<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_etc</genre><author><first-name>Hans</first-name><last-name>Rath</last-name><id>325587</id></author><book-title>Und Gott sprach wir m�ssen reden</book-title><annotation><p>Jakob Jakobi hat das Gl�ck verlassen. Geschieden, pleite, beruflich gescheitert und mit einer blutige Nase vom Neuen seiner Ex: So gebeutelt trifft Jakobi auf Abel Baumann, einen ebenfalls gl�cklosen Zirkusclown. Der leidet offenbar an einer kuriosen Pers�nlichkeitsst�rung, denn er h�lt sich f�r Gott. Und sucht einen Therapeuten. Jakob ist fasziniert von den vielf�ltigen, aber seiner Meinung nach komplett irdischen Talenten des sympathischen Spinners. Doch bald ist der Psychologe nicht mehr so sicher, mit wem er es wirklich zu tun hat. Und wer hier eigentlich wem hilft�</p></annotation><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Hans</first-name><last-name>Rath</last-name></author><program-used>ABBYY PDF Transformer+, FictionBook Editor Release 2.6.7, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2020-11-19">132502461805280000</date><src-ocr>ABBYY PDF Transformer+</src-ocr><id>{DDA76A21-2F2D-419D-A55C-37A5F7FB501A}</id><version>1</version></document-info><publish-info><publisher>Rowohlt Taschenbuch</publisher><year>2012</year></publish-info><custom-info info-type="librusec-id">709131</custom-info></description><body><section><title><p><strong>Gott ist komisch</strong></p></title><empty-line/><p>Mitten in der Nacht steht meine Exfrau vor der T�r.</p><p>�Was ist passiert?�, frage ich entgeistert.</p><p>�Ich brauch deine Hilfe. Meine Ehe steht auf der Kippe.�</p><p>�Deine aktuelle Ehe?�, stottere ich und streiche mir verwirrt durchs Haar.</p><p>�Nat�rlich meine aktuelle Ehe�, erwidert sie patzig. �Welche denn sonst? Unsere Ehe ist seit drei Monaten geschieden. Da kann nix mehr kippen.�</p><p>�Danke, dass du mich daran erinnerst�, sage ich matt.</p><p>�Gern geschehen. Was ist jetzt? Kann ich reinkommen?�</p><p>Kalte Nachtluft kriecht an ihr vorbei in mein winziges Apartment.</p><p>�Nicht so gern�, antworte ich ehrlich.</p><p>�Und warum nicht?�, fragt sie und sp�ht argw�hnisch �ber meine Schulter. �Hast du etwa eine andere Frau hier?�</p><p>�Was hei�t denn: eine <emphasis>andere</emphasis> Frau?�, frage ich. �Wir sind geschieden. Wenn mir der Sinn danach steht, kann ich hier Bunga-Bunga-Partys feiern, ohne das mit dir abzusprechen.�</p><p>�Ja! Das s�he dir wieder mal �hnlich!�, ruft sie. �Weil du nicht �ber mich hinwegkommst, wirfst du dich gleich der erstbesten Schlampe an den Hals, die dir �ber den Weg l�uft.�</p><p>Ich seufze. Es liegt mir nicht, mich zu streiten, wenn ich m�de bin. Ellen wei� das. W�hrend unserer Ehe hat sie deshalb am liebsten fr�hmorgens oder sp�tabends Krach angefangen.</p><p>�Lass uns morgen reden�, bitte ich freundlich.</p><p>Sie presst die Lippen aufeinander und �berlegt. F�r Sekundenbruchteile habe ich die Hoffnung, dass sie tats�chlich einlenken k�nnte. Ein Irrtum, wie ich nach sieben Jahren Ehe eigentlich wissen m�sste.</p><p>�Dir ist aber schon klar, dass dieses Apartment mir geh�rt, oder?�, pflaumt sie mich an. �Und die Praxis, f�r die du auch schon eine ganze Weile keine Miete mehr bezahlst, geh�rt ebenfalls mir. Ich finde, da kann ich durchaus mal einen klitzekleinen Gefallen von dir erwarten.�</p><p>Sie sieht mich an. Ich kenne diesen Blick. Wenn ich ihr jetzt die T�r vor der Nase zuschlage, wird sie mir den Strom oder das Wasser abdrehen lassen. Oder beides. Vielleicht droht mir auch die Zwangsr�umung. Ellen kann sehr ungem�tlich werden, wenn man nicht nach ihrer Pfeife tanzt.</p><p>Genervt trete ich zur Seite, damit sie hereinkommen kann.</p><p>�Nun hab dich nicht so�, sagt sie und marschiert Richtung K�che. �Du hast doch geschworen, f�r jeden da zu sein, der Hilfe braucht.�</p><p>�Hab ich nicht�, erwidere ich und schlie�e die T�r. �Psychologen leisten keinen hippokratischen Eid, falls du das meinst.�</p><p>Sie verschwindet in die K�che. �Hast du etwa keinen Wei�wein?�, h�re ich sie rufen. Sie wartet nicht ab, ob ich antworte, sondern beginnt, ger�uschvoll meinen K�hlschrank zu durchw�hlen.</p><p>�Im Eisfach�, sage ich und lasse mich m�de auf einen K�chenstuhl sinken.</p><p>�Im Eisfach? Da kann die Flasche aber platzen�, gibt sie zu bedenken.</p><p>�Dann mal gut, dass du gekommen bist�, erwidere ich. �Du hast mich zwar heute um meinen Schlaf und insgesamt um ein paar Jahre meines Lebens gebracht, aber wenigstens platzt mir obendrein nicht auch noch eine Flasche Wei�wein.�</p><p>Sie gie�t sich ein und hebt fragend die Flasche. Ich nicke und bekomme ebenfalls ein Glas.</p><p>�Okay. Schie� los!�, sage ich und nehme einen Schluck.</p><p>�Wie? Hier? In dieser winzigen K�che soll ich �ber meine Eheprobleme reden? Ist das dein Ernst?�</p><p>�Wo w�re es dir denn lieber? Ich h�tte noch ein winziges Bad anzubieten, oder ein winziges Schlafzimmer.�</p><p>�Was soll das nun wieder hei�en?�, bellt sie. �Etwa, dass ich dir kein anst�ndiges Apartment zur Verf�gung stelle? Wei�t du eigentlich, dass dein guter Freund Adam Weberknecht ...�</p><p>�Adam Weberknecht ist nicht mein guter Freund. Im Grunde kenne ich ihn kaum.�</p><p>�Jedenfalls lebt er seit seiner Scheidung unter einer Br�cke!�</p><p>�Dann hat er bestimmt mehr Platz als ich. Vielleicht besuche ich ihn mal.�</p><p>Sie st��t ver�chtlich Luft durch die Nase, nippt am Wein und verzieht das Gesicht. �Uh. Teuer war der aber nicht, oder?�</p><p>�Zwei Euro irgendwas�, antworte ich schulterzuckend.</p><p>�Ja. So schmeckt er auch. Vielleicht bringst du Adam Weberknecht eine Pulle davon mit, wenn du ihn unter der Br�cke besuchst.�</p><p>�Sorry, Ellen. Sobald ich mir wieder Jahrgangschampagner leisten kann, melde ich mich bei dir.�</p><p>�Wei�t du eigentlich, was dein Problem ist, Jakob?�, fragt sie spitz.</p><p>�Ja. Dass du mir �ber den Weg gelaufen bist�, erwidere ich.</p><p>Sie �berh�rt den Einwand. �Dein Problem ist, dass du ein Weichei bist. Schon die kleinsten Schwierigkeiten hauen dich um.�</p><p>�Sch�n, dass wir jetzt wissen, was mein Problem ist. Vielleicht kommen wir dann jetzt mal zu deinem Problem.�</p><p>�Nur, damit das klar ist. Ich will von dir nichts geschenkt. Diese Beratung hier stellst du mir bitte ganz normal in Rechnung, okay?�</p><p>�Okay. Mach ich.�</p><p>�Allerdings werde ich dein Honorar nat�rlich zun�chst mal mit den ausstehenden Mieten verrechnen. Du bist ja .�</p><p>�Schon gut, Ellen�, winke ich ab. �Sag mir doch jetzt einfach, was du auf dem Herzen hast.�</p><p>Sie nippt an ihrem Wein und sieht sich um. �Diese winzige K�che schl�gt mir wirklich aufs Gem�t.�</p><p>�Ellen, es ist mitten in der Nacht. Hat das alles nicht Zeit bis morgen? Ich geb dir den ersten Termin. Versprochen. Du kannst meinetwegen gleich um acht Uhr vorbeikommen. Okay?�</p><p>Sie nimmt einen weiteren Schluck Wei�wein und mustert mich. �Ich hab mir schon gedacht, dass die Praxis schlecht l�uft, als du mit den Mieten in R�ckstand geraten bist. Aber ich wusste nicht, dass du am Rande des Ruins stehst.�</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>�Ein Psychologe, der mitten in der Nacht noch Termine f�r den n�chsten Morgen vergeben kann, steht ganz offensichtlich finanziell mit dem R�cken an der Wand.�</p><p>�Danke f�r deine Einsch�tzung�, sage ich. �Und jetzt lass uns �ber dich reden.�</p><p>�Du kannst es mir ruhig sagen, wenn du knapp bei Kasse bist.�</p><p>�M�chtest du mir was leihen oder dich nur an meiner Not erg�tzen?�</p><p>Sie �berlegt.</p><p>�Lass gut sein, Ellen. Als ich erfahren habe, dass unser Ehevertrag nur den Zweck hatte, die Millionen deines todkranken Erbonkels vor mir in Sicherheit zu bringen, hast du f�r alle Zeit das Recht verloren, dich in meine finanziellen Angelegenheiten zu mischen. Wenn es dich gl�cklich macht, kannst du mich gerne damit erpressen, dass ich materiell von dir abh�ngig bin. Aber spar dir bitte deine Ratschl�ge.�</p><p>Sie sieht mich an und zieht die Mundwinkel nach unten. Dabei spannen sich ihre Lippen, was sie immer tun, wenn Ellen zum Angriff schreitet.</p><p>Ich komme ihr zuvor. �Und jetzt sag mir endlich, warum du hier bist, sonst gehe ich n�mlich wieder ins Bett.�</p><p>Es klingelt.</p><p>�Da ist er ja�, sagt Ellen hastig.</p><p>�Wer?�</p><p>�Armin. Mein Mann. Du musst ihn zur Vernunft bringen. Er ist rasend vor Eifersucht, und auf mich h�rt er einfach nicht.�</p><p>Wieder klingelt es. Diesmal l�nger.</p><p>Mir schwant etwas. �Du hast gewusst, dass er kommen w�rde. Du hast ihn absichtlich hergelockt, damit nicht du dich mit ihm herumschlagen musst, sondern ich.�</p><p>�Logisch!�, antwortet sie. �Wer ist denn hier der Psychologe?�</p><p>Ich brauche einen Moment, um zu verdauen, dass meine Exfrau mich ganz selbstverst�ndlich mitten in der Nacht in ihre Eheprobleme reinzieht.</p><p>�Okay. Hat er Drogen genommen?�, frage ich. �Oder ist er betrunken?�</p><p>Sie sch�ttelt den Kopf. Wieder klingelt es.</p><p>�Moment! Ich komme!�, rufe ich in Richtung Haust�r und wende mich dann wieder Ellen zu: �Noch was, das ich wissen sollte?�</p><p>�Er ist Boxer.�</p><p>�Boxer?�</p><p>�Ja. Berufsboxer.�</p><p>�Da steht ein rasend eifers�chtiger Typ vor meiner T�r, der professionell Leute zusammenschl�gt? Hast du sie noch alle, ihn herzubringen?�</p><p>Ellen zuckt mit den Schultern. ��tschuldigung, aber ...�</p><p>�Welche Gewichtsklasse?�</p><p>�Federgewicht�, antwortet Ellen.</p><p>Ich luge durch den T�rspion. Im Halbdunkel kann ich einen H�nfling erkennen, der mir gerade mal bis zum Kinn reicht. Er ist zwar etwas aufgebracht, wirkt aber ungef�hrlich. Ein beruhigender Anblick.</p><p>�Ich komme jetzt raus�, sage ich und drehe den Schl�ssel herum. Fast im gleichen Moment wird die T�r aufgesto�en, und Armin st�rmt in die Wohnung, so schnell, dass ich gar nicht realisiere, wie er zum Schlag ausholt. Im Grunde wird mir erst klar, dass Ellens Mann gleich auf mich eindreschen wird, als seine Faust sich wenige Millimeter vor meiner Nase befindet. Ich habe noch kurz f�r den hoffnungsfrohen Gedanken Zeit, dass die Sache glimpflich ausgehen k�nnte, dann h�re ich ein Knirschen und sp�re einen stechenden Schmerz im Gesicht. Es f�hlt sich an, als w�rde mir jemand die Nase mit einem Vorschlaghammer in den Sch�del treiben.</p><p>W�hrend ich wie ein nasser Sack zu Boden sinke, beschlie�e ich, meinen Job an den Nagel zu h�ngen. Bl�hen wird mir das nach Lage der Dinge ja sowieso. Es ist traurig, aber wahr, dass meine Praxis miserabel l�uft. Bis endg�ltig die Lichter ausgehen, d�rfte es nur eine Frage der Zeit sein. Obendrein bin ich ganz bestimmt kein guter Psychologe, wenn meine Menschenkenntnis so derma�en schlecht ist wie jetzt gerade. Schade, denke ich, als ich mit einem Krachen auf der h�sslichen Auslegware lande. Eigentlich mag ich meinen Job. Au�erdem habe ich leider nichts anderes gelernt. Dann wird mir schwarz vor Augen.</p><p>Ich erwache in einem Krankenwagen. Mein Kopf dr�hnt. Ich sp�re ein Pochen hinter den Schl�fen. Neben mir sitzt ein schlaksiger Typ mit ungesunder Hautfarbe. Er kaut irgendwas und bl�ttert dabei in einer Illustrierten. �Liegen bleiben�, sagt er, ohne hochzusehen.</p><p>Ich lege den Kopf wieder zur�ck, und das Pochen wandert in die Nasengegend. �K�nnte ich bitte was gegen die Schmerzen haben?�</p><p>�Sorry, aber ich hab mir den Rest der Packung gerade eingeworfen�, nuschelt er und schluckt dann ostentativ.</p><p>�Sind Sie auch ein Patient?�, frage ich irritiert.</p><p>Er sch�ttelt den Kopf. �Ich bin Dr. Kessels. Der Arzt.�</p><p>�Aha�, erwidere ich verunsichert. �Und warum essen Sie mir dann meine Schmerzmittel weg?�</p><p>�Weil ich seit drei�ig Stunden auf den Beinen bin und keine Amphetamine mehr habe. Oder wollen Sie, dass mein Magengeschw�r mich umbringt?�</p><p>�Das nicht. Aber meine Nase tut auch h�llisch weh.�</p><p>Er seufzt genervt und schl�gt mit der Faust gegen die Verbindungswand zur Fahrerkabine. �Mach die Funzel an! Hier hat�s jemand eilig.�</p><p>Die Sirene jault auf, ruckartig beschleunigt der Wagen.</p><p>�Danke�, sage ich.</p><p>Er winkt ab. �Das wird Ihnen nicht viel nutzen. In der Notaufnahme sind bestimmt noch drei Dutzend Leute vor Ihnen dran. Mit �ner angebrochenen Nase stehen Sie ziemlich weit hinten auf der Liste.�</p><p>�Vielleicht k�nnten Sie noch mal �ber mich dr�berfahren, bevor Sie mich abliefern�, schlage ich vor.</p><p>Er lacht heiser, bekommt einen Hustenanfall und bek�mpft ihn mit einem Asthmaspray, das er nach einigem Suchen in einer Kiste mit Krimskrams findet. Schwer atmend setzt er sich wieder auf seinen Hocker. �Sie d�rfen einen Kettenraucher nicht so zum Lachen bringen.�</p><p>Mit quietschenden Reifen kommt der Wagen zum Stehen.</p><p>Auf dem Krankenhausflur herrscht Jahrmarktsatmosph�re. Wie der Arzt prophezeit hat, tummeln sich hier ein paar Dutzend Kranke nebst Familien und Freunden. Die meisten plaudern, um die Wartezeit zu verk�rzen. Einige telefonieren, andere spielen Karten. Ich soll ein mehrseitiges Antragsformular ausf�llen und mich auf ein paar Stunden Wartezeit einstellen. Immerhin bekomme ich unkompliziert eine Schmerztablette.</p><p>Ich suche mir einen Platz und beginne, das Formular zu studieren.</p><p>�Und ich dachte schon, ich w�re der Einzige hier, der komisch aussieht�, h�re ich eine Stimme sagen.</p><p>Vhr mir steht ein Endvierziger in einem Clownskost�m. Er hat beide Daumen hinter die gepunkteten Hosentr�ger geklemmt und grinst. Auf seiner Stirn und im angegrauten Dreitagebart sind Reste von Schminke zu erkennen. Scheint so, als k�me er direkt aus der Manege.</p><p>�Sie sehen aus wie Jack Nicholson in <emphasis>Chinatown�,</emphasis> sagt er und setzt sich neben mich. �Guter Film, �brigens. Kennen Sie den?�</p><p>Ich �berlege, was der Clown meinen k�nnte, und strecke mich, um in der gegen�berliegenden Glasscheibe zu erkennen, dass der �bern�chtigte Dr. Kessels meine Nase provisorisch geschient und dabei Unmengen von Pflaster verbraucht hat. Ich sehe aus, als h�tte der Kerl mich nicht nur zusammenflicken, sondern abdichten wollen.</p><p>Seufzend lehne ich mich wieder zur�ck und schaue den Clown an, der mich mustert und vermutlich immer noch auf eine Antwort wartet. Inzwischen habe ich leider seine Frage vergessen. Gerade will ich nachhaken, da kommt er mir zuvor.</p><p>�Wer hat Ihnen nur so einen sauberen Punch verpasst?� Er wirkt regelrecht fasziniert von meinem Nasenbruch.</p><p>�Der Mann meiner Exfrau�, antworte ich.</p><p>�Der Bursche hat Talent�, erwidert der Clown.</p><p>�Kein Wunder. Er ist Berufsboxer.�</p><p>�Dann sollten Sie froh sein, dass Sie sofort umgefallen sind. Sonst h�tte er Sie wahrscheinlich noch schlimmer zugerichtet.�</p><p>Ich stutze. �Woher wollen Sie wissen, dass ich sofort umgefallen bin?�</p><p>�Ach ... ich hab fr�her selbst ein bisschen geboxt�, antwortet er. �Und das da ...� Er zeigt auf meine Nase. �... sieht nach einem lupenreinen Knockout aus. Ich vermute, bevor sie &lt;piep&gt; sagen konnten, lagen Sie bereits am Boden. Und ich vermute auch, der Schlag kam v�llig unerwartet, denn einen so sch�nen Nasenbruch kriegt man praktisch nicht hin, wenn der Gegner die Deckung oben hat.�</p><p>Ich muss l�cheln. Der Kerl gef�llt mir.</p><p>Er reicht mir die Hand. �Ich bin �brigens Abel Baumann.�</p><p>�Jakob Jakobi�, erwidere ich. �Freut mich. Und warum sind Sie hier?�</p><p>�Komische Geschichte�, sagt Baumann. �Ich hatte heute einen Auftritt bei einer Betriebsfeier. Danach kriegte ich Stiche in der Herzgegend. Organisch ist aber alles in Ordnung. Mir ist das in letzter Zeit schon ein paarmal passiert. Ist wohl psychosomatisch, meint der Arzt.�</p><p>�Gut m�glich�, erwidere ich. �Sind Sie denn beruflich oder privat gro�em Stress ausgesetzt?�</p><p>Baumann nickt. �Kann man schon so sagen.�</p><p>�Und belastet Sie das? F�hlen Sie sich oft m�de und abgek�mpft? Oder schlafen Sie schlecht?�</p><p>Wieder �berlegt Baumann, dann stutzt er. �Hey! Moment mal! Sie kennen sich aus mit diesen Psychosachen, oder?�</p><p>Ab und zu tauchen in meinem Privatleben gewisse Fragetechniken aus meiner Therapiearbeit auf. Eine Berufskrankheit, mit der ich mich inzwischen abgefunden habe. �Stimmt. Ich bin Psychotherapeut.�</p><p>�Das ist toll�, erwidert Baumann. �Ich soll mir einen wie Sie suchen, damit mein Herzklabaster aufh�rt. Hat mir eben der Arzt geraten.�</p><p>Normalerweise w�rde ich Baumann jetzt meine Visitenkarte geben und ihn in meine Praxis bitten, aber da Ellens Mann mich im Bademantel zur Strecke gebracht hat, habe ich kein Geld, keine Papiere und erst recht keine Visitenkarten dabei. Au�erdem wollte ich eben noch meinen Job an den Nagel h�ngen. Vielleicht sollte sich dieser Baumann also lieber einen anderen Therapeuten suchen. Einen mit professionellem Auftreten und beruflicher Perspektive.</p><p>�Tut mir leid, aber ich praktiziere zur Zeit nicht�, l�ge ich.</p><p>Er sieht mich an und �berlegt. �Also, wenn es am Geld liegt ...�, sagt er dann, �das ist kein Problem. Ich habe Geld.�</p><p>�Nein. Es liegt nicht am Geld. Ich befinde mich nur gerade in einer Phase der beruflichen Neuorientierung.�</p><p>�Aha.� Baumann wirkt entt�uscht. �Was kostet denn so was eigentlich?�, will er wissen. �Nur damit ich mal einen Anhaltspunkt habe.�</p><p>�Bei mir dauert eine Sitzung f�nfundvierzig Minuten und das kostet achtzig Euro. Wie viel die Krankenkasse davon �bernimmt, muss man im Einzelfall sehen. Ich mache bei neuen Patienten immer eine Probesitzung, um herauszufinden, ob die Chemie stimmt. Das wird von den meisten Kassen nicht erstattet.�</p><p>�Schade, dass Sie gerade nicht praktizieren�, sagt Baumann. �Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Chemie zwischen uns beiden stimmen w�rde.�</p><p>Mit gespieltem Bedauern hebe ich die Schultern.</p><p>�Und ich kann Sie nicht wenigstens dazu �berreden, diese Probesitzung mit mir abzuhalten? Sie w�ren wirklich zu nichts verpflichtet.� Er zieht einen Hunderter aus seinem Clownskost�m und wedelt mir damit vor der Nase herum. �Die haben mich bar bezahlt. Ich kann mir also eine Probesitzung bei Ihnen leisten. Ich w�rde im Voraus zahlen. Und �n kleines Fr�hst�ck f�r uns beide w�re auch noch drin.�</p><p>�Sie wollen jetzt sofort ein Therapiegespr�ch?�</p><p>�Ja. Warum nicht? Um die Ecke gibt es ein Cafe, wo wir reden k�nnen. Um diese Zeit ist da bestimmt nichts los. Und Sie m�ssen hier doch sowieso noch ein paar Stunden warten.�</p><p>Da hat er recht. Allerdings behandele ich nur sehr ungern Patienten, die ich noch nicht kenne, au�erhalb meiner Praxis und au�erhalb der Sprechzeiten. Andererseits k�nnte ich einen Kaffee und ein ordentliches Fr�hst�ck gebrauchen. Au�erdem scheint dieser Baumann ein netter Kerl mit �berschaubaren Problemen zu sein. Also, warum nicht ein paar Prinzipien �ber Bord werfen, wenn die Situation es erfordert? Das predige ich meinen Patienten ja schlie�lich auch immer.</p><p>�Einverstanden�, sage ich kurzentschlossen und erhebe mich. �Ich hole mir jetzt noch ein paar Schmerztabletten, und dann gehen wir fr�hst�cken. Aber wenn Sie mich schon f�r die Sitzung bezahlen, dann geht das Fr�hst�ck auf mich.�</p><p>Baumann nickt erfreut. �Klingt fair.�</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter sitzen wir in einem Cafe unweit des Krankenhauses. Hinterm Tresen steht eine <emphasis>macchina</emphasis> in der Gr��e eines Caprifischerbootes. Ein kleiner Italiener poliert die Metalloberfl�che, als w�rde er eine Bikinisch�nheit mit Sonnenmilch einreiben. Seine fr�h verbl�hte Ehefrau k�mmert sich um alles andere. Wahrscheinlich f�hren die beiden keine gl�ckliche Ehe, aber immerhin ist der Cappuccino Weltklasse.</p><p>�Hat unsere Sitzung eigentlich schon angefangen?�, will Baumann wissen, w�hrend die Signora uns Fenchelsalami, Parmaschinken und andere K�stlichkeiten auftischt.</p><p>�Die frischgepressten S�fte kommen auch gleich�, erkl�rt sie und huscht davon.</p><p>�Nein. Sie bestimmen, wann es losgeht�, antworte ich an Baumann gewandt. �Wenn Sie bereit sind, fangen wir an.�</p><p>�Okay. Ich bin bereit. Was wollen Sie denn wissen?�</p><p>�Was m�chten Sie mir denn erz�hlen?�</p><p>Baumann nippt an seinem Cappuccino, lehnt sich zur�ck und verschr�nkt die Arme vor der Brust. �Was wir heute hier besprechen, das bleibt doch unter uns, oder?�</p><p>�Ja. Prinzipiell unterliegen Psychologen der Schweigepflicht. Warum fragen Sie?�</p><p>Er merkt auf. �Was hei�t denn: prinzipiell?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Na ja. Wie immer gibt es Ausnahmen. Wenn ich den Eindruck habe, dass Sie eine Gefahr f�r sich oder andere sind, dann bin ich unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich dazu verpflichtet, das zu melden. Aber solche F�lle kommen eher selten vor.�</p><p>Er nickt gr�blerisch.</p><p>�Haben Sie etwas auf dem Herzen, das juristisch problematisch sein k�nnte?�, frage ich.</p><p>Baumann zuckt mit den Schultern. �Was wei� denn ich, was Sie f�r juristisch problematisch halten? Ich br�uchte schon die Garantie, dass Sie mich nicht einsperren lassen. Das w�rde mir n�mlich gerade �berhaupt nicht in den Kram passen.�</p><p>�Diese Garantie kann ich Ihnen leider nicht geben�, entgegne ich. �Es gibt Gesetze, und an die muss ich mich halten.�</p><p>Er seufzt und blickt eine Weile nachdenklich zur Decke.</p><p>�Vielleicht m�chten Sie noch einmal in Ruhe �berlegen, ob Sie �berhaupt mit mir sprechen wollen�, schlage ich vor. �Wir k�nnen das hier einfach vergessen. Sie brauchen auch nichts zu bezahlen.� Mein Blick f�llt auf die vor uns stehenden K�stlichkeiten, und ich f�ge rasch hinzu: �W�re allerdings nett, wenn Sie mir das Geld f�rs Fr�hst�ck pumpen w�rden. Ohne Ihr Honorar bin ich n�mlich so pleite wie zuvor.�</p><p>Er �berlegt immer noch. �Verstehe�, sagt er nach einer Weile. �K�nnten Sie mir denn versprechen, dass Sie eine solche Entscheidung nicht allein auf Basis der Gesetzgebung treffen, sondern auch von Ihrem Bauchgef�hl abh�ngig machen? - Wissen Sie, ich traue dem Gesetz nicht besonders.�</p><p>�Aber Sie trauen meinem Bauchgef�hl?�, frage ich �berrascht.</p><p>Er nickt. �Sie haben heute einen Schlag ins Gesicht bekommen. �Offenbar wissen Sie, dass man sich im Leben so sehr irren kann, dass es weh tut.�</p><p>Auch ich lehne mich nun zur�ck und nehme einen Schluck Cappuccino. Wer ist der Mann, der mir da gerade gegen�bersitzt? Anscheinend habe ich den netten Kerl im Clownskost�m falsch eingesch�tzt. Wer wei�, welche �berraschungen dieser Abel Baumann noch bereith�lt. Jedenfalls hat er mein Interesse geweckt. �Gut, ich verspreche es�, sage ich. �Und nun bin ich gespannt, was Sie mir zu erz�hlen haben.�</p><p>Baumann r�uspert sich und lehnt sich vor. In diesem Moment kommt die Signora an unseren Tisch und bringt die frischgepressten S�fte. Dabei macht sie eine hektische Bewegung und rammt versehentlich ihren Ellenbogen gegen meine angebrochene Nase. F�r Sekundenbruchteile sehe ich einen makellosen Sternenhimmel. Dann wird mir erneut schwarz vor Augen.</p></section><section><title><p><strong>Gott ist erfinderisch</strong></p></title><empty-line/><p>Ich erwache in einem winzigen Krankenzimmer. M�hsam richte ich mich auf. Kommt mir vor, als h�tte ich �berall Muskelkater, selbst in Regionen meines K�rpers, wo ich niemals Muskeln vermutet h�tte. Was ist mit mir passiert? Ich schaue zum Fenster und stelle fest, dass es dunkel wird. Hatte der Tag nicht eben erst angefangen? Seltsam.</p><p>Ich teile das Zimmer mit zwei alten M�nnern. Der eine schnarcht leise, der andere liegt mit weit ge�ffnetem Mund da und gibt keinen Mucks von sich. W�rde die Bettdecke sich nicht im Rhythmus der Atemz�ge heben und senken, k�nnte man den Kerl glatt f�r tot halten.</p><p>Mein Blick f�llt auf einen winzigen Fernseher, der an der gegen�berliegenden Wand unterhalb der Decke klebt. Sieht aus, als h�tte jemand versucht, ihn so aufzuh�ngen, dass man m�glichst wenig vom Fernsehprogramm erkennen kann. Gerade l�uft stumm ein Fu�ballspiel. K�nnte auch Eishockey sein.</p><p>Ein leises Knarren. Die T�r �ffnet sich und das ebenso dezent wie sorgf�ltig geschminkte Gesicht meiner Mutter erscheint.</p><p>�Er ist wieder unter den Lebenden�, sagt sie zu jemandem, den ich nicht sehen kann. �Du musst sp�ter rauchen gehen, Schatz.�</p><p>�Schon okay�, antwortet die Stimme hinter der T�r. Es ist mein Bruder Jonas.</p><p>Ein paar Sekunden sp�ter stehen die beiden am Kopfende meines Bettes.</p><p>�Was ist passiert?�, will ich wissen. �Und warum seid ihr beide hier?�</p><p>Mutter runzelt vorwurfsvoll die Stirn, dann wendet sie sich zu Jonas. �Hab ich es nicht gleich gesagt? Er wird es uns nicht danken. Wie �blich.�</p><p>�Was danken?�, frage ich und �rgere mich dar�ber, dass Mutter in der dritten Person �ber mich spricht, w�hrend ich anwesend bin. Obwohl sie wei�, dass es mich auf die Palme bringt, macht sie das regelm��ig.</p><p>Ihr strafender Blick trifft mich. �Wir haben stundenlang in dieser schrecklichen Cafeteria gehockt und darauf gewartet, dass du endlich aus dem Koma aufwachst. Wir waren schon ganz krank vor Sorge.�</p><p>�Koma? Was denn f�rn Koma?�</p><p>Jonas macht eine beschwichtigende Handbewegung und bedeutet mir mit einem Seitenblick, dass unsere Mutter ein wenig �bertreibt. Auch das macht sie regelm��ig.</p><p>�Es gab Komplikationen bei deiner OP�, erkl�rt Jonas. �Dein Leben stand auf Messers Schneide. Um ein Haar h�tten sie dich verloren.�</p><p>Die Information dringt nur langsam in mein Bewusstsein. Zugleich sp�re ich ein seltsames Unbehagen. Ich habe nicht die geringste Erinnerung an die letzten Stunden. Vermutlich h�tte ich meinen eigenen Tod verschlafen. Vorsichtig betaste ich meine Nase. Ich erinnere mich nun wieder an Abel Baumann, die Kellnerin und meinen doppelten Knockout.</p><p>�Keine Sorge. Sie haben alles wieder gut hinbekommen�, erkl�rt Jonas.</p><p>�Aber du musst uns jetzt hoch und heilig versprechen, dass du mit dem Trinken aufh�rst�, sagt Mutter theatralisch.</p><p>Ich blicke fragend zu Jonas, der zuckt ahnungslos mit den Schultern.</p><p>�Einer Mutter kann man nun mal nichts vormachen�, f�hrt sie fort. �Ich wei� doch, dass die meisten Komplikationen bei einer Vhllnarkose auftreten, weil es sich bei den Patienten um schwere Alkoholiker</p><p>handelt. In solchen Momenten kommt die Wahrheit dann eben doch ans Licht.�</p><p>Ich seufze. �Mutter, ich bin kein Alkoholiker.�</p><p>�Da habe ich aber von Ellen was ganz anderes geh�rt. Dem Inhalt deines K�hlschrankes nach zu schlie�en, ern�hrst du dich von Billigwein.�</p><p>H�tte ich mir ja denken k�nnen, dass sich die beiden l�ngst ausgetauscht haben. Meine Exfrau und meine Mutter verstehen sich n�mlich blendend. Kein Wunder, denn charakterlich gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ich mit Ellen quasi meine Mutter geheiratet habe, psychologisch gesehen. Das ist zwar schrecklich, aber nachvollziehbar. Ein Therapeut ist ebenso wenig gegen Neurosen gefeit wie ein Zahnarzt gegen Karies. Wobei dieser Vergleich hinkt, weil Zahnschmerzen meist nach ein paar Tagen vorbei sind, w�hrend eine neurotische Ehe gerne mal sieben Jahre dauern kann.</p><p>�Ellen wollte �brigens auch kommen. Sie hat versucht, ihre Termine zu verschieben. Hat aber nicht geklappt. Sie l�sst dich gr��en. Wenn du willst, dann holt sie dich morgen ab.� Mutter zieht ihr Smartphone hervor und entriegelt es mit einem Wisch. �Soll ich ihr simsen?�</p><p>�Nein�, sage ich. �Und wieso kann ich nicht sofort raus? Mir geht�s gut.�</p><p>�Sie wollen dich noch eine Nacht hierbehalten�, antwortet Jonas. �Ist nur zur Beobachtung.�</p><p>�Also ich w�rde auch keine Nacht l�nger als n�tig in diesem alten, zugigen Kasten bleiben�, erkl�rt Mutter und zupft an ihrer Kurzhaarfrisur. �Wobei ich gesehen habe, dass in den picobello renovierten Einzelzimmern f�r die Privatpatienten sogar Plasmafernseher h�ngen.�</p><p>�Wie schade, dass ich kein Privatpatient bin�, erwidere ich. �Einen Plasmafernseher h�tte ich auch gern gehabt, als ich im Koma lag.�</p><p>Mutter verzieht ihre schmalen Lippen zu einem sp�ttischen L�cheln. �Vielleicht kann dir ja dein Bruder eine Nacht in der gehobenen Zimmerkategorie spendieren.�</p><p>�Mutter! Bitte!�, wirft Jonas mit gespielter Emp�rung ein. In Wahrheit k�nnte er stundenlang zuh�ren, wenn sie ihn �ber den gr�nen Klee lobt.</p><p>�Wusstest du eigentlich, dass die Bank ihm einen �u�erst lukrativen Job in �bersee angeboten hat?�</p><p>Ich nicke Jonas anerkennend zu. �Nein. Aber gratuliere. Und wo da genau in �bersee?�</p><p>�Was spielt denn das f�r eine Rolle?�, blafft Mutter.</p><p>�Ich finde, es ist schon ein Unterschied, ob er k�nftig an der Wall Street sitzt oder irgendwo in den Anden.�</p><p>�Weder noch�, erwidert Jonas herablassend. �Sie wollen, dass ich dabei helfe, eine Investmentbank in Florida aufzubauen.�</p><p>W�re Arroganz ansteckend, m�sste mein Bruder jetzt auf die Quarant�nestation. Und zwar zusammen mit unserer Mutter.</p><p>�Florida�, wiederhole ich und pfeife anerkennend. �Das ist doch ein Paradies f�r Rentner, habe ich geh�rt. Magst du Mutter nicht mitnehmen? Ihr k�nntet abends am Strand sitzen, Hummer essen und �ber mich l�stern.�</p><p>�Schon klar, dass du mich loswerden willst�, erwidert Mutter. �Aber ich bleibe nat�rlich in Berlin. Erstens w�rde ich unseren Familiensitz nie im Leben verkaufen, und zweitens k�mmert sich eine Mutter immer besonders um jenes Kind, das ihr die gr��ten Sorgen bereitet. Bei Jonas wei� ich, dass er seinen Weg gehen wird. Er ist noch nicht mal vierzig, hat einen guten Job und verdient eine Menge Geld. Es w�rde mich au�erdem nicht wundern, wenn er uns bald eine h�bsche Amerikanerin vorstellt ...�</p><p>�Mutter, ich habe schon verstanden, dass ich dein Problemkind bin�, unterbreche ich. �Aber besten Dank f�r die vielen verletzenden Details.�</p><p>�Gern geschehen�, entgegnet Mutter mit einem eiskalten L�cheln.</p><p>�Deine Bef�rchtungen sind �brigens unbegr�ndet�, fahre ich fort. �Ich komme gut allein zurecht und habe nicht die Absicht, dich um Hilfe zu bitten.�</p><p>Mutter zieht ver�chtlich Luft durch die Nase. �Du kommst allein zurecht? Da h�re ich aber ganz andere Geschichten. Ellen hat mir erz�hlt, du kannst die Miete nicht bezahlen, weder f�r das Apartment noch f�r die Praxis. Au�erdem scheinen dir die Patienten nicht gerade die Bude einzurennen.� Sie seufzt bedeutungsvoll. �Ein Gl�ck, dass dein Vater das nicht miterleben muss. Er w�rde sich ganz bestimmt ...�</p><p>Ein energisches, kurzes Klopfen l�sst sie verstummen. Dann �ffnet eine korpulente Krankenschwester schwungvoll die T�r und verk�ndet: �Ich bitte jetzt alle Besucher mal kurz auf den Flur. Es dauert nur ein paar Minuten. Vielen Dank!�</p><p>Die Visite erspart mir Mutters Vortrag �ber all jene Entt�uschungen, die ich meinem Vater gl�cklicherweise nicht mehr zumuten muss, weil er vor f�nf Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Man k�nnte sagen: in weiser Voraussicht. Knapp vor seinem Siebzigsten ereilte ihn ein Herzinfarkt. Kein ungew�hnliches Schicksal f�r einen ebenso arbeitsbesessenen wie unsportlichen Alkoholiker. Wobei Vaters t�gliche halbe Flasche Scotch oder Brandy nie als Alkoholismus bezeichnet werden durfte. Da er ausnahmslos nach 17 Uhr trank und nie Anzeichen eines Rausches zeigte, galten seine acht bis zehn doppelst�ckigen harten Drinks am Tag offiziell immer als kultivierte Variante des Feierabendbierchens.</p><p>Routiniert verteilt die Krankenschwester Medikamente. Meine Bettnachbarn bekommen randvolle Tablettenboxen, nach Tageszeiten sortiert. Auf mein Tischchen stellt sie einen kleinen Plastikbecher mit zwei Pillen darin. �Nur ein mittelschweres Schmerzmittel. Reine Vorsichtsma�nahme, falls Ihnen heute Nacht die Nase weh tun sollte.�</p><p>�Danke�, sage ich.</p><p>Sie nickt und zieht mit den Worten �Der Arzt ist auch gleich da� die T�r ins Schloss. Ich kann f�r den Bruchteil einer Sekunde Mutter sehen, die gerade auf Jonas einredet. Bestimmt schildert sie ihm meine desolaten Lebensumst�nde und spart nicht mit d�steren Farben und apokalyptischen Wendungen. Seit Vaters Tod muss ich mir regelm��ig von ihr anh�ren, dass ich als Psychotherapeut und St�tze der Gesellschaft eine herbe Entt�uschung bin. Mutter glaubt, dass ich in Vaters viel zu gro�e Fu�stapfen treten wollte. Psychologisch gesehen ist das ein Totschlagargument, weil alle Kinder zun�chst einmal in die Fu�stapfen ihrer Eltern treten wollen. Die Frage ist nur, ob man dem vorgezeichneten Weg dann sp�ter wirklich folgt oder davon abweicht.</p><p>Ich gebe zu, in meinem Fall scheinen die Dinge klar auf der Hand zu liegen. Mein Vater ist der ber�hmte Psychologe Bartholom�us Jakobi. Sein Buch �ber die verkaufspsychologische Wirkung der Spektralfarben gilt als Standardwerk und hat ihm zun�chst wissenschaftliche Anerkennung eingebracht, dann diverse Gastprofessuren und damit schlie�lich eine gro�e Villa in Berlin-Zehlendorf. Obwohl Mutter nicht m�de wird, das Haus als unseren Familiensitz zu bezeichnen, lebt sie dort seit Jahren allein und weigert sich, zumindest einen Teil des viel zu gro�en Anwesens unterzuvermieten.</p><p>Erneut wird die T�r ge�ffnet, und jener schlaksige Typ mit ungesunder Hautfarbe, der sich mir letzte Nacht als Dr. Kessels vorgestellt hat, erscheint.</p><p>�Hallo! Wie geht es Ihnen?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Danke. Eigentlich ganz gut.�</p><p>�Das freut mich�, sagt er und hustet heiser. �Tut mir leid, dass Sie noch bis morgen hierbleiben m�ssen, aber ich m�chte kein Risiko eingehen. Sonst sterben Sie wom�glich ausgerechnet heute Nacht, und dann hei�t es wieder, ich h�tte die OP verbockt.�</p><p>�Und? Haben Sie sie verbockt?�, frage ich launig.</p><p>�Nat�rlich habe ich sie verbockt�, erwidert er und schielt auf meinen Becher mit Schmerztabletten. �Anf�ngerfehler. Ich habe der Narkoseschwester eine falsche Anweisung gegeben. Ist aber nur passiert, weil ich seit fast f�nfzig Stunden auf den Beinen bin.�</p><p>�H�rt sich an, als m�ssten Sie den Laden allein schmei�en�, werfe ich ein.</p><p>�Sagen wir so: Das aktuelle Gesundheitssystem ist nicht gerade arbeitnehmerfreundlich.� Er l�sst meine Pillen nicht aus den Augen.</p><p>�Eine w�rde ich Ihnen abtreten�, sage ich. �Die andere brauche ich vielleicht noch selbst.�</p><p>�Hey! Das ist aber nett von Ihnen! Danke!� Er fischt eine der Pillen aus dem Plastikbecher und schiebt sie sich in den Mund. �Sie m�ssen sich jedenfalls keine Sorgen machen. Ich bin sicher, morgen fr�h ist alles �berstanden. Und Ihre Nase d�rfte auch wieder wie neu werden.�</p><p>�Was genau ist denn eigentlich mit mir passiert?�, frage ich.</p><p>Er �ffnet die Pillenschachtel meines Bettnachbarn und pickt sich ein paar Tabletten heraus, als w�ren es Erdn�sse. �Nichts Besonderes. Ihr Herz ist stehengeblieben.�</p><p>�Oh�, erwidere ich verbl�fft.</p><p>�Nur ein paar Minuten.�</p><p>�Ehrlich gesagt klingt das f�r mich ziemlich lange.�</p><p>�I wo!�, erwidert er und wirft sich seine gesammelten Pillen in den Mund. �Es klingt dramatischer, als es ist. Stimmt schon, in gewisser Weise waren Sie eine kurze Weile tot. Und vor zweihundert Jahren w�ren Sie es wohl auch geblieben.� Er lacht kurz auf und hustet ein paarmal. �Aber f�r uns heute ist das Routine. Kein Grund zur Panik.�</p><p>�Dann ist es ja ein h�bscher Zufall, dass ich noch am Leben bin.�</p><p>�Das ist die richtige Einstellung!�, entgegnet er und wendet sich zur T�r. �Ich muss zur�ck in den OP. Komplizierte Herzgeschichte. Wir sollten ihm beide die Daumen dr�cken. Kann ich noch was f�r Sie tun?�</p><p>Ich will schon den Kopf sch�tteln, da f�llt mir doch noch etwas ein. �Drau�en stehen ein Kerl um die vierzig und eine �ltere Dame mit kurzen, dunklen Haaren. K�nnten Sie denen bitte sagen, dass ich Ruhe brauche und jetzt nicht mehr gest�rt werden darf?�</p><p>Er l�chelt. �Familie, was? Kein Problem. Ich wimmel die beiden ab.�</p><p>Im n�chsten Moment ist er verschwunden. Sofort meldet sich mein schlechtes Gewissen. Ich benutze eine sch�bige Ausrede, um Mutter und Jonas wegzuschicken, obwohl die beiden nur meinetwegen den ganzen Tag im Krankenhaus verbracht haben. Mein Gewissen zwickt mich zum Gl�ck nicht lange. Zum einen werde ich mir noch viele Jahre anh�ren m�ssen, wie meine engste Familie heute aufopferungsvoll um mein Leben gefiebert hat. Zum anderen bin ich tats�chlich hundem�de. Meine Notl�ge war also lediglich eine kleine �bertreibung. Langsam fallen mir die Augen zu.</p><p>Als ich wieder erwache, herrscht tiefste Nacht. Drau�en ist es zappenduster. Der Raum wird nur vom matten Schein des Fernsehbildschirms erleuchtet. Meine Bettnachbarn sehen sich einen alten Film an. Die beiden sind nun hellwach. Man h�rt T�tenknistern und Essger�usche.</p><p>Ich konzentriere mich auf den Bildschirm und erkenne James Stewart. Gerade spricht er mit einem freundlichen Kerl in altmodischer Unterw�sche. Die Szene kommt mir bekannt vor. Das ist einer dieser Streifen, die jedes Jahr zu Weihnachten wiederholt werden. Ich �berlege, wie der Film hei�t, und erinnere mich, dass James Stewart sich das Leben nehmen will und der freundliche Kerl ein Engel ist, der ihn retten soll. Ich glaube, das Wort <emphasis>Leben</emphasis> kommt sogar im Titel vor. W�hrend ich angestrengt �berlege, werde ich erneut von bleierner M�digkeit gepackt. Wieder fallen mir die Augen zu, und wieder werde ich ins Reich der Tr�ume hinabgezogen.</p><p>Als ich erwache, f�hle ich mich frisch und ausgeruht. Es ist Morgen. Die Wintersonne taucht den Raum in kaltes Licht. Erstaunt stelle ich fest, dass meine Zimmernachbarn verschwunden sind, und zwar mitsamt ihren Betten. Ich setze mich auf und schaue mich um.</p><p>�Ich dachte, ein Einzelzimmer w�re Ihnen lieber�, h�re ich Abel Baumann sagen. Er sitzt etwas versteckt an dem kleinen Besuchertisch vor meinem Bett, hat zwei dampfende Tassen Kaffee mitgebracht und h�lt mir nun eine davon hin. �M�chten Sie? Ist ganz frisch.�</p><p>�Danke.� Ich nehme die Tasse entgegen, �berlege aber zugleich, ob ich es Baumann ein bisschen krummnehmen sollte, dass er mir bis ans Krankenbett gefolgt ist. Ich mag ihn zwar, und er hat irgendwie eine gute Aura. Trotzdem muss ich darauf achten, die professionelle Distanz zu wahren. Ich nehme einen</p><p>Schluck Kaffee. Tut gut. �Wo sind denn die beiden Alten hin, die hier lagen?�</p><p>�Die hab ich in ein anderes Zimmer verlegen lassen�, sagt Baumann.</p><p>Erst jetzt f�llt mir auf, dass er sein Clownskost�m gegen einen Arztkittel getauscht hat.</p><p>�Arbeiten Sie etwa hier?�, frage ich irritiert.</p><p>Baumann streicht �ber seine grauen Bartstoppeln. �Nein. Den Kittel hier hab ich nur geliehen.�</p><p>Er sieht mein fragendes Gesicht und f�gt hinzu: �Ehrlich gesagt, mache ich das h�ufiger, dass ich mir ... �hm ... Dinge leihe.�</p><p>�Sie leihen sich einen Arztkittel und lassen Patienten verlegen?�, frage ich mit kritischem Blick.</p><p>Baumann zuckt mit den Schultern. �Wenn mich schon alle hier f�r den neuen Chefarzt halten, dann kann ich es uns doch auch ein bisschen nett machen, oder? Au�erdem schulden die mir was. Immerhin hab ich schon Visite gemacht.�</p><p>�Sie haben ... Visite gemacht?�, frage ich erschrocken. �Das ist definitiv nicht in Ordnung. Ich hoffe, Sie wissen das.�</p><p>Baumann winkt ab. �Ich hab den Leuten nur Mut zugesprochen. Daf�r kommt man ja wohl nicht gleich in den Knast, oder?�</p><p>�Oh. Da w�re ich mir nicht so sicher.�</p><p>�Eigentlich bin ich ja auch nicht der Visite wegen gekommen. Ich wollte sehen, wie es Ihnen geht. Und ich dachte, nebenbei k�nnten wir einen Termin f�r unsere erste Sitzung ausmachen. Hat ja gestern nicht geklappt.�</p><p>�Stimmt.� Mir f�llt ein, dass ich heute entlassen werden soll. Wir k�nnten uns sp�ter treffen. �Sie sind nicht zuf�llig mit dem Auto da, oder?�</p><p>Baumann sch�ttelt den Kopf. �Ich gehe meistens zu Fu�.�</p><p>Ich �berlege, ob ich Baumann um Taxigeld bitten soll. Ich schulde ihm ja ohnehin noch das Fr�hst�ck. Allerdings spricht es nicht gerade f�r eine funktionierende professionelle Distanz, wenn sich ein Psychologe st�ndig Geld von seinem Patienten pumpt. Bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, wird die T�r aufgerissen, und die korpulente Krankenschwester erscheint, diesmal in Begleitung von zwei Polizisten.</p><p>�Das ist er�, verk�ndet sie und zeigt auf Abel, dessen freundliches L�cheln nicht �ber sein urpl�tzliches Unbehagen hinwegt�uschen kann.</p><p>�K�nnen Sie sich als Mitarbeiter dieses Krankenhauses ausweisen?�, fragt einer der Polizisten in forschem Ton.</p><p>Abel sch�ttelt den Kopf. �Ich hab den Kittel nur geliehen. Ich wollte ihn gleich wieder zur�ckgeben ...�, beginnt er zu erkl�ren, wird aber von dem anderen Polizisten unterbrochen: �Sie m�ssen mitkommen.�</p><p>Rasch und routiniert haken die beiden Beamten den verdutzten Baumann unter und geleiten ihn zur T�r.</p><p>�Entschuldigen Sie die St�rung�, sagt einer der beiden zu mir, der andere nickt zustimmend. Abel sieht mich flehentlich an, schweigt aber. Bevor ich etwas sagen kann, sind die Polizisten mit ihm und der Krankenschwester auf dem Gang verschwunden.</p><p>Ich brauche ein paar Schrecksekunden, um zu begreifen, dass ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, Abel Baumann einfach so seinem Schicksal zu �berlassen. Er mag noch nicht offiziell mein Patient sein, aber immerhin hat er mich bereits f�r die erste Sitzung gebucht.</p><p>Entschlossen werfe ich die Decke zur�ck, springe aus dem Bett und will zur T�r hechten, aber mein Kreislauf kommt nach der langen Ruhephase nicht so schnell auf Touren. Ich falle der L�nge nach hin. Gl�cklicherweise wird dabei ausnahmsweise meine Nase nicht in Mitleidenschaft gezogen. Daf�r bin ich nun schlagartig hellwach.</p><p>Als ich den Gang betrete, sind die Polizisten gerade im Begriff, mit Abel im Fahrstuhl zu verschwinden.</p><p>�Moment!�, rufe ich. �Warten Sie! Ich komme mit!�</p><p>Die Beamten sehen sich erstaunt an, immerhin stellt sich einer der beiden in die Lichtschranke, um die Fahrstuhlt�r zu blockieren. Ich eile durch den Krankenhausflur und sehe, dass Baumann erleichtert l�chelt.</p><p>�Stehen Sie denn in irgendeiner Beziehung zueinander?� Der Polizist, der die Fahrstuhlt�r blockiert, sieht mich argw�hnisch an.</p><p>�Herr Baumann ist mein Patient�, antworte ich.</p><p>Der Beamte mustert meine ungewaschenen Haare und den schmuddeligen Bademantel. Dann dreht er sich zu Baumann, der mit seinem schneewei�en Kittel problemlos als Koryph�e der Humanmedizin durchgehen w�rde.</p><p>�Stimmt das?�, fragt der Beamte.</p><p>Baumann nickt. �Ja. Das ist mein Psychotherapeut.�</p><p>Der Polizist wirft seinem Kollegen einen kurzen, aber vielsagenden Blick zu. Dann bedeutet er mir mit einem Kopfnicken, dass ich ebenfalls in den Fahrstuhl steigen soll.</p></section><section><title><p><strong>Gott ist ratlos</strong></p></title><empty-line/><p>Mein Plan, Abel Baumann Scherereien zu ersparen, geht total schief. Am Ende kriegen wir beide �rger. Abel, weil er ein Wiederholungst�ter ist. Man hat ihn schon Dutzende Male verhaftet, weil er sich f�r einen anderen ausgab. Noch vor kaum zwei Wochen war er ein paar Stra�en weiter als Architekt unterwegs und koordinierte �ber mehrere Tage hinweg die Arbeiten an einem riesigen Hotelkomplex. Mit dem Ergebnis, dass nun die H�lfte der Zimmer fehlt, weil Baumann angeordnet hat, diverse Zwischenw�nde rauszurei�en. Er habe die Zimmer gr��er, heller und freundlicher gestalten wollen, gab er sp�ter zu Protokoll. Dummerweise waren die betreffenden W�nde von nicht unerheblicher Bedeutung f�r die Statik des Geb�udes. Anders ausgedr�ckt: Der Rohbau h�tte jede Minute in sich zusammenkrachen k�nnen. Die Ingenieure, die nun damit besch�ftigt sind, zu retten, was zu retten ist, haben es jedenfalls als ein Wunder bezeichnet, dass das Geb�ude �berhaupt noch steht.</p><p>Der Revierleiter, ein Gem�tsmensch mit Walrossbart, macht mir zum Vorwurf, dass ich von alldem nichts wusste. Polizeioberrat Schavinski findet, wenn ich schon als psychologischer Betreuer auftrete, dann sollte ich zumindest eine leise Ahnung davon haben, wen ich eigentlich betreue. Ich verbitte mir kategorisch jede Einmischung in meine T�tigkeit als Psychologe, muss aber insgeheim nat�rlich zugeben: Der Mann hat v�llig recht. Au�erdem m�chte Schavinski mir ja nur ans Herz legen, k�nftig etwas besser auf meinen Patienten aufzupassen, damit der Papierkram sich in Grenzen h�lt.</p><p>Zwischenzeitlich meldet einer von Schavinskis Beamten, dass ich mein Krankenbett verlassen habe, ohne die Formalit�ten zu erledigen. Ich vermute, die dicke Schwester hat mich verpetzt. Ich soll jedenfalls unbedingt noch unterschreiben, dass ich auf eigenes Risiko abgehauen bin. Das entsprechende Formular werde man der Polizei per Fax zukommen lassen. Ich sehe Polizeioberrat Schavinski an, dass er es mir pers�nlich �belnimmt, nicht wenigstens den Papierkram im Krankenhaus erledigt zu haben.</p><p>Dummerweise kann ich Ellen nicht erreichen. Sie k�nnte meinen Ausweis holen und ihn mir vorbeibringen. Zumindest das ist sie mir schuldig.</p><p>Ich spreche ihr auf die Mailbox, habe aber wenig Hoffnung, dass sie mich bald zur�ckruft. Als Million�rin ist Ellen eine umschw�rmte Frau. Und da die meisten Leute mehr von ihr wollen als nur eine kleine Gef�lligkeit, geht sie gew�hnlich erst sp�tabends die Mailboxliste ihrer Bittsteller durch.</p><p>Polizeioberrat Schavinski entscheidet deshalb, dass wir f�r ein paar Stunden die Gastfreundschaft seines Hauses in Anspruch nehmen werden. So lange n�mlich, wie es dauern wird, den Papierkram zu erledigen und abzukl�ren, ob Baumann hinter Gittern bleiben muss oder nicht.</p><p>Man sperrt uns in eine Art Abstellkammer, in der zwei knochenharte Pritschen auf uns warten. An den Fu�enden liegen s�uberlich gefaltete, dunkelgraue Decken, die schon beim Hinsehen kratzen. Immerhin bekommen wir eine Kanne Kaffee und ein paar belegte Brote spendiert.</p><p>Wir fr�hst�cken schweigend. Baumann scheint etwas auf dem Herzen zu haben. Tats�chlich r�uspert er sich nach einer Weile und sagt: �Tut mir �brigens sehr leid, dass ich Sie in diese Lage gebracht habe.�</p><p>Ich winke ab. �Immerhin haben wir so Gelegenheit, in Ruhe miteinander zu reden.�</p><p>Baumann hebt erstaunt den Kopf. �Hei�t das etwa, Sie wollen mir immer noch helfen?�</p><p>�Das wei� ich noch nicht�, erwidere ich. �Aber wir haben ja beschlossen, dass wir das in einer Probesitzung herausfinden werden.�</p><p>Baumann wirkt verbl�fft. �Und ich dachte schon, Sie w�ren stinksauer auf mich. Immerhin sitzen wir meinetwegen in Haft.�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Wenn Leute zu mir kommen, dann stecken sie grunds�tzlich in Schwierigkeiten. Das bringt mein Beruf so mit sich.�</p><p>Er nickt erfreut. �Das hei�t also, wir k�nnen sofort loslegen?�</p><p>�Wenn Sie m�chten, gern�, erwidere ich.</p><p>�Klar m�chte ich. Was wollen Sie wissen?�</p><p>�Zum Beispiel, was es f�r Sie bedeutet, in das Leben anderer Menschen hineinzuschl�pfen.�</p><p>�Och. Nichts Besonderes�, entgegnet Baumann.</p><p>�Warum machen Sie es dann st�ndig?�</p><p>�Um zu helfen.� Er klingt, als w�rde er sich wundern, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin.</p><p>�Aha. Und wem hilft es, wenn Sie sich als Architekt ausgeben und ein Hotel unbewohnbar machen?�</p><p>Baumann winkt ab. �Mit dem urspr�nglichen Konzept w�re es unbewohnbar geworden. Ein idealer Platz, um frustrierte Gesch�ftsleute auf Selbstmordgedanken zu bringen. Glauben Sie mir, ich habe ein halbes Dutzend Suizide allein im ersten Jahr verhindert. Die sollten mir eigentlich dankbar sein. Bestimmt werden sie jetzt obendrein mit Designpreisen �bersch�ttet.�</p><p>�Ich vermute, es kostet eine Menge Geld, Ihr Design wieder r�ckg�ngig zu machen. Rechnen Sie also nicht mit allzu viel Dankbarkeit.�</p><p>�Ach was! Diese angeblichen Spezialisten f�r Baustatik sind doch nur gerufen worden, damit der Bauherr jetzt die Versicherung beschei�en kann. Die Statik des Geb�udes ist astrein. Ich hab nur W�nde rausgenommen, die man sowieso nicht braucht.�</p><p>�Und woher wissen Sie das so genau? Sind Sie etwa Architekt?�</p><p>Baumann nickt. �Ist zwar schon eine ganze Weile her, aber ich habe tats�chlich mal als Architekt gearbeitet.�</p><p>Ich lehne mich am�siert zur�ck und nehme einen Schluck Kaffee. �Heute Morgen haben Sie sich als Arzt ausgegeben. Wollen Sie mir erz�hlen, dass Sie auch Mediziner sind?�</p><p>Baumann zuckt gleichg�ltig mit den Schultern. �Stimmt aber. Ob Sie es nun glauben oder nicht.�</p><p>Ich stelle meine Tasse zur Seite. �Und das gilt nat�rlich auch f�r all die anderen F�lle, in denen Sie geholfen haben, richtig?�</p><p>Baumann nickt wieder. �Genau. Ich bin vielseitig.�</p><p>�Aber Ihr eigentlicher Job ist Zirkusclown�, stelle ich fest.</p><p>�Wie man�s nimmt�, erwidert Baumann. �Ich war zwar einige Jahre mit einem Zirkus unterwegs, trete aber heute nur noch sporadisch auf. Man kann mich �ber so eine Agentur buchen. Ich mache Kindergeburtstage, Hochzeiten, Weihnachtsfeiern. Eben alles, was so anf�llt.�</p><p>�Als dieser Schavinski �ber Sie gesprochen hat, da klang es, als w�ren Sie in allen m�glichen Branchen unterwegs.�</p><p>�Bin ich ja auch�, stellt Baumann fest.</p><p>�Und wie muss ich mir das vorstellen?�, frage ich. �Was haben Sie in letzter Zeit so alles gemacht?�</p><p>Er legt den Mittelfinger an die Stirn und beginnt, sie mit kleinen, kreisenden Bewegungen zu bearbeiten. �In letzter Zeit�, murmelt er und �berlegt. �Da war ich zum Beispiel Jugendrichter ...�</p><p>�Weil Sie nat�rlich auch Jura studiert haben�, hake ich ein und bem�he mich, sachlich zu klingen.</p><p>�Genau. Ich gebe aber zu, das ist auch schon eine ganze Weile her�, erwidert Baumann unger�hrt.</p><p>�Und was haben Sie da so gemacht? Als Jugendrichter, meine ich?�</p><p>�Unter anderem ein paar Kids freigesprochen, die wegen diverser Einbr�che angeklagt waren.�</p><p>�Hatten Sie Mitleid, oder waren die Kids wirklich unschuldig?�</p><p>�Sie haben versucht, ihre gro�en Br�der zu decken.�</p><p>�Dann haben Sie diesen Kids also geholfen, eine Straftat zu vertuschen.�</p><p>�Nicht ganz�, sagt Baumann. �Ich habe wenig sp�ter als Staatsanwalt noch daf�r gesorgt, dass die wahren T�ter verhaftet werden.�</p><p>�Sie waren also auch Staatsanwalt�, stelle ich fest und muss mich erneut bem�hen, nicht ironisch zu klingen. �Haben Sie sich dann auch noch bei der Strafkammer eingeschlichen und die Bande h�chstpers�nlich verurteilt?�</p><p>Baumann wiegt den Kopf hin und her. �Das wollte ich, aber die haben mich beim F�lschen von Beweisen erwischt.�</p><p>Ich schweige einen Moment. �Welche Jobs haben Sie noch so angenommen?�</p><p>Baumann nippt an seinem Kaffee. �Mal �berlegen. Ich war Sprengstoffexperte, Bankangestellter, Kernphysiker, Feuerwehrmann, Kapit�n ...�</p><p>�Schiffskapit�n oder Flugzeugkapit�n?�, frage ich und bin nun doch am�siert �ber Baumanns Aufz�hlung. Wie zur H�lle schafft man es nur, sich in derartige Jobs reinzumogeln? Ich werde Schavinski bei Gelegenheit um Akteneinsicht bitten. Bis dahin hoffe ich, dass Baumanns besonders riskante Abenteuer nur seiner Phantasie entspringen.</p><p>�Beides�, erwidert Baumann locker.</p><p>�Sie haben sich als Pilot ausgegeben? Im Ernst?� Meine Heiterkeit verwandelt sich abrupt in Best�rzung. �Und was war das f�r ein Flugzeug?�</p><p>�Eine 737.�</p><p>�Ein Frachtflugzeug, hoffe ich.�</p><p>Baumann sch�ttelt den Kopf. �Nein. Eine Passagiermaschine.�</p><p>�Eine Passagiermaschine?�, wiederhole ich fassungslos. �Sie haben Leute durch die Gegend geflogen?� Ich hoffe sehr, dass er nur eine Wahnvorstellung zum Besten gibt.</p><p>Baumann nickt. �Knapp einhundert. Aber nur nach Marokko und zur�ck�, f�gt er rasch hinzu, als w�rde das die Sache irgendwie besser machen.</p><p>Ich lasse die Dimension von Baumanns Weltverbesserungsversuchen auf mich wirken. Wenn seine Geschichten wahr sind, dann ist er definitiv eine Gefahr f�r sich und andere. Und das hei�t, sofern er nicht in einer geschlossenen Abteilung landen will, muss er seine Hilfsaktionen einstellen. Und zwar sofort.</p><p>�Herr Baumann, es tut mir leid, Ihnen das sagen zu m�ssen ...�, beginne ich diplomatisch, �... aber sie d�rfen sich nicht l�nger fremde Identit�ten aneignen. Das kann nicht nur f�r Sie, sondern auch f�r andere Menschen t�dlich enden.�</p><p>Baumann wirkt entt�uscht. Aber die Standpauke kann ich ihm leider nicht ersparen.</p><p>�Wenn Sie sich ohne Pilotenschein ans Steuer einer Passagiermaschine setzen�, fahre ich fort, �dann ist das .�</p><p>�Ich habe einen Pilotenschein�, unterbricht Baumann sachlich.</p><p>�Ach ja?�, erwidere ich und kann mir nun doch einen ironischen Unterton nicht verkneifen: �Und ist der vielleicht auch schon etwas �lter? �hnlich, wie Ihre Examen in Jura und Medizin? Oder Ihr Architekturstudium?