<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>zarubezhnaya_klassika</genre><genre>nemetckij_yazyk</genre><genre>20_vek</genre><author><first-name>Эрих</first-name><last-name>Ремарк</last-name></author><book-title>Жизнь взаймы / Der Himmel kennt keine G&#xFC;nstlinge</book-title><annotation><p>&lt;p&gt;В романе рассказывается история любви автогонщика Клерфэ и молодой девушки Лилиан Дюнкер, больной туберкулезом и уже примирившейся с неизбежностью смерти. Книга о борьбе за жизнь, соревновании со смертью и обретении вечности в любви.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Текст произведения снабжен словарем, в который вошли все слова, встречающиеся в романе. Книга рассчитана на средний и высокий уровни владения немецким языком.&lt;/p&gt;</p></annotation><keywords/><date value="2018-01-01">2018-01-01</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Эксклюзивное чтение на немецком языке"/></title-info><document-info><author><nickname>Denis</nickname></author><program-used> Presto, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.7, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2025-12-22">2025-12-22</date><src-url>https://litres.ru/38621187</src-url><id>fcce5d58-ce59-11e8-958e-0cc47a5453d6</id><version>1</version><history><p>v 1.0</p></history></document-info><publish-info><book-name>Жизнь взаймы / Der Himmel kennt keine G&#xFC;nstlinge</book-name><publisher>АСТ</publisher><city>Москва</city><year>2018</year><isbn>978-5-17-108508-7</isbn><sequence name="Эксклюзивное чтение на немецком языке"/></publish-info></description><body><title><p>Эрих Мария Ремарк / Erich Maria Remarque</p><p>Жизнь взаймы / Der Himmel kennt keine G&#xFC;nstlinge</p></title><section><annotation><p>Адаптация текста, комментарии и словарь О. С. Беляевой</p></annotation><p>© 1964, 1991, 1998 by Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch GmbH &amp; Co. KG, Cologne/ Germany</p><p>© Беляева О. С., адаптация текста, словарь</p><p>© ООО «Издательство АСТ», 2018</p></section><section><title><p>1</p></title><p>Clerfayt hielt den Wagen an einer Tankstation und hupte. Ein Junge von sechzehn Jahren kam heraus. Er trug einen roten Sweater und eine Brille.</p><p>»F&#xFC;ll den Tank auf<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a>«, sagte Clerfayt.</p><p>»Mit Super?«</p><p>»Ja. Wo kann man noch etwas zu essen bekommen?« Der Junge zeigte &#xFC;ber die Stra&#xDF;e.</p><p>»Dort. Heute Mittag war Berner Platte.«</p><p>Das Restaurant war ungel&#xFC;ftet<a type="note" l:href="#n_2">[2]</a> und roch nach altem Bier und langem Winter. Clerfayt bestellte B&#xFC;ndner Fleisch, Brot, K&#xE4;se und eine Karaffe Aigle. Er lie&#xDF; sich das Essen von dem M&#xE4;dchen auf die Terrasse bringen. Es war nicht sehr kalt drau&#xDF;en. Der Himmel war massiv und blau.</p><p>»Soll ich den Wagen waschen?« fragte der Junge von der Tankstelle her.</p><p>»Nein. Mach nur die Windschutzscheibe<a type="note" l:href="#n_3">[3]</a>sauber.«</p><p>Der Wagen war lange nicht gewaschen worden und zeigte es. Wozu bin ich nur hierher gefahren? dachte Clerfayt. Zum Skilaufen ist es zu sp&#xE4;t. Und Mitleid? Mitleid ist ein schlechter Reisebegleiter – und ein noch schlechteres Reiseziel.</p><p>Warum fahre ich nicht nach M&#xFC;nchen? Oder nach Mailand? Aber was soll ich in M&#xFC;nchen tun? Oder in Mailand? Oder irgendwo anders? Ich bin m&#xFC;de, dachte er. Er trank den Wein aus und ging zur&#xFC;ck.</p><p>Er lie&#xDF; sich noch zwei Pakete Zigaretten und Streichh&#xF6;lzer geben und bezahlte seine Rechnung.</p><p>»Sind das Kilometer?« fragte drau&#xDF;en der Junge im roten Sweater und zeigte auf den Geschwindigkeitsmesser.</p><p>»Nein, Meilen.«</p><p>Der Junge fragte. »Was machen Sie denn hier in den Alpen? Warum sind Sie mit einer solchen Karre<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a> nicht auf der Autostrada?«</p><p>Clerfayt sah ihn an. Blinkende Brillengl&#xE4;ser, eine aufgeworfene Nase, Pickel, abstehende Ohren.</p><p>»Man tut nicht immer, was richtig ist, mein Sohn«, sagte er. »Sogar, wenn man es wei&#xDF;. Darin kann manchmal der Charme des Lebens liegen. Verstehst?«</p><p>»Nein«, erwiderte der Junge. »Aber die SOS-Telefone finden Sie auf dem ganzen Pa&#xDF;. Wenn Sie stecken bleiben, holen wir Sie. Hier ist unsere Nummer.«</p><p>»Habt ihr keine Bernhardiner mehr mit Schnapsfl&#xE4;schchen um den Hals?«</p><p>»Nein. Der Kognak ist zu teuer, und die Hunde wurden zu schlau. Sie tranken den Schnaps selbst. Daf&#xFC;r haben wir jetzt Ochsen<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a>.«</p><p>»Du hast mir heute noch gefehlt«, sagte Clerfayt schlie&#xDF;lich. »Ein Alpenschlauberger<a type="note" l:href="#n_6">[6]</a>auf zw&#xF6;lfhundert Meter H&#xF6;he! Hei&#xDF;t du vielleicht auch noch Pestalozzi oder Lavater?«</p><p>»Nein. G&#xF6;ring.«</p><p>»Was?«</p><p>»G&#xF6;ring.« Der Junge zeigte ein L&#xE4;cheln, in dem ein Vorderzahn fehlte. »Aber Hubert mit Vornamen.«</p><p>»Verwandt mit dem —«</p><p>»Nein. Wir sind Basler G&#xF6;rings. Wenn ich zu den andern geh&#xF6;rte, brauchte ich hier nicht Benzin zu zapfen. Dann kriegten wir eine gute Pension.«</p><p>Clerfayt schwieg einen Augenblick. »Ein sonderbarer Tag«, sagte er dann. »Wer h&#xE4;tte das erwartet? Alles Gute, mein Sohn, f&#xFC;r dein weiteres Leben. Du warst eine &#xDC;berraschung.«</p><p>»Sie nicht. Sie sind Rennfahrer, nicht wahr?«</p><p>»Warum?«</p><p>Hubert G&#xF6;ring zeigte auf eine fast abgewaschene Nummer unter dem Dreck auf der K&#xFC;hlerhaube<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a>.</p><p>»Ein Detektiv bist du auch noch?« Clerfayt stieg in den Wagen.</p><p>Er lie&#xDF; den Motor an. »Sie haben vergessen zu bezahlen«, erkl&#xE4;rte Hubert. »Zweiundvierzig Fr&#xE4;nkli.«</p><p>Clerfayt gab ihm das Geld. »Fr&#xE4;nkli!« sagte er. »Das beruhigt mich wieder, Hubert. Ein Land, in dem das Geld einen Kosenamen hat, wird nie eine Diktatur.«</p><p>Eine Stunde sp&#xE4;ter sa&#xDF; der Wagen fest. Clerfayt k&#xF6;nnte umdrehen und wieder hinunterfahren; aber er hatte keine Lust, Hubert G&#xF6;ring so schnell wieder zu sehen. So blieb er geduldig in seinem Wagen sitzen, rauchte Zigaretten, trank Kognak und wartete auf Gott.</p><p>Gott erschien nach einiger Zeit in Gestalt eines kleinen Schneepfluges.<a type="note" l:href="#n_8">[8]</a></p><p>Clerfayt teilte den Rest seines Kognaks mit dem F&#xFC;hrer. Dann fuhr der Mann vor und begann mit seiner Maschine den Schnee zur Seite zu werfen. Zweihundert Meter weiter war die Stra&#xDF;e wieder frei. Der F&#xFC;hrer winkte ihm nach. Er trug, ebenso wie Hubert, einen roten Sweater und eine Brille.</p><p>Clerfayt hielt den Wagen einen Augenblick an und sah hinunter. Dann fuhr er langsam die Kurven hinab. Irgendwo da unten in einem Sanatorium mu&#xDF;te Hollmann wohnen, sein Beifahrer, der vor einem Jahr krank geworden war. Der Arzt hatte Tuberkulose festgestellt, und Hollmann hatte dar&#xFC;ber gelacht – so etwas gab es doch nicht mehr im Zeitalter der Antibiotika. Aber die Wundermittel waren nicht ganz so gut gewesen, besonders nicht bei Menschen, die im Kriege aufgewachsen waren und wenig zu essen gehabt hatten. Bei der Tausendmeilenfahrt in Italien hatte Hollmann kurz vor Rom eine Blutung bekommen. Der Arzt sagte, man muss ihn f&#xFC;r ein paar Monate in die Berge schicken. Aus den paar Monaten war jetzt fast ein Jahr geworden.</p><p>Der Motor begann pl&#xF6;tzlich zu spucken. Clerfayt hielt den Wagen und &#xF6;ffnete die Motorhaube.</p><p>Es waren, wie immer, die Kerzen des zweiten und vierten Zylinders. Er putzte sie und lie&#xDF; die Maschine wieder an. Der Motor funktionierte jetzt.</p><p>Das pl&#xF6;tzliche Heulen des Motors erschreckte die Pferde, die von der anderen Seite kamen. Sie stiegen auf und rissen den Schlitten quer auf den Wagen zu.</p><p>Ein gro&#xDF;er Mann, der eine Kappe aus schwarzem Pelz trug, stand im Schlitten auf und redete beruhigend auf die Tiere ein. Neben ihm sa&#xDF; eine junge Frau. Sie hatte ein braunes Gesicht und sehr helle Augen.</p><p>»Es tut mir leid, da&#xDF; ich Sie erschreckt habe«, sagte Clerfayt. »Vielen Dank, da&#xDF; Sie uns retten wollten« , sagte der Mann.</p><p>Clerfayt blickte auf. »Ich wollte nicht Sie retten«, erwiderte er trocken.</p><p>»Nur meinen Wagen vor Ihren Schlittenkufen.«</p><p>Das Sanatorium Bella Vista lag auf einer kleinen Anh&#xF6;he &#xFC;ber dem Dorfe. Clerfayt parkte den Wagen neben dem Eingang, auf dem ein paar Schlitten standen. Er stellte den Motor ab und legte eine Decke &#xFC;ber die Haube, um ihn warmzuhalten. »Clerfayt!« rief jemand vom Eingang her.</p><p>Er drehte sich um und sah zu seinem Erstaunen Hollmann auf sich zu gelaufen kommen. Er hatte geglaubt, er l&#xE4;ge zu Bett.</p><p>»Clerfayt!« rief Hollmann. »Bist du es wirklich?«</p><p>»So wirklich, wie man es sein kann. Und du! Du l&#xE4;ufst herum? Ich dachte, du liegst im Bett.«</p><p>Hollmann lachte. »Das ist hier altmodisch.« Er starrte auf den Wagen. »So eine &#xDC;berraschung! Wo kommst du her?«</p><p>»Aus Monte Carlo.«</p><p>»So etwas!« Hollmann konnte sich nicht beruhigen. »Und mit Giuseppe, dem alten L&#xF6;wen! Ich dachte schon, ihr habt mich vergessen!«</p><p>»Es ist Giuseppe. Aber er f&#xE4;hrt keine Rennen mehr. Ich habe ihn von der Fabrik gekauft. Er ist jetzt im Ruhestand.«</p><p>»So wie ich.«</p><p>Clerfayt sah auf. »Du bist nicht im Ruhestand. Du bist auf Urlaub.«</p><p>»Ein Jahr! Das ist kein Urlaub mehr. Aber komm herein! Wir m&#xFC;ssen das Wiedersehn feiern! Was trinkst du jetzt? Immer noch Wodka?«</p><p>Clerfayt nickte. »Gibt es bei euch denn Wodka?«</p><p>»F&#xFC;r G&#xE4;ste gibt es hier alles. Dies ist ein modernes Sanatorium.«</p><p>»Das scheint so. Es sieht aus wie ein Hotel.«</p><p>»Das geh&#xF6;rt zur Behandlung. Moderne Therapie. Wir sind Kurg&#xE4;ste; nicht mehr Patienten. Die Worte Krankheit und Tod sind tabu. Man ignoriert sie. Aber man stirbt trotzdem. Was hast du in Monte Carlo gemacht? Das Rallye mitgefahren? Mit wem hast du das Rallye gefahren?«</p><p>»Mit Torriani.«</p><p>Sie gingen dem Eingang zu. »Sch&#xF6;n hier«, sagte Clerfayt.</p><p>»Ja, ein sch&#xF6;nes Gef&#xE4;ngnis.«</p><p>Clerfayt erwiderte nichts. Er kannte andere Gef&#xE4;ngnisse. »F&#xE4;hrst du jetzt immer mit Torriani?« fragte Hollmann.</p><p>»Nein. Mal mit dem einen, mal mit dem anderen. Ich warte auf dich.«</p><p>Es war nicht wahr. Clerfayt fuhr seit einem halben Jahr die Sportwagen-Rennen mit Torriani.</p><p>»Hast du etwas im Rallye gemacht?« fragte er.</p><p>»Nichts. Wir waren zu sp&#xE4;t.«</p><p>Clerfayt hob die Hand. »Lass uns etwas trinken. Und tu mir einen Gefallen: Lass uns &#xFC;ber alles reden, nur nicht &#xFC;ber Rennen und Automobile!«</p><p>»Aber warum? Ist etwas passiert?«</p><p>»Nichts. Ich bin m&#xFC;de. M&#xF6;chte mich ausruhen. Das verstehst du doch.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich«, sagte Hollmann. »Aber was ist los?«</p><p>»Nichts«, erwiderte Clerfayt ungeduldig. »Ich bin nur abergl&#xE4;ubisch<a type="note" l:href="#n_9">[9]</a>, wie jeder andere. Mein Kontrakt l&#xE4;uft ab und ist noch nicht erneuert. Das ist alles.«</p><p>»Clerfayt«, sagte Hollmann, »wer ist gest&#xFC;rzt?«</p><p>»Ferrer.«</p><p>»Tot?«</p><p>»Noch nicht. Aber man hat ihm ein Bein amputiert. Komm jetzt und gib mir einen Schnaps.«</p><p>Sie sa&#xDF;en in der Halle an einem kleinen Tisch neben dem Fenster. Clerfayt sah sich um. »Sind das alles Kranke?«</p><p>»Nein. Auch Gesunde, die die Kranken besuchen.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich! Und die mit den blassen Gesichtern sind die Kranken?«</p><p>Hollmann lachte. »Das sind die Gesunden. Sie sind bla&#xDF;, weil sie erst vor kurzem heraufgekommen sind. Die andern, die braun wie sind, sind die Kranken, die schon lange hier sind.«</p><p>Ein M&#xE4;dchen brachte ein Glas Orangensaft f&#xFC;r Hollmann und eine kleine Karaffe Wodka f&#xFC;r Clerfayt.</p><p>»Wie lange willst du bleiben?« fragte Hollmann.</p><p>»Ein paar Tage.«</p><p>Hollmann holte eine flache Flasche aus der Brusttasche und go&#xDF; einen Schluck in sein Glas.</p><p>»Gin«, sagte er. »Hilft auch.«</p><p>»D&#xFC;rft ihr nicht trinken?« fragte Clerfayt.</p><p>»Es ist nicht ganz verboten; aber so ist es einfacher.« Hollmann schob die Flasche zur&#xFC;ck in die Tasche.</p><p>Ein Schlitten hielt vor dem Eingang. Clerfayt sah, da&#xDF; es derselbe war, dem er auf der Stra&#xDF;e begegnet war. Der Mann mit der schwarzen Pelzkappe stieg aus.</p><p>»Wei&#xDF;t du, wer das ist?« fragte Clerfayt.</p><p>»Ein Russe. Er hei&#xDF;t Boris Wolkow. Hier wei&#xDF; man bald alles &#xFC;ber einander«, sagte Hollmann.</p><p>Eine Gruppe schwarzgekleideter kleiner Leute dr&#xE4;ngte sich hinter ihnen vorbei. Sie unterhielten sich lebhaft auf spanisch. »F&#xFC;r ein kleines Dorf scheint ihr ziemlich international zu sein«, sagte Clerfayt. »Das sind wir. Der Tod ist immer noch nicht chauvinistisch.«</p><p>»Dessen bin ich nicht mehr so ganz sicher.« Clerfayt blickte zur T&#xFC;r. »Ist das da die Frau des Russen?« Hollmann sah sich um. »Nein.«</p><p>Der Russe und die Frau kamen herein. »Sind die beiden auch krank?« fragte Clerfayt.</p><p>»Ja.«</p><p>Der Russe und die Frau blieben neben der T&#xFC;r stehen.</p><p>»Sie scheinen Streit zu haben«, sagte Clerfayt, nicht ohne Genugtuung<a type="note" l:href="#n_10">[10]</a>.</p><p>»So etwas passiert hier. Jeder wird nach einiger Zeit etwas verr&#xFC;ckt. Gefangenenlager-Psychose.«</p><p>Clerfayt sah Hollmann aufmerksam an. »Bei dir auch?«</p><p>»Bei mir auch.«</p><p>»Wohnen die beiden auch hier?«</p><p>»Die Frau; der Mann wohnt au&#xDF;erhalb.«</p><p>Clerfayt stand auf. »Ich fahre jetzt ins Hotel. Wo k&#xF6;nnen wir zusammen zu Abend essen?«</p><p>»Hier. Wir haben ein Esszimmer, in dem G&#xE4;ste erlaubt sind.« »Gut. Wann?«</p><p>»Um sieben. Ich mu&#xDF; um neun zu Bett. Wie in der Schule.«</p><p>»Wie beim Milit&#xE4;r«, sagte Clerfayt.</p><p>Die Frau, die mit dem Russen hereingekommen war, kam zur&#xFC;ck.</p><p>»Dies ist Clerfayt, Lillian«, sagte Hollmann. »Ich habe Ihnen von ihm erz&#xE4;hlt. Er ist &#xFC;berraschend gekommen.«</p><p>Die Frau nickte. Sie schien Clerfayt nicht wieder zu erkennen.</p><p>Sie nickte Clerfayt und Hollmann zu und ging zur&#xFC;ck.</p><p>»Und die Frau?«</p><p>»Sie hei&#xDF;t Lillian Dunkerque, Belgierin mit einer russischen Mutter.</p><p>Die Eltern sind tot.«</p><p>»Warum ist sie so aufgeregt?«</p><p>Hollmann hob die Schultern. Er wirkte pl&#xF6;tzlich m&#xFC;de. »Ich habe dir schon gesagt, da&#xDF; alle hier etwas verr&#xFC;ckt werden. Besonders, wenn jemand gestorben ist.«</p><p>»Ist jemand gestorben?«</p><p>»Ja, eine Freundin von ihr. Gestern, hier im Sanatorium.</p><p>Sie fangen hier an zu sterben, wenn es Fr&#xFC;hling wird. Mehr als im Winter. Merkw&#xFC;rdig, was?«</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Die oberen Stockwerke des Sanatoriums sahen nicht mehr aus wie ein Hotel; sie waren ein Krankenhaus. Lillian Dunkerque blieb vor dem Zimmer stehen, in dem Agnes Somerville gestorben war. Sie h&#xF6;rte Stimmen und L&#xE4;rm und &#xF6;ffnete die T&#xFC;r.</p><p>Der Sarg war nicht mehr da. Die Fenster standen offen. Zwei Putzfrauen waren dabei.</p><p>»Hat man sie schon abgeholt?« fragte sie.</p><p>Eine der Putzfrauen antwortete »Sie ist im Zimmer Nummer sieben. Wir m&#xFC;ssen hier saubermachen. Morgen fr&#xFC;h kommt schon eine Neue.«</p><p>»Danke.«</p><p>Lillian schlo&#xDF; die T&#xFC;r. Sie kannte Nummer sieben; es war ein kleines Zimmer neben dem Gep&#xE4;ckaufzug. Es war leicht, die Toten in der Nacht nach unten zu schaffen.<a l:href="#n_11" type="note">[11]</a></p><p>In Zimmer sieben brannte kein Licht. Es waren auch keine Kerzen mehr da. Der Sarg war geschlossen. Alles war vorbereitet zum Transport. Die Blumen lagen auf einem Tisch nebenan. Die Kr&#xE4;nze&#xB9; lagen daneben. Die Vorh&#xE4;nge waren nicht zugezogen, und die Fenster standen offen. Es war sehr kalt im Zimmer. Der Mond schien hinein.</p><p>Lillian war gekommen, um die Tote noch einmal zu sehen. Es war zu sp&#xE4;t. Man wird den Sarg diese Nacht heimlich hinunterbringen und ihn auf einem Schlitten zum Krematorium transportieren.</p><p>Lillian blickte auf den Sarg. Wenn sie noch lebte! dachte sie pl&#xF6;tzlich. Ich bin verr&#xFC;ckt, dachte Lillian; was denke ich da?</p><p>Sie ging zur T&#xFC;r zur&#xFC;ck; aber pl&#xF6;tzlich blieb sie stehen und lauschte. Sie h&#xF6;rte ein Knistern sehr leise, aber deutlich. Ich h&#xF6;re Gespenster, dachte sie. Es war mein eigenes Kleid.</p><p>Sie starrte wieder auf den Sarg. In diesem Kasten war nur noch das absolute Nichts.</p><p>Sie machte hinter sich die T&#xFC;r zu. Im Augenblick drehte sich die Klinke scharf in ihrer Hand. Die T&#xFC;r &#xF6;ffnete sich. Vor Lillian stand ein &#xFC;berraschter Hausknecht<a type="note" l:href="#n_12">[12]</a>und starrte sie an. »Was ist los? Wo kommen Sie her?« Er blickte an ihr vorbei ins Zimmer. »Es war doch abgeschlossen! Wie sind Sie hereingekommen? Wo ist der Schl&#xFC;ssel?«</p><p>»Es war nicht abgeschlossen.«</p><p>»Dann mu&#xDF; jemand –« Der Hausknecht sah auf die T&#xFC;r. »Da steckt er ja!« Er wischte sich &#xFC;ber das Gesicht. »Wissen Sie, einen Moment dachte ich –«</p><p>»Was?«</p><p>Er deutet auf den Sarg. »Ich dachte, Sie w&#xE4;ren die Tote.</p><p>So was!« Er lachte. »Das nennt man einen Schreck in der Nachtstunde!</p><p>Der Hausknecht drehte das Licht ab und schlo&#xDF; die T&#xFC;r. »Freuen Sie sich, da&#xDF; Sie es nicht sind, Fr&#xE4;ulein«, sagte er gutm&#xFC;tig.</p><p>Lillian kramte Geld aus ihrer Tasche hervor. »Hier ist etwas f&#xFC;r den Schreck, den ich Ihnen bereitet habe.« »Herzlichen Dank! Ich werde es mit meinem Kollegen Josef teilen. Nach einem so traurigen Gesch&#xE4;ft schmeckt ein Bier mit Korn immer besonders gut. Nehmen Sie es sich nicht zu sehr zu Herzen, Fr&#xE4;ulein. Einmal m&#xFC;ssen wir alle dran glauben.«</p><p>»Ja«, erwiderte Lillian. »Das ist ein Trost. Ein wirklich wunderbarer Trost ist das, nicht wahr?«</p><p>Sie stand in ihrem Zimmer. Alle Lichter brannten. Ich bin verr&#xFC;ckt, dachte sie. Ich habe Angst vor der Nacht. Ich habe Angst vor mir selbst. Was soll ich tun? Ich kann ein Schlafmittel nehmen und das Licht brennen lassen. Ich kann Boris anrufen und mit ihm sprechen. Sie hob die Hand nach dem Telefon, aber sie nahm den H&#xF6;rer nicht ab. Sie wu&#xDF;te, was er ihr sagen w&#xFC;rde.</p><p>Sie setzte sich in einen Sessel am Fenster. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, dachte sie, ebenso alt wie Agnes. Vier Jahre bin ich hier oben. Davor war fast sechs Jahre lang Krieg. Was kenne ich vom Leben? Zerst&#xF6;rung, die Flucht<a l:href="#n_13" type="note">[13]</a> aus Belgien, Tr&#xE4;nen, Angst, den Tod meiner Eltern, Hunger, und dann die Krankheit durch den Hunger und die Flucht. Davor war ich ein Kind.</p><p>Ich kenne Okkupationen und Furcht und Verstecken und K&#xE4;lte. Gl&#xFC;ck?</p><p>Ein Zimmer ohne Heizung war schon Gl&#xFC;ck gewesen, ein Brot, ein Keller, ein Platz, der nicht beschossen wurde. Dann war das Sanatorium gekommen. Sie starrte aus dem Fenster. Unten stand ein Schlitten neben dem Eingang f&#xFC;r Lieferanten und Dienstboten. Vielleicht war es schon der Schlitten f&#xFC;r Agnes Somerville. Vor einem Jahr war sie lachend mit Pelzen und Blumen am Haupteingang des Sanatoriums angekommen; jetzt verlie&#xDF; sie das Haus heimlich durch den Dienstboteneingang, als h&#xE4;tte sie ihre Rechnung nicht bezahlt. Vor sechs Wochen hatte sie mit Lillian noch Pl&#xE4;ne gemacht f&#xFC;r die Abreise.</p><p>Das Telefon klingelte. Sie hob es ab. »Ja, Boris. Ja, Boris. Ja, ich bin vern&#xFC;nftig – ja, ich wei&#xDF;, da&#xDF; viel mehr Menschen an Herzschlag und Krebs sterben – ich habe die Statistiken gelesen, ja, viele werden geheilt, ja, ja – die neuen Mittel, ja, Boris, ich bin vern&#xFC;nftig, bestimmt – nein, komm nicht – ja, ich liebe dich, Boris, nat&#xFC;rlich –«</p><p>Sie legte den H&#xF6;rer auf. »Vern&#xFC;nftig«, sagte sie »vern&#xFC;nftig!« Mein Gott, dachte sie, ich bin viel zu lange vern&#xFC;nftig gewesen! Wozu? Um in Zimmer sieben neben dem Gep&#xE4;ckaufzug zu sein?</p><p>Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor neun. Die Nacht lag dunkel und endlos vor ihr, voll mit Panik und Langeweile.</p><p>Lillian stand auf. Nur jetzt nicht alleinbleiben! Es mu&#xDF;ten noch ein paar Leute unten sein – Hollmann zumindest und sein Besuch.</p><p>Im Speisezimmer sa&#xDF;en au&#xDF;er Hollman und Clerfayt noch drei S&#xFC;damerikaner, zwei M&#xE4;nner und eine ziemlich dicke, kleine Frau. Alle drei waren schwarzgekleidet; alle drei schwiegen.</p><p>»Sie kommen aus Bogot&#xE1;«, sagte Hollmann. »Man hat ihnen telegrafiert. Die Tochter des Mannes mit der Brille lag im Sterben. Aber seit sie hier sind, geht es dem M&#xE4;dchen pl&#xF6;tzlich besser. Jetzt wissen sie nicht, was sie tun sollen – zur&#xFC;ckfliegen oder hier bleiben.«</p><p>»Warum bleibt die Mutter nicht hier, und die andern fliegen zur&#xFC;ck?«</p><p>»Die dicke Frau ist nicht die Mutter. Sie ist die Stiefmutter; sie hat das Geld, von dem Manuela hier lebt. Sie schickten regelm&#xE4;&#xDF;ig den Scheck und lebten in Bogot&#xE1;, und Manuela lebte hier – seit f&#xFC;nf Jahren – und schrieb monatlich einen Brief. Der Vater und die Stiefmutter haben l&#xE4;ngst Kinder, die Manuela nicht kennt. Die Frau wollte den Mann nicht allein fliegen lassen. Sie ist &#xE4;lter als er und eifers&#xFC;chtig, und sie wei&#xDF;, da&#xDF; sie zu dick ist. Jetzt will sie zeigen, da&#xDF; sie sie liebt. Es ist also nicht nur eine Sache der Eifersucht, sondern auch eine des Prestiges. So sitzen sie da und warten.«</p><p>»Und Manuela?«</p><p>»Der Vater und die Stiefmutter liebten sie hei&#xDF;, als sie ankamen, weil sie ja jede Stunde sterben sollte. Die arme Manuela, die nie Liebe gekannt hatte, war dadurch so begl&#xFC;ckt, da&#xDF; sie begann sich zu erholen. Jetzt sind die Eltern bereits ungeduldig. In einer Woche werden sie Manuela hassen, weil sie nicht schnell genug stirbt.«</p><p>Die drei schwarzen Gestalten standen auf. Sie hatten kein Wort miteinander gesprochen.</p><p>Sie stie&#xDF;en fast mit Lillian Dunkerque zusammen, die so rasch hereinkam, da&#xDF; die dicke Frau erschrak. Lillian ging eilig an den Tisch zu Hollmann und Clerfayt. »Ich scheine heute abend jeden Menschen zu erschrecken.«</p><p>»Wen sonst?« fragte Hollmann.</p><p>»Den Hausknecht.«</p><p>»Was? Josef?«</p><p>»Nein, den andern, der Josef hilft. Sie wissen schon –«</p><p>Hollmann nickte. »Uns erschrecken Sie nicht, Lillian.«</p><p>»Josef ist an der T&#xFC;r heute nacht. Ich habe mich erkundigt. Wir k&#xF6;nnen raus. Kommen Sie mit?«</p><p>»Wohin? In die Palace Bar?«</p><p>»Wohin sonst?«</p><p>»In der Palace Bar ist nichts los«, sagte Clerfayt. »Ich komme gerade daher.«</p><p>Hollmann lachte. »F&#xFC;r uns ist immer genug los. Selbst wenn kein Mensch da ist.«</p><p>Hollmann hob die Schultern. »Ich habe etwas Temperatur, Lillian. Pl&#xF6;tzlich, heute abend – wei&#xDF; der Teufel, warum! Vielleicht, weil ich den schmutzigen Sportwagen Clerfayts wieder gesehen habe.«</p><p>Eine Putzfrau kam herein und begann, die St&#xFC;hle auf die Tische zu stellen, um aufzuwischen.</p><p>Hollmann sah sie verlegen an. »Wie ist es mit Boris? Will er nicht mit?«</p><p>»Boris glaubt, ich schliefe. Ich habe ihn schon heute nachmittag gezwungen, mit mir auszufahren. Er w&#xFC;rde es nicht noch einmal tun.«</p><p>Die Putzfrau zog die Vorh&#xE4;nge auf. »Da ist das Krokodil«, sagte Hollmann.</p><p>Die Oberschwester stand in der T&#xFC;r. Sie l&#xE4;chelte mit starkem Gebiss und kalten Augen. »Feierabend, meine Herrschaften!« Sie sagte nichts dar&#xFC;ber, da&#xDF; Lillian Dunkerque noch auf war. »Feierabend«, wiederholte sie. »Zu Bett! Zu Bett! Morgen ist auch noch ein Tag!«</p><p>Lillian stand auf. »Sind Sie dessen so sicher?«</p><p>»Ganz sicher«, erwiderte die Oberschwester. »F&#xFC;r Sie liegt ein Schlafmittel auf Ihrem Nachttisch, Miss Dunkerque. Sie werden ruhen wie in Morpheus’ Armen!«</p><p>»Wie in Morpheus’ Armen!« wiederholte Hollmann mit Abscheu, als sie gegangen war. »Das Krokodil ist die K&#xF6;nigin der Klischees. Heute abend war sie noch gn&#xE4;dig. Warum m&#xFC;ssen diese Polizistinnen der Gesundheit jeden Menschen, wenn er in ein Hospital kommt, mit dieser entsetzlich geduldigen &#xDC;berlegenheit behandeln, als w&#xE4;re er ein Kind oder ein Kretin?«</p><p>»Es ist die Rache f&#xFC;r ihren Beruf«, erwiderte Lillian b&#xF6;se. »Wenn Kellner und Krankenschwestern das nicht h&#xE4;tten, st&#xFC;rben sie an Minderwertigkeitskomplexen<a type="note" l:href="#n_14">[14]</a>.«</p><p>Sie standen in der Halle vor dem Aufzug. »Wohin gehen Sie jetzt?« fragte Lillian Clerfayt.</p><p>Er sah sie an. »Zur Palace Bar.«</p><p>»Nehmen Sie mich mit?«</p><p>Er z&#xF6;gerte einen Augenblick<a type="note" l:href="#n_15">[15]</a>. Er hatte gewisse Erfahrungen mit &#xFC;berspannten Russinnen. Auch mit Halbrussinnen. Aber dann erinnerte er sich an die Szene mit dem Schlitten und an das stolze Gesicht Wolkows. »Warum nicht?« sagte er.</p><p>Sie l&#xE4;chelte ein hilfloses L&#xE4;cheln.</p><p>»Wo soll ich Sie abholen? Oder wollen Sie gleich mitkommen?«</p><p>»Nein. Sie m&#xFC;ssen durch den Haupteingang hinausgehen. Das Krokodil pa&#xDF;t dort auf. Gehen Sie dann die erste Serpentine herunter, nehmen Sie dort einen Schlitten, und fahren Sie rechts hinter das Sanatorium zum Eingang f&#xFC;r Lieferanten und Dienstboten. Ich komme da heraus.«</p><p>»Gut.«</p><p>Lillian stieg in den Aufzug. Hollmann wandte sich zu Clerfayt. »Es macht dir doch nichts, da&#xDF; ich heute abend nicht mitkomme?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich nicht. Ich fahre ja morgen noch nicht weg.«</p><p>Hollmann blickte ihn forschend an. »Und Lillian? W&#xE4;rst du lieber alleingeblieben?«</p><p>»Auf keinen Fall. Wer will schon alleinbleiben?«</p><p>Clerfayt ging durch die leere Halle hinaus. Nur ein kleines Licht brannte noch neben der T&#xFC;r. Neben der T&#xFC;r stand das Krokodil.</p><p>»Gute Nacht«, sagte Clerfayt.</p><p>»Good night«, erwiderte sie, und er konnte sich nicht vorstellen, warum sie auf einmal Englisch sprach.</p><p>Er ging die Serpentinen hinunter, bis er einen Schlitten fand.</p><p>»Fahren Sie bitte zum Sanatorium Bella Vista zur&#xFC;ck – zum Hintereingang.«</p><p>Lillian Dunkerque wartete bereits. Sie hatte einen d&#xFC;nnen, schwarzen Pelz aus Breitschwanz um sich gezogen. Clerfayt h&#xE4;tte sich nicht gewundert, wenn sie in einem Abendkleid ohne Mantel gekommen w&#xE4;re.</p><p>»Es hat alles geklappt«, fl&#xFC;sterte sie. »Ich habe Josefs Schl&#xFC;ssel. Er bekommt eine Flasche Kirsch daf&#xFC;r.«</p><p>Clerfayt half ihr in den Schlitten. »Wo ist Ihr Wagen?« fragte sie.</p><p>»Er wird gewaschen.«</p><p>»Haben Sie den Wagen heute abend Hollmanns wegen nicht heraufgebracht? Damit er ihn nicht sieht. Um ihn zu schonen.«</p><p>Es stimmte. »Nein«, erwiderte er.</p><p>Er holte ein P&#xE4;ckchen Zigaretten heraus. »Geben Sie mir auch eine«, sagte Lillian.</p><p>»D&#xFC;rfen Sie rauchen?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich«, erwiderte sie so, da&#xDF; er sofort sp&#xFC;rte, es sei nicht wahr.</p><p>»Ich habe nur Gauloises. Schwarzen, schweren Tabak der Fremdenlegion.«</p><p>»Ich kenne sie. Wir haben sie w&#xE4;hrend der Okkupation geraucht.«</p><p>»In Paris?«</p><p>»In einem Keller in Paris.«</p><p>Er gab ihr Feuer. »Woher sind Sie heute gekommen?« fragte sie. »Aus Monte Carlo?«</p><p>»Nein, aus Vienne.«</p><p>»Vienne? In &#xD6;sterreich?«</p><p>»Vienne bei Lyon. Sie kennen es sicher nicht. Es ist ein kleines St&#xE4;dtchen.«</p><p>»Sind Sie &#xFC;ber Paris gekommen?«</p><p>»Das w&#xE4;re ein zu gro&#xDF;er Umweg gewesen. Paris liegt viel weiter im Norden.«</p><p>»Wie sind Sie gefahren?«</p><p>Clerfayt wunderte sich, warum sie das so genau wissen wollte. »&#xDC;ber Belfort und Basel. Ich hatte noch etwas in Basel zu tun.«</p><p>Lillian schwieg eine Weile. »Wie war es?« fragte sie dann.</p><p>»Was? Die Fahrt? Langweilig.«</p><p>Er begriff pl&#xF6;tzlich, warum sie ihn so eingehend gefragt hatte. F&#xFC;r die Kranken hier oben waren die Berge Mauern, die ihre Freiheit beschr&#xE4;nkten. Sie gaben ihnen den leichten Atem und die Hoffnung; aber sie konnten sie nicht verlassen. Ihre Welt war auf dieses Hochtal beschr&#xE4;nkt, und deshalb war jede Nachricht von unten eine Nachricht aus dem verlorenen Paradies.</p><p>»Wie lange sind Sie schon hier?« fragte er.</p><p>»Vier Jahre.«</p><p>Der Schlitten hielt an der Einfahrt zur Hauptstra&#xDF;e. Eine Gruppe Touristen in Skianz&#xFC;gen zog l&#xE4;rmend an ihm vorbei. »Die Leute da zahlen eine Menge Geld, um hier heraufzukommen – und wir w&#xFC;rden alles geben, um wieder hinunterzukommen – ist das nicht zum Totlachen?« »Nein«, erwiderte Clerfayt ruhig.</p><p>Der Schlitten zog wieder an. »Geben Sie mir noch eine Zigarette«, sagte Lillian.</p><p>Clerfayt hielt ihr das Paket hin. »Sie verstehen das alles sicher nicht«, murmelte sie. »Da&#xDF; man sich hier wie in einem Gefangenenlager f&#xFC;hlen kann. Nicht wie in einem Gef&#xE4;ngnis; da wei&#xDF; man wenigstens, wann man herauskommt. Wie in einem Lager, wo es kein Urteil gibt.«</p><p>»Ich verstehe es«, sagte Clerfayt. »Ich war selbst in einem.«</p><p>»Sie? In einem Sanatorium?«</p><p>»In einem Gefangenenlager. Im Kriege. Aber bei uns war es gerade umgekehrt. Wir waren im flachen Moor eingesperrt, und die Schweizer Berge waren f&#xFC;r uns der Traum der Freiheit. Wir konnten sie vom Lager aus sehen. Einer von uns, der aus dieser Gegend hier kam, machte uns fast verr&#xFC;ckt mit seinen Erz&#xE4;hlungen. H&#xE4;tte man uns damals die Entlassung angeboten, wenn wir uns daf&#xFC;r verpflichtet h&#xE4;tten, einige Jahre in diesen Bergen zu leben, ich glaube, viele h&#xE4;tten das angenommen. Auch zum Totlachen, wie?«</p><p>»Nein. H&#xE4;tten Sie es auch angenommen?«</p><p>»Ich hatte einen Plan zu fliehen.«</p><p>»Wer h&#xE4;tte den nicht? Sind Sie geflohen?«</p><p>»Ja.«</p><p>Lillian beugte sich vor. »Sind Sie entkommen? Oder wieder gefangen worden?«</p><p>»Entkommen. Ich w&#xE4;re sonst nicht hier. Es gab nichts dazwischen.« »Und der andere Mann?« fragte sie nach einer Weile.</p><p>»Der, der immer von den Bergen hier erz&#xE4;hlte?«</p><p>»Er starb an Typhus im Lager. Eine Woche bevor es befreit wurde.«</p><p>Der Schlitten hielt vor dem Hotel. Clerfayt sah, da&#xDF; Lillian keine &#xDC;berschuhe trug. Er hob sie heraus, trug sie &#xFC;ber den Schnee und setzte sie vor dem Eingang nieder. »Ein Paar Seidenschuhe gerettet«, sagte er.</p><p>»Wollen Sie wirklich in die Bar?«</p><p>»Ja. Ich brauche etwas zu trinken.«</p><p>In der Bar stampften Skil&#xE4;ufer in schweren Schuhen auf der Tanzfl&#xE4;che herum. Der Kellner schob einen Tisch in einer Ecke zurecht. »Wodka?« fragte er Clerfayt.</p><p>»Nein. Etwas Hei&#xDF;es. Gl&#xFC;hwein oder Grog.« Clerfayt sah Lillian an.</p><p>»Was von beiden?«</p><p>»Wodka. Haben Sie den nicht vorher auch getrunken?«</p><p>»Ja. Aber vor dem Essen.«</p><p>Er sah, da&#xDF; sie ihn musterte. Wahrscheinlich glaubte sie, er wolle sie als Kranke behandeln und sie schonen. »Ich beschwindele Sie nicht«, sagte er. »Ich w&#xFC;rde den Wein auch bestellen, wenn ich jetzt allein hier w&#xE4;re. Wodka k&#xF6;nnen wir morgen vor dem Essen trinken, soviel Sie wollen. Wir werden eine Flasche ins Sanatorium schmuggeln.«</p><p>»Gut. Dann lassen Sie uns den Wein trinken, den Sie gestern abend unten in Frankreich gehabt haben – im Hotel de la Pyramide in Vienne.«</p><p>Clerfayt war &#xFC;berrascht, da&#xDF; sie die Namen behalten hatte. Man mu&#xDF; achtgeben bei ihr, dachte er; wer sich Namen so gut merkt, merkt sich auch anderes. »Es war ein Bordeaux«, sagte er, »ein Lafite Rothschild.« Es war nicht wahr. Er hatte in Vienne einen leichten Wein der Region getrunken, der nicht ausgef&#xFC;hrt wurde; aber es war unn&#xF6;tig, das zu erkl&#xE4;ren. »Bringen Sie uns einen Ch&#xE2;teau Lafite 1937, wenn Sie ihn haben«, sagte er dem Kellner. »Und w&#xE4;rmen Sie ihn nicht mit einer hei&#xDF;en Serviette an. Bringen Sie ihn lieber so, wie er im Keller liegt.«</p><p>»Wir haben ihn chambr&#xE9;, mein Herr.«</p><p>»Welch ein Gl&#xFC;ck!«</p><p>Der Kellner ging zur Bar und kam zur&#xFC;ck. »Sie werden am Telefon verlangt, Herr Clerfayt.«</p><p>»Von wem?«</p><p>»Das wei&#xDF; ich nicht, mein Herr. Soll ich fragen?«</p><p>»Das Sanatorium!« sagte Lillian nerv&#xF6;s. »Das Krokodil!«</p><p>»Das werden wir gleich herausfinden.« Clerfayt stand auf. »Wo ist die Kabine?«</p><p>»Drau&#xDF;en, rechts neben der T&#xFC;r zur Bar.«</p><p>»Bringen Sie inzwischen den Wein. Machen Sie die Flasche auf, und lassen Sie ihn atmen.«</p><p>»War es das Krokodil?« fragte Lillian, als er zur&#xFC;ckkam.</p><p>»Nein. Es war ein Anruf aus Monte Carlo. Aus dem Hospital in Monte Carlo«, sagte er. »Ein Bekannter von mir ist gestorben.«</p><p>»M&#xFC;ssen Sie zur&#xFC;ck?«</p><p>»Nein. Es ist da nichts weiter zu tun. Ich glaube sogar, da&#xDF; es ein Gl&#xFC;ck f&#xFC;r ihn war.«</p><p>»Ein Gl&#xFC;ck?«</p><p>»Ja. Er ist beim Rennen gest&#xFC;rzt und w&#xE4;re ein Kr&#xFC;ppel geblieben.«</p><p>Lillian starrte ihn an. »Denken Sie nicht, da&#xDF; auch Kr&#xFC;ppel manchmal noch gerne leben?« fragte sie sehr leise und pl&#xF6;tzlich voll Hass.</p><p>Clerfayt antwortete nicht gleich. Die harte, metallische, Stimme der Frau, die ihn angerufen hatte, war noch in seinen Ohren: Was soll ich machen? Ferrer hat nichts hinterlassen! Kein Geld? Kommen Sie! Helfen Sie mir! Ich sitze fest! Sie sind schuld! Ihr alle seid schuld! Ihr mit euren verfluchten Rennen!</p><p>Er sch&#xFC;ttelte es ab. »Es kommt darauf an«, sagte er zu Lillian. »Dieser Mann war sinnlos in eine Frau verliebt, die ihn mit jedem Mechaniker betrog. Und er war ein begeisterter Rennfahrer, der aber nie &#xFC;ber den Durchschnitt hinausgekommen w&#xE4;re. Alles, was er vom Leben wollte, waren Siege in gro&#xDF;en Rennen und die Frau. Er starb, bevor er &#xFC;ber beides die Wahrheit herausfand – und er starb auch, ohne zu wissen, da&#xDF; die Frau ihn nicht mehr sehen wollte, weil er amputiert war. Das meine ich mit Gl&#xFC;ck.«</p><p>»Vielleicht h&#xE4;tte er trotzdem noch gerne gelebt!«</p><p>»Das wei&#xDF; ich nicht«, erwiderte Clerfayt, pl&#xF6;tzlich irritiert. »Aber ich habe Menschen elender sterben sehen. Sie nicht auch?«</p><p>»Ja«, sagte Lillian hartn&#xE4;ckig. »Aber alle h&#xE4;tten gern noch gelebt.«</p><p>Clerfayt schwieg. Was rede ich da nur? dachte er. Und wozu? Aber rede ich nicht, um mich selbst von etwas zu &#xFC;berzeugen, was ich nicht glaube? Diese harte, kalte, metallische Stimme von Ferrers Freundin am Telefon!</p><p>»Wollen wir darauf trinken?«</p><p>»Worauf?«</p><p>»Auf nichts. Auf ein bi&#xDF;chen Courage vielleicht.«</p><p>»Ich bin der Courage m&#xFC;de«, sagte Lillian. »Und des Trostes auch. Erz&#xE4;hlen Sie mir lieber, wie es unten aussieht. Auf der anderen Seite der Berge.«</p><p>»Trostlos. Nichts als Regen. Seit Wochen.«</p><p>Sie stellte ihr Glas langsam auf den Tisch zur&#xFC;ck.</p><p>»Regen!« Sie sagte es, als sagte sie: Leben. »Hier hat es seit Oktober nicht mehr geregnet. Nur geschneit. Ich habe schon fast vergessen, wie Regen aussieht«</p><p>Es schneite, als sie herauskamen. Sie fuhren die Serpentinen hinauf.</p><p>Die Stra&#xDF;e war still. Schweigend fuhren sie und hielten vor dem Seiteneingang des Sanatoriums.</p><p>Sie &#xF6;ffnete die T&#xFC;r. »Danke«, murmelte sie. »Und verzeihen Sie – ich war keine gute Gesellschaft. Aber ich konnte nicht allein sein heute abend.«</p><p>»Ich auch nicht.«</p><p>»Sie? Warum Sie nicht?«</p><p>»Aus demselben Grund wie Sie. Ich habe es Ihnen erz&#xE4;hlt. Das Telefon aus Monte Carlo.«</p><p>»Aber Sie sagten doch, das sei ein Gl&#xFC;ck.«</p><p>»Es gibt verschiedene Arten von Gl&#xFC;ck. Und man sagt manches.« Clerfayt griff in die Tasche seines Mantels.</p><p>»Hier ist der Kirsch, den Sie dem Hausknecht versprochen haben.</p><p>Und hier die Flasche Wodka f&#xFC;r Sie. Gute Nacht.«</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Als Clerfayt erwachte, sah er einen bew&#xF6;lkten Himmel und h&#xF6;rte den Wind.</p><p>»F&#xF6;hn«, sagte der Kellner. »Der warme Wind, der m&#xFC;de macht. Man f&#xFC;hlt ihn immer schon vorher in den Knochen. Die Bruchstellen<a l:href="#n_16" type="note">[16]</a> schmerzen.«</p><p>»Sind Sie Skil&#xE4;ufer?«</p><p>»Nein«, sagte der Kellner. »Ich habe nur noch einen Fu&#xDF;. Aber Sie glauben nicht, wie der, der mir fehlt, bei diesem Wetter weh tut.«</p><p>Clerfayt beschlo&#xDF;, das Skilaufen zu verschieben. Er war ohnehin noch m&#xFC;de.Er hatte auch Kopfschmerzen. Der Kognak gestern nacht, dachte er. Warum hatte er weitergetrunken, nachdem er das sonderbare M&#xE4;dchen mit seiner Mischung aus Weltschmerz und Lebensgier zum Sanatorium gebracht hatte? Merkw&#xFC;rdige Menschen hier oben. Ich war auch einmal so &#xE4;hnlich, dachte er. Vor tausend Jahren. Habe mich gr&#xFC;ndlich ge&#xE4;ndert. Und was kam noch? Wie lange konnte er noch Rennen fahren? Was erwartete ihn noch?</p><p>Der Weltschmerz steckt an, dachte er und stand auf. Mitte des Lebens, ohne Ziel und ohne Halt. Er zog seinen Mantel an und entdeckte darin einen schwarzen Samthandschuh. Er hatte ihn gestern auf dem Tisch gefunden, als er allein in die Bar zur&#xFC;ckgekommen war. Lillian Dunkerque mu&#xDF;te ihn vergessen haben. Er steckte ihn in die Tasche, um ihn sp&#xE4;ter im Sanatorium abzugeben.</p><p>Er war eine Stunde durch den Schnee gegangen, als er, ein kleines Geb&#xE4;ude entdeckte. Er blieb stehen. »Was ist denn das da?« fragte er einen jungen Jungen, der vor einem Laden Schnee wegschaufelte. »Das Krematorium, mein Herr.«</p><p>Clerfayt hatte sich also nicht geirrt.</p><p>»Hier?« sagte er. »Wozu habt ihr denn hier ein Krematorium?«</p><p>»F&#xFC;r die Hospit&#xE4;ler nat&#xFC;rlich. Die Toten.«</p><p>»Dazu brauchen sie ein Krematorium? Sterben denn so viele?«</p><p>»Jetzt nicht mehr so viele, mein Herr. Aber fr&#xFC;her gab es hier viele Tote. Wir haben hier lange Winter. Ein Krematorium ist da viel praktischer. Wir haben unseres hier schon fast drei&#xDF;ig Jahre.«</p><p>»Es ist auch billiger. Die Leute wollen jetzt nicht mehr so viel Geld ausgeben f&#xFC;r den Leichentransport. Fr&#xFC;her war das anders.«</p><p>»Das glaube ich.«</p><p>»Mein Vater war ein Leichenbegleiter«, sagte der Bursche.</p><p>»Und dann kam das Krematorium. Anfangs war es nur f&#xFC;r</p><p>Leute ohne Religion, aber jetzt ist es sehr modern geworden.«</p><p>»Das ist es«, best&#xE4;tigte Clerfayt. »Nicht nur hier.«</p><p>Der Bursche nickte. »Die Leute haben keinen Respekt mehr vor dem Tode, sagte mein Vater. Die beiden Weltkriege haben das verursacht; es sind zu viele Menschen umgekommen. Immer gleich Millionen. Das hat seinen Beruf ruiniert, sagt mein Vater.«</p><p>»Was macht Ihr Vater jetzt?«</p><p>»Jetzt haben wir das Blumengesch&#xE4;ft hier.« Der Bursche zeigte auf den Laden, vor dem sie standen. »Wenn Sie irgend etwas brauchen, mein Herr, wir sind billiger als die R&#xE4;uber im Dorf. Und wir haben manchmal herrliche Sachen. Gerade heute morgen ist eine frische Sendung gekommen. Brauchen Sie nichts?«</p><p>Clerfayt dachte nach. Blumen? Warum nicht? Er trat in den Laden.</p><p>Clerfayt sah eine Vase mit wei&#xDF;em Flieder und einen langen Zweig flacher, wei&#xDF;er Orchideen. »Sehr frisch!« sagte der kleine Mann. »Heute erst angekommen. H&#xE4;lt sich mindestens drei Wochen. Es ist eine seltene Art.«</p><p>»Sind Sie Orchideenkenner?«</p><p>»Ja, mein Herr. Ich habe viele Sorten gesehen. Auch im Ausland.«</p><p>»Packen Sie es ein«, sagte er und zog den schwarzen Samthandschuh Lillians aus der Tasche. »Legen Sie dies dazu. Haben Sie einen Briefumschlag und eine Karte?«</p><p>Er ging zur&#xFC;ck zum Dorf.</p><p>Er trat in eine Kneipe. »Einen doppelten Kirsch.«</p><p>»Nehmen Sie einen Pfl&#xFC;mli«, sagte der Wirt. »Wir haben einen ganz hervorragenden.«</p><p>»Gut. Geben Sie mir einen doppelten.«</p><p>Der Wirt schenkte das Glas bis zum Rande voll. Clerfayt trank es leer.</p><p>»Geben Sie mir noch einen«</p><p>Er ging zur Garage, um nach Giuseppe zu sehen. Der Wagen stand in dem gro&#xDF;en, d&#xE4;mmerigen Raum ziemlich weit hinten, mit dem K&#xFC;hler zur Wand.</p><p>Clerfayt blieb am Eingang stehen. Er sah im Halbdunkel jemand am Steuer sitzen. »Spielen Ihre Lehrlinge hier Rennfahrer?« fragte er den Besitzer der Garage, der mit ihm gekommen war.</p><p>»Das ist kein Lehrling. Er sagt, er w&#xE4;re ein Freund von Ihnen.« Clerfayt sah sch&#xE4;rfer hin und erkannte Hollmann.</p><p>»Stimmt das nicht?« fragte der Besitzer.</p><p>»Doch, es stimmt. Wie lange ist er schon hier?«</p><p>»Noch nicht lange. F&#xFC;nf Minuten.«</p><p>»Ist er das erste Mal hier?«</p><p>»Nein; er war heute morgen schon einmal da – aber nur f&#xFC;r einen Augenblick.«</p><p>Hollmann sa&#xDF; mit dem R&#xFC;cken zu Clerfayt am Steuer Giuseppes. Es war ohne Zweifel, da&#xDF; er in seiner Phantasie ein Rennen fuhr. Clerfayt &#xFC;berlegte einen Augenblick, dann ging er hinaus.</p><p>»Verraten Sie nicht, da&#xDF; ich ihn gesehen habe«, sagte er.</p><p>Der Mann nickte ohne Neugier.</p><p>»Lassen Sie ihn mit dem Wagen machen, was er will. Hier –« Clerfayt zog den Autoschl&#xFC;ssel aus der Tasche. »Geben sie ihm den Schl&#xFC;ssel, wenn er danach fragt. Wenn er nicht fragt, stecken Sie ihn in die Z&#xFC;ndung, wenn er fortgegangen ist. F&#xFC;r das n&#xE4;chste Mal. Nat&#xFC;rlich, ohne die Z&#xFC;ndung einzuschalten. Sie verstehen?«</p><p>»Ich soll ihn machen lassen, was er will? Auch mit dem Schl&#xFC;ssel?« »Auch mit dem Wagen«, sagte Clerfayt.</p><p>Er traf Hollmann beim Mittagessen im Sanatorium. Hollmann sah m&#xFC;de aus. »F&#xF6;hn«, sagte er. »Jeder f&#xFC;hlt sich bei dem Wetter schlecht. Und du?«</p><p>»Normaler Katzenjammer. Zuviel getrunken.«<a l:href="#n_17" type="note">[17]</a></p><p>»Mit Lillian?«</p><p>»Nachher. Hier oben merkt man es nicht, w&#xE4;hrend man trinkt – daf&#xFC;r aber am n&#xE4;chsten Morgen.«</p><p>Clerfayt sah sich im Speisesaal um. Es waren nicht viele Leute da. Die S&#xFC;damerikaner sa&#xDF;en in ihrer Ecke. Lillian fehlte. »Bei diesem Wetter bleiben die meisten im Bett«, sagte Hollmann.</p><p>»Warst du schon drau&#xDF;en?«</p><p>»Nein. Hast du von Ferrer geh&#xF6;rt?«</p><p>»Er ist tot.«</p><p>Sie schwiegen eine Weile.»Was machst du heute nachmittag?