<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>zarubezhnaya_klassika</genre><genre>nemetckij_yazyk</genre><genre>20_vek</genre><author><first-name>Эрих</first-name><last-name>Ремарк</last-name></author><book-title>Три товарища / Drei Kameraden</book-title><annotation><p>&lt;p&gt;В романе описана жизнь и переживания трёх школьных друзей – Роберта Локампа, Готтфрида Ленца и Отто Кестера. Ужасы Первой мировой войны не покидают героев, оставаясь в памяти навсегда, однако именно война и фронт сплотили трёх товарищей, не утративших стремление к жизни и счастью.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Текст произведения снабжён словарём. Книга рассчитана на высокий уровень владения языком.&lt;/p&gt;</p></annotation><keywords/><date value="2018-01-01">2018-01-01</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Легко читаем по-немецки"/></title-info><document-info><author><nickname>Denis</nickname></author><program-used> Presto, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.7, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2025-12-22">2025-12-22</date><src-url>https://litres.ru/39285487</src-url><id>bdcb58c3-e1f2-11e8-aa6b-0cc47a520474</id><version>1</version><history><p>v 1.0</p></history></document-info><publish-info><book-name>Три товарища / Drei Kameraden</book-name><publisher>АСТ</publisher><city>Москва</city><year>2018</year><isbn>978-5-17-108503-2</isbn><sequence name="Легко читаем по немецки"/></publish-info></description><body><title><p>Эрих Мария Ремарк / Erich Maria Remarque</p><p>Три товарища / Drei Kameraden</p></title><section><annotation><p>Адаптация текста, комментарии и словарь О.С. Беляевой</p></annotation><p>Erich Maria Remarque</p><p>DREI KAMERADEN</p><empty-line/><p>© 1964, 1991, 1998 by Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch GmbH &amp; Co. KG, Cologne/Germany</p><p>© Беляева О. С., адаптация текста, словарь</p><p>© ООО «Издательство АСТ», 2018</p></section><section><title><p>1</p></title><p>Die Sonne mu&#xDF;te gleich aufgehen. Ich sah nach der Uhr. Es war Viertel vor acht. Ich schlo&#xDF; das Tor auf und machte die Benzinpumpe fertig. Um diese Zeit kamen immer schon ein paar Wagen vorbei, die tanken wollten. Pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rte ich hinter mir ein heiseres Kr&#xE4;chzen. Ich blieb stehen und h&#xF6;rte. Dann ging ich &#xFC;ber den Hof zur&#xFC;ck zur Werkstatt und machte vorsichtig die T&#xFC;r auf. Es war die Scheuerfrau Mathilde Sto&#xDF;. Sie trug ein schmutziges wei&#xDF;es Kopftuch, eine blaue Sch&#xFC;rze, dicke Pantoffeln. Sie wog neunzig Kilo. Sie hatte die Grazie eines Nilpferdes, dabei sang sie ein Lied.</p><p>Auf dem Tisch am Fenster standen zwei Kognakflaschen. Eine davon war fast leer. Am Abend vorher war sie voll gewesen. Ich hatte vergessen, sie einzuschlie&#xDF;en.</p><p>»Aber Frau Sto&#xDF;«, sagte ich.</p><p>Der Besen fiel zu Boden.</p><p>»Jesus Christus«, sagte Mathilde und starrte mich aus roten Augen an. »Ihnen hab‘ ich noch nich erwartet…«</p><p>»Kann ich verstehen. Hat‘s geschmeckt?«</p><p>»Das ja – aber‘s is mir peinlich.«</p><p>Ihr Schnurrbart zuckte, und ihre Augenlider klapperten wie bei einem alten Uhu. Aber allm&#xE4;hlich gelang es ihr, klarer zu werden. Entschlossen trat sie einen Schritt vor.</p><p>»Herr Lohkamp, Mensch ist nur Mensch, erst habeich einen Schluck genommen und dann…«</p><p>Es war nicht das erstemal, da&#xDF; ich sie so traf. Sie kam jeden Morgen zwei Stunden zum Aufr&#xE4;umen in die Werkstatt, und man konnte ruhig so viel Geld liegen lassen, wie man wollte, sie nimmt es nicht – aber hinter Schnaps war sie wie die Ratte hinterm Speck<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a>. Ich nahm die Flasche hoch.</p><p>»Nat&#xFC;rlich, den Kognak f&#xFC;r die Kunden haben Sie nicht anger&#xFC;hrt – aber den guten von Herrn K&#xF6;ster haben Sie weggeputzt.«</p><p>»Aber werden Sie mir verraten, Herr Lohkamp? Eine schutzlose Witwe?« Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Heute nicht.«</p><p>»Trinken Sie das Glas mal aus!«</p><p>»Ich? Herr Lohkamp, das ist zuviel! Sie sind ein Heiliger, sind Sie! Man mu&#xDF; das Gute nehmen, wie es kommt. Auch wenn man‘s nicht versteht. Zum Wohle! Haben Sie vielleicht Geburtstag?«</p><p>»Ja, Mathilde.«</p><p>»Was?« Sie nahm meine Hand und sch&#xFC;ttelte sie. »Herzlichsten Gl&#xFC;ckwunsch! Herr Lohkamp« – sie wischte sich den Mund –, »Ich habe Sie gern wie einen Sohn.«</p><p>»Sch&#xF6;n.« Sie trank noch ein Glas verlie&#xDF; die Werkstatt.</p><p>Ich packte die Flasche weg und setzte mich an den Tisch. Die Sonne fiel durch das Fenster auf meine H&#xE4;nde. Merkw&#xFC;rdiges Gef&#xFC;hl, so ein Geburtstag, auch wenn man sich nichts draus machte. Drei&#xDF;ig Jahre – es hatte eine Zeit gegeben, da glaubte ich, nie zwanzig werden zu k&#xF6;nnen, so weit weg erschien mir das. Und dann… Ich zog einen Brief und fing an zu rechnen. Die Kinderzeit, die Schule – das war irgendwo, schon nicht mehr wahr. Das richtige Leben begann erst 1916. Da war ich gerade Rekrut geworden, d&#xFC;nn, achtzehn Jahre alt, und &#xFC;bte nach dem Kommando eines Unteroffiziers Hinlegen und Aufstehen. An einem der ersten Abende kam meine Mutter in die Kaserne, um mich zu besuchen; aber sie mu&#xDF;te &#xFC;ber eine Stunde auf mich warten. Ich hatte meinen Ranzen nicht richtig gepackt gehabt und mu&#xDF;te zur Strafe die Toilette putzen. Sie wollte mir helfen, aber das durfte sie nicht. Sie weinte, und ich war so m&#xFC;de, da&#xDF; ich einschlief, als sie noch bei mir sa&#xDF;.</p><p>1917. Flandern. Middendorf und ich hatten in der Kantine eine Flasche Rotwein gekauft. Damit wollten wir feiern. Aber wir kamen nicht dazu. Morgens fing das schwere Feuer der Engl&#xE4;nder an. K&#xF6;ster wurde mittags verwundet. Meyer und Deters fielen nachmittags. Und abends kam Gas. Wir hatten die Masken auf, aber die von Middendorf war kaputt. Als er es merkte, war es zu sp&#xE4;t. Er starb am n&#xE4;chsten Morgen, gr&#xFC;n und schwarz im Gesicht.</p><p>1918. Das war im Lazarett. Ein paar Tage vorher war ein neuer Transport angekommen. Schwere Verletzungen. Den ganzen Tag fuhren die Operationswagen herein und hinaus. Manchmal kamen sie leer wieder. Neben mir lag Josef Stoll. Er hatte keine Beine mehr, aber er wu&#xDF;te es noch nicht. Nachts starben zwei Leute bei uns im Zimmer. 1919. Wieder zu Hause. Revolution. Hunger. 1920. Putsch. Karl Br&#xF6;ger erschossen. Meine Mutter im Krankenhaus. Krebs im letzten Stadium. 1921 –Ich wu&#xDF;te es nicht mehr. Das Jahr fehlte einfach. 1922 war ich Bahnarbeiter in Th&#xFC;ringen gewesen, 1923 Reklamechef einer Gummifabrik. Das war in der Inflation.</p><p>Und dann? Die Jahre darauf? Ich wu&#xDF;te es auch nicht mehr so genau. War zu sehr durcheinandergegangen. Meinen letzten Geburtstag hatte ich im Caf&#xE9; International gefeiert. Da war ich ein Jahr lang Stimmungspianist gewesen. Dann hatte ich K&#xF6;ster und Lenz wiedergetroffen. Und jetzt sa&#xDF; ich hier in der Auto-Reparatur-Werkstatt K&#xF6;ster und Co. Der Co. waren Lenz und ich, aber die Werkstatt geh&#xF6;rte eigentlich K&#xF6;ster allein. Er war fr&#xFC;her unser Schulkamerad und unser Kompanief&#xFC;hrer gewesen; dann Flugzeugf&#xFC;hrer, sp&#xE4;ter eine Zeitlang Student, dann Rennfahrer – und schlie&#xDF;lich hatte er die Bude hier gekauft. Erst war Lenz dazugekommen , dann ich.</p><p>Ich nahm eine Zigarette aus der Tasche. Eigentlich konnte ich ganz zufrieden sein. Es ging mir nicht schlecht, ich hatte Arbeit, ich war kr&#xE4;ftig, – aber es war doch besser, nicht allzuviel dar&#xFC;ber nachzudenken. Besonders nicht, wenn man allein war. Und abends auch nicht. Aber daf&#xFC;r hatte man den Schnaps.</p><p>Die T&#xFC;r &#xF6;ffnete sich auf. Gottfried Lenz stand im Rahmen, lang, mager.</p><p>»Robby«, br&#xFC;llte er, »Deine Chefs wollen mit dir reden!«</p><p>»Herrgott!« Ich stand auf. »Ich habe gehofft, ihr h&#xE4;ttet nicht dran gedacht!«</p><p>Gottfried legte ein Paket auf den Tisch.</p><p>Da Otto und ich Vater- und Mutter f&#xFC;r dich sind, schenke ich dir deshalb etwas zum Schutz. Nimm dieses Amulett! Es wird dich beh&#xFC;ten.« Er h&#xE4;ngte mir eine kleine schwarze Figur an einer d&#xFC;nnen Kette um den Hals.</p><p>»So! Das sind hier sechs Flaschen Rum von Otto! Doppelt so alt wie du!«</p><p>Er &#xF6;ffnete das Paket und stellte die Flaschen in die Morgensonne.</p><p>»Sieht wunderbar aus«, sagte ich. »Wo hast du die blo&#xDF; her, Otto?«</p><p>K&#xF6;ster lachte. »Zu lang zum Erz&#xE4;hlen. Aber sag mal, wie f&#xFC;hlst du dich denn? Wie drei&#xDF;ig?