�</p><p>Baumann streicht sich nachdenklich �ber seinen Dreitagebart. �Ja, da ist was dran�, nuschelt er verlegen, f�gt dann aber hinzu: �Wobei das ja ganz offensichtlich nicht hei�t, dass ich die Dinge verlernt habe.�</p><p>Ich merke, ich muss deutlicher werden. �H�ren Sie, wenn Sie sich als Arzt verkleiden und den Leuten Mut machen, finde ich das ja noch irgendwie okay. Aber es ist schlicht unverantwortlich, dass Sie sich als Pilot ausgeben und eine vollbesetzte Passagiermaschine fliegen.�</p><p>Baumann sch�ttelt energisch den Kopf. �Unverantwortlich w�re es nur gewesen, wenn ich <emphasis>nicht </emphasis>eingesprungen w�re. Der Pilot, der die Maschine eigentlich h�tte fliegen sollen, w�re aufgrund einer kleinen Kursabweichung mit einem Privatflugzeug kollidiert.� Baumann macht eine Kunstpause. �Nur ein Fl�chtigkeitsfehler, aber niemand h�tte diese Katastrophe �berlebt.� Er wiederholt mit ernstem Gesicht: �Wirklich. Niemand.�</p><p>Ich habe mir zwar �ber Baumanns psychischen Zustand noch keine abschlie�ende Meinung gebildet, aber schon jetzt ist klar, dass er ernste Probleme hat. �Und woher wissen Sie, dass es zu dieser Katastrophe gekommen w�re?�, frage ich.</p><p>�Ich wei� es einfach�, antwortet Baumann.</p><p>�Aha. Hei�t das, Sie sind so eine Art Medium?�, spekuliere ich.</p><p>Baumann sch�ttelt den Kopf. �Nein. Das nicht.�</p><p>Da er keine Anstalten macht, sich zu erkl�ren, beschlie�e ich, ihn ein wenig zu provozieren. Vielleicht l�st das seine Zunge. �Dann sind Sie vielleicht ein genialer Physiker, der so etwas wie eine Zeitmaschine erfunden hat?�</p><p>Baumann l�chelt, sch�ttelt wieder den Kopf. �Nein. Auch das nicht. Ich hab zwar einiges erfunden, aber nichts davon war genial.�</p><p>�Aha. Und warum kennen Sie dann Gottes geheime Pl�ne?�, frage ich. �Sind Sie vielleicht der liebe Gott h�chstpers�nlich?�</p><p>Baumann zuckt merklich zusammen, dann lacht er schallend. �Beeindruckend!�, ruft er und wird von einem neuerlichen Lachanfall gesch�ttelt. Tr�nen laufen ihm �ber die Wangen. �Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, Dr. Jakobi. Ich bin es wirklich.�</p><p>Ich stutze. Hat Baumann da gerade wieder eine Wahnvorstellung beschrieben, oder steigt er lediglich auf meinen Witz ein?</p><p>�Vor Ihnen sitzt der liebe Gott h�chstpers�nlich�, erkl�rt mein Gegen�ber und wischt sich die Lachtr�nen aus dem Gesicht.</p><p>Wir schweigen.</p><p>�Witzig�, sage ich nach einer Weile und gebe mich unbeeindruckt. �Ich hab Sie mir immer anders vorgestellt.�</p><p>Baumann hebt den Zeigefinger und sagt mit gespielter Strenge: �Das ist verboten. Man darf sich kein Bild von mir machen.�</p><p>�Na, immerhin scheint Gott Humor zu haben�, sage ich.</p><p>Baumann nickt. �Es bleibt Gott nichts anderes �brig, als die Dinge mit Humor zu nehmen.� Sein L�cheln verwandelt sich in einen Anflug von Melancholie. Nachdenklich schaut er zu Boden. �Es ist die Wahrheit, Dr. Jakobi. Ich bin es wirklich.� Er beugt sich vor und sieht mir nun direkt in die Augen. �Ich bin Gott. Und ich bin, unter uns gesagt, ziemlich im Arsch. Es w�re also sch�n, wenn Sie mir helfen k�nnten, Doktor.�</p><p>Langsam greife ich nach meiner Tasse, f�hre sie bed�chtig zum Mund und nehme einen kleinen Schluck. Dann noch einen. Und dann noch einen. Es ist ein Ritual, um Zeit zu gewinnen. Immer, wenn ich eine Denkpause brauche, aber daf�r die aktuelle Sitzung nicht unterbrechen will, trinke ich ein paar Schl�ckchen Kaffee in Zeitlupe.</p><p>Im Geiste fasse ich zusammen: Mein neuer Patient leidet an einer schweren schizophrenen Psychose, die sich einerseits darin �u�ert, dass er wechselnde Identit�ten annimmt, um die Welt zu verbessern. Andererseits hat Abel Baumann die immerhin originelle Wahnvorstellung, nicht nur irgendein Auserw�hlter zu sein, sondern Gott h�chstpers�nlich. Unklar ist noch, ob wir wirklich die gleiche Person meinen, wenn wir von Gott sprechen. Es gibt ja eine Menge Menschen in Politik und Wirtschaft oder auch im Showgesch�ft, die sich f�r G�tter halten, ohne gleich biblische Dimensionen f�r sich zu beanspruchen. Ich beschlie�e, hier einzuhaken. �Wen oder was meinen Sie genau, wenn Sie von <emphasis>Gott</emphasis> sprechen?�</p><p>Baumann lacht. �Welchen Teil von <emphasis>Gott</emphasis> haben Sie denn nicht verstanden, Dr. Jakobi?�</p><p>�Sie wollen mir also sagen, dass Sie Gott, der Allm�chtige, sind�, pr�zisiere ich.</p><p>�Gott, der Allm�chtige�, wiederholt Baumann und schmeckt den W�rtern nach. �Das ist leider lange her. Ich bin nicht mehr allm�chtig. Wenn ich es noch w�re, dann s��en wir jetzt nicht hier.�</p><p>�Gott ist nicht allm�chtig?�, wundere ich mich.</p><p>�Nicht die Bohne�, best�tigt Baumann.</p><p>�Aber das war nicht immer so�, werfe ich ein.</p><p>�Nein. Die ersten Probleme haben sich zwar schon vor langer Zeit angek�ndigt, aber so richtig schlimm ist es vor etwas mehr als zwanzig Jahren geworden.�</p><p>Ich ahne, dass wir uns dem Trauma n�hern, das f�r Baumanns Psychose verantwortlich oder zumindest mitverantwortlich sein k�nnte. �Es gab also einen konkreten Ausl�ser.�</p><p>Baumann nickt, z�gert aber, weiterzusprechen.</p><p>Ich mache eine aufmunternde Geste, doch er sch�ttelt den Kopf und lehnt sich wieder zur�ck. �Heute nicht. Unsere Zeit ist gleich rum.�</p><p>Erstaunt schaue ich auf die Uhr. �Nein. Wir haben noch genug Zeit. Au�erdem habe ich sowieso gerade nichts Besseres vor.�</p><p>�Doch�, sagt Baumann. �Sie werden gleich freigelassen. Ich muss leider noch eine Weile hier bleiben. Aber das ist kein Problem. Gegen Abend komme ich auch raus.�</p><p>Hab ich was nicht mitbekommen? Ich erhebe mich und schaue durch das kleine vergitterte T�rfenster. �Niemand da�, verk�nde ich.</p><p>Einen Atemzug sp�ter wird am Ende des Ganges eine T�r entriegelt, und Polizeioberrat Schavinski erscheint in Begleitung einer seiner Mitarbeiter.</p><p>Erstaunt blicke ich zu Baumann.</p><p>Der zuckt mit den Schultern. �Ein bisschen was hab ich schon noch drauf�, sagt er. �Immerhin bin ich ja Gott.�</p><p>Die Zellent�r �ffnet sich, und Schavinski tritt ein.</p><p>�Ihr Bruder wartet drau�en. Sie k�nnen gehen. Wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns.� Er blickt zu Baumann. �Sie m�ssen leider noch eine Weile hierbleiben. Aber wir arbeiten dran, dass Sie heute auch im eigenen Bett schlafen k�nnen.�</p><p>�Rufen Sie mich an?�, frage ich Baumann.</p><p>Der nickt, zieht eine Visitenkarte hervor und dr�ckt sie mir in die Hand. �Falls Sie in der Gegend sind, schauen Sie einfach vorbei.�</p><p>Ich werfe einen kurzen Blick auf die Karte. �Keine Telefonnummer?�</p><p>�Brauch ich nicht. Ich wei�, wenn Sie kommen.�</p><p>Der Revierleiter wirft mir einen besorgten Blick zu.</p><p>�Mein Patient macht Witze�, sage ich und stecke die Karte in meinen Bademantel.</p></section><section><title><p><strong>Gott ist unterwegs</strong></p></title><empty-line/><p>Mein Bruder tr�gt teuren Zwirn, lehnt l�ssig an seiner Nobelkarosse und raucht eine Filterlose. �Du siehst scheu�lich aus�, sagt er zur Begr��ung.</p><p>�Ich freu mich auch, dich zu sehen�, erwidere ich und �ffne rasch die Beifahrert�r, weil ein eiskalter Wind durch meinen Bademantel weht.</p><p>Jonas schnippt seine Zigarette weg, steigt ein und startet den Motor. Dann greift er nach einer Packung Nikotinkaugummis und schiebt sich eines in den Mund. �Stell dir vor! Mit diesen Dingern bin ich jetzt schon runter auf zwanzig am Tag. Toll, oder?� Er l�sst den Wagen langsam in den stockenden Verkehr rollen.</p><p>�Toll�, best�tige ich. �Dein Husten klingt auch schon viel heller.�</p><p>Er nickt zufrieden. �Perspektivisch will ich es mir ja ganz abgew�hnen�, sagt er. �Geht nur gerade im Moment nicht. Zu viel Stress.�</p><p>Eine Weile k�mpfen wir uns schweigend durch die mitt�gliche Rushhour.</p><p>�Jakob?�</p><p>�Mm?�</p><p>�Wie schlecht geht es dir eigentlich wirklich?� Es klingt, als w�re er auf eine h�chst dramatische Weise beunruhigt. Den Hang zum Theatralischen hat er von Mutter geerbt.</p><p>Da ich keine Lust habe, mit meinem erfolgreichen Bruder �ber meine Misserfolge zu reden, sage ich: �Gut. Sie tut kaum noch weh.�</p><p>Er wirft mir einen �rgerlichen Seitenblick zu. �Du wei�t ganz genau, dass ich nicht deine Nase meine.�</p><p>�Sondern?�, frage ich mit gespieltem Erstaunen. Es ist ein absichtlich schlecht gespieltes Erstaunen.</p><p>Jonas verdreht genervt die Augen. �Ich meine nat�rlich deine finanzielle Situation. Abgesehen davon finde ich es etwas beunruhigend, wenn ich meinen Bruder bei der Polizei aufgabeln muss.�</p><p>�Ich hab einem Patienten geholfen�, sage ich. �Und was meine finanzielle Situation betrifft: Geht so.�</p><p>�Hab ich mir fast gedacht. Brauchst du Geld?�</p><p>�Nein. Ich komm schon �ber die Runden.�</p><p>�Mutter macht sich aber Sorgen�, sagt er, und wieder ist da dieser Anflug von Pathos in seiner Stimme.</p><p>�Ich wei߻, erwidere ich. �Das ist ihr gro�es Hobby, seit Vater tot ist. Das hat aber nichts mit mir zu tun. Sie kompensiert nur, dass es niemanden mehr gibt, den sie bemuttern kann.�</p><p>�Sie hat Vater nicht bemuttert.� Jonas sagt es mit Nachdruck. Wie immer, wenn wir im Gespr�ch an diesen Punkt kommen, will er der Wahrheit nicht ins Auge sehen.</p><p>�Sie hat ihm Papieruntersetzer unters Glas geschoben, damit er beim Saufen keine Kringel auf den Tisch macht. Und sie hat stillschweigend die Karaffe mit seinem Fusel nachgef�llt. Wenn du mich fragst, dann hat sie ihn nicht nur bemuttert, sie hat ihn zu Tode bemuttert.�</p><p>Jonas schnauft ver�rgert. �Jakob, du bist ein ganz schlimmes Schandmaul.�</p><p>�Ich vermute, das liegt in der Familie�, erwidere ich.</p><p>Jonas hat gar nicht zugeh�rt. �Und du bist undankbar�, f�hrt er fort. �Wir wollen dir ja schlie�lich nur helfen.�</p><p>Das stimmt sogar, allerdings ist der Preis, den ich daf�r zahle, hoch. Als ich meinen Bruder zuletzt angepumpt habe, musste ich mir einen sehr langen Vortrag �ber die moralische Verkommenheit von Leuten</p><p>mit Konsumschulden anh�ren. Dabei hatte ich gar nicht vor, mit seinem Geld einen Teleshoppingkanal leer zu kaufen, ich wollte nur die n�chste Miete finanzieren. Damals dachte ich irrt�mlicherweise noch, meine Pechstr�hne w�re nicht von Dauer. Jedenfalls habe ich an diesem Tag begriffen, dass mein Bruder nur Banker geworden ist, damit er sich moralisch �berlegen f�hlen kann. Im Grunde verachtet er Armut als ein Zeichen von Schw�che.</p><p>Wenn Jonas mir jetzt gener�s von sich aus Geld anbietet, dann entweder, weil er etwas im Schilde f�hrt, oder weil ich in seinen Augen endlich so tief gesunken bin, dass sein moralischer Sieg auf der Hand</p><p>liegt.</p><p>�Ich kann dir nicht mal eben aus der Patsche helfen, wenn ich erst in Florida bin�, erkl�rt Jonas. Klingt, als w�rde er mir alle paar Tage das Leben retten. Dabei ist es schon was Besonderes, dass er seine wertvolle Mittagspause opfert, um mich bei der Polizei aufzulesen. Eigentlich braucht Jonas seine Mittagspause n�mlich, um durchzuarbeiten.</p><p>�Also, wenn du Geld brauchst, sag es einfach�, setzt er nach. �Und sag es bitte bald.� Er l�sst sein Fenster heruntersurren, zieht eine Zigarette hervor und z�ndet sie an.</p><p>Es wird binnen zwei Sekunden arschkalt. Da ich meinem Bruder in seinem eigenen Wagen nicht das Rauchen verbieten will, schweige ich und kuschele mich, so gut es geht, in meinen Bademantel. Die gef�hlte Temperatur liegt trotzdem unterhalb des Gefrierpunktes. Bald f�hlen sich meine Lippen taub an, und ich schlottere ein wenig.</p><p>�Ist dir kalt?�</p><p>�Bisschen�, sage ich z�hneklappernd.</p><p>Er wirft die Zigarette hinaus und l�sst das Fenster wieder hochsurren. �Sag doch was, Mensch!�</p><p>�Du hast mir noch nie Geld angeboten�, stelle ich fest, als sich meine K�rpertemperatur normalisiert hat. �Und du hast zuletzt Mittagspause gemacht, als es eine Bombendrohung in deiner Bank gab.�</p><p>Jonas wirft mir einen irritierten Seitenblick zu. Er wirkt verunsichert.</p><p>�Willst du mir nicht einfach sagen, was du wirklich auf dem Herzen hast?�</p><p>Er wirkt ertappt, greift nach seinen Nikotinkaugummis, steckt sich gleich zwei in den Mund und �berlegt. Ich warte.</p><p>Endlich r�uspert er sich. �Die Wahrheit ist, dass ich die Schnauze voll habe vom Finanzsektor. Ich werde zwar nach Florida ziehen, aber nicht, um dort einen neuen Job anzunehmen. Meine K�ndigung liegt schon bei der Bank.�</p><p>Hoppla. Ich habe zwar mit Neuigkeiten gerechnet, aber nicht mit einer solch fetten Schlagzeile. Mein Bruder, Mutters Musterknabe, schmei�t die Brocken hin, weil ihm sein pers�nliches Gl�ck wichtiger ist als das Ansehen der Familie. Respekt.</p><p>�Mutter wird dich t�ten�, sage ich.</p><p>Er nickt. �Deswegen darf sie es nie erfahren. Als du im Krankenhaus gewitzelt hast, dass sie doch mit in die Staaten ziehen k�nnte, hab ich fast einen Herzschlag bekommen. Stell dir vor, sie h�tte die Idee toll gefunden!�</p><p>�Sie darf es nie erfahren?�, wiederhole ich perplex. �Bist du sicher, dass du dir als erwachsener Mann solche albernen Versteckspiele antun willst?�</p><p>�Fragst du mich das als Bruder oder als Psychotherapeut?�</p><p>Guter Einwand. Muss ich selbst mal dr�ber nachdenken.</p><p>�Jakob, du wei�t doch, wie sie einen mit ihren gutgemeinten Ratschl�gen verfolgen kann. Ich brauche jetzt erst mal ein paar Monate, um den Kopf frei zu kriegen.�</p><p>�Hast du Geld?�, frage ich. �Soll ich dir was pumpen?�</p><p>Er grinst, fischt eine Zigarette aus seinem Sakko und lenkt den Wagen an den Stra�enrand. Wir sind da.</p><p>�Versprichst du mir, dass diese Sache unter uns bleibt?�</p><p>�Keine Sorge. Ich schweige�, sage ich. �Und danke f�rs Bringen.�</p><p>Er nickt zufrieden. �Brauchst du noch irgendwas?�</p><p>Ich sch�ttele den Kopf und lasse die Autot�r ins Schloss fallen. Jonas hebt zum Gru� die Hand und gibt Gas.</p><p>Als ich nach einem entspannten Nachmittag gebadet und ausgeruht in der K�che sitze und den Tag gerade mit einer sch�nen Flasche Pennergl�ck ausklingen lassen will, rei�t mich die T�rglocke aus der wohltuenden Lethargie. Ich habe �berhaupt keine Lust auf Besuch. Also ignoriere ich das Ger�usch.</p><p>Wieder das Klingeln, diesmal nachdr�cklicher.</p><p>�Nun mach schon auf, Jakob!�, h�re ich Ellen rufen. �Ich wei� doch, dass du da bist.�</p><p>Ich �berlege kurz, dann rufe ich: �Ich bin nicht allein!�</p><p>�Red keinen Quatsch! Mach auf! Hier drau�en ist es saukalt!�</p><p>Ich seufze, bleibe aber sitzen.</p><p>�Gut. Wenn du es nicht anders willst, dann komme ich eben rein.� Ein Schl�ssel wird ins Schloss gesteckt. �Hast du geh�rt, Jakob? Ich komme jetzt in deine Wohnung.�</p><p>�Untersteh dich!�, rufe ich.</p><p>Kurze Stille.</p><p>�Okay! Ich geb dir zehn Sekunden, um die T�r aufzumachen! Aber dann komme ich wirklich rein!�, erwidert sie.</p><p>Erneut ist es ein paar Atemz�ge lang still. Dann wird der Schl�ssel im Schloss gedreht, man h�rt das leise Quietschen der Scharniere, gefolgt vom lauten Krachen der Sicherheitskette, als diese die T�r blockiert.</p><p>�Jakob! Verdammt!�, schimpft sie w�tend. �Was soll denn das hier?�</p><p>Inzwischen stehe ich im Flur. �Hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank, Ellen? Du kannst doch nicht einfach hier aufkreuzen und mich zwingen, dich in meine Wohnung zu lassen. Was kommt als N�chstes? Brennst du das Haus nieder, um mich auf die Stra�e zu jagen?�</p><p>Im T�rspalt ist ihre Nasenspitze zu sehen. �Ich wei�, dass du sauer auf mich bist. Deshalb bin ich ja gekommen. Ich m�chte mich bei dir entschuldigen.�</p><p>Sie wartet auf eine Reaktion, aber ich schweige.</p><p>�Nun mach schon auf, Jakob! Bitte. Ich hab Schampus mitgebracht. Und einen ziemlich teuren Chablis. Das mit Armin tut mir wirklich leid.�</p><p>Typisch Ellen. Sie hat es l�ssig in Kauf genommen, dass ich von Armin eins auf die Nase kriege. Jetzt m�chte sie sich m�glichst unkompliziert daf�r entschuldigen. Das geht mir zwar einerseits gegen die Ehre, andererseits habe ich schon lange keinen guten Chablis mehr getrunken. �Nimm mal deine Nase aus der T�r�, bitte ich.</p><p>Sie tut es, ich entferne die Sicherheitskette und �ffne. Ellen schnalzt vorwurfsvoll mit der Zunge. �Jetzt mal ehrlich, Jakob, musst du hier so einen Affenzirkus veranstalten?�</p><p>Ich ignoriere ihre Bemerkung und strecke die Arme aus, um die Flaschen entgegenzunehmen. �Danke f�r deinen Besuch und danke f�r die Geschenke�, sage ich. �Ich nehme deine Entschuldigung an.</p><p>Vergessen wir einfach, was passiert ist.�</p><p>Sie dr�ckt sich unsanft an mir vorbei in den Flur. �Das k�nnte dir so passen. Nachdem du mich ewig da drau�en in der K�lte hast stehen lassen, musst du mir jetzt wenigstens ein Glas Champagner anbieten, finde ich.�</p><p>Als ich in die K�che komme, ist sie bereits dabei, die Flasche zu entkorken. �Wie geht es deiner Nase?�</p><p>�Wie geht es deiner Ehe?�</p><p>Der Korken knallt. Da ich keine Champagnerkelche besitze, f�llt sie zwei Weingl�ser mit der golden schimmernden Fl�ssigkeit.</p><p>�Armin und ich haben gerade eine Auszeit genommen. Er ist mir irgendwie zu ... impulsiv. �brigens sind wir nicht offiziell verheiratet. Wir haben uns zwar das Jawort gegeben. Das war aber auf den Malediven. Nach deutschem Recht ist unsere Ehe ung�ltig.�</p><p>�Ich wette, das hast du vorher gewusst.�</p><p>Sie sieht mich an, hebt ihr Glas und prostet. �H�ltst du mich wirklich f�r so berechnend, Jakob?�</p><p>�Absolut�, erwidere ich wie aus der Pistole geschossen.</p><p>Sie sch�ttelt nachdenklich den Kopf. �Komisch. Wenn ein Mann pragmatisch handelt, dann gilt er als geradlinig und konsequent. Tut eine Frau das Gleiche, ist sie sofort eiskalt und berechnend.�</p><p>Ich habe nicht die geringste Lust, mit meiner Exfrau dar�ber zu diskutieren, ob sie eiskalt und berechnend ist. Was sie, nebenbei bemerkt, zweifellos ist. Da ich aber keinen Streit will, sage ich: �Lass uns �ber was anderes reden.�</p><p>�Hab ich dir jemals erz�hlt, dass mein Vater meine Mutter nach fast vierzig Jahren Ehe quasi �ber Nacht mittellos auf die Stra�e gesetzt hat?�</p><p>Ich nicke. �Du erz�hlst die Geschichte immer dann, wenn du mir zu erkl�ren versuchst, warum du die Millionen deines Onkels f�r dich ganz allein haben wolltest. Also eigentlich st�ndig.�</p><p>Ellen nickt nachdenklich. �Schon seltsam, dass wir beide nicht die Kurve gekriegt haben, oder? Ich meine, immerhin bist du Eheberater.�</p><p>Das stimmt nicht ganz. Ich <emphasis>war</emphasis> Eheberater. Die Patienten haben leider das Weite gesucht, als sie von meiner Scheidung erfuhren. Dabei kann eine zerbrochene Ehe ganz n�tzlich sein, wenn man helfen will, andere Beziehungen zu retten. Aber ich verstehe auch, dass die Leute keinen Psychologen wollen, der sein eigenes Leben nicht im Griff hat. Man engagiert ja auch keinen bulimischen Ern�hrungsberater. Oder einen fetten Fitnesslehrer.</p><p>�Unsere Ehe ist Schnee von gestern. Was spielt es also noch f�r eine Rolle, welche Chancen wir verpasst haben?�, frage ich.</p><p>Sie leert ihr Glas in einem Zug und gie�t uns beiden gro�z�gig nach. �Hast du dich jemals gefragt, ob wir es noch mal miteinander versuchen sollten?�</p><p>Ich bin erstaunt. �Nein.�</p><p>�Wirklich? Nie?�</p><p>�Nein. Nie. - Aber ich hab mir im Nachhinein oft gew�nscht, dass du damals mit mir geredet h�ttest, statt mir diesen Vertrag unterzujubeln ...�</p><p>�Ich dachte, es ging dir nie ums Geld�, unterbricht sie spitz.</p><p>�Ging es auch nicht. Du hast mir misstraut. Das war der Punkt. Ich wei� nicht, was du dir ausgemalt hast. Vielleicht, dass ich mit der H�lfte deiner Kohle durchbrenne ...�</p><p>�Und wenn es so war?�, unterbricht sie. �So was passiert schlie�lich st�ndig. Ja, vielleicht hatte ich einfach Angst. Vielleicht wollte ich dich nicht verlieren.�</p><p>�Na, das hat ja super geklappt�, sage ich.</p><p>Sie verkneift sich eine Replik. �Also gut�, nickt sie und muss sich sichtlich �berwinden, fortzufahren. �Ich gebe hiermit offiziell zu Protokoll, dass ich damals einen Fehler gemacht habe. Ich h�tte mit dir reden m�ssen. Tut mir leid, dass ich das vers�umt habe.�</p><p>Unwillk�rlich steigt �rger in mir auf. �Ellen, du hast unsere Ehe f�r ein paar lumpige Millionen geschrottet. Du kannst nicht erwarten, dass ich dir das mal eben so verzeihe.�</p><p>�Es waren nicht nur ein paar lumpige Millionen�, korrigiert sie sachlich.</p><p>�Ist doch schnurz, wie viel es war�, maule ich. �Du wolltest schlicht nicht teilen. Und das w�re auch v�llig okay gewesen, weil es nicht mein, sondern dein Erbonkel war. Aber du h�ttest mich nicht bel�gen d�rfen, damit ich diesen verdammten Ehevertrag unterschreibe.�</p><p>Sie sieht mich schweigend an, dann sagt sie: �Es ging um fast hundertvierzig Millionen.�</p><p>�Was?� Ich glaube mich verh�rt zu haben.</p><p>�Die Erbschaft. Es sind hundertvierzig Millionen�, wiederholt sie. �Und du h�ttest dir vor Gericht die</p><p>H�lfte davon holen k�nnen. Verstehst du jetzt mein Problem? Keine Ahnung, ob du mit ein paar Millionen zufrieden gewesen w�rst. Falls aber nicht, h�tte ich die H�lfte verloren, und deshalb ...�</p><p>�Stopp! Moment!�, unterbreche ich. �Du willst mir sagen, dass du selbst im allerschlimmsten Fall siebzig Millionen Euro behalten h�ttest?�</p><p>Sie nickt, als w�re das eine Selbstverst�ndlichkeit.</p><p>�Aber warum, zur H�lle, hast du mich dann ausgebootet? Das ist doch viel mehr Geld, als ein normaler Mensch in einem Leben ausgeben kann.�</p><p>�Du w�rst dann aber vielleicht ratzfatz mit deinen siebzig Millionen und irgendeiner Schlampe �ber alle Berge gewesen. Und genau das wollte ich verhindern�, entgegnet sie entschieden.</p><p>�Aber wir sind doch jetzt trotzdem getrennt�, sage ich verwirrt. �Wo ist denn da die Logik?�</p><p>�Die Logik ist, dass wir zwar getrennt sind, ich dir aber nicht obendrein auch noch siebzig Millionen hinterhergeworfen habe�, stellt sie fest.</p><p>Ich werde gerade das Gef�hl nicht los, in einem surrealen Meisterwerk von Bunuel mitzuspielen. Um mich auf den Boden der Tatsachen zur�ckzuholen, nehme ich einen gro�en Schluck Champagner. Dann sage ich: �Aber selbst in diesem Fall w�rst du noch wahnsinnig reich. Au�erdem war es nur deine fixe Idee, dass ich dir dein Erbe wegnehmen will. Wenn du ehrlich zu mir gewesen w�rst, h�ttest du nicht nur das ganze Geld behalten k�nnen, obendrein w�re unsere Ehe h�chstwahrscheinlich noch existent.�</p><p>Sie gie�t uns erneut ein, schiebt die nun leere Flasche zur Seite und zieht den Chablis etwas n�her zu sich, als w�re zu bef�rchten, dass er sich heimlich aus dem Staub macht. �Siehst du. Und genau dar�ber wollte ich mit dir reden�, sagt sie mit einem gewinnenden L�cheln.</p><p>�Wor�ber jetzt?�, frage ich und stehe schon wieder auf der Leitung.</p><p>�Na, �ber unsere Ehe. Ich fand n�mlich, sie war gar nicht so schlecht.�</p><p>Ich wei� immer noch nicht, worauf sie hinauswill.</p><p>�Ich dachte, dass wir es vielleicht noch mal miteinander versuchen sollten�, f�hrt Ellen fort. �Wenn du endlich aufh�ren w�rdest, dar�ber zu lamentieren, dass ich dein Vertrauen missbraucht habe, w�re ich bereit, dir eine gr��ere Summe Geldes zu �berweisen. Du sollst wissen, dass es mir ebenfalls nicht nur ums Geld geht. Ich m�chte, dass du es als Geschenk ansiehst. Es w�rde dich zu absolut nichts verpflichten. Ich m�chte dich nur um etwas bitten.�</p><p>�Du willst mich kaufen?�, frage ich v�llig entgeistert.</p><p>�Ich dachte an eine Million Euro�, erg�nzt Ellen.</p><p>�Oha�, rutscht es mir raus.</p><p>�Mach damit, was immer du willst, aber versprich mir, dass du ernsthaft dar�ber nachdenkst, unserer Beziehung noch eine allerletzte Chance zu geben.� Sie schiebt das Glas zur Seite, beugt sich vor und schaut mir direkt in die Augen. �Wir hatten doch eine gute Zeit miteinander, Jakob. Und jetzt ist mehr als genug Geld da, um alle unsere W�nsche zu erf�llen. Lass uns mit der Vergangenheit abschlie�en und noch mal ganz von vorn anfangen.�</p><p>Ich fische den Korkenzieher aus der Schublade und beginne, Ellens Chablis zu �ffnen. Sie hat recht.</p><p>Wir waren wirklich kein schlechtes Paar. Und mit ihrem Geld k�nnten wir uns nun ein sehr angenehmes Leben machen. Leider hat die Sache einen winzigen Haken: Ich will nicht der Galan meiner geschiedenen Frau werden.</p><p>�Sehe ich es richtig, dass du mir eine Stelle als Noch-Exmann anbieten m�chtest?�, frage ich.</p><p>Sie wirkt am�siert. Ich gie�e uns ein, sie nippt und ist offenbar mit ihrer Weinauswahl sehr zufrieden. Ich nehme ebenfalls einen Schluck und mache ein anerkennendes Gesicht. Sie hat sich wirklich nicht lumpen lassen.</p><p>�Uh. Billig war der aber nicht, oder?�, sage ich.</p><p>Sie l�chelt und schweigt.</p><p>�Dass du bereit bist, eine runde Million f�r mich auszugeben�, fahre ich fort, �das ehrt mich �brigens.</p><p>Wirklich. Du h�ttest ja auch versuchen k�nnen, mich zu leasen. Oder mich billig in der Zwangsversteigerung zu kriegen.�</p><p>Ellens Gesicht wird ernst. �Ich will dir nur helfen, Jakob. Wie schon gesagt: Die Million ist nicht an Bedingungen gekn�pft. Ich bitte dich nur, noch mal �ber alles nachzudenken.�</p><p>Warum glauben eigentlich alle Leute, dass sie mir helfen m�ssen?</p><p>�Danke. Ich brauch deine Hilfe nicht�, sage ich entschlossen. �Und dein Geld brauche ich auch nicht.�</p><p>Ihre Lippen spannen sich. �Wie viele Patienten sind dir geblieben?�, fragt sie mit scharfem Unterton. �Zehn? Zwanzig? H�chstens zwanzig, w�rde ich sagen.�</p><p>�Einer�, sage ich wahrheitsgem��.</p><p>Ellen, die gerade einen Schluck Wein nehmen will, h�lt erstaunt inne und stellt das Glas zur�ck auf den Tisch.</p><p>Ich nicke best�tigend. �Nachdem ich mir keine Sprechstundenhilfe mehr leisten konnte, ging mit den Terminen einiges drunter und dr�ber�, erkl�re ich. �Und die Bank will mir keinen Kredit geben.�</p><p>�Warum nimmst du mein Geld dann nicht?�, fragt sie.</p><p>�W�rdest du es von mir annehmen, wenn du in meiner Position w�rst?�</p><p>Sie �berlegt kurz. �Nein. Ich h�tte dich nach der �blen Trickserei mit dem Ehevertrag langsam vergiftet und w�rde mir nun dein Erbe unter den Nagel rei�en.�</p><p>Ich muss grinsen. Ihr loses Mundwerk mochte ich schon immer.</p><p>�Im Ernst: Ja, ich w�rde das Geld nehmen�, f�hrt sie fort. �Aber ich bin da auch pragmatischer als du.� Sie sieht mich an. �Und wie soll es jetzt f�r dich weitergehen, Jakob?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Vielleicht kann mein letzter Patient mir helfen. Immerhin h�lt er sich f�r Gott h�chstpers�nlich.�</p><p>�Interessant�, erwidert Ellen. �Selbst Gott hat Probleme?� Sie muss kichern. �Das klingt kompliziert. Und bei ihm kannst du ausnahmsweise mal nicht eine verkorkste Kindheit oder ein schwieriges Verh�ltnis zu den Eltern f�r alles verantwortlich machen.� Wieder muss sie kichern, dann steht sie auf und sagt: �Entschuldige mich einen Moment, ich bin gleich wieder da.� Kichernd verschwindet sie in Richtung Bad.</p><p>Ich nicke geistesabwesend. Ellen hat mich da gerade auf einen Gedanken gebracht: Ob Abel Baumann wohl Familie hat? Es w�rde mir helfen, mit jemandem zu sprechen, der ihn gut kennt.</p><p>Mein Handy rei�t mich aus den Gedanken.</p><p>�Jakobi.�</p><p>�Polizeioberrat Schavinski hier. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass wir Ihren Sch�tzling auf freien Fu� gesetzt haben. Der Staatsanwalt hat sich noch mal breitschlagen lassen, weil Herr Baumann ja jetzt in Ihrer Obhut ist. Au�erdem habe ich eben seine Krankenakte bekommen. Medizinisch gesehen ist alles in Ordnung. Das hei�t also: Jetzt sind Sie dran.�</p><p>�Moment�, sage ich. �Ich bin nur sein Psychotherapeut, nicht sein rechtlicher Betreuer. Wenn er wieder Mist baut, ist das ganz allein seine Sache. Nur, um das klarzustellen.�</p><p>Schweigen. Schavinski r�uspert sich, man h�rt das Rascheln von Papier. �Da haben Sie mir heute Mittag aber was anderes erz�hlt.� Wieder Papierrascheln. �Und wie ich hier gerade sehe, haben Sie es auch unterschrieben.�</p><p>�Was habe ich unterschrieben?�</p><p>�Dass Sie Baumann f�r ungef�hrlich halten. Und zwar in jeder Hinsicht. Soll ich Ihnen den Abschnitt mal vorlesen?�</p><p>�Nein. Schon gut�, sage ich. Da ich h�ufiger Papiere unterschreibe und mich nachher dar�ber �rgere, wird es schon stimmen, was Schavinski da behauptet. �Und jetzt habe ich Baumann an der Backe, oder was?�</p><p>�Exakt�, erwidert Schavinski fr�hlich. �Und das Beste ist, dass Sie mir damit eine Menge Papierkram ersparen.�</p><p>�Halten Sie ihn eigentlich f�r gef�hrlich?�, frage ich.</p><p>Schavinski z�gert.</p><p>�Ist eine rein pers�nliche Frage�, f�ge ich hinzu.</p><p>�Wenn Sie mich fragen, dann hat der Kerl einen an der Waffel. Und es ist nur ein Zufall, dass bisher niemand zu Schaden gekommen ist�, antwortet Schavinski. �Immerhin haben wir ihn schon im Hochsicherheitstrakt eines Kernkraftwerkes festgenommen. Fragen Sie mich nicht, wie der Kerl es da rein geschafft hat.�</p><p>�Danke f�r Ihre Einsch�tzung�, sage ich.</p><p>�Die Krankenakte schick ich Ihnen per Post. Und weil ich heute einen guten Tag habe, lege ich noch eine Kopie Ihrer Aussage bei. Nur damit Sie wissen, was Sie da unterschrieben haben. Ich w�nsche Ihnen einen sch�nen Abend, Dr. Jakobi.�</p><p>Das Gespr�ch wird beendet. Missmutig bei�e ich mir auf die Unterlippe. Ich kenne Baumann noch nicht lange genug, um ihn halbwegs zuverl�ssig beurteilen zu k�nnen. Dass ich ihn als ungef�hrlich einstufe, habe ich gesagt, bevor ich wusste, dass er sich f�r Gott h�lt und sich manchmal auch so benimmt. Wenn ich mir vorstelle, dass er gerade einen vollbesetzten Jumbo-Jet auf eine n�chtliche Startbahn man�vrieren k�nnte, wird mir spontan schlecht. Ich springe auf und greife im Flur nach meinem Mantel. Gleichzeitig klopfe ich an die Badezimmert�r. �Ellen, entschuldige bitte, aber mir ist da gerade etwas dazwischengekommen. Ich ...�</p><p>�Ich bin hier�, h�re ich Ellen sagen. Ich sehe sie durch die ge�ffnete Schlafzimmert�r. Sie sitzt mit nacktem Oberk�rper auf meinem Bett und hat die Arme l�ssig vor den Br�sten verschr�nkt.</p><p>�Was h�ltst du von meinem Angebot?�, fragt sie, siegessicher l�chelnd.</p><p>Ich ziehe meinen Mantel �ber. �Du platzt hier einfach so rein, bietest mir eine Million Euro und willst anschlie�end mit mir v�geln? Wenn ich dir einen freundschaftlichen Rat geben darf: Such dir einen Therapeuten.�</p><p>Schlagartig verfinstert sich ihr Gesicht. �Ich habe mich bei dir entschuldigt. Ich schenke dir ein Verm�gen. Und ich biete dir ein brandneues Leben, frei von finanziellen Sorgen. Was willst du noch, Jakob?�</p><p>�Dass du bitte die T�r zuziehst, wenn du gehst�, sage ich und trete in die kalte Abendluft.</p><p>�Sei vorsichtig, Jakob�, h�re ich hinter mir Ellens drohende Stimme. �Ich kann auch andere Saiten aufziehen.�</p><p>Ohne mich umzusehen, ziehe ich die T�r ins Schloss und mache mich auf den Weg. Hoffentlich hat Gott inzwischen keinen Mist gebaut, denke ich.</p></section><section><title><p><strong>Gott ist kooperativ</strong></p></title><empty-line/><p>Die Adresse auf Abel Baumanns Visitenkarte gibt es nicht. Da, wo das betreffende Haus stehen m�sste, klafft eine Baul�cke. Erst bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass der Platz trotzdem bewohnt ist. F�nf oder sechs Bauwagen sind versteckt hinter B�umen, Gestr�pp und Sperrm�ll im Halbdunkel auszumachen. Eine Konstruktion aus Holz und Eisenschrott entpuppt sich als selbstgebauter Briefkasten. Die mit Filzstift aufgekritzelte Adresse stimmt mit jener auf Baumanns Visitenkarte �berein. So wohnt also Gott. In einer Wagenburg auf einer illegalen M�llkippe. Ich hatte mir sein Reich etwas pomp�ser vorgestellt.</p><p>Das matte Licht meines Handydisplays leuchtet mir den Weg, als ich mich zu den Bauwagen vorarbeite und dabei zwei Ratten aufscheuche, die so gro� sind, dass ich sie im ersten Moment f�r streunende Hunde halte. Gl�cklicherweise haben die beiden genauso viel Respekt vor mir wie ich vor ihnen. Bei Gelegenheit muss ich Gott mal fragen, was er sich bei manchen seiner Kreaturen eigentlich so gedacht hat.</p><p>Ein alter Mann mit schlohwei�em Irokesenschnitt �ffnet mir eine halbe Ewigkeit, nachdem ich an seinem Bauwagen geklopft habe. Er hat sich offenbar viel Zeit gelassen, um die knapp zehn Quadratmeter seiner Behausung zu durchqueren.</p><p>�Was�n los?�, fragt er und streicht �ber seinen Unterarm, den ein t�towiertes Kreuz mit Flammen ziert.</p><p>�H�bsch�, sage ich und deute auf das Tattoo. �Hat das was zu bedeuten?�</p><p>Er nickt. �Das bedeutet, dass ich mal jung und bl�d war. Wollen Sie meinen Hintern sehen? Ich hab dieses ber�hmte Bild von Michelangelo draufstechen lassen, wo Gott Adam erschafft. Wenn ich den Arsch zusammenkneife, dann ber�hren sich ihre Zeigefinger.�</p><p>�Leider bin ich gerade etwas in Eile�, weiche ich aus. �Wissen Sie zuf�llig, wo ich Abel Baumann finden kann?�</p><p>Der Irokese nickt. �Bei Freddy. Der hat heute �ne Hochzeitsgesellschaft, und da wollte Abel zugucken.�</p><p>Die Wortwahl irritiert mich. �Zugucken? Hei�t das, er ist auf einer Hochzeit, zu der er nicht eingeladen wurde?�</p><p>Der Irokese nickt. �Ja. Wie �blich, k�nnte man sagen.�</p><p>�Wo finde ich denn diesen Freddy?�, frage ich beklommen. Ich ahne, dass Abels ungebetenes Auftauchen bei einer Hochzeit f�r �rger sorgen k�nnte.</p><p>�Sind Sie etwa �n Bulle oder so was?� Der Irokese verschr�nkt demonstrativ die Arme vor der Brust. Obwohl er die siebzig �berschritten haben d�rfte, spannen sich beachtliche Muskeln unter seinem Ringelpulli.</p><p>�Nein. Ich bin sein Therapeut�, erwidere ich.</p><p>Das Gesicht des Irokesen hellt sich auf. �Ach, Sie sind das! Hab schon viel von Ihnen geh�rt�, sagt er und ergreift freudig meine Hand. �Ich bin �brigens Heinz. Besser bekannt als Eisen-Heinz. Kraftakrobat. Abel und ich haben uns im Zirkus kennengelernt.� Mit der Wucht eines Schraubstocks dr�ckt Eisen-Heinz mir herzlich die Hand. �Freddys Pizzeria ist nur f�nf Minuten die Stra�e runter. Essen Sie lieber nichts, seine Frau kocht beschissen. Aber die beiden sind rasend nett.�</p><p>Tats�chlich macht der Laden einen sympathischen Eindruck. Freddys Frau Valentina bringt locker drei Zentner auf die Waage, wird von ihrem Mann, einem hageren Kerl mit zur�ckgegelten Haaren und Menjou-B�rtchen, aber trotzdem liebevoll <emphasis>meine kleine Gazelle</emphasis> genannt.</p><p>Abel Baumann sitzt am einzigen Tisch im Eingangsbereich, gleich neben der Theke. Vor ihm steht ein doppelter Grappa. Gew�hnlich warten hier die Pizzalieferanten auf ihren Einsatz, vermute ich.</p><p>Interessiert betrachtet Baumann den Gastraum, wo eine vielleicht drei�igk�pfige Hochzeitsgesellschaft gerade von Freddy und zwei Aushilfen mit Espresso, Digestifs und Tiramisu versorgt wird. Die Braut, eine kurvige Endzwanzigerin mit vollem, pechschwarzem Haar, packt ihrem schm�chtigen Br�utigam gro�z�gig Nachtisch auf den Teller, als ich mich neben Baumann setze.</p><p>�Eisen-Heinz hat mir gesagt, wo ich Sie finden kann.�</p><p>�Ich wei߻, erwidert Baumann, ohne das Geschehen im Gastraum aus den Augen zu lassen.</p><p>�Stimmt. Hatte ich ganz vergessen. Sie haben ja sicher auch gewusst, dass ich kommen w�rde, richtig?�</p><p>Baumann nickt ernst und nippt an seinem Grappa. Ich bedeute dem vorbeihuschenden Freddy, dass ich auch gern so einen h�tte und versuche zu ergr�nden, was mein Sitznachbar nur an dieser Hochzeitsfeier findet.</p><p>�Kennen Sie die beiden?�</p><p>Baumann sch�ttelt den Kopf.</p><p>�Kennen Sie hier sonst jemanden?�</p><p>�Au�er Freddy und Valentina? Nein.�</p><p>Freddy stellt mir den Grappa vor die Nase. Ich nehme einen winzigen Schluck. �W�rden Sie mir dann verraten, was Sie hier machen?�</p><p>�Da! Jetzt!�, sagt Baumann und deutet mit einer Kopfbewegung zum Brautpaar. Ich sehe, wie der Br�utigam mit seinem �bervollen Teller an der Festtafel Platz nimmt, w�hrend die Braut ihren Blick �ber die Menge schweifen l�sst. Sie scheint sich davon �berzeugen zu wollen, dass alle G�ste gut versorgt sind. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders ist. Ihr tr�umerisches L�cheln verr�t es. Sie sonnt sich im Hochgef�hl dieses Augenblicks. Mit jeder Pore ihres K�rpers genie�t sie diesen Moment voller Glanz und Liebe, diese Sekunden im Bannstrahl des vollkommenen irdischen Gl�cks.</p><p>�Das war er�, sagt Baumann und dreht nun doch den Kopf zu mir. �Das war der H�hepunkt ihres Lebens.�</p><p>Ich nicke. �Zumindest der vorl�ufige H�hepunkt.�</p><p>Abel sch�ttelt energisch den Kopf. �Nein. Der absolute. Das gerade war der absolute H�hepunkt ihres Lebens.�</p><p>�Aber es wei� doch niemand, was noch kommt�, gebe ich irritiert zu bedenken.</p><p>�Doch. Ich schon. Ich wei� es�, entgegnet Baumann. �Sie w�nscht sich Kinder, kann aber keine bekommen. In ein paar Jahren wird sie das frustriert einsehen. Ihre Ehe existiert zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Dieser Kerl mit dem Berg Tiramisu vor der Nase, den sie heute geheiratet hat, wird eine Geliebte haben und sich scheiden lassen, um mit der anderen Frau ein neues Leben zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt wird die andere Frau von ihm schwanger sein. Bei dieser anderen Frau handelt es sich um die Schwester unserer sch�nen Braut. Und das wird ihr f�r alle Zeiten das Herz brechen.�</p><p>Offenbar hat mein Patient einen psychotischen Schub. �Sind Sie deshalb hier?�, frage ich. �Ist das so eine Art g�ttliche Mission? Wollen Sie die Braut vielleicht vor einer ungl�cklichen Zukunft bewahren?�</p><p>�Soll ich?�, fragt Baumann launig und kippt seinen Grappa in einem Zug herunter.</p><p>�Nur zu!�, sage ich und mache eine einladende Handbewegung.</p><p>Er mustert mich. �Sie wollen von mir tats�chlich einen ... Gottesbeweis?�</p><p>Ich wiege den Kopf hin und her. Wenn es helfen w�rde, Baumanns psychischen Zustand zu verbessern, dann h�tte ich gegen unkonventionelle Ma�nahmen nichts einzuwenden. Aber deshalb glaube ich noch lange nicht, dass er tats�chlich die Macht hat, den Lauf der Welt zu ver�ndern. Wahrscheinlich wird Baumann mir einen Taschenspielertrick servieren, indem er eine vermeintlich magische Handbewegung macht und dann behauptet, damit habe er das Leben der Braut zum Besseren gewendet. Man k�nnte ihm nicht einmal das Gegenteil beweisen, weil es Jahre dauern w�rde, bis man es nachpr�fen k�nnte. Da es mich dennoch interessiert, wie sich mein Patient aus der Aff�re zieht, sage ich locker: �Ach, ja. Warum eigentlich nicht?�</p><p>Baumann schaut mich an und scheint zu �berlegen, ob er mir meine Bitte erf�llen soll. �Wollen Sie gleich die gro�e Show, oder reicht Ihnen eine kleine Kostprobe?�, fragt er l�chelnd.</p><p>�Bitte keine Umst�nde�, sage ich.</p><p>�Gut. Ich werde es mir �berlegen�, entgegnet Baumann abwiegelnd. �Aber zun�chst w�rde ich gerne etwas anderes mit Ihnen besprechen.�</p><p>Er winkt Freddy an unseren Tisch und dr�ckt ihm mit den Worten �Danke, stimmt so� einen Schein in die Hand.</p><p>Dann zieht er einen Umschlag aus der Innentasche seines Mantels und reicht ihn mir. �F�nfzehnhundert Euro.�</p><p>�Wof�r?�, frage ich.</p><p>�Ihr Honorar. Daf�r, dass Sie mich nach M�nchen begleiten.�</p><p>Ich schaue auf den Umschlag, dann wieder zu Baumann.</p><p>��bermorgen w�ren wir wieder zur�ck. Wenn Ihnen das Honorar nicht hoch genug ist, sagen Sie es bitte. Spesen gehen nat�rlich extra.�</p><p>�Und was wollen wir in M�nchen?�</p><p>�Meine Familie besuchen. Sie m�chten meine Familie doch gern kennenlernen, um mehr �ber mich zu erfahren, oder etwa nicht?�</p><p>�Das habe ich nie gesagt.�</p><p>�Aber gedacht�, sagt Baumann. Offenbar mache ich ein verwundertes Gesicht, denn er f�gt hinzu: �Keine Sorge, ich kann nicht automatisch Ihre Gedanken lesen. Nur, wenn Sie intensiv an mich denken. Oder wenn ich mich auf Sie konzentriere.�</p><p>Immer noch schaue ich ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Na, irgendwie muss ich ja mit meinen Gesch�pfen in Kontakt treten k�nnen - und meine Gesch�pfe mit mir.�</p><p>�Ach, Sie meinen, als ich diesen Gedanken hatte, war das so etwas wie ein Gebet�, sage ich und bin beeindruckt von der Intelligenz meines Patienten. Es liegt nahe, dass ich mir sein famili�res Umfeld anschauen m�chte. Um das zu vermuten, muss man kein Hellseher sein. Dass er mir seine richtige Vermutung aber als ein kleines Wunder verkauft, finde ich bemerkenswert.</p><p>Baumann zuckt mit den Schultern. �Keine Ahnung. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich pers�nlich mache mir nicht viel aus Religion. Au�erdem beten die meisten Leute sowieso nur deshalb, weil sie hoffen, dass ich ihre Probleme l�se oder Ihnen Pl�tze im Paradies besorge.�</p><p>Er greift neben sich, f�rdert einen kleinen Koffer zutage und stellt ihn auf den Tisch. �Ich dachte, wir nehmen den Nachtzug und fahren morgen Abend wieder zur�ck. Dann sparen wir das Hotel.�</p><p>Er sieht, dass ich verwundert auf seinen Koffer blicke.</p><p>�Ich habe nur das N�tigste eingepackt�, erkl�rt er. �Ich dachte, wir kaufen Ihnen am Bahnhof eine Zahnb�rste und das bisschen Krimskrams, was man sonst noch so braucht. Wir k�nnen aber auch noch mal bei Ihnen zu Hause vorbeifahren, wenn Ihnen das lieber ist.�</p><p>�Nein, ist schon okay�, sage ich und denke daran, dass Ellen wahrscheinlich immer noch in meiner Wohnung auf mich wartet. Wie ich sie kenne, gibt sie nicht so leicht auf. Der Nachtzug nach M�nchen kommt mir also in gewisser Hinsicht sogar gelegen.</p><p>�Sch�n�, fasst Baumann zusammen. �Freut mich sehr, dass Sie dabei sind.�</p><p>Eher nebenbei betrachtet er das Geschehen an der Festtafel. Ich folge seinem Beispiel und sehe eine Hochzeitsgesellschaft beim Schlemmen. Nichts Besonderes. Eine Weile schauen wir schweigend zu.</p><p>�Wen genau werden wir denn in M�nchen treffen?�, frage ich.</p><p>�Ich habe einen Sohn�, erwidert Abel. �Er wei�, dass ich mich in Therapie begeben habe. Und er m�chte Sie gern kennenlernen.� Abel macht eine Kunstpause. �Und dann ist da noch die Mutter.� Er �berlegt einen kurzen Moment. �Wir haben nicht das beste Verh�ltnis, w�rde ich sagen.�</p><p>�Sind Sie geschieden?�, frage ich.</p><p>�Wir waren nie verheiratet. Unser Kind ist das Ergebnis einer Aff�re. Es ist bei ihr und ihrem Mann aufgewachsen.�</p><p>Ich komme nicht dazu, mir �ber Baumanns Familienbande Gedanken zu machen, denn in diesem Moment ist ein dumpfer Schlag zu h�ren, gefolgt von einem lauten Klirren. Gl�ser kippen um, eines f�llt zu Boden, wo es zerplatzt und seinen Inhalt �ber die Terracottafliesen verteilt. Atemlose Stille. Selbst die noch anwesenden Kinder geben keinen Laut von sich.</p><p>Eine junge, drahtige Frau mit kurzen Haaren und einem schlichten Abendkleid ist f�r diese Stille verantwortlich. Sie hat gerade mit ihren kleinen harten F�usten auf den Tisch gehauen und damit das Geschirr zum Klingen und die G�ste zum Verstummen gebracht.</p><p>Nun steht sie mit vor Zorn ger�tetem Gesicht und zusammengekniffenen Lippen da. Sie st�tzt sich mit ihren immer noch geballten F�usten auf der Tischplatte ab. Das Wei� an den Kn�cheln ist hervorgetreten. Die Anspannung der jungen Frau vibriert im Raum, weshalb niemand wagt, das Schweigen zu brechen.</p><p>Schlie�lich tut sie es selbst.</p><p>�Ich kann das nicht�, bringt sie m�hsam hervor. �Ich kann nicht mit ansehen, wie du meine Schwester heiratest, als w�rde es unsere Liebe �berhaupt nicht geben.�</p><p>Die K�pfe drehen sich abrupt zum Br�utigam, zugleich ist ein ebenso erstauntes wie entsetztes kollektives Einatmen zu vernehmen.</p><p>Der Br�utigam sitzt vor seinem absurd gro�en Teller mit Tiramisu. Er hat kurz vor dem Ausbruch der jungen Frau den L�ffel in den Mund gesteckt und ist in dieser Haltung erstarrt. Jetzt, wo alle Augen auf ihn gerichtet sind, zieht er in Zeitlupe den L�ffel aus dem Mund und schluckt schwer. Er wirft einen vorsichtigen Blick zu seiner Frau, die ihn in ebenso banger wie hoffnungsvoller Erwartung ansieht.</p><p>�Das ist eine L�ge�, sagt er mit heiserer Stimme. Es klingt wie: Lass uns sp�ter dar�ber reden, Schatz.</p><p>Die Braut blinzelt, ihre Augen bekommen einen feuchten Glanz.</p><p>�Glaub mir! Sie l�gt�, bekr�ftigt er �ngstlich. �Es ist nichts zwischen uns gewesen. Rein gar nichts! Bitte, Liebling, ich ...�</p><p>Er verstummt abrupt, denn seine frischgebackene Ehefrau hebt abwehrend die H�nde. Ihr Gesicht wirkt nun wie versteinert. Wahrscheinlich ahnt sie, dass ihre Schwester die Wahrheit sagt. Niemand versaut eine Hochzeit ohne triftigen Grund.</p><p>Die Schwester l�sst sich schluchzend auf ihren Stuhl sinken. �Was bist du nur f�r ein Schwein!�, st��t sie hervor. �Keine drei Tage ist es her, da hast du noch in meinem Bett gelegen und davon geredet, dass du die Hochzeit am liebsten absagen w�rdest.�</p><p>Eine �ltere Dame legt ihren Arm um die Verschm�hte und reicht ihr ein winziges Spitzentaschentuch. Gleichzeitig beginnt nun auch die Braut zu schluchzen. �War das etwa die Nacht, in der du angeblich kurzfristig nach Hamburg musstest?�</p><p>W�hrend der Br�utigam nerv�s zwischen den beiden Frauen hin und her schaut und fieberhaft �berlegt, wie er die Situation entsch�rfen kann, erwacht die Gesellschaft aus der Schockstarre. Hier und da wird getuschelt, zwei junge Frauen, wahrscheinlich Brautjungfern, springen auf und k�mmern sich um die Frischverm�hlte, deren Make-up gerade von Tr�nenb�chen weggesp�lt wird. Die betrogene Schwester weint sich unterdessen an der Schulter der �lteren Dame aus.</p><p>Rasch bem�ht sich das Personal, den Glasschaden ohne viel Aufhebens zu beseitigen. Zudem werden eilig Schn�pse kredenzt. Wahrscheinlich sollen sie die Anwesenden beruhigen. Freddy scheint jedenfalls zu hoffen, dass er mit Spirituosen eine weitere Eskalation vermeiden kann. Er irrt.</p><p>Mit leisem Surren l�st sich ein elektrischer Rollstuhl von der Festtafel, in dem ein vierschr�tiger Kerl um die sechzig sitzt.</p><p>W�hrend sich das Gef�hrt erstaunlich schnell auf den Br�utigam zubewegt, zieht der Fahrer einen Kr�ckstock hervor, um ihm dem Hallodri mit den Worten �Du gottverdammte Drecksau� �ber den Sch�del zu ziehen.</p><p>Der Schlag verfehlt sein Ziel, denn der Br�utigam springt auf und weicht dem Angreifer aus.</p><p>Geschrei unter den G�sten, ein Tumult entsteht.</p><p>�Nein! Vater! Bitte nicht!�, ruft die Braut.</p><p>Der Mann im Rollstuhl h�rt nicht hin. Er ist durch die Wucht des Schlages nach vorne gekippt. Sein Toupet hat sich gel�st und versperrt ihm nun die Sicht. Er berappelt sich hastig und rei�t dabei den Kr�ckstock hoch. Der Knauf liegt zwischen den Beinen des Br�utigams, dessen Fu� in der R�ckenlehne seines umgekippten Stuhls feststeckt. Mit voller Wucht rammt der Brautvater dem Br�utigam den Knauf in die Weichteile.</p><p>Der Getroffene gibt keinen Mucks von sich, wirkt aber ungeheuer erstaunt, w�hrend sein Gesicht z�gig die Farbe von H�ttenk�se annimmt. Au�erdem presst er vor Schmerz die Beine zusammen, womit er den Stock mitsamt Knauf einklemmt. W�tend und ruckartig zieht der Brautvater den - wie man nun sieht -erstaunlich gro�en Knauf zwischen den Beinen des Br�utigams hervor. Diesmal geht ein ged�mpftes �Uhh� durch die Reihen. Wahrscheinlich haben die meisten hier den gleichen Gedanken: Ein Schlag auf den Kopf w�re angenehmer gewesen.</p><p>Der Br�utigam zeigt immer noch keine Reaktion. Schlie�lich huscht ein entr�cktes L�cheln �ber sein Gesicht, er geht in die Knie und f�llt mit dem Gesicht voran in seine Familienportion Tiramisu.</p><p>W�hrend die G�ste aufspringen und ich Freddy zum Telefon eilen sehe, greift Baumann nach seinem Koffer. �Ich w�rde gerne weg sein, bevor die Polizei hier ist. Das gibt sonst ja doch wieder nur �rger.�</p><p>Besorgt schaue ich Baumann an. �Im schlimmsten Fall kann ein Schlag in die Hoden so etwas wie einen Reflextod ausl�sen.�</p><p>�Keine Sorge�, beschwichtigt Baumann. �Er braucht jetzt nur ganz viel Eis und noch mehr Geduld. Wenn das Erbrechen und der Sch�ttelfrost vorbei sind, hat er das Schlimmste bereits �berstanden. Jedenfalls wird er die Hochzeitsnacht nie vergessen.� Baumann deutet mit einem Kopfnicken zur T�r. �Was ist? Wollen wir los?�</p><p>Als unser ICE bereits in voller Fahrt durch die Landschaft brettert, habe ich Baumanns Taschenspielertricks analysiert und bin nun sicher, das Puzzle zusammensetzen zu k�nnen. Ich vermute, dass mein Patient nicht mit einer derartigen Eskalation des Abends gerechnet hat, vielleicht aber schon mit einem kleinen Eklat. Ich k�nnte mir n�mlich vorstellen, dass Baumann von der Aff�re der Schwester mit dem Br�utigam wusste, so wie wahrscheinlich fast jeder am Tisch und wom�glich auch Freddy, der es Baumann gesteckt haben k�nnte. Die Hoffnung auf das, was Baumann eben eine <emphasis>gute Show</emphasis> genannt hat, war also nicht unbegr�ndet. Und Baumann musste auch damit rechnen, dass ich nach seiner Entlassung aus dem Polizeigewahrsam direkt informiert werden w�rde. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich bei Freddy auftauchen w�rde. Mit Baumanns angeblicher F�higkeit, in die Zukunft zu blicken, hatte das nat�rlich nichts zu tun.</p><p>Zufrieden nippe ich an meinem Wein. Wir sind die einzigen G�ste im Bordrestaurant. Mit einem saftigen Trinkgeld hat Baumann den Kellner dazu bewegen k�nnen, uns zu dieser sp�ten Stunde noch Brot und K�se zu servieren. Au�erdem stehen f�nf Viertelliter-Fl�schchen Rotwein am Fenster, die Baumann mit den Worten �Ist ja nicht mehr als eine normale Flasche� auf Vorrat gekauft hat. Ich glaube, er hat sich absichtlich verrechnet.</p><p>Auf dem Weg zum Bahnhof ist der erste Schnee gefallen. Gro�e Flocken haben die Stadt binnen weniger als einer halben Stunde in ein mattes Wei� getaucht. Momentan ist die Schneehaut noch d�nn wie ein Neglige, aber schon morgen fr�h k�nnte eine dicke Decke daraus geworden sein.</p><p>Im Fahrtwind des Zuges wirbeln die Schneeflocken am Fenster vorbei, als w�rde drau�en ein Sturm toben. Ich betrachte das Schauspiel und denke daran, dass Weihnachten vor der T�r steht. Bald wird auch dieses Jahr im Regal der Geschichte verschwinden und dort langsam verstauben. Die Zeit ist schon ein seltsames Ding.</p><p>�Gegen Weltverlorenheit hilft �brigens Wein�, sagt Baumann unvermittelt und gie�t mir gro�z�gig ein.</p><p>Seine Worte rei�en mich aus den Gedanken. �Sie schulden mir einige Erkl�rungen�, stelle ich fest.</p><p>Baumann nickt. �Ich wei�. Morgen. Wir trinken und essen jetzt was, dann ruhen wir uns aus, und morgen beantworte ich Ihre Fragen.� Er sieht, dass ich gerne sofort reden w�rde und f�gt hinzu: �Es war ein sehr langer Tag.�</p><p>Das stimmt. Ich sp�re es an einem unangenehmen Ziehen in der Nasengegend. Trotzdem muss Baumann mir heute noch erkl�ren, wie er das Geld f�r die Reise und mein f�rstliches Honorar aufgetrieben hat. Ich m�chte n�mlich nicht mitten in der Nacht von der Bahnpolizei aus dem Abteil gezerrt werden, weil Baumann irgendwelche krummen Dinger gedreht hat. W�re uns nicht die Hochzeitsschl�gerei dazwischengekommen, h�tte ich ihn schon fr�her gefragt. �Das Geld f�r diese Reise. Und mein Honorar. Ist das Ihr Erspartes?�</p><p>Baumann h�lt inne, �berlegt und antwortet: �Nein, warum fragen Sie?�</p><p>Ich schweige und sehe ihn pr�fend an.</p><p>Baumann stutzt, denkt nach, dann versteht er. �Glauben Sie etwa, dass ich es gestohlen habe?�</p><p>Ich ziehe die Schultern hoch. �Keine Ahnung. Sagen Sie es mir.�</p><p>�Sie m�ssen sich wirklich keine Sorgen machen. Ich gehe zwar nicht immer den geraden Weg. Das hei�t aber noch lange nicht, dass ich krumme Dinger drehe.�</p><p>�Sch�n. Dann sagen Sie mir doch einfach, woher Sie es haben.�</p><p>Er greift nach einem der Weinfl�schchen, dreht den Verschluss ab und schenkt uns nach. �Nur damit Sie beruhigt sind: Ich habe das Geld gewonnen.�</p><p>Meine Augenbrauen wandern ein paar Millimeter nach oben. �Gewonnen?�</p><p>�Ja. Ganz legal gewonnen�, f�hrt er fort. �W�rde ich es drauf anlegen, k�nnte ich jedes Casino der Welt ausr�umen. Will ich aber nicht. Ich bleibe bescheiden und verhalte mich unauff�llig.� Er grinst.</p><p>�Und wenn ich mal etwas Geld au�er der Reihe brauche, gehe ich einfach in die n�chste Spielbank und hebe ein bisschen was ab.�</p><p>�Gott ist ein Zocker? Interessant. Dabei hat Einstein doch behauptet: Gott w�rfelt nicht.�</p><p>�Ich wei�. Einstein war�n Klugschei�er�, erwidert Baumann. �Gott w�rfelt nicht nur, er spielt auch sehr gern Roulette. Und Black Jack. Und manchmal pokert Gott sogar. Glauben Sie etwa, dass man so etwas wie den Menschen erschaffen kann, wenn man kein Gl�cksspieler ist?�</p><p>Als wir den Schlafwagen beziehen, ist es weit nach Mitternacht. Baumann hat uns eine Suite gemietet, was bedeutet, dass unsere beiden Abteile durch eine d�nne T�r verbunden sind. Auch wenn sie geschlossen ist, kann man sich unterhalten, ohne die Stimme zu erheben. Da wir beide m�de sind, ist unser Gespr�ch aber verebbt. Ich h�re, dass Baumann ger�uschvoll gurgelt. Das Pl�tschern eines Wasserhahns dringt durch die T�r. Es folgen ein �Gute Nacht� und das Klicken des Lichtschalters.