<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Wilhelm,</first-name><last-name>Andreas</last-name></author><book-title>Projekt 01: Projekt Babylon</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Projekt" number="1"/><annotation><p>Der Wahnsinn eines jungen Sch�fers in S�dfrankreich ist der Ausl�ser f�r die spannende Suche nach der wahren Bedeutung eines Jahrhunderte alten, streng bewachten und nur Eingeweihten bekannten Monuments. Im Auftrag der UN machen sich ein englischer Historiker, ein franz�sischer Arch�ologe und eine deutsche Sprachwissenschaftlerin auf den Weg, hinter das R�tsel einer geheimnisvolle H�hle voller Symbole und Schriftzeichen aller nur denkbaren Kulturen zu kommen, deren Innerstes durch eine Schranke aus blauem Licht verschlossen ist -- ein Licht mit magischen F�higkeiten, das den Sch�fer in den Irrsinn trieb. Aber auch eine satanistische Sekte und diverse Geheimgesellschaften wollen von der H�hle profitieren. Und war es wirklich die UN, welche die drei Wissenschaftler auf die Reise schickte? Ein atemberaubender Wettlauf gegen die Zeit beginnt ...</p></annotation></title-info><document-info><author><first-name>Wilhelm,</first-name><last-name>Andreas</last-name></author><program-used>calibre 4.99.5, fb2cut 2.5.6, fb2cut 2.6.2</program-used><date>25.1.2026</date><id>ef51a597-398c-420d-80c3-d1af125ac7ed</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>--</publisher><year>2011</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p>Andreas Wilhelm</p><empty-line/><empty-line/><p>Projekt: Babylon</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Roman</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>blanvalet</p><empty-line/></section><section><p><emphasis>Buch</emphasis></p><p>Blitz, Donner und sintflutartige Regenf�lle �ber den Bergen des franz�sischen Languedoc rei�en einen Sch�fer aus dem Schlaf. Er rettet sich in eine H�hle, doch schon wenig sp�ter st�rzt er schreiend ins Freie � und ist seitdem geistig umnachtet. Sofort wird die Region um die Felsh�hle weitl�ufig abgeriegelt und von bewaffneten Sicherheitskr�ften strengstens bewacht. Doch, was hat es mit dieser mysteri�sen St�tte auf sich, in der s�mtliche W�nde mit r�tselhaften Botschaften aus allen erdenklichen Kulturen der Welt beschriftet sind? Und woher kommt das eigenartige blaue Leuchten in ihrem Inneren?</p><p>Unter strengster Geheimhaltung werden ein englischer Historiker und ein franz�sischer Ingenieur von der UN beauftragt, die r�tselhafte Felsh�hle zu untersuchen. F�r die Entschl�sselung der Texte wird den beiden Forschern die junge deutsche Sprachwissenschaftlerin Stefanie Kr�ger zur Seite gestellt. W�hrend die drei noch fieberhaft die H�hle erforschen, heften sich schon okkulte Sekten und mysteri�se Geheimb�nde an ihre Fersen. Und je n�her das Team der L�sung kommt, umso tiefer ger�t es selbst in t�dliche Gefahr...</p><p><emphasis>Autor</emphasis></p><p>Andreas Wilhelm, geboren 1971, wuchs in S�dafrika, der Schweiz, Nigeria und Portugal auf. Er arbeitet im Bereich Neue Medien, besch�ftigt sich aber schon seit seiner Kindheit intensiv mit den Mysterien vergangener Zeiten und den Geheimnissen fremder Kulturen. Er lebt mit seiner Familie in der N�he von Hamburg und schreibt bereits am dritten Band der spannenden Abenteuer um das ungleiche Forscherduo Nevreux und Lavell.</p><empty-line/></section><section><p>.</p><empty-line/><p>Verlagsgruppe Random House</p><empty-line/><p>1. Auflage</p><p>Taschenbuchausgabe Dezember 2007 bei Blanvalet,</p><p>einem Unternehmen der Verlagsgruppe</p><p>Random House GmbH, M�nchen.</p><p>Copyright � der Originalausgabe 2006 by LIMES Verlag,</p><p>einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH</p><p>Umschlaggestaltung: HildenDesign, M�nchen,</p><p>nach einem Entwurf vom Design Team M�nchen</p><p>Umschlagmotiv: Design Team M�nchen + Corbis</p><p>LW � Herstellung: Heidrun Nawrot</p><p>Satz: Uhl + Massopust, Aalen</p><p>Scan, OCR und digitale Nachbearbeitung: Cats&amp;Paws Productions</p><p>ISBN 3-442-36832-4</p><empty-line/><p>www.blanvalet.de</p><empty-line/></section><section><p>.</p><empty-line/><p><emphasis><strong>F�r Martina, meine K�nigin</strong></emphasis></p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>Derjenige ist wahnsinnig, der ein Geheimnis in jedweder anderen Art niederschreibt als in einer, die es vor den Gew�hnlichen verbirgt und selbst den Gelehrten und ernsthaften Studenten nur mit M�he sinnhaftig werden l�sst.</p><p><emphasis>Epistel �ber die Nichtigkeit der Magie,</emphasis></p><p>Roger Bacon (ca. 1214-1294)</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 1</strong></p><p><emphasis>10. April, gebirgige Weide im s�dfranz�sischen Languedoc</emphasis></p><p>Der Sch�fer erwachte pl�tzlich mit Herzrasen. Etwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen wie ein Paukenschlag, vielleicht ein Ger�usch, vielleicht auch eine Vorahnung oder etwas, was er getr�umt hatte.</p><p>Er richtete sich auf und blickte sich nerv�s um. Seine Tiere grasten in kleinen Gruppen um ihn herum und unter den B�umen und Str�uchern. Kaum einer aus dem Dorf kam jemals so weit herauf, aber Jacques scherte sich nicht um das Gerede der anderen. Er wusste, wo es noch saftige, friedliche Flecken f�r die Schafe gab, und diese dankten es ihm. Aber sie waren unruhiger als sonst. Sein Blick wanderte zum Himmel, und da sah er es. Wie eine dunkle Wand schoben sich m�chtige Regenwolken aus dem Osten �ber den Berg. Ungew�hnlich schnell. Deswegen war er aufgewacht. Ein herannahendes Gewitter sp�rte er ebenso wie seine Herde.</p><p>Er stand auf, schulterte seine Ledertasche und begann, die Tiere zusammenzutreiben. Der Nachteil dieses hoch gelegenen Pl�tzchens war, dass man sich auf das Wetter verlassen musste, denn die n�chste H�tte mit notd�rftigem Pferch lag einige Kilometer weiter unten im Schutz des Waldes.</p><p>Der Sch�fer sah ver�rgert zum Himmel empor, als schon die ersten Regentropfen fielen, obwohl die Wolkenfront noch nicht da war. Dies w�rde kein blo�er Schauer sondern ein Sturm werden.</p><p><emphasis>10. April, Palais de Moli�re nahe Paris</emphasis></p><p>Nur wenige G�ste sahen nach drau�en, als auf der Rasenfl�che vor dem Palais ein Hubschrauber landete. Zwei Sicherheitsleute standen an der Freitreppe vor dem Eingang und beobachteten die Landung. Einer der beiden erhielt Instruktionen �ber seinen Kopfh�rer, best�tigte diese durch ein verstecktes Mikrofon und machte dann eine Geste nach hinten. Auf dieses Zeichen hin kamen zwei Bedienstete aus der Villa und liefen mit geb�ckter Haltung auf den Hubschrauber zu, dessen Rotorbl�tter gerade zum Stillstand kamen. Die M�nner �ffneten die Seitent�r, und aus dem Inneren stiegen eine Frau und ein Mann, beide etwa Mitte drei�ig, elegant aber zur�ckhaltend gekleidet, und bedeuteten den Bediensteten, beiseite zu treten. Hinter ihnen trat eine imposante Erscheinung ins Freie. In einen dunkelgrauen Dreiteiler gekleidet, mit wei�em Halstuch, wei�en Gamaschen und einem schwarzen Mantel mit �berwurf machte der hoch gewachsene Mann einen fast antiquierten Eindruck. Seine Kleidung war von h�chster Qualit�t und der Ausdruck auf dem mit einem wei�en Vollbart umrahmten Gesicht von einer �berlegenen Seriosit�t. Seine j�ngeren Begleiter folgten ihm, als er gemessenen Schrittes auf das herrschaftliche Geb�ude zuging.</p><p>Der Pr�sident gab wie jedes Jahr im Palais de Moli�re seinen Fr�hjahrsempfang. Als Mann des Volkes wollte er nicht aus einem Elfenbeinturm der Politik regieren, sondern stets im direkten Kontakt mit den Machern seines Landes, den Gr��en aus Wirtschaft, Medien und Kultur bleiben. Die meisten G�ste kannten einander nicht pers�nlich, sondern �berwiegend nur aus der Presse. So war es f�r die Geladenen ein aufregendes Sehen und Gesehenwerden, und nur wenige hatten ein zweites Mal die Ehre.</p><p>Als der wei�b�rtige Herr und seine Begleitung durch das Foyer schritten, machte ihnen die Gesellschaft unwillk�rlich Platz, einige Gespr�che verstummten, ein paar G�ste nickten den Neuank�mmlingen gr��end zu. Die drei begaben sich in eine ruhige Ecke, wo man durch eine mannshohe Scheibenfront in die G�rten des Palais sehen konnte, w�hrend ein Kellner ihnen Getr�nke auf einem Tablett anbot.</p><p>Drau�en d�mmerte es bereits, obwohl es noch nicht sp�t war. Aber der Himmel war wolkenverhangen. Es w�rde bald regnen.</p><p>�Was f�r ein Zeitpunkt�, sagte der j�ngere Mann. �Aber sicher ist es nicht.�</p><p>�Nichts ist jemals sicher�, antwortete der �ltere, �aber nie sahen wir mehr Zeichen.�</p><p>�Steffen, man verlangt nach Euch.� Die Frau trat einen Schritt zur Seite. �Wir ziehen uns inzwischen zur�ck.�</p><p>Pr�sident Michaut hatte sich freundlich aus dem Gespr�ch mit zwei Wirtschaftsberatern befreien k�nnen, als er den Grafen und seine beiden Begleiter eintreten sah. Ohne den Eindruck von allzu gro�er Hast erwecken zu wollen, griff er sich noch ein Glas Port, bevor er zu seinem Gast hin�berging.</p><p>�Monsieur le Comte, es freut mich au�erordentlich, dass Sie es so schnell noch m�glich machen konnten!�</p><p>�Die Freude ist ganz meinerseits, Monsieur le Pr�sident! Doch was f�r einen Moment in der Zeit haben Sie gew�hlt...�</p><p>�In der Tat, eine bunte Gesellschaft wie diese heute ist vielleicht nicht der beste Rahmen f�r unsere Gespr�che, doch handelt es sich um Dinge von besonderer Dringlichkeit. Oder meinten Sie das Wetter?�</p><p>�Beides � und nichts davon.� Der Mann, den der Pr�sident als Graf bezeichnete, betrachtete seinen Gespr�chspartner mit einem feinsinnigen L�cheln. Einem Au�enstehenden musste es vorkommen, als st�nde der Pr�sident einem weisen Riesen gegen�ber, dem er wie einem �berragenden Mentor Respekt zollte. Vielleicht war es so, doch niemand au�er ihm kannte den Grafen oder die Art ihrer Verbindung.</p><p>Der Wind hatte nun deutlich aufgefrischt. In kalten B�en fegte er heran, brachte immer dickere Regentropfen mit sich und den Geruch nach nasser Erde. Es drohte ein schweres Gewitter zu werden. Mit immer gr��erer Eile trieb der Sch�fer seine nerv�s bl�kenden Tiere zusammen. Ein Blick zum Himmel verriet ihm, dass nicht mehr viel Zeit blieb. Hinter der Gebirgskuppe war es nun vollst�ndig dunkel geworden. Ein tiefes Donnergrollen drang her�ber.</p><p>�Mist!�, fluchte der Sch�fer, als ihm klar wurde, dass das Unwetter mit einer solchen Geschwindigkeit �ber die Berge fegte, dass er ihm unm�glich entrinnen konnte. �Schnell, kommt schnell!� Er trieb die Schafe an, darauf bedacht, sie zumindest gesammelt als Herde zur�ck auf den Pfad zu bringen, den sie kannten und dem sie alleine folgen konnten.</p><p>Als st�nde der Weltuntergang bevor, wurde aus den vereinzelten Tropfen, die der Wind vor sich her trieb, innerhalb weniger Augenblicke ein heftiger Platzregen. Im selben Ma�e, wie der Regen die Sicht in einem grauen Schleier verschwimmen lie�, schienen jetzt die Gewitterwolken die letzten Reste des Lichts zu nehmen.</p><p>Gerade wollte der Sch�fer zu einem erneuten Fluch ansetzen, als ihn ein Blitz j�h zusammenzucken lie�, unmittelbar gefolgt von einem ohrenbet�ubenden Donner direkt �ber ihm. Die Schafe bl�kten ver�ngstigt, einige sprangen panisch �bereinander, andere dr�ngten sich gegenseitig beiseite. Eine Hand voll rannte den Hang hinauf, und der Sch�fer setzte ihnen ohne zu z�gern nach.</p><p>Es war kein Leichtes, die wild gewordenen Tiere im str�menden Regen nicht aus den Augen zu verlieren. Er folgte ihnen �ber den immer steiniger werdenden Boden, an Ginsterb�schen und Gr�sern vorbei. Der sintflutartige Regen verwandelte den Boden schnell in eine glitschige Rutschbahn. Mehr als einmal st�rzte er und musste sich zwischen Schlamm und scharfkantigem Ger�ll abfangen. Der Untergrund wurde zunehmend uneben und stieg immer steiler bergan. Wie G�msen mussten die verst�rten Schafe hier entlanggehetzt sein. Eines der Tiere sah er vor sich am Berghang hinter einem Felsen verschwinden, vielleicht waren die anderen schon l�ngst den Hang hinabgest�rzt.</p><p>Verbissen kletterte der Sch�fer hinterher. Er dachte nicht daran, dass er den Rest der Herde zur�ckgelassen hatte oder dass er selbst abst�rzen k�nnte. F�r ihn z�hlten nur die ausgerissenen Tiere, denen er mit ebenso viel Sorge wie Wut folgte. Bald musste er auf allen vieren seinen Weg finden, um den stetig steiler werdenden Felshang �berhaupt bezwingen zu k�nnen. Zwischen den Gesteinsbrocken, von denen er hoffte, dass sie sein Gewicht halten w�rden, rannen ganze B�che Regenwasser hinab.</p><p>Seine H�nde waren aufgedunsen, rot und eiskalt, als er sich mit letzter Kraft einen Sims hochzog. Ersch�pft verweilte er einen Augenblick, schnaubte einmal durch die Nase und fuhr sich mit dem �rmel �ber das Gesicht, wie um den st�ndigen Regen fortzuwischen. Er blickte zur�ck und erschrak, als er sah, welche H�he er erklommen und wie weit er die Weiden und die Baumgrenze hinter sich gelassen hatte. Er hatte eine Passage �berwunden, f�r die schon unter normalen Umst�nden ein Seil n�tig gewesen w�re � und das bei diesem Regen. Welcher Teufel hatte ihn nur geritten? Doch nun sa� er hier, zitternd, bis auf die Haut durchn�sst und ersch�pft. Wahrscheinlich w�rde er sich eine Lungenentz�ndung zuziehen, und niemand konnte ihm sagen, wann das Gewitter vorbei sein w�rde, noch, wie um alles auf der Welt er den Weg wieder zur�ckklettern k�nnte.</p><p>Ein Bl�ken lie� ihn herumfahren, und da entdeckte er es. Nur wenige Meter von ihm entfernt befand sich ein ger�umiger H�hleneingang. Die guten Tiere! Sie waren ihrem Instinkt gefolgt, hatten diesen Unterschlupf gefunden und mussten hineingefl�chtet sein. Mit neuer Kraft raffte er sich auf, kletterte das letzte St�ck und betrat den Eingang der H�hle.</p><p>�Verzeihung, was sagten Sie?�</p><p>�Ich fragte, ob Sie meine Rede w�hrend des EU-Gipfels im Fernsehen verfolgt haben.�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung, Monsieur le Pr�sident, ich war f�r einen Augenblick abgelenkt. Wenn man in Ihre wundervollen G�rten blickt, sieht man so vieles...�</p><p>Der Pr�sident sah nun auch hinaus. Der Regen lief von au�en in golden glitzernden Streifen an den Fensterscheiben hinab. In ihnen spiegelten sich die L�ster und Kerzenflammen der S�le, w�hrend die dahinter liegenden Gartenanlagen nun im Dunkel lagen.</p><p>�... aber ja, ich habe Ihre Rede verfolgt�, fuhr der Wei�b�rtige fort. �Ich bewundere Ihre Offenheit. Sagen Sie mir, wie sie von den anderen aufgenommen wurde.�</p><p>�Ich m�chte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich habe den Eindruck, dass Sie mit den Gedanken woanders sind. Wir k�nnen uns gern zu einem sp�teren Zeitpunkt unterhalten, Monsieur le Comte.�</p><p>�In der Tat, das bin ich. Ich danke Ihnen f�r Ihr Verst�ndnis. Tats�chlich w�rde ich mich gerne etwas sp�ter zu Ihnen gesellen, wenn es Ihnen recht ist.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, ich werde mich unterdessen um die anderen G�ste k�mmern. Scheuen Sie sich nicht, zum rechten Augenblick einfach auf sich aufmerksam zu machen.�</p><p>�Das werde ich. Nochmals vielen Dank, Monsieur le Pr�sident.�</p><p>Kaum hatte der Pr�sident sich von ihm entfernt, erschienen die beiden Begleiter wieder, und die drei traten wie in stillem Einverst�ndnis vor die Fenster und sahen in den regnerischen Abend hinaus.</p><p>Der Sch�fer entz�ndete sein Feuerzeug und suchte den Boden des H�hleneingangs nach Brennbarem ab. Schlie�lich gelang es ihm, ein B�ndel d�rrer Zweige als notd�rftige Fackel in Brand zu setzen. Im Schein der Flammen entdeckte er eines seiner Tiere. Es kauerte in einer Nische der Wand und blickte ver�ngstigt in das Licht. Mit bes�nftigenden Worten ging er auf das Schaf zu und streckte seine Hand aus. Es scheute vor ihm zur�ck, doch der Sch�fer hatte reichlich Erfahrung und wusste, wie er das Tier beruhigen konnte. Langsam trat er auf die Nische zu und sprach dabei weiter auf das Tier ein. Mit vorsichtigen Bewegungen holte er aus seiner Jackentasche ein B�ndel aufgeweichter Kr�uter hervor. Die Pflanzen linderten bei den Schafen Magenverstimmungen und verbesserten die Verdauung; sie fra�en sie gierig, wo immer sie sie fanden, doch da es hier oben auf den Weiden diese Heilkr�uter nicht gab, hatte er immer welche dabei. Wie erwartet, begann das Schaf interessiert zu schnuppern, und der Sch�fer konnte sich ihm weiter n�hern. Bald hatte er das Tier erreicht, so dass es die Kr�uter fressen und an seiner Hand riechen konnte. Eine ganze Weile stand er so da und lie� den Blick neugierig umherschweifen. Die H�hle war hier wenig mehr als mannshoch, doch dem Hall der Ger�usche nach zu urteilen musste sie sich noch ein gutes St�ck in den Berg hineinziehen. Vielleicht wurde sie dort auch ger�umiger. Er hatte wenig Interesse, sie auszukundschaften. Sicher, es gab hier keine wilden Tiere, B�ren oder W�lfe, die er zu f�rchten h�tte, doch allein mit einer Fackel ausger�stet �berkam ihn bei der Vorstellung einer Expedition in die Tiefe der Dunkelheit ein unbehagliches Gef�hl.</p><p> Der Boden der H�hle war sehr eben, nur ein wenig Ger�ll, das sich im Laufe von Hunderten, vielleicht Tausenden von Jahren von der Decke gel�st hatte, lag umher. Der Sch�fer beugte sich hinunter: Es sah aus, als sei der Untergrund einst absichtlich gegl�ttet und gereinigt worden. Auch die W�nde: Sie waren viel zu glatt, um nat�rlichen Ursprungs zu sein. Als er die Wand musterte, schrak er pl�tzlich zur�ck. Keine Arml�nge entfernt war der Fels mit allerlei Malereien bedeckt! Er war also tats�chlich nicht der erste Mensch, der diesen Unterschlupf gefunden hatte. Ob es Zeichnungen der Urmenschen waren, wie man sie ja schon an anderen Stellen in Frankreich gefunden hatte, Lascaux oder Chauvet? Er hatte einige Male davon in der Zeitung gelesen, und es hatte ihn besonders interessiert, weil er sich immer gew�nscht hatte, er w�rde auch einmal so eine Entdeckung machen und ber�hmt werden. Nicht weit von hier, irgendwo bei Perpignan, soweit er sich erinnerte, hatten sie sogar mal einen Mann aus der Steinzeit gefunden. Er machte einen Schritt zur Seite und erhellte ein weiteres St�ck der Wand. Wie die Felszeichnungen von Lascaux sah das jedenfalls nicht aus. Es waren keine Bilder von Pferden oder Hirschen, und es gab auch keine Abdr�cke von H�nden oder Punktmuster. Das waren Schriftzeichen! Allerdings waren es Symbole und Buchstaben einer Sprache, die er nicht kannte. Nein, das sind keine alten Malereien, �berlegte er entt�uscht. Vielleicht hatten sich mal ein paar Touristen hierher verirrt und die W�nde angemalt? Auch andere Stellen waren verziert. Er schritt die H�hlenwand entlang und staunte, wie viel M�he man sich hier gemacht hatte. Je weiter er ging, umso dichter wurden die Zeichnungen, die H�hle war von oben bis unten davon �bers�t! Es gab aufwendig verzierte Schriftz�ge, kurze Wortbilder, zum Teil waren aber auch lange Texte dabei. Es musste eine ganze Reisegruppe hier gewesen sein, nicht nur, weil es so unsagbar viele Malereien waren, sondern auch, weil es sehr unterschiedliche Schriftzeichen waren, so als h�tten die Touristen verschiedene Sprachen gesprochen.</p><p>Mit einem Mal flackerten die Flammen der behelfsm��igen Fackel und erloschen. Der Sch�fer stand in v�lliger Dunkelheit. �rgerlich kramte er nach seinem Feuerzeug, als er einen bl�ulichen Schein wahrnahm. Zun�chst wunderte er sich, woher denn jetzt schon Mondlicht kommen k�nne, da es doch gerade erst zu d�mmern begonnen hatte und der Himmel zudem noch wolkenverhangen sein m�sste. Doch dann wurde ihm bewusst, dass der Schein nicht vom H�hleneingang, sondern aus dem Inneren kam. Und w�hrend sich seine Augen an die Dunkelheit gew�hnten, machte er mehr Einzelheiten aus. Der Gang weitete sich und f�hrte um eine Ecke, hinter der der Schein am st�rksten war.</p><p>Die Neugier siegte �ber seine Bedenken, und der Sch�fer wagte sich tiefer in die H�hle hinein, wie magisch angezogen vom schimmernden blauen Licht.</p><p>Die Festlichkeiten im Palais de Moli�re erreichten ihren H�hepunkt, als das B�fett er�ffnet wurde. Die anwesenden G�ste verga�en f�r wenige Augenblicke ihre gute Erziehung und h�uften sich mit spitzen Fingern ihre Teller voll. Obwohl sie sich bem�hten, sich dem Anlass und ihrer eigenen eleganten Kleidung gem�� zu verhalten, gelang es nur den wenigsten, sich halbwegs w�rdevoll aus der Aff�re zu ziehen. Die einen bekleckerten sich mit Sauce, anderen fiel eine Gabel oder ein Messer zu Boden, wieder andere gaben ihre Teller zur�ck, als h�tte darauf ein unappetitliches Gemetzel stattgefunden. Nicht so die drei Gestalten am Fenster. Reglos standen sie da und blickten hinaus in die G�rten, mit einem eigenartigen Leuchten in den Augen. Die Spekulationen der G�ste �ber die sonderbaren Fremden waren nun jedoch ihrem Interesse an Krabbensalat und Kaviarh�ppchen gewichen.</p><p>Niemand au�er seinen Begleitern h�rte deshalb auch, wie der Graf mit ungewohnt erregter Stimme sagte: �Es ist so weit.�</p><p>Ein gellender Schrei hallte durch die H�hle. Augenblicke sp�ter hetzte der Sch�fer ins Freie. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine H�nde umklammerten seinen Kopf, rasend raufte er sich die Haare, zerkratzte sich die Kopfhaut mit den Fingern�geln, so dass ihm Blut die Schl�fe hinablief. Und dann st�rzte er den steilen Ger�llhang hinab, versuchte, sich an den Steinen und Felsen festzuhalten, erwischte hin und wieder mal einen Felsbrocken, der seinen Sturz f�r kurze Zeit bremste, sich dann jedoch l�ste und mit dem Sch�fer weiter in die Tiefe polterte, bis er in einer Lawine aus Matsch, Steinen und Blut schlie�lich flacheres Gel�nde erreichte. Seine Kleidung war zerschunden, er blutete aus zahlreichen Wunden, ein Arm war gebrochen, Rippensplitter bohrten sich in seine Lunge, aus einer Platzwunde am Kopf str�mte Blut �ber sein Gesicht. Doch er blieb keinen Augenblick liegen. Heulend und schreiend richtete er sich auf, wankte einen Moment und stolperte dann in manischer Umnachtung in den Wald.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 2</strong></p><p><emphasis>21. April, Museum f�r V�lkerkunde, Hamburg</emphasis></p><p>Peter Lavell sa� in seinem Arbeitszimmer und korrigierte die Aufstellung der Exponate, die f�r die kommende Sonderausstellung �5000 Jahre Schrift� ausgew�hlt worden waren. Der Professor erg�nzte gerade eine Vitrinenszene um einige �gyptische Tafeln, die er mit Sicherheit im Fundus wusste und die die Besonderheiten der Hieroglyphen deutlich machten, wenn sie aus Gr�nden der Optik und der Symmetrie zum Teil seitenverkehrt oder in ungew�hnlicher Reihenfolge angebracht wurden. Die Katalognummern kannte er nat�rlich nicht, aber er kritzelte einen Vermerk und eine kleine, ziemlich pr�zise Skizze auf das Blatt, als es an der T�r klopfte.</p><p>Carsten Thommas trat ein, ein Mann Anfang drei�ig, der erst seit zwei Jahren in Hamburg war, aber die Aufs�tze und Vorlesungen Professor Lavells seit seiner Studienzeit verfolgte. Nach dem Studium in Marburg und einigen Jahren Feldforschung in �thiopien und der T�rkei war er an die Universit�t Hamburg gekommen, um dem Professor m�glichst nahe zu sein. Aus demselben Grund hatte er sich auch um eine Stelle im wissenschaftlichen Beirat des Museums beworben. Er bewunderte Professor Lavell um sein Gesamtwissen, den �berblick, seinen Sinn f�r Zusammenh�nge, die die Spezialisten der einzelnen Fachrichtungen selten aufzeigen konnten, und hatte sich mit dessen etwas zur�ckhaltender aber bisweilen zynischer Art abgefunden, die auch in den Vorlesungen und noch viel h�ufiger in Diskussionen � �ffentlich wie privat � hervorkam. Ein Wesenszug, der Lavell nicht �berall beliebt machte und der die Kritik der wissenschaftlichen Kollegen an seinen oftmals gewagten Thesen geradezu herausforderte. Aber der aufstrebende Historiker und Anthropologe hatte schon oft erlebt, dass der geb�rtige Engl�nder Lavell, den auch die sch�rfste Kritik nicht aus der Ruhe zu bringen vermochte, am Ende Recht behalten sollte. Wenn auch einige Vermutungen zun�chst k�hn oder bestenfalls unwahrscheinlich schienen, waren die Zusammenh�nge zum Teil, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, doch so offenbar, dass ihre Anfeindung allein aus dem Rechtfertigungsdrang derer resultierte, die dieselben Schl�sse nicht schon fr�her gezogen hatten.</p><p>Professor Lavell war ein hoch gewachsener Mann Ende f�nfzig, stets tadellos gekleidet, rasiert und manik�rt. Seine Bewegungen wirkten bed�chtig, doch wer ihn genauer betrachtete, stellte fest, dass seine Gesichtsz�ge von einem scharfen Verstand zeugten. Seine Augen schienen st�ndig zu beobachten, fast glaubte man, das leise Surren einer Fotolinse zu h�ren, die sich immer wieder auf neue Entfernungen und Lichtverh�ltnisse einstellte. In seinen Augenwinkeln bildeten sich dann feine F�ltchen, und eine gehobene Augenbraue oder ein leichtes Schmunzeln zeigten, dass Lavells Geist wach und an der Arbeit war.</p><p>�Guten Morgen, Carsten. Wie war London?�</p><p> Carsten trat mit einem Stapel Papier, einigen Akten und unge�ffneten Briefen n�her und setzte sich auf den alten, mit orangefarbenem Stoff bezogenen Holzstuhl. Er stand immer bereit f�r G�ste und war nie mit Papieren oder Ordnern bedeckt wie in anderen B�ros des Museums. Aber Peter Lavells B�ro setzte ohnehin Ma�st�be an Ordnung. Lediglich der alte Besucherstuhl des Professors wirkte deplatziert und hatte wundersamerweise noch immer nicht seinen Weg zum Sperrm�ll gefunden. Doch selbst wenn er manchmal bedrohlich knarrte, schien er noch recht stabil zu sein, und irgendwie passte er mit seinem Retro-Charme zu seinem Eigent�mer, dem technische Neuerungen vor allem suspekt waren.</p><p>�Morgen, Peter. London war ganz in Ordnung. Wichtige Leute, Schnittchen, das �bliche. Die Vorlesung von Dr. Arnherst war sehr interessant. Ich habe die Unterlagen mitgebracht.�</p><p>�Arnherst, das war doch die Geologin aus Mexiko.� Peter lehnte sich zur�ck und setzte seine goldrandige Lesebrille ab. �Ich bin wirklich gespannt, wie sie den lieben Kollegen das tats�chliche Alter der Fundamente im Tlacolula-Tal beigebracht hat.� Er l�chelte beim Gedanken daran, dass gewisse Herren mit ihren viel zu hastig ver�ffentlichten <emphasis>National-Geographic</emphasis>-Artikeln ziemlich dumm dagestanden haben mussten.</p><p>�Schonend war es jedenfalls nicht. Sie hat alle Gesch�tze aufgefahren. Ihre Analysen sind hieb- und stichfest.�</p><p>�Ich hoffe, sie st��t sich ihre H�rner nicht zu fr�h ab. Ihre Arbeit ist tadellos und ihr Engagement bewundernswert.�</p><p>Carsten durchsuchte seine Unterlagen und zog einiges hervor. �Ja, w�re schade, wenn sie in Teufels K�che geriete.�</p><p>�Das wird sie sicherlich. Aber wenn sie gest�rkt herauskommt, dann hat es sich f�r sie gelohnt, nicht wahr?�</p><p>�Hier sind die Folien und die Rede ihrer Vorlesung. Au�erdem habe ich noch zwei Briefe und einen Artikel, der Sie besonders interessieren d�rfte.�</p><p>Peter Lavell nahm die Papiere entgegen und �berflog sie. �Was f�r einen Artikel?�</p><p>�Aus der neuen Ausgabe der <emphasis>Colloquium medii aevi.</emphasis>�</p><p>�Klingt wie eine studentische Gazette. Sollte ich die kennen?�</p><p>�Es ist eine online erscheinende Zeitschrift mit wissenschaftlichen Rezensionen und Aufs�tzen. Ihr Bekannter, Dr. Paulson, schreibt darin �ber den Einfluss der keltischen Br�uche auf die Missionare und die Kirche im fr�hen England.�</p><p>Peter Lavell setzte seine Brille auf und studierte den Ausdruck eine kurze Weile. �Dieser Spezialist hat sich noch nicht einmal die M�he gemacht, es umzuformulieren.�</p><p>�Dann kommen mir die Abs�tze nicht von ungef�hr bekannt vor, was?�</p><p>Peter legte die Papiere beiseite und begann, sich eine Pfeife zu stopfen. �Ja, er hat sie wortw�rtlich abgeschrieben. Ich muss das wohl nicht alles lesen, ich gehe davon aus, dass er weder mein Buch noch meinen Namen erw�hnt, hm?�</p><p>�Kein Wort �ber Sie. Und bestimmt wird er sich damit auch zur�ckhalten, wenn die ersten Lobeshymnen auf seine kompetente Recherche geschwungen werden.�</p><p>�Ja, das vermute ich auch.�</p><p>�Was werden Sie dagegen unternehmen?�</p><p>�Vielleicht treffe ich ihn einmal, dann spreche ich ihn darauf an. Immerhin ist er zwangsl�ufig auf meiner Seite, etwas, was sich bisher nicht von vielen sagen lie�.�</p><p>�Und die <emphasis>Colloquium medii aevi</emphasis>?�</p><p>�Ihre Begeisterung f�r neue Medien in allen Ehren, Carsten, aber Sie �berbewerten die Bedeutung eines Aufsatzes aus dem Internet.� Er lehnte sich zur�ck, um die Pfeife zu entz�nden.</p><p>�Aber es ist hochaktuell...�</p><p>�Ist es deshalb auch <emphasis>relevant</emphasis>? Wir haben diese Diskussion schon einmal gef�hrt. Die Geschwindigkeit und das unkontrollierte Wuchern f�hren zu einem Overkill an Information. Eine solch globale Informationstransparenz mag revolution�r sein, aber n�tzt sie mir? Ist sie demokratisch oder anarchisch? Ich muss doch Experten identifizieren k�nnen, damit sich der Wahrheitsgehalt und die Relevanz von Informationen einsch�tzen lassen. Im Internet kann bald kein Mensch mehr unterscheiden, was eine origin�re Neuigkeit ist oder blo� zum hundertsten Mal kopiert und verf�lscht wurde.�</p><p>�Aber es gibt doch Expertenforen und seri�se Onlinemagazine, wissenschaftliche Publikationen und Diskussionsrunden. Sie sollten sich wirklich n�her damit besch�ftigen.�</p><p>Peter nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und lie� den Rauch gem�chlich an seiner Nase vorbeigleiten, als z�ge er es ernsthaft in Erw�gung, sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Carsten wusste jedoch, wie illusorisch das war. Der Professor schrieb seine Texte noch immer mit einer textverarbeitenden Schreibmaschine statt mit einem Computer, da er sich nicht an die Bedienung der Maus gew�hnen konnte. Ihn zu einem sogar dar�ber hinaus gehenden Einsatz eines Rechners zu bewegen, war aussichtsloser, als einem Regenwurm das Jonglieren beizubringen.</p><p>�Bevor ich lerne, das Internet zu nutzen, warte ich, bis das Internet lernt, mir das bereitzustellen, was mir wirklich Nutzen bringt. Das kann sich nur um ein paar Jahre handeln.�</p><p>Carsten stand schmunzelnd auf. Eine solche Antwort hatte er erwartet. �Nun, Hauptsache�, sagte er auf dem Weg zur T�r, �Sie verlieren nicht den Anschluss.�</p><p>�Wir erforschen f�nftausend Jahre Historie und mindestens weitere f�nfundzwanzigtausend Jahre Pr�historie. Eine Terra inkognita so gro� und voller R�tsel; ein paar Jahre unseres Lebens k�nnen da schwerlich ins Gewicht fallen, nicht wahr?�</p><p>�Ich hoffe, dass Sie Recht behalten, Peter. Ich muss los. Sehen wir uns im Amadeus zum Mittagessen? Um eins?�</p><p>�Ja, warum nicht.� Peter machte eine Geste mit der Hand. �Wenn mich bis dahin die Geschichte nicht eingeholt hat.�</p><p>Als Carsten gegangen war, �ffnete Peter seine Briefe. Einer war per Overnight-Kurier aus der Schweiz gekommen. Absender waren die Vereinten Nationen. Einem kurzen Anschreiben war eine NDA, eine Verschwiegenheitserkl�rung, beigelegt. Mit dem unterzeichneten Schriftst�ck solle er sich am Flughafen Fuhlsb�ttel ein Ticket abholen. Abflugzeit: 13.45 Uhr, Ziel: Genf.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 3</strong></p><p><emphasis>21. April, Rua dos Rem�dios, Lissabon</emphasis></p><p>Der Kellner brachte erneut zwei Kaffee, und w�hrend er die Marmorplatte des wackligen Tischchens abwischte, betrachtete er die beiden Herren verstohlen von der Seite. Es war nicht ungew�hnlich, lange Zeit nichts anderes als ein oder zwei <emphasis>bicas</emphasis> zu bestellen, es gab Studenten, die den ganzen Nachmittag bei einem einzigen Mineralwasser sa�en. Aber diese beiden Herren passten nicht ins Bild, nicht hier, in der Alfama. Der eine war Ausl�nder, rauchte Kette, und sein Portugiesisch war leidlich. Der andere schien viel zu wohlhabend, um in diesem Caf� zu sitzen. Der Ausl�nder redete energisch und mit H�nden und F��en auf den anderen ein. Der Kellner b�ckte sich, um mit einem gefalteten Bierdeckel einen der schmiedeeisernen F��e des Tisches zu fixieren. Dabei hoffte er, weitere Gespr�chsfetzen aufschnappen zu k�nnen, aber die beiden M�nner schwiegen, bis er sich wieder anderen G�sten zuwenden musste.</p><p>�Senhor Macieira-Borges, es scheint, dass ich Sie nicht vom Erfolg des Unternehmens �berzeugen kann.�</p><p>Der Angesprochene, ein st�mmiger Portugiese mittleren Alters in einem etwas unmodernen aber ma�geschneiderten Dreiteiler, r�ckte einen Manschettenknopf zurecht und ergriff mit seinen speckigen Fingern den winzigen Henkel der Espressotasse. Es sah aus, als versuche jemand mit Hilfe zweier Bockw�rste einen Briefkastenschl�ssel zu bedienen, aber es funktionierte.</p><p>�Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das tats�chlich �berrascht�, sagte er und pustete leicht auf seinen Kaffee, um ihn ein wenig abzuk�hlen.</p><p>�Wenn ich, wie vorgeschlagen, einen oder zwei Botaniker oder Chemiker Ihrer Firma der Expedition anschlie�e, ist Ihr Investitionsrisiko doch gleich null.�</p><p>�So wie auch Ihres, nicht wahr, Senhor Nevreux?� Der Portugiese nippte an seinem Kaffee und sah den Franzosen dabei �ber den Tassenrand hinweg an.</p><p>�Nat�rlich, wenn Sie so wollen. Eine Hand w�scht die andere!� Patrick Nevreux versp�rte zum ersten Mal in diesem Gespr�ch wieder so etwas wie ein F�nkchen Hoffnung und dr�ckte wie zur Bekr�ftigung seine Filterlose aus.</p><p>�Ja, so sagt man: Eine Hand w�scht die andere... genau ...� Der Gesch�ftsmann setzte seine Tasse behutsam ab. Er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. �Nun gut�, hob er dann an, �ich will ehrlich mit Ihnen sein. Es geht nicht um Geld. Betr�ge, wie Sie sie nennen, geben wir monatlich f�r das Design neuer Tablettenpackungen aus. Packungen, die Ihnen der Arzt oder Apotheker in die Hand dr�ckt, die Sie aufmachen und in den M�ll werfen. Vom Jahresgehalt meines Laborleiters in Bras�lia k�nnten Sie zehn Expeditionen finanzieren. Es geht nicht um Geld, ganz und gar nicht.� Er machte eine dramatische Pause und leerte derweil seine Tasse. Patrick Nevreux z�ndete sich eine neue Zigarette an und ging im Kopf bereits resigniert die Liste der anderen Gesch�ftsm�nner durch, die er in Lissabon noch treffen wollte, als der Portugiese fortfuhr: �Bedenken Sie, dass die Stadt, die Sie suchen � unabh�ngig davon, was ich pers�nlich glaube � f�r den Rest der Welt ein M�rchen ist. Meine Firma ist nicht deswegen das gr��te Pharmaunternehmen S�damerikas und eines der innovativsten in Europa, weil wir M�rchen hinterherjagen w�rden. Wir sind hochmodern und schnell, aber deswegen sind wir auch unter st�ndiger, genauer Beobachtung durch unsere Konkurrenz. Ich kann es mir unm�glich leisten, mich in ein Projekt wie das Ihrige zu involvieren. Das kleinste Ger�cht dar�ber � und das lie�e sich nicht vermeiden, glauben Sie mir �, das kleinste Ger�cht w�rde unsere Seriosit�t ersch�ttern.�</p><p>�Ich verstehe...� Patrick blies leicht entnervt eine Rauchwolke nach oben.</p><p>�Noch dazu sind Sie ja nicht gerade ein angesehener Forscher, wenn ich das mal so sagen darf. Wir haben Sie eingehend �berpr�ft. Mit Ihren Methoden gehen Sie bestenfalls als ein Indiana Jones durch. Ein Dr. Jones f�r Arme, m�chte ich hinzuf�gen, nach Ihrem Eklat mit der ESA. Bringen Sie mir etwas, das die Existenz der Stadt belegt, dann bin ich der Erste, der sich auf Ihre Seite stellt. Aber so...� Er machte eine entschuldigende Geste und stand auf. �Ich habe nun einen Termin. Eines muss ich Ihnen allerdings zugestehen: Sich mit mir in der Alfama zu treffen, das hat Stil, macht einen vertraut und r�hrselig. Ich w�nsche Ihnen viel Gl�ck, Senhor Nevreux, vielleicht sehen wir uns wieder.�</p><p>Nachdem der Unternehmer gegangen war, hielt es Patrick nicht viel l�nger im Caf� aus. Es stimmte, Macieira-Borges war ein harter Verhandlungspartner. Unversch�mt, aber leider im Recht. Patrick nahm sich vor, auf den Portugiesen zur�ckzukommen, wenn er tats�chlich einmal irgendetwas Handfesteres als seinen pers�nlichen Enthusiasmus vorzuweisen hatte.</p><p>Er bezahlte und machte sich auf den Weg durch die Gassen der Innenstadt zur n�chsten Bushaltestelle. Er fuhr zur Wohnung, die er sich f�r ein paar Monate gemietet hatte, um hier in Portugal Sponsoren f�r eine Expedition in S�damerika zu finden. Wenn man sich schon keine Reise nach Brasilien leisten konnte, was lag da n�her, als die portugiesischen oder brasilianischen Unternehmer in Lissabon zu treffen? Er wollte bewusst zun�chst keine anderen Europ�er oder Amerikaner ansprechen, da er hoffte, dass man Portugiesen und Brasilianer durch ihre Verbundenheit mit dem Land leichter f�r ein Projekt im Regenwald begeistern und gewinnen konnte. Ob das stimmte, war nat�rlich fraglich. Es gab einige amerikanische Konzerne, die investitionsfreudiger waren und die �ber eine ebenso gute technische wie soziale Infrastruktur in Brasilien verf�gten. Doch der Gedanke an Mineral�lkonzerne oder andere Multis aus den Staaten missfiel ihm aus Prinzip. Vielleicht war es auch Idealismus. Eine Pharmafirma war freilich nicht viel besser, aber immerhin war sie so gut wie einheimisch, und irgendwie hatte er sich mehr von Lusom�dic versprochen.</p><p>Nachdem er den Briefkasten geleert hatte, lie� er sich in seiner Wohnung auf die Couch sinken. Von hier hatte er einen wunderbaren Blick auf ein Industrieviertel und ein halbes Dutzend Baukr�ne. Es war nicht die beste Gegend, und auch das Apartment war winzig und abgewohnt. Dass der alte Gasboiler im Badezimmer noch funktionierte, grenzte fast an ein Wunder und lie� Patrick jedes Mal wieder schaudern. Aber das Ding hatte so lange gehalten, weshalb sollte es in den paar Wochen in die Luft fliegen, die er hier verbrachte?</p><p>Es war erstaunlich, wie viel Post er t�glich bekam. Immerhin wohnte er hier nur vor�bergehend. Kaum einer kannte diese Adresse. Aber meistens waren es ohnehin nur Flyer, Prospekte oder andere Wurfsendungen. Ein Brief war diesmal allerdings dabei, der seine Aufmerksamkeit erregte. Er war offensichtlich per Express zugestellt worden; erstaunlich, dass er den Empfang nicht hatte best�tigen m�ssen. Auf dem Umschlag prangte das Symbol der Vereinten Nationen, ein Absender war allerdings nicht angegeben. Der Brief enthielt ein kurzes Anschreiben und Instruktionen, laut denen er sich pers�nlich ein Flugticket in einem B�ro in der Stadt abholen sollte. Er w�rde sich beeilen m�ssen: Der Flug nach Genf ging noch an diesem Abend.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 4</strong></p><p>22. <emphasis>April, H�tel du Lac, Genf</emphasis></p><p>Peter Lavell hatte gerade seine zweite Tasse Tee geleert, als ein Ober an seinen Tisch trat und ihn darauf aufmerksam machte, dass soeben ein Fahrer eingetroffen sei und drau�en auf ihn warte.</p><p>Der Professor sah auf seine Uhr und bewunderte das Timing der Organisatoren. Er hatte am Tag zuvor in gro�er Eile einen kleinen Koffer gepackt und war der mysteri�sen aber anscheinend hochoffiziellen Einladung gefolgt. Am Flughafen in Genf hatte man ihn ausgerufen und ihm an der Information einen Umschlag �berreicht. Wieder hatte er nur ein kurzes Anschreiben gefunden. Daneben aber auch eine Reservierung f�r ein Hotelzimmer in einem der besten H�user der Stadt samt Magnetkarte, die Vorbestellung in einem Restaurant mit Blick auf den Genfer See sowie eine Theaterkarte. Alle Kosten w�rden �bernommen, hie� es in der beigef�gten Notiz, die auch die Bitte enthielt, um 8.30 Uhr abreisebereit im Hotel zu sein.</p><p>Peter lie� die �berreste des vorz�glichen Fr�hst�cks zur�ck und begab sich nach drau�en.</p><p>�Herr Professor Peter Lavell?� Ein vornehm gekleideter Mann mit wei�en Handschuhen kam auf ihn zu.</p><p>�Oui, c'est moi.�</p><p>�Sie k�nnen Deutsch sprechen, Monsieur. Bitte folgen Sie mir, ich fahre Sie zum UN-Geb�ude. Wenn Sie mir Ihren Koffer geben m�chten?� Er f�hrte den Professor zu einem schwarzen Mercedes mit verdunkelten Scheiben.</p><p>Genf war eine wunderbar gr�ne Stadt. Ihre Lage am See und umringt von den Bergen sorgte f�r eine ganz besondere Atmosph�re: gem�tlich und nobel zugleich. Peter hatte am Abend auf den Theaterbesuch verzichtet, war zwei Stunden am Seeufer entlangspaziert und hatte die Schw�ne und die Yachten bewundert. Man kam sich ein wenig eingeschlossen und abgeschieden vor, fast wie im Urlaub. Aber dann wiederum waren alle wichtigen Nationen und internationalen Organisationen von der UNESCO �ber die WHO bis zur UN hier vertreten, die Stadt war vielerorts gepr�gt von �beraus gepflegten Rasenfl�chen und blauspiegelnden, verglasten Hochh�usern mit Fahnenmasten, �berwachungskameras und Sicherheitspersonal.</p><p>Die Fahrt dauerte nicht lange und endete vor einem eindrucksvollen B�rogeb�ude, ebenso modern und verspiegelt wie scheinbar alles, was hier in den letzten zehn oder zwanzig Jahren gebaut worden war. Der Fahrer stoppte den Wagen direkt vor dem Eingang, �bergab Peter seinen Koffer und f�hrte ihn durch die Dreht�ren in den Turm. Das Auto wurde unterdessen von einem �hnlich gekleideten Mann weggefahren.</p><p>Sie betraten eine hohe, fast leere Halle, die in dunklem, poliertem Stein gehalten war. Der Fahrer wies sich am Empfang aus und erhielt einen Ausweis, den er dem Professor �berreichte.</p><p>�Klemmen Sie sich den bitte an Ihre Brusttasche.� Er deutete auf einen Torbogen, neben dem zwei Sicherheitsbeamte standen. Es war offenbar eine Art Metalldetektor wie am Flughafen. �Gehen Sie dann bitte durch die Schleuse und nehmen Sie den Fahrstuhl vier. Er bringt Sie in den dreiundzwanzigsten Stock, wo man Sie erwartet. Einen sch�nen Tag noch, Herr Professor Lavell.�</p><p>�Ja, danke, Ihnen auch.� Mit skeptischem Seitenblick schritt Peter durch den Detektor und an den st�mmigen Wachm�nnern vorbei. Die T�r des Fahrstuhls mit der Nummer vier war bereits ge�ffnet. Peter suchte die Kn�pfe, aber der Aufzug schloss sich bereits und setzte sich so rasant in Bewegung, dass er die Beschleunigung unangenehm im Magen f�hlte. Nur wenige Augenblicke sp�ter bremste der Fahrstuhl sanft ab, die T�r glitt auf, und eine junge Frau bat ihn, ihr zu folgen. Sie gingen durch einen mit einem weichen, dunkelblauen Teppich bedeckten breiten Flur, ges�umt von modernen Gem�lden und einigen durch Halogenstrahler beleuchtete Sockel mit vielf�ltigen Kunstobjekten. Schlie�lich gelangten sie in eine Art Foyer, in dem sich eine Gruppe schwarzer Ledersessel und ein Tisch aus Glas und Chrom befanden.</p><p>�Bitte warten Sie hier einen Augenblick, m�chten Sie etwas trinken, Monsieur?�</p><p>Er lehnte dankend ab und setzte sich. Das Ambiente wirkte h�chst seri�s und professionell. Dennoch fragte er sich seit Stunden immer wieder, worauf das alles hinauslaufen w�rde. Er hatte schon �berlegt, ob seine Vorlesungsreihe oder sein Buch jemandem mit gewichtiger Befugnis, einer h�heren Macht, sauer aufgesto�en sein konnte. Nicht, dass ihn das von seiner Meinung oder seiner Arbeit abgehalten h�tte oder beunruhigen w�rde. Aber eigentlich war das Echo seit einem halben Jahr eher bescheiden, und sonderlich provokant waren die letzten Aufs�tze auch nicht gewesen. Vielleicht wollte man ihn auch f�r Lesungen, Diskussionen oder Interviews buchen? Indes bezweifelte er, dass ein Papiertiger der Vereinten Nationen den Gehalt geschweige denn die Tragweite seiner Arbeit verstand oder zu sch�tzen wusste. In jedem Fall war er der Umgebung angemessen gekleidet. Er trug einen sehr schlichten, anthrazitfarbenen Anzug, den er sich in Italien hatte schneidern lassen, dazu ein Stehkragenhemd im selben Ton und schwarze Schuhe. Krawatten vertrug er nicht, er glaubte immer gleich ersticken zu m�ssen, und au�erdem wirkten sie zu b�rokratisch. Die Leute sollten ihm ins Gesicht sehen und nicht auf seinen Schlips.</p><p>An der anderen Seite des Tisches sa� ein Mann, der den Professor unverbl�mt beobachtete. Peter sch�tzte ihn auf Mitte drei�ig. Seine Bem�hungen, sich herauszuputzen, waren entweder peinlich oder absichtlich fehlgeschlagen. Nicht sehr, aber bemerkbar. Der Dreitagebart war etwas zu lang und wirkte raubeinig, der Schlips war angesteckt, nicht geknotet, und die Schuhe waren zwar geputzt, aber stark abgelaufen. Sein Gesicht war freundlich und sonnengebr�unt. Man sp�rte einen Hauch von Respektlosigkeit in seiner Haltung, nicht zuletzt daran, dass er in offensichtlich bewusster Ermangelung eines Aschenbechers trotzdem rauchte und in den K�bel einer Zimmerpalme aschte.</p><p>�Monsieur le Professeur Lavell, Monsieur Nevreux, wenn Sie eintreten m�chten.� Eine T�r hatte sich ge�ffnet, und die junge Frau, die bereits am Fahrstuhl gewartet hatte, winkte die beiden herbei. �Madame de Rosney erwartet Sie, bitte sehr.� Sie f�hrte sie durch eine Art Sekretariat und �ffnete ihnen eine weitere T�r am anderen Ende des Raums.</p><p>Sie betraten ein gro�z�giges B�ro mit breiter Fensterfront. Den Raum beherrschten ein gewaltiger Mahagonischreibtisch und ein Fahnenst�nder mit den beiden Flaggen der Vereinten Nationen und Europas. Hinter dem Schreibtisch war eine eindrucksvolle Satellitenkarte Europas angebracht. Eine streng aussehende Frau Ende vierzig mit grauen Haaren, einer modernen Kurzhaarfrisur und einem dunkelblauen Hosenanzug war gerade aufgestanden. Als die beiden M�nner herantraten, streckte sie ihnen �ber den Tisch eine Hand entgegen.</p><p>�Es freut mich, dass Sie beide kommen konnten. Bitte setzen Sie sich.� Sie nahm selbst auch wieder Platz und lehnte sich auf ihre Unterarme. Der Schreibtisch war leer bis auf zwei nebeneinander liegende Mappen, die mit einem Band und einer Plombe versiegelt waren. �Zun�chst einmal m�chte ich mich f�r die hastigen und f�r Sie sicherlich �u�erst geheimnisvoll erscheinenden Umst�nde entschuldigen. Ich werde gleich etwas Licht in die Angelegenheit bringen. Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Elaine de Rosney, ich arbeite, wie Sie festgestellt haben, f�r die Vereinten Nationen. Ich bin Leiterin einer Stabsabteilung und zust�ndig f�r Sonderprojekte des Bereichs Altertumsforschung und europ�ische Kulturgeschichte.� Sie �ffnete eine Schublade des Schreibtisches und reichte dem Franzosen einen Aschenbecher. �Sie wissen, dass das Rauchen in diesem Geb�ude verboten ist.� Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.</p><p>�Vielen Dank, dass Sie darauf R�cksicht nehmen�, antwortete der Mann, hielt seine Zigarette in die H�he und nahm den Aschenbecher entgegen.</p><p>�Sie kennen sich beide nicht pers�nlich, deswegen m�chte ich Sie einander kurz vorstellen. Professor Peter Lavell ist Engl�nder, wohnhaft in Deutschland, Professor f�r Geschichte mit besonderen Kenntnissen in Mythologie und Anthropologie. Er ist zurzeit im wissenschaftlichen Beirat des V�lkerkundemuseums Hamburg t�tig sowie als Gastdozent an der Universit�t der Hansestadt. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Aufs�tze, ver�ffentlichte zuletzt ein Buch zum Thema <emphasis>Langfristige globale Entwicklungskausalit�t</emphasis> und ist letztes Jahr mit einer Vorlesungsreihe mit dem Titel �Der Siegeszug der Vernunft � Aberglaube und Rationalit�t im Wandel der Jahrtausende� an internationalen Universit�ten, auf Kongressen und Fachtagungen aufgefallen.�</p><p>Mit einem leichten Nicken deutete Peter seine Zustimmung an. Seine Vorlesungen als �auffallend� zu bezeichnen, war dabei sehr diplomatisch ausgedr�ckt. In Wahrheit hatte er mancherorts eine regelrechte Lawine von Diskussionen und Kritik losgetreten.</p><p>�Man sagt ihm einen scharfen Verstand nach und die F�higkeit, langfristige, fach�bergreifende geschichtliche Zusammenh�nge zu erkennen. Er scheut nicht davor zur�ck, Dinge auch in scheinbar abwegige und kontroverse Beziehung zu setzen, was sich h�ufig als korrekt erwiesen hat.�</p><p>Peter zweifelte, ob diese Art der Beurteilung notwendig war. Es mochte zwar stimmen, was sie sagte, aber er fragte sich, was die Frau damit bezweckte. Weder wollte er auf irgendeinem Markt angeboten werden, noch hatte er vor, mit dem jungen Kettenraucher in ein besonders enges Verh�ltnis zu treten. Immerhin w�rde sie ihn hoffentlich genauso detailliert vorstellen.</p><p>Patrick beugte sich zur Seite und streckte die Hand aus. �Freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Professor.�</p><p>�Patrick Nevreux ist Franzose�, fuhr die Frau fort, �gelernter Ingenieur. In den letzten Jahren war er zunehmend erfolgreich in der Feldforschung t�tig. Mit F�rdergeldern der EU und der ESA hat er Sonden und Forschungsroboter entwickelt. Diese setzte er auch in privaten Projekten ein und erkundete so bisher unzug�ngliche Sch�chte in Palenque. Au�erdem entdeckte er in den Katakomben unter Rom eine fr�hchristliche Kapelle mit alten Bibelfragmenten.�</p><p>Peter sah zu Patrick hin�ber, der zufrieden nickte, w�hrend er zuh�rte. Der Professor hatte von den Entdeckungen selbstverst�ndlich gelesen. Nun sa� er neben dem Mann, der sie verantwortete, wenn auch seine Methoden zweifelhaft waren.</p><p>�Aufgrund des, ich zitiere �eigenm�chtigen und zweckentfremdeten Einsatzes� der ihm zur Verf�gung gestellten Gelder und Technologie ist seine Unterst�tzung eingestellt worden�, fuhr die Frau fort. �Neben seinem au�erordentlichen technischen Verst�ndnis und seinem arch�ologischen Gesp�r sind seine Flexibilit�t und sein Ehrgeiz gesch�tzt. Deshalb gelingt es ihm, stets neue Investoren f�r seine Projekte zu finden. Zurzeit plant er ein solches in Brasilien.�</p><p>�In der N�he der bolivianischen Grenze, um genau zu sein. M�chten Sie sich beteiligen?�</p><p>�Nein, vielen Dank, Monsieur.� Elaine de Rosney stand auf und deutete auf einen Punkt auf der Karte hinter ihr. �Aber nun zu dem Grund Ihrer Anwesenheit hier. Es geht um ein Projekt in S�dfrankreich, f�r das wir Sie beide gewinnen m�chten. Es ist allerdings von wissenschaftlicher Brisanz und unterliegt daher absoluter Geheimhaltung, was Sie anhand der NDA, die Sie beide unterzeichnet haben, bereits sicher vermutet haben.</p><p>Meine Aufgabe ist es, Ihnen heute so viele Informationen zu geben, wie ich darf, um Sie f�r eine Mitarbeit zu gewinnen.� Sie deutete auf die beiden Mappen, die vor ihr lagen. �Sollten Sie nicht schon unverz�glich absagen, werden Sie am Ende unseres Gespr�chs diese Unterlagen mitnehmen, in denen Sie eine pr�zise Zusammenfassung aller f�r Sie relevanten Umst�nde und Konditionen sowie einen Vertrag finden. Ihnen bleiben dann drei Tage, sich f�r eine Zusammenarbeit zu entschlie�en, bevor das Angebot verf�llt.�</p><p>Patrick machte eine Handbewegung, als wolle er etwas einwenden, und Elaine de Rosney sah ihn fragend an.</p><p>�K�nnten Sie vielleicht einen Kaffee organisieren?�, fragte er, nur einen Augenblick zu fr�h, denn gerade schob die Mitarbeiterin aus dem Sekretariat einen Servierwagen mit Kaffee, Tee und Mineralwasser herein.</p><p>�Hatte ich �Ungeduld� in meiner Ausf�hrung �ber Sie vergessen?�, sagte die Projektleiterin mit ironischem Unterton.</p><p>�Ich wei� nicht�, gab Patrick l�chelnd zur�ck, �ich habe nicht zugeh�rt. Trotzdem vielen Dank.�</p><p>�Ihre besonderen F�higkeiten werden f�r die Erforschung eines Fundes ben�tigt�, erkl�rte sie nun an beide gewandt. �Zum Teil wurden bereits Vorarbeiten geleistet, alle bisherigen Erkenntnisse erhalten Sie in Form eines ausf�hrlichen Berichts. F�r die weiteren Untersuchungen und Recherchen vor Ort steht Ihnen jegliche angemessene Technologie und ein umfangreiches Budget zur Verf�gung. Sie werden f�r das Unternehmen hauptverantwortlich und weitestgehend weisungsbefugt �ber eventuelle Hilfskr�fte sein. Projektstart ist in sieben Tagen, wir gehen von einer Laufzeit von mindestens zwei Monaten aus, sind aber derzeit nicht daran gebunden. F�r Ihre Mitarbeit erhalten Sie selbstverst�ndlich eine angemessene Verg�tung, die in diesen Unterlagen im Detail ausgef�hrt ist. Nat�rlich hat die vertrauliche Natur des Projekts auch Auswirkungen auf Sie und Ihre Arbeit. Ihre Verschwiegenheit wird zeitlich und inhaltlich ausgedehnt und per Vertragsstrafe garantiert werden m�ssen. W�hrend der Arbeit wird niemand Ihren Aufenthaltsort kennen, alle Arbeitsergebnisse m�ssen unverz�glich gemeldet werden und bleiben vorl�ufig Eigentum der UN.�</p><p>�Mit anderen Worten, wissenschaftliches Renommee f�r uns ist nicht zu erwarten�, stellte Peter fest.</p><p>�Wir w�ren die M�nner im Hintergrund, S�ldner�, stimmte Patrick zu.</p><p>�S�ldner, Monsieur Nevreux, w�rde ich es nicht nennen. Aber es geht in erster Linie f�r Sie um Geld, das stimmt. Vielleicht dauert es Jahre, bis die Ergebnisse mit Ihren Namen ver�ffentlicht werden, vielleicht geschieht das auch �berhaupt nicht. Seien Sie jedoch versichert, dass wir hier �ber Betr�ge sprechen, die Ihnen nicht gleichg�ltig sind. Kosten spielen in diesem Projekt keine Rolle.�</p><p>�Keine Rolle?�, fragte Patrick.</p><p>�Das sagte ich.�</p><p>Peter schenkte sich eine Tasse Tee ein. Langsam f�gten sich die Einladung nach Genf und das Gebaren der Projektleiterin in ein gemeinsames Bild. �Bei allem Respekt vor der Macht des Kommerzes, Madame de Rosney, aber f�r seri�se Wissenschaftler kann das gewiss nicht der einzige Anreiz sein.�</p><p>�Nein, Sie haben Recht, Herr Professor. Ich kann mich in Ihre Lage versetzen, und es tut mir aufrichtig leid, Ihnen nur Geld anbieten zu k�nnen. Andererseits haben wir Sie nicht zuf�llig ausgew�hlt. Das Projekt betrifft Ihr ganz pers�nliches Interessengebiet, es dr�ngt sich fast schon auf. Wenn Sie auch keine Ergebnisse ver�ffentlichen d�rfen, so werden Sie der Fund und seine Implikationen an einem Nerv treffen, der Sie mehr als reizen wird.�</p><p>�Da bin ich aber gespannt.� Peter hob eine Augenbraue, setzte den Tee an und betrachtete die Frau erwartungsvoll.</p><p>�Ich kann Ihnen keine Details sagen, nur so viel: Es geht um einen Fund, den wir weder einordnen noch datieren k�nnen, der aber allem Anschein nach unser Verst�ndnis �ber das Wissen und die Technologie unserer Vorfahren revolutionieren wird. Und wenn ich Technologie sage, meine ich weder Faustkeile noch Zahnr�der, sondern Technologie.�</p><p>Peter nickte leicht �berrascht. Elaine de Rosney schien zwar einen Hang zum Dramatischen zu haben, aber wenn auch nur ann�hernd stimmte, was sie sagte, dann w�rde es ihn in der Tat brennend interessieren.</p><p>�Ist das auch der Grund f�r die Geheimniskr�merei?�, wollte nun Patrick wissen, w�hrend er sich eingehend damit besch�ftigte, sein leeres Zuckert�tchen zusammenzurollen.</p><p>�Sie haben von mir erfahren, was ich Ihnen sagen konnte. Ergebnisse, wie wir sie erwarten, d�rften nicht verfr�ht und unkanalisiert an die �ffentlichkeit gelangen. Es gibt daf�r nicht nur soziologische sondern auch politische Gr�nde. Das muss Ihnen als Aussage leider reichen.�</p><p>�Also gut, die Mappen bekommen wir mit auf den Heimweg, richtig?� Patrick wirkte pl�tzlich ungeduldig, als habe er das F�r und Wider des Angebotes bereits abgewogen.</p><p>�Richtig.�</p><p>�Um es abzuk�rzen: Es n�tzt nichts, Ihnen weitere Fragen zu stellen, was?�</p><p>�Alles Weitere m�ssen Sie den Unterlagen entnehmen. Oder haben Sie noch Fragen, Herr Professor Lavell?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, es sei denn, Sie k�nnten �ber die Art der Technologie, von der Sie sprechen, spezifischer werden.�</p><p>�Das kann ich leider nicht. Nicht nur, weil es geheim w�re, sondern schon allein deswegen, weil wir nicht in der Lage waren, sie zu untersuchen.� Sie stand auf und �berreichte den M�nnern die Mappen. �Ich hoffe, dass ich Sie beide an Bord begr��en darf. Denken Sie an die Frist von drei Tagen.�</p><p>Sie nahmen die Mappen entgegen. Auf dem Deckel prangte eine schwarze Aufschrift: <emphasis>Projekt: Babylon.</emphasis></p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 5</strong></p><p>29. <emphasis>April, B�ziers-Agde-Vias-Flughafen, B�ziers</emphasis></p><p>Eine Schar von aufgeregten, sommerlich gekleideten Touristen flutete in die Halle des Flughafens. Sie hatten w�hrend des Anfluges bereits die Landschaft bewundert, die W�lder und Fl�sse, die h�geligen Plantagen und Weinberge und den wolkenlosen Himmel. Sie hatten versucht, das Meer zu ersp�hen, und jeder schwelgte in einer von Urlaubskatalogen und kitschigen Postkarten gen�hrten Vorfreude auf das Mittelmeer, K�se, Rotwein und hoffentlich Satellitenempfang im Hotelzimmer.</p><p>Peter Lavell trug einen Anzug. Die Anweisungen f�r seine Anreise waren deutlich und strikt gewesen. Mit seinem Koffer stand er im gro�z�gigen, zentralen Patio des Flughafens und sah sich suchend um. Er machte sich noch immer Gedanken, ob er das Richtige tat. Niemand an der Universit�t und am Museum wusste, wo er war. Er hatte sich f�r �mindestens zwei Monate� abgemeldet, jeder musste sich fragen, ob er sich auf eine Weltreise begeben w�rde oder ob er plane, auszuwandern. Dem Geld, das ihm die UN bot, hatte er es zu verdanken, dass er trotz einer solchen Auszeit nach Projektende tats�chlich eine Weltreise unternehmen k�nnte, wahrscheinlich sogar mehrere. Aber es war in der Tat nicht das Geld, sondern der Gegenstand der Untersuchung, der ihn reizte, wie Elaine de Rosney bereits vermutet hatte. Er konnte sich kaum vorstellen, was f�r eine Entdeckung so mysteri�s sein k�nnte und eine derartige Verschwiegenheit verlangte. Aber ein Funke war in ihm entflammt worden, eine fast jugendliche Neugierde, der er schlie�lich nachgegeben hatte. In den letzten Jahren hatte er sich der Arbeit am Schreibtisch gewidmet, hatte jene ungel�sten R�tsel und Puzzleteile aufgegriffen, die andere aufgeworfen und ad acta gelegt hatten. Er hatte sie untersucht, gewendet und erfolgreich kombiniert. Aller unqualifizierten Kritik, die ihm hierzu entgegenschlug, konnte er gelassen entgegensehen. Doch es nagte an ihm, dass all seine Erkenntnisse nie auf seinen origin�ren Entdeckungen basierten, und er sich dadurch stets unn�tig angreifbar machte durch die Neider, denen er die Show stahl. Als Theoretiker im fortgeschrittenen Alter bekam man nicht oft die Chance, selbst ins Feld zu gehen und etwas Neues zu entdecken. Er wollte sich nicht l�nger dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dass er mit seiner Arbeit lediglich Nutznie�er fremder Vorarbeiten war. Dies war vielleicht seine letzte M�glichkeit, einen neuen Pfad zu beschreiten. B�cher konnten warten, und die Scherbenhaufen der kulturhistorischen Forschungen anderer Leute konnte er auch mit achtzig noch bearbeiten.</p><p>Er entdeckte einen f�rmlich gekleideten Mann, der ein Schild mit der Aufschrift �Prof. Peter Lavell, UN Gen�ve� demonstrativ vor sich hielt. Neben ihm stand, rauchend und ebenfalls in einen Anzug gekleidet, der franz�sische Ingenieur Patrick Nevreux. Er hatte den Job also auch angenommen. Peter ging auf die beiden zu und begr��te sie.</p><p>�Hallo Peter, ich darf Sie jetzt doch Peter nennen, wo wir beide �an Bord� sind, oder?� Patrick betonte �an Bord� so �berspitzt, dass er sich offenkundig �ber ihre Auftraggeberin lustig machte.</p><p>Peter musste l�cheln. �Kein Problem, Patrick. Wir werden ja wohl eine Weile miteinander auskommen m�ssen, nicht wahr?�</p><p>�Das wird uns in dieser Gegend nicht schwer fallen, glauben Sie mir! Wissen Sie, was das ist?� Patrick zog ein Taschenbuch hervor. �Ein F�hrer der Ch�teaux des Corbi�res.�</p><p>�Sie sind Rotweinliebhaber?�</p><p>�Was hatten Sie erwartet? Das Leben macht nicht Halt vor Klischees. Ich habe Sie doch auch Tee trinken sehen. <emphasis>Very british.</emphasis> M�chten Sie eine Zigarette?� Er z�ndete sich selbst eine neue an.</p><p>�Ich st�re Ihre Unterhaltung nur ungern�, warf der Mann ein, der das Namensschild des Professors inzwischen in einer Aktenmappe verstaut hatte. �Aber ich muss Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, dass das Rauchen hier verboten ist.�</p><p>Als h�tte er den Hinweis auf das Rauchverbot gar nicht geh�rt, sagte Nevreux: �Ach ja, Peter, das ist Marc, ein Mitverschw�rer, den uns unsere Freundin Elaine geschickt hat.�</p><p>Der Mann, den Patrick vorgestellt hatte, fand dies offensichtlich nicht sehr am�sant. Ohne eine Miene zu verziehen, machte er eine Handbewegung zum Ausgang hin. �Folgen Sie mir zum Wagen.�</p><p>Er brachte sie zu einem wei�en Landrover mit einer dunkelgr�nen Aufschrift auf der T�r: <emphasis>GNES � Garde Nationale d'Environnement et de la Sant� � Direction Languedoc-Roussillon.</emphasis> Sie machten es sich im Fond bequem und waren bereits nach wenigen Minuten auf der Hauptstra�e Richtung S�dwesten unterwegs.</p><p>Marc reichte zwei Namensschilder nach hinten. �Stecken Sie sich diese bitte an. Die geheime Natur des Projekts macht es erforderlich, dass Sie Ihre Untersuchung verdeckt durchf�hren. Der Fundort liegt in unmittelbarer N�he des Ortes St.-Pierre-Du-Bois. Dort wird man von Ihrer Anwesenheit und Ihren Untersuchungen erfahren. Sie treten deswegen offiziell als Spezialisten auf, gerufen von der Umwelt- und Gesundheitswache. Sie erkunden die Hintergr�nde einer drohenden Tollwutepidemie und lassen deshalb ein bestimmtes Gebiet weitr�umig hermetisch absperren. St.-Pierre-Du-Bois ist ein Luftkurort mit Mineralquellen. Er bl�ht seit einigen Jahren durch den Tourismus auf und ist auf ihn angewiesen. Wir haben einen Termin mit dem B�rgermeister.� Marc reichte zwei Mappen hinter sich. �Studieren Sie w�hrend der Fahrt die Unterlagen. Sie finden Angaben �ber die Region, die Stadt und die wichtigsten Personen. Didier Fauvel ist ein ehrgeiziger Mann, Ende vierzig, cholerisch, zum zweiten Mal geschieden. Wir halten uns nicht lange mit ihm auf. Eine Tollwutepidemie ist ein gro�es Problem f�r ihn. Wenn Sie sie unter Kontrolle bringen, ist er Ihr Freund. Wenn Sie damit nicht bis zum Beginn der Sommerferien fertig werden, ist er Ihr Feind.�</p><p>�Wieso gerade Tollwut?�, fragte Peter. �Klingt etwas unglaubw�rdig, oder?�</p><p>�Die Idee ist gar nicht so dumm�, �berlegte Patrick. �Es ist verst�ndlich und gef�hrlich genug f�r die Leute hier, aber nicht so sehr, dass es die Presse aus Paris anlocken w�rde. Aber ich frage mich, was wir �ber Tollwut erz�hlen k�nnen.� Er z�ndete sich eine weitere Zigarette an. �Ich wei� ja nicht, wie es Ihnen geht, Peter, aber ich habe weder Biologie noch Veterin�rmedizin studiert.�</p><p>�Didier Fauvel versteht von Tollwut genauso wenig wie Sie�, erkl�rte der Fahrer. �F�r alle F�lle finden Sie in den Mappen vorbereitete Erkl�rungen, Untersuchungsergebnisse, Berichte, Fotos und Analysen, die Sie nach und nach vorbringen k�nnen. Au�erdem ausf�hrliche Unterlagen �ber die Natur dieser Region, �ber Tollwut im Allgemeinen und im Speziellen. Das reicht aus, um die Ortsans�ssigen zu �berzeugen.�</p><p>�Elaine denkt an alles�, meinte Patrick mit ehrlichem Erstaunen. Er aschte aus dem Fenster. �Beeindruckend.�</p><p>�Bedrohlich�, gab Peter zur�ck.</p><p>Marc ignorierte die Bemerkungen. �Wenn Sie Ihre Kippe aus dem Fenster werfen, kostet Sie das f�nfhundert Euro.�</p><p>�Monsieur Fauvel, dies sind die Herren Nevreux und Professor Lavell. Meine Herren, B�rgermeister Fauvel.�</p><p>Der B�rgermeister kam hinter seinem Schreibtisch hervor und sch�ttelte den beiden gesch�ftig die H�nde. Seine Kleinw�chsigkeit machte er mit einem dicken Bauch und Schweinsaugen wett, die unruhig und stechend aus seinem roten Gesicht hervorblitzten.</p><p>�Es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, hereinzuschauen. Sie m�ssen von den Geschehnissen ebenso �berrascht sein wie ich. Doch bevor wir unsere Sorgen teilen...� Er trat an einen Beistelltisch und deutete auf eine Flasche. �M�chten Sie einen Cognac?�</p><p>�Vielen Dank, Monsieur le Maire�, ergriff Patrick das Wort, �aber wir haben noch viele arbeitsreiche Stunden vor uns, und ich f�rchte, Ihr zweifellos hervorragender Cognac vertr�gt sich schlecht mit wissenschaftlicher Analyse.�</p><p>�Sie haben bestimmt Recht�, erwiderte Didier Fauvel und verschanzte sich wieder hinter seinem Schreibtisch. �Es freut mich, dass Sie so schnell und gewissenhaft ans Werk gehen. Ich w�rde mich freuen, wenn Sie mich regelm��ig �ber den Fortgang der Untersuchungen auf dem Laufenden hielten. Wie Sie sich denken k�nnen, liegt mir au�erordentlich viel am Wohl der Stadt und seiner B�rger und Besucher.�</p><p>�Professor Lavell und ich werden Sie selbstverst�ndlich informieren. Bestimmt werden wir Sie auch das eine oder andere Mal um Rat ersuchen, wenn wir Fragen zur Umgebung haben oder an anderer Stelle nicht weiterkommen. Ich hoffe, wir bel�stigen Sie nicht zu sehr.�</p><p>�Aber keineswegs. Ich habe einige Termine abgesagt, um Zeit f�r die Beobachtung der Untersuchungen zu haben. Das Tollwut-Problem hat f�r mich h�chste Priorit�t. Wenn Sie also irgendetwas ben�tigen, scheuen Sie sich nicht, jederzeit vorbeizukommen.� Er machte eine gro�m�tige Geste. �Jederzeit. Meine Sekret�rin hat Anweisung, Sie vorzulassen. Das Gleiche gilt im �brigen f�r Ihre Ranger. Meine Polizei unterst�tzt sie gerne.�</p><p>�Vielen Dank. Im Augenblick werden wir uns ein Bild von der Lage machen und gegebenenfalls zu einem sp�teren Zeitpunkt auf Ihre gro�z�gige Unterst�tzung zur�ckkommen.�</p><p>In Peters Augen hatte Patrick etwas zu dick aufgetragen. Es wunderte ihn zwar, dass der Franzose �berhaupt eine so formelle Unterhaltung f�hren konnte, aber vielleicht h�tte er den Mann nicht derart beweihr�uchern m�ssen. Dem B�rgermeister schienen die Worte jedoch gut zu gefallen. Er l�chelte feinsinnig, so gut es seine Gesichtsz�ge zulie�en, was ihm allerdings einen unfreiwillig durchtriebenen Ausdruck verlieh. Dann stand er wieder auf und reichte seine speckige Hand.</p><p>�Ich freue mich auf eine wunderbare Zusammenarbeit. Ich werde Sie nicht l�nger aufhalten und w�nsche Ihnen viel Erfolg.� Diese abrupte Beendigung des Gespr�chs kam den anderen nicht ungelegen. Es gab nichts, was sie dem Mann noch zu sagen hatten, der H�flichkeit war Gen�ge getan. Er begleitete sie ein St�ck weit durch sein B�ro und blieb neben dem Beistelltisch stehen. �Ich erwarte dann Ihren ersten Bericht n�chste Woche.�</p><p>�Sie k�nnen sich auf uns verlassen�, gab Patrick zur�ck und sah gerade noch Didier Fauvels Hand zum Tischchen wandern, als sich hinter ihnen die B�rot�r schloss.</p><p>�Sie sind ihm ja ganz sch�n um den Bart gegangen�, sagte Peter, als sie wieder im Wagen sa�en.</p><p>�Sie meinen, ich habe ihn eingeseift?� Patrick lachte und z�ndete sich eine Zigarette an.</p><p>�Was halten Sie von ihm?�</p><p>�Ich kenne Typen wie ihn zuhauf. Man sollte sie nicht untersch�tzen. Aber <emphasis>no risk, no fun</emphasis>, sagt man das nicht so auf Englisch?�</p><p>�So in etwa. Marc, wo geht es jetzt hin?�</p><p>Sie stiegen wieder in den Wagen und fuhren los. Auf einer Nebenstra�e brachte Marc sie aus dem Ort hinaus.</p><p>�Ich fahre Sie jetzt zur St�tte. Dort f�hre ich Sie kurz herum und liefere Sie danach im Hotel ab.�</p><p>�Zur <emphasis>St�tte</emphasis>?� Patrick machte sich mit einer �bertrieben ehrf�rchtigen Grimasse �ber den Fahrer lustig. �M�ssen wir dort noch einen Initiationsritus �ber uns ergehen lassen, bevor wir den heiligen Boden betreten?�</p><p>�Lassen Sie doch den Mann�, beschwichtigte Peter, aber der Fahrer hatte es entweder nicht verstanden oder war f�r diese Art von Humor unempf�nglich. Er blieb stumm und fuhr sie in eine immer abgelegener wirkende Gegend. Sie waren seit dem Ortsausgang an keinem Geb�ude oder Geh�ft mehr vorbeigekommen, und schon bald umgab sie ein dichter Wald. Die Stra�e wurde zunehmend schlechter, eine Randbefestigung gab es schon lange nicht mehr, Schlagl�cher h�uften sich. Schlie�lich versperrte ein zwei Meter hohes Metallgatter die Stra�e. Links und rechts davon f�hrte ein ebenso hoher und stabil aussehender Zaun in den Wald. Die Absperrung war offensichtlich erst k�rzlich errichtet worden und wirkte seltsam fremd in dieser Abgeschiedenheit. Diesen Eindruck verst�rkte auch ein Stahlcontainer jenseits des Zauns, in den Fenster und eine T�r eingebaut waren. Aus ihm trat ein Mann in wei�-gr�ner Uniform, der das Gatter �ffnete, um den Landrover hindurchzulassen. Die Stra�e endete nun vollends und m�ndete in einen mit Kieseln bestreuten Waldweg, der einige schlammige Stellen aufwies. Als Marc ohne Kommentar weiterfuhr, beobachtete Peter, wie der Uniformierte das Gatter hinter ihnen schloss und sich in sein st�hlernes W�rterh�uschen zur�ckzog. Er hob die Augenbrauen und sah zu Patrick hin�ber, dessen Miene ebenfalls so aussah, als h�tte er mindestens eine Frage auf der Zunge.</p><p>Der Wagen erreichte nach kurzer holpriger Fahrt eine Lichtung. Frische Baumst�mpfe zeugten davon, dass sie erst vor kurzem angelegt worden war. Um den Rand der Lichtung gruppierten sich sechs weitere Stahlcontainer wie jener am Gatter. Menschen waren keine zu sehen.</p><p>�Normalerweise kommt man noch n�her heran�, erkl�rte Marc und stieg aus, �aber wir hatten bis letzte Nacht eine Menge Regen und ganze Str�me aus Schlamm. Deswegen kommen wir auch mit diesem Wagen heute nicht durch. Wir m�ssen laufen. Bitte ziehen Sie dazu diese Schuhe an.� Er reichte den beiden je ein Paar kn�chelhoher, fester Schuhe mit ausgepr�gtem Profil. Sie sahen sich kurz an, zuckten dann mit den Schultern und wechselten ihr Schuhwerk.</p><p>�Was ist das denn hier?� Patrick deutete auf die Container und ging zu einem hin�ber.</p><p>�Das ist das Lager der Ranger, die Sie unterst�tzen. Sie patrouillieren in Schichten Tag und Nacht am Zaun, um das Projekt vor unerw�nschten G�sten zu sch�tzen. F�r Ortsans�ssige, die sich hierhin verirren sollten, machen sie den Eindruck, als w�rden sie ein Sperrgebiet nach tollw�tigen Tieren absuchen.�</p><p>Patrick sp�hte in ein Fenster und kam zur�ck. �Elaine hat sich wirklich M�he gegeben!�</p><p>Marc setzte sich in Bewegung und bedeutete den beiden, ihm zu folgen. �Kosten spielen bei diesem Projekt keine Rolle.�</p><p>�Das hab ich doch schon mal geh�rt�, fl�sterte Patrick Peter zu. �Sie glauben nicht, wie mich das freut.�</p><p>�Mich macht es eher nerv�s. Erstaunlich, nicht wahr?�, gab Peter zur�ck.</p><p>Sie wanderten durch das Geh�lz, das die Regenf�lle mancherorts tats�chlich in undurchdringbarem Zustand zur�ckgelassen hatten, und kamen an ein paar Rangern vorbei, die mit �xten und S�gen einen entwurzelten Baum entfernten, der jede Weiterfahrt sp�testens hier verhindert h�tte. Die M�nner sahen kurz auf, nickten den drei Ank�mmlingen gr��end zu und setzten ihre Arbeit fort. Marc f�hrte sie weiter, bis sie an den Waldrand kamen. Vor ihnen er�ffnete sich der Blick auf eine h�gelige, fast gebirgige Landschaft, die von T�lern und Fl�ssen durchzogen war. Keine Telefon- oder Strommasten, kein menschliches Bauwerk durchbrach die Idylle. Es war eine grandiose Szenerie, wie sie jeden Reisef�hrer h�tte zieren k�nnen, doch Marc lie� ihnen keine Zeit f�r schwelgende Gedanken. Sie folgten ihm einen immer steiler und beschwerlicher werdenden Felshang hinauf. Gerade als Peter sich wunderte, wie sie sicheren Tritts den inzwischen zur Klettertour gewordenen Steilhang erklimmen sollten, bemerkte er ein Stahlseil, das mit Sicherungshaken in der felsigen Wand befestigt war. Es gl�nzte ebenso neu und sauber wie die Container im Lager. Mit Hilfe des Seils und der rutschfesten Wanderschuhe konnte man Schritt f�r Schritt gut hinaufgehen. Peter kam trotzdem ins Schwitzen und erreichte mit einigem Abstand als Letzter einen hoch gelegenen Felsabsatz.</p><p>�<emphasis>Projekt Babylon</emphasis> spielt mit Sicherheit auf die H�he des Turms von Babel an!� Er stemmte die Arme in die H�ften und schnappte nach Luft. Seine Souver�nit�t hatte kleine Risse davongetragen.</p><p>Patrick grinste leicht und bot ihm seine bereits entz�ndete Zigarette an. �M�chten Sie?�</p><p>�Ich kann mich gerade noch zusammenrei�en.�</p><p>�Ich w�rde auch Ihnen raten, drinnen das Rauchen einzustellen�, warf Marc nun ein. �Es geht hier weiter.�</p><p>Er ging auf dem Felsvorsprung entlang und verschwand hinter einer Biegung der Wand. Als Peter und Patrick ihm folgten, kamen sie an eine tiefe Einbuchtung in der Felswand, offensichtlich der Eingang zu einer H�hle. Er wurde jedoch von einer etwa zwei mal zwei Meter messenden Stahlt�r versperrt. Sie war mit massiven Bolzen im Eingang befestigt und lie� seitlich und darunter gen�gend Raum f�r einige Kabel, die ins Innere f�hrten. Die Kabel waren an zwei leise brummende Generatoren angeschlossen, die zusammen mit einigen F�ssern neben dem Tor standen.</p><p>�Eine H�hle? Sie haben uns doch wohl nicht wegen ein paar Faustkeilen gerufen�, sagte Patrick.</p><p>Marc machte sich an der Stahlt�r zu schaffen, entriegelte sie und zog sie auf. Sie traten in den steinernen Gang. Wie Ged�rm f�hrten die Kabel auf dem Boden und mit Klammern befestigt an der Wand entlang. Marc bet�tigte einen provisorischen Schalter, und eine Vielzahl von Scheinwerfern, zum Teil an den W�nden, zum Teil auf Stativen, flammte auf und durchflutete die H�hle mit glei�ender Helligkeit.</p><p>�Wow�, entfuhr es Patrick. Er ging ein paar schnelle Schritte voran und betrachtete die Wand. �Nach Steinzeit sieht das aber nicht aus. Sehen Sie sich das an, Peter!�</p><p>Die W�nde waren �ber und �ber mit Schriftzeichen, Symbolen und Zeichnungen bedeckt. Es waren offensichtlich aber keine steinzeitlichen Malereien, sie mussten neueren Ursprungs sein.</p><p>Patrick fuhr mit den Fingern �ber die Wand, ohne sie zu ber�hren. �Hier steht etwas auf Latein, dort dr�ben sind griechische Schriftzeichen! Sehen Sie sich diese Illustrationen an, sieht nach siebtem oder achtem Jahrhundert aus.�</p><p>Peter stand in der Mitte des Gangs, drehte sich um sich selbst und lie� seinen Blick �ber die W�nde schweifen. �Wunderbare Arbeit... hier sind auch hebr�ische Symbole und ein Text, vielleicht biblisch.�</p><p>�Oh, hier hat es jemand zu gut gemeint�, rief Patrick und deutete auf einen tiefer gelegenen Teil der Wand.</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Da hat einer vielleicht aus einem Lexikon abgeschrieben, aber mittelalterlich ist das hier jedenfalls nicht.�</p><p>Peter kam heran. �Lassen Sie mal sehen.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass im Mittelalter jemand die sumerische Keilschrift gekannt hat.�</p><p>Peter betrachtete die Wand eingehend. �Nein, das k�nnen wir wohl ausschlie�en. Und noch viel weniger h�tte jemand diese Glyphen hier gekannt.� Er zeigte an eine andere Stelle.</p><p>�Das sind Mayas!�</p><p>�<emphasis>Projekt Babylon...</emphasis>�</p><p>�Die babylonische Sprachverwirrung, ja.� Marc, der sich bisher zur�ckgehalten hatte, meldete sich zu Wort. �Wir haben in unseren ersten Untersuchungen dreiundf�nfzig verschiedene Sprachen hier ausmachen k�nnen. Nur etwa zwei Dutzend konnten wir eindeutig identifizieren, �bersetzt haben wir noch nichts davon.�</p><p>�Nun gut�, sagte Peter, w�hrend er seine Brille aufsetzte, um sich einige der Zeichen aus n�chster N�he anzusehen. �Das mag ja ein sprachwissenschaftliches Puzzlest�ck sein, aber in Genf klang es, als m�sse man uns erschie�en, wenn wir das hier nicht geheim halten. Noch kann ich diese Dramatik nicht ganz nachvollziehen.�</p><p>�Wir hoffen, dass die Schriftzeichen einen Schl�ssel zum eigentlichen R�tsel enthalten. Das Projekt wurde danach benannt, aber in der Tat sind sie fast nebens�chlich, wenn Sie das hier gesehen haben...� Marc ging voran.</p><p>�Nun machen Sie's aber spannend, was, Peter?�</p><p>Sie folgten dem Mann einen Gang entlang, der sich am r�ckw�rtigen, dunklen Ende der H�hle um eine Ecke wand. Dort blieben sie abrupt stehen. Bis hierher drang nur noch so wenig des Scheinwerferlichts, dass sie deutlich ein bl�uliches Schimmern sehen konnten, das auf eine merkw�rdige Weise den ansonsten d�steren Gang vor ihnen erhellte.</p><p>Marc ging ein paar Schritte voraus. �Kommen Sie hierher zu mir, aber gehen Sie keinen Schritt weiter.� Er deutete auf die Steine zu seinen F��en.</p><p>Nun erkannten sie, dass der Boden hier �ber die gesamte Breite des Gangs sorgf�ltig eingemei�elte Verzierungen enthielt. Eine Anzahl archaisch wirkender Symbole war zu Gruppen und Mustern angeordnet. In der Mitte prangte ein zyklopisches Zeichen aus konzentrischen Kreisen mit Unterbrechungen, die zur Mitte hinf�hrten. Das Ganze wirkte wie ein �bergro�es Wappen oder Siegel.</p><p>Peter beugte sich nach unten und fuhr einige Gravuren mit den Fingern nach. �Was bedeutet das hier?�</p><p>�Und was leuchtet hier so?�, fragte Patrick.</p><p>�Auf beides gibt es bisher keine Antwort�, erkl�rte Marc. �Wenn Sie nun bitte einmal zusehen w�rden, was passiert.� Die Forscher beobachteten, wie er einen weiteren Lichtschalter an der Wand bet�tigte und ein aufflammender Scheinwerfer an der Decke den Gang vor ihnen bestrahlte.</p><p>�Unfassbar!�, entfuhr es Peter.</p><p>In f�nfhundert Watt Licht getaucht, entbl��te der Fels die feinsten Risse und Unebenheiten, doch kurz hinter den Symbolen auf dem Fu�boden h�rte alles Licht so pl�tzlich auf, als beginne hier eine mattschwarz gef�rbte Masse. Der Gang, der eben noch weiterzuf�hren schien, war nun gef�llt mit tiefer Schw�rze. Es lie�en sich weder Struktur noch Beschaffenheit erkennen. Jegliches Licht schien hier verschluckt zu werden, so dass keine noch so geringe Reflexion zum Betrachter zur�ckkam.</p><p>�Was zum Teufel ist das?!�, rief Patrick atemlos.</p><p>Marc trat dichter heran. Er streckte seinen Arm aus, der daraufhin bis zum Ellenbogen in der Schw�rze verschwand. Es sah aus, als sei er schlichtweg abgetrennt. Dann zog er den Arm unversehrt zur�ck.</p><p>�Wir haben nicht die leiseste Ahnung�, gab er zu.</p><p>�Kann man hindurchgehen? Sind Sie schon mal drin gewesen?�, wollte Patrick wissen. Er schritt �ber das Symbol und trat so dicht heran, dass ihn nur noch wenige Zentimeter von der Dunkelheit trennten. Er untersuchte das Ph�nomen mit den Fingerspitzen und zog sie erschrocken wieder zur�ck. �Mein Gott, ist das ekelig! Man hat das Gef�hl, blind zu sein. Man sieht einfach nichts!�</p><p>�Nein, wir sind nicht drin gewesen, und ich w�rde Ihnen raten, es auch nicht auszuprobieren. Es ist viel zu gef�hrlich, Menschenexperimente durchzuf�hren, ohne den Durchgang und seine Bedeutung vollst�ndig untersucht zu haben.�</p><p>�Ihre Bestimmtheit l�sst mich vermuten, dass es konkrete Gr�nde f�r diese Vorsicht gibt.�</p><p>�Das ist richtig, Herr Professor Lavell. Sie werden heute Abend alle Unterlagen zur Verf�gung haben, um den Vorfall nachzulesen.�</p><p>�Vorfall?�</p><p>�Ist der Durchgang schon in irgendeiner Form untersucht worden?�</p><p>�Auch diese Informationen haben Sie heute Abend vollst�ndig vorliegen. Wir haben bisher nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Die H�hle ist erst vor knapp drei Wochen entdeckt worden.� Marc sah auf seine Uhr. �Ihr Arbeitstag beginnt morgen fr�h. Ich werde Ihnen jetzt noch Ihre Unterk�nfte zeigen.�</p><p>Beim Verlassen der H�hle erl�uterte Marc die Stromversorgung mittels der Generatoren und h�ndigte ihnen zwei Sicherheitsschl�ssel f�r die Stahlt�r im Eingangsbereich aus. Auf dem Weg zur�ck ins Camp der Ranger und auf der Fahrt nach St.-Pierre-Du-Bois sprach Marc wenig und verwies lediglich auf ein paar organisatorische Details. So m�ssten sich die beiden Forscher nicht weiter um die Ranger k�mmern, da diese ihre Anweisungen direkt bek�men. Marc selbst w�rde das Projekt verlassen und noch am selben Abend nach Paris fliegen. Peter und Patrick w�rden alle Unterlagen, Ausr�stungen, Adressen und Geldmittel im Hotel erhalten. Es g�be bereits eine Vorbestellung von wissenschaftlichen Ger�ten, die am n�chsten Morgen um neun ins Camp geliefert w�rden.</p><p>Peter und Patrick h�rten kaum zu, denn in Gedanken waren beide in der H�hle geblieben, und sie stellten auch keine Fragen, da Marc ihnen keine Antworten geben w�rde. Vielleicht wusste er vieles auch nicht. Da er das Projekt wieder verlie�, war er m�glicherweise gar nicht vollst�ndig eingeweiht.</p><p>Am Ende einer mit wei�em Kies bestreuten und von Zypressen ges�umten Auffahrt hielten sie vor dem H�tel de la Grange, einem dreist�ckigen Geb�ude aus alten Granitbl�cken und dunkelbraunem Geb�lk, an dem pr�chtige orangefarbene und violette Bougainvilleastr�ucher emporrankten. Im Stil eines noblen Gutshofes passte sich der Geb�udekomplex ins Landschaftsbild ein und war den parkenden Autos nach zu schlie�en ganz offensichtlich eine exklusive Adresse.</p><p>Nach einem kurzen Gespr�ch an der Rezeption h�ndigte Marc den beiden je zwei Sicherheitsschl�ssel f�r ihre Zimmer und einen Autoschl�ssel aus. �Der Landrover geh�rt nicht mir, sondern steht Ihnen f�r das Projekt zur Verf�gung. Nun zu den R�umen.� Er f�hrte sie in den dritten Stock. �Jeder von Ihnen hat selbstverst�ndlich sein eigenes Zimmer, zus�tzlich haben wir f�r Sie ein B�ro vorbereitet. Bitte sehr.� Er zeigte auf eine T�r, die Peter daraufhin �ffnete.</p><p>Sie betraten einen mit Jalousien halb abgedunkelten Raum, fast doppelt so gro� wie das B�ro ihrer Auftraggeberin in Genf. Neben einer Sitzecke fanden sich ein Konferenztisch mit sechs Ledersesseln, mehrere Schreibtische mit Flachbildschirmen, Computer, Laserdrucker, Telefone, ein Faxger�t sowie andere technische Spielereien, die nicht sofort zu identifizieren waren.</p><p>Marc deutete auf einen mit Fachb�chern und Ordnern gef�llten Schrank und einen Safe. �Sie finden dort eine gro�e Auswahl an hilfreichen Dokumentationen. Alle konkret projektbezogenen Unterlagen liegen im Safe.� Er �berreichte Peter einen Schl�ssel und einen verschlossenen Umschlag. �Dies sind der Schl�ssel und die Kombination. Wie Sie sehen, ist der Raum ansonsten mit dem N�tigsten ausger�stet. Wenn Sie zus�tzliche Hardware, Software oder andere Unterst�tzung ben�tigen, dann melden Sie sich einfach jederzeit in Genf.�</p><p>Das Abendessen im Restaurant des Hotels war vorz�glich gewesen. Nun sa�en sie noch beim abschlie�enden K�se, den Patrick bestellt hatte. Nachdem Marc gegangen war, hatten sie den Safe ge�ffnet und den Inhalt studiert. Es waren gr��tenteils Instruktionen sowie Protokolle der bisherigen Untersuchungen und die Befunde. Ein Dokument beschrieb den Fund der H�hle. Ein Sch�fer hatte sie zuf�llig entdeckt und dabei einen geistigen Schock davongetragen, nachdem er offensichtlich den �Durchgang� im hinteren Teil der H�hle durchschritten hatte. In der Folge seines Schocks hatte er sich schwere Verletzungen zugezogen und war in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Er hatte sich dort kurzzeitig erholt und von seiner Entdeckung berichten k�nnen, war danach jedoch wieder in einen Zustand der Umnachtung gefallen, der noch immer andauere. Die ersten Untersuchungen der Schriftzeichen in der H�hle konnte man bestenfalls als grob bezeichnen. Jemand hatte die unterschiedlichen Schriften gez�hlt und versucht, einige davon zu identifizieren. �bersetzungsversuche gab es keine, wohl aber einige Spekulationen �ber die m�glicherweise okkulte Natur einiger Symbole. Den Durchgang hatte man vermessen, die eingemei�elten Symbole auf dem Boden fotografiert. Die merkw�rdige Beschaffenheit des Inneren des Durchgangs wurde beschrieben, lie� sich aber laut Bericht nicht ohne weiteres untersuchen oder messen, da die Schw�rze jede Form von Strahlung zu verschlucken schien.</p><p>Viel mehr gaben die Papiere nicht her, alle Fragen waren noch offen, und viele waren noch gar nicht gestellt worden.</p><p>Sie hatten w�hrend des Essens wenig gesprochen. Neben unwichtigen Bemerkungen �ber das Wetter, das Land und die Qualit�t der Speisen, hatten sie sich im Wesentlichen ihre eigenen Gedanken gemacht und versucht, die Erlebnisse des Tages zu ordnen. Jeder sann dar�ber nach, was er denken sollte und was wohl der andere dachte. Es war kein unangenehmes Schweigen; es war eine produktive Reflexion, wobei jeder den anderen beobachtete und allm�hlich vertrauter mit seinem Gegen�ber wurde. Auch durch den guten Rotwein, den Patrick ausgesucht hatte und den sie beide genossen, kamen sie sich n�her, und als der Kellner einen abschlie�enden Espresso brachte, Patrick seine Zigarettenpackung hervorholte und Peter sich eine Pfeife stopfte, ergriff der Franzose das Wort.</p><p>�Haben Sie eine Idee?�</p><p>�Nein. Sie?�</p><p>�Die Gegenfrage ist wohl die Strafe daf�r, dass ich das Gespr�ch angefangen habe, was?�</p><p>�Wenn Sie so wollen.�</p><p>�Ich wollte zun�chst auf einen Ihrer sarkastischen Kommentare warten, um Ihre Laune einzusch�tzen.�</p><p>�Entgegen meiner sonst �blichen Art wollte ich mich diesmal ausnahmsweise so lange zur�ckhalten, bis ich wei�, wovon ich spreche.�</p><p>Patrick lachte auf. �Dann sind Sie also tats�chlich genauso ahnungslos wie ich? Sie haben keine Vermutung?�</p><p>�Im Augenblick liegt es nahe, das Ganze f�r einen h�chst aufwendigen Schwindel zu halten.� Peter entz�ndete seine Pfeife.</p><p>�Aber wer h�tte Interesse daran?�</p><p>�Das ist genau der Knackpunkt. Was meinen Sie? Sie sind ja oft genug im Feld gewesen. Halten Sie die H�hle f�r echt?�</p><p>�Ja, unbedingt. Etwas wie den schwarzen Durchgang oder dieses Leuchten habe ich noch nie gesehen. Ich glaube auch, dass es �u�erst spannend sein d�rfte, die Inschriften zu entziffern.� Patrick begegnete Peters skeptischem Blick. �Sie glauben, die Inschriften sind gef�lscht?�</p><p>�Ich halte sie f�r genauso fragw�rdig wie das Engagement unserer Freundin in Genf.�</p><p>�Nun machen Sie doch nicht gleich alles schlecht, Peter!�</p><p>�Sie haben mich nach meiner Meinung gefragt.�</p><p>�Stimmt... aber wissen Sie was? Bis wir sicher sind, sollten wir die Unterbringung und die vorz�gliche Verpflegung genie�en.�</p><p>�Vielleicht haben Sie Recht. Warten wir's einfach ab.�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 6</strong></p><p><emphasis>30. April, Waldcamp, N�he St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Als die beiden Forscher um neun Uhr morgens das Waldcamp erreichten, war die angek�ndigte Lieferung bereits angekommen. Gro�e Kartons und h�lzerne Kisten waren auf der Lichtung gestapelt, ein Ranger kam direkt auf Peter zu und �berreichte ihm einen Lieferschein.</p><p>�Die Lieferung ist vollst�ndig, Monsieur. Lassen Sie mich wissen, wohin Sie die einzelnen Ger�te transportiert haben m�chten. Ich k�mmere mich darum.�</p><p>Patrick am�sierte sich �ber den eilfertigen Tonfall. �Wie hei�en Sie?�, fragte er.</p><p>�Andr� Guillaume, Monsieur.�</p><p>�Guten Morgen, Andr�. Mein Name ist Patrick. Wieso holen Sie sich nicht erst mal in Ruhe einen Kaffee und sagen mir, wo wir Sie finden k�nnen, wenn wir die Papiere durchgelesen haben.�</p><p>Der Ranger wirkte einen Augenblick verwirrt und deutete dann auf eine der Container-H�tten. �Sie finden mich dort dr�ben.�</p><p>Peter lehnte am Wagen und studierte den Lieferschein. Dann reichte er ihn an Patrick weiter. �Die H�lfte dieser Dinge sagen mir nichts. Sehr technisch. K�nnen Sie etwas damit anfangen?�</p><p>�Hm... nicht mit allem... hier sind ein paar Rechner, ein SatCom-Koffer, ein transportables Elektronenmikroskop...�</p><p>�Was ist das denn?�</p><p>�Ein Elektronenmikroskop?�</p><p>�Nein, davor, der Koffer.�</p><p>�Oh, der SatCom-Koffer. Das ist so etwas wie ein �berdimensionales Funkger�t. Damit k�nnen Sie Daten per Satellit empfangen und versenden. Haben Sie bestimmt schon mal bei James Bond gesehen.� Patrick grinste.</p><p>�Aha, gut, dass wir das haben�, meinte Peter trocken. �Was ist noch dabei?�</p><p>�Ein Echolot, ein paar Wei�nichtwas und ein... meine G�te! Die haben doch nicht wirklich einen Pioneer II geschickt! Das Basismodul mit Erweiterungen!�</p><p>�Wenn Sie mir verraten, was das ist...�</p><p>�Das ist eine Robotersonde.�</p><p>�So etwas, was Sie in Palenque verwendet haben?�</p><p>�Etwa hundertmal so teuer. Es ist eine Weiterentwicklung des Pioneer-Roboters, der f�r die Untersuchung der hochverseuchten Bereiche von Tschernobyl eingesetzt wurde. �bertr�gt Bilder in Stereovision, gew�hrleistet also dreidimensionales Sehen, und kartographiert seine Umgebung. Wurde zuerst von der NASA f�r die Pathfinder-Mission auf dem Mars entwickelt.�</p><p>�<emphasis>Geld spielt bei diesem Projekt keine Rolle!</emphasis> F�r eine ebensolche �berheblichkeit wurde der Turmbau zu Babel bestraft.�</p><p>�Peter! Ist das aus Ihren Vorlesungen? <emphasis>Aberglaube im Laufe der Jahrtausende</emphasis>?�</p><p>�Nein, aus der Bibel.�</p><p>�Ach.� Patrick machte ein �berraschtes Gesicht. �Sollte ich noch mal nachlesen. Die Stelle mit den Robotersonden hatte ich �bersehen.�</p><p>�Bevor wir uns in hochqualifizierten theologischen Diskussionen verstricken, schlage ich vor, dass wir dem eifrigen Mann von vorhin den Gefallen tun und uns entscheiden, was wir von dem Kram gebrauchen k�nnen.�</p><p>Patrick grinste. �Einverstanden. Gehen wir die Liste noch mal durch. �brigens, der Mann hei�t Andr�.�</p><p>Sie betraten die H�hle allein. Aus den Ger�ten hatten sie zun�chst keine sinnvolle Auswahl treffen k�nnen und daher angewiesen, das meiste unge�ffnet zu verstauen. Sie hatten sich einen Koffer mit Kleinigkeiten zusammengesucht, Skalpelle, Pinsel, Vergr��erungsgl�ser, Ma�b�nder, Taschenlampen, Kameras und Notizbl�cke. Schlie�lich hatten sie sich doch noch f�r das Echolot entschieden. Da sie alles allein transportieren konnten, wurden sie nicht von Rangern begleitet.</p><p>Es war ein sonniger Tag, der Boden war wieder befahrbar, und so kamen sie mit dem Wagen fast bis zum Steilhang. Die letzte Wegstrecke hatten sie bald darauf ebenfalls gemeistert, und endlich konnten sie die Stahlt�r �ffnen. Patrick startete einen Generator und schaltete das Licht an.</p><p>Trotz aller Skepsis staunten sie angesichts der unz�hligen alten Inschriften, die in blassen Farben aber voller Sorgfalt erstellt waren, erneut. Peter fragte sich, wie viele Menschen dieses Werk vollbracht haben mochten. Wie lange sie wohl daran gearbeitet hatten? Selbst die Decke war verziert, es gab kaum ein Fleckchen, das nicht gef�llt war mit wunderbaren Zeichen, Buchstaben oder Mustern. Selbst wenn all dies eine F�lschung war, so war es doch ein gro�artiges Kunstwerk, gestand er sich ein, ein Kunstwerk, das jeden Museums-Kurator um den Verstand gebracht h�tte. Egal, wann diese Malereien entstanden waren, sie repr�sentierten doch alle Zeitalter der menschlichen Geschichte, die Vielfalt ihrer Kulturen �ber die Jahrtausende hinweg. Vor diesem Hintergrund wurde man sich der Geringf�gigkeit eines einzelnen Menschenlebens gewahr, vielleicht sogar der ganzen Kultur, der man selbst angeh�rte. Es war bedr�ckend und erhebend zugleich.</p><p>�Ich werde den Durchgang untersuchen. Schauen Sie sich die Schriften an?�</p><p>Peter nickte, aber Patrick sah schon gar nicht mehr hin. Der Franzose verlegte gerade ein langes Kabel durch die H�hle und wollte sich offensichtlich am Echolot zu schaffen machen. Also untersuchte Peter die W�nde. Dabei fiel ihm auf, dass es nicht nur unterschiedliche Schriften gab, sondern dass die Maler auch unterschiedlich sorgf�ltig gewesen waren. Einige Inschriften waren fast unleserlich und verwackelt, andere mit �u�erster Akribie angebracht worden. Es gab neben Schwarz nur zwei andere Farben, einen dunkelbraunen und einen r�tlichen Ton, manchmal blass, manchmal intensiver. Es schienen nat�rliche Farben, Erdfarben und Kohle zu sein, wie sie H�hlenmenschen auch benutzt hatten. Nur, dass H�hlenmenschen weder lateinisch noch hebr�isch geschrieben hatten. Peter begann, die H�hle und die W�nde zu kartographieren. In regelm��igen Abst�nden schlug er kleine Heringe in den Boden nahe der Wand und spannte dann eine Schnur. Die so unterteilten Abschnitte begann er systematisch abzufotografieren, und zugleich machte er sich Notizen in seinem Buch.</p><p><image l:href="#5"/></p><p>Er stockte, als er auf die Zeichnung einer stilisierten Rose stie�. Sie war mit schwarzen Linien vorgezeichnet und mit roter Farbe ausgemalt worden. Einem �u�eren Kranz aus acht Bl�tenbl�ttern folgte ein innerer aus f�nf kleineren Bl�ttern. Im Zentrum der Bl�te befand sich ein Herz, und in dessen Mitte ein lateinisches Kreuz. Unter der Zeichnung stand eine Zeile in lateinischer Schrift und Sprache. Die Art und Weise, wie sie mittig unter der Zeichnung angebracht war, schien darauf hinzudeuten, dass beides zusammengeh�rte.</p><p>Peter trat n�her an die Zeichnung heran und untersuchte die �berschneidung eines Buchstabens mit einem Strich, der zu einer anderen Inschrift geh�rte, als er Patrick aus dem hinteren Teil der H�hle fluchen h�rte. Er ging zu ihm hin�ber. Patrick kniete vor dem Echolot und verglich irgendwelche Einstellungen mit einem Heftchen, das aufgeschlagen vor ihm auf dem Boden lag.</p><p>�Kommen Sie mit dem Ger�t nicht zurecht?�</p><p>�Schlagen Sie mir blo� nicht vor, den Kundendienst anzurufen!�, entfuhr es Patrick schlecht gelaunt.</p><p>�Was ist denn los?�</p><p>�Bei der ganzen Kohle, die man in Genf springen l�sst, h�tte man wenigstens darauf achten sollen, Ger�te zu schicken, die auch funktionieren. Sehen Sie diese Anzeige?� Patrick deutete auf eine Zeile rot leuchtender Ziffern an dem Kasten, der vor ihm stand. �Es zeigt die Entfernung an, in der die Strahlen reflektiert werden. Sehen Sie her.� Er richtete ein kleines Handger�t, das entfernt an ein Mikrofon erinnerte, auf die Wand.</p><p>�Eins Punkt f�nf?�, las Peter. �Meter?�</p><p>�Ja, das ist die Entfernung in Metern, bis auf halbe Meter genau.�</p><p>�Sie meinen, das m�sste pr�ziser sein?�</p><p>�Nein, mit diesem Echolot kann man Tiefen oder Entfernungen von mehreren Kilometern messen. Eine Genauigkeit von f�nfzig Zentimetern ist dabei verdammt gut. Aber sehen Sie mal, was passiert, wenn ich es auf den Durchgang richte.� Die Anzeige �nderte sich in: E 99999.0.</p><p>�Sieht nicht gut aus�, gab Peter zu. �Der Gang ist wohl kaum einhundert Kilometer tief, nicht wahr?�</p><p>�Nein, wohl kaum. Das E steht au�erdem f�r Error, und das hei�t, dass das Ding eine Fehlfunktion hat.�</p><p>�Wenn Sie es sagen. Andererseits... meinem bescheidenen Verst�ndnis von Technik nach basiert dieses Ger�t doch auf dem Empfang von reflektierten Strahlen. Wenn diese Schw�rze nun Strahlen verschluckt, wie es in den Papieren stand, dann w�re nat�rlich klar, weshalb es kein Echo empf�ngt.�</p><p>�Strahlen verschluckt? Glauben Sie das etwa?�</p><p>�Ich bin kein Physiker. Ich kann weder beweisen, dass es das gibt, noch, dass es das nicht gibt.�</p><p>�Ich bin auch kein Physiker, Peter, aber wenn es ein derart effizientes strahlenabsorbierendes Medium g�be, dann w�re es der absolute Durchbruch f�r die Stealth-Technologie.�</p><p>�Sie meinen die Flugzeuge.�</p><p>�Zum Beispiel, ja. Die Amerikaner setzen zwar strahlenschluckende Verkleidungen ein, aber dass die Dinger auf dem Radar unsichtbar sind, liegt auch daran, dass sie keine Rundungen sondern ausschlie�lich Kanten und glatte Fl�chen haben.�</p><p>�Damit Radarstrahlen in m�glichst wenige Richtungen reflektiert werden?�</p><p>�Peter! Sie erstaunen mich!� Patrick lachte.</p><p>�Ich hab's mir zusammengereimt. Zuf�llig richtig.�</p><p>�Jedenfalls ist dieser Kasten nicht zu gebrauchen.� Patrick ging an die Schwelle heran und streckte seinen Arm in die Schwarze.</p><p>�Was machen Sie da?!� Peter tat einen hastigen Schritt nach vorn und ergriff Patrick an der Schulter.</p><p>�Ich will mal gucken�, gab der zur�ck und beugte sich ruckartig nach vorne, so dass sein Kopf im Dunklen verschwand.</p><p>�Nicht!� Peter riss den Franzosen augenblicklich zur�ck. Der stolperte r�ckw�rts, brach zusammen und landete hart mit dem Ges�� auf dem Boden. Peter kniete sich neben ihn und lehnte ihn mit dem R�cken an die Wand. Patricks Blick war starr, sein Atem ging in heftigen, kurzen St��en. Er schien keine Kontrolle �ber seinen K�rper zu haben.</p><p>�Patrick! Kommen Sie zu sich!� Er r�ttelte den Mann an der Schulter. �Was ist mit Ihnen?!� Peter wurde sich bewusst, dass er im Notfall von hier aus niemanden benachrichtigen konnte, er hatte kein Funkger�t, kein Handy. Und dies schien ein Notfall zu sein.</p><p>Ein blendender Blitz zuckte durch seinen Kopf, glasklar und schneidend. Es war mehr als Licht, es bestand in Wirklichkeit aus Tausenden, Millionen und Milliarden von Bildern und Szenen. Er sah Menschen, St�dte, W�lder, Berge, W�sten, Meere, in rasender Abfolge, so vielfarbig und schillernd, dass es nur noch hell und glei�end war. Und es war auch kein Blitz, denn es war zwar schnell, so schnell, dass es alles in einem einzigen Augenblick komprimierte, aber dennoch schien eine Ewigkeit zu vergehen.</p><p>Den Blitz begleitete ein ohrenbet�ubender L�rm, ein Donnern, ein Brausen, wie von hundert Orchestern gleichzeitig. Es waren alle Ger�usche eines Jahres zugleich, vom Weinen eines S�uglings, �ber den Todesschrei eines K�mpfers, das Heulen des Windes, das Tosen der Brandung bis zum Schrei eines Adlers und dem Lied einer Nachtigall.</p><p>Zeichenfolgen, Symbole, Buchstaben und Zahlen rasten vorbei, auf vielerlei Untergr�nden, in B�chern, auf Pergamenten, auf goldenen W�nden und t�nernen Tafeln, alles viel zu schnell, um erfasst zu werden, und doch so eindringlich, dass es seinen Sch�del zu sprengen drohte.</p><p>Und pl�tzlich war es vorbei. Die abrupte Stille legte sich um ihn wie ein dickes, schwarzes Federkissen. Eingeh�llt in Taubheit und absolute Dunkelheit begann er zu schweben. Orientierungslos und unf�hig, sich zu r�hren, hing er im Nichts. Die Schw�rze umgab ihn wie z�hfl�ssiger Teer, und langsam gab er sich der Schwere hin und schlief ein.</p><p>Patrick sackte in sich zusammen, seine Augen fielen zu, sein Atem beruhigte sich. Peter ergriff seine Hand und versuchte, den Puls zu finden. Der Franzose machte pl�tzlich den Eindruck totaler, ja bedrohlicher Entspannung. Peter konnte nicht einsch�tzen, ob er ins Koma gefallen oder lediglich bewusstlos geworden war. Vielleicht war es auch ein Herzanfall, aber er hatte weder die medizinischen Kenntnisse geschweige denn die Ger�te, um es festzustellen. Er fand keine Alternative: Er konnte Patrick nicht einfach hier lassen. Er musste ihn wecken, entweder um ihn mit zum Wagen zu nehmen oder um ihm mitzuteilen, dass er Hilfe holen w�rde. Er w�nschte sich einen Eimer kalten Gebirgswassers, verwarf den Gedanken aber sofort. Abgesehen von der zweifelhaften Unternehmung, hier oben Wasser zu finden, war es zu riskant, Patrick einem solchen Schock auszusetzen. So griff er nach Patricks linker Hand, spreizte dessen kleinen Finger ab und dr�ckte eine Stelle knapp unterhalb des Nagelbettes mit seinem eigenen Fingernagel ein: eine Hand voll Akupressurpunkte hatte er sich w�hrend seiner Chinastudien merken k�nnen. Dieser sollte Bewusstlose aus ihrer Ohnmacht erwecken. Ausprobiert hatte er es aber noch nicht.