«</p><p>»Wie sechzehn und f&#xFC;nfzig gleichzeitig. Nicht besonders.</p><p>»Das nennst du nicht besonders?« erwiderte Lenz. »Das ist doch das h&#xF6;chste, was es gibt. Du hast die Zeit besiegt und lebst doppelt.« K&#xF6;ster sah mich an.</p><p>»La&#xDF; ihn, Gottfried«, sagte er dann. »Jetzt k&#xF6;nnen wir arbeiten gehen«</p><p>Wir arbeiteten, bis es d&#xE4;mmerig wurde. Dann wuschen wir uns und zogen uns um. Lenz sah zu der Flaschenreihe hin&#xFC;ber.</p><p>»Wollen wir einer den Hals brechen?«</p><p>»Das mu&#xDF; Robby entscheiden«, sagte K&#xF6;ster. Lenz machte eine Flasche auf. Der Geruch verbreitete sich sofort durch die ganze Werkstatt.</p><p>»Wi&#xDF;t ihr was? Wir fahren‚ raus, essen irgendwo zu Abend und nehmen die Flasche mit. In Gottes freier Natur wollen wir sie aussaufen!«</p><p>»Gl&#xE4;nzend.« Wir schoben den Cadillac beiseite, an dem wir nachmittags gearbeitet hatten. Hinter ihm stand ein sonderbares Ding auf R&#xE4;dern. Es war der Rennwagen Otto K&#xF6;sters, der Stolz der Werkstatt. K&#xF6;ster hatte den Wagen seinerzeit auf einer Auktion f&#xFC;r ein Butterbrot gekauft. Fachleute, die ihn damals sahen, bezeichneten ihn ohne Z&#xF6;gern als interessantes St&#xFC;ck f&#xFC;r ein Verkehrsmuseum. Aber K&#xF6;ster k&#xFC;mmerte sich nicht darum. Er zerlegte den Wagen wie eine Taschenuhr und arbeitete Monate hindurch bis in die N&#xE4;chte daran herum. Eines Abends erschien er dann mit ihm vor der Bar, in der wir gew&#xF6;hnlich sa&#xDF;en. Bollwies fiel vor Lachen fast um, als er ihn wieder erblickte, so komisch sah er immer noch aus. Um einen Witz zu machen, bot er Otto eine Wette an. Er wollte zweihundert Mark gegen zwanzig setzen, wenn K&#xF6;ster ein Rennen gegen seinen neuen Sportwagen ann&#xE4;hme – Strecke zehn Kilometer, ein Kilometer Vorgabe f&#xFC;r Ottos Wagen. K&#xF6;ster nahm die Wette an. Alles lachte und versprach sich einen Riesenspa&#xDF;. Aber Otto tat noch mehr; er erh&#xF6;hte die Wette auf tausend Mark gegen tausend Mark. Bollwies kam nach einer halben Stunde zur&#xFC;ck. Schweigend schrieb er den Scheck aus und einen zweiten dazu. Er wollte die Maschine jetzt auf der Stelle kaufen. Aber K&#xF6;ster lachte ihn aus. Er h&#xE4;tte sie f&#xFC;r kein Geld der Erde verkaufen. Doch so tadellos der Wagen innen war – von au&#xDF;en sah er immer noch schlecht aus. Wir k&#xF6;nnten alles besser machen – aber wir hatten einen Grund, es nicht zu tun. Der Wagen hie&#xDF; Karl. Karl, das Chausseegespenst<a l:href="#n_2" type="note">[2]</a>.</p><p>Karl fuhr die Chaussee entlang.</p><p>»Otto«, sagte ich, »da kommt ein Opfer.«</p><p>Hinter uns hupte ungeduldig ein schwerer Buick. Der Mann am Steuer begriff nicht, da&#xDF; bei einem Tempo von &#xFC;ber hundert Kilometern der altmodische Kasten unter ihm nicht abzusch&#xFC;tteln war. Verwundert blickte er auf seinen Tachometer, als k&#xF6;nne der nicht stimmen. Dann gab er Vollgas. K&#xF6;ster blickte ruhig auf die Stra&#xDF;e, ich schaute gelangweilt in die Luft; und Lenz, obschon er ein B&#xFC;ndel Spannung war, zog eine Zeitung hervor und tat, als ob es nichts Wichtigeres f&#xFC;r ihn g&#xE4;be, als gerade jetzt zu lesen. Der Mann im Buick glaubte schon gewonnen zu haben. Aber Karl machte im selben Moment schon einen Sprung.</p><p>»Gut gemacht, Otto«, sagte Lenz zu K&#xF6;ster. »Dem Mann wird sein Abendbrot nicht schmecken.«</p><p>Diese Jagden waren der Grund, warum wir Karls nicht &#xE4;nderten.</p><p>Wir hielten vor einem kleinen Gasthaus und kletterten aus dem Wagen. Der Abend war sch&#xF6;n und still. Wie gro&#xDF;e Flamingos schwammen die Wolken am apfelgr&#xFC;nen Himmel. Aus dem kleinen Gasthaus drang der Duft gebratener Leber. Auch Zwiebeln waren dabei. In diesem Augenblick summte noch ein Wagen heran.Es war der Buick.</p><p>»Hoppla!« sagte Lenz.</p><p>Wir hatten schon &#xF6;fter Schl&#xE4;gereien wegen &#xE4;hnlicher Sachen gehabt. Der Mann stieg aus. Er war gro&#xDF; und schwer.</p><p>»Was f&#xFC;r ein Modell ist Ihr Wagen da?« fragte er K&#xF6;ster.</p><p>Aber bevor er den Mund aufmachen konnte, &#xF6;ffnete sich pl&#xF6;tzlich die zweite T&#xFC;r des Buick. Ein M&#xE4;dchen stieg aus. &#xDC;berrascht blickten wir uns an. Lenz l&#xE4;chelte &#xFC;ber sein ganzes sommersprossiges Gesicht. Wir l&#xE4;chelten alle.</p><p>»Binding«, sagte der Mann.</p><p>»Zeig doch mal den Wagen, Otto«, sagte Lenz.</p><p>»Warum nicht«, erwiderte Otto.</p><p>»Ich w&#xFC;rde ihn wirklich gern mal sehen«, sagte Binding.</p><p>Beide gingen zum Parkplatz. Das M&#xE4;dchen ging nicht mit. Es blieb schlank und schweigend neben Lenz und mir in der D&#xE4;mmerung stehen. Gottfried schien die Sprache verloren zu haben.</p><p>»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ich. »Wir haben nicht gesehen, da&#xDF; Sie im Wagen waren.«</p><p>Das M&#xE4;dchen sah mich an. »So schlimm war das doch gar nicht.«</p><p>»Schlimm nicht, aber auch nicht ganz ehrlich. Der Wagen l&#xE4;uft zweihundert Kilometer.«</p><p>»Genau hundertneunundachtzig Komma zwei,«, erkl&#xE4;rte Lenz, wie aus der Pistole geschossen, stolz. Sie lachte.</p><p>»Und wir dachten, ungef&#xE4;hr so sechzig, siebzig.«</p><p>»Sehen Sie«, sagte ich, »das konnten Sie doch nicht wissen.«</p><p>»Nein«, erwiderte sie, »das konnten wir wirklich nicht wissen. Wir glaubten, der Buick w&#xE4;re doppelt so schnell wie Ihr Wagen.«</p><p>»Wir hatten einen zu gro&#xDF;en Vorteil. Und Herr Binding hat sich wohl &#xFC;ber uns ge&#xE4;rgert.« Sie lachte. »Einen Augenblick sicher. Aber man mu&#xDF; auch verlieren k&#xF6;nnen; wie sollte man sonst leben.«</p><p>Es entstand eine neue Pause. K&#xF6;ster und Binding kamen zur&#xFC;ck. Binding war in den paar Minuten ein ganz anderer Mann geworden.</p><p>»Wollen wir zusammen essen?« fragte er.</p><p>»Selbstverst&#xE4;ndlich«, erwiderte Lenz.</p><p>Wir sa&#xDF;en am Tisch. Die Wirtin kam gerade mit der Leber und den Bratkartoffeln. Binding war ein gutter Redner. Es war erstaunlich, was er alles &#xFC;ber Automobile zu sagen hatte. Er war ein schwerer, gro&#xDF;er Mann mit dicken Augenbrauen &#xFC;ber einem roten Gesicht. Das M&#xE4;dchen sa&#xDF; zwischen Lenz und mir. Es hatte den Mantel ausgezogen und trug darunter ein graues englisches Kost&#xFC;m. Um den Hals hatte es ein wei&#xDF;es Tuch gekn&#xFC;pft, das aussah wie eine Krawatte. Ihr Haar war braun und seidig. Die Schultern waren sehr gerade, die H&#xE4;nde schmal, &#xFC;berlang und eher etwas knochig als weich. Das Gesicht war schmal und bla&#xDF;, aber die gro&#xDF;en Augen gaben ihm eine fast leidenschaftliche Kraft. Sie sah sehr gut aus, fand ich – aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Lenz schlug sich pl&#xF6;tzlich vor die Stirn:</p><p>»Der Rum! Robby, hol mal unsern Geburtstagsrum!«</p><p>»Geburtstag? Hat denn jemand Geburtstag?« fragte das M&#xE4;dchen.</p><p>»Ich«, sagte ich.</p><p>»Wollen Sie nicht, da&#xDF; man Ihnen gratuliert?«</p><p>»Doch«, sagte ich.«</p><p>»Also alles Gute!« Ich hielt einen Augenblick ihre Hand in meiner und sp&#xFC;rte ihren warmen, trockenen Druck. Dann ging ich hinaus, um den Rum zu holen. Die Nacht stand gro&#xDF; und schweigend um das kleine Haus. Ich blieb stehen und sah nach dem Horizont. Ich w&#xE4;re gern noch drau&#xDF;en geblieben; aber ich h&#xF6;rte Lenz schon rufen.</p><p>Binding vertrug den Rum nicht. Nach dem zweiten Glas ging er in den Garten hinaus. Ich stand auf und ging mit Lenz an die Theke.</p><p>»Gro&#xDF;artiges M&#xE4;dchen, was?« sagte er.</p><p>»Wei&#xDF; ich nicht, Gottfried«, erwiderte ich. »Habe nicht so drauf geachtet.«</p><p>Er betrachtete mich mit seinen blauen Augen und sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Wozu lebst du eigentlich, sag mal, Baby?«</p><p>»Das wollte ich auch schon lange mal wissen.«</p><p>Er lachte. Er folgte Binding in den Garten. Nach einiger Zeit kamen beide an die Theke zur&#xFC;ck. Die beiden holten sich die Ginflasche und duzten sich eine Stunde spatter. Bald sangen beide drau&#xDF;en Soldatenlieder. Das M&#xE4;dchen hatte der letzte Romantiker dar&#xFC;ber vollst&#xE4;ndig vergessen. Wir drei blieben allein in der Wirtsstube. Es war pl&#xF6;tzlich sehr still.</p><p>Es war alles gleich – solange man lebte. Ich sah K&#xF6;ster an. Ich h&#xF6;rte, wie er mit dem M&#xE4;dchen sprach; aber ich achtete nicht auf die Worte. Ich trank mein Glas aus. Die beiden andern kamen wieder herein. Sie waren n&#xFC;chterner geworden in der frischen Luft. Ich half dem M&#xE4;dchen in den Mantel. Es stand vor mir, den Mund leicht ge&#xF6;ffnet, mit einem L&#xE4;cheln. Wo hatte ich nur die ganze Zeit meine Augen gehabt? Hatte ich denn geschlafen? Ich verstand pl&#xF6;tzlich die Begeisterung von Lenz.