossenen Vorh�ngen in mein Haus zu kommen.</p><p>Ich war so niedergeschlagen, da� ich den letzten Rest von Stolz ablegte und mich an dem christlichen Gebet beteiligte und um Vergebung meiner S�nden bat. Ich brauchte Hilfe, einerlei woher sie kam. Kephas und Paulus und mehrere andere heilige Christen hatten immerhin in Christi Namen Wunder gewirkt. Als die G�ste gegangen waren, trank ich sogar mit Claudia aus dem Zauberbecher meiner Mutter, und dann legten wir uns, nach langem wieder miteinander ausges�hnt, schlafen.</p><p>Wir schliefen nach diesem Tage zusammen, als w�ren wir schon Ehegatten, und niemand im Haus machte ein Aufhebens davon. Ich will auch nicht leugnen, da� es mir schmeichelte, das Bett mit einer Kaisertochter zu teilen. Daf�r ging ich auf Claudias W�nsche ein und unterwarf mich w�hrend der Zeit der Schwangerschaft allen ihren Launen. Die Folge davon war, da� die Christen mein Haus endg�ltig zu ihrer Heimstatt machten. Ihre Lobpreisungen hallten von morgens bis abends so laut durch die Gegend, da� sogar die Nachbarn gest�rt wurden.</p></section><section><empty-line/><p><strong>IX

    </strong></p><p><strong>TIGELLINUS
  </strong></p><empty-line/><p>Es hatte, von einigen Gewittern abgesehen, lange nicht geregnet. Ganz Rom litt unter Hitze, Schmutz, �blen Ger�chen und Staub. In meinem Garten auf dem Aventin war das Laub der B�ume mit einer dicken Staubschicht bedeckt, und das Gras raschelte vor D�rre. Allein Tante Laelia geno� die Hitze. Sie, die vor Alter st�ndig fror, lie� sich aus den k�hlen inneren R�umen in den Garten hinaustragen, sog schnuppernd die Luft ein und sagte: �Ein richtiges Brandwetter ist das.�</p><p>Sie schien f�r Augenblicke wieder klar im Kopf zu sein und berichtete zum hundertsten Male lebhaft von der Feuersbrunst, die vor vielen Jahren den ganzen Aventin verheert hatte. Der Bankier meines Vaters hatte damals die verw�steten Grundst�cke billig aufgekauft und Mietsh�user darauf errichten lassen, aus denen ich meine Eink�nfte bezogen hatte, bis ich sie im vergangenen Winter vorteilhaft verkaufte.</p><p>Als ich eines Tages wieder in meinem Garten war, glaubte ich einen Rauchgeruch wahrzunehmen. Ich achtete jedoch weiter nicht darauf und redete mir sogar ein, ich m�sse mich get�uscht haben, da ich wu�te, da� in dieser Sommerhitze die Brandwachen in allen Stadtbezirken wachsam Ausschau hielten und da� es verboten war, ohne besondere Notwendigkeit Feuer anzuz�nden. Es wehte auch kein Wind. Die Luft war vom fr�hen Morgen an sengend hei� und stickig gewesen.</p><p>Irgendwo in der Ferne h�rte ich Hornsignale und ein seltsames Brausen, aber erst als ich mich in die Stadt begab, stellte ich erschrocken fest, da� die ganze dem Palatin zugekehrte L�ngsseite der gro�en Rennbahn in hellen Flammen stand. Ungeheure Rauchwolken stiegen von den Wachs-, Weihrauch- und Tuchl�den auf. Diese leicht entz�ndlichen kleinen Buden hatten keinerlei Brandmauern, weshalb das Feuer mit Blitzesschnelle um sich griff.</p><p>Um die gro�e Brandst�tte herum wimmelten die Menschen durcheinander wie Ameisen, und ich glaubte die L�schmannschaften von mindestens drei Stadtbezirken zu erkennen, die breite Brandgassen schlugen, um das rasende Flammenmeer einzud�mmen. Eine solche Feuersbrunst hatte ich nie zuvor gesehen. Es war ein beklemmender Anblick, aber noch machte ich mir keine allzu gro�en Sorgen. Im Gegenteil, ich fand, die L�schmannschaft unseres eigenen Stadtteils h�tte sich nicht den anderen anschlie�en sollen, sondern bleiben, wo sie war, und den Hang des Aventins bewachen.</p><p>Ich schickte einen meiner Begleiter zur�ck, um Claudia und die Hausgenossen zu warnen. Auf dem Weg zum Tiergarten ging ich kurz bei der Pr�fektur vorbei, um mich zu erkundigen, wie der Brand entstanden war. Man hatte einen reitenden Eilboten ausgeschickt, der meinen ehemaligen Schwiegervater von seinem Landgut holen sollte, aber der Stellvertreter des Pr�fekten f�hlte sich seiner Aufgabe durchaus gewachsen.</p><p>Er beschuldigte die j�dischen Kramh�ndler und die Zirkusleute in den L�den und am Capuanischen Tor, leichtsinnig mit dem Feuer umgegangen zu sein, meinte aber, da� diese Warenlager rasch ausgebrannt sein w�rden und keine weitere Gefahr best�nde. Im Grunde hielt er die Aufrechterhaltung der Ordnung f�r dringlicher als die Bek�mpfung des Brandes, denn schon waren zahllose Sklaven und anderes Gesindel herbeigestr�mt, um die g�nstige Gelegenheit zu nutzen und die Zirkusbuden zu pl�ndern.</p><p>Nach einem Rundgang durch den Tiergarten, der schwer unter der Hitze litt, und einer Beratung mit dem Tierarzt wegen der Aufbewahrung der leicht verderblichen Fleischvorr�te ordnete ich an, die K�fige mit frischem Wasser zu �bergie�en und den Tieren mehr Wasser als �blich zu geben. Mit Sabina unterhielt ich mich sehr freundschaftlich, denn seit der Scheidung verstanden wir uns viel besser als w�hrend der Zeit unserer Ehe.</p><p>Sabina bat mich, den Aufseher �ber die Aqu�dukte aufzusuchen und daf�r zu sorgen, da� die Leitungen zum Tiergarten nicht wegen des Brandes gesperrt wurden. Ich versicherte ihr, da� wir uns deshalb nicht zu bem�hen brauchten, da gewi� schon die Hausvorsteher aller vornehmen Familien in derselben Angelegenheit beim Aufseher vorgesprochen hatten, um die Bew�sserung ihrer G�rten bei diesem hei�en Wetter sicherzustellen.</p><p>Tats�chlich erhielt ich den Bescheid, da� die Absperrung der Leitungen nur durch Senatsbeschlu� oder auf ausdr�cklichen Befehl des Kaisers aufgehoben werden konnte. Die �blichen Sparma�nahmen mu�ten streng eingehalten werden. Da der Senat im Sommer nur zusammentritt, wenn der Staat in Gefahr ist, waren die meisten Senatoren nicht erreichbar, und Nero hielt sich zuf�llig gerade in Antium auf.</p><p>Ich kehrte wieder zum Palatin zur�ck, ging an dem nun im Sommer leeren Palatium vor�ber und mengte mich unter die Zuschauer, die sich auf dem Hang �ber der Rennbahn angesammelt hatten. Es waren zumeist Sklaven, Diener und kaiserliche G�rtner. Niemand schien ernstlich besorgt zu sein, obwohl das ganze Tal unter uns eine einzige gl�hende, rauchende Esse war.</p><p>Die Feuersbrunst war so gewaltig, da� sich in der Luft Wirbel bildeten. Ein hei�er Wind fuhr uns ins Gesicht. Funken und schwelende Tuchfetzen segelten bis zu uns herauf. Einige der Sklaven traten gleichg�ltig die Glut im Grase aus, und irgendeiner fluchte, weil ihm ein Funke ein Loch in sein Untergewand gebrannt hatte. Sonst aber war in den Gesichtern der Zuschauer nur die Erregung �ber das gewaltige Schauspiel zu lesen.</p><p>Als ich durch die Rauchwirbel zum Aventin hin�berblickte, bemerkte ich, da� der Brand schon den Fu� des Hanges erreicht hatte und langsam gegen meinen eigenen Stadtteil vorr�ckte. Ich mu�te mich beeilen. Daher entlie� ich meine Begleiter und lieh mir ein Pferd aus Neros St�llen. Ein Eilbote galoppierte vor mir her die heilige Stra�e zum Forum hinunter.</p><p>Dort waren die Vorsichtigeren schon dabei, ihre L�den zu verrammeln. Nur in den gro�en Markthallen herrschte noch die �bliche Gesch�ftigkeit. Ich ritt zum Tiberstrand hinunter, um auf einem Umweg mein Haus zu erreichen. Unterwegs sah ich viele M�nner, die schwere Lasten trugen und entweder gepl�ndertes Gut fortschleppten oder ihre eigene Habe zu retten versuchten.</p><p>In den engen Gassen dr�ngte sich das Volk. M�tter riefen weinend nach ihren Kindern. Familienv�ter standen besorgt vor ihren T�ren und fragten einander unentschlossen, was sie tun sollten. Niemand wollte sein Haus leer zur�cklassen, da es bei einem so gro�en Brand unm�glich ist, die Ordnung aufrechtzuerhalten.</p><p>Viele riefen bereits, der Kaiser m�sse aus Antium zur�ckkehren. Auch ich fand es an der Zeit, Notstandsma�nahmen zu ergreifen. Zum Gl�ck lag mein Tiergarten au�erhalb der Stadt, jenseits des Marsfeldes.</p><p>Als ich nach Hause kam, befahl ich sofort den Tr�gern, sich mit den S�nften bereitzuhalten, und forderte Claudia und Tante Laelia auf, sich mit den Hausgenossen in den vierzehnten Stadtbezirk jenseits des Tibers zu begeben. Ein jeder sollte von seiner wertvollsten Habe so viel mitnehmen, wie er zu tragen vermochte, denn Fuhrwerke standen uns unter Tage nicht zur Verf�gung.</p><p>Nur dem T�rh�ter und dem kr�ftigsten der Sklaven befahl ich, zu bleiben und das Haus vor Pl�nderern zu sch�tzen. Ich gab ihnen sogar Waffen, was durch die besonderen Umst�nde gewi� gerechtfertigt war. Wir mu�ten uns beeilen, denn ich nahm an, da� andere unserem Beispiel folgen und da� die engen Gassen des Aventins bald mit Fl�chtlingen verstopft sein w�rden.</p><p>Claudia wollte jedoch nicht fliehen. Sie sagte, sie m�sse zuerst ihre Freunde unter den Christen warnen und den Alten und Schwachen helfen. Sie seien durch Christus erl�st und darum mehr wert als Gef��e aus Gold und Silber. Ich zeigte auf Tante Laelia und schrie: �Da hast du eine Alte, um die du dich k�mmern kannst. Und denke wenigstens an unser ungeborenes Kind!�</p><p>In diesem Augenblick erschienen Aquila und Prisca, schwitzend, keuchend und schwere B�ndel schleppend, in unserem Garten. Sie baten mich, ihre Waren in meinem Haus ablegen zu d�rfen, wo sie in Sicherheit w�ren, denn das Feuer n�herte sich schon ihrer Weberei. Ihre Einfalt machte mich rasend, und zu allem �berflu� versicherte ihnen Claudia auch noch, es best�nde f�r uns bestimmt noch keine Gefahr. Aquila und Prisca durften sich nicht im j�dischen Stadtteil jenseits des Tibers sehen lassen. Die Juden kannten sie und verabscheuten sie wie die Pest.</p><p>Durch den Streit und das Gejammer der Weiber verloren wir kostbare Zeit. Zuletzt wu�te ich mir nicht mehr anders zu helfen. Ich versetzte Tante Laelia einen Schlag auf ihr Hinterteil und stie� Claudia mit Gewalt in eine S�nfte. Endlich setzte sich unser Zug in Bewegung. Da kamen einige Christen mit ru�igen Gesichtern und wei�en Brandblasen auf den Armen herbeigest�rzt und fragten nach Aquila.</p><p>Mit erhobenen Armen und starren Blicken riefen sie, sie h�tten mit eigenen Ohren Erde und Himmel mit Donnerget�se bersten geh�rt, und nun werde Christus, seinem Versprechen treu, aus einer Wolke niedersteigen. Alle Christen m��ten daher ihre B�rden abwerfen und sich auf den H�geln der Stadt versammeln, um ihren Herrn und sein neues Reich zu empfangen. Der Tag des Gerichts sei gekommen.</p><p>Prisca war eine lebenskluge, vern�nftige und beherrschte Frau und wollte eine solche Botschaft nicht ohne weiteres glauben. Im Gegenteil, sie gebot den Ank�mmlingen zu schweigen. Ihr selbst war keine Offenbarung zuteil geworden, und im �brigen war au�er den Rauchschwaden am ganzen Himmel nichts zu sehen.</p><p>Auch ich versicherte ihnen, da� Rom zwar von einem gro�en Ungl�ck heimgesucht werde, da� aber Br�nde in zwei oder drei Stadtbezirken noch nicht den Untergang bedeuteten. Die erschrockenen Christen waren Arme und daher gewohnt, H�hergestellten zu glauben, und der schmale roten Streifen, den ich trug, �berzeugte sie vollends davon, da� ich die Lage besser �berschaute als sie.</p><p>Meiner Meinung nach war es nun h�chste Zeit, die Pr�torianer ausr�cken zu lassen und in der Stadt den Notstand auszurufen. Ich war auf diesem Gebiet nicht sehr sachkundig, aber der gesunde Menschenverstand sagte mir, da� man quer �ber den Aventin eine m�glichst breite Brandgasse schlagen mu�te, ohne die H�user zu schonen. Sodann mu�te ein Gegenfeuer angez�ndet werden, um diejenigen H�user aus dem Wege zu r�umen, die ohnehin verloren waren. Es war menschlich verst�ndlich, da� ich mein eigenes altes Haus zu denen rechnete, die gerettet werden konnten.</p><p>Ich ritt fort, um die Sache mit den Triumvirn meines Stadtteils zu besprechen, und schrie ihnen, als sie z�gerten, ins Gesicht, da� ich bereit sei, die Verantwortung zu �bernehmen. Sie schrien, kopflos, wie sie waren, zur�ck, ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten k�mmern und es bestehe noch keine Notwendigkeit zu solchen Ma�nahmen.</p><p>Ich ritt weiter zum Forum, wo von dem ganzen Brand weiter noch nichts zu sehen war als Rauchwolken �ber den Hausd�chern, und ich sch�mte mich meiner Aufregung, als ich sah, wie die Menschen ihren gewohnten Besch�ftigungen nachgingen. Man beruhigte mich mit der Versicherung, da� man die Sibyllinischen B�cher hervorgeholt habe, um nachzuforschen, welchem Gott man opfern mu�te, damit sich der Brand nicht weiter ausbreitete.</p><p>Ein ru�schwarzer, bekr�nzter Stier wurde eben in den Tempel des Vulcanus gef�hrt. Einige alte M�nner meinten, es sei, fr�heren Erfahrungen nach zu urteilen, das kl�gste, gleichzeitig auch Proserpina zu opfern. Sie waren �berzeugt, da� Roms Schutzgenien und uralte Hausg�tter nicht zulassen w�rden, da� das Feuer allzu weit um sich griff. Man brauchte nur die Sibyllinischen B�cher zu befragen, warum die G�tter z�rnten.</p><p>Ich glaube, es w�re ohne weiteres m�glich gewesen, den Brand einzud�mmen, wenn man gleich am ersten Tag zu entschlossenen und schonungslosen Ma�nahmen gegriffen h�tte. Es fand sich jedoch niemand, der die Verantwortung �bernehmen wollte. Tigellinus� Stellvertreter schickte lediglich auf eigene Faust einige Kohorten Pr�torianer aus, die die unmittelbar bedrohten Stra�en r�umten und leidlich f�r Ruhe und Ordnung sorgten.</p><p>Gegen Abend traf der Pr�fekt Flavius Sabinus in der Stadt ein und befahl zu allererst allen L�schmannschaften, den Palatin zu sch�tzen, in dessen G�rten schon die Pinien lichterloh brannten. Dann forderte er Mauerbrecher und Belagerungsmaschinen an, die jedoch erst am n�chsten Tag eingesetzt werden konnten, als Tigellinus aus Antium zur�ckkehrte und mit kaiserlichem Auftrag entschlossen die F�hrung �bernahm. Nero selbst wollte seinen Erholungsaufenthalt des Brandes wegen nicht abbrechen und hielt seine Anwesenheit in der Stadt nicht f�r notwendig, obwohl das Volk auf den Stra�en seinen Namen rief.</p><p>Als Tigellinus jedoch einsah, da� die Geb�ude auf dem Palatin nicht mehr zu retten waren, drang er selbst darauf, da� Nero nach Rom zur�ckkehrte, um das Volk zu beruhigen. Nero war wegen seiner griechischen Kunstsch�tze so besorgt, da� er die ganze Strecke von Antium nach Rom ohne Rast in einem einzigen Ritt zur�cklegte. Auch zahlreiche Senatoren und vornehme Ritter str�mten von ihren Landsitzen herbei. Es gelang Tigellinus nicht, sie zur Vernunft zu bringen. Ein jeder wollte nur sein eigenes Haus und seine eigenen Sch�tze retten, und sie f�hrten sogar entgegen dem allgemeinen Verbot Ochsengespanne und Karren mit, so da� der Verkehr auf den Stra�en vollends ins Stocken geriet.</p><p>Nero verlegte seine Befehlsstelle in die G�rten des Maecenas auf dem Esquilin und bewies in der Stunde der Gefahr Vernunft und Entschlossenheit. Flavius Sabinus dagegen brach zusammen und weinte. Ich selbst war, w�hrend ich die Fl�chtlingsstr�me lenkte, einmal von den Flammen umzingelt worden und hatte mir einige Brandwunden zugezogen.</p><p>Vom Turm des Maecenas aus konnte Nero die ganze Ausdehnung des Brandes �berblicken. Er zeichnete auf einer Karte nach den Anweisungen des Tigellinus die bedrohten Bezirke an, die ger�umt und niedergebrannt werden mu�ten, sobald die Brandgassen fertig waren. Die einzelnen Ma�nahmen waren nun besser aufeinander abgestimmt. Die Patrizier wurden aus ihren H�usern vertrieben, die Mauerbrecher begannen die gef�hrlichen Getreidespeicher niederzurammen, und bei der Anlage der Brandgassen wurden weder Tempel noch Prachtbauten geschont.</p><p>Nero hielt es f�r wichtiger, Menschenleben zu retten als Sch�tze, und sandte Hunderte von Herolden aus, die die Massen der fl�chtenden in die Bezirke und Stadtteile f�hrten, von denen man hoffte, da� sie verschont bleiben w�rden. Diejenigen, die sich weigerten, die H�user zu verlassen, die aufgegeben werden mu�ten, wurden mit Waffengewalt daraus vertrieben, und in den engen Gassen durften keine M�bel oder andere sperrige Gegenst�nde mehr bef�rdert werden. Nero eilte selbst, schmutzig von Rauch und Ru�, mit seiner Leibwache von Ort zu Ort, um die Ver�ngstigten zu beruhigen und Verhaltensma�regeln zu erteilen. Einmal nahm er ein weinendes Kind in die Arme und gab es seiner Mutter zur�ck, w�hrend er die Umstehenden bat, in seinen eigenen G�rten jenseits des Flusses Schutz zu suchen. Alle �ffentlichen Geb�ude in der N�he des Marsfeldes wurden den Fl�chtlingen zur Verf�gung gestellt.</p><p>Die Senatoren, die wenigstens ihre Ahnenmasken und Penaten zu retten versuchten, konnten nicht fassen, warum die Soldaten sie mit der flachen Klinge aus ihren eigenen H�usern jagten und die Geb�ude mit Fackeln in Brand steckten.</p><p>Ungl�cklicherweise entstand durch den ungeheuren Brand ein gewaltiger Sturm, der das Feuer �ber den ganzen, ein Stadion breiten Schutzstreifen trug. Die L�schmannschaften waren von den Anstrengungen der letzten Tage so ersch�pft, da� es ihnen nicht mehr m�glich war, die weitere Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Manche fielen vor M�digkeit zu Boden, schliefen ein und kamen in den Flammen um.</p><p>Um Suburra zu sch�tzen, wurde eine neue, noch breitere Brandgasse geschlagen, aber Tigellinus war auch nur ein Mensch und versuchte die uralten B�ume in seinem eigenen Garten zu schonen. Dadurch konnte die Feuersbrunst, die am sechsten Tag beinahe am Erl�schen war, auch auf Suburra �bergreifen, und sie pflanzte sich in den hohen, zum Teil aus Holz gezimmerten H�usern so rasch fort, da� die Menschen in den obersten Stockwerken oft nicht einmal mehr Zeit hatten, sich auf die Stra�en zu retten. Hunderte, vielleicht Tausende verbrannten auf diese Weise.</p><p>Um diese Zeit verbreitete sich das Ger�cht, Nero habe die Stadt mit Absicht in Brand stecken lassen, und dieses Ger�cht war so unsinnig, da� sich sofort Leute fanden, die es glaubten. Gab es doch zahllose Zeugen, die selbst gesehen hatten, wie Soldaten mit Fackeln Feuer an die H�user legten und ihre Bewohner vertrieben. In der allgemeinen Verwirrung, der Erregung, der Ersch�pfung durch Schlafmangel und unerh�rte Anstrengungen fand sogar die Behauptung der Christen, da� der Tag des Gerichts gekommen sei, da und dort Glauben.</p><p>Niemand wagte Nero zu berichten, wessen man ihn beschuldigte. Als vorz�glicher Schauspieler bewahrte er die Ruhe und lie�, w�hrend noch der Brand w�tete, die besten Baumeister Roms rufen, um den Wiederaufbau der Stadt zu planen. Er sorgte auch gleich daf�r, da� aus den Nachbarst�dten Lebensmittel in das notleidende Rom gebracht wurden. Wenn er aber auf seinen t�glichen Rundg�ngen die Menschen, die alles verloren hatten, mit Versprechungen tr�stete, bekam er immer �fter drohende Rufe zu h�ren. Man bewarf die Pr�torianer mit Steinen, und einige klagten Nero an, er habe die Stadt zerst�rt.</p><p>Nero war best�rzt. Er beherrschte sich jedoch und sagte mitleidig: �Die armen Menschen haben den Verstand verloren.�</p><p>Er kehrte in die G�rten des Maecenas zur�ck und befahl endlich, die Absperrung der Aqu�dukte aufzuheben, obwohl dies bedeutete, da� die Bewohner der vom Feuer verschonten Stadtteile eine Zeitlang Durst leiden mu�ten. Ich ritt rasch zum Tiergarten, um zu veranlassen, da� alle Wasserzisternen rechtzeitig gef�llt wurden. Zugleich ordnete ich an, da� alle Tiere get�tet werden mu�ten, wenn der Brand das Amphitheater, das aus Holz war, erreichte. Es bestand zwar noch keine wirkliche Gefahr, aber meine Augen brannten und meine Brandwunden qu�lten mich so sehr, da� ich den Mut verlor und es f�r durchaus m�glich hielt, da� die ganze Stadt den Flammen zum Opfer fiel. Ich mu�te um jeden Preis verhindern, da� die Tiere ausbrachen und pl�tzlich unter den vielen Obdachlosen frei umherliefen.</p><p>Gegen Abend wurde ich von einem Boten, der mich zu Nero rief, aus dem tiefsten Schlaf geweckt. Ich war kaum gegangen, als Sabina auch schon meinen Befehl widerrief und jedem, der den Tieren etwas antat, mit dem Tode drohte.</p><p>Als ich auf weiten Umwegen durch die vom Feuer erhellte Stadt zu den G�rten des Maecenas ging, ein nasses Tuch als Schutz um den Kopf gewickelt, ergriff mich eine trostlose Weltuntergangsstimmung. Ich dachte an die schrecklichen Prophezeiungen der Christen, aber auch an die griechischen Philosophen, die behaupteten, da� aus dem Feuer alles entstanden sei und im Feuer alles vergehen werde.</p><p>Ich begegnete gr�lenden, lallenden Betrunkenen, die ihren Durst in Ermangelung von Wasser in irgendeinem verlassenen Weinkeller gestillt hatten und nicht minder betrunkene Weiber mitschleppten. In dichten Haufen standen die Juden beisammen und sangen Hymnen an ihren Gott. An einer Stra�enecke stie� ich mit einem verst�rten Mann zusammen, dessen Bart versengt war und der mich umarmte, das geheime Zeichen der Christen machte und mich aufforderte, Bu�e zu tun, denn der Tag des Gerichts sei gekommen.</p><p>Am Turm des Maecenas stand Nero und erwartete ungeduldig seine Freunde. Zu meiner Verwunderung trug er den langen gelben Mantel der S�nger und einen Kranz auf dem Kopf. Tigellinus stand mit der Zither neben ihm.</p><p>Nero brauchte Zuh�rer und hatte allen hochgestellten R�mern, von denen er wu�te, da� sie sich in der Stadt aufhielten, Boten geschickt. �berdies hatte er an die tausend Pr�torianer kommen lassen, die unter den mit Wasser berieselten B�umen im Grase lagen und gierig a�en und tranken. Unter uns gl�hten die brennenden, schwelenden Stadtteile wie tiefrote Inseln in der Dunkelheit, und gewaltige Rauchs�ulen stiegen zum Himmel empor.</p><p>Nero vermochte sich nicht l�nger zu gedulden. �Vor uns liegt ein Anblick, wie er seit der Zerst�rung Trojas keinem Sterblichen mehr zuteil wurde!� rief er mit weithin hallender Stimme. �Apoll selbst ist im Traum zu mir herabgestiegen, und als ich erwachte, quollen die Strophen aus meinem Herzen wie in g�ttlichem Wahnsinn. Ich werde euch Verse vorsingen, die ich �ber den Brand Trojas gedichtet habe, und mir ahnt, da� es Verse sind, die durch alle k�nftigen Zeiten klingen und Nero als Dichter unsterblich machen werden!�</p><p>Ein Herold wiederholte seine Worte, w�hrend Nero auf den Turm stieg. Dort war nicht f�r viele Platz, aber wir dr�ngten uns alle in seine N�he. Er begann zu singen und begleitete sich selbst. Seine kraftvolle Stimme klang laut �ber das Prasseln und Brausen des Brandes hinaus und erreichte die Zuh�rer in den G�rten ringsumher. Er sang wie in einem Rausch, und sein Sekret�r reichte ihm st�ndig neue Strophen, die er im Laufe des Tages diktiert hatte. Und w�hrend er sang, dichtete Nero neue dazu, die ein anderer Schreiber in Kurzschrift festhielt.</p><p>Ich war oft genug im Theater gewesen, um zu erkennen, da� er bekannte Verse frei wiedergab oder ab�nderte, entweder unbewu�t seiner Eingebung gehorchend oder indem er bewu�t von der Freiheit Gebrauch machte, die man dem K�nstler in diesen Dingen zugesteht. Er sang mehrere Stunden ohne Unterbrechung. Die Zenturionen hatten alle M�he, die ersch�pften Pr�torianer im Grase mit ihren St�ben wachzuhalten.</p><p>Die Sachverst�ndigen aber konnten ihm nicht oft genug versichern, sie h�tten noch nie einen so strahlenden Gesang vor einem so erhabenen Hintergrund geh�rt. Sie brachen in Beifallsrufe aus und sagten, was wir nun erlebten, w�rden wir unseren Kindern und Kindeskindern erz�hlen, und die Erinnerung daran werde in aller Zukunft nicht erl�schen.</p><p>Ich selbst fragte mich im stillen, ob Nero nicht am Ende wahnsinnig geworden sei. Doch ich tr�stete mich mit dem Gedanken, da� ihn, empfindlich wie er war, die unsinnigen Anklagen gewi� tief gekr�nkt hatten und da� er in diesen Stunden die Last des Herrschens abwarf, um sich durch seine Kunst zu erleichtern und zu tr�sten.</p><p>Er brach seine Vorstellung erst ab, als er von dem immer dichter heranwallenden Rauch husten und sich in den Mantelsaum schneuzen mu�te. Wir riefen rasch wie aus einem Munde, er m�ge doch seine g�ttliche Stimme schonen. Er war hochrot im Gesicht und schwitzte, aber er strahlte vor Triumph und versprach, am n�chsten Abend weiterzusingen. Von den R�ndern der Brandherde unter uns in der Stadt erhoben sich dichte Dampfwolken, als das Wasser aus den ge�ffneten Aqu�dukten zwischen den schwelenden Ruinen ausstr�mte.</p><p>Tullias Haus auf dem Virinal lag ziemlich nahe. Ich beschlo�, mich dorthin zu begeben, um w�hrend der Morgenstunden noch ein wenig zu schlafen. Um meinen Vater hatte ich mir noch keine Sorgen gemacht, da das Haus vorerst noch sicher war. Ich wu�te nicht einmal, ob er �berhaupt von seinem Landaufenthalt zur�ck war. Unter den Senatoren, die Neros Gesang lauschten, hatte ich ihn nicht entdeckt.</p><p>Ich fand ihn einsam wachend und mit rotger�nderten Augen in Tullias beinahe v�llig verlassenem und ausger�umten Haus. Er sagte mir, da� Tullia schon am ersten Tag der Feuersbrunst mit Hilfe von tausend Sklaven alle wertvollen Gegenst�nde auf eines ihrer Landg�ter gebracht hatte.</p><p>Jucundus, der seit dem Fr�hjahr einen schmalen roten Streifen auf seinem Untergewand trug, war mit einigen Kameraden aus der Palatiumschule in der Stadt umhergestreift, um das Feuer zu beobachten, und hatte sich beide F��e verbrannt, als pl�tzlich aus einem der brennenden Tempel ein Strom von geschmolzenem Silber und Gold auf die Stra�en geronnen war. Man hatte ihn nach Hause getragen, und Tullia hatte ihn aufs Land mitgenommen. Mein Vater meinte, er werde vielleicht f�rs Leben ein Kr�ppel bleiben, und f�gte hinzu: �So braucht dein Sohn wenigstens nicht Kriegsdienst zu tun und sein Blut in den W�sten jenseits des Euphrat zu vergie�en.�</p><p>Ich bemerkte zu meiner Verwunderung, da� er zuviel Wein getrunken hatte, und nahm an, Jucundus Ungl�ck habe ihn so ersch�ttert. Er erriet meine Gedanken und sagte �bellaunig: �Warum sollte ich nicht ab und zu trinken! Ich f�hlte, da� mein Todestag nahe ist. Wegen Jucundus mache ich mir keine Sorgen. Er hatte allzu flinke F��e, und sie haben ihn schon auf gef�hrliche Wege gef�hrt. Es ist besser, als Kr�ppel Gottes Reich zu finden, als im Herzen verdorben zu werden. Ich selbst war ein Kr�ppel im Geiste, seit deine Mutter starb, Minutus.�</p><p>Mein Vater war schon weit �ber sechzig und kehrte in der Erinnerung gern in vergangene Zeiten zur�ck. Man denkt in seinem Alter mehr an den Tod als in meinem, weshalb ich seine Ahnungen nicht ernst nahm. Ich fragte vielmehr neugierig: �Was sagtest du da �ber die W�sten jenseits des Euphrat?�</p><p>Mein Vater nahm einen gierigen Schluck aus seinem goldenen Becher und erz�hlte: �Unter Jucundus� Schulkameraden gibt es K�nigss�hne aus dem Osten. Deren romfreundliche V�ter betrachteten die Niederwerfung Parthiens als eine Lebensnotwendigkeit, und diese jungen M�nner sind r�mischer als die R�mer selbst, was sich auch von Jucundus sagen l��t. Die Frage ist im Senat schon oft besprochen worden. Sobald es Corbulos gelingt, Armenien zu befrieden, hat Rom dort eine St�tze, und Parthien ger�t in die Zange.�</p><p>�Wie kannst du an Krieg denken, da Rom von einem so gro�en Ungl�ck heimgesucht wird!� rief ich. �Drei ganze Stadtbezirke sind zerst�rt und sechs weitere stehen noch in Flammen. Uralte Mahnmale sind vernichtet worden, der Vestatempel ist niedergebrannt, ebenso das Tabularium mit allen Gesetzestafeln. Wieviel Zeit und Geld wird es kosten, Rom wiederaufzubauen, und wie kannst du unter solchen Umst�nden einen Krieg �berhaupt f�r m�glich halten?�</p><p>�Gerade jetzt halte ich einen Krieg f�r m�glich�, sagte mein Vater nachdenklich. �Ich habe weder Gesichte noch Offenbarungen, wenngleich ich in letzter Zeit Dinge tr�ume, die mich nachdenklich stimmen. Doch reden wir nicht von Tr�umen. Der Wiederaufbau Roms wird eine schwere Besteuerung der Provinzen mit sich bringen, und das wird Unzufriedenheit wecken, da die Reichen und die Kaufleute die Steuern zuletzt auf das Volk abw�lzen. Wenn die Unzufriedenheit um sich greift, wird man die Regierung tadeln, und nach den Regeln der Staatskunst ist ein Krieg das beste Mittel, der Unzufriedenheit im Innern des Reiches einen Auslauf zu verschaffen. Und wenn der Krieg einmal begonnen wurde, finden sich auch immer die Mittel, ihn fortzusetzen. Du wei�t selbst, da� man allgemein �ber die Verweichlichung Roms und den Verfall seiner kriegerischen Tugenden klagt. Es ist wahr, da� die Jungen die Tugenden der V�ter verspotten und Parodien auf die Werke des Livius auff�hren. Deshalb haben sie aber doch Wolfsblut in den Adern.�</p><p>�Nero will keinen Krieg�, wandte ich ein. �Er war ja sogar bereit, Britannien aufzugeben. Der Lorbeer des K�nstlers ist das einzige, wonach er strebt.�</p><p>�Ein Herrscher ist zuletzt gezwungen, dem Willen des Volkes zu gehorchen, sonst sitzt er nicht lange auf seinem Thron�, erwiderte mein Vater. �Das Volk als solches will nat�rlich keinen Krieg, sondern Brot und Zirkusspiele, aber es gibt Kr�fte, die sich von einem Krieg pers�nlichen Gewinn versprechen. Noch nie zuvor in der Geschichte haben einzelne so gro�e Verm�gen angesammelt wie heute. Freigelassene Sklaven treiben gr��eren Aufwand als die Vornehmen Roms, weil sie sich nicht durch althergebrachte Sitten verpflichtet f�hlen, mehr auf den Vorteil des Staates zu sehen als auf ihren eigenen. Du wei�t noch nicht, Minutus, was f�r eine ungeheure Macht Geld hat, das sich mit Geld verbindet.�</p><p>Pl�tzlich unterbrach er sich und sagte: �Da wir gerade von Geld reden: es gibt zum Gl�ck Dinge, die mehr wert sind. Ich hoffe, du hast den Holzbecher deiner Mutter gut verwahrt!�</p><p>Ich hatte den Becher w�hrend des Streits mit Claudia v�llig vergessen, und da ich annahm, da� mein Haus auf dem Aventin mittlerweile niedergebrannt sei, hielt ich auch den Becher f�r verloren. Ich stand zornig auf und sagte: �Du bist betrunkener, als du wei�t. Geh und leg dich schlafen. Ich mu� zu meinen Gesch�ften zur�ckkehren. Die Furien hetzen heute nacht nicht nur dich.�</p><p>Empfindlich wie alle Betrunkenen rief mein Vater, ich solle an seine Ahnungen denken, wenn er einmal tot sei, und er werde nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Ich verlie� sein Haus und kehrte, an den R�ndern der weit ausgedehnten Brandst�tten entlang irrend, zum Aventin zur�ck. Die Hitze zwang mich, �ber die Br�cke in den j�dischen Stadtteil zu gehen und mich weiter oben wieder �ber den Flu� rudern zu lassen. Wer in diesen Tagen ein Boot besa�, verdiente sich ein Verm�gen, indem er die Fl�chtlinge �ber den Strom setzte.</p><p>Zu meiner Verwunderung schien der dem Flu� zugekehrte Hang des Aventins noch verschont geblieben zu sein. Ich ging in dem dichten Rauch jedoch mehrere Male in die Irre und sah den Tempel der Mondg�ttin und dessen Umgebung in rauchenden Tr�mmern liegen. Mein eigenes Haus aber war unversehrt geblieben. Vermutlich hatte der Wind, der an anderen Stellen eine so verheerende Wirkung ausge�bt hatte, das Feuer von der Kuppe des Aventins ferngehalten, wo nicht einmal eine richtige Brandgasse angelegt worden war. Man hatte nur einige wenige H�user niedergerissen.</p><p>Der achte Morgen seit Ausbruch des Brandes graute �ber den Ruinen. In meinem Garten lagen dicht gedr�ngt Hunderte von M�nnern, Frauen und Kindern. Sogar in den leeren Wasserbecken schliefen Menschen. Ich schritt �ber die auf dem Boden Liegenden hinweg zum Haus, das keiner zu betreten gewagt hatte, obwohl die T�ren weit offenstanden.</p><p>Ich st�rzte in mein Zimmer, fand meine verschlossene Truhe und auf ihrem Boden den alten, in ein Seidentuch eingeschlagenen Holzbecher. Als ich ihn herausnahm, wurde ich in meiner Ersch�pfung von abergl�ubischer Furcht ergriffen, so als hielte ich einen wundert�tigen Gegenstand in der Hand, und der unheimliche Gedanke scho� mir durch den Kopf, da� der geheimnisvolle Becher der Gl�cksg�ttin vielleicht mein Haus besch�tzt hatte. Dann aber vermochte ich nichts mehr zu denken. Mit dem Becher in der Hand fiel ich auf das Bett nieder und versank in den tiefsten Schlaf meines Lebens.</p><p>Ich schlief, bis der Abendstern aufging, und erwachte von dem Gesang und den lauten Freudenrufen der Christen. Ich war noch so schlaftrunken, da� ich zornig nach Claudia rief, um ihr zu sagen sie solle mit ihren Freunden leiser sein. Ich glaubte, es sei fr�her Morgen und meine Klienten und Freigelassenen erwarteten mich. Erst als ich in den Garten hinauseilte, erinnerte ich mich an die grauenvolle Zerst�rung und alles, was geschehen war.</p><p>Der Feuerschein am Himmel sagte mir, da� in der Stadt noch immer Br�nde w�teten, aber das Schlimmste schien doch vor�ber zu sein. Ich suchte aus den vielen Menschen meine eigenen Sklaven heraus und lobte sie, da� sie geblieben waren und mutig und, ohne R�cksicht auf ihr eigenes Leben mein Haus bewacht hatten. Die �brigen Sklaven ermahnte ich, unverz�glich ihre Herren aufzusuchen, um nicht als Entlaufene bestraft zu werden.</p><p>Danach herrschte in meinem Garten nicht mehr ein so gro�es Gedr�nge, aber mehrere Kleinh�ndler und Handwerker, die alles, was sie besa�en, verloren hatten, baten mich flehentlich, f�rs erste bleiben zu d�rfen, da sie nicht wu�ten, wohin sie sich wenden sollten. Sie hatten Greise und S�uglinge bei sich, und ich brachte es nicht �bers Herz, sie zu verjagen.</p><p>Ein Teil der Tempel auf dem Kapitolinischen H�gel reckte noch unversehrte S�ulen gegen den flammend roten Himmel. Wo die Ruinen schon ausgek�hlt waren, suchten Diebe unter Einsatz des Lebens nach geschmolzenem Metall. Tigellinus lie� noch am selben Tag die Brandst�tten durch Soldaten absperren. Um alle Unordnung zu vermeiden, durften nicht einmal die Hauseigent�mer zur�ckkehren und in den Ruinen graben.</p><p>Im Tiergarten mu�ten meine Leute zu Speer und Bogen greifen, um die Wasserbecken und die Lebensmittel- und Futtervorr�te zu sch�tzen. Aus den Freigehegen wurden mehrere Hirsche und Antilopen gestohlen und geschlachtet. Nur an die Auerochsen wagte sich niemand heran.</p><p>Da das Feuer alle Thermen vernichtet hatte, kr�nte Nero sein zweites Auftreten als Dichter durch ein Bad in einem der heiligen Becken. Es war ein gef�hrliches Unternehmen, aber er verlie� sich auf seine Schwimmkunst und seine K�rperkr�fte. Das Volk nahm es �bel auf und beschuldigte ihn im stillen, er habe, nachdem er Rom in Brand gesteckt hatte, nun auch noch das letzte Trinkwasser mit seinem K�rper verunreinigt. Er war in Wirklichkeit in Antium gewesen, als das Feuer ausbrach, aber davon wollten die Aufwiegler nichts wissen.</p><p>Ich habe Rom nie so sehr bewundert wie in diesen Tagen, als ich sah, wie rasch der Bev�lkerung geholfen wurde und wie planm��ig und zielbewu�t man die Aufr�umungsarbeiten und den Wiederaufbau der Stadt in Angriff nahm. Die St�dte in der n�heren und weiteren Umgebung erhielten den Befehl, Hausrat und Kleider zu schicken. F�r die Obdachlosen wurden Befehlsunterk�nfte errichtet. Getreideschiffe, die ausgeladen wurden, mu�ten Schutt an Bord nehmen und in den S�mpfen vor Ostia abladen.</p><p>Der Getreidepreis wurde auf zwei Sesterze gesenkt. Das war der niedrigste Preis, von dem man je geh�rt hatte. Ich erlitt dadurch keine Verluste, denn der Staat sicherte den Getreideh�ndlern h�here Preise zu. T�ler wurden aufgef�llt, verbrannte H�gel abgetragen. Nero nahm das ganze Gebiet zwischen Palatin, Caelius und Esquilin in Besitz, wo er einen neuen Palast errichten lassen wollte, und im �brigen wurden in den Ruinenfeldern ohne R�cksicht auf den fr�heren Stadtplan Baugr�nde und breite Stra�en abgesteckt.</p><p>Wer sein Haus nach den neuen Bauvorschriften wieder aufbauen konnte und wollte, erhielt eine Anleihe aus der Staatskasse, mu�te aber innerhalb eines bestimmten Zeitraums bauen, wenn er nicht seines Rechts verlustig gehen wollte.</p><p>Alle H�user mu�ten aus Stein errichtet werden, und die H�he war auf drei Stockwerke begrenzt. Auf der Stra�enseite war eine Arkade vorgeschrieben, und jeder Hof mu�te seine eigene Wasserzisterne haben. Die Wasserverteilung wurde neu geregelt, so da� die Reichen nicht mehr so viel f�r ihre G�rten und Thermen verbrauchen konnten, wie sie wollten.</p><p>Diese notwendigen Zwangsma�nahmen weckten allgemeine Verbitterung. Nicht nur die Vornehmen beklagten sich, auch das Volk murrte und behauptete, die neuen breiten, sonnigen Stra�en seien viel unges�nder als die alten krummen Gassen, die im Sommer k�hl und schattig waren und in den N�chten den Verliebten ein Versteck boten. Man f�rchtete, die Fr�h- und Zwangsehen k�nnten �berhandnehmen, wenn man sich nur noch innerhalb der vier W�nde lieben durfte.</p><p>Die St�dte und die Reichen in den Provinzen wetteiferten darin, Geldsummen f�r den Wiederaufbau Roms zu spenden. Dennoch reichten die Mittel bei weitem nicht, und man hob daher Steuerzuschl�ge ein, die sowohl Einzelpersonen wie ganze St�dte an den Rand des Ruins brachten.</p><p>Allein der Wiederaufbau des gro�en Zirkus, der Tempel und Theater nach den Pl�nen Neros schien darauf abzuzielen, die ganze Welt bettelarm zu machen. Dazu wurde noch sein Plan bekannt, ein riesiges Bauwerk von noch nie gesehenen Ausma�en zu errichten, und als man sah, was f�r ungeheure Fl�chen er sich mitten in der Stadt f�r seinen eigenen Gebrauch vorbehielt, kannte die Unzufriedenheit des Volkes keine Grenzen mehr. Nero hatte unter anderem das ganze Gebiet, auf dem die durch Mauerbrecher niedergerissenen Getreidespeicher gestanden waren, in Beschlag genommen, und man glaubte nun um so bereitwilliger, da� wirklich er selbst die Stadt hatte anz�nden lassen, um Platz f�r sein Goldenes Haus zu schaffen.</p><p>Zu Beginn des Herbstes sp�lten einige heftige Gewitter den Ru� von den Ruinen. Tag und Nacht wurden auf Ochsenkarren Bausteine in die Stadt gebracht. Das unaufh�rliche Klopfen und H�mmern auf den Baustellen machte den Aufenthalt unertr�glich. Um die Arbeit so rasch wie m�glich voranzutreiben, hielt man nicht einmal die Festtage ein. Das Volk, das an freie Mahlzeiten, Zirkusvorstellungen und andere Vergn�gungen gew�hnt war, st�hnte und fand, man tue des Guten zuviel und das Leben in Rom sei noch nie so unbehaglich gewesen.</p><p>Das Entsetzen �ber das Ausma� der Zerst�rung, der Schrecken, die ausgestandene Lebensgefahr, all dies lie� die B�rger nicht zur Ruhe kommen. M�nner mit Konsulsrang scheuten sich nicht, �ffentlich zu erz�hlen, wie sie aus ihren H�usern gejagt worden waren und wie betrunkene Soldaten, die sich auf den Befehl des Kaisers beriefen, die Geb�ude in Brand gesteckt hatten, bevor noch das Feuer in die N�he gekommen war.</p><p>Andere wu�ten zu berichten, da� die Christen ihre Freude offen gezeigt und w�hrend des Brandes Dankhymnen gesungen h�tten. Das gew�hnliche Volk unterschied nicht zwischen Christen und Juden. Man machte einander darauf aufmerksam, da� der j�dische Stadtteil jenseits des Tibers sowie gewisse andere von Juden bewohnte Bezirke in der Stadt selbst vom Feuer verschont worden waren.</p><p>Die Absonderung der Juden, ihre zehn selbst�ndigen Synagogen und die eigene Gerichtsbarkeit, die der Rat der Juden aus�bte, hatten das Volk schon immer gereizt. Die Juden duldeten ja nicht einmal das Bild des Kaisers in ihren Beth�usern, und �ber ihre Zauberk�nste gingen zahllose Ger�chte um.</p><p>Wenn man auch in der ganzen Stadt, offen und versteckt, Nero als den Urheber des Brandes beschuldigte, so sah man doch ein, da� er als Kaiser nicht bestraft werden konnte. Es bereitete den Menschen eine gewisse Genugtuung, ihn anzuklagen, aber das Ungl�ck, das Rom getroffen hatte, war so gro�, da� es irgendeine Art von S�hne forderte.</p><p>Die vornehmen, uralten Familien, die ihre kostbaren Erinnerungsst�cke an vergangene Zeiten und sogar die Wachsmasken ihrer Toten verloren hatten, klagten Nero mit der gr��ten Erbitterung an. Auf ihre Seite schlugen sich alle reichen Empork�mmlinge, die ihr Verm�gen durch Steuern zu verlieren f�rchteten. Das Volk selbst sah nur, wie schnell seine Not gelindert worden war. Es brauchte ja f�r die Hilfe nichts zu bezahlen. Nach alter Sitte betrachtete es den Kaiser, der auch Volkstribun auf Lebenszeit war, als den Besch�tzer seiner Rechte gegen�ber den Vornehmen und seine Person als unverletzlich. Daher empfand es nichts als Schadenfreude, als die Reichen ihre Grundst�cke an den Kaiser abtreten und sich eine empfindliche Einschr�nkung ihrer Vorrechte gefallen lassen mu�ten. Die Sonderstellung der Juden dagegen war dem Volk seit eh und je ein Dorn im Auge gewesen.</p><p>Man behauptete, die Juden h�tten den Brand vorausgesagt, und erinnerte sich gern daran, da� Claudius sie seinerzeit aus Rom vertrieben hatte. Es dauerte nicht lange, bis man zuerst andeutete und dann offen aussprach, die Juden und niemand anders h�tten den Brand gelegt, damit sich ihre eigene Voraussage erf�llte und sie ihren Nutzen aus der Not des Volkes ziehen konnten.</p><p>Das waren gef�hrliche Behauptungen, und mehrere angesehene Juden wandten sich daher an Poppaea, um ihr � und durch ihre Vermittlung Nero � zu erkl�ren, wie gro� der Unterschied zwischen Juden und Christen sei. Sie hatten einen schweren Stand, denn Jesus von Nazareth war unleugbar Jude gewesen, und die Lehre, da� er der Christus sei, entstammte den Vorstellungen der Juden. Und wenn auch die Mehrheit der Christen in Rom nicht beschnitten war, so waren doch ihre F�hrer noch immer Juden, die sich von den Rechtgl�ubigen abgesondert hatten.</p><p>Poppaea hielt sich f�r eine gottesf�rchtige Frau, sie verehrte den Tempel in Jerusalem und glaubte an Abraham und Moses. �ber den Messias, der in den heiligen Schriften vorausgesagt wurde, hatten die Juden jedoch vorsichtshalber kaum mit ihr gesprochen. Daher vermochte sie nun ihren Erkl�rungen nicht zu folgen und lie� sogar mich in ihre Gem�cher auf dem Esquilin rufen, damit ich ihr verst�ndlich machte, was die Juden eigentlich wollten.</p><p>�Sie wollen, da� du ihre Glaubenszwiste schlichtest�, sagte ich im Scherz. Aber die Juden ereiferten sich.</p><p>�Mit diesen Dingen scherzt man nicht!� riefen sie. �Der Gesalbte der Christen ist nicht der Messias der Juden. Verflucht sei, wer ihn als den Christus anerkennt! Von ihm sagen wir uns los, sei er beschnitten oder unbeschnitten. Die Christen waren es, die den Tag des Gerichts voraussagten und w�hrend des Brandet Dankhymnen sangen. Ihr Verbrechen ist nicht das unsere.�</p><p>�Die Christen sind keine Verbrecher�, fiel ich ihnen rasch ins Wort. �Sie sind dem�tige und vielleicht ein wenig einf�ltige Menschen, d�mmer jedenfalls als ihr. Und glauben die Juden etwa nicht an das J�ngste Gericht und das Tausendj�hrige Reich?�</p><p>Die Juden betrachteten mich finster, berieten eine Weile unter sich und sagten dann: ��ber solche Dinge sprechen wir nicht mit Hunden. Wir wollen nur versichern, da� die Schuld der Christen nicht uns Juden anhaftet.�</p><p>Ich f�hlte, da� das Gespr�ch, so wie es nun verlief, schlimme Folgen haben konnte, und sagte daher: �Ich sehe deinen bek�mmerten Augen an, da� dein Kopf zu schmerzen beginnt, Poppaea, und will darum kurz zusammenfassen, worum es geht: Die Juden wollen mit den Christen nichts zu schaffen haben. Sie betrachten sich selbst als Fromme. Von den Christen glauben sie nur das Schlechteste, von sich selbst nur Gutes. Das ist alles.�</p><p>Als ich die ha�erf�llten Blicke der Juden bemerkte, fuhr ich fort: �Es mag sein, da� sich unter den Christen ehemalige Verbrecher und �belt�ter finden, die sich gebessert haben und denen ihre S�nden vergeben wurden. Ihr K�nig soll zu den S�ndern gekommen sein, nicht zu den Frommen. Im allgemeinen aber sind die Christen sanftm�tig und friedfertig. Sie speisen die Armen, helfen den Witwen und tr�sten die Gefangenen. Ich wei� �ber sie nichts B�ses zu sagen.�</p><p>Poppaea fragte neugierig: �Von was f�r einer Schuld sprechen sie? Es ist in all dem etwas Dunkles, das ich nicht begreife.�</p><p>Ich erkl�rte ihr sp�ttisch: �Du hast gewi� geh�rt, was f�r unsinnige Ger�chte �ber die Ursache des gro�en Ungl�cks verbreitet werden. Ich glaube, die Juden wollen auf Umwegen zu verstehen geben, da� nicht sie es waren, die Rom anz�ndeten, und da� diese Behauptung ebenso vernunftwidrig sei, wie wenn man den Kaiser selbst anklagte.�</p><p>Ich h�tte mir meinen Spott sparen k�nnen. Poppaea f�rchtete die Zauberk�nste der Juden zu sehr. Ihr Gesicht erhellte sich, und sie rief: �Jetzt verstehe ich! Geht in Frieden eures Wegs, ihr heiligen M�nner! Ich werde nicht zulassen, da� man B�ses von euch denkt. Ihr habt gut daran getan, mir zu sagen, da� ihr die Christen nicht als Juden anerkennt.�</p><p>Die Juden segneten sie im Namen eines Gottes, den sie Halleluja nannten, und entfernten sich. Als sie gegangen waren, sagte ich: �Du wei�t sicherlich, da� die Juden die Christen nur aus Eifersucht hassen. Die Christen haben viele, die ehedem den Gott der Juden verehrten, zu ihrem Glauben bekehrt, und dadurch sind sowohl den Synagogen als auch dem Tempel zu Jerusalem viele Geschenke verlorengegangen.�</p><p>Poppaea antwortete mir jedoch: �Wenn die Juden Grund haben, die Christen zu hassen, dann sind die Christen gewi� gef�hrlich. Du sagtest selbst, da� sie Verbrecher und �belt�ter sind.�</p><p>Sie wollte keine Erkl�rungen mehr h�ren, die in ihrem reizenden K�pfchen ohnehin keinen Platz fanden, und ich glaube, sie ging geradewegs zu Nero, um ihm zu berichten, da� die Christen, die allesamt Verbrecher seien, Rom angez�ndet h�tten.</p><p>Nero h�rte es gern und befahl Tigellinus unverz�glich, zu untersuchen, wie man die Anklage begr�nden k�nne. Die Juden sollten jedoch aus dem Spiel gelassen werden, da ihr Glaube nur einige scheinbare �hnlichkeiten mit der gef�hrlichen Lehre der Christen aufweise.</p><p>Eine solche Untersuchung w�re eigentlich Sache des Stadtpr�fekten gewesen, aber Nero verlie� sich mehr auf Tigellinus. Au�erdem stammte ja die Lehre der Christen aus dem Osten, und die meisten ihrer Anh�nger waren aus dem Osten eingewanderte Ausl�nder. Tigellinus war es einerlei, was die einen oder anderen glaubten. Er f�hrte nur einen Befehl aus und hielt sich bei seinen Nachforschungen an das, was ihm der gemeinste P�bel Roms einfl�sterte.</p><p>Er hatte leichtes Spiel. Seine Handlanger suchten an einem einzigen Nachmittag mehrere Dutzend Verd�chtige auf, die sich bereitwillig zu Christus bekannten und sich verwunderten, als sie auf der Stelle festgenommen und in die Kellergew�lbe des Pr�toriums gebracht wurden. Dort verh�rte man sie streng, ob sie im letzten Sommer Rom angez�ndet h�tten. Sie verneinten es mit aller Bestimmtheit. Darauf fragte man sie, ob ihnen noch andere Christen bekannt seien. Sie gaben in aller Unschuld alle Namen an, an die sie sich zu erinnern vermochten. Die Soldaten brauchten die genannten M�nner und Frauen nur in ihren H�usern zu verhaften, und die Christen folgten ihnen ohne Einw�nde.</p><p>Bei Einbruch der Nacht hatte man schon an die tausend Christen beisammen, die zumeist aus den untersten Schichten des Volkes stammten. Die Soldaten berichteten, sie brauchten sich nur irgendwo unter die Menge zu mischen und zu fragen, ob Christen anwesend seien, und schon meldeten sich diese Wahnsinnigen freiwillig, um sich verhaften zu lassen.</p></section><section><p>Tigellinus wu�te nicht, wie er die vielen Menschen verh�ren sollte, und da er �berdies nicht alle unterbringen konnte, hielt er es f�r das beste, auf der Stelle eine grobe Auslese zu treffen. Als erste entlie� er die Juden, die nachweisen konnten, da� sie beschnitten waren. Einige Angeh�rigen des Ritterstandes, die mit unter den Haufen geraten waren, erteilte er einen strengen Verweis. Dann lie� er sie frei, weil er meinte, man k�nne einen r�mischen Ritter nicht gut anklagen, die Stadt in Brand gesteckt zu haben.</p><p>Einige wohlhabendere B�rger waren peinlich ber�hrt, als sie sahen, unter was f�r einem Gesindel sie sich befanden, und versicherten, es m�sse sich um einen Irrtum handeln. Sie boten dem Pr�fekten Geschenke an, um das Mi�verst�ndnis aufzukl�ren. Tigellinus entlie� sie bereitwillig, da er die gebrandmarkten Verbrecher und die entlaufenen Sklaven f�r die eigentlichen Schuldigen hielt. Er hatte gute Lust, Roms Unterwelt, die nun nach dem Brand in den N�chten die Stadt unsicher machte, gr�ndlich zu s�ubern, und dies zeigt, wie unklar seine Vorstellung von den Christen war.</p><p>Anfangs verhielten sich die Gefangenen ruhig. Sie riefen Christus an und verstanden nicht, wessen man sie anklagte. Als sie aber sahen, da� ein Teil freigelassen wurde, und von anderen h�rten, da� es darum ging, ob sie Rom angez�ndet h�tten oder etwas von der Sache w��ten, bekamen sie es mit der Angst und begannen einander zu mi�trauen.</p><p>Da� man die Beschnittenen aussonderte, weckte den Verdacht, die Anh�nger des Jacobus m��ten irgendwie die Hand im Spiel haben. Diese hatten nie mit den �brigen Christen gemeinsame Sache gemacht. Sie hatten ihre eigenen j�dischen Sitten befolgt und sich f�r fr�mmer gehalten als alle anderen. Auch zwischen den Anh�ngern des Kephas einerseits und denen des Paulus andrerseits entstand heftiger Streit, was zur Folge hatte, da� die zur�ckgebliebenen Gefangenen so viele Christen aus der Gegenpartei anzeigten, wie ihnen nur einfielen. Auch die anfangs noch Besonnenen lie�en sich zuletzt von Eifersucht und Rachsucht hinrei�en und gaben ihre Glaubensbr�der an. Andere wieder dachten durchaus vern�nftig und hielten es f�r das Vorteilhafteste, so viele wie nur m�glich, vor allem auch hochgestellte Pers�nlichkeiten, anzuzeigen.</p><p>Je mehr wir sind, dachten sie zuversichtlich, desto unm�glicher wird es sein, uns vor Gericht zu stellen. Auch Paulus ist freigelassen worden, und Tigellinus wird rasch zur Vernunft kommen, wenn er sieht, wie zahlreich und einflu�reich wir sind. Im Laufe der Nacht wurden daher �berall in Rom ganze Familien verhaftet, und die Pr�torianer waren kaum imstande, ihre Aufgabe zu bew�ltigen.</p><p>Tigellinus erlebte eine b�se �berraschung, als er nach einer Nacht, die er sich mit Wein und Lustknaben vertrieben hatte, erwachte und auf dem ganzen gro�en Exerzierfeld der Pr�torianer ordentlich gekleidete Menschen familienweise beisammen sitzen sah. Man zeigte ihm lange Listen von weiteren Verd�chtigen und fragte, ob man auch bei M�nnern mit Senatoren- und Konsulsrang Hausdurchsuchungen und Verhaftungen vornehmen solle.</p><p>Er glaubte zuerst, die verbrecherischen Christen h�tten aus reiner B�swilligkeit ehrenwerte B�rger verleumdet. Deshalb ging er mit einer Peitsche in der Hand drohend auf dem Feld hin und her und fragte da und dort zornig: �Seid ihr wirklich Christen?� Alle bekannten freim�tig, da� sie an Christus glaubten.</p><p>Sie waren allesamt so anst�ndige, ordentliche und unschuldige Menschen, da� er es nicht wagte, auch nur einen einzigen zu schlagen. Er nahm vielmehr an, es m�sse irgendein grober Irrtum geschehen sein. Zusammen mit seinen Helfern berechnete er anhand der Listen, da� immer noch an die zwanzigtausend Menschen aus allen Gesellschaftsschichten verhaftet werden mu�ten. Eine solche Menge von Menschen bestrafen zu wollen war reiner Wahnsinn.</p><p>Mittlerweile hatte sich die Nachricht von der Massenverhaftung der Christen in der ganzen Stadt verbreitet, und Tigellinus war bald von ganzen Scharen neidischer und schadenfroher Zeugen belagert, die alle berichten wollten, da� sie selbst gesehen hatten, wie sich die Christen w�hrend des Brandes auf den H�geln versammelten, um Lobeshymnen zu singen und einen Feuerregen �ber Rom zu prophezeien.</p><p>Im Pr�torium ging alles drunter und dr�ber. Viele, die in den Notunterk�nften auf dem Marsfeld einquartiert worden waren, nutzten die Gelegenheit und �bersiedelten in die H�user von Familien, von denen sie wu�ten, da� sie Christen waren, mi�handelten andere und pl�nderten ihre L�den, ohne lang zu fragen, ob sie es mit Christen oder Juden zu tun hatten.</p><p>Aufgehetzte Volkshaufen schleppten, ohne da� sie jemand daran hinderte, blutig geschlagene Christen und Juden zum Pr�torium, um sie aburteilen zu lassen. Tigellinus hatte noch so viel Vernunft �brigbehalten, da� er die Leute streng tadelte und ihnen verbot, in ihrem, wie er sagte, begreiflichen Zorn das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen. Er versicherte ihnen, der Kaiser werde alle Schuldigen so bestrafen, wie sie es f�r ihr abscheuliches Verbrechen verdienten.</p><p>Danach schickte er die Pr�torianer aus, um die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen. In diesen Vormittagsstunden befanden sich die* Christen innerhalb der Mauern des Pr�toriums in gr��erer Sicherheit als in ihren eigenen H�usern.</p><p>Schon seit dem fr�hen Morgen hatten sich ver�ngstigte Fl�chtlinge in meinem Haus und meinem Garten auf dem Aventin versammelt, weil sie hofften, da� ich in meiner Stellung mit meinem Rang sie sch�tzen k�nnte. Die Nachbarn drohten uns, riefen Schimpfworte und warfen Steine �ber die Mauern in meinen Hof. Ich wagte es nicht, meinen Sklaven Waffen zu geben, damit man die Christen nicht zuletzt auch noch des bewaffneten Widerstandes anklagte, und befahl nur, das Tor so gut wie m�glich zu bewachen. Ich befand mich in einer mi�lichen Lage, und das einzige Gute war, da� Claudia sich schlie�lich doch bereit erkl�rt hatte, mit den Dienern auf mein Landgut bei Caere zu �bersiedeln, um dort unser Kind zu geb�ren.</p><p>Weil ich ihretwegen beunruhigt war und auf eine gl�ckliche Niederkunft hoffte, wollte ich ihren geliebten Christen gegen�ber nicht zu hart sein. Nachdem ich die verschiedenen M�glichkeiten �berdacht hatte, sprach ich ernsthaft mit ihnen und riet ihnen, sofort aus der Stadt zu fliehen, da irgendeine schwerwiegende Anklage gegen sie zu erwarten sei.</p><p>Die Christen wandten jedoch ein, es k�nne niemand beweisen, da� sie B�ses getan h�tten. Im Gegenteil, sie h�tten sich bem�ht. alle Laster und S�nden zu meiden und ein stilles Leben zu f�hren. Sie h�tten in ihrer menschlichen Schwachheit vielleicht gegen Christi Gebote versto�en, aber ganz gewi� dem Kaiser und dem Staat keinen Schaden zugef�gt. Sie wollten daher M�nner erw�hlen, die ihre gefangenen Br�der und Schwestern verteidigen und ihnen Speise und Trank bringen sollten. Zu diesem Zeitpunkt wu�ten wir noch nicht, was f�r eine ungeheure Anzahl von Menschen im Laufe der Nacht festgenommen worden war.</p><p>Um sie loszuwerden, versprach ich ihnen in meiner Verzweiflung Geld und Zuflucht auf meinen Besitzungen in Praeneste und Caere, wenn sie sich nur dorthin begeben wollten. Darauf gingen sie jedoch erst ein, als ich ihnen versprochen hatte, selbst Tigellinus aufzusuchen und die Christen, so gut ich es vermochte, in Schutz zu nehmen. Ich hatte ja den Rang eines Pr�tors und konnte ihnen mehr n�tzen als irgendein Armenadvokat von zweifelhaftem Ruf. Zuletzt verlie�en sie endlich z�gernd und lebhaft diskutierend mein Haus und meinen Garten.</p><p>Die Christen auf dem Exerzierfeld hatten sich unterdessen um ihre F�hrer versammelt, die sich miteinander ausgesprochen und beschlossen hatten, ihren alten Zwist zu begraben und auf Christus zu vertrauen, dessen Geist ihnen sicherlich zu Hilfe kommen werde. Alle erschraken, als sie die Schmerzensschreie aus den Kellergew�lben h�rten, und nahmen zu Liedern und Gebeten Zuflucht.</p><p>Es gab auch einige Gesetzeskundige unter ihnen, die von Mann zu Mann und von Frau zu Frau gingen, um zu berichten, da� der Kaiser selbst Paulus freigesprochen hatte. Das wichtigste war nun, da� sich auch unter Androhung der schwersten Folter niemand der Brandstiftung schuldig bekannte. Ein solches falsches Gest�ndnis k�nnte f�r alle Christen verh�ngnisvoll sein. Es war ihnen vorausgesagt worden, da� sie um Christi Namen willen Verfolgung leiden w�rden. Sie sollten sich zu Christus und zu nichts anderem bekennen.</p><p>Als ich zum Pr�torium kam, entsetzte ich mich �ber die ungeheure Menge der Verhafteten, beruhigte mich aber sogleich wieder, da ich mir sagte, da� nicht einmal ein Wahnsinniger alle diese Menschen f�r Mordbrenner halten konnte. Ich traf Tigellinus in einem g�nstigen Augenblick an, denn er war v�llig verwirrt und wu�te sich nicht mehr zu helfen. Er st�rzte br�llend auf mich zu und warf mir vor, ich h�tte Nero �ber die Christen v�llig falsch unterrichtet, da nur ein kleiner Teil Verbrecher zu sein schien.</p><p>Ich verwahrte mich gegen diesen Vorwurf und erwiderte, da� ich mit Nero nicht �ber die Christen gesprochen hatte. �Im Gegenteil�, sagte ich. �Ich wei� nur Gutes �ber sie. Sie sind ganz ungef�hrlich und streiten h�chstens wegen ihres Glaubens miteinander, aber sie mischen sich nie in Staatsangelegenheiten ein und halten sich sogar den Vergn�gungen des Volkes fern. Sie gehen nicht einmal ins Theater. Es ist unsinnig, diese Menschen f�r den Brand Roms verantwortlich zu machen.�</p><p>Tigellinus grinste, rollte eine seiner Listen auf, las mir meinen eigenen Namen vor und sagte h�hnisch: �Du bist gewi� ein Sachverst�ndiger in diesen Dingen, denn man hat dich selbst als Christen angezeigt, dich und deine Frau und dein ganzes Haus.�</p><p>Mir war, als dr�ckten mich schwere Bleigewichte nieder, und ich vermochte nicht ein Wort zu sagen. Tigellinus begann jedoch zu lachen, versetzte mir einen Klaps mit der Rolle und rief: �Du glaubst doch nicht etwa, da� ich solche Anzeigen ernst nehme! Ich kenne dich und deinen Ruf. Und selbst wenn ich dich verd�chtigen sollte, so w�rde es mir nie einfallen, Sabina f�r eine Christin zu halten. Der Angeber wu�te nicht einmal, da� du von ihr geschieden bist. Nein, diese Anzeigen sind das Werk abgefeimter Verbrecher, die aus reiner Bosheit den Anschein erwecken wollen, da� auch vornehme Kreise Roms an ihrem Aberglauben teilh�tten.</p><p>Jedenfalls hat die Verschw�rung weiter um sich gegriffen, als irgendeiner von uns geahnt h�tte, und was ich am wenigsten begreife, ist, da� alle diese Menschen freiwillig und gern bekennen, da� sie Christus als ihren Gott verehren. Sie m�ssen verhext sein, anders kann ich es mir nicht erkl�ren, aber derlei Zauberei wird bald ein Ende haben. Wenn sie sehen, wie die Schuldigen bestraft werden, werden sie schnell genug von ihrem Wahn ablassen!�</p><p>Ich schlug vorsichtig vor: �Du tust vielleicht gut daran, die Listen zu vernichten. Aber was redest du da von Schuldigen?�</p><p>Tigellinus sagte zufrieden grinsend: �Du hast recht. Ob du es glaubst oder nicht: man hat mir sogar Senatoren und Konsuln genannt, die angeblich Christen sein sollen. Solche Verunglimpfungen h�lt man nat�rlich besser geheim, damit nicht Personen von Rang und Namen in den Augen des Volkes zum Gesp�tt werden. ich glaube, ich werde Nero nichts von diesen Verleumdungen sagen.�</p><p>Er betrachtete mich forschend, und seine grausamen Augen funkelten boshaft. Ich erriet, da� er die Absicht hatte, die Listen f�r seinen eigenen Gebrauch aufzubewahren und zu Erpressungen zu benutzen, denn selbstverst�ndlich w�rde jeder hochgestellte Mann in Rom bereit sein, jede beliebige Summe zu zahlen, um sich von einem solchen Makel reinzuwaschen. Ich fragte noch einmal, wen er mit den Schuldigen gemeint habe.</p><p>�Ich habe genug Gest�ndnisse�, erwiderte er selbstgef�llig, und als ich ihm nicht glauben wollte, f�hrte er mich in die Keller hinunter und zeigte mir seine jammernden, halbtoten Opfer.</p><p>�Ich habe nat�rlich nur gebrandmarkte Verbrecher, entlaufene Sklaven und solche, die offensichtlich etwas verschwiegen, foltern lassen�, erkl�rte er. �Es hat im allgemeinen gen�gt, sie auszupeitschen, aber in einzelnen F�llen mu�ten wir, wie du siehst, zu gl�henden Stangen und Eisenklauen greifen. Diese Christen sind sehr dickfellig. Einige gingen mir ein, ohne gestanden zu haben. Sie riefen nur ihren Christus zu Hilfe. Andere wieder gestanden, sobald sie die Folterwerkzeuge erblickten.�</p><p>�Was gestanden sie?� fragte ich.</p><p>�Da� sie auf Christi Gehei� Rom angez�ndet haben�, sagte Tigellinus unverfroren und starrte mir herausfordernd in die Augen. Als er bemerkte, da� ich in Zorn geriet, f�gte er beschwichtigend hinzu: �So kann man es jedenfalls auffassen. Der eine oder andere gab halb und halb zu, da� er zusammen mit den Soldaten H�user angez�ndet hatte. Einen Verbrecherbund oder eine Verschw�rung habe ich eigentlich nicht aufdecken k�nnen, aber mehrere im �brigen durchaus achtbare M�nner haben freiwillig zugegeben, da� ihrer Ansicht nach ihr Gott die Stadt ihrer S�nden wegen durch das Feuer gestraft hat. Was willst du mehr? Andere erz�hlten mir, da� sie w�hrend des Brandes darauf gewartet h�tten, da� ihr Gott vom Himmel niedersteige, um alle zu richten, die sich nicht zu Christus bekennen. Das deutet auf eine geheime Verschw�rung gegen den Staat hin, und deshalb m�ssen die Christen f�r ihren Aberglauben bestraft werden, gleichg�ltig ob sie mit eigener Hand den Brand legten oder von dem grausamen Plan nichts wu�ten.�</p><p>Ich zeigte auf ein junges M�dchen, das mit Lederriemen gebunden auf einer blutbesudelten Steinbank lag. Sie blutete aus dem Mund, und Brust und Glieder waren von den Eisenklauen so gr��lich zerfleischt, da� sie offenbar das Bewu�tsein verloren hatte, wenn sie nicht schon an dem Blutverlust gestorben war. �Was hat dir dieses unschuldige M�dchen gestanden?� fragte ich.</p><p>Tigellinus rieb verlegen die Handfl�chen gegeneinander, wich meinem Blick aus und sagte: �Versuche mich ein wenig zu verstehen. Ich habe den ganzen Morgen mit einem f�rchterlichen Katzenjammer hart gearbeitet. Da mu�te ich mir doch auch ein kleines Vergn�gen leisten! Au�erdem war ich wirklich neugierig, was sie zu gestehen hatte. Ich habe aber nicht mehr aus ihr herausbekommen, als da� bald irgendeiner kommen und mich zur Strafe f�r meine �beltaten ins Feuer werfen wird. Ein rachs�chtiges M�dchen! Sie reden �berhaupt gern vom Feuer, diese Christen. Es gibt ja Menschen, die beim Anblick einer Feuersbrunst ganz au�er sich geraten. Warum h�tte Nero sonst in jener Nacht auf dem Turm des Maecenas gesungen?�</p><p>Ich tat, als betrachtete ich das M�dchen n�her, obwohl es mich in der Kehle w�rgte, und sagte mit Absicht: �Tigellinus, sie sieht aus, als ob sie J�din w�re.�</p><p>Er erschrak und packte mich am Arm. �Sag Poppaea nichts davon�, bat er. �Bei allen Unterirdischen, wie soll ich denn je ein j�disches M�dchen von einem gew�hnlichen unterscheiden! Sie tragen ja kein Merkmal an ihrem K�rper wie die M�nner. Eine Christin war sie aber ganz gewi�. Sie wollte ihrem Aberglauben nicht einmal abschw�ren, als ich ihr versprach, sie daf�r laufen zu lassen.�</p><p>Zum Gl�ck lie� Tigellinus danach die Folterungen einstellen und seine Opfer wieder zu sich bringen, damit sie die Strafe entgegennehmen konnten, die Nero f�r die Brandstiftung festsetzen sollte. Als wir in den Raum zur�ckkehrten, in dem er selbst seine Verh�re vorgenommen hatte, meldete man uns, da� der Senator Pudens Publicola, ein alter Mann aus dem Geschlecht der Valerier, in Begleitung eines �lteren Juden erschienen sei und vorgelassen zu werden w�nschte.</p><p>Tigellinus kratzte sich unangenehm �berrascht den Kopf, sah mich hilfesuchend an und sagte: �Pudens ist ein r�hrseliger, vor Alter schon v�llig verbl�deter Greis. Was kann er gegen mich haben? Ich hoffe, ich habe nicht versehentlich einen seiner Klienten verhaften lassen! Bleib hier und steh mir bei. Du kennst ja die Juden.� Pudens� wei�haariger Kopf zitterte vor Zorn. Zu meiner Verwunderung erkannte ich in dem Begleiter des Alten Kephas, der seinen Hirtenstab in der Hand trug und dessen b�rtiges Gesicht vor Erregung rot anlief. Hinter den beiden trat, bleich vor Angst, ein gewisser Cletus ein, ein junger Mann, den ich bei fr�herer Gelegenheit schon als Dolmetsch des Kephas kennengelernt hatte.</p><p>Tigellinus erhob sich, um Pudens ehrerbietig zu begr��en, aber der Alte st�rzte auf ihn zu, trat mit seinem Purpurstiefel nach ihm und schrie: �Tigellinus, du verfluchter Ro�t�uscher, Hurenbock und Knabensch�nder! Was hast du angerichtet! Was sind das f�r erlogene Beschuldigungen gegen die Christen! Wie weit willst du es in deiner Unversch�mtheit noch treiben!�</p><p>Tigellinus versuchte zu erkl�ren, da� seine Lebensgewohnheiten mit seinem Amt nichts zu tun h�tten, da� es in Rom noch mehr M�nner gebe, die Knaben liebten, und da� er sich nicht zu sch�men brauche, weil er einst in der Verbannung das Leben als Pferdez�chter gefristet habe.</p><p>�Kr�nke mich also nicht l�nger, Pudens, Liebling des Volkes�, schlo� er. �Denk an deine eigene W�rde und daran, da� du zu einem Diener des Staates sprichst. Wenn du eine Klage vorzubringen hast, will ich dich geduldig anh�ren.�</p><p>Kephas warf die Arme empor und begann laut auf aram�isch zu sprechen, ohne uns anzusehen, so als richtete er seine Worte an einen Fremden, der sich mit uns im Raum befand. Tigellinus folgte erschrocken seinem Blick und fragte: �Wer ist der Jude, was sagt er, und mit wem spricht er? Ich hoffe, er verflucht uns nicht! Hat man sich vergewissert, da� er keine Zauberbinden und gef�hrlichen Amulette bei sich tr�gt?�</p><p>Ich packte ihn am Arm, zwang ihn so, mich anzuh�ren, und sagte: �Dies ist der F�hrer der Christen, der ber�hmte Kephas. Er soll Tote erweckt und solche Wunder getan haben, da� Simon der Zauberer, verglichen mit ihm, ein unbeholfener Knabe war. Er steht unter dem Schutz des Senators Pudens, seit er diesen von der Wassersucht geheilt hat.�</p><p>Tigellinus spreizte zwei Finger aus, um die b�sen M�chte abzuwehren, und sagte: �Er ist Jude. Mit ihm habe ich nichts zu schaffen. Bitte ihn, da� er von seinen Beschw�rungen abl��t, in Ruhe seines Weges geht und seinen Zauberstab mitnimmt, ehe ich mich erz�rne.� Der Senator Pudens hatte sich mittlerweile beruhigt und sagte nun: �Der ehrw�rdige Kephas ist gekommen, um selbst alle Beschuldigungen zu widerlegen, die du gegen die Christen erfunden hast. Er verlangt, da� du die anderen freil��t und an ihrer Stelle ihn selbst festnimmst. Er ist ihr Hirte, und alle anderen, vom Geringsten bis zum H�chsten, sind nur seine Schafe.�</p><p>Tigellinus trat erbleichend an die Wand zur�ck und bat mit zitternden Lippen: �F�hrt ihn weg, bevor ich ihn mit der Gei�el hinausjagen lasse. Sagt ihm, er soll am besten die Stadt verlassen. Ich untersuche auf Befehl des Kaisers die Verschw�rung der Christen, deren Ziel die Zerst�rung Roms war. Die Brandstifter haben schon gestanden, aber ich will meinetwegen gern zugeben, da� viele anst�ndige Christen und vielleicht auch dieser alte Zauberer da mit seinem Stab nichts von dem entsetzlichen Plan wu�ten.�</p><p>Pudens lauschte mit offenem Mund und zitterndem Kinn. Dann sch�ttelte er mitleidig den Kopf und sagte vorwurfsvoll: �Alle Welt wei� doch, da� der Kaiser selbst Rom in Brand stecken lie�, um die Grundst�cke zwischen Caelius und Esquilin f�r seine wahnsinnigen Bauvorhaben zu bekommen. Aber Nero irrt, wenn er glaubt, er kann seine Schuld auf Unschuldige abw�lzen. M�ge er sich vor dem Zorn des Volkes h�ten, wenn dies bekannt wird!�</p><p>Tigellinus blickte sich um, als f�rchtete er, die W�nde k�nnten Ohren haben, und sagte warnend: �Du bist ein alter Mann, Pudens, und schon wirr im Kopf. Du darfst nicht einmal im Scherz sagen, was wir soeben aus deinem Munde geh�rt haben. Oder bist du vielleicht selbst Christ und in deiner Torheit in diese Sache verwickelt? Nimm dich in acht! Du geh�rst zu denen, die man mir angezeigt hat, aber ich nehme eine solche unsinnige Beschuldigung nat�rlich nicht ernst. Ein r�mischer Senator kann wohl nicht Christ sein!�</p><p>Er versuchte zu lachen, starrte aber unverwandt auf Kephas und zuckte jedesmal zusammen, wenn dieser eine Bewegung machte. Pudens erinnerte sich seines Rangs und seiner Stellung und sah ein, da� er zu weit gegangen war. Daher sagte er nun beg�tigend: �Es mag sein, da� es Hitzk�pfe und Schw�rmer unter den Christen gibt und sogar falsche Propheten. Vielleicht hat sich auch ein Wolf in Schafskleidern unter sie gemengt. Kephas aber wird bei einem �ffentlichen Proze� f�r sie alle einstehen, und ich hoffe nur, da� er nicht auf Gehei� des Geistes Worte sagt, die Nero erschrecken.�</p><p>Tigellinus beruhigte sich ein wenig und erwiderte: �Ich bin ein Mensch, der mit sich reden l��t und jederzeit bereit ist, anderen auf halbem Wege entgegenzukommen. Aber dein j�discher Zauberer kann in dieser Sache f�r niemanden einstehen. Er hat seine Rechte und seine Sonderstellung wie alle diese verfluchten Juden. Nero hat mir ausdr�cklich befohlen, die Finger von den Juden zu lassen, denn in ihrem Augiasstall k�nnte nicht einmal Herkules selbst die Rechtgl�ubigen von den Irrgl�ubigen scheiden. Meiner Meinung nach w�re Rom ohne die Juden besser daran, aber das ist nur meine pers�nliche Ansicht, die nicht ins Gewicht f�llt. Ich mu� dem Kaiser gehorchen.�</p><p>Ich erkl�rte Cletus, der meine Worte f�r Kephas ins Aram�ische �bersetzte, in aller K�rze den juristischen Sachverhalt. Kephas bekam wieder einen roten Kopf, versuchte anfangs beherrscht zu sprechen, ereiferte sich dann aber und schrie zuletzt mit Donnerstimme. Cletus versuchte zu dolmetschen, ich selbst mischte mich gleichfalls ein, Pudens redete dazwischen, was ihm gerade einfiel, und keiner verstand, was der andere sagte.</p><p>Tigellinus hob abwehrend beide H�nde, bat uns zu schweigen und sagte: �La�t es genug sein. Aus Achtung vor deinem wei�en Haupt, Pudens, und um die Gunst dieses m�chtigen Zauberers zu gewinnen, bin ich bereit, zehn oder zwanzig oder sagen wir hundert Christen freizugeben, die er selbst ausw�hlen darf. Ich habe ohnehin zu viele Christen und bin froh, wenn ich auf eine vern�nftige Weise einige davon loswerde.�</p><p>Kephas dachte einen Augenblick �ber diesen Vorschlag nach, lehnte ihn dann aber ab und verlangte halsstarrig, man solle ihn gefangennehmen und die anderen freilassen. Das war eine wahnwitzige Forderung, aber als ich sp�ter dar�ber nachdachte, sah ich ein, da� Kephas von seinem Standpunkt aus klug gehandelt hatte. Wenn er aus der gro�en Zahl der Gefangenen nach eigenem Gutd�nken hundert ausgew�hlt h�tte, w�rde dies gerade nun, da die Sprecher der verschiedenen Parteien sich angesichts der gemeinsamen Pr�fung miteinander ausges�hnt hatten, zu neuem Mi�trauen und Streit Anla� gegeben haben.</p><p>Unsere Verhandlungen f�hrten zu nichts. Zuletzt verlor Tigellinus trotz seiner Furcht vor Zauberei die Geduld und rannte mit langen Schritten aus dem Raum. Wir h�rten, wie er drau�en den Wachtposten befahl, den aufs�ssigen Juden mit der Gei�el davonzujagen.</p><p>�Wendet aber nicht mehr Gewalt an, als unbedingt n�tig ist!� rief er. �Und r�hrt mir den Senator Pudens nicht an. Er ist ein Publicola!�</p><p>Die Pr�torianer wollten nicht gehorchen. Einige von ihnen hatten Paulus reden geh�rt, als sie ihn bewachten, und hegten seither insgeheim Achtung f�r die Christen. Sie warnten ihre Kameraden, und Tigellinus konnte sie nicht einmal zur Rechenschaft ziehen, weil er selbst die Zauberk�nste des Kephas f�rchtete. Sogar der Kasernenzenturio des Pr�toriums warnte ihn davor, sich an einem so heiligen Mann zu vergreifen.</p><p>Schlie�lich war Tigellinus gezwungen, denjenigen, die bereit waren, Kephas aus dem Lager zu treiben und daf�r zu sorgen, da� er au�erhalb der Mauern blieb, einen zus�tzlichen Monatssold zu versprechen. Da endlich meldeten sich f�nf grobschl�chtige Kerle, die sich gegenseitig Mut machten, indem sie versicherten, sie f�rchteten nicht einmal die M�chte der Unterwelt. Sie leerten hastig jeder ein Ma� Wein und st�rzten dann ins Haus, um Kephas mit kr�ftigen Gei�elhieben hinauszutreiben.</p><p>Pudens durfte nicht einschreiten, denn nicht einmal ein Senator ist befugt, einen milit�rischen Befehl aufzuheben. Er konnte nur schimpfen und Tigellinus drohen, der vorsichtshalber zwanzig Schritte zur�ckwich und die Pr�torianer mit lauten Rufen zur Eile antrieb.</p><p>Die mit Bleikugeln beschwerten Gei�elschn�re klatschten auf Kephas� Schultern und Gesicht, aber der hochgewachsene alte Mann richtete sich nur noch h�her auf, l�chelte mild, segnete die Soldaten und bat sie, fester zu schlagen, da es ihm eine Freude sei, um Christi willen zu leiden.</p><p>Um ihnen ihr Werk zu erleichtern, zog er sich den groben Mantel aus und reichte ihn Pudens, damit er nicht mit Blut besudelt wurde. Pudens w�rde ihn gern gehalten haben, aber das konnte ich, da er doch Senator war, nicht zulassen. Ich nahm daher selbst den Mantel �ber den Arm.</p><p>Die Soldaten schlugen, wild vor Angst, mit voller Kraft auf Kephas ein und verletzten sich aus Versehen gegenseitig mit den Gei�eln. Das Blut str�mte Kephas �bers Gesicht und sammelte sich in seinem grauen Bart. Sein Untergewand hing bald in Fetzen an ihm nieder. Je h�rter aber die Soldaten zuschlugen, desto inniger l�chelte er. Ab und zu brach er in Freudenrufe aus und bat Christus, sie zu segnen, weil sie ihm so gro�e Freude zuteil werden lie�en.</p><p>Als Tigellinus dieses grausame Schauspiel sah, wurde er erst recht in seiner Meinung best�rkt, da� Kephas, da er offenbar nicht einmal k�rperlichen Schmerz f�hlte, ein f�rchtenswerter Zauberer sei, entsetzlicher noch als Apollonius von Tyana. Er befahl den Soldaten br�llend, die Gei�eln wegzuwerfen und Kephas hinauszutragen.</p><p>Sie scheuten zwar davor zur�ck, ihn mit H�nden zu ber�hren, aber ihre Soldatenehre stand auf dem Spiel. Durch das Gel�chter und die Spottrufe ihrer Kameraden aufgehetzt, ergriffen sie ihn laut fluchend und hoben ihn wirklich vom Boden auf, obwohl er sich mit seinen gewaltigen Kr�ften zur Wehr setzte, wobei er jedoch darauf bedacht war, die Soldaten nicht zu schlagen oder anderswie zu verletzen.</p><p>Es gelang ihnen, ihn durch die Arkade auf die Marmortreppe hinauszutragen. Dort ri� er sich aus ihren F�usten los und versprach, freiwillig durch das Tor zu gehen, wenn sie ihn auf dem Wege gei�elten. Sie lie�en ihn gern frei, denn ihre Arme waren schon erlahmt, und in ihren Gei�elhieben war keine rechte Kraft mehr.</p><p>Die gefangenen Christen umringten Kephas, ohne da� sie jemand hinderte, riefen jubelnd seinen Namen und fielen zu beiden Seiten seines Weges auf die Knie nieder, um ihm ihre Verehrung zu zeigen. Er sprach ihnen Mut zu, hob die Arme, um sie zu segnen, l�chelte und rief immer wieder Christi Namen. Die Gefangenen sch�pften fromme Zuversicht und neuen Mut, als sie sahen, wie der blut�berstr�mte Kephas mit Gei�elhieben aus dem Lager getrieben wurde, und sie mi�trauten einander nicht mehr.</p><p>Kephas war fest entschlossen, vor dem Tor zu bleiben und zu warten, ohne zu essen und zu trinken, aber Pudens �berredete ihn zuletzt doch mit guten Worten und �bergab ihn seinen Begleitern, damit sie ihn rasch und in aller Heimlichkeit in sein Haus f�hrten. Er stellte ihm dazu seine eigene S�nfte zur Verf�gung, obwohl Kephas, der sich vor Ersch�tterung und nach dem Blutverlust kaum auf den Beinen zu halten vermochte, lieber zu Fu� gegangen w�re. Pudens selbst kehrte noch einmal zur�ck, um mit Tigellinus auf vern�nftige r�mische Art zu verhandeln.