<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_social</genre><genre>child_sf</genre><author><first-name>James</first-name><last-name>Kr�ss</last-name></author><book-title>Timm Thaler Oder das Verkaufte Lachen</book-title><annotation><p>Timms Lachen ist unwiderstehlich. Es ist so ansteckend, da� es der geheimnisvolle Baron Lefuet unbedingt haben will. Die beiden schlie�en einen Vertrag: Der Baron erh�lt das Lachen, Timm gewinnt fortan jede Wette. Er wird immer reicher, aber &#x43A;�cklich ist er richt..</p></annotation><date>1966</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name>vadim_i_z</last-name></author><program-used>ABBYY FineReader 15, FictionBook Editor Release 2.6.7, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2024-08-27">133692528220812369</date><src-ocr>ABBYY FineReader 15</src-ocr><id>{87103C62-8F41-4006-BD18-E66AB34219EC}</id><version>1.1</version></document-info></description><body><section><p><strong>James Kr�ss</strong></p><p><emphasis><strong>Timm Thaler</strong></emphasis></p><p><emphasis><strong>oder</strong></emphasis></p><p><emphasis><strong>Das verkaufte Lachen</strong></emphasis></p><image l:href="#1"/><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p></section><section><epigraph><p>F�r G�nter Strohbach</p><p>dem ich diese Geschichte verdanke</p></epigraph><section><title><p><emphasis>An den Leser</emphasis></p></title><p><emphasis>Die folgende Geschichte erz�hlte mir ein vielleicht f�nfzigj�hriger Mann, der in Leipzig gleich mir den Druck eines Buches zu �berwachen hatte. (Es handelte sich dabei, wenn ich nicht irre, um ein Buch �ber Marionetten-Puppen.) Das Bemerkenswerteste an diesem Mann war, da� er trotz seines Alters noch so h�bsch und so herzhaft lachen konnte wie ein zehnj�hriger Junge.</emphasis></p><p><emphasis>Wer dieser Mann war, kann ich nur vermuten. Der Erz�hler und die Zeit bleiben so dunkel wie manches in dieser Geschichte. (Immerhin l��t einiges darauf schlie�en, da� der Hauptteil der Geschichte um das Jahr 1930 spielt.)</emphasis></p><p><emphasis>Erw�hnen m�chte ich noch, da� ich die Geschichte in den Arbeitspausen auf die R�ckseiten gro�er aussortierter Druckbogen schrieb. Deshalb ist das Buch in Bogen gegliedert, die aber nichts anderes als Kapitel sind.</emphasis></p><p><emphasis>Erw�hnen m�chte ich auch, da� der Leser bei diesem Buch, das vom Lachen handelt, wenig zu lachen haben wird. Es sei aber auch darauf hingewiesen, da� dieser Gang durch das Dunkel Kreise um das Licht beschreibt.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Die B�cher und Bogen des Romans</strong></p></title><p>ERSTES BUCH � Das verlorene Lachen</p><p><emphasis>Erster Bogen</emphasis> Ein aimer kleiner Junge</p><p><emphasis>Zweiter Bogen</emphasis> Der kari&#x435;rte Herr</p><p><emphasis>Dritter Bogen</emphasis> Gewinn und Verlust</p><p><emphasis>Vierter Bogen</emphasis> Das verkaufte Lachen</p><p><emphasis>F�nfter Bogen</emphasis> Verh�r am Abend</p><p><emphasis>Sechster Bogen</emphasis> Der kleine Million�r</p><p><emphasis>Siebenter Bogen</emphasis> Der arme Reiche</p><p><emphasis>Achter Bogen</emphasis> Der letzte Sonntag</p><p><emphasis>Neunter Bogen</emphasis> Herr Rickert</p><p><emphasis>Zehnter Bogen</emphasis> Das Marionettentheater</p><p>ZWEITES BUCH � Verwirrungen</p><p><emphasis>Elfter Bogen</emphasis> Der unheimliche Baron</p><p><emphasis>Zw�lfter Bogen</emphasis> Kreschimir</p><p><emphasis>Dreizehnter Bogen</emphasis> St�rme und �ngste</p><p><emphasis>Vierzehnter Bogen</emphasis> Die unm�gliche Wette</p><p><emphasis>F�nfzehnter Bogen</emphasis> Verwirrung in Genua</p><p><emphasis>Sechzehnter Bogen</emphasis> Das Ende eines Kronleuchters</p><p><emphasis>Siebzehnter Bogen</emphasis> Der reiche Erbe</p><p><emphasis>Achtzehnter Bogen</emphasis> Im Palazzo Candido</p><p><emphasis>Neunzehnter Bogen</emphasis> Jonny</p><p><emphasis>Zwanzigster Bogen</emphasis> Klarheit in Athen</p><p>DRITTES BUCH � Irrwege</p><p><emphasis>Einundzwanzigster Bogen</emphasis> Das Schlo� in Mesopotamien</p><p><emphasis>ZweiundzwanzigsterBogen</emphasis> Senhor van derTholen</p><p><emphasis>Dreiundzwanzigster Bogen</emphasis> Die Sitzung</p><p><emphasis>Vierundzwanzigster Bogen</emphasis> Ein vergessener Geburtstag</p><p><emphasis>F�nfundzwanzigster Bogen</emphasis> Im Roten Pavillon</p><p><emphasis>Sechsundzwanzigster Bogen</emphasis> Margarine</p><p>VIERTES BUCH � Das wiedergefundene Lachen</p><p><emphasis>SiebenundzwanzigsterBogen</emphasis> Ein Jahr im Flug</p><p><emphasis>Achtundzwanzigster Bogen</emphasis> Ein Wiedersehen ohne Willkommen</p><p><emphasis>Neunundzwanzigster Bogen</emphasis> Vergessene Gesichter</p><p><emphasis>Drei�igster Bogen</emphasis> Papiere</p><p><emphasis>Einunddrei�igster Bogen</emphasis> Ein geheimnisvoller Zettel</p><p><emphasis>Zweiunddrei�igster Bogen</emphasis> Hintertreppen</p><p><emphasis>Dreiunddrei�igster Bogen</emphasis> Das wiedergeftindene Lachen</p></section><section><title><p>ERSTES BUCH. DAS VERLORENE LACHEN</p></title><epigraph><p><emphasis>Die Wette gilt, mein Herr! Doch glaubt es mir:</emphasis></p><p><emphasis>Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier.</emphasis></p><p><emphasis>Und man erkennt den Menschen stets daran, </emphasis></p><p><emphasis>Da� er zur rechten Stunde lachen kann!</emphasis></p></epigraph><section><title><p><emphasis>Erster Bogen. </emphasis>Ein armer kleiner Junge</p></title><p>In den gro�en St�dten mit den breiten Stra�en gibt es hinten hinaus heute noch Gassen, die so eng sind, da� man sich durch die Fenster von einer Seite zur anderen die Hand reichen kann. Wenn fremde Besucher, die viel Geld und viel Gef�hl haben, zuf�llig in so eine Gasse geraten, dann rufen sie: Wie malerisch! Und die Damen seufzen: Wie idyllisch und romantisch!</p><p>Aber das Idyllische und Romantische sind gro�er Humbug; denn hinten hinaus wohnen Leute, die wenig Geld haben. Und wer in einer gro�en reichen Stadt wenig Geld hat, wird gr�mlich, neidisch und nicht selten z�nkisch. Das liegt nicht nur an den Leuten, sondern auch an den Gassen.</p><p>Der kleine Timm kam mit drei Jahren in so eine enge Gasse. Seine lustige, rundliche Mutter war gestorben, und der Vater mu�te, da es zu jener Zeit wenig Arbeit gab, auf den Bau gehen. So zogen Vater und Sohn von der hellen Erkerwohnung am Rande des Stadtparks in die Gasse mit dem Kopfsteinpflaster, in der es best�ndig nach Pfeffer, K�mmel und Anis roch; denn in dieser Gasse befand sich die einzige Gew�rzm�hle der Stadt. Bald darauf bekam Timm eine d�rre, mausgesichtige Stiefmutter und dazu einen Pflegebruder, der frech, verw�hnt und k�sebleich war.</p><p>Timm war trotz seiner drei Jahre schon ein kr�ftiger kleiner Bursche, der besonders h�bsch lachte und der einen Ozeandampfer aus K�chenst�hlen oder em Auto aus Sofakissen ganz selbst�ndig regieren konnte. Seine verstorbene Mutter hatte Tr�nen gelacht, wenn Timm mit Kissen und St�hlen seine gro�en Reisen zu Wasser und zu Lande unternahm und immerzu �tuff, tuff, tuff, Ameerika� rief. Aber seine Stiefmutter pr�gelte ihn daf�r. Und das konnte er nicht begreifen.</p><p>Audi den Stiefbruder Erwin begriff er schwer; denn der bewies seine br�derliche Liebe dadurch, da� er den kleinen Timm mit Brennholz bewarf oder da� er ihn mit Ru� oder Tinte oder Pflaumenmus beschmierte. Das Allerunbegreiflichste aber war, da� hinterher nicht Erwin, sondern Timm daf�r bestraft wurde. �ber all diesen Unbegreiflichkeiten in der Gassenwohnung verlernte Timm beinahe das Lachen. Nur wenn der Vater zu Hause war, ert�nte noch sein kleines drolliges Gel�chter mit dem Schlucker am Schlu�.</p><p>Leider war der Vater jetzt meistens unterwegs, weil er auf einem weit entfernten Bau Arbeit gefunden hatte. (Vor allem deshalb, damit Timm nicht allein war, hatte er ja ein zweites Mal geheiratet.) Nur sonntags war er noch mit seinem S�hnchen zusammen. Dann nahm er den kleinen Timm bei der Hand und sagte zu der Stiefmutter: �Wir gehen spazieren.� In Wirklichkeit ging er aber zur Pferderennbahn, wo er mit dem bi�chen Geld, das er sich heimlich erspart hatte, auf Pferde wettete. Er hoffte, dabei eines Tages so viel Geld zu gewinnen, da� er mit seiner Familie die enge Gasse verlassen und wieder in eine hellere Wohnung ziehen k�nne. Nat�rlich war seine Hoffnung auf Wettgl�ck vergeblich - wie bei den meisten Menschen. Er verlor beinahe regelm��ig, und wenn er doch einmal gewann, dann reichte der Gewinn knapp f�r ein paar Leckereien und ein Sonntagsbier und eine Stra�enbahnfahrt.</p><p>Der kleine Timm hatte am Wettkampf der Pferde und Reiter wenig Vergn�gen. Das alles war so weit von ihm entfernt und brauste viel zu schnell an ihm vorbei. Obendrein standen immer viel zu viele Menschen vor ihnen, so da� der Junge selbst von der Schulter des Vaters aus M�he hatte, die Rennbahn zu �berblicken.</p><p>Aber wenn Timm sich um die Pferde und die Reiter auch nicht k�mmerte, so begriff er doch sehr bald, was es mit den Wetten auf sich hatte: Fuhren sie mit der Stra�enbahn in die Stadt zur�ck und er bekam eine Rolle Drops, dann hatte der Vater gewonnen. Setzte der Vater ihn hingegen auf die Schulter und sie gingen ohne Drops und zu Fu� nach Haus, dann hatten sie verloren.</p><p>Aber ob sie verloren oder gewannen, war dem Jungen ganz egal. Er fand es auf den Schultern des Vaters genau so lustig wie in der Stra�enbahn, eigentlich sogar noch lustiger.</p><p>Und die Hauptsache war, da� sie allein waren und da� Sonntag war und da� Erwin und die Stiefmutter weit, weit fort waren, als ob es sie �berhaupt nicht g�be.</p><p>Aber an sechs Wochentagen gab es die beiden leider doch. Dann ging es Timm genau so wie den Kindern in den M�rchen, die schlimme Stiefm�tter haben. Nur war es f�r Timm noch ein bi�chen schlimmer; denn ein M�rchen ist ein M�rchen, das auf Seite eins beginnt und sp�testens auf Seite zw�lf zu Ende ist. Aber so eine t�gliche Plackerei, und obendreinjahrelang, die will durchgestanden sein. Wenn es die Sonntage nicht gegeben h�tte, dann w�re Timm aus lauter Trotz wahrscheinlich ein richtiger frecher Rotzjunge geworden. Doch weil es zum Gl�ck die Sonntage gab, blieb er ein Junge, der sich freuen konnte und der sein Lachen nicht verlor, ein Lachen, das tief aus dem Bauch heraufzukommen schien und mit einem Schlucker endete.</p><p>Leider war dieses Lachen selten geworden. Timm wurde verschlossen und stolz, ganz unglaublich stolz. So setzte er sich gegen die Stiefmutter zur Wehr, die sich bei ihm �ber die geringste Kleinigkeit giftete, wenn sie es manchmal auch nicht so b�se meinte.</p><p>Als Timm zur Schule kam, freute er sich. Hier war er von fr�h bis Mittag weit von seiner Gasse entfernt, viel weiter als die paar hundert Meter, die die Entfernung in Wirklichkeit betrug. Hier fing er im ersten Schuljahr auch wieder vergn�gt zu lachen an; und das vers�hnte die Lehrer mit manchen kleinen S�nden des Jungen. Timm bem�hte sich jetzt sogar, seiner Stiefmutter zu gefallen. Wenn sie ihn ausnahmsweise einmal lobte, weil er zehn Pfund Kartoffeln allein nach Haus geschleppt hatte, dann war er selig, hilfsbereit und butterweich. Doch kaum kam der n�chste ungerechte Verweis, da wurde er wieder verschlossen und spielte den Stolzen. Dann war er nicht mit Zangen anzufassen.</p><p>Dieses launenvolle Wechselspiel zwischen ihm und der Stiefmutter hatte f�r die Schule �ble Folgen. Timm, der viel flinkere Gedanken hatte als manches andere Kind, bekam dennoch schlechtere Noten als diese Kinder. Und das lag an seiner Zerstreutheit beim Unterricht. Und es lag an seinen Schularbeiten.</p><p>Es war n�mlich schwierig f�r ihn, Schularbeiten zu machen. Kaum sa� er mit seiner Tafel am K�chentisch, kam die Stiefmutter und schickte ihn in das Kinderschlafzimmer. Hier aber war das Reich seines Stiefbruders Erwin, der dem Kleinen keine Minute Ruhe lie�. Entweder wollte er mit Timm spielen und wurde b�se, wenn der Kleine nicht mitmachte, oder er ben�tigte den Tisch f�r seinen Stabilbaukasten, so da� f�r Timm kein Platz zum Schreiben blieb. Einmal hatte Timm den Stiefbruder aus gerechtem Zorn in die Hand gebissen. Aber das war nicht gut f�r ihn abgelaufen. Die Stiefmutter hatte �ber der blutenden Hand Zeter und Mordio geschrien und Timm einen Heimt�cker genannt. Selbst der Vater hatte beim Abendbrot kein Wort mit ihm gesprochen. Seitdem hatte Timm den Kampf gegen den verh�tschelten Stiefbruder aufgegeben und heimlich im Eltemschlafzimmer seine Schularbeiten gemacht. Aber Erwin kam dahinter und verriet ihn; denn eines der Gebote in der Gassenwohnung hie�: Im Schlafzimmer der Eltern haben Kinder nichts zu suchen!</p><p>Nun mu�te Timm zusehen, wie er in der wenig erfreulichen Gesellschaft Erwins seine Schularbeiten erledigte. Machte der Stiefbruder ihm wieder einmal den einzigen kleinen Tisch des Zimmers streitig, setzte Timm sich auf das Bett und schrieb auf dem Nachtschrank. Aber sehr aufmerksam konnte er weder am Tisch noch auf dem Nachtschr�nkchen arbeiten. Nur mittwochs, wenn Erwin am Nachmittag Unterricht hatte, konnte der Junge seine Hausaufgaben so sorgf�ltig machen, wie er sie zu machen w�nschte, um dem Lehrer zu gefallen; denn der kleine Kerl, der so h�bsch lachen konnte, wollte mit seiner Umwelt in freundlichem Einklang leben.</p><p>Bedauerlicherweise gefielen seine Schularbeiten dem Lehrer von Jahr zu Jahr weniger. �Ein heller Kopf, aber faul und unkonzentriert�, sagte der Lehrer. Er konnte nicht ahnen, da� der Junge sich seinen Platz f�r die Schularbeiten tagt�glich neu erk�mpfen mu�te. Und Timm erz�hlte es ihm nicht, weil er �berzeugt war, es sei dem Lehrer bekannt. So kam Timm auch in der Schule wieder einmal zu dem traurigen Schlu�, da� das Leben unbegreiflich sei und da� alle Erwachsenen - mit Ausnahme seines Vaters - ungerecht w�ren.</p><p>Aber auch dieser einzige Gerechte verlie� ihn. Vier Jahre nach dem Schulbeginn, vier Jahre, nachdem der Junge sich m�hsam von Klasse zu Klasse weitergeschleppt hatte, wurde der Vater auf dem Bau von einem herabst�rzenden Brett erschlagen.</p><p>Das war das Allerunbegreiflichste in Timms Leben. Er begriff nicht, da� es einem fallenden Brett erlaubt war, so Schreckliches anzurichten. Zuerst weigerte er sich einfach, daran zu glauben. Erst am Tage der Beerdigung, als die erregte, verheulte Stiefmutter ihn ohrfeigte, weil er vergessen hatte, ihre Schuhe zu putzen, erst an diesem Tage begriff er, wie allein er jetzt war.</p><p>Denn der Tag der Beerdigung war ein Sonntag.</p><p>Erst an diesem Tage begann Timm zu weinen. Er weinte �ber sich und �ber den Vater und �ber die Welt, und unter dem Weinen h�rte er die Stiefmutter zum erstenmal sagen: �Entschuldige, Timm, ich meinte es nicht so.�</p><p>Die Stunde auf dem Friedhof war wie ein schlechter Traum, den man schnell vergessen m�chte und von dem nur eine wirre, unbehagliche Erinnerung zur�ckbleibt. Timm ha�te all die Menschen, die herumstanden und redeten und sangen und das Vaterunser beteten. Auch �rgerte und erregte ihn das schluchzende Geplapper seiner Stiefmutter, wenn jemand ihr sein �tiefempfundenes Beileid� aussprach. Er wollte die Trauer um seinen Vater f�r sich allein haben. Und als die Versammlung sich aufl�ste, benutzte er die Gelegenheit, um ganz einfach davonzulaufen.</p><p>Er inte ziellos durch die Stra�en, und als er am Rande des Stadtparks an jener Erkerwohnung vorbeikam, in der er als ganz kleiner Junge gelacht und �tuff, tuff, tuff, Ameerika� gerufen hatte, kam ihn ein solches Jammergef�hl an, da� ihm beinahe �bel davon wurde. Aus dem Fenster seines ehemaligen Kinderzimmers sah ein fremdes M�dchen heraus, das eine teure, kostbar angezogene Puppe im Arm hielt. Als sie Timms Blicke bemerkte, streckte sie ihre Zunge heraus, und Timm ging rasch weiter.</p><p>�Wenn ich sehr viel Geld h�tte�, dachte er unter dem Herumirren, �dann w�rde ich eine gro�e Wohnung mit einem eigenen Zimmer f�r mich mieten, und Erwin bek�me jeden Tag Taschengeld von mir, und die Mutter k�nnte einkaufen, was sie wollte.� Aber das war ein Traum, und Timm wu�te es.</p><p>Ohne sich dessen bewu�t zu sein, war er jetzt unterwegs zur Pferderennbahn, die er an den gl�cklichen Sonntagen mit seinem Vater zusammen besucht hatte, als der Vater noch lebte.</p></section><section><title><p><emphasis>Zweiter Bogen</emphasis>. Der karierte Herr</p></title><p>Das erste Rennen n�herte sich gerade seinem H�hepunkt, als Timm zur Pferderennbahn kam. Die Zuschauer br�llten und pfiffen, und immer �fter und immer lauter ert�nte der Name �Ostwind�.</p><p>Timm stand da und atmete schwer, und das hatte zwei Gr�nde. Erstens war er gelaufen, und zweitens schien ihm pl�tzlich, irgendwo zwischen diesen schreienden, l�rmenden Leuten m�sse sein Vater stehen. Er hatte mit einem Male das Gef�hl, wieder zu Hause zu sein. Dies war der Ort, an dem er mit dem Vater allein gewesen war. Ohne Stiefmutter. Und ohne Erwin. Alle Sonntage mit dem Vater waren in dieser Menschenmenge, in diesem L�rmen und Schreien versammelt. Es gab keinen Friedhof mehr und keine Tr�nen. Timm f�hlte sich merkw�rdig ruhig, beinahe heiter. Als die Menge der Zuschauer pl�tzlich aufjubelte und wie aus einem Munde der Name �Ostwind� aufklang, lachte Timm sogar sein drolliges Lachen mit dem Schlucker am Schlu�. Er erinnerte sich n�mlich an eine Bemerkung seines Vaters, der gesagt hatte: �Ostwind ist noch jung, Timm, zu jung vielleicht; aber eines Tages wird man von ihm sprechen.�</p><p>Und jetzt sprach man von �Ostwind�; aber der Vater hatte es nicht mehr erlebt. Timm wu�te selbst nicht, warum er dar�ber hatte lachen m�ssen. Aber er dachte auch nicht dar�ber nach. Er war noch nicht in dem Alter, in dem man sich �ber sich selbst viel Gedanken macht.</p><p>Ein Herr in Timms N�he, der das drollige Lachen geh�rt hatte, drehte mit einem Ruck den Kopf und betrachtete den Jungen aufmerksam. Er strich sich nachdenklich das lange Kinn und ging dann kurz entschlossen auf den Jungen zu, aber so, da� er haarscharf an Timm vor�bereilte und ihm dabei auf den Fu� trat.</p><p>�Verzeihung, Kleiner�, sagte er dabei. �Es war nicht meine Absicht.�</p><p>�Das macht nichts�, lachte Timm. �Ich habe sowieso staubige Schuhe.� Dabei warf er einen Blick auf seine F��e und sah pl�tzlich vor sich auf dem Rasen ein blankes F�nfmarkst�ck liegen. Der Herr war weitergeeilt, und niemand stand in Timms N�he. Da setzte der Junge rasch einen Fu� auf die M�nze, sah sich mi�trauisch um, tat, als wolle er seine Schn�rsenkel binden, hob schnell und verstohlen das Geldst�ck auf und lie� es in die Tasche gleiten.</p><p>Betont langsam schlenderte Timm weiter, als ein langer d�rrer Herr in einem karierten Anzug auf ihn zutrat und fragte: �Na, Timm, willst du wetten?�</p><p>Der Junge sah verst�rt zu dem Unbekannten auf. Er bemerkte nicht, da� es derselbe Herr war, der ihn kurz zuvor auf den Fu� getreten hatte. Der Fremde hatte einen Mund wie ein Strich und eine schmale Hakennase, unter der ein ganz d�nner schwarzer Schnurrbart sa�. �ber stechenden, wasserblauen Augen hatte er eine Ballonm�tze tief in die Stirn gezogen. Und die M�tze war so kariert wie der Anzug des Unbekannten.</p><p>Timm f�hlte, als der Herr ihn so unvermittelt ansprach, einen Klo� in der Kehle. �Ich... ich habe kein Geld zum Wetten�, brachte er schlie�lich stockend hervor.</p><p>�Doch, du hast f�nf Mark�, sagte der Fremde. Dann f�gte er in leichtem Ton hinzu: �Ich sah zuf�llig, wie du das Geld fandest. Falls du damit wetten willst, nimm diesen Schein. Ich habe ihn schon ausgef�llt. Eintodsicherer Tip.�</p><p>Timm, der abwechselnd bla� und rot geworden war, bekam jetzt im Gesicht langsam seine nat�rliche Farbe zur�ck, eine Art Haselnu�braun (ein Erbteil seiner Mutter). Er sagte: �Kinder d�rfen nicht wetten, glaube ich.� Und wieder sprach er mit Stocken.</p><p>Aber der Fremde lie� nicht locker. �Dieser Rennplatz�, sagte er, �ist einer der wenigen, auf denen Kindern das Wetten nicht ausdr�cklich verboten ist. Ich gebe zu, da� es auch nicht ausdr�cklich erlaubt ist; aber immerhin gestattet man es. Also, Timm, wie denkst du �ber meinen Vorschlag?�</p><p>�Ich kenne Sie ja gar nicht�, sagte Timm leise. (Erst jetzt fiel ihm auf, da� der Herr ihn mit seinem Vornamen angeredet hatte.)</p><p>�Aber ich wei� sehr viel von dir�, erkl�rte der Fremde. �Ich kannte deinen Vater.�</p><p>Das gab den Ausschlag. Zwar konnte der Junge sich schwer vorstellen, da� sein Vater mit einem so merkw�rdigen feinen Herrn Umgang gehabt hatte; aber da der Fremde Timms Namen wu�te, mu�te er wohl in irgendeiner Form mit dem Vater bekannt gewesen sein.</p><p>Nach kurzem Z�gern nahm Timm den ausgef�llten Wettschein an, holte das F�nfmarkst�ck aus seiner Tasche und ging zum Schalter. Das zweite Rennen wurde gerade durch Lautsprecher angek�ndigt. Deshalb rief der Fremde: �Mach schnell, ehe der Schalter geschlossen wird. Du wirst sehen, ich bringe dir Gl�ck!�</p><p>Der Junge gab dem Fr�ulein am Schalter Geld und Schein und bekam einen Wettabschnitt zur�ck. Als er sich wieder dem unbekannten Herrn zuwenden wollte, war der verschwunden.</p><p>Das zweite Rennen begann, und das Pferd, auf das Timm gesetzt hatte, gewann mit f�nf L�ngen Vorsprung. Der Junge erhielt am Schalter so viele Geldscheine, wie er sie noch nie auf einem Haufen gesehen hatte. Wieder wurde er abwechselnd bla� und rot. Aber diesmal vor Freude und Stolz. Strahlend zeigte er jedermann seinen Gewinn.</p><p>Aber es ist merkw�rdig, wie nah Freude und Traurigkeit beieinander wohnen. Pl�tzlich mu�te Timm wieder an seinen Vater denken, den sie heute begraben hatten und der niemals so viel Geld gewonnen hatte. Die Augen des Jungen wurden feucht, und gegen seinen Willen begann er vor allen Leuten zu weinen.</p><p>�He, Kleiner, wenn man so viel Gl�ck hat wie du, dann weint man doch nicht�, sagte pl�tzlich eine Stimme neben ihm. Es war eine kehlige knarrende M�nnerstimme.</p><p>Durch einen Schleier von Tr�nen sah Timm einen Mann mit einem zerknitterten Gesicht und einem ebenso zerknitterten Anzug. Links neben dem Mann sah ein langaufgeschossener rothaariger Bursche auf Timm herunter. Rechts stand ein kleiner feingekleideter Herr mit einer Glatze, der den Jungen teilnahmsvoll musterte.</p><p>Die M�nner schienen zusammenzugeh�ren; denn alle drei fragten fast gleichzeitig, ob er nicht mit ihnen zusammen eine Limonade trinken wolle, um sein Wettgl�ck zu feiern.</p><p>Timm, dem die Freundlichkeiten und die gl�cklichen Umst�nde gerade an diesem Sonntag ganz unerwartet kamen, nickte, schluckte noch einmal und sagte dann: �Ich m�chte dahinten im Garten sitzen!� Dort hatte er n�mlich oft mit seinem Vater zusammen Limonade getrunken.</p><p>Die drei M�nner sagten: �Gut, Junge, gehen wir in den Garten�, und setzten sich mit Timm in den Schatten einer dicken alten Kastanie.</p><p>Der Fremde, dem der Junge sein Wettgl�ck verdankte, zeigte sich nicht mehr. Und Timm verga� ihn bald; denn die drei M�nner am Tisch, die f�r sich selbst Bier und f�r den Jungen Waldmeister-Limonade bestellt hatten, munterten den gl�cklichen Gewinner mit den erstaunlichsten Spa�en auf. Der lange Rothaarige balancierte ein Glas Bier auf der Nase, ohne da� ein Tropfen versch�ttet wurde; der Mann mit dem zerknitterten Gesicht und dem zerknitterten Anzug zog aus einem Kartenspiel immer genau die Karte heraus, die Timm aufs Geratewohl nannte; und der kleine Herr mit der Glatze machte Zauberkunstst�cke mit Timms Geldscheinen. Er wickelte sie in ein Taschentuch, kn�llte das Tuch fest zusammen, faltete es wieder auseinander, und da - war das Geld verschwunden.</p><p>Der Glatzkopf kicherte und sagte: �Greif mal in deine linke Rocktasche, Junge!� Timm tat es und fand dort zu seinem Erstaunen das ganze Geld wieder.</p><p>Dies war wirklich ein merkw�rdiger Sonntag. Noch um zwei Uhr war Timm grenzenlos ungl�cklich durch die Stadt geirrt, und jetzt, um f�nf Uhr nachmittags, lachte er so oft und so herzlich wie selten in der letzten Zeit. Mehrere Male verschluckte er sich sogar vor Lachen. Seine drei neuen Freunde gefielen ihm ungemein. Er war sehr stolz, drei erwachsene Bekannte gefunden zu haben, die �berdies lauter seltene Berufe aus�bten. Der zerknitterte Mann war ein Gelddrucker, der Rothaarige war Fachmann f�r Handtaschen, und der Glatzkopf nannte sich Buchmacher oder B�chermacher; Timm hatte das nicht so genau verstanden.</p><p>Als er beim Kellner gro�spurig die Zeche bezahlen wollte, winkten die drei l�chelnd, aber entschieden ab. Der kleine Herr mit der Glatze beglich die Rechnung. Er bezahlte auch Timms Limonade, so da� der Junge, als er sich von seinen neuen Freunden verabschiedete, noch den ganzen Gewinn in der Tasche hatte.</p><p>Kurz bevor Timm in die Stra�enbahn einsteigen wollte, tauchte pl�tzlich der karierte Herr wieder vor ihm auf. Er sagte ohne jede Einleitung: �Timm, Timm, was bist du f�r ein dummer Junge! Jetzt hast du keinen Pfennig mehr.�</p><p>�Irrtum, mein Herr�, lachte Timm. �Hier ist mein Gewinn!� Er zog das Notenb�ndel aus der Tasche, zeigte es dem Fremden, z�gerte kurz und sagte dann: �Es geh�rt Ihnen.�</p><p>�Das Geld in deiner Hand ist keinen Pfifferling wert�, sagte der Fremde ver�chtlich.</p><p>�Aber ich habe es am Schalter bekommen�, rief Timm. �Ganz bestimmt.�</p><p>�Am Schalter, mein Junge, hast du gutes Geld bekommen. Aber die drei Manner im Garten haben es dir todsicher gegen falsches Geld umgetauscht. Ich kenne sie. Leider sah ich dich zu sp�t in ihrer Gesellschaft, Timm. Ehe ich dazukommen konnte, hatten sie sich aus dem Staube gemacht. Es sind Gauner.�</p><p>�Ausgeschlossen, mein Herr! Der eine ist Fachmann f�r Handtaschen... �</p><p>�Jawohl, Timm, ein Taschendieb!�</p><p>�Ein Taschendieb?� fragte der Junge verwirrt. �Und was macht der Drucker, der Geld druckt?�</p><p>�Er druckt falsches Geld.�</p><p>�Und der dritte, der B�chermacher?�</p><p>�Ist ein sogenannter Buchmacher, aber einer, der unerlaubte Wetten veranstaltet.�</p><p>Timm wollte es nicht glauben, bis der karierte Herr seiner Brieftasche einen Geldschein entnahm und ihn mit einem von Timms Scheinen verglich. Tats�chlich fehlten bei den Banknoten des Jungen, wenn man sie gegen das Licht hielt, die Wasserzeichen.</p><p>�Siehst du nun, da� ich recht habe, Timm?�</p><p>Der Junge nickte benommen. Dann warf er pl�tzlich alle Geldscheine zu Boden und trampelte w�tend darauf herum. Ein alter Herr,, der gerade vorbeiging, machte gro�e Augen, blickte abwechselnd den Jungen, das Geld und den karierten Herrn an und rannte dann pl�tzlich davon, als sei der Teufel hinter ihm her.</p><p>Der Fremde sagte eine Weile gar nichts. Dann zog er f�nf Mark aus der Tasche, gab sie dem verdutzten Timm und forderte ihn auf, am n�chsten Sonntag damit wiederzukommen. Dann entfernte er sich rasch.</p><p>�Warum weitet er eigentlich nicht selber?� dachte Timm. Aber dann verga� er die Frage wieder, steckte das Geld ein und ging zu Fu� heim in die Gassenwohnung. Die falschen Scheine lie� er auf der Stra�e liegen.</p><p>Merkw�rdigerweise pr�gelte ihn die Stiefmutter nicht, obwohl er sehr sp�t heimkam und obwohl es der Begr�bnistag des Vaters war, an dem er sich davongestohlen hatte. Nur erhielt er kein Abendessen mehr und wurde fast wortlos ins Bett geschickt. Erwin durfte noch aufbleiben und bei den Begr�bnisg�sten sitzen, die Timm stumm und seltsam anstarrten.</p><p>Auf diesen absonderlichen Sonntag folgte eine lange, traurige Woche, in der Timm wieder wie sonst Pr�gel bekam und in der ihn der Lehrer noch �fter als �blich ermahnen mu�te. Der Junge �berlegte st�ndig, ob er am folgenden Sonntag wieder zur Rennbahn gehen solle oder nicht. Die f�nf Mark hatte er Erwins wegen in einer Mauerritze des Nachbarhauses versteckt. Immer, wenn er daran vorbeiging, mu�te er lachen, ob er wollte oder nicht. Der Gedanke, vielleicht noch einmal beim Wetten zu gewinnen, machte ihm Spa�.</p></section><section><title><p><emphasis>Dritter Bogen. </emphasis>Gewinn und Verlust</p></title><p>Als der langersehnte Sonntag da war, wu�te Timm schon in der Fr�he, da� er am Nachmittag wieder zur Pferderennbahn gehen werde. Kaum schlug die Wanduhr im Wohnzimmer dreimal, als er sich aus der Wohnung stahl, die f�nf Mark aus der Mauerritze fingerte und wie ein Besessener zur Pferderennbahn lief.</p><p>Am Eingang rannte er gegen einen Herrn an, der niemand anders als der karierte Fremde war.</p><p>�Hoppla�, sagte der Herr, �... .Du kannst es wohl nicht erwarten?�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung!� pustete Timm.</p><p>�Macht nichts, Junge! Ich habe dich erwartet. Hier ist der Wettschein. Hast du die f�nf Mark?�</p><p>Timm nickte und holte das Geldst�ck aus der Tasche.</p><p>�Sch�n, mein Junge! Dann geh zum Schalter und wette. Wenn du gewinnen solltest, erwarte mich nachher hier am Eingang. Ich m�chte etwas mit dir besprechen.�</p><p>�In Ordnung, mein Herr! �</p><p>Timm wettete also wieder, und als das Rennen zu Ende war, hatte er genau wie am Sonntag zuvor eine Menge Geld gewonnen.</p><p>Aber diesmal verlie� er den Schalter schnell wieder, ohne irgend jemandem seinen Gewinn zu zeigen. Er stopfte die Geldscheine in die Innentasche seiner Jacke, versuchte, ein m�glichst gleichg�ltiges Gesicht zu machen, und verlie� die Rennbahn durch ein Loch im Zaun. Mit dem karierten Herrn wollte er nicht wieder Zusammentreffen. Der Mensch war ihm ein bi�chen unheimlich geworden. �berdies hatte der Fremde ihm das Geld und den Wettschein ja geschenkt. Er war ihm also nichts schuldig.</p><p>Hinter der Rennbahn lag eine Wiese, auf der verstreut einige Eichen standen. Timm legte sich hinter dem Stamm der dicksten Eiche ins Gras und dachte dar�ber nach, was er mit seinem Reichtum beginnen k�nnte. Er wollte sich damit alle Leute zu Freunden machen, die Stiefmutter, den Stiefbruder, den Lehrer und die Schulfreunde. Und dem Vater wollte er einen Stein aus Marmor auf das Grab setzen lassen. Darauf sollte in Goldbuchstaben geschrieben stehen: �Von deinem Sohn Timm, der dich nie vergi�t�.</p><p>Sollte dann immer noch Geld �brig sein, wollte Timm sich einen Tretroller kaufen, wie ihn der Sohn vom B�cker hatte, mit einer Hupe und Luftreifen.</p><p>Der Junge fing mit offenen Augen zu tr�umen an, bis er dar�ber m�de wurde und einschlief.</p><p>An den karierten Herrn hatte er nicht mehr gedacht. Wenn er ihn jetzt gesehen h�tte, w�re er sicher verwundert gewesen; denn der merkw�rdige Fremde unterhielt sich gerade mit den drei M�nnern, die den Jungen am Sonntag zuvor eingeladen und beschwindelt hatten.</p><p>Zu seinem Gl�ck - oder besser: zu seinem Ungl�ck - sah Timm ihn nicht. Er schlief.</p><p>Eine scharfe Stimme weckte ihn wieder auf. Es war die Stimme ebenjenes karierten Herrn. Er stand zu Timms F��en auf der Wiese, sah den Jungen an und fragte nicht gerade freundlich: �Ausgeschlafen?�</p><p>Timm nickte, noch benommen von Schlaf, richtete sich auf und tastete vorsichtshalber die Tasche seines Jacketts von au�en ab. Sie f�hlte sich merkw�rdig leer an. Schnell fuhr der Junge mit der Hand in die Tasche hinein und war pl�tzlich hellwach: Die Jackentasche war wirklich leer. Das Geld war verschwunden.</p><p>Der karierte Herr grinste.</p><p>�Ha - ha - haben Sie das Geld?� stotterte Timm.</p><p>�Nein, du Schlafm�tze! Das Geld hat einer der drei Gauner, mit denen du vorigen Sonntag gezecht hast. Er ist dir nachgeschlichen. Es scheint mein Schicksal zu sein, da� ich immer zu sp�t komme. Als er mich kommen sah, rannte er weg. Dadurch habe ich dich entdeckt.�</p><p>�Wohin ist er gelaufen? Wir m�ssen die Polizei holen!�</p><p>�Ich mag keine Blaur�cke�, sagte der Fremde. �Sie sind mir nicht fein genug. Und der Gauner ist sowieso schon �ber alle Berge. Aber jetzt steh endlich auf, Junge! Und dann, marsch, nach Haus. Und komm n�chsten Sonntag wieder!�</p><p>�Ich glaube, ich werde nicht wieder hierherkommen�, meinte Timm. �So oft hat man kein Gl�ck. Ich wei� das von meinem Vater.�</p><p>�Man sagt, Gl�ck und Pech kommen immer dreimal hintereinander, Timm! Und du wolltest dir doch sicherlich einige Sachen kaufen, stimmt�s?�</p><p>Timm nickte.</p><p>�Nun, das alles kannst du haben, wenn du n�chste Woche wiederkommst und ein Gesch�ft mit mir machst!�</p><p>Der Unbekannte sah auf seine Uhr und schien es pl�tzlich sehr eilig zu haben. �Auf Wiedersehen am n�chsten Sonntag�, sagte er. Dann ging er schnell davon.</p><p>Mit krausen Gedanken im Kopf wanderte Timm nach Haus, wo ihn eine Tracht Pr�gel und die Schadenfreude seines Stiefbruders erwarteten.</p><p>Und wieder schlich eine lange Woche durch die Gasse.</p><p>Aber in dieser Woche war Timm erstaunlich munter. Obwohl der karierte Herr ihm nicht geheuer schien, war er fest entschlossen, ein Gesch�ft mit ihm zu machen. Denn ein Gesch�ft, dachte der Junge, ist etwas Ordentliches und Gesetzliches. Da bekommt man keine Reicht�mer f�r ein gefundenes F�nfmarkst�ck, sondern jeder gibt und nimmt etwas, und jedem steht sein Teil zu. Es ist vielleicht merkw�rdig, da� ein junge im f�nften Schuljahr so etwas denkt; aber in den engen armen Gassen, wo man sparen mu�, um leben zu k�nnen, lernen schon die Kinder, Geld und Gesch�fte wichtig zu nehmen.</p><p>Der Gedanke an den folgenden Sonntag half Timm �ber alle Verdrie�lichkeiten der Woche hinweg. Manchmal �berlegte er sich, ob der Vater den karierten Herrn vielleicht gebeten habe, auf Timm achtzugeben, falls ihm etwas zusto�en sollte. Aber dann schien ihm, da� der Vater sich daf�r wohl einen netteren, freundlicheren Herrn ausgesucht h�tte.</p><p>Trotz allem: Timm war zu dem Gesch�ft mit dem Fremden bereit, und der Gedanke daran machte ihm Spa�. Er lachte pl�tzlich wieder sein altes Kinderlachen. Und allen Leuten gefiel das Lachen. Er hatte mit einem Male mehr Freunde als je zuvor.</p><p>Es war kurios: Dieser Junge, der sich durch leidenschaftlieh ernste Ann�herungsversuche und durch Hilfsbereitschaft und freiwillige Boteng�nge keine Freunde hatte schaffen k�nnen, dieser selbe Junge gewann durch nichts als sein Lachen beinahe jedermann zum Freund; zumindest mochte man ihn gern. Man verzieh ihm jetzt sogar Unarten, die man vorher getadelt hatte. So mu�te Timm mitten in einer Rechenstunde pl�tzlich daran denken, wie er vor lauter Eifer gegen den karierten Herrn angerannt war. Bei dieser Erinnerung lachte er unvermittelt sein kullerndes Lachen mit dem Schlucker am Schlu�. Gleich darauf, als ihm das Ungeh�rige seines pl�tzlichen Lachens bewu�t wurde, nahm er vor Schreck eine Hand vor den Mund. Aber der Lehrer war weit davon entfernt, mit ihm zu schimpfen. Das Gel�chter kam so unerwartet und wirkte so drollig, da� die ganze Klasse lachen mu�te, einschlie�lich des Lehrers. Der hob nur den Finger und sagte: �Lachkan�nchen sind die einzigen Kanonen, die ich sch�tze, Timm! Aber la� deine Salven nicht gerade in der Stunde los!�</p><p>Nun wurde Timm das �Lachkan�nchen� genannt, und es gab Mitsch�ler, die in den Pausen nur noch mit ihm spielen wollten. Selbst die Stiefmutter und Erwin wurden jetzt manchmal von Timms Lachen angesteckt.</p><p>Es war unbegreiflich, was der karierte Herr mit Timm angestellt hatte, aber diese neue Unbegreiflichkeit wurde dem Jungen nicht bewu�t. .</p><p>Trotz mancher bitteren Erfahrung in der Gassenwohnung war er noch ein Kind, das arglos und ohne Mi�trauen war. Er merkte nicht, da� sein Lachen den Leuten gefiel und da� er dieses Lachen seit dem Tode des Vaters verborgen hatte wie ein Geizhals seinen Reichtum. Er meinte in seinen kindlichen Gedanken, die Erfahrungen und Erlebnisse auf der Rennbahn h�tten ihn kl�ger gemacht und deshalb k�me er jetzt mit aller Welt so gut aus. Leider war es schlimm, da� Timm so dachte. Hatte er damals schon gewu�t, wie kostbar sein Lachen war, ihm w�re vieles in seinem Leben erspart geblieben. Aber er war eben noch ein Kind.</p><p>Einmal, als Timm aus der Schule kam, begegnete er dem karierten Herrn auf der Stra�e. Der Junge beobachtete gerade eine Hummel, die auf dem Ohr einer schlafenden Katze zu landen versuchte. Es sah sehr ulkig aus, und Timm lachte wieder einmal. Aber kaum erkannte er den Fremden vom Rennplatz, als alle Lustigkeit wie weggeblasen war. Timm machte einen Diener und sagte guten Tag.</p><p>Der Fremde tat, als s�he er den Jungen nicht. Er knurrte nur im Vorbeigehen: �In der Stadt kennen wir uns nicht!� Dann ging er weiter, ohne ein einziges Mal den Kopf zu wenden.</p><p>�Dieses merkw�rdige Benehmen geh�rt wohl zum Gesch�ftemachen�, dachte Timm. Dann lachte er schon wieder, weil die Katze erschrocken aus dem Schlaf auffuhr und mit dem Ohr schnippte, auf das die Hummel sich niedergelassen hatte. �rgerlich brummend flog das dicke Insekt davon, w�hrend Timm pfeifend in seine Gasse wanderte.</p></section><section><title><p><emphasis>Vierter Bogen. </emphasis>Das verkaufte Lachen</p></title><p>Am langerwarteten Sonntag wollte Timm sich fr�her als sonst zur Rennbahn schleichen. Aber zu seinem Ungl�ck fiel der Blick seiner Stiefmutter gegen halb drei Uhr zuf�llig auf den Kalender an der Wand, und pl�tzlich erinnerte sie sich daran, da� ihr Hochzeitstag war, der Tag, an dem sie Timms Vater geheiratet hatte. Sie schluchzte kurz auf (denn das tat sie sehr gern), und dann mu�ten tausend Dinge auf einmal erledigt werden: Blumen mu�ten auf das Grab gebracht, Kuchen mu�te geholt, Kaffee mu�te gemahlen und eine Nachbarin mu�te eingeladen werden; das Kleid mu�te gewechselt und das neue Kleid geb�gelt werden; Timm mu�te s�mtliche Schuhe putzen und Erwin Blumen kaufen. Timm h�tte gern den Auftrag f�r die Blumen und das Grab �bernommen. Denn wenn er sich dabei beeilte, konnte er immer noch rechtzeitig zu den Rennen kommen. Aber wenn die Stiefmutter aufgeregt war (und sie regte sich gern auf), konnte man sich schwer ihren Anordnungen widersetzen, weil sie am Ende nur noch aufgeregter wurde und schlie�lich heulend in einen Sessel sank, so da� man erst recht gehorchen mu�te. Timm verzichtete daher auf jeden Widerspruch und ging gehorsam zum B�cker. (�Hintenrum! Dreimal klopfen! Sag, �s is wichtig!�)</p><p>Er k�mmerte sich auch nicht um das brummige Gesicht der B�ckersfrau. (�Scher dich nicht um ihr Grunzen! La� dich nicht ohne Kuchen wegschicken! Bleib bei dem alten Brummpott stehen, bisse dir was gibt! �)</p><p>Und er richtete die Bestellung seiner Stiefmutter genau aus. (�Sechs Bienenstich! Keine zweite Ware! Nur vom Besten! Sag ihr das!�)</p><p>Leider bekam er von der B�ckersfrau eine Antwort, auf die seine Stiefmutter ihn nicht vorbereitet hatte. Frau Bebber - so hie� die B�ckersfrau - sagte n�mlich: �Erst mu� die alte Rechnung bezahlt werden, ehe ich wieder anschreibe! Kannste zu Hause bestellen! Wer sich�s nicht leisten kann, soll keinen Kuchen kaufen! Sag das ruhig! F�r Sechsundzwanzig Mark Kuchen! M�cht� wissen, wer die alle fri�t! So viel Kuchen kaufen nicht mal die Presidents vom Wasserwerk! Und die m�gen Kuchen, das kann ich dir fl�stern, mein Junge!�</p><p>Timm stand einen Augenblick stumm vor Staunen. Er bekam wohl hin und wieder eine Zuckerbrezel oder ein halbes St�ck Bienenstich von der Mutter, aber f�r sechsundzwanzig Mark Kuchen: Das waren ja ganze Kuchenberge! Sollte die Stiefmutter heimlich Kuchen essen, wenn die Nachbarin zum Kaffee kam? Er wu�te, da� die Frauen oft zusammenhockten, wenn Erwin und er in der Schule waren. Oder sollte Erwin der gute Kuchenkunde sein?</p><p>�Hat mein Bruder den Kuchen anschreiben lassen?� fragte Timm.</p><p>�Der ist mit beim Konto�, schnaufte Frau Bebber. �Aber haupts�chlich sind es die Fr�hst�ckskuchen von deiner Mutter. Oder Stiefmutter ist sie ja wohl. Wei�te wohl gar nichts von, was?�</p><p>�Doch, doch�, versicherte Timm rasch. �Das wei� ich nat�rlich!� Aber in Wirklichkeit wu�te er gar nichts. Es emp�rte ihn nicht; es machte ihn auch nicht zornig; es machte ihn nur traurig, weil dieses Kuchenschlecken so heimlich und hinter dem R�cken geschah und weil dabei Schulden gemacht wurden.</p><p>�So�, sagte Frau Bebber abschlie�end, �und jetzt gehste ohne Kuchen nach Haus und bestellst, was ich dir gesagt habe. Klar?�</p><p>Timm blieb eisern stehen. (�Scher dich nicht um ihr Grunzen! La� dich nicht ohne Kuchen wegschicken! Bleib bei dem alten Brummpott stehen, bisse dir was gibt!�)</p><p>Er sagte: �Heute ist doch der Tag, an dem mein Vater meine Mutter, ich meine, meine Stiefmutter, geheiratet hat. Und au�erdem...� Pl�tzlich dachte Timm an das Gesch�ft mit dem karierten Herrn und an die Rennbahn und an die Wetten. Er fuhr schnell fort: �Au�erdem, Frau Bebber, bringe ich Ihnen das Geld heute abend; und das Geld f�r die Bienenstiche, die Sie mir jetzt geben, kriegen Sie auch! Ganz bestimmt!�</p><p>�Du willst mir das Geld bringen?�</p><p>Frau Bebber z�gerte, aber irgend etwas im Ton des Jungen schien ihr zu sagen, da� sie mit dem Geld rechnen k�nne, wenigstens teilweise.</p><p>Sicherheitshalber fragte sie: �Woher willst du das Geld nehmen?�</p><p>Timm machte ein finsteres Gesicht wie die R�uber auf dem Theater und sagte mit m�glichst tiefer Stimme: �Ich klau es mir,</p><p>Frau Bebber! Bei Presidents vom Wasserwerk!�</p><p>Der Junge spielte den R�uber so �berzeugend, da� Frau Bebber lachte, weich wurde, und kurz und gut: Er bekam seine sechs Bienenstiche und einen siebten dazu, der nicht berechnet wurde.</p><p>Die Stiefmutter stand in der T�r, als Timm mit dem Kuchen kam. Sie wirkte noch immer (oder schon wieder?) aufgeregt und plapperte ohne Punkt und Komma: �Ich h�ttelieber selbergehensollen, hatsiewas gesagtwegen Anschreibenoderso? Sind die Bienenstiche inordnung, warum sagstedenn nichts?�</p><p>Timm h�tte sich lieber die Zunge abgebissen als seine Unterhaltung mit Frau Bebber wiedergegeben. Au�erdem mu�te er zur Rennbahn, und Aufregungen und Auseinandersetzungen mit der Stiefmutter brauchten ihre Zeit. So sagte er nur: �Sie hat mir einen Bienenstich umsonst gegeben. Darf ich spielen geh�n, Mutt?� (Das Wort �Mutter� brachte er der Stiefmutter gegen�ber nie �ber die Lippen.)</p><p>Ungew�hnlich schnell gab sie ihm die Erlaubnis fortzugehen. Sie gab ihm sogar einen Bienenstich mit auf den Weg. (�Wenn Frauen zusammen reden, langweilste dich ja doch nur. Geh ruhig spielen, aber komm zeitig nach Haus. Sechse gen�gt.�)</p><p>Timm rannte, so schnell er konnte, zur Pferderennbahn und futterte unterwegs sogar den Bienenstich, wobei h�chstens drei Kleckse F�llung herunterplumpsten; einer allerdings auf die dunkelblaue Sonntagshose.</p><p>Der karierte Herr stand am Eingang der Rennbahn. Doch obwohl das erste Rennen schon lief, war er nicht im geringsten ungeduldig oder aufgeregt. Er war heute die Freundlichkeit in Person. Timm mu�te sich mit ihm in den Gasthausgarten setzen, Limonade trinken und wieder Bienenstich essen. Der ganze Sonntag drehte sich um Bienenstich.</p><p>�brigens machte der Fremde mit dem ernstesten Gesicht von der Welt solche Spa�e, da� Timm sich vor Lachen kugelte.</p><p>Er ist doch ein netter Kerl, dachte der Junge. Ich kann jetzt verstehen, da� mein Vater ihn mochte.</p><p>�berdies schaute der Fremde ihn mit warmen braunen Augen an, die freundlich blickten. Wenn Timm ein sch�rferer Beobachter gewesen w�re, h�tte er wissen m�ssen, da� der Herr an den Sonntagen zuvor kalte wasserblaue Augen wie ein Fisch gehabt hatte. Aber Timm war kein scharfer Beobachter. Das Leben sollte ihn erst lehren, einer zu werden.</p><p>Endlich begann der karierte Herr vom Gesch�ft zu reden. �Mein lieber Timm�, fing er an, �ich biete dir Geld, soviel du willst! Ich kann es dir nicht in klingender M�nze auf den Tisch z�hlen. Aber ich kann dir die F�higkeit verleihen, jede Wette zu gewinnen! Jede, verstehst du?�</p><p>Timm nickte beklommen, h�rte aber genau zu.</p><p>�Nat�rlich verleihe ich dir diese F�higkeit nicht umsonst, das wirst du verstehen! Solch eine F�higkeit hat ihren Wert!�</p><p>Wieder ein Kopfnicken. Und dann Timms erregte Frage: �Was verlangen Sie?�</p><p>Einen Augenblick z�gerte der Fremde und sah Timm nachdenklich an. �Was ich ver - lan - ge, m�ch - test du wis - sen?� Er zerdehnte die Worte wie Kaugummi. Aber dann �berst�rzten sich die Worte so, da� man sie kaum verstehen konnte: �... chvrlangedeinlchendf�r! �</p><p>Der Fremde merkte wohl, da� er zu schnell und zu unverst�ndlich gesprochen hatte. So wiederholte er den Satz: �Ich verlange dein Lachen daf�r! �</p><p>�Mehr nicht?� fragte Timm lachend.</p><p>Aber als die braunen Augen ihn merkw�rdig, fast traurig ansahen, verstummte das Lachen ohne den gew�hnlichen Schlu�schlucker.</p><p>�Also?� fragte der karierte Herr. �Einverstanden?�</p><p>Timms Blick fiel zuf�llig auf den Bienenstich auf seinem Teller. Er mu�te an Frau Bebber und an die Schulden und an all die Dinge denken, die er mit dem vielen Geld kaufen konnte. Und er sagte: �Wenn das ein richtiges Gesch�ft ist, bin ich einverstanden! �</p><p>�Sch�n, Junge, dann w�re noch ein Vertrag zu unterschreiben! �</p><p>Der karierte Herr zog ein Papier aus der Brusttasche, faltete es auseinander, legte es vor Timm auf den Tisch und sagte: �Lies ihn genau durch!�</p><p>Und Timm las:</p><p>1. <emphasis>Dieser Vertrag wird zwischen Herrn L. Lefuet einerseits und Herrn Timm Thaler andererseits am......in......geschlossen und in</emphasis></p><p><emphasis>zwei gleichlautenden Exemplaren von beiden Parteien unterschrieben.</emphasis></p><p>�Was hei�t Parteien?� fragte Timm.</p><p>�So werden die beiden Partner in Vertr�gen genannt!�</p><p>�Aha!�</p><p>Timm las weiter:</p><p>2. <emphasis>Herr Timm Thaler vermacht hiermit Herrn L. Lefuet sein Lachen zu beliebigem Gebrauche.</emphasis></p><p>Als Timm zum zweiten Male die Worte �Herr Timm Thaler� gelesen hatte, kam er sich beinahe erwachsen vor. Schon dieser drei Worte wegen war er bereit, den Vertrag zu unterschreiben. Er ahnte nicht, wie dieser kleine Punkt zwei sein ganzes Leben ver�ndern sollte.</p><p>Er las weiter.</p><p>3. <emphasis>Als Entgelt f�r das Lachen verpflichtet sich Herr</emphasis> L. <emphasis>Lefuet daf�r zu sorgen, da� Herr Timm Thaler jede Wette gewinnt Dies gilt ohne Einschr�nkung.</emphasis></p><p>Timms Herz schlug h�her. Weiter:</p><p>4. <emphasis>Beide Parteien sind verpflichtet �ber diese Abmachung vollstes Stillschweigen zu bewahren.</emphasis></p><p>Timm nickte vor sich hin.</p><p>5. <emphasis>F�r den Fall, da� eine der beiden Parteien Dritten gegen�ber diese Abmachung erw�hnt und die im Punkt 4 festgelegte Verpflichtung zum Stillschweigen bricht, bleibt die andere Partei im Gen�sse der F�higkeit a) zu lachen oder b) Wetten zu gewinnen, w�hrend die schuldige Partei die F�higkeit a) zu lachen oder b) Wetten zu gewinnen, in vollem Umfange verliert.</emphasis></p><p>�Das habe ich nicht verstanden�, sagte Timm stimrunzelnd.</p><p>Herr L. Lefuet - jetzt wissen wir endlich seinen Namen - erkl�rte es ihm: �Schau, Timm, wenn du die Schweigepflicht brichst und irgend jemandem von dieser Abmachung erz�hlst, verlierst du die F�higkeit, Wetten zu gewinnen, aber dein Lachen bekommst du auch nicht zur�ck. Wenn es umgekehrt ist und ich rede dar�ber, dann bekommst du dein Lachen zur�ck und beh�ltst trotzdem die F�higkeit, Wetten zu gewinnen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Timm. �Schweigen hei�t: Reich sein ohne</p><p>Lachen. Reden hei�t: Arm sein, aber auch ohne Lachen!�</p><p>�Genau das, Timm! Aber lies weiter!�</p><p>Und Timm las:</p><p>6. <emphasis>Sollte der Fall eintreten, da� Herr Timm Thaler eine Wette verliert, so verpflichtet sich Herr L. Lefuet, Herrn Timm Thaler sein Lachen zur�ckzugeben. Allerdings verliert Herr Timm Thaler damit auch die F�higkeit, weiterhin Wetten zu gewinnen.</emphasis></p><p>�Das ist so...� wollte Herr Lefuet erkl�ren. Aber Timm hatte es schon begriffen und fiel ihm ins Wort: �Ich wei�: Wenn ich sp�ter eine Wette verliere, dann bekomme ich mein Lachen zur�ck, gewinne aber keine Wette mehr.� Er las fl�chtig den letzten Punkt durch:</p><p>7. <emphasis>Diese Vereinbarung gilt von dem Augenblick an, in dem beide</emphasis></p><p><emphasis>Parteien unter die zwei Exemplare ihre Unterschrift gesetzt haben. Ort......Datum......</emphasis></p><p>Links hatte Herr Lefuet bereits unterschrieben. Timm fand, da� dies ein ordentlicher Vertrag sei. Er nahm einen Bleistiftstummel aus der Tasche und wollte unterschreiben. Aber Herr Lefuet hinderte ihn daran. �Wir m�ssen mit Tinte unterschreiben�, sagte er und reichte Timm einen F�llfederhalter, der aus purem Gold zu sein schien und sich merkw�rdig warm anf�hlte, so, als sei er mit lauwarmem Wasser gef�llt. Aber der Junge bemerkte weder das Gold, noch die W�rme des F�llfederhalters. Er dachte nur an seinen k�nftigen Reichtum und setzte unter die beiden Dokumente k�hn seinen Namen. Er unterschrieb mit roter Tinte.</p><p>Kaum war dies geschehen, als Herr Lefuet auf die allerh�bscheste Weise zu lachen anfing und danke sch�n sagte. Timm sagte bitte sehr und versuchte ebenfalls zu lachen, aber er brachte nicht einmal ein L�cheln zustande. Seine Lippen pre�ten sich gegen seinen Willen aufeinander, und sein Mund wurde ein schmaler Strich.</p><p>Herr Lefuet nahm nun eines der beiden Vertragsexemplare, faltete es zusammen und steckte es in die Brusttasche. Das andere gab er Timm mit den Worten: �Verbirg es gut! Wenn jemand durch deine Fahrl�ssigkeit den Vertrag unter die Augen bekommt, hast du die Schweigepflicht gebrochen. Es k�nnte dir dann �bel ergehen!�</p><p>Timm nickte, faltete seinen Vertrag ebenfalls zusammen und steckte ihn in das Futter seiner Schirmm�tze, das an einer Seite aufgeplatzt war. Dann legte der karierte Herr ihm zwei F�nfmarkst�cke auf den Tisch und sagte: �Dies wird der Grundstock deines Reichtums sein!�</p><p>Wieder lachte er Timms Lachen. Und pl�tzlich schien er gro�e Eile zu haben. Er rief nach der Kellnerin, zahlte, stand auf, sagte fl�chtig: �Viel Gl�ck, Junge�, und entfernte sich.</p><p>Timm mu�te sich jetzt mit dem Wetten beeilen, denn das letzte Rennen stand kurz bevor. Er eilte zum Schalter, lie� sich einen Wettschein geben und wettete ohne gro�es Kopfzerbrechen auf das Pferd Mauritia II. Wenn der Vertrag in seiner M�tze stimmte, mu�te dieses Pferd gewinnen.</p><p>Und Mauritia II gewann.</p><p>Timm, der diesmal f�r zehn Mark gewettet hatte, erhielt mehrere hundert Mark, die er verstohlen in seine linke Jackentasche steckte. Dann verlie� er schnell die Rennbahn.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>F�nfter Bogen. </emphasis>Verh�r am Abend</p></title><p>Erst drau�en vor dem Tor der Rennbahn f�hlte Timm vorsichtig wieder nach dem gewonnenen Geld. Als das Papier knisterte, schlug ihm das Herz bis hinauf in den Hals. Er, Timm Thaler, war ein reicher Mann! Er konnte dem Vater einen Grabstein setzen lassen. Er konnte die Schulden bei Frau Bebber bezahlen. Er konnte der Stiefmutter und Erwin etwas kaufen und wenn er wollte, konnte er sich einen Tretroller anschaffen. Mit Hupe und Luftreifen!</p><p>Um sein Gi�ck zu genie�en, ging Timm zu Fu� heim. Er h�tte unterwegs der Stiefmutter gern etwas gekauft. Aber es war Sonntag, und die L�den waren geschlossen. Den Gewinn in der Tasche umklammerte der Junge fest mit seiner linken Hand.</p><p>Unterwegs begegnete er drei Mitsch�lern. W�hrend er sich mit ihnen unterhielt, fragte der eine: �Was hast du denn da in der Tasche, Timm? Einen Frosch?