« fragte Hollmann.</p><p>»Schlafen und herumlaufen. K&#xFC;mmere dich nicht um mich. Ich bin froh, an einem Platz zu sein, wo es au&#xDF;er Giuseppe fast kein Auto gibt.« Die T&#xFC;r &#xF6;ffnete sich. Boris Wolkow sah herein. Er kam nicht in das Zimmer, sondern schlo&#xDF; die T&#xFC;r sofort wieder. »Er sucht Lillian«, sagte Hollmann.</p><p>Clerfayt stand auf. »Ich gehe schlafen. Die Luft hier macht m&#xFC;de, du hast recht. Kannst du heute abend aufbleiben? Hier, zum Essen?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich. Ich habe heute kein Fieber.«</p><p>»Also bis acht.«</p><p>»Heute abend ist Budenzauber hier bei einer Italienerin, Maria Savini. Heimlich nat&#xFC;rlich.«</p><p>»Gehst du hin?«</p><p>Hollmann sagte »Ich habe keine Lust. Diese Art von Budenzauber wird immer gemacht, wenn einer gestorben ist. Man trinkt und redet sich dann neue Courage an.«</p><p>»Also eine Art von Leichenschmaus?«<a l:href="#n_18" type="note">[18]</a></p><p>»Ja, so &#xE4;hnlich. Bis heute abend, Clerfayt.«</p><p>Der Husten hatte aufgeh&#xF6;rt. Lillian Dunkerque legte sich ersch&#xF6;pft zur&#xFC;ck. Die w&#xF6;chentliche R&#xF6;ntgendurchleuchtung war obligatorisch.</p><p>Sie hasste die Intimit&#xE4;t des R&#xF6;ntgenraumes. Sie hasste es, mit nacktem Oberk&#xF6;rper dazustehen. Es irritierte sie nicht so sehr, da&#xDF; sie nackt war; es irritierte sie, da&#xDF; sie mehr als nackt war, wenn sie an den Schirm trat. Sie war dann nackt unter der Haut, nackt bis auf die Knochen.</p><p>Die Schwester kam. »Wer ist vor mir?« fragte Lillian.</p><p>»Fr&#xE4;ulein Savini.«</p><p>Lillian folgte der Schwester zum Aufzug. Sie sah durch das Fenster den grauen Tag. »Ist es kalt?« fragte sie.</p><p>»Nein. Vier Grad.«</p><p>Der Fr&#xFC;hling wird bald da sein, dachte sie. Der kranke Wind, der F&#xF6;hn, das nasse Wetter, die schwere Luft. Maria Savini kam aus dem R&#xF6;ntgenkabinett. Sie sch&#xFC;ttelte ihr schwarzes Haar zurecht. »Wie war es?« fragte Lillian.</p><p>»Er sagt nichts. Ist schlechter Laune.Kommst du heute abend zu mir r&#xFC;ber?«</p><p>»Ich wei&#xDF; noch nicht.«</p><p>»Fr&#xE4;ulein Dunkerque, der Professor wartet«, mahnte die Schwester aus der T&#xFC;r.</p><p>»Komm!« sagte Maria. »Die andern kommen auch! Ich habe neue Platten aus Amerika. Phantastisch!«</p><p>Lillian trat in das halbdunkle Kabinett. »Endlich!« sagte der Dalai</p><p>Lama.</p><p>Die Schwester reicht ihm die Fieberkarte. Er studierte sie und fl&#xFC;sterte mit dem Assistenzarzt. »Licht aus!« sagte der Dalai Lama schlie&#xDF;lich. »Bitte nach rechts – nach links – noch einmal –«</p><p>Die Untersuchung dauerte l&#xE4;nger als gew&#xF6;hnlich. »Zeigen Sie mir noch einmal das Krankenblatt«, sagte der Dalai Lama.</p><p>Die Schwester machte das Licht an. Lillian stand neben dem Schirm und wartete. »Sie hatten zwei Rippenfellentz&#xFC;ndungen?« fragte der Dalai Lama.</p><p>Lillian antwortete nicht sofort. Wozu fragte er? Es stand ja im Krankenblatt. »Stimmt es, Fr&#xE4;ulein Dunkerque?« wiederholte der Professor.</p><p>»Ja.«</p><p>»Sie k&#xF6;nnen ins Zimmer nebenan gehen.«</p><p>Lillian folgte der Schwester. »Was ist es?« fl&#xFC;sterte sie. »Fl&#xFC;ssigkeit?«</p><p>Die Schwester sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Vielleicht die Temperaturschwankungen«</p><p>»Aber das hat doch nichts mit meinen Lungen zu tun! Es ist nur die Aufregung! Miss Somervilles Abreise! Der F&#xF6;hn! Ich bin doch negativ! Ich bin doch nicht positiv! Oder doch?«</p><p>»Nein, nein. Kommen Sie, legen Sie sich hin! Sie m&#xFC;ssen fertig sein, wenn der Professor kommt.«</p><p>Die Schwester r&#xFC;ckte die Maschine heran. Es n&#xFC;tzt nichts, dachte Lillian. F&#xFC;r Wochen habe ich nun alles getan, was sie wollten, und anstatt besser ist es sicher wieder schlechter geworden. Da&#xDF; ich gestern ausgerissen bin, kann nicht der Grund sein. Was will er jetzt mit mir machen? Der Professor kam herein. »Ich habe kein Fieber«, sagte Lillian. »Es ist nur etwas Aufregung. Schon seit einer Woche habe ich kein Fieber mehr, und vorher hatte ich es auch nur, wenn ich aufgeregt war.«</p><p>Der Dalai Lama setzte sich neben sie und f&#xFC;hlte nach einem Punkt f&#xFC;r die Spritze. »Bleiben Sie f&#xFC;r die n&#xE4;chsten Tage im Zimmer.«</p><p>»Ich kann nicht immer im Bett bleiben.Es macht mich verr&#xFC;ckt.«</p><p>»Sie brauchen nur im Zimmer zu bleiben. Heute im Bett.«</p><p>In ihrem Zimmer holte Lillian die Flasche Wodka und go&#xDF; ein Glas ein.</p><p>Die Schwester mu&#xDF;te jeden Augenblick mit ihrem Abendessen kommen, und sie wollte heute nicht beim Trinken erwischt werden.</p><p>Ich bin noch nicht zu d&#xFC;nn, dachte sie und stellte sich vor den Spiegel. Ich habe ein halbes Pfund zugenommen. Eine gro&#xDF;e Leistung. Sie trank sich ironisch zu und versteckte die Flasche wieder. Von drau&#xDF;en h&#xF6;rte sie jetzt den Wagen mit ihrem Essen. Sie griff nach einem Kleid.</p><p>»Ziehen Sie sich an?« fragte die Schwester. »Sie d&#xFC;rfen doch nicht hinaus.«</p><p>»Ich ziehe mich an, weil ich mich dann besser f&#xFC;hle.« Die Schwester sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Hier ist ein Paket f&#xFC;r Sie. Es sieht aus wie Blumen.«</p><p>Boris, dachte Lillian und nahm den wei&#xDF;en Karton.</p><p>»Wollen Sie es nicht aufmachen?« fragte die Schwester neugierig.</p><p>»Sp&#xE4;ter.«</p><p>Die Schwester ging endlich. Lillian &#xF6;ffnete den wei&#xDF;en Karton mit der blauen Seidenschleife.</p><p>Sie schlug das Seidenpapier auseinander und lie&#xDF; den Karton im gleichen Augenblick fallen.</p><p>Sie starrte auf die Orchideen am Boden. Sie kannte die Blumen. Sie hatte sie aus Z&#xFC;rich kommen lassen. Es war kein Zweifel mehr m&#xF6;glich – die Blumen, die auf dem Teppich vor ihr lagen, waren dieselben, die sie auf den Sarg Agnes Somervilles gelegt hatte.</p><p>Rasch &#xF6;ffnete sie die T&#xFC;r zu ihrem Balkon und warf die Blumen &#xFC;ber den Balkon nach drau&#xDF;en. Sie sah den Handschuh auf dem Boden. Sie erkannte ihn jetzt und erinnerte sich, ihn getragen zu haben, als sie mit Clerfayt in der Palace Bar gewesen war. Clerfayt, dachte sie, was hatte er damit zu tun? Sie mu&#xDF;te es erfahren! Sofort!</p><p>Es dauerte eine Weile, bevor er zum Telefon kam.</p><p>»Haben Sie mir meinen Handschuh zur&#xFC;ckgeschickt?« fragte sie.</p><p>»Ja. Sie hatten ihn in der Bar vergessen.«</p><p>»Sind die Blumen auch von Ihnen? Die Orchideen?«</p><p>»Ja. Haben sie meine Karte nicht bekommen?«</p><p>»Ihre Karte?«</p><p>»Haben Sie sie nicht gefunden?«</p><p>»Nein!« Lillian schluckte. »Noch nicht. Woher haben Sie die Blumen?«</p><p>»Aus einem Blumengesch&#xE4;ft«, erwiderte Clerfayt erstaunt. »Warum?«</p><p>»Hier im Dorf?«</p><p>»Ja, aber warum? Sind sie gestohlen?«</p><p>»Nein. Oder vielleicht doch. Ich wei&#xDF; es nicht«</p><p>Lillian schwieg.</p><p>»Soll ich hinaufkommen?« fragte Clerfayt.</p><p>»Ja.«</p><p>»Wann?«</p><p>»In einer Stunde; dann ist es hier still.«</p><p>»Gut, in einer Stunde. Am Dienstboteneingang?«</p><p>»Ja.«</p><p>Lillian legte den H&#xF6;rer zur&#xFC;ck. Gott sei Dank, dachte sie, da war jemand, dem man nichts zu erkl&#xE4;ren brauchte.</p><p>Clerfayt stand an der Seitent&#xFC;r. »K&#xF6;nnen Sie keine Orchideen leiden?« fragte er und zeigte auf den Schnee.</p><p>Die Blumen und der Karton lagen noch da. »Woher haben Sie sie?« fragte Lillian.</p><p>»Aus einem kleinen Blumengesch&#xE4;ft unten – etwas au&#xDF;erhalb des Dorfes. Warum? Sind sie verhext?«</p><p>»Diese Blumen – dieselben Blumen«, sagte Lillian mit M&#xFC;he, »habe ich gestern auf den Sarg meiner Freundin gelegt. Alles ist zum Krematorium geschickt worden. Ich wei&#xDF; nicht, wie…«</p><p>»Zum Krematorium?« fragte Clerfayt.</p><p>»Ja.«</p><p>»Guter Gott! Das Gesch&#xE4;ft, in dem ich die Blumen gekauft habe, liegt nicht weit vom Krematorium. Es ist ein kleiner Laden, und ich habe mich schon gewundert, woher die Blumen kamen. Das erkl&#xE4;rt es!«</p><p>»Was?«</p><p>»Ein Angestellter des Krematoriums mu&#xDF; sie, anstatt sie mit zu verbrennen, weggenommen und an den Laden verkauft haben.«</p><p>Sie starrte ihn an. »Ist so etwas denn m&#xF6;glich?«</p><p>»Warum nicht? Blumen sind Blumen.«</p><p>Clerfayt nahm Lillians Arm. »Was wollen wir tun? Einen Schock bekommen oder &#xFC;ber den Gesch&#xE4;ftsgeist der Menschheit lachen? Ich schlage vor, wir lachen.«</p><p>Lillian sah auf die Blumen. »Ekelhaft«, fl&#xFC;sterte sie. »Von einer Toten zu stehlen.«</p><p>»Nicht mehr und nicht weniger ekelhaft als vieles andere«, erwiderte Clerfayt. »Ich h&#xE4;tte auch nie gedacht, da&#xDF; ich einmal Leichen nach Zigaretten und Brot durchsuchen w&#xFC;rde und habe es doch getan. Im Kriege. Es ist anfangs scheu&#xDF;lich; aber man gew&#xF6;hnt sich daran, besonders wenn man sehr hungrig ist und lange nicht geraucht hat. Kommen Sie, wir gehen etwas trinken.«</p><p>Sie blickte immer noch auf die Blumen. »Sollen sie da liegen bleiben?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich. Sie haben nichts mehr mit Ihnen, nichts mit der Toten und nichts mit mir zu tun. Ich schicke Ihnen morgen neue. Aus einem anderen Gesch&#xE4;ft.«</p><p>Der Schlitten hielt. Vor dem Eingang zum Hotel lagen Bretter &#xFC;ber dem feuchten Schnee. Lillian stieg aus.</p><p>Er folgte ihr. Worin lasse ich mich da ein? dachte er. Und mit wem? Immerhin, es war etwas anderes, als Lydia Morelli, mit der er vor einer Stunde ein Telefongespr&#xE4;ch aus Rom gehabt hatte. Lydia Morelli, die jeden Trick kannte und keinen verga&#xDF;.</p><p>Er holte Lillian an der T&#xFC;r ein. »Heute abend«, sagte er, »wollen wir einmal &#xFC;ber nichts anderes reden als &#xFC;ber die oberfl&#xE4;chlichsten<a l:href="#n_19" type="note">[19]</a> Dinge der Welt.« Eine Stunde sp&#xE4;ter war die Bar gepackt voll. Lillian blickte zur T&#xFC;r.</p><p>»Da kommt Boris«, sagte sie. »Ich h&#xE4;tte es mir denken sollen.«</p><p>Clerfayt hatte den Russen bereits gesehen. Er ignorierte Clerfayt. »Dein Schlitten wartet drau&#xDF;en, Lillian«, sagte er.</p><p>»Schick den Schlitten weg, Boris«, erwiderte sie. »Ich brauche ihn nicht. Das ist Herr Clerfayt. Du bist ihm schon einmal begegnet.«</p><p>»Wirklich?« sagte Wolkow. »Oh, in der Tat! Bitte, verzeihen Sie.« Er sah knapp an Clerfayt vorbei. »In dem Sportwagen, der die Pferde scheu machte, nicht wahr?«</p><p>Clerfayt sp&#xFC;rte den versteckten Hohn<a l:href="#n_20" type="note">[20]</a>. Er antwortete nicht und blieb stehen. »Du hast wahrscheinlich vergessen, da&#xDF; morgen noch einmal R&#xF6;ntgenaufnahmen gemacht werden sollen«, sagte Wolkow zu Lillian.</p><p>»Ich habe es nicht vergessen, Boris.«</p><p>»Du mu&#xDF;t ausgeruht sein und geschlafen haben.«</p><p>»Ich wei&#xDF; das. Ich habe noch Zeit dazu.«</p><p>Sie sprach langsam, wie man zu einem Kind spricht, das einen nicht versteht.</p><p>»Ich mu&#xDF; noch auf jemand warten«, sagte er zu Lillian. »Wenn du inzwischen den Schlitten –«</p><p>»Nein, Boris! Ich will noch bleiben.«</p><p>Clerfayt hatte jetzt genug. »Ich habe Miss Dunkerque hierher begleitet«, sagte er ruhig. »Und ich glaube f&#xE4;hig zu sein, sie wieder zur&#xFC;ckzubringen.«</p><p>Wolkow sah ihn rasch an. Sein Gesicht ver&#xE4;nderte sich. Dann fa&#xDF;te er sich und ging zur Bar.</p><p>Clerfayt setzte sich. Er war nicht mit sich zufrieden. Was tue ich da? dachte er. Ich bin doch nicht mehr zwanzig Jahre alt! »Warum gehen Sie nicht zur&#xFC;ck mit ihm?« fragte er mi&#xDF;mutig.</p><p>»Wollen Sie mich loswerden?«</p><p>Er sah sie an. Sie schien hilflos zu sein, aber er wu&#xDF;te, da&#xDF; Hilflosigkeit das Gef&#xE4;hrlichste war, was es bei einer Frau gab – denn keine Frau war wirklich hilflos.</p><p>»Nat&#xFC;rlich nicht«, sagte er. »Bleiben wir also!«</p><p>Sie blickte zur Bar hin&#xFC;ber. »Er geht nicht«, fl&#xFC;sterte sie. »Er bewacht mich. Er glaubt, da&#xDF; ich nachgeben werde.«</p><p>Clerfayt nahm die Flasche und f&#xFC;llte die Gl&#xE4;ser. »Gut. Lassen wir es also darauf ankommen, wer zuerst m&#xFC;de wird.«</p><p>»Sie verstehen ihn nicht«, erwiderte Lillian scharf.</p><p>»Er ist nicht eifers&#xFC;chtig.«</p><p>»Nein?«</p><p>»Nein. Er ist ungl&#xFC;cklich und krank und sorgt sich um mich. Es ist leicht, &#xFC;berlegen zu sein, wenn man gesund ist.«</p><p>Clerfayt stellte die Flasche zur&#xFC;ck. Diese loyale, kleine Bestie! »M&#xF6;glich«, sagte er gleichm&#xFC;tig. »Aber ist es ein Verbrechen, gesund zu sein?« Sie wandte sich ihm zu. »Nat&#xFC;rlich nicht«, murmelte sie. »Ich wei&#xDF; nicht, was ich rede. Es ist besser, ich gehe.«</p><p>Sie griff nach ihrer Tasche, aber sie stand nicht auf.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Clerfayt hatte von ihr genug, aber er h&#xE4;tte sie um nichts in der Welt gehen lassen, solange Wolkow noch an der Bar stand und auf sie wartete »Sie brauchen mit mir nicht besonders vorsichtig zu sein«, sagte er. »Ich bin nicht sehr empfindlich.«</p><p>»Hier ist jeder empfindlich.«</p><p>»Ich bin nicht von hier.«</p><p>»Ja.« Lillian l&#xE4;chelte pl&#xF6;tzlich. »Das ist es wohl!«</p><p>»Was?«</p><p>»Das, was uns irritiert. Verstehen Sie das nicht? Sogar Hollmann, Ihren Freund.«</p><p>»Das ist m&#xF6;glich«, erwiderte Clerfayt &#xFC;berrascht.</p><p>»Ich h&#xE4;tte wahrscheinlich nicht kommen sollen. Irritiere ich Wolkow auch?«</p><p>»Haben Sie das nicht bemerkt?«</p><p>»M&#xF6;glich. Warum gibt er sich aber dann soviel M&#xFC;he, es mich merken zu lassen?«</p><p>»Er geht«, sagte Lillian.</p><p>Clerfayt sah es. »Und Sie?« fragte er. »Sollten Sie nicht auch besser im Sanatorium sein?«</p><p>»Wer wei&#xDF; das? Der Dalai Lama? Ich? Das Krokodil? Gott?«</p><p>Sie nahm ihr Glas. »Und wer ist verantwortlich? Wer? Ich? Gott? Und wer f&#xFC;r wen? Kommen Sie, wir wollen tanzen?«</p><p>Clerfayt blieb sitzen. Sie starrte ihn an. »Haben Sie auch Angst f&#xFC;r mich? Meinen Sie auch, ich sollte –«</p><p>»Ich meine gar nichts«, erwiderte Clerfayt. »Ich kann nur nicht tanzen; aber wenn Sie wollen, k&#xF6;nnen wir es versuchen.«</p><p>Sie gingen zur Tanzfl&#xE4;che.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Das Sanatorium war still.</p><p>Lillian Dunkerque hockte in hellblauen Hosen auf ihrem Balkon. Die Nacht war weit weg und vergessen. Das Telefon klingelte. Sie hob den H&#xF6;rer ab. »Ja, Boris – nein, nat&#xFC;rlich nicht – wohin k&#xE4;men wir, wenn wir das t&#xE4;ten? – Lass uns nicht dar&#xFC;ber reden – nat&#xFC;rlich kannst du heraufkommen – ja, ich bin allein, wer sollte schon hier sein –?«</p><p>Wolkow kam auf den Balkon.</p><p>Sie beobachtete ihn.</p><p>»Boris«, sagte sie »Wir verstehen uns zu gut.«</p><p>»Wirklich?«</p><p>»Ja. Du verstehst mich zu sehr und ich dich, und das ist unser</p><p>Elend.«</p><p>Wolkow lachte. »Besonders bei F&#xF6;hnwetter.«</p><p>»Nicht nur bei F&#xF6;hnwetter.«</p><p>»Oder wenn Fremde angekommen sind.«</p><p>»Siehst du«, sagte Lillian. »Du wei&#xDF;t bereits den Grund. Du kannst alles erkl&#xE4;ren. Ich nichts. Du wei&#xDF;t alles im voraus &#xFC;ber mich. Wie m&#xFC;de das macht! Ist das auch der F&#xF6;hn?«</p><p>»Der F&#xF6;hn und das Fr&#xFC;hjahr.«</p><p>Lillian schlo&#xDF; die Augen.</p><p>»Warum bist du nicht eifers&#xFC;chtig?« fragte sie.</p><p>»Ich bin es ja. Immer.«</p><p>Sie &#xF6;ffnete die Augen. »Auf wen? Auf Clerfayt?« Er sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Das dachte ich mir. Worauf dann?«</p><p>Wolkow antwortete nicht. Wozu fragte sie? Und was wu&#xDF;te sie schon davon? Eifersucht begann nicht mit einem Menschen und endete nicht damit. Sie begann mit der Luft, die der geliebte Mensch atmete und endete nie. Nicht einmal mit dem Tode des anderen. »Worauf, Boris?« fragte Lillian. »Doch auf Clerfayt?«</p><p>»Ich wei&#xDF; es nicht. Vielleicht auf das, was mit ihm heraufkommt.«</p><p>»Was kommt schon herauf?« Lillian schlo&#xDF; wieder die Augen. »Du brauchst nicht eifers&#xFC;chtig zu sein. Clerfayt f&#xE4;hrt in ein paar Tagen wieder hinunter und wird uns vergessen und wir ihn.«</p><p>Sie lag eine Zeitlang still auf ihrem Liegestuhl. Wolkow sa&#xDF; hinter ihr und las. »Manchmal m&#xF6;chte ich etwas ganz Unsinniges tun, Boris«, sagte sie.</p><p>»Das m&#xF6;chte jeder.«</p><p>»Du auch?«</p><p>»Ich auch.«</p><p>»Warum tun wir es dann nicht?«</p><p>»Es w&#xFC;rde nichts &#xE4;ndern.«</p><p>»Du auch?«</p><p>Boris sah auf die schmale Gestalt vor sich. Wie wenig sie von ihm wu&#xDF;te, obschon sie glaubte, ihn zu verstehen!</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Die Glocken der Kirche im Dorf begannen zu l&#xE4;uten. Wolkow stand auf und lie&#xDF; den Vorhang gegen die Sonne weiter herunter. »Eva Moser wird morgen entlassen«, sagte er. »Gesund.«</p><p>»Ich wei&#xDF;. Sie ist schon zweimal entlassen worden.«</p><p>»Dieses Mal ist sie wirklich gesund. Das Krokodil hat es mir best&#xE4;tigt.«</p><p>Lillian h&#xF6;rte durch das Verhallen der Glocken pl&#xF6;tzlich den Ton Giuseppes. Der Wagen kam rasch die Serpentinen herauf und hielt. Sie wunderte sich, weshalb Clerfayt ihn heraufbrachte; es war das erste Mal seit seiner Ankunft.</p><p>Eine halbe Stunde sp&#xE4;ter h&#xF6;rte Lillian den Wagen Clerfayts abfahren. Boris war vorher gegangen. Dann stand sie auf und ging nach unten.</p><p>Zu ihrem Erstaunen sah sie Clerfayt auf einer Bank vor dem Sanatorium sitzen. »Ich glaubte, Sie w&#xE4;ren vorhin nach unten gefahren«, sagte sie und setzte sich neben ihn. »Habe ich bereits Halluzinationen?« »Nein. Das war Hollmann.« »Hollmann?«</p><p>»Ja. Ich habe ihn ins Dorf geschickt, eine Flasche Wodka zu kaufen.«</p><p>»Mit dem Wagen?«</p><p>»Ja«, sagte Clerfayt. »Mit dem Wagen. Es war h&#xF6;chste Zeit.«</p><p>Man h&#xF6;rte den Motor wieder. Clerfayt stand auf und horchte. »Nun wollen wir einmal sehen, was er macht – ob er brav und fromm gleich wieder heraufkommt, oder ob er mit Giuseppe absaust.«</p><p>»Absaust? Wohin?«</p><p>»Wohin er will. Benzin ist genug im Tank. Damit kann er fast bis Z&#xFC;rich kommen.«</p><p>»Was?« sagte Lillian. »Was sagen Sie da? Wissen Sie nicht, da&#xDF; er krank ist?«</p><p>»Gerade deshalb. Er hat schon geglaubt, er h&#xE4;tte verlernt zu fahren.«</p><p>»Und wenn er sich eine Erk&#xE4;ltung holt?«</p><p>Clerfayt lachte. »Er ist warm angezogen. Und Rennfahrern geht es mit Wagen so wie Frauen mit Abendkleidern – wenn sie ihnen Spa&#xDF; machen, erk&#xE4;lten sie sich nie darin.«</p><p>Lillian starrte ihn an. »Und wenn er sich trotzdem eine Erk&#xE4;ltung holt! Wissen Sie, was das hier oben bedeutet? Man kann sich hier den Tod an einer Erk&#xE4;ltung holen!«</p><p>Clerfayt betrachtete sie. Sie gefiel ihm so bedeutend besser als am</p><p>Abend vorher. »Das sollten Sie sich merken, wenn Sie abends, statt im Bett zu bleiben, in die Palace Bar ausrei&#xDF;en«, sagte er. »In einem d&#xFC;nnen Kleid und seidenen Schuhen.«</p><p>Lillian war einen Augenblick verwirrt.</p><p>»Da ist er! Sehen Sie ihn? H&#xF6;ren Sie nur, wie er die Kurven nimmt! Heute abend wird er ein anderer Mensch sein.«</p><p>»Er wird heute abend mit Fieber im Bett liegen.«</p><p>»Mit Ketten auf den Reifen kann man nicht gerade ein Renntempo fahren.« Er legte einen Arm um ihre Schultern.</p><p>»Hoffentlich rei&#xDF;t er nicht wirklich aus«, sagte Clerfayt.</p><p>Lillian antwortete nicht sofort. Ihre Lippen waren trocken. »Warum soll er ausrei&#xDF;en?« sagte sie dann m&#xFC;hsam. »Er ist doch fast geheilt.</p><p>Warum soll er da alles riskieren?«</p><p>»Manchmal riskiert man es gerade dann.«</p><p>»W&#xFC;rden Sie es an seiner Stelle riskieren?«</p><p>»Das wei&#xDF; ich nicht.«</p><p>Lillian holte Atem. »W&#xFC;rden Sie es tun, wenn sie w&#xFC;ssten, da&#xDF; Sie nie wieder gesund w&#xFC;rden?« fragte sie.</p><p>»Anstatt hier zu bleiben.«</p><p>»Anstatt hier ein paar Monate l&#xE4;nger vorsichtig zu leben«</p><p>Er lachte. »Danach m&#xFC;ssen Sie nicht gerade einen Rennfahrer fragen.«</p><p>»W&#xFC;rden Sie es tun?«</p><p>»Ich habe keine Ahnung. So etwas wei&#xDF; man nie vorher. Vielleicht ja, um noch einmal an mich zu rei&#xDF;en, was Leben hei&#xDF;t, ohne R&#xFC;cksicht auf Zeit – aber vielleicht w&#xFC;rde ich auch nach der Uhr leben und um jeden Tag geizen und jede Stunde. Das wei&#xDF; man nie. Ich habe da merkw&#xFC;rdige &#xDC;berraschungen erlebt.«</p><p>Sie h&#xF6;rten pl&#xF6;tzlich den Motor wieder. »Er kommt zur&#xFC;ck«, sagte Clerfayt.</p><p>»Ja«, wiederholte sie und holte tief Atem. »Er kommt zur&#xFC;ck. Sind Sie entt&#xE4;uscht?«</p><p>»Nein. Ich wollte nur, da&#xDF; er den Wagen einmal f&#xE4;hrt. Das letzte Mal, als er darin sa&#xDF;, hatte er seinen ersten Blutsturz.«</p><p>Lillian sah Giuseppe auf der Chaussee heranschie&#xDF;en. Sie konnte es pl&#xF6;tzlich nicht ertragen, Hollmanns strahlendes Gesicht sehen zu m&#xFC;ssen. »Ich mu&#xDF; hinein«, sagte sie hastig. »Das Krokodil sucht mich bereits!« Sie wendete sich zum Eingang. »Und wann fahren Sie &#xFC;ber den Pa&#xDF;?« fragte sie.</p><p>»Wann Sie wollen«, erwiderte Clerfayt. Es war Sonntag, und Sonntage im Sanatorium waren immer schwerer zu ertragen als die Wochentage. Die Arzte kamen nur in die Zimmer, wenn es notwendig war, so da&#xDF; man glauben konnte, man sei gesund.</p><p>Lillian kam trotz des Verbots zum Abendessen herunter; das Krokodil kontrollierte gew&#xF6;hnlich sonntags nicht. Sie hatte zwei Gl&#xE4;ser Wodka getrunken. Dann hatte sie ihr bestes Kleid angezogen – Kleider halfen manchmal mehr als jeder moralische Trost –, aber diesmal hatte auch das nicht genutzt. Der Cafard, der pl&#xF6;tzliche Weltschmerz, der Hader mit Gott, den jeder hier oben kannte und der ohne ersichtlichen Grund kam und ging, war geblieben. Er hatte sie angeflogen wie ein dunkler Schmetterling.</p><p>Erst als sie in das Esszimmer trat, wu&#xDF;te sie, woher er kam. Das Zimmer war fast voll, und an einem Tisch in der Mitte sa&#xDF; Eva Moser, umringt von einem halben Dutzend ihrer Freunde, vor sich einen Kuchen, eine Flasche Champagner und Geschenke in buntem Papier. Es war ihr letzter Abend. Am n&#xE4;chsten Nachmittag sollte sie abfahren.</p><p>Lillian wollte zuerst umkehren; dann sah sie Hollmann. Er sa&#xDF; allein neben einem Tisch mit den drei schwarzgekleideten S&#xFC;damerikanern, die auf den Tod Manuelas warteten, und winkte ihr zu.</p><p>»Ich habe Giuseppe heute gefahren«, sagte er.</p><p>»Haben Sie es gesehen?«</p><p>»Ja. Hat jemand sonst Sie noch gesehen?«</p><p>»Wer?«</p><p>»Das Krokodil? Oder der Dalai Lama?«</p><p>»Niemand. Der Wagen war an der &#xDC;bungswiese geparkt. Da kann man ihn nicht sehen. Und wenn schon! Ich bin gl&#xFC;cklich. Ich glaubte schon, ich k&#xF6;nne die verdammte Karre nicht mehr fahren.«</p><p>»Kommt Clerfayt heute abend nicht?« fragte sie.</p><p>»Nein. Er hat heute nachmittag &#xFC;berraschend Besuch bekommen. Wozu soll er auch immer heraufkommen? Es mu&#xDF; langweilig sein f&#xFC;r ihn.«</p><p>»Warum f&#xE4;hrt er dann nicht weg?« fragte Lillian &#xE4;rgerlich.</p><p>»Er f&#xE4;hrt; aber erst in ein paar Tagen. Mittwoch oder Donnerstag.«</p><p>»Diese Woche?«</p><p>»Ja. Ich nehme an, er wird mit seinem Besuch hinunterfahren.«</p><p>Lillian antwortete nicht.</p><p>»Und mit wem rei&#xDF;e ich denn von nun an abends aus?«</p><p>»Da sind doch genug. Und Clerfayt ist ja auch noch hier.«</p><p>»Ja. Und nachher?«</p><p>Lillian stand auf. »Ich werde schlafen gehen.Gute Nacht, Hollmann.«</p><p>»Ist irgend etwas los, Lillian?«</p><p>»Nichts als das &#xDC;bliche. Langeweile.</p><p>Die Nachtschwester hatte ihre Abendrunde beendet. Lillian sa&#xDF; auf ihrem Bett und versuchte zu lesen. Wieder lag die Nacht vor ihr. Es klopfte. Charles Ney stand drau&#xDF;en in einem roten Schlafrock und Pantoffeln. »Alles ist klar«, fl&#xFC;sterte er. »Komm r&#xFC;ber zu Dolores!</p><p>Abschiedsfeier f&#xFC;r Eva Moser.«</p><p>»Wozu? Warum geht sie nicht? Wozu mu&#xDF; sie noch Abschied feiern?«</p><p>»Wir wollen eine Abschiedsfeier. Nicht sie.«</p><p>»Ihr habt doch schon eine im Esszimmer gehabt.«</p><p>»Nur um die Schwester zu t&#xE4;uschen. Komm, sei keine Trauerweide<a l:href="#n_21" type="note">[21]</a>!«</p><p>»Ich habe keine Lust.«</p><p>»Komm, Lillian! Wenn du hier bleibst, wirst du dich &#xE4;rgern, allein zu sein – wenn du dr&#xFC;ben bist, wirst du dich &#xE4;rgern, hingekommen zu sein. Es ist also dasselbe – komm deshalb!« Er &#xF6;ffnete die T&#xFC;r. »Alle kommen! Zieh dich an und komm!« »Ich ziehe mich nicht an. Ich komme in Pyjamas!«</p><p>»Komm in Pyjamas, aber komm!«</p><p>Dolores Palmer wohnte ein Stockwerk tiefer als Lillian. Sie lebte dort seit drei Jahren in einem Appartement, das aus einem Schlafzimmer, einem Wohnzimmer und einem Bad bestand. Sie bezahlte die h&#xF6;chste Miete des Sanatoriums.</p><p>Lillian sah sich um. Es war ein Bild, das sie kannte. Sie waren wie Kinder, die heimlich zu lange aufbleiben. Dolores Palmer trug ein chinesisches Kost&#xFC;m, ein langes Kleid. Sie war von einer tragischen Sch&#xF6;nheit, die sie selbst nicht empfand. Ihre Liebhaber gingen daran irre wie Reisende an einer Fata Morgana.</p><p>Eva Moser sa&#xDF; neben dem Fenster und schaute hinaus. Ihre gl&#xFC;ckliche Stimmung war umgeschlagen. »Sie weint«, sagte Maria Savini zu Lillian. »Was sagst du dazu?«</p><p>»Warum?«</p><p>»Frag sie selbst; du wirst es nicht glauben. Sie h&#xE4;lt dies f&#xFC;r ihr Zuhause.«</p><p>»Es ist mein Zuhause«, sagte Eva Moser. »Hier bin ich gl&#xFC;cklich gewesen. Hier habe ich Freunde. Unten kenne ich niemand.«</p><p>»Was soll ich werden?« jammerte Eva Moser jetzt in voller Panik. »Sekret&#xE4;rin? Wer nimmt mich schon? Ich kann nur schlecht Schreibmaschine schreiben.«</p><p>Lillian betrachtete Eva. Sie hatte auch fr&#xFC;her schon Patienten gesehen, die entlassen worden waren und behauptet hatten, lieber bleiben zu wollen. Aber Eva Moser war ein anderer Fall; sie meinte, was sie sagte. Sie war ehrlich verzweifelt. Sie hatte sich an das Sanatorium gew&#xF6;hnt. Sie hatte Angst vor dem Leben unten.</p><p>»Ich gehe«, sagte Lillian. »Ich kann das nicht aushalten.«</p><p>»Geh nicht!« sagte Charles Ney und beugte sich zu ihr. »Bleibe noch! Wir brauchen dich. Sing etwas, Lillian!«</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Im gleichen Augenblick &#xF6;ffnete sich die T&#xFC;r, und das Krokodil stand im Rahmen.</p><p>»Das habe ich mir doch gedacht! Zigaretten! Alkohol auf dem Zimmer! Eine Orgie! Sogar Sie dabei, Fr&#xE4;ulein Ruesch!«</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Lillian zog die Vorh&#xE4;nge zu. Da war die Panik wieder! Sie suchte nach den Schlaftabletten. Einen Augenblick glaubte sie, drau&#xDF;en Clerfayts Motor zu h&#xF6;ren. Sie sah auf die Uhr. Er h&#xE4;tte sie retten k&#xF6;nnen vor der langen Nacht; aber sie konnte ihn nicht anrufen.</p><p>Hatte Hollmann nicht gesagt, er habe Besuch? Von wem? Von irgendeinem gesunden Frauenzimmer aus Paris oder Mailand oder Monte Carlo! Zum Teufel mit ihm, er fuhr ohnehin in ein paar Tagen ab! Sie schluckte die Tabletten.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Der alte Mann lag in einem schmalen Bett in einem schmalen Zimmer. Neben dem Bett stand auf dem Nachttisch ein Schachbrett.</p><p>Er hie&#xDF; Richter. Er war achtzig Jahre alt und lebte seit zwanzig Jahren im Sanatorium. Er war das Renommierst&#xFC;ck<a type="note" l:href="#n_22">[22]</a> des Sanatoriums. Man wies stets auf ihn, wenn es mutlose Patienten gab. Lillian sa&#xDF; an seinem Bett. »Sehen Sie sich das an!« sagte Richter und zeigte auf das Schachbrett. Regnier ist w&#xE4;hrend des Krieges gekommen, 1944 glaube ich.</p><p>Das war eine Erl&#xF6;sung! Vorher – meine liebe junge Dame – vorher habe ich ein Jahr lang gegen einen Schachklub in Z&#xFC;rich gespielt. Wir hatten niemanden hier oben, wer gut Schach spielen konnte. Es war sehr langweilig.«</p><p>Schach war Richters einzige Leidenschaft. Zwei Freunde aus Deutschland, mit denen er brieflich gespielt hatte, waren in Russland gefallen; ein anderer wurde bei Stalingrad gefangengenommen. Ein paar Monate lang war Richter ganz ohne Partner gewesen; er hatte sogar Gewicht verloren. Dann hatte er gegen Mitglieder eines Schachklubs in Z&#xFC;rich per Telefon gepielt.</p><p>Doch das war zu teuer. Dann hat er Briefe geschrieben. Er konnte nur jeden zweiten Tag einen Zug machen, da die Post so lange dauerte.</p><p>Und wenn Regnier gekommen war und eine Partie mit Richter gespielt hatte, war Richter war froh, endlich wieder einen w&#xFC;rdigen Gegner zu haben.</p><p>Aber Regnier, ein Franzose, der in einem deutschen Gefangenenlager war, wollte nicht mehr weiterzuspielen, als er h&#xF6;rte, da&#xDF; Richter Deutscher sei. Beide langweilten sich; aber keiner wollte nachgeben. Ein Neger aus Jamaica fand schlie&#xDF;lich eine L&#xF6;sung. Auch er war bettl&#xE4;gerig. In zwei Briefen lud er Richter und Regnier zu je einer Schachpartie mit sich ein, von Bett zu Bett, &#xFC;ber das Telefon. Die einzige Schwierigkeit war, da&#xDF; der Neger Schach nicht spielen konnte. Er selbst hatte nicht einmal ein Brett, da er ja nichts weiter tat, als Regnier und Richter, ohne da&#xDF; sie es wu&#xDF;ten, gegeneinander spielen zu lassen.</p><p>Kurz nach dem Ende des Krieges starb der Neger. Das Krokodil &#xFC;bernahm jetzt die Rolle des Negers, damit die Partien weitergingen, man hat ihnen gesagt, da&#xDF; der Neger wegen einer Kehlkopftuberkulose<a type="note" l:href="#n_23">[23]</a> jetzt nicht mehr sprechen konnte. Das ging gut, bis Regnier wieder aufstehen konnte. Er wollte als erstes den Neger besuchen und fand so alles heraus.</p><p>Inzwischen hatten sich die nationalen Gef&#xFC;hle etwas beruhigt. Und beide spielten seitdem wieder miteinander. Mit der Zeit war auch Regnier wieder bettl&#xE4;gerig geworden. Und da beide jetzt kein Telefon mehr hatten, machten ein paar Patienten f&#xFC;r sie die Botendienste. Lillian auch. Dann war Regnier vor drei Wochen gestorben. Richter war um diese Zeit so schwach gewesen, da&#xDF; man auch seinen Tod erwartete, und niemand wollte ihm sagen, da&#xDF; Regnier tot sei.</p><p>»Wollen Sie nicht Schach lernen«, fragte er Lillian,. »Ich kann es Ihnen rasch beibringen.«</p><p>»Ich habe kein Talent daf&#xFC;r. Und keine Geduld.«</p><p>»Jeder hat Talent! Und Geduld mu&#xDF; man haben, wenn man nachts nicht schlafen kann. Was soll man sonst tun? Beten? Das hilft nicht. Ich bin Atheist. Philosophie hilft auch nicht. Detektivromane nur f&#xFC;r kurze Zeit. Ich habe alles probiert, meine Dame. Nur zwei Dinge helfen. Das eine ist, da&#xDF; ein anderer bei einem ist; deshalb habe ich geheiratet. Aber meine Frau ist l&#xE4;ngst tot«</p><p>»Und das andere?«</p><p>»Schachaufgaben zu l&#xF6;sen. Es beruhigt. Es ist eine Welt ohne Panik und ohne Tod. Es hilft! Wenigstens f&#xFC;r die eine Nacht – und mehr wollen wir ja nicht, nicht wahr? Nur durchhalten bis zum n&#xE4;chsten Morgen«</p><p>»Ja. Mehr will man hier nicht.«</p><p>»Wie lange sind Sie schon hier?« fragte sie.</p><p>»Zwanzig Jahre. Ein Leben, wie?«</p><p>»Ja, ein Leben.«</p><p>Ein Leben, dachte sie, aber was f&#xFC;r ein Leben! Jeder Tag war wie der andere.Nein, dachte Lillian, nicht so! Ich will nicht so enden! Nicht so!</p><p>»Wollen wir heute anfangen?« fragte Richter.</p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Ich bleibe nicht mehr lange hier.«</p><p>»Sie fahren nach unten?« fragte Richter.</p><p>»Ja. In ein paar Tagen.«</p><p>Was rede ich da? dachte sie. Es ist ja nicht wahr!</p><p>Verwirrt stand sie auf.</p><p>»Ich fahre nicht f&#xFC;r lange«, sagte sie schnell.</p><p>»Nur f&#xFC;r kurze Zeit. Ich komme wieder.«</p><p>»Jeder kommt wieder«, sagte Richter beruhigt. »Jeder.«</p><p>»Soll ich Ihren Zug f&#xFC;r Regnier mitnehmen?«</p><p>»Zwecklos. Er ist so gut wie matt. Sagen Sie ihm, wir m&#xFC;&#xDF;ten ein neues Spiel anfangen.«</p><p>Die Unruhe verlie&#xDF; sie nicht. Nachmittags gelang es ihr, eine junge</p><p>Assistenzschwester im Operationsraum zu &#xFC;berreden, ihr die letzten R&#xF6;ntgenaufnahmen zu zeigen. Die Schwester glaubte, Lillian verst&#xE4;nde nichts davon, und brachte ihr die Filme.</p><p>»Hier ist das Kleid. Sie k&#xF6;nnen es jetzt mitnehmen.«</p><p>Die Schwester err&#xF6;tete. »Das gelbe Kleid? Haben Sie das wirklich so gemeint?«</p><p>»Warum nicht? Es pa&#xDF;t mir nicht mehr. Ich bin zu d&#xFC;nn daf&#xFC;r geworden.«</p><p>Die Schwester nahm das Kleid. »Ich glaube, es pa&#xDF;t sogar«, fl&#xFC;sterte sie und sah in den Spiegel. »Ich lasse es noch ein paar Minuten hier. Die Aufnahmen auch. Dann hole ich alles ab. Ich mu&#xDF; noch zu Nummer sechsundzwanzig. Sie ist abgereist.«</p><p>»Abgereist?«</p><p>»Ja. Vor einer Stunde.«</p><p>»Wer ist Nummer sechsundzwanzig?«</p><p>»Die kleine S&#xFC;damerikanerin aus Bogot&#xE1;.«</p><p>»Die mit den drei Verwandten? Manuela?«</p><p>»Ja. Es kam rasch; aber es war zu erwarten.«</p><p>»Sie ist nicht abgereist, sie ist tot, gestorben, nicht mehr da!«</p><p>»Ja, nat&#xFC;rlich«, erwiderte die Schwester.</p><p>Lillian konnte die Filme nicht wirklich lesen. Der Dalai Lama hatte ihr nur &#xF6;fter die Schatten und Verf&#xE4;rbungen gezeigt, auf die es ankam.</p><p>Es schien ihr, da&#xDF; die Flecken gr&#xF6;&#xDF;er geworden seien.</p><p>Die junge Schwester war wieder hereingekommen. »Ich habe in den letzten zwei Monaten drei Pfund verloren.«</p><p>»Sie haben doch k&#xFC;rzlich ein halbes Pfund zugenommen.«</p><p>»Das habe ich schon wieder abgenommen.«</p><p>»Sie sind zu unruhig. Und Sie m&#xFC;ssen mehr essen.«</p><p>Lillian dreht sich rasch um. »Warum behandelt ihr uns immer wie Kinder?« sagte sie. »Denkt ihr wirklich, wir glauben alles, was ihr uns vorerz&#xE4;hlt? Hier —« sie hielt der Schwester die R&#xF6;ntgenaufnahmen hin – »sehen Sie das an! Sie wissen, da&#xDF; es nicht besser geworden ist!«</p><p>Lillian wartete ungeduldig darauf, da&#xDF; die Schwester die Aufnahmen und das Kleid nehme und ginge.</p><p>»Die paar Pfunde holen Sie rasch auf«, sagte die Schwester. »Nur immer gut essen! Heute abend zum Beispiel! Da gibt es als Nachspeise herrlichen Schokoladenauflauf mit Vanillesauce.«</p><p>Es klopfte und Hollmann kam herein. »Clerfayt f&#xE4;hrt morgen. Heute nacht ist Vollmond. Das &#xFC;bliche Fest oben auf der Bergerh&#xFC;tte. Wollen wir noch einmal ausrei&#xDF;en und mit ihm hinauffahren?«</p><p>»Sie auch?«</p><p>»Ja. Zum letztenmal.«</p><p>»Manuela ist gestorben.«</p><p>»Ich habe es geh&#xF6;rt. Es ist eine Erleichterung f&#xFC;r uns alle. F&#xFC;r ihre drei Verwandten sicher – und f&#xFC;r Manuela wahrscheinlich auch.« »Sie reden wie Clerfayt«, sagte Lillian feindlich.</p><p>»Ich glaube, wir alle m&#xFC;ssen mit der Zeit wie Clerfayt reden«, erwiderte Hollmann ruhig. »Er lebt von einem Rennen zum andern. Und die Chancen sind jedes Jahr mehr und mehr gegen ihn. Wollen wir heute abend mit ihm Zusammensein?«</p><p>»Ich wei&#xDF; es nicht.Wann f&#xE4;hrt er?«</p><p>»Morgen nachmittag. Er will aus den Bergen heraus sein, bevor es wieder schneit.«</p><p>»F&#xE4;hrt er allein?« fragte Lillian.</p><p>»Ja. Kommen Sie heute abend?«</p><p>Lillian antwortete nicht. Sie mu&#xDF;te nachdenken. Aber was war schon nachzudenken? Hatte sie das nicht seit Monaten getan? Es war nur noch etwas zu entscheiden.</p><p>»Ich hole Sie ab.« Hollmann lachte. »Von morgen an werde ich dann wieder der vorsichtigste Bewohner des Bella Vista sein. Heute feiern wir.«</p><p>»Was?«</p><p>»Irgendwas. Da&#xDF; Vollmond ist. Da&#xDF; Giuseppe gekommen ist. Da&#xDF; wir noch leben. Abschied.«</p><p>»Da&#xDF; wir morgen wieder ideale Patienten werden?«</p><p>»Auch das. Ich hole Sie ab. Es ist ein Kost&#xFC;mfest, Sie haben das nicht vergessen?«</p><p>»Nein.«</p><p>Die Bergh&#xFC;tte lag hoch &#xFC;ber dem Dorf, und einmal im Monat im Winter bei Vollmond wurde sie nachts offen gehalten f&#xFC;r eine Skiabfahrt mit Fackeln.</p><p>Die G&#xE4;ste kamen in Skianz&#xFC;gen oder Kost&#xFC;men. Charles Ney und Hollmann trugen angeklebte Schnurrbarte, damit man sie nicht erkennen sollte. Charles Ney war im Abendanzug. Dolores Palmer trug ihr chinesisches Kleid; Lillian Dunkerque ihre hellblauen Hosen und eine kurze Pelzjacke.</p><p>Die H&#xFC;tte war &#xFC;berf&#xFC;llt, aber Clerfayt hatte einen Tisch am Fenster reserviert bekommen.</p><p>Lillian war sehr erregt. Im Kamin der H&#xFC;tte brannte ein gro&#xDF;es Feuer. Es gab hei&#xDF;en Punsch und Wein zu trinken. »Was m&#xF6;chten Sie?« fragte Clerfayt. »Wollen Sie Kognak? Ich schlage Gl&#xFC;hwein vor.«</p><p>»Gut«, sagte Lillian. »Gl&#xFC;hwein.«</p><p>Der Kellner brachte die Gl&#xE4;ser. »Wann fahren Sie morgen?« fragte Lillian.</p><p>»Vor dem Dunkelwerden.«</p><p>»Wohin?«</p><p>»Nach Paris. Fahren Sie mit?« »Ja«, erwiderte Lillian.</p><p>Clerfayt lachte; er glaubte ihr nicht. »Gut«, sagte er. »Sie k&#xF6;nnen aber nicht viel Gep&#xE4;ck mitnehmen. Giuseppe ist nicht daf&#xFC;r eingerichtet.«</p><p>»Ich brauche nicht viel. Den Rest kann ich nachschicken lassen. Wo machen wir zuerst Station?«</p><p>»Wir fahren aus dem Schnee heraus, weil Sie ihn so hassen. Nicht sehr weit. &#xDC;ber die Berge ins Tessin. Zum Lago Maggiore. Dort ist es schon Fr&#xFC;hling.«</p><p>»Und dann?«</p><p>»Nach Genf.«</p><p>»Und dann?«</p><p>Clerfayt betrachtete sie pl&#xF6;tzlich aufmerksam. Er hatte alles bis jetzt f&#xFC;r eine Spielerei gehalten; aber sie fragte zu eingehend f&#xFC;r eine Spielerei.<a type="note" l:href="#n_24">[24]</a></p><p>Auf der Terrasse wurde ein Feuerwerk abgebrannt.</p><p>»Um Gottes willen!« fl&#xFC;sterte Hollmann pl&#xF6;tzlich. »Der Dalai</p><p>Lama!«</p><p>»Wo?«</p><p>»In der T&#xFC;r. Er ist gerade gekommen.«</p><p>Der Professor stand tats&#xE4;chlich bleich und kahlk&#xF6;pfig am Eingang. Er trug einen grauen Anzug.</p><p>»Er erkennt Sie nicht, Hollmann«, erkl&#xE4;rte Dolores Palmer. »Mit Ihrem Schnurrbart.«</p><p>»Aber Sie! Und Lillian. Lillian besonders.«</p><p>»Wir k&#xF6;nnen uns so setzen, da&#xDF; er eure Gesichter nicht sehen kann«, sagte Charles Ney und stand auf. Dolores wechselte ihren Platz mit ihm, und Maria Savini nahm den Stuhl von Hollmann. Clerfayt l&#xE4;chelte am&#xFC;siert und sah zu Lillian hin&#xFC;ber, ob sie nicht mit ihm wechseln wolle. Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Nein«, erwiderte Lillian. »Ich bleibe hier sitzen.«</p><p>Dann gingen sie hinaus, um die Abfahrt zu sehen. Hollmann, Charles Ney, Maria Savini und Dolores schl&#xFC;pften im Durcheinander des allgemeinen Aufbruchs durch; Lillian ging ohne Eile mit Clerfayt an den blassen Augen des Professors vorbei.</p><p>»Wann fahren wir morgen?« fragte sie Clerfayt.</p><p>Er blickte auf. Er begriff sie sofort. »Wann Sie wollen«, erwiderte er. »Zu jeder Zeit. Auch nach dem Dunkelwerden. Auch fr&#xFC;her. Auch sp&#xE4;ter, wenn Sie nicht fertig werden.«</p><p>»Das ist nicht n&#xF6;tig. Ich kann schnell packen. Wann wollten Sie fahren?«</p><p>»Gegen vier Uhr.«</p><p>»Ich kann um vier fertig sein.«</p><p>»Gut. Ich hole Sie ab.«</p><p>Clerfayt blickte wieder den Skil&#xE4;ufern nach. »Sie brauchen sich um mich keine Sorgen zu machen«, sagte Lillian. »Sie k&#xF6;nnen mich in Paris absetzen. Ich fahre mit wie –« Sie suchte nach einem Wort. »– Wie jemand, der an der Stra&#xDF;e steht und bis zur n&#xE4;chsten Stadt mitf&#xE4;hrt?« fragte Clerfayt. »Ja – genau so.«</p><p>»Gut.«</p><p>Lillian sp&#xFC;rte, da&#xDF; sie zitterte. Sie beobachtete Clerfayt. Er fragte nichts weiter. Ich habe ihm nichts zu erkl&#xE4;ren, dachte sie. Er glaubt mir. Was f&#xFC;r mich die Entscheidung meines Lebens ist, ist f&#xFC;r ihn nur ein Entschlu&#xDF;, wie man ihn t&#xE4;glich fasst. Vielleicht h&#xE4;lt er mich auch nicht f&#xFC;r besonders krank. Er war der erste Mensch in Jahren, der sich nicht um ihre Krankheit k&#xFC;mmerte. Es machte sie auf eine sonderbare Weise gl&#xFC;cklich. Die Krankheit, die immer wie ein Fenster zwischen ihr und der Welt gestanden hatte, war auf einmal nicht mehr da. Was hatte Clerfayt einmal gesagt? Das Erstrebenswerteste<a l:href="#n_25" type="note">[25]</a> im Leben sei, seinen eigenen Tod w&#xE4;hlen zu k&#xF6;nnen. Sie war bereit. Sie zitterte, aber sie war bereit.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Wolkow fand sie am n&#xE4;chsten Morgen &#xFC;ber ihren Koffern. »Du packst, Duscha? Schon so fr&#xFC;h?«</p><p>»Ja Boris, ich packe.«</p><p>»Wozu? Du wirst doch alles in ein paar Tagen wieder auspacken.«</p><p>Er hatte sie schon einige Male so packen sehen.</p><p>»Ich gehe, Boris«, sagte sie. Sie f&#xFC;rchtete sich vor dieser Aussprache. »Dieses Mal gehe ich wirklich! Ich gehe wirklich«, wiederholte Lillian nerv&#xF6;s, weil er es nicht glaubte.</p><p>Er nickte. »Du gehst morgen. Und &#xFC;bermorgen oder in einer Woche packen wir wieder aus. Wozu qu&#xE4;lst du dich umsonst?«</p><p>»Boris!« rief sie. »Lass das! Es n&#xFC;tzt nichts mehr! Ich gehe.«</p><p>»Morgen?«</p><p>»Nein, heute. Ich fahre«, sagte sie entschlossen. »Heute. Mit Clerfayt.«</p><p>Sie sah, wie seine Augen sich ver&#xE4;nderten. »Mit Clerfayt?«</p><p>»Ja. Ich gehe allein. Aber ich fahre mit Clerfayt, weil er heute f&#xE4;hrt.«</p><p>Wolkow machte einen Schritt in das Zimmer hinein. »Du kannst nicht gehen«, sagte er.</p><p>»Doch, Boris. Ich wollte dir schreiben.«</p><p>»Du mu&#xDF;t hier bleiben«, sagte er.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Ich wei&#xDF;, da&#xDF; ich es nicht erkl&#xE4;ren kann. Deshalb wollte ich weggehen, ohne dich zu sehen. Ich wollte dir von unten schreiben – aber auch das h&#xE4;tte ich nicht gekonnt. Mach es mir nicht schwer, Boris –«</p><p>Mach es mir nicht schwer, dachte er.</p><p>»Du gehst mit Clerfayt?«</p><p>»Ich fahre mit Clerfayt hinunter«, erwiderte Lillian. »Er nimmt mich mit, wie ein Mann mit einem Auto einen Fu&#xDF;g&#xE4;nger am Wege mitnimmt. In Paris trennen wir uns. Ich bleibe da, und er f&#xE4;hrt weiter. Mein Onkel lebt in Paris. Ich werde dableiben.«</p><p>»Bei deinem Onkel?«</p><p>»In Paris.«</p><p>Lillian wu&#xDF;te, da&#xDF; sie nicht die Wahrheit sagte, aber es schien ihr im Augenblick die Wahrheit zu sein.</p><p>»Du willst, da&#xDF; ich bei dir bleibe.«</p><p>»Ich m&#xF6;chte, da&#xDF; du hier bleibst. Das ist ein Unterschied.«</p><p>Ich l&#xFC;ge auch bereits, dachte er. Nat&#xFC;rlich will ich nur, da&#xDF; sie bei mir bleibt, sie ist das Einzige, Letzte, was ich habe, ich kann sie nicht verlieren, ich darf sie nicht verlieren, ich habe sie schon verloren.</p><p>»Lass uns nicht mehr sprechen, Boris, es ist alles falsch, was ich sage, es wird falsch, w&#xE4;hrend ich es sage, die Worte sind falsch und banal und sentimental.