</p><p>Als Tigellinus sah, wie die Christen noch immer laut rufend und mit frohen Mienen in den Hof des Pr�toriums dr�ngten, gewann er die Fassung zur�ck, befahl, sie in die Einz�unung des Exerzierfeldes zur�ckzutreiben, und forderte einige der n�chststehenden auf, das Blut vom Boden und von den W�nden seines Verh�rraums zu wischen.</p><p>Die Christen sahen einander ratlos an. Sie hatten weder B�rsten noch Wassereimer. Tigellinus lachte und rief: �Meinetwegen k�nnt ihr das Blut aufschlecken!� Da lie�en sie sich auf die Knie nieder und trockneten jeden Tropfen behutsam mit ihren Kleidern und Halst�chern auf, da das Blut nach ihrer Meinung f�r ihren Gott vergossen worden war und sie an die Leiden Christi erinnerte.</p><p>Als vern�nftiger Mann versuchte Pudens nun zu retten, was noch zu retten war, und erinnerte Tigellinus k�hn an sein Versprechen, da� unter den Gefangenen hundert ausgew�hlt werden d�rften. Tigellinus, der sich seiner hohen Geburt wegen mit ihm gutstellen wollte, erwiderte: �Nimm dir meinethalben zweihundert von denen, die leugnen, sich an der Brandstiftung beteiligt zu haben.�</p><p>Pudens begab sich eilig auf das Exerzierfeld hinaus, bevor Tigellinus seine Zusage, die er aus reiner Erleichterung gegeben hatte, bereuen konnte, aber der Pr�fekt besann sich doch noch zur rechten Zeit auf seinen eigenen Vorteil und rief ihm nach: �Du zahlst mir aber f�r jeden hundert Sesterze L�segeld in meine B�rse!�</p><p>Er wu�te, da� Pudens nicht reich war, sondern nur mit knapper Not die Eink�nfte zusammenbrachte, die er als Senator unbedingt nachweisen mu�te. Kaiser Claudius hatte seinerzeit einmal den erforderlichen Betrag aus seiner eigenen Tasche erlegt, damit Pudens nicht seiner Armut wegen aus den Reihen der Senatoren ausscheiden mu�te. Tigellinus sah daher ein, da� er kein h�heres L�segeld von ihm verlangen durfte.</p><p>Aus den vielen tausend Christen w�hlte Pudens M�nner, die Kephas nahestanden, sowie Frauen, die Kinder daheim hatten oder aus anderen dringenden Ursachen nach ihrem Haushalt sehen mu�ten. Er hielt es nicht f�r n�tig, auch M�dchen auszul�sen, da er nicht annahm, sie k�nnten der Brandstiftung angeklagt werden. Seiner Meinung nach drohte keiner der Frauen irgendeine Gefahr oder Strafe, ja er hielt es nicht einmal f�r m�glich, mit den k�mmerlichen Beweisen, die Tigellinus zu besitzen glaubte, ein ordentliches Gerichtsverfahren einzuleiten.</p><p>Daher begn�gte er sich damit, seine eigenen Freunde unter den Christen zu tr�sten und ihnen zu versichern, da� man sie als unbescholtene B�rger bald freilassen werde. Man dr�ngte sich auch nicht um ihn. Im Gegenteil, mehrere M�nner und Frauen, die er ausgew�hlt hatte, weigerten sich, ihre Glaubensbr�der zu verlassen.</p><p>Pudens nahm etwas �ber zweihundert Personen mit und handelte mit Tigellinus, so da� dieser es zuletzt mit der Zahl nicht so genau nahm und sich aus Freundschaft mit einer Summe von zehntausend Sesterzen zufriedengab.</p><p>Seine Nachgiebigkeit reizte mich, und ich fragte, ob auch ich einige ausl�sen d�rfe, in denen ich Anh�nger des Paulus wiedererkannt hatte. Es schien mir um der Einigkeit unter den Christen willen n�tig, da� auch solche freigelassen wurden, die Paulus nahestanden, damit b�se Zungen nicht behaupten konnten, diejenigen, die Kephas� Gunst besa�en, seien bevorzugt worden.</p><p>Letztere warfen Paulus vor, seine Reden seien dunkel und unbegreiflich, w�hrend jene wiederum, die sich um ihn scharten, die g�ttlichen Geheimnisse am besten zu verstehen glaubten. Mir war recht froh zumute, als ich daran dachte, wie ich mich vor Claudia damit br�sten konnte, da� ich ohne eigenen Gewinn so vielen Christen in der Not geholfen hatte.</p><p>Tigellinus verlangte von mir nicht einmal ein L�segeld, da er meine Hilfe bei der Abfassung eines sachlichen Berichtes �ber den Aberglauben der Christen f�r die Anklageakte ben�tigte. Er konnte mir seine Achtung nicht versagen, da ich keine Angst vor Kephas gehabt hatte und bei ihm geblieben war, wof�r er mir widerstrebend dankte.</p><p>Er selbst f�rchtete Kephas noch immer, denn den Soldaten, die ihn ergriffen und hinausgetragen hatten, war alle Kraft aus den Armen geschwunden. Sie jammerten kl�glich �ber ihre L�hmung, die sie ihrer Ansicht nach ihrem Pr�fekten verdankten, weil der ihnen befohlen hatte, Hand an einen Zauberer zu legen. Ich f�r mein Teil glaube, sie �bertrieben ihre Beschwerden, um mehr bezahlt zu bekommen. Jedenfalls habe ich sp�ter nichts davon geh�rt, da� sie bleibenden Schaden davongetragen h�tten.</p><p>Tigellinus war nun bereit, die Sache Nero vorzutragen. Er bat mich, ihn zu begleiten, da ich mich als sachverst�ndig erwiesen hatte und die Christen kannte, und meinte, ich sei dazu geradezu verpflichtet: da ich Poppaea falsche Ausk�nfte gegeben und dadurch Nero irregef�hrt h�tte. Auch war er der Ansicht, es schade nichts, da� ich Mitleid mit den Christen hatte und nicht alles glaubte, was er beim Verh�r aufgedeckt zu haben meinte. Im Gegenteil, unser Vortrag w�rde nur um so unparteiischer wirken, wenn ich sie verteidigte.</p><p>Wir ritten zum Esquilin, denn um die Bauarbeiten nach der Verbreiterung der Stra�en zu beschleunigen, waren Fuhrwerke und Reitpferde auch tags�ber innerhalb der Mauern zugelassen worden. Nero war bei bester Laune. Er hatte gerade mit seinem Gefolge eine gute Mahlzeit beendet und sich in einem kalten Bad erfrischt, um bis zum Abend weiter essen und trinken zu k�nnen, wie es bisweilen seine Gewohnheit war.</p><p>Er war mit sich selbst �beraus zufrieden, weil er, wie er glaubte, eine in politischer Hinsicht ganz vortreffliche Methode entdeckt hatte, die Aufmerksamkeit des Volkes von sich ab und auf die verbrecherischen Umtriebe der Christen zu lenken und damit die b�sen Ger�chte zum Verstummen zu bringen. Die gro�e Zahl der Gefangenen nahm er unger�hrt zur Kenntnis, denn er hielt an seiner Anschauung fest, die Christen seien lauter Verbrecher und anderes Gesindel.</p><p>�Wir m�ssen lediglich eine Strafe finden, die der Abscheulichkeit ihres Verbrechens gerecht wird�, meinte er l�chelnd. �Je strenger sie bestraft werden, desto lieber glaubt das Volk, da� sie auch wirklich an dem Brand schuld sind. Wir m��ten dem Volk bei dieser Gelegenheit ein Schauspiel bieten, wie dergleichen noch nie zuvor gesehen wurde. Das h�lzerne Amphitheater kommt nicht in Frage, denn seine Keller sind noch mit Obdachlosen �berf�llt. Der gro�e Zirkus ist niedergebrannt. Wir m�ssen also meinen eigenen Zirkus auf dem Vatikanischen H�gel nehmen. Er ist zwar ein wenig eng, aber wir k�nnen am Abend in meinen G�rten gleich daneben, unterm Janiculum, ein gro�es Volksfest veranstalten.�</p><p>Ich ahnte noch nicht, wo er hinauswollte, aber ich erdreistete mich, zu bemerken, da� zun�chst einmal ein �ffentlicher Proze� durchgef�hrt werden m�sse und da� man auf Grund der bis dahin vorliegenden Beweise wohl kaum jemanden der Brandstiftung werde �berf�hren k�nnen.</p><p>�Warum ein �ffentlicher Proze�?� fragte Nero verwundert. �Die Christen sind Verbrecher und entlaufene Sklaven, die nicht das B�rgerrecht besitzen. Um solches Pack abzuurteilen, braucht man nicht die Hundertm�nner. Ein Entscheid des Pr�fekten gen�gt vollauf.�</p><p>Tigellinus erkl�rte, da� �berraschend viele der Verhafteten B�rger waren, gegen die sich nichts anderes anf�hren lie�, als da� sie sich freim�tig zu Christus bekannten. Er wu�te auch nicht, wie er f�nftausend Menschen mehrere Tage lang auf dem Exerzierfeld beherbergen sollte, und wies darauf hin, da� die verhafteten B�rger �ber hinreichend gro�e Mittel zu verf�gen schienen, um gegen ein gew�hnliches Gerichtsurteil Berufung einzulegen und sich an den Kaiser selbst zu wenden. Der Kaiser m�sse daher im voraus entscheiden, ob das blo�e Bekenntnis zu Christus bereits f�r die Verurteilung ausreiche.</p><p>�F�nftausend, sagst du?� fragte Nero eifrig. �So viele sind noch nie bei einer einzigen Vorstellung aufgetreten, nicht einmal bei den gr��ten Triumphen. Aber meiner Ansicht nach mu� eine Vorstellung gen�gen. Wir k�nnen nicht tagelang feiern, denn das w�rde die Bauarbeiten zu sehr aufhalten. K�nntest du sie nicht durch die ganze Stadt auf die andere Tiberseite hin�berf�hren und gleich in meinem Zirkus einquartieren? Das Volk bek�me auf diese Weise einen Vorgeschmack, und ich h�tte nichts dagegen, wenn es seinem Zorn �ber ihr Verbrechen Luft machte. Meinetwegen d�rfen unterwegs ruhig ein paar in St�cke gerissen werden, solange nur keine gr��ere Unordnung entsteht.�</p><p>Mir schien, Nero habe noch nicht recht begriffen, worum es ging und welche Ausma�e die Sache angenommen hatte, weshalb ich sagte: �Verstehst du nicht, da� die meisten anst�ndige, unbescholtene Leute sind, viele darunter M�dchen und Knaben, die man keiner �beltat verd�chtigen kann? Und viele tragen die Toga. Du denkst doch nicht im Ernst daran, zuzulassen, da� der P�bel die r�mische Toga verunehrt!�</p><p>Nero starrte mich eine Weile finster an: �Du zweifelst offenbar an meinem Verstand und meinem Urteil, Manilianus�, entgegnete er und nannte mich zum Zeichen seiner Ungnade nur bei meinem Familiennamen. Pl�tzlich aber kam ihm ein neuer Einfall, und er lachte laut auf. �Tigellinus kann sie ja nackt durch Rom ziehen lassen�, schlug er vor. �Das Volk wird seinen Spa� daran haben, und niemand wird die Strolche von den Ehrenm�nnern unterscheiden k�nnen.� Er sch�ttelte den Kopf und f�gte hinzu: �Ihre vorgebliche Unschuld ist reine Verstellung. Meine eigenen Erfahrungen haben mich gelehrt, am meisten denen zu mi�trauen, die ihre Schlechtigkeit mit �u�erlicher Fr�mmigkeit und einem sittenstrengen Lebenswandel bem�nteln. Ich wei� �ber den Aberglauben der Christen so viel, da� die strengste Strafe noch zu milde ist. Wollt ihr h�ren?�</p><p>Er blickte sich fragend um. Ich wu�te, da� es das beste war, zu schweigen, wenn er reden wollte, und wir alle baten ihn, fortzufahren.</p><p>�Der Aberglaube der Christen ist so sch�ndlich und abscheulich, da� dergleichen nur im Osten entstanden sein kann�, erkl�rte er. �Sie betreiben greuliche Zauberei und wollen eines Tages die ganze Welt verbrennen. Sie erkennen einander an geheimen Zeichen und versammeln sich des Abends hinter verschlossenen T�ren, um Menschenfleisch zu essen und Blut zu trinken. Zu diesem Zweck nehmen sie die Kinder, die gutgl�ubige Menschen ihrer Obhut anvertrauen, und opfern sie bei ihren geheimen M�hlern. Wenn sie gegessen und getrunken haben, treiben sie auf allerlei nat�rliche und widernat�rliche Weise Unzucht miteinander, ja sie vereinigen sich sogar mit Tieren, vor allem mit Schafen, wie man mir sagte.�</p><p>Er blickte sich triumphierend um. Ich glaube, Tigellinus �rgerte sich, weil Nero ihm zuvorkam und ihm keine Gelegenheit gab, vorzutragen, was er bei seinen Verh�ren herausbekommen hatte. Er streckte die Zungenspitze vor und sagte ver�chtlich: �Der Unzucht wegen kannst du sie nicht gut verurteilen. Ich kenne einige Leute in unserer n�chsten Umgebung, die ebenfalls hinter verschlossenen T�ren zusammenkommen, um miteinander Unzucht zu treiben.�</p><p>Nero lachte. �Das ist doch nicht dasselbe! Die Leute, die du meinst, versammeln sich in bestem Einvernehmen, studienhalber und um ihres eigenen Vergn�gens willen, zu solchem Zeitvertreib. Aber ich bitte euch: von alldem kein Wort zu Poppaea. Sie ist nicht so nachsichtig, wie es zu w�nschen w�re. Die Christen dagegen betreiben derlei Dinge als eine Art Verschw�rung zu Ehren ihrer G�tter und erhoffen sich davon allerlei Vorteile gegen�ber anderen Menschen. Sie glauben, ihnen sei alles erlaubt, und wollen, sobald sie die Macht h�tten, �ber alle anderen zu Gericht sitzen. W�ren diese Anschauungen nicht so lachhaft, sie k�nnten politisch gef�hrlich sein.�</p><p>Wir stimmten in sein ein wenig gequ�ltes Lachen ein. Tigellinus nutzte die Gelegenheit und sagte rasch: �Die Keller unter deinem Zirkus sind zu klein f�r f�nftausend Menschen. Ich bin immer noch der Meinung, da� wir die B�rger aus dem Spiel lassen sollten, und schlage vor, wir geben alle frei, die aufrichtig versprechen, vom Aberglauben der Christen abzulassen, und im �brigen achtbare B�rger sind.�</p><p>�Dann bleiben nicht mehr genug zur Bestrafung �brig�, wandte Nero ein. �Es ist doch selbstverst�ndlich, da� jeder die Gelegenheit ergreifen wird, sich aus dem Staube zu machen. Nein, an der Verschw�rung sind sie alle mit beteiligt, auch wenn sie mit der Brandstiftung selbst nichts zu tun haben. Sollte ich wirklich zu der Auffassung kommen, es seien zu viele � was ich aber im Hinblick auf ihr abscheuliches Verbrechen kaum f�r m�glich halte �, so kann ich sie immer noch Lose ziehen lassen, wie man es im Krieg macht, wenn eine Legion eine schimpfliche Niederlage erlitten hat. Corbulo, zum Beispiel, hat die Erlaubnis erhalten, in Armenien jeden zehnten Mann mit Hilfe des Loses aussondern und hinrichten zu lassen, und da hat es dann Helden wie Feiglinge getroffen. Ich schlage also vor, da� du gegebenenfalls das Los entscheiden l��t und jeden zehnten freigibst. Die Strafe, die die anderen erleiden, wird die Begnadigten so einsch�chtern, da� der Aberglaube der Christen f�r alle Zeit aus Rom verschwinden wird.�</p><p>Tigellinus bemerkte gekr�nkt, es habe ihm bisher noch niemand �bertriebene Milde bei der Aus�bung seines Amtes vorgeworfen. �Ich denke lediglich an die praktische Seite der Sache�, sagte er gereizt. �F�nftausend Menschen auf eine k�nstlerische Art und Weise hinrichten, so wie du dir das vorstellst, das l��t sich in deinem engen Zirkus an einem einzigen Tage nicht machen, und wenn wir in allen G�rten rings umher Kreuze aufstellten! Nein, so etwas will ich gar nicht erst versuchen. Wenn du aber keine k�nstlerische Vorstellung verlangst, dann k�nnen wir nat�rlich eine Massenhinrichtung veranstalten. Nur f�rchte ich, da� das Volk nicht viel davon haben wird. Es wird sich langweilen, denn es gibt nichts Eint�nigeres als so ein ununterbrochenes Gemetzel.�</p><p>Seine Worte erschreckten uns alle so sehr, da� wir ihn nur stumm anstarrten. Wir hatten uns gedacht, da� man einige Dutzend Christen auf irgendeine grausame Art hinrichten und die �brigen in einer gro�en Vorstellung auftreten lassen werde. Petronius sch�ttelte den Kopf und sagte endlich: �Nein, das w�re geschmacklos.�</p><p>Tigellinus fuhr fort: �Ich m�chte nicht, da� man dich und vielleicht auch mich beschuldigt, wir h�tten uns �ber die Rechte von B�rgern hinweggesetzt. Wir m�ssen das Eisen schmieden, solange es hei� ist. Ich habe zehn oder zw�lf Gest�ndnisse, aber sie gen�gen nicht f�r einen �ffentlichen Proze�, und die M�nner und Frauen, die gestanden haben, sind nicht in der Verfassung, da� man sie �ffentlich vorzeigen kann.�</p><p>Unsere Blicke machten ihn verlegen, und er fuhr m�rrisch fort: �Einige sind bei dem Versuch, zu fliehen, umgekommen. So etwas kommt �fter vor.�</p><p>Ich hatte wieder das Gef�hl, von schweren Bleigewichten erdr�ckt zu werden, aber ich raffte mich auf und sagte: �Imperator, ich kenne die Christen und ihre Sitten und Br�uche. Sie sind friedfertige Menschen, die gern f�r sich bleiben, sich nicht in politische Dinge mischen und das B�se meiden. Ich wei� nur Gutes �ber sie. Sie sind vielleicht ein wenig einf�ltig in ihrem Glauben, da� ein gewisser Jesus von Nazareth, den sie Christus nennen und der unter Pontius Pilatus in Jud�a gekreuzigt wurde, sie von allen S�nden erl�sen und ihnen das ewige Leben geben wird. Aber Einfalt als solche ist wohl nicht strafbar.�</p><p>�Das ist es eben! Sie glauben, da� sie f�r die schlimmsten Verbrechen Vergebung erhalten werden und da� ihnen daher alles erlaubt sei�, sagte Nero ungeduldig. �Wenn das keine gef�hrliche Lehre ist, dann m�chte ich wissen, was �berhaupt f�r den Staat gef�hrlich ist!�</p><p>Einige wandten z�gernd ein, das Ger�cht �bertreibe vielleicht die Gef�hrlichkeit der Christen. Wenn man einen Teil bestrafte, w�rden die anderen sich aus Furcht vor ihrem Aberglauben lossagen. Aber Tigellinus rief triumphierend: �In Wirklichkeit hassen sie die ganze Menschheit und glauben, da� ihr Christus sich offenbaren wird, um dich, Imperator, und auch meine Wenigkeit zur Strafe f�r unsere �beltaten bei lebendigem Leibe verbrennen zulassen!�</p><p>Nero lachte und zuckte die Schultern. Zu seiner Ehre mu� gesagt werden, da� er Verunglimpfungen seiner eigenen Person gelassen hinnahm und sogar M�nner, die boshafte Verse auf ihn dichteten, wohlwollend behandelte. Er blickte jedoch betroffen auf, als Tigellinus, an mich gewandt, fortfuhr: �Hast du, Minutus, mir gesagt, da� die Christen nicht einmal Theatervorstellungen dulden?�</p><p>�Sie hassen das Theater!� sagte Nero und erhob sich langsam, denn er ertrug es nicht, da� man seine Sangeskunst geringsch�tzte. �Wenn dem so ist, sind sie wirklich Feinde der Menschheit und verdienen die h�rteste Strafe. Wir verurteilen sie wegen Brandstiftung und allgemeinen Menschenhasses. Ich denke, es wird sich niemand erheben, um sie zu verteidigen!�</p><p>Ich stand mit zitternden Knien auf und sagte starrsinnig: �Ich habe selbst an den heiligen M�hlern der Christen teilgenommen, und ich kann beschw�ren, da� dort nichts Unziemliches geschehen ist. Sie tranken Wein und a�en Brot und andere gew�hnliche Speisen. Sie halten Brot und Wein f�r Christi Fleisch und Blut. Nach dem Mahl k�ssen sie sich, doch daran kann ich nichts B�ses finden.�</p><p>Nero wischte meine Worte fort wie eine Fliege und sagte: �Reize mich nicht, Manilianus. Wir wissen, da� du nicht zu den Kl�gsten geh�rst, wenn du daf�r auch andere gute Eigenschaften haben magst. Die Christen haben dich in deiner Leichtgl�ubigkeit get�uscht.�</p><p>�Richtig!� best�tigte Tigellinus seine Worte. �Unser Minutus ist viel zu gutgl�ubig. Diese Zauberer haben ihm den Blick verwirrt. Sie haben auch mir hart zugesetzt, w�hrend der Verh�re. Nach au�en hin geben sie sich als bescheidene, wohlanst�ndige Leute, und sie locken die Armen durch freie Mahlzeiten an. Wer aber an ihren Mysterien teilnimmt, der erliegt ihren Zauberk�nsten.�</p></section><section><p>Zuletzt gab Nero so weit nach, da� er erkl�rte, etwa dreitausend Gefangene w�rden f�r seine Vorstellung gen�gen. Er erlaubte Tigellinus, alle freizulassen, die ihrem Aberglauben abschworen, vorausgesetzt, da� noch genug zur Bestrafung �brigblieben. �Wir anderen wollen uns unterdessen etwas ausdenken, woran das Volk seinen Spa� haben wird�, sagte er. �Und du, Tigellinus, sorgst daf�r, da� f�r die Theatervorstellung auch einige makellose J�nglinge und Jungfrauen �brigbleiben, und nicht nur gebrandmarkte Sklaven.�</p><p>Der Mensch glaubt allzu gerne, was er hofft. Daher dachte ich, als ich Tigellinus zum Pr�torianerlager zur�ckbegleitete, da� Nero nur einige Christen hinrichten lassen wollte, um das Volk zufriedenzustellen, und da� die �brigen in einer schimpflichen, erniedrigenden Vorstellung auftreten sollten. Tigellinus schwieg. Er hatte seine eigenen Pl�ne, von denen ich noch nichts ahnte.</p><p>Wir begaben uns zum Exerzierfeld. Die Gefangenen waren von der Sonne ersch�pft, denn es war ein hei�er Herbsttag. Man hatte Lebensmittel und Wasser aus der Stadt herbeigeschafft, aber nicht genug f�r alle. Viele, die hungrig und durstig waren, baten, sich selbst etwas bringen lassen zu d�rfen, wie es das Gesetz und die gute Sitte erlaubten.</p><p>Wenn Tigellinus einen Mann in der Toga erblickte, blieb er bei ihm stehen, sprach freundlich mit ihm und fragte: �Bist du einer von denen, die Rom angez�ndet haben?� Sobald der Mann verneinte, fragte er: �Bist du schon einmal wegen eines sch�ndlichen Verbrechens bestraft worden?� Erhielt er auch darauf eine zufriedenstellende Antwort, rief er erleichtert: �Gut! Du scheinst mir ein Ehrenmann zu sein. Ich lasse dich frei, wenn du versprichst, dem verderblichen Irrglauben der Christen abzuschw�ren. Du hast gewi� hundert Sesterze, um die Haftkosten zu bezahlen.�</p><p>Er war jedoch unangenehm �berrascht, und auch ich war, um die Wahrheit zu sagen, verbl�fft, als einer nach dem anderen ruhig zur Antwort gab, er k�nne Christus nicht verleugnen, der ihn von seinen S�nden erl�st und in sein Reich gerufen habe. Im �brigen sagten sie, seien sie gern bereit, heimzugehen und f�nfzig, hundert oder auch f�nfhundert Sesterze zu zahlen, um dem Staat die Auslagen zu ersetzen.</p><p>Zuletzt stellte sich Tigellinus taub, murmelte eine Frage: �Du sagst dich also von Christus los?� gab sich selbst die Antwort und sagte hastig: �Gut, gut, du kannst gehen!� Er verlangte nicht einmal mehr ein Bestechungsgeld und wollte nur, da� sie auch wirklich gingen. Viele waren aber so starrsinnig, da� sie heimlich zur�ckkehrten und sich unter den anderen Christen versteckten.</p><p>Unterdessen lie� Tigellinus durch Pr�torianer, die den Ordnungsdienst in der Stadt versahen, �berall bekanntmachen, da� die am Brande Roms schuldigen Christen quer durch das Tr�mmerfeld und die Via Sacra entlang auf die andere Seite des Flusses, in Neros Zirkus, gef�hrt werden sollten. Der Begleitmannschaft gab er zu verstehen, da� er nichts dagegen hatte, wenn der eine oder andere unterwegs entkam und im Gedr�nge verschwand. Einige Greise und zarte Frauen klagten, der Weg sei zu weit, aber Tigellinus meinte scherzend, er k�nne nicht f�r jeden kleinen Spaziergang allen eine S�nfte besorgen.</p><p>Entlang des Weges versammelten sich johlende Volkshaufen, die die Christen mit Steinen und Kot bewarfen, aber der Zug der Gefangenen war so lang, da� auch die lautesten Schreier erm�deten, ehe noch das Ende in Sicht kam. Ich ritt an dem Zuge auf und ab und achtete darauf, da� die Pr�torianer ihre Pflicht taten und die Gefangenen besch�tzten.</p><p>Dennoch wurden einige so �bel zugerichtet, da� sie in ihrem Blute liegen blieben. Als wir aber zur Via Sacra kamen, der Himmel sich rot f�rbte und die Schatten lang wurden, herrschte ein seltsames Schweigen unter dem Volk links und rechts des Weges. Es war, als w�re f�r einen Augenblick die ganze Stadt in gespenstische Stille versunken. Die Pr�torianer blickten sich beunruhigt um, denn es hatte sich das Ger�cht verbreitet, der Himmel werde sich auftun und Christus werde herabsteigen, um die Seinen zu besch�tzen.</p><p>Von Hunger, Durst und Schlafmangel ermattet, vermochten viele nicht mehr weiterzugehen und lie�en sich am Wegrand nieder, aber niemand tat ihnen etwas zuleide. Sie baten ihre Glaubensbr�der, sie nicht zur�ckzulassen und ihres Anteils an der Freude in Christus zu berauben. Da mieteten einige der Christen Wagen, auf denen Schutt und Baumaterial bef�rdert wurden, und luden die M�den auf. Bald folgten unserem Zug an die hundert Ochsenkarren, und niemand brauchte mehr zur�ckzubleiben. Tigellinus schritt nicht ein, aber er fluchte und sagte, die Christen in ihrem Aberglauben seien starrsinniger und unbelehrbarer, als er je geahnt habe.</p><p>Er beging einen Fehler, indem er den Zug �ber die Insel des �skulap und durch das Judenviertel zum Vatikanischen H�gel f�hrte. Es d�mmerte schon, und als der Volkshaufe, der dem Zug folgte, die Juden erblickte, st�rzte er sich auf sie, um sie zu mi�handeln, und drang in ihre H�user ein. Tigellinus mu�te den gr��ten Teil der Bewachung abziehen, um die Ordnung wiederherzustellen, so da� der Zug der Christen mehr oder weniger selbst zusehen mu�te, wie er in den Zirkus auf dem Vatikanischen H�gel kam.</p><p>Ich h�rte die M�nner und Frauen an der Spitze einander fragen, ob sie wohl auf dem richtigen Wege seien. Manche verirrten sich in der Dunkelheit in die G�rten Agrippinas, aber gegen Morgen waren alle im Zirkus. Es wurde behauptet, nicht ein einziger der Christen sei entflohen, aber das zu glauben f�llt mir schwer. Die Gelegenheit, sich aus dem Staube zu machen, war zu g�nstig, als die Dunkelheit eingebrochen war und man sich im vierzehnten Stadtteil pr�gelte.</p><p>Die riesige Menschenmenge fand nat�rlich nicht in den Kellern und Stallungen Platz, und viele mu�ten sich in den Sand der Arena legen. Tigellinus erlaubte ihnen, sich mit Heu aus den Vorg�rten ein Lager zu bereiten, und lie� die Wasserleitungen der Rennst�lle f�r sie �ffnen. Er tat es nicht aus Barmherzigkeit. Die Christen waren ihm anvertraut worden, und er war R�mer.</p><p>Einigen Kindern, die ihre Eltern verloren hatten, und einigen jungen M�dchen, die von den Pr�torianern aus der Menge ausgew�hlt und gesch�ndet worden waren, damit dem Gesetz Gen�ge getan wurde, welches vorschreibt, da� keine Jungfrau zur Leibesstrafe verurteilt werden darf, befahl ich streng, nach Hause zu gehen � in Christi Namen, denn anders gehorchten sie mir nicht. Und ich war nicht der einzige, der sich in diesem Durcheinander gezwungen sah, sich auf Christus zu berufen. Auch die Pr�torianer, die bei den Wasserleitungen f�r Ordnung zu sorgen hatten, h�rte ich ihre Befehle in Christi Namen geben.</p><p>Bedr�ckt kehrte ich mit Tigellinus in der Dunkelheit zum Esquilin zur�ck, und wir lie�en uns bei Nero melden. Als er mich sah, fragte er mich ungeduldig: �Wo hast du dich herumgetrieben? Wenn man dich einmal braucht, bist du nicht da. Sag mir, was f�r wilde Tiere du in deinem Tiergarten hast.�</p><p>Ich erwiderte, da� die Auswahl nicht gro� war, da wir wegen des Wassermangels und der Futterknappheit nach dem Brand den Tierbestand einschr�nken mu�ten. F�r Jagdspiele hatte ich eigentlich nur hyrkanische Auerochsen und Jagdhunde, erkl�rte ich, nichts B�ses ahnend. Sabina hatte au�erdem ihre L�wen. �Aber�, sagte ich d�ster, �es wird bei den neuen Wassergeb�hren kaum m�glich sein, den Tiergarten aufzuf�llen.�</p><p>�Man wirft mir immer vor, ich sei zu milde und entw�hnte das Volk der alten r�mischen Tugenden�, unterbrach mich Nero. �Nun soll es einmal haben, wonach es verlangt, sosehr mir solche Grausamkeiten pers�nlich widerstreben. Aber das entsetzliche Verbrechen der Christen und ihr Menschenha� rechtfertigen sie. Die Gefangenen werden gegen wilde Tiere k�mpfen. Ich bin bereits die G�ttersagen durchgegangen, um Anregungen f�r passende Szenen daraus zu sch�pfen. F�nfzig M�dchen k�nnen Danaiden darstellen und f�nfzig J�nglinge deren Gatten. Eine, die Dirke hie�, wurde auf die H�rner eines Stiers gebunden. Das k�nnen wir mehrere M�dchen darstellen lassen.�</p><p>Ich wandte erschrocken stammelnd ein: �Unter deiner Regierungszeit durften im ganzen Reich nicht einmal die schlimmsten Verbrecher zu den wilden Tieren verurteilt werden! Ich glaubte, diese barbarische Sitte h�tte ein f�r allemal ein Ende. Auf so etwas bin ich nicht vorbereitet. Ich habe die erforderlichen Tiere nicht. Nein, ich mag nicht einmal daran denken!�</p><p>Neros Hals schwoll vor Zorn. �Rom irrt, wenn es glaubt, ich scheute mich, Blut im Sand zu sehen!� rief er. �Du tust, was ich dir befehle. Die M�dchen, die Dirke darstellen, werden nackt auf die H�rner von Auerochsen gebunden. Ein paar hundert Menschen k�nnen wir von Hunden zerrei�en lassen.�</p><p>�Die Hunde sind darauf abgerichtet, wilde Tier zu jagen�, sagte ich und wunderte mich �ber seine mangelnde Sachkenntnis. �Sie w�rden niemals einen Menschen angreifen.� Ich dachte einen Augenblick nach und schlug dann vorsichtig vor: �Man k�nnte die Gefangenen bewaffnen und sie mit den Hunden Auerochsen jagen lassen. Bei einer solchen Jagd setzen, wie du wei�t, sogar erfahrene J�ger ihr Leben aufs Spiel.�</p><p>Nero starrte mich b�se an und fragte mit gef�hrlicher Ruhe: �Trotzest du meinem Willen, Manilianus. Ich denke, ich habe dir deutlich genug gesagt, was f�r eine Vorstellung ich morgen von dir haben will.�</p><p>�Morgen!� rief ich. �Du mu�t von Sinnen sein! Das ist ganz und gar unm�glich!�</p><p>Nero richtete seinen gro�en Kopf in die H�he und sagte prahlerisch: �F�r Nero ist nichts unm�glich. Morgen haben wir die Iden. Bei Tagesanbruch tritt der Senat zusammen. Ich unterrichte ihn davon, da� wir die Brandstifter entdeckt haben. Sobald der Senat vollst�ndig im Zirkus angelangt ist, kann die Vorstellung beginnen. Mein Entscheid stellt in einem solchen Fall ein rechtskr�ftiges Urteil dar, und ein Proze� ist nicht notwendig. Das haben mir meine gelehrten Freunde �bereinstimmend versichert. Nur aus Achtung vor dem Senat und um gewissen boshaften Ger�chten den Boden zu entziehen, �berlasse ich die �ffentliche Kundmachung dem Senat und lade diesen in den Zirkus ein, damit er sich mit eigenen Augen davon �berzeugt, da� Nero nicht vor Blut zur�ckschreckt.�</p><p>�Ich habe f�r diesen Zweck keine Tiere�, sagte ich kurz und bereitete mich darauf vor, einen Trinkbecher an den Kopf oder einen Tritt in den Leib zu bekommen. Das w�re nicht das Gef�hrlichste gewesen, denn wenn Nero seinen Zorn durch k�rperliche Gewaltt�tigkeiten austobte, beruhigte er sich immer sehr rasch.</p><p>Er wurde aber nur noch ruhiger, starrte mich erbleichend an und fragte: �Habe nicht ich selbst dich zum Vorsteher des Tiergartens ernannt? Sind es deine Tiere oder meine?�</p><p>�Der Tiergarten geh�rt zweifellos dir, obwohl ich einen betr�chtlichen Teil meines eigenen Verm�gens hineingesteckt habe, was ich leicht nachweisen kann�, erwiderte ich. �Die Tiere dagegen sind mein pers�nliches Eigentum. In den B�chern der Staatskasse und deiner eigenen Kasse kannst du nachlesen, da� ich die Tiere f�r Jagdspiele St�ck f�r St�ck verkauft und die zahmen Tiere f�r andere Vorf�hrungen um einen Preis, der von dem Wert der Vorstellung abhing, vermietet habe. F�r deine Zwecke habe ich keine Tiere zu verkaufen oder zu vermieten. Weder du noch der Senat kann mich dazu zwingen, dir mein pers�nliches Eigentum zu �berlassen, nur um eine umbarmherzige Laune zu befriedigen. Ich habe das Recht auf meiner Seite und brauche mich nicht zu f�rchten.�</p><p>Die anwesenden Rechtsgelehrten und Senatoren nickten widerwillig. Nero l�chelte mich pl�tzlich freundlich an. �Wir sprachen eben auch �ber dich, Minutus�, sagte er. �Ich nahm dich in Schutz, so gut ich es vermochte, aber du bist selbst von dem verderblichen Aberglauben der Christen angesteckt. Du wei�t zu viel dar�ber. W�hrend des Brandes im letzten Sommer hast du �brigens auch ein kostbares Pferd aus meinem Stall aus dem Palatin gestohlen und es nie zur�ckgegeben. Ich habe dich nicht daran erinnert, denn Nero ist nicht kleinlich, was immer man ihm sonst auch nachsagen mag. Und ist es nicht sonderbar, da� dein Haus auf dem Aventin von den Flammen verschont wurde? Ich habe au�erdem geh�rt, da� du dich hinter meinem R�cken wieder verm�hlt hast. Es gibt freilich verschiedene Gr�nde, eine Ehe geheimzuhalten, aber es gibt mir doch zu denken, wenn ganz offen behauptet wird, die Gattin eines meiner Freunde sei Christin. Sagtest du nicht selbst, du habest an ihren geheimen M�hlern teilgenommen? Ich hoffe, du wirst dich hier unter deinen Freunden augenblicklich von derlei Beschuldigungen reinwaschen.�</p><p>�Ger�chte, nichts als Ger�chte�, sagte ich verzweifelt. �Man sollte meinen, da� du, ja gerade du, allen unbegr�ndeten Klatsch verachtest, ich h�tte nicht gedacht, da� du ihm deine Ohren �ffnen w�rdest.�</p><p>�Du zwingst mich dazu, Minutus�, erwiderte Nero sanft. �Du bringst mich als deinen Freund in eine mi�liche Lage. Da� die Christen rasch und unnachsichtig bestraft werden, ist eine politische Notwendigkeit. Oder willst du vielleicht behaupten, ich h�tte Rom angez�ndet, wie es gewisse Senatoren aus uraltem Neid und Eifersucht hinter meinem R�cken tun? Du willst verhindern, da� die Christen so bestraft werden, wie ich es w�nsche, und deine Widersetzlichkeit hat zweifellos politische Ursachen. Ich mu� sie wohl oder �bel als eine Kundgebung gegen mich als Herrscher auffassen. Willst du etwa mich, deinen Freund, zwingen, dich als Christen zu verurteilen � nat�rlich nicht zu den wilden Tieren, sondern nur zur Enthauptung �, weil ich dich als meinen Feind und �berdies als Feind der Menschheit ansehen mu�? Das w�re vermutlich die einzige M�glichkeit, dein Eigentum auf gesetzlichem Wege zu beschlagnahmen. Liebst du wirklich die Christen und deine Tiere mehr als mich und dein eigenes Leben?�</p><p>Er l�chelte selbstzufrieden, weil er wu�te, da� er mich in der Falle hatte. Der Form halber z�gerte ich noch und dachte w�hrenddessen angestrengt nach, und ich mu� heute zu meiner Rechtfertigung sagen, da� ich mehr an Claudia und mein ungeborenes Kind, also an Dich, Julius, dachte als an mich selbst.</p><p>Endlich sagte ich: �Man k�nnte einen Teil der Verurteilten in B�ren- und Wolfsfelle stecken. Vielleicht w�rden die Hunde sie dann zerrei�en. Aber die Zeit, eine sehenswerte Vorstellung vorzubereiten, ist sehr knapp bemessen.�</p><p>Alle brachen in ein befreiendes Gel�chter aus, und es war nicht mehr die Rede davon, da� ich mit den Christen gemeinsame Sache gemacht h�tte. Vielleicht hatte mich Nero nur im Scherz erschrecken wollen und nie die Absicht gehabt, seine Drohung wahr zu machen. Meine Tiere h�tte er �brigens ohne weiteres beschlagnahmen lassen k�nnen, und zwar auf Grund der Buchf�hrung des Tiergartens, die einer genaueren �berpr�fung nicht standgehalten h�tte, denn ich hatte mir meine Auslagen doppelt ersetzen lassen: einmal aus der Staatskasse und ein zweites Mal aus Neros eigener Kasse.</p><p>Ich will damit sagen, da� Nero meine Tiere in jedem Fall bekommen h�tte, was auch immer aus mir geworden w�re. Deshalb glaube ich auch noch heute, da� ich damals das einzig M�gliche tat. Was w�rde es den Christen oder mir selbst gen�tzt haben, wenn ich mir aus lauter Halsstarrigkeit den Kopf h�tte abschlagen lassen? Als ich meinen Entschlu� fa�te, wu�te ich freilich noch nicht, was f�r eine Rolle mein eigener Vater in dieser ungl�ckseligen Geschichte zu spielen gedachte.</p><p>Nein, ich h�tte vergeblich wider den Stachel gelockt. Nero hatte seine Herolde, schon als der Abendstern aufleuchtete, in den erhaltenen Stadtteilen ein Fest f�r den folgenden Tag ausrufen und das Volk zum Schauspiel in den Zirkus auf dem Vatikanischen H�gel laden lassen. Um diese Zeit hatte der Zug der Christen noch nicht einmal diese Stadtteile erreicht.</p><p>Ich hatte es so eilig, in den Tiergarten zu kommen, da� wir das Programm nur in gro�en Z�gen festlegen konnten. Ich mu�te noch in derselben Nacht die Tiere ausw�hlen und �ber den Flu� schaffen, was keine leichte Aufgabe war. Ich lie� im Tiergarten sofort Alarm schlagen und Fackeln und gro�e �lbecken anz�nden, so da� die ganze Gegend taghell erleuchtet war.</p><p>Die Tiere waren noch unruhiger und aufgeregter als die Menschen, als sie bei flackerndem Feuerschein und unter gro�em L�rm aus dem Schlaf gerissen wurden. In das Poltern der Karren und der von Ochsen gezogenen Schlitten mischten sich das Gebr�ll der Auerochsen und der L�wen und das Trompeten der Elefanten. Der L�rm war bis zum Marsfeld zu h�ren, wo die Menschen, in dem Glauben, der Brand sei von neuem ausgebrochen, aus ihren Notunterk�nften st�rzten.</p><p>Zus�tzlich zu unseren eigenen Fuhrwerken beschlagnahmte ich die am festesten gezimmerten Ochsenschlitten, die Tag und Nacht Bausteine aus den Steinbr�chen au�erhalb der Stadt herbeischleppten. Tigellinus stellte mir eine Kohorte Pr�torianer zur Verf�gung, die ich mit Wein und Geld anspornte, so da� sie kr�ftig mit zupackten, obwohl sie, nachdem sie einen Tag und eine Nacht ununterbrochen Dienst getan hatten, zum Umfallen m�de waren.</p><p>Das gr��te Hindernis war, wie nicht anders zu erwarten, Sabina. Sie kam geradewegs aus Epaphroditus� Bett zu mir gerannt und schrie: �Du bist besessen? Was soll dies alles bedeuten?� Sie wollte um keinen Preis ihre zahmen L�wen hergeben, da die ganze lange Arbeit, die sie mit ihnen gehabt hatte, zunichte war, wenn sie ein einziges Mal Gelegenheit erhielten, einen Menschen zu zerrei�en und Menschenblut zu schmecken.</p><p>Zum Gl�ck war Epaphroditus vern�nftiger als sie. Er begriff, da� gr��te Eile geboten war, und half selbst mit, drei wilde L�wen, die erst k�rzlich aus Afrika eingetroffen waren, zu verladen. Leider war die Abendf�tterung schon vor�ber, und sie waren satt und faul. Einige alte Sklaven, die sich noch gut an die gro�artigen Raubtiervorstellungen des Kaisers Claudius erinnerten, meinten, man werde an den Tieren nicht viel Freude haben.</p><p>F�r die hyrkanischen Auerochsen hatten wir keine Transportk�fige, denn sie wurden gew�hnlich durch eine feste Einz�unung und einen unterirdischen Gang in die St�lle des Amphitheaters getrieben. Wir mu�ten sie auf ihrem Weideplatz einfangen und binden. Wenn man bedenkt, da� es an die drei�ig waren und da� wir sie teilweise im Dunkeln einfangen mu�ten, w�hrend die Tiere, von dem L�rm und dem Fackelschein erschreckt, umherrasten und miteinander k�mpften, meinte ich, da� ich mir einige Achtung daf�r verdient habe, da� ich noch vor Anbruch der Morgend�mmerung meinen Auftrag ausgef�hrt hatte.</p><p>Ich mu�te mich, um ein gutes Beispiel zu geben, selbst am Einfangen beteiligen, nachdem mehrere ungeschickte Pr�torianer niedergesto�en und zertrampelt worden waren, und bekam einen Tritt auf den Fu� und einige Schrammen ab, doch ich brach mir keine Knochen und sp�rte in der Eile nicht einmal die Schmerzen. Einer der B�ren schlug mir mit der Tatze den linken Arm gef�hllos, aber ich freute mich nur �ber die wilde Kraft dieser Tiere.</p><p>Unterdessen hatte ich in der ganzen Stadt die Schneider und Schuster wecken lassen. Tierfelle hatten wir genug, da es, seit die verfeinerten griechischen Sitten in die H�user der Vornehmen Eingang gefunden hatten, nicht mehr �blich war, Felle als Bettdecken oder Wandbeh�nge zu verwenden. Ich hatte dadurch gro�e finanzielle Einbu�en erlitten, aber jetzt dankte ich Fortuna f�r die zahllosen Felle, die uns zur Verf�gung standen.</p><p>Als der Morgen graute, herrschte in Neros Zirkus ein vollkommnes Chaos. Theaterleute rannten mit Kost�men hin und her, Soldaten rammten Pf�hle ein, und Sklaven bauten Laubh�tten darum herum. Ganze H�user wurden in aller Eile auf dem Sand errichtet. Ich lie� Felsbrocken herbeischleppen und in der Mitte der Arena aufeinandert�rmen.</p><p>Es war nicht zu verhindern, da� es zu Streitigkeiten kam, denn jeder hielt seinen Auftrag und seinen Anteil an den Vorbereitungen f�r das Wichtigste. Die Christen waren �berall im Wege. Sie lagen in ganzen Scharen im Sand oder gingen neugierig umher und st�rten die Arbeiter. Der Zirkus, der bisher nur f�r Wagenrennen verwendet worden war, war zu klein. Ich mu�te s�mtliche Kellerr�ume und St�lle belegen und zum Teil die W�nde f�r meine Tiere verst�rken lassen. Die kr�ftigsten Christen wurden mit zur Arbeit angestellt, die anderen auf die Zuschauertrib�nen hinaufgetrieben. Es gab nicht genug Abtritte f�r so viele Gefangene. Deshalb mu�ten sie zuletzt rasch noch die G�nge reinigen, die sie beschmutzt waren, aber wir waren dennoch gezwungen, �berall Weihrauch zu verbrennen und gro�e Mengen von Parf�m zu verspr�hen, um wenigstens in der Kaiserloge und auf den B�nken des Senats den Aufenthalt ertr�glich zu machen. Ich mu� allerdings zugeben, da� meine Tiere an dem Gestank nicht ganz schuldlos waren, aber ich war ihren Geruch schon so gew�hnt, da� ich ihn kaum noch wahrnahm.</p><p>Die Christen begannen sich in Gruppen zu sammeln, um zu beraten und Christus zu preisen. Einige sprangen und tanzten mit rollenden Augen verz�ckt umher. Andere redeten in Zungen, die niemand verstand. Viele Pr�torianer meinten, als sie das sahen, es sei Neros erste wirkliche Herrschertat, da� er solche Zauberei in Rom ausrottete.</p><p>Die Vern�nftigsten unter den Christen wu�ten noch immer nicht recht, was f�r ein Schicksal sie erwartete. Sie sahen den Vorbereitungen verwundert zu. Einige, die mich vom Sehen kannten, kamen zu mir und fragten mich in aller Unschuld, wie lange man sie noch gefangenhalten wolle und wann der Proze� beginnen werde.</p><p>Sie hatten, wie sie sagten, wichtige Angelegenheiten zu ordnen und sich um ihre Arbeit zu k�mmern. Vergebens versuchte ich ihnen zu erkl�ren, da� das Urteil bereits gef�llt war und da� sie gut daran t�ten, sich darauf vorzubereiten, tapfer f�r Christus zu sterben, um dem Senat und dem Volk von Rom ein denkw�rdiges Schauspiel zu bieten.</p><p>Sie sch�ttelten die K�pfe und glaubten mir nicht. �Du treibst deinen Scherz mit uns�, sagten sie. �So etwas kann in Rom nicht geschehen.�</p><p>Sie glaubten mir noch nicht einmal, als sie ihre Kleider ablegen mu�ten und die Schneider und Schuhmacher begannen, sie in Felle einzun�hen. Einige lachten sogar und gaben den Handwerkern gute Ratschl�ge, und ich sah Knaben und junge M�dchen, die knurrten und sich miteinander balgten, als man sie in Panther oder Wolfsfelle eingen�ht hatte. Und so gro� ist die Eitelkeit der Menschen, da� manche sich sogar um die sch�nsten Felle stritten. Sie begriffen noch immer nicht, was man mit ihnen vorhatte, obwohl sie meine Hunde in den Kellergew�lben ununterbrochen heulen h�rten.</p><p>Als die Theaterleute daran gingen, die sch�nsten und stattlichsten M�nner und Frauen f�r ihre Zwecke auszuw�hlen, verlangte ich die drei�ig sch�nsten Frauen f�r die Dirkenummer und suchte mir, w�hrend die Danaiden und ihre �gyptischen Br�utigame in ihre Kost�me gekleidet wurden, M�dchen und Frauen zwischen sechzehn und f�nfundzwanzig Jahren aus, die ich sofort beiseite f�hren lie�, bevor die unehrlichen Theaterleute sie mir wegschnappten.</p><p>Ich glaube, den Christen d�mmerte die Wahrheit erst, als die Strahlen der aufgehenden Sonne den Sand r�teten und man die dem Aussehen nach schlimmsten Verbrecher zu kreuzigen begann. Einen Teil der Balken und Planken, die f�r diesen Zweck herbeigeschafft worden waren, hatte ich zur Verst�rkung der Stallw�nde verwendet, aber es w�re ohnehin nicht gut m�glich gewesen, die Kreuze zu dicht nebeneinander aufzustellen, da sie sowohl die Sicht als auch die Vorf�hrung selbst behindert h�tten.</p><p>Tigellinus eilte in den Senat. Zuvor bestimmte er rasch noch, da� nur vierzehn Kreuze, eins f�r jeden Stadtbezirk, in der Mitte der Arena errichtet werden sollten. Weitere Kreuze hatten links und rechts neben den Eing�ngen Platz, aber dar�ber hinaus mu�te man sich damit begn�gen, so viele wie m�glich an die Planken rund um die Rennbahn zu nageln.</p><p>Um mehr Platz zu bekommen, schickte er tausend M�nner und tausend Frauen unter Bewachung in die G�rten der Agrippina, wo Nero das Volk am Abend nach der Vorstellung zum Mahle laden wollte. Au�erdem mu�te dem Volk aber auch w�hrend der Vorstellung etwas geboten werden. Der Zirkus auf dem Vatikanischen H�gel liegt so weit von der Stadt entfernt, da� man von den Leuten nicht erwarten konnte, da� sie zu Mittag heimgingen. Die kaiserliche K�che war jedoch gut vorbereitet, und so trafen zahllose K�rbe mit Speisen ein, einer f�r jeweils zehn Zuschauer, daneben besondere K�rbe mit Wein und gebratenen H�hnern f�r die Senatoren und zweitausend K�rbe allein f�r die Ritter.</p><p>Meiner Meinung nach �bertrieb Tigellinus, indem er so viele Christen auf den Planken um die Arena kreuzigen lie�. Man brauchte dazu ganze Fuhren kostbarer N�gel. Au�erdem f�rchtete ich, das Gejammer der Gekreuzigten k�nnte die Vorstellung st�ren, obgleich sie sich zu Anfang, vermutlich vor �berraschung und Verwunderung, sehr still verhielten. Da� die Aufmerksamkeit des Publikums von meinen Raubtieren abgelenkt w�rde, war meine geringste Sorge, denn wenn es gar zu viele Menschen sind, die sich vor Qualen winden, wird man des Anblicks bald m�de, aber die Schmerzensschreie von an die tausend Menschen sind imstande, sowohl das Brummen der B�ren und das Br�llen der L�wen als auch die Erkl�rungen der Herolde zu den Pantomimen zu �bert�nen. Ich glaubte daher richtig zu handeln, als ich einige der F�hrer der Christen um mich versammelte und ihnen befahl, umherzugehen und die Gekreuzigten zu bitten, w�hrend der Vorstellung entweder zu schweigen oder allenfalls laut Christi Namen zu rufen, damit das Volk auch verstand, wof�r sie bestraft wurden.</p><p>Die Lehrer der Christen, deren einige schon in Tierfellen staken, nahmen ihren Auftrag ernst. Sie sprachen mit den Jammernden und versicherten ihnen, es sei f�r sie die gr��te Ehre, da� sie den Kreuzestod erleiden durften wie Jesus von Nazareth. Ihre Pr�fung sei kurz, sagten sie, verglichen mit der ewigen Seligkeit, die sie in Christi Reich erwartete. Noch am selben Abend sollten sie im Paradiese sein.</p><p>Die Lehrer sprachen so eifrig und so �berzeugend, da� ich l�cheln mu�te. Als sie aber mit immer innigerer Glut den Gekreuzigten vor Augen f�hrten, welch Freudentag dies sei, da sie unschuldig zur Verherrlichung des Namens Christi leiden und als seine Zeugen gen Himmel fahren durften, da bi� ich mir auf die Lippen. Es war, als beneideten sie die Gekreuzigten wirklich um ihr Schicksal, und das schien mir reine Verstellung zu sein. Daher sagte ich barsch, sie k�nnten meinethalben gern ihre eigene kurze Pein gegen die lange Qual der Kreuzigung austauschen. Zu meiner �berraschung ri� sich wirklich einer von ihnen das B�renfell vom Leibe und bat mich auf den Knien um die Ehre, gekreuzigt zu werden. Es blieb mir nichts anders �brig, als den Pr�torianern zu befehlen, ihn in irgendeinem Zwischenraum an die Planken zu schlagen.</p><p>Die Pr�torianer �rgerten sich �ber diese zus�tzliche und, wie sie meinten, unn�tige M�he so sehr, da� sie ihm einige kr�ftige Hiebe versetzten. Sie hatten schon so viele grobe N�gel mit schweren H�mmern einschlagen m�ssen, da� ihre Arme lahm vor Schmerzen waren. Ich hatte nichts dagegen, da� sie ihn schlugen. Das Gesetz schreibt vor, da� die Gekreuzigten gegei�elt werden, damit sie schneller sterben, aber wir hatten keine Zeit, all die vielen Christen zu gei�eln, und es mu�te gen�gen, da� da und dort ein mitleidiger Pr�torianer einen mit der Lanze stach, so da� das Blut zu str�men begann.</p><p>Ich frage mich noch heute, wie es m�glich war, Neros Befehl rechtzeitig auszuf�hren. Als das Volk am hellen Morgen in den Zirkus str�mte und die Wege drau�en wei� von Menschen waren, waren die Trib�nen ges�ubert, die Bauten in der Arena fertig, die Auftretenden eingekleidet, die Nummern im einzelnen durchgesprochen und die Rollen verteilt, und die Gekreuzigten hingen zuckend und leise jammernd an den Kreuzen oder Planken.</p><p>Das Heulen der Hunde und das Gebr�ll der Auerochsen klangen den Zuschauern vielversprechend in den Ohren, und w�hrend sich die Eifrigsten um die besten Pl�tze rauften, bekam jeder, der ruhig oder ordentlich durch einen der Eing�nge trat, ein frisch gebackenes Brot und ein St�ck P�kelfleisch. Wer wollte, durfte au�erdem einen Becher mit Wasser vermischten Weins trinken.</p><p>Ich war insgeheim stolz auf Rom, als ich mich neben einem Heub�ndel im Stall hastig wusch und meine Festtoga mit dem roten Streifen anlegte, so tief war der Eindruck, den das langsam ansteigende freudige Gemurmel einer Volksmenge in gespannter Erwartung auf mich machte. Als ich einige Becher Wein getrunken hatte, wurde ich gewahr, da� eine der Ursachen f�r meinen frohen Stolz die allgemeine Freude der Christen war. Sie ermahnten einander, nicht zu weinen, und versicherten sich gegenseitig, da� es besser sei, vor Freude und Entz�cken zu lachen, w�hrend sie darauf warteten, an der Pforte zu Christi Reich Zeugnis abzulegen. W�hrend mir der Wein in meinen m�den Kopf stieg, war ich immer mehr davon �berzeugt, da� die Vorstellung, zumindest was meinen Anteil daran anbetraf, nicht mi�lingen konnte, aber ich w�re wohl kaum so ruhig und stolz auf meine Leistungen gewesen, wenn ich gewu�t h�tte, was zu gleicher Zeit in der Kurie geschah. Nun da ich daran zur�ckdenke, fa�t mich so tiefe Trauer, da� ich mich unterbrechen und eine neue Buchrolle beginnen will, um so gefa�t wie m�glich dar�ber zu berichten.</p></section><section><empty-line/><p><strong>X

    </strong></p><p><strong>DIE ZEUGEN
  </strong></p><empty-line/><p>Der Senat hatte sich, wie an allen Iden au�er w�hrend der Sommermonate, bei Tagesanbruch leidlich vollz�hlig in der Kurie versammelt, die zum Verdru� so manchen Senators den Brand beinahe unbesch�digt �berstanden hatte.</p><p>Nero schlief so lange, da� er am Er�ffnungsopfer nicht teilnehmen konnte. Dann aber traf er voller Unternehmungslust ein, begr��te die beiden Konsuln mit einem Ku� und bat mit vielen Worten um Vergebung f�r seine Versp�tung, an der wichtige Staatsgesch�fte schuld seien. �Ich bin bereit, jede Strafe anzunehmen, die mir der Senat f�r mein S�umen auferlegt�, sagte er scherzend. �Aber ich glaube, die V�ter werden M�de walten lassen, wenn sie h�ren, was ich ihnen mitzuteilen habe.�</p><p>Die Senatoren unterdr�ckten ihr G�hnen, setzten sich bequemer auf ihren Elfenbeinschemeln zurecht und machten sich auf eine stundenlange Rede�bung nach dem Muster Senecas gefa�t. Nero begn�gte sich jedoch mit einigen knappen Worten �ber die sittliche Lebensordnung, die das Gebot der G�tter und das Erbe der V�ter ist, und kam auch schon zur Sache.</p><p>Der verheerende Brand im letzten Sommer, das gr��te Ungl�ck, das Rom seit der Verw�stung durch die Gallier getroffen hatte, sei keineswegs eine Strafe der G�tter f�r gewisse politisch notwendige Geschehnisse in der Stadt, wie b�se Zungen noch immer behaupteten, sondern das Werk frevlerischer Menschen, das ungeheuerlichste Verbrechen, das je am Reich und an der Menschheit begangen worden ist. Die Schuldigen seien die sogenannten Christen, deren abscheulicher Aberglaube sich in aller Stille in ungeahntem Ma�e in der Verbrecherwelt Roms und den untersten Volksschichten ausgebreitet habe. Die meisten Christen seien zugewanderte Ausl�nder, sagte Nero, und spr�chen nicht einmal Latein. Sie geh�rten dem ununterbrochen nach Rom hereinstr�menden wurzel- und sittenlosen P�bel an.</p><p>Die Verschw�rung sei um so gef�hrlicher, als diese verachtungsw�rdigen Christen nach au�en hin untadelig aufzutreten versuchten und die Armen durch freie Mahlzeiten und Almosen an sich lockten, um danach bei ihren sorgf�ltig geheimgehaltenen Mysterien ihren entsetzlichen Menschenha� in all seiner Gr��lichkeit zu enth�llen. Sie ��en Menschenfleisch und tr�nken Menschenblut und betrieben auch Zauberei, indem sie Kranke heilten und sie dadurch in ihre Gewalt br�chten. Einige dieser Bedauernswerten h�tten sie sogar dazu �berredet, ihnen ihr gesamtes Verm�gen f�r ihre verbrecherischen Zwecke zu �berlassen.</p><p>Nero unterbrach sich, um den eifrigsten Senatoren Gelegenheit zu geben, ihren Abscheu und ihr Entsetzen laut kundzutun, wie es die Rhetorik verlangt.</p><p>Dann fuhr er fort, er wolle und k�nne aus sittlichen Gr�nden nicht all die Greuel aufz�hlen, die die Christen bei ihren Mysterien begingen. Das Wesentliche sei, da� sie im Vertrauen auf ihre gro�e Zahl Rom in Brand gesteckt und sich auf Befehl ihrer F�hrer unter freudigem Jubel auf den H�geln versammelt h�tten, um die Ankunft eines K�nigs zu erwarten, der Rom unterwerfen, ein neues Reich gr�nden und alle Andersdenkenden zu den grausamsten Martern verurteilen sollte.</p><p>Aufgrund dieses Planes h�tten die Christen ihre B�rgerpflichten im Dienste des Staates nicht mehr erf�llt, denn so sch�ndlich und unglaublich es auch klinge: es gebe sogar r�mische B�rger, die sich in ihrer Einfalt und in der Hoffnung auf. sp�tere Belohnung der Verschw�rung angeschlossen h�tten. Da� die Christen alles ha�ten, was andere Menschen hoch und heilig hielten, ersehe man schon daraus, da� sie nicht den r�mischen G�ttern opferten, die K�nste f�r verderblich ans�hen und sich weigerten, ins Theater zu gehen.</p><p>Es sei zum Gl�ck ein leichtes gewesen, die Verschw�rung ganz aufzudecken, denn die feigen Christen h�tten, sobald die ersten gefa�t worden seien, nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich gegenseitig anzuzeigen. Er, Nero, habe augenblicklich Ma�nahmen getroffen, die Stadt zu sch�tzen und die Brandstifter zu bestrafen. Eine gro�e Hilfe sei ihm der Pr�torianerpr�fekt Tigellinus gewesen, der sich die Anerkennung des Senats verdient habe.</p><p>Um den V�tern Zeit zu geben, die Sache zu �berdenken, schilderte Nero nun kurz, wie der Aberglaube der Christen aufgekommen war. Er war urspr�nglich in Galil�a von einem Aufwiegler, der Christus hie�, begr�ndet worden. Dieser Christus wurde unter der Regierung des Tiberius von dem Prokurator Pontius Pilatus als Staatsverbrecher zum Tode verurteilt. Dadurch wurden die Unruhen f�r eine Weile niedergehalten. Dann aber streuten die Anh�nger dieses Verbrechers das unsinnige Ger�cht aus, er sei von den Toten auferstanden, worauf der Aberglaube in Jud�a wieder auflebte und sich wie eine Seuche im Reiche ausbreitete.</p><p>Die Juden h�tten mit diesem Aberglauben nichts zu schaffen, betonte Nero. Man k�nne sie nicht der Verschw�rung gegen Rom anklagen, wie es gewisse Menschen in ihrem blinden Judenha� t�ten. Im Gegenteil, die Juden lebten in Rom im Schutze ihrer Sonderrechte und von ihrem weisen Rat gelenkt zum Nutzen des Gemeinwohls.</p><p>Diese Behauptung fand beim Senat wenig Anklang, denn der Senat hat von alters her die Ausnahmerechte, die viele Kaiser den Juden bewilligten und immer wieder von neuem best�tigten, mi�billigt. Warum auch sollten wir einen Staat im Staate dulden?</p><p>Nero fuhr mit Nachdruck fort: �Man hat Nero allzu menschenfreundlich bei der Bestrafung von Verbrechern genannt. Man hat behauptet, er lasse die strengen Sitten der V�ter in Vergessenheit geraten und verleite die Jugend zu einem weichlichen Leben, anstatt die kriegerischen Tugenden zu pflegen. Der Augenblick ist gekommen, zu beweisen, da� sich Nero nicht vor Blut f�rchtet, wie gewisse Meister der Stoa s�uerlich grimassierend versichern. Ein unerh�rtes Verbrechen fordert eine unerh�rte Strafe. Nero hat seine k�nstlerische Phantasie zu Hilfe gerufen, um mit der Bestrafung der Christen dem Senat und Volk von Rom ein Beispiel zu bieten, das man, wie er hofft, in den Annalen Roms nie vergessen wird. Ehrw�rdige V�ter, ihr werdet in seinem Zirkus mit eigenen Augen sehen, wie Nero die Christen, die Feinde der Menschheit, bestraft!�</p><p>Nachdem er auf diese Weise von sich selbst feierlich in der dritten Person gesprochen hatte, ging er wieder zur Ichform �ber und schlug in aller Bescheidenheit vor, man m�ge alle anderen Angelegenheiten bis zur n�chsten Versammlung des Senats aufschieben, und die V�ter sollten sich nun in ihren S�nften in den Zirkus begeben, sofern die Konsuln nichts dagegen einzuwenden h�tten.</p><p>Die Konsuln dankten Nero von Amts wegen f�r seine Umsicht und sein rasches Einschreiten zur Rettung des Vaterlandes aus drohender Gefahr und dr�ckten ihm ihre Freude dar�ber aus, da� er die wirklichen Urheber des Brandes ausgeforscht habe, was f�r den Staat vor allem deshalb n�tzlich sei, weil es allerlei unsinnigen Ger�chten den Boden entziehe. Sie schlugen vor, eine Zusammenfassung der Rede Neros in den �ffentlichen Mitteilungen erscheinen zu lassen, und unterst�tzten seinen Antrag, die Versammlung aufzuheben. Nur um ihrer Pflicht Gen�ge zu tun, fragten sie, ob etwa einer der ehrw�rdigen V�ter den Wunsch habe, sich zu dieser ihrer Ansicht nach v�llig klaren Angelegenheit zu �u�ern.</p><p>Der Senator Paetus Thrasea, der sich durch Neros Seitenhieb auf die s�uerlich grimassierenden Stoiker in seiner Eitelkeit verletzt f�hlte, bat ums Wort und schlug sp�ttisch vor, der Senat solle doch gleich die n�tigen Dankopfer an die G�tter f�r die Errettung aus dieser entsetzlichen Gefahr beschlie�en. Man habe ja auch wegen aller m�glichen anderen Schandtaten Dankopfer dargebracht, und es sei nicht einzusehen, weshalb die Christen ein geringerer Anla� sein sollten, da Nero ebenso gro�e Angst vor Zauberei zu haben scheine wie vor einer Philosophie, welche die Aufrichtigkeit lehrt. Nero tat, als habe er nicht geh�rt. Er stampfte nur auf den Boden, um seine Ungeduld zu bekunden. Der Senat stimmte hastig f�r das �bliche Dankopfer an Jupiter Custos und die anderen G�tter. Die Konsuln fragten ungeduldig, ob sonst noch jemand zu sprechen w�nsche.</p><p>Da erhob sich entgegen seiner Gewohnheit mein Vater Marcus Mecentius Manilianus und bat leicht stotternd ums Wort. Einige, die ihm zun�chst sa�en, zupften ihn an der Toga und fl�sterten ihm zu, er solle schweigen, da er offenbar betrunken war. Mein Vater raffte jedoch die Toga mit beiden Armen zusammen und begann zu sprechen, w�hrend sein kahler Kopf vor Zorn zitterte: �Konsuln, V�ter, du, Nero, Erster unter deinesgleichen. Ihr alle wi�t, da� ich selten das Wort ergriffen habe. Ich kann mich nicht gro�er Weisheit r�hmen, obgleich ich siebzehn Jahre lang im Ausschu� f�r orientalische Angelegenheiten meinen Teil zum besten des Staates beigetragen habe. Viel Sch�ndliches habe ich hier in der Kurie geh�rt und gesehen, aber nie haben meine alten Augen Schm�hlicheres bezeugen m�ssen als an diesem Morgen. Sind wir nun dahin gekommen, da� der r�mische Senat schweigend billigt, da�, soviel ich wei�, Tausende von M�nnern und Frauen, darunter Hunderte von B�rgern und sogar einige Ritter, auf einige unbewiesene Beschuldigungen hin und ohne sich vor einem ordentlichen Gericht verantworten zu d�rfen, auf die grausamste Weise hingerichtet werden?�</p><p>Einige mi�billigende Rufe wurden laut. Tigellinus erhielt die Erlaubnis, eine Erkl�rung abzugeben: �Es gibt nicht einen einzigen Ritter unter ihnen, und wenn das wirklich der Fall sein sollte, so hat er mir aus Scham seinen Rang verschwiegen.�</p><p>Nero fragte mit schlecht verhohlener Ungeduld: �Soll ich deine Worte so verstehen, da� du meine Ehrlichkeit und Gerechtigkeit anzweifelst, Marcus Manilianus?�</p><p>Mein Vater fuhr fort: �Ich habe von alldem nun genug. Ich habe stillschweigend r�misches Kloakenwasser geschluckt, da� es mir bis zum Halse steht. Ich bezeuge, da� ich selbst zu Pontius Pilatus� Zeiten in Jerusalem und Galil�a war und mit eigenen Augen gesehen habe, wie Jesus von Nazareth gekreuzigt wurde, der nicht nur Christus hie�, sondern wirklich Christus und Gottes Sohn ist, denn ich habe gleichfalls mit eigenen Augen gesehen, da� das Grab leer und er am dritten Tage von den Toten auferstanden war, was immer auch die Juden l�gen m�gen.�</p><p>Viele riefen, mein Vater m�sse von Sinnen sein, aber die Neugierigeren verlangten, man solle ihn weitersprechen lassen. Im Grunde hegten die meisten Senatoren einen alten Groll gegen Nero und die Kaisermacht als solche. Dessen sollst Du stets eingedenk sein, mein Sohn Julius.</p><p>Mein Vater sprach also weiter: �Im stillen und in all meiner menschlichen Schw�che habe ich ihn schon seit langem als den Christus anerkannt, obwohl ich in meinem eigenen Leben nie imstande war, mich an seine Gebote zu halten. Ich glaube aber, er wird mir meine S�nden verzeihen und mir einen geringen Platz in seinem Reiche geben, wie immer dieses Reich beschaffen sein mag, von dem ich nichts Genaues wei�. Es mu� ein Reich der Gnade, des Friedens und der Klarheit sein, dort oder hier oder �berall. Eine politische Bedeutung aber hat dieses Reich nicht, und daher verfolgen die Christen auch keine politischen Ziele, au�er in dem Sinne, da� sie glauben, nur in Christus und indem er Christi Weg wandelt, k�nne der Mensch die wahre Freiheit finden. Es gibt freilich viele Wege, und in die Glaubenszwiste der Christen mische ich mich nicht ein, aber ich glaube, sie f�hren zuletzt alle in sein Reich. Jesus Christus, Gottes Sohn, erbarme dich �ber mich S�nder!�</p><p>Die Konsuln unterbrachen ihn mit der Begr�ndung, da� er nicht mehr zur Sache spreche, sondern philosophiere. Nero bat ums Wort und sagte ruhig: �Ich will die Geduld der V�ter nicht mit unsinnigem Geschw�tz auf die Probe stellen. Marcus Manilianus hat gesagt, was er zu sagen hatte. Ich f�r mein Teil war immer der Meinung, da� mein Vater, der Gott Claudius, in Sinnesverwirrung gehandelt hat, als er seine Gattin Messalina und so viele hochgeachtete M�nner hinrichten lie�, da� er den Senat mit untauglichen Mitgliedern auff�llen mu�te. Marcus Manilianus� eigene Worte beweisen, da� er des Purpurstreifens und der roten Stiefel nicht w�rdig ist. Er hat offenbar den Verstand verloren. Was daran schuld sein mag, wage ich nicht zu sagen. Ich m�chte nur vorschlagen, da� wir ihn aus Achtung vor seinem kahlen Haupt aus unserem Kreise ausschlie�en und in einen abgelegenen Kurort schicken, wo sein Geist wieder gesunden kann. Wir brauchen dar�ber wohl nicht erst abzustimmen.�</p><p>Mehrere Senatoren wollten Nero jedoch reizen, solange ein anderer den Kopf hinhalten mu�te, und riefen, Marcus solle weitersprechen, sofern er noch etwas zu sagen habe. Paetus Thrasea meldete sich aus reiner Bosheit zum Worte und sagte mit gespielter Unschuld: �Wir sind uns nat�rlich alle darin einig, da� Marcus Mecentius von Sinnen ist. Aber g�ttlicher Wahnsinn macht einen Menschen bisweilen zum Seher und K�nder. Vielleicht wohnt ihm dank seiner etruskischen Vorfahren diese Gabe inne. Wenn er nicht glaubt, da� die Christen Rom angez�ndet haben, woran dank Neros Redekunst wohl kaum noch zu zweifeln ist, so mag er uns sagen, wer die wirklichen Brandstifter sind.�</p><p>Mein Vater antwortete zornig: �Spotte, soviel du willst, Paetus Thrasea. Auch dein Ende ist nahe. Man braucht nicht die Gabe der Weissagung zu besitzen, um das zu sehen. Ich beschuldige niemanden der Brandstiftung, nicht einmal Nero, so gern auch viele unter euch aus reiner Schadenfreude eine solche Anklage endlich einmal �ffentlich ausgesprochen h�ren m�chten. Ich kenne Nero nicht. Aber ich kenne die Christen und glaube und versichere, da� sie am Brande Roms unschuldig sind.� Nero sch�ttelte mitleidig den Kopf, hob die Hand und sagte: �Ich habe deutlich genug zu verstehen gegeben, da� ich nicht alle Christen Roms der Brandstiftung anklage. Ich habe sie mit gutem Grunde als Feinde der Menschheit verurteilt. Wenn Marcus Manilianus beweisen will, da� er selbst ein Feind der Menschheit ist, m�ssen wir ihn ernst nehmen und d�rfen ihn nicht mehr damit entschuldigen, da� sich seine Sinne verwirrt h�tten.�</p><p>Nero irrte jedoch, wenn er glaubte, mein Vater lie�e sich einsch�chtern. Er war bei aller Gutm�tigkeit und Schweigsamkeit sehr starrsinnig und fuhr nun fort: �Eines Nachts am Galil�ischen Meer begegnete ich einem Fischer, der gegei�elt worden war. Ich habe Ursache zu glauben, da� er der auferstandene Jesus von Nazareth war. Er versprach mir, ich werde eines Tages um seines Namens willen sterben. Damals verstand ich ihn nicht. Ich glaubte, er sage mir B�ses voraus. Jetzt verstehe ich ihn und danke ihm inniglich f�r seine gute Weissagung. Um Jesu Christi, des Gottessohnes, Namen zu verherrlichen, sage ich euch, da� ich Christ bin und da� ich teilhabe an der Taufe, dem Geiste und den heiligen M�hlern der Christen. �berdies sage ich euch, ehrw�rdige V�ter, falls ihr es noch nicht wissen solltet, da� Nero selbst der schlimmste Feind der Menschheit ist, und auch ihr seid Feinde der Menschheit, solange ihr seine wahnsinnige Tyrannei unterst�tzt.�</p><p>Nero fl�sterte mit den Konsuln, und diese erkl�rten die Versammlung sofort f�r geheim, damit Rom nichts von der Schande erfuhr, da� ein Mitglied des Senats sich aus Ha� gegen die ganze Menschheit zum F�rsprecher eines abscheulichen Aberglaubens gemacht hatte. Ohne eine Abstimmung f�r n�tig zu halten, erkl�rten die Konsuln, der Senat habe beschlossen, Marcus Mecentius Manilianus den breiten Purpurstreifen und die roten Schn�rstiefel abzuerkennen.</p><p>Vor dem versammelten Senat nahmen zwei von den Konsuln bestimmte Senatoren meinem Vater die Toga und das Untergewand ab. Dann zog man ihm die roten Stiefel von den F��en und zerschlug seinen Elfenbeinschemel. Als dies unter d�sterem Schweigen geschehen war, stand pl�tzlich der Senator Pudens Publicola auf und verk�ndete mit zitternder Stimme, auch er sei Christ.</p><p>Seine betagten Freunde packten ihn jedoch, zogen ihn mit Gewalt auf seinen Sitz nieder, hielten ihm den Mund zu und lachten und unterhielten sich laut miteinander, um seine Worte zu �bert�nen. Nero sagte, es sei bereits genug Schande �ber den Senat gekommen, die Sitzung sei beendet, und auf das Gefasel eines altersschwachen Greises brauche man nicht mehr zu h�ren. Pudens war eben ein Valerius und ein Publicola, mein Vater nur ein Manilianus durch Adoption.</p><p>Tigellinus rief den Zenturio, der in der Arkade der Kurie auf Wache stand, und befahl ihm, zehn Pr�torianer zu nehmen und meinen Vater so unauff�llig wie m�glich zur n�chsten Richtst�tte vor den Mauern zu f�hren.</p><p>Von Rechts wegen h�tte er in den Zirkus gebracht werden m�ssen, um dort auf dieselbe Weise hingerichtet zu werden wie die anderen Christen. Um einen Skandal zu vermeiden, war es jedoch besser, man f�hrte ihn heimlich vor die Stadt, wo er mit dem Schwert enthauptet werden sollte.</p><p>Der Zenturio und seine M�nner gerieten in Wut, weil sie f�rchteten, zur Vorstellung im Zirkus zu sp�t zu kommen. Da mein Vater nackt war, nahmen sie einem Sklaven, der vor der Kurie stand und gaffte, den Umhang weg und bedeckten ihn damit. Der Sklave lief jammernd hinter meinem Vater her, um sein einziges Kleidungsst�ck zur�ckzubekommen.</p><p>Die Gattinnen der Senatoren sa�en wartend in ihren S�nften. Da der Weg weit war, hatte man beschlossen, da� der Festzug, in dem die Senatoren und Matronen f�r sich getrennt zu Fu� zu gehen hatten, erst vor dem Zirkus aufgestellt werden sollte, wohin die G�tterbilder Roms im voraus gebracht wurden. Tullia wurde ungeduldig, als von meinem Vater nichts zu sehen war, und stieg aus ihrer S�nfte, um ihn zu suchen. Er hatte sich am Abend zuvor sehr eigent�mlich betragen, und sie war in gro�er Unruhe.</p><p>Als sie nach ihrem Gatten fragte, wagte keiner der Senatoren, ihr zu antworten, da dieser Teil der Sitzung f�r geheim erkl�rt worden war und sie einen Eid abgelegt hatten. Inmitten der allgemeinen Verwirrung bat der Senator Pudens mit lauter Stimme, man m�ge ihn nach Hause tragen, denn er wolle die sch�ndliche Zirkusvorstellung nicht mit ansehen.</p><p>Einige andere Senatoren, die insgeheim Mitleid mit den Christen empfanden, Nero ha�ten und meinen Vater um seines m�nnlichen Auftretens willen achteten, obwohl er in ihren Augen nicht ganz richtig im Kopfe war, folgten seinem Beispiel.</p><p>Als Tullia wie ein aufgescheuchtes Huhn vor der Kurie hin und her rannte und meinen Vater wegen seiner Zerstreutheit und Saumseligkeit mit lauten Worten tadelte, bemerkte sie pl�tzlich einen jammernden Sklaven und einen alten Mann, der einen Sklavenmantel um die Schultern trug und von einigen Pr�torianern weggef�hrt wurde. Sie lief n�her, erkannte meinen Vater, erschrak, vertrat den Pr�torianern mit ausgebreiteten Armen den Weg und fragte: �Was um alles in der Welt hast du dir nun wieder einfallen lassen, Marcus? Was bedeutet dieser Aufzug? Ich zwinge dich ja nicht, in den Zirkus zu gehen, wenn es dir so widerstrebt. Es gibt hier noch andere, die ebenso denken wie du. Komm, gehen wir in aller Ruhe heim, wenn dir das lieber ist. Ich werde dir auch keine Vorw�rfe machen.�</p><p>Der Zenturio versetzte ihr einen Hieb mit seinem Befehlsstab und schrie: �Pack dich, Alte!� Tullia glaubte zuerst, sich verh�rt zu haben, dann aber fuhr sie rasend vor Zorn auf ihn los, um ihm die Augen aus seinem bl�den Sch�del zu kratzen. Zugleich schrie sie, man m�sse ihn sofort in Ketten schlie�en, weil er es gewagt habe, Hand an die Gattin eines Senators zu legen.</p><p>Der Skandal war nun nicht mehr zu vermeiden. Mehrere Frauen stiegen aus ihren S�nften, ohne sich um die Einw�nde ihrer M�nner zu k�mmern, um Tullia zu Hilfe zu eilen. Als die festlich gekleidete Frauenschar die Pr�torianer umringte und schnatternd und gackernd fragte, was denn vor sich gehe, wurde mein Vater von so viel Aufmerksamkeit ganz verlegen und bat Tullia, sich zu beruhigen, indem er ihr erkl�rte: �Ich bin nicht mehr Senator. Ich folge dem Zenturio aus freiem Willen. Besinne dich auf deinen Rang und schrei nicht wie ein Marktweib. Meinetwegen kannst du allein in den Zirkus gehen. Ich glaube, es wird dich niemand daran hindern.�</p><p>Tullia brach in Tr�nen aus und klagte laut: �Noch nie hat mich jemand ein Marktweib genannt. Wenn dich gestern abend meine Worte �ber dich und deine Christen so gekr�nkt haben, dann h�ttest du es mir geradeheraus sagen sollen, anstatt die ganze Nacht zu bocken. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Mann, der nicht zu reden wagt, wie ihm ums Herz ist, sondern einen tagelang nur stumm wie ein Fisch anglotzt.�</p><p>Einige w�rdige Senatorengattinen pflichteten ihr lachend bei und versuchten, die beiden miteinander zu vers�hnen: �Recht hat sie, Manilianus. Wegen eines kleinen Streits verzichtet man nicht gleich auf den Purpurstreifen. H�r auf, Kom�die zu spielen, und vergib Tullia, wenn sie dich gekr�nkt hat. Ihr seid Mann und Frau und zusammen in Ehren grau geworden.�</p><p>Tullia war tief beleidigt. Sie ri� sich den Festtagsschleier vom Kopf und schrie: �Seht selbst nach, ihr Klatschm�uler, ob ich auch nur ein einziges graues Haar habe! Und ich lasse mir das Haar nicht f�rben, obwohl ich nat�rlich arabische Waschungen mache, die den nat�rlichen Ton zur Wirkung bringen. Wenn jemand sagt, mein Haar sei gef�rbt, so ist das nichts als Bosheit und Verleumdung!�</p><p>Mein Vater wandte sich an den Zenturio: �Dies ist ein ernster Augenblick in meinem Leben, vielleicht er ernsteste. Ich halte dieses Weibergez�nk nicht mehr aus. F�hr mich fort, wie man es dir befohlen hat.�</p><p>Die Frauen wichen jedoch nicht zur Seite, und der Zenturio wagte nach dem Zusammensto� mit Tullia nicht, seinen M�nnern zu befehlen, den Weg mit Gewalt freizumachen. Zudem wu�te er selbst nicht mehr, woran er war.</p><p>Als Tigellinus sah, da� immer mehr Volk zusammenstr�mte und der Tumult immer gr��er wurde, dr�ngte er sich mit zornbleichem Gesicht zu meinem Vater vor, schlug Tullia mit der Faust vor die Brust und sagte: �Fahr in den Orkus nieder, du verfluchte H�ndin. Du bist nicht mehr die Gattin eines Senators und kannst dich auf keinen Rang berufen. Wenn du nicht sofort dein Maul h�ltst, lasse ich dich wegen Ruhest�rung festnehmen.�</p><p>Tullia wurde totenbleich, als sie merkte, da� es ihm ernst war, aber der pl�tzliche Schrecken lie� sie nicht ihren Stolz vergessen. �Du Satansdiener!� fluchte sie, unbewu�t einen Ausdruck gebrauchend, den sie von den Freunden meines Vaters geh�rt hatte. �Schachere du mit deinen R�ssern und treibe Unzucht mit deinen Lustknaben. Wie kannst du es wagen, eine R�merin vor der Kurie zu schlagen! Und festnehmen lassen kann mich nur der Stadtpr�fekt. Dein r�pelhaftes Benehmen erregt hier mehr �rgernis als meine bescheidene Frage, was vorgefallen ist und wohin mein Gatte mit seiner Ehrenwache geht. Ich werde mich an den Kaiser selbst wenden.�</p><p>Tigellinus war ohnehin ver�rgert, weil Nero ihm zornig vorgeworfen hatte, er habe sich bei der Verhaftung der Christen ungeschickt angestellt. Nun zeigte er sp�ttisch mit dem Finger und erwiderte: �Dort steht Nero noch. Geh nur rasch und frag ihn. Er kann dir am besten sagen, was vorgefallen ist.� Mein Vater warnte Tullia: �St�rze dich nicht meinetwegen ins Verderben, liebe Tullia, und st�r mir nicht die letzten Augenblicke meines Lebens. Verzeih mir, wenn ich dich gekr�nkt habe, und verzeih mir, da� ich dir nicht der Gatte war, den du dir w�nschtest. Du bist mir immer eine gute Frau gewesen, wenngleich wir uns selten einig waren.�</p><p>Da verga� Tullia vor Freude den Pr�torianerpr�fekten. Sie umarmte meinen Vater und rief: �Sagtest du wirklich liebe Tullia? Warte eine kleine Weile, ich bin gleich wieder bei dir.�</p><p>Unter Tr�nen l�chelnd trat sie auf Nero zu, der ihr verlegen entgegenblickte, gr��te ihn achtungsvoll und bat: �Sei so gn�dig und erkl�re mir, was f�r ein leidiges Mi�verst�ndnis hier vorliegt. Mit ein wenig gutem Willen l��t sich alles wieder einrenken.�</p><p>�Dein Gatte hat mich beleidigt, aber das w�rde ich ihm gern verzeihen�, erwiderte Nero. �Er hat aber auch vor dem Senat gestanden, da� er Christ ist. Der Senat hat ihm Rang und Amt aberkannt und ihn als Feind der Menschheit zum Tode durch das Schwert verurteilt. Schweig still, denn wir wollen einen Skandal vermeiden. Gegen dich habe ich nichts. Du darfst sogar dein Eigentum behalten, aber das Eigentum deines Gatten f�llt zur Strafe f�r sein Verbrechen an den Staat.�</p><p>�Was soll das hei�en?!� rief Tullia verwundert. �Soll er wirklich nur deshalb verurteilt werden, weil er in seiner Bl�digkeit Christ geworden ist?�</p><p>�Er erleidet die Strafe aller Christen�, erwiderte Nero ungeduldig. �Geh nun deines Wegs und halte mich nicht l�nger auf. Du siehst, da� ich es eilig habe. Ich mu� mich als erster B�rger an der Spitze des Zuges zum Zirkus begeben.�</p><p>Da warf Tullia stolz den Kopf zur�ck, ohne an die schlaffe Haut ihres Halses zu denken, und rief: �Ich habe ein wechselvolles Leben hinter mir und habe mich nicht immer so wohlanst�ndig betragen, wie man es von einer Frau in meiner Stellung erwarten m�chte. Aber ich bin eine R�merin und folge meinem Gatten, wohin er immer gehen mag. Wo du, Gajus, bist, bin ich, Gaja. Auch ich bin Christin und bekenne es nun �ffentlich.�</p><p>Das war nicht wahr. Im Gegenteil, sie hatte meinem Vater mit ihrem st�ndigen Gekeife das Leben vergiftet und seine christlichen Freunde verachtet. Nun aber wandte sie sich an den Volkshaufen und rief laut: �H�rt es alle, Senat und Volk von Rom! Ich, Tullia Manilia, ehedem Valeria, ehedem Sulia, bin Christin! Es lebe Christus von Nazareth und sein Reich!� Und um recht �berzeugend zu wirken, lie� sie noch ein �Halleluja!� folgen, da sie dieses Wort oft von den Juden geh�rt hatte, wenn sie sich im Hause meines Vaters mit anderen Christen �ber den rechten Weg stritten.</p><p>Zum Gl�ck trug ihre Stimme nicht sehr weit. Tigellinus hielt ihr rasch mit der Hand den Mund zu. Als die Senatorengattinnen Neros Zorn bemerkten, eilten sie, vor Neugier schier zerspringend, zu ihren S�nften zur�ck, um die Wahrheit �ber die Vorf�lle im Senat aus ihren Ehem�nnern herauszupressen. Nero bewahrte mit knapper Not seine W�rde, als er sein Urteil f�llte: �Du sollst haben, wonach du verlangst, verr�cktes Weib, wenn du nur den Mund h�ltst. Ich sollte dich in den Zirkus schicken und mit den anderen zusammen hinrichten lassen, doch du bist zu h��lich und zu runzelig, um die Dirke zu spielen. Deshalb sollst du mit deinem Mann zusammen das Schwert schmecken, aber diese Gnade verdankst du nur dem Ansehen deiner V�ter, nicht mir.�</p><p>Durch Tullia war der Skandal so weit an die �ffentlichkeit geraten, da� Nero es nicht mehr wagte, die Gattin eines abgesetzten Senators vor allem Volk den wilden Tieren vorzuwerfen. W�hrend die Pr�torianer Tullia durch die Menge zu meinem Vater zur�ckf�hrten, go� Nero seinen Zorn �ber Tigellinus aus und befahl ihm, alle Hausgenossen meines Vaters verhaften und jeden, der sich als Christ bekannte, unverz�glich in den Zirkus bringen zu lassen. Zugleich sollte das Haus versiegelt und alles beschlagnahmt werden, was sich an Urkunden und Verzeichnissen vorfand, die sich auf das Verm�gen Tullias und meines Vaters bezogen.