</p><p>»Glauben Sie, da&#xDF; er fahren kann?« fragte ich.</p><p>»Ich denke schon…« Ich sah sie immer noch an.</p><p>»Wenn er nicht sicher genug ist, kann einer von uns mitfahren.«</p><p>»Er f&#xE4;hrt viel besser, wenn er getrunken hat.«</p><p>Ich wollte etwas tun, damit sie nicht so wegging.</p><p>»Darf ich morgen einmal bei Ihnen anrufen und h&#xF6;ren, wie es geworden ist?« fragte ich.</p><p>Sie antwortete nicht gleich. »Nun gut, wenn Sie wollen. Westen 2796.«</p><p>Ich schrieb mir die Nummer drau&#xDF;en gleich auf. Wir sahen, wie Binding abfuhr, und tranken noch ein letztes Glas.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Der n&#xE4;chste Tag war ein Sonntag. Ich schlief lange und erwachte erst, als die Sonne auf mein Bett schien. Ich sprang rasch auf und ri&#xDF; die Fenster auf. Drau&#xDF;en war es frisch und klar. Ich stellte den Spirituskocher auf die Bank und suchte die Dose mit Kaffee. Meine Wirtin, Frau Zalewski, hatte mir erlaubt, im Zimmer meinen eigenen Kaffee zu kochen. Ihrer war zu d&#xFC;nn. Besonders wenn man abends getrunken hatte. Ich wohnte schon zwei Jahre in der Pension Zalewski. Die Gegend gefiel mir. Es war immer etwas los. Vor dem Hause lag ein alter Friedhof, der seit langem stillgelegt war. Er hatte B&#xE4;ume wie ein Park. Neben dem Friedhof war ein Rummelplatz mit Karussells und Schiffschaukeln.</p><p>Ich zog mich sehr langsam an. Das gab mir das Gef&#xFC;hl von Sonntag. Ich wusch mich, ich las die Zeitung, ich br&#xFC;hte den Kaffee auf, ich stand am Fenster und ich h&#xF6;rte die V&#xF6;gel singen, ich w&#xE4;hlte zwischen meinen paar Hemden, ich leerte meine Taschen aus: Kleingeld, Messer, Schl&#xFC;ssel, Zigaretten – und da der Zettel von gestern mit dem Namen des M&#xE4;dchens und der Telefonnummer. Patrice Hollmann. Ich legte den Zettel auf den Tisch. War das wirklich erst gestern gewesen? Anrufen? Vielleicht – vielleicht auch nicht. Ich war eigentlich ganz froh, meine Ruhe zu haben. War L&#xE4;rm genug gewesen in den letzten Jahren.</p><p>In diesem Augenblick ging der Sonntagkrach im Zimmer nebenan los. Es war das Ehepaar Hasse. Die beiden wohnten seit f&#xFC;nf Jahren hier in einem kleinen Zimmer. Es waren keine schlechten Leute. H&#xE4;tten sie eine Dreizimmerwohnung gehabt, mit einer K&#xFC;che f&#xFC;r die Frau, und au&#xDF;erdem noch ein Kind, dann w&#xE4;re ihre Ehe wahrscheinlich gut geblieben. Aber eine Wohnung kostete Geld, und ein Kind bei diesen unsicheren Zeiten – wer konnte sich das leisten! So hockten sie zu dicht aufeinander, die Frau war hysterisch geworden, und der Mann hatte st&#xE4;ndig Angst, seinen kleinen Posten zu verlieren. Dann war er fertig. Er war f&#xFC;nfundvierzig Jahre alt. Niemand nahm ihn mehr, wenn er einmal arbeitslos wurde.</p><p>Es klopfte und Hasse ging herein. Er fiel auf einen Stuhl: »Ich ertrage es nicht mehr…«</p><p>Er war ein guter Mann. Ein bescheidener, pflichttreuer Angestellter. Aber gerade die hatten es heute am schwersten. Sie hatten es wohl immer am schwersten. Bescheidenheit und Pflichttreue werden nur in Romanen belohnt. Im Leben werden sie ausgenutzt und dann beiseite geschoben. Hasse hob die H&#xE4;nde.</p><p>»Denken Sie, schon wieder zwei K&#xFC;ndigungen im Gesch&#xE4;ft. Der n&#xE4;chste bin ich, passen Sie auf, ich!«</p><p>In dieser Angst lebte er von einem Ersten zum andern. Ich schenkte ihm einen Schnaps ein. Seine Frau war zweiundvierzig. Sie war noch nicht so verbraucht wie der Mann. Sie litt an Torschlu&#xDF;panik<a l:href="#n_3" type="note">[3]</a>. Es hatte keinen Zweck, sich da einzumischen.</p><p>»H&#xF6;ren Sie, Hasse«, sagte ich, »bleiben Sie ruhig hier sitzen, solange Sie wollen. Ich mu&#xDF; weg. Kognak steht im Kleiderschrank, wenn Sie den lieber m&#xF6;gen. Das hier ist Rum. Da liegen Zeitungen. Und dann gehen Sie heute nachmittag mit Ihrer Frau doch mal‚ raus aus dem Bau hier. Vielleicht ins Kino. Das kostet ebensoviel wie zwei Stunden im Caf&#xE9;, und Sie haben mehr davon!«</p><p>Nebenan stand die T&#xFC;r offen. Die Frau schluchzte, da&#xDF; man es drau&#xDF;en h&#xF6;ren konnte. Die n&#xE4;chste T&#xFC;r war angelehnt. Eine Wolke Parf&#xFC;m kam heraus. Da wohnte Erna B&#xF6;nig, Privatsekret&#xE4;rin. Viel zu elegant f&#xFC;r ihr Gehalt; aber einmal in der Woche diktierte ihr Chef ihr bis zum Morgen. Dann war sie am n&#xE4;chsten Tag sehr schlechter Laune. Daf&#xFC;r ging sie jeden Abend tanzen. Wenn sie nicht mehr tanzen k&#xF6;nne, wolle sie nicht mehr leben, erkl&#xE4;rte sie. Sie hatte zwei Freunde. Einer liebte sie und brachte ihr Blumen. Den anderen liebte sie und gab ihm Geld. Neben ihr Rittmeister Graf Orlow, russischer Emigrant. Eint&#xE4;nzer, Kellner, Filmkomparse, Gigolo mit grauen Schl&#xE4;fen, wunderbarer Gitarrespieler. N&#xE4;chste T&#xFC;r. Frau Bender, Krankenschwester in einem S&#xE4;uglingsheim. F&#xFC;nfzig Jahre alt. Mann im Kriege gefallen. Zwei Kinder 1918 an Unterern&#xE4;hrung gestorben. Hatte eine bunte Katze. Das einzige. Daneben – M&#xFC;ller, pensionierter Rechnungsrat. Schriftf&#xFC;hrer eines Philatelistenvereins. Lebendige Briefmarkensammlung, sonst nichts. Gl&#xFC;cklicher Mensch.</p><p>An der letzten T&#xFC;r klopfte ich.</p><p>»Na, Georg«, sagte ich, »immer noch nichts?«</p><p>Georg Block sch&#xFC;ttelte den Kopf. Er war Student im vierten Semester. Um die vier Semester machen zu k&#xF6;nnen, hatte er zwei Jahre im Bergwerk gearbeitet. Das ersparte Geld war jetzt fast verbraucht; er hatte nur noch f&#xFC;r zwei Monate zu leben. Ins Bergwerk konnte er nicht wieder zur&#xFC;ck – da waren heute schon zuviel Bergleute ohne Arbeit. Er hatte auf jede Weise versucht, eine Stelle nebenbei zu bekommen. Eine Woche lang war er Zettelausteiler f&#xFC;r eine Margarinefabrik gewesen; aber die Fabrik war pleite gegangen. Kurz darauf bekam er einen Posten als Zeitungsaustr&#xE4;ger, aber nicht lange. Jetzt sa&#xDF; er jeden Tag in seinem Zimmer. Er a&#xDF; einmal am Tage. Dabei war es egal, ob er die Restsemester noch machte oder nicht – auf eine Stelle konnte er auch nach dem Examen in fr&#xFC;hestens zehn Jahren rechnen. Eltern hatte er auch nicht mehr.</p><p>Die K&#xFC;che. Das Telefon. Halbdunkel. Geruch nach Gas und schlechtem Fett. Die Korridort&#xFC;r mit den vielen Visitenkarten neben dem Klingelknopf. Meine auch.</p><p>»Robert Lohkamp, stud. phil., zweimal lang klingeln.« Sie war gelb und schmutzig. Stud. phil. War lange her. Ich ging die Treppe hinunter zum Caf&#xE9; International.</p><p>Das International war ein gro&#xDF;er, dunkler, verr&#xE4;ucherter Saal mit mehreren Hinterzimmern. Vorn, neben der Theke, stand das Klavier. Es war verstimmt, aber ich liebte es. Es hatte das Jahr meines Lebens mit mir geteilt, als ich als Stimmungsklavierspieler hier engagiert gewesen war. Vorn sa&#xDF;en die Huren. Das Lokal war leer. Nur der Kellner Alois stand hinter der Theke.</p><p>»Wie immer?« fragte er.</p><p>Ich nickte. Er brachte mir ein Glas Portwein mit Rum, halb und halb. Ich setzte mich an einen Tisch.</p><p>Die Katze des Wirtes sa&#xDF; auf dem Klavier und schnurrte. Ich rauchte langsam eine Zigarette. Die Luft machte schl&#xE4;frig. Eine sonderbare Stimme hatte das M&#xE4;dchen gestern gehabt. Dunkel, etwas rauh, fast heiser, aber doch weich.</p><p>»Gib mir mal ein paar Magazine, Alois«, sagte ich.</p><p>Da knarrte die T&#xFC;r. Rosa kam. Rosa, die Friedhofshure, genannt das Eiserne Pferd. Sie wollte eine Tasse Schokolade trinken. Die leistete sie sich jeden Sonntagmorgen hier; dann fuhr sie nach Burgdorf, um ihr Kind zu besuchen.</p><p>»Servus, Robert.«</p><p>»Servus, Rosa. Was macht die Kleine?«</p><p>»Will mal sehen. Hier – das bring‘ ich ihr mit.«</p><p>Sie packte aus einem Paket eine Puppe mit roten Backen und dr&#xFC;ckte ihr auf den Bauch.</p><p>»Ma-ma«, qu&#xE4;kte die Puppe. Rosa strahlte.</p><p>»Fabelhaft!« sagte ich.</p><p>»Pa&#xDF; mal auf.«</p><p>Sie beugte die Puppe nach hinten. Mit einem Klapp schl&#xF6;ssen sich die Augen.</p><p>»Unerh&#xF6;rt, Rosa.« Sie war befriedigt und packte die Puppe wieder weg. »Du verstehst was von solchen Sachen, Robert. Wirst mal ein guter Ehemann.«</p><p>»Na, na«, sagte ich zweifelnd.</p><p>Rosa hing an ihrem Kinde. Bis vor einem Vierteljahr, solange es noch nicht laufen konnte, hatte sie es bei sich in ihrem Zimmer gehabt. Dann gab sie in ein teures Kinderheim. Dort galt sie als Witwe. Sonst h&#xE4;tte man das Kind nicht angenommen.