�</p><p>�Nein, eine Lokomotive!� sagte Timm und wollte lachen. Aber wieder pre�ten seine Lippen sich zu einem schmalen Strich zusammen.</p><p>Seine Schulfreunde merkten es nicht. Sie lachten �ber Timms Antwort, und einer rief: �Zeig doch mal deine Lokomotive!�</p><p>�Vielleicht�, meinte ein anderer, �k�nnen wir damit nach Honolulu fahren! �</p><p>Aber Timm hielt die Hand nur umso fester in der Tasche und sagte: �Ich mu� nach Haus. Auf Wiedersehn!�</p><p>Seine Schulkameraden lie�en sich mit dieser Antwort nicht abspeisen. Sie warteten, bis Timm ein St�ck weitergegangen war, schlichen ihm auf Zehenspitzen nach und rissen ihm pl�tzlich von hinten die Hand aus der Tasche.</p><p>Zu ihrer Verbl�ffung flogen Banknoten durch die Luft: Scheine, auf denen zwanzig, f�nfzig, ja, sogar hunderf Mark zu lesen war!</p><p>Das war ungew�hnlich, denn Timm wohnte im sogenannten Armenviertel, und die Jungen wu�ten das.</p><p>�Woher hast du das viele Geld?� fragte einer.</p><p>�Ich hab� es bei Pr�sidents vom Wasserwerk gestohlen�, sagte Timm und wollte trotz seines Zorns lachen. Aber es wurde ein so freches Grinsen daraus, da� die drei Jungen erschraken. Sie glaubten ernstlich, Timm spr�che die Wahrheit; und pl�tzlich rannten sie Hals �ber Kopf davon. In der Feme noch h�rte man sie rufen: �Timm Thaler hat Geld gestohlen! Timm Thaler ist ein Dieb!�</p><p>Timm h�rte es. Er sammelte traurig die Geldscheine wieder auf und steckte sie in die Tasche. Dann ging er an den kleinen Flu�, der die Stadt durchflie�t, setzte sich auf eine Bank und sah einer Entenfamilie zu, die sich am Ufer herumtrieb.</p><p>Die kleinen Enten watschelten noch etwas unbeholfen durch das Gras, und am Tag zuvor h�tte Timm sicherlich �ber sie gelacht. Heute fand er sie nicht einmal komisch. Und das machte ihn traurig. Er starrte sie an, wie man eine leere Mauer anstarrt, ohne jede Teilnahme. Und er merkte, da� er an diesem Sonntag ein anderer Junge geworden war.</p><p>Erst als es langsam zu dunkeln begann, wanderte Timm in die Gasse zur�ck, in der er zu Hause war.</p><p>Vom Anfang der Gasse aus sah Timm vor der T�r seiner Wohnung die Stiefmutter mit einigen Nachbarn stehen. Sie schw�tzten aufgeregt miteinander; doch kaum wurden sie Timms ansichtig, als sie wie ein Schw�rm H�hner auseinanderstoben und sich in ihre Wohnungen verkrochen. Aber �berall blieben die T�ren halb angelehnt, und hinter allen Fenstern, an denen er vorbeikam, bewegten sich die Gardinen.</p><p>Die Stiefmutter war vor der halbge�ffneten T�r stehengeblieben und machte eine Miene, als stehe der Weltuntergang bevor. Aus kreidebleichem Gesicht starrte ihre ger�tete spitze Nase Timm entgegen. Und kaum war der Junge nahe genug, da ohrfeigte sie ihn ohne ein Wort von beiden Seiten und zerrte ihn ins Haus.</p><p>�Wo ist das Geld?� kreischte sie im Hausflur.</p><p>�Das Geld?� fragte der v�llig ahnungslose Timm.</p><p>Wieder gab es zwei Ohrfeigen, da� ihm der Kopf dr�hnte und Wasser in seine Augen trat.</p><p>�Gib das Geld her, du Nichtsnutz, du Verbrecher! Komm in die K�che!�</p><p>Timm wurde beinahe mitgeschleift. Er wu�te noch immer nicht, was geschehen war. Doch zog er das Geld aus der Tasche und legte es auf den K�chentisch.</p><p>�Himmel, das sind ja Hunderte!� schrie die Stiefmutter und starrte Timm an, als sei er ein Kalb mit zwei K�pfen.</p><p>Zum Gl�ck �ffnete sich genau in diesem Augenblick die K�chent�r, und die schnaufende Frau Bebber schob sich herein. Hinter ihr erschien auch Erwin, der mit gro�en Augen das Geld auf dem Tisch verschlang.</p><p>�Bei Pr�sidents ist nicht eingebrochen�, pustete Frau Bebber. �Dort fehlt kein Pfennig!�</p><p>Pl�tzlich begriff Timm den h��lichen Empfang: Er hatte Frau Bebber zum Scherz erz�hlt, er werde bei Pr�sidents vom Wasserwerk einbrechen. Und den Mitsch�lern hatte er dasselbe erz�hlt. Und sie hatten das viele Geld in seiner Tasche gesehen. Und ihn verpetzt. So war das also.</p><p>Er wollte jetzt alles erkl�ren, aber die Stiefmutter tobte wieder einmal ohne Punkt und Komma und lief? ihn nicht zu Worte kommen: �Also nichtbeiden Pr�sidents! Danneben woanders. Wohastedasgeldge - st�hlen? Sagdiewahrheit! Ehedie Polizeikommt! Alleindergasse Wissenbescheid! SagdieWahrheit!�</p><p>Timm sagte die Wahrheit: �Ich habe das Geld nirgends gestohlen.�</p><p>Diesmal hagelte es Ohrfeigen und Kopfn�sse, bis Frau Bebber der Stiefmutter in den Arm fiel und den Jungen leise fragte: �Hast du mir nicht erz�hlt, da� du heute abend die Kuchenrechnung bezahlen willst, Timm?�</p><p>�Die Kuchenrechnung? Washatdas mitder Kuchenrechnung zutun?� schrie mit �berschnappender Stimme die Stiefmutter.</p><p>�Bitte, Frau Thaler, lassen Sie mich ruhig mit dem Jungen reden�, entgegnete die B�ckersfrau.</p><p>Heulend sank die Stiefmutter auf einen K�chenstuhl und griff nach einer Hand Erwins, die der Junge ihr mit Unbehagen lie�.</p><p>Frau Bebber fuhr in ihrem Verh�r fort: �Timm, sag die Wahrheit! Woher wu�test du, da� du heute abend so viel Geld haben w�rdest?�</p><p>Diesmal stockte Timm eine kurze Weile. Die Gedanken wirbelten ihm wie aufgescheuchte Spatzen durch den Kopf: Nur nichts von Herrn Lefuet sagen! Kein Wort �ber den Vertrag! Sonst ist er ung�ltig!</p><p>Endlich sagte Timm stockend: �Ich... habe... vor l�ngerer Zeit... mal f�nf... zehn... Mark gefunden. Und damit wollte ich zu den Pferderennen gehen und wetten!� Er sprach jetzt wieder sicher und fl�ssig. �Ich dachte, vielleicht gewinne ich etwas, und als ich auf das Pferd Mauritia II gesetzt hab, da habe ich das da gewonnen!� Er wies auf die Platte des K�chentisches. Dann zog er den Abschnitt des Wettscheines aus der Tasche und legte ihn zu dem Geld.</p><p>Frau Bebber wollte sich den Schein ansehen, aber schon hatte die Stiefmutter den kleinen Streifen Papier an sich gerissen, und nun studierte sie ihn wohl volle f�nf Minuten lang.</p><p>Niemand in der kleinen K�che sprach ein Wort. Timm stand stumm und aufrecht; Erwin musterte ihn scheu von der Seite. Frau Bebber hatte die Arme �ber der Brust verschr�nkt; sie l�chelte.</p><p>Endlich warf die Stiefmutter den Wettabschnitt wieder auf den Tisch und stand auf. �Wettgeld ist nicht ehrlich verdient!� sagte sie. Und verlie� die K�che.</p><p>Nun sah sich auch Frau Bebber das kleine Papier an, nickte dann und sagte: �Du hast Gl�ck gehabt, Timm!�</p><p>Von drau�en schrie die Stimme der Stiefmutter nach Erwin. Ihr Sohn schl�rfte folgsam hinaus, ohne ein Wort an Timm zu richten.</p><p>Der Junge, der sein Lachen verkauft hatte, kam sich wie ein Auss�tziger vor. Er mu�te mit den Tr�nen k�mpfen, als er Frau Bebber fragte: �Ist Wetten wirklich unehrlich?�</p><p>Die B�ckersfrau gab keine direkte Antwort. Sie sagte: �Die Neubauers von der Schlachterei haben auch gewonnen. In der Lotterie. Und sich davon das Haus gekauft. Ich mag die Neubauers gern!�</p><p>Dann z�hlte sie von dem Geld drei�ig Mark ab. holte vier Mark aus ihrer Sch�rzentasche, legte sie auf den Tisch und sagte: �Der Kuchen ist bezahlt, Timm. Kopf hoch!� Und dann ging sie. Timm h�rte, wie die Haust�r ins Schlo� fiel.</p><p>Er stand allein in der K�che. Trotz, Verzweiflung und gro�e Traurigkeit erf�llten ihn.</p><p>Nach kurzem �berlegen stopfte er sich das Geld vom K�chentisch in die Tasche und wollte das Haus verlassen. Er wollte fortgehen. Weit weg.</p><p>Als er auf dem Flur war, hielt ihn die Stimme der Stiefmutter zur�ck: �Du legst dich sofort ins Bett!� Z�gernd f�gte sie hinzu: �Leg das Geld in das K�chenb�fett! �</p><p>Timm merkte, da� die Stimmung umschlug. Er gehorchte, brachte das Geld wieder in die K�che und legte sich hungrig, erregt und ersch�pft ins Bett. Das Nebenbett war leer. Erwin schlief bei der Stiefmutter.</p><p>Eher, als man h�tte denken sollen, fiel Timm in einen schweren</p><p>Schlaf.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Sechster Bogen. </emphasis>Der kleine Million�r</p></title><p>Frau Bebber, die B�ckersfrau, machte in den folgenden Tagen ein gutes Gesch�ft. Ihr Laden war fast st�ndig voll von neugierigen Leuten, denen sie die Geschichte von Timm Thalers Gewinn erz�hlen mu�te. Diese Erz�hlung w�rzte sie sehr geschickt mit einer Reklame f�r ihre Backwaren.</p><p>�... und dann erz�hlte mir der Junge, da� er das Geld bei Pr�sidents vom Wasserwerk stehlen will. �brigens, Pr�sidents finden unsere Th�ringer Wecken seeehr gut! Ja, und ich denke also, mich r�hrt der Schlag, als ich h�re, da� der Junge Tausende in der Tasche hat. Ich nichts wie rein in mein Sonntagskleid und auf zu Pr�sidents. Es war ja Sonntag, und Pr�sidents hatten sowieso eine Torte bestellt, so mit Buchstabengu�: Alles Gute zum Geburtstag! Das macht mein Mann seeeehr gut! Ja, und dann h�re ich also, da� da �berhaupt nicht eingebrochen ist! Liebe Frau Bebber, sagt der Pr�sident zu mir, ich wei�, Sie sind eine verst�ndige Frau, und ihre Br�tchen sind wirklich seeehr gut, aber da mu� ein Irrtum vorwalten. Bei uns, sagt er, ist nichts gestohlen, sagt er... � Und so weiter und so weiter...</p><p>Timm war der Held des Tages. Bei den Nachbarn, in der Schule und teilweise sogar zu Haus. Die Stiefmutter, die pl�tzlich einen Pelzkragen am Mantel hatte, war vorsichtig geworden im Umgang mit Timm; sein Stiefbruder �berfiel ihn bei allen Gelegenheiten mit Fragen �ber Pferderennen; die Nachbarn nannten ihn teils scherzend, teils neidisch den �Kleinen Million�r�; und auf dem Schulhof ri� man sich f�rmlich um ihn.</p><p>Den Jungen freute die allgemeine Aufmerksamkeit. Er hatte seinen drei Mitsch�lern das Petzen und seiner Stiefmutter die Schl�ge l�ngst verziehen. Gern h�tte er jetzt mit aller Welt gescherzt. Aber das ging nicht mehr. Wenn er zu lachen versuchte, grinste er frech.</p><p>Bald versuchte er gar nicht mehr zu lachen oder witzig zu sein. Er gew�hnte sich daran, ein ernstes Gesicht zu machen. Und das ist wohl das Schlimmste, was einem Kind passieren kann.</p><p>Da sagten die Nachbarn: �Er ist hochm�tig geworden!� Die Mitsch�ler fingen an ihn zu meiden, als ihre Neugierde befriedigt war, und sogar die Stiefmutter, die jetzt etwas ruhiger war als vorher, nannte ihn einen Sauertopf.</p><p>�brigens sagte die Stiefmutter nie wieder, da� Wettgeld nicht ehrlich verdient sei. Sie fand Pferderennen pl�tzlich ehrenhaft und gesetzlich. Sie fragte Timm sogar, ob er von dem Geld zwanzig Mark haben wolle, damit er am Sonntag noch einmal wetten k�nne.</p><p>Timm, der von dem Gewinn bis dahin keinen Pfennig erhalten und die Tr�ume vom Marmorgrabstein und vom Tretroller f�rs erste begraben hatte, lehnte aus Trotz auch die zwanzig Mark ab. Seit der Sache mit der Kuchenrechnung sah er die Stiefmutter mit anderen Augen an. Er traute ihr nicht mehr. Und auch das ist schlimm f�r ein Kind.</p><p>In dieser Woche w�nschte Timm zum erstenmal in seinem Leben, da� es keine Sonntage geben m�ge. Er f�rchtete, da� die Stiefmutter ihn zu einem Besuch der Rennbahn �berreden werde. Und seine Furcht war begr�ndet.</p><p>Schon am Samstagabend kamen die ersten Bemerkungen: �M�chste noch�n Brot, Timm? Eigentlich soll man ja dreimal wetten, wenn man Gl�ck gehabt hat. Na, ist ja noch Zeit bis morgen. Kannste dir ja immer noch �berlegen, obste gehst oder nicht, nicht?�</p><p>Und nat�rlich ging Timm doch! Nicht nur, weil Erwin und die Stiefmutter schon beim Fr�hst�ck anfingen, Bemerkungen �ber Pferderennen zu machen, sondern auch, weil Timm den Vertrag erproben wollte, diesen merkw�rdigen Vertrag im M�tzenfutter, von dem er schon jetzt nicht mehr recht wu�te, ob er ein gutes Gesch�ft oder eine Gemeinheit sei.</p><p>Sie fuhren zu dritt mit der Stra�enbahn zum Rennplatz. Erwin hatte vor Aufregung zum erstenmal rote Flecken auf den bleichen Wangen, und die Stiefmutter plapperte wieder ohne Punkt und Komma von Risiko, Schiebungen und viel zu hohem Einsatz. Sie gab Timm die zwanzig Mark mit hundert �berfl�ssigen Ermahnungen und f�gte hinzu: �Setz das Geld nicht auf Fortuna, Timm! In der Stra�enbahn hab� ich geh�rt, Fortuna hat keine Aussichten! Hat eine Pferdekrankheit oder so was. Also nicht auf Fortuna, Timm!�</p><p>Nat�rlich setzte Timm jetzt erst recht auf Fortuna. Mit dem Vertrag in der M�tze konnte ihm nichts passieren. Obendrein hielt er es f�r klug, der Stiefmutter zu beweisen, da� er von diesen Dingen mehr verstand als sie.</p><p>Aber als sie auf der Rennbahn waren, schenkten die Stiefmutter und Erwin ihm kaum mehr Aufmerksamkeit. Sie waren viel zu sehr gefesselt von allem, was um sie herum vorging: von den feinen Damen und den eleganten Herren, von den Rennpferden, die an Z�geln vorbeigef�hrt wurden, von den kleinen Jockeys mit den roten M�tzen und von all dem geschw�tzigen, l�rmenden Durcheinander vor den Schaltern und an den Gittern.</p><p>�Willst du nicht zuschauen?� fragte die Stiefmutter, als Timm seinen Wettschein abgegeben hatte.</p><p>Der Junge sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Auf welches Pferd hast du gesetzt?� fragte Erwin.</p><p>�Auf Fortuna!� erwiderte Timm unn�tig laut.</p><p>Die Stiefmutter fuhr herum. �Auffortuna? Aberich habedir dochesagt, da� diesespferd, dashabich iner Stra�enbahn ge - h�rt... �</p><p>Der Startschu� f�r das Rennen unterbrach das Geplapper. Pferdegetrappel war zu h�ren; die Zuschauer fingen zu rufen und zu l�rmen an; und die Stiefmutter und Erwin st�rzten davon, um hinter Zylindern, H�ten und Schleiern einen Blick auf die Pferde zu erhaschen. Sie standen nicht weit von Timm entfernt, der sich ins Gras gesetzt hatte, und ab und zu schrie Erwin aufgeregt etwas her�ber.</p><p>�Fortuna liegt an dritter Stelle!� schrie er. Und dann: �Fortuna holt auf!� Schlie�lich jubelnd und kreischend: �Fortuna ist vom!�</p><p>Aber dann sah es so aus, als sei Fortuna ersch�pft. Das Pferd fiel zur�ck, und Erwin schrie: �Unser Geld ist weg! Fortuna kann nicht mehr!� Jetzt drehte die Stiefmutter den Kopf zu Timm um, und ihr Blick sagte: �Ichhabesja gew��t! H�ttste aufmichgeh�rt!�</p><p>Doch kurz vor dem Ziel holte Fortuna unglaublich auf. Erwin schrie wie besessen: �Gut, Fortuna! Fein, Fortuna! Jetzt, jetzt, jetzt!�</p><p>Auch die Menge rief immer lauter: �Fortuna, Fortuna, Fortuna!�</p><p>Dann ging ein Schrei durch das Publikum, und Timm wu�te: Fortuna hatte gesiegt! Und Herr Lefuet hatte auch gesiegt.</p><p>�brigens hatte Timm sich auch deshalb abseits gesetzt, weil er gehofft hatte, Herrn Lefuet zu begegnen. Aber unter den wenigen karierten Ballonm�tzen, die er sah, blickten ihn fremde Gesichter an. Lefuet war nicht zu sehen. (Trotzdem war er - wenn auch nicht kariert - auf dem Rennplatz. Mehrere Male musterte er von versteckten Pl�tzen aus mit zusammengekniffenen Augen Timms Gesicht.)</p><p>Erwin kam jetzt atemlos gelaufen.</p><p>�Gewonnen!� br�llte er. �Gib mir den Schein, Timm!�</p><p>Aber Timm behielt den Wettschein in der Hand und wartete, bis sich die Leute vor den Schaltern verlaufen hatten. Dann erst holte er sich den Gewinn: bare zweitausend Mark!</p><p>�Wir haben ziemlich viel gewonnen�, sagte er und reichte der Stiefmutter das Geld hin. �Es m�ssen zweitausend Mark sein.�</p><p>�Haste nachgez�hlt, Timm? Meinstedasses stimmt?�</p><p>�Wird schon stimmen�, erwiderte der Junge.</p><p>�Papperiappapp! Gibherund la�mich nachz�hlen!� Sie ri� ihrem Stiefsohn das Geld fast aus der Hand, z�hlte die Banknoten, verz�hlte sich, z�hlte abermals nach und sagte endlich: �Es stimmt! Es sind zweitausend Mark!�</p><p>Dann sagte pl�tzlich niemand mehr etwas. Die Stiefmutter starrte auf das B�ndel Banknoten in ihrer Hand, Erwin stand mit offenem Munde da, und Timm machte sein gew�hnliches ernstes Gesicht.</p><p>Endlich brach die Stiefmutter das Schweigen.</p><p>�Was fangenwir blo�mit alldem vielengeldan?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Timm. �Es ist dein Geld!�</p><p>Da fing die Stiefmutter pl�tzlich zu weinen an; man wu�te nicht, war es Freude, �berraschung, R�hrung oder alles das zusammen. Sie k��te abwechselnd die beiden Jungen, wischte sich die Augen mit einem Taschentuch und sagte dann: �Kommt, Kinder! Das m�ssen wir feiern!�</p><p>Und wieder einmal sa� Timm unter dem Kastanienbaum des Gasthausgartens, unter dem er mit dem Vater, mit den Gaunern und zuletzt mit dem karierten Herrn gesessen hatte.</p><p>Die Stiefmutter war munter und geschw�tzig: �Habichja geahnt, da� Timm aus einem ganz besonderengrund auffortunagesetzt hat! Bist doch ein Schlaumeier!� Und sie zwickte ihn ins Ohrl�ppchen. Dann lie� sie Kuchen und Limonade kommen. Aber keinen Bienenstich.</p><p>Erwin redete von elektrischen Eisenbahnen und braunen Schuhen mit Gummisohlen. Nur Timm sa� stumm wie ein Fisch dabei, ein Junge, der nicht mehr lachen konnte.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Siebster Bogen. </emphasis>Der arme Reiche</p></title><p>Timm mu�te nun an allen Sonntagen mit der Stiefmutter und Erwin zu den Pferderennen gehen und wetten. Er tat es nicht gern. Manchmal stellte er sich krank. Manchmal stahl er sich am Sonntagmorgen aus dem Haus und lie� sich erst am Abend wieder blicken. Dann gingen die Stiefmutter und Erwin allein zur Rennbahn. Aber die beiden hatten kein Gl�ck. Bestenfalls gewannen sie ein paar Mark.</p><p>So mu�te Timm immer wieder mit ihnen gehen und immer gr��ere Summen wetten. Er war auf dem Rennplatz bald so bekannt wie ein bunter Hund, und sein Wettgl�ck wurde sprichw�rtlich. Von gl�cklichen Gewinnern sagte man: �Er hat Gl�ck wie Timm!�</p><p>Der Junge wu�te es im �brigen so geschickt einzurichten, da� er einmal mehr und einmal weniger gewann. Setzte er zum Beispiel auf ein Pferd, auf das sehr viele Leute gesetzt hatten, so war der Gewinn nicht sehr hoch. Wettete er dagegen auf einen Au�enseiter, auf den fast niemand gesetzt hatte, dann gewann er ungew�hnlich viel.</p><p>Die Stiefmutter, die anfangs erkl�rt hatte, da� alles Geld Timm geh�re und da� sie es nur f�r ihn verwalte, sprach bald nur noch von �unseren Gewinnen� und von �unserem Geld� und �unserem Konto�. Timm bekam nie mehr als ein kleines Taschengeld. Immerhin sparte der Junge sich so viel zusammen, da� es am Ende f�r einen Marmorgrabstein reichte. Diesen Betrag legte er sich zur Seite. Er hatte ihn in Papiergeld gewechselt und versteckte die Scheine in der Standuhr, von der er durch Zufall entdeckt hatte, da� sie einen doppelten Boden besa�, dessen oberen Teil man abheben konnte.</p><p>Der Stiefmutter stieg das viele unerwartete Geld zu Kopfe. Sie hatte bald so viele Feinde, als Leute in der kleinen Gasse wohnten. Ihrer alten Kuchenfreundin sagte sie ins Gesicht, da� sie schlecht gekleidet sei und da� sie sich auf der Stra�e nicht mehr mit ihr sehen lassen k�nne. (Auf den Gedanken, ihrer sehr viel �rmeren Freundin ein Kleid zu kaufen, kam sie offenbar nicht.) Frau Bebbers Kuchen tadelte sie vor allen Leuten und kaufte weit teureres Geb�ck in einer Konditorei der Innenstadt. (Da� Frau Bebber ihr wochenlang ganze Berge von Kuchen angeschrieben hatte, war ihr offenbar entfallen.)</p><p>Erwin, dem Frau Thaler heimlich zus�tzliches Taschengeld gab, spielte jetzt reicher Leute Kind. Er trug Schuhe mit l�cherlich dicken Specksohlen, Anz�ge mit langen Hosen und sehr bunte Krawatten. Auch rauchte er heimlich und spielte den Pferdekenner.</p><p>Timm, von dem der Reichtum stammte, war der einzige, der ihn heimlich verfluchte. Er lief oft stundenlang in abgelegenen Teilen der Gro�stadt herum in der Hoffnung, Herrn Lefuet zu begegnen. Er hoffte, da� der karierte Herr ihm sein Lachen wiederg�be, wenn er k�nftig auf allen Reichtum verzichtete. Aber Herr Lefuet zeigte sich niemals.</p><p>Der karierte Herr jedoch hatte den Jungen keineswegs aus den Augen verloren. Manchmal n�mlich fuhr ein viert�riges Auto durch Timms Wohngegend, und auf den R�ckpolstem sa� ein Herr mit einer karierten Ballonm�tze. Wenn dieser Mann Timm irgendwo entdeckte, befahl er dem Chauffeur zu halten und beobachtete den Jungen mit besorgter, wenn nicht sogar mit �ngstlicher Miene. Dieser Herr hatte auch daf�r gesorgt, da� ein Werbekalender in die Gassenwohnung kam, in dem zwischen Reklameversen f�r Kaffee, Kakao oder Butter Ausspr�che ber�hmter Leute standen. Nicht zuf�llig las man auf der ersten Seite:</p><p>�Man sollte einen Vertrag wie eine Heirat behandeln: genau und sorgsam �berlegen, ehe man ihn eingeht; aber treu daran festhalten, wenn man ihn geschlossen hat.</p><p>L. Lefuet�</p><p>Zum Gl�ck f�r Timm schnitt die Stiefmutter dieses Blatt aus, weil die R�ckseite mit Stemdeuterei gef�llt war. (Sie war unter dem Sternbild des Skorpions geboren.)</p><p>Das Schlimmste f�r Timm wurde mit der Zeit die Feindseligkeit in der Gasse. Man nahm sein immer ernstes Gesicht als Zeichen f�r Hochmut und D�nkel und warf ihn mit Erwin und der Stiefmutter in einen Topf. Und auf diesem Topf stand in gro�en, fetten Lettern geschrieben: �Neureiche Protze!�</p><p>Niemand war deshalb so froh wie Timm (soweit er noch froh sein konnte), als die Stiefmutter die Gassenwohnung verlie� und ein Stockwerk in einer teuren Stra�e mietete.</p><p>Die M�bel, sofern sie nicht neu angeschafft worden waren, verschenkte die Stiefmutter an die wenigen Leute in der Gasse, mit denen sie noch sprach. Sie wollte auch die Standuhr verschenken, in der Timms Ersparnisse versteckt waren. Zum Gl�ck h�rte der Junge fr�h genug davon und bat, die Standuhr in sein Zimmer in der neuen Wohnung stellen zu d�rfen. Er bat so eindringlich darum, da� die Stiefmutter es mehr verwundert als ver�rgert gestattete. So zog der stundenschlagende Geldschrank mit in Timms erstes eigenes Zimmer, in dem der Junge zum erstenmal allein und in Ruhe seine Schularbeiten machen konnte.</p><p>Die Stiefmutter nahm sich in der neuen Wohnung ein Dienstm�dchen. Aber kein M�dchen hielt es l�ngere Zeit bei ihr aus. Auf die Marie folgte Berta, auf die Berta Klara, auf Klara folgte Johanna, und schlie�lich kam eine alte Frau, die Griet hie�. Die blieb, weil sie sich nichts gefallen lie� und zur�ckzankte, wenn Timms Stiefmutter mit ihr stritt.</p><p>Unter dem Zanken und Wiedervers�hnen der beiden Frauen vergingen die Jahre, bis Timm vierzehn war und einen Beruf ergreifen mu�te.</p><p>Die Stiefmutter w�nschte und befahl, da� Timm als Lehrling in ein Wettb�ro eintreten sollte. Das hatte einen guten Grund: Genau an seinem dreizehnten Geburtstag hatte Timm sehr viel Geld auf ein Pferd gesetzt, das nur durch eine Gef�lligkeit der Rennleitung zum letzten Male mitlaufen durfte, bevor es sein Gnadenbrot erhielt. Auf dieses Pferd hatte niemand gewettet - au�er Timm! Und weil Timm darauf gewettet hatte, gewann das Pferd zum Staunen aller Fachleute. Der Junge erhielt bare drei�igtausend Mark. Und nach diesem Gewinn erkl�rte er seiner Stiefmutter, sie seien jetzt reich genug, und er werde nicht mehr wetten. Weder Tr�nen noch Schl�ge konnten ihn umstimmen. Niemals mehr ging er zur Pferderennbahn.</p><p>Erwin und die Stiefmutter versuchten noch einige Male allein ihr Gl�ck. Aber als sie am Ende dreitausend Mark verwettet und kaum dreihundert Mark gewonnen hatten, h�rten auch sie mit dem Wetten auf.</p><p>Nun hoffte die Stiefmutter, Timm werde wieder Geschmack an den Pferderennen finden, wenn er in ein Wettb�ro als Lehrling eintr�te. Sie hatte sogar schon Verhandlungen mit dem reichsten Wettuntemehmer der Stadt gef�hrt. Aber Timm trotzte ihr und sagte, er wolle zur See fahren und nichts mehr mit Pferdewetten zu tun haben.</p><p>Eines Tages - Timm war seit ein paar Tagen aus der Schule entlassen - fing die Stiefmutter auf die bekannte Art wieder einmal von Timms zuk�nftigem Beruf zu reden an: �Nun bistekeinkindmehr, Timm! Und irgendwasmu�te dochnunan -fangen! Indemwettb�ro kannstemit deinengabennochmal einreichermannwerden, Timm! Ichwilljanurdein Bestesjunge! Ichdenknichan mich! Ichdenkdochnur an dich! �</p><p>�Ich gehe aber nicht in ein Wettb�ro. Ich will zur See fahren!� sagte Timm.</p><p>Nun wurde die Stiefmutter erst �rgerlich, dann zornig und am Ende r�hrselig. Sie fing wie gew�hnlich an zu weinen und rief, er wolle sie alleinlassen, damit sie im Alter kein Geld mehr habe und betteln m�sse, und er wolle sie und seinen Bruder Erwin ins Ungl�ck st�rzen und allein ein reicher Mann werden, und �berhaupt habe er nie ein Herz f�r die Familie gehabt. Er k�nne ja nicht einmal mehr lachen!</p><p>Die letzte Bemerkung traf Timm schwerer, als die Stiefmutter ahnte. Das Blut scho� ihm in den Kopf. Er w�re am liebsten davongerannt. Aber seit er sein Lachen verloren hatte, hatte er so sehr an Selbstbeherrschung gewonnen, da� es f�r einen Jungen in seinem Alter be�ngstigend war. Auch diesmal konnte er sich so beherrschen, da� die Stiefmutter von seiner Erregung nichts bemerkte au�er der R�te im Gesicht.</p><p>�Gib mir am n�chsten Sonntag ebenso viel Geld wie damals, als ich zuletzt wettete�, sagte er. �Ich werde wahrscheinlich viel gewinnen.�</p><p>Ehe die Stiefmutter zugestimmt hatte, verlie� Timm die Wohnung, rannte an den Flu�, setzte sich auf eine abgelegene Uferbank und versuchte, seiner Erregung Herr zu werden. Aber diesmal gelang es ihm nicht. Er weinte. Und weil er nicht weinen wollte, sch�ttelte ihn das Schluchzen umso schlimmer, bis er sich endlich seiner Verzweiflung �berlie�. Da h�rte das Weinen und Gesch�tteltwerden nach und nach auf, und nun fing dieser vierzehnj�hrige Junge k�hl und ruhig an, �ber seine Zukunft nachzudenken.</p><p>Er beschlo�, am folgenden Sonntag wieder auf einen Au�enseiter zu setzen und viel Geld zu gewinnen. Das Geld sollte die Stiefmutter bekommen, und dann wollte er sie und Erwin verlassen und einfach davonlaufen. Vielleicht w�rde er Schiffsjunge werden, vielleicht etwas anderes. Um das Geld brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Wetten kann man �berall. Am Reichsein - das wu�te er jetzt - hatte er ohnedies keinen Spa�. Er hatte sein Lachen verkauft f�r etwas, was er gar nicht brauchte.</p><p>Und nun beschlo� der Junge auf der Uferbank am Flu� etwas viel Wichtigeres: Er wollte sein Lachen zur�ckgewinnen. Er wollte seinem Lachen nachlaufen. Er wollte Herrn Lefuet suchen, wo immer auf der Welt er sein mochte.</p><p>Es w�re gut gewesen, wenn Timm irgendeinen Menschen gehabt h�tte, meinetwegen einen betrunkenen Kutscher oder einen halb verr�ckten Landstreicher, dem er von seinem Entschlu� h�tte erz�hlen k�nnen. Die schwierigsten Dinge k�nnen einfach werden, wenn man mit einem anderen Mensehen dar�ber spricht. Aber Timm durfte nicht dar�ber sprechen. Er mu�te sich zuschlie�en wie eine Auster. Ein St�ck Papier, das jetzt im doppelten Boden der Standuhr lag, machte ihn zum einsamsten und zum traurigsten Jungen, den die Sonne beschien.</p><p>Timm war ganz allein. In dieser Stimmung kam ihm der Vater in den Sinn und das ersparte Geld f�r den Marmorgrabstein. Und er beschlo� noch etwas: Vor seiner Flucht sollte der Vater den Stein aufs Grab bekommen. Timm wu�te, das w�rde Schwierigkeiten machen. Aber durchsetzen wollte er�s.</p><p>Ruhig stand er jetzt von der Bank auf. Er hatte Pl�ne, die er durchf�hren mu�te. Und die Pl�ne machten den Jungen stark.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Achter Bogen. </emphasis>Der letzte Sonntag</p></title><p>Als der Sonntag kam - der letzte Sonntag, den Timm in seiner Geburtsstadt verbrachte - sah man der Stiefmutter schon beim Fr�hst�ck die Aufregung an. Sie hatte einen besonders starken Kaffee gekocht, den sie in gierigen Schlucken trank, und sie a� fast nichts. Timm hatte sie ein wenig mehr Geld gegeben, als er erbeten hatte. Auch hatte sie ihr pr�chtigstes Staatskleid aus bestickter Seide angezogen und den Fuchspelz bereitgelegt.</p><p>�Ichbingespann tob wirgewinnen�, schnatterte sie. �Wei�teschonaufwel - chespferddu setzt, Timm?�</p><p>�Nein�, sagte der junge wahrheitsgem��.</p><p>�Ja, machstedirdennnochkeine Gedanken?</p><p>Kannstedenneinfachsoins Blaue wetten?�</p><p>�Timm wei� schon, was er tut!� warf Erwin ein. Die Wett-Erfolge seines Stiefbruders erf�llten ihn mit ebenso viel Neid wie Respekt.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck fuhren die drei in einem Taxi zum Rennplatz. Die Stiefmutter steuerte dort sogleich auf die Wettschalter zu. Aber Timm sagte, er m�sse sich noch ein wenig umhorchen. Das sah die Verwandtschaft ein. Timm durfte sich allein unter die Leute mischen und ihre Gespr�che belauschen.</p><p>Auf dem Rennplatz war er fast vergessen, weil er ein ganzes Jahr lang nicht gewettet hatte. Aber einige Leute kannten ihn noch und zeigten fl�sternd auf ihn. Besonders ein Herr mit krausem braunem Haar und merkw�rdig stechenden wasserblauen Augen schien sich sehr f�r Timm zu interessieren. Er umkreiste den Jungen wie ein Hund seinen Herrn, beobachtete ihn ebenso unabl�ssig wie unauff�llig und stellte sich schlie�lich neben Timm, als der die Liste der Pferde studierte.</p><p>�Auf S�dwind scheint niemand zu setzen�, bemerkte er betont beil�ufig und ohne den Jungen dabei anzusehen. �Willst du auch wetten?�</p><p>�Ja�, sagte Timm. �Und zwar auf S�dwind!�</p><p>Jetzt wandte der Fremde den Kopf. �Das ist sehr k�hn, mein Junge! S�dwind hat so gut wie gar keine Gewinnchancen!�</p><p>�Wir werden sehen�, meinte Timm.</p><p>Irgendwie war ihm nach Lachen zumute. Aber er konnte nicht lachen. Ernst und ein wenig traurig sah er den Fremden an, der jetzt �ber Timms k�hne Wettabsichten zu witzeln begann und den Jungen zum Schalter begleitete.</p><p>Unterwegs scherzte der Fremde weiter. Er machte Witze �ber die kleinen Jockeys und beobachtete dabei genau das Gesicht des Jungen. Aber Timm verzog keine Miene.</p><p>Kurz vor dem Schalter blieb der Herr stehen. Unwillk�rlich verhielt auch Timm den Schritt. �Ich hei�e Kreschimir�, sagte der Fremde. �Ich meine es gut mit dir, mein Junge. Ich wei�, du hast auf diesem Rennplatz noch nie eine Wette verloren. Das ist selten und zugleich seltsam. Darf ich dich etwas fragen?�</p><p>Timm blickte in die wasserblauen Augen, die ihn an jemanden erinnerten. Aber er wu�te nicht, an wen. Er sagte: �Bitte sch�n, fragen Sie!�</p><p>Leise und ohne den Jungen aus den Augen zu lassen, fragte Herr Kreschimir: �Warum ladist du niemals, Junge? Magst du nicht? Oder - kannst du nicht?�</p><p>Timm stieg das Blut zu Kopfe. Wer war dieser Mann? Was wu�te er? Ihm schien mit einem Male, dieser Mann habe die Augen Lefuets. War dies der ver�nderte Lefuet, der Timm auf die Probe stellen wollte?</p><p>Der Junge hatte wohl etwas lange mit seiner Antwort gez�gert; denn pl�tzlich sagte Henr Kreschimir: �Dein Schweigen ist beredt genug. Vielleicht kann ich dir einmal helfen. Ich hei�e Kreschimir. Vergi� das nicht. Auf Wiedersehen!�</p><p>Im Gedr�nge der Rennplatzbesucher verschwand der Mann. Timm verlor ihn aus den Augen. Beunruhigt ging er zum Schalter und setzte alles Geld auf �S�dwind�.</p><p>Nach der Begegnung mit Herrn Kreschimir war er fester als je entschlossen, sp�testens morgen die Stadt zu verlassen.</p><p>Seine Stiefmutter und Erwin hatten ihn am Schalter entdeckt. Offenbar hatten sie dort auf ihn gewartet. Timm verriet diesmal nicht, auf welches Pferd er gesetzt hatte. Aber zum erstenmal sah er sich mit den beiden zusammen das Rennen an.</p><p>�S�dwind� war ein ungew�hnlich temperamentvoller junger Hengst, der sein drittes Rennen lief. Man war der Meinung, das Pferd sei viel zu fr�h zu den Rennen zugelassen worden. Es hatte bis jetzt nur Pl�tze in der Mitte des Feldes erzielt. Einmal zwar war �S�dwind� bei Beginn des Rennens wie ein Pfeil an die Spitze vorgeschossen. Aber bald war das Tier zur�ckgefallen und wie gew�hnlich mit dem Mittelfeld ins Ziel eingelaufen.</p><p>Dies alles erfuhr Timm aus dem Gespr�ch zweier Herren, die neben ihm standen. Zum erstenmal war er auf ein Rennen gespannt. Er hatte Furcht, nach dem Gespr�ch mit Herrn Kreschimir k�nne sein Vertrag mit dem karierten Herrn Lefuet ung�ltig sein. Das Ergebnis dieses Rennens sollte ihm zeigen, ob seine Furcht begr�ndet war.</p><p>Der Startschu� wurde gegeben. �S�dwind� kam, als die Pferde sich eingelaufen hatten, auf den vierten Platz, den er ziemlich stetig hielt. Die beiden Herren neben Timm unterhielten sich �ber das Pferd, das sich an die Spitze gesetzt hatte. Aber dann kamen sie auf �S�dwind� zu sprechen. Timm h�rte in dem sich steigernden L�rm der Zwschauer nur Bruchst�cke des Gespr�chs: �... viel gelernt...�, �... spart seine Reserven... �... wird sich machen...�</p><p>Siegesaussichten schien �S�dwind� nicht zu haben. Er hielt den vierten Platz, aber die Pferde vor ihm gewannen an Vorsprung. Erwin und die Stiefmutter drangen jetzt in Timm, ihnen zu sagen, auf welches Pferd er gesetzt habe. Aber der Junge war unsicher geworden. �ngstlich verfolgten seine Augen das Rennen. �S�dwind� schob sich jetzt kaum merklich nach vom. Aber die Strecke bis zum Ziel war nur noch kurz.</p><p>Da pl�tzlich strauchelte das Pferd an der Spitze. Die beiden Pferde dicht hinter ihm scheuten kurz und dr�ngten sich ein wenig zur Seite. In diesem Augenblick zog �S�dwind� gradlinig in einem gl�nzenden Endlauf an ihnen vorbei und lief kurz darauf unangefochten als Sieger durchs Ziel.</p><p>Das Rufen der Menge war mehr Entt�uschung als Jubel. Neben sich h�rte Timm sagen: �Eines der verr�cktesten Rennen, die ich erlebt habe!�</p><p>Auf der gro�en Gewinntafel erschien der Name �S�dwind� ganz oben. Timm war erleichtert. Wie gern h�tte er jetzt gelacht. Aber statt dessen nahm er nur stumm den Wettabschnitt aus der Tasche, gab ihn der Stiefmutter und sagte: �Wir haben gewonnen! Bitte, hole du das Geld!�</p><p>Frau Thaler st�rzte in Erwins Begleitung zu den Schaltern. Timm fuhr, ohne auf die beiden zu warten, mit der Stra�enbahn heim, holte aus der Standuhr den Vertrag und das ersparte Geld, steckte das eine ins M�tzenfutter, das andere in die Brusttasche seines Mantels und wollte eben mit dem Mantel �ber dem Arm die Wohnung verlassen, als er die Stiefmutter und Erwin kommen h�rte. Schnell trat er hinter den Vorhang der kleinen Besenkammer.</p><p>Er horte die Stiefmutter seinen Namen rufen. Aber er verhielt sich still.</p><p>�Womagderjungeblo� sein?� h�rte er dann. �Eristsokomischinderletztenzeit.� im Innern der Wohnung verloren sich die Stimmen. Er h�rte Erwin noch fragen: �Sind wir jetzt sehr reich?� Und die schrille Stimme der Stiefmutter sagte etwas wie �... undvierzigtausend!�</p><p>�Nun�, dachte Timm ganz k�hl und ruhig. �Dann brauchen die beiden mich sicher nicht mehr.�</p><p>Er verlie� die Besenkammer, �ffnete und schlo� die Wohnungst�r so leise wie m�glich, ging hart unter den Fenstern vorbei zum Park hin�ber und rannte dann, so schnell ihn die Beine trugen, zum Friedhof im Osten der Stadt.</p><p>Erst als der dicke schnauzb�rtige Friedhofsw�rter ihn am Eingang nach der Grabnummer fragte, wurde ihm klar, da� er wegen des Marmorgrabsteins f�r seinen Vater hier wohl an der falschen Stelle sei. Immerhin wollte er einen Versuch machen. Er fragte: �Kann ich bei Ihnen einen Marmorgrabstein bestellen?�</p><p>�Marmor ist bei uns nicht zugelassen. Zugelassen ist Sandstein�, brummte der Schnauzbart. �Au�erdem bist du bei mir an der falschen Adresse. Aber der Steinmetz hat sonntags geschlossen.�</p><p>Pl�tzlich kam Timm ein verwegener Gedanke.</p><p>�Wollen wir wetten, da� mein Vater einen Marmorgrabstein hat? Darauf steht in Goldbuchstaben: Von deinem Sohn Timm, der dich nie vergi�t.�</p><p>�Die Wette hast du verloren, bevor du sie abgeschlossen hast, Junge.�</p><p>�Ich wette trotzdem! Um eine Tafel Schokolade!� (Timm hatte auf dem Fenstersims der Portierloge eine Tafel Schokolade entdeckt.)</p><p>�Kannst du denn eine Tafel Schokolade bezahlen, wenn du verlierst?�</p><p>Timm zog seine Geldscheine aus der Manteltasche und zeigte sie. �Wetten Sie jetzt?�</p><p>�Die verr�ckteste Wette, die ich jemals abgeschlossen habe�, murmelte der Friedhofsw�rter. �Also meinetwegen!� Sie besiegelten die Wette durch Handschlag und wanderten durch den riesigen park�hnlichen Friedhof ans Grab des Herrn Thaler.</p><p>Schon von weitem sahen sie drei M�nner in Arbeitskleidung auf dem Grab. Der dicke Friedhofsw�rter beschleunigte den Schritt.</p><p>�Das ist doch...� Er schnaufte wie ein Walro� und rannte jetzt fast.</p><p>Auf das Grab war gerade ein frischer Stein gesetzt worden. Aus Marmor. Der Stein trug in Goldschrift Namen und Lebensdaten des Vaters. Und darunter stand: �Von deinem Sohn Timm, der dich nie vergi�t�.</p><p>Die Arbeiter k�mmerten sich wenig um das Geschrei des Friedhofsw�rters. Sie zeigten ihm einige Papiere, die bewiesen, da� dieser Stein vollkommen zu Recht aufgestellt worden war. Es lag sogar eine Sondergenehmigung daf�r vor, einen Marmorstein zu setzen. Der Friedhofsw�rter war gerade ein bi�chen eingenickt gewesen, als die M�nner gekommen waren. Sie hatten ihn nicht wecken wollen.</p><p>��brigens�, f�gte einer der M�nner hinzu, �das Geld soll von einem gewissen Timm Thaler bezahlt werden.�</p><p>�Stimmt�, sagte Timm. �Hier ist das Geld.� Er holte es wieder aus der Manteltasche und z�hlte es einem Arbeiter in die Hand. Was ihm blieb, waren f�nfzig Pfennig.</p><p>Der Friedhofsw�rter stapfte knurrend zu seiner Loge zur�ck. Die Arbeiter r�umten ihre Ger�tschaften zusammen, tippten an ihre Schirmm�tzen und gingen ebenfalls davon.</p><p>Timm stand mit einer Barschaft von f�nfzig Pfennig und einem merkw�rdigen Vertrag allein am Grab des Vaters und erz�hlte einem Toten all das, was er so gern einem lebendigen Menschen berichtet h�tte.</p><p>Schlie�lich schwieg er, betrachtete den Grabstein noch einmal, fand ihn sehr sch�n und sagte dann: �Ich komme wieder, wenn ich lachen kann. Bis bald!� Doch pl�tzlich stutzte er und setzte hinzu: �Hoffentlich bis bald!�</p><p>An der Portierloge nahm er von einem ver�rgerten Friedhofsw�rter die Schokolade in Empfang und kaufte dann f�r sein letztes Geld eine Stra�enbahnkarte. Wohin er gehen w�rde, wu�te er noch nicht. Er wu�te nur, da� er jetzt den karierten Herrn suchen und sein verkauftes Lachen zur�ckgewinnen wollte.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Neunter Bogen. </emphasis>Herr Rickert</p></title><p>Die Stra�enbahn war fast leer. Au�er Timm sa� nur ein rundlicher �lterer Herr mit einem lustigen Mopsgesicht im Wagen.</p><p>Er fragte den Jungen, wohin er fahre.</p><p>�Zum Bahnhof<sup>1</sup>, antwortete Timm.</p><p>�Aber dann h�ttest du eine Umsteigekarte l�sen m�ssen. Diese Bahn f�hrt nicht zum Bahnhof. Ich wei� es genau, weil ich auch dorthin mu�.�</p><p>Timm, der seine M�tze auf die Knie gelegt hatte, f�hlte unter seinen Fingern das Papier des Vertrages knistern. Da kam ihm pl�tzlich der Gedanke, m�glichst unsinnige Wetten einzugehen. Vielleicht w�rde er eine davon verlier ren; dann h�tte er sein Lachen zur�ckgewonnen!</p><p>So sagte er: �Ich wette mit Ihnen, mein Herr, da� diese Stra�enbahn zum Bahnhof f�hrt.�</p><p>Der Herr lachte und sagte dasselbe wie der dicke Friedhofsw�rter: �Diese Wette hast du verloren, ehe du sie abgeschlossen hast!� Er f�gte hinzu: �Wir sitzen n�mlich in der Nummer neun, und die ist noch nie zum Bahnhof gefahren.�</p><p>�Trotzdem wette ich mit Ihnen�, sagte Timm in so bestimmtem Ton, da� der Herr stutzig wurde.</p><p>�Du scheinst deiner Sache ja sehr sicher zu sein, Junge. Um was willst du wetten?�</p><p>�Um eine Fahrkarte nach Hamburg�, sagte Timm schnell. Und er selbst war �ber den pl�tzlichen Einfall am meisten verbl�fft. (Immerhin lag der Gedanke nahe; denn Timm hatte ja schon seit l�ngerer Zeit den Plan, zur See zu fahren.)</p><p>�Willst du denn nach Hamburg fahren?�</p><p>Timm nickte.</p><p>Das freundliche Mopsgesicht legte sich in Schmunzelfalten.</p><p>�Du brauchst nicht zu wetten, Junge! Ich fahre n�mlich auch nach Hamburg und habe ein ganzes Abteil gemietet. Der Herr, der mich begleiten wollte, ist verhindert. Da k�nntest du mir Gesellschaft leisten.�</p><p>�Trotzdem biete ich Ihnen die Wette an�, sagte Timm ernst.</p><p>�Sch�n! Wetten wir also. Aber ich warne dich: Du verlierst! Wie hei�t du?�</p><p>�Timm Thaler.�</p><p>�Ein h�bscher Name. Klingt nach viel Geld. Ich hei�e Rickert.�</p><p>Die beiden gaben sich die Hand. Damit waren sie einander vorgestellt, und die Wette war abgeschlossen.</p><p>Als der Schaffner zur Kontrolle durch den Wagen ging, fragte Herr Rickert: �Fahren Sie zum Bahnhof?�</p><p>Gerade wollte der Schaffner antworten, als die Stra�enbahn mit einem Ruck hielt und Timm gegen Herrn Rickert gedr�ckt wurde.</p><p>Der Schaffner eilte nach vom auf die Plattform. Dort war eben ein Beamter mit einer dicken silbernen Achselschnur aufgestiegen. Die beiden wechselten ein paar aufgeregte Worte. Dann kam der Schaffner in den Wagen zur�ck und wandte sich an Herrn Rickert. �Mein Herr�, sagte er, �wir fahren heute ausnahmsweise �ber den Bahnhof, weil auf unserer Strecke die Oberleitung gerissen ist. Aber normalerweise f�hrt die Neun nicht in diese Richtung.�</p><p>Er tippte an seinen M�tzenschirm und ging wieder nach vom.</p><p>�Donnerwetter, das war eine schnell gewonnene Wette, Timm Thaler!� lachte Herr Rickert. �Du hast bestimmt gewu�t, da� die Oberleitung gerissen ist, stimmt�s?�</p><p>Traurig sch�ttelte Timm den Kopf. Er h�tte die Wette lieber verloren. Immerhin war ihm jetzt klar, da� Herr Lefuet �ber F�higkeiten verf�gte, die man zumindest ungew�hnlich nennen mu�te.</p><p>Am Bahnhof fragte Herr Rickert nach Timms Gep�ck.</p><p>�Alles, was ich brauche, habe ich�, antwortete Timm sehr unbestimmt und sehr wenig kindlich. �Und meinen Pa� habe ich im Jackett.�</p><p>Der Junge hatte wirklich einen Pa�. Als er vierzehn geworden war, hatte er bei seiner Stiefmutter durchgesetzt, da� er einen eigenen Pa� bekam. Er hatte darauf hingewiesen, da� er sich an den Wettschaltem vielleicht ausweisen m��te. Und dieser Hinweis hatte gen�gt; denn es war zu jener Zeit gewesen, in der Timm sich geweigert hatte zu wetten.</p><p>Nun zeigte sich, wie n�tzlich der Pa� war. Denn Timm fuhr nach Hamburg.</p><p>Herr Rickert hatte ein Abteil der ersten Klasse gemietet. An der T�r stand auf einem Schildchen sein Name: Christian Rickert. Reedereidirektor. Aber darunter stand noch ein Name. Und als Timm ihn las, wurde er bla�. Er las: Baron Louis Lefuet.</p><p>Als sie sich setzten, fragte Herr Rickert: �Ist dir nicht wohl, Timm? Du bist pl�tzlich so bla�!�</p><p>�Das habe ich manchmal�, sagte Timm, und das entsprach ungef�hr der Wahrheit. Denn wer auf dieser Welt wird nicht manchmal bla�?</p><p>Der Zug fuhr ein St�ck am Ufer der Elbe entlang. Herr Rickert betrachtete Flu� und Ufer sichtbar mit Genu�. Timm sah nichts davon.</p><p>Die freundlichen Augen im Mopsgesicht musterten Timm manchmal verstohlen. Aber sie glitten immer sogleich wieder auf die Flu�landschaft zur�ck.</p><p>Herr Rickert machte sich Gedanken �ber den Jungen und versuchte endlich, ihn durch die Erz�hlung ulkiger Seefahrtsgeschichten aufzumuntern. Aber er merkte bald, da� der Junge zerstreut war und ihm nicht zuh�rte.</p><p>Erst als Herr Rickert von selbst auf den Baron Lefuet zu sprechen kam, dessen Platz Timm einnahm, wurde der Junge sichtlich aufmerksam und sogar gespr�chig.</p><p>�Der Baron ist wohl sehr reich?� fragte Timm.</p><p>�Unerme�lich reich! Er hat in allen Teilen der Welt Unternehmungen. Die Hamburger Reederei, die ich leite, geh�rt ihm auch.�</p><p>�Wohnt der Baron in Hamburg?�</p><p>Herr Rickert machte mit den H�nden eine unbestimmte Bewegung, die soviel sagte wie: Was wei� ich! �Der Baron wohnt �berall und nirgends�, erkl�rte er dann. �Er ist heute in Hamburg, morgen in Rio de Janeiro und �bermorgen vielleicht schon in Hongkong. Sein Hauptsitz ist, soviel ich wei�, ein Schlo� in Mesopotamien.�</p><p>�Sie kennen ihn wohl sehr gut?�</p><p>�Niemand kennt ihn gut, Timm. Er ver�ndert sich wie ein Cham�leon. Jahrelang hatte er, um dir ein Beispiel zu nennen, einen verkniffenen Mund und stechende Augen, von denen ich h�tte schw�ren m�gen, da� sie wasserblau waren. Als ich ihn gestern wiedersah, hatte er warme braune Augen. Auch setzte er nicht wie sonst auf der Stra�e eine Sonnenbrille auf. Das Merkw�rdigste aber ist, da� dieser Mann, den ich vorher niemals habe lachen h�ren, gestern wie ein kleiner Junge lachte. Er pre�te auch nicht ein einziges Mal die Lippen aufeinander, wie er es sonst zu tun pflegte.�</p><p>Timm blickte rasch zum Fenster hinaus. Unwillk�rlich hatte er die Lippen aufeinandergepre�t.</p><p>Herr Rickert sp�rte, da� irgend etwas in seiner Erz�hlung den Jungen zugleich gefesselt und verst�rt hatte. Er wechselte das Thema.</p><p>�Was willst du eigentlich in Hamburg?�</p><p>�Ich will Kellnerlehrling auf einem Schiff werden!� Wieder wunderte Timm sich �ber seinen pl�tzlichen Entschlu�, den er im Augenblick gefa�t hatte, der aber nahelag; denn als irgend etwas mu� man ja anfangen, wenn man zur See fahren will.</p><p>Das Mopsgesicht ihm gegen�ber strahlte jetzt vor G�nnerstolz.</p><p>�Timm, du bist ein Gl�ckspilz!� sagte Herr Rickert beinahe feierlich. �Wenn du zum Bahnhof willst, f�hrt eine Stra�enbahn extra deinetwegen zum Bahnhof; und wenn du eine Stellung brauchst, schneit dir genau der Mann in den Weg, der sie dir verschaffen kann!�</p><p>�K�nnen Sie mich als Kellnerlehrling unterbringen?�</p><p>�Kellner auf Schiffen hei�en Stewards�, korrigierte der Reedereidirektor. �Und du wirst vermutlich als Moses oder Messeboy anfangen. Wichtig ist im Augenblick nur eines: Sind deine Eltern einverstanden?�</p><p>Timm �berlegte ganz kurz und sagte dann: �Ich habe keine Eltern mehr!� Die Stiefmutter verschwieg er; denn er wu�te, da� sie ihm niemals die Erlaubnis geben w�rde, zur See zu fahren. Im �brigen verschwendete er kaum einen Gedanken an das, was hinter ihm lag. Er dachte viel heftiger �ber etwas anderes nach: War die Begegnung mit Herrn Rickert wirklich ein gl�cklicher Zufall, oder hatte der karierte Herr hier ebenso die Hand im Spiel wie bei dem Marmorgrabstein und bei der Stra�enbahn?</p><p>Timm hatte mit seinem Lachen noch etwas anderes verloren: seine Arglosigkeit und sein Vertrauen in die Welt und in die Menschen. Und das war schlimm.</p><p>Herr Rickert stellte eine Frage, und der Junge mu�te sich zusammennehmen, um den Sinn der W�rter �berhaupt zu begreifen, so sehr wirbelten ihm die Gedanken durch den Kopf.</p><p>�Ich fragte, ob ich mich ein bi�chen um dich k�mmern soll?� fragte Herr Rickert. �Oder gef�llt dir mein Gesicht nicht?�</p><p>Sehr schnell antwortete Timm: �O doch! Sehr sogar!� Und er meinte es ernst. Er hatte pl�tzlich das sichere Gef�hl, dieser Mann sei zwar ein Angestellter, aber kein Spie�geselle jenes karierten Herrn, der in Timms Vorstellung erst zu dem reichen Baron Lefuet werden mu�te. Timm war wieder ein argloses Kind, ein ganz gew�hnlicher Junge von vierzehn Jahren.</p><p>�Was ist eigentlich mit dir los?� fragte Herr Rickert jetzt rundheraus. �Du hast heute noch nicht ein einziges Mal gelacht, obwohl du wahrhaftig Grund genug gehabt h�ttest. Ist dir irgend etwas Schlimmes passiert?�</p><p>Timm h�tte sich jetzt am liebsten Herrn Rickert an den Hals geworfen wie die Leute in den Theaterst�cken. Nur war es bei ihm kein Theater, sondern dieses schreckliche wilde Verlangen nach einem Menschen, dem er alles erz�hlen k�nnte.</p><p>Es war so schwer, dieses Verlangen zu unterdr�cken, da� ihm die Tr�nen wie dicke blanke Kugeln aus den Augen sprangen vor lauter Verzweiflung und Hilflosigkeit.</p><p>Herr Rickert setzte sich neben ihn und sagte so trocken und so nebenbei wie m�glich: �Komm, nicht weinen! Erz�hl mir, was los ist!�</p><p>�Kann ich nicht!� schrie Timm. Dann lehnte er sich ganz einfach an Herrn Rickert und lie� das Wasser aus den Augen laufen. Sein ganzer K�rper wurde vom Weinen gesch�ttelt.</p><p>Der kleine rundliche Reedereidirektor nahm eine Hand des Jungen und hielt sie so lange, bis Timm vor Ersch�pfung in Schlaf fiel.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Zehnter Bogen. </emphasis>Das Marionettentheater</p></title><p>Das Schiff, auf dem Timm dem Steward zur Hand gehen sollte, hie� �Delphin� und war ein Fracht-Passagier-Schiff, das die Route Hamburg - Genua fuhr.</p><p>Bis zur Abfahrt des Dampfers hatte Timm drei Tage Zeit. Er durfte im Hause des Herrn Rickert wohnen. Dieses Haus war, genau genommen, eine Villa.</p><p>Es stand an der vornehmen Elbchaussee, war wei� wie eine Wolke am Sommerhimmel, hatte an der Vorderfront einen runden Balkon, der von drei S�ulen getragen wurde, und unter dem Balkon eine kleine Freitreppe, die links und rechts von zwei mildblickenden sandsteinemen L�wen bewacht wurde.</p><p>Timm sah mit Beklemmung dieses heitere, helle Haus. Fr�her, als er noch der lachende Gassenjunge gewesen war, w�re es ihm sicherlich wie ein sch�ner Traum erschienen, wie das Haus eines gl�cklichen Prinzen aus dem M�rchen. Aber wer sein Lachen verkauft hat, kann kaum gl�cklich sein. Emst und traurig trat Timm zwischen den sanften L�wen in die wei�e Villa ein.</p><p>Herr Rickert lebte mit seiner Mutter zusammen, einer molligen alten Dame mit wei�en L�ckchen und einem M�dchenstimmchen, die �ber alles lachte wie ein Kind.</p><p>�Du s-teilst (immer so traurich nun, Jung�, sagte sie zu Timm. �Das�s gar noch gut in dein� Alter! S-p�ter wird das Leben noch ernst genuch, noch, Kr�schan?�</p><p>Ihr Sohn, der Reedereidirektor, nickte und nahm dann die Mutter zur Seite. Er erkl�rte ihr, da� dem Jungen irgend etwas Schreckliches passiert sein m�sse und da� sie, bitte, behutsam mit ihm umgehen m�ge.</p><p>Die alte Dame konnte nur schwer begreifen, was ihr Sohn meinte. Sie hatte ein wohlhabendes heiteres Elternhaus gehabt, hatte reich und mit Heiterkeit geheiratet, und nun wurde sie heiter und mit viel Geld alt. Sie kannte die Gassen der gro�en Stadt nur aus r�hrseligen Geschichten, bei denen sie heftig weinte, und Zank, Neid und Hinterh�ltigkeit sah sie einfach nicht, weil sie so etwas nicht sehen wollte.</p><p>Sie war ihr Leben lang ein Kind geblieben. Sie war ein himmelblauer Krokus, der nicht aufh�rte zu bl�hen.</p><p>�Wei�t du was, Kr�schan�, sagte sie nach der Unterredung mit ihrem Sohn. �Ich geh ein b�schen aus mit�m Jung. Du w�rst sehn, ich bring ihn bes-timmt zum Lachen!�</p><p>�Sei behutsam, Mutter!� sagte Herr Rickert. Und das versprach die alte Dame.</p><p>F�r Timm wurden die Ausfl�ge mit ihr deshalb so schwierig, weil er dieses liebe Kind von achtzig Jahren so schrecklich gern mochte. Wenn ihre kleine weiche Hand die seine nahm, h�tte er ihr gern zugeblinzelt und gelacht. Er h�tte sie sogar geneckt wie eine �ltere Schwester; denn das pa�te zu ihr.</p><p>Aber sein Lachen war weit entfernt von ihm. Irgendwo auf dem Erdball lief ein reicher, merkw�rdiger Baron damit herum.</p><p>Timm wu�te jetzt, da� er das Beste verkauft hatte, was er jemals besessen hatte.</p><p>Am Dienstag kam der alten Frau Rickert ein merkw�rdiger Einfall. Sie las in der Zeitung, da� eine Marionettenb�hne das M�rchen �Schwan-Kleb-An� auff�hre. Es war das M�rchen von der Prinzessin, die nicht lachen konnte. Frau Rickert erinnerte sich genau an die Geschichte. Und sie beschlo�, dieses M�rchen zu besuchen -in Begleitung des Jungen, der nicht lachen konnte.</p><p>Sie fand ihre Idee ganz �wunnerbar�, erz�hlte aber niemandem davon. Sie kicherte nur den ganzen Morgen hindurch vor sich hin und lud erst am Nachmittag beide M�nner zu der Vorstellung ein: Herrn Rickert und Timm. Und beide konnten der alten Frau nichts abschlagen und gingen mit.