</p><p>�Und r�hre du nichts davon an�, warnte Nero Tigellinus. �Ich betrachte mich als ihr Erbe, da du mich zwingst, zu tun, was eigentlich deine Pflicht gewesen w�re.� Der Gedanke an den unerme�lichen Reichtum Tullias und meines Vaters tr�stete ihn gewi� in seinem �rger.</p><p>Vor der Kurie standen noch einige bek�mmerte Christen, die bis zuletzt gehofft hatten, ein Machtwort des Senats werde die Verurteilten vor den Schrecken des Zirkus retten. Unter ihnen befand sich ein junger Mann, der den schmalen roten Streifen trug und nicht in den Zirkus geeilt war, um sich auf den um diese Zeit schon gedr�ngt vollen B�nken der Ritter einen Platz zu sichern.</p><p>Als sich die Pr�torianer mit dem Zenturio an der Spitze auf den Weg machten, um meinen Vater und Tullia zur n�chsten Richtst�tte zu f�hren, folgte er ihnen zusammen mit anderen heimlichen Christen. Die Pr�torianer ratschlagten, wie sie ihren Auftrag am schnellsten ausf�hren und noch zur Vorstellung im Zirkus zurecht kommen k�nnten, und beschlossen, die Hinrichtung bei dem Grabmal am Ostianischen Tor zu vollziehen. Dieser Ort war zwar keine Richtst�tte, aber er lag immerhin au�erhalb der Mauern. �Wenn er bisher keine Richtst�tte war, so machen wir ihn nun eben dazu�, meinten die M�nner gem�tlich scherzend. �Da braucht die Frau in ihren d�nnen Goldsandalen auch nicht so weit zu gehen.�</p><p>Tullia erwiderte zornig, sie sei imstande, ebensoweit zu gehen wie ihr Gatte, und niemand k�nne sie daran hindern. Um zu beweisen, wie stark sie war, st�tzte sie meinen Vater, der, alt wie er war, der k�rperlichen Bewegung ungewohnt und m�de von einer beim Wein verbrachten Nacht, zu schwanken begann. Er war jedoch weder betrunken noch wirr im Kopf gewesen, als er im Senat aufstand und sprach, sondern hatte alles im voraus �berlegt.</p><p>Das zeigte sich bei der Hausdurchsuchung. Er hatte offenbar w�hrend der letzten Wochen alle seine Geldangelegenheiten neu geregelt und in der letzten Nacht die gesamte Buchf�hrung sowie die Listen seiner Freigelassenen und den Briefwechsel mit diesen verbrannt. Er hatte �ber seine Gesch�fte nie viel gesprochen und �berhaupt das Eigentum seiner Freigelassenen nie als das seine betrachtet, wenngleich er nat�rlich, um sie nicht zu kr�nken, die Geschenke annahm, die sie ihm aus den verschiedensten L�ndern schickten.</p><p>Ich erfuhr erst viel sp�ter, da� er zuverl�ssigen Freigelassenen au�erordentlich hohe Bargeldbetr�ge �zur Aufbewahrung� �bersandt hatte. Die �dilen hatten gro�e M�he, die Hinterlassenschaft zu ermitteln, und letzten Endes erbte Nero lediglich Tullias gro�e L�ndereien in Italien, deren Besitz des Senatorenamtes wegen hatte nachgewiesen werden m�ssen, und selbstverst�ndlich das Haus auf dem Virinal, in dem sich allerdings genug an wertvollen Kunstgegenst�nden, Gold, Silber und Glas befand.</p><p>Den gr��ten �rger verursachte den �dilen Neros �bereilter Befehl, alle Bewohner des Hauses festzunehmen, die sich, allein schon meinem Vater zuliebe, als Christen bekannten. Zu diesen geh�rten n�mlich sowohl der Verwalter als auch beide Schreiber, und Nero bereute ihren Tod bitter. Alles in allem wurden etwa drei�ig Personen aus dem Haus meines Vaters in den Zirkus gebracht.</p><p>Zu meinem gro�en Kummer befanden sich auch mein Sohn Jucundus und der alte Barbus unter den Gefangenen. Jucundus war nach seinen Brandverletzungen so �bel daran, da� er sich nur m�hsam auf Kr�cken fortzubewegen vermochte. Er wurde daher in einer S�nfte in den Zirkus getragen, und zwar zusammen mit Tullias altersschwacher Amme, die ein abscheuliches L�stermaul und ganz gewi� kein guter Mensch war, aber dennoch bereitwillig vorgab, Christin zu sein, als sie h�rte, da� Tullia dasselbe getan hatte.</p><p>Keiner von ihnen begriff so recht, warum er in den Zirkus sollte, und welches Schicksal ihrer harrte, erkannten sie erst, als man sie in die St�lle sperrte. Noch auf dem Wege dorthin glaubten sie, Nero wolle nur, da� die Christen mit ans�hen, wie die Brandstifter bestraft wurden, und die Pr�torianer hielten es nicht f�r notwendig, sie aufzukl�ren. Sie hatten es ohnedies eilig genug.</p><empty-line/><p>Beim Ostianischen Tor, wo es viele Andenkenl�den, S�nftenverleihe und Herbergen mit St�llen gab, die alle vom Brand verschont worden waren, blieb mein Vater pl�tzlich entschlossen stehen und sagte, er leide grausamen Durst und m�sse sich seiner Schw�che wegen vor der Hinrichtung mit einem Schluck Wein erfrischen. Er versprach, auch die Pr�torianer zum Wein einzuladen, da sie sich an diesem Festtag so viele zus�tzliche M�he mit ihm und seiner Gattin machen mu�ten. Tullia trug eine Menge Silberm�nzen bei sich, die sie unter das Volk hatte werfen wollen, wie sie es ihrem Stande schuldig war.</p><p>Sie traten in eine Schenke, und der Wirt holte die besten Kr�ge aus seinem Keller. Der Wein schmeckte allen, denn auch die Pr�torianer mu�ten sich bei dem hei�en Herbstwetter den Schwei� von der Stirn trocknen. Da mein Vater auf keinen Rang mehr bedacht <emphasis>zu</emphasis> sein brauchte, konnte er mit gutem Gewissen auch die heimlichen Christen einladen, die ihm gefolgt waren, und dazu einige Landleute, die von dem Festtag nichts gewu�t hatten und vergeblich in die Stadt gekommen waren, um Obst zu verkaufen.</p><p>Nach einigen Bechern Wein sah sich Tullia verdrossen um und fragte meinen Vater auf ihre �bliche n�rgelnde Art, ob es denn wirklich n�tig sei, da� er sich noch einmal betrinke, noch dazu in schlechter Gesellschaft. Er antwortete ihr sanft: �Liebe Tullia, so bedenke doch, da� ich keinen Rang mehr habe. Ganz im Gegenteil, als zu einem schm�hlichen Tode Verurteilte sind wir beide niedriger und elender als diese freundlichen Menschen, die bereitwillig mit uns trinken. Mein Fleisch ist schwach. Ich habe mich nie damit gebr�stet, mutig zu sein. Der Wein vertreibt den unangenehmen Schauder, den ich im Genick versp�re, und am meisten freut es mich, da� ich diesmal nicht an die unausbleiblichen Magenschmerzen und den gr��lichen Katzenjammer zu denken brauche, den du mit bei�enden Worten zu lindern pflegtest. Doch daran wollen wir nun nicht mehr denken, geliebte Tullia.�</p><p>Er starrte eine Weile sinnend vor sich hin und fuhr dann eifrig fort: �Wir wollen lieber an diese ehrenwerten Soldaten hier denken, die unseretwegen das fesselnde Schauspiel vers�umen, wie die Christen in Neros Zirkus durch L�wenrachen, Flammen, Kreuze und auf so manch andere Art und Weise, die der k�nstlerisch so hochbegabte Nero sich ausgedacht hat, ins Reich eingehen. Wein, Weib und Gesang sind des Soldaten einzige Freude. Singt nur, wenn euch danach zumute ist, Soldaten. �ber Weiber m��t ihr euch ein andermal unterhalten, da meine keusche Gattin anwesend ist. F�r mich ist dies ein Freudentag, denn nun geht endlich eine gute Weissagung in Erf�llung, �ber die ich mir an die f�nfunddrei�ig Jahre den Kopf zerbrochen habe. La�t uns also in Christi Namen trinken, liebe Br�der, und auch du, mein gutes Weib. Ich glaube, er wird es in Anbetracht der Umst�nde nicht �bel aufnehmen, und was mich betrifft, so habe ich um weit schlimmerer Dinge willen seinen Zorn zu f�rchten, weshalb dies kleine Trinkgelage meine Menschenschuld nicht sonderlich vergr��ern wird. Ich bin immer ein schwacher, selbsts�chtiger Mensch gewesen und kann zu meiner Rechtfertigung nichts anderes anf�hren, als da� er selbst als Mensch zur Welt gekommen ist, um auch die widerspenstigen Schafe, die wenig Wolle geben, zu suchen. Ja, ich erinnere mich dunkel, da� er einmal mitten in der Nacht fortging, um ein verlorenes Schaf zu suchen, das ihn wertvoller d�nkte als die ganze �brige Herde.� Die Pr�torianer lauschten aufmerksam und pflichteten ihm bei: �Es ist viel Wahres an deinen Worten, edler Manilianus. auch in der Legion bestimmt der schw�chste und langsamste das Marschtempo, und einen verwundeten oder umzingelten Kameraden kann man nicht im Stich lassen, selbst wenn man eine ganze Manipel aufs Spiel setzen m��te, um ihn herauszuhauen. Freilich, wenn man in einen Hinterhalt geraten ist, mu� jeder selber sehen, wo er bleibt.�</p><p>Sie begannen ihre Narben vorzuweisen und von ihren Taten in Britannien, Germanien, den Donaul�ndern und Armenien zu erz�hlen, aufgrund derer sie schlie�lich zu den Pr�torianern in der Hauptstadt versetzt worden waren. Mein Vater nutzte die Gelegenheit, wandte sich an Tullia und fragte: �Weshalb hast du ohne Not gesagt, du seist Christin, obgleich du doch nicht ernstlich glaubst, da� Jesus von Nazareth Gottes Sohn und der Welt Erl�ser ist? Du bist nicht einmal getauft. An den heiligen Abendm�hlern hast du nur widerstrebend und nur um deiner Hausfrauenpflicht zu gen�gen teilgenommen, aber du hast nie von dem Brot und dem Wein gekostet, die in Christi Namen gesegnet worden waren. Es schmerzt mich, da� ich dich um nichts und wieder nichts in mein Verderben mitrei�e. Ich habe allen Ernstes gedacht, du w�rdest als Witwe endlich so leben k�nnen, wie du es dir immer w�nschtest, und einen neuen Gatten h�ttest du gewi� auch noch gefunden, denn du bist in meinen Augen noch immer sch�n, gut erhalten f�r deine Jahre und reich dazu. Ja, ich hatte mir vorgestellt, da� nach Ablauf der Trauerzeit die Freier f�rmlich um die Wette laufen w�rden, und dieser Gedanke machte mich nicht einmal eifers�chtig, weil mir dein Gl�ck wichtiger ist als meines. �ber Christus und sein Reich sind wir uns nie einig gewesen.�</p><p>�Ich bin Christin, und nicht geringer als du, mein selbstgef�lliger Marcus, da ich nun mit dir zusammen um Christi willen sterbe�, erwiderte Tullia bissig. �Ich habe dir zuliebe, und weil ich dein ewiges Brummen nicht mehr aushielt, Geld an die Armen ausgeteilt. Hast du noch nicht bemerkt, da� ich dich mit keinem Wort tadle, obwohl du mit deiner entsetzlichen Dicksch�deligkeit vor dem ganzen Senat Schande �ber unseren Namen gebracht hast? Ich habe �ber dein einf�ltiges Betragen meine eigene Meinung, aber in dieser Stunde will ich sie f�r mich behalten, um dich nicht noch einmal zu kr�nken.� Pl�tzlich schlang sie meinem Vater die Arme um den Hals, k��te ihn, benetzte seine Wangen mit ihren Tr�nen und sagte: �Ich f�rchte den Tod nicht, weil ich mit dir zusammen sterben darf, Marcus. Ich k�nnte ohne dich nicht weiterleben. Du bist der einzige Mann, den ich wirklich geliebt habe, obwohl ich zweimal geschieden war und einen dritten Gatten zu Grabe getragen hatte, ehe ich dich wieder traf. Du hast mich einmal grausam verlassen, ohne danach zu fragen, was ich wohl empfinden mochte. Bis nach �gypten bin ich dir nachgereist. Zugegeben, ich hatte auch andere Gr�nde f�r diese Reise, aber du hast dich ja auch mit einem Judenm�dchen in Galil�a herumgetrieben, und dann hattest du diese gr��liche Griechin, Myrina, von deren gutem Ruf du mich nie wirst �berzeugen k�nnen, und wenn du hundert Statuen von ihr in Myrina und auf s�mtlichen M�rkten in ganz Asia aufstellst. Ich hatte freilich auch meine Schw�chen, aber die Hauptsache ist nun, da� du mich liebst und sagst, ich sei noch sch�n, obwohl mein Haar gef�rbt ist, mein Hals welk und mein Mund vor lauter Elfenbeinz�hnen h��lich.�</p><p>W�hrend sie so miteinander redeten, fragte der junge Christ, der den schmalen roten Streifen auf seiner Tunika trug, vom Wein mutig geworden, den Zenturio, ob er Befehl habe, auch andere Christen festzunehmen, die er unterwegs traf. Der Zenturio verneinte das entschieden und erwiderte, er habe nur den Befehl, meinen Vater und Tullia in gr��tm�glicher Heimlichkeit mit dem Schwert zu richten.</p><p>Da bekannte der junge Ritter sich als Christ und schlug meinem Vater vor, das heilige Mahl der Christen zusammen einzunehmen, obgleich sie es nicht hinter verschlossenen T�ren tun konnten und es nicht Abend war, was aber, wie er meinte, im Hinblick auf die Umst�nde gewi� kein Hindernis sei.</p><p>Der Zenturio sagte, er habe nichts dagegen einzuwenden und vor Zauberei sei ihm nicht bange. Im Gegenteil, er sei eher neugierig, da er schon so viel von den Christen habe reden h�ren. Mein Vater stimmte bereitwillig zu, bat aber den jungen Ritter, Brot und Wein zu segnen, und erkl�rte: �Ich selber kann es nicht tun. Vielleicht weigere ich mich nur aus Starrsinn und verletzter Eitelkeit, aber es verh�lt sich so, da� einst in Jerusalem der Geist �ber Christi J�nger kam und sie eine Menge Volks tauften, so da� alle des Geistes teilhaftig wurden. Damals w�nschte ich sehnlich, mit den anderen getauft zu werden, aber sie schlugen es mir ab, weil ich nicht beschnitten war, und trugen mir auf, von Dingen zu schweigen, die ich nicht verstand. An diesen Befehl habe ich mich mein Leben lang gehalten und habe nie andere belehrt, obwohl ich mich manchmal verga� und berichtete, was ich selbst gesehen oder als wahr erkannt hatte, um gewisse Mi�verst�ndnisse zu berichtigen. Getauft wurde ich erst hier in Rom, als Kephas mich in seiner Gutherzigkeit bat, ihm zu verzeihen, da� er mich einst abgewiesen hatte. Er war mir stets dankbar, weil ich ihm einmal auf jenem Berg in Galil�a meinen Esel lieh, so da� er, als er selbst nach Jerusalem mu�te, seine Schwiegermutter, die einen kranken Fu� hatte, nach Kapernaum schicken konnte. Doch verzeiht mir meine Schwatzhaftigkeit. Ich sehe, da� die Soldaten zum Himmel hinaufblicken. Greise reden gern von alten Zeiten, und mir l�st der Wein die Zunge.�</p><p>Sie beugten die Knie, und Tullia tat es ihnen nach. Der junge Ritter segnete mit einigen Worten Brot und Wein als Christi Fleisch und Blut. Dann genossen sie die Gnade mit Tr�nen in den Augen und k��ten einander z�rtlich. Tullia versicherte, sie f�hle in ihrem Innersten schon ein wonniges Zittern, einen Vorgeschmack des Paradieses, und ins Paradies, oder wohin auch immer sein Weg ihn f�hrte, wollte sie mit meinem Vater Hand in Hand gehen.</p><p>Die Pr�torianer gaben zu, da� sie in dieser Art von Zauberei nichts B�ses sehen konnten. Dann h�stelte der Zenturio bedeutsam, nachdem er noch einmal zum Himmel hinaufgeblickt hatte. Mein Vater beglich eilig seine Schuld, legte ein reichliches Trinkgeld dazu und lie� den Rest des Geldes unter dem Zenturio und den Pr�torianern aufteilen, indem er sie noch einmal bat, die M�he zu verzeihen, die er ihnen bereitete, und sie in Christi Namen segnete. Der Zenturio bat r�cksichtsvoll, man m�ge sich nun hinter das Grabmal begeben, da er Befehl habe, seinen Auftrag so unbemerkt wie m�glich auszuf�hren.</p><p>Da begann der junge Ritter zu weinen und sagte, es sei ihm, als er Brot und Wein segnete, pl�tzlich eine so frohe Gewi�heit zuteil geworden, da� er nicht warten wolle, bis sein eitles Leben von selbst erl�sche. Der Gedanke bedr�ckte ihn, da� so viele niedrig geborene Christen im Zirkus f�r Christus leiden durften und da� er selbst vielleicht nicht imstande sein werde, k�nftiger Bedr�ngnis tapfer standzuhalten. Daher bat er den Zenturio mit aufrichtigem Eifer, er m�ge ihn gleich hier und jetzt enthaupten und des Menschen herrlichste Reise antreten lassen. Er sei ebenso schuldig wie die anderen Christen und m�sse ihre Strafe teilen.</p><p>Der Zenturio wunderte sich, meinte aber nach kurzem Nachdenken, er versto�e wohl nicht gegen seine Pflicht, wenn er ihn zusammen mit meinem Vater und Tullia sterben lasse. Das hatte zur Folge, da� einige, die abseits gesessen waren und zugeh�rt hatten, nun eifrig um dieselbe Gnade baten. Um die Wahrheit zu sagen: man hat mir hinterbracht, da� sie auf meines Vaters Kosten allzu reichlich getrunken hatten.</p><p>Der Zenturio weigerte sich jedoch entschieden und sagte, seine Gunst habe ihre Grenzen. Einen mehr k�nne er zur Not mit hinrichten und beil�ufig in seinem Bericht erw�hnen, wenn er aber gleich mehrere vom Leben zum Tode bef�rderte, so w�rde das Aufmerksamkeit erregen und viel Schreiberei mit sich bringen, und mit seinen Schreibk�nsten sei es nicht weit her.</p><p>Zuletzt bekannte er, da� alles, was er gesehen, einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe, da� er bei sp�terer Gelegenheit noch mehr �ber diese Dinge zu erfahren w�nsche. Christus m�sse ein m�chtiger Gott sein, da� solche, die sich zu ihm bekannten, freudig in den Tod gingen. Er habe jedenfalls nie geh�rt, da� einer freiwillig und gern beispielsweise f�r Jupiter oder auch Bacchus gestorben w�re. Mit Venus verhalte es sich m�glicherweise anders.</p><p>Die Pr�torianer f�hrten meinen Vater, Tullia und den Ritter, dessen Namen der Zenturio, da er nicht minder berauscht war als die anderen, erst im letzten Augenblick auf seine Wachstafel kritzelte, hinter das Grabmal und w�hlten unter sich die drei besten Schwertfechter aus, die imstande waren, den Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpf zu trennen. Mein Vater und Tullia starben auf den Knien und Hand in Hand. Einer der heimlichen Christen, der dabei war und von dem ich dies alles wei�, behauptete, die Erde habe gebebt und am Himmel seien Flammen erschienen, die die Bauern blendeten, aber das sagte er wohl nur, um mir zu gefallen, oder vielleicht hatte er auch getr�umt.</p><p>Die Pr�torianer losten, wer zur�ckbleiben und die Leichen bewachen sollte, wie das Gesetz es vorschreibt, bis die Angeh�rigen sie holen kamen. Als die Zuschauer dies sahen, machten sie sich erb�tig, die Wache zu �bernehmen, da alle Christen Br�der seien und dadurch gleichsam miteinander verwandt. Der Zenturio meinte zwar, diese Behauptung sei juristisch gesehen zweifelhaft. aber er nahm das Angebot gern an, weil er keinen seiner M�nner um das Vergn�gen der Zirkusvorstellung bringen wollte. Es war Mittag, als sie sich im Eilschritt in die Stadt zur�ck und zum Zirkus jenseits des Flusses begaben, um noch Stehpl�tze unter den anderen Pr�torianern zu bekommen.</p><p>Die heimlichen Christen nahmen sich der Leichname meines Vaters, Tullias und des jungen Ritters an, dessen Namen ich mit R�cksicht auf das alte Geschlecht, dem er angeh�rte, verschweigen will. Er war der einzige Sohn seiner betagten Eltern und bereitete ihnen durch seine Wahnsinnstat gro�en Kummer. Sie hatten ihn verw�hnt und seinen Umgang mit den Christen stillschweigend geduldet, weil sie hofften, er werde zur Besinnung kommen, sobald er einmal ein Amt hatte, da es doch allgemein so zu sein pflegt, da� junge M�nner sp�testens nach ihrer Verehelichung ihre unfruchtbaren philosophischen Gr�beleien fahrenlassen.</p></section><section><p>Die Leichname wurden mit gro�er Achtung behandelt und unverbrannt in der Erde bestattet. Auf diese Weise ging mein Vater der Grabst�tte verlustig, die er bei Caere in der N�he der etruskischen K�nigsgr�ber erworben hatte, aber das d�rfte ihm nicht viel ausgemacht haben. Die Christen begannen zu jener Zeit, in weicheren Felsarten unterirdische G�nge und Kammern zu graben und ihre Toten dort zu bestatten. Es wird behauptet, sie halten an diesen Orten sogar Versammlungen ab, und das beweist, wie verderbt ihr Glaube ist, denn nicht einmal die Ruhe der Toten ist ihnen heilig. Deshalb sollst Du doch die Katakomben achten, mein Sohn Julius, denn in einer von ihnen ruht Dein Gro�vater und wartet auf den Morgen der Auferstehung.</p><empty-line/><p>Um die Mittagszeit begann man im Zirkus die K�rbe mit den Speisen auszuteilen. Nero kleidete sich als Wagenlenker und lie� sein schneewei�es Viergespann einige Runden um die Arena traben, w�hrend er auf seinem mit Gold verzierten Wagen stehend das jubelnde Volk gr��te und allen einen guten Appetit w�nschte. Es wurden auch wieder Lost�felchen unter die Zuschauer geworfen, jedoch nicht mehr so verschwenderisch wie fr�her, denn Nero brauchte das Geld begreiflicherweise f�r seine gewaltigen Bauvorhaben. Er meinte, da� die einmalige Vorstellung, die er bot, die Zuschauer reichlich f�r ihre M�hen entsch�digte, und darin hatte er� nat�rlich recht. Ich hatte mich mittlerweile beruhigt und war recht zufrieden, obwohl ich f�r den Hauptteil der Vorstellung nach der Mittagsruhe verantwortlich war. Die Theatervorf�hrungen, die Nero sich ausgedacht hatte, waren vom Standpunkt der Zuschauer aus offen, gesagt eher ein Mi�erfolg, und ich glaube, der Fehler lag bei den Theaterleuten, denen die christliche Denkart v�llig fremd war.</p><p>Ich bin vielleicht ein wenig befangen, aber ich m�chte behaupten, da� das Publikum mit den Vorf�hrungen am Vormittag sehr unzufrieden gewesen w�re, wenn meine Wildhunde sich nicht gleich zu Beginn, nach dem Einzug der G�tter und des Senats und der �ffentlichen Lesung einer gek�rzten Fassung der Rede Neros, ausgezeichnet h�tten. Man trieb als erstes einige Dutzend in Tierfelle eingen�hte Christen in die Arena und hetzte etwa zwanzig Hunde auf sie.</p><p>Sie leisteten ganze Arbeit. Sobald sie einmal Blut geleckt hatten, scheuten sie nicht mehr davor zur�ck, Menschen zu zerrei�en. Sie verfolgten die fliehenden Christen quer durch die Arena, brachten sie geschickt zu Fall, indem sie nach einem Bein schnappten, und fuhren ihnen gleich an die Kehle, ohne erst durch unn�tiges Zerren und Bei�en Zeit zu verlieren. Man hatte sie hungern lassen und am Morgen nicht gef�ttert, aber sie machten sich nicht daran, ihre Opfer aufzufressen, sondern leckten h�chstens ein wenig Blut, um den Durst zu stillen, und nahmen die Jagd sogleich wieder auf.</p><p>Die Hochzeit der Danaiden verlief dagegen nicht nach Neros Wunsch. Die festlich gekleideten M�dchen und J�nglinge wollten keine Hochzeitst�nze auff�hren, sondern standen dicht aneinander gedr�ngt in der Arena und r�hrten sich nicht, so da� einige Berufsschauspieler einspringen mu�ten. Nach der Trauung sollten die Br�ute ihre Br�utigame auf dem Hochzeitslager t�ten, wie es die T�chter der Danae getan hatten, aber die jungen Christinnen weigerten sich, Blut zu vergie�en, obwohl die J�nglinge auf diese Weise einen leichten Tod gehabt h�tten.</p><p>Ein Teil mu�te erschlagen werden, die �brigen wurden zwischen Reisigb�ndeln an denselben Pf�hlen angebunden, an denen die anderen Verbrecher schon darauf warteten, da� der Scheiterhaufen angez�ndet wurde. Ich mu� zugeben, da� das Publikum wenigstens etwas zu lachen hatte, als die Danaiden mit ihren Sieben zu den Wasserbottichen rannten und den Scheiterhaufen l�schen wollten. Die Schmerzensschreie der verbrennenden Christen waren so durchdringend, da� das Dr�hnen der Wasserorgel und der L�rm der anderen Instrumente sie nicht zu �bert�nen vermochten, und die M�dchen rannten immer schneller hin und her.</p><p>Zuletzt wurde ein sch�n geschm�cktes und mit Fenstern und T�ren versehenes Holzhaus angez�ndet, das mit angeketteten Greisen und Greisinnen voll besetzt war, die, als die Flammen nach ihren Gliedern leckten, die Schrecken des gro�en Brandes sehr glaubw�rdig darstellten. Viele der Danaiden fanden den Tod, als sie ihre unn�tzen Siebe fortwarfen und sich in die Flammen st�rzten, um ihre Eltern oder Geschwister zu retten.</p><p>Der ganze Zirkus, besonders aber die obersten Bankreihen, wo das einfachste Volk sa�, hallte vom Gel�chter wider. Mehrere Senatoren wandten jedoch das Gesicht ab, und unter den Rittern wurde die unn�tige Grausamkeit der Vorstellung beanstandet, obwohl man zugab, da� es die beste Strafe f�r Brandstifter sei, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden.</p><p>W�hrend dies alles geschah, kam das H�uflein derer, die man im Hause meines Vaters auf dem Virinal festgenommen hatte, im Zirkus an. Als Barbus und Jucundus erkannten, was ihnen bevorstand, versuchten sie vergebens, mich zu sprechen. Die Wachtposten stellten sich taub, was nicht verwunderlich war, denn auch viele andere Gefangene kamen mit allerlei Ausfl�chten zu ihnen, als man das Geschrei bis in die St�lle und Keller h�rte.</p><p>Die Gefangenen waren bereits auf die verschiedenen Vorstellungen aufgeteilt worden, und der Ordnung halber hatte man die einzelnen Gruppen voneinander getrennt. Ich hatte mit ihnen nichts mehr zu tun, verlie� mich ganz auf meine erfahrenen Untergebenen und blieb auf meinem Ehrenplatz als Veranstalter der Tiervorf�hrungen, um den Beifall entgegenzunehmen. Ich w�rde nicht einmal Zeit gehabt haben, hinunterzugehen, wenn mir jemand die Nachricht gebracht h�tte, da� man mich zu sprechen w�nschte.</p><p>Jucundus war au�erdem halb und halb �berzeugt, da� ein im Grunde freilich ganz harmloser Bund, den er zusammen mit einigen aus dem Osten stammenden Knaben in der Palatiumschule gegr�ndet hatte, entdeckt worden sei und da� er nur seiner gerechten Strafe entgegengehe. Diese Knaben hatten in ihrer kindischen Unvernunft gro�e Tr�ume gehegt. Sie wollten die Parther unterwerfen und die Hauptstadt des Reiches in den Osten verlegen � Gedanken, mit denen sich auch Nero bisweilen besch�ftigte, wenn er den Senat satt hatte. Einen Unterschied gab es allerdings: so wie Jucundus und seine Kameraden sich die Sache vorstellten, sollten die R�mer nach einem erfolgreichen Krieg gegen die Parther beiseite gedr�ngt werden, und alle Macht sollte auf die alten K�nigsgeschlechter des Ostens �bergehen.</p><p>Diese Knabentr�ume h�tte, w�ren sie bekannt geworden, niemand ernst genommen. Jucundus aber, der eben erst f�nfzehn geworden war und die Toga angelegt hatte, glaubte in seinem D�nkel, er werde einer politischen Verschw�rung wegen bestraft.</p><p>Als er einsah, da� er sterben mu�te, vertraute er sich Barbus an, und die beiden beschlossen, da sie mich nicht erreichen konnten, gemeinsam tapfer in den Tod zu gehen. Ich wei� auch nicht, ob es mir m�glich gewesen w�re, ihnen zu helfen, wenn ich von ihrem Schicksal gewu�t h�tte, denn Nero, der von meinem Vater vor dem versammelten Senat beleidigt worden war, h�tte sich gewi� nicht erweichen lassen.</p><p>Ich hatte es so eingerichtet, da� sich w�hrend der zweiten H�lfte des Programms st�ndig wilde Tiere in der Arena befanden, und der Abwechslung wegen beschlossen, Christen, die mit den Tieren k�mpfen wollten, zu bewaffnen. Gleichwohl konnte ich nur Schwerter, Dolche und Morgensterne verteilen lassen, die den Freiwilligen an den Eing�ngen zur Arena ausgeh�ndigt wurden.</p><p>Jucundus und Barbus w�hlten die L�wen und das Schwert, und man kam ihrem Wunsch gern nach, da die Christen im allgemeinen leider nicht gewillt waren, aufzutreten, und nur sehr wenige sich meldeten. Die meisten wollten dem B�sen keinen Widerstand leisten und nur so rasch und so leicht wie m�glich ins Paradies eingehen.</p><p>Nach der Pause schickte ich, um das Publikum aufzumuntern, wieder eine Gruppe Christen in Fellen in die Arena und lie� sie von Hunden hetzen. Diesmal gehorchten einige Hunde der Pfeife nicht, sondern blieben, nachdem sie ihr Werk verrichtet hatten, und rannten heulend im Sand umher. Ich hatte nichts dagegen, obwohl diese Jagdhunde sehr kostbar waren und nicht ohne Not get�tet werden durften.</p><p>Als n�chstes kamen drei ungez�hmte L�wen an die Reihe, stattliche Tiere, auf die ich mit Recht stolz war. Auf den Rat meiner erfahrenen Untergebenen hin hatte ich f�r diese L�wen einige altersschwache M�nner und Weiber sowie verkr�ppelte und halbw�chsige Knaben bestimmt, denn wie man mir versicherte, fand das Publikum nichts spa�iger, als wenn Zwerge und Kr�ppel vor den wilden Tieren davonsprangen. Aus ebendiesem Grunde pa�te auch Jucundus mit seinen Kr�cken gut f�r die L�wen.</p><p>Zuerst versammelte sich die Gruppe hinkend und hopsend mitten in der Arena, und die Hundew�rter standen mit ihren Peitschen bereit, um sie notfalls zu besch�tzen. Die Hunde beachteten sie jedoch nicht, da sie nicht in Fellen staken, die nach wilden Tieren rochen. Dann betraten an der Spitze von etwa zehn bewaffneten Christen Jucundus und Barbus die Arena.</p><p>Die Zuschauer brachen in lautes Gel�chter aus, als sie den auf Kr�cken humpelnden J�ngling und den zahnlosen Greis erblickten, die vor der Kaiserloge das Schwert zum Gru�e hoben. Ich war peinlich ber�hrt und warf einen Blick zu Nero hin�ber, da ich annahm, er werde sich �ber das Lachen der Zuschauer und meinen schlechten Geschmack �rgern, obwohl ich an dem Auftreten der beiden unschuldig war, aber er machte gute Miene und lachte mit.</p><p>Ich mu� gestehen, da� Jucundus und Barbus auch mich zum Lachen reizten, solange ich sie noch nicht erkannt hatte. Aber selbst als sie in die Mitte der Arena gingen und die anderen bewaffneten Christen im Kreis um die Alten und die Kinder aufstellten, wu�te ich noch nicht, wen ich vor mir hatte.</p><p>Wie h�tte ich auch auf den Gedanken kommen sollen, da� da mein eigener Sohn und mein treuester Diener gegen die wilden Tiere antraten. Ich fragte mich nur, wer wohl den gro�artigen Einfall gehabt haben mochte, ausgerechnet diese beiden komischen Gestalten an die Spitze derer zu stellen, die gegen die L�wen k�mpfen sollten.</p><p>Ich glaube, das Gel�chter der Zuschauer kr�nkte Jucundus und Barbus tief. Sie hatten die L�wen gew�hlt, weil Barbus Jucundus erz�hlt hatte, ich h�tte in meiner Jugend nahe Antiochia einen L�wen mit blo�en H�nden gefangen. Bei dieser Gelegenheit habe auch er, Barbus, selbst gro�e K�hnheit bewiesen, und daher sei der L�we von allen wilden Tieren dasjenige, mit dem er am geschicktesten umzugehen verstehe.</p><p>Der Sicherheit halber bat er Jucundus, die Kr�cken wegzulegen und mit seinem Schwert hinter ihm niederzuknien, damit er nicht sofort umgeworfen w�rde, wenn die L�wen sie ansprangen. Er wollte zun�chst versuchen, Jucundus mit seinem K�rper zu sch�tzen, damit er Gelegenheit erhielt, seine Tapferkeit unter Beweis zu stellen. Ich glaube, Barbus hat ihm, um sein Vertrauen zu erwidern, sogar erz�hlt, da� ich sein Vater war.</p><p>Das wu�te au�er meinem Vater und Barbus niemand, denn nicht einmal Claudia hatte ich die Folgen meines jugendlichen Fehltritts zu gestehen gewagt, obwohl ich damals, als ich eben aus Britannien zur�ckgekehrt war, mit Lugunda vor ihr geprahlt hatte.</p><p>Als das L�wentor ge�ffnet wurde, versuchte Jucundus meine Aufmerksamkeit zu erregen. Er rief mich und schwang sein Schwert, um zu zeigen, da� er keine Angst hatte. Erst in diesem Augenblick fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich erkannte ihn und Barbus. Ich erschrak zutiefst und rief in meiner Verzweiflung, die Vorstellung m�sse sofort abgebrochen werden.</p><p>Zum Gl�ck ging mein Befehl in dem allgemeinen Gel�rme unter, denn als die stattlichen L�wen in die Arena st�rzten, begann das Publikum vor Begeisterung laut zu jubeln, und viele standen auf, um besser zu sehen. Wenn ich die Vorstellung in diesem Augenblick der h�chsten Spannung abgebrochen h�tte, um Jucundus zu retten, w�rde Nero in seinem Zorn vermutlich mich selbst in die Arena geschickt haben, und wem w�re dadurch geholfen gewesen? Sobald ich ein wenig nachgedacht hatte, fa�te ich mich wieder und war froh, da� niemand meinen verzweifelten Ruf geh�rt hatte.</p><p>Sabina, die die L�wen als ihr Eigentum betrachtete, hatte alle Mittel angewandt, die sie und Epaphroditus kannten, um sie zu reizen und ihren Blutdurst zu wecken. Die drei herrlichen Tiere rannten so wild in die Arena hinaus, da� der gr��te L�we, durch den pl�tzlichen Wechsel von der Dunkelheit zum Licht verwirrt, zwischen einige schwelende Balken st�rzte und sich die M�hne verengte, was soweit kein Schaden war, denn er wurde dadurch nur noch wilder. Die L�wen waren durch das helle Tageslicht geblendet. Sie liefen eine Weile br�llend umher, ehe sie den Haufen der Christen in der Mitte der Arena bemerkten, und rissen mit den Pranken einige der an den Schutzplanken Gekreuzigten herunter.</p><p>Unterdessen hatte sich Barbus ein gl�hendes Scheit geholt und die anderen bewaffneten Christen aufgefordert, ein gleiches zu tun. Nun schwang er das Scheit hin und her und blies kr�ftig darauf, bis eine Flamme aufsprang, so da� er neben dem Schwert in der rechten auch eine Fackel in der linken Hand hielt. Tats�chlich gelang es noch einigen anderen, sich mit Scheiten zu versehen, ehe die L�wen die Laufenden bemerkten und einen von hinten niederrissen, ohne da� er dazu kam, sein Schwert zu gebrauchen. Die Zuschauer schm�hten ihn, weil sie glaubten, er habe dem L�wen aus Furcht den R�cken gewandt, w�hrend er doch nur zu den unbewaffneten Christen zur�ckgeeilt war, um sie mit dem Feuerbrand zu sch�tzen.</p><p>Die Hunde, die in der Arena umhergestreunt waren, schlossen sich pl�tzlich unerwartet zu einem Rudel zusammen und fielen furchtlos die L�wen an, die sie in die Hinterbeine bissen. So war es den Christen anfangs ein leichtes, sich zu verteidigen, denn die L�wen drehten sich immer wieder zornbr�llend um sich selbst und versuchten die Hunde abzusch�tteln. Mit ein wenig Gl�ck gelang es Barbus, ehe er st�rzte, einem der L�wen ein Auge auszustechen, und Jucundus stie� dem Tier sein Schwert in den Bauch und verwundete es schwer.</p><p>W�hrend der L�we sich auf dem Boden w�lzte und sich die Ged�rme herausfetzte, schleppte sich Jucundus n�her und gab ihm den Fangsto�, obwohl ihm der L�we noch in seinen Todeszuckungen mit der Pranke die Kopfhaut herunterri�, so da� er vor Blut nichts mehr sah. Das Publikum klatschte ihm lebhaft Beifall.</p><p>Jucundus tastete sich zu Barbus zur�ck, stellte fest, da� dieser tot war, nahm das brennende Scheit in die Linke und schlug damit blind um sich, w�hrend er sich gleichzeitig mit der Schwerthand das Blut aus den Augen zu wischen versuchte. Einer der anderen L�wen verbrannte sich an der Flamme die Schnauze und wich erschrocken zur�ck, vermutlich weil er glaubte, er sei vor die gl�hende Eisenstange eines Tierb�ndigers geraten. Er wandte sich einer leichteren Beute zu. Ich f�rchtete schon, da� die Vorstellung mi�gl�cken werde und da� ich mich zu sehr auf die mangelnde Waffent�chtigkeit der Christen verlassen hatte.</p><p>Doch es waren nicht mehr viele Hunde in der Arena. Sie erm�deten bald, so da� die beiden �briggebliebenen L�wen doch noch mit ihnen fertigwurden, ehe sie sich ernstlich auf die Christen st�rzten. Die Hunde waren so furchtlos, da� nicht ein einziger den Schwanz zwischen die Beine klemmte und floh. Dem letzten brach der eine L�we mit einem Prankenhieb das R�ckgrat, so da� er jaulend liegen blieb. Einige Hundeliebhaber auf den Zuschauerb�nken erhoben sich und riefen, dies sei ein allzu grausames Spiel. Man d�rfe Hunde nicht so qu�len. Einer der Christen machte den Leiden des armen Tieres barmherzig mit dem Schwert ein Ende.</p><p>Jucundus gab sich noch nicht geschlagen. Ein Christ mit einem Morgenstern, der in ihm den geschicktesten Schwertfechter aus der ganzen Schar erkannte, trat hinter ihn, um ihn im R�cken zu decken. Gemeinsam gelang es ihnen, den einen L�wen schwer zu verwunden. Das Publikum war so begeistert, da� der eine oder andere schon den Daumen nach oben streckte, doch das war ebenso voreilig wie vergeblich.</p><p>Jucundus starb im Sand.</p><p>Der Rest war ein Gemetzel. Die beiden L�wen st�rzten sich auf den wehrlosen Haufen der Christen, die nicht einmal davonliefen, was die Zuschauer noch belustigt h�tte, sondern sich nur dicht aneinanderdr�ngten, so da� die L�wen sie einzeln losrei�en mu�ten. Ich gab rasch den Befehl, zwei aufgehetzte B�ren in die Arena zu lassen, die den L�wen halfen. Zuletzt, als die Christen alle zerfleischt waren, lieferten die L�wen einen herrlichen Kampf gegen die B�ren, und besonders der verwundete L�we erhielt gro�en Beifall f�r seine blinde Tapferkeit.</p><p>Jucundus� Tod ersch�tterte mich, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon von gewissen Geschehnissen Kenntnis hatte, die sich w�hrend des gro�en Brandes im Garten des Tigellinus zugetragen hatten. Jucundus hatte sein Urteil verdient, doch darauf komme ich sp�ter noch zu sprechen. Ich war f�r die Vorstellung verantwortlich, und sie mu�te weitergehen. Pl�tzlich dr�ngte sich einer der Sklaven von meinem Gut bei Caere zu mir vor und meldete mir freudestrahlend, da� Claudia mir an diesem Morgen einen gesunden Knaben geboren hatte. Mutter und Kind waren wohlauf, und Claudia bat mich, den Knaben Clemens nennen zu d�rfen.</p><p>Ich konnte es nur als das g�nstigste Vorzeichen auffassen, da� ich gerade in dem Augenblick, da mein Sohn Jucundus in tapferem Kampf gegen die L�wen umgekommen war, die Nachricht von der Geburt meines zweiten Sohnes erhielt. Der Name Clemens, der Milde, d�nkte mich freilich unter diesen Umst�nden fehl am Platze, aber in meiner Freude war ich gern bereit, Claudia ihren Willen zu lassen, zumal ich mir sagte, da� ich ihr ohnehin noch sehr viel zu erkl�ren hatte. Und in meinem Herzen habe ich Dich, mein Sohn, nun schon bald zehn Jahre lang immer nur Julius genannt.</p><p>Das Programm ging sehr abwechslungsreich den ganzen Nachmittag weiter, und es gab viele �berraschungen, was sich, wenn man mit wilden Tieren arbeitet, nie ganz vermeiden l��t. Sie liefen zumeist glimpflich ab und wurden, da man sie f�r absichtliche Programmeinlagen hielt, mir zur Ehre angerechnet. Auf den Zuschauerb�nken wurden zahllose Wetten abgeschlossen, und es kam zu den �blichen Schl�gereien.</p><p>Die Sonne ging schon unter, als die Vorstellung mit dem Auftritt der Dirken und der hyrkanischen Stiere ihren H�hepunkt erreichte. Die Begeisterung des Publikums kannte keine Grenzen, als alle Tore gleichzeitig aufgesto�en wurden und an die drei�ig wilde Stiere, deren jeder ein leicht bekleidetes M�dchen auf den H�rnern trug, in die Arena rasten. Aus reinem Neid hatten die Theaterleute die Ehre dieser Nummer f�r sich in Anspruch nehmen wollen, und ich hatte es nach langem Hin und Her tats�chlich diesen unerfahrenen Menschen �berlassen, die M�dchen auf den H�rnern der Stiere festzubinden. Ich brauche nicht eigens zu sagen, da� sie und ihre Helfer schlechte Arbeit geleistet hatten.</p><p>Die Felsbl�cke, die ich in die Arena hatte schleppen lassen, waren zu nichts n�tze. W�hrend die Theaterleute in ihre Sprachrohre br�llend dem Publikum die Dirkesage erz�hlten, sch�ttelten die Stiere die M�dchen m�helos von ihren H�rnern, warfen sie hoch in die Luft und spie�ten sie auf. Nur wenige stie�en ihre Dirke gegen die Steine, wie es beabsichtigt war und wie es die Sage berichtet. Es war nicht meine Schuld, da� diese Nummer mi�gl�ckte.</p><p>Nun wurden die restlichen Christen gegen die Stiere getrieben. Zu meiner Freude �berwanden sie ihre Gleichg�ltigkeit und f�hrten sich unglaublich mutig auf. Es war, als h�tte sie pl�tzlich ein rasendes Todesverlangen gepackt, denn sie rannten f�rmlich um die Wette, als g�lte es einen Siegerkranz zu gewinnen, und warfen sich den Stieren auf die H�rner. Das Publikum rief Beifall und begann sogar ein wenig Sympathie f�r sie zu empfinden.</p><p>Als dieses Wild erledigt war, wandten sich die Stiere gegen die Gekreuzigten, warfen die Kreuze um und rannten mit solcher Wucht gegen die Schutzplanken an, da� die zun�chst Sitzenden f�rchteten, sie k�nnten nachgeben. Doch nun war das Spiel auch schon vor�ber.</p><p>Nach einem Blick auf den Himmel konnte ich erleichtert aufatmen und den Bogensch�tzen befehlen, die Stiere zu erlegen. Sie besorgten das so geschickt und mutig, da� die Zuschauer ihnen dankbar Beifall spendeten, so da� meine Bef�rchtung, diese notwendige Schlu�nummer k�nnte das Volk langweilen, unbegr�ndet gewesen war.</p><p>Tigellinus wollte zuletzt noch die Schutzplanken mit den daran gekreuzigten Christen verbrennen, aber Nero verweigerte seine Zustimmung, weil er f�rchtete, das Feuer werde sich ausbreiten und seinen ganzen Zirkus zerst�ren. W�hrend die Zuschauer durch alle Tore hinausstr�mten, gingen einige Pr�torianer in der Arena umher und gaben den Gekreuzigten mit ihren Lanzen den Gnadensto�, denn Nero wollte um der Gerechtigkeit willen, da� diese Christen nicht l�nger leiden sollten als die anderen, durch den Scheiterhaufen und die wilden Tiere hingerichteten.</p><p>Sollte sich jemand dar�ber wundern, da� ich meine wertvollen Tiere nicht schonte, so antworte ich ihm, da� es schlecht ausgesehen und den Wert der ganzen Vorstellung gemindert haben w�rde, wenn ein Teil des Publikums dazu verleitet worden w�re, am Abend noch im Zirkus zu bleiben und bei der langwierigen Arbeit des Einfangens zuzusehen. Die Stiere waren au�erdem so wild, da� wahrscheinlich einige der Tierw�rter dabei ums Leben gekommen w�ren, und im �brigen gedachte ich Nero eine so gesalzene Rechnung vorzulegen, da� mich der Verlust meiner hyrkanischen Stiere nicht schmerzte.</p><p>Tigellinus, der anderen in allem voraus sein wollte, bildete sich ein, die gr��te �berraschung des Tages f�r das Volk bereitzuhalten, das nun zu dem Festmahl eilte, das ihm Nero in den G�rten der Agrippina zugesagt hatte. Er hatte sich den Umstand zunutze gemacht, da� er au�erhalb der Mauern richterliche Gewalt besa�, und befohlen, den Park mit den zweitausend Christen zu beleuchten, die am fr�hen Morgen aufs Geratewohl aus den anderen ausgew�hlt und unter Bewachung in die G�rten gebracht worden waren, da man unm�glich f�nftausend Menschen im Laufe einer einzigen Vorstellung in der Arena auftreten lassen kann.</p><p>W�hrend der Vorstellung hatte man unter gro�en M�hen Pf�hle entlang der Parkwege und um die Teiche herum aufgestellt und die Christen darangekettet. Da nicht genug Eisenketten f�r alle dagewesen waren, hatte man auch Stricke genommen und die letzten in der Eile einfach an den H�nden festgenagelt.</p><p>Dann hatte man die Christen mit Pech und Wachs bestrichen, wovon Tigellinus� Verwalter gerade noch rechtzeitig einige Fuhren hatte beschaffen k�nnen. Da das aber f�r eine richtige Beleuchtung nicht ausreichte, mu�te man noch zu �l und anderem Brennbarem greifen. Dazu kam, da� die Pr�torianer, die man f�r diese Arbeiten ausgelost hatte, unwillig und mi�vergn�gt zu Werke gingen, weil sie die Vorstellung im Zirkus vers�umten und statt dessen im Glast der Herbstsonne L�cher graben und Pf�hle einrammen mu�ten.</p><p>Als nun das Volk bei Einbruch der Dunkelheit aus dem Zirkus dr�ngte, um sich zum Festmahl zu begeben, liefen die Pr�torianer voraus und z�ndeten die lebenden Fackeln entlang des Weges an. Die Leute verwunderten sich und wu�ten diesen unfa�baren Anblick nicht zu sch�tzen, ja den Gebildeten verging von dem widerlichen Geruch von verbranntem Menschenfleisch der Appetit, und sie machten sich auf den Heimweg. Andere f�rchteten, das Feuer k�nne auf die G�rten und Lusth�user �bergreifen, da die Christen an ihren Pf�hlen sich wanden und strampelten und Tropfen von brennendem Pech und Wachs rings umher ins d�rre Gras fielen. Viele verbrannten sich die F��e bei dem Versuch, die Glut in der Umgebung der Pf�hle auszutreten.</p><p>Als Nero, noch immer volkst�mlich in die Tracht eines Wagenlenkers gekleidet, mit seinem Gespann die von menschlichen Fackeln ges�umten Wege entlangfuhr, wurde er nicht mit dem Beifall begr��t, den er, erwartet hatte. Im Gegenteil, er stie� �berall auf verdrossenes Schweigen und sah zu seinem Kummer mehrere Senatoren zur Stadt zur�ckkehren.</p><p>Er stieg vom Wagen, um mit dem Volk zu sprechen und einigen die Hand zu dr�cken, aber niemand mochte �ber seine Scherze lachen. Als er Petronius zur�ckzuhalten versuchte, gab ihm dieser zur Antwort, er habe um der Freundschaft willen eine langweilige Vorstellung durchgestanden, aber was sein Magen zu vertragen imstande sei, habe seine Grenzen. Er versp�re kein Verlangen, den besten Braten der Welt zu kosten, wenn dieser mit dem s��lichen Geruch von Menschenfleisch gew�rzt sei.</p><p>Nero bi� sich auf die Lippen. In seiner Wagenlenkertracht glich er einem grobschl�chtigen, verschwitzten Ringk�mpfer. Er sah ein, da� er sich etwas einfallen lassen mu�te, um das Volk zu erheitern und die Geschmacklosigkeit, die Tigellinus begangen hatte, vergessen zu machen. Zu allem �berflu� begannen nun halb verbrannte Menschen von den Pf�hlen zu st�rzen, da die Stricke durchgebrannt waren. Andere rissen in ihrem Schmerz ihre festgenagelten H�nde los und rannten brennend mitten unter die Menschen.</p><p>Diese vor Schmerzen br�llenden, kriechenden und sich auf dem Boden w�lzenden Gestalten, die kaum noch Menschliches an sich hatten, erregten nur Entsetzen und Abscheu. Nero befahl wutentbrannt, sie und die anderen, die an ihren Pf�hlen schrien und das kunstvolle Spiel seines Orchesters st�rten, unverz�glich zu t�ten.</p><p>Dann lie� er allen Weihrauch verbrennen, dessen man habhaft werden konnte, und im ganzen Park die Duftw�sser ausspritzen, die urspr�nglich f�r seine Festg�ste bestimmt gewesen waren. Was diese Verschwendung kostete, mag sich jeder selbst ausmalen, und ich schweige von den vielen unbrauchbar gewordenen Eisenketten.</p><p>Mich hielten um diese Zeit meine Pflichten noch im Zirkus zur�ck. Ich nahm in aller Eile die Gl�ckw�nsche der angeseheneren Zuschauer zu der gelungenen Vorstellung entgegen und stieg dann in die Arena nieder, um mich zu vergewissern, da� die Scharfrichter mit ihren Keulen ihr Werk ordentlich verrichteten, vor allem aber, um zu holen, was von Jucundus und Barbus noch �brig war.</p><p>Ich fand sie leicht, aber zu meiner Verwunderung setzte sich pl�tzlich mitten unter den zerfleischten Leichen ein junger Christ auf. Er hielt sich den Kopf mit den H�nden, war aber v�llig unversehrt. Als er das Blut abwischte, das �ber ihn hin geronnen war, zeigte es sich, da� er weder einen Bi� noch einen Prankenhieb noch einen Huftritt abbekommen hatte. Er starrte bet�ubt zum Abendstern empor und fragte, ob er im Paradiese sei. Dann erkl�rte er mir, er habe sich in den Sand geworfen, um die Tiere nicht durch ohnehin vergeblichen Widerstand zu reizen. Ich wunderte mich nicht, da� er mit dem Leben davongekommen war, denn im allgemeinen r�hren weder L�wen noch wilde Stiere einen Menschen an, der sich totstellt, und so mancher Tierf�nger hat auf diese Art schon sein Leben gerettet.</p><p>Ich betrachtete die Rettung dieses jungen Mannes als ein Zeichen und legte ihm meinen Mantel um die Schultern, um ihn vor dem Keulenhieb der fluchenden Scharfrichter zu bewahren. Und ich erhielt meinen Lohn daf�r, denn er konnte mir genau berichten, was Jucundus und Barbus getan und wor�ber sie unter den anderen Gefangenen leise gesprochen hatten. Man hatte die Christen so eng zusammengepfercht, da� keiner sitzen konnte, und der junge Mann war zuf�llig unmittelbar neben Jucundus gestanden. Zudem war Barbus auf seine alten Tage ein wenig taub geworden und hatte deshalb Jucundus bitten m�ssen, lauter zu sprechen, als dieser fl�sternd von der dummen Verschw�rung der Knaben zu berichten begann.</p><p>Der junge Christ, der gehofft hatte, sich schon an diesem Abend mit seinen Glaubensbr�dern im Paradiese zu befinden, betrachtete seine Rettung als ein Wunder und war �berzeugt, da� Christus ihn f�r eine andere Aufgabe ausersehen hatte. Ich gab ihm neue Kleider und sorgte daf�r, da� man ihn unangetastet durch ein Seitentor entweichen lie�.</p><p>Er hoffte, Christus werde mich f�r meine Barmherzigkeit und meine gute Tat segnen, und glaubte, auch ich w�rde eines Tages den rechten Weg finden. Ich schwieg dazu, um seine Gef�hle zu schonen, und fragte ihn nur nebenher nach seinem Namen. Er erz�hlte mir offenherzig, da� er zu den J�ngern des Paulus geh�rt und bei der Taufe den Namen Clemens erhalten habe. Dieses erstaunliche Zusammentreffen machte es mir leichter, Claudias Laune nachzugeben und meinen Sohn wenigstens f�rs erste Clemens zu nennen.</p><p>Der junge Christ mi�deutete meine Verwunderung und gestand, er verdiene diesen Namen eigentlich nicht, denn er sei nicht milde, sondern m�sse sich unaufh�rlich in der Demut �ben, um seinen Zorn zu bemeistern. Eben deshalb habe er sich in den Sand geworfen und B�ses nicht mit B�sem erwidern wollen. Dann segnete er mich noch einmal f�r meine G�te und begab sich auf dem von menschlichen Fackeln erhellten Weg zur�ck nach Rom. Die Gewi�heit, da� Christus ihn noch brauchte, tr�stete ihn dar�ber hinweg, da� er nicht den anderen Christen ins Paradies hatte folgen d�rfen.</p><p>Vor etwa drei Jahren traf ich wieder mit ihm zusammen, als ich von Amts wegen gezwungen war, einen Streit unter den Christen zu schlichten, wobei ich es f�r richtig hielt, zu Cletus� Gunsten zu entscheiden. Es ging darum, wer nach Linus den Hirtenstab �bernehmen sollte. Ich fand, da� Clemens noch zu jung war, und wenn er sich weiter flei�ig in der Demut ge�bt hat, wird er das wohl auch eingesehen haben.</p><p>Eines Tages wird auch er an die Reihe kommen, aber darum brauchst Du Dich nicht zu k�mmern, Julius. Die Christen sind politisch bedeutungslos, und es ist noch die Frage, ob ihr Glaube in dem harten Wettstreit mit den anderen aus dem Osten zu uns gekommenen Glaubenslehren wird bestehen k�nnen. Verfolge sie aber nie, so sehr Du Dich auch manchmal �ber sie �rgern magst, sondern lasse sie um Deiner Gro�mutter Myrina willen in Frieden.</p><p>Die Leichen von Jucundus und Barbus lie� ich in T�cher wickeln, und ich war einigen ver�ngstigten Menschen dabei behilflich, ihre Toten zu bergen, sofern sie sie finden konnten. Ich tat es aus Gef�lligkeit und nahm die Geschenke, die mir daf�r angeboten wurden, nicht an. Die meisten Leichen mu�ten in ein Massengrab bei der Richtst�tte f�r das gemeine Volk geschafft werden, die zum Gl�ck ganz in der N�he lag.</p><p>Ich konnte also mit gutem Gewissen zu Neros Festmahl eilen und meiner Entr�stung �ber die Geschmacklosigkeit und Eigenm�chtigkeit des Tigellinus Ausdruck verleihen. Da ich voraussah, da� es schwerhalten w�rde, die gewaltige Zuschauermenge zu speisen, hatte ich meine wilden Stiere in aller Eile abh�uten und ausschlachten lassen, um einen Teil der G�ste auf meine Rechnung mit dem guten Fleisch zu bewirten.</p><p>Das Mahl wurde mir jedoch verleidet, denn gleich als erstes bemerkte ich einige Senatoren, die mich eigent�mlich musterten oder mir sogar den R�cken wandten, ohne meinen Gru� zu erwidern, und dann dankte mir Nero allzu lustlos und verdrossen f�r meinen Anteil an der Vorstellung. Erst jetzt erfuhr ich aus seinem Munde von der Verurteilung meines Vaters und Tullias, denn das Auftreten meines Sohnes und meines alten Dieners in der Arena war mir bis dahin trotz der Erz�hlung des jungen Christen ein R�tsel geblieben. Ich hatte die Absicht gehabt, Nero, wenn er bei passender Laune war, in scharfem Tone zu fragen, wie es m�glich war, da� der Adoptivsohn eines Senators mit den Christen zusammen den wilden Tieren ausgesetzt werden konnte.</p><p>Nun schilderte mir Nero, wie mein Vater bei der Senatssitzung am fr�hen Morgen pl�tzlich irrezureden begann. �Er beleidigte mich vor dem versammelten Senat�, sagte er. �Aber nicht ich habe ihn verurteilt. Seine eigenen Amtsbr�der verurteilten ihn so einhellig, da� nicht einmal eine Abstimmung vonn�ten war. Einen Senator kann ja, wie du wei�t, nicht einmal der Kaiser verurteilen, ohne zuvor die anderen Senatoren zu h�ren. Und dann brachte deine Stiefmutter Tullia durch ihr unbeherrschtes Auftreten die ganze leidige Sache, die ich, nicht zuletzt aus R�cksicht auf deinen Ruf, geheimhalten wollte, an die �ffentlichkeit. Der junge Brite, den dein Vater adoptiert hatte, glaubte es ihm schuldig zu sein, sich als Christ zu bekennen. Er w�re sonst nicht in den Zirkus gebracht worden. Aber er war ohnehin lahm und w�re nie ein tauglicher Ritter geworden. Es steht nicht daf�r, da� du um ihn trauerst. Au�erdem hatte dein Vater, vermutlich in seiner Sinnesverwirrung, die Absicht, dich zu enterben. Du verlierst also nichts, obwohl ich gezwungen bin, sein Verm�gen zu beschlagnahmen. Du wei�t ja, da� ich Geld brauche, um eines Tages endlich einmal menschenw�rdig wohnen zu k�nnen.�</p><p>Ich hielt es f�r das sicherste, Nero zu erkl�ren, da� mein Vater mir schon vor siebzehn Jahren einen Vorschu� auf mein Erbteil gegeben hatte, damit ich das f�r einen Ritter erforderliche Verm�gen nachweisen konnte. Ich hatte allerdings die Grundst�cke auf dem Aventin verkauft, bevor die H�user vom Brand zerst�rt wurden. Au�erdem hatte ich anfangs gro�e Summen f�r den Tiergarten von meinem Vater bekommen, aber davon hatte Nero selbst, durch die Vorstellungen im Amphitheater, den gr��ten Nutzen gehabt.</p><p>Er antwortete mir edelm�tig, er denke nicht daran, Summen zur�ckzufordern, die ich vor langer Zeit einmal bekommen hatte. Seiner Meinung nach war die Hinterlassenschaft meines Vaters gro� genug, da� sowohl f�r die Staatskasse als auch f�r seine Bauvorhaben etwas abfiel. Er erlaubte mir sogar, mir aus dem Haus meines Vaters einige Andenken auszuw�hlen, sobald die �dilen alles verzeichnet hatten.</p><p>Um allen nachtr�glichen Verd�chtigungen zuvorzukommen, bekannte ich, da� mein Vater mir unter anderem einen Becher geschenkt hatte, der mir pers�nlich sehr teuer war. Nero fragte neugierig nach Einzelheiten, verlor aber alles Interesse, als er erfuhr, da� es sich nur um einen Holzbecher handelte.</p><p>Nun wurde mir endlich klar, in welche Gefahr ich durch meinen Vater geraten war, und ich beeilte mich zu erkl�ren, da� ich Nero nicht einen einzigen Sesterz f�r meine Tiere und die anderen Auslagen in Rechnung stellen wollte. Ich schenkte ihm sogar das Fleisch der wilden Stiere f�r seine G�ste und schlug ihm vor, er solle den gro�en Vorrat an Kleidern, der nun im Zirkus lag, sowie die Schmuckst�cke und Spangen, die man den Gefangenen abgenommen hatte, auf seine Rechnung verkaufen lassen. Vielleicht konnte er damit einige S�ulen der Arkaden bezahlen, die die Geb�ude auf dem Palatin und dem Caelius mit dem Goldenen Haus auf dem Esquilin verbinden sollten.</p><p>Nero war entz�ckt und versprach mir, er werde sich meiner Freigebigkeit stets erinnern. Er war erleichtert, weil ich ihm wegen des Todes meines Vaters und meines Stiefbruders � so nannte er Jucundus � keine Vorw�rfe machte, und dankte mir nun aus ganzem Herzen f�r meinen Beitrag zu der Vorstellung. Er gab zu, da� seine Theaterleute kl�glich versagt hatten und da� ihm Tigellinus nur �rger bereitet hatte. Das einzige, was seiner Ansicht nach au�er den Tiernummern wirklich gelungen war, war die gewaltige Musik der Wasserorgel und des Orchesters, dem er selbst genaue Anweisungen gegeben hatte.</p><p>Ich war der Meinung, da� die l�rmende Musik nur die Tiere beunruhigt und das Interesse der Zuschauer von gewissen H�hepunkten der Vorstellung abgelenkt hatte, aber das sagte ich ihm nicht. Da mir selbst alles so gut gegl�ckt war, konnte ich gro�z�gig sein und �ber die d�rftigen Ergebnisse seiner Anstrengungen stillschweigend hinweggehen.</p><p>Trotzdem war ich niedergeschlagen, und das Essen schmeckte mir nicht. Sobald ich mich nicht mehr von eifers�chtigen Blicken beobachtet wu�te, verrichtete ich ein Trankopfer f�r meinen Vater und trank einige Becher Wein. Ich sandte meinen L�ufer aus mit dem Auftrag, zu erkunden, wo mein Vater hingerichtet worden war, und seinen sowie Tullias Leichnam zu suchen. Sie waren jedoch aus Gr�nden, die ich schon berichtete, nicht mehr zu finden.</p><p>Ich mu�te mich damit begn�gen, gegen Morgen die �berreste von Jucundus und Barbus auf einem hastig aufgeschichteten Scheiterhaufen zu verbrennen. Barbus hatte es durch seinen langen Dienst und seine Treue verdient, mit meinem Sohn Jucundus den Scheiterhaufen zu teilen. Als ich die letzte Glut mit Wein hatte l�schen lassen, sammelte ich eigenh�ndig ihre Asche in eine Urne.</p><p>Die Urne setzte ich sp�ter in Caere bei, auf einem H�gel, den ich �ber der Grabst�tte errichten lie�, die mein Vater einst gekauft hatte. Jucundus stammte ja durch meinen Vater von den Etruskern ab, und seine Mutter Lugunda war eine Britin aus vornehmem Geschlecht gewesen. Barbus aber hatte durch seine Treue bis in den Tod inneren Adel bewiesen. Auf dem Deckel ihrer Urne steht ein etruskischer Bronzehahn und kr�ht ihnen ewiges Leben. Du wirst es eines Tages selbst sehen, Julius, wenn Du mit dem Staub Deines so habgierigen, unw�rdigen und verst�ndnislosen Vaters nach Caere kommst.</p><empty-line/><p>Ich durfte Nero nicht kr�nken und mu�te bleiben, bis das Fest zu Ende ging, und ich will gern zugeben, da� die kleinen Vorstellungen au�erordentlich gelungen waren, die er an verschiedenen beleuchteten Stellen im Park geben lie�: sch�ne T�nze, Satyrn, die zwischen den B�schen Nymphen jagten, eine Szene mit Apoll und Daphne und anderes mehr, was das Volk belustigte und auch einem w�hlerischen Publikum leichtfertige Gedanken einzufl��en imstande war. Zu essen gab es reichlich, aber das Fleisch meiner Stiere war dennoch willkommen. Die Springbrunnen f�llten die Becken mit Wein, der zuletzt unvermischt war.</p><p>Da nun die Brandstifter ihre wohlverdiente Strafe erhalten hatten und alles ges�hnt war, hielten die vornehmsten Damen Roms und alle Priesterkollegien gemeinsam ein g�ttliches Vers�hnungsmahl ab, das den H�hepunkt des Gartenfestes bildete. Zu diesem Zweck waren die beiden heiligsten wei�en Steinkegel in aller Heimlichkeit aus ihrem Tempel geholt worden.</p><p>Sie wurden unter den �blichen Zeremonien in einem beleuchteten Zelt auf ihren heiligen Kissen aufgestellt und von Frauen bekr�nzt, und dann setzte man ihnen das heilige Mahl vor. Dieses Mysterium ist so uralt und wird so selten begangen, da� nur wenige von den anwesenden Greisen es je mit angesehen hatten. Ich verfolgte es voll Neugier, erinnerte mich, da� die R�mer dieses Mysterium von den Etruskern �bernommen hatten, und stimmte mit den Senatoren und Rittern fromm in das heilige Lachen ein. Das Volk durfte nicht lachen. Dann wurde der Zeltvorhang vor die �ffnung gezogen, und kurz darauf erlosch pl�tzlich das Licht, das durch die Zeltleinwand schimmerte, ohne da� jemand daran ger�hrt h�tte. Wir seufzten erleichtert auf, weil die Zeremonie ganz so verlaufen war, wie es die �berlieferung forderte.</p><p>W�hrend die Steinkegel oder vielmehr die G�tter, deren Sinnbild sie waren, nach dem heiligen Mahl in dem dunklen Zelt zur�ckblieben, um sich zum Wohle Roms auf ihren heiligen Kissen zu umarmen, veranstaltete Nero nach altem Brauch ein Satyrspiel, damit die G�ste sich von so viel furchtgebietender Heiligkeit erholen konnten, und man kann ihm nur den einen Vorwurf machen, da� er unbedingt selbst mitspielen wollte, weil er glaubte, dadurch die Gunst des Volkes zu gewinnen.</p><p>Er lie� sich daher auf offener Szene zu den Kl�ngen einer l�sterlichen Musik als Braut kleiden und sein Gesicht mit dem feuerroten Schleier verh�llen. Dann sang er, geschickt eine Frauenstimme nachahmend, die �bliche Brautklage. Zum Hochzeitslager wurde er von Pythagoras, einem stattlichen Sklaven im Gewand des Br�utigams, gef�hrt. Eine G�ttin kam, um die ver�ngstigte Braut zu tr�sten und zu beraten. Jammernd lie� Nero den Br�utigam die beiden Knoten des G�rtels l�sen, und zuletzt sanken die beiden einander, fast v�llig entkleidet, auf dem Bett in die Arme.</p><p>Nero ahmte das Wimmern und Klagen einer verschreckten Jungfrau so vollendet nach, da� die Zuschauer vor Lachen br�llten, worauf er pl�tzlich so woll�stig zu st�hnen begann, da� viele vornehme Damen err�teten und sich die H�nde vor die Augen hielten. Die beiden spielten ihre Rolle so geschickt und gut, als h�tten sie die Vorstellung im voraus geprobt.</p><p>Poppaea allerdings �rgerte sich �ber diese kunstvolle Vorf�hrung so sehr, da� sie kurz darauf das Fest verlie�. Sie war zudem im dritten Monat schwanger und mu�te auf ihre Gesundheit achten, und die lange Vorstellung im Zirkus hatte sie erm�det.</p><p>Nero hatte nichts dagegen, da� sie sich entfernte. Im Gegenteil, er nutzte die Gelegenheit, um in den dunklen Winkeln des Parks allerlei l�sterne Spiele zu veranstalten. Auf das Vergn�gen des Volkes bedacht, hatte er alle Weiber aus den Hurenh�usern, die der Brand verschont hatte, eingeladen und sie aus seiner eigenen Kasse bezahlt, aber es gab viele vornehme Damen und leichtsinnige Ehem�nner und Frauen, die sich im Schutz der Dunkelheit an diesen Spielen beteiligten. Zuletzt raschelte und knackte es in allen B�schen, und man h�rte ringsumher die br�nstigen Rufe der Betrunkenen und das Kreischen der Weiber.</p><p>Ich ging, um den Scheiterhaufen anzuz�nden. W�hrend ich Jucundus� und Barbus� Asche mit Wein bego�, dachte ich an Lugunda und meine Jugendjahre in Britannien, in denen ich noch so empfindsam, so auf das Gute bedacht und unschuldig gewesen war, da� ich mich erbrechen mu�te, als ich meinen ersten Briten erschlagen hatte. Um dieselbe Zeit am fr�hen Morgen, was ich allerdings erst sp�ter erfuhr, kehrte Nero, mit Erde beschmutzt und den weinfeuchten Lorbeerkranz schief auf dem Kopf, auf den Esquilin zur�ck, um sich schlafen zu legen.</p><p>Poppaea, die sich, wie alle Schwangeren, leicht erregte, war wach gelegen und hatte auf ihn gewartet. Sie empfing ihn mit b�sen Worten. Nero geriet in seinem benommenem Zustand so in Zorn, da� er sie in den Leib trat, bevor er sich auf sein Bett warf und in den tiefen Schlaf der Trunkenheit versank. Tags darauf erinnerte er sich an nichts mehr, bis er erfuhr, da� Poppaea eine Fehlgeburt gehabt hatte. Es stand sehr schlecht um sie, und die besten �rzte Roms vermochten ihr nicht zu helfen � von ihren j�dischen Weibern mit ihren Spr�chen und Zauberbinden ganz zu schweigen.</p><p>Zu Poppaeas Ehre mu� ich sagen, da� sie Nero keine Vorw�rfe machte, als sie erkannte, da� ihr Zustand hoffnungslos war. Sie versuchte sogar noch in der Todesstunde ihn zu tr�sten und seine Gewissensqualen zu lindern, indem sie ihn daran erinnerte, da� sie sich immer gew�nscht hatte, zu sterben, ehe ihre Sch�nheit dahinschwand. So wie sie nun aussah, sch�n wie eh und je, von Nero geliebt trotz dem ungl�ckseligen Fu�tritt � aber dergleichen kann unter Eheleuten vorkommen �, so hoffte sie in Neros Erinnerung bis zu seinem Tode weiterzuleben. Sie sah ein, da� Nero aus politischen Gr�nden eine neue Ehe eingehen mu�te, und sie w�nschte nur, da� er nichts �berst�rze und da� man ihren Leichnam nicht verbrenne. Poppaea wollte nach j�dischem Brauch unverbrannt bestattet werden.</p><p>Aus politischen Gr�nden konnte Nero sie nicht nach j�dischem Ritus bestatten lassen, obwohl er den J�dinnen erlaubte, sich zur �blichen Totenklage um ihren Leichnam zu versammeln. Er He� Poppaea jedoch nach orientalischer Sitte einbalsamieren und erlegte, ohne zu feilschen, die Summen, die sie dem Tempel zu Jerusalem und den Synagogen in Rom vermacht hatte.</p><p>Dann hielt er auf dem Forum vor dem Senat und dem Volk eine Ged�chtnisrede auf Poppaea und weinte selbst vor R�hrung, als er sich ihrer Sch�nheit in allen Einzelheiten erinnerte, von den goldenen Locken bis zu den rosigen Zehenn�geln. Ein langer Trauerzug geleitete ihren einbalsamierten Leichnam, der in einem gl�sernen Sarg lag, zum Mausoleum des Gottes Augustus. Daran nahmen viele Ansto�, denn Nero hatte nicht einmal seiner Mutter einen Platz im Mausoleum geg�nnt, von seiner Gemahlin Octavia ganz zu schweigen. Von den Juden abgesehen, trauerte das Volk nicht um Poppaea. Sie hatte sich zuletzt schon nicht mehr damit begn�gt, ihre Pferde mit Silber beschlagen zu lassen. Ihre Maulesel mu�ten gar goldene Hufbeschl�ge haben, und sie hatte zudem die Leute mit ihren ewigen B�dern in Eselsmilch gegen sich aufgebracht.</p><p>Mich schmerzte es, da� die bezaubernde Poppaea so jung gestorben war. Sie war immer sehr freundlich zu mir gewesen und w�rde ihre Freundschaft gewi� in meinen Armen bekr�ftigt haben, wenn ich genug Verstand gehabt h�tte, sie k�hn darum zu bitten. So �ber die Ma�en keusch, wie ich in meiner ersten, blinden Verliebtheit geglaubt hatte, wird sie nicht gewesen sein, aber darauf war ich erst gekommen, als sie schon Othos Gattin geworden war.</p><p>Nachdem ich nun dies alles geschildert habe, mu� ich von Deiner Mutter Claudia und ihrem unfreundlichen Betragen mir gegen�ber sprechen. Zugleich mu� ich von meiner Teilnahme an der Pisonischen Verschw�rung und deren Aufdeckung berichten, und das kommt mich vielleicht noch schwerer an.</p></section><section><p>Ich will jedoch mein Bestes tun, so wie ich ja auch bisher alles ziemlich aufrichtig und ohne mich selbst zu schonen geschildert habe. Du wirst vielleicht einiges �ber die Schwachheit des Menschen lernen, wenn Du dies liest, mein Sohn Julius. Verachte mich nur, wenn Du willst. Ich werde nie den harten, klaren Blick vergessen, mit dem Du, ein vierzehnj�hriger Knabe, mich unl�ngst mustertest, als Deine Mutter Dich zwang, Deinen verabscheuungsw�rdig reichen und nicht minder verabscheuungsw�rdig einf�ltigen Vater hier in diesem abgelegenen Kurort zu besuchen, wo er Heilung seiner Leiden sucht. Es war ein Blick, der mich fr�steln machte, k�lter als die eisigsten Winde des Winters. Aber Du bist ja ein Julier, aus g�ttlichem Gebl�t, und ich bin nur ein Minutus Manilianus.</p></section><section><empty-line/><p><strong>XI

    </strong></p><p><strong>ANTONIA