</p><p>�Gute Nacht�, erwidere ich und l�sche ebenfalls das Licht.</p><p>So hundem�de, wie ich bin, m�ssten mir binnen Sekunden die Augen zufallen. Stattdessen starre ich hellwach ins Dunkel und rekapituliere meinen Tag mit Abel Baumann. Ich m�chte der entscheidenden Frage ein St�ck n�herkommen: Wer ist Abel Baumann? Er ist nicht Gott, so viel ist sicher. Aber er scheint ein paar Tricks zu beherrschen, die einfache Gem�ter ziemlich beeindrucken k�nnten. Vielleicht ist Baumann beim Zirkus einem Hellseher begegnet, der ihm seine Betriebsgeheimnisse verraten hat. Vielleicht war mein Patient auch selbst Illusionist, bevor er sich f�r eine Karriere als Clown entschieden hat. Er k�nnte sogar ein ehemaliger Kollege von mir sein, der seine wissenschaftliche Karriere an den Nagel geh�ngt hat, um sich den Grenzwissenschaften zuzuwenden. Es w�re nicht ungew�hnlich, wenn es sich bei Baumann um einen Psychologen mit psychischen Problemen handelte.</p><p>�Gr�beln Sie nicht so viel�, h�re ich Baumann nebenan sagen.</p><p>Ich muss grinsen. Baumann kann sich nat�rlich an zwei Fingern ausrechnen, dass ich �ber ihn nachdenke. Mit Hellseherei hat das wenig zu tun. Ich w�rde eher sagen, dass mein Patient ein durchaus talentierter Zauberer ist.</p><p>In Baumanns Abteil sind nun Ger�usche zu h�ren. Dann ein Klopfen.</p><p>�Ich h�re auf zu denken�, sage ich. �Versprochen.�</p><p>Die Verbindungst�r �ffnet sich, Licht f�llt in mein Abteil. Abel erscheint im Halbdunkel. Er hat eine Flasche Scotch und zwei Gl�ser in der Hand.</p><p>�Hier ist mein Vorschlag�, sagt er: �Wir trinken ein Glas oder auch zwei, und ich beantworte so lange alle Fragen, bis einem von uns die Augen zufallen.�</p><p>Ich setze mich auf die Bettkante. �Klingt fair.�</p><p>Er stellt die Gl�ser auf einen kleinen, mausgrauen Tisch, zw�ngt sich auf den dazugeh�rigen Stuhl und gie�t ein. �Ich bin aber nur bereit, auf meine Nachtruhe zu verzichten, wenn ich Sie nicht l�nger siezen muss.�</p><p>Er reicht mir ein Glas. �Ich bin Abel.�</p><p>Ich vermute, dass es sich g�nstig auf unser Therapeut-Patient-Verh�ltnis auswirken k�nnte, wenn ich seinem Vorschlag zustimme. �Jakob�, erwidere ich also und proste ihm zu.</p><p>Wir trinken. Ein angenehmes Brennen in den Eingeweiden.</p><p>�Okay, Jakob. Dann schie� mal los!�, sagt Abel. �Was willst du wissen?�</p><p>Ich halte ihm mein Glas hin. �Erst h�tt ich gern noch einen. Passiert ja schlie�lich nicht alle Tage, dass Gott einem das Du anbietet.�</p></section><section><title><p><strong>Gott ist frustriert </strong></p></title><p>�Fangen wir doch einfach ganz von vorn an�, schlage ich vor.</p><p>Abel, der gerade im Begriff ist, einen Schluck Scotch zu nehmen, setzt das Glas wieder ab. �Beim Urknall, oder wie?� Er fragt es wie ein Abiturient, der sich nicht sicher ist, die Pr�fungsaufgabe richtig verstanden zu haben.</p><p>Ich muss grinsen. Eigentlich wollte ich die Lebensgeschichte von Abel Baumann h�ren. Die Biographie Gottes d�rfte deutlich opulenter ausfallen, und vielleicht kann Abel mir dabei Antworten auf ein paar Fragen geben, die die Menschheit seit jeher besch�ftigen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Und was soll das alles hier?</p><p>�Du musst mir sagen, wo deine Geschichte beginnt�, erwidere ich diplomatisch. �Ich war schlie�lich nicht dabei, als du die Welt erschaffen hast.�</p><p>Er nickt pflichtbewusst. �Gut. Der Urknall also.� Er knetet seine Finger. �Den Urknall musst du dir als mein pers�nliches erstes Silvesterfeuerwerk vorstellen. Ich hab mir einen netten Abend gemacht und dabei Himmel und Erde erschaffen. Die Erde war zun�chst noch leer und �de. Sie sah ein bisschen so aus wie heute der Mond. Allerdings gab es auf dieser Ur-Erde einen gigantischen Ozean, der die meisten Teile des Landes bedeckt hat. Es war stockfinster, also habe ich beschlossen, erst mal Licht zu machen, und dann gesehen, dass ...�</p><p>�Abel?�, unterbreche ich.</p><p>Er merkt auf. �Ja? Was ist denn?�</p><p>�Genau so steht es in der Bibel.�</p><p>�Ja. Und? Ist ja auch nicht alles falsch, was in der Bibel steht.� Er setzt ein gewinnendes L�cheln auf.</p><p>Ich mustere ihn skeptisch. �Und warum habe ich dann das Gef�hl, dass du gerade versuchst, mir eine freie Interpretation des ersten Buches Mose als deine eigene Story unterzujubeln?�</p><p>Abel h�lt meinem Blick nur wenige Sekunden stand, dann schaut er zum Fenster, streicht sich verlegen �ber den Kopf und greift nach seinem Glas, um es sogleich in einem Zug zu leeren. �Schon gut!�, bringt er zerknirscht hervor. �Du hast mich durchschaut. Die Wahrheit ist: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, dass ich die Welt erschaffen habe. Deshalb wei� ich auch nicht, <emphasis>wie</emphasis> ich sie erschaffen habe.� Er gie�t sich nach. �Aber das alles ist ja jetzt auch schon ein paar Millionen Jahre her. Wenn nicht sogar noch l�nger!�</p><p>Ich kratze meine bescheidenen Kenntnisse der Astrophysik zusammen: �Soviel ich wei�, gibt es Leute, die behaupten, dass es vor dem Urknall einen leeren, zeitlosen Raum gegeben hat. Gott m�sste in diesem leeren Raum bereits existiert haben, weil er ja ebenso unendlich ist wie das Universum selbst. Du w�rst dann nicht seit Millionen oder Milliarden Jahren, sondern seit ewigen Zeiten hier.�</p><p>Auf Abels Stirn bilden sich tiefe Denkfurchen. �Das w�rde zumindest erkl�ren, warum ich �berhaupt auf die Idee gekommen bin, ein Universum zu erschaffen. Stell dir das mal vor: allein in einem leeren Raum. Und das auch noch f�r die Ewigkeit. Ohne Drinks. Ohne einen Film oder ein Buch. Und ohne jemanden, mit dem man mal ein bisschen quatschen kann. Ich gehe davon aus, dass ich mich zu Tode gelangweilt habe.� Er nippt nachdenklich an seinem Scotch.</p><p>Intelligente Psychotiker wissen, dass sie nicht alle Details ihres Weltentwurfs erkl�ren m�ssen. Es reicht schlie�lich v�llig, wenn ihnen niemand das Gegenteil beweisen kann. Aber so leicht kommt Abel mir nicht davon.</p><p>�Schon klar�, sage ich. �Ist ja auch viel passiert seit dem Urknall.� Beil�ufig f�ge ich hinzu: �Aber an das Paradies erinnerst du dich schon noch, oder?�</p><p>�An die ersten Menschen, meinst du?�</p><p>Ich nicke. �Oder so. Ja.�</p><p>�Klar�, antwortet Abel prompt. �Manchmal tr�ume ich sogar noch davon, wie ich die ersten Menschen in ihren H�hlen besucht habe. Eine traumhafte Zeit war das damals.�</p><p>�Du warst also mit den ersten Menschen unterwegs�, stelle ich betont sachlich fest. �Darf ich fragen, wie du das angestellt hast?�</p><p>�Na ja. Wie ich es seitdem immer angestellt habe. Manchmal bin ich als Mensch aufgetaucht, manchmal in Gestalt eines Tieres.�</p><p>�Du kannst dich also verwandeln�, vermute ich.</p><p>Abel sch�ttelt den Kopf. �Es ist eher so, dass ich mir die K�rper ... leihe.�</p><p>�So eine Art Seelenwanderung?�</p><p>�K�nnte man so sagen�, best�tigt Abel.</p><p>�Das hei�t, du wechselst regelm��ig den K�rper und bist auf diese Weise seit Anbeginn der Menschheit auf der Erde?� Interessante Theorie, denke ich. Und auch schwer widerlegbar.</p><p>�Mit kleinen Pausen�, erwidert Abel. �Wobei ich nicht ausschlie�en will, dass ich da auch wieder ein paar Sachen vergessen habe.�</p><p>�Und wie muss ich mir das vorstellen? Im alten �gypten warst du Steineschlepper an den Pyramiden von Gizeh? Im revolution�ren Frankreich bist du mit dem Mob zur Bastille gezogen? Und als die Titanic sank, da hast du den Leuten in die Rettungsboote geholfen? Oder wie?�</p><p>Abel wiegt den Kopf hin und her. �Also. Im alten �gypten war ich beispielsweise ein Scho�h�ndchen, dann noch ein Schreiber und sp�ter eine mehrfache Mutter. Und als die Bastille gest�rmt wurde, da habe ich als Dienstm�dchen bei einer Familie in Manchester gearbeitet. Der Herr des Hauses war �brigens f�rchterlich zudringlich. Wo ich gewesen bin, als die Titanic gesunken ist, da muss ich mal �berlegen.� Er denkt angestrengt nach. �Vergessen�, stellt er schlie�lich fest und sch�ttelt fassungslos den Kopf, als k�nne er selbst nicht glauben, dass er sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann, was er in irgendeiner Aprilnacht vor rund hundert Jahren gemacht hat.</p><p>�Aber prinzipiell liegst du richtig�, f�hrt er fort. �Ich habe mich ein paar hunderttausend Jahre durch die Menschheitsgeschichte gehangelt wie ein Affe, der sich von Ast zu Ast schwingt. Hat viel Spa� gemacht. Leider habe ich dabei �bersehen, dass irgendetwas aus dem Ruder l�uft.� Abel will sich erneut nachgie�en, h�lt pl�tzlich inne, stellt die Flasche zur�ck und schiebt sie dann mitsamt dem leeren Glas von sich. �Ich k�nnte jetzt ganz gut �nen Kaffee vertragen. Was ist mit dir?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Ja. W�r schon toll. Allerdings ist es mitten in der Nacht. Ich f�rchte, dass die hier .�</p><p>Ein Klopfen unterbricht mich. Dass uns gleich darauf ein Servicemitarbeiter der Bahn unaufgefordert zwei Tassen Kaffee serviert, m�sste mich eigentlich wundern. Aber inzwischen wei� ich ja, dass Abel einen Hang zu Showeinlagen hat. Ich vermute, er hat den Bahnmitarbeiter bestochen und ihm gerade eben heimlich eine SMS zukommen lassen. So h�tte ich es gemacht.</p><p>Ich lasse Abels kleine Showeinlage bewusst unkommentiert und nippe an meinem Kaffee. Rasch verfliegt die bleierne M�digkeit. Ein Gl�ck, denn ich will unsere Sitzung auf keinen Fall unterbrechen. Ich habe das Gef�hl, wir sind an einem sehr wichtigen Punkt angelangt. M�glich, dass wir uns dem Trauma, das Abels Psychose ausgel�st haben k�nnte, mit gro�en Schritten n�hern.</p><p>�Du sagtest eben, dass irgendetwas aus dem Ruder gelaufen ist. Was genau hast du damit gemeint?�</p><p>�Tja. Wenn ich das nur w�sste�, entgegnet Abel. �Fakt ist, dass die Menschheit den falschen Weg eingeschlagen hat. Aber ich kann dir beim besten Willen nicht sagen, was genau schiefgelaufen ist. Und ich wei� auch nicht, wann es schiefgelaufen ist.�</p><p>�Manche behaupten, der S�ndenfall hat die Menschen aus dem Paradies gekegelt.�</p><p>�Ach Quatsch!� Abel sch�ttelt energisch den Kopf. �Ich habe niemals irgendjemandem irgendetwas verboten. Schon gar nicht, �pfel zu essen.�</p><p>�Der S�ndenfall ist ja auch nur eine Metapher�, erwidere ich. �Au�erdem bist du nicht der Einzige, der glaubt, dass die Menschheit auf dem Holzweg ist. Es gibt eine Menge Organisationen, die Menschenrechtsverletzungen, Kriege, Umweltverschmutzung und andere Untaten anprangern und zu verhindern versuchen.�</p><p>�Ich wei߻, erwidert Abel. �Ich hab oft genug solche Bewegungen unterst�tzt. Und zwar quer durch die ganze Menschheitsgeschichte. Leider ohne Erfolg. Und jetzt frage ich mich, ob es uns weiterbringen w�rde, wenn wir w�ssten, wann genau der Mensch das Ma� f�r die Dinge verloren hat.�</p><p>Er registriert mein fragendes Gesicht und erg�nzt: �Ist dir das etwa noch nicht aufgefallen? Der Mensch wei� nie, wann er genug hat. Das gilt praktisch �berall. Beim Essen, beim Arbeiten, beim Saufen, beim Geld. Wer ein gutes Leben hat, will ein besseres, und wer ein besseres bekommt, will ein noch besseres. Arme Schlucker wollen Million�re werden. Und Million�re Milliard�re. Und wer Milliard�r ist, will unter den Milliard�ren derjenige sein, der am meisten Geld hat.� Er blickt in seine nun leere Kaffeetasse.</p><p>�Ich hab mal gelesen, dass man mit dem Geld der in New York lebenden Milliard�re alle Obdachlosen des Big Apple zu Million�ren machen k�nnte. Witzig, oder?�</p><p>Auch ich nehme den letzten Schluck von meinem Kaffee. �Meinst du, wir kriegen noch so zwei Tassen?�</p><p>�Also, ich hab noch�, antwortet Abel und zeigt mir seine randvolle Tasse. Er wirft einen Blick auf den Tisch und f�gt hinzu: �Aber du doch auch.�</p><p>�Nein. Ich hab gerade ...� Ich will sagen: ausgetrunken, verstumme jedoch, weil auch meine Tasse wieder bis zum Rand gef�llt ist.</p><p>Abel nippt unschuldig an seinem Kaffee. Ich mustere ihn kritisch, was ihm nach einer Weile ein kleines Grinsen abringt.</p><p>�Ich h�tte geschworen, eine wundersame Kaffeevermehrung haut jemanden wie dich bestimmt nicht aus den Socken�, sagt er. �Dieser Trick ist zwar nicht ganz so simpel, aber f�r einen fortgeschrittenen Zauberer wie mich durchaus machbar.�</p><p>Er macht ein ernstes Gesicht und sieht mir nun direkt in die Augen. �Es besteht also weiterhin �berhaupt kein Grund daran zu zweifeln, dass ich lediglich ein psychisches Problem habe, nicht wahr,</p><p>Dr. Jakobi?�</p><p>Seine Provokation schwebt im Raum. Schweigen.</p><p>�Okay�, sage ich, leicht gereizt. �Reden wir Klartext.�</p><p>Abel nickt kampflustig, w�hrend ich fortfahre: �Wenn du wirklich Gott bist, warum �nderst du dann nicht einfach all die Dinge, die dir gegen den Strich gehen? Du hast diese Welt doch angeblich erschaffen. Also muss es doch auch m�glich sein, dass du sie ganz oder teilweise wieder abschaffst. Wo also ist dein Problem?�</p><p>�Oh. Darf ich das als zarten Hinweis darauf verstehen, dass wir uns langsam mal meinen tats�chlichen Problemen zuwenden?�, fragt Abel spitz.</p><p>�Ich dachte, das tun wir schon die ganze Zeit�, erwidere ich in etwas entspannterem Tonfall, um die Situation nicht weiter aufzuladen.</p><p>�Mitnichten�, entgegnet Abel sachlich. �Dazu m�sstest du n�mlich zumindest in Erw�gung ziehen, dass ich die Wahrheit sage. Ich f�rchte, du wirst mir nicht helfen k�nnen, wenn du meine Geschichte weiterhin nur als Teil einer Psychose begreifst.�</p><p>Intelligenten Psychotikern ist praktisch jedes Mittel recht, ihrem Weltbild Geltung zu verschaffen. Ich hab das schon in anderen F�llen erlebt. Insofern kommt Abels Bitte f�r mich nicht v�llig �berraschend.</p><p>Er lehnt sich zur�ck und schaut aus dem Fenster. Ich folge seinem Blick, nippe an meinem Kaffee und betrachte die umherwirbelnden Flocken. Der Schneefall ist st�rker geworden.</p><p>Wir schweigen eine Weile.</p><p>�Ich soll also ernsthaft glauben, dass du Gott bist�, stelle ich fest.</p><p>�Du sollst es nur in Erw�gung ziehen. Mehr nicht�, antwortet Abel. �Ich meine, da drau�en gibt es eine Menge Leute, die an mich glauben, obwohl sie deutlich weniger Indizien f�r meine Existenz haben als du.�</p><p>�Ich bin Wissenschaftler�, erwidere ich. Der Satz war als wirksame Verteidigung gedacht, klingt jedoch wie eine faule Ausrede.</p><p>Abel bemerkt es. �Wissenschaftler�, wiederholt er s�ffisant. �Soso. Und was wei� man als Wissenschaftler so alles?�</p><p>�Zum Beispiel, dass man nicht alles glauben darf�, sage ich.</p><p>Abels Blick f�llt auf meine leere Tasse. �Noch Kaffee?� Es klingt freundlich, und doch ist da ein Hauch von Provokation in seiner Stimme.</p><p>Ich beuge mich vor. Ohne meine Tasse aus den Augen zu lassen, sage ich lauernd: �Ja, sehr gern.�</p><p>Angespanntes Schweigen.</p><p>Obwohl ich mich konzentriere, verpasse ich den entscheidenden Augenblick. Pl�tzlich, als h�tte ich f�r einen Moment nicht hingesehen, ist meine Tasse ein weiteres Mal mit duftendem und dampfendem Kaffee gef�llt.</p><p>Ratlos blicke ich zu Abel. Der zuckt mit den Schultern. �Was soll ich dir sagen, Jakob? Du w�rdest es ja doch nicht glauben.�</p><p>�Versuchen wir es�, erwidere ich. �Vielleicht �berzeugst du mich ja.�</p><p>Abel wiegt skeptisch den Kopf hin und her, dann gibt er sich einen Ruck.</p><p>�Es passiert beim Blinzeln�, erkl�rt er. �Vor jedem Lidschlag schaltet dein Gehirn f�r ein paar hundert Millisekunden die Wahrnehmung aus, damit dir dein eigenes Blinzeln nicht auff�llt. Deshalb verpasst du alles, was in dieser Zeit passiert. Ist �brigens bei allen Menschen so.�</p><p>�Und in dieser Zeit gie�t du mir Kaffee nach?�</p><p>�So �hnlich�, erwidert Abel grinsend.</p><p>�Vielleicht solltest du Kellner werden�, stichele ich. �Leute mit einem solchen Tempo werden h�nderingend gesucht.�</p><p>Abel l�chelt milde. �Der Planet, auf dem wir beide gerade sitzen, braucht auch nur einen Lidschlag, um sich fast f�nfzehn Kilometer durchs Weltall zu bewegen. Ist keine Weisheit von mir, sondern eine ...� Er betont das folgende Wort gen�sslich. �... wissenschaftliche Erkenntnis. Was kommt dir nun merkw�rdiger vor? Dass ich in der Lage bin, dir ein bisschen Kaffee in die Tasse zu zaubern? Oder dass wir beide gerade mitsamt dieser Welt und einer Geschwindigkeit von fast zweitausend Stundenkilometern durch einen schwarzen, unendlichen Raum st�rzen?�</p><p>Argw�hnisch be�ugen wir uns. Zwei Boxer, die sich umkreisen und auf den entscheidenden Schlag lauern. Sieht nach einem ruhmlosen Unentschieden aus.</p><p>�Du hast meine Frage noch nicht beantwortet�, sage ich. �Wenn du wirklich Gott bist, warum ver�nderst du die Welt dann nicht mit einem Fingerschnippen nach deinen Vorstellungen?�</p><p>�Wieso interessiert dich das?�, erwidert Abel patzig. �Du glaubst doch sowieso nicht, dass ich Gott bin.� Er verschr�nkt die Arme vor der Brust und blickt d�ster ins Schneegest�ber.</p><p>Auch ich drehe den Kopf wieder zum Fenster und schaue den Flocken beim Tanzen zu. Wenn man bedenkt, dass wir w�hrend unseres Gespr�chs tats�chlich Hunderte von Kilometern durchs Weltall geschleudert werden, dann kann einem bei diesem Gedanken schon ein bisschen mulmig zumute werden. Erstaunlich, woran wir Menschen so alles glauben, weil wir es zu wissen glauben.</p><p>�Ich k�nnte versuchen, mir f�r die Dauer unserer Zusammenarbeit so eine Art professioneller Schizophrenie zuzulegen�, beginne ich.</p><p>Abel merkt auf.</p><p>�Das hei�t, als Psychologe w�re ich weiterhin der wissenschaftlichen �berzeugung, dass es sich bei Abel Baumann um einen Menschen mit einer schweren Psychose handelt. Und sollten wir auf eine kritische Situation zusteuern, dann w�rde ich auch auf Basis dieser �berzeugung meine Entscheidungen treffen.�</p><p>�Aber ...?�</p><p>�Aber es g�be eben auch noch den Privatmann Jakob Jakobi. Und der k�nnte nicht abstreiten, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die man nicht erkl�ren kann. Dieser Privatmann w�re wohl sogar bereit, die Existenz gewisser unbekannter M�chte anzuerkennen. Ob man das aber nun schon als Gottglaube bezeichnet kann, das sei dahingestellt.�</p><p>�Immerhin�, konstatiert Abel. �Das ist doch mal ein Anfang.�</p><p>�Du hast aber schon verstanden, dass ich fremde Hilfe hinzuziehen muss, wenn wir die Situation nicht in den Griff bekommen, oder?�</p><p>Abel nickt. �Du tust das, was du gut kannst. Ich tue das, was ich gut kann.�</p><p>Ich stutze. �Ist das aus der Bibel?�</p><p>Abel sch�ttelt den Kopf. �Nein. Aus <emphasis>Heat.</emphasis> Der erste gemeinsame Auftritt von De Niro und Pacino.�</p><p>Ich greife nach meinem Kaffee, um den n�chsten Anfall von M�digkeit im Keim zu ersticken. �Wir wollten �ber deine eigentlichen Probleme reden.�</p><p>Abel nickt. �Stimmt. Und nebenbei wolltest du noch wissen, warum ich die Welt nicht einfach nach meinen Vorstellungen ver�ndere.� Er versucht ein l�ssiges L�cheln, aber es wirkt unentspannt. �Die ebenso traurige wie schlichte Erkl�rung lautet: Ich kann es nicht. Meine Kr�fte lassen nach. An schlechten Tagen habe ich das Gef�hl, dass ich im Stundentakt schw�cher werde. Au�erdem bin ich nicht mehr so beweglich wie fr�her. Das Tempo der Menschheit hat so gnadenlos zugenommen, da komm ich einfach nicht mehr mit.�</p><p>Ich glaube, mich verh�rt zu haben. �Gott kann mit seiner eigenen Welt nicht mehr Schritt halten?�</p><p>Abel nickt. �Ja, so ist es. Was denkst du, warum ich Herzklabaster habe? Und warum ich aus eigenem Antrieb mit einer Therapie beginne? Glaub mir, ich w�rde auf diesem Planeten sehr gern eine Menge Dinge ver�ndern, aber mir sind die H�nde gebunden. Und zwar seit dem Tag, als ich in den K�rper von Abel Baumann geschl�pft bin.�</p><p>Mir geht das gerade alles zu schnell. Selbst in ausgeschlafenem Zustand ist Abels komplexe Pers�nlichkeit nicht leicht zu durchschauen. �In Abel Baumann geschl�pft hei�t, du hast dir seinen K�rper geliehen, richtig?�, fasse ich m�hsam zusammen.</p><p>�Genau so�, antwortet er.</p><p>�Wobei ich da noch eine Frage habe�, fahre ich fort. �Wenn Gott in einen Menschen geschl�pft ist, was passiert dann eigentlich w�hrenddessen mit der Seele dieses Menschen? Ist die auch noch im K�rper? Wei� die etwas von der Anwesenheit Gottes?�</p><p>�Die geht spazieren�, erwidert Abel prompt.</p><p>�Spazieren. Aha. Und was hei�t das?�</p><p>��hnlich wie im Traum. Da gehen die Seelen ja auch manchmal spazieren. Oder wenn man sich an einen fernen Ort w�nscht. Dann ist die Seele oft schon da, der K�rper aber noch nicht.� Abel mustert mich kritisch. �Das glaubst du mir jetzt nicht. Richtig?�</p><p>�Na ja. Ich dachte bislang immer, die Seele w�rde den K�rper erst verlassen, wenn der Mensch tot ist.�</p><p>Abel winkt ab. �Vergiss es! Seelen sind unberechenbar. Wirklich! Die machen, was sie wollen.</p><p>Manche schweben umher und m�chten gar nicht durch einen K�rper begrenzt werden. Andere lassen sich keine einzige Wiedergeburt entgehen. Wieder andere leben in Pflanzen, Tieren, Gew�ssern oder auch in den Elementen. Manche sind quirlig wie ein Vogelschwarm, andere beh�big wie eine Elefantenherde.�</p><p>Ich atme ger�uschvoll aus. �Das klingt alles ziemlich ... abgefahren.�</p><p>�Du wolltest es wissen�, sagt Abel schulterzuckend.</p><p>Ich nicke. �Gut, und als du dir Abel Baumanns K�rper geliehen hast, ist dir aufgefallen, dass irgendwas aus dem Ruder l�uft.�</p><p>�Genau�, erwidert Abel. �Wobei die Probleme schon l�nger schwelen. Ich habe es nur nicht gleich gemerkt. Das lag wohl daran, dass alles v�llig harmlos anfing. Millionen Jahre passierte auf der Erde praktisch ... nichts. Es gab nicht die geringste Innovation. Lag sicher auch daran, dass die ersten Menschen ziemliche Doofn�sse waren. F�r die Erfindung des Faustkeils haben die Torfnasen sechshunderttausend Jahre gebraucht. Das musst du dir mal vorstellen! Sechshunderttausend Jahre! F�r einen Faustkeil! Ich dachte also, ich tue meinen Sch�fchen was Gutes und spendiere ihnen ein paar Erfindungen: Pfeil und Bogen, Kleidung, den Feuerstein und das Rad. All das nat�rlich im Laufe einiger Jahrtausende, ich wollte die Menschen ja nicht �berfordern.� Abel streicht �ber seinen Dreitagebart. �Ich gebe zu, ein wenig Egoismus war auch im Spiel. Es ist wahnsinnig �de, Leuten zuzusehen, die sich keinen Millimeter weiterentwickeln. Jedenfalls scheinen meine Geschenke an die Menschheit so eine Art Initialz�ndung gewesen zu sein. Mit der Zeit versuchten sich die Menschen selbst als Erfinder. Und die Erfolge waren so beachtlich, dass ich eines Tages wieder eingreifen musste. Die Menschen erfanden n�mlich nicht nur n�tzliche und sinnvolle Dinge, sie hatten auch eine Menge Ideen, um einander wirkungsvoll zu betr�gen, zu bestehlen und zu t�ten.�</p><p>�Eingreifen hei�t, du hast sie bestraft?�, vermute ich.</p><p>�Wof�r sollte ich sie bestrafen? Ich hatte ihnen ja nichts verboten. Also hatten sie auch nichts Unrechtes getan. Au�erdem war ich damals von der naiven Vorstellung beseelt, ich k�nnte die Menschheit behutsam auf den rechten Weg f�hren. Deshalb versuchte ich, die Menschen in ihren noblen Bem�hungen zu unterst�tzen. Nicht nur bei wichtigen Erfindungen und Entdeckungen hatte ich die Finger im Spiel, ich habe auch bei der Geburt einmaliger Kunstwerke, wichtiger politischer Entscheidungen oder epochaler Reden geholfen. Immer in der Hoffnung, die Welt damit besser machen zu k�nnen.�</p><p>�Wie muss ich mir das vorstellen?�, frage ich, ebenso m�de wie entgeistert. �Du schl�pfst mal kurz in den K�rper von Michelangelo und mei�elst seine David-Statue fertig?�</p><p>Abel lacht. �Michelangelo war einer der wenigen, die meine Hilfe nicht gebraucht haben. Aber ich hab zum Beispiel f�r Balzac Kaffee gekocht, als er an seiner menschlichen Kom�die gearbeitet hat.�</p><p>Jetzt muss ich lachen. �Soviel ich wei�, ist Balzac unter anderem daran gestorben, dass er zu viel Kaffee gesoffen hat.�</p><p>�Ja, das war bl�d�, erwidert Abel. �Au�erdem hatte ich mir von dem Romanzyklus viel mehr versprochen. Im Nachhinein hab ich mich wahnsinnig ge�rgert. Statt Balzac zu helfen, h�tte ich den jungen Louis Pirandreau unterst�tzen sollen.�</p><p>�Sagt mir nichts. M�sste ich den kennen?�</p><p>Abel sch�ttelt den Kopf. �Er ist ein Unbekannter geblieben. War ein sehr guter Autor. Zeitgenosse von Balzac. H�tte ich Pirandreau unterst�tzt, w�rde es heute wahrscheinlich einige ausgezeichnete B�cher von ihm geben. So aber hat er den elterlichen Laden �bernommen und nie etwas ver�ffentlicht.�</p><p>Ich m�chte noch nicht schlafen, sp�re aber, dass der Kaffee meine M�digkeit nicht mehr lange im Zaum halten wird. �Warum hast du nicht einfach die B�sewichte ausgeschaltet?�, will ich wissen. �Du h�ttest in ihre K�rper schl�pfen und bessere Menschen aus ihnen machen k�nnen.�</p><p>�Stimmt�, sagt Abel. �Kurzfristig w�re das eine L�sung gewesen. Aber eben nur kurzfristig. Seelen kann man nicht einfach umprogrammieren. Sie m�ssen lernen. Manchmal dauert das ein paar Jahre, manchmal Jahrzehnte, manchmal auch Jahrhunderte. Au�erdem kann ich nicht �berall gleichzeitig sein. Schon in der Fr�hzeit gingen mir regelm��ig ein paar Dutzend Seelen durch die Lappen, w�hrend ich versuchte, eine einzige zu retten. Heute ist das Verh�ltnis katastrophal. Wenn du ein Arschloch auf den richtigen Weg bringst, wachsen Tausende nach, die noch viel schlimmer sind. Ich wei� wirklich nicht, wo das noch alles hinf�hren soll.�</p><p>Abel schiebt seine Tasse zur Seite, greift nach seinem Glas und gie�t sich Scotch ein. �So. Ein letzter. Dann muss ich ins Bett.�</p><p>Kommentarlos schiebe ich mein leeres Glas �ber den Tisch. Abel f�llt es. Wir prosten.</p><p>�Au�erdem habe ich mich schon oft gefragt: Was ist gut? Und was ist b�se?� M�de nippt Abel an seinem Scotch. �Dieser Drink hier ersetzt in manchen Situationen die Medizin. Das Zeug kann einen aber auch um den Verstand bringen. Oder nimm das Geld. Man kann viele sinnvolle Sachen damit kaufen, es ist aber auch in der Lage, ganze Nationen ins Chaos zu st�rzen. Offenbar gibt es immer einen Weg, selbst die sch�nsten und nobelsten Dinge ins Gegenteil zu verkehren, wenn man es darauf anlegt.� Abels Blick verd�stert sich. �Tja. Das also ist die Situation: Ich habe mich durch die Weltgeschichte gehangelt und versucht, alles zum Besseren zu wenden. Und was ist dabei herausgekommen? Nichts! Null! Ich bin auf der ganzen Linie gescheitert. Schau dir die Welt an! Hunger, Krieg, Katastrophen, Unterdr�ckung, Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung, wohin man sieht. Habe ich was vergessen?�</p><p>Ich st�tze mich m�de auf dem Bett ab. �Dass diese Welt hier manchmal kein Zuckerschlecken ist, musst du mir nicht erkl�ren, Abel. Aber die meisten Leute auf diesem Planeten finden das Leben trotzdem gar nicht so �bel.�</p><p>Abel sieht mich an. �Du willst sagen, dass es auch mir ganz gut gehen k�nnte, wenn ich nicht diese bl�den Wahnvorstellungen h�tte.�</p><p>�Na ja. Vielleicht ist es besser, ein gl�cklicher Zirkusclown zu sein als ein ungl�cklicher Gott�, �berlege ich laut.</p><p>�Aber ich bin nun mal Gott�, erwidert Abel. �Was soll ich denn machen?�</p><p>�Was soll <emphasis>ich</emphasis> machen?�, frage ich. �Wenn nicht einmal Gott sich helfen kann, wie soll ein einfacher Mensch es dann k�nnen?�</p><p>Abel beugt sich vor. �Was bin ich denn ohne die Menschen, Jakob? Nichts! Ich kann nur etwas bewegen, wenn m�glichst viele an mich glauben. Wenn sich niemand f�r das Gute interessiert, dann bin ich schlicht erledigt. Und genau das ist mein Problem. Die Kraftlosigkeit, die ich gerade sp�re, wird gr��er mit jedem Menschen, der den Glauben verliert. Verstehst du, Jakob? Mein Burnout ist der Burnout der Welt.�</p><p>Schweigen. Abel hat sich da eine bemerkenswerte Theorie zusammengebastelt, finde ich. �Und was genau kann ich f�r dich tun?�</p><p>�Offensichtlich mache ich irgendetwas falsch. Hilf mir, es zu finden, damit die Menschen wieder an mich glauben.� Er sieht mich eindringlich an. �Aber zuerst musst <emphasis>du</emphasis> an mich glauben, Jakob. Wie soll ich jemals die Menschheit �berzeugen, wenn selbst mein Psychotherapeut mich f�r einen Spinner h�lt.�</p><p>Ich erwidere Abels Blick, schweige aber. Es ist ein au�erordentlich intelligenter Schachzug von meinem Patienten, dass ich ihn nur dann therapieren kann, wenn ich zuvor seine Wahnvorstellungen als real akzeptiert habe.</p><p>Er l�chelt. �Denk dran, Jakob. Ich kann deine Gedanken lesen.�</p><p>�Das ist gut�, sage ich. �Dann bist du ja im Bilde.�</p></section><section><title><p><strong>Gottes Geliebte </strong></p></title><p>�Du kommst sp�t.� Die Frau, die uns die T�r �ffnet, ist Mitte vierzig, hat dichtes, pechschwarzes Haar und stark geschminkte Augen. Sie tr�gt ein blaues Dirndl, das ihre betr�chtliche Oberweite eindrucksvoll zur Geltung bringt. An ihrem Hals h�ngt ein ebenfalls �bergro�es Kruzifix, gehalten von einem schlichten Lederriemen. Es sieht ein bisschen aus, als w�rde der Gekreuzigte ihr in den Ausschnitt schielen.</p><p>�Die Bahn hatte Versp�tung�, erwidert Abel lapidar.</p><p>�Na, dann willkommen�, sagt die Frau und tritt zur Seite, um uns hereinzulassen.</p><p>Essensgeruch h�ngt in der Luft. Der Flur ist vollgestopft mit Devotionalien: Kreuze, Heiligenbilder, Rosenkr�nze und diverse Madonnen. Die Figuren stehen auf passgenauen Sockeln, was dem Flur die Anmutung eines �berdimensionalen Setzkastens verleiht. Am Ende des Ganges kann ich einen Hausaltar erkennen, der von zwei armdicken Kerzen illuminiert wird.</p><p>�Und Sie m�ssen Abels Seelenklempner sein�, begr��t mich die Frau herzlich. �Ich bin die Maria. Wird h�chste Zeit, dass sich endlich mal jemand um den Abel k�mmert.� Sie deutet auf ein kleines, bronzenes Weihwasserbecken an der Wand. �Wenn der Herr Doktor sich vielleicht kurz bedienen m�chte ...�</p><p>�Vielen Dank. Aber ich bin nicht sehr gl�ubig.�</p><p>�Das geh�rt sich hier aber so�, sagt sie barsch.</p><p>Ihr Tonfall duldet definitiv keine Widerrede, also tauche ich �berrumpelt meine Fingerspitzen ins Weihwasserbecken und bekreuzige mich hastig. Abel, der die Prozedur ebenfalls hinter sich bringen muss, ist sichtlich am�siert.</p><p>�Hier hat sich aber jemand viel M�he gegeben�, bemerke ich beim Anblick der akkurat ausgerichteten Heiligenfiguren.</p><p>�Das war alles der Josef, mein Mann�, erkl�rt sie und geleitet uns in die K�che. �Der Josef ist n�mlich Zimmermann.�</p><p>Auf dem Tisch stehen eine Sch�ssel mit Wei�w�rsten, ein Korb mit Salzbrezeln und ein gro�es Glas s��er Senf. Mit den Worten �Ich hol uns rasch noch Bier und Limonade� verschwindet Maria.</p><p>Ich werfe Abel einen kritischen Blick zu. �Die beiden hei�en Maria und Josef? Das ist�n Witz, oder?�</p><p>�Nein. Wieso?�, erwidert Abel. �Wir sind hier in Bayern. Komisch w�re es eher, wenn die beiden anders hei�en w�rden.�</p><p>�Und er ist . Zimmermann?�</p><p>�Was hast du gegen diesen ehrenwerten Beruf einzuwenden?�</p><p>�Und haben Maria und du vielleicht zuf�llig auch einen Sohn, den Josef quasi adoptiert hat?�, frage ich.</p><p>�Zuf�llig ja. Wobei Maria gleich drei Kinder von drei verschiedenen M�nnern hat. Josef ist in keinem Fall der leibliche Vater. Er hat es irgendwann akzeptiert, dass seine Frau regelm��ig von anderen M�nnern schwanger wurde. Wie du unschwer erkannt hast, sind die beiden sehr gl�ubig. Er glaubt, dass Gott ihn pr�fen will. Sie glaubt, dass Gott ihr andere M�nner schickt, weil Josef unfruchtbar ist.�</p><p>�Oh. Das wusste ich nicht. Tut mir leid.�</p><p>�Muss es nicht�, entgegnet Abel. �Sie liegt falsch. Josef ist nicht unfruchtbar, die beiden passen nur biologisch nicht gerade perfekt zusammen. Josef hatte mal eine Aff�re mit der Nachbarin. Er hat mit ihr ein Kind gezeugt. Aber das wei� er nicht, weil sie es ihm verschwiegen hat.�</p><p>�Und euer Sohn hei�t Jesus�, rate ich.</p><p>�Christian�, korrigiert Abel.</p><p>�Was ist mit Christian?�, will Maria wissen. Gerade hat sie die K�che betreten.</p><p>�Wir sind mit ihm verabredet�, antwortet Abel. �Sp�ter.�</p><p>Sie nickt, scheint aber nicht eben begeistert von unserem Plan zu sein. Sie stellt die mitgebrachten Flaschen auf den Tisch. �Limo oder Bier?�</p><p>�Limo�, antworten Abel und ich synchron. Die letzte Nacht steckt uns noch in den Knochen.</p><p>Die K�chent�re knarrt, und ein gedrungener Kerl mit riesigen H�nden betritt den Raum. Er tr�gt eine Lederhose und ein kariertes Hemd, aus dem graue Brusthaare hervorschauen. �Gr�� Gott, miteinander!�</p><p>�Ich gr�� dich auch, Josef!�, erwidert Abel sonnig.</p><p>Marias Mann nickt in die Runde, setzt sich an den gedeckten Tisch und bekreuzigt sich. �Wir wollen beten.�</p><p>Er wartet, bis alle die H�nde gefaltet und die K�pfe gesenkt haben.</p><p>�Gott will uns speisen. Gott will uns tr�nken. Nun lasst uns still unsere Augen senken. Und lasst uns seiner G�ste gedenken.�</p><p>H�bsches Gebet, finde ich, r�uspere mich und will gerade sagen: Amen. Da trifft mich Josefs vorwurfsvoller Blick. Offenbar ist er noch nicht fertig. Rasch nehme ich wieder eine dem�tige Haltung ein.</p><p>�Und lasst uns seiner G�ste gedenken�, wiederholt Josef mit Nachdruck. �Dem Hirsch im Klee. Dem Karpfen im See. Der Biene im Honigduft. Dem Spatz in der Himmelsluft ...�</p><p>Ich werfe Abel einen fragenden Blick zu. Keine Reaktion.</p><p>�... Der Schlange im Dorn. Dem M�uschen im Korn ...� Josef scheint das Gebet sehr zu m�gen, denn seine eben noch ernste Miene verwandelt sich zunehmend in ein entr�cktes L�cheln. �... Dem B�ren im Forst. Dem Adler im Horst ...�</p><p>Ich �berschlage, dass allein die Aufz�hlung der heimischen Tierarten schnell mal ein paar St�ndchen in Anspruch nehmen k�nnte, und hoffe, dass dem Verfasser des Gebets z�gig die Reime ausgegangen sind.</p><p>�... Dem Fuchs auf der Heide. Der Kuh auf der Weide. Dem Hasen im Park. Der Taube im Schlag ...�</p><p>Jesus Christus! Kann das mal jemand abstellen?</p><p>�... Dem K�fer im Reis. Der Kr�he im Mais ...�</p><p>Ich muss niesen. Josef h�lt inne und wartet dann seelenruhig ab, bis alle sich ger�uspert haben und wieder absolute Stille eingekehrt ist. Gerade will er mit seinem enzyklop�dischen Gebet fortfahren, da erscheint eine Denkfalte auf seiner Stirn. Er �berlegt, an welcher Stelle ich sein Gebet mit meinem unheiligen Niesen unterbrochen habe.</p><p>�Kr�he im Mais�, sage ich rasch. Ich bef�rchte, wenn er den Anschluss nicht findet, f�ngt Josef einfach wieder von vorn an. Gott sei Dank hellt sich seine Miene auf. Er erinnert sich also. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass Abel sich ein Grinsen nicht verkneifen kann.</p><p>�Dem K�fer im Reis. Der Kr�he im Mais�, setzt Josef erneut an. �Dem Kuckuck im Stamm. Dem Bock auf dem Kamm. Dem Ochs auf der Au. Dem Huhn und dem Pfau. Dem L�w, der Gazelle. Dem Gnu, der Libelle. Dem Fr�schlein im Teich ...�</p><p>Ich schiele zu den Wei�w�rsten. Das wird wohl heute nichts mehr.</p><p>�... Ob arm oder reich ...�, h�re ich Josef sagen und spitze die Ohren. Was war das? Ein Themenwechsel? Ist etwa die Liste der Tiere abgearbeitet? Ich mache mir zarte Hoffnungen, dass das Gebet doch noch vor Anbruch der Nacht ein Ende haben k�nnte.</p><p>�... Ob Wiese, ob Wald. Ob jung oder alt. Ob Mensch oder Tier. Ob Fliege, ob Stier. Ob gro� oder klein .� Josef macht eine Kunstpause, in der man nun bl�derweise mein gelangweiltes Seufzen h�rt, was der Vortragende aber ignoriert. �Gott l�dt uns alle ein. Er gibt uns reichlich Speis und Trank. Drum beten wir: Dem Herrn sei Dank.�</p><p>�Amen�, sagt Maria und bekreuzigt sich in Windeseile, um nun z�gig alle Anwesenden mit Wei�w�rsten und Getr�nken zu versorgen.</p><p>Halleluja. Das Sch�nste am Gottesdienst ist der Moment, wenn man ihn hinter sich hat. Das wei� ich noch gut aus jener Zeit, als meine Mutter mich sonntags in die Kirche schleppte.</p><p>�Guten Appetit!�, w�nsche ich h�flich. Abel nickt stumm. Maria und Josef schauen mich jedoch an, als h�tte ich einen dreckigen Witz erz�hlt. Wie ich nun erkl�rt bekomme, m�gen unsere Gastgeber es nicht, wenn beim Essen gesprochen wird. Zeitraubende und langweilige Gebete sind okay, anregende Gespr�che unerw�nscht. Gl�cklicherweise sind ein paar Wei�w�rste rasch gegessen. Sonst w�re das hier wohl eine sehr z�he Angelegenheit.</p><p>Nach dem Mahl bitten Josef und Maria mich in die gute Stube. Allein. Das trifft sich gut, weil ich mit den beiden ohnehin �ber Abel reden wollte.</p><p>�Es freut uns sehr, dass Gott endlich einen Weg gefunden hat, um unserem bedauernswerten Abel zu helfen�, f�llt Josef mit der T�r ins Haus. Er fischt eine besonders h�ssliche Pfeife aus einem rustikalen Pfeifenhalter und beginnt, sie umst�ndlich zu stopfen. �Wissen Sie, mein Gro�vater, der Jeremias, war auch mehr als zwanzig Jahre seines Lebens ans Bett geschnallt. Und nun frage ich Sie: Hat es ihm etwa geschadet?�</p><p>�Oh. Ich f�rchte, dass es ihm durchaus geschadet hat�, antworte ich vorsichtig. �Gl�cklicherweise haben sich aber die Therapiemethoden in den letzten Jahrzehnten grundlegend ge�ndert ...�</p><p>�Nein. Es hat ihm nicht geschadet�, f�llt Josef mir mit erhobener Stimme ins Wort. Und im Stil eines Predigers f�hrt er fort: �Weil unsere Seele n�mlich gerettet wird, wenn wir Gottes Plan gehorchen. Der heilige Paulus hat uns ein Beispiel gegeben. Als die Br�der und Schwestern ihn anflehten, sich nicht in die H�nde seiner Verfolger zu begeben, da sagte Paulus: &lt;Warum weint ihr und macht mir das Herz schwer? Ich bin bereit, mich in Jerusalem nicht nur fesseln zu lassen, sondern auch f�r Jesus, unseren Herrn, zu sterben&gt;.�</p><p>�Amen�, sagt Maria und bekreuzigt sich rasch.</p><p>�Wurde Paulus denn auch ans Bett gefesselt?�, rutscht es mir raus.</p><p>Josef, der gerade seine Pfeife anz�nden will, h�lt inne und blickt konsterniert zu Maria. Die zuckt hilflos mit den Schultern.</p><p>Ihr Mann wirft mir einen abf�lligen Blick zu, dann setzt er den Pfeifentabak in Brand. Sekunden sp�ter ziehen ekelhaft s��liche Rauchschwaden durch die Luft.</p><p>�Was hat Abel Ihnen eigentlich �ber seine Probleme erz�hlt?�, frage ich.</p><p>�Nicht viel�, erwidert Josef. �Wenn Sie meine Meinung h�ren wollen: Als die Maria damals schwanger war, da hat der Abel sich blo� aus der Aff�re ziehen wollen. Deshalb hat er diesen Bl�dsinn erfunden, dass er Gott ist. Man kennt das doch von Leuten, die nicht zum Milit�r wollen. Die sagen dann auch, dass sie schwul sind. Oder bekloppt.�</p><p>�Ahm, meines Wissens ist Homosexualit�t kein Hinderungsgrund mehr f�r eine milit�rische ...� Ich unterbreche mich und winke ab. Es hat sicher keinen Sinn, mit Josef �ber homosexuelle Amtstr�ger zu reden.</p><p>�Wissen Sie noch, wann Abel zum ersten Mal behauptet hat, Gott zu sein?�, frage ich.</p><p>�Der Christian ist im Sommer einundzwanzig geworden�, antwortet Maria. �Also logischerweise vor zweiundzwanzig Jahren.� Sie bekreuzigt sich erneut, als k�nne himmlischer Beistand nicht schaden, wenn es um ihre Aff�re mit Abel Baumann geht.</p><p>�Und haben Sie beide damals versucht, Abel zu helfen?�</p><p>Josef nickt energisch. �Zum Pastor Oettinger h�chstpers�nlich hab ich den Abel geschleppt. Aber der Oettinger konnte auch nichts f�r ihn tun. Unser Pastor hat dann die Di�zese informiert. Der Bischof hat zur�ckgeschrieben, dass die Kirche nicht zust�ndig ist. Wenn der Abel vom Teufel besessen gewesen w�re, dann h�tte man ihn exorzieren k�nnen. Aber gegen Leute, die von Gott besessen sind, da kann selbst der Vatikan nichts ausrichten.�</p><p>�Und dann haben wir ihn zu diesem Professor Spindler gebracht�, erg�nzt Maria. �Das ist auch so ein Irrenarzt, wie Sie einer sind. Und der meinte dann, dass der Abel zwar schon ziemlich deppert ist, aber auch wieder nicht so deppert, dass man ihn wegsperren m�sst. Schlie�lich w�rde es in Bayern eine Menge Leute geben, die glauben, dass sie Gott sind, und sich auch so auff�hren. Abel w�re da noch einer der harmlosen F�lle, hat der Professor gemeint.�</p><p>Erstaunlich, wie einfach die Welt in Bayern sein kann.</p><p>�Wirklich. Wir haben alles versucht�, erkl�rt Maria abschlie�end.</p><p>�Das haben wir�, best�tigt Josef und schmaucht seine Pfeife. �Jetzt kann nur noch der Allm�chtige helfen. Lasst uns also f�r den armen Abel einen heiligen Rosenkranz beten.�</p><p>�Sehr, sehr gern, aber ohne mich. Ich muss leider los�, sage ich rasch. �Abel und ich wollen ja noch weiter, und au�erdem sollte ich darauf achten, dass er keinen Unfug anstellt. Aber es schadet ganz bestimmt nicht, wenn Sie beide f�r uns beten. Und vielen Dank f�r das Essen.�</p><p>Als Josef mir ein aufmunterndes �Dann Gott mit Ihnen� zuruft, bin ich bereits durch die T�r. Nichts gegen einen konstruktiven Dialog mit den Himmelsm�chten, aber ich glaube, man sollte ihnen auch nicht st�ndig am Rockzipfel h�ngen.</p><p>�Und? Was h�ltst du von den beiden?�, will Abel wissen, als wir wenig sp�ter mit der Regionalbahn durch die eingeschneite Landschaft zuckeln. �Sind schon ein bisschen anstrengend, oder?�</p><p>Da es eine rhetorische Frage ist, spare ich mir die Antwort.</p><p>�Lebt euer Sohn deshalb nicht in M�nchen?�, frage ich. �Weil seine Mutter und sein Stiefvater ihm auf die Nerven gehen?�</p><p>Abel lacht. �Sch�n w�r�s. Christian ist der Schlimmste von allen. Die beiden waren ihm nicht fromm genug. Deshalb ist er M�nch geworden. Nicht mal ich hab das verhindern k�nnen.� Abel blickt auf seine Uhr. �Au�erdem ist Christian genau genommen nicht mein Sohn, sondern der Sohn von Abel Baumann. Hab ich dir doch erz�hlt.�</p><p>�Nein, hast du nicht�, erwidere ich. �Jedenfalls nicht richtig.�</p><p>Abel merkt auf. �Ach, ja? Wirklich?�</p><p>Ich nicke. �Wirklich.�</p><p>Er schaut wieder auf die Uhr. �Okay. Als ich in Abel Baumanns K�rper geschl�pft bin, da wollte ich dort eigentlich nur ein paar Minuten bleiben. Aber dann hat Abels Seele offenbar beschlossen, nicht wiederzukommen. Also habe ich gewartet. Erst mal ein paar Stunden. An diesem Abend hatte Baumann ein Stelldichein mit Maria. Sie kam vorbei und hat ihn ... also quasi mich ... also mich in seinem K�rper ... verf�hrt.�</p><p>�Du hast mit ihr geschlafen�, fasse ich zusammen.</p><p>�Genau�, best�tigt Abel. �Als Baumanns Seele am n�chsten Morgen immer noch nicht wieder da war, hab ich noch mal einen Tag gewartet und dann entschieden, seinen K�rper zu verlassen. Es war noch eine Menge anderer Dinge zu tun. Au�erdem dachte ich: Tut mir leid, aber selbst schuld.�</p><p>�Selbst schuld ...?�</p><p>Abel nickt. �Ich hab dir doch schon erz�hlt, dass ein K�rper ohne Seele nicht leben kann.�</p><p>Ich brauche ein paar Sekunden, um die Dimension dieser Aussage zu begreifen. �Wie? Du h�ttest einfach so den Tod von Abel Baumann in Kauf genommen?�</p><p>Abel sieht mich durchdringend an. �Jakob. Nur mal f�rs Protokoll: Ich bin Gott. Ich darf das.� Abel schaut wieder auf die Uhr. �Au�erdem war Baumann selbst schuld. Ich wollte ihm einen Gefallen tun. Er hat�s verbockt.�</p><p>Abel steht auf, geht zur T�r und blickt hinaus. �Wie dem auch sei ... du siehst, ich habe Abels K�rper dann doch nicht verlassen. Ich wollte erst mal sicher sein, dass es Maria und dem Kind gutgeht ...�</p><p>�Du hast sie ... also Baumann hat sie ... in dieser Nacht ... geschw�ngert?�</p><p>�So sieht�s aus�, sagt Abel und sieht hinaus.</p><p>�Bis Simming sind es noch fast zwanzig Minuten�, bemerke ich.</p><p>�Ich wei�. Wir m�ssen f�r das letzte St�ck den Bus nehmen.�</p><p>Er schaut wieder auf seine Uhr und legt nun seine freie Hand an die Notbremse.</p><p>�Abel?�, frage ich alarmiert.</p><p>Er reagiert nicht, sondern blickt konzentriert auf seine Uhr.</p><p>�Abel!�, rufe ich und springe auf, aber da ist es bereits zu sp�t.</p><p>Mit einem Ruck hat er die Notbremse gezogen. Die Bremsen kreischen, und ich werde unsanft auf den Sitz geworfen. W�hrend die Fliehkr�fte des bremsenden Zuges mich in die Polster dr�cken, habe ich so eine Art Vision. Ich sehe n�mlich, dass die physikalischen Gesetze f�r Abel gerade nicht zu gelten scheinen. Obwohl er wie ich umhergeschleudert werden m�sste, kommt er seelenruhig durch den immer noch lautstark bremsenden Zug spaziert und setzt sich hin, als w�re nichts gewesen.</p><p>Mit einem Ruck und einem letzten Kreischen kommt der Zug zum Stehen. Dabei werde ich vom Sitz auf den Boden bef�rdert. Erstaunt rappele ich mich wieder hoch.</p><p>�Ich wei�, was du jetzt denkst�, sagt Abel grinsend. �Die F�higkeit, kurzzeitig physikalische Gesetze zu umgehen, k�nnte damit zusammenh�ngen, dass ich Gott bin. K�nnte aber auch ein Trick sein, den ich im Zirkus gelernt habe. Vielleicht von diesen Typen, die K�rperpyramiden bauen.�</p><p>�Warum hast du den Zug angehalten?�, frage ich atemlos.</p><p>�Weil er in zwei Minuten entgleist w�re�, erkl�rt Abel ruhig. �Vor uns, direkt unter den Gleisen, liegt eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Der K�lteeinbruch hat ihr den Rest gegeben. Deswegen geht sie gleich hoch.�</p><p>�Aha�, sage ich leise.</p><p>Mit einem Zischen �ffnet sich die T�r, und ein kalter Wind fegt durchs Abteil. Der ger�tete Kopf eines rundlichen Kerls in Bahnuniform erscheint.</p><p>�Wer hat hier die Notbremse gezogen?�</p><p>Abel zeigt auf mich: �Der da war�s.�</p><p>Entgeistert starre ich ihn an.</p><p>�Nur�n Scherz�, fl�stert Abel. �Keine Sorge. Wir hauen sowieso gleich ab.�</p><p>�Und d�rfte ich vielleicht auch erfahren, warum Sie die Notbremse gezogen haben?�, fragt der �berfordert wirkende Schaffner streng.</p><p>Ich schweige ratlos. Man h�rt nur das leise S�useln des Windes.</p><p>Abel wirft derweil wieder einen Blick auf seine Uhr. Er h�lt kurz inne, dann schaut er mich an und seine Lippen formen ein tonloses Bumm!</p><p>Fast im gleichen Moment zerrei�t eine Explosion die winterliche Stille.</p><p>Geschockt schaut der Beamte in die betreffende Richtung und verschwindet mit einen �ach du gro�er Schei�dreck, ach du gro�er!� aus unserem Blickfeld.</p><p>�Auf geht�s�, sagt Abel. �Der Bus wartet nicht.�</p><p>Als wir wenig sp�ter durch kniehohen Schnee marschieren, ist Abels Laune blendend. Gen�sslich atmet er die kalte Winterluft ein und betrachtet immer wieder die uns umgebenden Berge und W�lder. �Ist das nicht wundersch�n, Jakob? Ich muss feststellen, dass meine Sch�pfung zumindest teilweise absolut gelungen ist. Was meinst du?�</p><p>Ich stapfe schweigend und d�ster vor mich hinstierend durch den Schnee. Es ist mir egal, dass Abel meine Zulassung aufs Spiel setzt. Ich bin ja sowieso drauf und dran, meinen Job an den Nagel zu h�ngen. Aber ich m�chte nicht obendrein noch �rger mit der Polizei bekommen. Au�erdem �rgert es mich, dass ich mir nicht erkl�ren kann, wie Abel die Sache eben angestellt hat. War die Bombe wirklich eine alte Fliegerbombe? Gab es einen genauen Zeitplan f�r die Sprengung, von dem Abel wusste? Aber warum haben die Beh�rden dann einen vollbesetzten Personenzug in die N�he des Sprengk�rpers fahren lassen? Oder hat Abel die Sprengladung selbst gelegt und ferngez�ndet? In diesem Fall muss er doch damit rechnen, dass sein vermeintlicher Sabotageakt publik wird. Und ich w�rde dann aus der Presse erfahren, dass die Fliegerbombe nur eine Erfindung ist. Mein Patient muss diese Showeinlage irgendwie anders hinbekommen haben. Aber wie?</p><p>�Jakob? Alles okay?� Abel klingt besorgt.</p><p>�Nichts ist okay. Ich habe dir gesagt, dass ich die Beh�rden einschalten muss, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen.�</p><p>Abel bleibt abrupt stehen. Er wirkt geschockt. �Was meinst du, Jakob?�</p><p>Ich bleibe nun ebenfalls stehen. �Abel, ich bin daf�r verantwortlich, dass du keinen Mist baust. Findest du nicht, dass du es mit mir absprechen m�sstest, wenn du Notbremsen ziehst und Bomben hochgehen l�sst?�</p><p>Abel zuckt mit den Schultern. �Was h�tte ich denn sagen sollen? Du, Jakob? Da liegt �brigens �ne Fliegerbombe unter den Gleisen. Ich zieh gleich mal kurz die Notbremse. Nur damit du Bescheid wei�t.�</p><p>�Ja. Zum Beispiel.�</p><p>Abel verschr�nkt die Arme vor der Brust. �Und was h�ttest du erwidert? &lt;Okay, Abel. Dann halte ich mich jetzt mal gut fest, damit ich nicht durch die Gegend geschleudert werde&gt;?�</p><p>Wir sehen uns streitlustig an.</p><p>�Nein, ich h�tte wahrscheinlich versucht, dich aufzuhalten.�</p><p>�Siehst du�, sagt Abel und stapft weiter. �Und weil ich vermeiden wollte, dass uns beiden die Lampe ausgepustet wird, musste ich dich eben zu deinem Gl�ck zwingen.�</p><p>�Vielleicht ist das ja einer deiner Denkfehler�, rufe ich ihm hinterher. �W�re doch m�glich, dass sich die Menschen nicht zu irgendetwas zwingen lassen m�chten. Weder zu ihrem Ungl�ck noch zu ihrem Gl�ck.�</p><p>Er h�lt erneut inne, dreht sich verwundert zu mir um und fragt: �Soll das etwa hei�en, du w�rst eben lieber gestorben?�</p><p>�Nein!�, rufe ich. �Aber was geht�s dich an? K�mmer dich gef�lligst um deinen eigenen Kram! Dir kann es doch egal sein, ob du stirbst oder nicht.�</p><p>Er stutzt. �Wie meinst du das? Mir kann es egal sein?�</p><p>�Na, es ist f�r dich egal, ob Abel Baumann lebt oder nicht. Ich meine, du bist nicht an diesen K�rper gebunden, und wenn sogar meine Seele in die ewigen Jagdgr�nde aufsteigen kann, dann muss deine Seele sich doch erst recht keine Sorgen machen. Immerhin bist du Gott. Du hast sozusagen ein Ticket erster Klasse, wenn es um Seelenreisen geht.�</p><p>Ich mustere ihn aufmerksam. Meine Provokation soll ihn aus der Reserve locken.</p><p>Er sieht mich an, dann sacken seine Schultern herab. �Wei�t du, Jakob, die Wahrheit ist ...� Er stockt. Das folgende Gest�ndnis f�llt ihm schwer. �Die Wahrheit ist, dass ich eine Heidenangst vor dem Tod habe.�</p><p>Ich schaue ihn verdutzt an. Dann muss ich lachen. �Der war gut�, sage ich. �Gott hat Angst vor dem Tod.�</p><p>Abel verzieht keine Miene und wartet geduldig, bis ich mich wieder beruhigt habe. Langsam d�mmert mir, dass er keinen Witz gemacht hat.</p><p>�Was ich dir �ber die Seelen gesagt habe, das stimmt: Alle Seelen sind unsterblich. Aber manche von ihnen befinden sich in einem Zustand, den die meisten Menschen nicht als Leben bezeichnen w�rden. Diese Seelen liegen in einem traumlosen Schlaf, man k�nnte fast sagen, in so einer Art Koma. Manchmal erwacht eine Seele aus diesem Zustand. Es gibt aber auch einige, die schlafen schon so lange, dass ungewiss ist, ob sie �berhaupt jemals wieder erwachen. Warum das so ist? - Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber dieser Zustand kommt dem des Todes schon sehr nahe.�</p><p>�Ist das so eine Art Nirwana?�, frage ich.</p><p>�Ja. So k�nnte man es auch sagen�, erwidert Abel.</p><p>�Interessant. Dann haben die Buddhisten also auch recht�, stelle ich fest.</p><p>Abel nickt. �Keine der Weltreligionen liegt mit ihren Ansichten v�llig daneben. Aber alle ein entscheidendes bisschen.� Der Wind frischt auf. Abel zieht seine Wollm�tze tiefer �ber die Ohren. �Jedenfalls w�re die logische Folge meiner aktuellen Misere, dass ich am Ende im Nirwana lande: Die Menschen verlieren mehr und mehr den Glauben an mich, also werde ich schw�cher und schw�cher, bis ich schlie�lich vielleicht sogar ganz verschwinde. Manchmal komme ich mir vor wie ein Gedanke, den sich die Menschheit aus dem Kopf schlagen m�chte. Und mein Gef�hl sagt mir obendrein, dass meine Zeit langsam knapp wird.�</p><p>�Und das hat angefangen, als Gott sich den K�rper von Abel Baumann geliehen hat�, rekapituliere ich und denke: Womit wir nun Abels Trauma wahrscheinlich einen entscheidenden Schritt n�herkommen.</p><p>Er nickt. �Ich wusste damals sofort, dass Maria nach dieser gemeinsamen Nacht schwanger war. Und ich glaube, sie hat es auch gewusst. Am n�chsten Tag kam sie zu mir, um unsere Aff�re zu beenden. Vielleicht hoffte sie, dass ich mich aus dem Staub machen und Josef problemlos die Vaterschaft anerkennen w�rde.�</p><p>�Aber Gott hat sich nicht aus dem Staub gemacht.�</p><p>Abel sieht mich an und seufzt. �Viel schlimmer. Ich wollte es nach ein paar Tagen, konnte es aber nicht. Dabei w�re ich wirklich gern abgehauen. Es hat keine Woche gedauert, da war mir klar, dass das Kind bei Maria und Josef gut aufgehoben sein w�rde. Baumanns Seele war immer noch nicht zur�ckgekehrt. Also ...� Er deutet mit der Hand ein startendes Flugzeug an.</p><p>�Also wolltest du dich vom Acker machen�, vollende ich den Satz.</p><p>Abel nickt. �Aber es ging nicht. Ich hing pl�tzlich in diesem K�rper fest. Und je mehr Anstrengungen ich unternahm, aus Baumanns K�rper herauszukommen, desto tiefer schien ich hineinzurutschen. Zun�chst dachte ich an einen vor�bergehenden Zustand. Vielleicht ein g�ttlicher Schw�cheanfall? Oder eine Wackelei in der Ordnung des Universums? Aber aus Tagen wurden Wochen, und aus Wochen wurden Monate, ohne dass auch nur die geringste �nderung eintrat.�</p><p>�Ist das denn kompliziert, diese Seelenwanderung?�, will ich wissen.</p><p>��berhaupt nicht�, erwidert Abel. �Nicht schwieriger, als eine T�r zu �ffnen oder zu schlie�en. Aber im Fall von Abel Baumann scheine ich den Schl�ssel verlegt zu haben. Die T�r l�sst sich nicht wieder �ffnen.