</p><p>Tats�chlich begann Patrick, sich zu bewegen. Erstaunt hob Peter eine Augenbraue, offensichtlich funktionierte diese Methode sogar, wenn man selber nicht dran glaubte. Patrick schlug die Lider auf, schwer und zittrig.</p><p>�Patrick! Ich bin es, Peter. Wie geht es Ihnen? K�nnen Sie sprechen?�</p><p>�Was... ist passiert?� Patrick hatte M�he, die Worte zu artikulieren.</p><p>�Sie haben einen Schock. Sie sitzen in einer H�hle in Frankreich auf dem Boden.�</p><p>�Das wei� ich doch. Was ist mir passiert?� Langsam kehrten ein paar Lebensgeister in Patrick zur�ck. Er griff sich an den Kopf und umfasste ihn mit beiden H�nden.</p><p>�Sie haben Ihren Kopf in den Durchgang gesteckt. Ich habe Sie zur�ckgerissen. Haben Sie Schmerzen? K�nnen Sie aufstehen?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich glaube, ich bir einigerma�en okay.�</p><p>�Stehen Sie langsam auf. Wir sollten drau�en ein wenig Luft schnappen. Wenn es geht, sollten Sie versuchen, mit meiner Hilfe den Abstieg zu schaffen. Sie m�ssen in �rztliche Behandlung.�</p><p>Patrick stand langsam auf und ging mit wackeligen Schritten zum H�hleneingang, wo er sich an die Felswand lehnte. Seine zittrigen Finger holten die Zigarettenpackung aus seiner hinteren Hosentasche und pulten schlie�lich am Papier der zerknautschten �ffnung.</p><p>�Ich halte das f�r keine gute Idee�, wandte Peter ein.</p><p>�Ich schon.� Patrick z�ndete die Filterlose an, doch er hatte kaum einen Zug getan, als es ihm j�h die Kehle zuschn�rte. Er hustete und w�rgte und spuckte dabei die Zigarette auf den Boden. Speichel lief ihm im Mund zusammen, sein Magen verkrampfte sich zu einem Klumpen. Bebend suchte er Halt an der Felswand, beugte sich zur Seite und erbrach sich mit schmerzhafter Heftigkeit auf den Boden und �ber seine Schuhe.</p><p>�Schei�e�, brummte er nach einer Weile. Und als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er: �Also, bringen Sie mich runter.�</p><p>Qu�lend langsam gelang ihnen der Abstieg. Peter ging voran, so dass er den anderen abfangen konnte, wenn dieser den Halt verlieren sollte. Aber der Franzose hielt sich eisern am Sicherungsseil fest und schien jeden Fu� mit �u�erster Sorgfalt aufzusetzen. Er musste sich arg zusammenrei�en, um gegen die immer wieder aufkommende �belkeit und den dr�hnenden Kopfschmerz anzuk�mpfen. So war es weniger Behutsamkeit, als einfach seine Unf�higkeit, sich �berhaupt schneller fortzubewegen.</p><p>Peter fuhr sie ins Hotel. Als der Arzt kam, den Peter bestellt hatte, war Patrick bereits wieder tief eingeschlafen. Peter schilderte Patricks Symptome so gut er konnte, angeblich ohne den genauen Ausl�ser des Anfalls zu kennen. Doch Puls und Blutdruck waren in Ordnung, Fieber war nicht feststellbar. Der Arzt riet Peter, den Kranken, der sich offensichtlich in einem schweren Ersch�pfungszustand befand, zun�chst schlafen zu lassen. Da es keine physische Einwirkung gegeben hatte, deuteten die Kopfschmerzen auf eine psychische St�rung hin, einen Migr�ne- oder Epilepsieanfall. Um etwas Schwerwiegendes wie einen Schlaganfall oder gar einen Hirntumor auszuschlie�en, wollte der Arzt am n�chsten Tag wiederkommen, um den Zustand des Kranken zu �berpr�fen und gegebenenfalls eine Verlegung nach Montpellier zu veranlassen.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 7</strong></p><p>30. <emphasis>April, Herrenbaus bei Morges, Schweiz</emphasis></p><p>Neben dem Tintenfass aus Messing lag eine mit einer goldenen Spitze best�ckte G�nsefeder auf einer kleinen h�lzernen Ablage. Neben der ledernen Schreibunterlage ruhte der Arm eines Mannes in einem dunklen Jackett. Den wei�en Hemds�rmel zierte ein kostbarer Manschettenknopf, auf dem Mittelfinger steckte ein schwerer rotgoldener Siegelring. Der Schreibtisch war krude aber m�chtig, eine Antiquit�t, die vor einigen Jahrhunderten in einem Schloss gestanden haben mochte. Davor standen ein Mann und eine Frau, beide deutlich j�nger als der Beringte.</p><p>�Wie sch�tzt ihr es ein, meine Freunde?�, fragte der Herr hinter dem Schreibtisch.</p><p>�Es ist die beste Gelegenheit seit langer Zeit. Ihr solltet weniger misstrauisch sein, Steffen�, antwortete die Frau.</p><p>�Ich denke ebenso wie Johanna�, warf der j�ngere Mann ein. �Wir sollten nicht fr�hzeitig abbrechen.�</p><p>�Es ist in der Tat noch sehr fr�h�, stimmte der Herr zu, stand auf und strich sich �ber seinen wei�en Bart, w�hrend er auf den Genfer See blickte. �Es sind mehr Menschen involviert als jemals zuvor. Die Gefahr ist somit auch gr��er als jemals zuvor.�</p><p>�Es sind aber auch gelehrtere Leute als jemals zuvor�, sagte Johanna.</p><p>�Sicher, sie werden immer gelehrter, aber sind sie auch intelligenter, weiser geworden?�</p><p>�Wenn wir sie auf den richtigen Weg bringen, k�nnen wir es herausfinden�, sagte der j�ngere Mann. �Und uns bleibt noch gen�gend Zeit, abzubrechen.�</p><p>�Die ersten Schritte waren nicht sehr ermutigend. Und ihr wisst, wie es ist: Mit fortschreitender Zeit wird es immer schwieriger, alles ungeschehen zu machen. Ich hoffe, du beh�ltst Recht, Joseph.� Steffen trat vom Fenster zur�ck. �Aber einverstanden. Damit ist die Entscheidung klar. Vielleicht bringen schon die n�chsten Tage Gewissheit.�</p><p><emphasis>2. Mai, H�tel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>�Es freut mich zu sehen, dass Ihr Appetit keinen Schaden genommen hat.� Peter war mit seinem Fisch bereits fertig, aber Patrick hatte sich eine zweite Hauptspeise bestellt und trank dazu auch bereits die zweite Flasche Rotwein. Einen schweren Domaine de Villemajou, der, wie er erkl�rte, angeblich wunderbar zu seinem deftigen Braten passte.</p><p>�Hat denn sonst etwas Schaden genommen?�, fragte er belustigt.</p><p>�Das m�ssen Sie mir sagen, es sieht jedenfalls nicht danach aus.�</p><p>�Abgesehen vom Hunger f�hle ich mich wirklich gut erholt. Ist aber auch kein Wunder, wenn Sie mich zwei Tage am St�ck schlafen lassen.�</p><p>�Sie hatten es tats�chlich n�tig. Der Arzt konnte nichts weiter feststellen au�er einer hochgradigen k�rperlichen und geistigen Ersch�pfung.�</p><p>�Ich kann mir immer noch nicht erkl�ren, wie Sie mich geweckt haben. Sie haben einen <emphasis>Akupressurpunkt</emphasis> benutzt?!? Wenn ich schon nicht an solchen Hokuspokus glaube, wie kommen Sie denn dazu?�</p><p>�Ein Versuch, aus der Not geboren. Ich hatte keine andere Wahl.�</p><p>�Wahrscheinlich hat es einfach nur verdammt wehgetan. Vielleicht bin ich deswegen aufgewacht.�</p><p>�Seien Sie nicht so undankbar, immerhin hat es funktioniert, und es stand nicht gut um Sie. K�nnen Sie mir erkl�ren, was Ihnen passiert ist?�</p><p>�Nein, wirklich nicht. Was den Unfall angeht, ist in meinem Sch�del noch ein einziges Chaos.�</p><p>�Haben Sie denn irgendeine Erinnerung an den Vorfall? Was haben Sie gesp�rt?�</p><p>�Ich kann es nicht sagen, beim besten Willen. Wenn ich versuche, dar�ber nachzudenken, schweifen meine Gedanken ab, ich werde verwirrt und bekomme Kopfschmerzen. Ich hoffe, dass sich das in den n�chsten Tagen legt. Sicher ist jedenfalls, dass wir diesen schwarzen Fleck meiden m�ssen!�</p><p>�Der Entdecker der H�hle ist ja angeblich noch immer umnachtet.�</p><p>�Das kann ich mir gut vorstellen. Ich w�rde gerne mal mit ihm sprechen und herausbekommen, was ihm genau passiert ist.� Er nahm einen Schluck Wein. �Wie haben Sie denn Ihre Zeit verbracht? Ist etwas passiert? Sind Sie vorangekommen?�</p><p>�Ich bin noch zweimal in der H�hle gewesen und habe die Inschriften studiert. Sie �berdecken einander stellenweise, sind also nacheinander angebracht worden, vielleicht mit vielen Jahren Abstand. Mit einer pr�ziseren Analyse k�nnte man vielleicht feststellen, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Inschriften liegt.�</p><p>�Konnten Sie die Texte entziffern?�</p><p>�Ein paar lateinische Zeilen, ja. Sie scheinen aber in keinem sinnvollen Zusammenhang miteinander zu stehen.� Peter holte ein Notizbuch hervor, das er sich zugelegt hatte, um spontane Ideen, Fragen oder Erkenntnisse festzuhalten. ��<emphasis>Memento, homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris</emphasis>��, las er vor.</p><p>�Aha�, meinte Patrick.</p><p>��<emphasis>Erinnere dich, Mensch, dass du aus Staub bist, und dich in Staub zur�ckwandeln wirst.</emphasis>� Ist christlichen Ursprungs, die Worte Gottes zu Adam nach dem S�ndenfall. Dann habe ich noch gefunden: �<emphasis>Indocti discant et ament meminisse periti</emphasis>�, was so viel hei�t wie �<emphasis>Die Ungelehrten sollen es studieren, und die Gelehrten sollen es lieben, sich zu erinnern.</emphasis>� Das hatte jemand in die Wand gekratzt.�</p><p>�Das Letzte bezieht sich vielleicht auf die anderen Inschriften in der H�hle?�, sagte Patrick.</p><p>�Ja, das k�nnte sein. M�chten Sie noch einen Nachtisch?�</p><p>�Nein, danke. Nur noch eine rauchen und dann einen Kaffee.� Er legte seine Serviette auf den Tisch, lehnte sich zur�ck und z�ndete sich eine Zigarette an. Peter nahm die Gelegenheit wahr, um seinerseits eine Pfeife zu stopfen.</p><p>�Ich bin daf�r, dass wir uns aus Genf einen Sprachwissenschaftler bestellen, dann kommen wir hier wesentlich besser voran.�</p><p>�Wollen Sie sagen, Sie sind mit Ihrem Latein am Ende?� Patrick lachte �ber seinen eigenen Witz, aber Peter lie� sich nicht davon ablenken.</p><p>�Ich habe noch etwas anderes gefunden�, fuhr der Engl�nder fort. �Eine Zeichnung.� Er schob Patrick das Notizbuch �ber den Tisch und deutete auf eine Bleistiftzeichnung.</p><p>�Eine Blume? Und was bedeutet die Inschrift?�</p><p>��<emphasis>Hoc sit exemplum discipulis</emphasis>� hei�t �<emphasis>Dies ist ein Beispiel den Lehrlingen</emphasis>�, oder �<emphasis>meinen Lehrlingen�.</emphasis> Die Buchstaben C.R.C. sind vielleicht die Initialen des Verfassers.�</p><p>�Der Verfasser ist der Meinung, etwas � vielleicht die H�hle � sei ein gutes Vorbild, f�r seine Lehrlinge?!�</p><p>�Vielleicht...� Peter hatte seine Pfeife nun entz�ndet und hob l�chelnd eine Augenbraue. �Wir werden es ja herausfinden. Die Blume ist n�mlich eine Rose. Eine ganz besondere Rose, und ich wei� auch, wer sie gezeichnet hat.�</p><p>�Sie machen Scherze!�</p><p>�Beileibe nicht.�</p><p>�Und? Von wem ist sie?�</p><p>�Lassen Sie sich �berraschen, ich habe bereits telefonisch ein Treffen organisiert. Wir m�ssen nach Paris fliegen. F�hlen Sie sich dazu in der Lage?�</p><p>�Sicher.� Patrick klopfte sich auf den Bauch. �F�r mein Wohlbefinden ist erst mal gesorgt. Wann geht's los?�</p><p>�Wir fahren heute Nachmittag nach B�ziers und nehmen von dort aus einen Flieger. Das Treffen ist bereits heute Abend. R�ckreise ist morgen fr�h.�</p><p>�Sie haben schon alles organisiert, Peter?�</p><p>�Die Genfer �Babylon Stiftung� macht's m�glich�, scherzte Peter und erfreute sich am �berraschten und anerkennenden Ausdruck auf Patricks Gesicht.</p><p>�Alle Achtung! Ich schlage vor, dass wir die Zeit nutzen, um ein Fax an Elaine aufzusetzen.�</p><p>�Welchen Inhalts?�</p><p>�Ich m�chte von ihr den genauen Aufenthaltsort des Sch�fers erfahren.�</p><p>�Einverstanden. Dann sollten wir bei der Gelegenheit gleich einen Linguisten oder besser einen Fachmann f�r Sprachen des Altertums bestellen.�</p><p>�Glauben Sie, Elaine kann jemand auftreiben, der Keilschrift, Hieroglyphen und Maya-Glyphen lesen kann? Vielleicht auch noch ein bisschen Hebr�isch und Griechisch, wenn wir schon dabei sind?�</p><p>�Immerhin reichte ja auch eine Person, die wei�, wo sie die jeweiligen �bersetzungen auftreiben kann. Aber lassen Sie uns ruhig die Grenzen von Madame Kosten-spielen-keine-Rolle ausloten, nicht wahr?�</p><p>�Peter, Sie werden mir immer sympathischer.�</p><p><emphasis>2. Mai, Brasserie La Tipia, rue de Rome, Paris</emphasis></p><p>�Herr Professor Lavell! Es freut mich, Sie wiederzusehen!�</p><p>Ein Gesch�ftsmann Mitte f�nfzig mit Krawatte und Anzug war an ihren Tisch getreten. Peter stand auf und reichte ihm die Hand.</p><p>�Darf ich vorstellen: Patrick Nevreux, Ingenieur und Arch�ologe, wir arbeiten zusammen. Dies ist Sebastian Hoquet, Bankier und erster Ansprechpartner f�r unser Anliegen.�</p><p>Sebastian setzte sich und bestellte mit einem Wink einen Kaffee. Dann wandte er sich Peter zu und l�chelte ihn an.</p><p>�Wir haben uns so lange nicht gesehen, Herr Professor. Ich habe Ihre Ver�ffentlichungen mit Begeisterung verfolgt. Eine Schande, dass das Echo Ihnen und Ihren Forschungen nicht gerecht wird.�</p><p>�Ich sch�tze, es ist nur eine Sache des Zeitpunkts. Es geht ja nichts verloren.�</p><p>�Und nun arbeiten Sie schon wieder an etwas Neuem? Was ist der Grund f�r Ihre Eile?�</p><p>�Wir haben eine Zeichnung gefunden und m�chten wissen, in welchem Zusammenhang sie mit der Loge steht.�</p><p>Sebastian lachte auf. �Sie wissen doch, dass ich im Zusammenhang mit unserer Loge an mein Schweigegel�bde gebunden bin?�</p><p>�Das wei� ich wohl. Aber es ist doch einen Versuch wert, nicht wahr?�</p><p>�Ja, sicherlich. Um was f�r eine Zeichnung handelt es sich denn, und wo haben Sie sie gefunden?�</p><p>Peter �berreichte dem Mann eine Kopie der Rose mitsamt der Inschrift. Der sah sich das Papier nur kurz an, da entglitt ihm f�r einen kurzen Moment die Kontrolle �ber seine Gesichtsz�ge. Es war nur ein fl�chtiger Augenblick, dann hatte er seine Fassung wiedererlangt.</p><p>�Wo haben Sie das her, Herr Professor?�</p><p>�Es kommt Ihnen bekannt vor?�</p><p>�Sie m�ssen mir sagen, wo Sie diese Grafik kopiert haben!�</p><p>�Ich w�rde Ihnen gerne helfen, Monsieur Hoquet, aber ich f�rchte, wir m�ssen uns in der Mitte des Weges treffen. Ich arbeite an einem Projekt mit h�chster Geheimhaltung. Nichts darf nach au�en dringen. Sagen Sie mir doch, was der Grund f�r Ihre Aufregung ist.�</p><p>Der Bankier schien sich etwas zu entspannen, hielt das Blatt aber weiter fest. �Ich bin seit vier Jahren nicht mehr Gro�meister. Den jetzigen Kurs der Loge bestimmt nun Ren�e Colladon. Der Gro�meister legt fest, was gesagt werden darf und was nicht. Er ist f�r das Bild in der �ffentlichkeit verantwortlich. Wir m�ssen ein Treffen mit Ren�e vereinbaren...� Er hielt einen Augenblick inne und dachte nach. Dann stand er pl�tzlich auf. �Ich muss ein paar Telefonate erledigen. Haben Sie heute Abend noch Zeit? W�re es Ihnen recht, wenn ich Sie im Hotel anrufe und dort abhole?�</p><p>�Das ist kein Problem. Wir sind im <emphasis>M�ridien.</emphasis> Hinterlassen Sie eine Nachricht f�r uns. Und bitte lassen Sie das Blatt hier.�</p><p>Als der Mann das Restaurant verlassen hatte, war es an Patrick, Fragen zu stellen.</p><p>�Der hatte es ja ganz sch�n eilig. Woher kennen Sie ihn, und von welcher Loge haben Sie gesprochen?�</p><p>�Ich habe ihn im Zuge fr�herer Recherchen kennen gelernt. Damals war er Gro�meister der �<emphasis>Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose</emphasis>�, einer einflussreichen Freimaurerloge. Ihr Emblem �hnelt dem aus der H�hle auffallend. Er wird uns sagen k�nnen, wie es in die H�hle kommt und was die Inschrift bedeutet.�</p><p>�Was haben Sie mit solchen Sekten zu tun, Peter? Das h�tte ich Ihnen nicht zugetraut...�</p><p>�Keine Sekte. Es sind Freimaurer, oder sagen Sie meinetwegen eine Geheimgesellschaft, aber es ist keine religi�se Vereinigung. Sie verfolgen harmlose soziale Ziele wie Br�derlichkeit, Verst�ndnis und so weiter. Eines ihrer zentralen Statuten schreibt sogar die Unterlassung von jeglichen Diskussionen �ber Religion oder Politik w�hrend ihrer Treffen vor.�</p><p>�Das hei�t noch lange nicht, dass sie keine Sekte sind. Freimaurer sind doch die mit den Sch�rzen und Zylindern, die sich in dunklen Kellern beim Kerzenschein die H�nde reichen.�</p><p>�Ihr profundes Halbwissen entz�ckt mich. Ich gebe zu, dass viele ihrer Symboliken, Riten und Traditionen religi�s wirken. Tats�chlich hat das alles einen �u�erst interessanten kulturhistorischen Ursprung, und zwar im 18. Jahrhundert.�</p><p>�Na gut, wenn Sie es sagen, Herr Professor. Solange Sie mir nicht mit New Age oder anderem Okkultismus anfangen!�</p><p>Peter seufzte. �Das eine hat zwar nichts mit dem anderen zu tun, aber ich wei�, was Sie meinen. Nein, keine Sorge. Okkultismus ist mit ziemlicher Sicherheit das Letzte, wof�r ich empf�nglich bin.�</p><p>Sebastian Hoquet holte sie um 23 Uhr am Hotel ab. Sie stiegen in seinen Wagen und fuhren �ber den Autobahnring hinaus in die Vororte von Paris.</p><p>�Es war nicht einfach, ein Treffen zu organisieren�, erkl�rte er. �Heute Abend ist eigentlich eine regul�re Zusammenkunft im Tempel. Aber der Gro�meister ist zugegen. Leider ist es nicht m�glich, einfach drau�en zu warten. Wir werden also gemeinsam der Begr��ungszeremonie beiwohnen und uns dann mit ihm zusammen zur�ckziehen.�</p><p>�Wenn wir dort komische Sachen singen oder essen m�ssen�, warf Patrick ein, �dann w�sste ich das gerne vorher, um mich rechtzeitig auszuklinken.�</p><p>�Sie brauchen keine Bedenken zu haben, Monsieur.� Sebastian wies auf eine Schachtel auf dem R�cksitz. �Da drin finden Sie schwarze Kapuzen und Sch�rzen. Die werden wir alle tragen. Sie folgen mir und tun das, was ich mache oder was ich Ihnen sage. Ansonsten schweigen Sie einfach.�</p><p>�Schwarze Kapuzen und Sch�rzen! Ich habe es geahnt. Haben Sie das schon mal gemacht, Peter?�</p><p>�Ich habe davon geh�rt.�</p><p>�Ah. Sehr beruhigend...� Patrick klang nicht �berzeugt. Er packte die Sch�rzen aus und begutachtete sie. Sie waren aus sehr d�nnem wei�em Lammleder gefertigt und wurden offenbar um die H�fte gebunden, um den Scho� zu bedecken. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Sie kamen in ein ruhiges Viertel. Hinter den B�umen der Allee und den alten Mauern verbargen sich noble Villen. Sebastian hielt vor einem gro�en schmiedeeisernen Tor, direkt neben einem kleinen Pfosten mit Lautsprecher. Er lie� das Fenster herunter und sprach einige unverst�ndliche Worte in die Anlage. Kurz darauf glitt das Tor beiseite, und der Wagen fuhr hinein. Die Auffahrt war breit, mit Kopfsteinpflaster ausgelegt und unbeleuchtet. Das gesamte Grundst�ck lag im Dunklen und wurde nur von den Autoscheinwerfern bruchst�ckhaft erhellt. Kurz hinter dem Tor lenkte Sebastian den Wagen in eine Art Parkbucht. Er zog zwei schwarze T�cher aus dem Handschuhfach, stieg aus und verh�ngte die Nummernschilder. Dann fuhren sie weiter. Die gewundene und mit hohen Rhododendronb�schen ges�umte Zufahrt f�hrte sie hinter einer Biegung auf eine weite Fl�che, die von einer imposanten Villa �berragt wurde. Auf dem Platz davor parkten bereits rund zwei Dutzend Autos, alle mit verh�llten Nummernschildern.</p><p>�Ist das hier ein Treffen der Anonymen Alkoholiker?�, fragte Patrick.</p><p>Mit einem merklich ver�rgerten Gesichtsausdruck drehte sich Sebastian zu ihm um.</p><p>�Ich hoffe, Sie k�nnen Ihre Zunge ab sofort im Zaum halten, Monsieur. Die Treffen der Loge sind immer anonym. Kein Mitglied kennt die Identit�t der anderen. Auf diese Weise legen wir unsere Befangenheiten und Eitelkeiten ab und konzentrieren uns auf unsere Worte und Taten.�</p><p>�Ah! Oh!�</p><p>�Ich muss Sie jetzt bitten, die Kapuzen aufzusetzen und sich eine Sch�rze umzubinden.�</p><p>�Wenn alle anonym sind, woher kennen Sie den Namen Ihres Gro�gurus?� Patrick machte nicht den Eindruck, als wolle er sich das Wort verbieten lassen, aber Sebastian hatte offensichtlich entschieden, nicht weiter auf ihn einzugehen.</p><p>�Wir benutzen selbstverst�ndlich nicht unsere wahren Namen�, antwortete er.</p><p>�Na klar, h�tte ich auch selber draufkommen k�nnen.�</p><p>�Patrick, ich bitte Sie�, beschwichtigte Peter. �Wir brauchen dieses Treffen.�</p><p>�Ist schon gut. Ich hoffe nur, es fotografiert mich keiner in diesem Aufzug.� Er sah Peter durch die Sehschlitze der Kapuze an. Seine Stimme klang etwas ged�mpft. �Was f�r eine Schlagzeile: <emphasis>Patrick Nevreux der Fetischist und seine geheimen sexuellen Obsessionen.</emphasis>�</p><p>Sebastian f�hrte sie zum Eingang, wo ihnen ge�ffnet wurde. Der Mann war ebenfalls mit Kapuze und Sch�rze bekleidet. Dass es ein Mann war, konnte man zumindest aufgrund seiner Statur annehmen. Er sprach Sebastian in einer fremden Sprache an, woraufhin Sebastian ihm lange und umst�ndlich die Hand sch�ttelte, auf seine Begleiter deutete und in derselben unverst�ndlichen Weise antwortete. Sie wurden eingelassen und gingen durch einige mit Kerzen beleuchtete Flure in einen gr��eren leeren Raum, wo schon andere Vermummte standen. Sie unterschieden sich wenig voneinander, bis auf die Tatsache, dass die Sch�rzen zum Teil mit Stickereien versehen, andere hingegen schlicht waren.</p><p>�Was war das f�r eine Sprache?�, fl�sterte Patrick seinem Kollegen ins Ohr.</p><p>�Ich w�rde vermuten, dass es Hebr�isch war�, zischte Peter zur�ck.</p><p>�Hebr�isch?!? Sind die nicht ganz dicht?�</p><p>�Ich erkl�re es Ihnen sp�ter, Patrick.�</p><p>Sie mussten nicht lange warten. Peter hatte die Anwesenden, die sich zum Teil halblaut auf Franz�sisch unterhielten, gez�hlt und war zu dem Schluss gekommen, dass ihre Anzahl in etwa der der parkenden Autos entsprach, als eine Bewegung durch die Wartenden ging. Am Ende des Raums schwangen die Fl�gel einer schweren Holzt�r unter leisem Knarren auf, und es wurde deutlich, dass nun der Eintritt in die eigentlichen Logenr�ume und die Begr��ungszeremonie kurz bevorstanden.</p><p>Nacheinander und mit w�rdevollem Schritt traten sie in einen fremdartigen, sehr hohen, steinernen Raum, den man fast als Halle bezeichnen konnte. Zwei m�chtige S�ulen s�umten den Eingang und bildeten gleichsam ein Portal. Die S�ule zu ihrer Linken schien aus wei�em Marmor gefertigt und war bis in etwa drei Meter H�he mit Bronze beschlagen, die mit hebr�ischen Schriftzeichen bedeckt war. Die rechte S�ule bestand aus einem schwarzen Gestein und war spiegelbildlich zur anderen S�ule mit Messing verziert. Sie war mit Hieroglyphen und einer ibisk�pfigen Gottheit bemalt. Den steinernen Boden bedeckte ein gro�fl�chiges, zweifarbiges Mosaik. Es schien eine Art Emblem zu sein. Eine im Kreis angebrachte hebr�ische Inschrift umgab die Darstellung eines Zirkels, eines Winkelma�es und eines Steinquaders mit darauf liegender Maurerkelle. Die Logenmitglieder stellten sich im Halbkreis am Rande des Mosaiks auf, w�hrend Sebastian seinen Begleitern bedeutete, hinter ihm in einer zweiten Reihe zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Nun hoben die Mitglieder zu einem tiefen, eint�nigen Summen an, das nach einer Weile zu gr��erer Lautst�rke anschwoll und schlie�lich abrupt abbrach. Stille legte sich �ber die Anwesenden, und kurz darauf war das leise Ger�usch einer sich �ffnenden T�r zu h�ren. Am jenseitigen, im Dunklen liegenden Ende der Halle trat ein Vermummter mit einer Altarkerze durch eine unauff�llige T�r in den Raum. Wie die anderen trug er Kapuze und Sch�rze, zudem zierte ihn eine Kette mit einer metallisch gl�nzenden Brustplatte, in der sich die Flamme spiegelte.</p><p>Sebastian beugte sich ein wenig nach hinten und gab Peter und Patrick zu verstehen, dass es sich hierbei um eine wichtige Person handle, ganz offenbar den Gro�meister.</p><p>Der Mann trat auf ein Stehpult zu und entz�ndete dort einen siebenarmigen Leuchter. Nun wurde sichtbar, dass hinter dem Stehpult ein freistehender, steinerner Bogen stand. Im Schlussstein des Bogens prangte ein goldener Davidstern.</p><p>Der Gro�meister hob seine Arme, woraufhin die anderen erneut zu ihrem Summton ansetzten. Als er abgeklungen war, traten zwei weitere Vermummte durch die T�r in die Halle. In ihrer Mitte f�hrten sie eine dritte Person mit sich. Diese war jedoch v�llig anders gekleidet und wirkte wie ein Gefangener. Ein einfaches helles Leinenhemd und eine ebenso einfache Hose bedeckten seinen ansonsten anscheinend nackten K�rper. Die blo�en F��e steckten in primitiven Schlappen, seine Augen waren mit einem schwarzen Tuch verbunden, um den Hals hing ihm ein kurzes Seil mit Henkersknoten. In v�lliger Stille f�hrten die beiden den Mann in die Mitte des Mosaikkreises, drehten ihn dort einige Male und verharrten schlie�lich, als er dem Gro�meister wieder direkt gegen�berstand. Nun l�ste sich jemand aus dem Halbkreis der Anwesenden und ging zum Pult. Der Gro�meister trat daraufhin beiseite und verlie� die Halle durch die noch offen stehende T�r.</p><p>Sebastian fasste Peter an der Schulter und machte ein Zeichen mit der Hand. Er deutete auf die kleine T�r, damit sie dem Gro�meister folgten, und hielt dann den Finger an die Lippen. Schweigend verlie�en sie die Versammlung und betraten schlie�lich einen schmalen Gang.</p><p>�Was haben die mit dem Typen vor?�, dr�ngte Patrick.</p><p>�Das ist nur ein Initiationsritus�, antwortete Peter ged�mpft.</p><p>�Na, hoffentlich haben Sie Recht!�</p><p>Der Gang f�hrte sie an unz�hligen T�ren und Abzweigungen vorbei und in eine Art ger�umiges B�ro, das sehr altert�mlich wirkte. Der Gro�meister sa� hinter dem Tisch in einem Polsterstuhl mit �berm��ig hoher Lehne und erwartete sie bereits.</p><p>�Setzen Sie sich, bitte.� Es war die Stimme einer Frau. �Ich bin Ren�e Colladon. Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Professor Lavell, und auch Sie, Monsieur Nevreux. Bruder Sebastian hat Sie verbotenerweise als Lehrlinge in den Tempel gebracht, doch er tat dies mit meiner ausdr�cklichen Zustimmung, denn Suchende sind Sie dennoch. Sie suchen Antworten.�</p><p>�Wir bedanken uns f�r Ihre Bereitschaft, sich mit uns zu treffen�, sagte Peter. �Weshalb durften wir den Tempel an einem Tag wie diesem betreten?�</p><p>�Es sollte Ihnen deutlich machen, wie viel sich Ihren Blicken t�glich entzieht, wie weit Sie jederzeit von der Wahrheit entfernt sein k�nnen.�</p><p>�Es zeigt auch�, sagte Patrick, �wie viele andere Menschen t�glich weit von der Wahrheit entfernt sind.�</p><p>Ren�e sah Patrick einen eisigen Augenblick schweigend an, und Peter bef�rchtete, dass die Frau jeden Moment aus der Haut fahren k�nnte, doch dem war nicht so. Ihr Tonfall schien bestenfalls leicht erregt, aber nicht ver�rgert.</p><p>�Es f�llt Ihnen leicht, so zu sprechen, und es f�llt mir leicht, es zu akzeptieren, denn Sie suchen. So wie wir alle das Licht erstreben. Sie haben es Ihrer besonderen Beziehung zu uns zu verdanken, dass Sie jetzt hier sein k�nnen, doch muss ich Sie warnen. Viele Antworten sind nicht f�r raue Steine bestimmt, wie wir die Nicht-Eingeweihten nennen. Als Au�enstehende wird Ihnen die Innere H�tte � das letzte Geheimnis � immer verborgen bleiben, wenn Ihre Frage darauf abzielt.�</p><p>�Mich w�rde interessieren�, sagte Patrick, �warum Sie sich auf Hebr�isch unterhalten. Wenn es Hebr�isch ist.�</p><p>Ren�e beugte sich weiter vor, den Blick noch immer auf Patrick geheftet. �Ich sehe, dass Sie nicht im Mindesten mit unserer Geschichte vertraut sind.�</p><p>�Nein, ich habe mich noch nie f�r die Freimaurerei interessiert. Und ich habe auch noch nie so ein Sch�rzchen getragen.�</p><p>�Wir Freimaurer sind auf der Suche und im st�ndigen Bestreben, uns selbst sittlich zu veredeln, wie wir auch einen rohen Stein bearbeiten, um aus ihm ein prunkvolles Geb�ude zu Ehren des Allm�chtigen zu errichten. Die Maurer waren seit altersher die ungesalbten Eingeweihten. Wir haben Dome und Kathedralen errichtet, die Pyramiden der Pharaonen und den Tempel zu Jerusalem. Unser gr��tes Bauwerk Ihm zu Ehren jedoch erz�rnte Ihn, und er strafte die Menschheit daf�r. Sie wissen, wovon ich spreche?�</p><p>Patrick sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es war der Turmbau zu Babel�, fuhr die Frau fort. �Und Gott verwirrte die Menschen, und keiner verstand mehr die Sprache des anderen. Es war die babylonische Sprachverwirrung.�</p><p>�Und deswegen sprecht ihr jetzt Hebr�isch?�</p><p>�Hebr�isch ist die Sprache Gottes, und in ihr liegt die Kraft, Dinge zu erschaffen. Indem Adam in der Sprache Gottes den Dingen Namen gab, wurden sie wahr. In den wahren Namen der Dinge wohnt somit ihre ureigene sch�pferische Kraft. Mit Hilfe der Kabbala gelingt es uns, dieser Wahrheit der Dinge auf die Spur zu kommen, und wir k�nnen unsere Gespr�che mit Gott in der Ursprache wieder aufnehmen. Nat�rlich bleibt es ein st�ndiges Ringen nach unerreichbarer Vollkommenheit.�</p><p>�Was ist die Kabbala?�, fragte Patrick.</p><p>�Lassen Sie uns jetzt nicht zu sehr in Details gehen�, mischte sich Peter ein. �Tats�chlich haben wir andere Fragen.�</p><p>Ren�e lachte kurz auf. �Ihre Zielstrebigkeit ist bekannt, Professor Lavell. Gerne w�rde ich die Diskussion mit Ihnen vertiefen, Monsieur Nevreux, aber ich sp�re, dass ich Sie zu einem anderen Zeitpunkt wiedersehen werde, wenn Sie Ihre wahren Fragen stellen. Der Professor hat Recht, heute sind Sie aus einem anderen Grund hier. Sie haben eine Zeichnung entdeckt, und diese verlangt nach einer Antwort.�</p><p>�In der Tat.� Peter reichte die Kopie �ber den Tisch. �Von wem stammt diese Zeichnung, und was bedeutet sie?�</p><p>Ren�e nahm das Blatt entgegen und betrachtete es eingehend. Durch ihre Kapuze war es nicht m�glich, ihren Gesichtsausdruck zu erkennen, aber f�r einen Moment herrschte angespanntes Schweigen.</p><p>�Es ist eine Rose�, sagte der Gro�meister schlie�lich.</p><p>�Ja�, sagte Peter.</p><p>�Haben Sie die Zeichnung aus einem Buch?�</p><p>�Nein, wie kommen Sie darauf?�</p><p>�Der lateinische Spruch bezieht sich auf etwas, wom�glich auf einen Text oder ein Buch, aus dem er stammt. Woher ist die Zeichnung?�</p><p>�Ich darf es nicht sagen. Wir m�ssen zun�chst ihre Bedeutung ermessen. Es handelt sich um ein geheimes Forschungsprojekt, wie ich Monsieur Hoquet bereits mitteilte.�</p><p>�Was f�r eine tiefere Bedeutung sollte in einer Rose liegen?�</p><p>�Vielleicht dieselbe Bedeutung, die im Emblem Ihrer Loge liegt. Ist es nicht auch eine mit Kreuz und Herz versehene Rose? Wenn ich mich recht erinnere, stimmt sogar die Anzahl der Bl�tenbl�tter mit der Ihren �berein...�</p><p>Ren�e lehnte sich zur�ck und schob das Blatt scheinbar desinteressiert �ber den Tisch zur�ck. �Die �hnlichkeit mag verbl�ffend sein, aber vielleicht ist sie rein zuf�llig? Ich w�sste nicht, welche Beziehung es geben sollte.� Sie machte eine Handbewegung. �Vielleicht, wenn ich w�sste, woher diese Rose stammt, aber so...�</p><p>��<emphasis>Dies ist ein Beispiel meinen Lehrlingen�...</emphasis> Was sagen Ihnen die Buchstaben C.R.C. am Ende des Spruchs?�, fragte Peter.</p><p>�Ich ma�e mir nicht an, dar�ber zu spekulieren, Herr Professor.�</p><p>�Interessanterweise war Bruder Sebastian hier�, Patrick deutete auf den vermummten Bankier, �der Meinung, dass wir uns ganz dringend deswegen mit Ihnen treffen sollten.�</p><p>Die Frau reagierte nicht, bis auf eine Bewegung, die vielleicht ein Schulterzucken andeutete.</p><p>�Ich glaube, wir haben alles erfahren, was es zu wissen gibt�, lenkte Peter ein. �Ich m�chte nicht unh�flich erscheinen, wir bedanken uns vielmals f�r dieses au�erordentliche Treffen, doch unser Flug geht sehr fr�h. Wir sollten uns nun zur�ck ins Hotel begeben.�</p><p>�Die Freude war ganz meinerseits, Messieurs, und es tut mir au�erordentlich leid, Ihnen nicht helfen zu k�nnen. Wir sollten nat�rlich in Verbindung bleiben, f�r den Fall, dass Sie sich in der Lage sehen, N�heres �ber den Fundort erz�hlen zu d�rfen.�</p><p>�Das sehe ich auch so�, verabschiedete sich Peter und deutete Patrick an, dass sie nun ohne weitere Fragen gehen sollten. �Vielleicht f�llt Ihnen ja auch noch etwas ein.�</p><p>�Bruder Sebastian wird Sie hinausf�hren�, sagte der Gro�meister. �Ich w�nsche Ihnen eine gute R�ckfahrt.�</p><p>Sie wechselten kaum ein Wort, w�hrend Sebastian sie durch die dunklen Vororte fuhr, durch finstere Alleen und vorbei an gespenstischen alten H�usern sowie sp�rlich beleuchteten Wohnblocks, die ihnen auf der Herfahrt weit weniger trostlos vorgekommen waren.</p><p>�Sie m�ssen entschuldigen�, sagte Sebastian, als er sie am Hotel absetzte, �dass der Abend nicht so erfolgreich verlaufen ist.�</p><p>�Ich bitte Sie!�, erwiderte Peter. �F�r mich war es �u�erst aufschlussreich. Vielen Dank, dass Sie es m�glich gemacht haben.�</p><p>Als sie allein waren, gingen sie in die Bar des Hotels und setzten sich abseits von anderen G�sten in eine Sitzecke. Peter stopfte sich seine Pfeife.</p><p>�Was halten Sie von der Frau, Patrick?�</p><p>�Sie redet verworrenes Zeug, aber sie wei� etwas.�</p><p>�Ja, das denke ich auch. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Aber es hatte �berhaupt keinen Zweck, l�nger dazubleiben. Sie wird sich noch mal bei uns melden, aus diesem Grund habe ich Sebastian unsere Faxnummer gegeben.�</p><p>�Was macht Sie so sicher? Meiner Meinung nach hatte die Frau eindeutig einen leichten Schaden. Und was soll Kabbala sein?�</p><p>�Was mich so sicher macht... nun, ich kenne Sebastian sehr gut, er hat sich verraten. Die Zeichnung ist auf alle F�lle von �u�erster Bedeutung f�r die Bruderschaft. Das kann er beurteilen, da er als Gro�meister jahrelang die wichtigsten Angelegenheiten der Loge betreut und geleitet hat. Nun kann er sich nicht �ber den neuen Gro�meister hinwegsetzen, deswegen darf er nicht selber sprechen. Aber allein die Tatsache, dass man uns in den Tempel gelassen hat, zeigt die Wichtigkeit, die uns der Gro�meister beimisst. Und das nur aufgrund der Erz�hlung Sebastians. Nun m�chte sie um Informationen feilschen. Ich vermute, das Geheimnis betrifft den Kern der Loge selbst, daher das gro�e Interesse und ihre Verstocktheit.�</p><p>�Und jetzt wollen Sie warten, dass ihr doch noch etwas �einf�llt�?�</p><p>�Ja. Wenn sie recherchiert, wird unsere Faxnummer sie nach Genf f�hren, da uns ja alles von dort weitergeleitet wird. Aber dort wird sie auf Granit sto�en, da k�nnen wir uns auf Elaine verlassen. Es wird ihr also gar nichts anderes �brig bleiben, als sich noch mal zu melden.�</p><p>�Ob es etwas mit der Sprachverwirrung zu tun hat, von der sie erz�hlt hat?�</p><p>�Wie meinen Sie das?� Peter blies den Pfeifenrauch gem�chlich zur Decke und sah Patrick von der Seite an.</p><p>�Na ja, einerseits finden wir eine merkw�rdige multilinguale H�hle, und das Projekt hei�t sogar �Babylon Projekt�. Andererseits faselt die geheimnisvolle Hebr�erin ebenfalls etwas von Sprachverwirrung. Wir zeigen ihr eine Zeichnung aus der H�hle, und pl�tzlich wird sie ganz nerv�s. Sind die Sprachen der Zusammenhang?�</p><p>�Also, die H�hle hat mit Sicherheit nichts mit der babylonischen Sprachverwirrung zu tun, wenn es das ist, was Sie meinen. Die Sage um den Turmbau zu Babel, worauf sich ja auch Ren�e in der Abstammung ihrer Freimaurerloge beruft, ist eine Legende, die wahrscheinlich die alten Zikkurats der sumerischen Stadt Ur zum Vorbild hat. Das Reich der Sumerer ging schlie�lich unter, und das Gebiet wurde in den folgenden Jahrhunderten Schmelztiegel von W�stenv�lkern, Kriegern und Nomaden, alle mit v�llig unterschiedlichen Sprachen. Das alles in dem Zeitraum zwei- bis dreitausend vor Christus. Das Vorhandensein von Latein in der H�hle spricht aber daf�r, dass diese mindestens zweitausend Jahre j�nger ist. Einen direkten Zusammenhang kann es also nicht geben.�</p><p>Patrick z�ndete sich eine Zigarette an. �Das ist mir schon klar. Die H�hle hat bestimmt nichts mit Babylon zu tun, aber die Loge vielleicht auch nicht. Was ich sagen will, ist: Vielleicht hat man die Babylon-Legende sp�ter hinzugedichtet, weil sie sch�n ins Bild passte, und in Wirklichkeit geht es um diese H�hle.� Patrick ereiferte sich zusehends. �Vielleicht war C.R.C. der Gr�nder der Loge und hat die H�hle seinerzeit selber bemalt. Vielleicht wollte er seinen J�ngern oder Lehrlingen oder wem auch immer ein besonderes Geheimnis hinterlassen, und die verschw�rerische Ren�e h�lt sich f�r eine Nachfolgerin. Leider hat man vergessen, wo die H�hle lag, und so wurde aus der H�hle der Schriften der Turmbau zu Babel. Passt ja auch besser zu Maurern.�</p><p>�Ja, das klingt durchaus plausibel. Ich habe keine Scheu vor ungew�hnlichen Zusammenh�ngen, aber eine Abstammungsgeschichte, die sich auf eine f�nftausend Jahre alte Legende beruft, sollte man mindestens f�r fragw�rdig, wenn nicht wahnwitzig halten.� Er benutzte ein kleines Stahlutensil, um die Glut seiner Pfeife nachzustopfen. �Wenn wir w�ssten, wie alt die Malereien sind, k�nnten wir Ihre Theorie besser abw�gen.�</p><p>�Und wir m�ssten die Texte kennen�, f�gte Patrick hinzu. �Wenn es um ein Geheimnis geht, steht das ja vielleicht in den Texten.�</p><p>�Ja, es wird immer wichtiger, dass wir jemand dazubekommen, der uns beim �bersetzen helfen kann.�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 8</strong></p><p><emphasis>5. Mai, B�ro des B�rgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Der Morgen war k�hl, ein feiner Nebel hatte die Stra�en �ber Nacht benetzt, drau�en roch es nach Pinien und Erde, doch im B�ro von Didier Fauvel hing trotz der ge�ffneten Fenster eine schwere Luft aus Bohnerwachs, staubigen Ledersesseln und Eichenholzm�beln.</p><p>�Es freut mich, dass Sie meiner Einladung folgen konnten�, sagte der B�rgermeister. �Bitte, setzen Sie sich doch. Sie m�ssen sehr besch�ftigt sein, ich m�chte Sie deswegen auch nicht lange aufhalten. Aber vielleicht k�nnen Sie mir etwas �ber den Fortschritt Ihrer Untersuchungen sagen. Ich selbst bin nat�rlich kein Fachmann auf diesem Gebiet, deswegen habe ich Monsieur Fernand Levasseur eingeladen.� Er deutete auf einen grobschl�chtigen Mann mit Vollbart, der ausdruckslos auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch sa�. Unter seinen hochgekrempelten Hemds�rmeln kamen kr�ftige, behaarte Arme zum Vorschein, wie sie einem Holzf�ller alle Ehre gemacht h�tten. �Er ist studierter Biologe und unser Umweltbeauftragter der Region um St.-Pierre-Du-Bois. Ich habe ihn gebeten, sich in den n�chsten Tagen und Wochen ein wenig Zeit zu nehmen, so dass er Ihnen mit seinen Ortskenntnissen zur Verf�gung stehen kann.�</p><p>Peter und Patrick tauschten einen fl�chtigen unsicheren Blick, bevor der Professor ein L�cheln �ber sein Gesicht huschen lie� und sich dem Mann zuwandte. �Professor Peter Lavell, sehr erfreut. Darf ich meinen Kollegen vorstellen, Ingenieur Patrick Nevreux,�</p><p>Der Biologe nickte.</p><p>�Wie geht es denn nun voran?�, dr�ngte der B�rgermeister und lie� sich gem�chlich in seinen Schreibtischsessel sinken.</p><p>�Nun, Monsieur le Maire�, hob Patrick an, �zun�chst einmal m�ssen wir Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit nehmen, sich unsere sicherlich furchtbar trockenen Analysen ansehen zu wollen.�</p><p>Didier Fauvel grinste und winkte mit seinen speckigen Fingern ab.</p><p>Patrick �ffnete eine Mappe mit Dokumenten; es war eine Auswahl aus der Sammlung von Papieren, die ihnen bereits zu Beginn des Projekts vorbereitet worden waren. Darunter befanden sich auch einige nichts sagende Fotografien von Waldabschnitten, Absperrungen und Markierungspfosten. �Wir m�chten Sie ungern hiermit langweilen�, fuhr Patrick fort, bl�tterte fl�chtig in den Unterlagen und klappte die Mappe danach wieder zu. �Um es auf den Punkt zu bringen: Wir kommen nur schleppend voran.�</p><p>�Wie bitte?!� Die Wangen des B�rgermeisters schimmerten rot, als er sich abrupt nach vorne beugte.</p><p>�So unangenehm es ist: Im Sinne eines professionellen Vorgehens m�ssen wir Sie jetzt schon darauf aufmerksam machen, dass der von uns zuvor anvisierte zeitliche Rahmen nicht zu halten sein wird.�</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?� Fauvels Augen verengten sich und fixierten Patrick bedrohlich.</p><p>�Es ist besser, Sie fr�hzeitig zu informieren, jetzt, wo wir darauf noch reagieren k�nnen, bevor es zu sp�t ist...� Patrick machte eine Pause, und Peter fragte sich, was sein Kollege mit diesem Sermon beabsichtigte. Sie hatten im Vorfeld dar�ber gesprochen, wie sie dem leicht erregbaren Mann gegen�bertreten wollten, und hatten sich darauf geeinigt, dass Patrick das Gespr�ch �bernehmen sollte. Entgegen dem impertinenten Eindruck, den er manchmal machte, hatte er ganz offensichtlich eine beachtenswerte �bung dann, vertrackte Verhandlungsgespr�che zu f�hren. Eine F�higkeit, die Peter aufgrund seiner zur�ckhaltenden oder bestenfalls �berheblichen Art nicht besa�. Peter lie� sich entweder Dinge erkl�ren, oder er erkl�rte sie. Kompromisse, Schmeicheleien oder gar dreiste L�gen waren so wenig sein Gebiet, wie es Patrick lag, Anweisungen zu befolgen oder Autorit�ten zu respektieren � wenn es ihm nicht von pers�nlichem Nutzen war.</p><p>�Wir wissen jetzt, dass wir das Problem leider nicht bis Ende dieser Woche l�sen k�nnen�, sagte Patrick. �Wir tun unser M�glichstes, aber wir ben�tigen Ihre Hilfe.�</p><p>Ein s�ffisantes L�cheln zog sich �ber das Gesicht des B�rgermeisters. �Was kann ich f�r Sie tun, Messieurs?�</p><p>Ein gekonnter Schachzug, befand Peter. Nat�rlich hatte es nie eine Abmachung gegeben, die ein Ende des Projekts in dieser Woche vorgesehen h�tte, aber auf diese Weise hatte Patrick aus der Tatsache, dass es eigentlich gar keine Ergebnisse zu pr�sentieren gab, sogar noch Gewinn geschlagen. Er hatte ihre Akzeptanz bei diesem Mann erh�ht, der sich nun heimlich im Vorteil w�hnte.</p><p>�Um die Herkunft und den Verlauf der Epidemie bewerten zu k�nnen, ben�tigen wir Wetterdaten dieser Region. Haben Sie M�glichkeiten, diese zu bekommen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, das sollte kein Problem sein.�</p><p>�Wunderbar, Monsieur le Maire. Wir sind Ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet. Wir ben�tigen Daten �ber Niederschlagsmenge, Windrichtung und -geschwindigkeit, Temperaturen von Regen, Schatten und Sonne, Luftdruckverh�ltnisse und Stickstoff- sowie Ozonwerte, stundenweise �ber den Zeitraum der letzten sechs Monate aufgezeichnet. Ich habe Ihnen hier eine Aufstellung in Form eines tabellarischen Fragebogens vorbereitet. Sie glauben gar nicht, wie wertvoll das f�r uns sein wird, Vielen Dank, dass Sie sich darum k�mmern!�</p><p>Peter l�chelte in sich hinein. Der Mann w�rde wahrscheinlich Wochen damit zubringen, wutentbrannt irgendwelche entnervten Aushilfskr�fte diverser Wetterstationen dazu anzutreiben, v�llig sinnlose Daten zu extrahieren oder zu rekonstruieren, die es wahrscheinlich noch nicht einmal in dieser Genauigkeit gab.</p><p>�Darf ich fragen, wozu genau Sie diese Daten ben�tigen?�, meldete sich der bullige Fernand zu Wort. Peter zuckte innerlich zusammen. Vielleicht war Patrick etwas zu weit gegangen. Aber dieser z�gerte keinen Augenblick, als er antwortete: �Selbstverst�ndlich, Monsieur. Indem wir diese Daten analysieren, k�nnen wir ableitend Aussagen �ber die nahe Zukunft und die bestm�gliche Vorgehensweise zur Eind�mmung der Seuche treffen. Wir setzen dazu neueste Datamining-Software aus Kalifornien ein, die die chaotischen Werte der Wetterdaten, die pr�zisen geologischen Messwerte der Region sowie die statistischen Daten der Tierpopulationen in einem Artifical-Life-System berechnet. Es ist eine v�llig neue Technologie, die wir hier in einem Pilotprojekt einsetzen und testen, um Preisverhandlungen f�hren zu k�nnen.� Patrick setzte eine verschw�rerische Miene auf. �Eigentlich sind diese Informationen streng geheim, aber unter Kollegen durfte ich Ihnen sicherlich so viel sagen. Es geht dabei um Millionenbetr�ge zu Gunsten der WHO.�</p><p>Der Biologe hob fragend die Augenbrauen und wechselte einen Blick mit dem B�rgermeister. Doch dieser zuckte mit den Schultern und l�chelte Patrick anerkennend d�mmlich zu. Fernand Levasseurs Miene nahm daraufhin wieder den alten, nichts sagenden Ausdruck an.</p><p>�Patrick�, mischte sich Peter nun ein, angesteckt durch dessen Fabulieren und im Bestreben, den Termin zu einem schnellen Ende zu bringen, �wir m�ssen los. Unser Termin.�</p><p>�Oh, tats�chlich�, nahm Patrick den Ball auf, �unsere Konferenzschaltung um halb zehn... Es tut mir furchtbar leid, aber wir m�ssen uns beeilen. Monsieur le Maire, Monsieur Levasseur, es war mir eine Freude. Und nochmals vielen Dank f�r Ihre Unterst�tzung!�</p><p>�Ich w�rde mich gerne im Laufe der Woche mit Ihnen treffen�, sagte der Biologe, �und mir Ihre Untersuchungsergebnisse genauer ansehen.�</p><p>�Nat�rlich.� Patrick z�gerte. �Lassen Sie uns dann einfach rechtzeitig einen Termin vereinbaren.�</p><p>�Mir passt es jederzeit. Wie w�re es Freitag?�</p><p>�Freitag? Ja, Freitag... warum nicht. Um neun Uhr in unserem Hotel?�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>�Verdammt�, sagte Patrick, als sie auf dem R�ckweg ins Hotel waren. �Jetzt haben wir diesen Typ am Hals.�</p><p>�Ich bin beeindruckt, wie Sie den B�rgermeister abgefertigt haben. Aber wie wollen wir uns auf Freitag vorbereiten?�</p><p>�Ich wei� es nicht, ich hoffe, mir f�llt noch etwas Gutes ein. Ich habe ja w�hrend der Autofahrt Zeit nachzudenken.�</p><p>�Sind Sie sicher, dass Sie heute in das Sanatorium fahren wollen?�</p><p>�Je schneller, je besser. Carcassonne ist nicht weit, und vielleicht finde ich etwas heraus, das uns weiterbringt. Ich habe auch immer noch ein ziemlich mieses Gef�hl im Sch�del, wissen Sie. Seit dem Vorfall habe ich nicht mehr richtig geschlafen. Das ist also reines Eigeninteresse.�</p><p>�Ja, sicher, ich verstehe. Hoffentlich kommen Sie weiter.�</p><p>�Ist Ihnen heute Morgen, kurz bevor wir losgingen, aufgefallen, dass wir ein Fax bekommen haben?� Patrick holte ein gefaltetes Papier hervor.</p><p>�Ein Fax? Nein. Von wem k�nnte das auch sein? Niemand kennt unseren Aufenthaltsort. Oder ist es etwa aus Genf?�</p><p>�Ich wei� es auch nicht. Ein wenig merkw�rdig ist es schon. H�ren Sie:</p><p>�<emphasis>Sehr geehrte Herren,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Sie stie�en auf einen Kreis, und es kann Kreise ziehen, was Sie erforschen, doch achten Sie darauf. Das Zentrum f�r Mann und Frau betritt der Kreis, nicht die Rose. Achten Sie darauf, dass Ihre Forschung keine Kreise zieht, bis nicht der Kreis auf Sie st��t.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Ehrerbietig, St. G.</emphasis>��</p><p>Peter �berlegte. �Seltsam. Steht eine Absendernummer auf dem Fax?�</p><p>�Nat�rlich. Ich werde herausbekommen, von wo es geschickt wurde, der Vorwahl nach zu schlie�en aus der Schweiz. Aber nach Elaine klingt es nicht.�</p><p>�Nein, in der Tat. Vielleicht gibt es einen Maulwurf bei der UN?�</p><p>�Gut m�glich. Aber der Absender scheint zu wissen, dass wir Nachforschungen �ber die Rose betrieben haben. Vielleicht bezieht er sich sogar auf unseren Besuch in Paris. Elaine wei� davon aber gar nichts. Vielleicht kommt das Fax direkt aus den H�nden dieser Freimaurer. Oder Sebastian hat die Nummer weitergegeben...�</p><p>�Es hat einen merkw�rdigen, konstruierten, k�nstlichen Klang, wie ein Gedicht... oder ein R�tsel... Ich m�chte mir den Text gerne genauer ansehen. Lassen Sie mir das Papier hier?�</p><p>�Nat�rlich.� Patrick reichte Peter das Fax. Sie bogen in die Hoteleinfahrt ein und parkten direkt neben dem Eingang. �Fahren Sie gleich wieder zur H�hle, oder kommen Sie noch mit hoch?�, fragte Patrick beim Aussteigen.</p><p>�Ich komme noch mal mit hoch�, sagte Peter, �vielleicht fahre ich erst nach dem Mittagessen ins Camp. Wenn Sie wollen, k�nnen Sie auch gerne den Landrover mitnehmen, dann bleibe ich den ganzen Tag hier.�</p><p>�Danke, aber vielleicht brauchen Sie den Gel�ndewagen heute doch noch. Ich nehme mir einen Leihwagen vom Hotel.�</p><p>Im Foyer trat ein Bediensteter auf sie zu. �Messieurs, gerade ist eine Dame eingetroffen, die Sie suchte. Sie fr�hst�ckt im Salon Vert und wartet auf Sie. Soll ich Sie zu ihr f�hren?�</p><p>Peter sah Patrick erstaunt an. �Ob Elaine uns einen �berraschungsbesuch abstattet?�</p><p>�Zuzutrauen w�re es ihr. Was, wenn es Frau Gro�guru ist, die mit der Loge?�</p><p>�Ren�e Colladon? Nein, das glaube ich nicht. Sie kann nicht wissen, wo wir sind, und wenn doch, so h�tte sie sich angemeldet.�</p><p>�Nach dem Fax w�re ich nicht mehr so sicher, dass keiner wei�, wo wir sind.�</p><p>Der Bedienstete stand noch immer vor ihnen und sah mit einem so unbeteiligten Gesichtsausdruck an ihnen vorbei, dass man ihm f�rmlich die Anstrengung ansah, so zu tun, als w�rde er nicht zuh�ren.</p><p>�Wollen Sie noch schnell mitkommen, gucken, wer es ist?�, fragte Peter.</p><p>�Um ehrlich zu sein, nein. Wenn Sie einverstanden sind, verziehe ich mich jetzt unauff�llig.�</p><p>�Gut. Fahren Sie vorsichtig und viel Erfolg.� Anschlie�end wandte sich der Professor an den Hoteldiener: �F�hren Sie mich bitte zu ihr.�</p><p>Der Salon Vert hatte seinen Namen durch die vollst�ndig verglaste Front, die den Blick auf das �ppige Gr�n des Gartens freigab. Die Morgensonne schien durch die B�ume und einen gro�en Bambusstrauch, der neben einem Teich gepflanzt worden war. Das Licht fiel in warmen, zitternden Streifen in den Raum, der in gelben und gr�nen Pastellt�nen gehalten war. Rattanm�bel und Sets aus Bast strahlten einen fast britischen Stil aus. Ein wenig zwanziger Jahre, ein wenig subtropisch.</p><p>Um diese Uhrzeit waren nur noch wenige G�ste mit dem Fr�hst�ck besch�ftigt. Zwei einzelne Herren lasen Zeitung, ein �lteres Ehepaar a� noch, und an einem Tisch neben der zur H�lfte ge�ffneten Verandat�r sa� eine junge Frau bei einer Tasse Kaffee.</p><p>�Das ist die Dame, Monsieur le Professeur.� Der Angestellte zog sich zur�ck.</p><p>Die Frau sah auf, als Peter auf sie zutrat. �Peter Lavell, guten Morgen�, stellte er sich vor. �Man sagte mir, Sie suchten mich.�</p><p>�Sie und Ihren Kollegen Patrick Nevreux, ja.� Sie reichte ihm die Hand. �Mein Name ist Stefanie Kr�ger. Bitte, setzen Sie sich doch.�</p><p>Peter nahm Platz und betrachtete die Frau eingehend. Sie mochte Anfang drei�ig sein, war ausgesprochen gut aussehend, sportlich-leger gekleidet und hatte ihr offenes blondes Haar auf einer Seite hinter die Ohren geklemmt. Um zu verhindern, dass ihr die Haare auf der anderen Seite ins Gesicht fielen, hielt sie den Kopf ein wenig schief. F�r einen Augenblick h�tte man sie f�r eine Touristin halten k�nnen, aber ihre Augen strahlten eine Konzentration aus, wie man sie bei einem Gesch�ftsmann vermutet h�tte. Neben ihr auf dem Stuhl lagen eine Notebook-Tasche und ein Handy. <emphasis>Eine Reporterin!</emphasis>, schoss es Peter durch den Kopf.</p><p>�Ich bin froh, dass ich Sie heute Morgen noch treffe.� Sie holte eine Mappe hervor, die Peter bekannt vorkam. Sie trug den schwarzen Schriftzug <emphasis>Projekt Babylon.</emphasis> �Mehr als der Name dieses Hotels ist diesen kryptischen Papieren nat�rlich nicht zu entnehmen gewesen. Aber fr�her oder sp�ter musste ich Sie hier antreffen. Zur Not h�tte ich den ganzen Tag auf Sie gewartet.�</p><p>Sie machte eine Pause, doch Peter erwiderte nichts.</p><p>�Ach so�, sagte sie, �vielleicht hat man mich nicht angek�ndigt. Ich stelle mich also am besten erst mal vor. Meinen Namen kennen Sie ja. Ich arbeite als freie Wissenschaftlerin, zuletzt f�r das British Museum in London. Ich bin Linguistin mit dem Spezialgebiet Klassik und Altertum. Ich bin von Elaine de Rosney im Namen der UN nach Genf eingeladen worden, mit dem Angebot, an diesem Projekt mitzuarbeiten.�</p><p>Peter hob eine Augenbraue. Hatte Elaine tats�chlich so schnell eine Sprachwissenschaftlerin gefunden?</p><p>�Das war vor zwei Tagen, und nun bin ich hier. Das Ganze ist ja sehr geheimnisvoll. Ich bin gespannt, um was es geht.�</p><p>Peter z�gerte. �Mit welchen Sprachen sind Sie vertraut?�</p><p>�Ich bin im Ausland aufgewachsen und an internationalen Schulen gewesen. Ich spreche verhandlungssicher Deutsch, Englisch, Franz�sisch und Spanisch. Au�erdem Italienisch, Portugiesisch � die romanischen Sprachen �hneln sich ja alle. Griechisch und T�rkisch ebenfalls.�</p><p>�Was ist mit dem Altertum?�</p><p>�Ich erforsche die Entwicklungsgeschichte der Sprache und der Schrift. Dazu geh�rt das Entziffern und Analysieren der Strukturen. Bei einigen Schriften muss man die Sprache selbst auch kennen, wie zum Beispiel, wenn man Hieroglyphen entziffern m�chte. Andere Schriften sind so strukturiert, dass man sie in ein vereinbartes �quivalent in lateinischer Schrift �bertragen kann, ohne es selbst lesen zu k�nnen. Die �bersetzung nimmt dann jemand anderes vor.�</p><p>�Welche Sprachen des Altertums k�nnen Sie denn selber �bersetzen?�</p><p>�Leider nur Latein, Altgriechisch, Hebr�isch und �gyptisch. Ein bisschen Etruskisch, so weit es geht, ebenfalls. Nur die Klassiker eben.�</p><p>�<emphasis>Nur</emphasis> die Klassiker?!�, entfuhr es Peter.</p><p>�Ich habe allerdings Quellen, um die meisten anderen Sprachen ebenfalls �bersetzen zu lassen�, setzte Stefanie schnell hinzu.</p><p>�Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin �beraus beeindruckt! Sie scheinen ein Sprachgenie zu sein.�</p><p>�Sehen Sie, ich vergleiche es immer mit Musik. Wenn Sie wirklich musikalisch sind, und Musik Ihr Beruf, Ihr Leben ist, dann verstehen Sie die Sprache der Noten, dann k�nnen Sie gleicherma�en Jazz wie Pop verstehen und spielen. Es ist alles dieselbe Welt. Die Muster und Strukturen wiederholen sich.�</p><p>�Was bedeutet �<emphasis>hoc sit exemplum discipulis�?</emphasis>�</p><p>��<emphasis>Hoc</emphasis>� hei�t �<emphasis>dies�, �sit</emphasis>� ist Konjunktiv, �<emphasis>hoc sit�, �dies sei�, �exemplum�, �ein Beispiel�, �discipulis</emphasis>� bedeutet �<emphasis>Lehrling</emphasis>�, im biblischen Sinne auch �<emphasis>J�nger�: �Dies sei ein Beispiel f�r meine J�nger.</emphasis>� Warum fragen Sie das, soll es ein Test sein?�</p><p>�Ja�, sagte Peter und l�chelte. �Ich muss wissen, ob Sie tats�chlich eine Wissenschaftlerin sind � oder eine Journalistin. Im ersten Fall hei�e ich Sie herzlich willkommen an Bord. Im zweiten Fall m�sste ich Sie leider erschie�en.�</p><p>�Dann hoffe ich, dass ich Sie �berzeugen konnte. Wo ist denn Ihr Kollege, Monsieur Nevreux?�</p><p>�Patrick ist in der N�he von Carcassonne. Sie werden ihn heute Abend kennen lernen. Hat man Ihnen schon Ihr Zimmer gezeigt?�</p><p>�Ja.� Sie deutete auf das Notebook neben sich. �Ich habe nur den Rechner mit runtergenommen, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich wusste ja nicht, wie lange ich auf Sie warten w�rde.�</p><p>�Dann begleiten Sie mich doch an unseren und Ihren neuen Arbeitsplatz. Ich werde Ihnen unterwegs alles erz�hlen.�</p><p>�Sehr gerne, klingt wie ein guter Auftakt. Umso mehr, als Sie offensichtlich nicht mehr vorhaben, mich zu erschie�en.� Sie lachte Peter an und steckte sich die Haare wieder hinter das Ohr.</p><p>�In der Tat.� Peter stand auf und zog ihren Stuhl beiseite, als sie sich erhob. �Es w�re ja auch eine Schande gewesen.�</p><p>�Es geht um diese H�hle�, erkl�rte Peter, als sie im Landrover auf dem Weg ins Camp waren. �Ein Sch�fer hat sie gefunden und ist irgendwie verr�ckt geworden, er liegt jetzt in einem Sanatorium. Ihn besucht Patrick heute. Die H�hle ist �ber und �ber mit Schriftzeichen und ganzen Texten �bers�t. Das Interessante ist, dass es sich dabei um ein unwahrscheinliches Potpourri handelt; Latein, Sumerisch, Griechisch, �gyptisch, sogar Maya-Glyphen und v�llig unbekannte Sprachen. Deswegen hei�t das Projekt Babylon.�</p><p>�Die Sprachverwirrung.�</p><p>�Ja. Wir haben die Malereien analysiert. Sie sind etwa aus dem dreizehnten Jahrhundert. Mittelalter, eine Zeit also, in der man von Sumerisch nichts wusste, geschweige denn von den Maya. Die Welt war damals immerhin noch eine Scheibe, von der man kurz hinter Afrika hinunterfiel.�</p><p>�Aber das ist doch v�llig unm�glich!�</p><p>�Nat�rlich. Heute wissen wir, dass die Schwerkraft dies verhindert.�</p><p>�Ich bezog mich auf das Alter der Malereien.�</p><p>�War blo� ein Witz. In der Tat, das Alter der Malereien ist h�chst zweifelhaft. Aber wir vernachl�ssigen diesen Aspekt zun�chst, weil wir uns aus der Entzifferung der Texte eine Aufkl�rung �ber die H�hle als solche erhoffen. Ein paar Malereien sind im Laufe der Jahre auch nachtr�glich angebracht worden, meistens aber sehr schlampig oder sogar unleserlich. Und diese ganzen unbekannten Schriften. Es gibt eine Menge zu tun.�</p><p>�Was macht das Ganze denn so unsagbar geheim?�</p><p>�Der UN geht es eigentlich gar nicht um die Schriften, auch wenn sie uns noch so spannend vorkommen. Es geht um einen tiefer gelegenen Teil der H�hle. Dort befindet sich ein Gang mit sehr merkw�rdigen, vielleicht elektromagnetischen Eigenschaften. Wir wissen es noch nicht genau. Deswegen ist Patrick im Projekt. Er ist ein sehr guter Feldforscher und Techniker.�</p><p>�Diese elektromagnetischen Eigenschaften � was bewirken...?� Sie hielt inne, als sie die M�nner bemerkte, die in dem Camp herumliefen.</p><p>�Diese M�nner hier arbeiten f�r die UN und sichern f�r uns das Gel�nde�, sagte Peter, als sie gerade das Tor passiert hatten und durch das Camp fuhren. �Sind Sie eigentlich auch unter dem Deckmantel der Tollwutseuche hier?�</p><p>�Ja�, sie schmunzelte, �angeblich bin ich eine Verhaltensforscherin. Das haben die sich wohl ausgedacht, weil ich ganz gut in Biologie bin.�</p><p>�In Biologie... das ist interessant.�</p><p>�Na ja, ich hatte immer ein Faible daf�r. Auf der Uni habe ich es nebenher studiert, weil ich irgendwie immer dachte, dass es vielleicht mal n�tzlich f�r meine Pferdezucht sein k�nnte.�</p><p>�Sie haben eine Pferdezucht?�</p><p>�Nein, aber man kann ja nie wissen, oder?�</p><p>�Ihre Kenntnisse k�nnten jetzt vielleicht trotzdem �u�erst n�tzlich sein, wissen Sie das? Der B�rgermeister hat uns n�mlich gerade einen Adlatus ans Bein gebunden, ein Biologe, der mit uns fachsimpeln m�chte, wie es denn mit unserer Untersuchung zur Tollwut vorangeht.�</p><p>�Na, ich hoffe, er l�sst sich eine Weile mit hei�er Luft abspeisen, ein Fachmann bin ich ja auch nicht. Aber Sie wollten gerade etwas �ber den Gang in der H�hle erz�hlen.�</p><p>�Richtig, der Durchgang � so nennen wir ihn. Es ist wirklich merkw�rdig: In der Dunkelheit scheint es ein normaler Gang zu sein. Nun, normal ist �bertrieben; auf irgendeine unerkl�rliche Weise leuchtet die Luft dort bl�ulich. Doch immerhin scheint es ein passierbarer Gang zu sein. Sobald man aber den Gang mit Scheinwerfern erleuchtet, wird er pechschwarz. Nicht das Gestein, sondern die Luft selbst wird schwarz und undurchdringbar. Es ist, als ob er keine Form von Strahlung oder Energie hindurchlie�e. Wenn man hineinguckt, sieht man eine absolute Schw�rze. Man kann sie nicht ausleuchten, auch mit dem Echolot l�sst sich keine Tiefe orten. Es ist, als ob keine Reflexion von Licht oder anderen Wellen aus dem Gang zur�ckkommt. Wir haben mit einem Pioneer-Roboter experimentiert, der an einem Stromkabel hindurchgef�hrt wurde. Sobald er �ber die Schwelle war, reagierte er nicht mehr und verbrauchte auch keinen Strom mehr. Wir mussten ihn am Kabel wieder rausziehen.�</p><p>�Und sind Sie mal hineingegangen?�</p><p>�Nein, das ist das gr��te Problem. Den Berichten zufolge ist der Sch�fer wohl deswegen wahnsinnig geworden, weil er es tat. Patrick hat es leichtsinnigerweise getestet und selber den Kopf hineingesteckt. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, ich habe ihn zur�ckgerissen. Aber er hat einen Schock bekommen, ich dachte, es w�re ein Schlaganfall. Er war danach v�llig erledigt, hat zwei Tage am St�ck geschlafen und die Erinnerung an den Vorfall verloren. Deswegen sucht er gerade den Sch�fer im Sanatorium auf. Er hofft, irgendetwas bei ihm herauszufinden.�</p><p>�Der Arme. Das tut mir leid. Reingehen sollte man also nicht.�</p><p>�Nein, auf keinen Fall. Hier steigen wir aus.� Peter f�hrte Stefanie das letzte Wegst�ck den Hang hinauf und bis zur H�hle. �Bisher h�ren Sie sich das alles einfach an, als sei es v�llig selbstverst�ndlich, was ich erz�hle.�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen glaube.�</p><p>�Das ist gut. Ich h�tte es auch nicht geglaubt.�</p><p>Sie hatten den obersten Absatz des Hangs und den H�hleneingang erreicht.</p><p>�Ist das die H�hle?�, fragte sie.</p><p>�Ja, das ist sie.�</p><p>�Dann nichts wie hinein. Ich bin �u�erst gespannt.�</p><p>Patrick �rgerte sich, dass er nicht den Landrover genommen hatte. Jetzt musste er mit einem Wagen vorlieb nehmen, der so wenig PS hatte, dass er froh war, wenn es mal ein kurzes St�ck bergab ging. An �berholen war gar nicht zu denken.</p><p>Wenigstens war es eine sch�ne Strecke, und er hatte es nicht sehr eilig. Eigentlich, so �berlegte er, hatte er sogar alle Zeit der Welt. H�ufig s�umten Platanen mit ihren gro�en, hellen Bl�ttern und den gefleckten St�mmen die Stra�e. Wie lange gab es diese Alleen wohl schon? Bei der Fahrt durch ein beschauliches Dorf entschloss er sich, seiner inneren Stimme zu gehorchen, machte spontan Halt und setzte sich in ein Caf�. Tische und St�hle standen drau�en, im Halbschatten einiger Weiden. Bei einem warmen Croissant mit Butter lehnte er sich zur�ck und genoss die friedliche Ruhe. Aus dem Ge�st der B�ume drang das best�ndige Zirpen der Zikaden, von jenseits eines kleinen M�uerchens klang das Pl�tschern von Wasser herauf, ein kleiner Flusslauf, wie er zu Hunderten in dieser Gegend zu finden war. Wenige Meter entfernt, im staubigen Sand neben der Dorfstra�e, stand ein halbes Dutzend �lterer M�nner und spielte <emphasis>Boules.</emphasis> Es ging leise, fast bed�chtig vonstatten. Nur das leise, dumpfe Aufschlagen der Kugeln war zu h�ren, ab und zu begleitet von einem metallischen Klacken oder einem erstaunten Ausruf.</p><p>Es schien Patrick ein zeitloser Schnappschuss zu sein. Man h�tte dieses Bild in jedes Jahrhundert transportieren k�nnen; so oder so �hnlich hatte es hier wohl immer ausgesehen. Diese M�nner k�mmerten sich nicht um irgendwelche B�rogeb�ude in Genf, um die Europ�ische Weltraumorganisation, um Palenque, Lissabon oder eine merkw�rdige Sekte in Paris. Sie lebten in ihrer eigenen Welt, die vor eintausend Jahren die von Rittern und Burgen und vor zweitausend Jahren die von R�mern und Kelten gewesen war. Doch auch davon schien niemand Notiz zu nehmen, geschweige denn vom wohl faszinierendsten R�tsel wenige Kilometer entfernt. Diese Menschen schienen ihre Vergangenheit nicht auszugraben und zu ehren, man mochte fast meinen, sie lebten auf einer eigenen, parallelen Zeitspur. Patrick stellte sich vor, was passieren w�rde, wenn ein Ritter in voller R�stung pl�tzlich hier auftauchte. Wahrscheinlich w�rde er so gut ins Bild passen, dass weder die Dorfbewohner noch er selbst irritiert w�ren.</p><p>Schlie�lich machte er sich wieder auf den Weg nach Carcassonne. Im Auto dachte er �ber seine Pause nach. Er wunderte sich �ber sich selbst. Er war nie romantisch oder philosophisch veranlagt gewesen. Und trotzdem hatte ihn das Bed�rfnis nach Ruhe �berkommen. Oder vielleicht war <emphasis>Frieden</emphasis> das bessere Wort. Innerer Frieden. Er sah viele Dinge aus einer neuen Perspektive, in gr��erem Zusammenhang. Pl�tzlich schrumpften Zeitalter und Kontinente zusammen, das emsige Bestreben eines einzelnen Menschen schien demgegen�ber bedeutungslos. War es so, dass man den Sinn des Lebens vielleicht niemals im Erreichen hehrer Ziele suchen sollte, sondern im eigenen Frieden mit der Welt?</p><p><emphasis>Was f�r ein Schwachsinn!</emphasis>, fluchte Patrick innerlich. <emphasis>Als ob mir jemand ins Gehirn geschissen hat!</emphasis> Seit dem Vorfall in der H�hle hatte er bisweilen sehr merkw�rdige Anwandlungen, fand er. Es wurde h�chste Zeit, dass er das Sanatorium und den Sch�fer fand, um zu verstehen, was da mit ihm vorging. Vielleicht war es ja nur der Anfang, und er wurde ebenfalls langsam verr�ckt.</p><p>Es war nicht leicht, das Sanatorium zu finden. Es lag au�erhalb von Carcassonne, angeblich wenige Kilometer, dennoch brauchte er noch fast eine halbe Stunde, bis er es erreicht hatte. Der Weg war nicht ausgeschildert, und die meisten Passanten hatten noch nie davon geh�rt. Eine alte B�uerin kannte es schlie�lich, doch der Weg, den sie ihm beschrieb, f�hrte quer durch einen Weingarten �ber einen holprigen Feldweg, der bestenfalls f�r Traktoren geeignet war.</p><p>Endlich sch�lte sich das Geb�ude aus einem Dickicht von Kiefern und Efeu heraus. Es stand auf einem H�gel und hatte wohl ehemals das umgebende Tal �berblickt, doch die ungepflegten Gartenanlagen hatten inzwischen die Sicht so gut wie zugewuchert. Das Sanatorium war in einer alten, zweist�ckigen Villa untergebracht, erbaut 1882, wie eine mit blaugrauen Flechten bewachsene Stuckarbeit �ber dem Eingang verriet. Wenn das �u�ere auch verwahrlost aussah, so war es im Inneren doch �berraschend sauber. Patrick betrat eine mit zweifarbigen Kacheln ausgelegte Halle, von der aus zwei G�nge abzweigten. Den Raum beherrschten ein Kronleuchter mit langen, d�rren Armen, auf denen nackte Gl�hbirnen sa�en, und eine steinerne Treppe. Auch sie war gekachelt und beiderseits mit einem schmucklosen Gel�nder aus Messing versehen. Ein Geruch nach scharfem, ammoniakhaltigem Putzmittel hing in der Luft. Direkt zu seiner Rechten bemerkte Patrick eine Art Pf�rtnerh�uschen oder Rezeption. Es war brusthoch mit dunklen Holzpaneelen verkleidet, dann ging es in eine Glasscheibe �ber, aus der eine halbrunde �ffnung als Durchreiche herausgearbeitet war. Dahinter sa� ein ernst blickender Mann mit Hemd und Schlips und beugte sich interessiert vor, als er Patrick eintreten sah.</p><p>�Ich suche Mr. Jacques Henrot, ich bin ein Verwandter von ihm.�</p><p>Der Mann beugte sich �ber ein gro�es Heft, das vor ihm lag. Es enthielt nicht viele Eintr�ge, aber er machte einen sehr gewissenhaften Eindruck, als er mit dem Finger einige Spalten nachfuhr, bis er den Namen gefunden hatte.</p><p>�Sie k�nnen nicht mit ihm sprechen, Monsieur.�</p><p>�Wie bitte?! Was soll das hei�en, ich kann nicht mit ihm sprechen? Ich bin extra aus Paris angereist. Mein Privatsekret�r hat meinen Besuch bereits vor ein paar Tagen angek�ndigt. Jetzt sagen Sie mir nicht, Sie w�ssten nichts davon!�</p><p>Der Mann hinter der Scheibe lie� sich von Patrick nicht beeindrucken. �Sie k�nnen ihn nat�rlich besuchen, aber Sie k�nnen nicht mit ihm sprechen. Hat man Ihnen das nicht gesagt? Er <emphasis>spricht</emphasis> nicht. Vor zwei Wochen war auch schon jemand hier. Hat nur Gestammel aus ihm herausbekommen.�</p><p>�Es war jemand hier? Wer?�</p><p>�Ich hatte das Gesicht schon mal im Fernsehen gesehen. Irgendein Politiker, glaube ich.�</p><p>�Was wollte er? War er ein Verwandter?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, Monsieur. Und es geht mich auch nichts an.�</p><p>�Na gut. Wo finde ich Monsieur Henrot?�</p><p>�Zimmer siebenundzwanzig, im zweiten Stock, die Treppe hinauf und den rechten Gang entlang.�</p><p>Die Flure im oberen Stockwerk waren mit altert�mlichen, gelblichen Mustern tapeziert, der Boden mit braunem Linoleum bedeckt, Wandlampen tauchten das Ganze in ein tr�bes, ungesundes Licht. Eine Frau mit wei�er Sch�rze und einer wei�en Haube trat aus einer T�r auf den Gang. Sie schien Patricks unsicheren Blick zu bemerken und kam auf ihn zu.</p><p>�Was suchen Sie, Monsieur?�</p><p>�Zimmer siebenundzwanzig, Jacques Henrot.�</p><p>�Folgen Sie mir. Sind Sie ein Verwandter? Sie werden vielleicht einen Schreck bekommen, wenn Sie ihn wiedersehen, er ist in bedauernswertem Zustand.� Sie �ffnete eine T�r und lie� Patrick eintreten. Der Raum war ebenso d�ster wie es der Flur gewesen war. Der linke Teil war mit einem Vorhang abgetrennt, der an einem d�nnen Gest�nge befestigt war. An der Stirnseite des Zimmers befand sich ein kleines, vergittertes Fenster, durch das man direkt in die rostigen Schatten der Kiefern sah. An der rechten Wand standen ein h�lzerner Beistelltisch und ein Bett. Darauf deutete die Frau.</p><p>�Da liegt er.� Sie sah auf ihre Uhr. �Ich denke, Sie haben nicht vor, lange zu bleiben? In einer halben Stunde muss er seine Medizin bekommen.�</p><p>�Ich bin aus Paris angereist, ich werde so lange bleiben, wie ich kann. Was f�r Medizin, sagen Sie?�</p><p>�Es sind nur ein paar Tabletten. Vielleicht k�nnen Sie auch dabeibleiben, wenn Sie m�chten.� Sie verlie� den Raum.</p><p>Patrick war allein. Allein in diesem verdammten Zimmer, umgeben von Verfall und Krankheit. Er f�hlte sich unglaublich fehl am Platz. F�r einen Augenblick hatte er das Gef�hl, er m�sse nur die Augen �ffnen und w�rde irgendwo anders wieder aufwachen. Es war wie in einer fremden Welt. Eigentlich arbeitete er an einem wissenschaftlichen Projekt f�r die Vereinten Nationen, und nun stand er hier, in einem unbekannten, verwahrlosten Sanatorium, irgendwo auf dem Land, wo die Zeit stehen geblieben war, im Zimmer eines Sch�fers, der den Verstand verloren hatte...</p><p>Patrick fiel ein, dass er sich nicht danach erkundigt hatte, wie sich der Zustand des Sch�fers �u�erte. War er noch immer wahnsinnig? War er aggressiv? War er gef�hrlich? Ein ungutes Gef�hl kroch in ihm hoch und steckte bald wie eine warzige Kr�te in seinem Hals. Z�gerlich trat er an das Bett und warf einen Blick hinein.</p><p>Erschrocken wich er einen Schritt zur�ck.</p><p>Mit aufgerissenen Augen starrten ihn die verzerrten Z�ge eines irrsinnigen Mannes an. Er lag zusammengerollt auf der Seite, wirre, wei�e Haare umgaben seinen Kopf wie nasses Stroh, die Wangen waren eingefallen, der Mund in einem L�cheln eingefroren, die Aug�pfel schienen ein wenig herauszuquellen, so dass man den roten unteren Rand sehen konnte. So erschreckend der Anblick war, so wenig konnte sich Patrick ihm entziehen. Er bemerkte, dass ihn der Mann gar nicht ansah. Seine Augen bewegten sich zwar, aber der Sch�fer schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Es war, als h�tte man einem Schlafenden die Lider ge�ffnet.</p><p>�Monsieur Henrot?� Patrick kam sich dumm vor, den v�llig abwesenden Mann anzusprechen. �Jacques? K�nnen Sie mich verstehen?�</p><p>Der Sch�fer zeigte keinerlei Reaktion. Patrick hatte Berichte von Menschen gelesen, die jahrelang im Koma gelegen und doch jedes Wort verstanden hatten, das gesprochen worden war. Bis irgendein Ereignis sie ganz pl�tzlich aufweckte. Vielleicht war es bei dem Sch�fer ja auch so. Vielleicht konnte er alles verstehen, und man musste nur den Ausl�ser finden. Aber was sollte er ausprobieren? Sollte er jetzt allen Ernstes hier wie mit einer Wand sprechen? Andererseits, dieser Mann, oder das, was von ihm �brig war, stellte Patricks einzige Verbindung zum Inneren der H�hle dar. Nur dieser Mann konnte ihm weiterhelfen. Nun, da er eigens hierher gefahren war, sollte er wenigstens das Beste daraus machen und nichts unversucht lassen.</p><p>�Jacques, Sie m�ssen mir zuh�ren. Verstehen Sie mich? Geben Sie mir ein Zeichen, wenn Sie mich verstehen k�nnen!�</p><p>Noch immer r�hrte sich der Mann nicht, nur seine Augen glitten weiter durch das Nichts.</p><p>�Sie hatten einen Unfall, Jacques, erinnern Sie sich? Sie m�ssen sich erinnern! Sie haben eine H�hle entdeckt. Die H�hle, Jacques, erinnern Sie sich?�</p><p>Der Sch�fer machte eine Bewegung, zuckte ein wenig und zog die Beine weiter an sich.</p><p>�Ja! Haben Sie das verstanden? Ist es das? Die H�hle?� Patrick ging dicht an das Bett. Der Mann glotzte geisterhaft aus seinen glasigen Augen, er schien v�llig starr und gleichzeitig h�chst angespannt, als k�nne er jederzeit ganz pl�tzlich schreiend aus dem Bett springen. Mit zitternden Fingern streckte Patrick seine Hand nach ihm aus. Er f�hlte eine tiefe Abscheu, ihn zu ber�hren, aber ebenso das �berw�ltigende Bed�rfnis, ihn wachzur�tteln. �Sie haben eine H�hle entdeckt, Jacques, wissen Sie es noch?� Patricks Finger trennten nur noch wenige Zentimeter von der Schulter des Mannes. Mit leiserer aber eindringlicher Stimme redete er weiter auf den Mann ein. �Eine H�hle... mit Malereien... Schriften...� Sanft legte er eine Hand auf das Laken.</p><p>�Das hat keinen Zweck!�</p><p>Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Patrick zusammen und riss seine Hand zur�ck. Ein lautes Rasseln hinter ihm ert�nte, als der Vorhang beiseite gezogen wurde. Dahinter war ein weiteres Bett zu sehen, in dem sich ein alter Mann aufgesetzt hatte. Er hatte keine Haare mehr, eine faltige, ledrige Haut und kaum noch Z�hne. Er sah mit einem schiefen Grinsen zu Patrick hin�ber. �Der h�rt Ihnen nicht zu.�</p><p>Patrick rang einen Augenblick nach Fassung. �Das... woher wissen Sie das so genau?�</p><p>�Junger Mann! Wollen Sie sagen, ich wei� nicht Bescheid! Ich wei� Bescheid, nat�rlich wei� ich es. Der h�rt Ihnen nicht zu. Hat keinen Platz im Sch�del zum Zuh�ren.�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Den werden Sie hier nicht finden. Ich wei� Bescheid. Ist immer so. Die sind auf der Suche, so ist es. Sieht aus, als ob sie leer sind, aber sie sind voll, das ist es.� Der Alte stand auf und kam im Schlafanzug her�bergehumpelt.</p><p>Patrick wurde es unbehaglich. Er dachte daran, dass die Krankenschwester, oder wer immer es gewesen war, m�glichst bald kommen sollte. Aber die halbe Stunde war noch nicht um. �Wen meinen Sie? Sind hier noch mehr Leute wie er?�</p><p>�So wie er, nein. Aber ja. Schon so wie er. Aber jeder ist anders. Junger Mann. Das verstehen Sie doch, oder? Ich wei� Bescheid, so lange bin ich schon hier.�</p><p>�Und alle haben eine H�hle entdeckt?�</p><p>�H�hle. Nein, keine H�hle. Vielleicht aber auch eine H�hle. Wenn Sie H�hlen wollen. Jeder hat eine eigene H�hle. Etwas f�llt sie, wirft sie raus. So ist das. Sie sind nicht mehr im Sch�del, weil er voll ist. Sie finden die nicht in ihren Sch�deln. Sie sind weg, suchen, das ist es, was sie tun.�</p><p>�Sie suchen? Was meinen Sie damit?�</p><p>�Na, suchen, junger Mann. Schon mal verlaufen? So ist das, ich wei� Bescheid. Die suchen. Sich selbst. Und dann, wenn sie wollen, einen Weg zur�ck. Aber wer will das schon? Ich sage, hat keinen Zweck zu reden. Ist nicht da drin.�</p><p>Patrick kam sich merkw�rdig vor, mit einem schwachsinnigen Alten zu diskutieren, aber er hatte seinen Ehrgeiz geweckt. �Er hat mich aber geh�rt! Eben hat er sich bewegt, als ich �H�hle� gesagt habe.�</p><p>Der Alte schlurfte zum Fenster, krallte sich an den Gitterst�ben fest und dr�ckte sein Gesicht in eine L�cke. �Ja, bewegt sich nicht viel, aber manchmal. Das ist gut, vielleicht auch nicht. Ist auf dem Weg zur�ck, vielleicht auch nicht. So ist das immer. Vielleicht, vielleicht. Vielleicht ist es besser zur�ckzukommen, vielleicht nicht. Vielleicht bin ich hier, vielleicht nicht?�</p><p>�Nat�rlich sind Sie hier.�</p><p>Der Mann drehte sich um und entbl��te seine Zahnst�mpfe. �Vielleicht tr�umen Sie mich? Ich wei� Bescheid, aber wissen Sie Bescheid? Vielleicht tr�ume ich Sie.� Er gab ein kleines irrsinniges Lachen von sich, das augenblicklich in ein trockenes Husten �berging.</p><p>Patrick wandte sich ab. Der Alte beunruhigte ihn zutiefst. Obwohl es nur leeres Gefasel war, traf es auf merkw�rdige Weise einen Nerv. Er betrachtete den Sch�fer. Wenn er nur sprechen k�nnte!</p><p>�Jaja, das tut er.�</p><p>Patrick zuckte zusammen. Der Alte stand pl�tzlich dicht neben ihm und sah dem Sch�fer ins Gesicht. �Spricht viel. Sagt aber nichts.�</p><p>�Er spricht? Was sagt er denn?�</p><p>�Sagt nichts, sagt gar nichts. Das ist so.�</p><p>�Na sch�n, welche <emphasis>Worte</emphasis> gibt er denn von sich?�</p><p>�Ich wei� Bescheid.�</p><p>�Ja, Sie wissen Bescheid! Also sagen Sie mir doch, was Sie f�r Worte geh�rt haben!�</p><p>�Vielleicht auch nicht.�</p><p>�Was?!? Haben Sie nun etwas geh�rt, oder nicht?�</p><p>�Worte, warte! Confisus, Konfuzius! Welchen Sinn haben Worte? Wer wei� Bescheid? Ist es so, oder nicht?�</p><p>Patrick wollte den Greis am liebsten sch�tteln. �Mein Gott, Mann, rei�en Sie sich mal zusammen, das ist wichtig! Was hat er gesagt?!?�</p><p>Der Alte hatte sein Grinsen pl�tzlich eingestellt. Wieder ging er zum Fenster und dr�ckte sein Gesicht gegen das Gitter. �Ich wei� Bescheid, ich wei� Bescheid. Vielleicht, vielleicht ...�</p><p>�<emphasis>Mist</emphasis>�, fluchte Patrick. Aus dem Schwachkopf war nichts herauszubekommen. Aber immerhin gab es ihm Hoffnung zu h�ren, dass der Sch�fer dann und wann vor sich hin brabbelte. Er musste ihn wieder zum Reden bringen.</p><p>In diesem Augenblick �ffnete sich die T�r, und die Frau mit der Sch�rze kam herein. Als sie den Alten am Fenster sah, ging sie schnell auf ihn zu. �Hugo! Wachen Sie auf!�</p><p>Der Alte sah die Frau an, und sein Gesicht verzog sich zu einem elendig aussehenden L�cheln. Widerstandslos lie� er sich von ihr zu seinem Bett f�hren. Sie setzte sich auf seine Bettkante und zog die Gardine vor, w�hrend er sich hinlegte. Wenige Augenblicke sp�ter kam sie wieder hinter dem Vorhang hervor.</p><p>�Ich hoffe, er hat Sie nicht bel�stigt. Er schl�ft jetzt wieder.�</p><p>�Nein, ist schon in Ordnung. Was haben Sie mit ihm gemacht? Haben Sie ihm auch Tabletten gegeben?�</p><p>�Ja, die beiden brauchen sie in regelm��igen Abst�nden, weil sie immer wieder zu sich kommen. So, und nun ist Jacques dran.� Sie sch�ttete zwei Kapseln aus einem braunen Fl�schchen auf ihre Hand.</p><p>�Darf ich sie ihm geben?�, fragte Patrick.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ich m�chte sie ihm gerne geben, ist das in Ordnung?�</p><p>�Nun... ja, wenn Sie unbedingt m�chten...� Unsicher reichte ihm die Frau die Tabletten.</p><p>�Vielen Dank. Wissen Sie, es ist das Einzige, was ich f�r ihn tun kann. Wir haben uns sehr nahe gestanden...� Patrick nahm die Kapseln entgegen und tat so, als lege er sie dem Sch�fer in den Mund. Dabei lie� er sie unauff�llig in seiner Handfl�che verschwinden, so �hnlich, wie er es machte, wenn er seinen Zigarettentrick vorf�hrte.</p><p>Die Frau beobachtete den Vorgang, schien jedoch nichts zu bemerken. Mit einem zufriedenen L�cheln auf den Lippen verlie� sie den Raum.</p><p>Wieder war Patrick allein. Allein mit einem schwachsinnigen Greis und dem offensichtlich nicht ges�nderen Sch�fer. Ob er tats�chlich zu sich kommen w�rde, jetzt, wo er keine Tabletten bekommen hatte?</p><p>�Jacques, h�ren Sie mich? Sie m�ssen aufwachen!�</p><p>Der Sch�fer zuckte nur wieder, wie er es zuvor auch getan hatte. Es war aber nicht deutlich, ob es eine Reaktion auf Patricks Stimme war. Er blieb auf der Seite liegen, zusammengerollt wie ein Embryo.</p><p>�Monsieur Henrot. H�ren Sie, Sie m�ssen von der H�hle erz�hlen. Was haben Sie entdeckt? Jacques, die H�hle.�</p><p>Keine Reaktion.</p><p>�Gut. Vielleicht hat der Alte Recht. Vielleicht sind Sie nicht da drin. Vielleicht k�nnen Sie mich aber trotzdem h�ren, wo auch immer Sie sind. Wir haben Ihre H�hle auch gefunden. Eine wunderbare H�hle, voller Schriften und Malereien. Erinnern Sie sich daran? Wir erforschen sie gerade. Wir haben einige der Inschriften schon entziffert. Haben Sie die auch gelesen? Haben Sie vielleicht die Rose gesehen? Vielleicht erinnern Sie sich ja daran. Mit einem lateinischen Spruch. Hoc sit exemplum irgendwas.�</p><p>�Ne sis confisus...� Die kr�chzende Stimme lie� Patrick f�rmlich zusammenfahren.</p><p>�Was?!? Was war das? Haben Sie etwas gesagt? Jacques!�</p><p>�Ne sis confisus... illis...� Die Worte kamen nur undeutlich hervor. Der Sch�fer bewegte pl�tzlich den Kopf von einer Seite auf die andere, als ob seine Augen den Raum durchsuchten.</p><p>�Was sagen Sie da? Jacques? Nesis confises? Was hei�t das?� Patrick tastete hektisch seine Taschen ab, ob er etwas zum Schreiben bei sich trug. �Nesis confises idis?� W�hrend er noch nach einem Stift suchte, versuchte er, sich die Worte einzupr�gen. �Sagen Sie es noch mal! Nesis...?�</p><p>Die d�rren H�nde des Kranken krallten sich pl�tzlich um Patricks Jacke und zogen ihn zum Bett herab. Die irren Augen fixierten ihn in einer bedrohlichen und zornigen Weise.</p><p>�Ne... sis... confisus...� Die Worte kamen eindringlich und sto�weise. Patrick wiederholte sie halblaut, w�hrend der Sch�fer weitersprach: �illis..., qui te... adiuvare student!� Die Stimme des Sch�fers wurde fester und lauter. �<emphasis>Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student!!</emphasis>� Der Sch�fer kreischte nun laut. �<emphasis>NE SIS CONFISUS...</emphasis>� Patrick riss sich los und taumelte zur�ck. Er musste sofort etwas zum Schreiben finden. Er st�rmte aus dem Zimmer und hetzte den Gang zur�ck, die Treppe hinab, entriss dem Mann im Empfangsh�uschen seinen Stift und griff nach ein paar losen Bl�ttern, die dieser vor sich liegen hatte. Mit dem Protest des Mannes im Ohr rannte er den Weg wieder zur�ck und hoffte darauf, dass niemand das Geschrei des Sch�fers gemerkt und ihn inzwischen mit irgendwelchen Drogen ruhig gestellt hatte. Als er das Zimmer betrat, war dort alles wieder ruhig. Patrick rang nach Atem und schrieb auf, was er noch in Erinnerung hatte. Was waren das f�r Worte? Sie klangen ein wenig wie altert�mliches Franz�sisch, was aber wohl eher an der Aussprache des Sch�fers lag. Ansonsten ergeben sie �berhaupt keinen Sinn. Vielleicht waren es ja erfundene Worte. Aber der Mann wiederholte sie so pr�zise, als ob sie etwas bedeuteten. Jetzt lag er wieder in seinem seltsam eingefrorenen Zustand da, die Augen aufgerissen, die Beine angewinkelt. <emphasis>Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student...</emphasis> Er hatte begonnen zu sprechen, als er ihn auf die Rose und die Inschrift angesprochen hatte, <emphasis>hoc sit exemplum...</emphasis> Latein! Konnte es sein, dass der Sch�fer Latein sprach? Es war v�llig absurd. Wie konnte ein umnachteter Sch�fer von einem Tag auf den anderen lateinisch sprechen? Es war wohl ausgeschlossen, dass er das beim Schafeh�ten gelernt hatte. Und doch...</p><p>Patrick �rgerte sich, dass er kein Latein verstand. Trotz seiner Arbeit hatte er es nicht ein einziges Mal vermisst, und nun ben�tigte er es ausgerechnet f�r ein Gespr�ch mit einem Sch�fer! Wie konnte er ihn nur wieder zum Sprechen bringen? Im Geiste ging er seine Literaturkenntnisse und sein Studium durch. Welche Lateinbrocken kannte er? <emphasis>Veni, vidi, vici</emphasis>, ich kam, sah und siegte, oder <emphasis>alea iacta est</emphasis>, der W�rfel ist gefallen...? Damit lie� sich ausgesprochen schlecht ein Gespr�ch f�hren...</p><p><emphasis>Ach, zum Henker, es h�rt mich ja keiner</emphasis>, dachte Patrick und setzte sich wieder auf die Bettkante des Mannes.</p><p>�Ave�, sagte er und musste in Gedanken �ber diese seltsame Ironie den Kopf sch�tteln. Den Gru� hatte er zuletzt im Zusammenhang mit Julius C�sar geh�rt, der vor zweitausend Jahren unter anderem ganz Frankreich erobert und besetzt hatte.</p><p>Der Sch�fer schien daran jedoch keinen Ansto� zu nehmen und bewegte sich wieder. Seine Augen durchsuchten den Raum, obwohl Patrick direkt vor ihm sa�. �Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student!�, betonte er noch mal, und Patrick verglich die Worte mit seiner Aufzeichnung. �Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student�, las er vor, und der Sch�fer wiederholte die Worte.</p><p>�Ja, ja, das wei� ich jetzt. K�nnen Sie auch etwas anderes sagen? Hoc sit exemplum! Wenn ich nur w�sste, wie es weiterging... H�ren Sie? Hoc sit exemplum... veni, vidi, vici..."</p><p>Die Augen des Sch�fers hatten Patrick gefunden und hefteten sich wieder auf ihn. Seine Stimme war jedoch nicht mehr so fest wie zuvor, als er sprach: �Ne intraveris...�</p><p>Patrick notierte sich, was er h�rte, und wiederholte es. Aber der Sch�fer sprach immer leiser, und Patrick musste sein Ohr dichter an dessen Mund halten. �Ne intra... eris... et cogno... sce... scientiam.�</p><p>�Lauter, sprechen Sie lauter!� Hastig kritzelte Patrick seine Notizen.</p><p>�Ne intra... eris... cogno... scientia...� Die Worte waren schon kaum noch verst�ndlich.</p><p>�Ne intraveris cogno scientiam? Jacques! Noch einmal! Veni, vidi, vici, h�ren Sie?� Die Augen des Sch�fers lie�en von ihm ab und starrten wieder ins Leere.</p><p><emphasis>Verflucht!</emphasis> Patrick k�mpfte gegen den Drang an, den Ungl�cklichen wachzusch�tteln. Jetzt war er wieder weg. Ganz so, als sei er pl�tzlich ersch�pft, oder als h�tte er das Wichtigste gesagt. Nun, vielleicht hatte er es ja. Patrick hoffte, dass Peter ihm beim Entschl�sseln der Worte helfen konnte. Einmal wollte er es noch versuchen.</p><p>�Ave. Jacques! Ave!�</p><p>Der Mann bewegte sich ein wenig, wie ein Schl�fer, der nicht geweckt werden wollte. Patrick fasste ihn an der Schulter und r�ttelte ihn sanft. �Ave, Jacques... sind Sie noch da? H�ren Sie mich noch? Wo sind Sie? Quo vadis?� Der Gedanke war Patrick pl�tzlich gekommen. <emphasis>Quo vadis</emphasis>, wohin gehst du. �Quo vadis?!�, wiederholte er eindringlich und sprach es noch ein drittes Mal ganz nah und direkt in das Ohr des Sch�fers.</p><p>Die Antwort kam in langsamen St�cken und leise wie aus weiter Ferne: �In... me... ma... nebo... dum... me... reppe... rero...�</p><p>Die T�r des Raums flog auf. Dort standen der Mann vom Empfang und zwei massiv gebaute Krankenschwestern, von denen es jede Einzelne leicht mit Patrick h�tte aufnehmen k�nnen.</p><p>�Monsieur, wir m�ssen Sie bitten, Ihren Besuch unverz�glich zu beenden.�</p><p>Widerwillig folgte Patrick der Aufforderung. Aus dem Sch�fer h�tte er wohl sowieso nichts mehr herausbekommen. Als er durch die T�r und am Pf�rtner vorbeiging, streckte dieser seine Hand aus: �Meinen Stift, wenn ich bitten darf.�</p><p>Da er am Nachmittag nicht zur H�hle fahren wollte, besch�ftigte sich Patrick mit den Computern ihres B�ros im Hotel und traf Peter erst zum Abendessen. Der Professor sa� mit einer blonden Frau an einem Tisch.</p><p>�Patrick Nevreux, das ist Stefanie Kr�ger�, stellte der Professor vor. �Sie ist uns von Genf als Sprachwissenschaftlerin zugeteilt worden.�</p><p>Patrick wechselte einen fl�chtigen Blick mit Peter, aber dieser reagierte nicht auf die stumme Frage. Also begr��te er die Frau nur kurz, setzte sich und bestellte dann. Er beobachtete sie unauff�llig und versuchte sie einzusch�tzen. Dem Aussehen nach zu urteilen war sie keine harte k�rperliche Arbeit gewohnt und w�rde sich auch nicht dreckig machen wollen. Sie sah verdammt gut aus. In seiner ganz pers�nlichen Erfahrung war solches Aussehen h�ufig gepaart mit einem d�mmlichen Verstand oder Hochn�sigkeit. Doch im Laufe des folgenden Gespr�chs best�tigte sich keines seiner Vorurteile. Aber wie sagte man: Was zu gut war, um wahr zu sein, war meistens auch nicht wahr. Vermutlich hatte sie etwas zu verbergen.</p><p>Sie redeten �ber dies und das, ihre Arbeit am British Museum und Patricks Expedition nach Mittelamerika. Erst nachdem die erste Flasche Corbi�re auf dem Tisch stand, lockerte sich die Stimmung allm�hlich, und Peter brachte die Sprache auf das Projekt.</p><p>�Durch Stefanie haben wir gute Fortschritte gemacht. Wir konnten ein paar mehr Texte entziffern und haben noch etwas anderes Interessantes herausgefunden. Sie m�ssen sich unbedingt gleich die Aufzeichnungen ansehen.�</p><p>�Gibt's denn auch etwas Neues �ber den Durchgang?�</p><p>�Leider noch nicht�, antwortete Stefanie, �aber ich habe schon eine Ahnung. Sie ist noch vage, aber ich will gleich nach dem Essen mit der Recherche anfangen.�</p><p>�Und wie war der Besuch im Sanatorium?�, fragte Peter. �Haben Sie den Sch�fer gefunden?�</p><p>�Ja, habe ich.� Patrick goss sich erneut Wein ein. �Es war nicht angenehm, das kann ich Ihnen sagen. Sah aus wie ein Zombie und war v�llig abwesend. Wenn man den Typ als Warnschild vor dem Eingang der H�hle aufbauen w�rde, brauchte man weder zwei Dutzend Ranger noch Stahltore.�</p><p>�War es denn <emphasis>so</emphasis> schlimm?�, meinte Stefanie.</p><p>�Schlimm war, dass er noch lebte.�</p><p>�Ich bitte Sie!�</p><p>�Nein, es ist mein voller Ernst. Sie sind nicht dabei gewesen, sonst w�rden Sie dasselbe sagen. Er war kaum mehr als eine zerschundene, ausged�rrte H�lle, und sein Geist war nicht in besserem Zustand.�</p><p>�War er denn richtiggehend umnachtet?�, fragte Peter.</p><p>�Er hat ein paar Brocken gefaselt, die Notizen habe ich oben. Ich wei� nicht, ob es stimmt, ich hatte das Gef�hl, es war Latein. Aber das war nicht nur umnachtet, das war hochgradig irrsinnig. Das Resultat elektrischer Zuckungen im Hirn oder so. Mir hat es jedenfalls gereicht!�</p><p>�Wie furchtbar�, sagte Stefanie mit sarkastischem Unterton. �Gut, dass Sie kein Krankenpfleger geworden sind, was?�</p><p>�Sie sind wohl eine ganz Harte!� Patricks Augenbrauen zogen sich zusammen. �Ich habe den Kopf da reingesteckt, und irgendein Mist ist mir dabei auch passiert. Ich habe keine Lust, so zu enden wie der Typ!�</p><p>�Es tut mir leid, Patrick, daran hatte ich nicht gedacht. Peter hat mir davon erz�hlt.�</p><p>Patrick antwortete nicht und studierte mit m�rrischem Blick die Speisekarte.</p><p>�Okay, Patrick?� Stefanie fasste ihn am Arm, doch dieser ignorierte die Geste und rief stattdessen einen Ober herbei.</p><p>�Vergessen Sie's. Bestellen wir noch einen Nachtisch, und dann an die Arbeit.�</p><p>�Was f�r eine Ausr�stung!�, staunte Stefanie, als sie zum ersten Mal die B�rosuite betrat. �Haben wir mit diesen Rechnern auch einen Online-Zugang?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Peter. �Haben wir?�</p><p>�Eine Internet-Anbindung? Wir haben es noch nicht ausprobiert�, erkl�rte Patrick. �Aber gehen Sie mal davon aus.�</p><p>�Gut. Das wird mir bei den Recherchen sehr n�tzlich sein.� Sie setzte sich an den Konferenztisch und breitete ihre Notizzettcl aus. Sie enthielten Abschriften der Texte aus der H�hle, Skizzen und Symbole. Ihre beiden Kollegen setzten sich dazu. Patrick z�ndete eine Zigarette an und lehnte sich zur�ck.</p><p>�Ja, es w�rde mich tats�chlich st�ren, wenn Sie rauchen�, sagte Stefanie. �Danke, dass Sie gefragt haben.�</p><p>Patrick setzte zu einer Antwort an, doch als er Peters eindringlichem Blick begegnete, verzog er den Mund und dr�ckte seine Zigarette m�rrisch aus.</p><p>�Die Menge der Texte in der H�hle ist ja schier �berw�ltigend�, fing Stefanie an, �ich habe mir heute nur die Texte angesehen und abgeschrieben, deren Sprachen ich selbst einigerma�en z�gig �bersetzen kann. Dabei ist uns aber schon etwas aufgefallen. Wie Sie beide ja schon festgestellt hatten, gibt es zwei verschiedene Arten von Texten. Die einen sind akribisch ausgef�hrt und passen sich zum Teil sogar kunstvoll den Formen des Untergrundes an, und sie scheinen sich an keiner Stelle zu �berschneiden. Vielleicht wurden sie alle zur selben Zeit angebracht. Hierbei handelt es sich in der Regel um l�ngere Texte. Wir haben diese die �Urtexte� genannt. Die anderen Inschriften sind h�ufig fast unleserlich, wirken dahingeschmiert, wie eine Art mittelalterliches Graffiti. Mit einigen Ausnahmen sind das meiste kurze Texte, wenige Zeilen, nur ein paar S�tze oder W�rter. Diese Texte sind zu einem sp�teren Zeitpunkt angebracht worden, was auch daran zu sehen ist, dass sie die Urtexte h�ufig �berdecken.�</p><p>�Die Zeichnung der Rose�, �berlegte Patrick, �mit dem Spruch darunter...�</p><p>�...ist ein Graffiti-Text�, erg�nzte Stefanie.</p><p>�Und was schlie�en Sie daraus? Dass irgendein Dilettant ein paar hundert Jahre sp�ter die H�hle gefunden und sie voll gekritzelt hat?�</p><p>�Wer wei�? Nach einem Tag k�nnen wir nat�rlich nicht sicher sein, ob diese Klassifizierung in zwei Text-Kategorien wirklich f�r alle Inschriften g�ltig ist. Und was das bedeutet, steht sowieso auf einem anderen Blatt, aber es ist zumindest ein Anhaltspunkt.�</p><p>�Stefanie hat beim ersten Entziffern m�glicherweise weitere Hinweise gefunden, die die Texte voneinander unterscheiden�, sagte Peter. �Anscheinend wurde ein ganzer Teil nicht nur sp�ter und unsauberer angebracht, der inhaltliche Zusammenhang ist auch ein anderer.�</p><p>Patrick spielte mit seinem Feuerzeug. �Dann schie�en Sie mal los.�</p><p>�Also�, begann Stefanie erneut, �bei den Urtexten handelt es sich, soweit ich das bisher sagen kann, um klassische Texte, also Teile bekannter Werke. Da sind eine Menge Passagen der Bibel zu finden, aber auch Ausschnitte aus klassischen lateinischen oder griechischen Werken. Bei den hebr�ischen Texten handelt es sich um Teile der Thora, den B�chern Moses. Wenn meine Theorie stimmt, werden wir feststellen, dass die Texte in Keilschrift aus dem sumerischen Gilgamesch-Epos stammen.�</p><p>�Was genau besagt denn Ihre Theorie?�</p><p>�Die Texte sind nicht alle direkt religi�ser Natur, aber aus irgendeinem Grund haben sie alle Sch�pfungsgeschichten oder Fragen nach dem Ursprung oder der Vergangenheit der Menschen zum Thema. Wer auch immer die Inschriften hinterlassen hat, konnte oder wollte keine eigenen Texte formulieren, sondern nahm bewusst Bezug auf bereits vorhandene Quellen.�</p><p>�Das k�nnte ein Zeichen f�r mangelnde Kreativit�t oder Analphabetismus sein�, meinte Patrick.</p><p>�Sie meinen, jemand hat einfach irgendwas abgeschrieben?�, fragte Peter.</p><p>�Das halte ich f�r unwahrscheinlich�, entgegnete Stefanie. �Wer auch immer die H�hle ausgemalt hat, war sich sehr wohl der Inhalte der Texte bewusst. Die Umbr�che und Gruppierungen sind durchweg logisch und korrekt. Es war sicherlich kein Akt blinden Abschreibens.�</p><p>�Warum zitiert dann jemand die Weltliteratur?� Patrick tastete wieder nach seiner Zigarettenschachtel, z�gerte, legte sie dann aber lediglich vor sich auf den Tisch.</p><p>�Vielleicht um auf etwas hinzuweisen?� Peter �berlegte laut. �Etwas, das alle Texte gemeinsam haben, oder etwas, das sie alle unterscheidet?�</p><p>�Dass es einen tiefer liegenden Sinn geben muss�, warf Stefanie ein, �darauf scheint ja auch der Spruch unter der Rose hinzuweisen: �<emphasis>Dies sei ein Beispiel, denen, die mir folgen.</emphasis>� Es gibt wohl irgendetwas aus den Texten zu lernen.�</p><p>�Sch�n und gut. Die �Urtexte� sind also Sch�pfungsgeschichten. Und was haben die anderen, die �Graffiti-Spr�che� gemeinsam?� Patrick fand die Bezeichnung �u�erst seltsam und betonte sie dementsprechend. �Etwa, dass es <emphasis>keine</emphasis> Sch�pfungsgeschichten sind?�</p><p>�Seien Sie doch nicht so biestig�, sagte Peter. �Wir sind doch auch erst am Anfang.�</p><p>�Sie k�nnen sich gerne eine anstecken, wenn es Sie beruhigt�, sagte Stefanie. �Aber machen Sie zumindest so lange ein Fenster auf.�</p><p>�Na also.� Patrick stand auf, �ffnete eines der Fenster und setzte sich rauchend auf die breite Fensterbank.</p><p>Stefanie fuhr derweil fort: �W�hrend die Urtexte ordentlich sind und religi�s oder geschichtlich bedeutsam erscheinen, haben die Graffiti-Texte allesamt einen anderen Tenor. Sie scheinen zwar zum Teil dahingeschmiert, aber sie sind nicht weniger weise.� Stefanie schob einige Bl�tter vor und deutete auf die Zeilen:</p><empty-line/><p><image l:href="#8"/></p><p>�Das ist hebr�isch�, erkl�rte sie, �sieht religi�s aus, klingt auch wie ein Pijut, ist es aber nicht.�</p><p>�Was w�re denn ein Pijut?�, fragte Patrick vom Fenstersims.</p><p>�Ein Pijut ist eine j�dische Dichtung, wie man sie in der Synagoge verwendet.</p><p>�<emphasis>Nitsavti lefanaw ke navi lifne ha bar,</emphasis></p><p><emphasis>namassti lefanaw ketippa bajam, ilem anochi lefanau�.</emphasis>�</p><p>Das hei�t �bersetzt:</p><p>�<emphasis>Ich trat vor ihn wie ein Prophet vor den Berg,</emphasis></p><p><emphasis>ich ging in ihm auf wie ein Tropfen im Meer,</emphasis></p><p><emphasis>ein Stummer bin ich vor ihm.</emphasis>��</p><p>�Ein biblisches Zitat ist es nicht�, �berlegte Peter.</p><p>�Richtig�, sagte Stefanie. �Aber es ist gebildet. Andere Graffiti-Texte stammen sogar aus der Bibel, wie zum Beispiel das �<emphasis>memento, homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris</emphasis>�, das Sie gefunden haben; �<emphasis>erinnere dich, Mensch, dass du aus Staub bist, und dich zu Staub zur�ckwandeln wirst</emphasis>�.� Stefanie deutete auf weitere Abschriften aus der H�hle. �Hier ist noch ein gutes Beispiel. Da findet sich zun�chst als Urtext eine Passage aus Platons <emphasis>Timaios</emphasis>, ein Teil, der die Sch�pfung der Welt betrachtet. Ein echter Klassiker sozusagen, allerdings auf Latein, statt auf Altgriechisch:</p><p>�<emphasis>Haec igitur aeterni dei prospicientia iuxta nativum et umquam futurum deum levem eum et aequiremum indeclivemque et a medietate undique versum aequalem exque perfectis universisque totum perfectumque progenuit.</emphasis>�</p><p>So geht es noch ein paar Abs�tze weiter. Aus dem Stegreif �bersetzt lautet das in etwa:</p><p>�<emphasis>Dieser ganze Gedanke des ewig seienden Gottes, �ber den zuk�nftig seienden Gott gedacht, lie� ihn zu einem glatten und ebenm��igen, �berallhin von der Mitte aus gleichen und ganzen und vollendeten K�rper aus vollendeten K�rpern werden.</emphasis></p><p>Eine Seele aber in seine Mitte setzend durch das Ganze spannte er, und auch von au�en den K�rper umh�llte er mit ihr.</p><p>Und einen im Kreis einen Kreis drehenden Himmel, den einen einzigen, einsamen stellte er hin, durch Tugend in sich selbst verm�gend, sich zu befruchten, und keines anderen bed�rftig, bekannt und befreundet zur Gen�ge mit sich selbst; durch alles dieses gl�ckselig als einen Gott zeugte er ihn.�</p><p>Ein ber�hmter Text, etwa zweieinhalbtausend Jahre alt. Die Kugel als vollendeter K�rper, dem die Erde und die Planetenlaufbahnen entsprechen.�</p><p>�Knapp tausend Jahre sp�ter wurde man f�r solche ketzerischen Gedanken auf dem Scheiterhaufen verbrannt�, sagte Peter.</p><p>�Ja�, sagte Stefanie. �Sehr eindrucksvoll. Und mit Liebe zum Detail an die H�hlenwand aufgebracht. Und dann kommt einer daher und schmiert einen Graffiti-Text dar�ber, der nicht weniger intelligent ist. Einer der l�ngsten Graffiti-Texte:</p><p>�<emphasis>Ex quo omnia mihi contemplanti praeclara cetera et mirabilia videbantur.