</p><p>»Du kommst doch Freitag? Du wei&#xDF;t doch, was los ist?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich.« Ich hatte keine Ahnung, was los war; aber ich hatte auch keine Lust, danach zu fragen. Ich trank noch einen Rum, streichelte die Katze und ging dann.</p><p>Am sp&#xE4;ten Nachmittag ging ich in unsere Werkstatt. K&#xF6;ster war da. Er arbeitete an dem Cadillac. Wir hatten ihn vor einiger Zeit alt gekauft. Es war eine Spekulation. Wir hofften, gut damit zu verdienen. Ich zweifelte, ob es ein Gesch&#xE4;ft sein w&#xFC;rde. Bei den schlechten Zeiten wollten alle Leute kleine Wagen kaufen, aber nicht so einen Omnibus.</p><p>»Billige werden gekauft und ganz teure auch. Es gibt immer noch Leute, die Geld haben. Oder so aussehen wollen.«</p><p>»Wo ist Gottfried?« fragte ich.</p><p>»In irgendeiner politischen Versammlung…«</p><p>»Verr&#xFC;ckt! Was will er denn da?« K&#xF6;ster lachte.</p><p>»Das wei&#xDF; er selbst nicht. Da mu&#xDF; er ja immer irgend etwas Neues haben.«</p><p>»Kann sein«, sagte ich. »Komm, ich helf‘ dir etwas.«</p><p>»Wei&#xDF;t du, was ich hier habe?« fragte er.</p><p>»Na?«</p><p>»Karten zum Boxen heute abend. Zwei. Du gehst doch mit, was?«</p><p>Ich z&#xF6;gerte. Er sah mich erstaunt an.</p><p>»Stilling boxt«, sagte er, »gegen Walker. Wird ein guter Kampf.«</p><p>»Nimm Gottfried mit«, schlug ich vor und fand mich l&#xE4;cherlich, da&#xDF; ich nicht mitging. Aber ich hatte keine rechte Lust, ich wu&#xDF;te nicht warum.</p><p>»Hast du was vor?« fragte er.</p><p>»Nein.« Er sah mich an. »Ich gehe mal nach Hause«, sagte ich. »Briefe schreiben und so was. Mu&#xDF; auch mal sein…«</p><p>»Na sch&#xF6;n. Wie du willst.«</p><p>Ich ging nach Hause. Aber als ich in meinem Zimmer sa&#xDF;, wu&#xDF;te ich auch nicht, was ich anfangen sollte. Ich ging &#xFC;ber den Korridor, um Georgie zu besuchen. Ich hielt mich nicht lange bei Georgie auf. Nach einer Viertelstunde ging ich zur&#xFC;ck. Ich &#xFC;berlegte, ob ich etwas trinken wollte. Aber ich wollte nicht. Ich setzte mich ans Fenster und schaute auf die Stra&#xDF;e. Drau&#xDF;en brannten schon die Laternen; aber es war noch nicht dunkel genug. Schlie&#xDF;lich – anrufen konnte ich ja mal. Hatte es doch sogar halb und halb versprochen. Wahrscheinlich war das M&#xE4;dchen auch gar nicht zu Hause.</p><p>Ich ging zum Vorplatz, wo das Telefon stand, hob den H&#xF6;rer ab und sagte die Nummer. Das M&#xE4;dchen war da. Ich h&#xE4;ngte wieder an, nachdem ich, anstatt mich nur zu erkundigen, eine Verabredung f&#xFC;r &#xFC;bermorgen abgemacht hatte. Pl&#xF6;tzlich erschien mir alles nicht mehr so bl&#xF6;d. Verr&#xFC;ckt, dachte ich.Ich rief K&#xF6;ster an.</p><p>»Hast du die Karten noch Otto?«</p><p>»Ja.«</p><p>»Gut. Ich gehe doch mit zum Boxen.«</p><p>Nachher wanderten wir noch eine Zeitlang durch die Stadt. Die Stra&#xDF;en waren hell und leer. In meinem Zimmer sa&#xDF; ich noch eine Weile auf. Die Bude gefiel mir auf einmal gar nicht mehr. Man kann eigentlich keinen anst&#xE4;ndigen Menschen einladen, dachte ich. Eine Frau schon gar nicht. H&#xF6;chstens eine Hure aus dem International.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Am Dienstag vormittag sa&#xDF;en wir vor unserer Werkstatt im Hof und fr&#xFC;hst&#xFC;ckten, Der Cadillac war fertig. Lenz hielt ein Blatt Papier in der Hand und schaute uns triumphierend an. Er war unser Reklamechef. Er las uns vor, was er f&#xFC;r den Verkauf des Wagens verfa&#xDF;t hatte.</p><p>»Urlaub an s&#xFC;dlichen Gestaden im Luxusgef&#xE4;hrt«.</p><p>K&#xF6;ster und ich schwiegen eine Weile.</p><p>»Wozu lange reden«, unterbrach ich ihn. »Das ist ein Inserat f&#xFC;r einen Kurort oder eine Sch&#xF6;nheitscreme, aber nicht f&#xFC;r ein Automobil.«</p><p>Lenz &#xF6;ffnete den Mund.</p><p>»Augenblick«, fuhr ich fort. »Fragen wir mal Jupp. Das ist die Stimme des Volkes!«</p><p>Jupp war unser einziger Angestellter, ein Junge von f&#xFC;nfzehn Jahren, der eine Art Lehrlingsstelle bei uns hatte. Er bediente die Benzinpumpe, besorgte das Fr&#xFC;hst&#xFC;ck und r&#xE4;umte abends auf. Er war klein, &#xFC;bers&#xE4;t mit Sommersprossen und hatte die gr&#xF6;&#xDF;ten abstehenden Ohren, die ich kannte. Lenz las ihm das Inserat vor.</p><p>»W&#xFC;rdest du dich f&#xFC;r so‚ nen Wagen interessieren, Jupp?« fragte K&#xF6;ster.</p><p>»Einen Wagen?« fragte Jupp zur&#xFC;ck. Ich lachte.</p><p>»Nat&#xFC;rlich einen Wagen. Meinst du ein Pferd?«</p><p>»Hat er Schnellgang, von oben gesteuerte Nockenwelle und hydraulische Bremsen?« erkundigte Jupp sich unger&#xFC;hrt.</p><p>»Schafskopf, es ist doch unser Cadillac«.</p><p>»Nicht m&#xF6;glich«, erwiderte Jupp und grinste von einem Ohr zum andern.</p><p>»Da hast du‘s, Gottfried!« sagte K&#xF6;ster. »Das ist die Romantik von heute.«</p><p>Lenz verschwand mi&#xDF;mutig in der Bude.</p><p>Ein paar Minuten sp&#xE4;ter erschien Oberinspektor Barsig pl&#xF6;tzlich in der Hoft&#xFC;r. Wir empfingen ihn mit gro&#xDF;en Ehren. Er war Ingenieur und Sachverst&#xE4;ndiger der Ph&#xF6;nixAutoversicherung, ein wichtiger Mann, um Reparaturen zugewiesen zu bekommen. Wir standen gl&#xE4;nzend mit ihm. Als Ingenieur war er zwar ein scharfer Satan, der nichts durchgehen lie&#xDF;, aber als Schmetterlingsfachmann war er weich wie Butter. Er hatte eine gro&#xDF;e Sammlung, und wir hatten ihm einmal einen dicken Schw&#xE4;rmer geschenkt, der nachts in unsere Werkstatt geflogen war. Es war ein Totenkopf, die ihm in seiner Sammlung noch gefehlt hatte. Er verga&#xDF; uns das nie und besorgte uns seitdem Reparaturen. Wir fingen ihm daf&#xFC;r jede Motte, die wir erwischen konnten.</p><p>»Einen Wermut, Herr Barsig?« fragte Lenz.</p><p>»Keinen Alkohol vor abends«, erwiderte Barsig. »Eisernes Prinzip bei mir.«</p><p>»Prinzipien mu&#xDF; man durchbrechen, sonst machen sie keine Freude«, erkl&#xE4;rte Gottfried und schenkte ein.</p><p>Barsig wischte sich den Schnurrbart.</p><p>»Ich bringe Ihnen eine gute Nachricht. Sie k&#xF6;nnen den Ford abholen. Die Direktion hat bewilligt, da&#xDF; Sie die Reparatur machen.«</p><p>»Gro&#xDF;artig«, sagte K&#xF6;ster. »Wir k&#xF6;nnen sie gut brauchen. Und wie steht es mit unserm Kostenanschlag?«</p><p>»Auch bewilligt.« Barsig stand auf und verabschiedete sich. »Denken Sie an«, sagte er im Gehen, »die Frau, die mit in dem Ford war, ist vor ein paar Tagen doch noch gestorben. Hatte nur Schnittwunden. Wahrscheinlich zuviel Blut verloren.«</p><p>»Wie alt war sie denn?« fragte K&#xF6;ster.</p><p>»Vierunddrei&#xDF;ig«, erwiderte Barsig. »Schwanger im vierten Monat. Mit zwanzigtausend Mark versichert.«</p><p>Wir fuhren gleich los, um den Wagen zu holen. Er stand bei einem B&#xE4;ckermeister. Der Mann war nachts halb betrunken. Nur seine Frau war verletzt worden; er selbst hatte nicht einen Kratzer bekommen. Wir trafen ihn in der Garage, als wir den Wagen zum Abschleppen fertigmachten. Er sah uns eine Zeitlang schweigend zu.</p><p>»Wann ist der Wagen fertig?« fragte er.</p><p>»In drei Wochen«, erkl&#xE4;rte K&#xF6;ster.</p><p>Der Mann wollte kostenlos ein neues Verdeck, f&#xFC;r das die Versicherung nicht haftbar war, in die Reparatur hineinschmuggeln. Wir stritten uns eine Weile herum. Schlie&#xDF;lich gab K&#xF6;ster nach. Er h&#xE4;tte es nicht getan, wenn wir nicht Arbeit gebraucht h&#xE4;tten.</p><p>»Ich komme in den n&#xE4;chsten Tagen, den Stoff aussuchen. Beige, denke ich.«</p><p>Wir fuhren los. Drau&#xDF;en zeigte Lenz auf die Sitze des Fords. Sie hatten gro&#xDF;e schwarze Flecken.</p><p>»Das Blut seiner toten Frau. Und ein neues Verdeck herausgeschunden. Beige. Alle Achtung. Dem trau‘ ich auch zu, da&#xDF; er die Versicherungssumme f&#xFC;r zwei Tote‚ rausholt. Die Frau war ja schwanger.«</p><p>»M&#xF6;glich«, sagte Lenz. »Es soll ja Leute geben, f&#xFC;r die so was direkt ein Trost im Ungl&#xFC;ck ist. Uns kostet es glatt f&#xFC;nfzig Mark von unserm Verdienst.«</p><p>Nachmittags ging ich nach Hause. Ich war um f&#xFC;nf Uhr mit Patrice Hollmann verabredet, aber ich sagte in der Werkstatt nichts davon. Nicht, da&#xDF; ich es verbergen wollte; aber es kam mir auf einmal ziemlich unwahrscheinlich vor. Sie hatte mir ein Caf&#xE9; als Treffpunkt angegeben. Ich kannte es nicht; ich wu&#xDF;te nur, da&#xDF; es ein kleines, elegantes Lokal war. Ahnungslos ging ich hin. Ich war in eine typische Damenkonditorei geraten. Mit M&#xFC;he gelang es mir, einen Tisch, der gerade frei wurde, zu ergattern. Au&#xDF;er mir waren nur noch zwei M&#xE4;nner da, und die gefielen mir nicht.