  </strong></p><empty-line/><p>Ich sehnte mich danach, Dich auf meine Knie zu setzen, um Dich �ffentlich als meinen Sohn anzuerkennen und Dir den Namen zu geben, um den Claudia gebeten hatte, aber ich hielt es f�r vern�nftiger, zun�chst ein wenig Zeit verstreichen zu lassen, damit Deine Mutter sich beruhigen konnte.</p><p>Ich hatte es nicht verhindern k�nnen, da� sie in Caere alles erfuhr, was in Rom geschehen war, auch da� ich auf Neros Befehl und gegen meinen Willen an der Hinrichtung der Christen mitgewirkt hatte. Zwar hatte ich einige Christen auf meinen Landg�tern in Sicherheit gebracht, andere gewarnt und vielleicht sogar Kephas das Leben gerettet, indem ich ihn dem Tigellinus als einen f�rchtenswerten Zauberer darstellte, aber ich kannte das heftige Gem�t Claudias und wu�te, wie falsch Frauen im allgemeinen die Handlungen ihrer M�nner beurteilen, n�mlich immer nach ihren weiblichen Vorstellungen und Launen und ohne R�cksicht auf politische und andere Umst�nde, die nur M�nner zu begreifen verm�gen. Daher hielt ich es f�r das beste, Claudia eine Weile �ber das, was sie geh�rt hatte, nachdenken zu lassen und ihr Zeit zu geben, sich zu besinnen.</p><p>Au�erdem hatte ich in Rom so viel zu tun, da� ich nicht sofort nach Caere reisen konnte. Ich mu�te den Tierbestand erneuern und die vielen anderen Verluste einbringen, und das nahm alle meine Kr�fte in Anspruch. Gleichwohl will ich gestehen, da� ich einen gewissen Abscheu vor dem ganzen Tiergarten zu empfinden begann.</p><p>Ein weiterer Umstand, der mich an der Abreise hinderte, war Tante Laelias unerwarteter Selbstmord. Ich versuchte ihn nach bestem Verm�gen zu vertuschen, aber er hatte letzten Endes doch zur Folge, da� noch mehr �ber mich geklatscht wurde als je zuvor. Was f�r einen Grund Tante Laelia gehabt haben mochte, sich das Leben zu nehmen � sofern sie es nicht im Wahnsinn tat �, ist mir noch heute ein R�tsel. Wahrscheinlich empfand sie in ihrer geistigen Umnachtung die Absetzung und Hinrichtung meines Vaters als eine solche Schmach, da� sie sich verpflichtet f�hlte, Selbstmord zu begehen, und wer wei�: vielleicht meinte sie, dies sei auch meine Pflicht, und wollte mir als echte R�merin mit gutem Beispiel vorangehen.</p><p>Wie dem auch sei, sie �berredete ihre ebenso wirrk�pfige Dienerin, ihr die Pulsadern zu �ffnen. Da ihr altes Blut nicht einmal in dem hei�en Bad rinnen wollte, erstickte sie sich zuletzt mit dem Kohlendunst aus dem Glutbecken, das sie immer in ihrem Zimmer haben mu�te, weil sie wie alle alten Menschen st�ndig fror, und sie hatte immerhin noch so viel Verstand �brigbehalten, da� sie der Dienerin befahl, alle T�r- und Fensterritzen von au�en zu verstopfen.</p><p>Ich vermi�te sie zun�chst gar nicht. Erst tags darauf kam die Dienerin und fragte mich, ob man den Raum nicht l�ften solle. Ich brachte es nicht �ber mich, dieses treuergebene alte Weib zu tadeln, das mir da mit zahnlosem Munde vorjammerte, es habe den Befehlen seiner Herrin wohl oder �bel gehorchen m�ssen. Zu sehr ersch�tterte mich die neue Schande, die �ber meinen Ruf und Namen gekommen war.</p><p>Ich lie� Tante Laelias Leichnam unter allen ihr zukommenden Ehren verbrennen und hielt in kleinem Kreise eine Ged�chtnisrede, obwohl ich vor �rger kaum dazu imstande war. Es war auch nicht leicht, etwas �ber Tante Laelias Leben und ihre guten Seiten zu sagen. Claudia, die eben erst vom Kindbett aufgestanden war, lud ich nicht zur Ged�chtnisfeier, aber ich schrieb ihr, berichtete von dem traurigen Geschehnis und erkl�rte, warum ich noch in der Stadt bleiben mu�te.</p><p>Ich hatte damals, offen gestanden, viel zu leiden. Das mutige Auftreten der Christen im Zirkus und ihre unmenschliche Bestrafung, die bei unserer durch griechische Bildung verweichlichten Jugend Abscheu erweckte, hatten zur Folge, da� man in gewissen Kreisen, die Neros Beschuldigungen nicht glaubten, heimlich mit den Christen zu f�hlen begann. Ich verlor so manchen Freund, den ich f�r treu gehalten hatte.</p><p>Als ein Beispiel daf�r, welcher Bosheit und Dummheit der Mensch f�hig ist, will ich nur erw�hnen, da� man damals allen Ernstes behauptete, ich h�tte meinen Stiefbruder Jucundus als Christen angezeigt, weil ich f�rchtete, das Erbe nach meinem Vater mit ihm teilen zu m�ssen. Mein Vater habe sich au�erdem meines schlechten Rufes wegen von mir losgesagt und absichtlich alles so eingerichtet, da� sein Verm�gen an den Staat fiel, damit ich nur ja nichts davon bek�me. Was w�rden die Leute wohl noch alles erfunden haben, wenn sie gewu�t h�tten, da� Jucundus mein leiblicher Sohn war, nicht mein Stiefbruder! So falsch und feindselig sprach man �ber mich in der guten Gesellschaft. Wie m�ssen da erst die Christen �ber mich geredet haben! Ihnen ging ich nach M�glichkeit aus dem Wege, um mich nicht dem Verdacht auszusetzen, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.</p><p>Die Allgemeinheit war so gegen mich aufgehetzt, da� ich mich nur mit einem gr��eren Gefolge auf der Stra�e zeigen durfte. Nero f�hlte sich, nun da er bewiesen hatte; da� er notfalls auch streng sein konnte, sogar bem��igt, im ganzen Reich die Todesstrafe abzuschaffen. Hinfort durfte auch in den Provinzen niemand mehr zum Tode verurteilt werden, und hatte er das schlimmste Verbrechen begangen. An die Stelle der Todesstrafe trat die Zwangsarbeit, und die Verurteilten mu�ten Rom wiederaufbauen, vor allem Neros neuen Palast � das Goldene Haus, wie er selbst ihn nun �ffentlich nannte � und den gro�en Zirkus.</p><p>Die Beweggr�nde f�r dieses neue Gesetz waren freilich nicht G�te und Menschlichkeit. Nero war in ernste Geldn�te geraten und brauchte kostenlose Arbeitskr�fte f�r die gr�bsten Arbeiten. Der Senat best�tigte das Gesetz, obwohl viele der V�ter vor den Folgen der Abschaffung der Todesstrafe warnten und die Bef�rchtung �u�erten, da� die Verbrechen und die allgemeine Gottlosigkeit zunehmen w�rden.</p><p>An der Erbitterung und Unzufriedenheit, die in ganz Rom herrschten, war jedoch nicht nur die Bestrafung der Christen schuld, die vielen nur ein willkommener Anla� war, ihrem Ha� gegen Nero und die Herrschermacht als solche Luft zu machen. Die wahre Ursache war die, da� jetzt erst alle Schichten der Bev�lkerung das volle Gewicht der Steuern zu sp�ren bekamen, die der Wiederaufbau der Stadt und Neros eigene Bauvorhaben mit sich brachten. Auch die Getreidepreise mu�ten nach den ersten Hilfsma�nahmen erh�ht werden, und sogar die Sklaven mu�ten feststellen, da� sie immer weniger Brot, Knoblauch und �l bekamen.</p><p>Einem ganzen Weltreich gelang es nat�rlich, das Goldene Haus zu bauen, und Nero selbst teilte die Arbeit sehr vern�nftig auf mehrere Jahre auf, obwohl ihm die Bauarbeiten nicht schnell genug voranschreiten konnten. Er erkl�rte, f�rs erste gen�gten ihm ein Speisesaal, einige Schlafr�ume und ein Arkadengang f�r Repr�sentationszwecke. Er konnte jedoch nicht rechnen und war nach Art der K�nstler nicht f�hig, die Erkl�rungen der Sachverst�ndigen geduldig genug anzuh�ren. Er nahm das Geld, wo er es gerade bekam, und dachte nicht an die Folgen.</p><p>Daf�r trat er bei mehreren �ffentlichen Theatervorstellungen als S�nger und Schauspieler auf und meinte in seiner Eitelkeit, seine gl�nzende Stimme und das Vergn�gen, ihn in verschiedenen Rollen auftreten zu sehen, w�rden die Menschen ihre eigenen geringf�gigen Opfer und N�te vergessen machen, die doch, verglichen mit der gro�en Kunst, ein reines Nichts waren. Darin irrte er gr�ndlich.</p><p>Viele unmusikalische Senatoren und Ritter begannen diese Vorstellungen als eine unertr�gliche Plage zu betrachten, der man noch dazu nicht so leicht entrinnen konnte, weil Nero auf Wunsch gern bereit war, bis in die sp�te Nacht hinein zu singen und zu spielen.</p><p>Unter Vorspiegelung aller erdenklichen Gr�nde, und selbstverst�ndlich auch, weil ich auf Dein Wohl bedacht war, bewog ich Claudia dazu, beinahe drei Monate in dem so gesunden Caere zuzubringen. Ihre bitteren Briefe las ich nur fl�chtig, um mich nicht �rgern zu m�ssen, und ich antwortete ihr immer wieder, da� ich sie und Dich nach Rom zur�ckholen wolle, sobald es mir meine vielen Pflichten gestatteten und ich es im Hinblick auf eure Sicherheit glaubte verantworten zu k�nnen.</p><p>Die Christen wurden allerdings nach der Vorstellung im Zirkus kaum noch oder gar nicht mehr verfolgt, sofern sie sich nicht durch ihr Benehmen einen Platz in einem der Steinbr�che einhandelten. Im gro�en ganzen waren sie jedoch durch die Massenhinrichtung so eingesch�chtert, da� sie sich still verhielten.</p><p>Sobald sie an ihren unterirdischen Versammlungsorten zusammentrafen, gab es Streit und bittere Vorw�rfe. Sie fragten sich gegenseitig, warum so viele angezeigt worden seien und warum die Anh�nger des Paulus die des Kephas verraten h�tten und umgekehrt. Auf diese Weise nahm die Zwietracht unter ihnen zu, und sie bildeten immer mehr geheime Gesellschaften. Die Stilleren verzweifelten dar�ber, da� sie nicht mehr wu�ten, wie sie Christus am besten folgen sollten. Sie trennten sich von den Eiferern und schlossen sich in ihrer Einsamkeit ein.</p><p>Claudia kehrte schlie�lich aus eigenem Antrieb nach Rom zur�ck und brachte alle ihre christlichen Diener mit, dazu die Fl�chtlinge, denen ich, unter der Bedingung, da� sie ein wenig arbeiteten, auf den G�tern eine Freistatt gew�hrt hatte. Ich eilte ihr mit einem Freudenruf entgegen. Sie aber wollte mir anfangs nicht einmal meinen Sohn zeigen, sondern befahl der Amme, Dich ins Haus zu tragen und vor meinen b�sen Blicken zu verbergen.</p><p>Dann bat sie ihre Begleiter, das Haus zu umstellen, so da� ich nicht entkommen konnte. Ich mu�te gestehen, da� ich mich an meinen Schutzgenius wandte und einen Augenblick f�r mein Leben f�rchtete, denn ich erinnerte mich, da� Deine Mutter eine leibliche Tochter des Claudius ist und dessen Grausamkeit und Launenhaftigkeit geerbt hat.</p><p>Nachdem sie sich jedoch im Haus umgesehen hatte, benahm sich Claudia recht vern�nftig und sagte, sie habe ein ernstes Wort mit mir zu reden. Ich versicherte ihr, da� ich selbst nichts Besseres w�nschte, sofern nur erst alle Gef��e und frei umherliegenden Dolche � lauter Andenken, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten � aus dem Zimmer geschafft worden w�ren.</p><p>Claudia hie� mich einen Verbrecher, einen gemeinen M�rder mit blutigen H�nden, und behauptete, das Blut meines Adoptivbruders schreie zum Himmel und klage mich an vor Gott. Zuletzt sagte sie, ich h�tte mir durch meine Mordlust den Zorn ihres Jesus von Nazareth zugezogen.</p><p>Ich war im Grunde erleichtert, weil sie offenbar nicht wu�te, da� Jucundus mein Sohn war. In derlei Dingen sind Frauen sonst so scharfsichtig. Was mich kr�nkte, war, da� sie mir vorwarf, Tante Laelia habe meinetwegen Selbstmord begangen. Ich erwiderte ihr jedoch, da� ich bereit sei, ihr ihre b�sen Worte zu verzeihen, und bat sie, doch einmal Kephas zu fragen, was alles ich getan hatte, um den Christen zu helfen und ihn selbst aus den Klauen des Tigellinus zu retten.</p><p>�Glaube nicht nur Prisca und Aquila und einigen anderen, die ich nicht nennen will�, bat ich. �Ich wei�, da� sie der Partei des Paulus angeh�ren, dem ich �brigens auch geholfen habe, als er vor Gericht stand, und wenn man zur Zeit nicht einmal in Iberien nach ihm forscht, weil Nero nichts mehr von den Christen h�ren will, so ist das zum Teil gleichfalls mir zu verdanken.�</p><p>�Ich glaube, wem ich will�, gab Claudia zornig zur Antwort. �Du willst dich nur herausreden. Ich wei� nicht, wie ich mit einem Mann wie dir zusammenleben soll, dessen H�nde rot sind vom Blut der Glaubenszeugen. Nichts bereue ich mehr, als da� du der Vater meines Sohnes bist.� Ich hielt es f�r das beste, sie nicht daran zu erinnern, da� sie selbst aus freiem Willen zu mir ins Bett gekrochen war und da� ich sie auf ihre eigenen inst�ndigen Bitten hin zu einer ehrlichen Frau gemacht hatte, indem ich heimlich mit ihr die Ehe einging. Zum Gl�ck waren die geheimen Urkunden, die wir bei den Vestalinnen hinterlegt hatten, durch den Brand zerst�rt worden, und auch das Staatsarchiv war niedergebrannt, so da� ich die Entdeckung meiner Ehe nicht ernst zu f�rchten brauchte. Ich war daher vern�nftig und schwieg, da ich den Worten Deiner Mutter entnehmen konnte, da� sie zu verhandeln bereit war.</p><p>Nun stellte mir Claudia ihre Bedingungen. Ich mu�te mich, soweit dies einem gottlosen Menschen wie mir m�glich war, bessern, ich mu�te Christus f�r meine b�sen Taten um Vergebung bitten und vor allem den Tiergarten und mein Vorsteheramt aufgeben.</p><p>�Wenn du schon nicht an deinen und meinen Ruf denkst, so denke an deinen Sohn und seine Zukunft�, bat Claudia. �Dein Sohn ist einer der letzten in Rom, die sowohl von den Juliern als auch von den Claudiern abstammen. Um seinetwillen mu�t du dir eine standesgem��e Stellung verschaffen, so da� er sp�ter nichts von deiner sch�ndlichen Vergangenheit zu wissen braucht.�</p><p>Claudia nahm an, ich w�rde mich dieser Forderung mit allen Kr�ften widersetzen, da ich so gro�e Summen in den Tiergarten und meine Tiere gesteckt und im Amphitheater f�r meine Vorf�hrungen Beifall eingeheimst hatte. Insgeheim hatte ich jedoch selbst schon beschlossen, den Tiergarten aufzugeben. Ich will nicht behaupten, da� daran die Niedermetzelung der Christen im Zirkus schuld gewesen sei. Ich hatte dagegen Einspruch erhoben, dann aber, dem Zwang gehorchend, meine Aufgabe trotz der Eile und den zahllosen Schwierigkeiten so sauber und zweckdienlich wie m�glich durchgef�hrt. Ich glaube, dessen brauche ich mich nicht zu sch�men.</p><p>Der eigentliche Grund war der, da� ich mit meiner ehemaligen Gattin Flavia Sabina zu einer finanziellen Regelung kommen mu�te. Ich hatte ihr damals, als mir Epaphroditus die Kehle zudr�ckte, mein halbes Verm�gen versprochen, aber je mehr Zeit verging, desto mehr widerstrebte mir der Gedanke.</p><p>Nun da ich einen Sohn hatte, der unzweifelhaft mein eigener war, fand ich es auch ungerecht, da� der kleine, damals f�nfj�hrige Lausus eines Tages ebensoviel erben sollte wie er. Ich hatte nichts gegen Lausus, aber seine Haut wurde immer dunkler und sein Haar immer krauser, so da� ich mich manchmal sch�mte, weil er meinen Namen trug.</p><p>Andrerseits wu�te ich nur zu gut, da� Sabina den starken Epaphroditus am G�ngelband f�hrte und da� sie nicht davor zur�ckschrecken w�rde, mich ermorden zu lassen, wenn ich sie bei der Abrechnung zu �bervorteilen versuchte. Ich hatte mir daher eine, wie ich glaubte, ganz vortreffliche L�sung ausgedacht und auch schon mit Sabina �ber meinen Plan gesprochen.</p><p>Epaphroditus hatte, lange bevor ich etwas von seinem Verh�ltnis mit Sabina ahnte, von Nero selbst den Freilassungsstab und das B�rgerrecht erhalten. Im �brigen hatte sich Sabina ab und zu auch mit anderen Tierw�rtern abgegeben, aber seit unserer Scheidung hielt Epaphroditus sie sehr kurz und verabreichte ihr gelegentlich eine geh�rige Tracht Pr�gel, was ihr sehr lieb war.</p><p>Ich wollte ihr nun den Tiergarten samt Sklaven, Tieren, Gesch�ftsvertr�gen und so fort schenken und Nero vorschlagen, Epaphroditus an meiner Statt zum Vorsteher zu ernennen. Epaphroditus war zwar r�mischer B�rger, aber um meines Ansehens willen war es erforderlich, da� mein Nachfolger dar�ber hinaus dem Ritterstand angeh�rte.</p><p>Wenn ich Nero so weit brachte, da� er zum erstenmal in der Geschichte Roms einen Afrikaner in die Ritterrolle einschreiben lie�, konnte Sabina mit Epaphroditus eine rechtsg�ltige Ehe eingehen, und dies um so leichter, da ihr Vater sie versto�en hatte, so da� der Familienstolz der Flavier sie nicht mehr daran hinderte. Als Gegenleistung mu�te mir Sabina versprechen, da� sie Lausus adoptieren und auf seine Erbanspr�che mir gegen�ber verzichten w�rden. Sie wagte jedoch nicht zu glauben, da� Nero bereit w�re, einen Mann zum Ritter zu machen, der mindestens zur H�lfte Neger war.</p><p>Ich kannte jedoch Nero und hatte ihn oft genug prahlen h�ren, ihm sei nichts unm�glich. Als K�nstler und Menschenfreund sah er in einer farbigen oder auch j�dischen Haut kein Hindernis f�r ein Amt im Dienst des Staates. In den afrikanischen Provinzen hatte sich schon so mancher dunkelh�utige Mann in seiner Heimatstadt durch sein Verm�gen und seine milit�rischen Verdienste den Ritterrang verschafft.</p><p>Als ich nun, scheinbar widerstrebend und mich laut �ber meine Verluste beklagend, auf Claudias Vorschlag einging, verlor ich daher in Wirklichkeit gar nichts. Im Gegenteil, ich ersparte mir gro�e finanzielle Opfer und schaffte mir sowohl Sabinas Forderungen als auch den Bankert Lausus vom Hals. Das war einige Anstrengungen wert, obwohl ich Claudia nat�rlich, um den Schein zu wahren, d�ster prophezeite, Nero werde zutiefst gekr�nkt sein, weil ich ein Amt niederlegen wollte, das er mir verliehen hatte. Ich w�rde, sagte ich, nur in Ungnade fallen und vielleicht sogar mein Leben aufs Spiel setzen.</p><p>Claudia antwortete schadenfroh grinsend, um Neros Gunst brauchte ich mich ohnehin nicht mehr zu bem�hen und mein Leben sei allein dadurch schon in Gefahr, da� ich einen Sohn in die Welt gesetzt hatte, in dessen Adern das Blut der Claudier flo�. Mir lief es bei diesen Worten kalt �ber den R�cken, aber Claudia erkl�rte sich nun endlich gn�dig bereit, mir meinen Sohn zu zeigen.</p><p>Du warst ein sch�nes, makelloses Kind, sahst aus dunklen Augen an mir vorbei und packtest mit Deinen kleinen Fingern meinen Daumen, als wolltest Du mir gleich den goldenen Ring abnehmen. Mein Herz hast Du jedenfalls gleich genommen, und das war mir noch nie zuvor geschehen. Du bist mein Sohn, Du magst es wollen oder nicht.</p><p>Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen, bat Epaphroditus, Sabina und Lausus, mich zu begleiten, und hielt an einem Nachmittag, an dem ich annehmen konnte, da� Nero nach dem Mahl und einem erfrischenden Bad bis in die Nacht hinein weitertrinken und sich vergn�gen werde, im fertigen Teil des Goldenen Hauses um Audienz an. Die K�nstler waren eben dabei, die Wandmalereien in den G�ngen zu beenden. Der runde Speisesaal, der von Gold und Elfenbein gl�nzte, war erst halb fertig.</p><p>Nero besch�ftigte sich gerade mit den Pl�nen zu einer Riesenstatue seiner selbst, die vor dem Durchgangsgeb�ude aufgestellt werden sollte. Er zeigte mir die Zeichnungen und erwies den Bildhauern so viel schmeichelnde Aufmerksamkeit, da� er mir die Namen dieser Handwerker nannte, als w�ren wir von gleichem Rang. Ich nahm jedoch nicht Ansto� daran, sondern freute mich, da� Nero bei bester Laune war.</p><p>Er schickte die Handwerker fort, als ich ihn bat, unter vier Augen mit ihm sprechen zu d�rfen, sah mich schuldbewu�t an, rieb sich verlegen das Kinn und gestand, da� auch er mit mir zu reden habe. Es falle ihm nicht leicht und er habe es immer wieder aufgeschoben, weil er f�rchtete, ich k�nnte ihm �belnehmen, was er mir sagen m�sse.</p><p>Ich legte ihm mit vielen Worten dar, wie treu und unter welchen Opfern ich durch so viele Jahre den gro�en Tiergarten Roms gef�hrt hatte. Dieses Amt werde mir nun, so sagte ich, eine allzu schwere B�rde, zumal ein neuer, zum Goldenen Haus geh�riger Tiergarten angelegt werden m�sse und ich mich dieser Aufgabe, die gro�en k�nstlerischen Geschmack erfordere, nicht gewachsen f�hle. Ich sei daher gekommen, um ihn zu bitten, mich von meinem Amt zu befreien.</p><p>Als Nero zu begreifen begann, wo ich mit meiner langen Rede hinauswollte, erhellte sich seine Miene. Er lachte und schlug mir zum Zeichen seiner Gunst freundschaftlich auf die Schulter.</p><p>�Sei ohne Sorge, Minutus�, sagte er. �Deinen Wunsch will ich dir gern erf�llen. Ich will ihn dir um so lieber erf�llen, als ich ohnehin schon seit geraumer Zeit nach einem passenden Vorwand suche, dich deines Amtes zu entheben. Gewisse einflu�reiche Personen machen mir seit dem Herbst immer wieder Vorw�rfe wegen der unn�tig grausamen Vorf�hrungen, die du veranstaltet hast, und verlangen, da� ich dich zur Strafe f�r deinen schlechten Geschmack absetze. Ich mu� selbst sagen, da� gewisse Einzelheiten der Vorstellung mir den Magen umgedreht haben, obwohl die Brandstifter nat�rlich ihre Strafe verdienten. Es freut mich, da� du selbst eingesehen hast, wie unhaltbar deine Stellung geworden ist. Ich konnte ja nicht ahnen, da� du mein Vertrauen mi�brauchen und eines Erbstreits wegen deinen eigenen Halbbruder gegen die L�wen schicken w�rdest.�</p><p>Ich �ffnete den Mund, um diese wahnsinnige Beschuldigung zur�ckzuweisen, aber Nero fuhr mit finsterer Miene fort: �Die Hinterlassenschaft deines Vaters und seine Gesch�fte sind so undurchsichtig und verworren, da� ich noch nicht einmal meine Auslagen wieder hereinbrachte, als ich die Forderungen eintrieb. Man munkelt, du habest im vollen Einverst�ndnis mit deinem Vater den gr��ten Teil des Verm�gens auf die Seite geschafft, um den Staat und mich zu betr�gen. Das mag ich von dir nicht glauben, denn ich wei�, da� du mit deinem Vater verfeindet warst. Ich m��te dich sonst aus Rom verbannen. Ich habe vielmehr deine Tante Laelia im Verdacht, die es f�r gut befand, sich das Leben zu nehmen, um der Strafe zu entgehen. Aber ich hoffe, du hast nichts dagegen, da� ich die �dilen bitte, einmal einen Blick in deine B�cher zu werfen. Ich w�rde es nicht tun, wenn ich nicht dank der r�cksichtslosen Habgier gewisser Leute st�ndig in Geldn�ten w�re. Sie klemmen ihre Geldbeutel zu und weigern sich, ihrem Kaiser zu helfen, sich endlich eine menschenw�rdige Wohnst�tte zu schaffen. Und ob du es glaubst oder nicht: Seneca hat sich damit begn�gt, mir l�cherliche zehn Millionen Sesterze zu schicken, er, der immer behauptete, er sei bereit, mir alles zu geben, was er besa�, weil er nur zu gut wu�te, da� ich es aus politischen Gr�nden nicht annehmen konnte. Pallas liegt auf seinem Geld wie ein feister K�ter, und von dir habe ich sagen h�ren, da� du einige Monate vor dem Brand alle deine Mietsh�user und Baugr�nde in den Stadtteilen verkauft hast, die sp�ter am schlimmsten verheert wurden. Statt dessen hast du billigen Boden in Ostia gekauft, der seither betr�chtlich im Wert gestiegen ist. Eine solche Umsicht sieht sehr verd�chtig aus. Wenn ich dich nicht kannte, w�rde ich dich der Teilnahme an der Verschw�rung der Christen anklagen.�</p><p>Er lachte laut auf, und ich benutzte die Gelegenheit, um ihn rasch zu versichern, mein Verm�gen stehe ihm selbstverst�ndlich zur Verf�gung, wenngleich ich nicht so reich sei, wie allgemein angenommen werde. In dieser Hinsicht k�nne ich mit Seneca oder Pallas nicht in einem Atem genannt werden. Nero klopfte mir beg�tigend auf die Schulter und sagte: �Nimm mir den kleinen Scherz nicht �bel, Minutus. Es ist f�r dich selbst das beste, du wei�t, was alles �ber dich geredet wird. Ein Herrscher hat es schwer. Er mu� alle anh�ren und wei� nie, wessen Absichten wirklich lauter sind. Immerhin sagt mir aber meine Menschenkenntnis, da� du eher einf�ltig als umsichtig bist. Ich will daher nicht aufgrund von Ger�chten und wegen der Verbrechen deines Vaters dein Verm�gen beschlagnahmen. Da� ich dich wegen Untauglichkeit deines Amtes enthebe, sei Strafe genug. Ich wei� nur nicht, wen ich an deiner Stelle ernennen soll. Es finden sich f�r dieses Amt, das keinerlei politische Bedeutung hat, keine Bewerber.�</p><p>Ich h�tte ihm �ber die politische Bedeutung dieses Amtes das eine oder andere sagen k�nnen, aber ich schlug ihm statt dessen lieber vor, den Tiergarten Sabina und Epaphroditus zu �berlassen. In diesem Falle w�rde ich keine Entsch�digung fordern und die �dilen brauchten sich nicht die M�he zu machen, meine B�cher zu �berpr�fen. Dies sei mein Angebot als ehrlicher Mann. Zuerst aber m�sse Epaphroditus in den Ritterstand erhoben werden.</p><p>��ber die Hautfarbe eines r�mischen Ritters steht in keinem Gesetz, in keiner Verordnung ein Wort zu lesen�, sagte ich. �Die einzige Bedingung ist ein gewisses Verm�gen und j�hrliches Einkommen, obgleich es nat�rlich zuletzt ganz von deiner Gnade abh�ngt, wen du zum Ritter machen willst. Und ich wei�, da� Nero nichts unm�glich ist. Wenn du meinen Vorschlag g�nstig aufnimmst, so erlaube mir, Epaphroditus und Sabina hereinzurufen.�</p><p>Nero kannte Epaphroditus vom Sehen, und er hatte gewi� vor meiner Scheidung mit meinen anderen Freunden heimlich �ber meine Leichtgl�ubigkeit gelacht. Nun erheiterte es ihn, da� ausgerechnet ich ein Wort f�r ihn einlegte, und er lachte offen heraus, als Sabina Lausus hereinf�hrte und er die Hautfarbe des Knaben mit der des Epaphroditus verglich.</p><p>Ich glaube, all dies best�rkte Nero in seiner Meinung, da� ich ein leichtgl�ubiger Tropf sei, doch das konnte mir nur recht sein. Ich durfte auf keinen Fall zulassen, da� die �dilen die Buchf�hrung des Tiergartens �berpr�ften. Wenn Nero glaubte, Epaphroditus habe sich auf meine Kosten so bereichert, da� er nun imstande war, das f�r einen Ritter erforderliche Verm�gen nachzuweisen, so war das seine Sache.</p><p>Im Grunde gefiel Nero der Gedanke, der Ritterschaft dadurch, da� er Epaphroditus in die Rolle im Tempel des Castor und des Pollux einschreiben lie�, seine Macht zu beweisen. Au�erdem war er klug genug, um sofort zu begreifen, was eine solche Geste ihm in den afrikanischen Provinzen einbrachte, bezeugte er doch damit, da� unter seiner Regierung alle r�mischen B�rger ohne R�cksicht auf Hautfarbe und Geburt gleichberechtigt waren und da� er keine Vorurteile kannte.</p><p>Es ging daher alles nach meinen W�nschen. Es gefiel Nero auch, da� Sabina und Epaphroditus heiraten und den Knaben, der bisher als mein Sohn eingeschrieben gewesen war, adoptieren wollten. �Ich erlaube jedoch, da� er zum Andenken an dich, edler Manilianus, weiter den Namen Lausus tr�gt�, sagte er boshaft. �Es ist sch�n von dir, da� du ihn ganz seiner Mutter und seinem Stiefvater �berl��t. Das beweist, da� du die Mutterliebe achtest und an dich selbst zuletzt denkst, obwohl der Kleine dir �hnelt wie ein Ei dem andern.� Wenn ich geglaubt hatte, Sabina einen Streich zu spielen, indem ich die Last des Tiergartens auf ihre Schultern ablud, so hatte ich mich geirrt. Nero fa�te eine gewisse Neigung zu Epaphroditus und bezahlte ohne Murren die unversch�mtesten Rechnungen. Die Tiere in dem neuen Tiergarten des Goldenen Hauses tranken aus Marmortr�gen, und die Pantherk�fige bekamen silberne Gitter. Nero kam f�r alles auf, und ich hatte sogar die ungeheuren Wasserrechnungen aus eigener Tasche bezahlen m�ssen, als die Wasserverteilung nach dem Brand neu geregelt worden war!</p><p>Epaphroditus dachte sich gewisse einfache Vorf�hrungen aus, die Nero sehr gefielen und �ber die ich aus Gr�nden der Schicklichkeit keine Einzelheiten berichten will. Er wurde binnen kurzem steinreich und dank dem Tiergarten einer der G�nstlinge Neros.</p><p>Nach meiner Verabschiedung h�rte man auf, mir auf der Stra�e Steine nachzuwerfen. Statt dessen lachte man mir offen ins Gesicht, und ich gewann einen Teil meiner Freunde zur�ck, lauter edelm�tige Menschen, die glaubten, mich bemitleiden zu m�ssen, seit ich in Ungnade gefallen und zum Gesp�tt der Leute geworden war. Mochten sie denken, was sie wollten. Ich beklagte mich nicht, denn es ist besser, verlacht als von allen geha�t zu werden. Claudia brachte nat�rlich nach Weiberart kein Verst�ndnis f�r meine vern�nftige Einstellung auf, sondern flehte mich weinend an, um meines Sohnes willen auf einen besseren Ruf bedacht zu sein. Ich �bte mich in Geduld.</p><p>Und Geduld war in der Tat vonn�ten. In ihrem wahnwitzigen Mutterstolz wollte Claudia sowohl Antonia als auch Rubria, die �lteste der Vestalinnen, zu Deinem Namensfest einladen, damit ich Dich in ihrem Beisein auf meine Knie setzte. Die alte Paulina war bei dem Brand umgekommen und konnte nicht mehr als Zeugin dienen. Claudia aber hatte mittlerweile erkannt, was es bedeutete, da� das Archiv der Vesta zerst�rt worden war.</p><p>Sie versicherte mir, es werde alles so heimlich wie m�glich vor sich gehen, forderte aber die Anwesenheit einiger zuverl�ssiger Christen und beteuerte immer wieder, die Christen h�tten besser als alle anderen zu schweigen gelernt. Ich f�r mein Teil war der Meinung, da� es keine �bleren Streithammel und Verr�ter gab. Und Antonia und Rubria waren Frauen. Sie einweihen, das war in meinen Augen dasselbe wie auf das Dach unseres Hauses steigen und die Geburt meines Sohnes �ber die ganze Stadt hinausrufen.</p><p>Claudia bestand jedoch trotz meinen b�sen Ahnungen auf ihren Forderungen, und zuletzt geschah alles nach ihrem Willen. An sich war es freilich eine gro�e Ehre, da� Antonia, die gesetzliche Tochter des Claudius, Claudia als ihre Halbschwester anerkannte und sogar Dich auf ihre Knie setzte und Dir zur Erinnerung an sich selbst und Deinen gro�en Ahnen Marcus Antonius den Namen Antonianus gab. Der Schrecken fuhr mir jedoch in alle Glieder, als sie Dich in ihrem Testament zu bedenken versprach.</p><p>�Sprich nicht von deinem Testament!� rief ich, um sie abzulenken. �Du bist viele Jahre j�nger als Claudia und eine Frau in ihrer sch�nsten Bl�te. Wir beide sind ja etwa gleichaltrig, aber Claudia ist f�nf Jahre �lter als ich und schon vierzig. Ich f�r mein Teil mag noch lange nicht an mein Testament denken.�</p><p>Diese Bemerkung war nicht nach Claudias Geschmack, aber Antonia richtete ihre schlanke Gestalt auf, warf mir einen Blick aus verschleierten Augen zu und sagte: �Ich glaube, ich sehe f�r mein Alter noch sehr gut aus. Deine Claudia dagegen wirkt � wie soll ich sagen? � ein wenig verbraucht. Manchmal sehne ich mich nach der Gesellschaft eines lebensfrohen Mannes. Ich f�hle mich einsam nach meinen Ehen, die beide durch Mord beendet wurden, denn die Leute f�rchten Nero und gehen mir aus dem Wege. Wenn sie nur w��ten!�</p><p>Ich merkte ihr deutlich an, da� sie darauf brannte, etwas zu erz�hlen. Auch Claudia wurde neugierig. Nur die alte Rubria l�chelte ihr allwissendes Vestalinnenl�cheln. Wir brauchten Antonia nicht lang zu bitten, und schon gestand sie uns mit erheuchelter Bescheidenheit, Nero habe sie mehrere Male mit gro�er Eindringlichkeit gebeten, seine Gemahlin zu werden.</p><p>�Dazu konnte ich mich nat�rlich nicht bereit erkl�ren�, sagte sie. �Ich antwortete ihm offen, da� ich mich noch zu gut meines Halbbruders Britannicus und meiner Halbschwester Octavia erinnerte. Von seiner Mutter Agrippina schwieg ich aus Feingef�hl, obwohl sie als Nichte meines Vaters meine leibliche Base war, und nat�rlich auch deine, liebe Claudia.�</p><p>Bei der Erinnerung an Agrippinas Tod bekam ich einen solchen Hustenanfall, da� Claudia mir auf den R�cken klopfen und mich ermahnen mu�te, meinen Becher nicht so hastig zu leeren. Immer noch hustend, fragte ich Antonia, was Nero als Grund f�r seine Werbung angef�hrt habe. Sie schlug ihre blaugef�rbten Wimpern nieder und erwiderte: �Nero versicherte und schwor mir, da� er mich schon seit langem heimlich liebt. Nur deshalb hat er solchen Groll gegen meinen verstorbenen Gatten Faustus Sulla gehegt. Seiner Ansicht nach war Sulla ein viel zu tr�ger und zu wenig unternehmungsfreudiger Mann f�r eine Frau wie mich. Das l��t sein Verhalten Sulla gegen�ber verzeihlich erscheinen, obwohl er in der �ffentlichkeit nur politische Gr�nde daf�r anf�hrte, da� er den �rmsten in unserem bescheidenen Heim in Massilia ermorden lie�. Unter uns kann ich �brigens ruhig zugeben, da� mein Gatte wirklich heimliche Beziehungen zu den Befehlshabern der Legionen in Germanien unterhielt.�</p><p>Nachdem sie mit diesen Worten bewiesen hatte, da� sie uns, ihren Verwandten, volles Vertrauen schenkte, fuhr sie fort: �Ich bin Frau genug, um von Neros offenherzigem Gest�ndnis ger�hrt zu sein. Schade, da� er so unzuverl�ssig ist und da� ich ihn so bitter hasse. Er kann sehr liebenswert sein, wenn er will. Ich blieb jedoch standhaft und wies ihn auf den Altersunterschied zwischen uns hin, der freilich kaum gr��er ist als der zwischen Claudia und dir. Ich habe aber von Kind auf in Nero nie etwas anderes gesehen als einen boshaften Schlingel, und nat�rlich ist die Erinnerung an Britannicus ein un�berwindliches Hindernis. Was er Octavia antat, kann ich ihm eher verzeihen. Octavia war selbst schuld. Sie h�tte ihn nicht mit diesem Anicetus betr�gen d�rfen.�</p><p>Ich sagte ihr nicht, was f�r ein geschickter Schauspieler Nero sein konnte, wenn es seinem Vorteil galt. Es h�tte seine Stellung dem Senat und dem Volk gegen�ber zweifellos gefestigt, wenn er durch Antonia ein drittes Mal in ein verwandtschaftliches Verh�ltnis zu den Claudiern getreten w�re.</p><p>Der Gedanke daran bedr�ckte mich. Durch den Wein z�rtlich gestimmt, dachte ich an Dich und Deine Zukunft und w�nschte mir in meinem Herzen, Du m�gest Dich nie vor anderen wegen der Herkunft Deines Vaters sch�men m�ssen. Auf heimlichen Wegen waren n�mlich, zusammen mit anderen notwendigen Dokumenten, auch die Briefe in meine H�nde gelangt, die mein Vater einst, vor meiner Geburt, in Jerusalem und Galil�a an Tullia geschrieben, aber nie abgeschickt hatte.</p><p>Aus ihnen ging hervor, da� er sich, durch seine ungl�ckliche Liebe, eine Testamentsf�lschung und Tullias Treulosigkeit um die klare Vernunft gebracht, so weit erniedrigt hatte, alles zu glauben, was die Juden ihm einredeten. Am h�rtesten aber traf es mich, da� die Briefe die Vergangenheit meiner Mutter Myrina enth�llten. Sie war nichts anderes gewesen als eine ganz gew�hnliche T�nzerin und Akrobatin, die mein Vater freigekauft hatte. �ber ihre Herkunft war nur bekannt, da� sie von Inselgriechen abstammte.</p><p>Daher waren ihre Statue vor dem Rathaus in Myrina in Asia und alle Urkunden, die mein Vater �ber ihre Geburt in Antiochia beschafft hatte, nichts als Schwindel, dazu bestimmt, mir meine Zukunft zu sichern. Die Briefe lie�en mich sogar daran zweifeln, da� ich in rechtsg�ltiger Ehe geboren worden war. Hatte sich mein Vater nicht vielleicht auch diese Urkunden erst sp�ter, nach dem Tod meiner Mutter, beschafft, indem er die Beh�rden in Damaskus bestach? Dank Jucundus wu�te ich selbst nur zu gut, wie leicht sich dergleichen einrichten l��t, wenn man Geld und Einflu� hat.</p><p>Claudia gegen�ber hatte ich �ber die Briefe meines Vaters und die anderen Dokumente nicht ein Wort erw�hnt. Es befanden sich darunter, neben in finanzieller Hinsicht sehr wertvollen Unterlagen, einige aram�ische Aufzeichnungen von der Hand eines j�dischen Z�llners, der zu den Bekannten meines Vaters geh�rt hatte. Sie betrafen das Leben jenes Jesus von Nazareth, und ich hielt mich nicht f�r befugt, sie zu vernichten, sondern mauerte sie eigenh�ndig zusammen mit den Briefen in meinem heimlichsten Versteck ein, in dem ich gewisse Schriften verwahre, die das Licht des Tages scheuen.</p><p>Ich versuchte meine Niedergeschlagenheit zu �berwinden und hob meinen Becher zu Ehren Antonias, die Neros Ann�herung mit soviel Feingef�hl zur�ckgewiesen hatte. Sie gestand uns zuletzt, da� sie ihn ein- oder zweimal gek��t hatte, ganz schwesterlich nur und um ihn zu bes�nftigen.</p><p>Davon, da� sie Dich in ihrem Testament bedenken wollen, sagte Antonia zum Gl�ck nichts mehr, und wir setzten Dich der Reihe nach aufs Knie, obwohl Du zappeltest und schriest. Dann erhieltst Du die Namen Clemens Claudius Antonianus Manilianus, und das war genug erbliche Belastung f�r ein so kleines Kind. Ich nahm daher Abstand davon, Dich auch noch nach meinem Vater Marcus zu nennen, was meine Absicht gewesen war, ehe Antonia mit ihrem Vorschlag kam.</p><p>Als Antonia sich zu sp�ter Stunde in ihrer S�nfte nach Hause begab, verabschiedete sie sich von mir mit einem schwesterlichen Ku�, denn wir waren ja zwar heimlich, aber doch vor dem Gesetz miteinander verwandt. Sie bat mich auch, sie in Zukunft, wenn wir unter vier Augen zusammentrafen, Schw�gerin zu nennen. Ich erwiderte ihren Ku� und tat es gern. Ich war ein wenig berauscht.</p><p>Sie beklagte sich noch einmal �ber ihre Einsamkeit und sagte, sie hoffe, ich w�rde sie nun, da wir miteinander verwandt seien, einmal besuchen. Claudia brauchte ich nicht unbedingt mitzubringen. Sie habe mit dem Kind und dem gro�en Haus genug zu tun und f�hle gewi� schon die Last der Jahre. Ich kann nicht leugnen, da� Antonias Aufmerksamkeit mir schmeichelte, war sie doch der Abstammung nach die vornehmste Dame Roms.</p><p>Bevor ich jedoch schildere, welchen Verlauf unsere Freundschaft nahm, mu� ich auf die Angelegenheiten Roms zur�ckkommen.</p><p>In seiner Geldnot wurde Nero des Jammerns der Provinzen und der bitteren Klagen der Handelsleute �ber die Umsatzsteuern bald �berdr�ssig. Er beschlo� daher, seine Schwierigkeiten so zu l�sen wie Alexander einst den Gordischen Knoten. Ich wei� nicht, wer ihm den Plan vorlegte, denn in die Geheimnisse des Tempels der Juno Moneta bin ich nicht eingeweiht, aber wer es auch gewesen sein mag: der Mann h�tte es mehr als die Christen verdient, als ein Feind der Menschheit und des Reiches den wilden Tieren vorgeworfen zu werden.</p><p>Nero borgte in aller Stille von den G�ttern Roms alle Weihgeschenke aus Gold und Silber, das hei�t, er setzte Jupiter Capitolinus in aller Form als Darlehensnehmer ein und borgte seinerseits von Jupiter. Dagegen war juristisch nichts einzuwenden, obwohl es die G�tter gewi� nicht billigten. Nero hatte nach dem Brand alles geschmolzene Metall f�r sich sammeln lassen, das nun nat�rlich nicht mehr aus vollgewichtigem Gold oder Silber bestand, sondern in unterschiedlichem Grade mit Bronze vermischt war. Nun lie� er alles zusammenschmelzen und im Tempel der Juno Moneta Tag und Nacht neue Gold- und Silberm�nzen schlagen, die um ein F�nftel weniger Gold oder Silber enthielten als vorher. Diese M�nzen waren sowohl leichter als auch, durch die Kupferbeimischung, dunkler als die fr�heren. AU das ging, unter dem Vorwand, da� die Angelegenheiten der Juno Moneta nie �ffentlich gewesen seien, in der gr��ten Heimlichkeit und unter strenger Bewachung vor sich, aber den Bankiers kamen doch zumindest Ger�chte zu Ohren. Ich selbst wurde aufmerksam, als die M�nzen pl�tzlich knapp wurden und man mir st�ndig Zahlungsanweisungen aufn�tigte oder bei gr��eren K�ufen um einen Monat Zahlungsaufschub bat.</p><p>Dennoch glaubte ich zun�chst den Ger�chten nicht, da ich mich als Freund Neros betrachtete und nicht fassen konnte, da� er � sowenig ein K�nstler auch von den Gesch�ften versteht � sich des entsetzlichen Verbrechens der M�nzf�lschung schuldig machen sollte, eines Verbrechens, f�r das schon so mancher einfache Mann, der sich die eine oder andere M�nze f�r den eigenen Gebrauch hergestellt hatte, ans Kreuz geschlagen worden war. Ich folgte jedoch dem Beispiel der anderen und hielt mein Bargeld zur�ck.</p><p>Das Gesch�ftsleben geriet nach und nach v�llig durcheinander, und die Preise stiegen von Tag zu Tag, bevor noch Nero seine gef�lschten M�nzen in Umlauf brachte und eine Verordnung erlie�, derzufolge innerhalb einer bestimmten Frist alle alten M�nzen gegen die neuen eingetauscht werden mu�ten. Danach sollte jeder, bei dem man noch alte, gute M�nzen fand, als Staatsfeind behandelt werden. Nur Z�lle und Steuern durften noch mit den alten M�nzen erlegt werden.</p><p>Zu Roms Schande mu� ich gestehen, da� der Senat diese Verordnung mit einer betr�chtlichen Stimmenmehrheit guthie�. Sie wurde also rechtskr�ftig, und man kann daher f�r dieses Verbrechen, das aller Anst�ndigkeit und allem guten Handelsbrauch Hohn spricht, nicht Neros Willk�r und Kurzsichtigkeit allein verantwortlich machen.</p><p>Die Senatoren, die f�r Nero stimmten, rechtfertigten sich scheinheilig damit, da� der Wiederaufbau Roms einschneidende Ma�nahmen erfordere. Au�erdem wurde behauptet, da� durch den Geldumtausch die Reichen gr��ere Nachteile erlitten als die Armen, weil die Reichen mehr Bargeld bes��en und Nero es nicht der M�he wert fand, Kupferscherflein zu f�lschen. Das war dummes Geschw�tz. Das Verm�gen eines Senators besteht, wie es das Gesetz vorschreibt, gr��tenteils aus Grundbesitz, wenngleich der eine oder andere durch seine Freigelassenen Handel treibt, und selbstverst�ndlich hatte jeder der abstimmenden Senatoren seine guten Gold- und Silberm�nzen, sofern er welche besa�, vorsorglich in Sicherheit gebracht.</p><p>Der einfachste Landmann war schlau genug, seine Ersparnisse in einen Tonkrug zu stecken und in die Erde zu vergraben. Alles in allem wurde h�chstens ein Viertel aller in Umlauf befindlichen M�nzen gegen die neuen ausgetauscht, und zweifellos machte es sich nun auch bemerkbar, da� so viele der zuverl�ssigen r�mischen M�nzen in die L�nder der Barbaren und sogar bis nach Indien und China geflossen waren.</p><p>Neros unerh�rtes Verbrechen brachte so manchen zur Besinnung, der ihm aus politischen Gr�nden sogar den Muttermord verziehen hatte. Angeh�rige des Ritterstandes, die irgendwelche Gesch�fte betrieben, und die wohlhabenden Freigelassenen, die den Handel beherrschten, hatten nun Anla� genug, ihre politische Einstellung zu �berpr�fen, denn das neue Geld brachte das gesamte Wirtschaftsleben in Verwirrung. Sogar erfahrene Gesch�ftsleute erlitten durch die Termink�ufe empfindliche Verluste.</p><p>Nur diejenigen, die leichtsinnig in den Tag hinein lebten, die bis �ber die Ohren verschuldet waren, freuten sich �ber den Einfall und bewunderten Nero mehr denn je, da sie nun ihre Schulden mit Geld zur�ckzahlen konnten, das um ein F�nftel weniger wert war. Das Zithergeklimper und die Spottverse der Langhaarigen vor den H�usern der Reichen und den Wechseltischen auf dem Forum wurden sogar mir zu viel. Alle Sch�ngeister waren nach diesem Streich fester denn je davon �berzeugt, da� Nero nichts unm�glich war. Sie bildeten sich ein, er beg�nstige die Armen auf Kosten der Reichen und mache mit dem Senat, was er wolle. Und unter diesen haltlosen J�nglingen befanden sich sogar Senatorens�hne!</p><p>Es war in dem Ma�e allgemein �blich, die alten M�nzen zu verstecken, da� niemand darin ein Verbrechen sah, und es half auch nichts, da� man ein paar arme Markth�ndler und Bauersleute festnahm und zur Zwangsarbeit verurteilte. Nero mu�te seine milden Gesetze widerrufen und den �belt�tern wieder die Todesstrafe androhen. Dennoch wurde niemand hingerichtet, denn im Grunde sah Nero sehr wohl ein, da� er selbst der Verbrecher war und nicht der Arme, der seine wenigen vollgewichtigen Silberm�nzen, die Ersparnis vieler Jahre, f�r sich behalten wollte.</p><p>Ich selbst fand mich rasch in die neuen Verh�ltnisse und lie� einen meiner Freigelassenen eine Bank gr�nden und einen Wechseltisch auf dem Forum aufstellen. Der Geldumtausch nahm ja trotz allem solche Ausma�e an, da� sich der Staat gen�tigt sah, sich an die Bankiers zu wenden, um ihn abzuwickeln, und die Bankiers erhielten ein Entgelt f�r ihre M�he, wenn sie die alten M�nzen der Staatskasse ablieferten.</p><p>Niemand wunderte sich daher, als ein Freigelassener, um es mit den altangesehenen Bankiers aufnehmen zu k�nnen, die in der ersten Verwirrung nicht gleich wu�ten, woran sie waren, beim Wechsel alter M�nzen gegen neue eine Verg�tung von bis zu f�nf vom Hundert gew�hrte. Seinen Kunden erkl�rte er, er tue dies, um seinem Unternehmen Ansehen zu verschaffen und den Unbemittelten zu helfen.</p><p>Schuhmacher, Kupferschmiede und Steinmetzen stellten sich daher vor seinem Tisch an, w�hrend ihm die alten Bankiers von ihren unbesuchten Pl�tzen aus finster zusahen. Dank meinem Freigelassenen brachte ich innerhalb einiger Wochen meine eigenen Wechselverluste wieder herein, obwohl er gezwungen war, dem Priesterkollegium der Juno Moneta einen gewissen Betrag zu erlegen, weil man ihn verd�chtigte, er habe nicht alle vollwertigen M�nzen abgeliefert, die er eingenommen hatte.</p><p>In jenen Tagen ging ich oft heimlich in mein Zimmer, versperrte die T�r hinter mir und trank aus Fortunas Becher, weil ich wohl wu�te, da� ich nun die Gunst der G�ttin brauchte. Ger�hrt verzieh ich meiner Mutter in meinem Herzen ihre niedrige Geburt, hatte ich doch durch sie immerhin zur H�lfte griechisches Blut in meinen Adern, das mir Gl�ck und Erfolg in gesch�ftlichen Dingen brachte. Man behauptet ja, ein Grieche k�nne sogar einen Juden �bers Ohr hauen, was ich allerdings noch bezweifeln m�chte.</p><p>Durch meinen Vater bin ich jedoch echter R�mer und stamme von etruskischen K�nigen ab, was in Caere nachgewiesen werden kann. Deshalb bin ich f�r unbedingte Ehrlichkeit in den Gesch�ften. Die Wechslert�tigkeit meines Freigelassenen und meine fr�here zweifache Buchf�hrung im Tiergarten schadeten nur der Staatskasse und waren daher nichts anderes als die Selbstverteidigung eines ehrlichen Mannes gegen tyrannische Steuern. Ohne solche kleine Kniffe w�re ja ein gesundes Wirtschaftsleben �berhaupt nicht denkbar.</p><p>Ich habe dagegen meinen Freigelassenen nie erlaubt, etwa Kreide unter das Weizenmehl oder gewisse Erd�le unter das Speise�l zu mischen � Betr�gereien, durch die sich schon so mancher unversch�mte Empork�mmling ein Verm�gen gemacht hat. Man kann f�r so etwas �brigens gekreuzigt werden! Ich sprach einmal mit Fenius Rufus dar�ber, als er noch Aufseher �ber die staatlichen Getreidelager und M�hlen war, selbstverst�ndlich ohne Namen zu nennen. Er warnte mich und sagte mir, da� niemand in seiner Stellung im Falle einer Mehlverf�lschung Nachsicht �ben d�rfe, wer auch immer der Schuldige sei. Man d�rfe bestenfalls einmal eine auf See besch�digte Ladung aus den staatlichen Vorr�ten ersetzen, um einem Freund in der Not zu helfen, aber das sei auch schon alles. Zuletzt gestand er mir seufzend, da� er trotz seinem hohen Amte im Grunde eher arm bleiben mu�te.</p></section><section><p>Von Fenius Rufus gehen meine Gedanken zu Tigellinus. Man hatte vor Nero schlecht �ber Tigellinus zu sprechen begonnen und fl�sterte dem Kaiser warnend ins Ohr, er setzte, indem er mit ihm Umgang pflegte, seinen Ruf aufs Spiel. Allzu rasch sei Tigellinus nach seiner Ernennung zum Pr�fekten reich geworden, und die vielen un�berlegten Geschenke Neros gen�gten nicht als Erkl�rung, obgleich dieser die Gewohnheit hatte, seine Freunde so reich zu machen, da� sie in den �mtern, in die er sie einsetzte, nicht der Versuchung erlagen, Bestechungsgelder anzunehmen. Wie weit es mit der Freundschaft wirklich her war, wei� man trotz allem nicht. Ich m�chte behaupten, da� ein Gewaltherrscher gar keine echten Freunde haben kann.</p><p>Die schlimmste Anklage gegen Tigellinus war in Neros Augen die, da� er in jungen Jahren Agrippinas heimlicher Liebhaber gewesen und deshalb aus Rom verbannt und zu einem armseligen und gef�hrlichen Dasein verurteilt worden sei. Als Agrippina die Gemahlin des Claudius wurde, richtete sie es so ein, da� Tigellinus zur�ckkehren konnte und zugleich mit ihm auch Seneca, der seinerseits ein zweifelhaftes Verh�ltnis mit Agrippinas Schwester gehabt hatte. Ich glaube zwar nicht, da� Tigellinus und Agrippina ihre fr�here Beziehung wieder aufnahmen � jedenfalls nicht, solange Claudius lebte �, aber eine gewisse Schw�che hatte er immer f�r sie gehabt, obwohl er dann ihre Ermordung aus politischen Gr�nden nicht verhindern konnte.</p><p>Wie dem auch sei: Nero hatte Ursache genug, den erfahrenen Fenius Rufus wieder neben Tigellinus zum zweiten Pr�torianerpr�fekten zu ernennen. Er behandelte die ausl�ndischen Prozesse, und Tigellinus k�mmerte sich um die milit�rischen Angelegenheiten. Tigellinus war begreiflicherweise erbittert, denn nun versiegten seine besten Einnahmequellen. Ich wei� aus eigener Erfahrung, da� ein Mensch noch so reich sein kann: er wird darum immer noch darauf bedacht sein, sein Verm�gen zu vermehren. Das ist nicht tadelnswerte Habgier, sondern ein Streben, das gleichsam in der Natur des Reichtums begr�ndet und st�rker als der Mensch ist.</p><p>Aufgrund der verworrenen wirtschaftlichen Lage stiegen die Preise unaufhaltsam weiter, und schlie�lich machte die, Steigerung mehr aus als das F�nftel, um das Nero den M�nzwert gesenkt hatte. Nero erlie� zahllose Verordnungen, um die Preise zu halten und die Wucherer zu bestrafen, aber die Folge davon war nur, da� die Waren verschwanden. In den Hallen und auf dem Markt konnten die Leute bald weder Fleisch noch Linsen oder Gr�n und Wurzelgem�se kaufen, sondern mu�ten weite Wege aufs Land hinaus wandern oder sich an die H�ndler halten, die in der Morgend�mmerung mit ihren K�rben von, Haus zu Haus schlichen und den �dilen trotzten, indem sie zu Oberpreisen verkauften.</p><p>Ein wirklicher Mangel herrschte bei alledem nicht. Es verhielt sich eben nur so, da� niemand seine Ware zu einem unnat�rlichen Zwangspreis hergeben wollte, sondern lieber faulenzte oder seine Vorr�te einschlo�. Wenn man beispielsweise neue Festsandalen, eine gute Tunika oder auch nur eine Spange brauchte, mu�te man zun�chst einmal bitten und betteln, bis der H�ndler endlich die begehrte Ware unter dem Ladentisch hervorholte, und dann auch noch gegen das Gesetz versto�en, indem man den richtigen Preis daf�r zahlte.</p><p>Aus all diesen Gr�nden breitete sich die Verschw�rung des Piso aus wie ein Lauffeuer, als bekannt wurde, da� einige entschlossene M�nner, zumeist Angeh�rige des Ritterstandes, bereit waren, die Macht zu ergreifen und Nero zu st�rzen, sobald sie sich einig waren, wie die Macht aufzuteilen sei und wer an die Stelle des Kaisers treten solle. Die Wirtschaftskrise bewirkte, da� man in der Verschw�rung Roms einzige Rettung erblickte und um jeden Preis daran teilnehmen wollte. Sogar Neros engste Freunde hielten es f�r vorteilhaft, sie zu unterst�tzen. Man nahm selbstverst�ndlich an, da� die Verschw�rung gl�cken werde, denn nicht nur in Rom, sondern auch in den Provinzen herrschte allgemeine Unzufriedenheit, und es fehlte wahrhaftig nicht an Geld, um sich die Mitwirkung der Pr�torianer zu sichern, wenn es einmal so weit war.</p><p>Fenius Rufus, der neben seinem Pr�fektenamt noch immer die Getreidevorr�te verwaltete, weil man bis dahin keinen ehrlichen Mann gefunden hatte, schlo� sich ohne Z�gern der Verschw�rung an. Er erlitt aufgrund der gewaltsam niedergehaltenen Getreidepreise ungeheure Verluste und war binnen kurzer Zeit verschuldet. Nero wollte nicht begreifen, da� die Staatskasse den Unterschied zwischen dem wirklichen Preis und dem Zwangspreis h�tte ausgleichen m�ssen. Die Gro�grundbesitzer in �gypten und Afrika waren jedenfalls nicht bereit, ihr Getreide zum Zwangspreis zu verkaufen, sondern lagerten es lieber und lie�en schlimmstenfalls die Felder brachliegen.</p><p>Au�er Rufus schlossen sich von den Pr�torianern sowohl Kriegstribunen als auch Zenturionen ganz offen der Verschw�rung an. Die Pr�torianer selbst waren verbittert, weil man ihnen ihren Sold mit den neuen M�nzen und ohne eine entsprechende Erh�hung auszahlte. Die Verschw�rer f�hlten sich ihrer Sache so sicher, da� sie ihr Unternehmen, von einigen strategisch wichtigen italischen St�dten abgesehen, ganz auf Rom beschr�nken wollten und jede Hilfe aus den Provinzen zur�ckwiesen, wodurch sie m�chtige und einflu�reiche Pers�nlichkeiten vor den Kopf stie�en.</p><p>Meiner Ansicht nach war ihr gr��ter Fehler der, da� sie glaubten, ohne Hilfe der Legionen auszukommen, obwohl zumindest die am Rhein und in Britannien stehenden ihnen sofort beigesprungen w�ren. Corbulo im Osten w�rde sich vermutlich nicht beteiligt haben, denn er war nur Feldherr und wollte dem gesetzlichen Herrscher des Reiches gehorchen. Er hatte nichts als seinen parthischen Krieg im Kopf, und im �brigen mangelte es ihm an politischem Ehrgeiz. Ich glaube, er war einer der wenigen, die nicht einmal ger�chtweise von dem Plan h�rten.</p><p>Seit ich meine eigenen Angelegenheiten geordnet hatte, dachte ich wohl kaum noch an die Not des Volkes. Ich war nun f�nfunddrei�ig Jahre alt. In diesem Alter ist ein Mann reif f�r eine wirkliche Leidenschaft und sehnt sich nach einer ebenb�rtigen, erfahrenen Frau. Man hat genug mit unreifen M�dchen gespielt und kann in ihnen bestenfalls noch einen gelegentlichen Zeitvertreib sehen.</p><p>Es f�llt mir noch immer schwer, offen �ber das zu sprechen. was nun folgte. Ich begann Antonia zu besuchen, in aller Heimlichkeit, wie man sich denken kann, und ging immer �fter zu ihr. Wir hatten einander so erstaunlich viel zu sagen, da� ich bisweilen ihr sch�nes Lusthaus auf dem Palatin erst in der Morgend�mmerung verlassen konnte. Sie war eine Tochter des Claudius und hatte somit ihren Anteil an des Marcus Antonius verderbtem Blut. Zudem war sie m�tterlicherseits eine Aelierin. Ihre Mutter war eine Adoptivschwester des Sejanus. Das d�rfte dem Wissenden als Erkl�rung gen�gen.</p><p>Wenn Du, Julius, mich nun daran erinnern willst, da� auch Deine Mutter Claudia eine Tochter des Claudius ist, so mu� ich dazu sagen, da� sie sich nach Deiner Geburt und auch schon nach ihrem fr�heren m�hevollen Leben merklich beruhigt hatte und einem Manne keine rechte Gef�hrtin mehr war. Ich litt in diesen Dingen einen Mangel, der mich krank machte, bis die hei�e Freundschaft mit Antonia mich heilte.</p><p>An einem Fr�hlingsmorgen h�rte ich aus Antonias Mund zum erstenmal von der Verschw�rung des Piso. Es d�mmerte, die V�gel hatten eben zu singen begonnen, die Blumen dufteten in Antonias Garten, in dem man neue B�sche und B�ume gepflanzt hatte, um die Spuren des gro�en Brandes auszutilgen. M�de von all der Freude und Freundschaft stand ich mit Antonia Hand in Hand gegen eine der schlanken korinthischen S�ulen ihres Lusthauses gelehnt, ohne mich von ihr trennen zu k�nnen, obwohl wir schon vor Stunden begonnen hatten Abschied zu nehmen.</p><p>�Minutus, Liebster ��, sagte sie. Ich handle vielleicht nicht recht, indem ich ihr Gest�ndnis wortgetreu wiedergebe, doch ich habe, als ich von Sabina sprach, mit aller Aufrichtigkeit Dinge beschrieben, die einen Unwissenden dazu verleiten k�nnten, an meiner Mannheit zu zweifeln. �Ach Liebster�, sagte sie also. �Noch kein Mann ist so gut und z�rtlich zu mir gewesen und hat mich so liebevoll in seine Arme genommen wie du. Deshalb wei� ich nun, da� ich dich liebe, ewiglich und f�r alle Zeiten. Ich m�chte, da� wir uns noch nach dem Tode als Schatten in den elysischen Gefilden treffen.�</p><p>�Warum sprichst du von Elysium?� fragte ich und dehnte die Brust. �Wir sind gl�cklich, jetzt und hier. Auch ich bin gl�cklicher als je zuvor. Denken wir nicht an Charon. Wenn ich einmal sterbe, will ich gern ein Goldst�ck in den Mund nehmen, um ihm ein F�hrgeld zu zahlen, das deiner w�rdig ist.� Sie streichelte mit ihren schmalen Fingern meine Hand und sagte: �Minutus, es gibt etwas, was ich dir nicht mehr verbergen kann und nicht verbergen will. Ich wei� nicht, wer dem Tode n�hersteht, du oder ich. Neros Zeit l�uft ab. Ich m�chte nicht, da� du mit ihm zugrunde gehst.�</p><p>Ich blickte sie in stummer Verwunderung an, und sie berichtete mir fl�sternd alles, was sie �ber die Verschw�rung und deren F�hrer wu�te. Sie gestand mir, da� sie versprochen hatte, sie werde, wenn die Stunde gekommen und Nero tot sei, dem neuen Herrscher ins Lager der Pr�torianer folgen und dort f�r ihn sprechen, obgleich freilich ein Geldgeschenk besser imstande sei, die Veteranen zu �berzeugen.</p><p>�Im Grunde f�rchte ich nicht f�r mein Leben, sondern f�r das deine, mein Geliebter�, versicherte Antonia. �Du bist als Freund Neros bekannt und hast es auch sonst nicht verstanden, dir die richtigen Verbindungen zu schaffen. Das Volk wird Blut fordern, sobald Nero tot ist, und auch die allgemeine Sicherheit verlangt, da� Blut vergossen wird, um Gesetz und Ordnung zu bekr�ftigen. Ich m�chte nicht, da� du den Kopf verlierst oder da� dich, den heimlichen Anweisungen gehorchend, die wir ausgeben m�ssen, bevor wir uns ins Lager der Pr�torianer begeben, ein Volkshaufe auf dem Forum zu Tode trampelt.�</p><p>Mir schwindelte, und ich f�hlte meine Knie schwach werden. Als ich sie noch immer stumm anstarrte, wurde Antonia ungeduldig, stampfte mit ihrem sch�nen Fu� auf den Boden und sagte: �Begreifst du denn nicht, wie die Dinge stehen? Die Verschw�rung hat so weite Kreise gezogen und die allgemeine Unzufriedenheit ist so gro�, da� der Plan nun jeden Tag ins Werk gesetzt werden kann. Wer noch einen Rest Vernunft besitzt, schlie�t sich uns an, um seine Haut zu retten. Man tut nicht nur so, als �berlegte man, wo und wann man Nero am besten ermorden k�nnte. Es kann nun jeden Tag wirklich geschehen. Einige seiner engsten Freunde haben sich zu uns geschlagen und den Eid geschworen, und von deinen eigenen Freunden will ich nur Senecio, Petronius und Lucanus nennen. Die Flotte in Misenum ist auf unserer Seite. Epicharis, die du zumindest dem Namen nach kennst, hat Volucius Proculus verf�hrt, wie einst Octavia Anicetus zu verf�hren versuchte.�</p><p>�Ich kenne Proculus�, sagte ich kurz.</p><p>�Ja, gewi߫, sagte Antonia mit pl�tzlicher Einsicht. �Er geh�rte zu den M�rdern meiner Stiefmutter, aber sei ohne Sorge, mein Lieber. Ich habe Agrippina nicht geliebt und nur aus Gr�nden der Schicklichkeit nicht an den Dankopfern nach ihrem Tode teilgenommen. Denk nicht mehr an diese alte Geschichte. Schlie�e dich so rasch wie m�glich unserer Verschw�rung an und rette dein Leben. Wenn du noch lange zauderst, kann dir auch meine F�rsprache nicht mehr helfen.�</p><p>Mein erster vern�nftiger Gedanke war, offen gestanden, unverz�glich zu Nero zu laufen und ihm alles zu berichten. Ich w�re zeit meines Lebens seiner Gunst sicher gewesen. Antonia war erfahren genug, um mir vom Gesicht abzulesen, was ich dachte. Sie strich mir mit den Fingern �ber die Lippen, lie� ihr Gewand �ber ihren sch�nen Busen niedergleiten und fragte mich mit zur Seite geneigtem Kopf: �Du wirst mich doch nicht entt�uschen, Minutus? Nein, das ist unm�glich. Wir lieben uns und sind f�reinander geboren. Du hast es selbst im Rausch des Augenblicks so oft gesagt.�</p><p>�Nein, nein, gewi� nicht. Wie kannst du so etwas denken?� sagte ich rasch. Sie lachte und zuckte ihre nackten Schultern.</p><p>�Glaube nicht, da� ich die Sache nicht gr�ndlich durchdacht h�tte�, fuhr sie fort. �Das Wichtigste f�r mich wie f�r die anderen Verschw�rer ist an und f�r sich nicht Neros Tod, sondern die Frage, wer nach ihm die Macht �bernehmen soll. Dar�ber verhandeln die Verschw�rer Nacht f�r Nacht, und jeder hat seine eigenen Ansichten.�</p><p>�Gajus Piso�, sagte ich mi�billigend. �Ich verstehe nicht recht, warum gerade er der gro�e Name sein soll. Er ist zwar Senator und ein Calpurnius und sieht gut aus, aber deshalb wei� ich noch immer nicht, liebe Antonia, was du so Gro�es in ihm siehst, da� du das Leben f�r ihn wagen und ihm ins Lager der Pr�torianer folgen willst.�</p><p>Um ehrlich zu sein: mich qu�lte die Eifersucht. Ich kannte Antonia und wu�te, da� sie nicht so unnahbar war, wie man aufgrund ihrer Haltung und ihres hochfahrenden Wesens h�tte meinen m�gen. Erfahrener als ich war sie ohne Zweifel, obwohl ich mir eingebildet hatte, einiges gelernt zu haben. Ich beobachtete daher �ngstlich ihr Mienenspiel. Es schien ihr zu gefallen, da� ich eifers�chtig war. Sie lachte auf, gab mir einen leichten Backenstreich und sagte: �Pfui, Minutus! Was unterstehst du dich, von mir zu denken! Ich w�rde nie im Leben um meines Volkes willen zu einem Kerl wie Piso ins Bett kriechen. So weit solltest du mich kennen! Ich w�hle selbst, wen ich lieben will, und habe es nie anders gehalten. Au�erdem setzte ich nicht auf Piso. Er ist nichts weiter als eine Art Strohmann und ahnt in seiner Einfalt nicht, da� die anderen bereits hinter seinem R�cken intrigieren. Tats�chlich fragt man sich, was es dem Reiche n�tzen sollte, einen Zitherspieler gegen einen Kom�dianten auszutauschen. Piso ist �ffentlich im Theater aufgetreten und hat damit wie Nero seinem Ansehen geschadet. Es gibt M�nner, die die Republik wiedereinf�hren und alle Macht dem Senat geben wollen. Ich sage das nur, um dir zu zeigen, da� die Verschw�rer die verschiedensten Ziele verfolgen und da� daher die Ermordung Neros noch aufgeschoben werden mu�. Ich habe es abgelehnt, zugunsten des Senats zu den Pr�torianern zu gehen. Das w�rde mir als Kaisertochter schlecht anstehen.�</p><p>Sie betrachtete mich nachdenklich, las meine Gedanken und sagte: �Ich wei�, was dir durch den Sinn geht, aber glaube mir, es w�re zu fr�h, an deinen Sohn Claudius Antonianus zu denken. Er ist noch ein Wickelkind, und Claudias Ruf ist so zweifelhaft, da� man von ihm erst sprechen darf, wenn er die Toga tr�gt und Claudia tot ist. Es wird dann auch leichter f�r mich sein, ihn als meinen Neffen anzuerkennen. Wenn du es aber verstehst, dir einen Platz in der Verschw�rung des Piso zu verschaffen, n�tzest du nicht nur dir selbst, sondern kannst auch Claudius Antonianus den Weg bereiten. Wie du siehst, habe ich nur an dich gedacht. Vorerst aber tun wir gut daran, Claudia leben und den Knaben erziehen zu lassen. Es w�re gar zu auff�llig, wenn ich ihn gleich nach Neros Tod adoptierte oder auf sonst eine Weise zu meinem Sohne machte.�</p><p>Zum erstenmal deutete Antonia offen an, da� sie trotz meinem schlechten Ruf und meiner niedrigen Geburt bereit war, sich mit mir zu verm�hlen. An eine solche Ehre hatte ich selbst in den Augenblicken der gr��ten Vertrautheit nicht zu denken gewagt. Ich f�hlte, wie ich err�tete, und wu�te darauf noch weniger zu sagen als auf ihren Bericht von der Verschw�rung des Piso. Antonia l�chelte mich an, erhob sich auf Zehenspitzen und k��te mich leichtfertig auf den Mund, wobei sich ihr seidenweiches Haar an meinen Hals schmiegte.</p><p>�Ich habe dir gesagt, da� ich dich liebe, Minutus�, fl�sterte sie mir hei� ins Ohr. �Und am meisten liebe ich dich darum, da� du so bescheiden bist und deinen eigenen Wert nicht begreifst. Du bist ein Mann, ein herrlicher Mann, und vor allem ein Mann, den eine kluge Frau auf ein hohes Ziel lenken kann.�</p><p>Das erschien mir recht zweideutig und nicht ganz so schmeichelhaft f�r mich, wie Antonia vielleicht glaubte. Aber recht hatte sie. Sowohl Sabina als auch Claudia hatten mich so behandelt, da� ich mich um des Friedens willen in mein Schicksal f�gte und tat, was sie von mir verlangten. Und doch war Antonia ganz anders zu mir. Ich wei� nicht, wie es kam, aber pl�tzlich gingen wir ins Haus zur�ck, um noch einmal Abschied voneinander zu nehmen.</p><p>Es war ein hellichter Tag, und im Garten arbeiteten schon die Sklaven, als ich endlich mit unsicheren Schritten und wirr im Kopf zu meiner S�nfte ging, die ich benutzte, um nicht unn�tige Aufmerksamkeit zu erregen. Hei�e Schauer durchrieselten mich noch immer, und ich fragte mich, wie ich bei so viel Liebe die f�nfzehn Jahre aushalten sollte, bis Du endlich die Toga anlegen w�rdest.</p><p>Jedenfalls stak ich nun bis �ber beide Ohren in der Verschw�rung des Piso und hatte unter tausend K�ssen geschworen, mir eine Stellung zu verschaffen, in der ich nach Antonias Bestem sehen konnte. Ich glaube, ich hatte sogar geschworen, mit meinen eigenen H�nden Nero zu ermorden, wenn es sein m��te. Antonia meinte jedoch, es sei nicht n�tig, da� ich mich um ihretwillen einer solchen Gefahr aussetzte. Sie belehrte mich au�erdem, da� es sich f�r den Vater eines k�nftigen Kaisers nicht schickte, selbst einen Kaisermord zu begehen. Das k�nnte sich eines Tages f�r Dich, mein Sohn, unheilvoll auswirken.</p><p>Ich war gewi� in meinem ganzen Lehen noch nie so gl�cklich gewesen wie in diesen hei�en Fr�hlingstagen. Ich war gesund, kr�ftig und f�r r�mische Begriffe ziemlich unverdorben. In vollen Z�gen, in reichstem Ma�e konnte ich meine Leidenschaft genie�en. Es war, als wollte mir alles, was ich mir vornahm, gl�cken und hundertfach Fr�chte tragen, wie es einem nur einmal im Leben geschieht. Ich lebte wie im Traum, wie in einem Rausch, und das einzige, was mich st�rte, waren Claudias N�rgelei und ihre st�ndigen neugierigen Fragen, wohin ich ginge und woher ich k�me. Es gefiel mir nicht, da� ich sie bel�gen mu�te, vor allem weil Frauen in diesen Dingen hellsichtig sind und einen fr�her oder sp�ter durchschauen. Ich setzte mich zun�chst mit Fenius Rufus in Verbindung, dessen guter Freund ich dank meinen Getreidegesch�ften geworden war. Er bekannte mir ohne Z�gern, da� er der Verschw�rung des Piso angeh�rte und z�hlte mir die Namen der Pr�torianer, Kriegstribunen und Zenturionen auf, die sich durch Eid verpflichtet hatten, ihm, und nur ihm, zu gehorchen, sobald Nero aus dem Wege ger�umt war.</p><p>Rufus war offensichtlich erleichtert, als er bemerkte, da� ich mir selbst von der Verschw�rung Kenntnis verschafft hatte. Er entschuldigte sich viele Male und beteuerte, nur sein Eid habe ihn daran gehindert, mich schon fr�her einzuweihen. Nun versprach er mir bereitwillig, bei Piso und den anderen Anf�hrern der Verschw�rung ein Wort f�r mich einzulegen. Es war nicht Rufus� Schuld, da� der hochm�tige Piso und andere Calpurnier mich von oben herab behandelten, was ich ihnen sehr �belgenommen h�tte, wenn ich empfindlicher gewesen w�re.</p><p>Sie lie�en sich nicht einmal durch die Geldmittel beeindrucken, die ich ihnen und ihrer Sache zur Verf�gung stellen wollte, sondern sagten, sie h�tten bereits genug. Da� ich sie anzeigen k�nnte, f�rchteten sie nicht. Dazu waren sie ihres Sieges zu gewi�. Im Gegenteil, Piso selbst gab mir auf seine unversch�mte Art zu verstehen, er kenne mich und meinen Ruf gut genug, um zu wissen, da� ich den Mund halten w�rde, um meine eigene Haut zu retten. Meine Freundschaft mit Petronius und dem jungen Lucanus half mir jedoch immerhin so viel, da� ich den Eid ablegen und mit Epicharis zusammentreffen durfte, dieser geheimnisvollen R�merin, deren Einflu� und Anteil an der Verschw�rung ich nicht ganz verstand.</p><p>Als ich so weit gekommen war, begann zu meiner Verwunderung Claudia eines Tages von der Verschw�rung zu sprechen. Mit vorsichtigen Andeutungen und Umschreibung horchte sie mich unter vier Augen so lange aus, bis sie die Gewi�heit hatte, da� ich zumindest nicht vom Fleck weg zu Nero laufen w�rde, um ihm zu erz�hlen, was sie mir zu sagen hatte, und sie war sowohl erleichtert als auch erstaunt, als ich ihr mitleidig l�chelnd sagte, da� ich l�ngst einen Eid abgelegt hatte, um der Freiheit des Vaterlandes willen den Tyrannen zu st�rzen.</p><p>�Ich begreife nicht, wie sie einen Kerl wie dich nehmen konnten�, fauchte sie h�hnisch. �Nun m�ssen sie so rasch wie m�glich handeln, sonst ist der Plan in aller Leute Mund. Das ist die gr��te Niedertracht, von der ich je geh�rt habe! Bringst du es wirklich mir nichts, dir nichts fertig, Nero zu verraten, der dir so viel Gutes getan hat und den du als deinen Freund betrachtest?�</p><p>Ich bewahrte meine W�rde und entgegnete ruhig, Nero habe mich durch sein eigenes Verhalten dazu getrieben, mehr an das Wohl des Staates zu denken als an eine Freundschaft, gegen die er mehr als einmal versto�en hatte. Ich selbst h�tte zwar, dank meiner Wachsamkeit, durch die M�nzverschlechterung nicht allzuviel verloren, doch das Weinen der Witwen und Waisen klinge mir schmerzlich in den Ohren, ich d�chte an die Not der Bauern und der kleinen Handwerker und sei daher bereit, meine Ehre zum Wohle des ganzen r�mischen Volkes auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern.</p><p>Ich h�tte meine Absichten vor Claudia geheimgehalten, sagte ich, weil ich f�rchtete, sie k�nnte mich daran hindern wollen, mein Leben f�r die Freiheit einzusetzen. Nun hoffte ich, sie werde verstehen, da� ich �ber mein Tun und Treiben geschwiegen hatte, um sie nicht in Gefahr zu bringen, indem ich sie zur Mitwisserin machte.</p><p>Claudia war jedoch nach wie vor mi�trauisch, denn sie kannte mich gut. Gleichwohl mu�te sie zugeben, da� ich recht handelte. Sie hatte nach langem Z�gern selbst schon daran gedacht, mir zuzureden und, wenn es sein mu�te, mich zu zwingen, mich der Verschw�rung anzuschlie�en, da dies um meiner und um Deiner Zukunft willen n�tig war.</p><p>�Du wirst bemerkt haben, da� ich dich schon lange nicht mehr mit den Christen bel�stigt habe�, sagte Claudia. �Es besteht kein Anla� mehr, ihnen zu erlauben, sich heimlich bei uns zu versammeln. Sie haben nun ihre eigenen sicheren Zufluchtsorte. Ich mag meinen Sohn Clemens nicht dieser Gefahr aussetzen, obgleich ich selbst mich furchtlos als Christin bekenne. Zudem haben sich die Christen als schwach und unzuverl�ssig erwiesen. Neros Tod w�rde ihnen nur zum Vorteil gereichen und w�re zugleich eine Art Rache f�r seine b�sen Taten, aber denk nur, sie wollen nichts mit der Verschw�rung zu schaffen haben, obwohl sie nicht mi�lingen kann. Ich verstehe sie nicht mehr. Sie sagen nur, man d�rfe nicht t�ten und die Rache stehe ihnen nicht zu.�</p><p>Ich war entsetzt und sagte: �Du mu�t den Verstand verloren haben. Wie kannst du die Christen in diese Sache hineinziehen, bei der ohnehin schon viel zu viele die H�nde mit im Spiel haben! Es wird sie au�erdem niemand haben wollen, das darfst du mir glauben. Der k�nftige Herrscher w�re gezwungen, ihnen von vornherein Sonderrechte zu geloben, und es ist schon genug, ja mehr als genug, da� die Juden ihre Privilegien haben.�</p><p>Claudia sah ihre Dummheit wohl ein, erwiderte aber zornig: �Man kann immerhin fragen, das schadet niemandem. Sie sagen, sie h�tten sich bisher nicht in die Politik eingemischt und ged�chten auch in Zukunft der Obrigkeit zu gehorchen, wie immer diese Obrigkeit beschaffen sein m�ge. Sie h�tten ihr eigenes Reich, das kommen werde, sagen sie, aber ich bin es nun m�de, darauf zu warten. Als Tochter des Claudius und Mutter meines Sohnes mu� ich wohl auch ein wenig an die weltliche Macht denken. Kephas, der immerzu nur von Gehorsam schwatzt, ist in meinen Augen ein Feigling. Das unsichtbare Reich mag eine sch�ne Sache sein, aber seit ich Mutter bin, r�ckt es mir immer ferner, und ich f�hle mich mehr als R�merin denn als Christin. Die verworrene Lage bietet uns die beste M�glichkeit, die Welt zu ver�ndern, nun da alle Menschen um jeden Preis Frieden und Ordnung w�nschen.�</p><p>�Die Welt ver�ndern � Was soll das hei�en?� fragte ich mi�trauisch. �Bist du bereit, vors�tzlich Tausende, vielleicht Millionen Menschen in Hunger und Not zu st�rzen, ja in den Tod zu treiben, um f�r deinen Sohn, bis er die Toga anlegt, ein g�nstiges politisches Klima zu schaffen?�</p><p>�Die Republik und die Freiheit sind Dinge, f�r die schon so mancher tapfere Mann bereit war, sein Leben dranzugehen�, sagte Claudia gereizt. �Mein Vater Claudius sprach oft mit gro�er Achtung von der Republik, und er h�tte sie gern wiedereingef�hrt, wenn es m�glich gewesen w�re. Er sagte es oft genug in seinen weitschweifigen Reden in der Kurie, wenn er sich �ber die Last der Alleinherrschaft beklagte.�</p><p>�Du hast selbst oft genug behauptet, dein Vater sei ein wahnsinniger, ungerechter und grausamer L�stling gewesen�, erwiderte ich. �Erinnere dich, da� du seine Statue in der Bibliothek bespucktest, als wir uns zum erstenmal begegneten. Es ist unm�glich, die Republik wiedereinzuf�hren. Dieser Plan findet nicht genug Unterst�tzung. Die Frage ist nur, wen wir zum Kaiser machen sollen. Piso halte ich f�r zu unbedeutend, und ich wei�, da� du mir recht gibst. An wen hast du gedacht?� Claudia sah mich nachdenklich an und sagte pl�tzlich mit gespielter Unschuld: �Was meinst du zu Seneca?�</p><p>Im ersten Augenblick entsetzte mich dieser Gedanke. �Was n�tzt es, einen Zitherspieler gegen einen Philosophen auszutauschen?� fragte ich. Je mehr ich jedoch dar�ber nachdachte, desto schlauer fand ich Claudias Vorschlag. Sowohl das Volk als auch die Provinzen waren der Meinung, da� die ersten f�nf Jahre Neros, in denen Seneca regierte, die gl�cklichste Zeit gewesen waren, die Rom je erlebt hatte. Noch heute � da wir sogar f�r die Benutzung der �ffentlichen Abtritte Steuern zahlen m�ssen � spricht man davon als von einer goldenen Zeit.</p><p>Seneca war ungeheuer reich. Man sch�tzte sein Verm�gen auf dreihundert Millionen Sesterze, aber ich wu�te, da� das zu knapp gesch�tzt war. Das beste aber war, da� Seneca schon sechzig Jahre z�hlte. Dank seinen stoischen Lebensgewohnheiten konnte er noch gut f�nfzehn Jahre leben. Da� er in l�ndlicher Abgeschiedenheit wohnte, dem Senat fernblieb und nur selten die Stadt besuchte, war nichts als Schein, um Nero zu beruhigen.</p><p>Die Di�t, die er seines Magenleidens wegen einhielt, hatte ihm gutgetan. Er war schlank geworden und keuchte beim Gehen nicht mehr. Auch die feisten Wangen, die einem Philosophen so schlecht anstehen, hatte er verloren. Man konnte sich vorstellen, da� er gut regieren, niemanden verfolgen und als erfahrener Gesch�ftsmann das Wirtschaftsleben f�rdern und mit den Staatsgeldern gut haushalten w�rde. Und wenn sein Ende nahte, w�rde er vielleicht freiwillig bereit sein, die Macht einem jungen Manne zu �bergeben, der in seinem Geiste erzogen worden war.</p><p>Senecas sanfte Gem�tsart und Menschenliebe entsprachen in hohem Ma�e der Lehre der Christen. In einem naturwissenschaftlichen Werk, das er unl�ngst geschrieben hatte, deutete er an, da� es, in der Natur und im All verborgen, geheime M�chte gebe, die menschliche Vernunft �berstiegen, so da� das Seiende und Sichtbare nicht mehr sei als ein d�nner Schleier, der etwas Unsichtbares verdeckt. Er hatte mit Paulus Briefe gewechselt, und ich k�nnte nicht mit Gewi�heit sagen, wer von den beiden in seinen Schriften die Gedanken des andern entlehnte. Paulus schrieb ebenso flei�ig Briefe, wie Seneca seine philosophischen Gedanken in Briefform ausdr�ckte.</p><p>Als ich all dies bedacht hatte, schlug ich vor Verwunderung die H�nde zusammen und rief: �Claudia, du bist ein politisches Genie, und ich bitte dich, mir meine b�sen Worte zu verzeihen!�</p><p>Selbstverst�ndlich sagte ich ihr nicht, da� ich mir, indem ich Seneca vorschlug und sodann unterst�tzte, die Schl�sselstellung in der Verschw�rung verschaffen konnte, die ich anstrebte. Auch w�re mir Senecas� Dankbarkeit gewi� gewesen. Zudem war ich sozusagen einer seiner Sch�ler, und in Korinth hatte ich unter seinem Bruder als Kriegstribun gedient und dessen Vertrauen in geheimen Staatsgesch�ften genossen. Und Senecas Vetter, der junge Lucanus, geh�rte zu meinen besten Freunden, da ich nie genug des Lobes f�r seine Verse fand. Ich war ja selbst kein Dichter.</p><p>Wir plauderten noch lange im besten Einvernehmen, Claudia und ich, und gewannen, w�hrend wir eifrig dem Wein zusprachen, unserer Sache immer mehr gute Seiten ab. Zuletzt gingen wir zu Bett, und ich kam seit langem zum erstenmal wieder meinen ehelichen Pflichten nach, um jedes Mi�trauen, das sie etwa noch gegen mich hegte, zu zerstreuen.</p><p>Als ich dann neben ihr erwachte, vom Wein und von meiner Begeisterung erhitzt, dachte ich mit Kummer im Herzen daran, da� ich mich eines Tages um Deinetwillen von Deiner Mutter befreien mu�te. Antonia konnte sich mit einer gew�hnlichen Scheidung nicht zufriedengeben. Claudia mu�te sterben, doch erst in zehn oder f�nfzehn Jahren, und bis dahin konnte viel geschehen. Noch oft werden bis dahin die Schmelzfluten des Fr�hjahrs unter den Tiberbr�cken dahinstr�men, sagte ich mir. Und dann gab es Seuchen und Krankheiten, unerwartete Ungl�cksf�lle aller Art und �ber allem die Parzen, die die Geschicke der Menschen lenken. Ich brauchte mich nicht im voraus zu sorgen, wie das Unausweichliche einst geschehen sollte.</p><p>Claudias Plan erschien mir so ungew�hnlich, aber auch so selbstverst�ndlich, da� ich es nicht f�r n�tig hielt, mit Antonia dar�ber zu sprechen. Wir durften uns nur selten und heimlich treffen, damit kein b�ses Gerede entstand und Nero, der Antonia aus politischen Gr�nden beobachten lie�, nicht Verdacht sch�pfte.</p><p>Ich reiste unverz�glich selbst zu Seneca, indem ich vorgab, ich h�tte in Praeneste einige Gesch�fte zu besorgen und wollte dem alten Philosophen nur einen H�flichkeitsbesuch abstatten. Sicherheitshalber richtete ich es so ein, da� ich tats�chlich in Praeneste zu tun hatte.</p><p>Seneca empfing mich freundlich, und ich �berzeugte mich, da� er auf seinem Gut mit seiner um die H�lfte j�ngeren Gattin bequem und im �berflu� lebte. Anfangs sa� er mir zwar �chzend und mit krummem R�cken gegen�ber und jammerte �ber seine Kr�mpfe, aber als er erkannte, da� ich ernsthaft mit ihm zu sprechen w�nschte, f�hrte mich der alte Fuchs zu einem abseits gelegenen Lusthaus, wo er fern der Welt ein asketisches Leben f�hrte und einem Schreiber seine Werke diktierte.</p><p>Um mir zu beweisen, da� er wirklich einfach und bescheiden lebte, zeigte er mir einen Bach, aus dem er mit der hohlen Hand sein Trinkwasser sch�pfte, und einige Obstb�ume, von denen er selbst sich pfl�ckte, wonach es ihn gel�stete. Er erz�hlte mir auch, da� seine Gattin Paulina gelernt hatte, Korn mit einer Handm�hle zu mahlen und Brot zu backen. Ich kannte diese Zeichen und begriff, da� er in der st�ndigen Furcht lebte, vergiftet zu werden. In seiner Geldnot konnte Nero nur allzu leicht Lust auf das Verm�gen seines alten Lehrers bekommen und es auch sonst aus politischen Gr�nden f�r n�tig erachten, sich seiner zu entledigen. Seneca hatte noch immer allzu viele Freunde, die ihn als Philosophen und Staatsmann sch�tzten, obgleich er um seiner Sicherheit willen nur selten G�ste empfing.</p><p>Ich kam ohne Umschweife zur Sache und fragte Seneca geradeheraus, ob er bereit sei, nach Nero die Imperatorw�rde anzunehmen und im Reiche Frieden und Ordnung wiederherzustellen. Mit der Ermordung Neros brauchte er sich nicht zu belasten. Er mu�te sich nur an einem bestimmten Tag in der Stadt aufhalten, bereit, sich mit vollen Gelds�cken zu den Pr�torianern zu begeben. Nach meinen Berechnungen brauchte man etwa drei�ig Millionen Sesterze, damit jeder Mann zweitausend bekam und die Kriegstribunen und Zenturionen ihrem Rang entsprechend mehr.</p><p>Fenius Rufus verlangte nichts. Er setzte lediglich voraus, da� die Staatskasse ihn sp�ter f�r die Verluste entsch�digte, die er durch Neros Willk�r erlitten hatte. Es gen�gte dazu, da� seine Schulden innerhalb einer angemessenen Frist bezahlt wurden. Ich beeilte mich au�erdem zu erkl�ren, da� ich bereit war, einen Teil des erforderlichen Betrages zu erlegen, wenn Seneca aus Gr�nden der Sparsamkeit nicht f�r den ganzen allein aufkommen wollte.</p><p>Seneca richtete sich auf und betrachtete mich mit einem Blick, in dem von Menschenliebe nichts zu lesen war. �Dich kenne ich durch und durch, Minutus�, sagte er. �Deshalb ist mein erster Gedanke der, da� Nero dich geschickt hat, um auf listige Art meine Treue zu erproben. Dazu w�rdest unter allen seinen Freunden du dich am besten eignen. Offenbar wei�t du aber zu viel �ber die Verschw�rung, da du sogar Namen aufz�hlen kannst. W�rst du ein Verr�ter, so w�rden schon einige K�pfe gerollt sein. Ich frage dich nicht nach deinen Beweggr�nden. Ich frage dich nur, wer dich erm�chtigt hat, dich an mich zu wenden.�</p><p>Ich gab verlegen zu, da� mich dazu niemand erm�chtigt hatte, sondern da� ich selbst auf diesen Gedanken verfallen war, weil ich ihn als den besten und edelsten Mann ansah, der �ber Rom herrschen konnte, und weil ich mir zutraute, ihm die Unterst�tzung der Verschw�rer zu sichern, wenn er mir nur seine Zustimmung gab. Seneca beruhigte sich und sagte: �Glaube nicht, da� du der erste bist, der sich in dieser Sache an mich wendet. Pinos engster Vertrauter, Antonius Natalis, den du kennst, war unl�ngst bei mir, um meinen schlechten Gesundheitszustand zu beklagen und mich zu fragen, warum ich mich so entschieden weigerte, Piso zu empfangen und offen mit ihm zu verhandeln. Ich habe jedoch keine Ursache, einen Mann wie Piso zu st�tzen. Deshalb antwortete ich ihm, da� Mittelm�nner vom �bel seien und eine pers�nliche Begegnung nicht ratsam, da� aber von nun an mein eigenes Leben von Pisos Sicherheit abh�nge. Und das ist wahr. Wenn die Verschw�rung aufgedeckt wird, wovor der unerkl�rliche Gott uns alle sch�tzen m�ge, so st�rzt ein einziger unvorsichtiger Besuch mich ins Verderben � Nero ermorden, das ist leichter gesagt als getan�, fuhr er nachdenklich fort. �Piso h�tte die beste M�glichkeit dazu in seiner Villa in Baiae. Nero besucht sie oft ohne Leibwache, um zu baden und sich zu zerstreuen. Piso aber erkl�rte scheinheilig, er k�nne das Gastrecht nicht verletzen. Als ob ein Mann vom Schlage Pisos an irgendwelche G�tter glaubte! Ein Mord an Nero w�rde aber auch in vielerlei Hinsicht Ansto� erregen. Lucius Silanus, um nur einen zu nennen, hat sich klug genug geweigert, ein so entsetzliches Verbrechen wie den Kaisermord gutzuhei�en. Den Konsul Atticus Vestinus hat Piso selbst �bergangen, denn Vestinus ist ein r�hriger Mann, der ernstlich versuchen k�nnte, die Republik wieder zu errichten. Als Konsul h�tte er die M�glichkeit, nach einem Mord die Macht an sich zu rei�en.�</p><p>Ich erkannte, da� Seneca mehr �ber die Verschw�rung wu�te als ich und da� er als erfahrener Staatsmann alle Lose in Fortunas Hand sorgf�ltig gegeneinander ausgewogen hatte. Ich bat ihn daher, mir zu verzeihen, da� ich in meiner Ahnungslosigkeit, wenngleich in bester Absicht, seine Ruhe gest�rt hatte, und beteuerte ihm, er d�rfe wegen meines Besuches unbesorgt sein, da ich nachweisbar Gesch�fte in Praeneste h�tte und es nur nat�rlich sei, da� ein Sch�ler bei solcher Gelegenheit seinen ehemaligen Lehrer aufsuche, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.</p><p>Ich hatte den Eindruck, da� Seneca letztere Bemerkung mi�billigte und mich nicht als seinen Sch�ler betrachten mochte. Er sah mich jedoch mitleidig an und erwiderte: �Ich will dir nur dasselbe sagen, was ich Nero zu lehren versuchte. Durch Verstellung und Liebedienerei kann man seine wirklichen Eigenschaften eine Zeitlang verbergen. Zuletzt aber wird die Kom�die durchschaut und das Schaffell f�llt vom Wolfe. Nero hat Wolfsblut in den Adern, mag er auch ein Schauspieler sein, und auch du, Minutus, hast es, obgleich von einem feigeren Wolf.�</p><p>Ich wu�te nicht, ob ich mich durch seine Worte geschmeichelt oder gekr�nkt f�hlen sollte, und fragte so beil�ufig wie m�glich, ob er glaube, da� Antonia an der Verschw�rung teilhabe, und wenn ja, ob sie Piso st�tzte. Seneca sch�ttelte bek�mmert seinen struppigen Kopf und sagte warnend: �An deiner Stelle w�rde ich Aelia Antonia nicht trauen. Der blo�e Name erschreckt mich. In ihr str�mt das verderbte Blut zweier uralter, gef�hrlicher Geschlechter zusammen. �ber ihre Jugend wei� ich Dinge, von denen ich nicht sprechen mag. Ich warne euch nur. Nehmt sie, bei allen G�ttern, nicht in die Verschw�rung auf. Sie ist noch machtl�sterner als Agrippina, die trotz allen Verbrechen noch ihre guten Seiten hatte.�</p><p>Senecas Warnung gab mir einen Stich in die Brust, aber ich war vor Hebe blind und dachte, aus ihm spreche nur der Neid. Ein Staatsmann, der vor der Zeit beiseite geschoben wird, ist bitter gegen alle, und auch als Philosoph war Seneca wohl vom Leben entt�uscht. In seiner Mannesbl�te war er keineswegs so sittenstreng gewesen, wie er die Leute nun gern glauben machte, und von Verstellung zu sprechen, stand ihm wohl an, denn diese Kunst beherrschte er selbst am besten.</p><p>Als wir uns trennten, gab er aufrichtig zu, da� er f�r sich selbst im Falle eines Staatsstreichs keine gro�en M�glichkeiten sehe. Er sei jedoch bereit, sagte er, an einem gewissen Tag nach Rom zu kommen, nur um zugegen zu sein und notfalls auch Piso zu unterst�tzen, da dieser sich ohnehin durch seine Eitelkeit und Verschwendungssucht �ber kurz oder lang unm�glich machen werde. Danach k�nnte der Augenblick vielleicht f�r ihn, Seneca, g�nstig sein.</p><p>�In Lebensgefahr schwebe ich nun ohnedies�, sagte er mit einem bitteren L�cheln. �Ich begebe mich daher in keine besondere Gefahr, wenn ich mich in Rom zeige. Kommt Piso an die Macht, so habe ich damit bewiesen, da� ich auf seiner Seite stehe. Wird die Verschw�rung aufgedeckt, was ich bef�rchte, da ihr zu lange s�umt, bin ich in jedem Fall des Todes. Aber der Weise f�rchtet den Tod nicht. Er ist eine Schuld, die der Mensch eines Tages bezahlen mu�, und es ist einerlei, ob dies fr�her oder sp�ter geschieht.�</p><p>Mir aber war gerade das nicht einerlei. Daher setzte ich mutlos meinen Weg nach Praeneste fort und dachte �ber seine unheilverk�ndenden Worte nach. Es schien mir das beste zu sein, Vorkehrungen f�r den Fall zu treffen, da� die Verschw�rung aufgedeckt wurde. Der Weise legt nie alle seine Eier in denselben Korb.</p><empty-line/><p>Ich bin nach wie vor der Meinung, der Aufruhr h�tte mit Hilfe der Legionen in den Provinzen eingeleitet werden m�ssen, und nicht in Rom. Das h�tte freilich Blut gekostet, doch daf�r bekommen die Soldaten schlie�lich ihren Sold. In Rom h�tte sich daf�r niemand der Gefahr auszusetzen brauchen. Aber Eitelkeit, Selbstsucht und Ehrgeiz sind allezeit st�rker als die gesunde Vernunft.</p><p>Das Unheil nahm in Misenum seinen Anfang. Proculus fand, er sei seinerzeit f�r seine Verdienste um die Ermordung Agrippinas nicht hinreichend belohnt worden. Im Grunde war er ein ganz und gar unt�chtiger Mensch, der nicht einmal zum Befehlshaber der Flotte taugte, wozu wahrhaftig nicht viel geh�rt. Anicetus war nur ein Barbier gewesen, aber er hatte sich wenigstens auf den Rat seiner erfahrenen Kapit�ne verlassen.</p><p>Proculus dagegen wollte in seiner �berheblichkeit nur sein eigenes Urteil gelten lassen und schickte eines Tages die Flotte in See, obwohl man ihm davon abriet. An die zwanzig Kriegsschiffe zerschellten an den Klippen vor Misenum und gingen mit Mann und Maus unter. Die Mannschaften kann man ja jederzeit ersetzen, aber ein Kriegsschiff ist ein allzu kostbares Spielzeug!</p><p>Nero raste vor Zorn, obwohl Proculus darauf hinweisen konnte, da� er auf kaiserlichen Befehl auch bereit w�re, selbst ins Meer zu springen. Proculus gestand, einen solchen Befehl m�sse er sich noch �berlegen, da er nicht schwimmen k�nne. Darauf bemerkte Nero bitter, er tue gut daran, auch �ber andere Befehle nachzudenken, denn auf See g�lten die Befehle der Elemente sogar mehr als die Neros. Einen neuen Flottenbefehlshaber k�nne er jederzeit einsetzen, aber zwanzig neue Kriegsschiffe bauen, das k�me zu teuer. Er wolle die Sache aufschieben, bis das Goldene Haus fertig sei.</p><p>Proculus f�hlte sich begreiflicherweise in seiner Ehre gekr�nkt und erlag daher um so leichter den Verlockungen der Epicharis. Epicharis war zudem eine sch�ne Frau und in der Kunst der Liebe sehr erfahren. Eine andere Kunst hatte sie, soviel man wei�, nicht ausge�bt, ehe sie sich der Verschw�rung anschlo�. Viele wunderten sich �ber ihren unerwarteten politischen Eifer, als sie die Verschw�rer mit scharfen Worten ermahnte, rasch zu handeln.</p><p>Ich f�r meinen Teil glaube zu wissen, da� Epicharis Nero ha�te, weil er einmal, nachdem er viel von ihr geh�rt hatte, selbst ihre Kunst erprobte und hernach in seiner Unbedachtheit einige abf�llige Bemerkungen machte. Das konnte sie ihm nicht verzeihen, und von dieser Stunde an sann sie auf Rache.</p><p>Epicharis wurde schlie�lich des Zauderns der Verschw�rer in Rom m�de. Sie forderte Proculus auf, ans Werk zu gehen, seine Schiffe in Kampfbereitschaft zu versetzen und nach Ostia zu segeln. Doch Proculus besann sich anders. Als vorsichtige Frau hatte ihm Epicharis nicht verraten, wer an der Verschw�rung teilnahm, und er wu�te daher nicht, welches Ausma� sie bereits angenommen hatte. Er w�hlte daher lieber den sicheren Weg, zumal er sich sagte, da� der den gr��ten Lohn erhalten w�rde, der dem Kaiser als erster von der Verschw�rung berichtete.</p><p>Er eilte zu Nero nach Rom und plauderte alles aus, was er wu�te. In seiner Eitelkeit und weil er die Gunst des Volkes zu besitzen glaubte, schenkte Nero seinen Worten anfangs keinen rechten Glauben, vor allem weil seine Angaben viel zu unbestimmt waren. Er lie� jedoch Epicharis festnehmen und �bergab sie Tigellinus zur peinlichen Befragung. Dies war eine Kunst, auf die sich Tigellinus am besten verstand, wenn er sie an einer sch�nen Frau erproben durfte, denn seit er sich mit Knaben abgab, ha�te er die Frauen und geno� es, sie leiden zu sehen. Epicharis hielt jedoch tapfer stand. Sie leugnete alles und behauptete, Proculus schwatze Unsinn. Dagegen erz�hlte sie w�hrend der Folterung den Pr�torianern so viel �ber des Tigellinus unnat�rliche Neigungen, da� dieser keine Lust mehr versp�rte, das Verh�r fortzusetzen. Epicharis war da freilich schon so �bel zugerichtet, da� sie nicht mehr gehen konnte.</p><p>Als sie von der Verhaftung der Epicharis erfuhren, begannen die Verschw�rer sich endlich zu r�hren. Die ganze Stadt wurde von Entsetzen ergriffen, denn so viele waren mit beteiligt und f�rchteten f�r ihr Leben. Ein von Piso bestochener Zenturio versuchte Epicharis im Gef�ngnis zu ermorden, da die Verschw�rer der Verschwiegenheit einer Frau nicht trauten. Die Gefangenenw�rter hielten ihn jedoch zur�ck, denn Epicharis hatte sich durch ihre einzigartigen Schilderungen aus dem Leben des Tigellinus die Gunst der Pr�torianer erworben.</p><p>Tags darauf sollte das Aprilfest der Ceres gefeiert werden, und in dem halbfertigen gro�en Zirkus sollten zu Ehren der G�ttin des Erdsegens Wagenrennen stattfinden. Dies d�nkte die Verschw�rer die beste Gelegenheit, zur Tat zu schreiten, denn sonst zeigte sich Nero kaum noch in der Stadt, weil er im Goldenen Haus und in dessen riesigen G�rten genug Raum hatte, sich Bewegung zu verschaffen.</p><p>Man beschlo� in aller Eile, da� die Verschw�rer sich im Zirkus in Neros N�he aufhalten sollten. Lateranus, ein hochgewachsener, furchtloser Mann, sollte sich bei passender Gelegenheit Nero zu F��en werfen, als wollte er eine Gunst erbitten, und ihn zu Boden rei�en. Sodann sollten die Kriegstribunen und Zenturionen und andere, die dazu den Mut aufbrachten, tun, als wollten sie Nero zu Hilfe eilen, und ihm mit ihren Dolchen den Garaus machen.</p><p>Flavius Scevinus bat darum, Nero den ersten Dolchsto� versetzen zu d�rfen. Er war mit dem Stadtpr�fekten, meinem ehemaligen Schwiegervater, verwandt und konnte daher ohne weiteres einen Platz in Neros unmittelbarer N�he einnehmen. Er galt f�r einen durch sein liederliches Leben so verweichlichten Mann, da� nicht einmal Nero Ursache hatte, ihn zu f�rchten. Zudem war er ein wenig wirr im Kopf und litt des �fteren an Trugbildern. Ich will damit nichts gegen die Flavier gesagt haben. Aber Flavius Scevinus bildete sich ein, ein Dolch, den er einmal in irgendeinem uralten Tempel gefunden hatte und stets bei sich trug, habe einst der G�ttin Fortuna selbst geh�rt, und glaubte in seinem Wahn, dieser Dolch sei ein Zeichen daf�r, da� er zu gro�en Taten ausersehen sei. Er zweifelte nicht einen Augenblick an seinem guten Gl�ck, als er sich bereit erkl�rte, den ersten Sto� zu f�hren.</p><p>Piso sollte beim Cerestempel warten. Dort sollten ihn Fenius Rufus und andere Verschw�rer abholen, um ihn zusammen mit Antonia ins Lager der Pr�torianer zu begleiten. Von Seiten des Tigellinus erwartete man keinen Widerstand, sobald Nero einmal tot war, denn er war klug und berechnend. Die Verschw�rer hatten zwar beschlossen, ihn danach, um dem Volk zu gefallen, hinzurichten, aber davon konnte Tigellinus nichts wissen.</p><p>Der Plan war geschickt entworfen und gut, von welcher Seite man ihn auch besah. Er hatte nur den einen Fehler, da� er gar nicht erst zur Ausf�hrung kam.</p></section><section><empty-line/><p><strong>XII