</emphasis></p><p><emphasis>Erant autem eae stellae, quas numquam ex hoc loco vidimus</emphasis></p><p><emphasis>et eae magnitudines omnium, quas esse numquam suspicati</emphasis></p><p><emphasis>sumus, ex quibus erat ea minima quae ultima a caelo citima</emphasis></p><p><emphasis>terris luce lucebat aliena; stellarum autem globi terrae magnitudinem facile vincebant.</emphasis></p><p><emphasis>lam vero ipsa terra ita mihi parva visa est, ut me imperii</emphasis></p><p><emphasis>nostri, quo quasi puntum eius attingimus, paeniterent.</emphasis>�</p><empty-line/><p>Das ist ein Teil aus Ciceros <emphasis>De re publica</emphasis>, wenn ich mich richtig erinnere, aus dem Traum Sicipios, etwa f�nfhundert Jahre sp�ter:</p><empty-line/><p>�<emphasis>Von dort aus schien mir, wie ich es betrachtete, alles �brige herrlich und wunderbar.</emphasis></p><p><emphasis>Es gab dort aber Sterne, die wir niemals von diesem Ort aus gesehen haben, und Gr��enverh�ltnisse bei ihnen allen, von denen wir keine Ahnung gehabt haben, von ihnen war der kleinste, der als Letzter vom Himmel als N�chster der Erde in fremdem Licht leuchtete; die Kugeln der Sterne aber �bertrafen die Gr��e der Erde mit Leichtigkeit.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, die Erde selbst erschien mir so klein, dass es mich unseres Reiches, mit dem wir nur gleichsam einen Punkt von ihr ber�hren, sch�mte.</emphasis>��</p><empty-line/><p>�Was ist denn nun Ihre Theorie?�, wollte Patrick wissen. �Dass die Graffiti-Schreiber Intellektuelle waren?�</p><p>�Ja, das kann man jedenfalls schon mal annehmen. Die Graffiti-Texte wurden sp�ter angebracht, zum Teil scheinen sie wie Antworten auf die Urtexte. Sie sind gebildet, aber sie vermitteln alle eine besondere Art Ehrfurcht. Ehrfurcht vor der Winzigkeit des Menschen im kosmischen Gef�ge, Ehrfurcht vor Wissen und den gro�en Geheimnissen der Welt.�</p><p>�Wir wissen noch nicht, wer diese ganzen Texte anbrachte�, sagte Peter, �nur scheint es, als h�tten die Verfasser der Graffiti-Texte andere Beweggr�nde gehabt.�</p><p>�Ja, besonders deutlich macht es dieser hier:</p><empty-line/><p>�<emphasis>Arcana publicata vilescunt; et gratiam prophanata amittunt. Ergo: ne margaritas obijce porcis, seu asino substerne rosas.</emphasis>�</p><empty-line/><p>Ich wei� nicht, ob das ein historisches Zitat ist, es hei�t:</p><empty-line/><p>�<emphasis>Ver�ffentlichte Geheimnisse werden billig; und das Entheiligte verliert alle Anmut. Also: Wirf nicht Perlen vor die S�ue, noch streue dem Esel Rosen.</emphasis>�</p><empty-line/><p>Das stand �brigens neben der Zeichnung mit der Rose, allerdings in einer etwas altert�mlichen Schrift, so dass wir es erst heute entziffert haben.�</p><p>�Ich kenne es...�, �berlegte Peter. �Ich komme nur gerade nicht darauf, woher...�</p><p>�Irgendwie habe ich das Gef�hl, als redeten hier alle um den hei�en Brei herum�, sagte Patrick, schloss das Fenster und setzte sich wieder zu den anderen an den Tisch. �Als ob man zu sp�t in ein Gespr�ch platzt und als Einziger nicht wei�, worum es geht. Oder wenn alle lachen, und man hat den Witz nicht geh�rt.�</p><p>�Ich kann Ihnen nicht folgen�, sagte Peter.</p><p>�Ich schon�, warf Stefanie ein. �Ich wei�, was Sie meinen: Man bekommt das Gef�hl, dass es irgendein unbekanntes Thema gibt, aus dessen Anlass all diese Texte und Kommentare verfasst wurden. Die Schreiber hatten alle dasselbe im Hinterkopf. Nur, was war dieses Thema, dieses geheime Wissen? Hier ist ein Text, der in ebendiese Kerbe schl�gt.� Sie zeigte den Forschern ein weiteres Papier.</p><empty-line/><p><image l:href="#4"/></p><empty-line/><p>�Das ist Altgriechisch�, erkl�rte Stefanie, �den Ursprung konnte ich spontan nicht ermitteln. Es scheint auch nicht ganz fehlerfrei zu sein, aber ich habe es grob �bersetzen k�nnen:</p><empty-line/><p>�<emphasis>Wenn Gleichheit Gerechtigkeit ist, und Wissen Macht</emphasis>,</p><p><emphasis>dann ist die Welt gut, wenn die G�nze allen Wissens f�r alle zug�nglich ist.</emphasis></p><p><emphasis>jeder darin ist m�chtig, und alle sind gleich.</emphasis></p><p><emphasis>Der M�chtigste aber ist der, der Wissen findet.</emphasis></p><p><emphasis>Er muss weise sein, so dass er es mit anderen teilen kann.</emphasis>��</p><empty-line/><p>�Klingt erstaunlich modern. Nach Wissensmanagement�, sagte Peter.</p><p>Stefanie nickte. �Noch interessanter ist, was jemand als Erg�nzung an den letzten Satz angef�gt hat:</p><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p><empty-line/><p>�<emphasis>...und er muss weise genug sein, es zu verheimlichen.</emphasis>��</p><p>�Na fein�, sagte Patrick und sch�ttelte den Kopf, �jetzt haben wir eine ganze Menge Hebr�isch und Latein und Griechisch geh�rt, und mir brummt der Sch�del. Ich kann in dem Ganzen noch keinen roten Faden sehen.�</p><p>�Vielleicht ist es einfach noch zu fr�h�, gab Peter zu. �Aber immerhin identifizieren wir jetzt die Puzzleteile. Wenn wir sie auch noch nicht zusammensetzen k�nnen.�</p><p>�Mindestens genauso bemerkenswert wie die alten Inschriften�, sagte Patrick, �finde ich das Interesse der Leute, die heute leben. Das Verhalten der Gro�meisterin und dann dieses merkw�rdige Fax, das...� Er stockte, als sein Blick am Fax-Ger�t h�ngen blieb. Weiteres Papier war inzwischen aus dem Ger�t gekommen und lag im Auffangkorb. �Was ist das?� Er stand auf, griff die Papiere und �berflog sie. �Das gibt's doch nicht!�</p><p>�Was ist es?�</p><p>Patrick brachte die zwei Faxe zum Tisch und legte sie nebeneinander. �Wo wir gerade von Frau Gro�-Guru sprachen: Ihre Voraussage hat sich gerade best�tigt, Peter. Sie schreibt, dass sie sich tats�chlich noch mal mit uns treffen will.� Dann deutete er auf das andere Papier. �Und nun sehen Sie sich dieses hier an:</p><empty-line/><p>�<emphasis>Sehr geehrte Herren,</emphasis></p><p><emphasis>uns ist zur Kenntnis gelangt, dass Sie Nachforschungen in einer Angelegenheit betreiben, in der wir Ihnen notwendige Informationen geben m�chten. M�glicherweise haben Sie diese bereits ber�cksichtigt, doch w�rden Sie in diesem Fall sicherlich erfreut sein, den Stand Ihrer Forschung best�tigt zu wissen.</emphasis></p><p>Daher m�chten wir Sie zu einem informativen Treffen einladen. Der verschwiegenen Natur Ihrer Angelegenheit kommen wir gerne entgegen, seien Sie sich unserer Diskretion versichert�</p><empty-line/><p><emphasis>Mit freundlichen Gr��en</emphasis> und so weiter, <emphasis>Samuel zu Weimar.</emphasis> Da ist auch gleich eine Anfahrtsskizze dabei.</p><p>�Samuel zu Weimar?� Peter schmunzelte. �Klingt wie ein schlechtes Pseudonym, nicht wahr?�</p><p>�Stimmt�, sagte Stefanie. �Soll wohl Deutsch wirken. Wer ist das, und woher kennt dieser Mensch unsere Fax-Nummer?�</p><p>�Ich vermute, dass Ihr Bekannter in Paris nicht ganz so vertrauensw�rdig war, wie Sie gehofft haben, was, Peter?�</p><p>�In der Tat, so sieht es aus.�</p><p>�Sehen Sie sich den Briefkopf an!�, staunte Stefanie und wies auf eine Vignette. Sie stellte eine Rose dar, in deren Zentrum ein Kreuz sowie die Buchstaben M. L. zu erkennen waren. �ber der Rose z�ngelten drei Flammen. Darunter stand ein Schriftzug. �<emphasis>Mission des Lichts � In nomine Patris et Filii et Spiritus Sankti</emphasis>��, las sie vor, �<emphasis>Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes.</emphasis>�<emphasis>.</emphasis></p><p>�Amen.�</p><p>�Sie sind ein L�stermaul, Patrick.�</p><p>Er grinste und ging wieder zum Fenster, um eine weitere Zigarette zu rauchen. �Fassen wir mal zusammen�, sagte er nach dem ersten Zug. �Einerseits erforschen wir eine H�hle. Technisch kommen wir im Augenblick nicht weiter, aber wir sind immerhin dabei, die alten Texte zu entziffern. Leider geben sie uns bisher keinen Hinweis auf den Sinn und Zweck des Ganzen. Gleichzeitig haben verschiedene Leute inzwischen Wind von unseren Recherchen bekommen. Da gibt es die Gro�meisterin eines Freimaurerordens. Sie scheint die Zeichnung der Rose mit irgendetwas in Verbindung zu bringen, wollte uns aber erst nichts sagen. Jetzt m�chte sie sich wieder mit uns treffen. Dann haben wir ein Fax von einem mysteri�sen St. G., der uns irgendwie vor den Auswirkungen unserer Forschungen warnen will, und wir haben ein Fax von einem Samuel von Weimar, der behauptet, dass er Infos f�r uns hat. Habe ich etwas vergessen?�</p><p>�Neben den Texten in der H�hle�, warf Stefanie ein, �sollten wir auch weiter Recherchen �ber die Symbole am Durchgang selbst betreiben. Das scheint fast noch wichtiger.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Peter. ��ber die Symbole, die Kreise und den Durchgang wissen wir noch gar nichts. Zun�chst hatten wir ja gedacht, dass uns die Texte im vorderen Teil der H�hle helfen w�rden, aber so sieht es im Augenblick nicht aus. Stefanie, Sie hatten eine Idee, sagten Sie...?�</p><p>�Wirklich nur sehr vage. Aber ich werde mich jetzt darauf konzentrieren. Einen oder zwei Tage an diesen Rechnern und Internetzugang brauche ich. Dann kann ich mehr dar�ber sagen.�</p><p>�Und Patrick, Sie sollten nun tats�chlich versuchen, die Absender der Faxe herauszufinden�</p><p>�Ja, das habe ich auch vor.�</p><p>�Und eines noch�, sagte Stefanie.</p><p>�Ja?�</p><p>�Sie wollten uns Ihre Notizen vom Besuch im Sanatorium zeigen.�</p><p>Patrick z�gerte. �Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass man damit etwas anfangen kann.�</p><p>�Vielleicht ja schon�, sagte Peter. �Zeigen Sie sie.�</p><p>Patrick holte ein paar zusammengefaltete Zettel hervor. �Ich habe das so aufgeschrieben, wie ich es verstanden habe. Ist vielleicht v�lliger Unsinn:</p><p>�<emphasis>Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student</emphasis></p><p> ne introverts cogno scientiam</p><p> in me ma nebo dum me reppe rero.��</p><p>Stefanie zog die Augenbrauen hoch. �Das ist Latein! Den Anfang kann man gut verstehen: �<emphasis>Vertraue nicht denen, die dir helfen wollen.</emphasis>� K�nnen Sie den Teil in der Mitte noch mal wiederholen?�</p><p>Patrick las die Zeile erneut vor.</p><p>�Der Anfang hei�t �<emphasis>tritt nicht ein</emphasis>�, dann m�sste es aber in der Folge �<emphasis>cognosce scientiam</emphasis>� hei�en. Kann das sein? Hat er vielleicht �<emphasis>cognosce</emphasis>� gesagt?�</p><p>�Kann schon sein, es war immerhin nur dahingenuschelt.�</p><p>�Dann hie�e es �<emphasis>erkenne das Wissen�.</emphasis> Wenn es aber so undeutlich war, k�nnte er dann auch �<emphasis>et cognosce scientiam</emphasis>� gesagt haben?�</p><p>�Ich denke schon. Ist das wichtig?�</p><p>�Nun, es w�rde das Gegenteil bedeuten. Entweder er wollte ausdr�cken, man solle nicht eintreten und <emphasis>stattdessen</emphasis> das Wissen erfahren, oder er wollte sagen, man solle nicht eintreten und <emphasis>somit nicht</emphasis> das Wissen erfahren.�</p><p>�Es stellt sich auch die Frage, <emphasis>wo rein</emphasis> man nicht eintreten soll�, sagte Peter.</p><p>�Na prima�, sagte Patrick. �Das erinnert mich an den anderen Bekloppten im Sanatorium. Vielleicht ist es so, vielleicht nicht, hat der immer gesagt.�</p><p>�Wahrscheinlich meinte er die H�hle�, �berlegte Peter.</p><p>�Vielleicht�, sagte Stefanie. �Schlie�lich ist es irgendwie eine H�hle des Wissens... wie war der letzte Satz noch?�</p><p>�Ich habe nur Bruchst�cke verstanden: �<emphasis>ln me ma nebo dum me reppe rero.</emphasis>� Ergibt das Sinn?�</p><p>�Ja, sehr deutlich sogar. �<emphasis>In me manebo dum me repperero</emphasis>� hei�t es und bedeutet: <emphasis>Ach bleibe in mir, bis ich mich wiedergefunden haben werde.</emphasis>� Ganz sch�n philosophisch, Ihr Sch�fer.�</p><p>�Klingt wie einer der Graffiti-S�tze�, sagte Peter. �Finden Sie nicht? Mal abgesehen davon, dass dieser einfache Mann merkw�rdigerweise pl�tzlich die Sprache der Gelehrten spricht, formuliert er auch noch h�chst gebildete Gedanken.�</p><p>�Ja, das Erlebnis in der H�hle muss ihn nachhaltig beeinflusst haben... Und Sie sind sicher, dass Sie nicht auch pl�tzlich Latein verstehen, Patrick?�</p><p>�Ich finde das nicht witzig, Stefanie!�</p><p>�Es war auch v�llig ernst gemeint, Patrick. Haben Sie irgendwelche Ver�nderungen an sich beobachtet? Irgendetwas in Ihrem Denken oder Ihrem Verst�ndnis?�</p><p>�Nein!�</p><p>�Nun gut�, lenkte Peter ein. �Lassen wir das Thema. Vielleicht sollten Sie es aber im Hinterkopf behalten und sich selbst in den n�chsten Tagen aufmerksam beobachten. Interessant finde ich allerdings, dass er vor Leuten warnt, die helfen wollen. Was sollen wir davon halten?�</p><p>Patrick z�ndete sich eine neue Zigarette an. �Nun, wir behalten es am besten einfach ebenfalls im Hinterkopf.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 9</strong></p><p><emphasis>5. Mai, Palais de Moli�re nahe Paris</emphasis></p><p>Pr�sident Michaut hatte sich f�rmlich gekleidet, obwohl er dem Grafen versichert hatte, dass es sich um ein privates Treffen handeln w�rde. Der Graf respektierte alle notwendige Diskretion, dennoch war immer etwas Besonderes in seinem Auftreten, etwas Weltentr�cktes und zugleich Souver�nes. Pr�sident Michaut f�hlte sich ihm gegen�ber stets ein wenig unwohl. Es waren keine schlechten Gef�hle, weder Neid noch Misstrauen oder Angst. Es war wie ein unerkl�rlicher Respekt, eine Bewunderung, aber noch mehr als das. In seiner Gegenwart f�hlte er sich so sicher, wie er sich als Kind auf den Schultern seines Vaters gef�hlt hatte. Ja, wenn er ehrlich war, f�hlte er sich ihm in gewisser Weise unterlegen, wenn auch nicht minderwertig. Stattdessen empfand er f�r den Grafen eine ehrliche Bewunderung und Ehrfurcht. Mitunter f�hlte er sich fast dem�tig. Ein Gef�hl, das ihn so schleichend und mit einer solchen Nat�rlichkeit �berkam, dass er sich zusammennehmen und sich erinnern musste, dass er immerhin der Pr�sident von Frankreich war. W�re er sentimental oder esoterisch veranlagt, so w�rde er es fast als eine religi�se Liebe bezeichnen. Etwas �hnliches muss es gewesen sein, das die J�nger f�r ihren Messias empfunden hatten. In diesem Sinne war der Graf f�r den Pr�sidenten ein ganz pers�nlicher Heilsbringer. Und schon allein deswegen f�hlte er sich in dessen Anwesenheit im Anzug besser als in seiner privaten, legereren Kleidung.</p><p>�Guten Abend, Monsieur le Comte, ich freue mich, Sie wiederzusehen.�</p><p>�Guten Abend, Monsieur le Pr�sident. Wie immer ist es eine Ehre f�r mich.�</p><p>Pr�sident Michaut deutete auf einen Sessel. �Setzen Sie sich doch bitte. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?�</p><p>�Ich w�rde mich �ber einen trockenen Wei�wein freuen�, antwortete der Graf, indem er sich niederlie�. �Selbstverst�ndlich nur, wenn es Ihnen nicht zu viele Umst�nde bereitet.�</p><p>�Keineswegs. Erlauben Sie, dass ich Sie einen Augenblick allein lasse.� Der Pr�sident verlie� den Raum und begab sich in die K�che der Residenz. Mit Ausnahme des notwendigen Sicherheitspersonals und der Fahrer war niemand auf dem Grundst�ck anwesend. So blieb zwar die Verschwiegenheit des Treffens gewahrt, allerdings bedeutete dies auch, dass es keine Bedienung gab. Pr�sident Michaut war bodenst�ndig genug, daraus kein Problem zu machen. Eine Wei�weinflasche konnte er auch alleine finden und entkorken. Er �berlegte, ob es nicht der Auflockerung der Stimmung zutr�glich w�re, wenn er die Flasche einfach mit in den Salon br�chte, sie dort vor den Augen des Grafen �ffnete und ausschenkte. Er entschied sich jedoch dagegen und bereitete einen Serviertisch mit Gl�sern und einem K�hlhalter mit Eiswasser vor. Als er in den Salon zur�ckkehrte, schien es, als habe sich der Graf nicht um Haaresbreite bewegt, so ruhig sa� er noch immer da, die ineinander geschobenen H�nde auf dem Scho� ruhend und den Blick in die Flammen des Kaminfeuers gerichtet.</p><p>Pr�sident Michaut reichte dem Grafen ein Glas und setzte sich dann ebenfalls.</p><p>�Ich danke Ihnen f�r Ihre M�he�, sagte der Graf und hob das Glas.</p><p>�Seien Sie sich meiner Zuneigung versichert, Monsieur le Comte. Auf Ihr Wohl.�</p><p>�Und das Ihrige.�</p><p>�Wie Sie sich denken k�nnen, beruht meine Einladung dennoch nicht auf reiner Zuneigung.�</p><p>�F�r derlei Streben bleibt den M�chtigen dieser Welt selten Zeit.�</p><p>�Wie immer kann ich mich auf Ihr Verst�ndnis verlassen... und ich hoffe, dies auch weiterhin zu k�nnen.� Der Pr�sident stand auf und stellte sich neben den Kamin, wo er sich am Sims festhielt. �Ich ben�tige Ihre Hilfe.�</p><p>Der Graf blickte auf und nickte. Es war nicht festzustellen, ob er dies aus Zustimmung tat, aus H�flichkeit, oder weil er dies erwartet hatte. �Welche Art von Hilfe erhoffen Sie sich von mir?�</p><p>�Ich wei�, dass Sie kein politischer Mensch sind, Monsieur le Comte, dennoch ben�tige ich einen politischen Rat.�</p><p>�Wie k�nnte das, was mich in Ihren Augen unpolitisch macht, mich f�r einen politischen Rat qualifizieren?�</p><p>�Wenn ich Sie als unpolitisch bezeichne, wollte ich damit nicht Ihr Wissen um politische Zusammenh�nge ausschlie�en. Es ist vielmehr Ihre offensichtliche Entsagung politischer Gesch�fte oder Ihr fehlendes Engagement f�r eine politische Richtung oder Sache, die mich zu dieser Einsch�tzung f�hrt. Ich m�chte Sie damit keinesfalls kritisieren, bitte verstehen Sie mich nicht falsch.�</p><p>�Ich f�hle mich nicht kritisiert. Und Sie haben sicherlich Recht, ich bin kein politischer Mensch. Doch um der Sache gerecht zu werden, sollten wir in Betracht ziehen, ob nicht erfolgreiches politisches Wirken unbemerkt bleiben muss, und ob fehlendes Engagement f�r eine Richtung oder Sache nicht eine Kritik an ebenselbiger impliziert.�</p><p>Der Pr�sident konnte sich ein L�cheln nicht verkneifen. �Ebendies ist es, was ich so sehr an Ihnen sch�tze, Monsieur le Comte. Und es ist dieser Scharfsinn, den ich ben�tige. Wenn ich um einen politischen Rat bat, so habe ich mich vielleicht auch falsch ausgedr�ckt. In der Tat ben�tige ich einen Rat f�r meine Arbeit, in dieser Hinsicht ist er politischer Natur. Gleichwohl ist allein Ihr analytischer Verstand vonn�ten, mir weiterzuhelfen.�</p><p>�Worum geht es?�</p><p>�Wie Sie wissen, ist meine Position in der Partei sehr sicher und bis auf die Kritik der linken Opposition � die sich allerdings im �blicherweise zu erwartenden Rahmen bewegt � unangefochten. Meine Arbeit ist erfolgreich, und die Medien sind weitestgehend auf meiner Seite, die Bev�lkerung ebenfalls. Auch die n�chste Amtsperiode ist mir sicher, die Wahlen k�nnten ausgehend von den letzten Prognosen fast schon als pro forma bezeichnet werden. Nat�rlich kann und werde ich mich nicht darauf verlassen, aber die allgemeine Lage gibt zumindest keinen unmittelbaren Grund zur Besorgnis.�</p><p>�Dennoch...�, begann der Graf und wartete darauf, dass der Pr�sident den Satz zu Ende f�hrte.</p><p>�Dennoch gibt es seit einigen Tagen pl�tzlich sehr starken Widerstand in der Industrie, und ich kann mir weder erkl�ren, wie dieser zustande kommt, noch bin ich mir sicher, wie ich dem entgegentreten sollte oder kann.�</p><p>�Was analysieren Ihre politischen Berater?�</p><p>�Ihre Theorien sind vielf�ltig. So vielf�ltig, dass ich wage, sie als ratlos zu bezeichnen. Bestenfalls vermuten sie ein industrielles R�nkespiel mit internationalen Partnern, m�glicherweise anderen Staaten.�</p><p>Der Graf schenkte sich ein wenig Wein nach. Ein rotgoldener Siegelring blitzte im Schein der Flammen auf. �Ihnen missf�llt dieses Szenario?�, fragte er den Pr�sidenten.</p><p>�Es scheint mir etwas zu weit hergeholt, um so unvermittelt hereinzubrechen. H�tte es internationale Ausma�e, m�sste ich zudem ganz neue Stellen einbinden und Verbindungen wirksam machen, was sich wiederum nur mit ausreichend eindeutigen Hinweisen verantworten lie�e.�</p><p>�Wie �u�ert sich der Widerstand, von dem Sie sprechen?�</p><p>�Seit Jahren habe ich immer sehr gute Kontakte zur Industrie. Die Macher und Entscheider unserer Wirtschaft sind der Motor der Maschine dieses Landes, die Politik ist lediglich das �l. Ich erz�hle Ihnen nichts Neues.�</p><p>�Nein.� Der Graf sah in die Flammen. �Wir haben alles durchgemacht. Religion, Philosophie, Politik, Soziologie, und es sind Ideologien geblieben. Nur das Geld und dessen Wirtschaft haben sich immer wieder als endg�ltig wirksam erwiesen.�</p><p>�Die Banque Parisienne hat ihre Vertr�ge mit der Partei gek�ndigt�, fuhr der Pr�sident nun fort. �Gleichzeitig hat die Banque Atlantique Direct, die seit Jahren um eine Zusammenarbeit mit der Partei buhlt, ihr Interesse eingestellt. Dann gibt es ENF, den zweitgr��ten Stromanbieter im Land. Er wendet sich pl�tzlich von unseren Staatsanleihen ab und hat mich buchst�blich von der Veranstaltung n�chste Woche ausgeladen. Dasselbe ist passiert mit der Ferrofranc-Gruppe, ein Konglomerat der drei gr��ten erzverarbeitenden Konzerne dieses Landes, mit TVF M�dia und mit T�l�digit International. Das alles in nur vier Tagen.�</p><p>�Das ist bemerkenswert.�</p><p>Nun schenkte sich auch der Pr�sident ein weiteres Glas ein, blieb aber stehen. �Ich w�re weniger verunsichert, wenn es nicht aus heiterem Himmel k�me. Einer dieser offensichtlichen Unstimmigkeiten auf den Grund zu gehen, w�rde schon einiges an Recherche, Arbeit und vor allen Dingen Zeit kosten. Doch in dieser F�lle!�</p><p>�Sind bereits Schritte unternommen worden?�</p><p>�Ich habe alle Informationen �ber die jetzigen und geplanten Aktivit�ten der Firmen analysieren lassen. Der Geheimdienst wurde noch nicht eingebunden, wir haben uns zun�chst der �ffentlichen Quellen bedient. Allzu viel k�nnen die Aktiengesellschaften durch das allgemeine Augenmerk der Medien und der Investoren nicht geheim halten. Wir haben auch unsere Insiderkontakte genutzt, um alles �ber Pl�ne bevorstehender Fusionen oder Gesch�fte �hnlicher Tragweite zu erfahren. So etwas k�nnte zumindest das Verhalten erkl�ren.�</p><p>�Und?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Was schlie�en Sie daraus?�</p><p>�Entweder es gibt keine zugrunde liegenden Pl�ne oder Entscheidungen, oder sie kommen von h�chster Stelle.�</p><p>�An was f�r eine Stelle denken Sie dabei?�</p><p>Der Pr�sident z�gerte einen Augenblick. �Vielleicht gibt es etwas Geheimes innerhalb der Firmen, das weder die Investoren noch die Medien noch unsere Kontakte erfahren haben. So geheim, dass sogar das Vorhandensein des Geheimnisses unbekannt geblieben ist. Wenn man es genau bedenkt, ist das aber mehr als unwahrscheinlich, nein, wahrscheinlich sogar ausgeschlossen. Dann kann es sich nur um pl�tzliche und durchschlagende Entscheidungen handeln...�, Pr�sident Michaut trank einen Schluck und beendete den Satz halblaut, �wie sie vielleicht durch einen m�chtigen Gesellschafter erzwungen werden k�nnten.�</p><p>Der Graf nickte kaum merklich. �Welche Konsequenzen erwarten Sie?�</p><p>�F�r das Land oder die Partei?�</p><p>�Oder f�r sich selbst.�</p><p>�Das Land kann und wird keine Einnahmen verlieren, notfalls wird es auf Steuern umgelegt. Das Land hat auch schon viele Parteien �berlebt. Eine nationale Katastrophe wird es wohl kaum geben. Der Partei allerdings wird es weniger gut bekommen, wenn sie unerfreuliche Konsequenzen aus dem Verlust der Zusammenarbeit mit der Industrie ziehen muss.�</p><p>�K�nnte man Sie verantwortlich machen? W�rde man Sie wiederw�hlen?�</p><p>�Nun, die Opposition wird es zwar an meiner Person festmachen und dies den Medien und der Bev�lkerung auch so darstellen. Eine Wiederwahl wird so nat�rlich etwas schwieriger. Aber unm�glich ist sie damit noch lange nicht.�</p><p>�Das ist beruhigend. �berlegen Sie, was passieren k�nnte, w�rden Ihnen weitere Industrieunternehmen dieserart den R�cken kehren.�</p><p>Pr�sident Michaut antwortete nicht gleich. Dann setzte er sich in den Sessel und betrachtete den Grafen. Ein L�cheln huschte �ber sein Gesicht.</p><p>�Wissen Sie was, mein verehrter Monsieur le Comte? Ohne es zu ahnen, haben Sie mir heute Abend eine unsch�tzbare Hilfe erwiesen.�</p><p>Nun l�chelte auch der Graf. �Ist das so?�</p><p>�Ich wei� nun, was ich tun werde. Ich bin froh, dass Sie heute meiner Einladung gefolgt sind. Ich hoffe, dass ich Ihnen eines Tages einen ebensolchen Dienst erweisen kann.�</p><p>�Die Freude ist ganz meinerseits, Monsieur le Pr�sident. Allerdings m�chte ich ausdr�cklich und dringend darauf hinweisen, dass ich keine Vorstellung davon habe, wof�r und wie Sie mir danken m�chten.�</p><p>�Wie Sie meinen, dann lassen Sie mich wenigstens auf Sie ansto�en. Auf Ihr Wohl!�</p><p>�Auf das Ihrige. <emphasis>Non nobis, Domine, sed nomini Tuo da gloriam.</emphasis>�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 10</strong></p><p>7. <emphasis>Mai, Flug B�ziers � Paris</emphasis></p><p>Was halten Sie von ihr, Patrick?� Die Stewardess hatte gerade Getr�nke verteilt und bem�hte sich nun, in der kurzen verbleibenden Zeit, bis die Anschnallzeichen f�r den Landeanflug wieder aufleuchten w�rden, mit gewollter Ruhe und Freundlichkeit ein Maximum an Service zu bieten, leider ohne ihre tats�chliche Hektik v�llig verbergen zu k�nnen.</p><p>�Von der Stewardess?� Patrick grinste.</p><p>�Nein, von Stefanie. Mir scheint, dass Sie nicht begeistert von ihrer Mitarbeit sind. Sie waren ja fast erleichtert, als sie unbedingt im Hotel an den Rechnern bleiben wollte.�</p><p>�Ihre Arbeit ist gut. Ich habe nichts gegen sie.�</p><p>�H�ren Sie auf, Patrick. Ist es Neid?�</p><p>Patrick winkte ab. �Unsinn, nein! Sie arbeitet gut. Manchmal ist sie mir etwas zu herablassend, wissen Sie? Eine Klugschei�erin.� Er sah aus dem Fenster.</p><p>Peter schwenkte seinen Plastikbecher mit langsamen Bewegungen und lie� so die Eisw�rfel im Kreis taumeln. �Ich frage mich gerade�, sagte er und betrachtete Patrick von der Seite, �wie viel K�lte so ein kleiner Eisw�rfel abgeben kann, um den ganzen Becher zu k�hlen...�</p><p>�Der Eisw�rfel gibt gar keine K�lte ab.�</p><p>�Ach nein?� Peter l�chelte.</p><p>�Der Eisw�rfel schmilzt, da seine Umgebung w�rmer als null Grad ist. F�r diese Zustands�nderung ben�tigt er aber Energie. Deswegen holt er sich die W�rmeenergie seiner Umgebung. Es ist nicht das Eis, das K�lte abgibt, sondern die Fl�ssigkeit, die W�rme abgibt.�</p><p>�Na sehen Sie, Herr Ingenieur, das Klugschei�en macht Ihnen doch selber Spa�. Na los, sagen Sie schon, was Sie an Stefanie st�rt.�</p><p>�Nichts, wenn ich es doch sage! Ich muss ihr ja nicht gleich um den Hals fallen. Ehrlich gesagt, mache ich mir im Augenblick �ber ganz andere Dinge Gedanken.�</p><p>�Die Loge?�</p><p>�Ja. Ich wei� nicht, ob es so eine gute Idee ist, sich noch mal mit diesen Leuten zu treffen, sie sind mir wirklich unheimlich.� Patrick sah zum Professor hin�ber. �Sie scheint das nicht weiter zu ber�hren. Was wissen Sie noch alles �ber die Freimaurer?�</p><p>�Ich habe es Ihnen schon gesagt, ich hatte Sebastian w�hrend meiner Recherchen vor einigen Jahren kennen gelernt. Die haben ihre Rituale und Zeremonien, das muss einen nicht bek�mmern.�</p><p>�Und diese Kabbala? Was hat es damit auf sich?�</p><p>�Die Kabbala entstammt dem j�dischen Mystizismus. Es geht darum, die wahre, urspr�ngliche Thora wiederzufinden, die Wahrheiten und Weisheiten Gottes.�</p><p>�Eine Geheimlehre?�</p><p>�Fast die gesamte Magie des Mittelalters, oder das, was man so nannte, war von kabbalistischem Gedankengut durchzogen. Inzwischen gibt es so viele B�cher dar�ber, haupts�chlich aus der esoterischen Ecke, dass man es schwerlich eine Geheimlehre nennen kann.�</p><p>�Wie kommt es, dass Sie sich so gut damit auskennen? Sie scheinen auch mehr zu wissen, als es den Anschein hat, Herr Professor.�</p><p>�<emphasis>Der Siegeszug der Vernunft � Aberglaube und Rationalit�t im Wandel der Jahrtausende</emphasis>, erinnern Sie sich? Meine Vorlesungsreihe.�</p><p>�Also gut, erz�hlen Sie mehr davon. Was ist die Thora, und wie will man die Weisheiten Gottes darin wiederfinden?�</p><p>��<emphasis>Thora</emphasis>� ist das hebr�ische Wort f�r �<emphasis>Lehre</emphasis>�, damit ist der Pentateuch gemeint, die f�nf B�cher Moses. Der gesamte Text ist auf eine Rolle geschrieben, in hebr�ischen Buchstaben. Die religi�sen hebr�ischen Texte werden und wurden stets buchstabengetreu kopiert, so dass zum Beispiel alle hebr�ischen Bibeln weltweit, egal wie alt, immer absolut identisch sind. Nun gibt es verschiedene kabbalistische Methoden, die Thora zu lesen, sozusagen zu entschl�sseln, um geheime, dahinter liegende Botschaften zu finden.�</p><p>�Ren�e Gro�meister war ja auch der Meinung, dass Hebr�isch die Sprache Gottes sei.�</p><p>�Ja, die Suche nach der vollkommenen Sprache, die im Sp�tmittelalter und der Renaissance wahre Paradiesbl�ten getrieben hat, und die Kabbala h�ngen zusammen.�</p><p>�Und? Hat man schon versteckte Botschaften in der Thora gefunden?� Patrick war hellh�rig geworden.</p><p>�Die Kabbalisten sind der festen �berzeugung, dass ja.�</p><p>�Haben Sie eine Ahnung, was das f�r Methoden sind, mit denen da gearbeitet wird?�</p><p>�Es gibt verschiedene Systeme, mit denen Buchstaben umgestellt und Anagramme gebildet werden. Zudem hat jeder Buchstabe einen Zahlenwert. So kann man aus W�rtern Summen bilden. Diese Zahlen vergleicht und verrechnet man dann mit den Zahlenwerten anderer W�rter. Ach, es gibt unz�hlige Arten und Kombinationen. Besorgen Sie sich doch mal ein Buch, wenn es Sie so interessiert.�</p><p>Ein Gong t�nte durch das Flugzeug, gefolgt von einer Durchsage, dass man sich in Vorbereitung auf den Landeanflug anschnallen, die Tische hochklappen und die R�ckenlehnen senkrecht stellen m�ge.</p><p>�Oder warum fragen Sie Ren�e Colladon nicht selbst?�</p><p>Patrick lachte. �Das sollte ich wirklich tun. Meinen Sie, sie wird uns etwas dar�ber erz�hlen?�</p><p>�Ich glaube, sie wird uns noch etwas ganz anderes erz�hlen. Sie hat uns schlie�lich eingeladen, um uns entgegenzukommen, ist es nicht so?�</p><p>�Ich bin gespannt, Peter, ich bin wirklich gespannt.�</p><p>�Ren�e scheint einen Hang f�rs Theatralische zu haben.� Patrick betrachtete das mittlere Portal der Kathedrale, auf dem eine dramatische Darstellung des J�ngsten Gerichts prangte, in der Jesus als Weltenrichter die Seelen wahlweise zur Seligkeit oder zu H�llenqualen verdammte, beides f�r die Ewigkeit. <emphasis>Hier wird also die Spreu vom Weizen getrennt</emphasis>, �berlegte er. �<emphasis>Das war's, Feierabend, ihr habt eure Chance gehabt, ihr Verlierer.� Kein �Hey, wisst ihr was, Jungs, ich hab's mir �berlegt, ich vergebe euch trotzdem�. Nach Jahrtausenden noch nachtragend, der Alte Herr.</emphasis></p><p>�Haben Sie eine Vorstellung davon, wie oft ich schon in Paris gewesen bin�, sagte Peter, �und nun m�ssen wir erst zu einem geheimen Treffen eingeladen werden, um einmal nach Notre Dame zu kommen.�</p><p>�Na, dann lohnt sich der Besuch f�r Sie ja auf alle F�lle.�</p><p>Sie waren nicht zu fr�h. Neben einer der gewaltigen S�ulen im Eingangsbereich stand eine Frau und kam mit ausgestreckter Hand auf die beiden zu, als sie sie erblickten.</p><p>�Monsieur Nevreux, Professor Lavell, ich bin Ren�e Colladon.� Die Frau schien mittleren Alters zu sein. Sie trug eine dunkelrote Kombination aus Rock, Bluse und Jackett und wirkte sehr gesch�ftsm��ig. Unter dem Arm hielt sie eine schwarze Ledermappe.</p><p>�Sehr erfreut, Sie wiederzutreffen�, begr��te Peter sie.</p><p>�Ihre Stimme kommt mir in der Tat bekannt vor�, sagte Patrick. �Heute ganz ohne Kapuze?�</p><p>Die Frau l�chelte. �Vielleicht schaffe ich es noch, dass Sie sich etwas weniger lustig machen.�</p><p>�Ich hoffe, Sie nehmen es nicht �bel�, warf Peter ein, aber Patrick lie� sich nicht beirren.</p><p>�Beeindrucken Sie mich�, forderte er die Frau heraus.</p><p>�Das werde ich nicht tun, Monsieur Nevreux. Und wissen Sie auch, warum? Weil ich nicht den missionarischen Eifer habe, Ihnen die Augen zu �ffnen, solange Sie sie verschlie�en.� Sie wandte sich langsam zum Gehen, und w�hrend sie wie beil�ufig durch den seitlichen Gang des Mittelschiffes schlenderten, fuhr sie fort: �Aber Sie suchen, und ich werde Ihnen Antworten geben. Deswegen treffen Sie mich heute ohne Verh�llung. Ich m�chte Ihnen meine Aufrichtigkeit demonstrieren, und mein Vertrauen in Sie. Sehen Sie dieses Fenster? Was f�r prachtvolle Details die Sonne enth�llt? <emphasis>Fiat lux</emphasis>, es werde Licht! Wie kann ich Ihnen helfen, Messieurs?�</p><p>�Sie haben die Zeichnung gesehen�, sagte Peter. �Was k�nnen Sie uns �ber die Rose sagen?�</p><p>�Monsieur le Professeur, Sie verschwenden wirklich kein �berfl�ssiges Wort. Aber lassen Sie uns noch nicht �ber die Rose sprechen. Am Ende werde ich es sein, die nach der Rose fragt, daher nutzen Sie die Chance, die Fragen zu stellen, die Ihnen wirklich am Herzen liegen. Monsieur Nevreux, Sie schienen mir bei unserem letzten Treffen ebenso unverbl�mt wie unbedarft...�</p><p>�Gut, wenn Sie wollen, dann erz�hlen Sie mir mehr �ber den Mumpitz in der Loge, die Kleidung, den Saal, den Gefangenen. Und haben Sie schon g�ttliche Weisheiten in der Thora gefunden?�</p><p>�Patrick, ich bitte Sie!�</p><p>�Es ist schon gut, Professor, ich habe diese Fragen erwartet, und ich bin bereit, sie zu beantworten; zumindest so gut ich sie einem Au�enstehenden in wenigen Worten beantworten kann. Professor, sagen Sie uns, welches dem heutigen Stand der Wissenschaft nach die Wiege der Menschheit ist. Ist es nicht Afrika?�</p><p>�In gewissem Sinne und mit Einschr�nkungen, ja.�</p><p>�Ihre Zur�ckhaltung ist nicht vonn�ten, Monsieur le Professeur, Sie sprechen nicht vor einem Anwalt.� Ren�e lachte. �Aber es ist nur richtig, dass Sie mir zustimmen. Nicht nur die Wiege der Menschheit liegt hier. Hier nahm alle Sch�pfung und alle Vernunft ihren Anfang. Hier war das Paradies. Hier wurde noch die Sprache Gottes gesprochen, und hier taten wir auch die ersten baumeisterlichen Schritte. Die �gypter bauten die Pyramiden, und Noah konnte sich und sein Gefolge retten, als Gott ihn warnte und die gro�e Flut alles verschlang.�</p><p>�Die Sintflut fand also in Nordostafrika statt?� Patrick versuchte, seinen Tonfall nicht allzu sarkastisch klingen zu lassen.</p><p>�Monsieur Nevreux, ich bitte Sie!� Ren�e Colladon sch�ttelte den Kopf. �Nat�rlich nicht. Die Sintflut war weder ein globales Ereignis, noch fand sie in �gypten statt. Die moderne Forschung best�tigt dies auch. Inzwischen ist nachgewiesen, dass der Wasserstand des Schwarzen Meeres ehemals hundert Meter tiefer lag, und dass es das Land zwischen Euphrat und Tigris war, das vollst�ndig �berschwemmt wurde.� Sie blickte zu Peter, wie um sich die historischen Daten best�tigen zu lassen, doch dieser hielt sich f�r die Dauer des Vortrags zur�ck. Sie fuhr fort: �Die Sintflut fand im Nahen Osten statt; bis hier war auch die Zivilisation vorgedrungen, und von hier stammen die Berichte �ber die Sintflut.�</p><p>Sie hatten inzwischen das Querschiff erreicht und erlangten hier erstmals einen guten Eindruck von der gewaltigen H�he der Kathedrale. Um zu verhindern, dass andere Touristen ihrem Gespr�ch folgten, setzten sie ihren gem�chlichen Gang bald fort.</p><p>�Noahs Sohn, Sem, entstammten die semitischen St�mme, darunter auch die Akkader, die das Zweistromland eroberten und die Sprache und Schrift der Sumerer bereicherten. So gebar die sumerische Stadt Ur schlie�lich den Stammvater Israels: Abraham.�</p><p>�Warum erz�hlen Sie uns das alles?�, fragte Patrick.</p><p>�Um Ihnen die Verbindungen aufzuzeigen. Es waren stets die von der Sprache Gottes durchdrungenen Semiten, die die Geschicke der Welt bestimmten. Babylon nannten die Griechen sp�ter die sumerische Stadt Bab-Ilum, wo die Semiten den Turm der T�rme bauten, um Gott n�her zu kommen.� Sie machte eine Pause. �Sie wurden furchtbar daf�r bestraft... Wie Sie wissen, bauten die aus Abraham geborenen Israeliten den Tempel von Jerusalem � und wie oft bauten sie ihn erneut auf!�</p><p>�Sie wollen darauf hinaus, dass es eine Beziehung zwischen der Sprache Gottes gibt und den gro�en Bauten des Altertums?� Es war eher eine Feststellung als eine Frage, die Patrick halblaut �u�erte.</p><p>�Richtig!� Ren�e Colladon wandte sich ihm l�chelnd zu. �Wirklich, Monsieur, darauf wollte ich hinaus. Dies ist der heilige Ursprung der Tradition der Freimaurer. Wenn Sie sich an den Besuch im Tempel erinnern m�gen?�</p><p>�Tempel?�</p><p>�Die gro�e Halle unserer Loge, in der die Begr��ung stattfand.�</p><p>�Ach so, ja, ich erinnere mich.�</p><p>�Ihnen werden zwei S�ulen aufgefallen sein. Sie stehen dort in Anlehnung an die beiden S�ulen, die nach der Sintflut gefunden wurden. Sie enthielten die Geheimnisse des Wissens, die schlie�lich �ber Noah verbreitet wurden, der nach Westen, nach �gypten, zog und dessen semitische Nachkommenschaft das Wissen auch im Osten, in Sumer und dem sp�teren Babylonien verbreitete.�</p><p>Sie wandte sich Peter zu, der gerade auff�llig die Augen verdreht und Luft eingesaugt hatte. �Monsieur le Professeur, Sie werden keinen historischen Bericht hier�ber kennen, denn dieses ist Wissen, das in unserer Tradition seit Jahrtausenden geh�tet wird. Die eine S�ule verk�rpert den �gyptischen Gott Thot, den Herrn der Schrift, der Sprachen und des geheimen Wissens. Die andere S�ule ehrt Henoch, den Prophet Elohims, der vor der Gro�en Flut lebte. Auch er lehrte den Umgang mit der Feder und verbreitete das Wissen. Es sind zwei Aspekte derselben Macht, die hinter den Worten der Thora verborgen liegt.�</p><p>�Womit wir bei der Thora w�ren�, sagte Patrick. �Haben Sie schon geheimes Wissen darin gefunden?�</p><p>�Seit Jahrtausenden wird die Heilige Schrift gelesen, und es w�re ein gro�er Zufall, wenn es in meiner Lebenszeit geschehen w�rde, dass sich der Menschheit ihre gesamte Weisheit offenbarte. M�glicherweise, nein, <emphasis>h�chstwahrscheinlich</emphasis> k�nnen Menschen niemals die G�nze der Wahren Thora �berblicken, denn das w�rde bedeuten, dass wir uns Gottes Weisheit gen�hert h�tten, was uns in diesem k�rperlichen Leben aber nicht zugestanden ist. Aber kleine Wunder geschehen jeden Tag, und jeder, der die Thora liest, findet seine eigene Wahrheit.�</p><p>�Peter, Sie sagen gar nichts�, sagte Patrick, �was halten Sie von der ganzen Sache?�</p><p>�Ich denke dar�ber nach�, antwortete der Professor, der scheinbar lediglich die Architektur bewunderte und nur wie beil�ufig zuh�rte, �wie oft ich solche Plattit�den schon geh�rt habe, und ich warte ab, ob wir noch etwas weniger nebul�se Antworten bekommen werden.�</p><p>�Zugegeben, Madame�, sagte Patrick, �mir scheint es auch, als w�rden Sie sich ein wenig herausreden.�</p><p>�Das ist nicht der Fall, und ich habe keineswegs das Bed�rfnis, mich zu rechtfertigen.� Sie war vor der Absperrung stehen geblieben und betrachtete den Chor. Als sich mehrere Touristen davor versammelten, ging sie einige Schritte weiter und senkte ihre Stimme. �Es tut mir leid, wenn es Ihnen so vorkommen mag. Aber sehen Sie, die Kabbala ist mehr als blo�e Worte und Erkl�rungen. Sie ist auch mehr als Gematria oder Temurah, die Suche nach der Wahren Thora. Es geht hier um eine Lebensweise.� Sie �ffnete ihre Ledermappe und brachte einige Papiere hervor sowie ein d�nnes B�chlein. �Ich habe Ihnen dies mitgebracht, damit Sie sich ein wenig intensiver mit dem Freimaurertum und der Kabbala besch�ftigen k�nnen.�</p><p>Patrick nahm die Unterlagen verwundert entgegen.</p><p>�Lesen Sie es, und wenn Sie tiefer eingedrungen sind, m�chte ich mich gerne ausf�hrlich und etwas intimer mit Ihnen unterhalten. Rufen Sie mich jederzeit an.� Sie �berreichte ihnen eine Visitenkarte mit der Aufschrift <emphasis>Claire Ren�e Colladon</emphasis> und einer Telefonnummer.</p><p>�Das ist ja alles furchtbar nett�, lenkte Patrick ein, �aber uns liegt wesentlich mehr daran, etwas �ber den Ursprung der Zeichnung zu erfahren und deren Zusammenhang mit Ihrer Loge, wie hie� sie noch, die Br�der von Rose und Kreuz?�</p><p>�Der Name unserer Loge ist: <emphasis>Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose.</emphasis> Und soweit ich mich entsinne, wies ich das letzte Mal bereits darauf hin, dass ich Ihnen diesbez�glich erst weiterhelfen kann, wenn Sie mir mitteilen, wo Sie die Zeichnung gefunden haben!�</p><p>Nun meldete sich Peter zu Wort. �Madame Colladon, bei allem Respekt, aber wir haben nicht den weiten Weg nach Paris gemacht, um uns heute einen Vortrag �ber das Freimaurertum und die Arche Noah anzuh�ren. Das wissen Sie so gut wie wir. Ich m�chte gerne behaupten, dass alleine dieser Besuch in Notre Dame den Aufwand rechtfertigt, aber noch lieber w�rde ich mit einigen Ergebnissen aus diesem Treffen gehen.�</p><p>�Professor, ich sehe, Ihr Ruf als hartn�ckiger Investigateur best�tigt sich, auch wenn Sie die Wahrheit niemals vollst�ndig erhellen konnten.� Ihr Tonfall klang ver�rgert. �Aber ich wei� tats�chlich nicht, wie ich Ihnen weiterhelfen kann.�</p><p>�Ihnen ist die Rose wichtig, ist es nicht so?�</p><p>�Ich habe das nie behauptet...�</p><p>�Und es ist Ihnen wichtig, woher die Rose kommt, ist es nicht so?�</p><p>�Monsieur...�</p><p>�Und am allerwichtigsten ist Ihnen das m�gliche Umfeld, in dem wir die Rose fanden. Wie, wer, wann, wo � ist es nicht so?�</p><p>Ren�e Colladon schwieg f�r einen Augenblick, w�hrend ihr steinerner Gesichtsausdruck keinen Aufschluss dar�ber zulie�, was in ihr vorging. �Also gut, Messieurs�, sagte sie schlie�lich, �offensichtlich haben Sie eine vorgefasste Meinung von mir und der Loge, und es schmerzt mich wirklich, denn ich sehe dies als echten Verlust. Ich h�tte Ihnen gerne geholfen, aber ich beabsichtige nicht, mich auf diesem Niveau mit Ihnen und Ihren Dogmen auseinander zu setzen.�</p><p>Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal um. �Viel Erfolg, Monsieur le Professeur, und auch Ihnen, Monsieur Nevreux. Ich hoffe f�r Sie, dass Sie das Licht finden.�</p><p>Peter versuchte nicht, sie aufzuhalten, sondern sah ihr nach, bis sie hinter S�ulen und anderen Touristen verschwunden war.</p><p>�Ob das so schlau war, Peter?�</p><p>�Sie glauben gar nicht, wie sehr mir diese Person auf die Nerven geht!�</p><p>Patrick grinste. �Eine Frau ganz ohne missionarischen Eifer... Es ist nicht lange her, da waren Sie noch der Meinung, dass sie uns alles erz�hlen w�rde, was wir wissen wollen.�</p><p>�Ich <emphasis>wei�</emphasis>, dass sie uns etwas verheimlicht. Aber lieber ginge ich vierzig Jahre in die W�ste, als es aus ihr herauszuquetschen. Soll sie sich doch ihre heiligen S�ulen sonst wohin stecken.�</p><p>�Peter, ich bin entsetzt!� Patrick lachte. �So kenne ich Sie gar nicht. Ich vermute, wir sollten jetzt erst mal etwas trinken gehen!�</p><p>�Entschuldigen Sie meinen Ausfall vorhin�, sagte Peter, nachdem er seinen Tee abgesetzt hatte. �Ich hoffe, dass ich unsere Nachforschungen auf diesem Gebiet jetzt nicht nachhaltig unterbrochen habe.�</p><p>�Sagen wir es mal so: <emphasis>Eine</emphasis> Br�cke haben Sie meisterlich abgerissen, die Trompeten von Jericho h�tten es nicht besser gekonnt.�</p><p>Peter musste grinsen. �Die haben au�erdem keine Br�cken, sondern Stadtmauern zum Einsturz gebracht.�</p><p>�Ist doch egal. Worauf es ankommt, ist, dass wir noch etwa zweitausend andere Inschriften haben.�</p><p>�Ja, darauf baue ich auch. Und darauf, was Stefanie �ber die Inschrift vor dem Durchgang herausbekommt.�</p><p>�Und dann w�ren da noch Samuel zu Weimar und seine Mission des Lichts. Wollen wir die Gelegenheit nutzen, jetzt wo wir schon hier oben sind, oder haben Sie f�r heute genug?�</p><p>�Daran habe ich auch schon gedacht. In der Tat ist mein Bedarf an pseudo-historischem, esoterischem Geschwafel einigerma�en gedeckt. Andererseits m�chte ich auch nicht jeden zweiten Tag nach Paris fliegen...�</p><p>�Dann sind wir uns also einig?�</p><p>�Na gut, meinetwegen. Auf zu Samuel. Aber lassen Sie mich zumindest den Tee austrinken.�</p><p>Sie waren nicht darauf gefasst, an der genannten Adresse ein modernes B�rogeb�ude mit verspiegelten Fenstern und Designersesseln im Foyer zu finden. Etwas unbehaglich erkundigte sich Peter nach dem Mann, den sie zu treffen hofften, und erwartete fast schon ein l�chelndes Abwinken. Doch der Rezeptionist fragte lediglich, wen er melden solle, f�hrte ein kurzes Telefongespr�ch und erl�uterte dann den Weg, w�hrend er den Summer f�r das Drehkreuz bet�tigte.</p><p>Sie erreichten schlie�lich die Gesch�ftsr�ume von Helix BioTech International im vierten Stock. Sie wollten sich gerade bei der Empfangsdame melden, als ein Herr in Anzug und Krawatte zielstrebig auf sie zukam. Er sah wie ein souver�ner Gesch�ftsmann aus, tadellos und smart. Sein L�cheln mochte nicht echt sein, aber es wirkte professionell. <emphasis>Hat einen teuren Zahnarzt und h�lt sich gerne in der Sonne auf</emphasis>, dachte Peter. <emphasis>Au�erdem nicht verheiratet oder m�chte nicht, dass man es sieht.</emphasis></p><p>�Es freut mich, dass Sie gekommen sind, meine Herren. Bitte�, er wies in sein B�ro, �kommen Sie herein und setzen Sie sich.�</p><p>Sie nahmen Platz.</p><p>�Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Tee, Kaffee oder etwas Frisches?�</p><p>�Nein, danke.�</p><p>�In Ordnung, aber sagen Sie bitte Bescheid, sobald es Ihnen an etwas fehlt.� Er setzte sich. �Es ist ein �u�erst gl�cklicher Umstand, dass Sie gerade heute gekommen sind, denn den Rest der Woche war ich unterwegs.�</p><p>�Gestatten Sie eine Frage�, begann Patrick, �ist diese Firma hier in irgendeiner Form mit den Helix Industries verbunden?�</p><p>�Helix Industries?�, fragte Peter mit einem Blick zur Seite, dem der Name nicht so gel�ufig war wie seinem Kollegen.</p><p>�Helix Industries�, erl�uterte der Gesch�ftsmann l�chelnd, �ist der drittgr��te Pharma- und Kosmetikkonzern der Welt. Ja, dieses B�ro hier ist, wenn Sie so wollen, die Keimzelle.�</p><p>�Haben Sie uns dieses Telefax geschickt?�, erkundigte sich Peter und reichte dem Mann das Papier.</p><p>�Es ist von mir. Sie kommen schnell zur Sache, Herr Professor Lavell.�</p><p>�Diese �Mission des Lichts��, fragte Patrick, �was hat sie mit Helix Industries zu tun?�</p><p>�Eine nahe liegende Frage. Die Antwort hingegen ist nicht so eindeutig. Die Verbindung der �Mission des Lichts� mit den Helix Industries liegt in meiner Person. Aber mehr m�ssen Sie im Augenblick nicht dar�ber wissen.�</p><p>�Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?�, fragte Patrick.</p><p>�Die Welt ist klein, Monsieur Nevreux. Ich h�tte mir auch nicht vorstellen k�nnen, dass Sie sich durch Namen blenden lassen.�</p><p>�Dann sind Sie gar nicht Samuel zu Weimar?�, fragte nun Peter.</p><p>�Namen definieren sich dadurch, dass sie verwendet werden. Da ich hier so genannt werde, und Sie mich so gefunden haben, muss es wohl mein Name sein. Oder <emphasis>ein</emphasis> Name? Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie etwas herausgefunden haben.� Er l�chelte verschmitzt.</p><p>Peter sah zur Seite und versuchte, Patricks Gesichtsausdruck zu ergr�nden, aber dieser schien sich gerade seine eigenen Gedanken zu machen.</p><p>�Was ist die �Mission des Lichts�, und welche Ziele verfolgt sie?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Die �Mission des Lichts��, erkl�rte der Gesch�ftsmann, �ist eine virtuelle Gemeinschaft. Der Name soll deutlich machen, dass wir eine Mission, eine Aufgabe haben. Diese besteht darin, Erkenntnis zu finden. Das Licht. Ein metaphorischer Ausdruck.�</p><p>�Welche Erkenntnis streben Sie an? Im wissenschaftlichen oder technischen Sinne ist dies wohl nicht zu verstehen, worauf der christliche Segen Ihres Briefkopfes hindeutet.�</p><p>�Das eine muss das andere nicht ausschlie�en, wie Sie, Herr Professor, besser wissen sollten als jeder andere, oder nicht? �<emphasis>Glaube, Aberglaube und Magie sind f�r Au�enstehende mitunter austauschbare Begriffe. Um ihr Wesen und ihre Geschichte wissenschaftlich zu ergr�nden, ist es daher unerl�sslich, sich intimer mit ihnen auseinander zu setzen, als es die �blichen wissenschaftlichen Methoden fordern.</emphasis>��</p><p>�Sie zitieren mein Buch, um mich zu beeindrucken.�</p><p>�Wenn es Sie beeindruckt...�</p><p>�Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.�</p><p>�Nein. Und das werde ich auch nicht tun. Alle Fragen treffen eines Tages auf ihre Antworten; in manchen F�llen auch umgekehrt. Aber nun genug der R�tselspielchen. Warum Sie wirklich hier sind, das ist mein Fax. Und das haben Sie erhalten, weil Sie sich mit den Kabbalisten von Ararat unterhalten haben.�</p><p>�Den Kabbalisten von Ararat?�</p><p>�Ararat. Der Berg, auf dem Noah gelandet ist�, erkl�rte der Gesch�ftsmann.</p><p>�Sie sprechen von der Loge?�</p><p>�Ja, nat�rlich. Tut mir leid, war vielleicht ein schlechter Scherz von mir. Aber deswegen habe ich Sie ja eingeladen: um Sie dar�ber aufzukl�ren.� Er stand auf und schlenderte zu seinem B�cherregal. �Sie hatten ein Treffen mit der Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose. Dort haben Sie viel gesehen, was Uneingeweihte normalerweise nicht zu Gesicht bekommen, und man hat Ihnen eine ganze Menge �ber die Abstammung der Freimaurer erz�hlt, vermute ich. Wahrscheinlich auch, dass sie die Arche Noah, die Pyramiden und den Tempel von Jerusalem errichtet haben.�</p><p>�Und den Turm von Babylon�, f�gte Patrick hinzu.</p><p>�Ja, richtig. Und bei allem wird Ihnen aufgefallen sein, dass die Loge, obwohl sie �Kreuz und Rose� im Namen tr�gt und ein ebensolches Emblem, Ihnen nicht erkl�ren wollte, was an der Zeichnung, die Sie Ren�e pr�sentiert haben, so interessant war.�</p><p>�Sie wissen von der Zeichnung?�</p><p>�Nat�rlich. Ich kenne ja auch Ihre Faxnummer.� Er zog ein kleines schwarzes Buch aus dem Regal. �Nun? Ren�e ist stur geblieben, richtig?�</p><p>�Worauf wollen Sie hinaus?�</p><p>�Worauf ich hinausm�chte, ist, dass die Gro�meisterin leider selber nicht so viel �ber Kreuz und Rose sagen kann, wie sie gerne w�rde. Sie ist n�mlich auf der v�llig falschen F�hrte. Denn was Sie suchen, ist dies hier.�</p><p>Mit einem Knall lie� er das schwarze Buch vor sie auf den Tisch fallen, so dass sie den Deckel deutlich sehen konnten. Es war in goldenen Linien das Bild einer Rose zu sehen, in ihrem Zentrum ein Herz und in dessen Zentrum ein Kreuz. Der Titel des Buches stand in Versalien dar�ber: <emphasis>BIBEL.</emphasis></p><p>�Dies ist eine Ausgabe der Lutherbibel von 1920�, erkl�rte Samuel. �Und was das Symbol angeht, so handelt es sich um das Wappen Martin Luthers. Seit dem siebzehnten Jahrhundert kursieren verschiedene Versionen davon, aber die Zeichnung, die Sie gefunden haben, d�rfte dem Original ziemlich nahe kommen.�</p><p>�<emphasis>Good gracious!</emphasis>�, entfuhr es Peter.</p><p>Samuel zu Weimar, oder der Mann, der sich so nannte, setzte sich wieder.</p><p>�M�glicherweise ver�rgert es Sie, dass Sie nicht eher auf eine so offensichtliche L�sung gekommen sind. Ver�ffentlichte Geheimnisse werden billig. Aber ich kann Sie beruhigen. Ganz so einfach ist es nat�rlich nicht.�</p><p>�Kann es ja wohl auch kaum sein�, sagte Patrick, �sonst h�tte Ren�e Colladon nicht so ein Mysterium um das Symbol gemacht.�</p><p>�K�nnte ich jetzt doch etwas zu trinken haben�, fragte Peter, �Etwas Alkoholisches mit Eis w�re mir recht.�</p><p>�Ich hoffe, ich kr�nke Sie nicht, wenn ich Ihnen lediglich Bourbon anbieten kann und keinen vern�nftigen Scotch�, sagte Samuel, w�hrend er aufstand und an einem Beistelltisch einen Drink einschenkte. Dann �ffnete er eine Schrankt�r, hinter der sich ein kleiner K�hlschrank verbarg, und brachte Eisw�rfel hervor. �Sie auch einen?�, fragte er an Patrick gewandt.</p><p>�Warum nicht.�</p><p>�Es geht nicht um das Kreuz oder die Rose�, sagte Samuel, als er wieder sa�. �Es geht um Martin Luther. Um Martin Luther und die Kabbala. Sie ist die Verbindung zwischen mir und Ren�e; wenn es denn �berhaupt eine gibt.�</p><p>�Martin Luther hatte auch leichte mystische Anwandlungen�, �berlegte Peter, �aber er wurde bekannt als Reformator der Kirche und �bersetzer der Bibel. Was hat er mit der Kabbala zu tun?�</p><p>�Es ist bezeichnend, Herr Professor Lavell, dass Sie in den ganzen Jahren Ihrer Recherchen auf nicht mehr als das gesto�en sind. Denn hier verbirgt sich ein weit gr��eres Geheimnis, als Sie ahnen k�nnen.�</p><p>�Etwas l�sst mich zweifeln, dass Sie es uns gleich offenbaren werden�, sagte Patrick und z�ndete sich eine Zigarette an.</p><p>�Die �Mission des Lichts� ist nicht allwissend, wenngleich es nat�rlich unser endg�ltiges Ziel ist, uns durch die Ergebnisse unserer Arbeit selbst �berfl�ssig zu machen. Doch noch sind wir nicht so weit, und viele Geheimnisse sind auch uns noch verschlossen. Einiges kann ich Ihnen aber schon sagen, und deswegen habe ich Sie eingeladen.� Er stand auf, w�hrend er weitersprach. �Luther war ein schlauer Kopf, 1483 geboren, studierte mit achtzehn bereits in Erfurt, wurde Eremitenm�nch, studierte dann noch mal Theologie und promovierte mit neunundzwanzig zum Doktor und Professor der Heiligen Schriften. Beachtlich, nicht wahr? Ein gro�er Geist, der durch eine besondere Zielstrebigkeit und Willenskraft bef�rdert wurde.�</p><p>�So viel steht allerdings noch in jedem Lexikon�, sagte Peter.</p><p>�Richtig. Was dort nicht steht, ist, dass diese �mystischen Anwandlungen oder �Einfl�sse� heute gleichsam nur noch das schwache Gl�hen eines verl�schenden Funkens sind, verglichen mit dem okkulten Feuersturm, der ehemals die Figur Martin Luthers wie das Leuchtfeuer Alexandrias strahlen lie�.</p><p>Er war nicht nur <emphasis>beeinflusst</emphasis>, und er hatte auch keine <emphasis>Anwandlungen.</emphasis> Die Mystik erf�llte ihn und sein Leben bis ins Mark.�</p><p>�Ich darf behaupten, dass ich gespannt bin, wie Sie das jetzt belegen wollen�, sagte Peter.</p><p>��berlegen Sie selbst. Das f�nfzehnte Jahrhundert war intellektuell besonders interessant und anregend. Wissenschaft und Forscherdrang erreichten einen H�hepunkt. Die Mauren wurden endg�ltig aus Spanien und Portugal vertrieben, das byzantinische Reich kam zu einem Ende, nachdem Konstantinopel gefallen war. Die fremdl�ndischen Gelehrten wurden durch Gruppen wie die Medici gef�rdert, das Wissen, das sie zug�nglich machten, geradezu aufgesogen. In Italien entwickelte sich eine neue k�nstlerische Kultur, die Renaissance. Die Perspektive in der Malerei wurde erstmals mathematisch beschrieben, und Gutenberg erfand den Buchdruck. Der Hundertj�hrige Krieg zwischen England und Frankreich fand ein Ende, eine Ruhepause der Besinnung, Neuorientierung und der Entdeckungen trat ein. Nennt man es nicht auch das Jahrhundert der Entdeckungen?� W�hrend er sprach, ging er auf und ab und gestikulierte mit einer Inbrunst, als sei er selbst dabei gewesen. �Es war das Ende des Mittelalters und der Beginn einer neuen Zeit. Aber die Fortschritte waren nicht allesamt rein wissenschaftlich. Vieles wurde noch als teuflisch oder g�ttlich angesehen. Nat�rlich, das Schwarzpulver und die Waffen wurden verbessert, aber bedenken Sie, dass es Jeanne d'Arc war, die die Wende im Hundertj�hrigen Krieg herbeif�hrte. Durch ihre g�ttlichen Visionen geleitet, gefeiert und schlie�lich als Hexe verbrannt. In Spanien wurde gleichzeitig Tomas de Torquemada zum Gro�inquisitor berufen und sorgte daf�r, dass die spanische Inquisition zum Inbegriff von Folter und Schrecken wurde.� Der Gesch�ftsmann schien kaum mehr zu bremsen zu sein. �Heinrich der Seefahrer �ffnete seine Navigatorenschule in Sagres mit Regeln strengster Geheimhaltung. Wie wir heute wissen, war aber <emphasis>Navigator</emphasis> nicht nur im seem�nnischen Sinne zu verstehen, denn der Infante war Gro�meister des Templerordens. Das Meer war Sinnbild der Unwissenheit und der menschlichen Beschr�nktheit, aber auch der grenzenlosen Zukunft. Die Navigatoren waren die Steuerm�nner im Chaos der Dunkelheit, Anf�hrer und zugleich Pilgerer nach Wissen und Weisheit. Christobal Col�n, besser bekannt als Christof Kolumbus, betrat die Neue Welt und nahm sie in Besitz im Namen der K�nige von Spanien, aber auch im Namen des Templerordens, unter deren Flagge, dem roten Tatzenkreuz, seine Schiffe fuhren.�</p><p>�Der Templerorden war aber bis zum vierzehnten Jahrhundert recht nachhaltig verfolgt und vernichtet worden.�</p><p>�Ja, aber in Portugal und Spanien �berlebte er unter dem Namen �Christusorden�.�</p><p>�Und was hat das Ganze mit Luther zu tun?�, fragte Patrick.</p><p>�Es geht darum: In dieser Zeit wurde mehr Wissen erarbeitet und zug�nglich als in den Jahrhunderten zuvor. Gleichzeitig wurde Wissen auch gef�hrlich, wie die Inquisition und der l�ndliche Aberglaube und Hexenwahn zeigten. Wissen und Forschung gingen Hand in Hand mit Mystizismus, und keine Forschung wurde ohne ein h�heres Ziel dieser Art betrieben. Heinrich der Seefahrer wollte seine Navigatoren die Welt erobern lassen � nicht des Geldes wegen, sondern der Erkenntnis und der Verbreitung seines Glaubens wegen. Gutenberg druckte die ersten B�cher � ebenfalls nicht des Geldes wegen; er druckte dreihundertmal in prachtvollster Manier das Wort Gottes, die Bibel. Und nun ist da Martin Luther. Er w�chst Ende des Jahrhunderts auf, studiert und hat Zugang zu all diesem Wissen. Er liest heilige und unheilige Schriften und zieht seine Schl�sse. Fast wird er zum Ketzer, als er sich auf die Seite der zweihundert Jahre zuvor durch die Kirche ausgerotteten Katharer stellt. Er ist der �berzeugung, dass das G�ttliche im Menschen liegt. Dass wir uns nicht durch Taten beweisen oder durch S�hne von Schulden freikaufen m�ssen oder k�nnen. Dass Jesus bereits f�r unsere S�nden gestorben ist, und dass der Glaube in Gott und dessen Gnade den h�chsten Stellenwert hat.� Er nahm die Bibel vom Tisch. W�hrend er sprach, bl�tterte er abwesend darin und stellte sie schlie�lich wieder zur�ck. �Luther ging den Dingen auf den Grund. Er studierte die heiligen Texte nicht nur, er analysierte sie auch. Und er stellte fest, dass es noch mehr gab als die Bibel. Er ging bis zum Ursprung, und hinter den B�chern des Neuen Testamentes fand er die B�cher Moses, und in ihrem hebr�ischen Original den Weg zu einem tieferen Verst�ndnis der Zusammenh�nge.�</p><p>�Die Wahre Thora?�</p><p>�Oder die Ewige Thora, die Weisheiten Gottes, ja. Luther kannte die Methoden der Kabbala und widmete sein Leben dem Studium der B�cher Moses.�</p><p>�Die B�cher Moses geh�ren zum Alten Testament. Aber Luther wurde bekannt als Reformator, der Begr�nder der protestantischen Bewegung, und es ist doch gerade das Neue Testament, das die Grundlage der protestantischen Kirche bildet.�</p><p>�Sie haben v�llig Recht�, erkl�rte Samuel. �Denn Luther hat es gewusst, die Dinge einzuf�deln. Er hat nichts dem Zufall �berlassen. Seinen ungl�cklichen Vork�mpfer Jan Hus hatte man noch 1415 in Konstanz verbrannt. Aber Luther wusste genau, dass er f�r Ketzerei weder in Deutschland noch in Rom auf den Scheiterhaufen kommen w�rde, wenn er sich geschickt anstellte. So konnte er die katholische Kirche herausfordern, im Wissen, dass seine scharfsinnigen Thesen beachtet werden w�rden. Wohl wissend auch, dass ihm in einem theologischen Disput niemand das Wasser reichen konnte. Heute w�rde man sagen, er ist ein PR-Genie gewesen. Er konnte sich exzellent in Szene setzen und als <emphasis>enfant terrible</emphasis> der christlichen Welt Werbung f�r sich und seine Sache machen.�</p><p>�Man ist aber im Allgemeinen der Ansicht, dass Luthers Herausforderung � und letztlich Spaltung � der katholischen Kirche v�llig unbeabsichtigt war. Und welchen Zweck h�tte es auch haben k�nnen? W�re er verborgener Mystiker oder Okkultist gewesen, w�re doch die �ffentliche Aufmerksamkeit wohl mehr als hinderlich gewesen.�</p><p>�Auf den ersten Blick scheint das so zu sein. Aber Luther hatte etwas anderes vor. Mit seinem radikalen Gedankengut trat er etwas los, das im Folgenden gen�hrt werden musste. Seine Kritik an der katholischen Kirche kam ja auch nicht von ungef�hr, und sie traf den Nerv der Zeit. Dies diente ihm als N�hrboden f�r seinen letzten gro�en Coup: Er �bersetzte die Bibel in die Sprache des Volkes. Genial. Schach!�</p><p>�Wenn ich ehrlich bin�, sagte Patrick, �kann ich Ihnen noch nicht so ganz folgen... <emphasis>Schach</emphasis>?�</p><p>�Wenn Sie beim Schachspiel in Schach geraten, dann konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren K�nig. Sie haben gar keine andere M�glichkeit, als ihn in Sicherheit zu bringen oder den St�renfried auszuschalten. Luther tat das Gleiche. Er hatte die Aufmerksamkeit der �ffentlichkeit in einem ausgekl�gelten R�nkespiel v�llig auf sich konzentriert. Indem er die Bibel �bersetzte, tat er einen scheinbar konsequenten Schritt in diesem Spiel, und die Lutherbibel wurde zum zentralen Fokus des �Reformators� Luther. Aber in Wirklichkeit erreichte die Lutherbibel einen ganz anderen Zweck.� Samuel holte ein �bergro�es, in metallene Deckel geschlagenes Buch hervor. Als er es vor ihnen �ffnete, stellte sich heraus, dass sein Inneres kostbare, hebr�isch beschriftete Pergamente enthielt, die in transparente Kunststofffolien eingeschlossen waren.</p><p>�Er erreichte, dass die Aufmerksamkeit von den Urschriften abgelenkt wurde!�</p><p>Peter und Patrick beugten sich vor, um die Papiere zu begutachten. Sie erinnerten an die Texte von Qumran oder �hnliche Dokumente aus biblischer Zeit.</p><p>��berlegen Sie�, fuhr Samuel fort, �der Buchdruck war erfunden worden, mehr und mehr wurde publiziert, es w�re nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich Kopien des Alten Testaments auch auf Hebr�isch in hunderttausendfachen Kopien verbreitet h�tten. Indem es aber nun neben der lateinischen Bibel eine Bibel des Volkes gab, war klar, dass die Aufmerksamkeit auf das Hebr�ische immer st�rker abnehmen w�rde. Luther hatte die Thora jahrzehntelang erforscht, und er sorgte daf�r, dass seine Erkenntnisse nicht zu leicht in die falschen H�nde geraten w�rden. Ihm ist es zu verdanken, dass die Kabbala noch lange Zeit sp�ter nur den Eingeweihten, den ernsthaften Studenten, zug�nglich war und die Thora ihre heiligen Geheimnisse weiterhin h�ten konnte.�</p><p>Er machte eine Pause.</p><p>�Also, wenn ich Sie richtig verstehe�, sagte Patrick, �sind Sie der Meinung, Martin Luther war <emphasis>der</emphasis> Kabballist schlechthin.�</p><p>�Ja, absolut.�</p><p>�Und die �Mission des Lichts� nutzt die Kabbala ebenfalls, um ihm nachzueifern?�</p><p>�Wir nutzen die Kabbala, ja. So wie auch die Bruderschaft der �Wahren Erben von Kreuz und Rose� und viele andere Gemeinschaften. Aber nicht alle sind auf Luthers Spuren.�</p><p>�Scheinbar ja Ren�e Colladon auch nicht, oder? Wie kann das sein?�</p><p>�Ihre Loge ist nicht sehr alt, was auch immer man Ihnen erz�hlt haben mag. Es war ehemals eine ganz einfache Freimaurerloge, wie es unz�hlige von ihnen gibt. Ihr Gr�nder bediente sich bei der Gr�ndung und Namensgebung allerlei mystischer Anlehnungen. Diese scheint Ren�e nun zu erforschen; mit nicht viel Erfolg, wie man sieht.�</p><p>�Was mich interessiert�, sagte Peter nun, �ist Folgendes: Nehmen wir an, alles, was Sie sagen, entspr�che den Tatsachen. Dann haben Sie uns nun die wahre, geheime Geschichte Martin Luthers er�ffnet, wie sie kaum einer kennt. Was sollte uns � oder auch Sie selbst � davon abhalten, dies der Welt mitzuteilen? Wie k�nnen Sie ein so umw�lzendes Geheimnis einfach ausplaudern, das die Fundamente der Kirche untergr�bt?�</p><p>�Ich ahne, was jetzt kommt�, sagte Patrick und fuhr in gespielt dramatischem Tonfall fort: �<emphasis>Wir werden dieses Geb�ude nie wieder lebend verlassen!</emphasis>�</p><p>�Die sichersten Geheimnisse verbergen sich zwischen zwei Wahrheiten. So auch bei Luther. Sein Leben und sein Werk sind so bekannt und durchleuchtet, dass es unm�glich scheint, etwas darin zu verbergen. Und in der Tat ist alles, was �ber ihn bekannt ist, wahr. Nur, dass es nicht <emphasis>alles</emphasis> ist. Nein, ich werde Sie weder erschie�en noch zur Geheimhaltung n�tigen. Was Sie heute geh�rt haben, k�nnen Sie keinesfalls ver�ffentlichen. Niemand w�rde Ihnen glauben.�</p><p>�Und wieso sollten <emphasis>wir</emphasis> Ihnen glauben?�</p><p>�Es wird Sie vielleicht verwundern, aber es ist mir zun�chst gleichg�ltig. Es war mir aber wichtig, die Bruderschaft der �Wahren Erben von Kreuz und Rose� zu entmystifizieren. Wenn man es genau betrachtet, haben so viele R�tsel einen ganz profanen Ursprung. In diesem Fall war es das Wappen Martin Luthers. Dass Luther selbst dar�ber hinaus ein Geheimnis ist, steht auf einem ganz anderen Blatt, ebenso wie Ihre Forschungen.�</p><p>�Was wissen Sie �ber unsere Forschungen?�</p><p>�Sie arbeiten f�r ein milit�risches Projekt mit h�chster Geheimhaltungsstufe, dem Stil nach k�nnte es von den Amerikanern sein. Richtig?�</p><p>�Leider nein.�</p><p>�Nun, wie Sie meinen. Ich vermute jedenfalls, dass Sie etwas gefunden haben, das in Verbindung mit dem Wappen Martin Luthers steht. Und nun k�nnen Sie sich denken, dass mein Treffen mit Ihnen nat�rlich nicht v�llig uneigenn�tzig war. Noch einen Drink?�</p><p>Sie lehnten ab.</p><p>�Ich meine es aufrichtig mit Ihnen. Ich habe Ihnen eine ganze Menge erz�hlt und Sie hinter die Kulissen blicken lassen. Ich werde ehrlich sein und Ihnen noch mehr erz�hlen: Nat�rlich waren weder die Ideen des Gr�nders der Loge v�llig aus der Luft gegriffen, noch ist die �Mission des Lichts� ein Wohlt�tigkeitsverein. Es ist bekannt, dass Luther seinerzeit einige sehr bedeutende Entdeckungen in der Thora machte und zu Erkenntnissen gelangte � theologischer, geschichtlicher und wissenschaftlicher Art �, die bis heute nicht gefunden oder nachvollzogen werden konnten. Es gibt einige sehr deutliche Hinweise, dass Luther w�hrend seines Asyls auf der Wartburg weit mehr tat, als nur das Neue Testament ins Deutsche zu �bersetzen. Seine gesammelten Unterlagen, Notizb�cher und Werke lie� er damals aus der Burg schaffen und an einem sicheren Ort verbergen. Diese Lutherarchive sind es, die wir eines Tages zu finden hoffen, denn niemand ist den Weg der Thora so weit gegangen wie er. Und ich vermute, dass Sie entsprechende Hinweise entdeckt haben.�</p><p>Ein kurzes Schweigen trat ein.</p><p>�<emphasis>Lutherarchive</emphasis>?�, fragte Peter. Es klang mehr als skeptisch. Ein am�siertes Grinsen zog sich �ber sein Gesicht.</p><p>�Wir k�nnten uns gegenseitig helfen. Sie zeigen mir, was Sie gefunden haben, und ich helfe Ihnen, die Spuren und Hinweise zu verstehen.�</p><p>�Bedaure�, sagte Peter, �aber es d�rfte Ihnen klar sein, dass wir Sie nicht an der Forschung beteiligen k�nnen.�</p><p>�Wo es doch ein milit�risches Geheimprojekt ist�, f�gte Patrick hinzu.</p><p>�Sie verstehen mich falsch. Ich bitte Sie nicht, ich mache Ihnen ein Angebot. Sie werden schnell merken, dass Sie bei Ihrer Recherche auf zu viele unverst�ndliche Zeichen und Hinweise sto�en, die Sie ohne meine Mithilfe niemals entschl�sseln und einordnen k�nnen. Viele Anhaltspunkte werden Sie gar nicht als solche erkennen.� Er stand auf. �Aber ich habe es nicht eilig. Vielleicht m�chten Sie die Sache einfach eine Weile �berdenken.�</p><p>Peter und Patrick erhoben sich ebenfalls. Sie hatten genug geh�rt, um sich eine Meinung bilden zu k�nnen.</p><p>�Ich danke Ihnen f�r Ihren Besuch�, sagte Samuel, als er ihnen die Hand gab. Dann �berreichte er ihnen eine Visitenkarte. �Am besten, Sie schreiben mir eine E-Mail, wenn Sie mich erreichen m�chten. Ich freue mich und bin mir sicher, dass ich schon in der n�chsten Zeit wieder von Ihnen h�ren werde.�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 11</strong></p><p><emphasis>8. Mai, H�tel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Sie sa�en noch am gemeinsamen Fr�hst�ckstisch im Salon Vert und warteten auf Fernand Levasseur, der sich f�r heute um neun Uhr angemeldet hatte. Da sie nicht vorhatten, ihm ihre zum B�roraum umgebaute Suite zu zeigen, wollten sie ihn hier abfangen.</p><p>�Wor�ber denken Sie nach, Peter?�, fragte Stefanie. �Sie sind so schweigsam heute Morgen.�</p><p>�Wir kommen mit unseren Nachforschungen nicht vom Fleck. Und nun werden wir auch noch von diesen Geschichten aufgehalten.�</p><p>�Geschichten?�</p><p>�Die Tollwut. Keiner von uns ist qualifiziert, und jetzt treffen wir jemanden, der sich wahrscheinlich besser auskennt, und versuchen uns herauszureden. Ich bef�rchte, es ist ein Spiel, das wir nur verlieren k�nnen.�</p><p>�Seien Sie nicht so pessimistisch, Peter.� Patrick z�ndete sich eine Zigarette an. �Heute sind wir drei gegen einen. Haben Sie sich das Material, das man uns vorbereitet hatte, noch mal angesehen?�</p><p>�Ehrlich gesagt, nein.�</p><p>Patrick deutete auf eine Mappe. �Dann lassen Sie am besten mich und Stefanie reden. Wir haben genug, um ihn eine Weile zu besch�ftigen. Wie auch immer der B�rgermeister ihn genannt hat: Letztendlich ist er blo� ein F�rster.�</p><p>�Ich hoffe, Sie untersch�tzen ihn nicht. Da ist er schon.� Peter wies mit dem Kopf zum Eingang des Salons. Patrick stand auf und begr��te den breitschultrigen Mann mit Handschlag.</p><p>�Guten Morgen, Monsieur Levasseur. Professor Lavell kennen Sie bereits, darf ich Ihnen Stefanie Kr�ger vorstellen? Sie ist Biologin und uns zur Unterst�tzung aus London geschickt worden.�</p><p>�Guten Morgen.�</p><p>�Setzen Sie sich zu uns. M�chten Sie einen Kaffee oder Tee?�</p><p>Er setzte sich. �Danke, nein. Ich m�chte mit Ihnen �ber Ihre Untersuchungen sprechen.�</p><p>�Nat�rlich. Haben Sie uns schon meteorologische Messdaten mitgebracht?�</p><p>�Nein. B�rgermeister Fauvel hat Ihre Anfrage weitergegeben und wird sich direkt mit Ihnen in Verbindung setzen. Wie weit sind Sie mit Ihren Analysen?�</p><p>Patrick holte die Mappe hervor. �Wie Sie sicher bereits festgestellt haben, ist das Gebiet weitr�umig abgesperrt worden. Wir untersuchen anhand von Stichproben an Kleintieren die Verbreitung der Seuche. Es sieht nicht gut aus. Wir haben vergiftete Fuchsk�der �berall an strategischen Orten in der Zone verteilt.� Patrick zog eine topographische Karte des Gebiets hervor, die mit allerlei kryptischen Linien, Buchstaben und Zahlen �bers�t war und einen eindrucksvollen UN-Stempel in der linken unteren Ecke auswies. �Aber das behebt nat�rlich nur die Symptome.�</p><p>Der F�rster beachtete die Karte nur beil�ufig. �Sie sind der Meinung, dass F�chse die Tollwut verbreiten?�</p><p>�Ja, leider.� Patrick holte ein paar sehr scharfe, gro�formatige Hochglanzfotos aus der Mappe, auf denen verendete F�chse zu sehen waren, ausgezehrt und absto�end. �Eine der wenigen Aussagen, die wir schon mit Bestimmtheit machen k�nnen. Es ist ja auch nicht ungew�hnlich f�r die Tollwut.�</p><p>�Haben Sie schon herausgefunden, wo die Tiere hergekommen sind? Wie Sie wissen, gibt es in diesem Gebiet keine F�chse.�</p><p>Peter hob unmerklich eine Augenbraue und beobachtete Patricks Gesicht. Doch dieser schien nicht beunruhigt. Stattdessen holte er einen Bericht hervor. �Sie haben v�llig Recht, Monsieur Levasseur. Aber grunds�tzlich sind F�chse hier durchaus endemisch. Nur, dass sie seit den zwanziger Jahren ausgestorben waren. Wie Sie diesen Unterlagen entnehmen k�nnen, wurden hier vor acht Jahren mehrere Fuchspaare ausgewildert, um das biologische Gleichgewicht wieder herzustellen.�</p><p>�Ich kenne die Unterlagen und auch das Auswilderungsprojekt.�</p><p>�Nat�rlich.� Patrick nahm die Papiere wieder an sich. �Nun hat sich das biologische Gleichgewicht auf andere Weise ger�cht.�</p><p>�Die Unterlagen sind von mir gef�lscht worden.�</p><p>Patrick erstarrte und sah den Mann sprachlos an.</p><p>Fernand Levasseur beugte sich vor. �Es hat nie ein Auswilderungsprojekt gegeben.�</p><p>Peter f�hlte, wie sich �rger in ihm regte. Dies war es, worauf er sich nicht hatte einlassen wollen.</p><p>�Sie haben B�rgermeister Fauvel kennen gelernt�, fuhr der F�rster nun fort. �Er will die W�lder um St.-Pierre-Du-Bois so weit wie m�glich f�r den Tourismus erschlie�en. Aus diesem Grund habe ich vor acht Jahren ein angebliches Auswilderungsprojekt inszeniert, um dabei ein Naturreservat zu schaffen und es seinem Zugriff zu entziehen.�</p><p>Peter sah, wie Patrick eindringliche Blicke mit Stefanie austauschte.</p><p>�Und somit bleibt es dabei. Es gab hier keine F�chse, und es gibt hier noch immer keine. Und deswegen gibt es auch keine Tollwut. Sie haben sich bei der Vorbereitung mit Ihrem Material leider vergriffen.�</p><p>�So gut ich Ihre Beweggr�nde auch nachvollziehen kann, Monsieur Levasseur�, erkl�rte nun Stefanie, �ich muss Ihnen sagen, dass ich Ihr Vorgehen f�r h�chst verwerflich halte!� Der F�rster wollte etwas einwerfen, aber sie sprach unbeirrt weiter. �Nichtsdestotrotz hat dies nichts mit unseren Funden zu tun. Vielleicht sind die F�chse nicht ausgewildert worden. Na und? Vielleicht sind sie aus dem Zentralmassiv gekommen oder �ber die Pyren�en aus Spanien. Sie sind jedenfalls hier, und wie sie hierher kommen und wohin sie gehen, das versuchen wir gerade erst herauszufinden.�</p><p>�Madame Kr�ger�, sagte der Mann, �ich m�chte Ihnen nicht gerne widersprechen, aber ich kenne im Umkreis von f�nfzig Kilometern jeden Grashalm.� Er lachte wohlwollend auf, versah sie aber mit einem strengen Blick. �Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es hier keine F�chse gibt.� Nun wandte er sich an alle drei. �Sie ersparen sich viel �rger, wenn Sie offenbaren, was Sie hierher gef�hrt hat, und was Sie oben am <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis> untersuchen.�</p><p>�<emphasis>Vue d'Archiviste?</emphasis>�, fragte Peter. �Archivars Blick? Was ist denn das?�</p><p>�Es ist der Name des Berges, den Sie abgesperrt haben.� Der F�rster deutete auf die Mappe. �Das steht wohl nicht in Ihren Unterlagen? So nennen wir ihn im Volksmund. Und nun sagen Sie mir, welches Spiel Sie spielen!�</p><p>�Ich finde es ausgesprochen unversch�mt�, konterte Stefanie, �wie Sie uns derart offen der L�ge bezichtigen. F�hlen Sie sich gekr�nkt, weil wir etwas �ber Ihr �Reich� wissen, das Sie selber nicht aufgedeckt haben? Wenn Sie Kooperation oder Informationen von uns w�nschen, dann sollten Sie sich um einen anderen Tonfall bem�hen!�</p><p>Patrick musste ihr innerlich Anerkennung zollen. Sie spielte ihre Rolle ausgezeichnet und wusste, wie sie das Beste aus der Situation machen konnte. Au�erdem, so fiel ihm auf, sah sie wirklich verdammt gut aus, umso mehr, wenn sie sich echauffierte.</p><p>Der F�rster stand unvermittelt auf und st�tzte sich mit beiden H�nden auf den Tisch, um sich zu ihnen herunterzubeugen. Seine Stimme war ged�mpft aber nachdr�cklich.</p><p>�Madame, Messieurs. Ich entschuldige mich f�r meinen Tonfall und meine Wortwahl. Aber ich nehme meine Forderung nicht zur�ck: Ich m�chte wissen, was Sie hier treiben, und ich werde es herausbekommen! Guten Tag.�</p><p>�Ich f�rchte, wir haben uns einen Feind gemacht�, sagte Peter, als der Mann gegangen und sie auf dem Weg in ihr B�ro waren.</p><p>�Hm... ja, er scheint ziemlich entschlossen�, stimmte Patrick ihm zu.</p><p>�Hoffen wir, dass er sich nicht zu irgendwelchen Handlungen hinrei�en l�sst, die er vielleicht bereuen m�sste.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, sagte Patrick. �Immerhin k�nnten wir ihn jetzt als Urkundenf�lscher ebenso blo�stellen. Und dann ist er sein Naturreservat los.�</p><p>�Man muss sich fragen, warum er so dumm war, uns auf diese Weise seine Schw�che offen zu legen.�</p><p>�Ich denke�, sagte Stefanie, �es war keine Dummheit sondern Berechnung. Er wollte uns zu verstehen geben, dass er seine Interessen gewahrt wissen will, aber dass diese sich nicht zwangsl�ufig mit denen des B�rgermeisters decken. In gewisser Weise war es auch ein Angebot von ihm.�</p><p>�Vielleicht k�nnen wir uns das noch zu Nutze machen.�</p><p>Stefanie schloss die T�r der Suite auf. �Vergessen wir f�r einen Augenblick den F�rster. Nachdem Sie beide mich vorhin den fragw�rdigen Offenbarungen Ihrer Parisreise, der Geschichten um die Abstammung der Freimaurer und Herrn von Weimars Suche nach den Lutherarchiven ausgesetzt haben, m�chte ich Ihnen jetzt auch etwas zeigen.�</p><p>Sie f�hrte sie an den Tisch, auf dem sie verschiedene Papiere ausgebreitet hatte. Es waren Zeichnungen, Ausdrucke und Zahlenreihen. Sie deutete auf die einzelnen Teile, w�hrend sie erkl�rte.</p><p>�Hier sehen Sie eine pr�zise Skizze der Symbole auf dem Fu�boden vor dem Durchgang. Die kleineren Zeichen sind in vier Gruppen so um die gro�en Ringe in der Mitte angeordnet, dass alles zusammen fast ein gro�es Quadrat bildet. Es sind zw�lf unterschiedliche Symbole, von denen sich jedes dreimal wiederholt. Insgesamt sind es also sechsunddrei�ig mehrfach dargestellte Zeichen.�</p><p><image l:href="#3"/></p><p>�Was ist das f�r ein Zeichen oben rechts?�, fragte Patrick.</p><p>�Das siebenunddrei�igste f�llt deutlich heraus, nicht wahr? Es taucht nur einmal auf�, erkl�rte Stefanie, �und au�erdem st�rt es die Symmetrie der Anordnung. Vielleicht ist es eine Art Schl�ssel, ich habe keine Ahnung.�</p><p>�Was meinen Sie mit <emphasis>Schl�ssel?</emphasis>�, fragte Peter. �Glauben Sie, die Symbole enthalten eine verschl�sselte Nachricht?�</p><p>�M�glicherweise, ja. Bei den Zeichen handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um einen Text. Es sind zu wenig verschiedene Symbole, um f�r bestimmte Buchstaben oder Silben zu stehen. Damit lie�e sich kein Text verfassen. Oder nur ein sehr kurzer. Die Tatsache, dass jedes Symbol genau dreimal vorkommt, legt au�erdem den Schluss nahe, dass die Anordnung konstruiert wurde.�</p><p>�Die einzelnen Zeichen�, fragte Patrick, �konnten Sie sie schon deuten? Sie sehen irgendwie mystisch aus, mittelalterlich.�</p><p>�Es sind alchimistische Symbole, nicht wahr?�, sagte Peter.</p><p>Stefanie sah ihn einen Augenblick erstaunt an. �Ja, Sie haben vollkommen Recht.� Dann deutete sie auf ein paar Ausdrucke lateinischer Texte, die �hnliche Zeichen enthielten. �Das ist ein besonders interessanter Aspekt. Alle diese Zeichen wurden in verschiedenen alchimistischen Werken verwendet. Allerdings erst ab dem sechzehnten Jahrhundert!�</p><p>�Die Malereien im vorderen Teil der H�hle waren etwa aus dem dreizehnten Jahrhundert�, sagte Patrick. �Entweder ist der Fu�boden vor dem Durchgang also gar nicht so alt wie der Rest der H�hle, sondern wurde erst dreihundert Jahre sp�ter bearbeitet, oder die Alchimisten haben in ihren Werken auf ein viel �lteres Wissen zur�ckgegriffen. Sie haben m�glicherweise Symbole benutzt, die sie gar nicht selber erfunden, sondern die sie irgendwo aufgeschnappt hatten � vielleicht sogar in dieser H�hle...�</p><p>�Ja, es k�nnte gut sein, dass die Zeichen �berhaupt nichts mit denen der Alchimisten zu tun haben, sondern rein zuf�llig dieselben sind.�</p><p>�Es mag ja nur ein schwacher Anhaltspunkt sein�, sagte Peter, �aber was bedeuten sie denn bei den Alchimisten? Haben Sie Erkl�rungen f�r die Zeichen gefunden?�</p><p>Stefanie nickte. �Das hier ist das Symbol f�r Schwefel, dies hier das f�r Blei.�</p><p>�Wenn es alles chemische Elemente sind�, �berlegte Patrick, �dann sind vielleicht ihre Ordnungszahlen im Periodensystem der Elemente ein mathematischer Code. Oder vielleicht ihre chemische Formel.�</p><p>�Na, das klingt aber ein wenig nach Science-Fiction�, sagte Peter, �finden Sie nicht?�</p><p>�So abwegig finde ich die Idee nicht�, sagte Stefanie, �wir haben ja �berhaupt keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben. Die Leute, die die H�hle im vorderen Teil beschriftet haben, verf�gten auch �ber unm�glich scheinendes Wissen. Und wer wei�, welches Ph�nomen � oder welche Technologie � hinter dem merkw�rdigen Durchgang steckt? Aber Ihre Idee wird leider trotzdem nicht funktionieren. Chemische Elemente sind die Ausnahme, wenn wir davon ausgehen, dass die Zeichen tats�chlich dieselben Dinge bezeichnen, die die Alchimisten damit beschrieben. Dieses Zeichen hier steht f�r Essig, das hier f�r Lauge. Beides scheint mir �u�erst wenig wissenschaftlich, zumindest gibt es keine Formel oder Ordnungszahl daf�r. Daf�r ist hier ein Zeichen, das verwendet wurde, um den Vorgang der Sublimation zu beschreiben. Das ist, wenn ein Stoff aus dem festen...�</p><p>�...direkt in den gasf�rmigen Zustand wechselt, danke sch�n�, beendete Patrick den Satz.</p><p>�Also, <emphasis>ich</emphasis> wusste das nicht�, gestand Peter und versuchte damit, Patricks bissige Bemerkung zu entsch�rfen.</p><p>�Vielleicht ist es ja auch alles nur ein Muster, eine Dekoration�, �berlegte Stefanie.</p><p>�Nein, das denke ich nicht�, sagte Peter. �Wer w�rde eine derart aufwendige Dekoration in den Fu�boden einer H�hle mei�eln, wo sie keiner sieht? Au�erdem ist es daf�r nicht regelm��ig genug. �gyptische Hieroglyphen sind wesentlich sorgf�ltiger angeordnet � die wirken tats�chlich wie Schmuck. Und doch sind es Texte. Nein, ich glaube auch, dass diese Zeichen eine Bedeutung haben. Aber ein Code...?�</p><p>�Sie sind in vier einzelnen Gruppen angeordnet�, sagte Patrick. �Vielleicht gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Gruppen oder Abweichungen?�</p><p>Peter deutete auf das Papier. �Mir f�llt irgendwie immer dieses eine Zeichen auf, das aussieht wie eine Mischung aus einer Zwei und einer Vier, und dann das hier, das aussieht wie ein Z.�</p><p>�Das eine kennzeichnet Stahl, das andere Kalk�, erkl�rte Stefanie.</p><p>�Bei den <emphasis>Alchimisten</emphasis>�, f�gte Patrick hinzu. �Wir wissen nicht, was sie <emphasis>hier</emphasis> bedeuten.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Was sind das f�r Zahlenreihen, die Sie da dr�ben ausgedruckt haben?�, fragte Peter.</p><p>�Ach das.� Stefanie zog die Papiere herbei. �Ich habe versucht, jedem Symbol einen Zahlenwert zu geben, um ein paar Numbercruncher dr�berlaufen zu lassen.�</p><p>�Wer h�tte das gedacht!�, sagte Patrick ehrlich erstaunt. �Womit sind Sie denn rangegangen?�</p><p>�Ich habe <emphasis>CryptWarrior</emphasis> und <emphasis>Word of Chaos</emphasis> benutzt.�</p><p>�Ich kann die US-Version von <emphasis>Word of Chaos</emphasis> mit dem 128-Bit-Schl�ssel besorgen. Vielleicht kommen wir damit schneller voran?�</p><p>�Moment, Moment�, unterbrach Peter. �Reden Sie von Dechiffrierungssoftware?�</p><p>�Ja�, erkl�rte Patrick, �<emphasis>Word of Chaos</emphasis> ist ein sehr m�chtiges Tool. Der 128-Bit-Schl�ssel ist schwer zu bekommen, er f�llt n�mlich unter ein US-Exportverbot f�r milit�rische G�ter. Das Programm macht sich fraktale Algorithmen zu Nutze. Man braucht aber auch eine ordentliche Rechnerleistung daf�r. Oder sehr viel Zeit.�</p><p>�Na gut, das reicht schon�, sagte Peter und verdrehte die Augen. �Entschuldigen Sie, dass ich gefragt habe.�</p><p>�Patrick hat aber Recht�, sagte Stefanie. �Worum es geht, ist Folgendes: Um in unserem Fall voranzukommen, m�ssen wir erst mal nach Mustern, Regeln oder anderen Anhaltspunkten suchen. Diese Software, von der wir sprechen, ist daf�r geeignet, solche Muster aufzusp�ren.�</p><p>�Von was f�r Mustern sprechen Sie?�</p><p>�Sie meint keine grafischen Muster�, erkl�rte Patrick, �sondern Auff�lligkeiten, Wiederkehrendes, na ja, Muster eben. Dinge, die man berechnen kann. Wenn man zum Beispiel allen Zeichen eine Zahl von eins bis zw�lf zuordnete, und man f�nde heraus, dass die Symbole hier auf dem Boden so angeordnet sind, dass stets die Summe der Quersummen von zwei Symbolen der Quersumme des dritten Symbols entspricht, dann w�re das ein Muster.�</p><p>Peter sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Auch Sprachen haben Muster�, erg�nzte Stefanie nun. �Zum Beispiel kann man anhand der Wortl�ngen und der Verteilung der Vokale in einem Text jede Sprache einem bestimmten Sprachstamm zuordnen, auch wenn man die Sprache selbst zun�chst nicht verstehen kann. Andersherum kann man auf diese Weise im �brigen auch einzelne Symbole einer unbekannten Sprache als Vokale identifizieren.�</p><p>�Hm... und haben Sie denn schon irgendetwas entdeckt?�</p><p>�Leider nein.�</p><p>�Vielleicht ist es auch ein v�llig falsches Vorgehen�, �berlegte Peter. �Vielleicht sind es ja nicht die Zeichen, die den Ausschlag geben, sondern die Anzahl der Linien, mit denen sie gezeichnet sind, oder das Ma� ihrer Abst�nde untereinander, wer wei�?�</p><p>�Wissen Sie, was mir auff�llt?�, sagte Patrick pl�tzlich.</p><p>�Na?�</p><p>�Die offensichtliche L�cke unten rechts entspricht genau der L�cke oben rechts, nur, dass sich dort das merkw�rdige Symbol mit dem Halbmond befindet. Wenn man das aber au�er Acht l�sst, dann haben sowohl die ersten beiden als auch die letzten beiden Reihen je sechs Zeichen. Wie viele Zeichen waren es noch gleich insgesamt? Sechsunddrei�ig?�</p><p>�Ohne den Halbmond, ja. Richtig.�</p><p>�Dann kann man alle Zeichen in einem ordentlichen Quadrat mit sechs Reihen mit je sechs Zeichen aufmalen!�</p><p>�Na und?�, sagte Peter.</p><p>Patrick nahm einen Stift und skizzierte hastig etwas. �Wenn wir ein Quadrat haben, k�nnen wir noch eine Menge zus�tzlicher Berechnungen anstellen. Quersummen �ber Reihen und Spalten beispielsweise.� Er verglich seine Zeichnung mit den Zahlen auf Stefanies Ausdruck und erkl�rte dabei weiter. Er war in seinem Element. �Da wir keinen Anhaltspunkt haben, m�ssen wir dem Problem heuristisch auf den Grund gehen.�</p><p>�Heuristisch�, �bersetzte Stefanie, �bedeutet, dass man einen Teil des L�sungswegs testweise voraussetzt und probiert, ob man zu einem Endergebnis kommt, das zu dem Problem passt. Man z�umt das Pferd gewisserma�en von hinten auf. Einige mathematische Probleme lassen sich am besten l�sen, indem man ein Endergebnis voraussetzt und von dort an r�ckw�rts rechnet und versucht, so die Aufgabenstellung zu rekonstruieren.�</p><p>�<emphasis>Das</emphasis> wiederum war mir bekannt�, sagte Peter.</p><p>�Heuristisch vorzugehen�, fuhr Patrick fort, �bedeutet f�r uns beispielsweise, dass wir jetzt einfach mal voraussetzen, dass es sich hier um einen numerischen Code handelt, den wir mathematisch aufl�sen m�ssen. Das stimmt ja vielleicht gar nicht, aber wir probieren jetzt eine Weile herum, ob wir mathematisch zu einem brauchbaren Ergebnis oder zu einem offensichtlichen Muster kommen.�</p><p>�Einverstanden, warum nicht.�</p><p>Patrick schaltete die Rechner ein, und Stefanie, die wusste, worauf er hinauswollte, startete die notwendigen Programme, w�hrend Patrick weitersprach. �Wenn sich hier ein mathematischer Code verbirgt, haben wir genau genommen zwei Probleme zugleich. Wir wissen nicht, welche Formel wir verwenden m�ssen, aber dabei kann uns der Rechner helfen. Und zus�tzlich wissen wir nicht, welche Zahlen wir benutzen sollen. Ist das Symbol f�r Stahl zum Beispiel eine Drei? Oder eine Siebenundzwanzig?�</p><p>�Vielleicht eine Vierundzwanzig�, warf Peter ein, �sieht ja ein bisschen so aus.�</p><p>�Ja, warum nicht? Oder eine Zweihunderteinundvierzig? Vielleicht steht das Symbol auch f�r eine irrationale Zahl, Pi zum Beispiel oder Wurzel aus Zwei�, sagte Patrick. �Fakt ist: Wir wissen es einfach nicht. So kann nat�rlich auch der st�rkste Rechner ewig herumrechnen. Aber mit ein bisschen Gl�ck bekommen wir es ja heraus. Meine n�chste heuristische Annahme ist, dass die Zeichen absichtlich in einem Quadrat angeordnet werden sollen; dass das einen Hinweis auf ihre Werte liefert.�</p><p>Patrick schien sich mit der Software gut auszukennen, denn nun tippte er verschiedene Befehle in den Rechner, und kurz darauf erschien ein sechs mal sechs Felder umfassendes Quadrat. In den einzelnen K�stchen �nderten sich nun rasend schnell immer gr��er werdende Zahlen, bis die Anzeige nach einer Weile pl�tzlich einfror. Rote Linien blitzten auf und verbanden jeweils die waagerechten und senkrechten Felder miteinander. Zum Abschluss legten sich zwei diagonale Linien quer �ber das gesamte Bild.</p><p>�Volltreffer!�, rief Patrick aus. �Es ist sogar ein magisches Quadrat!�</p><p>�Das Programm hat errechnet�, erkl�rte Stefanie dem etwas unsicher zuschauenden Peter, �welche Zahlen die zw�lf verschiedenen Zeichen symbolisieren k�nnten. Wenn man es so macht, wie der Rechner hier vorschl�gt�, sie deutete auf den Bildschirm, �dann erkennt man, dass die Summe der Felder in jeder Reihe exakt dieselbe ist, egal, ob man eine waagerechte Reihe, eine senkrechte oder eine diagonale nimmt. Es kommt immer dieselbe Summe heraus. So eine Anordnung nennt man magisches Quadrat.�</p><p>�Ein magisches Quadrat�, sagte Peter, �ein passender Name. Und mir kommt es auch reichlich weit hergezaubert vor, was Sie beide da vorf�hren. Wir finden hier eine bunte Mischung merkw�rdiger Symbole, und in null Komma nichts ordnen wir sie zu einem Quadrat und rechnen aus, dass unsere Anordnung ein magisches Quadrat ergibt, wenn man das Zeichen f�r... was war das noch gleich? Stahl? Wenn man das Zeichen f�r Stahl mit der Zahl 1,876121 gleichsetzt, ein anderes mit 25400,1777 und so weiter.�</p><p>�Wieso kommt Ihnen das so unwahrscheinlich vor?�, fragte Stefanie. �Meinen Sie, das Ganze ist ein Zufall?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, ich kann es nicht beurteilen. Wie viele m�gliche Kombinationen gibt es denn? Was, wenn wir die Zeichen anders angeordnet h�tten? Oder wenn der Computer noch eine Weile l�nger gerechnet h�tte?�</p><p>�Magische Quadrate sind extrem selten�, erkl�rte Patrick. �Stellen Sie sich ein Quadrat mit nur neun statt sechsunddrei�ig Zahlen vor. Also drei Reihen mit drei Zahlen. Nun ordnen Sie darin die Zahlen von eins bis neun so an, dass sich ein magisches Quadrat ergibt. Hier ist die L�sung�, er kritzelte etwas auf ein Blatt und reichte es Peter.</p><p><image l:href="#1"/></p><p>�Alle Summen ergeben f�nfzehn. Ist eine tolle Knobelaufgabe. Ich habe mir das auswendig gemerkt, um meine Nerven zu schonen. Aber nun probieren Sie dasselbe einmal mit unserem Raster von sechs mal sechs und der Einschr�nkung, dass Sie zw�lf verschiedene Zahlen verwenden d�rfen, jede exakt dreimal. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele verschiedene L�sungen es f�r dieses mathematische Problem gibt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es verdammt wenige sind. Wenn das hier ein Zufall ist, dann k�nnen Sie mich n�chstes Jahr auf den Knien nach Santiago de Compostela rutschen sehen.�</p><p>Peter musste bei diesem Gedanken schmunzeln. �Also gut. Lassen Sie uns dem heiligen Jakob das nicht antun. Nehmen wir an, die alchimistischen Zeichen stehen also f�r diese Zahlen. Was nun?�</p><p>Patrick machte sich wieder am Rechner zu schaffen. �Wenn wir alle Zahlen hintereinander h�ngen, haben wir jetzt quasi den mathematischen Code in seiner Rohform. <emphasis>Word of Chaos</emphasis> wird diese Zahlen durch seine Algorithmen jagen und regelrecht weich kauen. Das Programm protokolliert dabei sein Vorgehen und gibt Warnhinweise aus, wenn es auff�llige Muster entdeckt.�</p><p>�Und was f�r Muster erwarten Sie? Irgendwelche Quersummen?�, fragte Peter.</p><p>�Ich habe keine Vorstellung davon, Peter. Aber deswegen mache ich es auch nicht selber.� Patrick grinste. �Wir lassen die Maschine jetzt ein wenig qualmen, und heute Abend sehen wir nach, was sie ausgebr�tet hat. Allerdings...�, er stockte.</p><p>�Was ist?�</p><p>�Wir ben�tigen noch eine Zahl. Irgendetwas, einen Schl�ssel, eine Pr�fsumme oder so.�</p><p>�Wieso? Wie kommen Sie denn darauf? Sie m�ssen mich entschuldigen, aber seit etwa zwanzig Minuten zweifle ich an meiner naturwissenschaftlichen Schulbildung.�</p><p>�Na ja, diese Software bietet immerhin die Option, einen Schl�ssel anzugeben. Und es geh�rt ja eigentlich auch zum Prinzip des Chiffrierens, dass der Empf�nger der Nachricht einen Schl�ssel hat. Etwas, mit dem er die L�sung augenblicklich rekonstruieren kann, ohne herumprobieren zu m�ssen. Meistens wird eine Information dar�ber, welcher Schl�ssel n�tig ist, zusammen mit der chiffrierten Nachricht �bermittelt. Diese spezielle Software nutzt au�erdem fraktale Berechnungsformeln. Auch diese speist man h�ufig mit einem Initialwert, wie mit einem Samen, einer Spore. Und zu guter Letzt�, er deutete auf die Zeichnung der Symbole, �ist da dieses Zeichen oben rechts, das mir keine Ruhe l�sst. Mein Instinkt sagt mir, dass es etwas bedeuten soll, und dass es m�glicherweise der Schl�ssel ist, wie auch Stefanie schon vermutet hat. Ich glaube ja nicht an viel, aber an meinen Instinkt glaube ich.�</p><p>�Sie machen mir im Augenblick eher den Eindruck, als ob Ihr Instinkt mit Ihnen durchbrennt.�</p><p>�Ich wei� auch nicht�, sagte Patrick. �Aber mir kommt es alles absolut logisch vor. Die Ideen scheinen mir so <emphasis>richtig</emphasis>, als ob sie nicht neu w�ren, sondern ich mich nur daran erinnern w�rde... wenn Sie verstehen, wie ich das meine.�</p><p>Peter hob eine Augenbraue und sah ihn eine Weile an. Dann betrachtete er das Symbol n�her. �Es sieht aus wie ein Mond mit einer Kugel drin oder so. Alchimistisch ist es nicht, oder haben Sie eine Erkl�rung gefunden, Stefanie?�</p><p>�Nein. Nicht bei den Alchimisten.�</p><p>�Ein astronomisches Zeichen ist es auch nicht�, sagte Patrick. �Zumindest keines, das ich kenne.�</p><p>�Astronomisch?� Peter �berlegte. �Doch, irgendwie schon, warten Sie mal. Es sind zwei �berlagerte Zeichen. Die Sichel ist das Zeichen f�r den Mond, und der gro�e Kreis mit der Kugel oder dem Punkt in der Mitte ist das Zeichen f�r die Sonne.�</p><p>�Sonne und Mond �bereinander? Das ist doch...�</p><p>�...eine Sonnenfinsternis�, vollendete Peter den Satz, von seiner eigenen Entdeckung �berrascht.</p><p>�Nat�rlich! Wunderbar!�, rief Patrick aus. �Das Datum einer Sonnenfinsternis als numerischer Schl�ssel f�r den Code. Das w�re geradezu genial und absolut logisch. Dann stellt sich nur die gro�e Frage, <emphasis>welche</emphasis> Sonnenfinsternis gemeint ist.�</p><p>�Wenn wir <emphasis>heuristisch</emphasis> davon ausgehen�, sagte Peter, �dass der Durchgang und dieser Code genauso wie der Rest der H�hle aus dem dreizehnten Jahrhundert sind, dann w�re es am logischsten, nach einer Sonnenfinsternis zu suchen, die etwa im dreizehnten Jahrhundert in dieser Gegend stattfand.�</p><p>�Guter Vorschlag�, sagte Patrick, �aber wie kriegen wir das heraus?�</p><p>�Das ist nicht so schwer�, meldete sich nun Stefanie. �Ich werde �ber das Internet eine Recherche beauftragen. Es gibt ein paar Menschen da drau�en, die so was sehr pr�zise berechnen k�nnen. Ist ja gerade mal achthundert Jahre her.�</p><p>�Wie lange wird das dauern?�, fragte Peter.</p><p>�Je nachdem, wann unsere Anfrage bearbeitet wird, vielleicht einen Tag, h�chstens zwei. Ich glaube, so lange k�nnen wir uns noch gedulden, oder?�</p><p>�Klar. Darauf eine Zigarette!�, meinte Patrick und begab sich zum Fenster. �Was sagen Sie nun, Peter? Vorhin waren Sie noch so kummervoll, aber nun sind wir geradezu mit Siebenmeilenstiefeln vorangekommen, oder?�</p><p>Peter lehnte sich zur�ck, w�hrend sich Stefanie an einem anderen Rechner zu schaffen machte und eine Internetverbindung herstellte. �Ich muss zugeben, dass mir der Fortschritt sehr gef�llt � wenn ich auch nur die H�lfte davon nachvollziehen kann. Vielleicht w�re es jetzt an der Zeit, einen vorl�ufigen Bericht an unsere Auftraggeberin in Genf zu verfassen?�</p><p>Patrick grinste. �Tun Sie, was Sie nicht lassen k�nnen. Nehmen Sie sich aber nicht zu viel Zeit. F�r heute Nachmittag habe ich etwas vor, was wir uns nicht entgehen lassen sollten.� Er holte einen gefalteten Zettel aus der Tasche. �Dieses Flugblatt befand sich unter den Papieren, die uns die Gro�meisterin gestern in der Kathedrale gegeben hat. Es ist die Ank�ndigung und Einladung f�r ein Symposium heute Nachmittag in Cannes. Das Thema lautet: �Permutatio XVI�. Es ist eine geschlossene Veranstaltung ausschlie�lich f�r geladene G�ste.�</p><p>�Ich wei� nicht, was ich damit anfangen soll�, sagte Peter.</p><p>