�</p><p>�Und du wartest seit mehr als zwanzig Jahren darauf, dass dieser Zustand sich �ndert?�, frage ich.</p><p>�Was sind denn schon zwanzig Jahre? Es hat �ber hundert Millionen Jahre gedauert, bis sich endlich mal ein Fisch aus dem Wasser getraut hat. Au�erdem hatte ich j a eine Menge zu tun ...�</p><p>�Z�ge anhalten und Flugzeuge kapern?�, frage ich.</p><p>�Beispielsweise�, best�tigt Abel. �Kurz vor der Geburt habe ich Maria und Josef eingeweiht. Ich dachte, wenn jemand Verst�ndnis f�r meine Probleme hat, dann sind es die beiden. Fehlanzeige.�</p><p>�Sie haben mir heute erz�hlt, dass ...�, beginne ich.</p><p>�Ich wei�, was sie dir heute erz�hlt haben�, unterbricht Abel.</p><p>�Oh. Gedanken�bertragung?�, vermute ich.</p><p>Er sch�ttelt den Kopf. �Nein. Diesmal hab ich schlicht an der T�r gelauscht.�</p><p>Leichter Schneefall setzt ein.</p><p>�Und jetzt merke ich, dass die Kr�fte dieses K�rpers, in dem ich seit �ber zwanzig Jahren gefangen bin, ebenso nachlassen wie meine eigenen. Und ich frage mich mit Sorge, was wohl passieren wird, wenn dieser K�rper eines Tages den Geist aufgibt.�</p><p>Ich schaue in den Himmel. Schneeflocken st�rzen lautlos herab. Sieht aus, als w�rde man durch einen Meteoritenschwarm fliegen.</p><p>�Was denkst du?�, fragt Abel nach einer Weile.</p><p>�War es nicht so, dass du meine Gedanken lesen kannst?�, antworte ich.</p><p>�Das hei�t ja nicht, dass ich sie auch immer verstehe�, entgegnet Abel.</p><p>�Ich dachte gerade, dass du sehr menschliche Probleme hast.�</p><p>�Und das passt nat�rlich nicht zu Gott�, konstatiert Abel.</p><p>�An deiner Stelle w�re ich froh, ein Psychotiker zu sein. Wenn du wirklich Gott w�rst, k�nnte dir wahrscheinlich niemand helfen.�</p><p>Abel seufzt. �Das ist es ja�, sagt er.</p></section><section><title><p><strong>Gottes Sohn</strong></p></title><empty-line/><p>Die Gemeinschaft des Klosters der heiligen Sonnhild von Simming besteht aus dreizehn Ordensbr�dern, die von Handwerk und Landwirtschaft leben. Das erfahre ich aus einem Prospekt, der im Empfangszimmer ausliegt. Ich hatte viel Zeit, ihn eingehend zu studieren, weil Abels Sohn uns bereits seit einer geschlagenen Stunde warten l�sst.</p><p>Dem Klosterprospekt entnehme ich zwei wichtige Informationen. Zum einen hat der Laden offensichtlich ein Nachwuchsproblem. Ein Foto zeigt die Ordensbr�der. Mindestens neun der dreizehn Patres sehen aus, als m�ssten sie sich schon sehr bald die klostereigenen Radieschen von unten ansehen. Bei einem bin ich mir nicht mal sicher, ob er noch gelebt hat, als das Foto entstand. Nebenbei ahne ich, wer Abels Sohn sein k�nnte. Unter den wenigen jungen Ordensbr�dern gibt es einen, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist.</p><p>Zum anderen beeindruckt mich enorm, was man so alles leisten muss, wenn man heiliggesprochen werden will. Laut Prospekt hat Sonnhild von Simming im 16. Jahrhundert in dieser Gegend nicht nur Menschen und Tiere mittels Wundertinkturen geheilt, sondern auch einen auf der Durchreise befindlichen Bischof nach einem t�dlichen Reitunfall wiederbelebt. Die historischen Quellen sprechen sogar von der Auferweckung des Toten, da der letzte Atemzug des Bischofs schon einige Stunden zur�cklag, als Sonnhild dem Gottesmann wieder auf die Beine half. Eine h�bsche Geschichte und nebenbei eine gute Gelegenheit, Abel zu foppen, finde ich.</p><p>�Wei�t du eigentlich, dass die Frau, nach der dieses Kloster benannt ist, viel mehr Wunderzeugs draufhatte als du?�, frage ich. �Von wegen: wundersame Kaffeevermehrung. Sonnhild von Simming hat Tote zum Leben erweckt! Da kannst du dir mal �n Beispiel dran nehmen.�</p><p>Abel nickt ernst. �Stimmt. Sonnhild war eine sehr begabte �rztin. Bei der Sache mit dem Bischof habe ich aber trotzdem nachhelfen m�ssen. Der Kerl war so mausetot wie der Wiener Zentralfriedhof. Als der fette Sack vom Pferd gefallen ist, hat er so einen Schreck bekommen, dass sein Herz einfach zu schlagen aufgeh�rt hat.�</p><p>�Hier steht, dass er schon seit Stunden tot war�, sage ich und halte den Prospekt hoch. �Soviel ich wei�, hat man bei einem Herzstillstand f�r die Reanimation nur wenige Minuten Zeit.�</p><p>Abel sieht mich mitleidig an. �Jakob, ist das dein Ernst? Du glaubst mir nicht, dass ich Gott bin, nimmst aber Informationen aus dem 16. Jahrhundert f�r bare M�nze, die in einem Klosterprospekt abgedruckt sind?�</p><p>Touche. Ich werfe den Prospekt auf den Tisch. �Ich finde �brigens, die h�tten uns wenigstens Kaffee anbieten k�nnen, wenn sie uns hier schon so lange warten lassen.�</p><p>�Das macht Christian absichtlich. Es ist seine Art, sich und uns zu beweisen, dass die Uhren hier anders ticken�, sagt Abel und l�sst keinen Zweifel daran, dass ihm diese Behandlung �berhaupt nicht schmeckt. �Du musst wissen, dass man hier �ber den weltlichen Dingen steht - zumindest glaubt das mein Sohn.�</p><p>�Und? Was ist daran so falsch?�, frage ich. �Meines Wissens ist es ein g�ngiges Konzept von Kl�stern, dass man sich dort von der Welt abwendet, um sich Gott zuwenden zu k�nnen.�</p><p>�Ja. Ist ja auch okay�, erwidert Abel. �Nicht mein Fall, aber okay.�</p><p>Knarrend �ffnet sich eine schwere Holzt�r, und ein junger Mann in M�nchskutte erscheint. Die �hnlichkeit mit Abel ist in natura noch frappierender als auf dem Foto.</p><p>�Entschuldigung, dass Sie warten mussten, aber ...� Er schluckt den Rest des Satzes herunter, als er Abel sieht, und wirkt nun ver�rgert. �Hat Mutter dir nicht gesagt, dass es besser w�re, wenn du ...�</p><p>�Doch. Hat sie. Ich wei�, dass du mich nicht sehen willst�, k�rzt Abel die Erkl�rung ab. Er hat sichtlich M�he, seine Entt�uschung zu verbergen. �Ich bin auch nur hier, weil ich Jakob begleitet habe und es drau�en schneit.� Er l�chelt schmal. �Und weil ich mich darauf gefreut habe, dich zu sehen.� Nach kurzem Z�gern f�gt er hinzu: �Ehrlich gesagt, habe ich auch ein bisschen darauf gehofft, vielleicht kurz mit dir reden zu k�nnen.�</p><p>Christian �berh�rt Abels Gespr�chsangebot demonstrativ und reicht mir die Hand. �Und Sie sind also Dr. Jakobi. Freut mich, Sie kennenzulernen. Darf ich Ihnen die Anlage zeigen, w�hrend wir uns unterhalten?� Mit einer einladenden Geste �ffnet er die T�r.</p><p>�Gern�, erwidere ich. �Vielleicht m�chte Ihr Vater uns dabei ...�</p><p>�Mein Vater kennt das Kloster bereits�, f�llt Christian mir ins Wort. Mit Blick auf Abel f�gt er hinzu: �Ich bitte Bruder Zacharias, dir Kaffee zu bringen. M�chtest du auch etwas essen?�</p><p>Abel winkt traurig ab. �Nein. Aber Kaffee w�re toll.�</p><p>Die beiden nicken sich zu. Ich sehe Abel an, dass er viel geben w�rde f�r ein winziges Zeichen der Zuneigung: ein freundliches Wort, ein kurzer H�ndedruck oder ein kleines L�cheln.</p><p>Doch Abels Sohn wendet sich ab und verl�sst den Raum, ohne seinen Vater noch eines weiteren Blickes zu w�rdigen.</p><p>�Warum halten Sie Ihren Vater so demonstrativ auf Distanz?�, frage ich, als wir wenig sp�ter den Versammlungsraum des Klosters betreten. Wie alle R�ume, die wir bislang besichtigt haben, ist auch dieser schlicht gestaltet und karg m�bliert. Ein einsames Holzkreuz ziert den unverputzten Stein. Die �brigen W�nde sind schmucklos.</p><p>Das Kreuz ist mir auf unserem kurzen Weg durch die Anlage schon einige Male begegnet. Ich vermute, zur Er�ffnung hat man eine Sammelbestellung in Auftrag gegeben. Christian registriert, dass ich das Symbol des Leidens Christi nachdenklich betrachte.</p><p>�Wir haben hier eine eigene Tischlerei�, erkl�rt er. �Dort werden diese Kreuze hergestellt. Wir verkaufen sie, nebenbei bemerkt, auch recht erfolgreich, sogar bis nach Lateinamerika. Das Modell ist schlicht, preiswert und auf Wunsch liefern wir es vorgesegnet.�</p><p>�Weil ein bayerischer Segen besonders gut wirkt?�, vermute ich.</p><p>�Weil es viele Menschen gibt, die strapazi�se Reisen unternehmen m�ssten, um einen Geistlichen zu treffen, der den priesterlichen Segen erteilen kann�, korrigiert Christian nachsichtig.</p><p>Ich �berlege. �Interessant. Glauben Sie, es gibt auch einen Markt f�r vorvergebene S�nden?�, frage ich. �F�r Menschen, die es zu weit zum n�chsten Beichtstuhl haben? Oder die zeitlich stark eingebunden sind? Man k�nnte einen Block mit Abrei�zetteln anbieten, mit denen S�nder ihre S�nden annullieren d�rfen. Pro S�nde w�re einer dieser Zettel f�llig .�</p><p>�Es ist gut, Sie m�ssen Ihren geschmacklosen Witz nicht noch weiter ausbauen�, unterbricht Christian verschnupft. �Ich habe ihn verstanden.�</p><p>�Verraten Sie mir dann, welche schwere S�nde Ihr Vater begangen hat, dass er von Ihnen nicht einmal ein freundliches Wort h�rt, wenn er Sie besucht?�</p><p>Zufrieden bemerke ich ein nerv�ses Zucken in Christians Mundwinkel. Der Gottesmann ist sauer auf mich, vielleicht sogar richtig w�tend. Aber genau das will ich erreichen. Wenn er sich w�hrend unseres Gespr�ches so unter Kontrolle hat wie bei der Begr��ung seines Vaters, dann werde ich hier nichts Neues erfahren. Deshalb muss ich Christian aus der Reserve locken. Nur so wird sich zeigen, welche emotionale Bindung zwischen ihm und Abel besteht. Also setze ich nach.</p><p>�Steht das nicht sogar in den Zehn Geboten?�, frage ich scheinheilig. �Dass man Vater und Mutter ehren soll?�</p><p>Das Zucken in Christians Mundwinkel wird st�rker. Ich rechne damit, dass ihm jeden Moment der klerikale Geduldsfaden rei�t.</p><p>Doch dann passiert etwas Erstaunliches. Christian schlie�t die Augen, atmet zweimal tief durch und ist pl�tzlich wieder die Ruhe selbst.</p><p>�Ich kann verstehen, dass Sie Ihren Patienten verteidigen�, sagt er gelassen. �Aber Sie m�ssen auch mich verstehen. Der Mann, der im Empfangsraum auf uns wartet, h�lt sich f�r Gott. Und das ist nicht nur eine schwere S�nde, sondern auch ...�</p><p>�Sie sprechen von ihm, als w�re er ein Fremder�, unterbreche ich.</p><p>Christian zuckt mit den Schultern. �Das entspricht ja auch den Tatsachen. Ich habe meinen Vater praktisch nie zu Gesicht bekommen, weil er st�ndig die Welt retten musste. Da ist es doch logisch, dass mein Stiefvater mir sehr viel n�her steht. Aber ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass mein leiblicher Vater gewaltige Anstrengungen unternommen h�tte, um die Situation zu �ndern. Und jetzt tauchen Sie hier auf und wollen mir erz�hlen, dass ich ihm trotzdem etwas schuldig bin. Was f�hrt Sie nur zu dieser seltsamen Erkenntnis, Dr. Jakobi?�</p><p>�Die Logik�, erwidere ich.</p><p>Christian sieht mich erwartungsvoll an.</p><p>�Da es sich bei Ihrem Vater um einen Mann mit einer schweren Psychose handelt, w�rde ich erwarten, dass sich ein �berzeugter Christ, wie Sie es mit Sicherheit sind, um ihn k�mmert. Und zwar nicht allein um der Verwandtschaft willen, sondern schlicht aus N�chstenliebe.�</p><p>�Jemand, der sich f�r Gott h�lt, ist naturgem�� extrem beratungsresistent�, entgegnet Christian. �Seine Krankheit bedingt also, dass er nicht will, dass man sich um ihn k�mmert. Leider. Mutter und ich haben mehrmals versucht, ihn zu einer Therapie zu bewegen, aber bislang ohne Erfolg.�</p><p>�Abel selbst hat mich um Hilfe gebeten. Ihre Bem�hungen waren also letztlich nicht umsonst�, gebe ich zu bedenken.</p><p>�Weil wir den Kontakt zu ihm abgebrochen haben. Schon vor Monaten. Er wusste also, wenn er nichts �ndert, dann wird er uns nie wiedersehen�, sagt Christian, w�hrend er das schlichte Holzkreuz an der Wand betrachtet, als w�re es ein r�tselhaftes modernes Kunstwerk.</p><p>Schweigen.</p><p>�Haben Sie sich jemals gefragt, ob an der Geschichte Ihres Vaters was dran sein k�nnte?�, frage ich.</p><p>Christian sieht mich erstaunt an. �Was meinen Sie? Doch nicht etwa, ob ich glaube, dass mein Vater wirklich Gott ist, oder?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Es k�nnte ja auch sein, dass er mit Gott in einem besonderen Kontakt steht. Ich meine, dieses Kloster wurde zu Ehren einer Frau errichtet, die offenbar auch ein besonderes Verh�ltnis zu Gott hatte. Vielleicht verh�lt es sich bei Ihrem Vater ganz �hnlich.�</p><p>�Ist das wirklich Ihr Ernst? Ich soll in Erw�gung ziehen, dass gerade eine Art Heiliger in unserem Empfangszimmer sitzt? Der als Zirkusclown arbeitet? Und obendrein mein leiblicher Vater ist?�</p><p>�Warum nicht? Sie und Ihre Ordensbr�der glauben daran, dass eine Frau vor rund f�nfhundert Jahren in dieser Gegend Tote zum Leben erweckt hat. Offenbar haben Sie also eine gewisse Routine darin, Dinge zu glauben, die andere Menschen unglaublich finden.�</p><p>�Sie wollen mich auf den Arm nehmen�, konstatiert er.</p><p>�Nein. Ich frage mich nur, ob der Geisteszustand Ihres Vaters mehr als allein psychologische Gr�nde haben k�nnte. Es ist lediglich eine Hypothese.�</p><p>Er mustert mich. �Okay. Was schlagen Sie vor?�, fragt er belustigt. �Sollen wir ihn nach Rom schicken, damit der Papst sich pers�nlich ein Bild machen kann? Wir k�nnten ihn auch gleich hier an Ort und Stelle heiligsprechen. F�r alle F�lle, meine ich. Oder glauben Sie, es reicht, wenn wir ihn erst mal nur anbeten? Vielleicht w�re es auch klug .�</p><p>�Danke�, unterbreche ich. �Sie m�ssen Ihren Witz auch nicht weiter ausbauen. Ich habe ihn ebenfalls verstanden.�</p><p>Sein Gesicht wird schlagartig wieder ernst. �Sie haben die dritte M�glichkeit nicht in Betracht gezogen, Dr. Jakobi. Denn rein logisch betrachtet, k�nnte es sich bei meinem Vater auch um einen Mann handeln, der weder psychische Probleme hat, ...� Er macht eine Kunstpause. �... noch ein Heiliger ist.�</p><p>Zufrieden stellt er fest, dass ich verwundert bin.</p><p>�Haben Sie diese dritte M�glichkeit etwa noch nicht in Erw�gung gezogen, Dr. Jakobi? Dass es sich bei meinem Vater schlicht um einen Zyniker handelt, der sich grunds�tzlich �ber alles und jeden lustig macht?�</p><p>Ich bin sprachlos. Diese Variante ist mir tats�chlich noch nicht in den Sinn gekommen. Dabei ist die Diagnose naheliegend: Abel k�nnte an einer narzisstischen Pers�nlichkeitsst�rung leiden. Ich frage mich, warum mir das bislang nicht eingefallen ist.</p><p>Christian scheint meine Gedanken zu erraten. �Mein Vater hat das zweifelhafte Talent, andere Menschen manipulieren zu k�nnen. Das Leben ist f�r ihn eine Zirkusnummer. Ein Spa� hier. Eine Illusion da. Und das Publikum applaudiert. Meistens wenigstens. Leider fehlt ihm v�llig die Bodenhaftung. Wenn es um die L�sung echter Probleme geht, dann hat er sich bislang immer aus dem Staub gemacht.�</p><p>Christian l�sst sich auf einen der St�hle sinken, faltet die H�nde und legt sie in den Scho�. Er l�chelt nachsichtig. �Womit hat er Sie zum Zweifeln gebracht? Mit der wundersamen Getr�nkevermehrung? Die Es-passiert-beim-Blinzeln-Nummer? Oder mit dem H�hepunkt-des-Lebens-Trick?�</p><p>Er registriert meine entgleisenden Gesichtsz�ge. �Oh. Habe ich ins Schwarze getroffen? Das ging schnell. Ansonsten w�re da noch die F�higkeit, Gedanken zu lesen. Oder die Kunst, Kranke durch Handauflegen zu heilen. Und wussten Sie, dass mein Vater jedes Casino der Welt sprengen k�nnte, wenn er nur wollte? Will er aber nicht, weil er Wichtigeres zu tun hat, als die Probleme der Welt mit Geld zu l�sen - obwohl es ja Leute geben soll, die die Ansicht vertreten, dass man mit viel Geld auch viel Elend auf der Welt beseitigen kann. Doch das nur am Rande.� Er schweigt und l�sst seine Worte wirken. �Ich habe �brigens alle Zeitungsartikel �ber meinen Vater gesammelt, die ich finden konnte�, f�gt er nach einer Weile hinzu. �Er h�tte ein zweiter Houdini werden k�nnen, wenn er sich nicht dem komischen Fach verschrieben h�tte. Wenn Sie m�chten, dann zeige ich Ihnen das Material. Sie werden sehen, dass mein Vater ein gro�er Taschenspieler ist, aber mehr leider auch nicht.�</p><p>Ein langes Schweigen.</p><p>�Tja. Das ist ...� Ich suche nach dem passenden Wort.</p><p>�Ern�chternd?�, r�t Christian.</p><p>�Irgendwie schon�, gebe ich zu. �Ich habe ihn zwar nicht f�r einen Heiligen gehalten, und erst recht nicht f�r Gott selbst. Aber manchmal geht so eine besondere Energie von Abel aus. Er hat dann so ein inneres Leuchten, das man nur bei wenigen Menschen versp�rt.� Ich merke, dass Christian diese Wahrnehmung nicht teilt. �Aber vielleicht ist das auch pure Einbildung�, f�ge ich hinzu. �Wir Menschen w�nschen uns ja st�ndig irgendwelche Zeichen, die auf eine andere Welt hindeuten.�</p><p>Er nickt verst�ndig. �Ja, es ist kein Vergn�gen, seiner Illusionen beraubt zu werden, Dr. Jakobi. Aber manchmal ist das leider bitter n�tig.�</p><p>Ich lasse mich ebenfalls auf einen Stuhl sinken und schaue nachdenklich nach drau�en. Eine Eiche, dick mit Schnee bepackt, verdunkelt das Fenster.</p><p>Das Ger�usch schneller Schritte auf dem Steinfu�boden im Gang rei�t mich aus meinen Gedanken. Auch Christian blickt verwundert zur ge�ffneten T�r. Mit wehender Kutte rauscht ein Ordensbruder vorbei. Die Schritte entfernen sich rasch, bis sie fast g�nzlich verstummen. Dann h�rt man das �ffnen einer T�r, die wenig sp�ter wieder geschlossen wird. Und schlie�lich kommen die schnellen Schritte erneut n�her.</p><p>Christian erhebt sich, faltet die H�nde vor der Brust und wartet. Als der eilige M�nch zum zweiten Mal an der T�r vorbeirauscht, schallt Christians kr�ftige Stimme durch das alte Gem�uer: �Bruder Benjamin?</p><p>Seid Ihr das?�</p><p>Man h�rt ein Stolpern, gefolgt von einem dumpfen Aufprall, zugleich ein Klirren und Prasseln, als habe jemand sein Sparschwein geschlachtet.</p><p>Neugierig betreten Christian und ich den Gang, wo ein sehr junger Ordensbruder eilig sein Kleingeld einsammelt. Beim Sturz hat Bruder Benjamin seine Ersparnisse �ber den Boden verteilt. Das Tongef��, in dem er sie aufbewahrt hat, ist zerbrochen.</p><p>�Entschuldige bitte meine Eile�, sagt der junge M�nch. �Aber Bruder Demetrius hat ein Jahrhundertblatt. Und jetzt werfen wir alle zusammen.�</p><p>�Ein Jahrhundertblatt�, wiederholt Christian tonlos.</p><p>�Ja. Wir spielen Poker. Mit deinem Vater. Das hei�t, eigentlich spielt nur noch Bruder Demetrius. Und jetzt hat er deinen Vater endlich so weit.�</p><p>�Mit einem Jahrhundertblatt�, wiederholt Christian. In seinem Mundwinkel ist wieder das nerv�se Zucken zu sehen. �Und du sprichst von Bruder Demetrius, dem Gott, der Herr, im letzten Sommer die Gnade erwiesen hat, neunundneunzig Jahre alt zu werden?�</p><p>Ich ahne, dass Demetrius jener Pater ist, den ich auf dem Foto im Klosterprospekt f�r scheintot gehalten habe.</p><p>Der junge M�nch nickt eifrig. �Bruder Jesse glaubt, dass Gott in seiner grenzenlosen G�te uns auf diesem verschlungenen Wege einen neuen Kastenwagen spendieren m�chte.� Mit unverminderter Eile kratzt Benjamin sein Kleingeld zusammen. �K�nntest du mir vielleicht helfen, Bruder?�</p><p>Christian �berh�rt die Frage. Sein Gesicht hat inzwischen die Farbe eines Kardinalshutes angenommen, die Unterlippe bebt in St�rke 8. Entschlossen schreitet er durch den Gang, um die klostereigene Spielh�lle auszuheben. Da ich dieses Schauspiel nicht verpassen will, schlie�e ich mich rasch an und lasse den armen Bruder Benjamin mit seiner K�rrnerarbeit allein.</p><p>In der Klosterk�che bietet sich uns ein erstaunliches Bild. Die Bruderschaft umringt das Ende einer langen Tafel, an der sich Abel und der greise Bruder Demetrius reglos gegen�bersitzen. Beide haben f�nf Karten auf der Hand, auf dem Tisch liegt eine betr�chtliche Menge Bargeld. Gleich daneben stehen Wein, Bier, diverse selbstgebrannte Schn�pse, au�erdem Brandy, Whisky und eine unge�ffnete Magnumflasche Champagner. Die Zuschauer haben sich mit Drinks versorgt, die meisten rauchen, weshalb die Gesellschaft in dichten Qualm geh�llt ist. Mit ein paar zus�tzlichen kleinen Ver�nderungen w�re das hier auch ein prima Nachtclub.</p><p>�Seid ihr alle wahnsinnig geworden?�, donnert Christian mit purpurnem Gesicht. �Es steht geschrieben: <emphasis>Mein Tempel soll eine St�tte sein, an der alle V�lker zu mir beten k�nnen</emphasis> ...�</p><p>�Psst�, herrscht ihn ein �lterer Pater an. Die anderen nicken schweigend, ohne den Blick vom Spiel zu wenden. Abel schaut irritiert hoch, sieht seinen zornigen Sohn und scheint f�r einen Moment zu �berlegen, ob er das Spiel abbrechen soll. Dann aber wendet er sich doch wieder den Karten zu.</p><p>�... Ihr aber habt eine R�uberh�hle daraus gemacht�, f�hrt Christian ungebremst fort.</p><p>�Jaja. Krieg dich wieder ein, Chris�, erwidert ein uralter, buckliger Pater, der sich auf einen Stock st�tzt und mit der freien Hand einen mehrst�ckigen Brandy balanciert. �Das Spiel ist doch jeden Moment vorbei.�</p><p>Frustriert l�sst Christian sich auf eine Bank sinken und faltet die H�nde zum Gebet. Fast im gleichen Moment �ffnet sich ger�uschvoll die K�chent�r, und Bruder Benjamin erscheint. Hastig legt er ein paar Scheine auf den Tisch und verk�ndet: �Das sind dreihundert. Mir ist der Spartopf runtergefallen. Ich kann aber noch zweihundert besorgen.�</p><p>Demetrius nimmt die Scheine, h�lt sie hoch und blickt fragend zu Abel. Der nickt. �Wenn du sagst, dass dein Bruder f�r zweihundert gut ist, dann ist dein Bruder f�r zweihundert gut.�</p><p>Demetrius legt die Scheine auf den Tisch. Unklar, ob er zittert, weil er nerv�s ist, oder weil er bald hundert wird. �Gut. Dann will ich sehen.�</p><p>Atemlose Stille. Langsam l�sst Abel seine Karten auf den Tisch sinken. Er hat zwei hohe Paare: K�nige und Damen.</p><p>Zitternd legt Demetrius seine Karten ab. Es sind zwei Sieben, eine Neun und ein Bube. Die f�nfte Karte wird vom Buben verdeckt. Demetrius fummelt die fehlende Karte hervor. Es ist die dritte Sieben.</p><p>�Gelobt sei Gott, der Herr!�, ruft jemand erleichtert aus.</p><p>�Im Himmel und auf Erden. Jetzt und in alle Ewigkeit. Amen�, erg�nzt ein anderer.</p><p>Abel nickt Demetrius anerkennend zu: �Gutes Spiel, junger Mann.�</p><p>Der Greis l�chelt zufrieden, schiebt das Geld zu Benjamin und sagt: �Z�hl es bitte, Bruder!� Dann sch�ttet Demetrius sich einen doppelten Scotch ein und kippt ihn in einem Zug runter.</p><p>Christian scheint nicht zu begreifen, was gerade passiert ist. �Hat Bruder Demetrius etwa gewonnen?�, fragt er mich leise.</p><p>�Meiner Sch�tzung nach so um die sechzehntausend�, antwortet Abel, der Christians Frage geh�rt hat.</p><p>Ein Raunen geht durch die K�che.</p><p>�Dann k�nnen wir jetzt nicht nur den gebrauchten Kastenwagen kaufen, sondern sogar neue Werkzeuge f�r die Tischlerei anschaffen�, verk�ndet einer der Patres gl�cklich.</p><p>�Und vielleicht ist sogar eine orthop�dische Matratze f�r Bruder Peter drin�, erg�nzt ein anderer.</p><p>�Nichts da! Ich brauch keine orthop�dische Matratze�, kr�ht der M�nch mit dem Gehstock und sch�ttet sich Brandy nach. �Dieser Quacksalber aus dem Dorf redet Bl�dsinn. Ich bin doch kein alter Mann.�</p><p>Christian starrt in die Runde. Nur langsam scheint er zu verstehen. Wie aus dem Nichts taucht Abel auf und dr�ckt jedem von uns einen Drink in die Hand. Er hebt sein Glas: �Auf Bruder Demetrius, den Cincinnati Kid dieser heiligen Hallen.�</p><p>�Genau sechzehntausendsiebenhundertf�nfzig Euro nach Abzug unserer Eins�tze�, h�rt man Bruder Benjamin triumphierend verk�nden. Begeistertes Getuschel. Der Champagnerkorken knallt. Benjamin reicht einem Kerl mit Knollennase ein dickes B�ndel Geldscheine. Der Knollennasige nimmt den Packen entgegen und verstaut ihn sogleich in einer Metallkiste, die er mit einem �bergro�en Vorh�ngeschloss verrammelt und sich dann unter den Arm klemmt.</p><p>�Warum hast du das getan?�, fragt Christian und stellt sein Glas zur Seite, ohne getrunken zu haben.</p><p>Abel mimt den Unschuldigen. �Was getan?�</p><p>�Wenn wir einen Spieleabend veranstalten, dann ist Demetrius nicht in der Lage, eine Partie Mau-Mau zu gewinnen�, erwidert Christian. �Und heute entpuppt er sich pl�tzlich als ... Pokerk�nig?�</p><p>Abel zuckt mit den Schultern. �Tja. Gottes Wege sind eben unergr�ndlich.� Er wendet sich ab, um der Flasche Brandy zu folgen, die gerade die Runde macht. Christian wirft mir einen skeptischen Blick zu.</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Keine Ahnung, woher das Geld kommt, aber wenn es legal erworben wurde, dann sollten Sie es vielleicht einfach wirklich als ein Geschenk des Himmels betrachten.�</p></section><section><title><p><strong>Gottes Beweise</strong></p></title><empty-line/><p>�Hat dir das Gespr�ch mit Christian eigentlich weitergeholfen?�, fragt Abel, als wir am n�chsten Morgen bei einem kleinen Fr�hst�ck in unserer Schlafwagensuite zusammensitzen.</p><p>Gestern haben wir den Zug in letzter Minute erwischt und sind sofort m�de in die Betten gesunken. Ein paar Drinks zu viel bei der Feier zu Ehren des neuen Pokerk�nigs von Simming haben ihren Tribut gefordert.</p><p>Jetzt sind wir ausgeruht und so fr�h auf den Beinen, dass noch eine halbe Stunde Zeit ist, bis der Zug in Berlin eintreffen wird.</p><p>�Da wir praktisch nur �ber dich gesprochen haben, m�sstest du eigentlich im Bilde sein�, antworte ich. �Oder gab es Funkl�cher bei der Gedanken�bertragung?�</p><p>�Ich dachte, es passt dir nicht, wenn ich deine Gedanken lese�, erwidert Abel.</p><p>�Es passt mir ja auch nicht. Aber das hat dich scheinbar bislang nicht davon abgehalten, es trotzdem zu tun�, antworte ich herausfordernd.</p><p>�Ist ja jetzt auch egal�, sagt Abel. �Gestern war ich jedenfalls derma�en auf das Pokerspiel konzentriert, dass ich mir nicht auch noch euer Gespr�ch anh�ren konnte. Ihr wart also ganz unter euch.</p><p>Ich wei� von nichts.�</p><p>�Interessant�, sage ich in �bertriebenem Tonfall und lehne mich zur�ck.</p><p>�Was ist <emphasis>interessant?�,</emphasis> fragt Abel argw�hnisch.</p><p>�Dass dich deine F�higkeiten immer genau dann im Stich lassen, wenn es dir in den Kram passt.�</p><p>Abel verschr�nkt die Arme vor der Brust und mustert mich eine Weile.</p><p>�Ich kann ja mal raten, was Christian dir gesagt hat�, schl�gt er vor und sieht mich provozierend an.</p><p>Ich mache eine einladende Handbewegung. �Bitte. Ich bin gespannt.�</p><p>�Gut. Die Kurzfassung der Theorie meines Sohnes lautet: Ich bin ein Scharlatan. Wahlweise ein Zyniker, ein Mann, der nicht erwachsen werden will, oder auch: der ewige Clown. Es macht mir also einfach Spa�, die Welt zum Narren zu halten.�</p><p>Sein Gesicht fragt: Na? Habe ich recht? Ich nicke, und er f�hrt fort: �Alles, was ich tue, ist fauler Zauber. Ein bisschen Illusion, ein bisschen Artistik, vielleicht sogar ein bisschen Psychologie. Wer wei� das schon? Jedenfalls lassen sich meine angeblichen Wundertaten problemlos rational erkl�ren. Kurzum: Ein paar Zauberkunstst�ckchen sind kein Beweis daf�r, dass ich tats�chlich Gott bin. Dieser Beweis steht noch aus, und das seit mehr als zwei Jahrzehnten, obwohl ich ihn sehr leicht liefern k�nnen m�sste, wenn ich wirklich derjenige w�re, der ich zu sein behaupte.�</p><p>�Beeindruckend�, sage ich. �Klingt ja fast so, als h�ttest du doch unsere Gedanken gelesen.�</p><p>�Hat Christian dir auch gesagt, warum ich das seltsame Hobby habe, st�ndig die Welt an der Nase herumzuf�hren?�</p><p>�Nein�, erwidere ich. �Aber das ist auch nicht n�tig. Wenn man unterstellt, dass du nicht Gott bist, sondern ein Mensch mit psychischen Problemen, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass du Angst vor dem Verlust der eigenen Identit�t hast, manipulatives Verhalten an den Tag legst und beziehungsgest�rt bist.�</p><p>�Oh. Das h�rt sich nicht gesund an�, sagt Abel, sichtlich am�siert.</p><p>�Ist es auch nicht�, entgegne ich. �Die Symptome deuten auf eine Borderline-St�rung oder auf eine narzisstische Pers�nlichkeitsst�rung hin.�</p><p>Der Anflug von Heiterkeit verschwindet aus Abels Gesicht. Er greift nach seiner Tasse und nimmt einen Schluck, w�hrend er nachdenklich in die fast unwirklich sch�ne Winterlandschaft blickt, die drau�en vorbeizieht. �Das hei�t also, du glaubst ihm. Und mir glaubst du nicht.�</p><p>�Es ist viel verlangt, an einen Gott zu glauben, der ...� Ich �berlege, wie ich Abel schonend beibringen kann, dass er keinen sehr �berzeugenden Herrscher �ber Leben und Tod abgibt.</p><p>�... der so ist wie ich?�, sagt Abel.</p><p>Mein Schweigen best�tigt seine Vermutung. Er blickt wieder hinaus in die Winteridylle und wirkt ratlos.</p><p>�Warum hast du Christian eigentlich nie einen schlagenden Beweis daf�r geliefert, dass du Gott bist?�, frage ich in vers�hnlichem Tonfall.</p><p>Er sieht mich forschend an. �Geht es dir wirklich um Christian, oder h�ttest du gern ganz pers�nlich einen Gottesbeweis?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Eigentlich geht es doch nur darum, dass es eine Menge ungekl�rter Fragen gibt�, sage ich diplomatisch.</p><p>�Ach ja? Welche denn, zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel die, warum du nicht einfach ein paar Casinos sprengst, wenn du es kannst. Mit dem Geld k�nnte man viel Gutes tun, und selbst dein kritischer Sohn m�sste zugeben, dass so was nicht mit ein bisschen Zirkuszauberei zu bewerkstelligen ist.�</p><p>�Gestern habe ich doch eine h�bsche Summe dagelassen�, erwidert Abel.</p><p>�Das war also auch eine von deinen Barabhebungen in der Spielbank?�</p><p>Abel nickt.</p><p>�Wenn das wirklich so leicht f�r dich ist, warum machst du es dann nicht im gro�en Stil? Mit viel Geld kann man auch viel bewegen.� Ich rechne nicht damit, dass Abel mir verr�t, woher das ganze Geld wirklich stammt, aber einen Versuch ist meine Provokation wert. Vielleicht gibt er wenigstens zu, dass seine Argumentation l�chrig ist.</p><p>Er atmet tief durch. �Okay. Nehmen wir mal an, ich mache es. Was w�rde passieren? In jedem Fall h�tte ich die Presse am Arsch. Man w�rde wissen wollen, wie ich es angestellt habe, ein Casino nach dem anderen leer zu r�umen. Und wahrscheinlich w�rde sich auch die Polizei f�r die Antwort interessieren. Was dann? Soll ich denen die Wahrheit sagen?�</p><p>Ich �berlege und schweige.</p><p>�Tun wir mal so, als t�te ich das�, f�hrt Abel fort. �Ich sage denen ganz einfach: Ich bin Gott. Ich kann so was. Was w�rde dann passieren? W�re meine Casino-Nummer Grund genug, mir abzukaufen, dass ich der eigentliche Herrscher der Welt bin? K�men die Vertreter der Weltreligionen zu dem Schluss, dass ich die Wahrheit sage? Glaubst du, dass sie mich zu ihrem gemeinsamen Oberhaupt ernennen w�rden? Dass ab diesem Tag alle Menschen nur noch einen Gott h�tten, egal welcher Religion sie vorher angeh�rten?�</p><p>�Da w�re ich mir jetzt nicht so sicher�, sage ich.</p><p>�Dann sind wir ja einer Meinung. Wahrscheinlicher ist n�mlich, dass man versuchen wird, mich zu diskreditieren, zu verklagen oder gleich zu ermorden. Weil die meisten Menschen n�mlich so ticken wie du und mein Sohn: Sie glauben nicht an einfache L�sungen. Und das hat nichts mit Religionszugeh�rigkeit zu tun, wie du am Beispiel von Christian sehen kannst. Man mag zur Bibel stehen, wie man will, aber in diesem Punkt liegt sie richtig: Schick den Menschen einen Gott, und sie werden einen guten Grund finden, ihn ans Kreuz zu nageln.�</p><p>Ich schweige. �Vielleicht muss dein Gottesbeweis einfach noch imposanter ausfallen�, gebe ich zu bedenken. �Irgendwie ... g�ttlicher. Ich meine: Gut m�glich, dass es nicht ausreicht, ein paar Casinos zu sprengen, um die Menschheit von deiner Existenz zu �berzeugen.�</p><p>�Aha. Und was denkst du, womit man die Welt ver�ndern kann?�, fragt Abel. �Vielleicht mit Naturkatastrophen?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Ich wei� nicht. Ja. Vielleicht.�</p><p>�Okay, was h�ttest du denn gern?�, fragt Abel sp�ttisch. �Eine Sintflut? Eine Seuche? Eine D�rre? Heuschreckenplagen werden auch immer wieder gern genommen. Oder w�rde dir schon eine Sonnenfinsternis reichen?�</p><p>Ich sehe ihn ratlos an. �Keine Ahnung�, sage ich.</p><p>�Merkst du was, Jakob? Es ist gar nicht so leicht, Wunder zu vollbringen, die der Menschheit den richtigen Weg weisen. Wenn beispielsweise die Polkappen nicht sowieso durch die Erderw�rmung schmelzen w�rden, sondern weil ich es ihnen befehle, dann hie�e das noch lange nicht, dass die Menschen deshalb an einen Gott glauben. Eher im Gegenteil.�</p><p>Ich �berlege angestrengt. �Du k�nntest etwas prophezeien�, schlage ich vor. �Ein weltbewegendes Ereignis, von dem ein normaler Mensch nichts wissen kann.�</p><p>�Was hei�t denn: ein normaler Mensch?�, fragt Abel. �Jemand, der etwas Weltbewegendes wei�, dem w�rde man doch zuerst einmal Geheimwissen unterstellen. Oder etwa nicht? Nehmen wir an, ich sage einen B�rgerkrieg in einem kleinen Land voraus. Was w�rde passieren? Ganz einfach: Die schleppen mich in ein Milit�rlager und werden aus mir herauszuquetschen versuchen, woher ich diese Informationen hatte. Und die Erkl�rung, dass ich Gott bin, wird ihnen h�chstwahrscheinlich nicht reichen.�</p><p>�Du musst ja nicht gleich eine derma�en brisante Information ver�ffentlichen ...�, erwidere ich und w�ge im Geiste die M�glichkeiten ab. �Vielleicht w�re es doch besser, eine Naturkatastrophe vorauszusagen.�</p><p>Abel l�chelt. �Gut. Angenommen, im Gro�raum Los Angeles w�rde es in naher Zukunft ein gewaltiges Erdbeben geben. Eine Katastrophe apokalyptischen Ausma�es. Begleitet von Tsunamis und sintflutartigen Regenf�llen w�rden weite Teile der Stadt im Meer versinken. Die Nachrichten s�hen aus, als h�tte Hollywood seine besten Spezialeffekte aufgeboten, um den eigenen Untergang spektakul�r in Szene zu setzen. Aber die Bilder des in den Fluten des Pazifik versinkenden Hollywood-Schriftzuges w�ren bittere Realit�t.�</p><p>�Nicht schlecht�, sage ich und nicke anerkennend. �So k�nnte ein Schuh draus werden.�</p><p>Abel nickt am�siert. �Im Falle einer solchen Katastrophe m�sste ich mich fragen lassen, warum ich sie nicht verhindert habe. Und da ist was dran. Ein Gott, der es n�tig hat, ein paar Millionen Leben zu opfern, um seine Existenz zu beweisen, den braucht kein Mensch.�</p><p>Ich schweige, leicht betreten.</p><p>Abel zuckt mit den Schultern. �Das ist mein Problem�, sagt er. �Wenn ich nicht in diesem K�rper feststecken und langsam meine Kr�fte verlieren w�rde, k�nnte ich dir wahrscheinlich sogar einen �berzeugenden Gottesbeweis liefern. Aber dazu wird es wohl nie kommen, weil du einen Beweis f�r meine Existenz brauchst, bevor du bereit bist, mir zu helfen, diesen Beweis zu liefern.�</p><p>�Stimmt. Da bei�t sich die Katze in den Schwanz�, best�tige ich.</p><p>Wir schweigen eine Weile. Nur das leise Rauschen des Zuges ist zu h�ren. Drau�en wird das Ger�usch von der Winterlandschaft verschluckt. Man kann die Stille am Horizont sp�ren.</p><p>�Was sagt denn dein Bauchgef�hl?�, fragt Abel.</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Mal dieses, mal jenes. Deswegen h�re ich nicht gern auf mein Bauchgef�hl, sondern halte mich lieber an die Fakten.�</p><p>�Das hatte ich bef�rchtet�, sagt Abel und nimmt seinen letzten Schluck Kaffee. �Willst du vielleicht ... aussteigen?�</p><p>Sein Vorschlag �berrascht mich.</p><p>�Ich k�nnte es verstehen�, f�hrt er fort. �Wenn Gott seine Probleme �ber Jahre nicht in den Griff bekommt, wie soll ein Mensch das dann in ein paar Tagen schaffen?�</p><p>�Ich muss eine Nacht dr�ber schlafen�, sage ich. �Ehrlich gesagt, habe ich gerade nicht die leiseste Ahnung, wie ich dir helfen soll.�</p><p>�Ist okay�, sagt Abel. �Denk in Ruhe �ber alles nach, und dann sehen wir weiter. Wenn du aussteigen willst, ist das kein Problem. Es geht ja nur um das Gl�ck der gesamten Menschheit und um die Zukunft des Universums.�</p><p>�Dann ist ja gut�, sage ich.</p><p>Zu Hause erwartet mich �rger. Jemand hat die Eingangst�r zu meiner Einliegerwohnung mit Krimskrams zugestellt. Das Zeug befindet sich unter einer Plane, die ihrerseits inzwischen unter einer Schneedecke verschwunden ist. Sieht aus, als h�tte eine Lawine meinen Wohnungseingang touchiert. Ich bef�rchte, illegal entsorgter M�ll k�nnte sich darunter befinden. Jetzt muss wahrscheinlich ich mich darum k�mmern, dass das Zeug wegkommt.</p><p>Mein Schl�ssel klemmt. Ich stehe kurz vor einem Wutanfall, bem�he mich aber, ruhig zu bleiben. Es hilft ja nichts, wenn ich mich aufrege. Wom�glich bricht mir dann der Schl�ssel ab, und das bringt mich erst richtig in Rage. Wahrscheinlich ist nur Das Schloss eingefroren, denke ich. Ein Blick �berzeugt mich vom Gegenteil. Und etwas anderes registriere ich irritiert: Das Schloss ist neu. Und es stammt, wie ich bei genauerem Hinsehen feststelle, nicht von demselben Hersteller wie mein Schl�ssel.</p><p>Stehe ich etwa vor dem falschen Haus? Ich trete zur�ck, um mich davon zu �berzeugen, dass dies hier tats�chlich meine Wohnung ist. Dabei f�llt mein Blick auch auf das, was ich gerade noch f�r einen M�llhaufen gehalten habe, und es �berkommt mich eine schlimme Vorahnung. Ich befreie ein St�ck der Plane vom Schnee und hebe sie vorsichtig hoch. Meine Vorahnung wird nun Gewissheit. Was da unter der Plane liegt, sind meine wenigen Habseligkeiten. Ein paar Umzugskisten mit Akten, B�chern und Kleidung, au�erdem einige Bilder und kleinere Einrichtungsgegenst�nde. Mehr habe ich nach der Trennung von Ellen nicht mitgenommen. Ich mag es nicht, wenn die M�bel mich an meine gescheiterte Ehe erinnern. Deshalb habe ich auch ein m�bliertes Apartment gemietet. Besser gesagt: Ich hatte es gemietet. Denn klar ist nun auch, dass meine Wohnungst�r tats�chlich ein neues Schloss bekommen hat, weil Ellen in meiner Abwesenheit das alte hat austauschen lassen. Das hier ist ihre ganz pers�nliche Art, unseren Mietvertrag f�r beendet zu erkl�ren. Ich k�nnte nun noch �berpr�fen, ob meine Praxis ebenfalls ein neues Schloss bekommen hat, aber das kann ich mir sparen. Wenn Ellen etwas macht, dann macht sie es richtig. Und da sie sowieso f�r die geleaste Einrichtung der Praxis geb�rgt hat, geh�rt mir dort nicht einmal der Fu�abtreter.</p><p>Leichter Schneefall setzt ein.</p><p>Ich k�nnte Ellens Mailbox jetzt entweder mit einer Hasstirade f�llen oder ausf�hrlich dar�ber jammern, dass sie mich im tiefsten Winter und kurz vor Weihnachten einfach so auf die Stra�e setzt. Ich bin sicher, beide Reaktionen w�rden sie darin best�tigen, dass sie mich mit dem Rauswurf genauso verletzt hat, wie ich sie verletzt habe, als ich nicht nur kein Geld, sondern auch keinen Sex von ihr wollte. Es w�re f�r sie der perfekte Beweis, dass ihre Rache funktioniert.</p><p>Ich beschlie�e, ihr diesen Gefallen nicht zu tun. Als ihre Mailbox anspringt, gebe ich mich aufger�umt und freundschaftlich: �Hi Ellen, hier ist Jakob. Du, ich habe gerade gesehen, dass du meine Sachen auf die Stra�e hast stellen lassen. Vielen Dank daf�r. Ich wollte das sowieso alles wegwerfen. Das sind nur ein paar Akten, deine Liebesbriefe und unsere Hochzeitsfotos. Der ganze alte Plunder kann auf den M�ll. Sag mir doch bitte, was die Abholung gekostet hat oder ob ich mich selbst drum k�mmern soll. Danke! Liebe Gr��e! - Ach, und ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder!�</p><p>Ich beende die Verbindung, atme tief durch und genie�e die klare, kalte Winterluft. Dann bestelle ich ein Taxi und suche unter der Plane nach ein paar Kleidungsst�cken. Mir fallen ein Beutel mit Schuhen, ein Koffer mit W�sche und ein Kleidersack in die H�nde. Gut.</p><p>Den restlichen Kram kann Ellen meinetwegen tats�chlich verbrennen. Ich habe jetzt genug anzuziehen und bin obendrein im Besitz von f�nfzehnhundert Euro, f�r die Abel wahrscheinlich keine Rechnung sehen will. Es gibt Leute, die unter schlechteren Bedingungen ein neues Leben anfangen.</p><p>Ich brauche eine knappe Stunde, um in die Stadt zu kommen. Es wird mir ewig ein R�tsel bleiben, warum mein Bruder unbedingt in Mitte wohnen muss. Es gibt hier kaum B�ume, die Cafes und Gesch�fte sind ganz auf die Bed�rfnisse der �berall herumwimmelnden Touristen zugeschnitten, und entsprechend laut und hektisch geht es auf den Stra�en zu. Muss man sich das alles antun, nur einer repr�sentativen Adresse wegen?</p><p>Das Klingelschild hat die Gr��e eines Kriegerdenkmals und in der Mitte eine W�lbung, hinter der sich eine Kamera befindet, mit der die Hausbewohner anonym entscheiden k�nnen, wer ihre Festung betreten darf.</p><p>�Hallo, Jakob. Was machst du denn hier?� Jonas� Stimme klingt ein bisschen ungehalten. Er scheint in Eile.</p><p>�Kann ich eine Weile bei dir wohnen?�</p><p>Die Kamera scheint zu �berlegen.</p><p>�Ich w�rde dich nicht fragen, wenn ich eine andere Wahl h�tte�, f�ge ich hinzu. �Au�erdem sind es sechs Grad unter null. Und es schneit.�</p><p>Ein Summen. Die T�r �ffnet sich.</p><p>Das Foyer sieht aus wie der Empfangsbereich eines Grandhotels. Auf einem schweren, roten Teppich gelangt man zu den Fahrst�hlen.</p><p>�hnlich gro�z�gig sind auch die Wohnungen bemessen. Mein Bruder hat ein Loft gemietet, das im Grunde aus einem einzigen Raum besteht; der allerdings hat die Gr��e eines Tennisplatzes. Es gibt noch ein Schlafzimmer und zwei B�der, die im Vergleich zu der protzigen Wohnhalle l�cherlich klein wirken. Urspr�nglich wollte Jonas das Loft sogar kaufen, aber Russen und Amis hatten sich bereits alle Objekte unter den Nagel gerissen, kaum dass die Planung des Komplexes begonnen hatte.</p><p>Jonas liebt spartanische Wohnverh�ltnisse. Er besitzt nur ein einziges Bild. Es ist ein Popkunstwerk, das ein Mammut zeigt - ich vermute, in Originalgr��e. Das Mammut hat die undankbare Aufgabe, die riesige Wand gegen�ber der Fensterfront auszuf�llen.</p><p>Vor dem Kamin steht ein schlichtes, hellgraues Sofa. Daneben ein kleiner Tisch mit Fachmagazinen f�r verm�gende Singles. Es geht um sch�ne Frauen, schnelle Autos, Yachten, Chronographen und Waschbrettb�uche. Vom Kamin aus gesehen ist der Essbereich so weit entfernt, dass man den Eindruck hat, auf dem Weg dorthin k�nnte das Wetter umschlagen. Eine strahlend wei� lackierte Tafel mit passenden St�hlen verhei�t gesellige Runden vor der offenen Designer-K�che. Das gute St�ck wartet noch darauf, eines Tages eingeweiht zu werden. Jonas hat das Loft gleich nach der Sanierung �bernommen, und da er entweder ausw�rts isst oder sich was kommen l�sst, ist die perfekt gestylte und funktional h�chsten Anspr�chen gen�gende K�che bislang nicht angetastet worden. Lediglich die eingebauten F�cher f�r Weinflaschen und der K�hlschrank sind in Gebrauch. Ich kenne einige hart arbeitende Hausfrauen, die angesichts einer solchen Verschwendung in Tr�nen ausbrechen w�rden. Und ich vermute, dass auch Jonas� ukrainische Putzfrau mit starken Emotionen zu k�mpfen hat, wenn sie allw�chentlich ein paar Staubk�rner von der Anrichte pustet: Was k�nnte diese K�che nicht alles leisten, wenn man sie nur lie�e?</p><p>�Ich komme gleich!�, ruft Jonas. �Nimm dir was zu trinken oder so.�</p><p>�Kein Problem! Ich hab Zeit!�, rufe ich zur�ck.</p><p>Ich lege meinen Kram zu F��en des Mammuts ab, dabei f�llt mein Blick auf zwei Koffer und einige Reisetaschen, die etwas versteckt neben dem Sofa stehen. Auf einem der Koffer liegt ein Flugschein. Ich sehe gerade noch, dass es sich um ein One-Way-Ticket f�r die 6.20-Uhr-Maschine von Prag nach Havanna handelt, als Jonas erscheint.</p><p>�Entschuldige, ich hab noch einiges zu erledigen, bevor ich abhaue.�</p><p>�Wieso Kuba? Und wieso fliegst du schon morgen fr�h?�, frage ich entgeistert.</p><p>Er nimmt mir den Flugschein aus der Hand, faltet ihn rasch und steckt ihn wortlos in sein Sakko.</p><p>�Ausgerechnet Heiligabend musst du nach Kuba fliegen?�, f�ge ich vorwurfsvoll hinzu. �Was wird aus Mutter?�</p><p>�Ich wollte mich deshalb noch bei dir melden�, erwidert Jonas. �Du musst dich diesmal leider allein um sie k�mmern.�</p><p>�Was zur H�lle ist denn nur passiert, dass du nicht mal einen Tag warten kannst? Au�erdem dachte ich, du wolltest nach Florida.�</p><p>Er wirkt zerknirscht. �Wollte ich auch. Aber ich hab Mist gebaut.�</p><p>�Oh! Wer will deinen Kopf?�, witzele ich. �Das BKA? Die CIA? Interpol?�</p><p>�Schlimmer�, erwidert Jonas. �Eine Frau. Genauer gesagt: die Frau eines Vorstandsmitgliedes.�</p><p>�Lass mich raten: Ihr habt eine Aff�re.�</p><p>�Wir hatten. Und jetzt redet sie sich ein, dass ihre Ehe eine L�ge ist ...�</p><p>�Nicht ganz abwegig, wenn man in Betracht zieht, dass sie ihren Mann betr�gt�, gebe ich zu bedenken.</p><p>�Das ist aber trotzdem noch lange kein Grund, gleich mit mir durchbrennen zu wollen�, sagt Jonas aufgebracht.</p><p>Er sieht mein erstauntes Gesicht und nickt best�tigend. �Ja. Sie m�chte mit mir in die Staaten ziehen.�</p><p>�Und um das zu verhindern, haust du einfach so nach Kuba ab? Ist das nicht ein bisschen ... pubert�r?�</p><p>�Absolut. Aber sie ist eine f�rchterliche Klette. Und in ein paar Tagen w�re ich doch sowieso weg. Vielleicht versteht sie ja auf diese Weise, dass ich ihre Gef�hle nicht erwidere.�</p><p>�Wahrscheinlich wird sie das. Ist allerdings kein netter Zug von dir.�</p><p>Die ebenso dezente wie melodische T�rglocke ert�nt.</p><p>�Das ist mein Taxi�, sagt Jonas. �Was ist? K�mmerst du dich um Mutter?�</p><p>�Was ist mit deinen M�beln?�, frage ich.</p><p>�Die bleiben hier. Wenn du willst, nimm dir, was du brauchst. Der Rest wird entsorgt. Es ist teurer, den Kram verschiffen zu lassen, als dr�ben alles neu zu kaufen.� Er zieht einen Schl�sselbund hervor und reicht ihn mir. �Der Wagen steht in der Tiefgarage. Der Leasingvertrag l�uft Ende des Monats aus, dann holen sie ihn ab. Die Wohnung ist bis Ende Januar bezahlt. Und in der K�che gibt es noch ein paar Flaschen Wein. Bedien dich einfach.�</p><p>Wieder ert�nt die T�rglocke, Jonas huscht in den Gang. �Ja, doch! Ich komme gleich�, h�re ich ihn in die Gegensprechanlage sagen.</p><p>Ich f�hle mich �berrumpelt. Es war zwar klar, dass mir dieser Abschied bevorstehen w�rde, trotzdem kommt das jetzt gerade etwas pl�tzlich.</p><p>Jonas reicht mir ein winziges, in edles Papier geh�lltes P�ckchen. �K�nntest du das bitte Mutter geben? Von mir f�r sie zu Weihnachten.�</p><p>Ich nicke und nehme das Geschenk an mich.</p><p>�Und bitte zu keinem ein Wort, wann, wohin und von wo aus ich fliege. Ich wei� wirklich nicht, wie weit der Liebeswahn dieser Verr�ckten noch geht.�</p><p>Ich nicke. �Ich werde schweigen�, sage ich, und nach einer kleinen Pause f�ge ich hinzu: �Und ich werde mir deinen Wein schmecken lassen.�</p><p>Er l�chelt. �Danke, Bruder.�</p><p>Wir umarmen uns kurz, fast fl�chtig. Im Hause des gro�en Bartholom�us Jakobi galt es als unm�nnlich, wenn M�nner sich k�rperlich n�her kamen, als f�r einen H�ndedruck n�tig.</p><p>�Wann werden wir uns wiedersehen?�, frage ich.</p><p>�Du besuchst mich einfach, wenn alles geregelt ist�, entgegnet Jonas zuversichtlich. Es klingt wie: Irgendwann, wer wei� das schon?</p><p>�Sch�n�, sage ich, als h�tten wir uns gerade fest verabredet.</p><p>Er schnappt sich seine Sachen und ist wenige Sekunden sp�ter im Fahrstuhl verschwunden.</p><p>Ich schlendere zur�ck zur Wohnungst�r und betrete meine vor�bergehende Bleibe: ein riesiges Loft inklusive Sportwagen und kleinem Weinvorrat. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich vor knapp zwei Stunden noch obdachlos war.</p></section><section><title><p><strong>Gottes Wunder</strong></p></title><empty-line/><p>Ich warte aus Gr�nden der Selbstdisziplin bis zum Abend, bevor ich mir ein Glas Wein g�nne. Gl�cklicherweise wird es im Winter fr�h dunkel.</p><p>Ich vermute, Jonas hat mir den einen oder anderen mittelpr�chtigen Tropfen dagelassen. Wahrscheinlich geh�ren die Flaschen zur Sorte jener undankbaren Mitbringsel, die man zwar irgendwie zu schade zum Wegkippen findet, aber lieber auch nicht selbst trinken m�chte. Da ich in meiner momentanen Situation nicht w�hlerisch sein kann, hoffe ich das Beste und werfe einen optimistischen Blick auf das Angebot. Ich bin perplex, denn meine Vermutung entpuppt sich als kompletter Irrtum. Im Regal warten sechs stattliche Flaschen Bordeaux darauf, standesgem�� gek�pft zu werden. Und wenn ich richtigliege, dann ist keine einzige dabei, f�r die man nicht tief in die Tasche greifen m�sste. Ich schnappe mir erfreut einen Pomerol und finde nach kurzem Suchen Rotweinkelche und einen Dekanter, an dem noch das Preisschild baumelt. Mein Bruder ist wirklich ein Snob. W�hrend der Wein atmet, flaniere ich durch die Wohnung und stelle dabei eher zuf�llig fest, dass sich in dem Sideboard neben dem Kamin ein versenkbarer Plasmabildschirm befindet.</p><p>Ich versorge mich mit Wein und zappe durch die Programme. Der Pomerol schmeckt g�ttlich. Im Fernsehen l�uft das Vorweihnachtsprogramm, ein knallbuntes Potpourri aus Messen, Weltnachrichten, Weihnachtsliedern, Verkehrsdurchsagen, Bibelfilmen, Blitzeiswarnungen, Kindersendungen und jeder Menge Tipps rund um die anstehenden Feiertage. Wer immer noch nicht wei�, was er Weihnachten kochen, schenken oder singen soll, der kann es hier erfahren. Nach zehn Minuten Fernsehen f�hle ich mich benebelt, obwohl ich erst zwei Schlucke Pomerol intus habe. Ich muss an Abels Worte denken: Dass der Mensch nie wei�, wann er genug hat. Ich glaube, da ist was dran, denn anders kann ich mir den hektischen und vollkommen �berzogenen Quatsch, der auf allen Kan�len veranstaltet wird, beim besten Willen nicht erkl�ren.</p><p>Mein Handy klingelt. Ich w�rde es gern ignorieren, aber nach diesem Klingeln wird es gleich noch mal klingeln, weil es mir signalisieren m�chte, dass jemand auf die Mailbox gesprochen hat. Und dann wird es wieder klingeln, weil es mich an die Mailboxansage erinnern m�chte. Und das tut es dann aus dem gleichen Grund eine Minute sp�ter noch einmal. All das finde ich derma�en nervt�tend, dass ich lieber gleich rangehe. �Jakobi.�</p><p>�Was machst du gerade?�, fragt Abel.</p><p>�Nichts Besonderes. Warum?�</p><p>�Du wolltest doch �ber meine Therapie nachdenken. Ich dachte, du hast vielleicht eine Frage oder so. Ich will n�mlich gleich ins Kino, und wenn ich einen Film sehe, h�re ich nicht, was sonst noch in der Welt passiert.�</p><p>�Was schaust du dir an?�, frage ich.</p><p>�Irgendeine Kom�die�, sagt Abel sonnig. �Du wei�t doch, in Filmen werden alle R�tsel des Lebens gel�st. Na? Wer hat es gesagt?�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Steve Martin in <emphasis>Grand Canyon.�</emphasis></p><p>�Und? Hast du alle R�tsel des Lebens gel�st?�</p><p>Er lacht. �Was ist jetzt? Kann ich dir irgendwie behilflich sein?�</p><p>�Nein. Geh ruhig ins Kino. Viel Spa�.�</p><p>�Danke.�</p><p>Ich taste nach meinem Pomerol und nehme ein Schl�ckchen. Ein solcher Wein kann einem wirklich helfen, an ein h�heres Wesen zu glauben, denke ich und merke zugleich, dass ich hundem�de bin. Vorsichtig stelle ich den Wein zur�ck, atme erneut tief durch und nicke auf der Stelle ein.</p><p>Der ebenso dezente wie melodische Klang der T�rglocke rei�t mich aus einem traumlosen Schlaf. Es ist stockfinster drau�en, ich muss also mehrere Stunden geschlafen haben. An den Bodenleisten des Lofts leuchten kleine, bl�ulich schimmernde Lampen. Sie scheinen bei Dunkelheit automatisch anzugehen und sollen wohl die Bewohner davor bewahren, sich nachts zu verlaufen. Das schummrige Licht l�sst den Flur wie die Gangway eines UFOs aussehen.</p><p>Wieder die T�rglocke. Ich krame mein Handy hervor. Halb zwei. Wer will denn um diese Zeit meinen Bruder sprechen? Ich bin noch nicht ganz wach, deshalb brauche ich eine Weile f�r den Gedanken: Es ist Jonas� Geliebte! Er hat heute Mittag noch prophezeit, dass sie ihm wahrscheinlich nachstellen wird. Eine Klette hat er sie genannt, und wenn ich mir vor Augen f�hre, wie sp�t es jetzt ist, dann kann ich das nur unterschreiben.</p><p>Zum dritten Mal die T�rglocke. Ich beschlie�e, einfach nicht zu reagieren. In der Wohnung ist es still, und ich habe kein Licht angemacht. Wenn ich mich also weiterhin ruhig verhalte, wird Jonas� entt�uschte Geliebte irgendwann aufgeben und sich trollen.</p><p>Stille. Ich frage mich, wie sie wohl aussehen mag. Mein Bruder hat ein Faible f�r gro�e, superschlanke Frauen, gazellenartige Models, neben denen ein normal gebauter Mann wie der Koloss von Rhodos aussieht. Ob die Frau des Vorstandsvorsitzenden seinem Beuteschema entspricht?</p><p>Noch mal die T�rglocke, diesmal nur kurz. Es scheint, als w�rde die verschm�hte Geliebte langsam aufgeben. Mir f�llt ein, dass ich mittels der �berwachungskamera einen unbemerkten Blick auf sie riskieren k�nnte, wenn ich denn wollte. Aber will ich das?</p><p>Schlie�lich siegt meine Neugier. Leise schleiche ich durch den Flur, aktiviere das Display am Eingang und sehe ... nichts. Vor dem Haus ist lediglich ein leerer, n�chtlicher B�rgersteig zu erkennen.</p><p>Konzentriert betrachte ich das Display und stelle fest, dass man mehrere Perspektiven w�hlen kann, unter anderem eine, die zeigt, wer unmittelbar vor der Wohnungst�r steht. Hat Jonas� Verfolgerin es etwa irgendwie ins Haus geschafft? Und obendrein mitten in der Nacht? Beunruhigt dr�cke ich den entsprechenden Knopf.