«</p><p>Sie blickte ihn an mit einer Mischung von ohnm&#xE4;chtig gewordener Liebe, Mitleid und Feindseligkeit. Warum zwang er sie, noch einmal alles das zu wiederholen, was sie sich tausendmal vorgesagt hatte und schon vergessen wollte?</p><p>»Boris«, erwiderte Lillian hoffnungslos. »Es ist nicht Clerfayt. Mu&#xDF; es denn ein anderer Mann sein?«</p><p>Er antwortete nicht. Ich bin ein Narr, ich tue alles, um sie weiter fortzujagen! Wei&#xDF; ich nicht, da&#xDF; verliert, wer festhalten will, und da&#xDF; man dem nachl&#xE4;uft, der l&#xE4;chelnd losl&#xE4;sst? Habe ich das vergessen?</p><p>Es war zu sp&#xE4;t. Es konnte sie nicht mehr erreichen. Es war pl&#xF6;tzlich zu sp&#xE4;t, von einem Atemzug zum anderen. Was hatte er vers&#xE4;umt? Er wu&#xDF;te es nicht. Gestern war noch alles nah und vertraut gewesen, und jetzt war eine Glaswand zwischen ihnen aufgestiegen, wie in einem Auto zwischen F&#xFC;hrersitz und Innenraum. Sie sahen einander noch, aber sie verstanden sich nicht mehr – sie h&#xF6;rten einander, aber sie sprachen verschiedene Sprachen. Es war nichts mehr zu tun. Es war nichts mehr zu tun. »Adieu, Lillian«, sagte er.</p><p>»Verzeih mir, Boris.«</p><p>»In der Liebe ist nichts zu verzeihen.«</p><p>Sie hatte keine Zeit nachzudenken. Eine Schwester kam und forderte sie auf, zum Dalai Lama zu kommen. Der Professor roch nach guter Seife und antiseptischer W&#xE4;sche. »Ich sah Sie gestern abend in der Bergerh&#xFC;tte«, erkl&#xE4;rte er hart.</p><p>Lillian nickte.</p><p>»Sie wissen, da&#xDF; Sie Ausgehverbot haben? Ich mu&#xDF; Sie bitten, das Sanatorium zu verlassen.«</p><p>Lillian antwortete nicht; die Ironie war zu stark.</p><p>»Die Oberschwester hat mir gesagt, da&#xDF; es nicht das erste Mal war. Sie hat Sie schon &#xF6;fter gewarnt. Sie haben es nicht beachtet. So etwas zerst&#xF6;rt die Moral des Sanatoriums. Wir k&#xF6;nnen es nicht dulden, da&#xDF;…«</p><p>»Ich werde das Sanatorium heute nachmittag verlassen.«</p><p>Der Dalai Lama blickte sie &#xFC;berrascht an. »So eilig ist es nicht«, erwiderte er dann.</p><p>»Weshalb arbeiten Sie so gegen Ihre Gesundheit, Fr&#xE4;ulein Dunkerque?« fragte er schlie&#xDF;lich.</p><p>»Als ich alles tat, was vorgeschrieben wurde, ist es auch nicht besser geworden.«</p><p>»Aber das ist doch kein Grund, es nicht mehr zu tun, wenn es einmal schlechter wird«, rief der Professor &#xE4;rgerlich. »Im Gegenteil. Dann ist man doch besonders vorsichtig!«</p><p>Er fa&#xDF;te sie an die Schulter und sch&#xFC;ttelte sie leicht. »Na, nun gehen Sie in Ihr Zimmer, und beachten Sie von jetzt an die Vorschriften genau.«</p><p>Lillian glitt mit einer Bewegung ihrer Schulter unter seiner Hand weg. »Ich w&#xFC;rde die Vorschriften auch weiter verletzen«, sagte sie ruhig. »Deshalb halte ich es f&#xFC;r besser, das Sanatorium zu verlassen.«</p><p>Sie f&#xFC;hlte sich wie ein Soldat, der nach langem Warten einen Marschbefehl erhalten hat.</p><p>Sie packte ihre Koffer fertig. Heute abend, dachte sie, werde ich die Berge verlassen haben. Zum ersten Male in Jahren sp&#xFC;rte sie eine Erwartung, hinter der eine Erf&#xFC;llung stand – nicht mehr die Erwartung einer Fata Morgana, die Jahre weit entfernt war und immer wieder zur&#xFC;ckr&#xFC;ckte, sondern die der n&#xE4;chsten Stunden. Vergangenheit und Zukunft hingen in einer zitternden Balance, und das erste, was sie f&#xFC;hlte, war nicht Alleinsein, sondern eine gespannte, hohe Einsamkeit. Sie nahm nichts mit, und sie wu&#xDF;te nicht, wohin sie ging.</p><p>Sie schlo&#xDF; ihre Koffer, und ihre Augen waren blind vor Tr&#xE4;nen. Sie wartete, bis sie wieder ruhig geworden war. Sie bezahlte ihre Rechnung. Sie verabschiedete sich von Dolores Palmer, Maria Savini und Charles Ney, die sie anstarrten, wie die Japaner im Kriege ihre Selbstmordflieger angesehen haben mochten. Sie ging in ihr Zimmer zur&#xFC;ck und wartete. Dann h&#xF6;rte sie ein Kratzen und Bellen vor der T&#xFC;r. Sie &#xF6;ffnete, und der Sch&#xE4;ferhund Wolkows kam herein. Das Tier liebte sie und war oft allein zu ihr gekommen. Sie glaubte, Boris habe es geschickt und werde selbst auch noch kommen. Aber er kam nicht. Daf&#xFC;r erschien die Zimmerschwester und erz&#xE4;hlte ihr, die Angeh&#xF6;rigen Manuelas w&#xFC;rden die Tote in einem Zinksarg nach Bogot&#xE1; schicken.</p><p>»Wann?« fragte Lillian, um etwas zu fragen.</p><p>»Heute noch. Sie wollen so rasch wie m&#xF6;glich reisen. Drau&#xDF;en steht schon der Schlitten. Sonst wartet man doch immer bis nachts; aber der Sarg soll noch ein Schiff erreichen. Die Angeh&#xF6;rigen reisen mit dem Flugzeug.«</p><p>»Ich mu&#xDF; jetzt gehen«, murmelte Lillian. Sie hatte den Wagen Clerfayts geh&#xF6;rt. »Leben Sie wohl.«</p><p>Sie schlo&#xDF; die T&#xFC;r hinter sich und ging den wei&#xDF;en Korridor entlang wie ein Dieb auf der Flucht. Sie hoffte, unbemerkt durch die Halle zu kommen, aber das Krokodil wartete neben dem Aufzug.</p><p>»Der Professor l&#xE4;&#xDF;t Ihnen noch einmal sagen, da&#xDF; Sie hier bleiben k&#xF6;nnen. Und hier bleiben sollten.«</p><p>»Danke«, sagte Lillian und ging weiter.</p><p>»Seien Sie doch vern&#xFC;nftig, Miss Dunkerque! Sie kennen Ihre Situation nicht. Sie d&#xFC;rfen jetzt nicht nach unten. Sie w&#xFC;rden das Jahr nicht &#xFC;berleben.«</p><p>»Gerade deshalb.«</p><p>Lillian ging weiter. Hollmann stand am Ausgang.</p><p>»Wenn Sie absolut fahren wollen, dann nehmen Sie wenigstens die Eisenbahn«, sagte das Krokodil.</p><p>Lillian zeigte der Oberschwester stumm ihren Pelz und ihre Wollsachen. Das Krokodil sagte. »Das n&#xFC;tzt nichts! Wollen Sie mit Gewalt Selbstmord begehen?«</p><p>»Das tun wir alle – der eine schneller, der andere langsamer. Wir fahren vorsichtig. Und nicht weit.«</p><p>»Adieu! Danke f&#xFC;r alles.« Lillian war drau&#xDF;en. Der Schnee reflektierte das Licht so stark, da&#xDF; sie kaum sehen konnte. »Auf Wiedersehen, Hollmann!«</p><p>»Auf Wiedersehn, Lillian. Ich komme bald nach.«</p><p>Sie blickte auf. Er lachte.</p><p>»Wir werden langsam fahren«, sagte Clerfayt. »Wenn die Sonne untergeht, machen wir das Verdeck zu.«</p><p>»Ja«, erwiderte sie. »K&#xF6;nnen wir abfahren?«</p><p>»Haben Sie nichts vergessen?«</p><p>»Nein.«</p><p>Der Wagen fuhr an. Hollmann winkte. Boris war nicht zu sehen.</p><p>Lillian blickte sich um. Auf den Sonnenterrassen, die eben noch leer gewesen waren, stand auf einmal eine Reihe von Menschen. »Wie auf dem obersten Rang einer Stierkampfarena«, sagte Clerfayt.<a l:href="#n_26" type="note">[26]</a></p><p>»Ja«, erwiderte Lillian. »Aber was sind wir? Die Stiere oder die Matadore?«</p><p>»Immer die Stiere. Aber wir glauben, wir w&#xE4;ren die Matadore.«</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Der Wagen fuhr langsam. Sie waren &#xFC;ber den Pa&#xDF; hinweg, aber der Schnee war noch fast zwei Meter hoch zu beiden Seiten der Stra&#xDF;e aufgeschichtet. Man konnte nicht &#xFC;ber ihn hinaussehen.</p><p>Dann kam der Geruch von Harz und Tannen, und ein Dorf schob sich braun und flach heran. Clerfayt hielt. »Wir k&#xF6;nnen die Schneeketten abnehmen, glaube ich. Wie ist es weiter unten?« fragte er den Tankw&#xE4;rter.</p><p>Clerfayt sah den Jungen an. Er trug einen roten Sweater, eine neue Lederjacke, eine Stahlbrille und hatte Pickel und abstehende Ohren.</p><p>»Wir kennen uns doch! Herbert oder Hellmut oder –«</p><p>»Hubert.«</p><p>Der Junge grinste und warf die Ketten in den Wagen. »Benzin, mein Herr?«</p><p>»Benzin«, sagte Clerfayt, »brauche ich siebzig Liter. Aber ich werde sie nicht von dir nehmen, sondern von jemand, der weniger gesch&#xE4;ftst&#xFC;chtig ist als du.«</p><p>Eine Stunde sp&#xE4;ter war der Schnee hinter ihnen. In den Fenstern spiegelte sich rot der Abend. Kinder spielten auf den Stra&#xDF;en. Die &#xC4;cker waren schwarz und feucht, und auf den Wiesen sah man gelb und graugr&#xFC;n das vorj&#xE4;hrige Gras. »Wollen wir irgendwo Station machen?« fragte Clerfayt.</p><p>»Noch nicht.«</p><p>»Wollen wir nicht doch etwas trinken?« fragte Clerfayt. »Kaffee mit Kirsch? Wir haben noch ein ganzes St&#xFC;ck zu fahren.«</p><p>»Ja«, sagte Lillian. »Wann sind wir am Lago Maggiore?«</p><p>»In einigen Stunden. Sp&#xE4;t abends.«</p><p>Clerfayt hielt den Wagen vor einem Wirtshaus an. Sie gingen in die Gaststube. Eine Kellnerin machte Licht.</p><p>»Sind Sie hungrig?« fragte Clerfayt. »Was haben Sie mittags gegessen?«</p><p>»Nichts.«</p><p>»Das dachte ich mir.« Er wandte sich an die Kellnerin.</p><p>»Was haben Sie zu essen?«</p><p>»Salami, Landj&#xE4;ger, Sch&#xFC;blig. Die Sch&#xFC;blig sind hei&#xDF;.«</p><p>»Zwei Sch&#xFC;blig und ein paar St&#xFC;cke von dem dunklen Brot dort.</p><p>Dazu Butter und offenen Wein. Haben Sie Fendant?«</p><p>»Fendant und Valpolicella.«</p><p>»Fendant. Und f&#xFC;r Sie?«</p><p>»Einen Pfl&#xFC;mli, wenn’s nichts ausmacht«, sagte die Kellnerin.</p><p>»Es macht nichts aus.«</p><p>Lillian sa&#xDF; in der Ecke neben dem Fenster. Sie h&#xF6;rte das Gespr&#xE4;ch zwischen Clerfayt und der Kellnerin. Das r&#xF6;tliche Licht der Lampe sammelte sich in den Flaschen auf der Theke zu gr&#xFC;nen und roten Reflexen. Alles war sehr friedlich und selbstverst&#xE4;ndlich, es war ein Abend ohne Angst, und sie geh&#xF6;rte dazu, ebenso selbstverst&#xE4;ndlich und friedlich.</p><p>»Sch&#xFC;blig sind fette Bauernw&#xFC;rste«, sagte Clerfayt.</p><p>»Ausgezeichnet, aber vielleicht m&#xF6;gen Sie sie nicht!«</p><p>»Ich mag alles«, sagte Lillian. »Alles hier unten!«</p><p>Die Kellnerin brachte den hellen Wein. Sie schenkte ihn in kleine Wassergl&#xE4;ser. Dann hob sie ihr eigenes Glas mit dem Pflaumenschnaps. »Wohl bekomm’s!« Sie tranken. Clerfayt sah sich in dem sch&#xE4;bigen Wirtsraum um. »Dies ist noch nicht Paris«, sagte er l&#xE4;chelnd.</p><p>»Doch!« erwiderte Lillian. »Es ist der erste Vorort von Paris. Paris f&#xE4;ngt bereits hier an.«</p><p>Bis G&#xF6;schenen hatten sie Sterne und klare Nacht. Clerfayt verlud den Wagen auf einen der flachen G&#xFC;terwagen, die am Perron bereitstanden. Au&#xDF;er ihnen fuhren noch zwei Limousinen und ein roter Sportwagen durch den Tunnel. »Wollen Sie im Auto bleiben oder im Personenwagen des Zuges mitfahren?« fragte er.</p><p>»Werden wir sehr schmutzig, wenn wir im Auto bleiben?«</p><p>»Nein. Die Lokomotive ist elektrisch. Und das Verdeck wird geschlossen.«</p><p>Ein Bahnbeamter legte Bremskl&#xF6;tze unter die R&#xE4;der. Die &#xFC;brigen Fahrer blieben ebenfalls in ihren Wagen. Die beiden Limousinen lie&#xDF;en ihre Deckenlichter brennen. Der Zug rangierte und fuhr in den Gotthardtunnel ein.</p><p>»Wo kommen wir heraus?«</p><p>»Bei Airolo. Da beginnt der S&#xFC;den.«</p><p>Lillian dehnte sich auf ihrem Sitz. Der Tunnel schien alles von ihr abzustreifen, was noch von fr&#xFC;her um sie herumgeflattert war.</p><p>Der Zug hielt in einem weichen Rauschen von Grau und Gold und milder Luft. Es war die Luft des Lebens nach der toten Luft des Tunnels. Erst nach einer Weile begriff Lillian, da&#xDF; es regnete. Sie horchte auf die Tropfen, die sanft auf das Verdeck klopften, sie atmete die weiche Luft und hielt die Hand in den Regen. Gerettet, dachte sie. &#xDC;ber den Styx geworfen und gerettet.</p><p>»Es sollte umgekehrt sein«, sagte Clerfayt. »Dr&#xFC;ben sollte es geregnet haben, und hier sollte klares Wetter sein. Sind Sie entt&#xE4;uscht?«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Ich habe seit Oktober keinen Regen mehr gesehen.«</p><p>»Und seit vier Jahren waren Sie nicht unten? Das ist dann ja fast so, als w&#xE4;ren Sie noch einmal geboren. Noch einmal geboren, mit Erinnerungen.«</p><p>Er fuhr zur Stra&#xDF;e hin&#xFC;ber, um zu tanken. »Man k&#xF6;nnte Sie beneiden. Sie fangen noch einmal von vorn an.«</p><p>Der Zug fuhr ab und verschwand mit roten Lichtern im Regen. Clerfayt sah einen Augenblick Lillian an. Sie sah anders aus als je zuvor. Ihr Gesicht war vom Schein der Geschwindigkeitsmesser, der Uhren beleuchtet, und es schien, im Kontrast dazu, f&#xFC;r einen Herzschlag v&#xF6;llig zeitlos und unber&#xFC;hrt davon zu sein – zeitlos, sp&#xFC;rte Clerfayt pl&#xF6;tzlich, wie der Tod, mit dem es ein Rennen startete, gegen das alle Automobilrennen Kinderei waren. Ich werde sie in Paris absetzen und verlieren, dachte er. Nein, ich mu&#xDF; versuchen, sie zu halten! Ich w&#xE4;re ein Idiot, wenn ich es nicht versuchte!</p><p>»Wissen Sie schon, was Sie in Paris tun wollen?« fragte er.</p><p>»Ich habe einen Onkel dort. Er verwaltet mein Geld. Bisher hat er es mir in monatlichen Raten geschickt. Jetzt werde ich es ihm ganz entrei&#xDF;en. Es wird ein Drama werden. Er glaubt immer noch, ich sei vierzehn Jahre alt.«</p><p>»Und wie alt sind Sie wirklich?«</p><p>»Vierundzwanzig und achtzig.«</p><p>Clerfayt lachte. »Eine gute Kombination. Ich war einmal sechsunddrei&#xDF;ig und achtzig – als ich aus dem Krieg wiederkam.«</p><p>»Und was geschah?«</p><p>»Ich wurde vierzig. Es war sehr traurig.«</p><p>Clerfayt lenkte den Wagen zum rechten Stra&#xDF;enrand. Es wurde sehr still. Man h&#xF6;rte nur einen Bach rauschen und das leise Klopfen des Regens. Dies war das Gl&#xFC;ck, f&#xFC;hlte Lillian. Diese Minute der Stille voll dunkler, feuchter, fruchtbarer Erwartung. Sie w&#xFC;rde sie nie vergessen – die Nacht, das sanfte Rieseln und die begl&#xE4;nzte, nasse Stra&#xDF;e.</p><p>Eine Viertelstunde sp&#xE4;ter kamen sie in Nebel. Clerfayt fuhr sehr langsam. Nach einer Weile konnten sie den Stra&#xDF;enrand wieder erkennen. Clerfayt bremste den Wagen pl&#xF6;tzlich sehr stark. Sie waren gerade aus dem Nebel herausgekommen. Vor ihnen, um einen Kilometerstein gedreht, hing der rote Sportwagen, ein Rad &#xFC;ber dem Abgrund. Neben ihm stand der Mann, der ihn gefahren hatte, unverletzt.</p><p>»Das nennt man Gl&#xFC;ck«, sagte Clerfayt.</p><p>»Gl&#xFC;ck?« erwiderte der Mann w&#xFC;tend. »Und der Wagen? Sehen Sie sich das an! Ich bin nicht kaskoversichert.«</p><p>»Mann, seien Sie froh, da&#xDF; Sie noch auf der Stra&#xDF;e stehen.«</p><p>Clerfayt stieg wieder ein.</p><p>»Ich werde Ihnen einen Wagen zum Abschleppen schicken.«</p><p>»Was? Sie wollen mich hier im Regen auf der Stra&#xDF;e stehen lassen?«</p><p>»Ja. Atmen Sie tief, schauen Sie auf die Berge, danken Sie Gott, da&#xDF; Sie noch leben, und denken Sie daran, da&#xDF; bessere Leute als Sie sterben mu&#xDF;ten.«</p><p>Sie fanden in Biasca eine Garage. Der Besitzer war beim Abendessen. Er verlie&#xDF; seine Familie und nahm eine Flasche Barberawein mit. »Er wird etwas Alkohol brauchen k&#xF6;nnen«, sagte er. »Ich vielleicht auch.«</p><p>Der Wagen glitt weiter den Berg hinunter. Kehre auf Kehre, Serpentine auf Serpentine. »Dies ist ein eint&#xF6;niges St&#xFC;ck«, sagte Clerfayt. »Es zieht sich hin bis Locarno. Dann kommt der See. Sind Sie m&#xFC;de?«</p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte den Kopf. M&#xFC;de! dachte sie. Eint&#xF6;nig! Sp&#xFC;rt dieses gesunde St&#xFC;ck Leben neben mir denn nicht, da&#xDF; alles in mir zittert? Begreift er nicht, was in mir vorgeht? F&#xFC;hlt er nicht, da&#xDF; das eingefrorene Bild der Welt pl&#xF6;tzlich in mir aufgetaut ist und sich bewegt und spricht, da&#xDF; der Regen spricht, da&#xDF; die nassen Felsen sprechen und das Tal mit seinen Schatten und Lichtern und die Stra&#xDF;e?</p><p>»Wie gefiel Ihnen Ihre erste Begegnung hier unten?« fragte Clerfayt. »Ein Mann, der um seinen Besitz jammert und sein Leben f&#xFC;r selbstverst&#xE4;ndlich h&#xE4;lt? Sie werden noch viele &#xE4;hnliche kennenlernen.«</p><p>»Es war eine Abwechslung. Oben hielt jeder sein Leben f&#xFC;r entsetzlich wichtig. Ich auch.«</p><p>Stra&#xDF;en sprangen vor ihnen auf. Lichter, H&#xE4;user, Blau und ein weiter Platz mit Arkaden. »Wir sind in zehn Minuten da«, sagte Clerfayt. »Dies ist schon Locarno.«</p><p>Pl&#xF6;tzlich lag der See vor ihnen, breit, silbern und unruhig. Es hatte aufgeh&#xF6;rt zu regnen. Die Wolken zogen rasch und niedrig &#xFC;ber den Mond. Ascona lag still mit seiner Piazza am Ufer.</p><p>»Wo werden wir wohnen?« fragte Lillian.</p><p>»Am See. Im Hotel Tamaro.«</p><p>»Woher kennen Sie das alles?«</p><p>»Ich habe nach dem Kriege ein Jahr lang hier gelebt«, erwiderte Clerfayt. »Morgen fr&#xFC;h werden Sie wissen, warum.«</p><p>Er hielt vor dem kleinen Hotel und lud das Gep&#xE4;ck aus. »Der Besitzer hier hat eine Bibliothek«, sagte er. »Er ist fast ein Gelehrter. Wollen wir sofort essen fahren?«</p><p>»Wohin?«</p><p>»Nach Brissago, an der italienischen Grenze. Zehn Minuten von hier. In ein Restaurant, das Giardino hei&#xDF;t.«</p><p>Lillian sah sich um. »Da bl&#xFC;hen ja Glyzinien!«</p><p>»Fr&#xFC;hling«, sagte Clerfayt. »Gott segne Giuseppe. Er verschiebt die Jahreszeiten.«</p><p>Der Wagen fuhr langsam den See entlang. »Mimosen«, sagte Clerfayt und zeigte auf die bl&#xFC;henden B&#xE4;ume am See. »Ganze Alleen. Und da ist ein H&#xFC;gel mit Iris und Narzissen. Dieses Dorf hei&#xDF;t Porto Ronco. Und das dort auf dem Berge Ronco. Die R&#xF6;mer haben es gebaut.«</p><p>Er parkte den Wagen neben einer langen, steinernen Treppe. Sie stiegen zu einem kleinen Restaurant hinauf. Er bestellte eine Flasche Soave, Prosciutto, Scampis mit Reis und K&#xE4;se aus dem Valle Maggia.</p><p>Es waren nicht viele Leute da. Die Fenster standen offen. Die Luft war sanft. Ein Topf mit wei&#xDF;en Kamelien stand auf dem Tisch.</p><p>»Sie haben hier gelebt?« fragte Lillian. »An diesem See?«</p><p>»Ja. Fast ein Jahr. Nach meiner Flucht und nach dem Kriege. Ich wollte ein paar Tage bleiben, aber ich blieb viel l&#xE4;nger. Ich hatte es n&#xF6;tig. Es war eine Kur mit Nichtstun, Sonne, Starren in den Himmel und in den See und viel Vergessen. Salute!« Lillian trank den leichten italienischen Wein. »Irre ich mich, oder ist das Essen hier erstaunlich gut?« fragte sie.</p><p>»Es ist erstaunlich gut. Der Wirt k&#xF6;nnte Chef in jedem gro&#xDF;en Hotel sein.«</p><p>»Warum ist er es nicht?«</p><p>»Er war es. Sein Heimatdorf gef&#xE4;llt ihm besser.«</p><p>Lillian blickte auf. »Er wollte zur&#xFC;ck – nicht hinaus?«</p><p>»Er war drau&#xDF;en – und ging zur&#xFC;ck.«</p><p>Sie stellte ihr Glas auf den Tisch. »Ich bin gl&#xFC;cklich, Clerfayt«, sagte sie. »Dazu mu&#xDF; ich sagen, da&#xDF; ich &#xFC;berhaupt nicht wei&#xDF;, was das Wort bedeutet.«</p><p>»Ich wei&#xDF; es auch nicht.«</p><p>»Waren Sie nie gl&#xFC;cklich?«</p><p>»Oft.«</p><p>Sie sah ihn an. »Jedes Mal anders«, f&#xFC;gte er hinzu.</p><p>»Wann am meisten?«</p><p>»Ich wei&#xDF; es nicht. Es war jedes Mal anders.«</p><p>»Wann am meisten?«</p><p>»Allein«, sagte Clerfayt.</p><p>Lillian lachte. »Wohin gehen wir jetzt? Gibt es noch mehr verzauberte Wirte und Hoteliers hier?«</p><p>»Viele. Nachts, bei Vollmond, taucht ein gl&#xE4;sernes Restaurant aus dem See auf. Es geh&#xF6;rt einem Sohne Neptuns. Man kann dort alte r&#xF6;mische Weine kneipen. Aber jetzt gehen wir zu einer Bar, in der es einen Wein gibt, der in Paris schon ausverkauft ist.«</p><p>Sie fuhren zur&#xFC;ck nach Ascona. Clerfayt lie&#xDF; den Wagen vor dem Hotel stehen. Sie gingen die Piazza entlang und stiegen in einen Keller hinab. Unten war eine kleine Bar.</p><p>»Ich brauche nichts mehr zu trinken«, sagte Lillian. »Ich bin betrunken von den Mimosen.«</p><p>Sie gingen zur&#xFC;ck.</p><p>Sie stand am Fenster ihres Zimmers. Drau&#xDF;en waren der See, die Nacht und der Wind. Clerfayt kam herein. Er legte den Arm um sie. Sie drehte sich um und sah ihn an. Er k&#xFC;&#xDF;te sie. »Hast du keine Angst?« fragte sie.</p><p>»Wovor?«</p><p>»Da&#xDF; ich krank bin.«</p><p>»Ich habe Angst davor, da&#xDF; mir beim Rennen mit zweihundert Kilometer Geschwindigkeit ein Vorderreifen platzt«, sagte er.</p><p>Lillian atmete tief auf. Wir sind ja &#xE4;hnlich, dachte sie. Wir haben ja beide keine Zukunft! Seine reicht immer nur bis zum n&#xE4;chsten Rennen; und meine bis zum n&#xE4;chsten Blutsturz. Sie l&#xE4;chelte.</p><p>Er stellte die Flasche auf das Fensterbrett, nahm sie aber wieder weg. »Man soll Wein nicht in den Mond stellen. Der Mond t&#xF6;tet seinen Duft.« Er ging zur T&#xFC;r. »Clerfayt«, sagte Lillian.</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Paris lag mit seinen Vororten grau und h&#xE4;sslich da; aber je weiter sie in die Stadt kamen, um so mehr begann die Verzauberung. Ecken, Winkel und Stra&#xDF;en tauchten auf wie Bilder von Utrillo und Pissarro, das Grau wurde bleich und fast silbrig.</p><p>»Von dort«, sagte Clerfayt, »hat man Marie Antoinette abgeholt, um sie zu k&#xF6;pfen. Im Restaurant gegen&#xFC;ber isst man besonders gut. Man kann hier &#xFC;berall Hunger mit Geschichte verbinden. Wo wollen Sie wohnen?«</p><p>»Dort«, erwiderte Lillian und zeigte &#xFC;ber den Fluss auf die helle Fassade eines kleinen Hotels.</p><p>»Kennen Sie es?«</p><p>»Woher?«</p><p>»Aus der Zeit, als Sie hier lebten?«</p><p>»Als ich hier lebte, wohnte ich meistens im Keller eines Gem&#xFC;seh&#xE4;ndlers versteckt.«</p><p>»Wollen Sie nicht lieber irgendwo im sechzehnten Arrondissement wohnen? Oder bei Ihrem Onkel?«</p><p>»Mein Onkel ist so geizig, da&#xDF; er wahrscheinlich selbst nur ein Zimmer hat. Fahren wir hin&#xFC;ber und fragen wir nach, ob dort Zimmer frei sind. Wo wohnen Sie?«</p><p>»Im Ritz.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich«, sagte Lillian.</p><p>Clerfayt nickte. »Ich bin nicht reich genug, anderswo zu wohnen.«</p><p>Sie fuhren &#xFC;ber die Br&#xFC;cke des Boulevard St.-Michel in den Quai des Grands-Augustins und hielten vor dem Hotel Bisson. Als sie ausstiegen, kam gerade ein Hausknecht mit Koffern heraus. »Da ist mein Zimmer«, sagte Lillian. »Jemand zieht aus.«</p><p>»Du willst wirklich hier wohnen? Einfach nur, weil du das Hotel von dr&#xFC;ben gesehen hast?«</p><p>Lillian nickte. »Ich will sogar so leben. Ohne irgendwelche Empfehlungen und Vorurteile.«</p><p>Das Zimmer war frei. Das Hotel hatte keinen Aufzug, aber das Zimmer lag zum Gl&#xFC;ck im ersten Stock. Die Treppen waren alt. Das Zimmer war klein und sparsam m&#xF6;bliert; aber das Bett schien gut zu sein, und ein Badezimmer war da. Die M&#xF6;bel waren modern, bis auf einen kleinen Barocktisch, der wie ein Prinz zwischen Sklaven stand.</p><p>»Du kannst jeden Tag ausziehen, wenn du willst«, sagte Clerfayt.</p><p>»Manche Menschen vergessen das.«</p><p>»Wohin? Zu dir ins Ritz?«</p><p>»Nicht zu mir, sondern ins Ritz«, erwiderte Clerfayt. »Ich habe da w&#xE4;hrend des Krieges ein halbes Jahr gewohnt. Mit einem Bart und unter anderem Namen.«</p><p>Der Hausknecht brachte die Koffer herauf. Clerfayt ging zur T&#xFC;r.</p><p>»Willst du heute abend mit mir essen?«</p><p>»Wann?«</p><p>»Um neun?«</p><p>»Um neun.«</p><p>Sie blickte ihm nach. Sie hatten auf der Reise mit keinem Wort den Abend in Ascona erw&#xE4;hnt. Sie h&#xF6;rte Giuseppe r&#xF6;hren und ging zum Fenster. Vielleicht kommt er wieder, dachte sie, vielleicht auch nicht. Sie wu&#xDF;te es nicht, und es war nicht sehr wichtig. Wichtig war, da&#xDF; sie in Paris war, da&#xDF; es Abend war und da&#xDF; sie atmete.</p><p>Sie packte ihre Sachen aus. Sie hatte nicht viel mitgebracht. Sie hatte auch nicht viel Geld bei sich. Sie rief ihren Onkel an. Er antwortete nicht. Sie rief noch einmal an. Eine fremde Stimme antwortete. Das Telefon war von ihrem Onkel vor Jahren aufgegeben worden.</p><p>Sie sp&#xFC;rte eine kurze Panik. Sie hatte ihr Geld monatlich durch eine Bank bekommen und lange nichts von ihrem Onkel geh&#xF6;rt. Er konnte nicht tot sein, dachte sie.</p><p>Das Zimmer wurde k&#xFC;hl am Abend. Lillian zog ihren Mantel an. Sie hatte zur Vorsicht ein paar wollene Sachen zusammengepackt, als sie das Sanatorium verlassen hatte, und geglaubt, sie k&#xF6;nne sie hier jemand schenken. Jetzt war sie froh, da&#xDF; sie sie hatte. Lillian nahm ein Bad, um sich zu w&#xE4;rmen, und legte sich zu Bett. Sie war zum ersten Mal allein, seit sie abgefahren war. Sie war zum ersten Mal wirklich allein seit Jahren. Ihr Geld reichte h&#xF6;chstens f&#xFC;r eine Woche. Mit der Dunkelheit kam die Panik wieder. Wer wu&#xDF;te, wo ihr Onkel war? Vielleicht war er f&#xFC;r ein paar Wochen auf Reisen gegangen. Vielleicht war er tot. Vielleicht ist auch Clerfayt weggefahren und sie w&#xFC;rde auch von ihm nie wieder etwas h&#xF6;ren..</p><p>Jemand klopfte. Drau&#xDF;en stand der Hausbursche mit zwei Paketen, Sie sah, da&#xDF; in dem einen Blumen waren. Sie konnten nur von Clerfayt sein. Im zweiten Paket war eine wollene Decke. »Ich glaube, Sie k&#xF6;nnen sie brauchen«, schrieb Clerfayt. »Paris hat immer noch nicht genug Kohlen.« Sie faltete die Decke auseinander. Zwei kleine Kartons fielen heraus. Sie enthielten Gl&#xFC;hbirnen. »Franz&#xF6;sische Hoteliers sparen immer an Licht«, schrieb Clerfayt dazu. »Ersetzen Sie Ihre Birnen mit diesen Lampen – sie machen die Welt sofort doppelt so hell.«</p><p>Sie folgte seinem Rat. Jetzt konnte sie wenigstens lesen. Der Hausknecht hatte eine Zeitung gebracht. Sie sah hinein, aber das alles ging sie nichts mehr an. Ihre Zeit war zu kurz. Sie w&#xFC;rde nie mehr wissen, wer im n&#xE4;chsten Jahre Pr&#xE4;sident w&#xFC;rde; ebenso nicht, welche Partei im Parlament regieren w&#xFC;rde. Es interessierte sie auch nicht; sie war nur noch Wille zum Leben. Zu ihrem eigenen Leben.</p><p>Sie zog sich an. Sie hatte die letzte Adresse ihres Onkels; er hatte ihr vor einem halben Jahr von dort geschrieben. Sie wollte hinfahren und da weiter nach ihm forschen.</p><p>Sie hatte es nicht n&#xF6;tig. Der Onkel wohnte noch da; er hatte nur sein Telefon aufgegeben.</p><p>»Dein Geld?« sagte er. »Wie du willst. Ich habe es dir monatlich in die Schweiz geschickt, es war sehr schwierig, die Ausfuhrerlaubnis zu bekommen. Ich kann es dir nat&#xFC;rlich monatlich in Frankreich auszahlen lassen. Wohin?«</p><p>»Ich will es nicht monatlich haben. Ich will alles jetzt sofort haben.«</p><p>»Wozu?«</p><p>»Ich will mir Kleider kaufen.«</p><p>Der alte Mann starrte sie an.</p><p>Gaston blickte auf seine blassen, gro&#xDF;en H&#xE4;nde. »Du hast nicht mehr viel Geld. Was willst du hier anfangen? Du solltest heiraten. Bist du gesund?«</p><p>»W&#xE4;re ich sonst hier?«</p><p>»Dann solltest du heiraten.«</p><p>Lillian lachte.</p><p>»Lass uns dabei bleiben. Und besorge mir das Geld bis morgen. Ich will die Kleider bald kaufen.« »Wo?« fragte der Marabu schnell.</p><p>»Bei Balenciaga, denke ich. Vergi&#xDF; nicht, da&#xDF; das Geld mir geh&#xF6;rt. Morgen«, sagte Lillian und k&#xFC;&#xDF;te Gaston leicht auf die Stirn.</p><p>»H&#xF6;re, Lillian, mach keinen Unsinn! Du bist sehr gut angezogen.</p><p>Kleider in diesen Modeh&#xE4;usern kosten ein Verm&#xF6;gen!«</p><p>»Wahrscheinlich«, erwiderte Lillian.</p><p>»Wie dein Vater!« Der alte Mann war ehrlich entsetzt. »Genau so!«</p><p>Lillian sah sich um. Sie sah sch&#xF6;ne, alte M&#xF6;bel, Polstersessel, einen Kristall-L&#xFC;ster, und einige gute Bilder.</p><p>»Du warst immer geizig, Onkel Gaston«, sagte sie. »Warum bist du es jetzt noch?«</p><p>»Willst du hier wohnen? Ich habe wenig Platz.«</p><p>»Du hast genug Platz, aber ich will nicht hier wohnen. Wie alt bist du eigentlich? Warst du nicht zwanzig Jahre &#xE4;lter als mein Vater?«</p><p>Der alte Mann war irritiert. »Wenn du es wei&#xDF;t, wozu fragst du mich dann noch? Solltest du mit einer baldigen Erbschaft rechnen, so k&#xF6;nnte es eine Entt&#xE4;uschung sein.«</p><p>Lillian lachte. »Damit rechne ich bestimmt nicht! Und ich wohne in einem Hotel und werde dir hier nicht zur Last fallen.« »In welchem Hotel?« fragte Gaston rasch.</p><p>»Im Bisson.«</p><p>»Gottlob. Ich h&#xE4;tte mich nicht gewundert, wenn du ins Ritz gezogen w&#xE4;rest.«</p><p>»Ich mich auch nicht«, sagte Lillian.</p><p>Clerfayt holte sie ab. Sie fuhren in das Restaurant Le Grand V&#xE9;four.</p><p>»Wie war Ihr erster Zusammensto&#xDF; mit der Welt hier unten?« fragte er.</p><p>»Ich habe das Gef&#xFC;hl, unter Menschen zu sein, die glauben, da&#xDF; sie ewig leben. So handeln sie wenigstens. Sie verteidigen ihren Besitz und vers&#xE4;umen dar&#xFC;ber ihr Leben.«</p><p>Clerfayt lachte. »Dabei haben alle sich im letzten Krieg geschworen, nie mehr denselben Fehler zu machen, wenn sie lebend durchk&#xE4;men.</p><p>Der Mensch ist gro&#xDF; im Vergessen.«</p><p>»Hast du es auch vergessen?« fragte Lillian.</p><p>»Ich habe mir gro&#xDF;e M&#xFC;he gegeben. Es ist mir hoffentlich nicht ganz gelungen.«</p><p>»Liebe ich dich deshalb?«</p><p>»Du liebst mich nicht. Wenn du mich liebtest, w&#xFC;rdest du das Wort nicht so leichtfertig gebrauchen – und es mir nicht sagen.«</p><p>»Liebe ich dich, weil du nicht an die Zukunft denkst?«</p><p>»Dann h&#xE4;ttest du jeden Mann im Sanatorium lieben m&#xFC;ssen. Wir werden hier Seezunge mit ger&#xF6;steten Mandeln essen und einen jungen Montrachet dazu trinken.«</p><p>»Weshalb liebe ich dich dann?«</p><p>»Weil ich gerade da bin. Und weil du das Leben liebst. Ich bin f&#xFC;r dich ein anonymes St&#xFC;ck Leben. H&#xF6;chst gef&#xE4;hrlich.«</p><p>»F&#xFC;r mich?«</p><p>»F&#xFC;r den, der anonym ist. Er kann beliebig ersetzt werden.«</p><p>»Ich auch«, sagte Lillian. »Ich auch, Clerfayt.«</p><p>»Dessen bin ich nicht mehr so ganz sicher. Wenn ich klug w&#xE4;re, w&#xFC;rde ich so bald wie m&#xF6;glich ausrei&#xDF;en.«</p><p>»Du bist doch noch gar nicht richtig da.«</p><p>»Ich fahre morgen weg.«</p><p>»Wohin?« fragte Lillian, ohne es zu glauben.</p><p>»Weit weg. Ich mu&#xDF; nach Rom.«</p><p>»Und ich zu Balenciaga, Kleider kaufen. Das ist noch weiter als Rom.«</p><p>»Ich fahre wirklich. Ich mu&#xDF; mich um einen Vertrag k&#xFC;mmern.«</p><p>»Gut«, sagte Lillian. »Das gibt mir Zeit, mich in das Abenteuer der Modeh&#xE4;user zu st&#xFC;rzen. Mein Onkel Gaston m&#xF6;chte mich bereits unter Kuratel stellen – oder mich verheiraten.«</p><p>Clerfayt lachte. »Er m&#xF6;chte dich in ein zweites Gef&#xE4;ngnis stecken, bevor du wei&#xDF;t, was Freiheit ist?«</p><p>»Was ist Freiheit?«</p><p>»Das wei&#xDF; ich auch nicht. Ich wei&#xDF; nur, da&#xDF; es weder Verantwortungslosigkeit noch Ziellosigkeit ist. Man wei&#xDF; leichter was es nicht ist, als was es ist.«</p><p>»Wann kommst du wieder?« fragte Lillian.</p><p>»In ein paar Tagen.«</p><p>»Hast du eine Geliebte in Rom?« »Ja«, sagte Clerfayt.</p><p>»Das dachte ich mir.«</p><p>»Warum?«</p><p>»Es w&#xE4;re sonderbar, wenn du allein gelebt h&#xE4;ttest. Ich habe auch nicht allein gelebt, als du kamst.«</p><p>»Und jetzt?«</p><p>»Jetzt«, sagte Lillian, »bin ich viel zu betrunken von mir selbst hier unten, als da&#xDF; ich dar&#xFC;ber nachdenken k&#xF6;nnte.«</p><p>Sie ging am n&#xE4;chsten Nachmittag zu Balenciaga. Sie hatte au&#xDF;er ihren Sportsachen nur wenige Kleider. Einige waren noch nach der Mode aus dem Kriege geschnitten, andere hatte sie von ihrer Mutter bekommen.</p><p>Sie beobachtete aufmerksam die Frauen, die um sie herumsa&#xDF;en. Sie studierte ihre Kleider und Gesichter.</p><p>Sie suchte f&#xFC;nf Kleider aus. »Wollen Sie sie gleich probieren?« fragte die Verk&#xE4;uferin.</p><p>»Kann ich das?«</p><p>»Ja. Diese drei werden Ihnen passen; die anderen sind etwas zu weit.« »Wann kann ich sie haben?« fragte Lillian.</p><p>»Wann brauchen Sie sie?«</p><p>»Sofort.«</p><p>Die Verk&#xE4;uferin lachte. »Sofort hei&#xDF;t hier in drei bis vier Wochen – fr&#xFC;hestens.«</p><p>»Ich brauche sie sofort. Kann ich die Modelle kaufen, die mir passen?«</p><p>Die Verk&#xE4;uferin sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Nein, wir brauchen sie jeden Tag.«</p><p>Die Modelle waren in eine Kabine gebracht worden, die voll von Spiegeln war. Die Schneiderin kam mit ihnen, um Ma&#xDF; zu nehmen. »Sie haben ausgezeichnet gew&#xE4;hlt, Mademoiselle«, sagte die Verk&#xE4;uferin. »Die Kleider passen zu Ihnen, als w&#xE4;ren sie f&#xFC;r Sie entworfen.</p><p>Lillian richtete sich auf und sah in den Spiegel.</p><p>»Sehen Sie!« sagte die Verk&#xE4;uferin. »Das ist es, was ich meinte. Die meisten Frauen kaufen, was ihnen gef&#xE4;llt. Sie haben gekauft, was zu Ihnen pa&#xDF;t. Finden Sie nicht auch?« fragte sie die Schneiderin.</p><p>Die Schneiderin nickte.</p><p>»K&#xF6;nnen Sie es nicht schneller machen als vier Wochen?« fragte sie. »Dieses eine wenigstens? Ich habe wenig Zeit.«</p><p>»Was meinen Sie, Mademoiselle Claude?« fragte die Schneiderin. Die Verk&#xE4;uferin nickte. »Wir werden sofort anfangen.« »Wann?« fragte Lillian.</p><p>»In zwei Wochen kann es fertig sein.«</p><p>»Zwei Wochen –« Es war wie zwei Jahre.</p><p>»Wenn es m&#xF6;glich ist, in zehn Tagen. Wir brauchen ein paar Anproben.«</p><p>»Gut. Wenn es nicht anders geht.«</p><p>»Es geht nicht anders.«</p><p>Sie kam jeden Tag zum Anprobieren. Die Stille in der Kabine verzauberte sie auf sonderbare Weise. Lillian stand still und sah vor sich in den Spiegeln die drei Frauen, die ihr glichen und gleichzeitig auf eine sehr k&#xFC;hle Weise von ihr distanziert waren.</p><p>Im Laufe der Tage entwickelte sich ein Verh&#xE4;ltnis von sonderbar fremder Intimit&#xE4;t zwischen ihr und den Frauen im Spiegel, die sich mit jedem neuen Kleid verwandelten. Sie sprach mit ihnen, ohne zu sprechen; die Bilder l&#xE4;chelten ihr zu, ohne zu l&#xE4;cheln.</p><p>Balenciaga kam zur&#xFC;ck. Er sah wortlos einer Anprobe zu. Die Verk&#xE4;uferin brachte am n&#xE4;chsten Tage etwas Silbernes in die Kabine, das aussah wie die Haut eines Fisches, der nie Sonne gesp&#xFC;rt hatte. »Monsieur Balenciaga m&#xF6;chte, da&#xDF; Sie dieses Kleid haben«, sagte die Verk&#xE4;uferin.</p><p>»Ich mu&#xDF; aufh&#xF6;ren. Ich habe schon mehr gekauft, als ich sollte; jeden Tag habe ich etwas dazugekauft.«</p><p>»Probieren Sie es an. Sie werden es sicher nehmen.«</p><p>Die Verk&#xE4;uferin l&#xE4;chelte. »Auch der Preis wird so sein, da&#xDF; sie zufrieden sein werden. Das Haus Balenciaga m&#xF6;chte, da&#xDF; Sie seine Kleider tragen.«</p><p>Lillian zog das silberne Nichts an. Es war fast perlenfarbig, aber anstatt sie bla&#xDF; zu machen, erh&#xF6;hte es die Farbe ihres Gesichts und ihrer Schultern zu einem goldenen Bronzeton. Sie seufzte. »Ich werde es nehmen. Es ist schwerer, ein solches Kleid abzulehnen als die Antr&#xE4;ge Don Juans und Apolls.«</p><p>Nicht immer, dachte sie, aber im Augenblick war es so. Sie lebte in einer schwerelosen, grauen und silbernen Welt. Vormittags schlief sie lange, dann ging sie zur Balenciaga, hinterher wanderte sie ziellos durch die Stra&#xDF;en, und abends a&#xDF; sie allein im Restaurant des Hotels. Das Restaurant geh&#xF6;rte zu den besten in Paris; sie hatte das vorher nicht gewu&#xDF;t. Sie hatte kein Verlangen nach Gesellschaft und vermi&#xDF;te Clerfayt nur wenig. Das anonyme Leben, das von den Stra&#xDF;en, den Caf&#xE9;s und den Restaurants auf sie von allen Seiten ma&#xDF;los eindrang, war stark genug und noch so neu f&#xFC;r sie, da&#xDF; sie ein pers&#xF6;nliches Leben darunter noch nicht sehr vermi&#xDF;te.</p><p>»Sie haben klug gekauft«, sagte die Verk&#xE4;uferin bei der letzten Anprobe. »Alle diese Kleider werden nie unmodern werden. Sie k&#xF6;nnen sie f&#xFC;r Jahre tragen.« Jahre, dachte Lillian und l&#xE4;chelte.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Sie hatte fast zwei Wochen zwischen Kleidern, H&#xFC;ten und Schuhen zugebracht, wie ein Trinker in einem Weinkeller. Die ersten Kleider wurden geliefert, und sie schickte die Rechnungen an Onkel Gaston, der ihr zum Hotel zwar ihre monatliche Rente, aber sonst kein Geld gesandt hatte.</p><p>Gaston erschien aufgeregt am n&#xE4;chsten Tag. Er schn&#xFC;ffelte im Hotel herum, erkl&#xE4;rte sie f&#xFC;r unverantwortlich und verlangte &#xFC;berraschend, da&#xDF; sie in seine Wohnung ziehe.</p><p>»Damit du mich unter Kontrolle hast?«</p><p>»Damit du Geld sparst. Es ist ein Verbrechen, f&#xFC;r Kleider so viel auszugeben. Daf&#xFC;r m&#xFC;&#xDF;ten sie aus Gold sein!«</p><p>»Sie sind aus Gold; du siehst es nur nicht. Onkel Gaston, ich bin nicht verr&#xFC;ckt; du bist es. Und nun genug davon! Bleib zum Essen. Das Restaurant hier ist au&#xDF;erordentlich gut. Ich werde eines der Kleider anziehen f&#xFC;r dich.«</p><p>»Ausgeschlossen! Auch noch Geld rauswerfen f&#xFC;r …«</p><p>»Ich lade dich ein. Ich habe Kredit hier. Du kannst mir dann w&#xE4;hrend des Essens weitererz&#xE4;hlen, wie vern&#xFC;nftige Menschen leben. Jetzt bin ich hungrig wie ein Skil&#xE4;ufer nach sechs Stunden Training. Nein, hungriger! Anprobieren macht hungrig. Warte unten auf mich. Ich bin in f&#xFC;nf Minuten fertig.«</p><p>Sie kam eine Stunde sp&#xE4;ter herunter. Gaston sa&#xDF;, bla&#xDF; vor Wut und Warten, an einem kleinen Tisch. Er hatte sich keinen Aperitif bestellt. Sie hatte die gro&#xDF;e Genugtuung, da&#xDF; er sie nicht sofort erkannte. »Ich bin es, Onkel Gaston«, sagte sie.</p><p>Gaston hustete. »Ich sehe nur schlecht. Wann habe ich dich das letzte Mal gesehen?«</p><p>»Vor zwei Wochen.«</p><p>»Das meine ich nicht. Vorher.«</p><p>»Vor vier Jahren – da war ich halb verhungert und ganz verst&#xF6;rt.«</p><p>»Und jetzt?«</p><p>»Jetzt bin ich immer noch halb verhungert.«</p><empty-line/><p>Gaston holte einen Kneifer<a type="note" l:href="#n_27">[27]</a> aus der Tasche. »F&#xFC;r wen hast du diese</p><p>Kleider gekauft?«</p><p>»F&#xFC;r mich.«</p><p>»Du bist ganz allein?«</p><p>»Ja, aber nicht so wie du«, sagte Lillian und ging ihm voran in das Restaurant.</p><p>»Was willst du essen?« fragte Gaston. »Es ist klar, da&#xDF; ich dich einlade. Ich bin nicht hungrig. Und f&#xFC;r dich? Leichte Krankenkost doch wohl? Ein Omelette, ein Obstsalat, etwas Vichywasser –«</p><p>»F&#xFC;r mich«, erwiderte Lillian, »zum Anfang Seeigel, und zwar ein</p><p>Dutzend, und einen Wodka.«</p><p>Gaston blickte auf die Preisliste. »Seeigel sind ungesund!«</p><p>»Das macht es so dramatisch, mit dir zu essen.«</p><p>»Lass uns von etwas anderem reden. Kann ich mal deine Seeigel kosten?«</p><p>Lillian reichte ihm den Teller hin&#xFC;ber. Gaston a&#xDF; eilig drei. Er sparte noch am Essen; aber beim Wein trank er bereits mit. Wenn er ihn schon bezahlte, wollte er auch etwas davon haben.</p><p>»Kind«, sagte er, als die Flasche leer war, »wie die Zeit vergeht! Ich erinnere mich noch an dich, als du –«</p><p>»Davon will ich nichts mehr wissen, Onkel Gaston. Erkl&#xE4;re mir eins: Warum hat man mich Lillian genannt. Ich hasse den Namen.«</p><p>»Das war dein Vater. Er war in seiner Jugend ein paar Monate in New York. Allein. Ich h&#xF6;rte dann, da&#xDF; er in New York eine sehr romantische Aff&#xE4;re hatte. Mit jemand, der Lillian hie&#xDF;. Verzeih mir, aber du hast danach gefragt.«</p><subtitle>* * *</subtitle><p>»Lilly, du willst hier leben? Glaubst du nicht, da&#xDF; das ein Irrtum ist?«</p><p>»Ich wollte dich gerade dasselbe &#xFC;ber dich fragen.«</p><p>»Ich werde eine kleine Gesellschaft f&#xFC;r dich geben.Kommst du? Zu einem Diner.«</p><p>»Gut.«</p><p>»Du bist ein sch&#xF6;nes M&#xE4;dchen geworden, Lilly. Aber hart!«</p><p>Hart, dachte Lillian. Was nennt er hart? Und bin ich es?</p><p>Es war fast Mittag. Sie sa&#xDF; auf einer Bank. Sie schien Licht zu atmen. Es war das Leben selbst, und w&#xE4;hrend sie so dasa&#xDF;, still, ohne sich zu regen, und das Licht auf sich und in sich hineinregnen lie&#xDF;, geh&#xF6;rte sie ganz dazu und war eins damit. Und sie hatte pl&#xF6;tzlich das mystische Gef&#xFC;hl, da&#xDF; sie nie sterben k&#xF6;nne,und da&#xDF; etwas in ihr nie sterben w&#xFC;rde – das, was zu diesem magischen Licht geh&#xF6;rte. Es war ein gro&#xDF;er Trost, und sie wollte es nie vergessen.</p><p>Sie erinnerte sich an das letzte Mal, als sie in der Sainte-Chapelle gewesen war. Ihre Mutter hatte sie hierher gebracht. Es war w&#xE4;hrend der Zeit gewesen, als die Gestapo ihren Vater gesucht hatte. Sie hatten damals tags&#xFC;ber in Kirchen gelebt, weil ihnen das als das sicherste erschienen war.</p><p>Lillian streckte sich unter dem Licht. Ihr schien, als k&#xF6;nne sie es h&#xF6;ren. Man k&#xF6;nnte so vieles h&#xF6;ren, dachte sie, wenn man nur still genug werden k&#xF6;nnte. Sie atmete langsam und tief.</p><p>Der W&#xE4;rter mu&#xDF;te sie zweimal ansprechen. »Es wird geschlossen, Mademoiselle.«</p><p>Sie holte einen Geldschein aus der Tasche. Die Augen des W&#xE4;rters leuchteten auf. Das war ein Wunder, dachte sie, und es war nichts dagegen zu sagen – es war Brot und Wein und Leben und wohl auch Gl&#xFC;ck. Sie trat in den grauen Hof. Sie dachte pl&#xF6;tzlich an Clerfayt. Sie l&#xE4;chelte. Sie war bereit. Sie hatte seit seiner Abfahrt nichts von ihm geh&#xF6;rt. Es schmerzte sie nicht; sie hatte es auch nicht erwartet. Sie brauchte ihn noch nicht; aber es war gut zu wissen, da&#xDF; er da war.</p><p>Clerfayt hatte in Rom in B&#xFC;ros, Caf&#xE9;s und Werkst&#xE4;tten herumgesessen. Seine Abende verbrachte er mit Lydia Morelli. Er dachte im Anfang &#xF6;fter an Lillian; dann verga&#xDF; er sie f&#xFC;r Tage. Sie r&#xFC;hrte ihn, etwas, was ihm bei Frauen sonst nicht so leicht passierte. Sie schien ihm wie ein sch&#xF6;ner, junger Hund, der alles &#xFC;bertrieb, was er tat. Sie w&#xFC;rde sich schon gew&#xF6;hnen, dachte er. Sie w&#xFC;rde sich orientieren und so werden wie die andern – &#xE4;hnlich wie Lydia Morelli, aber wahrscheinlich nicht so perfekt. Sie war etwas f&#xFC;r einen leicht sentimentalen Mann mit poetischen Idealen, der viel Zeit f&#xFC;r sie haben konnte, entschied er – nichts f&#xFC;r ihn. Sie h&#xE4;tte bei Wolkow bleiben sollen. Clerfayt war gewohnt anders zu leben. Er wollte in nichts mehr zu tief hineingezogen werden. Lydia Morelli war richtig f&#xFC;r ihn. Lillian war ein reizvolles, kurzes Erlebnis in den Ferien f&#xFC;r ihn gewesen. F&#xFC;r Paris war sie zu provinziell.</p><p>Er f&#xFC;hlte sich erleichtert &#xFC;ber seinen Entschlu&#xDF;. Er w&#xFC;rde Lillian in Paris anrufen und sie noch einmal sehen, um es ihr zu erkl&#xE4;ren. Aber wozu wollte er sie dann noch sehen? Er dachte nicht lange dar&#xFC;ber nach. Wozu nicht? Es war ja fast nichts zwischen ihnen gewesen. Er unterschrieb seinen Kontrakt und blieb noch zwei Tage in Rom. Lydia Morelli fuhr am selben Tag nach Paris wie er. Er fuhr mit Giuseppe. Lydia mit der Eisenbahn; sie hasste Autoreisen und Flugzeuge.</p></section><section><title><p>10</p></title><p>Lillian hatte immer Angst vor der Nacht gehabt. Sie hatte im Sanatorium monatelang Licht brennen lassen.</p><p>Die N&#xE4;chte in Paris waren milder. Als die ersten Kleider kamen, h&#xE4;ngte Lillian sie nicht in den Schrank. Sie h&#xE4;ngte sie um sich herum ins Zimmer. Eines, aus Samt, hing &#xFC;ber dem Bett, so da&#xDF; sie sie anfassen konnte, wenn sie aus dem Schlaf auffuhr. Sie strich mit den H&#xE4;nden dar&#xFC;ber, sie f&#xFC;hlte den Stoff und stand auf und ging in ihrem Zimmer umher, nackt oft, und sie war dann von ihren Kleidern wie von Freunden umgeben.