    </strong></p><p><strong>DER VERR�TER
  </strong></p><empty-line/><p>Am Abend vor dem Ceresfest, nach einer letzten Unterredung mit Antonius Natalis und nachdem wir andern alle Pisos Haus schon l�ngst verlassen hatten, begab sich Flavius Scevinus heim und begann in d�sterer Stimmung sein Testament zu diktieren. W�hrend er diktierte, zog er seinen ber�hmten Dolch aus der Scheide und bemerkte, da� er vor Alter gr�n und stumpf geworden war. Er �bergab ihn seinem Freigelassenen Milichus zum Schleifen und gebot ihm mit erschreckend wirren Worten und fahrigen Gesten, Stillschweigen �ber die Sache zu bewahren. Dadurch wurde Milichus mi�trauisch.</p><p>Scevinus befahl weiter gegen seine Gewohnheit, ein Festmahl f�r alle Hausgenossen aufzutischen. W�hrend des Mahles lie� er, bald schluchzend, bald mit gezwungener Heiterkeit, mehrere seiner Sklaven frei und teilte an die anderen Geldgeschenke aus. Dann brach er zusammen und bat Milichus unter Tr�nen, Wundverb�nde und blutstillende Arzneien herzurichten. Nun konnte Milichus nicht mehr daran zweifeln, da� sich schlimme Dinge vorbereiteten. Vielleicht hatte er auch von der Verschw�rung munkeln h�ren.</p><p>Er beriet mit seiner Frau, was zu tun sei, und sie f�hrte ihm mit dem gesunden Hausverstand der Frauen vor Augen, da� der zuerst mahlt, der zuerst zur M�hle kommt. Es ging um sein eigenes Leben. Mehrere andere Freigelassene und Sklaven hatten dasselbe geh�rt wie er. Es nutzte also nichts, zu schweigen. Im Gegenteil, Milichus mu�te trachten, der erste zu sein, der Scevinus anzeigte. An sein Gewissen, an das Leben seines Hausvaters und seine Dankesschuld diesem gegen�ber brauche er nun nicht zu denken, meinte seine Frau. Der reiche Lohn w�rde ihn dies alles nach und nach vergessen machen.</p><p>Milichus fand jedoch zun�chst keine Gelegenheit, das Haus zu verlassen, denn 5cevinus konnte, obwohl er so viel getrunken hatte, nicht schlafen. Dazu kam, da� Atria Gallia, die Gattin des Scevinus, die um ihrer Sch�nheit, ihrer Scheidungen und ihres leichtfertigen Lebens willen ber�hmt war, durch das reichliche Mahl angeregt, gewisse Dienste von Milichus forderte, gegen die weder dessen Frau noch Scevinus � dieser aus nur ihm bekannten Gr�nden � etwas einwenden durfte. Ich glaube, dieser Umstand hatte einiges mit dem Rat zu tun, den die Frau des Milichus ihrem Manne gab, und erw�hne ihn, um sie zu entschuldigen.</p><p>Erst in der Morgend�mmerung erreichte Milichus mit Fortunas Dolch als Beweisst�ck unter dem Mantel die G�rten des Servilius. Aber die T�rh�ter lie�en selbstverst�ndlich nicht einmal diesen freigelassenen Sklaven ein und wollten um jeden Preis verhindern, da� er Nero am Morgen des heiligen Ceresfestes st�rte. In diesem Augenblick traf Epaphroditus mit einem Paar sch�ner junger Geparde ein, die er am fr�hen Morgen Nero bringen sollte. Nero wollte sie der Gemahlin des Konsuls Vestinus, Statilia Messalina, der er zur Zeit den Hof machte, schenken, damit sie w�hrend der Wagenrennen mit den sch�nen Tieren in der Konsulenloge Aufsehen erregen konnte. Epaphroditus wurde auf den Streit vor, der Pforte aufmerksam und eilte hinzu, um die W�chter zu beruhigen, die mit den Lanzensch�ften auf Milichus einschlugen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Milichus hatte n�mlich in seiner Not mit lauter Stimme nach Nero zu rufen begonnen.</p><p>Ich frage mich, ob Fortuna mir davor oder danach je so deutlich ihr Antlitz gezeigt hat. Jedenfalls erfuhr ich an diesem Tage, da� G�te und Edelmut schon in diesem Leben belohnt werden k�nnen. Epaphroditus erkannte in Milichus den Freigelassenen des Flavius Scevinus wieder, der ja mit seiner Gattin Sabina verwandt war, und half ihm deshalb. Als Milichus ihm sagte, in welcher Angelegenheit er gekommen war, erfa�te Epaphroditus sofort deren Bedeutung. Er erinnerte sich seiner Dankesschuld mir gegen�ber und schickte mir seinen Sklaven, der die Geparde gef�hrt hatte, um mich von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Erst dann lie� er Nero wecken und f�hrte die Geparde und Milichus an dessen Bett.</p><p>Der Sklave des Epaphroditus weckte mich aus dem tiefsten Schlaf, und seine Botschaft brachte mich augenblicklich auf die Beine. Ich warf mir nur einen Mantel um und lief, b�rtig und ohne einen Bissen zu mir genommen zu haben, geradewegs zum Garten des Servilius.</p><p>Der Lauf brachte mich so au�er Atem, da� ich beschlo�, meine Leibes�bungen im Stadion wiederaufzunehmen und wieder zu reiten, falls ich durch eine Laune des Schicksals noch einmal mit dem Leben davonkommen sollte, und w�hrend ich aus Leibeskr�ften rannte, versuchte ich die Lage zu �berdenken und mir schl�ssig zu werden, welche Personen ich am besten gleich als erste anzeigen sollte, um mich in ein m�glichst vorteilhaftes Licht zu setzen.</p><p>Als ich im Palast eintraf, war Nero noch immer in der �belsten Laune, weil man ihn so pl�tzlich geweckt hatte, obwohl er wegen des Ceresfestes schon l�ngst h�tte auf sein m�ssen. Er spielte g�hnend in seinem riesigen Seidenbett mit den Geparden und wollte in seiner Eitelkeit den verzweifelten Erkl�rungen des Freigelassenen keinen Glauben schenken. Immerhin hatte er wenigstens nach Tigellinus geschickt und noch einmal mit Epicharis zu sprechen verlangt. Die Pr�torianer waren bereits unterwegs, um Flavius Scevinus festzunehmen und vor Nero zu bringen, damit er seine verd�chtige Handlungsweise erkl�rte. Nachdem er des langen und breiten von den Wundverb�nden und dem Testament geschwatzt hatte, erinnerte sich Milichus, da� seine Frau ihm aufgetragen hatte, auch die lange Unterredung zu erw�hnen, die ihr Hausvater mit Natalis, dem Vertrauten des Piso, gehabt hatte. Nero winkte ungeduldig ab und befahl: �Natalis soll ebenfalls kommen und selbst f�r sich sprechen. Aber nun mu� ich mich zum Ceresfest ankleiden!�</p><p>Trotz seiner scheinbaren Gleichg�ltigkeit pr�fte er doch mit dem Daumen die d�nn geschliffene Spitze des von Gr�nspan verf�rbten Bronzedolchs und stellte sich mit seiner lebhaften Einbildungskraft gewi� vor, was f�r ein Gef�hl es wohl sein mochte, wenn einem diese Spitze in die Brust fuhr. Daher war er schon gn�diger gestimmt, als ich keuchend und mir den Schwei� von der Stirne trocknend erkl�rte, ich h�tte ihm etwas zu berichten, was von gr��ter Wichtigkeit sei und keinen Aufschub dulde.</p><p>In aller Eile entdeckte ich ihm den Mordplan der Verschw�rer und nannte ohne Z�gern Piso und Lateranus als deren Anf�hrer. Die beiden konnten ohnehin nichts mehr retten. Ich stand wie auf gl�henden Kohlen bei dem Gedanken, was Epicharis, nun da die Verschw�rung aufgedeckt war, berichten werde, um sich neue Foltern zu ersparen.</p><p>Die jungen Geparde brachten mich auf den gl�cklichen Einfall, auch den Konsul Vestinus als einen der Verschw�rer zu nennen, da ich wu�te, da� Nero dessen sch�ner Gemahlin nachstellte. In Wirklichkeit hatten wir uns gar nicht erst bem�ht, Vestinus f�r unsere Sache zu gewinnen, weil wir ihn als Anh�nger der Republik kannten. Doch nun wurde Nero aufmerksam. Da� ein amtierender Konsul an einer Verschw�rung teilhatte, war ein ernster Fall. Er bi� sich auf die Lippen, und sein Kinn begann zu zittern, wie wenn er weinen wollte. So fest hatte er geglaubt, beim Volk beliebt zu sein!</p><p>Ich gab �berhaupt am liebsten Mitglieder des Senats an, denn die Sohnespflicht gebot mir, meinen Vater zu r�chen. Einhellig und ohne auch nur abzustimmen, hatte der Senat meinen Vater zum Tode verurteilt, worauf auch mein eigener Sohn Jucundus vor den wilden Tieren hatte sterben m�ssen. Ich war daher der Meinung, da� ich den Senatoren nichts schuldete, und im Hinblick auf meine eigenen Pl�ne konnte es mir nur recht sein, wenn im Senat einige Pl�tze frei wurden.</p><p>Nachdem ich einige Namen aufgez�hlt hatte, fa�te ich einen raschen Entschlu� und gab mit fester Stimme auch Seneca an. Er hatte selbst zugegeben, da� sein Leben von der Sicherheit des Piso abhing, so da� auch ihn nichts mehr zu retten imstande war. Mir dagegen wurde es als Verdienst angerechnet, da� ich es als erster wagte, einen so m�chtigen Mann anzuzeigen. Von meinem Besuch bei ihm sagte ich nat�rlich nichts.</p><p>Nero schien mir zuerst nicht glauben zu wollen, und sein Erschrecken �ber die Falschheit seines alten Lehrers, der ihm allein alle seine Erfolge und sein ungeheures Verm�gen verdankte, war mehr gespielt als wahrhaftig empfunden. Seneca war doch aus freiem Willen von seinem Amt in der Verwaltung des Reiches zur�ckgetreten und hatte daher keinen Grund, ihm, Nero, zu grollen! Nero vergo� sogar ein paar Tr�nen. Er warf die Geparde auf den Boden und fragte, warum man ihn so hasse, obgleich er doch f�r den Senat und das Volk von Rom sein Bestes tue und auf seine eigene Bequemlichkeit verzichte, um die schwere Last der Imperatorw�rde rechtschaffen zu tragen.</p><p>�Warum haben sie mir nichts gesagt!� klagte er. �Ich habe unz�hlige Male erkl�rt, da� ich die Macht am liebsten aus den H�nden geben m�chte, um irgendwo in der Welt als K�nstler zu leben. Warum nur hassen sie mich so?�</p><p>Es w�re nutzlos und gef�hrlich gewesen, ihm das erkl�ren zu wollen. Zum Gl�ck trafen auch schon Tigellinus und Flavius Scevinus ein, und man meldete, da� Epicharis im Hof in ihrer S�nfte wartete.</p><p>Nero hielt es f�r das kl�gste, anfangs nicht zu erkennen zu geben, da� er das Ausma� der Verschw�rung sehr wohl kannte. Er wollte Flavius Scevinus und Milichus nebeneinander verh�ren. Mich bat er zu gehen, und ich ging gern, da ich auf diese Weise Gelegenheit erhielt, mit Epicharis zu sprechen, sie zu warnen und mit ihr auszumachen, wer noch angezeigt werden sollte. Ich h�rte noch, wie Nero nach seiner germanischen Leibwache rief, und bemerkte, da� er Tigellinus mi�trauisch aus den Augenwinkeln musterte.</p><p>Die Erinnerung an die Verschw�rung des Sejanus gegen Tiberius� ist noch nicht erloschen, und seit damals verl��t sich kein Kaiser mehr blind auf den Pr�fekten der Pr�torianer. Aus diesem Grunde gibt es auch meistens zwei, so da� der eine den andern im Auge behalten kann. Nero hatte diese Vorsichtsma�nahme wiedereingef�hrt und dem Tigellinus Fenius Rufus zur Seite gestellt. Er hatte dabei lediglich den Falschen erwischt. Ich dachte nicht daran, Fenius Rufus, der mein Freund war, anzuzeigen und war, im Gegenteil, fest entschlossen, alles zu tun, damit niemand versehentlich seinen Namen mit erw�hnte. Auch deshalb wollte ich mit Epicharis sprechen.</p><p>Ihre S�nfte stand auf dem Boden. Die Vorh�nge waren geschlossen, die Sklaven lagen im Gras und die beiden Wachtposten verboten mir fluchend, die Gefangene zu st�ren. Doch auch Neros neue M�nzen erf�llten ihre Aufgabe. Die Posten zogen sich ein St�ck zur�ck, ich schob den Vorhang zur Seite und fl�sterte: �Epicharis, ich bin dein Freund. Ich habe Wichtiges mit dir zu reden.�</p><p>Epicharis antwortete nicht. Da erst bemerkte ich, da� sie tot war. Sie hatte sich die Binde, die die freundlichen Gef�ngnisw�rter ihr gegeben hatten, von ihrer blutenden Brust gerissen, eine Schlinge gekn�pft und sich um den Hals gelegt und das andere Ende der Binde an einer Querstange im Innern der S�nfte festgebunden. So hatte sie sich erdrosselt, zweifellos, weil sie f�rchtete, einem neuen Verh�r nicht mehr gewachsen zu sein. Als ich mich vergewissert hatte da� sie auch wirklich tot war, stie� ich einen �berraschten Ruf aus, winkte die Wachtposten herbei und zeigte ihnen, was geschehen war. Innerlich pries ich den Edelmut, den diese ansonsten alles andere denn anst�ndige Frau in ihrer letzten Stunde bewiesen hatte. Dieser Selbstmord rettete sie davor, ihre Mitverschw�rer verraten zu m�ssen, und gab mir freie Hand.</p><p>Die Wachen f�rchteten nat�rlich, sie k�nnten f�r ihre Unachtsamkeit bestraft werden. Doch dazu war jetzt keine Zeit. Nero hatte zu handeln begonnen und mochte nicht mit Nebens�chlichkeiten behelligt werden. Der Selbstmord der Epicharis �berzeugte ihn vollends davon, da� eine Verschw�rung bestand und da� die Flotte daran beteiligt war. Ich mu� gestehen, da� mir beim Anblick des zerfleischten K�rpers der Epicharis so �bel wurde, da� ich mich neben der S�nfte ins Gras erbrach, obwohl ich an diesem Morgen noch nichts zu mir genommen hatte.</p><p>Daran waren zum Teil wohl auch mein Erschrecken und meine pl�tzliche Erleichterung schuld. Durch ihren tapferen Tod verschaffte mir diese Frau eine Schl�sselstellung bei der Aufdeckung der Verschw�rung. Ich lie� sie aus Dankbarkeit auf meine Kosten bestatten, da ihre fr�heren Freunde es aus begreiflichen Gr�nden nicht tun konnten, sondern vielmehr selbst bald jemanden brauchten, der f�r ihre Bestattung sorgte.</p><p>Als Nero Scevinus listig verh�rte, gewann dieser im Augenblick der Gefahr die Beherrschung zur�ck, blickte Nero mannhaft in die Augen und beteuerte seine Unschuld.</p><p>�Der Dolch�, sagte er ver�chtlich, �ist seit alters her ein heiliges Erbst�ck in meiner Familie, und er liegt offen sichtbar in meinem Schlafzimmer, so weit ich zur�ckdenken kann. Dieser betr�gerische Sklave, der in mein Ehebett spuckt und darum seine Strafe f�rchtet, hat ihn heimlich an sich genommen. Mein Testament habe ich schon viele Male neu abgefa�t, wie es jeder vern�nftige Mensch tut, wenn sich die Verh�ltnisse �ndern. Es ist auch nicht das erste Mal geschehen, da� ich Geldgeschenke austeile oder Sklaven freilasse, wof�r Milichus selbst ein Beweis ist. Ich war gestern freigebiger als sonst, weil ich viel getrunken hatte und mir wegen meiner vielen Schulden sagte, da� die Gl�ubiger sich nicht mit allen Bestimmungen meines Testaments einverstanden erkl�ren w�rden. Deshalb wollte ich ihnen zuvorkommen. Das Geschw�tz von den Wundbinden ist eine Erfindung des Milichus. Ich m��te ihn anklagen, nicht er mich. Du brauchst nur meine Gattin ein wenig ins Verh�r zu nehmen, um rasch zu erfahren, warum dieser verfluchte Sklave mich f�rchtet. Ich habe bisher um meines guten Rufes willen nicht dar�ber gesprochen, aber wenn man mich, einen unschuldigen, rechtschaffenen Mann, nun anklagt, ich h�tte Mordpl�ne geschmiedet, so ist es an der Zeit, da� ich die Wahrheit bekenne.�</p><p>Er beging den einen Fehler, da� er seine Schulden erw�hnte. Nero zog den v�llig richtigen Schlu�, das Scevinus, wenn er am Rande des Bankrotts stand, durch die Verschw�rung alles zu gewinnen und nichts zu verlieren hatte. Er nahm sich daher Scevinus und Natalis einzeln vor und fragte sie, wor�ber sie am Abend zuvor so lange geredet h�tten. Nat�rlich sagte ein jeder etwas anderes, da sie nicht daran gedacht hatten, sich auf ein Verh�r vorzubereiten.</p><p>Tigellinus lie� ihnen den eisernen Kragen, die Stahlklauen und andere Folterwerkzeuge zeigen, und das gen�gte. Als erster brach Natalis zusammen, der die Verschw�rung am besten kannte und durch ein freim�tiges Gest�ndnis etwas f�r sich zu gewinnen hoffte. Er verriet seinen geliebten Piso und einige andere und bekannte auch, da� er mit Seneca in Verbindung getreten war. Ich konnte von Gl�ck sagen, da� ich Seneca schon vor ihm angezeigt hatte.</p><p>Als Scevinus h�rte, da� Natalis gestanden hatte, lie� er seine eitlen Hoffnungen fahren. Er gab zu, da� er den Verschw�rern angeh�rt hatte und nannte au�erdem Senecio, Lucanus, Petronius und andere � und leider auch mich. Zu diesem Zeitpunkt war es mir jedoch ein leichtes, zu behaupten, ich h�tte tags zuvor nur an der Versammlung teilgenommen, um mir genaue Kenntnis von der Verschw�rung zu verschaffen und das Leben meines Herrschers retten zu k�nnen.</p><p>Ich hatte mich vorsichtig zur�ckgehalten, als es darum ging, die Gelder f�r die Pr�torianer einzusammeln. Daher konnte ich nun in aller Ruhe angeben, wer die M�nner waren, die f�r die drei�ig Millionen aufkommen wollten. Nero war zufrieden, weil er auf diese Weise ohne M�he einen bedeutenden Betrag in seine stets magere Kasse erhielt, obgleich er zuletzt durch die Beschlagnahme des Eigentums der Schuldigen hundertfach erntete. Seneca und Pallas allein brachten ihm, soviel ich wei�, mindestens eine Milliarde Sesterze ein.</p><p>Um seines Ansehens willen wollte Nero jedoch nicht, da� das Volk erfuhr, welch weite Kreise die Verschw�rung wirklich gezogen hatte und wie bitter der Adel ihn ha�te. Man h�tte sich zweifellos gefragt, was f�r verborgene Ursachen dieser Ha� wohl haben mochte, und Neros Lebenswandel vertrug keine gr�ndlichere Erforschung.</p><p>Um die Ger�chte zu zerstreuen, hielt er es sp�ter f�r das kl�gste, eine Ehe mit Statilia Messalina einzugehen, die Julierin war und somit weit vornehmer als Poppaea. Sowohl sie selbst als auch Nero war mir dankbar, da� ich durch meine f�lschliche Anzeige einen Grund geliefert hatte, den Konsul Vestinus aus dem Wege zu r�umen. Nero hatte ihr schon lange seine Neigung zu erkennen gegeben, aber Statilia Messalina hatte sich gesagt, da� sie es nicht mit Antonia aufnehmen konnte. Die ganze Stadt wu�te, da� Nero um Antonia warb, und alle vern�nftigen Menschen nahmen an, Antonia werde fr�her oder sp�ter nachgeben, obwohl sie Nero zun�chst aus Schicksalsgr�nden abweisen mu�te.</p><p>Als Nero nun das ganze Ausma� der Verschw�rung erkannte, wollte er davon Abstand nehmen, das Ceresfest zu begehen, aber Tigellinus und ich �berzeugten ihn, da� das sehr unklug gewesen w�re. Es war viel leichter, die Stadt und, der Flotte wegen, auch Ostia zu besetzen, w�hrend sich das Volk im Zirkus befand, und dort konnte man auch ohne gro�es Aufsehen die schuldigen Senatoren und Ritter festnehmen, bevor es ihnen gelang, aus der Stadt zu entfliehen und bei den Legionen Schutz zu suchen.</p><p>Piso mu�te unverz�glich verhaftet werden. Von seinem Ehrgeiz geblendet, hatte er sich schon vor der vereinbarten Stunde mit seinem Gefolge vor dem Cerestempel eingefunden. Dort erfuhr er von der Anzeige des Milichus und der Ergreifung des Scevinus und des Natalis. Er eilte nach Hause, obgleich die Mutigsten aus seinem Gefolge ihn aufforderten, sich mit dem Geld ins Lager der Pr�torianer zu begeben oder zumindest die Rednertrib�ne auf dem Forum zu besteigen und das Volk zum Beistand aufzurufen.</p><p>Wer wei�, vielleicht w�rde Fortunas Waage doch noch zu seinen Gunsten ausgeschlagen haben, wenn er beherzt gehandelt h�tte. Fenius Rufus befand sich im Lager, Tigellinus war abwesend, und mehrere Kriegstribunen und Zenturionen geh�rten der Verschw�rung an. Selbst wenn ihn das Volk und die Soldaten im Stich gelassen h�tten: er w�re bei dem k�hnen Versuch in Ehren gestorben, er h�tte sich seiner V�ter w�rdig erwiesen, und sein Name w�re der Nachwelt als der eines Freiheitsk�mpfers �berliefert worden.</p><p>Doch ich sagte schon, da� Piso der Aufgabe nicht gewachsen war, f�r die man ihn ausersehen hatte. Er zauderte einen Augenblick und ging dann einfach nach Hause. Daraufhin gingen auch seine Freunde ihre eigenen Wege, um zu retten, was noch zu retten war.</p><p>Lateranus war der einzige, der Widerstand leistete. Er wurde daf�r, ungeachtet seines Konsulranges, zur Richtst�tte der Sklaven geschleppt, und der Kriegstribun Statius schlug ihm mit solcher Eile den Kopf ab, da� er sich selbst die Hand verletzte. Lateranus war der einzige, der schwieg und nicht einmal verriet, da� auch Statius an der Verschw�rung teilgenommen hatte. Daher dessen Eile.</p><p>Alle anderen redeten bereitwillig und zeigten einander an, bevor sie starben � der Dichter Lucanus sogar seine eigene Mutter, und Junius Gallio, mein ehemaliger Vorgesetzter in Korinth, seinen Bruder Seneca. Bei der n�chsten Sitzung des Senats wurde Gallio offen des Brudermordes angeklagt, und man behauptete, er sei in weit h�herem Ma�e schuldig als Seneca, doch Nero tat, als h�rte er nichts. Auch die Mutter des Lucanus verfolgte er nicht, obwohl sie, um den Dichterruhm ihres Sohnes zu f�rdern, immer abf�llig von Nero gesprochen und ihn einen schamlosen Zitherspieler genannt hatte.</p><p>Es w�rde zu weit f�hren, wollte ich alle die ber�hmten Pers�nlichkeiten aufz�hlen, die hingerichtet wurden oder Selbstmord begingen, obwohl Nero viele schonte. Aber er war auch nur ein Mensch, und man konnte nicht gut von ihm erwarten, da� er sich bei der Auswahl der Angeklagten nicht von pers�nlichen Neigungen oder Abneigungen und seinen finanziellen Bed�rfnissen leiten lie�.</p><p>Die Stadt war voller Leichen. Von den mutigen M�nnern will ich nur den Kriegstribunen Subrius Flavus nennen. Als Nero ihn fragte, wie er seinen Eid habe vergessen k�nnen, antwortete er offen: �Du hattest keinen treueren Soldaten als mich, solange du wert warst, geliebt zu werden. Ich begann dich erst zu hassen, als du deine Mutter und deine Gattin ermordetest und als Wagenlenker, Gaukler und Mordbrenner auftratest.�</p><p>Durch so viel Offenherzigkeit begreiflicherweise erz�rnt, befahl Nero einem Neger, den er zum Zenturio bef�rdert hatte, Subrius zum n�chsten Anger zu f�hren und zu tun, was zu tun war. Der Neger gehorchte dem Befehl und lie� in aller Eile ein Grab ausheben. Als Subrius sah, da� das Grab zu flach ausfiel, sagte er sp�ttisch zu den Legion�ren: �Diese Schwarzhaut kann nicht einmal ein Grab nach der Dienstvorschrift machen.� Der Negerzenturio war durch die vornehme Abstammung des Subrius so beeindruckt, da� seine H�nde zitterten, als dieser ihm furchtlos den Hals hinstreckte, und erst beim zweiten Hieb gelang es ihm, den Kopf vom Rumpf zu trennen.</p><p>Fenius Rufus blieb lange verschont, aber zuletzt �rgerte es die Angeklagten, da� er, wie es sein Amt erforderte, als ihr Richter auftrat. Er wurde von so vielen angezeigt, da� Nero an seine Mitschuld glauben mu�te, obwohl Rufus sich als Ankl�ger sehr streng gab, um jeden Verdacht von sich selbst abzulenken. Auf Neros Befehl wurde er w�hrend eines Verh�rs von einem Soldaten niedergeschlagen und gefesselt. Er verlor sein Leben wie die anderen � zu meinem gro�en Kummer, denn wir waren gute Freunde gewesen, und nach ihm wurde ein sehr selbsts�chtiger Mann Aufseher �ber die staatlichen Getreidelager.</p><p>Doch letzten Endes war er selbst an seinem Schicksal schuld. Er h�tte eine au�ergew�hnliche Gelegenheit gehabt, in den Gang der Ereignisse einzugreifen. Seneca war wirklich zum Ceresfest nach Rom gekommen. Er hielt sich in einem Haus am Stadtrand, beim vierten Meilenstein, auf, als er h�rte, was geschah. Nero schickte den Tribunen Gavius Silvanus aus seiner Leibwache zu ihm und lie� ihn fragen, was er nach dem Gest�ndnis des Natalis zu seiner Verteidigung vorzubringen habe. Silvanus lie� das Haus in der Abendd�mmerung umstellen und trat selbst ein, als Seneca eben mit seiner Gattin Paulina und einigen Freunden in gedr�ckter Stimmung zu Tisch gegangen war.</p><p>Seneca lie� sich nicht beim Mahle st�ren. Er antwortete gleichsam ganz beil�ufig, Natalis habe ihn als Bote Pisos besucht, um sich dar�ber zu beklagen, da� er die Einladung Pisos nicht angenommen hatte. Darauf habe Seneca h�flich auf seine schlechte Gesundheit hingewiesen. Er habe keinen Anla�, irgend jemanden zu unterst�tzen. Mit dieser Antwort mu�te sich Silvanus zufriedengeben.</p><p>Als Nero fragte, ob Seneca Anstalten treffe, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, mu�te Silvanus ihm erkl�ren, da� er keine Anzeichen von Furcht an ihm entdeckt habe. Daraufhin schickte Nero Silvanus noch einmal zu Seneca, um ihm zu sagen, da� er sterben m�sse. Dieser Befehl widerstrebte Nero. Er w�rde es um seines eigenen Ansehens willen lieber gesehen haben, wenn sein alter Lehrer von sich aus beschlossen h�tte, sich in aller Stille das Leben zu nehmen.</p><p>Da� aber in diesem Augenblick Neros Schicksal noch immer auf des Messers Schneide stand, mag man daraus ersehen, da� Silvanus nicht geraden Wegs zu Seneca zur�ckkehrte, sondern Fenius Rufus im Pr�torianerlager aufsuchte, ihm von dem Befehl berichtete und fragte, ob er ausgef�hrt werden solle. Silvanus war n�mlich selbst einer der Verschw�rer gewesen. Nun hatte Rufus noch immer die M�glichkeit, Seneca zum Imperator ausrufen zu lassen, die Pr�torianer zu bestechen und einen bewaffneten Aufruhr anzustiften, wenn er schon glaubte, Nero aufgrund seiner Stellung nicht selbst ermorden zu d�rfen.</p><p>Ich �berlegte mir sp�ter, was f�r M�glichkeiten ihm eigentlich zur Wahl standen. Die Pr�torianer w�ren gewi� nicht sehr darauf erpicht gewesen, an Stelle eines Zitherspielers einen Philosophen auf den Thron zu setzen, aber sie verabscheuten Tigellinus wegen seiner H�rte und w�ren gern bereit gewesen, ihn aus dem Wege zu r�umen. Au�erdem kannten sie Senecas Reichtum und h�tten gro�e Geldgeschenke erpressen k�nnen.</p><p>Rufus h�tte aber noch einen besonderen Grund gehabt, Seneca zu st�tzen. Er war j�discher Abstammung und urspr�nglich in Jerusalem daheim. Seines hohen Amtes wegen hielt er jedoch seine Herkunft geheim. Sein Vater war ein Freigelassener gewesen, ein Getreideh�ndler in Kyrene. Als der Sohn nach Rom ging, zahlte er den Feniern gro�e Summen, damit sie ihn adoptierten. Rufus hatte sodann eine gr�ndliche juristische Ausbildung erhalten und dank seiner Begabung und seinem Gesch�ftssinn Erfolg gehabt.</p><p>Ich wei� nicht, warum sein Vater Simon gewollt hatte, da� Rufus R�mer wurde, aber ich wei�, da� dieser Sympathien f�r die Christen hegte. Mein Vater hatte mir einmal davon erz�hlt, da� Simon f�r Jesus von Nazareth das Kreuz zur Richtst�tte in Jerusalem getragen haben soll, aber genau erinnere ich mich nicht mehr. Sp�ter stie� ich dann noch einmal auf den Namen Simon von Kyrene in den verworrenen Briefen, die mein Vater aus Jerusalem geschrieben hatte, und ich vermute, mein Vater half Rufus, seine Abstammung zu verbergen, und legte bei den Feniern ein Wort f�r ihn ein. Vielleicht hatte ich deshalb so leicht die Freundschaft des Rufus gewinnen k�nnen, als ich mich auf den Getreidehandel verlegte und seine Hilfe n�tig hatte.</p><p>Seneca auf dem Kaiserthron w�re ein so gro�er politischer Vorteil f�r die Christen gewesen, da� es sich gelohnt h�tte, einige Grunds�tze zu opfern. Gewi� aber hatte Fenius Rufus eine schwere Wahl. Doch er war in erster Linie Jurist und Kaufmann, nicht Soldat. Deshalb konnte er sich nicht zu dem gro�en Entschlu� durchringen und verlie� sich offensichtlich darauf, selbst nicht entdeckt zu werden. Er bat also Silvanus, Nero zu gehorchen, Silvanus, das mu� zu seiner Ehre gesagt werden, sch�mte sich, selbst zu Seneca zu gehen. Er schickte ihm einen Zenturio. �ber Senecas Gleichmut im Angesicht des Todes ist so viel Erbauliches geschrieben worden, da� ich nicht mehr viel dar�ber zu sagen brauche. Ich meine allerdings, es war nicht sehr edel von ihm, seine junge Gattin, die noch das Leben vor sich hatte, �berreden zu wollen, mit ihm zu sterben.</p><p>Seine Freunde berichteten, da� er sie zuerst tr�stete und sie beschwor, nicht in ewigen Kummer zu versinken, sondern ihren Verlust zu verschmerzen und sich vor Augen zu f�hren, wie doch sein ganzes Leben der Aus�bung der Tugend gewidmet gewesen sei. Als er sie auf diese Art weich gestimmt hatte, schilderte er im gleichen Atemzug, wie sehr ihn die Vorstellung erschrecke, was f�r Mi�handlungen seine geliebte Gattin in den H�nden des blutd�rstigen Nero ausgesetzt sein werde. Das trieb er so lange, bis Paulina erkl�rte, sie wolle lieber mit ihrem Gatten sterben. Seneca hob die H�nde und sagte: �Ich habe dir gezeigt, wie du dir dein Leben erleichtern kannst. Du ziehst jedoch selbst einen ehrenvollen Tod vor, und ich glaube nicht, da� du schlecht gew�hlt hast. So wollen wir beide in der Stunde der Trennung die gleiche Festigkeit beweisen.� Dann � um Paulina keine Zeit zu lassen, sich anders zu besinnen � bat er den Zenturio rasch, ihm und seiner Gattin die Pulsadern aufzuschneiden.</p><p>Nero hatte jedoch nichts gegen Paulina. Er hatte ausdr�cklich befohlen, sie zu schonen, wie er �berhaupt, um seines Ansehens willen, darauf bedacht war, in seinen Urteilen alle unn�tige Grausamkeit zu vermeiden. Der Zenturio mu�te nun zwar Seneca gehorchen, aber er h�tete sich, die Sehnen oder die Pulsader zu verletzten, als er Paulina in den Arm schnitt.</p><p>Senecas K�rper war vom Alter und von der Di�t so schwach, da� das Blut nur tr�ge flo�. Er stieg jedoch nicht in ein hei�es Bad, wie es ein anderer an seiner Stelle getan h�tte, sondern begann seinem Schreiber einige Berichtigungen zu seinen gesammelten Schriften zu diktieren. Da Paulina ihn durch ihr Weinen st�rte, bat er sie ungeduldig, in den Nebenraum zu gehen, und rechtfertigte sich damit, da� er sagte, ihre Standhaftigkeit solle nicht dadurch ersch�ttert werden, da� sie mit ansehen mu�te, wie er litt.</p><p>Sobald sie den Raum verlassen hatte, nahmen sich auf Befehl der Soldaten Senecas Sklaven ihrer an, stillten die Blutung und legten einen Verband an. Paulina lie� sie gew�hren. Auf diese Weise rettete ihr Senecas grenzenlose Eitelkeit das Leben.</p><p>Wie viele Stoiker f�rchtete Seneca k�rperliche Schmerzen. Daher bat er seinen Leibarzt um ein bet�ubendes Gift, um das gleiche Gift, das die Athener Sokrates gegeben hatten. Vielleicht bildete er sich ein, die Nachwelt werde ihn darum mit Sokrates auf eine Stufe stellen. Als er zu Ende diktiert hatte und der Zenturio schon ungeduldig wurde, nahm er endlich ein hei�es Bad und ging danach in die Dampfkammer des Hauses, wo er in den D�mpfen erstickte. Sein Leichnam wurde in aller Stille und ohne Zeremonien verbrannt, so wie er es im voraus bestimmt hatte, indem er aus der Not eine Tugend machte, denn Nero w�rde aus Angst vor politischen Kundgebungen eine �ffentliche Bestattung ohnehin nicht zugelassen haben.</p><p>Paulina lebte dank dem Zenturio noch viele Jahre. Sie war allerdings bleich wie ein Gespenst, und es hie�, sie habe sich heimlich den Christen angeschlossen. Ich berichte, was man mir erz�hlt hat. Selbst versp�rte ich kein Verlangen danach, mit der trauernden Witwe in Verbindung zu treten, und das wird jeder vern�nftige Mensch verstehen. Erst nach ihrem Tode gestattete ich meinem Freigelassenen, der einen Verlag gegr�ndet hatte, sich der gesammelten Schriften Senecas anzunehmen.</p><p>Mein Freund Petronius Arbiter, der Schriftsteller, starb, wie er es seinem Rufe schuldig war. Er lud seine Freunde zu einem �ppigen Mahl, in dessen Verlauf er all die kostbaren Kunstsch�tze, die er gesammelt hatte, vernichtete, damit Nero sie nicht erbte. Am meisten trauerte Nero zwei unvergleichlichen Kristallbechern nach, um die er Petronius seit jeher beneidet hatte.</p><p>Seine Schriftstellereitelkeit stellte Petronius dadurch zufrieden, da� er in sein Testament ein vollst�ndiges Verzeichnis aller Laster Neros aufnahm und alle Personen anf�hrte, die ihm behilflich gewesen waren, sie zu befriedigen, wobei er es sich angelegen sein lie�, auch Zeit und Ort genau zu nennen, damit niemand meinte, er mi�brauche seine Phantasie. Er wird wohl dennoch ein wenig �bertrieben haben, aber daf�r erweckte er um so mehr Heiterkeit, als er seinen Freunden, w�hrend er langsam verblutete, das Testament vorlas. Er lie� sich �brigens mehrmals verbinden, um, wie er sagte, auch dem Tod m�glichst gro�en Genu� abzugewinnen.</p><p>Das Testament lie� er Nero schicken, und es ist nur schade, da� er niemandem erlaubte, es vorher abzuschreiben. Das w�re ihm als ein Versto� gegen die Freundschaft erschienen, die ihn einst mit Nero verbunden hatte. Petronius war ein vornehmer Mann, ich glaube, der vornehmste, dem ich je begegnet bin � trotz den p�belhaften Geschichten, die er ver�ffentlichte.</p><p>Mich konnte er nicht zu seinem Abschiedsmahle laden, doch das nahm ich ihm nicht �bel. Er lie� mich wissen, da� er f�r mein Verhalten volles Verst�ndnis hatte und wahrscheinlich ebenso gehandelt h�tte, wenn es ihm m�glich gewesen w�re. Er selbst w�rde mich gern eingeladen haben, aber er f�rchtete, ich k�nnte mich in Gegenwart einiger seiner Freunde nicht wohl f�hlen. Ich habe mir seinen feinf�hligen Brief aufgehoben und denke an Petronius noch heute wie an einen guten Freund.</p><p>Doch wozu von Tod und Verbannung so vieler guter Bekannter, edler Freunde und hochgeachteter M�nner berichten! Angenehmer ist es, zu erz�hlen, welche Belohnungen Nero an diejenigen austeilte, die sich um die Aufdeckung und Unterdr�ckung der Verschw�rung verdient gemacht hatten. Den Pr�torianern gab er denselben Betrag, den die Verschw�rer ihnen versprochen hatten: zweitausend Sesterze f�r jeden Mann. Au�erdem erh�hte er ihren Sold, indem er bestimmte, da� sie fortan ihr Korn, das sie bis dahin zum geltenden Preis hatten kaufen m�ssen, umsonst erhalten sollten. Tigellinus und einige andere erhielten das Triumphrecht, und ihre Triumphstatuen wurden auf dem Palatin aufgestellt.</p><p>Ich selbst erinnerte Nero daran, da� es leer geworden war in der Kurie und da� auch der Platz meines Vaters noch nicht wieder ausgef�llt war. Im Ausschu� f�r orientalische Angelegenheiten brauchte man dringend einen Mann, der wie mein Vater mit den Juden zu verhandeln verstand und, im Hinblick auf ihre Sonderstellung, zwischen ihnen und dem Staat als Mittler dienen konnte. Von Neros Standpunkt aus betrachtet, w�re es politisch klug gehandelt, wenn er Senatoren einsetzte, die ihre Treue durch die Tat bewiesen hatten, da der Senat als solcher unzuverl�ssig war und mit der Republik lieb�ugelte.</p><p>Nero war verbl�fft und meinte, er k�nne nicht einen Mann wie mich zum Senator ernennen. Ich m�ge doch an meinen Ruf denken. Die Zensoren w�rden es zu verhindern wissen. Au�erdem habe er nach dieser Verschw�rung zu seinem Kummer den Glauben an die Menschheit verloren und traue niemandem mehr, auch mir nicht.</p><p>Ich vertrat jedoch meine Sache mit Nachdruck und wies darauf hin, da� ich bei Caere und an anderen Orten in Italien die L�ndereien besa�, die Voraussetzung f�r den Senatorenrang waren. Zu jener Zeit war au�erdem der Proze�, den mein Vajer in Britannien um das Erbe des Jucundus eingeleitet hatte, zu einem guten Ende gekommen. Die Briten erben auch in der weiblichen Linie. Lugunda war von vornehmer Geburt und obendrein Hasenpriesterin gewesen. Sie war bei dem Aufruhr zusammen mit ihren Eltern und Br�dern umgekommen. Jucundus war somit Alleinerbe und zudem als Adoptivsohn eines Senators eindeutig R�mer. Der neue K�nig der Icener hatte seine Forderung anerkannt. Als Kriegsschadenersatz erhielt er neben gro�en L�ndereien auch einen Teil Weideland im angrenzenden Reich der Catavelauner, die ebenfalls an dem Aufruhr beteiligt gewesen waren, und dieser Schadenersatz kostete den K�nig der Icener nichts.</p><p>Er schrieb mir einen Brief und bat mich, als Gegenleistung zu versuchen, Seneca dazu zu �berreden, da� er seine Wucherzinsen, die das neu erwachte Wirtschaftsleben Britanniens lahmzulegen drohten, wenigstens zum Teil senke. Ich war ja Jucundus� gesetzlicher Erbe, da mein Vater ihn adoptiert hatte.</p><p>Ich benutzte also nun die Gelegenheit, mir dieses Erbe von Nero best�tigen zu lassen. An sich h�tte er das Recht gehabt, es wegen des Verbrechens meines Vaters zu beschlagnahmen, aber nun hatte er durch die Verschw�rung endlich einmal so viel Geld in die Hand bekommen, da� er nicht kleinlich zu sein brauchte. Ich vergalt ihm seine Gro�z�gigkeit damit, da� ich ihn �ber Senecas ungeheure Investitionen in Britannien aufkl�rte und ihm riet, die Zinsen auf ein ertr�gliches Ma� herabzusetzen. Nero fand, Wucher stehe einem Kaiser nicht an, und beschlo� die Zinsen ganz aufzuheben.</p><p>Dadurch stieg der Wert meines Erbes in Britannien betr�chtlich, denn die Steuern sanken, und ich war zu meiner Freude der erste, der dem K�nig der Icener davon Mitteilung machen konnte. Das brachte mir in Britannien hohes Ansehen ein, und dank dem Vertrauen, das die Briten in mich setzten, wurde ich sp�ter in den Senatsausschu� f�r britische Angelegenheiten gew�hlt, wo ich viel erreichte, was sowohl den Briten als auch mir selbst n�tzte.</p><p>Doch zun�chst mu�te ich mich um meinen Besitz in Britannien k�mmern. Ich lie� zwei meiner t�chtigsten Freigelassenen aus Caere kommen und schickte sie nach Britannien, wo sie den Ackerbau auf r�mische Art betrieben und zu einem ertragreichen Gesch�ft machten und Schlachtvieh z�chteten, das an die Legionen verkauft wurde. Sie verm�hlten sich sp�ter mit achtbaren britischen Frauen, hatten ungew�hnliche Erfolge und wurden zuletzt Stadttetrarchen in Lugundanum, der Stadt, die ich zur Erinnerung an meine britische Gattin hatte gr�nden lassen.</p><p>Der Ackerbau und die Viehzucht warfen mir gro�e Gewinne ab, bis neidische Nachbarn die Methoden meiner Freigelassenen nachzuahmen begannen, aber selbst dann noch bezog ich aus Britannien hohe Eink�nfte, obwohl der Gewinnanteil meiner Freigelassenen nicht unerheblich war. Ich glaube �brigens nicht, da� die beiden mich �berm��ig betrogen. Ich hatte sie dazu erzogen, in gesch�ftlichen Dingen meinem Beispiel zu folgen. Ehrlichkeit innerhalb vern�nftiger, zumutbarer Grenzen w�hrt stets l�nger als der nur f�r den Augenblick eintr�gliche Betrug. Ich konnte nun also im Hinblick auf meine Ernennung zum Senator nicht nur Grundbesitz in Italien, sondern auch in Britannien nachweisen und wurde tats�chlich Senator, wie es Claudia gew�nscht hatte. Man brachte zuletzt keinen anderen Einwand gegen mich vor als den, da� ich das erforderliche Alter noch nicht erreicht h�tte, aber dar�ber lachte der Senat laut, denn es waren schon fr�her so viele Ausnahmen bewilligt worden, da� die betreffende Bestimmung l�ngst jede Bedeutung verloren hatte. Au�erdem wu�ten alle, was der Sprecher in Wirklichkeit meinte, aber nicht zu sagen wagte. Auf Neros Vorschlag wurde ich daher so gut wie einstimmig zu diesem hohen Amte gew�hlt. Ich nahm mir nicht die M�he, mir diejenigen zu merken, die gegen mich stimmten, denn nach der Sitzung trat einer von ihnen l�chelnd auf mich zu und erkl�rte mir, es sei dem Ansehen des Senates f�rderlich, wenn weniger wichtige Vorschl�ge Neros nicht einstimmig angenommen w�rden. Diese Lehre pr�gte ich mir dankbar ein.</p><p>Ich habe alles, was im Zusammenhang mit der Verschw�rung des Piso geschah, so ausf�hrlich berichtet, nicht um mich selbst zu rechtfertigen � dazu habe ich keinen Anla� �, sondern um das Schmerzlichste so lange wie m�glich aufzuschieben. Ja, ich spreche von Antonia. Noch heute, nach so vielen Jahren, kommen mir die Tr�nen, wenn ich an ihr Schicksal denke.</p><empty-line/><p>Gleich nach Pisos Selbstmord stellte Nero Antonias Haus auf dem Palatin unter Bewachung. Von allzu vielen Seiten hatte er zu h�ren bekommen, da� Antonia sich verpflichtet hatte, den Usurpator ins Lager der Pr�torianer zu begleiten. Es ging sogar das wahnwitzige Ger�cht um, Piso habe gelobt, er werde sich scheiden lassen und Antonia zur Gattin nehmen, sobald er Kaiser w�re. Ich selbst glaubte es besser zu wissen, sofern nicht Antonia aus Liebe zu mir und im Hinblick auf Deine Zukunft eine solche Ehe f�r notwendig gehalten h�tte.</p><p>Eine einzige Nacht durfte ich noch mit Antonia verbringen, und diese Nacht kostete mich eine Million Sesterze. So sehr f�rchteten die Wachtposten Nero und Tigellinus. Doch ich trennte mich gern von dieser gro�en Summe. Was bedeutet Geld einem Manne, der liebt! Mein ganzes Verm�gen h�tte ich hergegeben, wenn damit Antonias Leben gerettet worden w�re. Oder jedenfalls einen gro�en Teil meines Verm�gens. Doch es half alles nichts.</p><p>Wir planten in jener Nacht allen Ernstes, alles aufzugeben und zusammen nach Indien zu fliehen, wo ich gewisse Gesch�ftsverbindungen hatte. Aber der Weg war zu weit. Wir sahen ein, da� wir fr�her oder sp�ter angehalten worden w�ren, denn Antonias Gesichtsz�ge waren, dank ihren vielen Statuen, allen R�mern und sogar in den Provinzen bekannt, und keine Verkleidung h�tte ihr vornehmes Wesen verbergen k�nnen.</p><p>Unter Tr�nen und Umarmungen gaben wir unsere eitlen Hoffnungen auf. Antonia sagte mir z�rtlich, sie sterbe mutig und gern, da sie einmal in ihrem Leben wahre Liebe erfahren habe. Sie gestand mir auch offen, da� sie die Absicht gehabt hatte, mich zu ihrem Gemahl zu machen, sobald Claudia auf die eine oder andere Art gestorben w�re. Diese Versicherung ist die gr��te Ehre, die mir in meinem ganzen Leben zuteil wurde. Ich glaube nicht unrecht zu handeln, indem ich davon spreche, denn ich will mich ja nicht damit br�sten, sondern nur beweisen, da� sie mich wirklich liebte.</p><p>Sie sprach viel in unserer letzten Nacht und wie im Fieber und erz�hlte von ihrer Kindheit und ihrem Onkel Sejanus, der ihrer Meinung nach Claudius zum Kaiser gemacht haben w�rde, wenn es ihm gelungen w�re, Tiberius zu ermorden und die Unterst�tzung des Senates zu erlangen. Auf diese Weise w�ren Rom die Verbrechen des Gajus Caligula erspart geblieben. Doch das Schicksal wollte es anders, und Antonia gab auch zu, da� Claudius damals vielleicht noch nicht reif gewesen w�re zu regieren. Er w�rfelte, trank und trieb Antonias Mutter an den Rand des Bankrotts.</p><p>Wir sa�en jedoch nicht die ganze Nacht Hand in Hand und plauderten. Der Tod stand auf der Schwelle und wartete. Dieses Bewu�tsein gab unseren K�ssen Blutgeschmack und trieb mir brennende Tr�nen der Leidenschaft in die Augen. Eine solche Nacht erlebt ein Mensch nur einmal im Leben, und er vergi�t sie nie. Danach ist jede andere Neigung, jeder andere Genu� ein schwacher Abglanz, und ich habe nach Antonia keine andere Frau mehr wirklich geliebt.</p><p>Unwiederbringlich eilten die Stunden dahin, und allzu rasch graute der Morgen. Zuletzt machte mir Antonia einen seltsamen Vorschlag, der mich verstummen lie�, dessen Weisheit ich aber nach meinen ersten entsetzlichen Einw�nden bald erkannte. Wir wu�ten beide, da� es uns nicht mehr m�glich war, noch einmal zusammenzutreffen. Ihr Tod stand so unausweichlich bevor, da� Fortuna selbst sie nicht mehr retten konnte.</p><p>Daher wollte sie sich die qualvolle Wartezeit abk�rzen und schlug mir vor, nach den anderen solle auch ich sie Nero anzeigen. Dies w�rde ihren Tod beschleunigen, mich von allem Verdacht reinwaschen, den Nero etwa noch gegen mich hegte, und Deine Zukunft sichern.</p><p>Der blo�e Gedanke an einen solchen Verrat machte mich schaudern, aber Antonia �berredete mich zuletzt doch. Es war ja, vern�nftig besehen, wirklich das Kl�gste, auch aus dem Unausweichlichen noch Gewinn zu schlagen.</p><p>Noch auf der Schwelle ihres Schlafgemachs gab sie mir gute Ratschl�ge. Sie nannte mir alte Familien, mit denen ich um Deinetwillen freundschaftliche Beziehungen ankn�pfen mu�te, und andere, die ich aus Amt und Stellung dr�ngen sollte. Mit Tr�nen in den Augen sagte sie mir, da� sie ihren Tod nur deshalb beklagte, weil sie gern noch mitgeholfen h�tte, eine passende Braut f�r Dich auszusuchen. Es gab ja nicht mehr viele in Rom, die in Frage kamen. Antonia ermahnte mich, mit Bedacht zu w�hlen und Dich zu verloben, sobald das rechte M�dchen zw�lf Jahre alt geworden war. Aber Du willst ja auf meine vern�nftigen Vorschl�ge nicht h�ren.</p><p>Die Wachtposten wurden unruhig und trieben mich zum Aufbruch. Wir mu�ten Abschied nehmen. Solange ich lebe, werde ich Antonias tr�nennasses, l�chelndes, vornehm sch�nes Antlitz nicht vergessen. Ich hatte jedoch einen Plan gefa�t, der mir die Trennung erleichterte, obwohl ich den schwersten Schritt meines Lebens vor mir hatte.</p><p>Ich mochte nicht nach Hause gehen, ich mochte Claudia nicht sehen, und nicht einmal Dich, mein Sohn. Ich vertrieb mir die Zeit, indem ich in den G�rten auf dem Palatin umherwanderte. Eine Zeitlang stand ich an eine vom Feuer versengte uralte Pinie gelehnt, die mit unglaublicher Lebenskraft noch immer gr�nte. Ich blickte nach Ost und West, nach Nord und S�d. Selbst wenn dies alles eines Tages mein gewesen w�re, ich h�tte das ganze Erdenrund gegeben f�r einen einzigen Ku� Antonias und alle Perlen Indiens f�r die Wei�e ihrer Glieder. So wunderbar verblendet den Menschen die Liebe. Dabei war Antonia �lter als ich und ihre �ppige Bl�te lang vorbei. Ihr schmales Gesicht trug die Furchen des Leids und der Erfahrung, und sie h�tte da und dort ein wenig f�lliger sein d�rfen. In meinen Augen aber erh�hte diese Magerkeit nur ihren Zauber. Das Zittern ihrer Nasenfl�gel, die j�hen Bewegungen ihres Kopfes � Sch�neres habe ich in meinem Leben nicht gesehen.</p><p>Ich blickte in meiner Verz�ckung auf das Forum nieder, auf seine uralten Bauten, auf das neue Rom, das aus Asche und Ruinen entstand, auf Neros Arkaden und das Goldene Haus dr�ben auf dem Esquilin, das im Sonnenaufgang gl�nzte. An Grundst�cksgesch�fte dachte ich in diesem Augenblick eigentlich nicht, aber es fiel mir doch ein, da� mein altes Haus auf dem Aventin zu eng geworden war und da� ich mir um Deinetwillen in naher Zukunft eine neue Wohnstatt schaffen mu�te, so nah wie m�glich beim Goldenen Haus.</p><p>Ich wandte mich ab und stieg den Palatin hinunter, um zum Goldenen Haus hin�berzugehen und bei Neros Morgenempfang um Vortritt zu bitten. Wenn ich Antonia schon anzeigen mu�te, so durfte mir kein anderer zuvorkommen. Beim Gedanken an den Wahnwitz des Lebens lachte ich laut auf, so da� ich bald weinend, bald lachend dahinging, wie ein Mensch, dessen Sinne sich verwirrt haben. Und pl�tzlich rief ich: �Die Welt ist sinnlos!� als h�tte ich eine neue, �berraschende Wahrheit entdeckt. Die h�chste Weisheit schien es mir jedenfalls in meiner Verfassung zu sein, obwohl ich mich sp�ter wieder beruhigte und auf andere Gedanken kam.</p></section><section><p>Ich erschrak, als ich die im Empfangssaal Wartenden begr��te, denn sie schienen mir alle Tierk�pfe auf den Schultern zu tragen. Es war ein so �berraschender Anblick, da� ich mir mit der Hand �ber die Augen fahren mu�te. In dem von Silber und Elfenbein schimmernden Saal, dessen Boden ein riesiges Mosaik zierte, das ein Festmahl der G�tter darstellte, waren viele Menschen versammelt, um geduldig zu warten, bis sie � manche erst gegen Mittag � einen Schimmer von Nero erhaschen durften. Die ganze Tierwelt war unter ihnen vertreten, von Kamelen und Igeln bis zu Stieren und Schweinen. Tigellinus glich in meinen Augen so sehr einem mageren Tiger, da� ich mir, als ich ihn begr��te, mit der flachen Hand vor den Mund schlagen mu�te, um nicht laut zu lachen. Dieses seltsame Trugbild, gewi� eine Folge der durchwachten Nacht, der Ersch�pfung von der Liebe und des Aufruhrs, der in mir herrschte, zerrann, als ich vor allen anderen in Neros Schlafgemach eingelassen wurde, weil ich meine Angelegenheit als �u�erst wichtig dargestellt hatte. Nero hatte Acte als Bettgenossin. Das zeigte mir, da� er seiner Laster m�de geworden war und zu nat�rlichen Gewohnheiten zur�ckkehren wollte, was ja bisweilen vorkommt.</p><p>Nero sah ich nicht als Tier. Er d�nkte mich vielmehr ein leidender, vor grenzenlosem Mi�trauen verzweifelter Mensch oder besser noch als ein verw�hntes Kind, das nicht verstehen konnte, warum andere es b�se nannten. Er wollte doch allen wohl und war zudem ein gro�er S�nger, vielleicht der beste seiner Zeit, wie er selbst aufrichtig glaubte. Ich kann es nicht beurteilen, denn ich bin eher unmusikalisch.</p><p>Wie dem auch sei: als ich eintrat, machte Nero wie jeden Morgen gerade seine Stimm�bungen. Sein Gesang drang, von Gurgeln unterbrochen, durch das ganze Goldene Haus. Nero wagte nicht einmal Obst zu essen, weil ihm irgendein Arzt gesagt hatte, es sei nicht gut f�r die Stimme. Meiner Meinung nach sind aber �pfel oder Weintrauben, am Morgen zu dem �blichen Honigbrot genossen, sehr erfrischend, und au�erdem f�rdern sie die Verdauung, was f�r Menschen, die auch in fortgeschrittenem Alter noch eine reichgedeckte Tafel sch�tzen, wichtig ist.</p><p>Als ich nun mit zitternder Stimme Antonias Namen hervorstammelte, bekam Nero sein salziges Gurgelwasser in die falsche Kehle. Er hustete so, da� er schon zu ersticken glaubte. Acte mu�te ihm auf den R�cken klopfen, und er wurde w�tend und jagte sie hinaus.</p><p>�Was sagst du da �ber Antonia, verfluchter Verr�ter?� fragte Nero, als Acte gegangen war und er wieder sprechen konnte.</p><p>Ich gestand zitternd, da� ich ihm bisher Antonias Teilnahme an der Verschw�rung verschwiegen h�tte � aus Achtung vor ihrem Vater, dem Kaiser Claudius, der seinerzeit, als ich die Toga anlegte, bei mir Pate gestanden war und mir den Namen Lausus gegeben hatte. Nun lasse mir aber mein Gewissen keine Ruhe, und ich k�nne, um Neros Sicherheit willen, nicht mehr schweigen.</p><p>Ich warf mich auf die Knie nieder und erz�hlte, da� mich Antonia oft zur Nachtzeit habe rufen lassen und da� sie versucht habe, mich zur Teilnahme an der Verschw�rung zu bewegen, indem sie mir reichen Lohn und hohe �mter in Aussicht stellte. Sie sei der Meinung gewesen, da� ich als Freund Neros Gelegenheit h�tte, einen Mord mit Gift oder Dolch zu planen.</p><p>Um Salz in die Wunde zu streuen, behauptete ich au�erdem, Antonia habe versprochen, nach dem Staatsstreich die Gemahlin Pisos zu werden. Wie ich schon sagte, ging dieses unsinnige Ger�cht wirklich in Rom um, und ich wu�te, da� es mehr als alles andere danach angetan war, Neros Eitelkeit zu kr�nken. Antonia hatte ja Nero abgewiesen.</p><p>Er wollte mir jedoch noch immer nicht glauben. Es schien �ber seinen Verstand zu gehen, da� sich Antonia einer so unbedeutenden Person anvertraut hatte, wie ich es in seinen Augen war.</p><p>Er lie� mich unverz�glich festnehmen und unter Bewachung des diensthabenden Zenturios des Palastes in einen noch unvollendeten Saal sperren, in dem ein ber�hmter Handwerker an einem prachtvollen Gem�lde arbeitete, das den Zweikampf Achills und Hektors vor den Mauern Trojas darstellte. Nero war ja aus julischem Geschlecht und wollte seine G�ste gern daran erinnern, da� seine Abstammung auf ein unziemliches Verh�ltnis zwischen dem Troer Aeneas und der Venus zur�ckging. Deshalb mi�achtete er auch den Tempel des Vulcanus und �u�erte sich stets nur geringsch�tzig �ber den Gott. Die einflu�reiche Zunft der Schmiede nahm ihm das sehr �bel.</p><p>Der Geruch der Farbe reizte mich ebenso sehr wie das selbstgef�llige Benehmen des Malers. Ich durfte mich nicht einmal halblaut mit meinem Bewacher unterhalten, denn das h�tte ihn bei seiner wichtigen Arbeit st�ren k�nnen. Im �brigen kr�nkte es mich, da� Nero mir nicht einen Kriegstribunen als Wache gegeben hatte, sondern da� ich mich mit der Gesellschaft eines Zenturios begn�gen mu�te. Er war aber wenigstens r�mischer Ritter, und ich h�tte mich mit ihm, um mir die Zeit zu vertreiben und meine Unruhe zu lindern, �ber Pferde unterhalten k�nnen, wenn der Handwerker nicht so eingebildet gewesen w�re.</p><p>Ich wagte es jedoch nicht, ihn zu verunglimpfen, denn er stand hoch in Neros Gunst. Nero behandelte ihn mit herablassender Achtung und hatte ihm das B�rgerrecht verliehen. Deshalb malte er immer in der Toga, so l�cherlich das auch aussah. Nero hatte sogar einmal die Absicht ge�u�ert, ihn in den Ritterstand zu erheben, aber zum Gl�ck hatte er diesen wahnwitzigen Gedanken wieder fallengelassen. Ein farbiger Tierb�ndiger wie Epaphroditus, das mochte noch angehen, aber ein Handwerker, der Bilder malt � Nein, es hat alles seine Grenzen. Das sah sogar Nero ein.</p><p>Ich mu�te bis zum Nachmittag warten, aber Nero schickte mir Speisen von seiner eigenen Tafel, und ich machte mir daher keine allzu gro�en Sorgen. So leise wie m�glich w�rfelte ich mit dem Zenturio, und wir tranken reichlich Wein, obgleich er es nicht wagte, sich einen Rausch anzutrinken, weil er im Dienst war. Ich ben�tzte die Gelegenheit, um Claudia Nachricht zu senden, da� man mich als Verd�chtigen festhielt.</p><p>Deine Mutter sah zwar ein, da� ich f�r Deine Zukunft sorgen mu�te, meinte aber in ihrer echt weiblichen Unvernunft, es sei darum nicht n�tig, da� ich die Rolle des Verr�ters spielte. Nun sollte sie ruhig ein wenig um mich bangen, obwohl ich selbst bei weitem nicht so in Sorge war, wie ich es ihr in meiner Mitteilung zu verstehen gab. Allerdings kannte ich Neros Launenhaftigkeit und verlie� mich nicht auf seine Ratgeber, nicht einmal auf Tigellinus, der mir aus mehreren Gr�nden Dank schuldete.</p><p>Ich war reich, und das konnte Nero reizen, obgleich ich stets mein Bestes getan hatte, die wirkliche Gr��e meines Verm�gens zu verbergen. Mit Unbehagen dachte ich an das Schicksal des Konsuls Vestinus, der nicht einmal an der Verschw�rung teilgenommen hatte, und mein einziger Trost war, da� Statilia Messalina gerade wegen Vestinus auf meiner Seite stand.</p><p>Nero hatte sich noch nicht mit ihr verm�hlt, weil das Gesetz eine Wartezeit von neun Monaten vorschreibt, aber Statilia Messalina bereitete schon ein gl�nzendes Hochzeitsfest vor, und auf die Freuden des Bettes hatte Nero schon zu Lebzeiten des Vestinus reichlichen Vorschu� genommen. An Acte hielt er sich im Augenblick vermutlich deshalb, weil Statilia, um sich als ein besserer Mensch f�hlen zu d�rfen, der Mondg�ttin opferte. Acte neigte heimlich zu der Lehre der Christen, das wu�te ich aus sicherer Quelle, und sie versuchte mit Milde, Neros gute Eigenschaften zu f�rdern. Nero hatte gewi� auch solche, aber diese Aufgabe ging doch �ber das Verm�gen einer Frau, wer sie auch sein mochte.</p><p>Statilia Messalina tat eher das Gegenteil. Sie f�hrte als erste in Rom die urspr�nglich germanische Mode ein, mit unverh�llter linker Brust zu gehen, und sie konnte es sich leisten, denn sie war mit Recht stolz auf ihre wohlgeformten Br�ste. Die Frauen, die von der Natur weniger gut ausgestattet worden waren, nahmen Ansto� an der neuen Mode und erkl�rten sie f�r unsittlich. Als ob etwas Schlimmes daran w�re, eine sch�ne Brust zu zeigen! Es treten ja bei den �ffentlichen Opfern auch die Priesterinnen und bei gewissen Gelegenheiten sogar die Vestalinnen mit nackten Br�sten auf, weshalb ich lieber von einem durch tausendj�hrige �berlieferung geheiligten Brauch sprechen m�chte als von etwas Unsittlichem.</p><p>Bis zum Abend hatte Tigellinus von den M�nnern, die in Tullianum noch das Leben hatten behalten d�rfen, genug Beweise f�r Antonias Teilnahme an der Verschw�rung gesammelt. In der Hoffnung auf Belohnung hatten sich sogar ein paar feige Verr�ter gefunden, die ohne mit der Wimper zu zucken schworen, Antonia habe wirklich gelobt, sich mit Piso zu verm�hlen, sobald dieser seine Gattin losgeworden w�re. Die beiden h�tten sogar schon Verlobungsgeschenke ausgetauscht, behaupteten sie. Man nahm bei Antonia eine Hausdurchsuchung vor und fand ein Halsband mit indischen Rubinen, das Piso heimlich bei einem syrischen Goldschmied gekauft hatte. Wie es in Antonias Haus kam, wei� ich nicht und will ich auch nicht wissen.</p><p>Alle diese Beweise �berzeugten Nero endlich. Er spielte den tief Betr�bten, obwohl er nat�rlich insgeheim froh war, einen Grund zu haben, Antonia zu beseitigen. Um mir eine Gunst zu erweisen, nahm er mich in seinen neuen Tiergarten mit, wo Epaphroditus eine kleine Vorstellung zu seiner Unterhaltung vorbereitet hatte. Ich staunte, als ich einen nackten Knaben und ein nacktes M�dchen erblickte, die an Pf�hlen in der N�he der L�wenk�fige festgebunden waren. Epaphroditus war mit der gl�henden Eisenstange eines Tierb�ndigers bewaffnet und trug ein Schwert an der Seite. Er machte mir aber heimlich ein Zeichen, mich nicht zu beunruhigen.</p><p>Dennoch erschrak ich, wie ich offen zugeben mu�, als ich pl�tzlich ein dumpfes Br�llen vernahm und einen L�wen, der mit dem Schweif den Sand peitschte, auf die Pf�hle zuspringen sah. Er richtete sich auf, um die nackten Opfer zu kratzen, und schnupperte auf eine widerliche Art an ihren Geschlechtsteilen. Zu meiner Verwunderung litten jedoch die Kinder, die sich vor Entsetzen wanden, keinen nennenswerten Schaden. Als der L�we sich ein wenig beruhigt hatte, trat Epaphroditus auf ihn zu und rannte ihm das Schwert in den Bauch, da� das Blut weithin spritzte und der L�we auf den R�cken fiel, mit den Pranken in der Luft herumschlug und schlie�lich so glaubw�rdig, wie man es sich nur w�nschen konnte, den Geist aufgab.</p><p>Als der Knabe und das M�dchen losgebunden und hinausgef�hrt worden waren, kroch aus der L�wenhaut Nero hervor und fragte stolz, ob er durch seine Schauspielkunst nicht sogar mich get�uscht habe, obwohl ich doch genug Erfahrung mit Raubtieren hatte. Selbstverst�ndlich versicherte ich ihm, ich h�tte den L�wen f�r echt gehalten.</p><p>Nero zeigte mir die in die L�wenhaut eingebauten Stahlfedern und anderen Mechanismen und die Blutblase, in die Epaphroditus mit dem Schwert ein Loch gesto�en hatte. Ich wunderte mich nachher noch lange �ber dieses wahnsinnige Spiel, das Nero gro�e Befriedigung zu verschaffen schien und dessen er sich doch ein wenig sch�mte, denn nur wenige seiner Freunde durften es mit ansehen.</p><p>Nachdem er mir nun auf diese Weise sein Vertrauen bewiesen hatte, musterte er mich mit einem heimt�ckischen Blick und sagte mit erheuchelter Sanftmut: �Es gibt genug Beweise f�r Antonias Schuld, und ich mu� ihnen glauben, sosehr es mich auch schmerzt, da� sie sterben mu�. Sie ist ja meine Halbschwester. Du hast mir die Augen ge�ffnet. Deshalb sollst auch du die Ehre haben, zu ihr zu gehen und sie zu bitten, sich die Pulsadern zu �ffnen. Tut sie das freiwillig und in aller Stille, so will ich die Sache nicht an die �ffentlichkeit bringen. Es geht ja auch um mein Ansehen. Ich werde ihr sogar ein Staatsbegr�bnis bewilligen und ihre Urne im Mausoleum des Gottes Augustus aufstellen lassen. Darauf hat sie ein Recht durch ihre Geburt. Dem Senat und dem Volk sage ich, da� sie im Wahnsinn Selbstmord begangen hat oder weil sie sich die Schmerzen einer unheilvollen Krankheit ersparen wollte. Irgendeine Erkl�rung wird sich schon finden, wenn sie sich nur anst�ndig benimmt und keine Umst�nde macht.�</p><p>Ich war so verbl�fft, da� mir die Worte im Halse steckenblieben, denn Nero kam mir zuvor. Ich hatte ihn selbst um die Gunst bitten wollen, Antonia die Todesbotschaft �berbringen zu d�rfen, um in ihren letzten Stunden bei ihr zu sein und ihre Hand in der meinen halten zu k�nnen, w�hrend das Blut aus ihrem sch�nen K�rper rann. Der Gedanke daran hatte mir geholfen, die qualvolle Spannung dieses langen Tages zu ertragen. Nero legte mein Schweigen falsch aus. Er lachte auf, schlug mir auf die Schulter und sagte im Tone der Verachtung: �Ich verstehe, da� es dir wenig behagt, dich Antonia als Verr�ter zu erkennen zu geben. Irgend etwas werdet ihr schon miteinander getrieben haben bei euern heimlichen Begegnungen. Ich kenne Antonia.� Ich glaube aber nicht, da� er ernstlich annahm, Antonia k�nnte sich zu einem Mann wie mir herabgelassen haben, da sie doch Nero abgewiesen hatte. So gro� war seine m�nnliche Eitelkeit.</p><p>Nero glaubte mich zu dem�tigen, indem er mich zu Antonia schickte, denn zuinnerst verachtete er alle Verr�ter. Es gibt da jedoch gewisse Unterschiede, das glaube ich durch meinen Bericht schon bewiesen zu haben. Meine Beweggr�nde waren eher edel als selbsts�chtig. Ich dachte nur an Dich, mein Sohn, und damit an die Zukunft des julischen Geschlechts. Mein eigenes Leben zu retten war mir nicht so wichtig. Wie dem auch sei: in dem Glauben, mich zu dem�tigen, gew�hrte mir Nero die gr��te Freude, die ich erhoffen durfte.</p><p>Das las ich in Antonias strahlendem Gesicht, als sie mich noch einmal wiedersah, nachdem sie schon geglaubt hatte, wir h�tten f�r alle Zeiten voneinander Abschied genommen. Noch niemand hat so sein Todesurteil angeh�rt: mit ausgestreckten Armen, l�chelndem Gesicht und leuchtenden Augen. Sie zeigte mir ihre Freude so deutlich, da� ich den Kriegstribunen und seine Soldaten augenblicklich bat, sich zu entfernen. Es gen�gte, wenn sie das Haus von au�en bewachten.</p><p>Ich wu�te, da� Nero ungeduldig die Nachricht von Antonias Tod erwartete. Auch er hatte es nicht leicht. Aber ich nahm an, er werde verstehen, da� es seine Zeit brauchte, Antonia dazu zu �berreden, ohne jedes Aufsehen Selbstmord zu begehen. Zwar bedurfte es dazu in Wirklichkeit nicht eines einzigen Wortes, aber das wu�te Nero nicht.</p><p>Ich wollte keine unersetzliche Zeit verlieren, indem ich Antonia nach Pisos Halsband fragte, obwohl die Eifersucht an meiner Leber fra�. Wir sanken einander noch einmal in die Arme, und wenn ich mich schon nach der durchwachten Nacht und dem zerm�rbenden Warten dieses langen Tages als Liebhaber nicht sonderlich auszeichnete, so durften wir doch ganz nah beisammenliegen, so nahe, wie zwei Menschen einander nur kommen k�nnen. Ihre Sklavinnen bereiteten indessen ein warmes Bad in ihrem Porphyrbecken. Nackt schritt sie vor mir her in den Baderaum und bat mich mit Tr�nen in den Augen, alles auf das rascheste zu vollbringen. Ich schnitt ihr im warmen Wasser mit einem scharfen Messer so behutsam und geschickt wie m�glich die Pulsadern in den Armbeugen auf. Sie versuchte, sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen, um mir nicht weh zu tun, konnte aber doch ein leises St�hnen nicht unterdr�cken.</p><p>Als das Blut rasch hervorzuquellen begann und das balsamduftende Bad r�tete, bat mich Antonia, ihr die Schw�che zu verzeihen. Sie hatte sich, reich und verw�hnt, nie an das geringste Unbehagen zu gew�hnen brauchen, erkl�rte sie mir zu ihrer Rechtfertigung. Die Sklavinnen, die ihr das sch�ne helle Haar b�rsteten, mu�ten achtgeben, da� sie sie nicht zupften, sonst stach sie ihnen eine Nadel in die Brust.</p><p>Als ich nun �ber das Becken gebeugt Antonia hielt, den einen Arm um ihren Hals gelegt, den Mund auf den ihren gepre�t, ihre Hand in der meinen, d�nkte mich mein eigenes Leben von so geringem Wert, da� ich aufrichtig darum bat, mit ihr sterben zu d�rfen.</p><p>�Das ist das Liebste, was je ein Mann zu mir gesagt hat�, fl�sterte sie mit matter Stimme und k��te mich aufs Ohr. �Du mu�t aber um unseres Sohnes willen weiterleben. Vergi� die guten Ratschl�ge nicht, die ich dir f�r seine Zukunft gegeben habe. Und denk auch daran, mir eine deiner alten etruskischen Goldm�nzen in den Mund zu legen, bevor man mir das Kinn aufbindet und mich f�r den Scheiterhaufen herrichtet. Das wird mir dein letztes und liebstes Geschenk sein, obwohl ich es werde hergeben m�ssen, um Charon zu entlohnen. Wenigstens wird er mich behandeln, wie es meinem Rang geb�hrt. Ich m�chte auf seiner F�hre nicht vom P�bel angerempelt werden.�</p><p>Eine Weile sp�ter �ffneten sich ihre Lippen unter den meinen, und der Griff ihrer Hand lockerte sich. Ich hielt jedoch ihre schlanken Finger fest und k��te ihr geliebtes Antlitz, bis das Ende kam.</p><p>Als sie tot war und ich nicht den leisesten Atemhauch mehr sp�rte, trug ich ihren blutigen Leichnam in das Bett zur�ck und wusch mir rasch die Blutspuren ab. Zu meiner Freude konnte ich feststellen, da� Antonia die neueste �gyptische Seife meines Freigelassenen verwendet hatte. Sie war freilich nicht wirklich �gyptisch, sondern wie seine �brigen Seifen und allgemein beliebten Zahnpulver in Rom hergestellt, aber die Leute zahlten f�r die Seifen mehr, wenn er ihnen h�bsche Namen gab.</p><p>Nachdem ich mich angekleidet hatte, rief ich den Zenturio und die Soldaten herein, damit sie bezeugten, da� Antonia freiwillig Selbstmord begangen hatte. Den Sklavinnen �berlie� ich ihren Leichnam erst, nachdem ich ihr eine der uralten Goldm�nzen in den Mund gelegt hatte, die meine Freigelassenen in alten Gr�bern in Caere gefunden hatten. Ich bat den Hofmeister, darauf zu achten, da� sie nicht gestohlen wurde, denn ich selbst mu�te rasch zu Nero zur�ckkehren.</p><p>Nero hatte nach seinem L�wenspiel reichlich Wein getrunken, um sich zu beruhigen, und dankte mir �berrascht daf�r, da� ich meinen peinlichen Auftrag so schnell ausgef�hrt hatte. Er best�tigte mir noch einmal mit seinem kaiserlichen Wort, da� ich das Erbe nach Jucundus behalten durfte, und versprach, er werde in der Kurie ein Wort f�r mich einlegen, damit ich einen Senatorenschemel erhielt. Das habe ich schon berichtet. Ich f�hle mich erleichtert, weil ich nun den traurigsten Teil meiner Geschichte niedergeschrieben habe.</p><empty-line/><p>Wenige Wochen sp�ter geriet ich selbst gerade Antonias wegen in Lebensgefahr, doch was bedeutete das schon, verglichen mit dem soeben Geschilderten. Zum Gl�ck hatte ich Freunde, die mich rechtzeitig von den Nachforschungen unterrichteten, die Nero anstellen lie�, als Antonias Testament bekannt wurde. Auf diese Weise war es mir m�glich, Claudia vorzubereiten, die allerdings meinen ganzen Plan widerw�rtig fand.</p><p>Ich verstehe heute noch nicht, warum Antonia, eine erfahrene, in politischen Dingen bewanderte Frau, Dich unbedingt in ihrem Testament bedenken mu�te, obwohl ich sie seinerzeit davor gewarnt hatte. Wir waren vor ihrem Tode nicht mehr auf das Testament zu sprechen gekommen, denn wir hatten anderes miteinander zu reden, und im �brigen hatte ich, offen gestanden, vergessen, was sie damals, als sie Dir den Namen Antonianus gab, versprochen hatte.</p><p>Nun mu�te ich mich so rasch wie m�glich Rubrias entledigen, denn sie war als die �lteste der Vestalinnen die einzige, die �ber Deine wahre Abstammung rechtsg�ltig Zeugnis ablegen konnte. Meine Begegnung mit ihr mag ich nicht genauer schildern. Ich will nur soviel sagen, da� ich vorher eine kleine Reise unternehmen mu�te, um die alte Locusta auf dem h�bschen Landgut zu besuchen, das Nero ihr geschenkt hatte. Sie zog in den G�rten dort zusammen mit ihren Sch�lern mancherlei Arzneipflanzen, wobei sie bei Aussaat und Ernte die Stellung der Gestirne mit wissenschaftlicher Genauigkeit beobachtete.</p><p>Zu meiner Erleichterung erweckte Rubrias Tod bei den �rzten nicht den geringsten Verdacht. Sie war nicht einmal dunkel im Gesicht geworden. Zu solcher H�he hatte Locusta in ihren alten Tagen ihre Kunst entwickelt. Nero stellte ihr aber auch immer wieder Verbrecher, die nichts Besseres verdienten, zur Verf�gung, an denen sie ihre Arzneien erproben konnte.</p><p>Mein Besuch bei Rubria gab zu keinen Fragen Anla�, denn sie empfing viele Besucher im Artium der Vestalinnen. So konnte ich in mein geheimes Versteck das versiegelte Dokument einmauern, in dem sie Claudias Herkunft bezeugte, die Aussage der toten Paulina wiedergab und best�tigte, da� Antonia Deine Mutter Claudia als ihre Halbschwester betrachtet und Dir zum Zeugnis dessen den Namen Antonianus gegeben hatte.</p><p>An einigen �u�erlichen Anzeichen glaubte ich zu bemerken, da� ich in Ungnade gefallen war, und ich war daher nicht �berrascht, als Nero mich zu sich rufen lie�, damit ich ihm Rede und Antwort st�nde, ja ich glaube sogar, mich gut vorbereitet zu haben. Nero bi� sich auf die Lippen, und sein Kinn zitterte, als er mir befahl: �La� mich etwas �ber deine Ehe h�ren, Manilianus, von der ich noch nichts wei�, und versuche mir eine glaubhafte Erkl�rung daf�r zu geben, da� Antonia deinen Sohn in ihrem Testament bedacht und ihm sogar ihren eigenen Namen verliehen hat. Ich wu�te nicht einmal, da� du au�er dem Bankert des Epaphroditus noch einen Sohn hast!�</p><p>Ich wich seinem Blick aus und gab mir M�he, vor Furcht zu zittern, wozu es allerdings, um ehrlich zu sein, keiner gro�en Anstrengung bedurfte. Nero argw�hnte, ich h�tte etwas zu verbergen, und fuhr fort: �Ich w�rde nichts sagen, wenn Antonia sich damit begn�gt h�tte, dem Knaben den Siegelring ihres Onkels Sejanus zu vermachen, aber es ist unfa�bar, da� sie ihm einen gro�en Teil des Familienschmucks der Julier gab, den sie von der Mutter des Claudius, der alten Antonia, geerbt hatte, unter anderem eine Schulterspange, die der Gott Augustus im Feld und bei den staatlichen Opfern getragen haben soll. Noch merkw�rdiger aber ist es, da� deine Ehe nirgends eingetragen ist und da� dein Sohn nicht einmal in die neue Einwohnerliste � von der Ritterrolle ganz zu schweigen � eingeschrieben wurde, obwohl die vorgeschriebene Frist l�ngst abgelaufen ist. An der Sache ist etwas faul.�</p><p>Ich warf mich zu seinen F��en nieder und rief mit erheuchelter Reue: �Schon lange plagt mich deshalb das Gewissen, aber ich sch�me mich so, da� ich noch mit keinem meiner Freunde dar�ber zu sprechen wagte. Meine Gattin Claudia ist J�din.�</p><p>Nero brach vor Erleichterung in ein so gewaltiges Gel�chter aus, da� es seinen gedrungenen K�rper sch�ttelte und ihm die Tr�nen in die Augen traten. Er schickte nicht gern jemanden auf einen blo�en Verdacht hin in den Tod, am allerwenigsten seine wirklichen Freunde.