</p><p>Das Marionettentheater war nicht weit entfernt. Es spielte in Ovelg�nne, einem kleinen, abgeschiedenen Vorort Hamburgs, der sich zwischen der Elbe und ihrem hochaufsteigenden Ufer entlangzieht und eigentlich nur aus einer Zeile kleiner sauberer H�user in G�rten besteht. Hier war im Hinterzimmer eines Gasthauses das Marionettentheater aufgebaut.</p><p>Der kleine Saal war voller Kinder. Nur einige M�tter oder V�ter sa�en dazwischen.</p><p>Frau Rickert ersp�hte sogleich drei freie Pl�tze in der zweiten Reihe und dr�ngte sich lachend und gestikulierend zu diesen Pl�tzen vor. Ihr Sohn und Timm folgten ihr. Und kaum sa�en sie, da wurde es dunkel im Saal, und der kleine rote Vorhang des Theaterchens �ffnete sich.</p><p>Das Spiel begann mit einem gereimten Zwiegespr�ch zwischen einem K�nig und einem Vagabunden. Die beiden begegneten einander bei Nacht auf freiem Felde unter dem vollen Mond. Das Gesicht des K�nigs war bleich und ernst. Das Vagabundengesicht hatte selbst unter dem Mondlicht frische rote Wangen und einen Mund, der immer zu l�cheln schien. Dies war ihr Zwiegespr�ch, das die Geschichte einleitete:</p><p><emphasis>K�nig:</emphasis></p><p><emphasis>In meinem Schlo� vernahm ich, guter Mann, Von der Prinzessin, die nicht lachen kann. Auch ich verschm�h� als ernster Mann das Lachen. Drum will ich zur Gemahlin sie mir machen. Nur wei� ich nicht, wo die Prinzessin wohnt. Sagt Ihr es mir, Ihr werdet gut belohnt!</emphasis></p><p><emphasis>Vagabund:</emphasis></p><p><emphasis>Ich kam ihr Schlo� Euch nennen, Majest�t, Weil auch mein Weg zu der Prinzessin geht. Doch warn � ich emstlidi, Ho�hung Euch zu machen; Denn wenn ich komme, wird das Fr�ulein lachen!</emphasis></p><p><emphasis>K�nig:</emphasis></p><p><emphasis>Ihr geht umsonst; dem glaubt mir, Vagabund: Sie</emphasis> will <emphasis>nicht lachen! Und aus gutem Grund: Wer daran denkt, da� alles sterben mu�, Der kommt am bittren Ende zu dem Schli�: Die Welt ist eine Kugel, die zwar blinkt, Doch wie die Seifenblase einst zerspringt. Mu� sich der Mensch da nicht Gedanken machen Und ernst und w�rdig bleiben, statt zu lachen!</emphasis></p><p><emphasis>Vagabund:</emphasis></p><p><emphasis>Nun, Majest�t, Ihr scheint ein kluger Mann. Doch seht Ihr�s von der falschen Seite an. Wer auf den Tod hin lebt, Herr, ist genarrt. Denn Leben, Majest�t, ist Gegenwart. Ein Glas ist nicht gemacht, damit es springt. Es ist gemacht, damit�s vom Weine blinkt. Zwar wei� es wohl, da� es einst springen soll Doch noch ist�s Glas. Und so ein Glas sei voll!</emphasis></p><p><emphasis>K�nig:</emphasis></p><p><emphasis>Wie kann ein Glas sich freuen, da� es blinkt, Wenn es schon wei�, da� es einmal zerspringt?</emphasis></p><p><emphasis>Vagabund:</emphasis></p><p><emphasis>Es freut sich ebendrum so sehr daran, Weil �s wei�, dc� es nicht ewig blinken kann!</emphasis></p><p><emphasis>K�nig:</emphasis></p><p><emphasis>Herr Vagabund Ihr wollt mich nicht verstehn. La�t uns zusammen zur Prinzessin gehn. Geht hin und lacht, und stimmt das Fr�ulein ein, Sollt Ihr an meiner Stelle K�nig sein!</emphasis></p><p><emphasis>Vagabund:</emphasis></p><p><emphasis>Die Wette gilt, mein Herr! Doch glaubt es mir: Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier. Und man erkennt den Menschen stets daran, Da� er zur rechten Stunde lachen kann!</emphasis></p><p>Der Vorhang wurde zugezogen, und es war jetzt fast dunkel im Saal. Durch die geschlossenen Vorh�nge drang nur wenig Licht herein. Die Kinder, von denen die meisten das kleine Vorspiel nicht verstanden hatten, tuschelten und fl�sterten miteinander und warteten ungeduldig darauf, da� das richtige Spiel endlich anfinge.</p><p>Vorn in der zweiten Reihe sa�en drei Leute still auf ihren Pl�tzen und dachten �ber ganz verschiedene Dinge nach. Die alte Frau Rickert �rgerte sich dar�ber, da� sie mit dem Vagabunden einer Meinung war. Sie hielt nichts von Vagabunden (obwohl sie sehr viel Geld an Bettler verschenkte). Sie h�tte lieber dem K�nig recht gegeben, weil er so ernst und so sch�n war.</p><p>Herr Rickert, der an ihrer rechten Seite sa�, versuchte, in dem schwachen D�mmerlicht Timms Gesicht zu erkennen. Aber nur ein kleiner d�nner Lichtstrahl traf die Stim des Jungen, die bleich wie das Gesicht des K�nigs war. Henr Rickert f�rchtete, da� der Einfall seiner Mutter, die Marionettenb�hne zu besuchen, nicht sehr gl�cklich war; denn tags zuvor hatte er Timm weinen sehen.</p><p>Timm hatte nur einen Gedanken: Wenn jetzt nur niemand mit mir spricht! Es w�rgte ihn im Halse, als m�sse er ersticken. Und immer wieder wie ein Kehrreim kehrten die letzten Zeilen des Vorspiels in seinem Ged�chtnis wieder: �Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier. Und man erkennt den Menschen stets daran, da� er zur rechten Stunde lachen kann... lachen kann... lachen... �</p><p>Da ging der Vorhang wieder auf, und eine sehr blasse, sehr ernste Prinzessin, die aus einem Schlo�fenster heraussah, zog die Augen und nach und nach auch die Gedanken Timms auf sich.</p><p>Im Schlo�garten unter dem Fenster erschien jetzt der k�nigliche Vater der Prinzessin. Als seine Tochter ihn sah, zog sie sich rasch und leise vom Fenster zur�ck.</p><p>Seine Majest�t, der K�nig, lie� sich auf dem Rand eines Springbrunnens nieder und klagte dem Wasser und den Blumen sein Leid: da� er alle denkbaren Spa�e und Spa�macher bem�ht habe, um seine Tochter zum Lachen zu bringen, aber leider, leider ohne Erfolg.</p><p>Seufzend erhob der K�nig sich wieder, und die Kinder im Saal waren jetzt mucksm�uschenstill.</p><p>Seine Majest�t wanderte im Schlo�garten auf und ab, jammerte �ber sich und �ber seine Tochter und blieb pl�tzlich stehen und rief: �Wenn doch jemand sie zum Lachen br�chte! Ich g�be ihm auf der Stelle die Prinzessin zur Frau und das halbe K�nigreich dazu!�</p><p>In diesem Augenblick bog der Vagabund mit dem fremden traurigen K�nig gerade in den Schlo�garten ein. Er hatte den verzweifelten Ausruf des k�niglichen Vaters geh�rt und rief ohne Umschweife: �Majest�t, ich nehme Euch beim Wort! Wenn ich die Prinzessin zum Lachen bringe, bekomme ich sie zur Frau! Das halbe K�nigreich k�nnt ihr behalten; denn dieser Herr, der mich begleitet, wird mir sein ganzes geben.�</p><p>Der K�nig sah die beiden Wanderer, die ihm unfreiwillig zugeh�rt hatten, verwundert an. Der blasse fremde K�nig gefiel ihm besser als der rotwangige gesunde Vagabund. (K�nige haben in solchen Dingen einen eigenen Geschmack.) Trotzdem hielt er sich an sein Wort und sagte: �Wenn es dir gelingt, Fremder, die Prinzessin zum Lachen zu bringen, wirst du ein Prinz und ihr Gemahl!�</p><p>Das gen�gte dem Vagabunden. Er sprang davon und lie� die beiden K�nige allein unter sich zur�ck.</p><p>Dann fiel der Vorhang, und eine kurze Pause trat ein. F�r die kleinen Zuschauer wurde es jetzt spannend. W�rde die Prinzessin lachen?</p><p>Timm Thaler hoffte insgeheim, da� sie ernst bleiben w�rde. Sie war ihm unter dem kurzen Spiel zu einer Schwester geworden, mit der er Hand in Hand einer lachenden Welt h�tte Trotz bieten m�gen. Aber Timm wu�te zu gut, wie die meisten M�rchen enden. Er wartete mit Beklemmung auf den Augenblick, da die Prinzessin lachen w�rde.</p><p>Und leider brauchte Timm nicht lange zu warten. Als der Vorhang aufging, lehnte die Prinzessin wieder am Fenster, und die beiden K�nige sa�en auf dem Springbrunnenrand. Hinter der B�hne war Gesang und Gel�chter zu h�ren, und pl�tzlich bog der Vagabund in den Schlo�garten ein. Er f�hrte an einem goldenen Halsband einen Schwan mit sich. Ein dicker Mann hielt die rechte Hand an eine Schwanzfeder des Schwans, als sei sie daran festgeklebt. Mit der linken Hand zog er ein d�nnes M�nnlein hinter sich her, und das zog wiederum eine alte Frau mit sich und die Frau einen Buben und der Bub ein M�dchen und das M�dchen einen Hund. Und alle schienen wie von Zaubergewalt aneinandergekettet zu sein. Auch sprangen und h�pften sie, wie von unsichtbaren Federn bewegt, auf und ab und hin und her. Und sie lachten, da� der Schlo�garten davon widerhallte.</p><p>Die Prinzessin beugte sich jetzt weit aus dem Fenster vor, um besser sehen zu k�nnen. Sie machte gro�e Augen, aber sie blieb ernst.</p><p>�Lache nicht, kleine Schwester!� bat Timm sie insgeheim. �La� uns beide ernst bleiben, wenn alle Welt lacht!�</p><p>Aber Timm bat umsonst. Der traurige fremde K�nig war so ungeschickt, den Hund am Ende des Zuges zu streicheln, und pl�tzlich schien er am Hundeschwanz mit der Hand haften zu bleiben. Er erschrak und ergriff mit der freien Hand die Rechte des anderen K�nigs, des Vaters der Prinzessin. Nun klebten auch die beiden K�nige fest und bildeten das Ende des seltsamen Aufzuges. Man merkte ihren zuckenden Bewegungen an, da� sie sich gern wieder von diesem unbegreiflichen Zauber gel�st h�tten. Aber es gelang ihnen nicht. Sie mu�ten sich in ihre absonderliche Lage schicken, und fast schien es, als f�nden sie sogar Spa� daran.</p><p>Ihre Beine versuchten sich ungeschickt im Tanz, ihre Mundwinkel zuckten, und mit einem Male fingen sie t�ppisch und komisch zu h�pfen und dann prustend zu lachen an.</p><p>In diesem Augenblick klang vom Fenster herunter das Lachen der Prinzessin. Musik setzte ein. Alles tanzte und h�pfte und lachte, und auch die Kinder im Saal lachten mit und trampelten vor Vergn�gen.</p><p>Der arme Timm sa� wie ein Stein in einem Meer von Lachen. Die alte Frau Rickert neben ihm lachte so sehr, da� sie das Gesicht in die H�nde nehmen und sich nach vom �berbeugen mu�te, weil ihr vor Lachen die Tr�nen aus den Augen kullerten.</p><p>In diesem Augenblick bemerkte Timm zum erstenmal, wie �hnlich sich die Geb�rden des Lachens und des Weinens sind. Und er tat etwas Schreckliches: Er nahm sein Gesicht in die H�nde, beugte sich vorn�ber und tat, als lache er auch.</p><p>Und dabei weinte Timm. Er murmelte zwischen den Tr�nen: �Schwester Prinzessin, warum hast du gelacht? Warum, warum hast du gelacht?�</p><p>Als der Vorhang fiel und das Licht anging, nestelte die alte Frau Rickert ein Spitzentaschentuch aus ihrer Handtasche, tupfte sich das Wasser aus den Augen, gab dann das Taschentuch dem Jungen und sagte: �Da, Timm, wisch dir auch die Lachtr�n� ab. Hab� ich ja gewu�t, da� du bei so einer Vors-tellung lachen w�rdest!� Und die alte Frau sah ihren Sohn, den Herrn Rickert, triumphierend an.</p><p>�Ja, Mutter�, sagte Herr Rickert h�flich. �Das war wirklich ein guter Einfall von dir.� Aber sein Gesicht war traurig, als er das sagte. Er wu�te, da� der Junge die alte Frau aus Gutm�tigkeit und Verzweiflung get�uscht hatte. Und Timm sah, da� Herr Rickert ihn durchschaut hatte.</p><p>Zum erstenmal seit jenem verh�ngnisvollen Tag auf dem Rennplatz stieg in dem Jungen eine ohnm�chtige Wut gegen den Baron Lefuet auf. Er verbi� sich geradezu in diese Wut und war fester als je entschlossen, sein Lachen zur�ckzugewinnen - koste es, was es wolle!</p></section></section><section><title><p>ZWEITES BUCH. <emphasis>VERWIRRUNGEN</emphasis></p><empty-line/></title><epigraph><p><emphasis>Teach me laughter, save my soul!</emphasis></p><p><emphasis>Lehre mich lachen, rette meine Seele!</emphasis></p><p>Englisches Sprichwort</p></epigraph><section><title><p><emphasis>Elfter Bogen. </emphasis>Der unheimliche Baron</p></title><p>Zu Timms Erleichterung ging das Schiff am folgenden Tag nach Genua ab. Die alte Frau Rickert winkte ihm von den Stufen der wei�en Villa nach, und Timm winkte zur�ck, solange er sie sehen konnte.</p><p>Der Reedereidirektor brachte den Jungen selbst aufs Schiff. Er hatte ihm Kleidung und Schuhe, eine Armbanduhr und einen nagelneuen Seesack gekauft. Als er Timm auf der Mole die Hand gab, sagte er: �Halt die Ohren steif, Junge! Wenn du in drei Wochen zur�ckkommst, sieht die Welt ganz anders aus. Dann wirst du gewi� auch wieder lachen. Abgemacht?�</p><p>Timm z�gerte. Dann sagte er schnell: �Wenn ich zu Ihnen zur�ckkomme, Herr Rickert, werde ich wieder lachen. Abgemacht!� Er stammelte noch ein Dankesch�n, weil ihm die Kehle wie zugeschn�rt war, und hastete dann �ber die Laufplanke an Deck.</p><p>Der Kapit�n des Schiffes war ein m�rrischer Mann, der gem trank und im �brigen f�nf gerade sein lie�. Er sah Timm kaum an, als der Junge sich vorstellte, und brummte: �Wende dich an den Steward. Er ist auch ein neuer Mann, und ihr habt zusammen eine Kabine.�</p><p>Timm, der zum erstenmal in seinem Leben ein Schiff betreten hatte, irrte ratlos �ber eiserne Treppen, durch enge G�nge und �ber das Vorderund Achterdeck, um den Steward zu suchen. Die Mannschaft des Dampfers trug keine Matrosenuniform. Sie unterschied sich von den zahlenden Fahrg�sten nur durch die Arbeitskleidung. So wu�te der Junge nicht recht, an wen er sich wenden sollte. Er irrte weiter und trat auf dem Mitteldeck durch eine offene T�r schlie�lich in eine Art Aufenthaltsraum ein, in dessen Mitte eine teppichbelegte Treppe mit geschwungenem, lackgl�nzendem Gel�nder nach unten in den Bauch des Schiffes f�hrte. Der Geruch gebratener Fische stieg von dort herauf, und Timm vermutete, da� hier in der Tiefe wohl sein k�nftiger Arbeitsplatz sei.</p><p>Am Fu� der Treppe lag gleich zur Rechten die Komb�se, aus der die Speiseger�che drangen. Geradeaus hinter einer ge�ffneten Fl�gelt�r war der ger�umige Speisesalon mit den Tischen und St�hlen, die am Boden festgeschraubt waren.</p><p>Ein Mann in einer wei�en Jacke deckte gerade die Tische. Seine Gestalt und der Rundkopf mit dem krausen braunen Haar kamen Timm bekannt vor, ohne da� er zu sagen wu�te, wer dieser Mann war.</p><p>Als der Junge in den Salon eintrat, drehte der Mann in der wei�en Jacke sich um und sagte ohne jede �berraschung: �Da bist du ja!�</p><p>Timm aber war �berrascht. Diesen Mann kannte er. Sogar den Namen wu�te er merkw�rdigerweise noch. Er hie� Kreschimir. Es war der Mann, der ihm auf dem Rennplatz so peinliche Fragen gestellt, dann aber hinzugef�gt hatte: �Vielleicht kann ich dir einmal helfen!� Es war der Mann, dessen stechende wasserblaue Augen an Lefuet erinnerten, an den Baron, den Timm suchte.</p><p>Herr Kreschimir lie� Timm nicht zum Nachdenken kommen. Er f�hrte den Jungen in ihre gemeinsame Kabine, wo er Timms Seesack aufs Bett warf und ihm dann eine karierte Hose und eine wei�e Jacke gab, wie er selbst sie trug.</p><p>Die neue Kluft stand dem Jungen nicht �bel. �Du siehst aus wie der geborene Steward!� lachte Kreschimir. Aber als er Timms ernstes Gesicht sah, verstummte sein Lachen. Nachdenklich betrachtete er den Jungen und murmelte mehr f�r sich als f�r Timm: �Ich w��te gern, was ihr f�r einen Handel miteinander habt.� Dann aber, als wolle er einen unangenehmen Gedanken verscheuchen, streckte er sich, zupfte seine wei�e Jacke zurecht und sagte barsch: �An die Arbeit! Geh zu Enrico in die Komb�se und hilf ihm Kartoffeln sch�len. Ich hole dich, wenn ich dich brauche. Ab durch die Mitte!�</p><p>Bis zum Abend mu�te Timm in der Komb�se Kartoffeln sch�len. Enrico, der Koch, war ein alter Kauz aus Genua, der ebenso wie der Kapit�n f�nf gerade sein lie�. In der engen Welt eines Schiffes ist der Kapit�n nicht nur Herr und Gebieter, sondern auch Ma�stab und Richtschnur f�r alles und jedes. Ist der Kapit�n streng und eifrig, so ist es auch die Mannschaft. Ist er l�ssig wie hier auf dem Dampfer �Delphin�, so ist jedermann l�ssig bis hinab zu Enrico, dem Koch.</p><p>Dieser Enrico erz�hlte dem Jungen fast ohne Atempause ulkige Geschichten in einem Kauderwelsch aus Deutsch und Italienisch. Weil er Timm nie lachen sah, glaubte er, der Junge verstehe ihn nicht. Aber seine Geschichten erz�hlte er trotzdem zu seiner eigenen Belustigung. Da� Timm die Kartoffeln viel zu dick sch�lte, bemerkte der Koch nicht einmal.</p><p>Als der Dampfer am sp�ten Nachmittag endlich den Hamburger Hafen verlie�, mu�te Timm Herrn Kreschimir im Salon zur Hand gehen. Dabei wurde er verwirrt, weil die wasserblauen Augen des Stewards immer wieder forschend auf ihm ruhten. Vor lauter Beklemmung verwechselte Timm einige Auftr�ge. Einer Amerikanerin brachte er statt eines Whiskys einen Zitronensaft, und einem schottischen Lord stellte er statt Schinken mit Ei zwei St�ck Nu�torte auf den Tisch.</p><p>Herr Kreschimir brachte die Verwechslungen ohne ein b�ses Wort wieder in Ordnung. Und ganz nebenbei f�hrte er Timm in seinen neuen Beruf ein: �Serviere von links! Linke Hand auf dem R�cken, wenn du mit der Rechten bedienst. Gabel links, Messer rechts, mit der Schneide zum Teller!�</p><p>Nach dem Abendessen wurde Timm wieder in die Komb�se geschickt, um dem Koch abwaschen zu helfen. Er war dabei zerstreut und fahrig; denn in seinem Kopf tauchten hundert Wiesos auf: Wieso hatte der Baron das Zugabteil nicht benutzt, in dem Timm mit Herrn Rickert nach Hamburg gefahren war? Wieso war Herr Kreschimir pl�tzlich Steward auf diesem Dampfer, auf dem Timm Moses geworden war? Wieso hatte Herr Rickert ihn gerade auf dieses Schiff gebracht? Wieso? Wieso? Wieso?</p><p>In Timms Gedanken hinein ert�nte ein gesprochenes Wieso. Eine M�nnerstimme fragte: �Wieso sind Sie auf diesem Schiff?� Jemand anders antwortete: �Wieso sollte ich nicht hier sein?� Es war die Stimme Kreschimirs.</p><p>�Kommen Sie mit an Deck!� befahl die erste Stimme.</p><p>Timm h�rte das Poltern von Schritten auf der kleinen eisernen Leiter, die aufs Achterdeck f�hrte. Dann verloren sich die Schritte und Stimmen. Aber in Timms Ged�chtnis rumorten sie weiter. Er vermeinte die Stimme zu kennen, die mit Kreschimir gesprochen hatte. Und pl�tzlich - er trocknete gerade eine Suppenterrine ab -pl�tzlich wu�te er, wem die Stimme geh�rte.</p><p>Es war die Stimme des Mannes, dem er sein Lachen verkauft hatte, es war die Stimme des Barons.</p><p>Die Suppenterrine entglitt seinen H�nden und zerklirrte auf dem Boden der Komb�se; Enrico, der Koch, sprang mit einem erschrockenen �mamma mia� zur Seite; dann st�rzte Timm den Stimmen nach zum Achterdeck.</p><p>Oben war niemand zu sehen. Zwei Schiffslatemen beleuchteten matt die Deckaufbauten und das segel�berspannte Beiboot. Aber pl�tzlich h�rte Timm leise Stimmen, und als er nach links schaute -denn von dorther kamen die Stimmen - konnte er undeutlich erkennen, da� sich unterhalb des Beibootes etwas bewegte. Auf Zehenspitzen schlich der Junge n�her und sah nun unter dem Beiboot vier Beine in M�nnerhosen. Genaueres konnte er nicht feststellen. Aber er war sicher, da� die Stimmen von den beiden M�nnern hinter dem Boot herkamen. So ging er Schritt f�r Schritt und mit angehaltenem Atem n�her an das Beiboot heran. Einmal knirschte eine Deckplanke. Aber die beiden hinter dem Boot schienen nichts bemerkt zu haben.</p><p>Endlich war Timm nahe genug, um die halblaute Unterhaltung belauschen zu k�nnen.</p><p>�... ist ja l�cherlich!� zischte die Stimme des Barons. �Sie wollen mir doch nicht weismachen, da� Sie das Geld, das Ihnen die Aktien einbrachten, schon ausgegeben haben!�</p><p>�Kurz, nachdem Sie mir die Aktien ausgeh�ndigt haben, sind sie rapide gefallen�, bemerkte Kreschimir ruhig.</p><p>�Zugegeben!� Der Baron lie� das gekaufte Lachen ert�nen. �Die Aktien sind gefallen, weil ich einigen Einflu� auf die B�rse habe, aber eine Viertelmillion d�rfte Ihnen trotz allem geblieben sein.�</p><p>�Und diese Viertelmillion brachte ich zu einer Bank, die kurz darauf pleite machte, Baron.�</p><p>�Ihr Pech!� Wieder lachte Lefuet, und den Lauscher Timm durchfuhr es bei diesem Gel�chter. Er w�re am liebsten vorgesprungen.</p><p>Aber er war klug genug zu wissen, da� Zuh�ren und Abwarten gescheiter war.</p><p>�Selbst wenn Sie wieder arbeiten m�ssen�, sagte der Baron jetzt, �selbst dann besteht kein Grund, ausgerechnet auf diesem Schiff und mit diesem Jungen zusammen zu arbeiten.�</p><p>Diesmal lachte Kreschimir. �Niemand kann es mir verbieten!� rief er.</p><p>�Reden Sie leiser!� zischte Lefuet.</p><p>Halblaut fuhr Kreschimir fort: �Ich habe Ihnen meine Augen verkauft und Ihre Fischaugen daf�r eingetauscht. Als Preis erhielt ich von Ihnen Aktien im Werte von einer Million, von der nicht eine einzige Mark in meine Tasche geflossen ist. Sie waren schlauer als ich. Aber diesmal werde ich schlauer sein, Baron. Ich habe Sie zweimal mit dem Jungen zusammen auf dem Rennplatz beobachtet. Ich habe festgestellt, da� der Junge nachher jede Rennwette gewann, und ich habe weiter festgestellt, da� der Kleine tr�bsinnig und vergr�mt geworden ist wie ein kranker, einsamer, alter Pension�r.�</p><p>Dem Jungen schlug, als er Kreschimir reden h�rte, das Herz bis zum Halse. Aber er hielt sich eisern still.</p><p>Kreschimir fuhr fort: �Ich werde herausbringen, welcher Art Ihr Gesch�ft mit dem Jungen ist, Baron! Ich beobachte den Kleinen seit vier Jahren, und es hat mich einige M�he gekostet, Steward auf diesem Dampfer zu werden, aber jetzt... �</p><p>Die Stimme des Barons unterbrach Kreschimir: �Jetzt biete ich Ihnen abermals eine Million. In bar und auf die Hand!�</p><p>�Diesmal, Baron, ist der Vorteil bei mir!� Kreschimir sprach sehr �berlegt. �Ich kann mir mein Wissen auf dreierlei Art bezahlen lassen: entweder meine Augen zur�ckfordern oder die Million annehmen oder - was vielleicht nicht das Schlechteste w�re - Sie zwingen, den Jungen aus dem Vertrag zu entlassen, welcher Art dieser Vertrag auch immer sein mag.�</p><p>Timm pre�te in der Dunkelheit eine Faust in den Mund, um sich durch sein St�hnen nicht zu verraten.</p><p>Es war eine Weile still. Dann ert�nte wieder die Stimme des Barons: �Mein Gesch�ft mit dem Jungen geht Sie nichts an. Aber wenn Ihnen an Ihren alten Augen liegt, dann w�re ich unter Umst�nden bereit... �</p><p>Kreschimir fuhr beinahe keuchend dazwischen: �Ja, Baron, mir liegt an meinen alten Augen, mir liegt an meinen alten, harmlosen, dummen, gutm�tigen Kuhaugen mehr als an allem Reichtum der Welt, auch wenn Sie das niemals begreifen werden! �</p><p>�Ich werde es niemals begreifen�, best�tigte die Stimme des Barons. �Trotzdem bin ich unter gewissen Bedingungen bereit, den Handel r�ckg�ngig zu machen. Wollen Sie in diesem Taschenspiegel, bitte, Ihr Gesicht betrachten!�</p><p>Eine herzklopfende Stille folgte der Aufforderung. Timm war schwei�na� von der Aufregung, in die ihn das Zwiegespr�ch versetzte, und von der Anstrengung, sich stillzuhalten.</p><p>Endlich h�rte er Kreschimir leise sagen: �Ich habe sie wieder! �</p><p>�Jetzt kommt meine Bedingung�, sagte der Baron.</p><p>Aber Timm h�rte es nicht mehr. Kreschimir hatte seine Augen wieder, und er, Timm, hatte hier in beinahe greifbarer N�he sein altes, verlorenes Kinderlachen, nach dem ihn mehr verlangte als nach allem anderen auf der Welt.</p><p>Er vermochte sich nicht l�nger zur�ckzuhalten. Er sprang vor und schrie: �Geben Sie mir mein... �</p><p>Da stolperte er �ber ein Tau, fiel mit dem Kopf gegen den scharfen Bug des Beibootes und st�rzte polternd aufs Deck nieder, wo er bewu�tlos liegenblieb.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Zw�lfter Bogen. </emphasis>Kreschimir</p></title><p>Ein Stem, das b�se gl�hende Auge des Mars, tanzte vor dem Bullauge auf und ab, als Timm erwachte. Er lag im oberen Bett der Koje, die er mit dem Steward teilte. �ber dem Atlantik d�mmerte grau der Tag herauf.</p><p>Jemand rumorte in der Koje herum. Timm drehte den Kopf. Es war Kreschimir. Auch der Steward drehte gerade den Kopf. In dem schwachen Licht, das von Kreschimirs Bettlampe kam, trafen sich ihre Blicke. Der Steward hatte warme braune Augen.</p><p>�Nun, mein Junge, wie f�hlst du dich?� fragte er freundlich.</p><p>Timm war noch nicht recht wach. Auch vermochte er sich nicht zu erinnern, wie er hierhergekommen war. Und dieser Kreschimir, der ihn fragte, war ein anderer als der, dem er im Salon zur Hand gegangen war, ein viel ruhigerer, viel freundlicherer Kreschimir.</p><p>Der Steward trat n�her ans Bett. �F�hlst du dich besser, Junge?�</p><p>Nun tauchten in Timms Ged�chtnis nach und nach wieder die Ereignisse des Abends auf: die Stimmen vor der Komb�sent�r, das Zwiegespr�ch hinter dem Beiboot und sein eigener Schrei und Sturz.</p><p>�Wo ist der Baron?� fragte er.</p><p>�Ich wei� es nicht, Timm. Auf dem Schiff ist er nicht mehr. Aber sag mir eins: Hast du uns gestern abend belauscht?�</p><p>Der Junge im Bett nickte. �Ich freue mich, da� Sie Ihre Augen wiederhaben, Herr Kreschimir!�</p><p>�Und du, Timm? Was wolltest du von dem Baron zur�ckhaben?�</p><p>�Mein...� Der Junge stockte. Ihm fiel der Vertrag ein, und er pre�te die Lippen zusammen.</p><p>Da schlug sich Kreschimir pl�tzlich mit der flachen Hand vor die Stim. �Da� ich darauf nicht fr�her gekommen bin!� rief er. �Dieser vielgeehrte Gauner lachte wie ein kleiner Junge. Ich wu�te doch, da war irgend etwas, das nicht zu ihm pa�t. Jetzt wei� ich�s genau: Es war sein Lachen! Vielmehr. . . � Kreschimir sah Timm voll an: �. .. es war dein Lachen.�</p><p>�Das habe ich Ihnen nicht gesagt!� rief Timm. �Oder - habe ich�s gestern abend gerufen?�</p><p>�Nein, Timm, dazu kamst du nicht. Und vielleicht ist das dein Gl�ck. Ich kenne die Stillschweige-Paragraphen in den Vertr�gen des Barons. Sei beruhigt. Du hast geschwiegen.�</p><p>Aber Timm war alles andere als beruhigt. Er mu�te auf der Stelle erproben, ob der Vertrag noch g�ltig war. Er mu�te mit Kreschimir wetten - um irgend etwas Unwahrscheinliches.</p><p>Der Junge wollte aus dem Bett steigen. Aber als er sich aufrichtete, schwindelte es ihn, und der Kopf begann zu pochen und zu schmerzen. So legte er sich ins Kissen zur�ck.</p><p>Kreschimir brachte ihm ein Glas Wasser und eine Tablette, die er bereitgelegt hatte. �Nimm das ein, Timm! Du mu�t heute in der Koje liegenbleiben. Morgen ist alles wieder in Ordnung. Au�er einer Beule fehlt dir nichts, sagt der Steuermann, und der war fr�her Sanit�ter.�</p><p>Timm schluckte die Tablette gehorsam und dachte dabei �ber eine Wette nach. Als ihm eine eingefallen war, brachte er das Gespr�ch wieder auf den Baron, denn mit dem hatte die Wette zu tim.</p><p>�Welche Bedingung hat der Baron eigentlich gestellt, Herr Kreschimir? Ich meine: als Sie Ihre alten Augen wiederhatten?�</p><p>�Gar keine!� lachte Kreschimir. �Als du gerufen hattest und auf das Deck geplumpst warst, kamen Matrosen, und der Baron zog sich ganz in den Schatten des Beibootes zur�ck. Da fl�sterte ich ihm zu: Entweder sind mir meine Augen bedingungslos zur�ckgegeben, oder ich erz�hle den Leuten was!�</p><p>�Und?�</p><p>Kreschimir lachte wieder: �Der Baron stotterte vor Aufregung. Er sagte: Be - be - din - gungslos!�</p><p>Timm drehte schnell den Kopf zur Wand. Der sinnlose Drang zu lachen entstellte sein Gesicht.</p><p>�M�chte wissen, wo der Baron jetzt steckt�, murmelte Kreschimir.</p><p>Das war das Stichwort, auf das Timm gewartet hatte. Er sagte, wieder gefa�t: �Ich wette mit Ihnen... �</p><p>�Du kannst mich duzen�, unterbrach ihn Kreschimir.</p><p>�Also ich wette mit dir, da� wir in den n�chsten f�nf Minuten erfahren, wo sich der Baron befindet!�</p><p>�Um was willst du wetten, Timm?�</p><p>�Um ein St�ck Nu�torte!�</p><p>�Das kann ich zahlen. Wenn mich nicht alles t�uscht, mu�t du ja die Wette gewinnen - wie alle Wetten. Also abgemacht!� Der Steward hielt dem Jungen die Hand hin, und Timm schlug ein.</p><p>In demselben Augenblick wurde in der Nachbarkabine das Radio eingeschaltet. Ein Sprecher gab die Wettervorhersage. Dann folgten Nachrichten aus der Gesellschaft.</p><p>Timm und Kreschimir, die zuerst unwillig �ber die St�rung gewesen waren, horchten auf. Die Stimme aus dem Lautsprecher meldete:</p><p>�Der bekannte Gesch�ftsmann Baron Lefuet, dessen Verm�gen auf einige Milliarden Dollar gesch�tzt wird, gab diese Nacht in Rio de Janeiro einen Empfang f�r die Gesch�ftswelt der brasilianischen Hauptstadt. Er entfernte sich gleich zu Beginn des Festes und kehrte erst zwei Stunden sp�ter sichtlich verst�rt zur�ck. Es fiel auf, da� er nach seiner R�ckkehr eine Sonnenbrille trug. Vermutlich ist ein altes Augenleiden, das seit l�ngerem behoben schien, erneut zum Ausbruch gekommen. Wir erfuhren telefonisch, da� das Fest noch andauert und da� der Baron offenbar wieder... �</p><p>Das Radio wurde ausgeschaltet, und dann begann in der Nebenkabine das Wasser zu rauschen.</p><p>Timms Gesicht war fahl wie das Licht der Morgend�mmerung. Er hatte die Wette gewonnen und wu�te nun, da� der Vertrag noch g�ltig war. Aber was ihn erschreckte, war diese merkw�rdige Nachricht.</p><p>�Wie kommt man so schnell nach Rio de Janeiro?� fragte er entgeistert.</p><p>�Viel Geld, viele M�glichkeiten�, antwortete Kreschimir.</p><p>�Aber so schnell fliegt nicht einmal ein Flugzeug!� rief der Junge im Bett.</p><p>Hierauf sagte der Steward zun�chst gar nichts. Dann brummte er: �Ich dachte, du w��test, mit wem du es zu tun hast.� Und dann hatte er es pl�tzlich sehr eilig, seinen Dienst anzutreten. In der T�r drehte er sich noch einmal um und sagte: �Versuch zu schlafen, Timm! Gr�beln im Bett f�hrt zu nichts.�</p><p>Gl�cklicherweise lie� die gesunde Natur des Jungen ihn wirklich in Schlaf fallen. Als er gegen Mittag wieder erwachte und Kreschimir ihm einen Topf Suppe und das gewonnene St�ck Nu�torte brachte, war ihm sogar merkw�rdig leicht zumute. Zum erstenmal teilte er sein schreckliches Geheimnis mit einem Menschen, und dieser Mensch hatte obendrein im Spiel mit dem Baron gewonnen. Das gab Timm so viel Hoffnung und frohe Zuversicht, da� er die merkw�rdige Nachricht aus Rio de Janeiro f�rs erste einfach verga�.</p><p>Am Nachmittag kam der Steuermann auf kurze Zeit herein, ein Riese aus Hamburg, der Jonny hie�. Er erkundigte sich nach Timms Befinden, bef�hlte die Beule mit erstaunlich behutsamen Fingern, brachte noch eine Tablette und sagte dann: �Morgen bist du wieder fit, Kleiner! In Zukunft wirst du dich vor Fallstricken h�ten, hoffe ich! � Dann ging er wieder.</p><p>Timm dachte: �Wenn du w��test, �ber was f�r einen schlimmeren Fallstrick ich gestolpert bin!� Und wieder schlief er ein. Der Steuermann hatte ihm eine Schlaftablette gegeben.</p><p>In der Nacht, als Kreschimir in die Koje zur�ckkam, wachte Timm wieder auf. Der Steward st�tzte sich mit den Ellenbogen auf Timms Bettkante und sagte: �Es ist eine Gemeinheit von dem Kerl, Junge!�</p><p>�Wie meinen Sie...� Timm verbesserte sich: �Wie meinst du das?�</p><p>�Genau so, wie ich es sagte! Ich wei�, du mu�t schweigen. Sch�n, schweig! Aber ich wei� Bescheid: Er lacht dein Lachen, und du gewinnst jede Wette! Aber was ist, wenn du eine Wette verlierst?�</p><p>�Das w�nsche ich mir�, erwiderte Timm leise. Mehr sagte er nicht.</p><p>�Dar�ber werde ich nachdenken�, sagte Kreschimir. Er zog sich aus und stieg ebenfalls ins Bett.</p><p>Als beide das Licht ausgel�scht hatten, erz�hlte der Steward von seiner Heimat, von einem Dorf im Karst an der kroatischen K�ste. Sieben Tage in der Woche hatte das Kind Kreschimir gehungert, sieben Tage in der Woche hatte es von Gl�ck und Reichtum getr�umt. Und dann war eines Tages ein Auto durch das Dorf gefahren, und ein Herr im karierten Anzug hatte am Steuer gesessen. Und dieser Herr hatte ihm eine T�te mit Granat�pfeln geschenkt, eine T�te mit sieben St�ck, jeder damals einen ganzen Dinar wert. Und der Junge war damit zehn Kilometer weit zu einem Badeort an der K�ste gegangen und hatte sie verkauft.</p><p>�Ja, Timm, da hatte ich zum erstenmal eigenes Geld, viel Geld, wie mir schien. Ganze sieben Dinar! Und wei�t du, was ich mir daf�r gekauft habe? Kein wei�es Brot, obwohl ich Hunger darauf hatte, sondern ein St�ck Torte! Wei�t du, so ein Tortenst�ck mit viel Krem und mit Kirschen darauf und mit einer halben Walnu� in der Mitte. Das war die Torte, von der die M�dchen im Dorf erz�hlten, wenn sie am Meer gewesen waren.</p><p>All mein Geld mu�te ich hingeben f�r dieses eine St�ck Torte. Ich hab�s dann irgendwo hinter einem Bretterstapel auf der Mole verzehrt, Bissen f�r Bissen, und dabei habe ich gedacht: Das essen die Engel im Himmel nun alle Tage.</p><p>Hinterher hab ich gekotzt. Entschuldige das Wort! Aber so war�s! Mein Arme-Junge-Magen war daf�r nicht gebaut. Ich spie wie ein Reiher. Und als ich damit fertig war und von der Mole zur�ck ans Land ging, stand wieder das Auto mit dem karierten Herrn da.�</p><p>Kreschimir schwieg, und Timm dachte an einen kleinen Jungen in einer Gasse, die nach Pfeffer, K�mmel und Anis roch.</p><p>Dann erz�hlte der Steward weiter: wie der karierte Herr nun �fter mit Granat�pfeln ins Dorf gekommen war, wie er eines Sonntags mit den Eltern gesprochen hatte, wie er den Jungen auf einem seiner Schiffe als Steward untergebracht, wie er ihn sp�ter manchmal mit auf Reisen und vor allem zu Pferderennen mitgenommen hatte, wie Kreschimir durch leichtsinnige Wetten bei dem karierten Herrn in Schulden geraten war und wie er ihm am Ende sein sch�nstes Erbteil verkauft hatte, seine Augen.</p><p>�Nun habe ich sie wieder!� schlo� Kreschimir. �Und du sollst dein Lachen wiederhaben, so wahr ich Kreschimir hei�e. Gute Nacht!�</p><p>Timm hatte einen Klo� in der Kehle. Es klang sehr d�nn, als er sagte: �Gute Nacht, Kreschimir! Vielen Dank!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Dreizehnter Bogen. </emphasis>St�rme und �ngste</p></title><p>Die Erz�hlung Kreschimirs hatte Timm erregt. �berdies war das Meer in dieser Nacht heftig bewegt. So schlief der Junge unruhig und warf sich von einer Seite auf die andere.</p><p>Mitten in diesen d�nnen Schlaf hinein dr�hnte ein Donnerschlag. Wenig sp�ter zuckte ein unheimlich heller Blitz durch die Lider des Schlafenden, und neuer schrecklicher Donner dr�hnte ihm in die schlaftauben Ohren.</p><p>Timm fuhr mit einem Schrei auf. Ihm war, als habe er durch den Donner sein eigenes Lachen geh�rt. Er ri� die Augen auf, und sein Blick fiel auf das Bullauge, durch das zwei wasserblaue Augen in die Kaj�te starrten, dem Jungen mitten ins Gesicht.</p><p>Furcht und Entsetzen dr�ckten ihm die Lider wieder zu, der Schwei� brach ihm aus, und er war unf�hig, sich zu bewegen. So hockte er, vom�bergekr�mmt, eine halbe Ewigkeit, bis er es endlich, endlich wagte, die Augen wieder zu �ffnen und ganz leise nach Kreschimir zu rufen.</p><p>Der Steward gab keine Antwort. Drau�en, hinter einer d�nnen Wand aus Eisen, sch�umte das Meer und schlug in beinahe regelm��igen Abst�nden donnernd dagegen. Timm wagte nicht wieder, zum Bullauge hin�berzuschauen.</p><p>Er rief lauter nach Kreschimir. Aber noch immer kam keine Antwort.</p><p>Da fing er so laut zu schreien an, da� seine eigene Stimme ihn �ngstigte.</p><p>�Kreschimir!� Es war fast keine menschliche Stimme mehr, die da schrie. Aber keine Antwort kam auf diesen Schrei.</p><p>Timm schlo� die Augen wieder, um nicht das Bullauge ansehen zu m�ssen, und tastete nach der kleinen Lampenschnur �ber seinem Kopf. Als er sie zwischen den Fingern f�hlte, ri� er sie vor Erregung ab. Aber das Licht brannte. Und der Junge machte die Augen auf.</p><p>Mit der Dunkelheit zogen sich auch die �ngste in die Ecken zur�ck. Timm beugte sich nun �ber den Bettrand nach unten, um nach Kreschimir zu sehen. Aber Kreschimirs Bett war leer.</p><p>Da kroch aus den Winkeln der leeren Kaj�te wieder die Angst auf ihn zu. Der Junge fing am ganzen Leibe zu zittern an, sah sich im Spiegel �ber dem Waschbecken selbst zittern und erschrak vor dem grinsenden Gesicht, das ihn anstierte, seinem eigenen Gesicht.</p><p>Seltsamerweise brachte der Anblick seines Spiegelbildes ihn in eine Art w�tender Bewegung. Er sprang aus dem Bett und fuhr wie wild in seine Kleider. Es war, als seien die �ngste jetzt in sein Spiegelbild gebannt und er selbst habe die Freiheit zu tun und zu lassen, was er wolle. So fand er auch den Mut, die Kaj�te zu verlassen und auf den Gang hinauszulaufen. Er tastete sich durch das schwankende Schiff zur eisernen Leiter vor und erkletterte sie. Oben durchn��te eine �berschwappende Welle ihn bis auf die Haut. Aber er hastete an Tauen und Stangen weiter, kletterte mit w�tender Z�higkeit hinauf aufs Bootsdeck und trat endlich in das qualmigwarme Steuerhaus ein, das durch eine Funzel aus dickem Glas matt erhellt war.</p><p>Da stand Jonny, der B�r aus Hamburg, und sah den Jungen mit ruhigem Verwundern an.</p><p>�Was willst denn du bei dem Wetter hier oben?�</p><p>�Steuermann, wo ist Kreschimir?� Timm schrie die Frage fast, um das Dr�hnen einer Woge zu �bert�nen, die sich an der Bordwand brach.</p><p>�Kreschimir ist krank, mein Junge. Aber mach dir keine Sorgen. Es ist nur der Blinddarm, und daran stirbt man heute nicht mehr!�</p><p>�Wo ist er aber?� wiederholte Timm beharrlich. �Wo ist Kreschim ir j etzt?�</p><p>�Es war zuf�llig ein Patrouillenboot von der K�ste in unserer N�he. Das hat ihn an Land gebracht. Hast du nicht gemerkt, da� die Maschinen stoppten?�</p><p>�Nein�, sagte Timm beklommen. Und mit ruhiger Stimme f�gte er hinzu: �Kreschimir ist nicht krank. Das alles hat der Baron veranstaltet. Ich sah seine Augen durch das Bullauge.�</p><p>�Du hast im Bullauge die Augen des Barons gesehen?� Jonny lachte. �Junge, du phantasierst! Komm, zieh dich aus, nimm die Decke da und leg dich auf die Polsterbank. Hier oben bei mir hast du bestimmt keine schlechten Tr�ume!�</p><p>Im warmen Steuerhaus neben diesem besonnenen gutm�tigen Riesen kam es Timm beinahe selbst so vor, als ob er nur phantasiert habe. Aber in diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an die Radionachricht �ber das Verschwinden des Barons nach Rio de Janeiro, und er sah sich selbst wieder im Spiegel �ber dem Waschbecken: zitternd und mit grinsendem Gesicht. Und er entschlo� sich, dem Baron alles zuzutrauen und ihn, soweit er es vermochte, nie mehr zu f�rchten. Denn zum Gl�ck hatte Timm den Baron auch schwach gesehen.</p><p>Der Junge legte sich nun schweigend auf die Polsterbank, die hin und her und auf und ab schwankte, weil die Bewegungen des Schiffes hier oben noch heftiger waren als unten in der Kaj�te.</p><p>Die durcheinanderlaufenden Gedanken und ein merkw�rdiges Gef�hl im Magen lie�en Timm nicht wieder einschlafen. So lag er Stunde um Stunde wach, w�hrend Jonny ruhig am Steuerruder stand und manchmal eine Zigarette rauchte. Dar�ber lie� der Sturm sehr allm�hlich nach.</p><p>Timm br�tete in diesen Stunden �ber einer au�ergew�hnlichen Wette. Sie sollte so ungeheuerlich sein, da� er sie unbedingt verlieren mu�te. Der Baron hatte mit Timms Angst gespielt - nun sollte er selber Angst bekommen. Aber so sehr der Junge auch gr�belte: Keine Wette schien den teuflischen F�higkeiten des Barons gewachsen zu sein. Gesetzt, er wettete, da� eine Haselnu� gr��er sei als eine Kokosnu�: Wer w�rde auf eine so bl�dsinnige Wette eingehen? Und wer wei�, vielleicht w�rde Lefuet einen Landstrich aufst�bern, in dem die Haseln�sse tats�chlich gr��er w�ren als die Kokosn�sse. Timm verwarf die Wette wieder wie viele andere in dieser Nacht. Das Erlebnis mit Herrn Rickert in der Stra�enbahn fiel dem Jungen immer wieder zur rechten Zeit ein.</p><p>Aber wie w�r�s, dachte er pl�tzlich, wenn man keine zerrissene Oberleitung vorschieben kann? Wie, wenn so ein handfestes, eisernes M�bel wie die Stra�enbahn pl�tzlich die Schienen verlassen und fliegen mu�? Eine Stra�enbahn ist keine Lerche. Und ein Zauberer, trotz all seiner unheimlichen F�higkeiten, ist auch Lefuet nicht!</p><p>Timm glaubte, die Achillesferse des Barons entdeckt zu haben. Er richtete sich auf den Ellenbogen auf und rief: �Steuermann, wissen Sie schon, da� es in Genua fliegende Stra�enbahnen gibt?�</p><p>�Leg dich hin und schlaf!� sagte Jonny ohne besondere �berraschung. �Du phantasierst schon wieder.�</p><p>�Entschuldigen Sie, Steuermann, aber diesmal bin ich hellwach. Ich wei� ganz bestimmt, da� es in Genua fliegende Stra�enbahnen gibt. Ich wette mit Ihnen um eine Flasche Rum!�</p><p>�Hokuspokus!� sagte Jonny. �Au�erdem frag� ich mich, wovon du eine Flasche Rum bezahlen willst.�</p><p>�Ich hab� eine in meinem Seesack!� log Timm. �Also wetten wir nun oder nicht?�</p><p>Jonny drehte sich um und sagte: �Und wenn du um eine Million wetten w�rdest: Ich glaub�s trotzdem nicht. Daf�r kenne ich zwei Dinge viel zu gut: Genua und die Stra�enbahnen! �</p><p>�Dann k�nnen Sie ja beruhigt wetten. Eine Flasche Rum ist doch f�r einen Steuermann ein Klacks!�</p><p>�Gibst du mir dein Ehrenwort, da� du dich wieder hinlegst und die Augen zumachst, wenn ich mit dir wette?�</p><p>�Mein Ehrenwort!� rief Timm.</p><p>Da gab der Steuermann dem Jungen die Hand und sagte: �Wenn es in Genua...� Er stockte, weil etwas Hartes ans Fenster des Steuerhauses flog. Es schien aber nichts von Bedeutung zu sein. So wiederholte Jonny: �Wenn ich in Genua eine fliegende Stra�enbahn sehe, habe ich die Wette verloren, und du kriegst eine Flasche Rum. Sehe ich keine, dann geh�rt die Flasche in deinem Seesack mir. So, und nun leg dich gef�lligst wieder hin! In drei Stunden beginnt dein Dienst.�</p><p>Diesmal schlief Timm wirklich ein. Und im Traum h�rte er sich selber lachen. Aber in das Gel�chter schrillte das blecherne Bimmeln einer Stra�enbahn, die �ber seinem Kopf durch den Himmel fuhr. Als der Steuermann ihn bei Anbruch des Tages weckte, hatte der Junge immer noch das Gel�ute in den Ohren, und das �ngstigte ihn.</p><p>Timm f�rchtete sich vor Genua.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Vierzehnter Bogen. </emphasis>Die unm�gliche Wette</p></title><p>Timm f�rchtete sich vor Genua; aber zugleich sehnte er die Stadt herbei.</p><p>Seine bange Ungeduld wurde auf eine harte Probe gestellt; denn es dauerte viele Tage, bis der Dampfer �Delphin� endlich in den Hafen von Genua einschwenkte. Es war an einem strahlend blauen Tag kurz vor Mittag. Timm war unter einem Vorwand in das Steuerhaus getreten. Hier stand er nun neben Jonny, dem Steuermann, und schaute hin�ber zur Oberstadt von Genua. Er trug die schwarz-wei� karierte Hose und die Sch�rze aus dickem grauem Leinen, die ihm der Koch Enrico zum Kartoffelsch�len gegeben hatte. Die H�user Genuas sah man schon deutlich. Sogar Omnibusse und Autos konnte man in den Stra�en der Oberstadt erkennen. Und mit jedem Augenblick wurde die Sicht klarer.</p><p>Pl�tzlich gab Jonny einen �berraschten Laut von sich, halb war�s ein Glucksen, halb ein Brummen. Timm sah ihn verwundert an: Der Steuermann hatte die Augen zusammengekniffen. Jetzt �ffnete er sie wieder, aber nur, um sie gleich darauf abermals zu schlie�en und sie danach wieder weit aufzurei�en. Dann sagte Jonny ganz langsam und beinahe feierlich: �Ich werd� verr�ckt!�</p><p>Timm ahnte etwas. Er hatte einen sehr trockenen Hals. Aber er wagte nicht, den Blick wieder auf Genua zu richten. Er starrte weiter unverwandt den Steuermann an.</p><p>Jonny sah ihn jetzt auch an und sagte kopfsch�ttelnd: �Du hattest recht, Timm; es gibt in Genua fliegende Stra�enbahnen. Die Wette hast du gewonnen.�</p><p>Timm schluckte schwer. Es hatte keinen Sinn mehr, die Augen von dem Unvermeidlichen abzuwenden. Er drehte den Kopf und blickte hin�ber zur Oberstadt. Dort schwebte in einer Stra�e, mitten zwischen den H�usern, eine Stra�enbahn durch die Luft, eine richtige Stra�enbahn. Es war deutlich zu erkennen.</p><p>Aber mit einem Male erschien Pflaster unter der Stra�enbahn, festes Stra�enpflaster mit Schienen darin. Mit einem Male schwebte die Stra�enbahn nicht mehr, sondern rollte auf Schienen die Stra�e entlang.</p><p>�Es war nur eine Luftspiegelung�, rief Timm fast jubelnd. �Ich habe die Wette verloren!�</p><p>�Du tust, als freutest du dich �ber die verlorene Wette�, sagte Jonny erstaunt, und Timm merkte, da� er einen Fehler gemacht hatte. Aber ehe er sich korrigieren konnte, fuhr Jonny fort: �Du hast die Wette trotzdem gewonnen, Timm. Die Wette ging n�mlich darum, ob man in Genua fliegende Stra�enbahnen sehen kann, und nicht darum, ob es sie wirklich gibt. Und gesehen habe ich sie, daran ist kein Zweifel.�</p><p>�Dann habe ich also doch gewonnen. Wie sch�n!� sagte Timm. Und diesmal versuchte er, seiner Stimme einen freudigen Ton zu geben. Aber die Stimme blieb heiser und ohne Spur von Fr�hlichkeit. Es war nur gut, da� Jonny auf das Steuerruder achtgeben mu�te.</p><p>�Wie bist du nur auf diese verr�ckte Wette gekommen?� fragte er �ber die Schulter. �Hast du �fter solch merkw�rdiges Wettgl�ck?�</p><p>�Ich habe noch nie eine Wette verloren�, antwortete Timm gleichg�ltig. �Ich gewinne jede.�</p><p>Der Steuermann warf ihm einen kurzen Blick zu. �Spiel dich nicht auf, Junge! Es gibt Wetten, die kann man einfach nicht gewinnen.�</p><p>�Zum Beispiel welche?� fragte Timm gespannt. �Nennen Sie mir eine solche Wette!�</p><p>Wieder ein kurzer forschender Blick des Steuermanns. An dem Jungen war ihm irgend etwas nicht geheuer. Aber er war gewohnt, auf Fragen Antwort zu geben. So schob er seine wei�e M�tze in die Stirn und kratzte sich am Hinterkopf. Wieder flog etwas Hartes ans Fenster. Jonny drehte den Kopf, sah aber nichts. Und pl�tzlich fiel ihm eine Antwort ein.</p><p>�Ich w��te eine Wette, die du unm�glich gewinnen kannst, Timm.�</p><p>�Auf diese Wette gehe ich ein, ehe ich sie geh�rt habe, Steuermann. Wenn ich sie verliere, k�nnen Sie Ihre Flasche Rum behalten! �</p><p>�Du willst die Katze im Sack kaufen, Junge? Meinetwegen. Rum ist Rum, und wenn du unbedingt verlieren willst: Bitte sch�n! Wette also mit mir...�</p><p>Der Steuermann unterbrach sich, sah den Jungen an und fragte: �Du schlie�t diese Wette bestimmt mit mir ab? Ich frage nur wegen der Flasche Rum.�</p><p>�Ich gehe auf diese Wette ein!� sagte Timm so bestimmt, da� Jonny beruhigt war.</p><p>�Also dann wette mit mir, da� du noch heute abend reicher sein wirst als der reichste Mann der Welt.�</p><p>�Reicher als Lefuet also?� fragte Timm fast atemlos.</p><p>�Genau das! �</p><p>Da streckte der Junge die Rechte schneller vor, als Jonny erwartet hatte. Dies war die unm�gliche Wette. Die Wette, die er verlieren mu�te. Mit lauter Stimme sagte Timm: �Ich wette mit Ihnen um eine Flasche Rum, da� ich noch heute abend reicher sein werde als der Baron Lefuet.�</p><p>�Junge, du bist plemplem�, sagte Jonny und lie� Timms Hand los. �Aber ich habe wenigstens meine Flasche Rum zur�ck.�</p><p>In diesem Augenblick kam der Kapit�n ins Steuerhaus.</p><p>�Was macht denn der Moses hier?� fragte er m�rrisch.</p><p>�Er soll mir eine Tasse Kaffee bringen, K�ptn!� sagte Jonny.</p><p>�Dann soll er sich gef�lligst tummeln!� Timm mu�te hinunterspringen in die Komb�se. Er h�tte dabei singen m�gen. Aber wer nicht lachen kann, kann auch nicht singen.</p><p>Als er die Kaffeetasse, die nur an zwei Stellen ein bi�chen �bergeschwappt war, in das Steuerhaus brachte, stand der Kapit�n immer noch dort. Jonny kniff hinter dem R�cken des Alten grinsend ein Auge zu. Timm tat das gleiche, aber mit ernster Miene. Dann sprang er hinunter aufs Oberdeck. Am liebsten h�tte er laut gelacht. Aber sein Mund formte nur die Grimasse des Lachens. Kein munterer Gluckser kam aus dem Bauch herauf.</p><p>Eine kleine �ltere Holl�nderin, die dem Jungen auf Deck entgegenkam, war erschrocken �ber den wilden Ausdruck seines Gesichts. Sie sagte sp�ter zu ihrer Kabinennachbarin: �In diesem Knaben steckt der Teufel. Schlie�en Sie nachts Ihre Kabinent�r zu.�</p><p>Timm verkroch sich in seiner Aufregung hinter der Ankerwinde am Heck, hockte sich auf einen Haufen eingerollter Taue und war entschlossen, hier bis zur Ankunft in Genua sitzen zu bleiben. Er hatte geh�rt, da� es in Genua ein ber�hmtes Marionettentheater g�be. Dorthin wollte er gehen, um zwischen lachenden Leuten ein lachender Junge zu sein. Noch sch�ner aber war die Vorstellung, in den Stra�en spazierenzugehen und irgendeinem netten unbekannten Menschen zuzul�cheln, einem kleinen M�dchen oder einer alten Frau. Timm verkroch sich f�rmlich in diese Vorstellung einer Welt voll Sonne und Freundlichkeit. Da� ihm hierbei vom blauen Himmel herab die Sonne ins Gesicht brannte, machte die Tr�ume nur noch fa�barer und wahrscheinlicher.</p><p>Durch das Bordmikrophon kam mit scheppernder Stimme eine Durchsage, auf die Timm nicht achtete. Er tr�umte.</p><p>Nach kurzer Zeit wurde die Durchsage wiederholt. Bei der Nennung seines Namens horchte Timm auf und bekam so den Schlu� der Durchsage noch mit:</p><p>�... Thaler sofort zum Kapit�n ins Steuerhaus!�</p><p>Wie Seifenblasen zerplatzten die Tr�ume. Pl�tzlich erschien ihm die Sonne beinahe d�ster in ihrer hei�en Heftigkeit. Der Kapit�n hatte sich in seiner m�rrischen Gleichg�ltigkeit noch nie um Timm gek�mmert. Es mu�te also ein au�ergew�hnlicher Anla� sein, der ihn nach dem Jungen rufen lie�.</p><p>Timm hinter der Ankerwinde erhob sich, tappte �ber das Deck und stieg zum drittenmal an diesem Morgen �ber die Eisensprossen zum Bootsdeck hinauf. Die H�nde, mit denen er das Eisengel�nder um fa�te, waren schwei�na�.</p><p>Im Steuerhaus sah ihn der Kapit�n merkw�rdig und gar nicht gleichg�ltig wie sonst an. Der Steuermann stierte geradeaus und wandte nicht einmal den Kopf zur Seite.</p><p>�Du hei�t...� Der Kapit�n unterbrach sich r�uspernd und fing noch einmal an: �Sie hei�en Timm Thaler?�</p><p>�Ja, Herr Kapit�n!�</p><p>�Sie sind geboren am... in... �</p><p>Von einem Blatt in seiner Hand las der Kapit�n die Lebensdaten des Jungen ab, und Timm best�tigte jedes Datum mit einem: �Ja, Herr Kapit�n.� Dabei trat ihm vor gespannter Erwartung Wasser in die Augen.</p><p>Als das kurze Verh�r zu Ende war, lie� der Kapit�n das Blatt sinken, und eine merkw�rdige Stille trat ein. Auf dem Fu�boden zitterten Sonnenkringel, und Timm betrachtete den breiten Nacken des Steuermanns, der immer noch unverwandt geradeaus starrte.</p><p>�Dann darf ich Sie wohl als erster begl�ckw�nschen�, unterbrach der Kapit�n die Stille.</p><p>�Wozu, Herr Kapit�n?� Timm hatte eine ganz d�nne piepsige Stimme.</p><p>�Hierzu!� Der Kapit�n deutete mit einer Kopfbewegung auf das Papier in seiner Hand. Gleichzeitig fragte er: �Sind Sie verwandt mit dem Baron Lefuet?�</p><p>�Nein, Herr Kapit�n.�</p><p>�Aber Sie kennen ihn pers�nlich?�</p><p>�Ja, das schon. . . �</p><p>�Also dann lese ich Ihnen den Funkspruch vor:</p><p>baron lefuet verstorben stop mitteilt timm thaler dass er zum alleinerben eingesetzt stop zwillingsbruder des verstorbenen neuer baron lefuet �bernimmt Vormundschaft bis zur Vollj�hrigkeit stop phoenix reederei der lefuet ag genua gezeichnet grandizzi direktor.�</p><p>Timm starrte immer noch steinernen Gesichts auf den Nacken des Steuermanns. Die unm�glichste Wette der Welt war gewonnen. F�r eine einzige Flasche Rum. Er, ein vierzehnj�hriger Junge, war in diesem Augenblick zum reichsten Menschen der Erde geworden. Aber sein Lachen war mit dem Baron gestorben und w�rde mit ihm begraben werden. Der reichste Mensch der Welt war der �rmste unter den Menschen. Er hatte f�r immer sein Lachen verloren.</p><p>Der Nacken des Steuermannes bewegte sich. Ganz langsam drehte Jonny den Kopf herum. Fremde, erstaunte Augen sahen Timm an. Aber der Junge sah sie nur f�r einen kurzen bangen Moment. Gerade noch rechtzeitig fingen Jonnys Arme den bewu�tlosen Timm auf.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>F�nfzehnter Bogen. </emphasis>Verwirrung in Genua</p></title><p>Zwei freundliche blaue Augen in einem unrasierten starkknochigen Gesicht sahen auf Timm nieder.