�Dann warten Sie, bis ich den Rest vorlese:</p><p><emphasis>Im Mittelpunkt unserer sechzehnten Zusammenkunft steht die Kabbala. Redner und Abgesandte aller gro�en Schulen der Mystik sind bereits registriert. Wie immer gilt das eherne Gesetz: Das Symposium dient dem Austausch. Der Boden der Permutatio ist heilig. Wir sind gemeinsam offen, tolerant und undogmatisch. Wir missionieren nicht. Wir fehden nicht.</emphasis>�</p><p>�Was wollen Sie denn <emphasis>da?!</emphasis>�, fragte Peter.</p><p>�Ich denke immer noch an die Rose�, sagte Patrick. �Egal, ob uns Ren�e etwas von der Arche Noah erz�hlt hat und ob uns der Herr von und zu Weimar mit Luther voll gequatscht hat; fest steht doch, dass scheinbar jeder etwas zu der Rose zu sagen hat. Diese ganzen Leute, die sich mit Mystik und Kabbala und solchem Kram besch�ftigen, die sind doch das ideale Publikum f�r unsere Recherche. Im Grunde hatte Herr Weimar ja Recht: Vieles, was wir entdecken, erkennen wir vielleicht gar nicht als wichtigen Hinweis, weil wir einige Zusammenh�nge gar nicht kennen, die aber im dreizehnten Jahrhundert durchaus pr�sent waren. Zumindest bei den Mystikern. Und dass diese H�hle etwas Mystisches hat, das werden Sie wohl auch zugeben m�ssen.�</p><p>�Ja, das l�sst sich nicht abstreiten...�</p><p>�Dann halten Sie beide nichts von der Erkl�rung, die Rose sei das Wappen Luthers?�, fragte Stefanie.</p><p>�Vielleicht gibt es tats�chlich einen losen Zusammenhang�, schr�nkte Peter ein. �Luther wurde zwar erst viel sp�ter geboren, erst zwei- oder dreihundert Jahre, nachdem diese H�hlenw�nde bemalt wurden. Aber sein Wappen k�nnte nat�rlich seinen Ursprung in dieser H�hle haben. Nur w�sste ich nicht, wie uns das weiterhelfen sollte. Er hat die H�hle sicher nicht gebaut, und die omin�sen Lutherarchive werden wir hier bestimmt auch nicht finden...�</p><p>�Es sei denn�, unterbrach Stefanie, �er h�tte herausgefunden, wie man den Durchgang passiert!�</p><p>Peter und Patrick sahen sie erstaunt an.</p><p>Sie fuhr fort: �Sagten Sie nicht, Luther h�tte angeblich wichtige Entdeckungen gemacht? Vielleicht war eine davon dieser Durchgang und wie man ihn passiert. Dann k�nnte es durchaus sein, dass er seine Aufzeichnungen hinter den Durchgang in Sicherheit gebracht hat.�</p><p>�Stefanie hat Recht�, sagte Patrick. �Die Lutherarchive k�nnten durchaus hier sein. Wenn es sie denn gibt.�</p><p>�Nun, das w�rde aber noch immer nicht das Geheimnis des Durchgangs erkl�ren�, sagte Peter. �Dann h�tte er ihn sich vielleicht zu Nutze gemacht. Aber da seine dubiosen Aufzeichnungen dahinter l�gen, w�rden sie uns nicht einmal weiterhelfen. Wir sind wieder da angekommen, wo wir gestartet sind. Das R�tsel des Durchgangs m�ssen wir alleine l�sen.�</p><p>�Dann lassen Sie uns heute nach Cannes fahren und ein paar dieser Leute nach der Rose befragen�, sagte Patrick. �Ich schlage vor, wir nehmen auch eine Zeichnung des gro�en Symbols in der Mitte mit.�</p><p>�Sie meinen die konzentrischen Ringe?�, fragte Stefanie. �Das sieht mir aber nun wirklich wie ein blo�er Schmuck aus. Wie ein einfaches Labyrinth-Motiv oder so.�</p><p>�Es ist wirklich sehr regelm��ig konstruiert�, �berlegte Peter. �Das sind klassische Labyrinthe auch. Aber hier f�hrt ein gerader Weg ins Zentrum und je zwei weitere Wege um das Zentrum herum. In klassischen Labyrinthen gibt es immer nur einen einzigen Weg, durch den man die vollst�ndige Fl�che durchl�uft, bis man im Zentrum ankommt. Das ist etwas ganz anderes.�</p><p>�Seit wann gibt es da nur einen einzigen Weg?�, fragte Patrick. �In Labyrinthen soll man sich doch verlaufen.�</p><p>�Was Sie meinen, sind <emphasis>Irrg�rten</emphasis>�, erkl�rte Peter. �Ein Labyrinth ist ein viel �lteres Symbol. Eine Konzentrationsaufgabe, die den geistigen Weg vom �u�eren zum Inneren darstellt. Aber wenn man sich dieses Zeichen hier genau ansieht, scheint es weder ein Irrgarten noch ein Labyrinth zu sein. Es sieht eher aus wie drei umeinander gelegte Ringe oder Schalen.�</p><p>�Sieht ein bisschen aus wie eine Antenne, von der kreisf�rmige Wellen ausgehen, oder?�</p><p>�Ihre Fantasie m�chte ich haben, Patrick�, sagte Peter. �Aber es stimmt schon; es wirkt irgendwie fast technisch. Kreise, Spiralen und Labyrinthe sind archaische Symbole, und in meinen Studien habe ich sehr viele davon gesehen und beschrieben. Dieses Zeichen hier ist aber eindeutig anders. Es kann nicht schaden, wenn wir es ein paar Leuten zeigen. Sollte es jemand erkennen, k�nnte uns das einen wichtigen Hinweis auf seinen Ursprung geben.�</p><p>�Dann sind Sie also einverstanden mit Cannes?�, fragte Patrick.</p><p>�Ja, lassen Sie uns zum Symposium der Mystiker fahren. Hoffen wir nur, dass sich alle an ihre �ehernen Gesetze� halten und tats�chlich nicht missionieren.�</p><p><emphasis>8. Mai, B�ro des B�rgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Didier Fauvels dicke Finger zitterten unmerklich, als er sich einen Cognac einschenkte. Er zog den Beistelltisch auf den kleinen Rollen hinter sich her und lie� sich dann in seinen Schreibtischsessel sinken. Er leerte das Glas fast bis zur Neige, lehnte sich zur�ck und lie� die Ereignisse Revue passieren.</p><p>Der Besuch war nicht lang gewesen, aber unangek�ndigt und �u�erst unangenehm. Er hatte noch kurz mit Fernand Levasseur gesprochen, bevor dieser die Forscher im Hotel aufsuchen wollte. Dann hatte er sich die Zeitung genommen und auf dem Weg zum Schreibtisch gesehen, wie ein dunkler Mercedes vorgefahren war...</p><p>Dem Wagen entstiegen Fahrer und Beifahrer, beide ernsthaft, breitschultrig und in teure Anz�ge gekleidet. Der Beifahrer trat an den Fond und �ffnete einem Mann mit sportlichem Sakko und einer modischen Brille. Dieser schritt zielstrebig auf das Haus zu, w�hrend ihm die anderen beiden folgten. Daran, wie einer der Begleiter einen unsichtbaren Gurt unter seinem Jackett zurechtschob, erkannte Didier Fauvel, dass sie bewaffnet waren.</p><p>Er hatte sich kaum hingesetzt, als auch schon seine Sekret�rin das B�ro betrat.</p><p>�Sie haben Besuch, Monsieur le Maire�, brachte sie gerade noch heraus, als sie von einem der beiden Bodyguards beiseite geschoben wurde, der den Fahrgast aus dem Mercedes vorbeilie�. Aus der N�he betrachtet, wirkte er smart und gebildet. Er trat an den Schreibtisch heran, w�hrend seine Begleiter an der T�r stehen blieben.</p><p>�Guten Morgen, Monsieur Fauvel.�</p><p>�Guten Morgen, Monsieur...?� Er lie� den Satz absichtlich als Frage enden, doch der Mann ging nicht darauf ein.</p><p>�Ich komme aus Paris.� Er reichte dem B�rgermeister eine Visitenkarte. �Sie kennen diese Karte?�</p><p>O ja, und wie er sie kannte. Er hatte gehofft, dass dies niemals geschehen w�rde, dass man ihn vergessen w�rde, ja er hatte es selbst fast vergessen. Aber nun schlug das Schicksal zu. Unerbittlich und h�chstwahrscheinlich �u�erst schmerzhaft.</p><p>�Ja, ich kenne sie.�</p><p>�Sch�n. Dann fasse ich mich kurz. Einige sehr einflussreiche Herren in Paris sind �u�erst gereizter Stimmung �ber bestimmte Nachforschungen, die gewisse Personen in Ihrer Umgebung anstellen.�</p><p>�Wie meinen Sie das?� Einen Augenblick lang war er ehrlich verwirrt.</p><p>�Ein Franzose und ein Engl�nder. Sie stochern bisher im Nebel mit irgendwelchen Untersuchungen, die sie anstellen, aber sie erregen damit das falsche Ma� an Aufmerksamkeit bei den falschen Leuten. Verstehen Sie, was ich Ihnen sage?�</p><p>�Ja, das hei�t, irgendwie...�</p><p>�Sorgen Sie daf�r, dass die beiden ihre Nachforschungen einstellen, was auch immer sie hier gerade tun.�</p><p>�Sie untersuchen einige F�lle von Tollwut...�</p><p>�Paris ist es egal, <emphasis>was</emphasis> sie untersuchen. Und wenn es die Keuschheit der Jungfrau Maria ist. Es wird von Ihnen erwartet, dass Sie dem Treiben Einhalt gebieten. Die Untersuchungen sind sofort zu beenden.�</p><p>�Beenden? Aber wie... die sind von den UN, ich habe keine Befugnis, denen etwas vorzuschreiben.�</p><p>�Sie sollen niemandem etwas vorschreiben. Sie sollen einfach daf�r sorgen, d�ss die beiden nicht weiterarbeiten. Ist das so schwierig zu verstehen?�</p><p>�Aber... ich kann die beiden doch nicht einfach verschwinden lassen! Oder...? Oder ist es das? Wollen Sie etwa, dass ich die beiden umbringen lasse, oder wie stellen Sie sich das vor?!�</p><p>Der Mann beugte sich gef�hrlich nahe zu Didier Fauvel herunter. �Lieber Monsieur Fauvel. Ihr fetter Arsch ruht auf einem Schleudersitz, wie Sie selber wissen. Und die Finger, die den Ausl�ser bet�tigen, brauchen nur einmal nerv�s zu <emphasis>zucken.</emphasis> Sie werden sich jetzt nachhaltig um Ihr kleines Problem k�mmern, oder Sie haben bald gar keine Probleme mehr. Habe ich mich klar ausgedr�ckt?�</p><p>�Ja, sehr klar.�</p><p>�Gut.�</p><p>Ohne weitere Worte hatte sich der Mann umgedreht und mit seinen Begleitern das B�ro verlassen. Zur�ck blieb nur die Visitenkarte.</p><p>Didier schauderte es beim Gedanken an die Szene. Bei all ihrer Tr�gheit hatten die schwergewichtigen M�chte in Paris zu allem �berfluss auch das sprichw�rtlich gute Ged�chtnis von Elefanten. Er schenkte sein Glas nach und versuchte jene Ereignisse des Sommers 1968 zu verdr�ngen, die, aufgeschreckt durch die j�he Begegnung mit der Vergangenheit, nun beharrlich in ihm emporquollen. Die an die Oberfl�che drangen, emporgew�rgt, ausgespuckt und ges�hnt werden wollten.</p><p>�Monsieur le Maire?�</p><p>Die Stimme seiner Sekret�rin schreckte ihn aus den Gedanken.</p><p>�Was gibt es?!�, herrschte er sie an.</p><p>�Monsieur Levasseur m�chte Sie kurz sprechen... Soll ich ihm sagen, dass Sie...?�</p><p>�Nein, schon gut.� Er winkte ab, froh �ber eine Ablenkung, wenn seine Stimmung dadurch auch nicht besser wurde. �Lassen Sie ihn herein.�</p><p>Mit dem Fu� schob er den Beistelltisch ein St�ck au�er Reichweite. Sein Glas konnte er gerade noch so hinter einen Stapel Akten stellen, dass es f�r den Besucher nicht sichtbar war, als der F�rster auch schon vor ihm stand.</p><p>�Wie war Ihr Besuch bei den UN-Leuten?�</p><p>�Nicht sehr aufschlussreich, wie ich aber leider schon vermutet hatte.�</p><p>�Weshalb das? Hat man Ihnen denn nicht geholfen?� Es konnte sich als n�tzlich erweisen, wenn die Forscher nicht kooperativ waren. Vielleicht konnte man ihnen daraus einen Strick drehen.</p><p>�Doch, ganz im Gegenteil. Sie waren durchaus hilfsbereit und haben mir ihre bisherigen Ergebnisse gezeigt. Ich muss zugeben, dass ich anfangs misstrauisch war, es ist aber leider tats�chlich so, wie sie sagen. Sie ben�tigen diese ganzen Wetterdaten. Sie werden sie tats�chlich aus Carcassonne anfordern m�ssen.�</p><p>Der B�rgermeister verzog den Mund. Anstatt einen guten Vorwand zu bekommen, die beiden M�nner loswerden zu k�nnen, sollte er sich nun sogar noch weiter um ihre Angelegenheiten k�mmern.</p><p>�Trauen Sie den beiden denn zu, dass sie die Seuche damit in den Griff bekommen?�</p><p>�Es sind �brigens inzwischen drei Forscher: Sie haben Unterst�tzung von einer Biologin bekommen.�</p><p>�Ach... das ist ja interessant. Und man hat mich nicht davon unterrichtet?�</p><p>�Offensichtlich nicht, Monsieur le Maire, aber ich bin sicher, dass Sie sie kennen lernen werden.�</p><p>�So. Nun gut. Und glauben Sie, dass die drei das Problem l�sen k�nnen?�</p><p>�Ja, unbedingt. Sie sind hervorragend ausger�stet. Auf dem neuesten Stand der Technik.�</p><p>�Hm... gut, einverstanden. Ich werde mich um die Wetterdaten k�mmern. Vielen Dank f�r Ihre Einsch�tzung.� Er wandte sich scheinbar gesch�ftig einem Stapel Papier zu. �Wenn Sie mich nun entschuldigen m�chten...�</p><p>�Nat�rlich. Einen sch�nen Tag noch, Monsieur le Maire.� Der F�rster verlie� das B�ro, zufrieden, dass er die notwendige Zeit herausgeschlagen hatte, die er ben�tigte, um das undurchsichtige Geheimnis der Forscher zu l�ften, die nun wirklich alles andere taten, als sich mit Tollwut zu besch�ftigen.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 12</strong></p><p><emphasis>8. Mai, B�ro des franz�sischen Pr�sidenten, Paris</emphasis></p><p>Pr�sident Michaut legte die Unterlagen beiseite, lehnte sich zur�ck und massierte seine Schl�fen. Er dachte nach. Seine Leute hatten gute Arbeit geleistet. Ohne die Hintergr�nde zu erahnen, hatten sie ihm alle Informationen zusammengetragen, die er ben�tigte. Die Analyse und der Schluss waren nicht mehr schwer gewesen. Aber gerade das lie� ihn noch zweifeln. Es konnte nicht so einfach sein. Oder doch?</p><p>Es gab nur eine einzige Person, der er von seiner Entdeckung erz�hlen und die ihm Sicherheit geben konnte: der Graf.</p><p>Er nahm den H�rer und w�hlte die Null. Es meldete sich sein Sekret�r.</p><p>�Besorgen Sie mir eine saubere Leitung nach drau�en, und zwar nicht eine von den offiziellen�, wies der Pr�sident ihn an und legte auf. Er h�tte auch direkt an seinem Ger�t eine abh�rsichere Verbindung w�hlen k�nnen, doch die wurden im Hause aufgezeichnet. Wenige Augenblicke sp�ter klingelte es.</p><p>�Die Leitung ist frei, Monsieur le Pr�sident.� Es folgten ein leises Klicken und dann ein Freizeichen.</p><p>Der Pr�sident w�hlte eine Nummer in der Schweiz. Als nach einer Weile abgenommen wurde, meldete er sich: �Hier ist Emmanuel, ich m�chte mit dem Grafen sprechen.�</p><p>�blicherweise gab er nicht seinen Vornamen an, aber auf diese Weise hoffte er, die Vertraulichkeit zu unterstreichen. Es dauerte nicht lange, bis die unverwechselbar sonore Stimme des alten Mannes ert�nte.</p><p>�All�?�</p><p>�Monsieur le Comte, hier ist Emmanuel Michaut, entschuldigen Sie, dass ich Sie derart unvermittelt anrufe.�</p><p>�Monsieur le Pr�sident, es ist mir eine Ehre! Was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>�Infolge unseres letzten Gespr�chs habe ich einige Erkundigungen eingeholt und eine m�glicherweise interessante Entdeckung gemacht, die ich mit Ihnen teilen m�chte.�</p><p>�Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich hoffe, Sie erwarten von mir keine fachliche Beurteilung Ihrer Entdeckung?�</p><p>�Nun, m�glicherweise k�nnen Sie mir einfach spontan Ihre Meinung dazu sagen. Und mir damit vielleicht eine Art richtungsweisendes Gef�hl geben, wenn Sie so wollen.�</p><p>�Ihr Vertrauen ehrt mich, und ich bin sehr gespannt auf Ihre Entdeckung. Ich kann Ihnen aber nat�rlich nicht versprechen, dass ich etwas Konstruktives dazu beitragen kann.�</p><p>�Nun, es geht um Folgendes: Ich berichtete Ihnen von meinen sehr guten Verbindungen zur Industrie und dass sich einige Unternehmen von mir abgewandt haben.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nach unserem Gespr�ch hatte sich mein Gef�hl verst�rkt, dass es sich hierbei nicht um Zuf�lle handeln konnte. Daf�r waren die Verhalten zu absonderlich und abrupt. Es konnten auch keine geheimen Akquisitions- oder Fusionspl�ne oder dergleichen sein. Das h�tten wir schnell erfahren. Ich kam zu der �berzeugung, dass es bewusste und pl�tzliche Entscheidungen waren, von h�chster Ebene gef�llt. Von Personen mit ausreichender Macht.�</p><p>�Sie meinen die Gesch�ftsf�hrer?�</p><p>�Nicht ausschlie�lich. Auch andere m�glicherweise mehrheitlich an den Unternehmen beteiligte stille Teilhaber, Aufsichtsr�te oder dergleichen.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Ich habe mir also die Management-Strukturen, Kapital- und Besitzverh�ltnisse der entsprechenden Firmen und Konzerne besorgen lassen und analysiert. Und nun zu meiner Entdeckung: Es gibt eine Gemeinsamkeit.�</p><p>�Wer h�tte das gedacht!� Wirklich �berrascht klang die Stimme des Grafen nicht.</p><p>�Es war nicht gleich offensichtlich. Die beiden Banken beispielsweise geh�ren der Miralbi an, deren gr��ter Konkurrent �brigens die britische Halifax-Gruppe ist. Der Aufsichtsrat wird mehr oder weniger kontrolliert von Yves Laroche, dem Vater von Jean-Baptiste, Sie wissen, wer das ist?�</p><p>�Sie sprechen von Jean-Baptiste Laroche, Ihrem Gegenkandidat der Parti Fondamental Nationaliste?�</p><p>�Ebendieser. Und als N�chstes stellte sich heraus, dass sein Bruder gesch�ftsf�hrender Gesellschafter der ENF ist, dem Stromanbieter, der sich von mir abgewendet hat. Er h�lt einundf�nfzig Prozent der Anteile, und wissen Sie, wem die anderen neunundvierzig Prozent geh�ren?�</p><p>�Ich bin gespannt.�</p><p>�Sie geh�ren der Ferrofranc-Gruppe.�</p><p>�Mit der Sie ebenfalls Probleme haben.�</p><p>�So ist es.� Der Pr�sident bl�tterte durch die Unterlagen auf seinem Tisch. �Und so geht es weiter. Ich m�chte Sie nicht mit Details langweilen. Es stellt sich jedenfalls in allen F�llen heraus, dass in irgendeiner Form die Familie Laroche stets so weit beteiligt ist, dass sie ausreichend Macht aus�ben k�nnte.�</p><p>�H�chst bemerkenswert. Das trifft auch auf die anderen Firmen zu, von denen Sie erz�hlten?�</p><p>�Ja. TVF M�dia und T�l�digit International geh�ren zum selben Medienkonzern, der wiederum einen Onkel Jean-Baptistes im Aufsichtsrat sitzen hat.�</p><p>�Was schlie�en Sie aus dieser Entdeckung?�</p><p>�Nun, es sollte keine �berraschung sein, dass Jean-Baptiste Laroche mit seiner Partei die n�chste Wahl gerne gewinnen m�chte. Beunruhigend ist allerdings, dass er die Macht zu haben scheint, seine gesamten famili�ren Verbindungen in ein politisches R�nkespiel zu verwickeln.�</p><p>�Sie vermuten, dass eine einzelne Person Industriekonzerne und Banken zu solch drastischen Schritten veranlassen kann? Immerhin scheint es f�r die Betroffenen um den Verzicht auf Staatsanleihen und andere Verg�nstigungen zu gehen...�</p><p>�... um im Gegenzug ein Familienmitglied als franz�sischen Pr�sidenten einsetzen zu k�nnen.�</p><p>�Bei allem Respekt, Monsieur le Pr�sident... erlauben Sie, dass ich meine Meinung hierzu �u�ere?�</p><p>�Aber nat�rlich, deswegen habe ich Sie angerufen. Was denken Sie?�</p><p>�Ich bin kein Franzose und mit Ihrem Staatssystem nicht so vertraut, aber es f�llt mir schwer, mir vorzustellen, dass allein Ihre Position als Pr�sident ein so gro�es Opfer wert ist.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Nun, mit ausreichend Fantasie k�nnte man sich ja die Umst�nde, die Sie schildern, als einen von langer Hand vorbereiteten Putschversuch vorstellen. Wenn dieser allerdings erfolglos bleibt, werden andere Unternehmen und Verb�nde die L�cke f�llen, die die nun in Ungnade gefallenen hinterlassen, um als neue Partner die Staatsgunst zu erlangen.�</p><p>�Sie meinen, es ist unwahrscheinlich, dass so viele industrielle Schwergewichte auf Abstand zur Regierung gehen, auf das Risiko hin, ihre Position nachhaltig zu besch�digen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie haben vielleicht Recht...� Er z�gerte einen Augenblick, dann schlug er mit der Hand auf den Tisch. �Aber dennoch ist es so. Es kommt einem fast wie bei der Mafia vor!�</p><p>�Wenn Sie tats�chlich in einer solchen Lage gefangen sind, k�nnte es sich als hilfreich erweisen, wenn Sie Ihre Vermutung konkret �berpr�fen, Monsieur le Pr�sident.�</p><p>Der Pr�sident drehte sich mitsamt seinem Stuhl so, dass er aus dem Fenster blickte. �Wie das?�</p><p>�Wenn es sich so verh�lt, wie Sie vermuten, dann wird ersichtlich, dass sich die Familie Laroche sehr sicher ist, mit dem, was sie plant.�</p><p>�Ja, anscheinend.�</p><p>�Woran k�nnte das liegen?�</p><p>�Vielleicht sind besondere Umst�nde eingetreten, die wir noch nicht kennen, die das Vorgehen der Familie Laroche zu diesem Zeitpunkt besonders Erfolg versprechend macht.�</p><p>�Gut... und nun testen Sie sich selbst. Sie sind W�hler. W�rden Sie Jean-Baptiste Laroche und die PNF w�hlen? Oder anders: Trauen Sie dem Mann zu, die Wahl zu gewinnen?�</p><p>�Nein, keineswegs. Der Mann strahlt keine Kompetenz aus. Er mag charismatisch sein, ist aber arrogant und egozentrisch.�</p><p>�Dann muss man sich wirklich fragen, weshalb ein solches Vertrauen in seinen Erfolg gesetzt wird. Ein Selbstbewusstsein, das er, wie Sie sagen, auch pers�nlich zur Schau tr�gt. Warum konfrontieren Sie ihn nicht einfach. Wenn er wirklich so sicher ist, dann wird er Ihnen pers�nlich vielleicht den einen oder anderen Anhaltspunkt geben.�</p><p>�Sie meinen, ich sollte mich mit ihm treffen?�</p><p>�Sicher.�</p><p>�Das ist grotesk. Dieser Mann meidet es sogar, in der �ffentlichkeit meinen Namen auszusprechen. Er w�rde sich niemals auf ein Treffen einlassen.�</p><p>�Vielleicht sind Sie auf der falschen Spur�, gab der Graf zur�ck. �Vielleicht aber auch nicht.�</p><p>Der Pr�sident schwieg einen Augenblick lang. �Sie haben Recht, einen Versuch ist es wert, sch�tze ich... Monsieur le Comte, ich muss mich wieder einmal bei Ihnen bedanken.�</p><p>�Danken Sie mir nicht, ich habe Ihnen lediglich zugeh�rt.�</p><p>�Wie sooft, ja. Vielen Dank trotzdem, es war mir eine Freude.�</p><p>�Ebenso wie mir, Monsieur le Pr�sident.�</p><p><emphasis>8. Mai, Royal Casino Hotel, Cannes</emphasis></p><p>�Schade, dass Stefanie nicht mitkommen wollte.�</p><p>�Sie verwundern mich, Patrick. Gestern haben Sie sie noch als Klugschei�erin bezeichnet, und heute vermissen Sie sie schon.� Peter lachte. �Oder h�tten Sie sie gerne als Zeugin dabei gehabt, wenn Sie in Ihrer unverwechselbar charmanten Art gleich einen ganzen Saal voller Mystiker l�cherlich machen wollen?�</p><p>�Ich will Sie noch mehr verwundern: Ich habe nichts dergleichen vor.�</p><p>�Nichts f�r ungut, aber ich kann mir nur schwerlich vorstellen, wie Sie sich in dieser L�wengrube zusammenrei�en wollen.�</p><p>�Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie es waren, der in Notre Dame die Beherrschung verloren hat.�</p><p>�Da haben Sie allerdings Recht.� Peter musste erneut schmunzeln. �Meinen Sie, das ist symptomatisch? Vielleicht werde ich zum Judas an der mystischen Historie, die ich erforscht habe? Und Sie werden vom Saulus zum Paulus, dem felsenfesten Begr�nder eines neuen religi�sen Verst�ndnisses?�</p><p>Nun lachte auch Patrick. �Wohl kaum!�</p><p>�Na, dann haben Sie wohl einen anderen Narren an Frau Kr�ger gefressen.�</p><p>�Mir sind lediglich die intellektuellen F�higkeiten von Frau Kr�ger bewusst geworden, Herr Professor.�</p><p>�Und ihre k�rperlichen Reize zu Kopfe gestiegen?�</p><p>�Das ist keine Schande, sondern zeugt von Geschmack. Aber erstaunlich, dass Sie diese Reize ebenfalls bemerkt haben, Peter�, scherzte Patrick.</p><p>�Ich bin vielleicht �lter als Sie, aber deswegen bin ich noch lange nicht blind�, gab Peter zur�ck. �Im Gegensatz zu Ihnen habe ich als seri�ser Wissenschaftler meine Fr�hlingsgef�hle jedoch unter Kontrolle.�</p><p>�Ja�, Patrick lachte, �das wird es sein!�</p><p>Sie hatten ihren Weg einem Schild im Foyer folgend gefunden und kamen nun in einen Bereich, der offensichtlich f�r Konferenzen aller Art abgesperrt werden konnte. Am Eingang stand ein f�rmlich gekleideter Herr, dem die eintreffenden G�ste Papiere �berreichten.</p><p>�Ihre Einladungen bitte�, forderte er sie auf, als sie ihm gegen�bertraten.</p><p>Patrick �berreichte ihm den Handzettel mit der Ank�ndigung des Symposiums.</p><p>�Es tut mir leid, aber Sie ben�tigen Ihre schriftliche Einladung. Haben Sie den Brief dabei?�</p><p>�Wir haben keine Einladungen mehr erhalten�, erkl�rte Patrick, �wir haben erst sehr kurzfristig von diesem Termin erfahren...�</p><p>Der Mann schien wenig beeindruckt. Er senkte seinen Blick in eine vor ihm liegende Liste. �Das werde ich �berpr�fen. Ihre Namen bitte?�</p><p>�Monsieur, ich sagte doch, wir haben gerade heute erst von diesem Symposium erfahren...�</p><p>�Ihre Namen?�</p><p>Peter schob sich vor. �Ich bin Professor Peter Lavell, Wissenschaftler und Sachbuchautor. Ich halte zurzeit Vorlesungsreihen an internationalen Fakult�ten zum Thema Mystizismus. Ich bin den Veranstaltern mit Sicherheit wohl bekannt, und ich glaube nicht, dass sie auf mich verzichten m�chten.�</p><p>Der Mann schien ihm nicht zuzuh�ren. �Ohne eine Einladung kann ich Sie... oh, ich sehe gerade. Sie sind Professor Lavell und Monsieur Nevreux?� Er sah auf.</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie stehen tats�chlich auf der G�steliste.� Er trat beiseite und winkte sie durch. �Willkommen zur <emphasis>Permutatio!</emphasis>�</p><p>Peter runzelte die Stirn, als sie hindurchgingen, aber noch bevor er etwas sagen konnte, dr�ckte ihnen eine junge Frau je eine Art Programmheft in die Hand. �Willkommen und eine erfahrungsreiche Zeit, Br�der.� Dann wandte sie sich bereits anderen G�sten zu.</p><p>�Wir stehen auf der <emphasis>G�steliste</emphasis>?!� Patrick sah sich erstaunt um. �Wir scheinen einen G�nner zu haben. Und ich kann mir auch schon vorstellen, wer das ist...�</p><p>�Ja, ich auch�, sagte Peter und deutete auf das Programmheft. �In einer halben Stunde beginnt eine Podiumsdiskussion. Und mit dabei ist Claire Ren�e Colladon.�</p><p>�Vielleicht versucht sie ja hier ebenfalls, ihre Arche-Noah-Story zu verkaufen.�</p><p>�Interessanterweise steht hier nichts von der Bruderschaft der �Wahren Erben von Kreuz und Rose�. Stattdessen wird sie hier aufgef�hrt als �<emphasis>Grandma�tre du Ordre RC</emphasis>�...� Peter z�gerte und fasste sich dann an den Kopf. �Moment mal, das gibt's doch nicht! Warum bin ich Esel nicht fr�her darauf gekommen?!�</p><p>�Nun?�</p><p>�Jetzt wei� ich auch, woher ich den einen Spruch in der H�hle kenne!�</p><p>�Welchen Spruch?�</p><p>�<emphasis>Arcana publicata vilescunt...</emphasis> erinnern Sie sich? <emphasis>Ver�ffentlichte Geheimnisse werden billig, und das Entheiligte verliert alle Anmut.</emphasis>�</p><p>�hm... ja, kann sein. Sie kennen das Zitat?�</p><p>�Ja, es kam mir gleich bekannt vor, ich konnte mich aber nicht mehr an den Zusammenhang erinnern.� Mit schnellen Schritten ging er voran und suchte die G�nge und R�ume mit seinen Blicken ab. �Dabei ist es so offensichtlich. Kommen Sie, wir m�ssen Ren�e suchen!�</p><p>�Haben Sie eigentlich vor, mich auch einzuweihen?�, fragte Patrick, der dem Professor etwas gem�chlicher folgte und eine weitere Zigarette aus der zerknitterten Packung klopfte.</p><p>�Da ist sie!�, rief Peter aus und blieb in einer T�r stehen.</p><p>Einige Leute standen in kleinen Gruppen beisammen und unterhielten sich. Als Patrick hinzukam und neben Peter in den Raum blickte, l�ste sich eine der Gruppen auf, und nur noch Ren�e Colladon blieb stehen und winkte die beiden zu sich.</p><p>�Ich freue mich, dass Sie der Einladung gefolgt sind, Messieurs. Insbesondere Sie, Monsieur le Professeur. Ich h�tte nicht erwartet, Sie wiederzusehen.�</p><p>�Nun, da wir hier sind�, sagte Peter, �wird es Sie nicht verwundern, wenn wir uns unter v�llig anderen Voraussetzungen gegen�bertreten.�</p><p>�Ich verstehe nicht, wie Sie das meinen.�</p><p>�Als wir uns in Paris trafen, hatten wir mehr Fragen als Sie. Aber nun sind die Karten neu verteilt, und es gibt kein Geheimnis mehr, das Sie mit uns tauschen k�nnen.�</p><p>�Monsieur Lavell, das klingt ja, als w�ren wir auf einem arabischen Teppichbazar und feilschten.� Sie l�chelte. �Wenn Sie nichts von mir wissen m�chten, weshalb kommen Sie dann zu mir?�</p><p>�Ich habe etwas, das Sie haben m�chten. Und ich m�chte wissen, was Sie daf�r bieten.�</p><p>Sie lachte auf. �Was k�nnten Sie haben, das ich haben wollte?�</p><p>�Ich wei�, wo sich das Haus des Heiligen Geistes befindet.�</p><p>Patrick sah erstaunt her�ber, aber die Gro�meisterin erstarrte.</p><p>�Was reden Sie da!�, entfuhr es ihr nach einer Weile tonlos. �Machen Sie sich nicht l�cherlich!� An der Zur�ckhaltung in ihrer Stimme war zu erkennen, dass sie sich keineswegs sicher f�hlte.</p><p>�Ich werde Ihnen eine Geschichte erz�hlen�, hob Peter an, �und dann sagen Sie mir, wer sich von uns beiden l�cherlich gemacht hat.�</p><p>�Treiben Sie keinen Spott mit mir�, warnte Ren�e und verengte die Augen zu Schlitzen.</p><p>�Mitte des f�nfzehnten Jahrhunderts�, begann Peter, �lebte ein Mann aus hohem teutonischem Geschlecht, der bereits im Alter von f�nf Jahren in einem Konvent in allen humanit�ren Wissenschaften ausgebildet wurde. Mit f�nfzehn reiste er ins Heilige Land. Als er in Damaskus von einem geheimen Kreis weiser M�nner h�rte, machte er sich auf den Weg und kam nach Damcar. Dort wurde er bereits erwartet und im Folgenden jahrelang in den geheimsten magischen K�nsten ausgebildet.�</p><p>W�hrend Peter sprach, betrachtete Ren�e ihn mit versteinerter Miene.</p><p>�Nach seinem Studium reiste er �ber �gypten nach Fez und erlernte das Beschw�ren von Elementargeistern. Nach seiner Ausbildung machte sich der junge Mann auf den Weg zur�ck, erst nach Spanien und dann nach Deutschland. Lange Jahre philosophierte er als Einsiedler und entschloss sich dann, sein Wissen weiterzugeben und Gutes zu tun. Er errichtete das Haus des Heiligen Geistes, heilte und scharte immer mehr Anh�nger um sich, die auszogen, um seine Weisheiten in Europa zu verbreiten. Der Mann hie� Christian Rosenkreuz, auch bekannt unter den Initialen C. R. C.�</p><p>Ren�e sagte kein Wort.</p><p>�Es geht noch weiter: Der Mann starb irgendwann in biblischem Alter und wurde an einem geheimen Ort begraben. Hundertf�nfzig Jahre sp�ter fand man diesen Ort, eine H�hle, beleuchtet durch die �<emphasis>Sonne der Magi</emphasis>�, mit magischen Symbolen beschriftet, und eine v�llig unversehrte Leiche.�</p><p>Patrick beobachtete seinen Kollegen mit zunehmendem Erstaunen, w�hrend dieser fortfuhr.</p><p>�Mitte des siebzehnten Jahrhunderts kam die ganze Geschichte richtig in Mode, als eine Schrift, die <emphasis>Fama Fratemitatis</emphasis>, ver�ffentlicht wurde. Jeder, der sich den so genannten Rosenkreuzern anschlie�en wollte, sollte dies durch eigene Taten und Ver�ffentlichungen kundtun. Noch heute gibt es einige Geheimgesellschaften und Orden, die sich auf die Rosenkreuzer berufen. Und so h�lt es auch die Bruderschaft der �Wahren Erben von Kreuz und Rose�, ist es nicht so? Vordergr�ndig geben Sie vor, eine einfache Freimaurerloge zu sein, aber in Wirklichkeit betrachten Sie sich als wahre Nachfolger der mystischen Rosenkreuzer. Sogar Ihren Namen haben Sie den Initialen des heiligen Gr�nders angepasst, nicht wahr, Claire Ren�e Colladon?�</p><p>Sie holte tief Luft, doch Peter lie� sie nicht zu Wort kommen.</p><p>�Sie m�chten gerne wissen, woher wir die Zeichnung der Rose haben und den Spruch �<emphasis>Dies sei ein Beispiel f�r meine J�nger</emphasis>�, richtig? Sie vermuten, dass wir auf der Spur des Christian Rosenkreuz sind. Nun, vielleicht sind wir das. Stellen Sie sich vor: Wir haben m�glicherweise eine H�hle gefunden, voller Inschriften, teilweise unleserlich, mit einem unerkl�rlichen Leuchten, und an der Wand befindet sich die Malerei einer Rose, die Signatur C.R.C. und der lateinische Spruch: �<emphasis>Arcana publicata vilescunt...</emphasis>��</p><p>��<emphasis>... et gratiam profanata amittunt</emphasis>��, vollendete Ren�e Colladon monoton. �Also: �<emphasis>Wirf nicht Perlen vor die S�ue, noch streue dem Esel Rosen.</emphasis>� Es ist nicht das Haus des Heiligen Geistes, sondern das Grab des Christian Rosenkreuz!�</p><p>Peter schwieg, und eine Weile sagte niemand ein Wort.</p><p>�Wenn es stimmte, was Sie erz�hlen�, begann Ren�e schlie�lich unentschlossen, �k�nnten Sie sich dann �berhaupt vorstellen, was das bedeutet?! Genauso gut k�nnten Sie behaupten, die wahre <emphasis>Tabula Smaragdina</emphasis>, oder die Gesetzestafeln Moses gefunden zu haben... Nein! Sie l�gen. Es w�re zu ungeheuerlich!�</p><p>�Nun, m�glicherweise habe ich mir das alles auch nur ausgedacht�, lenkte Peter ein. �Ein paar Geschichtsb�cher und okkulte Enzyklop�dien w�lzen und wissen, was auf dem Deckblatt der <emphasis>Chymischen Hochzeit des Christian Kosenkreuz</emphasis> steht, ist noch keine Kunst, nicht wahr? Aber es besteht die M�glichkeit, dass ich die Wahrheit sage und so nahe dran bin, wie Sie es noch nie waren. Ich muss nat�rlich nicht mit Ihnen dar�ber reden... Es gibt noch andere Leute, die an dieser Offenbarung interessiert sein k�nnten. Immerhin gibt es da welche, die noch der Meinung sind, Herz und Rose seien blo� das Wappen Martin Luthers.�</p><p>Sie winkte ver�rgert ab. �Hat Ihnen Samuel das erz�hlt? Dieser Dilettant ist noch immer auf dem Kreuzzug, die Archive Luthers zu finden. Dabei lebte Luther erst nach Christian Rosenkreuz. Luther wollte zeit seines Lebens gerne Rosenkreuzer sein oder zumindest von ihnen beachtet werden. Daher sein Wappen, daher seine Ver�ffentlichungen, aber f�r einen Ruf als erfolgreicher Sch�ler und Mystiker hat es nie gereicht. Samuels Ideen sind einfach l�cherlich!�</p><p>�Hoffen wir, dass er Sie nicht geh�rt hat, Madame�, sagte Patrick, �wo Sie doch hier nicht missionieren d�rfen.�</p><p>�Nichts liegt mir ferner, Monsieur Nevreux, wirklich.� Sie wandte sich wieder an Peter. �Gut, Sie haben meine Aufmerksamkeit, leider muss ich jetzt aufs Podium. Also sagen Sie, was Sie von mir wollen. Und glauben Sie ja nicht, dass Sie mich loswerden, bevor ich Beweise gesehen habe!�</p><p>�Ich habe lediglich zwei Fragen: Was k�nnen Sie mir �ber das sagenhafte Leuchten im Grab sagen?�</p><p>�Das Leuchten? Nicht viel. Der Legende nach ist das Grab in der Tat beleuchtet durch die �<emphasis>Sonne der Magi�.</emphasis> Viele J�nger sind aber der Meinung, dass es sich bei der Beschreibung nicht um ein echtes Leuchten handelt, sondern dass �ber dem Grab lediglich das Symbol angebracht ist. Das Grab w�re dann nur im �bertragenen Sinne beleuchtet.�</p><p>�Diese �<emphasis>Sonne der Magi</emphasis>��, sagte Peter und holte die Zeichnung der konzentrischen Kreise in der H�hle hervor, �ist es dieses Symbol?�</p><p>Ren�e winkte sofort ab, betrachtete die Zeichnung allerdings noch eine Weile. �Nein, nein, die �<emphasis>Sonne der Magi</emphasis>� ist ein Pentagramm. Das hier habe ich noch nie gesehen... aber... was ist es? Wo haben Sie das schon wieder her?�</p><p>�Sie haben dieses Symbol noch nie gesehen?�</p><p>�Leider nein, und glauben Sie mir, ich w�rde es Ihnen wirklich sagen, nach allem, was vielleicht auf dem Spiel steht. War das schon Ihre zweite Frage?�</p><p>�Ja, in der Tat.� Peter war etwas ratlos.</p><p>�Ich muss los�, sagte Ren�e, �kommen Sie unbedingt mit hinein und h�ren Sie sich die Diskussion an. Vielleicht fallen Ihnen ja auch noch mehr Fragen ein. Ich werde Sie nachher gleich wieder aufsuchen. Sie entschuldigen mich?�</p><p>�Bitte sehr.�</p><p>Als Ren�e gegangen war, ergriff Patrick das Wort.</p><p>�Jetzt verraten Sie mir bitte, was das gerade sollte.�</p><p>�Wir haben sie am Haken�, antwortete Peter. �Sie wird uns alles erz�hlen, was wir wissen wollen.�</p><p>�Haben Sie sich die Rosenkreuzer-Geschichte gerade erst einfallen lassen?�</p><p>�Ich habe sie nicht <emphasis>erfunden</emphasis>, ich bin nur jetzt erst auf den Zusammenhang gekommen. Und wie es scheint, habe ich sozusagen mit der Faust aufs Auge getroffen.� Er l�chelte.</p><p>�Das n�chste Mal, wenn Sie einen solchen Geistesblitz haben, weihen Sie mich bitte vorher ein.�</p><p>�Nat�rlich, tut mir leid, es ging ein bisschen schnell, f�rchte ich.�</p><p>Patrick nickte. �Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass wir das Grab von Christian Rosenkreuz gefunden haben?�</p><p>�Nun ja, unsere H�hle passt erstaunlich gut auf die Rosenkreuzer-Legende, oder?�</p><p>�Also glauben Sie nun an das Grab oder nicht?�</p><p>�Nat�rlich nicht!� Peter lachte. �Wir haben ja selbst schon festgestellt, dass die H�hle aus dem dreizehnten Jahrhundert ist. Da gab es noch keine Rosenkreuzer � wenn es sie �berhaupt jemals gegeben hat. Aber das m�ssen wir ja Ren�e nicht auf die Nase binden.�</p><p>Patrick hob anerkennend die Augenbrauen. �Sie �berraschen mich, Peter!�</p><p>�Es mag ja im �brigen durchaus alles so geschehen sein: Christian Rosenkreuz im f�nfzehnten Jahrhundert und Martin Luther, der ihm nacheifern wollte. M�glicherweise hat einer von beiden unsere H�hle entdeckt. Und weil die Rosenkreuzer die Zusammenarbeit aller Wissenschaftler �ber Nationalit�ten, Gesinnungen und Fakult�ten hinweg proklamierten, schrieb derjenige an die Wand: �<emphasis>Dies sei ein Beispiel meinen J�ngern.</emphasis>��</p><p>�Das klingt plausibel�, sagte Patrick. �Aber leider wissen wir dann noch immer nicht, welchen Ursprung die H�hle hat.�</p><p>�So ist es. Das Symbol der Kreise ist jetzt unser einziger Anhaltspunkt, und bis wir die Inschrift entschl�sselt haben, sollten wir alles aus Ren�e herauskitzeln, was sie wei�.�</p><p>�Sie glauben, dass sie uns immer noch etwas verheimlicht?�</p><p>�Sicherlich! Sie lebt und arbeitet wie in einer anderen Welt, von der ich durch meine Recherchen wie in Platons H�hlengleichnis quasi nur die Schatten an der Wand gesehen habe. Sie wei� noch eine ganze Menge, aber sie ist viel zu intelligent, um uns jetzt schon alles zu offenbaren.�</p><p>�Erlauben Sie, dass ich Ihnen helfe?�</p><p>Patrick und Peter fuhren herum, als pl�tzlich ein junger Mann hinter ihnen stand. Er mochte h�chstens Anfang drei�ig sein, war in einen modischen und sicherlich teuren Dreiteiler gekleidet und trug ein offenes, weltm�nnisches L�cheln zur Schau. Er hatte kurzes, zu Stacheln gegeltes dunkles Haar, Lachfalten in den Augenwinkeln und wirkte wie aus einer Casting-Mappe f�r jung-dynamische Schauspieler.</p><p>�Mein Name ist Ash Modai. Entschuldigen Sie, wenn ich mich Ihnen etwas unverfroren aufdr�nge. Aber ich wurde Zeuge Ihrer letzten Worte, in denen Sie von einer anderen Welt sprachen. Daher m�chte ich mich anbieten, Sie hier ein wenig bekannt zu machen.�</p><p>�Das ist sehr freundlich�, begann Peter, �Monsieur...�</p><p>�Nennen Sie mich einfach Ash.�</p><p>�... Ash. Wirklich freundlich von Ihnen. Aber wie kommen Sie darauf, dass wir uns �ber dieses Symposium unterhalten haben?�</p><p>�Man sieht Ihnen deutlich an, dass Sie nicht hierher geh�ren. Da irre ich mich doch nicht, oder?�</p><p>�Kommt ganz darauf an, was Sie damit meinen�, schr�nkte Patrick ein.</p><p>�Sie geh�ren nicht hierher, weil Sie nicht an Abrakadabra glauben, nicht an kabbalistische Buchstabenspiele oder die Wahre Thora.� Ash setzte eine Art verschw�rerisches L�cheln auf und beugte sich beim Sprechen ein wenig vor, als ginge es um eine Besprechung auf dem Football-Feld. �Weil Sie keinen Respekt haben vor dem Ewigen Juden, dem Grafen von Saint Germain, weil Sie den Prophezeiungen des Nostradamus ebenso wenig Glauben schenken wie den Tr�nen der Schwarzen Madonna. Sie haben noch nie etwas vom Homunculus geh�rt und kennen weder die Namen der Erzengel noch die der F�rsten der D�monenlegionen. H�chstwahrscheinlich denken Sie, Paracelsus war ein Arzt und Hugues de Payens ein Kreuzritter. Habe ich Recht?�</p><p>Peter z�gerte, aber Patrick antwortete f�r beide: �Ja, da haben Sie verdammt Recht. Haben Sie damit ein Problem?�</p><p>Ash lachte auf. �Aber nein! Keineswegs! Auf dem Symposium wird nicht missioniert. So will es das Gesetz von jeher. Jeder der heute hier Anwesenden hat seine eigene Wahrheit dabei. Und die eigene Wahrheit ist nat�rlich �blicherweise gleichzeitig Gegenstand der Ablehnung und Verachtung durch die anderen. Durch unseren gegenseitigen Respekt sind wir auf dem Symposium alle gleich.� Er machte eine unschuldige Geste. �Nur man selbst ist nat�rlich stets gleicher als die anderen.� Er lachte erneut.</p><p>�Und woran glauben Sie?�</p><p>�Ich darf es Ihnen nicht sagen, und es tut auch nichts zur Sache, Monsieur...�</p><p>�Patrick Nevreux. Und dies ist mein Kollege Professor Peter Lavell.�</p><p>Der smarte Ash verharrte einen Augenblick. �Professor Lavell, etwa <emphasis>der</emphasis> Professor Lavell?�</p><p>�Mir ist nicht bekannt, dass ich einen Namensvetter h�tte�, sagte Peter.</p><p>�Sie kennen sich?�, fragte Patrick.</p><p>�Nein, nicht pers�nlich. Aber Ihr �Wirken� hat in unseren Gew�ssern durchaus seine Kreise gezogen. Einige von uns sind dabei gut weggekommen, andere weniger gut.�</p><p>�Fragt sich, zu welchen Sie geh�ren�, sagte Peter.</p><p>�Ich hege keine pers�nlichen Ressentiments, Herr Professor�, sagte Ash mit einem L�cheln. �Aber andererseits, was z�hlen pers�nliche Meinungen, wenn so gro�e Dinge im Spiel sind wie Glauben oder die Suche nach der Wahrheit?�</p><p>�Verraten Sie mir, worum es geht?�, verlangte Patrick, indem er sich an beide wandte.</p><p>�Es geht um meine zur�ckliegenden Studien�, erkl�rte Peter. �F�r mein letztes Buch und letztlich auch f�r meine jetzigen Vorlesungen. Ich habe viel recherchiert, viel gelesen und mit vielen Leuten gesprochen...�</p><p>�Und viel geschrieben�, warf Ash ein.</p><p>�Und das nimmt man Ihnen heute noch �bel?�, fragte Patrick.</p><p>�Ach, genug der alten Geschichten, was?� Ash winkte ab. �Erlauben Sie, dass ich Sie ein wenig herumf�hre � gerne auch inkognito.�</p><p>�Nun, warum nicht.�</p><p>�Wunderbar. Dann folgen Sie mir einfach unauff�llig.�</p><p>Ash f�hrte sie durch einige G�nge und Korridore, zum Teil mit wenig ansprechenden aber strapazierf�higen Teppichen ausgelegt, andere mit Holzparkett und wieder andere mit Steinfu�boden. Der f�r das Symposium vorgesehene Bereich war weit verzweigt und so wenig homogen eingerichtet, dass man das Gef�hl bekam, unbemerkt durch mehrere aneinander angrenzende Geb�ude zu gehen. Sie kamen an einigen R�umen vorbei, deren T�ren offen standen und in denen offenbar kleine Ausstellungen oder lose Gespr�chsrunden stattfanden. Ash sp�hte ab und zu unauff�llig zur Seite.</p><p>�Diese Veranstaltung, <emphasis>Permutatio</emphasis>, findet nur sehr unregelm��ig etwa alle zehn Jahre statt�, erkl�rte er. �Wie Sie sich vorstellen k�nnen, und wie Sie ja auch aus eigener Erfahrung wissen, Herr Professor, sind sich die verschiedenen Schulen der Mystik nicht gerade wohlgesonnen. Einige sehen sich als Essener oder Bewahrer des Urchristentums, andere als Satanisten und Sch�ler Aleister Crowleys, wieder andere m�chten das keltische Druidentum wiederbeleben und tanzen zu Beltane nackt im Wald. So grundverschieden wir uns sind, so sehr hassen und bek�mpfen wir uns. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die fanatischsten und blutigsten Kriege stets im Zeichen des Glaubens gef�hrt werden? Das war bei den Kreuzz�gen nicht anders als heute in Nordirland oder im Nahen und Mittleren Osten. Genauso haben Hitler und Stalin religi�se Verz�ckungen heraufbeschworen, um ihre V�lker in den Krieg zu schicken.�</p><p>Ash blieb wie zuf�llig neben einer S�ule stehen und lehnte sich an.</p><p>�Wenn man unsere Geschichten weit genug zur�ckverfolgt, st��t man interessanterweise h�ufig auf urspr�ngliche Gemeinsamkeiten. Einige davon haben Sie verfolgt, Herr Professor Lavell. Manchmal liegen diese in der Renaissance, manchmal im Mittelalter, h�ufig in christlicher Zeit und manchmal noch weiter in der Vergangenheit. Es stellt sich heraus, dass es eine begrenzte Anzahl geschichtlicher R�tsel und Fragen unseres Ursprungs gibt, mit denen wir uns alle gleicherma�en besch�ftigen. Daher ist dieses Symposium eingerichtet worden. Wir werfen unsere Differenzen �ber Bord und tauschen uns gegenseitig aus � ganz unverf�nglich und wissenschaftlich, nur in jenen gemeinsamen Punkten. Die Idee dazu kam vom Graf von Saint Germain. Er berief die ersten Treffen ein. Sp�ter hat er diese Aufgabe abgegeben und ist immer seltener gekommen. Wenn ich es recht bedenke, ist er nun schon das vierte Mal nicht dabei.�</p><p>�Vermutlich ist er inzwischen nach �ber hundertf�nfzig Jahren gestorben�, sagte Patrick mit zynischem Unterton. �Oder nicht?�</p><p>�Da w�re ich mir nicht so sicher. Immerhin soll er bereits damals die hundertf�nfzig weit �berschritten gehabt haben.� Ash lachte auf. �Aber ich m�chte Ihnen nicht zu viel zumuten. Zur�ck zu meiner F�hrung: Wie Sie wissen, steht diese <emphasis>Permutatio</emphasis> im Stern der Kabbala. Das hei�t aber nicht, dass nicht auch andere Dinge hier besprochen werden.� Er wies mit dem Kopf in einen benachbarten Raum. �Sehen Sie den Herrn dort dr�ben, den mit der Zigarre?�</p><p>In einer Gruppe von Leuten fiel ein untersetzter Mann auf, der trotz seines hohen Alters eine stolze, aufrechte Haltung einnahm. Auf seiner Brust prangten allerlei Orden und Auszeichnungen. Seine Zigarre hielt er mit s�dl�ndischer Gelassenheit.</p><p>�Das ist Jo�o-Fernandes de Sousa�, erkl�rte Ash mit ged�mpfter Stimme. �Er ist Portugiese und Gro�meister des Templerordens. Er ist in der Lage, die gesamte Charta der Gro�meister seines Ordens bis zur Gr�ndung in Jerusalem 1118 aufzuz�hlen. Wenn Sie ihn fragen, wird er es Ihnen auch historisch belegen k�nnen. Und sehen Sie die dicke Frau, mit der er sich unterh�lt? Das ist Ellen Blavatsky, eine Amerikanerin; niemand wei�, wie sie wirklich hei�t. Sie h�lt sich f�r die wiedergeborene Madame Blavatsky, die 1875 die Theosophische Gesellschaft gr�ndete.�</p><p>Ash setzte sich wieder in Bewegung und f�hrte sie in einen anderen Raum. Hier standen Glasvitrinen, die jeweils von zwei bewaffneten Sicherheitsleuten flankiert wurden. In den Vitrinen waren aufgeschlagene B�cher oder Pergamentseiten zu sehen.</p><p>�Die Dokumente hier kommen aus aller Herren L�nder und Kulturen. Sie stehen nicht zum Kauf, sondern sollen Gespr�che in Gang bringen. Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?� Ash ging mit ihnen zwischen den Schauk�sten hindurch. �Dies sind die Briefe des Paulus an die Korinther und die Galater, neben dem umstrittenen Jakobus-Evangelium. Hier liegen zwei noch unge�ffnete Qumran-Rollen, und hier nebenan wird eine Seite des ber�chtigten <emphasis>Necronomicon</emphasis> des Abdul Alhazred ausgestellt. Hier sind Original-Aufzeichnungen des Nostradamus, hier die verschl�sselten Dokumente, die in Rennes-le-Ch�teau gefunden wurden, und das dort dr�ben ist das noch immer nicht entschl�sselte Voynich-Manuskript.�</p><p>�Unfassbar�, sagte Peter, setzte seine Brille auf und ging n�her an eine Vitrine heran. �Das scheint echt zu sein.�</p><p>�Nat�rlich sind die Dokumente echt. Der Tradition nach hat jeder Eingeladene die Verpflichtung, aber auch das innere Bed�rfnis, etwas mitzubringen, um es mit den anderen zu teilen. Es werden dabei keine Kosten und M�hen gescheut. Was mich nat�rlich zu der Frage f�hrt, wie Sie zu einer Einladung gekommen sind, Messieurs.�</p><p>�Wir standen auf der G�steliste�, antwortete Patrick.</p><p>�Nat�rlich standen Sie auf der G�steliste. Jeder der hier Anwesenden steht auf der G�steliste. Andernfalls w�ren Sie niemals hineingekommen, sondern w�rden denken, dies w�re eine geschlossene Gesellschaft, die sich mit dem Rezitieren antiker Lyrik den Abend vertreibt.�</p><p>�Jedenfalls haben wir keine Einladung bekommen.�</p><p>�Erlauben Sie mir, Ihnen zu widersprechen. Ich sehe das ganz anders, Monsieur Nevreux. Ohne Einladung h�tten Sie niemals etwas von diesem Treffen erfahren. Ich bin au�erordentlich gespannt zu erfahren, was Sie zum Austausch mitgebracht haben.�</p><p>�Wir haben tats�chlich etwas dabei�, erkl�rte Peter, der sich von den Vitrinen abgewandt hatte, und holte die Zeichnung des Symbols der Kreise aus der H�hle hervor. �Wir sind auf der Suche hiernach.�</p><p>�Der �Kreis von Monts�gur�!�, rief Ash �berrascht aus, und einen Augenblick lang entglitten ihm seine Gesichtsz�ge und offenbarten blanke, fast zornige Erregung. �Sie sind dem Kreis auf der Spur...� Er kniff die Augen zusammen. �Wo haben Sie das her?�</p><p>�Das tut augenblicklich nichts zur Sache�, sagte Peter. �Wir m�ssen einiges �ber dieses Zeichen erfahren und suchen jemand, der uns dazu etwas sagen kann.�</p><p>Ash machte einen Schritt zur�ck. �Stecken Sie das blo� sofort wieder ein, Monsieur le Professeur!�, sagte er mit gepresster Stimme und mit Blick auf die herumstehenden Wachm�nner.</p><p>Peter tat unwillk�rlich, wie ihm gehei�en, sah den Mann aber eindringlich an. �Was ist denn los?�</p><p>�Mit dem Kreis machen Sie sich hier blitzartig so unbeliebt, wie �berhaupt nur m�glich. Sie m�gen sich jetzt auf neutralem Boden befinden, aber der endet unmittelbar hinter dem Ausgang, daher sollten Sie �u�erst vorsichtig sein!�</p><p>�Verraten Sie uns, was es damit auf sich hat?�, fragte Patrick.</p><p>�Sind Sie tats�chlich so unbedarft, wie Sie tun? Der Kreis ist �lter und m�chtiger als wir alle hier und unser gesamtes Wissen zusammen. Niemand spricht �ber den Kreis, denn jeder hat bereits seine schlechten Erfahrungen damit gemacht. Und nun lassen Sie uns <emphasis>bitte</emphasis> das Thema wechseln!�</p><p>�Erstaunlicherweise schien Ren�e Colladon das Symbol �berhaupt nicht zu kennen.�</p><p>�Sie haben es ihr gezeigt?� Ash verdrehte die Augen. �In Drei Teufels Namen! Warum haben Sie es nicht gleich an die Kirchent�r genagelt?! Sie werden die Hunde von Tindalos auf Ihren Fersen haben, Professor!�</p><p>�Wie bitte?�, entfuhr es Patrick.</p><p>�Eine literarische Metapher�, erkl�rte Peter. �Lovecrafts Vision der Bluthunde der H�lle, die ihre Opfer �ber Jahrtausende hinweg durch Zeit und Raum bis in die Ewigkeit verfolgen, bis sie sie gestellt haben.�</p><p>Patrick wollte eine scharfe, l�sterliche Bemerkung machen, aber etwas lie� ihn stocken. Eine Furcht einfl��ende Mischung aus Raserei und Angst blitzte in Ashs Augen auf. Er mochte nicht ganz richtig im Kopf sein, aber was er sagte, meinte er zweifellos todernst.</p><p>�Ich breche jetzt den Kodex der Neutralit�t�, fuhr Ash fort, �aber so viel kann ich Ihnen verraten: Ren�e Colladon ist harmlos. Und sie ist auch naiv. Sie ist noch nicht lange genug dabei, um zu wissen, wie die Karten verteilt sind. Hier sind gr��ere M�chte am Werk als Christian Rosenkreuz, M�chte, von denen Sie �berhaupt keine Vorstellung haben. Dies ist eine v�llig andere Liga. Und ich kann Ihnen nur raten, die Finger aus dem Spiel zu lassen. �Wenn Sie lange genug in den Abgrund blicken, dann blickt der Abgrund zur�ck in Sie!��</p><p>�Und was empfehlen Sie uns jetzt zu tun?�, fragte Peter.</p><p>�Geben Sie mir die Zeichnung und sagen Sie mir, wo Sie sie gefunden haben. Dann werde ich mich der Sache annehmen, und f�r Sie ist sie erledigt.�</p><p>Nun trat Peter einen Schritt zur�ck. �Auf gar keinen Fall! Erst, wenn wir ein paar Antworten bekommen haben.�</p><p>�Ich warne Sie, Monsieur le Professeur! Sie legen sich mit der Hand von Belial an, untersch�tzen Sie das nicht!�</p><p>�Die Hand von Belial?�, fragte Patrick. �Was ist das nun schon wieder?�</p><p>Ashs Augen funkelten. �Ich!�, zischte er. �Ich bin die Hand von Belial, und Sie w�rden es bedauern, N�heres herauszufinden, das schw�re ich Ihnen!�</p><p>�Ich verstehe zwar nicht, warum Sie sich so aufregen�, sagte Peter betont ruhig, �aber Sie bekommen von uns nichts.�</p><p>�Gut.� Ash schien seine Souver�nit�t schlagartig wiedergefunden zu haben. Er nickte den beiden l�chelnd zu. �Schade, dass es so enden muss, Messieurs. Ich muss mich von Ihnen verabschieden, einen sch�nen Abend noch.� Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich um und verlie� z�gig den Raum.</p><p>�Ups�, meinte Patrick nach einigen schweigsamen Augenblicken. �Was ist denn in den gefahren?�</p><p>�Dieser �Kreis von Monts�gur� hat ihn offenbar schockiert. Aber was war es? Angst oder Gier?�</p><p>�Er schien mir nicht der Mann zu sein, dem leicht Angst einzujagen w�re. Wenn er sich trotzdem vor etwas f�rchtet, dann muss er einen verdammt guten Grund haben. Das macht mich ehrlich gesagt etwas nerv�s...� Er z�ndete sich eine Zigarette an. �Und wenn es Gier war, nicht weniger... auf Fanatiker, die Drohungen aussprechen, kann ich verzichten.�</p><p>�Ich muss zugeben, dass mir auch etwas unwohl geworden ist. Sollten wir versehentlich in ein Wespennest gestochen haben?�</p><p>�Das Symposium scheint keine gute Idee von mir gewesen zu sein... Vielleicht w�re es jetzt ein guter Zeitpunkt, noch unauff�llig zu verschwinden, bevor der Flurfunk wirksam wird.�</p><p>�Einverstanden. Wie sagt man gleich? �<emphasis>Manners make the man�</emphasis>... aber hier scheint eine franz�sische Verabschiedung angebracht.�</p><p>�Die Jahre in Deutschland haben Ihrem britischen Wesen offenbar nichts anhaben k�nnen.� Patrick grinste.</p><p>�Ich kann nur hoffen, dass das ein Kompliment sein sollte�, gab Peter zur�ck, und sie machten sich auf den Weg zum Ausgang.</p><p><emphasis>8. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz</emphasis></p><p>�Nun, Joseph, wie ist deine Meinung?� Der Mann, der gesprochen hatte, richtete seinen Blick auf die gro�z�gige Fensterfront, welche die Sicht auf den Genfer See freigab. Auch bei klarster Sicht war das gegen�berliegende Ufer von hier aus nicht auszumachen. Aber nun brach die D�mmerung herein, und Nebelschwaden zogen sich �ber dem Wasser zusammen, so dass der See einem Fluss zu gleichen schien. Schw�ne waren zu sehen und ein paar kleinere Boote. Sein Gespr�chspartner sah ebenfalls hinaus. Er nahm noch einen Schluck Wein aus einem kelchartigen Gef��, bevor er antwortete.</p><p>�Ihr hattet Recht, Steffen, die Lage spitzt sich zu. Die Zeit wird knapp, und noch immer wissen wir nicht, ob es sich zum Guten wenden wird.�</p><p>�Johanna r�t uns, dass wir Vertrauen haben sollen. Die Forscher sind guten Herzens und nicht von Aberglaube oder Machthunger erf�llt � beides sind Eigenschaften, die wir schon zu oft angetroffen haben. Aber gleichzeitig...� Der �ltere der beiden M�nner strich �ber seinen Bart. �Gleichzeitig erregen sie mir deutlich zu viel Aufmerksamkeit.�</p><p>�Vielleicht sollten wir sie eindringlicher zur Aufl�sung hinf�hren?�, meinte der J�ngere.</p><p>�Aber sie m�ssen lernen, Joseph. Wir m�ssen ihre F�higkeit zur Einsicht st�ndig aufs Neue pr�fen.�</p><p>�Zwei M�nner stehen am Ufer eines Flusses, den sie �berqueren wollen. Einer der beiden beobachtet eine Weile und entscheidet dann: �Die Str�mung ist zu stark�. Der andere Mann fragt ihn: �Woher wei�t du das?�, und der Erste sagt: �Sieh die rollenden Steine im Flussbett!�, und der andere versteht. Ist die Einsicht des zweiten Mannes weniger wert, weil ihm geholfen wurde? Nein, ist sie nicht. Einsicht ist immer gleich wertvoll, egal, wie sie erlangt wurde.�</p><p>�Du hast Recht, Joseph. Dennoch m�chte ich wissen, ob sie alleine zur Einsicht finden.�</p><p>�Worauf Ihr hinauswollt, ist Weisheit, Steffen. Wie wir schon so oft diskutiert haben: Es ist die Weisheit, die Ihr pr�fen wollt. Wenn Informationen eigenst�ndig kombiniert und zu Einsicht werden, ist dies Weisheit. Ohne ausreichende Informationen ist dies aber nicht m�glich. Wenn wir die Menschen gerecht beurteilen wollen, m�ssen wir ihnen stets dieselbe Grundlage schaffen.�</p><p>Der b�rtige Mann wandte seinen Blick vom See ab und l�chelte. �Du wirst immer ein Humanist bleiben! Ich erwarte aber mehr von ihnen als das. Alles Wissen ist immer vorhanden, heute sogar zug�nglicher als jemals zuvor. Man muss es sich erarbeiten und darf es sich nicht servieren lassen.�</p><p>�Es ist aber auch wesentlich mehr Wissen als jemals zuvor, und einiges versickert im immer undurchdringlicheren Nebel der Geschichte und dem sich dar�ber legenden Schleier aus Vergessen und Fehlinterpretationen. Ihr m�sst gestehen, dass es immer schwieriger wird, alles zu wissen, und dass die Wahrheiten immer vielf�ltiger werden.�</p><p>�Es gibt nur eine Wahrheit.�</p><p>�Wahrheit liegt im Auge des Betrachters, Steffen.�</p><p>�Nein, die Wahrheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie allgemeing�ltig und singular ist.�</p><p>�Singular? Gab es zuerst das Huhn, oder gab es zuerst das Ei? Oder besser noch: Sagt mir, welches die wahrste Religion ist.�</p><p>Der alte Mann sch�ttelte lachend den Kopf. �Joseph, ich konnte deiner Dialektik noch nie etwas entgegenhalten. Auch wenn es blo�e Taschenspielertricks sind.�</p><p>�Heiligt nicht der Zweck manches Mittel? Wenn Ihr mir zustimmt, dass es heute nicht leichter ist, die richtigen Schl�sse zu ziehen als vor Hunderten von Jahren, dann habe ich dies gerne mit Taschenspielertricks erreicht.�</p><p>�Also gut. Nehmen wir an, es ist so: Dann sage mir, was wir deiner Meinung nach tun sollten.�</p><p>�Lasst sie uns noch eine Weile weiter unterst�tzen. Sie sind kurz davor, alle Karten in der Hand zu halten, und dann werden wir sehen, wie sie sie ausspielen. Nat�rlich k�nnen wir das nur wagen, wenn wir uns des Risikos bewusst sind. Im Zweifelsfall werden wir vehement eingreifen m�ssen, um unsere Interessen f�r die Zukunft zu wahren.�</p><p>Der alte Mann sah wieder auf den See hinaus. �Ein Wagnis... aber vielleicht ist dies tats�chlich die richtige Zeit daf�r.�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 13</strong></p><p>9. <emphasis>Mai, H�tel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Didier Fauvel hatte sich die Worte den ganzen gestrigen Tag zurechtgelegt. Oder vielmehr hatte er es versucht, doch seine Gedanken waren immer wieder abgeschweift. Er verfluchte sich und seine unbedachte Jugend. Wenn sich nach all diesen Jahren die Vergangenheit wie ein D�mon mit lederh�utigen Fl�geln emporschwingen konnte, um �ber ihm zu thronen und ihn zu befehligen, wie konnte er dann jemals vor ihr in Sicherheit sein? Wie w�rde er jemals wieder ruhig einschlafen k�nnen, ohne f�rchten zu m�ssen, am n�chsten Tag im Zuchthaus aufzuwachen? Wie r�chte sich alles �bel am Ende, egal, wie lange es scheinbar unges�hnt geblieben war! Hatte der Teufel ihm all die Jahre nur gn�digen Aufschub gew�hrt, und war dies nun Gottes Gerechtigkeit? Oder war es anders herum?</p><p>Er hatte ihr Gesicht nie vergessen. Wenn er die Augen schloss und seine Gedanken treiben lie�, dann tauchte sie aus dem Dunkel auf. Er hatte sich an den Anblick gew�hnt, und der Cognac gab ihm die Kraft und den Glauben an sich selbst und daran, dass die Geister der Vergangenheit ihm nichts anhaben konnten. Doch letzte Nacht war sie wieder da gewesen, st�ndig um ihn herum, wohin er auch geblickt hatte. Ihr unschuldiges, junges Gesicht, mit der kleinen Nase und der zarten Haut. Die Mundwinkel nach unten gezogen, die Wangen feucht von Tr�nen, und die ger�teten Augen, die sich entsetzt weiteten, als sie erkannte, dass sie nach der Entw�rdigung und den Schmerzen sterben musste, ihr Mund, der sich zu einem lautlosen Schrei �ffnete...</p><p>Mehrmals hatte er sich letzte Nacht �bergeben, bis nur noch Kr�mpfe seinen K�rper gesch�ttelt hatten. In einen Morgenmantel gekleidet, im Ledersessel seines Arbeitszimmers versunken, hatte er dem Morgengrauen lethargisch entgegengesehen. Es gab nichts, was er gegen die Vergangenheit tun konnte. Absolut nichts w�rde irgendetwas �ndern. Sie war lebendig in ihm. Sie w�rde ihn sein Leben lang anklagen. Er konnte einzig verhindern, dass dar�ber hinaus noch andere Umst�nde sein Leben schwer machten. Und deswegen musste er seine weltliche Schuld an diejenigen abbezahlen, die ihn dazu aufriefen. Es war das Einzige, was er tun konnte.</p><p>Der B�rgermeister betrat das Hotel und erkundigte sich an der Rezeption nach den Forschern. Er erfuhr, dass sie neben drei Einzelzimmern auch eine Suite belegten, die ihnen als B�ro diente.</p><p>�Finden Sie heraus, ob sie da sind�, wies er die Frau an der Rezeption an. �Ich m�chte sie umgehend sehen.�</p><p>Die Frau �berpr�fte einen Computermonitor. �Sie sind noch nicht beim Fr�hst�ck gewesen. M�chten Sie, dass ich Sie mit einem der Zimmer verbinde, Monsieur le Maire?�</p><p>�Ich bitte darum! Am besten mit diesem Franzosen.�</p><p>Die Empfangsdame reichte ihm einen Telefonh�rer, durch den er bereits das Klingeln am anderen Ende der Leitung h�ren konnte. Kurz darauf meldete sich eine Stimme: �Nevreux.�</p><p>�Guten Morgen, Monsieur Nevreux. B�rgermeister Fauvel hier. Ich muss Sie dringend sprechen.�</p><p>�Mich allein? Worum geht es?�</p><p>�Sie alle drei. Ich muss mich leider mit Ihnen �ber Ihre weitere Arbeit unterhalten.�</p><p>�Gibt es ein Problem?�</p><p>�Ich bin im Foyer, ich komme zu Ihnen hoch.�</p><p>�Nein! Wir kommen herunter. Wir treffen Sie im Salon Vert.�</p><p>�Gut.� Er legte auf.</p><p>�Guten Morgen, Monsieur le Maire�, gr��te Peter den B�rgermeister. �Darf ich vorstellen: Stefanie Kr�ger.�</p><p>Sie gaben sich kurz die H�nde, doch der dicke Mann machte sich nicht die M�he, dabei zu l�cheln. �Sie werden das Hotel bis zum Ende der Woche verlassen m�ssen.�</p><p>�Aber warum denn?�, fragte Peter.</p><p>�Ich erwarte wichtigen politischen Besuch aus Paris. Das Hotel muss hierf�r vollkommen zur Verf�gung stehen.�</p><p>�Aber es ist noch nicht einmal ausgebucht! Sind Sie sicher, dass Sie die Herrschaften hier nicht unterbringen k�nnen?�</p><p>�Glauben Sie etwa, ich h�tte das nicht bedacht?!� Fauvels Gesichtsausdruck erstickte jeden Widerspruch im Keim.</p><p>�K�nnen Sie uns Ausweichquartiere besorgen?�, wollte Peter wissen.</p><p>�Nein.�</p><p>�Ohne Unterkunft und B�ror�ume k�nnen wir unsere Untersuchungen nicht fortsetzen!�</p><p>�Ich bin mir dessen bewusst, Monsieur le Professeur. Und ehrlich gesagt, macht das �berhaupt nichts. Monsieur Levasseur hat die Situation alleine v�llig unter Kontrolle.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass Sie uns rausschmei�en?!�, fragte Patrick.</p><p>�Es ist mir gleichg�ltig, wie Sie es nennen wollen, Monsieur Nevreux. Tatsache ist, dass Sie bis Ende der Woche das Hotel ger�umt haben m�ssen.�</p><p>�Das ist doch eine Frechheit!�, entfuhr es Peter, aber der B�rgermeister ignorierte ihn, drehte sich um und verlie� sie.</p><p>�So ein widerlicher Fettsack!!�, fluchte Patrick. �Das haben wir mit Sicherheit diesem F�rster zu verdanken.�</p><p>�Der machte mir eigentlich nicht den Eindruck, als w�rde er derart drastische Mittel einsetzen�, wandte Stefanie ein, �schlie�lich wollte er doch herausbekommen, was wir hier tun.�</p><p>�Ich glaube auch nicht, dass der F�rster etwas damit zu tun hat�, sagte Peter. �Welcher Hafer den B�rgermeister sticht, ist mir allerdings ein R�tsel... Ich finde, wir sollten das dringend mit Elaine besprechen.�</p><p>�Dann lassen Sie uns ins B�ro gehen und sie anrufen�, sagte Stefanie. �Und danach wird es Sie sicherlich auch interessieren, was ich gestern herausfinden konnte!�</p><p>�Einverstanden�, sagte Patrick. �Mir ist im Augenblick sowieso der Appetit auf Fr�hst�ck vergangen.�</p><p>�Kein Problem, Herr Professor Lavell.� Die Stimme klang genauso streng aus dem H�rer, wie er ihre Auftraggeberin in Genf in Erinnerung hatte. �Ich werde mich um alles k�mmern. Machen Sie einfach Ihre Arbeit weiter. Ihr erster Zwischenbericht gestern war sehr vielversprechend. Ich hoffe, bald wieder von Ihnen zu h�ren.� Damit war das Gespr�ch abrupt beendet.</p><p>Sie sa�en um ihren Konferenztisch und sahen sich an. Patrick hatte sich eine Zigarette angesteckt, und Stefanie hatte ihm wortlos einen Aschenbecher hin�bergeschoben. Trotz Fauvels Auftritt schien sie guter Laune zu sein.</p><p>�Wie war es in Cannes?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�Gemessen an der Dauer unseres Besuchs war es vor allem ein wahnwitziger Aufwand�, sagte Peter. �Wir haben Ren�e Colladon wiedergetroffen und ihr auf den Kopf zugesagt, dass ihr Freimaurerorden lediglich vertuschen soll, dass sie in Wirklichkeit den Lehren und R�tseln der mystischen Rosenkreuzer folgen. Wir haben sie glauben lassen, dass wir wom�glich das Grab des Christian Rosenkreuz gefunden haben, worauf sie sich auch gleich anbot, uns weitere Fragen zu beantworten. Aber leider ist es dazu nicht mehr gekommen.�</p><p>�Wir hatten n�mlich kurz darauf ein sehr unfreundliches Gespr�ch�, f�gte Patrick hinzu, �wonach wir es vorgezogen haben, uns schnellstm�glich zu entfernen.�</p><p>�Ist das wahr?�, fragte Stefanie. �Sind Sie bedroht worden?�</p><p>�Da war ein merkw�rdiger Typ�, erkl�rte Patrick, �der reichlich ungehalten wurde, als wir ihm das Symbol mit den Kreisen gezeigt haben. Er kannte es, nannte es �<emphasis>Kreis von Monts�gur</emphasis>�, und wurde ziemlich fanatisch, als wir ihm nicht sagen wollten, wo wir es herhaben. Er geh�rte wohl zu irgendeiner komischen Sekte. Hand von irgendwas.�</p><p>�Belial�, sagte Peter. ��Hand von Belial�. Belial ist ein hebr�ischer D�monenname. Im Mittelalter eines der vielen Pseudonyme f�r den Teufel, Satan.�</p><p>�Ach du Schei�e�, erwiderte Patrick. �Ich sag's ja: Fanatiker.�</p><p>�Aber das ist doch immerhin etwas�, sagte Stefanie. �Wir haben einen Namen: �<emphasis>Kreis von Monts�gur�.</emphasis> Wissen Sie, was das bedeutet?�</p><p>�Ich habe noch nie davon geh�rt�, erkl�rte Peter. �Allerdings ist Monts�gur der Name einer Burgruine hier im Languedoc.�</p><p>�Hier in der N�he?�</p><p>�Na ja, d�rfte nicht so weit weg von hier sein, hundert, vielleicht hundertf�nfzig Kilometer.�</p><p>�Wieso kennen Sie sich so gut in S�dfrankreich aus?�</p><p>Peter winkte ab. �Das ist blo� geschichtliches Allgemeinwissen. Monts�gur spielte eine wichtige Rolle im Mittelalter. Es war die letzte gro�e Festung der Katharer und wurde w�hrend der Albigenserkreuzz�ge eingenommen.�</p><p>�Ihre Geschichtskenntnisse in allen Ehren, Professor�, sagte Patrick, �aber k�nnen Sie uns die Story so erz�hlen, dass auch dumme Ingenieure sie verstehen?�</p><p>�Tut mir leid... nat�rlich. Und wenn ich es recht betrachte, ist es sogar au�erordentlich sinnvoll...� Er hielt einen Moment inne. �Ja genau... was f�r ein Hort neuer Perspektiven und Zusammenh�nge! M�glicherweise sind wir hier gerade auf die Goldader gesto�en...�</p><p>�Nun machen Sie es nicht so spannend!�, rief Stefanie.</p><p>�Also gut.� Peter erhob sich und stellte sich vor den Tisch, als w�rde er in einem Lehrsaal auf dem Podium stehen. �Versetzen Sie sich in das zw�lfte und dreizehnte Jahrhundert. Die Zeit der Kreuzz�ge. Menschen versammeln sich und ziehen gegen die Mauren, die Sarazenen, gegen Jerusalem und das Morgenland. Die Kreuzz�ge sind mehr oder minder erfolgreich, immer wieder wendet sich das Blatt, die L�nder sind in Aufruhr. Nicht nur durch die Kriege, sondern auch durch Intrigen, sich st�ndig neu verteilende Machtverh�ltnisse, politische und religi�se Verwirrungen und die Menschen und Gruppierungen, die aus allem ihren Profit schlagen. So ist der Templerorden zu solchem Reichtum gelangt, dass er K�nige beleiht, und zu solcher Macht, dass die Kirche ihn zunehmend f�rchtet.</p><p>Das Gebiet des Languedoc war zu dieser Zeit eine sehr ungew�hnliche Region. Modern, weltoffen, wohlhabend und gepr�gt von Freidenkertum. Es war eine Art Mischung aus New York City und Woodstock, wenn man so will.�</p><p>�Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie in Woodstock dabei waren!� Patrick lachte.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ach nichts, kleiner Scherz. Reden Sie weiter.�</p><p>Peter fuhr fort: �Das Languedoc war sehr reich � Toulouse war damals die drittreichste Stadt Europas � und sehr fortschrittlich. Wirtschaftlich, technisch wie auch geisteswissenschaftlich. Es war eine Keimzelle und ein N�hrboden f�r neues Gedankengut. Verschiedene Wanderprediger, Sekten oder Glaubensgemeinschaften fassten hier Fu�. Eine besonders einflussreiche Glaubensbewegung bildeten die Katharer. Sie hatten einige Einstellungen und Ansichten, die der katholischen Kirche stark gegen den Strich gingen, wie man so sagt. Sie erlangten aber immer mehr Einfluss. Man vermutet, dass sie auch von den Templern unterst�tzt wurden. Schlie�lich waren ganze St�dte praktisch in der Hand der Katharer. Unter anderem Albi, weswegen sie auch gemeinhin Albigenser genannt wurden � wobei die Abgrenzungen der einzelnen Gruppierungen flie�end waren.�</p><p>�Und der Albigenserkreuzzug?�</p><p>�Ihr Gedankengut und ihr Einfluss bedrohten die Integrit�t Frankreichs und der Kirche. Nun, zumindest in den Augen der Obrigkeit. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kirche den geeigneten Vorwand gefunden hatte. Papst Innozenz III. rief schlie�lich zum Kreuzzug gegen die Albigenser auf und wollte sie vollst�ndig vernichtet haben. Das Abschlachten war grauenhaft, rigoros, geradezu manisch. Man sagte sp�ter, das gr��te Verdienst der Inquisition sei die Vernichtung der Katharer gewesen. 1209 wurde die gesamte Stadt B�ziers dem Erdboden gleichgemacht, �ber zwanzigtausend Frauen, M�nner und Kinder wurden wahllos ermordet, unter dem ber�chtigt gewordenen Motto: �T�tet sie alle � Gott wird die Seinen schon erkennen.�� Er machte eine Pause und atmete tief durch, bevor er weitersprach. �Im ganzen Land wurden die Katharer verfolgt und umgebracht. Die Burg Monts�gur war eine ihrer letzten wichtigen Bastionen. Eine gro�e Anzahl von <emphasis>Parfaits</emphasis>, den Anf�hrern der Katharer, verschanzte sich dort, zusammen mit ihren Gemeinschaftsmitgliedern. Monts�gur war hoch auf einem einsamen Berg gelegen, schier uneinnehmbar. Die Burg wurde ein halbes Jahr lang belagert, bis die Katharer aufgaben. Die �ber zweihundert M�nner, Frauen und Kinder ergaben sich und wurden allesamt am Fu� der Burg verbrannt. Das war 1244.�</p><p>Es trat ein Augenblick der Stille ein.</p><p>�Mitte des dreizehnten Jahrhunderts�, �berlegte Patrick laut, �neues Gedankengut, neue wissenschaftliche, philosophische, religi�se Erkenntnisse und eine H�hle voller Schriftzeichen...�</p><p>�Ja�, sagte Peter, �man k�nnte sich durchaus vorstellen, dass die Katharer die H�hle geschaffen und hier etwas hinterlassen haben, es m�glicherweise in Sicherheit bringen wollten ...�</p><p>�Ja�, f�gte Stefanie hinzu, �und das war im Sommer des Jahres 1239.�</p><p>Peter und Patrick sahen sie erstaunt an.</p><p>�Ich habe die Berechnungsergebnisse aus dem Internet erhalten�, erkl�rte sie. �Am dritten Juni 1239 fand eine totale Sonnenfinsternis statt, die im Languedoc sichtbar war. Das ist m�glicherweise das Datum, mit dem die Symbole auf dem H�hlenboden verschl�sselt sind.�</p><p>�Unfassbar!�, staunte Peter. �Sollte sich nun alles zusammenf�gen?�</p><p>�03061239 ist das Datum?�, fragte Patrick. �Haben Sie es schon ausprobiert?�</p><p>�Nein, ich hatte die E-Mail gerade erst bekommen, als wir nach unten gingen.�</p><p>�Dann los! Lassen Sie uns den Rechner damit f�ttern!�</p><p>Sie schalteten den Computer an, starteten Programme und nahmen verschiedene Eingaben vor. W�hrenddessen sa� Peter neben ihnen auf einem Stuhl und beobachtete gebannt, wie sich Zahlenreihen �nderten, vervollst�ndigten, verschwanden, wieder auftauchten, und wie sich langsam Buchstabenmuster entwickelten. Die Situation schien ihm eine fast vollkommene Metapher f�r ihre eigene Lage, ja f�r den menschlichen Geist �berhaupt zu sein. Alle Informationen waren stets da. Sie mussten nur zusammengetragen werden. Und dann fehlte manchmal nur noch ein winziger Ausl�ser, ein Name, eine Zahl, und aus der Schw�rze sch�lte sich allm�hlich ein Muster hervor: die L�sung, die Erkenntnis.</p><p>�Es ist Latein!�, rief Stefanie pl�tzlich aus.</p><p>Auf dem Bildschirm waren jetzt Buchstabenkombinationen zu sehen, die sich nach und nach erg�nzten und ganze W�rter bildeten. Schlie�lich beendete das Computerprogramm seine Arbeit und hinterlie� einen Text auf dem Bildschirm:</p><p>haecsuntscientiaearchiaquaepatentilli</p><p>squisuntcustodesmysteriorumhicestregi</p><p>ussanguisquemintelleguntilliquisuntsa</p><p>xidubitatoreshaecestvisquamundisuntcr</p><p>eatihocestpericulumquomundisuntdeleti</p><p>Sie starrten den Bildschirm sekundenlang schweigend an. Keiner schien es fassen zu k�nnen, dass sich aus den Symbolen und ihren Rechenspielchen tats�chlich eine sinnvoll scheinende Buchstabenkette herauskristallisiert hatte.</p><p>�K�nnen Sie das �bersetzen, Stefanie?�, fragte Peter schlie�lich.</p><p>�Ja. Es ist sehr merkw�rdig. Es hei�t:</p><p>�<emphasis>Haec sunt scientiae archia</emphasis></p><p><emphasis>quae patent illis, qui sunt custodes mysteriorum</emphasis></p><p><emphasis>hic est regius sanguis,</emphasis></p><p><emphasis>quem intellegunt illi, qui sunt saxi dubitatores</emphasis></p><p><emphasis>haec est vis, qua mundi sunt creati</emphasis></p><p><emphasis>hoc est periculum, quo mundi sunt deleti.</emphasis>�</p><p><emphasis>Dies sind die Archive des Wissens,</emphasis></p><p><emphasis>denen zug�nglich, die Bewahrer der Mysterien sind.</emphasis></p><p><emphasis>Dies ist das k�nigliche Blut</emphasis>,</p><p><emphasis>denen verst�ndlich, die Zweifler des Felsens sind.</emphasis></p><p><emphasis>Dies ist die Kraft, durch die Welten erschaffen wurden.</emphasis></p><p><emphasis>Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden.</emphasis>�</p><p>�<emphasis>Archive des Wissens</emphasis>�, wiederholte Patrick, �das habe ich doch schon mal geh�rt... H�hle des Wissens, Lutherarchive...�</p><p>�In der Tat�, sagte Peter, �unsere Vermutung scheint also zu stimmen. Hier wurde Wissen archiviert. Und wie nannte noch der F�rster den Berg? <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis>, Archivars Blick. Unglaublich, wie sich der Sinn durch die Jahrhunderte bewahrt hat. Sollten hier die Archive des Wissens der Katharer liegen?�</p><p>�Aber wie kommen wir hinein?�, fragte Patrick. �Wir m�ssen den Durchgang passieren.�</p><p>��<emphasis>Denen zug�nglich, die Bewahrer der Mysterien sind...</emphasis>��, las Peter, �das ist nat�rlich kein sonderlich hilfreicher Hinweis. Wenn wir das Mysterium kennen w�rden, w�ssten wir nat�rlich, wie man hineinkommt. Das ist, als ob man sagt: �Von dem zu �ffnen, der den Schl�ssel hat.� Aber wo oder was ist der Schl�ssel...?�</p><p>�Vielleicht ist es anders gemeint�, sagte Stefanie. �Vielleicht bezieht es sich nicht auf das Mysterium dieser H�hle, sondern allgemein auf Personen, die Geheimnisse h�ten.�</p><p>�Aber wer h�tet Geheimnisse?�, �berlegte Patrick. �Alchimisten? Eingeweihte in die Religion der Katharer? Priester? Und reicht es dann allein, ein Priester zu sein, und schon kommt man ungeschoren hindurch? W�re mir wirklich zu gef�hrlich, das auszuprobieren! Also, ich wei� nicht...�</p><p>�K�nigliches Blut�, unterbrach ihn Peter. �Was f�llt Ihnen dazu ein? �<emphasis>Dies ist das k�nigliche Blut...</emphasis>� das kann doch nur sinnbildlich gemeint sein, oder?�</p><p>�Ja�, sagte Patrick. �Vielleicht etwas, wof�r ein K�nig einen blutigen Tod gestorben ist. Etwas, wof�r er sein Leben geopfert hat.�</p><p>�Oder etwas, das errungen wurde, indem oder zu dessen Zweck ein K�nig get�tet wurde�, sagte Peter. �Blutgeld.�</p><p>�So dramatisch?� Patrick dachte nach. �Es k�nnte auch einfach nur eine Erbschaft gemeint sein.�</p><p>�Eine Erbschaft?�</p><p>�Ja, sicher. Wie sich k�nigliches Blut durch Generationen zieht und die Erbfolge bestimmt, so k�nnte dies hier das Erbe eines K�nigs sein. Seine wahre Hinterlassenschaft, die als so wichtig angesehen wurde, dass sie mit seinem Blut verglichen wurde.�</p><p>�Guter Punkt!�, sagte Peter. �Eine Hinterlassenschaft, die allerdings revolution�r ist. Etwas, das nur der versteht, der es wagt, �<emphasis>den Fels zu bezweifeln</emphasis>.�  Und der Fels k�nnte dabei als Sinnbild f�r etwas Etabliertes, Unersch�tterliches stehen...� Seine Augen blitzten pl�tzlich auf. �Wissen Sie, was mir dabei spontan einf�llt? Petrus.�</p><p>�Petrus? Welcher Petrus?�, fragte Patrick.</p><p>�<emphasis>Der</emphasis> Petrus, der aus der Bibel. Er hie� eigentlich Simon, aber Jesus nannte ihn <emphasis>P�tros</emphasis>, das griechische Wort f�r Fels, und sagte, er solle der Fels sein, auf den er seine Kirche bauen wolle... und was war im dreizehnten Jahrhundert unersch�tterlicher als die katholische Kirche und der christliche Glauben?�</p><p>�Sie meinen, mit dem Fels k�nnte also die Kirche gemeint sein?�</p><p>�Ja, warum nicht�, antwortete Peter.</p><p>�Dann k�nnte das also hei�en: �<emphasis>Hier liegt eine k�nigliche Hinterlassenschaft verborgen, die nur diejenigen verstehen k�nnen, die nicht den Lehren der Kirche folgen.</emphasis>�� Patrick z�ndete sich eine neue Zigarette an. �Und wie war das noch, Peter? Sie sagten, die Katharer hatten tats�chlich Ansichten, die der Kirche nicht passten?�</p><p>�Ja, genau.� Peter nickte. �Das Wort <emphasis>Ketzer</emphasis> leitet sich sogar von den Katharern ab. Die Katharer glaubten an ein streng dualistisches Weltbild; das Gute und das B�se, Geist und Materie. Sie glaubten, dass nicht Gott sondern der Teufel die Welt geschaffen hat. Dass das B�se daf�r verantwortlich ist, dass alles an eine Materie gebunden und unfrei ist. Dass alle Menschen ein g�ttliches Wesen in sich selbst besitzen, das aber auf der Welt gefangen ist. Sie akzeptierten weder die Anbetung eines Kreuzes noch die heiligen Sakramente, weil diese in ihren Augen weltlich, materiell, also somit satanisch sind. Auch die Taufe mit Wasser lehnten sie ab und praktizierten die Taufe stattdessen per Handauflegen. Denn Johannes der T�ufer soll �ber Jesus gesagt haben: �Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit heiligem Geist taufen.��</p><p>�Das passt ja alles wunderbar zusammen. Dann haben die Katharer hier eine Hinterlassenschaft f�r ihresgleichen deponiert.�</p><p>�Und was machen Sie aus den letzten beiden S�tzen?�, fragte Stefanie.</p><p>�Schwer zu sagen�, gab Peter zu. �Von welcher Macht k�nnte die Rede sein, die Welten erschuf oder Welten vernichtete?�</p><p>�Sie sagten gerade, dass die Katharer der Meinung waren, dass die Sch�pfung das Werk des Teufels war�, meldete sich abermals Patrick. �Andererseits w�re Zerst�rung, die Losl�sung von Materie, dann etwas G�ttliches. Also, ich w�rde den Text dann so �bersetzen:</p><p><emphasis>Dies sind die Archive der Katharer,</emphasis></p><p><emphasis>denen zug�nglich, die ihre Geheimnisse kennen.</emphasis></p><p><emphasis>Dies ist ihre k�nigliche Hinterlassenschaft,</emphasis></p><p><emphasis>denen verst�ndlich, die der Kirche widersprechen.</emphasis></p><p><emphasis>Dies ist die Kraft des Teufels.</emphasis></p><p><emphasis>Dies ist die Gefahr Gottes.</emphasis></p><p>Nennen Sie es �frei nach Nevreux�.�</p><p>�Also, ich wei� nicht�, sagte Peter und sch�ttelte den Kopf. �Eine teuflische Macht? Gott eine Gefahr?�</p><p>�Nein�, stimmte Stefanie zu, �das kann ich auch nicht glauben... Wie gut kennen Sie sich mit den Katharern und der Geschichte um Monts�gur aus, Peter?�</p><p>�Oberfl�chlich. Ich wei� nur so viel, wie ich vor einigen Jahren recherchierte. Gut m�glich, dass ich das ein oder andere nicht beachtet hatte. Ich werde das jetzt aber auf jeden Fall nachholen. M�glich, dass es noch mehr Zusammenh�nge gibt.� Peter stand wieder auf und pr�fte den Bestand an vorhandenen B�chern, ob es zuf�llig passende Nachschlagewerke gab. �Vielleicht gibt es auch etwas �ber die Verbindung der Katharer und der Templer herauszufinden.�</p><p>�Wie kommen Sie denn jetzt auf die Templer? Meinen Sie den Templerorden?�</p><p>�Ja, genau den. Die Templer sind sp�ter auch von der Inquisition verfolgt und der Ketzerei beschuldigt worden. Man sagte ihnen unheilige Praktiken und G�tzenanbetung nach. Angeblich verehrten sie Baphomet, eine teuflische Gestalt. Und es gibt diese Ger�chte, dass sie die Katharer unterst�tzt haben. Ich kann es nicht erkl�ren, aber ich habe das Gef�hl, dass es da einen engen Zusammenhang gibt, und vielleicht hat unsere H�hle etwas damit zu tun...�</p><p>�Wer wei߫, �berlegte Patrick. �Aber dann versuchen Sie bei der Gelegenheit am besten auch, den Begriff �<emphasis>Kreis von Montsegur</emphasis>� zu pr�fen. Diesem Typ in Cannes war das ja wohl bekannt. M�chten Sie im Netz nachsehen?�</p><p>�Im Netz?�</p><p>�Im Internet. M�chten Sie im Internet recherchieren?�</p><p>�Also wissen Sie...�, begann Peter und wollte sich gerade die Worte zurechtlegen, mit denen er seine Einstellung zum Internet beschreiben w�rde, entschied sich dann aber anders. �Warum nicht. Ich kenne mich allerdings noch nicht aus; Sie werden mir also zeigen m�ssen, wie man damit umgeht.�</p><p>�Kein Problem�, sagte Stefanie, �ich helfe Ihnen gerne.�</p><p>�Das kann ich auch machen�, mischte sich Patrick mit m�rrischem Seitenblick auf die Wissenschaftlerin ein.</p><p>�Das ist wirklich sehr freundlich.� Peter lachte. �So viel Hilfsbereitschaft! Ich m�chte aber gerne die weibliche Unterst�tzung vorziehen. <emphasis>Ladies first.</emphasis> Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, Patrick?�</p><p>�Es ist wirklich rein beruflich�, f�gte Stefanie wie zur Beruhigung hinzu und l�chelte den Franzosen schalkhaft an.</p><p>�Sehr lustig�, knurrte Patrick und wandte sich ab.</p><p>�Haben Sie wirklich noch gar keine Erfahrung mit dem Internet?�, fragte Stefanie, w�hrend sie sich mit Peter vor den Computer setzte.</p><p>�Ich kann einen gewissen Argwohn nicht verhehlen.�</p><p>�Nun, dann will ich gerne versuchen, Sie eines Besseren zu belehren. Glauben Sie mir, es ist ganz einfach. Und keine Sorge: Man kann das Internet auch nicht versehentlich kaputtmachen ...�</p><p>�Ich st�re Sie ja ungern in Ihrer Zweisamkeit�, rief auf einmal Patrick vom anderen Ende des Raums, �aber das hier sollten Sie sich ansehen.� Er zeigte ein Papier. �Ein Fax. Von unserem mysteri�sen St. G.:</p><p>�<emphasis>Sehr geehrte Wissenschaftler,</emphasis></p><p><emphasis>Ihre Nachforschungen tragen erste Fr�chte. Sie haben das Zeichen von Monts�gur und die Archive des Wissens gefunden. Und noch mehr haben Sie gefunden. Einiges, das Sie nicht beachteten, und einiges, das Sie nicht suchten. Nun gilt es zu bewerten, zu trennen und zusammenzuf�gen. Alles Wissen ist immer vorhanden. Es muss zusammengetragen und richtig kombiniert werden. Derjenige ist wahnsinnig, der ein Geheimnis aufschreibt, ohne es vor den Unwissenden zu sch�tzen. Und so braucht es als Schl�ssel vielleicht den einen oder anderen Hinweis.</emphasis></p><p>Beachten Sie den Heiligen Gral und den Kreis, den mein erster Brief beschrieb. F�gen Sie zusammen. Ihnen bleibt nicht viel Zeit.</p><p>In Vertrauen, St. G.��</p><p>�H�chst erstaunlich!�, sagte Peter nach einer Weile.</p><p>�Er wei� genau, was hier vor sich geht.� Patrick staunte.</p><p>�Warum �er�?!�, meinte Stefanie. �Es k�nnte genauso gut eine Frau geschrieben haben.�</p><p>�Ja, nat�rlich�, lenkte Patrick ein. �Aber finden Sie das nicht auch au�erordentlich merkw�rdig, dass diese Person so gut �ber unsere Recherchen Bescheid wei�?�</p><p>�Nun, nach dem, was Sie mir von Cannes erz�hlt haben, k�nnte es sich ja inzwischen durchaus herumgesprochen haben, dass wir das Zeichen gefunden haben.�</p><p>�Aber hier ist von den �Archiven des Wissens� die Rede, eine Bezeichnung, die wir gerade erst entschl�sselt haben.�</p><p>�Das mag ja sein�, sagte Stefanie, �aber vielleicht wissen andere Menschen erheblich mehr �ber den �<emphasis>Kreis von Monts�gur</emphasis>� als wir. Die brauchten m�glicherweise nicht erst mittelalterliche Inschriften zu entschl�sseln, um zu wissen, dass das Symbol und die Archive zusammengeh�ren.�</p><p>�Und ist Ihnen die Anrede aufgefallen? �Wissenschaftler� werden wir genannt. Im ersten Brief stand da noch �Herren�. Als ob bekannt w�re, dass wir nun eine Frau im Team haben.�</p><p>�Also, ich glaube, Sie interpretieren zu viel in den Text hinein�, sagte Peter. �Wie sollte das jemand wissen?�</p><p>�Vielleicht genauso, wie jemand unsere Faxnummer kennen kann, was meinen Sie wohl?!�</p><p>�Ich wei� nicht...�, sagte Peter. �Was ich allerdings viel interessanter finde, ist der Schreibstil. Einfach und leicht verst�ndlich, was man vom ersten Brief nicht gerade sagen konnte. Au�erdem steht hier, wir sollen den ersten Brief beachten, dort sei ein Kreis beschrieben. Und das sei ein �Hinweis�, so wie ich das hier lese. K�nnte es sein, dass im ersten Brief eine Nachricht versteckt war? Merkw�rdig genug war er ja.�</p><p>�Hm... m�glich�, gab Patrick zu. �Ich werde mir den Brief noch mal ansehen. Vielleicht f�llt mir ja was auf. Und sonst...� Er las den Text erneut. �Der �Heilige Gral� ... was ist wohl damit gemeint? Sind wir jetzt bei Alice im Wunderland?�</p><p>�Der Heilige Gral hat nichts mit Alice im Wunderland zu tun�, korrigierte Peter mit einem kritischen Blick.</p><p>�Das ist mir schon klar, Professor. Aber es hat mindestens genauso viel mit Geschichte zu tun.�</p><p>�Ich dachte, Sie nehmen das nicht immer so ernst�, konterte Peter. �Waren Sie nicht auch auf der Suche nach Eldorado?�</p><p>�Eldorado hat es gegeben! Aber der �Heilige Gral� ist etwas f�r Indiana Jones.�</p><p>�Wie Sie meinen...�</p><p>�Oder sind Sie da anderer Meinung? Haben Sie jetzt etwa auch wieder eine Geschichtsstunde parat?�</p><p>�Nun seien Sie doch nicht so biestig�, versuchte Stefanie zu beschwichtigen.</p><p>�Es ist schon gut�, sagte Peter. �Er hat v�llig Recht. Sicherlich ist das der Stoff, aus dem Legenden sind... Andererseits gibt es eine ganze Menge sehr interessanter geschichtlicher oder zumindest pseudohistorischer Hinweise. Und wenn ich dar�ber nachdenke... In der Tat! Eine gewisse Verbindung gibt es da sogar, und nun sind wir darauf gesto�en und ausdr�cklich aufgefordert worden, das zu untersuchen.�</p><p>�Wie meinen Sie das? Was f�r eine Verbindung?�</p><p>�Der �Heilige Gral� ist Teil der Artus-Legende, wie Sie vielleicht wissen. Aber wussten Sie auch, dass sie franz�sischen Ursprungs ist? Wolfram von Eschenbach beschrieb in seinem <emphasis>Parzival</emphasis>, dass der �Heilige Gral� auf der abgeschiedenen Burg Munsalvaesche aufbewahrt wurde. Das ist nichts anderes als ein anderer Name f�r die Burg Monts�gur.�</p><p>�Peter! Sie sind doch immer wieder f�r eine �berraschung gut.�</p><p>�Danke sehr.�</p><p>Das Telefon klingelte. Peter sah die anderen einen Augenblick ratlos an. Diese zuckten jedoch nur mit den Schultern, und schlie�lich nahm er ab.</p><p>�Lavell.�</p><p>�Elaine de Rosney. Guten Morgen, Herr Professor.�</p><p>�Guten Morgen...�</p><p>�Ich rufe an, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie Ihre Arbeit unbehelligt fortf�hren k�nnen. Ich habe daf�r gesorgt, dass B�rgermeister Fauvel Sie nicht des Hotels verweisen kann.�</p><p>�Oh, das ist gro�artig. Wie...�</p><p>�... wenn es weitere Schwierigkeiten geben sollte, setzen Sie sich bitte sofort mit mir in Verbindung.�</p><p>�Ja, nat�rlich, wir...�</p><p>�...ich w�nsche Ihnen noch viel Erfolg. Bis bald.�</p><p>Ein Klicken beendete das Gespr�ch.</p><p>�Eine redselige Dame�, konstatierte Peter.</p><p>�Elaine?�</p><p>�Ja, sie hat irgendetwas arrangiert, so dass uns Monsieur Fauvel hier nicht mehr hinauswerfen kann. Wir sollen uns melden, wenn es trotzdem wieder Probleme gibt.�</p><p>�Na denn...� Patrick zuckte die Achseln. �Wollen Sie sich jetzt ins Netz begeben? Ich werde mir derweil das erste komische Fax noch einmal vornehmen. Au�erdem <emphasis>muss</emphasis> es einfach m�glich sein, festzustellen, wer der Absender ist. Ich habe da noch eine Idee...�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 14</strong></p><p><emphasis>9. Mai, Rue des Anges, Paris</emphasis></p><p>Er hatte es nicht anders erwartet. Als sie mit der abgedunkelten Limousine vorfuhren, wartete dort bereits eine Gruppe Journalisten. Bevor er ausstieg, griff Jean-Baptiste Laroche in die Innentasche seines Jacketts, holte ein Lederetui hervor und klappte es auf. Darin lag, sorgf�ltig in der Mitte gefaltet, ein einzelner Zettel. Er enthielt nur wenige Zeilen Text. Auf der linken Seite stand:</p><p><emphasis>Dagobertus in te</emphasis></p><p><emphasis>rex es</emphasis></p><p><emphasis>si exsurrexeris,</emphasis></p><p><emphasis>te sequentur</emphasis></p><p><emphasis>et magnum imperium delebis.</emphasis></p><p>Es waren die Worte, die der Sch�fer ihm im Wahn seiner Umnachtung prophezeit hatte. Die �bersetzung lautete:</p><p><emphasis>Dagobert ist in dir,</emphasis></p><p><emphasis>Du bist ein K�nig.</emphasis></p><p><emphasis>Wenn du dich erhebst,</emphasis></p><p><emphasis>Wird man dir folgen</emphasis></p><p><emphasis>Und du vernichtest ein gro�es Reich.</emphasis></p><p>Zufrieden l�chelte er in sich hinein. Daf�r hatte es sich gelohnt, das Languedoc jahrelang auf der Suche nach merkw�rdigen Vorf�llen zu beobachten. Nur ein lokales Blatt hatte vom angeblichen Unfall des Sch�fers berichtet, aber Laroche war dem nachgegangen, hatte ihn besucht und Recht behalten. Er verstand zwar nicht wie, aber der Sch�fer schien Zugang zu h�herem Wissen erlangt zu haben, und wie Frankreich schon Jeanne d'Arc gefolgt war, w�rde es auch dem neuen K�nig folgen.</p><p>Als er schlie�lich aus dem Wagen schl�pfte und sich aufrichtete, empfing ihn zwar kein Blitzlichtgewitter, aber ein Schwall von Fragen prasselte auf ihn ein, wie Gl�ckw�nsche auf einen Profifu�baller nach einem gewonnenen L�nderspiel. Nat�rlich hatte er nicht vor, auch nur eine Einzige davon zu beantworten, aber er genoss die Aufmerksamkeit und tat sein Bestes, um das Interesse der Reporter an ihm aufrechtzuerhalten.</p><p>�Was ist der Grund f�r dieses Treffen?�</p><p>�Wollen Sie Koalitionsgespr�che f�hren?�</p><p>�Wie ist Ihre pers�nliche Beziehung zu Pr�sident Michaut?�</p><p>Er blieb am Wagen stehen und schaute l�chelnd in die Runde. Dann holte er tief Luft und vermittelte mit seiner Mimik den Eindruck, als wolle er sich jetzt ausf�hrlich vor der Menge �u�ern. Er erreichte damit, dass die Fragen abebbten und ihn die Journalisten einen Augenblick erwartungsvoll anstarrten.</p><p>�Vielen Dank f�r Ihre Fragen, mein Pressesprecher ist gerne bereit, Ihnen Auskunft zu erteilen. Entschuldigen Sie mich.� Er zw�ngte sich durch die Menschen, die sein Sekret�r bereits bem�ht war, auseinander zu dr�ngen. Ungehaltene T�ne wurden jetzt in der Menge laut, aber Jean-Baptiste ignorierte sie und betrat das Foyer des Geb�udes, von dem die sensationshungrige Meute durch zwei Wachm�nner fern gehalten wurde.</p><p>�Sind Sie sicher, dass Sie meine Hilfe nicht ben�tigen?�, fragte der Sekret�r.</p><p>�Ja, vielen Dank. Ich denke nicht, dass das Gespr�ch l�nger als eine Stunde dauert. Aber wenn doch, k�nnen Sie ja hochkommen und mich ausl�sen.�</p><p>Sie gingen zum Empfang, und Jean-Baptiste Laroche wurde kurze Zeit sp�ter durch die Sicherheitsschleuse gelassen. Man begleitete ihn in den sechsten Stock und f�hrte ihn bis in das Empfangszimmer des Pr�sidenten.</p><p>�Es dauert noch einen Augenblick�, sagte die Vorzimmerdame. �Bitte setzen Sie sich. M�chten Sie in der Zwischenzeit etwas trinken?�</p><p>Er sah sich um und lie� sich in der Ledergarnitur nieder. �Ja, gerne�, antwortete er. �Ein Glas Champagner.�</p><p>Die Dame sah ihn einen winzigen Moment mit gro�en Augen an, hatte ihre Fassung aber sofort wiedergefunden. Sie f�hrte ein kurzes Telefonat und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit.</p><p>Er konnte nicht sagen, welcher Teufel ihn geritten hatte; eigentlich mochte er gar keinen Champagner, aber er hatte pl�tzlich das Bed�rfnis gehabt, seinem Hochgef�hl auf diese Weise Ausdruck zu verleihen. Er konnte noch nicht einmal genau sagen, warum er sich so gut f�hlte. Er hatte keine Agenda f�r dieses Treffen bekommen, aber er ahnte schon, warum Michaut sich mit ihm treffen wollte. Er konnte nicht nachvollziehen, warum sich der Mann diese Bl��e gab.</p><p>Eine junge Dame kam herein und brachte ein Glas Champagner auf einem Tablett. Laroche nahm es entgegen, nippte daran und lie� es dann stehen. Es gefiel ihm nicht, dass Michaut ihn warten lie�. Aber er konnte sich gut vorstellen, dass der Pr�sident gerade in der letzten Zeit alle H�nde voll zu tun hatte. Sein Widersacher l�chelte spitz. Dieser Gedanke erheiterte ihn nun wieder.</p><p>Schlie�lich �ffnete sich eine T�r, und Pr�sident Michaut trat ein. Er ging auf Laroche zu und reichte ihm die Hand.</p><p>�Es freut mich, dass Sie kommen konnten, treten Sie doch bitte ein.� Er f�hrte den Gegenkandidaten in das B�ro, schloss die T�r und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.</p><p>�Ich hoffe, Sie sind von der Presse nicht allzu sehr bel�stigt worden�, sagte der Pr�sident mit einer Geste zum Fenster hin. �Wir haben uns bem�ht, dieses Treffen nicht an die gro�e Glocke zu h�ngen. Aber Sie wissen ja, wie es ist...�</p><p>�Es war kein Problem, Monsieur Michaut.� Er vermied absichtlich die f�rmliche Anrede. �Haben Sie denn irgendetwas verlauten lassen, das ich wissen sollte?�</p><p>�Wie den Grund dieses Treffens?�</p><p>�Zum Beispiel.�</p><p>�Nein. Haben Sie den Journalisten unten denn etwas gesagt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Gut.�</p><p>Ein Augenblick Stille trat ein. Laroche beobachtete die Gesichtsz�ge des Pr�sidenten. Er sah alt aus heute. Er war ein wichtiger Mann im Land, mit vielen Befugnissen. Doch in seinen Augen stand jetzt die Einsicht geschrieben, dass seine ganze Position letztlich auf der Macht der Beziehungen und Kontakte aufbaute. Und langsam l�ste sich dieser Boden unter seinen F��en auf, die sch�tzenden W�nde r�ckten beiseite, helfende H�nde wurden zur�ckgezogen. Michaut befand sich im freien Fall, und er wusste es. Aber er wusste nicht, warum. Und nun hatte er seinen Gegenspieler herbeizitiert. Wahrscheinlich rang er seit Tagen damit, einzusch�tzen, ob sein Kontrahent, den er bisher nie ernst nehmen musste, zur letzten Hoffnung oder zum Erzfeind geworden war.</p><p>�Warum ich Sie heute hergebeten habe...�, begann der Pr�sident nun.</p><p><emphasis>Er geht direkt drauflos, alle Achtung!</emphasis> Das hatte Laroche nicht erwartet.</p><p>�... ist eine ganz pers�nliche Frage. Es ist mir etwas unangenehm, um ehrlich zu sein, und ich muss mich darauf verlassen k�nnen, dass Sie dieses Gespr�ch vertraulich behandeln.�</p><p>�Sie erw�hnten die Vertraulichkeit bereits bei Ihrer Einladung�, antwortete Laroche. �Andererseits befinden wir uns immerhin in Ihren B�ror�umen. Wie diskret kann das Gespr�ch da schon sein?�</p><p>�Ich versichere Ihnen, dass dieser Raum nicht �berwacht oder abgeh�rt wird.�</p><p>�Gut...� Er z�gerte. Worauf wollte Michaut hinaus?</p><p>�Kann ich also offen mit Ihnen sprechen?�</p><p>�Stellen Sie erst einmal Ihre Frage.�</p><p>�Sie haben Recht. Sie k�nnen immer noch entscheiden, ob Sie antworten m�chten.� Pr�sident Michaut lehnte sich zur�ck, zog eine Schublade auf, brachte eine Zigarettenpackung hervor, holte eine Zigarette heraus und z�ndete sie sich an. Mit einer Geste bot er die Packung seinem Gegen�ber an, doch dieser lehnte ab. Die scheinbare Selbstgef�lligkeit, mit der der Pr�sident nun rauchte, missfiel dem jungen Politiker, aber vielleicht war es auch lediglich ein Zeichen seiner Nervosit�t.</p><p>�Wissen Sie�, sagte Michaut nun, �das Erstaunliche ist, dass man sich gegenseitig zwar als Politiker kennt. Aber obwohl wir beide auf so engem Gebiet arbeiten, dass wir schon fast <emphasis>zusammenarbeiten</emphasis> k�nnten, wissen wir voneinander tats�chlich nicht wesentlich mehr, als jeder andere aus dem Fernsehen, meinen Sie nicht auch? Gut, ich habe sicherlich ein paar mehr Akten �ber Sie als unsere Journalisten, und Sie werden auch Ihre internen Unterlagen �ber mich haben. Aber so ganz im Ernst: Ich kenne Sie nicht halb so gut, wie ich gerne w�rde.�</p><p>�Und Ihre Frage?�</p><p>�Ich frage mich � und das meine ich allen Ernstes �, welche Ziele Sie mit Ihrer Partei verfolgen. Verstehen Sie mich nicht falsch; ich meine nicht Ihre Kampagnen, das was �ber Sie bekannt ist und was Sie �ffentlich vertreten. Sie beziehen eine Position und treten f�r das patriotische Selbstverst�ndnis Frankreichs ein�, er machte eine vage Handbewegung. �Das ist alles ganz spannend, quasi als Kontrastprogramm. Und in Ma�en sogar gut f�r meine Politik. Was mich aber interessiert, ist Ihr Hintergrund. Wie denken Sie wirklich, welches ist Ihr ureigenes Interesse hinter der Position, die Sie vertreten?�</p><p>Laroche z�gerte. Michaut war schwer einzusch�tzen, und er war nicht dumm. Das war einer der Gr�nde, warum er so erfolgreich war. Wollte er wirklich wissen, wonach er fragte?</p><p>�Was erwarten Sie von mir?�, sagte Jean-Baptiste. �Dass ich mich Ihnen entbl��e?�</p><p>Der Pr�sident hob beschwichtigend die H�nde. �Keineswegs. Aber sehen Sie: Ich wei�, wonach Sie streben, und ich beobachte Ihren zunehmenden Erfolg. Wie ich eingangs sagte, kenne ich Sie viel zu wenig, aber ich wage zu behaupten, dass Sie nicht lediglich eine politische Gesinnung vertreten. Ich habe das Gef�hl, dass Sie etwas anderes antreibt, etwas, das �ber die blo�en Belange einer Partei hinausgeht. Und das w�rde ich gerne besser verstehen.�</p><p>�Was l�sst Sie glauben, dass Sie es verstehen w�rden?�</p><p>�Dann habe ich Recht?�</p><p>�Ich habe Ihnen nicht zugestimmt. Ich habe Ihnen lediglich nicht widersprochen.�</p><p>�Nun kommen Sie schon, erz�hlen Sie mir, was in Ihnen steckt.�</p><p>�Bei allem Respekt, Monsieur Michaut, wenn Sie mich schon auffordern, so offen zu sein, dann darf ich sicherlich erfahren, was Sie mit diesem Verh�r bezwecken! Versuchen Sie, meine Wege zu studieren? Folgen Sie dem Rat unserer Altvorderen, und wollen Sie Ihren Feind besser kennen lernen als Ihren Freund? Oder wollen Sie sich gar mit dem Gegner verb�nden, den Sie nicht besiegen k�nnen?�</p><p>�Weshalb st�ndig so feindselig? Wir sind doch hier nicht auf dem Schlachtfeld.�</p><p>�Nein? Sind wir das nicht?�</p><p>�Ich bitte Sie, Monsieur Laroche!� Der Pr�sident lachte. �Wir m�gen uns ja dort drau�en wie Kampfh�hne gegen�berstehen, aber menschlich k�nnen wir uns durchaus respektieren.�</p><p>�Und das wollen Sie ausgerechnet dadurch erreichen, dass ich Ihnen meine politische Motivation erl�utere?�</p><p>�Nein, nicht Ihre politische, sondern Ihre menschliche. Sehen Sie mich an. Ich komme aus einem reichen Elternhaus. Ich bin lange Jahre im Ausland aufgewachsen und habe andere L�nder und Kulturen kennen gelernt. Und ich habe ihnen nachgetrauert, wenn ich sie verlassen musste. Die Welt war f�r mich immer gr��er und spannender als Frankreich allein. F�r mich war seit damals ein vereintes Europa eine fast heilige Vision. Die Grenzen zwischen L�ndern und Kulturen verschwimmen zu lassen, zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen. Meine politische Arbeit beruht so zum Teil auf einigen ganz pers�nlichen Tr�umen und W�nschen. Auch wenn ein wirklich vereintes Europa in meiner Amtszeit nicht zu realisieren ist, weisen aber all die kleinen Dinge meiner Politik einen Weg in die Richtung meiner Interessen. Und in diesem Licht wird vielleicht vieles verst�ndlich. Selbst wenn man meiner politischen Arbeit nicht zustimmt, kann man mich trotzdem als Mensch respektieren, der ein nachvollziehbares Ziel vor Augen hat und diesem auch konsequent und mehr oder minder erfolgreich nachgeht.�</p><p>Jean-Baptiste Laroche sagte nichts.</p><p>�Ihre Partei�, fuhr Michaut fort, �die PNF, sieht in dem Gedanken des vereinten Europa eine Bedrohung. Sie sind keineswegs r�ckschrittlich, aber Sie scheinen r�ckw�rts gewandt. Wie kommt das?�</p><p>�<emphasis>R�ckw�rts gewandt</emphasis> ist gut ausgedr�ckt...� Laroche sah einen Augenblick zur Decke. �Es interessiert Sie also, was es ist, das mich antreibt...� Er stand pl�tzlich auf und st�tzte sich mit den H�nden auf den Schreibtisch des Pr�sidenten. �Gut. Dann will ich Ihnen von <emphasis>meinem</emphasis> Frankreich erz�hlen. Und lassen Sie mich dabei r�ckw�rts gewandt sein.� Er begann, im B�ro umherzulaufen. �Sie, mein lieber Monsieur Michaut, m�chten Europa verb�nden, m�chten von der Macht Europas profitieren, sich den Weltm�chten und den Weltm�rkten entgegenstellen k�nnen. �Einigkeit macht stark� ist Ihr Motto. Aber Sie verkennen dabei, dass Sie den Nerv der Zeit mit F��en treten. Weshalb gibt es denn immer wieder Spannungen im Balkan, in der ehemaligen Sowjetunion oder im Nahen Osten? Nicht, weil die Menschen Einigung w�nschen, sondern im Gegenteil, weil sie Angst davor haben, ihre nationale Identit�t zu verlieren.�</p><p>Pr�sident Michaut lehnte sich zur�ck, faltete die H�nde und legte sein Kinn darauf. Er schien and�chtig zu lauschen, w�hrend Laroche durch den Raum schritt und gestikulierte.</p><p>�Schauen Sie sich unser Frankreich an: Arbeitslosigkeit, Ausl�nderprobleme, wir verpassen den technischen Anschluss. Auf dem Weltmarkt haben wir kaum mehr eine Bedeutung, und wenn wir gerade mal �gegen� etwas sind, ignoriert man uns, politisch findet selbst die Schweiz mehr Beachtung.�</p><p>Der Pr�sident holte Luft und wollte etwas erwidern, doch Laroche hob die Hand. �Ich wei�, es ist �berspitzt. Aber nun wenden Sie den Blick weiter zur�ck: Was haben die Nazis mit uns gemacht? �berrollt haben sie uns. Gut, dass es Amerikaner gab, die uns in der Normandie helfen konnten, nicht wahr? Und es war doch vorher auch nicht anders! Denken Sie an den Ersten Weltkrieg, oder den Hundertj�hrigen Krieg! Zehntausend Tote allein bei einer einzigen Schlacht bei Azincourt � und das bei einem Kampf ohne Massenvernichtungswaffen. Die Engl�nder haben damals die Bl�te Frankreichs m�chtig aufgerieben. Eine ganze Generation Adliger und Ritter wurde an einem Tag abgeschlachtet. Was ist aus dem stolzen, m�chtigen Frankreich geworden? Was ist aus dem Reich Karls des Gro�en geworden? Was aus den Merowingern vor ihm? Was f�r eine Macht hatte das Reich der Franken damals � was f�r eine g�ttliche Macht. Wir waren nach dem Fall Roms das politische und geistige Zentrum des Abendlandes, viele hundert Jahre lang. Und nun kommen wir dazu, was mein <emphasis>Interesse</emphasis> ist. Sie haben Recht; es geht mir um mehr als eine politische Arbeit am nationalen Selbstverst�ndnis Frankreichs. Ich m�chte dieses Land nicht in einem Schmelztiegel der Nationen und Gesinnungen zu einem bedeutungslosen Brei verkochen lassen. Ich m�chte Frankreich zu seinen Wurzeln zur�ckf�hren und ihm seinen gottgegebenen Platz wieder einr�umen.