</p><p>�Minutus, Minutus�, sagte er tadelnd, als er wieder zu sprechen imstande war. �Es ist keine Schande, Jude zu sein. Du wei�t, wieviel j�disches Blut im Laufe der Jahrhunderte in unsere vornehmsten Familien eingedrungen ist. Um meiner geliebten Poppaea willen kann ich die Juden nicht f�r schlechter halten als andere Menschen. Ich dulde sie sogar in den staatlichen �mtern, innerhalb vern�nftiger Grenzen, versteht sich. Wo ich herrsche, sind alle Menschen, als Menschen betrachtet, gleich, seien sie nun R�mer oder Griechen, schwarz oder wei�. Daher habe ich auch nichts gegen die Juden.�</p><p>Ich stand auf und gab mir den Anschein tiefer Verlegenheit. �Wenn das alles w�re, w�rde ich nicht gez�gert haben, meine Gattin dir und meinen anderen Freunden vorzustellen�, sagte ich bek�mmert. �Zu alledem stammt sie aber auch noch von Sklaven ab. Ihre Eltern waren elende Freigelassene der Mutter des Claudius, also gewisserma�en deiner Gro�mutter. Deshalb hei�t sie Claudia. Du wirst nun verstehen, weshalb ich mich ihrer sch�me. Vielleicht wollte Antonia dem Knaben zur Erinnerung an ihre Gro�mutter ein paar billige Schmuckst�cke hinterlassen. Da� er Antonianus hei�en soll, war der Wunsch meiner Gattin Claudia.�</p><p>Nun spielte ich den Zornigen und sagte: �Im �brigen meine ich, es ist die reine Bosheit, da� Antonia meinen Sohn in ihrem Testament bedacht hat. Sie wollte, da� man mich verd�chtigt, denn sie wu�te, da� ich Scevinus, Piso und andere angezeigt hatte; da� ich, von meinem Gewissen getrieben, um deiner Sicherheit willen eines Tages sie selbst anzeigen w�rde, konnte sie damals freilich noch nicht ahnen. Wahrhaftig, ich bereue es jetzt nicht mehr.�</p><p>Nero runzelte die Stirn und dachte nach. Da ich bemerkte, da� sein Mi�trauen von neuem erwachte, fuhr ich rasch fort: �Es ist das beste, ich gestehe dir auch gleich, da� ich zum Glauben der Juden neige. Das ist kein Verbrechen, wenngleich unpassend f�r einen Mann in meiner Stellung. Aber meine Gattin ist sehr starrsinnig. Sie zwingt mich, die Julius-Caesar-Synagoge aufzusuchen. Das tun aber auch andere R�mer. Die Mitglieder dieser Synagoge scheren sich den Bart, kleiden sich wie andere Menschen und gehen ins Theater.�</p><p>Nero starrte mich noch immer finster an. �Deine Erkl�rung klingt recht glaubw�rdig�, sagte er, �nur hat Antonia leider diesen Zusatz zu ihrem Testament schon vor mehr als einem halben Jahr beurkunden lassen. Damals konnte sie noch nicht ahnen, da� du die Verschw�rung des Piso verraten w�rdest.�</p><p>Ich sah ein, da� ich noch mehr gestehen mu�te, und war dazu bereit, obgleich ich mich noch eine Weile wand, um Nero nicht durch eine allzu pl�tzliche Offenherzigkeit in seinem Mi�trauen zu best�rken. Er glaubte felsenfest, da� alle Menschen etwas vor ihm verbargen. Ich blickte daher zu Boden, scharrte mit dem einen Fu� auf einem Mosaik, das Mars und Venus zeigte, die einander umarmten und im Kupfernetz des Vulcanus gefangen waren, und ausgezeichnet zu meiner Lage pa�te, knetete verlegen meine H�nde und brachte kein Wort hervor, bis Nero pl�tzlich schrie: �Sag mir augenblicklich alles, sonst lasse ich dir deine nagelneuen roten Schn�rstiefel abnehmen! Da� der Senat nichts dagegen einzuwenden h�tte, wei�t du selbst am besten!�</p><p>�Ich verlasse mich auf deinen Edelmut und dein Taktgef�hl!� rief ich. �Behalte mein sch�ndliches Geheimnis f�r dich, und sprich davon nicht zu meiner Gattin. Ihre Eifersucht ist unertr�glich. Sie ist in dem gewissen Alter, und ich verstehe selbst nicht mehr, wie ich ihr ins Garn gehen konnte.�</p><p>Nero witterte eine anz�gliche Geschichte. Er leckte sich die Lippen und sagte: �Es hei�t, die J�dinnen h�tten im Bett ihre besonderen Vorz�ge. Au�erdem wirst du ihre j�dischen Verbindungen schon f�r deine Zwecke ausgenutzt haben. Mich f�hrst du nicht hinters Licht. Ich verspreche dir gar nichts. La� h�ren!�</p><p>Stammelnd gestand ich ihm: �In ihrem Ehrgeiz setzte meine Gattin es sich in den Kopf, wir m��ten Antonia einladen, wenn ich meinem Sohn seinen Namen gab und ihn in Gegenwart von Zeugen auf meine Knie setzte und anerkannte.�</p><p>�So wie du seinerzeit Lausus anerkanntest�, bemerkte Nero spa�end. �Aber sprich weiter.�</p><p>�Ich konnte mir nicht vorstellen, da� Antonia wirklich kommen w�rde, wenngleich der Kleine ein Enkel der Freigelassenen ihrer Gro�mutter ist�, sagte ich. �Damals hatte sie jedoch wenig Umgang und sehnte sich nach Abwechslung. Aus Gr�nden der Schicklichkeit brachte sie die Vestalin Rubria mit, die sich, nebenbei bemerkt, an diesem Abend einen Rausch antrank. Friede ihrem Andenken. Ich kann es mir nicht anders erkl�ren, als da� Antonia irgend etwas Vorteilhaftes �ber mich geh�rt hatte und mich kennenlernen wollte. Sofern sie nicht schon damals darauf aus war, f�r sp�tere Zwecke Freunde und Anh�nger zu werben! Als sie ein wenig Wein getrunken hatte, gab sie mir zu verstehen, ich sei in ihrem Haus auf dem Palatin jederzeit willkommen, am liebsten ohne meine von Sklaven herstammende Gattin.�</p><p>Nero err�tete, seine Mundwinkel zuckten, und er beugte sich vor, um sich kein Wort entgehen zu lassen.</p><p>�Ich war so eitel, da� ich mich durch ihre Einladung geehrt f�hlte�, fuhr ich fort. �Zugleich aber sagte ich mir, da� ich sie nur einer Weinlaune oder irgendeinem anderen, mir noch nicht bekannten Grunde verdankte. Dennoch suchte ich sie eines Abends auf, und sie empfing mich sehr freundlich � Nein, ich wage nicht weiterzuerz�hlen.�</p><p>�Du brauchst dich nicht zu sch�men�, sagte Nero. �Ich wei� genug �ber deine Besuche bei ihr. Sie sollen bis zum Morgen gedauert haben. Ich habe sogar schon daran gedacht, da� Antonia deinen Sohn heimlich geboren haben k�nnte, aber wie ich h�re, ist er ja schon sieben Monate alt. Au�erdem wissen wir, da� Antonia unfruchtbar war wie eine alte Kuh.�</p><p>Mit rotem Kopf gestand ich nun also, da� Antonia mir auch im Bett gro�e Gastfreundschaft erwiesen und an mir Gefallen gefunden hatte, so da� sie mich recht oft bei sich haben wollte. Ich aber war wegen meiner Gattin in Sorge, unser Verh�ltnis k�nnte entdeckt werden. Vielleicht, sagte ich, hatte ich Antonia in ihrer Einsamkeit so gut getr�stet, da� sie deshalb meinen Sohn in ihrem Testament bedachte, da sie mir schon aus Gr�nden der Schicklichkeit nichts geben konnte.</p><p>Nero lachte und schlug sich auf die Knie. �Das alte Luder!� schrie er. �Hat sie sich also mit dir eingelassen! Aber du warst nicht der einzige. Ob du mir�s glaubst oder nicht: sie hat es auch mit mir einmal versucht, als ich ihr aus blo�er Freundlichkeit und um der Verwandtschaft willen ein wenig geschmeichelt hatte. Ich war nat�rlich betrunken. Sie h�ngte sich mir an den Hals, und schon hatte ich ihre spitze Nase und ihre d�nnen Lippen im Gesicht. Danach streute sie das wahnsinnige Ger�cht aus, ich h�tte um sie geworben. Pisos Halsband zeigt ja deutlich genug, wie lasterhaft sie war. Gewi� hat sie�s auch mit Sklaven getrieben, wenn sie gerade nichts Besseres bei der Hand hatte. Da warst du ihr freilich gut genug!�</p><p>Ich ballte die F�uste und zwang mich zu schweigen.</p><p>�Statilia Messalina hat �brigens viel Freude an Pisos Halsband�, sagte Nero. �Sie l��t sich sogar die Brustwarzen in der Farbe dieser Taubenblutrubine schminken.�</p><p>Nero war von seinen eigenen Einf�llen so begeistert, da� ich mich der schlimmsten Gefahr entronnen wu�te. Er war erleichtert und guter Laune, aber gerade weil er nun zum Scherzen aufgelegt war, wollte er mich f�r meine Geheimniskr�merei auf solche Weise strafen, da� ich in der ganzen Stadt zum Gesp�tt wurde. Er dachte eine Weile nach und sagte dann: �Ich will nat�rlich deine Gattin sehen und mich mit eigenen Augen davon �berzeugen, da� sie J�din ist. Ebenso will ich die Zeugen verh�ren, die zugegen waren, als dein Sohn seine Namen erhielt. Ich nehme an, sie sind auch alle Juden. Ferner lasse ich in der Julius-Caesar-Synagoge nachfragen, ob du wirklich so ein treuer Besucher bist. Unterdessen kannst du mir den Gefallen tun, dich der Einfachheit halber beschneiden zu lassen. Deine Gattin wird sich nur dar�ber freuen, und au�erdem finde ich es nicht mehr als recht und billig, da� du an dem K�rperteil bestraft wirst, mit dem du meine Halbschwester Antonia entehrt hast. Danke deinem Gl�ck, da� ich so gut aufgelegt bin und dich so leicht davonkommen lasse!�</p><p>Ich erschrak und bat ihn dem�tig, mich nicht so entsetzlich zu kr�nken. Aber ich hatte ja selbst den Hals in die Schlinge gesteckt. Als Nero mein Erschrecken sah, freute er sich erst recht �ber seinen Einfall. Er legte mir tr�stend die Hand auf die Schulter und sagte: �Es ist nur gut, wenn ein Beschnittener im Senat sitzt und sich um die Angelegenheiten der Juden k�mmert. Geh also und sieh zu, da� das rasch erledigt wird, und dann schaffe mir deine Gattin und die Zeugen her. Und komme selbst mit, wenn du noch gehen kannst. Ich will mich davon �berzeugen, da� du meinem Befehl gehorcht hast.�</p><p>Ich mu�te nach Hause gehen und Claudia und den beiden Zeugen, die voller Angst auf meine R�ckkehr warteten, sagen, da� wir uns binnen kurzem im Empfangssaal des Goldenen Hauses einzufinden hatten. Darauf ging ich ins Lager der Pr�torianer, um mit einem Feldscher zu sprechen. Der Mann versicherte mir mit vielen Worten, er k�nne diesen kleinen Eingriff ohne weiteres vornehmen und habe ihn w�hrend seiner Dienstzeit in Afrika an vielen Legion�ren und Zenturionen durchgef�hrt, denen die st�ndigen Entz�ndungen durch den Sand zu viel geworden waren. Er hatte sogar noch das R�hrchen, das man dazu braucht.</p><p>Ich wollte mich um meines Ansehens willen nicht bei den Juden behandeln lassen. Das war ein gro�er Fehler, denn sie h�tten es unvergleichlich geschickter gemacht. Ich ertrug tapfer das schmutzige R�hrchen und das stumpfe Messer des Feldschers, aber die Wunde heilte schlecht und eiterte so, da� ich lange Zeit keine Lust versp�rte, eine Frau auch nur anzusehen.</p><p>Eigentlich bin ich seither nicht mehr ganz der alte. Es hat zwar Frauen gegeben, <emphasis>die</emphasis> auf mein narbiges Glied recht neugierig waren, aber ich m�chte sagen, da� ihr Vergn�gen gr��er war als meines. Auf diese Weise bin ich dazu gekommen, ein recht tugendhaftes Leben zu f�hren.</p><p>Ich sch�me mich nicht, davon zu sprechen. Es wissen ohnehin alle, was f�r einen Scherz sich Nero auf meine Kosten leistete, und ich bekam einen Spitznamen, den ich hier aus Schicklichkeitsgr�nden lieber nicht nennen will.</p><p>Deine Mutter ahnte nicht, was sie bei Nero erwartete, obwohl ich versucht hatte, sie auf ihre Rolle vorzubereiten. Als ich humpelnd und leichenbla� aus dem Pr�torianerlager zur�ckkehrte, fragte Claudia mich nicht einmal, was mir fehle. Sie glaubte, ich h�tte lediglich Angst vor Neros Zorn. Die beiden Judenchristen f�rchteten sich wirklich, und es half auch nichts, da� ich ihnen Mut zusprach und sie an die Geschenke erinnerte, die ich ihnen in Aussicht gestellt hatte.</p><p>Nero warf einen einzigen Blick auf Claudia und rief auch schon: �Ein Judenweib! Das sieht man an den Brauen und den dicken Lippen, von der Nase ganz zu schweigen. Graue Haare hat sie auch. Die Juden werden fr�h grau. Das kommt von irgendeinem �gyptischen Fluch, habe ich mir sagen lassen. Merkw�rdig, da� sie in diesem Alter noch ein Kind geb�ren konnte, aber dieses Volk vermehrt sich ganz unglaublich.�</p><p>Claudia zitterte vor Zorn, beherrschte sich jedoch um Deinetwillen. Danach schworen die beiden Juden beim Tempel zu Jerusalem, da� sie Claudias Herkunft kannten und da� sie J�din sei, aus so hoch angesehenem Geschlecht, da� ihre Eltern schon zu Pompejus� Zeiten als Sklaven nach Rom gebracht worden seien. Die beiden bezeugten au�erdem, da� Antonia bei der Namensgebung meines Sohnes zugegen gewesen war und gestattet hatte, da� er ihrer Gro�mutter zum Gedenken den Namen Antonianus erhielt.</p><p>Dieses Verh�r schl�ferte Neros letztes Mi�trauen ein. Die beiden Judenchristen begingen zwar einen Meineid, aber ich hatte sie eigens ausgew�hlt, weil sie einer gewissen Gruppe von Christen angeh�rten, die aus irgendeinem Grunde behauptete, Jesus von Nazareth habe alle Arten von Eiden untersagt. Sie nahmen es mit ihrem Glauben sehr genau und waren sich bewu�t, da� sie s�ndigten, indem sie einen Eid ablegten, weshalb sie meinten, es sei dann schon einerlei, ob der Eid nun wahr oder falsch war. Sie opferten sich auf und begingen diese S�nde um meines Sohnes willen, und sie hofften, Jesus von Nazareth werde ihnen verzeihen, weil sie in guter Absicht handelten.</p><p>Nero w�re aber nicht Nero gewesen, wenn er nicht mit einem pfiffigen Seitenblick auf mich so beil�ufig wie m�glich gesagt h�tte: �Liebe Domina Claudia � eigentlich sollte ich wohl Serenissima sagen, da dein Gatte es trotz seiner niedrigen Herkunft verstanden hat, sich die Purpurstiefel zu verschaffen �, also liebe Domina Claudia, du wirst wohl wissen, da� dein Gatte sich die Gelegenheit zunutze machte und ein heimliches Verh�ltnis mit meiner ungl�cklichen Halbschwester Antonia ankn�pfte. Ich habe Zeugen daf�r, da� sie Nacht f�r Nacht in einem Lusthaus in Antonias Garten miteinander Unzucht trieben. Ich war gezwungen, sie �berwachen zu lassen, damit sie nicht am Ende in ihrer Liederlichkeit einen �ffentlichen Skandal heraufbeschwor.�</p><p>Claudia erbleichte bis in die Lippen, als sie das h�rte. Meiner Miene konnte sie entnehmen, da� Nero die Wahrheit sprach. Au�erdem hatte sie selbst mich mit ihrem Mi�trauen verfolgt, bis es mir gelungen war, ihr Sand in die Augen zu streuen, indem ich ihr erkl�rte, da� ich an der Verschw�rung des Piso teilhatte und dergleichen Zusammenk�nfte nachts stattzufinden pflegten.</p><p>Sie hob die Hand und schlug mich auf die Wange, da� es laut schallte. Dem�tig hielt ich ihr auch die andere Wange hin, wie es Jesus von Nazareth gelehrt hatte. Claudia hob die andere Hand und schlug so heftig zu, da� mir das Trommelfell platzte. Seither bin ich ein wenig taub. Dann stie� sie eine Flut von so gemeinen Schimpfw�rtern hervor, da� ich nie geglaubt h�tte, dergleichen einmal aus ihrem Mund zu h�ren. Ich m�chte meinen, da� ich Christi Lehre besser befolgte als sie, denn ich schwieg still.</p><p>Claudia aber go� einen solchen Schwall von Grobheiten �ber mich und die tote Antonia aus, da� Nero ihr zuletzt Einhalt gebieten mu�te. ��ber die Toten nur Gutes�, mahnte er. Claudia verga� anscheinend, da� Antonia seine Halbschwester war und da� er deshalb nicht dulden durfte, da� andere schlecht von ihr sprachen.</p><p>Um Claudia zu bes�nftigen und ihr Mitleid zu erregen, schlug ich meinen Mantel zur Seite, hob das Untergewand, zeigte ihr den blutigen Verband und versicherte ihr, da� ich f�r meinen Fehltritt genug gestraft sei. Nero zwang mich, die Binde abzuwickeln, so schmerzhaft das auch war, um sich mit eigenen Augen zu �berzeugen, da� ich ihn nicht t�uschte. Als das geschehen war, sagte er verwundert: �Du hast dich also in deiner Dummheit wirklich gleich beschneiden lassen! Ich habe doch nur gescherzt und meine Strenge bereut, sobald du gegangen warst. Ich will aber gern anerkennen, da� du meine Befehle treu befolgst, Minutus.�</p><p>Claudia hatte kein Erbarmen mit mir. Im Gegenteil, sie schlug entz�ckt die H�nde zusammen und pries Nero darum, da� er eine Strafe gefunden hatte, auf die sie selbst im Traume nicht gekommen w�re. Mir schien es Strafe genug, mit Claudia verheiratet zu sein. Ich glaube, sie hat mir nie verziehen, da� ich sie ausgerechnet mit Antonia betrog. Eine vern�nftige Frau sieht ihrem Mann einen gelegentlichen Seitensprung nach, aber sie machte mir noch jahrelang Vorw�rfe.</p><p>Nero betrachtete nun die ganze Angelegenheit als erledigt und kam ohne das geringste Mitgef�hl auf etwas anderes zu sprechen, sobald Claudia und die beiden Juden gegangen waren. �Wie du wei�t, hat der Senat den Beschlu� gefa�t, ein Dankopfer f�r die Aufdeckung der Verschw�rung darzubringen�, begann er. �Ich selbst habe beschlossen, Ceres einen Tempel zu bauen, der ihrer w�rdig ist. Den fr�heren haben die verfluchten Christen niedergebrannt, und ich konnte noch keinen neuen errichten lassen, weil ich mit dem Wiederaufbau Roms alle H�nde voll zu tun habe. Die Kultst�tte der Ceres liegt seit unvordenklichen Zeiten auf dem Aventin, aber ich habe dort kein hinl�nglich gro�es Grundst�ck finden k�nnen. Um unser gegenseitiges Vertrauen wiederherzustellen und unsere Freundschaft zu bekr�ftigen, bist du gewi� gern bereit, dein Haus und deinen Garten auf dem Aventin Ceres zu schenken. Es ist der geeignetste Platz. Wundere dich daher nicht, wenn du heimkommst. Die Sklaven haben n�mlich schon begonnen, das Haus niederzurei�en. Die Sache eilt, und deiner Zustimmung war ich gewi�.�</p><p>So nahm mir Nero das alte Haus der Manilier ab. Ich vermochte �ber diese Gunst keine �berquellende Freude zu empfinden, wu�te ich doch nur zu gut, da� er alle Ehre f�r sich in Anspruch nehmen und meinen Namen bei der Einweihung des Tempels nicht einmal erw�hnen w�rde. Ich fragte ihn bitter, wohin er bei der Wohnungsnot mein Bett und meine �brige Habe gedenke schaffen zu lassen.</p><p>Neros Gesicht hellte sich auf: �Ja freilich, daran hatte ich nicht gedacht. Aber das Haus deines Vaters oder vielmehr Tullias steht noch immer leer. Ich konnte es noch nicht verkaufen, weil es darin nicht geheuer ist.�</p><p>Ich antwortete ihm, da� ich nicht gesonnen sei, gewaltige Summen f�r ein Spukhaus zu zahlen, das noch dazu f�r mich recht ung�nstig lag, und ich erkl�rte ihm auch, wie verfallen und �berhaupt von Anfang an schlecht geplant dieses prahlerisch gro�e Haus war, f�r das man seit achtzehn Jahren nichts mehr getan hatte und dessen riesiger verwilderter Garten mich bei den neuen Wassersteuern viel zu teuer k�me.</p><p>Nero lauschte diesen Erkl�rungen mit sichtlichem Genu� und sagte: �Um dir meine Freundschaft zu beweisen, wollte ich dir das Haus zu einem m��igen Preis �berlassen. Es widert mich an, da� du frech und w�rdelos zu feilschen beginnst, bevor ich noch einen Betrag genannt habe. Nun reut es mich nicht mehr, da� ich dir im Scherz befahl, dich beschneiden zu lassen. Um dir zu zeigen, wer Nero ist, schenke ich dir das Haus deines Vaters. Es ist unter meiner W�rde, mit dir zu schachern.�</p><p>Ich dankte ihm aus ganzem Herzen, obwohl er mir das Haus genaugenommen ja nicht schenkte, sondern als Ersatz f�r mein altes auf dem Aventin gab. Allerdings gewann im bei dem Tausch.</p><p>Ich dachte zufrieden, da� Tullias Haus beinahe eine Beschneidung wert war, und dieser Gedanke tr�stete mich noch, als ich am Wundfieber darniederlag. Ich hatte selbst mein Bestes getan, zu verhindern, da� das Haus verkauft wurde, indem ich das Ger�cht in Umlauf setzte, es spuke darin, und ein paar Sklaven anstellte, die nachts in dem verlassenen Haus mit Topfdeckeln klappern und mit M�belst�cken poltern mu�ten. Wir R�mer sind ein abergl�ubisches Volk und f�rchten uns vor Gespenstern.</p><p>Nach alledem kann ich nun mit gutem Gewissen dazu �bergehen, von Neros Siegeszug durch Griechenland, von dem traurigen Ende des Kephas und des Paulus und von meiner Teilnahme an der Belagerung Jerusalems zu berichten.</p></section><section><empty-line/><p><strong>XIII

    </strong></p><p><strong>NERO
  </strong></p><empty-line/><p>Die v�llige Unterdr�ckung der Pisonischen Verschw�rung dauerte alles in allem an die zwei Jahre, und es wurden auch in den Provinzen alle verm�genden M�nner zur Rechenschaft gezogen, die nachweisbar von dem Plan gewu�t und ihn stillschweigend gebilligt hatten. Auf diese Weise gelang es Nero, obwohl er aus Barmherzigkeit die Todesstrafe in Verbannung verwandelte, wo immer es anging, die Staatsfinanzen trotz seinen ungeheuren Ausgaben in Ordnung zu bringen.</p><p>Im Grunde verschlangen allerdings den gr��ten Teil der staatlichen Ausgaben die Kriegsvorbereitungen gegen Parthien. Neros eigene Lebensgewohnheiten waren f�r einen Kaiser eher ma�voll zu nennen, vor allem wenn man sie mit denen gewisser Reicher und Neureicher verglich. Dank dem Einflu� des verstorbenen Petronius war er noch immer bestrebt, die Prunksucht des Empork�mmlings durch guten Geschmack zu ersetzen, wenngleich er manchmal freilich danebengriff, da er Petronius nicht mehr um Rat fragen konnte.</p><p>Zu seiner Ehre mu� gesagt werden, da� er beispielsweise, als er seine durch den Brand zerst�rten Kunstsch�tze durch neue, unvergleichliche Skulpturen und anderes ersetzte, die Staatskasse nur mit den Transportkosten belastete. Er schickte einen Sachverst�ndigenausschu� nach Achaia und Asia, der jede bedeutendere Stadt durchk�mmte und die besten Skulpturen f�r das Goldene Haus ausw�hlte.</p><p>Das machte viel b�ses Blut unter den Griechen. In Pergamon kam es sogar zu bewaffnetem Aufruhr. Im �brigen aber f�hrte der Ausschu� seine Aufgabe so geschickt durch, da� er sogar noch in Athen, das seinerzeit bei der Eroberung gr�ndlich ausgepl�ndert worden war, und in Korinth, wo man einst kaum einen Stein auf dem anderen gelassen hatte, kostbare Statuen und Malereien aus der gro�en Zeit Griechenlands fand. Die reichen Kaufleute und Schiffsreeder in dem neu erbl�hten Korinth hatten gute Arbeit geleistet, als sie im Laufe der Jahre ihre Kunstsammlungen vervollst�ndigten, und dies kam Nero nun zugute. Sogar auf den Inseln im Meer, wo man bisher nicht nach Kunstsch�tzen f�r Rom gesucht hatte, entdeckte man nun alte Skulpturen, die einen Ehrenplatz in den S�len und G�ngen des Goldenen Hauses verdienten.</p><p>Das Haus war so gro�, da� es immer noch leer wirkte, obwohl der Ausschu� eine Schiffsladung nach der andern schickte. Einen gro�en Teil der Skulpturen, denen er geringeren Wert beima�, schenkte Nero seinen Freunden, da er selbst von der Kunst der Alten nur das Allerbeste haben wollte. Auf diese Weise kam ich zu meiner Marmor-Aphrodite, die von Phichas stammt und deren Farben wunderbar erhalten sind. Ich sch�tze sie trotz Deinen Grimassen noch immer sehr hoch. Versuche nur einmal. Dir auszurechnen, wieviel sie einbringen w�rde, wenn ich sie �ffentlich versteigern m��te, um Deinen Rennstall zu erhalten.</p><p>Wegen des bevorstehenden Krieges gegen die Parther, und um sein eigenes Gewissen zu beruhigen, machte Nero die Geldabwertung r�ckg�ngig und lie�, da nun genug Gold und Silber in die Staatskasse flossen, im Tempel der Juno Moneta wieder vollgewichtige M�nzen schlagen. Die Legionen, die in aller Heimlichkeit nach dem Osten verlegt wurden, um Corbulos Truppen zu verst�rken, waren wegen der verringerten Kaufkraft ihres Soldes so unzufrieden, da� der urspr�ngliche Geldwert allein schon aus milit�rischen Gr�nden wiederhergestellt werden mu�te.</p><p>Den Sold um ein F�nftel zu erh�hen w�re unklug gewesen. Es wird jedem einleuchten, da� das untragbare Mehrausgaben bedeutet h�tte und da� es auf die Dauer billiger kam, den Geldwert wiederherzustellen. Nero gew�hrte au�erdem den Legion�ren gewisse Erleichterungen, �hnlich wie er schon fr�her den Pr�torianern kostenlose Kornrationen zugebilligt hatte.</p><p>Im Grunde war das Ganze ein Zauberkunstst�ck, �ber das sich so mancher kluge Mann vergeblich den Kopf zerbrach. Ich will nichts Nachteiliges �ber die Freigelassenen im Dienste der Staatskasse sagen, deren Amt beschwerlich ist und die den Plan aust�ftelten. Ich fand es nur unversch�mt, da� Neros kupferhaltige Silberm�nzen im Verh�ltnis zehn zu acht eingetauscht werden m��ten, so da� man f�r f�nf alte M�nzen nur vier neue, vollgewichtige bekam.</p><p>Ich selbst erlitt dadurch zwar keine Verluste, aber bei den Minderbemittelten l�ste diese Verordnung ebensoviel Bitterkeit aus wie Neros urspr�ngliche M�nzreform. Sie war daher nicht, so wie er sich das vorstellte, seinem Ansehen f�rderlich. Nero verstand ja nichts von finanziellen Dingen, sondern befolgte nur die Empfehlungen listiger Ratgeber. Die Legionen gaben sich jedoch zufrieden, weil ihr kaum merklich verringerter Sold hiernach in reinem Silber ausbezahlt wurde.</p><p>Nero konnte �ber den Zustand der Staatskasse nur bek�mmert den Kopf sch�tteln, da er doch seiner Meinung nach alles tat, um die Lage zu bessern, und auf Kosten seiner k�nstlerischen Bet�tigung viel von seiner Zeit opferte, um die Steuerlisten der Provinzen durchzugehen und verm�gende M�nner auszusuchen, deren Eigentum zur Strafe f�r die Teilnahme an der Pisonischen Verschw�rung beschlagnahmt werden konnte.</p><p>Es fiel nicht schwer, Beweise herbeizuschaffen. Der eine hatte sich eine unvorsichtige Freuden�u�erung zuschulden kommen lassen, ein anderer hatte Neros Geburtstag �bersehen, wieder ein anderer � und das war das schlimmste Verbrechen � hatte eine geringsch�tzige Bemerkung �ber seine Stimme gemacht. Kein Reicher hat ein ganz und gar reines Gewissen. Man mu�te sich sogar h�ten, einzuschlafen oder auch nur zu g�hnen, wenn Nero im Theater auftrat, und ebensowenig duldete er es, da� einer w�hrend der Vorstellung ging, und sei es einer ernsthaften Erkrankung wegen.</p><p>Um den bevorstehenden parthischen Krieg zu finanzieren, mu�te er alle Luxusartikel mit unziemlich hohen Umsatzsteuern belegen, und die Folge davon war, da� solche Waren nur noch unter dem Ladentisch verkauft wurden. Daher wurden die L�den der Stadt immer wieder ohne Vorank�ndigung durchsucht, und die Kaufleute nahmen es sehr �bel auf, da� ihre Vorr�te beschlagnahmt und sie selbst zu Geldbu�en verurteilt wurden.</p><p>Flavius Sabinus, mein ehemaliger Schwiegervater, sch�mte sich dieser Ma�nahmen, f�r deren Durchf�hrung er als Stadtpr�fekt verantwortlich war, und f�rchtete, sein Ansehen zu verlieren. Manchmal, das wei� ich aus ganz sicherer Quelle, lie� er die Kaufleute, zumindest die reicheren, im voraus warnen, und er brauchte seine Ehrlichkeit nicht zu bereuen. Seine finanziellen Verh�ltnisse besserten sich innerhalb erstaunlich kurzer Zeit.</p><empty-line/><p>Statilia Messalinas Eitelkeit kam jedoch Nero zu Hilfe. Statilia fand, Veilchenblau kleide sie am besten, und darin hatte sie gewi� recht. Um diese Farbe ganz f�r sich allein zu haben, �berredete sie Nero dazu, den Verkauf veilchenblauer Farbstoffe zu verbieten. Die Folge davon war selbstverst�ndlich, da� jede R�merin, die auf sich hielt, in Gesellschaft zuverl�ssiger Freunde in Veilchenblau aufzutreten oder zumindest irgendein Kleidungsst�ck in dieser Farbe zu besitzen w�nschte.</p><p>Der Schleichhandel mit Veilchenblau nahm daraufhin solche Ausma�e an, und die Kaufleute verdienten so viel, da� sie gern ab und zu ihre Vorr�te beschlagnahmen lie�en und die Bu�e zahlten.</p><empty-line/><p>Nero war selbst nicht darauf erpicht, gegen die Parther Krieg zu f�hren, so notwendig ein solcher Krieg auch f�r Roms Zukunft sein mochte, da es galt, dem Handel einen Landweg in die Reiche des Ostens zu bahnen. Auch mich d�nkte ein gro�er Krieg verh�ngnisvoll, aber ich dachte an Dich und freundete mich allm�hlich mit dem Plan an. Die Freigelassenen meines Vaters in Antiochia verdienten durch die Lieferungen an die Legionen ungeheure Summen und redeten mir in ihren Briefen eifrig zu, die Kriegspl�ne im Ausschu� f�r orientalische Angelegenheiten zu bef�rworten. An sich war der Zeitpunkt g�nstig. Parthien mu�te um der Sicherheit Roms willen fr�her oder sp�ter unterworfen werden. Ich hatte mir nur gew�nscht, es m�ge nicht zu meinen Lebzeiten geschehen, und es geschah auch nicht. Das Unausweichliche steht uns noch bevor.</p><p>Nero gab nach, als man ihm vor Augen f�hrte, da� er den Krieg selbst getrost Corbulo �berlassen und als oberster Feldherr den Triumph feiern konnte. Ich glaube aber, mehr als der in Aussicht gestellte Triumph verlockte ihn der Gedanke, eine Vorstellung in Ekbatana zu geben, um sich dort durch seine gl�nzende Stimme nach den Leiden des Krieges die Ergebenheit seiner neuen Untertanen zu sichern.</p><p>Keiner seiner Ratgeber hielt es f�r n�tig, ihn dar�ber aufzukl�ren, da� die Parther die Musik nicht sonderlich lieben und den Gesang als keinen eines Herrschers w�rdigen Zeitvertreib betrachten. Weit h�her sch�tzen sie die Kunst des Reitens und des Bogenschie�ens, wie der Triumvir Crassus seinerzeit am eigenen Leib erfahren mu�te. Um sich seiner zu entledigen, schickte ihn Dein Ahn Julius Caesar gegen die Parther ins Feld, und die Parther t�teten ihn, indem sie ihm geschmolzenes Gold in die Kehle gossen, damit er endlich einmal genug davon bekam. La� Dir das eine Lehre sein, mein Sohn. Wenn wirklich einer nach Parthien mu�, so geh nicht selbst, sondern schicke einen andern.</p><p>�ber die Geschichte Parthiens und das Herrschergeschlecht der Arsakiden brauche ich nicht viel zu berichten. Es gibt da nichts als Brudermord, Staatsstreiche, orientalische Hinterlist und derlei Dinge mehr, die bei uns in Rom nicht vorkommen k�nnen. Von den r�mischen Kaisern ist ja im Grunde nur einer �ffentlich ermordet worden, n�mlich Dein Stammvater Julius Caesar, und der war selbst schuld, weil er in seiner Eitelkeit klugen Rat in den Wind schlug. Seine M�rder glaubten zudem aufrichtig, zum Besten des Vaterlandes zu handeln. Gajus Caligula ist ein Fall f�r sich, und es ist nie eindeutig nachgewiesen worden, ob Livia wirklich Augustus vergiftet und ob Caligula Tiberius erw�rgt hat. Agrippina vergiftete Claudius, ohne �ffentliches Aufsehen zu erregen. Man mag also �ber diese Geschehnisse denken, wie man will, eines mu� man zugeben: es wurde alles auf denkbar anst�ndige Weise, sozusagen innerhalb der Familie, erledigt.</p><p>Die Arsakiden dagegen betrachten sich als die rechtm��igen Erben des fr�heren persischen Reiches und herrschen nun schon seit mehr als dreihundert Jahren. Sie br�sten sich mit ihren Morden und bilden sich auf ihre Heimt�cke auch noch etwas ein. Ich will mich nicht damit aufhalten, alle diese undurchsichtigen Mordintrigen aufzuz�hlen. Es gen�gt zu sagen, da� es zuletzt Vologeses gelang, seine Macht zu festigen, und da� er ein sehr schlauer Widersacher Roms wurde. Er machte seinen Bruder Tiridates zum K�nig in Armenien, um ihn in Bedr�ngnis zu bringen. Armenien war durch die Kriegsz�ge Corbulos dreimal verheert und zur�ckerobert worden. In dem armenischen Krieg erlitten zwei Legionen eine so schimpfliche Niederlage, da� Corbulo jeden zehnten Mann hinrichten lie�, um die Manneszucht wiederherzustellen. Es dauerte Jahre, bis aus den verweichlichten syrischen Legionen wieder ein kampft�chtiges Heer geworden war, aber nun begannen Corbulos Anstrengungen Fr�chte zu tragen.</p><p>Vologeses mu�te klein beigeben und Armenien als Verb�ndeten Roms anerkennen, um seinen Bruder von Ekbatana fernzuhalten. In Gegenwart der Legionen und der Reiterei legte Tiridates sein Diadem zu Neros F��en nieder. Man hatte zu diesem Zweck eine Statue Neros auf einen Senatorenschemel gestellt. Tiridates gelobte und schwor, er werde selbst nach Rom kommen, um die Bundesgenossenschaft zu bekr�ftigen und das Diadem aus Neros Hand zur�ckzuerhalten.</p><p>Er lie� sich jedoch nie in Rom blicken. Auf Fragen antwortete er mit Ausfl�chten. Unter anderem behauptete er, sein Glaube verbiete ihm, sich den Gefahren einer Seereise auszusetzen. Als man ihn daraufhin bat, den Landweg zu benutzen, klagte er �ber seine Armut. Ohne Zweifel verschlang der Wiederaufbau Armeniens alle seine Mittel.</p><p>Nero versprach ihm, f�r die Kosten der Landreise bis auf r�mischen Boden aufzukommen, doch Tiridates zog es vor zu bleiben, wo er war. Sicheren Angaben zufolge bem�hte er sich, unn�tig enge Verbindungen mit den armenischen Edlen anzukn�pfen, von denen immer noch einige am Leben waren, obgleich sowohl R�mer wie Parther alle hinrichteten, die ihnen in die H�nde fielen.</p><p>Im Senatsausschu� f�r orientalische Angelegenheiten betrachteten wir die Ausfl�chte des Tiridates als bedenklich. Wir wu�ten nur zu gut, da� die Parther insgeheim Aufwiegler zu den Verb�ndeten Roms im Osten und sogar in die Provinzen schickten, die die Unzufriedenheit sch�rten, um einen Krieg zu verhindern. Sie bestachen germanische St�mme und stifteten sie zu Unruhen an, damit die Legionen nicht aus Germanien abgezogen und in den Osten verlegt werden konnten, und versuchten durch allerlei Versprechungen sogar in Britannien feindlich gesinnte St�mme zum offenen Aufruhr aufzuhetzen. In Britannien standen damals noch immer vier Legionen, um den Frieden zu sichern. Als Boten verwendete Vologeses umherziehende j�dische H�ndler, die sprachkundig waren und sich neuen Verh�ltnissen gut anzupassen verstanden.</p><p>Zum Gl�ck erfuhr ich rechtzeitig von diesen Umtrieben, und zwar durch den alten Petro in Lugundanum. Ich war es, des gro�en Erbes wegen, Lugunda schuldig, eine Stadt nach ihr zu benennen. Der Ort ist gl�cklich gew�hlt und zu einem Knotenpunkt im Land der Icener geworden. Petro wohnt dort und genie�t eine wohlverdiente Alterspension, die ich ihm zum Lohn f�r seine Treue ausbezahle. Durch ihn stehe ich weiterhin mit den Druiden in Verbindung, und er berichtet mir, was die einzelnen St�mme treiben.</p><p>Die Druiden rieten von einem Aufruhr ab, weil gewisse Vorzeichen sie davon �berzeugt hatten, da� die Macht Roms auf ihrer Insel ohnehin nicht bestehen werde. Ich bin, wenn es um mein Verm�gen geht, nicht abergl�ubisch. Ich lasse mein Geld ruhig in Britannien weiterarbeiten und sich vermehren und lege sogar immer wieder welches dort an.</p><p>Wie dem auch sei: durch meine Verbindungen mit den Druiden erfuhr ich von den verd�chtigen Reisen der j�dischen Kaufleute in Britannien. Auf meinen Rat lie� der Prokurator zwei von ihnen ans Kreuz schlagen, und zwei weitere opferten die Druiden von sich aus in Weidenk�rben ihren G�ttern, weil die Juden, ungeachtet ihres geheimen Auftrages, in Glaubensdingen allzu selbstbewu�t auftraten. Wenigstens eine der in Britannien stehenden Legionen konnte in den Osten verlegt werden. Die anderen blieben meiner Ansicht nach besser, wo sie waren.</p><p>Allm�hlich gelang es, unter vielen Vorsichtsma�nahmen zehn Legionen im Osten zusammenzuziehen. Ich z�hle sie nicht auf, weil sie auf dem Marsch sowohl die Nummern als auch die Adler wechseln mu�ten, um die parteiischen Kundschafter irrezuf�hren. Trotzdem war Vologeses sehr gut �ber die Bewegungen und die Aufstellung unserer Truppen unterrichtet, und er wu�te sogar, da� wir die Absicht hatten, dem Senat und dem Volk von Rom einen Streit um Weideland am Euphrat als Kriegsursache darzustellen. Corbulo, der noch gut bei Kr�ften war, hatten wir in einer geheimen Ausschu�sitzung die Ehre bewilligt, als Kriegserkl�rung einen Speer �ber den Euphrat auf parthisches Gebiet zu werfen. Er versicherte in einem Brief, er sei dazu imstande, versprach aber, vorsichtshalber t�glich zu �ben, damit der Speer nicht ins Wasser fiel, sondern wirklich das umstrittene Weideland erreichte.</p><p>Neros schon seit langem geplante Reise nach Griechenland kam nun sehr gelegen und diente unseren milit�rischen Absichten als Tarnung^ Nicht einmal die Parther konnten daran zweifeln, da� es Nero wirklich darum zu tun war, bei den uralten Spielen der Griechen S�ngerlorbeer zu gewinnen, und es konnte keinen Verdacht erwecken, da� er zu seinem Schutz die eine der beiden Pr�torianerlegionen mitnahm und die andere zur Bewachung seines Thrones zur�cklie�.</p><p>Tigellinus versprach, Neros Gegner w�hrend seiner Abwesenheit im Zaum zu halten, so bitter er es auch beklagte, da� ihm nicht die Ehre verg�nnt war, mit dem Kaiser zu reisen. Selbstverst�ndlich wollte jeder, der jemand zu sein glaubte, den Kaiser begleiten, um Zeuge seiner Siege im Wettstreit der S�nger zu sein und sich in seiner N�he aufzuhalten. Es war darunter so mancher, der von dem geplanten Krieg und den M�glichkeiten, sich auszuzeichnen, die er bot, nichts wu�te und vermutlich Krankheit oder irgendeinen anderen Hinderungsgrund vorgesch�tzt haben w�rde, wenn er davon gewu�t h�tte.</p><p>Zwar waren Nachrichten von dem Aufruhr der Juden in Jerusalem und Galil�a, der selbstverst�ndlich von den Parthern gesch�rt wurde, nach Rom gelangt, aber keiner von uns nahm sie wirklich ernst. In diesen Gegenden gab es immer Streit, ob nun Felix Prokurator war oder Festus. K�nig Herodes Agrippa schien allerdings aufrichtig bek�mmert zu sein.</p><p>Wir beschlossen im Ausschu� f�r orientalische Angelegenheiten, aus Sicherheitsgr�nden eine ganze Legion aus Syrien hinzuschicken, um diesen zur Unzeit auftretenden Unruhen mit harter Faust ein Ende zu machen. Die Legion konnte ein wenig Kampferfahrung sammeln, wenn schon keinen gr��eren Kriegsruhm gewinnen. Jedenfalls waren die mit Keulen und Steinschleudern bewaffneten Juden unserer Meinung nach nicht imstande, einer gut ausgebildeten Legion nennenswerten Widerstand zu leisten.</p><empty-line/><p>So kam nun die langersehnte Reise nach Griechenland, mit der Nero seine K�nstlerlaufbahn zu kr�nen gedachte, endlich zustande. Er hatte befohlen, da� alle Wettspiele unmittelbar nacheinander abgehalten werden mu�ten, so da� er gleich nach seiner Ankunft an allen teilnehmen konnte.</p><p>Soviel ich wei�, war dies das einzige Mal, da� die Olympischen Spiele auf einen fr�heren Zeitpunkt vorverlegt wurden, und man kann sich ausmalen, was f�r Schwierigkeiten das mit sich brachte. Nicht zuletzt kam die griechische Zeitrechnung durcheinander, denn stolz auf ihre Vergangenheit rechnen die Griechen, mit den ersten Spielen in Olympia beginnend, noch immer in Olympiaden, obwohl sie sich damit begn�gen k�nnten, die Jahre, bescheiden wie wir R�mer, ganz einfach von der Gr�ndung der Stadt an zu z�hlen. Damit h�tten wir eine einheitliche Zeitrechnung, aber den Griechen ist nichts umst�ndlich genug.</p><p>Im letzten Augenblick vor der Abreise weigerte sich Nero, Statilia Messalina mitzunehmen. Als Grund gab er an, er k�nne im Falle eines Kriegsausbruchs nicht f�r ihre Sicherheit b�rgen. Der wahre Grund trat unterwegs ans Licht. Nero hatte endlich den Menschen gefunden, der in allen Z�gen Poppaea �hnelte. Er hie� Sporus und war leider keine Frau, sondern ein ungew�hnlich sch�ner J�ngling.</p><p>Sporus versicherte jedoch, er f�hle sich in seinem Herzen mehr als M�dchen denn als Knabe. Daher lie� Nero auf seinen eigenen Wunsch einen kleinen Eingriff an ihm vornehmen und gab ihm Arzneien, die ein alexandrinischer Arzt empfohlen hatte, um den Bartwuchs zu unterbinden, die Brust zu vergr��ern und �berhaupt die aphrodisischen Eigenschaften zu entwickeln.</p><p>Um nicht sp�ter noch einmal auf diese Geschichte, die viel b�ses Blut machte, zur�ckkommen zu m�ssen, will ich gleich berichten, da� Nero sich in Korinth unter den �blichen Zeremonien mit Sporus verm�hlte und diesen hinfort als seine Gattin behandelte. Nero selbst behauptete allerdings, die Trauung mit der �berreichung der Mitgift, den Schleiern, dem Umzug und was sonst noch dazugeh�rt, sei eine reine Formsache, die eben von gewissen Mysterien gefordert werde, im �brigen aber nicht rechtlich bindend. Seiner G�ttlichkeit wegen betrachtete er sich als zwiegeschlechtig wie alle m�nnlichen G�tter. Alexander der Gro�e hatte viel zu dieser Anschauung beigetragen, als er sich in �gypten zum Gott erh�hen lie�. Deshalb sah Nero in seinen Neigungen eine Art zus�tzlichen Beweis f�r seine G�ttlichkeit.</p><p>Er war von der Richtigkeit seiner Anschauung so �berzeugt, da� er sich die gr�bsten Scherze auf Sporus� Kosten gefallen lie�. Eines Tages fragte er im Spa� einen als Stoiker bekannten Senator um seine Meinung �ber diese Ehe. Der Alte antwortete boshaft: �Es st�nde besser um die Welt der Menschen, wenn auch dein Vater Domitius so eine Gattin gehabt h�tte.� Nero nahm es ihm nicht �bel, sondern lachte laut.</p><p>�ber Neros Siege in den musikalischen Wettspielen ist genug geschrieben worden. Er brachte ja �ber tausend Siegeskr�nze heim. Nur bei den olympischen Wagenrennen erging es ihm �bel, denn beim Rennen der Zehngespanne st�rzte er am Wendepfahl vom Wagen und konnte gerade im letzten Augenblick noch die Z�gel kappen, die er sich um den Leib geschlungen hatte. Er zog sich ein paar b�se Schrammen zu, aber als Lohn f�r seine K�hnheit bewilligten ihm die unparteiischen Preisrichter einstimmig einen Kranz. Nero fand jedoch, er k�nne ihn nicht annehmen, da er das Rennen hatte aufgeben m�ssen. Er begn�gte sich mit den Olivenkr�nzen, die er im S�ngerwettstreit und beim Ringen gewann.</p><p>Auch in anderen F�llen versuchte Nero nach bestem Verm�gen sich so ehrenhaft zu verhalten, wie es dem Geist der Spiele entsprach, und er h�tete sich, seine Mitbewerber im S�ngerwettstreit so grob zu verunglimpfen, wie er es in Rom gewohnt war. Seine Siege waren um so verdienstvoller, als er vom Mi�geschick verfolgt wurde. Eine ganze Woche lang litt er heftige Zahnschmerzen, so da� der kranke Zahn zuletzt gezogen werden mu�te. Er zerbrach trotz der Geschicklichkeit des Arztes in der Zange, und die Wurzeln mu�ten St�ck f�r St�ck aus den Kiefer gestochert werden. Nero ertrug den Schmerz mannhaft.</p><p>Zum Gl�ck hatte der Arzt ein Bet�ubungsmittel, und Nero trank sich vorher einen Rausch an, wie es der mutigste Mann gern tut, ehe er sich dem Zahnbrecher ausliefert. Wieweit der Zahnschmerz und die Schwellung seine Stimme beeintr�chtigten und seine Angst vor dem Auftreten verst�rkten, m�gen Sachkundigere als ich beurteilen.</p><p>Als einen Beweis f�r Neros Ehrenhaftigkeit sehe ich es auch an, da� er, als man ihm anbot, ihn in die Eleusinischen Mysterien einzuweihen, diese Ehre bescheiden ablehnte, indem er darauf hinwies, da� er im Ruf eines Mutterm�rders stehe. B�se Zungen behaupteten sp�ter freilich, er habe die Strafe der G�tter gef�rchtet, falls er an diesem heiligsten aller Mysterien teiln�hme. Das ist ein haltloses Geschw�tz. Nero wu�te, da� er selbst ein Gott war wie die anderen G�tter des Landes auch, wenngleich er aus reiner Bescheidenheit diese �ffentliche Ehrung ablehnte. Wir im Senat waren mit gro�er Mehrheit bereit, ihn schon zu Lebzeiten zum Gott zu erh�hen, sobald er nur wollte.</p><p>Nachdem ich mir die Sache �berlegt hatte, kam ich zu dem Schlu�, da� es auch f�r mich das beste war, nicht an den eleusinischen Zeremonien teilzunehmen. Den Priestern erkl�rte ich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, da� ich, ohne zu wissen, was ich tat, gezwungen gewesen war, meinen eigenen Sohn hinrichten zu lassen. So vermied ich es, die heilige Priesterschaft zu beleidigen, und konnte Nero sagen, ich schl�sse mich aus Freundschaft zu ihm von den Mysterien aus. Er vertraute mir darum um so mehr, und das sollte mir binnen kurzem zustatten kommen.</p><p>In Wirklichkeit sagte ich mir, da� Claudia mir allzu viele Fragen gestellt haben w�rde, wenn ich mich h�tte einweihen lassen. Ich verzichtete also um des Hausfriedens willen darauf, obwohl ich es danach bereute, als ich sah, wie die anderen Senatoren noch Tage nach der Einweihung offensichtlich gl�cklich waren, weil sie g�ttliche Geheimnisse erfahren hatten, die seit Menschengedenken noch kein Eingeweihter Au�enstehenden entdeckt hat.</p><p>Und dann kam die unglaubliche, besch�mende Eilbotschaft, da� j�dische Freischaren die syrische Legion, die aus Jerusalem geflohen war, zersprengt und bis auf den letzten Mann niedergemacht hatten. Den eroberten Legionsadler hatten die Juden als Opfergabe in ihrem Tempel aufgestellt.</p><p>Ich nenne weder die Nummer noch das Losungswort der Legion, denn sie wurde aus den Rollen getilgt. Noch heute verbieten die Zensoren, da� diese Legion in den Annalen Roms erw�hnt wird. Die Geschichtsschreiber verschweigen am liebsten sogar den Aufstand der Juden, obwohl sich Vespasian und Titus ihres sp�teren Sieges nicht zu sch�men brauchten, sondern sogar einen Triumph feierten. Zum Teil war es allerdings blo�e Sparsamkeit, da� man die Legion einfach ausstrich, denn es kam nicht zum Krieg gegen die Parther.</p><p>Ich gestehe, da� ich meinen ganzen Mut zusammennehmen mu�te, um Nero Aug in Aug gegen�berzutreten, als er vom Ausschu� f�r orientalische Angelegenheiten eine Erkl�rung zu dem Geschehenen forderte. Es war seiner Ansicht nach unfa�bar, da� wir nicht gewu�t hatten, wie weit die j�dischen Aufr�hrer die Mauern Jerusalems verst�rkt hatten und wie es ihnen gelungen war, sich heimlich Waffen zu verschaffen und Truppen auszubilden, was sie zweifellos getan hatten, denn anders h�tten sie niemals eine ganze Legion aufreiben k�nnen.</p><p>Ich als der J�ngste wurde vorgeschoben, um meine Ansicht zu sagen, wie es beim Kriegsrat �blich ist. Vermutlich vertrauten meine Amtsbr�der auf die Freundschaft zwischen Nero und mir und wollten mir gar nichts B�ses, und au�erdem f�llt es mir im allgemeinen nicht schwer zu sprechen.</p><p>Ich konnte auf die Verschlagenheit der Parther hinweisen und auf die ungeheuren Summen, die Vologeses ausgegeben hatte, um Roms Streitkr�fte zu binden, wo immer es m�glich war. Die Juden hatten die Waffen vermutlich von ihm gekauft oder vielleicht sogar geschenkt bekommen, und es war ihnen ein leichtes gewesen, sie unbemerkt von unseren Grenzwachen durch die W�ste nach Jud�a zu schaffen. Man wu�te au�erdem, wie treu diese j�dischen Aufwiegler ihrer Sache anhingen, so da� es niemanden zu wundern brauchte, da� die Vorbereitungen nicht verraten worden waren.</p><p>Die fortw�hrenden Streitigkeiten, w�hrend Felix und Festus als Statthalter in Caesarea sa�en, hatten alle, auch die Kl�gsten, in Sicherheit gewiegt. Viel Geschrei, wenig Wolle, sagt man. In Jud�a wie anderswo glaubten wir zu herrschen, indem wir teilten. �Das gr��te Wunder ist es�, sagte ich, �da� die uneinigen j�dischen Parteien sich zum gemeinsamen Aufruhr zusammenschlossen.�</p><p>Vorsichtig wies ich auch auf die entsetzliche Macht des j�dischen Gottes hin, von der in den heiligen Schriften der Juden �berzeugende Beispiele zu finden sind, obwohl dieser Gott weder Abbild noch Namen hat, sondern nur durch gewisse Umschreibungen genannt wird. Dann fuhr ich fort: �Vieles lie�e sich noch erkl�ren. Eines aber ist unbegreiflich: Wie konnte Corbulo, in dessen H�nde der kommende Krieg gelegt war, trotz seinem Feldherrnruhm und seinen Erfolgen in Armenien dies alles geschehen lassen? Es ist seine Sache und nicht die des Prokonsuls in Syrien, in Jud�a und Galil�a die Ordnung wiederherzustellen und somit St�tzpunkte f�r die weitere Kriegf�hrung zu schaffen. Offenbar hat Corbulo seine ganze Aufmerksamkeit nach Norden gerichtet und die Hyrkaner darauf vorbereitet, die parthischen Truppen an dem Meer dort oben zu binden. Indem er sich aber nur einer Einzelheit des gro�en Planes widmete, verlor er den �berblick �ber das Ganze, beurteilte die Lage falsch und bewies damit, da� er ungeachtet seines Ansehens nicht das Zeug zu einem wirklich gro�en Heerf�hrer hat.�</p><p>Das war meiner Ansicht nach die Wahrheit, und im �brigen verband mich mit Corbulo keine Freundschaft. Ich kannte ihn nicht einmal n�her. Au�erdem mu� die Freundschaft beiseite treten, wenn der Staat in Gefahr ist. Dieser Grundsatz wird jedem Senator eingepr�gt. Manchmal wird er sogar befolgt. Es ging aber nicht nur um das Wohl des Staates, es ging um unser eigenes Leben, und wir hatten keine Ursache, Corbulo zu schonen.</p><p>Ich erk�hnte mich sogar zu bemerken, da� der Krieg gegen die Parther unserer Meinung nach aufgeschoben werden mu�te, bis der Aufruhr in Jerusalem niedergeworfen war. Dazu brauchte man zun�chst drei Legionen. Zum Gl�ck standen die Legionen schon in ihrem Aufmarschgebiet, und wir hatten genug Belagerungsmaschinen, um auch die st�rksten Mauern zu brechen. Mit dem Aufstand der Juden in Jerusalem konnten wir im Handumdrehen fertig werden. Gef�hrlicher schien es mir, da� es j�dische Kolonien in fast allen St�dten des Reiches gab, von den drei�igtausend Juden Roms ganz zu schweigen.</p><p>Nero lie� mich zu Ende sprechen. Seine Erregung schien sich allm�hlich zu legen. Ich beeilte mich daher zu versichern, da� die Juden der Julius-Caesar-Synagoge in Rom nichts mit dem Aufruhr zu tun hatten. Daf�r konnte ich geradestehen, obwohl ihre Abgaben an den Tempel zu Jerusalem offenbar dazu mi�braucht worden waren, den Aufruhr zu finanzieren. �Aber auch Poppaea schickte, nichts B�ses ahnend, Geschenke an den Tempel.�</p><p>Als ich schwieg, wagte kein anderer ums Wort zu bitten. Nero dachte lange nach. Er runzelte die Stirn und bi� sich auf die Lippen. Dann verabschiedete er uns mit einer ungeduldigen Handbewegung. Er hatte an anderes zu denken. Wir sollten zur Strafe f�r unsere Vers�umnisse eine Weile warten und im ungewissen bleiben.</p><p>Nero gedachte in seiner Eigenschaft als Imperator, ohne den Senat anzuh�ren, einen Befehlshaber zu ernennen, der seiner Ansicht nach f�hig war, Jerusalem zu erobern, und ihm die dazu n�tigen Truppen zur Verf�gung zu stellen. Corbulo hatte er bereits rufen lassen, damit er ihm �ber Geschehenes und Ungeschehenes Rechenschaft ablege. Den parthischen Feldzug auf unbestimmte Zeit aufzuschieben war ein so ernster Entschlu�, da� Nero zuerst die Vorzeichen erfragen und ein Opfer verrichten wollte.</p><p>Wir waren ein wenig erleichtert, als wir gingen, und ich lud meine Amtsbr�der zu einem guten Mahl in meiner Herberge, aber obwohl meine beiden ber�hmten K�che ihr Bestes getan hatten, wollte uns das Essen nicht recht schmecken. Wir sprachen �ber den Aufruhr und dachten nicht daran, Wasser in den Wein zu mischen. Meine G�ste �u�erten so bittere und voreingenommene Ansichten �ber die Juden, da� ich mich gezwungen sah, ihnen zu widersprechen und die Juden geradezu in Schutz zu nehmen.</p><p>Sie haben gewi� auch ihre guten, achtenswerten Eigenschaften, und sie k�mpften f�r die Freiheit ihres Volkes. Im �brigen war Jud�a kaiserliche Provinz und nicht senatorische. Nero trug an dem Aufruhr selbst die Schuld, denn er hatte nach Felix einen r�cksichtslosen R�uber wie Festus zum Prokurator ernannt.</p><p>Ich legte vielleicht ein wenig zu viel Eifer in meine Verteidigungsrede, denn die anderen Senatoren, denen der Wein schon zu Kopf gestiegen war, betrachteten mich mit verwunderten Blicken, und zuletzt sagte einer voll Verachtung: �Es scheint zu stimmen, was �ber dich gesagt wird. Du bist wirklich ein Narbenschwanz.�</p><p>Ich wollte diesen scheu�lichen Spitznamen eigentlich verschweigen, aber dank dem Spottgedicht Deines b�rtigen Freundes Juvenal ist er ohnehin wieder in aller Leute Mund. Nein, ich mache Dir keine Vorw�rfe, mein Sohn, weil Du das Gedicht liegen lie�est, als Du das letzte Mal hier warst, um Deinen Vater eine Freude zu machen. Es ist nur gut, da� ich erfahre, was man von mir denkt und was Du von Deinem Vater denkst. Au�erdem gebrauchen die Dichter heutzutage noch viel unfl�tigere Ausdr�cke. Soweit ich es verstehe, wollen sie die Wahrheit und den nat�rlichen Sprachgebrauch gegen die gek�nstelte Sch�nrederei verteidigen, die uns Seneca hinterlassen hat. Vielleicht haben sie recht. Aber den Bart haben sie Titus abgeschaut, der diese Mode in Rom einf�hrte, als er aus Jerusalem heimkehrte.</p><p>Corbulo vermochte nichts mehr zu retten. Nero wollte ihn nicht einmal sehen. Corbulo erhielt den Befehl, Selbstmord zu begehen, kaum da� er in Kenchreae an Land gegangen war. �Wenn ich das Gl�ck gehabt h�tte, unter einem anderen Kaiser zu leben, w�rde ich Rom die ganze Welt erobert haben�, sagte er. Dann st�rzte er sich auf dem Kai in sein Schwert, nachdem er verf�gte, da� es zerbrochen und ins Meer geworfen werden sollte, damit es nicht in unw�rdige H�nde geriet. Gleichwohl glaube ich nicht, da� er ein gro�er Feldherr war. Das beweist sein Fehlurteil, als sich ihm die gr��te Gelegenheit seines ganzen Lebens bot.</p><p>Nero hatte genug Vernunft, von seinem Lieblingsgedanken, eine Vorstellung in Ekbatana zu geben, abzulassen. Er war ein geschickter Schauspieler, und es fiel ihm nicht schwer, �berzeugend zu stolpern, als er das Opfer darbrachte. Wir konnten also mit eigenen Augen sehen, da� die unsterblichen G�tter die Unterwerfung der Parther noch nicht w�nschten. Um ein verheerendes Ungl�ck zu vermeiden, war es daher das kl�gste, den Feldzug aufzuschieben. Er h�tte zu diesem Zweck auch gar nicht durchgef�hrt werden k�nnen, denn Vespasian verlangte, sobald er sich mit der Lage vertraut gemacht und genaue Erkundigungen �ber die Kriegsvorbereitungen der Juden eingezogen hatte, f�r die Belagerung Jerusalems vier Legionen.</p><p>Denn unbegreiflich sind die Wege der Vorsehung, wie Deine Mutter griesgr�mig zu sagen pflegt, wenn mir wieder einmal ein Unternehmen gegl�ckt ist. Ausgerechnet meinen fr�heren Vorgesetzten Flavius Vespasian beauftragte Nero in seiner Launenhaftigkeit mit der Belagerung Jerusalems. Vespasian wehrte sich bis zuletzt. Er erkl�rte, er sei des Kriegf�hrens m�de und habe in Britannien genug Ehre erworben, er sei ein alter Mann und es gen�ge ihm, Mitglied zweier Priesterkollegien zu sein.</p><p>Da er wirklich nicht mehr der J�ngste war und noch unmusikalischer als ich, widerfuhr ihm eines Tages das Mi�geschick, einzuschlafen, als Nero an einem S�ngerwettstreit teilnahm. In seinem Zorn kommandierte ihn Nero zu einer beschwerlichen Strafexpedition ab, bei der keine Ehre zu gewinnen war. Er lie� sich zuletzt zwar durch seine Tr�nen erweichen, gab ihm aber daf�r den endg�ltigen Befehl, Jerusalem zu belagern, und tr�stete ihn, indem er sagte, nun habe er, Vespasian, eine einmalige Gelegenheit, sich an den Sch�tzen der Juden zu bereichern. So brauchte er nicht mehr Maulesel zu verkaufen, was ohnehin eine eines Senators unw�rdige Besch�ftigung war, und nicht mehr st�ndig �ber seine Armut zu jammern.</p><p>Die Ernennung Vespasians wurde allgemein als ein Beweis f�r Neros Wahnsinn angesehen. Vespasian war in dem Ma�e verachtet, da� Neros Lieblingssklaven ihn mit der gr��ten Unh�flichkeit behandelten, wenn er sich bei seltenen Gelegenheiten einmal im Goldenen Haus blicken lie�. Eingeladen wurde er nur einmal im Jahr, an Neros Geburtstag, und selbst f�r diese Gunst mu�te er sich erkenntlich zeigen, indem er Poppaea und sp�ter Statilia Messalina ein paar Maulesel schenkte.</p><p>Mit den Verh�ltnissen im Osten war Vespasian nicht vertraut. Es w�re niemandem eingefallen, ihn f�r einen Ausschu� oder irgendeinen Sonderauftrag vorzuschlagen. Dagegen h�tte Ostorius, den Claudius seinerzeit gleichsam aus Versehen nach Britannien geschickt und der sich dort ausgezeichnet hatte, gern den Befehl �ber die Legionen �bernommen, um den Aufstand der Juden niederzuwerfen. Er �u�erte diesen Wunsch so oft, da� Nero schlie�lich mit gutem Grund mi�trauisch wurde und ihn enthaupten lie�. Vespasian hingegen vertraute er um so mehr, als dieser sich str�ubte, den Auftrag zu �bernehmen, und ihn als Strafe f�r seine Schl�frigkeit betrachtete, die er nicht genug verfluchen konnte.</p><p>Immerhin zweifelte Nero selbst so sehr an der Richtigkeit seiner Wahl, da� er Vespasian aufforderte, seinen Sohn Titus mitzunehmen, der sich gleichfalls in Britannien ausgezeichnet und als ganz junger Mann einmal seinen Vater durch einen k�hnen Reiterangriff aus einem Hinterhalt der Briten herausgehauen hatte. Nero hoffte, Titus werde seinen Vater durch seinen jugendlichen Eifer anspornen und ihm helfen, Jerusalem in k�rzester Zeit zu erobern.</p><p>Er ermahnte Vespasian jedoch, unn�tige Verluste zu vermeiden, denn er hatte von den starken Mauern Jerusalems geh�rt. Die Lage der Stadt war in milit�rischer Hinsicht so vorteilhaft, da� es sogar Pompejus seinerzeit schwergefallen war, Jerusalem einzunehmen, und Vespasian war nach Neros eigener Ansicht mit Pompejus nicht zu vergleichen.</p><p>Ich fand in Korinth Gelegenheit, wieder Verbindungen mit meinem fr�heren Befehlshaber anzukn�pfen, und bot ihm freien Aufenthalt in dem neuen pr�chtigen Haus meines Freigelassenen Hierax. Vespasian war mir daf�r sehr dankbar. Ich war �berhaupt auf der ganzen Reise der einzige Mann von Rang, der den einfachen, kriegsm�den Vespasian anst�ndig behandelte.</p><p>Ich bin, was meine Freundschaften anbelangt, weder voreingenommen noch sonderlich w�hlerisch. Das d�rfte mein Lebenslauf bewiesen haben. In meinen Augen waren die unbeschwerten Jugendjahre, die ich unter seinem Befehl in Britannien verbracht hatte, ein hinreichender Grund, seine barsche Freundlichkeit durch eine Gastlichkeit zu vergelten, die mich nichts kostete.</p><p>Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht angebracht, noch einmal darauf hinzuweisen, dal? ich bei der Aufdeckung der Pisonischen Verschw�rung alles tat, um die Flavier zu schonen, was wegen des Mordplans des Flavius Scevinus wahrhaftig nicht leicht war. Zum Gl�ck geh�rte er einer eher verachteten Seitenlinie dieses Geschlechtes an. Ich hatte ihn selbst angezeigt und hatte daher ein gewisses Recht, f�r die anderen Flavier ein gutes Wort einzulegen.</p><p>Auf Vespasian fiel nie der Schatten eines Verdachts, denn er war so arm, da� er seine Stellung als Senator nur mit knapper Not zu halten vermochte. Ich hatte eines meiner Landg�ter auf seinen Namen �berschreiben lassen, als die Zensoren bemerkten, da� er die Verm�gensbedingungen nicht mehr erf�llte. Au�erdem kannte man ihn allgemein als einen so rechtschaffenen Mann, da� es der sch�bigste Verr�ter nicht der M�he wert fand, seinen Namen auf eine Liste zu setzen.</p><p>Ich erw�hne all dies, um zu zeigen, wie fest ich seit jeher mit den Flaviern verbunden war und welchen Wert Vespasian schon zu einer Zeit auf meine Freundschaft legte, da einer von Neros Sklaven ihm noch ungestraft vor die F��e spucken durfte, obwohl er Senator war und den Konsulsrang innehatte. Und meine Freundschaft war ganz uneigenn�tzig. Den Traum, den ich damals gehabt hatte, als die Druiden mich in Schlaf versenkten, hatte ich l�ngst vergessen, aber das wird mir nat�rlich niemand glauben, denn ich gelte als ein Mann, der immer und �berall auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. So stellt mich ja auch das Spottgedicht Deines Freundes dar.</p><p>Im Haus des Hierax hatte ich Gelegenheit genug, festzustellen, da� �manche Menschen ungeschliffenen Edelsteinen gleichen, indem sie n�mlich unter der rauhen Oberfl�che gl�nzende Eigenschaften verbergen�, wie Dein b�rtiger junger Freund Juvenal gerade unl�ngst erst schrieb, um dem Kaiser Vespasian zu schmeicheln. Ich kenne diesen Burschen durch und durch. Er hat allen Grund, nach der Gunst des Kaisers zu streben, denn seine ungeb�hrliche Sprache und seine frechen Spottverse haben Ansto� erregt. Nicht bei mir, denn er ist ja Dein Freund. Nach der Art junger Menschen bewunderst Du den, der die loseste Zunge hat. Denk aber wenigstens daran, da� Du vier Jahre j�nger bist als dieser ungewaschene L�mmel.</p><p>Wenn ich eines mit Sicherheit sagen kann, so ist es das, da� Juvenals unanst�ndige Verse bald vergessen sein werden. Ich habe schon so manchen heller strahlenden Stern als den seinen aufflammen und wieder verl�schen sehen. Au�erdem werden ihm seine alberne Trunksucht, seine Unversch�mtheit, seine �ble Gewohnheit, die Nacht zum Tag zu machen, und dieses st�ndige Geklimper mit �gyptischen Spielwerken bald noch den letzten Rest echter dichterischer Begabung austreiben, den er vielleicht noch besitzen mag.</p><p>Ich schreibe das nicht, weil Du ein Spottgedicht bei mir liegen lie�est, das ein verachtungsw�rdiger junger Mann �ber mich geschrieben hat, weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, seine Versuche in meinem Verlag erscheinen zu lassen. Nein, so einf�ltig bin ich nicht. Ich mache mir nur ernste Sorgen um Dich, mein Sohn.</p><p>In Korinth gewann ich Vespasians Freundschaft in dem Ma�e, da� er mich, ehe er nach �gypten reiste, um die beiden Legionen zu �bernehmen, die dort in Garnison lagen, eindringlich bat, ihm meine Sachkenntnis und meine guten Beziehungen zu den Juden zur Verf�gung zu stellen und ihn ins Feld zu begleiten. Ich mu�te h�flich ablehnen. Es handelte sich ja damals um, keinen wirklichen Krieg, sondern nur um eine Strafexpedition gegen aufr�hrerische Untertanen.</p><p>Als Vespasian abgereist war, lie� Nero, um seine Absichten zu tarnen, die Pr�torianerlegion bei Korinth einen Kanal graben. Dieses Unternehmen war auf seinen Befehl schon fr�her in Angriff genommen worden, hatte aber wieder aufgegeben werden m�ssen, weil sich die unheimlichsten Dinge ereigneten. Die tags�ber ausgehobenen Gr�ben f�llten sich w�hrend der Nacht mit Blut, und im Dunkeln konnte man entsetzliche Klagerufe h�ren, die bis in die Stadt hin�berhallten und den Korinthern Angst und Schrecken einjagten. Das ist die reine Wahrheit und kein dummes Geschw�tz. Ich wei� es n�mlich aus der sichersten Quelle, die es in diesem Falle gibt.</p><p>Hierax hatte im Zuge seiner gl�nzenden Gesch�fte auch sehr eintr�gliche Anteile an der Gleitbahn erworben, auf der die Schiffe �ber die Landenge getreidelt wurden. Es versteht sich von selbst, da� die Besitzer dieser Bahn, die betr�chtliche Gelder investiert hatten � nicht zuletzt in die kr�ftigen Sklaven, die zu dieser Arbeit erforderlich waren �, von einem Kanal nichts wissen wollten. Hierax hatte jederzeit frisches Blut in gro�en Mengen, denn er verkaufte in seinen wassergek�hlten Fleischl�den auch an Juden und mu�te daher die Schlachttiere, so wie es die Juden verlangten, vollst�ndig ausbluten lassen, bevor sie zerteilt wurden.</p><p>Aus diesem Blut, das in Blasen aufbewahrt wurde, lie� er gew�hnlich Blutw�rste f�r die Sklaven in seiner Kupfergie�erei braten. Auf den Rat seiner Gesch�ftsfreunde hin opferte er, ohne auf seinen eigenen Vorteil zu sehen, das w�hrend mehrerer Tage anfallende Blut und lie� es in den N�chten in die Gr�ben auf dem Bauplatz schaffen. F�r das Seufzen und Jammern der Verstorbenen sorgten seine Gesch�ftsfreunde. Da� sich dergleichen leicht bewerkstelligen l��t, habe ich, glaube ich, schon berichtet, als ich erz�hlte, wie Tullias Haus mein gesetzliches Eigentum wurde.</p><p>Nero verriet ich selbstverst�ndlich nichts von dem, was mir Hierax anvertraute, und ich hatte ja auch keinen Grund, den Kanalbau zu unterst�tzen. Als sich die Pr�torianer weigerten weiterzuarbeiten, weil die unheimlichen Geschehnisse sie erschreckten und k�rperliche Arbeit ihnen au�erdem zuwider war, setzte es sich Nero erst recht in den Kopf, seinen Plan auszuf�hren, und grub unter gro�en Festlichkeiten mit eigenen H�nden die erste Grube in der zuk�nftigen Fahrrinne. Die Pr�torianer und das Volk von Korinth sahen ihm zu.</p><p>Auf seine eigenen kaiserlichen Schultern hob er den ersten Korb Erde und trug ihn tapfer an das zuk�nftige Kanalufer. Diese Grube f�llte sich nicht mit Blut, und das n�chtliche Klagegeschrei h�rte auf. Die Pr�torianer fa�ten wieder Mut und gruben weiter, und die Zenturionen erleichterten ihnen die Arbeit mit Stockhieben, um selbst nicht zur Schaufel greifen zu m�ssen. Das trug dazu bei, da� die Pr�torianer Nero noch bitterer zu hassen begannen als den strengen Tigellinus, der sie durch gew�hnliche �bungsm�rsche bestrafte. Sie gaben eben ihre letzten Kr�fte lieber drau�en auf den Stra�en her als am Spatenstiel.</p><p>Ich selbst hatte nach gr�ndlicher �berlegung Hierax gebeten, kein Blut mehr in die Gr�ben sch�tten zu lassen. Meine wahren Gr�nde gab ich nicht preis. Ich riet ihm nur, um seiner eigenen Gesundheit willen den Verlust wie ein Mann zu tragen. Hierax befolgte meinen Rat um so lieber, als der mi�trauische Nero dazu �bergegangen war, in der Nacht Wachen aufzustellen, die alle Unbefugten am Betreten des Kanalgel�ndes hinderten.</p><p>Hierax und seine j�dischen Verbindungen in Korinth brachten mir gro�en Nutzen. Ich hatte n�mlich, gleich als die Nachricht vom Untergang der Legion in Jud�a eintraf, allen Judenchristen eine, Warnung zugehen lassen und ihnen geraten, sich still zu verhalten, denn Nero sandte damals nach Italien und in alle Provinzen den Befehl, jeden j�dischen Aufwiegler beim geringsten Anzeichen von Unruhen sofort festzunehmen und hinzurichten.</p><p>Man konnte von einem r�mischen Beamten nicht gut verlangen, da� er zwischen dem himmlischen und dem irdischen Reich oder zwischen einem Christus und irgendeinem anderen Messias unterschied. Ein Aufwiegler war ein Aufwiegler. F�r den Verstand eines R�mers war das Wirken der Judenchristen nichts anderes als politische Hetze unter einem religi�sen Deckmantel. Die Sache wurde dadurch nicht besser, da� Nero nach zahllosen Schnellverfahren und Hinrichtungen �ffentlich als der Antichrist bezeichnet wurde, dessen Kommen Jesus von Nazareth prophezeit hatte. Nero nahm ihnen allerdings diesen Spitznamen nicht �bel, sondern stellte lediglich fest, da� die Christen ihn offensichtlich als einen ihrem Christus ebenb�rtigen Gott betrachteten, da sie ihn durch einen so gro�artigen Namen ehrten.</p><p>Im Grunde ist die Schw�che der Christen gerade darin zu sehen, da� sie die Politik verachten, sich jeder politischen Bet�tigung enthalten und ihre Hoffnung auf ein unsichtbares Reich richten, das nach allem, was ich davon verstehe, keine Gefahr f�r den Staat bedeutet. Deshalb haben sie, nun da ihre F�hrer tot sind, keine Zukunft auf dieser Welt. Ihr Glaube wird bald ganz verschwunden sein, nicht zuletzt, weil sie fortw�hrend Streit miteinander haben und der eine dies glaubt und der andere das und jeder seinen Glauben f�r den einzig richtigen h�lt. Das ist meine feste �berzeugung, was immer Deine Mutter behaupten mag. Eine Frau hat keinen Sinn f�r die politische Wirklichkeit.</p></section><section><p>Ich habe mich oft f�r die Christen, die beschnittenen wie die unbeschnittenen, heiser geredet, um zu beweisen, da� sie politisch harmlos sind. Doch man kann das einem R�mer mit juristischer Bildung und Erfahrenheit im Amt nicht begreiflich machen. Er sch�ttelt nur den Kopf und verd�chtigt die Christen nach wie vor aller m�glichen politischen Umtriebe.</p><p>Es gelang mir zu meinem Kummer nicht, Paulus zu retten, denn seine Ruhelosigkeit zwang ihn, unaufh�rlich von einem Land ins andere zu reisen. Die letzte Auskunft �ber ihn erhielt ich von einem meiner �laufk�ufer in Emporiae, einer bl�henden Stadt an der Nordostk�ste Iberiens, deren Hafen allerdings immer mehr versandet. Dort wurde Paulus von den rechtgl�ubigen Juden verjagt. Meinem Gew�hrsmann zufolge kam er jedoch einigerma�en mit heiler Haut davon.</p><p>In Iberien wie anderswo mu�te er sich damit begn�gen, seine Lehre in den K�stenst�dten zu verk�nden, die einst von Griechen gegr�ndet wurden und in denen in der Hauptsache noch Griechisch gesprochen wird, wenngleich nat�rlich Gesetze und Erl�sse in lateinischer Sprache in Kupfertafeln eingeritzt werden. Es gibt viele gro�e St�dte dieser Art an der iberischen K�ste, so da� es Paulus an Reisezielen nie mangelte. Der �lh�ndler meinte, er sei dann s�dw�rts nach Malaca gesegelt, um von dort aus das westliche Iberien zu erreichen, denn er war noch so ruhelos wie eh und je.</p><p>Es ist daher seine eigene Schuld, da� meine Warnung ihn nicht erreichte. Man fing ihn schlie�lich in Troas im asiatischen Bitynien, und seine Verhaftung erfolgte so pl�tzlich, da� seine Schriften, seine B�cher und sein Reisemantel in seiner Herberge liegenblieben. Er hatte nach Asia reisen m�ssen, um die von ihm Bekehrten im Glauben zu st�rken, denn sie wurden, zumindest seiner Ansicht nach, von miteinander wetteifernden Wanderpredigern zu allerlei Irrlehren verleitet. Jedenfalls nannte er so manchen einen L�genpropheten, der wie er selbst um Christi willen Not und Entbehrungen litt und sein Leben aufs Spiel setzte, wenngleich diese M�nner vielleicht nicht so tief in die g�ttlichen Geheimnisse Einblick hatten wie er.</p><p>Als in Rom die Nachricht eintraf, da� der Aufenthaltsort des Paulus verraten worden war, wurde augenblicklich auch das Versteck des Kephas verraten. Das glaubten die hei�bl�tigen Anh�nger des Paulus ihrem Lehrer schuldig zu sein. Kephas hatte meine Warnung rechtzeitig erhalten und sich auf den Weg nach Puteoli gemacht. Beim vierten Meilenstein auf der Via Appia war er jedoch wieder umgekehrt. Als Grund gab er an, Jesus von Nazareth habe sich ihm in seiner ganzen Herrlichkeit offenbart. Jesus hatte ihn gefragt: �Wohin gehst du, mein Fels?� Darauf hatte Kephas verlegen geantwortet, er fliehe aus Rom. Da hatte der Nazarener betr�bt gesagt: �So will ich selbst nach Rom gehen, um zum zweiten Male gekreuzigt zu werden.�</p><p>Kephas sch�mte sich und kehrte dem�tig nach Rom zur�ck, gewi� auch gl�cklich dar�ber, da� er seinen Meister noch einmal hatte sehen d�rfen. Kephas war in seiner Einfachheit der erste von allen J�ngern gewesen, der in Jesus von Nazareth Gottes Sohn erkannt hatte. Deshalb hatte ihn sein Lehrer so liebgewonnen und ihn den Ersten unter seinen J�ngern genannt � nicht seiner K�rperkr�fte und seines Feuergeistes wegen, wie viele noch immer glauben.</p><p>Ich berichte, was ich geh�rt habe, und die Geschichte wird auch anders erz�hlt. Das Wesentliche scheint mir jedoch zu sein, da� Kephas auf der Via Appia ein Gesicht oder eine Offenbarung irgendwelcher Art hatte. Das machte es ihm m�glich, sich zuletzt doch noch mit Paulus auszus�hnen, ehe sie beide starben. Paulus hatte ja Jesus von Nazareth nie in Fleisch und Blut gesehen. Auf seine Offenbarung anspielend, hatte Kephas eines Tages, von Neid ergriffen, gesagt, er brauche nicht zu erfundenen Geschichten Zuflucht zu nehmen, denn er habe Jesus von Nazareth gekannt, als er noch auf Erden lebte. Diese Worte fielen, als die beiden einander noch voll Eifer zu �berbieten trachteten. Nun aber, nachdem er selbst eine echte Offenbarung erlebt hatte, sch�mte sich Kephas seiner Anschuldigungen und bat Paulus um Verzeihung.</p><p>Es tat mir leid um diesen einfachen Fischer, der nach mehr als zehn Jahren in Rom weder die lateinische noch die griechische Sprache erlernt hatte, so da� er ohne Dolmetsch hilflos und verloren war. Es gab deshalb �brigens auch viele Mi�verst�ndnisse, und man behauptete sogar, er zitiere falsch oder zumindest sehr ungenau aus den heiligen Schriften der Juden, um zu beweisen, da� Jesus von Nazareth der wahre Messias oder Christus sei. Als w�re das f�r die, welche an ihn glaubten, so wichtig gewesen! Die Judenchristen haben jedoch die unausrottbare Gewohnheit, st�ndig mit ihrer Gelehrsamkeit zu prunken, um W�rter und ihre Bedeutung zu streiten und sich in allem auf die heiligen Schriften zu berufen.</p><p>Das w�re Grund genug, diese nach und nach ins Lateinische �bersetzen zu lassen, damit sie eine endg�ltige, eindeutige Form erhalten. Dazu eignet sich n�mlich unsere Sprache vorz�glich. Man brauchte sich dann endlich nicht mehr �ber den richtigen Inhalt der Worte zu streiten, wovon man nur Kopfschmerzen bekommt.</p><empty-line/><p>Doch ich will meinen Bericht fortsetzen. Von denen, die sozusagen den inneren Kreis der Anh�nger Christi bildeten, gelang es mir nur, einen gewissen Johannes zu retten, der w�hrend der Judenverfolgungen nach Ephesus geflohen war. Ich bin selbst nie mit ihm zusammengetroffen, aber er soll ein milder, sanftm�tiger Mann sein, der sich damit die Zeit vertreibt, seine Erinnerungen niederzuschreiben und die Christen miteinander zu vers�hnen. Mein Vater mochte ihn gern. Auch er wurde in dieser Zeit des Hasses und des Verrats angezeigt, aber der Prokonsul in Asia war zuf�llig ein Freund von mir und begn�gte sich damit, ihn auf eine Insel im Meer zu verbannen.</p><p>Ich wunderte mich sehr, als ich h�rte, da� er dort einige merkw�rdige, recht wilde Offenbarungen hatte und aufzeichnete, aber er soll sich wieder beruhigt haben, nachdem man ihm erlaubte, nach Ephesus zur�ckzukehren.</p><p>Uns Mitglieder des Ausschusses f�r orientalische Angelegenheiten strafte Nero nur dadurch, dal? er uns nach Rom zur�ckschickte, wo wir darauf zu achten hatten, da� es zu keinem bewaffneten Aufruhr von seiten der Juden kam. Er meinte sp�ttisch, dieser Aufgabe w�ren wir hoffentlich gewachsen, nachdem wir in allen anderen Dingen nur unsere v�llige Unf�higkeit bewiesen h�tten. Aufl�sen konnte er den Ausschu� nicht, denn das w�re Sache des Senats gewesen. Der Senat nahm ihm zuliebe jedoch einige Umbesetzungen vor, obwohl es schwer war, neue M�nner zu finden, die gewillt waren, ihre Zeit f�r diese unangenehme Verpflichtung zu opfern.</p><p>Ich war schon wieder in Rom, als Nero Achaia zu einem freien Reich ausrief und Griechenland seine fr�here Selbst�ndigkeit zur�ckgab. An den politischen Verh�ltnissen �nderte sich deshalb nichts, das wu�te ich, seit ich in meiner Jugend in Korinth als Kriegstribun gedient hatte. Die Griechen durften fortan lediglich selbst einen Statthalter w�hlen, selbst f�r ihr Kriegsheer aufkommen und selbst ihren Kanal graben. Trotzdem jubelten diese kurzsichtigen Menschen �ber Neros gro�z�gige Geste.</p><p>Ich bemerkte sehr wohl, da� Nero in seinem Erla� den Senat mit keinem Wort erw�hnte, sondern eindeutig zu erkennen gab, da� Nero und nur Nero eine solche Freiheitserkl�rung ausfertigen konnte. Wir waren gewarnt von dem Tage an, da wir mit unseren eigenen Ohren hatten h�ren m�ssen, wie Nero beim Beginn des Kanalbaus der Hoffnung Ausdruck gab, dieses gro�e Vorhaben werde Achaia und dem Volk von Rom zum Vorteil gereichen. Dem Volk � Den Senat erw�hnte er nicht, wie es sich bei einer �ffentlichen Rede eigentlich geh�rt h�tte. Der richtige Ausdruck lautet: �Senat und Volk von Rom.� Und dabei bleibt es, was immer auch geschehen mag.</p><p>Es war nach alledem nicht verwunderlich, da� ich das Gef�hl hatte, Orcus lenke meine Schritte und Charon blase mir seinen kalten Atem ins Genick, als ich die Juden zu ihrem Sterben begleitete. Das gleiche unbehagliche Gef�hl hatte so mancher andere Senator, obgleich wir freilich aus Gr�nden der Sicherheit nie dar�ber sprachen. Wer durfte sich denn noch auf einen anderen verlassen, sich einem andern anvertrauen! Es gab sogar einen, der vorsichtshalber immer eine Million Sesterze in Gold auf einem Karren mit sich f�hrte, wenn er eine kleine Reise antrat.</p><p>Nero erlaubte uns nicht einmal, ihn in Neapolis abzuholen. Dort wollte er n�mlich seinen Siegeszug nach Rom antreten, weil er im Theater in Neapolis zum erstenmal �ffentlich gesungen hatte. Seine R�ckkehr sollte jedoch kein Triumph im eigentlichen Sinne sein. Er hatte sich eine Art k�nstlerischen Triumphzug ausgedacht, um dem Volk sein Vergn�gen und einige freie Tage zu bieten. In politischer Hinsicht war das an sich nicht unklug, da der Feldzug im Osten im Sande Verlaufen war, aber wir fanden es unerh�rt, da� wir auf seinen Befehl einen Teil der Stadtmauer niederrei�en lassen mu�ten, um Platz f�r den Siegeszug zu schaffen. Eine solche Ehre war noch keinem Sieger erwiesen worden, nicht einmal Augustus. Wir waren allgemein der Ansicht, da� Nero allm�hlich wie ein orientalischer Gewaltherrscher aufzutreten begann. So etwas wird in Rom nicht geduldet, da mag ein gewisser ungewaschener L�mmel noch so viel unversch�mtes Zeug �ber die Verderbtheit unserer Sitten zusammendichten.</p><p>Nicht nur wir, sondern auch das Volk, worunter ich alle rechtdenkenden B�rger verstehe, sch�ttelten den Kopf, als Nero auf dem heiligen Triumphwagen des Augustus durch die Mauerbresche und quer durch die Stadt fuhr, hinter ihm wagenweise Siegeskr�nze und an Stelle von Soldaten eine Ehrenwache von Schauspielern, Spielleuten, S�ngern und T�nzern. Anstatt Schlachtenbilder zu zeigen, hatte er griechische K�nstler gro�e T�cher bemalen und Figurengruppen mei�eln lassen, die seine Siege in den S�ngerwettstreiten darstellten. Er selbst war in einen purpurnen Mantel mit goldenen Sternen gekleidet, und auf dem Haupt trug er einen doppelten olympischen Kranz aus Olivenbl�ttern.