</p><p>�H�rst du mich?� fragte eine leise Stimme.</p><p>�Ja, Steuermann�, fl�sterte Timm.</p><p>Eine Hand hob seinen Kopf ein wenig an, und langsam und vorsichtig wurde ihm Wasser in den Mund getr�ufelt. Dabei fragte die Stimme an seinem Ohr: �Wieso habe ich in Genua fliegende Stra�enbahnen gesehen? Wieso ist der Baron so p�nktlich gestorben? Wieso freust du dich �ber verlorene Wetten und wirst ohnm�chtig, wenn du sie gewinnst?�</p><p>In Timms z�gernd wachwerdendem Ged�chtnis rumorte das wiederholte �Wieso� des Steuermanns herum und st�berte Timms alte eigene �Wiesos� auf. Eine grenzenlose Verwirrung lie� ihn fast wieder in die Ohnmacht zur�ckgleiten.</p><p>Da n�herten sich Stimmen und Schritte, und kurz darauf trat der Kapit�n mit einem fremden Herrn ins Steuerhaus.</p><p>Timm auf der Polsterbank nahm von dem Fremden zun�chst nur das riesige bl�tenwei�e Spitzentaschentuch wahr, das aus der Brusttasche des dunklen Jacketts herausquoll. Und dann reich, er den Fremden. Es war ein Duft nach Nelken, der den Jungen f�rmlich �berschwemmte, als der Herr n�hertrat und sich vorstellte.</p><p>�Direttore Grandizzi. Ik sch�tzen mik s�rrr glicklik, als die erste Ihnen zu dirfen gratulieren in Name von ganze Gesellschaft, signore! Ik bedaure, da� Sie sind nikt g�sund, aber kann verstehen kleine Schock... � Er spreizte die H�nde und legte den Kopf schief: �Ah, so reik in eine kurze Augenblicke, das ist veramente nikt leikt, aber... �</p><p>Was Direktor Grandizzi weiter sagte, verstand Timm nicht. Das Zuh�ren strengte ihn zu sehr an. Nur den letzten Satz verstand er, weil der Direktor sich dabei �ber ihn beugte: �Jetzt ik werde Sie bringen in Barkasse, signore!�</p><p>Aber da trat Jonny in Aktion. ��berlassen Sie mir den Jungen�, knurrte er. �Ich werde ihn in die Barkasse tragen. Herr Kapit�n, �bernehmen Sie solange das Steuer!�</p><p>Obwohl das Schiff im Augenblick vor Anker lag, war die Verwirrung so allgemein, da� der Kapit�n sich stumm und gehorsam ans Steuer stellte.</p><p>L�ngsseits des Dampfers lag eine Barkasse der Reederei, die den Erben abholen sollte. Jonny turnte mit Timm auf dem Arm �ber Leitern und Treppen, als ob er ein B�ndelchen W�sche tr�ge. Direktor Grandizzi umsprang ihn dabei mit wehendem duftendem Spitzentaschentuch wie ein Pudel seinen Herrn.</p><p>�brigens sah Timm jetzt, da� der Direktor einen fast kahlen Kopf hatte. Nur zwei schwarze Haarstr�hnen an den Seiten waren zu einem spitzen Dreieck nach vom in die Stirn gek�mmt. Sie gaben dem runden Gesicht eine Spur von Gef�hrlichkeit und Maskenhaftigkeit.</p><p>In der Barkasse setzte der Steuermann den Jungen in die mit Kissen gepolsterte, heckw�rts gelegene Ecke der um laufenden Bank. Dabei fl�sterte er ihm zu: �Du kriegst noch zwei Flaschen Rum von mir. F�r die Wetten. Komm um acht Uhr zum Denkmal von Christoph Columbus. Aber allein. Und wenn du Hilfe brauchst, komm erst recht, verstanden?�</p><p>Timm nickte nicht. Er sagte nur leise �hm�, denn er hatte inzwischen gelernt, vorsichtig zu sein.</p><p>�Also dann viel Gl�ck, mein Junge!� dr�hnte Jonny f�r die Ohren des Direktors. Dann gab er dem Jungen zum Abschied seine Pranke und kletterte wieder hinauf auf sein Schiff.</p><p>Als die Barkasse vom Dampfer ablegte, duftete es wieder nach Nelken. Direktor Grandizzi hatte sich neben Timm gesetzt. Zwei feierlich gekleideten Herren, die bugw�rts sa�en, gab er durch Handzeichen zu verstehen, da� sie leise sein m�chten. Die beiden nickten verst�ndnisvoll, fl�sterten miteinander und sahen dabei den Jungen mit unverhohlener Neugierde an.</p><p>�Signore, ik werde Sie bringen in Ihre Hotel�, sagte jetzt halblaut der Direktor. �Dort Sie werden ruhen f�r eine Stunde, und dann die Reederei erwartet Sie zu eine kleine Empfang. Ist das gut?�</p><p>Timm, der eben noch der Moses eines mittelgro�en Fracht-Passagier-Schiffes gewesen war, fand sich nun in der Rolle des um dienerten reichen Erben wieder. Aber da er sich auf der Jagd nach seinem Lachen schon in mancher Verstellung ge�bt hatte, blieb er gelassen. Was ihn erregte, war etwas ganz anderes: da� seine Jagd kein Ziel mehr hatte, da� sein Lachen gestorben war.</p><p>Er nickte zu allem, was Direktor Grandizzi ihm vorschlug. Nur einmal, als der Direktor von einer Pressekonferenz um acht Uhr redete, sch�ttelte Timm den Kopf.</p><p>�Ah, sie lieben Presse nikt, signore? Aber Zeitunge sind nitzlich, signore, sehr viel nitzlich!�</p><p>�Ich weiߓ, antwortete Timm. In der leicht sekwankenden Barkasse f�hlte er sich jetzt wieder etwas kr�ftiger.</p><p>�Wenn Sie sehen ein die Nitzlichkeit von Zeitungen warum Sie wollen dann keine Konferenze?� bohrte Direktor Grandizzi.</p><p>�Weil...� Timm dachte fieberhaft �ber eine Ausrede nach. Endlich sagte er: �Weil das alles noch so neu f�r mich ist. Kann diese Konferenz nicht morgen sein?�</p><p>�Gewi�, signore. Aber heute abend... �</p><p>�Heute abend will ich mir allein die Stadt ansehen�, fuhr ihm Timm ins Wort. Das Dienern des Direktors verleitete f�rmlich dazu, den Herrn anzufahren. Aber Grandizzi lie� sich dadurch keineswegs beirren.</p><p>�No, no, signore, niikt allein�, wehrte er ab. �Eine Detektive wird Sie jetzt immersu begleiten, weil Sie sind dok so reik, wissen Sie!�</p><p>�Ich will aber allein durch die Stadt bummeln! � rief Timm.</p><p>Die feierlichen Herren am Bug sahen ihn best�rzt an. Einer balancierte in der schwankenden Barkasse auf ihn zu und fragte: �Kann ich behilflich sein? �brigens: Pampini mein Name, Chefdolmetscher des Werkes.� Offensichtlich hatte er die Gelegenheit nur benutzt, um sich dem reichen Erben vorzustellen. Aber als er dem Jungen die Hand geben wollte, bog die Barkasse gerade scharf nach rechts ein. Er fiel Timm auf den Scho�, rappelte sich mit hundert Entschuldigungen wieder auf, fiel aber bei einer neuerlichen Kurve Direktor Grandizzi in den Scho�.</p><p>Der Direktor br�llte mit rotem Kopf zuerst den Dolmetscher und dann den Steuermann der Barkasse an. Den einen nannte er einen Tolpatsch, den anderen einen Esel. Dann fiel ihm ein, da� der Steuermann kein Deutsch verstand, und er wiederholte den Fluch italienisch, wobei er mindestens f�nfmal so lang wurde.</p><p>Der Dolmetscher zog sich geduckt zur Bankecke am Bug zur�ck. Gleich darauf legte die Barkasse an den Stufen einer Mole an.</p><p>Ein Chauffeur in blauem Anzug stand bereits da, die blaue M�tze ehrerbietig in der Hand. Von ihm sanft gezogen und vom Direktor mehr symbolisch als praktisch gest�tzt, verlie� Timm als erster die Barkasse. Man behandelte ihn, als sei er ein sehr alter kranker Herr.</p><p>Oben auf der Mole verdeckte eine Reihe dunkel gekleideter Herren ihm die Sicht auf die Stadt Genua. Direktor Grandizzi stellte sie ihm der Reihe nach vor. Sie hatten alle Namen, die auf izzi oder ozzi endeten und die Timm sofort wieder verga�.</p><p>Das Merkw�rdigste an allem war, da� das feierliche Murmeln und Vorstellen einem vierzehnj�hrigen Jungen galt, der die schwarzwei� karierte, an den Knien ausgebeulte Hose der K�che und den etwas zu gro�en Rollkragenpullover Jonnys trug. Es war, genaugenommen, ein Bild zum Schief-und-Krumm-Lachen. Aber alles blieb todernst. Und vielleicht war das gut f�r den armen Timm.</p><p>Auch das Folgende ging mit Ernst und gezirkelter W�rde vor sich: Ein schwarzes Auto mit sechs T�ren fuhr vor, der Chauffeur ri� erst f�r Timm und dann f�r Direktor Grandizzi die T�ren auf, man setzte sich in die roten Lederpolster, der Wagen fuhr an, und die ganze Reihe wohlgekleideter Herren hob die rechte Hand und winkte ihnen gemessen nach.</p><p>Erst w�hrend der Fahrt fiel Timm der Seesack des Herrn Rickert ein, den er mit all seinen Sachen auf dem Dampfer vergessen hatte. Als er dem Direktor davon erz�hlte, l�chelte Grandizzi: �Natiirlik wir kennen holen die private Sache von der Dampfer, signore. Aber die Herr Baron haben bereits f�r einer eleganten Garderobe gesorkt.�</p><p>�Der Baron?� fragte Timm verdutzt.</p><p>�Die neue Herr Baron, signore!�</p><p>�Ach so!� Timm lehnte sich ins Polster zur�ck und sah durch das Fenster zum erstenmal ein St�ck von Genua: ein Marmorportal und ein Messingschild, auf dem �Hotel Palmarostand. Dann glitt der F�cher einer brusthohen Palme vorbei, dann eine runde Blumenrabatte mit einem Lavendel� Strauch in der Mitte. Und dann hielt der Wagen sehr sanft. Der Schlag wurde aufgerissen, und ein uniformierter Portier mit Goldschn�ren nahm Timms Arm und komplimentierte ihn wieder so behutsam ins Freie wie einen alten Mann.</p><p>Timm stand vor einer Freitreppe aus Marmor, von deren oberster Stufe jemand �willkommen� rief. Es war ein Herr in einem karierten Anzug, der eine riesige Sonnenbrille trug.</p><p>�Der neie Herr Baron, die Zwillingsbruder�, fl�sterte Grandizzi dem Jungen ins Ohr. Aber Timm glaubte nicht so recht an den Zwillingsbruder. Und als der neue Baron die Freitreppe herunterkam und lachend ausrief: �Was f�r ein reizendes R�uberzivil!�, da wu�te Timm mehr als der Direktor. Er hatte den Mann an seinem eigenen Lachen erkannt. Es gab gar keinen Zwillingsbruder.</p><p>Der Baron lebte. Und mit ihm lebte Timms Lachen.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Sechzehnter Bogen. </emphasis>Das Ende eines Kronleuchters</p></title><p>In seinem prachtvollen Hotelzimmer, oder besser: in einer Flucht von drei Zimmern, die man Appartement nennt, war Timm nach all den Aufregungen zum erstenmal allein. Der Baron war zu einer Besprechung fortgefahren und hatte erkl�rt, da� er Timm wieder abholen werde.</p><p>Der Junge, der noch immer die karierte Hose und den zu weiten Pullover trug, lag halbaufgerichtet auf einer Chaiselongue. R�cken und Kopf ruhten auf einem Berg gestreift ter Seidenkissen. Die F��e baumelten �ber den Rand der Liege. Timm starrte auf einen Kronleuchter, der einem Gebilde aus gl�sernen Tr�nen glich.</p><p>Seit langer Zeit f�hlte der Junge sich zum ersten Male wieder beinahe wohl. Es lag nicht an der wunderlichen Verwandlung, die der pl�tzliche Reichtum gebracht hatte; denn davon hatte Timm noch gar keinen rechten Begriff: Es lag daran, da� er sein Lachen lebendig wu�te. Auch war ihm nach all der Verwirrung eines klar: Der Baron war jetzt sein Vormund, und das hie�, er war an Timm gebunden. Auf der Jagd nach seinem Lachen hatte Timm das Wild vor der Nase. Jetzt galt es, die verwundbare Stelle zu finden. (Timm wu�te noch nicht, da� man eine schwierige Lage aus der Ferne besser �bersieht als aus der N�he.)</p><p>Es klopfte, und ohne Timms Aufforderung abzuwarten, trat der Baron ein.</p><p>�Bleib ruhig liegen�, sagte Lefuet beim Eintritt. Dann knickte der hagere Mann wie ein Taschenmesser ein und fiel auf einen kostbaren Stuhl mit elfenbeinernen Einlegearbeiten. Er schlug die Beine �bereinander und sah Timm belustigt an.</p><p>�Die letzte Wette war ein au�erordentlicher Einfall, Timm Thaler! Respekt, mein Junge!�</p><p>Timm sah den Baron von unten herauf an und schwieg Lefuet schien auch dar�ber belustigt zu sein. Er fragte: �Wolltest du diese Wette eigentlich gewinnen oder verlieren? Es w�rde mich interessieren, das zu erfahren.�</p><p>Timm antwortete ausweichend: �Meistens schlie�t man Wetten ab, um sie zu gewinnen.�</p><p>�Dann war es ein exquisiter Einfall!� rief der Baron. Er sprang wieder auf, kreuzte die Arme �ber der Brust und begann, in den R�umen auf- und abzuwandem.</p><p>Timm blieb auf der Chaiselongue liegen und fragte von dort: �Gilt unser Vertrag eigentlich noch? Ich habe ihn doch mit dem ersten Baron Lefuet abgeschlossen und nicht mit dessen angeblichem Zwillingsbruder. �</p><p>Lefuet kehrte vom Salon ins Schlafzimmer zur�ck und sagte im Gehen: �Der Vertrag wurde mit dem Baron L. Lefuet abgeschlossen. Ich hei�e Leo Lefuet. Vorher nannte ich mich Louis Lefuet. Beide Male einL. mein Junge.�</p><p>�Wenn es gar keinen Zwillingsbruder gibt�, fragte Timm weiter, �wer wird dann an Ihrer Stelle begraben?�</p><p>�Ein armer Hirte ohne Familie, mein junger Freund.�</p><p>Lefuet sprach mit gen��lich gespitztem Munde: �Im Hochland von Mesopotamien, unweit des Berges Djabal Sindjar, liegt mein Hauptwohnsitz, ein kleines Schlo�; dort tr�gt man ihn an meiner Statt zu Grabe.�</p><p>Der Baron nahm seine Wanderung in die anderen Gem�cher wieder auf. W�hrend seine Stimme sich entfernte, h�rte Timm ihn sagen: �Mein Schl��chen liegt im Lande der Yeziden. Wei�t du, wer die Yeziden sind?�</p><p>�Nein�, erwiderte Timm, der sich �ber die Redseligkeit des Barons wunderte.</p><p>Die Stimme kam wieder n�her. Lefuet sagte: �Yeziden sind Teufelsanbeter. Sie glauben, da� Gott dem Teufel verziehen und ihm die Leitung der Welt �bertragen habe. Deshalb beten sie Satan als den Herrn der Welt an.�</p><p>Der Baron war wieder ins Schlafzimmer zur�ckgekehrt. Timm sagte ohne gro�e Anteilnahme: �Aha, so ist das! �</p><p>�Aha, so ist das�, �ffte der Baron den Jungen sichtlich ver�rgert nach. Zum erstenmal verlor sein Gesicht den belustigten Zug. �Der Teufel scheint dir gleichg�ltig zu sein, wie?�</p><p>Timm begriff nicht, was den Baron bei diesem Gespr�ch so erregte. Er fragte in aller Unschuld: �Gibt es den Teufel denn wirklich?�</p><p>Lefuet sank wieder in den elfenbeinverzierten Stuhl. Er st�hnte: �Bist du so einf�ltig, oder tust du nur so? Hast du nie von Menschen geh�rt, die mit dem Teufel einen Vertrag geschlossen und diesen Pakt mit ihrem Blut unterschrieben haben?�</p><p>Bei dem Wort �Vertrag� horchte Timm auf. Er glaubte, Lefuet wolle jetzt �ber seinen Vertrag mit ihm reden. Aber der Baron faselte weiter von Teufeln und D�monen. Er sprach von Belial, dem Herrn der H�lle, von den D�monen Forcas, Astaroth und Behemoth, von Hexen und Schwarzer Magie und von dem ber�hmten Zauberer Doktor Faustus, der den Unterteufel Mephistopheles zum Diener hatte.</p><p>Als er merkte, da� er den Jungen damit gr�ndlich langweilte, erhob er sich und murmelte: �Ich mu� deutlicher werden.�</p><p>Timm hatte sich wieder in die Kissen zur�ckgelegt. Seine rechte Hand, die herunterbaumelte, spielte, ohne da� der Junge sich dessen bewu�t war, mit einem der seidenen Pantoffeln, die man ihm bereitgestellt hatte. Sein Blick war wieder auf den Kronleuchter gerichtet, in dessen gl�sernen Tropfen sich die hagere Figur des Barons vielfach und in seltsamen Verzerrungen spiegelte.</p><p>Lefuet fragte jetzt geradezu: �Willst du den Spruch lernen, mit dem Doktor Faustus seinen Teufel beschwor?�</p><p>�Nein�, sagte Timm, ohne den Kopf zu wenden. Er sah durch die flirrenden Glastropfen des Kronleuchters eine vervielfachte Grimasse des Barons zucken, und dann h�rte er wieder dessen Stimme.</p><p>�Soll ich die Beschw�rung wenigstens sprechen?� fragte Lefuet mit merklich unterdr�cktem �rger.</p><p>�Meinetwegen, Baron!� Man h�rte Timms Stimme an, da� dies alles ihm gleichg�ltig war. Immerhin wurde seine Neugierde ein kleines bi�chen wach, als er die winzigkleinen Lefuets in den geschliffenen Gl�sern ihre spindeld�rren �rmchen beschw�rend erheben sah.</p><p>Lefuet sprach jetzt sehr langsam und mit merkw�rdig hohler Stimme die Worte:</p><p>�Bagabi laca bachabe</p><p>Lamac cahi achababe</p><p>Karrelyos</p><p>Lamac lamec Bachlyas</p><p>Cabahagy sabalyos... �</p><p>Als der Baron mit der Beschw�rung so weit gekommen war, fing der Kronleuchter leicht zu schwanken an - wahrscheinlich eine Folge von Lefuets heftigen Armbewegungen - und eine aufgest�rte ungew�hnlich gro�e Spinne seilte sich aus der Mitte des Kronleuchters an ihrem Faden nach unten.</p><p>Timm, der sich vor Spinnen ekelte und den die geheimnisvolle Formel �berdies in gereizte Stimmung versetzt hatte, fa�te den Seidenpantoffel, mit dem seine herunterh�ngende Hand gespielt hatte, und schleuderte ihn w�tend gegen die Spinne.</p><p>Gerade fuhr der Baron fort: �Baryolas Lagoz atha cabyolas... �</p><p>Da knirschte es an der Decke, und dann krachte, schepperte, klirrte zu F��en der Chaiselongue der gewaltige Kronleuchter mit seiner Last gl�serner Tropfen zu Boden.</p><p>Timm hatte erschrocken die Beine angezogen. Der Baron stand mit offenem Mund und immer noch erhobenen Armen hinter der Lehne des Elfenbeinsessels und hatte eine Beule auf der Stirn. Scheinbar war ihm ein St�ck Kronleuchter an den Kopf geflogen.</p><p>Es war jetzt unwahrscheinlich still im Salon. Aber der ohrenbet�ubende L�rm mu�te im Hotel geh�rt worden sein; denn jemand klopfte energisch an die T�r.</p><p>Da endlich lie� der Baron die Arme sinken. Er ging leicht vorn�bergebeugt, als sei er sehr ersch�pft, an die T�r, �ffnete sie um einen Spalt und sagte ein paar Worte auf italienisch, die Timm nicht verstand. Dann dr�ckte er die T�r wieder zu, lehnte sich von innen gegen sie und sagte: �Es ist sinnlos. Gegen die Unschuld ist kein Kraut gewachsen.�</p><p>Der Junge auf der Chaiselongue, der diese Bemerkung ebenso wenig verstand wie die unverst�ndliche Beschw�rungsformel, erhob sich jetzt und fragte: �Was ist sinnlos?�</p><p>�Das Mittelalter!� erwiderte der Baron scheinbar zusammenhanglos, und Timm war so schlau wie zuvor. Er fragte deshalb nicht weiter, sondern sagte: �Ich bitte um Entschuldigung wegen des Kronleuchters. Ich wollte nur eine Spinne treffen.�</p><p>�Die kleine Nebensache bezahlen wir mit der Hotelrechnung�, murmelte der Baron.</p><p>�Wieso wir?� sagte der Junge. Ihm fiel mit einem Male sein ungeheurer Reichtum ein. Deshalb f�gte er hinzu: �Den Kronleuchter bezahle ich, Baron!�</p><p>�Das ist nicht gut m�glich�, sagte Lefuet. (Pl�tzlich kam wieder der belustigte Zug in seine Mundwinkel.) �Da du noch nicht m�ndig bist, mein Lieber, darfst du keine Mark ausgeben ohne die Zustimmung deines Vormunds, des Barons Leo Lefuet.� Grinsend verbeugte er sich. �Aber nat�rlich erh�ltst du Taschengeld!�</p><p>Timm in seiner Schifferkluft verbeugte sich ebenfalls und sagte: �Auch Sie haben au�erordentlich kluge Einf�lle, Baron. Erlauben Sie, da� ich mich jetzt umkleide. Ich w�nsche allein zu sein.�</p><p>Lefuet starrte den Jungen zuerst sprachlos an. Dann lachte er hellauf. Immer noch lachend, rief er: �In Ihnen steckt mehr, als ich vermutet habe, Timm Thaler. Meine Hochachtung!�</p><p>Jetzt erst bemerkte er, da� Timm unter dem Lachen bleich geworden war.</p><p>Das heitere Kullern, mit dem er andere Leute wie mit einem Lasso an sich zog, verfing bei diesem Jungen nicht; es konnte bei ihm nicht verfangen. Es war ja sein eigenes, Timms Lachen.</p><p>Lefuet drehte sich rasch zur T�r um. Aber bevor er ging, wischte er mit dem �rmel seiner Jacke �ber die blankpolierte Platte eines Schreibtischchens unmittelbar neben dem Eingang und schob mit einem Seitenblick auf Timm eine lederne Schreibmappe in die Mitte der Platte.</p><p>Dann erst �ffnete er die T�r und sagte dabei �ber die Schulter: �Stets zu Ihren Diensten, Herr Thaler. Den Kammerdiener werde ich rufen. Es ist ein mir ergebener Mann aus Mesopotamien.�</p><p><emphasis>�Danke�,</emphasis> sagte Timm. �Ich habe gelernt, mich allein anzukleiden.�</p><p>�Noch besser�, grinste Lefuet. �Dann sparen wir Geld.� Er ging endlich und schlo� leise die T�r hinter sich.</p><p>Auf dem Etagenflur blieb der Baron eine Weile nachdenklich stehen. �Der Bursche will sein Lachen wiederhaben�, murmelte er. �Er verachtet die Macht, die das Dunkel spendet. Oder sie ist ihm gleichg�ltig. Er will Licht, und Licht... � (der Baron ging langsam zu seinem Appartement) �... Licht wird durch Spiegel gebrochen. Damit mu� ich�s versuchen.�</p><p>Als Lefuet sein Appartement betreten hatte, sank er wieder einmal in einen Sessel. �ber ihm hing ein �hnlicher Kronleuchter wie der aus dem Salon von Timms Appartement. Der Blick des Barons fiel auf die leicht schwankenden gl�sernen Tropfen, Timms Wurf mit dem Pantoffel kam ihm ins Ged�chtnis, und pl�tzlich lachte Lefuet. Er lachte so sehr, da� der Sessel unter ihm von der Ersch�tterung des K�rpers zu knirschen begann.</p><p>Der Baron lachte wie ein kleiner Junge. Das kullerte aus dem Bauch herauf wie Luftperlen in einem Sektglas. Und immer wieder -ein melodischer Akzent - setzte sich ein Schlucker darauf. Es ging die Tonleiter hinauf - ein Schlucker - erneuter Ansatz vom tiefsten Ton - und wieder die Leiter der T�ne hinauf bis zu einem neuen Schlucker.</p><p>Nun war der Baron ein Mann, der sich niemals auch nur der kleinsten Gef�hlsregung in heiterer Bedenkenlosigkeit �berlie�. Ihm fehlte das Talent zum Gl�cklichsein. Er mu�te alles erkl�ren und in seine Teile zerlegen, sogar seine Gef�hle.</p><p>Auch diesmal, als der letzte lachende Schlucker verklungen war, �berlegte sich der Baron, warum er gelacht habe. Und er stellte mit �beiraschung fest, da� er �ber sich selbst gelacht hatte, �ber seinen mi�gl�ckten Versuch, Timm Thaler mit dem Hokuspokus der Schwarzen Magie zu imponieren.</p><p>Der Versuch war mi�gl�ckt; Lefuet war der Unterlegene gewesen, und trotzdem hatte er gelacht. Das war eine neue unerh�rte Erfahrung f�r den Baron.</p><p>Er erhob sich aus dem Sessel und f�hrte - auf- und abgehend -ein Selbstgespr�ch.</p><p>�Merkw�rdige Sache�, brummelte er vor sich hin. �Ich habe das Lachen gekauft, um Macht �ber Herzen zu bekommen. Und nun... � (er blieb verdutzt stehen) �... nun habe ich Macht �ber mich selbst bekommen, Macht �ber meine Launen, meine f�rchterlichen Launen. Ich habe sie nicht mehr: Ich lache sie fort!�</p><p>Er ging wieder auf und ab.</p><p>�Fr�her h�tte ich getobt, wenn ich bei einer Machtprobe der Unterlegene gewesen w�re. Ich h�tte einen Teppich zerbissen vor Wut. Jetzt bleibe ich sogar als Verlierer �berlegen: Ich lache! �</p><p>Der Baron fa�te sich - er sah beinahe gl�cklich aus - an den Kopf und rief: �Das ist ja unwahrscheinlich! All meine �berlegenheit habe ich durch Arglist und T�cke, durch Siege �ber andere st�tzen m�ssen. Jetzt fliegt mir das von selber zu, weil mir ein Kullern im Bauch zur Verf�gung steht. Das Lachen ist ja mehr wert, als ich ahnte. Das mu� man ja mit einem K�nigreich bezahlen!�</p><p>Abermals nahm ein Sessel den hageren Mann auf, dessen Gesicht f�r einen Augenblick die Z�ge des karierten Herrn vom Rennplatz annahm, die Z�ge der Verschlagenheit.</p><p>�Jage du nur deinem Lachen nach, Timm Thaler; du bekommst es nicht zur�ck! Das halte ich fest mit Z�hnen und Klauen!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Siebzehnter Bogen. </emphasis>Der reiche Erbe</p></title><p>Die Uniform junger reicher Erben sah zu Timms Zeit folgenderma�en aus: Graue Flanellhosen, ein rot-schwarzgestreiftes Jackett, ein bl�tenwei�es Seidenhemd, eine rote Krawatte mit schottischem Muster, ebensolche Socken und braune W ildlederschuhe.</p><p>Timm stand in diesem Aufzug vor einem Spiegel, der bis auf den Boden reichte, und k�mmte sich zum erstenmal in seinem Leben die Haare feucht. Auf dem Teppich zu seinen F��en lag aufgeschlagen eine illustrierte Zeitung mit dem Photo eines Tennisspielers. Timm legte seine Haare ebenso wie der Tennisspieler. Es gelang ihm leidlich.</p><p>Eine Weile betrachtete der Junge sich im Spiegel und zog versuchsweise seine beiden Mundwinkel nach oben. Aber es sah nicht einmal nach der Andeutung eines Lachens aus.</p><p>Traurig wandte er sich ab und wanderte ziellos in den drei R�umen seines Appartements herum. Er probierte lustlos einen Schaukelstuhl aus, er betrachtete die Gem�lde an den W�nden -lauter Schiffe auf hoher See - er hob den H�rer des elfenbeinfarbenen Telefons ab, legte ihn aber gleich wieder in die Gabel, und schlie�lich �ffnete er die schn�rkelig verzierte Ledermappe, die der Baron mitten auf die polierte Platte des Schreibtisches geschoben hatte.</p><p>Es war Briefpapier darin. In der linken oberen Ecke der Bogen stand in grauen geraden Druckbuchstaben:</p><p>timm thaler</p><p>eigent�mer der baron-lefuet-gesellschaft</p><p>Rechts stand:</p><p>genua, den....</p><p>In einer seidenen Seitentasche der Mappe lagen Briefumschl�ge. Timm nahm einen heraus und las auf der R�ckseite:</p><p>timm thaler, genova, italia, hotel palmaro</p><p>Der Junge lie� sich in dem Sessel vor dem Schreibtisch nieder, schraubte den F�llfederhalter auf, der neben der Mappe gelegen hatte, und beschlo�, einen Brief zu schreiben.</p><p>Als er die Mappe zur�ckschob und einen der Bogen vom Sto� nahm, sah er in der Politur der Tischplatte den Briefkopf in Spiegelschrift:</p><p>relahtmmit</p><p>tfahcslleseg-teufel-norab red rem�tnegei</p><p>Dabei sprang ihm ein Wort in die Augen:</p><p>teufel</p><p>�Sieht aus, als ob dort Teufel st�nde�, dachte Timm. �Aber�, f�gte er in Gedanken hinzu, �wenn man vom Teufel gesprochen hat, sieht man ihn �berall, und wenn es nur sein Name ist!�</p><p>Er schob sich den Bogen zurecht und begann einen Brief zu schreiben:</p><p><emphasis>Lieber Herr Rickert,</emphasis></p><p><emphasis>ich bin in Genua nicht gut angekommen. Der Baron ist gestorben und ich bin sein Erbe. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht Eher noch das Gegenteil aber das kann ich Ihnen leider nicht erkl�ren. Vielleicht sp�ter. Bitte versuchen Sie mit dem Stjuard in Verbindung zu kommen, er hei�t Kreschimir und hat eine Blinddarm Entz�ndung. Kreschimir darf Ihnen alles erz�hlen, ich nicht leider! Sprechen Sie auch mit dem Steuermann vom Delfin, er hei�t Jonny und kommt aus Hamburg. Der wei� wie es zuging.</emphasis></p><p><emphasis>Jetzt bin ich der reichste Mensch der Welt und der sogenannte neue Baron ist mein Vormund Sch�n ist das nicht aber vielleicht n�tzlich. Dem Baron lasse ich nicht merken, da� ich das alles gar nicht will</emphasis></p><p><emphasis>Sie und Ihre Mutter und der Stjuard und Jonny waren sehr gut zu mir.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht finden Sie einen Ausweg f�r mich. Aber ich mu� mir wohl alleine helfen. Und es ist wohl auch gut, das ich einen Plan und ein Zieht habe, um zu vergessen, das ich gar kein richtiger Mensch mehr bin.</emphasis></p><p><emphasis>Gr�ssen Sie bitte Ihre liebe Mutter und es dankt Ihnen sehr Ihr trauriger Timm Thaler.</emphasis></p><p><emphasis>U.S.: Aber schreiben Sie mir nicht. Vielleicht finde ich sp�ter eine Geheim-Adresse. Timm.</emphasis></p><p>Der Junge las den Brief noch einmal durch, faltete ihn und steckte ihn in den Umschlag, den er zuklebte. Aber gerade, als er den Brief adressieren wollte, h�rte er auf dem Flur Schritte n�her kommen.</p><p>Rasch steckte er den Brief in die Brusttasche des Jacketts. Gleich darauf klopfte es, und wieder kam der Baron ohne Aufforderung herein.</p><p>Er sah den aufgeschraubten F�llfederhalter neben der aufgeschlagenen Mappe und fragte: �Privatbriefe, Herr Thaler? Damit sollten Sie vorsichtig sein. �brigens steht Ihnen ein Sekret�r zur Verf�gung.�</p><p>Timm schlo� die Mappe, schraubte den F�llfederhalter zu und sagte: �Wenn ich den Sekret�r brauche, werde ich ihn rufen.�</p><p>�Gut gebr�llt, L�we!� lachte Lefuet. �Sie scheinen mit der neuen Kleidung neue Sitten angezogen zu haben. Das lob� ich mir! �</p><p>Es klopfte wieder an die T�r. Lefuet rief unwillig: �Che cosa vole?�</p><p>�La garderoba per il signore Thaler!� rief es hinter der T�r.</p><p>�Avanti!� knurrte Lefuet.</p><p>Ein Hausdiener mit einer langen gr�nen Sch�rze trug dienernd Timms Seesack herein, legte ihn auf das Gestell f�r die Koffer und blieb neben der T�r stehen.</p><p>Timm trat auf ihn zu, hielt ihm die Hand hin und sagte: �Recht herzlichen Dank! �</p><p>Linkisch, verwundert und anscheinend unzufrieden, ergriff der Hausdiener die Hand.</p><p>�Non capisco�, murmelte er.</p><p>�Er versteht nicht�, lachte der Baron. �Aber das hier versteht er sicher!� Dabei zog Lefuet ein B�ndel Lire-Scheine aus der Tasche und gab dem Hausdiener einen davon.</p><p>Der Mann strahlte, rief: �Grazie! Mille grazie! Tante grazie, signore Barone!� und verschwand dienernd und im R�ckw�rtsgang.</p><p>Lefuet schlo� die T�r hinter ihm und sagte: �Wenn in fr�heren Zeiten ein Knecht die R�ume seines Herrn betrat, zog er zuvor die Schuhe aus, rutschte auf den Knien heran und k��te seinem Herrn die Stiefelspitzen. Diese gesegneten Zeiten sind bedauerlicherweise vorbei.�</p><p>Timm achtete nicht auf die Worte des Barons. Siedendhei� war ihm eingefallen, da� im Seesack seine M�tze stecken mu�te und im Futter der M�tze der Vertrag mit Lefuet. Er trat wie zuf�llig zum Seesack, nestelte ihn auf und fand obenauf die M�tze liegen. Als er sie in die Hand nahm, knisterte es unter dem Futter. Erleichtert atmete der Junge auf. W�hrend er das verh�ngnisvolle Papier m�glichst unauff�llig aus dem Futter zog und in die Brusttasche des Jacketts schob, h�rte er dem Baron wieder zu.</p><p>�In einem Hotel wie diesem�, sagte der, �gen�gt es, wenn wir drei Leuten die Hand geben: erstens dem Chefportier, denn der mu� uns zu jeder Zeit verleugnen k�nnen; zweitens dem Direktor, denn wir m�ssen uns seine Verschwiegenheit sichern; drittens dem Chefkoch, denn der mu� unsere Gesch�ftspartner verw�hnen.�</p><p>�Ich will mir�s merken!� sagte Timm. Bei sich dachte er: �Wenn ich erst wieder lachen kann, wird es mir ein Vergn�gen sein, Hausdienern und Zimmerm�dchen die Hand zu geben.�</p><p>Das Telefon l�utete. Der Junge nahm den H�rer ab und sagte: �Hier Timm Thaler.�</p><p>�Ihr Wagen ist vorgefahren, signore!� t�nte es aus dem H�rer.</p><p>�Sch�nsten Dank!� sagte Timm und legte wieder auf.</p><p>Der Baron, der Timm genau beobachtet hatte, sagte: �Melden Sie sich nie mit vollem Namen, mein Lieber! Es gen�gt ein fragendes: Ja? Und zwar in einem Ton, der deutlich macht, da� Sie sich ungern st�ren lassen! Und sagen Sie nicht: sch�nsten Dank, wenn man Ihnen meldet, da� der Wagen wartet. Es gen�gt ein geknurrtes: in Ordnung. Reichtum verpflichtet zu gewissen Unh�flichkeiten, Herr Thaler. Es ist wichtig, sich die Leute vom Leibe zu halten.�</p><p>Wieder sagte Timm: �Ich will mir�s merken!� Und wieder dachte er bei sich: �Warte nur, bis ich mein Lachen wiederhabe!�</p><p>Die beiden begaben sich nun hinunter in die Halle, die in so feinen Hotels die Bezeichnung �Vestib�l� tr�gt. Bei ihrem Erscheinen erhoben sich einige Herren aus Sesseln und verbeugten sich. Einer n�herte sich ihnen und sagte: �Gestatten, Herr Baron... �</p><p>Lefuet antwortete, ohne den Herrn anzusehen: �Wir sind in Eile. Sp�ter.�</p><p>Dann stiegen sie �ber die Marmortreppe hinunter zu dem Auto mit den sechs T�ren.</p><p>Der Chauffeur ri� ihnen die Schl�ge auf, und Lefuet und Timm sanken in die roten Lederpolster.</p><p>Da� vor und hinter ihnen Autos zur Bewachung fuhren, merkte Timm nicht. Er verstand auch die Rufe der Zeitungsverk�ufer nicht, die auf den Stra�en ihre Bl�tter feilboten:</p><p>�II barone Lefuet est morto! Adesso un ragazzo di quattordici anni il pio ricco uomo del mondo!�</p><p>Der Baron �bersetzte die Rufe mit belustigt zuckendem Munde: �Baron Lefuet gestorben. Vierzehnj�hriger Junge jetzt der reichste Mensch der Welt!�</p><p>An einer Verkehrsampel mu�te der Wagen halten. Lefuet gab dem Jungen gerade Verhaltungsma�regeln f�r den Empfang, zu dem sie fuhren. Aber Timms Aufmerksamkeit war ganz und gar in Anspruch genommen von einem kleinen, dunkelh�utigen M�dchen mit schwarzen Kugelaugen, das neben einem Obstverk�ufer stand und mit weit aufgerissenem Munde in einen riesigen Apfel zu bei�en versuchte. Als sie Timms Blicke bemerkte, nahm sie den Apfel vom Mund und lachte den Jungen an.</p><p>Timm winkte ihr zu und verga� wieder einmal, da� jeder Versuch zu lachen traurige Folgen f�r ihn hatte.</p><p>Pl�tzlich sah das kleine M�dchen, wie das Gesicht hinter dem Autofenster sich f�rchterlich verzerrte. Es erschrak, fing an zu weinen und verkroch sich hinter dem Obstverk�ufer.</p><p>Timm nahm rasch die H�nde vor das Gesicht und lehnte sich weit in die Polster zur�ck. Der Baron aber, der die Szene im R�ckspiegel beobachtet hatte, kurbelte das Fenster herunter und rief der Kleinen lachend etwas auf italienisch zu.</p><p>Das M�dchen, mit noch tr�nennassen Wangen, lugte wieder hinter dem Obstverk�ufer vor, trat z�gernd ans Auto und reichte dem Baron schlie�lich den Apfel durch das Fenster. Als Lefuet ihr daf�r eine blanke M�nze hinhielt, strahlte sie, piepste ein �grazie, signore� und lachte wieder.</p><p>In diesem Augenblick fuhr das Auto erneut an, und der Baron hielt Timm den Apfel hin. Aber im letzten Moment zog der Junge die Hand davon zur�ck, und die gro�e rote Frucht, die wie lackiert gl�nzte, rollte von Timms Knien zu Boden und von dort nach vom zum Chauffeur.</p><p>�Sie m�ssen lernen, Herr Thaler�, sagte Lefuet, �Ihr Lachen k�nftig durch Trinkgelder zu ersetzen. In den meisten F�llen macht Trinkgeld einen gr��eren Effekt als Freundlichkeit.�</p><p>�Warum hast du dann mein Lachen gekauft?� dachte Timm.</p><p>Laut sagte er: �Ich will mir�s merken, Baron!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Achtzehnter Bogen. </emphasis>Im Palazzo Candido</p></title><p>Beim Palazzo Candido handelt es sich, wie der italienische Name verr�t, um einen wei�en Palast: au�en wei�er Marmor, innen wei�er Stuck. Als der Baron und Timm die Treppe in den ersten Stock erstiegen - auch sie ist aus wei�em Marmor - wurden sie von denizzi- und ozzi-Direktoren umschw�rmt, an die der Junge sich von der Mole her dunkel erinnerte. Sie schwiegen ehrfurchtsvoll, denn der Baron sprach mit Timm.</p><p>�Dieser Palast�, sagte Lefuet halblaut, �ist ein Museum, f�r dessen Benutzung wir viel Geld bezahlen m�ssen. In seinen R�umen h�ngen Bilder alter italienischer und holl�ndischer Meister. Wir werden sie uns ansehen m�ssen. Dergleichen geh�rt zu unserer Stellung. Da Sie von Kunst und Malerei vermutlich nichts verstehen, Herr Thaler, empfiehlt es sich f�r Sie, schweigend und mit ernster Miene die Bilder zu betrachten. Die Gem�lde, vor denen ich huste, sollten Sie sich etwas l�nger ansehen. Heucheln Sie stummes Interesse.�</p><p>Timm nickte, ernst und stumm.</p><p>Aber als sie - st�ndig von dem Schw�rm der Direktoren umgeben - die Bildergalerie abschritten, hielt Timm sich keineswegs an Lefuets Weisung. Die Bilder, vor denen Lefuet hustete, verlie� er meistens ziemlich schnell. Bei anderen hingegen, vor denen Lefuet nicht hustete, hielt Timm sich sehr viel l�nger auf.</p><p>Das Museum enthielt haupts�chlich Portr�ts, gemaite Gesichter. Diejenigen der holl�ndischen Maler hatten eine durchscheinende Haut (manchmal sah man sogar blaue Adern durchschimmern) und einen gesammelten Ausdruck bei schmallippigen M�ndern. Die Portr�ts der italienischen Maler zeigten eine br�unliche, deckende Hautfarbe, eine sch�ne glatte Oberfl�che, und Kringel in den Mundwinkeln, die ein L�cheln auf das Gesicht zauberten. Anscheinend waren die holl�ndischen Gesichter ber�hmter, denn meistens hustete der Baron vor denen; aber Timm hatten es die anderen Gesichter angetan, die weniger verschlossenen, offenen Mienen mit dem Zwinkern in den Mundwinkeln. Er mu�te manchmal von dem Baron geradezu gesto�en werden, um ein solches Bild zu verlassen. Denizzi- und -ozzi-Direktoren fanden den Geschmack des Jungen nicht schlecht. Als Lefuet es bemerkte, brach er die Besichtigung kurzerhand ab und sagte: �Wenden wir uns dem Hauptteil dieser Veranstaltung zu, meine Herren!�</p><p>Man begab sich nun in einen Saal, in dem Tische in Hufeisenform zusammengestellt und festlich gedeckt waren. Am Kopfende war ein Platz mit Lorbeerzweigen geschm�ckt. Dort sollte Timm sitzen.</p><p>Aber bevor man Platz nahm, erschien ein Photograph, ein schm�chtiges quicklebendiges M�nnchen mit viel zu langem schwarzem Haar, das ihm st�ndig in die Augen fiel und das er dann mit einer herrischen Kopfbewegung zur�ckschleuderte. Er bat die Anwesenden, sich in einem Halbkreis um Timm zu gruppieren. (Zu den Direktoren war eine gro�e Anzahl anderer Leute gekommen, denen Timm aber nicht die Hand sch�tteln mu�te.)</p><p>Das photographische M�nnlein hatte seinen Apparat auf ein Stativ geschraubt, blickte durch den Sucher, dirigierte die Gesellschaft mit wildem Armefuchteln und schrie dazu fortw�hrend: �Ridere! Sorridere! Sorridere, prego! �</p><p>Timm, der vor Grandizzi stand, fragte den Direktor �ber die Schulter: �Was sagt er?�</p><p>�Er sagt, du sollst... Verzeihung, Sie sollen... Also, er sagt: Wir sollen laken!�</p><p>�Danke!� sagte der Junge. Er war ungew�hnlich bla�. Der Photograph wandte sich jetzt direkt an ihn und wiederholte: �Sorridere, signore! L�keln, bitte!� Nun starrte alles auf den Jungen, der die Lippen zusammengepre�t hatte. Der Photograph wiederholte verzweifelt: �L�keln, biite sarr!� Der Baron, der noch hinter Grandizzi stand, sprang Timm mit keinem helfenden Wort bei.</p><p>Da sagte der Junge: �Mein Erbe ist eine schwere B�rde, Herr Photograph. Ich wei� noch nicht, ob ich dar�ber lachen oder weinen soll. Erlauben Sie mir, das Lachen oder Weinen abzuwarten.�</p><p>Durch den Halbkreis, der ihn umgab, lief ein Fl�stern. Teils �bersetzte man die Worte leise, teils sprach man bewundernd oder verwundert �ber Timm. Nur Lefuet zeigte eine belustigte Miene.</p><p>Die Aufnahme kam jetzt jedenfalls zustande, und zwar ohne l�chelnden Erben. Dann setzte man sich an den Tisch. Timm wurde von Grandizzi und dem Baron flankiert. Grandizzis Spitzentaschentuch str�mte immer noch Nelkenduft aus. Es roch wie s��er Pfeffer.</p><p>Vor dem Essen wurden mehrere Reden gehalten, einige in Italienisch, einige in gebrochenem Deutsch. Und immer, wenn man lachte, r�ckte oder applaudierte, blickten s�mtliche Leute auf den Jungen am Kopf der Tafel.</p><p>Einmal fl�sterte der Baron ihm zu: �Sie haben sich mit Ihrer �bereilten Wette kein leichtes Leben eingehandelt, Herr Thaler.�</p><p>Timm fl�sterte zur�ck: �Ich wu�te, was mich erwartet, Baron.� (In Wirklichkeit war ihm nie schrecklicher zumute gewesen als hier zu H�upten der Tafel, wo man ihn anstarrte wie ein exotisches Tier. Aber der feste Vorsatz, sich dem Baron gewachsen zu zeigen, st�rkte ihn und hielt ihn aufrecht.)</p><p>Einen kurzen Augenblick lang dachte Timm an Jonny, den Steuermann. Da war er pl�tzlich wieder der kleine Junge, der am liebsten geheult h�tte. Aber zum Gl�ck begann genau in diesem Augenblick die Rede Lefuets, und Timm hatte sich wieder in der Gewalt.</p><p>Der Baron r�hmte zuerst die F�higkeiten seines angeblich verstorbenen Bruders, sprach dann von den hohen Aufgaben der Leute, die gro�en Reichtum zu verwalten h�tten, und w�nschte zum Schlu� mit ein paar kurzen S�tzen dem jungen Erben die Kraft und die Weisheit, ein so gewaltiges Erbe auf die rechte Weise zu n�tzen. Dann sagte er einige Worte auf italienisch. Es schien ein Scherz zu sein; denn er lachte wie ein kleiner Junge.</p><p>Die Damen und Herren an der Tafel waren davon so bezaubert, da� sie mitlachten und heftig klatschten.</p><p>Timm blieb diesmal unber�hrt davon. Er trug jetzt stets die Armbanduhr, die Herr Rickert ihm in Hamburg geschenkt hatte; und auf die blickte er gerade. Es war achtzehn Uhr drei�ig, halb sieben. Um acht wollte er Jonny treffen. Und nach den Tellern, Gl�sern und Bestecken auf dem Tisch zu urteilen, w�rde das Essen lange dauern. Er mu�te also vielleicht eher aufbrechen als die �brige Gesellschaft. Und wie sollte er das anstellen, da er doch die Hauptperson war?</p><p>Tats�chlich nahm das Essen sehr viel Zeit in Anspruch. Als nach der Suppe und der Vorspeise das Hauptgericht kam - Nieren in Wei�wein - war es bereits zwanzig nach sieben.</p><p>Timm hatte - mit den Gedanken immer bei Jonny - die Schwierigkeit vornehmer Tafelsitten gar nicht bemerkt. Er a� so, wie er es im Salon des Dampfers �Delphin� gesehen hatte, und der Baron fiel �ber die ebenso nat�rlichen wie h�bschen Manieren des Jungen von einem Verwundern ins andere. Er murmelte, als er die Gabel gerade zierlich in ein Nierenst�ckchen stach: �Den Burschen habe ich untersch�tzt.�</p><p>Als es zwanzig Minuten vor acht war, beugte Timm sich hin�ber zum Baron und sagte: �Ich m��te einmal... �</p><p>Lefuet erwiderte, ehe das peinliche Wort ausgesprochen war: �Die Waschr�ume befinden sich im Gang hinter der T�r rechts.�</p><p>�Danke�, sagte Timm, erhob sich und ging, von wenigstens hundert Augenpaaren verfolgt, an der Tischreihe entlang zur T�r rechts. Er bem�hte sich dabei, so zu gehen, wie ein normaler Junge von vierzehn Jahren eben geht.</p><p>Drau�en auf dem Flur kam ihn die Lust an, ein au�erordentlich unanst�ndiges Wort hinauszuschreien. Aber dort stand ein Diener in vergoldeter Livree; und also ging Timm ruhig und beherrscht in den Waschraum, wo er das Wort vor dem Spiegel dreimal sehr langsam und deutlich aussprach.</p><p>Als er wieder auf den Flur trat, hatte der livrierte Diener sich gerade abgewandt. So stakte Timm auf Zehenspitzen (denn Marmor hallt) zur Treppe und hastete dann nach unten.</p><p>Vor dem Portal des Palazzos stand eine Art Portier mit Goldschn�ren. Aber er schien den Jungen nicht zu kennen. Er sah ihn m�rrisch und teilnahmslos an. Timm war so k�hn, ihn nach dem Denkmal des Christoph Columbus zu fragen. Aber der Mann verstand ihn nicht. Er zeigte hilflos auf eine Stra�enbahnhaltestelle. Und zu dieser Haltestelle begab sich der Junge.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Neunzehnter Bogen. </emphasis>Jonny</p></title><p>W�hrend Timm eine kleine Ewigkeit lang auf die Stra�enbahn wartete, lugte er manchmal �ber die Schulter hin�ber zum Portal des Palastes; aber au�er dem T�rh�ter war dort niemand zu sehen. Noch schien man �ber sein langes Ausbleiben nicht beunruhigt zu sein. Ungeduldig studierte der Junge den Fahrplan, in dessen Mitte ein Spiegel als liegendes Rechteck eingelassen war. Und pl�tzlich erhielt er zum drittenmal an diesem Tage durch eine Spiegelung Aufschl�sse �ber das Wesen des Barons. Er sah in dem Glas n�mlich, da� hinter einer Seitenfront des Palastes jenes Auto stand, mit dem er und Lefuet hergekommen waren. Hinter diesem Auto standen zwei andere Personenwagen, und neben dem vorderen unterhielten sich zwei M�nner, deren einer gerade auf Timm zeigte.</p><p>Jetzt fiel dem Jungen an der Haltestelle ein, da� Direktor Grandizzi in der Barkasse von Detektiven gesprochen hatte, die ihn st�ndig bewachen sollten. Vermutlich waren dies seine heimlichen W�chter. Und das war �bel; denn der Baron sollte nicht erfahren, da� Timm mit Jonny zusammentraf. Gerade jetzt kam die Stra�enbahn. Sie zog zwei sogenannte Sommerwagen, deren Plattform nach beiden Seiten offen war.</p><p>Diese offenen Plattformen kamen Timm sehr gelegen. Seitdem er sein Lachen nicht mehr besa�, hatte er nach und nach gelernt, eine schwierige Lage k�hl und ruhig zu durchdenken. So war ihm auch jetzt sofort klar, was er zu tun habe. Er stieg auf die Plattform des mittleren Wagens, dr�ngte sich zwischen die Leute, die dort standen, und stieg, bevor die Stra�enbahn anfuhr, auf der anderen Seite wieder aus. Dann rannte er �ber die Stra�e. Knapp vor einem vorbeiflitzenden Rennwagen kam er auf denjenseitigen B�rgersteig.</p><p>Bevor er dort in eine schmale Gasse hineinlief, drehte er sich rasch noch einmal um und sah, wie sich einer der Detektive gerade anschickte, die Stra�e zu �berqueren. Da wu�te Timm, da� nicht Schnelligkeit, sondern List n�tig war, um seinen Bewachern zu entkommen. Zum Gl�ck war er in das un�bersichtliche Gassenviertel Genuas geraten, in dem die meisten H�user Ausg�nge nach zwei Seiten haben. So trat der Junge ruhig in eine Art Imbi�stube ein, in der es nach Gebratenem und nach Oliven�l roch, verlie� sie durch eine gegen�berliegende T�r wieder, kam in eine Gasse, in der vor den H�usern gegrillter Tintenfisch feilgeboten wurde, schl�pfte in einen Eingang, �ber dem das Wort �Trattoria� stand, durchquerte die Trattoria, gelangte in ein Juwelierg��chen, hinter dessen Fenstern der Schmuck sich f�rmlich t�rmte, lief ein St�ck an der Fensterfront entlang, bog in ein winziges Verbindungsg��chen auf der anderen Seite ein, fand sich zwischen schwatzenden, feilschenden Hausfrauen auf einem winzigen Markt wieder, durchlief abermals eine Trattoria mit s�uerlichem Weindunst und stand pl�tzlich vor der ge�ffneten Harmonikat�r eines haltenden Autobusses. Rasch sprang der Junge hinein, und schon schlo� sich die T�r hinter ihm, und der Autobus fuhr an.</p><p>Der Schaffner drohte ihm l�chelnd mit dem Finger und hielt die Hand hin, um das Fahrgeld zu kassieren. Timm, der an Geld gar nicht gedacht hatte, griff unbewu�t in eine Tasche seines rotschwarzen Jacketts und f�hlte zu seiner Erleichterung, da� M�nzen und Papiergeld darin lagen. Er gab dem Schaffner einen der Scheine und sagte: �Christoph Columbus.�</p><p>�Hm?� fragte der Schaffner.</p><p>�Christoph Columbus! Denkmal!� wiederholte der Junge, indem er sich einer besonders deutlichen Aussprache beflei�igte.</p><p>Jetzt verstand der Schaffner ihn. �II monumento di Cristoforo Colombo�, verbesserte er in belehrendem Ton. Und Timm wiederholte artig: �II monumento di Cristoforo Colombo!�</p><p>�Bene! Bene!� lachte der Schaffner. �Gutt! Gutt!�</p><p>Dann gab er dem Jungen 85 Lire zur�ck, ri� einen Fahrschein f�r Timm ab und machte durch Zeichen verst�ndlich, da� er ihn rechtzeitig zum Aussteigen auffordern werde.</p><p>Timm nickte ernsten Gesichtes und dachte: �Gl�ck gehabt!� Freuen konnte er sich dar�ber nicht; aber er war erleichtert.</p><p>Zehn Minuten sp�ter - der Autobus war zuerst am Hafen entlang und dann eine steigende Gasse hinaufgefahren - zehn Minuten sp�ter tippte der Schaffner auf Timms Schulter und zeigte auf ein gro�es wei�es Denkmal zwischen Palmen, das vor einem riesigen Geb�ude mit vielen Glast�ren stand.</p><p>Der Junge sagte das einzige Wort Italienisch, das er kannte: Grazie! Danke! Dann verlie� er den Autobus und stand verloren auf einem weiten Platz. Er erkannte jetzt, da� das gro�e Geb�ude eine Bahnhofshalle war. Die Uhr �ber dem Haupteingang zeigte f�nf Minuten vor acht.</p><p>Unter den Menschen auf dem Platz konnte er keinen der beiden Detektive entdecken. Aber den Steuermann Jonny sah er leider auch nicht. So schlenderte er, betont langsam, hin�ber zum Denkmal, umschritt es und fand hierbei den Steuermann, der in seiner ganzen Gr��e neben einem Palmenstamm stand.</p><p>Timm konnte ihn schwerlich �bersehen. Er lief auf ihn zu und h�tte ihn am liebsten umarmt, wenn Jonny nicht so ungew�hnlich gro� gewesen w�re.</p><p>�Ich bin entkommen, Jonny�, sagte er atemlos. �Der Baron hat mir Detektive auf den Hals gehetzt. Aber... �</p><p>�Der Baron?� unterbrach ihn scharf der Steuermann. �Ich dachte, der w�re tot!�</p><p>�Er hat sich in seinen angeblichen Zwillingsbruder verwandelt.�</p><p>Jonny pfiff durch die Z�hne. Dann nahm er Timms Hand und sagte: �Wir setzen uns in eine kleine Kneipe. Dort findet er uns nicht so schnell.� Und er zog den Jungen durch etliche Gassen hinter sich her.</p><p>Das, was Jonny �Kneipe� genannt hatte, verdiente eigentlich einen besseren Namen. Es war ein langer Schlauchraum, der sich nach hinten in ein halbdunkles, fast quadratisches Gastzimmer verbreiterte. Der Fu�boden bestand aus gehobelten Brettern, und an s�mtlichen W�nden standen bis hinauf zur Decke Flaschen aller Formen und Farben auf dunkelbraunen Holzregalen. Es sah fast feierlich aus; wie eine Kathedrale aus Flaschen.</p><p>Der Steuermann zog Timm an einen unbesetzten Tisch in einer Ecke des hinteren Raumes. Hier konnten sie von der T�r aus nicht gesehen werden. Als der Kellner kam, bestellte Jonny zwei Viertel Rotwein. Dann zog er links und rechts aus den inneren Brusttaschen seiner Joppe zwei Flaschen Rum hervor, stellte sie unter Timms Stuhl und sagte: �Hier ist dein Wettlohn. Ich verstecke ihn wegen des Kellners. Er k�nnte glauben, wir wollten hier mitgebrachte Getr�nke s�ffeln.�</p><p>Timm zog jetzt auch etwas aus seiner Brusttasche. Es war der Brief an Herrn Rickert.</p><p>�W�rdest du ihn mit nach Hamburg nehmen, Jonny? Ich habe Angst, ihn der Post anzuvertrauen.�</p><p>�Wird gemacht, mein Junge!� Der Brief wechselte hin�ber in die Steuermannsjoppe. Dann sagte Jonny: �Du siehst jetzt wie ein richtiger feiner Pinkel aus, Timm. Reichseinmachtwohl Spa�?�</p><p>�Es ist ein bi�chen m�hsam�, antwortete Timm. �Aber man kann sich benehmen, wie man will. Man braucht nie zu lachen, wenn man nicht mag - au�er vielleicht beim Photographen - und das hat viel f�r sich.�</p><p>�Hast du denn was dagegen, wenn man lacht?� fragte Jonny verbl�fft.</p><p>Timm merkte, da� er sich verplappert hatte. Er durfte ja niemandem verraten, da� er sein Lachen verkauft hatte. Aber ehe er seinen Fehler durch irgendeine harmlose Erkl�rung wieder gutmachen konnte, redete Jonny schon weiter. Der Steuermann schien bei dem Thema Lachen in seinem Fahrwasser zu sein; denn er sprach glatter und sogar ein bi�chen feiner als sonst.</p><p>�Ich gebe zu�, sagte er, �da� das Lachen aus H�flichkeit einem auf die Nerven gehen kann. Nichts ist gr��licher als ein Seemannsheim, in dem dich von fr�h bis sp�t alte Tanten anl�cheln. Sie l�cheln, wenn sie dich vor dem Alkohol warnen; sie l�cheln, wenn sie dir Sauerkraut auf den Teller tun; sie l�cheln, wenn sie dich zum Beten ermahnen; sie l�cheln sogar, wenn sie dir den Blinddarm aus dem Bauch schneiden. L�cheln, l�cheln, morgens, mittags und bei Nacht. Wahrhaftig, das ist unausstehlich! Aber... �</p><p>Der Kellner kam mit dem Wein und l�chelte die beiden gesch�ftsm��ig an. Timm sah mit zuckenden Lippen auf die Tischplatte nieder, und Jonny merkte verwundert, da� der Junge dem Weinen nahe war. Deshalb schwieg er, als der Kellner wieder gegangen war. Er hob nur das Glas und sagte: �Prosit, Timm! Auf dein Gl�ck!�</p><p>�Prosit, Jonny!�</p><p>Timm nippte nur von dem Wein, der s�uerlich schmeckte.</p><p>Beim Niedersetzen des Glases brummte Jonny: �Wenn ich doch herausbekommen k�nnte, was los ist!�</p><p>Timm hatte den gemurmelten Satz verstanden. Er wurde pl�tzlich lebhaft und fl�sterte: �Versuche, Kreschimir zu sprechen. Er wei� alles, und er darf es dir sagen. Ich kann es nicht. Ich darf es nicht.�</p><p>Der Steuermann sah den Jungen nachdenklich an und sagte schlie�lich: �Ich glaube, ich wei�, mit wem du es zu tun hast.� Dann beugte er sich �ber den Tisch zu Timm vor und fragte eindringlich: �Hat der Kerl dir Hokuspokus vorgemacht?�</p><p>�Nein�, sagte Timm. �Vorgemacht hat er mir nichts; aber er hat mir einen alten Spruch aufgesagt.� Und nun er�z�hlte der Junge dem Steuermann von dem Gespr�ch im Salon des Hotels, von der merkw�rdigen Beschw�rung und von dem heruntergest�rzten Kronleuchter.</p><p>Die Geschichte von dem Kronleuchter schien Jonny ungeheuer zu belustigen. Er br�llte vor Lachen, schlug vergn�gt auf die Tischplatte, da� die Gl�ser tanzten und der Wein �berschwappte, und prustete: �Das ist ja zum Piepen, Junge! Das ist unbezahlbar! Wei�t du, da� du den Affen damit an seiner empfindlichsten Stelle getroffen hast, Timm? Ernstlich, Kleiner!�</p><p>Jonny lehnte sich wieder in seinen Stuhl zur�ck. �Du konntest nichts Besseres tun, als den Kronleuchter zu zerdeppern. So was vertr�gt dieser Herr nicht! Besonders nicht in solchen Augenblicken.�</p><p>Der Steuermann erhob mit belustigtem Gesicht die Arme, wie es Lefuet bei der Beschw�rung getan hatte, und sprach mit sp�ttischer Bedeutsamkeit:</p><p>�Der Herr der Ratten und der M�use, Der Fliegen, Fr�sche, Wanzen, L�use!