</p><p>Ich erstarre. Im Display ist das fleischige Gesicht einer d�ster dreinblickenden Mittvierzigerin zu sehen, die obendrein einen gewaltbereiten Eindruck macht. Man sieht, dass sie gerade ihren Arm bewegt, dann ert�nt wieder die T�rglocke. Ich zucke zusammen. Die Frau vor der T�r erinnert nicht mal von ferne an Jonas� bisherige Magermodel-Freundinnen. Sie wirkt eher wie eine osteurop�ische Hammerwerferin. Neben ihm d�rfte <emphasis>sie</emphasis> wie der Koloss von Rhodos aussehen. Kein Wunder, dass mein Bruder bei Nacht und Nebel vor dieser Naturgewalt das Weite gesucht hat. So �hnlich werde ich es jetzt auch machen und mich absolut still verhalten, bis sie gegangen ist.</p><p>Ich verharre und fixiere das Display. Die Frau vor der T�r schaut starr in die Kamera. Man k�nnte meinen, wir w�rden uns ansehen. Nach einer gef�hlten Ewigkeit l�sst sie ihre massigen Schultern sinken und wendet sich ab. Erleichtert atme ich vorsichtig aus. In diesem Moment h�lt sie inne und dreht sich noch einmal um. Ihr Blick ist nun forschend, er scheint mich f�rmlich zu durchdringen. Sieht aus, als w�rde sie sagen wollen: Ich wei�, dass du da bist. Ich kann es f�hlen. Ich kann deinen Atem sp�ren.</p><p>Pl�tzlich haben ihre Augen einen entschlossenen Ausdruck. Sie wendet sich ab und verschwindet aus dem Blickfeld der Kamera. Ich will schon aufatmen, da sehe ich dunkle Schemen �ber den Hausflur huschen. Im n�chsten Moment ist das Krachen und Splittern von Holz zu h�ren. Die Eingangst�r fliegt mir entgegen und schleudert mich gegen die Garderobenwand, wo ein einsamer Mantel meinen Aufprall nur unwesentlich abmildert. Im gleichen Moment schie�t mir ein Schwall Blut aus der Nase, w�hrend vier schwarz vermummte und schwerbewaffnete SEK-M�nner in die Wohnung st�rmen und sie rasch zu durchsuchen beginnen.</p><p>Dann taucht auch Jonas� vermeintliche Geliebte auf. Sie schreitet gelassen durch die geborstene Eingangst�r, sieht mein l�diertes Gesicht und zieht ein Funkger�t hervor. �Alles klar. Wir haben ihn. Er lebt, hat aber ein bisschen was auf die Nase gekriegt. Schickt den Arzt hoch. Danke. Ende.�</p><p>Nebenan ist eine Maschinengewehrsalve zu h�ren. Dann taucht einer der SEK-Beamten auf und wirft der Frau meine Reisetasche und den Kleiderbeutel vor die F��e.</p><p>�Die Wohnung ist sauber�, sagt er zu ihr und wendet sich danach an mich: �Entschuldigung, einer meiner M�nner ist heute etwas nerv�s, weil er bald Vater wird. Er hat aus Versehen auf Ihr Mammut geschossen.�</p><p>Ich signalisiere mit einem Nicken, dass ich es nicht krummnehme.</p><p>Die Frau deutet auf mein Gep�ck. �Wollten Sie etwa verreisen?�, fragt sie s�ffisant, zieht einen Ausweis hervor und h�lt ihn in die H�he. �Jutta Kroll, Hauptkommissarin. Ich leite diesen Fall.� Sie greift erneut in ihre Tasche und zeigt mir ein Schreiben, bevor sie es auf die Anrichte legt. �Das ist der Durchsuchungsbeschluss. Wir interessieren uns nur f�r Papiere und Bargeld. M�chten Sie kooperieren?�</p><p>Ich sch�ttele andeutungsweise den Kopf, weil ich gerade damit besch�ftigt bin, nicht an meinem eigenen Blut zu ersticken.</p><p>�Habe ich mir fast gedacht�, erwidert Hauptkommissarin Kroll. �Wie dem auch sei, Sie m�ssen sowieso mitkommen.� Sie zieht ein weiteres Blatt Papier aus der Tasche und liest vor: �Jonas Jakobi, ich verhafte Sie hiermit wegen Urkundenf�lschung, Untreue, Betrug, Kursmanipulation, Bilanzf�lschung und Einbruch in bankinterne Informationssysteme zwecks Abwicklung unautorisierter Handelsgesch�fte.�</p><p>Ich muss laut lachen. Dann wird mir schwarz vor Augen.</p><p>Ich erwache in einem Krankenwagen und erkenne den schlaksigen Typen wieder, der mich um Haaresbreite bei meiner letzten Nasen-OP ins Jenseits bef�rdert h�tte. Dr. Kessels, wenn ich mich recht entsinne.</p><p>�Wie sp�t ist es?�, will ich wissen.</p><p>�So gegen halb drei�, antwortet er. �Sie waren nur kurz ohnm�chtig. Wie f�hlen Sie sich?�</p><p>�Okay�, sage ich und versuche zu ertasten, ob meine Nase noch an ihrem Platz ist. Dabei sp�re ich, dass der Arzt mir Tampons in die Nasenl�cher gestopft hat.</p><p>�Sieht schlimmer aus, als es ist. Diesmal hat Ihre Nase ausnahmsweise mal nichts abgekriegt. Ich vermute, der Schreck hat die Blutung ausgel�st. Nur ein paar geplatzte �derchen. Wollen Sie trotzdem eine Schmerztablette?�</p><p>�Haben Sie mir die noch nicht weggenommen?�, frage ich.</p><p>Er lacht und sch�ttelt den Kopf. �Nein, ich hab jetzt wieder Amphetamine. Die sind sowieso besser als Analgetika. Deshalb k�nnen Sie so viel Schmerzmittel haben, wie Sie wollen. M�chten Sie?�</p><p>�Danke, nein. Wo bringen Sie mich eigentlich hin?�, frage ich.</p><p>�Aufs Pr�sidium. Die Kommissarin will Sie dringend sprechen.�</p><p>Ich verziehe widerwillig das Gesicht.</p><p>�Was haben Sie denn ausgefressen?�, fragt er.</p><p>�Nichts�, erwidere ich im Brustton der �berzeugung.</p><p>Er lacht. �Das kenne ich. Dann brauchen Sie folgende drei S�tze: Daran kann ich mich leider nicht erinnern. Das ist mir nicht bekannt. Und: Hierzu m�chte ich mich nicht �u�ern.�</p><p>�Danke. Werde ich mir merken�, sage ich.</p><p>�Und lassen Sie sich nicht in die Enge treiben�, r�t er. �Diese Kroll sieht nicht nur aus wie ein Profi-Wrestler, die hat auch schon einige schwere Jungs auf die Matte geschickt, hab ich mir sagen lassen.�</p><p>Das Verh�rzimmer ist karg m�bliert. Ein Tisch, zwei St�hle, in der Ecke ein einsamer Farn. An der Wand h�ngt eine Karte von Berlin, daneben eine �berdimensionale Wanduhr, deren lautes Ticken die Stille zerhackt. Ich bin sicher, man hat das Modell bewusst gew�hlt, um die Wartenden zu zerm�rben.</p><p>Mich pers�nlich zerm�rbt das Klacken des Sekundenzeigers kein bisschen. Mein Elternhaus war voll von solchen Uhren, denn Bartholom�us Jakobi war zwar ein Trinker, aber einer von der p�nktlichen Sorte.</p><p>Ein junger Beamter hat Kaffee und Wasser gebracht. Ich sitze da mit meinen Tampons in den Nasenl�chern und sehe wahrscheinlich aus wie das Warzenschwein Pumbaa aus dem <emphasis>K�nig der L�wen. </emphasis>Die T�r geht auf, und Hauptkommissarin Kroll erscheint. M�sste man ihr ebenfalls ein Tier zuordnen, w�re es wohl der Yeti. Oder Chewbacca aus <emphasis>Krieg der Sterne.</emphasis></p><p>Sie pfeffert meinen Pass auf den Tisch und baut sich vor mir auf. �Sie sind nicht Jonas Jakobi. Sondern sein Bruder Jakob.�</p><p>�Sie sollten bei der Polizei anfangen�, erwidere ich. �Ich glaube, Sie haben einen ausgepr�gten detektivischen Sp�rsinn.�</p><p>�Hey! Ein Witzbold!�, ruft sie theatralisch und l�sst sich auf den Stuhl fallen. Das M�belst�ck �chzt unter der Last ihres K�rpers. �Keine Sorge. Ihnen wird das Lachen hier ganz schnell vergehen. Das verspreche ich Ihnen.�</p><p>Zwei Stunden sp�ter ist mir das Lachen immer noch nicht vergangen. Ich wei� inzwischen, dass mein Bruder mit seinen Spekulationsgesch�ften die m�rchenhafte Summe von drei Milliarden Euro verzockt hat. Damit geh�rt er zu den Topkriminellen des Casinokapitalismus, weshalb damit zu rechnen ist, dass er nach einer moderaten Haftzeit von vier bis sechs Jahren mit B�chern, Filmen und Vortragsreisen eine Menge Geld verdienen wird. Es w�re sogar denkbar, dass ihm Letzteres gelingt, ohne zuvor in den Knast zu wandern, wenn er es heute schafft, Hauptkommissarin Chewbacca zu entwischen. Kuba liefert gew�hnlich nicht aus, und falls Jonas clever genug war, wenigstens ein paar Hunderttausend Euro von dem vielen Geld f�r sich selbst abzuzwacken, dann d�rfte es locker f�r einen Neustart in der Karibik reichen. Ich g�nne es ihm. Und ich werde mein Bestes tun, ihm die Flucht zu erm�glichen. Irgendwie ist mir ein Betr�ger als Bruder fast lieber, als es jener Musterknabe war, den Jonas uns immer vorgespielt hat.</p><p>Die vergangenen zwei Stunden sind auch an der Kommissarin nicht spurlos vor�bergegangen. Sie l�sst zum wiederholten Male neuen Kaffee kommen, w�hrend sie sich mit den Fingerspitzen die Schl�fen massiert.</p><p>�Sie sollten sich eine Weile hinlegen�, sage ich. �Sie sehen m�de aus.�</p><p>Sie h�lt inne und blickt mich ver�chtlich an. �Ich wei�, dass Ihr Bruder Europa noch nicht verlassen hat. So was habe ich im Gef�hl. Und ich wei� auch, dass Sie mir sagen k�nnen, welchen Flug er gebucht hat.�</p><p>�Wer sagt �berhaupt, dass er fliegen will?�, antworte ich.</p><p>�Will er denn?�, fragt sie lauernd.</p><p>Ich l�chle nachsichtig. �Ich plaudere hier mit Ihnen aus lauter Freundlichkeit�, sage ich und fahre mit gespielter Strenge fort: �Wenn Sie mir st�ndig bl�d kommen, dann verweigere ich die Aussage. Rechtlich gesehen darf ich das. Es handelt sich ja schlie�lich um meinen Bruder.�</p><p>Sie beugt sich vor. �Glauben Sie wirklich, dass Sie so einfach davonkommen w�rden? Ich krieg Sie dran wegen Beihilfe.�</p><p>Es klopft. Ein �lterer Mann in Zivil steckt den Kopf durch die T�r. �Jutta, kannst du mal bitte kommen? Wir haben da was.�</p><p>Kroll �berlegt einen Moment, dann sagt sie: �Nur zu. Wir haben schlie�lich vor Herrn Dr. Jakobi nichts zu verbergen.�</p><p>Der Beamte tritt ein. Ich ahne nichts Gutes.</p><p>�Wir haben das Passwort f�r den Computer von Jonas Jakobi geknackt. Er wollte eine Bahnreise buchen f�r heute Nacht, hat die Buchung aber abgebrochen.�</p><p>�Interessant�, sagt Kroll. �Wo sollte es denn hingehen?�</p><p>�Paris. Flughafen Charles-de-GauIle.�</p><p>Die Kommissarin mustert mich. �Stimmt das mit Ihren Informationen �berein, Dr. Jakobi?�</p><p>Ich blicke instinktiv zur Uhr. Kurz vor f�nf. Noch eineinhalb Stunden bis zu Jonas� Abflug. Kann also nicht schaden, wenn die Soko erst mal in Paris nach ihm sucht. Kroll folgt meinem Blick und scheint zufrieden mit der Reaktion.</p><p>�Wir �berpr�fen alle Fl�ge nach �bersee, die in den kommenden drei Stunden starten�, ordnet sie an, schnappt sich ihre Tasse und ist im n�chsten Moment mit dem Kollegen durch die T�r verschwunden.</p><p>Ich kann mir ein m�des, aber zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Mein Bruder hat doch tats�chlich die gro�artige Idee gehabt, eine falsche F�hrte zu legen. Eigentlich sollte man von einem Topbetr�ger nichts anderes erwarten, aber ich bin dennoch beeindruckt. Fragt sich jetzt nur, ob seine Finte die Polizei lange genug besch�ftigt.</p><p>Leider bringt uns der Umweg �ber Paris nur eine knappe halbe Stunde, dann sitzt Hauptkommissarin Kroll schon wieder vor meinem Tisch. Ihre Kollegen haben die Passagierlisten in Paris �berpr�ft und nichts gefunden. Auch der Computerabgleich des Fahndungsfotos mit den Bildern der �berwachungskameras hat ergeben, dass Jonas in den letzten zw�lf Stunden den Flughafen Charles-de-Gaulle nicht betreten hat.</p><p>Daraus schlie�t die Kommissarin messerscharf, dass sie von Jonas reingelegt worden ist. Und sie hat noch eine Theorie: Wenn man links ant�uscht, dann will man wahrscheinlich in die rechte Ecke schie�en. Kroll glaubt deshalb, dass Jonas Paris als K�der ausgelegt hat, weil er sich in die entgegengesetzte Richtung vom Acker machen will. Also liegt der gesuchte Flughafen ihrer �berzeugung nach in Osteuropa. Von Berlin aus gesehen kommen da ihrer Meinung nach nicht allzu viele gro�e Flugh�fen in Betracht. Fragt sich nur, ob Jonas vielleicht einen kleineren Flughafen angesteuert hat und/oder ob er vielleicht mit falschen Papieren reist.</p><p>Die Details beiseitegelassen, kommt die Kommissarin mit ihren Vermutungen der Wahrheit bedenklich nahe. Mir wird mulmig zumute.</p><p>Es klopft, dann �ffnet sich die T�r. Ich erstarre. Der Besucher ist Abel Baumann. Er tr�gt einen gutsitzenden, offenbar teuren Anzug und hat einen schwarzen Diplomatenkoffer dabei.</p><p>�Wer sind Sie?�, fragt Kroll br�sk. �Und was machen Sie hier?�</p><p>Abel zieht eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines edlen Sakkos und reicht ihr das St�ck Papier. �Ich m�chte bitte mit meinem Mandanten alleine sprechen.�</p><p>Die Kommissarin nimmt die Karte und nickt wenig begeistert. Dann verl�sst sie den Raum mit den Worten: �Zehn Minuten. Und erkl�ren Sie ihm, wie ernst die Lage ist.�</p><p>Kaum ist die T�r geschlossen, da legt Abel seinen Zeigefinger an die Lippen und bedeutet mir, mich zu setzen. Er zieht einen Zettel hervor und schiebt ihn �ber den Tisch. Ich lese: <emphasis>Die h�ren mit. Also sei vorsichtig, was du jetzt erz�hlst!</emphasis></p><p>W�hrend ich den Zettel studiere, sagt Abel betont entspannt: �Sch�n, Jakob. Freut mich, dich zu sehen. Dann w�ren wir ja jetzt unter uns.�</p><p>Ich nicke und erwidere: �Gut, dass du da bist. Die l�chern mich schon seit Stunden. Ich wei� gar nicht, was die von mir wollen, es geht doch hier nicht um mich, sondern um meinen Bruder.�</p><p>Abel nickt zufrieden und bedeutet mir mit einem Zwinkern, dass wir auf dem richtigen Weg sind. �Das schon, aber die glauben nat�rlich, dass du wei�t, wohin er sich absetzen will.�</p><p>�Das wei� ich ja auch�, erwidere ich. �Aber das muss ich denen ja nicht auf die Nase binden, oder?�</p><p>�Nein. Es k�nnte dir zwar Scherereien ersparen und sich f�r deinen Bruder strafmildernd auswirken, aber es ist dein gutes Recht, die Klappe zu halten. Au�erdem m�sste ich sowieso vorher mit denen reden, falls du ...�</p><p>�Nein. Ich will Jonas nicht verpfeifen�, unterbreche ich und schaue zur Uhr. Viertel vor f�nf. Wenn die Polizei noch mal eine halbe Stunde Zeit verliert, dann ist Jonas so gut wie weg.</p><p>�Kann ich verstehen�, erwidert Abel. �Dann verweigerst du ab jetzt bitte einfach die Aussage, und ich beeile mich, dich hier so schnell wie m�glich rauszuholen.� Er steht auf.</p><p>�Warte mal. Was wird denn juristisch aller Wahrscheinlichkeit nach auf mich zukommen?�, frage ich und kritzele nebenbei auf Abels Zettel: <emphasis>Wir brauchen noch eine halbe Stunde.</emphasis></p><p>Abel nimmt das St�ck Papier, nickt und legt es sorgf�ltig in seinen Diplomatenkoffer. �Das kann ich dir nicht so genau sagen, Jakob. Die Angelegenheit hat ja auch eine politische Dimension. Diese Hauptkommissarin Kroll wird sicher nicht gut auf dich zu sprechen sein, wenn du ihren Fahndungserfolg zunichtemachst. Im Zweifelsfall wird sie versuchen, dich wegen Beihilfe dranzukriegen, vermute ich.�</p><p>�Ja. Das hat sie schon gesagt�, merke ich an.</p><p>�Das sagen die immer�, erwidert Abel. �Hei�t aber noch lange nicht, dass sie damit auch durchkommen.�</p><p>Ich schaue auf die Uhr. Abel folgt meinem Blick.</p><p>�Wenn du willst, dann verhandele ich mit ihnen.� Vielsagend f�gt er hinzu: �K�nnte aber eine Viertelstunde dauern. Vielleicht sogar l�nger.�</p><p>Ich nicke. �Gut. Fragen kostet ja nichts.�</p><p>Abel braucht leider keine zehn Minuten, um von der Kommissarin garantiert zu bekommen, dass ich straffrei ausgehe, wenn ich plaudere.</p><p>Es ist kurz vor sechs, als ich vorgebe, z�hneknirschend meinen Bruder zu verraten: �Jonas wollte wirklich nach Paris. Aber nicht, um von dort aus zu fliegen. Er hat in Paris den Zug nach Marseille genommen. Er will sich mit einem Schiff nach Nordafrika absetzen.�</p><p>Kroll wirkt genervt. �Nordafrika ist gro�. Wo genau will er denn da hin?�</p><p>�Keine Ahnung�, erwidere ich. �Er klang nicht sehr w�hlerisch.�</p><p>�Und k�nnte es obendrein sein, dass er irgendwo als blinder Passagier an Bord geht und die Passage cash bezahlt?�, fragt Kroll schnippisch. �Auf diese Weise w�re er dann auch auf keiner Passagierliste zu finden.�</p><p>�Was wei� denn ich?�, gebe ich unwirsch zu Protokoll. �Ja. M�glich.�</p><p>Der Blick der Kommissarin durchbohrt mich. �Wenn Sie mir hier Mist erz�hlen, dann buchte ich Sie f�r lange Zeit ein. Das schw�re ich Ihnen.�</p><p>Ich zeige mein sch�nstes Pokerface.</p><p>�Wann wollte er denn weg?�, will Kroll wissen.</p><p>�Ich denke mal, heute Morgen.�</p><p>Sie merkt, dass es keinen Sinn hat, mich noch l�nger auszuquetschen, und wendet sich ab mit den Worten: �Wir m�ssen s�mtliche Schiffe, die heute Morgen in Marseille mit Ziel Nordafrika ablegen, filzen.�</p><p>�Aber das ist Wahnsinn�, h�re ich einen ihrer Kollegen sagen, bevor sich die T�r schlie�t.</p><p>Abel sieht mich an und nickt fast unmerklich. Es ist ein anerkennendes Nicken. �Ich versuche uns noch mal einen frischen Kaffee zu besorgen�, sagt er aufger�umt.</p><p>Zehn Minuten sp�ter sitzen wir entspannt beisammen und warten darauf, dass Kroll zwar Jonas in Marseille nicht findet, mich aber trotzdem laufen lassen muss, weil sie mir nicht beweisen kann, dass ich sie angelogen habe. Zu diesem Zeitpunkt sind es nur noch sieben Minuten, bis mein Bruder �ber alle Berge ist.</p><p>Pl�tzlich fliegt die T�r auf. Kroll und ein Kollege, das Handy am Ohr, st�rmen ins Zimmer. Vor Schreck versch�tte ich meinen Kaffee.</p><p>�Wir wissen, dass es Prag ist. Und wir wissen, dass er falsche Papiere hat�, bellt sie. �Eine �berwachungskamera hat ihn heute Morgen gefilmt, aber er taucht auf keiner Passagierliste auf. Unter welchem Namen reist er?�</p><p>Da ich wirklich keine Ahnung habe, zucke ich mit den Schultern.</p><p>�Dann sagen Sie mir jetzt, welche Maschine es ist.�</p><p>Sie sieht mein best�rztes Gesicht und wiederholt: �Welche Maschine?�</p><p>Sie beugt sich �ber den Schreibtisch und schiebt dabei Abels Koffer zur Seite, der zwar herunterf�llt, aber von Abel geistesgegenw�rtig aufgefangen wird. Da der Koffer nicht verschlossen war, fallen zwei Kugelschreiber und ein kleines Blatt Papier heraus. Es segelt zu Boden. Bevor Abel es einsammeln kann, ist f�r einen kurzen Moment meine Notiz von vorhin zu sehen: <emphasis>Wir brauchen noch eine halbe Stunde.</emphasis></p><p>Kroll starrt auf den Zettel, dann sieht sie mich an. Ein ebenso triumphierender wie hasserf�llter Blick. Ich muss schlucken. Sie schaut zur Uhr, dann zu Abel. Dann schlie�t sie die Augen und rechnet fieberhaft.</p><p>�Es ist eine Maschine, die in den n�chsten zehn Minuten abhebt�, sagt sie zu ihrem Kollegen, der nun leise in sein Handy spricht.</p><p>�Der Kollege in Prag sagt, dass zwei Maschinen auf der Startbahn stehen, die beide passen k�nnten. Eine nach Mexiko, eine nach Kuba. Sechs Uhr zwanzig, und drei Minuten sp�ter.�</p><p>�Sie sollen beide Maschinen aufhalten�, ordnet Kroll an. Sie sieht mir dabei direkt in die Augen. Ich wei� nicht, ob sie erkennen kann, wie bitter mir diese Niederlage schmeckt. Zwei Minuten h�tten wir noch gebraucht, vielleicht drei. Mehr nicht. Drei verdammte Minuten.</p><p>Krolls Kollege nimmt das Handy vom Ohr. �Der Kollege in Prag sagt, er stoppt die Maschinen nicht auf gut Gl�ck. Sie sollen den betreffende Flug nennen, sonst kriegen beide Maschinen Starterlaubnis.�</p><p>Ich sp�re Hoffnung in mir aufkeimen. Kroll sieht mir immer noch in die Augen. �Mexiko oder Kuba?�, fragt sie drohend.</p><p>Ich blicke zu Abel, der mir aufmunternd zunickt. Sch�n, dass er mir vertraut, aber gerade geht mir der Arsch m�chtig auf Grundeis.</p><p>�Mexiko oder Kuba�, wiederholt Kroll nachdr�cklich.</p><p>�Du musst jetzt auf dein Bauchgef�hl h�ren.� Ich schaue ihn an und wei� gerade nicht, ob er das wirklich gesagt hat. Ich habe jedenfalls nicht gesehen, dass sich seine Lippen bewegt haben.</p><p>Ich blicke der Kommissarin in die Augen und versuche zu ergr�nden, was in ihr vorgeht. Ich muss auf mein Bauchgef�hl h�ren, denke ich. Sekunden, die mir wie Minuten vorkommen, dann lese ich in ihrem Gesicht das Wort: <emphasis>L�ge.</emphasis> Und im gleichen Moment wei� ich, was zu tun ist.</p><p>�Kuba�, sage ich mit fester Stimme.</p><p>�Geht doch.� Sie nickt erfreut, wendet sich an ihren Kollegen, der gerade in sein Handy sprechen will, und stoppt ihn mit einer energischen Handbewegung.</p><p>�Mexiko�, sagt sie. �Es ist die Maschine nach Mexiko.�</p><p>Der Beamte schaut sie irritiert an. �Aber er hat doch gerade gesagt ...�</p><p>�Stoppen Sie den Flug nach Mexiko�, unterbricht sie barsch. �Ich wei�, was ich tue. Die Maschine nach Kuba kann starten.�</p><p>Sie w�rdigt mich keines weiteren Blickes. Hocherhobenen Hauptes verl�sst sie das Zimmer. Der Beamte mit dem Handy folgt ihr schulterzuckend und gibt ihre Order an den Prager Kollegen weiter.</p><p>Abel macht ein zufriedenes Gesicht.</p><p>Ein paar Minuten sp�ter, wir haben uns bereits auf einen baldigen Aufbruch eingestellt, erscheint erneut die Kommissarin. Wieder fliegt die T�r auf, diesmal sieht Kroll aus, als w�re sie gerade einen Marathon gelaufen. �Das zahle ich Ihnen heim. Ich bringe Sie hinter Gitter, das garantiere ich Ihnen�, st��t sie mit hochrotem Kopf hervor. �Ihr sauberer Bruder ist �ber alle Berge. Sie haben es also geschafft!</p><p>Gratuliere!�</p><p>�Und wof�r wollen Sie meinen Mandanten einsperren?�, fragt Abel betont entspannt. �Daf�r, dass er Ihnen die Wahrheit gesagt hat? In Anwesenheit mehrerer Zeugen? Ich an Ihrer Stelle w�rde das nicht an die gro�e Glocke h�ngen.�</p><p>Kroll schnaubt ver�chtlich. Auch ihr ist klar, dass sie das Spiel verloren hat. Sie schie�t einen letzten, hasserf�llten Blick ab und verschwindet.</p><p>Einen Moment herrscht Schweigen, dann atme ich tief durch.</p><p>�Alles okay?�, fragt Abel besorgt.</p><p>�Danke. Alles bestens�, sage ich m�de, aber gl�cklich. �Lass uns abhauen.� �Vielleicht nimmst du erst mal die Dinger aus der Nase�, erwidert Abel.</p></section><section><title><p><strong>Gottes Wege</strong></p></title><empty-line/><p>Der Winter hat die Stadt fest im Griff. Der Verkehr kriecht. Auf den eisglatten B�rgersteigen versuchen dick eingemummte Menschen, heil durchs Gewimmel zu kommen. Es w�re ein ganz gew�hnlicher Morgen an einem ganz gew�hnlichen ungem�tlichen Dezembertag, wenn nicht Weihnachten unmittelbar bevorst�nde. Der Gedanke daran, dass die Menschen heute Abend das Fest der Liebe zelebrieren werden, scheint die Welt zumindest ein paar frostige Atemz�ge lang zu einem besseren Ort zu machen. Daran �ndert auch nichts, dass unterm Tannenbaum nicht nur geherzt und gek�sst, sondern auch gestritten und gepr�gelt wird. Es ist der Gedanke, der z�hlt. Und vielleicht ist das auch schon das ganze Geheimnis.</p><p>Diesmal scheint Abel tats�chlich meine Gedanken lesen zu k�nnen. �Falls du heute Abend nicht wei�t, wohin, dann melde dich einfach. Mein Bauwagen ist dein Bauwagen.�</p><p>�Danke. Aber ich muss mich um Mutter k�mmern. Wird nicht leicht, ihr klarzumachen, dass Jonas heute nicht dabei sein kann.�</p><p>�Du k�nntest sie bel�gen�, empfiehlt Abel.</p><p>�Das sowieso. Glaubst du, ich hab vor, ihr auf die Nase zu binden, dass ihr Lieblingssohn ein international gesuchter Verbrecher ist?�</p><p>�Wie gesagt: Falls du es dir anders �berlegst ...�</p><p>�Danke�, sage ich. �Und danke auch f�r eben.�</p><p>Abel nickt, hebt die Hand zum Gru� und verschwindet im Get�mmel.</p><p>Ich �berlege, dass es klug w�re, meine Klamotten aus Jonas� Wohnung zu holen, bevor ich zu Mutter fahre. Sonst muss ich n�mlich sp�ter noch mal in die Stadt. Vielleicht w�re das aber auch gar nicht so schlecht, denke ich. Auf diese Weise h�tte Mutter heute Mittag ein bisschen Zeit f�r sich.</p><p>Als ich vor meinem Elternhaus stehe, schn�rt mir der Anblick die Kehle zu. So verschneit und vertr�umt, wie das imposante Anwesen gerade daliegt, beschw�rt es die Erinnerung an unbeschwerte Kindertage herauf. An Schlittenfahrten, Schneeballschlachten und einen Bernhardiner namens Nepomuk, der viele Jahre zur Familie geh�rte, bis Mutters exzessiver Zigarettenkonsum ihn dahinraffte. Nepomuk starb an einer Raucherlunge, Mutter gew�hnte sich die Zigaretten daraufhin ab. Wir verdanken dem Hund also immerhin ein paar rauchfreie Jahre.</p><p>Ein Fenster in der oberen Etage wird ge�ffnet.</p><p>��berlegst du, ob du vor dem richtigen Haus stehst, oder hast du mein Geschenk vergessen?�, ruft Mutter. �Komm lieber rein, sonst denken die Nachbarn noch, dass ich dich an Heiligabend vor die T�r gejagt habe.�</p><p>Bevor ich antworten kann, wird das Fenster wieder geschlossen.</p><p>�Sch�n, dass ich dich noch sehe�, sagt sie, als ich das Haus betrete. Sie dr�ckt mir einen schnellen Kuss auf die Wange.</p><p>Mein Blick f�llt auf einen Koffer, der im Flur steht. �Was ist das?�</p><p>�Ein Koffer.�</p><p>�Das sehe ich. Aber was hat es damit auf sich?�</p><p>Sie l�chelt verschmitzt. �Ich will Jonas �berraschen. Deshalb fliege ich gleich nach Florida.�</p><p>�Aber ... das ... ist ...�, stottere ich entsetzt.</p><p>�Er hat mich gestern noch vom Bahnhof aus angerufen und mir erkl�rt, dass da dieser Weihnachtsempfang in der Bank stattfindet und der Vorstand von ihm erwartet, dass er seine neuen Mitarbeiter begr��t. Aber er klang irgendwie traurig. Deshalb habe ich mir letzte Nacht �berlegt, dass ich einfach hinfliege und die Feiertage mit ihm verbringe.�</p><p>�Aber ... das ist viel zu weit�, sage ich hilflos.</p><p>�Nein. Wegen der Zeitverschiebung gewinne ich sechs Stunden. Und Jonas muss ja am Nachmittag sowieso noch zu diesem Empfang in der Bank. Inzwischen werde ich ihm sein Leibgericht kochen.�</p><p>�Und was ist mit mir?�, frage ich vorwurfsvoll. Ich bin gerade so perplex, dass mir kein vern�nftiges Argument gegen ihren Plan einf�llt. Deshalb schrecke ich nicht davor zur�ck, sie moralisch unter Druck zu setzen.</p><p>�Komm doch einfach mit�, sagt sie. �Gestern gab es noch gen�gend freie Pl�tze im Internet. Wenn du willst, k�nnen wir gleich mal nachschauen.�</p><p>Ich starre sie ratlos an. Was mache ich jetzt?</p><p>�Wenn dir der Flug zu teuer ist, dann schenke ich ihn dir einfach zu Weihnachten�, sagt sie mit einem milden L�cheln. �Ungew�hnliche Situationen erfordern manchmal ungew�hnliche Ma�nahmen.�</p><p>Ich lasse mich auf dem Treppenabsatz nieder.</p><p>�Was ist denn?�, fragt sie verstimmt. �Sag jetzt bitte nicht, dass du beleidigt bist, weil ich deinen Bruder am Weihnachtsabend in diesem v�llig fremden Land nicht allein lassen m�chte.�</p><p>�Jonas ist nicht in Florida�, bringe ich m�hsam hervor.</p><p>�Doch, das hat er mir gestern selbst gesagt.� Sie kramt einen Hochglanzprospekt aus ihrer Tasche und zeigt ihn mir. Es ist eine Brosch�re, mit der potenzielle K�ufer f�r Luxusapartments in Miami geworben werden sollen. �Und schau! Ich wei� sogar, wo er wohnt.�</p><p>�Mutter, Jonas ist nicht in Florida. Er hat ein paar berufliche . Probleme, wollte dich damit aber nicht behelligen.�</p><p>Sie wirkt kein bisschen verunsichert, eher ein wenig ver�rgert. �Jakob, was redest du da schon wieder f�r einen Quatsch?�</p><p>�Das ist kein Quatsch. Ich m�chte dich davor bewahren, geschlagene zehn Stunden im Flieger zu sitzen, nur um dann herauszufinden, dass dein Sohn nicht da ist, wo du ihn vermutest.�</p><p>Sie greift ganz selbstverst�ndlich nach ihrem Mantel und erwidert am�siert: �Ach, Jakob! Du hast dir schon als Kind immer seltsame Geschichten ausgedacht, um deinen Bruder in Schwierigkeiten zu bringen. Wei�t du noch, wie du Jonas einen ganzen Tag lang im Keller eingesperrt hast? Wir sollten glauben, dass er von zu Hause weggelaufen ist. Erst als wir die Polizei rufen wollten, hast du kalte F��e bekommen und alles gestanden.�</p><p>Ich beschlie�e kurzerhand, Mutter jetzt den gleichen B�ren aufzubinden, den Jonas mir aufgebunden hat: Dass sein Job ihm gegen den Strich geht. Dass er in den Staaten neu anfangen will. Dass er sich nach einem ruhigen Leben abseits der stressigen Hochfinanz sehnt. Mutter hat ja eben selbst gesagt, dass ungew�hnliche Situationen ungew�hnliche Ma�nahmen erfordern. Also mache ich ein zerknirschtes Gesicht und beginne mit meiner L�gengeschichte.</p><p>Sie h�rt ruhig zu, �berlegt dann einen Moment und folgert blitzschnell: �Dann ist Jonas also doch in Miami.�</p><p>�Ja und nein�, improvisiere ich. �Er wollte in Ruhe �ber seine Zukunft nachdenken. Deshalb hat er sich ein Wohnmobil gemietet, um �ber die Keys zu fahren.�</p><p>Sie sieht mich mit einem fast mitleidigen Blick an.</p><p>�Ausgerechnet an Heiligabend?�, hakt sie argw�hnisch nach.</p><p>�Ausgerechnet an Heiligabend�, best�tige ich nickend.</p><p>Sie h�lt mir ihren Mantel hin, damit ich ihr helfen kann, hineinzuschl�pfen.</p><p>�Warum erz�hlst du mir solche M�rchen?�, fragt sie. �Jonas hat mir gesagt, dass du bei ihm wohnst, weil du gerade mittellos bist und quasi auf der Stra�e stehst. Dankt man seinem Bruder eine solche Gro�z�gigkeit, indem man L�gen �ber ihn verbreitet?�</p><p>Mein schwerkrimineller Bruder br�stet sich damit, mich vor der Obdachlosigkeit zu bewahren. Jonas hat wirklich Nerven.</p><p>Es klingelt.</p><p>�Das wird mein Taxi sein�, sagt Mutter und sortiert Schal und Halstuch.</p><p>�Schick es wieder weg�, bitte ich. �Ich sage dir jetzt endg�ltig die Wahrheit: Jonas hat in der Bank ein paar klitzekleine Buchungsfehler gemacht. Deshalb ermittelt m�glicherweise die Polizei gegen ihn. Und weil er seine Unschuld beweisen will, wird er die Weihnachtstage durcharbeiten.�</p><p>�Umso mehr braucht er meine Unterst�tzung�, sagt sie prompt. Ihr Ton l�sst keinen Zweifel dar�ber, dass sie auch diese Geschichte f�r eine glatte L�ge h�lt. Ich glaube ihr sogar anzumerken, dass sie nicht einmal eine Sekunde dar�ber nachgedacht hat, ob nicht vielleicht doch ein F�nkchen Wahrheit darin stecken k�nnte.</p><p>Es klingelt erneut. Mutter �ffnet, und der Taxifahrer erscheint, um das Gep�ck zu holen. Mit den Worten �Ich komme sofort� l�sst sie ihn vorgehen. Sie schlie�t die T�r, nimmt aber die Hand nicht von der Klinke.</p><p>�Jakob, ich habe nicht erwartet, dass du mich begleitest�, sagt sie. �Es war dir schon immer unangenehm, Hilfe von deiner eigenen Familie anzunehmen. Ich vermute, du hast eine dubiose Angst vor emotionaler Abh�ngigkeit. Aber was wei� ich schon? Ich bin ja nur deine Mutter und war au�erdem fast vierzig Jahre mit einem der wichtigsten Psychologen des letzten Jahrhunderts verheiratet.�</p><p>Ich nutze ihre Atempause, um meine letzte Munition abzufeuern: �Glaub mir, Mutter! Jonas hat wirklich gro�e Schwierigkeiten. Er musste untertauchen. Deshalb ist er nicht in Miami.�</p><p>Sie h�rt mir �berhaupt nicht zu. �Aber du sollst wissen, dass ich das akzeptiere. Ich f�nde es zwar sch�n, wenn wir Weihnachten zu dritt verbringen k�nnten, aber die Dinge sind nun mal nicht immer so, wie man sich das vielleicht w�nscht.�</p><p>�Jonas hat die Bank um viel Geld betrogen�, fahre ich fort.</p><p>Sie reicht mir den Hausschl�ssel. �Ich hab dein Bett frisch bezogen, und der K�hlschrank ist brechend voll. Als Jonas mich anrief, hatte ich schon alles eingekauft. Wenn du willst, dann kannst du gern noch ein paar Leute einladen. Es ist genug da.�</p><p>�Jonas wird wohl nicht mehr nach Deutschland zur�ckkehren, weil ihm hier mehrere Jahre Knast drohen�, gebe ich noch zu Protokoll.</p><p>Sie dr�ckt mir einen Kuss auf die Wange. �Frohe Weihnachten, mein Sohn. Und lass nicht wieder �berall die Lichter brennen.�</p><p>Sie �ffnet die T�r, tippelt durch den Schnee zu dem wartenden Taxi und winkt noch einmal kurz. Ich winke mechanisch zur�ck und schaue dem davonfahrenden Wagen nach. Erst als das Gef�hrt l�ngst au�er Sichtweite ist, lasse ich den Arm sinken. Ich f�hle mich bet�ubt, und das nicht nur der K�lte wegen. H�tte ich Mutter noch st�rker davon abhalten m�ssen, diese Reise anzutreten?</p><p>Fr�stelnd betrete ich das Haus und ziehe die T�r ins Schloss. Zugleich beschlie�e ich, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Vielleicht begreift Mutter ja auf diese Weise, dass Jonas nicht der ist, f�r den sie ihn h�lt. Au�erdem ist sie eine robuste Natur. Ich gehe fest davon aus, dass die Wahrheit �ber ihren Sohn sie nur kurzzeitig aus der Bahn werfen wird. Vielleicht sitzt sie heute Abend in einem kleinen Hotelzimmer in Miami und bl�st Tr�bsal. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie in das n�chstbeste Luxushotel eincheckt, ihren Frust mit ein paar Cocktails heruntersp�lt und sich danach ein Festessen und einige tr�stliche Beautybehandlungen g�nnt.</p><p>Bevor ich zu Jonas fahre, um meine Sachen zu holen, werfe ich einen Blick in den K�hlschrank. Mal sehen, ob das Angebot wirklich so �ppig ist, dass ich Abel zum Essen einladen kann. Wenn ich ihn vorhin richtig verstanden habe, dann hat er heute Abend auch noch nichts vor. Und f�r mich w�re es eine gute Gelegenheit, ihm f�r seine anwaltliche Hilfe zu danken.</p><p>Als mir beim �ffnen des bis zum Platzen gef�llten K�hlschranks eine Tr�ffelsalami entgegenrollt, wei� ich, dass Mutter ausnahmsweise mal nicht �bertrieben hat. Mit dem Angebot k�nnte man problemlos ein Luxusrestaurant er�ffnen. Es gibt Austern, Kaviar, Krustentiere, verschiedene Braten und Pasteten, Gefl�gel, diverse feine Salate und au�erdem edlen K�se f�r den gediegenen Ausklang des Abends. Ein kaltes Buffet der Superlative, das nur noch serviert werden muss. Mutter vermeidet es zwar seit Jahren, den Herd zu benutzen, l�sst es sich aber an Weihnachten grunds�tzlich nicht nehmen, die Lieferung ihres Feinkosth�ndlers eigenh�ndig anzurichten. Warum sie das macht, ist Jonas und mir bis heute ein R�tsel, weil sie sonst selbst f�r ihren Canasta-Abend eine Studentin engagiert, die Knabberzeug nachf�llt und H�ppchen reicht.</p><p>Auf der Anrichte neben dem K�hlschrank finde ich au�erdem diverse Brotsorten sowie eine ganz ansehnliche Weinauswahl. Abel kann also kommen. Ich beschlie�e, ihm einen Besuch abzustatten, sobald ich meine Sachen geholt habe.</p><p>Jonas� Wohnung ist von der Polizei versiegelt worden. Ich z�gere einen Moment, das Siegel zu brechen. Dass mir eine Geldstrafe bl�hen k�nnte, schreckt mich nicht, weil ich sowieso kein Geld habe. Aber kann man f�r so was eingebuchtet werden?</p><p>Ich komme zu dem Schluss, dass ich keine Wahl habe. Wenn ich Hauptkommissarin Kroll jetzt erz�hle, dass ich meine W�sche aus der Wohnung holen m�chte, weil ich sonst nur das besitze, was ich am Leib trage, wird sie ganz bestimmt daf�r sorgen, dass mein n�chster W�schewechsel erst im kommenden Jahr stattfindet. Und ich w�sste nicht, wer sonst mir an Heiligabend den gesetzeskonformen Zugang zu Jonas� Loft erm�glichen k�nnte. Ich hoffe also f�r den schlimmsten Fall auf einen milden Richter, �ffne die T�r und zerrei�e dabei das beh�rdliche Siegel. Wenn ich mich beeile und nicht in flagranti erwischt werde, stehen die Chancen bestimmt ganz gut, dass ich ungeschoren davonkomme.</p><p>Die SEK-Leute haben ganze Arbeit geleistet. Das Sofa sieht wie ein zerrupfter Riesenvogel aus. Vor dem Sideboard mit dem versenkbaren Plasmabildschirm liegen Filmh�llen und DVDs. Das Kaminholz gleich daneben ist ebenso auseinandergepfl�ckt worden wie mein Gep�ck. Nun liegen meine Klamotten verstreut zwischen allerlei Kram, den die Beamten aus irgendwelchen Ecken geholt und dann einfach achtlos hingeworfen haben. W�hrend ich mein Hab und Gut einsammele, f�llt mein Blick auf das gro�formatige Bild mit dem Mammut. Die Kugeln des nerv�sen Beamten haben das Tier direkt zwischen den Sto�z�hnen erwischt. Saubere Arbeit.</p><p>Ich bin schon wieder auf dem Weg zum Ausgang, da denke ich: Falls ich gerade wirklich eine Haftstrafe riskiere, dann w�re es bl�d, Jonas� Wein dazulassen. Erstens geh�rt er mir sowieso, weil ich ihn geschenkt bekommen habe, und zweitens ist es f�r das Ermittlungsverfahren bestimmt v�llig unerheblich, welchen Weingeschmack mein Bruder hat. Ich verstaue die verbliebenen f�nf Flaschen also in meinem Gep�ck und mache mich dann endg�ltig auf den Weg.</p><p>Als ich den Hausflur betrete, stehe ich pl�tzlich vor einer jungen Frau. Sie ist um die drei�ig, schlank und dunkelblond. Offenbar hat sie auf mich gewartet. Ich sehe, dass unter ihrem braunen Zottelmantel schwarze Moonboots hervorlugen. Wahrscheinlich eine Kollegin von Hauptkommissarin Kroll. Die junge Polizistin hatte den Auftrag, mich zu observieren, und wird mich jetzt wegen Einbruchs in eine beh�rdlich versiegelte Wohnung festnehmen. Wie konnte ich Idiot auch nur so bl�d sein zu glauben, dass der Fall f�r Kroll mit meiner Entlassung abgeschlossen sein w�rde? Ich h�tte ein luxuri�ses Weihnachtsfest haben k�nnen. Jetzt lande ich stattdessen bestimmt in einer Zelle mit einem Soziopathen, der seine ganz speziellen Vorstellungen vom Fest der Liebe hat. Selbst schuld.</p><p>�Ist Herr Jakobi vielleicht da?�, fragt die junge Frau mit leiser Stimme.</p><p>�Jonas Jakobi?� Ich bin �berrascht.</p><p>�Das ist doch seine Wohnung�, sagt sie. Es klingt eher wie eine Frage.</p><p>�Ja�, erwidere ich und kombiniere, dass sie keine Polizistin sein kann, wenn sie nicht wei�, dass Jonas l�ngst abgehauen ist.</p><p>�Er musste pl�tzlich verreisen�, erkl�re ich und f�ge vage hinzu: �Wird wohl f�r l�nger sein.�</p><p>�Verstehe�, sagt sie gedehnt und �berlegt.</p><p>Ich ziehe die T�r hinter mir ins Schloss, denn da ich nun wohl doch nicht verhaftet werde, w�rde ich mich gerne aus dem Staub machen, bevor ich mein Gl�ck �berstrapaziere.</p><p>�Sie sind sein Bruder, oder?� Diesmal klingt es eher wie eine Feststellung. �Ich finde, Sie sehen ihm sehr �hnlich.�</p><p>�Darf ich fragen, wer das wissen will?�</p><p>�Oh, Entschuldigung. Ich bin Hanna Kaufmann. Jonas und ich, wir kennen uns aus der Bank.� Sie wirkt verlegen.</p><p>�Sie sind mit ihm befreundet�, rate ich.</p><p>�Wir ...� Sie atmet tief durch. �Nein. Um ehrlich zu sein: Wir haben eine Aff�re. Oder besser gesagt: Wir hatten.�</p><p>Schlagartig wird mir klar, dass ich vor der Frau des Vorstandsvorsitzenden stehe. Jonas� Geliebte ist also keine Erfindung. Wobei sie nicht den Eindruck macht, eine Stalkerin zu sein. In dieser Hinsicht hat mein Bruder wahrscheinlich wieder mal �bertrieben, um glaubhaft zu machen, dass er wegen dieser Frau das Land verlassen muss.</p><p>Egal, nicht mein Bier. Ich beschlie�e, sie abzuwimmeln. �Wie gesagt, mein Bruder ist nicht da. Ich habe gerade nur ein paar private Dinge aus der Wohnung geholt. Leider kann ich Ihnen also nicht helfen.�</p><p>Ich gehe an ihr vorbei, und weil ich nicht in ein Gespr�ch verwickelt werden will, w�hrend ich auf den Fahrstuhl warte, steuere ich die Treppe an.</p><p>�Sie wissen nicht zuf�llig, wo ich ihn finden kann?�</p><p>�Nein. Bedauere�, l�ge ich. �Er hat seine Zelte hier komplett abgebrochen. Ich glaube, er will eine Weltreise machen oder so.�</p><p>�Er hat Probleme, nicht wahr?� Sie sagt es schnell und leise.</p><p>�Keine Ahnung. Das m�ssen Sie ihn schon selbst fragen.�</p><p>�W�rde ich ja gern, aber ich kann ihn nicht erreichen.�</p><p>Kein Wunder. Jonas� Handy hat die Polizei einkassiert. Er war nat�rlich klug genug, es nicht mitzunehmen.</p><p>Ich ziehe die Schultern hoch. �Wie gesagt: Tut mir leid.�</p><p>Ich wende mich wieder ab, doch sie will mich noch nicht gehen lassen. �Sie k�nnten ihm nicht zuf�llig eine Nachricht �bermitteln?� In ihren Augen ist Verzweiflung zu sehen. �Es w�rde mir viel bedeuten. Sehr viel.�</p><p>�Ich habe auch gerade keinen Kontakt zu ihm�, sage ich. �Aber falls er anruft, kann ich ihm selbstverst�ndlich etwas ausrichten. Ich wei� nur nicht, wann das sein wird. Ehrlich gesagt, wei� ich nicht einmal, ob er mich �berhaupt anruft.�</p><p>�Sie scheinen meine einzige Chance zu sein�, stellt sie fest und l�chelt unsicher. Sie hat ein h�bsches L�cheln. �Also muss ich es wohl darauf ankommen lassen, oder?�</p><p>�Okay. Was soll ich ihm denn ausrichten?�</p><p>�Dass ich schwanger bin.�</p><p>Mein Bruder sammelt also gerade Probleme wie andere Leute Rabattmarken, denke ich.</p><p>�Ich erwarte nichts von Jonas, nur damit das klar ist�, f�hrt sie fort. ��berhaupt gar nichts. Ich spekuliere nicht einmal darauf, dass er sich meldet. Aber er soll wissen, dass er Vater wird. Ich m�chte mir sp�ter nicht vorwerfen lassen, dass ich es ihm verschwiegen habe.�</p><p>Ich bin erstaunt, dass sie so ruhig bleibt. Was wird nun aus ihrer Ehe? Kann ihr Mann damit leben, dass seine Frau ein Kind von einem Angestellten erwartet, der obendrein die Bank ausgepl�ndert hat? Oder wird sie sich scheiden lassen und das Kind allein aufziehen?</p><p>Ich k�nnte sie fragen, aber ich will nicht unh�flich sein. Die Sache geht mich nichts an. Ich nicke also und sage: �Ich werde es Jonas ausrichten, falls er sich meldet. Das verspreche ich Ihnen.�</p><p>�Danke�, erwidert sie, fischt gl�cklich eine Visitenkarte aus ihrem Mantel und reicht sie mir.</p><p>Ich werfe einen fl�chtigen Blick darauf. Es ist ihre Gesch�ftskarte.</p><p>�Assistentin?�, lese ich verwundert.</p><p>�Ja. Ich bin seine Assistentin.�</p><p>Interessant. �Und Sie sind nicht verheiratet, sch�tze ich.�</p><p>�Nein.� Sie sch�ttelt den Kopf, dann stutzt sie. �Aber ich habe Jonas gleich zu Beginn unserer Liaison gesagt, dass ich seine Ehe nicht gef�hrden werde, falls Sie darauf anspielen. Ich wei�, dass er mit Annabel seine Jugendliebe geheiratet hat. Und ich wei� auch, dass sie sehr lange gelitten hat, weil sie keine Kinder bekommen kann, wegen dieses verdammten Gendefekts, den niemand erforscht, weil er so selten vorkommt.�</p><p>Annabel? Jugendliebe? Gendefekt? Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass mein Bruder nicht einmal davor zur�ckschreckt, sich eine pers�nliche Trag�die anzudichten, nur um seine Assistentin ins Bett zu kriegen.</p><p>�Ja, schlimme Geschichte�, sage ich und mache ein ernstes Gesicht. Das hier ist weder der passende Ort noch der richtige Moment, um Hanna reinen Wein einzuschenken. Au�erdem soll Jonas das machen, schlie�lich geht es um <emphasis>seine</emphasis> Exgeliebte und <emphasis>sein</emphasis> Kind.</p><p>�Danke, das Sie mir helfen�, sagt sie und vergr�bt die H�nde in ihren Manteltaschen. Sie wirkt allein und ein bisschen verloren.</p><p>Ich frage mich, ob sie jemanden hat, mit dem sie den heutigen Abend verbringen wird. Ich lege zwar �berhaupt keinen Wert darauf, mich um Jonas� schwangere Exfreundin zu k�mmern, k�nnte es aber auch nicht verantworten, wenn sie Weihnachten mutterseelenallein feiern m�sste. Falls es also in ihrem Leben wirklich niemanden gibt, au�er einem steckbrieflich gesuchten Kriminellen, der gerade in der Karibik hockt, werde ich ihr zumindest anbieten, heute mein Gast zu sein.</p><p>�Haben Sie eigentlich Verwandte?�, frage ich.</p><p>Sie nickt. �Ich fahre gleich nach Hamburg. Die Feiertage verbringe ich immer bei meinen Eltern.�</p><p>�Das freut mich�, erwidere ich und verberge meine Erleichterung.</p><p>Sie z�gert einen Moment. �Ich frage mich nur, ob ich den beiden von der Schwangerschaft erz�hlen sollte, oder lieber nicht.�</p><p>Das muss sie schon selbst entscheiden, denke ich und schweige.</p><p>�Soll ich?�, fragt sie.</p><p>�Was spr�che denn dagegen?�, entgegne ich diplomatisch.</p><p>�Die Umst�nde sind nicht gerade ... ideal�, antwortet sie.</p><p>�Wieso das nicht? Sie k�nnen Ihren Eltern zwar keinen Schwiegersohn pr�sentieren, aber immerhin ein Enkelkind. Das ist doch was.�</p><p>Sie l�chelt. �Stimmt. So kann man es auch sehen.�</p><p>�Weihnachten ist das Fest der Liebe�, f�ge ich hinzu. �Ein guter Moment, um Ihren Eltern zu sagen, dass sie Gro�eltern werden. Und was die Sache mit Jonas betrifft. Wer wei�, vielleicht ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.� Ich bei�e mir auf die Unterlippe, weil ich mich gerade definitiv zu weit aus dem Fenster gelehnt habe. Vielleicht merkt sie es nicht, denke ich.</p><p>�Meinen Sie wirklich?�, hakt sie hoffnungsfroh ein.</p><p>Ich seufze. �Keine Ahnung. Fahren Sie nach Hamburg, denken Sie in Ruhe �ber alles nach, sprechen Sie mit Ihren Eltern und genie�en Sie die Feiertage. Alles Weitere wird sich zeigen. Ich w�nsche Ihnen frohe Weihnachten.�</p><p>�Ja. Frohe Weihnachten�, sagt sie mit einem nachdenklichen Nicken.</p><p>Auf dem Heimweg frage ich mich, wie Jonas wohl reagieren wird, wenn er h�rt, dass Hanna ein Kind von ihm erwartet. Wenn ich fr�her �ber mein Leben nachgedacht habe, dann schien es mir selbstverst�ndlich, dass ich eines Tages eine Familie haben w�rde. Anders bei Jonas. Er war in meiner Vorstellung immer der ewige Sonnyboy. Man kann ihn sich als �lteren Mann mit gef�rbten Haaren und zwei blutjungen Frauen im Schlepptau vorstellen, nicht aber als verantwortungsvollen Familienvater, der brav Elternabende besucht und am Wochenende mit seiner Familie ins Gr�ne f�hrt. Jetzt wird er Vater, w�hrend mein j�ngster Versuch eines b�rgerlichen Lebens gerade spektakul�r gescheitert ist.</p><p>Das Zischen der U-Bahn-T�ren rei�t mich aus meinen Gedanken.</p><p>Abel Baumann betritt den Waggon, und dabei f�llt mir siedend hei� ein, dass ich �ber das Gespr�ch mit Hanna den geplanten Besuch bei ihm vergessen habe. Er setzt sich neben mich.</p><p>�Was f�r ein Zufall�, sagt er, ohne im mindesten �berrascht zu sein.</p><p>�Wei�t du etwa, dass ich dich f�r heute Abend zum Essen einladen will?�, frage ich verbl�fft.</p><p>�Woher soll ich das wissen?�, erwidert Abel. �Glaubst du etwa, ich kann Gedanken lesen oder was? Aber das passt mir ganz gut. Rein zuf�llig habe ich noch nichts vor und k�nnte gleich mitkommen.� Er grinst.</p><p>Ich muss ebenfalls grinsen. Heiligabend, sp�ter Nachmittag. Ich habe Wein, ich habe saubere W�sche, und ich bin auf dem Weg zu einem Gourmetessen. Au�erdem werde ich den Abend in Gesellschaft eines Mannes verbringen, der behauptet, Gott zu sein. Nach menschlichem Ermessen kann das zwar nicht stimmen, aber es ist trotzdem eine sch�ne Vorstellung.</p></section><section><title><p><strong>Gottes K�setafel</strong></p></title><empty-line/><p>Wir diskutieren l�nger als eine halbe Stunde dar�ber, wie man den Inhalt des K�hlschranks in ein halbwegs sinnvolles Men� verwandeln k�nnte. Einig sind wir uns, dass am Anfang die Austern stehen sollen, begleitet von einem Glas Champagner. W�hrend Abel dieser Vorspeise aber ein St�ck Pastete mit dunklem Brot und mildem Chutney folgen lassen m�chte, um dann zu Lachs und Garnelen �berzugehen, halte ich es f�r besser, dass wir zun�chst die maritime Seite des K�hlschranks komplett abarbeiten, um uns dann nach Pastete, Braten, Schinken und Salami auf die K�sespezialit�ten freuen zu k�nnen. Wie sich in der Diskussion herausstellt, hat es uns beiden die exzellente K�seauswahl am meisten angetan. In gewisser Weise bedauern wir sogar, dass sie erst am Ende des Abends auf dem Programm stehen wird.</p><p>�Dann lass uns doch einfach das ganze Chichi weglassen und nur K�se mit Baguette auftischen�, schl�gt Abel vor. �Dazu k�pfen wir nacheinander deine Spitzenrotweine und schauen uns im Fernsehen irgendeinen Quatsch an. Heute l�uft meines Wissens die Bibelverfilmung von John Huston. Mit John Huston als Noah.� Abel grinst. �Pomp�s und schw�lstig, aber genau deshalb auch wahnsinnig komisch.�</p><p>Guter Plan. Ich bin einverstanden.</p><p>Zwanzig Minuten sp�ter sind die Vorbereitungen f�r den Heiligabend erledigt. Abel hat eine Flasche Wein entkorkt und dekantiert, eine zweite holt schon mal Luft. Ich habe mich inzwischen um die K�seplatte gek�mmert. Ein Brett, gro� wie ein Wagenrad, steht nun auf dem Couchtisch vor dem Fernseher. Man muss aufpassen, dass man nicht schon vom blo�en Hinsehen satt wird. Mutter hat wieder einmal zu viel eingekauft. Auch das ist eine ihrer Angewohnheiten. Als mir bewusst wird, dass der K�se im K�hlschrank keine sichtbare L�cke hinterlassen hat, frage ich mich, wer diesen Berg von Lebensmitteln eigentlich essen soll. Das meiste wird wohl vergammeln. Wirklich schade drum.</p><p>Der Glockenschlag von <emphasis>Big Ben</emphasis> ert�nt. Es ist die T�rklingel. Mutter hat keinen besonderen Bezug zu London. Sie findet es einfach nur originell, bekannte Melodien zu missbrauchen. So �hnlich hat sie auch die Klingelt�ne f�r ihr Handy ausgesucht. Wenn Jonas anruft, spielt das Ding <emphasis>We are the champions.</emphasis> Im Falle meines Anrufs h�rt man <emphasis>Hit the road, Jack.</emphasis></p><p>Mutter findet so was lustig.</p><p>�Das ist die T�rklingel�, rufe ich Abel zu, der gerade im Wohnzimmer besch�ftigt ist. �Ich schau mal kurz nach, wer das ist.�</p><p>�Alles klar�, antwortet Abel.</p><p>An der T�r erwarten mich drei Herren mit Violinen. Bevor ich verstehe, was vor sich geht, beginnen die Instrumente <emphasis>I�m dreaming of a white Christmas</emphasis> zu schluchzen. Ich h�re eine Version des Evergreens, die so zuckers�� ist, dass man Karies davon bekommen k�nnte. Immerhin passt die Darbietung gut zu diesem idyllischen, winterlichen Villenviertel.</p><p>W�hrend ich noch �berlege, wo Mutter f�r solche F�lle das Kleingeld aufbewahrt, verstummen die Violinen mit einem letzten, langen Seufzer. Der mittlere der Musiker nimmt den Hut vom Kopf und tritt vor.</p><p>�Frohe Weihnachten, der Herr�, w�nscht er in einem leichten osteurop�ischen Akzent. Ich vermute, dass ich drei original ungarische Teufelsgeiger vor mir habe.</p><p>�Meine Br�der und ich m�ssen eine sehr gro�e Familie ern�hren. Wenn Sie also f�r uns eine Kleinigkeit er�brigen k�nnten, dann w�ren wir Ihnen sehr verbunden. Wir nehmen �brigens alle g�ngigen Kreditkarten.� Er entbl��t eine Reihe Goldz�hne. �Nur ein kleiner Scherz, der Herr.�</p><p>Ich nicke und bedeute den dreien, zu warten. Auf dem Weg zu Mutters Groschengrab begegnet mir Abel, der offenbar mitgeh�rt hat.</p><p>�Warum gibst du ihnen nicht einfach was von unseren Vorr�ten?�, fragt er. �W�re doch schade drum. Und wir k�nnen sowieso nicht alles essen.�</p><p>�Sehr gute Idee. Ich frag die drei�, antworte ich und bin schon wieder auf dem Weg zur T�r.</p><p>�Ich pack dann schon mal was zusammen�, ruft Abel mir hinterher.</p><p>�Nehmen Sie auch Lebensmittel?�, frage ich die Musiker.</p><p>Die Teufelsgeiger tauschen skeptische Blicke. Ihr Sprecher deutet eine Verbeugung an, dann r�uspert er sich. �Guter Herr, es ist so: Manche Ihrer Landsleute erwarten, dass wir f�r ein altes St�ck Brot mit Schmierwurst vor Dankbarkeit auf die Knie fallen. Ich hoffe, Sie nehmen es mir deshalb nicht �bel, wenn ich h�flich frage: Was haben Sie denn so anzubieten?�</p><p>Der Kerl gef�llt mir. �Durch gewisse Umst�nde wird das heutige Festessen in diesem Haus kleiner ausfallen als geplant�, erkl�re ich. �Deshalb haben wir noch frische Austern, Garnelen und Lachs im Angebot. Au�erdem Pasteten, Schinken, Braten und nat�rlich ganz frisches Brot.�</p><p>Ich schaue in die zweifelnden Gesichter der Teufelsgeiger.</p><p>�Kein Witz�, sage ich. �K�nnen Sie alles haben.�</p><p>Das ungl�ubige Schweigen h�lt noch eine kurze Weile an.</p><p>�Sehr gern�, antwortet dann der Sprecher der drei und zeigt hocherfreut seine Goldz�hne.</p><p>In der K�che treffe ich Abel. Er hat drei gro�e Pappkisten aufgetrieben und prall mit Lebensmitteln gef�llt. Auf den ersten Blick ist klar, dass der Inhalt der Kisten unm�glich im K�hlschrank gewesen sein kann. Das ist rein physikalisch ein Ding der Unm�glichkeit.</p><p>Abel bemerkt meine Verwunderung. Rasch schlie�t er die K�hlschrankt�r. �Du kannst das nicht wissen, aber die drei m�ssen zusammen �ber zwanzig Leute versorgen�, erkl�rt er. �Das hier reicht f�r die Feiertage. Dann m�ssen sie nicht noch mal raus bei dem Sauwetter.�</p><p>�Na ja. Ist ja schlie�lich Weihnachten�, erwidere ich, als w�re das ein Freibrief f�r wundersame Essensvermehrungen au�er der Reihe. Was ich eigentlich meine, ist: Ich werde mir an Heiligabend nicht dar�ber den Kopf zerbrechen, wie Abel jetzt schon wieder die Sache mit den Lebensmitteln gedeichselt hat. Das muss Zeit haben bis morgen.</p><p>�Genau�, sagt Abel beschwingt.</p><p>Als wir den Musikern die Kisten reichen, lasse ich meinen Blick �ber die Lebensmittel wandern und stelle fest, dass noch etwas fehlt: der Wein, den Mutter gekauft hat.</p><p>�Moment�, sage ich und verschwinde nochmals in der K�che.</p><p>Als ich dem Sprecher zwei Flaschen in die Lebensmittelkiste lege, wirft der einen Blick darauf und nickt anerkennend. �Oh. Ein Pouilly-Fuisse. Toller Wein, vielleicht ein bisschen �berteuert, verglichen mit einigen anderen nicht ganz so ber�hmten Burgundern. Aber trotzdem, ich bin beeindruckt.�</p><p>Ich ebenfalls. Es wundert mich, dass ein Stra�enmusiker mit abgewetztem Mantel ein solcher Weinkenner ist.</p><p>Er sieht mir an, was ich denke. �Wir haben nicht immer auf der Stra�e gespielt�, sagt er. �Als es den eisernen Vorhang noch gab, da waren wir in den Konzerts�len Osteuropas bekannt wie bunte Hunde. Ein paar Jahre lang haben wir gelebt wie die K�nige.� Ein letztes Mal l�sst er die Goldz�hne blitzen. �Tja. So �ndern sich die Zeiten. Frohe Weihnachten.�</p><p>�Frohe Weihnachten�, w�nsche ich.</p><p>Gem�chlich und zufrieden ziehen die drei mit ihren Gaben davon.</p><p>�Das hast du arrangiert�, sage ich zu Abel, als wir wenig sp�ter im Wohnzimmer bei schwerem Wein, edlem K�se und John Hustons bescheuertem Bibelfilm zusammensitzen.</p><p>Abel sch�ttelt den Kopf. �Nein. Ausnahmsweise nicht.�</p><p>Ich nippe an meinem Wein und schweige. Unauff�llig beobachte ich, wie mein Patient das Abendprogramm genie�t. Er hat es sich an seinem Ende des Sofas bequem gemacht. Die F��e liegen auf einem Hocker, die H�nde sind vor dem Bauch gefaltet. Den Wein hat er auf einem Beistelltisch geparkt. Der Film am�siert ihn sichtlich.</p><p>Ich denke gerade, dass ich ihm gerne glauben w�rde. Ganz nebenbei h�tte es wohl f�r uns beide Vorteile, wenn ich ihn f�r Gott hielte. Er w�re �berzeugt, dass ich ihm helfen k�nnte. Und ich w�re im Handumdrehen ein religi�ser Mensch. Pl�tzlich h�tte ich nicht nur eine spirituelle Heimat, sondern auch eine klare Moral und als Zugabe eine daraus resultierende Lebensaufgabe. Als Diener Gottes w�rde ich mich dazu aufraffen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Klingt anstrengend, aber auch reizvoll.