</p><p>Clerfayt starrte sie an, als er sie wieder sah, so hatte sie sich ver&#xE4;ndert. Er hatte sie angerufen – nachdem er zwei Tage in Paris war – wie eine unbequeme Pflicht, vermischt mit etwas Neugier, und hatte eine Stunde bleiben wollen. Er blieb den Abend. Es waren nicht allein die Kleider, das sah er sofort. Er hatte genug Frauen gesehen, die sich gut anzogen. Es war Lillian, die sich ver&#xE4;ndert hatte. Ihm schien, als habe er vor ein paar Wochen ein halbes M&#xE4;dchen verlassen und pl&#xF6;tzlich jemand wieder gefunden, der noch ihren Reiz, aber schon die magische Sicherheit einer sehr sch&#xF6;nen, jungen Frau hatte. Er hatte Lillian verlassen wollen; jetzt war er froh, noch eine sp&#xE4;te Chance zu haben, sie halten zu k&#xF6;nnen. Warum hatte er das vorher nicht gesehen? Er hatte es gesp&#xFC;rt, aber er hatte es nicht erkannt.</p><p>»Mein Onkel Gaston will mir eine Party geben«, sagte Lillian ein paar Abende sp&#xE4;ter.</p><p>»So?«</p><p>»Ja. Er will mich verheiraten.«</p><p>»Immer noch?«</p><p>»Mehr als je! Er f&#xFC;rchtet nicht nur meinen, sondern auch seinen Ruin, wenn ich l&#xE4;nger Kleider kaufe.«</p><p>Sie sa&#xDF;en wieder im Grand Vefour. Der Kellner brachte wieder, wie beim ersten Mal, eine Seezunge mit ger&#xF6;steten Mandeln, und sie tranken wieder einen jungen Montrachet. »Du bist einsilbig geworden in Rom«, sagte Lillian.</p><p>Clerfayt blickte auf. »So?«</p><p>Lillian l&#xE4;chelte. »Oder ist es die Frau, die vorhin hereingekommen ist?«</p><p>»Welche Frau?«</p><p>»Ist es n&#xF6;tig, da&#xDF; ich sie dir zeige?«</p><p>Clerfayt hatte Lydia Morelli nicht hereinkommen sehen. Er bemerkte sie erst jetzt. Was, zum Teufel, hatte sie gerade hierher gef&#xFC;hrt? Er kannte den Mann nicht, mit dem sie da war, wu&#xDF;te aber, da&#xDF; er Johnson hie&#xDF; und sehr reich sein sollte. Lydia hatte wahrhaftig keine Zeit verloren, seit er ihr morgens gesagt hatte, da&#xDF; er sie auch heute abend nicht treffen k&#xF6;nne.</p><p>»Du kennst sie?«</p><p>»So wie manche andere; nicht mehr und nicht weniger.«</p><p>Er sah, da&#xDF; Lydia Lillian beobachtete. Er h&#xE4;tte die Situation vermieden. Jetzt, da sie da war, beschlo&#xDF; er, sie auszun&#xFC;tzen. Wenn Lillian eifers&#xFC;chtig w&#xFC;rde, um so besser.</p><p>»Sie ist ausgezeichnet angezogen«, sagte Lillian.</p><p>Er nickte. »Sie ist bekannt daf&#xFC;r.«</p><p>Er erwartete jetzt eine Bemerkung &#xFC;ber Lydias Alter. Sie war vierzig und abends wie f&#xFC;nfundzwanzig, wenn das Licht gut war. Die Bemerkung &#xFC;ber das Alter kam nicht. »Sie ist sch&#xF6;n«, sagte Lillian. »Hast du ein Verh&#xE4;ltnis mit ihr gehabt?« »Nein«, erwiderte Clerfayt.</p><p>»Das war eine Dummheit von dir«, sagte Lillian.</p><p>Er sah sie &#xFC;berrascht an. »Warum?«</p><p>»Sie ist sehr sch&#xF6;n. Woher ist sie?«</p><p>»Sie ist Italienerin.«</p><p>»Aus Rom?«</p><p>»Ja«, sagte er. »Aus Rom. Warum? Bist du eifers&#xFC;chtig?«</p><p>Lillian stellte ihr Glas mit gelbem Chartreuse ruhig auf den Tisch. »Armer Clerfayt«, erwiderte sie. »Ich bin nicht eifers&#xFC;chtig. Dazu habe ich keine Zeit.«</p><p>Clerfayt starrte sie an. Er h&#xE4;tte das bei jeder anderen Frau f&#xFC;r eine L&#xFC;ge gehalten; aber er begriff, da&#xDF; es bei Lillian keine war. Sie meinte es, und es war so. Er wurde von einer Sekunde zur andern w&#xFC;tend, ohne einen Grund daf&#xFC;r zu wissen. »Lass uns &#xFC;ber etwas anderes reden.«</p><p>»Warum? Weil du mit einer andern Frau nach Paris zur&#xFC;ckgekommen bist?«</p><p>»Das ist Unsinn! Woher willst du so etwas Absurdes wissen?«</p><p>»Ist es nicht wahr?«</p><p>Clerfayt besann sich nur einen Augenblick. »Ja, es ist wahr.«</p><p>»Du hast sehr guten Geschmack.«</p><p>Er schwieg und wartete auf die n&#xE4;chste Frage. Er war entschlossen, die Wahrheit zu sagen. Vor zwei Tagen noch hatte er geglaubt, Lillian nebenbei halten zu k&#xF6;nnen; jetzt, wo er beide nebeneinander sah, wollte er nichts mehr als sie. Er wu&#xDF;te, da&#xDF; er sich selbst gefangen hatte und &#xE4;rgerte sich dar&#xFC;ber.</p><p>»Ich wollte mich nicht in dich verlieben, Lillian«, sagte er.</p><p>Sie l&#xE4;chelte. »Das ist doch kein Mittel dagegen. So etwas machen</p><p>Schuljungen.«</p><p>»In der Liebe ist niemand erwachsen.«</p><p>»Liebe –«, sagte Lillian. »Was f&#xFC;r ein weites Wort! Und was sich alles darin versteckt!« Sie blickte auf Lydia Morelli. »Es ist viel einfacher, Clerfayt. Wollen wir gehen?«</p><p>»Wohin?«</p><p>»Ich will in mein Hotel.«</p><p>Clerfayt erwiderte nichts und zahlte. Vorbei, dachte er. Sie gingen am Tisch Lydia Morellis vorbei, die Clerfayt &#xFC;bersah.</p><p>»Lass uns noch ins Palais Royal gehen.«</p><p>»Ich kenne den Garten«, sagte Lillian. »Was willst du? Ein Bigamist<a type="note" l:href="#n_28">[28]</a> werden?«</p><p>»Lass das! Komm mit mir.«</p><p>Sie gingen durch die Arkaden des Palais. Es war ein k&#xFC;hler Abend, der stark nach Erde und Fr&#xFC;hjahr roch. Clerfayt blieb stehen. »Sag nichts.Und lass mich nichts erkl&#xE4;ren. Ich kann es nicht.«</p><p>»Was w&#xE4;re zu erkl&#xE4;ren?«</p><p>»Nichts?«</p><p>»Wirklich nichts«, sagte Lillian.</p><p>»Ich liebe dich.«</p><p>»Weil ich dir keine Szene mache?«</p><p>»Nein«, sagte Clerfayt. »Ich liebe dich, weil du mir eine ungew&#xF6;hnliche Szene machst.«</p><p>»Ich mache dir &#xFC;berhaupt keine. Ich glaube, ich w&#xFC;sste gar nicht, wie man das anf&#xE4;ngt.«</p><p>Sie stand vor ihm. Sie schien ihm v&#xF6;llig fremd, eine Frau, die er nie gekannt hatte und die ihm bereits verloren gegangen war. »Ich liebe dich«, sagte er noch einmal und nahm sie in seine Arme und k&#xFC;&#xDF;te sie. Er sp&#xFC;rte den schwachen Geruch ihres Haares und das bittere Parf&#xFC;m ihres Halses. Sie lag in seinem Arm, die Augen weit offen und abwesend.</p><p>Er sch&#xFC;ttelte sie pl&#xF6;tzlich. »Sag etwas! Sag, da&#xDF; ich weggehen soll! Aber sei nicht wie eine Statue.«</p><p>»Wozu solltest du weggehen?« fragte sie.</p><p>Er wu&#xDF;te nicht, was er tun sollte. »Gut, ich fahre dich ins Hotel«, erkl&#xE4;rte er schlie&#xDF;lich.</p><p>Sie ging ruhig mit ihm, neben ihm her. Was ist nur mit mir los, dachte er. Ich bin verwirrt und &#xE4;rgerlich auf sie und Lydia Morelli, und der einzige, auf den ich &#xE4;rgerlich sein sollte, bin ich.</p><p>Sie standen neben dem Wagen. In diesem Augenblick kam Lydia Morelli mit ihrem Begleiter aus der T&#xFC;r. Sie wollte Clerfayt aufs neue ignorieren, aber ihre Neugier auf Lillian war zu stark. Mit perfekter Nonchalance begr&#xFC;&#xDF;te sie Clerfayt und stellte ihren Begleiter vor. W&#xE4;hrend er mit Lydias Begleiter &#xFC;ber Automobile redete, entwickelte sich zwischen den beiden Frauen ein Gespr&#xE4;ch.</p><p>»Ihr Wagen, mein Herr«, meldete der Parkw&#xE4;chter Clerfayt.</p><p>Clerfayt fuhr den Wagen durch die Gasse um die n&#xE4;chste Ecke. »Das war eine erstklassige Leistung«, sagte er zu Lillian. »Sie wei&#xDF; weder, wer du bist, noch woher du kommst, noch wo du wohnst.«</p><p>»Sie wird es morgen wissen, wenn sie will«, erwiderte Lillian gleichm&#xFC;tig.</p><p>»Von wem? Von mir?«</p><p>»Von meinem Schneider. Sie hat gesehen, woher dieses Kleid kommt.«</p><p>»Ist es dir gleichg&#xFC;ltig?«</p><p>»Und wie!« sagte Lillian und atmete tief die Nachtluft ein. »Lass uns &#xFC;ber die Place de la Concorde fahren. Heute ist Sonntag; die Font&#xE4;nen springen im Licht.«</p><p>»Ich glaube, dir ist alles gleichg&#xFC;ltig, wie?« fragte er.</p><p>Sie drehte sich ihm zu und l&#xE4;chelte. »In einem sehr intensiven Sinne, ja.«</p><p>»Das dachte ich mir. Was ist mit dir passiert?«</p><p>Ich wei&#xDF;, da&#xDF; ich sterbe, dachte sie. Ich wei&#xDF; es mehr als du, das ist alles.</p><p>»Sieh, die Font&#xE4;nen!« sagte sie.</p><p>Er fuhr sehr langsam um den Platz.</p><p>»Welch ein Platz!« sagte Lillian.</p><p>»Ja«, erwiderte Clerfayt. »Hier stand die Guillotine. Dr&#xFC;ben hat man Marie Antoinette gek&#xF6;pft. Jetzt springen die Font&#xE4;nen.«</p><p>»Fahr noch zum Rond-Point«, sagte Lillian. »Da sind die andern.«</p><p>Clerfayt fuhr die Champs Elys&#xE9;es hinunter.</p><p>Er h&#xE4;tte gern angehalten und sie gek&#xFC;&#xDF;t; aber er war nicht ganz sicher, was dann geschehen w&#xFC;rde.</p><p>»Ich liebe dich«, sagte er. »Vergi&#xDF; alles andere. Vergi&#xDF; die Frau.«</p><p>»Warum? Wozu solltest du nicht jemand haben? Glaubst du, ich w&#xE4;re all die Zeit allein gewesen?«</p><p>Giuseppe machte einen Sprung und gab den Geist auf. Clerfayt startete aufs neue. »Du meinst im Sanatorium?« sagte er.</p><p>»Ich meine in Paris.«</p><p>Er starrte sie an. Sie l&#xE4;chelte. »Ich kann nicht allein sein. Und nun fahr mich ins Hotel. Ich bin m&#xFC;de.«</p><p>»Gut.«</p><p>Clerfayt fuhr am Louvre entlang, an der Conciergerie vorbei und &#xFC;ber die Br&#xFC;cke des Boulevard St.-Michel. Er war w&#xFC;tend und hilflos.</p><p>Alles, was er jetzt wollte, war, sie wiederzubekommen. Sie war pl&#xF6;tzlich das Wichtigste geworden, was er kannte. Er wu&#xDF;te nicht, was er tun sollte, aber irgend etwas mu&#xDF;te geschehen; er konnte sie nicht einfach abgeben am Eingang des Hotels, sie w&#xFC;rde nie wiederkommen, dies war seine letzte Chance, er mu&#xDF;te ein Zauberwort finden, um sie zu halten, sonst w&#xFC;rde sie aussteigen und ihn abwesend l&#xE4;chelnd k&#xFC;ssen und durch den Hoteleingang verschwinden.</p><p>Der Hausknecht g&#xE4;hnte und erwachte. »Haben sie den Schl&#xFC;ssel zur K&#xFC;che?« fragte Clerfayt.</p><p>»Sehr wohl. Vichy? Champagner? Bier?«</p><p>»Holen Sie aus dem Eisschrank eine B&#xFC;chse Kaviar.«</p><p>»Da kann ich nicht ran, mein Herr. Madame hat den Schl&#xFC;ssel.«</p><p>»Dann laufen Sie zum Restaurant Lap&#xE9;rouse an der Ecke. Holen Sie dort eine B&#xFC;chse.«</p><p>»Ich will keinen Kaviar«, sagte Lillian. »Was willst du?«</p><p>Sie z&#xF6;gerte. »Clerfayt, bis jetzt ist kein Mann um diese Zeit bei mir gewesen. Und das willst du doch nur wissen?«</p><p>»Das ist wahr«, mischte sich der Hausknecht ein. »Madame kommt immer allein nach Hause. Soll ich Champagner holen?«</p><p>»Bringen Sie ihn, Sie Goldjunge«, rief Clerfayt. »Was gibt es zu essen?«</p><p>»Ich m&#xF6;chte Wurst. Und eine Flasche Bier«, sagte Lillian.</p><p>»Keinen Champagner, Madame?« Der Bursche dachte an seine Prozente.</p><p>»Auf jeden Fall den Dom Perignon«, erkl&#xE4;rte Clerfayt. »Und wenn er nur f&#xFC;r mich ist. Ich will etwas feiern.«</p><p>»Was?«</p><p>»Den Durchbruch des Gef&#xFC;hls.«</p><p>Der Hausknecht brachte die Flaschen und die Wurst und erkl&#xE4;rte sich noch einmal bereit, zum Tour d’Argent oder zu Lap&#xE9;rouse zu gehen, wenn noch etwas gebraucht w&#xFC;rde. Er habe auch ein Fahrrad.</p><p>»Morgen«, sagte Clerfayt. »Haben Sie noch ein Zimmer frei?«</p><p>Der Bursche sah ihn an, als h&#xE4;tte er den Verstand verloren. »Aber</p><p>Madame hat doch ihr Zimmer.«</p><p>»Madame ist verheiratet. Mit mir«, f&#xFC;gte Clerfayt hinzu und brachte den Hausknecht in neue Verwirrung, da er jetzt sichtlich nicht mehr wu&#xDF;te, wozu der Dom Perignon bestellt worden war.</p><p>»Wir h&#xE4;tten Nummer sechs«, erkl&#xE4;rte der Mann. »Neben Madame.«</p><p>»Gut. Bringen Sie alles hinauf.«</p><p>Der Hausknecht stellte die Sachen ab und erkl&#xE4;rte, nachdem er sein Trinkgeld angeschaut hatte, da&#xDF; er, wenn es n&#xF6;tig sei, die ganze Nacht hindurch &#xFC;berall mit seinem Fahrrad Besorgungen machen k&#xF6;nne. Clerfayt schrieb ihm auf einen Zettel, am n&#xE4;chsten Morgen eine Zahnb&#xFC;rste, Seife und einige andere Dinge zu besorgen und vor seine T&#xFC;r zu legen. Der Mann versprach es und ging. Er kam noch einmal zur&#xFC;ck und brachte Eis; dann verschwand er endg&#xFC;ltig.</p><p>»Ich h&#xE4;tte geglaubt, dich nie wieder zu sehen, h&#xE4;tte ich dich heute abend alleingelassen«, sagte Clerfayt.</p><p>Lillian setzte sich auf das Fensterbrett. »Ich denke das jede Nacht.«</p><p>»Was?«</p><p>»Da&#xDF; ich alles nie wieder sehen werde.«</p><p>Er f&#xFC;hlte einen scharfen Schmerz. Sie sah pl&#xF6;tzlich sehr einsam aus mit dem sanften Profil gegen die Nacht – einsam, nicht verlassen. »Ich liebe dich«, sagte er. »Ich wei&#xDF; nicht, ob es dir etwas hilft, aber es ist wahr.«</p><p>Sie antwortete nicht. »Du wei&#xDF;t, da&#xDF; ich das nicht wegen heute abend sage«, sagte er und ahnte nicht, da&#xDF; er log. »Vergi&#xDF; den Abend. Es war ein Zufall, eine Dummheit und viel Verwirrung. Ich wollte dich um alles in der Welt nicht verletzen.«</p><p>»Deine Haut ist nachts wie die Innenseite einer Muschel«, sagte er. »Willst du wirklich das Bier trinken?«</p><p>»Ja. Und gib mir etwas von der Wurst aus Lyon. Mit Brot. St&#xF6;rt es dich sehr?«</p><p>»Nichts st&#xF6;rt mich mehr. Mir ist, als h&#xE4;tte ich immer auf diese Nacht gewartet. Hinter der schlaf- und knoblauchriechenden Loge unten ist die Welt abgebrochen. Wir haben uns gerade noch dar&#xFC;ber gerettet.«</p><p>»Haben wir?«</p><p>»Ja. H&#xF6;rst du nicht, wie still es geworden ist?«</p><p>»Du bist still geworden«, erwiderte sie. »Weil du erreicht hast, was du wolltest.«</p><p>»Habe ich das? Ich bin in ein Modeatelier gekommen, scheint mir.«</p><p>»Ah, meine schweigenden Freunde!« Lillian blickte auf die Kleider, die noch herumhingen. »Sie haben mir nachts von phantastischen B&#xE4;llen und Karnevals erz&#xE4;hlt. Soll ich sie einsammeln und in den Schrank sperren?«</p><p>»Lass sie h&#xE4;ngen. Was haben sie dir erz&#xE4;hlt?«</p><p>»Vieles. Von Festen und St&#xE4;dten und Liebe. Und manches vom Meer. Ich habe es nie gesehen.«</p><p>»Wir k&#xF6;nnen hinfahren.« Clerfayt gab ihr das Glas mit dem kalten Bier. »In wenigen Tagen. Ich mu&#xDF; nach Sizilien. Zu einem Rennen. Ich werde es nicht gewinnen. Komm mit mir!«</p><p>Clerfayt betrachtete das Kleid aus dem sehr d&#xFC;nnen silbernen Brokat, das am Kopfende des Bettes hing.</p><p>»Das ist ein Kleid f&#xFC;r Palermo«, sagte er.</p><p>»Ich habe es vor ein paar Tagen sp&#xE4;t nachts getragen.«</p><p>»Wo?«</p><p>»Hier.«</p><p>»Allein?«</p><p>»Allein.«</p><p>»Du wirst nicht mehr allein sein.«</p><p>»Ich war nicht so allein, wie du glaubst.«</p><p>»Ich wei&#xDF;«, sagte Clerfayt. »Ich spreche davon, da&#xDF; ich dich liebe, als m&#xFC;sstest du dankbar daf&#xFC;r sein – aber ich denke das nicht. Ich dr&#xFC;cke mich nur so primitiv aus, weil es mir so ungewohnt ist.«</p><p>»Du dr&#xFC;ckst dich nicht primitiv aus.«</p><p>»Jeder Mann tut das, wenn er nicht l&#xFC;gt.«</p><p>»Komm«, sagte Lillian. »Mach die Flasche Dom Perignon auf. Mit Brot und Wurst und Bier wirst du mir zu unsicher, zu allgemein und zu philosophisch. Wonach rieche ich?«</p><p>»Nach Knoblauch, Mond und L&#xFC;gen, die ich nicht herausfinden kann.«</p></section><section><title><p>11</p></title><p>Ein Kanarienvogel sang. Clerfayt h&#xF6;rte es im Schlaf. Er wachte auf und sah sich um. Er dauerte einen Moment, bevor er wu&#xDF;te, wo er war. Die T&#xFC;r zum Badezimmer und das Fenster darin standen offen, und Clerfayt konnte &#xFC;ber den Hof an einem Fenster gegen&#xFC;ber den K&#xE4;fig des Kanarienvogels h&#xE4;ngen sehen. Eine Frau mit m&#xE4;chtigem Busen und gelbem Haar sa&#xDF; dahinter an einem Tisch und a&#xDF; – soviel er sehen konnte – kein Fr&#xFC;hst&#xFC;ck, sondern ein Mittagessen mit einer halben Flasche Burgunder.</p><p>Er suchte nach seiner Uhr. Es war keine T&#xE4;uschung; sie zeigte auf zw&#xF6;lf. Er hatte seit Monaten nicht so lange geschlafen und sp&#xFC;rte pl&#xF6;tzlich starken Hunger. Vorsichtig &#xF6;ffnete er die T&#xFC;r. Da lag das Paket mit den Dingen, die er am Abend vorher bestellt hatte. Der Hausknecht hatte Wort gehalten. Er wusch sich und zog sich an. Der Kanarienvogel sang immer noch. Die dicke Blonde a&#xDF; jetzt Apfelkuchen mit Kaffee. Clerfayt ging zum anderen Fenster zu. Clerfayt beugte sich vor und sah im Fenster nebenan Lillians Profil.</p><p>»Komm her&#xFC;ber. Bring den Wein mit.«</p><p>Clerfayt holte eine Flasche Pouilly und Gl&#xE4;ser aus dem Restaurant. Er brachte auch Brot, Butter und ein St&#xFC;ck reifen Pont d’Ev&#xEA;que. »</p><p>Lillian zeigte auf einen Brief. »&#xDC;bermorgen ist mein Diner bei Onkel Gaston. M&#xF6;chtest du eingeladen werden?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Gut. Es w&#xFC;rde auch den Zweck des Diners sabotieren: mir einen reichen Mann zu finden. Oder bist du reich?«</p><p>»Immer nur f&#xFC;r ein paar Wochen. Wirst du heiraten, wenn der Mann reich genug ist?«</p><p>»Gib mir von deinem Wein«, erwiderte sie. »Und sei nicht albern.«</p><p>»Ich traue dir alles zu.«</p><p>»Gut«, sagte Lillian. »Was tun wir heute Mittag?«</p><p>»Heute Mittag nehme ich dich mit in das Ritz Hotel. Ich ziehe mich um. Dann essen wir zu Mittag, zu Abend, wieder zu Mittag, zu Abend und noch einmal zu Mittag – als Sabotage gegen Onkel Gaston &#xFC;bermorgen abend.«</p><p>Sie sah aus dem Fenster und antwortete nicht. »Wenn du willst, gehe ich auch mit dir in die Sainte-Chapelle«, sagte Clerfayt. »Oder zu Notre-Dame oder selbst in ein Museum. Sogar auf den Eiffelturm zu fahren oder zu einer Tour mit dem Bateau-Mouche bin ich bereit.«</p><p>»Die Tour auf der Seine habe ich schon gemacht.«</p><p>»Und auf dem Eiffelturm?«</p><p>»Dahin gehe ich mit dir, mein Geliebter.«</p><p>»Das dachte ich mir. Bist du gl&#xFC;cklich?«</p><p>»Was ist das?«</p><p>»Wei&#xDF;t du es immer noch nicht? Aber wer wei&#xDF; es schon wirklich?«</p><p>Lillian kam von dem Diner Onkel Gastons zur&#xFC;ck. Der Vicomte de Peystre brachte sie in seinem Auto ins Hotel. Sie hatte einen langweiligen Abend bei ausgezeichnetem Essen zugebracht. Ein paar Frauen und sechs M&#xE4;nner waren dagewesen. Die Frauen hatten gewirkt als w&#xE4;ren sie Igel. Von den M&#xE4;nnern waren vier unverheiratet gewesen, alle reich, zwei jung, und der Vicomte de Peystre der &#xE4;lteste und reichste. »Weshalb wohnen Sie an der Rive Gauche?« fragte er. »Aus romantischen Gr&#xFC;nden?«</p><p>»Aus Zufall. Es ist der beste Grund, den ich kenne.«</p><p>»Sie sollten an der Place Vend&#xF4;me wohnen.«</p><p>»Es ist erstaunlich«, sagte Lillian, »wie viele Leute besser wissen, wo ich wohnen sollte, als ich selbst.«</p><p>Sie stieg die Treppe hinauf. Die Heiratsgalerie Onkel Gastons hatte sie in einer Weise belustigt und deprimiert.</p><p>»Hat Onkel Gaston sich M&#xFC;he gegeben?« fragt Clerfayt vom Korridor her.</p><p>»Du bist schon hier? Ich dachte, du w&#xE4;rst irgendwo trinken!«</p><p>»Ich habe keine Lust mehr dazu.«</p><p>»Hast du auf mich gewartet?«</p><p>»Ja«, sagte Clerfayt. »Du machst mich zu einem ordentlichen Menschen. Ich will nicht mehr trinken. Nicht mehr ohne dich.«</p><p>»Hast du fr&#xFC;her getrunken?«</p><p>»Ja. Zwischen den Rennen. Und oft zwischen den Katastrophen. Das ist vorbei. Ich war heute Mittag in der Sainte-Chapelle. Morgen gehe ich ins Cluny-Museum. Willst du noch ausgehen?«</p><p>»Heute abend nicht.«</p><p>»Heute abend warst du bei der B&#xFC;rgerlichkeit zu Gast, die glaubt, das Leben w&#xE4;re eine K&#xFC;che, ein Salon und ein Schlafzimmer und nicht ein Segelboot mit viel zu vielen Segeln, das alle Augenblicke umschlagen kann. Du mu&#xDF; dich davon erholen.«</p><p>Lillians Augen begannen zu gl&#xE4;nzen. »Hast du doch getrunken?«</p><p>»Das brauche ich nicht mit dir. M&#xF6;chtest du nicht noch etwas herumfahren?«</p><p>»Wohin?«</p><p>»In jede Stra&#xDF;e und in jedes Lokal, von denen du jemals geh&#xF6;rt hast. Du bist herrlich angezogen. Wir m&#xFC;ssen zum mindesten dieses Kleid ausf&#xFC;hren – selbst wenn du nicht willst.«</p><p>»Gut. Lass uns langsam fahren. Durch viele Stra&#xDF;en. Alle ohne Schnee. Mit Blumenverk&#xE4;uferinnen an den Ecken. Lass uns einen Wagen voll Veilchen mitnehmen.«</p><p>Clerfayt holte Giuseppe und wartete vor der T&#xFC;r des Hotels.</p><p>»Der schmachtende Liebhaber«, sagte jemand neben ihm. »Bist du nicht zu alt f&#xFC;r solche Rollen?«</p><p>Es war Lydia Morelli. Sie war vor ihrem Begleiter aus dem Restaurant auf die Stra&#xDF;e getreten.</p><p>»Eine neue Rolle! Ziemlich provinziell, mein Lieber.«</p><p>»Welch ein Kompliment«, erwiderte Clerfayt. »Wenn du so etwas sagst, hei&#xDF;t das, das sie faszinierend sein mu&#xDF;.«</p><p>Lydia wollte noch etwas sagen, aber ihr Begleiter kam aus der T&#xFC;r. Sie nahm seinen Arm wie eine Waffe und ging an Clerfayt vorbei.</p><p>Lillian kam ein paar Minuten sp&#xE4;ter. »Jemand hat mir erz&#xE4;hlt, da&#xDF; du eine faszinierende Person bist«, sagte Clerfayt. »Es wird Zeit, dich zu verstecken.«</p><p>»Ist das ein neues Kleid?« fragte er.</p><p>»Ja. Es ist heute gekommen.«</p><p>»Wieviel hast du jetzt?«</p><p>»Acht mit diesem. Warum?«</p><p>»Onkel Gaston ist entsetzt«, sagte Lillian. »Ich habe ihm die Rechnungen geschickt. Und nun lass uns in den besten Nachtklub fahren, den es gibt.«</p><p>»Noch in einen anderen?« fragte Clerfayt. Es war vier Uhr nachts.</p><p>»Noch in einen«, sagte Lillian. »Oder bist du m&#xFC;de?«</p><p>Er wu&#xDF;te, da&#xDF; er sie nicht fragen konnte, ob sie m&#xFC;de sei. »Noch nicht«, sagte er. »Gef&#xE4;llt es dir?«</p><p>»Es ist wunderbar.«</p><p>»Gut, dann fahren wir in einen anderen Klub. Einen mit Zigeunern.«</p><p>Es war alles die &#xFC;bliche, endlose Wiederholung, das Klischee, und Clerfayt h&#xE4;tte sich ohne Lillian f&#xFC;rchterlich gelangweilt – aber f&#xFC;r sie war es neu, sie empfand es nicht so, wie es war oder wie es wirkte, sondern so, wie sie es sehen wollte und sah. Das ist es, dachte Clerfayt, das ist es, was sie anders macht als alle die, die hier herumsitzen. Die andern wollen ein Abenteuer, um ihre Leere auszuf&#xFC;llen – sie aber ist dem Leben auf der Spur. Die Zigeuner hingen um den Tisch herum, geb&#xFC;ckt, mit wachen Pl&#xFC;schaugen, und spielten. Lillian h&#xF6;rte hingerissen zu. F&#xFC;r sie war das alles wirklich, dachte Clerfayt.</p><p>»Ich glaube, ich habe zuviel getrunken«, sagte er.</p><p>»Was ist zuviel?«</p><p>»Wenn man sich selbst nicht mehr kennt.«</p><p>»Dann will ich immer zuviel trinken. Ich liebe mich selbst nicht.«</p><p>Sie f&#xFC;rchtet sich vor nichts, dachte Clerfayt. Es ist nicht auszuhalten! Sie mu&#xDF; sterben, das wei&#xDF; sie, aber sie hat es in sich aufgenommen wie ein anderer Morphium.</p><p>»Wohin gehen wir jetzt?«</p><p>»Ins Hotel. Ich will ausziehen.«</p><p>Clerfayt beschlo&#xDF;, sich &#xFC;ber nichts mehr zu wundern. »Gut. Gehen wir packen.« sagte er.</p><p>»Meine Sachen sind schon gepackt.«</p><p>»Wohin willst du ziehen?«</p><p>»In ein anderes Hotel. Seit zwei Tagen ruft um diese Zeit jemand bei mir an. Eine Frau, die mir erz&#xE4;hlt, ich solle zur&#xFC;ckgehen, wohin ich geh&#xF6;re – und noch einige andere Sachen dazu.«</p><p>Clerfayt sah sie an. »Hast du dem Nachtportier nicht gesagt, das Telefon nicht durchzustellen?«</p><p>»Ja! Aber es gelingt ihr durchzukommen. Gestern hat sie ihm gesagt, sie sei meine Mutter. Sie hat einen Akzent, sie ist keine Franz&#xF6;sin.«</p><p>Lydia Morelli, dachte Clerfayt. »Warum hast du mir nichts davon gesagt?«</p><p>»Wozu? Ist das Ritz voll?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Gut. Onkel Gaston wird ohnm&#xE4;chtig werden, wenn er h&#xF6;rt, wo ich morgen wohnen werde.«</p><p>Lillian hatte nicht gepackt. Clerfayt lieh vom Nachtportier einen riesigen Schrankkoffer, und packte Lillians Kleider hinein. Sie sa&#xDF; auf dem Bett und lachte. »Es tut mir leid hier wegzugehen«, sagte sie. »Ich habe es alles sehr geliebt. Aber ich liebe ohne Bedauern. Verstehst du das?«</p><p>Clerfayt hob den Kopf. »Ich f&#xFC;rchte, ja. Du bedauerst nicht, etwas zu verlassen.«</p><p>»Es spielt keine Rolle mehr. Ich bin aus dem Sanatorium weggegangen – seitdem kann ich weggehen, wo ich will.«</p><p>Clerfayt steckte die Schl&#xFC;ssel ein und gab Lillian ihren Mantel. »Bin ich zu d&#xFC;nn?« fragte sie.</p><p>»Nein; ich glaube, du hast ein paar Pfund zugenommen.« »Das ist das einzige, worauf es ankommt«, murmelte sie.</p><p>Sie lie&#xDF;en die Koffer in ein Taxi bringen, das hinter ihnen herfuhr.</p><p>»Liegt mein Zimmer im Ritz nach der Place Vend&#xF4;me zu?« fragte Lillian.</p><p>»Ja. Nicht nach der Rue Cambon.«</p><p>»Wo wohntest du, als du hier warst im Kriege?«</p><p>»Nach der Rue Cambon, nachdem ich aus dem Gefangenenlager zur&#xFC;ckgekommen war. Es war ein gutes Versteck; niemand erwartete, da&#xDF; man dort unterkriechen w&#xFC;rde. Mein Bruder wohnte damals an der Place Vend&#xF4;me auf der deutschen Seite. Wir sind Els&#xE4;sser. Mein Bruder hat einen deutschen, ich einen franz&#xF6;sischen Vater.«</p><p>»Konnte dein Bruder dich nicht sch&#xFC;tzen?«</p><p>Clerfayt lachte. »Er ahnte nicht, da&#xDF; ich da war, und er h&#xE4;tte mich am liebsten in Sibirien gewu&#xDF;t. So weit weg wie m&#xF6;glich. Siehst du den Himmel? Es wird Morgen. H&#xF6;rst du die V&#xF6;gel? Man h&#xF6;rt sie nur um diese Zeit in den St&#xE4;dten. Naturfreunde m&#xFC;ssen in den Nachtklubs durchhalten, um Drosseln h&#xF6;ren zu k&#xF6;nnen auf dem Weg nach Hause.«</p><p>Sie bogen in die Place Vend&#xF4;me ein.</p><p>»Ich bin in diesem Augenblick gl&#xFC;cklich«, sagte er. »Ganz gleich, ob wir wissen, was das ist oder nicht. Ich bin gl&#xFC;cklich in diesem Augenblick, in dieser Stille, auf diesem Platz, mit dir. Und wenn du ausgeschlafen hast, fahren wir ab. In kleinen Etappen nach dem S&#xFC;den. Nach Sizilien, zu dem Rennen, von dem ich dir schon erz&#xE4;hlt habe: der Targa Florio.«</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Die hundertacht Kilometer lange Strecke der Targa Florio mit ihren fast vierzehnhundert Kurven war jeden Tag einige Stunden zum Training abgesperrt.</p><p>Clerfayts zweiter Fahrer war Alfredo Torriani, ein vierundzwanzig Jahre alter Italiener. Beide waren fast den ganzen Tag drau&#xDF;en. Abends kamen sie verbrannt, hungrig und durstig zur&#xFC;ck.</p><p>Clerfayt hatte Lillian verboten, beim Training dabeizusein. Er woll</p><p>te nicht, da&#xDF; sie wie eine der Frauen und Freundinnen der Fahrer w&#xFC;rde. Er hatte sie statt dessen mit einem Freunde bekannt gemacht, der ein Haus am Meer besa&#xDF;, und sie dort hingebracht. Der Mann hie&#xDF; Levalli und war der Besitzer einer Thunfisch-Fangflotte. Clerfayt hatte ihn nicht ohne &#xDC;berlegung ausgesucht:</p><p>Levalli war ein &#xC4;sthet, kahlk&#xF6;pfig, beleibt und homosexuell.</p><p>Lillian lag tags&#xFC;ber am Meer oder im Garten, der Levallis Villa umgab. Der Garten war verwildert, romantisch und voll von Marmorstatuen. Lillian hatte nie den Wunsch, Clerfayt fahren zu sehen. Clerfayt hing den ganzen Tag unsichtbar &#xFC;ber ihr; sie &#xFC;berlie&#xDF; sich ihm, so wie sie sich dem hei&#xDF;en Himmel und dem wei&#xDF;en Glanz des Meeres &#xFC;berlie&#xDF;. Clerfayt war immer da. Abends kam Clerfayt dann, begleitet von dem Grollen. »Wie die G&#xF6;tter der Antike«, sagte Levalli zu Lillian.</p><p>»Sie lieben es nicht?«</p><p>»Ich mag keine Motoren mehr. Sie erinnern mich zu sehr an den L&#xE4;rm der Bombenflugzeuge im Kriege.« Levalli gab einige Tage sp&#xE4;ter ein Fest. Er hatte ungef&#xE4;hr hundert G&#xE4;ste dazu eingeladen. Kerzen und Windlichter brannten, die Nacht war sternenklar und warm. Lillian war entz&#xFC;ckt. »Gef&#xE4;llt es Ihnen?« fragte Levalli.</p><p>»Es ist alles, was ich mir gew&#xFC;nscht habe.«</p><p>»Alles?«</p><p>»Nahezu alles. Ich habe vier Jahre davon getr&#xE4;umt, wenn ich in den Bergen zwischen Schneew&#xE4;nden gefangen sa&#xDF;. Es ist v&#xF6;llig das Gegenteil von Schnee – und v&#xF6;llig das Gegenteil von Bergen –«</p><p>»Das freut mich«, sagte Levalli. »Ich gebe nur noch selten Feste.«</p><p>»Warum? Weil es sonst zur Gewohnheit w&#xFC;rde?«</p><p>»Nein. Es macht mich – wie soll ich sagen – melancholisch. Meistens will man etwas vergessen, wenn man Feste gibt – aber man vergisst es nicht. Auch die anderen vergessen es nicht.«</p><p>»Ich will nichts vergessen.« »Nein?« fragte Levalli h&#xF6;flich.</p><p>»Nicht mehr«, erwiderte Lillian.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Sie h&#xF6;rte den Wagen Clerfayts kommen und l&#xE4;chelte. »Man erz&#xE4;hlt«, sagte Levalli, »da&#xDF; die letzte Besitzerin dieser Villa ihre Liebhaber morgens t&#xF6;ten lie&#xDF;.«</p><p>»Wie umst&#xE4;ndlich«, erwiderte Lillian. »Konnte sie sie nicht einfach wegschicken? Oder selbst weggehen?«</p><p>»Weggehen ist nicht immer das einfachste – wenn man sich selbst mitnimmt.«</p><p>»Das Besitzenwollen limitiert nur einen. Man kann nichts halten.«</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Sie gingen der Musik entgegen. »Sie wollen nichts besitzen?« fragte Levalli.</p><p>»Ich will zuviel besitzen«, erwiderte Lillian. »Deshalb nichts. Es ist fast dasselbe.«</p><p>»Fast!« Er k&#xFC;&#xDF;te ihre Hand. »Ich bringe Sie jetzt nach dr&#xFC;ben, wo die Zypressen stehen. Wir haben einen gl&#xE4;sernen Boden zum Tanzen angelegt, der von innen erleuchtet ist. Ich habe das in Gartenlokalen an der Riviera gesehen. Und da kommen auch Ihre T&#xE4;nzer – halb Neapel, Palermo und Rom.«</p><p>»Man kann Zuschauer sein oder mitspielen«, sagte Levalli zu Clerfayt. »Ich ziehe vor, Zuschauer zu sein.«</p><p>Sie sa&#xDF;en auf der Terrasse und sahen die Frauen vor den Zypressen auf dem leuchtenden Glasparkett tanzen. Lillian tanzte mit dem Prinzen Fiola.</p><p>»Sehen Sie nur, wie sie tanzt!« sagte Levalli zu Clerfayt. Sie sind sch&#xF6;n, diese Frauen.Sind sie nicht sch&#xF6;n?«</p><p>»Sie sind sch&#xF6;n, Levalli.«</p><p>»In jeder steckt bereits Circe. Die Ironie ist, da&#xDF; sie es nie selbst glauben. Sie haben noch die Flamme ihrer Jugend, w&#xE4;hrend sie dort tanzen, aber hinter ihnen tanzt, bereits der Schatten der B&#xFC;rgerlichkeit mit, mit den zwanzig Pfund Gewicht, die sie zunehmen werden, der Langeweile der Familie, dem Ehrgeiz begrenzter W&#xFC;nsche und Ziele… Nur in der einen nicht, die dort mit Fiola tanzt, in der, die Sie hergebracht haben.Wo haben Sie sie gefunden?«</p><p>Clerfayt z&#xF6;gerte. »Vor den Toren des Hades.«</p><p>»Man hat nicht oft Gelegenheit dazu. Vor den Toren des Hades. Ich will Sie nicht weiter fragen. Aber Orpheus mu&#xDF;te den Preis zahlen: doppelte Einsamkeit – so paradox das auch klingt – weil er eine Frau aus dem Hades zur&#xFC;ckholen wollte. Sind Sie bereit, zu zahlen, Clerfayt?«</p><p>Clerfayt l&#xE4;chelte. »Ich bin abergl&#xE4;ubisch. Antworten auf solche Fragen gebe ich nicht kurz vor einem Rennen.«</p><p>Alles ist verzaubert, dachte Lillian. Man h&#xF6;rt keine Schritte; man h&#xF6;rt nur Gleiten und Musik. Dies habe ich mir gedacht, als ich im Schnee in meinem Zimmer sa&#xDF; und auf die Konzerte des Radios in Neapel und Paris lauschte. Es ist, als ob man nicht sterben k&#xF6;nnte in solch einer Nacht.</p><p>Dort sitzt mein Geliebter mit dem melancholischen Mann, der der Besitzer dieses Gartens ist, und ich sehe, da&#xDF; sie von mir sprechen. Es ist der melancholische Mann, der spricht, und er wird dasselbe wissen wollen, was er mich gefragt hat. Das Geheimnis! Gibt es nicht ein altes M&#xE4;rchen, in dem ein Zwerg heimlich lacht, weil keiner sein Geheimnis kennt? Seinen Namen?</p><p>Sie l&#xE4;chelte. »Woran denken Sie?« fragte Fiola, der es bemerkte.</p><p>»An ein M&#xE4;rchen, in dem das Geheimnis eines Menschen darin bestand, da&#xDF; niemand seinen Namen wu&#xDF;te.«</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Sie sah im Vorr&#xFC;bertanzen, da&#xDF; Clerfayt sie nachdenklich anschaute. Er h&#xE4;lt mich fest, und ich liebe ihn, dachte sie, weil er da ist und nicht fragt. Wann wird er zu fragen beginnen? Ich hoffe nie. Vielleicht nie. Wir werden keine Zeit dazu haben. »Sie l&#xE4;cheln, als ob Sie sehr gl&#xFC;cklich w&#xE4;ren«, sagte Fiola. »Ist das Ihr Geheimnis?«</p><p>»Was ist Ihr Geheimnis?« fragte Fiola. »Eine gro&#xDF;e Zukunft?«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte wieder den Kopf. »Keine«, sagte sie heiter. »Sie wissen nicht, wie leicht das vieles machen kann.«</p><subtitle>* * *</subtitle><p>»Sehen Sie Fiola an«, sagte die alte Contessa Vitelleschi in der Ecke der M&#xFC;tter. »Er benimmt sich, als ob es au&#xDF;er dieser Fremden keine jungen Frauen hier g&#xE4;be.«</p><p>Die Vitelleschi starrte durch ihr Lorgnon auf Lillian.</p><p>»Woher kommt diese Person?«</p><p>»Nicht aus Italien.«</p><p>»Das sehe ich. Wahrscheinlich irgendeine Kreuzung –«</p><p>»So wie ich«, sagte Teresa Marchetti spitz, »amerikanisch, indianisch, spanisch – aber willkommen genug, um Ugo Marchetti mit Papas Dollars auszuhelfen, seinen alten Palazzo von Ratten zu befreien, Badezimmer einzubauen und seine Geliebte in Stil auszuhalten.«</p><p>Fiola hatte an einem der aufgestellten Tische haltgemacht. Lillian verabschiedete ihn und lie&#xDF; sich von Torriani zu Clerfayt bringen.</p><p>»Warum tanzt du nicht mit mir?« fragte sie Clerfayt.</p><p>»Ich tanze mit dir«, erwiderte er, »ohne aufzustehen.«</p><p>Torriani lachte. »Er tanzt nicht gern.«</p><p>»Das ist wahr«, sagte Clerfayt. »Ich tanze miserabel, Lillian. Du solltest das noch von der Palace Bar her wissen.«</p><p>»Das habe ich l&#xE4;ngst vergessen.«</p><p>Sie ging mit Torriani zur Tanzfl&#xE4;che zur&#xFC;ck. Levalli setzte sich wieder zu Clerfayt. »Eine dunkle Flamme«, sagte er. »Oder ein Dolch. Finden Sie nicht diese erleuchteten Glasplatten wirklich geschmacklos? Der Mond ist hell genug. Luigi!« rief er, »l&#xF6;sche das Licht unter der Tanzfl&#xE4;che. Sie macht mich traurig«, sagte er pl&#xF6;tzlich zu Clerfayt. »Sch&#xF6;nheit bei einer Frau macht mich traurig, weil man wei&#xDF;, da&#xDF; sie vergehen wird, und m&#xF6;chte, da&#xDF; sie bleibt. Macht es sie auch traurig?«</p><p>»Nein«, sagte Clerfayt. »Es gibt ganz andere Dinge, die mich traurig machen.«</p><p>»Ich verstehe.« Levalli trank von seinem Grappa<a type="note" l:href="#n_29">[29]</a>.</p><p>»Versuchen Sie diesen Grappa.«</p><p>Sie tranken und schwiegen. Lillian kam wieder bei ihnen vorbei. Ich habe keine Zukunft, dachte sie. Das ist fast wie keine Schwerkraft zu haben. Sie sah Clerfayt an und formte einen lautlosen Satz mit den Lippen. Clerfayt sa&#xDF; jetzt im Dunkeln. Sie konnte sein Gesicht kaum erkennen. Es schien auch nicht n&#xF6;tig zu sein. Dem Leben brauchte man nicht ins Gesicht zu sehen. Man brauchte es nur zu f&#xFC;hlen.</p></section><section><title><p>13</p></title><p>Wo liege ich?« fragte Clerfayt durch den L&#xE4;rm, als er am Lager hielt.</p><p>»An siebter Stelle«, schrie Torriani. »Wie ist die Stra&#xDF;e?«</p><p>»Zum Kotzen! Frisst Gummi in der Hitze, als w&#xE4;re es Kaviar. Hast du Lillian gesehen?«</p><p>»Ja. Sie ist auf der Trib&#xFC;ne.«</p><p>Torriani hielt Clerfayt einen Krug mit Zitronenlimonade an den</p><p>Mund. Der Rennleiter kam heran. »Fertig?« rief er. »Los! Los!« »Wir k&#xF6;nnen nicht hexen«, schrie der Chefmonteur.</p><p>»R&#xE4;der wechseln in drei&#xDF;ig Sekunden kann nicht mal der Teufel!«</p><p>»Los! Macht schon!«</p><p>Das Benzin scho&#xDF; in den Tank. »Clerfayt«, sagte der Rennleiter. »Duval liegt vor Ihnen. Hetzen Sie ihn! Mehr brauchen wir nicht. Wir halten die beiden Pl&#xE4;tze vor ihm.«</p><p>»Los! Fertig!« schrie der Chefmonteur.</p><p>Der Wagen sauste ab. Vorsicht, dachte Clerfayt, nicht &#xFC;berdrehen!</p><p>Die Strecke stieg an auf vierhundert Meter. Clerfayt war schneller in den Kurven. Er kam langsam heran. Zehn Minuten sp&#xE4;ter erkannte er den Wagen; es mu&#xDF;te Duval sein. Clerfayt hing hinter ihm, aber Duval gab die Stra&#xDF;e nicht frei. Er blockierte Clerfayt bei jedem Versuch, ihn zu &#xFC;berholen.</p><p>Clerfayt dachte zum ersten Male wieder an Lillian, als er anhielt, um Reifen zu wechseln. Er sah die Trib&#xFC;nen an. Er hatte das Gef&#xFC;hl, als schwebe er ikarusgleich in die Arme eines endlosen Gef&#xFC;hls, das weiter als Liebe war und irgendwo auf der Trib&#xFC;ne sich personifiziert hatte in einer Frau.</p><p>»Los!« schrie der Rennleiter.</p><p>Clerfayt fuhr pl&#xF6;tzlich nicht mehr allein. Wie der Schatten eines hochfliegenden Flamingos flog jetzt das Gef&#xFC;hl mit ihm.</p><p>In der n&#xE4;chsten Runde fing der Wagen an zu tanzen. Die Hinterr&#xE4;der rutschten ihm wieder weg. Der Wagen war immer noch ohne Kontrolle, er rutschte und schlug, Clerfayt gab Gas, aber der Wagen ri&#xDF; seine Arme herum, er sp&#xFC;rte einen Ri&#xDF; in der Schulter. Er ri&#xDF; noch einmal das Steuer herum, und – Wunder, der Wagen folgte ihm, scho&#xDF; durch die L&#xFC;cke und der Wagen stand.</p><p>Er sah die Menschen auf sich zukommen. Er wu&#xDF;te nicht, ob sie ihn t&#xF6;ten oder ihm gratulieren wollten, es war ihm im Augenblick auch egal, nur das eine war nicht egal: Sie durften den Wagen nicht ber&#xFC;hren, ihm nicht helfen, sonst war er disqualifiziert. Er stand auf, sp&#xFC;rte den Schmerz, sah Blut, das aus der Nase tropfte, konnte nur einen Arm heben.</p><p>Sie blieben stehen. Sie sahen, da&#xDF; er gehen konnte. Das Blut war ungef&#xE4;hrlich; er war nur mit dem Gesicht aufgeschlagen. Die Schulter war nicht gebrochen. Er mu&#xDF;te versuchen, mit dem rechten Arm weiterzufahren. Er mu&#xDF;te das Depot erreichen; dort war Torriani, um ihn abzul&#xF6;sen, und dort waren die Monteure und ein Arzt.</p><p>Er fuhr langsam, und dachte nur das eine: Der Wagen mu&#xDF; zum Depot kommen, es ist nicht mehr weit, bis die gerade Strecke beginnt, von da an kann ich ihn halten, es sind nicht mehr viele Kurven.</p><p>Der n&#xE4;chste Wagen br&#xFC;llte heran, hinter ihm. Clerfayt hielt die Stra&#xDF;e, so lange er konnte. Er biss die Z&#xE4;hne zusammen.</p><p>Autofahren ist nur f&#xFC;r Dilettanten eine romantische Angelegenheit, es gibt nur den Wagen und den Fahrer, und alles Dritte dazwischen ist Gefahr, oder es bringt Gefahr – zur H&#xF6;lle mit allen Flamingos, zum Teufel mit allen Gef&#xFC;hlen, ich h&#xE4;tte den Wagen halten k&#xF6;nnen, ich h&#xE4;tte die Kurven weicher schneiden sollen, ich h&#xE4;tte die Reifen schonen m&#xFC;ssen, jetzt ist es zu sp&#xE4;t, ich verliere zu viel Zeit. Zum Teufel mit Lillian, was hat sie hier zu tun, und zum Teufel mit mir, was habe ich mit ihr zu tun?</p><p>Lillian sa&#xDF; auf der Trib&#xFC;ne. Der L&#xE4;rm der vielen Motoren war bet&#xE4;ubend<a type="note" l:href="#n_30">[30]</a> wie eine tausendfache An&#xE4;sthesie.</p><p>Nach einiger Zeit gew&#xF6;hnte sie sich, und pl&#xF6;tzlich kam ein R&#xFC;ckschlag. Es war wie ein Kinderspiel; kleine Menschen in wei&#xDF;en und farbigen Overalls<a l:href="#n_31" type="note">[31]</a> rollten R&#xE4;der umher, Rennleiter hielten Flaggen und Schilder hoch. Ein Pferderennen war &#xE4;hnlich; ein Stierkampf auch – die Gefahr wurde zum Spiel und zum Spielzeug, dem man den Ernst nicht recht glaubte.</p><p>Lillian f&#xFC;hlte, wie etwas in ihr gegen diesen Rausch protestierte. Sie war selbst zu lange und zu nahe am Tode gewesen. Es schien ihr &#xE4;hnlich, als wenn Kinder auf der Stra&#xDF;e versuchten, vor heranfahrenden Autos noch rasch zur andern Seite hin&#xFC;berzulaufen.</p><p>»Clerfayt!« sagte jemand neben ihr. »Wo ist er?«</p><p>Sie schreckte auf. »Was ist mit ihm?«</p><p>»Er sollte l&#xE4;ngst vorbeigekommen sein.«</p><p>Die Menschen auf der Trib&#xFC;ne wurden unruhig. Lillian sah Torriani, der winkte, sie m&#xF6;ge ruhig sein, nichts sei passiert. Das erschreckte sie mehr als alles andere. Die Sekunden wurden lang, die Minuten Stunden. Dann kam die mechanische Stimme des Lautsprechers: »Der Wagen Clerfayts, Nummer zw&#xF6;lf, ist aus der Kurve getragen worden. Wir haben noch keine weiteren Nachrichten.«</p><p>Lillian hob langsam den Kopf. Alles war noch da wie vorher – der Himmel, die blaue Helligkeit – aber irgendwo war jetzt ein Punkt ohne Farbe, ein Nebel, in dem Clerfayt k&#xE4;mpfte oder schon erstickt war. »Clerfayt lebt«, erkl&#xE4;rte der Ansager. »Er ist nicht ernsthaft verletzt. Er hat den Wagen selbst auf die Strecke zur&#xFC;ckgebracht. Er f&#xE4;hrt. Er ist wieder im Rennen.«</p><p>Lillian f&#xFC;hlte einen raschen Zorn. Sie hasste pl&#xF6;tzlich die Menschen um sich herum, und dann hasste sie Clerfayt und wu&#xDF;te, da&#xDF; es nur eine Reaktion auf ihre Angst war, und sie hasste ihn trotzdem, weil er dieses kindische Spiel um den Tod mitspielte.</p><p>Zum ersten Mal, seit sie das Sanatorium verlassen hatte, dachte sie an Wolkow. Dann sah sie unten Clerfayt herankommen. Sie sah sein blutiges Gesicht.</p><p>Die Monteure kontrollierten den Wagen. Sie wechselten die Reifen, Torriani stand neben Clerfayt. »Dieser verdammte Reifen!« sagte Clerfayt. »Ich bin mit der Schnauze aufgeschlagen und habe meinen Arm verstaucht. Der Wagen ist in Ordnung. Du mu&#xDF;t weiterfahren.«</p><p>»Klar!« rief der Rennleiter. »Los, Torriani!«</p><p>Torriani sprang in den Wagen. »Fertig!« schrie der erste Monteur.</p><p>Der Wagen scho&#xDF; davon. »Was ist los mit dem Arm?« fragte der Rennleiter Clerfayt. »Gebrochen?«</p><p>»Nein. Verstaucht oder so was. In der Schulter.«</p><p>Der Arzt kam. Clerfayt sp&#xFC;rte einen wahnsinnigen Schmerz</p><p>»Sie k&#xF6;nnen nicht weiterfahren«, sagte der Arzt.</p><p>Clerfayt hockte auf seiner Kiste. Er f&#xFC;hlte sich leer. Der Arzt &#xFC;berklebte seine Schulter fest mit Bandagen.</p><p>»Was ist passiert?« fragte der Rennleiter.</p><p>»Der verfluchte Reifen! Aus der Kurve gerutscht. Einen kleinen Baum mitgenommen. Schlag mit dem Steuerrad.«</p><p>»Das Rennen ist noch lange nicht zu Ende!Hoffentlich schafft Torrianis es!«</p><p>Ich bin zu alt, dachte Clerfayt. Was habe ich hier zu suchen? Aber was sonst kann ich tun?</p><p>Torriani holte Runden auf. Clerfayt wollte ihm die Freude g&#xF6;nnen, aber er f&#xFC;hlte, wie er bitter wurde. Sechzehn Jahre Unterschied im Alter machten sich bemerkbar.</p><p>»K&#xF6;nnen Sie Torriani abl&#xF6;sen, wenn was passiert, Clerfayt?« fragte der Rennleiter.</p><p>»Lassen Sie ihn weiterfahren«, sagte Clerfayt.»Solange er kann. Er ist jung, er kann es aushalten.«</p><p>»Er ist zu nerv&#xF6;s.«</p><p>»Er f&#xE4;hrt gro&#xDF;artig.«</p><p>Eine Runde vor Schlu&#xDF; rollte der Wagen Torrianis vor das Depot. »Was ist los?« fragte der Rennleiter. »K&#xF6;nnen Sie nicht weiterfahren? Was ist los? Er hat einen Hitzschlag! Unglaublich!</p><p>Clerfayt! Bringen Sie nur den Wagen zur&#xFC;ck! Es macht nichts, wenn wir ein paar Minuten verlieren! Sie werden immer noch vierter.«</p><p>Clerfayt sa&#xDF; schon im Wagen. Torriani war zusammengefallen. »Nur den Wagen zur&#xFC;ck!« betete der Rennleiter. »Bringen Sie nur den Wagen zur&#xFC;ck! Und den vierten Preis!«</p><p>Eine Runde, dachte Clerfayt. Sie geht vor&#xFC;ber. Man kann den Schmerz ertragen. Er ist geringer, als in einem Konzentrationslager am Kreuze zu h&#xE4;ngen. Weber liegt vorne. Es ist egal, was ich mache. Es ist nicht egal! Wie sich das dreht! Der Wagen ist doch kein Flugzeug!