�</p><p>Timm hatte sich unbewu�t ebenfalls in seinem Stuhl zur�ckgelehnt. Es war f�r ihn so beruhigend, jemanden �ber den Baron lachen und spotten zu h�ren. Zum erstenmal seit langer Zeit h�rte er wieder ein Lachen, das ihm angenehm war.</p><p>Bei Jonnys sp�ttischer Beschw�rung hatte Timm den Blick gesenkt. Er schaute auf den Holzfu�boden und sah dort pl�tzlich eine ungeheuer fette Ratte, die ein satanisch hohes Pfeifen ausstie� und furchtlos auf Jonnys Beine zulief, als wolle sie ihn bei�en.</p><p>Timm, den es vor Ratten ekelte, schrie: �Eine Ratte, Steuermann!�</p><p>Aber auch Jonny hatte das Tier bereits gesehen. Er handelte unwahrscheinlich schnell und geistesgegenw�rtig. W�hrend er das eine Bein, auf das die Ratte es anscheinend abgesehen hatte, zur�ckzog, hob er das andere blitzschnell und zerquetschte der Ratte mit einem kr�ftigen Fu�tritt den Kopf. Was auf den Bodenbrettem liegenblieb, war so h��lich und ekelhaft, da� Timm rasch wegsah. Ihm war �bel.</p><p>Jonny aber, der unverw�stliche Jonny, sagte grinsend: �Der Herr schickt seine Boten vor. Trink vom Wein, Timm, und sieh nicht hin!�</p><p>Diesmal nahm der Junge einen tiefen Schluck aus dem Glas, der fast unmittelbar wirkte. Die �belkeit lie� nach; aber in seinem Kopf begann sich langsam eine M�hle zu drehen.</p><p>Jonny sagte jetzt: �Wir haben nicht mehr viel Zeit, Timm. Bald wird er selbst erscheinen. La� dir eines sagen: Woran du nicht glaubst, das gibt es nicht! Verstehst du, was ich meine?�</p><p>Timm sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf, in dem das M�hlrad immer schneller kreiste.</p><p>�Ich will damit sagen�, erkl�rte Jonny, �da� du immer wieder Kronleuchter zerdeppern solltest, wenn der Baron dir auf die Nerven geht. Kapiert?�</p><p>Jetzt nickte Timm. Aber er erfa�te nur halb, was Jonny sagte. Die Augenlider wurden ihm schwer; denn er hatte schon im Palazzo Candido Wein trinken m�ssen, und er war an Alkohol nicht gew�hnt.</p><p>�Wenn du kannst, lach den Affen aus�, fuhr Jonny fort. �Du erbst genug, um dir die Freiheit nach au�en zu erkaufen; aber die Freiheit nach innen, mein Junge, die erkaufst du dir durch ein anderes Kapital: durch Gel�chter. Es gibt ein altes englisches Sprichwort. Es hei�t...�</p><p>Der Steuermann runzelte die Stirn.</p><p>�Merkw�rdig�, brummte er. �Eben wu�te ich den Spruch noch, und jetzt ist er mir entfallen. Dabei liegt er mir auf der Zunge. Scheint am Wein zu liegen.�</p><p>�Mir bekommt der Wein auch nicht�, sagte Timm mit schwerer Zunge. Aber Jonny achtete kaum auf Timms Bemerkung. Er gr�belte immer noch �ber den Satz nach, und pl�tzlich rief er: �Jetzt hab� ich ihn: Teach me laughter, save my soul! Da� ich darauf nicht gleich gekommen bin!� Er lachte �ber seine eigene Verge�lichkeit, schlug sich dabei an die Stirn und sank mit einem Male, immer noch lachend, vom Stuhl zu Boden, wo er regungslos und mit bleichgewordenem Gesicht unweit der toten Ratte liegenblieb.</p><p>Als Timm, mit einem Schlag ern�chtert, auf sprang und sich erschrocken nach Hilfe umsah, fiel sein B�ck auf den Kellner, der gleichm�tig her�berschaute. Er nahm gerade von einem Herrn einen Geldschein entgegen. Dieser Herr hatte Timm den R�cken zugekehrt; aber dennoch erkannte der Junge ihn auf den ersten Blick. Es war der Baron.</p><p>Sofort war Timm wieder in jener angespannten Gem�tsverfassung, die es ihm erlaubte, anders zu handeln und zu reden, als es seiner Natur gem�� war. �u�erlich ruhig, winkte er den Kellner heran und kniete dann neben Jonny nieder, der in der Ohnmacht langsam und schwerf�llig, aber klar verst�ndlich den englischen Spruch wiederholte: �Teach me laughter, save my soul!�</p><p>Gleich darauf sah Timm �ber sich den Kellner und dahinter den Baron.</p><p>�Herr Thaler, welch ein Zufall!� rief Lefuet in gutgespielter �berraschung. �Wir suchen Sie seit einer Stunde.�</p><p>Timm sagte, ohne auf die Worte des Barons einzugehen: �Wenn dem Steuermann etwas Ernstliches zugesto�en ist, zeige ich Sie an, Baron! Und den Kellner ebenfalls!�</p><p>Jetzt war Lefuet belustigt. �Kein Grund zu irgendwelchen Aufregungen�, l�chelte er. �Gesundheitlich hat er keinerlei Schaden genommen. Wir werden ihn allerdings aus unserem Dienst entlassen m�ssen. Aber ein Mann von solchen Kr�ften findet ja leicht Besch�ftigung auf den Docks.�</p><p>Die G�ste des Lokals hatten sich inzwischen neugierig an den Tisch gedr�ngt und gaben in wildem Durcheinander gute Ratschl�ge. Offenbar hielten sie Jonny f�r betrunken.</p><p>Lefuet, der Aufsehen jeder Art stets zu vermeiden suchte, zog Timm an einem �rmel mit sich fort. �Ihr Bild, Herr Thaler, steht heute in allen Zeitungen. Es w�re peinlich, wenn man Sie hier erkennt. Um den Steuermann brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen. Kommen Sie!�</p><p>Obwohl es Timm widerstrebte, den ohnm�chtigen Jonny zu verlassen, lie� er sich dennoch vom Baron hinaus und auf die Stra�e f�hren.</p><p>Lefuet durfte nicht merken, wie es in Wahrheit um ihn stand. �berdies hatte der Junge das seltsame Gef�hl, da� bei diesem verworrenen Spiel mit einer toten Ratte, einem ohnm�chtigen Steuermann und einem englischen Sprichwort nicht der Baron, sondern Jonny der Gewinner war. Innerlich ruhiger, als man h�tte vermuten k�nnen, verlie� Timm die Kneipe mit den Flaschen an den W�nden.</p><p>Das sechst�rige Auto, das drau�en stand, nahm fast die ganze Breite der Gasse ein. Dahinter standen zwei andere Autos, und Timm sah zwei wohlbekannte Herren darin sitzen. In einer Anwandlung von �bermut nickte er ihnen h�flich zu, und die beiden nickten -leicht verbl�fft - wieder.</p><p>In den roten Lederpolstern des R�cksitzes sa� Direktor Grandizzi. Als Timm und der Baron sich neben ihm niederlie�en, rief er kichernd: �Ah, die kleine Ausrei�er! Sie habben uns s�rrr an Nase herumgefihrt, signore; aber meine kluge Freind Astaroth... �</p><p>�Schnauze, Behemoth! Diese Masche zieht bei ihm nicht!� fuhr der Baron den Direktor laut und ungewohnt grob an. Gleich darauf aber wandte er sich liebensw�rdig an Timm und erkl�rte dem Jungen, da� Grandizzi und er Mitglieder des sogenannten Baalclubs seien und da� sie sich manchmal aus Ulk mit den Clubnamen anredeten.</p><p>Timm war es, als habe er den Baron schon einmal von Astaroth und Behemoth reden h�ren; aber er erinnerte sich nicht, wann und wo das gewesen sein k�nnte. Au�erdem wiederholte er in seinem Ged�chtnis st�ndig den englischen Spruch, den Jonny ihm gesagt hatte.</p><p>Als das Auto am Denkmal des Christoph Columbus vorbeifuhr, sagte Lefuet: �Wir fliegen morgen fr�h nach Athen, Herr Thaler. Das Flugzeug geh�rt der Gesellschaft. Ab acht Uhr steht es f�r uns bereit.�</p><p>Timm nickte, ohne etwas zu erwidern. In Gedanken wiederholte er wenigstens zum zehnten Male den englischen Spruch, und endlich fragte er Grandizzi: �Was hei�t eigentlich: Tietschmilafter sefmeisohl?�</p><p>�Was f�r eine Sprake iist das?� erkundigte sich Grandizzi.</p><p>�Es ist englisch�, sagte mit ruhiger Stimme der Baron. �Ein altes Sprichwort und genauso dumm wie die meisten Sprichw�rter.�</p><p>Er wiederholte den Satz in korrektem Englisch: �Teach me laughter, save my soul.� Dann �bersetzte er ihn halblaut ins Deutsche: �Lehre mich lachen, rette meine Seele.�</p><p>Timm sagte so k�hl wie m�glich: �Aha!� Weiter nichts. Aber heimlich pr�gte er sich den Satz ein und h�ngte ein beruhigendes Wort an den Schlu�: �Lehre mich lachen, rette meine Seele, Steuermann!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Zwanzigster Bogen. </emphasis>Klarheit in Athen</p></title><p>In Athen, der alten Hauptstadt Griechenlands, hatte die gr��te Zweiggesellschaft der Baron-Lefuet-Gesellschaft ihren Sitz. Vielleicht war der Baron hier deshalb so ungemein lebhaft und liebensw�rdig. Er verschonte Timm hier auch, so gut es ging, mit Direktoren und Banketts. Stattdessen wanderte er mit dem Jungen zu Fu� durch die Stra�en. Allerdings folgte ihnen in angemessener Entfernung ein Auto, das auf einen Wink Lefuets jederzeit an den Bordstein fahren konnte, um sie aufzunehmen.</p><p>Der Baron f�hrte Timm nicht zu den St�tten, deretwegen die meisten Fremden nach Athen kommen. Er erstieg mit ihm nicht die Akropolis, zwischen deren Tempels�ulen man das heitere Blau des �g�ischen Meeres leuchten sieht; er f�hrte ihn nicht zu den marmornen Statuen, die von den Gr�bchen im Kn�chel bis zu den Kringeln in den Mundwinkeln voll himmlischen Gel�chters stecken; er zeigte ihm nicht, wie hell der Himmel �ber wei�en Tempeln strahlt. Er f�hrte ihn vielmehr zum Markt von Athen.</p><p>�Von dem Geld, das hier verdient wird, geht wenigstens die H�lfte durch meine H�nde�, sagte er. �Als mein Erbe, Herr Thaler, m�ssen Sie wissen, wo unser Reichtum gemacht wird. Ist es nicht eine Lust, diese Farben zu sehen?�</p><p>Lefuet hatte Timm zuerst in die Stra�en der Fische gef�hrt. Glotz�ugig und zuweilen mit leuchtenden roten Streifen unter den Kiemen, lagen die Fische zu Tausenden in gro�en offenen Eisschr�nken. Der Reichtum des Meeres war �ppig ausgebreitet. Da glitzerte viel Silber und st�hlernes Blau, und dazwischen sah man Streifen und Flecken gellenden Rots und matten Schwarzes. Der Baron sah dies; alles mit den Augen des H�ndlers an.</p><p>�Der Thunfisch kommt von den T�rken�, erkl�rte er. �Wir kaufen ihn billig ein. Der Stockfisch kommt aus Island. Er ist unser bestes Gesch�ft. Barboni, Tintenfische und Sardellen kommen aus Italien oder von den griechischen Fischern. Daran ist nicht viel zu verdienen. Aber kommen Sie weiter, Herr Thaler, kommen Sie, kommen Sie!�</p><p>Lefuet war wie berauscht auf diesem Markt. Sie standen jetzt vor einer Kalkwand, an der geschlachtete, abgezogene Schafe hingen, die Zungen seitw�rts aus dem Maul gestreckt.</p><p>�Diese Schafe kommen aus Venezuela�, sagte der Baron. �Und die Schweine dort haben wir in Jugoslawien gekauft. Ein gutes Gesch�ft.�</p><p>�Kommt eigentlich au�er den Fischen auch etwas aus Griechenland?� fragte Timm.</p><p>�O ja�, lachte Lefuet, �einiges kommt auch aus dem Lande: Korinthen, Wein, Bananen, Kuchen, Oliven�l, Granat�pfel, Wolle, Stoffe, Feigen, N�sse, Auberginen und Bauxit.�</p><p>Lefuet hatte die Aufz�hlung so feierlich gesprochen, als sei es das Geschlechtsregister des K�nigs David aus der Bibel. Er war mit Timm inzwischen in die K�sestra�e geraten, in der viel wei�er K�se ausgebreitet lag. Der ganze Spaziergang war ein Sto�en und Schieben zwischen schreienden Verk�ufern und laut handelnden Kunden. Bei den Fischen wafen sie durch Pf�tzen gewatet, in denen Zwiebelringe schwammen; bei den Schafen waren sie gen�tigt gewesen, Blutlachen zu umgehen; und als sie zwischen die Obstst�nde gerieten, war der Boden von Schalen glatt.</p><p>Vor Timm streiften drei Buben herum und stahlen unter den Augen der Menge eingelegte Oliven. Niemand nahm Ansto� daran, nicht einmal die Verk�ufer, die nur b�se und kurz aufbellten, um ihre Aufmerksamkeit sofort danach wieder zahlungsf�higen Kunden zuzuwenden. Die kleinen Diebe lachten.</p><p>Verwirrt und ersch�pft verlie� Timm nach geschlagenen zwei Stunden diesen Alptraum eines Marktes, dieses Prahlen, Schreien und Dr�ngen, das den Baron so entz�ckte, diesen Riesenbauch einer Stadt mit ungeheurem Appetit.</p><p>Auf ein Zeichen des Barons kam das Auto vorgefahren. Diesmal hatte es nur vier T�ren und schwarze Polster. Lefuet befahl dem Fahrer, zum byzantinischen Museum zu fahren. Zu Timm sagte er: �Es wird Ihnen dort gefallen, Herr Thaler. Aber ich verrate Ihnen nicht, warum.�</p><p>Timm war nicht im geringsten neugierig auf dieses Warum. Er war ganz einfach ersch�pft und hungrig. Aber er sagte kein Wort dar�ber. Er wollte sich so selten wie m�glich schwach zeigen gegen�ber diesem seltsamen H�ndler, der sein Lachen gekauft hatte. Deshalb lie� er sich auch brav in das byzantinische Museum schleppen.</p><p>Die Bilder, vor die der Baron den Jungen f�hrte, waren sogenannte Ikonen. Sie wurden, so erkl�rte Lefuet ihm, haupts�chlich von M�nchen gemalt, die viele hundert Jahre lang nach immer den gleichen strengen Regeln malten.</p><p>Timm merkte bald, warum der Baron ihn hierhergef�hrt hatte.</p><p>Die Gesichter der Ikonen mit den gro�en starren Augen und den langen Nasen, die das Oval der Gesichter in zwei gleiche H�lften teilten, waren Gesichter ohne L�cheln. Sie glichen darin den blassen holl�ndischen Gesichtem des Palazzo Candido in Neapel. Timm fand sie schrecklich. Als Lefuet ihn l�ngere Zeit vor einem Bild des Heiligen Georg festhielt, einer d�steren Felsszenerie in Olivgr�n, in der der Heilige von einem blutroten Mantel umwallt wird, murmelte er den Spruch Jonnys vor sich hin: �Lehre mich lachen, rette meine Seele!�</p><p>Und es war merkw�rdig: Durch die Erinnerung an Jonny sah Timm pl�tzlich die Bilder mit anderen Augen an. Pl�tzlich sah er, da� die malenden M�nche all das, was sie den Menschen auf ihren Bildern vorenthielten, dem Tier und der Pflanze gestatteten, n�mlich zu bl�hen, zu l�cheln und zu leben. W�hrend Lefuet von der heiligen Disziplin der Ikonenmaler schw�rmte, entdeckte Timm im rankenden Beiwerk der Tafeln grinsende H�ndchen, zwinkernde Greife, lustige V�gel und lachende Lilien. Und wieder fiel ihm ein Spruch ein, diesmal aus dem Hamburger Marionettentheater: �Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier.� Nur war es hier umgekehrt wie in dem Marionettentheater: Hier lachte das Tier, und der Mensch starrte streng und erbarmungslos in eine Welt ohne Paradies.</p><p>Im ersten Stock des Museums unterhielt Lefuet sich eine Weile mit dem Direktor, den man vom Besuch des reichen Barons benachrichtigt hatte. Timm trat w�hrenddessen durch eine offene Fl�gelt�r auf einen kleinen Balkon hinaus. Von dort aus sah er unter sich ein kleines M�dchen, das mit einem Zweig Linien in den harten Boden des Vorplatzes zog und sie dann mit bunten Steinchen auslegte. Anscheinend war sie vorher im Mosaiksaal gewesen und fertigte nun auf ihre Weise ein Mosaik an. Es schien eine Art Ikonengesicht zu werden, aber der Mund war ein nach oben gebogener Halbkreis: Er lachte.</p><p>Doch gerade als das M�dchen bed�chtig ein gr�nes Auge einsetzte, kam ein Junge, blickte mit heruntergezogenen Mundwinkeln auf das fast fertige Bild und fuhr mit der Schuhspitze hinein. Das Gesicht war zerst�rt, das M�dchen sah erschrocken den barbarischen Jungen an, und pl�tzlich sprangen dicke Tr�nen aus ihren Augen. Dann las sie schluchzend und dem�tig die Steinchen wieder zusammen. Der Junge stand mit den H�nden in den Hosentaschen daneben, m�nnliche Verachtung im Blick.</p><p>Timm war w�tend �ber den Knaben. Er wollte hinunterlaufen und dem M�dchen beistehen. Aber als er sich heftig umwandte, stellte sich der Baron vor ihn, der die Szene offenbar ebenfalls beobachtet hatte.</p><p>�Mischen Sie sich nicht ein, Herr Thaler�, sagte er l�chelnd. �Es ist gewi� bedauerlich, was dieser Knabe getan hat. Aber so geht es in der Welt. Mit derselben Barbarei wie dieser Junge zertrampeln rohe Soldatenstiefel die wohlausgewogenen Werke eines feinen Kunst Verstandes; aber wenn der Krieg vorbei ist, genehmigen dieselben Barbaren mit heruntergezogenen Mundwinkeln Zusch�sse f�r die Wiederherstellung des Zerst�rten. Und daran verdienen wir. Unsere Firma hat nach dem Krieg in Mazedonien mehr als drei�ig Kirchen restauriert. Unser Verdienst belief sich auf etwas �ber eine Million Drachmen.�</p><p>Timm murmelte, als ob er einen eingelernten Satz plappere: �Ich will mir�s merken, Baron. Aber jetzt�, f�gte er hinzu, �m�chte ich essen gehen.�</p><p>�Ein ausgezeichneter Gedanke�, lachte Lefuet. �Ich kenne ein vorz�gliches Gartenrestaurant.�</p><p>Ohne die Bilder an den W�nden oder die Kinder auf dem Vorplatz noch eines Blickes zu w�rdigen, schritt der Baron zu seinem Auto vor dem Tor des Museums. Timm ging stumm neben ihm her.</p><p>Im Gartenrestaurant, das zu Timms Erstaunen gar nicht so fein war, wie Lefuet es sonst liebte, wurden sie vom Besitzer, vom Direktor und vom Oberkellner begr��t. Der Baron sprach Griechisch, aber mit Timm redete er Deutsch. Man geleitete sie an einen Ecktisch, legte ein bl�tenwei�es Tischtuch f�r sie auf, stellte Blumen darauf und holte aus dem Hause ein kleineres Tischchen zum Anrichten. Alle G�ste im Restaurant verfolgten diese Vorbereitungen mit gespannter Aufmerksamkeit. Manche tuschelten miteinander und zeigten dabei verstohlen auf Timm.</p><p>�Steht mein Bild hier etwa auch in den Zeitungen?� fragte Timm fl�sternd.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, erwiderte der Baron unbek�mmert laut. �In Griechenland, Herr Thaler, bewundert man nichts so sehr wie Reichtum; denn es ist ein armes Land. F�r unsereins ist Griechenland ein Paradies. Selbst dieses mittelgute Lokal wird uns ein Mittagessen servieren, das man bedenkenlos einem K�nig vorsetzen k�nnte. Man erweist dem Reichtum majest�tische Ehren. Deshalb liebe ich Griechenland so sehr.�</p><p>Lefuet h�tte zu Timms Unbehagen sicher noch l�nger in diesem Tone gesprochen, wenn nicht ein Kellner gekommen w�re, der ihm etwas ins Ohr fl�sterte.</p><p>�Ich werde am Telefon verlangt. Man kennt mein Lieblingsrestaurant bereits�, sagte er zu Timm. �Entschuldigen Sie mich.� Er stand auf und folgte dem Kellner ins Haus.</p><p>Timm beobachtete jetzt einen Tisch schr�g vor sich, den einzigen Tisch, von dem aus man nicht st�ndig auf ihn starrte. Er sah dort zwei Familien zu. Die eine bestand aus einer sehr f�lligen schwarzhaarigen Mama mit einem Sch�nheitsfleck auf der Wange und zwei T�chtern, von denen die eine etwa f�nf, die andere zwei Jahre alt sein mochte. Die andere Familie, die neben dem Tisch unter einem Oleanderbusch tobte, bestand aus einer gro�en grauen Katzenmama mit drei K�tzchen, zwei schwarzen und einer grauen.</p><p>Die griechische Mama war sehr nerv�s, und die Katzenmama war es auch. Als das kleinere griechische T�chterchen in ein Blumenbeet fiel, sich beschmutzte und Bl�tter a�, bekam es b�se Pr�gel von der Mama mit dem Sch�nheitsfleck. Sie schlug das Kind mit der flachen Hand immer wieder heftig auf Wangen, Mund und Nase. Die Kleine heulte herzzerbrechend, und alsbald klatschte die volle flache Hand abermals in das tr�nennasse Kindergesichtchen.</p><p>Die Katzenmama benahm sich nicht anders. Immer, wenn ein Kleines sich ihr n�herte oder auf ihren Schwanz sprang, fauchte sie �rgerlich. Eines der schwarzen K�tzchen verfolgte sie mit besonderem Grimm. Als es greinend miaute, gab sie ihm einen heftigen Pfotenschlag, wenn auch mit eingezogenen Krallen, sozusagen mit der flachen Hand. Als das Kleine ihr trotzdem n�herzukommen versuchte, schlug die Pfote erneut zu. Katzengreinen und Kinderweinen vermengten sich.</p><p>Timm wandte schlie�lich den Blick ab. Er konnte es nicht mehr mit ansehen. Gerade in diesem Augenblick kam der Baron zur�ck. Und wieder einmal schien er dasselbe wie Timm beobachtet und die Gedanken des Jungen erraten zu haben. W�hrend er sich setzte, sagte er: �Sie sehen, Herr Thaler, da� der Unterschied zwischen Menschen und Tieren nicht gro� ist; er ist sozusagen kaum wahrnehmbar.�</p><p>�Ich habe �ber diesen Unterschied jetzt schon drei Meinungen kennengelemt�, sagte Timm leicht verwirrt. �In einem Hamburger Theater hie� es, das Lachen unterscheidet Mensch und Tier, und es war damit gemeint, da� nur der Mensch lachen kann; auf den Bildern im Museum war es aber umgekehrt, da lachten die Tiere und niemals ein Mensch; und Sie, Baron, erz�hlen mir jetzt, da� es �berhaupt keinen Unterschied gibt zwischen Mensch und Tier.�</p><p>�Nichts auf der Welt ist so einfach, da� man es mit einem Satz erkl�ren k�nnte�, antwortete Lefuet. �Und was das Lachen f�r den Menschen bedeutet, das, mein lieber Herr Thaler, wei� �berhaupt niemand genau.�</p><p>Timm erinnerte sich pl�tzlich an eine Bemerkung Jonnys und wiederholte sie halb f�r sich, aber laut genug, da� der Baron sie verstehen konnte: �Lachen ist Freiheit nach innen.�</p><p>Die Wirkung dieses Satzes auf Lefuet war merkw�rdig: Er stampfte mit dem Fu� auf und rief: �Das hat dir der Steuermann gesagt!�</p><p>Timm sah ihn verwundert an, und pl�tzlich wu�te dieser Junge von vierzehn Jahren, dieses halbe Kind, warum der Baron ihm sein Lachen abgekauft hatte und warum sich der d�stere karierte Herr vom Rennplatz so sehr von dem jetzigen Baron Lefuet unterschied. Er war ein freierer Mann geworden; und es machte ihn w�tend, da� Timm das entdeckt hatte.</p><p>�brigens hatte der Baron sich wie �blich sofort wieder in der Gewalt, und mit glatter Liebensw�rdigkeit wechselte er das Thema. Er sagte: �Die Lage auf dem Buttermarkt, Herr Thaler, ist f�r uns gef�hrlich geworden. Ich mu� mit den leitenden Herren unserer Firma schon morgen Ma�nahmen beraten. Solche Beratungen pflegen auf meinem Schlo� in Mesopotamien stattzufinden, und ich erwarte, da� Sie mich dorthin begleiten. Was Sie in Athen noch kennenlemen m�ssen, zeige ich Ihnen sp�ter einmal.�</p><p>�Wie Sie w�nschen�, sagte Timm scheinbar gleichg�ltig. In Wirklichkeit w�nschte er nichts sehnlicher, als diesen geheimnisvollen Ort kennenzulemen, an dem der Baron in seinem Schlupfwinkel sa� wie die Spinne im Beobachtungsposten ihres Netzes.</p><p>Lefuet aber verlie� Athen ungern. Als das Essen aufgetragen wurde, seufzte er: �F�r diesmal die letzte Mahlzeit in diesem gesegneten Lande. Guten Appetit! �</p></section></section><section><title><p>DRITTES BUCH. <emphasis>IRRWEGE</emphasis></p><empty-line/></title><epigraph><p><emphasis>Lachen ist keine Handelsware wie Margarine Wer damit handelt, handelt irrig.</emphasis></p><p>Selek Bei</p></epigraph><section><title><p><emphasis>Einundzwanzigster Bogen. </emphasis>Das Schlo� in Mesopotamien</p></title><p>Timm sa� zum zweitenmal in dem kleinen zweimotorigen Privatflugzeug der Baron-Lefuet-Gesellschaft. Sie waren im Morgengrauen gestartet, und der Junge konnte von seinem Fenster aus Meer und Himmel kaum unterscheiden. Aber pl�tzlich sah er schr�g unter sich hinter einem kleinen dunklen Inselbuckel den Sonnenball. Es war, als sei die Sonne aus dem Meer geh�pft, so schnell war sie mit einem Male da.</p><p>�Wir fliegen ostw�rts, der Sonne entgegen�, erkl�rte Lefuet. �In Athen wird man noch eine Weile warten m�ssen, ehe sie aufgeht. Meine Schlo�bedienten beten die Sonne an. Esch Scherns wird sie genannt.�</p><p>�Ich dachte, Ihre Bedienten beten den Teufel an�, sagte Timm.</p><p>�Gewi�, sie verehren Scheitan als den Herrn der Welt, nicht aber als den Herrn des Himmels.�</p><p>Der Junge wollte wieder �aha� sagen, erinnerte sich aber daran, da� er mit diesem gleichm�tigen Wort schon einmal den Unwillen des Barons erregt hatte. Deshalb sagte er gar nichts, sondern sah schweigend hinunter auf das Meer, dessen bleiernes Grau sich ungew�hnlich rasch aufhellte, bis es zu einem gl�sernen Gr�n geworden war.</p><p>Timm f�rchtete sich nicht in der Luft, aber er freute sich auch nicht �ber den Flug. Er staunte nicht einmal. Wer nicht lachen kann, der kann auch nicht staunen.</p><p>Der Baron erkl�rte ihm jetzt �die Lage auf dem Buttermarkt�, die Timm herzlich gleichg�ltig war. Immerhin begriff er, da� die Firma mit mehreren gro�en Molkerei-Genossenschaften verzankt war und da� eine andere Firma in Norwegen, Schweden, D�nemark, Deutschland und Holland bessere und billigere Butter verkaufte als Lefuet. Aus diesem Grunde flogen sie jetzt zu dem Schlo� in Mesopotamien. Dort wollte der Baron �die Sachlage kl�ren� und �Ma�nahmen ergreifen�. Zwei andere Herren waren jetzt ebenfalls im Flugzeug unterwegs zu dem Schlo�. Der eine Herr, ein Mister Penny, kam aus London, der andere, Senhor van der Tholen, aus Lissabon.</p><p>Als das Flugzeug bereits die kahlen Hochfl�chen Anatoliens �berflog, sprach der Baron immer noch von Buttersorten und Butterpreisen. Dabei redete er von �Verkaufsfront�, �Konsumenten-Etappe� und �angriffiger Werbekampagne�, als sei er ein General, der eine Schlacht gewinnen m�sse.</p><p>Um auch irgend etwas dazu zu sagen, bemerkte Timm, als der Baron eine Pause machte: �Bei uns zu Hause gab es immer nur Margarine.�</p><p>�Margarine ist kein Gesch�ft und als Brotaufstrich eine Zumutung�, brummte Lefuet.</p><p>�Sie wurde aber nicht nur aufs Brot geschmiert�, berichtigte Timm. �Bei uns wurde damit auch gebacken, gebraten und gesotten.�</p><p>Jetzt wurde der Baron aufmerksam. �F�r Sie war die Margarine also Schmalz, �l, Backfett und Butter in einem, wie?�</p><p>Timm nickte. �Ich glaube, allein in unserer Gasse wurde jeden Tag mindestens ein Zentner Margarine verbraucht.�</p><p>�Das ist interessant�, murmelte Lefuet. �Das ist hochinteressant, Herr Thaler! Ausweichman�ver mit Margarine und Gel�ndegewinn auf dem Buttermarkt. Das ist beinah genial. Aber wie?�</p><p>Der Baron versank in Nachdenken, er schien auf seinem Sitz f�rmlich in sich zusammenzusinken. Und das war Timm lieb; denn unter sich sah er in den Falten des Gebirges aus verschiedenen Richtungen Eselkarawanen ziehen, die alle einem Punkt zustrebten, anscheinend einem Ort, an dem Markttag war. Der Pilot flog des Jungen wegen sehr niedrig, und so konnte Timm auch die Eseltreiber und -treiberinnen ziemlich deutlich erkennen. Da er die Gesichter nur als helle Scheiben mit oder ohne Schnauzbart sah, beurteilte er die Leute da unten nach ihrer Kleidung, und die war f�r seine Augen so absonderlich, da� diese Menschen ihm vorkamen wie seltsame fremde Tiere, die man in zoologischen G�rten sieht. Nat�rlich war das gro�er Unsinn; denn wenn die Leute da unten frisiert und gekleidet gewesen w�ren wie zum Beispiel die Leute in Timms Geburtsstadt, h�tte der Junge nichts Absonderliches an ihnen gefunden au�er vielleicht ihre etwas dunklere Hautf�rbung. Aber bei einem vierzehnj�hrigen Jungen, der unvorbereitet in ferne L�nder entf�hrt wird, ist eine unrichtige Meinung �ber nie zuvor gesehene V�lkerst�mme begreiflich und erkl�rlich. Im �brigen sollte Timm sehr bald am Beispiel Selek Beis lernen, neue Bekannte und andere V�lker nicht vorschnell zu beurteilen.</p><p>Dieser Selek Bei kam aus einem Olivenw�ldchen herausgeritten, als das Flugzeug in einem hochgelegenen flachen Tal gelandet und Timm als erster ausgestiegen war. Lefuet begr��te ihn ungew�hnlich h�flich auf arabisch. Unter dem Verbeugen fl�sterte er dem Jungen zu: �Er ist ein gro�er Kaufherr und das Oberhaupt der Yeziden. Er hat in Ihrer Heimatstadt studiert. Gleich wird er anfangen, deutsch mit uns zu reden. Behandeln Sie ihn ehrerbietig, und verneigen Sie sich tief.�</p><p>Selek Bei wandte sich jetzt an Timm, der nicht wenig verwirrt war. Der b�rtige Greis trug eine Kleidung, deren einzelne Teile der Junge erst nach und nach erkannte. Da war ein Hemd, ein Wams, ein Rock und ein �berrock, dazu ein farbiges Tuch, das um den Bauch geschlungen war, und schlie�lich ein Rock, wie ihn Frauen tragen, unter dem geschlungene Beinkleider sichtbar waren. Das alles war von pr�chtigster Farbigkeit, in der das Rostrot vorherrschte. Das dunkle Gesicht Selek Beis war eckig, aber fast ohne Falten. Unter schwarzen Brauen sa�en blaue Augen.</p><p>�Ich nehme an, junger Herr, Sie sind der ber�hmte Erbe, von dem die Zeitungen berichten�, sagte er in erstaunlich gutem Hochdeutsch. �Ich begr��e Sie und w�nsche Ihnen Gottes Segen.�</p><p>Der Greis verbeugte sich, und Timm tat das gleiche. Seine Verwirrung steigerte sich; denn dieser Mann, der ihm Gottes Segen w�nschte, war das Oberhaupt der sagenhaften Teufelsanbeter. Obendrein schien sich hinter dieser Gestalt, die f�r Timms Augen beinahe eine Figur aus dem Panoptikum war, ein sehr gebildeter Herr zu verbergen. Der Augenschein und die Wirklichkeit unterschieden sich so sehr voneinander wie eine Wachsblume von einer lebendigen Rose. Das eben war es, was Timm verwirrte. Aber der Junge hatte l�ngst gelernt, seine Gef�hle zu verbergen. H�flich antwortete er dem alten Selek Bei: �Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Der Baron hat mir schon viel von Ihnen erz�hlt.� (Das stimmte zwar nicht; aber Timm hatte solche h�flichen Schwindeleien jetzt oft geh�rt und machte sie nach.)</p><p>Eine offene vierr�drige Kutsche, die von zwei Pferden gezogen wurde, brachte sie zum Schlo�. Selek Bei ritt nebenher und unterhielt sich dabei mit dem Baron auf arabisch.</p><p>Als die Kutsche um das Olivenw�ldchen bog, lag das Schlo� vor ihnen, das einen sanften Abhang kr�nte.</p><p>Es war ein Monstrum, ein backsteinernes Spektakel mit Zinnent�rmchen und Regenwasser speienden Drachenk�pfen am Ende der Dachrinnen.</p><p>�Glauben Sie, bitte, nicht, ich h�tte diese Scheu�lichkeit gebaut�, wandte der Baron sich an Timm. �Ich habe das Ding einer verschrobenen englischen Lady abgekauft, weil dieser Winkel der Welt mir gef�llt. Nur der Park wurde von mir angelegt.�</p><p>Dieser Park, der in Terrassen den Abhang hinabstieg, war auf franz�sische Art angelegt. Die zu Kegeln, W�rfeln und Kugeln geschnittenen B�ume und B�sche mu�ten mit Zirkel und Lineal gepflanzt worden sein, so schnurgerade waren die Alleen, so peinlich gezirkelt die Rondells. Jede Terrasse bildete ein anderes Ornament. Die Wege schienen mit einer Art rotem Kies bestreut zu sein.</p><p>�Wie gef�llt Ihnen der Park, Herr Thaler?�</p><p>Timm, der so viel beschnittene Natur einfach bl�dsinnig fand, antwortete: �Er ist eine gut gel�ste Rechenaufgabe, Baron!�</p><p>Lefuet lachte. �Sie umschreiben Ihre Abneigung sehr h�flich, Herr Thaler. Ich mu� sagen, Sie entwickeln sich vortrefflich.�</p><p>�Wenn ein so junger Mensch nicht sagt, was er meint, entwickelt er sich schlecht�, mischte sich Selek Bei vom Pferde aus ins Gespr�ch. Er sagte es ziemlich laut, um das R�derrasseln zu �bert�nen.</p><p>Lefuet antwortete ihm auf arabisch, und zwar in ziemlich scharfem Tone, wie es Timm schien. Der Reiter gab keine Antwort. Er sah den Jungen nur mit einem langen, nachdenklichen Blick an. Kurz darauf verabschiedete er sich und ritt in scharfem Trab um den H�gel herum auf ein fernes Gebirge zu.</p><p>Der Baron sah ihm nach und sagte: �Ein kluger Kopf, aber schrecklich moralisch. Er hat in den ausl�ndischen Zeitungen gelesen, da� ich das Grab des Hirten Ali f�r mein eigenes ausgegeben und mich kurzerhand in meinen Zwillingsbruder verwandelt habe. Er wird dar�ber schweigen, aber er verlangt, da� ich als Bu�e seinen Gl�ubigen einen neuen Tempel baue. Es wird mir wohl nichts anderes �brigbleiben.�</p><p>�Wenn ich k�nnte, w�rde ich jetzt dar�ber lachen�, erwiderte Timm ernst.</p><p>An seiner Stelle lachte der Baron. Er lachte kullernd und mit einem Schlucker am Schlu�. Und diesmal bedr�ckte es Timm nicht. Der Junge war sogar zufrieden dar�ber, da� er sein Lachen fortan stets in greifbarer N�he haben werde. Er meinte, so k�nne er bei passender Gelegenheit schnell danach greifen. Er merkte nicht, da� das ein Irrtum war. Timm richtete sich darauf ein, den Baron bis auf weiteres zu begleiten.</p><p>Die Kutsche hielt jetzt unterhalb der Treppe, die von Terrasse zu Terrasse bis hinauf zum Schlo� f�hrte. Von hier unten sah sie riesenhaft aus, fast so, als ob sie kein Ende n�hme. Das Seltsamste an ihr waren aber die Hunde: steinerne Hundestandbilder, die links und rechts auf den einzelnen Stufen standen und starr und stumm ins Tal hinausglotzten. Es mu�ten Hunderte von Hunden sein, die da standen: Pinscher, Dackel, Setter, Foxe, afghanische Windhunde, Chow-Chows, Spaniels, Boxer und Spitze und M�pse. Sie alle bestanden aus glasierter, heftig bemalter Keramik, so da� sich ein buntes Gewimmel links und rechts der Treppe bis zum Schlo� hinaufzog.</p><p>�Die alte Lady war eine Hundeliebhaberin�, erkl�rte der Baron. Und Timm antwortete: �Das sieht man.�</p><p>Lefuet wollte dem Kutscher gerade Anweisung geben, auf dem Serpentinenweg links der Treppe zum Schlo� hinaufzufahren, als hinter einer Bulldogge aus Keramik auf halber H�he der Treppe ein Mann erschien und ihnen zuwinkte.</p><p>�Das ist Senhor van der Tholen�, sagte Lefuet. �Steigen wir aus und hinauf zu ihm. Ich m�chte ihn mit meinen Margarinepl�nen �berraschen. Der wird staunen.�</p><p>Sie stiegen aus, und der Baron rannte fast die Stufen hinauf. Timm kam langsam hinterher and betrachtete dabei die glasierten Hunde. Ihn interessierten Margarinegespr�che nicht. Er konnte ja noch nicht ahnen, eine wie wichtige Rolle in seinem Leben die Margarine spielen w�rde.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Zweiundzw anzigster Bogen. </emphasis>Senhor van der Tholen</p></title><p>Die Inneneinrichtung des Schlosses bewies, da� der Baron, der so gern Kunstausstellungen besuchte, wirklich Geschmack besa�. Alle Einrichtungsgegenst�nde bis hinab zu T�rdr�ckem, Aschenbechern und Badematten waren einfach und sch�n und vermutlich sehr teuer. Timms Zimmer war ein behaglicher, halbrunder Raum in einem Turm. Vom Fenster aus �bersah man den Park und das Tal mit dem Olivenw�ldchen. Auch den kleinen Flugplatz konnte man sehen. Er war vorschriftsm��ig mit einer lampenges�umten Rollbahn, mehreren Hangars f�r die Flugzeuge und einem langgezogenen Flachbau f�r Funker, Wetterfr�sche und �briges Personal ausgestattet.</p><p>Als der Junge aus dem Fenster blickte, sah er zwei Flugzeuge auf dem Platz. Ein drittes landete gerade, und ein buntgekleideter Reiter stand unbeweglich vor der wei�en Stirnwand des Flugplatzgeb�udes. Es mu�te Selek Bei sein.</p><p>Pl�tzlich h�rte der Junge halblaut seinen Namen rufen: �Herr Thaler!�</p><p>Timm wandte sich vom Fenster ab und �ffnete die T�r. Drau�en stand Senhor van der Tholen, mit dem er am Tag zuvor nur kurz auf der Hundetreppe gesprochen hatte, weil der Baron fast ohne Atempause von Margarine geschwatzt hatte.</p><p>�Kann ich mit Ihnen sprechen, ohne da� der Baron etwas davon erf�hrt, Herr Thaler?�</p><p>�Ich werde dem Baron nichts sagen, wenn Sie es w�nschen. Aber wo ist er jetzt?�</p><p>�Er f�hrt gerade zum Flugplatz, um Mister Penny abzuholen.�</p><p>Senhor van der Tholen war inzwischen ins Zimmer getreten und hatte sich in einen Schaukelstuhl aus Rohr gelegt. Timm schlo� die T�r und setzte sich auf eine Eckbank, die es ihm erlaubte, gleichzeitig aus dem Fenster und ins Zimmer zu blicken.</p><p>Van der Tholen, das hatte Timm schon bei der ersten Begegnung gemerkt, war kein redseliger Mann. Man sah das seinem Mund an: Er war ein Strich, dessen Enden kaum sichtbar nach oben gebogen waren, ein geschlossenes Haifischmaul.</p><p>�Ich komme zu Ihnen, weil der Erbschaftsvertrag noch nicht ausgefertigt ist�, sagte der Portugiese mit dem holl�ndischen Namen. �Es handelt sich um die Stimm-Aktien des Barons. Kennen Sie sich mit Aktien aus?�</p><p>�Nein�, antwortete der Junge am Fenster. (Er sah gerade, wie die Kutsche des Barons zum Flugplatz rollte.)</p><p>Senhor van der Tholen schaukelte jetzt in seinem Rohrstuhl langsam vor und zur�ck. Seine wasserblauen Augen hinter den Brillengl�sern sahen Timm ruhig an. Es war ein k�hler, aber kein stechender Blick.</p><p>�Also mit den Aktien ist es so... � (Der Baron in der Kutsche hatte sich umgedreht und winkte Timm zu. Der Junge winkte zur�ck.)</p><p>�Aktien sind Kapitalanteile, die...� (Jetzt kam in den Reiter vor der wei�en Wand Bewegung. Selek Bei ritt Lefuets Kutsche entgegen.)</p><p>�Nein, ich will es Ihnen mit einem Bild erkl�ren. H�ren Sie mir auch zu?�</p><p>�Ja�, sagte Timm und wandte den Blick vom Fenster ab.</p><p>�Also stellen Sie sich vor, Herr Thaler, es wird ein Obstgarten angelegt.� (Kopfnicken des Jungen.) �Weil nun der Mann, der ihn anlegen will, nicht genug Geld hat, um all die jungen B�ume zu kaufen, l��t er selber nur einen Teil des Gartens bepflanzen; die �brigen Baumpflanzen werden von anderen Leuten gekauft und eingepflanzt. Wenn nun die B�ume wachsen und Fr�chte tragen, bekommt jeder, der B�ume gepflanzt hat, so viel von den Fr�chten ab, wie es seinem Anteil an den B�umen entspricht, und zwar in jedem Jahr neu.�</p><p>Timm begann laut zu rechnen: �Wenn ich also von hundert B�umen zwanzig gepflanzt habe, und es werden hundert Zentner �pfel geerntet, dann bekomme ich zwanzig Zentner davon ab. Ist das richtig?�</p><p>�Nicht ganz! � Senhor van der Tholen l�chelte kaum merklich. �Es m�ssen ja auch die G�rtner und Arbeiter bezahlt werden. Und B�ume, die nicht angegangen sind, m�ssen durch neue ersetzt werden. Aber ich denke, Sie haben jetzt ungef�hr verstanden, was Aktien sind.�</p><p>Timm nickte. �Aktien sind die B�ume des Gartens, die ich gepflanzt habe. Sie sind mein Anteil am Garten und an den Fr�chten.�</p><p>�Sehr gut, Herr Thaler.�</p><p>Senhor van der Tholen schaukelte schweigend, und Timm blickte wieder aus dem Fenster. Die Kutsche kehrte bereits vom Flugplatz zum Schlo� zur�ck. Selek Bei ritt wie am Tage zuvor nebenher. An Lefuets Seite sa� ein gro�er, f�lliger Herr mit einer Glatze.</p><p>�Der Baron kommt schon zum Schlo� zur�ck, Senhor van der Tholen.�</p><p>�Dann will ich Ihnen kurz meine Bitte vortragen, Herr Thaler. Der Erbschaftsvertrag ist so abgefa�t, da� der neue Baron... �</p><p>�Wieso der neue Baron?� unterbrach ihn Timm. Dann aber merkte er am Gesicht des H�ndlers, da� der vom Geheimnis des Barons nichts wu�te. Also f�gte der Junge hinzu: �Entschuldigung, da� ich Sie unterbrochen habe.�</p><p>Obwohl van der Tholen ihn mit angehobenen Brauen musterte, als erwarte er eine Erkl�rung f�r die seltsame Frage, sagte Timm nichts mehr. So fing Senhor van der Tholen noch einmal von vom an: �Der Erbschaftsvertrag ist so geschickt abgefa�t, da� der neue Baron Ihnen den gesamten Besitz wieder streitig machen kann, wenn er will. Nun, das ist seine und Ihre Sache. Mich interessieren dabei nur die Stimm-Aktien.�</p><p>Timm sah durchs Fenster, wie Kutsche und Reiter am Fu� der Treppe verhielten. Die Herren schienen ein lebhaftes Gespr�ch miteinander zu f�hren.</p><p>�Was sind Stimm-Aktien?� fragte der Junge.</p><p>�In unserer Gesellschaft, Herr Thaler, gibt es ein paar Aktien im Wert von etwa zwanzig Millionen portugiesischen Escudos. Wer die besitzt, hat Stimmrecht im Verwaltungsrat. Er allein entscheidet, was geschieht, und sonst niemand.�</p><p>�Und erbe ich diese Stimm-Aktien, Senhor van der Tholen?�</p><p>�Einen Teil, junger Herr. Die �brigen geh�ren Selek Bei, Mister Penny und mir.�</p><p>(Mister Penny war offensichtlich der f�llige Glatzkopf, der jetzt mit Lefuet und Selek Bei langsam die Schlo�treppe hinaufschritt.)</p><p>�Und Sie wollen mir meine Stimm-Aktien abkaufen?�</p><p>�Das k�nnte ich gar nicht, weil der Baron dar�ber verf�gt, bis Sie einundzwanzig sind. Aber sollten Sie das einundzwanzigste Lebensjahr erreichen und die Erbschaft in aller Form antreten, dann w�rde ich Ihnen die Aktien gern abkaufen. Daf�r biete ich Ihnen</p><p>heute schon eine beliebige Firma unseres Unternehmens an. Diese Firma w�rde Ihnen auch dann geh�ren, wenn die Erbschaft aus irgendeinem Grunde f�r ung�ltig erkl�rt werden w�rde.�</p><p>Der Portugiese erhob sich aus dem Schaukelstuhl. Sein Mund war wieder das geschlossene Haifischmaul. Er hatte f�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich viel geredet. Nun war es an Timm, etwas zu sagen.</p><p>Er sagte: �Ich werde mir Ihren Vorschlag �berlegen, Senhor van der Tholen.�</p><p>�Tun Sie das, junger Herr! Sie haben drei Tage Zeit.� Damit verlie� der Kaufmann den Jungen.</p><p>Als Timm aus dem Fenster blickte, war die Schlo�treppe leer.</p><p>Hier sa� nun im Turm zimmer eines Schlosses im hohen Mesopotamien ein Junge namens Timm Thaler, vierzehn Jahre alt und aufgewachsen in einer Gro�stadtgasse, ein Knabe ohne L�cheln, aber an Macht und Reichtum ein k�nftiger K�nig, falls ihm an dieser Krone etwas lag.</p><p>Obwohl Timm das Ausma� seines Reichtums noch gar nicht kannte, wu�te er doch schon, da� eine riesige Flotte von Schiffen unter dem Namen des Barons die Meere befuhr. Er ahnte, da� die gro�en M�rkte der Welt - wie jener in Athen - seinem Reichtum tagt�glich neue Reicht�mer hinzuf�gten; und er sah eine ganze Armee von Direktoren, Unterdirektoren, Angestellten und Arbeitern, Hunderte, Tausende, vielleicht Zehntausende, die ausf�hrten, was er befahl. Diese Vorstellung war ein Kitzel. Wenn Timm daran dachte, da� er einmal einen l�cherlichen Kampf um den Platz f�r seine Schularbeiten hatte k�mpfen m�ssen, wenn er daran dachte, wie klein und unbedeutend Presidents vom Wasserwerk ihm gegen�ber geworden waren, dann kam er sich hier oberhalb des seltsamen, aber doch pr�chtigen Parks wie jener einsame bayerische M�rchenk�nig vor, von dem eine �ltliche Lehrerin in der Geschichtsstunde geschw�rmt hatte. Timm tr�umte, da� er in einer goldenen Kutsche, begleitet von Selek Bei zu Pferde, vor Frau Bebbers B�ckerladen vorf�hre - unter den Augen einer maulaufsperrenden Nachbarschaft.</p><p>Der Junge im Turmzimmer verga� f�r eine Weile sein verlorenes Lachen und tr�umte den Traum vom K�nigsein.</p><p>Die Wirklichkeit sah anders aus. Die Wirklichkeit hie� Margarine und sollte ihn an sein verlorenes Lachen deutlich genug erinnern.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Dreiundzwanzigster Bogen. </emphasis>Die Sitzung</p></title><p>Es gab im Schlo� einen holzget�felten Beratungsraum, in dem ein langer Tisch stand, der von schweren Armsesseln umgeben war. Wenn man in die T�r trat, fiel der Blick auf ein Gem�lde in breitem Goldrahmen, das an der Stirnwand des Raumes hing. Es war ein ber�hmtes Selbstbildnis des Malers Rembrandt, von dem die Welt glaubte, es sei in einem Kriege verlorengegangen.</p><p>Unter diesem Bildnis, am Kopf des Tisches, sa� der Baron. Links von ihm sa�en Selek Bei und Timm Thaler, rechts von ihm Mister Penny und Senhor van der Tholen. Man sprach - diesmal ganz offiziell - �ber �die Lage auf dem Buttermarkt�. Und Timms wegen sprach man deutsch. (Obwohl Mister Penny Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hatte.)</p><p>Am Anfang der Sitzung (denn eine Besprechung dieser Art nennt man Sitzung, so als ob das Sitzen dabei die Hauptsache w�re), am Anfang der Sitzung also hatte Mister Penny n�chtern und gesch�ftsm��ig gefragt, ob Timm Thaler zuk�nftig an allen geheimen Beratungen teilnehmen solle. Selek Bei war daf�r gewesen; aber die �brigen Herren hatten sich dagegen ausgesprochen. Der Junge sollte nur an dieser Sitzung teilnehmen; erstens, um ein wenig mit dem Unternehmen vertraut zu werden, zweitens, weil er �ber den Verbrauch von Margarine in seiner Gasse berichten sollte.</p><p>Aber zun�chst sprach man �ber die Scherenschleifer von Afghanistan, und das war seltsam genug. Timm erfuhr aus dem Hin und Her des Gespr�chs das Folgende: Die Baron-Lefuet-Gesellschaft hatte in Afghanistan etwa zwei Millionen sehr billiger Messer und Scheren verschenkt, aber nicht aus purer Menschenliebe, sondern um dabei etwas zu verdienen. Diese Messer und Scheren kosteten die Gesellschaft n�mlich h�chstens f�nfzehn Pfennig. Das Schleifen aber kostete zwanzig Pfennig, und da es keine guten Messer und Scheren waren, mu�ten sie mindestens zweimal im Jahr geschliffen werden. Nun waren aber alle Scherenschleifer in Afghanistan Angestellte der Gesellschaft des Barons, und ein gewisser Ramadulla, ehemals ein gef�rchteter R�uber und Wegelagerer, hielt sie in strenger Zucht. Er versorgte sie mit Schleifsteinen und Kunden, verlangte daf�r aber so viel von ihren Einnahmen, da� er die H�lfte dessen, was die Scherenschleifer verdienten, an die Gesellschaft des Barons abgeben konnte. Was dabei noch f�r die Scherenschleifer �brigblieb, kann man sich leicht vorstellen.</p><p>Demn�chst sollte nun in Afghanistan auch noch f�r die Scherenschleifer geworben werden. Und das konnte man in einem so armen Lande nicht mit Radios oder Zeitungen oder Plakaten tun; denn die wenigsten Afghanen konnten lesen, und Radios gab es kaum. Deshalb hatte man Stra�ens�nger bezahlt, die das Lied vom Scherenschleifer singen mu�ten. In diesem Lied, �ber das die Herren sich lange unterhielten, wurde nicht etwa die Kunstfertigkeit der Schleifer gelobt, sondern es wurde ihre Armut besungen, damit die Leute bei ihnen aus Mitleid ihre Messer und Scheren schleifen lie�en. In Deutsch hatte das Lied etwa folgenden Wortlaut:</p><p><emphasis>Er dreht und dreht den Schleifstein,</emphasis></p><p><emphasis>Der arme Scherenschleifer,</emphasis></p><p><emphasis>Er dreht und dreht und dreht ihn</emphasis></p><p><emphasis>F�r zwanzig Pfennig nur.</emphasis></p><p><emphasis>Er zieht und zieht durchs St�dtchen,</emphasis></p><p><emphasis>Der arme Scherenschleifer.</emphasis></p><p><emphasis>Bringt Messer her, ihr M�dchen,</emphasis></p><p><emphasis>Damit er schleifen kann.</emphasis></p><p>Die letzte Strophe sollte zeigen, wie gl�cklich der Schleifer ist, wenn man ihm Scheren und Messer bringt:</p><p><emphasis>Nun schleift und schleift und schleift er,</emphasis></p><p><emphasis>Der frohe Scherenschleifer.</emphasis></p><p><emphasis>Habt Dank, ihr guten Leute!</emphasis></p><p><emphasis>Nun kauft er Brot und Wein.</emphasis></p><p>Da� die armen Scherenschleifer ihren Hauptgewinn an Ramadulla abgaben und da� dieser wiederum den gr��ten Teil des Geldes in dieses Schlo� schaffte, verschwieg das Lied.</p><p>Timm dachte an den alten Mann mit der taubstummen Tochter, der in seiner Gasse die Messer und Scheren geschliffen hatte, und fragte sich im stillen, ob dieser Alte wohl auch seinen Gewinn mit irgendeiner Gesellschaft teilen mu�te. Der Junge war bedr�ckt bei dem Gedanken an dieses schmutzige K�nigreich, das er erben sollte; und Selek Bei schien die Gedanken des Jungen zu erraten. Er sagte: �Der junge Herr scheint die Methoden der Gesellschaft nicht zu billigen. Er ist vermutlich der Meinung, da� der R�uber Ramadulla sein Gewerbe nicht gewechselt hat, sondern nur etwas zivilisierter r�ubert als vorher. Nun, meine Herren, dieser Meinung bin ich auch.�</p><p>�Uir kennen Ihre Meinung�, sagte Mister Penny trocken. Aber der Baron erg�nzte lebhaft: �Wenn man in einem von R�ubern geplagten Lande die R�uber zivilisiert, Selek Bei, hat man schon einen gro�en Fortschritt erzielt. Sp�ter, wenn das Land dank unserer Mithilfe zu einem Lande mit Recht und Ordnung geworden ist, werden nat�rlich auch unsere Verkaufsmethoden absolut gesetzlich.�</p><p>�Dasselbe�, antwortete Selek Bei ruhig, �erkl�rten Sie mir, als wir �ber die menschenunw�rdigen L�hne in den Zuckerrohrplantagen eines gewissen s�damerikanischen Landes sprachen. Jetzt hat dieses Land mit Hilfe unseres Geldes einen Dieb und M�rder zum Pr�sidenten, und die Verh�ltnisse sind noch schlimmer geworden!�</p><p>�Aber diese President achten die Religion�, warf Mister Penny ein.</p><p>�Dann ist mir ein menschlicher Pr�sident ohne Religion lieber�, brummte Selek Bei.</p><p>Jetzt ergriff Senhor van der Tholen zum erstenmal das Wort: �Meine Herren, wir sind doch einfache Kaufleute, die mit der Politik nichts zu tun haben. Hoffen wir, da� die Welt sich bessert, damit wir alle wie gute Freunde Handel treiben k�nnen. Und kommen wir zur Hauptsache: zur Butter.�</p><p>�Vielmehr zur Margarine�, verbesserte der Baron lachend und fing sofort an, einen langen Vortrag zu halten, der seinen Reden im Flugzeug glich. Er sprach nicht wie ein freundlicher H�ndler, sondern wie ein Kriegsherr, der seine Feinde - die anderen Butterh�ndler - in den Staub schmettern will.</p><p>Timm h�rte nur mit halbem Ohre zu. Ihm schwirrte der Kopf. Er fragte sich, warum man in Afghanistan oder S�damerika �berhaupt Gesch�fte machen mu�te, wenn es nur auf so h��liche Weise m�glich war. Er w�nschte sich das K�nigreich des Barons nicht mehr. Er bekam Angst vor Gesch�ften. Selbst der B�ckerladen der dicken Frau Bebber war ihm jetzt nicht mehr ganz geheuer.</p><p>Aber der Junge mu�te noch eine Weile mit den W�lfen heulen; denn jetzt fiel ihm zum Gl�ck wieder sein eigenes wichtiges Gesch�ft ein: der Handel um sein Lachen.</p><p>Der Baron forderte den Jungen auf, alles zu wiederholen, was er ihm im Flugzeug �ber den Verbrauch von Margarine in seiner Gasse erz�hlt hatte.</p><p>Timm tat es, und dann herrschte eine Weile Schweigen im Beratungszimmer.</p><p>�Uir haben uirklich su uenig auf Margarine geachtet�, murmelte Mister Penny.</p><p>�Dabei ist unser Gesch�ft gro� geworden durch die Kleinigkeiten, die die armen Leute brauchen�, erg�nzte Senhor van der Tholen. �Wir haben den Margarinemarkt str�flich vernachl�ssigt. Man m��te ihn irgendwie v�llig neu organisieren.�</p><p>Timm, der wieder ruhiger geworden war, sagte jetzt: �Ich habe mich immer dar�ber ge�rgert, da� die Leute ihre Butter sch�n verpackt in Silberpapier bekamen, w�hrend man unsere Margarine aus dem Fa� kratzte und in billiges Papier klatschte. Wir k�nnten doch den armen Leuten die Margarine auch sch�n verpackt verkaufen. Geld haben wir ja genug.�</p><p>Die vier Herren starrten den Jungen verbl�fft an und brachen pl�tzlich wie auf Kommando in schallendes Gel�chter aus.</p><p>�Herr Thaler, Sie sind unbesahlbar!� rief Mister Penny.</p><p>�Wir hatten die L�sung vor Augen und sahen sie nicht�, lachte der Baron. Sogar Senhor van der Tholen war aufgesprungen und starrte Timm wie ein Wundertier an.</p><p>Der alte Selek Bei war noch am ruhigsten. Deshalb fragte Timm ihn, was denn an seinem Vorschlag so Besonderes gewesen sei.</p><p>�Mein lieber junger Herr�, sagte der Greis feierlich. �Sie haben soeben die Marken-Margarine erfunden.�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Vierundzwanzigster Bogen. </emphasis>Ein vergessener Geburtstag</p></title><p>Was es mit der Marken-Margarine auf sich hatte, begriff Timm langsam an den beiden folgenden Tagen; denn man sprach im Schlo� �ber fast nichts anderes mehr. Selbst die Dienerschaft schien auf arabisch und kurdisch von Margarine zu fl�stern.</p><p>Die Sache war so: Butter wurde seit langer Zeit schon h�bsch verpackt und mit einem Namen verkauft. In Deutschland gab es zum Beispiel die �Deutsche Landbutter� und die �Deutsche Markenbutter�, in Holland gab es die �Nederlandse Botter�. Ein Kaufmann, der damit ein Gesch�ft machen wollte, mu�te sich mit den Molkerei-Genossenschaften gut stellen. Und die Baron-Lefuet-Gesellschaft hatte leider mit den drei gr��ten Molkerei-Genossenschaften Krach bekommen. Nun gaben Tausende kleiner Molkereien ihre Butter nur noch an eine andere Gesellschaft ab, die die Butter �berdies billiger verkaufte als der Baron.</p><p>Mit der Margarine war es anders. Die gab es nicht verpackt und mit einem Namen. Sie war kein �Markenartikel�, sondern wurde in F�ssern und Bottichen an die H�ndler geliefert, und die H�ndler holten mit flachen Holzl�ffeln jeweils so viel Margarine heraus, wie der Kunde verlangte.</p><p>Weil nun die Margarine keinen Markennamen hatte und weil die Fabriken, in denen sie hergestellt wurde, den Kunden unbekannt blieben, kam oft billige, aber schlechte Margarine von kleinen Fabriken auf den Markt; und die gro�en H�ndler hatten es schwer, �den Margarinemarkt in die Hand zu bekommen�, wie Senhor van der Tholen es nannte.</p><p>Das sollte sich nun �ndern. Eine Margarinesorte mit einem Namen und in einer h�bschen Verpackung sollte nach dem Willen der Baron-Lefuet-Gesellschaft �auf den Markt gebracht� werden. Und die Einf�hrung dieser Margarine wurde wie ein Feldzug im Kriege geplant. Alle wichtigen Margarinefabriken mu�ten heimlich aufgekauft werden; alle Sorten mu�ten im Laboratorium untersucht werden; die beste Sorte mu�te auf die billigste Art in jeder dieser Fabriken hergestellt werden; und nicht zuletzt mu�te man eine gro�e Reklame vorbereiten, damit die Hausfrauen statt der teuren Butter die �fast ebenso gute�, aber viel billigere Margarine mit dem Namen kauften. (Die namenlose schlechte Margarine w�rde sozusagen von selbst verdr�ngt werden.)