</p><p>�Woran denkst du gerade?�, fragt Abel.</p><p>�An nichts�, antworte ich ertappt.</p><p>Abel nickt zufrieden. �Das ist gut. Lass uns heute Abend einfach nur hier sitzen und nichts tun.�</p><p>Fast gleichzeitig schauen wir zum Fernseher. Noah steht gerade an der riesigen Eingangsluke seiner Arche und betrachtet die an ihm vorbeiziehenden Tiere. Er wirkt wie ein T�rsteher, der den �berblick verloren hat.</p><p>Keine Ahnung, was einschl�fernder ist: der Bordeaux meines Bruders oder der Bibelfilm von John Huston. Als ich die Augen aufschlage und ein anderes Programm l�uft, wei� ich jedenfalls, dass ich eingenickt sein muss. Abel hat das gleiche Schicksal ereilt. Sein Kopf ist zur Seite gekippt und ruht nun auf der Sofalehne.</p><p>Der Raum ist �berheizt. Ich �ffne ein Fenster, um zu l�ften, schlie�e es jedoch sofort wieder, weil mich klirrende K�lte anspringt. Die Au�entemperatur ist binnen k�rzester Zeit rapide abgesackt. Ich drehe die Heizung herunter, setze mich aufs Sofa, nehme einen Schluck Wein und zappe gelangweilt durch die Kan�le. Dabei fallen mir schon wieder die Augen zu.</p><p>Als ich aufwache, hat sich der Raum merklich abgek�hlt. Abel schl�ft immer noch. Ich drehe die Heizung wieder hoch, dabei f�llt mein Blick zum Fernseher. Witzig, denke ich. Es l�uft derselbe alte Film, den ich vor einer Weile nachts im Krankenhaus gesehen habe. Und wieder f�llt mir der Titel nicht ein. James Stewart spielt einen verzweifelten Familienvater. Ein Engel soll ihn vor dem Selbstmord retten. Aber wie, zur H�lle, hei�t denn nur dieser Film?</p><p><emphasis>�ItS a wonderful life�,</emphasis> sagt Abel. Seine Augen sind immer noch geschlossen, aber offenbar ist er wach. �Der deutsche Titel lautet: <emphasis>Ist das Leben nicht sch�n?</emphasis> Ein typischer Capra aus den Vierzigern.�</p><p>�Ein ... was?�</p><p>Er �ffnet die Augen. �Frank Capra. So hei�t der Regisseur.�</p><p>�Sagt mir nichts.�</p><p><emphasis>�Arsen und Spitzenh�ubchen?</emphasis> Mit Cary Grant?�</p><p>�Ja. Der sagt mir was.�</p><p>�Den hat Capra auch gedreht�, erwidert Abel.</p><p>�Ich bin beeindruckt. Du kennst dich wirklich gut aus.�</p><p>�Geht so�, sagt Abel, reibt sich den Nacken und dr�ckt das Kreuz durch.</p><p>Ich setze mich wieder. Es ist fast Mitternacht. Schweigend sehen wir zu, wie James Stewart mit seinem Schicksal hadert.</p><p>�Schon eine witzige Idee�, bemerkt Abel nach einer Weile. �Ich glaube, dass es eine Menge Leute interessieren w�rde, wie die Welt wohl auss�he, wenn sie nie geboren w�ren.�</p><p>Nur langsam sickert der Satz in mein Bewusstsein. Dann durchzuckt mich ein verr�ckter Gedanke. Ich schaue Abel gr�belnd an.</p><p>�Was ist? Was hast du?� Er fingert nach seinem Weinglas. �Habe ich was Falsches gesagt?� Gerade will er das Glas ansetzen, da h�lt er inne. �Nein! Das meinst du nicht ernst, oder?�</p><p>Ich nicke. �Doch. K�nntest du es denn �berhaupt?�</p><p>�Dir die Welt zeigen, wie sie auss�he, wenn du nie geboren w�rst?�</p><p>Wieder nicke ich. �Genau das.�</p><p>�Ja. Das k�nnte ich tats�chlich. Aber bist du sicher, dass du das wissen willst? Was, wenn dein Leben beispielsweise bislang praktisch keinen nennenswerten Effekt hatte?�</p><p>�Damit rechne ich eigentlich�, gebe ich zu. �Aber die Details w�rden mich trotzdem interessieren.�</p><p>�Vieneicht hatte dein Leben auch negative Konsequenzen. Niemand kann alle Folgen seiner Handlungen voraussehen. Das kann ja nicht mal ich. Wer wei� also, in welche Abgr�nde du blicken m�sstest?�</p><p>Jetzt geht mir ein Licht auf. �Schon klar, Abel. Du willst dich dr�cken. Mir die Welt zu zeigen, wie sie auss�he, wenn ich nicht geboren w�re, ist n�mlich mehr als ein Taschenspielertrick. Wahrscheinlich br�uchtest du eine ganze Weile, um eine so schwierige Nummer einzustudieren, richtig?�</p><p>Abel nimmt einen Schluck Wein. �Wenn man dich so h�rt, dann k�nnte man annehmen, dass es f�r dich ein Gottesbeweis w�re, wenn ich dir die Welt ohne Jakob Jakobi zeigen k�nnte.�</p><p>Ich �berlege kurz und komme zu dem Schluss: Stimmt. Eine solch aberwitzige Erfahrung, wie James Stewart sie in diesem Film macht, muss einen von der Existenz eines h�heren Wesens �berzeugen. Wer selbst so etwas f�r Taschenspielerei h�lt, dem kann wohl auch der Himmel nicht mehr helfen. �Na ja�, sage ich. �Es w�re jedenfalls nicht so leicht zu erkl�ren wie deine anderen Zaubertricks.�</p><p>Abel l�chelt. �Du w�rdest mir am Ende unserer Reise damit kommen, dass ich dich hypnotisiert, unter Drogen gesetzt oder sonst irgendwie ausgetrickst habe.�</p><p>�Schon m�glich�, sage ich. �Vielleicht w�re ich aber auch spontan �berzeugt davon, dass du wirklich Gott bist.�</p><p>Abel �berlegt, dann steht er auf. �Okay. Dann hoch mit dir!�</p><p>�Weshalb?�, frage ich irritiert.</p><p>�Hat damit zu tun, dass in der Welt, in der Jakob Jakobi nicht existiert, an genau dieser Stelle kein Sofa steht.�</p><p>�Was?�, frage ich lachend. �Was redest du da f�r einen Quatsch?�</p><p>�Das ist kein Quatsch�, sagt Abel. �Ich klatsche jetzt in die H�nde, und dann sind wir in jener Welt, in der du nie geboren wurdest. Aber du solltest wirklich �berlegen, ob du nicht vorher besser aufstehen willst.�</p><p>Ich schaue ihn pr�fend an und sehe, dass er es ernst meint.</p><p>�Okay�, sage ich. �Ich m�chte in der Tat gerne wissen, wie die Welt ohne mich auss�he. Aber ich werde hier sitzen bleiben.�</p><p>Abel nickt und klatscht in die H�nde. Im n�chsten Moment wird es schlagartig dunkel, und ich habe das Gef�hl, jemand zieht mir mit einem Ruck das Sofa unter dem K�rper weg. Ich lande mit dem Hintern auf dem Parkett und erschrecke ein wenig.</p><p>�Ich hab dich gewarnt�, sagt Abel. �Aber die gute Nachricht lautet: In dieser Welt kannst du dir nichts brechen. Es gibt dich ja nicht.�</p><p>Verdutzt schaue ich mich um. Rasch gew�hnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Ich erkenne: Wir befinden uns im gleichen Haus, drau�en liegt der gleiche Schnee, und offenbar handelt es sich um die gleiche, frostige Nacht. Und doch ist irgendwie alles ganz anders. Es gibt hier tats�chlich kein Sofa. Die Ecke, wo der Fernseher stehen m�sste, wird von einem riesigen Weihnachtsbaum eingenommen, davor liegt Spielzeug. Es sieht so aus, als w�re hier heute Abend eine Horde von Kindern beschenkt worden.</p><p>Ich erkenne, dass die Wand zum benachbarten Esszimmer entfernt worden ist. Mutter hatte auch immer den Plan, die beiden kleinen R�ume zu einem gro�en Wohn- und Esskomplex zu verbinden. Offenbar ist das jetzt auf wundersame Weise geschehen. Aber wie? Und wer hat das veranlasst?</p><p>�In der Welt, in der du nicht geboren wurdest, ist das hier auch nicht der Sitz der Jakobis�, erkl�rt Abel. �Aktuell geh�rt die Villa einem verm�genden Zahnarzt. Er lebt hier mit seiner Familie.�</p><p>Ich schweige verbl�fft.</p><p>�Nette Leute, �brigens�, f�hrt Abel fort. �Die beiden haben vier Kinder. Du kannst den Hausherrn auch gleich kennenlernen. Er glaubt n�mlich, Ger�usche geh�rt zu haben und wird jeden Moment die Treppe herunterkommen.�</p><p>Noch immer bringe ich keinen Ton heraus.</p><p>�Hallo? Ist da jemand?�, fragt eine tiefe M�nnerstimme. Man h�rt Schritte auf der Treppe.</p><p>�Was jetzt?�, fl�stere ich hektisch in die Dunkelheit.</p><p>Bevor Abel etwas erwidern kann, werden die Fl�gelt�ren ge�ffnet, und das Licht flammt auf.</p><p>Ein kr�ftiger Mittvierziger betritt den Raum. Er hat einen Golfschl�ger in der Hand. Sieht l�ssig aus. Als sich unsere Blicke treffen, ist mir klar, dass er das Ding auch benutzen wird.</p><p>�Ich kann alles erkl�ren�, sage ich, w�hrend er wortlos auf mich zukommt. Wie genau ich das hier erkl�ren will, ist mir selbst schleierhaft. Zun�chst einmal m�chte ich nur vermeiden, eins mit dem Golfschl�ger �bergebraten zu bekommen. Bei meinem Gl�ck wird der Kerl bestimmt die Nase treffen.</p><p>�Nun warten Sie doch bitte einen Moment!�, sage ich flehentlich, hebe abwehrend die H�nde und weiche dabei zur�ck.</p><p>Der Kerl marschiert unbeeindruckt weiter. Als ich damit rechne, dass er nun seine Waffe heben und auf mich eindreschen wird, geschieht jedoch etwas Seltsames: Er geht an mir vorbei, als w�re ich Luft.</p><p>Dann kontrolliert er, ob das Fenster verschlossen ist.</p><p>�Schatz? Was ist denn? Alles okay?�, ruft eine �ngstliche Frauenstimme aus der oberen Etage.</p><p>�Ja. Alles okay, Liebes. Schlaf weiter! Es war nichts. Wahrscheinlich nur der Wind�, antwortet er, l�scht das Licht und zieht die T�r zu.</p><p>Wieder Schritte auf der Treppe, dann ist es still.</p><p>�Was war denn das?�, frage ich leise.</p><p>�Du kannst in normaler Lautst�rke sprechen�, erwidert Abel. �Die Menschen in dieser Welt k�nnen dich weder h�ren noch sehen. Es gibt dich ja bekanntlich nicht - du erinnerst dich, oder?�</p><p>�Aber er hat mich doch geh�rt. Das Ger�usch, als ich aufs Parkett geknallt bin. Deswegen ist er doch gekommen, oder?�</p><p>�Nein. Er hat nur geglaubt, etwas zu h�ren. F�r ihn sind wir Gespenster. Aber die Tatsache, dass er uns weder h�ren noch sehen kann, hei�t ja nicht, dass er nicht trotzdem eine Ahnung davon hat, dass wir da sind.�</p><p>�Das ist wirklich abgefahren�, sage ich tief beeindruckt.</p><p>�W�rde ich so nicht sagen. Es gibt Dinge, die sind noch viel abgefahrener. Zum Beispiel ... das hier.� Er klatscht in die H�nde, und im gleichen Moment stehen wir vor einem Reihenhaus in einer weihnachtlich geschm�ckten Siedlung. Keine Ahnung, wo genau wir uns befinden. Ich trage nur Hemd und Hose und bin obendrein auf Socken unterwegs. Noch ist mir nicht kalt, aber das wird sich bestimmt in ein paar Sekunden �ndern. Auch Abel ist leicht bekleidet.</p><p>�Keine Sorge�, sagt er. �Gespenster kriegen keinen Schnupfen. Da du nicht existierst, hast du auch kein K�lteempfinden. �brigens auch keinen Hunger, keinen Durst und keinen Wunsch nach Schlaf.�</p><p>�Dann d�rfte mir ja meine Nase auch nicht mehr weh tun�, sage ich vorwitzig und will den Verband betasten. Erstaunt stelle ich fest, dass der Verband weg ist. Meine Nase f�hlt sich an wie neu.</p><p>�Wer nicht existiert, kann auch keine angebrochene Nase haben�, erkl�rt Abel. �Und es w�re sch�n, wenn du dir ab jetzt mal ein paar Dinge selbst erkl�ren k�nntest. So bl�d bist du ja nun auch wieder nicht, oder?�</p><p>�Schon okay�, sage ich. �Ich glaube, ich habe das System verstanden.�</p><p>�Fein�, erwidert Abel zufrieden.</p><p>�Und wo sind wir hier jetzt gelandet?�</p><p>�K�ln. Ein Vhrort von K�ln, um genau zu sein. Hier wohnt ...� Er r�uspert sich. �... Bartholom�us Jakobi mit seiner Familie.�</p><p>Schockiert starre ich Abel an.</p><p>�Ich habe dich nicht umsonst davor gewarnt, dass diese Sache hier mit abgr�ndigen Erkenntnissen verbunden sein k�nnte�, beeilt sich Abel zu erkl�ren. �Aber wenn du willst, k�nnen wir jederzeit aussteigen.�</p><p>�Mein Vater w�re noch am Leben, wenn ich nicht geboren w�re?�, frage ich fassungslos.</p><p>Abel nickt stumm.</p><p>�Aber ... warum?�</p><p>�Ist eine l�ngere Geschichte. Wie gesagt, du musst sie dir nicht anh�ren, wenn du nicht willst. Ich k�nnte jetzt in die H�nde klatschen, und im Handumdrehen befinden wir uns wieder im Haus deiner Mutter.�</p><p>Ich betrachte das Reihenhaus und sehe, dass in einem der unteren Zimmer das Licht angeschaltet wird. Hinter dem schweren Vorhang ist die Silhouette eines Mannes zu erahnen.</p><p>Fragend sehe ich Abel an.</p><p>�Ja. Das ist dein ... Vater. Er schl�ft nicht immer gut. Ist ja auch nicht mehr der J�ngste mit fast f�nfundsiebzig.�</p><p>Gebannt schaue ich zum Fenster. Ich habe einen Klo� im Hals.</p><p>�Lass uns reingehen�, sage ich nach einer Weile.</p><p>Abel nickt und klatscht in die H�nde.</p></section><section><title><p><strong>Gott zaubert</strong></p></title><empty-line/><p>Als ich meinen vor f�nf Jahren verstorbenen Vater sehe, versagen mir die Beine. Ich falle um wie ein nasser Sack und krache mit dem Hinterkopf auf den K�chenboden. Ein Knirschen. Keine Ahnung, ob das die Fliese war oder mein Sch�delknochen. Vater, der gerade eine Flasche Saft aus dem K�hlschrank genommen hat, wirkt f�r einen Moment irritiert. Dann gie�t er sich schulterzuckend ein und setzt sich an den kleinen K�chentisch.</p><p>W�hrend ich mich aufrappele, rekapituliere ich Abels Ausf�hrungen von eben und beeile mich, meine Erkenntnisse in Worte zu fassen: �Da ich nicht existiere, kann ich mir in dieser Welt keinen Sch�delbasisbruch zuziehen. Au�erdem werde ich nicht ohnm�chtig. Richtig?�</p><p>Abel nickt zufrieden und zeigt mir seinen erhobenen Daumen.</p><p>Ich lehne mich gegen die K�chenanrichte und beobachte Vater dabei, wie er m�de an seinem Orangensaft nippt.</p><p>�Er sieht kaum �lter aus, als ich ihn in Erinnerung habe�, stelle ich fest.</p><p>�Er treibt Sport, raucht nicht und trinkt nur selten Alkohol�, erwidert Abel. Als er mein fragendes Gesicht sieht, f�gt er hinzu: �Das hei�t nicht automatisch, dass er in einem anderen Leben mit dem Trinken angefangen hat, nur weil er mit deiner Mutter verheiratet war.�</p><p>�Und was hei�t es dann?�, frage ich schnippisch.</p><p>�Nichts. Es gibt viele Gr�nde, warum ein Leben die eine oder andere Richtung nimmt. Vielleicht f�hlte er sich einfach nur dem beruflichen Druck nicht gewachsen.�</p><p>�Hat er denn nicht hier denselben beruflichen Druck?�, wende ich ein.</p><p>Abel sch�ttelt den Kopf. �Nein. Er ist ein unscheinbarer Professor f�r Psychologie, der ein sehr ruhiges und beschauliches Leben f�hrt.�</p><p>�Beschaulich? Unscheinbar? Und was ist mit den vielen Vortr�gen, die er �berall auf der Welt gehalten hat, nachdem sein Buch �ber die verkaufspsychologische Wirkung der Spektralfarben erschienen war?�</p><p>�Das Buch ist nie geschrieben worden�, antwortet Abel. �In diesem Leben sind die wissenschaftlichen Arbeiten deines Vaters eher mittelm��ig.�</p><p>�Warum hat er das Buch nicht geschrieben?�</p><p>�Als er deine Mutter heiratete, weil sie mit dir schwanger war ...�</p><p>�Moment�, unterbreche ich. �Ich kenne die Geschichte so, dass die beiden l�ngst verlobt waren, als Mutter schwanger wurde. Und sie w�ren auch schon verheiratet gewesen, wenn nicht mein Gro�vater v�terlicherseits gestorben w�re, weshalb die Hochzeit verschoben werden musste.�</p><p>�Das ist die offizielle Version�, entgegnet Abel. �Tats�chlich hat er sie geheiratet, weil sie schwanger war. Sie hat sofort ihr Studium an den Nagel geh�ngt und sich ganz auf die Rolle der Hausfrau und Mutter konzentriert. Deshalb gab sie ihm ihre Aufzeichnungen f�r die Magisterarbeit. Ihr war der Abschluss nicht mehr wichtig. Sie dachte, vielleicht w�rde ihr frischgebackener Ehemann etwas mit ihren Ideen �ber die verkaufsf�rdernde Wirkung der Spektralfarben anfangen k�nnen.�</p><p>�Mutter hat die Theorie erfunden?� Ich bin baff.</p><p>�Nicht ganz�, erwidert Abel. �Es war eine Gemeinschaftsleistung. Sie hat den Impuls geliefert, aber dein Vater hat die Idee deiner Mutter weiterentwickelt und wissenschaftlich unter f�ttert.�</p><p>Mit einem leisen Knarren �ffnet sich die K�chent�r, und eine junge Frau betritt den Raum. Sie ist Mitte,h�chstens Ende drei�ig. Ein bodenlanges Nachthemd mit floralem Muster l�sst sie jedoch �lter erscheinen.</p><p>�Kannst du nicht schlafen?�, fragt sie liebevoll.</p><p>Er sch�ttelt den Kopf.</p><p>�M�chtest du lieber allein sein?�</p><p>Er nickt m�de und versucht ein L�cheln.</p><p>�Gut. Komm aber bitte bald wieder ins Bett. Es ist k�hl hier.� Sie haucht ihm einen Kuss auf die Stirn, er t�tschelt dankbar ihre Hand.</p><p>�Wer ist das? Seine Frau?�, frage ich, w�hrend sie hinausgeht.</p><p>�Seine zweite Frau. Lydia. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn. Niklas. Er ist neunzehn und studiert in Kanada. Leider h�ngt er am Flughafen von Montreal im Schneesturm fest, weshalb die drei heute nicht zusammen Weihnachten feiern konnten.�</p><p>�Das tut mir leid f�r die beiden�, sage ich und beobachte jenen Menschen, der in einem anderen Leben mein Vater wurde.</p><p>�Das hei�t also, er war zuerst mit Mutter verheiratet�, kombiniere ich.</p><p>�Nein. Die beiden waren in diesem Leben �berhaupt nicht verheiratet. Sie hatten lediglich eine reichlich komplizierte Aff�re. Da deine Mutter nicht mit dir schwanger wurde, f�hlte dein Vater sich auch nicht verpflichtet, sie zu heiraten. Und ihr fehlten die schlagenden Argumente, obwohl sie ihn wirklich sehr gern in den Hafen der Ehe geschleppt h�tte. So genoss dein Vater stattdessen sein Junggesellenleben. Deiner Mutter blieb nichts anderes �brig, als sich von ihm zu trennen oder ihn mit anderen Frauen zu teilen. Sie entschied sich schweren Herzens f�r Letzteres.�</p><p>Ich �berlege. �Soll das etwa hei�en, Jonas existiert in dieser Welt ebenfalls nicht?�, frage ich.</p><p>�Doch, doch�, antwortet Abel. �Jonas ist in diesem Leben der uneheliche Sohn von deiner Mutter und Bartholom�us Jakobi. Deine Mutter und eine andere Studentin namens Marlene Stern wurden praktisch zeitgleich von deinem Vater schwanger.�</p><p>�Und er hat Marlene geheiratet�, vermute ich.</p><p>�Genau. Sie war ein paar Jahre j�nger als deine Mutter, deutlich angepasster und anschmiegsamer und nebenbei die Tochter eines Mannes, der ihm f�r seine Karriere f�rderlich zu sein schien.�</p><p>�Und ging die Rechnung auf?�</p><p>�Wie man�s nimmt�, sagt Abel. �Immerhin bekam er eine Professur.�</p><p>�Im richtigen Leben hat er Weltkarriere gemacht�, wende ich ein.</p><p>�Ja, aber das konnte er wirklich nicht ahnen, als er sich f�r Marlene und gegen deine Mutter entschieden hat�, sagt Abel.</p><p>�Und Marlene hat er dann f�r Lydia verlassen?�</p><p>�Genau. Aus der Ehe mit Marlene ging Max hervor. Als Max etwa im gleichen Alter war wie Niklas heute, verliebte sich Bartholom�us in jene damals neunzehnj�hrige Studentin, die heute seine Frau ist. Der zweite Fr�hling erwischte ihn mit Mitte f�nfzig, und wahrscheinlich h�tte Marlene die Aff�re als sp�te Midlife-Crisis unter den Teppich gekehrt, wenn Lydia nicht prompt schwanger geworden w�re.�</p><p>�Was wurde aus Marlene? Und aus Jonas� Halbbruder?�</p><p>�Im Gegensatz zu deiner Mutter h�ngte Marlene ihren Beruf nicht an den Nagel. Sie arbeitet heute als Soziologin in Hamburg. Max wohnt noch hier in K�ln. Nach der Trennung wusste er nicht, was er beruflich machen wollte und hielt sich ein paar Jahre mit Kellnerjobs �ber Wasser. Heute besitzt er eine Kneipe in der Altstadt und hat eine Vorliebe f�r studentische Aushilfskellnerinnen. Ganz der Vater, k�nnte man sagen.�</p><p>�Wieso glaubst du eigentlich, dass du ungestraft meinen Vater beleidigen kannst?�, frage ich aufm�pfig.</p><p>�Das hier ist nicht dein Vater�, erwidert Abel prompt. �Du existierst in dieser Welt �berhaupt nicht, deshalb musst du dich auch nicht auf den Schlips getreten f�hlen, wenn ich mich �ber Leute lustig mache, mit denen du eigentlich nichts zu tun hast.�</p><p>Zugegeben, gutes Argument.</p><p>Bartholom�us Jakobi nimmt den letzten Schluck Orangensaft. Er tr�gt das Glas zur Sp�le und stellt die Flasche zur�ck in den K�hlschrank. Beim Gehen l�scht er das Licht. Man h�rt seine Schritte auf der Treppe. Das leise Knarren einer T�r, dann endg�ltig Stille.</p><p>Eine Weile passiert nichts.</p><p>��berlegst du gerade, ob du tats�chlich wissen willst, was aus deiner Mutter und deinem Bruder geworden ist?�, fragt Abel in die Dunkelheit.</p><p>�Ja�, antworte ich. �Das war gerade schwerer, als ich gedacht h�tte.�</p><p>�Ich wei�. Wie gesagt, du kannst jederzeit aussteigen.�</p><p>Wieder Schweigen.</p><p>�Lass uns zuerst Jonas einen Besuch abstatten�, bitte ich.</p><p>�Wie du willst.� Abel klatscht in die H�nde.</p><p>Wir stehen im verschneiten Garten eines Einfamilienhauses. Es ist nun helllichter Tag. Ich schaue mich um. Offenbar eine gehobene Neubausiedlung. Auch die �ppigen Nachbargrundst�cke sind mit freistehenden Einfamilienh�usern bebaut. Ich wette, unter der dichten Schneedecke verbergen sich musterg�ltige Gartenanlagen, die im Sommer als Kulisse f�r musterg�ltige Barbecues dienen.</p><p>�Und hier wohnt Jonas?�</p><p>Abel deutet mit einer Kopfbewegung zum Haus. Hinter einer gro�en Fensterfront ist vage eine f�nfk�pfige Familie beim Weihnachtsfr�hst�ck zu erkennen.</p><p>�Ist das etwa ...?�</p><p>�... Jonas mit seiner Familie�, vollendet Abel den Satz. �Er und seine Frau Jana haben drei Kinder: Melinda, Maja und Mimi. F�nfzehn, dreizehn und neun Jahre alt. Und alle drei sind Pferden�rrinnen, stell dir das mal vor! Melinda hat gerade ein paar Probleme. Die Pubert�t macht ihr ...�</p><p>�Mann, Abel!�, unterbreche ich ver�rgert. �Ist dir eigentlich klar, dass das alles hier f�r mich etwas frustrierend ist? W�rde es mich nicht geben, w�re mein Vater noch am Leben, und mein Bruder h�tte eine wei�e Weste, eine nette Familie und ein h�bsches Haus am Stadtrand. Was kommt als N�chstes? W�ren der Menschheit vielleicht auch noch einige Seuchen und Kriege erspart geblieben, wenn ich nie das Licht der Welt erblickt h�tte?�</p><p>�Du �bersch�tzt dich�, erwidert Abel locker. �Und wie gesagt: Es kommen immer mehrere Gr�nde zusammen. Dass dein Bruder in diesem Leben nie um die Anerkennung deiner Mutter k�mpfen musste, liegt nicht allein daran, dass es dich nicht gab. Obendrein fehlte ja auch noch sein Vater.�</p><p>�Der eine andere Frau geheiratet hat, weil ich nicht geboren wurde. Letztlich bin ich also doch verantwortlich.�</p><p>�Das ist absurd�, sagt Abel. �Es gibt dich in dieser Welt �berhaupt nicht. Wie willst du dann f�r irgendetwas verantwortlich sein?�</p><p>�Es gibt mich aber in der realen Welt�, gebe ich zur�ck. �Und da ich jetzt wei�, wie die ohne mich auss�he, finde ich mich mittlerweise auf eine eher unangenehme Weise ... verschmerzbar.�</p><p>�Nur, damit das klar ist�, sagt Abel und droht mir mit dem Zeigefinger. �Du ganz allein wolltest wissen, wie die Welt ohne dich auss�he. Wenn du jetzt ein Problem damit hast, dann beklag dich nicht bei mir.�</p><p>�Schon okay�, winke ich ab. �Jedenfalls ist Jonas also hier ein ebenso ehrlicher wie erfolgreicher Manager. Na toll!�</p><p>�Dein Bruder ist ein langweiliger Bankfilialleiter, der seine Energie nicht in kriminelle Aktivit�ten, sondern in Grillabende investiert. Und das ist auch schon die ganze Geschichte�, sagt Abel.</p><p>�Und du behauptest, Jonas hat im richtigen Leben Geld unterschlagen, um Mutter seine Zuneigung zu beweisen?�, rekapituliere ich gr�blerisch.</p><p>�Nein. Aber wie du siehst, w�re er unter anderen Umst�nden nicht kriminell geworden, sondern ein braver Familienvater.�</p><p>Ich schaue neugierig zum Haus.</p><p>�K�nnen wir mal n�her ran an die VOrzeigefamilie Jakobi?�, frage ich.</p><p>�Fliedermann-Jakobi�, korrigiert Abel. �Sie ist eine geborene Fliedermann.�</p><p>Im n�chsten Moment stehen wir in der K�che der Fliedermann-Jakobis. Nebenan sind Stimmen zu h�ren, was genau gesagt wird, kann man aber nicht verstehen.</p><p>�Was soll das?�, frage ich erstaunt.</p><p>�Dass wir hier in der K�che sind? Ich dachte, es w�re besser f�r dich, wenn wir uns der Sache langsam n�hern.�</p><p>�Das meine ich nicht�, erwidere ich. �Du hast gerade im Garten nicht in die H�nde geklatscht, um uns hierhinzubringen.�</p><p>�Ach das�, sagt Abel. �Das Klatschen ist nur so eine Angewohnheit. Ich muss das nicht machen. Ich k�nnte zum Beispiel auch mit den Fingern schnippen.�</p><p>Er tut es, und im gleichen Moment stehen wir auf dem n�chtlichen Times Square in New York inmitten einer Menschentraube.</p><p>�Pass auf!�, sagt Abel und schnippt erneut mit den Fingern. Schlagartig wird es hell, und wir befinden uns an Bord eines Luxuskreuzfahrtschiffes, das gerade die Oper von Sydney passiert.</p><p>�Oder so!�, ruft Abel begeistert und zieht an seinen linken Ohrl�ppchen. Diesmal landen wir auf dem weihnachtlich geschm�ckten Petersplatz in Rom, wo Tausende Gl�ubige auf das Erscheinen des Papstes warten.</p><p>�Oder ich nehm einfach die andere Seite�, frohlockt Abel und zieht an seinem rechten Ohrl�ppchen. Nun stehen wir mit einer Gruppe Touristen am Rande der Cheops-Pyramide. Abel grinst zufrieden.</p><p>�Ich k�nnte auch ...�, beginnt er.</p><p>�Abel, bitte lass den Quatsch�, unterbreche ich. �Bring uns einfach wieder zur�ck nach ...� Ich stutze. �Wo wohnt Jonas eigentlich?�</p><p>�In Bonn�, erwidert Abel. Im selben Moment befinden wir uns wieder in der K�che der Familie Fliedermann-Jakobi.</p><p>�Bonn? Aber er hasst Bonn. Er hat hier zwei Jahre gearbeitet und war froh, als er endlich was in Berlin gefunden hat.�</p><p>�In diesem Leben hat er Bonn �berhaupt nicht verlassen. Er hat hier studiert, und bevor er abhauen konnte, hatte ihn Jana beim Wickel�, sagt Abel und schlendert ins Wohnzimmer. �Du wirst dich sowieso ein bisschen wundern, vermute ich.�</p><p>�Wor�ber?�, frage ich und folge ihm. �Sag mir nicht, dass Jonas sich das Rauchen abgew�hnt hat.�</p><p>�Das sowieso. Eigentlich hatte er wegen Jana kaum Gelegenheit, es sich richtig anzugew�hnen. Sie ist absolut rigoros, was Nikotin und Alkohol betrifft. Das Einzige, was sie ihm erlaubt, ist ...� Abel tritt ein wenig zur Seite, damit ich freie Sicht auf den Fr�hst�ckstisch habe. �Ach, schau es dir einfach selbst an!�</p><p>Meine Augen weiten sich. Jonas thront am Ende eines �ppig gedeckten Tisches und hat gesch�tzte hundert Kilo �bergewicht. Aus seinem bl�tenwei�en Hemdkragen ragt ein ger�tetes Gesicht mit kleinen Augen und h�ngenden Wangen hervor. Sein �u�eres erinnert unwillk�rlich an eine Bulldogge.</p><p>�Als Krimineller sah er gl�cklicher aus�, stelle ich kleinlaut fest.</p><p>Bevor Abel etwas erwidern kann, kommt ihm eine von Jonas� T�chtern zuvor.</p><p>�Aber ihr habt versprochen, dass ihr euch das mit dem Pony �berlegen wollt�, motzt die Kleine. �Und von dem Geld, das ich zu Weihnachten von Oma und Opa bekommen habe, k�nnte ich bestimmt ein paar Monate das Futter bezahlen.�</p><p>Jonas dreht seinen Bulldoggenkopf in Zeitlupe zur Seite und wirft seiner drahtigen Frau einen m�den Blick zu. Jana zuckt mit den Schultern. �Da hat sie recht, Schatz. Wir wollten uns das durch den Kopf gehen lassen. Das haben wir ihr tats�chlich versprochen.� Sie klingt wie eine Altenpflegerin, die ihren klapprigsten Patienten zum wiederholten Male an seine Tabletten erinnern muss.</p><p>�Och, bitte, Paps! Ich w�rde auch auf die H�lfte meines Taschengeldes verzichten�, setzt die angehende Ponybesitzerin strategisch klug nach.</p><p>Jonas� Bulldoggenkopf dreht sich langsam zur anderen Seite, wo das M�dchen sitzt. Seine Wangen spannen sich nur minimal, als er mit einem gequ�lt wirkenden L�cheln verk�ndet: �Also gut. Wenn das so ist, dann sollst du dein Pony bekommen.�</p><p>W�hrend das M�dchen aufspringt und ihrem Vater dankbar um den Hals f�llt, greift Jana gl�cklich l�chelnd nach der schwammigen Hand ihres Mannes.</p><p>�Dann will ich aber auch eine neue Reitkluft�, meldet sich die �lteste zu Wort. �Meine Jacke ist schon ganz verschlissen.�</p><p>�Jetzt lasst euren Vater doch erst einmal in Ruhe fr�hst�cken�, bittet Jana in mildem Tonfall. Sie scheint den idyllischen Trubel am Weihnachtsmorgen zu genie�en.</p><p>�Sind die etwa immer so?�, frage ich, leicht angewidert.</p><p>�Was genau meinst du?�</p><p>�Das alles hier wirkt irgendwie ...� Ich suche nach einem passenden Ausdruck.</p><p>�... verlogen?�, schl�gt Abel vor.</p><p>�So w�rde ich es jetzt nicht gleich nennen�, sage ich. �Eher: aufgesetzt.�</p><p>�Meinetwegen: aufgesetzt. Dein Bruder scheint jedenfalls gern in Extreme zu verfallen�, konstatiert Abel. �Ich pers�nlich finde, er �bertreibt ma�los. Egal, ob als Betr�ger oder als Biedermann.�</p><p>Da ist was dran, denke ich und beobachte den verfetteten Kerl, der in einem anderen Leben mein Bruder ist. Ich kenne ihn als arroganten Fatzke. Aber wenn man ihn hier so sieht, inmitten seines Vorstadtk�figs und umgeben von einer meterdicken Schicht Kummerspeck, dann muss man Mitleid mit ihm haben. Zu gerne w�rde ich ihn damit aufmuntern, dass er in einer anderen Welt ein schlanker Krimineller ist.</p><p>Pl�tzlich durchzuckt mich ein be�ngstigender Gedanke. Warum ist Mutter eigentlich nicht hier? Jonas w�rde doch nie im Leben zulassen, dass sie Weihnachten allein verbringt. Und Mutter h�tte bestimmt auch den dringenden Wunsch, das Fest der Liebe mit ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und den Enkeln zu feiern.</p><p>Abel beantwortet meine Frage, bevor ich sie stellen kann. �Deine Mutter ist gestern Abend hier gewesen�, sagt er. �Alle haben zusammen Weihnachten gefeiert. Es war ein sch�nes und harmonisches Fest. Sie w�re auch sehr gern noch �ber Nacht und zum Fr�hst�ck geblieben, aber leider hat sie heute Morgen eine anderweitige Verpflichtung.�</p><p>�Eine anderweitige Verpflichtung�, wiederhole ich und versuche anhand Abels Reaktion einzusch�tzen, ob sich hinter dieser Aussage eine gute oder eine schlechte Nachricht verbirgt.</p><p>Er nickt lediglich.</p><p>�Und?�, frage ich. �Soll ich mir das anschauen oder lieber nicht?�</p><p>Abel wiegt den Kopf hin und her. �Na ja�, sagt er gedehnt nach einigem Z�gern. �Doch, denke schon. Ja. Kann man machen.�</p><p>Ich nicke, und im gleichen Moment befinden wir uns in einer Art Kantine. Die Einrichtung ist ebenso spartanisch wie das hier angebotene Fr�hst�ck. Aber das st�rt die Anwesenden nicht im mindesten. Den meisten hier ist ins Gesicht geschrieben, dass sie selten regelm��ige Mahlzeiten bekommen. Die Helfer, die sich um das Wohl der hier versammelten Obdachlosen k�mmern, f�llen im Minutentakt Platten mit Wurst- und K�sebroten. Auch der Ausschank von Kaffee und Tee scheint kein Ende zu nehmen. Sobald an einem der Tische ein Stuhl frei wird, r�ckt ein neuer Besucher nach. Ich �berschlage, dass etwa vierzig Leute hier Platz haben. Im Laufe des Vormittags k�nnen bestimmt einige Hundert Bed�rftige mit Speisen und Getr�nken versorgt werden.</p><p>Mutter steht an einem aus zwei zusammengestellten Tischen improvisierten Ausschank und k�mmert sich darum, dass der Nachschub von Tee und Kaffee nicht abrei�t. Um sie herum sind Leute damit besch�ftigt, Brote zu schmieren, andere Helfer beliefern die Tische oder tragen das gebrauchte Geschirr ab. Alles passiert schnell und routiniert, damit die hungrigen G�ste, die noch vor der T�r stehen, nicht zu lange warten m�ssen.</p><p>Mutter sieht fast genauso aus, wie ich sie kenne. Sie ist schlank und tr�gt die schwarz gef�rbten Haare kurz. Ihr Make-up ist dezent und akkurat. Lediglich ihr Modestil scheint nicht so edel und kostspielig zu sein wie im richtigen Leben, denn sie tr�gt ein f�r ihre Verh�ltnisse unauff�lliges graues Kleid. Vielleicht liegt das aber auch am Anlass. Wie ich Mutter einsch�tze, m�chte sie schlicht vermeiden, dass eines ihrer Haute-Couture-Modelle durch Billigschmierk�se ruiniert wird.</p><p>�So wie gerade ist sie immer angezogen�, sagt Abel. �Deine Mutter hat in diesem Leben weder das Geld noch die Lust, sich aufzubrezeln. Auf Besuche bei der Kosmetikerin verzichtet sie �brigens ebenfalls.�</p><p>Ich beobachte, wie Mutter freundlich, zupackend und bescheiden ihren Job erledigt, und bin beeindruckt.</p><p>�Diese gewisse Zur�ckhaltung steht ihr ganz gut�, stelle ich fest. �Und dass sie eine wohlt�tige Organisation nicht einfach nur mit Geld unterst�tzt, sondern auch durch ehrenamtliche Arbeit, finde ich geradezu sensationell. Sie hat sogar den Kuchen f�r unsere Kindergeburtstage liefern lassen, weil sie zu faul war, welchen zu backen.�</p><p>�Sie ist keine ehrenamtliche Mitarbeiterin�, erkl�rt Abel. �Sie leitet diesen Verein. Und nicht nur das, sie hat ihn gegr�ndet und zu einer der wichtigsten karitativen Einrichtungen im Rheinland gemacht. Das hier ist ihr Lebenswerk, zumindest ein Teil davon.�</p><p>Ich schaue Abel ausdruckslos an.</p><p>Er wirkt am�siert. �Ich wei�, was du sagen willst. Wenn du nie das Licht der Welt erblickt h�ttest, w�re nicht nur dein Vater noch am Leben, dein Bruder w�rde auch keine Banken auspl�ndern. Obendrein h�tte deine Mutter ihre F�higkeiten nicht damit verschleudert, sich ausschlie�lich um deinen Vater zu k�mmern. Im Gegenteil. Sie w�rde eine angesehene karitative Organisation leiten, die an einem einzigen Weihnachtsmorgen ein paar Hundert Bed�rftige mit Essen versorgt. Wie unbedeutend erscheint doch im Vergleich dazu ihr richtiges Leben.� Abel sieht mich durchdringend an. �Habe ich deine Entt�uschung in etwa auf den Punkt gebracht?�</p><p>�Sogar ziemlich genau�, sage ich. �Und? Kann man es mir verdenken?�</p><p>Abel zuckt mit den Schultern. �Alles eine Frage des Standpunktes, wenn du mich fragst. Vielleicht unterst�tzt deine Mutter mit diesem Verein nur deshalb andere Menschen, weil sie sich nicht f�r deinen Vater aufopfern konnte.�</p><p>�Und wieso w�re das ein Trost f�r mich?�, will ich wissen.</p><p>�Nachdem dein Vater sie verlassen hat, ist deine Mutter mit Jonas allein geblieben�, erwidert Abel. �Und das, obwohl es nur so von M�nnern wimmelt, die sich eine aufopferungsvolle Ehefrau w�nschen.�</p><p>�Vielleicht weil sie alleinerziehend war�, wende ich ein. �In den Siebzigern galt das noch als Hinderungsgrund f�r eine Beziehung.�</p><p>�Aber sie war auch klug, interessant und vorzeigbar�, h�lt Abel dagegen.</p><p>�Gut, worauf willst du hinaus?�</p><p>�Ganz einfach: Dein Vater war ihre gro�e Liebe�, konstatiert Abel.</p><p>Ich �berlege, und mir wird klar, dass meine Eltern im richtigen Leben eine fast tragische Verbindung hatten. �Er hat ihr zuliebe eine Karriere gemacht, die er nie angestrebt hat. Deshalb hat er mit dem Saufen angefangen. Sie hat nicht nur seinen Alkoholismus aus Liebe ertragen, sondern auch auf die eigene Karriere verzichtet, weil sie ihren Teil zum gemeinsamen Gl�ck - oder wahlweise zum gemeinsamen Ungl�ck - beitragen wollte.�</p><p>�Willkommen in meiner Welt�, sagt Abel. �Wer kann denn bitte sch�n angesichts solcher Konstellationen glauben, dass es einen Allm�chtigen gibt? Wenn man schon eine einzige Ehe kaum verstehen kann, wie soll man dann Milliarden von Menschen verstehen? Ganz zu schweigen von den Billionen und Billiarden Beziehungen, die sie untereinander haben?�</p><p>�Das tr�stet mich dennoch nicht dar�ber hinweg, dass mein Beitrag zum Gewusel dieser Milliarden Menschen offenbar gleich null ist�, sage ich.</p><p>Abel hebt bedauernd die H�nde.</p><p>�Habe ich denn gar nichts erreicht?�, frage ich. �Es muss doch wenigstens Patienten geben, denen ich geholfen habe. Vielleicht gibt es Ehen, die nicht geschieden wurden, weil meine Therapiegespr�che gewirkt haben.�</p><p>Abel hebt den Kopf. Er scheint die Decke zu betrachten, tats�chlich aber geht sein Blick in die Ferne. K�nnte sein, dass gerade mein Leben an seinem geistigen Auge vorbeirattert.</p><p>Nach einer Weile stutzt er und sieht mich an: �Erstaunlich. Aber ich finde wirklich nichts, was dich aufmuntern k�nnte. Es gibt da zwar tats�chlich eine Ehe, die du vorl�ufig gerettet hast. Leider haben sich die beiden dann einige Monate sp�ter doch noch getrennt - und bei ihrem letzten Streit ein Mietshaus abgefackelt. Es gab zwar keine Verletzten, aber ich glaube, dass in diesem Fall die sofortige Trennung besser gewesen w�re.�</p><p>�Super�, sage ich. �Hat meine Exfrau mich wenigstens in diesem Leben vermisst?� Es ist eine rhetorische Frage. Ich bin mir sehr sicher, dass es Ellen ohne mich blendend geht.</p><p>�Gut, dass du fragst�, sagt Abel.</p><p>Wir betreten den Eingangsbereich eines noblen Restaurants. Vor uns warten noch andere Leute, die von der Empfangsdame freundlich und professionell begr��t und gr�ppchen- oder paarweise zu den Pl�tzen geleitet werden. Durch die Menschentrauben hindurch erkenne ich, dass es sich bei der Empfangsdame um Ellen handelt. Sie wirkt gerade ein wenig gestresst, macht aber insgesamt einen sehr gl�cklichen Eindruck. Ganz so, wie ich es erwartet habe.</p><p>�Ist das ihr Restaurant?�, frage ich.</p><p>�Es geh�rt ihr und ihrem Lebensgef�hrten. Er ist Koch und hat sich mit seinen Fischspezialit�ten einen Namen gemacht.�</p><p>�Hat sie ihm den Laden gekauft?�, will ich wissen.</p><p>�H�re ich da etwa einen ver�chtlichen Unterton?�, erwidert Abel.</p><p>Ich zucke mit den Schultern, Abel grinst. �Sie ist nicht reich�, bemerkt er sachlich. �Der Onkel, der ihr im richtigen Leben sein Verm�gen vererbt hat, ist reich geworden, weil er eine geniale Gesch�ftsidee hatte. Und die basierte auf dem Buch deines Vaters ...�</p><p>�... das aber in dieser Welt nicht geschrieben worden ist�, vollende ich den Satz. �Und deshalb gab es auch nichts zu vererben.�</p><p>�Genau�, sagt Abel. �Ellen und Marco kommen aber auch so ganz gut �ber die Runden. Das Restaurant l�uft seit Jahren solide, und die beiden f�hren eine gl�ckliche Beziehung.�</p><p>�Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre gesch�tzte Aufmerksamkeit bitten?�, fragt in diesem Moment ein kahlk�pfiger Charismat mit bl�tenwei�er Kochjacke.</p><p>�Marco?�, raune ich Abel zu, w�hrend die Gespr�che an den inzwischen voll besetzten Tischen verebben.</p><p>Abel nickt.</p><p>�Ich m�chte nur kurz darauf hinweisen, dass Sie unser heutiges Men� ohne Reue genie�en k�nnen, obwohl alle G�nge ganz im Zeichen des Thunfisches stehen. Wie Sie wissen, servieren wir aufgrund der �kologisch problematischen Fangmethoden gew�hnlich keinen Thunfisch. Jene Exemplare, die heute hier auf den Tellern landen, wurden jedoch mit Handleinen im Indischen Ozean gefischt. Eine uralte Methode, die noch heute auf den Seychellen praktiziert wird. Der Tipp stammt von einem Freund, der mir auch erz�hlt hat, dass dieser Thunfisch momentan auf den Speisepl�nen einiger franz�sischer Spitzenrestaurants zu finden ist. Ich werde mich bem�hen, es heute kulinarisch mit denen aufzunehmen.�</p><p>Dezenter Applaus der sichtlich zufriedenen G�ste.</p><p>�Er sieht gut aus, ist redegewandt, kann phantastisch kochen und hat obendrein auch noch ein ausgepr�gtes �ko-Bewusstsein?�, frage ich ungl�ubig. �Was noch? Ist er eine Granate im Bett?�</p><p>Abel sieht mich ausdruckslos an.</p><p>�Schon gut�, winke ich ab. �So genau muss ich es nicht wissen.�</p><p>Eigentlich ist die Frage auch l�ngst beantwortet, wenn ich meiner Exfrau dabei zusehe, wie sie ihren Lebensgef�hrten anhimmelt.</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen dann auch langsam mal Schluss machen�, sage ich zu Abel. �Was in diesem Capra-Film mit James Stewart funktioniert, muss ja nicht bei jedem klappen.�</p><p>Abel nickt und schnappt sich im Hinausgehen eine halbe Flasche Wein nebst zwei Gl�sern. Ich erwarte, dass wir nun wieder in die reale Welt zur�ckkehren, doch zu meinem Erstaunen liegt nun hinter der Eingangst�r des Restaurants eine Treppe, die auf das verschneite Dach eines Hochhauses f�hrt.</p><p>Vermutlich geht hier oben ein eisiger Wind. Da ich davon nichts mitbekomme, befinden wir uns offenbar noch in jener Welt, in der ich nicht existiere. Nicht ganz fair von Abel, sich hier und jetzt einen Wein zu genehmigen. Wenn ich das richtig sehe, dann kann ich n�mlich keinen trinken, weil ich ja nicht existiere.</p><p>�Das stimmt nicht ganz�, sagt Abel und setzt sich auf eine kleine Mauer, die den Dachrand markiert. Er l�sst die Beine �ber dem g�hnenden Abgrund baumeln und gie�t uns ein. �Ich habe nur gesagt, dass du hier keine Bed�rfnisse haben wirst und keine sinnlichen Empfindungen. Die K�lte hier ist real, aber du sp�rst sie nicht. Du kannst auch diesen Wein trinken, aber du wirst ihn nicht schmecken.�</p><p>Ich setze mich neben Abel, nehme das Glas, proste ihm zu und probiere. Es stimmt. Ich schmecke nichts. Abel hingegen offenbar umso mehr. Gen�sslich rollt er den Wein im Mund hin und her, l�sst ihn dann mit einen anerkennenden Nicken die Kehle hinunterrinnen und bemerkt: �Dieser Marco hat wirklich Ahnung von den sch�nen Dingen des Lebens.�</p><p>�Er kommt mir irgendwie bekannt vor�, erwidere ich. �Ich habe mich schon eben die ganze Zeit gefragt, woher ich ihn kenne.�</p><p>�Ach ja?� Abel zuckt mit den Schultern. Sieht so aus, als k�nnte er mir auch nicht weiterhelfen.</p><p>Ich stelle mein Glas ab. Nach der Trennung von Ellen und dem Niedergang meiner Praxis habe ich meistens Wein getrunken, der nach nichts schmeckt. Ich nehme mir vor, das k�nftig bleibenzulassen. Immerhin ein erfreuliches Ergebnis dieser seltsamen Nacht.</p><p>Ich blicke �ber die D�cher der Stadt. Man sieht von hier aus den Fernsehturm am Alex. In den meisten H�usern sind die Fenster erleuchtet. Die Stadt sieht aus wie ein �berdimensionaler Adventskalender: hinter jedem Fenster ein Schicksal.</p><p>Ich nehme eine Gestalt wahr, die ein paar Blocks weiter auf dem Dach eines anderen Hochhauses steht. Eine Frau. Als sie sich auf die Dachkante zubewegt, blickt sie beil�ufig in unsere Richtung. Geschockt stelle ich fest, dass es sich um Hanna handelt. Hanna Kaufmann, im richtigen Leben Assistentin von Jonas und zugleich Mutter des gemeinsamen ungeborenen Kindes.</p><p>�Was hat sie vor?�, frage ich mit einem unguten Gef�hl.</p><p>�Sie will sich das Leben nehmen�, entgegnet Abel unger�hrt und nippt an seinem Wein.</p><p>Ich starre ihn fassungslos an. �Das musst du verhindern! Sie ist schwanger. Vm Jonas. Das hat sie mir heute Mittag selbst gesagt.�</p><p>�Sie ist nicht schwanger. Nicht in dieser Welt.�</p><p>Verwirrt schaue ich zu dem Dach, wo Hanna sich auf den Sprung in die Tiefe vorbereitet. Sie steht da und blickt in den Abgrund. Der Wind zerrt an ihrem d�nnen Mantel.</p><p>�Abel, bitte. Du musst was tun! Wir k�nnen hier nicht einfach rumsitzen und zusehen, wie diese Frau in den Tod springt.�</p><p>�Sie springt nur in dieser Welt�, erkl�rt Abel. �Und zwar, weil Jonas heute mit ihr Schluss gemacht hat.�</p><p>�Weil ... was? Was redest du denn da?�</p><p>�Sie ist auch in diesem Leben die Assistentin und Geliebte deines Bruders. Er hat sie verlassen. Seinen Kindern zuliebe. Jana h�tte andernfalls die Scheidung eingereicht.�</p><p>Ich starre zu Hanna, die immer noch mit dem Abgrund lieb�ugelt.</p><p>�Sieh es mal so�, sagt Abel. �Vielleicht w�rde die schwangere Hanna im richtigen Leben jetzt auch auf diesem Dach stehen, wenn du heute nicht mit ihr gesprochen h�ttest.�</p><p>Ich f�hle mich gerade hoffnungslos �berfordert. Wieder blicke ich zu Hanna, die nun in den Himmel schaut, dann wie in Zeitlupe nach vorn kippt und lautlos in der Dunkelheit verschwindet.</p><p>�Nein!�, rufe ich und springe hektisch auf. Dabei rutsche ich auf einem eisglatten Mauerstein aus, verliere das Gleichgewicht und versuche verzweifelt, Halt auf dem rutschigen Stein zu finden. Vergebens.</p><p>Ich st�rze in die Tiefe und sehe gerade noch, wie Abel mir zunickt und sagt: �Keine Sorge, Jakob. Du kannst in diesem Leben nicht dein Leben verlieren.�</p><p>Ich sehe die Lichter einer weihnachtlich geschm�ckten Stra�e auf mich zurasen. F�r Sekundenbruchteile kann ich den mit Schneematsch bedeckten, schmutzig grauen Asphalt erkennen.</p><p>Der Aufprall f�hlt sich an, als w�rde mich jemand mit einer gigantischen Fliegenklatsche erschlagen.</p><p>Im gleichen Moment �ffne ich die Augen.</p></section><section><title><p><strong>Gott leidet</strong></p></title><empty-line/><p>Wo bin ich? Nur langsam verwandeln sich die Schemen in scharfe Bilder.</p><p>�In meinem Bauwagen�, nuschelt Abel verschlafen. Er sitzt an einem kleinen K�chentisch vor einer dampfenden Tasse Kaffee. �Genauer gesagt, auf meinem G�stesofa. Das ist �brigens eine besondere Ehre. Auf diesem exklusiven M�belst�ck haben n�mlich schon einige Zirkuslegenden �bernachtet. Auch Kaffee?�</p><p>Ich nicke matt und setze mich schwerf�llig auf. Abels Sofa mag exklusiv und legend�r sein, bequem ist es definitiv nicht. Obwohl ein alter Kanonenofen den kleinen Raum mit stickiger Hitze f�llt, sind meine Socken nass und eiskalt. Ich erinnere mich an unseren n�chtlichen Weihnachtsausflug. War das ein Traum? Ich ziehe die Socken aus und lege sie auf den Ofen.</p><p>Abel reicht mir eine Tasse Kaffee. Er sieht hundem�de aus.</p><p>�Danke�, sage ich und nehme einen Schluck Kaffee.</p><p>Meine Nase schmerzt. Ich betaste sie vorsichtig und f�hle dabei den Verband. Bei dem Gedanken daran, wieder in jener Welt zu sein, in der ich zwar arm und erfolglos bin, aber immerhin �berhaupt existiere, erfasst mich eine Welle des Gl�cks.</p><p>�Wie lange habe ich geschlafen?�, will ich wissen.</p><p>�Zehn Minuten? Vielleicht f�nfzehn?�, erwidert Abel mit einem Schulterzucken. �Nicht l�nger jedenfalls, als ich gebraucht habe, um den Kaffee aufzusch�tten und Feuer zu machen.� Er massiert mit den Fingerkuppen seine Stirn und verzieht dabei schmerzhaft das Gesicht.</p><p>�Was ist? Hast du Kopfschmerzen?�</p><p>�H�llische. Wir waren zwei Tage und fast drei N�chte lang unterwegs. Solche Reisen sind sowieso wahnsinnig anstrengend, aber mit zunehmendem Alter fallen sie mir von Mal zu Mal schwerer.�</p><p>�Ich glaube, ich wei�, was du meinst�, sage ich. �Mir kommt es auch so vor, als w�ren wir ewig weg gewesen.�</p><p>Abel hebt den Kopf und sieht mich mit ernster Miene an. �Jakob, das war kein Traum, falls du das meinst. Wir waren wirklich in dieser anderen Welt. Und auch wenn das nicht deinem pers�nlichen Zeitempfinden entspricht, so haben wir dennoch Weihnachten dort verbracht. Heute ist der 27. Dezember. Heiligabend liegt also, wie schon gesagt, zwei Tage und fast drei N�chte hinter uns.�</p><p>Verwundert krame ich nach meinem Handy, um Abels Aussage zu �berpr�fen. Tats�chlich, es ist der 27. Dezember. Der Akku ist bald leer. An Heiligabend war er noch aufgeladen.</p><p>�Dein Geld und deine anderen pers�nlichen Sachen liegen noch im Haus deiner Mutter. Du erinnerst dich vielleicht, dass wir etwas �bereilt aufgebrochen sind. Sie ist �brigens inzwischen zur�ck aus Florida.� Er h�lt einen Zwanziger in die H�he. �Falls du ein Taxi nehmen m�chtest ...�</p><p>Ja. Ich muss mit Mutter reden. Nicht nur, um ihr reinen Wein einzuschenken, was die kriminelle Karriere ihres j�ngsten Sohnes betrifft, sondern auch weil sie erfahren soll, dass Hanna von ihm schwanger ist. �Kannst du mir ein Paar Schuhe leihen? Und vielleicht eine Jacke?�</p><p>Abel nickt. �Klar.�</p><p>�Ich komme zur�ck, sobald ich reinen Tisch gemacht habe.�</p><p>�Gern.�</p><p>Ich denke an unsere wundersame Weihnachtsreise. Wenn sie kein Traum war, was war sie dann? Eine</p><p>Art Hypnose? Eine Form der Suggestion? Unser Ausflug hat jedenfalls deutliche Spuren bei mir hinterlassen. Ich f�hle eine fast euphorische Lust, meinen Kram neu zu ordnen. Die letzten zwei Tage und drei N�chte haben mir gezeigt, dass ich mein Leben �ndern muss. Und zwar dringend. Sonst wird es n�mlich eines Tages kaum Anhaltspunkte daf�r geben, dass ich �berhaupt gelebt habe.</p><p>�Brauchst du Hilfe?�, fragt Abel und dr�ckt mir Schuhe und einen Mantel in die Hand.</p><p>�Gerade nicht. Kann aber sein, dass ich darauf zur�ckkommen werde.�</p><p>�Kein Problem. Jederzeit.�</p><p>Ich bemerke erst jetzt, dass er nicht nur m�de aussieht, sondern auch eine be�ngstigend blasse Gesichtsfarbe hat. �Du solltest dich eine Weile hinlegen�, schlage ich vor. �Geht es dir gut, oder soll ich einen Arzt rufen?�</p><p>Er sch�ttelt den Kopf. �Alles bestens. Ich bin nur m�de.�</p><p>�Okay. Wenn du dich ausgeruht hast, beginnen wir mit der Arbeit�, fahre ich fort.</p><p>Er zieht mich zu sich, umarmt mich und klopft mir ein paarmal sachte auf die Schulter. �Ich freu mich drauf. Viel Gl�ck, Jakob.�</p><p>Die ungew�hnliche Geste schmeckt nach einem l�ngeren Abschied. Aber ich denke nicht weiter dar�ber nach.</p><p>Als ich den Bauwagen verlasse, schl�gt mir klare und kalte Luft entgegen. Eisen-Heinz macht seinem Namen alle Ehre. Nur mit einer d�nnen Hose und einem leichten Pulli bekleidet, hockt er neben seinem Bauwagen und stopft Schnee in eine gro�e Teekanne.</p><p>�Hallo, Doc�, ruft er. �Sch�ne Feiertage gehabt?�</p><p>�Danke�, sage ich und will schon weiter in Richtung Stra�e stapfen, als ich pl�tzlich verdutzt innehalte und den Kraftakrobaten unverwandt anglotze.</p><p>Der bemerkt es, richtet sich nun mitsamt Teekanne auf und schaut am�siert an sich herab. �Was ist los? Hab ich irgendwo �n Loch in der Hose? Oder w�chst mir �n Blumenstrau� ausm Hintern?�</p><p>Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass irgendetwas an Eisen-Heinz mich gerade an mein Weihnachtserlebnis in der Parallelwelt erinnert.</p><p>�Haben Sie eigentlich Kinder?�, frage ich.</p><p>�Ja. Einen Sohn�, antwortet Heinz und lacht. �Der geht aber schon auf die vierzig zu und glaubt schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann.�</p><p>�Hat der vielleicht was mit Gastronomie zu tun?�</p><p>Eisen-Heinz legt den Kopf schief. �Sie stellen immer so komische Fragen, wenn Sie hier auftauchen. Warum interessieren Sie sich pl�tzlich f�r meinen Sohn?�</p><p>Die ehrliche Antwort w�re: Weil ich in einer Welt, in der ich nicht existiere, einen Menschen gesehen habe, der Eisen-Heinz wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Darum kam Marco mir so bekannt vor. Aufgrund der T�towierungen und des Irokesenschnittes sieht man allerdings erst auf den zweiten Blick, dass der smarte Spitzenkoch Marco und der kernige Kraftakrobat Heinz miteinander verwandt sein m�ssten.</p><p>�Ganz einfach. Ich w�rde mich gerne mal von ihm bekochen lassen�, versuche ich mein Gl�ck.</p><p>Heinz sieht mich ausdruckslos an. Er scheint zu �berlegen. Pl�tzlich entspannt sich seine Haltung. �Abel hat Ihnen von Marco erz�hlt. Und jetzt wollen Sie mich aufs Glatteis f�hren, so wie Abel das auch gern macht.�</p><p>Ich nicke und l�chle erleichtert. Zugleich verberge ich mein Erschrecken dar�ber, dass Heinz� Sohn tats�chlich Marco hei�t. Ich habe Marco in einer anderen Welt gesehen. Dass er nun auch in der Realit�t existiert, finde ich irgendwie gespenstisch. Ich blicke zu Abels Bauwagen, wo alles ruhig ist. Was auch immer unsere Weihnachtsreise zu bedeuten hat, offenbar war sie mehr als ein Traum.</p><p>�Er kocht im Turm zu Babel�, sagt Heinz. �Ist so ein Szeneschuppen. Es soll da die besten Burger der Stadt geben. Eigentlich hat Marco mehr drauf als Buletten wenden. Aber man muss ja von irgendwas leben.�</p><p>Im Taxi frage ich mich, ob Ellen und Marco auch in der wirklichen Welt ein gl�ckliches Paar sein k�nnten. Sind sie es in der anderen Welt nur deshalb, weil das Schicksal sie dort zu anderen Menschen gemacht hat? Oder w�rde es auch in der Realit�t zwischen den beiden funken? Sind sie sich aufgrund der Umst�nde hier vielleicht nur noch nicht �ber den Weg gelaufen?</p><p>Kurz entschlossen greife ich zum Handy. �Hallo, Ellen. Jakob hier. Ich mache dir ein Friedensangebot. Ich glaube zwar nicht, dass aus uns in diesem Leben noch mal ein Paar wird, aber deswegen m�ssen wir uns ja nicht gleich hassen. Also lass uns das Kriegsbeil begraben. Ich lade dich zum Essen ein. Heute Abend. Und sag mir nicht, dass du einen Termin hast. Da geht es doch sowieso wieder nur um dein Geld. Das kannst du also auch morgen erledigen. Wir treffen uns um acht im Turm zu Babel. Netter Laden, wird dir gefallen. Schick mir �ne SMS oder sei einfach da. Bis sp�ter. Ich freu mich.�</p><p>Ich finde Mutter in Vaters Arbeitszimmer. Sie sitzt an seinem Schreibtisch, hat ein halbes Dutzend Fotoalben vor sich ausgebreitet und schwelgt in Erinnerungen. Es muss eine Ewigkeit her sein, dass sie diesen Raum benutzt hat. Nach Vaters Tod ist vermutlich selbst die Putzfrau �fter hier gewesen als Mutter.</p><p>Sie verharrt einen Moment, als sie mich bemerkt. Dann nimmt sie langsam ihre Brille ab und zieht einen Stuhl zu sich heran. �K�nntest du dich vielleicht kurz zu mir setzen, Jakob?�</p><p>Ich nehme Platz, sie ergreift meine Hand.</p><p>�Es tut mir leid�, sage ich nach einem kurzen Schweigen. �Ich wollte es dir schonend beibringen, aber ...�</p><p>Mit einem Kopfsch�tteln bringt sie mich zum Verstummen. �Schon gut, Jakob. Du musst mir nichts erkl�ren. Ich bin froh, dass ich diese Reise gemacht habe, sonst w�rde ich bestimmt noch immer glauben, dass Jonas ein ehrlicher Mann ist.� Sie kann ihre Entt�uschung nicht verbergen. �Als ich vor der Baustelle stand, wo eigentlich sein Luxusapartment h�tte sein m�ssen, da dachte ich noch, dass ich einen Fehler gemacht habe. Aber nachdem sich die Adresse seiner Bank als Schnellrestaurant entpuppt hatte, da war mir klar, dass an deiner Geschichte was dran sein musste.� Mit einer raschen Handbewegung wischt sie sich eine Tr�ne aus dem Augenwinkel.</p><p>So geknickt wie jetzt habe ich sie seit Vaters Tod nicht mehr erlebt. Dabei ist es eines ihrer eisernen Prinzipien, nie eine Schw�che zu zeigen. Sie hasst nichts auf der Welt mehr, als bemitleidet zu werden.