�</p><p>Jean-Baptiste Laroche hatte sich in Rage geredet. Er machte den Eindruck eines Wanderpredigers. Er war dogmatisch, fundamentalistisch, ohne Frage, aber er war auch ein Charismatiker, und er <emphasis>�berzeugte</emphasis> durch eine ganz besondere Begeisterung � eine Art von ehrlicher, <emphasis>inniger</emphasis> Begeisterung.</p><p>�Das ist es, was die Menschen in diesem Land sp�ren. Wir waren einmal das auserw�hlte Volk. Es geht hier nicht um Arbeitslosigkeit allein, es geht um eine vergangene Gr��e, um den Verlust der Gnade Gottes.�</p><p>�Verlust der Gnade Gottes? Ich wusste nicht, dass Sie ein so gl�ubiger Mensch sind, Monsieur Laroche.�</p><p>�Sie verkennen die Lage, Monsieur Michaut. Alleine schon die Tatsache, dass Millionen von Franzosen diesen Verlust sp�ren, macht die Frage irrelevant, ob ich selber gl�ubig bin oder nicht. Aber unabh�ngig davon: Ja, ich bin gl�ubig, und zwar viel intensiver und auf eine ganz andere Art, als Sie es sich vorstellen k�nnen.�</p><p>�Hei�t das, dass Ihre Partei ein Vehikel f�r einen Feldzug des Glaubens ist?�</p><p>�Sie haben nach meinem ureigenen Interesse gefragt, und ich bezweifelte, dass Sie es verstehen w�rden. Nun sind wir so weit: Ja. Sie haben verdammt Recht. Es geht darum, Frankreich einen Messias zu bringen, wenn Sie es so nennen m�chten, einen wahren Erben des k�niglichen Blutes, um dem Land die Gnade Gottes und sein Vorrecht auf die Herrschaft wiederzubringen.�</p><p>Der Pr�sident atmete langsam und tief ein. Das Gespr�ch hatte eine unerwartete Wendung genommen. Jean-Baptiste Laroche war zu intelligent; er konnte sich ihn einfach nicht als religi�sen Fanatiker vorstellen, der auch noch von der Industrie unterst�tzt wurde. Zugegeben, die �Industrie� waren Verwandte, aber gerade deswegen konnten es nicht allein seine verkl�rten frommen Predigten �ber die Gnade Gottes sein, die seinen Erfolg ausmachten. Irgendetwas tiefer Liegendes unterst�tzte den Mann, etwas gab ihm Recht, machte ihn glaubw�rdig.</p><p>�Und dieser Messias�, begann der Pr�sident z�gerlich, �das sind Sie?�</p><p>�Ja.� Jean-Baptiste Laroche baute sich vor dem Schreibtisch auf. Seine Champagnerlaune war zur�ckgekehrt. �Ja, ich bin der Messias. Jene, die mich unterst�tzen, wissen es, und es gibt nichts, was Sie dagegen tun k�nnten. Und wenn Sie mich umbringen, dann schaffen Sie einen neuen M�rtyrer, Ihr ganz pers�nliches Armageddon. Denn ich bin der Erbe des k�niglichen Blutes!�</p><p><emphasis>9. Mai, Wald bei St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Fernand Levasseur parkte seinen Wagen am Ende des Schotterweges, der von der alten Forsth�tte im <emphasis>Vall�e des Cerfs</emphasis> den Berg hinauff�hrte. Von hier aus war es ein Marsch von etwa einer halben Stunde, bis er vermutlich den hinteren Teil der Absperrung erreichen w�rde, die die Forscher um den Berggipfel errichtet hatten. Der F�rster wusste nicht genau, wo sich der Zaun befinden w�rde und ob es dort �berhaupt einen gab, aber er kannte das Gebiet auf der R�ckseite des Berges sehr gut. Es gab dort nur eine steile Wand. Sie er�brigte wahrscheinlich das Aufstellen eines Zauns � und viele M�glichkeiten, wo man ihn entlangf�hren konnte, gab es sowieso nicht, daf�r aber eine Gelegenheit, den Felshang auf andere Art zu bezwingen. Er hoffte darauf, dass er auf diese Weise in das abgesperrte Gebiet eindringen und dem R�tsel der Forscher auf die Spur kommen konnte.</p><p>Er hatte dunkelgr�ne Forstkleidung angezogen, so dass er sich unauff�llig im Wald bewegen konnte. Ein Gewehr hatte er ebenfalls geschultert, um notfalls den Eindruck eines einf�ltigen J�gers zu erwecken. Er konnte die Forscher und ihr Unternehmen schlecht einsch�tzen, hatte aber das Camp der Ranger und die Anzahl der dort besch�ftigten M�nner gesehen. Er vermutete, dass diese von den Forschern inzwischen gewarnt worden waren, dass er sich m�glicherweise Einlass verschaffen w�rde. Es mochte gut sein, dass die Ranger die Absperrung nun strenger �berwachten, daher wollte er keine Aufmerksamkeit erregen.</p><p>War der Wald anfangs noch m�helos zu durchdringen, lie� sich der Weg nach einer Weile immer schwerer bew�ltigen. Die B�ume standen zwar nicht mehr so dicht, aber daf�r versperrten zunehmend gro�e Felsen den Weg. Das Unterholz war unwegsam und bildete zusammen mit den Gesteinsbrocken und dem Ger�ll gef�hrliche W�lle, fast schon eine Art nat�rliche Barrikaden. Gleichzeitig wurde der Untergrund immer steiler. Der F�rster wusste, dass er bald die Baumgrenze erreicht hatte. Es dauerte l�nger als erwartet, bis er schlie�lich an die Felswand kam. Wie er gehofft hatte, war nirgendwo ein Zaun zu sehen, und es war an dieser Stelle ja auch scheinbar nicht notwendig. Die Wand machte einen soliden und unbezwingbaren Eindruck � zumindest ohne die richtige Ausr�stung.</p><p>Er hielt sich rechts und schritt den Fels entlang. Er hatte sich im Wald etwas zu weit links gehalten und war deshalb an der falschen Stelle herausgekommen. Nun suchte er eine ganz besondere Felsspalte.</p><p>Dieses Gebiet am Fu� des <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis> war ihm wohl vertraut. Vor einigen Jahren hatte er mehrere Wochen im Sommer damit verbracht, den Berg zu erkunden. In diesem Teil des Languedoc gab es kaum Berge, die sich nicht auf die eine oder andere Art besteigen lie�en. In der Regel gab es entweder einen relativ leichten Aufstieg an einer sanft ansteigenden Seite, den man auch als Wanderer mit ein wenig Ausdauer und Kondition wagen konnte. Oder aber es gab Zug�nge von einem anderen Berggipfel �ber die K�mme hinweg. Der <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis> war eine Ausnahme. Er stand ziemlich isoliert, so dass es keine andere M�glichkeit gab, ihn zu erreichen. Man musste sich ihm von unten n�hern und die Spitze direkt besteigen. Fernand Levasseur war kein Bergsteiger oder Sportler, deswegen hatte er lange Zeit damit verbracht, einen Weg zur Spitze zu finden, ohne sich mit Steigeisen und Seil an die Steilwand wagen zu m�ssen. Er wusste, dass man auf der anderen Seite des Berges durch den Wald ziemlich weit nach oben gelangen konnte. Auch dort stie� man irgendwann an eine Felswand, doch die machte einen relativ harmlosen Eindruck, wenn man sich darauf vorbereitete. Nachdem er diesen Weg gefunden hatte, war es immer sein Ziel gewesen, dort einmal einen Aufstieg zu unternehmen. Aber irgendwie war er nie dazu gekommen. Besonders nicht, nachdem Fauvel B�rgermeister geworden war und es dauernd Auseinandersetzungen zwischen der Umweltbeh�rde und dem Bauamt gab.</p><p>Es dauerte nicht lang, da fand er die Felsspalte wieder. Genau genommen war es mehr als eine Felsspalte. Aber das sah man erst, wenn man sich die ersten paar Meter hindurchgezw�ngt hatte. Dann weitete sich der Spalt, so dass man bequem darin stehen konnte. Vor Jahrhunderten oder noch l�ngerer Zeit musste der Berg an dieser Stelle auseinander gebrochen sein. Vielleicht war er auch im Laufe der Zeit immer weiter auseinander gedriftet. Tonnen von Ger�ll waren in den Spalt gefallen, Str�ucher wuchsen hier. Er war diesem Weg noch nicht weit gefolgt, aber den Rand der Spalte s�umten viele Abs�tze; mit ein wenig Vorsicht konnte man hier ziemlich weit nach oben gelangen. Au�erdem waren viele Aush�hlungen entstanden � entweder durch eingebrochene H�hlen oder auch einfach durch Regenwasser und Gesteinsschutt, der sich gel�st hatte. Der Spalt zog sich viel weiter durch den Fels als ein blo�er Riss im Berg.</p><p>Der F�rster folgte dem versteckten Hohlweg und arbeitete sich langsam, aber ohne gro�e M�he, stetig h�her. Einige Male l�sten sich kleinere Steine unter ihm, aber gro�enteils war der Untergrund stabil. Wenn er abgerutscht w�re, h�tte er vielleicht zwischen den Steinbrocken stecken bleiben oder Ger�ll mitrei�en und sich alle m�glichen Knochen brechen k�nnen. Aber er hatte f�r gutes Schuhwerk gesorgt und tastete mit H�nden und F��en alles ab. Der Spalt f�hrte ihn nach etwa einer weiteren halben Stunde auf eine Felsterrasse. Er trat vorsichtig an den Rand und blickte in die Tiefe, um sich zu orientieren. Er konnte kaum glauben, dass er offensichtlich mehrere hundert Meter �berwunden hatte. Der Wald war v�llig zur�ckgewichen. Von einer Absperrung, einem Zaun oder von den Rangern war nichts zu sehen. Er befand sich aber immer noch auf der r�ckw�rtigen Seite des Berges, derjenigen, die nicht erklimmbar schien und die deswegen anscheinend unbeachtet geblieben war.</p><p>Er sah sich auf der Terrasse um und pr�fte den Fels auf allen Seiten. Bis hierher war es nicht allzu schwer gewesen. Wenn er nun weiter au�en am Felsen vordrang, musste er aber besonders darauf achten, dass er denselben Weg auch wieder zur�ckgehen konnte.</p><p>Eng an den Berg gepresst, schritt er auf einem etwa einen Meter breiten Sims weiter. Sein Blick wanderte vom Stein vor ihm immer wieder nach unten, um abzusch�tzen, ob er von unten zu sehen war und ob man ihn vielleicht beobachtete. Aber er machte sich nichts vor. Jemand, den er von hier aus im Wald nicht ausmachen konnte, w�rde ihn mit ziemlicher Sicherheit an der Felswand gut sehen k�nnen. Er konnte nur hoffen, dass einfach niemand da war, der zuf�llig nach oben schaute. Und er rechnete sich gute Chancen aus, unentdeckt zu bleiben, denn schlie�lich erwarteten die Ranger Eindringlinge bestimmt eher am Zaun als auf dem Berg.</p><p>Als sei er k�nstlich angelegt, f�hrte der Sims an der Wand entlang, bis der F�rster auf der anderen Seite des Berges angelangt war. Der Blick nach unten lie� nun das hier etwas sanfter abfallende Gel�nde erkennen und sogar einige Wiesen zwischen den sp�rlich stehenden B�umen. Dies w�re die Stelle gewesen, an der man f�r den leichten Aufstieg hochgekommen w�re und die er sich gemerkt hatte. Und er hatte sich nicht get�uscht: Dort w�re er niemals unbemerkt hindurchgekommen. Er konnte eine Schneise und frische Reifenspuren wie von einem schweren Gel�ndefahrzeug erkennen. Das war also tats�chlich schon das Gebiet, auf dem sich die Forscher und die Ranger aufhielten. Angestrengt hielt er nach weiteren Einzelheiten Ausschau, als er pl�tzlich stockte.</p><p>Den ziemlich steilen Felshang unter ihm f�hrte ein Seil hinauf, das professionell verankert war. Offensichtlich diente es dazu, sich daran nach oben zu arbeiten. Und es endete direkt unter ihm!</p><p>Vorsichtig beugte sich der F�rster nach vorn und erkannte, dass sich wenige Meter unter ihm ein anderer Felsabsatz befand. Das Seil f�hrte dorthin. Deutliche Spuren auf dem Boden lie�en erkennen, dass dort gearbeitet worden war. Als er schlie�lich noch einen �lkanister entdeckte, war seine Neugier endg�ltig geweckt. Er sah sich fieberhaft nach einer Abstiegsm�glichkeit um und fand bald ein paar kleine Steinvorspr�nge, die ihm sicher vorkamen. Kurz darauf hatte er den Felsvorsprung unter sich erreicht, und ein zweites Mal hielt er erstaunt inne. Was von oben wie ein kleiner Vorsprung ausgesehen hatte, war eine breite Terrasse, die in den Fels hineinf�hrte. Dicht an der Wand standen F�sser und zwei Stromgeneratoren. Von hier aus f�hrten Kabel zu einem H�hleneingang und verschwanden darin. Der Eingang selbst war aber mit einem schweren Stahltor verschlossen.</p><p>Das Tor war solide und mit einem Sicherheitsschloss versehen. Unm�glich, hier einzudringen. Doch was verbarg sich dahinter? Hatten die Forscher Gold entdeckt? Uran? Oder unternahmen sie geheime Experimente? War dies der Eingang zu einem Labor oder einem Lager?</p><p>Er betastete das Stahltor und versuchte, durch die schmalen Spalten zu sp�hen, die zwischen der unregelm��igen Wand und den Bolzen lagen, mit denen der Rahmen des Tores im Eingang verspannt war. Im Inneren war es jedoch zu dunkel, um irgendetwas auszumachen. Aber er hatte es geahnt: Mit einer Tollwutseuche hatte dies so wenig zu tun wie Louis de Fun�s mit Charles de Gaulle.</p><p>Er bedauerte, dass seine Nachforschung hier ein j�hes Ende fand. Er war so kurz davor! Aber es hatte keinen Zweck, zu versuchen, hier einzudringen oder darauf zu warten, dass sich doch noch ein Ranger hierher verirrte. Mehr w�rde er jetzt nicht erfahren. Nun konnte er sich nur noch direkt an die Forscher halten, und er hatte auch schon einen Plan, wie er es anstellen w�rde.</p><p>9. <emphasis>Mai, ein Gew�lbe bei Albi</emphasis></p><p>Lediglich ein halbes Dutzend mannshoher Kerzenst�nder erleuchteten den steinernen Saal. Fast h�tte man es f�r einen romantischen Weinkeller halten k�nnen, wenn nicht die d�steren M�bel und die drohenden Wandmalereien eine andere Sprache gesprochen h�tten. Auch der Boden war verziert. Mehrere konzentrische Kreise umschlossen ein �bergro�es Pentagramm. Verschiedene magische Symbole waren um den Drudenfu� gruppiert, neben Beschriftungen in einer unleserlichen, archaisch anmutenden Schrift. Das Pentagramm schien auf dem Kopf zu stehen; es war so ausgerichtet, dass es mit einer Spitze zum unteren Ende des Saals wies, zum Eingang, w�hrend seine beiden F��e wie zwei H�rner in die Richtung der Erh�hung deuteten, auf der eine Art Thron den Raum �berragte.</p><p>Der Thron war aus dunklem Holz gefertigt und mit aufwendigen Schnitzereien �bers�t. Der unbekannte K�nstler hatte in sehr naturalistischer Weise die einzelnen Teile des Holzes in organisch anmutende Formen und animalische Gliedma�en verwandelt. Die Stuhlbeine waren sehr dick, muskul�s und behaart. Wie die Beine eines Raubtiers, eines B�ren etwa, wirkten sie kraftvoll und bedrohlich. Sie endeten in Hufen, denen einer �bergro�en Ziege nicht un�hnlich. Auch die Armlehnen waren meisterhaft ausgearbeitet. Mit eindrucksvollen, geschnitzten Muskeln versehen, reckten sie sich nach vorn und endeten in krallenbewehrten Klauen. Am imposantesten jedoch war die hohe R�ckenlehne. Sie erhob sich fast einen Meter �ber jeden, der auf der Sitzfl�che Platz nahm. Der K�nstler hatte ihr den Anschein einer nackten, bis in die kleinste Einzelheit detailgetreuen durchtrainierten M�nnerbrust gegeben. Durch das dunkle Holz und die scheinbar hervortretenden Adern auf den gl�nzenden Muskeln strahlte das Schnitzwerk eine unheimliche, unmenschliche Kraft aus, eine bedrohliche Anspannung. Erh�ht wurde dieser Eindruck durch breite Schultern und einen kr�ftigen Hals. Die obere H�lfte der Lehne bildete einen gewaltigen Sch�del, eine verzerrte Tiergestalt mit Schnauze und gebleckten Rei�z�hnen, die unheilvoll in den Saal starrte, gekr�nt von einem Paar nach oben geschwungener H�rner.</p><p>Auf dem Scho� des monstr�sen Mischwesens, das der Thron darstellte, sa� ein junger Mann in dunklem Anzug. Er hatte die Beine �bereinander geschlagen, die Arme ruhten entspannt auf den Lehnen, sein R�cken war angelehnt. Sein Gesicht lag im Schatten unter dem nach vorn ragenden Kopf der Bestie.</p><p>Er betrachtete eine Weile die beiden M�nner, die in der Mitte des gro�en Pentagramms standen und zu ihm aufsahen. Er schwieg, nahm ihre absolute Ergebenheit in sich auf. Sie w�rden nicht wagen, sich zu r�hren oder einen Ton zu sagen, bevor er sie nicht ansprach. Sie waren vollkommene Diener Belials, hatten ihre Seelen schon vor Jahren dem Tier verpf�ndet. Sie hatten sich ihm unterworfen und waren daf�r reich und m�chtig geworden, zumindest f�r ihre bescheidenen Verh�ltnisse. Aber ihre Seele w�rden sie niemals zur�ckbekommen.</p><p>Er kannte sie beide. Ihre Berufe, ihre Familien, alles, was ihre weltlichen Existenzen ausmachte. Er beobachtete ihren st�ndigen Werdegang, kannte ihre St�rken, Schw�chen und ihre �ngste. Er kannte sie; wie seine Kinder kannte er sie alle, aber er nannte sie nie bei ihren Namen. Weder bei ihren wahren noch bei irgendwelchen anderen Namen. Es war Teil ihrer Nichtigkeit vor Belial.</p><p>Nun wies er auf den linken der beiden M�nner.</p><p>�Was kannst du berichten?�</p><p>�Professor Peter Lavell hat am V�lkerkundemuseum in Hamburg keine Adresse hinterlassen. Er ist aber am neunundzwanzigsten April nach B�ziers geflogen.�</p><p>�Gibt es seitdem ein Lebenszeichen von ihm oder einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort?�</p><p>�Nein, Meister.�</p><p>Der Mann im Anzug wies auf den anderen.</p><p>�Und welche Neuigkeiten bringst du?�</p><p>�Der Wagen, den die beiden Forscher in Cannes fuhren, hatte ein franz�sisches Kennzeichen. Er war auf die <emphasis>Garde Nationale d'Environnement et de la Sant�</emphasis> gemeldet. Und zwar auf die Region Languedoc-Roussillon.�</p><p>�Hast du dich bei der GNES �ber sie erkundigt?�</p><p>�Dort streitet man jede Kenntnis �ber die beiden ab, Meister.�</p><p>Der Mann auf dem d�monischen Thron f�hrte eine Hand zum Kinn und st�tzte es auf. Dass die Forscher im Languedoc unterwegs waren, wunderte ihn nicht. Hier waren sie wohl auf den �Kreis von Monts�gur� gesto�en. Merkw�rdig nur, was sie mit der Umweltbeh�rde zu schaffen hatten. Viel wahrscheinlicher war, dass es in die Irre f�hren sollte. Aber dabei musste es schon um eine Arbeit von ziemlicher Wichtigkeit gehen, und es deutete auf entsprechend einflussreiche Hinterm�nner hin.</p><p>�Hast du einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort gefunden?�</p><p>�Nicht direkt, allerdings gibt es im Languedoc zurzeit Aktivit�ten der GNES, die man aber ebenfalls abstreitet. M�glicherweise h�ngt beides zusammen.�</p><p>�Was f�r Aktivit�ten?�</p><p>�Es scheint eine Tollwutepidemie gegeben zu haben. Die GNES hat ein ganzes Areal zur Untersuchung abgesperrt.�</p><p>�Wo liegt dieses Areal?�</p><p>�Bei St.-Pierre-Du-Bois, Meister.�</p><p>Er schwieg einen Augenblick. Er hatte genug geh�rt. �Ihr k�nnt beide gehen�, wies er die M�nner an, die sich nach einem tiefen Nicken umdrehten und entfernten.</p><p>Eine Weile blieb er still im Halbdunkel sitzen und l�chelte in sich hinein. Was f�r ein Fest! Professor Peter Lavell hier im Languedoc, zum Greifen nahe, und bei ihm die Untersuchungsergebnisse �ber den �Kreis von Monts�gur�!</p><p>Es wurde Zeit, dass die Hand von Belial ihre F�nge ausstreckte.</p><p>9, <emphasis>Mai, B�ro des B�rgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Didier Fauvel kochte vor Wut. Manche Leute behaupteten, es fehle nie viel, um ihn zur Wei�glut zu bringen. Aber das stimmte nicht. Im Grunde war er ein sehr geduldiger Mensch. Er versuchte immer, es allen recht zu machen und auf alle R�cksicht zu nehmen. Und dann war es auch sein verdammtes Recht, dass man auf <emphasis>ihn</emphasis> R�cksicht nahm! Er stellte nun wirklich keine gro�en Anspr�che an die Intelligenz oder Opferbereitschaft seiner Mitmenschen, aber die Leute hatten ihn zu respektieren. Bei allem, was er f�r sie tat, war das nicht zu viel verlangt. Aber manchmal hatte er das Gef�hl, nur von Idioten umgeben zu sein!</p><p>Heute war ein solcher Tag.</p><p>Luc hatte sein Hotel verkauft. Das <emphasis>H�tel de la Grange.</emphasis> Einfach verkauft!</p><p>Mal abgesehen davon, dass sich Luc keinen beschisseneren Zeitpunkt daf�r h�tte aussuchen k�nnen, hatte er ihn gef�lligst vorher von seinen Pl�nen zu informieren. Er war schlie�lich hier der B�rgermeister!</p><p>Wie hatte er Luc unterst�tzt, ihm Genehmigungen besorgt und ihm mit seinen Verbindungen geholfen, am Flughafen in B�ziers Werbung zu machen, einen Eintrag im Michelin zu bekommen, ganz zu schweigen von den Subventionen. Gemeinsam hatten sie den Tourismus angekurbelt und nach St.-Pierre-Du-Bois geholt. Und nun hatte Luc nichts Besseres im Sinn, als sich an eine Schlampe aus Genf zu verkaufen.</p><p>Didier Fauvel schenkte sich einen Cognac ein und st�rzte ihn hinunter.</p><p>Verdammt, was hatte sie ihm geboten? Hundert Millionen Euro? Ein Kasino in Monaco? Einen Sitz im Europarat?</p><p>Er schenkte sich nach und trat ans Fenster. Als er dabei mit der H�fte an seinem Sessel h�ngen blieb und sein Glas fast �berschwappte, versetzte er dem M�bel einen w�tenden Tritt. Doch er bereute es sofort. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine Zehen, und mit pochendem Fu� blieb er vor dem Fenster stehen.</p><p><emphasis>Merde!</emphasis></p><p>Er sah kopfsch�ttelnd in die Abendd�mmerung hinaus. Er hatte keine Idee, wie er die Forscher jetzt einigerma�en elegant loswerden konnte. Sie richteten sich nun erst recht in ihrem neuen Privathotel h�uslich ein. Es w�rde ihn nicht wundern, wenn nach und nach alle �brigen G�ste hinauskomplimentiert und in den n�chsten Wochen ganze Horden von Wissenschaftlern auf Gehei� der GNES hier ihre Zelte aufschlagen w�rden!</p><p>Er fragte sich, wie oft es wohl vorkam, dass die Vereinten Nationen in Genf ein Hotel kauften, um eine Tollwut-Untersuchung in S�dfrankreich zu unterst�tzen...</p><p>Er fragte sich auch, wie oft wichtige Industrielle in Paris ein Interesse daran hatten, dass ebendiese Untersuchungen eingestellt wurden...</p><p>Offensichtlich ging es hier um wesentlich mehr als um ein paar tote F�chse, auch wenn sein F�rster mit dieser Lesart keine Probleme zu haben schien. Aber mit Levasseur hatte er sich nie gut verstanden. Fachlich mochte der Mann seine Qualit�ten haben, aber er hatte keine Ahnung von Politik und von Wirtschaft. Nicht mal von Tourismus wollte er etwas wissen, im Gegenteil, er wollte ein Naturschutzgebiet errichten, wegen ein paar d�mlicher Viecher und irgendwelcher seltenen Sumpfgr�ser oder was immer es gewesen war.</p><p>Nein, hier ging es um mehr, das roch f�rmlich nach einer gro�en Sache. Vielleicht hatte man eine Leiche gefunden, und nun war Europol im Spiel? Vielleicht einen alten geheimen Bunker mit den sterblichen Resten irgendwelcher prominenten Kriegsverbrecher? Ein Spionagefall, der nun aufgekl�rt werden sollte, oder so etwas? Vielleicht hatte es auch mit Giftm�ll zu tun, einem illegalen radioaktiven Endlager?</p><p>In jedem Fall musste es so Aufsehen erregend sein, dass man in Paris deswegen sehr nerv�s wurde.</p><p>Didier Fauvel lie� sich die Situation wieder und wieder durch den Kopf gehen. Er war nicht dumm, sonst h�tte er diesen Posten nie bekommen, w�re nie dort, wo er heute angekommen war. Er w�gte die Lage ab und seine Optionen. Im Grunde musste er Luc sogar dankbar sein. Erst durch den Verkauf des Hotels waren die Fronten und das Spiel offensichtlich geworden. Nun musste sich erweisen, wie gut er damit zurechtkam.</p><p>Er wusste, dass er aus Paris beobachtet wurde. Er hatte eine Schuld zu begleichen, und er w�rde es tun. F�r Paris und f�r sein eigenes Seelenheil.</p><p>Er wandte sich seinem Sessel zu, setzte sich, griff zum Telefon und w�hlte die Nummer eines Handys.</p><p>�Hier ist Didier, hallo... ja, ich bin es... Ja, wir haben lange nicht mehr gesprochen, Paul... h�r zu, ich brauche deine Hilfe... Nein, ich kann es dir am Telefon nicht sagen, ist eine gr��ere Sache. Wir m�ssen uns treffen, am liebsten heute Abend noch... Nun gut, dann morgen. Um f�nf. Bei dir, einverstanden. Bis dann.�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 15</strong></p><p><emphasis>10. Mai, H�tel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Peter war bereits um sechs aufgestanden, um sein Fr�hst�ck im Salon Vert allein einnehmen zu k�nnen. Er brauchte Zeit zum Nachdenken, was ihm in der Gegenwart von Patrick nicht immer m�glich war. Der junge Ingenieur war selbstbewusst und sehr begabt. Aber er urteilte vorschnell und hart. Au�erdem empfand er dessen Naivit�t im Umgang mit der Geschichte und seine Respektlosigkeit jeder Art von Religiosit�t gegen�ber zeitweise als �u�erst nervt�tend.</p><p>Peter war es gewohnt, zu beobachten, Informationen zu sammeln, und sie � so irrelevant sie auch zu sein schienen � wie kleine gl�nzende Perlen in einer gro�en Schachtel mit Kostbarkeiten aufzubewahren. Dann und wann wagte er einen neuen Blick hinein, nahm bei Bedarf Teile heraus, untersuchte sie, wendete sie und legte sie wieder zur�ck. Manchmal sch�ttelte er die Schachtel einfach, und mit etwas Gl�ck ordneten sich die St�cke zu sinnvollen Mustern, offenbarten ihre Zusammenh�nge. Er verbrachte viel Zeit damit, Dinge testweise zu kombinieren und die Ergebnisse zu untersuchen. Aber daf�r brauchte er Ruhe und niemand, der ihm dauernd dazwischenredete und Fragen �ber die Sinnhaftigkeit stellte.</p><p>Die Sprachwissenschaftlerin Stefanie hatte sich in den letzten Tagen gut eingelebt. Sie hatte ihre fachliche Kompetenz mehr als best�tigt, sich sogar als unentbehrliche Hilfe erwiesen. Sie war zur�ckhaltend, und trotzdem hatte auch sie eine enervierende Wirkung auf Peter, die er noch nicht richtig einordnen konnte.</p><p>Vielleicht lag es daran, dass sie jung war und gut aussah. Es war keinesfalls immer einfach, diesen Aspekt im professionellen Umgang mit ihr auszublenden, was Patrick wiederum offenbar gar nicht erst versuchte. F�r andere Leute w�re das m�glicherweise Z�ndstoff f�r Rivalit�ten im Team gewesen, aber aus dem Alter war Peter hinaus. Er respektierte Stefanie fachlich. Und ihre Sch�nheit genoss er wie ein Kunstliebhaber einen echten Renoir genie�en w�rde. Niemals k�me er auf den Gedanken, sie mit seiner privaten Zuneigung allzu offensichtlich zu behelligen.</p><p>Aber da war noch etwas an ihr, das �ber Sch�nheit im klassischen Sinne hinausging, und das war es auch, was ihm Unbehagen bereitete. Er konnte es schlecht an einem bestimmten Wesenszug festmachen, es war vielmehr eine Summe aus Einzelheiten. Manchmal hatte er das Gef�hl, als wisse sie viel mehr, als sie preisgab. Dann f�hlte er sich regelrecht beobachtet, als ob er lediglich ihr Sch�ler w�re. Sie behauptete sich in ihrer Arbeit und in ihrem Umgang mit den beiden M�nnern so professionell, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Auch schien sie sich ihrer Wirkung auf sie beide durchaus bewusst zu sein, aber ihr Verhalten war einfach <emphasis>souver�n.</emphasis> Das war das richtige Wort. Und das war es auch, was ihre Sch�nheit �ber einen offensichtlichen weiblichen Liebreiz hinaus erh�hte. Ihre Augen strahlten eine seltsame Reife aus, als habe sie in ihrem Leben bereits so viel Gl�ck und Elend, Schrecken und Wunder gesehen, dass sie zwangsl�ufig �ber den Dingen stand. Es waren immer nur winzige Augenblicke, aber dann f�hlte er sich in ihrer Gegenwart <emphasis>kleiner.</emphasis> Und dann hatte er stets das unbestimmte Gef�hl, dass sie dies zugelassen hatte.</p><p>Aus diesem Grund war er an diesem Morgen so fr�h aufgestanden. Er wollte mit sich und seinen Gedanken alleine sein, mit ihnen spielen, sie drehen, wenden und wenn m�glich ordnen.</p><p>Er war der erste Gast im Salon Vert. Zwar bot man bereits ab halb sieben Fr�hst�ck an, aber es war offensichtlich, dass kaum jemand damit rechnete, dass die Urlauber vor halb acht herunterkamen. Die Tische wurden gerade erst gedeckt, und als Peter seine Bestellung aufgab, bat man ihn um einen Augenblick Geduld, da die Croissants noch im Ofen seien. So sa� er eine Weile nur mit einem K�nnchen Tee da und sah in den Garten hinaus.</p><p>Der letzte Tag war sehr aufschlussreich gewesen. Jeder der drei hatte viel recherchiert, und er hatte das Gef�hl, dass sie gut vorangekommen waren. Sie hatten vereinbart, dass sie sich nicht gegenseitig unterbrechen, sondern sich vollst�ndig auf die Arbeit konzentrieren w�rden. Abends waren sie in den Ort gefahren, um im Chez Lapin einzukehren. Es war ein gem�tlicher Ausklang geworden, sie hatten kein Wort �ber ihre Arbeit verloren, sondern dies auf den n�chsten Tag verschoben. Stattdessen hatte Patrick von seiner Expedition in Rom erz�hlt und wie es ihm gelungen war, illegal in die Katakomben einzudringen, um den Beweis seiner Theorie zu erbringen, dass sich direkt unter der <emphasis>Via del Corso</emphasis> eine fr�hchristliche Kapelle befand.</p><p>�berall unter Rom erforschte man die Katakomben. Alle bekannten Zug�nge waren gut gesichert. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen der Beh�rden dort einzudringen, war �blicherweise nur mit ein paar guten Kontakten und finanziellen Zuwendungen zu schaffen. In den letzten Jahren hatte die Korruption in Italien die Aufmerksamkeit der �ffentlichkeit aber immer mehr auf sich gezogen, so dass es zunehmend schwieriger wurde, an die richtigen Leute heranzukommen. Patrick hatte kein Risiko eingehen wollen und sich daher <emphasis>in Handarbeit Zugang verschafft</emphasis>, wie er sich ausgedr�ckt hatte. Er hatte die Pl�ne der Katakomben lange studiert und sich schlie�lich eines Nachts unerkannt durch den Boden der Krypta der Kirche Santa Trinita dei Monti in die unterirdischen G�nge gegraben. Von dort hatte er sich mit zwei Helfern und einer umfangreichen Ausr�stung aufgemacht bis zu einem erst k�rzlich entdeckten Fresko. Jeder Quadratzentimeter davon war in den letzten Jahren bereits abfotografiert und im Computer vollst�ndig rekonstruiert worden. Aber es fehlte das Geld, um die Wandmalerei an Ort und Stelle zu restaurieren. Nun, da sie nach fast zweitausend Jahren ihrer sch�tzenden Lehmschicht beraubt war, w�rde sie sich in den n�chsten paar Jahren ohnehin aufl�sen, daher hatte er keine Skrupel, als er die Wand einriss. Dahinter lag wie erwartet ein Gang, der ihn zu der Kapelle f�hrte, auf deren Spur er monatelang gewesen war. Es war ein wirklich Aufsehen erregender Fund, und die Bibelfragmente aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, die er dort fand, machten die Sensation komplett. Nat�rlich war der Frevel an der Krypta und dem Fresko tagelang das Gespr�chsthema Nummer eins in den r�mischen Tageszeitungen. Es gab eine Menge �rger in der Folge, und nur seine guten Kontakte zu verschiedenen Interessenten in der Industrie konnten Patrick aus dem Gr�bsten heraushalten und erm�glichten es ihm, unbeschadet aus der Sache herauszukommen.</p><p>Peter wurde aus seinen Gedanken an die Erz�hlung des Franzosen gerissen, als ihm serviert wurde. Die Croissants waren so frisch, dass sie noch dampften, und er orderte ein weiteres K�nnchen Tee.</p><p>Wie erstaunlich es sich manchmal f�gt, �berlegte er. Dass zwei Menschen, die so unterschiedlich waren wie er und Patrick, nun zusammenarbeiten und sich erg�nzen mussten. Der Franzose schenkte den altert�mlichen Legenden und Hinweisen prinzipiell Glauben, verfolgte sie und nahm schlie�lich eine Schaufel in die Hand, um an Ort und Stelle nachzusehen. Er selbst, Peter, versuchte stets, die zun�chst wahre Geschichte hinter den Legenden zu durchleuchten. Er glaubte erst einmal �berhaupt nichts, sondern forschte und kombinierte so lange, bis er alles seiner Geheimnisse beraubt hatte und es nichts mehr gab, nach dem sich zu graben gelohnt h�tte.</p><p>So hatte er lange Zeit den Aberglauben und die verschiedenen okkulten Str�mungen der westlichen Welt untersucht. Was mit ein paar wenigen Einstiegspunkten begonnen hatte, hatte sich schnell als ein wild gewuchertes Wurzelgeflecht entpuppt, in dem alles miteinander verbunden und voneinander durchdrungen war. Unz�hlige Religionen, Sekten, Glaubensgemeinschaften, Traditionen und �berlieferungen, alles baute aufeinander auf oder ging im Laufe der Jahrhunderte ineinander �ber. Mit wissenschaftlicher Distanz hatte er sich der Themen angenommen, hatte sie analysiert und alles zueinander in einen Zusammenhang gestellt. Aber die Gespr�che, die er gef�hrt und die Informationen, die er erhalten hatte, waren nicht selten sehr leidenschaftlich und bisweilen �u�erst dogmatisch und unfreundlicher Natur gewesen, und je weiter er vorgedrungen war, umso mehr kam es ihm vor, als habe er die B�chse der Pandora ge�ffnet. Mit seinem Buch hatte er versucht, dem Treiben dieser D�monen ein Ende zu setzen, das Thema abzuschlie�en. Aber er merkte in den letzten Tagen mehr denn je, dass er sich viel zu tief hineinbegeben hatte, als dass man ihn vergessen und er davon loskommen k�nnte. Die Worte des Satanisten Ash kamen ihm in den Sinn, als dieser Nietzsche zitiert hatte: �<emphasis>Wenn Sie lange genug in den Abgrund blicken, dann blickt der Abgrund zur�ck in Sie!</emphasis>�</p><p>Nun war er hier im Languedoc, einem ehemaligen Zentrum der Macht. Hatte er sich wirklich nichts dabei gedacht, als sie zum ersten Mal die Schriftzeichen in der H�hle gesehen hatten? Hatte er wirklich die Rose nicht erkannt, hatte er wirklich die Herkunft des lateinischen Spruchs vergessen, der, wie er sehr wohl wusste, auch den Titel der <emphasis>Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz</emphasis> ziert?</p><p>Er hatte es einfach nicht sehen wollen. Aber nun waren sie wieder alle um ihn versammelt. Die Freimaurer, die Rosenkreuzer, die Satanisten. Und es wurde klar: Die Ketzer des Mittelalters und die Templer hatten ihn ebenfalls wieder eingeholt. Er hatte gedacht, es sei nur ein Auftrag der UN, aber wie es jedem geschah, der sich in die Vergangenheit des mystischen Mittelalters st�rzte, war er nun tats�chlich auf der Suche nach dem Heiligen Gral, und die Legenden und Mythen der Vergangenheit erhoben sich um ihn herum und drohten, wahr zu werden.</p><p>Sosehr es ihn erregte, dass sie nun neue Verbindungen entdeckten und m�glicherweise einem der gro�en Geheimnisse der Welt auf der Spur waren, sosehr beunruhigte es ihn, dass sie so unmittelbar darin verwickelt waren. Denn der Gral war niemals einfach zu erlangen. Als Sinnbild f�r die Erkenntnis war der Gral zwar nur denen zug�nglich, die reinen Herzens sind. Aber er war auch schon immer das hehre Ziel aller, die nach Macht d�rsteten. Es war daher zu erwarten, dass der Gral nicht ohne Kampf erreicht werden konnte, und Peter, der noch eben in seinem Elfenbeinturm das Feld �berblickt hatte, fand sich nun unmittelbar an der Front wieder. Und das behagte ihm �berhaupt nicht.</p><p>Sie trafen sich um neun in ihrer B�rosuite. Peter war schon da, als Patrick und Stefanie eintraten. Er hatte den Arm freundschaftlich um ihre H�fte gelegt, und Peter argw�hnte, dass sich die beiden gestern Abend vielleicht noch ein St�ck n�her gekommen waren.</p><p>�Guten Morgen, Peter�, gr��te der Franzose. �Wir haben Sie vermisst. Wollten Sie nicht fr�hst�cken?�</p><p>�Ich war sehr fr�h wach und habe schon gegessen.�</p><p>�Wie schade�, sagte Stefanie, �die Croissants waren sogar noch warm.�</p><p>Peter l�chelte freundlich, sagte aber nichts.</p><p>�Ich bin wirklich gespannt, was jetzt herauskommt�, sagte Patrick und setzte sich wieder auf seinen Platz auf die Fensterbank, um zu rauchen. �Lassen Sie uns mal auspacken, was wir gestern herausgefunden haben!�</p><p>�Ja�, sagte Stefanie, �ich fange einfach mal an.� Sie setzte sich auf einen Stuhl am Konferenztisch, nachdem sie einige Papiere her�bergeholt und ausgebreitet hatte.</p><p>�Ich habe noch mehr Inschriften �bersetzt. Erinnern Sie sich, wie ich die Vermutung �u�erte, dass es sich hier um zwei verschiedene Arten von Texten handelte? Also, diese Vermutung scheint richtig gewesen zu sein. Die meisten der Texte habe ich nun durch, und sie f�gen sich alle in dasselbe Muster. Die Urtexte, also diejenigen, die urspr�nglich und mit viel Sorgfalt an die W�nde der H�hle angebracht worden waren, sind allesamt entweder Sch�pfungsmythen, oder sie setzen sich mit dem Thema der Sch�pfung auseinander. So erz�hlen die Mayaglyphen Geschichten, die wir aus dem <emphasis>Popul Vuh</emphasis> kennen. Und wie ich vermutete, schildern die Keilschriftzeichen tats�chlich die Geschichte des Gilgamesch.� W�hrend sie sprach, deutete sie auf die verschiedenen Abschriften auf den Papieren vor sich. �Ganz interessant dabei ist eine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist. Ich wei� aber nicht, ob sie irgendeine Bedeutung hat. Peter, Ihnen sind die �hnlichkeiten in den Sch�pfungsmythen vieler verschiedener Kulturen sicher bekannt, oder?�</p><p>�Ja, nat�rlich.�</p><p>�Wie w�rden Sie sie zusammenfassen?�</p><p>�Nun, ein �berwesen, das die Welt schafft, die Gestirne und die Lebewesen. Menschen, die sich auflehnen, eine L�uterung, eine Sintflut oder eine �hnliche Katastrophe. Es gibt sehr viele st�ndig wiederkehrende Symbole.�</p><p>�Ja, aber nicht bei allen Kulturen. Es gibt auch Ausnahmen.�</p><p>�Sicher.�</p><p>�Nun, in der H�hle gibt es keine Ausnahmen.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Es sind ausschlie�lich solche Mythen vertreten, die von einer Sintflut und einem Neuaufbau berichten. Das ist eine Gemeinsamkeit, die vorher noch nicht klar war.�</p><p>�Meinen Sie, das k�nnte eine Bedeutung haben?�, fragte Patrick.</p><p>�M�glich�, sagte Peter. �Wir hatten ja �berlegt, ob die Texte durch ihre Gemeinsamkeit nicht vielleicht auf etwas Besonderes hinweisen wollen. Beim Thema Sintflut muss ich spontan an zwei Dinge denken: zum einen an Ren�e Colladon, die uns eine Menge �ber die mythologischen Urspr�nge der Freimaurer erz�hlt hatte. Sie wies darauf hin, dass die Weisheiten der Freimaurer nach der Sintflut auf zwei S�ulen gefunden und �ber Noah und die semitischen St�mme verbreitet wurden.�</p><p>�Sie wollten doch von dieser Arche-Noah-Geschichte nichts wissen�, sagte Patrick.</p><p>�Richtig. Aber vergessen habe ich sie deswegen nicht. Wer wei�, vielleicht kommen wir ja doch noch mal darauf zur�ck. Aber der zweite Punkt ist m�glicherweise viel wichtiger. Ich muss n�mlich an den verschl�sselten Text denken, den wir bei dem Symbol gefunden haben:</p><p><emphasis>Dies ist die Kraft, durch die Welten erschaffen wurden.</emphasis></p><p><emphasis>Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden!</emphasis></p><p>Vielleicht ist das auch eine Beschreibung einer Sintflut. Vielleicht ist dies der Zusammenhang zwischen dem Symbol, dem Durchgang und den Texten an den W�nden?�</p><p>�Sie meinen, hinter dem Durchgang befindet sich die Macht, die die Sintflut ausgel�st hat?� Patrick kam an den Tisch. �Also, das m�sste ja schon etwas Gewaltiges sein. Etwas, das andererseits � richtig eingesetzt � die Macht hat, zu erschaffen? Klingt wie eine Technologie, die als Fluch oder als Segen eingesetzt werden kann. Eine Waffe m�glicherweise...�</p><p>�Oder <emphasis>Wissen</emphasis>�, warf Peter ein.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Peter hat Recht�, sagte nun Stefanie. �Wir haben die H�hle doch schon als H�hle des Wissens betrachtet. Und denken Sie an die anderen Texte, die Graffititexte. Sie weisen in irgendeiner Form immer auf die Unwichtigkeit des Menschen hin. Sie sprechen von der Nichtigkeit unseres Wissens, von den wirklich gro�en R�tseln des Lebens.�</p><p>�Der Durchgang k�nnte somit etwas wie den Baum der Erkenntnis verk�rpern�, sagte Peter.</p><p>�Baum der Erkenntnis?� Patrick lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Die Geschichte aus der Bibel? Adam und Eva und so?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht �bel, wenn ich nicht sonderlich bibelfest bin, Herr Professor, aber k�nnen Sie mir die Story noch mal kurz zusammenfassen?�</p><p>�Gott hatte Adam und Eva verboten, die Fr�chte eines bestimmten Baums zu essen. Der Baum der Erkenntnis. Eine Schlange erschien Eva und erkl�rte ihr, dass der Genuss der Fr�chte sie gottgleich machen w�rde.�</p><p>�Also haben sie beide vom Apfel abgebissen und wurden aus dem Paradies rausgeschmissen.�</p><p>�Nicht Apfel�, korrigierte Peter.</p><p>�Wie?�</p><p>�Es war kein Apfel. In der Bibel steht kein Wort von einem Apfel, sondern nur von einer <emphasis>Frucht.</emphasis>�</p><p>Patrick grinste breit. �Na, dann war's vielleicht eine Banane, und sie haben auch gar nicht davon gegessen, sondern damit...�</p><p>�<emphasis>Patrick!</emphasis>�, entfuhr es Stefanie.</p><p>Der Franzose lachte. �Ist ja schon gut, Entschuldigung!�</p><p>�Jedenfalls�, fuhr jetzt Peter unbeirrt fort, �ist �Erkenntnis� dabei in zweierlei Hinsicht zu verstehen. Zum einen suggeriert ihnen die Schlange als Verk�rperung der teuflischen Verf�hrung, dass sie die Erkenntnis in Form der Weisheit Gottes erlangen w�rden. Andererseits gelangen die beiden danach tats�chlich zu einer Erkenntnis, wenn auch in einer ganz anderen Form. Sie stellen n�mlich fest, dass sie nackt sind, und bem�hen sich um Bekleidung. Diese Erkenntnis der Nacktheit, dieses Schamgef�hl, wird als Verlust des Selbstwertgef�hls, als Erkennen der eigenen Verletzlichkeit und Nichtigkeit gedeutet. Eine merkw�rdige Parallele zu den Graffititexten in der H�hle, die ja denselben Tenor haben.�</p><p>Patrick, der noch immer leicht schmunzelte, bem�hte sich nun, einen ernsteren Ton zu finden. �Also gut, Peter, es hat mir zwar Spa� gemacht, und ich m�chte die Bibelgeschichte nat�rlich nicht l�cherlich machen. Andererseits verstehe ich nicht, wie sehr Sie sich auf einmal f�r Sch�pfungsmythen interessieren und andererseits kritisieren, dass ich Eldorado suchen m�chte. Ich wage zu behaupten, dass meine Expedition ein deutlich besseres geschichtliches Fundament hat.�</p><p>�Nun machen Sie es doch nicht an der Geschichte fest!�, sagte Peter. �Denken Sie an die �bertragene Bedeutung. Der Baum der Erkenntnis auf der einen Seite, die H�hle des Wissens auf der andern. Stellen Sie sich ein Wissen vor, das das Ihre um ein Mehrfaches �bersteigt, das Ihre geistigen und intellektuellen F�higkeiten schlicht �berfordert. W�rden Sie einem solchen Wissen ausgesetzt werden, was k�nnte passieren? Aus psychologischer Sicht?�</p><p>Patrick betrachtete ihn aufmerksam.</p><p>�Ich sage es Ihnen�, fuhr Peter mit ged�mpfter Stimme fort. �Wenn Sie es �berhaupt verkraften k�nnten, w�rden Sie sich pl�tzlich unglaublich unbedeutend vorkommen. Vielleicht w�rden Sie auch verzweifeln, davonlaufen, oder Sie w�rden schlichtweg auf der Stelle wahnsinnig werden.�</p><p>Patrick l�chelte pl�tzlich nicht mehr und schwieg.</p><p>�Ich stelle mir vor, dass im Laufe der Jahrhunderte durchaus einige Menschen die H�hle gefunden und den Durchgang passiert haben. Dort sind sie in irgendeiner Form in Ber�hrung mit gewaltigem Wissen gekommen. Viele ertrugen es sicherlich einfach nicht, genauso wie der arme Sch�fer. Nun, immerhin hat er Latein gelernt. Aber was f�r ein schwacher Trost! Jetzt d�mmert er stumpfsinnig seinem Tod entgegen. Andere waren vielleicht etwas gl�cklicher. Ihnen verblieb noch so viel Verstand, dass sie beim Verlassen der H�hle die wunderbaren Urtexte mit kritischen oder h�hnischen Kommentaren versehen haben, entsprechend ihres geistigen Zustands mit mehr oder weniger Sorgfalt, aber nicht mit weniger Intelligenz.�</p><p>Patrick hatte den Blick an die Decke gerichtet und sagte noch immer nichts. Etwas besch�ftigte ihn.</p><p>�In der Folklore ist der Teufel als Herr der L�gen bekannt�, sagte Peter. �Aber wissen Sie, was man in okkulten Kreisen �ber den Teufel denkt? Dass er <emphasis>niemals</emphasis> l�gt. Und wenn die biblische Schlange der Teufel war, dann hat er vielleicht wirklich die Wahrheit gesagt: Die verbotene Frucht verlieh Adam und Eva die g�ttliche Erkenntnis. Sie enthielt m�glicherweise tats�chlich das gesamte Wissen des Sch�pfers. Doch der Geist der Menschen war einfach nicht reif daf�r, und so wurden sie von der Erkenntnis wie von einem Dampfhammer getroffen und aus der Bahn geworfen.�</p><p>�Bilder�, sagte Patrick auf einmal und sah mit gro�en Augen in die Runde. �Unendlich viele Bilder waren da.�</p><p>�Wovon sprechen Sie?�, fragte Stefanie.</p><p>�Ich erinnere mich jetzt. Es war eine Flut von Bildern. Wie ein Feuerwerk im Schnelldurchlauf, regelrechte Blitze, wahnsinnig grell und v�llig bunt.�</p><p>�Sie meinen, als Sie den Kopf in den Durchgang gesteckt haben?�, fragte Peter.</p><p>�Ja, Es ging so unglaublich schnell, und ich konnte mich nicht bewegen. Es war so viel, dass ich das Gef�hl hatte, ich h�tte mich aufgel�st und bef�nde mich in hunderttausend Spielfilmen zugleich. Landschaften und Personen tauchten auf, die ich noch nie gesehen habe, Geb�ude, Schriften, Dokumente � so unglaublich viel und in einer affenartigen Geschwindigkeit! Gleichzeitig habe ich alle Ger�usche geh�rt, die zu den Bildern geh�rten: Gerede, Schreie, T�ne, Musik, alles genauso schnell, verzerrt und total laut. Es war, als ob das alles irgendwie <emphasis>komprimiert</emphasis> war, verstehen Sie? Es waren alle Informationen darin, aber so sehr gestaucht, dass sie sich in meinem Kopf erst hinterher einzeln auseinander gefaltet haben. Ich wei�, das klingt bescheuert, aber ich wei� nicht, wie ich es sonst beschreiben soll. Vielleicht habe ich auch deswegen danach so lange geschlafen, keine Ahnung. Jedenfalls war es heftig! Ich hatte das v�llig vergessen, erst jetzt, als Sie davon erz�hlt haben, ist mir das Ganze nach und nach wieder eingefallen!� Patrick stand auf, fingerte mit zitternden Fingern eine Zigarette aus seiner Packung und ging zum Fenster. �Schei�e, Mann, das war echt knapp. Wenn Sie mich nicht zur�ckgezogen h�tten... ein paar Augenblicke l�nger nur... wahrscheinlich w�re mir der Sch�del geplatzt oder so etwas... verdammt...�</p><p>Peter und Stefanie hatten den Franzosen w�hrend seiner Schilderung nur stumm angesehen.</p><p>�Die H�hle der Erkenntnis�, murmelte Peter. �Der Heilige Gral... Nun, gut�, sagte er dann laut. �Dann interessiert es Sie vielleicht zu erfahren, was ich �ber Monts�gur und die Templer herausgefunden habe.�</p><p>Patrick nickte nur schwach.</p><p>�Zun�chst einmal muss ich meine Meinung �ber das Internet revidieren.� Peter deutete auf den Rechner. �Stefanie hat mir gestern gezeigt, wie man E-Mails schreibt und wie man recherchiert. Herausgekommen ist, dass ich sehr schnell eine gro�e Menge Informationen gesammelt habe. Da ich vieles davon bereits von anderer Stelle kannte und beurteilen konnte, war es wie in einem gro�en Nachschlagewerk. Also: Da gibt es zum einen die Templer, deren Orden ein ganz besonderes Geheimnis umgibt. Unz�hlige B�cher spekulieren �ber seine geheimen okkulten oder politischen Ziele, andere n�hern sich dem Orden historisch und versuchen, ihn neutral darzustellen. Und es gibt einige historische Daten, die gesichert sind. Es war die Zeit des ersten Kreuzzuges Anfang des zw�lften Jahrhunderts. Soldaten, S�ldner und Ritter aus allen L�ndern Europas sammelten sich und zogen nach Osten. Ihr Ziel war Jerusalem, das sie von den Sarazenen befreien und wieder unter die Herrschaft des Christentums bringen wollten. Etwa 1119 tauchte eine Vereinigung auf, die wir sp�ter die Tempelritter oder Templer nennen. Es gab sie schon einige Jahre zuvor unter dem Namen �<emphasis>Militia Christi�.</emphasis> Es war eine Gruppe M�nner, die sich die Sicherung der Stra�en und der Zisternen im Heiligen Land zur Aufgabe gemacht hatte. Sie wurde von einem angesehenen Ritter aus Troyes, Hugues de Payens, angef�hrt. 1119 wurde den M�nnern von Balduin II., dem christlichen K�nig des frisch eroberten Jerusalems, ein Fl�gel seines Palastes als Wohnsitz zugestanden. Da dieser an die Ruinen des ehemaligen Tempels Salomons grenzte, nannten sie sich fortan �ffentlich die �<emphasis>Arme Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel�.</emphasis> Sie verschrieben sich dem Schutz der Bed�rftigen und der Armut. Wirklich arm ist der Orden nat�rlich nie gewesen. Die Templer haben im Laufe der Geschichte immer mehr Schenkungen an Geld und Grundbesitz bekommen, aber sie durften immerhin nicht pers�nlich dar�ber verf�gen. Der Orden erlangte durch seine Disziplin und Schlagkraft sehr schnell Ber�hmtheit. Schon zehn Jahre sp�ter besa�en die Templer ausgedehnte L�ndereien in ganz Europa, und st�ndig wurden es mehr. Hugues de Payens zog wie auf einer Werbetour durch Europa und wurde �berall mit allen Ehren empfangen. Das Beste, was dem Orden passieren konnte, geschah dann 1139: eine Verf�gung des Papstes Innozenz II. Sie besagte, dass die Templer keiner kirchlichen oder weltlichen Macht mehr Gehorsam zollen mussten, au�er dem Papst pers�nlich. Dadurch wurden sie fast vollkommen unabh�ngig und mussten auch keinerlei politisches Einmischen f�rchten. Sie wurden nahezu allm�chtig. In den folgenden Jahren zog der Orden immer mehr Mitglieder an sich. Durch seine straffe Organisation, die Anzahl der in Waffen stehenden M�nner und das unglaubliche Verm�gen, wurde er de facto zu einer politischen Macht. Die Templer verhandelten zwischen verfeindeten K�nigreichen und sogar zwischen den Christen und Sarazenen. Es gab die Templer also wirklich.�</p><p>Peter machte eine Pause und griff nach einer Mineralwasserflasche und einem Glas, um sich etwas einzuschenken.</p><p>�Das meiste davon kann man schnell nachlesen�, fuhr er schlie�lich fort. �Was f�r uns aber besonders interessant sein d�rfte, ist das Geheimnis, das die Templer umgibt. Wir wissen, dass der Orden immer m�chtiger und damit der Kirche und den K�nigen unbequem wurde. Knapp zweihundert Jahre nach seiner Gr�ndung, am dreizehnten Oktober 1307, ordnete K�nig Philipp IV. von Frankreich die zeitgleiche Verhaftung aller Templer in Frankreich und die Beschlagnahmung ihrer G�ter an.�</p><p>�Dann war die Kristallnacht der Nazis auch keine neue Idee�, warf Patrick ein.</p><p>�Also, man kann die Dimension sicherlich keinesfalls vergleichen, aber es war noch nie da gewesen. Philipp hatte sich bei den Templern hoch verschuldet, und er hatte sich die Genehmigung f�r seine Aktion vom Papst eingeholt, der ihm einen Gefallen schuldig war. Es war eine f�r damalige Zeiten logistisch eindrucksvolle Leistung. Die meisten Templer wurden �berrascht und ergaben sich widerstandslos. Sie wurden der Ketzerei angeklagt, gefoltert und viele schlie�lich verbrannt. In Frankreich wurden sie schnell ausgerottet und der Orden offiziell verboten und aufgel�st. In anderen L�ndern wurde das Verbot nur z�gerlich oder gar nicht durchgesetzt. In Portugal und Spanien nannte er sich einfach in �Christusorden� um und �berlebte so. Das hat uns ja auch Samuel zu Weimar erz�hlt, erinnern Sie sich? Heinrich der Seefahrer und Kolumbus waren Ritter des Christusordens und trugen das rote Tatzenkreuz sogar bis nach Amerika.</p><p>Heute vermutet man, dass die Verhaftungsaktion nicht ganz so �berraschend kam, wie man zun�chst annahm. Man glaubt, dass der letzte Gro�meister der Templer, Jacques de Molay, kurz zuvor noch wichtige Dokumente vernichtete und m�glicherweise auch den sagenhaften Schatz der Templer verschwinden lie�, denn der wurde nie gefunden. Man nimmt an, dass er seinen Ordensh�usern eine Warnung und Instruktionen f�r die bevorstehende Verhaftung zukommen lie�. Was die Wissenschaftler bis heute besch�ftigt, ist zum einen die Frage, wie es sein konnte, dass sich dieser einflussreiche und m�chtige Orden einfach so ans Messer lieferte, ohne jede ernst zu nehmende Gegenwehr. Und zum anderen: Wie konnte es sein, dass man sie ausgerechnet der <emphasis>Ketzerei</emphasis> anklagen und verurteilen konnte, wo sie zwei Jahrhunderte lang als Sinnbild des christlichen Rittertums der strahlende Stern des Abendlandes gewesen waren? Man sagte ihnen pl�tzlich nach, sie w�rden das Kreuz bespucken, die heiligen Sakramente ablehnen, unheilige Praktiken vornehmen, sie seien homosexuell, w�rden mit Tieren verkehren, und sie w�rden Baphomet anbeten, einen D�mon, verk�rpert durch einen abgetrennten Kopf.�</p><p>Patrick sah erstaunt her�ber. Das Thema interessierte ihn, besonders, nachdem er vom Schatz der Templer geh�rt hatte.</p><p>�Die Templer hatten durch den intensiven Kontakt mit dem Islam und den anderen Kulturen des Morgenlandes sowie durch ihre Offenheit viel Wissen aufgesogen, das die Kirche niemals gebilligt h�tte. Sie besch�ftigten sich mit Heilkunde, neuen Wissenschaften und waren empf�nglich f�r esoterische und religi�se Str�mungen. Von daher kann es durchaus sein, dass die Templer einige ganz offen bibelfremde Ansichten �bernahmen, die sp�ter auch von den Katharern vertreten wurden. Die Templer und die Katharer haben ja auch zusammengearbeitet, wozu ich sp�ter noch komme. Aber trotzdem ist es doch interessant, was f�r eine gro�e Menge an okkulten Vorw�rfen dem Orden gemacht wurde. Man muss sich fragen, ob man wirklich alles mit Irrt�mern oder mit falschen Gest�ndnissen aus der Folter der Inquisition abtun kann. M�glicherweise gab es tats�chlich etwas Besonderes an diesem Orden. Die R�tsel lauten: Was f�r Dokumente hat der Gro�meister vernichtet? Warum gab es keine Gegenwehr? Und wo ist der Schatz abgeblieben? Die heutige Ansicht ist, dass der Erfolg und das besondere Ansehen der Templer nicht von irgendwo herkamen. Man vermutet, dass irgendetwas Ungenanntes sie auszeichnete. Ein Grund, sie zu bewundern, ihnen zu gehorchen, ihrer Sache Recht zu geben und ihnen zu vertrauen. Einer weit verbreiteten Vermutung zufolge wurden die Tempelritter als die Erben und H�ter des Heiligen Grals angesehen.� Er fing Patricks Blicke auf, der angefangen hatte zu grinsen. �Sehen Sie mich nicht so an. Es geht noch weiter. Ignorieren wir einmal den Heiligen Gral und denken wir meinetwegen an etwas anderes Heiliges, eine kostbare Reliquie, etwas, das als eine Rechtfertigung und Unterst�tzung von Gott h�chstpers�nlich ausgelegt werden k�nnte. Irgendetwas. W�ren die Templer tats�chlich im Besitz einer solchen Reliquie gewesen, dann lie�en sich ihr schneller Erfolg und ihr gro�es Ansehen leichter erkl�ren. Die Menschen w�ren ihnen als Stellvertreter Gottes, als Streiter f�r das Gute, als Schwertarm des Messias gefolgt. Waren sie also m�glicherweise tats�chlich im Besitz des Heiligen Grals? War das der Schatz der Templer? Vielleicht war der Schatz der Templer kein materieller Schatz, sondern eine Reliquie, ein Erbe, irgendetwas Heiliges? Im Mittelalter war das Sammeln von Reliquien sehr weit verbreitet: Erde aus dem Felsgrab, ein Fingerknochen des heiligen Bernhard, ein Splitter von Jesu Kreuz. Aber etwas so Banales h�tte es wohl kaum sein k�nnen. Es h�tte ein wahrer Schatz sein m�ssen. Jacques de Molay vernichtete vielleicht die letzten Hinweise auf die Natur dieses Schatzes. Die Templer f�hlten sich m�glicherweise so sehr im Recht, dass sie der Verhaftung v�llig naiv entgegensahen, in der Meinung, sie seien unantastbar. Vielleicht gaben sie sich auch einfach fatalistisch und blind im Glauben an die gute Sache ihrem Schicksal hin, in der Hoffnung auf einen Tod als M�rtyrer.�</p><p>�Gibt es konkrete Vermutungen, was das f�r ein Schatz gewesen sein k�nnte?�, fragte Patrick.</p><p>�Nur wenige und sehr diffuse. Einige reden wie gesagt vom Heiligen Gral, ohne n�her darauf einzugehen, was das sein k�nnte.�</p><p>�Ich dachte, der Heilige Gral sei der Becher oder die Schale des letzten Abendmahls�, sagte Patrick.</p><p>�... worin Joseph von Arimath�a Jesu Blut auffing, als dieser am Kreuz von der Lanze des Soldaten verletzt wurde�, beendete Peter den Satz. �Ja, das ist die klassische Lesart, aber diese wird inzwischen fast ausnahmslos als Metapher ausgelegt. Heute betrachten manche den Gral als eine intellektuelle Hinterlassenschaft, wieder andere als ein Erbe in einer Blutlinie. Es scheint aber jedenfalls nicht um einen geldwerten, materiellen Schatz zu gehen. Der Reichtum der Templer war ein Symptom, aber keine Ursache f�r ihren Erfolg.�</p><p>�Erbe in der Blutlinie? Wie meinen Sie das?�</p><p>�Sie kennen die ber�hmte Inschrift �INRI�, die die R�mer an dem Kreuz befestigten. Es war die Abk�rzung f�r Jesus von Nazareth, K�nig der Juden�, ein Hohn der R�mer, laut Bibel. Aber neueren Theorien zufolge war das m�glicherweise sehr ernst gemeint: Jesus stammte vielleicht tats�chlich von einem Herrscherhaus ab, so dass seine Blutlinie extrem wichtig war, selbst ohne religi�se Interpretation. Und �ber das Fortbestehen von Jesu Blutlinie � heilig oder irdisch � gibt es verschiedene Versionen. Eine lautet, dass Jesu Tod inszeniert war, dass er nicht auferstand, sondern gar nicht erst starb. Der Schwamm mit Essig, der dem durstigen Gekreuzigten gereicht wurde, war keine Bosheit, sondern diente als nat�rliches An�sthetikum. Der lediglich bet�ubte Mann wurde schlie�lich von seinen Anh�ngern aus dem Felsengrab befreit, er lebte fort, zeugte mit Maria Magdalena Kinder und sicherte so seine Blutlinie. Man vermutet sogar, dass der Begriff �Heiliger Gral�, der in den mittelalterlichen Dichtungen auf Altfranz�sisch unerkl�rt bleibt, dort seinen Ursprung hat: �San Graal�, eine vielleicht unbeabsichtigte Verwirrung mit �Sang R�al�, in heutiger Schreibweise �Sang Royal�, was so viel hei�t wie �K�nigliches Blut�. Einer anderen Interpretation zufolge soll der Apostel Jakobus in Wirklichkeit der Zwillingsbruder Jesu gewesen sein. Auf Leonardo da Vincis Abendmahl-Gem�lde s�he man sogar die �hnlichkeit der Br�der. In jedem Fall h�tte aber eine Verwandtschaft zu Jesus weiter bestanden, und die Templer h�tten dies verfolgt und aufgenommen. Sie w�ren also die tats�chlichen rechtm��igen Erben von Jesus.�</p><p>�Dann waren aber zum Zeitpunkt der Verhaftung... wann war das? Dreizehnhundertirgendwas? Jedenfalls waren damals aber scheinbar keine Verwandten mehr �brig, f�r die es sich gelohnt h�tte, weiter standzuhalten, oder warum ergaben sie sich?�</p><p>�Ja, es ist ein merkw�rdiges Szenario, das letztlich kaum eine Frage beantwortet.�</p><p>�Und was meinten Sie mit intellektueller Hinterlassenschaft? Dass die Templer ihr Wissen hinterlassen haben?�</p><p>�Ja, das w�re die andere Alternative. Welches geheime �okkulte� Wissen sie auch immer besessen haben m�gen: Vielleicht war dies ihr Schatz, und sie haben ihn in Form von Dokumenten oder B�chern oder sonst wie hinterlassen. Der Gro�meister h�tte das Wissen niemals vernichtet. Aber er h�tte das Wissen um den Zugang vernichtet. Die Karten, die Schl�ssel. Vielleicht gibt es das geheime Wissen der Templer noch heute; gut versteckt oder verschl�sselt.�</p><p>�Sie denken an die H�hle...�</p><p>�Ja, und da kommen wir auch auf die Katharer und was die Templer mit ihnen zu tun hatten.�</p><p>�Sie sagen, sie h�tten zusammengearbeitet.�</p><p>�Ja. Die Albigenserkreuzz�ge begannen ja hundert Jahre vor der Zerschlagung des Templerordens. W�hrend die Templer mehr und mehr zu einer politischen, weltlichen Macht geworden waren, hatten die Katharer, auch Albigenser genannt, die Waldenser und wie die ganzen Sekten hie�en, sich des religi�sen und philosophischen Gedankenguts angenommen. Es herrschte reger Austausch, intellektuell und wirtschaftlich, zwischen den Katharern und den Templern, die wie eine Art Schirmherren fungierten. Als die Verfolgungen der Katharer begannen, gew�hrten ihnen daher auch viele Templer Asyl, oder sie nahmen sie sogar in ihren Orden auf. Nur: Was hatten die Templer davon? Es ist durchaus m�glich, dass hier noch eine andere Verbindung bestand. Und das war die Festung Monts�gur. Dieselbe Burg, auf der auch Wolfram von Eschenbach in seinem <emphasis>Parzival</emphasis> den Heiligen Gral platziert; nur nennt er sie �<emphasis>Munsalvaesche�.</emphasis> Sie erinnern sich, dass die Burg 1244 nach einer halbj�hrigen Belagerung eingenommen wurde? Nun, um die Kapitulation ranken sich einige Legenden. Man munkelt, dass sie auf einen bestimmten Tag aufgeschoben wurde, da zu einem besonderen Termin noch eine gewisse Festlichkeit oder Zeremonie auf der Burg stattfinden musste. Man wei� weiterhin zu berichten, dass am Abend vor der Kapitulation drei Personen aus der Burg entfliehen konnten, die angeblich den Schatz der Katharer mit sich nahmen...�</p><p>�Sie flohen durch den Belagerungsring und schleiften dabei noch ganz unauff�llig ein paar Schatzkisten hinter sich her?�, fragte Patrick. �Wie soll denn das funktionieren?�</p><p>�Die Burg liegt sehr unzug�nglich auf einer steilen Klippe. Sie konnte unm�glich vollst�ndig �berwacht werden. Einer Hand voll geschickter M�nner kann es durchaus gelungen sein, sich �ber eine Felswand abzuseilen oder so. Aber in dem anderen Punkt haben Sie Recht: Wie k�nnen drei M�nner den Schatz der Katharer mitnehmen? Er m�sste schon sehr klein gewesen sein.�</p><p>�Oder er war eher symbolisch�, sagte Stefanie.</p><p>�Ganz genau.� Peter nickte. �Es ging nicht um Schatzkisten, sondern um etwas anderes. Vielleicht war der Schatz nichts anderes als der g�ttliche Segen, der ja von den Katharern nicht durch Taufe, sondern durch pers�nliches Handauflegen weitergegeben wurde. Oder es war eine heilige Flamme, oder ein Buch. Oder...�, er machte eine Pause, �oder in der Tat eine Schatzkarte.�</p><p>�Sie meinen...�</p><p>�Der Schatz der Katharer und der Schatz der Templer waren m�glicherweise ein und dasselbe. Der Heilige Gral, den die Templer besa�en, war Sinnbild f�r eine intellektuelle Hinterlassenschaft, die zeitweilig von den Katharern beh�tet wurde. Deswegen wurden diese von den Templern bemuttert. Vielleicht wollten die Templer mit den Katharern eine neue religi�se Basis f�r die Gesellschaft schaffen, w�hrend sie selbst sich der wirtschaftlichen und politischen Seiten bereits angenommen hatten. Die Katharer wurden aber 1244 bei Monts�gur vernichtet. Drei M�nner flohen und bewahrten das Geheimnis um den Aufbewahrungsort, der schon... Wann war die Sonnenfinsternis? 1239? Der gl�cklicherweise schon seit f�nf Jahren eine geheime H�hle war. Das Geheimnis fiel zur�ck an die Templer. Der Templerorden lebte in Frankreich noch sechzig Jahre l�nger, und dann war es an Jacques de Molay, das Geheimnis vor den Unwissenden zu verbergen.�</p><p>Peter machte eine Pause, um sich erneut etwas einzuschenken. Patrick sah ihn schweigend an und spielte das Szenario offensichtlich in seinem Kopf durch.</p><p>�Ich verstehe zwei Dinge noch nicht�, sagte er schlie�lich. �Zum einen die Zerschlagung der Templer. Dass sie dem Staat unbequem wurden und dass man sie deswegen loswerden wollte, kann ich mir vorstellen. Aber wenn sie noch Jahre zuvor derma�en gut angesehen waren, wie konnten denn pl�tzlich so harte Vorw�rfe der Inquisition gegen sie erhoben werden, ohne dass die �ffentlichkeit protestiert h�tte? Ich meine, Sie haben erz�hlt, man h�tte sie der Ketzerei, der Blasphemie und was sonst noch beschuldigt.�</p><p>�Wer hoch steigt, der kann tief fallen�, warf Stefanie ein.</p><p>�Die Verhaftungen fanden zwar in einer Nacht-und-Nebel-Aktion statt�, sagte Peter, �aber das Misstrauen hatten die Templer nat�rlich schon seit einiger Zeit erregt. Es hatte in der Bev�lkerung viele Jahre Zeit, zu g�ren.�</p><p>Patrick verzog das Gesicht und wog den Gedanken ab. �Hm... ja, vielleicht, aber ich finde das dennoch ziemlich unwahrscheinlich. Irgendwas war doch an den Jungs nicht ganz koscher. Man arbeitet sich doch nicht zweihundert Jahre zu einer respektablen politischen Macht hoch und l�sst sich dann so einfach einsacken.�</p><p>�Vielleicht �bersch�tzen Sie die Templer. Sie setzen ihren Einfluss und ihre Macht mit den Individuen gleich. M�glich ist, dass in der erfolgreichen, sehr strengen milit�rischen Hierarchie des Ordens gerade auch seine Verletzbarkeit lag. Anweisungen konnten zwar �u�erst effizient weitergegeben werden und wurden auch bedingungslos ausgef�hrt � also beispielsweise die Anweisung an alle Orden in Frankreich, diese oder jene Unterlagen zu vernichten oder sich bei der bevorstehenden Inquisition so oder so zu verhalten. Aber die einzelnen Br�der waren niemals in alle Details der F�hrungskr�fte eingeweiht, so dass sie m�glicherweise wie L�mmer zur Schlachtbank gingen. W�hrend die F�hrungskr�fte � allen voran Jacques de Molay � ihre eigenen Pl�ne verfolgten und Ma�nahmen ergriffen, waren die einzelnen Ordensbr�der vielleicht der �berzeugung, sie seien letzten Endes unantastbar, alles gesch�he im Einverst�ndnis mit ihrem Gro�meister. Ihrem Gro�meister, der in Wirklichkeit l�ngst plante, sich selbst und seinen Orden zu opfern.�</p><p>�Sch�n und gut�, wandte Patrick ein. �Aber warum? Warum opferte er sich und seinen Orden? Das ist doch die entscheidende Frage. Warum rief er seine Leute nicht mit denselben Anweisungen zu den Waffen? Oder forderte sie zur Flucht auf?� Er fixierte Peter eindringlich, doch dieser hob nur seine Augenbrauen und zuckte mit den Schultern. �Sie haben keine Idee? Wir reden hier so ganz nebenbei von so gro�en R�tseln wie vom Heiligen Gral. Da werden wir doch wohl darauf kommen, was sich der gute Jacques de Molay gedacht hat, oder?�</p><p>�Tja...�, hob Peter an.</p><p>�Ich meine, er war doch bestimmt nicht dumm oder gewissenlos. Trotzdem verantwortete er schlie�lich den Tod von Tausenden seiner Ordensbr�der. Oder war er vielleicht doch ein religi�ser Fanatiker?�</p><p>�Nein, das war er nicht�, erkl�rte Peter, �zumindest nicht nach meinen Kenntnissen. Es ist ihm auch sicherlich nicht leicht gefallen, sich und seinen Orden zu opfern. Er muss einen gewichtigen Grund gehabt haben. Ich kann mir nur vorstellen, dass er etwas sch�tzen wollte. Er musste sichergehen, dass alle Unterlagen verschwinden und auch alles Wissen dar�ber, sprich alle Menschen im Orden, die etwas wissen konnten.�</p><p>�Sich die Kammerj�ger in Form der Inquisition ins eigene Haus zu holen, war aber ziemlich radikal!�</p><p>�Ja, aber auch das Gr�ndlichste, was es damals gab. Niemand arbeitete so gewissenhaft und nachhaltig. Nat�rlich haben trotzdem einige �berlebt, nicht zuletzt auf der Iberischen Halbinsel, aber durch die Prozesse sind die Templer sehr erfolgreich diskreditiert worden. Das Wissen eines einzelnen �berlebenden Templers war danach nichts mehr wert und damit ungef�hrlich.�</p><p>�Hm... dann sind wir wieder am Anfang. Die Templer bewahrten den Heiligen Gral, eine intellektuelle Hinterlassenschaft�, fasste Patrick zusammen. �Wir vermuten, dass es sich dabei um die H�hle des Wissens handelt, die wir gefunden haben. Um das Geheimnis zu sch�tzen, hat Jacques de Molay, als die Lage brenzliger wurde, vorsorglich alle Beweise vernichtet und seinen Orden bei der Gelegenheit von der Inquisition gr�ndlich schleifen lassen...� Er trat ans Fenster und sah einen Augenblick hinaus. �Fast ein wenig zu einfach, oder? Warum sind nicht schon andere auf diese Idee gekommen? Warum wird der verschollene Schatz der Templer nicht schon l�ngst gesucht?�</p><p>�Aber das wird er! Und zwar seit Jahrhunderten.�</p><p>��hnlich wie Eldorado...�, �berlegte Patrick halblaut. Und nach einer Pause: �Wissen Sie, was mir au�erdem Kopfzerbrechen bereitet?�</p><p>�Nun?�</p><p>�Es sind nicht die alten Inschriften, oder die Tatsache, dass wir vielleicht den Heiligen Gral als Bibliothek identifiziert haben, sondern es ist der Durchgang in der H�hle. Wie haben die Templer das gemacht? Was f�r eine fortschrittliche Art von Wissen kann das nur sein, die es erlaubt, einen solchen Durchgang zu konstruieren? Das ist ja schon fast von milit�rischer Bedeutung � zumindest in unserer heutigen Zeit. Ich habe Ihnen doch von den Tarnkappenflugzeugen und der Stealth-Technologie erz�hlt. Das ist atemberaubend! Falls die Templer derartiges wissenschaftliches Know-how hatten, warum haben sie damit nicht die Weltherrschaft an sich gerissen?�</p><p>�Sie meinen also, es handelt sich um wissenschaftliches Know how?�, fragte Peter.</p><p>�Na, was denn sonst? Nach was sieht es denn aus?�</p><p>�Nun�, begann Peter, �im Mittelalter � und es <emphasis>ist</emphasis> immerhin aus dem Mittelalter...� Er z�gerte. Es fiel ihm offensichtlich schwer, es auszusprechen. �Nun, also im Mittelalter h�tte man es mit Sicherheit als Magie bezeichnet...�</p><p>�Reden Sie doch keinen Unsinn!�</p><p>Peter hob beschwichtigend die H�nde, nickte und antwortete dann langsam: �Bedenken Sie, dass den Templern tats�chlich magische, okkulte Praktiken vorgeworfen wurden. Und vielleicht erkl�rt das auch das besondere Interesse dieses Satanisten Ash am �Kreis von Monts�gur�...�</p><p>�Jede ausreichend fortgeschrittene Technik ist nicht unterscheidbar von Magie�, sagte Stefanie.</p><p>Patrick hob den Kopf und sah sie erstaunt an. �Sie lesen Science-Fiction?�</p><p>�Science-Fiction?�, fragte sie.</p><p>�Na ja, das war doch gerade von Arthur C. Clarke, wenn ich mich nicht irre.�</p><p>Stefanie l�chelte. �M�glicherweise hat er das auch einmal gesagt, ja.�</p><p>�Wenn Sie ehrlich sind�, sagte nun Peter mit fester Stimme, �dann ist die M�glichkeit, dass es so etwas wie Magie tats�chlich gibt, mindestens ebenso unwahrscheinlich wie die M�glichkeit, dass sich die Templer mit strahlungsresorbierenden Schutzschilden ausgekannt haben!�</p><p>Patrick lachte. �Aber dann m�ssen Sie auch zugeben, dass die M�glichkeit, dass wir den Heiligen Gral gefunden haben, ebenso unwahrscheinlich ist wie die M�glichkeit, dass ich Eldorado finden werde.�</p><p>�Nun h�ren Sie doch mal mit Ihrem Goldland auf.�</p><p>�Meinetwegen. Aber dann fangen Sie mir nicht noch einmal mit Magie an!�</p><p>�Aufh�ren, Sie beide!�, rief Stefanie. Dann wandte sie sich an Peter. �Allerdings, gerade von Ihnen h�tte ich das Stichwort �Magie� am wenigsten vermutet. Wie kommen Sie darauf?�</p><p>�Halten Sie mich ruhig f�r verschroben�, sagte Peter, �aber wenn ich nach einer L�sung suche, weigere ich mich einfach, eine M�glichkeit nur deswegen au�er Acht zu lassen, weil sie ungew�hnlich anmutet oder nicht bewiesen werden kann. Und glauben Sie mir: Ich habe lange genug die Irrwege des Aberglaubens und des Okkultismus studiert, um zu wissen, wie viele Doktrinen auf blo�er Willk�r beruhen. Wie viele Wunder auf Einbildung und wie viele heilige Traditionen auf Missverst�ndnissen. Und dennoch bleibt bei all dem ein gewisser Anteil von Unerkl�rlichem... Nehmen Sie die Templer.</p><p>Es wurde ihnen nachgesagt, sie w�rden ein Idol verehren, das den Namen Baphomet tr�gt. Dargestellt w�rde Baphomet durch den Kopf eines B�rtigen. Angeblich hatte der Kopf die Kraft, Reicht�mer zu verschaffen und B�ume zum Bl�hen zu bringen. Dasselbe sagte man vom Heiligen Gral. Der moderne Okkultismus hat aus Baphomet einen bocksk�pfigen Teufel gemacht, mit satanischen Attributen, die mit dem Baphomet aus den Inquisitionsprotokollen nichts zu tun haben. Schon haben Sie Ihre falsche Magie. Aber was war mit dem urspr�nglichen Baphomet? Wer oder was war er? Einige Menschen halten den Namen Baphomet f�r eine Ableitung des Namens Mohammed, dem Propheten und Begr�nder des Islams. Andere meinen, er k�nnte mit dem arabischen �<emphasis>abufihamet</emphasis>� zusammenh�ngen, das man mit �<emphasis>Vater der Weisheit</emphasis>� �bersetzen kann. Einige sehen in dem Kopf den Sch�del Johannes' des T�ufers. Wieder andere behaupten, er s�he aus wie der Kopf auf dem Turiner Grabtuch, das sich �brigens auch eine Weile im Besitz der Templer befunden haben soll. Die Geschichten um die Templer sind so unglaublich voll von Mysterien! Und gerade die Art und Weise, wie dieser Ash in Cannes auf den �Kreis von Monts�gur� reagiert hat, l�sst mich dar�ber nachdenken, was diese Sekte wohl hinter dem Geheimnis der Templer vermutet. Irgendetwas, das m�chtiger ist als sie selbst. Vielleicht tats�chlich eine uralte Magie.�</p><p>�Was stellen Sie sich denn darunter vor, Peter?� Patrick sch�ttelte den Kopf. �Ein Buch mit Zauberspr�chen etwa? Oder glauben Sie, dies ist die H�hle, in der Merlin gefangen ist?!�</p><p>Peter sah den Franzosen einen Augenblick starr an. �Merlin! Ja, warum eigentlich nicht... Der Sage nach wurde er in eine Falle gelockt und f�r alle Ewigkeit in der Zauberh�hle eingesperrt.�</p><p>�Tut mir leid, Peter. Erst fangen Sie mit dem Heiligen Gral an, und nun sind wir schon bei Merlin, K�nig Artus und Camelot. Also wirklich. Bei M�rchen, Feen und Zauberei h�rt es bei mir auf!�</p><p>Peters ernste Miene entspannte sich langsam. Er hob eine Augenbraue. �Sie haben wirklich geglaubt, ich meine das ernst?� Dann schmunzelte er.</p><p>�Bei Ihnen bin ich mir wirklich nicht mehr sicher�, antwortete Patrick z�gerlich, der nun sah, dass auch Stefanie grinste.</p><p>�Also gut�, sagte Peter und winkte l�chelnd ab. �Sie k�nnen sich wirklich vollkommen sicher sein. Nein, ich erwarte nat�rlich nicht, Magie zu finden. Aber ich will den Ursprung dessen finden, was durch die Schleier der Geschichte nur noch als Magie zu uns dringt. Ja, ich habe mich eine Menge in okkulten Kreisen getummelt, und ja, ich wei� weit mehr �ber diese Dinge, als mir lieb ist, und als ich Ihnen zu Beginn zugegeben habe. Aber indem wir Magie studieren, folgen wir ihrer Entwicklung, ihrer Mutation, ihrer Entstellung, r�ckw�rts bis hin zu ihrer urspr�nglichen Form. Interessanterweise gab es ausgerechnet bei den Alchimisten sogar eine Formel hierf�r: �<emphasis>Ex quo aliquit fit in illud iterum resolvitur.</emphasis>��</p><p>��<emphasis>Woraus etwas gemacht ist, zu dem wird es wieder aufgel�st</emphasis>�, �bersetzte Stefanie fast automatisch.</p><p>�Ganz genau�, sagte Peter. �Ich gebe Ihnen nat�rlich vollkommen Recht, Patrick, bei dem mysteri�sen Durchgang handelt es sich mit Sicherheit nicht um Magie. Aber es muss auch nicht gleich etwas mit Hightech zu tun haben, wie Sie vermuten. Vielleicht ist es blo� ein Ph�nomen, das wir bisher noch nicht kennen. Aber jetzt habe ich die ganze Zeit �ber Monts�gur und den Schatz der Templer geredet... Was haben Sie denn herausgefunden?�</p><p>�War das denn schon alles?�</p><p>�Leider ja. Ich kann erst mal nur Informationen �ber Jesus, die Katharer, die Templer und den Heiligen Gral anbieten. Um etwas �ber den Durchgang herauszufinden, muss ich weitere Nachforschungen �ber den Schatz der Templer unternehmen. Na ja, und das geht nicht so schnell, schlie�lich bei�t man sich daran schon seit Jahrhunderten die Z�hne aus.�</p><p>�Und das Symbol?�</p><p>�Noch nichts.�</p><p>�Hm...� Patrick z�ndete sich eine neue Zigarette an. �Schade. Nun, bei mir gibt es leider auch noch nichts Neues. Zumindest nicht, was die Herkunft der beiden Faxe betrifft. Sie wurden in einem Postamt in Morges in der Schweiz aufgegeben. Aber dort werden pro Tag mehrere Dutzend Faxe abgeschickt, und die Absender k�nnen das an herumstehenden Maschinen selber tun, ohne erkannt zu werden.�</p><p>�Na ja, w�re vielleicht auch zu einfach gewesen�, sagte Peter.</p><p>�Daf�r konnte ich den ersten Brief entschl�sseln�, fuhr Patrick fort.</p><p>�Was? Tats�chlich? Er war verschl�sselt?�</p><p>Patrick holte das Papier hervor. �Erinnern Sie sich daran, was unser heimlicher Brieffreund im letzten Fax vorschlug? �<emphasis>Beachten Sie den Kreis, den mein erster Brief beschrieb.</emphasis>� Und nun sehen Sie sich das erste Fax noch einmal an:</p><p>�<emphasis>Sehr geehrte Herren,</emphasis></p><p><emphasis>Sie stie�en auf einen Kreis, und es kann Kreise ziehen, was Sie erforschen, doch achten Sie darauf. Das Zentrum f�r Mann und Frau betritt der Kreis, nicht die Rose. Achten Sie darauf, dass Ihre Forschung keine Kreise zieht, bis nicht der Kreis auf Sie st��t.</emphasis></p><p><emphasis>Ehrerbietig, St. G.</emphasis>�</p><p>Er erw�hnt in diesem Schreiben <emphasis>zwei</emphasis> Kreise � zum einen den �Kreis von Monts�gur�, wie wir jetzt wissen, und zum anderen den metaphorischen Kreis, den unsere Forschung angeblich zieht. Welchen der beiden Kreise also meint er in seinem zweiten Fax?� Er sah in die Runde. Peter hob nur die Augenbrauen, und Stefanie sah ihn freundlich l�chelnd an. �Nun gut, ich will Sie nicht l�nger auf die Folter spannen. Ich habe zwei Dinge beobachtet und kombiniert: Zum einen fiel mir auf, dass der Text sehr konstruiert wirkt. Er wiederholt sich auf eine merkw�rdige Weise. Also habe ich es w�rtlich genommen: Der Text �beschreibt� vielleicht in sich selbst einen Kreis, ist vielleicht in irgendeiner Weise kreisf�rmig konstruiert. Ich habe also die Anordnung der Worte und Buchstaben untersucht. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass der �Kreis von Monts�gur� ja eigentlich auch kein Kreis ist, sondern eine Gruppe von konzentrischen Ringen, die von au�en zur Mitte hin wieder kleiner werden und sich in der Mitte treffen. Und siehe da: Dasselbe kann man mit dem Text machen.� Er zeigte ein Diagramm.</p><p><image l:href="#7"/></p><p>�Sehen Sie? Von au�en nach innen wiederholen sich die Zeilen. Nicht wortw�rtlich, aber in ihrem Kontext: �<emphasis>Ehre, auf einen Kreis sto�en, Kreise ziehen, forschen, achten.�</emphasis> Der Text zielt auf eine Mitte hin, ebenso wie der �Kreis von Monts�gur� ein Zentrum hat. Die mittlere Zeile ist dieses Zentrum. Sie beginnt sogar mit diesen Worten: �Das Zentrum.� Nur scheint sie keinen Sinn zu ergeben, richtig? Das liegt daran, dass wir nur grob vorgegangen sind. Wir haben uns dem Zentrum zeilenweise gen�hert. Wissen Sie, was passiert, wenn wir die Methode pr�zisieren und uns dem Zentrum auf dieselbe Weise von au�en nach innen <emphasis>wortweise</emphasis> n�hern? Ich sage es Ihnen. Das Zentrum ist: �<emphasis>Frau betritt�.</emphasis> Und wenn Sie es buchstabenweise machen, sogar nur noch �<emphasis>Frau�.</emphasis>�</p><p>�Gut kombiniert, Watson!�, sagte Stefanie und lachte Patrick offen an.</p><p>�In der Tat�, sagte Peter. �Sie versetzen mich in Erstaunen. Aber sollen wir jetzt daraus schlie�en, dass eine Frau der Schl�ssel ist? Dass eine Frau in der Lage w�re, den Durchgang zu passieren?�</p><p>�Es klingt so, nicht wahr?�, sagte Patrick. �Die Frage ist allerdings, ob eine ganz bestimmte Frau gemeint ist, eine, die vielleicht gewisse noch nicht bekannte Kriterien erf�llen muss. Oder einfach nur <emphasis>irgendeine</emphasis> Frau.�</p><p>�Nun, was m�gliche Kriterien angeht, sagte doch der verschl�sselte Text auf dem Fu�boden etwas...� Peter sah nach und las schlie�lich von einem Zettel vor: �... �<emphasis>denen zug�nglich, die Bewahrer der Mysterien sind</emphasis>�... na ja, das hilft uns auch noch nicht weiter, f�rchte ich.�</p><p>�Nun, vielleicht schon�, warf Stefanie ein.</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Bezeichnet man nicht Frauen als Bewahrer von Mysterien?�</p><p>�Die Frau <emphasis>ist</emphasis> ein Mysterium�, sagte Patrick. �Dem kann ich zustimmen!� Er lachte.</p><p>�Stefanie hat Recht!�, �berlegte Peter laut. �In der mystischen Tradition ist stets die Frau die H�terin des Geheimnisses. Ich meine nicht die modernen, patriarchalischen Gesellschaften. Denken Sie an die klassischen M�rchen: Es wimmelt von Hexen, aber nicht von Zauberern. Es waren Frauen, die das Orakel von Delphi h�teten. Die drei Nornen, die drei nordischen G�ttinnen des Schicksals, sind weiblich. Auch die Sphinx des klassischen Altertums war weiblich, sie war sogar das Sinnbild des Geheimnisses. Bei den meisten Naturv�lkern sind die M�nner f�r die Jagd und die Frauen f�r die Religion zust�ndig. Die M�nner f�r T�tigkeiten, die Frauen f�r Weisheiten. Die Frau als H�terin der weiblichen Geheimnisse und des Wunders des Lebens. Die Erde wird in allen Religionen als Mutter, als weiblich betrachtet. �<emphasis>Gaia</emphasis>� als ihr Name lebte im Zuge der esoterischen New-Age-Bewegung gerade erst wieder auf. Dabei ist es wirklich nichts Neues: Muttergottheiten waren ein so integraler Bestandteil der alten Kulturen, dass das katholische Christentum nicht umhin kam, Maria als Mutter Gottes einzusetzen, um eine einfachere Identifikation zu erm�glichen und den �bergang zu erleichtern. Mit dem Urchristentum, wie es von Paulus propagiert wurde, hat der Marienkult nichts zu tun.�</p><p>�Sie wollen also sagen, in beiden Texten steht dasselbe?�, fragte Patrick.</p><p>�Ich denke schon�, antwortete Peter. �Eine Frau kann die H�hle betreten. Und ich w�rde vermuten: <emphasis>jede</emphasis> Frau.�</p><p>Es trat ein Moment der Stille ein. Sie sahen einander an, bis die Blicke der M�nner nach einer Weile auf Stefanie haften blieben. Daraufhin begann sie langsam zu l�cheln.</p><p>�Fragen Sie mich�, sagte sie und nickte aufmunternd.</p><p>�Sie meinen...�, begann Peter z�gerlich. �Sie w�rden...? Wirklich? Es w�re nat�rlich gro�artig, aber sind Sie sich der Gefahr bewusst? Sie sollten eigentlich nicht... wir k�nnten das nicht verantworten... Nein, Sie d�rfen auch gar nicht! Sie wissen �berhaupt nicht, was Sie erwartet. Es w�re geradezu selbstm�rderisch. Nein. Nein, auf gar keinen Fall!�</p><p>Stefanie sah zu Patrick hin�ber.</p><p>�Gehen Sie in die H�hle?�, fragte er sie.</p><p>�Nat�rlich. Heute noch!�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 16</strong></p><p><emphasis>10. Mai, B�ro des franz�sischen Pr�sidenten, Paris</emphasis></p><p>Emmanuel Michaut sa� an seinem Schreibtisch, die Ellenbogen aufgest�tzt, den Kopf in den H�nden vergraben. Er war k�rperlich und seelisch ausgelaugt, sein Sch�del pochte dumpf, sein Nacken war verspannt. Er hatte die ganze letzte Nacht nicht geschlafen. Er w�rde nie wieder schlafen k�nnen. Seit dem Besuch von Jean-Baptiste Laroche war nichts mehr wie fr�her. Es war eine neue Welt. Als h�tte man pl�tzlich einen gigantischen Asteroiden entdeckt, der sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit n�herte, den nichts aufhalten konnte, und der die Erde in exakt dreiundsiebzig Stunden vernichten w�rde. Alle Gewohnheit, alle Zukunft, alles Leben stand an einer unsichtbaren Schwelle, hinter der es dem Abgrund entgegenst�rzen w�rde.</p><p>Michaut hatte immer an die Kraft des Einzelnen geglaubt, war �berzeugt gewesen, dass alles erreichbar sei. Und das war es auch. Nichts auf der Welt geschah ohne Grund, und wenn man ein Ziel erreichen wollte, konnte man sich nicht darauf verlassen, dass es sich so f�gen w�rde. Man musste selbst der Grund sein.</p><p>Er glaubte an eine Kraft im Menschen, die es jedem erm�glichte, sich �ber die eigenen Beschr�nkungen und die anderen Menschen zu erheben, wenn man diese Kraft nur erkannte und zu nutzen lernte. Ein fast religi�ser Ansatz, aber er war sich sicher, dass das nichts mit G�ttlichkeit oder Religion zu tun hatte. Sicherlich, Religion hatte ihre Daseinsberechtigung. Sie gab jenen Menschen Halt, die mit ihren �ngsten und Zweifeln nicht alleine zurechtkamen. Die Religion versprach einen Sinn im Leben. Sie erkl�rte das Unerkl�rliche, sie half, scheinbar willk�rliche Unbill des Schicksals zu ertragen, die Leere des eigenen Lebens zu f�llen, die scheinbare Bedeutungslosigkeit des Einzelnen vor dem kosmischen Gef�ge ertr�glich zu machen. Der Placeboeffekt von Religiosit�t war ihm offenkundig und absolut akzeptabel. Die meisten Menschen ertrugen die Vorstellung nicht, dass nach dem Tode alles vorbei sein k�nnte, dass es keinen anderen Sinn im Leben geben k�nnte, als den, den sie selbst ihm gaben. Diese Menschen brauchten einen Halt. Das war annehmbar. Die wenigsten erfolgreichen religi�sen Menschen begriffen jedoch, dass ihnen durch ihren Glauben keineswegs eine g�ttliche Macht zur Seite stand, sondern lediglich ein Selbstvertrauen. Die Macht, alles zu erreichen, war rein menschlich.</p><p>Nach diesen Grunds�tzen hatte er gelebt und jede Chance erkannt und genutzt.</p><p>Nat�rlich hatte es R�ckschl�ge gegeben, aber er hatte sie zu sch�tzen gelernt, denn sie waren seine besten Lehrmeister gewesen. Auf diese Weise hatte er r�ckblickend jede Situation zu seinen Gunsten zu wenden gewusst und niemals das Vertrauen in seine Ziele verloren.</p><p>Alles, was ein Mensch erreichen konnte, keimte zu Beginn aus dem sozialen Umfeld und den besonderen F�higkeiten des Einzelnen. Dies waren gewisserma�en die Startbedingungen, w�hrend die Tr�ume und W�nsche das Ziel bildeten. Diese beiden Pole sowie die Ereignisse auf dem Weg vom Ursprung in die Zukunft formten zusammen ein Geflecht aus Wahrscheinlichkeiten und M�glichkeiten. Michaut hatte stets alle M�glichkeiten maximal ausgenutzt und sich auf diese Weise von einer Unwahrscheinlichkeit zur n�chsten gehangelt, ja, sogar v�llig neue, unabsehbare M�glichkeiten erschlossen. So gesehen hatte er als Pr�sident von Frankreich bereits die absolute Spitze seiner pers�nlichen Unwahrscheinlichkeiten erreicht und war seinem Ziel so nah, wie er es �berhaupt nur sein konnte.</p><p>Und dann tauchte Jean-Baptiste Laroche auf. Und er beschwor etwas herauf, das gr��er war als Michaut, gr��er als ganz Frankreich.</p><p><emphasis>Das Erbe des k�niglichen Blutes.</emphasis></p><p>Es hatte einen vertrauten, bedrohlichen Klang, und Michaut hatte seinen Geheimdienst darauf angesetzt. Was dieser aus den tiefsten Archiven der franz�sischen Regierung zusammengetragen hatte, war ungeheuerlich. Laroche konnte sich tats�chlich auf eine Weise zum Herrscher, zum neuen Messias emporschwingen, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Seine Gedanken kreisten weniger um die religi�sen Verflechtungen; auf diese Vorstellung mochte er sich nicht einlassen, konnte es einfach nicht. Aber ihn besch�ftigte die Ausweglosigkeit dieser Bedrohung. Wie konnte er gegen Laroche vorgehen, ohne ihn zum M�rtyrer zu machen?</p><p>Michaut �berlegte, ob er sich wieder einmal an den Grafen wenden sollte. Die Grenzen der Freundschaft oder vielmehr des Vertrauens � denn es war irgendwie zugleich weniger und mehr als Freundschaft �, diese Grenzen mussten eines Tages erreicht sein. Er wusste nicht, wie weit er den Grafen tats�chlich einbeziehen durfte oder sollte... und hier ging es immerhin um Dinge, deren Tragweite nicht jedermann einfach so hinnehmen konnte. Wie w�rde der Graf auf eine solche Offenbarung reagieren? War er ein religi�ser Mensch? Eine Frage, die sich Michaut noch nie gestellt hatte, doch nun gewann sie pl�tzlich unerwartete Relevanz. W�rde der Graf diese Dinge bel�cheln? Entsetzt sein? Verz�ckt? W�rde er �berhaupt zuh�ren wollen? Objektiv bleiben k�nnen? Andererseits: Wenn �berhaupt jemand in der Lage war, in dieser Frage neutral zu bleiben, dann war er es...</p><p>Er hob den H�rer ab und lie� sich eine sichere Leitung geben. Dann w�hlte er die Nummer.</p><p><emphasis>10. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz</emphasis></p><p>Am fr�hen Nachmittag setzte der Hubschrauber zur Landung an. Er senkte sich auf die Rasenfl�che auf der R�ckseite eines Herrenhauses am Genfer See. Das Grundst�ck fiel hier ein wenig ab und f�hrte bis an das Ufer des Sees, wo der Rasen in eine mit schweren, schwarzen Felsbrocken befestigte B�schung �berging. Auf der Terrasse warteten bereits zwei M�nner, von denen der j�ngere auf den Hubschrauber zuging, nachdem dieser aufgesetzt hatte und die Rotoren zum Stillstand gekommen waren. Er begr��te den Mann, der gerade aus der T�r stieg.</p><p>�Willkommen, Monsieur le Pr�sident! Mein Name ist Joseph. Steffen erwartet Sie bereits.�</p><p>Pr�sident Michaut folgte dem jungen Mann. Er hatte ihn schon einmal gesehen, konnte sich aber nicht genau erinnern, wo. Dass er den Grafen �Steffen� nannte, irritierte ihn ein wenig. Es schien ihm doch allzu respektlos. Es konnte allerdings auch bedeuten, dass dieser Joseph ein besonders enger Vertrauter des Grafen war; eine �hnlich einflussreiche Person auf die eine oder andere Weise. Steffen... Ein ungew�hnlicher Name. Vielleicht Deutsch oder Niederl�ndisch. Ihm wurde bewusst, wie wenig er �ber den Grafen wusste. Er war irgendwie pl�tzlich da gewesen: Wenige Tage nach seiner Amts�bernahme hatte sein Staatssekret�r ihm den Mann vorgestellt, und sie waren sich von Anfang an merkw�rdig vertraut gewesen. Seinen tats�chlichen Namen hatte entweder niemand jemals genannt, oder Michaut hatte ihn vergessen. Aus irgendeinem Grund erinnerte er sich an einen Adelstitel, daher nannte er ihn Graf, und dieser schien dem nicht zu widersprechen.</p><p>Der Mann war stets �ber alles informiert, und zugleich wusste er zu schweigen. Er schwieg �ber ihre Gespr�che, aber auch �ber seine Herkunft. Er wurde niemals privat und war doch immer pers�nlich. Ein feiner, aber bedeutender Unterschied. Es war schwer zu sagen, ob der Graf ein direktes Interesse an Michaut selbst hatte oder nur an dessen Stellung als Pr�sident. Vielleicht hatte der Graf auch gar kein Interesse, sondern beobachtete blo�. Es schien fast so zu sein, denn er war zwar immer f�r den Pr�sidenten zu sprechen, bereit, ihm zuzuh�ren oder Ratschl�ge zu geben, aber er mischte sich niemals aus eigener Initiative ein. Und wenn doch, dann war es so geschickt, dass es nicht zu bemerken war. Michaut nahm sich vor, die Hintergr�nde des Mannes erforschen zu lassen.</p><p>Nachdem er Joseph gefolgt war, betrat Michaut die Villa durch eine Terrassent�r und stand unmittelbar in einem gro�z�gigen Salon. Er war mit wenigen, aber erlesenen antiken M�beln best�ckt. Ein massiver dunkler Holztisch, der einem Rittersaal entsprungen zu sein schien, stand direkt hinter der Glasfront, die auf die Terrasse und den See hinausblickte. Neben dieser Tafel stand der Graf, in edlem dunklem Anzug, wie ihn Michaut nicht anders kannte; von beeindruckender Ausstrahlung, ein wenig altert�mlich, aber ohne dass man es mit den Details seiner Kleidung h�tte belegen k�nnen.</p><p>�Monsieur le Pr�sident, es ist mir eine Ehre, Sie als meinen Gast begr��en zu d�rfen.�</p><p>Pr�sident Michaut nickte nur; er wusste nicht, wie er antworten sollte. Er war hierher gekommen, an den unwahrscheinlichsten Ort, suchte Hilfe in der unwahrscheinlichsten Situation. Konnte der Graf ihm �berhaupt helfen? W�rde er �berhaupt zuh�ren?</p><p>�Es scheint Sie eine schwere Last zu bedr�cken�, sagte der Graf. �Joseph wird uns Wein bringen. Wir werden uns hier an diesen Tisch setzen. Wussten Sie, dass bereits Leonardo da Vinci an diesem Tisch sa�? Nat�rlich nicht hier�, er fuhr mit der Hand �ber die Oberfl�che, �ich habe den Tisch in Turin erstanden. Bitte � nehmen Sie Platz. Von hier aus haben Sie einen wunderbaren Blick �ber den Lac L�man.� Er machte eine Pause, w�hrend Michaut sich setzte. Er sp�rte die Unruhe des Pr�sidenten, dessen Unbehagen. �Was auch immer Sie bedr�ckt, schieben Sie es f�r einen Augenblick beiseite und beobachten Sie nur die feinen Wellen und den leichten Dunstschleier, der sich zum Abend hin verdichten wird. Ist er nicht ein wunderbarer, friedlicher See? So ist er bereits seit Tausenden von Jahren, und nichts, was wir tun, wird diesen See wesentlich �ndern. Und dort hinten, was Sie gerade noch als helle Spitzen erkennen k�nnen, das ist der Montblanc. Wenn Sie genau hinsehen, merken Sie, dass Sie sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft blicken. Alles hier ruht in sich selbst, die Geschicke der Menschen ziehen vorbei. Auf �hnliche Weise, wie die Berge und der See keine Partei ergreifen, weder gut noch schlecht sind, so ist die Welt um uns herum weder gut noch schlecht. Es ist unsere Auffassung der Geschehnisse, die sie uns als gut oder schlecht erscheinen lassen. Noch die schlimmsten Erlebnisse k�nnen uns etwas lehren. Wachstum entsteht �berall dort, wo sich Dinge �ndern und wir darauf reagieren m�ssen. Wenn wir Geschehnisse in unsere Vorstellungen von gut und schlecht sortieren, und uns nur nach dem ausrichten, was wir f�r gut halten, wenn wir vor dem Schlechten die Augen verschlie�en, vor dem Schlechten fl�chten, es nicht annehmen, dann entgeht uns die H�lfte der Dinge, aus denen wir gro�e Weisheit sch�pfen k�nnten.�</p><p>Michaut sah auf den Genfer See hinaus und war dabei den Gedanken des Grafen gefolgt. Einige der Dinge hatten einen w�rmenden Klang, schienen auf einer anderen Ebene als der des Verstandes einen tieferen Sinn zu haben. Aber andererseits gab es auch Geschehnisse von solcher Tragweite, solch offensichtlicher Schlechtigkeit, dass er dem Grafen nicht vollkommen zustimmen konnte.</p><p>�Doch ich m�chte Sie nicht mit den Ansichten eines alten Mannes langweilen�, fuhr dieser nun fort. �Sie haben ein dringendes Ansinnen, und Ihre Zeit ist kostbarer als die meine. Ah, der Wein!�</p><p>Joseph servierte z�gig und ohne k�nstlichen Umstand. Michaut, der bef�rchtet hatte, dass der Mann nun entweder als Vertrauter des Grafen dem Gespr�ch beiwohnen oder � falls er ein Bediensteter oder dergleichen war � im Hintergrund bleiben w�rde, war erfreut, als Joseph den Raum wieder verlie�.</p><p>�Sagen Sie mir, was Sie bedr�ckt. Hat es mit Ihrem Gegenkandidaten Jean-Baptiste Laroche zu tun?�</p><p>�In der Tat, ja, das hat es. Erinnern Sie sich, wie ich in unserem letzten Gespr�ch vermutete, dass irgendein Umstand eingetreten sein k�nnte, der einen Wahlsieg von Laroche besonders Erfolg versprechend machen k�nnte?�</p><p>Der Graf nickte leicht und roch an der Blume des Weines.</p><p>�Nun, und wahrhaftig gibt es da etwas�, fuhr Michaut fort. �Sagt Ihnen der Ausdruck �Sang R�al� etwas?�</p><p>Der Graf antwortete nicht sofort, sah den Pr�sidenten nur �ber den Rand seines Glases hinweg an. Schweigend und einen Augenblick l�nger als �blich. �Was bedeutet er?�, fragte er dann.</p><p>Michaut beugte sich vor. �Es ist altert�mliches Franz�sisch. Heute w�rde man �Sang Royal� sagen, k�nigliches Blut�. Wie wir besprochen hatten, habe ich das Gespr�ch mit Laroche gesucht, und wie zu erwarten war, gab er sich mir sehr selbstsicher, ja sogar siegesgewiss. Sagte, ich k�nne seinen Sieg niemals verhindern, ohne ihn zum M�rtyrer zu machen, und dass er der Erbe des k�niglichen Blutes sei.�</p><p>Die Augen des Grafen blieben unergr�ndlich.</p><p>�Genau das waren seine Worte. Merkw�rdig, nicht wahr? Und wissen Sie, was �Sang R�al� noch bedeutet? Hiervon leitet sich �San Graal� ab, der Heilige Gral!� Michaut ergriff sein Glas und lehnte sich wieder zur�ck. �Ach, was erz�hle ich f�r ein wirres Zeug. Ich wei� nicht, wo ich anfangen soll, und heraus kommt ein Durcheinander, dass Sie mich f�r �bergeschnappt halten m�ssen.� Er nahm einen tiefen Schluck.</p><p>�Ganz und gar nicht, Monsieur le Pr�sident. Aber vielleicht hilft es, wenn Sie erl�utern, was Monsieur Laroche gemeint haben k�nnte, als er davon sprach, Erbe eines k�niglichen Blutes zu sein.�</p><p>�Nun, als wir seine Familiengeschichte untersuchten, stellten wir fest, dass sie seit jeher eine enge Verbindung zur Genealogie hatte. Stets haben einzelne Familienmitglieder gro�e Summen in die Erforschung ihrer Familiengeschichte und deren Erhaltung gesteckt; einige Verwandte waren sogar angesehene Spezialisten auf diesem Gebiet. Es stellte sich heraus, dass alle entsprechenden Strecken in die Vergangenheit gut erforscht und dokumentiert waren � h�ufig auf Bestreben und Kosten der Familie selbst, wie unsere Recherchen ergeben haben. Jean-Baptiste Laroche ist ein lebender Nachfahr der Merowinger, jenes Geschlechts, das im sechsten und siebten Jahrhundert nach Christus das Reich der Franken vereinte.�</p><p>�Das w�re eine wirklich beachtliche Familiengeschichte. Das hie�e, er k�nnte seine Wurzeln bis ins achte Jahrhundert zur�ckverfolgen.� Der Graf nahm einen kleinen Schluck. �Das bedeutet�, sagte er dann, �Monsieur Laroche sieht sich als Abk�mmling eines k�niglichen Geschlechts, als Erbe des Throns von Frankreich, und erhebt nun, nach fast f�nfzehnhundert Jahren, Anspruch auf die Pr�sidentschaft?�</p><p>Michaut nahm nun ebenfalls einen Schluck. �Ja, so sieht es aus.�</p><p>�Nun, die Merowinger wurden von den Karolingern wenige hundert Jahre sp�ter entmachtet. Und eine Monarchie gibt es in Frankreich schon lange nicht mehr. Wie k�nnte er sich mit einem solchen Anspruch Geh�r verschaffen, geschweige denn durchsetzen?�</p><p>�Das ist es, was mir Sorgen bereitet�, erkl�rte Michaut. �Eine derartige Abstammung mag au�ergew�hnlich, sogar Aufsehen erregend sein, aber sie ist nat�rlich heute keine Basis mehr f�r einen Rechtsanspruch. Wir leben in einer funktionierenden Demokratie, und mein Volk w�hlt keine K�nige. Aber Laroche verfolgt ein gr��eres Ziel. W�hrend er seinen Stammbaum bis zu den Merowingern verfolgt hat, so ist das Geschlecht der Merowinger seinerseits inzwischen auch gut dokumentiert. Und es gibt eine revolution�re neue These, laut der die Merowinger von Jesus Christus abstammen!�</p><p>Michaut erwartete, dass sich nach dieser Enth�llung ein Lachen auf dem Gesicht des sonst so zur�ckhaltenden Grafen ausbreiten w�rde. Doch der sah ihn nur eine Weile schweigend an.</p><p>�Nun, ich wei߫, fuhr der Pr�sident daher fort, �es klingt provokant, wenn nicht haarstr�ubend...�</p><p>�So neu ist die These gar nicht�, unterbrach ihn der Graf mit ruhiger Stimme.</p><p>�Wie meinen Sie das? Sie wissen davon?�</p><p>�Sie machte haupts�chlich in den achtziger Jahren von sich reden. Und vor kurzem erst hat ein Amerikaner einen Thriller zu diesem Thema geschrieben. Es erstaunt mich, nun im Zusammenhang mit Jean-Baptiste Laroche erneut davon zu h�ren.�</p><p>�Was wissen Sie dar�ber?�</p><p>Der Graf lehnte sich zur�ck und betrachtete den See. �Es scheint in der Tat Hinweise zu geben, die die Merowinger in direkte Verbindung mit Jesus Christus bringen. Einige davon sind sicherlich fragw�rdig, andere allerdings unwiderlegbar. Au�erdem gibt es Belege, die bislang nicht ver�ffentlicht wurden und die diese Theorie deutlich untermauern k�nnten.�</p><p>�Dann ist es also wahr?� Michaut sah den Grafen mit geweiteten Augen an. Er hatte mit Unverst�ndnis gerechnet, bestenfalls Zur�ckhaltung, aber er hatte nicht erwartet, dass der Graf auch in dieser Angelegenheit informiert war. �Ist Laroche mit Jesus verwandt?�</p><p>Nun war es an der Zeit f�r den Grafen, ein feines L�cheln zu zeigen. Er wirkte belustigt, dabei aber nicht �berheblich, sondern verst�ndnisvoll. �Was, wenn er es w�re?�, fragte er.</p><p>�Wenn er wirklich mit Jesus verwandt w�re, fragen Sie? Wenn in ihm tats�chlich das Blut Christi fl�sse?�</p><p>�Sie wirken beunruhigt und ergriffen zugleich�, bemerkte der Graf.</p><p>�Selbstverst�ndlich bin ich beunruhigt! Stellen Sie sich die weltweite Aufregung vor: Der letzte Verwandte von Jesus Christus ist gefunden worden � das Blut des Erl�sers ist unter uns. Jeder auf der Welt w�rde ihn ehren, die Kirchen w�rden ihm zu F��en liegen. Dieser Mensch w�rde die Welt regieren,�</p><p>�Warum sollte er? Wenn er doch nur ein Mensch ist?�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�War nicht Jesus sowohl Mensch als auch Gott zugleich? Fand seine G�ttlichkeit nicht Ausdruck darin, dass er die S�nden der Menschen auf sich nahm, f�r sie starb und am dritten Tage wieder auferstand?�</p><p>�Ich bin kein sonderlich religi�ser Mensch...�, wandte der Pr�sident ein.