</p><p>Nat�rlich mu�ten all diese Vorbereitungen so schnell wie m�glich und ganz und gar geheim getroffen werden, damit eine andere Handelsgesellschaft der Baron-Lefuet-Gesellschaft nicht zuvorkam. Es wurden in diesen beiden Tagen Telefongespr�che mit fast allen gr��eren St�dten Europas gef�hrt; Telegramme kamen und gingen; und manchmal brachte ein Flugzeug einen Herrn, der sich f�r ein paar Stunden mit dem Baron und den anderen drei Herren im Beratungszimmer verschlo� und noch am selben Tage wieder abflog.</p><p>Timm hatte jetzt viel Zeit f�r sich. Er verbrachte einen halben Tag in seinem Turmzimmer �ber dem Verh�ngnisvollen Vertrag, den er als kleiner dummer Junge im Schatten einer dicken Kastanie unterschrieben hatte. Aber er sah keinen Weg, wieder zu seinem Lachen zu kommen. Zudem hatten all die Gespr�che �ber gro�e Gesch�fte ihn so konfus gemacht, da� er den kurzen Weg nicht sah, der zu seinem verlorenen Lachen f�hrte.</p><p>Aber drei Leute in Hamburg hatten den Weg entdeckt, und ein seltsamer Zufall brachte den Jungen mit diesen Leuten in Verbindung. Der Zufall bediente sich des Telefons:</p><p>Der kleine Apparat in Timms Turmzimmer schrillte, und als der Junge den H�rer abhob, h�rte er eine ferne Stimme, die sagte: �Hier Hamburg. Spreche ich mit dem Baron?�</p><p>Timm verschlug es f�r einen kurzen Augenblick die Sprache. Dann schrie er: �Sind Sie es, Herr Rickert? Hier Timm!�</p><p>Die ferne Stimme wurde nun etwas lauter und deutlicher. Sie rief: �Ja, ich bin�s! Mein Gott, Junge, was haben wir f�r ein Gl�ck! Kreschimir und Jonny waren bei mir. Kreschimir wei�... �</p><p>Leider lie� Timm Herrn Rickert nicht ausreden. In seiner Aufregung schrie er dazwischen: �Gr��en Sie Jonny, Herr Rickert! Und Kreschimir auch! Und auch Ihre Mutter, bitte! Und �berlegen Sie doch... �</p><p>�ber Timms Schulter langte eine Hand nach der Telefongabel und dr�ckte sie nieder. Das Gespr�ch war unterbrochen. Der Junge fuhr in blassem Erschrecken herum. Hinter ihm stand der Baron. In seiner seligen Aufgeregtheit hatte Timm ihn nicht hereinkommen h�ren.</p><p>�Sie sollten Ihre alten Bekannten vergessen, Herr Thaler�, sagte Lefuet ruhig. �Bald werden Sie ein K�nigreich erben, ein K�nigreich des Rechenstifts. Dann regieren die Zahlen und nicht die Gef�hle.�</p><p>Timm wollte sagen: �Ich will mir�s merken, Baron�, wie er es schon so oft gesagt hatte. Aber diesmal war er nicht imstande, sich zu beherrschen. Er legte Arme und Kopf auf das Telefontischchen und weinte. Ganz fern h�rte er, wie jemand sagte: �Lassen Sie mich mit dem Jungen allein, Baron.� Dann Schritte und T�renschlagen. Und dann wurde es still. Nur Timms Schluchzen war zu h�ren.</p><p>Der alte Selek Bei war gekommen. Er setzte sich in die Eckbank am Fenster und lie� den Jungen sich ausweinen.</p><p>Nach einer langen Weile sagte er: �Ich glaube, junger Herr, Sie sind zu weich f�r das harte Erbe.�</p><p>Timm schluckte noch ein paarmal, wischte sich dann mit dem Kavalierstaschentuch aus der Brusttasche die Tr�nen ab und sagte: �Ich will das Erbe gar nicht, Selek Bei.�</p><p>�Was willst du dann, Junge?�</p><p>Es tat Timm gut, da� ihn wieder einmal jemand duzte. Es dr�ngte ihn, Selek Bei von seinem verkauften Lachen zu erz�hlen. Aber dann w�re sein Lachen f�r ewig verloren gewesen. So schwieg Timm.</p><p>�Nun gut�, brummte der Alte. �Der Baron hat viele Geheimnisse. Und eines davon bist du. Es scheint ein h��liches Geheimnis zu sein.�</p><p>Timm nickte und sagte noch immer nichts. Selek Bei lie� das Thema fallen und erz�hlte dem Jungen, auf welche Weise er zu einem der wichtigsten M�nner dieser reichen Gesellschaft geworden war.</p><p>�Man brauchte einen angesehenen Mann f�r das asiatische Gesch�ft. H�tte man einen Mohammedaner genommen, w�ren die buddhistischen L�nder b�se geworden; h�tte man jemand aus dem buddhistischen Bereich gew�hlt, w�ren die Mohammedaner �rgerlich gewesen. Deshalb w�hlte man das Oberhaupt einer kleinen Sekte, die f�r seltsam, aber gro�m�tig gilt. Und das bin ich. Meinetwegen hat der Baron sich auch dieses Schlo� gekauft. Au�erdem interessiert ihn unsere Religion.�</p><p>�Aber vieles, was diese Gesellschaft tut, gef�llt Ihnen doch gar nicht�, sagte Timm. �Warum sind Sie dann in sie eingetreten?�</p><p>�Ich tat es nur unter der Bedingung, da� man mir Stimm-Aktien g�be. Und das hat man getan, mein Junge. Nun habe ich mit zu entscheiden und kann manches verhindern, wenn auch nicht viel. Au�erdem...� Selek Bei begann zu kichern und fuhr im Fl�sterton fort: �Au�erdem arbeite ich mit all den Millionen, die ich verdiene, heimlich gegen die Gesellschaft. In S�damerika bezahle ich eine Armee, die jenen Dieb und M�rder st�rzen wird, dem unsere Gesellschaft zum Pr�sidentensessel verhalf. Und in Afghanistan... �</p><p>Es klopfte an die T�r, und sofort schwieg Selek Bei.</p><p>�Soll ich �ffnen?� fragte Timm leise.</p><p>Der Alte nickte, der Junge ging zur T�r, und dann st�rzte der sonst so ruhige und steife Mister Penny aufgeregt ins Zimmer.</p><p>�Uas bedeuten this damned... �h... dieser verfluchten... �h... �</p><p>�Sprechen Sie englisch�, sagte Selek Bei. �Ich werde es dem Jungen �bersetzen.�</p><p>Nun sprudelte Mister Penny seine Aufregung englisch ins Zimmer. Dann schwieg er pl�tzlich, zeigte auf Timm und sagte zu Selek Bei: �Please, translate it to him! �</p><p>Der Alte bat den Engl�nder ruhig, Platz zu nehmen, und als Mister Penny ersch�pft in den Schaukelstuhl fiel, sagte er zu Timm:</p><p>�Der Baron hat soeben den Direktor Rickert von unserer Hamburger Reederei entlassen. Da Mister Penny den gr��ten Teil der Reederei-Aktien besitzt, verweigert er seine Zustimmung zu der Entlassung. Er behauptet, Rickert sei in Hamburg sehr beliebt, und es werde einen gro�en Skandal geben, der der Reederei schadet. Die Entlassung soll Ihre Schuld sein, sagt Mister Penny.�</p><p>�Meine Schuld?� fragte der sehr blasse Timm erstaunt.</p><p>�Yes, ja, Ihrer Schuld!� Mister Penny fuhr aus dem Schaukelstuhl wieder auf. �Die Baron... �h... der... �h... der die das Baron sagen es.�</p><p>Nat�rlich wu�te Timm, da� die Entlassung des Herrn Rickert mit dem Telefongespr�ch zusammenhing; aber da� der Baron ihm die Schuld zuschob, war eine teuflische Gemeinheit; denn Timm w�re der letzte gewesen, der Herrn Rickert aus seiner Stellung verdr�ngt h�tte.</p><p>Selek Bei verlie� pl�tzlich das Zimmer und sagte im Abgehen zu Mister Penny: �Reden Sie ruhig ein wenig deutsch mit dem jungen Herrn; dann sind Sie gezwungen, langsam und ruhig zu sprechen.� Und fort war er.</p><p>Der schwere Mann aus London plumpste jetzt auf Selek Beis Platz in der Eckbank und st�hnte: �Ich kann nicht verstehen das!�</p><p>Timm hatte zuerst einfach sagen wollen, da� der Baron gelogen habe. Aber das Gespr�ch mit Senhor van der Tholen, �ber das er viel nachgedacht hatte, kam ihm in den Kopf. Und das brachte ihn auf einen Gedanken.</p><p>�Mister Penny�, sagte er, �Sie wissen doch sicher, da� ich eine Menge Stimm-Aktien erbe, wenn ich einundzwanzig bin.�</p><p>�Yes�, schnaufte es in der Eckbank.</p><p>�Wenn ich Ihnen nun in einem Vertrag verspreche, da� Sie diese Aktien bekommen, sobald ich einundzwanzig bin, w�rden Sie mir dann jetzt schon Ihre Aktien der Hamburger Reederei daf�r geben?�</p><p>Mister Penny sa� sehr still in der Ecke. Nur die Augen kniff er ein wenig zusammen. Timm h�rte ihn schwer atmen. Die Frage, die der Engl�nder stellte, klang wie in Keuchen: �Das ist keine Trick, Mister Thaler?�</p><p>�Nein, Mister Penny. Ich meine es genau so, wie ich es gesagt habe.�</p><p>�Dann schlie�en Sie ab der T�r!�</p><p>Das tat Timm. Und dann schlo� er im verriegelten Zimmer mit Mister Penny einen Vertrag, den er genau so geheimhalten mu�te wie den Vertrag mit Lefuet, vielleicht sogar noch mehr, weil der Baron ihn unter keinen Umst�nden sehen durfte. Das einzig �rgerliche war, da� es f�r den Besitzwechsel der Reederei-Aktien eine Sperrfrist gab. Timm konnte sie erst nach einem Jahr erhalten. Aber vielleicht war das ganz n�tzlich f�r die Pl�ne, die Timm in der darauf folgenden schlaflosen Nacht entwarf.</p><p>Es waren f�r einen Jungen von vierzehn Jahren gewaltige Pl�ne. Er beabsichtigte nicht mehr und nicht weniger, als die Gesellschaft des Barons, diese reichste und m�chtigste Firma der Welt,, mit der Hilfe Selek Beis in solche Konfusion zu bringen, da� Lefuet nur zwei M�glichkeiten blieben: entweder dem Jungen das Lachen zur�ckzugeben oder alle Macht und allen Reichtum mit einem Schlag zu verlieren.</p><p>Der Plan war wahnwitzig und selbst dann, wenn Selek Bei mitmachen w�rde, kaum durchzuf�hren. Timm, der eben erst in die Welt der gro�en Gesch�fte hineingerochen hatte, untersch�tzte bei weitem die Stabilit�t einer solchen nach tausend Seiten gesicherten Weltfirma. Er untersch�tzte auch die Herren, mit denen er es zu tun hatte, und er untersch�tzte den Zusammenhalt dieser Leute in Augenblicken der Gefahr. Jeder von ihnen w�rde in jedem Augenblick Frau, Kinder und Eltern ohne Z�gern ins Elend sto�en, wenn er dadurch einen Zusammenbruch der Firma verhindern k�nnte. Lefuet w�rde sogar das Lachen zur�ckgeben.</p><p>Aber Timm war zu klein und zu wenig durchtrieben f�r einen solchen Plan. Sein Lachen war auf viel einfachere Art zur�ckzugewinnen, mit ein paar Worten nur. Doch in der N�he des Barons hatte der Junge das Einfache verlernt. Er blickte um sieben Ecken statt geradeaus.</p><p>Als er um vier Uhr in der Fr�he immer noch nicht schlief, las er noch einmal den Vertrag durch, den er mit Mister Penny geschlossen hatte. Dabei fiel sein Blick auf das Datum: Es war der drei�igste September. Es war sein Geburtstag.</p><p>Timm war f�nfzehn Jahre alt geworden. Der Tag, den andere Jungen dieses Alters mit Kakao und Kuchen und Gel�chter verbracht h�tten, war f�r Timm ein Tag heimlicher Abmachungen und finsterer Pl�ne geworden. Verzweifelte Tr�nen machten aus einem pl�neschmiedenden Verschw�rer wieder einen ungl�cklichen Jungen ohne Lachen und bescherten ihm, als die Augen endlich zufielen, einen beinahe leichten Schlaf.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>F�nfundzwanzigster Bogen. </emphasis>Im Roten Pavillon</p></title><p>Der Tagesablauf im Schlo� war streng geregelt. Morgens Schlag acht Uhr klopfte es an Timms Zimmert�r, und ein junger freundlicher Diener, mit dem der Junge sich leider nicht unterhalten konnte, kam ohne Aufforderung herein, �ffnete die Vorh�nge und holte dann eine Kanne mit hei�em Wasser, die er ins Waschbecken entleerte.</p><p>Wenn Timm sich gewaschen und angekleidet hatte, zog er an einer breiten bestickten Klingelschnur. Dann kam der Diener mit dem Fr�hst�ckstablett, stellte ein Tischchen vor das Fenster, verteilte darauf das Fr�hst�cksgeschirr, go� Kakao in die Tasse, f�gte Zucker und Rahm hinzu, r�ckte einen Stuhl an den Tisch, wartete mit den H�nden an der Lehne, bis der Junge sich setzen wollte, und schob ihm den Stuhl unter. Dann verschwand er beinahe lautlos.</p><p>Am ersten Tag hatte der Diener den Jungen breit angel�chelt. Aber schon vom zweiten Tage an l�chelte er niemals mehr. Er machte ein eher trauriges Gesicht, als ob er Timms Kummer kenne.</p><p>Timm seinerseits lie� alles stumm geschehen. Obwohl er die Anteilnahme des Dieners sp�rte und ihn gem mochte, war er jedesmal froh, wenn die Fr�hst�cks-Zeremonie vor�ber war und er allein am Fenster sa�.</p><p>Am Morgen nach der halb durchwachten Nacht fiel es Timm schwer aufzustehen. Au�erdem war es noch nicht sehr hell; denn drau�en go� es in Str�men. Trotzdem erhob der Junge sich, und das Zeremoniell mit dem Diener lief genau so ab wie an jedem Morgen. Timm hatte als Begleiter des Barons Beherrschung gelernt, Disziplin.</p><p>Beim Fr�hst�ck sah Timm durch das Fenster einen Teil der Schlo�treppe. Die glasierten bunten Hunde gl�nzten im Regen. Trotzdem sahen sie erb�rmlich aus, wie sie da steif und hilflos unter den Wasserschauem ausharrten, in strenger, sinnloser Disziplin. Timm hatte das Gef�hl, einer dieser Hunde zu werden, wenn es ihm nicht bald gel�nge, wieder ein lachender Junge zu sein.</p><p>Das Telefon l�utete. Lefuet war am Apparat. Er bat Timm, um f�nf Uhr den Tee mit ihm einzunehmen. Im Roten Pavillon.</p><p>Timm sagte: �Gut, Baron!� Und fr�hst�ckte weiter. Dabei �berlegte er, was Lefuet wohl f�r ein Anliegen haben m�ge. Bisher war der Baron einfach hinauf ins Turmzimmer gekommen, wenn er den Jungen hatte sprechen wollen. Es mu�te also einen ganz besonderen Grund f�r das Treffen im Pavillon geben.</p><p>Beim Mittagessen, das t�glich um Punkt ein Uhr durch einen Gong angek�ndigt wurde und zu dem Timm �ber eine sch�n geschwungene geschnitzte Treppe zum Speisesaal ins Erdgescho� hinunterging, beim Mittagessen also sagte der Baron nichts �ber die Einladung zum Tee, obwohl der Junge neben ihm sa�.</p><p>Selek Bei, der gew�hnlich erst am Nachmittag in das Schlo� kam, war diesmal schon da und a� mit. Timm hatte den Eindruck, da� an diesem Morgen eine wichtige Besprechung stattgefunden hatte. Aber die Herren schwiegen sich dar�ber aus. Es war �berhaupt das schweigsamste aller Mittagessen im Schlo�.</p><p>Den Nachmittag pflegte man auf den Zimmern zu verbringen. Timm, in dessen Zimmer eine kleine deutsche Bibliothek stand, las meistens. Am liebsten waren ihm die rotbraunen Leinenb�nde im untersten Regal, die Werke von Charles Dickens. Er verschlang die Romane �ber arme ungl�ckliche Kinder wie die Bienenstiche von Frau Bebber. Aber vor dem gl�cklichen Ende einer Geschichte f�rchtete er sich jedesmal. Drei Romane hatte er einfach nicht weitergelesen, weil er merkte, da� die Handlung auf einen gl�cklichen Ausgang zusteuerte.</p><p>Dieser regnerische Nachmittag nun war wie geschaffen f�r das Lesen trauriger Romane. Aber Timm las diesmal nicht. Er sa� in der Eckbank am Fenster, starrte in das graue Tal hinaus, �ber dem der Regen gleichm��ig niederrauschte, und versuchte, die Pl�ne der Nacht in sein Ged�chtnis zur�ckzurufen. Aber sein Kopf war wie entleert. Er konnte nicht denken. Er sah nur den Regen und die traurigen Hunde auf der Treppe und die geschlossene Kutsche, die jeden Nachmittag mit frischen Lebensmitteln von Mosul kam.</p><p>Kurz vor f�nf Uhr kam der junge Diener mit einem Regenschirm ins Zimmer und machte Miene, Timm zum Roten Pavillon zu begleiten. Aber der Junge nahm ihm den Schirm ab und machte durch Zeichen verst�ndlich, da� er allein gehen werde.</p><p>Dann zog er einen leichten Regenmantel an (sie hatten ihn auf dem Markt von Athen gekauft) und verlie� sein Turmzimmer.</p><p>Oberhalb der Treppe stand Selek Bei. Er begr��te Timm mit einem Handschlag und dr�ckte ihm dabei einen F�llfederhalter in die Hand. Obwohl niemand in der N�he war, tat Selek Bei es sehr heimlich. Dabei fl�sterte er: �Unterschreibe hiermit.�</p><p>Ehe Timm etwas fragen konnte, war der Alte wieder verschwunden. Der Junge lie� den F�llhalter in eine Tasche gleiten, stieg die Treppe hinunter und ging durch die Halle auf die gro�e Schlo�t�r zu, die ein alter Angestellter ihm �ffnete.</p><p>Aber bevor Timm hinaustreten konnte in den Regen, rief jemand: �Einen Augenblick, Herr Thaler!�</p><p>Hinter einer S�ule trat Senhor van der Tholen vor. Er winkte dem alten Diener, sich zu entfernen, und fragte dann halblaut: �Haben Sie es sich �berlegt, Herr Thaler? Sie versprechen mir Ihre Stimm-Aktien. Ich schenke Ihnen daf�r ein gro�es Unternehmen.�</p><p>Fast h�tte Timm gesagt: �Ich habe das Gesch�ft schon mit Mister Penny gemacht.� Aber dieser traurige regnerische Nachmittag hatte wenigstens den einen Vorteil, da� er die Gedanken tr�ge machte. So �berlegte Timm erst, ehe er eine Antwort gab; und diese Antwort lautete klugerweise: �Ich kann das Gesch�ft nicht mit Ihnen machen, Senhor van der Tholen.�</p><p>�Schade�, sagte der Portugiese mit unbewegtem Gesicht. Mehr nicht. Dann wollte er gehen, besann sich aber noch einmal und sagte: �Kommen Sie uns wenigstens bei den Margarinepl�nen entgegen, Herr Thaler.� Dann ging er endg�ltig.</p><p>Timm wu�te sich keinen Reim auf die beiden Begegnungen zu machen. Zuerst der geheimnisvolle F�llfederhalter von Selek Bei und nun Senhor van der Tholens unerkl�rliche Bemerkung �ber Timms Mitwirkung an Margarineplanen.</p><p>�Fehlt nur noch, da� mir auch Mister Penny �ber den Weg l�uft�, dachte Timm.</p><p>Und er tat es.</p><p>Als der Junge unter dem Regenschirm die Schlo�treppe hinabging, stand Mister Penny - ebenfalls regenbeschirmt - neben einem triefenden steinernen Windhund.</p><p>�Bitte absolute Stillschweigen �ber unsere kleine Vertrag von yesterday, ich meine: von gestern�, sagte er.</p><p>�Ich will mir�s merken�, sagte Timm wie schon so oft.</p><p>Mister Penny schien noch etwas auf dem Herzen zu haben, konnte sich aber anscheinend nicht entschlie�en, es zu sagen. Nach einem Nicken verlie� er den Jungen und stieg die Treppe hinauf.</p><p>Timm war ratlos. Die Besprechung mit dem Baron mu�te f�r die Herren der Firma eine gro�e Bedeutung haben; sonst h�tten sie ihn kaum der Reihe nach abgepa�t und angesprochen.</p><p>Sehr nachdenklich ging er zum Pavillon.</p><p>Dieser sogenannte Rote Pavillon stand auf der mittleren der Parkterrassen. Sein Name mu�te wohl von dem feuerroten Hahn stammen, der das runde Dach kr�nte, denn der Pavillon selbst war wei�.</p><p>Die beschnittenen B�ume und B�sche sahen aus wie feine Herrschaften, die vom Regen �berrascht worden waren und frierend auf Hilfe warteten. Timm ging ziemlich rasch durch die Allee, die zum Pavillon f�hrte. Der Baron stand bereits in der halbge�ffneten Glast�r und blickte ihm entgegen.</p><p>�Sie haben sich um drei Minuten versp�tet�, sagte er. �Wurden Sie aufgehalten?�</p><p>�Ja�, sagte Timm, und der Baron fragte nicht weiter nach.</p><p>Im runden Pavillonzimmer standen leichte M�bel mit gestreifter Seidenbespannung in Gelb und hellem Braun. Eine Dienerin go� aus einem russischen Samowar den Tee in die Tassen und wollte den Pavillon dann verlassen. Timm sah, da� sie keinen Regenschirm bei sich hatte, und rief: �Moment!� Als die Frau sich umdrehte, gab der Junge ihr seinen Schirm.</p><p>Die Dienerin schien dar�ber beinahe erschrocken zu sein. Halb best�rzt, halb fragend, blickte sie den Baron an. Aber der lachte und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, samt Regenschirm zu verschwinden. Und das tat sie sehr schnell.</p><p>�Ihre kleinen Freundlichkeiten, Herr Thaler, machen Eindruck auf die Leute. Bleiben Sie ruhig dabei; aber �bertreiben Sie es nicht.�</p><p>Der Baron half dem Jungen aus dem Mantel, und man setzte sich.</p><p>�Sehen Sie, Herr Thaler, die Menschen sind in zwei H�lften geteilt, in Herren und in Diener. Unsere Zeit m�chte diese Grenze verwischen; aber das ist gef�hrlich. Es mu� Leute geben, die denken und befehlen, und solche, die nicht denken xmd die die Befehle ausf�hren.�</p><p>Timm trank ruhig seinen Tee, ehe er antwortete. �Als ich noch ein ziemlich kleiner Junge war, Baron, sagte mein Vater mir einmal: Glaube nicht an Herren und Diener, Junge! Glaube nur an kluge und dumme Leute, und verabscheue die Dummheit, wenn sie nicht gutm�tig ist! Ich habe mir das damals in ein Schulheft geschrieben, deshalb wei� ich es noch.�</p><p>�Ihr Vater sagt praktisch dasselbe wie ich, Herr Thaler. Denn die Klugen sind die Herren, die Dummen die Diener.�</p><p>Timm erwiderte: �Selek Bei hat mir erkl�rt, da� in Afghanistan und in S�damerika nur diejenigen die Herren sind, die zuf�llig dazu geboren wurden.�</p><p>�Geburt ist kein Zufall�, brummte Lefuet m�rrisch. �Im �brigen, Herr Thaler, ist Selek Bei ein Kommunist. Trotz seiner Religion. Er wei� es nur nicht. Ich aber wei�, da� er in S�damerika eine Armee bezahlt, die unseren Pr�sidenten st�rzen soll. Und ich wei� auch, da� er in Afghanistan die Scherenschleifer gegen unseren Beauftragten, Ramadulla, aufwiegeln will.�</p><p>�Das wissen Sie?� Timm machte ein so entsetztes Gesicht, da� der Baron hell auflachte.</p><p>�Ich wei� mehr, als Sie ahnen�, rief er lachend. �Ich kenne auch Ihren Vertrag mit Mister Penny, Herr Thaler. Und ich ahne, was f�r ein Angebot van der Tholen Ihnen gemacht hat.�</p><p>Diesmal verschluckte Timm sich am Tee. War denn Lefuet ein Gedankenleser?</p><p>Aber die Erkl�rung f�r die Weisheit des Barons war viel einfacher. Er selbst sagte es dem Jungen: �Jeder Diener in diesem Schlo� ist zugleich mein Detektiv. Haben Sie nicht bemerkt, Herr Thaler, da� auf Ihrem Schreibtisch ein neues L�schblatt liegt?�</p><p>�Nein!�</p><p>�Nun, auf solche Kleinigkeiten sollten Sie achten! Wenn man das alte L�schblatt vor einen Spiegel h�lt, kann man Ihren Vertrag mit Mister Penny ziemlich deutlich lesen.�</p><p>In diesem Augenblick wu�te Timm, da� er dem Baron, was Gesch�fte anging, niemals gewachsen sein w�rde. Die Pl�ne der Nacht l�sten sich auf wie der Dampf aus der Teetasse. Der Junge hatte eine Runde im Kampf um sein Lachen verloren.</p><p>�Werden Sie gegen Selek Bei und Mister Penny etwas unternehmen, Baron?�</p><p>Wieder lachte Lefuet und sagte: �Nein, mein Lieber! Es gen�gt mir, unterrichtet zu sein. Nat�rlich hat es mich ge�rgert, als ich erfuhr, was die beiden taten oder vorhatten. Aber um �rgernisse leicht zu nehmen, daf�r steht mir gl�cklicherweise Ihr Lachen zur Verf�gung. Es erleichtert und befreit mich. Sie sehen, Herr Thaler, da� ich es zu n�tzlichen Zwecken verwende.�</p><p>�Sie scheinen alles in Ihrem Leben nur f�r n�tzliche Zwecke zu verwenden, Baron.�</p><p>�Mit zwei Ausnahmen, Herr Thaler: Mein Interesse f�r Bilder ist zwecklos und ebenso mein Interesse f�r Religi. .. Nein�, unterbrach er sich selbst. �Auch mein Interesse f�r Religion hat einen Zweck.�</p><p>Timm lenkte schnell von diesem Gespr�ch ab; denn er hatte keinen passenden Kronleuchter zur Hand. Er fragte: �Was ist mit dem Vertrag, den ich mit Mister Penny abgeschlossen habe?�</p><p>�Nun, Herr Thaler, ob Mister Penny die Stimm-Aktien bekommt, h�ngt davon ab, ob Sie mit einundzwanzig Jahren tats�chlich mein gesamtes Erbe samt Stimm-Aktien antreten. Der �brige Teil des Vertrages ist selbstverst�ndlich g�ltig. Heute in einem Jahr werden die meisten Aktien unserer Reederei in Hamburg Ihnen geh�ren. Sie m�chten wohl Herrn Rickert wieder in Amt und W�rden einsetzen?�</p><p>�Ja�, sagte Timm, ohne zu z�gern.</p><p>�Nun, hoffentlich ist er n�chstes Jahr noch gesund und munter.�</p><p>Die letzte Bemerkung, die Lefuet ziemlich beil�ufig gesprochen hatte, erschreckte den Jungen. Der Baron war ohne Zweifel zu allem f�hig, auch dazu, Herrn Rickert auf irgendeine Weise umzubringen. Also mu�te Timm so tun, als liege ihm gar nicht viel an Herrn Rickert. Deshalb sagte er: �Es tat mir leid, da� Herr Rickert wegen unseres kleinen Telefongespr�chs seine Stellung verlor. Deshalb machte ich das Gesch�ft mit Mister Penny.�</p><p>Lefuet go� sich aus einer kleinen Kristallkaraffe Rum in den Tee und fragte: �Auch einen Schu�?�</p><p>Timm nickte, der Baron bediente ihn und sagte dann: �Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr Thaler. Nehmen Sie ein Jahr lang keinerlei Verbindung mit Herrn Rickert oder Ihren anderen Freunden in Hamburg auf; dann sorge ich daf�r, da� Ihnen in einem Jahr die Hamburger Reederei-Aktien wirklich geh�ren. Einverstanden?�</p><p>�Ja�, sagte Timm nach kurzem �berlegen. �Einverstanden!�</p><p>Er dachte bei sich: �Ein Jahr ohne Lachen ist lang, aber ein Leben ohne Lachen ist unertr�glich. Ich mu� dieses Jahr durchstehen. An seinem Ende werde ich vielleicht wissen, wie ich den Baron �bert�lpeln kann. Als Gesch�ftsmann kann ich ihm nicht beikommen; aber vielleicht komme ich dem privaten Baron Lefuet auf die Schliche.�</p><p>Als ob er Timms Gedanken erraten habe, sagte Lefuet nun: �Ich schlage Ihnen vor, Herr Thaler, da� wir dieses Jahr f�r eine Weltreise benutzen, die wir gemeinsam und privat unternehmen. Ich schenke Ihnen diese Weltreise zum Geburtstag. �brigens nachtr�glich meinen herzlichen Gl�ckwunsch!� Ein kullerndes Lachen und der Druck einer sehr k�hlen Hand.</p><p>�Danke sehr�, sagte Timm. Dann trank er einen Schluck hei�en Tee.</p><p>�Wissen Sie, da� Sie soeben den Rum des Steuermanns Jonny getrunken haben, Herr Thaler?�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Sie haben in Genua die zwei Flaschen Rum vergessen, die Sie vom Steuermann gewonnen haben. Man brachte sie ins Hotel, und ich lie� sie hierherschaffen, damit Sie auch tats�chlich in den Genu� der gewonnenen Wetten k�men. In Kleinigkeiten bin ich genau.�</p><p>Timm sagte darauf nichts. Er wiederholte in Gedanken wieder einmal Jonnys Spruch:</p><p>�Lehre mich lachen; rette meine Seele, Steuermann! �</p><p>Lefuet unterbrach die Gedanken des Jungen: �Kommen wir zum Gesch�ft, Herr Thaler! Sprechen wir von Margarine.�</p><p>�Gut, Baron, kommen wir zum Gesch�ft!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Sechsundzwanzigster Bogen. </emphasis>argarine</p></title><p>Der Baron war aufgestanden und ging - die H�nde auf dem R�cken - im Pavillon auf und ab. Er hielt dabei eine kleine Rede.</p><p>�Sie wissen, Herr Thaler, da� die von uns geplante Marken-Margarine einen Namen haben mu�, einen attraktiven, einpr�gsamen Namen, der am besten an etwas Bekanntes ankn�pfen sollte. Wir haben lange �ber diesen Namen beraten; denn er ist sehr wichtig. Ein guter Warenname ist bares Geld.�</p><p>Timm nickte. Er begriff noch immer nicht, was das mit ihm zu tun hatte. Aber er sollte es gleich erfahren.</p><p>�Nach allen m�glichen Vorschl�gen...� (der Baron ging weiter auf und ab) �... machte Selek Bei einen Vorschlag, den wir sofort und einstimmig als den weitaus besten akzeptierten. Selek Bei ist -das m�chte ich noch bemerken - trotz seiner merkw�rdigen Ideen ein sehr n�tzlicher Mann f�r uns. Aber das nebenbei. Sein Vorschlag f�r den Margarinenamen lautete: Timm-Thaler-Margarine.�</p><p>Lefuet blieb stehen und blickte den Jungen durch die dunklen Brillengl�ser an, die er jetzt fast immer trug.</p><p>In Timms Gesicht zeigte sich keine Ver�nderung. Der Junge schien den Vorschlag mit Gleichmut, wenn nicht sogar verst�ndnislos aufzunehmen. Deshalb malte der Baron die Folgen aus:</p><p>�Sie m�ssen begreifen, Herr Thaler, da� es noch nirgends auf der Welt Marken-Margarine gibt. Wenn wir schlagartig, �berraschend und mit gro�em Angebot damit auf den Markt kommen, gelingt es uns vielleicht, den Weltmarkt f�r Margarine zu beherrschen. In einigen s�damerikanischen L�ndern werden wir uns sogar das Monopol f�r den Margarinehandel kaufen k�nnen. Das bedeutet, Herr Thaler, da� Ihr Name von New York bis Tokio, von Stockholm bis Kapstadt in aller Munde sein wird. Noch der kleinste Kramladen in einem abgelegenen persischen Dorf wird unter Ihrem Namen Margarine verkaufen. Und �berall wird blau auf gelb das Photo eines lachenden Jungen zu sehen sein: Ihr Photo!�</p><p>Jetzt war Timm ganz und gar gesammelte Aufmerksamkeit. Leise fragte er: �Wie soll ich lachen, wenn ich nicht lachen kann?�</p><p>�Das ist eine zweitrangige Frage, Herr Thaler, auf die ich gleich komme. Zun�chst die Frage: Sind Sie mit dem Margarinenamen einverstanden?�</p><p>Timm lie� sich Zeit mit seiner Antwort.</p><p>Er hatte jetzt begriffen, warum dieser Markenname der Gesellschaft so n�tzlich war. Er, Timm Thaler, war der ber�hmte reiche Erbe, dessen Bild und Name in den Zeitungen der Welt immer wieder erschien. Sein Name w�rde also nicht durch die Margarine bekannt werden, sondern umgekehrt: Sein schon bekannter Name w�rde der Margarine n�tzen.</p><p>�Mu� ich mich bald entscheiden, Baron?�</p><p>�Noch heute, Herr Thaler! In diesem Pavillon! Obwohl die Margarine erst in einem Jahr auf den Markt kommt, m�ssen die wichtigsten Entscheidungen bereits in diesen Tagen getroffen werden. Es mu� unerme�lich viel Geld in die Vorbereitungen gesteckt werden. Wir spielen um einen so hohen Einsatz, da� unsere <emphasis>ganze</emphasis> Gesellschaft bei einem Mi�erfolg vor die Hunde gehen kann.�</p><p>Timm hatte eine Hand in die Jackett-Tasche gesteckt und f�hlte pl�tzlich den F�llfederhalter Selek Beis. Die Bemerkung Lefuets, da� die ganze Gesellschaft durch Margarine vor die Hunde gehen k�nnte, klang in seinen Ohren nach. Wollte Selek Bei mit Hilfe dieses F�llfederhalters die Gesellschaft �vor die Hunde gehen� lassen? War Selek Bei sein heimlicher Verb�ndeter?</p><p>Wie in Gedanken nahm der Junge die F�llfeder aus der Tasche und spielte damit, um sie im rechten Augenblick zur Hand zu haben.</p><p>Timm konnte nicht viel verlieren, wenn eine Margarine seinen Namen trug; aber er konnte m�glicherweise viel gewinnen, wenn Selek Bei auf seiner Seite war. Der Junge entschlo� sich, auf Selek Bei zu vertrauen.</p><p>�Sagen Sie den Herren, Baron, da� ich einverstanden bin!�</p><p>Lefuet atmete h�rbar erleichtert aus. Aber im �brigen blieb er ruhig. �Dann�, sagte er, �w�re wieder einmal ein Vertrag zu unterschreiben. Da ist er!�</p><p>Die Teetasse wurde zur Seite ger�ckt und zwei gleichlautende Vertragsformulare vor Timm auf den Tisch gelegt. Der Baron erwartete, da� der Junge sie zuerst lesen w�rde. Aber Timm, der f�rchtete, Lefuet k�nne ihm eine andere Feder anbieten, unterschrieb sofort. Mit dem F�llfederhalter Selek Beis.</p><p>Dann unterschrieb der Baron jedes Blatt zweimal: einmal im Namen seiner Gesellschaft und einmal als Timms Vormund. Leider achtete der Junge nicht darauf.</p><p>�Trinken wir auf die Timm-Thaler-Margarine, Timm Thaler!� Der Baron nahm von einer kleinen Anrichte zwei geschliffene eckige Schnapsgl�ser und go� Rum hinein.</p><p>Dann klirrten die Gl�ser aneinander. Der Junge wu�te nicht, ob er auf sein Gl�ck oder auf sein Ungl�ck anstie�. (Da� es sich um Jonnys Rum handelte, schien ihm ein gutes Omen zu sein.)</p><p>Baron Lefuet setzte sich wieder und erkl�rte, wie man f�r die Timm-Thaler-Margarine Reklame machen w�rde:</p><p>�Wir werden den Leuten erz�hlen, wie ein armer kleiner Gassenjunge das Herz des reichen Barons ger�hrt hat, wie er von diesem zum Erben eingesetzt wurde und wie er dann daf�r gesorgt hat, da� alle Leute in armen Gassen eine gute und billige Margarine aufs Brot streichen k�nnen.�</p><p>�Aber das sind doch fast lauter L�gen�, begehrte Timm auf.</p><p>�Sie reden wie Selek Bei�, seufzte Lefuet. �Im �brigen ist Reklame niemals eine L�ge, sondern eine Beleuchtungsfrage.�</p><p>�Eine Beleuchtungsfrage, Baron?�</p><p>Lefuet nickte. �Sehen Sie, Herr Thaler, die Tatsachen stimmen doch alle: Sie sind als kleiner Junge in einer armen Gasse aufgewachsen; Sie haben das Erbe des Barons angetreten; und sogar die Marken-Margarine war Ihre Idee. Jetzt kommt es nur darauf an, diese Tatsachen ins rechte Licht zu drehen, und schon ist unser r�hrendes Margarinem�rchen fertig. Es ist eine sehr gute Reklame. Die Konkurrenz wird toben. Aber �berlassen Sie das getrost uns, Herr Thaler. Sprechen wir jetzt von Ihrem Photo.�</p><p>�Von dem Photo des lachenden Jungen?�</p><p>�Eben davon, Herr Thaler. Ich selbst bin ein, wenn auch bescheidener, J�nger der photographischen Kunst und werde diese Aufnahme machen. Es ist schon alles vorbereitet.�</p><p>Lefuet zog einen Vorhang zur Seite, hinter dem Timm eine Art kleiner K�che vermutet hatte. Aber dort stand auf einem Stativ ein Photoapparat und daneben ein Stuhl, �ber dessen Lehne ein abgen�tzter Knabenpullover hing. Das Verbl�ffendste f�r Timm war jedoch der photographische Prospekt im Hintergrund: ein riesenhaftes Photo seiner Gasse. Genau in der Mitte war die T�r zu seiner ehemaligen Wohnung zu sehen. Alles stimmte bis auf die geringsten Kleinigkeiten. Der Junge erkannte sogar die schmale L�cke im Mauerwerk des Nachbarhauses, in der er damals die f�nf Mark versteckt hatte. Selbst den Geruch nach Pfeffer, K�mmel und Anis glaubte er zu sp�ren.</p><p>�Ziehen Sie, bitte, diesen Pullover �ber, und stellen Sie sich vor den Prospekt, Herr Thaler!� Lefuet trug inzwischen den Photoapparat samt Stativ vorsichtig in die Mitte des Pavillons.</p><p>Timm tat alles, um was Lefuet ihn bat, wie im Traum. Bilder der Vergangenheit �berschwemmten seine Gedanken: Der Vater. Die Stiefmutter. Der bleiche Erwin. Die Kuchenfreundin seiner Stiefmutter aus dem Haus ganz links. Frau Bebbers Laden rechter Hand. Die Sonntage. Die Wetten. Das Verh�r am Abend. Ein karierter Herr. Ein Vertrag.</p><p>Der Junge mu�te sich f�r einen Augenblick auf den Stuhl setzen. Lefuet besch�ftigte sich mit dem Photoapparat.</p><p>Endlich war es soweit. Der Baron gab dem Pullover, den Timm jetzt trug, einen absichtlich schlampigen Sitz, brachte die Haare des Jungen ein wenig durcheinander und stellte ihn vor das Gassenphoto. Dann trat er zur�ck und hinter den Apparat.</p><p>�So ist es gut, Herr Thaler! Bleiben Sie dort stehen. Und nun sprechen Sie mir nach: Ich leihe mir mein Lachen nur f�r eine halbe Stunde. Dies verspreche ich bei meinem Leben.�</p><p>�Ich leihe mir mein Lachen... � Timms Stimme versagte.</p><p>Aber sofort kam der Baron ihm zu Hilfe: �Sprechen Sie es in Bl�cken nach. Das ist einfacher. Also: Ich leihe mir mein Lachen... �</p><p>�Ich leihe mir mein Lachen... �</p><p>�... nur f�r eine halbe Stunde.�</p><p>�... nur f�r eine halbe Stunde.�</p><p>�Dies verspreche ich... �</p><p>�Dies verspreche ich... �</p><p>�... bei meinem Leben!�</p><p>�... bei meinem Leben!�</p><p>Kaum hatte Timm das letzte Wort gesagt, als Lefuet seinen Kopf wieselflink unter das schwarze Tuch steckte. Es war wie in der Kasperlkom�die. Timm f�hlte eine unbezwingbare Lust zu lachen und - lachte. Das kullerte aus dem Bauch herauf, kitzelte in der Kehle und entlud sich in einem so f�rchterlichen Gel�chter, da� der Bauch schmerzte und die Augen sich mit Wasser f�llten. Der Pavillon dr�hnte von Timms Lachen, der Stuhl neben dem Jungen bebte, als lache er mit. Die Welt schien sich wieder in ihr Gleichgewicht einzupendeln. Timm Thaler lachte.</p><p>Der Baron blieb unter dem schwarzen Tuch verborgen und wartete das Gel�chter ab. Seine Hand, die sich am Blitzlicht zu schaffen machte, zitterte.</p><p>Timm, der sich nur langsam beruhigte, zog nun eine fr�hliche Grimasse und fragte: �Ist dies das Margarine-L�cheln, das Sie brauchen, Baron?� Ihm war leicht, heiter, �berm�tig zumute. Der Baron kam ihm immer noch wie ein Kasperl vor. Er glaubte nicht an die halbe Stunde; er war �berzeugt, sein Lachen f�r ewig wiederzuhaben. F�r Lefuet unter dem schwarzen Tuch, f�r den Baron ohne Lachen, f�hlte er fast eine Art Mitleid. Selbst die gequetschte Stimme, mit der Lefuet dem Jungen jetzt Anweisungen gab, erregte eher Timms Mitleid als seinen Spott. Gehorsam stellte er das rechte Bein vor, neigte den Kopf etwas zur Seite, l�chelte, sagte auf Lefuets Bitte das Wort �Bienenstich� (in seinem Ged�chtnis klingelte dabei eine Glocke), nahm den Fu� wieder zur�ck und lachte erleichtert auf, als das Blitzlicht flammte.</p><p>�Hoffentlich ist es ein gutes Photo geworden, Baron!� Timm streckte sich nach dem anstrengenden Stillstehenm�ssen ausgiebig und grinste fr�hlich in die Optik des Photoapparates. Lefuet blieb unter dem schwarzen Tuch verborgen. Er erkl�rte mit verdecktem Kopf, auf eine Aufn�hme allein k�nne man sich nicht verlassen. Er m�sse mindestens noch drei Aufnahmen machen.</p><p>�Und das alles f�r ein bi�chen Margarine�, lachte Timm. Aber er sperrte sich nicht, sondern lie� sich gehorsam wie zuvor korrigieren und mit lachendem Mund photographieren.</p><p>Nach der vierten und letzten Aufnahme war Timm so steif vom Posieren und Stillstehen, da� ihm schien, es m�sse mindestens eine Stunde vergangen sein. Da� in Wirklichkeit immer noch zwei Minuten an der versprochenen halben Stunde fehlten, ahnte der Junge nicht. Er begriff auch nicht, warum Lefuet den Kopf immer noch unter dem Tuch verborgen hielt. Deshalb ging er hin, schlug das Tuch zur�ck und fragte unter Lachen: �Stellen Sie etwa im Verborgenen schon Margarine her, Baron?�</p><p>Aber das Lachen verging ihm, als das enth�llte Gesicht ihn von unten herauf ansah, ein b�ses schmallippiges Gesicht mit schwarzen Gl�sern, das Gesicht des karierten Herrn!</p><p>Timm begriff, da� sein eigenes Lachen ihn get�uscht hatte: Dieser Mann gab ihm die lachende Freiheit nicht zur�ck. Dieser Mann war f�rchterlich.</p><p>Aber noch einmal t�uschte das Gel�chter im Bauch den Jungen, dr�ngte nach oben und lie� Timm sp�ttisch ausrufen: �Spielen Sie nicht den Teufel, Baron! Ihr Spiel ist ausgespielt. Sie sehen mich nicht wieder.�</p><p>Mit einem Sprung war der Junge an der Glast�r. Er ri� sie auf und rannte in einem alten Pullover unter str�mendem Regen auf die Parkterrasse hinaus.</p><p>Obwohl ihm der Baron nicht folgte, st�rzte Timm wie besessen in einen schmalen Gang hinein, den hohe Eibenhecken begrenzten. Dieser Gang lief in ein Gewirr anderer G�nge aus.</p><p>Timm lief einmal nach links, dann wieder nach rechts, stand pl�tzlich vor einer dicken, undurchdringlichen gr�nen Wand, rannte zur�ck, landete wieder in einer Sackgasse, st�rzte abermals zur�ck, wischte sich den Regen aus den Augen und verlief sich hoffnungslos in diesen seltsamen G�ngen, die nur einen einzigen Ausgang zu haben schienen: den Eingang.</p><p>Mit einem Male f�hlte Timm sich schwer werden, als stiege schwarzes Wasser in seinen Gliedern auf. Er sp�rte k�rperlich, da� ihn sein Lachen verlie�. Er stand, tropfend zwischen tropfenden gr�nen Gef�ngnisw�nden, wie ein Gel�hmter. Der Regen kullerte in die Pf�tzen zu seinen F��en. Rings ein einziges Rinnen, Platschen und Herunterfallen, ein gro�es, endloses Weinen. Und mitten darin der sehr kleine Timm mit seinem ernsten traurigen Gesicht.</p><p>Aber pl�tzlich war sein Lachen wieder da, das Lachen mit dem Schlucker, wie es sich geh�rte. Der Junge wu�te nicht: Hatte er selbst gelacht, oder steckte sein Lachen zwischen den Eibenw�nden?</p><p>Die Erkl�rung war viel einfacher: Lefuet stand hinter dem Jungen.</p><p>�Sie sind in ein sogenanntes Labyrinth geraten, Herr Thaler, in einen Irrgarten. Kommen Sie, ich f�hre Sie hinaus.�</p><p>Willig lie� Timm dem Baron eine Hand, willig lie� er sich im Pavillon trockenreiben und umkleiden, willig lie� er sich von einem Bedienten unter dem Regenschirm ins Schlo� geleiten.</p><p>Erst im Turmzimmer kam er langsam wieder zu sich. Und diesmal erleichterten keine Tr�nen den Jungen. Diesmal packte ihn eine kalte Wut. Ein hochstieliges rotes Glas, das auf einem Regal stand, zerdr�ckte er mit solchem Ingrimm, da� die Hand zu bluten begann.</p><p>Timm lie� die Scherben einfach auf den Boden fallen, zog an der gestickten Klingelschnur und zeigte, als der Diener erschien, stumm mit der blutenden Hand auf die roten Glasscherben.</p><p>Der Diener r�umte die Scherben fort, wusch und verband die Hand und sagte dann zum erstenmal vier W�rter: �Ich nix Detektiv, bitte!�</p><p>�Vielleicht! Vielleicht auch nicht�, antwortete Timm. �Aber ich danke Ihnen, da� Sie so freundlich zu mir sind.�</p><p>Selek Bei erschien und schickte den Diener hinaus. Dann starrte er auf Timms Hand: �Hast du nicht unterschrieben? Ist etwas geschehen?�</p><p>�Nichts von Bedeutung, Selek Bei. Ich habe unterschrieben.�</p><p>�Wo ist der F�llfederhalter?�</p><p>�Hier in der Tasche. W�rden Sie ihn, bitte, herausholen.�</p><p>Der Alte tat es, und Timm fragte: �Was bedeutet dieser F�llfederhalter?�</p><p>�Er ist mit einer Tinte gef�llt, die langsam verbla�t und nach und nach ganz verschwindet. Wenn unsere Gesellschaft in einem Jahr die Timm-Thaler-Margarine ank�ndigt, wird unter dem Vertrag im Safe Ihre Unterschrift fehlen. Dann k�nnen Sie verhindern, da� die Margarine auf den Markt kommt. Tim Sie es aber erst dann, wenn alle Welt schon �ber die Markenmargarine unterrichtet ist!�</p><p>�Wird die Gesellschaft dadurch vor die Hunde gehen, Selek Bei?�</p><p>Der Alte lachte �ber die Frage. �Nein, mein Junge, daf�r ist sie trotz allem zu stabil. Aber die Gesellschaft wird gewaltige Verluste erleiden. Bis eine neue Sorte da ist, werden die Konkurrenten nicht m��ig sein. Unsere Gesellschaft wird mit der Zeit trotzdem enorm an der Markenmargarine verdienen; aber sie wird niemals den Markt beherrschen.�</p><p>Selek Bei setzte sich nun in die Eckbank am Fenster und sah in den Regen hinaus. Abgewandten Gesichts sagte er: �Ich wei� nicht, ob du und ich den Baron jemals �berlisten werden. Er ist kl�ger als wir beide zusammen. Trotzdem will ich versuchen, dir zu helfen. Unter den H�nden des Barons scheint dir das Lachen vergangen zu sein; und ich m�chte, da� du wieder lachen lernst!�</p><p>Als Timm erschrocken etwas sagen wollte, winkte Selek Bei ab: �Sag lieber nichts, mein Junge! Aber setze auch keine allzu gro�en Hoffnungen in meinen Versuch. Lachen, Timm, ist keine Handelsware wie Margarine. Wer damit handelt, handelt irrig. Um Lachen feilscht man nicht. Lachen verdient man.�</p><p>Das Telefon l�utete. Da die rechte Hand des Jungen verbunden war, ging Selek Bei zum Apparat, hob den H�rer ab, meldete sich, lauschte, verdeckte dann die Sprechmuschel und sagte halblaut: �Ein</p><p>Herr aus Hamburg w�nscht dich dringend zu sprechen!�</p><p>Timm �berlegte blitzschnell. Er hatte versprochen, mit seinen Hamburger Freunden ein Jahr lang keine Verbindung aufzunehmen. Andernfalls w�rde Herrn Rickert vermutlich etwas zusto�en. Also mu�te der Junge seinen alten Freund zu dessen eigenem Wohl verleugnen. Er legte deshalb einen Finger auf die Lippen, und Selek Bei sagte: �Herr Thaler ist bereits abgereist.� Und legte den H�rer auf, aber merkw�rdig z�gernd.</p><p>Kurz darauf verlie� der alte Mann den Jungen, der sich ans Fenster stellte und in den gleichm��ig weiterrinnenden Regen hinaussah.</p><p>In einem Jahr w�rde Timm die Hamburger Reederei besitzen und Herrn Rickert schenken; in einem Jahr w�rde seine fehlende Unterschrift ein K�nigreich aus Margarine in Verwirrung st�rzen; in einem Jahr w�rde er Kreschimir und Jonny, Herrn Rickert und dessen Mutter wiedersehen; in einem Jahr...</p><p>Der Junge wagte nicht, sich das m�gliche Gl�ck auszumalen. Aber er hoffte darauf. Auch hoffte er, dieses Weltreise-Jahr in Begleitung Lefuets ruhig und mit Anstand zu �berstehen.</p><p>Und Hoffnung hi�t Fahnen der Freiheit.</p></section></section><section><title><p>VIERTES BUCH. <emphasis>DAS WIEDERGEFUNDENE LACHEN</emphasis></p><empty-line/></title><epigraph><p><emphasis>Wo der Mensch lacht, hat der Teufel Beine Macht verloren.</emphasis></p><p>Frau Bebber</p></epigraph><section><title><p><emphasis>Siebemindzwanzigster Bogen. </emphasis>Ein Jahr im Flug</p></title><p>Das Welt-Reise-Jahr wurde f�r Timm ein Jahr im Fluge. Es begann in der kleinen zweimotorigen Privatmaschine, die den Jungen und den Baron nach Istanbul flog. Wieder sah Timm dabei Frauen und M�nner, die ihre Esel durch das Gebirge trieben. Aber sie waren ihm nicht mehr fremd wie beim ersten Mal, als er sie gesehen hatte. Ihre Kleidung glich derjenigen Selek Beis und einiger Schlo�bediensteter. Er f�hlte, obwohl er die Leute da unten nicht kannte, da� er sie gern hatte. Er empfand f�r sie Wohlwollen und Mitleid. So wie f�r die Scherenschleifer von Afghanistan.</p><p>In Istanbul blieben die beiden eine Woche lang. Timm begleitete den Baron in Moscheen und Bildergalerien und fand fast eine Art Gefallen an der Reise. Er war durch die Ereignisse im Schlo� f�r eine Weile entmutigt worden, seinem Lachen nachzujagen.</p><p>Zugleich aber n�hrte er die Hoffnung, in einem Jahr werde alles anders werden. Im Gedanken an Selek Bei und seine Freunde in Hamburg f�hlte er eine so ruhige Zuversicht, da� er allen Ernstes glaubte, sein Lachen werde ihm nach dieser Reise von selbst in den Scho� fallen, wie ein reifer Apfel vom Baum f�llt. Diese Hoffnung barg die Gefahr in sich, da� Timm selbst nichts mehr tun w�rde, sein Los zu �ndern, da� er sich mit seiner beklagenswerten Lage abf�nde.</p><p>Aber zugleich hatte Timms �u�erlicher Gleichmut einen Vorteil: Der Baron wiegte sich in Sicherheit. Lefuet glaubte, Timm habe sich mit seinem Los abgefunden, und wurde nachl�ssig in der �berwachung des Jungen. Von Woche zu Woche, von Monat zu Monat wurde er sicherer, da� Timm Thaler wachsenden Gefallen an der Rolle des reichen Erben f�nde und da� er das Leben eines milliardenschweren Weltenbummlers gegen nichts mehr eintauschen werde, nicht einmal gegen sein Lachen.</p><p>Tats�chlich wurde Timm auf dieser Reise seltener an sein verlorenes Lachen erinnert als je zuvor. Auf die sehr reichen Leute nimmt man in den sehr feinen Hotels gro�e R�cksicht. Wenn ein Hoteldirektor sp�rt, da� ein solcher Gast nicht lachen mag, wei� im Handumdrehen das ganze Personal, vom Chefportier bis zum Zimmerm�dchen, da� in der N�he dieses Gastes nicht gelacht werden darf. Und die Folge: Es lacht wirklich niemand in seiner N�he.</p><p>Aber die Welt besteht - auch f�r sehr reiche Leute - nicht nur aus feinen Hotels. Selbst Milliard�re brauchen manchmal frische Luft. Und bei allen Spazierg�ngen, die Timm allein oder in Begleitung des Barons unternahm, merkte der Junge, wie sehr die Welt voll Lachen steckt.</p><p>Nach Istanbul sah Timm ein zweites Mal Athen. Auf Athen folgte Rom, auf Rom Rio de Janeiro, auf Rio folgten Honolulu, San Francisco, Los Angeles, Chicago und New York. Es ging nach Paris, Amsterdam, Kopenhagen und Stockholm, nach Capri, Neapel, Teneriffa, Kairo und Kapstadt. Man flog nach Tokio, Hongkong, Singapur und Bombay; Timm sah den Kreml in Moskau und die Br�cken von Leningrad, er sah Warschau und Prag, Belgrad und Budapest. Und �berall, wo ihr Flugzeug landete, h�rte Timm auf den Stra�en das Gel�chter der Welt: Er h�rte das Lachen der Schuhputzer von Belgrad und der Zeitungsjungen in Rio; die Blumenh�ndler von Honolulu lachten wie die Tulpenfrauen in Amsterdam; es l�chelte der Kesselschmied von Istanbul wie der Wasserverk�ufer in Bagdad; man kicherte und scherzte auf den Br�cken von Prag genau so wie auf den Br�cken von Leningrad; und im Theater von Tokio klatschte und lachte man nicht anders als im Theater auf dem Broadway in New York.</p><p>Der Mensch braucht das Lachen wie die Blume den Sonnenschein. Gesetzt den Fall, das Lachen st�rbe aus: Die Menschheit w�rde ein zoologischer Garten oder eine Gesellschaft von Engeln: langweilig, ernst und von erhabener Gleichg�ltigkeit.</p><p>Timm bewahrte, so ernst er auch erscheinen mochte, den Wunsch und die Sehnsucht, lachen zu k�nnen. Wenn er auch �u�erlich zufrieden schien: Er w�re mit Freuden ein Bettler von New York geworden, h�tte er dadurch einstimmen d�rfen in das Gel�chter der Welt!</p><p>Aber �ber sein Lachen verf�gte ein anderer. Jemand neben ihm, manchmal nur wenige Schritte von ihm entfernt, besa� sein kullerndes Bubenlachen. Und Timm - so schlimm das ist -gew�hnte sich in diesem Jahr beinah daran. Er nahm es hin und k�mmerte sich um andere Dinge. Er lernte.</p><p>Er lernte alles, was ein sogenannter Herr von Welt k�nnen oder wissen mu�. Er konnte auf die appetitlichste Weise Hummer, Fasan und Kaviar essen; er konnte Austern schl�rfen und Champagnerflaschen entkorken; er kannte die gel�ufigsten H�flichkeitsfloskeln von �es hat mich gefreut� bis zu �es war mir eine Ehre und ein Vergn�gen� in dreizehn Sprachen; er kannte die H�he der Trinkgelder in allen ber�hmten Hotels der Welt; er konnte kleine Reden aus dem Stegreif halten und Grafen, Herz�ge und Prinzen auf vorgeschriebene Weise anreden und behandeln; er wu�te, welche Socken und Krawatten zusammenpassen und da� man nach sechs Uhr abends keine braunen Schuhe mehr tr�gt (after six no brown, sagt der Engl�nder); er lernte, beim Heben einer Tasse niemals den kleinen Finger abzuspreizen; er lernte ein wenig Franz�sisch, Englisch und Italienisch unterwegs und ohne W�rterbuch; er lernte, wie man interessiert aussehen kann, wenn man sich langweilt; er lernte Tennis, Segeln, Autofahren und sogar, wie man ein Auto repariert; er lernte so gut, sich zu verstellen, da� der Baron entz�ckt war.</p><p>Obwohl Lefuet in fast jeder Stadt heimliche Besprechungen �ber Margarine f�hrte, wurde Timm davon verschont. Er durfte tun, was ihm Spa� machte. Nur manchmal mu�te er mit Leuten dinieren oder soupieren, die entweder sehr ber�hmt waren (dann machten die Zeitungsleute ein Photo davon) oder die der Gesellschaft n�tzlich waren. Auf diese Weise lernte Timm einen englischen Herzog kennen, der f�r die Scherenschleifer von Afghanistan eintrat, und einen argentinischen Comed-Beef-Fabrikanten, der die Vorrechte des britischen Adels verteidigte.</p><p>�ber die Frage nach Herren und Dienern, die Timm in seiner neuen Lage sehr besch�ftigte, schien in der Welt eine gro�e Konfusion zu herrschen. Die h�bscheste Antwort hatte er von einer Dolmetscherin in Moskau geh�rt.</p><p>Jekaterina Popowna - so hie� das Fr�ulein - hatte mit dem Baron und Timm im Hotel �Moskwa� H�hnchen gegessen. Unter dem Essen bemerkte der Baron sp�ttisch: �Ihr Kommunisten, Jekaterina Popowna, glaubt an die Gleichheit aller Menschen. Das ist ein gro�er Unsinn. �ber diese Dummheit werden Sie stolpern und sich das Genick brechen.�</p><p>Fr�ulein Popowna l�chelte, zeigte auf das gebratene H�hnchen vor sich und sagte: �Wenn dieser Hahn noch lebte, w�rde ich niemals von ihm verlangen, da� er Eier legt. Ich w�rde von ihm verlangen, da� er im H�hnerhof regiert; denn nur dazu ist er tauglich.�</p><p>Das war ebenso h�bsch wie klug geantwortet. Lefuet lachte laut und rief: �Sie glauben also an geborene Herren, Jekaterina Popowna!�</p><p>�Ein bi�chen, Baron. Es gibt, glaube ich, eine Art Talent zum Regieren, zum F�hren, zum Leiten oder wie Sie es nennen wollen. Nur glaube ich nicht, Baron, da� dieses T alent auf K�nige, Herz�ge oder reiche Erben beschr�nkt ist. Es w�chst auch in meiner Vorstadt, und auf manchen Schl�ssern w�chst es nicht. Dieser junge Mann zum Beispiel...� (Jekaterina Popowna zeigte auf Timm) �... dieser junge Mann, Baron, soll einmal Ihr K�nigreich aus Schiffen, Rosinen und Butter regieren; aber ich glaube, sein Herz ist daf�r ein bi�chen zu gro� geraten.�</p><p>�Mag sein�, brummte Lefuet und brach das Gespr�ch ab. Timm aber ging es noch lange durch den Kopf. Er war Jekaterina Popowna nicht b�se; denn er gab ihr recht, weil er klug und ohne Eitelkeit war. (Und weil er in dem Alter war, in dem man sich selbst langsam kennenlemt.)</p><p>Nach dem Kalender wurde Timm w�hrend all dieser Reisen ein Jahr �lter. Er n�herte sich seinem sechzehnten Lebensjahr. Aber sein Geist war f�nf oder sechs Jahre �lter geworden. Auch war er erstaunlich gewachsen, und sein Gesicht glich dem eines Zwanzigj�hrigen.