</p><p>Gleichwohl mu� zu seiner Ehre gesagt werden, da� er, wie alle Triumphatoren vor ihm, nach altem Brauch dem�tig auf den Knien die steile Treppe auf den Kapitolinischen H�gel hinaufkroch und da� er seine wertvollsten Siegeskr�nze nicht nur Jupiter Custos, sondern auch anderen wichtigen G�ttern Roms weihte, Juno und Venus nicht ausgenommen. Die �brigen Kr�nze reichten noch immer, um alle W�nde im Empfangssaal und im runden Speisesaal des Goldenen Hauses zu bedecken.</p><p>Dennoch verlief Neros Heimkehr nicht ganz so angenehm, wie ein Au�enstehender sich das vorstellen mochte. Statilia Messalina war zwar eine verw�hnte, willensschwache Frau, aber immerhin eine Frau, und sie konnte es nicht stillschweigend hinnehmen, da� Nero Sporus die gleichen ehelichen Rechte einr�umen wollte wie ihr, so da� er hernach ganz der Laune des Augenblicks folgend das Ehebett h�tte wechseln k�nnen. Es kam deshalb zu einem Familienstreit, der durch die Dienerschaft weit �ber die Grenzen des Palastes hinaus bekannt wurde. Nero hielt sich das Schicksal Poppaeas vor Augen und wagte es nicht, seine Gattin zu treten. Das machte sich Statilia zunutze. Nach einiger Zeit verlangte Nero zornig seine Siegeskr�nze von Juno zur�ck. Viel mehr konnte er nicht tun, au�er da� er zuletzt Statilia nach Antium verbannte. Gerade das aber war ihr Gl�ck.</p><p>Statilia Messalina lebt noch heute und trauert um Nero. Wie es sich f�r eine Witwe geziemt, erinnert sie sich nur an seine guten Seiten. Oft schm�ckt sie das bescheidene Mausoleum der Domitier, das vom Pincius aus sehr gut zu sehen ist, mit Blumen. Es liegt unweit der G�rten des Lukull, wo ich in meiner Jugend mit Nero und Agrippina zusammen die Kirschb�ume bl�hen sah.</p><p>Es hei�t, im Grabgew�lbe der Domitier ruhen die Gebeine Neros. In den �stlichen Provinzen aber hat es wegen Nero viel Streit und Unruhe gegeben, denn dort wollen die Leute nicht glauben, da� er tot ist. Sie hoffen vielmehr, er werde zur�ckkehren, und gedenken seiner Regierung als einer gl�cklichen Zeit, was man ihnen in Anbetracht der Steuern, die wir heutzutage zahlen m�ssen, und der Habgier des Staates nicht verargen kann.</p><p>Ab und zu taucht im Osten irgendein entsprungener Sklave auf und gibt sich als Nero aus. Die Parther unterst�tzen solche Versuche, Unruhe zu stiften, gern. Wir haben bereits zwei falsche Neros kreuzigen lassen. Um das Volk zu beruhigen, gab man ihnen vorher Gelegenheit, ihre Echtheit zu beweisen, indem sie sangen, aber keiner konnte singen wie Nero. Wie dem auch sei, Statilia Messalina gedenkt seiner durch Blumen und schm�ckt sein Grab. Wenn es sein Grab ist.</p><empty-line/><p>Ich habe mich wieder einmal mit diesem und jenem aufgehalten, um nicht von der einen Sache sprechen zu m�ssen, an die ich nur voll Kummer zur�ckdenke. Dank Neros Triumph und seinen �brigen politischen Pflichten gelang es mir, die Hinrichtungen erstaunlich lange hinauszuschieben. Schlie�lich aber kam der Tag, da wir die l�ngst gef�llten Todesurteile Nero zur Best�tigung vorlegen mu�ten. H�tte ich noch weitere Ausfl�chte gesucht, so w�re ich wohl, nicht zuletzt von meinen Amtsbr�dern, selbst als Judenfreund verd�chtigt worden.</p><p>Um unseren Ruf reinzuwaschen, hatten wir im Ausschu� f�r orientalische Angelegenheiten gr�ndliche Arbeit geleistet, um uns ein zuverl�ssiges Bild von den wirklichen Verh�ltnissen innerhalb der j�dischen Kolonie Roms zu verschaffen und zu beurteilen, wieweit sie nach dem Aufstand der Juden in Jerusalem eine Gefahr f�r den Staat darstellte. Es war f�r einige von uns eine sehr lohnende T�tigkeit, und zuletzt konnten wir dem Senat und Nero mit gutem Gewissen einen beruhigenden Bericht vorlegen.</p><p>Wir setzten es im Senat mit knapper Stimmenmehrheit durch, da� von einer Judenverfolgung im eigentlichen Sinne Abstand genommen wurde und man sich damit begn�gte, verd�chtige Elemente und Aufwiegler auszusondern. Unser Vorschlag gr�ndete sich auf gesunde Vernunft und wurde trotz dem Judenha�, den der Aufstand in Jerusalem erweckt hatte, angenommen. Ich mu� allerdings gestehen, da� ich recht tief in die Tasche griff, um die Angelegenheit in diesem Sinne zu regeln, weil Claudia so viele Freunde unter den Judenchristen hatte. Der schiefnasige Aquila und die mutige Prisca, um nur zwei Beispiele zu nennen, h�tten bei einer gro�en S�uberung bestimmt daran glauben m�ssen. Aber ich bin ja ein Unmensch, ein Geizkragen, der aus allem seinen Vorteil zu schlagen versteht und f�r den Dein bester Freund Juvenal nicht ein gutes Wort �brig hat. Ich kann mir denken, was meine Freunde ihm f�r die Abschriften von seinem Gedicht bezahlen. Schadenfreude ist die sch�nste Freude. Wir beide. Du und ich, wollen uns wenigstens dar�ber freuen, da� Dein b�rtiger Freund dank mir seine Schulden loswird, ohne da� es mich ein einziges Kupferst�ck kostet.</p><p>Wenn ich so habgierig w�re, wie er behauptet, m��te ich ihm das verfluchte Spottgedicht abkaufen und meinen eigenen Verlag den Gewinn einstreichen lassen. Ich bin aber nicht wie Vespasian, der sogar das Wasser besteuert, das man abschl�gt. Wir sprachen einmal �ber Begr�bnisse mit ihm. Da fragte er uns, wieviel unserer Meinung nach sein Begr�bnis einst die Staatskasse kosten werde. Wir rechneten aus, da� die Festlichkeiten mindestens zehn Millionen Sesterze verschlingen w�rden. Das war keine Schmeichelei, sondern wir konnten es ihm mit eindeutigen Zahlen beweisen. Vespasian seufzte schwer und bat bek�mmert: �Gebt mir lieber gleich hunderttausend, dann d�rft ihr meine Asche in den Tiber sch�tten.�</p><p>Nat�rlich blieb uns wieder einmal nichts anderes �brig, als in seinem altmodischen Strohhut hunderttausend Sesterze zu sammeln, wodurch uns dieses Mahl teuer zu stehen kam. Das Essen war noch dazu herzlich schlecht. Vespasian liebt einfache Sitten und seinen eigenen frischen Landwein. Dagegen w�re nichts zu sagen, aber ich habe um meiner Stellung willen mehr als einmal sein Amphitheater bef�rworten m�ssen. Das soll ja nun das achte Weltwunder werden, und Neros Goldenes Haus nimmt sich daneben wie die Spielerei eines verw�hnten Knaben aus.</p><p>Ich bin schon wieder abgeschweift, doch nun will ich zur Sache kommen. Es ist, wie wenn man sich einen Zahn ziehen l��t. Nur Mut, Minutus, und nicht lang gezaudert! Mich trifft �brigens keine Schuld. Ich habe f�r sie getan, was in meiner Macht stand. Mehr kann kein Mensch tun. Keine Macht der Welt konnte Kephas und Paulus das Leben retten. Kephas kehrte selbst nach Rom zur�ck, obwohl er sich w�hrend der schlimmsten Zeit h�tte verstecken k�nnen.</p><p>Ich wei�, da� heute alle seinen lateinischen Namen anwenden und ihn Petrus nennen. Mir aber ist sein alter Name lieb, und f�r mich hei�t er Kephas. Petrus ist eine �bersetzung von Kephas, was �Fels� bedeutet. Jesus von Nazareth gab ihm diesen Namen. Warum, wei� ich nicht. Kephas war seiner Gem�tsart nach kein Fels. Er war heftig und aufbrausend und konnte manchmal sehr feige sein, ja er hat sogar einmal geleugnet, Jesus von Nazareth zu kennen, damals, in dessen letzter Nacht, und in Antiochia ist er alles andere denn mutig vor dem Boten Jacobs aufgetreten, der es als einen Versto� gegen das j�dische Gesetz betrachtete, da� er mit Unbeschnittenen zusammen a�. Und doch, oder, wer wei�, vielleicht gerade deshalb, war Kephas ein Mensch, den man nicht vergessen kann.</p><p>Von Paulus sagt man heute, er habe sich nach Sergius Paulus, dem Statthalter auf Zypern, so genannt, weil dieser von allen, die er bekehrte, der vornehmste war. Das ist an den Haaren herbeigezogen. Paulus legte seinen urspr�nglichen Namen Saulus ab, bevor er mit Sergius zusammentraf, und nannte sich nur deshalb Paulus, weil das, ebenso wie mein eigener Name Minutus, der Unbedeutende, Geringe, Wertlose bedeutet.</p><p>Mein Vater hatte, als er mir diesen ver�chtlichen Namen gab, nicht geahnt, da� er mich zum Namensvetter des Paulus machte. Aber Schande �ber den, dem ein Name schadet. Vielleicht ist ein wenig auch mein Name daran schuld, da� ich diese Erinnerungen niederzuschreiben begann, um zu beweisen, da� ich in Wirklichkeit nicht so unbedeutend bin, wie man meinen m�chte. Der haupts�chliche Grund ist freilich der, da� ich hier in diesem Kurort, wo ich Mineralwasser trinke und die �rzte meinen kranken Leib pflegen, anfangs meinen Bet�tigungsdrang nicht anders zu befriedigen wu�te. Und dann dachte ich mir auch, da� es Dir vielleicht n�tzen k�nnte, ein wenig �ber Deinen Vater zu wissen, wenn Du einmal meine Asche in dem Grab in Caere eingemauert hast.</p><p>Ich sorgte daf�r, da� es Kephas und Paulus w�hrend ihrer langen Gefangenschaft gutging, und verf�gte, da� sie, wenn auch unter Bewachung, miteinander sprechen durften, sooft sie wollten. Als gef�hrliche Staatsfeinde mu�ten sie in Tullianum eingesperrt werden, und Tullianum ist kein sehr gesunder Aufenthaltsort, obgleich es eine jahrhundertealte ehrenvolle Tradition hat. Dort wurde Jugurtha erdrosselt, dort wurde dem Vercingetorix der Sch�del eingeschlagen, Catilinas Freunde verloren dort ihr Leben, und die kleine Tochter des Sejanus wurde dort vor ihrer Hinrichtung gesch�ndet, damit der Buchstabe des Gesetzes erf�llt wurde, denn wir R�mer richten niemals eine Jungfrau hin. Paulus schien einen qualvollen Tod zu f�rchten, aber Nero war in diesen Dingen nicht kleinlich und geh�ssig, obwohl er �ber den Aufstand der Juden erbittert war und allen j�dischen Aufwieglern die Schuld daran gab. Paulus war r�mischer B�rger und hatte ein Recht darauf, mit dem Schwert gerichtet zu werden. Dieses Recht hatten nicht einmal seine Richter in Frage gestellt. Kephas dagegen verurteilten wir nach dem Gesetz zur Kreuzigung, obwohl ich f�r mein Teil einem alten Mann und Freund meines Vaters diesen qualvollen Tod gern erspart h�tte.</p><p>Ich verschaffte mir Gelegenheit, die beiden an dem frischen Sommermorgen, an dem sie zur Hinrichtung gef�hrt wurden, auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Ich hatte angeordnet, da� keine anderen Juden zur selben Zeit gekreuzigt werden sollten, denn drau�en auf der Richtst�tte herrschte sonst der Juden wegen stets ein gro�es Gedr�nge, und ich wollte, da� Paulus und Kephas allein und mit W�rde sterben konnten.</p><p>Wo der Weg nach Ostia abzweigt, mu�te ich mich entscheiden, wem ich folgen wollte, denn es war bestimmt worden, da� Paulus zu demselben Tor gebracht werden sollte, wo man meinen Vater und Tullia enthauptet hatte. Kephas dagegen sollte als abschreckendes Beispiel durch das j�dische Viertel gef�hrt und dann auf der Richtst�tte der Sklaven in der N�he von Neros Amphitheater gekreuzigt werden.</p><p>Paulus hatte seinen Freund, den Arzt Lucas, bei sich, und ich wu�te, da� niemand ihn beleidigen w�rde, denn er war r�mischer B�rger. Kephas dagegen konnte meinen Schutz brauchen. Ich f�rchtete auch f�r seine Begleiter, Marcus und Linus. Deshalb entschied ich mich f�r Kephas.</p><p>Meine Sorge war zum Gl�ck unbegr�ndet gewesen. Man warf ein paar Erdklumpen nach Kephas, lie� ihn aber sonst in Ruhe. Die Juden waren so weit Juden, da� sie sich trotz ihrem bitteren Ha� gegen einen Abtr�nnigen damit begn�gten, schweigend zuzusehen, wie ein j�discher Aufwiegler wegen des Aufstandes in Jerusalem zur Kreuzigung gef�hrt wurde. Um den Hals trug Kephas das �bliche Schild, auf dem in lateinischer und griechischer Sprache zu lesen stand: �Simon Petrus aus Kapernaum, Galil�er, Feind des Reiches und der Menschheit.�</p><p>Als wir die Stadt hinter uns gelassen hatten und zwischen den G�rten dahingingen, begann die Hitze dr�ckend zu werden. Ich sah Schwei�perlen �ber Kephas� gefurchte Stirn rollen. Da befahl ich, ihm das Kreuz vom R�cken zu nehmen und einem Juden zu tragen zu geben, der uns entgegenkam, wozu die Soldaten das Recht hatten. Kephas selbst bat ich, zu mir in die S�nfte zu steigen, und ich dachte nicht an das Gerede, das mir meine Freundlichkeit einbringen mu�te.</p><p>Kephas w�re aber nicht Kephas gewesen, wenn er nicht schroff geantwortet h�tte, er sei durchaus imstande, das Kreuz auf seinen breiten Schultern zu tragen, und brauche keine Hilfe. Auch wollte er nicht neben mir. sitzen, sondern auf seinem letzten Gang noch einmal den Staub der Stra�e unter seinen F��en und die hei�e Sonne auf seinem Kopf sp�ren wie damals vor langer Zeit, als er Jesus von Nazareth �ber die Stra�en Galil�as folgte. Er wollte nicht einmal, da� man den Strick losband, an dem er gef�hrt wurde, sondern behauptete, Jesus von Nazareth habe ihm gerade dies vorausgesagt, und die Prophezeiung m�sse erf�llt werden. Gleichwohl st�tzte er sich m�de auf seinen abgenutzten Hirtenstab.</p><p>Als wir zur Richtst�tte kamen, die in der Sonnenhitze stank, fragte ich Kephas, ob er w�nsche, vorher gegei�elt zu werden. Es ist dies eine Barmherzigkeit, die man den Verurteilten vor der Kreuzigung angedeihen l��t, um Wundfieber hervorzurufen und den Tod zu beschleunigen, aber viele Barbaren verstehen es falsch und legen es uns als Grausamkeit aus. Kephas antwortete, er brauche die Gei�elung nicht, sondern habe seine eigenen Pl�ne, aber gleich darauf bereute er seine Worte und sagte, er wolle dem�tig den Weg zu Ende gehen wie so viele andere Zeugen vor ihm, und auch Jesus von Nazareth sei gegei�elt worden.</p><p>Er schien es jedoch nicht eilig zu haben. Ich sah den Schimmer eines L�chelns in seinen Augen, als er sich an seine Begleiter Marcus und Linus wandte und sagte: �H�rt mich an, ihr beiden. H�r mich an, Marcus, obgleich ich dir dies schon unz�hlige Male gesagt habe. H�r auch du mich an, Minutus, wenn du magst. Jesus sagte: �Das Reich Gottes ist so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schl�ft und steht auf, Nacht und Tag. Und der Same geht auf und w�chst, er aber wei� nicht, wie. Denn die Erde bringt von selbst zuerst das Gras, danach die �hren, danach den vollen Weizen in den �hren. Wenn aber die Saat reif ist, schickt er die Sichel, denn die Ernte ist da.��</p><p>Er sch�ttelte ungl�ubig den Kopf, Tr�nen der Freude tanzten ihm in den Augen, er lachte und rief: �Und ich einf�ltiger Mensch habe nichts begriffen, obgleich ich seine Worte immerzu wiederholt habe. Jetzt erst verstehe ich. Die Saat ist reif, und die Sichel ist da.�</p><p>Mit einem Blick auf mich segnete er sodann Linus, reichte ihm seinen abgenutzten Stab und sagte: �H�te meine Schafe.� Es war, als h�tte er gewollt, da� ich dies s�he und bezeugte. Dann erst wandte er sich dem�tig den Soldaten zu.</p><p>Die Soldaten banden ihn an einen Pfahl und begannen ihn zu gei�eln. Trotz seinen K�rperkr�ften vermochte er ein schweres St�hnen nicht zu unterdr�cken. Bei dem Klatschen der Gei�elhiebe und dem St�hnen erwachte einer der am vorangegangenen Tag gekreuzigten Juden aus seinen Todeszuckungen, schlug die fiebergl�nzenden Augen auf, da� die Fliegen aufschw�rmten, und erkannte Kephas. Und noch am Kreuz konnte es dieser z�hlebige, echte Jude nicht unterlassen, �ber Jesus von Nazareth und seine Behauptung, er sei der Christus, zu spotten. Er forderte Kephas mit Zitaten aus den heiligen Schriften der Juden zu einem Streitgespr�ch heraus, aber danach versp�rte Kephas kein Verlangen mehr.</p><p>Er sagte nach der Gei�elung den Soldaten, man solle ihn mit dem Kopf nach unten ans Kreuz schlagen, denn er sei nicht w�rdig, mit dem Kopf gen Himmel gekreuzigt zu werden wie sein Herr Jesus Christus, Gottes Sohn. Ich mu�te mein L�cheln in einem Zipfel meines Mantels verbergen.</p><p>Bis zu seiner letzten Stunde blieb Kephas der echte, alte Kephas, dessen gesunder Fischerverstand vonn�ten war, um das Reich zu errichten. Ich verstand, warum Jesus von Nazareth ihn geliebt hatte, und liebte ihn in dieser Stunde selbst. Die gesunde Vernunft sagt einem ja, da� ein alter Mann unvergleichlich leichter stirbt, wenn er mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wird, so da� sich das Blut im Kopfe staut und die Adern sprengt. Barmherzige Ohnmacht rettet ihn dann vor tagelangem Leiden.</p><p>Die Soldaten lachten und erf�llten ihm gerne seinen Wunsch, weil sie sofort begriffen, da� sie sich auf diese Weise das lange Wachestehen in der hei�en Sonne ersparten. Als Kephas schon am Kreuz hing, tat er den Mund auf und schien etwas singen zu wollen, obgleich er dazu meiner Meinung nach wirklich keine Ursache haben konnte.</p><p>Ich fragte Marcus, was Kephas noch zu sagen versuche. Marcus erkl�rte mir, er singe einen Psalm, in dem Gott seine Getreuen zu gr�nen Auen und frischen Quellen f�hrt. Zu meiner Freude brauchte Kephas nicht mehr lange auf seine gr�nen Auen zu warten. Als er das Bewu�tsein verloren hatte, blieben wir noch eine Weile bei ihm stehen. Dann bat ich, von dem Gestank und den Fliegen ungeduldig geworden, den Zenturio, seine Pflicht zu tun. Er befahl einem Soldaten, Kephas mit einem scharfkantigen Brett die Schienbeine zu brechen, und stie� ihm selbst das Schwert in die Kehle, indem er scherzend sagte, dies sei eine Schlachtung nach j�dischem Brauch, da das Blut ablaufe, ehe das Leben entfliehe. Es rann viel Blut aus dem alten Mann. Marcus und Linus versprachen, daf�r zu sorgen, da� sein Leichnam begraben wurde, und zwar auf einer Begr�bnisst�tte hinter dem Amphitheater, die heute nicht mehr in Gebrauch ist. Es war nicht weit dorthin. Linus weinte, aber Marcus hatte l�ngst alle seine Tr�nen geweint und war ein gleichm�tiger, zuverl�ssiger Mann. Er bewahrte seine Fassung, aber seine Augen blickten in eine andere Welt, von der ich nichts sah.</p><p>Du wirst dich fragen, warum ich lieber Kephas begleitete als Paulus, denn Paulus war doch r�mischer B�rger und Kephas nur ein alter j�discher Fischer. Vielleicht beweist mein Verhalten, da� ich nicht immer nur auf meinen Gewinn sehe. Ich mochte Kephas am liebsten, weil er ein aufrichtiger, einfacher Mann war. Au�erdem h�tte Claudia nie geduldet, da� ich die beiden auf ihrem letzten Gang im Stich gelassen h�tte, und was tue ich nicht um des Hausfriedens willen!</p><p>Sp�ter bekam ich Streit mit Lucas, denn er verlangte den aram�ischen Bericht zu sehen, den ich von meinem Vater geerbt und den ein Z�llner geschrieben hatte. Ich schlug es ihm ab. Lucas hatte zwei Jahre Zeit gehabt, mit Augenzeugen zu sprechen, w�hrend Paulus unter dem Prokurator Felix in Caesarea gefangensa�. Ich war nicht der Meinung, da� ich ihm irgend etwas schuldete.</p><p>Zudem war Lucas ein recht ungeschickter Arzt, obwohl er in Alexandria studiert hatte. Mein Magenleiden h�tte ich ihn nie behandeln lassen. Ich habe ihn im Verdacht, da� er dem Paulus nur wegen dessen Wunderheilungen so eifrig folgte, entweder um selbst diese Kunst zu erlernen, oder weil er seine eigene Unf�higkeit in aller Bescheidenheit einsah. Schreiben konnte er freilich, wenngleich nicht nach der Art gebildeter Griechen, sondern in einem Marktdialekt. Marcus ist mir immer lieb gewesen, aber noch lieber ist mir mit den Jahren Linus geworden, der j�nger ist. Ich war ja trotz allem gezwungen, ein wenig Ordnung in die Angelegenheiten der Christen zu bringen, sowohl um ihrer selbst willen als auch um �ffentlichen Streit zu verhindern. Kephas hatte seinerzeit eine Einteilung nach St�mmen eingef�hrt und versucht, die streitenden Parteien miteinander zu vers�hnen, aber ein ungebildeter Mann wie er hatte nat�rlich keine wirklichen politischen F�higkeiten.</p><p>Dem Cletus habe ich daf�r, da� er im Pr�torianerlager so mutig aufgetreten war, eine juristische Ausbildung bezahlt. Vielleicht gelingt es ihm eines Tages, eine wirkliche Ordnung unter den Christen zu errichten. In diesem Falle w�rdest Du in ihnen eine St�tze haben. Ich mache mir jedoch keine allzu gro�en Hoffnungen. Sie sind, was sie sind.</p><empty-line/><p>Ich bin wieder ein wenig zu Kr�ften gekommen, und die �rzte geben mir neue Hoffnung. Bald werde ich aus diesem nach Schwefel riechenden Kurort, den ich schon nicht mehr sehen mag, nach Rom zur�ckkehren d�rfen. Um meine wichtigsten Gesch�fte habe ich mich auch hier gek�mmert, ohne da� die �rzte es wu�ten, aber nun will ich wieder einmal einen guten Wein schmecken, und nach all dem Fasten und Wassertrinken werde ich mehr Wert denn je zuvor auf die Kunst meiner beiden K�che legen. Deshalb will ich rasch fortfahren. Das Schlimmste habe ich zum Gl�ck hinter mir.</p><p>Als ich von den heimlichen Unternehmungen des Julius Vindex, des Propr�tors in Gallien, h�rte, deutete ich, ohne zu z�gern, die Zeichen der Zeit. Ich war schon fr�her der Ansicht gewesen, da� Piso Erfolg h�tte haben k�nnen, wenn er nicht in seiner Eitelkeit geglaubt h�tte, er brauche die Legionen nicht. Nach dem pl�tzlichen Tod des Corbulo und des Ostorius erwachten die Befehlshaber der Legionen endlich aus ihrem Schlaf und begriffen, da� weder Kriegsruhm noch bedingungslose Treue imstande waren, einen Mann vor den Launen Neros zu retten. Ich hatte es geahnt, als ich Korinth verlie�.</p><p>Ich begann nun rasch, mein Eigentum durch meine Bankiers und Freigelassenen verkaufen zu lassen, und sammelte bare Goldm�nzen. Selbstverst�ndlich erregten meine gro�en Verk�ufe, deren Ursache so mancher kluge Mann noch nicht erkannte, Aufsehen bei den Sachverst�ndigen. Dagegen hatte ich nichts. Ich verlie� mich fest darauf, da� Nero von Gesch�ften nichts verstand.</p><p>Mein Treiben erweckte also eine gewisse Unruhe in Rom. Die Grundst�ckpreise sanken betr�chtlich. Ich verkaufte r�cksichtslos sogar einige Landg�ter, obwohl das Geld in Grund und Boden am sichersten angelegt ist und sogar Zinsen tr�gt, wenn das Land von zuverl�ssigen Freigelassenen bestellt wird. Ich k�mmerte mich nicht um das Sinken der Preise. Ich verkaufte weiter und sammelte Bargeld. Ich wu�te, da� ich eines Tages alles zur�ckgewinnen w�rde, wenn mein Plan gelang. Die Besorgnis, die meine Unternehmungen bei den Geldleuten erweckte, zwang sie, die politische Lage anders einzusch�tzen, so da� ich auch auf diese Weise einer guten Sache zum Siege verhalf.</p><p>Claudia und Dich schickte ich auf mein Gut bei Caere, und ich beschwor Claudia, mir wenigstens dieses eine Mal Vertrauen zu schenken und dort in Sicherheit zu bleiben, bis ich ihr Botschaft schickte. Dein dritter Geburtstag war nahe, und Deine Mutter war vollauf mit Dir besch�ftigt. Du warst kein artiges Kind. Ich war, um es offen zu sagen, Deines st�ndigen Tollens und L�rmens m�de. Sobald ich den R�cken wandte, fielst Du in einen Teich oder schnittest Dich mit irgendeinem scharfen Gegenstand. Auch deshalb begab ich mich gern auf Reisen, um f�r Deine Zukunft zu sorgen. Claudia verz�rtelte Dich so, da� es mir nicht m�glich war. Deinen Charakter zu bilden. Ich mu�te mich auf das Blutserbe verlassen. Wirkliche Selbstzucht erw�chst einem von innen heraus. Sie l��t sich nicht aufzwingen.</p><p>Es fiel mir nicht schwer, vom Senat und von Nero die Genehmigung zu erhalten, die Stadt zu verlassen und zu Vespasian zu reisen, um ihm mit meinem Rat zur Seite zu stehen. Im Gegenteil, man lobte den Eifer, mit dem ich dem Besten des Staates zu dienen bereit war. Nero selbst war der Ansicht, es m�sse ein zuverl�ssiger Mann ein Auge auf Vespasian haben und ihn zur Eile antreiben. Er hatte ihn im Verdacht, unn�tig lange vor Jerusalems Mauern zu zaudern.</p><p>Als Senator hatte ich ein Kriegsschiff zu meiner Verf�gung. Viele meiner Amtsbr�der wunderten sich sehr dar�ber, da� ein Mann, der wie ich die Bequemlichkeit liebte, des Nachts in einer Binsenmatte h�ngen mochte, von dem schlechten Essen, der Enge und dem Ungeziefer auf dem Schiff ganz zu schweigen.</p><p>Ich hatte jedoch meine Gr�nde, und ich f�hlte mich, als meine zwanzig schweren Eisentruhen endlich an Bord waren, so erleichtert, da� ich die erste Nacht in meiner Binsenmatte wie ein Klotz schlief und erst am Morgen von dem Trampeln der F��e an Deck erwachte. Ich hatte drei treue Freigelassene bei mir, die au�er der Soldatenwache abwechselnd meine Truhen bewachten.</p><p>In Caere hatte ich sogar meine Sklaven bewaffnet, denn ich hatte ihnen viel Gutes getan und durfte ihrer Ergebenheit gewi� sein. Sie entt�uschten mich auch nicht. Othos Soldaten pl�nderten zwar das Gut und zerschlugen meine Sammlung griechischer Vasen, von deren Wert sie keine Vorstellung hatten, aber sie taten weder Dir noch Claudia etwas zuleide, und das danke ich meinen Sklaven. Es gibt noch genug unge�ffnete Gr�ber aus alter Zeit in der Erde, und ich kann meine Sammlung noch immer erneuern.</p><p>Zum Gl�ck hatten wir gutes Wetter, denn die Herbstst�rme hatten noch nicht eingesetzt. Ich beschleunigte die Reise so gut es ging, indem ich auf meine Kosten den Rudersklaven zu essen und zu trinken geben lie�, was den Seezenturio reiner Wahnsinn d�nkte. Er verlie� sich mehr auf die Peitsche und wu�te, da� er die Sklaven, die er unterwegs verlor, leicht durch gefangene Juden ersetzen konnte. Ich war andrer Meinung. Ich glaube, man kann sich einen Menschen leichter im Guten gef�gig machen als im B�sen. Aber ich bin immer viel zu weichherzig gewesen. Darin bin ich ganz meinem Vater nachgeraten. Erinnere Dich, da� ich Dich nicht ein einziges Mal geschlagen habe, mein widerspenstiger Sohn, obwohl es mich oft wahrhaftig in den Fingern juckte. Doch wie h�tte ich einen zuk�nftigen Kaiser schlagen k�nnen!</p><p>Zum Zeitvertreib stellte ich w�hrend der Seereise viele Fragen �ber die Flotte. Unter anderem erkl�rte man mir, warum die Seesoldaten sowohl an Bord als auch an Land barfu� gehen m�ssen. Ich hatte es bis dahin nicht gewu�t, sondern mich nur bisweilen gewundert. Ich dachte, es geh�re irgendwie zur Kunst des Seekriegs.</p><p>Jetzt erfuhr ich, da� Kaiser Claudius einst im Amphitheater in Zorn geraten war, als einige Seesoldaten aus Ostia, die einen Sonnenschutz �ber die Zuschauerb�nke spannen mu�ten, mitten in der Vorstellung pl�tzlich von ihm forderten, er solle ihnen die Schuhe ersetzen, die sie auf dem Wege abgenutzt hatten. An diesem Tage verbot Claudius das Tragen von Schuhen in der gesamten Flotte, und sein Befehl wird seither treu befolgt. Wir R�mer achten die �berlieferung. Ich sprach sp�ter mit Vespasian dar�ber, aber er meinte, es sei das beste, die Seeleute gingen auch weiterhin barfu�. Es habe ihnen bisher nicht geschadet, und nun h�tten sie sich auch schon daran gew�hnt. �Die Flotte verschlingt ohnehin schon zuviel Geld�, sagte er. �Warum sollten wir zus�tzliche Ausgaben schaffen?� So kommt es, da� die Seezenturionen es noch, immer als eine Ehre betrachten, barfu� zum Dienst an Bord der Schiffe zu gehen, obwohl sie gern weiche Paradestiefel tragen, wenn sie Landurlaub haben.</p><p>Ein schwerer Stein fiel mir vom Herzen, als ich meine kostbaren Truhen, nachdem sie so lange den Gefahren des Meeres ausgesetzt gewesen, einem bekannten Bankier in Caesarea in Verwahrung geben konnte. Die Bankiers m�ssen sich einer auf den anderen verlassen k�nnen, denn sonst w�re es nicht m�glich, in gro�em Ma�stab und �ber weite Strecken Handel zu treiben. Ich vertraute diesem Mann, obwohl ich ihn nicht pers�nlich, sondern nur aus Briefen kannte. Sein Vater war jedoch einst der Bankier meines Vaters in Alexandria gewesen. Auf diese Weise waren wir sozusagen alte Gesch�ftsfreunde.</p><p>Caesarea war zudem vor Unruhen sicher, denn die griechische Bev�lkerung der Stadt hatte die Gelegenheit benutzt, alle Juden, Frauen und Wickelkinder mitgerechnet, zu erschlagen. Die Stadt bot ein durchaus friedliches Bild, wenn man von dem regen Schiffsverkehr und den bewachten Maultierkarawanen absah, die die Legionen vor Jerusalem mit Nachschub versorgten. Joppe und Caesarea waren Vespasians wichtigste St�tzh�fen.</p><p>Auf dem Wege ins Kriegslager sah ich, wie hoffnungslos die Lage f�r die noch verbliebene j�dische Bev�lkerung war. Auch die Samariter hatten sich eingemischt und reinen Tisch gemacht. Die Legion�re ihrerseits unterschieden nicht zwischen Galil�ern und Samaritern oder Juden ganz allgemein gesprochen. Das fruchtbare Galil�a mit seiner Millionenbev�lkerung war zum bleibenden Schaden f�r das R�mische Reich verw�stet. Es geh�rte allerdings genaugenommen nicht uns, sondern war um alter Freundschaft willen Herodes Agrippa �berlassen worden.</p><p>Ich kam darauf zu sprechen, sobald ich bei Vespasian und Titus eintraf. Sie empfingen mich sehr herzlich, weil sie neugierig waren, zu h�ren, was in Gallien und Rom vorging. Vespasian erkl�rte mir, da� die Legion�re �ber den z�hen Widerstand der Juden erbittert waren und schwere Verluste durch Aufst�ndische erlitten hatten, die die Stra�en von den Bergen herunter angriffen. Er war daher gezwungen gewesen, den Befehlshabern weitgehende Vollmachten zu gew�hren und ihnen zu gestatten, auf ihre Weise den Frieden im Lande herzustellen. Soeben war eine Strafexpedition zu einem der bewaffneten St�tzpunkte der Juden am Toten Meer unterwegs. Pfeile waren von dessen Turm abgeschossen worden, und sicheren Angaben zufolge hatten verwundete Aufst�ndische dort Zuflucht gefunden.</p><p>Ich hielt ihnen einen kleinen Vortrag �ber den Glauben und die Sitten und Gebr�uche der Juden und erkl�rte, da� es sich hier offensichtlich um eines der geschlossenen H�user der Sekte der Essener handelte, wohin sie sich zur Aus�bung ihres Glaubens zur�ckziehen, weil sie die Tempelsteuer nicht zahlen wollen. Die Essener fliehen die Welt und sind eher Feinde denn Freunde Jerusalems. Es bestand daher kein Grund, sie zu verfolgen.</p><p>Sie wurden von den Stillen im Lande unterst�tzt, die sich nicht mit Leib und Seele dem Glauben verschreiben konnten oder wollten, sondern es vorzogen, bei ihren Familien ihr bescheidenes Dasein zu fristen, ohne jemandem zu schaden. Nahm sich einer dieser Stillen im Lande eines verwundeten Aufst�ndischen an, der bei ihm Schutz suchte, und gab er ihm Speise und Trank, so tat er es, um die Gebote seines Glaubens zu erf�llen, und nicht weil er auf der Seite der Aufr�hrer stand. Meine Reisebegleiter hatten mir erz�hlt, da� die Stillen im Lande sogar verwundete r�mische Legion�re aufgenommen und gepflegt hatten. Daher fand ich, man d�rfe sie nicht ohne Ursache t�ten.</p><p>Vespasian brummte, in meinen jungen Jahren in Britannien h�tte ich nicht so viel von wirklicher Kriegf�hrung verstanden. Deshalb habe er mich lieber auf eine Vergn�gungsreise kreuz und quer durchs ganze Land geschickt und mir mehr aus politischen Gr�nden, da n�mlich mein Vater Senator geworden war, den Kriegstribunenrang verliehen als um meiner eigenen Verdienste willen. Es gelang mir jedoch, ihn davon zu �berzeugen, da� es nicht daf�rstand, die j�dische Landbev�lkerung auszurotten, nur weil sie Verwundete pflegte.</p><p>Titus hielt zu mir, denn er war in Berenike, die Schwester des Herodes Agrippa verliebt und daher den Juden gewogen. Berenike lebte zwar, wie es bei den Herodiern Brauch war, in Blutschande mit ihrem Bruder, aber Titus meinte, man m�sse eben versuchen, die j�dischen Sitten zu verstehen. Er schien zu hoffen, Berenikes n�rrische Liebe zu ihrem Bruder werde erkalten, und sie werde ihn in seinem bequemen Zelt besuchen, zumindest nachts, wenn niemand sie sah. In diese Sache mochte ich mich nicht einmischen.</p><p>Vespasians geringsch�tzige Worte �ber meine Reise in Britannien kr�nkten mich zutiefst. Deshalb sagte ich, wenn er nichts dagegen habe, w�re ich gern bereit, eine �hnliche Vergn�gungsreise in die Stadt Jerusalem zu unternehmen, um mir die Verteidigungswerke der Stadt anzusehen und auszukundschaften, ob es nicht doch die eine oder andere schwache Stelle in der Verteidigungsbereitschaft der Juden gebe.</p><p>Es war wichtig zu wissen, wie viele verkleidete parthische Krieger sich in der Stadt befanden und die Schanzarbeiten leiteten. Die Parther hatten in Armenien genug Erfahrungen sammeln k�nnen, wie man eine Stadt belagert oder ihre Mauern verteidigt. Jedenfalls befanden sich in Jerusalem parthische Bogensch�tzen, denn es war nicht ratsam, sich den Mauern auf Schu�weite zu n�hern, und da� die unge�bten Juden pl�tzlich eine solche Treffsicherheit mit dem Bogen erlangt h�tten, das konnte nicht einmal ich in meiner Unerfahrenheit in milit�rischen Dingen annehmen.</p><p>Mein Vorschlag machte Eindruck auf Vespasian. Er betrachtete mich blinzelnd, fuhr sich mit der Hand �ber den Mund, lachte laut auf und sagte, er als Oberbefehlshaber k�nne es nicht verantworten, da� ein r�mischer Senator sich einer so gro�en Gefahr aussetzte, sofern ich nicht ohnehin nur gescherzt h�tte. Wenn man mich gefangennahm, konnten die Juden ihn erpressen. Kam ich auf schimpfliche Weise ums Leben, so war es eine Schande f�r ganz Rom und ihn dazu. Nero k�nnte zudem auf den Einfall kommen, da� er, Vespasian, absichtlich die pers�nlichen Freunde des Kaisers beseitigen wolle.</p><p>Er musterte mich mit einem schlauen Blick, aber ich kannte seine kleinen Finten nun schon zur Gen�ge und antwortete daher, dem Wohl des Staates m�sse die Freundschaft weichen. Im �brigen habe er keinen Grund, mich zu beschimpfen, indem er mich einen Freund Neros nenne. In dieser Hinsicht brauchten wir einander nichts vorzumachen. Das Gl�ck Roms und des Vaterlandes sei unser einziger Leitstern �ber diesem blutigen Schlachtfeld, wo die Leichen ihren Gestank verbreiteten, die Aasv�gel sich m�steten und einige Legion�re wie an der Sonne getrocknete Leders�cke von den Mauern Jerusalems niederhingen. Ich hob die Stimme in rhetorischer Steigerung, wie ich es von meinen Reden im Senat her gewohnt war. Vespasian schlug mir mit seiner gro�en Bauernhand freundlich auf die Schulter und versicherte, er zweifle nicht an meinen ehrenhaften Beweggr�nden und wisse, da� ich ein unersch�tterlicher Freund des Vaterlandes sei. Er habe nat�rlich nicht gemeint, ich w�rde mich in den Schutz der Mauern Jerusalems schleichen, um den Juden seine milit�rischen Geheimnisse zu verraten. Nein, f�r so verr�ckt halte er mich nicht. Aber auf der Folterbank k�nne manchmal auch der St�rkste nicht schweigen. Die Juden h�tten bewiesen, da� sie sehr geschickte Verh�re zu f�hren verstanden. Er betrachte es als seine vornehmste Pflicht, mein Leben zu besch�tzen, da ich mich nun einmal freiwillig unter seinen Schutz gestellt h�tte.</p><p>Dann machte er mich in aller Freundlichkeit mit seinem Ratgeber Josephus bekannt, einem der F�hrer des j�dischen Aufstandes, der seine Kameraden verraten hatte, nachdem sie alle gemeinsam beschlossen hatten, Selbstmord zu begehen, um nicht den R�mern in die H�nde zu fallen. Josephus hatte seine Kameraden sterben lassen und sodann sich selbst ergeben und sein Leben gerettet, indem er Vespasian prophezeite, er werde eines Tages Kaiser sein. Zum Scherz hatte Vespasian ihm goldene Ketten anlegen lassen und versprochen, ihn freizugeben, sobald sich die Prophezeiung erf�llte. Er nahm �brigens sp�ter als Freigelassener frech den Namen Flavius Josephus an.</p><p>Ich empfand vom ersten Augenblick an nichts als Abscheu und Ekel vor diesem verachtungsw�rdigen Abtr�nnigen und Verr�ter, und der literarische Ruhm, den er sp�ter erlangte, hat an meiner Meinung nichts ge�ndert. Eher im Gegenteil. In seinem einf�ltigen, weitschweifigen Werk �ber den Aufstand der Juden �bersch�tzt er meiner Ansicht nach die Bedeutung gewisser Ereignisse, und vor allem sind die endlosen Aufz�hlungen nebens�chlicher Einzelheiten unertr�glich langweilig.</p></section><section><p>Mein Urteil ist nicht im geringsten dadurch beeinflu�t, da� er es nicht einmal f�r n�tig hielt, meinen Namen in seinem Buch zu erw�hnen, obwohl es nur mein Verdienst war, da� die Belagerung fortgesetzt wurde, nachdem ich mit eigenen Augen die Verh�ltnisse innerhalb der Mauern studiert hatte. Es w�re ja Wahnsinn gewesen, wenn Vespasian seine gut ausgebildeten Legionen mit vergeblichen Angriffen, auf die unerwartet starken Mauern aufgerieben h�tte, da eine Belagerung und Aushungerung letzten Endes zu dem gleichen Ergebnis f�hrten. Unn�tige Verluste h�tten die Legion�re nur gegen ihn aufgebracht, was f�r meine Zwecke nicht das Rechte gewesen w�re.</p><p>Ich habe jedoch nie nach Ruhm gestrebt, und es liegt mir nichts daran, in die Geschichte einzugehen. Deshalb macht es mir nichts aus, da� dieser verachtungsw�rdige Jude meine Leistungen verschwiegen hat. Ich hege niemals Groll gegen minderwertige Menschen und pflege mich nicht f�r Verunglimpfungen zu r�chen, sofern mich nicht eine au�ergew�hnlich g�nstige Gelegenheit geradezu dazu herausfordert. Schlie�lich bin ich auch nur ein Mensch.</p><p>Durch Vermittlung eines meiner Freigelassenen machte ich mich sogar erb�tig, die B�cher des Flavius Josephus zu verlegen, und zwar sowohl das Werk �ber den j�dischen Krieg als auch seine Schilderungen der Geschichte und der Sitten der Juden, so viele Unrichtigkeiten sie auch enthalten, aber Josephus lie� mir hochm�tig antworten, er ziehe trotz der vorteilhaften Bedingungen, die ich ihm bot, einen j�dischen Verleger vor. Vom �J�dischen Krieg� brachte ich dann sp�ter heimlich eine gek�rzte Fassung heraus, da das Buch unerwartet gut ging. Mein Freigelassener hatte ja seine Familie und seine alte Mutter zu versorgen, weshalb ich seinen Vorschlag nicht zur�ckwies. Und wenn ich es nicht getan h�tte, w�rde es eben ein anderer getan haben.</p><p>Ich erw�hne diesen Josephus eigentlich nur, weil er in seiner Unterw�rfigkeit zu Vespasian hielt und sich meinem Plan widersetzte. Er lachte h�hnisch und behauptete, ich w��te vermutlich nicht, in was f�r ein Wespennest ich meinen Kopf steckte. Wenn es mir wirklich gel�nge, die Stadt zu betreten, so k�me ich lebend nimmermehr heraus. Nach vielen Einw�nden und Ausfl�chten gab er mir aber doch einen Plan der Stadt, den ich genau auswendig lernte, w�hrend ich mir den Bart wachsen lie�.</p><p>An und f�r sich war ein Bart keine sichere Maskierung, da auch viele Legion�re sich nach dem Vorbild ihrer Gegner Barte wachsen lie�en und Vespasian sie nicht daf�r bestrafte. Er erlaubte den Legion�ren sogar, sich von der Pr�gelstrafe freizukaufen, und das war mit ein Grund f�r seine Beliebtheit. Au�erdem konnte er gerade in diesem Punkt nicht auf strenge Einhaltung der r�mischen Dienstvorschriften pochen, denn sein eigener Sohn Titus hatte sich, um der sch�nen Berenike zu gefallen, einen seidenweichen Bart wachsen lassen. Mit der Begr�ndung, da� ich die sicherste Stelle und einen toten Winkel suchen mu�te, in dem ich die Stadt erreichen konnte, unternahm ich lange Streifz�ge durch die Umgebung Jerusalems und hielt mich immer gerade noch innerhalb der Schu�weite der feindlichen Bogen und Wurfmaschinen, obwohl ich nat�rlich Deinetwegen mein Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel setzte. Ich trug einen dicken Harnisch und einen Helm, und diese R�stung machte mich, da ich einiges Fett angesetzt hatte, keuchen und schwitzen. Ich magerte jedoch in diesen Tagen ab, so da� die Riemen zuletzt nicht mehr spannten. Das war nur gut f�r meine Gesundheit.</p><p>Auf meinen Wanderungen fand ich auch die j�dische Richtst�tte, auf der man Jesus von Nazareth gekreuzigt hatte. Der H�gel hat wirklich, so wie man es mir berichtet hatte, die Form eines Totensch�dels, und danach hat er auch seinen Namen. Ich suchte nach dem Felsengrab, aus dem Jesus von Nazareth am dritten Tag von den Toten auferstanden ist. Die Suche fiel mir nicht schwer, denn die Belagerer hatten die B�ume umgehauen und die B�sche ausgerissen, damit sich kein Sp�her aus der Stadt schleichen konnte, aber ich fand viele Felsengr�ber und wu�te nicht, welches das rechte war. Die Schilderungen meines Vaters waren, was die Einzelheiten anbelangt, ziemlich unbestimmt gewesen.</p><p>Wenn ich mich so mit klirrender R�stung und keuchendem Atem dahinschleppte, lachten mich die Legion�re aus und versicherten mir, ich w�rde nicht einen einzigen toten Winkel finden, in dem ich die Mauern Jerusalems erreichen k�nnte. Die Parther h�tten die Befestigungen viel zu geschickt angelegt. Im �brigen versp�rten die Legion�re keine Lust, mich mit einem Schilddach zu sch�tzen, denn diese sogenannten Schildkr�ten wurden von den Mauern herab mit geschmolzenem Blei begossen. Sie fragten mich sp�ttisch, warum ich nicht den Ro�schweif auf dem Helm tr�ge und sie durch den Anblick meines breiten roten Streifens auf dem Mantelsaum erfreute. So wahnsinnig war ich denn doch nicht, und ich hatte alle Achtung vor den parthischen Bogensch�tzen. Ich lie� sogar meine roten Stiefel in meinem Zelt, um nicht mit meinem Rang zu prahlen.</p><p>Solange ich lebe, werde ich den Anblick des Tempels nicht vergessen, der sich auf seinem H�gel strahlend �ber die Mauern der Stadt erhob, blau in der Morgend�mmerung, blutrot bei Sonnenuntergang, wenn es im Tal schon dunkel geworden war. Der Tempel des Herodes war wirklich eines der Wunder der Welt. Nach jahrzehntelanger Arbeit wurde er endlich kurz vor seiner Zerst�rung fertig. Kein Menschenauge wird ihn mehr erblicken. Doch die Juden sind selbst schuld daran, da� er verschwinden mu�te. Ich mochte nicht dabeisein, als er zerst�rt wurde. Er war zu herrlich gewesen.</p><p>Da� ich mich in dieser Zeit viel mit Glaubensdingen besch�ftigte, kam wohl daher, da� ich mich um Deiner Zukunft willen st�ndig gro�er Gefahr aussetzte und deshalb auf eine Weise weich und r�hrselig gestimmt war, die einem Manne meines Alters �bel anstand. Als ich an Jesus von Nazareth und die Christen dachte, beschlo� ich f�r mich selbst, ihnen nach bestem Verm�gen zu helfen, sich von dem j�dischen Ballast zu befreien, den sie trotz all dem Glaubenseifer des Paulus und den vielen �nderungen, die Kephas eingef�hrt hatte, noch immer wie Ketten mit sich schleppten.</p><p>Nicht, da� ich den Christen ernstlich eine politische Zukunft gegeben h�tte! Nein, dazu sind sie zu uneins und zu bitter miteinander verfeindet. Aber ich hege um meines Vaters willen eine gewisse Schw�che f�r Jesus von Nazareth und seine Lehre. Als mich mein Magenleiden am schlimmsten peinigte, ein Jahr ist es jetzt etwa her, da w�re ich sogar bereit gewesen, ihn als Gottes Sohn und Erl�ser der Menschheit anzuerkennen, wenn er sich meiner erbarmt h�tte.</p><p>An den Abenden trank ich flei�ig aus dem Holzbecher meiner Mutter, denn ich brauchte Gl�ck bei meinem gef�hrlichen Unternehmen. Vespasian hatte immer noch den zerbeulten Silberbecher seiner Gro�mutter. Er erinnerte sich noch gut an meinen einfachen Holzbecher, aus dem er damals in Britannien getrunken hatte, und gestand mir, er habe schon in jener Stunde eine v�terliche Neigung zu mir gefa�t, weil ich das Andenken meiner Mutter ehrte und nicht Silberteller und Goldbecher mit ins Feld nahm, wie es so viele junge Ritter taten. Derlei Sch�tze f�hren den Feind nur in Versuchung, sagte er, und fallen zuletzt den Pl�nderern in die H�nde. Zum Zeichen unserer Freundschaft tranken wir abwechselnd ein jeder aus dem heiligen Becher des andern, denn ich hatte guten Grund, Vespasian einen Schluck aus Fortunas Becher nehmen zu lassen. Er brauchte Gl�ck, soviel ein Mensch nur haben kann.</p><p>Ich �berlegte, ob ich es wagen sollte, j�dische Kleider anzuziehen, wenn ich in die Stadt floh, aber ich fand dann doch, das w�re ein wenig �bertrieben gewesen. Man hatte allerdings zur Warnung schon viele j�dische Handelsleute im Lager gekreuzigt, die im Schutz der Dunkelheit zu den Mauern zu schleichen versucht hatten, um unsere Pl�ne und neuen Belagerungsmaschinen zu verraten.</p><p>Als ich endlich an der Stelle, die ich mir ausgesucht hatte, am hellichten Tage auf die Mauern zurannte, trug ich Helm, Brustharnisch, Kettenhemd und Beinschienen. Ich hoffte, da� die R�stung mich auch gegen die Hiebe sch�tzen werde, die ich gewi� zun�chst einmal abbekam, wenn es mir gelang, die Stadt zu betreten. Unsere Wachtposten hatten Befehl erhalten, mir mit Pfeilen nachzuschie�en und die Juden durch gro�en L�rm auf meinen Versuch aufmerksam zu machen.</p><p>Sie f�hrten ihren Befehl so eifrig aus, da� ich einen Pfeil in die eine Ferse bekam und seitdem gar auf beiden Beinen hinke. Ich beschlo�, mir diesen �bereifrigen Bogensch�tzen vorzunehmen, wenn ich lebendig zur�ckkam, und daf�r zu sorgen, da� er f�r seinen Versto� gegen einen klaren Befehl so streng wie m�glich bestraft wurde. Er hatte den Befehl gehabt, an mir vorbeizuschie�en � wenn auch so knapp wie m�glich. Als ich dann aber gl�cklich zur�ckgekehrt war, war ich so zufrieden, da� ich mir nicht die M�he machen mochte, nach dem ungeschickten Sch�tzen zu suchen. Meine Verwundung trug �brigens nur dazu bei, da� die Juden mir meine Geschichte glaubten. Au�erdem rechnete man sie mir sp�ter, als mein innigster Wunsch in Erf�llung ging, als Verdienst an.</p><p>Nachdem sie mich eine Weile geschm�ht hatten, wehrten die Juden mit Pfeilen und Wurfsteinen einen Trupp Legion�re ab, der mir nachgest�rzt war und mich gefangenzunehmen versuchte. Zu meinem Kummer kamen bei diesem Auftrag zwei ehrliche Legion�re ums Leben, f�r deren Familien ich sp�ter sorgte. Sie geh�rten der f�nfzehnten Legion an, die aus Pannonien gekommen war, und durften nie den geliebten schlammigen Strand der Donau wiedersehen, sondern mu�ten meinetwegen ihr Leben im Lande der Juden lassen, das sie wohl schon tausendmal verflucht hatten.</p><p>Auf meine eifrigen Bitten hin lie�en die Juden endlich einen Korb an der Mauer herunter und zogen mich hinauf. Als ich in dem schaukelnden Korb sa�, war meine Angst am gr��ten, so da� ich mir, vor Furcht ganz wirr, den Pfeil aus der Ferse ri�, ohne da� es schmerzte. Die Widerhaken blieben stecken, und die Wunde begann zu eitern, weshalb ich mich nach meiner R�ckkehr ins Lager dem Feldscher ausliefern mu�te. Da schrie ich dann freilich aus vollem Hals vor Schmerzen. Ich hatte ja schon einmal mit einem Feldscher schlimme Erfahrungen gemacht, und das h�tte mir eine Warnung sein m�ssen.</p><p>Dennoch war diese Wunde meine einzige Hoffnung. Nachdem sie ihrem Zorn �ber meine r�mische Kleidung Luft gemacht hatten, gaben die Juden mir endlich Gelegenheit, zu erkl�ren, da� ich beschnitten war und zum j�dischen Glauben �bergetreten sei. Sie untersuchten die Sache sogleich und behandelten mich danach ein wenig besser. Ich erinnere mich aber nur ungern an das peinliche Verh�r, das der j�disch gekleidete parthische Zenturio mit mir anstellte, bevor er mich den richtigen Juden �berlie�.</p><p>Ich will in diesem Zusammenhang nur erw�hnen, da� ausgerissene Daumenn�gel ziemlich rasch wieder nachwachsen. Meine Daumenn�gel wurden mir allerdings sp�ter nicht als Verdienst angerechnet. In diesen Dingen sind die Kriegsgesetze sehr unzul�nglich. Ich hatte von meinen Daumen viel mehr Beschwer als von meinen Streifz�gen in Reichweite der Wurfmaschinen. So etwas wird einem aber angerechnet!</p><p>Dem Hohen Rat der Aufst�ndischen konnte ich einen Brief und eine geheime Verhandlungsvollmacht von der Julius-Caesar-Synagoge vorweisen. Ich hatte diese wertvollen Schriftst�cke in meinen Kleidern versteckt und nicht einmal Vespasian gezeigt, da man sie mir gegeben hatte, weil man mir voll und ganz vertraute. Die Parther konnten sie nicht lesen, denn sie waren in der heiligen Sprache der Juden geschrieben und mit dem Davidstern gesiegelt.</p><p>Der Rat der Synagoge, der immer noch der einflu�reichste in ganz Rom ist, berichtete in dem Brief von den gro�en Verdiensten, die ich mir um die Juden Roms nach dem Aufstand in Jerusalem erworben hatte. Sie hatten sogar die Hinrichtung des Paulus und des Kephas als eines meiner Verdienste aufgez�hlt, da sie wu�ten, da� die Juden Jerusalems diese beiden M�nner ebensosehr ha�ten wie sie. Im Hohen Rat war man neugierig auf genaue Berichte �ber die Geschehnisse in Rom, denn man hatte seit mehreren Monaten nur durch �gyptische Tauben sp�rliche Nachrichten erhalten. Titus versuchte diese Tauben durch seine gez�hmten Habichte abzufangen, und anderen drehten die hungernden Bewohner Jerusalems den Kragen um, bevor sie mit ihrer Botschaft den Taubenschlag im Vorhof des Tempels erreichten.</p><p>Ich verriet nicht, da� ich Senator war, sondern gab mich f�r einen einflu�reichen Ritter aus, denn ich wollte die Juden nicht allzusehr in Versuchung f�hren. Meine Vollmacht war entsprechend abgefa�t. Ich versicherte, da� ich als Neubekehrter � und als solchen wies mich meine Narbe aus � alles f�r Jerusalem und den heiligen Tempel tun wollte. Deshalb hatte ich mich den Truppen Vespasians als Kriegstribun angeschlossen und ihn glauben lassen, ich k�nnte ihm als Kundschafter wertvolle Nachrichten aus Jerusalem verschaffen. Ich gestand, da� der Pfeilschu� in die Ferse ein Versehen war und da� auch der Versuch, mich wieder einzufangen, nur dazu dienen sollte, die Juden hinters Licht zu f�hren.</p><p>Meine Aufrichtigkeit machte so tiefen Eindruck auf den Rat der Juden, da� man mir so weit vertraute, wie es im Kriege statthaft ist, jemandem zu vertrauen. Ich durfte mich ziemlich frei in der Stadt bewegen, immer in Begleitung einiger b�rtiger Leibw�chter mit brennenden Augen, die ich mehr f�rchtete als die hungrigen Bewohner der Stadt. Auch den Tempel durfte ich betreten, da ich beschnitten war. Auf diese Weise bin ich einer der letzten, die den Tempel zu Jerusalem in seiner unglaublichen Pracht von innen gesehen haben.</p><p>Mit eigenen Augen konnte ich mich davon �berzeugen, da� der siebenarmige goldene Leuchter, die goldenen Gef��e und das goldene Schaubrot � sie allein schon ein ungeheures Verm�gen � sich noch an ihrem Platz befanden. Niemand schien daran zu denken, sie zu verstecken, so sehr verlie�en sich diese wahnsinnigen Eiferer auf die Heiligkeit des Tempels und ihren allm�chtigen Gott. Und so unglaublich es auch f�r einen vern�nftigen Menschen klingen mag: man hatte nicht mehr als einen unbedeutenden Bruchteil des ungeheuren Tempelschatzes f�r die Anschaffung von Waffen und den Ausbau der Befestigungen zu nehmen gewagt. Lieber plagten sich die Juden zu Tode und arbeiteten ohne Lohn, als da� sie den Tempelschatz anr�hrten. Der lag im Innern des Berges hinter Panzert�ren verborgen. Der ganze Tempelberg gleicht einer Honigwabe mit seinen zahllosen Pilgerherbergen und Geheimg�ngen. Aber kein Mensch kann etwas so geschickt verbergen, da� es ein anderer Mensch nicht finden k�nnte, wenn er sich ernstlich M�he gibt, vorausgesetzt, da� mehr als einer von dem Versteck wei� und auch der Ort ungef�hr bekannt ist.</p><p>Davon konnte ich mich sp�ter selbst �berzeugen, als ich nach dem Geheimarchiv des Tigellinus forschte. Ich hielt es f�r unerl��lich, da� es vernichtet wurde, denn es enthielt zuviel merkw�rdige Einzelheiten �ber die politischen Absichten und Lebensgewohnheiten von zahlreichen Angeh�rigen unserer �ltesten Familien. Das waren recht einf�ltige M�nner gewesen, die das Volk dazu aufwiegelten, zu fordern, da� Tigellinus den Raubtieren vorgeworfen werde. Er war als Toter unvergleichlich gef�hrlicher denn als Lebender, falls sein Archiv in die H�nde eines gewissenlosen Menschen geriet.</p><p>Den Schatz des Tigellinus �berlie� ich selbstverst�ndlich Vespasian. Ich selbst behielt mir nur einige Andenken, und von den geheimen Dokumenten sagte ich nichts. Vespasian fragte auch nicht danach, denn er ist kl�ger und listiger, als man nach seinem groben �u�eren meinen m�chte. Ich gab den Schatz schweren Herzens her, denn er enthielt auch die zwei Millionen Sesterze in vollgewichtigen Goldm�nzen, die ich Tigellinus schenkte, als ich Rom verlie�. Er war der einzige, der meine ehrlichen Absichten h�tte bezweifeln und mich an der Reise hindern k�nnen.</p><p>Ich erinnere mich noch, wie er mich mi�trauisch fragte: �Warum schenkst du mir ungebeten eine solche Summe?�</p><p>�Um unsere Freundschaft zu bekr�ftigen�, erwiderte ich ehrlich. �Aber auch, weil ich wei�, da� du dieses Geld auf die rechte Art gebrauchen wirst, wenn einmal b�se Zeiten kommen, wovor uns alle G�tter Roms sch�tzen m�gen.�</p><p>Das Geld war noch da, denn er war ein Geizkragen gewesen. Im �brigen aber verhielt er sich sehr vern�nftig, als die Stunde gekommen war. Er bewog die Pr�torianer, Nero im Stich zu lassen, als er merkte, da� seine eigene Haut in Gefahr war. Und dann gab es eigentlich keinen, der ihm B�ses wollte. Galba behandelte ihn gut. Erst Otho lie� ihn ermorden, weil er sich unsicher und der Gunst des Volkes allzu ungewi� f�hlte. Ich habe seinen unn�tigen Tod immer beklagt. Nach seinen schweren Jugenderlebnissen h�tte er bessere Tage verdient. W�hrend Neros letzter Jahre mu�te er st�ndig unter schweren Gewissensqualen leben, so da� er des Nachts nicht mehr schlafen konnte und noch h�rter wurde, als er schon gewesen war.</p><p>Doch warum denke ich an ihn? Mein wichtigster Auftrag im belagerten Jerusalem war ausgef�hrt, sobald ich mich vergewissert hatte, da� der Tempelschatz wohlbehalten und zu finden war. Ich wu�te, da� dank unserer Wachsamkeit nicht einmal eine Ratte mit einer Goldm�nze in der Schnauze aus Jerusalem h�tte fliehen k�nnen.</p><p>Du verstehst gewi�, da� ich um Deiner Zukunft willen nicht ohne handgreifliche Sicherheiten Vespasian den Inhalt meiner zwanzig eisernen Truhen als Darlehen anbieten konnte, um ihm zum Kaiserthrone zu verhelfen. Ich zweifelte zwar nicht an seiner Ehrlichkeit, aber Roms Finanzen sind verworren, und ein B�rgerkrieg steht vor der T�r. Ich mu�te mich daher absichern. Nur darum wagte ich mein Leben und begab mich nach Jerusalem.</p><p>Selbstverst�ndlich k�mmerte ich mich auch um das andere, n�mlich die Verteidigungsbereitschaft der Stadt, ihre Mauern, Wurfmaschinen, Lebensmittel- und Wasservorr�te und so fort, da es auch mir zum Vorteil gereichte, wenn Vespasian dar�ber genaue Ausk�nfte erhielt. Wasser hatte die Stadt genug in unterirdischen Zisternen. Vespasian hatte gleich zu Beginn der Belagerung das Aqu�dukt niederrei�en lassen, das vor vierzig Jahren unter dem Prokurator Pontius Pilatus erbaut worden war. Die Juden hatten sich damals dieser Wasserleitung widersetzt, weil sie nicht von einer Versorgung von au�en her abh�ngen wollten. Allein das beweist, wie lange der Aufruhr schon vorbereitet worden war. Man hatte nur auf eine g�nstige Gelegenheit gewartet.</p><p>Lebensmittelvorr�te hatte die Stadt jedoch keine. Ich sah zu Schatten abgemagerte M�tter, die sich vergeblich m�hten, einen letzten Tropfen Milch aus ihren Br�sten zu pressen, und Kinder, die nur noch Haut und Knochen waren. Auch die Alten taten mir leid, denn sie erhielten keine Lebensmittelzuteilung. Die Aufst�ndischen, die mit der Waffe in der Hand k�mpften und die Mauern verst�rkten, brauchten alle Nahrung f�r sich.</p><p>Auf dem Fleischmarkt sah ich, da� Tauben und Ratten Kostbarkeiten waren, deren Gewicht mit Silber aufgewogen wurde. Im Tempelbezirk gab es ganze Herden von Mutterschafen, von denen t�glich welche dem blutd�rstigen Jahve geopfert wurden, aber das ausgehungerte Volk von Jerusalem r�hrte sie nicht an. Man brauchte sie kaum zu bewachen, weil sie heilige Tiere waren. Die Priester und die Angeh�rigen des Hohen Rates waren �brigens noch recht wohlgen�hrt.</p><p>Die Leiden des j�dischen Volkes bedr�ckten mich, da in der Waagschale des unerkl�rlichen Gottes die Tr�nen der Juden vermutlich wohl ebensoviel wiegen wie die eines R�mers, und mehr als die Tr�nen eines Erwachsenen wiegen eines Kindes Tr�nen; gleich, welche Sprache es spricht oder was f�r eine Farbe seine Haut hat. Dennoch mu�te die Belagerung fortgesetzt werden. Die Juden waren durch ihre Unbeugsamkeit selbst an ihrem Schicksal schuld.</p><p>Jeder Jude, der � selbst w�hrend der Unterhandlungen mit den R�mern � von �bergabe redete, wurde augenblicklich hingerichtet und landete, wenn ich einmal meine eigene, pers�nliche Meinung anf�hren darf, auf dem Fleischmarkt. Um Mitleid zu erregen, spricht der l�gnerische Josephus von der einen oder anderen Mutter, die ihr Kind aufa�, aber in Wirklichkeit verh�lt es sich so, da� diese Dinge in Jerusalem so h�ufig vorkamen, da� sogar er sie erw�hnen mu�te, um sich wenigstens den Anstrich von Wahrhaftigkeit und Zuverl�ssigkeit zu geben.</p><p>Ich bot diesem Josephus dann �brigens ein Honorar f�r die Auflage seines J�dischen Krieges an, die unser Verlag verkaufte, obwohl ich das gar nicht n�tig hatte. In seinem Hochmut lehnte Josephus das Geld ab und beklagte sich nur nach der Weise aller Schriftsteller �ber die K�rzungen, die ich hatte vornehmen lassen, um das Buch besser verkaufen zu k�nnen. Er wollte sich nicht davon �berzeugen lassen, da� diese K�rzungen sein unertr�glich langatmiges Buch nur verbesserten. So eitel sind Schriftsteller.</p><p>Sobald wir uns einig geworden waren, was f�r irref�hrende Ausk�nfte �ber die Verteidigung der Stadt ich Vespasian �berbringen sollte und wie die Julius-Caesar-Synagoge in Rom ohne eigene Gefahr den Aufstand der Juden politisch unterst�tzen konnte, lie� mich der Hohe Rat aus der Stadt. Mit einer Binde vor den Augen wurde ich durch einen unterirdischen Gang gef�hrt und in einen Steinbruch hinausgesto�en, in dem lauter verwesende Leichen umherlagen. Ich schlug mir auf meinem Gang durch den Steinbruch die Knie und die Ellenbogen auf und griff einmal, als ich st�rzte, mit der Hand in eine aufgedunsene Leiche, denn die Juden hatten mir verboten, vor Ablauf einer gewissen Frist die Binde abzunehmen. F�r den Fall, da� ich nicht gehorchte, drohten sie mir, mich mit Pfeilen zu durchbohren.</p><p>W�hrend meines blinden Umhertastens gelang es den Juden, die M�ndung des Geheimgangs so geschickt zu tarnen, da� wir sp�ter alle M�he hatten, sie zu finden. Wir fanden sie zuletzt aber doch, denn ich mu�te daf�r sorgen, da� alle Schlupfl�cher zugestopft wurden, und lie� nicht locker. Die Art, wie ich die Stadt verlassen hatte, brachte uns auf den Gedanken, an den unwahrscheinlichsten Orten nach geheimen Ausg�ngen zu suchen. Gleichwohl fanden wir im Laufe eines ganzen Jahres nur drei. Mir schlug nach meiner R�ckkehr aus Jerusalem oft das Herz bis zum Halse, weil ich f�rchtete, da� Deine Zukunft in Frage gestellt sei. Meine Sorge war jedoch unbegr�ndet. Der Schatz war noch vorhanden, als Titus endlich die Stadt einnahm, und Vespasian konnte seine Schulden bezahlen.</p><p>Immerhin aber hatte ich mich ein ganzes Jahr lang im Osten aufhalten und Vespasian auf Schritt und Tritt folgen m�ssen, bis die Zeit endlich reif war.</p></section><section><empty-line/><p><strong>XIV

    </strong></p><p><strong>VESPASIAN
  </strong></p><empty-line/><p>Ich nutzte die Wartezeit, um auf Umwegen meine Sache bei Vespasian vorzubereiten, der feine Andeutungen sehr wohl verstand, aber vorsichtig und bedachtsam war. Im darauffolgenden Fr�hling starb Nero, sofern er wirklich tot ist. Rom wurde innerhalb eines einzigen Jahres von drei verschiedenen Kaisern regiert: Galba, Otho und Vitellius. Genaugenommen von vieren, wenn man den unversch�mten Staatsstreich Domitians auf seines eigenen Vaters Kosten mit dazurechnet, aber das nahm ja ein schnelles Ende.</p><p>Es erheiterte mich, da� nach Galba ausgerechnet Otho Kaiser wurde. Auf diese Weise w�re Poppaea in jedem Falle kaiserliche Gemahlin geworden, auch wenn sie sich nicht von Otho h�tte scheiden lassen, so da� die Weissagung gleichsam doppelt in Erf�llung ging. Ich bin nicht abergl�ubisch, aber ich meine, ein vern�nftiger Mensch sollte ab und zu doch etwas auf Vorzeichen und dergleichen geben.</p><p>Vitellius nahm, auf die rheinischen Legionen gest�tzt, die Z�gel in die Hand, sobald er von der Ermordung Galbas erfuhr. Ich glaube, an Othos raschem Untergang war nur schuld, da� er sich erdreistete, das heilige Schwert Deines Stammvaters Julius Caesar aus dem Marstempel zu holen, wozu er weder juristisch noch moralisch gesehen das Recht hatte. Dieses Recht kommt nur Dir zu, Julius Antonianus Claudius, der Du in gerader absteigender Linie sowohl dem Geschlecht der Julier als auch dem der Antonier angeh�rst. Zum Gl�ck bekam man das Schwert zur�ck und konnte es im Marstempel erneut weihen.</p><p>Othos Legionen wurden bei Dedriacum geschlagen, er selbst beging Selbstmord, um den B�rgerkrieg nicht zu verl�ngern, obwohl er frische Truppen in Bereitschaft hatte. Seinen letzten Brief schrieb er an Neros Witwe, Statilia Messalina. Er dr�ckte ihr darin sein Bedauern aus, da� er sein Versprechen nicht halten und sich nicht mit ihr verm�hlen konnte. Seinen Leichnam und seinen Nachruf vertraute er in diesem f�r einen Feldherrn und Kaiser unziemlich gef�hlvollen Brief Statilias Obhut an. Auf diese Weise bekam Statilia kurz nacheinander gleich zwei Kaisergr�ber, um die sie sich k�mmern konnte.</p><p>�ber Paulus Vitellius gen�gt es zu sagen, da� er seine fr�he Jugend im Gefolge des Kaisers Tiberius auf Capri verbrachte. Die Verdienste seines ber�hmten Vaters will ich gern anerkennen, aber Paulus war so sittenlos, da� sein eigener Vater ihm nicht einmal das Amt eines Prokonsuls geben wollte. Es gelang ihm, sich in die Gunst dreier Kaiser einzuschmeicheln, eher um seiner Laster als um seiner Tugenden willen. Nero z�hlte ihn zu seinen Freunden, ich aber war nie mit ihm befreundet. Im Gegenteil, ich mied seine Gesellschaft, so gut es ging. Als Beweis f�r sein unanst�ndiges Benehmen will ich nur anf�hren, da� er, als er das Schlachtfeld bei Badriacum aufsuchte, schnuppernd die Luft einsog und sagte: �Ein erschlagener Feind riecht gut, und ein erschlagener r�mischer B�rger riecht noch besser!�</p><p>Seine einzige ehrenhafte Handlung war, da� er dem Senat trotzte und in Gegenwart aller Priesterkollegien auf dem Marsfeld ein Totenopfer f�r Nero verrichtete, worauf er bei dem Mahl, das er dann gab, den vornehmsten Zitherspieler Roms nur Lieder zu singen bat; die Nero gedichtet und vertont hatte. Dazu klatschte er als erster so eifrig in die H�nde, als lebte Nero noch. Auf diese Weise machte er gut, was der Propr�tor Julius Vindex Nero in dem beleidigenden Brief angetan hatte, der der Anla� zum B�rgerkrieg gewesen war. Vindex hatte Nero in diesem Brief einen kl�glichen Zitherspieler genannt, weil er wu�te, da� ihn dies mehr kr�nken w�rde als jede andere Anklage. Der f�r meinen Verstand unbegreifliche politische Mi�griff des Vitellius bestand darin, da� er durch einen Erla� die Pr�torianerkohorten aufl�ste und einhundertzwanzig Mann hinrichten lie�, darunter diejenigen Kriegstribunen und Zenturionen, die in erster Linie f�r die Ermordung Galbas verantwortlich waren. Von seinem Standpunkt aus h�tten sie eher eine Belohnung denn Strafe verdient. Es war nicht verwunderlich, da� ein solcher Wankelmut die vern�nftigen Legionsbefehlshaber mit gutem Grund an seiner Zuverl�ssigkeit als Kaiser zweifeln lie�.</p><p>Von den erbarmungslosen Morden, denen viele hochgeachtete M�nner zum Opfer fielen, will ich nicht sprechen. Ich erw�hne nur, da� er nicht einmal die Bankiers begnadigte, die ihm von Nutzen h�tten sein k�nnen, sondern sie in der Hoffnung auf leichten Gewinn hinrichten und ihr Verm�gen beschlagnahmen lie�, ohne zu �berlegen, da� es kl�ger ist, eine Kuh zu melken, als sie zu schlachten.</p><p>Als Vitellius den achten Monat regierte, erhielt ich gewisse Nachrichten, die mich davon �berzeugten, da� endlich die Zeit gekommen war, Vespasian zu �berreden. Ich sagte ihm, da� ich bereit war, ihm mein ganzes Verm�gen zu leihen, um seine Thronbesteigung zu finanzieren, und da� ich keine andere Sicherheit verlangte als einen Anteil an Jerusalems Tempelschatz und der �brigen Kriegsbeute. Ich spielte auf meine zwanzig eisernen Truhen an. Sie enthielten selbstverst�ndlich nicht mein gesamtes Verm�gen, aber ich wollte ihm vor Augen f�hren, wie sehr ich auf ihn und seine M�glichkeiten baute.</p><p>Der vorsichtige Vespasian wehrte sich so lange, da� Titus schlie�lich auf meinen Rat einen Brief f�lschte, in welchem Galba Vespasian zu seinem Erben ernannte. Titus ist der geschickteste F�lscher, der mir je untergekommen ist, und kann jede Handschrift glaubhaft nachahmen. Was sich daraus im Hinblick auf seinen Charakter schlie�en l��t, soll ungesagt bleiben.</p><p>Ich wei� nicht, ob Vespasian an die Echtheit des Briefes von Galba glaubte. Er kennt ja seinen Sohn. Jedenfalls jammerte und klagte er eine ganze Nacht lang in seinem Zelt, so da� ich es zuletzt nicht mehr aushielt und Geld an die Legion�re austeilen lie�, ein paar Sesterze f�r einen jeden, damit sie ihn in der Morgend�mmerung zum Kaiser ausriefen. Das taten sie gern und h�tten es vermutlich auch umsonst getan, aber ich wollte Zeit gewinnen. Auf meinen Rat schickten sie Boten zu den �brigen Legionen und lie�en �berall erz�hlen, was f�r ein guter, verst�ndnisvoller Mensch und begabter Feldherr er vom Standpunkt des einfachen Soldaten aus war.</p><p>Vespasian war auf diese Weise kaum vor den Mauern Jerusalems zum Kaiser ausgerufen worden, als auch schon die Eilbotschaft eintraf, da� ihm die Legionen in M�sien und Pannonien gleichfalls den Treueid geschworen hatten. Er lie� den Donaulegionen rasch den r�ckst�ndigen Sold schicken, um den sie in ihrem Schreiben so inst�ndig baten. Meine Geldtruhen in Caesarea kamen daher sehr gelegen, obwohl Vespasian zun�chst einmal meinte, er k�nne auf seinen guten Namen hin gewi� Recht bei den reichen Handelsleuten in Syrien und �gypten bekommen. Wir waren n�mlich anfangs im Hinblick auf meinen rechtm��igen Anteil am Tempelschatz nicht ganz derselben Meinung.</p><p>Ich erinnerte ihn daran, da� es Julius Caesar seinerzeit gegl�ckt war, auf seinen blo�en Namen und seine Zukunftsaussichten hin so ungeheure Schulden zu machen, da� seine Gl�ubiger gezwungen waren, ihn politisch zu unterst�tzen, da zuletzt die gesamte Kriegsbeute aus dem reichen, fruchtbaren Gallien vonn�ten war, sie zu bezahlen. Doch Caesar war damals noch jung und hatte sich sowohl durch politischen Weitblick als auch durch milit�rische Verdienste in unvergleichlich h�herem Ma�e ausgezeichnet als Vespasian, der schon zu Jahren gekommen und f�r sein einfaches, schlichtes Wesen bekannt war. Nach langem, hartem Feilschen trafen wir dann doch ein f�r beide Seiten annehmbares �bereinkommen.</p><p>Solange Nero lebte, h�tte Vespasian jedoch nie einen Soldateneid gebrochen und Neros Vertrauen entt�uscht. So unvern�nftig war er in seiner Treue, und er dachte nicht an seinen eigenen Kopf und die Zukunft seiner S�hne.</p><p>Die Treue ist gewi� etwas Anerkennenswertes, aber die wechselnden politischen Verh�ltnisse nehmen keine R�cksicht auf die Ehrenhaftigkeit eines Mannes; da mag man noch so laut von Ehre und Vaterland schreien!</p><p>Vespasian erkl�rte sich also endlich bereit, die schweren Pflichten eines Kaisers auf seine Schultern zu nehmen, da er erkannte, da� der Staat zugrunde gehen und der B�rgerkrieg nie ein Ende haben w�rde, wenn er nicht eingriff, und er griff in den Gang der Ereignisse ein zum Vorteil der Stillen im Lande, die nichts anderes w�nschen, als in Frieden zu arbeiten und das kleine Gl�ck des Menschen im Kreise der Ihren zu genie�en. Von dieser Art sind die meisten Menschen, und deshalb haben sie auch nichts mitzureden, wenn die Angelegenheiten der Welt geregelt werden.</p><empty-line/><p>Ich f�hle das Bed�rfnis, Dir auch alles zu berichten, was ich von Neros Tod wei�, obwohl ich selbst nicht zugegen war. Als Neros aufrichtiger Freund hielt ich es f�r meine Pflicht, in dieser, gelinde gesagt, dunklen Geschichte zu forschen, so gut dies sp�ter unter den ver�nderten Verh�ltnissen noch m�glich war. Aber freilich trieb mich auch die menschliche Neugier dazu.</p><p>Statilia glaubt fest, da� Nero so starb, wie es allgemein erz�hlt wird und wie es auch die Geschichtsschreiber berichten. Nero hatte sie aber doch nach Antium verbannt. Sie kann also gar nichts gesehen haben. Wie es sich mit Acte verh�lt, wei� ich nicht recht. Sie besucht Neros Grab und schm�ckt es mit Blumen, aber ich m�chte fast meinen, sie tut es, um etwas zu vertuschen. Sie geh�rt zu den wenigen, die wirklich dabei waren, als Nero seinen sp�ter ber�hmt gewordenen Selbstmord beging.</p><p>Als Nero erkannte, da� der gallische Aufruhr unter Vindex gef�hrliche Formen annahm, kehrte er aus Neapolis nach Rom zur�ck. Er hatte diese Sache zuerst gar nicht ernst nehmen wollen, obwohl er nat�rlich �ber den unversch�mten Brief des Vindex erz�rnt gewesen war. Wieder in Rom, lie� er den Senat und die einflu�reichsten Angeh�rigen des Ritterstandes zu einer heimlichen Beratung ins Goldene Haus kommen, sp�rte aber mit der Empfindsamkeit des K�nstlers sogleich die K�lte und Abneigung, die diese M�nner ihm entgegenbrachten. Nach der Beratung begann er ernstlich f�r sein Leben zu f�rchten. Als er h�rte, da� Galba sich mit den Aufst�ndischen in Iberien vereinigt hatte, fiel er in Ohnmacht, denn er erkannte, da� der Vertrauensmann, den er gesandt hatte, nicht mehr rechtzeitig bei Galba eingetroffen war, um ihm zu sagen, da� er zum Besten des Staates Selbstmord begehen m�sse.</p><p>Als sich die Kunde von Galbas Verrat in Rom verbreitete, setzte eine so wahnwitzige, l�gnerische Hetze gegen Nero ein, wie man sie seit den Tagen des Octavianus Augustus, als es darum ging, Marcus Antonius zu besiegen, nicht mehr erlebt hatte. Ich will nicht wiederholen, was alles �ber ihn geredet wurde und was f�r Sch�ndlichkeiten man in seine Statuen ritzte. Die gr��te Frechheit war, da� der Senat die Schl�ssel zum Kapitol versteckte, nachdem Nero befohlen hatte, beide St�nde m��ten ihren Treueid und ihre heiligen Gel�bde erneuern. Zwar fanden sie sich rasch wieder, als er nach langem Warten einen Tobsuchtsanfall bekam und damit drohte, er werde trotz der Heiligkeit des Kapitols die f�hrenden M�nner des Senats auf der Stelle hinrichten lassen, aber die vielen ungeduldig wartenden Zuschauer deuteten das Verschwinden der Schl�ssel als eines der b�sesten Vorzeichen f�r Nero.</p><p>Zu dieser Zeit standen Nero noch alle M�glichkeiten offen. Tigellinus hatte eine armlange Proskriptionsliste aufgestellt, die ich sp�ter in seinem Versteck fand und auf der auch mein Name stand. Das will ich ihm aber um unserer Freundschaft willen gern verzeihen. Weit mehr wunderte ich mich dar�ber, wie klar er die Notwendigkeit erkannt hatte, gewisse M�nner, die Schl�ssel�mter im Staatsdienst innehatten, hinzurichten, als in Gallien und Iberien der Aufruhr emporloderte.</p><p>Auf der Liste standen die beiden derzeitigen Konsuln und eine so gro�e Anzahl Senatoren, da� mich das Entsetzen packte. Es tat mir leid, da� ich die Liste aus politischen Gr�nden vernichten mu�te. Es w�re sehr unterhaltsam gewesen, sp�ter einmal einige Namen daraus gewissen G�sten vorzulesen, die ich meiner Stellung wegen �fter einladen mu�, obwohl mir nichts an ihrer Gesellschaft liegt.</p><p>Nero begn�gte sich jedoch damit, die beiden Konsuln zu verabschieden und selbst allein das Konsulsamt zu besetzen. Seine Empfindsamkeit und seine Menschenliebe hinderten ihn daran, die strengen Ma�nahmen zu ergreifen, die allein noch imstande gewesen w�ren, seine Macht zu retten. Dank Tigellinus standen die Pr�torianer auf seiner Seite, aber er h�tte den Baum bis auf den letzten kleinen Zweig ab�sten m�ssen, und er war der Ansicht, eine so strenge Behandlung vertrage der kr�ftigste Stamm nicht.</p><p>Nach seinen Triumphen als K�nstler in Griechenland war Nero seiner Herrscherpflichten m�de geworden. Ich glaube, wenn der Senat zuverl�ssiger gewesen w�re, w�rde er ihm nach und nach einen gro�en Teil seiner Macht �bertragen haben. Du wei�t aber selbst, wieviel Uneinigkeit im Senat herrscht und wie einer gegen den andern intrigiert. Der aufgekl�rteste Alleinherrscher kann sich auf den Senat nicht voll verlassen, nicht einmal Vespasian. Ich hoffe, Du wirst dessen stets eingedenk sein, und ich sage das, obgleich ich selbst Senator bin und nach bestem Verm�gen f�r die �berlieferungen und die Autorit�t des Senats eintrete.</p><p>Denn der Senat ist immer noch besser dazu geeignet, den Staat zu lenken, als das verantwortungslose Volk. Es geh�rt immerhin einiges dazu, Senator zu werden, w�hrend das Volk blind dem Manne folgt, der ihm au�er Getreide auch noch �l verspricht, die besten Theatervorstellungen anordnet und unter dem Deckmantel neuer Feiertage die meisten arbeitsfreien Tage einf�hrt. Das Volk ist gef�hrlich und unzuverl�ssig, und es kann die besten Absichten zuschanden machen. Deshalb mu� das Volk in guter Zucht und bei guter Laune gehalten werden.</p><p>Nero wollte keinen Krieg und am allerwenigsten einen B�rgerkrieg, der f�r alle echten Julier der vielen bitteren Erinnerungen wegen das Schlimmste ist, was einem Herrscher widerfahren kann. Er tat jedoch eigentlich nichts, um den Aufruhr zu unterdr�cken, weil er kein Blut vergie�en wollte. Denen, die ihm Vorw�rfe machten, antwortete er sp�ttisch, es w�re vielleicht das beste, wenn er den Legionen, die sich Rom im Triumphmarsch n�herten, allein entgegentr�te und versuchte, sie f�r sich zu gewinnen, indem er ihnen vorsang. Deutet das nicht darauf hin, da� er sehr wohl seine eigenen geheimen Pl�ne haben konnte? Es ist kein leeres Gerede, da� er in seiner Jugend lieber auf Rhodos studierte als sich in der Politik ge�bt haben w�rde. Seine Sehnsucht war immer nach Osten gegangen, obwohl er nie weiter als bis Achaia kam.</p><p>�ber Parthien wu�te Nero vielleicht mehr als die milit�rischen Kundschafter, die nur auf Stra�en, Weiden, Quellen, Furten, Bergp�sse und befestigte St�tzpunkte achten. Er sprach gern �ber die eigenartige Kultur der Parther, obwohl wir ihn auslachten, denn die Parther sind und bleiben doch Barbaren, bis Rom sie eines Tages zivilisiert.</p><p>Nach Neros Tod habe ich oft denken m�ssen, da� er vielleicht nur scherzte, als er sagte, er wolle eines Tages in Ekbatana auftreten. Ich habe geh�rt, da� Zitherspiel und Gesang nun in Parthiens vornehmsten Kreisen gro�e Mode sind. Hier in Rom m�ssen wir uns seit der Eroberung Jerusalems st�ndig das Geklapper und Geklirre orientalischer Musikinstrumente anh�ren. Sistren und Tamburine, oder wie sie nun hei�en.</p><p>Von der neumodischen Musik der jungen Leute kann einem alternden Mann wie mir ganz �bel werden, und manchmal denke ich geradezu sehns�chtig an das Zithergeklimper zu Neros Zeiten zur�ck, aber ich bin ja, wie ich von Dir und Deiner Mutter st�ndig zu h�ren bekomme, v�llig unmusikalisch.</p><p>Deshalb ist es mir aber doch unbegreiflich, da� Du, wenn Du liest und studierst, einen Sklaven in Deiner N�he haben mu�t, der ein Sistrum schwenkt oder zwei Kupferdeckel zusammenschl�gt, w�hrend ein heiserer S�nger �gyptische Schlager gr�lt. Ich w�rde den Verstand verlieren, wenn ich mir das ununterbrochen anh�ren m��te. Du aber behauptest allen Ernstes, Du k�nntest Dich ohne das nicht in Deine Lekt�re vertiefen, und Deine Mutter, die immer und in allen Dingen zu Dir h�lt, erkl�rt, ich verst�nde eben nichts davon. Wenn einem F�nfzehnj�hrigen schon der Bart w�chse, w�rdest Du gewi� auch einen tragen.