</p><p>Die mechanische Stimme des Ansagers dr&#xF6;hnte: »Clerfayt ist wieder im Rennen. Torriani ist ausgefallen!«</p><p>Lillian sah den Wagen. Sie sah die bandagierte Schulter. Dieser Narr! dachte sie. Dieses Kind, das nie aufgewachsen ist. Leichtsinn ist nicht Mut. Er wird wieder st&#xFC;rzen! Sie wollte fortgehen. Sie dachte wieder an das Sanatorium im Schnee. Dort war es anders gewesen.</p><p>Sie ging die Treppe der Trib&#xFC;ne hinunter. Was tue ich hier, unter diesen fremden Menschen? dachte sie und blieb stehen. Ja, was tue ich hier? dachte sie. Ich wollte hierher zur&#xFC;ck; aber kann man zur&#xFC;ck? Ich geh&#xF6;re nicht dazu! Sie konnte nicht zur&#xFC;ck, und es gab keine Hilfe von au&#xDF;en.</p><p>Die Fahrer kamen zur&#xFC;ck. Klein und bunt schossen sie durchs Ziel. Lillian blieb auf der Treppe stehen, bis sie Clerfayts Wagen sah. Dann stieg sie langsam die Treppen hinunter.</p><p>Clerfayt hatte das Blut abgewischt, aber seine Lippen tropften noch.</p><p>»Ich kann dich nicht k&#xFC;ssen«, sagte er.</p><p>»Hast du Angst gehabt?«</p><p>»Nein. Aber du solltest nicht mehr fahren.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich nicht«, erwiderte Clerfayt geduldig. Er kannte diese Reaktion. »War ich so schlecht?« fragte er.</p><p>»Es war gro&#xDF;artig«, sagte Torriani, der mit bla&#xDF;em Gesicht auf einer Kiste sa&#xDF; und Kognak trank.</p><p>Lillian blickte ihn feindselig an. »Es ist vorbei«, sagte Clerfayt. »Denk nicht mehr daran, Lillian. Es war nicht gef&#xE4;hrlich. Es sah nur so aus.« »Du solltest nicht fahren«, wiederholte sie.</p><p>»Gut. Morgen zerrei&#xDF;en wir den Kontrakt. Zufrieden?«</p><p>Torriani lachte. »Und &#xFC;bermorgen kleben wir ihn wieder zusammen.«</p><p>Der Rennleiter Gabrielli kam vorbei. »Kommen Sie heute abend, Clerfayt?« fragte er.</p><p>Clerfayt nickte. »Wir sind hier im Wege, Lillian«, sagte er dann. Er sah ihr Gesicht. Es hatte noch immer den sonderbaren Ernst wie vorher. »Was ist los?« fragte er. »Willst du wirklich, da&#xDF; ich nicht mehr fahre?«</p><p>»Ja.«</p><p>»Warum?«</p><p>Sie z&#xF6;gerte. »Ich wei&#xDF; nicht, wie ich es sagen soll – aber es ist, irgendwie – tief unmoralisch.«</p><p>»Du meinst, man solle Gott nicht versuchen, Lillian?«</p><p>Sie nickte. »Nur wenn gar nichts anderes &#xFC;brig bleibt. Nicht aus Frivolit&#xE4;t.«</p><p>»Ich rede Unsinn«, sagte Lillian verzweifelt zu Clerfayt. »H&#xF6;r nicht auf mich!«</p><p>»Du redest keinen Unsinn. Du bist nur &#xFC;berraschend.«</p><p>»Warum?«</p><p>Er blieb stehen. »Frage ich dich je, ins Sanatorium zur&#xFC;ckzugehen?« sagte er ruhig.</p><p>Sie blickte ihn an. Sie hatte bis jetzt geglaubt, er w&#xFC;sste nichts oder h&#xE4;tte angenommen, da&#xDF; ihr nicht viel fehle. »Ich brauche nicht ins Sanatorium zur&#xFC;ck«, erwiderte sie rasch.</p><p>»Das wei&#xDF; ich. Aber habe ich dich je gefragt?«</p><p>Sie h&#xF6;rte die Ironie. »Ich sollte nicht reden, wie?«</p><p>»Doch«, sagte er. »Immer.«</p><p>Sie lachte. »Ich liebe dich sehr, Clerfayt. Sind alle Frauen nach dem Rennen so albern wie ich?«</p><p>»Das habe ich vergessen. Ist das ein Kleid von Balenciaga?«</p><p>»Das habe ich auch vergessen.«</p><p>Er bef&#xFC;hlte seine Backenknochen und seine Schulter. »Ich werde heute abend ein Gesicht wie ein bunter Pudding haben und eine geschwollene Schulter. Wollen wir zu Levalli hinausfahren, solange ich noch steuern kann?«</p><p>»Mu&#xDF;t du nicht zu deinem Rennleiter?«</p><p>»Nein. Da ist nur eine Siegesfeier im Hotel.«</p><p>»Feierst du nicht gern Siege?«</p><p>»Jeder gewonnene Sieg ist einer weniger. Einer weniger zu gewinnen«, sagte er. »Wirst du mir heute abend nasse Umschl&#xE4;ge auf das Gesicht machen und mir dazu ein Kapitel aus der Kritik der reinen Vernunft vorlesen?«</p><p>»Ja«, sagte Lillian. »Und irgendwann m&#xF6;chte ich nach Venedig fahren.«</p><p>»Warum?«</p><p>»Es hat keine Berge und keine Automobile.«</p></section><section><title><p>14</p></title><p>Sie blieben noch zwei Wochen in Sizilien. Clerfayt heilte seine Schulter aus. Sie lebten in Levallis Garten und am Meer. Clerfayt hatte noch ein paar Wochen bis zum n&#xE4;chsten Rennen. »Wollen wir hier bleiben?« fragte er. »Oder wollen wir zur&#xFC;ck?«</p><p>»Wohin?«</p><p>»Nach Paris. Oder irgendwohin. Hier wird es jetzt hei&#xDF;.«</p><p>»Ist der Fr&#xFC;hling schon vorbei?«</p><p>»Hier unten ja. Aber wir k&#xF6;nnen Giuseppe nehmen und ihm nachfahren. In Rom f&#xE4;ngt er jetzt erst an.«</p><p>»Und wenn er dort vorbei ist?«</p><p>Clerfayt lachte. »Dann fahren wir ihm weiter nach, wenn du willst.«</p><p>»Hast du das schon einmal getan?«</p><p>»Ja, vor hundert Jahren. Vor dem Kriege.«</p><p>»Mit einer Frau?«</p><p>»Ja, aber es war anders.«</p><p>»Es ist sicher immer anders. Auch mit derselben Frau. Ich bin nicht eifers&#xFC;chtig.«</p><p>»Wollen wir fahren?«</p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Noch nicht.« Sie k&#xFC;&#xDF;te ihn.</p><empty-line/><p>Dann wurde sie ungeduldig und wollte fort. Von einem Tage zum andern schien es ihr, als sei sie Monate in Sizilien gewesen. Es waren auch Monate, dachte sie – Monate f&#xFC;r sie. Zwischen Tag und Tag lag f&#xFC;r sie jedes Mal die Nacht wie eine Schlucht von Wochen und das einsame Erwachen. Sie lie&#xDF; Clerfayt nie die ganze Nacht bei sich bleiben. Sie wollte nicht, da&#xDF; er sie husten h&#xF6;rte.</p><p>Sie flog nach Rom, um von da weiterzufliegen. Clerfayt fuhr mit Torriani den Wagen zur&#xFC;ck. Sie wollten sich in Paris wiedertreffen.</p><p>Sie wanderte durch Roms herum. Sie blieb die Nacht im Hotel und ging am n&#xE4;chsten Vormittag zum B&#xFC;ro der Fluglinie. Dort sah sie im Schaufenster ein Plakat von Venedig, sie erinnerte sich, was sie bei Levalli zu Clerfayt gesagt hatte; ohne weiter nachzudenken lie&#xDF; sie ihr Billett nach Venedig umschreiben. Sie meinte, sie m&#xFC;sse hinfahren, bevor sie nach Paris zur&#xFC;ckkehrte. Sie wollte sich &#xFC;ber irgend etwas klar werden, ehe sie Clerfayt wieder sah.</p><p>»Wann geht das Flugzeug?« fragte sie.</p><p>»In zwei Stunden.«</p><p>Sie ging zum Hotel zur&#xFC;ck und packte. Sie wollte ein paar Tage allein sein, allein und unerreichbar, bevor sie zur&#xFC;ckkehrte.</p><p>Das Flugzeug senkte sich in den rosigen sp&#xE4;ten Nachmittag der Lagune. Lillian bekam ein Eckzimmer im Hotel Danieli.</p><p>Sie trat in ihr Zimmer und blieb stehen. Der Raum war mit dem rosafarbenen Licht des Abends gef&#xFC;llt, das es nur in Venedig gibt. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. Das Wasser war blau und still. Diese Stadt war am weitesten von allen Bergen fort, dachte Lillian. Alles war fremd hier und zauberhaft. Niemand kennt mich hier, dachte sie. Und niemand wei&#xDF;, da&#xDF; ich hier bin!</p><p>Sie ging &#xFC;ber die Piazza. Sie hatte kein Ziel.</p><p>»Wohin kann ich heute abend gehen?« fragte sie den Kellner.</p><p>»Heute abend? Vielleicht ins Theater, Signora.«</p><p>»Gibt es da noch Pl&#xE4;tze?«</p><p>»Wahrscheinlich. Im Theater gibt es immer noch Pl&#xE4;tze.«</p><p>»Wie kommt man zum Theater?«</p><p>Der Kellner begann ihr den Weg zu beschreiben.</p><p>»Kann man keine Gondel nehmen?« fragte sie.</p><p>»Auch das. Fr&#xFC;her hat man es immer getan. Jetzt nicht mehr. Das Theater hat zwei Eing&#xE4;nge. Es ist nicht weit zu gehen.«</p><p>Lillian nahm eine Gondel beim Palazzo Ducale. Der Kellner hatte recht gehabt, au&#xDF;er ihr kam nur noch eine zweite Gondel an. »Eine Frau sollte in Venedig nicht allein sein«, sagte der Gondoliere, w&#xE4;hrend er ihr beim Aussteigen half.</p><p>»Eine junge Frau noch weniger. Eine sch&#xF6;ne nie.«</p><p>Lillian kam gerade zurecht, als der Vorhang aufging. Ein Spiel aus dem achtzehnten Jahrhundert wurde gespielt. Es war das sch&#xF6;nste Theater der Welt.</p><p>Sie blickte auf die B&#xFC;hne. Sie verstand nicht viel Italienisch. Das Gef&#xFC;hl von Einsamkeit und Schwermut, das sie schon in Rom gehabt hatte, ergriff sie wieder. Es war nichts Ernstes, was auf der B&#xFC;hne vor sich ging, das konnte man sehen – eine Kom&#xF6;die. Sie sah die dunklen Flecken in ihrem Taschentuch.</p><p>Sie blieb einen Augenblick sitzen und versuchte, es zu unterdr&#xFC;cken; aber das Blut kam wieder. Sie mu&#xDF;te hinausgehen, aber sie wu&#xDF;te nicht, ob sie es allein konnte.</p><p>Verzweifelt suchte sie nach dem italienischen Wort f&#xFC;r Hilfe. Es fiel ihr nicht ein. »Misericordia<a l:href="#n_32" type="note">[32]</a>«, murmelte sie schlie&#xDF;lich.</p><p>Die Frau blickte erstaunt auf. »Are you sick?<a type="note" l:href="#n_33">[33]</a>«</p><p>Lillian nickte.</p><p>»Mario, darling, help the lady.« sagte die blonde &#xE4;ltere Frau.</p><p>Mario erhob sich. Er st&#xFC;tzte Lillian. Er nahm ihren Arm und brachte sie hinaus. Mario &#xF6;ffnete die T&#xFC;r zum Foyer und starrte Lillian an. Vor ihm stand pl&#xF6;tzlich eine sehr blasse Frau in einem wei&#xDF;en Kleid, der das Blut zwischen den Fingern auf die Brust tropfte.</p><p>»But, Signora, you are really sick«, sagte er fassungslos. »Shall I take you to a hospital?«<a l:href="#n_34" type="note">[34]</a></p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Hotel Danieli. Taxi – bitte –«</p><p>»Aber Signora, in Venedig gibt es kein Taxi! Nur eine Gondel! Sie m&#xFC;ssen in eine Klinik.«</p><p>»Nein, nein! Ein Boot. Zum Hotel. Dort ist sicher ein Arzt.«</p><p>Der Gondoliere starrte. »Erschossen?«</p><p>»Frag nicht! Fahr zu! Rasch!«</p><p>»Wir sind gleich da«, sagte Mario.</p><p>Sie lag auf den hinteren Sitzen.</p><p>»K&#xF6;nnten Sie noch zwei Minuten durchhalten? Wir sind gleich da.« Mario half ihr aus dem Boot. »F&#xFC;r mich. Einen Arzt! Sofort.«</p><p>Mario brachte sie durch die Halle. Es waren nicht viele Leute da. Ein Tisch mit Amerikanern starrte sie an. Irgendwo sah sie ein Gesicht, das sie kannte, aber sie konnte sich nicht erinnern.</p><p>»Nicht sprechen Madame«, sagte Mario. Er war ein Schutzengel mit einer Stimme aus Samt. »Der Arzt kommt sofort. Doktor Pisani.</p><p>Er ist sehr gut. Nicht sprechen! Bring Eisst&#xFC;cke.«</p><p>Sie lag eine Woche in ihrem Zimmer. Die Fenster waren offen, so warm war es bereits. Sie hatte Clerfayt nicht benachrichtigt. Sie wollte nicht, da&#xDF; er sie krank f&#xE4;nde. Sie wollte ihn auch nicht an ihrem Bett sehen. Dies war ihre Sache; ihre allein. Sie schlief und d&#xE4;mmerte durch die Tage. Der Arzt kam ab und zu, und Mario kam. Nichts war sehr gef&#xE4;hrlich, und war nur eine kleinere Blutung, der Arzt verstand sie, und Mario brachte ihr Blumen und erz&#xE4;hlte ihr von seinem schweren Leben mit &#xE4;lteren Damen. Wenn er nur einmal eine reiche, junge f&#xE4;nde, die ihn verst&#xE4;nde. Er meinte nicht Lillian. Er war v&#xF6;llig offen.</p><p>»Was willst du sp&#xE4;ter tun, Mario? Eine von deinen &#xE4;lteren Damen heiraten?«</p><p>Mario sch&#xFC;ttelte ernsthaft den Kopf. »Ich spare. Wenn ich genug habe in ein paar Jahren, mache ich eine kleine, elegante Bar auf. Ich habe eine Verlobte in Padua, die erstklassig kocht. Ihre Fettucini!« Mario k&#xFC;&#xDF;te seine Fingerspitzen. »Kommst du mit deinen Bekannten?«</p><p>»Ich komme«, sagte Lillian.</p><p>Mario brachte ihr einen Rosenkranz, der vom Papst geweiht war, und ein gemaltes venezianisches K&#xE4;stchen f&#xFC;r Briefe.</p><p>»Ich kann dir nichts zur&#xFC;ckgeben, Mario«, sagte sie.</p><p>»Ich will auch nichts zur&#xFC;ckhaben. Es ist gut, etwas schenken zu k&#xF6;nnen, anstatt immer von Geschenken leben zu m&#xFC;ssen.«</p><p>Das Gesicht, das Lillian in der Halle des Hotels gesehen hatte, als Mario sie hereinbrachte, war das des Vicomte de Peystre gewesen. Er hatte sie erkannt und am n&#xE4;chsten Tage begonnen, ihr Blumen zu schicken.</p><p>»Warum sind Sie im Hotel?« fragte er, als sie ihn endlich anrief.</p><p>»Ich liebe Hotels. Wollen Sie mich in eine Klinik schicken?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich nicht. Kliniken sind f&#xFC;r Operationen. Ich hasse sie ebenso wie Sie. Aber ein Haus mit einem Garten, an einem der stillen Kan&#xE4;le –«</p><p>»Haben Sie auch hier eines? So wie die Wohnungen in Paris?«</p><p>»Es w&#xE4;re nicht schwer, eins zu finden.« »Haben Sie eins?«</p><p>»Ja«, sagte Peystre.</p><p>Lillian lachte. »Sie haben &#xFC;berall Wohnungen, und ich will nirgendwo welche haben. Nehmen Sie mich lieber irgendwohin zum Essen.«</p><p>»D&#xFC;rfen Sie hinaus?«</p><p>»Nein.«</p><p>Als sie in die Halle hinunterkam, dachte sie. Wer dem Tod oft entkommt, wird ebenso oft wiedergeboren und jedes Mal mit tieferer Dankbarkeit.</p><p>Sie blieb &#xFC;berrascht stehen. Das ist es! dachte sie. Das ist das Geheimnis! Mu&#xDF;te ich nach Venedig kommen, in dieses zauberhafte Hotel um es zu finden?</p><p>»Sie l&#xE4;cheln«, sagte Peystre. »Warum? Weil Sie Ihren Arzt betr&#xFC;gen?«</p><p>»Nicht meinen Arzt. Wohin gehen wir?«</p><p>»Zur Taverna. Wir fahren von hier.«</p><p>Der Seiteneingang des Hotels. Die schwankende Gondel. »Ich kenne Venedig nur von meinem Fenster«, sagte Lillian. »Und von ein paar Stunden am ersten Abend.«</p><p>»Dann kennen Sie es besser als ich. Ich kenne es seit drei&#xDF;ig Jahren.«</p><p>Der Kanal. Die Hotels. Die Terrassen mit wei&#xDF;gedeckten Tischen und Gl&#xE4;sern. Das klatschende Wasser. Woher kenne ich das alles? dachte Lillian. Mu&#xDF;te jetzt nicht ein Fenster mit Kanarienvogelk&#xE4;figen kommen?</p><p>»Wo liegt die Taverna?« fragte sie.</p><p>»Neben dem Theater.«</p><p>»Hat sie eine Terrasse?«</p><p>»Ja. Waren Sie schon da?«</p><p>»Sehr fl&#xFC;chtig. Nicht zum Essen. Ich bin daran vorbeigekommen.«</p><p>»Es ist ein ausgezeichnetes Restaurant.«</p><p>Sie h&#xF6;rte das Klappern der Teller und die Stimmen, bevor sie um die Ecke kamen.</p><p>»Sie lachen«, sagte Peystre. »Warum?«</p><p>»Sie fragen mich das schon zum zweiten Mal. Weil ich hungrig bin.</p><p>Und weil ich wei&#xDF;, da&#xDF; ich etwas zu essen bekommen werde.«</p><p>Der Wirt bediente sie selbst. Er brachte Meertiere, frische, gebackene und gekochte, und einen offenen wei&#xDF;en Wein. »Warum sind Sie allein hier?« fragte Peystre.</p><p>»Aus einer Laune; aber ich fahre zur&#xFC;ck.«</p><p>»Nach Paris?«</p><p>»Nach Paris.«</p><p>»Zu Clerfayt?«</p><p>»Auch das wissen Sie schon? Ja, zu Clerfayt.«</p><p>»Haben Sie nie das Gef&#xFC;hl, Sie k&#xF6;nnten etwas vers&#xE4;umen?« fragte Peystre.</p><p>Lillian sah ihn an und schwieg einen Augenblick.</p><p>»Was?« fragte sie dann.</p><p>»Ein Abenteuer. Eine &#xDC;berraschung. Etwas Neues. Etwas, was Sie nicht kennen?«</p><p>»Das hatte ich, als ich hierher kam. Ich hatte das Gef&#xFC;hl, New York, Yokohama, Tahiti, Apollo, Dionysos, Don Juan und Buddha zu vers&#xE4;umen; – ich habe es jetzt nicht mehr.«</p><p>»Seit wann nicht?«</p><p>»Seit ein paar Tagen.«</p><p>»Warum nicht?«</p><p>»Weil ich gelernt habe, da&#xDF; man nur sich selbst vers&#xE4;umen kann.«</p><p>»Wo haben Sie das gelernt?«</p><p>»An meinem Fenster im Hotel.«</p><p>»Jetzt frage ich Sie zum dritten Male, warum Sie l&#xE4;cheln«, sagte Peystre.</p><p>»Weil ich atme. Weil ich hier bin, weil es Abend ist, und weil wir Unsinn reden.«</p><p>»Ist es Unsinn?«</p><p>»Es ist immer Unsinn. Gibt es hier Kognak?«</p><p>»Es gibt Grappa, alten und sehr guten«, sagte Peystre. »Ich beneide sie.«</p><p>Lillian lachte.</p><p>»Sie haben sich ver&#xE4;ndert«, sagte Peystre. »Sie sind anders als in Paris. Wissen Sie, was es ist?«</p><p>Sie hob die Schultern. »Ich wei&#xDF; es nicht. Vielleicht weil ich eine Illusion aufgegeben habe – die, da&#xDF; man ein Recht auf das Leben habe.«</p><p>»Es scheint, da&#xDF; ich zu sp&#xE4;t gekommen bin«, sagte Peystre. »Ein paar Stunden oder ein paar Tage. Wann fahren Sie? Morgen?« »&#xDC;bermorgen.«</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Clerfayt hatte sie in Paris gesucht; dann dachte er, sie sei ins Sanatorium zur&#xFC;ckgekehrt.</p><p>Er hatte sie in Rom und Paris gesucht und nirgendwo gefunden. Schlie&#xDF;lich beschloss er, da&#xDF; sie ihn verlassen habe. Selbst Onkel Gaston wusste nicht, wo seine Nichte war. Clerfayt hatte versucht, sie zu vergessen und weiterzuleben.</p><p>Eine Woche nach seiner R&#xFC;ckkehr traf er Lydia Morelli.</p><p>»Hat sie dich verlassen?«</p><p>»Und du bist eifers&#xFC;chtig.«</p><p>»Ich bin eifers&#xFC;chtig; aber du bist ungl&#xFC;cklich. Das ist ein Unterschied.«</p><p>Clerfayt ging mit ihr essen.</p><p>»Du solltest heiraten«, sagte sie sp&#xE4;ter.</p><p>»Wen?«</p><p>»Das wei&#xDF; ich nicht. Du bist reif.«</p><p>»Dich?«</p><p>Sie l&#xE4;chelte. »Du hast auch viel zuwenig Geld f&#xFC;r mich. Heirate jemand mit Geld. Wie lange willst du noch Rennen fahren? Das ist etwas f&#xFC;r junge M&#xE4;nner.«</p><p>Clerfayt nickte. »Das wei&#xDF; ich, Lydia.«</p><p>Clerfayt stand auf. »Leb wohl, Lydia.«</p><p>»Du kommst doch wieder?«</p><p>»Wie lange kennen wir uns schon?«</p><p>»Vier Jahre. Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Nichts ist ganz so schlimm und nichts ganz so gut, wie wir glauben.«</p><empty-line/><p>Er f&#xFC;hlte sich scheu&#xDF;lich. Er vermi&#xDF;te Lillian nicht nur, er vermi&#xDF;te etwas in sich selbst.</p><p>Sie hat mich isoliert, dachte er irritiert. Sie hat mich j&#xFC;nger. Ich h&#xE4;tte Lillian heiraten sollen, dachte er. Das war die L&#xF6;sung! Er f&#xFC;hlte sich pl&#xF6;tzlich wie befreit. Er hatte nie daran gedacht, je zu heiraten. Er konnte sich sein Leben ohne Lillian ohnehin nicht mehr vorstellen.</p><p>Er suchen nicht mehr. Er wu&#xDF;te, da&#xDF; es zwecklos war. Er wusste nicht, da&#xDF; sie wieder im Hotel Bisson wohnte. Sie wollte noch einige Tage allein bleiben. Sie wollte nicht, da&#xDF; Clerfayt sie krank s&#xE4;he. Sie schlief viel und ging nicht aus.</p><p>Der erste, den sie wieder aufsuchte, war Onkel Gaston. Er war &#xFC;berrascht. »Wo wohnst du jetzt?« fragte er.</p><p>»Im Bisson. Nicht teuer, Onkel Gaston.«</p><p>»Wenn du so weitermachst, hast du bald kein Geld mehr. Wei&#xDF;t du, wie lange es noch reichen wird?«</p><p>»Nein. Ich will es auch nicht wissen.«</p><p>Ich mu&#xDF; mich beeilen zu sterben, dachte sie ironisch.</p><p>»Ich k&#xF6;nnte dir ein Zimmer in meiner Wohnung freimachen. Du spartest so das Hotel.«</p><p>»Ich werde dich nichts kosten, Onkel Gaston«, erkl&#xE4;rte sie. »Nie! Gib mir Geld. Und tu nicht so, als sei es dein eigenes. Es ist meines.«</p><p>Gaston schrieb einen Scheck aus. »Und sp&#xE4;ter?« fragte er bitter, »Was wird sp&#xE4;ter?«</p><p>»Es gibt kein Sp&#xE4;ter«, sagte sie.</p><p>Sie ging die nassen Stra&#xDF;en entlang. Es hatte geregnet, w&#xE4;hrend sie bei Gaston gewesen war, aber jetzt schien die Sonne wieder.</p><p>Sie nahm einen Hundertfrancs-Scheinm und warf ihn in die Seine. Es war eine sehr kindisch-symbolische Handlung des Protestes, aber das war ihr gleich. Den Scheck Onkel Gastons warf sie ohnehin nicht weg.</p><p>Sie kam zum Hotel. Sie hatte wieder ein Zimmer im ersten Stock, um nur eine Treppe steigen zu m&#xFC;ssen.</p><p>Sie stieg die Treppe langsam hinauf. Sie setzte sich in die Fensterbank, die F&#xFC;&#xDF;e heraufgezogen und gegen den Rahmen gestemmt, den Wein neben sich. Das Leben war gut so, fand sie, und wollte nicht weiter nachdenken. Sie blinzelte in die Sonne. Sie f&#xFC;hlte das Licht. So sah Clerfayt sie, als er gegen alle Erwartungen noch einmal am Bisson vorbeipatrouillierte.</p><p>Er ri&#xDF; die T&#xFC;r auf. »Lillian! Wo warst du?« rief er.</p><p>»In Venedig, Clerfayt.«</p><p>»Aber warum?«</p><p>»Ich habe dir doch in Sizilien gesagt, da&#xDF; ich einmal nach Venedig wolle. Es fiel mir in Rom wieder ein.«</p><p>Er schlo&#xDF; die T&#xFC;r hinter sich. »In Venedig also! Warum hast du mir nicht telegrafiert? Ich w&#xE4;re gekommen. Wie lange warst du da? Mit wem warst du da? Ich habe dich vermisst! Ich habe mir wei&#xDF; Gott was f&#xFC;r Gedanken gemacht! Verstehst du das nicht?«</p><empty-line/><p>Lillian kam zu ihm. »Hast du Giuseppe mitgebracht?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Hol ihn und lass uns zum Bois fahren.«</p><p>»Wir k&#xF6;nnen zum Bois fahren«, sagte Clerfayt und k&#xFC;&#xDF;te sie. »Aber wir werden zusammen gehen und zusammen Giuseppe holen; sonst bist du weg, wenn ich wiederkomme. Ich riskiere nichts mehr.«</p><p>»Hast du mich vermisst?«</p><p>»Ab und zu, wenn ich dich nicht haste. Mit wem warst du in Venedig?«</p><p>»Allein.«</p><p>Er sah sie an. »Es k&#xF6;nnte m&#xF6;glich sein. Warum hast du mir nichts gesagt?«</p><p>Sie war wieder da, dachte er, und eine tiefe, ungekannte und aufregende Ruhe erf&#xFC;llte ihn.</p><p>»Ich wollte nicht so lange in Venedig bleiben, Clerfayt«, sagte sie.</p><p>»Nur ein paar Tage.«</p><p>»Und warum bist du l&#xE4;nger geblieben?«</p><p>»Ich f&#xFC;hlte mich nicht wohl.«</p><p>»Was hattest du?«</p><p>»Eine Erk&#xE4;ltung.«</p><p>Sie sah, da&#xDF; er ihr nicht glaubte. Sie lehnte sich an ihn. Clerfayt hielt sie fest. »Und wann gehst du wieder weg?« fragte er.</p><p>»Ich gehe nicht weg, Clerfayt. Ich bin nur manchmal nicht da.«</p><p>Clerfayt hob sie vorsichtig hoch. »Ich will jetzt weder Giuseppe holen noch zum Bois fahren.«</p></section><section><title><p>16</p></title><p>Mit einem Wort: Du willst mich einsperren«, sagte Lillian und lachte.</p><p>Clerfayt lachte nicht. »Ich will dich nicht einsperren. Ich will dich heiraten.«</p><p>»Warum?«</p><p>»Damit du nicht wieder eines Tages ohne Spur verschwindest.«</p><p>»Glaubst du, da&#xDF; Heiraten sicherer sei, um wiederzukommen?«</p><p>»Um dazubleiben. Du hast nur noch wenig Geld.«</p><p>»Du hast doch selbst nichts, Clerfayt.«</p><p>»Wir haben genug f&#xFC;r dieses Jahr.«</p><p>»Gut, dann lass uns warten bis zum n&#xE4;chsten Jahr.«</p><p>»Warum warten?«</p><p>»Damit du siehst, da&#xDF; es Unsinn ist.«</p><p>»In einigen Monaten. Im Herbst. Sp&#xE4;testens Ende des Jahres verkaufe ich das Auto.«</p><p>Sie begann ihr Haar zu k&#xE4;mmen. »Ich werde bald zu alt sein, um Rennen zu gewinnen«, sagte Clerfayt. »Ich will mein Leben &#xE4;ndern.«</p><p>Warum wollen sie immer ihr Leben &#xE4;ndern? dachte Lillian. Warum wollen sie das &#xE4;ndern, womit sie eine Frau gewonnen haben? F&#xE4;llt ihnen nie ein, da&#xDF; sie dadurch die Frau wahrscheinlich verlieren werden?</p><p>Sogar Mario wollte am letzten Tag sein Dasein als Gigolo aufgeben und mit mir ein ehrbares Leben beginnen.</p><p>»Ich habe manchmal dar&#xFC;ber nachgedacht, ob Menschen wie wir heiraten sollen«, sagte sie.</p><p>»Lillian«, sagte Clerfayt ruhig. »Ich will dich behalten. Solange ich kann.«</p><p>»So beh&#xE4;lt man jemand nicht.«</p><p>»Ich will nicht so weiterleben wie bisher. Ich liebe dich, und ich will mit dir leben.«</p><p>»Ach, Clerfayt! Was sind das f&#xFC;r Dummheiten! Ich bin doch krank, Clerfayt«, sagte sie schlie&#xDF;lich z&#xF6;gernd.</p><p>»Das ist ein Grund mehr, nicht allein zu sein.«</p><p>Sie schwieg. »Wollen wir jetzt Giuseppe holen?« fragte sie.</p><p>»Ich kann ihn holen. Willst du hier warten?« »Ja.«</p><p>»Wann willst du an die Riviera fahren?«</p><p>»Bald. Ich habe an der Riviera ein h&#xE4;ssliches, kleines Haus.«</p><p>»Kannst du es nicht verkaufen?«</p><p>»Sieh es dir erst einmal an.«</p><p>»Gut«, sagte sie, pl&#xF6;tzlich ungeduldig. »Schick meine Koffer her&#xFC;ber, wenn du zum Hotel kommst.«</p><p>»Ich werde sie mitbringen.«</p><p>Er ging. Sie blieb sitzen.</p><p>Sie begann zu lachen. Clerfayt war kein Verlorener mehr; er hatte pl&#xF6;tzlich eine Zukunft. Bin ich deshalb zu ihm zur&#xFC;ckgekommen, dachte sie und f&#xFC;hlte, da&#xDF; sie leicht und lautlos weinte; – aber sie war nicht ungl&#xFC;cklich. Sie h&#xE4;tte nur alles gerne etwas l&#xE4;nger gehalten.</p><p>Clerfayt erschien mit den Koffern.</p><p>»Kann ich dir nicht ein paar Kleider schenken?« fragte Clerfayt. »Ich bin im Augenblick ziemlich reich. Gut, schenke mir eins. Wohin gehen wir heute abend? Kann man schon im Bois sitzen?«</p><p>»Wenn man M&#xE4;ntel mitnimmt. Sonst ist es noch zu k&#xFC;hl.«</p><p>»Wann f&#xE4;hrst du wieder ab?«</p><p>»Woher wei&#xDF;t du, da&#xDF; ich wieder abfahren mu&#xDF;? Folgst du dem</p><p>Rennkalender?«</p><p>»Nein. Aber bei uns wei&#xDF; man nie, wer wen verl&#xE4;&#xDF;t.«</p><p>»Ich fahre nach Rom. Und dann zum Tausend-Meilen-Rennen durch Italien. In einer Woche. Du kannst nicht mitkommen. Man f&#xE4;hrt und f&#xE4;hrt, weiter nichts.«</p><p>»Wirst du gewinnen?«</p><p>»Torriani und ich fahren nur als drittes Team. F&#xFC;r den Fall, da&#xDF; etwas passiert. Kann ich hier bleiben, w&#xE4;hrend du dich anziehst?« Lillian nickte.</p><p>»Ist noch Wein da?«</p><p>Clerfayt brachte ihr ein Glas. Sie legte den Arm um seinen Nacken. »Es ist sonderbar«, murmelte sie, »aber solange man nicht vergisst, da&#xDF; man f&#xE4;llt und f&#xE4;llt, ist nichts verloren. Das Leben scheint Paradoxe zu lieben, – wenn man glaubt, man sei ganz sicher, ist man immer l&#xE4;cherlich und kurz vor dem Absturz –, aber wenn man wei&#xDF;, da&#xDF; man verloren ist, &#xFC;bersch&#xFC;ttet es einen mit Geschenken.«</p><p>Clerfayt setzte sich neben sie. »Woher wei&#xDF;t du das alles?«</p><p>Lillian lachte. Clerfayt war wieder so wie fr&#xFC;her.</p><p>»Wei&#xDF; du, was ich m&#xF6;chte?« fragte sie. »Zehn Leben auf einmal leben.«</p><p>»Wozu? Es w&#xFC;rde doch immer nur eines sein.«</p><p>Sie standen am Fenster.»Wo wollen wir essen?«</p><p>Sie gingen die Treppe hinunter. Er versteht nicht, was ich meine, dachte Lillian. Immerhin – ich werde nie eine achtzigj&#xE4;hrige Greisin werden – ich werde jung im Ged&#xE4;chtnis meines Geliebten bleiben und dadurch st&#xE4;rker sein als alle Frauen nach mir, die l&#xE4;nger leben und &#xE4;lter werden als ich.</p><p>»Wor&#xFC;ber lachst du?« fragte Clerfayt auf der Treppe. »&#xDC;ber mich?«</p><p>»&#xDC;ber mich«, sagte Lillian. »Aber frag mich nicht, warum – du wirst es schon zur Zeit herausfinden.«</p><p>Er brachte sie zwei Stunden sp&#xE4;ter zur&#xFC;ck. »Genug f&#xFC;r heute«, sagte er l&#xE4;chelnd. »Du brauchst Schlaf.«</p><p>Sie sah ihn erstaunt an. »Schlaf?«</p><p>»Ruhe. Du hast mir erz&#xE4;hlt, da&#xDF; du krank warst.«</p><p>»Meinst du das wirklich?« fragte sie dann. »Sag mir nicht noch, da&#xDF; ich m&#xFC;de aussehe. Gute Nacht, Clerfayt.«</p><p>Er hielt sie fest. »Versteh mich doch, Lillian! Ich will nicht, da&#xDF; du dir zuviel zumutest und morgen einen R&#xFC;ckfall hast.«</p><p>»Du warst nicht so vorsichtig im Sanatorium.«</p><p>»Damals glaubte ich, ich w&#xFC;rde in ein paar Tagen abfahren und dich nie wieder sehen.«</p><p>»Und jetzt?«</p><p>»Jetzt opfere ich ein paar Stunden, weil ich dich so lange behalten will, wie ich kann.«</p><p>»Praktisch!« sagte Lillian b&#xF6;se. »Gute Nacht, Clerfayt.«</p><p>Er sah sie scharf an. »Bringen Sie eine Flasche Vouvray nach oben«, sagte er dann zu dem Nachtportier.</p><p>»Sehr wohl, mein Herr.«</p><p>»Komm!« Clerfayt nahm Lillians Arm. »Ich bringe dich hinauf.«</p><p>»Wei&#xDF;t du. Du hast recht, Clerfayt. Es ist ausgezeichnet, wenn du fr&#xFC;h schlafen gehst; du mu&#xDF;t dich ausruhen f&#xFC;r dein n&#xE4;chstes Rennen.«</p><p>Er starrte sie &#xE4;rgerlich an. Der Portier kam mit der Flasche und zwei Gl&#xE4;sern. »Wir brauchen den Wein nicht«, sagte Clerfayt.</p><p>»Doch, ich brauche ihn.« Lillian nahm die Flasche, schob sie unter den Arm und nahm ein Glas. »Gute Nacht, Clerfayt.«</p><p>Sie winkte mit dem Glas und ging die Treppe hinauf. Er blieb stehen, bis er sie nicht mehr sah.</p><p>Er ging den Quai des Grands-Augustins entlang bis zum Restaurant La P&#xE9;rigourdine. Clerfayt &#xFC;berquerte die Stra&#xDF;e und ging langsam zur&#xFC;ck, an den geschlossenen K&#xE4;sten der Buchh&#xE4;ndler entlang.</p><p>Lillians Fenster waren hell; aber die Vorh&#xE4;nge waren zugezogen.</p><p>Die Fenster ge&#xF6;ffnet waren. Clerfayt wu&#xDF;te, da&#xDF; er sich falsch benommen hatte, doch er konnte nichts dagegen tun. Lillian hatte sehr m&#xFC;de ausgesehen. Was mochte sie jetzt tun? Packen?</p><p>Lillian stellte die Flasche Wein auf den Boden neben das Bett. Sie h&#xF6;rte Giuseppe abfahren. Dann zog sie einen Regenmantel an. Sie wollte nicht zu Bett gehen. Sie ging die Treppen hinunter.</p><p>Sie trat auf die Stra&#xDF;e und gelangte, ohne viel zu erleben, bis zum Boulevard St.-Michel.</p><p>Lillian wollte nicht allein sein, deshalb lud sie einen jungen Mann, der sich als Poet vorstellte, zu einem Glas Wein ein. Er bat, die Einladung in ein belegtes Brot zu &#xE4;ndern. Sie bestellte ihm ein Roastbeef.</p><p>Der Poet hie&#xDF; G&#xE9;rard. Er las ihr nach dem Essen zwei Gedichte vor. Es waren Elegien &#xFC;ber Tod, Sterben und die Sinnlosigkeit des Lebens. Lillian wurde lustig. Der Poet war d&#xFC;nn, aber ein guter Esser. Er a&#xDF; zwei weitere Roastbeefs. Er begann das Problem des Selbstmordes zu diskutieren. Er selbst w&#xE4;re dazu bereit – morgen nat&#xFC;rlich, nicht heute, nach einem so reichlichen Essen. Lillian wurde noch lustiger; G&#xE9;rard war zwar d&#xFC;nn, aber er sah gesund genug aus, um noch f&#xFC;nfzig Jahre zu leben.</p><p>Clerfayt hockte eine Zeitlang in der Ritz-Bar herum. Dann beschlo&#xDF; er Lillian anzurufen. »Madame ist nicht im Hotel«, erkl&#xE4;rte er, als er Clerfayt erkannte.</p><p>»Wo ist sie?«</p><p>»Sie ist fortgegangen.«</p><p>Clerfayt kalkulierte; sie konnte in so kurzer Zeit nicht gepackt haben. »Hat sie Koffer mitgenommen?« fragte er zur Vorsicht.</p><p>»Nein, mein Herr. Sie hat einen Regenmantel angehabt.«</p><p>»Gut, danke.«</p><p>Er lief zum Wagen. Ich h&#xE4;tte bei ihr bleiben sollen, dachte er. Was ist nur mit mir los? Wie dumm man wird, wenn man wirklich liebt! Ich darf sie nicht verlieren!</p><p>Clerfayt fuhr langsam den Boulevard St.-Michel entlang. Lillian h&#xF6;rte Giuseppe und sah ihn gleich darauf.</p><p>»Und der Tod?« fragte sie G&#xE9;rard. »Wenn nun der Tod noch trostloser ist als das Leben?«</p><p>»Wer sagt uns«, fragte G&#xE9;rard, »ob das Leben nicht eine Strafe ist, die wir erdulden m&#xFC;ssen f&#xFC;r ein Verbrechen, das wir in einer anderen Welt begangen haben?«</p><p>Giuseppe kam zum zweiten Mal vorbei; diesmal von der Place Edmond-Rostand her. Sie sah Clerfayt, der sie nicht bemerkte.</p><p>»Was w&#xE4;re das H&#xF6;chste, was sie vom Leben verlangen w&#xFC;rden, wenn Ihre W&#xFC;nsche erf&#xFC;llt werden k&#xF6;nnten?« fragte sie G&#xE9;rard.</p><p>»Nur noch einen Zuh&#xF6;rer wie Sie!« erkl&#xE4;rte G&#xE9;rard »F&#xFC;r immer. Sie verstehen mich.«</p><p>Clerfayt war von hinten zu Fu&#xDF; herangekommen und betrachtete G&#xE9;rard missbilligend. »Scheren Sie sich weg«, sagte G&#xE9;rard zu ihm. »Sehen Sie nicht, da&#xDF; wir besch&#xE4;ftigt sind? Wir werden, wei&#xDF; Gott, genug gest&#xF6;rt.</p><p>»Es ist sch&#xF6;n hier«, sagte er zu Lillian. »Warum sind wir nicht schon &#xF6;fter hierher gekommen?«</p><p>»Und wer sind Sie, ungebetener<a type="note" l:href="#n_35">[35]</a> Fremder?« fragte G&#xE9;rard, immer noch sicher, da&#xDF; Clerfayt einen Trick versuchte, mit Lillian bekannt zu werden.</p><p>»Der Direktor der Irrenanstalt<a l:href="#n_36" type="note">[36]</a> von St.-Germain-des-Pr&#xE9;s, mein Sohn, und diese Dame ist eine unserer Patientinnen. Sie hat heute Ausgang. Ist etwas passiert? Bin ich schon zu sp&#xE4;t gekommen? Kellner, nehmen Sie das Messer hier weg! Die Gabel auch!«</p><p>»Wirklich?« fl&#xFC;sterte er.</p><p>»Sie k&#xF6;nnen ruhig laut sprechen«, unterbrach Clerfayt ihn. »Sie liebt ihre Situation. Sie untersteht keinem Gesetz. Selbst wenn sie mordete, w&#xFC;rde sie freigesprochen.«</p><p>Lillian lachte. »Es ist umgekehrt«, sagte sie zu G&#xE9;rard.</p><p>»Er ist mein fr&#xFC;herer Mann. Entlaufen aus der Anstalt<a type="note" l:href="#n_37">[37]</a>. Typisch ist, da&#xDF; er mich beschuldigt.«</p><p>Der Poet war kein Narr. Au&#xDF;erdem war er Franzose. Er sah jetzt klar und erhob sich mit einem zauberhaften L&#xE4;cheln. »Manche gehen zu sp&#xE4;t, und manche gehen zu fr&#xFC;h«, erkl&#xE4;rte er. »Geh zur rechten Zeit – also sprach Zarathustra. Morgen, Madame, wird ein Gedicht f&#xFC;r Sie hier beim Kellner liegen.«</p><p>»Es ist sch&#xF6;n, da&#xDF; du gekommen bist«, sagte Lillian.</p><p>»Wenn ich nun geschlafen h&#xE4;tte, h&#xE4;tte ich dies alles vers&#xE4;umt.«</p><p>Clerfayt nickte. »Verzeih mir. Aber du bist manchmal etwas zu schnell f&#xFC;r mich. Du tust in Stunden, wozu andere Jahre brauchen«</p><p>»Ich mu&#xDF; es tun, Clerfayt«, sagte sie. »Ich habe so viel nachzuholen. Deshalb bin ich auch so oberfl&#xE4;chlich. F&#xFC;r die Weisheit ist sp&#xE4;ter noch genug Zeit.«</p><p>Er nahm ihre Hand und k&#xFC;&#xDF;te sie. »Ich bin ein Idiot. Und ich werde es t&#xE4;glich mehr. Aber ich habe nichts dagegen. Es gef&#xE4;llt mir. Wenn du nur da bist. Ich liebe dich sehr.«</p><p>Ein scharfer, schneller Streit entstand pl&#xF6;tzlich vor dem Caf&#xE9;.</p><p>»Komm«, sagte Lillian. »In meinem Zimmer ist noch Wein.«</p></section><section><title><p>17</p></title><p>Und wann schicken Sie sie?« fragte Lillian.</p><p>Die Verk&#xE4;uferin bei Balenciaga l&#xE4;chelte. »So bald wie m&#xF6;glich.«</p><p>»In einer Woche?«</p><p>»In zwei Wochen. Es sind schwierige Kleider. Wir k&#xF6;nnen sie nicht schneller machen. Wir fangen heute an.« Die Verk&#xE4;uferin trug die</p><p>Ma&#xDF;e ein. »Sie sind etwas d&#xFC;nner geworden, Madame.«</p><p>»Das ist wahr. Ich kann tun, was ich will, ich nehme nicht zu.«</p><p>»Welch ein Gl&#xFC;ck!«</p><p>»Ja«, sagte Lillian. »F&#xFC;r manche Leute w&#xE4;re das wirklich ein Gl&#xFC;ck.«</p><p>Sie trat auf die Avenue George-V. hinaus. Sie blieb einen Augenblick stehen und dachte &#xFC;ber die Kleider nach, die sie bestellt hatte. Sie hatte eigentlich &#xFC;berhaupt keine mehr kaufen wollen, weil sie geglaubt hatte, f&#xFC;r ihr Leben genug zu haben. Aber Clerfayt wollte ihr ein schenken, und dann hatte sie schlie&#xDF;lich noch das f&#xFC;r Venedig dazu genommen. Anfangs hatte sie ein dramatisches haben wollen, aber dann war es das einfachste von allen geworden, die sie besa&#xDF;. Dramatisch wurde daf&#xFC;r das, was Clerfayt ihr geschenkt hatte – es war ein einziger Protest gegen Toulouse und das, was sie sich darunter vorstellte.</p><p>Sie l&#xE4;chelte sich im Spiegel eines Schaufensters zu.</p><p>Sie wu&#xDF;te, da&#xDF; man all das, womit sie sich tr&#xF6;stete, ziemlich billige Tricks waren. Sie kaufte ihre Kleider und empfand dabei denselben Trost wie ein anderer mit aller Philosophie der Welt, genauso wie sie ihre Liebe zu Clerfayt und zum Leben bewu&#xDF;t miteinander verwechselte.</p><p>Sie traf den Vicomte de Peystre, als sie bei Fouquet in die Champs-Elys&#xE9;es einbog. Er stutzte, als er sie sah.</p><p>»Wie gl&#xFC;cklich Sie aussehen!« sagte er. »Sind Sie verliebt?« »Ja. In ein Kleid.«</p><p>»Wie vern&#xFC;nftig!« sagte Peystre. »Eine Liebe ohne Angst und ohne</p><p>Schwierigkeiten!«</p><p>»Also keine!«</p><p>»Ein Teil der einzigen Liebe, die Sinn hat: der zu sich selbst.«</p><p>Lillian lachte. »Die nennen Sie ohne Angst und Schwierigkeiten?</p><p>Sind Sie aus Gusseisen oder aus Schwammgummi?«</p><p>»Keines von beiden. Wollen Sie einen Kaffee mit mir hier auf der Terrasse trinken? Oder einen Cocktail?«</p><p>»Einen Kaffee.«</p><p>Sie bekamen einen Tisch in der sp&#xE4;ten Sonne. »Es ist zu gewissen Zeiten fast dasselbe«, sagte Peystre, »in der Sonne zu sitzen oder &#xFC;ber die Liebe zu reden oder &#xFC;ber das Leben – oder &#xFC;ber nichts. Zum Beispiel zu dieser Stunde. Wohnen Sie noch in dem kleinen Hotel an der Seine?«</p><p>»Ja.«</p><p>Der Kellner brachte einen Sherry f&#xFC;r Peystre und ein K&#xE4;nnchen Kaffe f&#xFC;r Lillian. »Wollen Sie nicht lieber einen Aperitif?«</p><p>»Nein. Wie sp&#xE4;t ist es?«</p><p>»F&#xFC;nf Uhr«, erwiderte Peystre verwundert. »Trinken Sie nach der Uhr?«</p><p>»Nur heute.« Lillian winkte dem Oberkellner.</p><p>»Haben Sie schon etwas geh&#xF6;rt, Monsieur Lambert?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich!«, sagte der Oberkellner aufgeregt. »Monsieur Clerfayt f&#xE4;hrt mit Monsieur Torriani. Clerfayt f&#xE4;hrt; Torriani ist dabei als Mechaniker. Es ist ein Sportwagenrennen. Soll ich das Radio holen? Ich habe es hier.«</p><p>»Ja, holen Sie es.«</p><p>»Ist Clerfayt in Rom?« fragte Peystre.</p><p>»Nein. In Brescia.«</p><p>»Ich verstehe nichts von Rennen. Was ist es f&#xFC;r eines?«</p><p>»Das Tausend-Meilen-Rennen von Brescia durch ganz Italien, zur&#xFC;ck nach Brescia.«</p><p>Der Oberkellner kam mit einem tragbaren Radioapparat. Er war ein Rennfanatiker und verfolgte das Rennen seit Stunden. »F&#xFC;nf Uhr – jetzt kommen die Nachrichten.«</p><p>Er drehte an den Kn&#xF6;pfen. Das Radio begann zu kr&#xE4;chzen. »Wir bringen Ihnen jetzt eine &#xDC;bertragung aus Brescia«, begann er mit leidenschaftlicher Stimme. »Ein Teil der K&#xE4;mpfer ist bereits auf den Weg geschickt worden. Der Marktplatz steht so voll von Menschen, da&#xDF; sie sich kaum bewegen k&#xF6;nnen –«</p><p>Auf der Terrasse war es still geworden. Neugierige kamen heran.</p><p>»Wer f&#xFC;hrt?«</p><p>»Es ist zu fr&#xFC;h, etwas zu sagen«, erkl&#xE4;rte der Oberkellner mit Autorit&#xE4;t. »Die schnellen Wagen starten erst jetzt.«</p><p>»Wieviel Wagen sind im Rennen?« fragte Peystre.</p><p>»Fast f&#xFC;nfhundert.«</p><p>»Guter Gott!« sagte jemand. »Und f&#xFC;r wie lange?«</p><p>»F&#xFC;r &#xFC;ber sechzehnhundert Kilometer, mein Herr. Bei gutem Durchschnitt f&#xFC;nfzehn bis sechzehn Stunden. Vielleicht auch weniger. Aber es regnet in Italien. &#xDC;ber Brescia tobt ein Gewitter.«</p><p>Die &#xDC;bertragung war zu Ende. Der Oberkellner trug seinen Apparat zur&#xFC;ck ins Restaurant. Lillian lehnte sich zur&#xFC;ck. »Es regnet in Brescia«, sagte sie. »Wo liegt Brescia eigentlich?« »Zwischen Mailand und Verona«, erwiderte Peystre.</p><p>»Wollen Sie heute abend mit mir essen?«</p><p>»Noch f&#xFC;nf Minuten«, sagte Torriani.</p><p>Clerfayt hockte hinter dem Steuer. Er war nicht sehr gespannt. Er wu&#xDF;te, da&#xDF; er keine Chancen hatte; aber bei einem Rennen gab es immer &#xDC;berraschungen, und bei einem langen Rennen gab es viele Zuf&#xE4;lle.</p><p>Er dachte an Lillian und die Targa Florio. Damals hatte er sie vergessen gehabt und sie gehasst, weil er w&#xE4;hrend des Rennens pl&#xF6;tzlich wieder an sie gedacht und sie ihn gest&#xF6;rt hatte. Das Rennen war wichtiger gewesen als sie. Jetzt war es anders.</p><p>»Hast du Lillian telegrafiert?«</p><p>»Ja«, erwiderte Torriani. »Noch zwei Minuten.«</p><p>Clerfayt nickte. Der Wagen rollte langsam vom Marktplatz der Viale Venezia zu und stoppte. Niemand stand mehr vor ihnen. Der Mann mit der Stoppuhr war von jetzt an f&#xFC;r mehr als einen halben Tag und eine halbe Nacht das Wichtigste auf der Welt f&#xFC;r sie. Er sollte es sein, dachte Clerfayt; aber er ist es nicht mehr. Ich denke zuviel an Lillian. Ich sollte Torriani fahren lassen, aber jetzt ist es zu sp&#xE4;t. »Zwanzig Sekunden«, sagte Torriani.</p><p>»Gott sei Dank! Los, zum Teufel!«</p><p>Der Starter winkte, und der Wagen scho&#xDF; davon. Schreie flogen ihm nach. »Clerfayt«, rief der Ansager, »mit Torriani als Mechaniker ist gestartet.«</p><p>Lillian kam ins Hotel zur&#xFC;ck. Sie f&#xFC;hlte, da&#xDF; sie Fieber hatte, aber sie beschlo&#xDF;, es zu ignorieren. Sie hatte es oft, manchmal nur einen Grad, manchmal mehr, und sie wu&#xDF;te, was es bedeutete. Sie blickte in den Spiegel.</p><p>Als sie vom Spiegel zur&#xFC;cktrat, sah sie die beiden Telegramme auf dem Tisch. Clerfayt, dachte sie mit einem Herzschlag von Panik. Aber was konnte schon so schnell passiert sein? Sie wartete eine Weile und starrte die kleinen, gefalteten und verklebten Papiere an. Vorsichtig nahm sie dann das erste hoch und &#xF6;ffnete es. Es war von Clerfayt. »Wir starten in f&#xFC;nfzehn Minuten. Sintflut. Fliege nicht fort, Flamingo.« Sie legte das Papier neben sich. Nach einer Weile &#xF6;ffnete sie das zweite. Sie hatte noch mehr Angst als vorher, aber es war ebenfalls von Clerfayt. Warum tut er das? dachte sie. Wei&#xDF; er nicht, da&#xDF; jedes Telegramm in solcher Zeit Angst macht?</p><p>Sie &#xF6;ffnete ihren Schrank, um ein Kleid f&#xFC;r den Abend herauszusuchen. Es klopfte. Der Hausknecht stand drau&#xDF;en. »Hier ist das Radio, Mademoiselle. Sie bekommen Rom und Mailand leicht damit.«</p><p>»Hier ist noch ein Telegramm.«</p><p>Wie viele wird er denn noch schicken? dachte sie. Am besten w&#xE4;re es, wenn er einen Detektiv in das Zimmer nebenan setzen w&#xFC;rde, um mich zu kontrollieren. Sie suchte ein Kleid aus. Es war das, das sie in Venedig getragen hatte. Er war gereinigt worden und hatte keine Flecken mehr. Sie glaubte seitdem, es bringe Gl&#xFC;ck. Sie hielt es fest in der Hand, w&#xE4;hrend sie das letzte Telegramm &#xF6;ffnete. Es war nicht von Clerfayt; aber es enthielt Gl&#xFC;ckw&#xFC;nsche f&#xFC;r Clerfayt. Hollmann. Es kam vom Sanatorium Bella Vista.</p><p>Es war die erste Nachricht, die sie je vom Sanatorium erhalten hatte. Sie hatte auch selbst nie geschrieben. Sie hatte es nicht gewollt.</p><p>Sie sa&#xDF; lang still. Dann drehte sie die Kn&#xF6;pfe des Radios; es war die Zeit der Nachrichten. »Florenz«, meldete die Stimme am Radio triumphierend und begann Zeiten aufzuz&#xE4;hlen. »Wenn die f&#xFC;hrenden Wagen so weiterfahren, werden sie in neuer Rekordzeit wieder in Brescia sein!«</p><p>In Brescia, dachte Lillian. Zur&#xFC;ck in der kleinen Provinzstadt mit Garagen, Caf&#xE9;s und L&#xE4;den, von der sie aufgebrochen waren. Von Brescia nach Brescia!</p><p>Sie stellte das Radio ab und ging zum Fenster. Von Brescia nach Brescia! Gab es ein st&#xE4;rkeres Symbol der Sinnlosigkeit? Was habe ich nur getan? dachte sie. Und was tue ich? Sie begann sich anzuziehen f&#xFC;r den Abend. Das Telegramm lag noch auf dem Tisch. Im Licht der Lampen schien es heller zu sein als alles andere im Zimmer. Sie blickte von Zeit zu Zeit darauf. Was tun sie jetzt da oben? dachte sie und begann sich zum ersten Male zu erinnern. Was taten sie, w&#xE4;hrend Clerfayt &#xFC;ber die dunklen Stra&#xDF;en vor Florenz seinen Scheinwerfern nachraste? Sie z&#xF6;gerte noch eine Weile – dann nahm sie das Telefon auf und sagte die Nummer des Sanatoriums.</p><p>»Siena kommt!« schrie Torriani. »Tanken, Reifen wechseln.«</p><p>»Wann?«</p><p>»In f&#xFC;nf Minuten. Der verdammte Regen!«</p><p>Clerfayt verzog das Gesicht. »Wir haben ihn nicht allein. Die andern auch. Pa&#xDF; auf, wo das Depot ist!« Die H&#xE4;user mehrten sich. Die Scheinwerfer rissen sie aus dem klatschenden Dunkel. &#xDC;berall standen Menschen in Regenm&#xE4;nteln und mit Schirmen. »Das Depot!