</p><p>»Kaffee, Tee, Schokolade?« fragte der Kellner.</p><p>»Einen gro&#xDF;en Kognak«, erwiderte ich.</p><p>Er brachte ihn. »Vier Pl&#xE4;tze, bitte!« sagte er und zeigte auf meinen Tisch.</p><p>»Halt«, antwortete ich, »der Tisch ist nicht frei. Ich erwarte jemand.«</p><p>»Das geht nicht, mein Herr!« sagte der Kellner. »Um diese Zeit k&#xF6;nnen keine Pl&#xE4;tze reserviert werden.«</p><p>»K&#xF6;nnen Sie mir wenigstens noch einen Kognak bringen?« knurrte ich den Kellner an.</p><p>»Sehr wohl, mein Herr. Wieder einen gro&#xDF;en?«</p><p>»Ja.«</p><p>»Bitte sehr.«</p><p>Er verbeugte sich.</p><p>»Es ist doch ein Tisch f&#xFC;r sechs Personen, mein Herr«, sagte er entschuldigend.</p><p>»Schon recht. Bringen Sie nur den Kognak.«</p><p>Das ganze Unternehmen erschien mir pl&#xF6;tzlich l&#xE4;cherlich. Was wollte ich hier? Und was wollte ich von dem M&#xE4;dchen? Ich wu&#xDF;te nicht einmal, ob ich sie in all dem Durcheinander &#xFC;berhaupt wiedererkennen w&#xFC;rde. &#xC4;rgerlich sch&#xFC;ttete ich meinen Kognak hinunter.</p><p>»Salute!« sagte jemand hinter mir.</p><p>Da stand sie und lachte. Ich war pl&#xF6;tzlich verwirrt. Das M&#xE4;dchen sah ganz anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Es wirkte wie eine schmale, junge Amazone, k&#xFC;hl, strahlend, sicher und unangreifbar. Das wird nie etwas mit uns, dachte ich und sagte:</p><p>»Wo sind Sie denn nur so geisterhaft hergekommen? Ich habe doch die ganze Zeit die T&#xFC;r beobachtet.«</p><p>Sie zeigte nach rechts hin&#xFC;ber.</p><p>»Dort dr&#xFC;ben ist noch ein Eingang. Aber ich habe mich versp&#xE4;tet. Warten Sie schon lange?«</p><p>»Gar nicht. H&#xF6;chstens zwei, drei Minuten. Ich bin auch erst eben gekommen.«</p><p>»Wollen wir hier bleiben?« fragte ich.</p><p>Sie sah mich belustigt an.</p><p>»Ich f&#xFC;rchte, Caf&#xE9;s sind &#xFC;berall gleich.« Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Wenn sie leer sind, sind sie besser. Wir k&#xF6;nnten am besten in eine Bar gehen.«</p><p>»In eine Bar? Gibt es denn Bars, die am hellen Tage offen sind?«</p><p>»Ich wei&#xDF; eine«, sagte ich. »Sie ist allerdings sehr ruhig. Wenn Sie das m&#xF6;gen…«</p><p>»Manchmal schon…«</p><p>Ich blickte auf. Ich konnte im Augenblick nicht feststellen, wie sie das meinte. Ich hatte nichts gegen Ironie, wenn sie nicht gegen mich ging; aber ich hatte ein schlechtes Gewissen.</p><p>»Also gehen wir«, sagte sie. Ich winkte dem Kellner.</p><p>»Drei gro&#xDF;e Kognaks«, br&#xFC;llte er. »Drei Mark drei&#xDF;ig!«</p><p>Das M&#xE4;dchen drehte sich um.</p><p>»Drei Kognaks in drei Minuten? Ganz sch&#xF6;nes Tempo!«</p><p>»Es sind noch zwei von gestern dabei.«</p><p>Ich sah sie an. Sie erschien mir wie aus einer andern Welt. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, was sie war und wie sie lebte.</p><p>Die Bar war sicherer Boden f&#xFC;r mich. Fred, der Mixer, stand hinter der Theke und polierte gerade die gro&#xDF;en Gl&#xE4;ser f&#xFC;r Kognak, als wir hereinkamen. Er begr&#xFC;&#xDF;te mich, als s&#xE4;he er mich zum erstenmal und h&#xE4;tte mich nicht vor zwei Tagen noch nach Hause bringen m&#xFC;ssen. Der Raum war leer bis auf einen Tisch. Dort sa&#xDF;, wie fast immer, Valentin Hauser. Ich kannte ihn vom Kriege her; wir waren in derselben Kompanie gewesen.</p><p>»Sal&#xFC;, Valentin!« Er blickte auf und nickte.</p><p>»Sal&#xFC;, Robby!«</p><p>Wir setzten uns in eine Ecke. Der Mixer kam.</p><p>»Was m&#xF6;chten Sie trinken?« fragte ich das M&#xE4;dchen.</p><p>»Vielleicht einen Martini«, erwiderte sie. »Einen trockenen Martini.«</p><p>»Darin ist Fred Spezialist.«</p><p>Fred erlaubte sich ein L&#xE4;cheln.</p><p>»Mir wie immer«, sagte ich.</p><p>Die Bar war k&#xFC;hl und halbdunkel. Sie roch nach vergossenem Gin und Kognak. Ich war etwas verlegen und wu&#xDF;te nicht recht, wie ich ein Gespr&#xE4;ch anfangen sollte. Ich kannte das M&#xE4;dchen ja &#xFC;berhaupt nicht, und je l&#xE4;nger ich es ansah, um so fremder erschien es mir. Es war lange her, da&#xDF; ich mit jemand so zusammen gewesen war; ich hatte keine &#xDC;bung mehr darin. Ich hatte mehr &#xDC;bung im Umgang mit M&#xE4;nnern. Vorhin, im Caf&#xE9;, war es mir zu laut gewesen – jetzt, hier, war es pl&#xF6;tzlich zu ruhig.</p><p>Fred brachte die Gl&#xE4;ser. Wir tranken. Der Rum war stark und frisch. Er schmeckte nach Sonne.</p><p>»Gef&#xE4;llt es Ihnen hier?« fragte ich.</p><p>Das M&#xE4;dchen nickte.</p><p>»Um so besser, da&#xDF; es Ihnen dann hier gef&#xE4;llt. Wir sind oft hier. Abends ist diese Bude f&#xFC;r uns schon fast so eine Art Zuhause.«</p><p>Sie lachte.</p><p>»Ist das nicht eigentlich traurig?«</p><p>»Nein«, sagte ich.</p><p>Fred brachte mir das zweite Glas. Er legte eine gr&#xFC;ne Havanna dazu auf den Tisch.</p><p>»Von Herrn Hauser.« Valentin winkte aus seiner Ecke her&#xFC;ber und hob sein Glas.</p><p>Ich nickte ihm zu und hob ebenfalls mein Glas.</p><p>»Er ist mein Freund«, sagte ich zu dem M&#xE4;dchen. »Ein Kamerad aus dem Kriege. Er wei&#xDF; nicht mehr, was er mit seinem Leben anfangen soll – deshalb freut er sich einfach, da&#xDF; er noch lebt.«</p><p>Sie sah mich nachdenklich an. »Das kann ich gut verstehen«, sagte sie.</p><p>Ich blickte auf. »Daf&#xFC;r sind Sie viel zu jung.«</p><p>Sie l&#xE4;chelte. Es war ein leichtes, schwebendes L&#xE4;cheln, das nur in den Augen war.</p><p>»Zu jung«, sagte sie, »Ich finde, zu jung ist man nie. Nur immer zu alt.«</p><p>Ich schwieg einen Augenblick. Das M&#xE4;dchen war so sicher und selbstverst&#xE4;ndlich; ich f&#xFC;hlte mich wie ein Holzblock dagegen. Ich h&#xE4;tte gern ein leichtes, spielerisches Gespr&#xE4;ch gef&#xFC;hrt. Lenz konnte das; bei mir aber wurde es immer schwer.</p><p>»Wollen Sie nicht noch einen Martini nehmen?« fragte ich das M&#xE4;dchen.</p><p>»Was trinken Sie denn da?«</p><p>»Das hier ist Rum.« Sie betrachtete mein Glas.</p><p>»Das haben Sie neulich auch schon getrunken.«</p><p>»Ja«, sagte ich, »das trinke ich meistens.«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Ich kann mir nicht vorstellen, da&#xDF; das schmeckt.«</p><p>»Ob es schmeckt, wei&#xDF; ich schon gar nicht mehr.«</p><p>Sie sah mich an. »Weshalb trinken Sie es denn?«</p><p>»Rum«, sagte ich, froh, etwas gefunden zu haben, &#xFC;ber das ich reden konnte. »Rum hat mit Schmecken nicht viel zu tun. Er ist nicht so einfach ein Getr&#xE4;nk – er ist schon mehr ein Freund. Ein Freund, der alles leichter macht. Er ver&#xE4;ndert die Welt. Und deshalb trinkt man ja« Ich schob das Glas beiseite. »Aber soll ich Ihnen nicht noch einen Martini bestellen?«</p><p>»Lieber einen Rum«, sagte sie. »Ich m&#xF6;chte ihn auch mal versuchen.«</p><p>»Gut«, erwiderte ich, »aber nicht diesen. Der ist f&#xFC;r den Anfang zu schwer. Bring einen Baccardi-Cocktail«, rief ich zu Fred hin&#xFC;ber.</p><p>Fred brachte die Gl&#xE4;ser. Er setzte auch eine Schale mit Salzmandeln und schwarzgebrannten Kaffeebohnen dazu.</p><p>»La&#xDF; meine Flasche nur gleich hier stehen«, sagte ich.</p><p>Langsam schwand die Unsicherheit, die Worte kamen von selber, und ich achtete nicht mehr so darauf, was ich sagte. Ich trank weiter und sp&#xFC;rte, wie die gro&#xDF;e, weiche Welle herankam und mich erfa&#xDF;te. Pl&#xF6;tzlich war es nicht mehr die Bar – es war eine Ecke der Welt. Das M&#xE4;dchen war fremd und geheimnisvoll. Ich h&#xF6;rte mich sprechen, aber es war, als w&#xE4;re ich es nicht mehr, als spr&#xE4;che jetzt ein anderer.</p><p>Es war schon dunkel, als ich Patrice Hollmann nach Hause brachte. Langsam ging ich zur&#xFC;ck. Ich f&#xFC;hlte mich pl&#xF6;tzlich allein und leer. Ich hatte zuviel getrunken, das merkte ich jetzt. Einen sch&#xF6;nen Eindruck mu&#xDF;te das M&#xE4;dchen von mir bekommen haben! Sie hatte es sicher gemerkt. Sie hatte ja selbst fast nichts getrunken.</p><p>Aber ich &#xE4;rgerte mich nicht nur &#xFC;ber mich – ich &#xE4;rgerte mich &#xFC;ber alles –, auch &#xFC;ber das M&#xE4;dchen. Sie war ja der Anla&#xDF; gewesen, da&#xDF; ich mich betrunken hatte.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Das Wetter wurde warm und feucht, und es regnete einige Tage lang. Dann kl&#xE4;rte es sich auf. Als ich am Freitagmorgen in die Werkstatt kam, sah ich Mathilde Sto&#xDF; auf dem Hof stehen.</p><p>»Nu sehen Sie doch mal, Herr Lohkamp! Is doch immer wieder‘n Wunder.«</p><p>Ich blieb &#xFC;berrascht stehen. Der alte Pflaumenbaum war &#xFC;ber Nacht aufgebl&#xFC;ht.</p><p>»Und der Geruch«, sagte Mathilde und verdrehte die Augen, »wunderbar – genauso wie Ihr Rum…«</p><p>Ich roch nichts. Aber ich verstand sofort.