</p><p>Der Graf nickte entgegenkommend. �Nun, hierin liegt jedenfalls die religi�se Bedeutung der Figur Christi. Nicht in seinem Leben, seinen J�ngern, seiner Bergpredigt � Wunder und Weisheiten dieser Art wurden vor ihm und nach ihm von Propheten auf der ganzen Welt bekannt. Und wenngleich Weihnachten als das Fest seiner Geburt weltweit am meisten Beachtung findet, so ist es doch ein urspr�nglich heidnisches Fest, umgedeutet und assimiliert, wie so vieles. Tats�chlich ist Ostern das wichtigste Fest des Christentums, und das feiert Jesu Auferstehung. Allein hierin liegt die ganze Bedeutung und die g�ttliche Macht des Messias. Dass Jesus gleichzeitig auch Mensch war, erm�glicht es, sich mit ihm zu identifizieren, und es macht deutlich, wie Jesus die Belange, Sorgen, Zweifel und N�te der Menschen kennen konnte. Aber auf dieser menschlichen Ebene war Jesus ein Wanderprediger, wenn Sie so wollen. M�glicherweise Angeh�riger der Essenersekte � falls das einen Unterschied machen sollte. Aber diese menschliche Seite hat keine Macht, sondern das G�ttliche in ihm. Was, wenn er tats�chlich einen Bruder gehabt h�tte, oder einen Sohn, wie es andere Thesen behaupten? W�ren diese ebenfalls zugleich Gott gewesen? Nein. H�tten sie die Menschen erl�sen und von den Toten auferstehen k�nnen? Nein. Daher w�re eine Abstammung von Jesus zugegebenerma�en faszinierend, aber dennoch ohne jeden religi�sen Machtanspruch.�</p><p>�Was Sie sagen, klingt nachvollziehbar�, sagte Michaut, �aber wie viele Menschen werden das ebenfalls so sehen? Wird nicht jedermann auf die Knie fallen vor ihm, der gro�artigsten und einzig lebenden Reliquie, wenn Sie so wollen? Wenn die katholische Kirche sogar Maria verehrt, die ja mit der so wichtigen Auferstehung und der Erl�sung der Menschen, wie Sie darlegen, �berhaupt nichts zu tun hat, wird sie da nicht einen heute lebenden Verwandten von Jesus ebenfalls heiligen?�</p><p>�Eher w�rde die Bibel neu geschrieben werden. Stellen Sie sich vor: Die Kluft zwischen den progressiven und den fundamentalistischen Kr�ften in der Kirche w�rde aufrei�en, es w�rde die katholische Kirche ersch�ttern und zerrei�en. Ein neues Schisma w�re die Folge. Denken Sie, sie k�nnte sich das erlauben? Der Katholizismus, die Kirche, der Papst und deren Geschichte sind heutzutage in der Kritik wie nie zuvor. Ein solcher Eklat w�re inakzeptabel.�</p><p>�Wieder kann ich Ihnen folgen�, sagte der Pr�sident, �und dennoch k�nnen mich Ihre Worte nicht beruhigen.�</p><p>�Ja, vielleicht ist es auch schwierig, die Reaktion der Menschen und der Kirche so eindeutig vorherzusehen.� Der Graf nahm einen weiteren Schluck. �Aber vielleicht kann ich Sie auf andere Weise beruhigen.�</p><p>�Bei allem Respekt, Monsieur le Comte�, sagte Michaut und sch�ttelte den Kopf, �ich bezweifle, dass Sie das jetzt noch k�nnen.�</p><p>�Nun, einerseits ist ja nicht endg�ltig gekl�rt, ob eine derartige These � eine Verwandtschaft der Merowinger zu Jesus � vor dem Angesicht der Welt�ffentlichkeit �berhaupt standhalten k�nnte. Ob sich �berhaupt jemand ernsthaft daf�r interessiert. Die Tatsache, dass diese Geschichten schon seit Hunderten von Jahren kursieren, immer wieder gedruckt und sogar verfilmt wurden und keine nachhaltige Resonanz hervorgerufen haben, spricht meines Erachtens nicht daf�r. Und ebenso fraglich ist meiner laienhaften Ansicht nach, ob die Verwandtschaft des Monsieur Laroche zu den Merowingern tats�chlich gesichert ist. Ich meine, mich an einen Herrn erinnern zu k�nnen, der Ihnen in dieser Hinsicht weiterhelfen kann.�</p><p>Michaut sah den Grafen mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier an. Er hatte nicht vor, weitere Leute in diese brisante Angelegenheit einzuweihen. Wer, um alles in der Welt, w�rde hier sachlich bleiben und ihm sogar helfen k�nnen?</p><p>�Sie fragen sich sicherlich, wer bei einem solch bedeutenden Sachverhalt zu Rate gezogen werden k�nnte. Nun, es wird Sie gewiss interessieren zu erfahren, dass die Nachfolge des Geschlechts der Merowinger �ber die Jahrhunderte hinweg in der Tat gewissenhaft gesichert und im Geheimen fortgef�hrt wurde. Dieser Teil der Geschichte stimmt also nachweislich. Verantwortlich hierf�r ist ein Orden, der sich Priorat von Zion nennt. Wie es der Zufall will, operiert er heute unter anderem von der Schweiz aus. Es w�re mir m�glich, Sie mit jemandem in Kontakt zu bringen, der wie niemand sonst �ber die gesamte Geschichte des Ordens Bescheid wei�. Es ist ein Monsieur Plantard. Ich w�rde vermuten, dass dieser Herr in der Lage ist, nachzuweisen, wer der heutige Nachfahr der Merowinger ist, oder vielmehr � und das ist das Einzige, das Sie wirklich interessieren d�rfte �, dass es sich dabei nicht um Monsieur Laroche handelt.</p><p>�Was macht Sie so sicher?�</p><p>�Nennen Sie es Instinkt, Monsieur le Pr�sident�, sagte der Graf und l�chelte nun zum zweiten Mal.</p><p><emphasis>10. Mai, Wald bei St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Im Wald parkte ein schwarzer Lieferwagen mit dunkel get�nten Scheiben. Nichts wies darauf hin, dass er erst vor wenigen Stunden hierher gefahren war. Das Ger�usch des Motors war verklungen, T�ren waren zugeschlagen worden, Schritte hatten sich entfernt. Eine Weile noch hatte der warme Motor in der k�hlen Waldluft geknackt, dann hatten die Ger�usche des Waldes den Wagen wieder umfangen.</p><p>Vogelstimmen ert�nten, der Wind hatte aufgefrischt und rauschte durch die Bl�tter. Es bew�lkte sich, die Kontraste zwischen sonnigen Flecken und Schatten auf dem Waldboden wichen dem fahlen, indirekten Licht, das nun durch die Wolkendecke drang.</p><p>Zwischen den B�umen tauchten unvermittelt drei Gestalten auf. Sie waren in schwarze M�ntel geh�llt und bewegten sich mit solch raubtierhafter Geschmeidigkeit, dass sie kaum auszumachen waren. Es schien, als w�rden sie nach jedem Schritt mit den St�mmen und B�schen verschmelzen, und sie verursachten kaum ein Ger�usch dabei. Rasch waren sie dem Wagen n�her gekommen. Der Erste von ihnen �ffnete die Heckt�r, sie stiegen ein, und die T�r wurde von innen wieder geschlossen.</p><p>Im Inneren des Wagens war die Luft warm und schwer. Es roch nach feuchter Kleidung, nach Wachs und ein wenig s��lich. Eine Kerze erhellte einen kleinen Altar. Er war aus dunklem Holz gefertigt, das mit organisch anmutenden Schnitzereien versehen war. �ber dem Altar hing ein auf Tuch gemaltes Gem�lde, das eine d�monische Figur darstellte. Ihr Kopf war geh�rnt, das Maul mit spitzen Rei�z�hnen versehen. Der Torso war nackt, m�nnlich und muskul�s, ebenso wie die stark behaarten Arme und Beine. Statt F��en besa� die Gestalt m�chtige Hufe, die Funken auf dem Boden schlugen. Auf dem Altar lag eine wei�e, bestickte Stoffbahn, auf der ein silberner Kelch stand. Er war mit einer dunkelroten, z�hen Fl�ssigkeit gef�llt. Neben dem Kelch lag der feucht gl�nzende, geh�utete Sch�del einer Katze.</p><p>Das Kerzenlicht flackerte �ber die Gesichter von vier M�nnern. Einer von ihnen hatte im Wagen gewartet. Er mochte Mitte drei�ig sein und trug einen dunklen Anzug, so dass er Teil der Schatten zu sein schien. Sein Gesicht stach hervor, sein Blick war streng und funkelnd. Auf seiner Stirn prangte ein Zeichen, das mit einer roten Fl�ssigkeit gezeichnet worden war � offenkundig die gleiche Fl�ssigkeit, die sich auch in dem silbernen Kelch befand. In der Abgeschiedenheit dieser dunklen Kammer hatte er ein l�ngst vergessenes Ritual vollzogen und dann seine Untergebenen ausgesandt, um die Umgebung zu erkunden. Nun hatte er sie zur�ckgerufen, und sie waren gekommen, um ihm Bericht zu erstatten.</p><p>�Sprich!�, wies er einen der M�nner an.</p><p>�Die Absperrung f�hrt mehrere Kilometer in den Wald hinein, Herr. Ich bin ihr bis zu einem Berg gefolgt, auf den die Absperrung hinauff�hrt. �berall entlang des Zaunes patrouillieren schwer bewaffnete Ranger. Es sind allem Anschein nach professionelle Wachleute, m�glicherweise vom Milit�r.�</p><p>�Siehst du eine M�glichkeit, unbemerkt an ihnen vorbeizukommen?�</p><p>�Eine Hand voll von uns k�nnte das schaffen. Die Gefahr entdeckt zu werden ist allerdings gro�, und es sind mindestens drei Dutzend Bewaffnete in diesem westlichen Teil des Gebiets.�</p><p>�Was habt ihr gesehen?�, wandte sich der Mann im Anzug nun an die beiden anderen.</p><p>�Eine halbe Stunde s�dlich von hier gibt es ein Lager�, erkl�rte einer der beiden. �Es sieht aus wie ein Armeecamp. Man erkennt B�ros und Schlafst�tten und so etwas wie Lagerhallen.�</p><p>�Professor Lavell?�</p><p>�Keine Spur von ihm, Herr. Das Lager liegt ein St�ck weit innerhalb des Gebiets. Es f�hrt eine Art Stra�e dorthin, allerdings ist sie mit einem gro�en Gatter versperrt. Es scheint der Haupteingang zu dem Areal zu sein. Wenn wir dies �berwachen, taucht er vielleicht fr�her oder sp�ter dort auf.�</p><p>�Du hast dir keine Gedanken �ber meine Vorgehensweise zu machen!�, entgegnete der Mann im Anzug.</p><p>�Ja, Herr, verzeiht.� Er senkte den Kopf und entbl��te seinen Nacken. �Belial sei mit Euch, Ash Modai.�</p><p>Ash ignorierte den Mann und wandte sich an den dritten der Sp�her. �Und was hast du gesehen?�</p><p>�Ich bin der Absperrung in die andere Richtung gefolgt. Auch dort sind �berall Bewaffnete, und kein Hinweis auf den Professor.�</p><p>Ash Modai schwieg einen Augenblick. Er befehligte f�nf Legionen der westlichen F�rstent�mer der Hand von Belial. Mit ihnen w�re es m�glich, das Gebiet einzunehmen. Aber er durfte kein solches Aufsehen erregen. Der Hohepriester hatte sehr deutlich gemacht, was Belial von ihm erwartete. Der Professor war dem �Kreis von Monts�gur� auf der Spur. M�glicherweise lag das Geheimnis hinter dieser Absperrung, aber nur der Professor konnte das best�tigen. Also mussten sie ihn finden. Und das w�rden sie auch. Und sie w�rden alles von ihm erfahren.</p><p>�Erhebe dich!�, wies er den Mann an, der noch immer mit gesenktem Haupt verharrte. �Du bleibst hier. Begib dich zum Gatter und bewache den Eingang Tag und Nacht. Wenn ich dich eines Tages frage, wirst du mir sagen k�nnen, wer dieses Tor passiert hat, wann und warum.�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Steig aus.�</p><p>Der Mann gehorchte. Ash folgte ihm.</p><p>�Lauf los, verschwende nicht noch mehr Zeit!� Dann wandte er sich an die im Wagen Verbliebenen. �Wir fahren jetzt in die Stadt und suchen den Professor dort. Zieht euch inzwischen um.� Er schloss die Heckt�r, ging um den Wagen und setzte sich ans Steuer. Er sah in den R�ckspiegel und wischte sich die Stirn mit einem Tuch sauber. Dann fuhr er los nach St.-Pierre-Du-Bois.</p><p><emphasis>10. Mai, H�tel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>�Gehen wir die Details also noch einmal durch�, sagte Peter. �Da der Durchgang keinerlei Strahlung durchl�sst, ist es sinnlos, Ihnen ein Handy oder ein Funkger�t mitzugeben. Stattdessen werden Patrick und ich Sie mit einem Seil sichern. Sie strecken zuerst Ihren Kopf hinein, und wir ziehen Sie augenblicklich zur�ck. Wenn alles gut geht, betreten Sie den Durchgang f�r eine Sekunde vollst�ndig, und wir ziehen Sie erneut zur�ck. So werden wir Ihre Verweildauer schrittweise verl�ngern, bis wir sicher sind, dass Ihnen nichts geschieht.�</p><p>�Ja doch, Peter�, sagte Patrick. �Vielleicht m�chten Sie Millimeterpapier haben?�</p><p>�Das ist eine ernste Sache! Immerhin geht es hier um ihre geistige Gesundheit, um ihr Leben.�</p><p>�Ach kommen Sie, es wird ihr schon nichts passieren.�</p><p>�Wie k�nnen Sie sich da so sicher sein? Immerhin wissen Sie selbst, wie es sich anf�hlt, wenn es schief geht.�</p><p>�Sie haben ja Recht, aber ich habe einfach das sichere Gef�hl, dass wir das Richtige tun. Au�erdem vertraue ich ihr.�</p><p>�Seit wann haben Sie jemals irgendjemandem au�er sich selbst vertraut?�</p><p>�Irgendwann muss man ja anfangen�, sagte Patrick.</p><p>�Ich hoffe, Sie nehmen das nicht so auf die leichte Schulter�, sagte Peter nun an Stefanie gewandt. �Achten Sie auf jede noch so kleine Ver�nderung in Ihrer Wahrnehmung oder in Ihrem Befinden.�</p><p>�Ich bin auch zuversichtlich, dass es keine Probleme geben wird�, antwortete sie. �Ich werde eine Taschenlampe und einen Notizblock mitnehmen, um Skizzen anzufertigen von dem, was ich sehe.�</p><p>�M�glicherweise ist es auch hinter dem Durchgang vollst�ndig dunkel�, �berlegte nun Patrick. �Es k�nnte viele Kilometer weitergehen, und vielleicht wird auf der ganzen Strecke der Lichtstrahl verschluckt, so wie am Eingang. Rechnen Sie also damit, dass Sie trotz Ihrer Taschenlampe vollkommen blind sind.�</p><p>�Ja, und vielleicht gibt es dort pl�tzliche Spalten und Abgr�nde�, f�gte Peter hinzu. �Tasten Sie sich wirklich nur zentimeterweise vor!�</p><p>�Untersuchen Sie auch die W�nde�, sagte Patrick. �Vielleicht finden Sie direkt hinter dem Durchgang an der Wand so etwas wie einen Schalter, einen Mechanismus, mit dem Sie den Effekt ausschalten k�nnen.�</p><p>�Wir m�ssen uns auch auf einen Code einigen, wie wir uns mit Hilfe des Seils verst�ndigen k�nnen. Vielleicht dringen ja auch keine Schallwellen durch den Durchgang.�</p><p>�Gute Idee�, sagte Patrick. �Ich schlage vor, dreimaliges, kr�ftiges Ziehen am Seil unsererseits bedeutet: �Sofort zur�ckkehren�; und Ihrerseits hei�t es: �Ziehen Sie mich raus.��</p><p>�Ich halte das f�r nicht so gut�, wandte Peter ein, �was, wenn Stefanie etwas zust��t und sie nicht mehr in der Lage ist, dreimal kr�ftig zu ziehen? Oder wenn sich das Seil so verhakt, dass ihr Rei�en am Seil von der Stelle aufgefangen wird, an der das Seil festh�ngt?�</p><p>�Sie machen sich aber ganz sch�n d�stere Gedanken, Professor�, sagte Patrick.</p><p>�Aber er hat Recht�, sagte Stefanie, �ich k�nnte doch auch in regelm��igen Abst�nden kurz am Seil ziehen. Sie wissen dann, dass alles in Ordnung ist. Bleibt mein Ziehen aus � aus welchen Gr�nden auch immer �, holen Sie mich zur�ck.�</p><p>�Ja, das klingt gut�, meinte Peter.</p><p>�Dann sind wir doch jetzt eigentlich bereit, oder?� Patrick stand auf.</p><p>�Also, aus meiner Sicht, ja�, antwortete Stefanie und erhob sich ebenfalls.</p><p>�Haben wir denn auch wirklich an alles gedacht?�, �berlegte Peter noch.</p><p>�Jaaa!�, antworteten Patrick und Stefanie fast zeitgleich und mussten daraufhin beide lachen.</p><p>�Also dann...� Peter sah von einem zum anderen. Etwas unschl�ssig stand er nun auch auf und zog seine Jacke an. �Dann geht es jetzt wohl los... Patrick, fahren Sie?�</p><p>Es hatte sich zum Nachmittag hin stark bew�lkt, die Luft war abgek�hlt. W�hrend Patrick den Landrover die Stra�e zum Wald hinauf steuerte, sa� Peter im Fond und machte sich Gedanken. Das gr��te R�tsel der H�hle lag nun vor ihnen � ein Durchgang, unergr�ndlich und so gef�hrlich, dass er imstande war, jeden um den Verstand zu bringen, der ihn passieren wollte. Respektvoll waren sie ihm in letzter Zeit ferngeblieben und hatten stattdessen versucht, das Mysterium der Inschriften zu l�sen. Immer tiefer waren sie dabei in mystische Verstrickungen geraten, hatten von der Kabbala �ber Martin Luther bis hin zu den Rosenkreuzern und Templern Staub der Jahrhunderte aufgewirbelt und waren bei n�herer Betrachtung der L�sung des R�tsels kaum einen Schritt n�her gekommen. Und nun hatten sie sich kurzerhand dazu entschlossen, die Schwelle zu �bertreten. Es war waghalsig, �u�erst gef�hrlich, und obwohl er eigentlich h�chst angespannt sein m�sste, f�hlte er sich seltsam distanziert. Er schien viel mehr Beobachter als Beteiligter. Vielleicht lag es daran, dass so viele der Erkenntnisse, die sie hierher gef�hrt hatten, ohne seine Hilfe zustande gekommen waren: der Zeitpunkt der Sonnenfinsternis, die Entschl�sselung der Inschrift im Boden, die Bedeutung des ersten Briefes � stets war Stefanie irgendwie beteiligt gewesen. Wie eine Art Katalysator hatte sie behutsam daf�r gesorgt, dass die entscheidenden Hinweise entstanden und zusammengef�gt wurden. Peter konnte das nicht wirklich belegen, aber da war wieder dieses merkw�rdige Gef�hl ihr gegen�ber. Und nun war sie es auch, die den Durchgang passieren w�rde... War das wirklich gut so? Hatte sie die beiden M�nner unbemerkt manipuliert? Patrick vertraute ihr... Weshalb war sie sich so sicher, dass sie sich nicht in Gefahr begab?</p><p>Peters Gedanken kamen zu einem abrupten Halt, als sie vor dem Gatter im Wald angekommen waren. Der Ranger, der es �ffnete, trat an den Wagen heran und bedeutete Patrick, das Fenster herunterzukurbeln.</p><p>�Guten Tag, Messieurs, Madame. Der Kommandant im Lager l�sst Ihnen mitteilen, dass Sie bitte bei ihm im Container C vorbeischauen m�gen.�</p><p>Patrick sah seine Beifahrerin kurz an, zuckte dann mit den Schultern und fragte den Ranger: �Um was geht es denn?�</p><p>�Das wei� ich nicht, Monsieur.�</p><p>�Nun gut, danke sehr�, sagte Patrick und fuhr weiter. Kurz darauf erreichten sie das Lager. Sie parkten den Wagen und sahen sich um. Wie immer, wenn sie hier waren, wirkte es fast ausgestorben, aber aufgrund der Anzahl der Container ahnten sie, wie viele der Aufpasser sich im Wald verbargen. Sie betraten den mit einem schwarzen �C� beschrifteten Container. Peters Blick wanderte umher. An einer Wand hing eine topographische Karte der Umgebung, welche die H�hle und das umz�unte Gebiet zeigte. Au�erdem waren auf der Karte weitere Merkmale mit Symbolen und Ziffern verzeichnet. Im hinteren Teil des provisorischen B�ros befand sich ein kruder Schreibtisch, auf dem offenbar an mehreren Laptops und Flachbildschirmen zugleich gearbeitet wurde.</p><p>Sie wurden von einem kr�ftigen Mann in gr�ner Uniform empfangen. �Hier ist etwas, was Sie sich ansehen sollten�, begr��te er die Forscher.</p><p>Neugierig traten sie n�her an seinen Schreibtisch heran. Er drehte einen Flachbildschirm zu ihnen herum, auf dem sie in mittelm��iger Video-Qualit�t eine Gruppe von B�umen ausmachen konnten. In der Fu�zeile des Bildes war eine digitale Anzeige eingeblendet, die neben einigen unverst�ndlichen Zahlen das heutige Datum anzeigte sowie die Uhrzeit: 16:04.</p><p>�Diese Aufnahmen�, erkl�rte der Ranger, �hat eine unserer �berwachungskameras vor einer halben Stunde gemacht. Sie sehen hier den Bereich der B�schung direkt au�erhalb des Gatters.�</p><p>�Ich kann nichts Au�ergew�hnliches erkennen�, sagte Peter.</p><p>�Das ist korrekt�, sagte der Ranger. �Aber zur gleichen Zeit hat unsere W�rmebildkamera folgende Aufnahmen gemacht.� Er bet�tigte einige Tasten des angeschlossenen Laptops, und das Bild verwandelte sich in ein Muster aus blauen und gr�nen Fl�chen, in dem die B�ume nur noch schemenhaft erkennbar waren, Am rechten Bildschirmrand erschien mit einem Mal der gr�ngelb leuchtende Umriss einer menschlichen Gestalt, die sich in geduckter Haltung fortbewegte. Die Gestalt kauerte sich neben einen der B�ume, und innerhalb von Sekunden verblasste das gelbe Leuchten. Der Umriss war noch einen Augenblick gr�n zu erkennen, dann wurde er blau und war schlie�lich vollkommen mit der Umgebung verschmolzen.</p><p>�Was war denn das?�, fragte Peter.</p><p>�Die Kamera hat einen Menschen registriert�, erkl�rte Patrick. �Da er w�rmer als die Umgebung war, erschien er in einer �nderen Farbe. Und dann ist er pl�tzlich verschwunden.�</p><p>�Um es zu pr�zisieren�, erg�nzte der Ranger, �er ist innerhalb von vier Sekunden um rund f�nfzehn Grad auf die Temperatur der Umgebung abgek�hlt.�</p><p>�Wahnsinn...�, sagte Patrick halblaut.</p><p>�Das scheint ungew�hnlich zu sein?�, fragte Peter.</p><p>�Nun wissen Sie�, meinte Patrick, �wenn da drau�en jemand in einem Ganzk�rper-Neopren-Anzug heruml�uft, durch den er auf Knopfdruck Eiswasser flie�en lassen kann, dann ist das v�llig normal.�</p><p>�Aha...�, bemerkte Peter. �Und was macht dieser Mensch jetzt? Beobachtet er jetzt das Lager? Ist er �berhaupt noch da?�</p><p>�Nun, unsere W�rmebildkamera hat ihn verloren, wie diese Aufnahme belegt. Und wenn Sie sich noch einmal die erste Aufnahme derselben Stelle ansehen � achten Sie bitte auf die Uhrzeit der Sequenz...� Er tippte erneut etwas ein, und das Videobild wurde wieder sichtbar. �W�hrend der Sekunden, in der das W�rmebild aufgenommen wurde, ist im regul�ren Lichtspektrum �berhaupt nichts zu sehen.�</p><p>Peter betrachtete ungl�ubig den Monitor. �Wollen Sie damit sagen...�</p><p>�...er ist unsichtbar, ja, Monsieur.�</p><p>�... falls diese Daten einwandfrei sind�, wandte Patrick ein.</p><p>�Eine technische Manipulation ist ausgeschlossen, Monsieur. Unsere Daten werden automatisch mit einem dynamischen Wasserzeichen verschl�sselt.�</p><p>�Sie erkl�ren uns also�, sagte Stefanie, �dass Sie einen unsichtbaren Menschen entdeckt haben, der sich vor einer halben Stunde in der N�he des Gatters versteckt hat und nun noch nicht einmal mehr f�r die W�rmebildkamera auffindbar ist.�</p><p>�Das ist korrekt, Madame�.</p><p>�Das klingt sehr unsch�n�, sagte Peter. �Was planen Sie, in dieser Angelegenheit zu unternehmen?�</p><p>�Wir untersuchen den fraglichen Bereich zurzeit in verschiedenen Frequenzbereichen, um ein anderes Bild zu bekommen. Sobald wir eine M�glichkeit haben, den Mensch im Ultraschallspektrum zu erfassen, werden wir ihm augenblicklich nachstellen und ihn ergreifen.�</p><p>�Hm.� Peter nickte. �Gut, halten Sie uns auf dem Laufenden. Wir machen uns inzwischen auf zur H�hle.�</p><p>Als sie wieder im Wagen sa�en und ihren Weg zum Berg fortsetzten, sagte er: �Ich frage mich, wer uns da beobachtet. Finden Sie das nicht �u�erst bedenklich?�</p><p>�Ja, unbedingt�, stimmte Stefanie zu. �Halten Sie es f�r m�glich, dass uns Ren�e Colladon ausfindig gemacht hat?�</p><p>�Denkbar w�re es�, �berlegte Peter. �Es k�nnte aber nat�rlich auch jener andere unbekannte �St. G.� sein, der uns die merkw�rdigen Faxe geschickt hat.�</p><p>�Oder der F�rster�, sagte Patrick. �Wie hie� er noch, Levasseur?�</p><p>�Dem traue ich das am ehesten zu�, meinte Peter. �Fragt sich nur, wie er es schafft, sich unsichtbar zu machen. Ich verstehe ja nicht viel von Technik, aber das kommt mir doch sehr aufwendig vor. Vielleicht hat es etwas mit dem Durchgang in der H�hle zu tun?�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Nun ja, der Durchgang hat doch auch so merkw�rdige Eigenschaften, wie auch immer man das nennt. Vielleicht gibt es eine gewisse Technologie oder eine bestimmte Farbe oder Chemikalie, die das alles bewirkt. Mit ihr ist die H�hle angemalt, und wenn man daraus einen Stoff webt, dann macht der einen unsichtbar.�</p><p>�Also, Ihre Fantasie m�chte ich haben�, sagte Patrick.</p><p>�Was wei� denn ich? Immerhin sind Sie doch auch auf der Suche nach Eldorado...�</p><p>�Fangen Sie schon wieder davon an?�</p><p>�Ich meine das ganz ernst, ohne Zynismus. Vielleicht gibt es ja eine einfache, rationale Erkl�rung.�</p><p>�Nun�, sagte Patrick, �dem Geheimnis der H�hle werden wir ja gl�cklicherweise gleich ein gutes St�ck n�her sein.�</p><p>Kurze Zeit sp�ter kamen sie an den Felshang, wo sie den Wagen stehen lassen mussten. Es war zwar erst kurz vor f�nf am Nachmittag, aber der Himmel hatte sich inzwischen so bedeckt, dass sie ein merkw�rdiges Zwielicht umgab.</p><p>�Es wird bald regnen�, sagte Peter. �Hoffentlich h�lt es sich in Grenzen, so dass wir nachher wieder gut zur�ckkommen.�</p><p>Nacheinander stiegen sie den Pfad hinauf. Oben angekommen, �ffnete Peter das Stahltor, w�hrend Patrick den Generator startete und die Flutlichter einschaltete.</p><p>Einen Augenblick blieben sie noch unschl�ssig vor dem Eingang stehen. Es war auf eine Weise nicht anders als die vielen Male, die sie bisher hier gewesen waren. Alles wirkte in seiner Fremdartigkeit vertraut, es war, als h�tten sie sich an das R�tsel und dessen Unl�sbarkeit gew�hnt. Und doch war es heute anders. Sie w�rden nichts weiter tun, als einen einzigen Schritt zu wagen, aber dieser Schritt war eine Revolution. Sie hatten noch keine Vorstellung davon, von welcher Tragweite diese Kleinigkeit sein w�rde.</p><p>Sie gingen in die H�hle hinein, vorbei an den Schriftz�gen und Malereien, die sie in den letzten Tagen und Wochen so sehr besch�ftigt hatten. Was sie �bersetzt hatten, war nur ein Teil, vielleicht h�chstens die H�lfte. Noch immer gab es unz�hlige Texte, die ihnen unbekannt waren, deren Schrift sie nicht einmal kannten. Peter war �berzeugt, dass diese H�hle ein neuer Stein von Rosette war, eine Quelle, eine Goldgrube f�r jeden Sprachforscher. Zahllose Schriften der Antike waren bisher nicht entziffert worden, von einigen hatte man viel zu wenig Fundst�cke, aber durch diese H�hle w�rde man dem Verst�ndnis der Antike in riesigen Schritten n�her kommen, sie w�rde ein v�llig neues Licht auf so vieles werfen. Es war ein grandioser Fund, m�glicherweise der bemerkenswerteste seit Carter.</p><p>Doch trotz aller Bedeutsamkeit beachteten sie die W�nde nun kaum. Sie hatten eine einigerma�en brauchbare Erkl�rung daf�r gefunden, wie diese Malereien hierher gekommen waren und welche Geschichte die Texte erz�hlten. Und sie wussten vor allen Dingen auch, was ihnen die Texte nicht verraten w�rden: das Geheimnis des Durchgangs.</p><p>Hinter der Biegung des Gangs blieben sie stehen. Ein Scheinwerfer an der Decke war auf den Durchgang gerichtet. Die vollkommene Schw�rze, die sich dadurch an dieser Stelle wie eine Mauer im Tunnel aufspannte, lie� wieder ein unangenehmes Gef�hl in ihnen aufkommen. Das Ph�nomen widersprach aufs �u�erste allen Gewohnheiten des Sehens: Die Augen konnten nichts erkennen, nichts scharf stellen. Es f�hlte sich an wie ein Riss in der realen Welt, so dass in Peter eine Art von �belkeit aufkam. Er f�hlte sich haltlos, schwindelig.</p><p>�K�nnen wir diese Lampe nicht ausmachen?�, fragte er.</p><p>�Es sieht dann nicht ganz so finster aus.�</p><p>Peter fiel im selben Augenblick auf, wie paradox das klang, aber Patrick wusste, was er meinte. Er nickte und bet�tigte einen Schalter, woraufhin es wieder dunkler um sie wurde. Von hinter ihnen drang nun etwas Licht um die Ecke des Gangs, von dort, wo die anderen Scheinwerfer die Schriften an den H�hlenw�nden beleuchteten, und direkt vor ihnen war die Schw�rze jetzt verschwunden und die Luft wieder von dem unerkl�rlichen bl�ulichen Schimmern erf�llt. Nachdem sich ihre Augen daran gew�hnt hatten, war es ausreichend hell, um noch immer die eingemei�elten Symbole im Fu�boden deutlich erkennen zu k�nnen. Der Gang vor ihnen war wieder als Gang sichtbar, und nur das blaue Leuchten lie� vermuten, dass sich hier etwas Au�ergew�hnliches verbarg.</p><p>Patrick setzte seinen Rucksack ab, �ffnete ihn und reichte Stefanie einen breiten G�rtel, den sie sich umband. An einem Ring auf der R�ckseite befestigte er einen Karabinerhaken und das Seil, mit dem sie die Sprachwissenschaftlerin sichern wollten. Peter reichte ihr eine Taschenlampe sowie ein Klemmbrett mit Stift.</p><p>�Nur millimeterweise vortasten�, erinnerte er sie.</p><p>�Wir werden jetzt erst mal Ihren Kopf testen�, sagte Patrick. �Stellen Sie sich direkt vor den Durchgang.� Er machte ein Zeichen mit der Hand. �Hier beginnt die Barriere. Sind Sie bereit?�</p><p>Stefanie stellte sich breitbeinig in die Mitte des Gangs, um einen sicheren Stand zu haben. Sie beugte sich leicht vor, bis ihre Nase fast Patricks Hand ber�hrte. Peter und Patrick fassten sie von beiden Seiten an der Schulter und am Oberarm.</p><p>�In Ordnung�, sagte sie. �Ich bin so weit. Bei �Drei� werde ich den Kopf nach vorne strecken. O.k.?�</p><p>�O.k.�</p><p>�Eins... zwei... drei.� Ruckartig beugte sie sich vor.</p><p>Entsetzt sah Peter, wie Stefanies Kopf verschwand. Als sei er pl�tzlich vom Rumpf gel�st worden, ragte nur noch ein St�ck Hals zwischen ihren Schultern hervor. Doch bevor Peter den grauenvollen Anblick vollkommen aufnehmen konnte, rief Patrick �Vier!�, und sie rissen Stefanie wieder zur�ck. Aufgeregt sahen sie ihr ins Gesicht. �Stefanie? Alles in Ordnung bei Ihnen?�</p><p>�Sie m�ssen mir ja nicht gleich die Schulter auskugeln�, antwortete sie.</p><p>Patrick lachte erleichtert auf. �Was haben Sie gesehen?�</p><p>�Nichts, daf�r waren Sie zu schnell. Aber ich f�hle mich nicht anders als vorher. Ich bin sicher, dass es v�llig unproblematisch f�r mich ist, den Gang zu betreten.�</p><p>�Also, zun�chst gehen Sie nur einen Schritt hinein, und wir ziehen Sie am Seil zur�ck�, erinnerte sie Peter.</p><p>�Ja, sicher, in Ordnung.� Sie stellte sich aufrecht vor den Durchgang. �Sind Sie beide bereit?�</p><p>Patrick und Peter ergriffen das Seil.</p><p>�Ja, gehen Sie los�, sagte Patrick. �Und halten Sie die Augen offen.�</p><p>Stefanie machte einen gro�en Schritt vorw�rts und verschwand. Wie das Seil eines Fakirs hing die Sicherungsleine waagerecht in der Luft und endete abrupt.</p><p>�An diesen Anblick werde ich mich mit Sicherheit nicht gew�hnen�, sagte Peter.</p><p>�Es ist wirklich bizarr�, stimmte Patrick zu. �Aber nun zur�ck mit ihr. Und los!� Sie waren darauf vorbereitet, Stefanie mit gemeinsamen Kr�ften zur�ckziehen zu m�ssen, aber in diesem Augenblick kam sie bereits wieder r�ckw�rts heraus.</p><p>�Da passiert nichts�, sagte sie. �Sie k�nnen mich ruhig ganz reinlassen.�</p><p>�Was ist denn hinter dem Durchgang?�, fragte Patrick.</p><p>�Der Gang f�hrt einige Meter weiter geradeaus und dann um eine Ecke herum. Dort scheint eine diffuse Lichtquelle zu sein. Aber mehr konnte ich noch nicht erkennen.�</p><p>�Und f�hlen Sie irgendeine Ver�nderung an sich?�, fragte Peter.</p><p>�Nein, �berhaupt nichts. F�r mich ist es, als w�re da keine Schwelle oder Barriere. Ich kann einfach weitergehen.�</p><p>�Erstaunlich... Dann scheint es also zu stimmen; eine Frau kann den Durchgang betreten. Was meinen Sie, Patrick, soll sie jetzt weiter hineingehen?�</p><p>�Ja, absolut. Gehen Sie los, Stefanie.�</p><p>�Einverstanden�, sagte sie. �Also dann.� Und mit diesen Worten trat sie vor und verschwand erneut vor den Augen der anderen beiden Forscher im Gang.</p><p><emphasis>10. Mai, auf der Landstra�e nach Lapalme</emphasis></p><p>Es war erst sp�ter Nachmittag, aber dichte Wolken verdunkelten den Himmel wie im Herbst, und der einsetzende Regen tr�bte zunehmend die Sicht. Didier Fauvel schaltete das Abblendlicht und die Scheibenwischer ein. Nat�rlich war wieder einmal kein Wasser in der Anlage, und so hinterlie�en die Wischbl�tter zun�chst schmierige Streifen. Fauvel fluchte. Auf diese Fahrt war er sowieso nicht sonderlich erpicht, und nun kam auch noch eins zum anderen. Er musste sich damit abfinden, bis der Regen stark genug wurde, um die Scheiben zu s�ubern. Entgegenkommende Fahrzeuge erzeugten blendende Lichtbogen, in denen kleine Bl�ttchen und Fliegenkadaver zu sehen waren � nur keine Stra�enbegrenzung. Er hasste den Regen, er hasste diesen Wagen, und er hasste es, dass er jetzt hier war. �bellaunig setzte er seinen Weg fort. Es waren nur noch wenige Kilometer.</p><p>Der Regen war st�rker geworden, als Fauvels alter Mercedes knirschend auf der Auffahrt einer Villa zum Stehen kam. Er hatte seinen Bruder bisher selten besucht, und wenn, dann ging es darum, dass dieser irgendwie Hilfe ben�tigte. Das letzte Mal hatten sie sich vor etwa einem Jahr gesehen, als Paul in Untersuchungshaft war. Es ging um Waffenschmuggel. Die K�stenwache hatte eines seiner Boote in einem ung�nstigen Augenblick und mit reichlich kompromittierendem Material aufgegriffen. Didier hatte ihn mit guten Worten und noch �berzeugenderen Geldsummen freigekauft, so dass es gar nicht erst zu einer gr�ndlichen Untersuchung gekommen war. Die Akten wurden geschlossen, bevor das Deckblatt getrocknet war. Damals hatte Paul eine richtige kleine Flotte von unauff�lligen Schiffen und ein gutes Dutzend �Bekannter�. Didier erhoffte sich, dass sich unter ihnen einige Leute mit ausreichend krimineller Energie befanden, um die Forscher loszuwerden � in welcher Form auch immer; um die Details sollte Paul sich k�mmern.</p><p>Der Gedanke war eigentlich gut, und Paul schuldete ihm auch mehr als nur einen Gefallen. Dennoch behagte es dem B�rgermeister nicht, seinen Bruder um etwas bitten zu m�ssen. In seinem zehn Jahre alten Benz vor dessen feudaler Villa stehen zu m�ssen, widerte ihn regelrecht an. Aber es gab Gr�nde, die wesentlich gewichtiger waren, und in diesem Zusammenhang hatte er seinem Stolz schon seit langem abschw�ren m�ssen.</p><p>Er sah auf die Uhr. Kurz vor f�nf. Er war auch noch zu fr�h da! Aber nun im Wagen zu warten, um sich absichtlich eine Viertelstunde zu versp�ten, war mindestens genauso d�mlich. Also stieg er aus, lief durch den Regen, die Stufen zur T�r hinauf und klingelte.</p><p>�Didier!�, rief sein Bruder aus, als er �ffnete. �Ich hatte so fr�h noch gar nicht mit dir gerechnet! Komm doch rein!�</p><p>�Ich war sowieso gerade in Perpignan�, antwortete der B�rgermeister, als er eintrat. Er lie� seinen Blick einmal unauff�llig durch die Eingangshalle schweifen. Wie immer war sie wie geleckt, einzelne Designerm�bel und teure Bilder waren geschickt platziert; Pauls Version des Understatements, das aufdringlicher schon nicht mehr sein konnte. Eine feingliedrige, d�nn bekleidete junge Frau mit �berraschender Oberweite trat heran.</p><p>�Marie, Schatz, nimmst du Didier bitte seine Jacke ab? Und dann sag Anabel Bescheid, dass wir was Warmes zu knabbern wollen. Du kannst dann Video gucken oder baden oder was auch immer. Ich schau nachher noch mal rein.� Die Frau nahm die Jacke des B�rgermeisters, h�ngte sie auf einen St�nder neben der T�r und ging davon.</p><p>�Eine Freundin�, erkl�rte Paul. �Aber komm doch mit, wir setzen uns am besten ins Wohnzimmer. Ich bin gespannt, was dich herf�hrt.�</p><p>Was Paul als Wohnzimmer bezeichnete, war ein regelrechter Saal, der neben einem gewaltigen Esstisch auch mehrere Ledergarnituren und einen Kamin enthielt. Und noch immer h�tte man bequem darin tanzen k�nnen. Aus seinen vorherigen Besuchen wusste Didier, dass man durch die gro�e Fensterfront aufs Mittelmeer blicken konnte. Doch da es drau�en schon fast ganz dunkel war, sah man nun haupts�chlich die Spiegelung des Zimmers, das dadurch allerdings nur umso gr��er erschien.</p><p>�M�chtest du einen Schluck?�, fragte Paul. �Einen Port, oder was trinkst du immer, einen Cognac?� Paul �ffnete einen Schrank und offenbarte eine umfangreiche Bar.</p><p>�Ja, einen Cognac.�</p><p>Paul f�llte einen Schwenker und reichte ihn seinem Bruder. �Du hast bestimmt wenig Zeit, lass uns also zur Sache kommen, damit du schnell wieder nach Hause kannst�, sagte er, nachdem sie Platz genommen hatten. Er schlug die Beine �bereinander und steckte sich eine Zigarette an. �Was kann ich f�r dich tun? So geheim, dass du es am Telefon nicht erz�hlen wolltest...�</p><p>�Ich wei� nicht, ob du �berhaupt helfen kannst. Ist eine ziemlich gro�e Sache, sehr gef�hrlich...�</p><p>�Ist es das?�</p><p>�...und es springt nichts f�r dich dabei heraus.�</p><p>�Also ein kleiner Liebesbeweis, hm?� Paul grinste schief. �Dann lass doch erst mal h�ren, Bruder.�</p><p>Didier nahm einen tiefen Schluck und behielt den Schwenker dann in der Hand, w�hrend er erkl�rte: �In St.-Pierre sind ein paar Leute, Wissenschaftler, die ein Waldst�ck abgesperrt haben. Angeblich eine Tollwutseuche. Ich muss sie dringend loswerden.�</p><p>�Loswerden, hm? So richtig loswerden? Ohne Spuren?�</p><p>�Nur loswerden. Wie, ist mir egal. Aber ich kann sie nicht einfach darum bitten, nach Hause zu gehen.�</p><p>�Wie viele sind es denn, und was ist das Problem?�</p><p>�Es sind drei: zwei M�nner und eine Frau. Das Problem ist, dass sie im Auftrag der GNES arbeiten. Das bedeutet, dass sie eigentlich eine ganz offizielle Genehmigung haben.� Er nahm noch einen Schluck. �Ich habe trotzdem versucht, sie aus dem Hotel rauszuwerfen, das ihnen als B�ro dient. Aber sie haben das Hotel einfach gekauft!�</p><p>�Sie haben ein Hotel gekauft, nur, um nicht gehen zu m�ssen?�</p><p>�So sieht's aus, ja.�</p><p>�Seit wann hat die GNES so viel Geld?�</p><p>�Inzwischen glaube ich, dass sie hinter etwas ganz anderem her sind. Ich habe es mir selber angesehen. Die haben im Wald ein riesiges Areal abgesperrt, angeblich f�r Untersuchungszwecke. Und was das Ganze noch etwas komplizierter macht: Dort arbeiten mindestens ein weiteres Dutzend Ranger. Und dann die Sache mit dem Hotel... ist doch sehr verd�chtig, oder?�</p><p>�Hm... ja. Warum willst du sie denn unbedingt loswerden?�</p><p>�Das kann ich dir nicht sagen. Ist eine gro�e Sache. Paris steckt mit drin. Sicher ist aber, dass sie noch in dieser Woche verschwunden sein m�ssen.�</p><p>�Moment mal, ist das hier eine politische Geschichte?�</p><p>�Dachte mir schon, dass dir das zu gef�hrlich ist.�</p><p>�Nun mal langsam, Didier. Ich wei� ja nicht, wer in Paris dahinter steckt, aber mit Politik will ich nichts zu tun haben.�</p><p>�Und Waffenschmuggel nach Sizilien ist ganz und gar unpolitisch?�</p><p>�Das war vor langer Zeit, Didier...�</p><p>�Und inzwischen bist du zum Heiligen geworden, oder wie muss ich mir das vorstellen?� Der B�rgermeister verdrehte die Augen, �Aber das war ja klar, dass du einen R�ckzieher machst, die M�he, hierher zu fahren, h�tte ich mir eigentlich auch sparen k�nnen. Von mir l�sst du dir gerne aushelfen, wenn es bei einem Millionendeal mal nicht so ganz geklappt hat. Aber dem �lteren Bruder einen Gefallen tun, das ist wohl einfach zu viel f�r dich!�</p><p>�Mon Dieu, ich habe doch noch gar nichts gesagt! Jetzt beruhige dich erst mal wieder.� Paul stand auf, holte die Cognacflasche und schenkte seinem Bruder nach. W�hrenddessen betrat eine s�dl�ndisch aussehende Frau das Wohnzimmer und brachte auf einem Tablett zwei Teller mit frittierten Stockfischb�llchen und �berbackenen Krevettenschw�nzen. Paul nahm das Gespr�ch wieder auf, als sie den Raum verlassen hatte: �Wenn ich dich recht verstehe, geht es im Grunde darum, die drei Wissenschaftler dazu zu bewegen, ihre Sachen zu packen und abzuhauen, richtig?�</p><p>�Ja, sagte ich doch.� Didier begann sich zu bedienen und rutschte dabei auf seinem Sessel so weit nach vorne, dass sich das Sitzpolster �ber die Kante hinausschob und nach unten bog.</p><p>�Sollen sie nur aus dem Hotel verschwinden, oder sollen sie mitsamt ihren Rangern abziehen?�</p><p>�Die Forschungen, oder was auch immer sie da machen, sollen komplett eingestellt werden.� Er machte eine wegwerfende Handbewegung mit einem abgenagten Krevettenschwanz. �Die Absperrung im Wald muss auch wieder weg.�</p><p>Paul �berlegte einen Moment. �Klingt so, als brauchte man schon ein paar mehr �berzeugende Argumente als einen blutigen Pferdesch�del im Bett. Je nachdem, wie die Ranger reagieren, m�sste man schon mit einer kleinen Armee aufziehen ...�</p><p>�Warum nicht�, sagte Didier und zuckte die Achseln. �Hast du eine?�</p><p>�Nun ja, es gibt da einen guten Bekannten... allerdings brauchte der einen Pass und ein Visum...�</p><p>�Willst du also schon wieder was f�r dich herausschlagen?�</p><p>�Es w�re doch wirklich schade, wenn es an solchen Kleinigkeiten scheiterte, oder? Er ist Algerier, hat eine Menge Kontakte, Leute, die alles f�r ihn tun w�rden. Keine politischen Bedenken. Arbeitet heute f�r den und morgen f�r den anderen, je nachdem, wer ihm zuletzt das meiste Geld bietet.�</p><p>�Ein S�ldner?�</p><p>�Ja, im weitesten Sinn.�</p><p>�Und Waffen?�</p><p>�Ich denke, ich w�rde noch genug Waffen f�r eine kleine S�ldnerarmee auftreiben k�nnen. Solange es keine Panzer sein m�ssen!�</p><p>Der B�rgermeister hob abwehrend seine speckigen Finger. �Meine G�te, nein. Es geht hier doch nicht um einen B�rgerkrieg! Wo ist dieser Algerier denn jetzt?�</p><p>�Meines Wissens ist er noch in Marseille, was ein gro�er Vorteil f�r uns ist, da es ja wohl schnell gehen soll.�</p><p>�In Marseille? Ich dachte, er braucht erst noch einen Pass und ein Visum?�</p><p>�F�r ein ruhigeres Leben, mein Lieber. Wie soll ich ihn sonst �berreden, mitzumachen � wenn doch sonst nichts f�r ihn herausspringt?�</p><p>�Dann bezahlst du ihn eben.�</p><p>�Nein, ausgeschlossen. So l�uft das nicht. Wei�t du, bezahlen kann jeder. So aber w�scht eine Hand die andere. Tust du was f�r mich, tu ich was f�r dich, verstehst du? Ist eine ganz andere Sache, so zusammenzuarbeiten.�</p><p>Didier griff nach seinem Cognac und leerte ihn. �Also gut, wie du meinst. Stell mir alles zusammen, was ich f�r den Pass und das Visum wissen muss. Meine Faxnummer zu Hause kennst du. Wie schnell kannst du den Algerier zu fassen kriegen, und wie viele Leute kann er mobilisieren?�</p><p>�Das sollte ziemlich schnell gehen. Und �ber die Anzahl der Leute mach dir mal keine Sorgen. Du hast mir ja erkl�rt, um was es geht und wie eilig es ist. Ich melde mich morgen fr�h bei dir, okay?�</p><p>Didier stand auf. �Ja, das ist gut. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.�</p><p>�Immer geschmeidig bleiben, Didier. Wer wei�, wie die Karten das n�chste Mal wieder verteilt sind.� Er stand auf und ging mit seinem Bruder zur T�r. �Vergiss deine Jacke nicht. Und fahr vorsichtig, h�rst du?�</p><p>�Ich konnte schon allein auf mich aufpassen, als du noch nicht geboren warst, Paul!�</p><p>�Ist ja schon gut. Also dann!�</p><p>Didier stieg in seinen Wagen und machte sich auf die R�ckfahrt. Im Grunde hatte er erreicht, was er wollte, doch aus irgendeinem Grund f�hlte er sich nicht richtig zufrieden. Er kam sich immer noch wie ein Bittsteller vor, und sein Bruder hatte sich herabgelassen, ihm einen Gefallen zu erweisen! Es �rgerte ihn, dass er dieses Gef�hl nicht loswurde. Er hatte zu deutlich gezeigt, dass er etwas von ihm wollte. Paul hatte blo� ein bisschen kokettiert, aber in Wirklichkeit sofort gewusst, was er tun k�nnte. Didier wettete, dass Paul aus dem Pass und dem Visum f�r den Algerier einen wesentlich gr��eren Vorteil zog, als er zugab. Wahrscheinlich w�rde der Algerier ihm daf�r nicht nur die Forscher vertreiben, sondern auch noch einen oder zwei andere Gefallen schuldig sein. Paul verkaufte sich niemals zu billig. Aber egal, dachte er, sollte er doch seinen Vorteil haben. Dieses Mal standen gr��ere Dinge auf dem Spiel, und diese verdammten Wissenschaftler wurden nun endlich zum Teufel gejagt.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 17</strong></p><p><emphasis>10. Mai, H�hle bei St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>In regelm��igen Abst�nden sp�rten Peter und Patrick ein kurzes Rucken an der Sicherungsleine, mit der ihre Kollegin verbunden war. Ein Zeichen, dass Stefanie noch immer keine Schwierigkeiten hatte.</p><p>Sehr langsam, aber stetig gaben sie mehr und mehr Seil. Schon fast zehn Meter waren im Durchgang verschwunden, und Stefanie arbeitete sich weiter vorw�rts, ohne ein anderes Zeichen zu geben als das best�ndige Rucken, auf das sie sich geeinigt hatten. Keinerlei Ger�usche drangen aus dem Durchgang zu den beiden Forschern durch. Mit h�chster Anspannung standen sie breitbeinig auf dem in den Boden gemei�elten Zeichen, dem �Kreis von Monts�gur�, und hielten die Leine, die in bizarrer Weise in der Luft zu h�ngen schien. So absonderlich es f�r einen Au�enstehenden aussehen mochte, hatten sie doch keinen anderen Blick als den f�r das bl�uliche Schimmern in diesem ansonsten unscheinbaren Gang vor ihnen, und sie horchten angestrengt in die tr�gerische Stille vor ihnen.</p><p>Sie hatten sich dem Rhythmus des Seils angepasst. Es war zu einer Nabelschnur geworden. Wie ein lebendiges Wesen zog es sanft aber kr�ftig, sie sp�rten das Leben, mit dem sie verbunden waren. Und wie der sehr langsame Herzschlag eines gro�en Tieres pochte es regelm��ig.</p><p>Pochte.</p><p>Pochte.</p><p>Und alle ihre Nerven waren darauf fixiert, dass das Pochen pl�tzlich aussetzen w�rde.</p><p>�Peter!�</p><p>Er fuhr erschrocken zusammen. �Was?�</p><p>�Ich hatte gefragt, wie lange sie schon drin ist.�</p><p>�Ich... wei� es nicht�, antwortete Peter, ohne den Blick abzuwenden. �Hatten Sie nicht auf die Uhr gesehen? Es kommt mir wie eine halbe Stunde vor... Ich sch�tze allerdings, dass es noch nicht so lang ist...�</p><p>�Na sch�n, also wir sind jetzt bei neun Meter f�nfzig, bei sagen wir mal einem Zentimeter pro Sekunde sind das... 950 durch 60... na ja, h�chstens eine Viertelstunde, wahrscheinlich ist sie nicht l�nger als zehn Minuten drin... Meinen Sie, das reicht, und wir sollten sie erst mal zur�ckrufen?�</p><p>Peter wiegte nachdenklich den Kopf. �Ja, ich denke schon. Ich kann nicht ewig so konzentriert bleiben. Und ehrlich gesagt, brenne ich darauf zu wissen, was sie bisher entdeckt hat.�</p><p>�Also dann! Erst mal halten wir sie fest.� Sie spannten das Seil, so dass nicht weitergezogen werden konnte. Dann zog Patrick dreimal kr�ftig am Seil, um Stefanie das Zeichen zur R�ckkehr zu geben. Einen kurzen Moment danach hing es pl�tzlich durch und fiel dann zu Boden.</p><p>�Haben Sie es abgerissen?�, fragte Peter.</p><p>�Wohl kaum. Ich sch�tze, sie kommt jetzt wieder auf uns zu.� Er holte die Sicherungsleine wieder ein, und wenige Augenblicke sp�ter trat Stefanie vor ihnen aus dem Durchgang.</p><p>�Sie werden mir nicht glauben, was ich gesehen habe�, waren ihre ersten Worte, noch bevor jemand eine Frage stellen konnte.</p><p>�Beschreiben Sie es!�, forderte Peter sie auf.</p><p>Sie klinkte das Seil aus ihrem G�rtel, w�hrend sie begann: �Hinter dem Gang liegt eine riesige Kaverne, vielleicht sechzig oder siebzig Meter im Durchmesser. Und alles leuchtet in blauen Farben. Im Zentrum der H�hle strahlt eine Art Lichts�ule steil gegen die Decke. Dort wird das Licht auf irgendeine Weise in ein Spektrum von unz�hligen Blaut�nen gebrochen und auf den Boden reflektiert. Die ganze H�hle ist erf�llt von diesem flirrenden Licht, mal eisblau, dann wieder t�rkis oder violett schimmernd. An der Decke ist es fast wei� und so hell, dass die H�he schwer auszumachen ist, vielleicht f�nfzehn oder zwanzig Meter. Es ist ein atemberaubendes Schauspiel!�</p><p>�Unfassbar�, entfuhr es Peter.</p><p>�Wie weit sind Sie hineingegangen?�, fragte Patrick.</p><p>�Ich bin dem Gang um die Ecke gefolgt und hatte die H�hle gerade mal betreten. Sie haben ja gemerkt, wie langsam ich mich vorgetastet habe. Aber ehrlich gesagt denke ich nicht, dass das weiterhin n�tig ist. Ich habe keine Bewusstseinsver�nderung bemerkt, und durch das Licht ist auch der Weg gut sichtbar. Es besteht wirklich keine Gefahr.�</p><p>�Was ist das f�r eine Lichts�ule?�, fragte Patrick. �Beschreiben Sie sic noch etwas genauer.�</p><p>�Ich war nicht nah genug dran, um Details zu erkennen. Dort scheint so eine Art Sockel zu stehen, aus dem das Licht austritt.�</p><p>�Ein Scheinwerfer?�</p><p>�Ja, irgendwie schon. Und dann auch wieder nicht. Das Licht steigt deutlich sichtbar noch oben, es wirkt fast, als h�tte es eine Substanz. Es ist blendend hell, und in dem Strahl sind nach oben flie�ende Str�me zu erkennen. Eigentlich wirkt es eher wie ein Wasserstrahl, der nach oben geschossen wird, nur viel z�hfl�ssiger und leuchtend.�</p><p>�Vielleicht ist es ja tats�chlich kein Licht...�, meinte Peter.</p><p>�Und was konnten Sie sonst noch von der H�hle sehen?�, wollte Patrick wissen.</p><p>�Weniger, als man meinen sollte. Von der Decke f�llt zwar dieses blaue Licht herab, aber es kommt in Streifen... wie soll ich das erkl�ren... so wie Sonnenstrahlen durch den Nebel auf den Waldboden fallen. Oder wie ein Szenario unter Wasser: Das Wasser ist zwar klar, aber dunkel, so dass die Sichtweise beeintr�chtigt ist. Die Strahlen fallen in schr�gen, sich st�ndig bewegenden Streifen hinein. Es wird also niemals alles zugleich angestrahlt.�</p><p>�Klingt nach einer Discokugel an der Decke�, sagte Patrick.</p><p>�Es ist viel langsamer, sanfter. Die Lichtstrahlen schimmern und bewegen sich wie leise wehende Vorh�nge aus Seide. Alles ist von diesem Licht erf�llt, aber trotzdem kann man nur etwa zehn Meter weit klar sehen. Dahinter wird es undeutlich.�</p><p>�Dann konnten Sie das gegen�berliegende Ende der H�hle also nicht sehen? Wieso sch�tzen Sie dann, dass sie etwa siebzig Meter tief ist?�</p><p>�Das habe ich abgeleitet. Wenn man aus dem Gang in die H�hle tritt, steht man auf einer Art Sims, etwa f�nf Meter breit, der nach links und rechts f�hrt, anscheinend aber einen Bogen, einen Teil eines gro�en Kreises, beschreibt. Nach einigen Schritten st��t man an den Rand des Simses. Dort befindet sich ein tiefer Graben, in dem Wasser flie�t. Ich habe die Breite des Grabens auch auf etwa f�nf Meter gesch�tzt. Vom Eingangssims f�hrt eine Br�cke �ber diesen Graben. So weit bin ich nicht gegangen. Aber man konnte erkennen, dass hinter der Br�cke wieder fester Boden folgte. Dahinter war erneut eine dunkle Linie zu erkennen, dann wieder eine helle, dann erneut eine dunkle und schlie�lich die Lichts�ule. Es hatte den Anschein, als f�hre der Weg vom Sims �ber insgesamt drei Gr�ben bis hin zur Mitte. Und dann fiel mir das hier ein.�</p><p>Stefanie deutete auf den Fu�boden.</p><p>Zu ihren F��en lag das in den Stein gemei�elte Zeichen des �Kreises von Monts�gur�.</p><p>�Sehen Sie sich das genau an�, sagte Stefanie. �Dies ist der Plan der Kaverne!�</p><p>Der <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis> war regenverhangen. Es war ein feiner, gleichm��iger Regen, wie er gerade im Fr�hling tagelang anhalten konnte. Die Wolken hatten den Himmel verdunkelt, weder der Sonnenuntergang noch der Mond w�rden zu sehen sein. Schon jetzt hatte sich eine blaugraue Decke �ber den Wald und die H�gel gelegt, die die Formen und Konturen im tr�ben Zwielicht verwischte. Das farblos ged�mpfte Einerlei schien einsam und leblos. Doch aus den Schatten richtete sich ein Paar wachsamer Augen konzentriert auf die Felswand. An einer bestimmten Stelle auf halber H�he war ein schwacher Schein sichtbar. Die Quelle des Lichts war von unten nicht auszumachen, doch etwas leuchtete dort oben. Dort oben, wohin die Forscher verschwunden waren.</p><p>Die Gestalt erhob sich und eilte auf den Gel�ndewagen zu, der am Fu� des kleinen Berges geparkt war. Es dauerte nur einen Lidschlag, dann hatte sie den Wagen erreicht und verschmolz mit ihm. Sie bewegte sich mit gr��ter Vorsicht und Geschmeidigkeit, obwohl sie wusste, dass man sie nicht sehen konnte, selbst wenn es taghell w�re. Dennoch w�rde sie sich keinen Fehler erlauben. Ihre Sinne waren gesch�rft, ihre Muskeln und Sehnen gespannt. Einem Raubtier gleich lauerte sie eine Zeit lang und studierte die Umgebung aus dem neuen Blickwinkel. Der direkte und einfachste Weg den Hang hinauf f�hrte �ber die Sicherungsleine, die auch die Forscher verwendet hatten. Dieser Weg kam nicht in Frage. Wohl aber jene Felsvorspr�nge weiter rechts. Sie lagen etwas abseits, waren unbeobachtet, erm�glichten jedoch den Blick auf die Sicherungsleine und den Sims, zu dem sie hinauff�hrte.</p><p>In flie�enden Bewegungen glitt die Gestalt zum Hang hin�ber und begann mit dem Aufstieg. Ihre H�nde tasteten sich voran, suchten sich feinste Vorspr�nge und krallten sich daran fest. Die F��e wanderten �ber den Stein und fanden eigenst�ndig Halt. Wie ein flinkes Insekt �berwand die Gestalt die gro�e H�he und erreichte schlie�lich einen Punkt direkt unterhalb der erleuchteten Felsen. Es war zu erkennen, dass es dort einen Absatz gab, zu dem auch das Seil hinauff�hrte. Pr�fend hob die Gestalt ihren Kopf, ohne ihn �ber die Kante des Absatzes zu heben. Es war hier deutlich das Summen eines Ger�ts zu h�ren. Zusammen mit einem feinen Geruch nach Diesel schloss sie auf einen Stromgenerator. Stimmen oder weitere Ger�usche waren nicht auszumachen. Behutsam kletterte die Gestalt h�her. Der kleine Absatz verbreiterte sich zur Seite hin, wo sich das Seil befand, und wurde dort zu einer richtigen Plattform, hinter der der Fels weiter aufragte. Und direkt dort �ffnete sich eine H�hle im Fels. Lichtschein fiel aus der H�he auf ein ge�ffnetes Stahlschott.</p><p>Behutsam bewegte sich die unsichtbare Gestalt auf den H�hleneingang zu und schl�pfte hinein.</p><p>Stefanie fuhr mit ihrer Erkl�rung fort: �Ein Gang f�hrt zum Zentrum, das von drei Gr�ben umgeben ist. Die Gr�ben sowie die Wege sind jeweils etwa f�nf Meter breit. Wenn die H�hle also tats�chlich diesem Plan entspricht, dann muss sie etwa siebzig Meter im Durchmesser haben.�</p><p>Patrick starrte den �Kreis von Monts�gur� an. Dass er ein Lageplan sein k�nnte, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. �Welchen Sinn k�nnte es haben, eine derartige H�hle zu bauen?�, fragte er. �Wenn es einen einfachen Weg direkt zur Mitte gibt, wozu dann diese Wassergr�ben drum herum?�</p><p>�Vielleicht f�r zeremonielle Zwecke�, �berlegte Peter, �Es k�nnte sich um eine Art Prozessionsweg handeln. Oder aber die ganze Konstruktion ist rein symbolisch und stellt etwas dar, das uns bisher noch verschlossen ist... Ich habe dieses Zeichen bisher noch nie so betrachtet, aber in gewisser Weise besteht hier eine �hnlichkeit zu den Linien von Nazca. Kennen Sie sie? Riesige Linienmuster, die von einem unbekannten Volk in die W�ste gemalt wurden. So gro�, dass man sie nur vom Flugzeug aus erkennen kann. Der Zweck dieser Formen ist bis heute v�llig unklar.�</p><p>�Es muss ja auch nicht alles einen Zweck haben�, sagte Patrick. �Es k�nnen ja auch einfach nur Ornamente sein.�</p><p>�Konnten Sie au�er der Lichts�ule, den Strahlen und diesen Wegen und Gr�ben noch etwas erkennen?�, fragte Peter.</p><p>�Bisher nicht�, antwortete Stefanie.</p><p>�Haben Sie ganz normal atmen k�nnen, oder haben Sie etwas an der Luft bemerkt?�, fragte Peter weiter. �Einen besonderen Geruch vielleicht, hohe Feuchtigkeit, W�rme, K�lte, irgendetwas Au�ergew�hnliches?�</p><p>�Nein, wie kommen Sie darauf?�</p><p>�Vielleicht sollten wir trotzdem eine Luftprobe nehmen und analysieren�, schlug Peter vor. �Nur zur Sicherheit. Wir h�tten schon fr�her darauf kommen sollen. Ich bin zwar kein Feldforscher wie Patrick, aber es ist doch ein �bliches Verfahren, das auch bei der Entdeckung von Gr�bern in �gypten angewendet wird. Die Luft k�nnte irgendwie verseucht sein. Im Grab des Tutenchamun hatten sich hochgiftige Schimmelpilzsporen angesammelt, die es der unbedarften Carter-Expedition schwer gemacht haben... Der �Fluch des Pharaos�, Sie haben bestimmt davon geh�rt.�</p><p>�Sie meinen wirklich, die H�hle k�nnte vergiftet sein?�</p><p>�Wir k�nnen es ja nicht ausschlie�en. Ich bin auch kein Physiker, aber das Verhalten des Lichts, wie Sie es beschreiben, legt doch nahe, dass sich irgendwelche Schwebeteilchen in der Luft befinden, sonst w�ren die Strahlen ja gar nicht sichtbar, oder? Vielleicht ist die Luft mit einer Art Dampf ges�ttigt, so wie dicker Nebel. Was aber, wenn das kein Wasserdampf, sondern ein anderer, gesundheitssch�dlicher Dunst ist? Ich bin daf�r, dass wir eine Luftprobe nehmen und heute erst einmal eine Analyse davon machen.�</p><p>Stefanie sah Patrick an. �Was sagen Sie dazu?�</p><p>�Peter hat grunds�tzlich Recht. Gr�ber oder andere verschlossene Hohlr�ume entwickeln ihr eigenes Mikroklima. Im Laufe von Jahrhunderten k�nnen sich giftige Stoffe ansammeln. Und es gibt nat�rlich noch andere Effekte. Wenn zum Beispiel neue Luft hinzugef�gt wird, oder aber auch allein durch die W�rme und Feuchtigkeit, die ein Mensch abgibt, kann das Mikroklima gest�rt werden. Bisher unber�hrte Schriftrollen schimmeln innerhalb weniger Tage, zerfallen, Wandmalereien l�sen sich auf. Hat es alles schon gegeben. Wenn man die Luft vorher analysiert, kann man das verhindern. Au�erdem k�nnte man an der Konzentration von modernen Umweltgiften oder Schwermetallen feststellen, wann der letzte Kontakt zur Au�enwelt stattgefunden hat, was auch immer ganz interessant ist. Andererseits...� Er �berlegte einen Augenblick. �Andererseits handelt es sich hier im strengen Sinne blo� um ein Loch im Felsen, noch dazu mit einem Ausgang an die frische Luft, es ist also kein hermetisch versiegeltes Grab, in dem vier- oder f�nftausend Jahre lang eine vertrocknete Leiche gelagert wurde.�</p><p>�Was sollten wir also Ihrer Meinung nach tun?�, fragte Stefanie.</p><p>�Also, ganz ehrlich�, antwortete der Franzose, �ich bin immer noch sicher, dass es unbedenklich ist. Ich meine, ganz offenbar gibt es hier einen Schutzmechanismus, der hervorragend funktioniert und einen heftigen Effekt ausl�st. Aber wir haben die Anweisung gefunden und uns daran gehalten. Alles ergibt Sinn, ist in sich schl�ssig, wir haben den Schl�ssel gefunden, und das Tor ist passierbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nun noch eine versteckte Falle geben sollte.�</p><p>�Ich sehe das genauso�, sagte Stefanie. �Peter, sind Sie damit einverstanden, dass wir fortfahren?�</p><p>�Was soll ich dazu noch sagen?� Er zuckte mit den Schultern. �Offenbar sind Sie beide sich einig und haben mich �berstimmt. Ich verstehe nur nicht, wie Sie sich so sicher sein k�nnen, Patrick.�</p><p>�Nennen Sie es einen Instinkt.�</p><p>�Instinkt? Damit l�sst sich vielleicht ein Gesch�ft auf dem Bazar machen, aber ich m�chte nicht Stefanies oder unser Leben auf Ihren Instinkt verwetten.�</p><p>�H�ren Sie, Peter. Ich bin ja sicherlich nicht immer die Vorsicht in Person, aber auf mein Gesp�r f�r Gefahr konnte ich mich bisher absolut verlassen. Und dieses Gef�hl sagt mir, dass es jetzt vollkommen sicher ist. Es ist...�. Er suchte nach Worten. �Wie eine innere Stimme. Eine Art Vertrautheit. Als h�tte ich es schon immer gewusst.�</p><p>�Wie bitte?!�</p><p>�Ja, ich kann es auch nicht besser erkl�ren. Es f�hlt sich einfach <emphasis>richtig</emphasis> an. Es ist <emphasis>selbstverst�ndlich.</emphasis>�</p><p>Peter sch�ttelte den Kopf. �Also, es tut mir leid, aber ich kann Ihnen beim besten Willen nicht folgen. Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?�</p><p>Patrick sah an ihm vorbei. �Und wenn ich es mir recht �berlege�, sagte er halblaut, als forsche er seinen eigenen Gedanken nach, �dann hat Stefanie das Tor ge�ffnet, sie war der Schl�ssel, und nun k�nnten wir alle eintreten... nat�rlich! Die Archive des Wissens sind offen.� Pl�tzlich fixierte er Peter eindringlich. �Verstehen Sie? Die Archive des Wissens sind jetzt offen!�</p><p>Peter hob beschwichtigend die Hand. �Langsam, langsam ...�</p><p>�Nein, nicht langsam, kommen Sie! Wir k�nnen jetzt auch da rein!� Er erfasste Peters Arm und zog ihn pl�tzlich zum Durchgang.</p><p>�Was tun Sie da?!�, rief Peter entsetzt und riss sich los.</p><p>�Kommen Sie schon�, sagte Patrick und trat selbst auf den Durchgang zu. �Es ist ganz einfach...�</p><p>Stefanie ging auf Patrick zu, um ihn zur�ckzuhalten. �Gehen Sie da weg, Patrick!�</p><p>Aber der Franzose tat einen Schritt vorw�rts. Sein Bein verschwand bereits zur H�lfte.</p><p>�Bleiben Sie hier!�, rief Peter und wollte den Franzosen aufhalten. Doch der wirbelte pl�tzlich herum.</p><p>�Vertrauen Sie mir!�, rief er, ergriff abermals Peters Arm und zog ihn heran.</p><p>Peter hatte M�he, nicht j�h nach vorne zu stolpern. Er musste sich befreien! Panisch griff er nach Patricks Fingern und versuchte, sich von ihrer Umklammerung zu l�sen.</p><p>�Lassen Sie ihn los!�, rief nun Stefanie, die zwischen die beiden fuhr und sie auseinander dr�ckte. �Und kommen Sie da weg!�</p><p>Nun packte Patrick mit der anderen Hand auch Stefanies Arm. �Na los! Machen Sie es mir nicht noch schwerer!�</p><p>�Lassen Sie ihn los!!�</p><p>�Wie Sie wollen!� Patrick l�chelte sie an. �Aber dann kommen Sie wenigstens mit!� Er stie� Peter von sich und stolperte dadurch selbst r�ckw�rts in den Durchgang.</p><p>Peter nahm nun alles wie in Zeitlupe wahr. Patricks nach hinten gelehnter Kopf verschwand als Erstes, der Rest des K�rpers kippte ebenfalls nach hinten. Der Brustkorb wurde buchst�blich aufgesogen, dann der Bauch. Die G�rtelschnalle gl�nzte kurz auf und verschwand dann zusammen mit dem Becken. Immer weniger des K�rpers war noch zu sehen. Nur noch Patricks Beine und ein Arm ragten hervor. Und dieser Arm hatte Stefanie ergriffen, riss sie so unbarmherzig mit sich, dass sie ebenfalls in den Durchgang stolperte. Peter wollte eingreifen. Aber seine Glieder schienen wie aus Blei. Noch bevor sich seine Hand auch nur einen Millimeter ger�hrt hatte, um die Forscherin zu ber�hren oder gar festhalten zu k�nnen, hatte sie sich bereits St�ck f�r St�ck aufgel�st.</p><p>Fassungslos blieb Peter zur�ck.</p><p>Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Erkenntnis durchsickerte, was gerade passiert war.</p><p>�Patrick?�, rief er. �Stefanie!�</p><p>Seine Worte hallten fremd und leer von den Steinen wider.</p><p>Er ahnte nicht, dass sich in diesem Augenblick eine unsichtbare, krallenbewehrte Hand nach ihm ausstreckte...</p><p><emphasis>10. Mai, 18.30 Uhr, Rue des Anges, Paris</emphasis></p><p>Emmanuel Michaut hatte noch auf dem R�ckflug aus dem Hubschrauber die wichtigsten Eckdaten aus dem Gespr�ch mit dem Grafen an seinen Geheimdienst weitergegeben. In k�rzester Zeit musste er alles in Erfahrung bringen �ber einen Orden namens Priorat von Zion und einen Monsieur Plantard, der dem Orden verbunden war. Beide schienen dem Grafen wohl bekannt und hielten offenbar den Schl�ssel zum Verst�ndnis des Merowingergeschlechts in H�nden. Mehr hatte ihm der Graf dar�ber nicht sagen k�nnen � oder wollen. Allerdings hatte er sich noch im Beisein des Pr�sidenten mit dem B�ro des r�tselhaften Herrn in Verbindung gesetzt. Sie hatten einen Termin f�r denselben Abend vereinbart.</p><p>Nun sa� Pr�sident Michaut in seinem Schreibzimmer im Amt der Rue des Anges. Gerade erst gestern hatte er hier Jean-Baptiste Laroche empfangen; es war keine drei�ig Stunden her, dass er zum ersten Mal etwas �ber die geheime Blutlinie erfahren hatte. So viel war in dieser kurzen Zeit geschehen, ein ganzes Weltbild hatte sich ge�ndert.</p><p>Michaut sah auf die Papiere vor sich. Bei seinem Eintreffen waren schon einige Unterlagen f�r ihn bereit gewesen. Das Ergebnis war jedoch ern�chternd. Der Orden war zwar namentlich bekannt und wurde sporadisch in verstreuten Quellen erw�hnt � in Zeitungsausschnitten, amtlichen Dokumenten, Urkunden �, und es gab sogar ein Sachbuch dazu, aber in der K�rze der Zeit lie�en sich die Informationsschnipsel nicht zusammenf�gen oder bewerten. Es gab keine ausdr�cklichen Belege, wo der Ursprung des Ordens lag oder welche Ziele er verfolgte. Und �ber einen Monsieur Plantard war �berhaupt nichts Aussagekr�ftiges zu finden � es gab zu viele Plantards in Frankreich, und keiner schien eine Verbindung zum Orden von Zion offen zu bekunden.</p><p>Michaut vertraute dem Grafen. Das war der einzige Grund, weswegen er sich nun mit einem ihm v�llig Unbekannten traf, den er nicht einmal �berpr�fen konnte. Was konnte der Mann ihm erz�hlen? War es ein gutes Zeichen, dass �ber ihn nichts bekannt war? Deutete es darauf hin, dass er erfolgreich im Verborgenen agierte? Wenn das so war, war das gut oder schlecht f�r ihn � und f�r Frankreich?</p><p>Es klopfte, dann �ffnete sich die T�r zu seinem B�ro, und ein Sicherheitsbeamter trat ein.</p><p>�Monsieur le Pr�sident, Ihr Besuch ist da.�</p><p>�Vielen Dank, bringen Sie ihn herein und lassen Sie uns allein.�</p><p>Der Sicherheitsbeamte nickte und f�hrte kurz darauf einen d�nnen, alten Mann mit einem Kamelhaarmantel herein. Der Pr�sident stand auf und ging auf den Mann zu, w�hrend die B�rot�r wieder geschlossen wurde.</p><p>�Ich nehme an, Sie sind Monsieur Plantard. Es freut mich, dass Sie kommen konnten.�</p><p>Der alte Mann sch�ttelte Michaut freundlich l�chelnd die Hand. Seine H�nde waren schmal und knochig, und sie wirkten viel zu gro�. Unz�hlige Falten durchzogen die lederne Haut seines Gesichts, das trotz des hohen Alters den Ausdruck eines wachen und intelligenten Geistes trug. Ein leises Schmunzeln, funkelnde Augen und eine Nickelbrille verst�rkten diesen Eindruck noch.</p><p>�Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Monsieur Michaut.�</p><p>Der Pr�sident zuckte innerlich zusammen, als er von dem Fremden so respektlos angesprochen wurde, dennoch bedeutete er dem Mann, sich in einen Sessel einer Sitzecke zu setzen, und nahm ebenfalls dort Platz. Auf dem Tischchen vor ihnen standen bereits Gl�ser, eine Flasche Wasser, sowie eine Schale mit M�rbegeb�ck.</p><p>�Es mag Ihnen unverfroren erscheinen, wenn ich Sie nicht mit Ihrer offiziellen Amtsbezeichnung anrede�, begann Plantard, w�hrend er sich setzte und den Mantel dabei um sich schlug, als sei ihm kalt, �doch ich m�chte damit anzeigen, dass ich Sie als Mensch respektiere und nicht nur wegen eines Pr�sidententitels. <emphasis>Monsieur le Pr�sident</emphasis> ist der Name einer Rolle, die auch schon viele vor Ihnen verk�rperten. Aber ich m�chte gerne mit Ihnen als Mensch reden. Zudem haben Sie auf diese Weise die M�glichkeit, fern jeden Protokolls mit mir zu reden. Die Sorgen oder Fragen, die Sie haben, �u�ern Sie als Mensch � dem Pr�sidenten jedoch w�rde ich mir nicht anma�en, meine Hilfe oder meine Informationen anzubieten.�</p><p>Michaut lehnte sich zur�ck und �berdachte die Worte des Mannes. Mit wenigen Worten hatte Plantard die ersten Irritationen beseitigt und dabei einen vollendeten Hofknicks gemacht. Ein interessanter Mensch, gebildet und scharfsinnig. Er sch�tzte ihn aufgrund seines Aussehens auf mindestens siebzig Jahre � umso respektabler war seine geistige Frische.</p><p>�Ich habe nichts dagegen, Monsieur�, antwortete der Pr�sident. �Da ich Ihre Position oder Ihre Geschichte nicht kenne, bleibt mir ebenfalls nichts anderes �brig, als Sie mit Monsieur Plantard anzureden.�</p><p>�Viel gibt es �ber mich auch nicht zu wissen, wie Sie ohne Zweifel bereits herausgefunden haben.�</p><p>�Ich muss gestehen, dass meine Versuche, N�heres �ber Sie in Erfahrung zu bringen, in dieser kurzen Zeit vergeblich waren. Vielleicht erz�hlen Sie daher zun�chst etwas �ber sich?�</p><p>�Gestatten Sie, dass ich rauche?�</p><p>�Bitte.�</p><p>Plantard zog ein silbernes Etui hervor, klappte es auf und bot Michaut davon an. Der winkte jedoch ab.</p><p>Plantard entnahm dem Etui ein d�nnes Zigarillo. �Wenn Sie sich gerade Gedanken �ber meine Gesundheit machen, kann ich Ihnen nur beipflichten. Aber in meinem Alter kommt es nicht mehr darauf an. Die meiste Zeit und die besten Jahre sind vorbei. Das �lterwerden ist trostlos genug. Ich habe nicht vor, es mit Verzicht zu verl�ngern.� Er l�chelte, w�hrend er das Zigarillo entz�ndete. Dann lehnte er sich zur�ck und lie� den Rauch bed�chtig aus einem Mundwinkel steigen.</p><p>�Was gibt es �ber mich zu sagen...?�, griff er den Gedanken von zuvor auf. �Meinen Namen kennen Sie bereits. Ich bin gelernter Kaufmann, begann eine Ausbildung in einem Verlag, dann brach der Krieg aus. Ich geriet f�r ein Jahr in deutsche Kriegsgefangenschaft, konnte fliehen und schloss mich der R�sistance an. Nach dem Krieg suchte ich Arbeit und war dann bis in die achtziger Jahre als Gesch�ftsmann t�tig. Import, Export, Banken.�</p><p>Wenn er in den vierziger Jahren in Kriegsgefangenschaft war, �berlegte Michaut, dann war er etwa achtzig. Eine �berraschung. �Was wissen Sie �ber das Priorat von Zion?�, fragte er ihn.</p><p>�Sie verlieren nicht viel Zeit mit H�flichkeiten, Monsieur, nicht wahr?�</p><p>�Und was k�nnen Sie mir �ber Jean-Baptiste Laroche sagen und seine Verbindung zu den Merowingern?�</p><p>Plantard nickte. �Sie sind noch nicht lange im Amt, Monsieur Michaut. Noch nicht so lange wie Ihr Vorg�nger es war. Daher ist es wohl nicht zu erwarten, dass Sie �ber diese Zusammenh�nge bereits gestolpert sind. Nun trifft es Sie umso unvorbereiteter. Nun, das Priorat von Zion gibt es schon <emphasis>sehr</emphasis> lange.� Er dehnte das �sehr� und wippte dabei leicht mit dem Kopf, wie um sich selbst zu best�tigen. �Wie Sie sicherlich wissen, ist Zion der alte Name der Festung von Jerusalem, sp�ter des Tempelbergs oder auch der ganzen Stadt. Ein Ort der Macht, der heute noch eine solche Ausstrahlung hat, dass er Juden, Christen und Muslime gleicherma�en anzieht. Welche Schlachten sind schon um ihn geschlagen worden! Zion ist das Sinnbild der universellen Herrschaft eines von Gott auserkorenen Volkes, Zion ist das Idealbild des Mittelpunktes der Erde, eines kulturellen Epizentrums. Das Priorat von Zion versteht sich als ein Orden, der sich diesem Idealbild verpflichtet f�hlt.�</p><p>�Und die Merowinger?�</p><p>�Die Dynastie der Merowinger...� Plantard nahm einen langen Zug am Zigarillo und blies den Rauch wieder so langsam empor, als nutze er die Zeit zum Nachdenken. �Ja... ein ganz besonderes Kapitel in der Geschichte Frankreichs. Wir alle lernen an den Schulen, wie die Merowinger im sechsten Jahrhundert die Reiche der Salen und der Frankenst�mme erstmalig einten und somit ein gemeinsames Reich, Frankreich, gr�ndeten. Merowech als Wegbereiter, Chlothar, Dagobert und so fort. Mitte des achten Jahrhunderts endete die Herrschaft der Merowinger, nachdem Dagobert II. im Auftrag von Pippin II. ermordet wurde und der letzte amtierende merowingische K�nig Frankreichs, Childerich, von Pippin III. mit Unterst�tzung des Papstes abgesetzt wurde. Und der Sohn Pippins III, war dann jener Karl, der sp�tere Charlemagne, Karl der Gro�e, der die Herrschaft der Karolingerdynastie begr�ndete.�</p><p>�Diese Geschichte ist mir durchaus bekannt, Monsieur Plantard.�</p><p>�Das glaube ich Ihnen gerne. Haben wir nicht gerade den Karolingern viel zu verdanken? Karl der Gro�e verkn�pfte wie keiner vor ihm Kirche und weltliche Regierung, vergr��erte und sicherte das Reich, setzte sich f�r Kunst, Kultur und Bildung ein, eine Erneuerungsbewegung, die sogar einen eigenen Namen bekam: <emphasis>Renovatio.</emphasis> Moderne Strukturen und Denkweisen.�</p><p>Der alte Mann betrachtete sein Zigarillo argw�hnisch, als drohe es gerade zu verl�schen. Er pustete die Spitze versuchsweise an und lie� die Glut damit aufflammen. �Doch kennen Sie die Geschichte hinter der Geschichte? Sehen Sie genau hin: Was begann gemeinhin mit dem Jahr 800, der Kr�nung Karls des Gro�en?� Nach einer kleinen Pause, in der er ganz offenbar keine Antwort erwartete, sprach er weiter: �Das Mittelalter, Monsieur Michaut. Das dunkle Zeitalter, wie man es auch nennt. Wie viel Wissen ging verloren, wie viel Unsicherheit und Aberglaube fassten Fu�? Wie viele Kriege wurden gef�hrt und wie viel Blut vergossen? Denken Sie an die uns�glichen Kreuzz�ge, den Hundertj�hrigen Krieg... Er dauerte bis ins f�nfzehnte Jahrhundert. Dann endlich ein Licht am Ende des Tunnels: die Renaissance. Es war eine wahre Wiedergeburt, als die Menschen und Regierungen sich aus den mittelalterlichen Strukturen l�sten, als kirchliche und weltliche Macht sich wieder trennten, und schlie�lich selbst die Kirche eine Reformation �ber sich ergehen lassen musste. Sie sind kein gl�ubiger Mensch, Monsieur Michaut, daher kann ich Ihr Augenmerk in aller Neutralit�t darauf richten: Es war die Kirche, die die Dynastie der Merowinger beendet wissen wollte, es war die Kirche, die den Karolingern ihre Macht bescherte, sich mit ihnen verb�ndete, es war die Kirche, die die Kreuzz�ge antrieb, es war die Kirche, die Forschung und Wissenschaft unterdr�ckte und deren omnipr�sente Macht endlich in der Renaissance gebrochen wurde.�</p><p>Der Pr�sident nickte. Er war zwar kein Gegner der Institution Kirche, aber kritisch stand er ihr allemal gegen�ber. Doch wie viel wusste Plantard �ber seine Einstellung? Manipulierte er ihn? Es stimmte wohl, was der Alte sagte, und so gesehen mochte er durchaus Recht haben. Aber Michaut fragte sich, worauf er hinauswollte. Dass die Merowinger die besseren Herrscher gewesen w�ren?</p><p>Der Alte fuhr fort: �Es stellt sich die Frage, ob es Zufall war, dass die Kirche ihren Aufschwung an die Karolinger kn�pfte, und warum das mit den Merowingern nicht m�glich gewesen w�re. Nun, in der Tat gab es einen sehr guten Grund, weswegen die Kirche sich so entschied. Denn in den Adern von Dagobert und Childerich floss ein Blut, dessen Fortbestand die Kirche keineswegs zulassen durfte.�</p><p>�Jesus Christus�, warf der Pr�sident ein.</p><p>�Ja, das Blut des Erl�sers. Ich sehe mit Befriedigung, dass Sie mit dieser Vorstellung bereits vertraut sind.�</p><p>�Die Theorie ist mir so neu, dass ich noch keine Gelegenheit hatte, dar�ber zu schlafen, aber ja, ich habe davon geh�rt.�</p><p>�Nun, es ist tats�chlich keine <emphasis>Theorie.</emphasis> Auf dem einen oder anderen Wege � sei es durch Heirat oder andere Verwandtschaft � ist das Blut unseres Herrn fortgef�hrt worden. Es fand in Gallien Zuflucht, wo es in den Stammb�umen von Merowech und den Franken aufging. Nun, warum sollte die Kirche ein Interesse haben, dieses einmalige, g�ttliche Herrscherhaus zu verdr�ngen? Scheinbar paradox, nicht wahr? Aber ich will es Ihnen sagen: Weil sich die Macht der Kirche nicht auf Jesus begr�ndete, sondern auf der Erl�sung durch die Wiederauferstehung und die von Petrus geschaffene <emphasis>Institution Kirche.</emphasis> Und warum sage ich �unseres Herrn�, wenn ich von Jesus rede? Weil Jesu Bedeutung nichts mit der heutigen Kirche zu tun hat � der ich ebenfalls nichts abgewinnen kann �, sondern weil Jesus der h�chste Vertreter und Anf�hrer eines auserkorenen Volkes war. Er war hoch gebildet, ein Revolution�r, ein Humanist, ein fr�her Gandhi, ein Siddharta, ein Martin Luther King � und vor allen Dingen war er der wahre und rechtm��ige K�nig der Juden. Die R�mer wussten das. Jesus h�tte sich zum Herrscher der bekannten Welt emporgeschwungen, er h�tte das R�mische Reich vernichtet. Daher lie�en sie ihn umbringen. Was daran g�ttlich war, entscheiden Sie selbst.�</p><p>Michaut sagte eine Weile nichts. Was gab es zu sagen? Eine �beraus faszinierende, wenngleich durch nichts zu beweisende Interpretation. Hatte ihn sein Geheimdienst am Morgen zum ersten Mal hiermit konfrontiert, sa� er nun � keine zw�lf Stunden sp�ter � jemand gegen�ber, der sie mit so ruhiger �berzeugung vertrat, als sei es das Selbstverst�ndlichste der Welt.</p><p>�Was hat nun der Orden von Zion damit zu tun?�, fragte er.</p><p>�Nun, wie ich eingangs schon sagte, f�hlt sich das Priorat von Zion dem Idealbild jener Zeiten verpflichtet. Somit war es die zentrale Aufgabe des Priorats, das Blut der Merowinger nicht aussterben zu lassen. In den vergangenen Jahrhunderten war das Priorat nicht immer sichtbar aktiv, weder in der Wirtschaft noch in der Politik, doch immer ist das Erbe der Merowinger fortgef�hrt worden. In Wahrheit waren somit stets Erben des k�niglichen Blutes unter uns, haben in Herrscherh�user eingeheiratet, haben ihre Linie gesichert und zum Teil dem Priorat selbst vorgestanden.�</p><p>�Und was sind die Ziele des Priorats? Weshalb ist nicht schon l�ngst jemand vorgetreten und hat die Herrschaft �bernommen?�</p><p>Der Alte sch�ttelte den Kopf und dr�ckte sein Zigarillo aus. �Die Ideale des Priorats sehen keine Weltrevolution in Form eines Putsches vor. Die Zeit ist nicht reif daf�r. Damit ein zentraler Herrschaftsanspruch �berhaupt wirkungsvoll sein k�nnte, d�rften die Machtverh�ltnisse nicht so verzettelt sein, wie es heute der Fall ist. L�nder und Regierungen m�ssten zun�chst noch st�rker zusammenwachsen, die Kirche m�sste noch mehr Macht und Glaubw�rdigkeit verlieren. Aber denken Sie nicht, dass das Priorat deswegen unt�tig war. Glauben Sie wirklich, dass nach Hunderten, Tausenden von Jahren Krieg in Europa die sich anbahnende europ�ische Einheit selbstverst�ndlich ist? Ein europ�ischer Pr�sident � gestern noch undenkbar, und heute? Welches �bergro�e, zentrale Interesse ist hier aktiv, dass sich Engl�nder, Franzosen, Deutsche, Polen, Russen und T�rken nicht noch heute s�belrasselnd gegen�berstehen?�</p><p>�Sie wollen mir weismachen, dass es nicht die Politiker sind, die die Geschicke in Europa lenken, sondern das Priorat?�</p><p>Plantard winkte ab. �Verstehen Sie mich nicht falsch, es sind sehr wohl die Politiker, die die Geschicke leiten. Politiker wie Sie, Monsieur Michaut. Sie handeln nach Ihren Zielen. Doch haben Sie sich jemals gefragt, wie Sie zu Ihrer �berzeugung gekommen sind? Welche Gedanken anderer Menschen vor Ihnen haben Sie beeindruckt? Wer vor Ihnen verfolgte bereits �hnliche Ziele wie Sie? Wessen gedankliche Arbeit setzen Sie fort? Wessen B�cher lesen Sie, wessen Kommentare beeindrucken Sie, auf wessen Rat h�ren Sie? Wir alle, Monsieur Michaut, Sie und ich, sind nur zu einem kleinen Teil Individualisten, denn das meiste ist bereits erdacht, gesagt, geschrieben und erfunden. Unsere Ideen, Ansichten und �berzeugungen bedienen sich aus dem �berquellenden Fundus der Weltgeschichte; Tausende von Jahren, Milliarden von Menschen, so schlau und in der Summe unendlich viel schlauer als wir � wirklich neue Ideen sind sehr selten. Wir unterscheiden uns nur darin, welche dieser Ideen wir aufgreifen, wessen �berzeugungen wir annehmen, welche Talente wir haben und wie wir Letztere einsetzen, um Erstere zu verfolgen.�</p><p>Michaut schwieg. Der Alte hatte einen allzu tiefen Nerv getroffen. Ziele. Erfolg. Selbstbestimmung. Neues schaffen. Zeichen setzen. Unsterblichkeit. Relevanz. Sein Kopf f�hlte sich seltsam hohl an.</p><p>�Und nun fragen Sie mich, wer die Geschicke lenkt. Sie tun es, Monsieur Michaut. Und dennoch in einem h�heren Sinne. Unsere Leben sind nur ein Augenzwinkern in der Menschheitsgeschichte, entsprechend klein ist der Ausschnitt, den wir sehen und den wir wirklich beeinflussen. Nur wer Hunderte oder Tausende von Jahren leben w�rde, der k�nnte ganze Str�mungen ausl�sen und entwickeln, einzelne Geschicke lenken, Ideen s�en, daf�r sorgen, dass Gedankengut auf fruchtbaren Boden f�llt und sich verbreitet. Daher gibt es Kr�fte im Verborgenen, die nur deswegen ihre Ziele verfolgen k�nnen, weil sie �ber so lange Zeit hinweg existieren. Wir bemerken weder ihr Wirken, noch haben wir eine Beziehung zu ihren Zielen. Aber das liegt einzig an unserer Perspektive. Es ist wie mit der Erde: Wir sp�ren nicht, dass sie sich unter uns bewegt, und doch tut sie es. Manche Dinge sind zu gro�, als dass wir sie sehen k�nnten. Vor dem Hintergrund der Geschichte bewegen wir uns zu schnell, und einige Dinge sind zu langsam f�r unsere Wahrnehmung. Das Priorat von Zion ist eine solche langsame, gro�e Kraft.�</p><p>Michaut massierte sich eine Schl�fe. Vieles in ihm str�ubte sich gegen die Ausf�hrungen des Alten. Sie zeichneten ein Bild jenseits jeder sicheren, ihm bekannten Realit�t. Zugleich war es aufregend. Es war ein Gem�lde so ungeheuren Ausma�es, dass vor ihm jedes menschliche oder politische Bem�hen nur wie ein unbedeutender Pinselstrich erschien. Und doch f�gte sich alles in ein �bergeordnetes, unsichtbares Konzept. Es war erhebend und deprimierend zugleich; eine Art religi�se Ergriffenheit hatte ihn erfasst. Und gerade das machte ihn umso stutziger. Konnte es sein, dass der Alte ihn derart zu beeinflussen vermochte? Wie viel von dem, was er sagte, war einfach nur blanker Irrsinn? Verschw�rungsfantasien eines Greises, der sich durch sein Alter Respekt verschaffte und mit seinen Worten Ehrfurcht erschlich? Andererseits kannte der Graf ihn und hatte diese Begegnung arrangiert. <emphasis>Der Graf!</emphasis> Wie sehr lie� er, Michaut, sich vom Grafen manipulieren? War es vielleicht der Graf, der ein Spiel mit ihm trieb? Michaut griff nach der Flasche und schenkte sich Wasser ein.</p><p>�Sie scheinen nicht �berzeugt?�, fragte der Alte. Es war eher eine Feststellung. �Nun gut, nehmen wir ein Beispiel: Ende der f�nfziger Jahre war Frankreich in einer schweren Krise. Immer wieder Zeiten ohne Regierung, die Parteien verfeindet, die franz�sischen Kolonien in Indochina blutig verloren und kurze Zeit sp�ter das Aufbegehren der algerischen Nationalisten, die die Unabh�ngigkeit forderten und eine eigene Regierung erzwingen wollten: der Algerienkrieg. Wie Sie wissen, bildeten sich in dieser Zeit zahlreiche Komitees f�r �ffentliche Sicherheit, die �<emphasis>Comit�s de Salut Public�.</emphasis> Sie arbeiteten aus dem Untergrund, �hnlich wie in den Zeiten der Franz�sischen Revolution. Sie wollten ein starkes, gro�es Frankreich, der Koloniestatus Algeriens sollte erhalten bleiben. Und sie wussten, dass nur ein Mann hierf�r in Frage kam, einer, der schon einmal zuvor provisorisches Staatsoberhaupt gewesen war: Charles de Gaulle. So halfen sie ihm 1958 an die Macht. Und eine f�hrende Rolle in diesen Komitees spielte das Priorat von Zion. Denn ein gro�es, kr�ftiges Reich war durchaus im Sinne des Priorats. De Gaulle kam an die Macht, doch entgegen der allgemeinen Erwartungen entschied er, Algerien die Unabh�ngigkeit zuzugestehen. H�tten sich die Komitees in Frankreich wegen dieses vermeintlichen Verrats nun zusammengeschlossen, h�tten sie die Regierung ernsthaft bedrohen k�nnen. Aber de Gaulle war ein guter und weitsichtiger Politiker, der beste, den Frankreich in langer Zeit gehabt hatte. Daher entschied das Priorat, ihn trotzdem weiter zu unterst�tzen. Und so kam es, dass es ausgerechnet der Gro�meister des Priorats von Zion war, der als Vorsitzender des Generalsekretariats der Komitees diese lenkte und sie schlie�lich auf Bitten de Gaulies zur gemeinschaftlichen Aufl�sung bewegte.� Plantard z�ndete sich ein neues Zigarillo an. �Das k�nnen Sie recherchieren, Monsieur. Sie werden feststellen, dass es stimmt.�</p><p>�Ich denke...� Michaut z�gerte. �Das kann ja alles sein, aber...�</p><p>�Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Monsieur�, warf Plantard ein. �Sie m�ssen das nat�rlich nicht alles einfach nur glauben oder mitschreiben.� Er griff in die Innentasche seines Mantels und zog einen Umschlag hervor. �Ich habe Ihnen auch ein paar Unterlagen mitgebracht, die Sie untersuchen lassen k�nnen. Sie belegen einige der zentralen Daten, die ich Ihnen genannt habe.�</p><p>�Ich verstehe noch nicht, was Jean-Baptiste Laroche mit der ganzen Sache zu tun hat. Ist er ein Mitglied des Priorats von Zion?�</p><p>�Ah, ja. Die eigentliche Frage, nicht wahr? Was hat Jean-Baptiste damit zu tun? Mit meinen weitschweifigen Ausf�hrungen �ber die Merowinger wollte ich mich weder interessant machen noch Sie langweilen. Es stimmt, dass die Dynastie der Merowinger fortgef�hrt wurde, und es stimmt ebenso, dass in ihr das Blut von Jesus Christus weiterlebt. Doch hatte ich auch nicht vor, Sie zu beunruhigen. Denn der zweite Teil meiner vielen Worte sollte Sie eigentlich ermutigen. Denn das Priorat von Zion besch�tzt zwar das heilige Blut, aber ebenso besch�tzt es Frankreich, Europa und die Ideale von Zion. Und die Zeit ist noch nicht gekommen. So ist die Frage, ob Jean-Baptiste Laroche dem Hause Dagoberts entspringt, tats�chlich von wenig Relevanz. Denn ich kann Ihnen versichern, dass er nicht vom Priorat unterst�tzt wird. Jegliche seiner Handlungen k�nnen langfristig keinesfalls erfolgreich werden.�</p><p>�Sie werden verstehen, wenn Ihre Zuversicht allein keinen hinreichend beruhigenden Effekt auf mich hat. Auch kann ich sie umso weniger teilen, als mich seine kurzfristigen Erfolgsaussichten wesentlich deutlicher betreffen, als seine langfristigen.�</p><p>�Nat�rlich, Sie haben nat�rlich Recht. Und deswegen bin ich auch hier. Im Sinne des Weltgeschicks, im Sinne der gro�en Geschichte, wenn Sie so wollen, ist das Nicht-Eingreifen des Priorats vollkommen ausreichend. Doch des kurzfristigen Effekts und Ihrer pers�nlichen Unterst�tzung wegen bin ich gekommen.� Er deutete auf den Umschlag, den er auf den Tisch gelegt hatte. �Hier werden Sie mit Sicherheit das ein oder andere finden, das sich in der Angelegenheit Laroche als n�tzlich erweisen wird. Unser gemeinsamer Freund am Genfer See hat mir versichert, dass Sie diese Unterlagen in aller Vertraulichkeit annehmen w�rden und zu sch�tzen w�ssten.</p><p>Und dass Sie unsere Unterhaltung ebenso behandeln w�rden. Und nun... wenn Sie mich jetzt entschuldigen w�rden.� Er stand behutsam auf. �Meine N�chte sind kurz, in meinem Alter schl�ft man nicht mehr lang in den Morgen. Da ist es umso wichtiger, dass ich zeitig zu Bett gehe.�</p><p>Michaut erhob sich und reichte Plantard die Hand. �Ich danke Ihnen, dass Sie sich die M�he gemacht haben, so kurzfristig vorbeizukommen.� Er war sich unsicher, was er von dem Treffen halten sollte, und irgendwie war er froh, dass der merkw�rdige Alte nun ging.</p><p>�Ich bitte Sie, Monsieur!�, sagte Plantard mit einem feinsinnigen L�cheln. �Immerhin sind Sie der franz�sische Pr�sident. Wem, wenn nicht Ihnen, k�nnte ich verpflichtet sein?� Mit diesen Worten hatte er die T�r erreicht und war kurz darauf verschwunden.</p><p>Emmanuel Michaut blieb allein in seinem B�ro zur�ck. Nur der durchdringende Geruch des Zigarillos hing noch in der Luft. Er streckte seine Hand nach dem Umschlag aus und wog ihn unschl�ssig in den H�nden. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und �ffnete den Umschlag.</p><p><emphasis>10. Mai, in der N�he von Albi</emphasis></p><p>Als Peter zu sich kam, pochte sein Sch�del. Er �ffnete die Lider, doch es blieb vollkommen dunkel. Einzig ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn, als er versuchte, seine Augen zu bewegen, also schloss er sie wieder und verharrte. Aber es war nicht nur Schmerz, es war auch L�rm. Um ihn herum rumpelte und polterte es, und jedes Ger�usch hallte in seinem Kopf wider. Alles um ihn herum war in dr�hnender Bewegung, durch den Schwindel f�hlte er Wellen von �belkeit in ihm aufkommen. Schon sammelte sich d�nnfl�ssiger Speichel in seinem Mund, ein Klo� wanderte in seinen Hals. Er atmete tief ein. Ein seltsam s��licher Geruch schwebte im Raum, als w�rde irgendetwas verbrannt werden. Die Luft schien z�hfl�ssig, schwer und verbraucht. Doch im selben Ma�, in dem es ihm langsam gelang, sich zu konzentrieren, beruhigte sich allm�hlich auch sein Magen.</p><p>Den Ger�uschen nach zu urteilen befand er sich in einem Gef�hrt, wahrscheinlich einem Lastwagen. Das w�rde erkl�ren, weshalb er ein Gef�hl von Bewegung hatte. Und zwar entgegen der Fahrtrichtung. Immer wieder wurde er mit dem R�cken an eine Wand gedr�ckt, wenn der Wagen bremste. Beim Beschleunigen wurde er in die andere Richtung gezogen. Etwas hielt ihn dabei jedoch fest, eine Art Gurt, der quer �ber seinen Bauch gespannt war. Seine H�nde waren hinter seinem R�cken fest verschn�rt. Er war so gut wie bewegungsunf�hig. Sein Zustand und die Dunkelheit sprachen aber ohnehin gegen irgendwelche Experimente. Die Ger�usche dr�hnten in seinem dumpf pulsierenden Kopf. Er hatte Schwierigkeiten, Einzelheiten herauszuh�ren. Da war etwas, das wie das Rauschen von Reifen auf einer Stra�e klang, dann Schotter oder kleine Gegenst�nde, die gegen das Metall schlugen, das �chzen und Knirschen von Federn.</p><p>Ein hei�er Schauer durchfuhr Peter, als er sich bewusst machte, dass man ihn <emphasis>entf�hrte.</emphasis> Schwei� trat ihm auf die Stirn, seine Kopfhaut begann zu jucken. Wo war er hier hineingeraten? Er versuchte sich zu erinnern, was geschehen war. Etwas hatte ihn in der H�hle �berw�ltigt, er hatte gesp�rt, wie man ihn gepackt und nach hinten gerissen hatte. Dann war ihm etwas Feuchtes aufs Gesicht gepresst worden. Beim Gedanken daran stieg ihm ein stechender Nachgeschmack in den Rachen, eine Art Bet�ubungsmittel, vielleicht �ther. Das war alles, was er rekonstruieren konnte. Was hatte man mit ihm vor?</p><p>Der Wagen beschleunigte nun st�rker. Vielleicht befand er sich jetzt auf einer Schnellstra�e. Die Reifen rauschten laut, daher vermutete Peter, dass die Stra�e unter ihm nass war. Gleichzeitig h�rte er ein unregelm��iges Zischen, das stets von rechts hinten aufklang, schnell lauter wurde, vorbeizog und sich leiser werdend entfernte. H�chstwahrscheinlich waren es Wagen auf der Gegenfahrbahn. Peter vermutete, dass sie sich nicht auf einer Autobahn befanden, denn dort w�ren mehr Autos unterwegs. Das war vielleicht ein Zeichen daf�r, dass seine Entf�hrer nicht beabsichtigten, ihn sonderlich weit zu transportieren. Andererseits, �berlegte er, wusste er nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war und welche Strecke er bereits zur�ckgelegt hatte.</p><p>Wer mochten seine Entf�hrer sein und was ihre Motive? Da er offenbar unverletzt war, mochten sie nicht allzu gewaltt�tig sein. Dennoch verf�gten sie �ber ein gef�hrliches kriminelles Potenzial. Und au�ergew�hnliche Kr�fte oder Geschick � denn er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie an den Rangern im Wald unbemerkt vorbeigekommen waren. Noch dazu hatten sie ihn auf dem R�ckweg von der H�hle den Abhang hinunter und zum Ausgang des abgesperrten Areals transportieren m�ssen... Aber wer sagte ihm, dass sie tats�chlich unbemerkt geblieben waren? Vielleicht hatte es einen Kampf gegeben?</p><p>Der Wagen bremste und bog ab. Er behielt seine verringerte Geschwindigkeit bei. Kurze Zeit sp�ter stoppte er, blieb eine Weile stehen und fuhr dann wieder an. <emphasis>Eine Ampel</emphasis>, �berlegte Peter. Es gab ihm ein vertrautes Gef�hl, zu wissen, dass sich dort drau�en etwas so Allt�gliches wie eine Ampel befand. Ein St�ck Zivilisation. Vielleicht waren sie in einer Stadt? Aber es waren keine entgegenkommenden Autos mehr zu h�ren. Entweder befanden sie sich in einer relativ unbelebten Gegend, oder es war schon so sp�t in der Nacht, dass nur noch wenige unterwegs waren. In jedem Fall w�rde das aber bedeuten, dass kaum jemand den Wagen beachtete und die Polizei Schwierigkeiten haben w�rde, Zeugen zu finden und die Strecke nachzuvollziehen. Alles vorausgesetzt, man w�re �berhaupt schon auf der Suche nach ihm und w�sste, dass man diesem Wagen folgen musste. Erste Anlaufstelle w�ren die Ranger, aber m�glicherweise konnten die bei den Ermittlungen nicht helfen � wenn sie entweder tot waren oder aber die Eindringlinge nicht gesehen hatten... nicht gesehen... <emphasis>der Unsichtbare auf dem Monitor!</emphasis> Konnte das wirklich sein? Gab es eine Technologie, die unsichtbar machte? Stealth-Technologie, wie Patrick sie genannt hatte. Radarstrahlen schlucken oder streuen, ja. Aber einen Menschen unsichtbar machen f�r das blo�e Auge? H�chst unwahrscheinlich, aber ein Gedanke, der ber�cksichtigt werden musste. So w�re das Eindringen nat�rlich zu erkl�ren. Aber vielleicht verf�gten diese Leute dann auch �ber M�glichkeiten, ihn oder gar den ganzen Wagen verschwinden zu lassen? In diesem Fall w�rde sich seine Lokalisierung nat�rlich �u�erst schwierig gestalten. Patrick h�tte jetzt vermutlich eine technische Erkl�rung parat.</p><p><emphasis>Patrick!</emphasis></p><p>Er war in den Durchgang gest�rzt! Ganz pl�tzlich war er so sicher gewesen, dass es ungef�hrlich sei, ja er war fast besessen davon. Was war nur in ihn gefahren? Und was war nun aus ihm geworden? Hatte er inzwischen ebenfalls den Verstand verloren wie jener ungl�ckliche Sch�fer? Vielleicht bem�hte sich Stefanie bereits, den um sich schlagenden, irrsinnigen Mann zu b�ndigen, ihn aus der H�hle zu zerren. Vielleicht hatte sie nach Peter um Hilfe gerufen, um dann festzustellen, dass er verschwunden war. Patrick mochte sich in der Zwischenzeit auch verletzt haben oder in ein Koma gefallen sein, und Stefanie versuchte verzweifelt, ihn im Dunkeln und wom�glich bei Regen den Steilhang hinunterzuschleppen.</p><p>Peter schrak zusammen, als eine T�r zugeschlagen wurde und der L�rm seinen Sch�del ersch�tterte. An die eint�nigen Fahrger�usche hatte er sich gew�hnt, doch mit einem Mal waren seine Kopfschmerzen wieder da. Der Wagen hatte angehalten. Mit einem Ruck wurde vor ihm ein Paar T�ren ge�ffnet. Es waren Heckt�ren, und er selbst sa� auf dem Boden im Laderaum eines Kleinlasters, wie er bereits vermutet hatte. Schwaches Licht schien von drau�en herein, gerade so viel, dass er gl�nzende Konturen und Schatten erkennen konnte, doch zu wenig, um Farben oder Details auszumachen. Das Innere des Lasters war keineswegs f�r blo�e Transportzwecke gedacht, so viel wurde deutlich, denn es befanden sich schmale Schr�nke, Kisten, Wandbeh�nge und zwei Sitzb�nke darin.</p><p>�Sind Sie wach, Monsieur Lavell?�</p><p>Die Stimme klang streng.</p><p>�Ja, ich bin wach...�</p><p>�Dann steigen Sie aus! Wir sind da.�</p><p>Peter wollte gerade erwidern, dass er festgeschnallt sei, als er sp�rte, wie der Gurt um seinen Bauch nachgab. Er bewegte sich versuchsweise. Mit den gefesselten H�nden war es nicht leicht, sich aufzurichten. Sein Kopf war schwer und schien mit hei�em Blei gef�llt zu sein, das jeder seiner Bewegungen folgte. Behutsam suchte sich Peter einen Weg nach vorn und trat schlie�lich aus dem Wagen.</p><p>K�hle, feuchte Luft schlug ihm entgegen. Er nahm einen tiefen Atemzug und sp�rte f�rmlich, wie sich sein Gehirn zusammenzog. Es roch nach Regen, nach nassem Boden. Allerdings nicht nach Erde, sondern nach nassem Staub. Und da war noch etwas, ein schwer auszumachender Geruch, s��sauer, ein wenig nach Fr�chten, vielleicht �pfeln, aber gleichzeitig unangenehm aufdringlich, warm, nach Urin. In jedem Fall eine industrielle Ausd�nstung. Peter tippte auf eine Brauerei und sah sich um. Sie befanden sich auf dem leeren Gel�nde einer Fabrik. In der N�he stand eine einzelne Stra�enlampe. Peter konnte einen Stacheldrahtzaun erkennen, ein paar sch�bige H�uschen, eine Stra�e, Gestr�pp, einige Flachdachgeb�ude und Schornsteine. Sie befanden sich inmitten eines d�steren, maroden Industriegebiets. Dem Anschein nach war es nicht nur abgelegen, sondern auch gr��tenteils verlassen.</p><p>Jetzt trat ein zweiter Mann herbei. �Gehen Sie!�, wies er Peter an und deutete in Richtung des alten Hauptgeb�udes. Peter rechnete sich gegen seine zwei Entf�hrer keine Chancen zu einer Flucht aus. Selbst wenn es nicht dunkel und das Gel�nde nicht umz�unt gewesen w�re, h�tte er in seiner k�rperlichen Verfassung keine zwanzig Meter sprinten k�nnen, ohne vor Anstrengung und �belkeit zusammenzubrechen. Also setzte er sich in Bewegung und folgte dem ersten Mann, der schon einige Schritte vorausgegangen war.</p><p>Bald erhob sich vor ihnen die nackte Betonwand der Fabrik. Bis in den vierten Stock waren Fenster zu sehen, die Scheiben waren verschmiert oder zerschlagen, von den Sprossen liefen rostbraune Schlieren herab. Sie erreichten eine Stahlt�r, �ber der eine kleine Gl�hbirne brannte. Es gab kein T�rschild, keine Hausnummer, keine Beschriftung, keine Farben. Nur nackter Beton mit einer schwarz gefleckten Patina von vielen Jahrzehnten und eine mit Nieten beschlagene T�r, deren einst graue Lackierung durch blutige Rostgeschw�re zerfressen war. Dies ist kein Ort, an dem man eine im freundlichen Ton gehaltene Verhandlung f�hrte, dachte Peter. Dies ist mit Sicherheit auch kein Ort, an dem man bewirtet und alte Bekannte treffen w�rde. Dies ist ein Ort, an dem einen niemand sieht, niemand h�rt, und an dem einen niemand jemals wiederfindet.</p><p>Als sich die T�r �ffnete, zuckte Peter unwillk�rlich zusammen. Noch stand er hier drau�en, fast frei, roch den Regen, sp�rte die K�hle auf seinem Gesicht. Aber gleich w�rden sie eintreten. Der Gefangene sah das letzte Mal den verhangenen Himmel, und nun erwartete ihn die Bastille. Er hatte nur schemenhafte Vorstellungen davon, welches finstere Schicksal ihn erwarten k�nnte.</p><p>Das Innere war erleuchtet. Der erste Mann trat ein, der zweite stie� Peter vorw�rts. Hinter ihm fiel die T�r mit einem schweren, metallenen Klacken ins Schloss.</p><p>Der Gang war kahl und eng. An der Decke hingen unruhig flackernde Neonr�hren, zwischen denen sich Rohre und Kabel entlangschl�ngelten. Die M�nner trieben Peter voran. Er stellte fest, dass einzig dieser Gang erhellt war. Alle R�ume und Abzweigungen, die sie passierten, lauerten in v�lliger Dunkelheit. Auf eine unangenehme Weise starrten ihn die L�cher an wie der Durchgang in der H�hle. Abgr�nde, die lebendig w�rden, wenn man nur lange genug in sie hineinsah... ein Bild, das ihm in letzter Zeit entschieden zu h�ufig �ber den Weg lief. Und nun war er mittendrin.</p><p>Sie erreichten einen offenen, allein durch Gitter umgebenen Schacht und betraten einen Lastenaufzug, der aus nicht mehr als einem Stahlk�fig mit Fu�boden bestand. Einer der M�nner schob die T�r hinter ihnen zu, steckte einen Schl�ssel in eine kleine Kontrolleinheit und bet�tigte einen Hebel.</p><p>Mit einem Ruck setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung und senkte sich. Von weit �ber ihnen konnte Peter das Summen eines Motors h�ren. Metall klapperte und hallte durch den Schacht. Das Licht �ber ihnen entfernte sich, der Fahrstuhl sank in die Tiefe.</p><p>Peter wunderte sich, wie es sein konnte, dass ein so altes Geb�ude �ber unterirdische Stockwerke oder eine Tiefgarage verf�gte. Da es um sie herum rasch dunkler wurde, lie�en sich an den W�nden immer weniger Details erkennen, aber anscheinend gab es keine weiteren G�nge oder T�ren. Die Luft wurde k�lter, der Geruch nach Beton und Staub wich einem feuchtmodrigen Aroma nach Erde und alten Backsteinen. Unvermittelt kamen sie zum Stehen. Das Gitter des Fahrstuhls wurde aufgeschoben, und dann �ffnete sich eine h�lzerne T�r in der Wand vor ihnen. Ein rotgelber Schein schlug ihnen entgegen.</p><p>Wortlos wurde Peter angetrieben. Sie gingen durch einen Gang, der aus gro�en Bl�cken gemauert war, fast wie durch eine Krypta. Den Boden bedeckte ein dunkelroter L�ufer, an den W�nden waren in regelm��igen Abst�nden �llampen befestigt. Der Gang endete an einer weiteren Holzt�r, diesmal waren altes Schnitzwerk und gl�nzende Messingbeschl�ge darauf zu erkennen. Der Mann, der den kleinen Trupp anf�hrte, �ffnete sie. Anschlie�end traten sie in eine ger�umige Halle, acht oder zehn Meter hoch, die in das bedrohlich zuckende Lichtspiel von Flammen getaucht war. Sie entsprangen �bergro�en Feuerschalen in den Klauen zweier mannshoher Skulpturen aus Schmiedeeisen. Es waren verschlungene Gebilde aus unf�rmigen Gliedma�en, raubtierhaft, haarig, sehnig, verwoben mit �bergro�en menschlichen und nichtmenschlichen Geschlechtsorganen, M�ulern und Krallen. Die monstr�sen Wucherungen standen links und rechts einer breiten, steinernen, mit einem Teppich belegten Treppe. Sie f�hrte zu einer Galerie, die in der H�he rund um die Halle herumf�hrte, wo weitere G�nge und T�ren sichtbar waren.</p><p>Der bedrohliche Eindruck wurde noch verst�rkt, als Peters Blick auf den Fu�boden vor ihnen fiel. Dort war ein gl�nzendes Mosaik aus schwarzem Glas oder Obsidian eingelassen.</p><p><image l:href="#6"/></p><p>Peter erkannte es sofort. Es war eine Abwandlung das Siegels von Belial, dem achtundsechzigsten D�mon in der <emphasis>Goetia.