</p><p>Nero, um auf ihn zur�ckzukommen, unternahm also nichts. Die L�gen und die �ffentlichen Beleidigungen, die er hatte einstecken m�ssen, hatten ihn tief gekr�nkt. Galbas Truppen zogen siegreich, und dank Nero ohne eine einzige Schlacht schlagen zu m�ssen, gegen Rom. Und dann kam der Tag vor dem Minervafest, da Tigellinus es, um seine eigene Haut zu retten, f�r gut befand, die Pr�torianer dem Senat zur Verf�gung zu stellen. Der Senat wurde im Morgengrauen in aller Heimlichkeit zu einer au�erordentlichen Sitzung einberufen. Es erging aber nicht an alle, die in Rom wohnten, die Aufforderung zu erscheinen, sondern nur an die zuverl�ssigen, und selbstverst�ndlich nicht an Nero, der allerdings das Recht gehabt h�tte, an der Versammlung teilzunehmen, denn er war Senator wie die anderen und sogar in h�herem Grade als sie. Tigellinus sorgte daf�r, da� die Pr�torianerposten und die germanische Leibwache am Abend ohne Abl�sung vom Goldenen Haus abgezogen wurden.</p><p>Die beiden von Nero abgesetzten Konsuln f�hrten widerrechtlich das Wort, und der Senat beschlo� einstimmig, Galba zum Kaiser zu machen, einen kahlk�pfigen, liederlichen Greis, der sich die athletischsten Liebhaber hielt, die er nur finden konnte. Ebenso einstimmig erkl�rte der Senat Nero zum Staatsfeind und verurteilte ihn zum Tode, und zwar sollte er nach altem Brauch zu Tode gegei�elt werden. Alle nahmen an, Nero werde Selbstmord begehen, um einer so unmenschlichen Bestrafung zu entgehen. Bei alldem tat sich Tigellinus am eifrigsten hervor.</p><p>Nero erwachte mitten in der Nacht im Schlafgemach seines verlassenen Goldenen Hauses. An seiner Seite lag seine treue �Gattin� Sporus. Sonst waren im ganzen Hause nur noch einige wenige Sklaven und Freigelassene zu finden. Er schickte Boten zu seinen Freunden, aber keiner von den vielen sandte ihm auch nur eine Antwort. Um den Undank der Welt in vollem Ma�e zu erfahren, begab sich Nero zu Fu� und nur von einigen Getreuen begleitet in die Stadt und klopfte an die T�ren einiger H�user, die er einst Freunden geschenkt hatte. Die T�ren blieben geschlossen, und von drinnen war kein Laut zu h�ren. Die Leute, die in diesen H�usern wohnten, hatten vorsichtshalber sogar den Hunden die Schnauzen zugebunden.</p><p>Als Nero ins Goldene Haus und in sein Schlafgemach zur�ckkehrte, sah er, da� man bereits die seidenen Bett�cher und andere Kostbarkeiten gestohlen hatte. Er stieg zu Pferde und ritt davon, mit verh�lltem Haupt und blo�en F��en, nur mit dem Untergewand und einem Sklavenmantel bekleidet, und zwar ritt er zu einem Landgut, das einem seiner Freigelassenen geh�rte, der Pfau hie�. Der Pfau hatte seinem eigenen Bericht zufolge Nero sein Haus als Versteck zur Verf�gung gestellt. Es liegt an der Via Salaria, beim vierten Meilenstein. Du wirst Dich erinnern, da� Seneca den letzten Tag seines Lebens in seinem Haus beim vierten Meilenstein verbrachte und da� Kephas beim vierten Meilenstein der Via Appia umkehrte und nach Rom zur�ckging.</p><p>Nero wurde von vier M�nnern begleitet: Sporus, dem Pfau und � wundere Dich nicht � Epaphroditus. Den vierten lie� der Senat hinrichten, weil er auf dem Forum das Maul gar zu weit aufri�. Acte erwartete Nero in der Villa des Pfaus. Das Schauspiel war meiner Meinung nach sorgf�ltig vorbereitet und wurde gut ausgef�hrt. Nero war einer der hervorragendsten Schauspieler seiner Zeit und legte auch gro�en Wert auf eine gute Ausstattung, weshalb er auf der B�hne immer eine Bemerkung machte, wenn etwa eine S�ule ungeschickt aufgestellt oder die Beleuchtung falsch war und irgendeine Nebenfigur hervorhob, w�hrend er selbst sang.</p><p>W�hrend er noch auf dem Weg zur Villa des Pfaus war, bebte pl�tzlich die Erde, und ein Blitz schlug vor ihm in die Stra�e. Zugleich scheute sein Pferd vor dem Gestank einer Leiche zur�ck und b�umte sich. Nero hatte, wie ich schon sagte, sein Haupt verh�llt. Als aber das Pferd sich b�umte, fiel das Tuch herunter und gab sein Gesicht frei. Ein alter verabschiedeter Pr�torianer erkannte ihn und gr��te ihn als Kaiser. Das trieb Nero zu noch gr��erer Eile an, denn er f�rchtete, sein Plan k�nnte vorzeitig entdeckt werden. All dies haben der Pfau und Epaphroditus so berichtet. Sporus verschwand sp�ter so spurlos, da� es Otho nicht gelang, ihn zu finden, obwohl er gern seine Begabung im Bett erprobt h�tte. Er warb ja sogar um Statilia, weil er sich auf Neros Erfahrung und Geschmack in diesen Dingen verlie�.</p><p>Ich will nicht alles wiederholen, was diese beiden M�nner �ber Neros Seelenqualen, Schrecken und Leiden berichteten: wie er mit der Hand Wasser aus einer Pf�tze sch�pfte, um zu trinken, und die Dornen aus seinem Sklavenmantel zog, nachdem er durch das Gestr�pp zur Villa gekrochen war. Sie erz�hlten, zur Freude des Senats und der Geschichtsschreiber, ohne zu z�gern alles. Nero hatte alles so umsichtig vorbereitet, da� er sogar eine fertig geschriebene Rede hinterlie�, in der er um Vergebung f�r die Verbrechen bat, die er aus politischen Gr�nden begangen hatte, und den Senat anflehte, sein Leben zu schonen und ihn zum Prokurator irgendeiner kleinen Provinz im Osten zu ernennen, da er doch dem Senat und dem Volk von Rom immerhin einige gute Dienste geleistet h�tte. Auf diese Weise lie� Nero den Eindruck entstehen, als h�tte er in drohender Lebensgefahr und von blindem Entsetzen ergriffen gehandelt. Darum konnten die beiden Augenzeugen aber doch keinen vern�nftigen Zuh�rer �berzeugen. Nur die lie�en sich �berzeugen, die alles getan hatten, um Nero zum Selbstmord zu treiben, und daher gern glaubten, ihre Hoffnungen h�tten sich erf�llt.</p><p>Nero dachte auch daran, der Nachwelt einen gro�artigen Ausspruch zu hinterlassen. �Welch einen K�nstler verliert die Welt an mir!� rief er aus. Diese Worte unterschreibe ich gern, denn heute wei� ich, was f�r einen Lebensk�nstler und S�nger, ja, was f�r einen wahren Menschenfreund Rom an Nero verlor, so schwer er auch manchmal seiner Launen und seiner K�nstlereitelkeit wegen zu behandeln war. Man darf eben einem Siebzehnj�hrigen nicht unbegrenzte Macht in die H�nde geben. Denk daran, mein Sohn, wenn Du Dich wieder einmal �ber das Zaudern Deines Vaters �rgerst.</p><p>Als das Grab fertig war und man die Marmorsteine darum herum aufgestapelt hatte, und als genug Holz beisammen war und man in Eimern Wasser herbeischleppte, um es �ber den zu Kalk gebrannten Marmor zu gie�en, kam ein Eilbote aus Rom mit einem Brief an den Pfau. Darin bekam Nero zu lesen, da� Galba zum Kaiser ausgerufen worden war und da� er selbst zu Tode gegei�elt werden sollte. Dennoch sollte das Schauspiel fortgesetzt werden und Sporus Gelegenheit erhalten, an der Leiche Witwentr�nen zu vergie�en. Da aber geschah etwas, was die Kom�dianten und R�nkeschmiede zur Eile antrieb.</p><p>Der treue Veteran, der Nero auf der Stra�e wiedererkannt hatte, beeilte sich nicht, seine Flucht zu melden, wie es jeder vern�nftige Mensch getan haben w�rde, sondern rannte auf seinen altersschwachen Beinen geradewegs ins Lager der Pr�torianer. Dort kannte man seine Narben und seinen guten Namen, und als Mitglied der Mithras-Bruderschaft geno� er sogar das Vertrauen der Zenturionen. Die Gelegenheit war denkbar g�nstig, denn Tigellinus hielt sich noch im Senat auf, wo geschw�tzige M�nner noch immer dabei waren, ihrem Zorn und ihrem vaterl�ndischen Eifer Ausdruck zu verleihen, da sie endlich einmal reden durften, ohne unterbrochen zu werden.</p><p>Der Alte hielt eine Ansprache an seine Kameraden und bat sie, sich ihres Soldateneides und ihrer Dankesschuld gegen�ber Nero sowie der Striemen von den Stockhieben des Tigellinus auf ihren Buckeln zu erinnern. Die beiden Pr�torianerlegionen beschlossen so gut wie einhellig, zu Nero zu stehen. Seiner Freigebigkeit durften sie gewi� sein, w�hrend Galba dagegen als Geizhals verschrien war.</p><p>Sie beschlossen, es auf einen Kampf ankommen zu lassen, an dessen gutem Ausgang sie nicht zweifelten, denn sie waren �berzeugt, da� viele Legion�re von Galba abfallen w�rden, wenn sie sahen, da� es Ernst wurde und da� ihnen die besten Truppen Roms gegen�berstanden. Sie sandten unverz�glich eine Reiterabteilung unter F�hrung eines Zenturio aus, die Nero suchen und sicher ins Pr�torianerlager begleiten sollte. Die M�nner verloren aber viel Zeit, weil sie Neros Versteck nicht gleich fanden und erst nach l�ngerem vergeblichen Suchen an die abseits gelegene Villa des Pfaus dachten.</p><p>Doch Nero hatte genug von der Macht. Er schickte den Pfau hinaus, um die Reiter aufzuhalten, sobald er erfahren hatte, weshalb sie gekommen waren. Dann stie� ihm Epaphroditus, der in gewissen Spielen, an denen Nero Gefallen fand, wohlge�bt war, einen Dolch in die Kehle. Nero w�hlte f�r seinen Selbstmord einen Stich in die Kehle, um den Senat davon zu �berzeugen, da� er sogar seine Stimmb�nder opferte. Auf diese Weise konnte an seinem Tode kein Zweifel aufkommen. Wenn sp�ter irgendwo im Osten ein neuer gro�er S�nger von sich reden machte, w�rde niemand an Nero denken, da man wu�te, da� er mit durchschnittener Kehle gestorben war.</p><p>W�hrend nun das Blut aus der geschickt vorget�uschten Halswunde quoll, empfing Nero unter Aufbietung seiner letzten Kr�fte den Zenturio, dankte ihm mit gebrochener Stimme f�r seine Treue, verdrehte die Augen und gab den Geist so glaubw�rdig r�chelnd und zuckend auf, da� der alte erfahrene Soldat mit Tr�nen in den Augen seinen Zenturionenmantel �ber ihn deckte, damit er mit verh�lltem Antlitz starb, wie es sich f�r einen Herrscher geziemt. Auch Julius Caesar verh�llte ja sein Haupt, um die G�tter zu ehren, als ihn die Dolche der gedungenen M�rder durchbohrt hatten. Der Pfau und Epaphroditus erkl�rten nun dem Zenturio, da� es f�r ihn selbst und f�r alle treuen Pr�torianer das kl�gste war, wenn er rasch ins Lager zur�ckkehrte und den Tod Neros meldete, damit niemand dumme Streiche machte. Darauf sollte er in die Kurie eilen und berichten, er habe in der Hoffnung auf Belohnung Nero aufgesp�rt, um ihn lebend zu fangen und dem Senat auszuliefern. Leider sei es aber Nero gelungen, seinem Leben noch rechtzeitig selbst ein Ende zu machen.</p><p>Der Mantel, den er �ber die Leiche geworfen hatte, so da� er nun voll Blut war, sei Beweis genug, sagten sie, aber selbstverst�ndlich d�rfe er Nero auch den Kopf abschneiden und in die Kurie mitnehmen, sofern er dies mit seiner Soldatenehre vereinbaren k�nne. Man werde ihn so oder so belohnen f�r die gute Nachricht, die er brachte. Nero selbst habe gew�nscht, da� sein Leichnam unverst�mmelt in aller Stille verbrannt werde.</p><p>Der Zenturio lie� seinen Mantel liegen, da zu erwarten war, da� der Senat augenblicklich einen Untersuchungsausschu� in die Villa des Pfaus sandte, um alle Einzelheiten �ber Neros Tod in Erfahrung zu bringen. Sobald die Reiter aufgebrochen waren, machten sich die treuen Verschworenen rasch ans Werk. Eine Leiche von Neros Gr��e und Wuchs war in diesen unruhigen Zeiten, da nach den Schl�gereien vor Galbas Ankunft so mancher in den Gr�ben l�ngs der Stra�en liegenblieb, nicht schwer zu finden gewesen. Also rasch auf den Scheiterhaufen mit der Leiche, Feuer ans Holz gelegt und das Ganze mit �l �bergossen! Wohin, wie und in welcher Verkleidung Nero floh, wei� ich nicht zu sagen. Ich bin jedoch ziemlich gewi�, da� er in den Osten ging, vermutlich um bei den Parthern Schutz zu suchen. Die Arsakiden haben in �ber dreihundert Jahren so viele Geheimnisse gesammelt, da� sie es besser als wir R�mer verstehen, sie zu h�ten. Wir schwatzten sogar im Senat zuviel. Die Parther dagegen beherrschen die Kunst des Schweigens.</p><p>Ich gebe zu, da� sich meine Schlu�folgerungen eigentlich nur darauf st�tzen, da� pl�tzlich das Zitherspiel bei den Parthern Mode wurde. Ich wei� jedoch, da� der wirkliche Nero nicht mehr nach der Macht in Rom strebt. Alle, die dies versuchen oder tun, sind, auch wenn sie eine Dolchnarbe am Halse tragen, falsche Neros, und wir kreuzigen sie, sobald wir ihrer habhaft werden.</p><p>Als die vom Senat ausgesandten M�nner eintrafen, war man schon dabei, Wasser auf die gl�henden Marmorbl�cke zu gie�en, die zu Kalk zerfielen und die Leichenreste mit einer Kruste �berzogen, die alle Einzelheiten verbarg. Nero hatte kein Gebrechen, an dem man seine Leiche h�tte erkennen k�nnen. Den Zahn, den er sich in Griechenland hatte ziehen lassen, hatte man vorsichtshalber auch dem Leichnam des Unbekannten gezogen.</p><p>Die traurigen Reste wurden in einen wei�en, goldbestickten Mantel gesammelt, den Nero im selben Winter beim Saturnalienfest getragen hatte. Mit Galbas Genehmigung gab man f�r die Bestattungsfeier einige hunderttausend Sesterze aus. So liegt nun im Mausoleum der Domitier in einem Porphyrsarkophag in einer Kalkkruste eine halbverbrannte Leiche. Wer will, kann hingehen und sich davon �berzeugen, da� Nero wirklich tot ist. Statilia und Acte haben nichts dagegen, da� man sein Andenken ehrt.</p><p>Ich habe Dir von Neros Tod berichtet, damit Du bereit bist, falls irgend etwas Unerwartetes geschehen sollte. Nero war ja erst zweiunddrei�ig Jahre alt, als er seinen symbolischen Tod w�hlte, um einen B�rgerkrieg zu vermeiden, seine Verbrechen zu s�hnen und ein neues Leben zu beginnen. Wo, das l��t er uns raten. W�hrend ich dies schreibe, ist er gerade erst dreiundvierzig.</p><p>Mein Mi�trauen erwachte, als mir bewu�t wurde, da� sich all dies am Vorabend des Tages zutrug, an dem einst Agrippina ermordet worden war, und da� Nero mit verh�lltem Haupt und blo�en F��en, den G�ttern geweiht, aus der Stadt geflohen war. Auch das geheimnisvolle Verschwinden des Sporus ist eine Art Beweis. Nero konnte ohne ihn nicht mehr leben, denn er war dem �u�eren nach ein treues Abbild Poppaeas. Viele Senatoren, die ihren Kopf zu gebrauchen verstehen, sind hinsichtlich Neros Tod der gleichen Ansicht wie ich, aber wir sprechen selbstverst�ndlich nie dar�ber.</p><p>Galba lie� den Leichnam Neros nur des Volkes wegen ordentlich bestatten, das seinen Tod aufrichtig und mit gutem Grund betrauerte. Er wollte die Welt davon �berzeugen, da� Nero wirklich tot war. Daher k�mmerte er sich nicht darum, da� der Senat ihn zum Staatsfeind erkl�rt hatte. Aus Mi�trauen dem Senat gegen�ber beabsichtigte Galba, die Amtszeit der Senatoren auf zwei Jahre zu begrenzen. Das war ein wahnwitziger Einfall, denn unser Amt hat man von alters her auf Lebenszeit. Deshalb dulden wir auch die Altersschwachen unter uns, die uns manchmal die Zeit stehlen, indem sie ohne Ende von den vergangenen goldenen Zeiten reden. Das ist eine Krankheit, die uns alle einmal trifft. Wir achten daher das Alter und die Dienstjahre � im Gegensatz zu den jungen Leuten, die erst zur Einsicht kommen, wenn sie selbst die Senatorenstiefel anziehen.</p><p>Es war also nicht weiter verwunderlich, da� man Galbas Kopf bald um das Forum trug. Der Soldat, der dies tat, mu�te die Daumen in seinen Mund stecken, um den Kopf richtig fassen zu k�nnen, so kahl war er. Als der Mann seine Belohnung von Otho erhalten hatte, reichte er den Kopf anderen Pr�torianern, die ihn weiter um das Lager trugen, lachten und riefen: �Cupido, Galba, n�tze deine Jugend!�</p><p>Er hatte den Pr�torianern nicht einmal bei seiner Thronbesteigung ein passendes Geschenk gemacht, aber sie waren nicht deshalb verbittert. Galba hatte sich in einen H�nen von der germanischen Leibwache verliebt. Er hatte den Mann eine ganze Nacht bei sich behalten und auf alle erdenkliche Weise angestrengt, dann aber am Morgen entlassen, ohne ihm auch nur ein paar Sesterze f�r einen Schluck Wein zu geben. Statt dessen hatte er ihm gesagt, er m�sse daf�r dankbar sein, da� er die Freundschaft eines so jugendlichen alten Mannes hatte genie�en d�rfen. Das war mit ein Grund daf�r, da� er gest�rzt wurde. Zu des Tigellinus Zeiten hatten die Pr�torianer von solchen M�nnern immer genug und �bergenug bekommen.</p><empty-line/><p>Ich kehre zu Vespasian zur�ck. Es war eine Freude zu sehen, wie er sich verwunderte, als ihn die Legionen im Morgengrauen zum Kaiser ausriefen, wie er Einw�nde machte, die H�nde rang und mehrere Male von dem Schild sprang, auf dem man ihn um die Mauern Jerusalems trug. Ein Schild ist allerdings eine unbequeme Sitzgelegenheit, besonders wenn die Soldaten einen, wie sie es mit Vespasian machten, vor Freude in die Luft prellen. Sie waren n�mlich dank der Sesterze, die ich hatte austeilen lassen, recht betrunken. Einen Teil des Geldes bekam ich �brigens durch meinen neuen syrischen Freigelassenen wieder zur�ck. Es war mir gelungen, ihm das ausschlie�liche Recht zu verschaffen, im Lager Wein zu verkaufen, und er verdiente sehr gut daran, da� er das Schankrecht an die j�dischen H�ndler des Lagers weiterverkaufte.</p><p>Nachdem er den Legionen in Pannonien und M�sien den Sold geschickt und den Kohorten in Gallien wegen der Pl�nderungen und Gewalttaten an friedlichen Bewohnern einen sanften Verweis erteilt hatte, reiste Vespasian unverz�glich nach �gypten. Zu diesem Zweck brauchte er die Truppen, die er Titus �bergeben hatte, nicht von der Belagerung abzuziehen. Eine kleine Ehrenwache gen�gte ihm, denn er verlie� sich auf die Treue der �gyptischen Garnisonstruppen. Der Treue �gyptens mu�te er sich hingegen pers�nlich versichern. Nicht, weil �gypten die Kornkammer Roms ist, sondern weil es uns all das Papier liefert, das man f�r die ordentliche Verwaltung der Welt braucht, von den Steuereinnahmen ganz zu schweigen.</p><p>Die Kunst der Besteuerung hat Vespasian dann zu bisher ungeahnter H�he entwickelt, so da� wir Wohlhabenden manchmal aus Nase und Ohren zu bluten vermeinen, wenn er uns zwackt � und aus dem Mastdarm k�nnte ich hinzuf�gen, denn deshalb bin ich hier in diesem Badeort. Die �rzte waren wegen meines Zustandes und der Blutungen, die mich schw�chten, so besorgt, da� sie mich, anstatt mir Arzneien zu geben, ermahnten, schleunigst mein Testament zu machen.</p><p>Ich wandte mich, da die �rzte mich aufgegeben hatten, an Jesus von Nazareth. Auf der Schwelle des Todes wird ein von seinen Leiden geschw�chter Mensch klein und dem�tig. Ein Gel�bde legte ich jedoch nicht ab. Neben meinen zahllosen Verbrechen und meiner H�rte wiegen meine wenigen guten Taten gewi� nicht viel, weshalb mir ein Gel�bde zwecklos erschien.</p><p>Meine �rzte trauten, ihren Augen nicht, als die Blutungen pl�tzlich von selbst aufh�rten. Sie kamen zu dem Schlu�, da� mein Leiden gar nicht lebensgef�hrlich gewesen war, sondern nur eine Folge meines �rgers dar�ber, da� Vespasian gewisse steuertechnische Ma�nahmen ablehnte, die der Erhaltung meiner Eink�nfte und meines Verm�gens dienlich gewesen w�ren.</p><p>Ich gebe zu, da� er uns nicht auspre�t, um sich selbst zu bereichern, sondern nur zum Nutzen des Staates, aber es hat alles seine Grenzen. Selbst Titus verabscheut die Kupferm�nzen, die man nun in Rom f�r die Benutzung der �ffentlichen Abtritte entrichten mu�, obwohl jeden Tag ganze K�rbe voll zusammenkommen. Die neuen Abtritte haben zwar flie�endes Wasser und Marmorsitze und sind mit Statuen geschm�ckt, aber die uralte B�rgerfreiheit ist dahin. Man kann es den Armen nicht verdenken, da� sie aus reinem Trotz ihr Wasser an den Tempelmauern und vor den T�ren der Reichen abschlagen.</p><p>Als wir vor Alexandria ankamen, zog Vespasian es vor, sich nicht in den Hafen rudern zu lassen, denn in den Becken trieben die stinkenden Leichen von Griechen und Juden. Er wollte den Bewohnern der Stadt Zeit geben, mit ihren Streitigkeiten fertig zu werden und sich in ihren verschiedenen Stadtteilen zu verschanzen, weil er kein unn�tzes Blutvergie�en duldete. Alexandria ist eine viel zu gro�e Stadt, als da� Zwistigkeiten zwischen Griechen und Juden auf eine ebenso einfache Weise h�tten bereinigt werden k�nnen wie beispielsweise in Caesarea. Wir gingen au�erhalb der Stadt an Land, und ich setzte zum erstenmal in meinem Leben den Fu� auf �gyptens heilige Erde. Ich mu� freilich hinzuf�gen, da� ich mir dabei nur meine feinen weichen Senatorenstiefel schmutzig machte.</p><p>Am n�chsten Morgen erschien eine Abordnung aus der Stadt mit allem �gyptischen Prunk, Juden und Griechen in bestem Einvernehmen, und alle beklagten mit vielen Worten den Aufruhr, den einige unbedachte Hei�sporne angezettelt hatten. Nun seien aber Ruhe und Ordnung wiederhergestellt, versicherten sie. In der Schar befanden sich Philosophen und Gelehrte sowie der Oberbibliothekar der Stadt mit seinen n�chsten Untergebenen. Darauf legte Vespasian, der selbst ungebildet war, gro�en Wert.</p><p>Als er h�rte, da� sich Apollonius von Tyana in der Stadt aufhielt, um die �gyptische Weisheit zu studieren und die �gypter in der Nabelbeschau der indischen Gymnosophisten zu unterweisen, beklagte er, da� es der gr��te Philosoph unserer Zeit nicht der M�he wert gefunden hatte, die anderen zu begleiten und seinen Kaiser willkommen zu hei�en.</p><p>Das Verhalten des Apollonius war jedoch reine Berechnung. Er war, wie bekannt, sehr eitel und ebenso stolz auf seine Weisheit wie auf seinen bis zum G�rtel reichenden wei�en Bart. Er bem�hte sich nachher nach besten Kr�ften um die Gunst des Kaisers, hielt es jedoch f�r klug, Vespasian zun�chst einmal zu beunruhigen und ihn vermuten zu lassen, er mi�billige vielleicht seinen Staatsstreich. In Rom hatte Apollonius sich Neros Gunst versichern wollen, aber Nero hatte ihn nicht einmal empfangen, weil er der Philosophie die K�nste vorzog. Immerhin war es ihm aber gelungen, Tigellinus mit seinen �bernat�rlichen Kr�ften einzusch�chtern, so da� er die Erlaubnis erhielt, in Rom zu bleiben, obwohl Nero alle kritischen Philosophen aus der Stadt verwies.</p><p>Am n�chsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, erschien Apollonius von Tyana unerwartet vor dem Tor des kaiserlichen Palastes in Alexandria und begehrte Einla�. Die Wachen hielten ihn zur�ck und erkl�rten ihm, da� Vespasian l�ngst aufgestanden war, um wichtige Briefe zu diktieren. Da sagte Apollonius fromm: �Dieser Mann wird ein wahrer Herrscher sein.� Er hoffte, da� man seine Prophezeiung Vespasian hinterbrachte, was selbstverst�ndlich auch geschah.</p><p>Als es heller Tag war, zeigte er sich erneut vor dem Tor. Diesmal wurde er unverz�glich unter allen Ehrenbezeigungen, die man f�r den gelehrtesten Mann der Welt fand, vor Vespasian gef�hrt. Viele betrachten ja Apollonius noch immer als den G�ttern ebenb�rtig.</p><p>Ich hatte den Eindruck, da� Apollonius sich �ber das graue Legion�rsbrot und den sauren Wein wunderte, die Vespasian ihm anbot, da er sonst bessere Bewirtung gewohnt war und die Kochkunst nicht verachtete, obwohl er bisweilen fastete, um seinen K�rper zu reinigen. Er spielte jedoch die Rolle weiter, die er einmal gew�hlt hatte, und pries Vespasian um seiner einfachen Gewohnheit willen, die, wie er versicherte, f�r sich allein schon bewiesen, da� er zu Recht und zum Vorteil des Staates �ber Nero gesiegt habe.</p><p>Vespasian antwortete kurz: �Ich h�tte mich nie gegen den rechtm��igen Herrscher erhoben.�</p><p>Apollonius, der geglaubt hatte, er k�nne Eindruck machen, indem er mit seinem Anteil an dem Aufstand des Vindex in Gallien prahlte, schwieg entt�uscht und bat dann, einige seiner ber�hmten Begleiter hereinrufen zu d�rfen, die noch vor dem Tor warteten. Auch Vespasians Gefolge nahm ja an dem Morgenmahl teil. Vespasian war ein wenig ungeduldig, denn wir hatten die halbe Nacht gewacht und die dringendsten Erl�sse und Verordnungen diktiert. Er beherrschte sich jedoch und sagte: �Weisen M�nnern steht meine T�r allzeit offen. Dir aber, unvergleichlicher Apollonius, �ffne ich sogar mein Herz.�</p><p>Danach hielt Apollonius in Gegenwart seiner beiden Sch�ler einen eindrucksvollen Vortrag �ber die Demokratie und wies nach, wie notwendig es sei, eine wahre Herrschaft des Volkes anstelle der Alleinherrschaft wiedereinzuf�hren, die sich als so verderblich erwiesen hatte. Ich wurde unruhig, aber Vespasian k�mmerte sich nicht um meine Ellbogenst��e und mein Zwinkern. Er h�rte Apollonius geduldig bis zum Ende an und sagte dann: �Ich f�rchte sehr, da� die Alleinherrschaft, die der Senat nach bestem Verm�gen einzuschr�nken suchte, das Volk von Rom verdorben hat. Es ist daher vorerst kaum m�glich; die Neuerungen einzuf�hren, die du vorschl�gst. Das Volk mu� erst reif werden, die Verantwortung zu tragen, die die Freiheit mit sich bringt. Sonst gibt es nur Uneinigkeit und Streit, und wir haben st�ndig den B�rgerkrieg vor der T�r.�</p><p>Apollonius antwortete so rasch, da� ich seine Geschmeidigkeit nur bewundern konnte: �Was k�mmert mich letzten Endes der Aufbau des Staates! Ich lebe nur den G�ttern. Aber ich m�chte nicht, da� die gro�e Mehrheit aller Menschen ins Verderben st�rzt, weil es ihr an einem guten Hirten mangelt. Wenn ich es recht bedenke, ist die beste Form der Demokratie eine aufgekl�rte Tyrannei, sorgsam �berwacht von einem Senat, der sich von Tugend und Rechtschaffenheit leiten l��t und nur das Gemeinwohl im Auge hat.�</p><p>Danach begann er weitschweifig zu erkl�ren, da� er sich die alte Weisheit �gyptens zu eigen machen, die Pyramiden untersuchen und wom�glich aus den Quellen des Nils trinken wolle. Leider fehle es ihm aber an dem n�tigen Geld, um ein <strong>Flu�boot</strong> samt Ruderern zu mieten. Vespasian ergriff rasch die Gelegenheit, zeigte auf mich und sagte: �Ich besitze nicht mehr, als was dem dringendsten Bedarf des Staates dient, das wei�t du in deiner Weisheit gewi� selbst, lieber Apollonius. Aber mein Freund Minutus Manilianus ist als Senator ein ebenso eifriger Freund der Demokratie wie du. Er ist verm�gend und schenkt dir sicherlich ein Schiff samt Ruderern, wenn du ihn darum bittest. Auch gibt er dir, was du sonst f�r deine Reise zu den Quellen des Nils ben�tigst. Vor Gefahren brauchst du dich nicht zu f�rchten. Es befindet sich n�mlich eine Expedition von Gelehrten, die Nero vor einigen Jahren ausschickte, auf dem Wege dorthin, und sie wird von Pr�torianern begleitet. Schlie�e dich nur ihr an.�</p><p>Erfreut �ber dieses Versprechen, das Vespasian nicht eine sch�bige Kupferm�nze kostete, versank Apollonius in Verz�ckung und rief: �O kapitolinischer Jupiter, du Heiliger aller Staatswirren, erhalte diesen Mann zu deinem eigenen Besten. Er wird deinen Tempel, den gottlose H�nde soeben im Flammenschein zerst�rten, wiederaufbauen!�</p><p>Wir entsetzten uns �ber dieses Gesicht und diese Prophezeiung. Doch ich hielt seine Worte, offen gesagt, f�r Verstellung. Erst einige Wochen sp�ter erfuhren wir, wie Vitellius abgesetzt worden war und wie Flavius Sabinus und Domitian zuvor gezwungen worden waren, sich im Kapitol zu verschanzen.</p><p>Domitian floh feige w�hrend der Belagerung, nachdem er sich das Haar geschoren und sich als Isispriester verkleidet hatte. Er schlo� sich einer Schar fremder Opferpriester an, als die Soldaten des Vitellius, nachdem sie den Tempel angez�ndet und seine Mauern mit Belagerungsmaschinen niedergebrochen hatten, die eingeschlossenen Priester hinausschleppten, um sie niederzumetzeln. Mein ehemaliger Schwiegervater Flavius Sabinus starb, so alt er war, tapfer mit dem Schwert in der Hand.</p><p>Domitian floh auf die andere Seite des Tibers hin�ber und versteckte sich bei der j�dischen Mutter eines seiner fr�heren Schulkameraden. In die Palatiumschule gehen auch immer Angeh�rige der j�dischen F�rstengeschlechter. Einer von ihnen war sogar der Sohn des K�nigs von Chalkis, dessen Schicksal seinerzeit meinen Sohn Jucundus dazu trieb, sich der kindischen Verschw�rung anzuschlie�en, die Rom zerst�ren und die Hauptstadt des Reiches in den Osten verlegen wollte. Ja, ich will nun auch davon sprechen, obwohl ich es eigentlich f�r mich zu behalten gedachte.</p><p>Tigellinus machte den Prinzen von Chalkis betrunken und mi�brauchte ihn f�r seine Gel�ste. Darauf beging der Knabe in Gegenwart seiner Mitsch�ler Selbstmord, da seine religi�sen Vorurteile ihm den Verkehr mit M�nnern verboten. Er h�tte hernach nie nach seinem Vater erben und K�nig von Chalkis werden k�nnen. Aus Rache daf�r z�ndeten die Knaben die G�rten des Tigellinus an, so da� der gro�e Brand von neuem ausbrach, als er schon im Verl�schen zu sein schien. Jucundus war mit dabei. Er starb also nicht ganz ohne Schuld. Ich mu� allerdings hinzuf�gen, da� den neu auflodernden Flammen das Viertel Suburra zum Opfer fiel, das seit eh und je ein Schandfleck f�r Rom gewesen war.</p><p>Domitian sagte sich in seiner feigen Listigkeit, da� ihn niemand ausgerechnet im j�dischen Stadtteil suchen w�rde, denn die Juden ha�ten Vespasian und sein ganzes Geschlecht wegen der Belagerung Jerusalems und der ungeheuren Verluste, die die Aufst�ndischen erlitten hatten, als sie in ihrem �bermut zuerst in offener Feldschlacht zu k�mpfen wagten und von Vespasian in die Zange genommen und aufgerieben wurden.</p></section><section><p>Apollonius von Tyana versuchte �brigens noch vor seiner Abreise, sich zugunsten der Griechen in die inneren Machtk�mpfe Alexandrias einzumischen. Als er sich von Vespasian verabschiedete, bevor er sich auf das Boot begab, das ich ihm gekauft hatte, sagte er: �Ich habe aufgehorcht, als ich h�rte, da� du in einer Schlacht drei�igtausend und in einer anderen f�nfzigtausend Juden vernichtet hast. Schon damals dachte ich: Wer ist dieser Mann? Er k�nnte zu Besserem taugen! Die Juden haben seit langem nicht nur Rom, sondern die ganze Menschheit verraten. Ein Volk, das sich von allen anderen absondert, das nicht mit anderen essen und trinken will und sich sogar weigert, die herk�mmlichen Gebete und Weihrauchopfer zu verrichten, ein solches Volk steht uns ferner als Susa und Baktra. Es w�re besser, wenn nicht ein Jude am Leben bliebe.�</p><p>So unduldsam sprach der gr��te Weise aller Zeiten, weshalb ich ihn gerne auf die Reise schickte und im Innern w�nschte, sein Boot m�chte sinken oder die Wilden in Nubien m�chten ihn auf ihre Bratspie�e stecken. Am meisten beunruhigte mich allerdings sein Geschw�tz �ber die Demokratie. Vespasian neigte allzusehr zu gerechtem Denken und hatte mehr das Beste des Volkes im Auge denn seinen eigenen Vorteil als Kaiser.</p><p>Apollonius von Tyana besa� ohne Zweifel �bernat�rliche Kr�fte. Wir rechneten uns sp�ter aus, da� er wirklich in demselben Augenblick, als es geschah, das Kapitol hatte brennen sehen. Einige Tage danach kroch Domitian aus dem Keller der J�din hervor und rief sich frech selbst zum Kaiser aus. Daran war freilich zum Teil der Senat schuld, der von einem Achtzehnj�hrigen auf dem Kaiserthron gr��eren Nutzen zu haben glaubte als von Vespasian, der gewohnt war zu befehlen, wenn es not tat. An Vitellius r�chte sich Domitian f�r den Schrecken und die Dem�tigung, die er hatte ausstehen m�ssen, indem er dem Volk die Erlaubnis gab, ihn mit dem Kopf nach unten an einer S�ule des Forums aufzuh�ngen und langsam mit kleinen Dolchstichen zu t�ten. Danach wurde die Leiche an einem eisernen Haken zum Tiber geschleift. Auch aus solchen Gr�nden darfst Du Dich nie der Willk�r des Volkes ausliefern. Liebe Dein Volk, soviel Du willst, mein Sohn, aber halte es in Zucht.</p><p>All dies wu�ten wir jedoch damals in Alexandria noch nicht. Vespasian war hinsichtlich der zu w�hlenden Regierungsform noch immer im Zweifel, obwohl er zum Kaiser ausgerufen worden war. Die Republik war ihm, wie allen �lteren Senatoren, lieb. Wir sprechen oft und gern von ihr, machen aber deshalb keine Dummheiten. Die Verz�ckung des Apollonius �berzeugte ihn nicht, da er bei der langsamen Postverbindung keine M�glichkeit hatte, die Wahrheit seines Gesichts zu �berpr�fen. Da hielt es die Priesterschaft Alexandrias f�r gut, ihm seine eigene G�ttlichkeit zu best�tigen, so da� endlich die Prophezeiungen wahr wurden, die seit einem Jahrhundert von einem Kaiser gesprochen hatten, der aus dem Osten kommen werde.</p><p>Eines hei�en Morgens, als Vespasian vor dem Serapistempel zu Gericht sa�, wo er, um die G�tter �gyptens zu ehren, sein Richterpodium hatte aufstellen lassen, traten auf den Rat der Priester zwei Kranke vor ihn hin und baten um Heilung. Der eine war blind, der andere lahm. Vespasian mochte nichts unternehmen, denn vor dem Tempel war eine gro�e Menge Volks zusammengestr�mt, um den Kaiser zu begaffen, und er wollte nicht in aller Augen zum Gesp�tt werden.</p><p>Ich aber hatte pl�tzlich das Gef�hl, all dies schon einmal erlebt zu haben: die S�ulen des Tempels, der Richterstuhl, die Volksmenge, ja ich glaubte sogar die beiden M�nner zu kennen. Da entsann ich mich des Traums, den ich in meiner Jugend im Lande der Briganter gehabt hatte. Ich erinnerte Vespasian daran und ermahnte ihn, zu tun, was er in meinem Traum getan hatte. Widerstrebend stand er auf und spuckte dem Blinden auf die Augen, worauf er den Lahmen kr�ftig gegen sein Bein trat. Der Blinde erhielt sein Augenlicht zur�ck, und das verk�rzte Bein des Lahmen genas so rasch, da� wir unseren Augen nicht trauten. Da glaubte Vespasian endlich, da� er zum Kaiser geboren war, obwohl er sich nach diesem Ereignis weder heiliger noch g�ttlicher f�hlte als zuvor oder zumindest alle Gef�hle dieser Art verbarg.</p><p>Ich wei� gewi�, da� er sp�ter nie wieder seine Kr�fte an dergleichen Heilungen erprobte. Ich bat ihn einmal, seine g�ttliche Hand auf meine blutende Darm�ffnung zu legen, als er mich, �ber meinen Zustand bek�mmert, auf meinem Sterbebett besuchte. Er weigerte sich mit aller Bestimmtheit und sagte mir, das seltsame Geschehnis in Alexandria habe so an seinen inneren Kr�ften gezehrt, da� er in der darauffolgenden Nacht ernstlich f�rchtete, den Verstand zu verlieren. �Wahnsinnige Kaiser hat Rom genug gehabt�, sagte er, und darin hatte er recht. Einer solchen Gefahr durfte ich Rom Deinetwegen nicht aussetzen, auch um den Preis meiner Gesundheit nicht.</p><p>Manch einer, der nur glaubt, was er selbst zu sehen, zu h�ren und zu riechen vermag � obgleich man den Sinnen des Menschen nicht immer trauen darf �, wird geneigt sein, an meinem Bericht zu zweifeln, da die Zauberkniffe der �gyptischen Priester ber�hmt sind. Ich kann aber bezeugen, da� die Serapispriester jeden Kranken genau untersuchen, bevor sie zulassen, da� man eine Wunderheilung an ihm versucht. Verstellung und Heilung einer eingebildeten Krankheit hie�e nach ihrem Glauben die G�tter beleidigen.</p><p>Ich wei� au�erdem, da� auch Paulus nicht jedem seine Schwei�t�cher zur Heilung ernsthafter Krankheiten schicken lie�. Einen Mann, der Krankheit heuchelte, h�tte er schonungslos aus der Gemeinschaft der Christen ausgesto�en. Ich m�chte also aufgrund meiner eigenen Erfahrungen meinen, da� Vespasian wirklich die beiden Kranken heilte. Wie das m�glich ist, kann ich freilich nicht erkl�ren. Ich will auch zugeben, da� Vespasian gut daran tut, seine Macht nicht von neuem zu erproben. Diese Wunderheilungen zehren gewi�lich entsetzlich an den Kr�ften.</p><p>Von Jesus von Nazareth wird berichtet, er habe es nicht zugelassen, da� einer heimlich auch nur seine Mantelquasten ber�hrte. Er f�hlte wohl sogleich, wie ihn die Kr�fte verlie�en. Zwar hat er Kranke geheilt und Tote auferweckt, aber nur auf flehentliche Bitten hin oder aus Mitleid mit den Angeh�rigen. Im allgemeinen war er nicht darauf erpicht, Wunder zu tun. Er tadelte die, welche sahen und doch nicht glaubten, und pries jene selig, die nicht sahen und doch glaubten. So hat man mir berichtet. Mein eigener Glaube wiegt zwar nicht mehr, als ein Sandkorn wiegen mag, und ich f�rchte sehr, ihm wird er nicht gen�gen, aber ich will zumindest versuchen, ehrlich zu sein und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.</p><p>Weil ich gerade die Zauberkniffe der �gyptischen Priester erw�hnte: Da f�llt mir ein Grieche in Alexandria ein, der das Erbe seiner V�ter und die Mitgift seiner Gattin an wahnwitzige Erfindungen verschwendete und so hartn�ckig um Vortritt bei Vespasian bat, da� wir ihn zuletzt empfangen mu�ten. Er berichtete mit leuchtenden Augen von seinen Erfindungen und pries insbesondere die Kraft des Wasserdampfs, der seiner Meinung nach imstande w�re, die schweren M�hlsteine zu treiben. Vespasian fragte ihn: �Was fangen wir dann aber mit den Sklaven an, die sich damit ihr Brot verdienen, da� sie die M�hlsteine drehen? Versuche einmal auszurechnen, wie viele Arbeitslose da der Staat ern�hren m��te.�</p><p>Der Mann rechnete rasch im Kopf und gab ehrlich zu, da� er an den Schaden nicht gedacht hatte, den seine Erfindung auf wirtschaftlichem Gebiet anrichten w�rde. Dann aber erkl�rte er hoffnungsvoll, da� die Kraft des kochenden Wassers an Bord der Schiffe ausgenutzt werden k�nne, um die Ruder zu treiben. Es fehle ihm nur am Geld f�r die n�tigen Versuche. Die Schiffe w�rden nicht mehr so vom Wind abh�ngen.</p><p>Ich hielt es f�r richtig, mich einzumischen, und erkl�rte, wie entsetzlich die Feuersgefahr auf den kostbaren Getreideschiffen sein w�rde � von der Gefahr f�r die Reisenden ganz zu schweigen �, wenn man an Bord st�ndig ein Feuer unterhalten m��te, um das Wasser zu erhitzen. Sogar das Kochen ist auf den Schiffen so gef�hrlich, da� beim geringsten Anzeichen von Sturm die Feuer auf ihren Sandbetten gel�scht werden. Jeder Seemann begn�gt sich lieber mit kalten Speisen, als da� er sich der Gefahr einer Feuersbrunst auf See aussetzte.</p><p>Vespasian bemerkte dazu, da� die griechischen Dreiruderer die sinnreichste Waffe des Seekriegs seien und f�r alle Zeiten bleiben w�rden. Von den Handelsschiffen seien dagegen die karthagischen die besten der Welt, und es bestehe kein Anla�, irgend etwas an ihnen zu �ndern.</p><p>Der Erfinder sah bedr�ckt drein, aber Vespasian lie� ihm eine bedeutende Summe ausbezahlen, damit er von weiteren wahnwitzigen Erfindungen Abstand nehme. Sicherheitshalber bestimmte er, da� das Geld der Gattin des Mannes auszuh�ndigen sei, so da� dieser nicht dar�ber verf�gen und es f�r seine unn�tzen Versuche ausgeben konnte.</p><p>Ich f�r meinen Teil habe oft, wenn ich die sinnreichen Kriegsmaschinen betrachtete, ein wenig wehm�tig daran gedacht, wie leicht ein geschickter Techniker Maschinen f�r beispielsweise den Ackerbau ersinnen k�nnte, die den Sklaven manch schwere Arbeit und unz�hlige Tropfen Schwei�es ersparen w�rden. Auch f�r die Entw�sserungskunst, die wir von den Etruskern lernten, w�ren solche Maschinen von gro�em Nutzen. Ich denke mir, man k�nnte auf dem Grunde der Abflu�gr�ben anstelle der Reisigb�ndel auch Ziegelrohre und Steine verwenden, so wie wir es in den Kloaken tun, die allerdings weit gr��er sind. Andrerseits sehe ich ein, was f�r verheerende Wirkung auf wirtschaftlichem Gebiet solche Erfindungen haben w�rden. Wo sollten die Sklaven hinfort ihr Brot und �l hernehmen? Die kostenlose Getreideausteilung kommt den Staat schon teuer genug zu stehen, und dann m�ssen Sklaven arbeiten, so schwer wie m�glich arbeiten, sonst kommen sie nur auf dumme Gedanken. Wir haben unsere bitteren Erfahrungen!</p><p>Die Priester in �gypten haben bereits alles erfunden, was man braucht. Sie haben beispielsweise eine Maschine, die Weihwasser verspr�ht, wenn man die richtige M�nze hineinsteckt, und diese Maschine ist sogar imstande, vollgewichtige M�nzen von abgefeilten zu unterscheiden, so unglaublich das auch klingen mag. Der verabscheuungsw�rdige Brauch, Sp�ne von Gold- und Silberm�nzen herunterzufeilen, ist n�mlich in Alexandria aufgekommen. Macht man es mit Hunderten und Tausenden von M�nzen, so lohnte es sich sehr wohl. Wer zuerst auf den Einfall kam, wei� ich nicht. Die Griechen beschuldigen die Juden, und die Juden die Griechen.</p><p>Ich erz�hle das, um Dir zu zeigen, da� Vespasians Wunderheilung kein Taschenspielertrick war. Gerade aufgrund ihrer eigenen technischen Erfindungen sind die �gyptischen Priester besonders mi�trauisch.</p><p>Als Vespasian in jener schlaflosen Nacht ersch�ttert zu der �berzeugung gekommen war, da� die G�tter ihn offenkundig dazu ausersehen hatten, Kaiser zu sein, atmete ich erleichtert auf. Es w�re verh�ngnisvoll gewesen, wenn er sich von l�ngst veralteten demokratischen Ideen h�tte dazu verleiten lassen, �nderungen am Aufbau des Staates vorzunehmen. Als ich meiner Sache ganz sicher war, wagte ich ihm in vertraulichem Gespr�ch mein Geheimnis zu enth�llen. Ich berichtete von Claudia und von Deiner Abstammung und wies ihm nach, da� Du der letzte m�nnliche Nachkomme des julischen Geschlechts bist. Von dieser Stunde an nannte ich Dich in meinem Herzen Julius, obwohl Du diesen Namen erst erhieltst, als Du die Toga anlegtest und Vespasian mit eigner Hand die Spange des Augustus auf Deiner Schulter befestigte.</p><p>Vespasian glaubte mir sofort und war nicht einmal so erstaunt, wie ich erwartet hatte. Er kannte Deine Mutter Claudia schon aus der Zeit, da Kaiser Caligula sie seine Base nannte, um seinen Onkel Claudius zu �rgern. Um sich das Verwandtschaftsverh�ltnis klarzumachen, rechnete Vespasian an den Fingern und sagte: �Dein Sohn ist also ein Enkel des Claudius, n�mlich der Sohn seiner Tochter. Claudius war seinerseits ein Neffe des Kaisers Tiberius, n�mlich der Sohn von dessen Bruder. Der Bruder des Tiberius aber hatte Antonia zur Gattin, die j�ngere Tochter Octavias � der Schwester des Gottes Augustus � und des Marcus Antonius. Octavia und der Gott Augustus waren Kinder der Nichte Julius Caesars. Im Grunde ist der Kaiserthron st�ndig in der weiblichen Linie weitervererbt worden. Neros Vater war der Sohn der �lteren Tochter des Marcus Antonius. Sein Erbrecht war daher ebensogut wie das des Claudius, obwohl Claudius dann der Form halber Nero adoptierte, als er sich mit seiner Nichte verm�hlte. Das Erbrecht deines Sohnes ist ohne Zweifel ebenso g�ltig wie das dieser anderen. Was willst du also?�</p><p>Ich erwiderte: �Ich will, da� mein Sohn zu dem besten und edelsten Herrscher heranw�chst, den Rom je erblickt hat. Ich zweifle nicht einen Augenblick daran, da� du, Vespasian, ihn in deiner Gerechtigkeit als den rechtm��igen Erben anerkennen wirst, wenn die Stunde gekommen ist.�</p><p>Vespasian dachte lange mit gefurchter Stirn und halb geschlossenen Lidern nach. Er strich sich �ber die Wangen und fragte schlie�lich: �Wie alt ist dein Sohn?�</p><p>�Er wird im n�chsten Herbst f�nf�, antwortete ich stolz.</p><p>�Dann hast du es ja nicht so eilig�, sagte Vespasian erleichtert. �Nehmen wir an, die G�tter geben mir noch zehn Jahre, um die Herrscherlast zu tragen und die Angelegenheiten des Staates ein wenig in Ordnung zu bringen. Dein Sohn legt dann gerade erst die Toga an. Titus hat seine schwachen Seiten, und seine Verbindung mit Berenike macht mir gro�e Sorge, aber im allgemeinen w�chst ein Mann an seiner Aufgabe. In zehn Jahren ist Titus �ber vierzig und ein reifer Mann. Meiner Meinung nach hat er ein gutes Recht auf den Kaiserthron, sofern er sich nicht mit Berenike verm�hlt. Das w�re verh�ngnisvoll. Eine J�din als kaiserliche Gemahlin ist undenkbar, und w�re sie auch aus des Herodes Geschlecht. Wenn Titus aber Vernunft annimmt, wirst du wohl in aller Freundschaft erlauben, da� er seine Zeit herrscht. Indessen wird dein Sohn zum reifen Mann und sammelt seine Erfahrungen im Amt. Mein zweiter Sohn Domitian taugt nicht zum Kaiser. Der blo�e Gedanke erschreckt mich. Ich habe es, um die Wahrheit zu sagen, immer bereut, da� ich ihn aus Versehen, in angetrunkenem Zustand, zeugte, als ich zu Besuch in Rom Weilte. Seit der Geburt des Titus waren ja zehn Jahre vergangen, und ich h�tte nicht geglaubt, da� meinem Ehebett noch einmal ein frischer Trieb entsprie�en w�rde. Es w�rgt mich in der Kehle, wenn ich an Domitian denke. Ich mag nicht einmal einen Triumph feiern, weil ich ihn dazu mitnehmen m��te.�</p><p>�Du mu�t einen Triumph feiern, wenn Titus Jerusalem erobert hat�, sagte ich beunruhigt. �Du w�rdest die Legion�re bitter kr�nken, wenn du ihnen nach den gro�en Verlusten, die sie im Judenkrieg erlitten haben, keinen Triumph g�nntest.�</p><p>Vespasian seufzte schwer und sagte: �So weit voraus habe ich noch gar nicht gedacht. Ich bin zu alt, um die Treppe zum Kapitol hinaufzukriechen. Der Rheumatismus, den ich mir in Britannien geholt habe, schmerzt immer �rger in meinen Knien.�</p><p>�Ich k�nnte dich auf der einen Seite st�tzen, und Titus auf der andern�, sagte ich. �Es ist am Ende gar nicht so beschwerlich, wie es aussieht.�</p><p>Vespasian warf mir einen Blick zu und l�chelte verschmitzt. �Was w�rde das Volk denken! Aber, beim Herkules, ich h�tte lieber dich an meiner Seite als Domitian, diesen sittenlosen, krumm gewachsenen L�genhals!�</p><p>Das sagte er, lange bevor er von dem Sieg bei Cremona, der Belagerung des Kapitols und dem feigen Verhalten Domitians erfuhr. Um das Andenken seiner Gro�mutter zu ehren, mu�te Vespasian sp�ter Domitian dann doch im Triumphzug hinter Titus mitreiten lassen, aber er gab ihm ein Maultier zu reiten. Das Volk verstand die Anspielung.</p><p>Nachdem wir die Frage der Thronfolge als vern�nftige Men- sehen in freundschaftlichem Einvernehmen von allen Seiten beleuchtet hatten, ging ich bereitwillig auf seinen Vorschlag ein, da� Titus nach ihm und vor Dir regieren solle, wenngleich ich von Titus eine weit geringere Meinung hatte als sein Vater. Seine Geschicklichkeit im F�lschen von Handschriften lie� mich an seinem Charakter zweifeln. Aber V�ter sind blind.</p><p>Sobald Vespasian seine Macht in Rom gefestigt hatte, eroberte Titus auf seinen Befehl Jerusalem. Die Zerst�rung der Stadt war wirklich so entsetzlich, wie sie Flavius Josephus beschreibt. Die Beute war aber auch danach, und ich wurde f�r meine Auslagen reichlich entsch�digt. Titus hatte den Tempel eigentlich nicht zerst�ren wollen. Das hatte er Berenike im Bett geschworen. W�hrend der K�mpfe war es jedoch unm�glich, die Ausbreitung des Brandes zu verhindern. Die ausgehungerten Juden zogen sich erbittert k�mpfend von Haus zu Haus, von Keller zu Keller zur�ck, so da� die Legion�re, die geglaubt hatten, sie brauchten die Stadt nur zu besetzen, schwere Verluste erlitten.</p><p>Mich kann bald jeder, der will, zu Pferde auf den Reliefs des Triumphbogens abgebildet sehen, den wir auf dem Forum zu errichten beschlossen. Anfangs fiel es Vespasian allerdings nicht ein, da� auch ich mir das Triumphzeichen verdient hatte, an dem mir um Deinetwillen so viel lag. Ich mu�te ihm immer wieder beweisen, da� ich w�hrend der Belagerung der N�chsth�chste nach ihm gewesen war und da� ich mich furchtlos den Pfeilen und Wurfsteinen der Juden ausgesetzt hatte und sogar am Fu� verwundet worden war.</p><p>Erst als Titus edelm�tig ein Wort f�r mich einlegte, gestand mir Vespasian das Triumphzeichen zu. Er hatte mich nie als Krieger im eigentlichen Sinne des Wortes betrachtet, weil ich an der Belagerung und Eroberung Jerusalems so viel verdiente. Die Senatoren, die zur Zeit ein Triumphzeichen besitzen, kann man an den Fingern einer Hand aufz�hlen, und einige von uns haben ihr Zeichen ohne eigenes Verdienst erhalten, um es einmal zu sagen, wie es ist.</p><p>Nachdem er als Triumphator die Treppe zum Kapitol hinaufgekrochen war, f�llte Vespasian einen Korb mit Schutt von der Tempelruine und trug ihn auf seinen Schultern in das Tal hinunter, das aufgef�llt werden sollte. Er tat dies, um dem Volk seine Fr�mmigkeit und Demut zu zeigen und ihm mit gutem Beispiel voranzugehen. Von uns erwartete er, da� wir uns finanziell am Wiederaufbau des Jupitertempels beteiligten.</p><p>Er hat auch aus allen Teilen der Welt Abschriften von alten Gesetzen, Verordnungen, Vertr�gen und Sonderrechten seit der Gr�ndung der Stadt herbeischaffen lassen. An die dreitausend solche Bronzetafeln hat er bisher gesammelt, und er verwahrt sie als Ersatz f�r die bei dem gro�en Brand geschmolzenen im neuen Geb�ude des Staatsarchivs.</p><p>Soviel ich wei�, hat er ihnen nichts von eigener Hand hinzugef�gt, obwohl er Gelegenheit gehabt h�tte, seine Abstammung von Vulcanus selbst herzuleiten, wenn ihm darum zu tun gewesen w�re. Er begn�gt sich aber noch immer mit dem verbeulten Silberbecher seiner Gro�mutter. W�hrend ich dies schreibe, hat er nun das zehnte Jahr als Kaiser geherrscht, und wir bereiten uns darauf vor, seinen siebzigsten Geburtstag festlich zu, begehen. Ich selbst bin in zwei Jahren f�nfzig und f�hle mich erstaunlich jugendlich dank der Pflege, dem Gesundheitswasser und einem weiteren Umstand, der daran schuld ist, da� ich mich nun gar nicht mehr beeile, von hier fortzukommen, sondern die Niederschrift meiner Erinnerungen in die L�nge ziehe, wie Du vielleicht schon bemerkt haben wirst.</p><p>Die �rzte haben mir schon vor einem Monat erlaubt, nach Rom zur�ckzukehren, aber ich danke Fortuna, da� ich diesen Fr�hling erleben durfte. Ich f�hle mich so sehr verj�ngt, da� ich mir unl�ngst mein Lieblingspferd bringen lie�, um wieder zu reiten, obwohl ich mich seit Jahren damit begn�gte, bei den Umz�gen mein Pferd am Z�gel zu f�hren. Dank der Verordnung des Claudius ist das noch immer gestattet, und wir alternden M�nner machen von der Erlaubnis gern Gebrauch, weil wir leider immer schwerer werden.</p><p>Weil ich gerade von Fortuna spreche: Deine Mutter ist immer merkw�rdig eifers�chtig auf den einfachen Holzbecher gewesen, den ich von meiner Mutter erbte. Vielleicht erinnert er sie allzu deutlich daran, da� Du zu einem Viertel griechisches Blut in den Adern hast. Zum Gl�ck wei� sie nicht, welch niederer Herkunft dieses Blut ist. Wie dem auch sei, ich schenkte diesen Becher vor einigen Jahren Linus, einmal weil ich des ewigen Gez�nkes Deiner Mutter m�de war, und zum andernmal weil ich in einer Stunde der �bers�ttigung meinte, ich h�tte nun genug Erfolg gehabt. Die Christen k�nnen meiner Meinung nach Fortunas Gunst brauchen, und au�erdem hat Jesus von Nazareth selbst nach seiner Auferstehung aus diesem Becher getrunken. Damit sich der Holzbecher nicht zu rasch abn�tzte, habe ich einen Prunkbecher aus Gold und Silber schmieden lassen, der ihn umschlie�t und auf der einen Seite das Bild des Kephas im Relief zeigt, auf der anderen Seite dagegen das des Paulus.</p><p>Diese Bilder sind sehr �hnlich geworden, denn der Handwerker, der sie machte, hat die beiden selbst oft gesehen und �berdies die Zeichnungen anderer und ein Mosaik als Vorlage benutzt. Zwar waren die beiden Juden und duldeten als solche keine Menschenbilder, aber Paulus hat das j�dische Gesetz in manch anderer Hinsicht umgesto�en, weshalb ich nicht glaube, da� er es mir �belnimmt, wenn ich mit Hilfe des Linus sein Aussehen der Nachwelt �berliefern will. Wozu, wei� ich freilich selbst nicht. Die Christuslehre hat neben anderen, aussichtsreicheren Religionen, von den Gymnosophisten bis zur Mithras-Bruderschaft, keine Zukunft.</p><p>Beide waren sie gute Menschen, und ich verstehe sie nun besser als fr�her, vor allem Paulus. So geht es einem ja oft: man vergi�t gewisse Charakterz�ge, die einen �rgerten, und ist endlich imstande, sich ein klares Bild von dem Menschen zu machen, wie er wirklich gewesen ist. Im �brigen besitzen die Christen sogar ein Bild ihres Jesus von Nazareth. Es blieb auf einem St�ck Tuch haften, das eine Frau ihm reichte, damit er sich das Blut aus dem Antlitz trockne, als er mit dem Kreuz auf dem R�cken auf einer Stra�e Jerusalems st�rzte. Dieses Bild w�re gewi� nicht auf dem Tuch zur�ckgeblieben, wenn er selbst es nicht gewollt h�tte. Ich folgere daraus, da� er es, im Gegensatz zu den rechtgl�ubigen Juden, gestattete, da� man ein Bild vom Menschen macht.</p><p>Der Becher, den ich weggeschenkt habe, wird flei�ig ben�tzt, aber mir scheint, seine Kraft hat wegen des Goldes und des Silbers, das ihn nun umschlie�t, abgenommen. Jedenfalls streiten die Christen miteinander noch ebenso heftig und scharfsinnig wie eh und je. Linus hat alle M�he, sie wenigstens so weit zu bes�nftigen, da� sie nicht mitten unter ihrem heiligen Abendmahl �bereinander herfallen.</p><p>Was in den dunklen Gassen geschieht, wenn, die verschlossenen T�ren ge�ffnet worden sind und die Teilnehmer am Mahle sich entfernen, mag ich nicht n�her schildern. Die Unduldsamkeit und der Neid, die Paulus und Kephas ins Verderben st�rzten, herrschen noch immer unter ihnen. Schon aus diesem Grunde kann aus ihnen nichts werden. Ich warte nur noch darauf, da� eines Tages ein Christ einen anderen Christen in Christi Namen erschl�gt. Der Arzt Lucas sch�mt sich all dessen so, da� er nun kein drittes Buch zu dem Werk, das er plante, schreiben will, sondern die Arbeit aufgegeben hat.</p><p>Es hilft auch nichts, da� gelehrte und gebildete Menschen sich ihnen angeschlossen haben und sich ebenfalls zu Christus bekennen. Im Gegenteil, die Sache scheint davon nur noch schlimmer geworden zu sein. Kurz vor meiner Erkrankung lud ich zwei Sophisten zum Mahl, weil ich hoffte, ihre Bildung und Vernunft k�nnten Linus von Nutzen sein, aber die beiden begannen so erbittert miteinander zu streiten, da� sie mir beinahe meine kostbaren alexandrinischen Glasschalen zerschlugen.</p><p>Meine Einladung hatte einen rein praktischen Grund. Ich dachte mir, da� gebildete M�nner wie sie einsehen w�rden, wie vorteilhaft es f�r die Christen w�re, wenn ihr Oberhaupt irgendein Zeichen seines Ranges tr�ge, etwa eine Kopfbedeckung wie die Mithras-Priester und zu dem einfachen Hirtenstab dazu den gewundenen Himmelsleiterstab der Auguren. Solche �u�erlichen Zeichen ihres Bundes w�rden meiner Meinung nach gew�hnliche B�rger dazu ermuntern, sich ihnen anzuschlie�en.</p><p>Statt eines vern�nftigen Gespr�chs begannen aber die beiden M�nner einen hitzigen Streit, und der eine sagte: �Ich glaube an ein unsichtbares Reich, an die Engel und daran, da� Christus Gottes Sohn ist, denn dies ist die einzige begreifliche Erkl�rung f�r die Unbegreiflichkeit und den wahnwitzigen Lauf der Welt. Ich glaube, um zu verstehen.�</p><p>Der andere wollte das nicht gelten lassen und entgegnete: �Verstehst du nicht, du kleiner Geist, da� menschliche Vernunft die G�ttlichkeit Christi nicht fassen kann? Ich glaube nur, weil die Lehre �ber ihn absurd und vernunftlos ist. Ich glaube, weil sie sinnlos ist.�</p><p>Ich fiel ihnen rasch ins Wort, bevor sie handgemein wurden, und sagte beg�tigend: �Ich f�r mein Teil bin kein Gelehrter, obgleich ich die Philosophen und nicht wenige Dichter gelesen und selbst ein Buch �ber Britannien geschrieben habe, das man noch in den �ffentlichen Bibliotheken finden kann. An Gelehrsamkeit und in der Kunst des Disputierens kann ich es nicht mit euch aufnehmen. Viel glaube ich nicht, und ich bete auch um nichts, denn in meinen Augen ist es reine Unvernunft, um etwas zu beten, was ein unerkl�rlicher Gott selbst am besten wei�. Er gibt mir gewi�, was mir not tut, wenn er so will. Eurer langatmigen Gebete bin ich m�de. Wenn ich denn beten m��te, so m�chte ich in meiner Sterbestunde fl�stern: Jesus Christus, Gottes Sohn, erbarme dich meiner. Ich bilde mir nicht ein, da� meine wenigen guten Taten meine b�sen Taten und Verbrechen aufzuwiegen verm�gen. Ein Reicher kann nicht ohne Schuld sein. Hat er Schlimmeres nicht auf sich geladen, so sind die Tr�nen seiner Sklaven sein Verbrechen. Ich verstehe die Menschen, die ihre Habe den Armen schenken, um Christus zu folgen, aber ich selbst behalte und vermehre lieber, was ich besitze, f�r meinen Sohn und das Gemeinwohl. Es k�nnte sonst jemandem in die H�nde fallen, der grausamer ist als ich, zum Schaden f�r die vielen, die mein Brot essen. Schont daher bei eurem Streit meine Glasschalen, die nicht nur kostbar sind, sondern auch mir selbst als Erinnerungsst�cke teuer.�</p><p>Sie beherrschten sich aus R�cksicht auf meinen Rang und meine Stellung, wenngleich sie einander wahrscheinlich an die Kehle fuhren, sobald sie mein Haus und meinen guten Wein verlassen hatten. Glaube aber nicht, mein Sohn Julius, ich sei zu den Christen �bergegangen, weil ich all dies erz�hle. So viel wei� ich �ber Jesus von Nazareth und sein Reich, da� ich es nie wagen w�rde, mir einen so anspruchsvollen Namen zuzulegen und mich Christ zu nennen. Deshalb habe ich mich auch nie f�r w�rdig gehalten, die Taufe zu empfangen, sooft auch Deine Mutter mich dazu zu �berreden versuchte.</p><p>Ich begn�gte mich damit, zu sein, was ich bin, mit meinen Schw�chen und meinen Fehlern, und ich will mich, wie Du aus diesen Erinnerungen ersiehst, nicht einmal rechtfertigen. Ich habe nur versucht, Dir begreiflich zu machen, mit welcher Unausweichlichkeit ich zu gewissen Taten gezwungen worden bin, die ich sp�ter bereute � Taten, die nur Dir zum Vorteil gereichten.</p><p>Was meine sittlichen Verirrungen anbelangt, will ich Dir nur sagen, da� kaum ein Mensch ohne Tadel ist, nicht einmal die Heiligen, die sich Gott geweiht haben. Nie aber, das kann ich Dir versichern, habe ich einen anderen Menschen nur zu meinem Genu� mi�braucht. Ich habe in meiner Bettgef�hrtin immer auch den Menschen gesehen, mochte sie nun Sklavin sein oder Freie.</p><p>Meiner Meinung nach geschehen aber die unsittlichsten Dinge nicht im Bett, wie viele glauben, sondern das Schlimmste ist die Verh�rtung des Herzens. H�te Dich davor, da� Du hart in Deinem Herzen wirst, mein Sohn, wer auch immer Du eines Tages sein und vor welch schweren Entscheidungen immer Du stehen wirst. Eine gewisse menschliche Eitelkeit ist, innerhalb vern�nftiger Grenzen, wohl erlaubt, nur darfst Du in Deinem Herzen Deine Gelehrsamkeit und Deine Dichtergabe nicht zu hoch einsch�tzen. Glaube nicht, ich w��te nicht, da� Du mit Juvenal in der Dichtkunst zu wetteifern trachtest!</p><p>W�hrend ich dies schreibe, ist mir, als k�nnte ich die ganze Welt lieben, weil es mir verg�nnt war, noch einen versp�teten Fr�hling zu erleben. Ich glaube, wenn ich nach Rom zur�ckkehre, werde ich die Schulden Deines Freundes Juvenal bezahlen, und er mag meinetwegen gerne seinen Bart behalten. Warum sollte ich Dir Kummer machen und Dich von mir entfernen, indem ich einen Menschen verachte, der Dir � wenngleich aus mir unbegreiflichen Gr�nden � lieb ist.</p><p>Mein Herz ist so voll, da� ich erz�hlen mu�. Deshalb will ich Dir noch von dem Fr�hling berichten, den ich hier erleben durfte. Ich habe sonst niemanden, mit dem ich dar�ber sprechen k�nnte, und Du wirst diese Aufzeichnungen ohnehin erst lesen, wenn ich schon tot bin. Vielleicht wirst Du dann Deinen Vater besser verstehen, den Du jetzt nur f�r einen n�rrischen Alten h�ltst. Um wieviel leichter ist es doch, sich mit einem fremden Kind zu verstehen als mit dem eigenen Sohn! Doch das ist wohl eines jeden Vaters Fluch, selbst wenn er das Beste will.</p><p>Ich wei� nicht, wie ich beginnen soll. Du wei�t, da� es mich nie danach gel�stet hat, nach Britannien zur�ckzukehren, obwohl ich mich dort um meine Besitzungen k�mmern k�nnte und gern auch sehen m�chte, wie aus Lugundanum eine richtige Stadt wird. Ich f�rchte nur, ich w�rde Britannien nicht mehr so sehen, wie ich es in meiner Jugend, mit ungetr�bten Sinnen, sah, als ich es mit Lugunda durchwanderte. Vielleicht war ich nur von den Druiden verhext, so da� ich sogar Britannien sch�n fand, aber ich will diese Erinnerung nicht verlieren, indem ich nun mit meinen bald f�nfzig Jahren und meinen grob gewordenen, abgestumpften Sinnen noch einmal hinfahre.</p><p>In diesem Fr�hling habe ich aber noch einmal so leben d�rfen, als w�re ich noch jung. Freilich ist alles nur eine jener Verzauberungen gewesen, die selbst einem Mann wie mir den Blick mit Lachen und Weinen verdunkeln k�nnen. Du wirst nie mit ihr zusammentreffen, mein Sohn, denn ich halte es ihretwegen und meinetwegen f�r das beste, sie auch selbst nicht mehr aufzusuchen.</p><p>Sie ist von verh�ltnism��ig niederer Herkunft, aber ihre Eltern haben dank ihrer Armut die uralten �berlieferungen und Sitten der Landbewohner bewahrt. Sie wundert sich sogar dar�ber, da� mein Untergewand aus Seide ist. Ich habe ihr so manches aus meinem Leben erz�hlt, angefangen von den jungen L�wen, die meine Gattin Sabina seinerzeit in unserem Ehebett aufzog und die ich mit einem Horn f�ttern mu�te. Sie h�rte mir geduldig zu, und ich betrachtete den wechselnden Ausdruck ihrer seltsamen Augen.</p><p>Ich mu�te ja an den Abenden ein wenig Ordnung in meine Erinnerungen bringen, um sie dann teils selbst niederzuschreiben, teils diktieren zu k�nnen. Ich hoffe, Du wirst einigen Nutzen von ihnen haben. Wenn Du nur nicht zu viel Gutes von den Menschen glaubst und dann entt�uscht wirst! Kein Herrscher darf sich ganz auf einen anderen Menschen verlassen. Das ist die schwerste B�rde der Alleinherrschaft. Allzu gro�es Vertrauen r�cht sich immer. Denk daran, mein Sohn.</p><p>Ich sage Dir all das, weil ich Dich aus ganzem Herzen liebe und weil Du, auch wenn Du es nicht so empfindest, der eigentliche Sinn meines Lebens bist. Es ist, als h�tte ich, als ich in ihr einer versp�teten, allzu s��en und z�rtlichen Liebe begegnete, gelernt. Dich mehr zu lieben als je zuvor und auch Deine Mutter und ihre weniger guten Seiten besser zu verstehen. Ich verzeihe ihr nun gern die Worte, die sie oft im Zorn sagte. Andrerseits hoffe ich, sie wird mir verzeihen, da� ich nicht anders sein kann, als ich eben bin. Man soll nicht versuchen, einem alten Hund das Bellen abzugew�hnen und das M�nnchenmachen beizubringen.</p><p>Es ist in der ganzen Zeit, die ich mich hier in diesem Kurort aufhalte, in dessen N�he das Gut ihrer Eltern liegt, nichts Schlimmes zwischen uns geschehen. Ein einziges Mal habe ich sie gek��t, und das eine oder andere Mal habe ich wohl auch mit meiner groben Hand die Haut ihrer Arme gestreichelt. Mehr w�nschte ich nicht, denn ich will ihr nicht weh tun oder sie vor der Zeit in die Einsamkeit und die hei�e W�ste der menschlichen Leidenschaft st�rzen. Es ist genug, da� bei meinen Erz�hlungen ihre Wangen sich r�teten und ihre Augen zu gl�nzen begannen. Ihren Namen sage ich Dir nicht. Du wirst ihn auch in meinem Testament nicht finden, weil ich auf anderen Wegen, die ich f�r vern�nftiger hielt, daf�r gesorgt habe, da� sie nie Not zu leiden braucht und da� sie eine gro�e Mitgift hat, wenn sie eines Tages dem jungen Mann begegnet, der ihrer Liebe wert ist. Mag sein, da� ich sie f�r verst�ndiger halte, als sie ist, nur weil sie so gern und geduldig dem Geschw�tz eines alternden Mannes lauschte, aber ich glaube, ihr k�nftiger Gatte wird gro�en Nutzen von ihrem angeborenen Verst�ndnis und Fassungsverm�gen haben, wenn er sich eine Zukunft im Dienst des Staates aufbauen will.</p><p>Sie wird sicherlich einen Ritter w�hlen. Das wei� ich, weil sie so in Pferde vernarrt ist. Ihretwegen lie� ich mir meine Lieblingsstute bringen und begann wieder zu reiten. Ich glaube, ihre blo�e N�he und ihr warmes Mitgef�hl haben mir zur Genesung verholfen, denn unsere Freundschaft entbehrt aller verzehrenden Leidenschaft.</p><p>Ich wei�. Du hast getrauert und sogar Deinen Vater geha�t, als der schneewei�e Hengst, der von Kaiser Gajus Caligulas �Blitz� abstammt, pl�tzlich aus Deinem Stall verschwunden war. Es machte mir Spa�, mir diesen Hengst zu verschaffen, um mich selbst daran zu erinnern, was es im Grunde bedeutet, r�mischer Senator zu sein. Gajus hatte beschlossen, �Blitz� zum Senator zu ernennen. Deshalb wurde er so grausam ermordet. Ich kenne den Senat zur Gen�ge und sage Dir, er hat sich �bersch�tzt. Er h�tte sich einen triftigeren Grund ausdenken m�ssen.</p><p>Ich h�rte jedenfalls, da� Du, nachdem Du die Toga angelegt hattest, beim Festumzug der Ritterschaft auf einem schneewei�en Hengst geritten bist. Das geh�rt sich nicht f�r einen J�ngling in Deinem Alter, glaube mir, Julius. Ich hielt es daher f�r richtig, Dir den Hengst wegzunehmen. Ich schenke ihn lieber einem klugen f�nfzehnj�hrigen M�dchen zum Andenken, das in l�ndlicher Stille und Abgeschiedenheit lebt. Schlie�lich komme ich noch immer f�r den Unterhalt Deines Stalles auf, wenn Du ihn auch Deinen eigenen nennst.</p><p>Ich kann es nicht verhindern, da� der Klatsch Roms mich auf den verschiedensten Wegen erreicht. Versteh mich recht, wenn Du dies eines Tages liest. Ich hielt es nicht f�r n�tig, irgendwelche Gr�nde anzugeben. Du magst mich meinetwegen hassen, weil pl�tzlich Dein sch�nstes Reitpferd verschwand. Und wenn Du nicht genug Verstand hast, zu begreifen, warum es notwendig war, dann hasse mich, solange du willst.</p><p>Diesen Hengst schenke ich ihr zum Abschied, denn sie hat nicht einmal eine goldene Kette angenommen, die ich ihr zum Andenken geben wollte. Das Pferd wird sie wohl annehmen k�nnen. Ihre Eltern k�nnen sich Nebeneink�nfte verschaffen, indem sie den Hengst f�r die Zucht verwenden. Auf diese Weise wird der Pferdestamm dieser Gegend verbessert, mit dem wirklich kein Staat zu machen ist. Sogar meine alte fromme Stute erweckt hier Neid.</p><empty-line/><p>Wenn ich an mein Leben denke, f�llt mir oft ein Gleichnis ein, das Du aus dem Munde des Linus geh�rt haben wirst. Es war einmal ein Herr, der seinen Knechten einige Pfunde Silber zu verwahren gab, da er selbst fortreiste. Der eine Knecht vergrub sein Pfund in der Erde, w�hrend der andere das seine vermehrte und verdoppelte. Von mir kann kaum jemand behaupten, ich h�tte mein Pfund vergraben. Im Gegenteil, ich habe mein V�tererbe vermehrt, hundertfach k�nnte ich sagen, wenn es nicht unbescheiden kl�nge. Du wirst es in meinem Testament sehen. Ich meine aber nicht nur irdische Pfunde, sondern auch gewisse andere Werte. Jedenfalls habe ich beinahe doppelt soviel Nilpapier von der feinsten Sorte f�r meine Erinnerungen verwendet als mein Vater seinerzeit f�r seine Briefe an Tullia, die Du eines Tages ebenfalls lesen wirst.</p><p>Der Herr sprach zu seinem Knecht: �Du guter und treuer Knecht, geh ein in die Freude deines Herrn.� Das finde ich sch�n gesagt, obwohl ich f�r mich selbst nichts dergleichen erhoffen darf. Aber Jesus von Nazareth hat eine eigent�mliche Art, einen geschwind aufs Ohr zu schlagen, sowie man etwas zu wissen glaubt. Kaum eine Woche war vergangen, seit ich mich vor den beiden Sophisten damit gebr�stet hatte, ich w�rde nie um etwas beten, da flehte ich ihn in meinen Schmerzen auch schon inniglich an, er m�ge meine Blutung stillen, ehe ich verblutete. Die besten �rzte Roms vermochten mir nicht zu helfen. Mein Leiden heilte jedoch von selbst. Hier in diesem Kurort, wo ich flei�ig Wasser trinke, f�hle ich mich ges�nder und froher als je in den letzten zehn Jahren. Ich habe sogar die sonderbare Gewi�heit, da� ich noch f�r irgendeinen Zweck gebraucht werde, obwohl ich nichts gelobt habe. Noch ein paar Worte �ber das hell�ugige M�dchen, das meine Gesellschaft war und mir so viel Freude schenkte, da� mir bei seinem blo�en Anblick das Herz schmolz. Ich begriff anfangs nicht, warum ich ihr schon begegnet zu sein glaubte. So wohlbekannt erschien mir alles an ihr, sogar ihre kleinsten Bewegungen. In meiner Einfalt gab ich ihr ein St�ck von Antonias Seife und ein Fl�schchen von dem Parf�m, das Antonia verwendet hatte. Ich fand, sie erinnerte mich auf unbestimmte Art ein wenig an Antonia, und hoffte, der bekannte Duft der Seife und des Parf�ms w�rde der �hnlichkeit nachhelfen.</p><p>Es geschah aber gerade das Gegenteil. Ich bemerkte, da� diese bet�ubenden D�fte nicht zu ihrem fr�hlingsfrischen Wesen pa�ten. Sie st�rten mich nur. Als ich sie dann aber k��te und ihre Augen dunkel werden sah, da erblickte ich in ihrem Gesicht das Gesicht Antonias, aber auch die Z�ge Lugundas und, was das Wunderlichste von allem war, das Gesicht Deiner Mutter Claudia, wie es in ihrer Jugend gewesen war. Und als ich so eine lange Weile ihren M�dchenleib in meinen Armen hielt, ohne ihr etwas antun zu wollen, da erkannte ich in ihr auf merkw�rdige Weise alle die Frauen wieder, die ich in meinem Leben am meisten geliebt habe. Ich wei�, da� nach ihr keine Frau mehr mein Leben teilen wird. Ich habe Liebe genug und �bergenug erfahren. Mehr soll der Mensch nicht begehren.</p><p>Als ich mit eigener Hand diese letzten Zeilen niedergeschrieben hatte, gebot das Schicksal selbst mir, meine Erinnerungen abzuschlie�en. Vom Senat kam ein Eilbote mit der Nachricht, da� Roms Kaiser Vespasian nahe Raete, der Heimat seines Geschlechts, gestorben ist. So konnte er seinen siebzigsten Geburtstag nicht mehr feiern, aber man sagt, er habe versucht, sich aufzurichten und stehend in den Armen derer, die ihn st�tzten, zu sterben.</p><p>Sein Tod wird noch zwei Tage geheimgehalten, bis Titus in Raete eingetroffen ist. Unsere erste Aufgabe im Senat wird es sein, Vespasian zum Gott auszurufen. Er hat es verdient, denn er war von allen Kaisern Roms der fr�mmste, selbstloseste, arbeitsamste und gerechteste. Da� er von Plebejern herstammte, ist nicht seine Schuld, und es ist ohne Belang, sobald er ein Gott ist. Als alter Freund will ich seinem Priesterkollegium beitreten, da ich bisher noch kein Priesteramt bekleidet habe. Ich denke an Deine Zukunft, mein lieber Sohn, und mu� dieses Verdienst meinen bisherigen hinzuf�gen. In Eile mit eigner Hand, Dein Vater Minutus Lausus Manilianus.</p><empty-line/><p>Drei Monate sp�ter, bevor ich diese Aufzeichnungen in einem sicheren Versteck einmauere. Es ist, als lie�e mich Fortuna nun im Stich. Der furchtbare Vesuvausbruch hat meine neuerbaute Prachtvilla in Herculanum zerst�rt, in der ich meine alten Tage unter einem milden Himmel und in guter Gesellschaft zu verbringen gedachte. Oder besteht mein Gl�ck gerade darin, da� ich nicht dazugekommen war, hinzureisen, das Haus zu besichtigen und mit den Baumeistern wegen der Rechnungen zu streiten? Ich w�re vielleicht selbst unter dem Aschenregen begraben worden.</p><p>Aber ich f�rchte, dieses entsetzliche Ereignis hat eine b�se Vorbedeutung f�r die Regierung des Titus. Ich sage das, obgleich wir Freunde sind und er mir und Dir nur Gutes will. Zum Gl�ck ist er noch in seinen besten Jahren, und man nennt ihn die Freude und das Entz�cken der Menschheit. Weshalb, begreife ich nicht recht. Auch Nero wurde in seiner Jugend so genannt.</p><p>Gleichwohl glaube ich, da� Titus so gut herrschen und so lange leben wird, da� er alle R�nke des Domitian zunichte machen und Dich eines Tages zu seinem Nachfolger auf dem Thron ernennen kann. H�te Dich vor Domitian. Was darf man wohl Gutes von einem Mann erhoffen, der sich die Zeit damit vertreibt, lebende Fliegen auf seinen Schreibstift zu spie�en wie ein mutwilliger Knabe!</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p><strong>NACHWORT</strong></p><empty-line/><p>Minutus Lausus Manilianus, Inhaber eines Triumphzeichens und des Konsulranges, Vorsteher des Priesterkollegiums des Vespasian und r�mischer Senator, starb unter Kaiser Domitian den qualvollen, aber s��en Tod eines Zeugen Christi im Amphitheater der Flavier, das seiner S�ulen wegen Colosseum genannt wird. Mit ihm starben seine j�dische Gattin Claudia und sein Sohn Clemens sowie der Konsul Flavius Titus, ein Vetter Domitians und Sohn des ehemaligen Stadtpr�fekten von Rom. Ihrer Herkunft und hohen Stellung wegen wurde ihnen die Ehre bewilligt, vor die L�wen geworfen zu werden.</p><p>Der Senator Minutus Manilianus erkl�rte sich erst in seiner letzten Nacht in den Kerkergew�lben unter der Arena des Colosseums bereit, von einem Sklaven, der die Gnadengabe der Taufe besa� und bei derselben Vorstellung sterben sollte, die Taufe der Christen zu empfangen, und noch machte er allerlei Einw�nde und versicherte, er m�sse eher aus politischen Gr�nden sterben, als um Christi Namen zu verherrlichen.</p><p>In letzter Stunde entstand aber unter den Christen ein heftiger Streit darum, wie die Taufe vorzunehmen sei. Es gab unter ihnen solche, die behaupteten, der T�ufling m�sse unter Wasser getaucht werden, und andere, die meinten, es gen�ge, Wasser �ber seinem Haupte auszugie�en. Das Amphitheater der Flavier hat, wie wir wissen, vorz�gliche Wasserleitungen, doch haupts�chlich f�r die wilden Tiere und die Gladiatoren. F�r die Verurteilten, meint man, gen�gt ein wenig Trinkwasser, und da es ihrer damals so viele gab, stand jedem nur eine kleine Menge zu. Da bereitete Manilianus dem Streit ein Ende, indem er sagte, ihm gen�ge es, wenn der Sklave, der die Gnade besa�, ihm auf seinen kahlen Kopf spuckte. Diese L�sterung lie� alle verstummen. Dann aber hielt ihm seine fromme Gattin Claudia vor, da� er, wenn er den L�wen entgegentrat, Christi Barmherzigkeit wegen seines schlechten Lebenswandels, seiner Habgier und seiner Hartherzigkeit mehr als jeder andere n�tig habe. Manilianus murmelte, er habe in seinem Leben auch Gutes getan, aber diese Behauptung glaubte ihm keiner, der ihn kannte.</p><p>Als er in die Arena hinaus und vor die L�wen trat, geschah ein unerkl�rliches Gotteswunder. Der �lteste der L�wen erw�hlte ihn zu seinem Opfer, wohl weil er gut gen�hrt war oder vielleicht auch seiner hohen Stellung wegen, obgleich er den breiten roten Streifen nicht mehr trug, sondern wie alle anderen Verurteilten nur in sein Untergewand gekleidet war. Nachdem der L�we aber an ihm geschnuppert hatte, leckte er ihm ergeben die H�nde und die F��e und verteidigte ihn gegen die w�tenden Angriffe der anderen L�wen, so da� das Volk auf die B�nke stieg, vor Verwunderung laut zu rufen begann und verlangte, Manilianus solle begnadigt werden. Es rief allerdings nicht Manilianus, sondern gebrauchte einen Spitznamen, den zu wiederholen die Schicklichkeit verbietet.</p><p>Als aber der Senator Minutus Manilianus seine Gattin und seinen Sohn, von den L�wen zerrissen, sterben sah, ohne ihnen helfen zu k�nnen, trat er, von dem alten L�wen begleitet, vor die Loge des Kaisers, gebot dem Volk mit erhobener Hand zu schweigen und brachte so entsetzliche Anklagen gegen Domitian vor, da� dieser sowohl ihn als auch den f�r seine Aufgabe untauglichen L�wen augenblicklich durch Bogensch�tzen t�ten lie�. Unter anderem behauptete er, Domitian habe seinen Bruder Titus vergiftet und Kaiser Vespasian h�tte nie zugelassen, da� er in Rom Kaiser werde.</p><p>Das Gotteswunder, das an Manilianus geschah, ermutigte die anderen Christen, tapfer zu sterben und noch im Tode Gott zu preisen, da dieses Wunder Christi unerkl�rliche Gnade bewies. Es h�tte wohl niemand geahnt, da� der Senator Manilianus zu seinen Lebzeiten ein Gottesmann gewesen war, am wenigsten seine fromme Gattin. Sein Name wird jedoch in der Schar der Zeugen Christi bewahrt.</p><p>Der beste Freund seines Sohnes, der Dichter Decimus Junius Juvenal, konnte auf seinen Rat noch rechtzeitig nach Britannien fliehen. Manilianus hatte ihm zur Ritterw�rde und zu einem Amt verholfen. Eine Zeitlang �bte er in seiner Heimatstadt das Amt des Zensors aus, denn Manilianus meinte, ein Mann, der wegen seiner Sittenlosigkeit bekannt sei, k�nne aus eigener Erfahrung am besten die Laster und Schw�chen anderer beurteilen. Er schickte ihn sogar auf seine Kosten mit seinem Sohn zusammen auf eine Studienreise nach �gypten. Weshalb er das tat, verstand niemand.</p><empty-line/><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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