</p><p>»Es riecht mehr nach dem Kundenkognak«, behauptete ich.</p><p>Ich schenkte ihr ein Glas Rum ein und ging dann zur Benzinpumpe, Jupp sa&#xDF; schon da. Er hatte vor sich eine Anzahl abgeschnittener Bl&#xFC;tenzweige stehen.</p><p>»Was soll denn das hei&#xDF;en?« fragte ich erstaunt.</p><p>»F&#xFC;r die Damen«, erkl&#xE4;rte Jupp. »Wenn sie tanken, gibt‘s so einen Zweig gratis. Habe daraufhin schon neunzig Liter mehr verkauft. Der Baum ist Gold wert, Herr Lohkamp.«</p><p>»Du bist ein gesch&#xE4;ftst&#xFC;chtiger Knabe.«</p><p>Er grinste. Ich ging zur Grube hin&#xFC;ber, wo Lenz gerade unter dem Ford hervorkroch.</p><p>»Robby«, sagte er, »mir ist da was eingefallen. Wir m&#xFC;ssen uns mal um das M&#xE4;dchen von dem Binding k&#xFC;mmern.«</p><p>Ich starrte ihn an. »Wie meinst du das?«</p><p>»Genau, wie ich es sage. Aber was starrst du denn so? Wie hie&#xDF; das M&#xE4;dchen eigentlich noch? Pat, aber wie weiter?«</p><p>»Wei&#xDF; ich nicht«, erwiderte ich.</p><p>»Du hast doch ihre Adresse aufgeschrieben!«</p><p>»Habe den Zettel verloren.«</p><p>»Verloren!« Er sah mich an. »Dilettant! Um so schlimmer! Wei&#xDF;t du denn nicht, was das f&#xFC;r ein M&#xE4;dchen war? Herrgott!« Er starrte zum Himmel. »L&#xE4;uft uns endlich schon mal was Richtiges &#xFC;ber den Weg, dann verlierst du die Adresse!«</p><p>»So gro&#xDF;artig fand ich sie gar nicht.«</p><p>»Weil du ein Esel bist«, erwiderte Lenz, »der nichts kennt, was &#xFC;ber das Niveau der Huren aus dem Caf&#xE9; International hinausgeht! Du Klavierspieler! Es war ein besonderer Gl&#xFC;cksfall, dieses M&#xE4;dchen! Du hast nat&#xFC;rlich keine Ahnung von so was! Hast du dir die Augen angesehen? Nat&#xFC;rlich nicht – du hast dein Schnapsglas angesehen. Endlich einmal ein M&#xE4;dchen, wie es sein mu&#xDF;, sch&#xF6;n, nat&#xFC;rlich und, was das wichtigste ist, mit Atmosph&#xE4;re« – er unterbrach sich –, »wei&#xDF;t du &#xFC;berhaupt, was das ist, Atmosph&#xE4;re?«</p><p>Gottfried redete weiter. Er hatte ja keine Ahnung davon, was passiert war und da&#xDF; jedes Wort von ihm mich traf. Besonders jedes &#xFC;ber das Trinken. Er lobte und lobte das M&#xE4;dchen, und mir wurde bald zumute, als h&#xE4;tte ich wirklich etwas Besonderes verloren.</p><p>&#xC4;rgerlich ging ich um sechs Uhr zum Caf&#xE9; International. Zu meinem Erstaunen herrschte ein Riesenbetrieb, als ich eintrat. Auf der Theke standen Torten und Alois rannte mit einem Tablett voll Kaffeegeschirr ins Hinterzimmer. Ich blieb stehen. Der Wirt kl&#xE4;rte mich auf. Heute war im Hinterzimmer die Abschiedsfeier f&#xFC;r Rosas Freundin Lilly. Ich schlug mich vor den Kopf. Nat&#xFC;rlich, dazu war ich ja eingeladen! Als einziger Mann sogar, wie Rosa bedeutungsvoll gesagt hatte.</p><p>Ich ging rasch noch einmal los und besorgte einen Strau&#xDF; Blumen, eine Ananas, eine Kinderklapper und eine Tafel Schokolade. Rosa empfing mich mit dem L&#xE4;cheln einer gro&#xDF;en Dame. Sie trug ein schwarzes, ausgeschnittenes Kleid und thronte oben am Tisch. Ihre Goldz&#xE4;hne leuchteten. Ich erkundigte mich, wie es ihrer Kleinen ginge, und &#xFC;berreichte f&#xFC;r sie die Zelluloidklapper und die Schokolade. Rosa strahlte. Ich wandte mich mit der Ananas und den Blumen an Lilly.</p><p>»Meine herzlichsten Gl&#xFC;ckw&#xFC;nsche!«</p><p>»Er ist und bleibt ein Kavalier!« sagte Rosa. »Und nun komm, Robby, setz dich zwischen uns beide.«</p><p>Lilly war die beste Freundin Rosas. Sie hatte eine gl&#xE4;nzende Karriere hinter sich. Sie war eine Hotelfrau. Sie geht nicht auf den Stra&#xDF;enstrich – sie wohnt im Hotel und macht da ihre Bekanntschaften. Fast alle Huren kommen nicht dazu – sie haben nicht genug Garderobe und auch nie genug Geld. Lilly hatte zwar nur in Provinzhotels gelebt; aber sie hatte fast viertausend Mark gespart. Jetzt wollte sie heiraten. Ihr k&#xFC;nftiger Mann betrieb ein kleines Installationsgesch&#xE4;ft. Er wu&#xDF;te alles von ihr, und es war ihm gleichg&#xFC;ltig. F&#xFC;r die Zukunft konnte er unbesorgt sein; wenn eines dieser M&#xE4;dchen heiratete, war es zuverl&#xE4;ssig. Sie waren treu. Lilly sollte Montag heiraten. Heute gab Rosa ihr einen Abschiedskaffee. Nach ihrer Hochzeit konnte sie nicht mehr hierher kommen.</p><p>Rosa schenkte mir eine Tasse Kaffee ein. Sie legte mir ein m&#xE4;chtiges St&#xFC;ck von Kuchen auf. Ich wu&#xDF;te, was ich zu tun hatte.</p><p>»Der ist aber bestimmt nicht im Laden gekauft…«</p><p>»Selbstgebacken«, sagte Rosa gl&#xFC;cklich.</p><p>Sie war eine gute K&#xF6;chin und hatte gern, wenn man es anerkannte.</p><p>Die Unterhaltung hier konnte jedem Damenkr&#xE4;nzchen Ehre machen.</p><p>»Alles schon vorbereitet, Lilly?« fragte ich. Sie nickte.</p><p>»Die Aussteuer hatte ich ja schon lange. Wunderbare Aussteuer«, sagte Rosa.</p><p>Ich setzte mich ans Klavier. Rosa hatte schon darauf gewartet. Sie liebte Musik wie alle diese M&#xE4;dchen. Ich spielte zum Abschied noch einmal alle ihre und Lillys Lieblingsschlager. Zu Anfang das »Gebet einer Jungfrau«. Dann folgte »Der V&#xF6;glein Abendlied«, das »Alpengl&#xFC;hen«, »Wenn die Liebe stirbt«, »Die Millionen des Harlekin« und zum Schlu&#xDF; »Nach der Heimat m&#xF6;cht‘ ich wieder«. Das liebte Rosa besonders. Huren sind ja das H&#xE4;rteste und Sentimentalste zugleich. Alle sangen es mit.</p><p>Lilly mu&#xDF;te ihren Br&#xE4;utigam abholen. Rosa k&#xFC;&#xDF;te sie herzhaft ab.</p><p>»Mach‘s gut, Lilly.«</p><p>Beladen mit Geschenken ging sie davon.Sie hatte ein ganz anderes Gesicht als fr&#xFC;her. Es hatte wieder etwas von einem jungen M&#xE4;dchen. Wir standen vor der T&#xFC;r und winkten Lilly nach. Die ganze Gesellschaft kehrte in das dunkle International zur&#xFC;ck. Aber es kam keine rechte Stimmung mehr auf.</p><p>»Spiel uns noch einen zum Schlu&#xDF;, Robby!« sagte Rosa. »Zum Aufmuntern.«</p><p>»Sch&#xF6;n«, erwiderte ich. »Wollen wir mal den ›Alten Kameradenmarsch‹‚ runterhauen.«</p><p>Dann verabschiedete ich mich auch. Ich &#xFC;berlegte, was ich machen sollte. In die Bar wollte ich auf keinen Fall; in ein Kino auch nicht; in die Werkstatt? Unschl&#xFC;ssig sah ich nach der Uhr. Es war acht. Jetzt mu&#xDF;te K&#xF6;ster wieder zur&#xFC;ck sein. Wenn er da war, konnte Lenz nicht wieder stundenlang &#xFC;ber das M&#xE4;dchen reden. Ich ging hin. In der Bude war Licht. Nicht nur in der Bude – auch der ganze Hof war &#xFC;berflutet. K&#xF6;ster war allein da.</p><p>»Was ist denn hier los, Otto?« fragte ich. »Hast du vielleicht den Cadillac verkauft?«</p><p>K&#xF6;ster lachte. »Nein. Gottfried hat nur ein bi&#xDF;chen illuminiert.«</p><p>Es sah wunderbar aus.</p><p>»Gro&#xDF;artig«, sagte ich. »Wo ist er denn?«</p><p>»Er holt was zu essen.«</p><p>»Gl&#xE4;nzende Idee. F&#xFC;hle mich so ein bi&#xDF;chen hungrig.« K&#xF6;ster nickte »Essen ist immer gut. Hauptgesetz aller alten Krieger. Ich habe heute Karl zum Rennen gemeldet.«</p><p>»Was?« sagte ich.</p><p>»Etwa zum Sechsten?«</p><p>Er nickte. »Verdammt noch mal, Otto, da starten doch allerlei Kanonen.« Er nickte wieder.</p><p>»In der Sportwagenklasse Braum&#xFC;ller.«</p><p>»Halt«, rief Gottfried, der gerade hereinkam, »erst futtern!«</p><p>Er packte das Abendbrot aus – K&#xE4;se, Brot, steinharte R&#xE4;ucherwurst und Sprotten. Dazu tranken wir gut gek&#xFC;hltes Bier. Zwei Stunden arbeiteten wir dann an Karl herum und kontrollierten und schmierten alle Lager. Hinterher a&#xDF;en Lenz und ich zum zweitenmal Abendbrot. Gottfried beleuchtete jetzt auch den Ford. Durch Zufall war bei dem Zusammensto&#xDF; einer der Scheinwerfer heil geblieben.</p><p>»So, Robby, nun hol mal die Flaschen. Wir wollen das ›Fest des bl&#xFC;henden Baumes‹ feiern.«</p><p>Ich stellte den Kognak, den Gin und zwei Gl&#xE4;ser auf den Tisch.</p><p>»Und du?« fragte Gottfried.</p><p>»Ich trinke nichts.«</p><p>»Was? Warum nicht?«</p><p>»Weil ich keine Lust dazu mehr habe.«</p><p>Lenz betrachtete mich eine Weile.</p><p>»Unser Kind ist &#xFC;bergeschnappt, Otto«, sagte er dann zu K&#xF6;ster.</p><p>»La&#xDF; ihn doch, wenn er nicht will.« Lenz schenkte sich sein Glas voll.</p><p>»Der Junge ist schon seit einiger Zeit etwas verr&#xFC;ckt.«</p><p>»Ist noch nicht das Schlechteste«, erkl&#xE4;rte ich.</p><p>Der Mond kam gro&#xDF; und rot hinter dem Dach der Fabrik gegen&#xFC;ber hervor. Wir sa&#xDF;en eine Weile und schwiegen.</p><p>»Sag mal, Gottfried«, begann ich dann, »du bist doch ein Fachmann in der Liebe, nicht?«</p><p>»Fachmann? Ich bin der Altmeister der Liebe«, erwiderte Lenz bescheiden.