</emphasis> Er hatte den �kleineren Schl�ssel Salomons�, wie das Werk ebenfalls genannt wurde, vor einigen Jahren ausgiebig studiert. In der Mythologie war Belial ein gro�er K�nig der D�monen, geschaffen direkt nach Satan und einer der vier Kronprinzen der H�lle. Er galt als unabh�ngig, niedertr�chtig, ewig verlogen und wurde mit dem Element Erde sowie den n�rdlichen Himmelsrichtungen verbunden. Eine Art Schattenseite von Luzifer, Morgenstern, dem Lichtbringer � wenn D�monen �berhaupt noch Schattenseiten haben konnten. Peter staunte �ber sich selbst. Mit pl�tzlicher Intensit�t war alles wieder da. Alles, was er �ber die Abgr�nde erfahren, gelesen und geh�rt hatte. Er hatte mehr okkulte Werke ergr�ndet als manch katholischer Exorzist, hatte geheime Wege beschreiten d�rfen und sich mit Leuten unterhalten, denen in dieser ganzen Thematik niemand das Wasser reichte. Doch immer war es � und das wurde ihm in diesem Augenblick schaudernd bewusst � akademisch gewesen. Nie hatte er zu tr�umen gewagt, einmal in die Gewalt von Fanatikern zu kommen, die diese pseudoreligi�sen Hirngespinste lebten und ernst nahmen � und zwar ernster, als es jedem lieb sein konnte, der um sein Leben und seine geistige Gesundheit f�rchtete.</p><p>In diesem Augenblick trat eine Gestalt an das obere Ende der Treppe. Es war ein schlanker junger Mann in einem dunklen Anzug, der nun herunterkam. Als er in den direkten Schein der Feuerschalen trat, erkannte Peter ihn.</p><p>�Ash Modai�, sagte er.</p><p>�Willkommen, Herr Professor Lavell. Wie ich sehe, sind Sie unversehrt, wunderbar.�</p><p>�Ich kann nur hoffen, dass das auch so bleibt.�</p><p>�Entschuldigen Sie meine forsche Einladung. Sie verstehen sicherlich, dass ich Sie unbedingt wiedersehen musste.�</p><p>�Was wollen Sie von mir?�</p><p>Ash Modai war an Peter herangetreten und funkelte ihn eindringlich an. �Aber das wissen Sie doch.�</p><p>�Gr�men Sie sich noch immer wegen meiner Publikationen?�</p><p>�Ihre Publikationen? Die sind �berhaupt nicht von Relevanz. Sie haben keinerlei Auswirkung auf die Wahrheit, auf unseren Orden oder die Ebenen zwischen den Welten. Und daher sind sie auch nicht von Bedeutung. Nur kleine Geister m�gen sich gr�men, sich verunglimpft f�hlen. Aber was k�mmert es das Meer, ob es regnet?� Der junge Mann f�hrte sein Gesicht ganz nah an Peter heran. Peter bemerkte mit Schaudern, dass dessen Pupillen nicht rund geformt waren, sondern senkrecht spitz zuliefen, was ihnen ein fremdartiges, animalisches Aussehen verlieh. Ash Modai schien an ihm zu riechen. Dann sagte er mit drohend ged�mpfter Stimme: �Nein, Herr Professor. Sie sind einzig und allein wegen des Kreises hier. Des �Kreises von Monts�gur�.�</p><p>�Was wissen Sie �ber den �Kreis�?�, fragte Peter.</p><p>Der Mann riss die Augen auf und stie� Peter mit so pl�tzlicher Wucht vor die Brust, dass ihm aller Atem aus den Lungen wich und er r�ckw�rts zu Boden ging.</p><p>�ICH stelle hier die Fragen!�, herrschte Ash Modai ihn an.</p><p>Peter wurde es f�r einen Lidschlag schwarz vor Augen. Er st�tzte sich mit einem Arm auf und bem�hte sich, Luft zu holen.</p><p>�Ich habe Sie nicht herbringen lassen, um mit Ihnen zu plaudern�, fuhr der Mann in ruhigerem Ton fort. �Ich habe Sie einmal gebeten, mir Ihre Informationen zu geben. Aber Sie stellten sich mir in den Weg. Nun bitte ich Sie nicht mehr. Ich werde mir die Informationen holen, und danach sind Sie �berfl�ssig.�</p><p>�Die H�hle...�, brachte Peter kurzatmig hervor, �Sie wissen doch jetzt, wo sie ist.�</p><p>�Das stimmt. Und das ist nicht Ihr Verdienst, also sollten Sie nicht allzu stolz darauf sein. Aber jetzt will ich etwas anderes wissen. N�mlich wie man hineinkommt.�</p><p>Peter richtete sich langsam und wankend auf. Ein stechender Schmerz in der Brust hinderte ihn, tief Luft zu holen. Er mochte nicht dar�ber nachdenken, ob das von einer gebrochenen Rippe herr�hrte. Sein Kopf schien zu gl�hen. �Sie k�nnen die H�hle nicht betreten. Sie werden es niemals k�nnen.�</p><p>Ash Modai machte einen Schritt nach vorn und stie� dem noch gekr�mmt dastehenden Peter eine Faust in den Magen. St�hnend sank Peter auf die Knie. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seinen Eingeweiden aus. Er verkrampfte sich, wollte Luft holen, w�rgte und erbrach sich mit brennender Heftigkeit auf das Mosaik.</p><p>�Sie werden mir keinen Mist mehr erz�hlen, Herr Professor! Ich werde herausfinden, was ich wissen will. Schafft ihn weg!�</p><p>Peter nahm verschwommen wahr, wie ihn die beiden M�nner, die ihn hereingef�hrt hatten, an den Oberarmen griffen und empornssen. Sie zerrten ihn durch die Halle, und er bem�hte sich, seine F��e dabei voreinander zu setzen.</p><p>Wie aus der Ferne h�rte er die Stimme von Ash Modai: �Bringt ihn zur Empore im Saal und macht ihn dort fest!� Dann hatten sie den Feuerschein der Halle verlassen und tauchten in einen dunklen Gang ein.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 18</strong></p><p><emphasis>10. Mai, H�hle bei St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Stefanie fing ihren Sturz so geschickt es ging auf, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie dabei auf Patrick landete, der r�ckw�rts in den Durchgang gest�rzt war und nun auf dem Boden lag.</p><p>Er lachte. �Gleich so st�rmisch?�</p><p>Sie sagte nichts, stand auf und klopfte sich den Dreck von der Hose.</p><p>Patrick erhob sich ebenfalls. �Sehen Sie? Es ist nichts passiert! Ich wusste es! Der Durchgang ist offen.� Er blickte den Gang entlang und entdeckte das diffuse Leuchten hinter der n�chsten Biegung. �Da ist es also... Kommen Sie, das muss ich mir ansehen!�</p><p>Langsam ging er auf die Lichtquelle zu, und sie folgte ihm dichtauf. Als er den Eingang der Kaverne erreichte, blieb er stehen. Blaues Licht, das von unten nach oben heller wurde, erf�llte die steinerne Grotte. Es bewegte sich in sanften Schleiern, wogte dahin, als sei es lebendig. Es hatte wahrhaftig eine Dichte, eine <emphasis>Substanz</emphasis>, wie Stefanie zu Recht beschrieben hatte, so als k�nne man es anfassen. Wenn einzelne Strahlen durch die H�hle wanderten, wirkte es gl�nzend und durchsichtig, an anderen Stellen war es fast tr�b, so dass sich die gegen�berliegende Wand nicht erkennen lie�. Es hatte den Anschein, als st�nde die Halle unter Wasser, und das Licht des Mondes schiene durch die Wellen hinab auf den Meeresboden.</p><p>�Es ist... wundersch�n!�, h�rte Patrick sich sagen.</p><p>Jetzt sah er auch die Lichts�ule, von der Stefanie erz�hlt hatte. Es war ein gerader Strahl, der von der Mitte der H�hle aus f�rmlich an die Decke emporloderte. Er war sehr hell, von fast reinem Wei�, und auch er hatte diese <emphasis>lebendige</emphasis> Qualit�t, waberte leicht, drehte sich. Einzelne Str�me waren darin zu erkennen, die sich geradezu bed�chtig nach oben bewegten.</p><p>Ein Weg f�hrte zu ihm hin. Mit dem Plan der H�hle vor Augen wusste Patrick, dass es der einzige Weg war, auf dem man in das Zentrum der konzentrisch angelegten Ringe gelangen konnte. Vorsichtig trat er einige Schritte vor und stand am ersten der drei Gr�ben. Im wechselnden blauen Lichtspiel war es nur undeutlich auszumachen, aber in etwa zwei Metern Tiefe war der Graben mit Wasser gef�llt. Ein Fest f�r jeden H�hlentaucher, zu erkunden, wie tief diese Gr�ben waren, was sich auf ihrem Boden verbarg, wie sie angelegt waren, wo sie hinf�hrten und wo das Wasser herkam.</p><p>Patrick z�gerte, vom �u�eren Rand der H�hle aus nun den Weg zu beschreiten, der zur Mitte f�hrte. Etwas mahnte ihn zur Vorsicht. Er lie� seinen Blick schweifen und suchte den Boden nach verr�terischen Unregelm��igkeiten ab, eingelassenen Klingen, die emporschnellen konnten, oder Mechanismen, die durch sein Gewicht ausgel�st w�rden. Er glaubte nicht an komplizierte Fallen, und dennoch fuhr etwas wie mit d�rren Krallen durch seine Nackenhaare. Und dann sah er es: Das Licht bildete eine Grenze direkt an der Kante des ersten Grabens.</p><p>Das friedvoll wehende Lichtph�nomen durchdrang mitnichten die gesamte Halle, sondern bildete gleichsam eine Kuppel, deren �u�eren Rand sie noch nicht �berschritten hatten. Sie standen weiterhin au�erhalb des Lichtes, auch wenn der Schein �berall zu sein schien. Doch es gab eine fast unmerkliche Grenze. Bei genauer Betrachtung war zu erkennen, dass der Stem hinter der Grenze ein klein wenig anders aussah. Und das war es, was Patrick Sorgen bereitete. Denn dort war der Boden nicht einfach heller oder dunkler, sondern wirkte je nach Lichteinfall merkw�rdig unwirklich. Er bekam zeitweise eine leicht flirrende Oberfl�che, wie bei einer Luftspiegelung, dann wieder wirkte er fast durchscheinend.</p><p>Patrick beschlich das ungute Gef�hl, dass die Stille und Sanftm�tigkeit dieser H�hle trog. Hier verbarg sich etwas, das weitaus gr��er war als jener erste Schritt, der ihn auf den Mittelgang f�hren w�rde. Hinter der Einladung, vorzutreten, lauerte etwas. Und Patrick hatte keine Vorstellung davon, was es sein k�nnte.</p><p><emphasis>Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden.</emphasis></p><p>Welcher Natur war die Strahlung, die hier zu sehen war? War dies vielleicht eine Waffe? Eine Art Reaktor? Waren Menschen �berhaupt dazu bestimmt, diese Grenze zu �berschreiten? Vielleicht durfte dieses Licht nicht ber�hrt werden, vielleicht sch�tzte es das Innere der Kreise, vielleicht musste man es zun�chst irgendwie <emphasis>ausschalten</emphasis>?</p><p>Je mehr Patrick dar�ber nachdachte, desto weniger feindselig kam ihm die Erscheinung vor. Denn gleichzeitig wirkte sie beruhigend und verhei�ungsvoll. M�glicherweise war es einfach nur die Fremdartigkeit des Ph�nomens, die so bedrohlich wirkte und derart zwiesp�ltige Gef�hle hervorrief.</p><p>Vorsichtig streckte Patrick eine Hand aus und ber�hrte die Grenze des Lichts.</p><p>Nichts lie� sich mit den H�nden greifen, auch die Temperatur ver�nderte sich nicht. Es schien nicht mehr als Licht und Luft zu sein. Und doch lie� sich nun auf seinen Fingern derselbe Fata-Morgana-Effekt beobachten wie auf den Steinen.</p><p>Stefanie war dicht herangetreten und verfolgte das Geschehen. Patrick sah sie an.</p><p>�Hier ist wieder so ein �bergang�, sagte er.</p><p>�Ja, sieht so aus...�</p><p>�Wie beim Durchgang, nur anders. Eine Grenze in der Luft.�</p><p>�Und jetzt? Sie wollen doch wohl nicht etwa da rein?�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher... man kann es ber�hren...�</p><p>�Das kann man die Schw�rze im Durchgang auch. Und was passieren kann, haben Sie ja am eigenen Leib kennen gelernt.�</p><p>�Ja, aber nun scheint es ja offen zu sein. Vielleicht kann man hier jetzt auch einfach durch.�</p><p>�<emphasis>Vielleicht?</emphasis> Wollen Sie das riskieren?�</p><p>�Jetzt sind wir so weit gekommen.�</p><p>�Ich kann nur hoffen, dass Sie das nicht ernst meinen! Auch wenn ich Ihre Neugier nachvollziehen kann, ist das doch wohl kaum... <emphasis>PATRICK!</emphasis>�</p><p>Es traf ihn mit der Gewalt eines Orkans.</p><p>Mit einem kleinen Schritt hatte er die Grenze �berquert und stand nun unvermittelt in einem glei�enden Sturm aus Bildern, getrieben von einer kreischend lauten Kakophonie aus Kl�ngen, Ger�uschen und Stimmen. Ohnm�chtig durchsp�lten ihn unermessliche Eindr�cke � aus zahllosen fremden L�ndern und fernen Zeiten zugleich, Menschen, Tiere, Bauwerke, Sprachen und Ges�nge, alles wirbelte in einem infernalischen Orchester durcheinander, drang durch jedes Tor und jede noch so kleine Fuge seiner Wahrnehmungsf�higkeit in sein Mark. Es vergewaltigte seine Sinne, nahm ihnen Unschuld, Willen und Wider-Stand, brandete in einer dr�hnenden Flutwelle an seinen Verstand, zerschlug donnernd den letzten Wall und verschlang alles in einer Sintflut der Sinne und des Geistes.</p><p>Kraftlos sank Patrick auf die Knie. Alles verschwamm in Dunkelheit.</p><p>Finsternis. Stille.</p><p>Unf�hig, sich zu bewegen, gefangen auf dem Boden der Tiefsee, in einem mentalen Unterseeboot, dessen Schotten geflutet waren, schien selbst die Zeit ihren Atem anzuhalten.</p><p>Und dann blieb sie stehen.</p><p>Keine Zeit, kein Licht, kein Ton.</p><p>So trieb er durch das Nichts, als er in der Ferne ein feines blaues Funkeln ausmachte. Es verschwand, wenn er es ignorierte. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Doch es glimmte stets erneut auf. Wenn er seine Aufmerksamkeit darauf richtete, wuchs es an. Er missachtete es, und es schrumpfte wieder. Eine Weile vergn�gte er sich daran, das Licht wachsen und verschwinden zu lassen. Er wollte sich gerade davon abwenden, als sich dem kleinen Licht eine leise Stimme hinzugesellte. Je mehr er sich anstrengte, zu h�ren, was sie sagte, desto lauter wurde sie. Und mit ihr schwoll das Licht an, und schon bald gab es kein Zur�ck mehr. Er raste mit zunehmender Geschwindigkeit nach oben.</p><p>Mit brennenden Lungen und letzter Kraft brach er durch die Oberfl�che. St�hnend atmete er aus und sog sich die Lungen voll mit frischer Luft. Leben sp�lte durch seine Adern, durch seine Nerven. Er schlug die Augen auf. Sanftes blaues Leuchten umfing ihn.</p><p>�Patrick! Da sind Sie ja!�</p><p>Er sah in Stefanies Gesicht. Nie war sie ihm sch�ner vorgekommen. Und gleichzeitig wirkte sie pl�tzlich entr�ckt, erhaben. Mit einem Mal sp�rte er ihre Andersartigkeit so intensiv, dass es ihn sexuell erregte. Die Erektion war jedoch schmerzhaft, und sie war nicht mit L�sternheit und Begierde verbunden, sondern im Gegenteil mit Ehrfurcht � wie vor einem h�heren, heiligen Wesen.</p><p>�Geht es Ihnen gut? Alles wieder in Ordnung?�</p><p>Patrick erinnerte sich, wo er sich befand und was geschehen war. Er sa� auf dem Boden der H�hle, das Licht umspielte ihn von allen Seiten, ihm schien nichts zu fehlen. Anders als beim ersten Mal, als er den Kopf durch den Durchgang gesteckt hatte, sp�rte er keine Nachwirkungen. Neben ihm kniete Stefanie, ihre Hand lag auf seiner Schulter. Und etwas hatte seine Wahrnehmung von ihr entscheidend ver�ndert. Die Tatsache, dass sie ihn anfasste, allein der blo�e Gedanke an ihre Ber�hrung l�ste ein dr�ngendes Pochen in seinen Lenden aus, und zugleich erkannte er, dass er es niemals wagen w�rde, sie zu ber�hren. Dass �berhaupt kein Mann in der Lage w�re, sie jemals zu ber�hren.</p><p>Unbeholfen stand er auf und bem�hte sich, mit der linken Hand unauff�llig seinen Scho� zu bedecken. Stefanie tat so, als bemerkte sie es nicht, doch sie lie� seine Schulter dabei nicht los. Und Patrick sp�rte unwillk�rlich, dass das so sein musste.</p><p><emphasis>Denen zug�nglich, die Bewahrer der Mysterien sind.</emphasis></p><p>Sie war eine H�terin der Geheimnisse, daher hatte sie den Durchgang passieren k�nnen. Und bei Patricks Sturz hatte sie ihn ebenfalls ber�hrt, als sie versucht hatte, ihn zur�ckzuhalten. Dadurch war er nicht zu Schaden gekommen. Und nun, in dieser blauen Kuppel, musste er sich von ihr ber�hren lassen, wenn er nicht auf der Stelle den Verstand verlieren wollte.</p><p>Er sah sich um. Und sein Atem stockte.</p><p>Die Luft um ihn herum war erf�llt von Bildern. Wohin er auch blickte, sah er Tiere, Menschen, Gegenst�nde, Bauwerke, ja ganze St�dte und Landschaften. Die Bilder bewegten sich, flossen ineinander, schienen bald durchsichtig und schemenhaft, bald unertr�glich real und greifbar. Es waren keine toten Abbildungen, sondern animierte Szenen, die einander in einem best�ndigen Strom durchdrangen. Und wie die merkw�rdigen visuellen Artefakte, die sich beim Reiben auf dem Augapfel einbrannten, so waren sie nur aus dem Augenwinkel zu beobachten. Sobald Patrick versuchte, sie direkt anzusehen, verschwammen und zerflossen sie. Als w�re diese Reiz�berflutung nicht genug, wurden alle Objekte und Schaupl�tze von offenbar dazugeh�rigen Kl�ngen begleitet. Von allen Seiten drangen unirdisch anmutende Musikfetzen, unverst�ndliche Bruchst�cke fremdsprachiger Gespr�che und Ger�usche jeder Art und Lautst�rke auf ihn ein. Patrick stand inmitten eines albtraumhaften, multimedialen Basars. Hektischer, bunter, lauter und eindringlicher als alles, was er je zuvor erlebt hatte.</p><p>�<emphasis>Mon Dieu...</emphasis> Was ist das?!� Seine Stimme kam ihm verhalten und fremd vor.</p><p>�Ich sehe es auch�, sagte Stefanie. �Es ist atemberaubend!�</p><p>�Einiges kann man fast ber�hren! Und es ist so schnell! Man kann kaum erfassen, um was es sich handelt...�</p><p>�Erkennen Sie irgendeine Struktur? Eine Logik?�</p><p>Patrick streckte eine Hand aus, doch sie fuhr durch das st�rmende Panoptikum der Bilder hindurch wie durch Luft. �Ich w�re froh, wenn ich �berhaupt irgendetwas mal in Ruhe ansehen k�nnte!�</p><p>�Aber irgendeinen Sinn muss es doch haben... vielleicht wiederkehrende Motive?�</p><p>�Stefanie, wenn ich irgendwelche Motive erkennen k�nnte... warten Sie mal. Doch. Da ist etwas, dort dr�ben, sehen Sie?�</p><p>�Was meinen Sie?�</p><p>�Jetzt ist es schon wieder weg.� Er sah sich um. �Aber dort wieder... Sind das nicht Pyramiden?�</p><p>Stefanie sah in die Richtung, in die Patrick deutete. �Ich kann nichts erkennen...�</p><p>�Doch, ganz bestimmt.� Das Bild war pl�tzlich aufgetaucht und in einem Lidschlag wieder entschwunden, aber es hatte einen bleibenden Eindruck vor seinem inneren Auge hinterlassen. Er kannte dieses Motiv nur zu gut. Zwei gro�e und eine kleinere Pyramide: Es war der ber�hmte Postkartenblick auf das Plateau von Gizeh. Und als er sich dieses Bild vergegenw�rtigte, tauchte es erneut auf, diesmal n�her und weniger schemenhaft.</p><p>�Da ist es wieder!�</p><p>�Was meinen Sie?�</p><p>�Na sehen Sie doch, direkt hier vorne, es ist...� Er hielt inne. Im Raum vor ihm wirkte die Sicht auf die Pyramiden jetzt fast greifbar, als w�rde er direkt vor ihnen in der Luft schweben. Das Bild wurde immer klarer, die Farben voll und lebendig, das Szenario saugte ihn regelrecht auf, und die umgebenden Bilder und nebelhaften H�hlenw�nde entschwanden. �Sind Sie noch da?�, fragte er, mehr zu sich selbst, denn er wagte nicht, den Blick zu l�sen und sich nach Stefanie umzusehen.</p><p>�Ja�, h�rte er sie.</p><p>�Das ist doch unglaublich, oder? Was passiert jetzt?�</p><p>�Was meinen Sie?�</p><p>�Sehen Sie es denn nicht?�</p><p>�Ja, Bilder, �berall um uns herum.�</p><p>�Nein, die Pyramiden! Direkt vor mir, und ich...� Wieder stockte er. Das Bild entsprach zwar im Prinzip dem Anblick von Gizeh, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die mittlere der Pyramiden, die Chephren-Pyramide, war vollkommen intakt, das typische Band der abgel�sten Verkleidungsbl�cke war nicht zu sehen, und auch die Cheops-Pyramide zeigte sich mit ihrer urspr�nglichen Verkleidung aus wei�em Kalkstein, inklusive des schon lange fehlenden gl�nzenden Abschlusssteins auf der Spitze. Dies war nicht das Plateau von Gizeh, wie es heute aussah. Dies war ein Blick in die Vergangenheit!</p><p>�Welche Pyramiden?�, h�rte er Stefanie fragen. �Offenbar sehen Sie etwas anderes als ich. Beschreiben Sie es!�</p><p>�Direkt vor mir ist die Cheops-Pyramide. Und sie sieht aus, als w�re sie gerade erst erbaut worden.�</p><p>�Ja... jetzt ist sie auch vor mir erschienen. Aber nur schemenhaft. Beschreiben Sie weiter!�</p><p>�Sie ist wunderbar glatt und wei�... und weiter unten sieht man Menschen... da sind Geb�ude! Eine ganze Stadt, H�tten aus Lehm und Palmwedeln...�</p><p>�Je mehr Sie erz�hlen, desto mehr Details kann ich auch erkennen. Als ob Sie es erscheinen lassen... Sehen Sie noch mehr? Was tun die Menschen?�</p><p>Patrick konzentrierte sich auf das Treiben zu F��en der Gro�en Pyramide, und schon rauschte das Bild auf ihn zu. Pl�tzlich befand er sich auf Bodenh�he, inmitten der Menschen, die ihren Gesch�ften nachgingen. Unverst�ndliche Gespr�che umgaben ihn, irgendwo rief jemand etwas, aus einer anderen Richtung klang ein H�mmern her�ber.</p><p>�Ich bin jetzt mittendrin. Ich kann den Menschen ins Gesicht sehen. Sie sind �berall um mich herum. Verschwitzt, staubig, sie unterhalten sich, dort dr�ben ist eine H�tte. Und an der Wand steht ein Wagen!�</p><p>�Ich sehe es auch�, ert�nte Stefanies Stimme aus dem Nichts und doch aus unmittelbarer N�he, �aber immer erst, nachdem Sie es erw�hnt haben... Vielleicht gibt es eine Verbindung? Vielleicht steuern Sie unbewusst diese Bilder?�</p><p>�Ich wei� nicht...�</p><p>�Versuchen Sie, sich auf den Wagen zu konzentrieren. Zeigen Sie ihn mir.�</p><p>�Also gut, der Wagen. Er ist...� Noch w�hrend Patrick redete, schien der Wagen hautnah auf ihn zuzukommen. Die Umgebung verblasste, der ganze Blick war nur noch auf das Gef�hrt gerichtet. �Es ist eine Art zweir�driger Karren, wie man ihn hinter ein einzelnes Pferd spannen w�rde...�</p><p>�Ich sehe ihn! Patrick, Sie lenken die Bilder!�</p><p>�Ja, irgendwie... wenn ich mich auf etwas konzentriere... wie dieser Wagen... Sehen Sie sich die einfache Konstruktion an. Hohe Effektivit�t mit minimalem Aufwand. Das Prinzip hat sich fast viertausend Jahre lang nicht ge�ndert, bis zur industriellen Revolution...� Das h�lzerne Gef�hrt wandelte sich bei diesen Gedanken in ein unbeholfenes Vehikel mit gro�en Stahlr�dern und einem Schornstein. Es war eine Dampfmaschine geworden. Patrick beobachtete die Ver�nderung mit Staunen. Hatte er gerade einen Zeitsprung gemacht? Oder sah er nur Bilder, die sein eigenes Ged�chtnis produzierte? Eine solche Dampfmaschine hatte er nat�rlich schon einmal gesehen, aber da war diese Detailf�lle! Er konnte sogar Risse im schwarzen Lack erkennen. Es war wie ein hyperrealistischer Traum.</p><p>�Der Wagen ist verschwunden�, sagte Stefanie. �Was tun Sie?�</p><p>�Ich habe an etwas anderes gedacht und nun...� Er versuchte sich zu beruhigen. Wenn er die Bilder allein durch seinen Willen erscheinen lassen konnte, war es ihm vielleicht auch m�glich, Stefanie daran teilhaben zu lassen, ohne es ihr zu beschreiben. Er vergegenw�rtigte sich ihre Ber�hrung, ihr engelgleiches Wesen, stellte sich ihr Gesicht, ihren K�rper neben sich vor. Und dann stand sie unvermittelt neben ihm, war Teil des Ganzen geworden. Zu zweit schienen sie nun in einem Undefinierten Raum zu schweben, der auf jeden konkreten Gedanken reagierte, und vor ihnen, einer holographischen Projektion gleich, befand sich die Dampfmaschine.</p><p>�Patrick! Sie beherrschen die H�hle!�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ich hier wirklich etwas beherrsche ... Die H�hle und das Licht, es scheint irgendwie zu leben, steht mit meinen Gedanken im Kontakt. Ich kann es ein wenig lenken, aber ich wei� nicht, um was es hier geht. Was ist der Sinn, der Zweck? Wo kommt das alles her? Und ich bin sicher, dass ich die Kontrolle vollst�ndig verlieren w�rde, wenn Sie jetzt meine Schulter loslie�en.�</p><p>�Mag sein. Vielleicht diene ich als eine Art Katalysator...�</p><p>�Ja, das w�re eine Erkl�rung... Obwohl das nat�rlich eine ziemlich miserable Erkl�rung daf�r ist, was hier tats�chlich passiert!�</p><p>Stefanie musste lachen.</p><p>�Was zeigt einem die H�hle wirklich?�, fragte Patrick. �Wie weit kann man das Spiel treiben? Mal �berlegen, wie haben sich die Autos denn weiter entwickelt...� Die Dampfmaschine vor ihren Augen erfuhr eine pl�tzliche Wandlung, die Umrisse verschwammen, ein dahineilendes Wirrwarr aus R�dern, Streben und anderen mechanischen Bauteilen trat an die Stelle der Dampfmaschine, und dann kristallisierte sich eine neue Form heraus. Sie wurde allm�hlich deutlicher, und bald war ein anderes Gef�hrt zu sehen, das im Wesentlichen aus gro�en Stahlreifen, einem Gest�nge mit h�lzerner Sitzbank und einem klobigen, gro�en Motor bestand.</p><p>�Ja, es klappt!�, rief Patrick. �Ich habe nicht ausdr�cklich an diesen Wagen gedacht, er hat sich von allein gebildet. Die H�hle kennt den alten Benz!�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Ich versuche herauszufinden, ob die H�hle nur das abbildet, an das ich gerade denke, ob sich also lediglich meine eigenen Gedanken manifestieren. Aber es scheint so, als ob ich nur die Richtung lenke und die Bilder woanders herkommen.�</p><p>�Wo sollen sie denn herkommen?�</p><p>�Na, was wei� denn ich? Aber k�nnte das hier nicht so etwas wie eine Art Bilder- oder Filmarchiv sein? Oder eine Art Lexikon? Ich meine, immerhin haben wir die H�hle doch als �H�hle des Wissens� betrachtet.�</p><p>�Aber vielleicht haben Sie unterbewusst an diesen Wagen gedacht? Offenbar kennen Sie ihn ja wohl.�</p><p>�Sie haben Recht... aber wie sollte man auch an etwas denken, das man nicht kennt?�</p><p>�Eigentlich tut man das doch immer, wenn man eine Antwort sucht.�</p><p>�Sie meinen...�</p><p>�Ja, wenn Sie sich nicht treiben lassen oder in Ihren eigenen Gedanken herumst�bern, sondern eine Frage haben und etwas erfahren wollen.�</p><p>�Gute Idee... etwas Einfaches, Ungekl�rtes... die merkw�rdigen Faxe vielleicht? Wo kommen sie her? Wer ist �St. G.�?� W�hrend er sprach, wurden die beiden Papiere sichtbar. Im Raum vor sich erkannte er die einzelnen Buchstaben, sah die Maschine, aus der sie gekommen waren, h�rte seine eigene Stimme: �<emphasis>Sie wurden in einem Postamt in Morges in der Schweiz aufgegeben.</emphasis>� Dann wurde ein Gesch�ftsraum sichtbar, polierter Steinfu�boden, einzelne Schalter, wartende Menschen mit Briefen und P�ckchen. Anschlie�end zog sich der Blick aus dem Inneren des Geb�udes nach au�en zur�ck, wie eine r�ckw�rts f�hrende Kamerafahrt. Eine Stadt wurde sichtbar, modern, aber hier und dort von schmalen und verwinkelten Gassen durchzogen, die noch immer ihrem urspr�nglichen, mittelalterlichen Verlauf folgten. Bald kam eine kleine Burg ins Bild, die fast k�nstlich aussah und v�llig quadratisch, mit vier T�rmen an den Ecken. Sie stand direkt an einem Yachthafen. Segelboote und Schw�ne waren auszumachen. Es sah eher nach einem See als nach dem Meer aus. Wenn dies Morges war, so �berlegte Patrick, musste es der Genfer See sein. Die Perspektive entfernte sich nach oben, und pl�tzlich verschwamm die Landschaft, als werde sie seitlich weggezogen. Als sich das Bild wieder sch�rfte, war ein herrschaftliches Anwesen zu erkennen. Das Grundst�ck reichte direkt an das Ufer des Sees. Gro�e gepflegte Rasenfl�chen und ein Park mit einigen wenigen hohen B�umen waren zu erkennen. Und inmitten des Parks stand eine zweist�ckige Villa, auf die der Blickwinkel sich nun verj�ngte. Der Bildausschnitt f�hrte in einer rasanten Schleife um das Herrenhaus herum, die Einfahrt hinauf und zum Tor. Dort heftete er sich schlie�lich an ein Schild aus Messing, das in einen Pfeiler gleich oberhalb eines Klingelknopfes eingelassen war. Gravierte Buchstaben sch�lten sich aus der Oberfl�che:</p><p><emphasis>Steffen van Germain</emphasis></p><p>�Das gibt's doch nicht�, entfuhr es Patrick.</p><p>�Das hat die H�hle also nicht aus Ihrem Ged�chtnis geholt?�</p><p>�Nein, meine G�te, wie auch? Ich habe diesen Namen noch nie geh�rt. Aber es scheint unser �St. G.� zu sein. Und die Stadt habe ich auch noch nie gesehen. Das muss Morges gewesen sein! Ist das nicht unglaublich? Ob die H�hle einem alle Fragen auf diese Weise beantworten kann? Stellen Sie sich das mal vor!�</p><p>�Ich bin gespannt, was Peter dazu sagen wird.�</p><p>�Peter, nat�rlich! Den hatte ich ganz vergessen. Wir m�ssen ihn unbedingt holen.� Bei diesen Gedanken l�sten sich die Bilder augenblicklich auf, und das sanft wabernde blaue Licht trat an ihren Platz. Es war, als w�rden sie aufwachen. F�r einen Moment f�hlte sich Patrick orientierungslos. Das Licht um ihn herum war viel heller, als er es in Erinnerung hatte. Und pl�tzlich sah er, dass er direkt vor der Lichts�ule stand, die im Zentrum der H�hle in die H�he strahlte. Anscheinend war er unbemerkt weitergelaufen � gl�cklicherweise, ohne dabei in einen der Gr�ben zu st�rzen. Neben ihm stand Stefanie, noch immer mit der Hand auf seiner Schulter. Auch sie hatte sich also bewegt. Sie befanden sich beide im inneren Kreis der H�hle. Es war eine Plattform von etwa zehn Metern Durchmesser. In der Mitte befand sich ein steinernes Podest, etwa h�fthoch, von dem die Lichts�ule ausging.</p><p>Das Licht stieg bed�chtig und sanft nach oben. Hellere und dunklere Str�mungen waren darin zu erkennen. Die Tatsache, dass es dabei keinerlei Ger�usch von sich gab, verlieh dem Ph�nomen eine seltsame W�rme und Weichheit. Das Absonderlichste aber war die eigentliche Quelle des Lichts. Denn es war nicht das Podest selbst, das diese Strahlung aussandte, sondern das, was auf dem Podest stand.</p><p>Es war ein Kopf. Doppelt so gro� wie ein nat�rlicher Sch�del, gl�nzend, leicht spiegelnd und offenbar aus einer Art rotgoldenem Metall gefertigt. Die Gesichtsz�ge waren nur angedeutet, doch es mochte der stilisierte Kopf eines Mannes sein, zumindest falls der l�ngliche Fortsatz am Kinn einen Bart darstellte. Er trug eine eigent�mliche Frisur. Vielleicht war es auch eine M�tze oder etwas anderes, aber es war geformt wie ein Paar Stierh�rner.</p><p>�Was zum Teufel...�, brachte Patrick hervor.</p><p>�Ich denke nicht, dass man das anfassen sollte�, sagte Stefanie.</p><p>�Keine Sorge, das hatte ich auch nicht vor... Aber sehen Sie mal...� Er beugte sich n�her heran. �Was ist das nur? Kupfer ist es nicht... irgendeine Legierung. K�nnte goldhaltig sein. Und diese Kopfform... Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es sieht keiner westlichen Kultur �hnlich. Wirkt eher orientalisch ...�</p><p>�Patrick... ich denke wirklich, wir sollten zu Peter zur�ck. Ich habe ein ungutes Gef�hl.�</p><p>Patrick sah auf und verharrte einen Augenblick. �Sie haben Recht... Mir geht es pl�tzlich auch so! Los!�</p><p>Mit eiligen Schritten machten sie kehrt und gingen den Weg zur�ck, bis sie die �ffnung in der Felswand erreichten, die sie aus der Kaverne und zur�ck zum Durchgang f�hrte, wo sie Peter zur�ckgelassen hatten.</p><p>Patrick konnte nicht sagen, was diesen Instinkt pl�tzlich ausgel�st hatte, doch er war sich sicher, dass etwas passiert war. Hinter der Biegung des Gangs sah er sofort, dass der Engl�nder nicht da war. Stefanies Hand fiel von seiner Schulter ab, als er vor ihr in den H�hlenraum mit den Inschriften rannte. Auch hier war keine Spur vom Professor zu sehen.</p><p>�Peter! Wo sind Sie?!�</p><p>Stefanie trat neben ihn. �Er ist nicht freiwillig gegangen�, stellte sie fest.</p><p>�<emphasis>Merde!</emphasis>�</p><p>�Monsieur? Madame?� Sie fuhren herum, als ein vom Regen durchn�sster Mann durch den Eingang und in das Licht der Scheinwerfer in der H�hle trat. Es war einer der Ranger. �Es gibt da ein Problem.�</p><p>Die Bilder auf dem �berwachungsmonitor warfen einen unwirklichen Schein auf die Gesichter von Stefanie und Patrick.</p><p>Zum zweiten Mal sahen sie sich die Szene an. Das Farbspektrum der W�rmebildkamera verfremdete den Wald in eine schwarzblaue, leblose Landschaft. Dann tauchte pl�tzlich zwischen den B�umen ein gelblicher Fleck auf. Nicht sehr gro�, aber deutlich. Wie ein Geist schwebte er in der Mitte des Bildes durch die Luft. Er verschwand am Bildrand, dann �bernahm eine andere Kamera das Objekt und zeigte es aus einem anderen Blickwinkel. Der Fleck wanderte noch ein St�ck und blieb dann scheinbar in der Luft h�ngen. Und nun verformte er sich, dehnte sich aus, wurde gr��er, mit zwei Enden, die nach unten hingen. Das gebogene Objekt nahm weiter Konturen an, wurde zur Mitte hin orangefarben, und dann war zu erkennen, dass es sich um den K�rper eines Menschen handelte, nach vorn gebeugt, als wolle er mit den Fingern seine Fu�spitzen ber�hren. Ein zweiter Monitor zeigte dieselbe Einstellung und laut der eingeblendeten Daten in der Fu�zeile auch denselben Augenblick. Es waren die Bilder einer regul�ren Kamera. Da es inzwischen dunkel geworden war, war hier w�hrenddessen nur das undifferenzierte Schwarz des Waldes zu sehen. Doch als auf dem W�rmebild-Monitor ein neuer, schnell gr��er werdender roter Fleck erschien, tat sich jetzt auch hier etwas: Ein gelbes Paar Lichter schien zwischen den Baumst�mmen hervor. Ein Auto n�herte sich. Da es auf die Position der Kamera zufuhr, blieb das, was die Scheinwerfer anstrahlten, nur als Schatten vor dem Licht auszumachen. Dennoch wurde nun deutlich, dass im Vordergrund ein Mann stand. Er trug offenbar einen Mantel mit Kapuze, denn er bildete nur einen gleichf�rmigen Umriss, ohne Details erkennen zu lassen. Dieser Mann war auf dem thermographischen Bild �berhaupt nicht sichtbar, wohl aber das B�ndel, das er �ber der Schulter trug: einen regungslosen K�rper.</p><p><emphasis>Peter!</emphasis></p><p>Der Wagen stoppte. Es war ein kleiner Lieferwagen. Das Licht wurde ausgeschaltet. Nur einer der Bildschirme zeigte noch, was vor sich ging; Der K�rper wurde zur Ladefl�che getragen und eingeladen. Dann gingen die Lichter wieder an, der Wagen wendete und fuhr den gleichen Weg zur�ck, den er gekommen war. Zur�ck blieb der Wald, bewegungslos und dunkel.</p><p>�Wir haben bereits ein Spurensicherungsteam da drau�en�, sagte der Ranger, �anhand der W�rmesignatur und den Lichtern identifizieren wir gerade den Wagen.�</p><p>�Wie konnten Sie ihn nur entwischen lassen?!�, fragte Patrick.</p><p>�Er war <emphasis>unsichtbar</emphasis>, Monsieur...�</p><p>�Ach, erz�hlen Sie doch keinen Quatsch! Irgendein Herkules steigt den Berg hinauf, wirft sich den Professor �ber die Schulter, klettert wie eine G�mse wieder herunter und verschwindet dann wie der Weihnachtsmann? Genauso gut h�tten Sie auch eine ganze Marschkapelle vorbeiziehen lassen k�nnen!�</p><p>�Sie haben doch selbst gesehen...�</p><p>�Alles, was ich gesehen habe�, unterbrach ihn Patrick barsch, �ist, dass Ihre �berwachungseinrichtungen ungen�gend sind! Und wie lange ben�tigen Sie, um zu identifizieren, dass das ein VW-Bus gewesen ist? Der ist doch inzwischen bestimmt schon hundert Kilometer weit weg.�</p><p>�Monsieur, bei allem Respekt, wir tun unser Bestes.�</p><p>�Mir ist Ihr Bestes aber nicht gut genug! Kommen Sie, Stefanie, wir fahren ins Hotel!�</p><p>Sie verlie�en den Container, liefen durch den Regen zum Wagen und waren kurz darauf auf dem Weg.</p><p>�Was haben Sie jetzt vor?�, fragte Stefanie.</p><p>�Wir rufen Elaine an. Die Kameraden da im Wald scheinen ja ganz gro� in der Observation der landschaftlichen Idylle zu sein, aber das Lernvideo �Wie sichere ich ein Gel�nde � Teil eins' haben sie wahrscheinlich mit einem Porno �berspielt.� Grimmig sah er auf die Stra�e. Er merkte, dass sie ihn ansah.</p><p>Fl�chtig blickte er zu ihr hin�ber. Ihre Augen wirkten traurig, betrachteten ihn jedoch sanft, verst�ndnisvoll, und noch immer kam ihm ihre Erscheinung �berirdisch vor, strahlend und voll warmen Mitgef�hls, �'tschuldigung�, murmelte er und versuchte, sich wieder auf die nasse Fahrbahn zu konzentrieren und darauf, was er Elaine sagen w�rde.</p><p>Der F�rster von St.-Pierre-Du-Bois stand im Foyer des H�tel de la Grange und unterhielt sich mit der Dame an der Rezeption.</p><p>�Nein, es ist doch noch Schonzeit, Nadine. H�chstens Kaninchen. Ich versuche, diese Woche ein paar vorbeizubringen, ja?�</p><p>�Das w�re sch�n, Fernand! Du wei�t doch, dass wir uns immer dar�ber freuen.�</p><p>�Sicher... ich werde sehen, was ich tun kann. Aber weshalb ich hier bin: Kannst du mir sagen, wo die Forscher sind?�</p><p>�Du meinst den Engl�nder, die Frau und Monsieur Nevreux, aus der Suite? Die sind heute Nachmittag losgefahren.�</p><p>Levasseur blickte auf die Uhr. Es war sp�t. Drau�en war es bereits dunkel geworden.</p><p>�Wei�t du, wohin? Oder wann sie zur�ckkommen?�</p><p>�Nein, tut mir leid. Willst du ihnen eine Nachricht hier lassen?�</p><p>�Hm... ja, warum nicht.�</p><p>Die Rezeptionistin reichte ihm einen Block und einen Bleistift. Der F�rster wollte gerade ansetzen, als er die Eingangst�r h�rte und Patrick und Stefanie eintreten sah. Sogleich wandte er sich ihnen zu.</p><p>�Madame, Monsieur! Kann ich Sie kurz sprechen?�</p><p>�Monsieur Levasseur, das ist gerade ein �u�erst schlechter Augenblick!� Patrick wollte an ihm vorbeist�rmen, als ihm etwas einfiel. Er blieb stehen. �Moment mal... eine Frage: Sie haben nicht zuf�llig vor etwa zwanzig Minuten oder einer halben Stunde einen VW-Bus gesehen? Der aus dem Wald kam, die Stra�e zur Absperrung herunter?�</p><p>�Nein, tut mir leid...�</p><p>�Na gut. Danke. Kommen Sie, Stefanie.� Er wandte sich ab und ging zum Treppenaufgang.</p><p>�Aber Monsieur, ich muss mit Ihnen reden!�</p><p>�Wir haben jetzt wirklich keine Zeit�, erkl�rte Stefanie. �Wir m�ssen ein paar dringende Anrufe erledigen. K�nnten Sie vielleicht morgen fr�h wiederkommen?� Etwas im Blick des F�rsters lie� sie erkennen, dass er nur ungern l�nger warten wollte. �Oder wissen Sie was: Geben Sie mir doch Ihre Nummer. Wenn wir es schaffen, melden wir uns heute noch. Andernfalls kommen Sie doch gleich morgen um acht zum Fr�hst�ck.�</p><p>�Gut...� Er holte eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche. �Es w�re aber sch�n, wenn es heute noch ginge. Es geht um Ihre Forschungen...�</p><p>Sie nahm die Karte entgegen. �Danke. Wir bem�hen uns. Auf Wiedersehen, Monsieur.� Dann folgte sie Patrick.</p><p>Der F�rster stand einen Augenblick unentschlossen da. Dass sie nicht begeistert waren, ihn zu sehen, hatte er nicht anders erwartet. Aber eigentlich hatte er sich nicht derart abwimmeln lassen wollen. Ob tats�chlich etwas vorgefallen war? Aber wen konnten sie schon um diese Uhrzeit noch anrufen? Ihm kam eine Idee.</p><p>�Nadine, ihr habt doch sicherlich eine zentrale Telefonanlage, oder?�</p><p>�Ja, haben wir.�</p><p>�H�r zu: Es ist ganz wichtig, dass ich herausfinde, wen sie anrufen. Ist das m�glich? Oder noch besser, kann man in die Gespr�che reinh�ren?�</p><p>�Fernand! Das geht doch nicht!�</p><p>�Nun komm schon. Es ist wichtig. Du wei�t, dass mich Fauvel ausdr�cklich dazu beauftragt hat. Das wei�t du doch, oder?� Er sah ihre ungl�ubigen Augen. �Na, dann wei�t du es jetzt. Es geht um eine ganz gro�e Sache. Das sind Fremde, und sie betreiben merkw�rdige Untersuchungen im Wald. Wenn wir da nicht aufpassen, nehmen die uns hier alles weg. Das Hotel hier haben sie bereits gekauft! Oder wusstest du das auch nicht?�</p><p>�Schon...�</p><p>�Na siehst du! Du musst mir helfen! Wir m�ssen herausfinden, was die machen, wen sie anrufen! Also geht das mit der Telefonanlage?�</p><p>�Ich wei� nicht... vielleicht.�</p><p>�Lass es uns versuchen.�</p><p>�Gut... komm her.�</p><p>Er ging um den Tresen der Rezeption herum und steuerte das dahinter liegende B�ro an.</p><p>�Fernand!�</p><p>Der F�rster zuckte zusammen und fuhr herum. Es war Ren�, der Koch des Hotels, der gerade durch das Foyer ging und sie entdeckt hatte.</p><p>�Na, ihr beiden H�bschen? Wo wollt ihr denn hin?� Er lachte und trat n�her. �Lange nicht gesehen! Wann bringst du mal wieder was mit?�</p><p>Fernand sch�ttelte ihm die Hand. �Hallo, Ren�! Diese Woche noch, einverstanden? Das musste ich Nadine auch schon versprechen. Aber nur, wenn es wieder Rotweinsauce gibt. Deine letzten Kaninchen in Rosmarinkruste, oder was es war, haben mir �berhaupt nicht geschmeckt!�</p><p>�Ja, ja, was der Bauer nicht kennt...� Der Koch lachte erneut. �Ich z�hl auf dich!� Dann ging er weiter. Der F�rster nutzte die Gelegenheit, ins B�ro zu schl�pfen. Nadine folgte ihm und schloss die T�r hinter ihnen. Sie setzte sich an einen Computer, nahm ein paar Einstellungen vor und zeigte dann auf einige Symbole auf dem Bildschirm.</p><p>�Das sind ihre Anschl�sse. Wenn sie aktiv werden, beginnen sie zu blinken. Dann kannst du sie anklicken und das Gespr�ch �ber diese Lautsprecher hier mith�ren. Die Nummer wird dort angezeigt. Alles klar? Aber nur einmal anklicken, nicht mehrfach, das h�rt man in der Leitung.�</p><p>�Gut, verstanden.�</p><p>�O.k., setz dich. Marlene kommt etwa in einer halben Stunde, dann musst du gehen. Ich sag dir Bescheid.�</p><p>�Danke, Nadine! Ich schulde dir was!�</p><p>�Ich werde dich daran erinnern�, sagte sie und zwinkerte ihm zu. Dann verlie� sie das B�ro und lie� ihn allein vor dem Rechner sitzen.</p><p>Stefanie brachte eines der Fenster in Kippstellung. Zwar regnete es drau�en, aber Patrick hatte sich wieder mal eine Zigarette angesteckt. Er sa� bereits an ihrem Konferenztisch und nahm den H�rer in die Hand. Dann z�gerte er.</p><p>�Was ist?�, fragte Stefanie.</p><p>�Wir sind von Anfang an beobachtet worden, und jetzt die Sache mit Peter. Wahrscheinlich ist es keine gute Idee, jetzt in Genf anzurufen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Leitungen hier angezapft sind.�</p><p>�Aber wer w�rde so etwas tun?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Au�erdem sind auch Informationen nach au�en gedrungen, ohne dass wir telefoniert haben.�</p><p>�Ja, das stimmt...� Unschl�ssig hielt er den H�rer in der Hand. �Ach, was soll's. Jetzt ist es sowieso zu sp�t, und wir haben keine Zeit zu verlieren!� Er w�hlte die Nummer ihrer Auftraggeberin in Genf. Er hatte den Lautsprecher eingeschaltet, so dass das Klingeln am anderen Ende der Leitung zu h�ren war. Dann nahm jemand ab.</p><p>�Monsieur Nevreux, nehme ich an?� Es war Elaine de Rosney.</p><p>�Ja, guten Abend. Woher wussten Sie...?�</p><p>�Ich kann Ihre Nummer auf dem Display sehen.�</p><p>�Aber es h�tte auch Peter sein k�nnen.�</p><p>�Er w�rde um diese Uhrzeit nicht mehr anrufen. Sie haben Gl�ck, dass Sie mich noch erreichen. Wie l�uft das Projekt? Bereitet Ihnen der B�rgermeister noch Probleme?�</p><p>�Nein, wir haben nichts mehr von ihm geh�rt. Allerdings haben wir ein anderes Problem. Peter ist verschwunden, und wir vermuten, dass er entf�hrt wurde.�</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>Patrick nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. �Peter, Stefanie und ich waren oben und haben die H�hle untersucht ...�</p><p>�Stefanie? Wer ist Stefanie?�</p><p>�Stefanie Kr�ger, die Sprachwissenschaftlerin.�</p><p>�Ich hatte Ihnen Eric Maarsen zugeteilt! Wo ist er? Und wer ist diese Frau Kr�ger?�</p><p>Stefanie nahm den H�rer in die Hand, obwohl man sie durch das Mikrofon des Ger�tes auch so verstanden h�tte. �Hier spricht Stefanie Kr�ger, Madame. Herrn Maarsen sind pers�nliche Gr�nde dazwischengekommen. Daher hat er den Auftrag an mich weitergegeben.�</p><p>Patrick sah sie skeptisch an.</p><p>�Das ist unerh�rt!�, klang es aus dem Lautsprecher. �Diese Daten waren ohne meine Zustimmung nicht weiterzugeben!�</p><p>�Ich versichere Ihnen, dass das Projekt bei mir in den besten H�nden ist.�</p><p>�Ich wei� nicht, wer Sie sind, Frau Kr�ger, aber beten Sie, dass Sie Recht behalten! Wir sehen uns, da k�nnen Sie ganz sicher sein! Und wenn Sie dem Projekt oder mir in die Quere kommen, kostet Sie das Ihren Kopf, ich hoffe, das ist Ihnen klar!�</p><p>�Nun mal langsam, Madame�, mischte sich nun Patrick ein. �Schlie�lich haben wir gute Fortschritte gemacht. Und im Augenblick haben wir ganz andere Sorgen.�</p><p>�Ich werde Sie �berpr�fen lassen, Frau Kr�ger, machen Sie sich darauf gefasst! Und Sie, Monsieur Nevreux, bevor Sie mir mit Ihren Problemen kommen, m�chte ich ein paar Ergebnisse sehen!�</p><p>�Wir haben die H�hle betreten.�</p><p>�Sie haben <emphasis>was</emphasis>?! Tats�chlich? Und was ist hinter dem Durchgang?�</p><p>�Noch eine H�hle.�</p><p>�Was soll das hei�en, �noch eine H�hle�? Lassen Sie sich nicht die W�rmer aus der Nase ziehen, Monsieur Nevreux. Ich dachte, Sie brauchen meine Hilfe. Also erkl�ren Sie mir, was sich hinter dem Durchgang befindet. Und �berhaupt: Wie sind Sie hineingekommen?�</p><p>�Also gut. Bei der H�hle handelt sich um eine Art Wissensarchiv. Wie es funktioniert, wissen wir noch nicht. Aber die Texte weisen auch darauf hin: �<emphasis>Dies sind die Archive des Wissens, denen zug�nglich, die H�ter der Weisheit sind.</emphasis>� Und aus kulturhistorischer Sicht sind Frauen H�ter der Weisheit. Tats�chlich kann man als Frau die H�hle betreten, oder wenn man als Mann von einer Frau ber�hrt wird.�</p><p>�Ersparen Sie mir solche esoterischen Spinnereien, das passt nicht zu Ihnen, Sie sind Ingenieur. Entweder Sie erz�hlen mir jetzt die Wahrheit, oder Sie probieren es morgen noch mal. Ich habe jedenfalls keine Zeit f�r diesen Firlefanz.�</p><p>�Gut, dann glauben Sie es eben nicht. Jedenfalls befindet sich hinter dem Durchgang eine gro�e Kaverne, die in der Lage ist, Wissen per Gedankenkontrolle zu vermitteln. Wahrscheinlich klingt Ihnen das jetzt auch schon wieder zu mystisch, es ist aber so. Man geht hinein, und alles, an was man denkt, erscheint als Bild in der Luft vor einem. Und wenn man eine L�sung sucht, dann ist die H�hle auch in der Lage, die Antwort zu visualisieren. Es wird also nicht nur das gespiegelt, was man bereits im Kopf hat.�</p><p>�Sind Sie sicher? Eine Beeinflussung durch bewusstseinsver�ndernde Stoffe ist ausgeschlossen? Pilzsporen oder Gase in der Luft?�</p><p>Patrick beobachtete, wie Stefanie ungeduldige Handbewegungen machte. F�r den Fall, dass sie tats�chlich abgeh�rt wurden, erz�hlte er viel zu viel. Au�erdem musste er zum Punkt kommen: Peters Entf�hrung. �Wie m�ssen die Ergebnisse noch verifizieren, und wir haben auch noch keine Ahnung, wer das gebaut hat und wie es funktioniert�, sagte er. Dabei dachte er an die Lichts�ule und den Kopf. �M�glicherweise eine uralte, unbekannte Kultur. Jedenfalls ist es nicht mittelalterlich, so viel steht fest. Aber als Stefanie und ich aus der H�hle herauskamen, war Peter verschwunden!�</p><p>�Was meinen Sie mit verschwunden? Kann er nicht einfach gegangen sein?�</p><p>�Nein, auf keinen Fall. Au�erdem haben die Ranger ein paar merkw�rdige Beobachtungen gemacht. Wir vermuten, dass er entf�hrt und in einem VW-Bus verschleppt wurde.�</p><p>�Wann soll das gewesen sein?�</p><p>�Vor etwa einer halben Stunde.�</p><p>�Und gibt es Spuren von Gewalt?�</p><p>�Nein, aber eine Video-Aufnahme, die den VW-Bus zeigt.�</p><p>�Und man sieht deutlich, wie er darin entf�hrt wird?�</p><p>�Nun...� Patrick dachte an die W�rmelichtaufnahmen. Er ahnte, dass es schwer werden w�rde, das Ph�nomen des Unsichtbaren nun mit Elaine zu besprechen, und dass dies wahrscheinlich in kurzer Zeit nirgendwohin f�hren w�rde. �Nein, eigentlich nicht.�</p><p>�Und ich vermute, ein Nummernschild des Busses haben Sie auch nicht?�</p><p>�Nein...�</p><p>�Also Ihre Fakten sind reichlich d�nn. Ich schlage vor, Sie warten erst einmal, ob er heute im Laufe der Nacht noch auftaucht. Und sollte er am Morgen noch nicht da sein, melden Sie sich.�</p><p>�Na gut...� Patrick wurde klar, dass er bei Elaine im Augenblick nichts erreichen w�rde.</p><p>�Bis dahin k�nnen Sie sich Zeit nehmen, um einen ausf�hrlichen Bericht f�r mich zu verfassen. Ich habe morgen einen Termin um neun und w�rde mir gerne vorher noch eine Stunde Zeit nehmen, ihn zu lesen. Und lassen Sie sich von dieser fragw�rdigen Frau Kr�ger helfen.�</p><p>�Ja, verstanden.�</p><p>�Sehr sch�n. Also dann, einen sch�nen Abend noch.� Sie legte auf.</p><p>�Zuvorkommend, wie immer...�, sagte Patrick und legte den H�rer beiseite. Dann sah er Stefanie eine Weile an. �Wer sind Sie wirklich?�</p><p>�Sie k�nnen mir vertrauen, Patrick.�</p><p>�Elaine kennt Sie nicht.�</p><p>�Das stimmt. Wir haben uns auch nicht pers�nlich getroffen. Aber dennoch habe ich die Projektunterlagen erhalten, und ich helfe Ihnen!�</p><p>Patrick nickte stumm. Es war nicht vollkommen logisch, aber auf eine besondere Art <emphasis>wusste</emphasis> er es. Vielleicht log sie, was Elaine anging. Vielleicht geh�rte sie tats�chlich nicht hierher, nicht m dieses Projekt, aber auf jeden Fall war sie auf der Seite der Guten � was auch immer das bedeuten mochte.</p><p>�Was machen wir jetzt mit Peter?�, fragte Stefanie.</p><p>�Wir haben nicht viele Anhaltspunkte. Aber ich m�chte mich ungern auf die Ranger oder Elaine verlassen...�</p><p>�Haben Sie eine Vorstellung, wer ein Motiv haben k�nnte?�</p><p>�Inzwischen gibt es beunruhigend viele Leute, die von unserer Arbeit hier geh�rt haben. Und es waren auch einige unangenehme Gesellen dabei. Der B�rgermeister, der F�rster... Aber beiden traue ich das nicht zu. Be�ngstigend fand ich diesen Spinner auf dem Symposium, von dieser Sekte, wie hie� sie noch?�</p><p>��Hand von Belial�?�</p><p>�Genau. Der schien mir ausreichend manisch veranlagt zu sein. Andererseits wissen wir nichts weiter �ber ihn.�</p><p>�Nun, das lie�e sich ja herausfinden.�</p><p>�Wollen Sie wieder im Netz suchen?�</p><p>�Nein, aber Ihre Bekannte Ren�e, die von den Freimaurern. Sie war doch auch in Cannes. Wir k�nnten sie anrufen und fragen, was sie �ber die Sekte wei�.�</p><p>�Ja, gute Idee, warum nicht. Geben Sie mir die Nummer.�</p><p>Keine Viertelstunde sp�ter waren Patrick und Stefanie auf dem Weg nach Carcassonne. Ren�e Colladon hatte sich au�erordentlich gespr�chig gezeigt, nachdem sie ihr erz�hlt hatten, dass sie die Sekte von Ash Modai verd�chtigten, f�r Peters Entf�hrung verantwortlich zu sein. �Wenn Sie denen vom Fund Ihrer H�hle erz�hlt haben, wundert mich das nicht�, hatte sie gesagt. Sie schien die Satanisten und ihre Interessen und Gepflogenheiten mehr als nur oberfl�chlich zu kennen. Nicht nur die Drohungen waren ihr bekannt vorgekommen. Auch die Tatsache, dass diese Leute offenbar �ber M�glichkeiten verf�gten, sich fast ungesehen fortzubewegen, war ihr bekannt. �Es gibt vieles, <emphasis>Monsieur Ing�nieur</emphasis>, was Sie mit Ihrer Kenntnis von Mathematik und Technologie niemals erkl�ren k�nnen.� Patrick war darauf nicht weiter eingegangen und hatte auch nicht mehr von ihrem Fund berichtet, dennoch war Ren�e bereit gewesen, ihnen ausf�hrlich zu erl�utern, dass sich die Sekte der �Hand von Belial� in verschiedene Verwaltungsbezirke aufteilte, die sie F�rstent�mer nannte. Das Zentrum der westlichen F�rstent�mer lag in Albi. In den weit verzweigten Katakomben unter der mittelalterlichen Stadt befand sich eine Anlage unbekannten Ausma�es. Und Ren�e hatte ihnen einige der versteckten Eing�nge genannt. �Ich rate Ihnen aber dringend ab, sich dort auf eigene Faust herumzutreiben�, hatte sie gesagt. �Die Satanisten sch�tzen es nicht, wenn man sie ungebeten besucht oder sie gar aus ihren L�chern treibt�, hatte sie erkl�rt. Sie seien zu allem f�hig, w�ren kriminell und niedertr�chtig. �Ich bin sicher, dass wir uns einigen werden�, hatte Patrick erwidert. Und das Geheimnis der H�hle w�rde selbstverst�ndlich gewahrt bleiben. Ren�e hatte das Gespr�ch nur widerwillig beendet und nicht, ohne sich versichern zu lassen, dass man auf sie zur�ckkommen w�rde, falls Hilfe n�tig sei, und sp�testens, sobald Peter wieder da sei.</p><p>�Sie haben mir noch nicht erkl�rt, was genau Sie nun vorhaben�, sagte Stefanie. �Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass wir keinesfalls allein dort hineingehen.�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht. Aber wie ich schon am Telefon sagte, finden wir sicherlich ein paar �berzeugende Argumente.�</p><p>�Und was meinen Sie damit? Glauben Sie, den Satanisten k�nnte man drohen? Oder wollen Sie einen Handel betreiben? Sagen Sie es mir.�</p><p>�Einen Handel? Nein, nicht direkt. Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich wollte mich an ganz offizielle Stellen wenden: die Polizei. Was meinen Sie, wie schnell die auf den F��en sind, wenn wir ihnen erz�hlen, dass unsere kleine Tochter von einem Paar grobschl�chtiger M�nner vom Fahrrad gerissen und in den Untergrund gezerrt worden ist...�</p><p>�Unsere Tochter? Also, jetzt gehen Sie aber zu weit mit Ihrer Fantasie.�</p><p>�Wenn Sie eine bessere Idee haben, lassen Sie es mich wissen.�</p><p>Eine Weile erwiderte sie nichts, so dass Patrick schon dachte, sie w�rde sich tats�chlich einen anderen Plan ausdenken. �Madelaine�, sagte sie dann.</p><p>�Hm?�</p><p>�Sie muss doch einen Namen haben. Sie hei�t Madelaine. Und sie ist <emphasis>Ihre</emphasis> Tochter. Aus erster Ehe.�</p><p>Patrick l�chelte, �Meinetwegen.�</p><p>Bald hatten sie Carcassonne erreicht und suchten die Stra�e �ber Mazamet nach Castres. Von dort w�rden es noch etwa vierzig Kilometer nach Albi sein. Patrick hatte sich f�r die Landstra�e entschieden, weil er der Meinung war, dass er die gesamten hundert Kilometer auf ihr schneller zur�cklegen konnte als die doppelte Strecke auf der Autobahn �ber Toulouse. Stefanie hatte dies zwar zun�chst bezweifelt, aber als sie nun Zeuge wurde, wie Patrick den Landrover �ber die bei Tage wohl durchaus malerische Strecke jagte, wurde ihr klar, dass es ihm haupts�chlich darum ging, auf den weniger befahrenen Strecken den wachsamen Augen der Verkehrspolizei zu entgehen.</p><p>�Eines noch, Patrick...�</p><p>�Ja?�</p><p>�Es ist mir wichtig, dass wir vorher dar�ber reden und Sie mir etwas versprechen.�</p><p>Patrick wusste nicht recht, wie ihm geschah. Pl�tzlich umgab eine intensive Aura seine Beifahrerin. Er sah Stefanie von der Seite an. Ihr Gesicht lag im Dunkeln, dennoch waren ihre Haare von einem unwirklichen Glanz umgeben. Sein Herz schien f�r einen Moment auszusetzen. Ein Gef�hl, das er seit seiner Jugend nicht mehr gekannt hatte. Wie schon in der H�hle str�mte das Blut warm in seinen Unterleib, aber es �berlief ihn gleichzeitig auch ein Schauer, den er voller Verwirrung nicht als Erregung, sondern als <emphasis>Angst</emphasis> erkannte. Angst davor, dass er sie ber�hren wollte, Angst, dass sie sich von ihm abwenden w�rde, Angst, dass sie wie ein Traumbild verschw�nde.</p><p>�H�ren Sie mir �berhaupt zu?�</p><p>�Wie? Oh, ja. Ich war gerade in Gedanken. Was sagten Sie?�</p><p>�Sie m�ssen mir etwas versprechen, Patrick.�</p><p>�Aber ja, sicher doch. Um was geht es?�</p><p>�Die H�hle. Sie ist unantastbar. Sie ist zu m�chtig. Sie ist nicht f�r jeden Menschen bestimmt. Sie d�rfen nichts davon erz�hlen. Und ganz besonders nicht diesen Sektenmitgliedern. Sie d�rfen niemals das Geheimnis der H�hle erfahren!�</p><p>�Na ja, wo sie ist, wissen die ja schon. Aber ich hatte nicht vor, ihnen auf die Nase zu binden, wie man hineinkommt.�</p><p>�Schw�ren Sie es.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Sie sollen es schw�ren. Dass Sie das Geheimnis der H�hle niemandem verraten werden. Schlimm genug, dass Elaine es wei�.�</p><p>�Ich bitte Sie, sie ist schlie�lich unsere Auftraggeberin. Und au�erdem haben wir ihr den Bericht ja noch gar nicht geschickt, den sie haben wollte.�</p><p>�Schw�ren Sie es!�</p><p>�Meine G�te, ja doch. Ich versprech's Ihnen.�</p><p>�Schw�ren Sie auf das Leben von Madelaine.�</p><p>�Auf meine virtuelle Tochter?�</p><p>�Nein, auf Madelaine, Ihre j�ngere Schwester.�</p><p>Patrick verriss das Steuer, hatte den Wagen aber gleich darauf wieder unter Kontrolle. Anschlie�end ging er vom Gas und rang nach Luft. �Wie k�nnen Sie das wissen?!�, brachte er halblaut hervor.</p><p>�Sie haben sie geliebt und wie eine Prinzessin behandelt. Und sie hat Sie immer ihren goldenen Prinz genannt. Sie starb vor zwanzig Jahren, nicht einmal erwachsen geworden, an Krebs. Und Sie w�nschten, Sie h�tten genug Geld f�r eine weitere Behandlung und eine Privatklinik gehabt, denken, Sie h�tten irgendetwas �ndern, aufhalten k�nnen.�</p><p>Patrick starrte auf die Stra�e. Ein schmerzhafter Klo� bildete sich in seinem Hals.</p><p>�Und seitdem�, fuhr Stefanie fort, �sind Sie auf der Suche nach dem wahren goldenen Prinz, nach El Dorado.... Ist es nicht so?�</p><p>Patrick schwieg.</p><p>�Aber Sie wissen so gut wie ich, dass Sie die Vergangenheit nicht r�ckg�ngig machen k�nnen. Sie k�nnen erfolgreich werden, aber mit allem Geld der Welt holen Sie sie nicht zur�ck. Was Sie �ndern k�nnen, ist die Zukunft. Und jetzt haben Sie die M�glichkeit, etwas Gutes zu tun und daf�r zu sorgen, dass diese M�chte nicht in den Besitz der H�hle und ihres Geheimnisses kommen. Bitte, Patrick!�</p><p>Ein tiefes Einatmen war die Antwort. Er schwieg einige weitere Augenblicke, bevor er wieder Gas gab. Langsam, dann bestimmter. �Ich schw�re es�, sagte er schlie�lich.</p><p>Als Peter zu sich kam, kniete er. Sein Kopf war auf die Brust gesunken. Als er ihn hob, �berkam ihn eine Welle tr�gen Schwindelgef�hls. Er �ffnete die Augen einen Spalt und erkannte ein steinernes Gew�lbe. Also war er noch immer hier unten. Er war noch immer... <emphasis>gefangen</emphasis>?</p><p>Seine Arme waren seitlich ausgestreckt, und seine schmerzenden Handgelenke wurden von metallenen Manschetten gehalten, die mit kurzen Ketten an der Wand befestigt waren. Das war der Grund, weswegen er kniete und nicht auf den Boden gefallen war: Sein Gewicht hing an seinen festgeketteten Armen.</p><p>Er wollte aufstehen. Aber es ging nur langsam und m�hselig. Seine k�rperliche Verfassung erlaubte keine hastigen Bewegungen. Au�erdem musste er feststellen, dass seine Fu�gelenke ebenfalls durch Eisenmanschetten und Ketten an der Wand befestigt waren. Das ganze Arrangement bot gerade mal so viel Spielraum, dass es ihm m�glich war, aufzustehen � mehr nicht.</p><p>Seine Beine kribbelten und kitzelten, als sie wieder durchblutet wurden. Er musste eine ganze Weile bewusstlos gewesen sein. Nun sah er sich um.</p><p>Er stand an der Wand auf einem Absatz in etwa drei oder vier Metern H�he �ber dem Boden eines gewaltigen Saals.</p><p>�hnlich dem Mittelschiff einer Kirche wurde die Decke in etwa zehn Metern H�he von einem Kreuzgew�lbe und einer langen Reihe steinerner S�ulen getragen.</p><p>Als Beleuchtung dienten unz�hlige Kerzen, deren flackerndes Licht �berall Schatten tanzen lie�. Auf den zweiten Blick bemerkte Peter, dass es ausnahmslos schwarze Kerzen waren, die hier verwendet wurden. Schlagartig erinnerte er sich daran, dass er sich in der Gewalt von Menschen befand, die sich zu einer satanischen Sekte zusammengeschlossen hatten. Das Leben machte in der Tat nicht Halt vor Klischees, wie auch schon der Franzose bemerkt hatte. Als ob die Farbe von Kerzen irgendetwas bewirken w�rde. Aber dann wiederum, dachte er, machten es andere Religionen ja nicht anders. Belanglose Gegenst�nde, scheinbar sinnlose Gesten oder Worte entwickelten ihre Wirkung gerade durch die Bedeutung, die ihnen beigemessen wurde.</p><p>Zwischen den S�ulen stand eine Gruppe von Sektenmitgliedern, in schwarze Kutten geh�llt und barfu�. Es waren M�nner und Frauen darunter, was Peter an den K�rperformen und vor allen Dingen an den Haaren ablesen konnte, die offen getragen wurden und �ber die Schultern fielen. Die Gruppe trug einen monotonen Singsang vor, nicht un�hnlich einem gregorianischen Choral, jedoch eindeutig nicht in einer ihm bekannten Kirchentonart, sondern unangenehm dissonant. Das Irritierende war, dass es nicht wirkte, als s�ngen sie falsch. Im Gegenteil: Die Kl�nge passten auf eine merkw�rdige Art zueinander, doch sie woben einen unwirklichen und zutiefst verst�renden Teppich, der b�sartig und aggressiv klang. Sie waren alle nach links gewandt, beobachteten oder untermalten mit ihrem Gesang offenbar irgendetwas. Als Peter in dieselbe Richtung blickte, entdeckte er an der Stirnseite des Saals eine Erh�hung. Und wie in einer Kirche stand dort ein Altar. Es war ein gro�er Block, h�fthoch, fast zwei Meter breit, aus wei�em, poliertem Stein, m�glicherweise Marmor. Inmitten der dunklen Umgebung leuchtete er f�rmlich.</p><p>Zun�chst schien er �berhaupt nicht in das d�stere Bild zu passen, doch kurz darauf sollte sich der Sinn dieser Farbwahl auf eine perverse Weise offenbaren.</p><p>Hinter dem Altar stand eine Gestalt in schwarzer Kutte. Der Mann hielt mit der linken Hand die zusammengebundenen Beine eines schwarzen Hahnes. Die Fl�gel waren offenbar ebenfalls fixiert, dennoch zappelte das Tier nach bestem Verm�gen.</p><p>Als der Gesang in einem pl�tzlichen Aufschrei seinen H�hepunkt erreichte, vollf�hrte der Mann mit der rechten Hand eine blitzschnelle Bewegung. Etwas Schwarzes wurde zur Seite geschleudert. Peter erschrak. Es war der Kopf des Hahns. Er hatte dem Tier den Kopf abgeschlagen! Der Vogel zuckte nun spastisch, Blut spritzte aus seinem Hals, ergoss sich �ber den Altar. Dann umfasste der Mann den K�rper des Hahns mit der anderen Hand, hielt ihn fest und vollf�hrte kreisende Bewegungen. Dabei hinterlie� er �berall auf dem makellosen Wei� des Steins eine leuchtend rote Spur, bis der Hals des Tiers nach einer Weile aufh�rte zu pulsieren und zu sprudeln und der ehemals reine Altar �ber und �ber mit gl�nzendem Blut besudelt war.</p><p>�belkeit stieg in Peter auf, er musste die Augen schlie�en und durchatmen. Mochte er �ber die Satanisten auch gel�chelt haben � diesen Leuten war es ganz offenbar sehr ernst!</p><p>�Wunderbar, nicht wahr?�</p><p>Peter fuhr zusammen und sah auf. Ash Modai stand neben ihm auf dem Absatz.</p><p>�Ist es nicht eine wunderbare Halle, Peter? Ich darf Sie doch Peter nennen?�</p><p>�Was sind das hier f�r kranke Menschen?�</p><p>�Das Kreuzgew�lbe ist aus dem zw�lften Jahrhundert, h�tten Sie das gedacht? Und noch immer stark und unersch�tterlich. Die ersten Katakomben haben wir in den sechziger Jahren gekauft. Wir haben sie ausgebaut, versch�ttete G�nge wieder passierbar gemacht und sie im Laufe der Zeit mit allen anderen Kellern und Katakomben verbunden, die wir �ber Mittelsm�nner ebenfalls erworben haben. Mittlerweile kann die Stadtverwaltung von Albi keinen Spatenstich mehr tun, geschweige denn Kabel verlegen oder Sielarbeiten vornehmen, ohne uns um Genehmigung zu bitten. Selbstverst�ndlich wei� niemand, dass all dies in einer einzigen Hand ist.�</p><p>�Albi! Wir sind in Albi... ausgerechnet hier.� Peter dachte an Albi als Hochburg der Ketzer und an die Albigenserkreuzz�ge.</p><p>�Ja, ist das nicht komisch?�, sagte Ash Modai. �Eine k�stliche Ironie. Aber ich neige nicht zu so viel Selbstgef�lligkeit, zu behaupten, es sei Absicht gewesen. Es bot sich einfach an.� Er beugte sich ein wenig zu Peter her�ber, jedoch so, dass Peter ihn mit seinen angeketteten Gliedma�en nicht erreichen konnte. �Ehrlich gesagt�, raunte er ihm zu, �glaube ich nicht, dass das damals �berhaupt jemand aufgefallen ist.�</p><p>�Was soll das Theater, was wollen Sie von mir?�</p><p>�Aber Peter, wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Es geht um die H�hle.�</p><p>�Aber ich habe Ihnen doch schon gesagt...�</p><p>�Schschsch...! Ganz ruhig, Peter. Ich wei�, was Sie durchmachen. Bem�hen Sie sich nicht. Ich glaube Ihnen sowieso nicht. Daher habe ich mir etwas anderes ausgedacht.�</p><p>Peter antwortete nicht. Er �berlegte fieberhaft, wie er in diese Situation gekommen war und wie er wieder herauskommen sollte. Was hatte Ash Modai vor? Was war das �berhaupt f�r ein Spinner? Bestimmt war sein wirklicher Name ganz banal, und tags�ber arbeitete er als Kassierer im Supermarkt. Wie um alles in der Welt war es m�glich, dass dieser Mann Macht �ber ihn haben konnte? Es war einfach absurd.</p><p>��brigens finde ich Ihre B�cher hochinteressant�, fuhr Ash Modai fort, �ich glaube, das hatte ich Ihnen noch gar nicht gesagt. Sie sind fundiert, greifen so viel weiter als vergleichbare Untersuchungen. Und auch Ihre Schl�sse und die Verbindungen, die Sie ziehen, sind bisweilen... gewagt. Mutig, aber genial. Nur leider... leider haben Sie dennoch in einigen Dingen Unrecht. Es ist wirklich schade, denn zum Teil sind es grundlegende Inhalte. Dadurch bleiben Ihnen ganze Bereiche verschlossen, oder Sie kommen zu gegenteiligen Ergebnissen ...�</p><p>�Worauf wollen Sie hinaus?�</p><p>�Sie verleugnen das Metaphysische. Oder nennen Sie es das �bernat�rliche, also das, was nicht in die nat�rliche, realwissenschaftliche Welt passt. Doch wie viele Ihrer Untersuchungen k�men zu einem anderen Ergebnis, wenn Sie als Faktor das Vorhandensein des �bernat�rlichen einbez�gen?�</p><p>�Ich bitte Sie! Ist das die Folter, die Sie mir jetzt angedeihen lassen wollen? Mich mit Ihren spirituellen Ansichten zu Tode zu langweilen?�</p><p>�Ich wei�, Sie k�nnen es nicht verstehen. Aber daf�r habe ich Sie ja auch hergebracht. Ihre Beleidigungen prallen an mir ab, Peter. Sie sind gar nicht in der Position, mich zu beleidigen. Sie sind so weit davon entfernt, dass Sie das noch nicht einmal wissen. Ich habe auch nicht vor, Sie zu foltern. Nat�rlich interessiert mich die H�hle, aber Ihnen deswegen Gewalt anzutun? Warum? Ich halte Sie f�r verblendet, aber ich kann Sie nicht als wahrhaften Gegner ernst nehmen oder mich angegriffen f�hlen. Wir leben in einer anderen Welt, Sie und ich, wir haben keinen gemeinsamen Nenner, auf dessen Basis wir in Wettstreit treten k�nnten. Sie widersprechen und k�mpfen nicht gegen jene Dinge, die ich vertrete, Sie glauben sie ja noch nicht einmal. Was werde ich also tun? Ich werde einen gemeinsamen Grund schaffen, eine spirituelle und � wie haben Sie es in irgendeinem Buch genannt � <emphasis>perzeptorische Integrit�t.</emphasis>� Er l�chelte.</p><p>Peter antwortete nicht, sch�ttelte nur verst�ndnislos den Kopf.</p><p>�Mars und Venus stehen heute in Konjunktion! Wussten Sie das? Wissen Sie, was das bedeutet? Nat�rlich wissen Sie es.�</p><p>�Sie stehen im gleichen Breitengrad.�</p><p>�L�ngengrad, Peter, L�ngengrad. Aber es geht nicht darum, was es <emphasis>ist</emphasis>, sondern, was es <emphasis>bedeutet.</emphasis> Besondere Energien k�nnen heute genutzt werden! Sehen Sie diesen Altar dort? Wir haben ihn gerade geweiht. Den ganzen Tag schon wird das Ritual vorbereitet. Und nun dauert es nicht mehr lang... Es ist immer wieder erregend, eine solche Macht, eine solche Pr�senz! Wenn Sie es erleben, wenn Sie zum ersten Mal sp�ren, was Sie derart real, so alles durchdringend in keiner Kirche jemals sp�ren werden... wenn Sie mit einem Schlag die Welt wirklich verstehen, sich Tore �ffnen und sich ein Universum auftut, gr��er und gewaltiger, als Sie es sich jetzt vorstellen k�nnen... Sie k�nnen stolz sein, dabei sein zu d�rfen! Denn der Anrufung beizuwohnen, ist nur den oberen R�ngen in unseren Reihen gestattet.�</p><p>�Was f�r eine Anrufung?�</p><p>�Belial. Wir beschw�ren Belial, rufen ihn zu uns. Wir rufen ihn herbei, wir bereiten ihm ein Geschenk, danken ihm f�r seine St�rke, seine Unterst�tzung und seine Gnade. Dann erbitten wir erneute Gunst, erhalten Gaben und Antworten, ehren seinen Namen und tragen ihn weiter.�</p><p>�Belial beschw�ren?!�</p><p>�Ja, er ist unser Herr, warum sollten wir ihn nicht anrufen und zu uns bitten? Im Gegensatz zu anderen Religionen k�nnen wir unseren Herrn herbeirufen, sehen, anfassen � und er uns. Sie wissen doch wohl, wer Belial ist? Oder vielleicht sollte ich sagen: Sie haben doch wohl einiges �ber Belial gelesen, richtig?�</p><p>�Sie sind geisteskrank.�</p><p>�Nat�rlich, so muss es Ihnen scheinen. Und darum sind Sie hier. Um es mitzuerleben. Und au�erdem wird der Herr uns dann jene Antworten von Ihnen holen k�nnen, die Sie uns freiwillig niemals geben w�rden.�</p><p>�H�ren Sie, ich sagte doch schon...�, begann Peter, aber Ash Modai ignorierte ihn.</p><p>�Von hier aus k�nnen Sie das Anrufungsritual vollst�ndig sehen.� Ash Modai trat an den Rand des Absatzes und begutachtete die Aussicht. �Auf den Altar kommt nat�rlich die Gabe f�r Belial. Zun�chst wird der Hohepriester die Energien von Mars und Venus nutzen, sie kanalisieren. Dann b�ndelt er sie und ruft beim H�hepunkt Belial herbei, der in diesem Augenblick seine Manifestation erf�hrt. Er tritt unter uns, er wird das Geschenk annehmen, begierig und dankbar. Sodann werden wir im Gegenzug seine Hilfe erbitten, und wir haben bislang noch das meiste auch immer erhalten.�</p><p>�Sie haben das schon einmal gemacht?!�</p><p>�Aber nat�rlich�, Ash Modai lachte auf, �wer seinen Herrn liebt, der m�chte ihn doch sooft wie m�glich sehen. Es ist...� Er stockte kurz, als ein Kuttentr�ger am Rand des Absatzes erschien. Offenbar f�hrte eine Art Treppe vom Saal herauf. Der Mann blieb mit geneigtem Kopf stehen und sagte nichts. Ash Modai trat einen Schritt an ihn heran, hielt sein Ohr nah an ihn und sagte: �Sprich.� Der Vermummte murmelte daraufhin leise etwas vor sich hin. Anschlie�end machte Ash Modai eine Handbewegung, und der Mann verschwand.</p><p>�Es gibt eine leichte Plan�nderung, Peter. Aber keine Sorge, dies ist au�erordentlich erfreulich, und Sie werden die versprochene Vorstellung erhalten. Sehen Sie nachher gut hin, damit Sie nichts verpassen! Gerade auf Ihre alten Tage bekommt man so etwas sicherlich nicht mehr h�ufig geboten.� Er verpasste Peter einen Hieb in die Rippen. Es sollte kameradschaftlich aussehen, war aber viel zu stark. Peter rang mit schmerzverzerrter Miene nach Luft und sank auf die Knie.</p><p>�Sie m�ssen mich jetzt entschuldigen�, sagte Ash Modai und wandte sich zum Gehen. �Jetzt gibt es noch einiges vorzubereiten. Wir sehen uns sp�ter wieder. Sie werden ein ver�nderter Mensch sein, glauben Sie mir.�</p><p>Patrick parkte den Wagen gegen�ber einer Polizeiwache. Sie war nur einige Stra�enecken von einem Fabrikgel�nde entfernt, wo sich nach Ren�es Informationen ein Zugang zu den unterirdischen Anlagen der Sekte befand.</p><p>�Woher wussten Sie von meiner Schwester?�, fragte er Stefanie.</p><p>�Ich habe ein wenig recherchiert, bevor ich den Job angenommen habe. �ber Sie und Peter. Schlie�lich muss man wissen, mit wem man zusammenarbeitet. Und Ihre Vergangenheit ist kein Staatsgeheimnis.�</p><p>Patrick sah sie einen Augenblick an. Dann nickte er. Sie sagte nicht die Wahrheit, das sp�rte er. �ber seine Schwester war �ffentlich nichts bekannt. Wenn sie das in Erfahrung gebracht hatte, wusste sie m�glicherweise auch noch ganz andere Dinge. Aber dann w�rde sie ihm erst recht nicht sagen, woher. Und auf eine seltsame Art passte es zu dem neuen Bild, das er von ihr hatte. Seit dem Besuch in der H�hle war sie mehr als die Sprachwissenschaftlerin, die sie vorgab zu sein. Es war, als sei ihre Fassade pl�tzlich durchsichtig geworden, etwas funkelte und blitzte aus den Fugen hervor, als sei da etwas viel Gr��eres, M�chtigeres, nur unzureichend getarnt. Vielleicht war es auch einfach nur ein Anflug von Verliebtheit, der sie in seinen Augen so �berragend und unantastbar erscheinen lie�. Dergleichen hatte er zuletzt als vernarrter Jugendlicher gesp�rt. Aber jetzt war es noch anders. Er f�hlte sich ihr unterlegen, und zugleich f�rchtete er, dass sich seine Ehrfurcht vor ihr wie ein Trugbild aufl�sen w�rde, sollte er sie ber�hren oder zur Rede stellen.</p><p>Schlie�lich gab er sich einen Ruck, um seine Gedanken abzusch�tteln. �Gehen wir rein�, sagte er. �Hektisch, aufgel�st�, erinnerte er Stefanie und stieg aus. Dann hastete er auch schon �ber die Stra�e.</p><p>Die Polizeiwache war nicht gro�. Sie lag im Erdgeschoss eines B�rogeb�udes. Hinter der gl�sernen Eingangst�r befand sich ein Empfangstresen, der an ein Krankenhaus erinnerte. Als Stefanie hinzukam, sah sie Patrick wild gestikulierend mit einem Beamten sprechen, der kurz darauf bereits zum H�rer griff.</p><p>�Er ist in einer Minute da, Monsieur�, sagte der Polizist, nachdem er aufgelegt hatte. �Einen Augenblick, bitte.�</p><p>�K�nnen sie uns helfen, Schatz?�, fragte Stefanie, als sie hinzukam.</p><p>�Ich hoffe es�, erwiderte Patrick. �Ich hoffe es...� Damit wandte er sich ab und begann, unruhig hin und her zu laufen, wobei er erregt vor sich hin murmelte. Wenige Augenblicke sp�ter kam ein Polizeibeamter durch einen Seitengang auf sie zu. �Madame, Monsieur. Ich bin Commissaire Th�nardier. Was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>�Madelaine, meine Tochter, sie ist vom Fahrrad gerissen worden!�, erkl�rte Patrick. �Zwei M�nner haben sie geschnappt. Sie haben sie fortgezerrt! Nicht weit von hier. Wir m�ssen da hin!�</p><p>�Wann ist das gewesen?�</p><p>�Vor ein paar Minuten. F�nf oder zehn.�</p><p>�Und wo war das?�</p><p>Patrick deutete nach drau�en. �Die Stra�e hinauf und dann rechts. Und dann noch ein St�ck. Da steht eine verlassene Fabrik.�</p><p>Der Kommissar wechselte einen Blick mit dem Beamten am Empfangsschalter und nickte ihm zu. �Die alte Druckerei. Rufen Sie Eduard zum Einsatz.� Daraufhin wandte er sich wieder Patrick und Stefanie zu. �Wir sehen uns das sofort an. Ist das Ihr Wagen da drau�en, Monsieur...?�</p><p>�Dupont. Ja, das ist meiner.�</p><p>�Dann steigen Sie schon mal ein, Monsieur Dupont. Und wenn ich mit meinem Kollegen im Wagen komme, fahren Sie voraus.�</p><p>�Einverstanden! Danke, Monsieur le Commissaire!�</p><p>Sie gingen mit eiligen Schritten zum Wagen und setzten sich hinein. �Das ging ja leicht�, sagte Patrick.</p><p>�Etwas <emphasis>zu</emphasis> leicht, finden Sie nicht?�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Ich habe ein ungutes Gef�hl...�</p><p>�Meinen Sie?�</p><p>�Wo ich herkomme, kenne ich solch unkritische Bereitschaft zumindest nicht. Er hat keine Personalien aufgenommen, Ihre Geschichte nicht einmal hinterfragt.�</p><p>�Vielleicht haben Sie Recht... Es kann sicher nicht schaden, wenn wir auf der Hut bleiben... Da sind sie.� Er fuhr los. Der Polizeiwagen folgte ihnen, bis sie kurze Zeit sp�ter vor dem Fabrikgel�nde angekommen waren. Ren�e hatte ihnen die Adresse gegeben und erkl�rt, dass der Zugang �ber den Keller des Nebengeb�udes erfolgte. Sie stiegen aus und warteten, bis die Polizisten zu ihnen stie�en.</p><p>�Sie haben sie �ber diesen Weg geschleppt und zu dem Geb�ude dort dr�ben�, erkl�rte Patrick.</p><p>�Und das Fahrrad?�, fragte der Kommissar.</p><p>�Das wei� ich doch nicht�, erwiderte Patrick, �meinen Sie, ich mache mir jetzt Gedanken um das verdammte Fahrrad?�</p><p>�Ist ja schon gut, Monsieur. Gehen wir also.�</p><p>Gemeinsam gingen sie �ber eine asphaltierte Auffahrt. Der Kommissar schritt voran und beleuchtete ihren Weg mit einer klobigen Taschenlampe. Ihm folgten Patrick und Stefanie, w�hrend der andere Polizist, bei dem es sich offenbar um Eduard handelte, den Abschluss bildete.</p><p>Das Geb�ude lag vollst�ndig im Dunklen und machte einen wenig Vertrauen erweckenden Eindruck. Das Licht der Taschenlampe wanderte �ber die Wand, die T�r, ein verschmutztes Fenster. Nichts deutete darauf hin, dass in der letzten Zeit jemand hier gewesen war. Vielleicht ist dieser Zugang gar nicht mehr in Betrieb, dachte Patrick. Das w�rde ihre Chancen, eine Weile unentdeckt zu bleiben, deutlich vergr��ern.</p><p>Der Kommissar blieb vor der T�r stehen. �Sind Sie sicher, dass die M�nner hier hineingegangen sind?�</p><p>�Absolut�, versicherte Patrick. �Ich war ja kurz davor, selbst hinterherzurennen. Aber dann wollte ich es nicht ohne Polizei wagen.�</p><p>�Also gut�, sagte der Mann. Er streckte die Hand aus und bet�tigte den T�rgriff. Zu Patricks Erstaunen sprang die T�r leichtg�ngig auf. Der Kommissar leuchtete in den dahinter liegenden Raum. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Dann ging er hinein, und Patrick und Stefanie folgten ihm. Sie standen in einem ger�umigen Flur, von dem aus in alle Richtungen T�ren und G�nge abzweigten. Hinter ihnen trat Eduard hinein und schloss die T�r. Dann h�rten sie, wie er sie abschloss.</p><p>Erschrocken fuhren sie herum.</p><p>�Bitte!�, sagte nun der Kommissar. Als sie sich zu ihm umdrehten, sahen sie, dass er seine Waffe auf sie gerichtet hatte. �Bitte. Bewahren Sie die Ruhe. Eduard, rufst du kurz an und sagst Bescheid?�</p><p>�Was wollen Sie?�, fragte Patrick. �Was haben Sie vor?�</p><p>�Dasselbe k�nnte ich Sie fragen, Monsieur Nevreux.�</p><p>�Sagen Sie nicht, dass Sie mit denen unter einer Decke stecken!�</p><p>�Sie haben doch gar keine Ahnung.�</p><p>�Erz�hlen Sie es mir!�</p><p>�Halten Sie den Mund!�</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter kam Eduard aus einem benachbarten Raum. �Wir sollen sie nach unten bringen�, sagte er.</p><p>�Los geht's�, wies der Kommissar sie an. �Sie gehen vor, ich leuchte Ihnen von hinten den Weg. Da entlang!�</p><p>Er dirigierte sie zu einem fensterlosen Treppenhaus. Dort gingen sie nach unten und kamen an eine kleine Stahlt�r, wie sie in einen Heizungskeller f�hren w�rde. Als sie diese �ffneten, stie�en sie jedoch auf eine steinerne Wendeltreppe, die nach unten verlief. Dort angekommen, erwartete sie erneut eine T�r. Was dahinter lag, kam jedoch v�llig unerwartet.</p><p>Sie betraten ein ger�umiges Kellergew�lbe, das dem Weinkeller eines Schlosses alle Ehre gemacht h�tte. Die Decke war etwa vier Meter hoch und gew�lbt, alles war aus m�chtigen Granitbl�cken zusammengef�gt. Auf dem polierten Steinboden lag ein dunkelroter L�ufer, Feuerschalen auf schmiedeeisernen St�ndern erhellten die mittelalterliche Szenerie. Und vor ihnen stand Ash Modai.</p><p>�Was f�r ein Festtag!�, rief er aus. �Jetzt sind die Heiligen Drei K�nige vom Berg der Weisen komplett.�</p><p>�Ash, ich wusste es!�, rief Patrick. �Wo ist Peter? Was haben Sie mit ihm gemacht?�</p><p>�Sie d�rfen ihm gleich Gesellschaft leisten. Sie kommen gerade recht f�r ein au�ergew�hnliches Schauspiel... Und was haben wir da?� Er trat an Stefanie heran und musterte sie eindringlich von oben bis unten. �Etwas sagt mir, dass Sie mehr sind als eine blo�e Forscherin... das ist erstaunlich...� Er trat noch n�her an sie heran, schien fast an ihr zu riechen. �Ja...� Er streckte seine flache Hand aus und hielt sie vor ihre Brust, als wolle er ihren Herzschlag sp�ren.</p><p>�Fassen Sie sie nicht an!�, rief Patrick.</p><p>�Nein?� Ash Modai legte seine Hand auf Stefanies Busen und dr�ckte eine ihrer Br�ste ein wenig zusammen. Stefanie sah ihn dabei mit steinerner Miene an. �Und warum sollte ich das nicht machen, Patrick?�, fragte er. �Neidisch?�</p><p>�Weil es Ihrem Leben abtr�glich ist�, sagte Stefanie mit einer Stimme, die ebenso ruhig wie kalt war. �Deswegen.�</p><p>�Was sagen Sie da? Wie wollen Sie mir denn drohen?� Ash Modai lachte auf.</p><p>�Es ist keine Drohung�, sagte Stefanie. �Es ist eine Prophezeiung.�</p><p>Ash holte blitzschnell aus und verpasste ihr eine klatschende Ohrfeige. Ihr Kopf wurde kurz zur Seite geschleudert, doch als sie ihn wieder ansah und sich ihre Wange rot verf�rbte, zeigte ihr Gesicht noch immer keine Regung.</p><p>Ash Modai grinste sie nur an. �Ach, was f�r ein Fest!� Dann wandte er sich an die Polizisten: �Bringt die beiden weg. Den hier zu dem Alten auf die Empore. Und den kleinen Racheengel zu Alain. Er wei�, was er zu tun hat.�</p><p>Peter sah erstaunt auf. �Patrick! Was tun Sie denn hier?�</p><p>�Hallo, alter Knabe�, antwortete Patrick. Ein �beraus kr�ftig gebauter Mann in schwarzer Kutte stie� ihn an die Wand, w�hrend ihn vom Rand des Absatzes ein Polizist mit seiner Waffe in Schach hielt. �Ich bin gekommen, um Sie zu retten. Das sieht man doch.� Der Mann dr�ckte Patricks Arme an die Wand und umschloss die Handgelenke mit eisernen Manschetten. Dann machte er sich an Patricks Fu�gelenken zu schaffen, und kurz darauf war der Franzose ebenso an die Wand gekettet wie sein Kollege, und sie wurden allein gelassen.</p><p>�Sch�ne Schei�e�, konstatierte Patrick.</p><p>�Wie sind Sie hergekommen?�, fragte Peter. �Hat man Sie auch entf�hrt?�</p><p>�Als Sie verschwunden waren, hatten wir die Br�der hier im Verdacht. Wir haben dann mit Ren�e telefoniert, die uns den Tipp mit diesen geheimen Kellern unter Albi gegeben hat.�</p><p>�Was f�r Geheimnisse, die jeder kennt! In der Szene wei� man wohl mehr �bereinander, als jeder zun�chst zugeben w�rde... Aber wollten Sie denn alleine hier reinst�rmen? Und wo ist Stefanie?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Wir sind zur Polizei gegangen und haben denen eine Geschichte aufgetischt. Hat auch grunds�tzlich geklappt. Es stellte sich nur leider heraus, dass unsere beiden Polizisten ebenfalls diesem Verein hier angeh�ren. Den Rest haben Sie ja mitbekommen. Stefanie haben sie irgendwo anders hingebracht. Ich hoffe, ihr passiert nichts.�</p><p>�Das k�nnen wir auch nur hoffen! Die bereiten hier n�mlich eine schwarze Messe vor.�</p><p>�Wie bitte? Dann war es das, was Ash eben meinte mit au�ergew�hnlichem Schauspiel... Was wissen Sie dar�ber, Peter, was ist hier los?�</p><p>�Sehen Sie den Altar dort dr�ben? Was da leuchtet, ist frisches Blut. Ich hatte vorhin das zweifelhafte Vergn�gen, mit anzusehen, wie sie einen Hahn geschlachtet und den Altar mit seinem Blut <emphasis>geweiht</emphasis> haben, wie sie es nennen. Danach kam unser smarter Dressman, Ash, und hat ein bisschen geplaudert, Sie wollen Belial anrufen und werden zu diesem Zweck nachher eine schwarze Messe abhalten.�</p><p>�Belial? War das nicht...�</p><p>�Ein D�mon, ja. Der Tradition nach ist er einer der Kronprinzen der H�lle, kommt direkt nach Satan selbst. Er erf�llt W�nsche, verleiht Titel und gibt Antworten. Aber er gehorcht nur kurze Zeit und ist au�erordentlich verschlagen und verlogen. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen erz�hlte, in der esoterischen Tradition w�rde Satan stets die Wahrheit sagen, ehrlich und ungeschminkt? �Der Herr der L�gen� ist n�mlich tats�chlich nicht Satan, sondern Belial.�</p><p>�Woher wissen Sie das alles? Ach ja, Ihre B�cher...�</p><p>�Um ehrlich zu sein nur zum Teil...� Peter z�gerte.</p><p>�Was meinen Sie? Worum geht es? Hat es damit zu tun, weswegen Sie in der �Szene� so unbeliebt sind?�</p><p>�Ja, ich habe... ach, es ist schon so lange her... aber ja, ich habe mich mit Esoterik und Okkultismus befasst... sehr sogar. Damals war ich keine drei�ig. Mein Geschichtsstudium hatte mich mit hochinteressanten Menschen in Verbindung gebracht. Gebildete Menschen, Intellektuelle, ich geriet in ihre Kreise, lernte Exzentriker und K�nstler kennen. Ich nahm alles in mir auf, las alles, was mir in die Finger geriet, �ber Nahtoderfahrungen, Tischr�cken, transzendentale Meditation, Akupunktur, Rudolf Steiner und Madame Blavatsky. Einmal auf diesem Kurs, war es nur ein kleiner Sprung in die okkulten Gew�sser. Sehen Sie, die Grenzen sind flie�end. Ich schloss mich zun�chst einer theosophischen Loge an und rutschte von dort in eine Sekte, die mit den Lehren des Aleister Crowley sympathisierte...�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden, Peter.�</p><p>�Nun, ist auch nicht so wichtig. Jedenfalls kam ich in die inneren Bereiche der Sekte, lernte ihre Lehren, ihre Geheimnisse � und was viel wichtiger war �, ihre Geschichte und ihre Mitglieder kennen. Durch meine Auffassungsgabe und mein gutes Ged�chtnis erweckte ich den Anschein eines besonders strebsamen und hingebungsvollen Sch�lers. In Wahrheit betrachtete ich alles immer mit einem gewissen Abstand. Und irgendwann kam der Zeitpunkt, als ich ausstieg und die Lehren und Geheimnisse der L�cherlichkeit preisgab. Nat�rlich erwarb ich mir damit keine Freunde, aber durch mein Insider-Wissen blieb ich unantastbar.�</p><p>�Daher kommt es also, dass jedermann Sie kennt! Es hat weniger mit Ihren aktuellen B�chern zu tun als mit Ihrer Vorgeschichte. Und weshalb sind Sie unantastbar?�</p><p>�Das hat wohl damit zu tun, dass ich einige einflussreiche Leute �berzeugen konnte, dass im Fall meines Ablebens gewisse Dokumente ver�ffentlicht werden, die bei einigen Banken deponiert sind. Seither hat man mich kaum mehr behelligt.�</p><p>�Sie erstaunen mich immer wieder, Peter.�</p><p>�Nur leider hilft uns das im Augenblick nicht weiter...�</p><p>�Der Zeitpunkt kommt ja vielleicht noch. Was wissen Sie �ber die schwarze Messe?�</p><p>�Es gibt da keine einheitliche Vorgehensweise. Nach dem, was Ash erz�hlte, vermute ich, dass es sich um Rituale aus der Sexualmagie handelt. Er hat die Konjunktion von Mars und Venus erw�hnt, deren Energie �blicherweise f�r derlei Zwecke herhalten soll.�</p><p>�Und wie l�uft so was ab?�</p><p>�Das kann ganz unterschiedlich sein. Es geht im Prinzip darum, die sexuelle Energie zu nutzen, um einen h�heren Zustand zu erreichen. Meistens ben�tigt man dazu also zwei Menschen. Au�erdem Musik, Tanz oder andere Hilfsmittel, um in Trance zu verfallen. Beim H�hepunkt soll die Energie des Orgasmus umgelenkt werden. Au�erdem hat Ash von einem Geschenk gesprochen, das Belial auf dem Altar gegeben werden soll, eine Art Opfer, vermute ich.�</p><p>�Und mit diesem Gehirnfick wollen sie einen D�mon beschw�ren?!�</p><p>�So l�cherlich man es auch finden mag, hier nimmt man das sehr ernst. Mit allen Konsequenzen...�</p><p>�Ja, da haben Sie wohl Recht... Sehen Sie, dort!� Patrick wies mit dem Kopf in Richtung Ende des Saals, das rechts von ihnen lag. Dort hatte sich eine Pforte mit zwei Fl�geln ge�ffnet, und nun schritt eine Prozession herein. Sie wurde angef�hrt von etwa einem Dutzend weiblicher Sektenmitglieder, deren schwarze Gew�nder aus mehreren Lagen sehr d�nnen, flie�enden Stoffes bestanden. Es wirkte wie eine finstere Perversion feinster Brautkleider. Den Frauen folgte eine ebenso gro�e Gruppe schwarz gekleideter M�nner; sie trugen jeweils eine gl�nzende schwarze Sch�rpe, und ihre H�upter waren mit Kapuzen bedeckt. Als N�chstes trat der Rest der satanischen Gemeinde in den Saal, ebenfalls in Schwarz, allerdings ohne Kapuzen und in schlichte, m�nchsartige Kutten geh�llt.</p><p>Die Menschen gingen den Mittelgang der Halle entlang und verteilten sich dann gleichm��ig. Dabei bildeten die Mitglieder der vordersten beiden Gruppen in der ersten Reihe einen Halbkreis, der zum Altar hin ge�ffnet war. Nach einer kurzen Weile hatten alle einen Stehplatz eingenommen und verharrten mit gesenkten K�pfen. Dann begannen dumpfe, regelm��ige Trommelschl�ge, ohne dass ersichtlich war, woher sie kamen. Der Takt war langsam. Daraufhin gesellte sich ein einzelner Ton hinzu. Er war erst kaum wahrzunehmen, wurde jedoch nach und nach deutlicher. Es klang, als w�rde ein unsichtbares, �berdimensionales Horn einen sehr tiefen, endlosen Ton erzeugen. Es war eine merkw�rdige Frequenz, sie baute sich immer mehr auf, als ob sie sich st�ndig selbst �berlagerte und verst�rkte. Die Luft schien zu vibrieren, als ob der Klang den Stein der Halle selbst zum Schwingen br�chte. Pl�tzlich brachen alle Ger�usche abrupt wieder ab. Die Menge hob den Kopf und sah zum Altar. Ein Mann trat von hinten an den wei�en Steinblock heran. Auch er war schwarz gekleidet, aber er trug einen weiten, wallenden Mantel, der mit einem breiten G�rtel um den Bauch zusammengehalten wurde. Seine Robe war mit aufwendigen, schimmernden Stickereien versehen. Unter dem Arm trug er ein schweres Buch. Neben dem Mann erschienen zwei weitere Leute, einfacher gekleidet. Einer der beiden stellte eine eiserne Buchst�tze auf den feucht gl�nzenden Altar, der andere setzte eine gro�e Stumpenkerze daneben. Sie wichen wieder zur�ck, und der Mann im Mantel legte das Buch aufgeschlagen auf die St�tze. Dabei trat er in den Lichtschein der Kerze, und sein Gesicht wurde erhellt.</p><p>�Ich hab's geahnt!�, entfuhr es Patrick.</p><p>Der Priester, der die Zeremonie leiten w�rde, war niemand anders als Ash Modai selbst.</p><p>Der hob nun die Arme. �Dies ist die Hand von Belial!�, rief er mit kraftvoller Stimme, die von der Akustik des Gew�lbes verst�rkt und durch die ganze Halle getragen wurde. �Sie dient ihm heute wie zu allen Zeiten. Heute rufen wir den Herrn an, wie er es uns gelehrt hat.�</p><p>Mit diesem Satz ert�nten die Trommeln erneut, jedoch in einem schnelleren, treibenden Rhythmus. Dazu intonierte die Menge eine monotone Klangfolge.</p><p>Nach einer Weile hob der Priester abermals seine Arme. Alles verstummte. Er verlas nun mehrere lange Passagen aus seinem Buch in Latein. An bestimmten Stellen stimmte jeweils die satanische Gemeinde mit ein und sprach mit oder antwortete mit anderen Phrasen. Dieses Wechselspiel wurde eine erm�dende Zeit lang fortgef�hrt, bis Patrick sich schon fragte, ob das nun alles sei, was eine schwarze Messe ausmachte. Doch dann war offenbar ein neuer Abschnitt der Zeremonie erreicht. Die beiden Helfer des Priesters erschienen. Sie trugen gemeinsam eine Feuerschale mit drei niedrigen F��en und etwa einem Meter Durchmesser. Sie stellten sie auf den Boden des Saals, w�hrend die vordere Reihe der Sektenmitglieder einen abwechselnd aus M�nnern und Frauen bestehenden Kreis um die Schale bildete. Einer der Gehilfen trat heran und entz�ndete das undefinierbare Material in der Schale. Schnell z�ngelten leuchtende Flammen in die H�he. Peter beobachtete, dass sich dabei ein d�nner, leicht gelblicher Rauch entwickelte, der �ber den Rand der Schale waberte. Als sich die Gehilfen zur�ckgezogen hatten, setzten die Trommeln wieder ein. Es war erneut ein treibender Rhythmus, den die Gemeinde abermals mit Gesang unterlegte. Der Kreis der Vermummten um die Feuerschale begann, entgegen dem Uhrzeigersinn zu tanzen. Die Bewegungen wirkten seltsam ungelenk und unnat�rlich, doch sie alle bewegten sich identisch, folgten einem komplizierten, archaischen Muster. Auch der Gesang schwoll an und nahm ab nach einem unbekannten Prinzip. Die Gew�nder der Frauen flossen wie dunkle Nebelschwaden um sie herum und verbanden alles zu einem zuckenden schwarzen Ring. Ash Modai las w�hrend des Tanzes halblaut S�tze aus dem Buch, die offenbar dem Gesang der Gemeinde entsprachen.</p><p>Pl�tzlich hielten die T�nzer inne. Die Frauen l�sten mit einer einfachen Bewegung die Verschl�sse ihrer Kleidung, die Gew�nder fielen von ihnen ab, und ihre nackten K�rper wurden enth�llt. Sie waren allesamt makellos und schlank, alle in etwa gleich gebaut, als seien sie bewusst nach denselben Kriterien f�r diese Aufgaben ausgew�hlt. Sie traten einen Schritt an die Feuerschale heran und hoben die Arme in die H�he. Die Gemeinde sang nun einen neuen Choral, aufreibend, antreibend.</p><p>In diesem Augenblick erschienen wieder die Gehilfen des Priesters. Sie f�hrten eine weitere Vermummte herein. Ihr blondes Haar fiel offen auf ihre Schultern. Sie war in einen taillierten, bestickten Mantel geh�llt, der ganz offenbar das Gegenst�ck zu dem darstellte, den Ash Modai trug. Sie lie� sich von den Gehilfen zum Altar begleiten, wo sie im Schein der Altarkerze stehen blieb.</p><p>�Stefanie!�, rief Patrick entsetzt.</p><p>�H�ren Sie auf�, zischte Peter, �Sie k�nnen nichts ausrichten. Und sie kann Sie nicht h�ren. Sehen Sie doch: Sie steht offenbar unter Drogeneinfluss!�</p><p>Tats�chlich war Stefanies Gesichtsausdruck vollkommen leer und unbeteiligt. Ohne jegliche Regung lie� sie es geschehen, als einer der Gehilfen an ihrem Mantel nestelte und ihn ihr schlie�lich auszog. Pl�tzlich stand sie vollst�ndig nackt vor der satanischen Gemeinschaft. Willenlos lie� sie es geschehen, als einer der Gehilfen sie noch n�her an den Altar lotste und ihr half, sich auf den blutigen Stein zu setzen. W�hrenddessen entfernte der andere den Buchst�nder und schob die Kerze an das Kopfende. Dann dr�ckten sie sie nach hinten, legten sie auf den R�cken, drehten sie, hoben ihre Beine an und hatten sie schlie�lich vollst�ndig auf den Altar gelegt.</p><p>�Himmel, was machen die da?! Peter!�</p><p>�Ich f�rchte das Schlimmste, mein Freund. Aber uns sind die H�nde gebunden!� Er deutete mit dem Kopf auf ihre Handschellen.</p><p>Nun begannen die T�nzer im Rhythmus der Trommeln wieder mit ihren ekstatischen Bewegungen. Die Frauen, n�her an den Flammen, begannen schnell zu schwitzen. Auch aus der Entfernung der Empore konnte Peter deutlich sehen, wie sich ihre Gesichter r�teten, ihre Haut zu gl�nzen begann, feuchte Tropfen zwischen ihren Br�sten und an ihren H�ften herabrannen. Peter erschien es, als sei es deutlich w�rmer im Saal geworden, w�rmer, als jene Feuerschale die Halle zu erhitzen vermochte. Die Trommeln, der Gesang und die Bewegungen rund um die Flammen drangen auf seltsame Weise auf ihn ein, und er f�hlte sich fahrig, fast ein wenig fiebrig.</p><p>Wieder verharrten die T�nzer einen Augenblick. Nun �ffneten die M�nner ihre Gew�nder. Sie warfen die Kapuzen zur�ck und lie�en ihre Kutten zu Boden sinken. Bald wurde offenbar, dass auch die M�nner bereits stark erhitzt waren. Und nicht nur das: Sie waren deutlich erregt. Auch die M�nner glichen sich in mancherlei Hinsicht; allesamt waren sie muskul�s, kurzhaarig, unbehaart, und sie verf�gten in diesem Augenblick jeder �ber eine Erektion von beeindruckender Gr��e, Jeder von ihnen umfasste eine der Frauen von hinten, und anschlie�end bewegten sie sich gemeinsam weiter im Kreis um die Feuerschale herum, wobei sie ihre verschwitzten K�rper alle in gleicher Weise aneinander rieben, sich massierten, sich ableckten und bissen.</p><p>Die Gemeinde intonierte einen immer lauteren und zunehmend st�rker antreibenden Gesang, der nun an eine Art Sprechchor erinnerte und sich st�ndig wiederholte.</p><p>W�hrenddessen trat Ash Modai an den Altar. Er ergriff die Fu�gelenke von Stefanie und zog sie �ber den verschmierten Marmor zu sich heran. Dabei spreizte er ihre Oberschenkel und lie� ihre Unterschenkel links und rechts vom Altar herunterbaumeln. Entsetzt beobachtete Patrick, wie Ash Modai nun seine eigene Kutte zu �ffnen begann, w�hrend ihm Stefanies gespreizte Beine zugewandt waren, ihr heiligster Schrein sich ihm wehrlos darbot.</p><p>Hei�er Zorn loderte in Patrick auf.</p><p>Als Ash Modais Kutte fiel, wurde auch sein erigierter Penis sichtbar. Er ergriff ihn und begann, ihn mit gleichm��igen Bewegungen zu massieren.</p><p>Unterdessen hatte der Gesang der Gemeinde einen H�hepunkt erreicht. Ein Aufheulen wurde laut, als die T�nzer pl�tzlich stehen geblieben waren. Nun wandten sich die Frauen dem Feuer zu, stellten sich breitbeinig hin, reichten sich die H�nde, streckten die Arme nach oben, st�tzten sich gegenseitig und beugten sich dann gemeinsam so weit nach vorn, dass sie den M�nnern, die hinter ihnen standen, ihre blanken Hinterteile und den Ansatz ihrer Schamlippen pr�sentierten. Die M�nner ergriffen jeweils die H�ften der Frau, die vor ihnen stand, und drangen ruckartig in sie ein. Die Trommeln untermalten diesen ersten Sto� und fanden zu einem neuen, zun�chst langsamen Rhythmus, den die Gemeinde erneut mit Gesang begleitete. Die M�nner bewegten sich dabei im Takt der Trommeln.</p><p>Peter schwitzte nun ganz deutlich. Er merkte, wie ihm ein Rinnsal an den Schl�fen herabrann. Und sosehr ihn das verst�rte, was er sah, bemerkte er auch, dass er von der Vorstellung im Saal aufs �u�erste erregt wurde. Er hatte nur noch Augen f�r das orgiastische Treiben der T�nzer, es schien, als k�nne er das Geschehen heranzoomen, er war ganz darin versunken. Er sp�rte sein eigenes, pochendes Geschlecht, sp�rte, wie er selbst immer wieder in die Frauen eindrang, wie er nah daran war, zu kommen, und wie der Gesang und die Trommeln ihn immer weitertrieben.</p><p>Patrick hingegen hatte nur Augen f�r das Geschehen am Altar. Ash Modai masturbierte noch immer. Ab und zu ergriff er Stefanies Kniekehlen, hob ihr Becken an und rieb sein Glied zwischen ihren Beinen, doch er drang nicht in sie ein. Dabei warf er den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und rief fremdsprachige Worte, die seine Gemeinde wiederholte.</p><p>�Peter, wir m�ssen etwas tun! Peter, h�ren Sie?�</p><p>Doch Peter war wie taub. Seine Augen waren gebannt auf die nackten Menschen gerichtet, deren Leiber sich um die Feuerschale herum auf dem Boden w�lzten. Einige Frauen lagen auf dem R�cken, andere auf dem Bauch oder krochen auf allen vieren herum, w�hrend die M�nner wie Tiere �ber sie herfielen, wahllos mal die eine, mal eine andere Frau bestiegen. Sie drangen dabei in jede �ffnung ein, die ihnen gierig entgegengestreckt wurde. Peter nahm ihre Ausd�nstungen wahr, roch ihren Schwei�. Ihr animalisches Treiben, das brutale Sto�en und das inbr�nstige St�hnen str�mten wie hei�er Teer durch seine Adern. Er atmete tief und schwer ein, zitterte, bebte. Er war am Rand eines H�hepunktes und zugleich k�rperlich am Ende seiner Kr�fte, war so weit von seinem Selbst entfernt, dass er Patricks Stimme kaum zur Kenntnis nahm.</p><p>�Peter, was ist mit Ihnen?! <emphasis>Merde!</emphasis>�</p><p>Die Trommeln waren nun so schnell geworden, dass es wie ein einziger best�ndiger Ton klang. Ash Modai vibrierte am ganzen K�rper, seine Muskeln waren angespannt, er war kurz vor einem Orgasmus. Er hielt noch immer seinen Penis umfasst, und pl�tzlich durchfuhr ihn der H�hepunkt. Er wandte sich von Stefanie ab und pr�sentierte sich der Gemeinde.</p><p>�BELIAL, WIR RUFEN DICH!�, schrie er unter Zuckungen in die Halle. Patrick beobachtete, dass Ash dabei keinerlei Fl�ssigkeit verlor. Entweder es handelte sich um eine k�rperliche Fehlfunktion, oder er hatte sich auf eine besondere Art unter Kontrolle.</p><p>Rund um die Feuerschale erreichten die Sektenmitglieder nun ebenfalls den H�hepunkt, der von einem kollektiven, orgiastischen Schreien und St�hnen begleitet wurde. Die M�nner ergossen sich dabei zuckend in jener K�rper�ffnung, die ihren Penis gerade aufgenommen hatte.</p><p>Peter erschauderte, als er sah, was geschah: Die Leiber begannen zu <emphasis>leuchten.</emphasis> Wabernde Lichtschleier entstanden zwischen den Nackten. Das Licht floss wie leuchtender Nebel zur Feuerschale hin und begann, sich um die Flammen zu wickeln, dehnte sich aus, wurde zu einer vier Meter hohen S�ule. Dann bog sie sich leicht und entwickelte eine immer l�nger und d�nner werdende Spitze, die sich dem Priester zuneigte. Ash Modai stand breitbeinig und mit ausgebreiteten Armen neben dem Altar. Er zog das Licht an. Es neigte sich st�rker in seine Richtung, formte sich weiter und begann langsam, in einem Bogen von der Feuerschale zu ihm her�berzuflie�en. Die Spitze ber�hrte sein Gesicht, er �ffnete den Mund, und das Licht kroch in seine Kehle. Schneller und schneller str�mte nun der gl�hende Nebel zu ihm, umh�llte den Priester bald vollkommen und drang in ihn ein. Voller Grauen wurde Peter Zeuge einer unnat�rlichen Metamorphose. Durch das Leuchten, das Ash Modai umgab, waren spastische Zuckungen zu sehen, Gliedma�en, die sich kr�mmten und verformten. <emphasis>Belial erscheint tats�chlich!</emphasis>, durchfuhr es Peter. Und wie in der Goetia beschrieben, formten sich nun aus dem Licht ein zweites Paar Arme und Beine, ein zus�tzlicher K�rper, ein weiterer Kopf, bis zwei getrennte, strahlend helle Wesen zu erkennen waren. Sie wirkten geschlechtslos und waren von �berirdischer, fast schmerzhafter Sch�nheit. Nur schemenhaft war zu erkennen, dass sie in einer Art Streitwagen standen.</p><p>�Belial! Belial!�, rief die Gemeinde.</p><p>Wie vom Donner ger�hrt, starrte Peter zum Altar. Was sich dort, wenige Meter von ihm entfernt, manifestiert hatte, diese engelsgleiche, unwirkliche Erscheinung, war atemberaubend und entsetzlich zugleich. Ein Wirklichkeit gewordener Albtraum, der wahrhaftige D�mon Belial, seit Jahrtausenden gef�rchtet, ein Beweis f�r die H�lle, den Abgrund, Hades, die Totenwelt, das Jenseits und alle jene Dimensionen, die zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit lagen. Der Boden der Realit�t war aufgerissen, gab den Blick frei auf die Schrecken s�mtlicher Epochen, die Legion der chtonischen Monster, die etruskischen D�monen, die babylonischen G�tter, die �gyptischen Herrscher der Unterwelt, Totenw�chter, Widersacher, Zerst�rer, Weltenverschlinger: Tiamat, Pazuzu, Lamaschtu, Charon, Kali, Anubis, Apophis, Leviathan, Behemot, Luzifer, Diabolos, Shaitan.