</p><p>Ich sp�re, dass ich ebenfalls den Tr�nen nahe bin, und versuche deshalb, mich zweckoptimistisch zu geben. �Mutter, ich wei� zwar nicht genau, warum Jonas das gemacht hat, aber ich glaube, dass er unter einem immensen Druck stand�, fabuliere ich wild drauflos, um meinen missratenen Bruder zu verteidigen. �H�rt man doch immer wieder, dass Investmentbanker tricksen m�ssen, damit sie ihre Jobs nicht verlieren.�</p><p>Was ich mir da zusammenphantasiere, klingt ein bisschen so, als m�ssten s�mtliche Investmentbanker auf diesem Planeten mit gestohlenen Milliarden jonglieren, um nicht in der Gosse zu landen. Das ist nat�rlich eine ma�lose �bertreibung, aber wenn die eigene Mutter in einem emotionalen Ausnahmezustand schwebt, dann heiligt der Zweck die Mittel. Das w�rden sogar einige namhafte Psychologen unterschreiben. Gerade will ich deshalb mit meiner Verteidigungsrede fortfahren, da trifft mich ihr n�chster Satz wie ein Hammerschlag.</p><p>�Er hat es ganz sicher auch meinetwegen getan�, sagt sie leise.</p><p>�Wie ... wer ... jetzt?�, frage ich �berfordert.</p><p>�Jonas. Er hat ganz sicher auch meinetwegen getrickst�, erkl�rt sie mit sichtlichem Unbehagen. �Die Sache ist die: Dein Vater hat zu Lebzeiten zwar ganz gut verdient, aber er hat mir auch keine Reicht�mer hinterlassen. Ich versuche trotzdem, sein Andenken zu bewahren, indem ich meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkomme. Das ist leider nicht ganz billig. Au�erdem verschlingt dieses Anwesen Unsummen. Als vor ein paar Jahren das Dach erneuert werden musste, da h�tte man allein von den Reparaturkosten bequem eine h�bsche Wohnung kaufen k�nnen.�</p><p>�Jonas hat dir Geld geliehen�, stelle ich verdattert fest.</p><p>�Geschenkt ist wohl der richtige Begriff. Es war uns beiden klar, dass ich es ihm nie w�rde zur�ckzahlen k�nnen. Aber er wollte partout verhindern, dass ich das Haus verliere. Er wei�, wie viel es mir bedeutet.�</p><p>�Hast du ihm das Haus etwa �berschrieben?�, frage ich in der bangen Erwartung, dass sie nun nickt.</p><p>Sie sieht mich mit einen halb fragenden und halb strafenden Blick an.</p><p>�Ich will das nicht wissen, weil ich mir um mein Erbe Sorgen mache�, erkl�re ich. �Ihr solltet beide endlich mal begreifen, dass mir Geld nicht wichtig ist. Aber ich war dabei, als ein paar schwerbewaffnete Beamte Jonas� Wohnung auf den Kopf gestellt haben. Sein gesamter Besitz wird beschlagnahmt. Und die Suche nach seinem Verm�gen hat gerade erst begonnen. Es d�rfte also nur eine Frage der Zeit sein, bis man dieses Haus ebenfalls einkassiert.�</p><p>Sie wirkt erstaunt. �Ich habe es ihm angeboten�, sagt sie. �Sogar mehrmals.� Rasch f�gt sie hinzu:</p><p>�Das h�tte ich nat�rlich auch noch mit dir besprochen. Aber Jonas wollte das Haus nicht. In diesem Punkt lie� er �berhaupt nicht mit sich reden. Er wollte, dass ihr beide eines Tages das Anwesen erbt. Und er hat au�erdem immer gesagt, dass es eine gute Reserve ist, falls alles anders kommt, als man denkt.�</p><p>�Es scheint so, als h�tte er gewusst, dass sein System eines Tages auffliegt�, stelle ich fest. �Dein J�ngster ist ein richtiges Schlitzohr.�</p><p>Sie nickt und muss nun doch ein wenig l�cheln.</p><p>�Wei�t du, wohin er sich abgesetzt hat?�, fragt sie.</p><p>�Kuba�, erwidere ich. �Aber ich habe keine Ahnung, wo genau er sich da herumtreibt. Vielleicht war es auch nur eine Zwischenstation, und er ist l�ngst sonst wo auf der Welt.�</p><p>�Hast du Kontakt zu ihm?�</p><p>Ich sch�ttele den Kopf. �Er hat sein Handy hiergelassen, damit sie ihn nicht orten k�nnen. Keine Ahnung, ob er private Mails abruft. Ich w�re da aber auch vorsichtig, weil ich vermute, dass sein MailAccount von der Polizei �berwacht wird.�</p><p>�Und wie sollen wir ihn dann finden?�</p><p>Ich muss lachen. �Das fragt sich nicht nur die Polizei, sondern ganz nebenbei auch die Mutter deines k�nftigen Enkelkindes.�</p><p>Sie merkt auf. Ich nicke best�tigend.</p><p>�Jonas hat seine Assistentin geschw�ngert�, erkl�re ich und wundere mich selbst dar�ber, wie salopp ich Mutter diese Nachricht serviere.</p><p>Sie schl�gt in die gleiche Kerbe. �Das h�ttest du mir jetzt auch etwas schonender beibringen k�nnen�, sagt sie. �Schlie�lich ist das die erste gute Nachricht in diesem ganzen Schlamassel.�</p><p>�Freut mich, dass du das so siehst.�</p><p>�Klar! Ich habe mir schon immer Enkel gew�nscht�, erkl�rt sie. �Und Jonas kann ganz beruhigt sein. Wir werden uns um das Kind k�mmern.�</p><p>�Jonas wei� noch nicht, dass er Vater wird�, erwidere ich. �Im Gegenzug wei� die werdende Mutter nicht, dass er sich abgesetzt hat. Und sie glaubt, dass Jonas ein verheirateter Mann ist. Ich vermute, das hat er erfunden, damit Hanna sich keine Hoffnungen auf eine Beziehung macht.�</p><p>Mutter sch�ttelt verst�ndnislos den Kopf. �Am liebsten w�rde ich ihm mal ordentlich den Hintern versohlen.� Sie sagt es ohne einen Funken Ironie.</p><p>�Mutter, ich bef�rchte, das wird nicht reichen, um die Unterschlagung von drei Milliarden Euro zu s�hnen.�</p><p>�Wie dem auch sei�, sagt sie. �Das alles m�ssen wir dieser Frau erkl�ren.� Mutter stutzt. �Wie hei�t sie noch mal? Ist sie nett?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Keine Ahnung. Sie hei�t Hanna und macht einen ganz sympathischen Eindruck. Aber ich habe auch erst einmal und nur kurz mit ihr gesprochen.�</p><p>�Hanna. Klingt doch h�bsch.� Mutters Blick wandert �ber den Schreibtisch, wo die aufgeschlagenen Alben liegen. Jeder Schnappschuss erz�hlt ihr eine Geschichte. Und all diese Geschichten bilden das Mosaik ihres Lebens. �Schade�, sagt sie mit einem bedauernden Seufzen. �Er h�tte wenigstens noch Weihnachten mit uns feiern k�nnen.�</p><p>Es ist das richtige Stichwort, denn schlagartig f�llt mir nun ein, dass ich noch keine Gelegenheit hatte, ihr Jonas� Weihnachtsgeschenk zu �berreichen. Ich hebe den Zeigefinger, um ihr zu bedeuten, einen kurzen Moment zu warten, und springe auf, um das Geschenk zu holen.</p><p>�Ist das von dir?�, fragt sie wenig sp�ter und legt das winzige, in glitzerndes Papier verpackte K�stchen auf den Schreibtisch.</p><p>�Von Jonas. F�r dich zu Weihnachten�, erwidere ich.</p><p>�Wolltest du mir etwa nichts schenken?�, fragt sie mit gespielter Strenge.</p><p>�Doch. Mein Geschenk w�re gewesen, dass ich Heiligabend mit dir verbringe und kein weltweit gesuchter Betr�ger bin.�</p><p>Sie nickt am�siert. Dann zupft sie vorsichtig an der silbernen Schleife von Jonas� Geschenk. Eine kleine Pappschachtel kommt zutage.</p><p>�Was soll das? Er wird mir doch wohl keinen Ring schenken?�</p><p>Sie lugt in die Schachtel und zieht dann ein gefaltetes St�ck Papier hervor.</p><p>Verbl�fft �ffnet sie das Papier. Es ist beschrieben. Mutter liest, dann entspannen sich ihre Gesichtsz�ge. Sie reicht mir den Zettel.</p><p>Ich lese: <emphasis>Cafe Caribe, Havanna, Avenida del Puerto, 15 Uhr.</emphasis></p><p>�Er hat also nicht nur gewusst, dass sein System zusammenbrechen w�rde, er hat sogar f�r diesen Fall vorgesorgt�, kombiniere ich.</p><p>Sie nickt. �Und man kann ihn t�glich um 15 Uhr in diesem Cafe treffen. Es gibt also nur einen Weg, um mit ihm zu reden.�</p><p>�Du willst nach Havanna fliegen?�</p><p>Sie nickt. �Zuf�lligerweise habe ich noch nicht ausgepackt. H�tte ich das fr�her gewusst, w�re mir eine Atlantik�berquerung erspart geblieben, aber so kann ich Jonas wenigstens gleich mal seine Verlobte mitbringen.�</p><p>�Mutter, die beiden hatten lediglich eine Aff�re�, korrigiere ich.</p><p>�Kannst du diese Hanna irgendwie erreichen?�, will Mutter wissen, ohne meinen Einwand �berhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Eben noch war sie ein H�ufchen Elend, nun l�sst sie die Aussicht darauf, aktiv werden zu k�nnen, im Handumdrehen zur alten Form zur�ckfinden. Es ist diese brisante Mischung aus Ignoranz, Willensst�rke und �berbordender Energie, von der sie durchs Leben getragen wird.</p><p>�Sie hat mir ihre Telefonnummer gegeben.�</p><p>�Sehr gut. Dann sag ihr doch bitte, dass wir morgen nach Kuba fliegen�, ordnet Mutter an und f�gt mit frischem Elan hinzu: �Du begleitest mich doch diesmal, oder? Ich verspreche dir auch, dass ich die Fl�ge vom ehrlich verdienten Geld deines Vaters bezahlen werde.�</p><p>Mutter ist nun wieder ganz die Alte. Mit der ihr eigenen Selbstverst�ndlichkeit hat sie sich gerade zum Oberhaupt der Karibikmission erkl�rt.</p><p>Ich �berschlage kurz, dass die Anwesenheit eines Psychologen angesichts der komplizierten Familienzusammenf�hrung in Havanna hilfreich sein k�nnte. Andererseits will ich Abel jetzt nicht im Stich lassen, schlie�lich habe ich mein Wort gegeben, ihm zu helfen.</p><p>�Ich muss hier noch ein paar Dinge regeln�, antworte ich. �Au�erdem sollten wir nicht riskieren, dass die Polizei Jonas auf die Spur kommt. Ich glaube zwar nicht, dass sie dich beschatten. In meinem Fall w�re ich mir da allerdings nicht so sicher.�</p><p>�Liefert Kuba denn �berhaupt aus?�, will Mutter wissen. Gerade klingt sie wie eine professionelle Fluchthelferin.</p><p>�Eigentlich nicht, aber es soll ja schon vorgekommen sein, dass Leute verschleppt werden, damit man sie in einem anderen Land vor Gericht stellen oder einbuchten kann. Ich habe keine Ahnung, wie viele Feinde Jonas sich mit seinen Betr�gereien gemacht hat. Aber wenn ich bedenke, dass es um drei Milliarden geht, dann werden es nicht wenige sein.�</p><p>Mutter nickt ernst. �Da ist was dran�, sagt sie.</p><p>�Ich besuche ihn einfach, wenn Gras �ber die Sache gewachsen ist�, schlage ich vor. �Kann ein paar Wochen dauern, aber wir haben ja Zeit.�</p><p>�Wann, glaubst du, wird die Presse Wind von dem Fall bekommen?�, fragt sie, diesmal im Tonfall einer hartgesottenen Anw�ltin.</p><p>Ich zucke mit den Schultern. �Sehr bald, vermute ich.�</p><p>�Gut�, sagt sie entschlossen und klappt die Fotoalben zu. �Ich k�mmere mich um die Reisevorbereitungen, und du treibst diese Hanna auf.�</p><p>Hanna aufzutreiben klingt leichter, als es ist. Sie geht nicht ans Handy, leider kann man ihr aber auch keine Nachricht hinterlassen.</p><p>Am sp�ten Nachmittag habe ich ihre Nummer so oft gew�hlt, dass ich sie bereits auswendig kenne. Gegen Abend beschleicht mich eine seltsame Ahnung. Ich erinnere mich an Abels Rat, auf mein Bauchgef�hl zu h�ren, und beschlie�e, zu jenem Haus zu fahren, auf dessen Dach ich Hanna gesehen habe. Wenn sie in einer anderen Welt Selbstmordgedanken hegt, wer sagt dann, dass das in diesem Leben anders ist?</p><p>Es dauert fast zwei Stunden, bis ich das betreffende Haus gefunden habe. Die Stra�en in diesem Stadtteil �hneln sich, au�erdem war es dunkel, als Abel mich hierhergebracht hat.</p><p>Mit klopfendem Herzen erreiche ich die T�r zum Dach. Rein logisch betrachtet ist es �u�erst unwahrscheinlich, dass ich Hanna tats�chlich hinter dieser T�r antreffe. Ich dr�cke die Klinke herunter und �ffne. Ein lautes Knarren. Im gleichen Moment erstarre ich.</p><p>Hanna. Sie steht am Rande des Daches. Das Knarren der T�r hat sie aus ihren Gedanken gerissen. Wir schauen uns direkt in die Augen, und ich kann ihre bleierne Traurigkeit sehen. Ein kleiner Schritt nur trennt sie vom dunklen Abgrund. Ihr Mantel flattert im Wind.</p></section><section><title><p><strong>Gott ruft </strong></p></title><p>�Tun Sie es bitte nicht�, rufe ich flehentlich und strecke Hanna ganz langsam meine Hand entgegen.</p><p>Sie scheint mich anzusehen, doch ihr Blick ist in die Ferne gerichtet. Ich wei� nicht einmal, ob sie meine Anwesenheit bereits bemerkt hat. Ist sie vielleicht betrunken? Oder hat sie Drogen genommen? Sie wendet sich ab und schaut wieder in die Tiefe.</p><p>�Ich wei�, wo Jonas ist. Und ich kann Sie zu ihm bringen�, sage ich und warte ab, ob meine Worte irgendeine Reaktion bewirken.</p><p>Eine Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, geschieht nichts. Dann streckt sie, ohne mir den Kopf zuzuwenden, langsam ihren linken Arm aus, als w�rde sie nach meiner Hand greifen wollen. Da ich einige Meter von ihr entfernt stehe, werte ich das als Aufforderung, n�her zu kommen.</p><p>Vorsichtig gehe ich auf sie zu, den Arm ausgestreckt und bereit, ihre Hand zu ergreifen. Es weht ein eiskalter Wind hier oben. Au�erdem ist es spiegelglatt. �berall unter dem Schnee lauern gefrorene Wasserlachen. Eine falsche Bewegung oder ein un�berlegter Schritt k�nnten ausreichen, um das Gleichgewicht zu verlieren.</p><p>Ich muss mich �berwinden, immer weiter zum Rand des Daches vorzur�cken. Als ich endlich ihre Hand erreiche, zittern mir die Knie.</p><p>�Kommen Sie jetzt bitte ganz vorsichtig zu mir�, sage ich.</p><p>Sie verharrt kurz, dann wird ihr H�ndedruck fester. Im selben Moment rei�t sie mich mit einer Kraft, die ich ihr nie zugetraut h�tte, zu sich an den Abgrund. Nur durch panisches Gezappel kann ich verhindern, dass ich abst�rze. Mein Herz schl�gt bis zum Hals, mein Atem geht keuchend. Entsetzt starre ich Hanna an. Sie erwidert meinen Blick, und diesmal ist der ihre ganz direkt und v�llig klar.</p><p>�Sp�ren Sie das?�, fragt sie. �Wie das Blut durch die Adern schie�t? Wie der Puls rast? Wie die Lungen sich mit frischer Luft vollpumpen?� Ihr Blick wandert zum Horizont. �Man sp�rt besonders intensiv, dass man am Leben ist, wenn man zuvor in einen Abgrund geschaut hat.�</p><p>Ich brauche einen Moment, um meine Sprache wiederzufinden. �Leider habe ich ein bisschen H�henangst�, antworte ich dann, immer noch m�hsam Atem sch�pfend. �Au�erdem geh�re ich eher zu jenen Menschen, die besonders intensiv sp�ren, dass sie am Leben sind, wenn man ihnen ein gutes Glas Wein vorsetzt. Ich bin nicht so der Typ Adrenalinjunkie.�</p><p>Sie schaut mich an. �H�henangst? Und trotzdem haben Sie mich vor dem Sprung in die Tiefe retten wollen? Alle Achtung. Ich f�hle mich geehrt.�</p><p>�Wobei es ja im Moment eher so aussieht, als m�ssten Sie mich retten�, erwidere ich schlotternd.</p><p>Sie lacht. �Kein Problem. Ich kenne mich aus. Ich stand schon �fter hier oben. Und ich gebe zu, ich habe tats�chlich einige Male dar�ber nachgedacht, zu springen.�</p><p>�Sie sollten nichts �berst�rzen. Was halten Sie davon, wenn wir beide jetzt gemeinsam einen ganz kleinen Schritt vom Rand zur�cktreten?�, frage ich diplomatisch.</p><p>�Entspannen Sie sich�, sagt sie, ohne sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. �Wenn man hier am Abgrund steht, dann ist es am wichtigsten, dass man nicht verkrampft, sonst f�llt man n�mlich runter wie ein Stein.�</p><p>�Danke f�r die Information�, sage ich und merke, dass ich z�gig zu verkrampfen beginne.</p><p>�Keine Sorge. Ich habe nicht vor zu springen�, sagt sie. �Zumal mir jetzt, wo ich die Verantwortung f�r ein anderes Leben trage, mein Leben nicht mehr allein geh�rt.�</p><p>�Das freut mich. K�nnen wir das vielleicht trotzdem irgendwo im Erdgeschoss besprechen?�, bitte ich inst�ndig.</p><p>Sie sieht mich an. �Stimmt das? Sie wissen, wo Ihr Bruder ist? Und Sie k�nnen mich tats�chlich zu ihm bringen? Oder haben Sie das nur gesagt, um eine potenzielle Selbstm�rderin vom �u�ersten abzuhalten?�</p><p>Ich sch�ttele den Kopf. �Anders als mein Bruder sage ich manchmal die Wahrheit.�</p><p>Ich glaube, ein winziges L�cheln �ber ihr Gesicht huschen zu sehen. Dann sp�re ich erleichtert, dass sie mich vorsichtig vom Dachrand wegzieht.</p><p>Wenig sp�ter sitzen wir in einem chinesischen Imbiss vor zwei dampfenden Tassen Tee. W�hrend ich nicht nur leichenblass aussehe, sondern mich obendrein immer noch zittrig f�hle, hat unser luftiges Abenteuer Hanna lediglich hungrig gemacht. Sie m�chte gerne etwas essen.</p><p>Das erinnert mich schlagartig an meine Verabredung mit Ellen, zu der ich nach Lage der Dinge wohl zu sp�t erscheinen werde. Ich verfrachte Hanna rasch in ein Taxi und informiere Mutter dar�ber, dass nun ihr die Aufgabe zuf�llt, der k�nftigen Schwiegertochter schonend die Wahrheit �ber Jonas beizubringen. Da Mutter Hanna ja sowieso kennenlernen will, k�nnen die beiden auch gleich s�mtliche wichtigen Fragen bei einem ungezwungenen Abendessen kl�ren.</p><p>Ich erwarte kein Lob f�r meinen Vorschlag, eher ein paar spitze Bemerkungen. Umso mehr wundert es mich, dass Mutter h�chst erfreut reagiert.</p><p>�Eine sehr gute Idee, Jakob. Es gibt n�mlich Dinge, die bespricht man am besten direkt von Frau zu Frau. Ich w�nsche dir ebenfalls einen sch�nen Abend, und bestell doch bitte Ellen ganz, ganz liebe Gr��e von mir!�</p><p>Noch bevor ich sie bitten kann, nicht immer mit meiner Exfrau zusammenzuglucken, hat Mutter bereits aufgelegt.</p><p>Im Turm zu Babel ist es laut und ungem�tlich. Ellen hat schlechte Laune, und das gleich aus mehreren Gr�nden. Zum einen erscheine ich zehn Minuten zu sp�t, was sie als Beleidigung empfindet. Immerhin hat sie �u�erst wichtige Termine abgesagt, um mich zu treffen. Dass ich mich um die schwangere Hanna k�mmern musste, h�lt Ellen f�r eine faule Ausrede.</p><p>Zum anderen ist der Turm zu Babel mehr Szenekneipe als Restaurant. F�r meine Exfrau, die sich sonst gern zu klassischer Musik Krustentiere servieren l�sst, ist damit Beleidigung Nummer zwei erfolgt.</p><p>�Was sollen wir hier essen?�, blafft sie mich an. �Burger mit Fritten?�</p><p>�Ganz genau�, erwidere ich. �Allerdings habe ich mir sagen lassen, dass es sich um die besten Burger der Stadt handelt.�</p><p>Zu meinem Erstaunen findet sich nicht ein einziger Burger auf der Speisekarte. Stattdessen gibt es Sushi in allen Variationen.</p><p>�Eigentlich w�re mir Sushi auch viel lieber�, sagt Ellen. �Ich m�chte nur gern vorher wissen, ob schon mal jemand vom Gesundheitsamt seinen Fu� in diese Spelunke gesetzt hat.�</p><p>Ellens Sticheleien passen gut zu meinem Plan, sie mit Marco bekannt zu machen.</p><p>�Ich m�chte bitte den Koch sprechen�, sage ich zu einem gepiercten H�nfling, der uns vietnamesisches Flaschenbier serviert, weil Ellen und ich dem im Ausschank befindlichen Wei�wein misstrauen.</p><p>�Der Koch will wissen, was Sie von ihm wollen�, sagt der H�nfling, als er wenige Minuten sp�ter an unseren Tisch zur�ckkehrt.</p><p>�Ich m�chte ihn was fragen�, gebe ich dem Kellner mit auf den Weg.</p><p>�Was soll das?�, fragt Ellen. �Der Koch von dieser Bruchbude wird dich sicher nicht in seine K�che schauen lassen. Eher bekommst du noch mal eins auf die Nase.�</p><p>�Lass mich nur machen�, sage ich, w�hrend sich der gepiercte H�nfling wieder unserem Tisch n�hert.</p><p>�Der Koch will wissen, was Sie ihn fragen wollen.�</p><p>�Himmel!�, herrsche ich den Kellner an. �Ist das denn so schwer zu begreifen? Bringen Sie den Koch einfach an unseren Tisch! Okay?�</p><p>Der H�nfling nickt versch�chtert und huscht davon.</p><p>Ellen grinst breit. �Ich w�rde jetzt sogar darauf wetten, dass der Koch dir eine reinhaut.�</p><p>�Wenn nicht, dann geht das Abendessen auf dich�, schlage ich vor.</p><p>Sie nickt. Im gleichen Moment baut sich ein vierschr�tiger Eurasier mit Kochm�tze und gesch�tzten zehn Jahren Kampfsporterfahrung an unserem Tisch auf. Er verschr�nkt die muskul�sen Arme vor der breiten Brust.</p><p>�Was gibt es?�</p><p>�Ich m�chte den Koch sprechen�, sage ich. Da der Kerl mit Marco nicht die geringste �hnlichkeit hat, gehe ich davon aus, dass man mir den Falschen geschickt hat.</p><p>�Ich bin der Koch.�</p><p>�Gibt es hier vielleicht noch einen anderen?�, versuche ich mein Gl�ck.</p><p>Der kantige Eurasier sch�ttelt energisch den Kopf.</p><p>�Sie haben hier auch keine Burger�, sage ich und sp�re ein ungutes Gef�hl in der Magengegend. Ellen k�nnte die Wette tats�chlich gewinnen. Schade um meine Nase. Im Moment tut sie gar nicht mehr weh.</p><p>Er sieht mich an, als h�tte ich nicht alle Tassen im Schrank. �Und?�</p><p>�Ich dachte, hier gibt es Burger�, erwidere ich ratlos.</p><p>�Wollen Sie vielleicht �rger?�, fragt er locker.</p><p>�Eigentlich nicht�, antworte ich ebenso kleinlaut wie wahrheitsgem��.</p><p>�Warum holen Sie mich dann f�r so einen Pipifax aus der K�che? Die Bude ist bummvoll, und ich komme kaum nach mit den Bestellungen.� Er sch�ttelt verst�ndnislos den Kopf und will sich abwenden, h�lt aber noch mal inne. �Dritte Etage, glaube ich. Oder vierte? Fragen Sie doch einfach Patrick. Der wei� es genau.� Brummig marschiert der Koch weiter.</p><p>�Danke!�, rufe ich ihm hinterher. �Und: �tschuldigung wegen ...�</p><p>Er winkt unwirsch ab und verschwindet ohne mich eines weiteren Blickes zu w�rdigen, in seiner K�che.</p><p>�Unser American Diner befindet sich in der vierten Etage�, erkl�rt uns der gepiercte Patrick wenig sp�ter.</p><p>�Ach so, Sie haben hier mehrere Restaurants. Ich verstehe.�</p><p>�Asiatisch, italienisch, arabisch und amerikanisch�, entgegnet Patrick und f�gt mit arrogantem Unterton hinzu: �Deshalb der Name. Turm zu Babel.�</p><p>�Ein gehobenes franz�sisches Restaurant mit frischen Meeresfr�chten gibt es hier nicht zuf�llig, oder?�, fragt Ellen spitz.</p><p>Patrick bleibt die Antwort schuldig. Er ist ebenso gesch�ftig wie der Koch und deshalb bereits auf dem Weg zum n�chsten Tisch.</p><p>�Lass uns einen Burger essen�, sage ich. �Die sollen hier wirklich gut sein, und im American Diner ist es bestimmt netter als in dieser Sushibude.�</p><p>Ich irre mich. Im American Diner ist es noch viel lauter und noch viel ungem�tlicher als im Erdgeschoss. Der quietschbunte Laden im vierten Stock h�ngt voller Flachbildschirme, auf denen gerade ein Footballspiel �bertragen wird. Man h�rt den aufgeregten Kommentar eines amerikanischen Sportreporters, dazu die Reaktionen des Stadionpublikums. Zwischen zwei lautstarken Beifallsbekundungen der Footballfans konstatiert Ellen: �Meinetwegen kannst du dich gern hier unter die Teenager mischen, Jakob. Aber ich werde mich garantiert nicht in diesen Laden setzen.�</p><p>�Jetzt warte doch erst mal ...�, erwidere ich. Der zweite Teil meines Satzes geht im lauten Gejohle der Footballfans unter.</p><p>Eine sommersprossige Bedienung mit Basecap bemerkt, dass Ellen und ich verloren im Eingangsbereich herumstehen. Kurz entschlossen klemmt sich die junge Frau ein paar Speisekarten unter den Arm und marschiert auf uns zu. �Ein Tisch f�r zwei Personen?� Sie fragt es mit einem starken amerikanischen Akzent.</p><p>�Bitte noch einen Moment�, sage ich zu der Kellnerin, um bei Ellen daf�r zu werben, dem Laden wenigstens eine klitzekleine Chance zu geben. Doch meine Ex hat das Restaurant bereits abgeschrieben. Gerade nimmt sie ein Telefonat an, schlendert plaudernd zur knallroten Eingangst�r zur�ck und bedeutet mir nebenbei, dass ich ihr folgen soll, weil sie n�mlich jetzt gehen m�chte. Als ich nicht sofort reagiere, wendet sie sich missmutig ab und konzentriert sich nun ganz auf ihr Telefonat.</p><p>Ich drehe mich wieder zu der sommersprossigen Kellnerin. �Wissen Sie zuf�llig, ob Marco heute arbeitet?�</p><p>Sie legt den Kopf schief und scheint zu �berlegen, um wen es sich handeln k�nnte.</p><p>�Er kocht hier�, erg�nze ich.</p><p>Ihr Gesicht hellt sich auf. �Marco. Gro�, schlank. Kurze Haare und so eine T�towierung am Hals wie George Clooney in <emphasis>From dusk till dawn.�</emphasis></p><p>T�towierung? Kurze Haare? Ich denke an den �bergewichtigen Jonas und frage mich, ob im Gegenzug Marco in der realen Welt derart uncharismatisch sein k�nnte, dass Ellen ihn nicht einmal zur Kenntnis n�hme.</p><p>�Er m�sste l�ngst hier sein�, f�hrt die sommersprossige Bedienung fort. �Ich vermute, er ist wieder mal sp�t dran und kommt jeden Moment.�</p><p>Ich �berlege und schaue zu Ellen, die immer noch in ihr Telefonat vertieft ist und vor der stylischen Schwingt�r aus knallrotem Plastik steht, die in diesem Moment kraftvoll aufgesto�en wird. Sie schl�gt der ahnungslosen Ellen mit einem Krachen, das selbst die Ger�usche des Footballspiels kurz �bert�nt, gegen die Stirn. W�hrend die verdutzte Ellen mit den Armen rudert, erscheint Marco. Er ist in Eile, bemerkt aber dennoch die strauchelnde Frau und ben�tigt nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu verstehen, was hier gerade vor sich geht. W�hrend Ellen nun das Gleichgewicht verliert, hechtet Marco zu ihr, um die Fallende aufzufangen. Als ihre Beine wegknicken und sie mit dem Hinterkopf voran auf den Boden zu st�rzen droht, streckt Marco rasch die Arme aus und f�llt dabei auf die Knie. Da er noch in der Vorw�rtsbewegung ist, rutscht er die letzten zwanzig, drei�ig Zentimeter �ber den glatten Boden, als w�re er ein Eiskunstl�ufer, der seine grazile Partnerin nach einer atemberaubenden K�r zum grandiosen Finale f�hrt. Nur ein paar Zentimeter, bevor sie den Boden erreicht, landet Ellens Oberk�rper sicher und weich in Marcos kr�ftigen Armen.</p><p>�Wow�, sagt die sommersprossige Kellnerin leise, und man h�rt ihr an, dass sie auch gerne mal von Marco gerettet werden w�rde. Ich kann es ihr nicht verdenken, denn ich bin ebenfalls zutiefst von seiner Reaktionsgeschwindigkeit beeindruckt. Und dieser macht Marco weiterhin alle Ehre, denn noch bevor ich mich r�hren kann, hat er die entr�ckt l�chelnde Ellen hochgehoben und tr�gt sie nun auf H�nden in Richtung K�che. Ich trotte dem Prinzen und seiner Prinzessin schulterzuckend hinterher.</p><p>Ellens Verletzung entpuppt sich als kaum sichtbare R�tung auf der Stirn. Die Plastikt�r am Eingang ist federleicht und kann deshalb keine ernstlichen Blessuren verursachen. Es waren also eher die �berraschung und der Schreck, die Ellen aus dem Gleichgewicht gebracht haben.</p><p>Marco behandelt sie trotzdem wie ein rohes Ei, was Ellen sichtlich gef�llt. Sie wird in einen bequemen Sessel im Aufenthaltsraum hinter der K�che verfrachtet und bekommt aus der Hausapotheke einen Wattebausch mit Arnikatropfen gegen die vermeintliche Beule an der Stirn. Au�erdem serviert Marco eiskalten Jahrgangschampagner f�r den Kreislauf.</p><p>�Aber das ist doch nicht n�tig�, strahlt Ellen und nimmt gleichzeitig das Glas, um mit Marco anzusto�en. Dass ich auch noch da bin und vielleicht ebenfalls gern ein Gl�schen Champagner trinken w�rde, scheint niemanden zu interessieren.</p><p>�Das mache ich gern�, erwidert Marco charmant. �Au�erdem m�chte ich Sie zu unserem Burger de luxe einladen. Der ist mit erstklassigem Bio-Rindfleisch und ganz frischen Zutaten gemacht. Ist eine Idee von mir. Leider wollen die meisten G�ste es lieber nicht ganz so luxuri�s und daf�r billig.� Er stellt sein Glas ab. �Ich frag mal kurz in der K�che nach, ob ich eine halbe Stunde sp�ter anfangen kann. Dann leiste ich Ihnen beim Essen Gesellschaft, wenn ich darf.� Er l�chelt verlockend. �Das hier ist ja schlie�lich ein Notfall.�</p><p>�Aber ja. Sehr gern�, haucht Ellen, w�hrend Marco in der K�che verschwindet. Sie sieht ihm einen Moment nach, dann dreht sie sich zu mir und l�chelt versonnen: �Ist er nicht s��?�</p><p>�Dann essen wir also jetzt doch Burger?�, frage ich am�siert.</p><p>Schlagartig wird ihr Gesicht ernst. �Ehrlich gesagt finde ich nicht, dass du einen Burger verdient hast. Schlie�lich ist es deine Schuld, dass ich mir fast das Genick gebrochen h�tte und jetzt aussehe, als w�re ein Vierzigtonner �ber mich dr�bergefahren. Ich h�tte diesen Marco lieber kultiviert und rein zuf�llig auf dem Gang getroffen, aber du musstest ja unbedingt noch mit der Kellnerin flirten.�</p><p>�Ich habe nicht geflirtet�, wende ich ein.</p><p>�Egal. Du solltest mir jedenfalls nicht obendrein das erste halbwegs vielversprechende Date seit unserer Scheidung versauen. Kurzum: Es wird das Beste sein, dass du uns einfach allein l�sst.�</p><p>�Aber ich bin hungrig�, begehre ich auf. Ich sage das nur, um sie zu �rgern, denn ich habe l�ngst beschlossen, dezent das Feld zu r�umen. Meine Mission ist erf�llt. Ellen und Marco haben sich kennengelernt. Den Rest m�ssen sie schon selbst erledigen. Dass ich Hunger habe, stimmt allerdings. Gro�en Hunger sogar.</p><p>�Jetzt sei doch nicht so egoistisch!�, n�rgelt Ellen. �Du kannst doch ...�</p><p>Sie verstummt abrupt, weil Marco reinschaut. �Geht klar. Ich fange einfach etwas sp�ter an. In f�nf Minuten w�re das Essen fertig. Drei Burger de luxe mit allem Drum und Dran?�</p><p>�Mein Schwager wollte gerade gehen�, fl�tet Ellen hastig. �Er hat einen Anruf bekommen und muss zu einem wichtigen Termin.�</p><p>Sie fixiert mich wie dieser Comic-Held, dessen Augen todbringende radioaktive Strahlen abschie�en k�nnen.</p><p>�Stimmt. F�r mich leider nicht�, sage ich. �Ich muss los. Und zwar sofort.�</p><p>�Das ist schade. Sie verpassen was�, erwidert Marco mit einem freundlichen L�cheln und schlie�t die T�r.</p><p>�Mein ... Schwager?�, zitiere ich Ellen ungl�ubig.</p><p>�Jetzt hab dich nicht so. Er muss ja nicht sofort wissen, dass ich geschieden bin. M�nner denken doch immer gleich, dass geschiedene Frauen kompliziert oder konfrontativ sind.�</p><p>�Und wie lange glaubst du ihm verheimlichen zu k�nnen, dass du beides bist?�, frage ich.</p><p>�Dein wichtiger Termin wartet�, erwidert Ellen schnippisch.</p><p>Auf dem Weg zur U-Bahn widerstehe ich dem Bed�rfnis, meinen Hunger mit Fastfood zu stillen. Das ist nicht so einfach, weil immer noch der weihnachtliche Geruch von Gebratenem und Gebackenem in der Luft h�ngt. Ich spekuliere trotzdem lieber darauf, dass Mutter noch ein bisschen Brot und K�se im Haus hat. Beides w�rde ich gern mit einem von Jonas� hervorragenden Rotweinen hinuntersp�len.</p><p>Zu meinem Erstaunen ist Mutter nicht daheim. Was Rotwein, Brot und K�se betrifft, werde ich f�ndig. Dabei entdecke ich auch eine f�r mich bestimmte Nachricht, die Mutter an die K�hlschrankt�r gepinnt hat: <emphasis>Lieber Jakob, ich habe einen sehr aufschlussreichen und wohl auch sehr wichtigen Abend mit Hanna verbracht und werde nun bei ihr �bernachten. Ich glaube, dass sie gerade etwas Unterst�tzung gebrauchen kann. Deshalb wollen wir noch reden und morgen fr�h dann von ihr aus direkt zum Flughafen fahren. Du musst uns also nicht hinbringen. Mein Gep�ck habe ich auch schon abgeholt. Sei doch morgen einfach gegen halb elf am Counter, um uns zu verabschieden. Tausend Dank! Deine Mutter.</emphasis></p><p>Mutters �bergriffigkeit ist also wieder einmal mit ihr durchgegangen. Binnen eines Abends hat sie nicht nur Hanna als k�nftige Schwiegertochter zwangsrekrutiert, sondern ist auch gleich mal vor�bergehend bei ihr eingezogen. Ich mache mir dennoch nur kurzzeitig Sorgen um Jonas� Ex. Mag ja sein, dass sie gerade ein bisschen fremdbestimmt wird, immerhin ist sie bei Mutter in guten H�nden. Au�erdem habe ich auf diese Weise meine Ruhe. Ich werde mich deshalb bei einer guten Flasche Wein darauf vorbereiten, dass ich morgen gleich nach der Stippvisite am Flughafen mit der Therapie von Abel Baumann beginne. W�re doch gelacht, wenn es mir nicht gel�nge, erst den Allm�chtigen und dann auch die Welt zu retten.</p><p>Am Flughafen herrscht hektische Betriebsamkeit. Man sieht Skiurlauber am Sperrgep�ckschalter, jugendliche Backpacker, die in ihre Reisef�hrer vertieft sind und r�stige Rentner auf dem Weg in w�rmere Regionen. Beim Anblick des Gewimmels erfasst auch mich Fernweh. W�re schon nicht schlecht, jetzt f�r ein paar Wochen in die Sonne zu fliegen.</p><p>Ich brauche eine Weile, um am anderen Ende des Terminals Mutters Nerzmantel zu ersp�hen. Sie wendet mir den R�cken zu und ist offenbar damit besch�ftigt, die Anzeigetafel zu studieren. Aber sie muss es sein, denn sie tr�gt obendrein eines jener bunten Seidenkopft�cher, die Vater ihr zu allen m�glichen Anl�ssen geschenkt hat. Beim N�herkommen stelle ich fest, dass Mutter allein ist. Keine Spur von Hanna. Dann wird die sich wohl gerade frisch machen, denke ich. Doch nun f�llt mir auf, dass ich auch kein Gep�ck in Mutters N�he sehe, nicht einmal Handgep�ck.</p><p>Obwohl ich schw�ren k�nnte, dass ich Mutters Nerzmantel vor mir habe, umrunde ich sicherheitshalber die Dame mit dem Kopftuch ... und erstarre. �Ellen? Was machst denn du hier? Und warum tr�gst du Mutters Klamotten?�</p><p>Ellen lugt �ber ihre riesige Sonnenbrille. �Komm einfach her und begr��e mich, als wenn nichts w�re�, sagt sie und streckt die Arme aus. �Danach trinken wir irgendwo einen Kaffee, und ich erkl�re dir dann in aller Ruhe, was hier vor sich geht.�</p><p>Ein paar Schritte entfernt gibt es eines der unz�hligen Flughafencafes, die sich zwar vom Ambiente her deutlich unterscheiden, aber alle mehr oder weniger das gleiche Angebot haben. Ellen setzt sich so hin, dass man von drau�en ihr Gesicht nicht sehen kann und nimmt die Sonnenbrille ab.</p><p>�Wenn du jetzt mal unauff�llig an mir vorbeischaust, siehst du dann jemanden, den du kennst?�, will sie wissen.</p><p>Ich sp�he durch die gro�e Fensterfront in die Abfertigungshalle.</p><p>�Unauff�llig�, zischt sie.</p><p>Ich zucke zusammen und luge nun so unauff�llig an ihr vorbei, dass es schon wieder auff�llig ist.</p><p>�Und?�, fragt sie.</p><p>�Nichts�, sage ich. �Was ist denn �berhaupt los?�</p><p>�Ich k�nnte schw�ren, dass mir die Polizei auf den Fersen ist. Aber das war ja auch der Sinn der Aktion: Deine Mutter und ich haben beschlossen, dass du und ich die Polizei ablenken, damit Hanna und sie unbehelligt das Land verlassen k�nnen.�</p><p>Ich muss lachen. �Ihr habt euch einen Plan ausgedacht, um die Polizei auszutricksen? Ist das nicht ein bisschen �bertrieben?�</p><p>�Man kann nie vorsichtig genug sein�, erwidert Ellen. �Die Polizei k�nnte versuchen, Jonas� genauen Aufenhaltsort auf Kuba herauszufinden, indem sie uns alle observiert. Es ist schlie�lich anzunehmen, dass ihn einer von uns fr�her oder sp�ter besuchen wird.�</p><p>Ich will etwas erwidern, doch im gleichen Moment stockt mir der Atem, denn die massige Statur von Hauptkommissarin Jutta Kroll schiebt sich nun in mein Blickfeld. Sie flaniert mit zwei uniformierten Polizisten seelenruhig an unserem Cafe vorbei.</p><p>Ellen sieht das Erschrecken in meinen Augen. �Du hast sie gesehen.�</p><p>Ich nicke. �Es ist dieselbe Kommissarin, die mich am Tag von Jonas� Flucht ausgequetscht hat. Aber ich glaube, sie hat mich nicht gesehen.�</p><p>�Sie hat dich ganz sicher gesehen. Und sie hat auch mich gesehen. Das macht aber nichts. Es w�re ganz gut, wenn sie denkt, dass wir sie noch nicht gesehen haben. Aber selbst das ist kein Beinbruch. Hanna und Esther sind sowieso bald �ber alle Berge.�</p><p>�Wie eigentlich?�, frage ich.</p><p>�Mit meinem Privatjet�, erwidert Ellen gelassen. �Ich erwarte jede Sekunde �ne SMS. Und das hei�t dann: Sie sind weg.�</p><p>�Du hast �n Privatjet?�</p><p>�Ja, aber ich teile ihn mir mit zwei anderen Gesch�ftsleuten.�</p><p>�Das ist gut�, sage ich mit gespieltem Ernst. �Wenn man zu mehreren Leuten einen Jet kauft, dann geht das nicht gleich so ins Geld. Hab ich auch schon dr�ber nachgedacht, aber meine Bank zieht nicht mit.�</p><p>Ver�chtlich zieht Ellen eine Augenbraue hoch.</p><p>Ich nehme einen Schluck Kaffee. Macht mir inzwischen sogar ein bisschen Spa�, sie mit ihrem m�rchenhaften Reichtum aufzuziehen.</p><p>�Hattest du eigentlich einen sch�nen Abend?�, frage ich.</p><p>�Ja. Einen sehr sch�nen�, sagt sie und nippt ebenfalls an ihrem Kaffee. �Ich habe mich zwischenzeitlich allerdings gefragt, ob die Begegnung mit Marco wirklich Zufall war oder ob du deine Finger im Spiel hattest. Die Sache mit dem Koch im Sushiladen hat mich irgendwie stutzig gemacht.�</p><p>Ich spiele den bass Erstaunten. �Wie soll ich denn auf die Idee gekommen sein, dass du Interesse an einem Fastfood-Koch haben k�nntest? Glaubst du, dass ich g�ttliche Zeichen bekomme oder so was?�</p><p>�Ich habe mir dann auch �berlegt, dass der Gedanke wohl etwas abwegig ist�, erwidert sie und schaut mir dennoch pr�fend in die Augen.</p><p>Ich halte ihrem Blick stand. Keine Ahnung, wie lange das klappt. Gl�cklicherweise rettet mich das Summen ihres Handys vor weiteren bohrenden Fragen oder Blicken.</p><p>Es ist die besagte SMS. Mutter und Hanna sind also in Sicherheit.</p><p>Auf dem Weg durch die Abfertigungshalle werden wir von Hauptkommissarin Kroll angehalten. Sie hat gerade erkannt, dass sich unter dem Kopftuch meiner Begleiterin nicht die Mutter des gesuchten Milliardenbetr�gers Jonas Jakobi verbirgt, sondern lediglich meine Exfrau. Einen Moment lang habe ich die Bef�rchtung, dass Jutta Kroll auf der Stelle ohnm�chtig werden k�nnte. Ihre Gesichtsfarbe wechselt binnen eines einzigen Atemzuges von einem tiefen Rosa in ein strahlendes Wei�.</p><p>�Das ... ist doch nicht ... m�glich�, stammelt sie und sieht abwechselnd mich und Ellen an.</p><p>�H�tte ich jetzt auch nicht gedacht, dass Sie zweimal auf den gleichen Trick reinfallen�, erwidere ich sonnig.</p><p>Kroll schnauft ver�chtlich. Im selben Moment schie�t das Blut ihr zur�ck ins Gesicht, diesmal entsteht allerdings ein kr�ftiges Rot.</p><p>�Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen�, droht sie. �Wir sehen uns noch, Dr. Jakobi. Verlassen Sie sich drauf!�</p><p>�Ich glaube, sie mag dich�, vermutet Ellen, als wir wieder allein sind.</p><p>�Sie ist nicht so ganz mein Typ�, erwidere ich. �Au�erdem k�nnte sie mir mit blo�en H�nden das Genick brechen. Bei Streitereien oder auch beim Sex w�re ich also st�ndig in Lebensgefahr.�</p><p>�Trotzdem. Eine starke Frau w�rde dir bestimmt guttun�, beharrt Ellen.</p><p>�Kann ich mich vielleicht erst einmal in Ruhe von dir und unserer Ehe erholen?�, frage ich.</p><p>Eine Frauenstimme unterbricht unser Gespr�ch. �Das ist aber nett von Ihnen, dass Sie uns extra abholen.� Die Stimme geh�rt Abels einstiger Geliebten Maria, die offensichtlich gerade in Begleitung ihres Mannes Josef und ihres Sohnes Christian angekommen ist. Die drei schieben einen �ppig beladenen Gep�ckwagen vor sich her.</p><p>�Entschuldigung, aber ich glaube, hier liegt ein Missverst�ndnis vor ...�, beginne ich und begreife im gleichen Moment, dass Josef, Maria und Christian wahrscheinlich nicht hier sind, um sich Berlin anzusehen.</p><p>�Ist irgendwas mit Abel passiert?�, frage ich besorgt.</p><p>Ich sehe in drei betroffene Gesichter.</p><p>�Das hei�t also, Sie wissen es noch gar nicht�, vermutet Christian.</p><p>�Was denn? Was wei� ich nicht?�, erwidere ich alarmiert.</p><p>�Abel hatte einen Unfall�, erkl�rt Maria, sichtlich um Fassung bem�ht. �Heinz hat uns benachrichtigt. Er ist bei Abel im Krankenhaus.�</p><p>Ungl�ubig starre ich die drei an, dann wandert mein Blick zu Ellen.</p><p>�Mein Wagen steht drau�en�, sagt sie. �Wir k�nnen sofort los.�</p><p>Ich nicke, obwohl ich ihr Angebot nur mit halbem Ohr geh�rt habe. Tausend Gedanken schie�en mir durch den Kopf.</p><p>�Ist es schlimm?�, frage ich.</p><p>Josef nickt. �Ja. Es ist schlimm. Es war ein sehr schwerer Unfall.�</p><p>Seine Worte h�ngen in der Luft wie Tabakrauch.</p><p>�Wie schlimm?�, will ich wissen, obwohl ich Angst vor der Antwort habe.</p><p>�Sie m�ssen jetzt sehr stark sein�, erwidert Christian und sieht mich durchdringend an. Es scheint, als wolle er sich davon �berzeugen, dass ich seine Antwort auch ertragen kann.</p><p>Es kommt mir vor, als w�rde unser Schweigen die Ger�usche des Flughafens verschlucken. Auch Christians Stimme klingt wie von ferne, als er sagt: �Es geht um Stunden, Dr. Jakobi. Die �rzte sind sicher, dass Abel die Nacht nicht �berleben wird.�</p></section><section><title><p><strong>Gott schwebt</strong></p></title><empty-line/><p>Ich erkenne das Krankenhaus sofort wieder. Hier war ich, als Ellens eifers�chtiger Boxer mir eins auf die Nase gehauen hat. Und hier ist mir auch in jener Nacht zum ersten Mal Abel Baumann begegnet. Gerade durchzuckt mich der bange Gedanke, dass ich Abel an diesem Ort nun zum letzten Mal lebend sehen k�nnte.</p><p>Auch heute gleicht der Wartebereich einem Bienenstock. Allerdings sind diesmal fast nur Zirkusleute hier. Abels Kollegen scheinen direkt aus der Manege zu kommen, denn fast alle tragen Kost�me unter den rasch �bergeworfenen M�nteln und Jacken. Ich erblicke einen Mann mit Frack und Zylinder, der ein Zauberer oder Dompteur sein k�nnte. Vielleicht handelt es sich auch um den Zirkusdirektor h�chstpers�nlich. Man sieht durchtrainierte M�nner in buntbedruckten Gymnastikanz�gen, zierliche Frauen mit schneewei�en Ballettkleidern und einen Clown, der nicht einmal Gelegenheit hatte, sich abzuschminken.</p><p>Ich halte nach einen bekannten Gesicht in der Menge Ausschau und erkenne den Irokesenschnitt von Eisen-Heinz. Im selben Moment sieht auch er mich, nebst Abels Familie und Ellen, die uns hergebracht hat. Sofort l�st Heinz sich aus der Gruppe und kommt rasch auf uns zu.</p><p>�Freut mich wirklich sehr, dass ihr gekommen seid. Er hat schon mehrmals nach euch beiden gefragt�, sagt Heinz und deutet auf Maria und Christian. Josef runzelt beleidigt die Stirn, bem�ht sich aber, seinen Missmut zu verbergen.</p><p>�Er m�chte Sie �brigens auch sprechen�, f�gt Heinz hinzu und zeigt diesmal auf mich. �Allerdings will er unbedingt allein mit Ihnen reden.� Ich nicke zur Best�tigung, w�hrend Heinz sich mit Maria und Christian auf den Weg ins Krankenzimmer macht. Josef steht einen Moment lang etwas unschl�ssig da, dann seufzt er leise und trottet schicksalsergeben hinterher.</p><p>Ich setze mich. F�hlt sich an, als h�tte ich bereits die ganze Nacht hier zugebracht, obwohl ich gerade erst angekommen bin.</p><p>Ellen mustert mich. �Meinst du, ich kann dich allein lassen?�</p><p>�Klar. Danke f�r deine Hilfe.�</p><p>�Keine Ursache. Wenn du noch irgendetwas brauchst, dann melde dich einfach.� Sie haucht mir einen Kuss auf die Wange. �Alles Gute, Jakob.�</p><p>Ich lehne mich zur�ck und schlie�e die Augen. Eine Weile h�re ich noch das Klackern ihrer Abs�tze auf dem Steinfu�boden. Dann verschmilzt es langsam mit den Umgebungsger�uschen und geht schlie�lich im gro�en Summen und Rauschen unter.</p><p>�So sieht man sich also wieder�, h�re ich eine Stimme sagen. �Dann haben Sie es ja offensichtlich geschafft, einen Bogen um den Knast zu machen.�</p><p>Ich �ffne die Augen. Vor mir steht Dr. Kessels.</p><p>�Wie geht es Ihrer Nase?�, will er wissen und setzt sich neben mich.</p><p>�Ganz okay�, antworte ich.</p><p>�Lassen Sie doch mal sehen�, bittet er, legt mir eine Hand auf die Stirn und l�st mit der anderen vorsichtig eine Ecke des Verbands.</p><p>Er ist zufrieden mit dem, was er sieht. �Der kann im Prinzip runter, ich w�rde ihn aber noch ein paar Tage drauflassen. Nur zum Schutz. Ansonsten sieht alles sehr gut aus.� Er klebt den Verband wieder fest.</p><p>�Alles klar. Wenn Sie nur der Nase wegen gekommen sind, dann habe ich Ihnen gerade ein paar Stunden Wartezeit erspart.�</p><p>�Nein. Ich bin wegen Abel Baumann hier�, sage ich.</p><p>�Oh. Das tut mir leid�, erwidert er. �Sind Sie ein Verwandter?�</p><p>�Ein Freund, w�rde ich sagen. Obwohl wir uns noch nicht so lange kennen.� Ich �berlege, ob Abel uns auch als Freunde bezeichnen w�rde, bleibe mir selbst aber die Antwort schuldig. �Au�erdem bin ich sein Arzt�, f�ge ich hinzu.</p><p>Dr. Kessels stutzt.</p><p>�Abel ist bei mir in Therapie�, erkl�re ich. �Ich bin sein Psychologe.�</p><p>Kessels nickt in Zeitlupe. �Das erkl�rt vielleicht die etwas ungew�hnlichen Begleitumst�nde�, entgegnet er und blickt nachdenklich zu den wartenden Zirkusleuten.</p><p>�Ich glaube, ich kann Ihnen nicht ganz folgen�, sage ich.</p><p>�Ich meine nicht die Artisten�, erkl�rt Kessels. �Ich habe schon geh�rt, dass die Truppe zuf�llig in der Stadt ist. Wenn all diese Menschen zwischen zwei Vorstellungen hier auftauchen, um ihrem alten Kollegen beizustehen, dann finde ich das schlicht gro�artig. Ich erlebe hier t�glich Familien, die weitaus weniger Interesse an ihren Angeh�rigen haben.�</p><p>�Und was sind dann die ungew�hnlichen Begleitumst�nde?�, frage ich.</p><p>�Sie wissen noch �berhaupt nichts, oder?�</p><p>�Nein. Ich habe nur durch Zufall erfahren, dass Abel im Krankenhaus liegt. Und man hat mir gesagt, dass er einen sehr schweren Unfall hatte.�</p><p>�Das ist eine nette Untertreibung, w�rde ich sagen.� Sein Piepser meldet sich. Er wirft einen kurzen Blick darauf. �Ich muss leider los. Schon wieder ein Notfall.� Er steht auf.</p><p>�K�nnen Sie mir nicht wenigstens ganz kurz sagen, was passiert ist?�</p><p>�Na ja. Ahm ...� Er z�gert. �Also, die Kurzversion lautet: Ihr Patient hat ein Schwert in der Brust stecken. Und zwar mitten im Herzen. Das Organ kann jede Sekunde kollabieren. Und im Grunde ist es ein Wunder, dass das nicht l�ngst passiert ist. Leider k�nnen wir nichts f�r ihn tun, denn sobald wir das Schwert entfernen, wird das Herz ganz bestimmt kollabieren.�</p><p>Ich starre ihn an, wie ich wohl auch Abel Baumann angestarrt habe, als der mir sagte, dass ich Gott h�chstpers�nlich vor mir habe.</p><p>�Ich wei� schon, was Sie sagen wollen�, f�hrt der Arzt fort. �Aber Ihr Patient weigert sich, an irgendwelche Apparate angeschlossen zu werden. Ein Kunstherz will er deshalb auch nicht. Er hat gesagt, dann stirbt er lieber.�</p><p>Ich bin noch immer sprachlos. Nicht allein, weil Abel medizinische Hilfe verweigert, sondern auch weil ich mich frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein Schwert in seiner Brust steckt.</p><p>Erneut meldet sich Dr. Kessels� Piepser. Er wirft einen weiteren Blick auf das Ger�t und macht sich nun endg�ltig auf den Weg. �Entschuldigung!�, ruft er im Gehen. �Ich muss jetzt wirklich los. Fragen Sie den Kerl mit dem Irokesenschnitt. Der kann Ihnen alles erkl�ren.�</p><p>Es dauert eine ganze Weile, bis ich Gelegenheit habe, ungest�rt mit Eisen-Heinz zu sprechen. Nachdem er Maria, Josef und Christian zu Abel gebracht hat, best�rmen ihn die Wartenden mit Fragen. Heinz nimmt sich Zeit, um alle geduldig zu beantworten. Dann setzt er sich neben mich.</p><p>�Haben Sie schon mit dem Arzt gesprochen?�</p><p>�Nur kurz�, erwidere ich. �Er hatte einen weiteren Notfall. Aber immerhin wei� ich jetzt, dass in Abels Brust ein Schwert steckt. Und dass er nach Lage der Dinge daran sterben wird.�</p><p>Heinz nickt nachdenklich. �Wissen Sie denn auch schon, dass es sich um das Schwert des Erzengels Michael handelt?�</p><p>Mein ungl�ubiges Schweigen ist ihm Antwort genug. �Verstehe. Sie wissen es also noch nicht. Sehen Sie diese Typen dahinten?� Heinz deutet auf ein paar kantige Kerle in dunklen Anz�gen, die etwas versteckt hinter der Artistentruppe an einem Kaffeeautomaten herumstehen. �Das sind Sicherheitsleute.</p><p>Die sind hier, um das Schwert zu bewachen. Es soll angeblich aus purem Gold sein. Sie werden es wohl mitnehmen, wenn ...� Er unterbricht sich, blickt nachdenklich zu Boden und verharrt in dieser Haltung.</p><p>Ich schweige und warte geduldig darauf, dass Heinz mit seiner Erz�hlung fortf�hrt, doch der sitzt weiterhin stumm da und scheint sich gerade in seinen Gedanken zu verlieren.</p><p>�Heinz?�</p><p>Er sieht mich an, als h�tte ich ihn aus einer tiefen Trance geholt.</p><p>�Entschuldigung, wo waren wir stehengeblieben?�</p><p>�Sie wollten mir erkl�ren, wie das goldene Erzengelschwert in Abels Brust gelandet ist, vermute ich.�</p><p>Er nickt und sammelt sich. �Es gibt da doch diese Wanderausstellung, vielleicht haben Sie davon geh�rt. Zw�lf Skulpturen aus dem Mittelalter, die lange Zeit als verschollen galten. Zusammen bilden sie einen Zyklus zum Tag des J�ngsten Gerichts. Der gesamte Zyklus konnte erst vor ein paar Jahren vollst�ndig rekonstruiert werden. Und jetzt wird das Ergebnis in allen gro�en St�dten gezeigt.�</p><p>�Und was hat das mit Abels Verletzung zu tun?�</p><p>�Eine dieser zw�lf Einzelstatuen stellt den Erzengel Michael dar, der mit seinem goldenen Schwert den Drachen t�tet.�</p><p>�Abel ist von einer Skulptur erdolcht worden?�, rutscht es mir raus.</p><p>�Ja. Leider. So �hnlich zumindest�, erwidert Eisen-Heinz. �Diese besagte Skulptur steht auf einem mannshohen Sockel, in den Bibeltexte eingemei�elt sind. Die Besucher, insbesondere die Schulklassen, ziehen bei den Besichtigungen deshalb gew�hnlich an diesem Sockel vorbei.�</p><p>Jetzt ahne ich, was passiert ist. �Und dem Erzengel ist das Schwert aus der Hand gefallen. Ich glaube, das nennt man Materialerm�dung.�</p><p>�Stimmt�, sagt Heinz. �Um die tausend Jahre haben der Skulptur tats�chlich stark zugesetzt. Aber es war alles noch viel schlimmer. Nicht nur das Schwert ist runtergekommen, sondern der ganze Erzengel. Abel war zuf�llig im Ausstellungsraum, als pl�tzlich kleine St�cke aus dem Sockel br�selten und der Engel nach vorn kippte. Die Skulptur w�re wohl geradewegs in eine Schulklasse gest�rzt, wenn Abel sich nicht blitzschnell dazwischengeworfen und die Kinder zur Seite gejagt h�tte. Die Statue selbst hat Abel dann verfehlt, sonst w�re er auch wohl auf der Stelle tot gewesen. Aber leider hat ihn das Schwert des Erzengels erwischt.� Heinz lacht bitter auf. �Ist das nicht eine merkw�rdige Ironie des Schicksals?�, fragt er. �Gott h�chstpers�nlich wird ausgerechnet von jenem Engel zur Strecke gebracht, der ihm von all seinen himmlischen Heerscharen am n�chsten steht.�</p><p>�berrascht blicke ich ihn an. �Gott?�</p><p>Jetzt ist auch Heinz �berrascht. �Sie sind sein Therapeut. Hat Abel Ihnen denn nicht erz�hlt, dass er Gott ist?�</p><p>�Doch, das hat er�, sage ich. �Aber ich habe bislang noch niemanden getroffen, der ihm das auch geglaubt hat.�</p><p>�Selbstverst�ndlich glaube ich ihm�, erwidert Heinz. �Und ich habe nie an seiner Geschichte gezweifelt.�</p><p>�Und warum sind Sie sich so sicher?�, will ich wissen.</p><p>Heinz zuckt mit den Schultern. �Ich habe Ihnen doch erz�hlt, dass ich als junger Mensch eine Menge Unfug angestellt habe. Ich war auf der Suche nach Antworten auf die elementaren Fragen. Wer bin ich?</p><p>Wo komme ich her? Und wo gehe ich hin? Was ist der Sinn des Lebens? Ich habe f�nfzehn Jahre investiert, um die Antworten auf diese Fragen zu finden. Und ich habe auf allen Kontinenten danach gesucht.� Er h�lt kurz inne und scheint seinen Erlebnissen in aller Welt nachzuschmecken. �Wissen Sie, mir sind viele weise Menschen auf meinem Weg begegnet, und ich glaube sogar, dass man einige von ihnen als Heilige bezeichnen k�nnte. Aber so jemanden wie Abel Baumann habe ich noch nie getroffen. Ich sp�re, dass er ein Leuchten in sich tr�gt, das nicht von dieser Welt ist.�</p><p>�Sie verlassen sich ganz allein auf Ihr Gef�hl?�, frage ich erstaunt.</p><p>Heinz sieht mich irritiert an. �Ja. Was denn sonst? Es gibt nichts, das konkreter w�re als Gef�hle. Das ist der Grund, warum die Menschen sich nicht nach Erkenntnissen sehnen, sondern nach Liebe, Gl�ck und Freundschaft.�</p><p>Ich schweige nachdenklich.</p><p>Bevor ich etwas erwidern kann, wird am Ende des Flures eine T�r ge�ffnet und die in Tr�nen aufgel�ste Maria erscheint. Josef hat einen Arm um sie gelegt. Mit der freien Hand t�tschelt er seiner Ehefrau behutsam die Schulter. Christian folgt den beiden. Er wirkt nicht nur gefasst, sondern beinahe begl�ckt, obwohl er abgek�mpft aussieht.</p><p>W�hrend Josef Maria langsam zum Ausgang geleitet, �berbringt Christian mir die Nachricht, dass Abel nun gerne mich sehen w�rde.</p><p>�War es sehr schwer f�r Ihre Mutter?�, frage ich und schaue der von Weinkr�mpfen gesch�ttelten Maria hinterher.</p><p>�Es war ein schmerzliches, aber auch ein reinigendes Gespr�ch�, erwidert Christian und faltet fromm die H�nde vor der Brust. �Wie letztlich alle armen S�nder hat auch mein Vater auf dem Totenbett seine Verfehlungen bereut und Abbitte geleistet.�</p><p>Heinz und ich wechseln einen kurzen Blick. Wahrscheinlich fragen wir uns beide, was Abels �berraschendes Gest�ndnis ausgel�st haben k�nnte.</p><p>�Vater hat zugegeben, dass seine gottesl�sterlichen Geschichten nur Erfindungen waren�, f�hrt Christian fort. �Wie wir alle schon lange vermutet haben, wollte er sich damit lediglich vor der Verantwortung f�r seine Familie dr�cken. Das ist zwar eine nicht eben r�hmliche, aber eine durchaus menschliche Reaktion. Er h�tte nur fr�her die Wahrheit ans Licht bringen m�ssen. Dann w�ren seinen Angeh�rigen und besonders meiner Mutter viele Sorgen erspart geblieben.�</p><p>Christian nickt sachte und erhaben. Man wei� nicht, ob er nachdenkt oder mit stiller Begeisterung seinen eigenen Erkenntnissen zustimmt. Er wirkt gerade jedenfalls derart hochm�tig und selbstzufrieden, dass mir bei seinem Anblick fast schlecht wird.</p><p>�Leider wollte Vater nicht, dass ich ihm die Beichte abnehme. Hoffen wir, dass Gott ihm dennoch seine schweren S�nden verzeiht. Ich werde gleich eine heilige Messe in der Krankenhauskapelle lesen, um die Gnade Gottes f�r meinen Vater zu erbitten. Sie beide sind herzlich eingeladen, ebenso nat�rlich auch die �brigen Weggef�hrten meines Vaters.� Er schaut kurz zu den Artisten, dann nickt er uns aufmunternd zu.</p><p>�Es w�rde mich sehr freuen, wenn Sie alle an unseren Gebeten teilnehmen k�nnten.�</p><p>Feierlich schreitet Christian von dannen. Heinz und ich sehen ihm nach.</p><p>�Was f�r ein eitler Pinsel�, st��t Heinz zwischen den Z�hnen hervor. �Es ist kaum zu glauben, dass er in gewisser Weise Gottes Sohn ist.�</p><p>�Ich finde es irgendwie tr�stlich, dass selbst Gott Probleme mit seinen Kindern hat�, sage ich und mache mich auf den Weg zu Abel.</p><p>Das Krankenzimmer ist in tr�bes Licht getaucht. Als ich die T�r schlie�e, herrscht augenblicklich Ruhe. Ein leichter Geruch von Desinfektionsmitteln h�ngt in der Luft. Leise versehen die Diagnoseger�te ihren Dienst. Das monotone Blinken ist irgendwie beruhigend. Noch schl�gt Abels Herz also.