</p><p>»Sch&#xF6;n. Ich m&#xF6;chte n&#xE4;mlich mal wissen, ob man sich eigentlich dabei immer bl&#xF6;dsinnig benimmt.«</p><p>»Wieso bl&#xF6;dsinnig?«</p><p>»Na so, als ob man halb trunken ist. Herumredet und Unsinn quatscht und schwindelt.«</p><p>Lenz brach in ein Gel&#xE4;chter aus.</p><p>»Aber Baby! Das Ganze ist doch eine L&#xFC;ge. Eine wunderbarere L&#xFC;ge von Mama Natur. Schau dir den Pflaumenbaum an! Er schwindelt auch gerade. Macht sich sch&#xF6;ner, als er nachher ist. Es w&#xE4;re ja scheu&#xDF;lich, wenn Liebe was mit Wahrheit zu tun h&#xE4;tte.«</p><p>Ich richtete mich auf. »Du meinst, ohne etwas Schwindel geht‘s &#xFC;berhaupt nicht?«</p><p>»&#xDC;berhaupt nicht, Kindchen. Mach, was du willst – steh kopf, rede den d&#xFC;mmsten Quatsch, prahle wie ein Pfau, singe vor ihrem Fenster, nur eins tu nicht; sei nicht sachlich! Nicht vern&#xFC;nftig!«</p><p>Ich wurde lebendig. »Was meinst du dazu, Otto?«</p><p>K&#xF6;ster lachte. »Wird wohl stimmen.«</p><p>Er stand auf und klappte Karls Motorhaube auf. Ich holte meine Rumflasche und ein Glas und stellte sie auf den Tisch. Otto lie&#xDF; den Wagen an. Der Motor schlurfte ganz tief und verhalten. Lenz hatte die F&#xFC;&#xDF;e auf der Fensterbank und starrte hinaus. Ich setzte mich neben ihn.</p><p>»Warst du schon mal betrunken, wenn du mit einer Frau zusammen warst?«</p><p>»Oft«.</p><p>»Und?«</p><p>Er sah mich aus schr&#xE4;gen Augen an. »Nie entschuldigen, Baby. Nie reden. Blumen schicken. Ohne Brief. Nur Blumen. Die decken alles zu.«</p><p>Ich sah ihn an. »K&#xF6;nnte nun eigentlich ruhig etwas trinken«, sagte ich und machte die Flasche auf.</p><p>Ich ging fr&#xFC;h nach Hause. Als ich die Korridort&#xFC;r aufschlo&#xDF;, h&#xF6;rte ich Musik. Es war das Grammophon Erna B&#xF6;nigs, der Sekret&#xE4;rin. Eine leise, klare Frauenstimme sang. »Wie hab‘ ich nur leben k&#xF6;nnen ohne dich«, sang die Stimme, ein paar Schritte weiter hinter der T&#xFC;r. Ich zuckte die Achseln und ging in mein Zimmer. Nebenan h&#xF6;rte ich erregtes Gez&#xE4;nk. Ein paar Minuten sp&#xE4;ter klopfte es bei mir und Hasse kam herein.</p><p>»St&#xF6;re ich Sie?« fragte er m&#xFC;de.</p><p>»Gar nicht«, sagte ich. »Wollen Sie was trinken?«</p><p>»Lieber nicht. Nur etwas sitzen.« Er sah stumpf vor sich hin. »Sie haben‘s gut«, sagte er, »Sie sind allein…«</p><p>»Ach Unsinn«, erwiderte ich. »Immer so allein‚ rumsitzen, das ist auch nichts – k&#xF6;nnen Sie mir schon glauben…«</p><p>Er sa&#xDF; zusammengesunken in seinem Sessel.</p><p>»Hab‘ mir das Leben ganz anders vorgestellt«, sagte er nach einer Weile.</p><p>»Haben wir alle«, sagte ich.</p><p>Nach einer halben Stunde ging er wieder hin&#xFC;ber, um sich mit seiner Frau zu vertragen. Ich gab ihm ein paar Zeitungen und eine halbe Flasche Cura&#xE7;ao mit, die noch von irgendwann auf meinem Schrank herumstand – ein unangenehmes, s&#xFC;&#xDF;es Zeug, aber f&#xFC;r ihn ganz gut. Er verstand doch nichts davon.</p><p>Ich setzte mich ans Fenster. Drau&#xDF;en lag der Friedhof im blauen Mondlicht. Ich sa&#xDF; ziemlich lange und dachte an allerlei Dinge. Auch daran, wie wir damals zur&#xFC;ckgekommen waren aus dem Kriege, jung, ohne Glauben, wie Bergleute aus einem eingest&#xFC;rzten Schacht. Die Zeit der gro&#xDF;en Menschen- und M&#xE4;nnertr&#xE4;ume war vorbei. Die Betriebsamen triumphierten. Die Korruption. Das Elend.</p><p>Am n&#xE4;chsten Morgen brach ich fr&#xFC;hzeitig auf und klopfte den Besitzer eines kleinen Blumenladens aus seiner Wohnung, bevor ich zur Werkstatt ging. Ich suchte einen Busch Rosen bei ihm aus und sagte ihm, er m&#xF6;ge sie gleich fortschicken. Es war ein wenig sonderbar f&#xFC;r mich, als ich die Adresse langsam auf die Karte schrieb: Patrice Hollmann.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>K&#xF6;ster war in seinem &#xE4;ltesten Anzug zum Finanzamt gefahren. Er wollte versuchen, unsere Steuern herunterzukriegen. Lenz und ich waren allein in der Werkstatt.</p><p>»Los, Gottfried«, sagte ich, »‘ran an den dicken Cadillac.«</p><p>Am Abend vorher war unser Inserat erschienen. Wir konnten also heute mit Kunden rechnen – wenn &#xFC;berhaupt jemand kam. Es galt, den Wagen vorzubereiten. Gottfried hob Lenz die H&#xE4;nde zum Himmel. »Nun komm, gesegneter Kunde! Komm, lieblicher Brieftaschenbesitzer!</p><p>Ein paar Stunden arbeiteten wir ruhig, ohne viel zu reden. Dann h&#xF6;rte ich Jupp von der Benzinpumpe her das Lied: »Horch, was kommt von drau&#xDF;en‚ rein…« pfeifen. Ich kletterte aus der Grube und schaute durchs Fenster. Ein kleiner, untersetzter Mann strich um den Cadillac herum. Er sah b&#xFC;rgerlich und solide aus.</p><p>»Schau mal, Gottfried«, fl&#xFC;sterte ich.</p><p>»Sieh dir das Gesicht an. Der ist schon mi&#xDF;trauisch, bevor jemand da ist. Los, ran! Ich bleibe hier als Reserve. Komme nach, wenn du es nicht schaffst. Denk an meine Tricks!«</p><p>»Gut.«</p><p>Ich ging‚ raus. Der Mann sah mir aus klugen schwarzen Augen entgegen. Ich stellte mich vor.</p><p>»Lohkamp.«</p><p>»Blumenthal.«</p><p>Das war Gottfrieds erster Trick: sich vorzustellen. Er behauptete, es g&#xE4;be gleich eine intimere Atmosph&#xE4;re. Sein zweiter Trick war, sehr reserviert zu beginnen und den Kunden auszuhorchen, um dann da einzuhaken, wo es richtig war.</p><p>»Sie kommen wegen des Cadillacs, Herr Blumenthal?« fragte ich. Blumenthal nickte. »Da dr&#xFC;ben ist er«, sagte ich und zeigte hin&#xFC;ber.</p><p>»Das sehe ich«, erwiderte Blumenthal. Ich warf ihm einen kurzen Blick zu.</p><p>Wir gingen &#xFC;ber den Hof. Ich &#xF6;ffnete eine T&#xFC;r des Wagens und lie&#xDF; den Motor an. Dann schwieg ich, um Blumenthal Zeit zur Besichtigung zu lassen. Aber Blumenthal besichtigte nicht. Er kritisierte auch nicht. Er schwieg. Ich begann langsam und systematisch, den Cadillac zu beschreiben, wie eine Mutter ihr Kind, und versuchte dabei herauszukriegen, ob der Mann irgend etwas verstand. War er Fachmann, dann mu&#xDF;te ich mehr auf Motor und Chassis gehen – verstand er nichts, auf Komfort. Doch er verriet auch jetzt nichts. Er lie&#xDF; mich reden, bis ich mir vorkam wie ein Luftballon.</p><p>»Wozu wollen Sie den Wagen haben? F&#xFC;r die Stadt oder f&#xFC;r die Reise?« fragte ich schlie&#xDF;lich, um vielleicht da einen Punkt zu finden.</p><p>»F&#xFC;r alles m&#xF6;gliche«, erkl&#xE4;rte Blumenthal.</p><p>»Aha! Und wollen Sie ihn selbst fahren oder mit Chauffeur?«</p><p>»Je nachdem.«</p><p>Antworten gab der Mann wie ein Papagei. Um ihn aufzumuntern, versuchte ich, ihn irgend etwas probieren zu lassen. Gew&#xF6;hnlich wurden Kunden zug&#xE4;nglicher dadurch. Ich f&#xFC;rchtete, da&#xDF; er mir sonst einschlief.</p><p>»Das Verdeck geht f&#xFC;r ein so gro&#xDF;es Kabriolett besonders leicht«, sagte ich. Blumenthal probierte nicht.</p><p>Vielleicht wollte er gar nicht zu uns, vielleicht hatte er sich nur geirrt und wollte etwas ganz anderes kaufen, eine Maschine oder einen Radioapparat.</p><p>»Machen wir eine Probefahrt, Herr Blumenthal«, schlug ich schlie&#xDF;lich vor.</p><p>»Probefahrten zeigen nichts. Was am Wagen fehlt, merkt man immer erst hinterher.«</p><p>Der Mann wollte nicht, das war klar. Aber da sah er mir voll in die Augen und sagte leise und scharf und sehr rasch:</p><p>»Was kostet der Wagen?«</p><p>»Siebentausend Mark«, sagte ich, wie aus der Pistole geschossen.</p><p>»Viel zu teuer!«</p><p>In diesem Augenblick kam ein eleganter Stutzer durch das Hoftor. Er zog eine Zeitung aus der Tasche, verglich die Hausnummer noch einmal und schritt auf mich zu.</p><p>»Ist hier der Cadillac zu verkaufen?« Ich nickte. »K&#xF6;nnte ich ihn mal sehen?«</p><p>»Das ist er hier«, sagte ich, »aber vielleicht warten Sie einen Moment, ich habe noch zu tun.«</p><p>Ich ging dann rasch zu Blumenthal zur&#xFC;ck.</p><p>»Wenn Sie den Wagen einmal gefahren haben, werden Sie anders &#xFC;ber den Preis denken«, sagte ich. »Sie k&#xF6;nnen ihn gern so lange probieren, wie Sie wollen. Vielleicht kann ich Sie auch abends zu einer Probefahrt abholen, wenn Ihnen das besser pa&#xDF;t.«</p><p>Ich sah, da&#xDF; vorl&#xE4;ufig nichts weiter zu machen war. Dieser Mann war nicht zu bereden. Auf einmal rauchte er. Sogar Corona-Coronas – er mu&#xDF;te Geld wie Heu haben.</p><p>Aber es war mir schon egal. Ich nahm die Zigarre. Er gab mir freundlich die Hand und ging. Dann ging ich zur&#xFC;ck in die Werkstatt.</p><p>»Na«, begr&#xFC;&#xDF;te mich der Stutzer Gottfried Lenz, »wie hab‘ ich das gemacht? Sah, wie du da herumw&#xFC;rgtest, und wollte mal etwas nachhelfen. Ein Gl&#xFC;ck, da&#xDF; Otto sich hier f&#xFC;rs Finanzamt umgezogen hat! Sah seinen guten Anzug da h&#xE4;ngen – sauste im Galopp‚ rein, durchs Fenster‚ raus und wieder hierher als seri&#xF6;ser K&#xE4;ufer! Gut gemacht, was?