</p><p>Das Flugzeug, in dem er und der Baron in diesen Monaten fast dreimal die Welt umkreisten, war ein h�bsches Sinnbild f�r Timms Lage: Er war immer oben, stand immer auf Gipfeln, auf denen die Luft leichter und der Blick weiter ist als in den T�lern. Wenn er einem Gespr�ch Lefuets �ber die Kirche lauschte, dann sa� ein Kardinal bei ihnen, der frei und heiter plauderte und ohne den Zorn und Eifer eines Dorfpfarrers, der seinen Bauern die zehn Gebote in die harten Sch�del rammen mu�. Wenn �ber den Kommunismus gesprochen wurde, dann sa� ein gebildetes Fr�ulein wie Jekaterina Popowna bei ihnen, das mit Leuten aus der ganzen Welt Gespr�che f�hrte und viel h�bscher und leichter zu reden wu�te als der Parteisekret�r eines Dorfes, dessen Gedanken von Mais und Hirse angef�llt sind. Selbst �ber eine scheinbar so unbedeutende Sache wie Margarine hatte Timm Gespr�che geh�rt, in denen es um S�damerikanische Staatspr�sidenten und um Kontinente voller Kraml�den ging, zwischen denen Frau Bebbers B�ckerladen nur ein kaum sichtbares Sandkorn war.</p><p>Es w�re einfach gelogen, wollte man behaupten, Timm h�tte sich unbehaglich gef�hlt in dieser Wolkenh�he �ber der Welt. Hier war ja das Leben leicht. (Zumal f�r jemanden, der am Lachen krankte.) �berdies konnte ein Junge mit flinken Gedanken hier viel erfahren und lernen.</p><p>Aber der B�ckerladen von Frau Bebber, in dem es nach Brot und frischen Krapfen roch, diese kleine Pfennigwelt der Nachbarn, diese Klatschgeschichten-Schatulle, gepolstert mit braunen Broten, sie erschien dem Jungen unendlich viel liebenswerter als ein Hotel Palmaro oder ein mesopotamisches Schlo�.</p><p>Es war �brigens merkw�rdig, da� der Baron die Geburtsstadt des Jungen wie ein hei�es Eisen mied. Mehrere Male hatte Timm den Wunsch ge�u�ert, sie zu besuchen; aber Lefuet, der niemals direkt nein gesagt hatte, �berh�rte den Wunsch oder sch�tzte dringende Besprechungen in anderen St�dten vor.</p><p>Als das Reisejahr sich seinem Ende n�herte, hatte Timm alle M�he, �u�erlich gleichm�tig zu bleiben und dem Baron weiter die Rolle des zufriedenen reichen Erben vorzuspielen. Je n�her sein Geburtstag r�ckte, um so unruhiger wurde er. Wenn Lefuet jetzt in Timms Gegenwart lachte, zitterte der Junge. Eines Nachts in einem Hotel in Br�ssel hatte er im Traum das kleine Telefongespr�ch wiederholt, das er in Lefuets Schlo� mit Herrn Rickert gef�hrt hatte. Als er aufwachte, hatte er es noch im Kopf, und er erinnerte sich deutlich, da� Herr Rickert gesagt hatte: �Kreschimir wei�... �</p><p>Was wu�te Kreschimir? Einen Weg, der zu seinem Lachen f�hrte?</p><p>Der Junge hielt sich strikt an sein Versprechen, auf keine Weise mit seinen Hamburger Freunden in Verbindung zu treten. Aber er sehnte jetzt das Ende des Jahres herbei, an dem die Abmachung ung�ltig wurde.</p><p>Einige Tage vor Timms Geburtstag flogen sie nach London, wo Timm in Gegenwart des Barons aus der Hand Mister Pennys ein Aktienpaket entgegennahm. Es war der weitaus gr��te Teil der Hamburger Reederei-Aktien.</p><p>Mister Penny hatte inzwischen bereits erfahren, da� Lefuet seinen heimlichen Vertrag mit Timm Thaler auf dem L�schblatt nachgelesen hatte, und nach einer anf�nglichen Best�rzung war ihm das ganz lieb gewesen. Vor der �bertragung der Aktien h�tte der Baron es �berdies erfahren m�ssen.</p><p>Im Flugzeug, das den Jungen endlich, endlich nach Ham? b�rg zur�ckbrachte, sagte Timm zum Baron: �Sie waren genau so nett und h�flich zu Mister Penny wie gew�hnlich. Sind Sie ihm nicht b�se, weil er mir hinter Ihrem R�cken die Stimm-Aktien abgekauft hat, die ich erbe?�</p><p>Lefuet lachte schallend. �Mein lieber Herr Thaler, ich h�tte an Pennys Stelle nicht anders gehandelt. Warum also sollte ich ihm b�se sein? Der Kampf um die Stimm-Aktien, von denen ich im Augenblick die gr��te Anzahl besitze, wird st�ndig im geheimen gef�hrt. Aber deshalb kratzen wir einander doch die Augen nicht aus. Wir sind wie eine L�wenfamilie: Wenn gro�e Beute gemacht wird, gibt es einen kurzen Streit um die Anteile, bei dem der alte L�we das meiste bekommt, und das bin ich. Aber kaum ist die Beute verteilt, dann sind wir wieder die einige Familie, die niemand auseinanderrei�en kann.�</p><p>�Auch Selek Bei nicht?� fragte Timm leise.</p><p>�Selek Bei�, antwortete Lefuet bed�chtig, �bildet vielleicht eine Ausnahme, Herr Thaler! Er h�lt sich f�r unglaublich gerissen und ist es gar nicht. Das macht uns manchmal �rger, ist aber in den meisten F�llen eher belustigend f�r uns. Wir m�gen ihn eigentlich recht gern.�</p><p>�Aber die Armee in S�damerika...� konnte Timm sich nicht enthalten einzuwerfen.</p><p>�Diese sogenannte Armee, Herr Thaler, besteht zu einem Teil aus unseren Leuten. Und die Waffen, die Selek Bei mit seinem privaten Geld f�r diese Leute kauft, stammen von einem Depot, das uns geh�rt. So flie�t Selek Beis Geld wieder in unsere Firma zur�ck. Ein Kreislauf. Wie beim Wasser. Auch die Gelder, die Selek Bei in Afghanistan gegen uns einsetzt, flie�en zum gr��ten Teil in unsere Kassen zur�ck.�</p><p>�Warum haben Sie Selek Bei dann in die Firma aufgenommen? Nur, weil er sich mit den Buddhisten und den Mohammedanern gleich gut versteht?�</p><p>�Nicht nur darum, Herr Thaler. Er ist in der ganzen Welt ein hochgesch�tzter Mann. Die einen sch�tzen ihn, weil er f�r die Armen und Unterdr�ckten der Erde eintritt, die anderen, weil er das Oberhaupt einer religi�sen Sekte und ein frommer Herr ist. Ich zum Beispiel sch�tze ihn wegen seiner au�erordentlich intelligenten Ansichten �ber den Teufel.�</p><p>�Was ist eigentlich mit der Markenmargarine?� fragte Timm jetzt scheinbar zusammenhanglos.</p><p>Aber der Baron begriff den Zusammenhang sofort. Er sagte:</p><p>�Der Versuch von Selek Bei, unsere Margarinepl�ne zu st�ren, war auch so ein alberner Einfall.�</p><p>Timms Herz schlug schneller. Wu�te der Baron, da� der Junge den Vertrag mit der unsichtbaren Tinte Selek Beis unterschrieben hatte? Er wagte nicht, danach zu fragen. Aber die Frage wurde ihm trotzdem von Lefuet beantwortet.</p><p>�Es war nat�rlich ganz gew�hnliche Tinte in dem F�llfederhalter, mit dem Sie unterschrieben haben, Herr Thaler. Ein Diener im Hause Selek Beis ist mein Mann. Er hat die Tinte rechtzeitig ausgewechselt. Aber selbst wenn Ihr Name verschwunden w�re, h�tte der Name des Vormunds dort gestanden. Ich unterschrieb n�mlich jeden Vertrag zweimal, Herr Thaler: einmal f�r die Firma, einmal als Ihr Vormund.�</p><p>Timm sagte nichts. Er blickte durch das kleine Fenster des Flugzeugs auf die Erde hinunter. Die T�rme, die er dort sah, schienen bereits die T�rme Hamburgs zu sein.</p><p>Der Junge sehnte sich danach, irgendwo in den Stra�en dort unten ein unbekannter, ganz gew�hnlicher Junge zu sein. Die Welt der gro�en Gesch�fte ging �ber seine Kraft.</p><p>Timm wu�te, da� er von seiner Wolkenh�he herabsteigen mu�te, um zu seinem Lachen zu kommen. Er dachte an Jonny, Kreschimir und Herrn Rickert. �bermorgen, einen Tag nach seinem Geburtstag, durfte er sie wieder sprechen.</p><p>Falls sie in Hamburg waren. Und falls sie noch lebten.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Achtundzwanzigster Bogen.</emphasis> Wiedersehen ohne Willkommen</p></title><p>Wenn der Baron mit Timm irgendwo auf der Welt ein Flugzeug verlie�, pflegte Lefuet dem Jungen den Vortritt zu lassen; denn meistens wurden sie von Photoreportem erwartet. Aber hier, auf dem Hamburger Flugplatz Fuhlsb�ttel, verlie� der Baron das Flugzeug als erster. Es stand auch niemand da, der die beiden erwartete, kein Photoreporter und niemand von der Zeitung; nicht einmal ein Direktor der Gesellschaft empfing sie. Aber ein Willkommen der Firma entbot ihnen ein riesiges Plakat auf der Wand des Zollgeb�udes:</p><p>PALMARO</p><p>Die erste Marken-Margarine der Welt</p><p>Schmackhaft wie Butter, billig wie Margarine</p><p>Zum Braten, Backen, Kochen und aufs Brot</p><p>Timm betrachtete zuerst das Plakat und dann den Baron, der l�chelte.</p><p>�Sie wundern sich �ber den Namen der Margarine, Herr Thaler? Nun, wir haben im Laufe dieses Jahres feststellen m�ssen, da� die Timm-Thaler-Margarine im Ausland manche Nachteile h�tte. In vielen L�ndern w�re Ihr Name schwer zu schreiben. Au�erdem sieht man in Afrika lieber das Gesicht eines lachenden schwarzen Knaben auf Plakaten als das eines wei�en. Auch das r�hrende Arme-Junge M�rchen war etwas ungeschickt; denn unsere Margarine soll ja nicht nur von armen Leuten gekauft werden.�</p><p>Sie hatten inzwischen den Zoll passiert, wo man Timms und Lefuets Handgep�ck ohne weitere Fragen mit den �blichen Kreidekreuzen versehen hatte.</p><p>Drau�en winkte der Baron einem Taxi, was Timm wunderte. Kein Auto der Gesellschaft stand f�r sie bereit. Aber als das Taxi anfuhr, sah der Junge im R�ckspiegel einen der Detektive aus Genua, der sich - anscheinend vergeblich - nach einem anderen Taxi umsah.</p><p>Im Auto setzte Lefuet das Gespr�ch fort: �Wir haben unsere Margarine Palmaro genannt, weil es dieses Wort in fast allen Sprachen der Welt in �hnlicher Form gibt. Auch ist die Palme jedermann bekannt. Im Norden sehnt man sich nach ihr, im S�den w�chst sie vor der T�r.�</p><p>�Dann w�re Selek Beis F�llfederhalter in jedem Falle sinnlos gewesen, Baron?�</p><p>Lefuet nickte. Dann beugte er sich zu dem Taxifahrer vor und sagte: �Vermeiden Sie die Innenstadt, solange es geht!�</p><p>Der Fahrer nickte.</p><p>Der Baron lehnte sich wieder zur�ck und fragte: �Was fangen Sie mit Ihren Reederei-Aktien an, Herr Thaler?�</p><p>�Ich werde die Reederei Herrn Rickert schenken, Baron.� Wieder f�gte der Junge bem�ht ruhig und k�hl eine Erkl�rung hinzu: �Dann brauche ich kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, weil er meinetwegen seine Stellung verlor.�</p><p>Der Taxifahrer schien einem Bordstein zu nahe gekommen zu sein. Das Auto schlitterte leicht.</p><p>�Geben Sie doch acht, zum Teufel!� schrie Lefuet erregt.</p><p>�Schuldigung�, brummte der Fahrer. Timm war es pl�tzlich, als ob er diese Stimme schon geh�rt habe. Er versuchte, im Spiegel das Gesicht des Taxifahrers zu erkennen. Aber ein Bart, eine dunkle Brille und eine tief in die Stirn gezogene Schirmm�tze verdeckten es fast vollst�ndig.</p><p>Neben dem Jungen erklang pl�tzlich das kullernde Lachen. Sogar der Schlucker fehlte nicht.</p><p>�Sie haben von unserer Gesellschaft noch immer nicht die richtige Vorstellung�, lachte der Baron. �Sie k�nnen unsere Hamburger Reederei nicht einfach - mir nichts, dir nichts - an Herrn Rickert verschenken, Herr Thaler.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Mit Ihrem Aktienpaket sind Sie nur sogenannter Stiller Teilhaber. Der Reingewinn aus der Firma flie�t Ihnen zwar zum gr��ten Teil zu; aber das Kommando �ber die Reederei f�hrt weiterhin der Verwaltungsrat mit den Stimmaktien: Ich, Mister Penny, Senhor van der Tholen und Selek Bei.�</p><p>�Wenn Herr Rickert wieder Direktor wird, k�nnen Sie ihn also sp�ter jederzeit wieder entlassen, Baron?�</p><p>�Jederzeit!�</p><p>Der Taxifahrer fuhr jetzt langsamer, weil er husten mu�te. Er schien erk�ltet zu sein.</p><p>Timm sah mit sehr nachdenklichem Gesicht aus dem Fenster. Das Auto fuhr eine ruhige Stra�e an der Alster entlang. Aber der Junge bemerkte es nicht.</p><p>�Baron?�</p><p>�Ja, bitte?�</p><p>�Liegt Ihnen etwas an den Reederei-Aktien?�</p><p>Lefuet blickte Timm forschend an. Der Junge verzog keine Miene. Das Rauschen einer verkehrsreichen Stra�e n�herte sich ihnen.</p><p>Endlich sagte der Baron mit jener Beil�ufigkeit, die Timm seine Erregung verriet: �Diese Reederei ist die kleine Perle, die in der Krone meines K�nigreichs der Meere noch fehlt; sie ist, alles in allem, keine sehr bedeutende Sache; aber, wie gesagt, sie w�re eine h�bsche Abrundung.�</p><p>Wenn der Baron, so wie jetzt, kleine, an sich �berfl�ssige Wendungen in seine Rede flocht, sprach er �ber Dinge, die ihm wichtig waren. Timm wu�te das. Er sagte deshalb nichts, sondern wartete auf die Frage, die kommen mu�te. Und sie kam.</p><p>�Was verlangen Sie f�r die Aktien, Herr Thaler?�</p><p>Timm hatte sich seine Antwort l�ngst �berlegt. Trotzdem tat er so, als m�sse er sie erst finden. Schlie�lich sagte er: �Geben Sie mir daf�r eine kleine, solide Reederei in Hamburg, die nicht Ihrer Gesellschaft geh�rt.�</p><p>�Sie wollen mir doch keine Konkurrenz machen, Herr Thaler? Dann schnitten Sie sich ja ins eigene Fleisch.�</p><p>�Ich denke mehr an ein Schiffahrtsgesch�ft, mit dem sich unsere Gesellschaft nicht befa�t, Baron. Vielleicht K�stenschiffahrt.�</p><p>Der Baron beugte sich zu dem Taxifahrer vor: �Welches ist nach Ihrer Meinung die eintr�glichste Reederei der K�stenschiffahrt in Hamburg?�</p><p>Der Fahrer �berlegte eine Weile und erwiderte schlie�lich: �Der HHD, Hamburg-Helgoland-G�stedienst. Sechs Schiffe. Sommerund Winterverkehr. Im Besitz der Familie Denker.�</p><p>�Wo finde ich Herrn Denker?�</p><p>Der Fahrer blickte auf seine Armbanduhr und sagte: �Jetzt ist er in seinem Hauptkontor. Am Hafen. Br�cke sechs.�</p><p>�Fahren Sie uns zur Br�cke sechs und warten Sie dort auf uns. Wenn ich schon bezahlen soll ... �</p><p>�Nicht n�tig�, brummte der Taxifahrer, und wieder hatte Timm das unbestimmte Gef�hl, diese Stimme schon einmal geh�rt zu haben.</p><p>Kurz vor dem Hafen mu�te das Auto l�ngere Zeit an einer Verkehrsampel warten. Timm sah vor sich Kr�ne und Mastspitzen, eine Zeichnung aus senkrechten Linien vor dem taubenblauen Septemberhimmel. Obwohl das Fenster geschlossen war, vermeinte er, den Geruch des Hafens zu sp�ren: nach Salz und Teer und mildem Moder.</p><p>Dieser Geruch, den seine Einbildungskraft schon beschwor, ehe er �berhaupt da war, �bersp�lte sein Ged�chtnis mit Erinnerungen: In diesem Hafen hatte er sich dem Baron an die Fersen geheftet; hier hatte seine Jagd begonnen, eine Jagd durch verwirrendes Dickicht, eine Jagd ohne Beute.</p><p>Jetzt war der Junge an den Ausgangspunkt zur�ckgekehrt. Was er allein nicht hatte erjagen k�nnen, hoffte er hier, mit seinen Freunden zu erjagen.</p><p>Ein Kran schwenkte eine gro�e Kiste durch die Luft, auf deren Bretter eine Palme gemalt war. Timm nahm sie nur fl�chtig wahr; er betrachtete die Vor�bergehenden. Er hoffte, da� Jonny oder Kreschimir oder Herr Rickert darunter seien. Sie geh�rten ja zu diesem Bild vor ihm, zu den Kr�nen und Masten, zu diesem Wald, in dem die Wimpel bl�hten. Aber er entdeckte keinen der drei. Er wu�te nicht einmal, ob er sie �berhaupt finden w�rde. Ihm war beklommen zumute. Als das Auto wieder anfuhr, erleichterte ihn die blo�e Bewegung.</p><p>Auch der Baron hatte w�hrend des Wartens an der Ampel stumm den Hafen betrachtet. Aber getr�umt hatte er nicht; die gro�e Kiste mit der aufgemalten Palme hatte er mit wachen Augen gesehen. Er wu�te, da� Palmaro-Margarine verladen wurde.</p><p>Unter dem Weiterfahren wanderten die Gedanken beider Fahrg�ste zu der Reederei, die sie jetzt zu kaufen beabsichtigten, zum Hamburg-Helgoland-G�stedienst. Lefuets Gedanken konnte man in drei W�rter zusammenfassen: Ein gutes Gesch�ft.</p><p>Die Gedanken und Empfindungen Timms waren weitl�ufiger. Seine Beklommenheit wurde durch Hoffnung gemildert, seine Zuversicht durch eine leise Furcht beengt. Ihm selber lag nichts an dieser Reederei; ihm lag nur an einem auf der Welt: an seinem Lachen, an seiner Freiheit. Aber er mu�te dieses papierene Spiel um Reicht�mer, das man Gesch�ft nennt, durchstehen. Wenn er selber schon von all seinem Reichtum nichts hin�berretten konnte in das neue Leben, sollten doch wenigstens seine Freunde einigen Nutzen davon haben. Diese Reederei sollte ein Teil seines Dankes sein -sofem er das zur�ckbekam, f�r das er danken wollte!</p><p>Das Auto hielt jetzt vor der Br�cke sechs. Lefuet und Timm stiegen aus und begaben sich in das Hauptkontor des HHD, wo der alte Herr Denker, der Eigent�mer, sie zu ihrem gro�en Erstaunen mit offenen Armen empfing.</p><p>�Das �s w�rklich ein sehr merkw�rdiger Zufall, meine Herren�, sagte er. �Ich s-piel grode mit �n Gedanken, meine Reederei zu verkaufen, und <emphasis>da.</emphasis> komm� Sie ins Kontor und wolln sie kaufen. W�rklich merkw�rdig.�</p><p>Herr Denker h�tte die Sache vermutlich weniger merk�w�rdig gefunden, wenn er den Taxifahrer erkannt h�tte, der vor der Br�cke auf Timm und den Baron wartete. Aber er sah ihn zum Gl�ck nicht. Und selbst wenn er ihn gesehen h�tte: Erkannt h�tte er ihn vermutlich ebenso wenig, wie Timm ihn erkannte.</p><p>Dieser Taxifahrer nestelte jetzt �brigens mit sehr behutsamen Fingern an seinem Bart herum. Manchmal blickte er verstohlen in den R�ckspiegel. Dann sah er ein anderes Taxi, das etwa hundert Meter hinter ihm gehalten hatte, dessen Fahrgast aber nicht ausstieg.</p><p>Als der Baron und Timm nach einer knappen Stunde das Kontor des Herrn Denker verlie�en, hatten sie jeder drei Schn�pse getrunken und einen sogenannten Vorvertrag in der Tasche. Am folgenden Tag schon sollte ein g�ltiger Vertrag ausgefertigt werden.</p><p>Der Fahrer des Taxis tat, als schliefe er. Lefuet, der gutgelaunt war, �ffnete sich selbst den Schlag. Timm stieg von der anderen Seite ins Auto.</p><p>Erst jetzt schien der Chauffeur zu erwachen. Er spielte den Aufgeschreckten sehr gut. Als der Baron ihm Anweisung gab, zum Hotel �Vier Jahreszeiten� zu fahren, stotterte er sogar auf durchaus glaubw�rdige Weise.</p><p>�Wu�ten Sie �brigens�, fragte ihn Lefuet w�hrend der Fahrt, �da� der Hamburg-Helgoland-G�stedienst gerade verkauft werden sollte?�</p><p>�Nein�, sagte der Fahrer. �Aber wundem tut�s mich nicht. Der alte Herr Denker ist nicht mehr der Kr�ftigste, und seine T�chter haben sich ja wohl auszahlen lassen. Die Seefahrt scheint denen zu schmutzig zu sein. Sind Sie am HHD interessiert, wenn ich fragen darf?�</p><p>Der Baron, immer noch in strahlender Laune, sagte: �Ich besitze ihn bereits.�</p><p>�Donnerwetter, das ging aber mal schnell. Fast so schnell wie bei Schwan-Kleb-An, wenn Sie die Geschichte kennen: Man braucht nur hinzulangen, und schon klebt man dran.�</p><p>Ein sehr fl�chtiger Blick des Fahrers streifte im R�ckspiegel Timms Gesicht, das bei der Bemerkung des Chauffeurs zuerst gezuckt hatte und dann starr, beinahe steinern geworden war. Wie so oft verbarg Timm hinter der starren Miene eine ungeheure Aufgeregtheit.</p><p>Diese Aufregung war begreiflich: Endlich hatte der Fahrer sich zu erkennen gegeben. Durch einen Hinweis, der dem Baron v�llig harmlos erscheinen mu�te. Durch eine Anspielung auf das M�rchen Schwan-Kleb-An, in dem eine Prinzessin das Lachen lernte. Es war das Zeichen, das Timm im geheimen erwartet hatte, das Zeichen daf�r, da� seine Freunde wachsam waren.</p><p>Schwan-Kleb-An! Das erste Signal f�r die beginnende Jagd.</p><p>Timm wu�te jetzt genau, wer der Fahrer vor ihm war. Es kroch ihm etwas aus dem Bauch die Kehle herauf, aber kein Kullern, das lachen wollte, sondern so ein Gef�hl, das einen unf�hig zum Sprechen macht. Man nennt es wohl auch einen Klo� in der Kehle.</p><p>Das Taxi war inzwischen zur Alster eingebogen und hielt vor dem Hotel. Der Fahrer stieg aus und �ffnete die T�ren. Er zeigte sich zum erstenmal in seiner ganzen stattlichen Gr��e.</p><p>Jetzt konnte f�r Timm kein Zweifel mehr sein, um wen es sich handelte.</p><p>Als der Baron bezahlt hatte und sich dem Hoteleingang zuwandte, konnte Timm sich nur mit M�he zur�ckhalten, den Riesen zu umarmen. Heiser vor Aufregung fl�sterte er: �Jonny.�</p><p>Der Fahrer nahm die entstellende Brille ab, sali den Jungen an und sagte laut: �Auf Wiedersehen, junger Herr!� Dabei gab er ihm die Hand. Dann setzte er die Brille wieder auf, stieg ins Auto und fuhr davon.</p><p>Timm f�hlte ein kleines Papier in seiner Hand, einen winzigen Zettel, einen Fetzen, ein Nichts genaugenommen. Und doch f�hlte er sich mit diesem Fetzen Papier reicher als mit allen Aktien der Baron-Lefuet-Gesellschaft, einschlie�lich der Stimm-Aktien.</p><p>Beinahe gl�cklich folgte er Lefuet ins Hotel, in dessen Vestib�l ihnen bereits der Direktor entgegenkam, mit weit ge�ffneten Armen.</p><p>�Herr Baron, welche Ehre!� schienen seine H�nde zu sagen, die sich zu Schalen des Entz�ckens ge�ffnet hatten. Aber bevor der Direktor sein Willkommen auch aussprechen konnte, legte der Baron einen Finger auf die Lippen: �Bitte, kein Aufsehen! Wir sind inkognito hier. Mister Brown und Sohn, Kaufmann aus London.�</p><p>Die Direktorenarme fielen herunter. Der Mann machte eine korrekte Verbeugung: �As you like it, Mister Brown! Your bagage is already here!�</p><p>Timm fand das Ganze ungeheuer belustigend. Er h�tte jetzt den Direktor umarmen m�gen, so sehr hatte ein kleiner Zettel die ganze Welt f�r ihn mit einem Schlage ver�ndert.</p><p>Aber Timm umarmte niemanden, er lachte auch nicht. Wie sollte er auch? Er sagte ernst und h�flich, wie es ihm in langen traurigen Jahren zur Gewohnheit geworden war: �Thank you veiy much!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Neunundzwanzigster Bogen. </emphasis>rgessene Gesichter</p></title><p>W�hrend der Weltreise hatte Timm sich an die st�ndige Beschattung durch Detektive gew�hnt. Die Leute hatten ihre Aufgabe unauff�llig und zur�ckhaltend erf�llt. Einige Male hatte der Junge die beiden Herren aus Genua wiedererkannt. Beunruhigt hatten sie ihn nie mehr, da er auf der Reise den gehorsamen Begleiter Lefuets gespielt hatte.</p><p>Jetzt aber, mit dem kostbaren Zettel in der Jackett-Tasche, witterte Tim hinter jeder Vorhangfalte einen Detektiv. Er wagte nicht, den Zettel herauszunehmen und zu lesen. Auch lie� Jonnys Maskerade und seine gespielte Zur�ckhaltung vermuten, da� Timms Freunde genau so beschattet w�rden wie er selber.</p><p>Schlie�lich - der Baron hatte sich f�r eine Stunde niedergelegt -ging der Junge in das Bad, das zu seinem Appartement geh�rte, riegelte hinter sich ab, setzte sich auf die Kante der blaugekachelten Wanne und zog hier den Zettel aus der Tasche.</p><p>Das Papierchen war nicht gr��er, als vier Briefmarken sind. Eine Seite war mit einer winzigen Schrift bedeckt. Aber diese Schrift konnte der Junge mit blo�em Auge nicht lesen. Er brauchte eine Lupe.</p><p>Wie aber kam Timm zu einer Lupe? W�hrend er den Zettel wieder in die Tasche steckte, �berlegte er: Wenn er von einem Hotelangestellten eine Lupe erbat, w�rden es die Detektive erfahren. Wenn er eine kaufte, w�rde der Detektiv im Laden fragen, was der Junge gekauft habe. Wie also unauff�llig zu einer Lupe kommen?</p><p>Timm h�rte, wie jemand klopfte und anscheinend sein Appartement betrat. Er glaubte, es sei Lefuet, lie� vorsichtshalber das Sp�lwasser der Toilette rauschen, lie� den Riegel der T�r m�glichst leise zur�ckschnappen und ging in den Salon zur�ck.</p><p>In diesem Salon stand ein runder Tisch mit vier Sesseln. In dem Sessel, der Timm beim Eintreten genau gegen�ber stand, hockte vorn�bergebeugt eine �ltere, stark geschminkte Frau, die sich l�cherlich bunt und jung gekleidet hatte. Die etwas strohigen Haare waren zu L�ckchen gerollt. Im Sessel neben ihr sa� ein blasser, langaufgeschossener J�ngling, der statt einer Krawatte eine grellbunte, �berm��ig lange Fliege trug. Timm war es pl�tzlich, als r�che das Zimmer nach Pfeffer, K�mmel und Anis.</p><p>Mit der Stiefmutter und Erwin hatten die beiden Besucher nur entfernte �hnlichkeit. Aber sie waren es.</p><p>Timm stand stumm in der T�r. Auf diese Gesichter war er nicht gefa�t gewesen. Er hatte nur einen Atemzug lang gebraucht, um sie wiederzuerkennen. Aber es brauchte einige Zeit, ehe er aus den ver�nderten Gesichtem die alten Z�ge hervortreten sah. Und da sah er zum erstenmal in seinem Leben, da� es dumme Gesichter waren.</p><p>Er h�rte seinen Vater sagen: �Verachte die Dummheit, wenn sie nicht gutm�tig ist.� Er sah jetzt, was er als kleiner Junge nur dumpf und unklar geahnt hatte. Er begriff, da� sein Vater die beiden da vor ihm durchschaut hatte. Er begriff auch, da� er als Kind sein Lachen bewahrt hatte, weil es den Vater gab.</p><p>Timms Augen waren feucht geworden, nicht vor R�hrung, sondern vor erstauntem Starren. Das Gesicht der Stiefmutter verschwamm, und das Gesicht der Spenderin seines Lachens schob sich davor: das Gesicht seiner Mutter. Schwarze Haare und gl�nzende schwarze Augensterne, eine haselnu�braune Hautfarbe und Kringel in den Mundwinkeln.</p><p>Und auch das begriff Timm in diesem Augenblick: da� seine Zuneigung zu den Bildern des Palazzo Candido in Genua ein Wiedererkennen gewesen war. Aus jedem der italienischen Portraits hatte ihn das Gesicht seiner Mutter angeblickt. Jedes dieser Bilder war das Gesicht seiner Herkunft und - hoffentlich - auch das seiner Zukunft.</p><p>Die Stiefmutter war bei Timms Erscheinen in die H�he geschnellt, auf den Jungen zugest�ckelt und ihm ganz einfach um den Hals gefallen. Timm - von Erinnerungen an seine Mutter �berschwemmt - h�tte fast in einer Verwirrung seiner Gef�hle die Stiefmutter umarmt. Aber er war nicht mehr der arme kleine Junge. Er hatte gelernt, Unbegreiflichkeiten und Verworrenheiten zu meistem. Er schob die Stiefmutter sanft und schweigend von sich. Und sie lie� es geschehen. Sie schluchzte ein bi�chen, trippelte zum Tisch, auf dem ihre Handtasche lag, nestelte ein Taschentuch heraus und betupfte sich die falschen Augenwimpern.</p><p>Erwin war nun auch aufgestanden. Er schlenkerte auf seinen Stiefbruder zu, gab ihm eine sehr weiche Hand und sagte: �Tag, Timm!�</p><p>�Tag, Erwin!�</p><p>Mehr konnten sie einstweilen nicht sagen; denn die T�r wurde aufgerissen, und der Baron kam atemlos ins Zimmer.</p><p>�Was sind das f�r Leute?�</p><p>Nat�rlich ahnte der Baron, um wen es sich handelte; und Timm wu�te das. Dennoch stellte er seine ungebetenen G�ste h�flich vor:</p><p>�Darf ich Sie mit meiner Stiefmutter, Frau Thaler, bekanntmachen, Baron? Der junge Herr ist mein Stiefbruder Erwin.�</p><p>Dann stellte er, betont f�rmlich und mit der eingelernten h�bschen Handbewegung, seinen Widersacher vor: �Baron Lefuet!�</p><p>Die Stiefmutter hob ihre rechte Hand bis beinahe unter das Kinn Lefuets (anscheinend erwartete sie einen Handku�) und zwitscherte: �Sehr angenehm, Herr Baron!�</p><p>Lefuet lie� die Hand unbeachtet.</p><p>�Spielen wir kein Theater, Frau Thaler! Damit haben Sie, wie es scheint, sowieso kein Gl�ck gehabt.�</p><p>Die Stiefmutter, die schon den Mund ge�ffnet hatte, um dem Baron aufgeregt zu antworten, �nderte pl�tzlich ihre Taktik. Sie wandte sich Timm zu, betrachtete ihn mit s��em Entz�cken im s�uerlichen Gesicht, trat einen Schritt zur�ck und sagte: �Du siehst wie ein richtiger Herr von Welt aus, mein Junge! Ich bin sehr stolz auf dich. In den Zeitungen haben wir alles �ber dich gelesen, nicht wahr, Erwin?�</p><p>Ihr Sohn murmelte - mit deutlichem Unbehagen - eine Art �mja�. Das Verh�ltnis zu seiner Mutter schien immer noch dasselbe zu sein. Verw�hnt und verh�tschelt von ihr und an sie gefesselt, weil er unf�hig war, seine W�nsche ans Leben allein zu befriedigen, war diese Frau ihm gleichwohl peinlich in Gegenwart anderer. Er nutzte ihre Affenliebe aus; aber er ertrug sie schwer.</p><p>Timm war jetzt froh, da� die Stiefmutter ihn von dieser Liebe ausgeschlossen hatte. Sie h�tte seine Kraft gebrochen; sie h�tte ihn au�erstande gesetzt, widerstandsf�hig zu bleiben in der H�lle der verflossenen Jahre.</p><p>Timm war diese Begegnung so n�tzlich wie notwendig. Wieder einmal erkannte er, da� er einen Kreis durchlaufen hatte und wieder am Ausgangspunkt angekommen war, aber um einige Drehungen h�her. Von der Gassenwohnung bis hierher hatte er auf gewundenen Wegen einen Berg erstiegen, und nun sah er den Anfang des Weges tief unter sich. Und er sah, da� seine Stiefmutter und Erwin immer noch an derselben Stelle standen und keinen Schritt weitergekommen waren. Obwohl sie hier im Appartement des Hotels �Vier Jahreszeiten� dicht neben ihm standen, waren sie so fern von ihm, da� er kaum ihre Stimmen h�rte.</p><p>Die Stiefmutter sagte gerade: �Wir werden jetzt immer bei dir bleiben und f�r dich sorgen, Timm. Du bist ja der regul�re Erbe des Ganzen, und morgen wirst du sechzehn und... �</p><p>�... und keineswegs vollj�hrig!� belehrte sie der Baron.</p><p>Frau Thaler wandte mit einem Ruck den Kopf. In ihre Augen kam das falsche Feuer, das man �hektischen Glanz� nennt und an das Timm sich gut erinnerte. (Aber er erinnerte sich daran wie an das feuchte Gl�nzen von Kuhaugen, die man einmal gef�rchtet hat und die man beim Wiedererkennen ein bi�chen dumm und v�llig ungef�hrlich findet. �Wie dumm, unter der Dummheit zu leiden�, dachte Timm heute.)</p><p>Lefuet erkl�rte jetzt mit belustigt zuckendem Munde, warum Timm mit seinem sechzehnten Jahr noch nicht vollj�hrig sei: �In diesem Lande, Frau Thaler, wird der Mann erst mit einundzwanzig Jahren m�ndig, kommt also dann erst in den vollen Genu� einer Erbschaft. Sie haben vermutlich erfahren, da� ich die Staatsb�rgerschaft eines Landes besitze, in dem der Mann mit sechzehn Jahren vollj�hrig wird; aber das hat nichts mit Ihrem Stiefsohn Timm zu tun. Er untersteht nach wie vor den Gesetzen dieses Landes. Erst wenn er einundzwanzig ist, kann er die Erbschaft regul�r antreten.�</p><p>Die Stiefmutter hatte den Baron mit keinem Wort unterbrochen. Nur ihre Lider hatten ein wenig geflattert, und eine Hand hatte unruhig mit dem Taschentuch gespielt. Sie wandte sich jetzt wieder an ihren Stiefsohn und fragte mit m�hsam unterdr�ckter Aufregung: �Hast du denn nicht die Staatsb�rgerschaft des Barons?�</p><p>Timm, der sie ohne Teilnahme gemustert hatte, h�rte ihre Frage nicht, weil er in Gedanken war. Er bemerkte nur, da� sie irgend etwas gesagt hatte. Um nicht unh�flich zu sein, zeigte er nun auf die Sessel.</p><p>�Setzen wir uns doch, dann redet es sich besser.�</p><p>Schweigend verteilte man sich um den Tisch.</p><p>Timm schlug ein Bein �ber das andere und sagte: �Ich habe noch nie dar�ber nachgedacht, wer jetzt eigentlich mein Vormund ist. Als der Baron...� (er machte eine kurze Pause) �... starb, hie� es, der neue Baron sei mein Vormund. Erst jetzt f�llt mir ein, da� meine Stiefmutter dazu ihre Einwilligung geben mu�te. Ist das geschehen, oder... �</p><p>Frau Thaler wirkte pl�tzlich hilflos. Sie murmelte: �Wei�t du, Timm, es ging uns nicht gut, als du fort warst. Wir hatten viel Pech, und da... �</p><p>�... da hat Frau Thaler mir die Vormundschaft schriftlich und amtlich �bertragen�, erg�nzte Lefuet f�r Timm. �Gegen einen ansehnlichen Betrag, den sie f�r den Kauf eines Variete-Theaters verwendet hat. Und dieses Theater scheint pleite gegangen zu sein.�</p><p>�Aber das lag nicht an mir, sondern an den Zeitumst�nden�, schluchzte Frau Thaler, und dann begann sie wieder ihr altes atemloses Geplapper:</p><p>�Ichwei�ja,da�gerichtlichallesinordnungist,abereristdochmein Kind, undwirsitzendochjetztaufderstrasse,meinsohnundich,und... �</p><p>Diesmal unterbrach Timm sie. Er sagte: �Wenn du meine Vormundschaft verkauft hast, kann man nichts mehr daran �ndern.�</p><p>�Verkauft! Verkauft! Seidochnichtsohart,Timm! Wirwarendochin Not!�</p><p>�Und wieviel Geld braucht ihr jetzt?�</p><p>�Werredetdenn von Geld? Wir bleibendochjetzt zusammen, Timm!�</p><p>�Nein�, antwortete der Junge. �Wir bleiben nicht zusammen! Ich hoffe, wir sehen uns heute zum letzten Mal. Aber wenn ich euch mit Geld helfen kann, will ich es gerne tun. Wieviel ben�tigt ihr?�</p><p>�Meine Zustimmung vorausgesetzt�, sagte der Baron. Aber Timm tat so, als habe er es nicht geh�rt.</p><p>�Ach, Timm!� (Schon wieder dieses falsche Schluchzen.) �Du bist doch jetzt so unerme�lich reich, und wir als deine Verwandten k�nnen doch nicht als Hungerleider leben!�</p><p>Der Baron setzte zum Lachen an, schlug sich aber auf den Mund, ehe das verr�terische Kullern und Glucksen vernehmbar wurde. Er hatte spotten wollen; doch rechtzeitig fiel ihm ein, da� er ein Lachen besa�, welches diese beiden Leute kannten. Er mu�te daf�r sorgen, da� sie ihm nie wieder �ber den Weg liefen; und folglich mu�te er zahlen. Deshalb machte jetzt er einen Vorschlag:</p><p>�Auf Jamaica, Frau Thaler, besitze ich ein gutgehendes Strandbad. Haupts�chlich f�r amerikanische Touristen. 60.000 Dollar Jahresumsatz. Sie wissen, Jamaica ist die Insel des ewigen Fr�hlings. Ihr Bungalow steht unter Palmen am Meer.�</p><p>Timm dachte verwundert: �Der Baron redet wie ein Reiseprospekt. Das kann er also auch! � Im �brigen wu�te der Junge, der das im Entstehen abgebrochene Lachen deutlich genug bemerkt hatte, warum Lefuet diese Leute so weit fortschickte. Er wunderte sich nicht einmal, als der Baron den beiden eine Dampferreise erster Klasse dazuschenkte.</p><p>Die Stiefmutter schluchzte schon wieder oder noch immer, als sie sagte: �Sie sind zu g�tig, Herr Baron.�</p><p>Erwin hatte hei�e Augen bekommen bei dem Gedanken an Jamaica. Er zuckte - ebenso wie seine Mutter - mit den Lidern.</p><p>�Kommen Sie, bitte, mit in mein Appartement, damit wir das Gesch�ft gleich erledigen�, sagte der Baron jetzt. Er erhob sich und ging zur T�r, die er mit ironischer H�flichkeit offenhielt.</p><p>Frau Thaler st�ckelte hinter ihm her, erinnerte sich aber rechtzeitig noch einmal an Timm, drehte sich zu dem Jungen um und fragte: �Wirst du uns auch nicht vergessen, Timm?�</p><p>�Ich glaube, ich habe euch schon vergessen�, sagte Timm. Aber nicht sehr laut. Dann gab er ihr die Hand und sagte ernst: �Viel Gl�ck auf Jamaica!�</p><p>�Danke, danke, mein Junge!� Ihr Gesicht begann sich auf ein L�cheln umzustellen. Aber ehe es da war, stand sie schon auf dem Flur.</p><p>Erwin gab Timm ebenfalls die Hand und wollte seiner Mutter folgen. Aber Timm hielt ihn zur�ck und fl�sterte: �Besorge mir eine Lupe und leg sie unter die rotgestrichene Bank an der Alster - dem Hoteleingang gegen�ber. Hier!� Er klaubte die Geldscheine heraus, die er in der Tasche hatte, und gab sie seinem Stiefbruder.</p><p>Erwin betrachtete die Scheine und fragte: �Was soll dieser kleine Zettel?�</p><p>�Ach, den brauch� ich noch!� Fast h�tte Timm es geschrien. Aber es wurde zum Gl�ck ein Fl�stern daraus.</p><p>Der Zettel wanderte in die Tasche zur�ck, und Erwin ging. �Ich halte die Klappe!� fl�sterte er zur�ck.</p><p>Timm nickte und dr�ckte hinter dem Stiefbruder und einer abgelegten Vergangenheit die T�r ins Schlo�.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Drei�igster Bogen. Papie</emphasis>re</p></title><p>Es ist erstaunlich, wie rasch reiche und einflu�reiche Leute Formalit�ten erledigen k�nnen, f�r die ein sogenannter kleiner Mann oft Monate ben�tigt. Auch die B�rokratie ist von der Wolkenh�he der Gesellschaft aus leicht zu handhaben.</p><p>Ein einziges B�ro der Baron-Lefuet-Gesellschaft ein Teil der sogenannten Rechtsabteilung, erledigte am n�chsten Tage folgende Angelegenheiten f�r Timm und den Baron:</p><p>Das Strandbad von Jamaica wurde Frau Thaler und ihrem Sohn Erwin zu gleichen Teilen �berschrieben. (Timm sah die beiden auf diese Weise noch einmal, aber nur kurz. Erwin fl�sterte ihm zu, da� die Lupe unter der Bank liege.)</p><p>Die Reederei Hamburg-Helgoland-G�stedienst, genannt HHD, ging mit Wirkung vom selben Tage in den Besitz Timm Thalers �ber. (Der bisherige Besitzer, der alte Herr Denker, dr�ckte Timm nach der Unterzeichnung warm die Hand und sagte �toi, toi, toi�, w�hrend er ihm dreimal �ber die linke Schulter spuckte.)</p><p>Das Aktienpaket der Hamburger Reederei, das Timm kurz vorher erst von Mister Penny in London �bernommen hatte, wechselte -ebenfalls mit Wirkung vom selben Tage - in den Besitz des Barons �ber. (Die Sperrfrist von einem Jahr fiel fort, weil Lefuet Besitzer von Stimm-Aktien war.)</p><p>Als letzter Vertrag sollte endlich auch der Erbschaftsvertrag ausgestellt werden, den Lefuet bisher mit Erfolg hatte hinausz�gern k�nnen und nach dem Timm nie gefragt hatte.</p><p>Warum der Baron jetzt pl�tzlich zu diesem Vertrag bereit war, wu�te der Junge nicht; aber es k�mmerte ihn auch wenig. Die gro�en Gesch�fte waren ihm gleichg�ltig geworden wie die gro�en Reicht�mer. Das einzige f�r ihn wichtige Gesch�ft war der Handel um sein Lachen. Er ahnte, da� der winzige Zettel in seiner Tasche (den er w�hrend der Nacht unter dem Kopfkissen verborgen hatte) der Schl�ssel zu seinem versperrten Lachen war; und deshalb dr�ngte es den Jungen, die Lupe unter der Bank hervorzuholen. Die Ersch�pfung, die Timm nach all den Umst�ndlichkeiten dreier Vertragsabschl�sse f�hlte, �bertrieb er absichtlich, indem er sich st�ndig an die Stirn fa�te.</p><p>�Wenn Sie Kopfschmerzen haben, verschieben wir den Erbschaftsvertrag auf morgen�, sagte der Baron darauf. �Recht so, Herr Thaler?�</p><p>Timm sagte nicht sofort ja. Dazu war er zu klug. Er erkl�rte vielmehr, da� es besser w�re, den Vertrag sogleich abzuschlie�en, da� er aber leider ganz schreckliche Kopfschmerzen habe; und wenn man Vertr�ge mit klarem Kopf unterzeichnen m�sse, dann sei es vielleicht tats�chlich besser, lieber bis morgen zu warten.</p><p>Diese List hatte den gew�nschten Erfolg. Die Lesung und Unterzeichnung wurde auf den n�chsten Tag verschoben, und Timm konnte obendrein (nachdem er folgsam zwei Tabletten geschluckt hatte) an der Alster vor dem Hotel Spazierengehen. (�Frische Luft wirkt Wunder�, hatte einer der Rechtsanw�lte zu ihm gesagt.)</p><p>Da Timm wu�te, da� irgendwo in seiner N�he ein Detektiv auf ihn achtgab, holte er die Lupe nicht sofort und auff�llig unter der roten Bank hervor. Er kaufte sich vielmehr zun�chst eine Zeitung, und damit setzte er sich auf die Bank. (Wo die Lupe lag, hatte er bereits entdeckt.)</p><p>Beim Lesen hielt er die Zeitung so, da� der Innenteil herausrutschte und �ber eines seiner Knie unter die Bank flatterte. Nun b�ckte sich der Junge und hob zusammen mit den Zeitungsbl�ttern die Lupe auf. Hinter der Zeitung versteckt, lie� er sie in eine Brusttasche seiner Anzugjacke gleiten. (Timm trug jetzt meistens Anz�ge aus grauem Flanell oder mit winzig kleinen Karos.)</p><p>Eine Viertelstunde sp�ter faltete der Junge die Zeitung zusammen, lie� sie f�r irgendeinen Vor�bergehenden auf der Bank liegen und ging ins Hotel. Als er beim Empfang seinen Schl�ssel holte, gab der Portier ihm ein zusammengefaltetes Papier. Es war eine kurze Nachricht des Barons:</p><p>�Sollten Sie sich wohler f�hlen, kommen Sie doch, bitte, in mein Appartement.</p><p>Lefuet�</p><p>Timm ging hinauf zum Baron. Aber zuvor suchte er kurz sein eigenes Appartement auf, legte die Lupe in die kleine Hausapotheke an der Wand des Badezimmers und steckte das winzige Papier Jonnys zusammengerollt in ein fast leeres Glasr�hrchen f�r Kopfschmerztabletten. Dann erst begab er sich zum Baron.</p><p>Lefuet pflegte bei wichtigen Gespr�chen einen Notizzettel mit Stichworten in der Hand zu haben. Auch diesmal sah Timm ein solches Zettelchen. Es standen drei W�rter darauf, die untereinandergeschrieben waren. Der Junge konnte sie nicht genau entziffern; zweifellos handelte es sich bei dem ersten Wort jedoch um den Nam en �Rickert�.</p><p>�Morgen, Herr Thaler�, begann der Baron das Gespr�ch, �morgen l�uft die Frist f�r unsere kleine Abmachung �ber Herrn Rickert ab. Wenn Sie bis morgen keine Verbindung mit Ihren Hamburger Freunden aufnehmen, wird Herr Rikkert wieder als Reedereidirektor eingesetzt werden. Er kann aber seines Alters wegen sofort ehrenvoll pensioniert werden. Mit einem hohen monatlichen Ruhegehalt. Leider m�ssen wir morgen nach Kairo fliegen, weil eine �gyptische Firma auf den Markennamen Palmaro Anspruch erhebt. Wenn Sie also mit Ihren Hamburger Freunden sprechen m�chten, m��ten Sie es heute tun. Dann w�re aber unsere Abmachung nicht erf�llt, und Herr Rickert m��te weiter Hafenarbeiter bleiben.�</p><p>�Hafenarbeiter?� fragte Timm erschrocken.</p><p>�Ja, Herr Thaler: Hafenarbeiter. Er ist �bel dran. Es geht ihm gar nicht gut in seinem Alter. Ich denke daher, da� Sie ihn aus seiner traurigen Lage befreien und keine Verbindung mit Herrn Kreschimir, Herrn Jonny und Herrn Rickert aufnehmen werden, oder?�</p><p>Lefuet sah den Jungen mit beinahe �ngstlicher Aufmerksamkeit an. Und Timm wu�te, warum: Einer seiner Freunde mu�te den Schl�ssel zu seinem Lachen in der Hand haben, und der Baron schien das zu ahnen. (Er vermied diesmal auch jede Andeutung eines Lachens.)</p><p>�Herr Rickert soll wieder Reedereidirektor werden!� sagte Timm fest.</p><p>�Dann bleibt es also bei unserer Abmachung, Herr Thaler?�</p><p>Der Junge nickte. Aber sein Nicken war eine L�ge. Er dachte gar nicht daran, seine Freunde zu meiden. Im Gegenteil: Er mu�te sie noch an diesem Tage treffen, da es morgen zu sp�t war. Trotzdem w�rde Herr Rickert Reedereidirektor werden; aber nicht bei dem Baron, sondern in Timms eigener Reederei, die ihm heute morgen �berschrieben worden war, beim HHD.</p><p>Lefuet blickte auf seinen Notizzettel (er schien sichtlich erleichtert) und sagte: �Punkt zwei, Herr Thaler, betrifft...� Der Baron z�gerte, sprach das Wort aber dann doch aus: �Punkt zwei betrifft Ihr Lachen.�</p><p>Wieder ein forschender Blick auf Timm. Aber der Junge hatte durch den Baron selber gelernt, Gem�tsregungen hinter der Maske des Gleichmuts zu verbergen. Sogar seine Stimme hatte er in der Gewalt, als er fragte: �Was ist mit meinem Lachen, Baron?�</p><p>�Vor einem Jahr, Herr Thaler, habe ich im Roten Pavillon meines Schlosses erprobt, ob und wieviel Ihnen noch an Ihrem Lachen liegt. Ich lieh es Ihnen damals f�r eine halbe Stunde, und ich erfuhr bei diesem kleinen Experiment, da� Sie immer noch heftig nach Ihrem Lachen verlangten. Eben habe ich, ohne da� Sie es bemerkt haben, wieder eine kleine Probe angestellt. Diesmal ist das Ergebnis erfreulich. Sie verzichten freiwillig auf eine Begegnung mit den drei einzigen Leuten, die von unserem Vertrag wissen und die Ihnen notfalls Ratschl�ge geben k�nnten.�</p><p>Der Baron lehnte sich zufrieden in seinen Sessel zur�ck. �Offenbar haben Sie im letzten Jahr gelernt, Macht, Reichtum und ein angenehmes Leben h�her einzusch�tzen als ein kleines Lachen.�</p><p>Timm nickte nur. Und diesmal war es eine halbe L�ge. Er hatte tats�chlich Gefallen daran gefunden, immer gut gekleidet zu sein und jederzeit behagliche Zimmer, ein Bad und reichlich Kleingeld zur Verf�gung zu haben. Aber so gro� war sein Gefallen an diesen Dingen nicht, da� er daf�r auf ewig ein Mensch ohne Lachen bleiben wollte.</p><p>�Ich schlage Ihnen nun...� (Lefuet beugte sich wieder vor) �... einen Zusatzvertrag vor.�</p><p>�Welchen, Baron?�</p><p>�Folgenden, Herr Thaler: Ich verpflichte mich, Ihnen die Staatsb�rgerschaft eines Landes zu besorgen, in dem Sie mit dem heutigen Tage vollj�hrig sind und sofort Ihr Erbe antreten k�nnen.�</p><p>�Und wozu mu� ich mich verpflichten, Baron?�</p><p>�Zu zweierlei, Herr Thaler: erstens niemals Ihr Lachen zur�ckzufordem, zweitens mir die H�lfte des Erbes, einschlie�lich der Stimm-Aktien, abzutreten.�</p><p>�Ein bemerkenswerter Vorschlag�, sagte Timm langsam, um Zeit zu gewinnen. Nat�rlich dachte er nicht im Traume daran, amtlich und mit Stempel und Siegel auf sein Lachen f�r alle Zeit zu verzichten; aber das durfte Lefuet nicht wissen.</p><p>Dem Baron mu�te gerade heute Sand in die Augen gestreut werden, damit Timm m�glichst unbel�stigt von Lefuets Detektiven seine Freunde besuchen konnte. Ein Zettelchen und eine Lupe sollten ihm den Weg zu ihnen verraten.</p><p>Dem Jungen kam jetzt ein guter Gedanke: Wenn er mit dem Baron feilschen w�rde, m��te Lefuet noch fester davon �berzeugt sein, da� Timm endg�ltig auf sein Lachen verzichtet und eingesehen habe, da� Macht und Reichtum wichtiger seien als so ein kleines Kullern aus dem Bauch herauf.</p><p>Also fing Timm zu feilschen an. Er wisse, so sagte er, da� der Baron bis zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag mancherlei unternehmen k�nne, um zu verhindern, da� er das Erbe antrete. Senhor van der Tholen habe ihn bereits darauf aufmerksam gemacht. Er sei deshalb durchaus bereit, diesen Zusatzvertrag zu unterzeichnen; aber er m�sse drei Viertel des Erbes verlangen, einschlie�lich drei Viertel der Stimm-Aktien.</p><p>Dem Jungen entging das flinke L�cheln nicht, das bei diesen Worten �ber Lefuets Gesicht huschte. Offenbar schien der Baron jetzt ganz sicher zu sein, da� Timm auf sein Lachen verzichten werde. Und das hatte der Junge ja beabsichtigt.</p><p>Sie feilschten eine halbe Stunde lang. Zum Schlu� lauteten Timms Forderungen: Drei Viertel des Erbes und die H�lfte der Stimm-Aktien.</p><p>�Erf�llen Sie mir diese Forderungen, Baron, dann k�nnen wir morgen in Kairo den Zusatzvertrag unterzeichnen.�</p><p>�Das mu� ich erst �berschlafen, Herr Thaler! Morgen, wenn wir in Kairo sind, gebe ich Ihnen dar�ber endg�ltigen Bescheid.�</p><p>�Und nun...� (der Baron l�chelte) �... komme ich zu meinem letzten Punkt.� Er erhob sich, gab Timm die Hand und sagte: �Herzlichen Gl�ckwunsch zu Ihrem sechzehnten Geburtstag! Wenn Sie einen Wunsch haben, Herr Thaler... �</p><p>Einen Wunsch? Timm �berlegte. Wenn dieser Tag ihm das sch�nste Geschenk, sein Lachen, bescheren w�rde, bes��e er wahrscheinlich keine Reicht�mer mehr; denn die Reederei wollte er seinen Freunden geben. Was also sollte er sich schenken lassen?</p><p>Schlie�lich kam ihm ein h�bscher Einfall: �Kaufen Sie mir ein Marionettentheater, Baron! �</p><p>�Ein Marionettentheater?�</p><p>�Ja, Baron! So ein Puppentheater, in dem man die Kinder zum Lachen bringen kann.�</p><p>Jetzt hatte Timm sich doch verraten. Aber der Baron verstand ihn falsch.</p><p>�Ah�, rief Lefuet. �Ich verstehe! Sie wollen sich ein kleines Lachen kaufen und brauchen das Theater, um es sich aussuchen zu k�nnen. Kein schlechter Gedanke. Darauf bin ich noch gar nicht gekommen.�</p><p>Timm war es, als habe jemand ihn auf den Kopf geschlagen. Der Baron glaubte also allen Ernstes, er, Timm Thaler, w�rde nach all seinen schrecklichen Erfahrungen einem kleinen Kind das Lachen stehlen!</p><p>�Dieser Mensch�, dachte der Junge, �mu� ein Teufel sein!�</p><p>Diesmal h�tte der Baron dem Jungen die Best�rzung ansehen m�ssen. Aber Lefuet hatte sich abgekehrt. Er telefonierte bereits wegen eines Marionettentheaters; und schon nach einer halben Stunde hatte er Gl�ck: Ein kleines Theater in der N�he des Hauptbahnhofs, das seit Jahren nur noch dahinkr�nkelte, war f�r den ansehnlichen Preis, den der Baron bot, zu haben.</p><p>�Fahren wir gleich hin, Herr Thaler�, sagte Lefuet. �Ich werde einen Notar und einen Barscheck mitnehmen. Geburtstagsgeschenke mu� man bar bezahlen.�</p><p>In einem kleinen, schmutzigen Zimmer, das dem Theater wohl als B�ro diente, wurde wieder einmal ein Vertrag unterzeichnet. Timm Thaler war Besitzer eines Marionettentheaters geworden. Es war alles noch unwirklicher als im Marionettentheater selbst.</p><p>Ausnahmsweise wanderten der Baron und der junge Mann zu Fu� ins Hotel zur�ck. Dabei fragte Timm zum erstenmal: �Warum liegt Ihnen gerade an meinem Lachen so viel, da� Sie daf�r ein halbes K�nigreich verschenken, Baron?�</p><p>�Mich wundert�, sagte Lefuet, �da� Sie diese Frage vorher niemals gestellt haben, Herr Thaler. Die Antwort ist nicht ganz einfach. In wenigen Worten k�nnte ich etwa Folgendes sagen: Als Sie ein kleiner Gassenjunge waren, Herr Thaler, haben Sie Ihr Lachen durch so viele b�se Unbegreiflichkeiten hindurchgerettet, da� es geh�rtet wurde wie ein Diamant. Ihr Lachen ist unzerst�rbar, Herr Thaler!�</p><p>�Aber ich bin zerst�rbar, Baron�, entgegnete Timm sehr ernst.</p><p>�Eben�, sagte Lefuet. (Ehe der junge Mann den h��lichen Sinn dieses W�rtchens �eben� begriffen hatte, waren sie im Hotel angekommen.)</p><p>Der Direktor sagte: �Hallo, Mr. Brown.�</p><p>Der Baron nickte zerstreut einen Gru�.</p><p>Oben, vor Timms Appartementst�r, sagte Lefuet: �Was wollen Sie eigentlich mit den Stimm-Aktien, Herr Thaler? Die m��ten Sie doch laut Vertrag an Mister Penny abtreten.�</p><p>Timm dachte verzweifelt: �Schon wieder spricht er von Vertr�gen. Ein ganzer Geburtstag voller Papiere!� Ihn zog es jetzt zu einem winzig kleinen Papier, einem eingerollten Zettel in einem Glasr�hrchen. Es fiel ihm schwer, dem Baron eine Antwort zu geben. Aber er brachte es �ber sich zu sagen: �Vielleicht liegt mir daran, da� Mister Penny mehr Stimm-Aktien bekommt, Baron!�</p><p>�Hm�, machte Lefuet nachdenklich. Dann sagte er: �Ich habe heute noch einige wichtige Besprechungen. Was werden Sie tun?�</p><p>Timm fa�te sich an die Stirn. �Die Kopfschmerzen lassen nicht nach, Baron. Ich werde mich hinlegen.�</p><p>�Tun Sie das�, lachte Lefuet. �Schlaf ist die beste Medizin.� Dann ging er.</p><p>Timm aber schlo� ungeduldig die T�r auf, trat ein in den Salon, schlo� hinter sich wieder ab und st�rzte in das Badezimmer.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Einunddrei�igster Bogen. </emphasis>Ein geheimnisvoller Zettel</p></title><p>Timm schaltete im Badezimmer nur die Lampe �ber dem Waschbecken und dem Spiegel an. Dann holte er die Lupe aus der kleinen Hausapotheke und den Zettel aus dem Glasr�hrchen f�r Kopfweh-Tabletten. Sein Herz schien in der Gurgel zu sitzen, so stark war dort das Schlagen zu sp�ren.</p><p>Ehe der junge Herr im eleganten grauen Flanellanzug aber den Zettel las, vergewisserte er sich noch einmal, da� die T�r des Badezimmers verschlossen war. Dann stellte er sich neben das Waschbecken, blickte durch die Lupe auf das kleine Papier und war - Flanell hin, Flanell her - nur noch ein ma�los aufgeregter Junge.</p><p>Die Lupe in der Hand zitterte; dennoch vermochte Timm die Schrift zu entziffern. Er las mit wachsendem Erstaunen: <emphasis>Besuche Schwan-Kleb-An. Gewinne, was die Prinzessin gewann. Der Weg ist einfacher, als du denkst Der Herr, der von S�dwind abriet zeigt ihn dir. Nimm einen Taxichauffeur, den du kennst. Er bewacht das Haus der R�te. W�hle die (schwarze!) Stunde der Stra�enbahnen. F�rchte die Ratte und t�usche sie. Der Weg ist einfach. Aber w�hle Hintertreppen, um zu ihm zu gelangen. Vertrau uns und komm!</emphasis></p><p>Timm lie� Zettel und Lupe sinken und setzte sich auf den Rand der Wanne. Er zitterte immer noch vor Erregung, aber sein Kopf war klar. Er wu�te: Diese Nachricht war verschl�sselt f�r den Fall, da� Lefuet sie in die Finger bek�me. Jetzt galt es, die versteckten Hinweise und Anspielungen zu entschl�sseln.</p><p>Wieder stellte er sich neben dem Waschbecken unter die Lampe und las die Nachricht langsam zum zweiten Male: <emphasis>Besuche Schwan-Kleb-An.</emphasis></p><p>Das war einfach zu begreifen: Timm sollte dorthin kommen, wo er das Marionettenspiel gesehen hatte. Nach Ovelg�nne ins Gasthaus.</p><p><emphasis>Gewinne, was die Prinzessin gewann.</emphasis></p><p>Das war noch einfacher zu verstehen. Es war die wichtigste und k�stlichste Nachricht des Papierchens. Sie hie� ganz einfach: Gewinne dein Lachen zur�ck! Und da� das m�glich war, zeigte der n�chste Satz:</p><p><emphasis>Der Weg ist einfacher, als du denkst</emphasis></p><p>Aber was bedeutete das Folgende?</p><p><emphasis>Der Herr, der von S�dwind abriet, zeigt ihn dir.</emphasis></p><p>Timm mu�te in seinem Ged�chtnis nachgraben. Doch dann kam er darauf: S�dwind war ein Pferd gewesen! Das letzte Pferd, auf das er gewettet hatte. Und ein Herr, der ihm damals noch unbekannt gewesen war, hatte ihm abgeraten, auf das Pferd zu setzen: Kreschimir!</p><p>Kreschimir also wu�te, wie Timm zu seinem Lachen kommen konnte! Der Junge hatte es geahnt. Aber die Gewi�heit �berw�ltigte ihn. Er mu�te sich wieder auf den Rand der Wanne setzen. Das Licht war hell genug, um hier den Zettel weiterlesen zu k�nnen:</p><p><emphasis>Nimm einen Taxichauffeur, den du kennst. Er bewacht das Haus der Rute.</emphasis></p><p>Der Taxichauffeur war Jonny. Daran zweifelte Timm keine Sekunde. Aber �das Haus der R�te�?