« schrie Torriani.</p><p>Die Bremsen fassten, der Wagen sch&#xFC;ttelte sich und stand. »Benzin, Wasser, die Reifen, los!« rief Clerfayts.</p><p>Jemand gab ihm ein Glas Zitronenwasser und eine neue Brille. »Wo liegen wir?« fragte Torriani.</p><p>»Gl&#xE4;nzend! An achtzehnter Stelle!«</p><p>»Wer liegt an erster Stelle?«</p><p>»Sacchetti mit zehn Minuten Vorsprung vor Lotti.«</p><p>»Und wir?«</p><p>»Neunzehn Minuten Abstand. Habt keine Sorge – wer in Rom der erste ist, gewinnt nie das Rennen. Jeder wei&#xDF; das!«</p><p>»Fertig!« schrien die Monteure.</p><p>»Los!«</p><p>Der Wagen raste weg. Was Lillian jetzt tun mag? dachte Clerfayt. Er hatte ein Telegramm nach dem Depot erwartet, er wu&#xDF;te nicht warum, aber Telegramme konnten verz&#xF6;gert werden, und vielleicht lag eines beim n&#xE4;chsten Depot.</p></section><section><title><p>18</p></title><p>Das Gespr&#xE4;ch kam sehr rasch.</p><p>»Sanatorium Bella Vista.«</p><p>Lillian wu&#xDF;te nicht, ob sie die Stimme kannte. Es konnte sein, da&#xDF; es immer noch Fr&#xE4;ulein Heger war.</p><p>»Herrn Hollmann, bitte«, sagte sie und f&#xFC;hlte, wie ihr Herz pl&#xF6;tzlich schlug.</p><p>»Einen Augenblick.«</p><p>»Hollmann. Wer ist dort?«</p><p>Sie erschrak, so klar war die Stimme.</p><p>»Lillian«, fl&#xFC;sterte sie.</p><p>»Wer?«</p><p>»Lillian Dunkerque.«</p><p>Hollmann schwieg einen Augenblick. »Lillian«, sagte er dann ungl&#xE4;ubig. »Wo sind Sie?«</p><p>»In Paris. Ihr Telegramm f&#xFC;r Clerfayt kam hierher. Es wurde von seinem Hotel nachgeschickt. Ich habe es aus Versehen ge&#xF6;ffnet.«</p><p>»Sie sind nicht in Brescia?«</p><p>»Nein«, sagte sie und f&#xFC;hlte einen leichten Schmerz.</p><p>»Ich bin nicht in Brescia.«</p><p>»Wollte Clerfayt es nicht?«</p><p>»Nein, er wollte es nicht.«</p><p>»Ich sitze am Radio!« sagte Hollmann. »Sie auch, nat&#xFC;rlich!«</p><p>»Ja, Hollmann.«</p><p>»Er f&#xE4;hrt gro&#xDF;artig. Das Rennen ist noch ganz offen. Ich kenne ihn; er wartet ab. Er l&#xE4;&#xDF;t die andern ihre Maschinen kaputtfahren. Er wird nicht vor Mitternacht aufdrehen; vielleicht sogar noch etwas sp&#xE4;ter – nein, um Mitternacht, denke ich. Es ist ein Rennen gegen die Uhr, das wissen Sie. Er wei&#xDF; nie selbst, wo er liegt. Es ist ein Rennen ins Ungewisse – verstehen Sie mich, Lillian?«</p><p>»Ja, Hollmann. Ein Rennen ins Ungewisse. Wie geht es Ihnen?«</p><p>»Gut. Die Zeiten sind phantastisch.«</p><p>»Ja, Hollmann. Es geht Ihnen gut?«</p><p>»Sehr gut. Viel besser, Lillian. Welche Station h&#xF6;ren Sie? Nehmen Sie Rom.«</p><p>»Ich habe Rom. Ich freue mich, da&#xDF; es Ihnen besser geht.«</p><p>»Und Sie, Lillian?«</p><p>»Sehr gut. Und –«</p><p>»Es ist vielleicht richtig, da&#xDF; Sie nicht in Brescia sind, es regnet da. Wie geht es Ihnen, Lillian?«</p><p>Sie wu&#xDF;te, was er meinte. »Gut«, sagte sie. »Wie ist alles oben?«</p><p>»So wie immer. In den paar Monaten hat sich wenig ge&#xE4;ndert.« In den paar Monaten, dachte sie. Waren es nicht Jahre?</p><p>»Und wie geht es –« sie z&#xF6;gerte, aber sie wu&#xDF;te pl&#xF6;tzlich, da&#xDF; sie nur deswegen angerufen hatte, »– wie geht es Boris?«</p><p>»Wem?«</p><p>»Boris.«</p><p>»Boris Wolkow? Man sieht ihn wenig. Er kommt nicht mehr ins Sanatorium. Ich glaube, es geht ihm gut.«</p><p>»Haben Sie ihn irgendwann gesehen?«</p><p>»Ja, nat&#xFC;rlich. Es ist allerdings schon zwei, drei Wochen her. Er ging mit seinem Hund spazieren. Wir haben nicht miteinander gesprochen. Wie ist es da unten? So, wie Sie es sich gedacht haben?«</p><p>»Ungef&#xE4;hr so«, sagte Lillian. »Es kommt wohl immer darauf an, was man daraus macht. Liegt noch Schnee oben?«</p><p>Hollmann lachte. »Der ist weg. Die Wiesen sind am Bl&#xFC;hen. Lillian –«, er machte eine Pause, »– ich werde in ein paar Wochen hier herauskommen. Es ist kein Schwindel. Der Dalai Lama hat es mir gesagt.«</p><p>Lillian glaubte es nicht. Man hatte es ihr vor Jahren auch gesagt. »Das ist wunderbar«, sagte sie. »Dann sehen wir uns hier wieder. Soll ich es Clerfayt sagen?«</p><p>»Lieber noch nicht; ich bin darin abergl&#xE4;ubisch. Da – jetzt kommen die neuen Nachrichten! Sie m&#xFC;ssen sie ja auch h&#xF6;ren! Auf Wiedersehn, Lillian!«</p><p>»Auf Wiedersehen, Hollmann.«</p><p>Sie legte den H&#xF6;rer und merkte, da&#xDF; sie weinte. Wie t&#xF6;richt ich bin! dachte sie und stand auf. Man mu&#xDF; f&#xFC;r alles bezahlen. Glaubte ich denn, ich h&#xE4;tte es schon getan?</p><p>Sie sa&#xDF; mit Peystre. Er l&#xE4;chelte. »M&#xF6;chten Sie jetzt wieder die letzten Nachrichten &#xFC;ber das Rennen in Italien h&#xF6;ren?«</p><p>»Hier? Im Maxim?«</p><p>»Warum nicht? Albert, der Meister dieses Platzes, hat ganz andere W&#xFC;nsche erf&#xFC;llen k&#xF6;nnen, wenn er wollte.«</p><p>Das Orchester begann, der Tradition gem&#xE4;&#xDF;, Melodien aus der ›Lustigen Witwe‹ zu spielen. Die Kellner r&#xE4;umten den Tisch ab. Albert strich vorbei und dirigierte eine Flasche Kognak.</p><p>Lillian nahm ihr Glas, ohne es in der Hand zu w&#xE4;rmen oder seinen Duft einzuatmen, und trank es herunter. Peystre lachte. Albert, aus einer Ecke, schickte ein L&#xE4;cheln her&#xFC;ber.</p><p>Lillian verachtete ihn nicht; sie fand ihn im Gegenteil angenehm und hatte ihm aufmerksam zugeh&#xF6;rt. Er verk&#xF6;rperte f&#xFC;r sie die andere Seite des Daseins. Wann hatte sie das alles schon einmal &#xE4;hnlich geh&#xF6;rt? Bei Levalli in Sizilien nat&#xFC;rlich. Man brauchte Geld und ein kleines Herz, um so zu leben. Man fuhr nicht von Brescia nach Brescia. Man blieb in Brescia.</p><p>»Ich mu&#xDF; gehen«, sagte sie.</p><p>»Wie oft Sie das sagen«, erkl&#xE4;rte Peystre. »Ist es Ihr Lieblingswort?«</p><p>Sie sah ihn an. »Wenn Sie w&#xFC;ssten, wie gern ich bleiben w&#xFC;rde«, sagte sie dann langsam. »Bleiben! Alles andere ist L&#xFC;ge und der Mut der Angst.«</p><p>Sie lie&#xDF; sich vor ihrem Hotel absetzen. Der Nachtportier kam ihr aufgeregt entgegen. »Herr Clerfayt liegt an zw&#xF6;lfter Stelle! Er hat sechs Konkurrenten &#xFC;berholt. Der Ansager hat erz&#xE4;hlt, er w&#xE4;re ein wunderbarer Nachtfahrer.«</p><p>»Das ist er.«</p><p>»Ein Glas Champagner, um zu feiern?«</p><p>»Man soll nie zu fr&#xFC;h feiern. Rennfahrer sind abergl&#xE4;ubisch.«</p><p>Lillian sa&#xDF; eine Weile in der kleinen, dunklen Halle. »Wenn er so weiterf&#xE4;hrt, ist er morgen fr&#xFC;h wieder in Brescia«, sagte der Nachtportier.</p><p>»Das auch«, erwiderte Lillian und stand auf. »Ich gehe noch einen Kaffee trinken am Boulevard Michel.«</p><p>Sie wurde dort bereits als Stammgast behandelt. Der Kellner wachte &#xFC;ber sie, G&#xE9;rard wartete auf sie.</p><p>G&#xE9;rard hatte die gute Eigenschaft, immer hungrig zu sein; das gab ihr Zeit nachzudenken, w&#xE4;hrend er a&#xDF;. Sie liebte es, auf die Stra&#xDF;e zu schauen, wo das Leben war.</p><p>Es war schwer, an eine unsterbliche Seele f&#xFC;r jeden einzelnen zu glauben, wenn man diesen endlosen Strom sah. Wohin wanderten die Seelen sp&#xE4;ter? Zerfielen sie wie die K&#xF6;rper? Oder geisterten sie noch umher?</p><p>G&#xE9;rard hatte endlich aufgeh&#xF6;rt zu essen. G&#xE9;rard trank seinen Kaffee herunter. »Von Brescia nach Brescia«, sagte sie. »Ich verstehe diesen klaren und einfachen Satz nicht; aber er ist sogar tief. Von Brescia nach Brescia! Ich werde meinen n&#xE4;chsten Band Gedichte so nennen. Sie sind schweigsam heute nacht.«</p><p>»Nicht schweigsam. Nur ohne Worte.«</p><p>»Von Brescia bis Brescia?«</p><p>»Ungef&#xE4;hr so.«</p><p>Er nickte erleichtert. »Ich hatte einen Augenblick Angst, da&#xDF; Sie deprimiert sind.« »Ganz das Gegenteil – eine begl&#xFC;ckende Erkenntnis.«</p><p>»Die Einzelheiten sind dasselbe wie das Ganze; aber das Ganze ist mehr. Alles ist gleich wichtig und unwichtig; alles ist Vordergrund; alles Gott.« sagte G&#xE9;rard.</p><p>Lillian l&#xE4;chelte. »Wie schnell Sie sind!«</p><p>»Zu schnell, um es zu erleben.« Er nahm einen gro&#xDF;en Schluck Kognak.</p><p>»Unser Ungl&#xFC;ck ist, zu glauben, da&#xDF; wir einen Anspruch auf das Leben haben. Wir haben keinen. Wenn man das erkennt, wirklich erkennt, wird viel bitterer Honig pl&#xF6;tzlich s&#xFC;&#xDF;.«</p><p>G&#xE9;rard salutierte schweigend, beide H&#xE4;nde hochgestreckt. »Wer nichts erwartet, wird nie entt&#xE4;uscht. Die letzte der kleineren Weisheiten!«</p><p>»F&#xFC;r heute abend die letzte«, erwiderte Lillian und stand auf. »Die sch&#xF6;nsten Weisheiten sterben &#xFC;ber Nacht. Ich mu&#xDF; jetzt gehen.«</p><p>»Das sagen Sie immer; aber Sie kommen wieder.«</p><p>Sie sah ihn dankbar an. »Nicht wahr? Merkw&#xFC;rdig, da&#xDF; nur Dichter das wissen.«</p><p>»Sie wissen es auch nicht; sie hoffen es nur.«</p><p>Sie hatte wenig Angst, nachts allein zu gehen; sie hatte keine Angst vor Menschen.</p><p>In der Rue de Seine sah sie jemand auf dem Boden liegen. Sie wollte helfen.</p><p>Die Frau war aber tot. Die Augen waren offen. Lillian sah ratlos sich um; sie wu&#xDF;te nicht, was sie tun sollte. Sie sah einen Mann herankommen. Sie z&#xF6;gerte einen Moment; dann ging sie ihm rasch entgegen. »G&#xE9;rard!« sagte sie erstaunt und erleichtert.</p><p>»Dort liegt eine tote Frau! Kommen Sie!«</p><p>»Sie wird betrunken sein. Bewusstlos.«</p><p>»Nein, sie ist tot. Ich wei&#xDF;, wie man aussieht, wenn man tot ist.«</p><p>»Ich will damit nichts zu tun haben«, sagte der Dichter des Todes.</p><p>»Wir k&#xF6;nnen sie nicht liegenlassen.«</p><p>»Warum nicht? Sie ist tot. Was jetzt kommt, geht nur noch die Polizei an. Sie sollten es auch nicht! Kommen Sie!«</p><p>Er zog Lillian am Arm. Sie blieb stehen. Sie blickte in das Gesicht, das nichts mehr wu&#xDF;te und alles wu&#xDF;te, was sie nicht wu&#xDF;te. »Kommen Sie!« fl&#xFC;sterte G&#xE9;rard. »Hier gibt es nur noch Schwierigkeiten! Es ist kein Spa&#xDF;, mit der Polizei zu tun zu haben! Wir k&#xF6;nnen von irgendwoher telefonieren. Das ist alles, was wir zu tun haben.«</p><p>Sie lie&#xDF; sich wegziehen. G&#xE9;rard ging so eilig, da&#xDF; sie kaum nachkommen konnte. Als sie die Quais erreicht hatten, sah sie, da&#xDF; er sehr bla&#xDF; war. »Wo k&#xF6;nnen wir telefonieren? In meinem Hotel?«</p><p>»Da wird uns der Nachtportier &#xFC;berh&#xF6;ren.«</p><p>»Ich kann ihn wegschicken, etwas zu holen.«</p><p>»Gut.«</p><p>Der Portier kam strahlend. »Er liegt jetzt an zehnter Stelle, aber er wird –«</p><p>Er sah G&#xE9;rard und verstummte. »Ein Freund von Clerfayt«, sagte Lillian. »Sie haben recht, man mu&#xDF; das jetzt feiern. Holen</p><p>Sie eine Flasche Wein. Wo ist das Telefon hier?« Der Portier zeigte auf seinen Tisch und verschwand.</p><p>»Jetzt«, sagte Lillian.</p><p>Sie h&#xF6;rte G&#xE9;rard sprechen. Der Portier kam mit Gl&#xE4;sern und einer Flasche Champagner. »Nein, kein Schu&#xDF;«, erkl&#xE4;rte G&#xE9;rard und h&#xE4;ngte auf. »Ich glaube, Sie brauchen etwas zu trinken«, sagte Lillian.</p><p>G&#xE9;rard sch&#xFC;ttelte den Kopf und trank gierig. Er blickte zum Telefon. Lillian sah, da&#xDF; er Angst hatte, die Polizei k&#xF6;nne herausfinden, woher telefoniert worden sei.</p><p>Lillian gab ihm die Flasche zum Einschenken.</p><p>»Ich mu&#xDF; gehen«, sagte er.</p><p>»Diesmal m&#xFC;ssen Sie gehen. Gute Nacht, G&#xE9;rard.«</p><p>Er sah auf die Flasche. »Ich kann sie mitnehmen, wenn Sie sie nicht mehr wollen.«</p><p>»Nein, G&#xE9;rard. Eins oder das andere.«</p><p>Sie sah ihn rasch durch die T&#xFC;r verschwinden. Jetzt kommt die Nacht, allein, dachte sie und gab die Flasche dem Portier. »Trinken Sie das. Ist das Radio noch oben?«</p><p>»Selbstverst&#xE4;ndlich, Mademoiselle.«</p><p>Sie stieg die Treppe hinauf. Sie machte Licht und wartete eine Zeitlang am Fenster, ob ein Polizeiwagen vorbeik&#xE4;me. Sie sah nichts. Langsam zog sie sich aus. Sie lie&#xDF; eine Lampe brennen und nahm Schlaftabletten.</p><p>Sie erwachte. Das Telefon klingelte. Die Polizei, dachte sie und hob den H&#xF6;rer.</p><p>Es war Clerfayt. »Wir sind gerade in Brescia angekommen!«</p><p>»Du bist durchgekommen!« »Als Sechster.« Clerfayt lachte.</p><p>»Als Sechster. Das ist wunderbar.«</p><p>»Es ist Unsinn. Ich komme morgen zur&#xFC;ck. Ich mu&#xDF; jetzt schlafen.</p><p>Torriani schl&#xE4;ft schon hier im Stuhl.«</p><p>»Ja, schlafe. Es ist gut, da&#xDF; du angerufen hast.«</p><p>»Gehst du mit mir zur Riviera?«</p><p>»Ja, Geliebter.«</p><p>»Warte auf mich.«</p><p>»Ja, Geliebter.«</p><p>»Fahr nicht weg, bevor ich komme.«</p><p>Wohin sollte ich denn schon fahren? dachte sie. Nach Brescia? »Ich warte auf dich«, sagte sie.</p><p>Mittags ging sie die Rue de Seine entlang. Die Stra&#xDF;e war wie immer. Sie suchte in den Spalten der Zeitungen. Sie fand nichts.</p></section><section><title><p>19</p></title><p>»Ich habe das Haus lange vor dem Krieg gekauft«, sagte Clerfayt. »Damals konnte man die halbe Riviera f&#xFC;r nichts kaufen. Ich habe nie darin gewohnt. Es ist im scheu&#xDF;lichsten Stil gebaut, aber man kann und es modernisieren und einrichten.«</p><p>»Warum? Willst du wirklich hier wohnen?«</p><p>»Warum nicht?«</p><p>Lillian blickte aus dem Zimmer in den Garten. Man konnte von hier das Meer nicht sehen. »Aber Clerfayt!« sagte sie l&#xE4;chelnd. »Vielleicht wenn du f&#xFC;nfundsechzig bist! Nicht fr&#xFC;her. Nach einem arbeitsreichen Leben in Toulouse. Dann kannst du hier ein gut franz&#xF6;sisches Rentnerleben f&#xFC;hren, wenn du willst, mit einem Diner sonntags im Hotel de Paris und einem Ausflug ins Kasino.«</p><p>»Der Garten ist gro&#xDF;, und man kann das Haus ausbauen«, erwiderte Clerfayt. »Ich habe Geld daf&#xFC;r. Die Mille Miglia haben sich gn&#xE4;dig gezeigt. Ich hoffe, da&#xDF; ich beim Rennen in Monaco noch etwas dazu hole. Warum findest du es so unm&#xF6;glich, hier zu wohnen? Wo sonst m&#xF6;chtest du leben?«</p><p>»Ich wei&#xDF; es nicht, Clerfayt.«</p><p>»Das Klima ist hier im Winter hundertmal besser als in Paris.«</p><p>»Im Winter!« sagte Lillian, als sagte sie Ewigkeit.</p><p>»Der Winter kommt rasch. Man mu&#xDF; bald mit dem Umbau anfangen, wenn man fertig sein will.«</p><p>Ich will nicht hier gefangen werden, dachte sie und fragte: »Mu&#xDF;t du im Winter nicht in Toulouse arbeiten?«</p><p>»Das kann ich au&#xDF;erdem; ich m&#xF6;chte nur, da&#xDF; du schon vorher irgendwo lebst, wo das beste Klima f&#xFC;r dich ist.«</p><p>Was geht mich das Klima an, dachte Lillian und sagte verzweifelt:</p><p>»Das beste Klima hat das Sanatorium.«</p><p>Clerfayt sah sie an. »Mu&#xDF;t du dahin zur&#xFC;ck?«</p><p>Sie schwieg. »M&#xF6;chtest du dahin zur&#xFC;ck?« fragte er.</p><p>»Was soll ich dir darauf antworten? Bin ich nicht hier?«</p><p>»Hast du einen Arzt gefragt?«</p><p>»Ich brauche dazu keinen Arzt zu fragen.«</p><p>Er sah sie mi&#xDF;trauisch an. »Wir werden zusammen einen Arzt fragen. Ich werde den besten Arzt in Frankreich ausfindig machen, und wir werden ihn fragen.«</p><p>Lillian antwortete nicht. Das auch noch, dachte sie. Clerfayt hatte sie schon ein paar Male gefragt, ob sie zum Arzt ginge, aber er hatte nie darauf bestanden. Dieses war anders. Es fiel zusammen mit dem Haus, der Zukunft, der Liebe unf der F&#xFC;rsorge.</p><p>Drau&#xDF;en atmete Lillian tief auf. Ihr war, als sei sie entkommen. »Die Wahrheit ist,«, sagte Clerfayt, »da&#xDF; du nicht mit mir leben willst, Lillian! Ich wei&#xDF; es.«</p><p>»Ich lebe doch mit dir«, erwiderte sie hilflos.</p><p>»Du lebst mit mir wie jemand, der morgen nicht mehr da sein wird.</p><p>Wie jemand, der immer am Abreisen ist.«</p><p>»Wolltest du das nicht so?«</p><p>»Vielleicht – aber jetzt will ich es nicht mehr. Wolltest du je anders mit mir leben?«</p><p>»Nein«, sagte sie leise. »Aber auch nicht mit irgend jemand andern,</p><p>Clerfayt.«</p><p>»Warum nicht?«</p><p>Sie schwieg rebellisch. Wozu fragt er diese t&#xF6;richten Fragen? »Wir haben doch schon so oft dar&#xFC;ber gesprochen. Wozu schon wieder?« sagte sie schlie&#xDF;lich.</p><p>Er sah sie an. »Ich wollte nie etwas sehr in meinem Leben f&#xFC;r mich, Lillian. Jetzt will ich es. Ich will dich.«</p><p>»Du hast mich doch!«</p><p>»Nicht ganz. Nicht genug.«</p><p>Er will mich anbinden und einsperren, dachte sie, und er ist stolz darauf und nennt es Heirat und Sorge und Liebe, und vielleicht ist es das auch. Voll Hass blickte sie auf die kleine Villa. War sie deshalb von oben geflohen, um hier zu enden? Hier oder in Toulouse oder in Brescia? Wo war das Abenteuer geblieben? Wo war Clerfayt geblieben? Was hatte ihn verwandelt? Warum lachten sie nicht dar&#xFC;ber? Was sonst blieb ihnen &#xFC;brig? »Wir k&#xF6;nnen es wenigstens versuchen«, sagte Clerfayt. »Wenn es nicht geht, verkaufen wir das Haus.«</p><p>Ich habe keine Zeit mehr, etwas zu versuchen, dachte Lillian. Und ich habe keine Zeit mehr zu Experimenten mit h&#xE4;uslichem Gl&#xFC;ck. Es macht mich zu traurig. Ich mu&#xDF; fort! Ich habe nicht einmal Zeit mehr zu solchen Gespr&#xE4;chen. Das alles habe ich viel besser gekannt, oben im Sanatorium, bei Boris, und auch da bin ich geflohen.</p><p>Sie wurde pl&#xF6;tzlich ruhig. Sie wu&#xDF;te noch nicht, was sie tun w&#xFC;rde, aber da&#xDF; sie fliehen konnte, machte alles weniger unertr&#xE4;glich.</p><empty-line/><p>Am Abend war Feuerwerk &#xFC;ber dem Meer. Lillian erinnerte sich an das letzte Feuerwerk, das sie gesehen hatte. Es war auf der Bergerh&#xFC;tte am Abend vor ihrer Flucht gewesen. Stand sie jetzt nicht wieder vor einer Flucht? Die Entscheidungen meines Lebens scheinen sich unter Feuerwerken zu vollziehen, dachte sie ironisch. Oder war alles, was bisher geschehen war, vielleicht nichts anderes als nur das? Ein Feuerwerk, das nun zu verblassen und zu Asche und Staub zu werden begann? Sie sah sich um. Noch nicht, dachte sie angstvoll, noch nicht jetzt! Gab es nicht immer vor dem Ende wenigstens noch ein letztes, gro&#xDF;es Aufflammen, bei dem alles verschwendet wurde zu einem gro&#xDF;en Finale?</p><p>»Wir haben noch nicht gespielt«, sagte Clerfayt.</p><p>»Hast du es je getan? Im Spielsaal, meine ich.«</p><p>»Nie.«</p><p>»Dann solltest du es versuchen. Du hast dann noch die Hand der Unschuld und m&#xFC;sstest gewinnen. Wollen wir hinfahren? Oder bist du m&#xFC;de? Es ist schon zwei Uhr.«</p><p>»Fr&#xFC;her Morgen! Wer ist da m&#xFC;de?«</p><p>Sie fuhren langsam durch die Nacht. »Endlich ist es warm«, sagte Lillian.</p><p>»Wir k&#xF6;nnen hier bleiben, bis es in Paris auch Sommer ist.«</p><p>Sie lehnte sich an ihn. »Warum leben Menschen nicht f&#xFC;r immer,</p><p>Clerfayt? Ohne Tod?«</p><p>Er legte den Arm um ihre Schultern. »Ja, warum nicht? Warum werden wir alt? Warum k&#xF6;nnen wir nicht leben, als w&#xE4;ren wir drei&#xDF;ig, bis wir achtzig sind und dann pl&#xF6;tzlich sterben?«</p><p>Sie lachte. »Ich bin noch keine drei&#xDF;ig.«</p><p>»Das ist wahr«, sagte Clerfayt und lie&#xDF; sie los. »Ich vergesse das immer wieder. Ich habe das Gef&#xFC;hl, du w&#xE4;rest in drei Monaten mindestens f&#xFC;nf Jahre &#xE4;lter geworden, so hast du dich ver&#xE4;ndert. Du bist f&#xFC;nf Jahre sch&#xF6;ner geworden. Und zehn Jahre gef&#xE4;hrlicher.«</p><empty-line/><p>Sie spielten zuerst in den gro&#xDF;en S&#xE4;len; dann, als diese leer wurden, in den kleineren. Clerfayt begann zu gewinnen. »Bleib hinter mir stehen«, sagte er zu Lillian. »Du bringst Gl&#xFC;ck.«</p><p>Clerfayt setzte es auf Rot. Rot gewann. Er zog den halben Gewinn ab und lie&#xDF; den Rest auf Rot. Rot gewann wieder. Er lie&#xDF; das Maximum stehen. Rot gewann noch zweimal. Andere Spieler im Saal wurden aufmerksam. Der Tisch war jetzt besetzt. Lillian sah auch Fiola herankommen. Er l&#xE4;chelte zur ihr hin&#xFC;ber.</p><p>Rot gewann wieder. Fiola machte Clerfayt ein Zeichen aufzuh&#xF6;ren; die Serie mu&#xDF;te ja irgendwann ein Ende haben. Clerfayt sch&#xFC;ttelte den Kopf und lie&#xDF; das Maximum weiter auf Rot.</p><p>Rot gewann wieder.</p><p>Rot war siebenmal gekommen; die Farbe mu&#xDF;te endlich wechseln.</p><p>Fiola setzte die Sechs und Schwarz. Rot kam noch einmal. Clerfayt zog jetzt seinen Gewinn ein.</p><p>Er schob dem Croupier eine Anzahl Marken zu und stand auf.</p><p>»Du hast mir wirklich Gl&#xFC;ck gebracht«, sagte er zu Lillian und blieb stehen, bis die Kugel wieder still lag. Schwarz gewann. »Siehst du«, sagte er. »Manchmal hat man einen sechsten Sinn.«</p><p>Sie l&#xE4;chelte. H&#xE4;ttest du ihn doch in der Liebe! dachte sie.</p><p>Fiola kam her&#xFC;ber. »Ich gratuliere. Zur rechten Zeit aufh&#xF6;ren zu k&#xF6;nnen, ist die gro&#xDF;e Kunst des Lebens.«</p><p>Er wandte sich an Lillian. »Finden Sie nicht?«</p><p>»Ich wei&#xDF; es nicht. Ich hatte nie Gelegenheit dazu.«</p><p>Er lachte. »Das glaube ich nicht. Sie sind aus Sizilien verschwunden und haben Verwirrung in vielen K&#xF6;pfen hinterlassen. In Rom kamen Sie an und waren fort wie ein Blitz. Auch in Venedig konnte niemand Sie finden, hat man mir anvertraut.«</p><p>Sie gingen zur Bar, um das Gl&#xFC;ck Clerfayts zu feiern.</p><p>»Ich glaube, ich habe genug gewonnen, um das Haus fertig ausbauen zu lassen«, sagte er zu Lillian.</p><p>»Du kannst es morgen wieder verlieren.«</p><p>»M&#xF6;chtest du das?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich nicht.«</p><p>»Ich werde nicht mehr spielen«, erkl&#xE4;rte er. »Wir werden alles behalten. Ich werde dir noch einen Swimmingpool in den Garten bauen lassen.«</p><p>»Ich brauche keinen. Ich schwimme nicht, das wei&#xDF;t du doch.«</p><p>Er sah sie rasch an. »Ich wei&#xDF;. Bist du m&#xFC;de?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Eine Serie von neunmal Rot ist eine wunderbare Sache«, sagte Fiola. »Ich habe nur einmal eine l&#xE4;ngere Serie gesehen. Zw&#xF6;lfmal Schwarz. Es war vor dem Kriege. Es war ein Russe. Wie hie&#xDF; er doch? Wolkow oder so &#xE4;hnlich. Ja, Wolkow.«</p><p>»Wolkow?« fragte Lillian ungl&#xE4;ubig. »Doch nicht Boris Wolkow?«</p><p>»Richtig! Boris Wolkow. Kannten Sie ihn?«</p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte den Kopf. Nicht so, dachte sie. Sie sah, da&#xDF; Clerfayt sie beobachtete.</p><p>»Ich w&#xFC;sste gern, was aus ihm geworden ist«, sagte Fiola. »Er war ein Mann, der hier Aufsehen erregte. Einer der letzten Spieler in der gro&#xDF;en Tradition. Erstklassiger Sch&#xFC;tze au&#xDF;erdem. Er war damals hier mit Maria Andersen. Vielleicht haben Sie von ihr geh&#xF6;rt. Sie war eine der sch&#xF6;nsten Frauen, die ich je gesehen habe. Starb in Mailand bei einem Bombenangriff.« Er wendete sich an Clerfayt. »Haben Sie nie von Wolkow geh&#xF6;rt?«</p><p>»Nie«, sagte Clerfayt.</p><p>Clerfayts Gesicht war finster geworden. Er winkte dem Kellner, noch eine Flasche zu bringen. »Spielen Sie heute noch?« fragte Fiola ihn. »Doch sicher nicht!«</p><p>»Warum nicht?«</p><p>»Er sollte nicht weiterspielen«, sagte Fiola zu Lillian.</p><p>»Heute nicht. Das ist ein Gesetz, so alt wie die Welt.«</p><p>Lillian sah zu Clerfayt hin&#xFC;ber. Er hatte sie dieses Mal nicht gefragt mitzukommen, um ihm Gl&#xFC;ck zu bringen, und sie wu&#xDF;te, warum. Wie kindisch er ist, dachte sie. Und wie blind in seiner Eifersucht! Hat er denn vergessen, da&#xDF; es nie ein anderer ist, der zerst&#xF6;rt, sondern immer nur man selbst?</p><p>»Sie dagegen sollten spielen«, sagte Fiola. »Sie sind zum ersten Maie hier. Tun Sie es f&#xFC;r mich? Kommen Sie!«</p><p>Sie gingen zu einem anderen Tisch. Fiola begann zu setzen, und nach ein paar Minuten lie&#xDF; auch Lillian ein paar Scheine in Jetons umwechseln. Sie setzte vorsichtig kleine Summen; Geld war f&#xFC;r sie mehr als Besitz, es war ein St&#xFC;ck Leben. Sie wollte nie auf Onkel Gastons Hilfe angewiesen sein.</p><p>Sie fing fast sofort an zu gewinnen. »Da ist die Kinderhand«, sagte Fiola, der verlor. »Dies ist Ihre Nacht! Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen nachsetze?«</p><p>»Sie werden es bereuen.«</p><p>»Nicht beim Spiel. Setzen Sie, wie es Ihnen in den Kopf kommt.«</p><p>Lillian setzte eine Zeitlang Rot und Schwarz, dann die zweite Douzaine und schlie&#xDF;lich Nummern. Sie gewann zweimal auf Zero. »Das Nichts liebt Sie«, sagte Fiola lachend.</p><p>Lillian spielte jetzt abwechselnd Schwarz und die Dreizehn. Als sie nach einiger Zeit aufblickte, sah sie, da&#xDF; Clerfayt auf der anderen Seite stand und ihr Spiel beobachtete. Sie hatte wie Boris Wolkow gesetzt und sie sah, da&#xDF; Clerfayt es bemerkt hatte. Sie setzte rebellisch die Dreizehn weiter. Nach sechs Coups kam sie. »Genug«, sagte sie und schob ihre Jetons vom Tisch in ihre Tasche. Sie hatte gewonnen, sie wu&#xDF;te nicht, wieviel.</p><p>»Wollen Sie schon gehen?« fragte Fiola. »Dies ist Ihre Nacht, Sie sehen es doch. Sie kommt niemals wieder!«</p><p>»Die Nacht ist vorbei. Gute Nacht, Fiola. Spielen Sie weiter!«</p><empty-line/><p>Als sie mit Clerfayt hinauskam, erschien die Riviera so, wie sie war, bevor die Touristen sie entdeckten. Der Himmel war blau und wartete auf die Sonne; das Meer war wei&#xDF; am Horizont. Ein paar Fischerboote standen drau&#xDF;en mit gelben und roten Segeln.</p><p>Lillian verstand nicht, woher auf einmal der Streit kam. Sie h&#xF6;rte Clerfayt, und es dauerte eine Weile, bis sie ihn verstand. Seine Eifersucht auf Wolkow brach offen aus. »Was kann ich tun?« h&#xF6;rte sie ihn sagen. »Ich mu&#xDF; gegen einen Schatten k&#xE4;mpfen, gegen jemand, den ich nicht fassen kann, jemand, der nicht da ist und der dadurch um so mehr da ist, der st&#xE4;rker ist als ich, weil er nicht da ist, der ohne Fehler ist, weil er nicht da ist, w&#xE4;hrend ich da bin und du mich siehst, wie ich bin, so wie jetzt, au&#xDF;er mir, ungerecht meinetwegen, kleinlich, albern – und dagegen steht das gro&#xDF;e, ideale Bild, das nichts falsch machen kann, weil es nichts tut, weil es schweigt und man nichts dagegen tun kann, so wie man gegen die Erinnerung an einen Toten nichts tun kann!«</p><p>Was redete er da nur wieder f&#xFC;r einen Unsinn? »Ist es nicht so?« fragte Clerfayt. »Sag, ob es nicht so ist! Ich wei&#xDF;, da&#xDF; du mich deswegen nicht heiraten willst! Du willst zur&#xFC;ck! Das ist es! Du willst zur&#xFC;ck!«</p><p>Sie hob den Kopf. Was sagte er da? Sie sah Clerfayt an. »Was sagst du da?«</p><p>»Ist es nicht wahr?«</p><p>»Ich habe jetzt nur gedacht, wie furchtbar dumm die kl&#xFC;gsten Menschen sein k&#xF6;nnen. Treibe mich doch nicht mit Gewalt weg!«</p><p>»Ich dich? Ich tue alles, um dich zu halten!«</p><p>»Glaubst du, so kannst du mich halten? Mein Gott!«</p><p>Lillian lie&#xDF; den Kopf wieder zur&#xFC;cksinken. »Du brauchst nicht eifers&#xFC;chtig zu sein. Boris w&#xFC;rde mich nicht einmal wollen, wenn ich zur&#xFC;ckk&#xE4;me.«</p><p>»Das hat nichts damit zu tun. Du m&#xF6;chtest zur&#xFC;ck!«</p><p>»Treibe mich nicht zur&#xFC;ck! O Gott, bist du denn blind geworden?«</p><p>»Ja«, sagte Clerfayt. »Wahrscheinlich! Wahrscheinlich«, wiederholte er erstaunt. »Aber ich kann nichts mehr dagegen tun.«</p><p>Sie fuhren schweigend weiter. Warum? Warum gerade ich? Was habe ich getan, da&#xDF; gerade ich getroffen werden mu&#xDF;te?</p><p>Sie sah mit geblendeten Augen in die zauberhafte Landschaft. »Warum weinst du?« fragte Clerfayt &#xE4;rgerlich. »Du hast wahrhaftig keinen Grund zum Weinen.«</p><p>»Nein, das habe ich nicht.«</p><p>»Du betr&#xFC;gst mich mit einem Schatten«, sagte er bitter. »Und du weinst!«</p><p>Ja, dachte sie, aber der Schatten hei&#xDF;t nicht Boris. Soll ich ihm sagen, wie er hei&#xDF;t? Aber dann wird er mich in ein Krankenhaus einsperren, damit ich zu Tode gepflegt werde.</p><p>Sie blickte auf Clerfayts Gesicht. Das Feuerwerk war zu Ende; man sollte nicht in der Asche herumstochern, dachte sie</p><p>Der Wagen fuhr in den Hof des Hotels ein. Clerfayt half Lillian aus dem Wagen, ohne sie anzusehen. »Du wirst nur noch wenig von mir sehen«, sagte er. »Morgen beginnt das Training.« Lillian sah wie durch einen langen Korridor, was noch zwischen ihnen geschehen konnte. In der Liebe gab es kein Zur&#xFC;ck; man konnte nie neu beginnen. Was geschehen war, blieb im Blut, Clerfayt konnte mit ihr nie wieder so werden wie fr&#xFC;her. Er konnte es mit jeder anderen Frau, aber nicht mit ihr. Und was zwischen ihnen gewesen war, war ebenso wenig zur&#xFC;ckzuholen wie die Zeit. Lillian kannte es; deshalb wollte sie fort. Der Rest ihres Lebens war ihr ganzes Leben – im Leben Clerfayts war er nur ein sehr kleiner Teil. Es kam deshalb nur auf sie an – nicht auf Clerfayt. Das Verh&#xE4;ltnis war zu ungleich; das, was f&#xFC;r sein Dasein eine Episode sein w&#xFC;rde, obschon er es jetzt nicht glaubte, war f&#xFC;r sie das Ende.</p><p>»Nichts von dem, was du behauptet hast, ist wahr, Clerfayt«, sagte sie mit ver&#xE4;nderter Stimme. »Nichts! Vergi&#xDF; es! Es ist nicht wahr!</p><p>Nichts!«</p><p>Sie sah, da&#xDF; sein Gesicht sich aufhellte. »Du bleibst bei mir?« fragte er rasch.</p><p>»Ja«, sagte sie. Sie wollte keine Auseinandersetzungen mehr f&#xFC;r die letzten Tage.</p><p>»Du verstehst endlich, was ich will.«</p><p>»Ja, ich verstehe es«, erwiderte sie und l&#xE4;chelte.</p><p>»Du wirst mich heiraten?«</p><p>Er sp&#xFC;rte ihr Z&#xF6;gern nicht. »Ja«, sagte sie. Auch das war jetzt gleich.</p><p>Er starrte sie an. »Wann?«</p><p>»Wann du willst. Im Herbst.«</p><p>Er schwieg einen Augenblick. »Endlich!« sagte er dann. »Endlich! Du wirst es nie bereuen, Lillian!«</p><p>»Ich wei&#xDF; es.«</p><p>»Du bist m&#xFC;de! Du mu&#xDF;t todm&#xFC;de sein! Du mu&#xDF;t schlafen, Lillian!</p><p>Komm, ich bringe dich hinauf.«</p><p>»Und du?«</p><p>»Ich werde dem Engl&#xE4;nder folgen und sp&#xE4;ter die Stra&#xDF;en abfahren, bevor der Verkehr beginnt. Es ist nur Routine, ich kenne die Strecke.« Er stand an ihrer T&#xFC;r. »Ich Idiot! Ich habe mehr als die H&#xE4;lfte von dem verloren, was ich gewonnen hatte! Aus Wut!«</p><p>»Ich habe gewonnen.«</p><p>Lillian warf die Tasche mit den Jetons auf den Tisch.</p><p>»Ich habe sie nicht gez&#xE4;hlt.«</p><p>»Wir werden morgen wieder gewinnen. Gehst du mit mir zum</p><p>Arzt?«</p><p>»Ja. Jetzt mu&#xDF; ich schlafen.«</p><p>»Schlaf bis zum Abend. Dann essen wir etwas und gehen wieder schlafen. Ich liebe dich unendlich!«</p><p>»Ich dich auch, Clerfayt.«</p><p>Er schlo&#xDF; die T&#xFC;r behutsam hinter sich. Zum ersten Mal wie bei einer Kranken, dachte sie und setzte sich aufs Bett.</p><p>Das Fenster stand offen. Sie sah ihn zum Strand hinuntergehen. Nach dem Rennen, dachte sie. Ich werde packen m&#xFC;ssen und nach dem Rennen wegfahren, wenn er nach Rom mu&#xDF;. Noch die paar Tage, dachte sie. Sie wu&#xDF;te nicht, wohin sie fahren sollte. Es war auch gleichg&#xFC;ltig.</p><p>Sie mu&#xDF;te nur fort.</p></section><section><title><p>20</p></title><p>Die Strecke war nur etwas &#xFC;ber drei Kilometer lang, aber sie f&#xFC;hrte durch die Stra&#xDF;en Monte Carlos, mitten durch die Stadt. Hundert Runden mu&#xDF;ten gefahren werden, &#xFC;ber dreihundert Kilometer, das hie&#xDF; viele zehntausend Male Schalten, Bremsen, Anfahren, Schalten und wieder Bremsen und Anfahren.</p><p>»Ein Karussell«, sagte Clerfayt lachend zu Lillian. »Wo sitzt du?«</p><p>»Auf der Trib&#xFC;ne. Zehnte Reihe rechts.«</p><p>»Es wird hei&#xDF; sein. Hast du einen Hut?«</p><p>»Ja.« Lillian zeigte einen kleinen Strohhut vor, den sie in der Hand hielt.</p><p>»Gut. Heute abend werden wir im Pavillon d’Or am Meer Langusten essen und k&#xFC;hlen Wein trinken. Und morgen fahren wir zu einem Bekannten von mir; er ist Architekt und soll uns einen Plan machen, das Haus umzubauen. Hell, mit gro&#xDF;en Fenstern und viel Sonne.«</p><p>»Es geht los«, sagte Clerfayt und kn&#xF6;pfte seinen wei&#xDF;en Overall am Hals zu. Er holte ein St&#xFC;ck Holz aus der Tasche und klopfte es gegen den Wagen und gegen seine Hand.</p><p>»Fertig?« schrie der Rennleiter. »Fertig.«</p><p>Lillian k&#xFC;&#xDF;te Clerfayt.</p><p>Sie drehte sich an der T&#xFC;r um. Die Frauen von Marchetti und zwei anderen Fahrern hockten bereits mit Stoppuhren und Papieren an ihren Pl&#xE4;tzen. Ich sollte ihn nicht verlassen, dachte sie und hob die Hand. Clerfayt lachte und salutierte. Er sah sehr jung aus. »Fertig zum Start!«</p><p>Zwanzig Wagen starteten. Clerfayt lag in der ersten Runde an achter Stelle; er hatte keinen sehr g&#xFC;nstigen Platz gehabt und war beim Anfahren einen Augenblick zu langsam gewesen.</p><p>Lillian sah die Meute jedes Mal in weniger als zwei Minuten an den Trib&#xFC;nen vor&#xFC;berrasen. Wenn man die Wagen gerade gesehen hatte und einen Moment beiseite blickte, waren sie schon wieder da, ein wenig unterschieden in der Platzierung, aber fast so, als w&#xE4;ren sie nie weggewesen.</p><p>Nach vierzig Runden wollte sie gehen. Ihr war, als sollte sie jetzt, jetzt gleich abreisen, bevor das Rennen zu Ende war. Sie hatte ein Billett nach Z&#xFC;rich in der Tasche. Sie hatte es morgens gekauft, als Clerfayt noch einmal die Rennstrecke abging. Es war f&#xFC;r den &#xFC;bern&#xE4;chsten Tag. Clerfayt mu&#xDF;te dann nach Rom fliegen. Er wollte zwei Tage sp&#xE4;ter zur&#xFC;ck sein. Das Flugzeug ging morgens; der Zug abends. Wie ein Dieb, dachte sie. Ebenso wie ich mich im Sanatorium von Boris habe wegschleichen wollen. Sie hatte dann doch mit Boris sprechen m&#xFC;ssen, aber was hatte es gen&#xFC;tzt? Immer wurden nur die falschen Worte gesagt. Sie suchte in der Tasche nach ihrem Fahrheft. Einen Augenblick glaubte sie es verloren zu haben. Dieser Augenblick gen&#xFC;gte, um sie wieder fest zu machen. Ich habe Fieber, dachte sie.</p><p>Clerfayt hatte sich eine Stunde sp&#xE4;ter bis zum zweiten Platz vorgearbeitet. Er wollte nicht noch einmal die Chance nehmen, seinen Motor zu &#xFC;berdrehen. Der Rennleiter signalisierte Clerfayt, nicht anzugreifen.</p><p>Sie kamen wieder an den Lagern vorbei. Clerfayt wollte dieses Rennen gewinnen, mit oder ohne den Rennleiter. Er wollte die Siegespr&#xE4;mie haben, und er hatte nebenbei noch auf sich selbst gewettet. Ich brauche das Geld, dachte er. F&#xFC;r die Zukunft. Das Haus. Das Leben mit Lillian. Der schlechte Start hatte ihn etwas verz&#xF6;gert, aber er wu&#xDF;te, da&#xDF; er gewinnen w&#xFC;rde; er f&#xFC;hlte sich sehr ruhig, in dem sonderbaren Gleichgewicht zwischen Konzentration und Entspannung, das einem das Bewu&#xDF;tsein gab, nichts k&#xF6;nne einem je geschehen. Es war einer der seltenen Augenblicke reinen Gl&#xFC;ckes.</p><empty-line/><p>Hinter einer Kurve sah er Marchettis Wagen pl&#xF6;tzlich tanzen, sich querstellen und mit dem Schrei rei&#xDF;enden Metalls aufschlagen. Er sah die schwarze &#xD6;llache, die breit &#xFC;ber die Stra&#xDF;e gelaufen war. Er wu&#xDF;te im letzten Augenblick noch, da&#xDF; er das Steuerrad loswerden mu&#xDF;te, aber die Arme waren zu langsam. Und dann kam der Schlag gegen die Brust und der Schlag ins Gesicht, und von allen Seiten st&#xFC;rzte die zersplitterte Welt auf ihn zu und dann nichts mehr.</p><p>Der Wagen, der auf ihn aufgefahren war, ri&#xDF; in das Durcheinander eine L&#xFC;cke, so da&#xDF; die andern, die noch kamen, gerade wieder passieren konnten. Einer nach dem andern scho&#xDF; vorbei. Sanit&#xE4;ter erschienen mit Tragbahren.</p><p>Der Wagen Clerfayts war nicht nur auf die anderen aufgefahren, sondern auch noch von hinten von Monti angefahren worden. Monti war fast unverletzt. Clerfayt hing in seinem Wagen. Sein Gesicht war zerschlagen, und das Steuerrad hatte seinen Brustkorb eingedr&#xFC;ckt. Er blutete aus dem Mund und war bewusstlos. Vor ihm brannte ein Wagen. Das Rennen ging weiter; es wurde nicht abgesagt.</p><p>Lillian begriff es nicht sofort. Der Lautsprecher war nicht klar, die Stimme darin schien durch ihre eigenen Echos unverst&#xE4;ndlich zu werden. Der Sprecher stand in der Aufregung zu dicht am Mikrophon. Sie h&#xF6;rte etwas von Wagen, die aus der Bahn gekommen und ineinander gefahren waren, weil ein anderer Wagen auf der Strecke &#xD6;l verloren habe.</p><p>Sie suchte nach Clerfayts Nummer. Sie fand sie nicht, aber er konnte bereits vorbei sein, sie hatte vorher nicht so genau darauf geachtet. Der Lautsprecher berichtete jetzt etwas klarer, da&#xDF; ein Unfall passiert sei – einige Wagen w&#xE4;ren zusammengesto&#xDF;en, es habe einige Verletzte gegeben, keine Toten, weitere Nachrichten w&#xFC;rden folgen. Nichts von Clerfayt; er war Zweiter gewesen. Nichts von Clerfayt, dachte sie und h&#xF6;rte die Wagen kommen und beugte sich vor, um die Zw&#xF6;lf zu sehen, den roten Wagen mit der Zw&#xF6;lf.</p><p>Da rollte die fette Stimme des Ansagers: »Unter den Verletzten befindet sich Clerfayt, er wird zum Hospital gebracht. Es scheint, da&#xDF; er bewusstlos ist.«</p><p>Es kann nicht sein, dachte etwas in Lillian. Nicht in diesem Spielzeugrennen. Es mu&#xDF; ein Irrtum sein! Bewusstlos, dachte sie, was hei&#xDF;t das? Es konnte alles hei&#xDF;en! Sie merkte, da&#xDF; sie die Trib&#xFC;nen verlassen hatte, ohne es zu wissen. Sie war auf dem Wege zum Lager; vielleicht hatte man ihn dahin gebracht.</p><p>»Er ist ins Hospital gebracht worden«, sagte der Rennleiter schwitzend. Er st&#xFC;rzte weg, um zu signalisieren. »Was ist geschehen?« rief Lillian. »Lassen Sie Ihr verdammtes Rennen zum Teufel gehen und sagen Sie mir, was geschehen ist!«</p><p>Sie blickte sich um. Niemand sah sie an. Der Rennleiter kam endlich zur&#xFC;ck. »Es hilft Clerfayt nicht, ob ich das Rennen zum Teufel gehen lasse oder nicht«, sagte er heiser. »Er w&#xFC;rde es auch nicht wollen.«</p><p>Lillian unterbrach ihn. »Wo ist er?«</p><p>»Im Hospital. Man hat ihn sofort ins Hospital gebracht.«</p><p>»Warum ist niemand bei ihm, um ihm zu helfen? Sie nicht? Warum sind Sie hier?«</p><p>Der Rennleiter sah sie verst&#xE4;ndnislos an. »Wie soll ich ihm denn helfen? Das m&#xFC;ssen doch jetzt die &#xC4;rzte tun.« Lillian schluckte. »Was ist ihm passiert?« fragte sie leise.</p><p>»Das wei&#xDF; ich nicht. Ich habe ihn nicht gesehen. Wir waren alle hier. Wir mu&#xDF;ten doch hier bleiben.«</p><p>»Ist er tot?« fragteLillian.</p><p>»Nein, nein! Bewusstlos.«</p><p>Lillian wandte sich langsam zum Gehen.</p><empty-line/><p>Sie hatte nur eine der Pferdedroschken gefunden. »Es dauert l&#xE4;nger als sonst, Mademoiselle«, erkl&#xE4;rte ihr der Kutscher. »Wir m&#xFC;ssen weit herumfahren. Die Stra&#xDF;en sind abgesperrt. Das Rennen, Sie verstehen –«</p><p>Lillian nickte. Nichts funktionierte in ihr ganz, nur die Ohren und die Augen, die die Motoren h&#xF6;rten und die Wagen sahen. Der Kutscher wollte ihr die Aussichtspunkte zeigen. Sie h&#xF6;rte es nicht; sie h&#xF6;rte nur die Motoren.</p><p>»Schneller!« sagte Lillian.</p><p>»Sehr wohl!«</p><p>Es dauerte endlos, bis sie vor dem Hospital hielten. Sie wollte nicht abreisen, sie wollte bleiben, sie wollte Clerfayt heiraten, er sollte nur leben!</p><p>»Herr Clerfayt ist im Operationszimmer«, sagte die Empfangsschwester.</p><p>»K&#xF6;nnen Sie mir sagen, wie er verletzt ist?«</p><p>»Ich bedauere. Sind Sie Madame Clerfayt?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Verwandt?«</p><p>»Was hat das damit zu tun?«</p><p>»Nichts, Mademoiselle. Ich bin nur sicher, da&#xDF; nach einer Operation h&#xF6;chstens die n&#xE4;chsten Verwandten einen Augenblick zugelassen werden.«</p><p>Lillian starrte die Schwester an. Sollte sie sagen, da&#xDF; sie mit Clerfayt verlobt sei? Wie absurd das war! »Mu&#xDF; er operiert werden?« fragte sie.</p><p>»Es scheint so; sonst w&#xE4;re er nicht im Operationszimmer.«</p><p>»Kann ich warten?« fragte sie.</p><p>Die Schwester wies auf eine Bank. »Haben Sie kein Wartezimmer?« fragte Lillian.</p><p>Die Schwester deutete zu einer T&#xFC;r. Sie ging in ein Zimmer, in dem m&#xFC;de Blattpflanzen standen und alte Magazine herumlagen. Der L&#xE4;rm der Motoren war auch hier zu h&#xF6;ren.</p><p>Lillian starrte auf die Magazine, sie &#xF6;ffnete und schlo&#xDF; sie, sie versuchte zu lesen und konnte es nicht, sie stand auf und ging ans Fenster und setzte sich wieder. Das Zimmer roch nach Angst. Sie versuchte, das Fenster zu &#xF6;ffnen, aber sie schlo&#xDF; es wieder, weil das Grollen der Motoren sofort st&#xE4;rker hineindrang.</p><p>Pl&#xF6;tzlich horchte sie auf. Irgend etwas hatte sich ver&#xE4;ndert. Es dauerte eine Weile, bevor sie merkte, da&#xDF; es die Stille war. Der L&#xE4;rm der Motoren hatte aufgeh&#xF6;rt. Das Rennen war vor&#xFC;ber.</p><p>Eine Viertelstunde sp&#xE4;ter sah sie einen offenen Wagen mit dem Rennleiter und zwei Monteuren herankommen und halten. Die Empfangsschwester brachte sie in das Wartezimmer.</p><p>»Haben Sie etwas erfahren?« fragte Lillian.</p><p>Der j&#xFC;ngere Monteur sagte »Ich war da, als man ihn losmachte.Er blutete aus dem Mund«.</p><p>»Aus dem Mund?«</p><p>»Ja. Es war wie ein Blutsturz.«</p><p>Lillian sah den Mann an. Was war das f&#xFC;r ein Irrtum? Ein Blutsturz geh&#xF6;rte zu ihr, nicht zu Clerfayt. »Wie konnte er einen Blutsturz haben?« fragte sie.</p><p>»Die Brust war gegen das Steuerrad geklemmt«, sagte der Monteur.</p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte langsam den Kopf. »Nein«, sagte sie. »Nein!«</p><p>Der Rennleiter ging zur T&#xFC;r. »Ich werde sehen, wo der Arzt ist.«</p><p>Lillian h&#xF6;rte, wie er ein lautes Gespr&#xE4;ch mit der Schwester hatte.</p><p>Der Rennleiter kam zur&#xFC;ck. Er blieb in der T&#xFC;r stehen. Er bewegte die Lippen ein paar Mal, bevor er sprach. »Clerfayt ist tot«, sagte er dann.</p><p>»Sie haben ihn nicht operiert. Er ist vorher gestorben.«</p><p>Lillian bewegte sich nicht. »Wo ist er?« fragte sie schlie&#xDF;lich.</p><p>»Es ist besser, wenn Sie ihn jetzt nicht sehen«, erwiderte der Mann. »Morgen k&#xF6;nnen Sie ihn sehen.«</p><p>»Wer sagt das?« fragte Lillian mit einer Stimme, in der jedes Gef&#xFC;hl fehlte. »Wer sagt das?« wiederholte sie.</p><p>»Der Arzt. Sie w&#xFC;rden ihn nicht erkennen. Es ist besser, Sie kommen morgen. Wir k&#xF6;nnen Sie ins Hotel fahren.«</p><p>Lillian blieb stehen. »Warum w&#xFC;rde ich ihn nicht erkennen?«</p><p>Der Rennleiter schwieg eine Weile. »Er hat nichts gemerkt, meint der Arzt. Es ging so schnell. Er war sofort bewusstlos. Er ist nicht mehr aufgewacht.«</p><p>»Kommen Sie mit uns«, sagte der Rennleiter. »Wir bringen Sie ins Hotel. Dies ist genug f&#xFC;r heute. Morgen k&#xF6;nnen Sie ihn sehen.« »Und was soll ich im Hotel?« fragte Lillian.</p><p>Der Mann hob die Schultern. »Rufen Sie einen Arzt. Er soll Ihnen eine Spritze machen. Eine kr&#xE4;ftige, da&#xDF; Sie bis morgen durchschlafen. Kommen Sie! Hier k&#xF6;nnen Sie nichts mehr tun. Er ist tot. Wir alle k&#xF6;nnen nichts mehr tun. Wenn einer tot ist, ist es vorbei: Man kann nichts mehr tun.