</p><p>Die beiden erhabenen Gesichter Belials sahen durch die Halle, zerschnitten die Luft mit ihren alles ergr�ndenden, t�dlich klaren Blicken. Dann sahen sie den Altar und den darauf liegenden nackten K�rper von Stefanie.</p><p>�Belial! Belial!�, klang es einstimmig im Saal.</p><p>Der D�mon wandte sich dem Opfer auf dem Altar zu. Und erneut begann eine Verwandlung. Die Erscheinung Belials, die beiden K�rper und der Wagen verschmolzen ineinander, verformten sich. Glei�endes Licht stieg auf, und es bildete sich etwas Neues, dunkler, haariger. Klauen wurden sichtbar, muskul�se Arme, Fell, ein geh�rnter Sch�del mit der Schnauze eines �bergro�en Raubtiers. Belial zeigte sich in seiner wahren Gestalt. Peters Nackenhaare stellten sich auf, er zitterte am ganzen K�rper, Todesangst �berkam ihn, und er wollte nur noch fliehen. Aber er konnte sich nicht r�hren, musste mit ansehen, wie eine fast drei Meter hoch aufragende Ausgeburt der H�lle br�llend neben dem Altar stand. Geifer troff aus ihren F�ngen. Die Kreatur legte ihre Vorderklauen rechts und links neben Stefanie auf den Altar, beugte sich �ber sie. Aus einer Felltasche zwischen den Hinterbeinen des Monstrums schob sich ein riesenhafter, unmenschlicher, erigierter Penis hervor. Das satanische Biest warf den Kopf in den Nacken, und sein durchdringendes, triumphierendes Aufheulen erf�llte den Saal. Stefanie wirkte winzig und zerbrechlich unter dem d�monischen Gesch�pf. Es w�rde sie zu Tode pf�hlen und dabei ihre Eingeweide aus dem Brustkorb rei�en...</p><p><emphasis>11. Mai, 2.15 Uhr, Rue Georges Simenon, Paris</emphasis></p><p>Jean-Baptiste Laroche wurde aus dem Schlaf gerissen, als seine Haust�r im Erdgeschoss aufgebrochen wurde. Er h�rte M�nner aufgeregt rufen und bald darauf das Getrampel schwerer Stiefel auf seiner Treppe. Hektisch fuhr er �ber seinen Nachttisch, um seine Brille zu suchen. Er erwischte sie an einem B�gel, doch sie fiel ihm aus der Hand und landete auf dem Boden. Er strampelte sich frei und warf sich �ber die Bettkante, um mit ausgestreckten Armen nach seiner Brille zu angeln. Gerade, als er sich nackt aus dem Bett beugte, wurde die T�r zu seinem Schlafzimmer aufgetreten, und glei�ende Mag-Lite-Strahlen schlugen ihm ins Gesicht. Dann wurde die Deckenbeleuchtung eingeschaltet.</p><p>�Keine Bewegung!�</p><p>Milit�rpolizisten str�mten in sein Zimmer, umstellten sein Bett und hielten ihre Maschinenpistolen auf ihn gerichtet.</p><p>Jean-Baptiste wagte nicht, sich zu r�hren, obwohl er sich der Peinlichkeit seines Anblicks durchaus bewusst war.</p><p>Ein Polizeibeamter in einem dunkelblauen Parka und ohne Waffe in der Hand betrat nun den Raum. �Monsieur Laroche, Sie sind verhaftet�, sagte er. �Die Anklage lautet auf Landesverrat. Leisten Sie keinen Widerstand. Sie haben das Recht, zu schweigen und Ihren Anwalt zu informieren. Ich muss Sie bitten, uns zu folgen.�</p><p>�Wie bitte?! Landesverrat? Was geht hier vor sich?�</p><p>�Bitte ziehen Sie sich an.�</p><p>�Wollen Sie mir bitte erkl�ren, was los ist? Ich bin Parteivorsitzender!�</p><p>�Ihre Immunit�t ist um Mitternacht vom Pr�sidenten aufgehoben worden. Ich kann Ihnen keine weiteren Fragen beantworten. Bitte beeilen Sie sich jetzt.�</p><p>Widerwillig stieg Laroche aus dem Bett. Bei seinem Versuch, das Bettlaken um sich zu wickeln, riss er die schwere �berdecke herunter und verwickelte sich fluchend in ein Wirrwarr von Stoffbahnen. Schlie�lich wurde es ihm zu bunt, er warf die Decken auf den Boden, stampfte nackt zwischen den Polizisten hindurch, riss seine Kleidung vom Stuhl und verschwand mit knallender T�r im Badezimmer.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 19</strong></p><p><emphasis>11. Mai, Gew�lbe in Albi</emphasis></p><p>Aufh�ren!!�, br�llte Patrick in den Saal. Irritierte Gesichter wandten sich ihm zu. �R�hrt sie nicht an, ihr perversen Schweine. Ash, du missratener Sohn eines Hurenbocks, komm her, damit ich dir deine verdammte Visage einschlagen kann!� Die gesamte satanische Gemeinde blickte nun hinauf zur Empore. �Und wenn du dir von deinen gehirnamputierten Pennern helfen l�sst, bist du nicht mehr wert als die Hundeschei�e unter ihren Latschen!�</p><p>Peter zuckte zusammen. Irgendetwas hatte sich ver�ndert. Ein Riss verlief durch sein Sichtfeld, und es wurde heller. Etwas Schweres fiel von ihm ab, und wo er eben noch das d�monische Untier gesehen hatte, stand nun wieder Ash Modai. Entbl��t, aber nicht mehr erhaben, sondern wutentbrannt. Mit funkelnden Augen starrte er zu ihnen hinauf. Was hatte Patrick ihm gerade zugeschrien? Peter hatte es wie aus weiter Entfernung geh�rt, kaum wahrgenommen, aber nun erinnerte er sich und musste unwillk�rlich schmunzeln. In F�llen wie diesen beneidete er die Franzosen um ihre deutliche Ausdrucksweise.</p><p>Ash Modai jedoch war gar nicht zum Schmunzeln zumute. Mit zornesrotem Kopf wies er auf die Empore. �Holt sie herunter und bringt sie her! Belial will Blut sehen!�</p><p>Ein Aufschrei ging durch die Menge, und sie setzte sich st�rmisch in Bewegung.</p><p>In diesem Moment ersch�tterte eine ohrenbet�ubende Explosion die Halle. Ein Feuerball zerriss die Fl�gelt�r am Eingang des Saals, Holz und Leiber wurden in der Druckwelle durch die Luft geschleudert. Augenblicklich brachen Scheinwerfer durch den Rauch und tauchten die Halle bald darauf in blendendes Licht. Durch das Chaos der Verw�stung, zwischen den verwundeten, schreienden und kopflos umherirrenden Sektenanh�ngern am Boden, liefen uniformierte Menschen mit Gasmasken und Waffen im Anschlag. Sie rannten durch den Saal und zum Altar. Sekunden sp�ter tauchten zwei der Soldaten auf der Empore auf. Sie hielten durchsichtige Atemmasken mit Schl�uchen in den H�nden und dr�ckten sie den beiden Angeketteten vor die Gesichter.</p><p>�Atmen Sie tief ein, das ist Sauerstoff! Wir holen Sie raus.�</p><p>�Schnappt das Schwein!�, sagte Patrick noch, bevor ihm die Maske ans Gesicht gepresst wurde. Auch Peter erhielt eine Maske, und kurze Zeit sp�ter merkte er, wie sein Kopf klarer wurde. W�hrenddessen �ffnete einer der M�nner die Schl�sser der Fesseln. Es tat gut, die Arme sinken zu lassen. Peter sank ersch�pft auf den Boden, setzte sich. Patrick st�rmte vor, schlug die helfenden Arme der Soldaten beiseite und rannte die Treppe in den Saal hinunter. Unten sah er, dass die Sektenmitglieder zusammengetrieben und mit den Waffen in Schach gehalten wurden. Einem der Kuttentr�ger, der ihm verwirrt in den Weg stolperte, verpasste er einen massiven Fausthieb, dass der Mann st�hnend zu Boden ging. Patrick rannte zum Altar, suchte Stefanie. Doch als er den Stein wieder im Blick hatte, war sie verschwunden. Er hastete an der Feuerschale vorbei, hinauf zum Altar, und da sah er sie. Zwei der Soldaten hatten sie heruntergehoben und in den abscheulichen Mantel geh�llt, mit dem sie hereingebracht worden war. Patrick kam kurz vor ihr zum Stehen. Sie l�chelte ihn an.</p><p>�Hallo, mein Retter�, sagte sie. Ihre Augen und ihre Miene zeigten keinerlei Anzeichen, dass sie irgendwelche Drogen genommen h�tte. Auch wurde sie nicht gest�tzt, sondern stand einfach nur da, als sei nichts vorgefallen.</p><p>�Stefanie! Sind Sie verletzt? Geht es Ihnen gut? Was hat man mit Ihnen angestellt?�</p><p>�Es ist alles gut, Patrick.� Sie l�chelte noch immer. Jetzt sah sie wieder aus wie eine G�ttin. �Mir ist nichts passiert. Unsere Rettung kam gerade zur rechten Zeit, w�rde ich sagen. Vielen Dank f�r Ihr Eingreifen. Es ehrt mich, wie viel Ihnen an mir liegt.�</p><p>�Mein Eingreifen? Ich w�nschte, ich h�tte etwas tun k�nnen!�</p><p>�Sie waren beherzt und sehr mutig! Mehr konnten Sie nicht tun.�</p><p>�Was ist passiert? Hatte man Ihnen Drogen gegeben? Sie hypnotisiert? Und wer sind diese Leute? Wo kommen sie her?�</p><p>�So viele Fragen. Es wird sich alles kl�ren, da bin ich sicher. Da, sehen Sie, es kommt schon jemand, der mit uns sprechen will.�</p><p>Tats�chlich kam ein Soldat geradewegs auf sie zu und entfernte im Gehen seine Gasmaske. Als er herangetreten war, streckte er ihnen seine Hand entgegen.</p><p>�Sie m�ssen Stefanie Kr�ger und Patrick Nevreux sein. Es freut mich, dass Ihnen nichts geschehen ist. Leider waren wir nicht noch schneller, aber es hat ja gerade noch geklappt.�</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte Patrick.</p><p>�Entschuldigen Sie, wie unh�flich. Mein Name ist Bruder Nathaniel, Ritter vom Tempel Salomons.�</p><p>Patrick st�hnte auf. �Ach, du Schei�e...�</p><p>Keine halbe Stunde sp�ter standen sie im Foyer des H�tel des Cathares. Man hatte sie dort einquartiert und ihnen den Landrover vor die T�r gestellt. Am Morgen wollte man sich mit ihnen treffen, um mit ihnen ausf�hrlich zu reden. Alle drei waren zu m�de, um zu widersprechen. Au�erdem brannten sie auf die versprochenen Antworten.</p><p>�Was f�r ein Tag!�, sagte Patrick. �Stefanie, f�hlen Sie sich wohl? Werden Sie schlafen k�nnen?�</p><p>�Aber ja.�</p><p>�Ich meine, immerhin sind Sie vorhin beinahe... Na ja, zumindest sah es so aus... nicht, dass ich irgendwelche Details gesehen h�tte...�</p><p>�So sch�chtern kenne ich Sie gar nicht, Patrick. Vergewaltigt, meinen Sie? Ich w�re fast vergewaltigt worden? Machen Sie sich keine Gedanken. Es bestand zu keinem Zeitpunkt wirkliche Gefahr f�r mich.�</p><p>�Wie bitte?! Aber Sie waren doch v�llig willenlos. Es h�tte nicht viel gefehlt...�</p><p>�Ich wei� genau, wie viel gefehlt hat, Patrick. Und glauben Sie mir: Ich h�tte mich im entscheidenden Augenblick unangenehm zur Wehr gesetzt.�</p><p>Patrick sah sie zweifelnd an. Die Lage hatte sicherlich anders ausgesehen, aber als sie die Worte nun sagte, wirkte sie �berzeugend. Offenbar hatte sie das Spiel so lange mitgespielt, um nicht fr�hzeitig ihre Wehrhaftigkeit preiszugeben. Beim Gedanken daran, was Stefanie im rechten Moment mit Ashs Familienjuwelen angestellt h�tte, �berkam ihn ein Schauer. Er wechselte das Thema.</p><p>�Peter, was ist mit Ihnen? Wieder fit f�r eine wohlverdiente M�tze Schlaf? Sie sind so schweigsam, seit wir wieder drau�en sind.�</p><p>�Ich verstehe nicht, wie Sie beide dieses Erlebnis so leicht wegstecken k�nnen. Wir sind Zeuge einer satanischen Anrufung geworden, ein blutiger Altar, eine gottlose Orgie und zu guter Letzt eine Manifestation, ein wahrhaftiger D�mon! Wissen Sie nicht, was das bedeutet?!�</p><p>�Was f�r eine Manifestation? Wovon reden Sie?�</p><p>�Die leuchtenden Gestalten, Belial in seiner Form zweier Engel auf dem Streitwagen, und dann diese h�llische Bestie!�</p><p>Patrick sah dem Engl�nder in die Augen, um darin eine Ver�nderung zu sehen. �Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?� Peters Pupillen waren leicht geweitet, sein Blick ins Unbestimmte gerichtet. �Sie haben leuchtende Gestalten gesehen? Und eine Bestie?�</p><p>�Sie waren so vollkommen, so real, ihre Blicke drangen bis ins Mark. Genauso, wie es beschrieben wird. Es stimmte alles.�</p><p>�Peter, da war nichts. Peter!� Patrick fasste ihn an den Schultern und brachte sein Gesicht ganz nahe an das des Professors heran. �Sehen Sie mich an, Peter. Da war nichts. H�ren Sie!�</p><p>Peter blickte auf. �Was soll das hei�en, da war nichts? Verschlie�en Sie noch immer die Augen vor der Wahrheit, wie ich es mein Leben lang tat? Fragen Sie Stefanie, ob da etwas war!�</p><p>�Peter�, sagte Stefanie, �da war tats�chlich nichts. Glauben Sie uns. Die Zeremonie hat Sie gefangen genommen. Sie sind beeinflusst worden!�</p><p>�Beeinflusst? Wer sagt Ihnen, dass Sie es nicht sind, die beeinflusst wurden?�</p><p>�Wenn dort irgendwelche Gestalten oder Bestien gewesen w�ren�, versuchte es nun wieder Patrick, �wohin sind sie dann so pl�tzlich verschwunden, als wir befreit wurden?�</p><p>�Ich wei� es nicht...� Er senkte den Blick. �Vielleicht haben Sie ja auch Recht...� Er wirkte nicht �berzeugt.</p><p>�Wir sollten jetzt alle schlafen gehen�, sagte Patrick. �Morgen fr�h sieht alles anders aus. Und dann bekommen wir hoffentlich auch ein paar Antworten.�</p><p><emphasis>11. Mai, H�tel des Cathares, Albi</emphasis></p><p>Es war eine kurze und unruhige Nacht f�r alle drei. Doch als sie sich gegen neun Uhr zum Fr�hst�ck trafen, waren Stefanies Haare frisch gewaschen, Patrick machte einen einigerma�en erholten Eindruck, und auch Peter schien seine Fassung wiedererlangt zu haben. Dennoch wirkte er nachdenklich, als er seinen Tee trank.</p><p>�Es tut mir leid, wenn ich Sie beide gestern mit meinem verworrenen Zustand belastet habe�, sagte er nur zur Erkl�rung. �Ganz offenbar haben wir unterschiedliche Erinnerungen an das Geschehen. Lassen wir es zun�chst dabei bewenden.�</p><p>So erz�hlte Patrick von ihren Erlebnissen in der H�hle, wobei Peter interessiert zuh�rte. Er formulierte dabei dieselben Fragen, die sich Patrick ebenfalls gestellt hatte: in welcher Weise Patrick in der Lage gewesen sei, die Bilder zu lenken, und ob es sich nicht vielleicht um projizierte Erinnerungen handelte. Doch dann schilderte Patrick, wie er der Herkunft der beiden Faxe auf die Spur gekommen war, die traumartige Reise nach Morges, das Herrenhaus am Genfer See und das T�rschild mit der Inschrift �Steffen van Germain�.</p><p>�H�chst erstaunlich!�, sagte Peter. �Dann handelt es sich in der Tat um eine H�hle des Wissens! Uns ist weder bekannt, wer sie erbaut hat, noch, wie sie funktioniert. Doch scheint sie in der Lage zu sein, Wissen zu vermitteln, und zwar auf eine umfassendere und direktere Art, als wir es bisher kennen. Stellen Sie sich vor, �ber welche Macht derjenige verf�gt, der diese H�hle beherrscht. Kein Geheimnis der Welt w�re mehr sicher, alles Wissen der Vergangenheit, der Gegenwart, m�glicherweise auch der Zukunft w�re jederzeit verf�gbar! Das ist unglaublich!�</p><p>�Ja.� Patrick nickte. �Und eine ganze Menge Leute trachtet bereits nach dieser H�hle. Nicht nur die Satanisten. Erinnern Sie sich an den Typ von Helix Industries, der uns von den Archiven Luthers erz�hlte? Meinen Sie nicht, der ahnte etwas? Und Ren�e! Wie begierig sie wurde, uns zu helfen und mehr �ber den �Kreis von Monts�gur� zu erfahren. Als h�tte sie schon davon geh�rt.�</p><p>�Und dann gibt es diesen Steffen van Germain�, sagte Peter, �der scheinbar von Anfang an wusste, um was es geht, und uns beobachtete...�</p><p>�Ich m�chte mich ja ungern in die H�nde einer neuen Geheimorganisation von Spinnern begeben�, sagte Patrick, �aber so wie es aussieht, ist der mysteri�se Mann aus Morges unsere letzte hei�e Spur. Wir sollten ihm dringend einen Besuch abstatten.�</p><p>�Apropos Geheimorganisation�, sagte Stefanie, �da kommt unser Retter von gestern Abend.�</p><p>Nathaniel, diesmal nicht in Uniform, sondern in normaler Stra�enkleidung, trat an den Tisch.</p><p>�Guten Morgen, Madame, Messieurs. Ich hoffe, Sie konnten den kurzen Rest der Nacht noch genie�en. Sie sind bereits fertig mit dem Fr�hst�ck? Dann w�rde ich mich gerne mit Ihnen unterhalten. Sind Sie einverstanden, dass wir uns dazu eine ruhigere Ecke suchen?�</p><p>Sie standen auf und folgten dem Mann, der sie in einen Seitentrakt des Hotels f�hrte, wo sich eine Sitzgruppe und ein Kamin befanden. Am fr�hen Morgen war kein Feuer entz�ndet, doch es war allemal gem�tlich und so abgeschieden, dass eine vertrauliche Unterredung m�glich war, ohne von anderen G�sten �berrascht zu werden.</p><p>�Zun�chst einmal�, begann Nathaniel, �m�chte ich mich bei Ihnen noch mal f�r unser versp�tetes und martialisches Eingreifen gestern Nacht entschuldigen. Wir hatten gehofft, dass es niemals so weit kommen w�rde. Wir haben die Situation und ehrlich gesagt auch Ihre Hartn�ckigkeit untersch�tzt. Nun ist allerlei Unheil angerichtet worden, und wir m�ssen retten, was zu retten ist...� Er registrierte die irritierten Blicke seiner Gespr�chspartner. �Wie Sie sich denken k�nnen, geht es um die H�hle, die Sie entdeckt haben. Sie haben sie zu Recht als ein �Archiv des Wissens� identifiziert, und Sie haben bereits mehr herausgefunden, als wir zulassen wollten.�</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte Patrick.</p><p>�Mein Orden, der �Tempel Salomons�, bewacht die H�hle seit rund eintausend Jahren. Es ist ja kein Zufall, dass sie hier, mitten im modernen Frankreich, scheinbar noch nicht entdeckt wurde. Unsere Arbeit und ihre eigene Macht trugen wesentlich dazu bei. Bis Sie kamen.�</p><p>�Die Malereien sind aus dem Mittelalter�, sagte Peter. �Wurde die H�hle damals gebaut? Und wenn ja, von wem?�</p><p>�Sie wissen bereits mehr, als irgendeinem Fremden bekannt sein d�rfte. Meine Aufgabe ist es, Sie von der weiteren Erforschung der H�hle abzuhalten. Was Sie gestern erlebt haben, ist nur der Beginn einer Lawine, die Sie losgetreten haben.�</p><p>�Wollen Sie uns drohen?�</p><p>�Keineswegs. Von uns besteht keine Gefahr. Aber es stehen bereits neue Interessenten bereit, die mit Ihnen um die H�hle wettstreiten werden. Es wird zu keinem guten Ende kommen, und dabei werden Sie und alle anderen die Verlierer sein. Denn die H�hle selbst wird niemand erringen. Sie birgt eine viel zu gro�e Gefahr, als dass wir das zulassen k�nnten.�</p><p>�Welche Interessenten meinen Sie?�</p><p>�Den B�rgermeister von St.-Pierre-Du-Bois, Fauvel. Was meinen Sie, weshalb er Sie so pl�tzlich und dringend loswerden wollte?�</p><p>�Sie haben das veranlasst?�</p><p>�Sagen wir, er hat einen unangenehmen Besuch bekommen, der ihn dazu anregte, Sie fortzujagen. H�tte alles geklappt, h�tten Sie niemals von uns erfahren. Da Sie dennoch nicht gegangen sind, hat er jetzt eine Truppe S�ldner angeheuert, die Sie mit Waffengewalt vertreiben soll.�</p><p>�Das ist doch absurd!�</p><p>�Ja, nat�rlich ist es das.� Nathaniel beugte sich vor. �Aus diesem Grund konnten wir es auch nicht vorhersehen. Dennoch ist es so, und wir m�ssen und k�nnen Sie nur warnen. Die Dinge geraten au�er Kontrolle, wie Sie zweifellos gemerkt haben.�</p><p>�Mit unserer R�ckendeckung aus Genf und unseren Rangern im Wald sollte das kein echtes Problem darstellen�, sagte Patrick.</p><p>�Und hat Ihnen das gegen die Sekte von Belial geholfen? Untersch�tzen Sie nicht, welche Kr�fte Sie befreit haben, Messieurs. Weltliche, aber auch religi�se, esoterische, okkulte. Sie m�ssen die Untersuchungen an der H�hle unverz�glich beenden! Der Tempel Salomons m�chte kein Leid verursachen, doch wir k�nnen Sie auch nicht weiter besch�tzen.�</p><p>�Wer sind Sie �berhaupt?�, wollte Patrick wissen. �Erz�hlen Sie uns lieber, welche Rolle Sie dabei spielen!�</p><p>Nathaniel lehnte sich zur�ck. �Ich wei�, dass Sie das interessieren muss, aber ich darf Ihnen keine Einzelheiten offenbaren. Und schlussendlich ist es auch nicht wichtig. F�r Sie gen�gt es zu wissen, dass wir die H�hle sch�tzen und verhindern m�ssen, dass sie entdeckt wird.�</p><p>�Aber warum wollen Sie das?�, fragte Peter.</p><p>�Und wer gibt Ihnen die Befugnis, dar�ber zu entscheiden?�, warf Patrick ein. �Oder geh�rt Ihnen die H�hle etwa?!�</p><p>�Nein, uns geh�rt sie nicht. Sie geh�rt niemandem. Nicht, solange die Menschheit nicht reif genug f�r eine solche Macht ist. Bis dahin bewachen wir sie. Und wir handeln im Sinne und mit dem Segen der Gr�nder der Archive.�</p><p>�Welche Gr�nder?�</p><p>�Dem �Kreis von Monts�gur��, antwortete Nathaniel.</p><p>�Sie meinen das Symbol auf dem Boden der H�hle? Was hat es damit auf sich?�</p><p>�Ich meine nicht das Symbol. Der �Kreis von Monts�gur� ist ein arkaner Bund, �lter als wir alle zusammen, �lter als Jerusalem, �lter als �gypten und Babylon.�</p><p>�Der �Kreis von Monts�gur� ist gar nicht der Name f�r das Symbol, sondern f�r einen mystischen Orden!� Peter sch�ttelte den Kopf. �In dieser Richtung haben wir nicht nach Antworten gesucht.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Nathaniel. �Und dort gibt es auch nichts f�r Sie zu finden. Nur wenige h�rten jemals diesen Namen, und keiner davon hat jemals irgendetwas erfahren, wenn der Kreis selbst es nicht gewollt hat. Geben Sie es also auf, Ihre Suche ist an ihrem Ende angekommen. Stellen Sie die Untersuchungen ein.�</p><p>�Warum sollten wir das tun?�, fragte Patrick.</p><p>�Verstehen Sie doch! Sie m�gen gute Absichten haben, und es ehrt Sie, wie weit Sie bereits gekommen sind. Mit klarem Verstand und lauteren Mitteln. Doch bedenken Sie, was gestern beinahe geschehen w�re. Und was jederzeit wieder passieren kann und wird. Wem au�er Ihnen kann und wird die H�hle in die H�nde fallen? Die Menschheit ist nicht reif f�r die darin verborgene Macht. Sie m�ssen jetzt aufgeben und helfen, sie zu sch�tzen!�</p><p>�Sie halten ein durchaus ehrenvolles Pl�doyer�, sagte Peter, �aber ist es daf�r nicht zu sp�t? Was soll mit denen geschehen, die bereits davon wissen?�</p><p>�Machen Sie sich um Ash Modai und seine Sekte keine Sorgen�, erkl�rte Nathaniel. �Die Mittel der Suggestion und die berauschenden Drogen, die bei ihnen verwendet werden, leisten auch uns gute Dienste, wenn es darum geht, Geschehenes vergessen zu lassen.�</p><p>�Wie kommt es, dass Ash Modai den �Kreis von Monts�gur� �berhaupt kannte?�, fragte Patrick. �Von ihm haben wir zum ersten Mal davon geh�rt.�</p><p>�Ich bezweifle, dass er die geringste Vorstellung von den wahren Zusammenh�ngen hat�, sagte Nathaniel. �Aber das ist symptomatisch f�r die ganze Masse der halb gebildeten Mystiker. Die tats�chlichen Verh�ltnisse und Verbindungen sind nach Hunderten und Tausenden von Jahren kaum noch zu durchschauen. Solche wie ihn und die �Hand von Belial� hat es immer gegeben, aber sie ber�hren uns nicht. Das Einzige was z�hlt, ist die H�hle. Und ich muss Sie erneut eindringlich und letztmahg bitten, Ihre Arbeit einzustellen. Die Lage spitzt sich dramatisch zu, und Sie werden im Zentrum des Konflikts stehen, wenn Sie nicht rechtzeitig das Feld r�umen. Ich kann nur hoffen, dass Sie nicht noch mit weiteren m�glichen Interessenten im Kontakt stehen, die nun um die H�hle wissen, und die ihrerseits wollen, dass die Untersuchungen fortgef�hrt werden. Dann lie�e sich das verstreute Wissen um dieses Geheimnis m�glicherweise niemals wieder einfangen und b�ndigen!�</p><p>�Sie kennen unsere Kontakte bereits�, sagte Peter, entschlossen, dem Mann nichts von ihrer Auftraggeberin in Genf und von dem unbekannten Steffen van Germain zu verraten.</p><p>�Ich kann nicht mehr, als Sie warnen und Sie bitten�, wiederholte Nathaniel und stand auf.</p><p>�Wir haben verstanden�, sagte Peter, erhob sich ebenfalls und reichte dem Mann die Hand. �Und ich verspreche Ihnen, dass wir uns alles Weitere sehr gut durch den Kopf gehen lassen. Vielen Dank f�r Ihre Warnung und Ihre offenen Worte.�</p><p>�Ich danke Ihnen f�r Ihre Geduld! Gott helfe Ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen und den rechten Weg zu gehen. Leben Sie wohl! Madame, Messieurs.�</p><p>Sie sahen ihm hinterher, als er die Kaminlounge verlie�.</p><p>�Der hatte es aber pl�tzlich eilig�, sagte Patrick.</p><p>�Es gab wohl nichts mehr, was er uns noch sagen konnte�, meinte Stefanie.</p><p>�Oft genug wiederholt hat er sich ja. Schr�ger Vogel... Was halten Sie davon, Peter?�</p><p>�Also, mir sind es inzwischen eindeutig genug Geheimb�nde�, antwortete der Professor. �Jetzt haben wir nicht nur den �Tempel Salomonss der die H�hle sch�tzt und angeblich sogar den B�rgermeister unter Druck setzen kann, sondern dar�ber hinaus h�ren wir nun auch von einem weiteren, dahinter liegenden Orden, dem �Kreis von Monts�gur�, die angeblichen Gr�nder, �lter als �gypten und Babylon. Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der das f�r mindestens unwahrscheinlich halten muss. Und ist es ein Wunder, dass die Geschichte sie auch nicht kennt, dass wir noch nie davon geh�rt haben?� Er sch�ttelte den Kopf. �Ich bin gewiss der Letzte, der davor zur�ckscheut, unkonventionelle Zusammenh�nge herzustellen. Aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass die Abwesenheit jeglicher, absolut jeglicher Spuren ein gutes Indiz f�r eine falsche F�hrte ist.�</p><p>�Aber da ist die H�hle�, sagte Patrick. �Die k�nnen wir nicht wegdiskutieren. Sie existiert mindestens seit dem Mittelalter, und mit keiner heute bekannten Technologie k�nnten wir ihre Funktionsweise erkl�ren. Und v�llig unbekannt scheint sie nicht zu sein, sondern lediglich gut beh�tet. Etwas ist da drau�en, Peter, da k�nnen wir sicher sein. Wir haben blo� keinen Schimmer, was es ist. Nathaniels Story warf doch zum ersten Mal ein Licht darauf.�</p><p>�Zum ersten Mal sicher nicht�, widersprach Peter. �Wenn ich mich recht erinnere, ist die H�hle auch schon als das Archiv Luthers und das Grab des Christian Rosenkreuz identifiziert worden. Und wo hat es uns hingef�hrt?�</p><p>�Was sind Sie pl�tzlich so streng?�, fragte Patrick. �Beide Versionen haben wir verworfen. Dies ist jetzt eine neue Spur.�</p><p>Peter schwieg einige Augenblicke. Dann nickte er fast unmerklich, hob eine Augenbraue und wiegte den Kopf. Es war wirklich nicht seine Art, pl�tzlich abzuwinken und aufzugeben. In Wahrheit f�rchtete er seine Erinnerungen an den letzten Abend. Er hatte kaum geschlafen und sich geschworen, seinen Anker auf dem Boden der Realit�t auszuwerfen, alles andere zu verneinen, zu vergessen. Aber die H�hle war unzweifelhaft da. Und da drau�en war noch mehr. Viel mehr. Alle seine Instinkte waren davon entflammt. Es war ein R�tsel, das es zu l�sen galt. Vielleicht musste er dieses Mal �ber seine Grenzen hinausgehen, die Grundlagen seiner bisherigen Weltsicht verlassen, aber davor durfte er nicht zur�ckschrecken.</p><p>�Sie haben Recht�, sagte er schlie�lich. �Warum nicht? Gehen wir also f�r eine Weile davon aus, dass in Nathaniels Geschichte ein wahrer Kern steckt. Dann stellt sich f�r uns als Erstes die Frage, ob wir seiner Warnung Geh�r schenken und die Untersuchungen abbrechen sollten. Wenn es stimmt, was er sagt, k�nnten wir vor Ort durch den B�rgermeister in erhebliche Schwierigkeiten geraten.�</p><p>�Im Augenblick brauchen wir nicht vor Ort zu sein�, sagte Patrick. �Denn zun�chst sollten wir unserer hei�esten Spur folgen. Schlie�lich wissen wir jetzt, wo wir Steffen van Germain finden.�</p><p>�Einverstanden.� Peter sah auf die Uhr. �Halb elf. Lassen Sie uns an der Rezeption herausfinden, wie wir von hier aus auf dem schnellsten Weg in die Schweiz, nach Morges und zu diesem Herrenhaus kommen.� Damit stand er auf, und die anderen folgten ihm.</p><p><emphasis>11. Mai, 16.30 Uhr, Morges, Schweiz</emphasis></p><p>Es stellte sich heraus, dass die knapp 600 Kilometer Luftlinie weitaus umst�ndlicher zur�ckzulegen waren, als sie angenommen hatten. Zun�chst fuhren sie auf der RN 88 nach Toulouse, von dort ging es mit dem Flugzeug �ber Paris nach Genf und schlie�lich das letzte St�ck der Strecke mit einem Mietwagen auf der A1 nach Norden Richtung Lausanne.</p><p>In Morges angekommen, hielten sie an der erstbesten Telefonzelle, suchten im elektronischen Telefonverzeichnis und fanden tats�chlich einen Eintrag unter dem Namen �van Germain�.</p><p>Peter rief an, nannte seinen Namen und fragte, ob dort ein �Steffen van Germain� zu sprechen sei. Die Antwort �berraschte keinen der drei sonderlich: Sie wurden bereits erwartet. Eine Wegbeschreibung folgte.</p><p>Die Sonne stand schon tief, als sie das Anwesen gefunden hatten.</p><p>�Das ist es�, sagte Patrick. �Das ist das Tor, das ich in der H�hle gesehen habe!� Er deutete nach drau�en. �Und dort ist die Klingel.� Doch noch bevor sie ausgestiegen waren, schwangen die Fl�gel des Tores bereits nach innen. Sie fuhren die Auffahrt entlang. Kies knirschte unter den Reifen. Nach einem weiten Bogen durch den beispiellos gepflegten Park, vorbei an Blumenbeeten mit darin eingelassenen Sonnenuhren, in Form geschnittenen B�schen, vereinzelten Sitzb�nken und von Rosen berankten Pavillons, kamen sie zur Front des eindrucksvollen Geb�udes. Es mochte aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts sein, zweist�ckig, wei� gestrichen, in tadellosem Zustand. Sie parkten den Wagen und wurden sogleich von einem jungen Mann in eleganter Kleidung begr��t, der die Stufen des Eingangs herabkam.</p><p>�Willkommen, Madame, Messieurs. Mein Name ist Joseph. Bitte folgen Sie mir.�</p><p>�Ich frage mich�, fl�sterte Patrick den anderen beiden zu, �wo wir jetzt schon wieder hineingeraten sind!�</p><p>Sie betraten eine luftige Eingangshalle. Das Innere des Geb�udes entsprach dem altert�mlichen Stil der Au�enfassade. Dabei wirkte jedoch nichts wirklich veraltet, sondern auf eine noble Art erhalten, gepflegt und noch immer genutzt. Der Mann geleitete sie durch die Eingangshalle in den hinteren Teil des Geb�udes. Die R�ume wirkten allesamt hell, waren mit nur wenigen, aber erlesenen Antiquit�ten best�ckt. Ein Flur und einige kleine Stufen f�hrten sie schlie�lich in ein �berdimensionales Wohnzimmer. Der Raum nahm offenbar die gesamte r�ckw�rtige Breite des Hauses ein. Gro�e Fenster, die bis zum Boden reichten, gaben den Blick �ber das leicht abfallende Grundst�ck auf den dahinter liegenden Genfer See frei. In der Ferne verschwamm der See mit dem Horizont, und dar�ber lie� sich ein Gebirgsmassiv ausmachen, dessen schneebedeckte Spitzen im Licht der Sonne rotgolden leuchteten. Es war ein grandioser Ausblick.</p><p>�Herzlich willkommen�, h�rten sie eine sonore Stimme. Zu ihrer Rechten, neben einem wuchtigen, ausladenden Esstisch, stand ein �lterer Herr von beeindruckender Gestalt. Er war gro�, kr�ftig gebaut und in einen edlen, anthrazitfarbenen Anzug mit Weste gekleidet. Statt einer Krawatte schm�ckte seinen Hals ein Seidentuch, das mit der Farbe seines Hemdes aufs Beste harmonierte. Sein Gesicht war von einem wei�en, gepflegten Bart umrahmt, sein Haar mit wei�en Str�hnen durchsetzt. Peter bemerkte einen gro�en, rotgoldenen Siegelring an einem der Finger. Wie auch das Haus wirkte der Mann auf eine seltsame Art altert�mlich, aber dennoch nicht antiquiert oder r�ckst�ndig. Im Gegenteil. Allein sein Aussehen und das wache Blitzen seiner Augen schienen bereits einen wortlosen Kommentar �ber die Jugend und die Kurzlebigkeit der Zeit zu formulieren.</p><p>�Mein Name ist Steffen van Germain�, stellte er sich vor. �Es freut mich, dass Sie den Weg zu mir gefunden haben.� Er reichte allen dreien die Hand. �Madame Kr�ger, Professor Lavell, Monsieur Nevreux. Bitte nehmen Sie Platz. Ich habe mir die Freiheit genommen, ein fr�hes Abendessen zu arrangieren. Ich hoffte, dass Sie gen�gend Zeit haben w�rden, mit mir zu speisen.� Er zog einen der St�hle um die mittelalterliche Tafel ein wenig hervor und bot Stefanie an, sich zu setzen, �Zweifellos haben Sie viele Fragen, und ich werde mich bem�hen, Ihnen nach meinem besten Verm�gen Auskunft zu geben.�</p><p>�Haben Sie uns jene beiden Faxe geschickt, die mit �St. G.� unterzeichnet waren?�, fragte Peter, noch w�hrend sie sich setzten.</p><p>�Professor Lavell�, sagte van Germain, �zielstrebig, wie er bekannt ist. Ich verstehe vollkommen, dass Ihnen nicht der Sinn nach h�flicher Plauderei steht. Wie k�nnte er auch, nach allem, was bereits geschah. Also: Ja, die Telefaxe sind von mir. Joseph versandte sie in meinem Auftrag aus dem Postamt in Morges.�</p><p>�Was wollten Sie damit bezwecken?�</p><p>�Ich beobachtete den Fortschritt Ihrer Untersuchungen und gab Ihnen Hinweise, ohne mich aufzudr�ngen.�</p><p>�Dann ist Ihnen die H�hle also bestens bekannt?�</p><p>�Das Archiv des Wissens im <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis>, selbstverst�ndlich. Wie sonst sollte ich die Malereien kennen und die Rose, mit der Sie Ihre Nachforschungen begannen. Und das Zeichen von Monts�gur. Wie Sie inzwischen wissen, hat es ja �berhaupt nichts mit der legend�ren Burg zu tun. Aber der Name ist durchaus gef�llig... Oh, da kommt Joseph. Ich habe ihn gebeten, uns einen Wein zu bringen, bevor das Essen fertig ist. Sie bleiben doch zum Diner?�</p><p>�Ich bin sicher, dass es Ihren Gefallen finden wird�, erkl�rte nun Joseph, der ihnen Gl�ser hinstellte und dann einen jungen Wei�wein ausschenkte. �Ich hatte eine leichte Bouillabaisse vorgesehen, gefolgt von einem Salade Ni�oise, danach Lachsfilets in einer Mangosauce, ein Filetsteak vom argentinischen Rind und schlie�lich zum Kaffee eine Cr�me Br�l�e sowie eine Platte mit ausgew�hlten K�sen und Fr�chten.�</p><p>�Von mir aus bleiben wir�, sagte Patrick.</p><p>�Gut�, stimmte Peter zu, als Joseph wieder gegangen war. �Nehmen wir Ihre Einladung also an. Dann verraten Sie uns, wie Sie jederzeit wissen konnten, wie es um unsere Arbeit bestellt war. Wie haben Sie uns �berwacht?�</p><p>�Die H�hle ist mir seit langer Zeit bekannt. Vielleicht gen�gt es zu sagen, dass sie mir am Herzen liegt. Als viel besch�ftigter Mann kann ich mich ihr leider nicht pers�nlich widmen. Wie jeder Gesch�ftsmann verf�ge ich daher �ber einige sehr gute Kontakte, die mich mit notwendigen Informationen beliefern. Sie werden verstehen, dass ich Ihnen keine weiteren Details geben kann. Auch andere einflussreiche Menschen vertrauen auf meine Diskretion. Gerade erst gestern hat eine solche Person auf ebendiesem Stuhl gesessen.�</p><p>�Sie erw�hnten in Ihrem fragw�rdig formulierten Schreiben, dass wir auf einen Kreis gesto�en seien und dass ein Kreis auf uns sto�en w�rde. Was hatte es damit auf sich?�</p><p>�Das R�tsel...� Van Germain nahm einen Schluck vom Wein und schmunzelte leicht. �In dieser spannenden Untersuchung voller Geheimnisse schien es mir passend, meinerseits ebenfalls ein kleines R�tsel beizusteuern. Eine Eitelkeit, gewiss, die Sie mir h�flichst verzeihen m�gen. Andererseits stellte es sicher, dass Sie mit geb�hrender Sorgfalt und Liebe zum Detail vorgehen w�rden.�</p><p>�Ich meinte vielmehr die Tatsache, dass Sie wiederholt einen Kreis erw�hnten. Und tats�chlich gibt es diese Ger�chte um einen �Kreis von Monts�gur�. Was k�nnen Sie uns dar�ber erz�hlen?�</p><p>�Die Geschichte um den �Kreis von Monts�gur� ist schon alt, aber wenig verbreitet. Einer der undurchsichtigeren esoterischen Mythen. Ohne Zweifel sind Sie deswegen noch nicht fr�her darauf gesto�en. Am Leben erhalten wird diese Geschichte seit ihrer Entstehung durch einen kleinen Orden, der sich �Tempel Salomons� nennt.�</p><p>�Wir haben ihn heute Morgen kennen gelernt.�</p><p>�Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passieren w�rde.�</p><p>�Was wissen Sie �ber den Orden?�</p><p>�Es gibt nur wenige Informationen. Das meiste, was bekannt ist, wurde auf die eine oder andere Art von den Mitgliedern selbst in Umlauf gebracht. Der Legende nach bildete sich der Orden als eine Splittergruppe der Tempelritter.�</p><p>�Sie meinen <emphasis>die</emphasis> Templer?�, fragte Patrick. Er erinnerte sich an die Ausf�hrungen von Peter und an den verlorenen Schatz jenes Ordens.</p><p>�Ja. Sie wissen sicherlich um ihre Taten und ihren sagenhaften Reichtum. Der �berlieferung nach beruhte der so pl�tzlich steigende Einfluss der Templer auf einer einzigen Ursache: Unter den Ruinen des Tempels von Salomon, wo sich ihr erstes Quartier befand, stie�en sie auf ein Archiv des Wissens.�</p><p>�Eine H�hle, so wie hier?�, fragte Patrick.</p><p>�Es ist wohl nicht bekannt, ob es notwendigerweise eine H�hle war. Jedenfalls soll es ebenjene Quelle gewesen sein, aus der auch K�nig Salomon sein Wissen und seine legend�re Weisheit bezogen hatte. Die Templer jedoch ver�nderten sich, wurden von der Macht verf�hrt, h�uften Reicht�mer an und verfehlten das eigentliche Ziel: die Macht zum Wohl der Menschen einzusetzen � oder sie wieder zu versiegeln, falls die Menschen nicht reif daf�r w�ren. Da spaltete sich eine kleine Gruppe von den anderen ab und nannte sich schlicht �Tempel Salomons.��</p><p>�Nicht zu verwechseln mit der �Armen Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel��, warf Peter ein, �dem offiziellen Namen der eigentlichen Templer.�</p><p>�Das ist v�llig richtig�, sagte van Germain. �Die Mitglieder des �Tempel Salomons� jedenfalls wollten das Archiv sch�tzen. Doch es gelang ihnen nicht, die Templer aufzuhalten. Das Archiv Salomons ging in den Wirren der Kriege verloren, und was nicht v�llig zerst�rt wurde, w�re wohl heute im dreigeteilten Jerusalem unzug�nglicher als jemals zuvor. Die Templer hingegen bauten ihr Reich in alle Richtungen aus. Man sagt, sie seien auf Informationen �ber die Gr�nder der Archive gesto�en und h�tten in Erfahrung gebracht, dass es weitere solcher Orte g�be, die sie nun suchten.�</p><p>�Und diese Gr�nder sind der �Kreis von Monts�gur��, vollendete Peter die Ausf�hrungen.</p><p>�In der Tat�, sagte van Germain. �So viel haben Sie also bereits erfahren.�</p><p>�Nathaniel lie� es leider dabei bewenden�, sagte Peter. �Er war nicht bereit, uns mehr �ber den �Kreis von Monts�gun zu erz�hlen.�</p><p>�Sie d�rfen es ihm nicht verdenken, Herr Professor. Nach allem, was ich geh�rt habe, verliert sich die Spur an dieser Stelle in allerlei Mythologie. Oh, das Essen.�</p><p>Joseph hatte den Salon mit einem Servierwagen betreten. Darauf befand sich ein Rechaud mit der angek�ndigten Bouillabaisse. Er verteilte Besteck und Geschirr und stellte Brot und Perrier auf den Tisch, bevor er servierte. Dann verlie� er sie wieder.</p><p>Sie a�en eine Weile schweigend. Peter hielt es nicht f�r angebracht, das Essen gleich zu Beginn mit Fragen und Gespr�chen zu belasten. Lediglich einige H�flichkeiten �ber die Einladung und Komplimente �ber die Qualit�t des Essens wurden ausgetauscht. Patrick lie� es sich nicht nehmen, den Teller mit Brot auszuwischen, w�hrend Peter den Faden der Unterhaltung wieder aufnahm.</p><p>�Nachdem die Templer also ein weiteres Archiv des Wissens hier in Frankreich entdeckt hatten�, mutma�te er, �schwor sich der �Tempel Salomons�, dass sie zumindest dieses Archiv sch�tzen w�rden?�</p><p>�Richtig�, sagte van Germain. �So leiten sie jedenfalls ihre Geschichte und Berechtigung her.�</p><p>�Und was hat es mit den legend�ren Gr�ndern auf sich, dem �Kreis von Monts�gur�? Was sollen das f�r Leute sein? Sind sie es, die die Archive gebaut haben?�</p><p>�Nach der Ansicht des �Tempel Salomons� handelt es sich um eine Gruppe Unsterblicher, die vor Urzeiten die Archive des Wissens gebaut haben. Der tats�chliche Ursprung liegt im Dunkeln, soll sich aber weit vor den �gyptern und den ersten Hochkulturen befinden, vor Ur, Mohenjo-Daro und �atal H�y�k. Ihrer Ansicht nach gab es unz�hlige solcher Archive � auf der ganzen Welt verstreut. Der �Kreis von Monts�gur� baute sie und �berwacht sie zum Teil noch heute, um sie der Menschheit erst zu offenbaren, wenn diese reif genug daf�r ist.�</p><p>Peter hob eine Augenbraue und nahm einen Schluck Wein, bevor er weitersprach.</p><p>�Woher dann der Name �Kreis von Monts�gur�?�, fragte er schlie�lich. �Wo ist da der Zusammenhang?�</p><p>�Vermutlich hat sich dieser Name erst sp�t in der esoterischen Tradition gefestigt. Ohne Zweifel haben Sie die Geschichte um die Burg Monts�gur studiert. Der �Tempel Salomons� glaubt, dass die Katharer das Geheimnis der H�hle kannten. Damit es nicht in die H�nde der Inquisition fallen w�rde, soll der geheime Orden der Gr�nder h�chstpers�nlich eingegriffen haben, um das Geheimnis noch w�hrend der Belagerung aus der Burg zu schaffen.�</p><p>�Die drei Parfaits, die mit dem Schatz der Katharer kurz vor der Kapitulation der Festung 1244 fliehen konnten�, sagte Peter.</p><p>�Ja, ebenjene sollen das Geheimnis der Archive in Sicherheit gebracht haben. Dieses Ereignis hat wohl den Namen gepr�gt.�</p><p>�Aber weshalb sieht es der �Tempel Salomons�� als seine Aufgabe, die H�hle zu sch�tzen, wenn der �Kreis von Monts�gur� laut eigener �berlieferung ganz offensichtlich selbst dazu in der Lage zu sein scheint? Das ergibt doch nicht viel Sinn, oder?�</p><p>�Sie haben vollkommen Recht, Herr Professor Lavell. Es sei denn, man w�re der �berzeugung, dass sich der �Kreis� nicht grunds�tzlich einmischen w�rde, und dass es sich bei dem Vorfall auf Monts�gur um eine ganz besondere Ausnahme, ein quasi g�ttliches Eingreifen, gehandelt habe.�</p><p>In diesem Moment kam Joseph erneut, entfernte die Teller und servierte den Salat. Diesmal wartete Peter lediglich, bis alle ihre Teller vor sich stehen hatten und van Germain zur Gabel griff, um den Gang zu er�ffnen, bevor er das Gespr�ch fortsetzte.</p><p>�Einverstanden. Nehmen wir an, es w�re so. Aber wenn bereits die Katharer die H�hle kannten, wie konnte das Geheimnis dann noch vor den Templern gesch�tzt werden, die, wie wir wissen, viele fl�chtige Katharer in ihren Reihen aufnahmen und mit Sicherheit davon erfahren h�tten?�</p><p>�Ich w�rde mir nicht anma�en, meine bescheidenen Kenntnisse �ber den Templerorden den Ihren gegen�berzustellen. Man k�nnte jedoch spekulieren, ob nicht die Templer tats�chlich davon erfuhren. Immerhin sagte man ihnen in den Inquisitionstribunalen meiner Erinnerung nach ketzerische Praktiken nach. Vielleicht begr�ndeten sich diese Vorw�rfe darauf, dass die Templer statt dem christlichen Glauben nun tats�chlich einer anderen Quelle der Weisheit nacheiferten?�</p><p>�Quelle der Weisheit... warten Sie... Patrick! K�nnen Sie noch einmal beschreiben, was Sie in der H�hle auf der S�ule gesehen hatten? Den Kopf, meine ich.�</p><p>Patrick sah ihn erstaunt an. Er hatte nicht damit gerechnet, zur Unterhaltung beitragen zu m�ssen, und genoss stattdessen den Ausblick, Stefanies Anwesenheit und das Essen. Nun kaute er hastig zu Ende.</p><p>�Nun ja, der war etwa so gro߫, deutete er an, �aus einem rotgoldenen Metall. Vielleicht eine Legierung mit Kupfer, eine Art Rotgold m�glicherweise. Er hatte kein Gesicht, oder jedenfalls nur grob angedeutet. Was zu erkennen war, wirkte ein bisschen wie die Gesichter der Statuen auf den Osterinseln, wenn Sie sie sich vorstellen k�nnen. Irgendwie nicht europ�isch, eher asiatisch oder pazifisch oder so. Ich meinte noch zu Stefanie, dass es zu keiner westlichen Kultur zu passen schien.�</p><p>�Und Sie hatten noch mehr erw�hnt. Einen Bart und H�rner, richtig?�</p><p>�Der Kopf hatte eine Art Fortsatz am Kinn, vielleicht einen Bart. Und oben so was wie H�rner. Wobei es nicht klar war, ob das eine besondere Frisur oder einen speziellen Helm oder Kopfschmuck darstellen sollte.�</p><p>�Das ist es!�, sagte Peter. �Erinnern Sie sich, dass ich erz�hlte, man habe den Templern die Anbetung von Baphomet vorgeworfen? Dabei soll es sich um ein Idol gehandelt haben in Form des abgetrennten Kopfes eines B�rtigen. In der mystischen Tradition wird dieser Baphomet stets mit H�rnern und Ziegenbart dargestellt. Sp�ter ist daraus der Teufel in Form eines Ziegenbocks geworden. � Merkw�rdig, wie sich die Dinge entwickeln, nicht wahr? � Und erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen sagte, dass es Vermutungen g�be, dass der Name Baphomet nichts anderes sei als eine Verballhornung aus dem arabischen �<emphasis>abufihamet</emphasis>�, was �Vater der Weisheit� bedeutet? Was f�r eine Offenbarung: Die Templer kannten die H�hle. Und sie verehrten den darin befindlichen Kopf!�</p><p>�Eine mutige These, Herr Professor Lavell�, sagte van Germain. �Und durchaus schl�ssig. Das k�nnte vielleicht auch den Schatz der Templer erkl�ren...�</p><p>�... und das R�tsel aufl�sen, welches Wissen Jacques de Molay verbarg und mit ins Grab nahm: Er wollte nicht, dass diese H�hle irgendjemand anderem in die H�nde geriet.�</p><p>�Das k�nnte so gewesen sein.�</p><p>�Na sch�n�, sagte Patrick. �Jetzt kennen wir vielleicht die j�ngste Geschichte der H�hle, aber wir wissen immer noch nicht, wer das verdammte Ding gebaut hat, oder wie es funktioniert!�</p><p>�Wohl wahr�, stimmte Peter ihm zu. �Monsieur van Germain, was wissen Sie �ber die H�hle? Und wie ist Ihre Meinung?�</p><p>�Wie ich schon sagte, interessiere ich mich f�r sie. Aber ich verf�ge sicherlich nicht �ber ein vergleichbares Geschichtswissen wie Sie beide. In dieser Hinsicht kann ich Ihnen nicht mehr sagen, als Sie ohnehin bereits herausgefunden haben. Was meine Meinung angeht...� Er nahm einen Schluck Wein. �Es ist dort zweifellos eine gewisse Kraft am Werk. Mit Ihrem Einverst�ndnis m�chte ich versuchen, mich dem auf die Ihnen eigene, analytische Weise zu n�hern. Zun�chst einmal k�nnte die H�hle nat�rlichen Ursprungs sein, also auf einem bisher unbekannten, physikalisch erkl�rbaren Naturph�nomen beruhen. Alternativ, wenn sie nicht nat�rlich ist, muss sie demnach konstruiert worden sein. Da unseres Wissens keine der Wissenschaft bekannte Kultur in der Lage gewesen w�re, etwas Derartiges zu konstruieren, lie�e das folgende Schl�sse zu: Unsere Informationen �ber diese Kulturen sind unvollst�ndig, und eine dieser Kulturen w�re sehr wohl f�hig dazu gewesen. Oder aber es gibt weitere Kulturen, die wir noch gar nicht kennen. Drei meiner Meinung nach in Frage kommende Erkl�rungen.�</p><p>�Sehr gut abgeleitet, Monsieur�, sagte Peter schmunzelnd.</p><p>�Nat�rlich k�nnte die H�hle auch von der CIA gebaut worden sein�, warf Patrick ein, �so wie die Geheimlabors in Area 51. Und bei der Gelegenheit: Es k�nnten ja auch Au�erirdische die H�hle gebaut haben... Nun? Was gucken Sie mich so an?�</p><p>Peter musste lachen, und auch van Germain fiel mit in das Lachen ein.</p><p>�Ist ja schon gut�, sagte Patrick schlie�lich grinsend. �Ich halte die Klappe.�</p><p>Der Rest des Abendessens verlief in entspannter Atmosph�re. Die meiste Zeit unterhielten sich Peter und van Germain. Es stellte sich heraus, dass dieser weitaus besser in der Kulturgeschichte bewandert war, als er in falscher Bescheidenheit zugegeben hatte. Er kannte den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis auf den Gebieten, die auch Peter beobachtete. Dabei zeigte er sich besonders interessiert an dessen Arbeit f�r das Museum und die Ausstellung zum Thema �5000 Jahre Schrift�. Dann und wann beteiligten sich auch Stefanie und Patrick an der Unterhaltung, doch sobald die Plaudereien ins Fachsimpeln abglitten, verfl�chtigte sich insbesondere Patricks Interesse schnell. Daf�r f�hlte er sich au�ergew�hnlich gut verpflegt und nahm mit Freude zur Kenntnis, dass Joseph zum Filetsteak einen Ch�teau Haut-Gl�on reichte, einen Wein aus den Corbi�res, �ber den er in seinem F�hrer schon gelesen hatte.</p><p>Schlie�lich waren sie beim Nachtisch angelangt, und das Gespr�ch fand wieder zur H�hle, dem �Tempel Salomons� und dem �Kreis von Monts�gur� zur�ck.</p><p>�Nachdem wir den ganzen Abend so schweren Stoff gew�lzt haben�, meinte Patrick und wandte sich an van Germain, �w�rde mich etwas ganz Einfaches interessieren: Was halten Sie eigentlich pers�nlich von der Geschichte �ber den �Kreis von Montsegur�?�</p><p>�Ihr Interesse an meiner Meinung ehrt mich, Monsieur�, sagte van Germain. �Nun, was soll man schon von einer Gruppe Unsterblicher halten, die angeblich seit Menschengedenken �berall auf der Welt Archive des Wissens h�ten?� Er f�hrte sein Glas an die Lippen, nahm einen Schluck und lie� den Gedanken eine Weile im Raum stehen. �Andererseits...�, fuhr er dann fort, �es ist ein interessanter Gedanke, nicht wahr? Von der H�hle geht offenbar gewaltige Macht aus. Wer auch immer das Geheimnis in seiner Hand h�lt, k�nnte die Geschicke der Welt lenken. Und Unheil ist der Schatten der Macht. Sollte man da nicht w�nschen, dass es tats�chlich jemand g�be, der diese Macht bewahrt und sch�tzt?�</p><p>�Dann glauben Sie, dass es so ist?�</p><p>�Ich hoffe es, Monsieur. Sie nicht?�</p><p>Patrick zuckte mit den Schultern, doch Peter sah nachdenklich hinaus in den mittlerweile erleuchteten Garten und auf den in der Dunkelheit liegenden See. Der Mann hatte zweifellos Recht. Es war tats�chlich sehr zu hoffen, dass jemand das Geheimnis der H�hle h�tete. Wer konnte schon vorhersagen, in welche H�nde es geraten w�rde, was die jeweiligen Machthaber damit anstellen w�rden, welche Revolutionen, Krisen oder Kriege entstehen k�nnten. K�nnte ein einzelner Mensch, eine Partei, eine Firma oder ein Staat, ohne jegliche Korruption und aus reiner G�te die Macht des Wissens f�r das Wohl der Menschheit einsetzen? Wie lange w�rde es dauern, bis Missgunst und Machtgier entstehen w�rden? Vor diesem Hintergrund verblasste die Frage nach der zugrunde liegenden, unbekannten Technologie. So interessant es auch war, zu verstehen, wer die H�hle erbaut hatte, auf welche Weise und zu welchem Zweck; wie viel wichtiger war es, sicherzugehen, dass sie nicht in die falschen H�nde geriet. Und wer k�nnte das jemals entscheiden oder bestimmen?</p><p>�Die H�hle muss wieder verborgen werden�, sagte Peter.</p><p>�Wie kommen Sie denn pl�tzlich darauf?�, fragte Patrick.</p><p>��berlegen Sie, welch unvorstellbare Macht jemand bes��e, der mit Hilfe der H�hle alles in Erfahrung bringen k�nnte, was es jemals zu wissen gab und gibt. F�r dieses Individuum g�be es keine Geheimnisse mehr, keinen Wettbewerb, keine Grenzen, kein Hindernis, keine Gesetze... ein allwissendes, �berm�chtiges... <emphasis>gottgleiches</emphasis> Wesen w�rde entstehen!�</p><p>�Klingt doch nicht so schlecht...�</p><p>�Patrick, ich bitte Sie! Wer sollte das Ihrer Meinung nach sein? Sie? Ich? Diese Macht ist nicht nur viel zu gro� f�r einen Einzelnen � dar�ber hinaus gibt es keine Garantie, dass es jemand mit Verantwortungsgef�hl ist, der sie einmal an sich rei�t! Der B�rgermeister vielleicht? Oder Ash Modai? Oder der n�chste Adolf Hitler? Die H�hle muss wieder verschwinden, wenn wir sie nicht f�r uns behalten k�nnen! Und Sie wissen, dass das nicht geht.�</p><p>�Sie denken an Ihren Auftraggeber?�, fragte van Germain.</p><p>�Es ist eine Frau�, erkl�rte Peter. �Sie arbeitet f�r die Vereinten Nationen. Die Untersuchung ist ein Sonderprojekt des Bereichs f�r Altertumsforschung und europ�ische Kulturgeschichte.�</p><p>Zum ersten Mal gab sich van Germain �berrascht. �Das ist interessant�, sagte er. �Ich hatte einen sehr diskreten privaten Investor vermutet. Und eine derartige Abteilung ist mir bei den UN gar nicht bekannt... Nun, m�glicherweise ist es ein neu geschaffenes Ressort?�</p><p>�Elaine wei� alles �ber die H�hle...�, �berlegte Patrick.</p><p>�Bevor wir uns gestern Abend auf den Weg nach Albi gemacht haben, haben wir mit ihr telefoniert und es ihr erz�hlt. Was die H�hle kann, und wie man hineinkommt.�</p><p>�Ich zweifle gerade, ob das so vorteilhaft war...�, sagte Peter.</p><p>Schweigen trat ein. Blicke wanderten von einem zum anderen. Patrick. Peter. Stefanie. Van Germain. Ihre Gedanken �berschlugen sich beinahe. Zuckten wie unsichtbare Blitze �ber den Tisch, von einem zum anderen. Eine unheilschwangere Ahnung nahm allm�hlich Gestalt an und wuchs sich bedrohlich aus.</p><p>�Merde!�, fluchte Patrick. �Wir m�ssen sofort zur�ck!�</p><p>�In der Tat, das denke ich auch�, sagte Peter.</p><p>�Sie m�chten nach dem Rechten sehen?�, fragte van Germain.</p><p>�Allerdings!�, sagte Patrick. �Wer wei�, welche Typen jetzt schon da herumlungern!�</p><p>�Ich verstehe�, sagte van Germain. �Und ich begr��e Ihre Entscheidung. Falls es nicht allzu vermessen erscheint, m�chte ich Ihnen gerne anbieten, Sie nach Genf fliegen zu lassen. Auf diese Weise k�nnten Sie erheblich Zeit sparen. F�r Ihren Mietwagen w�rde selbstverst�ndlich gesorgt werden.�</p><p>�Uns fliegen lassen?�</p><p>�Mit meinem Hubschrauber. Joseph wird veranlassen, dass er in zehn Minuten startbereit ist.�</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Kapitel 20</strong></p><p><emphasis>12. Mai, Landstra�e, N�he St.-Pierre-Du-Bois</emphasis></p><p>Obwohl es bereits sp�t gewesen war, als sie endlich in ihrem Hotel ankamen, und die Nachtruhe deshalb sehr kurz, hatten sie sich schon im Morgengrauen in den Landrover gesetzt und fuhren nun mit einhundert Stundenkilometern durch den Wald zur Absperrung um den <emphasis>Vue d'Archiviste.</emphasis></p><p>�Ich hoffe, es ist noch nicht zu sp�t�, sagte Patrick. �Ich habe ein verdammt schlechtes Gef�hl!�</p><p>�Ich bin ganz Ihrer Meinung�, sagte Peter.</p><p>Das Gatter kam in Sicht. Es war geschlossen und sah aus wie sonst auch. Als Patrick den Wagen kurz davor zum Stehen brachte, trat ein Ranger mit steifen Schritten auf sie zu und bedeutete ihnen, die Fensterscheibe herunterzulassen.</p><p>�Der Zutritt zum Gel�nde ist verboten. Bitte kehren Sie um.�</p><p>�Was soll das denn hei�en?�, entr�stete sich Patrick. �Wir arbeiten hier!�</p><p>�Ich kann Sie nicht einlassen, Monsieur�, erwiderte der Bewaffnete. �Die Sperrung gilt auch f�r Sie.�</p><p>�Ich hatte es bef�rchtet�, sagte Peter halblaut.</p><p>�Das darf doch wohl nicht wahr sein!� Patrick stieg aus. �Ich m�chte mit Ihrem Vorgesetzten sprechen!�</p><p>�Er ist nicht verf�gbar. Bitte steigen Sie wieder ein und entfernen Sie Ihr Fahrzeug. Halten Sie unsere Einfahrt frei.�</p><p>�Ich lasse den Wagen hier stehen, solange es mir passt!�, sagte Patrick. �Sie k�nnen ihn ja selbst wegfahren.�</p><p>�Ich werde ihn abschleppen lassen, Monsieur.�</p><p>�Das werden Sie sch�n bleiben lassen, wenn Sie Ihren Job behalten wollen. Oder soll ich Sie Madame de Rosney einmal pers�nlich vorstellen?�</p><p>�Nicht n�tig, Monsieur. Die Order ist direkt von ihr.�</p><p>�Wie bitte?!�</p><p>�Verlassen Sie jetzt auf der Stelle den Bereich der Absperrung, sonst muss ich Sie durch weitere Sicherheitskr�fte entfernen lassen!�</p><p>�Wir sehen uns noch, Sie Vollidiot!� Patrick stieg ein und schlug w�tend die T�r zu. �Sie hat uns ausgesperrt!� Er setzte schr�g zur�ck, wendete und fuhr wieder los.</p><p>�Und was haben Sie jetzt vor?�, fragte Stefanie.</p><p>�Zur�ck zum Hotel�, antwortete er. �Sehen, ob unsere Unterlagen noch da sind, oder ob unsere Koffer schon auf der Stra�e stehen. Diese verdammte Kuh!� Er schlug auf das Lenkrad. �Mist!�</p><p>�Vielleicht h�tten wir ihr noch zuvorkommen k�nnen, wenn wir gleich in der Nacht...�, sagte Peter.</p><p>�Ja, vielleicht. Andererseits h�tten wir dann... Festhalten!� Patrick trat pl�tzlich auf die Bremse. Ein Mann mit einem Gewehr war auf die Stra�e getreten. Der Landrover kam kurz vor ihm mit stotternden Bremsen zum Stillstand. Es war der F�rster, Fernand Levasseur.</p><p>�Ach, du Schande�, entfuhr es Patrick. �Der hat uns gerade noch gefehlt!� Entnervt lie� er das Fenster runter. �Was ist los?�</p><p>�Messieurs, ich muss dringend mit Ihnen sprechen! Es geht um Ihr Projekt!�</p><p>�Daf�r haben wir keine Zeit. Entschuldigen Sie uns.� Patrick trat aufs Gas.</p><p>�Warten Sie! H�ren Sie!� Levasseur hielt sich noch am Fenster fest. �Ich wei� von der H�hle! Und dass man Sie von ihr fern halten will!�</p><p>Patrick bremste wieder. �Was sagen Sie da?�</p><p>�Ich wei�, dass es nicht um Tollwut geht. Ich habe Ihre H�hle besucht, und ich wei�, weshalb Elaine de Rosney Sie hier fern halten will. Ich will Ihnen etwas zeigen!�</p><p>�Los, steigen Sie ein.�</p><p>�Fahren Sie den �bern�chsten Waldweg rechts rein�, sagte Levasseur, als er im Wagen sa�.</p><p>�Was wissen Sie von der H�hle und von Elaine?�, fragte Peter.</p><p>�Ihre Rolle als Seuchenexperten haben Sie ziemlich miserabel gespielt. Es war also klar, dass ich mir ansehen musste, was am Berg wirklich vor sich geht. Ich bin oben gewesen und habe das Stahlschott gesehen, mit dem Sie die H�hle abgesperrt haben. Ich wei�, dass es um einen arch�ologischen Fund geht, der geheim gehalten und gesch�tzt werden soll. Als wir uns das letzte Mal trafen, wollte ich Ihnen schon erkl�ren, dass ich Sie unterst�tzen w�rde, aber Sie haben mich nicht ausreden lassen.�</p><p>�Wieso wollen Sie uns unterst�tzen?�</p><p>�Weil B�rgermeister Fauvel das Gebiet f�r die Erschlie�ung freigeben will. Er will Stra�en und Hotels bauen. Mir ist aber daran gelegen, dass es ein landschaftliches Schutzgebiet bleibt, und eine gesperrte wissenschaftliche Fundst�tte passt dabei ganz in meine Pl�ne.�</p><p>�Also haben Sie uns nachspioniert?!�, fragte Patrick.</p><p>�Ganz richtig�, sagte der F�rster, unbeeindruckt von Patricks ver�rgertem Tonfall. �Und mit Erfolg, Monsieur. Ich habe auf diese Weise herausgefunden, wer Ihre Auftraggeberin in Genf ist, und worum es in Ihrem Projekt geht. Und sogar noch mehr. Denn was Sie nicht wissen, ist, dass Madame de Rosney mitnichten f�r die Vereinten Nationen arbeitet. Sie ist dort weder bekannt, noch geh�rt die Telefonleitung, die Sie verwendet haben, der UN!�</p><p>�Wie bitte?!� Patrick drehte sich halb nach hinten um. �Wie war das?!�</p><p>�Was haben Sie herausgefunden?�, fragte Peter.</p><p>�Elaine de Rosney arbeitet f�r die Nuvotec Research and Development Corporation. Eine in der Schweiz ans�ssige Firma mit zahlreichen internationalen T�chtern. Sie verf�gen �ber enge Kontakte zu CERN, und �ber Umwege zu diversen High-Tech-Unternehmen in Indien und Japan. Sie ist spezialisiert auf Forschung und Entwicklung im Bereich der Waffentechnologie und unterst�tzt alles, was sich hierf�r einsetzen l�sst, Robotronik, Atom- und Quantenphysik, Nanotechnologie, was Sie wollen.�</p><p>�Mir wird einiges klar...�, sagte Peter kopfsch�ttelnd.</p><p>�Verdammte Schei�e�, fluchte Patrick. �Jetzt haben wir richtig �rger! Wer sind diese Nuvotec-Leute? Ich habe noch nie von diesem Unternehmen geh�rt.�</p><p>�Das ist nicht verwunderlich�, erkl�rte Levasseur. �Es ist eine amerikanische Firma, die sich bem�ht, unauff�llig zu bleiben. Haben Sie jemals vom Philadelphia-Experiment geh�rt?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Wundert mich, dass Sie es kennen!�</p><p>�Ich habe erst gestern davon erfahren. Und dass damals schon Nuvotec beteiligt war. Die Firma ist genau genommen nichts anderes als eine ausgegliederte Abteilung der US Navy.�</p><p>�Also doch ein milit�risches Geheimprojekt�, sagte Peter. �Himmel, wie blind waren wir?!�</p><p>�Fernand, wir m�ssen diese H�hle sch�tzen!�</p><p>�Das ist mir vollkommen klar, deswegen will ich Ihnen doch auch helfen. Ein milit�risches Sperrgebiet ist das Letzte, was ich hier haben m�chte. Da vorne links und am Ende des Weges anhalten.�</p><p>�Es geht dar�ber hinaus, Fernand�, erkl�rte Peter. �Es geht um das, was sich in der H�hle befindet. Es darf auf keinen Fall in die falschen H�nde geraten... Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist quasi eine Waffe. Wer auch immer sie besitzt, k�nnte allm�chtig werden!�</p><p>Der F�rster sah ihn einen Augenblick an. Als er Peters ernstes Kopfsch�tteln sah, zuckte er schlie�lich mit den Schultern. �Wenn Sie es sagen. Mir geht es nur darum, das Gebiet zu sch�tzen und die Menschen fern zu halten. Und ganz besonders das Milit�r. Ich zeige Ihnen einen versteckten Aufstieg zur H�hle.�</p><p>�Sehr gut!�, sagte Patrick.</p><p>�Aber was k�nnen wir da oben schon ausrichten?�, fragte Peter.</p><p>�Also ich wei� genau, was ich da ausrichte! Ich schnappe mir unsere erlauchte Madame Kosten-spielen-keine-Rolle, und dann werde ich ihr geh�rig in den Hintern treten!�</p><p>�Patrick!�, sagte Peter. �Was soll denn das? Sie wissen ganz genau, dass das Unsinn ist!�</p><p>�Ja, ja, aber vielleicht haben wir ja eine Chance, zu sehen, was da gerade abl�uft, irgendetwas, was uns weiterhilft...�</p><p>�Ich halte das auch f�r eine gute Idee�, sagte Stefanie, �es ist mit Sicherheit besser, als unt�tig zu bleiben und klein beizugeben.�</p><p>�Vielleicht haben wir ja eine M�glichkeit, die H�hle noch einmal zu betreten�, �berlegte nun Peter. �Wenn sie so m�chtig ist, wie wir glauben, dann er�ffnet sie uns vielleicht auch eine L�sung, vermittelt uns einen Wissensvorteil?�</p><p>�Genial, Peter!�, rief Patrick aus. �Das ist sogar noch besser! Also los, aussteigen! Fernand, wo geht es entlang?�</p><p>�Wo sind wir hier eigentlich?�, fragte Peter, nachdem sie sich eine Weile durch das dichter werdende Unterholz gearbeitet hatten. �Wie kommen wir an der Absperrung vorbei? Das ganze Gel�nde ist doch umz�unt.�</p><p>�Nicht ganz�, erkl�rte der F�rster, der sein Gewehr inzwischen an einem Riemen �ber der Schulter trug. �Wir n�hern uns dem Berg von der R�ckseite. Dort gibt es eine ungesch�tzte Steilwand.�</p><p>�Eine Steilwand? Und wie sollen wir da hochkommen?�</p><p>�Keine Sorge, Herr Professor. Es gibt dort einen versteckten Aufstieg. Und Sie haben alle festes Schuhwerk, das sollte gen�gen.�</p><p>Das Gel�nde wurde immer unwegsamer. Gro�e Felsen und Reste umgest�rzter B�ume behinderten zunehmend das Vorankommen. Mehr als einmal mussten sie einander helfen. Peter war als Erster au�er Puste. Er beugte sich vorn�ber und st�tzte sich auf seine Oberschenkel, w�hrend die anderen warteten.</p><p>�Ist das da hinten die Steilwand?�, fragte er schlie�lich und deutete auf eine graue Gesteinsformation, die zwischen den B�umen zu erkennen war.</p><p>�Ja, wir haben sie gleich erreicht. Kommen Sie zurecht, oder sollen wir noch einen Augenblick warten?�</p><p>�Ich m�chte lieber so schnell es geht in den Schutz der Bergwand�, warf Patrick ein. �Hier kann man uns leicht sehen.�</p><p>Peter nickte zustimmend, und sie brachen wieder auf. Als sie in den Schatten der Felswand traten, wurde es unversehens k�hl. Die Nacht schien hier noch nicht richtig gewichen zu sein, und hinzu kam die Feuchtigkeit des Waldes, der noch von den Regenf�llen der letzten Nacht getr�nkt war.</p><p>�Halt! Wer ist da?�, hallte pl�tzlich eine Stimme durch den Wald.</p><p>Augenblicklich duckten sich die Forscher hinter einen Felsen.</p><p>�Verdammt, einer der Ranger!�, zischte Patrick.</p><p>�Er kann uns nicht gesehen haben�, fl�sterte der F�rster.</p><p>�Kommen Sie heraus!�, rief der Ranger. �Dies ist Sperrgel�nde!�</p><p>�Unten bleiben...�, raunte der F�rster.</p><p>�Ich habe Sie gesehen! Ich werde einen Warnschuss abgeben, wenn Sie nicht hervortreten!�</p><p>�Unten bleiben... er kann uns unm�glich sehen...�</p><p>�Ich z�hle bis drei! Eins!�</p><p>�Vielleicht sieht er uns ja doch?�, fragte Peter gepresst.</p><p>�Zwei!�</p><p>�Ruhig bleiben...�</p><p>�Drei!� Ein Schuss hallte durch den Wald. Ein gutes St�ck von ihnen entfernt h�rten sie das Geschoss an einem Stein abprallen und zur Seite pfeifen. Im gleichen Augenblick brach etwas aus dem Geh�lz und sprang mit lautem Geraschel davon.</p><p>�Ein Reh�, fl�sterte der F�rster und deutete zur Seite, wo man nur noch einen braunen Schatten zwischen den B�umen verschwinden sah. �Sehen Sie? Er hat blo� ein Reh gesehen!�</p><p>�Kommen Sie jetzt sofort heraus!�, h�rten sie erneut die Stimme des Rangers.</p><p>Peter �nderte seine Position, um durch eine L�cke zwischen den Felsen zu sehen. �Der meint wirklich uns! Ich kann ihn nur nicht sehen!�</p><p>�Peter!�, zischte Patrick. �Ducken Sie sich wieder!�</p><p>�Ich kann Sie sehen! Das ist die letzte Warnung!�</p><p>�Verdammt�, meinte Patrick. �Was machen wir denn jetzt? Der wird doch nicht...�</p><p>In diesem Augenblick explodierte wieder ein Schuss, und Peter wurde zur Seite gerissen.�<emphasis>God!</emphasis>�, rief er aus und kr�mmte sich vor Schmerzen am Boden. Die Kugel hatte ihn in die Schulter getroffen. Er presste eine Hand auf die Wunde, und zwischen seinen Fingern trat bereits Blut hervor.</p><p>Stefanie beugte sich �ber ihn und versuchte, ihn zu beruhigen. W�hrenddessen schob der F�rster sein Gewehr durch den Felsschlitz.</p><p>�Fernand!�, rief Patrick. �Was machen Sie da, zum Teufel?�</p><p>�Wollen Sie, dass er noch mal schie�t oder Verst�rkung holt?� Nur einen Wimpernschlag sp�ter dr�ckte er ab. �Treffer.�</p><p>�Was, Treffer? Haben Sie den Mann erschossen?!?� Patrick packte den F�rster am Arm. �Sind Sie nicht ganz bei Trost? Wir sind doch hier nicht im Krieg!�</p><p>�Ach nein?� Levasseur riss sich los und starrte Patrick an. �Und was, glauben Sie, sollte das da werden?� Er deutete auf den blutenden Peter. Stefanie bem�hte sich, mit ihrem G�rtel und ihrem Pullover einen Druckverband an Peters Schulter zu befestigen. �Meinen Sie, der hat absichtlich danebengeschossen? Und was glauben Sie, h�tte er als N�chstes mit uns gemacht? Diese Leute sind vom Milit�r, vergessen Sie das nicht!�</p><p>Patrick schwieg.</p><p>�Au�erdem bin ich von Rechts wegen f�r dieses Gebiet zust�ndig. Was Nuvotec hier veranstaltet, ist keine offizielle oder genehmigte UN-Absperrung. Dabei handelt es sich um unerlaubtes Eindringen und den illegalen Einsatz von Schusswaffen. Dagegen ist das, was gerade passiert ist, ein Jagdunfall. Ist das klar?�</p><p>�Ja�, sagte Patrick. �Sie haben wohl Recht.�</p><p>�Wie geht es ihm?�, fragte der F�rster und wandte sich an Stefanie. �Lassen Sie mich seine Verletzung sehen.�</p><p>�Es geht�, brachte Peter hervor. �Es brennt nur wie verr�ckt.�</p><p>�Es ist ein Streifschuss�, erkl�rte Stefanie. �Am Muskel, es blutet ziemlich stark. Der Druckverband reicht erst einmal, aber Sie d�rfen Ihren Arm nicht bewegen.�</p><p>�Sollen wir Sie zu einem Arzt fahren?�, fragte der F�rster.</p><p>�Nein!�, sagte Peter. �Daf�r haben wir keine Zeit. Wir m�ssen zur H�hle. Es geht schon.�</p><p>�Er hat Recht�, sagte Patrick. �Wir m�ssen uns beeilen. Oder ben�tigt er zum Aufstieg beide Arme?�</p><p>�Nicht zum Klettern�, erkl�rte Levasseur. �Aber wir werden ihn ordentlich st�tzen m�ssen.�</p><p>�Also gut�, sagte Peter und stand mit wackeligen Beinen auf. �Weiter geht's!�</p><p>Der F�rster f�hrte sie an der Steilwand entlang und zu jenem unscheinbaren Spalt, durch den er selbst erst vor wenigen Tagen gestiegen war. St�ndig sahen sie sich dabei um, immer auf der Hut, nicht noch einmal entdeckt zu werden. Doch der Wald blieb ruhig, und als sie sich durch den Spalt gezw�ngt und den dahinter verborgen liegenden, breiteren Teil der Kluft erreicht hatten, f�hlten sie sich wieder etwas sicherer.</p><p>Peter sp�rte, wie sich etwas in ihm ausbreitete, ohne dass er dagegen ank�mpfen konnte. Er lehnte sich einen Augenblick an die Felswand und atmete tief durch. Kalter Schwei� brach aus ihm heraus, er zitterte.</p><p>�Peter�, sagte Stefanie. �Sie sehen aus wie eine Leiche! Setzen Sie sich einen Augenblick hin!�</p><p>�Hat er zu viel Blut verloren?�, fragte Patrick.</p><p>�Nein�, sagte Stefanie. �Das kann nicht sein. Wahrscheinlich der Schock.�</p><p>In diesem Augenblick beugte sich Peter abrupt nach vorn und erbrach sich unter Kr�mpfen. Als er wieder aufsah, reichte ihm Stefanie ein Taschentuch. Er wischte sich den Mund ab und atmete einige Male tief durch. �Es geht gleich wieder�, sagte er halblaut.</p><p>Es dauerte mehrere Minuten, bis seine �belkeit verging. Er fragte sich, ob Patrick ihn wohl jetzt f�r einen ausgesprochenen Schlappschwanz hielt, und ob es normal war, dass man nach einem Streifschuss gleich einen Kreislaufzusammenbruch bekam und sich �bergeben musste.</p><p>�Wir k�nnen weiter�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Sind Sie sicher?�</p><p>�Ja, bestimmt. Es wird schon gehen.�</p><p>So setzten sie ihren Weg fort. Wie der F�rster versprochen hatte, war es nicht n�tig, zu klettern, dennoch war der mit Ger�ll �bers�te, stetig ansteigende Untergrund so unwegsam, dass sie Peter st�tzen mussten und nur sehr langsam vorankamen. Eine gute Stunde und mehrere Verschnaufpausen sp�ter, erreichten sie einen steinernen Vorsprung, der wie ein schmaler Sims an der Felswand entlangf�hrte.</p><p>�Dieser Weg f�hrt zur Vorderseite des Berges und kommt oberhalb des H�hleneingangs heraus�, erkl�rte der F�rster. �An einigen Stellen wird er sehr schmal, also immer dicht an der Wand halten!�</p><p>�Man wird uns von unten sehen k�nnen�, sagte Patrick.</p><p>�Richtig. Deswegen ab jetzt leise und ganz langsam! Und immer den Wald unter uns absuchen.�</p><p>Angef�hrt vom F�rster, beschritten sie den Pfad. Als Zweiter folgte Patrick, dann Peter und schlie�lich Stefanie. Ihre Aufmerksamkeit war besonders darauf gerichtet, dass der Engl�nder vor ihr nicht das Gleichgewicht verlor. Mehrfach blieben sie auf sein Zeichen hin stehen und pressten sich so gut es ging an den Felshang, w�hrend Levasseur um eine Ecke herum oder in die Tiefe sp�hte. Aber es war niemand zu sehen, keine Spur irgendeiner Aktivit�t auszumachen.</p><p>�Anscheinend sind sie noch alle im Lager�, sagte Patrick. �Wir haben eine gute Chance, unbemerkt in die H�hle zu kommen!�</p><p>�Sie ist jetzt direkt unter uns�, erkl�rte Levasseur. �Sehen Sie: Dort ist das Seil f�r den Aufstieg. Da vorne k�nnen wir runter.�</p><p>Unter den Anweisungen des F�rsters kletterten sie auf den Absatz, der sich nur wenige Meter unter ihnen befand. F�r Peter, der sich nur mit einer Hand abst�tzen und festhalten konnte, war es eine schwei�treibende Angelegenheit, die seine volle Konzentration erforderte. Er f�hlte sich wie eine Fliege im Spinnennetz, nahezu hilflos und offensichtlich schutzlos allen Blicken ausgeliefert. Unter ihm gab ihm Patrick Hilfestellung, w�hrend Stefanie �ber ihm darauf bedacht war, ihn zur Not festhalten zu k�nnen. Als er schlie�lich mit beiden Beinen auf dem Absatz vor dem H�hleneingang stand, war ihm klar, dass er diesen Weg niemals zur�ckgehen k�nnte.</p><p>�Das Stahltor ist verriegelt�, erkl�rte Levasseur, der in der Zwischenzeit den Eingang untersucht hatte.</p><p>�Das macht nichts, wir haben einen Schl�ssel daf�r�, sagte Patrick. Er ging zum Schott, fummelte herum, nur, um einige Augenblicke sp�ter seinen Sicherheitsschl�ssel w�tend auf den Boden zu werfen. �So ein Dreck!�, fluchte er.</p><p>�Man kann doch nicht innerhalb von einer Nacht mal eben dieses Schloss austauschen�, meinte Peter mit Blick auf die massive Konstruktion.</p><p>�Nein, aber den verdammten Code, der im Schloss gespeichert ist�, sagte Patrick. �Wir leben leider im einundzwanzigsten Jahrhundert.�</p><p>�Keine Bewegung!�, ert�nte pl�tzlich eine Stimme von unten. Sie sahen auf die Lichtung am Fu� des Hanges unter ihnen. Dort standen zwei Ranger, die ihre Waffen auf sie richteten. �Kommen Sie sofort herunter! Und Sie, legen Sie Ihr Gewehr dort auf den Boden!�</p><p>Die Forscher sahen sich an. �Sieht schlecht aus�, meinte Patrick. �Wir k�nnten uns vielleicht hier verschanzen...�</p><p>�Ich f�r meinen Teil habe genug�, widersprach Peter. �Wenn Sie die Belagerung und das Gemetzel von Monts�gur nachspielen m�chten, dann ohne mich.�</p><p>�Er hat Recht�, sagte der F�rster. �Ich sch�tze, das war's.�</p><p>�Das f�rchte ich auch�, sagte Stefanie. �Gehen wir runter.�</p><p>Der F�rster legte sein Gewehr mit langsamen, deutlich sichtbaren Bewegungen auf den Boden und begann, am Seil den Hang hinunterzusteigen. Die anderen folgten ihm, wobei Stefanie wieder den Abschluss bildete und auf den verletzten Peter achtete, der sich nur mit einer Hand am Seil festhalten konnte und entsprechend langsam war. Immer wieder musste er kurz verweilen. Seine Hand und die Muskeln semes gesunden Arms brannten vor Anstrengung, aber es gab keine andere M�glichkeit. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich wieder ebenen Boden unter den F��en hatte.</p><p>Die beiden Ranger waren in der Zwischenzeit einige Schritte n�her gekommen, die Waffen noch immer auf sie gerichtet.</p><p>�Legen Sie die H�nde auf den Kopf!�, befahl einer von ihnen.</p><p>�Ich kann einen Arm nicht heben!�, rief Peter und wandte ihnen die Seite mit seinem Verband zu.</p><p>�Dann heben Sie nur den anderen. Aber keine merkw�rdigen Bewegungen!�</p><p>Sie taten, was man von ihnen verlangte, und die Ranger traten an sie heran. Peter fiel auf, dass sich die M�nner von den Rangern aus dem Lager deutlich unterschieden. W�hrend Letztere irgendwie immer wie aus einem Guss gewirkt hatten � <emphasis>nat�rlich! Milit�r!</emphasis> �, sahen diese beiden ganz anders aus. Unrasiert, lange Haare,... und sie trugen auch nicht dieselben Gewehre... <emphasis>Das waren keine Ranger!</emphasis></p><p>In diesem Augenblick preschte ein wei�er Landrover aus dem Wald und auf die Lichtung. Er schien aus dem Lager zu kommen. Als er bremste, �ffneten sich die T�ren auf der ihnen abgewandten Seite. �Waffen fallen lassen!�, war eine laute Stimme zu vernehmen.</p><p>Die M�nner, die die Forscher in Schach hielten, sahen sich einen Augenblick lang irritiert an. Dann liefen sie zur Seite fort und er�ffneten dabei das Feuer auf den Wagen. Neben dem t�uschend harmlos klingenden Tackern ihrer halbautomatischen Waffen h�rte man das metallische Klatschen, mit dem die Geschosse L�cher in das Autoblech schlugen.</p><p>�Runter!�, rief Levasseur und warf sich auf den Boden. Die anderen folgten seinem Beispiel.</p><p>Einer der beiden M�nner erreichte gerade eine Gruppe B�ume, um dahinter Deckung zu suchen, als er pl�tzlich einen halben Meter zur Seite geschleudert wurde. Das Geschehen lief vor Peters Augen wie in Zeitlupe ab: Er sah, wie der Mann von einer unsichtbaren Wucht getroffen den Boden f�r einen Augenblick unter den F��en verlor, wie sich der Kopf zur Seite neigte und ein dunkelroter Spr�hregen auf der anderen Seite des Sch�dels herausschoss. Wie in einer grausamen Inszenierung von Schr�dingers Katzenexperiment, nahm Peter jenen undefinierbaren, endlosen Zeitpunkt wahr, in dem der Mann auf der Schwelle zwischen Leben und Tod zu verharren schien, wie sein Herz noch pumpte, seine Nerven und Muskeln noch arbeiteten; er hing wie eingefroren in der Luft, umklammerte dabei seine Waffe. Und dann schlug der K�rper wie ein Klumpen Schlachtfleisch zu Boden. Peter wandte den Blick ab.</p><p>�Bleiben Sie blo� alle liegen�, raunte der F�rster.</p><p>Der andere Mann schien die rettenden B�ume erreicht zu haben, denn von ihm war keine Spur zu sehen.</p><p>Einen Augenblick lang blieb es ruhig.</p><p>�Was waren das f�r Leute?�, fragte Peter.</p><p>�Ich sch�tze, das waren die angek�ndigten S�ldner von Fauvel�, meinte Patrick.</p><p>�Wie sind die durch die Absperrung gekommen?�, fragte Peter.</p><p>In diesem Moment wurde der Wagen erneut unter Beschuss genommen. Diesmal war das Feuer aus mehreren Richtungen des umliegenden Waldes zu h�ren. Ganz offensichtlich hatte der B�rgermeister mehr als nur zwei S�ldner angeheuert.</p><p>Zwei weitere Gel�ndewagen kamen nun aus dem Wald und bildeten mit dem ersten einen Wall. Wieder �ffneten sich T�ren, und diesmal str�mten jeweils sechs M�nner heraus und verteilten sich.</p><p>�Stellen Sie das Feuer ein!�, war kurz darauf eine Stimme �ber Megafon aus Richtung der Autos zu h�ren. �Wir gew�hren Ihnen freien Abzug, wenn Sie das Feuer einstellen und hervortreten!�</p><p>Als Antwort wurden nun auch die neu angekommenen Wagen mit Salven bedeckt. Glassplitter prasselten auf den Boden, Reifen wurden zerfetzt.</p><p>Pl�tzlich ert�nte ein Fauchen, und �ber die Lichtung flog ein kolossales Geschoss. Unverh�ltnism��ig langsam f�r seine Gr��e, zog es von den Wagen kommend eine Spur aus Rauch hinter sich her und verschwand zwischen den gegen�berliegenden B�umen. Kurz darauf folgten ein Blitz und eine ohrenbet�ubende Detonation. Ein Hagel aus Erdreich und Holzsplittern prasselte nieder.</p><p>Dann war es pl�tzlich ruhig. Niemand schoss mehr. �Kommen Sie jetzt heraus! Mit erhobenen H�nden!�, ert�nte wieder die Stimme aus dem Megafon.</p><p>Zwischen den B�umen erschienen nach und nach etwa zehn M�nner und traten auf die Lichtung. Sie waren jetzt unbewaffnet und ergaben sich.</p><p>Gleichzeitig kamen nun auch die Ranger hinter den demolierten Wagen hervor, ihre Waffen im Anschlag. Es waren nicht wesentlich mehr Mann, aber ganz offenbar deutlich besser ausger�stet.</p><p>�Ich denke, wir k�nnen jetzt aufstehen�, sagte Patrick. Sie erhoben sich. Stefanie kam dabei Peter zu Hilfe, der gro�e M�he hatte. Sie sah, dass an einigen Stellen Blut durch seinen Verband gedrungen war. Er hatte sich einfach zu viel bewegt.</p><p>Noch w�hrend sich die Parteien auf der Lichtung gegen�berstanden, kam ein weiterer Wagen angefahren. Es war ein neuer, dunkelblauer Grand Cherokee, und er trug auch nicht die gef�lschte Aufschrift der Gesundheitsbeh�rde. Er fuhr an den durchl�cherten Wracks vorbei und hielt nur wenige Meter von den Forschern entfernt. Ihm entstieg Elaine de Rosney.</p><p>Sie sah ver�ndert aus. Anders als in Genf, trug sie nun robuste Stiefel, Jeans und eine schwarze Windjacke. Ihr strenger Blick �berflog die Gesichter der Anwesenden, bevor sie sich an einen der Ranger wandte.</p><p>�Was ist hier los?�</p><p>�W�hrend wir diese vier Personen aufhalten wollten, sind wir von diesen M�nnern angegriffen worden, Madame.�</p><p>�Wer ist das? Wo kommen sie her, und was wollen sie?�</p><p>�Das wissen wir noch nicht, Madame. Wir wollen sie im Lager befragen.�</p><p>�Einverstanden. Machen Sie sich mit Ihren M�nnern und diesem Gesindel auf den R�ckweg. Die vier Forscher bleiben hier.�</p><p>�M�chten Sie jemand als Unterst�tzung hier behalten?�</p><p>�Das ist nicht n�tig. Gehen Sie.�</p><p>�Auf geht's!�, rief der Ranger zu den anderen. �Ihr habt es geh�rt! Marsch, marsch!�</p><p>Sie setzten sich in Bewegung, und nach wenigen Momenten standen die Forscher mit Elaine allein auf der Lichtung. Sie zog eine Pistole aus der Tasche.</p><p>�Warum haben Sie sich nicht fern gehalten?�, fragte sie. �War es nicht deutlich genug? Ich hoffe, ich habe keinen �rger von Ihnen zu erwarten!�</p><p>��rger?!�, entfuhr es Patrick. �Sie haben noch etwas ganz anderes von uns zu erwarten! Was spielen Sie hier eigentlich?�</p><p>�Monsieur Nevreux, wie ungest�m. Ich habe Ihnen das Projekt gegeben, und jetzt nehme ich es Ihnen wieder. Gerade f�r Sie sollte das doch keine neue Erfahrung sein.�</p><p>�Wissen Sie �berhaupt, um was es hier geht?!�, fragte nun Peter. �Das hier ist der gr��te Fund der Menschheit!�</p><p>�Aber ja doch, das ist offensichtlich. Und ich danke Ihnen f�r Ihre Arbeit. Allen beiden. Sie werden Ihr vereinbartes Honorar bereits �berwiesen auf Ihren Konten finden. Aber was Sie angeht, <emphasis>Frau Kr�ger</emphasis>, jetzt stehen wir uns also gegen�ber. K�nnen Sie mir bitte erkl�ren, wer Sie sind? Ich habe Sie nicht engagiert! Und in meiner Firma kennt Sie auch niemand.�</p><p>�Ich habe mich selbst engagiert, Madame�, antwortete Stefanie. �Und bisher hat es dem Projekt nicht geschadet.�</p><p>Elaine sah sie einen Moment lang an, wollte etwas sagen, �berlegte es sich dann aber anders und wandte sich an den F�rster. �Und wer sind Sie?�</p><p>�Das ist D'Artagnan, unser vierter Musketier�, sagte Patrick.</p><p>�Sie halten sich wohl f�r witzig�, entgegnete Elaine.</p><p>�Ich bin der F�rster des Bezirks�, antwortete Levasseur.</p><p>�Nun denn�, sagte Elaine, �somit stehen hier also alle Menschen, die das wahre Geheimnis der H�hle kennen... was f�r ein seltener Kreis. Und so wird er nie wieder zusammentreffen. Denn wie Sie sich schon gedacht haben, werde ich die H�hle in meine Verantwortung nehmen. Und wie sagt man: Verantwortung ist unteilbar. Sie vier werden also weder mit der H�hle noch mit mir je wieder etwas zu tun haben.� Sie l�chelte die anderen an. �Jetzt, wo es so weit ist, kann ich es Ihnen ja auch sagen, damit Sie nicht mit ungel�sten R�tseln nach Hause gehen m�ssen: Ich wusste nat�rlich von Anfang an, dass wir hier auf das Archiv des Wissens der Templer gesto�en waren. Ich habe die Legenden und Geschichten darum schon lange recherchiert. Ich wei�, welche g�ttliche Macht es verleihen kann! Ich wollte blo� wissen, wie man hineinkommt. Dank Ihrer Sp�rnasen haben Sie diese Nuss in Rekordzeit geknackt.�</p><p>�Dann kennen Sie auch den �Kreis von Monts�gur�?�, fragte Peter.</p><p>�Das Symbol auf dem Boden?�, antwortete Elaine. �Nat�rlich. Es ist ja nichts anderes als der symbolische Plan der Kaverne. Und um das zu wissen, muss ich noch nicht einmal dringewesen sein.�</p><p>Peter sah zu Patrick hin�ber, der nicht mit der Wimper zuckte, dem aber sicher ebenfalls nicht entgangen war, dass Elaine damit offenbar nur die halbe Wahrheit kannte.</p><p>�Nun, genug geplaudert. Ich werde jetzt in die H�hle gehen, und ich muss nat�rlich daf�r sorgen, dass Sie keine Dummheiten anstellen werden. Deswegen werde ich Sie mit in den Durchgang nehmen. Das Sanatorium Henry Taloir ist bereits auf neue G�ste vorbereitet. F�r irgendetwas muss Ihr Honorar ja auch verwendet werden. Und was Sie angeht, Frau Kr�ger, von Ihnen muss ich mich jetzt schon verabschieden.�</p><p>Sie dr�ckte ab. Stefanie wurde nach hinten geschleudert, fiel zu Boden und blieb regungslos liegen.</p><p>�NEIN!�, schrie Patrick und wollte losspringen, doch Elaine presste ihm die Pistole gegen den Bauch. �Lassen Sie das�, sagte sie.</p><p>Blitzschnell drehte er sich zur Seite und schlug dabei Elaines Hand nach oben. Ein Schuss l�ste sich und pfiff an seinem Ohr vorbei. Noch einmal schlug er nach ihrem Handgelenk, und dieses Mal schmetterte er die Pistole aus ihrer Hand. Ohne sich weiter um die Frau zu k�mmern, st�rzte er auf Stefanie zu und kniete sich neben sie. �<emphasis>Mon dieu!</emphasis>�, brachte er hervor und streichelte ihr Gesicht. Unter ihr bildete sich bereits eine Blutlache.</p><p>Peter stand noch immer fassungslos da, w�hrend Levasseur Elaines Pistole aus einer Pf�tze fischte, sie begutachtete und hektisch versuchte, den Schlamm aus der M�ndung zu sch�tteln. Schlie�lich warf er sie jedoch frustriert weg.</p><p>Patrick sah zu ihm her�ber. Er hatte Tr�nen in den Augen. �Suchen Sie eine der Waffen, die die S�ldner im Wald gelassen haben! Und schie�en Sie diese verdammte Hure �ber den Haufen!�</p><p>Levasseur rannte zum Waldrand.</p><p>Peter sah sich um.</p><p>Elaine de Rosney war in Richtung des Berghangs weggerannt und befand sich bereits auf halber H�he des Aufstiegs.</p><p>�<emphasis>Shit!</emphasis>�, rief er. �Patrick! Wir kriegen sie nicht rechtzeitig! Laufen Sie ihr hinterher! Ich kann es nicht!�</p><p>Patrick wollte gerade etwas erwidern, als Stefanie ihre Augen aufschlug. Patrick schrak zur�ck.</p><p>�Ich k�mmere mich darum�, sagte sie mit ruhiger Stimme und erhob sich.</p><p>Fassungslos und unf�hig, sich zu r�hren, starrte Patrick Stefanie nach. Sie war aufgestanden und lief mit gro�en Schritten zum Hang.</p><p>�Aber sie ist tot!�, brachte Patrick schlie�lich atemlos hervor.</p><p>�Das kann einfach nicht sein...�, sagte Peter und sah Stefanie entgeistert zu, wie sie am Seil hinaufkletterte, als sei nichts geschehen. In der Zwischenzeit hatte Elaine das Gewehr des F�rsters aufgehoben und machte sich gerade an der Stahlt�r zu schaffen.</p><p>�Ich hab eine!�, h�rten sie Levasseur aus dem Wald rufen, und kurz darauf kam er mit einer der Waffen auf die Lichtung gerannt. Doch in diesem Augenblick verschwand Elaine bereits aus dem Sichtfeld.</p><p>�Was ist denn das?!�, fragte der F�rster ungl�ubig, als er Stefanie entdeckte.</p><p>�Ich habe keine Ahnung...�, sagte Patrick. Dann verschwand sie ebenfalls in der H�hle.</p><p>Die drei M�nner blieben allein auf der Lichtung zur�ck, starrten nach oben und ahnten nicht, was passieren w�rde.</p><p>Sie erwarteten, Rufe zu h�ren, Sch�sse oder Geschrei, aber es blieb ruhig. Eine unheimliche Stille umfing sie.</p><p>Weder Wald noch Wind machten irgendein Ger�usch.</p><p>Sie h�rten sich atmen, h�rten das Blut in ihren Ohren pulsieren.</p><p>Und pl�tzlich geschah es.</p><p>Flirrende, ringf�rmige Wellen bildeten sich in der Luft vor dem Berghang, und pl�tzlich schoss glei�endes blaues Licht aus dem Fels. Eine unsagbare Kraft hatte sich ihren Weg ins Freie gebrochen. Nur einen Lidschlag sp�ter erreichte die M�nner das Toben einer gewaltigen Explosion, die Druckwelle schlug ihnen mit voller Wucht entgegen und schleuderte sie r�ckw�rts zu Boden. Hoch �ber ihnen sahen sie das aus der Verankerung gerissene Stahlschott wie eine Spielkarte durch die Luft wirbeln.</p><p>Der Boden unter ihnen vibrierte, der ganze Berg vor ihnen zitterte und grollte. Dann bewegte er sich, schien sich in der Mitte ein St�ck nach vorne zu beugen. Ger�ll l�ste sich.</p><p>�Los, weg hier!�, rief Patrick. Er sprang auf, riss Peter am gesunden Arm hoch, und sie st�rmten �ber die Lichtung in Richtung der Wagen und der B�ume.</p><p>Das Rumoren im Berg hinter ihnen wurde lauter, und mit einem Ruck sackte der gesamte Hang in sich zusammen. Durch das pl�tzliche Gewicht und den Aufschlag wurden Gesteinstr�mmer nach allen Seiten weggesprengt, schossen wie Kanonenkugeln durch den Wald und m�hten die B�ume in ihrer Flugbahn nieder.</p><p>W�hrend hinter ihnen der <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis> in sich zusammenst�rzte und die Lichtung mit einer meterhohen Ger�lllawine �berflutet wurde, flohen die drei M�nner durch den Wald, einzig, um ihr Leben zu retten und sich in Sicherheit zu bringen. Erst allm�hlich kam ihnen zu Bewusstsein, dass dort hinter ihnen nun jedes Schriftzeichen, jedes R�tsel und auch jedes Leben unter Millionen Tonnen Gestein zu Staub zermahlen worden war.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Epilog</strong></p><p><emphasis>18. Mai, Museum f�r V�lkerkunde, Hamburg</emphasis></p><p>�Paris: Der Vorsitzende der franz�sischen Partei PNF, Jean-Baptiste Laroche, ist heute Morgen erschossen in seinem Haus am Pariser Stadtrand aufgefunden worden. Ein Sprecher der Polizei wollte keine Angaben zu den n�heren Umst�nden machen, erkl�rte aber, dass die ersten Indizien f�r einen Selbstmord spr�chen. Der erfolgreiche Gesch�ftsmann und Gr�nder der Rechtsnationalistischen Partei, Laroche, hatte als aussichtsreicher Pr�sidentschaftskandidat gegolten, bis er vor knapp einer Woche durch eine Anklage wegen Landesverrats in die Schlagzeilen geraten war. Zur gleichen Zeit hatte die britische Tageszeitung <emphasis>Sun</emphasis> berichtet, dass sich Laroche f�r einen Verwandten von Jesus Christus halte, und ihn in der Folge zum Gesp�tt der Medien in beiden L�ndern gemacht. Wie ein Sprecher der PNF in einer Pressekonferenz mitteilte...�</p><p>Peter schaltete das Radio aus, als es an der T�r seines B�ros klopfte. �Ja, bitte.�</p><p>Patrick Nevreux trat ein. Leger gekleidet, aber frisch rasiert, lachte er ihn an. �Hallo, Sportsfreund! Sch�n, Sie zu sehen!�</p><p>�Patrick, die Freude ist ganz meinerseits!� Er wies auf den alten Stuhl vor seinem Schreibtisch. �Setzen Sie sich! Was f�hrt Sie her? Sie haben mich doch nicht etwa vermisst?�</p><p>�Aber nein, wo denken Sie hin! Ich war gerade zuf�llig in der Gegend und dachte, ich schau mal beim alten Professor vorbei.�</p><p>�Wie aufmerksam!� Peter beobachtete am�siert Patricks zweifelnden Blick auf den Stuhl und erwartete eigentlich, dass der Franzose, nachdem er sich z�gernd niedergelassen hatte, seine F��e auf den Tisch legen w�rde. Aber Patrick blieb gesittet und sah sich im Raum um. �Nettes B�ro�, sagte er dann. �Aber etwas langweilig, oder?�</p><p>�Ich kann nicht klagen. Zumindest ist es ungef�hrlich.�</p><p>�Da haben Sie wohl Recht.�</p><p>�Und wie geht es Ihnen?�, fragte Peter. �Denken Sie noch oft an sie?�</p><p>�An Stefanie? Ja. Ich vermisse sie... Sie hatte es nicht verdient. Ich frage mich immer wieder, was wir ohne sie erreicht h�tten. Ich habe versucht, herauszufinden, wo sie herkam, ob sie eine Familie oder Verwandte hinterlie�. Aber es war nichts zu finden. Sie war auf eine merkw�rdige Art anders, fanden Sie nicht auch?�</p><p>�Ich hatte manchmal das Gef�hl, dass sie etwas vor uns verbarg�, stimmte Peter zu. �Die Art, wie sie sich immer im Hintergrund hielt und doch stets diejenige war, die uns weitergebracht hat. Sie schien irgendwie <emphasis>selbstlos.</emphasis> Wie sie selbst trotz ihrer schweren Verletzung Elaine noch verfolgte... meinen Sie, sie hat sich bewusst f�r die H�hle geopfert?�</p><p>�Wer wei�... Ich habe auch �ber die H�hle nachgedacht. Vielleicht h�tte sie gar nicht <emphasis>jede</emphasis> Frau betreten k�nnen. Immerhin w�re das ja kein besonders guter Schutz, wenn ein paar Milliarden Menschen einfach hineinspazieren k�nnten, oder? Aber vielleicht war Stefanie wirklich anders. Vielleicht war sie tats�chlich eine Bewahrerin der Mysterien... auf eine ganz andere Art, die wir nie erahnt haben.� Patrick atmete tief ein. �Aber nun gut, wir werden es niemals erfahren...�</p><p>�Nein, in der Tat.� Peter schwieg einen Augenblick. �Aber sagen Sie�, setzte er dann neu an, �wie ist es Ihnen in den letzten Tagen ergangen? Haben Sie sich noch mit Levasseur auseinander gesetzt?�</p><p>�Nur wenig�, sagte Patrick. �Die Leute von Nuvotec sind ziemlich schnell � und nat�rlich unverrichteter Dinge � abgezogen, und der fette Fauvel hat seine Schergen ebenfalls zur�ckgepfiffen. Levasseur konnte ihn anscheinend �berzeugen, dass es am <emphasis>Vue d'Archiviste</emphasis> irgendeine Art seismischer Aktivit�t g�be, so stark, dass ganze Berge einst�rzen k�nnen und man das Gebiet folglich keinesfalls bebauen sollte. Fauvel hat das wohl geschluckt.�</p><p>�Also ist dort alles wieder beim Alten. Als sei nie etwas geschehen, wird die H�hle im Vergessen versinken. Sie ist unwiederbringbar verloren. Und wir beide sind genauso schlau, wie wir es vor ein paar Wochen waren.�</p><p>�Aber um viele zehntausend Euro reicher.�</p><p>�Das stimmt allerdings.�</p><p>�Und wie es der Zufall so wollte, musste ich deswegen an Sie denken�, sagte Patrick und holte eine Zigarettenschachtel hervor. �Ich darf doch?�</p><p>�Sie machen mich neugierig. Und was das Rauchen angeht: nat�rlich nicht.� Mit diesen Worten und einem verschmitzten Funkeln in den Augen griff Peter nach einer Dose Tabak und einer Pfeife aus seinem Pfeifenst�nder und begann damit, sie sorgf�ltig zu stopfen.</p><p>Patrick grinste den Engl�nder an, entz�ndete seine Zigarette und nahm einen tiefen Zug. Dann blies er den Rauch in die H�he.</p><p>�Wissen Sie�, sagte er, �ich habe nachgedacht.�</p><p>�Nein.�</p><p>��ber unsere Recherchen, die verr�ckten Leute, die wir getroffen haben, das wirre Zeug, das man uns erz�hlt hat, und diese Menge an Sachen, die Sie ganz offensichtlich wissen...�</p><p>�Aha...�</p><p>�Und ich dachte mir, Patrick, alter Junge, von dem kannst du noch was lernen.�</p><p>�Ist das so?� Peter entz�ndete ein Streichholz, wartete einen Augenblick und entfachte dann damit seine Pfeife.</p><p>�Ich wei�, dass Sie hier im Museum jobben�, erkl�rte Patrick. �Ist bestimmt m�chtig spannend. Aber jetzt, wo wir beide ein bisschen Spielgeld haben, interessiert Sie vielleicht eine kleine Abwechslung?�</p><p>�Wollen Sie mich zum Essen einladen?�</p><p>�Nicht direkt... na ja, vielleicht springt ein Essen dabei heraus ... Gut, einverstanden, ein Abendessen ist drin. Und dann erz�hle ich Ihnen von meiner Idee. Es hat mit alten Kulturen zu tun. Und der Suche nach weiteren Archiven des Wissens.�</p><p>Peter hob eine Augenbraue und sah den Franzosen eine Weile schweigend an. Dann griff er nach einem Zettel und reichte ihn �ber den Tisch.</p><p>Patrick nahm ihn entgegen, las ihn und stutzte.</p><p>�Meine Adresse in Lissabon?�</p><p>�Ich wollte morgen einen Flug buchen und Ihnen in einer portugiesischen Fischkneipe von derselben Idee erz�hlen.�</p><p>Patrick sah ihn erstaunt an. �Zwei Dumme, ein Gedanke, was? Und was war Ihr Ziel? Ich hatte da recht vage an Pyramiden gedacht...�</p><p>Peter schob eine Ausstellungsbrosch�re des Museums �ber den Tisch. Abgebildet war der Stein von Rosette und dar�ber prangte die Aufschrift: �5000 Jahre Schrift. Mit einer Sonderausstellung von Professor Peter Lavell: �gypten � Wiege der Kultur?�</p><p><emphasis>18. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz</emphasis></p><p>Auf der Rasenfl�che vor der herrschaftlichen Villa stand ein Hubschrauber, dessen Rotorbl�tter sich langsam drehten. Steffen van Germain warf einen letzten Blick auf das Anwesen. Ein wunderbarer Ort, der ihm lange zu Diensten gewesen war. Aber wie immer, ging jede Zeit einmal zu Ende. Wenn Neues beginnt, muss das Alte weichen. Ebenso wie die Ereignisse im Languedoc ein Ende in der entsetzlichen Zerst�rung der Archive gefunden und das Augenmerk zugleich auf einen neuen Anfang gelenkt hatten.</p><p>Eine Weile hatte er gezweifelt, ob sie alles richtig gemacht hatten. Wie immer schalt er sich einen Narren, bei vielem, was sie �bersehen hatten und was zu den furchtbaren Ereignissen gef�hrt hatte. So viel vergossenes Blut, so viel fehlgeleiteter Eifer, so viel verlorenes Wissen. Es war immer dasselbe, seit Menschengedenken. Aber er wusste auch, dass er nichts h�tte anders entscheiden wollen. Sie mussten es immer wieder darauf ankommen lassen. Mussten beobachten, mussten lenken, wenn es angebracht war, und immer wieder pr�fen, ob die Zeit gekommen war. Und eines Tages w�rde es so weit sein. Dann w�rde eines der Archive seine Bestimmung erf�llen.</p><p>Er wandte sich ab, bestieg den Hubschrauber und setzte sich neben Joseph, der die T�r schloss.</p><p>�Seid Ihr bereit, Steffen?�, fragte der junge Mann.</p><p>�Ja. Es kann losgehen.�</p><p>Dann wandte sich van Germain an die Frau, die ihnen gegen�bersa�. Ihre blonden Haare fielen ihr �ber eine Schulter, auf der anderen Seite hatte sie sie hinters Ohr geklemmt. Sie wirkte ebenfalls nachdenklich, wenn auch aus anderen Gr�nden als er selbst.</p><p>�Du musstest es zerst�ren�, sagte er. �Es war das einzig Richtige, Johanna.�</p><p>�Ich wei�... aber das besch�ftigt mich auch weniger.�</p><p>�Dann denkst du noch an ihn?�, fragte er.</p><p>�Ja. Er war auf eine unversch�mte Art liebensw�rdig. Und er hatte ein gutes Herz. Es ist lange her, dass jemand Tr�nen f�r mich vergossen hat.�</p><p>�Es tut mir leid�, sagte van Germain. �Wirklich. Aber es war deine Entscheidung.�</p><p>�Ja�, sagte sie. Und mit einem entschlossenen Nicken f�gte sie hinzu: �Und es war auch gut so.�</p><p>Der Hubschrauber hob langsam vom Boden ab, stieg in die H�he und flog in einer Schleife �ber das Grundst�ck. Er folgte der Auffahrt, flog �ber das Tor, gewann dort schnell an H�he und verschwand in der Ferne.</p><p>Vor der Toreinfahrt war ein hohes Gestell aufgebaut, auf dem die Villa abgebildet war. Dar�ber stand in gro�en Buchsraben: � vendre � Zu verkaufen.</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>Nachwort des Autors</strong></p><p>Wer der Magie der Fiktion nicht entfliehen m�chte, der mag diese Abs�tze auslassen. Nicht jeder will alle Fragen beantwortet haben, nicht alles muss erkl�rt werden, und das zauberhafteste Geheimnis bleibt ebendies: ein Geheimnis. Aber es gibt auch jene, die das Verstehen dem Erleben vorziehen.</p><p>In diesem Buch habe ich historische Fakten mit traditionellen und modernen Mythen und Legenden vermischt und versucht, die Fugen mit frech zusammengelogener Fiktion zu kitten. Es w�re nur schwer m�glich, hier alles auszubreiten, ohne mich in �hnlich langatmigen Ausf�hrungen zu ergehen wie Professor Lavell. Aber einige Stichworte seien an dieser Stelle erl�utert.</p><p>Die Festung von Monts�gur gibt es tats�chlich. Hoch oben, scheinbar v�llig unzug�nglich, auf einem Berg im Languedoc, steht heute nur noch ein kl�glicher Ring der �u�eren Mauer. Nur eine kleine Gedenktafel weist heute darauf hin, dass diese Festung einmal eine so tragische Rolle gespielt hat. Was Peter �ber die Geschichte des Languedoc erz�hlt, �ber die Katharer, die Albigenserkreuzz�ge und die Belagerung von Monts�gur, entspricht im Wesentlichen tats�chlich dem heutigen Wissensstand. Ebenso verh�lt es sich mit den Informationen �ber die Templer, die Merowinger sowie den Legenden �ber die Rosenkreuzer. Auch Martin Luther hat es nat�rlich gegeben, dessen �bersetzung der Bibel verb�rgt ist, wenngleich ich mir die Freiheit genommen habe, ihn mit den Rosenkreuzern in Verbindung zu bringen und ihm eine intensive Besch�ftigung mit der Kabbala anzudichten. Eine �Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose� gibt es allerdings ebenso wenig (oder zumindest ist mir keine bekannt) wie eine �Mission des Lichts�, eine �Hand von Belial� oder einen �Tempel Salomon�. Eine �hnlichkeit mit tats�chlich existierenden Organisationen, Gruppierungen, Firmen oder Personen ist unbeabsichtigt und w�re rein zuf�llig.</p><p>Wer auf den Gebieten, die dieses Buch behandelt, bewandert ist, mag viele eingestreute Details wie alte Bekannte wiedererkennen, die von meiner Begeisterung zeugen sollen, und wenn nicht das, dann zumindest von den Schlachtfeldern meiner Recherchen. Falls sie dem unbefangenen Leser bisweilen als verworrene Fantasterei erscheinen, tut mir dies aufrichtig leid.</p><p>Bei den zum Teil individuellen �bersetzungen des Hebr�ischen, Lateinischen und Altgriechischen gilt mein Dank Ioannis Chatziandreou, Hans Eideneier, Klaus Pradel, Lauri Lehrmann, Martin Conitzer, Georg W., Christian P. G�rlitz, Eva Feldheim, Leonard S. Berkowitz, Hans Zimmermann sowie den Mitarbeitern des Instituts f�r Altes Testament (I.A.T.) der Universit�t Hamburg, f�r ihre Zeit und M�he, mit denen sie sich meinen ungew�hnlichen Anfragen gewidmet haben.</p><p>Besonders gefreut habe ich mich �ber die Unterst�tzung von Patrick Rocher vom Institut de m�canique c�leste et de calcul des �ph�m�rides (IMCCE) in Paris, der mir die exakten Daten einer im Languedoc sichtbaren Sonnenfinsternis im 13. Jahrhundert berechnet und samt Karte geschickt hat.</p><p>Eine wunderbare Inspiration waren die Theorien von Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh, deren Sachb�cher �ber einen m�glichen Fortbestand der Blutlinie Jesu und dem geheimnisvollen Orden �Prieur� de Sion� ihre Spuren in diesem Roman hinterlassen haben.</p><p>Nicht zu vergessen sind all jene, denen ich meinen Text in den unterschiedlichen Entstehungsphasen zum Lesen geben durfte. Herausragend dabei mein Schriftstellerkollege Ren� Rose, der von der sachlichen Ebene bis in philosophische Sph�ren alle Aspekte des Lebens, des Schreibens und des Wesens der Dinge im Allgemeinen abdeckte: Mast- und Schotbruch nach Berlin!</p><p>Meinem Agenten, Joachim Jessen, herzlichen Dank f�r den bisherigen Weg, meiner Lektorin, Linda Walz, und meinem Redakteur, Gerhard Seidl, danke f�r die wertvolle Hilfe beim Zurechtfeilen. Und zu guter Letzt mein gr��ter Dank an meine Kinder f�r ihre R�cksicht (�Lasst Papa mal in Ruhe schreiben�) und an meine Frau Martina, die mich so sehr unterst�tzt und selbst dann an mich geglaubt hat, als ich drauf und dran war, alles in die Ecke zu werfen. Nur deiner Kraft und Best�ndigkeit ist es zu verdanken, dass die spannende Reise jetzt weitergehen kann.</p></section></body><binary id="cover" 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