</p><p>�Bist du es, Jakob?�, fragt er mit schwacher Stimme.</p><p>Das goldene Schwert, das in seiner Brust steckt, zittert ein wenig.</p><p>�Ja, ich bin es�, sage ich und f�ge rasch hinzu: �Beweg dich nicht, ich komme zu dir.� Ich habe gro�e Angst, dass sein Herz kollabieren k�nnte.</p><p>Er erinnert an einen Feldherrn, der seine letzte Schlacht geschlagen hat. Ich erschrecke, als ich sein aschgraues Gesicht sehe. Er bemerkt es.</p><p>�Ich bin selbst erstaunt, Jakob. Aber die schlichte Wahrheit lautet: Es ist vorbei. Ich habe eine halbe Sekunde lang nicht aufgepasst, und jetzt werde ich sterben.�</p><p>�Sie k�nnen dir hier helfen, Abel. Du musst es nur ...�</p><p>Mit einer winzigen Handbewegung bringt er mich zum Schweigen.</p><p>�Es ist vorbei, Jakob. Ich wurstele seit Jahrtausenden hier vor mich hin, ohne irgendetwas zu erreichen. Das Schwert hier ist nur das T�pfelchen auf dem i. Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht! Ich bin erledigt. Das war ich schon, lange bevor wir uns getroffen haben, ich wollte es nur nicht wahr haben.� Er atmet flach.</p><p>�Hast du deswegen Christian angelogen?�, frage ich. �Weil du aufgeben willst?�</p><p>�Nein. Weil ich den dreien nicht noch l�nger das Leben schwer machen will. Wenn sie unbedingt an einen perfekten Gott glauben m�chten, dann sollen sie das tun. Ich kann es ihnen nicht mal verdenken. Es ist wirklich ein bisschen viel verlangt, an einen Gott zu glauben, der st�ndig Fehler macht.� Sein Mund verzieht sich zu einem schiefen L�cheln. �Genau deshalb glaubt ja auch niemand an mich.�</p><p>Ich kann nicht verhindern, dass mir Tr�nen in die Augen treten, und versuche, sie herunterzuschlucken. �Heinz glaubt an dich. Das hat er mir eben selbst gesagt.� Wieder muss ich schlucken. �Und ich glaube an dich.�</p><p>F�r einen kurzen Moment ist ein schwacher Glanz in seinen Augen zu sehen. �Dann hoffe ich mal, dass zwei Gl�ubige ausreichen, um mich vor dem Nirwana zu bewahren.�</p><p>�Es gibt hier noch viel f�r dich zu tun�, wende ich ein.</p><p>Er l�chelt matt. �Ich hab alles versucht, Jakob. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich mich jetzt mal eine kleine Ewigkeit lang ausruhe. Das Nirwana scheint mir ein passender Ort f�r einen ausgedienten Gott zu sein.�</p><p>�Du hast nicht ausgedient, Abel. Du darfst nur nicht aufgeben. Du k�nntest noch viele Menschen �berzeugen. Aber dazu musst du erst wieder auf die Beine kommen ...�</p><p>�Lass gut sein, Jakob. Falls die Menschen mich eines Tages wieder brauchen, dann k�nnen sie mich ja rufen. Sofern ich dann nicht allzu sehr damit besch�ftigt bin, tot zu sein, komme ich gern.�</p><p>Ich muss l�cheln, obwohl sich meine Augen wieder mit Tr�nen f�llen. �Was ist mit denen, die dich <emphasis>jetzt </emphasis>brauchen?�, frage ich mit belegter Stimme.</p><p>�Ich bin sicher, du kommst ganz gut allein zurecht.� Er kann ein kurzes Husten nicht unterdr�cken. Das Schwert in seiner Brust zittert.</p><p>�Vorsicht, Abel! Beweg dich nicht!�, bitte ich.</p><p>�Zu sp�t�, haucht er. Ich sehe, dass seine Augenlider flattern.</p><p>�Abel. Warte! Bitte! Bleib hier!�</p><p>Langsam sch�ttelt er den Kopf und fl�stert: �Danke f�r alles, Jakob.�</p><p>Ich sehe, dass Blut aus der klaffenden Wunde unter seinem Herzen quillt und springe auf, um Hilfe zu holen, da ert�nt ein schriller Sinuston. Entsetzt starre ich auf die ohrenbet�ubend pfeifenden Ger�te.</p><p>Die T�r wird aufgerissen. Krankenhauspersonal st�rmt herein. Eine Schwester befreit Abels leblosen K�rper von den Elektroden, eine andere stellt das enervierende Fiepen ab.</p><p>�Wir brauchen sofort einen OP!�, ruft ein blutjunger Arzt mit raspelkurzen Haaren. �Und jemand soll Dr. Kessels holen! Los, los! Beeilung!�</p><p>Es dauert nur Sekunden, bis die Klinikmitarbeiter Abels Bett auf den Flur geschoben haben. Als die T�r ins Schloss f�llt, herrscht augenblicklich Stille. Ersch�pft und verzweifelt lasse ich mich auf einen Stuhl sinken.</p><p>Wenn ich k�nnte, w�rde ich jetzt beten. Aber zu wem? Bis heute war ich ein Ungl�ubiger, der Gott an seiner Seite hatte. Jetzt bin ich ein gottloser Gl�ubiger.</p></section><section><title><p><strong>Gott geht</strong></p></title><empty-line/><p>Gott ist tot. Er verstarb am Nachmittag des 28. Dezembers, weil sein Herz kollabierte. W�hrend die �rzte noch um sein Leben k�mpften, hatte Gott selbst diesen Kampf bereits aufgegeben. Zuletzt wirkte er m�de, mutlos und am Ende seiner Kr�fte. Entt�uscht von seiner Sch�pfung und im Stich gelassen von seinen Gesch�pfen verlie� Gott die Welt, und vermutlich verlie� er sie f�r immer.</p><p>Ich habe nicht glauben wollen, dass er tot ist, und ich kann es auch jetzt noch nicht fassen. Nachdem die �rzte die Wiederbelebungsma�nahmen eingestellt hatten, verfrachtete man Gottes leblosen K�rper in einen K�hlraum. Der Bestatter entkleidete und wusch ihn, vern�hte die Wunde unter seinem Herzen und puderte das Gesicht, um die Leichenbl�sse zu �berschminken. Dann streifte man Gott ein wei�es Hemd und einen dunklen Anzug �ber und legte ihn in einen schlichten Sarg aus Kiefernholz. Er wurde zur Friedhofskapelle gebracht, wo man den Leichnam auf Wunsch der Angeh�rigen aufbahrte.</p><p>Als Gott dort lag, wich ich nicht von seiner Seite, denn ich glaubte fest daran, dass er pl�tzlich die Augen �ffnen und mich �berrascht ansehen w�rde, als w�re nichts geschehen. Ich glaubte an dieses Wunder, weil ich verstanden hatte, dass die Welt einen Gott braucht. Selbst dann, wenn dieser Gott so unvollkommen ist, dass man ihn kaum von einem begabten Zirkusartisten unterscheiden kann. Am Ende ist n�mlich ein zwar ohnm�chtiger, aber g�tiger Gott immer noch besser als gar kein Gott.</p><p>Ganz nebenbei spekulierte ich nat�rlich auch auf Gottes Talent f�r gro�e Auftritte. Eine Auferstehung von den Toten h�tte die Liste seiner bisherigen Wundertaten um eine echte Attraktion erweitert. Schon deshalb war ich davon �berzeugt, dass Gott es nicht zur Beerdigung von Abel Baumann kommen lassen w�rde.</p><p>Doch ich habe mich geirrt. Ich sah, wie der Sargdeckel sich �ber dem leblosen K�rper schloss. Ich h�rte das Weinen und Wehklagen der Angeh�rigen und Freunde, die frommen Worte des Zeremonienmeisters Christian und den tr�gen Trauermarsch, gespielt von schwerbl�tigen Zirkusmusikern. Und dann sah ich, wie der Sarg sich langsam in die Erde senkte, wie die Trauernden Blumen auf den Sargdeckel warfen, der Familie kondolierten und schlie�lich nach und nach den Friedhof verlie�en.</p><p>Jetzt sitze ich immer noch auf einer Bank an seinem Grab. Selbst Maria, Josef und Christian sind schon vor Stunden gegangen. Die Totengr�ber haben inzwischen eine dicke Schicht Erde auf die sterblichen �berreste Gottes gew�lzt. Sie mussten den gefrorenen Boden zertr�mmern und mit einem kleinen Bagger auf den Sarg kippen. Fast sah es so aus, als w�rde die Erde sich dagegen wehren, Gott zu begraben.</p><p>Jetzt ist Stille eingekehrt. Es d�mmert bald. Die Luft ist kalt und klar.�Von Ferne h�rt man ab und zu das Explodieren einzelner Feuerwerksk�rper, obwohl das neue Jahr erst in ein paar Stunden beginnen wird. Die Menschen scheinen voller Ungeduld darauf zu warten, das alte ablegen und das neue begr��en zu k�nnen.</p><p>Als leichter Schneefall einsetzt, stehe ich auf. Ich habe meine letzten Tr�nen vergossen und meine letzten Hoffnungen auf ein kleines Zeichen Gottes zusammen mit Abel Baumann begraben. Jetzt ist mir kalt, ich bin m�de und hungrig. Vielleicht werde ich mich auch besaufen, ich wei� es noch nicht so genau. In jedem Fall m�chte ich nicht erleben, wie der Schnee diesen Ort in den Mantel des Vergessens h�llt. In weniger als einer Stunde wird man Abels Grab nicht mehr von all den anderen hier unterscheiden k�nnen. Der frische Schnee wird es so aussehen lassen, als w�re heute nicht einmal jemand hier gewesen.</p><p>Ich wandere eine Weile ziellos durch die Stra�en, um einen Ort zu finden, an dem ich allein unter Menschen sein kann. Das ist nicht einfach, denn die meisten Bars und Restaurants sind ausgebucht. Und wer noch einen freien Tisch hat, gibt ihn nur ungern einem einzelnen Herrn, der nicht in Silvesterstimmung zu sein scheint. Da ich den Jahreswechsel nicht allein in Mutters viel zu gro�em Haus erleben m�chte, komme ich auf die Idee, zu Freddys Pizzeria zu fahren. Der Laden ist in einem nicht sehr attraktiven Viertel und hat kaum Laufkundschaft. Au�erdem hat Heinz mir gesagt, dass Freddys Frau eine miserable K�chin ist. Falls Freddys Pizzeria also Silvester ge�ffnet hat, k�nnte ich dort mit etwas Gl�ck einen Platz finden.</p><p>Meine Kalkulation geht auf. Nur wenige Tische sind besetzt. Ich bestelle eine Flasche Rotwein und eine Pasta, die selbst Freddys Frau Valentina hinbekommen m�sste.</p><p>Als ich meinen Blick durch das Lokal schweifen lasse, erkenne ich zu meinem Erstaunen jenes Paar wieder, dessen Hochzeitsfeier genau hier in einem Eklat endete. Offenbar haben die beiden sich vers�hnt, denn sie wirken verliebt und gl�cklich. Und der schm�chtige Br�utigam scheint sich auch von der Attacke auf seine Weichteile erholt zu haben. Er sitzt vor einer �ppigen Portion Sahnetortellini und isst mit gro�em Appetit.</p><p>Der Rotwein, den Freddy mir kredenzt, ist ebenso passabel wie die Pasta seiner Frau. Da ich weniger erwartet habe, bin ich angenehm �berrascht. W�hrend ich esse, frage ich mich, wie es dem Brautpaar seit der Hochzeit ergangen sein mag, als pl�tzlich die Schwester der Braut erscheint. Sie begr��t die beiden sehr herzlich, setzt sich dann dazu und bestellt ebenfalls etwas zu essen.</p><p>Ich bin erstaunt. Haben die drei sich etwa arrangiert? Am Tag der Hochzeit sah es so aus, als h�tte das Liebesgest�ndnis der Schwester die junge Ehe schlicht ausradiert. Heute k�nnte man denken, dass die beiden Frauen sich den Mann geschwisterlich teilen.</p><p>Ich lege das Besteck beiseite, lehne mich zur�ck und denke an den Abend der Hochzeitsfeier zur�ck. Damals habe ich Abel f�r einen Clown mit psychischen Problemen gehalten. Heute glaube ich: Mir ist Gott begegnet. Er ist fehlerhaft. Er ist schwach und machtlos. Vielleicht ist er nur ein Gedanke aus einer anderen Zeit. Oder aus einer anderen Welt. Trotzdem habe ich diesen Gedanken f�r mich entdeckt. Jetzt ist er da. Und zu meinem eigenen Erstaunen kann ich Gott nun nicht mehr wegdenken.</p><p>Freddy kommt an meinen Tisch. �Noch alles okay bei Ihnen?�</p><p>�Danke�, erwidere ich und blicke immer noch gr�belnd zu den dreien.</p><p>�Kennen Sie die Herrschaften?�, fragt Freddy.</p><p>�Ich war zuf�llig hier, als die Hochzeitsfeier aus dem Ruder lief�, erwidere ich. �Und jetzt wundere ich mich ein bisschen.�</p><p>�Ja. Das ist in der Tat eine verr�ckte Geschichte�, sagt Freddy und f�gt vertraulich hinzu: �M�chten Sie sie h�ren?�</p><p>Ich sehe ihn an, und w�hrend ich noch �ber meine Antwort nachdenke, h�re ich mich sagen: �Nein, vielen Dank. Nicht n�tig.�</p><p>Freddy zuckt gleichg�ltig mit den Schultern und macht sich auf den Weg zum n�chsten Tisch.</p><p>Ich habe gerade etwas begriffen: Im Grunde macht es keinen Unterschied, ob Abel Baumann ein psychisch angeschlagener Zirkusclown oder Gott h�chstpers�nlich war. Und es ist auch nicht wichtig, ob er tats�chlich Wunder vollbracht oder lediglich Zaubertricks pr�sentiert hat. Was z�hlt, ist, dass die Erlebnisse mit Abel mich und mein Leben auf den Kopf gestellt haben. Mehr kann man von Gott nicht verlangen, finde ich.</p><p>W�hrend ich mir Valentinas Pasta schmecken lasse, komme ich auf die Idee, heute Nacht mit Abel Baumann anzusto�en. Wenn auch nur im Geiste. Ein Blick auf die Uhr verr�t mir, dass ich noch genug Zeit habe, um zuvor in Ruhe mein Silvestermahl zu genie�en.</p><p>Es ist kurz vor Mitternacht, als ich das Dach jenes Hauses betrete, auf dem ich Weihnachten mit Abel Baumann gesessen habe. Damals befanden wir uns in einer Welt, in der es mich nicht gab. Heute Nacht ist es genau umgekehrt. Es hat inzwischen aufgeh�rt zu schneien. Ich habe eine Flasche Rotwein und zwei Gl�ser mitgebracht. Ich stelle die Gl�ser auf die kleine Mauer, die den Dachrand markiert, und schenke ein.</p><p>Noch vier Minuten bis Mitternacht. Man hat einen sch�nen Blick von hier oben. Ich genie�e ihn, solange es noch ruhig ist.</p><p>Mein Handy vibriert. Eine Nachricht von Mutter. Sie hat mir ein Video geschickt. Ich h�tte nicht gedacht, dass sie sich derart gut mit moderner Kommunikation auskennt. Beeindruckend.</p><p>Es dauert einen Moment, bis die Datei geladen ist. Was ich dann sehe, erf�llt mich mit Wehmut. Jonas, Hanna und Mutter stehen an einem Traumstrand unter karibischer Sonne. Mein Bruder hat einen Arm um seine Geliebte, den anderen um Mutter gelegt. Die drei wirken nicht nur entspannt, sondern auch ein bisschen euphorisch.</p><p>�Hallo, Bruder�, sagt Jonas. �Ich wei� nicht, wie ich dir jemals f�r all das danken soll, was du f�r mich getan hast. Mutter und Hanna haben mir alles erz�hlt. Ohne dich w�rde ich jetzt sicher nicht hier stehen. Und ich h�tte vielleicht auch nie erfahren, dass ich Vater werde. Dabei ahnst du �berhaupt nicht, wie viel mir das bedeutet ...�</p><p>�Und es bedeutet ihm wirklich sehr viel�, f�llt Hanna ihrem Geliebten ins Wort. �Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass Jonas mich bitten k�nnte, bei ihm zu bleiben, geschweige denn ... ihn zu heiraten.�</p><p>�Ja, Bruder, das ist die Neuigkeit des Tages. Wir werden heiraten!�, ruft Jonas lachend. �Und du bist definitiv dabei. Wir warten auf dich. Selbst wenn es Monate dauern sollte. Versprochen.�</p><p>�Ich m�chte mich ganz herzlich f�r Ihre Hilfe bedanken. Wenn Sie nicht gewesen w�ren .� Hanna unterbricht sich und �berlegt, dann sagt sie mit einem gl�cklichen L�cheln: �Ich glaube, Sie wissen schon, was ich sagen will.�</p><p>�Und ich glaube, du kannst ihn ruhig duzen�, sagt Mutter in ihrer forschen Art. �Schlie�lich ist er bald dein Schwager. Au�erdem sollten wir Jakob nicht zu sehr loben, sonst wird er noch hochn�sig.� Sie l�chelt freundlich und zupft dann ein wenig verlegen an ihrem Sommerkleid, um sich f�r die folgende kleine Ansprache zu sammeln. �Andererseits kann ich mich Hanna und Jonas nur anschlie�en. Du hast uns allen sehr geholfen, mein Sohn. Deshalb hoffe ich, dass jetzt auch dir das Gl�ck winkt.�</p><p>�Das hoffen wir nat�rlich auch!�, wirft Jonas ein.</p><p>�Und darum�, f�hrt Mutter fort, �w�nschen wir dir ein tolles neues Jahr mit allem, was dazugeh�rt.�</p><p>�Mit Gl�ck und Gesundheit�, ruft Hanna.</p><p>�Und viel Geld�, erg�nzt Jonas mit einem breiten Grinsen.</p><p>Ein tadelnder Seitenblick unserer Mutter l�sst ihn rasch hinzuf�gen: �Wobei Geld ja nicht das Wichtigste im Leben ist, wie wir alle wissen.�</p><p>�Danke f�r alles, Jakob�, fasst Mutter zusammen, und sichtlich bewegt f�gt sie hinzu: �Pass gut auf dich auf, mein Sohn. Wir lieben dich.�</p><p>Jonas nickt best�tigend, Hanna wirft mir l�ssig ein K�sschen zu.</p><p>Ich starre auf mein Handydisplay und bin zutiefst ger�hrt. Gerade f�hle ich mich auf eine Art und Weise umarmt, wie sie im Hause von Bartholom�us Jakobi bislang v�llig un�blich war.</p><p>Jonas verschwindet aus dem Bild, ich vermute, er will die Kamera abstellen. Gerade bin ich im Begriff, das Video zu beenden, da ruft Mutter: �Sekunde noch, Jonas. Das Wichtigste h�tte ich ja beinahe vergessen.� Sie blickt wieder direkt in die Kamera. �Jakob, schau doch bitte mal in die obere rechte Schublade im Schreibtisch deines Vaters. Ganz vorn liegen ein paar Unterlagen, die f�r dich bestimmt sind. Du wirst wissen, was damit zu tun ist. Hoffe ich zumindest. Mir ist klar, dass du nur ungern Geschenke von deiner Mutter annimmst, aber diesmal w�re es bl�d, wenn du dich wieder stur stellst. Das Geld ist n�mlich so oder so futsch. Betrachte die Sache also bitte einfach als einen Wink Gottes.�</p><p>Eine kurze Pause entsteht, dann h�rt man Jonas fragen: �Okay? War es das? Kann ich ausmachen?�</p><p>Mutter nickt, und das Bild friert ein.</p><p>Erstaunt tippe ich das Video an, um die Men�f�hrung aufzurufen. Sekunden sp�ter h�re ich erneut Mutters entscheidenden Schlusssatz: �Betrachte die Sache also bitte einfach als einen Wink Gottes.�</p><p>Ich schaue in den Nachthimmel. Im gleichen Moment ert�nt Glockengel�ut, und die ersten Raketen verwandeln sich in Funkenregen. Dazu h�rt man nun das anschwellende Pfeifen, Rauschen und Krachen des neuen Jahres und den Jubel all jener, die es voller Hoffnung begr��en.</p><p>Mein Blick f�llt auf die Weinflasche mit den zwei Gl�sern. Wenn ich gerade wirklich ein Zeichen Gottes bekommen habe, dann sollte ich mich jetzt wohl auf den Weg machen. Andererseits habe ich Gott als jemanden kennengelernt, der gern mal ein Gl�schen trinkt und sich h�chst ungern hetzen l�sst. Ich beschlie�e, einen Schluck auf sein Wohl zu nehmen und dann aufzubrechen.</p><p>Auf den Stra�en herrscht Chaos. Ich habe nicht damit gerechnet, ein Taxi zu bekommen. Leider ist jedoch auch der �ffentliche Nahverkehr gerade zusammengebrochen. Niemand wei�, wie lange die St�rung dauern wird. Obwohl es ein l�ngerer Fu�marsch bis an den Stadtrand ist, mache ich mich auf den Weg. Es hilft ja nichts.</p><p>Pl�tzlich stutze ich. Auf der gegen�berliegenden Stra�enseite erkenne ich Hauptkommissarin Jutta Kroll. Sie sitzt in einem alten Golf und scheint zu telefonieren, ich w�rde aber darauf wetten, dass sie mich observiert. Es ist ihr offenbar ein pers�nliches Anliegen, den Fall Jonas Jakobi doch noch aufzukl�ren, wenn sie nicht einmal davor zur�ckschreckt, mir am Silvesterabend nachzustellen.</p><p>Ich schlendere auf die andere Stra�enseite und klopfe dezent gegen das Seitenfenster. Kroll erkennt mich sofort und �ffnet mit den Worten: �Nanu, Dr. Jakobi, was machen Sie denn hier?�</p><p>�Ich wollte Ihnen ein frohes neues Jahr w�nschen�, erwidere ich. �Au�erdem habe ich mich gefragt, ob Sie mich vielleicht nach Hause fahren k�nnten. Da Sie mir ja sowieso folgen w�rden, h�tten wir beide was davon.�</p><p>�Okay. Steigen Sie ein!�, sagt sie nach kurzem Z�gern und nimmt dann wieder das Handy ans Ohr: �Ich melde mich sp�ter noch mal, Schatz.�</p><p>�Privatgespr�che im Dienst?�, unke ich mit gespieltem Ernst. �Passen Sie auf, dass Ihr Vorgesetzter keinen Wind davon bekommt.�</p><p>�Ich bin nicht im Dienst�, entgegnet sie und f�hrt los. �Und das eben war tats�chlich ein Privatgespr�ch. Mein Mann. Er ist gerade in Japan.�</p><p>�Interessant. Was macht er denn beruflich?�, m�chte ich wissen.</p><p>�Er ist ein Sushi-Tsu. Ein Sushimeister. Aber er arbeitet nicht in Japan, falls Sie das meinen. Er besucht dort seine Eltern.�</p><p>Hauptkommissarin Kroll hat einen Japaner geheiratet? Gerade stelle ich mir vor, wie sie einen schm�chtigen Asiaten, den sie um zwei Hauptesl�ngen �berragt, zum Traualtar zerrt, da fragt sie: �Kennen Sie vielleicht den Turm zu Babel? Das ist so ein Konzeptrestaurant. Da ist er der Sushi-Tsu.�</p><p>Das Bild des schm�chtigen Japaners l�st sich in Luft auf, und vor meinem geistigen Auge taucht die imposante Statur des japanischen Kampfsportkochs aus dem Turm zu Babel auf.</p><p>�Nein. Kenne ich nicht, aber werde ich sicher mal ausprobieren�, l�ge ich.</p><p>Sie nickt versonnen und setzt den Blinker. Langsam entfernen wir uns von der City. Wir schweigen eine Weile.</p><p>�Was die Sache mit Ihrem Bruder betrifft, da bin ich tats�chlich nicht mehr zust�ndig�, sagt sie pl�tzlich. �Und ich habe heute wirklich keinen Dienst. Falls Sie also observiert werden, dann sicher nicht von einem meiner Mitarbeiter.�</p><p>�Und Sie fahren mich trotzdem heim?�, erwidere ich. �Das ist wirklich nett von Ihnen. Danke.�</p><p>�Das mache ich gern. Ich will ja nicht gleich behaupten, dass ich Ihnen etwas schuldig bin, aber ich gebe zu, dass ich Ihnen das Leben nicht eben leicht gemacht habe. Es war mir n�mlich schon ein pers�nliches Anliegen, Ihren Bruder zur Strecke zu bringen.�</p><p>�Ein pers�nliches Anliegen?�, frage ich. �Wieso das? Und wieso: war?�</p><p>�Ganz einfach. Weil die Sache mich pers�nlich anging. Meine Mutter bezieht eine kleine Pension aus einem Fond, den Ihr Bruder ruiniert hat. So ist es ja meistens: Wenn drei Milliarden verschwinden, dann betrifft das erstaunlicherweise nie ein paar hundert Million�re, sondern immer ein paar hunderttausend arme Schweine. Und ich war �berzeugt davon, dass die Sache im Fall Ihres Bruders genauso liegen w�rde.�</p><p>�Aber?�, frage ich gespannt.</p><p>�Aber Ihr Bruder hat es geschafft, die Verluste in Kapitalgesellschaften zu b�ndeln, deren Kundschaft so exklusiv ist, dass diesmal nur reiche Leute den Schwarzen Peter gezogen haben. Fragen Sie mich nicht, wie er das gemacht hat. Einer unserer Finanzexperten hat versucht, es mir zu erkl�ren. Aber leider vergeblich.�</p><p>Wir sind da. Sie lenkt den Wagen auf den Seitenstreifen.</p><p>�F�r mich ist jedenfalls die Hauptsache, dass meine Mutter ihre Pension beh�lt. Daf�r hat Ihr Bruder wundersamerweise gesorgt�, f�hrt sie fort. �So seltsam es klingt, aber ich muss ihm in dieser Hinsicht dankbar sein.�</p><p>Ich schaue hinaus. Immer noch ist der Himmel von Feuerwerk erleuchtet.</p><p>�Danke, dass Sie mir das erz�hlt haben�, sage ich. �Ich bin froh, dass mein Bruder wenigstens ein bisschen Ganovenehre im Leib hat.�</p><p>Sie l�chelt. �Mehr noch. Es spricht einiges daf�r, dass er auch deshalb getrickst hat, weil er seinen Leuten helfen wollte. Das ist zwar nicht aus purer N�chstenliebe geschehen, denn es ging ja auch um seinen Kopf, aber wenn ich das richtig einsch�tze, dann hat Ihr Bruder beschlossen, alles auf seinen Deckel zu schreiben, damit die anderen aus der Schusslinie sind.�</p><p>�Und warum?�, frage ich.</p><p>Sie zuckt mit den Schultern. �W�rde mich auch interessieren. Es sieht jedenfalls nicht danach aus, dass er relevante Summen f�r sich zur Seite schaffen konnte. Vielleicht ist er am Ende ja doch ein ehrlicher Kerl, der einfach nur Pech hatte.�</p><p>�Klingt fast so, als w�rden Sie ihn am liebsten laufen lassen�, unke ich.</p><p>�Er hat gute Chancen, auch so davonzukommen. Vorausgesetzt, er ist clever genug, da zu bleiben, wo er ist. Aber ich glaube, in Sachen Cleverness steckt Ihr Bruder uns beide in die Tasche.�</p><p>Ich �ffne die Autot�r.</p><p>�Gr��en Sie ihn von mir�, sagt sie.</p><p>Ich nicke und lasse die T�r ins Schloss fallen.</p><p>Wenig sp�ter sitze ich im Dunkeln am Schreibtisch meines Vaters. Ich habe hinter der Gesamtausgabe von William James einen sehr alten Brandy gefunden, und diesmal trinke ich ein Glas auf Bartholom�us Jakobi. Die Lichtblitze der Silvesterraketen zucken �ber die W�nde. Man h�rt das Feuerwerk hier nur noch als fernes Gewitter.</p><p>Erst jetzt schalte ich die Schreibtischlampe ein und �ffne die obere rechte Schublade, um zu sehen, was Mutter hier f�r mich deponiert hat.</p><p>Es sind Tickets f�r eine Kreuzfahrt, ausgestellt auf ihren Namen. Die Route f�hrt von Hamburg �ber London nach Miami, es folgen die Bahamas und dann ... ich stocke beim Lesen ... Kuba.</p><p>Ich rechne rasch aus, dass ich in knapp zwei Wochen in Havanna sein werde. Das Schiff legt �bermorgen ab. Genug Zeit, um die Formalit�ten zu erledigen und eine neue Badehose zu kaufen. Zufrieden gie�e ich mir noch einen Brandy ein.</p></section><section><title><p><strong>Gott lebt</strong></p></title><empty-line/><p>Die <emphasis>MS Buatier</emphasis> ist ein Schiff f�r Nostalgiker. Der Ozeanriese sieht aus, als w�re er zu Beginn des letzten Jahrhunderts vom Stapel gelaufen. Dabei steckt unter dem retrodesignten Rumpf die allerneueste Technik, wie man der schiffseigenen Postille, die ebenfalls im Stil des fr�hen 20. Jahrhunderts gestaltet ist, entnehmen kann. Es handelt sich also um eine Art schwimmendes Disneyland. Man gibt den Passagieren das sch�ne Gef�hl, sich in einer Zeit zu bewegen, in der die beiden Weltkriege noch ebenso fern waren wie das Internet oder die Immobilienspekulationsblase. Die G�ste sollen den Duft des Kolonialzeitalters schnuppern, als man Raubz�ge in fernen L�ndern noch Expeditionen nannte und daf�r obendrein nicht vor irgendwelche Menschenrechtstribunale gezerrt wurde.</p><p>Die Stewards an Bord sind durchweg Briten. Sie befehligen ein Heer von gr��tenteils philippinischen Untergebenen, die mit den Passagieren keinen direkten Kontakt pflegen. Damit alle Mitarbeiter des Schiffes auf den ersten Blick zu erkennen sind, tragen sie blaue Uniformen. Die Stewards sprechen sich untereinander mit Nachnamen an, rufen aber die Hilfskr�fte beim Vornamen. Das wirkt immer dann irritierend, wenn ein blutjunger Steward gestandene M�nner herumkommandiert. Mr. Higgins, der verantwortliche Steward im Fitnessbereich, ist so ein Fall. Ohne Uniform w�rde man den Schlaks mit Pferdez�hnen wohl f�r einen Collegeboy halten. Auf der <emphasis>MS Buatier</emphasis> hat er das Kommando �ber ein halbes Dutzend Handtuchtr�ger, darunter zwei wei�haarige Inder, denen man wahrscheinlich beharrlich verschweigt, dass die Briten den Subkontinent l�ngst verlassen haben.</p><p>Auch der Fitnessraum ist im Retrostil gehalten, lediglich die Ger�te sind neueren Datums. Wahrscheinlich w�rde sonst keine Versicherung mitspielen. Das Durchschnittsalter der Passagiere liegt nach meiner Einsch�tzung irgendwo jenseits der siebzig. Fitnessger�te aus der Kaiserzeit w�rden die Zahl der Knochenbr�che an Bord bestimmt glatt verdoppeln. Zumal ich bei den �ltesten Mitreisenden die Bef�rchtung habe, dass ein leichter Windsto� ausreichen k�nnte, um sie auf das n�chsttiefer gelegene Deck zu wehen. Immerhin ist die <emphasis>MS Buatier</emphasis> auf solche Eventualit�ten vorbereitet. Es gibt ein �rzteteam und einen OP an Bord, beides ausnahmsweise nicht im Retrostil. Bei einer Schiffsf�hrung habe ich erfahren, dass die medizinische Versorgung erstklassig und auf dem allerneuesten Stand ist. Das erkl�rt vielleicht auch, dass die besonders betagten Passagiere erw�gen, bei den Landg�ngen in Hafenn�he zu bleiben. Oder aber das Schiff gar nicht erst zu verlassen.</p><p>Immerhin passt meine neue Badehose sehr gut zum g�ngigen Stil an Bord: ein t�rkisfarbenes Retromodell, das ich preiswert und vor allem schnell erstanden habe, ohne es mir zuvor genau anzusehen. Damit falle ich inmitten von Damen mit Blumenbadehauben und Herren in Badehosen, die tats�chlich in den Sechzigern gekauft wurden, �berhaupt nicht auf. W�rde ich jetzt noch zum Dinner Anzug und Krawatte tragen und eine Dame mit einem �bergro�en Hut zum Tisch geleiten, k�nnte man mich glatt f�r einen normalen Passagier halten - abgesehen vielleicht vom Altersunterschied. Ich verzichte lieber auf das mehrg�ngige Essen im gro�en Saal und lasse mir in einem der �brigens Restaurants ein schnelles Steak servieren.</p><p>Die Abendunterhaltung gestaltet sich schwierig. Ich k�nnte mir im Kino <emphasis>Singin� in the rain</emphasis> ansehen oder im Theater die Grethe-Weiser-Revue. Au�erdem gibt es einen Tanztee im K�nigin-Viktoria-Saal und ein Wettpuzzeln in der Schiffsbibliothek. Vielleicht sollte ich versuchen, erst das Wettpuzzeln zu gewinnen und dann beim Tanztee die Bekanntschaft einer flotten Neunzigj�hrigen zu machen.</p><p>W�hrend ich �berlege, nach einem Abendspaziergang und einem letzten Drink einfach fr�h ins Bett zu gehen, finde ich mich pl�tzlich im Casino wieder.</p><p>Es herrscht kaum Betrieb. Die beiden Roulette-Tische sind verwaist, aber beim Black Jack haben sich zwei Spieler eingefunden. Eine alte Dame, die von Zeit zu Zeit an einer leeren Zigarettenspitze zieht und ein Endf�nfziger, dem sein dichtes, schwarzes Haupt- und Barthaar ein d�steres Aussehen verleiht.</p><p>Ich geselle mich dazu, was den gedrungenen Croupier auf der anderen Seite des Tisches kurz innehalten l�sst. Gerade wollte er austeilen, nun wartet er noch einen Moment, bis ich mich gesetzt und mein Geld hervorgekramt habe. Seinem Namensschild entnehme ich, dass er aus Osteuropa stammt: Frantisek Holler. Vielleicht ein Tscheche, denke ich und lasse mir kleine Chips f�r f�nfzig Dollar geben. Mit etwas Gl�ck komme ich damit �ber die n�chste Stunde. Ich rechne beim Black Jack nie mit Gewinnen. Es reicht mir schon, wenn ich nicht allzu viel verliere. Ich lege einen Chip auf den Tisch, und Frantisek beginnt, die Karten zu verteilen.</p><p>Eine Weile spielen wir schweigend. Nur das Vokabular des Black-Jack-Spiels ist in ged�mpfter Lautst�rke zu h�ren: �Hit. Stay. Bust.�</p><p>Stoisch und im Tonfall eines Gebete vor sich hin murmelnden M�nchs z�hlt Frantisek die Punkte. Kommt es zu einem Black Jack, verk�ndet er das nicht nur ohne die geringste Begeisterung, er klingt dann sogar ein wenig resigniert, als wolle er sagen: Seht her! Das ist also nun mein Leben, ich spiele Karten mit gelangweilten Touristen.</p><p>�Where do you come from?�, fragt mein Sitznachbar. Sein �sterreichischer Akzent ist un�berh�rbar. Au�erdem stelle ich fest, dass er aus n�chster N�he wie ein Werwolf aussieht, der mitten in der Verwandlung steckengeblieben ist. Seine Augenbrauen sind jedenfalls genauso buschig und pechschwarz wie der Rest seiner Haarpracht.</p><p>�From Berlin�, antworte ich.</p><p>�Ach, sieh an!�, entgegnet er. �Ich komme aus Wien. Kennen Sie Wien?�</p><p>�Ein bisschen�, sage ich und hoffe, dass er meine Einsilbigkeit als Hinweis darauf versteht, dass ich mich gerade lieber nicht unterhalten m�chte.</p><p>�Gestatten. Albert Reiter�, sagt er, erhebt sich dabei vom Hocker und reicht mir die Hand.</p><p>Die Dame mit der Zigarettenspitze interessiert sich entweder nicht f�r unser Gespr�ch oder spricht eine andere Sprache. Sie nippt gelangweilt an einem gro�en Brandy. Frantisek wartet geduldig darauf, das Spiel fortsetzen zu k�nnen. Es schmeckt ihm offenbar nicht, dass wir plaudern, statt uns auf die Karten zu konzentrieren, aber als Croupier auf einem Kreuzfahrtschiff ist man vermutlich Kummer gewohnt.</p><p>Ich ergreife die Hand des Wiener Werwolfs und erwidere: �Jakob Jakobi. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.�</p><p>Er nickt und setzt sich wieder. �Und was machen Sie so, wenn Sie gerade nicht �ber den Atlantik schippern?�, fragt er und tippt nebenbei auf den Tisch, um eine Karte anzufordern. �Beruflich, meine ich.�</p><p>�Ich bin Psychologe, will mich aber beruflich perspektivisch neu orientieren�, antworte ich und bedeute Frantisek mit einer kurzen Handbewegung, dass ich mit meinen siebzehn Punkten bedient bin.</p><p>�Das ist ja ein Zufall�, erwidert Reiter, sichtlich erfreut. �Ein Kollege, also. Ich bin n�mlich auch Psychologe. Lehre und Forschung. Universit�t Wien.�</p><p>Ich nicke h�flich, sage aber nichts. Albert Reiter hat mir diesmal ausnahmsweise keine Frage gestellt, vielleicht k�nnen wir also jetzt wieder ein Weilchen schweigen. Au�erdem h�tte ich gern noch ein Glas Wein, weshalb ich damit besch�ftigt bin, die Aufmerksamkeit des wahnsinnig unaufmerksamen Kellners zu erregen.</p><p>Frantisek kommt mir zu Hilfe, indem er ein ebenso ruhiges wie verbindliches �Service� in Richtung Theke schickt, was den dort d�senden Barmann spontan in Bewegung versetzt.</p><p>W�hrend Frantisek erneut austeilt, sehe ich, dass Reiter nachdenklich wirkt. Ich bef�rchte, gleich wird er an unser Gespr�ch ankn�pfen.</p><p>�Jakobi�, sagt er in diesem Moment gedehnt. �Sie sind aber nicht zuf�llig mit Bartholom�us Jakobi verwandt?�</p><p>Ich habe bef�rchtet, dass das Gespr�ch diese Wendung nehmen k�nnte, denn in Fachkreisen ist der Name meines ber�hmten Vaters selbstverst�ndlich ein Begriff. Deshalb passiert es mir auch andauernd, dass ich mich als sein �berhaupt nicht ber�hmter Sohn zu erkennen geben muss.</p><p>�Er ist mein Vater�, sage ich nach kurzem Z�gern und merke im gleichen Moment, dass der leise Groll, den ich seit Jahren bei solchen Gelegenheiten versp�re, urpl�tzlich verflogen ist. H�tte ich fr�her in einer Situation wie dieser das Bed�rfnis gehabt, meinem Gegen�ber das komplexe Verh�ltnis zwischen mir und meinem Vater darzulegen, so merke ich jetzt gerade, dass unsere ganze lange und schwierige Geschichte mit diesen wenigen Worten erz�hlt ist: Er ist mein Vater.</p><p>Albert Reiter nickt anerkennend und merkt gar nicht, dass Frantisek schon wieder auf eine Reaktion von ihm wartet. Dann streicht der Wiener Psychologe durch seinen gewaltigen Bart und sagt: �Ich habe eine seiner Vorlesungsreihen in Wien besucht. Das muss Ende der Achtziger gewesen sein. Damals war ich von Ihrem Vater sehr, sehr beeindruckt.�</p><p>Ein kurzes Schweigen. Wieder hoffe ich, dass es ein l�ngeres wird.</p><p>�F�r Leute, die lediglich plaudern m�chten, gibt es auf diesem Schiff �brigens recht h�bsche Liegest�hle�, sagt nun die Dame mit der Zigarettenspitze in ausgesucht h�flichem Tonfall. Ein L�cheln huscht �ber Frantiseks Gesicht. Immer noch wartet er darauf, dass Albert Reiter sich endlich wieder auf das Spiel konzentriert. L�ssig tippt der Wiener Werwolf nun auf den Tisch.</p><p>�Twenty-five. Sorry, too much�, stellt Frantisek fest. Tats�chlich tut es ihm kein bisschen leid. Reiter hatte stolze achtzehn Punkte. Man sieht dem Croupier an, dass er kein Verst�ndnis daf�r hat, wenn man dann noch eine Karte zieht.</p><p>Der Mann aus Wien erhebt sich, krempelt die Hemds�rmel herunter und greift nach seinem �ber dem Hocker h�ngenden Sakko. �Wollen wir vielleicht irgendwo noch einen Drink nehmen?�, fragt er mich.</p><p>�So war das jetzt aber nicht gemeint�, wirft die alte Dame ein. �Ich wollte Sie nicht vertreiben.�</p><p>Reiter winkt ab. �Haben Sie nicht, gn�dige Frau. Ich h�tte sowieso jetzt Schluss gemacht.� Er haucht ihr einen angedeuteten Kuss auf die Hand. �Habe die Ehre.� Dann wendet er sich wieder mir zu. �Also. Noch ein letztes Glas, Herr Kollege?�</p><p>�Danke. Aber lieber ein anderes Mal�, erwidere ich und erhebe mich ebenfalls. Meine f�nfzig Dollar haben sich schneller als erwartet in Luft aufgel�st. Da ich aber gerade auch keine Lust versp�re, mit Albert Reiter zu fachsimpeln, beschlie�e ich, mich zur Nachtruhe zu begeben. Es ist daf�r zwar noch ein bisschen fr�h, aber vielleicht kann ich meiner Bettschwere mit einem Nightcap nachhelfen.</p><p>Frantisek und die alte Dame wechseln einen Blick. Er zuckt bedauernd mit den Schultern. �Sorry,</p><p>M�am. Minimum two players.�</p><p>Der Croupier scheint nicht ungl�cklich dar�ber zu sein, dass er den Tisch jetzt schlie�en muss, weil nicht genug Spieler da sind.</p><p>�Dann kann ich ja jetzt endlich meine Abendzigarette rauchen�, sagt die alte Dame und zieht ein silbernes Etui hervor, dem sie eine filterlose Zigarette entnimmt, die sie nun vorsichtig in ihre Zigarettenspitze dreht. Sie nickt Reiter und mir zu. �Danke f�r Ihre Gesellschaft, meine Herren�, sagt sie und schreitet galant davon.</p><p>�Ja. Ich fand es auch nett. Vielleicht sieht man sich mal wieder�, sagt Reiter und reicht mir die Hand.</p><p>�W�rde mich freuen�, l�ge ich und schlage ein.</p><p>Als ich wenig sp�ter in meine Kabine komme, finde ich auf dem Bett eine Sonderausgabe der schiffseigenen Zeitung. Auf der Titelseite prangt ein gro�formatiges Schwarzwei�foto von Albert Reiter. Zumindest glaube ich das auf den ersten Blick. Tats�chlich handelt es sich um das Konterfei von Joseph Buatier, der unter dem K�nstlernamen Buatier de Kolta zu einem der wichtigsten Zauberer des 19. Jahrhunderts avancierte. Die Sonderpostille erw�hnt sogar, dass man von einigen Kunstst�cken des Meisters bis heute nicht wei�, wie sie funktionieren.</p><p>Zu Ehren des ungew�hnlichen Namenspatrons der <emphasis>MS Buatier</emphasis> wird es morgen Abend jedenfalls nicht nur eine, sondern gleich zwei gro�e Zaubershows im Schiffstheater geben. Die Zusatzvorstellung wurde laut Postille kurzfristig aufgrund der starken Nachfrage angesetzt. Das Management bittet dennoch um Reservierung, da auch der zweite Termin rasch ausgebucht sein d�rfte.</p><p>Ich setze mich auf die Bettkante, nippe nachdenklich an einem doppelten Scotch, den ich mir auf dem Weg in die Kabine in einem der Bistros besorgt habe, und genie�e das Rauschen des Meeres. Ich kann mein winziges Kabinenfenster leider nur einen mikroskopisch kleinen Spalt �ffnen, weil der Raum sonst binnen Minuten ausk�hlt. Aber immerhin gen�gt das, um den inspirierenden Klang der Wellen zu h�ren.</p><p>Ich merke, dass meine Gedanken jene Frage umkreisen, die mich nicht erst seit dem Lesen der Schiffspostille umtreibt: Hat Gott hier seine Finger im Spiel? Ist er entgegen eigener Bef�rchtungen doch noch am Leben? Hat er also Abel Baumanns K�rper verlassen und sich einen neuen gesucht, um sein Werk fortzusetzen? Und ist dieser Mensch, der eigentlich Gott ist, hier an Bord? Bin ich ihm wom�glich schon begegnet? Ich muss l�cheln.</p><p>Anders gefragt: Glaubt Gott wirklich, dass ich so bl�d bin, ihn nicht in Gestalt eines Wiener Psychologieprofessors zu erkennen, der zuf�llig die Physiognomie des vielleicht gr��ten Zauberers aller Zeiten hat?</p><p>Die Handschrift ist jedenfalls eindeutig. Gott mag Gl�cksspiele. Albert Reiter ebenfalls. Gott mag Zauberei. Reiter k�nnte die Wiedergeburt von Buatier de Kolta sein. Und dass er zuf�llig Psychologe ist, obendrein in Wien, wo einer der gr��ten Psychologen aller Zeiten wirkte, und meinen Vater verehrt, ist ziemlich typisch f�r Gottes Humor. Nebenbei hat Reiter offensichtlich meine N�he gesucht, zumindest ging das Gespr�ch von ihm aus.</p><p>Ich beschlie�e deshalb, Gott in Gestalt von Albert Reiter aus der Reserve zu locken. Ich werde dem Wiener Psychologen anbieten, dass wir morgen nach einem langen, gemeinsamen Essen zusammen in die Zaubershow gehen und danach noch ins Casino. Das Angebot ist bewusst aufdringlich. Reiter m�sste allein deshalb ablehnen, weil zu bef�rchten ist, dass ich f�r den Rest der Reise wie eine Klette an ihm h�nge. Wenn er dem Plan also zustimmt, spricht das f�r meine Theorie, dass ich einen alten Bekannten vor mir habe, der sich einen Spa� daraus macht, mich an der Nase herumzuf�hren. Gott n�mlich. Der Gedanke daran, dass er am Leben ist, vertreibt mit einem Schlag die leise Melancholie, mit der ich diese Reise angetreten habe.</p><p>�Gro�artiger Plan!�, t�nt Reiter, als ich ihm am n�chsten Tag meinen v�llig �bergriffigen Vorschlag unterbreite. �Danach spendiere ich uns dann aber auch noch eine Cohiba und einen sch�nen gro�en Brandy in der Smoker�s Lounge.�</p><p>Reiter spricht beim Essen �ber seine fast drei Jahrzehnte w�hrende Ehe, die seiner Meinung nach nur deshalb gl�cklich und best�ndig ist, weil die beiden sich m�glichst selten sehen. Seine Frau ist Galeristin und hat viel in New York zu tun. Zum gemeinsamen Urlaub wird sie in Miami zusteigen.</p><p>�Wie hei�t Ihre Frau?�, frage ich. �Nicht zuf�llig ... Maria?�</p><p>Er wirkt verwundert. �Nein. Aber Magdalene. Wie kommen Sie denn auf Maria?�</p><p>�Nur so�, l�ge ich.</p><p>Irritiert nippt er an seinem Wein.</p><p>Vor dem Eingang des Theaters ist ein Plakat mit dem Bild von Buatier de Kolta zu sehen. Reiter bleibt stehen und mustert es. Ich warte geduldig. Unm�glich, dass meinem Wiener Kollegen die �hnlichkeit nicht auffallen k�nnte.</p><p>�H�sslicher Kerl�, urteilt Reiter schlie�lich und stapft ins Theater.</p><p>Die Zaubershow ist ein bisschen langweilig, vor allem wenn man bedenkt, dass sie einem der gr��ten Zauberer aller Zeiten gewidmet ist. Ich sehe jedenfalls in der ersten H�lfte der Show keinen einzigen Trick, der mich aus den Socken haut.</p><p>Mein Begleiter urteilt noch viel gnadenloser. �Diesen Amateur w�rde ich ja nicht mal beim Kindergeburtstag auftreten lassen�, wettert Reiter und nippt an seinem Pausenbrandy. �Wollen wir nicht gleich ins Casino gehen und uns die zweite H�lfte einfach sparen?�</p><p>Ich nicke erfreut. Mir steht auch nicht der Sinn nach noch mehr lahmen Zaubernummern, au�erdem habe ich l�ngst erfahren, was ich wollte: Albert Reiter hat allerh�chste Anspr�che, wenn es um professionelle Zauberei geht. Fast so, als w�re er selbst mal ein Zauberprofi gewesen, denke ich und folge ihm ins Casino.</p><p>Wir treffen dort alte Bekannte. Frantisek steht am Black-Jack-Tisch und teilt aus. Vor ihm sitzt die Dame mit der leeren Zigarettenspitze, neben ihr der dauerm�de Barmann.</p><p>�Ich habe Sie beide schon sehns�chtig erwartet�, sagt die Lady mit einem vornehmen L�cheln. Sie tr�gt ein ebenso extravagantes Kleid wie gestern, die schmalen Lippen sind dezent geschminkt. Wahrscheinlich ist sie bereits �ber siebzig, aber man sieht ihr immer noch an, dass sie einmal atemberaubend sch�n gewesen ist.</p><p>�Ich musste sogar diesen Kretin an den Tisch holen, um �berhaupt spielen zu k�nnen�, erkl�rt sie und meint offensichtlich den Barkeeper, der ihre Beleidigung aber nicht verstanden hat, denn sein Gesichtsausdruck ist so tr�b wie immer. Sie dr�ckt dem Kerl ein paar Jetons in die Hand. �Thank you very much. And would you be so kind to bring me another brandy?�</p><p>Der Barkeeper macht sich rasch davon.</p><p>�Habe die Ehre, gn�dige Frau.� Albert Reiter begr��t die Dame mit einem Handkuss.</p><p>Weil ich nicht unh�flich sein m�chte, schlie�e ich mich an. �Jakob Jakobi.�</p><p>�Dr. Jakob Jakobi�, erg�nzt Reiter. �So viel Zeit muss sein, Herr Kollege.�</p><p>�Anastasia von Haffenberg�, erwidert sie. �Aber lassen Sie uns nicht zu viel Zeit mit Formalit�ten verplempern. Ich m�chte lieber spielen.�</p><p>Reiter nickt. Der Wunsch einer Dame ist ihm Befehl. Also setzen wir uns, und Frantisek teilt aus.</p><p>�Sie haben Gl�ck, dass wir so fr�h gekommen sind�, sagt Reiter nach einer Weile. �W�re die Zaubershow nicht katastrophal langweilig gewesen, dann h�tten wir uns wahrscheinlich das ganze Programm angesehen.�</p><p>�Das war mir vorher klar�, entgegnet Anastasia. �Ich kenne den Zauberer aus Madrid und finde ihn g�nzlich unbegabt. Wussten Sie, dass er sich ernsthaft f�r den wiedergeborenen Buatier de Kolta h�lt?�</p><p>Ich merke auf. Einen Wiedergeborenen w�hne ich auch hier am Tisch.</p><p>�Dann ist er also nicht nur unbegabt, sondern obendrein ein Spinner�, bemerkt Reiter.</p><p>Frau von Haffenberg l�chelt milde und schweigt. Sie ist gerade damit besch�ftigt, ihr Blatt zu teilen.</p><p>�Glauben Sie an Reinkarnation?�, frage ich beil�ufig.</p><p>�Also ich nicht�, erwidert die alte Dame. �Ich finde es tr�stlich, dass das ganze Elend hier irgendwann mal ein Ende hat.�</p><p>�Geht mir �hnlich�, stimmt mein Wiener Kollege zu. �Au�erdem stehe ich als Wissenschaftler solchen Dingen ohnehin eher skeptisch gegen�ber.�</p><p>�Das war bei mir genauso�, sage ich. �Bis ich Gott getroffen habe.�</p><p>Reiter, der gerade im Begriff ist, eine neue Karte zu ordern, h�lt inne. �Nanu. Was kommt jetzt? Eine Erweckungsgeschichte?�</p><p>�Einer meiner Patienten hielt sich f�r Gott ...�</p><p>�Oh! Interessanter Fall�, wirft Reiter ein, w�hrend Frantisek mit gleichg�ltiger Miene den neuerlichen Sieg der Bank verk�ndet: �Black Jack.�</p><p>�Er hat leider vor einer Weile das Zeitliche gesegnet ...�, fahre ich fort.</p><p>�Oh? Gott ist tot? Wie das?�, wirft Reiter am�siert ein.</p><p>�Mein Patient ist tot�, korrigiere ich sachlich. �Aber ich gebe zu, er hat mich zuvor davon �berzeugt, dass er Gott war.�</p><p>Die K�pfe meiner beiden Mitspieler drehen sich synchron zu mir.</p><p>�Es stimmt�, sage ich und nicke nachdr�cklich. �Es klingt verr�ckt, aber ich bin sicher, dass ich Gott habe sterben sehen. Gl�cklicherweise spricht einiges daf�r, dass er wiedergeboren wurde.�</p><p>�Sie meinen, dem Grab entstiegen?�, wirft Reiter erneut ein.</p><p>�Nein, das nicht�, erkl�re ich. �Ich vermute, er wird in einem Menschen wiedergeboren. Es ist so eine Art Seelenwanderung.�</p><p>�Das klingt wirklich ein bisschen verr�ckt�, bemerkt die alte Dame.</p><p>�Und es wird noch viel verr�ckter�, fahre ich fort. �Ich glaube n�mlich, dass mein Wiener Kollege die Reinkarnation Gottes ist. Nein, ich glaube es nicht nur, ich w�rde sogar darauf wetten, dass er noch vor ein paar Tagen Abel Baumann war.�</p><p>Stille. Frantisek blickt irritiert in die Runde. Er hat das Spiel unterbrochen, denn ihm ist aufgefallen, dass gerade eine seltsame Stimmung herrscht.</p><p>Reiter mustert mich aufmerksam.</p><p>�Sie haben einen seltsamen Humor�, h�re ich Anastasia sagen.</p><p>Immer noch schaut Reiter mich an.</p><p>�Man hat mir gesagt, dass ich diese Reise als einen Wink Gottes begreifen soll�, sage ich. �Und? Haben <emphasis>Sie</emphasis> mir ein Zeichen gegeben, Professor?�</p><p>Reiter runzelt die Stirn. �Ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen, Dr. Jakobi.� Er steigt vom Hocker, nimmt sein Sakko und zieht es �ber. �Sie entschuldigen, aber ich bin im Urlaub. Ich habe tagt�glich mit Verr�ckten zu tun. Wenigstens in den Ferien m�chte ich normale Gespr�che mit normalen Leuten f�hren. Adieu.� Er nickt mir zu, haucht Frau von Haffenberg einen Kuss auf den Handr�cken und geht rasch davon.</p><p>Die alte Dame wartet einen Moment, dann fragt sie: �M�chten Sie Gott hinterherlaufen, oder spielen wir noch eine Runde? Ich pers�nlich habe ja nichts gegen Verr�ckte.�</p><p>Ich �berlege, ob ich Reiter tats�chlich folgen soll. Seine ebenso ehrliche wie schroffe Reaktion h�lt mich davon ab. Ich habe mich offenbar geirrt.</p><p>Schon will ich mich wieder dem Spiel zuwenden, da f�llt mir etwas auf. �Wieso kennen Sie eigentlich diesen Zauberer?�, frage ich Anastasia. �Und woher wissen Sie von der Sache mit der Reinkarnation Buatier de Koltas?�</p><p>Sie sieht mich pr�fend an. �Sie werden es nicht glauben, aber ich kenne sogar einen Abel Baumann. Sicher ein Zufall. Ich vermute, den Namen gibt es tausendfach.�</p><p>�Ich meine einen Zirkusclown, der in Wahrheit ein gro�er Zauberer war.�</p><p>Sie zieht an ihrer Zigarettenspitze. �Dann meinen wir doch den gleichen.�</p><p>Der Satz hallt nach. Schweigen. �Schade, dass er tot ist. Ich kannte ihn nicht sehr gut. Au�erdem ist das schon eine Ewigkeit her. Ich habe fr�her einen Zirkus besessen�, sagt sie und leert ihren Brandy in einem Zug. �Ich bef�rchte, damit passe ich ganz gut in Ihre seltsame Theorie, oder? Vielleicht bin ich ja ... Gott.�</p><p>Ich starre sie an. Anastasia nimmt ihre Handtasche und erhebt sich. Sie wirkt ver�rgert, dass das Spiel diese Wendung genommen hat. �Entschuldigen Sie, Dr. Jakobi, aber jetzt reicht es mir ebenfalls.</p><p>Vielleicht machen Sie einfach mal einen Termin bei Ihrem Kollegen aus Wien.�</p><p>Sie schreitet davon.</p><p>Ich merke, dass meine Schultern nach unten sacken. Peinliche Nummer, die ich hier gerade abgezogen habe. Wirklich peinlich.</p><p>Frantisek steht unbeweglich da. �Sorry, Sir. Minimum two players.� Er schaut auf meine Jetons und wartet, dass ich sie an mich nehme, damit er den Tisch schlie�en kann.</p><p>Ich nehme die Jetons, Frantisek l�sst ein wei�es Tuch �ber den Tisch gleiten. Fast im gleichen Moment ist das dumpfe Ger�usch einer fernen Explosion zu h�ren, und es geht ein Ruck durch das Schiff, der mich vom Hocker haut. Das Tuch rutscht herunter, in der Bar klirren Flaschen und Gl�ser. Der d�sende Barmann wird ebenfalls zu Boden gerissen. Frantisek kann sich nur mit M�he auf den Beinen halten. Er wirkt besorgt und beeilt sich, mir zu helfen. �Are you hurt, Sir?�</p><p>Ich sch�ttele den Kopf. Frantisek hilft mir auf einen Stuhl. Dann eilt er davon, um nach dem Barmann zu sehen.</p><p>Irritiert schaue ich dem Croupier nach und erinnere mich dabei an Gottes Faible f�r Gl�cksspiele. Ist Frantisek vielleicht ...?</p><p>�Nein. Er ist es auch nicht�, h�re ich eine Stimme sagen.</p><p>Erschrocken schaue ich mich um, aber da ist niemand.</p><p>�Das ist aber jetzt auch nicht wichtig�, f�hrt die Stimme fort. �Die Explosion hat ein Loch in die Au�enwand gerissen. Vierzehn Decks tiefer sind mehr als zwanzig Leute in einem Mannschaftsraum eingeschlossen. Die T�r muss aufgestemmt werden. In nicht mal zehn Minuten wird der Eingang unter der Wasseroberfl�che verschwunden sein.�</p><p>War das gerade etwa die Stimme von Abel? Ich rappele mich hoch und laufe zu den Fahrst�hlen, vorbei an Frantisek und seinem Kollegen. Die beiden genehmigen sich hinter der Bar gerade einen Drink auf den Schreck.</p><p>Als der Fahrstuhl in die Tiefe rauscht, schl�gt mein Herz bis zum Hals. Ist Gott etwa doch noch am Leben? Bevor ich mir die Absurdit�t dieses Gedankens vergegenw�rtigen kann, �ffnen sich die Fahrstuhlt�ren, und ich h�re Stimmengewirr.</p><p>Der Gang vor mir hat eine deutliche Schr�glage und liegt etwa zur H�lfte unter Wasser. Inmitten einer Gruppe aufgeregt diskutierender Filipinos erkenne ich meinen Wiener Kollegen Albert Reiter, der sich gerade die Hemds�rmel hochkrempelt.</p><p>�Ach, Sie schon wieder�, sagt er, als er mich sieht. Er l�chelt freundlich und winkt mich zu sich heran.</p><p>Vor Reiter verbreitert sich der Gang. Die Stelle sieht aus wie ein kleiner Teich. Was sich im Wasser verbirgt, kann man nicht erkennen.</p><p>�Hier f�hrt eine Treppe nach unten�, erkl�rt Reiter. �Wir tauchen ein paar Meter geradeaus, bis wir eine weitere Treppe erreichen. Oberhalb dieser Treppe liegt eine T�r, die wir aufbrechen m�ssen. Er da ...� Reiter deutet auf einen der Filipinos. Wie ich erst jetzt bemerke, ist der Asiate klatschnass.</p><p>�... hat versucht, die T�r aufzubrechen, aber ohne Erfolg. Eben lag sie noch zur H�lfte �ber Wasser. Aber wir m�ssen uns beeilen. Das Schiff legt sich ziemlich schnell auf die Seite, hab ich das Gef�hl.�</p><p>�Wir�, wiederhole ich tonlos.</p><p>�Ja. Wir�, best�tigt Reiter. �Sie sind doch gekommen, um zu helfen.�</p><p>Ich nicke. �Dann lag ich mit meiner Vermutung also doch richtig.�</p><p>Er l�chelt und sch�ttelt den Kopf. �Nicht ganz. Ich bin es nicht. Ich bin nur einer wie Sie. Ein Mensch, der Gott getroffen hat. Aber wir waren ihm die ganze Zeit sehr nahe.�</p><p>Er sieht mein fragendes Gesicht, und sein L�cheln wird breiter.</p><p>�Anastasia von Haffenberg.�</p><p>Ich stehe da mit offenem Mund, unf�hig mich zu r�hren.</p><p>�Ich w�rde sehr gerne noch mit Ihnen plaudern�, f�hrt Reiter fort. �Aber wir haben hier einen Job zu erledigen. Wollen wir uns nicht in New York verabreden? �bermorgen zum Dinner?�</p><p>Ich nicke mechanisch.</p><p>�Sch�n. Sagen wir im Balthazar�, f�hrt Reiter fort. �Vorausgesetzt, wir kriegen einen Tisch. Und vorausgesetzt, wir �berleben die Sache hier.�</p><p>Wieder nicke ich.</p><p>�Dann los!�, sagt mein Kollege und st�rzt sich in die Fluten.</p><p>Ich schaue ihm nach und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Es will mir nicht gelingen. Ich sp�re jedoch, dass ich ein seltsames Gl�ck dabei empfinde, auf einem sinkenden Ozeanriesen zu stehen und</p><p>gleich mein Leben zu riskieren f�r Leute, die ich nicht mal kenne.</p><p>Die schwarze Haarpracht Albert Reiters taucht aus den Fluten auf. �Es ist nicht weit, keine sechs Meter, w�rde ich sagen. Wir schaffen das. Aber ich brauche Ihre Hilfe.�</p><p>Ich nicke, ziehe rasch mein Sakko aus und werfe es zur Seite.</p><p>�M�ge der Himmel uns beistehen�, sagt Reiter.</p><p>�Das wird er ganz bestimmt�, entgegne ich.</p><p>Dann springe ich ins kalte Wasser.</p></section><section><title><p><strong>�ber Hans Rath</strong></p></title><empty-line/><p>Hans Rath, Jahrgang 1965, studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt in Berlin, wo er sein Geld unter anderem als Drehbuchautor verdient. Mit seiner Romantrilogie um den vom Leben und von der Liebe gebeutelten Anfangvierziger Paul (�Man tut, was man kann�, �Da muss man durch� und �Was will man mehr�) hat Rath sich eine gro�e Fangemeinde geschaffen.</p></section><section><title><p><strong>�ber dieses Buch</strong></p></title><empty-line/><p>Jakob Jakobi hat das Gl�ck verlassen. Geschieden, pleite, beruflich gescheitert und mit einer blutige Nase vom Neuen seiner Ex: So gebeutelt trifft Jakobi auf Abel Baumann, einen ebenfalls gl�cklosen Zirkusclown. Der leidet offenbar an einer kuriosen Pers�nlichkeitsst�rung, denn er h�lt sich f�r Gott. Und sucht einen Therapeuten. Jakob ist fasziniert von den vielf�ltigen, aber seiner Meinung nach komplett irdischen Talenten des sympathischen Spinners. Doch bald ist der Psychologe nicht mehr so sicher, mit wem er es wirklich zu tun hat. Und wer hier eigentlich wem hilft� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Impressum</strong></p></title><empty-line/><p>Rowohlt Digitalbuch, ver�ffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2012 Copyright � 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg</p><p>Dieses Werk ist urheberrechtlich gesch�tzt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg (Abbildung: Kai Pannen)</p><p>Schrift DejaVu Copyright � 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved. Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.</p><p>ISBN Buchausgabe 978-3-8052-5044-3 (1. Auflage 2012)</p><p>ISBN Digitalbuch 978-3-644-21111-7 <a l:href="http://www.rowohlt-digitalbuch.de/">www.rowohlt-digitalbuch.de</a></p></section></body><binary id="cover" 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