«</p></section><section><title><p>21</p></title><p>Sie wachte auf. Einen Augenblick hatte sie keine Verbindung mit der Welt. Sie sa&#xDF; im Bett und sah sich um. Wie war sie hierher gekommen? Langsam erinnerte sie sich – an das Hospital, das fremde Gesicht Clerfayts, den Kopf der schief lag, die H&#xE4;nde, die nicht dazu passten, den Arzt, der mit ihr gekommen war – es war alles nicht wahr, es war nicht richtig – nicht Clerfayt mu&#xDF;te auf dem Hospitalbett liegen, sondern sie, sie allein und nicht er.</p><p>Sie stand auf und zog die Vorh&#xE4;nge auseinander. Die Sonne schien. Der Himmel war wolkenlos. Ich, dachte Lillian, ich sollte es sein, mir war es bestimmt, nicht ihm!</p><p>Das Telefon klingelte. Sie erschrak und hob es hoch. Das war ein Vertreter eines Beerdigungsinstitutes in Nizza. Sie hing auf. Sie wu&#xDF;te nicht, was sie tun sollte. Wo war Clerfayts Heimat? Da, wo er geboren war? Sie wu&#xDF;te nicht, wo. Das Telefon schrillte wieder. Dieses Mal war es das Hospital. Was mit der Leiche geschehen solle? Es m&#xFC;sse disponiert werden. Sp&#xE4;testens bis zum Nachmittag. Ein Sarg m&#xFC;sse bestellt werden.</p><p>Lillian sah auf die Uhr. Es war Mittag. Sie zog sich an. Gesch&#xE4;ftig &#xFC;berfiel sie das Ritual des Todes. Ich m&#xFC;&#xDF;te schwarze Kleider haben, dachte sie. Eine Firma, die Kr&#xE4;nze lieferte, rief an. Eine andere wollte wissen, was f&#xFC;r eine Religion Clerfayt gehabt hatte, um die Zeit f&#xFC;r die kirchliche Aufbahrung zu reservieren.</p><p>Lillian f&#xFC;hlte das schwere Schlafmittel noch. Sie ging nach unten, um den Portier um Rat zu fragen.</p><p>»Bestellen Sie einen Sarg«, fl&#xFC;sterte sie dem Portier zu. »Tun Sie, was n&#xF6;tig ist.«</p><p>Es schien einfach zu sein zu sterben – aber nicht, tot zu sein.</p><p>Ob sie Clerfayts Papiere habe?</p><p>»Papiere? Braucht er denn noch Papiere?«</p><p>Der Portier hatte auch daf&#xFC;r Verst&#xE4;ndnis. Nat&#xFC;rlich brauche er Papiere. Vielleicht seien sie in seinem Zimmer. Er werde sich au&#xDF;erdem mit der Polizei in Verbindung setzen.</p><p>»Mit der Polizei?«</p><p>Bei einem Unfall m&#xFC;sse die Polizei sofort zugezogen werden. Alles sei nur eine Formsache, aber es m&#xFC;sse geschehen. Er werde sich darum k&#xFC;mmern.</p><p>Lillian nickte. Sie wollte pl&#xF6;tzlich aus dem Hotel heraus. Sie f&#xFC;rchtete, ohnm&#xE4;chtig zu werden. Ihr fiel ein, da&#xDF; sie seit dem Mittag vorher noch nichts gegessen hatte; aber sie wollte nicht in das Restaurant des Hotels gehen. Rasch verlie&#xDF; sie die Halle und ging zum Caf&#xE9; de Paris. Sie bestellte Kaffee und sa&#xDF; lange Zeit da, ohne zu trinken. Sie wu&#xDF;te nicht, was sie tun sollte. Sie versuchte sich zu erkl&#xE4;ren, da&#xDF; sie ohne den Unfall morgen auch allein gewesen w&#xE4;re, in Paris oder auf dem Weg in die Schweiz. Es half nichts. Clerfayt war tot; das war etwas anderes, als da&#xDF; sie nicht mehr zusammen gewesen w&#xE4;ren. Sie fand eine Bank, von der sie aufs Meer sehen konnte. Sie hatte das Gef&#xFC;hl, viele dringenden Dinge tun zu m&#xFC;ssen; aber sie konnte sich nicht entschlie&#xDF;en. Clerfayt, nicht ich! Sie hatte zu sterben, nicht er.</p><p>Sie kam zur&#xFC;ck ins Hotel und ging in ihr Zimmer, ohne mit jemand zu sprechen. An der T&#xFC;r blieb sie stehen. Tote Luft schlug ihr entgegen; alles im Zimmer schien mitgestorben zu sein.</p><p>Sie erinnerte sich daran, da&#xDF; der Portier Clerfayts Papiere verlangt hatte. Sie wu&#xDF;te nicht, wo sie waren.</p><p>Sie sah, da&#xDF; ein Schl&#xFC;ssel in der T&#xFC;r steckte und nahm an, da&#xDF; das Zimmerm&#xE4;dchen saubermachte. Das war besser, als allein hineinzugehen. Sie &#xF6;ffnete die T&#xFC;r.</p><p>Eine hagere Frau in einem grauen Schneiderkost&#xFC;m blickte vom Schreibtisch auf. »Was m&#xF6;chten Sie?«</p><p>Lillian glaubte, in ein falsches Zimmer geraten zu sein. Dann sah sie Clerfayts Mantel h&#xE4;ngen. »Wer sind Sie?« fragte sie.</p><p>»Ich glaube, das k&#xF6;nnte ich eher Sie fragen«, erwiderte die Frau scharf. »Ich bin die Schwester Clerfayts. Und was wollen Sie? Wer sind Sie?«</p><p>Lillian schwieg. Clerfayt hatte ihr einmal erz&#xE4;hlt, er habe irgendwo eine Schwester, die er hasse und die ihn hasse. Er habe seit vielen Jahren nichts von ihr geh&#xF6;rt. Es mu&#xDF;te diese Frau sein. »Ich wu&#xDF;te nicht, da&#xDF; Sie angekommen sind«, sagte Lillian. »Nun, da Sie da sind, habe ich hier nichts mehr zu tun.«</p><p>»Zweifellos nicht«, erwiderte die Frau frostig. »Mir wurde gesagt, da&#xDF; mein Bruder hier mit irgendeiner Person zusammengelebt habe. Sind Sie das?«</p><p>»Auch das braucht Sie nicht mehr zu interessieren«, sagte Lillian und drehte sich um.</p><p>Sie ging hinaus und zur&#xFC;ck in ihr Zimmer. Sie begann zu packen, aber sie h&#xF6;rte bald auf. Ich kann nicht wegfahren, solange er noch hier ist, dachte etwas in ihr. Ich mu&#xDF; bleiben, bis er begraben ist.</p><p>Sie ging noch einmal zum Hospital; die Empfangsschwester erkl&#xE4;rte ihr, da&#xDF; sie Clerfayt nicht mehr sehen k&#xF6;nne.</p><p>Vor dem Hospital traf sie den Rennleiter. »Wir fahren heute abend ab«, sagte er. »Haben Sie die Schwester schon gesehen? Sie l&#xE4;&#xDF;t ihn zerschneiden. Sie will gegen die Firma und gegen die Rennleitung klagen. Sie war schon bei der Polizei. Sie kennen doch unsern Direktor. Sie war auch bei ihm. Er hat vor niemand Angst, aber er war bla&#xDF;, als das Weib nach einer halben Stunde herauskam. Sie verlangt eine Rente auf Lebenszeit. Behauptet, Clerfayt sei ihr einziger Ern&#xE4;hrer gewesen. Wir fahren alle ab. Fahren auch Sie ab! Es ist vorbei.«</p><p>»Ja«, erwiderte Lilian. »Es ist vorbei.«</p><p>Sie ging planlos in den Stra&#xDF;en herum; sie sa&#xDF; an Tischen und trank etwas, und abends ging sie in das Hotel zur&#xFC;ck. Sie war jetzt sehr m&#xFC;de. Der Arzt hatte ihr ein Schlafmittel dagelassen. Sie brauchte es nicht zu nehmen; sie schlief sofort ein.</p><p>Das Telefon weckte sie. Clerfayts Schwester war am Apparat. Sie m&#xFC;sse dringend mit ihr sprechen, erkl&#xE4;rte sie. Lillian solle sofort kommen.</p><p>»Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, tun Sie es jetzt am Telefon«, sagte Lillian.</p><p>»Es geht nicht &#xFC;ber das Telefon.«</p><p>»Dann kommen Sie heute Mittag um zw&#xF6;lf Uhr in die Hotelhalle.«</p><p>»Das ist zu sp&#xE4;t.«</p><p>»Nicht f&#xFC;r mich«, erwiderte Lillian und hing ab.</p><p>Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor zehn. Sie hatte vierzehn Stunden geschlafen und war immer noch wie zerschlagen. Sie ging ins Badezimmer. Man klopfte an die T&#xFC;r. Bevor sie die T&#xFC;r &#xF6;ffnen konnte, st&#xFC;rzte die Schwester Clerfayts herein.</p><p>»Sie sind Miss Dunkerque?« fragte die Frau im grauen Schneiderkost&#xFC;m.</p><p>»Sie k&#xF6;nnen mich um zw&#xF6;lf Uhr in der Hotelhalle sprechen«, erwiderte Lillian.</p><p>»Ich kann nicht bis zw&#xF6;lf warten. Mein Zug f&#xE4;hrt vorher. Wollen Sie, da&#xDF; die Leiche meines Bruders auf dem hei&#xDF;en Perron warten mu&#xDF;, bis Sie Zeit haben, mit mir zu sprechen?«</p><p>Diese Person schreckte vor nichts zur&#xFC;ck, um ihren Willen durchzusetzen, dachte sie. »Ich habe hier«, fuhr die Schwester fort, »unter den Papieren meines Bruders eine Kopie gefunden, deren Original wahrscheinlich Sie besitzen. Es handelt sich um die Verschreibung eines Hauses an der Rivera auf Sie.«</p><p>»Auf mich?«</p><p>»Wissen Sie nichts davon?«</p><p>Lillian erwiderte nichts. Sie h&#xF6;rte, da&#xDF; das Wasser im Badezimmer immer noch lief und ging, es abzudrehen.</p><p>»War es das, was Sie mir so dringend mitteilen wollten?« fragte sie, als sie zur&#xFC;ckkam.</p><p>»Ich wollte Ihnen erkl&#xE4;ren, wir werden uns dagegen wehren.«</p><p>»Tun Sie das. Und jetzt lassen Sie mich bitte allein.«</p><p>Lillian ging zur T&#xFC;r und &#xF6;ffnete sie.</p><p>»Und nun gehen Sie endlich!«</p><p>Der Portier hielt sie in der Halle an. »Eine peinliche Sache, Madame.«</p><p>»Was denn noch?«</p><p>»Sie haben mich beauftragt, einen Sarg und eine Grabstelle auf dem Friedhof zu bestellen. Die Schwester von Herrn Clerfayt hat sofort auch einen Sarg bestellt und liefern lassen. Jetzt ist der Ihrige &#xFC;brig.«</p><p>»K&#xF6;nnen Sie ihn nicht zur&#xFC;ckgeben?«</p><p>»Der Vertreter der Firma in Nizza erkl&#xE4;rt, der Sarg sei eine Spezialbestellung gewesen. Er k&#xF6;nnte ihn zur&#xFC;cknehmen, aus Gef&#xE4;lligkeit, aber nicht zum selben Preis. Der Vertreter der Sargfirma w&#xFC;rde den Sarg zur&#xFC;cknehmen f&#xFC;r den halben Preis.«</p><empty-line/><p>»Gut«, erwiderte Lillian. »Und machen Sie meine Rechnung fertig.</p><p>Ich reise heute abend ab.«</p><p>»Sehr wohl. Dann ist da noch die Sache mit der Grabstelle. Sie brauchen sie jetzt nicht mehr, aber ich habe sie schon f&#xFC;r Sie bezahlt. Es ist schwierig, da heute etwas zu tun. Es ist Samstag. Vor Montag ist niemand im B&#xFC;ro.«</p><p>»Sterben samstags und sonntags hier keine Menschen?«</p><p>»Doch. Man kauft die Gr&#xE4;ber dann am Montag.«</p><p>»Schreiben Sie den Preis auf meine Rechnung.«</p><p>»Wollen Sie die Grabstelle denn behalten?« fragte der Portier ungl&#xE4;ubig. »Ich wei&#xDF; es nicht; ich will nicht mehr dar&#xFC;ber reden. Schreiben Sie auf, was Sie bezahlt haben. Schreiben Sie alles auf. Aber ich will nichts mehr davon h&#xF6;ren! Nichts mehr! Verstehen Sie das nicht?« »Sehr wohl, Madame.«</p><p>Lillian ging in ihr Zimmer zur&#xFC;ck. Das Telefon klingelte. Sie nahm es nicht ab. Sie packte den Rest ihrer Sachen zusammen. In ihrer Tasche fand sie das Fahrscheinheft nach Z&#xFC;rich. Sie blickte auf das Datum.</p><p>Der Zug fuhr am selben Abend.</p><p>Das Telefon klingelte wieder. Als es schwieg, packte sie eine panikartige Furcht. Ihr war, als sei mehr gestorben als Clerfayt – als sei alles gestorben. Boris auch, dachte sie. Wer wu&#xDF;te, was mit ihm geschehen war? Vielleicht war auch er l&#xE4;ngst tot, und niemand hatte es ihr sagen k&#xF6;nnen, weil niemand ihre Adresse gewu&#xDF;t hatte oder es ihr sagen wollte.</p><p>Sie griff nach dem Telefon, aber sie lie&#xDF; die Hand wieder sinken. Sie konnte ihn nicht anrufen. Nicht jetzt. Er w&#xFC;rde sie nicht verstehen, er w&#xFC;rde glauben, da&#xDF; sie ihn anriefe, weil Clerfayt tot sei. Er w&#xFC;rde ihr nie glauben k&#xF6;nnen, da&#xDF; sie Clerfayt hatte verlassen wollen. Sie wollte es ihm auch niemals sagen.</p><p>Sie sa&#xDF; still. Die Fenster waren offen. Sie stand auf, aber sie z&#xF6;gerte. Sie konnte nicht gehen, bevor sie nicht wu&#xDF;te, ob Boris noch lebte. Es war nicht n&#xF6;tig, ihn selbst anzurufen. Sie konnte das Haus anrufen und nach ihm verlangen, unter irgendeinem Namen; wenn das M&#xE4;dchen dann ging, um sie anzumelden, wu&#xDF;te sie, da&#xDF; er noch lebte, und konnte einh&#xE4;ngen, bevor er kam.</p><p>Sie rief die Nummer an. Es dauerte lange, bis die Telefonistin zur&#xFC;ckrief. Es meldete sich niemand. Sie verlangte die Nummer noch einmal und wartete.</p><p>Das Telefon klingelte. Lillian verga&#xDF; alles, was sie sich vorgenommen hatte. »Boris!« rief sie. »Bist du da?«</p><p>»Wer ist da?« fragte eine Frauenstimme.</p><p>Lillian z&#xF6;gerte eine Sekunde, dann nannte sie ihren Namen. In zwei Stunden w&#xFC;rde sie die Riviera verlassen haben, und niemand w&#xFC;rde wissen wohin; es w&#xE4;re l&#xE4;cherlich, nicht noch einmal mit Boris zu sprechen.</p><p>»Wer ist da?« wiederholte die Stimme.</p><p>Sie nannte noch einmal ihren Namen.</p><p>»Wer?«</p><p>»Lillian Dunkerque.«</p><p>»Herr Wolkow ist nicht hier«, antwortete die Stimme.</p><p>»Warten Sie!« rief Lillian. »Wo ist er?«</p><p>»Herr Wolkow ist abgereist.«</p><p>»Abgereist? Wohin?«</p><p>Die Verbindung wurde unterbrochen. Lillian legte den H&#xF6;rer auf. Abgereist – sie wu&#xDF;te, was das in der Codesprache oben bedeutete. Es war die Auskunft, wenn jemand gestorben war. Es konnte auch nichts anderes bedeuten – wohin sollte er schon gereist sein?</p><p>Sie sa&#xDF; eine Zeitlang ganz still. Endlich stand sie auf und ging hinunter. Sie bezahlte ihre Rechnung und steckte ihr Billett in die Tasche. »Schicken Sie meine Sachen zum Bahnhof«, sagte sie.</p><p>»Jetzt schon?« fragte der Portier verwundert. »Sie haben noch fast zwei Stunden. Es ist zu fr&#xFC;h.«</p><p>»Jetzt«, sagte sie. »Es ist nicht zu fr&#xFC;h.«</p></section><section><title><p>22</p></title><p>Sie sa&#xDF; auf einer Bank vor dem kleinen Bahnhof.</p><p>Ein Amerikaner setzte sich neben sie und begann einen Monolog dar&#xFC;ber, dass die Wiener W&#xFC;rstchen in Wisconsin besser seien.</p><p>Lillian sa&#xDF; ohne Gedanken da.</p><p>Sie sah den Hund, ohne ihn zu erkennen. Das Tier blieb stehen und st&#xFC;rzte dann auf sie zu.</p><p>Der Sch&#xE4;ferhund sprang an Lillian hoch. Er warf sie fast von der Bank, er leckte ihre H&#xE4;nde und versuchte, ihr Gesicht zu lecken. »Wolf«, sagte sie ungl&#xE4;ubig. »Wolf! Woher kommst du denn?«</p><p>Sie war aufgestanden. »Boris!« sagte sie.</p><p>»Wir haben dich also doch noch gefunden«, sagte Wolkow. »Der Portier im Hotel erz&#xE4;hlte mir, du w&#xE4;rest bereits am Bahnhof. Es war hohe Zeit, wie es scheint! Wer wei&#xDF;, wo ich dich sp&#xE4;ter h&#xE4;tte suchen m&#xFC;ssen.«</p><p>»Du lebst!« fl&#xFC;sterte Lillian. »Ich habe dich angerufen. Jemand sagte mir, du w&#xE4;rest abgereist. Ich habe gedacht –«</p><p>»Das war Frau Bliss. Sie ist die neue Haush&#xE4;lterin. Frau Escher hat noch einmal geheiratet.« Wolkow hielt den Hund fest. »Ich habe in der Zeitung gelesen, was passiert ist; deshalb bin ich gekommen. Ich wu&#xDF;te nicht, in welchem Hotel du wohntest, sonst h&#xE4;tte ich telefoniert.« »Du lebst!« sagte sie noch einmal.</p><p>»Und du lebst, Duscha! Alles andere ist unwichtig.«</p><p>Sie sah ihn an. Sie verstand sofort, was er meinte –da&#xDF; der geliebte Mensch nicht tot war, da&#xDF; er noch lebte, da&#xDF; er da war und noch atmete, ganz gleich, wo seine Gef&#xFC;hle waren oder was geschehen war. Boris war nicht aus Schw&#xE4;che oder Mitleid gekommen.</p><p>»Ja, Boris«, sagte sie. »Alles andere ist unwichtig.«</p><p>Er blickte auf das Gep&#xE4;ck. »Wann f&#xE4;hrt dein Zug?«</p><p>»In einer Stunde. Lass ihn fahren.«</p><p>»Wohin wolltest du?«</p><p>»Irgendwohin. Nach Z&#xFC;rich. Es ist gleichg&#xFC;ltig, Boris.«</p><p>»Dann lass uns hier weggehen. Zieh in ein anderes Hotel. Ich habe in Antibes ein Zimmer reservieren lassen. Im Hotel du Cap. Wir k&#xF6;nnen noch eins dazu bekommen. Soll ich das Gep&#xE4;ck dahin schicken lassen?«</p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Lass es hier«, sagte sie mit pl&#xF6;tzlichem Entschlu&#xDF;. »Der Zug f&#xE4;hrt in einer Stunde; lass uns abfahren. Ich will nicht hier bleiben. Und du mu&#xDF;t zur&#xFC;ck.« »Ich mu&#xDF; nicht zur&#xFC;ck«, sagte Wolkow.</p><p>Sie sah ihn an. »Bist du geheilt?«</p><p>»Nein. Aber ich mu&#xDF; nicht zur&#xFC;ck. Ich kann mit dir fahren, wohin du willst. So lange du willst.«</p><p>»Aber –«</p><p>»Ich habe dich damals verstanden«, sagte Wolkow. »Mein Gott,</p><p>Duscha, und wie ich verstanden habe, da&#xDF; du wegwolltest.«</p><p>»Warum bist du dann nicht mit mir gegangen?«</p><p>Wolkow schwieg. Er wollte sie nicht an das erinnern, was sie gesagt hatte. »W&#xE4;rest du mit mir gegangen?« fragte er schlie&#xDF;lich.</p><p>»Nein, Boris«, erwiderte sie. »Das ist wahr. Damals nicht.«</p><p>»Du wolltest die Krankheit nicht mitnehmen. Du wolltest ihr entkommen.«</p><p>»Ich wei&#xDF; es nicht mehr. Vielleicht war es so. Es ist so lange her.«</p><p>»Willst du wirklich heute noch fahren?«</p><p>»Ja.«</p><p>»Hast du ein Bett?«</p><p>»Ja, Boris.«</p><p>»Du siehst aus, als brauchtest du etwas zu essen. Komm in das Caf&#xE9; dr&#xFC;ben. Ich werde inzwischen sehen, ob ich noch eine Fahrkarte bekomme.«</p><p>Sie gingen hin&#xFC;ber. Er bestellte ihr Eier, Schinken und Kaffee. »Ich gehe zur&#xFC;ck zum Bahnhof«, sagte er.</p><p>»Bleib hier. Lauf nicht weg.«</p><p>»Ich laufe nicht mehr weg. Warum denkt das jeder?« Boris l&#xE4;chelte. »Es ist nicht das Schlechteste, wenn man das denkt. Man will dann, da&#xDF; der andere bleibt.«</p><p>Sie sah ihn an. Ihre Lippen zitterten. »Ich will nicht weinen«, sagte sie.</p><p>Er blieb am Tisch stehen. »Du bist nur ersch&#xF6;pft. I&#xDF; etwas. Ich bin sicher, es ist das erste heute.«</p><p>Sie begann zu essen, aber sie unterbrach sich und nahm ihren Spiegel heraus. Sie betrachtete sich sehr genau, das Gesicht, die Augen, die blauen Schatten. Was hatte der Arzt in Nizza gesagt? Bevor es Sommer wird, und vielleicht fr&#xFC;her, wenn Sie so weiterleben. Sommer – hier war es schon Sommer, aber in den Bergen kam er sp&#xE4;t. Sie betrachtete das Gesicht noch einmal, dann holte sie Puder und Lippenstift hervor. Wolkow kam zur&#xFC;ck. »Ich habe eine Fahrkarte bekommen. Der Zug ist nicht ausverkauft.«</p><p>»Hast du ein Bett?«</p><p>»Noch nicht. Aber vielleicht wird eins frei. Ich brauche keines; ich habe den ganzen Weg hierher geschlafen.« Er streichelte den Hund, der bei Lillian sitzen geblieben war.</p><p>»Ich kann ihn in mein Abteil nehmen.«</p><p>Boris nickte. »In Frankreich gibt es verst&#xE4;ndnisvolle Schaffner. In Z&#xFC;rich &#xFC;berlegen wir dann, was du tun willst.« »Ich will zur&#xFC;ck«, sagte Lillian.</p><p>»Zur&#xFC;ck? Wohin?« fragte Wolkow vorsichtig.</p><p>Sie schwieg.</p><p>»Ich war auf dem Wege zur&#xFC;ck«, sagte sie dann. »Du brauchst es nicht zu glauben.«</p><p>»Warum soll ich es nicht glauben?«</p><p>»Warum solltest du?«</p><p>»Ich habe einmal genau dasselbe getan wie du, Duscha. Vor vielen Jahren. Ich bin auch zur&#xFC;ckgegangen. Man mu&#xDF; es selbst herausfinden. Man w&#xFC;rde sonst immer glauben, das Wichtigste vers&#xE4;umt zu haben.</p><p>Wei&#xDF;t du schon, wohin du gehen willst von Z&#xFC;rich aus?«</p><p>»In irgendein Sanatorium. Im Bella Vista nehmen sie mich sicher nicht wieder.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich nehmen sie dich. Aber wei&#xDF;t du bestimmt, da&#xDF; du zur&#xFC;ck willst? Du bist jetzt ersch&#xF6;pft und brauchst Ruhe. Das kann sich &#xE4;ndern.«</p><p>»Ich will zur&#xFC;ck.«</p><p>»Clerfayts wegen?«</p><p>»Clerfayt hat nichts damit zu tun. Ich wollte schon vorher zur&#xFC;ck.«</p><p>»Warum?«</p><p>»Aus vielen Gr&#xFC;nden. Ich wei&#xDF; sie jetzt nicht mehr. Sie waren so richtig, da&#xDF; ich sie wieder vergessen habe.«</p><p>»Wenn du unten bleiben willst – du brauchst nicht allein zu sein. Ich kann auch bleiben.«</p><p>Lillian sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Nein, Boris. Es ist genug. Ich will zur&#xFC;ck. Aber du willst vielleicht noch bleiben? Du warst so lange nicht unten.«</p><p>Wolkow l&#xE4;chelte. »Ich kenne das hier schon –«</p><p>Sie nickte. »Das habe ich geh&#xF6;rt. Ich kenne es jetzt auch.«</p><p>In Z&#xFC;rich telefonierte Wolkow mit dem Sanatorium.</p><p>»Lebt sie noch?« fragte der Dalai Lama.</p><p>»Also gut, meinetwegen kann sie kommen.«</p><p>Lillian blieb noch eine Woche in Z&#xFC;rich im Hotel Dolder. Sie lag viel zu Bett. Sie war pl&#xF6;tzlich sehr m&#xFC;de. Das Fieber kam jeden Abend und war hoch. Wolkow fragte den Arzt, den er zur Behandlung geholt hatte. »Sie m&#xFC;&#xDF;te l&#xE4;ngst im Krankenhaus sein«, erkl&#xE4;rte der Professor.</p><p>»Lassen Sie sie hier.«</p><p>»Sie will nicht hier bleiben. Sie will nach oben.«</p><p>Der Arzt hob die Schultern. »Wie Sie wollen. Aber nehmen Sie einen Krankenwagen.«</p><p>Wolkow versprach es. Er wu&#xDF;te, da&#xDF; er keinen nehmen w&#xFC;rde. Sein Respekt vor dem Leben ging nicht weit genug, um nicht zu wissen, da&#xDF; zuviel Sorgfalt einen Kranken ebenso t&#xF6;ten konnte wie zuwenig. Lillian als Sterbende zu behandeln w&#xFC;rde schlimmer sein als die Fahrt im Auto zu riskieren.</p><p>»Armer Boris!« sagte sie. »Was hat dir der Arzt gesagt? Da&#xDF; ich die Reise nicht &#xFC;berstehen werde? Ich werde sie &#xFC;berstehen. Und ich werde noch l&#xE4;nger leben.«</p><p>Wolkow sah sie &#xFC;berrascht an. »Das ist wahr, Duscha. Ich f&#xFC;hle das auch.«</p><p>Sie fuhren an einem sehr warmen Tag hinauf. Auf der halben Passh&#xF6;he kam ihnen in einer Haarnadelkurve ein Wagen entgegen, der hielt, um sie vorbeizulassen. »Hollmann!« rief Lillian. »Das ist doch Hollmann!«</p><p>»Lillian! Und Boris! Aber –«</p><p>Hollmann parke den Wagen.</p><p>»Was ist los, Hollmann?« fragte Lillian. »Wohin fahren denn Sie?«</p><p>»Ich habe Ihnen doch erz&#xE4;hlt, da&#xDF; ich gesund bin.«</p><p>»Und der Wagen?«</p><p>»Geliehen. Ich bin wieder engagiert worden!«</p><p>»Engagiert? Von wem?«</p><p>»Von unserer alten Firma. Sie haben mich gestern angerufen. Sie brauchen noch jemand.Wie sch&#xF6;n, da&#xDF; ich Sie noch gesprochen habe, Lillian!«</p><p>Lillian starb sechs Wochen sp&#xE4;ter, an einem wei&#xDF;en Sommermittag. Sie starb schnell und allein. Boris war f&#xFC;r kurze Zeit ins Dorf gegangen. Als er zur&#xFC;ckkam, fand er sie tot auf ihrem Bett. Sie war w&#xE4;hrend einer Blutung erstickt. Ihr Gesicht wurde sch&#xF6;ner, als er es seit langem gesehen hatte. Er glaubte auch, da&#xDF; sie gl&#xFC;cklich gewesen sei, soweit man einen Menschen jemals gl&#xFC;cklich nennen k&#xF6;nne.</p></section><section><title><p>Словарь</p></title><section><empty-line/></section><section><title><p>A</p></title><p><strong>der Abendanzug,</strong><emphasis>m</emphasis> – вечерний костюм</p><p><strong>das Abendkleid,</strong><emphasis>n</emphasis> – вечернее платье</p><p><strong>die Abendrunde,</strong><emphasis>f</emphasis> – вечерний обход</p><p><strong>das Abenteuer,</strong><emphasis>n</emphasis> – приключение</p><p><strong>abergl&#xE4;ubisch –</strong>суеверный</p><p><strong>abfahren –</strong>отъезжать</p><p><strong>die Abfahrt,</strong><emphasis>f</emphasis>– отъезд</p><p><strong>der Abgrund,</strong><emphasis>m</emphasis> – глубокий провал</p><p><strong>abholen – заехать за кем-либо, забрать кого-либо</strong></p><p><strong>abl&#xF6;sen – сменять</strong></p><p><strong>abnehmen – худеть</strong></p><p><strong>abreisen – отправляться в путешествии</strong></p><p><strong>absausen – умчаться</strong></p><p><strong>die Abschiedsfeier,</strong><emphasis>f</emphasis> – прощальный вечер</p><p><strong>abschleppen – буксировать</strong></p><p><strong>absetzen – снимать</strong></p><p><strong>abstehende – оттопыренный</strong></p><p><strong>der Absturz,</strong><emphasis>m</emphasis> – падение</p><p><strong>das Abteil,</strong><emphasis>n</emphasis> – купе</p><p><strong>die Abwechslung,</strong><emphasis>f</emphasis> – разнообразие</p><p><strong>abwesend–</strong>отсутствующий</p><p><strong>achtgeben – обращать внимание</strong></p><p><strong>die Ahnung,</strong><emphasis>f</emphasis> – предчувствие, понятие</p><p><strong>albern –</strong>глупый</p><p><strong>das Alleinsein,</strong><emphasis>n</emphasis> – одиночество</p><p><strong>allerdings – тем не менее, однако</strong></p><p><strong>das Alter,</strong>n – возраст, старость</p><p><strong>altmodisch – старомодный</strong></p><p><strong>am&#xFC;sieren – развлекаться</strong></p><p><strong>anbinden – связывать, привязывать</strong></p><p><strong>der Anfahren,</strong><emphasis>m</emphasis> – наезд, разгон</p><p><strong>der Anfang,</strong><emphasis>m</emphasis> – начало</p><p><strong>anfangen – начинать</strong></p><p><strong>anfassen – прикасаться</strong></p><p><strong>die Angeh&#xF6;rige,</strong><emphasis>f</emphasis> – представитель, родственник</p><p><strong>die Angelegenheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – обстоятельство</p><p><strong>angenehm –</strong>приятно</p><p><strong>der Angestellte,</strong><emphasis>m</emphasis> – служащий</p><p><strong>die Angst,</strong><emphasis>f</emphasis> – страх</p><p><strong>angstvoll –</strong>испуганный</p><p><strong>die Anh&#xF6;he,</strong><emphasis>f</emphasis> – холм</p><p><strong>die Ankunft,</strong><emphasis>f</emphasis> – прибытие</p><p><strong>die Anprobe,</strong><emphasis>f</emphasis>– примерка</p><p><strong>der Anruf,</strong><emphasis>m</emphasis> – звонок</p><p><strong>anrufen –</strong>звонить</p><p><strong>der Ansager,</strong><emphasis>m</emphasis> – диктор</p><p><strong>ansprechen–</strong>заговорить</p><p><strong>der Anspruch,</strong><emphasis>m</emphasis> – требование</p><p><strong>anstarrten – пристально смотреть</strong></p><p><strong>die Anzahl,</strong><emphasis>f</emphasis> – количество</p><p><strong>die Asche,</strong><emphasis>f</emphasis> – пепел</p><p><strong>der Atemzug,</strong><emphasis>m</emphasis> – вдох</p><p><strong>der Aufbahrung,</strong><emphasis>m</emphasis> – публичное прощание с покойным</p><p><strong>aufbleiben – бодрствовать</strong></p><p><strong>der Aufbruch,</strong><emphasis>m</emphasis> – отъезд, уход</p><p><strong>aufdrehen – набирать обороты</strong></p><p><strong>das Aufflammen,</strong><emphasis>n</emphasis> – вспышка</p><p><strong>aufgeben – прекращать</strong></p><p><strong>aufmerksam – внимательно</strong></p><p><strong>die Aufnahme,</strong><emphasis>f</emphasis> – снимок, приём</p><p><strong>aufregend – волнующий</strong></p><p><strong>aufschlagen – ударяться, разбиватиься</strong></p><p><strong>aufstehen – вставать</strong></p><p><strong>aufsuchen – навещать, разыскивать</strong></p><p><strong>der Aufzug,</strong><emphasis>m</emphasis> – лифт</p><p><strong>der Augenblick,</strong><emphasis>m</emphasis>  – миг, мгновение</p><p><strong>ausbauen – расширять, отстраивать</strong></p><p><strong>die Auseinandersetzungen,</strong><emphasis>f</emphasis> – разногласия</p><p><strong>der Ausflug,</strong><emphasis>m</emphasis> – прогулка, экскурсия</p><p><strong>die Ausfuhrerlaubnis,</strong><emphasis>f</emphasis> – экспортная лицензия</p><p><strong>ausf&#xFC;hren –</strong>вывозить</p><p><strong>der Ausgang,</strong><emphasis>m</emphasis> – выход</p><p><strong>ausgeben – тратить, выдавать</strong></p><p><strong>das Ausgehverbot,</strong><emphasis>n</emphasis> – запрещение выходить на улицу</p><p><strong>ausgerissen – вырвавшийся вперёд</strong></p><p><strong>ausgeruht – отдохнувший</strong></p><p><strong>ausgeschlafen – выспавшийся</strong></p><p><strong>aushalten – выносить , выдерживать</strong></p><p><strong>die Auskunft,</strong><emphasis>f</emphasis> – справка, информация</p><p><strong>das Ausland,</strong><emphasis>n</emphasis> – заграница</p><p><strong>ausrei&#xDF;en, sich –</strong>вырваться, убежать</p><p><strong>ausruhen –</strong>отдохнуть</p><p><strong>aussehen –</strong>выглядеть</p><p><strong>der Aussichtspunkt,</strong><emphasis>m</emphasis> – обзорная площадка</p><p><strong>die Aussprache,</strong><emphasis>f</emphasis>– прозношение</p><p><strong>aussteigen – выходить из транспорта</strong></p><p><strong>ausverkaufen –</strong>распродавать</p><p><strong>au&#xDF;erdem –</strong>кроме того</p><p><strong>au&#xDF;erordentlich –</strong>необычайный</p></section><section><title><p>B</p></title><p><strong>der Bahnhof,</strong><emphasis>m</emphasis> – вокзал</p><p><strong>beachten – обращать внимание</strong></p><p><strong>bedauern – сожалеть</strong></p><p><strong>bedeuten – значить</strong></p><p><strong>bedienen – обслуживать</strong></p><p><strong>beeilen – спешить</strong></p><p><strong>beenden – заканчивать</strong></p><p><strong>das Beerdigungsinstitut,</strong><emphasis>n</emphasis> – похоронное бюро</p><p><strong>befinden,</strong>sich – находиться</p><p><strong>befreien – освобождать</strong></p><p><strong>die Begegnung,</strong><emphasis>f</emphasis> – встреча</p><p><strong>begeistert – восхищённый</strong></p><p><strong>beginnen – начинать</strong></p><p><strong>der Begleiter,</strong><emphasis>m</emphasis> – сопровождающий</p><p><strong>begl&#xE4;nzt – освещённый</strong></p><p><strong>begl&#xFC;ckend – приятный, блаженный</strong></p><p><strong>begraben – похоронить</strong></p><p><strong>begreifen – понимать</strong></p><p><strong>begr&#xFC;&#xDF;en – приветствовать</strong></p><p><strong>behalten – сохранять, держать</strong></p><p><strong>die Behandlung,</strong><emphasis>f</emphasis> – лечение</p><p><strong>behaupten –</strong>утверждать</p><p><strong>behutsam –</strong>осторожно</p><p><strong>beibringen –</strong>научить</p><p><strong>der Beifahrer,</strong><emphasis>m</emphasis> – сменный водитель</p><p><strong>das Beispiel,</strong><emphasis>n</emphasis>– пример</p><p><strong>der Bekannte,</strong><emphasis>m</emphasis> – знакомый</p><p><strong>bekommen –</strong>получать</p><p><strong>beleuchtet –</strong>освещённый</p><p><strong>belustigen –</strong>веселить</p><p><strong>bemerkbar –</strong>ощутимый</p><p><strong>die Bemerkung,</strong><emphasis>f</emphasis> – замечание, коментарий</p><p><strong>benachrichtigten –</strong>сообщать</p><p><strong>beneiden –</strong>завидовать</p><p><strong>beobachten –</strong>наблюдать</p><p><strong>bereit –</strong>готовый</p><p><strong>bereuen –</strong>сожалеть</p><p><strong>der Bernhardiner,</strong><emphasis>m</emphasis> – сенбернар</p><p><strong>der Beruf,</strong><emphasis>m</emphasis> – профессия</p><p><strong>beruhigen –</strong>успокаивать</p><p><strong>ber&#xFC;hren –</strong>прикоснуться</p><p><strong>beschreiben –</strong>описывать</p><p><strong>beschr&#xE4;nkt –</strong>ограниченный</p><p><strong>beschuldigen –</strong>обвинять</p><p><strong>besch&#xE4;ftigen,</strong>sich – заниматься чем-либо</p><p><strong>besetzt – занят, оккупированный</strong></p><p><strong>besitzen –</strong>владеть</p><p><strong>das Besitzenwollen,</strong><emphasis>n</emphasis> – желание собственника</p><p><strong>der Besitzer,</strong><emphasis>m</emphasis> – владелец</p><p><strong>die Besorgung,</strong><emphasis>f</emphasis> – приобретение</p><p><strong>bestellen –</strong>заказывать</p><p><strong>best&#xE4;tigen –</strong>подтверждать</p><p><strong>besuchen –</strong>посещать</p><p><strong>beten –</strong>молиться</p><p><strong>betrachten –</strong>наблюдать</p><p><strong>betrunken –</strong>опьяненный</p><p><strong>betr&#xFC;gen –</strong>обманывать</p><p><strong>bettl&#xE4;gerig –</strong>лежачий</p><p><strong>beugen –</strong>нагибаться</p><p><strong>bewegen –</strong>двигать</p><p><strong>die Bewegung,</strong><emphasis>f</emphasis>  – движение</p><p><strong>der Bewohner,</strong><emphasis>m</emphasis> – житель</p><p><strong>bewusstlos –</strong>без сознания</p><p><strong>das Bewu&#xDF;tsein,</strong><emphasis>n</emphasis> – осознание</p><p><strong>bew&#xF6;lkt –</strong>покрытый тучами</p><p><strong>bezahlen –</strong>оплачивать</p><p><strong>die Birne,</strong><emphasis>f</emphasis>– лампочка, груша</p><p><strong>die Blattpflanzen,</strong><emphasis>f</emphasis> – лиственное растение</p><p><strong>bla&#xDF; – бледный</strong></p><p><strong>bleiben – оставаться</strong></p><p><strong>das Blumengesch&#xE4;ft,</strong><emphasis>n</emphasis> – цветочный магазин</p><p><strong>der Blutsturz,</strong><emphasis>m</emphasis> – горловое кровотечение</p><p><strong>die Blutung,</strong><emphasis>f</emphasis> – кровотечение</p><p><strong>bl&#xFC;hen – цвести</strong></p><p><strong>der Boden,</strong><emphasis>m</emphasis> – пол</p><p><strong>der Bombenangriff,</strong><emphasis>m</emphasis> – бомбардировка</p><p><strong>das Bombenflugzeug,</strong><emphasis>n</emphasis>– бомбардировщик</p><p><strong>das Boot,</strong><emphasis>n</emphasis> – лодка, катер</p><p><strong>der Botendienst,</strong><emphasis>m</emphasis> – служба доставки</p><p><strong>brauchen –</strong>нуждаться</p><p><strong>braun –</strong>коричневый, загорелый</p><p><strong>brav –</strong>храбрый, бравый</p><p><strong>breit –</strong>широкий</p><p><strong>der Breitschwanz,</strong><emphasis>m</emphasis> – каракульча, плюшевая ткань, имитирующая каракуль</p><p><strong>bremsen –</strong>тормозить</p><p><strong>brennen –</strong>гореть</p><p><strong>der Briefumschlag,</strong><emphasis>m</emphasis> – конверт</p><p><strong>die Brille,</strong><emphasis>f</emphasis> – очки</p><p><strong>bringen –</strong>приносить</p><p><strong>der Brustkorb,</strong><emphasis>m</emphasis> – грудная клетка</p><p><strong>die Brusttasche,</strong><emphasis>f</emphasis> – нагрудный карман</p><p><strong>die Br&#xFC;cke,</strong><emphasis>f</emphasis> – мост</p><p><strong>der Buchh&#xE4;ndler,</strong><emphasis>m</emphasis> – книготорговец</p><p><strong>der Bursche,</strong><emphasis>m</emphasis> – парень</p><p><strong>der Busen,</strong><emphasis>m</emphasis> – грудь</p><p><strong>b&#xF6;se –</strong>злой</p><p><strong>die B&#xFC;chse,</strong><emphasis>f</emphasis> – винтовка</p><p><strong>die B&#xFC;hne,</strong><emphasis>f</emphasis> – сцена</p></section><section><title><p>D</p></title><p><strong>die Dankbarkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – благодарность</p><p><strong>dauern – длиться</strong></p><p><strong>die Decke,</strong><emphasis>f</emphasis> – одеяло, покрывало, потолок</p><p><strong>das Deckenlicht,</strong><emphasis>n</emphasis> – верхнее освещение</p><p><strong>denken –</strong>думать</p><p><strong>deprimiert –</strong>подавленный</p><p><strong>deutlich –</strong>ясный, чёткий</p><p><strong>der Dichter,</strong><emphasis>m</emphasis> – поэт</p><p><strong>dick –</strong>толстый</p><p><strong>der Dieb,</strong><emphasis>m</emphasis> – вор</p><p><strong>der Dienstboteneingang,</strong><emphasis>m</emphasis> – служебный вход</p><p><strong>das Diner,</strong><emphasis>n</emphasis> – званый обед</p><p><strong>das Ding,</strong><emphasis>n</emphasis> – нечто, дело, вещь</p><p><strong>dirigieren – управлять, руководить</strong></p><p><strong>disponieren – размещать</strong></p><p><strong>der Dom,</strong><emphasis>m</emphasis> – собор</p><p><strong>drau&#xDF;en – снаружи, на улице</strong></p><p><strong>der Dreck,</strong><emphasis>m</emphasis> – грязь</p><p><strong>drehen –</strong>поворачивать</p><p><strong>dringend –</strong>срочно</p><p><strong>die Drossel,</strong><emphasis>f</emphasis> – дрозд</p><p><strong>dr&#xE4;ngen – торопить, настаивать</strong></p><p><strong>dr&#xF6;hnen – гудеть</strong></p><p><strong>dr&#xFC;cken – жать, выжимать</strong></p><p><strong>der Duft,</strong><emphasis>m</emphasis> – запах, аромат</p><p><strong>dulden – терпеть</strong></p><p><strong>dumm –</strong>глупый</p><p><strong>der Durchbruch,</strong><emphasis>m</emphasis> – прорыв</p><p><strong>durchhalten – продержаться</strong></p><p><strong>durchschlafen – проспать не просыпаясь</strong></p><p><strong>der Durchschnitt,</strong><emphasis>m</emphasis> – средний показатель</p><p><strong>durstig– жаждущий</strong></p><p><strong>das Dutzend,</strong><emphasis>n</emphasis> – дюжина</p><p><strong>d&#xE4;mmern – смеркаться</strong></p><p><strong>d&#xFC;nn – худой, тонкий</strong></p></section><section><title><p>E</p></title><p><strong>die Ecke,</strong><emphasis>f</emphasis> – угол</p><p><strong>egal – безразличный</strong></p><p><strong>der Ehrgeiz,</strong><emphasis>m</emphasis> – тщеславие</p><p><strong>ehrlich –</strong>честный</p><p><strong>eifers&#xFC;chtig –</strong>ревнивый</p><p><strong>die Eigenschaft,</strong><emphasis>f</emphasis> – качество, характеристика</p><p><strong>eigentlich –</strong>на самом деле</p><p><strong>die Eile,</strong><emphasis>f</emphasis> – спешка</p><p><strong>einfach –</strong>просто</p><p><strong>die Einfahrt,</strong><emphasis>f</emphasis> – въезд</p><p><strong>der Eingang,</strong><emphasis>m</emphasis> – вход</p><p><strong>die Einladung,</strong><emphasis>f</emphasis> – приглашение</p><p><strong>die Einsamkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – одиночество</p><p><strong>einsammeln –</strong>собирать</p><p><strong>einsilbig –</strong>немногословный</p><p><strong>einsperren –</strong>запирать</p><p><strong>eint&#xF6;nig –</strong>однообразный</p><p><strong>die Einzelheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – деталь</p><p><strong>die Eisenbahn,</strong><emphasis>f</emphasis> – железная дорога</p><p><strong>der Eisschrank,</strong><emphasis>m</emphasis> – холодильник</p><p><strong>ekelhaft – отвратительный</strong></p><p><strong>das Elend,</strong><emphasis>n</emphasis> – грусть, тоска</p><p><strong>die Empfehlung,</strong><emphasis>f</emphasis> – рекомендация</p><p><strong>empfindlich – чувствительный</strong></p><p><strong>endg&#xFC;ltig – окончательный</strong></p><p><strong>endlich – наконец</strong></p><p><strong>engagieren – приглашать на работу</strong></p><p><strong>entdecken – обнаруживать</strong></p><p><strong>entfernt – удаленный</strong></p><p><strong>entlang – вдоль</strong></p><p><strong>entlassen –</strong>отпускать</p><p><strong>entlaufen –</strong>сбежать</p><p><strong>entscheiden, sich –</strong>решиться</p><p><strong>die Entscheidung,</strong><emphasis>f</emphasis>– решение</p><p><strong>der Entschlu&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis> – решение</p><p><strong>entsetzlich –</strong>ужасный</p><p><strong>die Entspannung,</strong><emphasis>f</emphasis> – расслабление</p><p><strong>entt&#xE4;uscht –</strong>разочарованный</p><p><strong>entwickeln –</strong>развивать</p><p><strong>die Erbschaft,</strong><emphasis>f</emphasis> – наследство</p><p><strong>erdulden –</strong>претерпеть</p><p><strong>erfahren –</strong>узнавать</p><p><strong>die Erfahrung,</strong><emphasis>f</emphasis> – опыт</p><p><strong>erf&#xFC;llen, sich – сбываться</strong></p><p><strong>erhalten – получать, сохранять</strong></p><p><strong>erholen, sich –</strong>отдыхать</p><p><strong>erinnern, sich –</strong>вспоминать</p><p><strong>die Erinnerung,</strong><emphasis>f</emphasis> – воспоминание</p><p><strong>erkennen –</strong>узнавать</p><p><strong>erkl&#xE4;ren –</strong>объяснять</p><p><strong>die Erk&#xE4;ltung,</strong><emphasis>f</emphasis> – простуда</p><p><strong>erleben – разрешать</strong></p><p><strong>das Erlebnis,</strong><emphasis>n</emphasis> – приключение, впечатления</p><p><strong>erleichtert – облегченно</strong></p><p><strong>ernsthaft – серьезно</strong></p><p><strong>erreichen –достигать</strong></p><p><strong>erschrecken – пугать</strong></p><p><strong>еrstaunen – удивлять</strong></p><p><strong>ertragen – терпеть</strong></p><p><strong>das Erwachen,</strong><emphasis>n</emphasis> – пробуждение</p><p><strong>erwachsen –</strong>взрослеть</p><p><strong>erwarten –</strong>ожидать</p><p><strong>die Erwartung,</strong><emphasis>f</emphasis> – ожидание</p><p><strong>erwidern –</strong>ответить</p><p><strong>erwischen –</strong>схватить, поймать</p><p><strong>erw&#xE4;hnen –</strong>упоминать</p><p><strong>erz&#xE4;hlen –</strong>рассказывать</p><p><strong>ewig –</strong>вечно</p><p><strong>die Ewigkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – вечность</p></section><section><title><p>F</p></title><p><strong>die Fahrkarte,</strong><emphasis>f</emphasis> – билет</p><p><strong>das Fahrscheinheft,</strong><emphasis>n</emphasis> – абонементная книжечка</p><p><strong>die Fahrt,</strong><emphasis>f</emphasis> – поездка</p><p><strong>fallen –</strong>падать</p><p><strong>die Farbe,</strong><emphasis>f</emphasis>– цвет</p><p><strong>fassungslos –</strong>растерянный</p><p><strong>faszinierend– блистательный</strong></p><p><strong>fehlen – не хватать, отсутствовать</strong></p><p><strong>der Fehler,</strong><emphasis>m</emphasis> – ошибка</p><p><strong>feiern –</strong>праздновать</p><p><strong>feindlich –</strong>враждебный</p><p><strong>feindselig –</strong>недоброжелательный</p><p><strong>der Felsen,</strong><emphasis>m</emphasis> – скала</p><p><strong>die Fensterbank,</strong><emphasis>f</emphasis>– подоконник</p><p><strong>das Fensterbrett,</strong><emphasis>n</emphasis> – подоконник</p><p><strong>fertig –</strong>готов</p><p><strong>das Fest,</strong><emphasis>n</emphasis>– праздник</p><p><strong>festhalten –</strong>удерживать</p><p><strong>fett –</strong>жирный</p><p><strong>feucht –</strong>влажный</p><p><strong>das Feuer,</strong><emphasis>n</emphasis> – пламя;</p><p><strong>das Fieber,</strong><emphasis>n</emphasis>– температура, жар</p><p><strong>finden –</strong>находить</p><p><strong>der Finger,</strong><emphasis>m</emphasis> – палец</p><p><strong>das Fischerboot,</strong><emphasis>n</emphasis> – рыбацкая лодка</p><p><strong>flach –</strong>плоский</p><p><strong>die Flamme,</strong><emphasis>f</emphasis>– пламя, страсть</p><p><strong>fliehen – спасаться бегством</strong></p><p><strong>die Flucht,</strong><emphasis>f</emphasis> – побег</p><p><strong>das Flugzeug,</strong><emphasis>n</emphasis> – самолет</p><p><strong>fl&#xFC;chtig –</strong>мимолетный</p><p><strong>fl&#xFC;stern –</strong>шептать</p><p><strong>fordern –</strong>требовать</p><p><strong>forschen –</strong>исследовать</p><p><strong>fortgehen –</strong>уходить</p><p><strong>fortjagen –</strong>прогонять</p><p><strong>fragen –</strong>спрашивать</p><p><strong>die Freiheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – свобода</p><p><strong>fremd –</strong>чужой</p><p><strong>die Freude,</strong><emphasis>f</emphasis> – радость</p><p><strong>der Friedhof,</strong><emphasis>m</emphasis> – кладбище</p><p><strong>friedlich –</strong>мирный, спокойный</p><p><strong>frisch – свежий</strong></p><p><strong>froh – довольный</strong></p><p><strong>fromm – благочестивый</strong></p><p><strong>frostig – морозный</strong></p><p><strong>fruchtbar – плодородный</strong></p><p><strong>furchtbar – ужасный</strong></p><p><strong>der Fu&#xDF;g&#xE4;nger,</strong><emphasis>m</emphasis> – пешеход</p><p><strong>f&#xE4;hig –</strong>способный</p><p><strong>f&#xFC;hlen,</strong>sich – чувствовать себя</p><p><strong>der F&#xFC;hrer,</strong><emphasis>m</emphasis> – руководитель</p><p><strong>der F&#xFC;hrersitz,</strong><emphasis>m</emphasis> – место шофёра</p><p><strong>f&#xFC;rchterlich –</strong>ужасный</p><p><strong>die F&#xFC;rsorge,</strong><emphasis>f</emphasis>– забота</p></section><section><title><p>G</p></title><p><strong>die Gasse,</strong><emphasis>f</emphasis> – переулок</p><p><strong>geben –</strong>давать</p><p><strong>das Gebiss,</strong><emphasis>n</emphasis> – челюсть, зубы</p><p><strong>das Geb&#xE4;ude,</strong><emphasis>n</emphasis> – здание</p><p><strong>das Gedicht,</strong><emphasis>n</emphasis> – стихотворение</p><p><strong>geduldig –</strong>терпеливый</p><p><strong>das Ged&#xE4;chtnis,</strong><emphasis>n</emphasis> – память</p><p><strong>die Gefahr,</strong><emphasis>f</emphasis> – опасность</p><p><strong>gefallen –</strong>нравиться</p><p><strong>das Gefangenenlager,</strong><emphasis>n</emphasis> – лагерь военнопленных</p><p><strong>gef&#xE4;hrlich –</strong>опасный</p><p><strong>das Gef&#xE4;ngnis,</strong><emphasis>n</emphasis> – тюрьма</p><p><strong>das Gef&#xFC;hl,</strong><emphasis>n</emphasis> – чувство</p><p><strong>das Geheimnis,</strong><emphasis>n</emphasis> – тайна</p><p><strong>geh&#xF6;ren –</strong>принадлежать</p><p><strong>der Geist,</strong><emphasis>m</emphasis> – дух, душа</p><p><strong>geizig –</strong>скупой</p><p><strong>der Geldschein,</strong><emphasis>m</emphasis> – банкнота</p><p><strong>die Gelegenheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – удобный случай</p><p><strong>der Gelehrter,</strong><emphasis>m</emphasis> – учёный</p><p><strong>geliebt –</strong>любимый</p><p><strong>der, die Geliebte,</strong><emphasis>m</emphasis>, <emphasis>f</emphasis> – возлюбленный, возлюбленная</p><p><strong>gepflegt –</strong>ухоженный</p><p><strong>das Gep&#xE4;ck,</strong><emphasis>n</emphasis> – багаж</p><p><strong>der Geruch,</strong><emphasis>m</emphasis> – запах</p><p><strong>das Geschenk,</strong><emphasis>n</emphasis> – подарок</p><p><strong>die Geschichte,</strong><emphasis>f</emphasis> – история</p><p><strong>der Geschmack,</strong><emphasis>m</emphasis> – вкус</p><p><strong>die Geschwindigkeit,</strong><emphasis>f</emphasis>– скорость</p><p><strong>der Gesch&#xE4;ftsgeist,</strong><emphasis>m</emphasis> – дух предпринимательства</p><p><strong>gesch&#xE4;ftst&#xFC;chtig –</strong>деловой</p><p><strong>die Gesellschaft,</strong><emphasis>f</emphasis> – общество</p><p><strong>das Gesetz,</strong><emphasis>n</emphasis> – закон</p><p><strong>das Gesicht,</strong><emphasis>n</emphasis> – лицо</p><p><strong>gespannt –</strong>напряжённый, взволнованный</p><p><strong>das Gespenst,</strong><emphasis>n</emphasis> – привидение</p><p><strong>das Gespr&#xE4;ch,</strong><emphasis>n</emphasis> – разговор</p><p><strong>die Gestalt,</strong><emphasis>f</emphasis> – фигура</p><p><strong>gesund –</strong>здоров</p><p><strong>die Gesundheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– здоровье</p><p><strong>die Gewalt,</strong><emphasis>f</emphasis> –власть, насилие</p><p><strong>das Gewicht,</strong><emphasis>n</emphasis> – вес</p><p><strong>gewinnen –</strong>выигрывать</p><p><strong>das Gewitter,</strong><emphasis>n</emphasis> – гроза</p><p><strong>die Gewohnheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – привычка</p><p><strong>gew&#xF6;hnlich –</strong>обычно</p><p><strong>gezwungen –</strong>вынужден</p><p><strong>glauben –</strong>пологать, верить</p><p><strong>das Gleichgewicht,</strong><emphasis>n</emphasis> – равновесие, уравновешенность</p><p><strong>gleichg&#xFC;ltig –</strong>равнодушный</p><p><strong>gleichm&#xFC;tig –</strong>спокойно, невозмутимо</p><p><strong>gleichzeitig –</strong>одновременно</p><p><strong>die Glocke,</strong><emphasis>f</emphasis> – колокол</p><p><strong>gl&#xE4;nzen –</strong>блестеть, сиять</p><p><strong>die Gl&#xFC;hbirne,</strong><emphasis>f</emphasis> – лампочка</p><p><strong>gn&#xE4;dig –</strong>милостивый</p><p><strong>gratulieren –</strong>поздравлять</p><p><strong>die Grenze,</strong><emphasis>f</emphasis> – граница</p><p><strong>grinsen –</strong>ухмыляться</p><p><strong>gro&#xDF;artig –</strong>великолепный</p><p><strong>das Grab,</strong><emphasis>n</emphasis> – могила</p><p><strong>gr&#xFC;ndlich – основательный</strong></p><p><strong>gutm&#xFC;tig – добродушно</strong></p><p><strong>g&#xF6;nnen – искренне желать</strong></p></section><section><title><p>H</p></title><p><strong>hager–</strong>худощавый</p><p><strong>der Hals,</strong><emphasis>m</emphasis> – шея</p><p><strong>halten –</strong>держать</p><p><strong>handeln –</strong>торговать</p><p><strong>die Handlung,</strong><emphasis>f</emphasis> – действие</p><p><strong>der Handschuh,</strong><emphasis>m</emphasis> – перчатка</p><p><strong>hart –</strong>жесткий</p><p><strong>hartn&#xE4;ckig –</strong>упрямый</p><p><strong>hassen –</strong>ненавидеть</p><p><strong>hastig–</strong>поспешно, торопливо</p><p><strong>die Haube,</strong><emphasis>f</emphasis> – капот</p><p><strong>der Haupteingang,</strong><emphasis>m</emphasis> – главный вход</p><p><strong>die Hauptstra&#xDF;e,</strong><emphasis>f</emphasis> – автомагистраль</p><p><strong>der Hausknecht,</strong><emphasis>m</emphasis> – коридорный</p><p><strong>die Haut,</strong><emphasis>f</emphasis> – кожа</p><p><strong>heben –</strong>поднимать</p><p><strong>der Heger,</strong><emphasis>m</emphasis> – сторож</p><p><strong>heilen –</strong>лечить</p><p><strong>die Heimat,</strong><emphasis>f</emphasis> – родина</p><p><strong>heimlich–</strong>секретный</p><p><strong>heiraten – жениться, выходить замуж</strong></p><p><strong>heiser – хриплый</strong></p><p><strong>heiter –</strong>весёлый</p><p><strong>die Heizung,</strong><emphasis>f</emphasis> – отопление</p><p><strong>helfen –</strong>помогать</p><p><strong>hell –</strong>светлый</p><p><strong>die Helligkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – свет</p><p><strong>herausfinden–</strong>обнаруживать</p><p><strong>herauskommen –</strong>выезжать</p><p><strong>heraussuchen –</strong>выискивать</p><p><strong>hereinkommen –</strong>входить</p><p><strong>herrlich –</strong>чудесный</p><p><strong>hervorragend –</strong>превосходный</p><p><strong>der Herzschlag,</strong><emphasis>m</emphasis> – удар сердца</p><p><strong>die Hetze,</strong><emphasis>f</emphasis> – спешка</p><p><strong>das Heulen, n –</strong>помехи радиоприёму, рыдания</p><p><strong>hexen– творить чудеса, колдовать</strong></p><p><strong>hilflos – беспомощно</strong></p><p><strong>der Himmel,</strong><emphasis>m</emphasis> – небо</p><p><strong>der Hitzschlag,</strong><emphasis>m</emphasis> – тепловой удар</p><p><strong>hochfliegend–</strong>высоколетящий, честолюбивый</p><p><strong>hochgestreckt –</strong>растянутый</p><p><strong>das Hochtal,</strong><emphasis>n</emphasis> – высокогорная долина</p><p><strong>hocken – сидеть на корточках</strong></p><p><strong>hoffen – надеюсь</strong></p><p><strong>hoffentlich – надеюсь</strong></p><p><strong>hoffnungslos – безнадёжный</strong></p><p><strong>holen – приносить</strong></p><p><strong>die Hotelhalle,</strong><emphasis>f</emphasis> – холл гостиницы</p><p><strong>husten – кашлять</strong></p><p><strong>h&#xE4;ngen – вешать</strong></p><p><strong>h&#xE4;sslich – страшный</strong></p><p><strong>h&#xF6;flich – вежливый</strong></p><p><strong>die H&#xF6;he,</strong><emphasis>f</emphasis> – холм</p><p><strong>die H&#xF6;lle,</strong><emphasis>f</emphasis> – ад</p><p><strong>h&#xF6;ren – слушать</strong></p><p><strong>der H&#xF6;rer,</strong><emphasis>m</emphasis> – телефонная трубка</p><p><strong>der H&#xFC;gel,</strong><emphasis>m</emphasis> – холм</p><p><strong>die H&#xFC;tte,</strong><emphasis>f</emphasis> – хижина</p></section><section><title><p>I</p></title><p><strong>der Igel,</strong><emphasis>m</emphasis> – ёж</p><p><strong>der Innenraum,</strong><emphasis>m</emphasis> – внутреннее помещение</p><p><strong>die Innenseite,</strong><emphasis>f</emphasis>– внутренняя сторона</p><p><strong>irritieren –</strong>раздражать, смущать</p><p><strong>der Irrtum,</strong><emphasis>m</emphasis> – заблуждение</p><p><strong>die Jahreszeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – время года</p><p><strong>das Jahrhundert,</strong><emphasis>n</emphasis> – век</p></section><section><title><p>J</p></title><p><strong>jammern–</strong>горевать</p><p><strong>die Jugend,</strong><emphasis>f</emphasis> – молодость</p></section><section><title><p>K</p></title><p><strong>kahlk&#xF6;pfig –</strong>лысый</p><p><strong>die Kamelie,</strong><emphasis>f</emphasis> – камелия</p><p><strong>die Kappe,</strong><emphasis>f</emphasis> – капюшон</p><p><strong>die Karaffe,</strong><emphasis>f</emphasis> – графин</p><p><strong>die Karre,</strong><emphasis>f</emphasis> – тачка, автомобиль</p><p><strong>der Karton,</strong><emphasis>m</emphasis>– картонная коробка</p><p><strong>der Kaviar,</strong><emphasis>m</emphasis> – икра</p><p><strong>die Kehre,</strong><emphasis>f</emphasis> – крутой поворот</p><p><strong>der Keller,</strong><emphasis>m</emphasis> – подвал</p><p><strong>der Kellner,</strong><emphasis>m</emphasis> – официант</p><p><strong>kennenlernen –</strong>знакомиться</p><p><strong>die Kerze,</strong><emphasis>f</emphasis> – свеча зажигания</p><p><strong>die Kette,</strong><emphasis>f</emphasis> – цепь, цепочка</p><p><strong>der Kirsch,</strong><emphasis>m</emphasis> – вишневая водка</p><p><strong>die Kiste,</strong><emphasis>f</emphasis> – ящик</p><p><strong>klagen –</strong>жаловаться</p><p><strong>das Klappern,</strong><emphasis>n</emphasis> – щелканье, стук</p><p><strong>klatschen –</strong>хлопать</p><p><strong>kleben –</strong>клеить</p><p><strong>klingeln –</strong>зазвонить</p><p><strong>klopfen –</strong>стучать</p><p><strong>knapp –</strong>едва</p><p><strong>kneipen –</strong>кутить</p><p><strong>der Knoblauch,</strong><emphasis>m</emphasis> – чеснок</p><p><strong>knoblauchriechend – c</strong>запахом чеснока</p><p><strong>der Knochen,</strong><emphasis>m</emphasis> – кость</p><p><strong>der Knopf,</strong><emphasis>m</emphasis> – пуговица</p><p><strong>kn&#xF6;pfen – застёгивать на пуговицы</strong></p><p><strong>der Koffer,</strong><emphasis>m</emphasis> – чемодан</p><p><strong>das Konzentrationslager,</strong><emphasis>n</emphasis> – концлагерь</p><p><strong>der Kopfschmerz,</strong><emphasis>m</emphasis> – головная боль</p><p><strong>das Korn,</strong><emphasis>n</emphasis> – зерно</p><p><strong>kosten –</strong>стоить</p><p><strong>das Kotzen,</strong><emphasis>n</emphasis> – рвота</p><p><strong>die Krankheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – болезнь</p><p><strong>der Krebs,</strong><emphasis>m</emphasis> – рак</p><p><strong>das Kreuz,</strong><emphasis>n</emphasis>– крест; перекрёсток</p><p><strong>die Kreuzung,</strong><emphasis>f</emphasis> – перекрёсток</p><p><strong>der Krieg,</strong><emphasis>m</emphasis> – война</p><p><strong>der Kristalll&#xFC;ster,</strong><emphasis>m</emphasis> – хрустальная люстра</p><p><strong>kr&#xE4;ftig –</strong>сильный</p><p><strong>der Kr&#xFC;ppel,</strong><emphasis>m</emphasis> – калека</p><p><strong>die Kunst,</strong><emphasis>f</emphasis> – искусство</p><p><strong>die Kur,</strong><emphasis>f</emphasis> – лечение</p><p><strong>der Kurgast,</strong><emphasis>m</emphasis> – курортник</p><p><strong>die Kurve,</strong><emphasis>f</emphasis> – график</p><p><strong>der K&#xE4;fig,</strong><emphasis>m</emphasis> – клетка</p><p><strong>die K&#xE4;lte,</strong><emphasis>f</emphasis>– холод</p><p><strong>k&#xE4;mpfen –</strong>бороться</p><p><strong>das K&#xE4;nnchen,</strong><emphasis>n</emphasis> – кофейник</p><p><strong>der K&#xE4;se,</strong><emphasis>m</emphasis> – сыр</p><p><strong>der K&#xF6;rper,</strong><emphasis>m</emphasis> – тело</p><p><strong>k&#xFC;hl –</strong>прохладный</p><p><strong>k&#xFC;mmern, sich –</strong>заботится</p><p><strong>k&#xFC;ssen –</strong>целовать</p></section><section><title><p>L</p></title><p><strong>lachen –</strong>смеяться</p><p><strong>der Landj&#xE4;ger,</strong><emphasis>m</emphasis> – крестьянская охотничья колбаса</p><p><strong>die Langeweile,</strong><emphasis>f</emphasis> – скука</p><p><strong>die Laune,</strong><emphasis>f</emphasis> – настроение</p><p><strong>lauschen–</strong>подслушивать</p><p><strong>laut –</strong>громко</p><p><strong>lautlos –</strong>беззвучный</p><p><strong>der Lautsprecher,</strong><emphasis>m</emphasis> – репродуктор</p><p><strong>lebhaft –</strong>оживлённый</p><p><strong>lecken –</strong>течь, облизывать</p><p><strong>die Lederjacke,</strong><emphasis>f</emphasis> – кожаная куртка</p><p><strong>leer –</strong>пустой</p><p><strong>der Lehrling,</strong><emphasis>m</emphasis> – ученик</p><p><strong>die Leiche,</strong><emphasis>f</emphasis> – труп</p><p><strong>der Leichenbegleiter,</strong><emphasis>m</emphasis> – сопроводитель трупа</p><p><strong>der Leichtsinn,</strong><emphasis>m</emphasis> – легкомыслие</p><p><strong>leiden –</strong>страдать</p><p><strong>die Leidenschaft,</strong><emphasis>f</emphasis> – страсть</p><p><strong>leise –</strong>тихо</p><p><strong>die Leistung,</strong><emphasis>f</emphasis> – успех</p><p><strong>leuchtend –</strong>сияющий, светящийся</p><p><strong>der Liebhaber,</strong><emphasis>m</emphasis> – любовник, любитель</p><p><strong>das Lieblingswort,</strong><emphasis>n</emphasis> – любимое слово</p><p><strong>der Lieferant,</strong><emphasis>m</emphasis> – поставщик</p><p><strong>liefern –</strong>поставлять</p><p><strong>der Liegestuhl,</strong><emphasis>m</emphasis> – шезлонг</p><p><strong>die Lippe,</strong><emphasis>f</emphasis> – губа</p><p><strong>der Lippenstift,</strong><emphasis>m</emphasis> – губная помада</p><p><strong>die Luft,</strong><emphasis>f</emphasis> – воздух</p><p><strong>die Lunge,</strong><emphasis>f</emphasis> – легкие</p><p><strong>die Lust,</strong><emphasis>f</emphasis> – желание</p><p><strong>l&#xE4;cheln –</strong>улыбаться</p><p><strong>der L&#xE4;rm,</strong><emphasis>m</emphasis> – шум</p><p><strong>die L&#xF6;sung,</strong><emphasis>f</emphasis> – решение</p><p><strong>die L&#xFC;cke,</strong><emphasis>f</emphasis> – пробел, дыра</p><p><strong>die L&#xFC;ge,</strong><emphasis>f</emphasis> – ложь</p></section><section><title><p>M</p></title><p><strong>manchmal –</strong>иногда</p><p><strong>die Mandeln,</strong><emphasis>f</emphasis> – миндаль</p><p><strong>der Mantel,</strong><emphasis>m</emphasis> – пальто</p><p><strong>melden – сообщать, заявлять</strong></p><p><strong>merken – замечать</strong></p><p><strong>merkw&#xFC;rdig – странный</strong></p><p><strong>das Messer,</strong><emphasis>n</emphasis> – нож</p><p><strong>mild –</strong>мягкий</p><p><strong>die Mischung,</strong><emphasis>f</emphasis> – смесь</p><p><strong>miserabel –</strong>несчастный, мерзкий</p><p><strong>missbilligend – неодобрительный</strong></p><p><strong>mitbringen – привезти с собой</strong></p><p><strong>das Mitglied,</strong><emphasis>n</emphasis>– член</p><p><strong>das Mitleid,</strong><emphasis>n</emphasis> – сочувствие</p><p><strong>mitnehmen –</strong>взять с собой</p><p><strong>das Mittagessen,</strong><emphasis>n</emphasis> – обед</p><p><strong>mitteilen –</strong>сообщать</p><p><strong>das Mittel,</strong><emphasis>n</emphasis> – средство, лекарство</p><p><strong>die Mitternacht,</strong><emphasis>f</emphasis>– полночь</p><p><strong>mi&#xDF;mutig –</strong>недовольный</p><p><strong>mi&#xDF;trauisch –</strong>недоверчивый</p><p><strong>die Motorhaube,</strong><emphasis>f</emphasis> – капот двигателя</p><p><strong>murmeln –</strong>бормотать</p><p><strong>die Muschel,</strong><emphasis>f</emphasis> – мидия</p><p><strong>der Mut,</strong><emphasis>m</emphasis> – мужество</p><p><strong>mutlos – павший духом</strong></p><p><strong>m&#xE4;chtig – могущественный</strong></p><p><strong>das M&#xE4;rchen,</strong><emphasis>n</emphasis> – сказка</p><p><strong>m&#xF6;glich – возможно</strong></p><p><strong>m&#xFC;de – уставший</strong></p><p><strong>die M&#xFC;he,</strong><emphasis>f</emphasis> – старания</p><p><strong>m&#xFC;hsam – утомительный</strong></p><p><strong>nachdenken – размышлять</strong></p><p><strong>nachdenklich – задумчиво</strong></p><p><strong>der Nachmittag,</strong><emphasis>m</emphasis> – вторая половина дня</p><p><strong>die Nachricht,</strong><emphasis>f</emphasis>– новость</p><p><strong>die Nachspeise,</strong><emphasis>f</emphasis> – десерт</p><p><strong>die Nachtluft,</strong><emphasis>f</emphasis> – ночной воздух</p><p><strong>der Nacken,</strong><emphasis>m</emphasis> – затылок</p><p><strong>nackt–</strong>обнаженный</p><p><strong>der Narr,</strong><emphasis>m</emphasis> – глупец</p><p><strong>nass –</strong>мокрый</p><p><strong>nat&#xFC;rlich –</strong>конечно</p><p><strong>der Nebel,</strong><emphasis>m</emphasis> – туман</p><p><strong>neugierig –</strong>любопытный</p><p><strong>nicken –</strong>кивать</p><p><strong>notwendig –</strong>необходимый</p><p><strong>n&#xE4;chste –</strong>следующий</p><p><strong>n&#xF6;tig –</strong>необходимый</p></section><section><title><p>O</p></title><p><strong>oberfl&#xE4;chlich –</strong>поверхностный</p><p><strong>der Oberkellner,</strong><emphasis>m</emphasis> – метрдотель</p><p><strong>der Oberk&#xF6;rper,</strong><emphasis>m</emphasis> – верхняя часть тела</p><p><strong>die Oberschwester,</strong><emphasis>f</emphasis>– старшая медсестра</p><p><strong>obligatorisch –</strong>обязательный</p><p><strong>obschon – хотя</strong></p><p><strong>offen –</strong>открыто</p><p><strong>oft –</strong>часто</p><p><strong>ohnm&#xE4;chtig –</strong>в обмороке</p><p><strong>das Ohr,</strong><emphasis>n</emphasis> – ухо</p><p><strong>opfern –</strong>жертвовать</p><p><strong>ordentlich –</strong>опрятный</p><p><strong>die Ordnung,</strong><emphasis>f</emphasis> – порядок</p></section><section><title><p>P</p></title><p><strong>packen –</strong>паковать</p><p><strong>panikartig –</strong>панический</p><p><strong>die Pantoffeln,</strong><emphasis>f</emphasis> – шлепанцы</p><p><strong>das Paradies,</strong><emphasis>n</emphasis> – рай</p><p><strong>der Parkw&#xE4;chter,</strong><emphasis>m</emphasis> – сторож на стоянке</p><p><strong>passen – быть впору, подходить</strong></p><p><strong>passieren – случаться</strong></p><p><strong>der Pa&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis> – паспорт, горрный перевал</p><p><strong>peinlich –</strong>неловкий</p><p><strong>der Pelz,</strong><emphasis>m</emphasis> – мех</p><p><strong>die Pelzjacke,</strong><emphasis>f</emphasis> – полушубок</p><p><strong>die Pelzkappe,</strong><emphasis>f</emphasis> – меховая шапка</p><p><strong>der Personenwagen,</strong><emphasis>m</emphasis> – пассажирский автомобиль</p><p><strong>das Pferderennen,</strong><emphasis>n</emphasis> – лошадиные скачки</p><p><strong>der Pflaumenschnaps,</strong><emphasis>m</emphasis> – сливовица</p><p><strong>die Pflicht,</strong><emphasis>f</emphasis> – долг, обязанность</p><p><strong>der Pickel,</strong><emphasis>m</emphasis> – прыщ, бугорок</p><p><strong>die Platzierung,</strong><emphasis>f</emphasis> – распределение</p><p><strong>platzen –</strong>лопнуть</p><p><strong>pl&#xF6;tzlich –</strong>вдруг</p><p><strong>der Polstersessel,</strong><emphasis>m</emphasis> – пассажирское кресло</p><p><strong>die Preisliste,</strong><emphasis>f</emphasis> – прейскурант</p><p><strong>die Putzfrau,</strong><emphasis>f</emphasis> – уборщица</p></section><section><title><p>Q</p></title><p><strong>der Quai,</strong><emphasis>m</emphasis> – набережная, пирс</p></section><section><title><p>R</p></title><p><strong>die Rache,</strong><emphasis>f</emphasis> – месть</p><p><strong>das Rad,</strong><emphasis>n</emphasis> – колесо</p><p><strong>rangieren – занимать место</strong></p><p><strong>rasch – быстро</strong></p><p><strong>ratlos – потерянный</strong></p><p><strong>die Ratte,</strong><emphasis>f</emphasis> – крыса</p><p><strong>rauchen –</strong>курить</p><p><strong>der Rausch,</strong><emphasis>m</emphasis> – шум</p><p><strong>rauschen –</strong>шуршать</p><p><strong>rauswerfen –</strong>выбрасывать</p><p><strong>rebellisch –</strong>мятежный</p><p><strong>die Rechnung,</strong><emphasis>f</emphasis> – счет</p><p><strong>das Recht,</strong><emphasis>n</emphasis> – право</p><p><strong>reden –</strong>говорить</p><p><strong>regelm&#xE4;&#xDF;ig –</strong>регулярно</p><p><strong>der Regen,</strong><emphasis>m</emphasis> – дождь</p><p><strong>der Regenmantel,</strong><emphasis>m</emphasis> – плащ</p><p><strong>reich –</strong>богатый</p><p><strong>der Reifen,</strong><emphasis>m</emphasis> – шина</p><p><strong>die Reihe,</strong><emphasis>f</emphasis> – очередь</p><p><strong>der Reiz,</strong><emphasis>m</emphasis> – очарование</p><p><strong>reizvoll – привлекательный</strong></p><p><strong>das Rennen,</strong><emphasis>n</emphasis> – гонки</p><p><strong>der Rennfahrer,</strong><emphasis>m</emphasis> – гонщик</p><p><strong>der Rennleiter,</strong><emphasis>m</emphasis> – руководитель гонки</p><p><strong>der Respekt,</strong><emphasis>m</emphasis> – уважение</p><p><strong>der Rest,</strong><emphasis>m</emphasis> – остаток</p><p><strong>retten –</strong>спасать</p><p><strong>die Rippenfellentz&#xFC;ndungen,</strong><emphasis>f</emphasis> – плеврит</p><p><strong>der Rothschild,</strong><emphasis>m</emphasis> – ротшильд, богач</p><p><strong>der Ruhestand,</strong><emphasis>m</emphasis> – уход на пенсию</p><p><strong>ruhig –</strong>спокойно</p><p><strong>ruinieren –</strong>разрушать</p><p><strong>die Runde,</strong><emphasis>f</emphasis> – круг</p><p><strong>rutschten –</strong>скользить</p><p><strong>der R&#xE4;uber,</strong><emphasis>m</emphasis> – разбойник</p><p><strong>die R&#xF6;ntgenaufnahmen,</strong><emphasis>f</emphasis> – рентгенография</p><p><strong>r&#xF6;tlich –</strong>красноватый</p><p><strong>der R&#xFC;ckfall,</strong><emphasis>m</emphasis> – возврат</p><p><strong>die R&#xFC;ckkehr,</strong><emphasis>f</emphasis> – возвращение</p><p><strong>die R&#xFC;cksicht,</strong><emphasis>f</emphasis> – уважение</p></section><section><title><p>S</p></title><p><strong>der Samthandschuh,</strong><emphasis>m</emphasis> – замшевая перчатка</p><p><strong>sanft –</strong>мягкий, нежный</p><p><strong>der Sarg,</strong><emphasis>m</emphasis> – гроб</p><p><strong>sausen –</strong>шуметь, свистеть</p><p><strong>das Schachbrett,</strong><emphasis>n</emphasis> – шахматная доска</p><p><strong>der Schaffner,</strong><emphasis>m</emphasis> – кондуктор</p><p><strong>das Schalten,</strong><emphasis>n</emphasis> – включение, выключение</p><p><strong>scharf –</strong>острый, резкий</p><p><strong>der Schatten,</strong><emphasis>m</emphasis> – тень</p><p><strong>schauen –</strong>смотреть, наблюдать</p><p><strong>das Schaufenster,</strong><emphasis>n</emphasis> – витрина</p><p><strong>der Scheck,</strong><emphasis>m</emphasis> – банковский чек</p><p><strong>der Schein,</strong><emphasis>m</emphasis> – купюра</p><p><strong>scheinen – светить, казаться</strong></p><p><strong>schenken – дарить</strong></p><p><strong>scheu – робкий</strong></p><p><strong>scheu&#xDF;lich – отвратительный</strong></p><p><strong>schicken – посылать</strong></p><p><strong>schief – кривой</strong></p><p><strong>das Schiff,</strong><emphasis>n</emphasis> – корабль</p><p><strong>der Schild,</strong><emphasis>m</emphasis> – щит, табличка</p><p><strong>der Schinken,</strong><emphasis>m</emphasis> – ветчина</p><p><strong>das Schlafmittel,</strong><emphasis>n</emphasis> – снотворное средство</p><p><strong>der Schlafrock,</strong><emphasis>m</emphasis> – домашний халат</p><p><strong>der Schlag,</strong><emphasis>m</emphasis> – удар</p><p><strong>schlie&#xDF;lich –</strong>в конце концов</p><p><strong>schlimm –</strong>плохой</p><p><strong>der Schlitten,</strong><emphasis>m</emphasis> – сани, салазки</p><p><strong>der Schl&#xFC;ssel,</strong><emphasis>m</emphasis> – ключ</p><p><strong>schmal – худой</strong></p><p><strong>schmecken – быть по вкусу</strong></p><p><strong>der Schmerz,</strong><emphasis>m</emphasis> – боль</p><p><strong>der Schmetterling,</strong><emphasis>m</emphasis> – бабочка</p><p><strong>schmuggeln – обманывать, заняться контрабандой</strong></p><p><strong>schmutzig – грязный</strong></p><p><strong>der Schnaps,</strong><emphasis>m</emphasis> – водка, шнапс</p><p><strong>die Schneekette,</strong><emphasis>f</emphasis> – цепь противоскольжения</p><p><strong>schneiden –</strong>резать</p><p><strong>der Schnurrbart,</strong><emphasis>m</emphasis> – усы</p><p><strong>der Schokoladenauflauf,</strong><emphasis>m</emphasis> –шоколадный пудинг</p><p><strong>der Schrankkoffer,</strong><emphasis>m</emphasis> – большой чемодан, кофр</p><p><strong>der Schreck,</strong><emphasis>m</emphasis> – страх, ужас</p><p><strong>schrillen – издавать резкий звук</strong></p><p><strong>der Schritt,</strong><emphasis>m</emphasis> – шаг</p><p><strong>schuld –</strong>долг, обязательство</p><p><strong>die Schulter,</strong><emphasis>f</emphasis> – плечо</p><p><strong>der Schutzengel,</strong><emphasis>m</emphasis> – ангел–хранитель</p><p><strong>der Schu&#xDF; –</strong>выстрел</p><p><strong>das Schwammgummi,</strong><emphasis>n</emphasis> – губчатая резина</p><p><strong>schweigend –</strong>молча</p><p><strong>schweigsam –</strong>молчаливый</p><p><strong>die Schwerkraft,</strong><emphasis>f</emphasis> – сила притяжения</p><p><strong>die Schwermut,</strong><emphasis>f</emphasis> – грусть, тоска</p><p><strong>die Schwierigkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – трудность</p><p><strong>der Schwindel,</strong><emphasis>m</emphasis> – головокружение</p><p><strong>schwitzen –</strong>потеть</p><p><strong>der Sch&#xE4;ferhund,</strong><emphasis>m</emphasis> – овчарка</p><p><strong>die Sch&#xF6;nheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – красота</p><p><strong>sch&#xFC;tzen –</strong>защитить</p><p><strong>der Seeigel,</strong><emphasis>m</emphasis> – морской еж</p><p><strong>die Seele,</strong><emphasis>f</emphasis> – душа</p><p><strong>die Seezunge,</strong><emphasis>f</emphasis> – морской язык,</p><p><strong>das Segelboot,</strong><emphasis>n</emphasis> – парусник</p><p><strong>das Segeln,</strong><emphasis>n</emphasis> – плавание под парусами</p><p><strong>segnen –</strong>благословлять</p><p><strong>sehen –</strong>смотреть</p><p><strong>das Seidenpapier,</strong><emphasis>n</emphasis> – шёлковая бумага</p><p><strong>die Seidenschleife,</strong><emphasis>f</emphasis> – шёлковая лента</p><p><strong>der Seiteneingang,</strong><emphasis>m</emphasis> – боковой вход</p><p><strong>der Selbstmord,</strong><emphasis>m</emphasis> – самоубийство</p><p><strong>selbstverst&#xE4;ndlich –</strong>само собой разумеющийся</p><p><strong>selten –</strong>редко</p><p><strong>sentimental –</strong>чувствительный</p><p><strong>die Serviette,</strong><emphasis>f</emphasis> – салфетка</p><p><strong>die Sicherheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – безопасность</p><p><strong>der Sieg,</strong><emphasis>m</emphasis> – победа</p><p><strong>die Siegesfeier,</strong><emphasis>f</emphasis> – праздник по случаю победы</p><p><strong>silbrig – серебристый</strong></p><p><strong>sinken – опуститься</strong></p><p><strong>der Sinn,</strong><emphasis>m</emphasis> – смысл</p><p><strong>die Sinnlosigkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – бессмысленность</p><p><strong>die Sintflut,</strong><emphasis>f</emphasis> – потоп</p><p><strong>der Skil&#xE4;ufer,</strong><emphasis>m</emphasis> – лыжник</p><p><strong>der Sklave,</strong><emphasis>m</emphasis> – раб</p><p><strong>sofort –</strong>сразу</p><p><strong>sogar –</strong>даже</p><p><strong>sonderbar –</strong>своеобразный</p><p><strong>die Sorge,</strong><emphasis>f</emphasis> – забота</p><p><strong>sparsam –</strong>экономный</p><p><strong>der Spa&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis> – удовольствие</p><p><strong>der Speisesaal,</strong><emphasis>m</emphasis> – ресторан, кафе</p><p><strong>das Speisezimmer,</strong><emphasis>n</emphasis> – столовая</p><p><strong>sperren –</strong>запирать</p><p><strong>der Spiegel,</strong><emphasis>m</emphasis> – зеркало</p><p><strong>das Spielzeug,</strong><emphasis>n</emphasis> – игрушка</p><p><strong>spitz – остро, язвительно</strong></p><p><strong>der Sportwagen,</strong><emphasis>m</emphasis> – спортивный автомобиль</p><p><strong>sprechen –</strong>говорить</p><p><strong>springen –</strong>прыгать</p><p><strong>die Spritze,</strong><emphasis>f</emphasis> – укол</p><p><strong>der Sprung,</strong><emphasis>m</emphasis> – прыжок, бросок</p><p><strong>spucken –</strong>плевать</p><p><strong>die Spur,</strong><emphasis>f</emphasis> – след</p><p><strong>sp&#xFC;ren – чувствовать</strong></p><p><strong>die Stahlbrille – очки в металлической оправе</strong></p><p><strong>der Stammgast,</strong><emphasis>m</emphasis> – постоянный посетитель</p><p><strong>stampfen – топать ногами</strong></p><p><strong>der Staub,</strong><emphasis>m</emphasis> – пыль</p><p><strong>stecken – засовывать, вставлять</strong></p><p><strong>stehlen – воровать</strong></p><p><strong>steigen – подниматься</strong></p><p><strong>sterben – умирать</strong></p><p><strong>der Stern,</strong><emphasis>m</emphasis> – звезда</p><p><strong>sternenklar –</strong>звездный</p><p><strong>das Steuerrad,</strong><emphasis>n</emphasis> – рулевое колесо</p><p><strong>die Stiefmutter,</strong><emphasis>f</emphasis> – мачеха</p><p><strong>der Stierkampf,</strong><emphasis>m</emphasis> – бой быков, коррида</p><p><strong>die Stimme,</strong><emphasis>f</emphasis> – голос</p><p><strong>die Stimmung,</strong><emphasis>f</emphasis> – настроение</p><p><strong>das Stockwerk,</strong><emphasis>n</emphasis> – этаж</p><p><strong>die Stoppuhr,</strong><emphasis>f</emphasis> – секундомер</p><p><strong>strahlend –</strong>сияющий</p><p><strong>der Strand,</strong><emphasis>m</emphasis> – пляж</p><p><strong>die Strecke,</strong><emphasis>f</emphasis>– расстояние</p><p><strong>streicheln –</strong>гладить</p><p><strong>das Streichh&#xF6;lz,</strong><emphasis>n</emphasis> – спичка</p><p><strong>der Streit,</strong><emphasis>m</emphasis> – ссора</p><p><strong>der Strohhut,</strong><emphasis>m</emphasis> – соломенная шляпа</p><p><strong>stumm –</strong>немой, безмолвный</p><p><strong>st&#xFC;rzen –</strong>столкнуть</p><p><strong>suchen –</strong>искать</p></section><section><title><p>T</p></title><p><strong>die Tanne,</strong><emphasis>f</emphasis> – ель</p><p><strong>die Tanzfl&#xE4;che,</strong><emphasis>f</emphasis> – танцплощадка</p><p><strong>tats&#xE4;chlich – действительно, на самом деле</strong></p><p><strong>tauchen – нырять</strong></p><p><strong>die Temperaturschwankungen,</strong><emphasis>f</emphasis> – колебания температуры</p><p><strong>der Teppich,</strong><emphasis>m</emphasis>– ковёр</p><p><strong>der Teufel,</strong><emphasis>m</emphasis> – черт</p><p><strong>der Tod,</strong><emphasis>m</emphasis> – смерть</p><p><strong>todm&#xFC;de – смертельно усталый</strong></p><p><strong>tot – мертвый</strong></p><p><strong>der Tote,</strong><emphasis>m</emphasis> – покойник</p><p><strong>die Tragbahren,</strong><emphasis>f</emphasis> – носилки</p><p><strong>trennen, sich –</strong>расстаться</p><p><strong>die Treppe,</strong><emphasis>f</emphasis> – лестница</p><p><strong>der Trick,</strong><emphasis>m</emphasis> – хитрость, маневр</p><p><strong>das Trinkgeld,</strong><emphasis>n</emphasis> – чаевые</p><p><strong>trocken –</strong>сухой</p><p><strong>der Tropfen,</strong><emphasis>m</emphasis> – капля</p><p><strong>der Trost,</strong><emphasis>m</emphasis> – утешение</p><p><strong>trostlos –</strong>безутешный</p><p><strong>die Tr&#xE4;ne,</strong><emphasis>f</emphasis> – слеза</p><p><strong>t&#xE4;uschen –</strong>обманывать</p></section><section><title><p>U</p></title><p><strong>umdrehen –</strong>поворачивать</p><p><strong>der Umschlag,</strong><emphasis>m</emphasis> – конверт</p><p><strong>der Umweg,</strong><emphasis>m</emphasis>– объезд</p><p><strong>unbemerkt –</strong>незамеченный</p><p><strong>unbequem –</strong>неудобно</p><p><strong>unber&#xFC;hrt –</strong>невинный, нетронутый</p><p><strong>unendlich –</strong>бесконечно</p><p><strong>unerreichbar –</strong>недостижимый</p><p><strong>unertr&#xE4;glich –</strong>невыносимый</p><p><strong>der Unfall,</strong><emphasis>m</emphasis> – несчастный случай, авария</p><p><strong>ungeduldig –</strong>нетерпеливо</p><p><strong>ungef&#xE4;hr –</strong>примерно,</p><p><strong>ungef&#xE4;hrlich –</strong>безопасный</p><p><strong>das Ungewisse,</strong><emphasis>n</emphasis> – неизвестность</p><p><strong>ungew&#xF6;hnlich –</strong>необычный</p><p><strong>unglaublich –</strong>невероятный</p><p><strong>ungl&#xE4;ubig –</strong>недоверчивый</p><p><strong>das Ungl&#xFC;ck,</strong><emphasis>n</emphasis> – несчастье</p><p><strong>ungl&#xFC;cklich –</strong>несчастный</p><p><strong>unruhig –</strong>беспокойный</p><p><strong>die Unschuld,</strong><emphasis>f</emphasis> – невиновность</p><p><strong>unsichtbar –</strong>невидимый</p><p><strong>der Unsinn,</strong><emphasis>m</emphasis> – глупости</p><p><strong>unsterblich –</strong>бессмертный</p><p><strong>der Unterschied,</strong><emphasis>m</emphasis>– разница</p><p><strong>die Untersuchung,</strong><emphasis>f</emphasis> – обследование</p><p><strong>unverantwortlich –</strong>безответственный</p><p><strong>unverheiratet –</strong>незамужняя, неженатый</p><p><strong>unverletzt –</strong>невредимый</p><p><strong>der Urlaub,</strong><emphasis>m</emphasis> – отпуск</p><p><strong>das Urteil,</strong><emphasis>n</emphasis> – мнение</p></section><section><title><p>V</p></title><p><strong>verabschiedet –</strong>отставной</p><p><strong>verantwortlich –</strong>ответственный</p><p><strong>die Verantwortungslosigkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – безответственность</p><p><strong>die Verbindung,</strong><emphasis>f</emphasis> – связь</p><p><strong>verboten –</strong>запрещенный</p><p><strong>das Verbrechen,</strong><emphasis>n</emphasis> – преступление</p><p><strong>verbrennen –</strong>сжигать, кремировать</p><p><strong>verdammt –</strong>проклятый, обреченный</p><p><strong>das Verdeck,</strong><emphasis>n</emphasis> – складной верх</p><p><strong>verfluchen –</strong>проклинать,</p><p><strong>die Verf&#xE4;rbung,</strong><emphasis>f</emphasis> – выцветание</p><p><strong>die Vergangenheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– прошлое</p><p><strong>vergessen – забывать</strong></p><p><strong>verheiraten – жениться, выходить замуж</strong></p><p><strong>das Verh&#xE4;ltnis,</strong><emphasis>n</emphasis> – отношение</p><p><strong>verkaufen –</strong>продавать</p><p><strong>der Verkehr,</strong><emphasis>m</emphasis> – транспорт, движение</p><p><strong>verlangen – требовать</strong></p><p><strong>verlassen – покидать, оставлять</strong></p><p><strong>verletzt – раненый</strong></p><p><strong>verlieben,</strong>sich – влюбиться</p><p><strong>verlieren –</strong>терять</p><p><strong>verlobt –</strong>обрученный</p><p><strong>das Verm&#xF6;gen,</strong><emphasis>n</emphasis> – имущество</p><p><strong>die Vernunft,</strong><emphasis>f</emphasis> – здравый смысл,</p><p><strong>vern&#xFC;nftig –</strong>разумный</p><p><strong>verpflichtet –</strong>обязанный</p><p><strong>verraten –</strong>предать</p><p><strong>verr&#xFC;ckt –</strong>сумасшедший</p><p><strong>verschieben –</strong>откладывать</p><p><strong>verschieden –</strong>различный</p><p><strong>die Verschreibung,</strong><emphasis>f</emphasis> – назначение</p><p><strong>verschwinden –</strong>исчезать</p><p><strong>der Verstand,</strong><emphasis>m</emphasis> – понимание</p><p><strong>das Versteck,</strong><emphasis>n</emphasis> – укрытие</p><p><strong>verstecken –</strong>прятать</p><p><strong>verstehen–</strong>понимать</p><p><strong>das Verst&#xE4;ndnis,</strong><emphasis>n</emphasis> – понимание</p><p><strong>versuchen –</strong>пытаться</p><p><strong>vers&#xE4;umen –</strong>пропустить</p><p><strong>verteidigen –</strong>защищать,</p><p><strong>der Vertrag,</strong><emphasis>m</emphasis> – контракт</p><p><strong>der Vertreter,</strong><emphasis>m</emphasis>– представитель</p><p><strong>verursacht –</strong>обусловленный</p><p><strong>verwalten –</strong>управлять</p><p><strong>der Verwandte,</strong><emphasis>m</emphasis> – родственник</p><p><strong>verwirrt –</strong>смущенный</p><p><strong>verwundert –</strong>удивленный</p><p><strong>verzaubert –</strong>зачарованный</p><p><strong>verzeihen–</strong>простить</p><p><strong>verzweifelt –</strong>отчаянный</p><p><strong>verz&#xF6;gert –</strong>замедленный, задержанный</p><p><strong>ver&#xE4;ndert –</strong>изменившийся</p><p><strong>die Viertelstunde,</strong><emphasis>f</emphasis> – четверть часа</p><p><strong>vorbereiten, sich –</strong>готовиться</p><p><strong>der Vordergrund,</strong><emphasis>m</emphasis> – первый план</p><p><strong>der Vorderreifen,</strong><emphasis>m</emphasis> – передняя шина</p><p><strong>der Vorderzahn,</strong><emphasis>m</emphasis> – передний зуб</p><p><strong>der Vorhang,</strong><emphasis>m</emphasis> – штора</p><p><strong>die Vorsicht,</strong><emphasis>f</emphasis> – осторожность</p><p><strong>vorsichtig –</strong>осторожно</p><p><strong>der Vorsprung,</strong><emphasis>m</emphasis> – преимущество</p><p><strong>vorstellen,</strong>sich – представить себе, представиться</p><p><strong>das Vorurteil,</strong><emphasis>n</emphasis> – предрассудок</p></section><section><title><p>W</p></title><p><strong>die Waffe,</strong><emphasis>f</emphasis> – оружие</p><p><strong>wahnsinnig –</strong>безумный</p><p><strong>wahrhaftig –</strong>правдивый</p><p><strong>die Wahrheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– правда</p><p><strong>wahrscheinlich –</strong>вероятно</p><p><strong>warten –</strong>ждать</p><p><strong>wechseln –</strong>менять</p><p><strong>wecken –</strong>будить</p><p><strong>wegfahren –</strong>уезжать</p><p><strong>weggehen –</strong>уходить</p><p><strong>wegschicken –</strong>отсылать</p><p><strong>das Weib,</strong><emphasis>n</emphasis> – баба, женщина</p><p><strong>weinen –</strong>плакать</p><p><strong>die Weise,</strong><emphasis>f</emphasis> – способ</p><p><strong>die Weisheit,</strong><emphasis>f</emphasis> – мудрость</p><p><strong>die Welt,</strong><emphasis>f</emphasis> – мир</p><p><strong>der Weltkrieg,</strong><emphasis>m</emphasis> – мировая война</p><p><strong>der Weltschmerz,</strong><emphasis>m</emphasis> – мировая скорбь</p><p><strong>die Werkstatt,</strong><emphasis>f</emphasis> – мастерская</p><p><strong>wichtig –</strong>важно</p><p><strong>wiederholen –</strong>повторять</p><p><strong>wirklich –</strong>действительно</p><p><strong>der Wirt,</strong><emphasis>m</emphasis> – хозяин</p><p><strong>die Witwe,</strong><emphasis>f</emphasis> – вдова</p><p><strong>wolkenlos –</strong>безоблачный</p><p><strong>wortlos –</strong>безмолвный</p><p><strong>das Wunder,</strong><emphasis>n</emphasis> – чудо</p><p><strong>wunderbar –</strong>чудесный</p><p><strong>der Wunsch,</strong><emphasis>m</emphasis>– желание</p><p><strong>die Wurst,</strong><emphasis>f</emphasis> – колбаса</p><p><strong>die Wut,</strong><emphasis>f</emphasis>– ярость</p><p><strong>w&#xFC;tend –</strong>рассерженный</p></section><section><title><p>Z</p></title><p><strong>zahlen –</strong>платить</p><p><strong>die Zahnb&#xFC;rste,</strong><emphasis>f</emphasis> – зубная щетка</p><p><strong>das Zauberwort,</strong><emphasis>n</emphasis> – заклинание</p><p><strong>zeigen –</strong>показывать</p><p><strong>das Zeitalter,</strong><emphasis>n</emphasis> – эпоха</p><p><strong>zerrei&#xDF;en –</strong>разрывать</p><p><strong>zerschlagen –</strong>разбивать</p><p><strong>zerschneiden –</strong>разрезать</p><p><strong>die Zerst&#xF6;rung,</strong><emphasis>f</emphasis> – разрушение</p><p><strong>der Zettel,</strong><emphasis>m</emphasis> – записка</p><p><strong>die Ziellosigkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> – бесцельность</p><p><strong>der Zigeuner,</strong><emphasis>m</emphasis> – цыган</p><p><strong>zittern –</strong>дрожать</p><p><strong>der Zufall,</strong><emphasis>m</emphasis> – случайность</p><p><strong>zufrieden –</strong>довольный</p><p><strong>die Zukunft,</strong><emphasis>f</emphasis> – будущее</p><p><strong>zur&#xFC;ckkehren –</strong>вернуться</p><p><strong>der Zuschauer,</strong><emphasis>m</emphasis> – зритель</p><p><strong>zwecklos – бессмысленный</strong></p><p><strong>der Zweifel,</strong><emphasis>m</emphasis> – сомнение</p><p><strong>z&#xF6;gern – медлить, раздумывать</strong></p><p><strong>die Z&#xFC;ndung,</strong><emphasis>f</emphasis> – зажигание, включение двигателя</p><p><strong>&#xFC;berraschen –</strong>удивлять</p><p><strong>die &#xDC;berraschung,</strong><emphasis>f</emphasis> – сюрприз</p></section></section></body><body name="notes"><title><p>Примечания</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p>Заправь бак.</p></section><section id="n_2"><title><p>2</p></title><p>Hе проветрен</p></section><section id="n_3"><title><p>3</p></title><p>Ветровое стекло</p></section><section id="n_4"><title><p>4</p></title><p>Тачка</p></section><section id="n_5"><title><p>5</p></title><p>Бык, вол</p></section><section id="n_6"><title><p>6</p></title><p>Хитрец</p></section><section id="n_7"><title><p>7</p></title><p>Капот радиатора</p></section><section id="n_8"><title><p>8</p></title><p>Снегоуборочная машина</p></section><section id="n_9"><title><p>9</p></title><p>Суеверный</p></section><section id="n_10"><title><p>10</p></title><p>Удовлетворение</p></section><section id="n_11"><title><p>11</p></title><p>Грузовой лифт</p></section><section id="n_12"><title><p>12</p></title><p>Коридорный</p></section><section id="n_13"><title><p>13</p></title><p>Побег, эвакуация</p></section><section id="n_14"><title><p>14</p></title><p>Комплекс неполноценности</p></section><section id="n_15"><title><p>15</p></title><p>Он задумался на минуту.</p></section><section id="n_16"><title><p>16</p></title><p>Место перелома</p></section><section id="n_17"><title><p>17</p></title><p>Похмелье</p></section><section id="n_18"><title><p>18</p></title><p>Поминки</p></section><section id="n_19"><title><p>19</p></title><p>Поверхностный, несерьезный</p></section><section id="n_20"><title><p>20</p></title><p>Насмешка</p></section><section id="n_21"><title><p>21</p></title><p>Плакса</p></section><section id="n_22"><title><p>22</p></title><p>Предмет особой гордости</p></section><section id="n_23"><title><p>23</p></title><p>Туберкулёз гортани</p></section><section id="n_24"><title><p>24</p></title><p>Слишком подробно</p></section><section id="n_25"><title><p>25</p></title><p>То, к чему более всего нужно стремиться</p></section><section id="n_26"><title><p>26</p></title><p>Арена для боя быков</p></section><section id="n_27"><title><p>27</p></title><p>Пенсне</p></section><section id="n_28"><title><p>28</p></title><p>Двоежёнец</p></section><section id="n_29"><title><p>29</p></title><p>Граппа, итальянская водка из виноградных отжимок</p></section><section id="n_30"><title><p>30</p></title><p>Дурманящий</p></section><section id="n_31"><title><p>31</p></title><p>Комбинезон</p></section><section id="n_32"><title><p>32</p></title><p>Милосердие, пощада (<emphasis>ит.</emphasis>)</p></section><section id="n_33"><title><p>33</p></title><p>Вы больны? (<emphasis>англ.</emphasis>)</p></section><section id="n_34"><title><p>34</p></title><p>Мне отвезти Вас в больницу? (<emphasis>англ.</emphasis>)</p></section><section id="n_35"><title><p>35</p></title><p>Незваный</p></section><section id="n_36"><title><p>36</p></title><p>Психиатрическая больница</p></section><section id="n_37"><title><p>37</p></title><p>Лечебница</p></section></body><binary id="cover" 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