</p><p>�ber dieser ziemlich einfachen Verschl�sselung br�tete Timm eine ganze Weile, ehe ihm klar wurde, was gemeint war: nat�rlich das Rathaus. Es war ja in unmittelbarer N�he seines Hotels. Dort also w�rde Jonny in einem Auto auf ihn warten und ihn dann nach Ovelg�nne fahren.</p><p>Aber der Zeitpunkt war ihm noch unklar.</p><p><emphasis>W�hle die (schwarze!) Stunde der Stra�enbahnen.</emphasis></p><p>Zweierlei Stra�enbahnerlebnisse standen mit seinen Freunden in Verbindung: die umgeleitete Stra�enbahn, in der er mit Herrn Rickert gesessen hatte, und die fliegenden Stra�enbahnen in Genua, die er mit Jonny gesehen hatte. Beide Erlebnisse mu�ten gemeint sein; denn das Wort �Stra�enbahn� stand in der Mehrzahl.</p><p>Die Stunde der Stra�enbahnen? Um welche Zeit hatte er denn die Erlebnisse gehabt? Die fliegenden Stra�enbahnen hatte er um die Mittagszeit gesehen, gegen zw�lf Uhr also. Und als er Herrn Rickert in der Stra�enbahn zum erstenmal gesehen hatte, war es auch Mittag gewesen.</p><p>Also zw�lf Uhr mittags! Und jetzt war es... (Timm blickte auf seine Armbanduhr)... f�nf Uhr nachmittags. Sollte er also erst morgen kommen? Oder h�tte er schon heute mittag kommen sollen?</p><p>Aber da war noch das Wort �schwarze�, das vor �Stunde� stand. In Klammem und mit einem Ausrufezeichen. Was aber ist eine schwarze Mittagsstunde?</p><p>Wieder ging ihm der Sinn einer ziemlich einfachen Verschl�sselung nicht sogleich auf.</p><p>Aber dann war auch dieses R�tsel gel�st: Gemeint war die schwarze Zeit um zw�lf Uhr. Also Mitternacht! (Und bis dahin waren es noch sieben lange Stunden.)</p><p>Der Rest der Nachricht war wieder einfach zu begreifen: <emphasis>F�rchte die Ratte und t�usche sie. Der Weg ist einfach. Aber w�hle Hintertreppen, um zu ihm zu gelangen. Vertrau uns und kommt </emphasis>Timm sollte sich also vor Lefuet in acht nehmen und heimlich das Hotel verlassen, vielleicht sogar in einer Verkleidung; denn in dem Wort �Hintertreppen� steckte (wie in Hintertreppenromanen) die Romantik der Schurken und verkleideten Helden: Hintertreppen-Romantik.</p><p>Der Junge f�hlte sich, als er den geheimnisvollen Zettel entschl�sselt hatte, leicht wie ein Vogel. Ein Drang zu lachen stieg in ihm auf. Und das Seltsame war, da� seine Lippen sich dabei nicht wie sonst hart aufeinanderpre�ten. Im Gegenteil: Ihm war, als l�chele sein Mund.</p><p>In freudigem Erschrecken sprang Timm auf und betrachtete sein Gesicht im Spiegel: Es hatte Kringel in den Mundwinkeln wie die italienischen Portr�ts des Palazzo Candido in Genua. Es war kein Lachen, nicht einmal ein L�cheln, wenn man es genau nahm; aber die Kringel in den Mundwinkeln waren eindeutig da. Und seit dem Vertragsabschlu� unter dem Kastanienbaum waren sie nie mehr dagewesen.</p><p>Es hatte sich also schon etwas ge�ndert an diesem Tage. Die Hoffnung hatte wie der Pinsel eines Malers etwas auf sein Gesicht gezaubert: den Anflug eines L�chelns.</p><p>Timm steckte das Zettelchen wieder in eine Tasche seiner Anzugjacke, l�schte das Licht, verlie� das Bad und setzte sich mit �bereinandergeschlagenen Beinen in einen Sessel des Salons, um nachzudenken.</p><p>Der Baron sa� w�hrend dieser Zeit - nicht weit von Timm entfernt - im Alsterpavillon. Er hatte eine Besprechung mit einem Vertreter jener �gyptischen Firma, die auf den Markennamen �Palmaro� Anspruch erhob. Die Firma verlangte, da� Lefuets Margarine einen anderen Namen bek�me.</p><p>Der Baron zeigte bei diesem Gespr�ch nicht die Gelassenheit und �berlegenheit, die ihm zur zweiten Natur geworden war, seit er das Lachen besa�. Gewi�, es hing sehr viel davon ab, da� die Markenmargarine sich jetzt unter dem vorbereiteten Namen m�glichst schnell Legionen von K�ufern eroberte. Aber der Baron durfte keinesfalls merken lassen, wie wichtig ihm die Sache war. Er mu�te l�chelnde Gelassenheit zeigen. Eben deshalb und f�r solche Zwecke hatte er ja das Lachen gekauft.</p><p>Als Lefuet an einer passenden Stelle das Lachen ert�nen lie�, samt dem Kullern und dem Schlucker, wie es sich geh�rte, kam es ihm so vor, als fehle etwas daran. Auf seinen Gespr�chspartner schien es eher peinlich zu wirken.</p><p>Der Baron entschuldigte sich f�r einen Moment und begab sich in den Waschraum des Alsterpavillons. Hier stellte er sich vor den Spiegel, produzierte das Lachen Timms und beobachtete dabei sein Gesicht genau.</p><p>Auf den ersten Blick schien alles unver�ndert. Aber bei genauerem Hinsehen - der Baron lachte zum zweitenmal f�r den Spiegel - bei genauerem Hinsehen fehlten die h�bschen Kringel in den Mundwinkeln. Das Lachen wirkte daher gezwungen, k�nstlich: ein Lachen aus zweiter Hand.</p><p>In Lefuet stieg ein Gef�hl auf, das ihm in den letzten Jahren fremd geworden war: Erschrecken! Und zum erstenmal seit Jahren f�hlte er wieder so etwas wie Gewissensbisse. Nicht etwa, weil er etwas B�ses getan hatte (f�r Gut und B�se fehlte ihm das Organ), sondern weil er sah, da� er eine Dummheit gemacht hatte.</p><p>Dieses kostbare Gassenjungen-Lachen, blank und geh�rtet wie ein Diamant, dieses Kullern mit dem Schlucker dran, h�tte er auf andere, einfachere Weise in seinen Besitz bringen m�ssen: nicht Punkt f�r Punkt mit einem feilschenden Vertragspapier; nicht aus Geiz mit der Hokus-Pokus-F�higkeit, Wetten zu gewinnen; sondern...</p><p>Der Gespr�chspartner Lefuets betrat pl�tzlich den Waschraum und sah das bla�gewordene, leicht verzerrte Gesicht des Barons. Er mu�te annehmen, da� Lefuet wegen des Markennamens �Palmaro� so verst�rt war, und Lefuet mu�te annehmen, da� der �gyptische Vertreter eben dies annahm. Es war eine verteufelte Lage. Der Baron wagte nicht einmal, das Lachen ins Spiel zu bringen, weil er sich dieses Lachens pl�tzlich nicht mehr sicher war. Er sagte deshalb, indem er sehr unglaubw�rdig eine �belkeit vort�uschte: �Ich werde morgen alles in Kairo besprechen. Mir ist nicht wohl. Die Hummermayonnaise... �</p><p>Dann verlie� er den Waschraum und den Alsterpavillon und rannte mit langen Schritten - ein fliegender Heuschreck - zu seinem Hotel. Die Spazierg�nger auf dem eleganten Jungfemstieg - dezent gepuderte Damen und gemessen schreitende Herren - bemerkten bei seinem Anblick mit gehobenen Brauen: �So s-t�rzt man doch n�cht �ber den Jungfems-tieg, wie ungeb�ldet!�</p><p>Lefuet h�rte und sah nichts davon. Er sp�rte, da� ihm das Lachen zu entgleiten drohte, und er ahnte, auf welche Weise. Deshalb wollte er retten, was zu retten war, es festhalten mit Z�hnen und Klauen. Deshalb rannte er jetzt �ber den Neuen Jungfemstieg, sprang beinahe, ohne auf die Menschen und den Verkehr zu achten, st�rzte blindlings vorw�rts, einem Wahnsinnigen �hnlich, strauchelte mitten auf dem Fahrweg vor dem Hotel, h�rte Bremsen quietschen und Leute schreien, f�hlte es hei� die H�ften entlangrinnen und schrie, bevor er ohnm�chtig wurde: �Timm Thaler!�</p><p>Dieser Verkehrsunfall kam ebenso pl�tzlich wie folgerichtig. Furcht erzeugt Unsicherheit. Unsicherheit verwirrt. Verwirrung erzeugt Unf�lle. Es war folgerichtig, da� der Baron vor ein Auto geriet, als er um das Lachen zu f�rchten begann. Im �brigen war der Baron k�rperlich z�her, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mochte. Auch hatte das Auto in letzter Sekunde bremsen k�nnen. Lefuet war nicht unter die R�der gekommen. Seine Bewu�tlosigkeit war nur eine Folge des Sturzes.</p><p>Zwei Detektive, die hinter ihm hergekeucht waren, hoben ihn ins Krankenauto, das schon f�nf oder sechs Minuten sp�ter an Ort und Stelle war. Die Detektive begleiteten den Baron auch ins Hospital, wo er ziemlich bald aus der Ohnmacht erwachte. Seine ersten Worte waren allen Leuten im Krankenzimmer v�llig unverst�ndlich. Er sagte: �Wer zuletzt lacht, lacht am besten.� Dann kam der Arzt herein, und Lefuet sagte seinen Detektiven mit m�der Stimme, er k�nne sie jetzt entbehren. �In Hospit�lern�, f�gte er scherzend hinzu, �ist man durch die Piet�t am besten gesch�tzt.� Er lachte dabei ein wenig, und das kleine Gel�chter schien ihm gut zu tun.</p><p>Die Detektive verlie�en das Krankenzimmer, und Lefuet wurde eingehend untersucht. Er hatte einige Prellungen davongetragen und eine leichte Gehirnersch�tterung. Man verordnete leichte Kost und Bettruhe f�r einige Tage. Au�erdem wurde ihm geraten, m�glichst keine Besuche zu empfangen.</p><p>Trotzdem erhielt Lefuet noch am selben Tage merkw�rdigen Besuch. Es war ein kleiner mickriger Mann mit Nickelbrille. Er hatte ein zerknittertes Gesicht und einen zerknitterten Anzug. Die Stationsschwester wunderte sich, da� ihr Patient, der ein feiner Herr zu sein schien, mit solchen Leuten verkehrte.</p><p>Lefuet stellte dem Mann ein paar Fragen und gab einige Anweisungen.</p><p>�Haben Sie den Jungen seit der Geschichte auf dem Rennplatz wiedergesehen?�</p><p>�Nein, Herr Baron.�</p><p>�Leiser, mein Lieber! Ich bin Mister Brown.�</p><p>�Jawohl, Herr... Mister Brown. Ich wollte Ihnen noch sagen, da� ich den Jungen von Zeitungsbildem kenne.�</p><p>�Das ist wenigstens etwas. Aber sehen Sie ihn sich trotzdem noch einmal an, wenn�s m�glich ist. Aber unauff�llig.</p><p>M�glicherweise erkennt er Sie wieder. Die Nickelbrille ver�ndert Sie kaum.�</p><p>�Jawohl, Herr... Brown.�</p><p>�Also nochmals, mein Lieber: �u�erste Zur�ckhaltung! Er darf nicht merken, da� ihn au�er unseren Hausdetektiven noch jemand beschattet. Klar?�</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Eine andere Frage... �</p><p>�Bitte sehr, Mister Brown?�</p><p>�Es ist eine mehr private Frage: Kennen Sie das M�rchen Schwan-Kleb-An?�</p><p>�Na und ob! Das mu�te ich mir doch ansehen, als ich den Jungen vor zwei Jahren hier in Hamburg beobachtet habe, Herr Ba... rown. Da ist er doch mit diesen Rickerts ins Marionettentheater gegangen. Und das St�ck hie� Schwan-Kleb-An.�</p><p>�Ah so! Das erkl�rt einiges.� Der Baron schlo� f�r einen Moment die Augen. Er sah sich selbst im Taxi sitzen, Timm neben sich, und er h�rte den Fahrer sagen: �Das ging aber mal schnell. Fast so schnell wie bei Schwan-Kleb-An.� Dann sah der Baron Timms Gesicht vor sich. Erst zuckte es, dann wurde es steinern. Vor die Erregung wurde ein Vorhang gezogen. (Lefuet kannte das l�ngst.) Jetzt wu�te er, warum der Fahrer Schwan-Kleb-An erw�hnt hatte. Und als er sich von dem Mann mit der Nickelbrille das M�rchen erz�hlen lie�, wu�te er noch viel mehr.</p><p>Zu Lefuets erstaunlichsten Talenten geh�rte ein Zahlenged�chtnis, das ihn selten in Stich lie�. Es bediente ihn auch diesmal mit der Nummer des Taxis, die er auf ein abgerissenes St�ck Zeitungspapier schrieb.</p><p>Das Papier gab er dem Besucher. �Wenn der Junge in ein Taxi mit dieser Nummer steigt, will ich sofort benachrichtigt werden. Fragen Sie die Schwester nach meiner Telefonnummer, und schreiben Sie sie darunter, klar?�</p><p>�Jawohl, Mister Brown!�</p><p>�Mein Chauffeur soll mit fahrbereitem Wagen vor dem Krankenhaus warten. Benachrichtigen Sie ihn. Er soll sich einen Mietwagen nehmen. Auf keinen Fall ein Firmenauto. Und Sie rufen mich auf der Stelle an, wenn der Junge in das angegebene Taxi steigt. Auf - der - Stel - le! Es k�nnte um Minuten gehen.�</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Dann k�nnen Sie gehen.�</p><p>Der Mann wandte sich der T�r zu, aber Lefuet hielt ihn noch einmal zur�ck. �Die Leute scheinen verkleidet zu arbeiten. K�nnte sein, da� sich auch der Junge verkleidet. Ich erw�hne das sicherheitshalber. �</p><p>�Ist gut, Baron... Brown.�</p><p>Der Mann ging. Lefuet erhob sich, hinkte zur T�r, schlo� sie leise ab, kleidete sich bis auf die Schuhe vollst�ndig an, schlo� leise die T�r wieder auf und legte sich im Anzug ins Bett zur�ck, als das Telefon l�utete. Es war Timm Thaler.</p><p>�Wie geht es Ihnen, Baron?�</p><p>Lefuet st�hnte: �Miserabel, Herr Thaler! Br�che und eine schwere Gehirnersch�tterung. Ich kann mich kaum bewegen.� Er lauschte mit angehaltenem Atem in den H�rer. Aber er h�rte nichts als die ruhige Stimme des jungen Mannes: �Dann will ich Sie nicht l�nger anstrengen. Gute Besserung, Baron, und seien Sie vorsichtig!�</p><p>�Darauf k�nnen Sie sich verlassen, Herr Thaler!�</p><p>Behutsam legte Lefuet den H�rer in die Gabel zur�ck. Dann lehnte er sich gegen die Kissen und blickte aus dem Fenster hinaus. Drau�en umspielten zwei Schwalben einander im Fluge.</p><p>�Lachen�, dachte Lefuet, �ist ein Vogel. Aber ein Vogel, der niemandem ins Netz geht. Ein Vogel, den man nicht fangen kann.� Laut setzte er hinzu: �Und niemand soll mich fangen k�nnen!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Zweiunddrei�igster Bogen. </emphasis>Hintertreppen</p></title><p>Timms Appartement lag auf der R�ckseite des Hotels. So hatte er den Schrei des verungl�ckten Barons nicht h�ren k�nnen. Er war in der allgemeinen Verwirrung auch erst sehr sp�t von dem Unfall unterrichtet worden. Nach dem kurzen Telefongespr�ch mit Lefuet �berkam ihn so ein Gef�hl, als ob auch dieser Verkehrsunfall Hintertreppen-Romantik sei - wie alles an diesem Tage. Er sch�mte sich dieses Gef�hls, wenn er an den scheinbar so schwerkranken Baron dachte; aber er konnte nicht hindern, da� es sein Mitleid fast verdr�ngte.</p><p>Auch Timms n�chster Schritt war Hintertreppen-Romantik. Was der geheimnisvolle Zettel empfohlen hatte (�W�hle Hintertreppen!�) und was Lefuet vermutet hatte (�K�nnte sein, da� sich auch der Junge verkleidet.�), das zu tun, bereitete Timm sich jetzt vor. Dabei kam ihm zustatten, da� der Baron ihn im letzten Jahr reichlicher mit Taschengeld versehen hatte als vorher.</p><p>Timm l�utete dem Zimmerm�dchen und bot ihr dreihundert Mark f�r den Fall, da� sie ihm bald und heimlich gebrauchte Schifferkleidung besorge: eine blaue Tuchhose, einen dunkelblauen Rollkragenpullover und eine Schirmm�tze.</p><p>Das M�dchen - wahrscheinlich las sie Groschenromane - fand den geheimnisvollen Auftrag prickelnd und spannend. Sie sagte, sie habe einen Verehrer bei der christlichen Seefahrt, den sie um acht Uhr treffen werde. Von dem k�nne sie die Sachen bekommen.</p><p>�Gut�, sagte Timm. �Dann wickeln Sie die Sachen in frische Bettw�sche und bringen Sie sie bis neun Uhr zu mir! �</p><p>�Aber Mister Brown�, sagte das M�dchen (Lefuet und Timm waren ja als Vater und Sohn Brown hier abgestiegen), �um neun Uhr wechseln wir doch keine Bettw�sche! H�chstens ein Badetuch!�</p><p>�Also dann tun Sie die Sachen meinetwegen in ein Badetuch. Hauptsache, ich bekomme sie.�</p><p>�Aber was soll ich dem Herrn drau�en sagen, Mister Brown?�</p><p>�Welchem Herrn?� fragte Timm.</p><p>�Dem, der mir hundert Mark gegeben hat, damit ich ausspioniere, was Sie tun!�</p><p>�Ah, der Herr Detektiv! Sagen Sie ihm, da� ich jetzt eine Kopfschmerztablette verlangt h�tte und da� Sie mich auf die Tabletten im Badezimmer aufmerksam gemacht h�tten.�</p><p>�Ist gut, Mister Brown!�</p><p>�Und noch etwas: Wenn Sie heute abend um neun Uhr kommen, sind Sie wohl au�er Dienst?�</p><p>�Ja.�</p><p>�K�nnten Sie dann f�r kurze Zeit Ihre Dienstkleidung wieder anziehen?�</p><p>�Das h�tte ich sowieso getan, Mister Brown. Ich habe eine zu Haus. Die ziehe ich unter dem Mantel an. Und �ber das H�ubchen binde ich ein Kopftuch. Dann brauche ich mich hier nicht gro� umzuziehen.�</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte Timm mit zwei deutlichen Kringeln in den Mundwinkeln. �Dann kann ich also bestimmt mit Ihnen rechnen?�</p><p>�Ganz bestimmt, Mister Brown. Und - kann ich auch ganz bestimmt mit dem Geld rechnen?�</p><p>�Sie k�nnen es jetzt schon haben!� Der junge Mann entnahm seiner Brieftasche drei Hundertmarkscheine und gab sie ihr.</p><p>�Sie sind aber leichtsinnig!� lachte das M�dchen. �So was zahlt man doch nicht im voraus. Na, ich werde Sie nicht entt�uschen. Danke sch�n einstweilen! Und tsch�s solang!�</p><p>�Bis neun!� sagte Timm. Dann schlo� er ab und legte sich nieder. Wenn er auch nicht schlafen konnte, wollte er doch wenigstens den K�rper ausruhen lassen.</p><p>Kurz nach neun Uhr kam das Zimmerm�dchen wie verabredet. Mit schwarzem kunstseidenem Kittel und wei�em H�ubchen. Das Badetuch trug sie vor der Brust.</p><p>�Der Herr hat mich gefragt, was ich bei Ihnen will�, fl�sterte sie. �Ich habe gesagt, Sie h�tten heute nachmittag f�r neun Uhr ein frisches Badetuch bestellt.�</p><p>�Nett von Ihnen�, erwiderte Timm m�glichst laut. Dann fl�sterte er: �Gr��en Sie Ihren Verehrer von der christ�liehen Seefahrt!�</p><p>Diesmal antwortete das M�dchen laut: �Danke, Mister Brown! Herzlichen Dank!� Dann verlie� sie das Appartement und blinzelte Timm unter der T�r noch einmal zu. Der junge Mann blinzelte zur�ck.</p><p>Der Verehrer des Fr�uleins hatte zum Gl�ck nicht die Ausma�e Jonnys. Er schien ein kleines bi�chen gr��er als Timm zu sein; aber die Hose lie� sich durch Tr�ger heraufziehen, und bei Pullovern ist ein lockerer Sitz ja nicht weiter schlimm.</p><p>Im Spiegel kannte Timm sich - vor allem mit der Schirmm�tze -kaum selbst wieder. Nur die zarte Haut seines Gesichts verriet ihn. Also wurde auch das ge�ndert: Er rieb sich die Wangen mit dem Bimsstein ein, der im Badezimmer lag, und schmierte danach Erde aus einem Blumentopf dar�ber. Dann wusch er das Ganze ab und machte das gleiche noch einmal. Und dann noch einmal und noch einmal. Das Ergebnis war zufriedenstellend: Timm Thalers Gesicht sah aus, als habe er gerade die Masern �berstanden. Von Kopf bis Fu� roch der ganze Timm f�rmlich nach christlicher Seefahrt.</p><p>Jetzt mu�te er genau �berlegen, was er mitnehmen sollte; denn vermutlich w�rde er ja in dieses Appartement nicht zur�ckkehren. Er wu�te, da� mit seinem wiedergefundenen Lachen die Rolle des reichen Erben ausgespielt war; aber das bedr�ckte ihn nicht. Was also mitnehmen?</p><p>Er entschlo� sich, nur ein paar Papiere mitzunehmen, sonst nichts: seinen Pa�, den Vertrag �ber das verkaufte Lachen, den Vertrag �ber den Kauf der Reederei HHD, den dritten Vertrag �ber den Erwerb des Marionettentheaters und den winzigen geheimnisvollen Zettel mit der Kritzelschrift. Diese f�nf Schriftst�cke steckte Timm, s�uberlich gefaltet, in eine ger�umige Hintertasche der Seemannshose, die er sorgf�ltig zukn�pfte.</p><p>Timm war f�r die wichtigste Unternehmung seines Lebens ger�stet. (Es war mittlerweile schon fast elf Uhr geworden.) Er tat jetzt noch ein �briges, indem er rasch nacheinander drei Zigaretten rauchte. So roch er nach Tabak und bekam eine leicht heisere Stimme. (Er rauchte n�mlich sonst nicht, hatte f�r Besucher aber stets ein gef�lltes Zigarettenk�stchen aus Palisanderholz bereitstehen.)</p><p>Nun galt es, unbemerkt von den Detektiven das Hotel zu verlassen. (Unter dem Rauchen war es elf Uhr f�nfzehn geworden.) Aus einem Fenster zu klettern, w�re zu auff�llig. Also blieb nur der Weg durch das Hotel. Zu diesem Zweck mu�te der Detektiv auf dem Flur abgelenkt werden. Timm wu�te schon, auf welche Weise: Er schrieb einen</p><p>kurzen Brief an den Baron, in dem er ihm gute Genesung</p><p>w�nschte, und l�utete dem Boy. (Es war elf Uhr drei�ig.)</p><p>Der Hotelpage, der erschien, war etwa in Timms Alter, wirkte aber bedeutend j�nger. Er war rothaarig und hatte ein verwegenes Stupsnasengesicht, was Timm nur recht sein konnte.</p><p>�W�rden Sie ein bi�chen Theater f�r mich spielen, wenn ich Ihnen zweihundert Mark gebe?� (Es war Timms Taschengeld-Rest.)</p><p>Der Page grinste: �Um was handelt es sich denn?�</p><p>�Vor meiner T�r steht ein Detektiv... �</p><p>�Wei� ich�, sagte der Knabe, immer noch grinsend.</p><p>�Nun, den sollen Sie ablenken. Nehmen Sie diesen Brief und stecken Sie ihn so in den �rmelaufschlag Ihrer Jacke, da� ein Streifen herausguckt. Wenn der Detektiv nach dem Brief fragt - und das wird er, wie ich ihn kenne - tun Sie verst�rt, als ob Sie den Brief nicht zeigen d�rften. Gehen Sie im Geschwindschritt um die Flurecke. Der Detektiv wird Ihnen folgen und Ihnen Geld bieten, um den Brief ansehen zu d�rfen.�</p><p>�Darauf k�nnen Sie Gift nehmen, Mister Brown.�</p><p>�Eben. Das wei� ich. Nun bitte ich Sie, so lange mit dem Detektiv zu zanken, da� ich mein Appartement verlassen und durch den Hintereingang des Hotels entwischen kann. Den Brief darf er nat�rlich lesen.�</p><p>Die Stupsnase unter dem roten Schopf zuckte belustigt. �Ich mu� ihn also vier bis f�nf Minuten aufhalten. Das klappt. Dann kann ich auch den Preis ein bi�chen h�hertreiben, und Sie brauchen mir nur hundert Mark zu geben.�</p><p>Timm wollte etwas sagen, aber der Page winkte ab: �Nee, nee, lassen Sie man! Hundert Mark gen�gen. So, wie Sie sich verpuppt haben, kommen Sie ja bestimmt nicht unter reiche Leute. Ist also ganz gut, wenn Sie Kleingeld bei sich haben.�</p><p>�Vielleicht haben Sie recht�, erwiderte Timm. �Also sch�nen Dank. Hier ist der Brief, hier sind hundert Mark. Und wenn Sie den Detektiv tun die Ecke gelockt haben, k�nnten Sie vielleicht einen Hustenanfall markieren.�</p><p>�Wird prompt erledigt, Mister!� Der Page steckte das Geld in eine Brusttasche und den Brief in einen �rmelaufschlag. Dann streckte er - seinen Anweisungen zum Trotz - Timm die Hand hin und sagte: �Viel Gl�ck!�</p><p>�Gl�ck kann ich brauchen�, erwiderte Timm ernst und dr�ckte die Hand des Pagen.</p><p>Als der Boy gegangen war, legte Timm ein Ohr an die T�r. Sein Herz schien wieder einmal im Halse zu klopfen.</p><p>Jetzt h�rte er ein bellendes Husten. (Es war elf Uhr f�nfundvierzig.) Vorsichtig �ffnete er die T�r. Der Flur war leer.</p><p>Als er die T�r leise wieder ins Schlo� gedr�ckt hatte, nahm er sich nicht die Zeit, abzuschlie�en. Mit wenigen Schritten war er an der Treppe, die zum Hinterausgang des Hotels f�hrte. (�Benutze Hintertreppen.� Er tat es.)</p><p>Ungehindert konnte er entwischen. Ein Zimmerm�dchen, dem er einen gemurmelten �guten Abend� w�nschte, schien ihn nicht erkannt zu haben.</p><p>Drau�en gl�nzte das Stra�enpflaster unter den Bogenlampen. Es hatte �ber Hamburg zu nieseln angefangen. Ein Mann stand mit einem Regenschirm auf der anderen Stra�enseite, hatte aber den Kopf abgewandt. Im Latemenschein blitzte der B�gel einer Nickelbrille auf. Jetzt nur nicht rennen! Schlendern, pfeifen und den Seemann spielen! Timm blickte sich um, als wisse er noch nicht, wohin er sich wenden wolle, pfiff und wandte sich dann in Richtung des Rathauses. Keine Schritte folgten ihm. Umzudrehen wagte er sich nicht. Betont gem�tlich, aber innerlich fast berstend vor Aufregung, setzte er Schritt vor Schritt, bog in eine Gasse ein und -fing zu rennen an.</p><p>Erst kurz vor dem Rathausmarkt - eine Turmuhr begann gerade zu schlagen - hielt er an. Er sah auf dem Platz eine Reihe Taxis stehen; aber nur eines stand mit laufendem Motor da. Als der verkleidete Junge langsam auf dieses Auto zuging, erkannte er Jonny - ebenfalls verkleidet.</p><p>Die Turmuhr hatte ausgeschlagen. Es war Mitternacht, �die schwarze Stunde der Stra�enbahnen�. Timm �ffnete den Schlag und setzte sich neben den Steuermann.</p><p>Jonny sagte: �Entschuldigen Sie, ich bin bestellt. Nehmen Sie das n�chste Taxi!� Dabei sah er seinen Fahrgast nicht an, sondern lie� seine Augen suchend �ber den Markt wandern.</p><p>�Besuche Schwan-Kleb-An. Gewinne, was die Prinzessin gewann�, erwiderte Timm halblaut.</p><p>Jetzt fuhr Jonnys Kopf zur Seite: �Menschenskind, Timm, wie siehst du denn aus?�</p><p>�Mein Zimmerm�dchen hat einen Verehrer bei der christlichen Seefahrt, Jonny!�</p><p>�Ist jemand hinter dir her?�</p><p>�Ich glaube nicht.�</p><p>Das Auto fuhr zwischen einzelnen erleuchteten Schaufenstern zum R�dingsmarkt hinauf, bog dort scharf rechts ein und nahm Richtung auf das Hafenviertel.</p><p>�Ist dir jemand auf den Fersen, Jonny?�</p><p>�K�nnte sein, Timm. Seit einer Stunde hab� ich so ein Gef�hl, als w�rde ich beschattet. Aber es ist nur so ein Gef�hl, verstehst du? Einen bestimmten Wagen oder eine bestimmte Person, die mich verfolgen, konnte ich bis jetzt nicht ausmachen. Wir werden Seitenstra�en benutzen.�</p><p>Neben dem Steuermann lie� Timms Erregung etwas nach. Er hatte sich diese Taxifahrt um Mitternacht viel dramatischer vorgestellt. Obwohl sie jetzt st�ndig durch geheimnisvolle dunkle Nebenstra�en fuhren, waren dies die ruhigsten Augenblicke eines Tages voller Hintertreppen.</p><p>Jonny fuhr schnell, aber sicher. Manchmal warf er einen Blick in den R�ckspiegel. Aber niemand schien ihnen zu folgen.</p><p>Das Auto, das ihnen bald darauf st�ndig folgte, fuhr ohne Licht.</p><p>Mehrere Male setzte Timm zu Fragen �ber Kreschimir an; aber Jonny fuhr ihm dazwischen: �Wart�s ab, bis du ihn siehst, Timm! Ich bitte dich darum.�</p><p>�Darf ich dich etwas fragen, was nichts mit Kreschimir zu tun hat, Jonny?�</p><p>�Was willst du wissen?� (Sie fuhren jetzt bereits durch Altona.)</p><p>�Woher wu�test du, da� der Baron und ich mit dem Flugzeug kamen?�</p><p>Der Steuermann lachte. �Erinnerst du dich an einen Herrn namens Selek Bei?�</p><p>�Na und ob!�</p><p>�Der hat Verbindung mit uns aufgenommen und es uns mitgeteilt. Als euer Flugzeug kam, haben wir alle Taxis am Flugplatz wegengagiert. Ihr h�ttet gar kein anderes Taxi nehmen k�nnen als dieses. Geh�rt meinem Schwager.�</p><p>�Aber woher wu�tet ihr denn, da� wir ein Taxi nehmen? Wir fahren normalerweise mit den Wagen der Firma.�</p><p>�Selek Bei wu�te, da� ihr inkognito kommt, Timm. Nicht einmal die Firma sollte etwas von eurer Ankunft wissen. Die Idee, dem Baron deine Stiefmutter auf den Hals zu hetzen, kam auch von Selek Bei. Hat es was gen�tzt?�</p><p>�Nein, Jonny. Nichts hat gen�tzt. Und wenn Kreschimir auch nicht helfen kann, dann... �</p><p>�... dann will ich einen Besen fressen, Timm. Samt Stiel und Borsten. Aber red nicht mehr davon. Wart�s ab!� (Sie waren jetzt nicht mehr weit von der Elbchaussee entfernt und Ovelg�nne nahe.)</p><p>Pl�tzlich lachte Jonny unvermittelt.</p><p>�Was hast du denn?�</p><p>�Ich mu� an dein Gesch�ft mit dem Baron denken. Als du deine Aktien gegen eine Reederei getauscht hast. Hab� nat�rlich sofort geschaltet und eine Reederei genannt, von der ich genau wu�te, da� sie zu verkaufen ist. Hast du sie tats�chlich bekommen?�</p><p>�Ich hab� den Kaufvertrag in der Tasche, Steuermann.�</p><p>�Alle Achtung, Timm! Der HHD ist ein Bombengesch�ft! Wenn du einen Steuermann brauchst... �</p><p>Jetzt fuhren sie in die Elbchaussee ein, und Jonny sah im R�ckspiegel das Auto ohne Licht, das ihnen folgte.</p><p>Er sagte dem Jungen nichts, erh�hte nur die Geschwindigkeit und schielte immer wieder in den R�ckspiegel.</p><p>Timm sagte etwas, aber Jonny h�rte nicht hin. Er sah, da� auch das Auto hinter ihnen die Geschwindigkeit erh�hte und langsam n�her kam.</p><p>Die Bremsen quietschten wie Schweine unter dem Schlachtmesser. Jonnys Rechte bewahrte Timm davor, mit dem Kopf in die Windschutzscheibe zu sto�en. Das Taxi hatte hart gebremst. Das verdunkelte Auto scho� an ihnen vorbei. �Raus!� br�llte Jonny. Schon h�rte man weiter vom das Aufschreien anderer Bremsen.</p><p>Der Steuermann zerrte Timm hinter sich her. �ber die Stra�e, eine steile, enge Stiege hinunter, in ein Geb�sch zur Rechten, �ber eine Mauer, in einen Bierkeller, auf der anderen Seite des Bierkellers wieder hinaus, abermals �ber eine Mauer und eine zweite, noch steilere Stiege hinunter.</p><p>�Was ist denn, Jonny? Hat uns doch jemand verfolgt?�</p><p>�Spare deinen Atem, Timm. Durch unser Man�ver haben wir einen Vorsprung, den wir halten m�ssen. Unten steht Kreschimir.�</p><p>Timm strauchelte; Jonny fing ihn auf und trug ihn ganz einfach die letzten Stufen hinab. Timms Blick streifte ein beleuchtetes Schild: �Teufelsstiege�.</p><p>Als Jonny den Jungen absetzte, pfiff er. Irgendwo in der N�he pfiff es wieder.</p><p>�Tu sofort, was Kreschimir sagt�, fl�sterte Jonny.</p><p>Aus dem Dunkel tauchten zwei Gestalten auf: Kreschimir und Herr Rickert. Der Klo� in Timms Kehle war diesmal mindestens apfelgro�.</p><p>�Gib mir die Hand, Timm, und wette mit mir, da� du dein Lachen wiederbekommst. Mach schnell!� Es war die vertraute Summe Kreschimirs.</p><p>Trotz seiner Verwirrung gab Timm ihm die Hand. �Ich wette mit dir... �</p><p>�Halt!� schrie es hoch oben von der Treppe. �Halt!� Aber niemand war zu sehen.</p><p>Kreschimir sagte ruhig und fest: �Ich wette, da� du dein Lachen nicht zur�ckbekommst, Timm. Um einen Pfennig!�</p><p>�Dann wette ich... �</p><p>�Halt!� schrie es. Jonny fl�sterte: �Weitermachen!�</p><p>�Dann wette ich mit dir, da� ich mein Lachen zur�ck�bekomme, Kreschimir. Um einen Pfennig.�</p><p>Jonny schlug die H�nde durch, wie es �blich war. Dann wurde es unheimlich still.</p><p>Timm hatte gewettet, wie man es von ihm verlangt hatte; aber er begriff nicht, was eigentlich geschehen war. Ratlos und stumm stand er da. Drei vertraute Gesichter, von der entfernten Laterne halb beleuchtet, hatten sich ihm zugewandt. Sein eigenes Gesicht war dem Licht abgekehrt. Nur ein St�ck seiner Stirn gl�nzte wei� im Dunkel.</p><p>Herrn Rickerts Blick hing wie gebannt an dieser bleichen Stirn. So hatte er Timm schon einmal gesehen, in genau der gleichen Beleuchtung. In einem Gasthaus, das nur wenige Schritte von ihnen entfernt war: beim Marionettenspiel. <emphasis>Und man erkennt den Menschen stets daran, da� er zur rechten Stunde lachen kann.</emphasis> War dies, so fragte sich Herr Rickert bang, die rechte Stunde?</p><p>Auch die Blicke Kreschimirs und Jonnys hingen an dieser beleuchteten Stirn, dem einzigen, was man von Timm in der Finsternis sah.</p><p>Der Junge im Dunkel sah zu Boden. Dennoch f�hlte er die fragenden Blicke. Ihm war elend zumute, obwohl er etwas aus dem Bauch heraufsteigen f�hlte, etwas Leises, Leichtes, Vogelhaftes, eine Art Lerchentriller, der ins Freie dr�ngte. Aber Timm war noch zu schwer daf�r; es machte ihn hilflos. Er lie� sich das Kullern mit dem Schlucker am Schlu� geschehen, wie man sich einen Schluckauf geschehen lassen mu�. Er ergriff nicht Besitz von seinem alten Lachen: Das Lachen ergriff von ihm Besitz. Jetzt, da der langersehnte, der durch Jahre erwartete Augenblick da war - jetzt war Timm ihm nicht gewachsen. Er lachte nicht: Ihm geschah das Lachen. Er war seinem Gl�ck ausgeliefert. Und wenn er damals im Marionettentheater bemerkt hatte, wie �hnlich sidi die Geb�rden des Lachens und des Weinens sind, so erfuhr er jetzt, da� Lachen und Weinen auch im Wesen manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind. Timm lachte und weinte in einem. Er lie� sich durchsch�tteln; er lie� die Tr�nen rinnen und die Wangen feucht werden; er lie� die Arme willenlos herunterh�ngen und seine Freunde Freunde sein. Ihm war, als durchlitte er seine zweite Geburt.</p><p>Und dann geschah etwas Seltsames: Timm sah durch einen Schleier von Tr�nen drei helle Gesichter auf sich zukommen, und pl�tzlich vertauschten sich Gegenwart und Vergangenheit. Er war ein kleiner Junge vor dem Schalter eines Pferderennplatzes, und er hatte Geld gewonnen, viel Geld. Er weinte vor Gl�ck �ber den Gewinn und vor Trauer �ber den Vater, der dieses Gl�ck nicht miterlebte. Und dann h�rte er eine kehlige knarrende M�nnerstimme sagen: �He, Kleiner, wenn man so viel Gl�ck hat wie du, dann weint man doch nicht.�</p><p>Timm sah auf. Aus irgendeiner Ecke seines Ged�chtnisses mu�te jetzt ein Mann mit einem zerknitterten Gesicht und einem zerknitterten Anzug hervortreten. Aber das Bild dieses Mannes verschwamm. An seine Stelle trat eine andere Gestalt, eine gro�e und leibhaftige: Jonny. Und mit dem Steuermann war pl�tzlich die Gegenwart wieder da, die Nacht vor dem Gasthaus in �velg�nne, das Licht an der Treppe, die hinauf in die Finsternis f�hrte, und drei alte Freunde, deren Mienen unentschieden zwischen Lachen und Weinen zuckten.</p><p>Timm Thaler war von seinem wiedergekehrten Lachen �berw�ltigt worden wie von einem Sturm. Jetzt aber war Windstille. Timm hatte wieder Gewalt �ber sein Lachen. Er wischte sich mit den Handr�cken die Tr�nen aus dem Gesicht und fragte ruhig: �Wissen Sie noch, was ich Ihnen versprochen habe, als ich aus Hamburg abfuhr, Herr Rickert?�</p><p>�Nein, Timm.�</p><p>�Ich sagte damals: Wenn ich wiederkomme, werde ich lachen. Und ich kann�s, Herr Rickert! Ich kann es, Kreschimir! Jonny, ich kann lachen. Nur... � (ein Kullern und Glucksen hinderte ihn einen Augenblick am Weiterreden) �... nur begreife ich nicht, wie das zuging.�</p><p>Timms Freunde, die beinahe gef�rchtet hatten, der Junge habe vor Gl�ck den Verstand verloren, waren froh, wieder vern�nftig mit ihm reden zu k�nnen.</p><p>�Du h�ttest l�ngst wieder lachen k�nnen�, erkl�rte Kreschimir.</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Wie lautet denn die Wette, die du mit mir abgeschlossen hast, Timm?�</p><p>�Ich habe mit dir gewettet, da� ich mein Lachen wiederbekomm e.�</p><p>�Stimmt. Was w�re nun geschehen, wenn du die Wette gewonnen h�ttest?�</p><p>�Dann h�tte ich mein Lachen wiederbekommen. Und das habe ich!�</p><p>�Aber du h�ttest es auch wiederbekommen, wenn du die Wette verloren h�ttest, Timm!�</p><p>Jetzt erst ging dem Jungen ein Licht auf. Er schlug sich lachend an die Stim und rief: �Nat�rlich! Eine verlorene Wette h�tte mir ebenfalls mein Lachen beschert. Ich h�tte mit jedem beliebigen Menschen wetten k�nnen, da� ich mein Lachen zur�ckbekomme. Und so oder so: Ich h�tte es in jedem Fall erhalten.�</p><p>�Ganz so einfach war es nicht, mein Junge�, sagte Jonny. �Du h�ttest keineswegs mit jedem beliebigen Mensehen wetten k�nnen. Dann h�ttest du ja verraten, da� du dein Lachen nicht mehr besitzt, und das durftest du nicht. Du konntest nur mit demjenigen wetten, der deinen Vertrag mit Lefuet erraten hat: mit Kreschimir.�</p><p>�Aber mit mir�, erg�nzte Kreschimir, �war die Wette todsicher.�</p><p>Da Timm nicht mehr am Lachen krankte, da er wieder heil und ganz war, sah er pl�tzlich, wie einfach alles gewesen war. Er hatte, verwirrt und verzweifelt, jahrelang Hintertreppen benutzt statt des kurzen, sicheren Weges. Er hatte komplizierte Pl�ne entworfen, in denen es um Millionen ging. Und er hatte das Lachen auf viel billigere Art wiederbekommen, f�r weniger, als ein Achtel Margarine kostet: f�r einen Pfennig.</p><p>So billig ist das Lachen, wenn man es mit Geld bezahlen will; aber sein wahrer Wert l��t sich selbst mit Millionen nicht aufwiegen. Lachen, sagt Selek Bei, ist keine Handelsware. Lachen will verdient sein.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Dreiunddrei�igster Bogen. </emphasis>Das wiedergefundene Lachen</p></title><p>Das Nieseln war in feinen Regen �bergegangen; aber keiner der vier hatte es bemerkt. Ebensowenig hatten sie geh�rt, da� tappende Schritte die Steinstufen herunterkamen. Nun, da sie einen Augenblick schwiegen, h�rten sie das Tappen pl�tzlich und drehten sich um.</p><p>Die schmale Stiege herunter kam aus der Finsternis eine hagere schwankende Gestalt. Lange Beine in schwarzen Hosen wuchsen in den Lichtkegel der Laterne, bleiche langfingrige H�nde tauchten auf, eine wei�e Hemdbrust und dar�ber das langgezogene Oval eines Gesichts. Endlich stand die Gestalt in voller Beleuchtung unter dem Schild, auf dem �Teufelsstiege� zu lesen war. Sie lehnte sich ersch�pft an die Wand aus behauenen Steinen.</p><p>Es war der Baron.</p><p>Aus Timms Brust dr�ngte ein Lerchentriller hinaus. �Hintertreppen!� klang es sp�ttisch in seinem Kopf. Das war ja ein Teufel aus dem Marionettentheater, eine bewegliche Puppe, eine Figur, die so l�cherlich war, da� man schon wieder Mitleid mit ihr haben mu�te.</p><p>Aber Timm Thaler, ein Junge, der wieder lachen konnte, unterdr�ckte den Lerchentriller und lachte nicht.</p><p>Der Baron hatte sich auf eine Stufe gesetzt und blickte mit schmalem Mund und kalkwei�em Gesicht die M�nner am Fu� der Treppe an. Timm ging zu ihm hinauf.</p><p>�Sie m�ssen zur�ck ins Hospital, Baron.�</p><p>Lefuet sah ihn von unten herauf an. Mit hart aufeinandergepre�ten Lippen.</p><p>�Baron, Sie d�rfen hier nicht sitzen bleiben.�</p><p>Jetzt machte Lefuet den Mund auf. Er hatte eine heisere Stimme.</p><p>�Worum haben Sie gewettet, Herr Thaler?�</p><p>�Um einen Pfennig, Baron.�</p><p>�Um einen Pfennig?� Lefuet fuhr in die H�he, st�tzte sich aber sogleich wieder an die Wand. Er kreischte jetzt fast wie ein Weib: �Und ihr h�ttet um mein Erbe wetten k�nnen, Dummk�pfe!�</p><p>Ein Chauffeur, den Timm kannte, kam jetzt die Stufen heruntergesprungen. �Herr Baron, Sie muten sich zuviel zu!�</p><p>�Lassen Sie mich noch zwei Minuten mit dem jungen Herrn reden. Dann k�nnen Sie mich wieder ins Hospital schaffen.�</p><p>�Ohne meine Verantwortung, Herr Baron!� Der Chauffeur ging wieder ein St�ck die Treppe hinauf und blieb dort stehen. Am Fu� der Treppe standen Jonny, Kreschimir und Herr Rickert. Eine schweigsame Wache f�r Timm.</p><p>�Darf ich mich einen Augenblick auf Sie st�tzen, Herr Thaler?�</p><p>�Nur zu, Baron. Ich bin bei Kr�ften.� Ein ganz kleines Lachen begleitete die Worte. Lefuet st�tzte sich auf eine Schulter des jungen Mannes.</p><p>�Ihr Erbe, Herr Thaler... �</p><p>�Ich verzichte darauf, Baron!�</p><p>Lefuet stutzte, aber nur ganz kurz. Dann sagte er: �Das ist vern�nftig und vereinfacht die Sache. Durch Ihre Reederei werden Sie in einigem Wohlstand leben k�nnen.�</p><p>�Die Reederei, Baron, schenke ich meinen Freunden.�</p><p>Lefuets Augen weiteten sich so, da� man es sogar durch die dunklen Gl�ser erkennen konnte. �Dann hat Ihnen ja unser Vertrag nicht das geringste gen�tzt, Herr Thaler! Sie stehen so arm da wie am Anfang. Mit einem bankrotten Marionettentheater.�</p><p>Timm gestattete sich jetzt ein kleines Kullern. �Sie haben recht, Baron. Ich stehe wieder am Anfang. Aber was ich besitze, ist in den letzten Jahren f�r mich h�her im Wert gestiegen als jede beliebige Aktie der Welt.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>Statt einer Antwort mu�te Timm ganz einfach lachen. Der Baron f�hlte die Schulter des jungen Mannes unter seinen H�nden zittern. Und er h�rte neue Untert�ne in dem Gel�chter, tiefere T�ne, Kontrapunkte, die das helle Lachen dunkel begleiteten. Da drehte Lefuet sich um und winkte dem Chauffeur, der eilfertig herunterkam und einen Arm des Barons �ber seine Schulter legte. So stiegen sie die Stufen hinauf.</p><p>Timm rief: �Gute Besserung, Baron! Werden Sie bald wieder ganz. Und Dank f�r das, was Sie mich gelehrt haben! �</p><p>Lefuet blickte nicht zur�ck. Der Chauffeur h�rte ihn murmeln: �Ganz, ganz! Man ist nicht ganz ohne das!�</p><p>Timm sah dem Baron nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckte. Seine Freunde waren zu ihm heraufgestiegen. Auch sie blickten Lefuet nach. Jonny brummte: �Stinkreich, aber ein armer Teufel!�</p><p>Nach einer Weile gingen die vier ebenfalls die Stufen hinauf. Sie h�rten, wie ein Auto in Gang gesetzt wurde und anfuhr. Das Ger�usch schwoll an und verlor sich dann wieder.</p><p>Bald darauf standen sie auf der Elbchaussee. Auf der gegen�berliegenden Seite stand dunkel das Taxi von Jonnys Schwager.</p><p>�Fahren Sie den Wagen in meine Garage, Jonny�, sagte Herr Rickert. �Wir gehen inzwischen das kleine St�ck zu Fu�.�</p><p>�Wohnen Sie denn immer noch in der wei�en Villa, Herr Rickert? Der Baron erz�hlte mir doch, Sie seien Hafenarbeiter geworden.�</p><p>�Bin ich auch, Timm. Ich erkl�r� dir das morgen. Ich hoffe doch, du hast nichts dagegen, mein Gast zu sein?�</p><p>�Im Gegenteil, Herr Rickert! Ich mu� doch Ihrer Mutter beweisen, da� ich wieder lachen kann. Oder... � (er wandte den Kopf zur Seite) �... ist sie... ?�</p><p>�Kein Oder, Timm! Sie lebt noch und ist wohlauf und munter. Gehen wir!�</p><p>Der Eingang zur Villa war beleuchtet. Die wei�e T�r mit dem runden Balkon dar�ber und mit den L�wen aus hellem Sandstein links und rechts war eine Insel im Meer der Dunkelheit, ein freundliches einladendes Ufer nach langer st�rmischer Irrfahrt. Timm mu�te schlucken, als er auf die sanften L�wen zuging. Und als die T�r sich �ffnete und die alte Frau Rickert heraustrat (rundlich, mit wei�en L�ckchen und gest�tzt auf einen Stock), da mu�te Timm sich sehr zusammennehmen, um der alten Frau nicht heulend um den Hals zu fallen. Was er herausbrachte, als er vor ihr stand, war ein Gestammel zwischen Lachen und Weinen. Vermutlich hie� es: �Na, was sagen Sie jetzt, Frau Rickert?� Aber verstehen konnte kein Mensch die Worte. Es bem�hte sich auch niemand darum, denn jetzt �bernahm die alte Dame das Kommando. Sie fragte: �Is allns in Ordnung, Kr�schan?� Und als ihr Sohn nickte, schnaufte sie erleichtert aus und sagte: �Das �s �n Grund zum Feiern, Kinner! Aber der Jung mu� ins Bett. Der ischa ganz durchn�ander!� Es geschah, was Frau Rickert befahl: Timm mu�te, ob er wollte oder nicht, ins Bett steigen, und es erwies sich, da� das gut war; denn schon nach sehr kurzer Zeit sank er in einen bleischweren Schlaf.</p><p>Am n�chsten Tag sorgte die alte Frau daf�r, da� sie bei Timms Erwachen mit ihm allein im Haus war, und das war einfach zu bewerkstelligen, weil der Junge erst am fr�hen Nachmittag aufwachte.</p><p>Sie nahmen zusammen ein reichlich sp�tes Fr�hst�ck ein. (Das Fr�hst�ck war f�r Frau Rickert eine so k�stliche Mahlzeit, da� sie mit Vergn�gen zweimal an einem Tage fr�hst�ckte.) Danach mu�te Timm haargenau erz�hlen, was er seit seiner Abreise aus Hamburg erlebt hatte. Und das tat er mit sichtbarem Vergn�gen.</p><p>Er schwenkte eine Zeitung in seiner Hand und schrie: �Sensazione! Senzazione! II Barone Lefuet e morto! Un ragazzo di quattordici anni adesso il pi� ricco uomo del mondo! Sensazione! �</p><p>�Wie h�bsch er geworden ist!� dachte Frau Rickert, als sie Timm ansah. �Und wie gut er ausl�ndisch reden kann!� Dann lauschte sie aufmerksam der Erz�hlung.</p><p>Timm erz�hlte der alten Dame seine Abenteuer, als ob es sich um eine Kom�die handele, um ein Lustspiel. Jetzt, da er im Besitz seines Lachens war, wirkte vieles komisch, was vordem schrecklich gewesen war. Er erz�hlte von den verr�ckten Wetten mit Jonny, vom Ende des Kronleuchters im Hotel �Palmaro�, von den Bildern in Genua und Athen, von den Verschw�rungen im Schlo�, von Selek Bei, vom Margarine-Unternehmen, von der Weltreise, von der Heimkehr nach Hamburg, von der Stiefmutter und Erwin und von der schwarzen Stunde der Stra�enbahnen.</p><p>Dann war die alte Dame an der Reihe zu erz�hlen. Und sie tat es mit sichtlichem Behagen: �Wei�t du, Timm, als du nicht wiederkamst aus Genua und als hier zuerst der Herr Kreschimir auftauchte und dann der starke Jonny, da ahnte ich gleich etwas. Man wollte mir nicht sagen, was los war. Ich hab� n�mlich einen Herzklappenfehler. Aber den hab� ich jetzt schon �ber achtzig Jahre, und allm�hlich haben wir uns aneinander gew�hnt, der Herzklappenfehler und ich. Ich hab� also ein bi�chen spioniert, und da hab� ich den Brief gefunden, den du aus Genua geschrieben hast. Na, da wu�te ich denn ja �n b�sehen mehr, noch?�</p><p>Die alte Frau, die Timm jetzt f�r einen jungen Herrn ansah und sich deshalb bem�ht hatte, �geb�ldetes Hochdeutsch� zu reden, fiel wieder in ihre hamburgische Mundart.</p><p>�Ich hab �mmer s-pioniert, wenn Kr�schan mit �n Herrn Kreschimir oder mit �n s-tarken Dschonny geschnackt hat. Sie kam� ja noch allzuoft, weil sie auf Dock arbeiten mu�ten. Andere Arbeit haben sie einfach noch bekomm�. Das war, als ob�s mit �n Teufel zuging. Na, und mit dem ging�s denn ja wohl auch zu, noch? Jedenfalls hab� ich �mmer allns mitgekriegt, was geschnackt wurde. Ich hab auch gew��t, da� mein Sohn seine S-tellung verloren hat, obwohl er mir das verheimlicht hat.�</p><p>�Ist er wirklich Hafenarbeiter geworden?� unterbrach Timm.</p><p>�Ja, mein Jung, das �s er tats�chlich gewesen. Du wei�t vielleicht nich, wie das is in Hamburg, Timm. Da is allns so ganz gediegen, wenn du das vers-tehst. Wenn einer aus�n seri�sen Posten entlassen wird und man munkelt irgendwas - auch wenn�s man nur dummer Schnack ist - denn nimmt ihn keiner mehr ins Kontor. Vers-tehst du?�</p><p>Timm nickte.</p><p>�Na, ich hab� ja Verm�gen. Meistens inPapier�n.�</p><p>�In Aktien?� fragte Timm.</p><p>�Ja, in Aktien, mein Jung. Vers-tehst du nun ja auch�n b�schen was von, noch? Also, wie gesagt, mein Sohn h�tt� ja �berhaupt nich als Hafenarbeiter geh�n m�ss�n, weil ich verm�gend bin. Aber er is nun mal so�n Mensch, der immer rackem mu�. Und ohne Hafen wird er einfach t�terig. Deshalb is er als Hafenarbeiter gegang�. Hat sich aber erst auf den Docks umgezogen. Immer picobello aus�n Haus und picobello wieder von der Arbeit zur�ck. Hat gedacht, ich merk nix von seiner neuen S-tellung, weil ich meistens zu Hause rumsitz. Aber es gibt ja�n Telefon, noch?�</p><p>Timm mu�te �ber die alte Frau lachen, und Frau Rickert lachte mit.</p><p>�Ich b�n ja �ne alberne alte Gans... nee, nee, ich wei�, da� ich das b�n... aber so dumm b�n ich ja denn doch nich. Ich hab� auch zuerst mit�n Herrn Selek Bei geschnackt, als der hier antelefoniert hat. Na, und da haben die Herren Verschw�rer mich endlich doch aufgekl�rt. Hab� nat�rlich so getan, als h�tte ich nix gewu�t. Hab� dauernd Kuller�ugen gemacht und gepiepst: Ischa nich m���glich! Und so. Na, jedenfalls wurde ich eingeweiht. Und ich hab� auch den Zettel f�r dich geschrieb�m. Mit der Lupe. Das haben wir als Schulm�dchen n�mlich tagelang ge�bt. Da war ich immer perfekt in. Hab mal�n ganzen Roman auf die zwei Seit�n von ein� Briefbogen gekritzelt. Wirklich wahr! �</p><p>�Ischa nich m���glich!� lachte Timm.</p><p>�Ach, du nimmst mich ja nich ernst, du Bengel!�</p><p>Es l�utete an der Haust�r, und Frau Rickert bat Timm, nachzusehen, wer es sei. Es war der rothaarige Page des Hotels, der schwitzend zwischen sieben Koffern stand.</p><p>�Ich soll Ihnen Ihre Sachen bringen, Herr Thaler!� grinste er.</p><p>�Gestern haben Sie mich noch Mister Brown genannt. Woher wissen Sie heute, wer ich bin?�</p><p>Wieder ein Grinsen: �Sie lesen wohl keine Zeitungen?�</p><p>�Ach so!� Timm war etwas verwirrt. Dann wollte er in die Tasche greifen. Aber der Rotschopf winkte ab. �Behalten Sie ruhig Ihre Kr�ten f�r sich, Herr Thaler! Ich kann von der Zeitung �n Batzen Geld kriegen, wenn ich erz�hl�, wie ich gestern abend den Detektiv weggek�dert hab�. Darf ich?�</p><p>Timm mu�te lachen. �Tu, was du nicht lassen kannst!�</p><p>�Verbindlichsten Dank! Soll ich die Koffer noch reintragen?�</p><p>�Danke! Das mach� ich schon! Erz�hl der Zeitung aber keine Hintertreppenrom ane! �</p><p>�Ist ja gar nicht n�tig. Die Sache war auch so spannend genug.� Er streckte wieder die Hand hin. �Weiterbin viel Gl�ck, Timm!�</p><p>�Danke! Viel Gl�ck bei der Zeitung! �</p><p>Zwischen den sanften steinernen L�wen gaben zwei lachende Bengel einander die Hand. Dann brauste der Rotschopf in einem Wagen des Hotels wieder davon, und Timm trug die Koffer ins Haus.</p><p>Noch am selben Tage begab sich Timm mit Jonny, Kreschimir und Herrn Rickert zu einem Notar, mit dem die alte Frau Rickert befreundet war. Dort wurde die Reederei Hamburg-Helgoland-G�stedienst, genannt HHD, zu gleichen Teilen Jonny, Kreschimir und Herrn Rickert �berschrieben. Zwar war die �berschreibung nicht sogleich rechtskr�ftig, weil noch eine Menge anderer Formalit�ten notwendig waren (Timm war nicht mehr der millionenschwere Erbe); aber in sp�testens vierzehn Tagen, sagte der Notar, sei alles erledigt.</p><p>Timms Freunde hatten sich zuerst m�chtig gestr�ubt gegen diese Schenkung; aber als Timm erkl�rte, dann werde er die Reederei eben jemand anders schenken, gaben sie nach. Und gar nicht einmal so ungern. Herr Rickert war noch frisch und kr�ftig genug, um das Kontor des alten Herrn Denker an der Br�cke sechs zu �bernehmen; und Jonny und Kreschimir waren auf eigenen Dampf em doppelt so gern Steuermann und Steward wie auf fremden.</p><p>Als die vier das Notariat verlie�en (es lag in der N�he des Hauptbahnhofs), fragte Jonny: �Was willst du denn jetzt anfangen, Timm?�</p><p>Der Junge zeigte nach rechts: �In dem alten Haus dort gibt es ein Marionettentheater. Es geh�rt mir. Ich werde daraus ein Wandertheater machen.�</p><p>�Dazu brauchst du einen Omnibus�, sagte Kreschimir.</p><p>�Und eine transportable B�hne�, erg�nzte Jonny.</p><p>�Und das�, schlo� Herr Rickert, �bezahlen wir dir, mein Junge!</p><p>Keine Widerrede! Sonst hast du die Reederei wieder am Hals!�</p><p>�Angenommen!� lachte Timm. Ernst f�gte er hinzu: �Wie gut f�r mich, da� es euch drei gibt!�</p><p>�Und Selek Bei�, sagte Herr Rickert.</p><p>�Ja�, best�tigte Timm. �Und Selek Bei. Ich sollte ihm eigentlich ein Telegramm schicken.� Und das tat er.</p><p>Der alte Mann in Mesopotamien l�chelte, als er es las:</p><p>zum teufel mit der margarine stop lachen bekommt man gratis stop ich habe es bekommen stop f�r mithilfe dankt herzlich ihr timm thaler</p><p>An diesem Tage ging eine Geschichte zu Ende, die in den Berichten der Zeitungen erst begann (soweit die Journalisten sie begriffen; und die meisten begriffen sie nicht).</p><p>Herr Rickert wurde wieder Reedereidirektor, Jonny Steuermann und Kreschimir Steward.</p><p>Vom Baron Lefuet h�rt man nur noch selten. Er soll die meiste Zeit allein und gr�mlich auf seinem Schlo� in Mesopotamien verbringen. Er scheint menschenscheu geworden zu sein; aber noch macht er gl�nzende Gesch�fte.</p><p>Die Nachrichten �ber Timm sind sp�rlich. Sicher ist, da� er sich mit der alten Frau Rickert zusammen ein Marionettenspiel ausdachte, welches �Das verkaufte Lachen� hie�. Danach verschwand er aus Hamburg; und kein Reporter erfuhr jemals, wohin es ihn verschlagen hat.</p><p>Aber es gibt noch zwei Spuren Timms. Auf dem Friedhof einer mitteldeutschen Gro�stadt wurde zu F��en eines Marmorgrabsteins ein Kranz niedergelegt, auf dessen Schleife man lesen konnte: �Ich kam wieder, als ich lachen konnte. Timm.�</p><p>Das letzte Lebenszeichen von Timm Thaler kam aus einem B�ckerladen. Dort tauchte vor vielen Jahren ein h�flicher junger Herr auf, den die B�ckermeisterin nicht zu kennen schien. Als sie ihn nach seinen W�nschen fragte, zog der junge Mann pl�tzlich ein finsteres Gesicht und murmelte: �Ich breche ein, Frau Bebber! Bei Presidents vom Wasserwerk!�</p><p>�Timm Thaler!� kreischte die B�ckersfrau �berrascht.</p><p>Aber der junge Herr legte einen Finger auf die Lippen und sagte: �Pscht! Verraten Sie mich nicht, Frau Bebber! Ich hei�e jetzt Enrico Grandizzi, Besitzer des lustigsten Theaters dei Welt, der Marionettenb�hne ,Die Margarinekiste�.�</p><p>�Wie spa�ig!� rief Frau Bebber. �Die habe ich gestern zuf�llig besucht. Jemand Unbekanntes hat mir eine Karte daf�r geschickt. Das hei�t... � (sie schielte Timm von der Seite an) �... vielleicht war es auch jemand Bekanntes!�</p><p>�Das kann schon sein�, meinte der junge Herr mit zwei Kringeln in den Mundwinkeln.</p><p>�Es wurde die Geschichte vom verkauften Lachen gegeben�, fuhr Frau Bebber fort. �Ein sch�nes St�ck. Man kann sich so viel dabei denken.�</p><p>�Was haben Sie sich denn dabei gedacht, Frau Bebber?� erkundigte sich der junge Herr.</p><p>�Nuja, Timm, zuerst war mir die Sache ziemlich unheimlieh, das geb� ich ehrlich zu. Aber zum Ende hin hab� ich schrecklich lachen m�ssen. Und da hab� ich mir gedacht: Wo der Mensch lacht, hat der Teufel seine Macht verloren.�</p><p>�H�bsch gesagt, Frau Bebber�, antwortete der junge Herr. �Genauso mu� man den Teufel auch behandeln. Dann werden seine H�rner stumpf.�</p></section></section></section></body><binary id="cover" 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