«</p><p>»Idiotisch gemacht«, erwiderte ich, »der Mann ist schlauer als wir beide zusammen! Sieh dir die Zigarre an! Eine Mark f&#xFC;nfzig das St&#xFC;ck. Du hast mir einen Milliard&#xE4;r verjagt.«</p><p>Gottfried nahm mir die Zigarre aus der Hand, beroch sie und z&#xFC;ndete sie sich an.</p><p>»Ich habe dir einen Schwindler verjagt. Milliard&#xE4;re rauchen nicht solche Zigarren. Die rauchen welche zu einem Groschen das St&#xFC;ck.«</p><p>»Unsinn«, antwortete ich, »Schwindler nennen sich nicht Blumenthal. Die nennen sich Graf Blumenau oder so.«</p><p>»Der Mann kommt wieder«, meinte Lenz, hoffnungsvoll wie immer, und blies mir den Rauch meiner Zigarre ins Gesicht.</p><p>»Der nicht«, sagte ich &#xFC;berzeugt.</p><p>»Sie sind angerufen worden«, sagte Frida, das Dienstm&#xE4;dchen Frau Zalewskis, als ich mittags auf einen Sprung nach Hause kam. Ich drehte mich um.</p><p>»Wann?«</p><p>»Vor‚ ner halben Stunde. War‚ ne Dame.«</p><p>»Was hat sie denn gesagt?«</p><p>»Sie will abends noch mal anrufen.«</p><p>»Hat die Dame nicht ihren Namen genannt?«</p><p>»Nee«, sagte Frida.</p><p>»Was hatte sie denn f&#xFC;r eine Stimme? Ein bi&#xDF;chen dunkel und tief und so, als w&#xE4;re sie etwas heiser?«</p><p>»Wei&#xDF; ich nicht«, erkl&#xE4;rte Frida phlegmatisch, als h&#xE4;tte ich ihr nie eine Mark in die Hand gedr&#xFC;ckt.</p><p>Abends um sechs Uhr war ich p&#xFC;nktlich zu Hause. Als ich die T&#xFC;r aufmachte,sah ich ein ungewohntes Bild. Auf dem Korridor stand Frau Bender, die S&#xE4;uglingsschwester, umgeben von s&#xE4;mtlichen Damen der Pension.</p><p>»Kommen Sie mal her«, sagte Frau Zalewski.</p><p>Die Ursache der Versammlung war ein Baby, das vielleicht ein halbes Jahr alt war. Frau Bender hatte ihn aus ihrem Heim in einem Kinderwagen mitgebracht.</p><p>»Ist es nicht ein reizendes Wesen?« fragte Frau Zalewski mit schwimmenden Blick.</p><p>»Das kann man erst so in zwanzig, drei&#xDF;ig Jahren richtig beurteilen«, erwiderte ich.</p><p>Ich sah hin. Es war ein Baby wie alle. Ich konnte nichts Besonderes daran entdecken.</p><p>»Der arme Wurm«, sagte ich, »der hat noch keine Ahnung, was ihm bevorsteht. M&#xF6;chte wissen, f&#xFC;r was f&#xFC;r einen Krieg der gerade zurechtkommt.«</p><p>»Rohling«, erwiderte Frau Zalewski. »Haben Sie denn kein Gef&#xFC;hl?«</p><p>»Viel zuviel«, erkl&#xE4;rte ich, »sonst k&#xE4;me ich ja nicht auf solche Gedanken.«</p><p>Damit zog ich ab in mein Zimmer.</p><p>Zehn Minuten sp&#xE4;ter klingelte das Telefon. Ich h&#xF6;rte meinen Namen und ging hinaus. Die ganze Gesellschaft war noch da! Es war Patrice Hollmann, die sich f&#xFC;r die Blumen bedankte. Das Baby fing pl&#xF6;tzlich an zu weinen.</p><p>»Entschuldigen Sie«, sagte ich in das Telefon, »ich kann Sie nicht verstehen, hier ist ein S&#xE4;ugling; aber es ist nicht meiner.«</p><p>Es war mir ein R&#xE4;tsel, da&#xDF; ich es fertigbrachte, mich trotzdem zum n&#xE4;chsten Abend zu verabreden.</p><p>Abends waren wir bei Gottfried verabredet. Ich a&#xDF; in einer kleinen Kneipe und ging dann hin. Unterwegs kaufte ich mir im elegantesten Herrenmodengesch&#xE4;ft zur Feier des Tages eine prachtvolle neue Krawatte. Ich war immer noch &#xFC;berrascht, wie glatt alles gegangen war, und ich gelobte mir, morgen seri&#xF6;s zu sein wie der Generaldirektor eines Beerdigungsinstitutes. Gottfrieds Bude war eine Sehensw&#xFC;rdigkeit. Sie hing voll von Reiseandenken, die er aus S&#xFC;damerika mitgebracht hatte. Au&#xDF;er Lenz und K&#xF6;ster waren Braum&#xFC;ller und Grau noch da. Theo Braum&#xFC;ller hockte mit sonnenverbranntem, kupfernem Sch&#xE4;del auf der Sofalehne und musterte begeistert Gottfrieds fotografische Sammlung. Er war Rennfahrer f&#xFC;r eine Autofabrik und seit langem mit K&#xF6;ster befreundet. Am Sechsten fuhr er das Rennen mit, zu dem Otto Karl gemeldet hatte. Ferdinand Grau sa&#xDF; massig, ziemlich betrunken am Tisch. Als er mich sah, zog er mich mit seiner breiten Pratze zu sich heran.</p><p>»Robby«, sagte er mit schwerer Stimme, »was willst du hier unter den Verlorenen? Du hast hier nichts zu suchen. Geh wieder weg. Rette dich. Du kannst es noch!«</p><p>Ich blickte zu Lenz hin&#xFC;ber. Er zwinkerte mir zu.</p><p>»Ferdinand ist hoch in Form. Er vers&#xE4;uft seit zwei Tagen eine liebe Tote. Hat ein Portr&#xE4;t verkauft und gleich Geld bekommen.«</p><p>Ferdinand Grau war Maler. Dabei w&#xE4;re er aber l&#xE4;ngst verhungert, wenn er nicht eine Spezialit&#xE4;t gehabt h&#xE4;tte. Er malte nach Fotografien fabelhaft Portr&#xE4;ts von Verstorbenen f&#xFC;r Angeh&#xF6;rige. Davon lebte er – sogar ganz gut. Seine Landschaften, die ausgezeichnet waren, kaufte kein Mensch.</p><p>Ich kletterte &#xFC;ber das Sofa zu K&#xF6;ster hin&#xFC;ber. Mir war pl&#xF6;tzlich etwas eingefallen.</p><p>»Otto, du mu&#xDF;t mir mal einen Gefallen tun. Ich brauche morgen abend den Cadillac.«</p><p>Braum&#xFC;ller unterbrach das intensive Studium einer wenig bekleideten kreolischen T&#xE4;nzerin.</p><p>»Kannst du denn schon Kurven fahren?« erkundigte er sich. »Ich dachte bis jetzt, du k&#xF6;nntest nur geradeaus fahren, wenn ein anderer f&#xFC;r dich steuert.«</p><p>»Sei du ruhig, Theo«, erwiderte ich, »aus dir werden wir beim Rennen am Sechsten schon Hackfleisch machen.«</p><p>Braum&#xFC;ller gluckste vor Lachen.</p><p>»Also wie ist das, Otto?« fragte ich gespannt.</p><p>»Der Wagen ist nicht versichert, Robby«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Ich werde wie eine Schnecke schleichen und wie ein Omnibus hupen. Nur ein paar Kilometer in der Stadt.«</p><p>Otto schlo&#xDF; die Augen bis auf einen kleinen Spalt und l&#xE4;chelte.</p><p>»Gut, Robby; meinetwegen.«</p><p>»Brauchst du den Wagen vielleicht zu deiner neuen Krawatte?« fragte Lenz, der herangekommen war.</p><p>»Halt den Schnabel«, sagte ich und schob ihn beiseite. Aber er lie&#xDF; nicht locker. »Zeig mal her, Baby!«</p><p>Er bef&#xFC;hlte die Seide. »Herrlich. Unser Kind als Gigolo. Mir scheint, du willst auf Brautschau!«</p><p>»Du kannst mich heute nicht beleidigen, du Verwandlungsk&#xFC;nstler«, erwiderte ich.</p><p>Grau sa&#xDF; schwer und massig da, pl&#xF6;tzlich in sich selbst und seine Trunkenheit versunken. Sein Leben war kaputt, und er wu&#xDF;te, da&#xDF; er es nicht mehr zusammenbringen konnte. Er hauste in seinem gro&#xDF;en Atelier und hatte ein Verh&#xE4;ltnis mit seiner Haush&#xE4;lterin. Die Frau war fest und derb. Grau dagegen, trotz seines m&#xE4;chtigen K&#xF6;rpers, empfindsam und haltlos. Er kam nicht los von ihr, und es war ihm wohl auch schon egal. Er war zweiundvierzig Jahre alt. Obschon ich wu&#xDF;te, da&#xDF; es die Betrunkenheit war, f&#xFC;hlte ich doch einen leisen, merkw&#xFC;rdigen Schauer, als ich ihn so sah. Er kam nicht oft und trank fast immer allein in seinem Atelier. Das bringt einen rasch‚ runter. Lenz zog das Grammophon auf. Er hatte einen Haufen Negerplatten und spielte ein paar – vom Mississippi, von Baumwollpfl&#xFC;ckern und von den schw&#xFC;len N&#xE4;chten an den blauen tropischen Fl&#xFC;ssen.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Patrice Hollmann wohnte in einem gro&#xDF;en gelben H&#xE4;userblock. Vor dem Eingang stand eine Laterne. Ich parkte den Cadillac direkt darunter. Er sah in dem bewegten Licht aus wie ein m&#xE4;chtiger Elefant. Ich hatte meine Garderobe noch weiter vervollst&#xE4;ndigt. Zu der Krawatte hatte ich noch einen neuen Hut und ein Paar Handschuhe gekauft – au&#xDF;erdem trug ich einen Ulster<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a> von Lenz, ein herrliches graues St&#xFC;ck aus feinster Shetlandwolle. So ausger&#xFC;stet, wollte ich meinen ersten s&#xE4;uferischen Eindruck nachdr&#xFC;cklich in die Flucht schlagen. Ich hupte. Patrice Hollmann &#xF6;ffnete die T&#xFC;r und kam rasch die Treppe herunter. Sie trug eine kurze braune Pelzjacke und einen engen braunen Rock.</p><p>»Hallo!« Sie streckte mir die Hand entgegen. »Ich freue mich so, herauszukommen. Ich war den ganzen Tag zu Hause.«</p><p>Ich hatte gern, wie sie die Hand gab – mit einem Druck, der kr&#xE4;ftiger war, als man vermutete. Ich ha&#xDF;te Leute, die einem schlaff die Hand hinhielten wie einen toten Fisch.</p><p>»Warum haben Sie mir das nicht fr&#xFC;her gesagt«, erwiderte ich. »Ich h&#xE4;tte Sie dann schon mittags abgeholt.«</p><p>»Haben Sie denn soviel Zeit?«</p><p>»Das nicht. Aber ich h&#xE4;tte mich schon frei gemacht.«</p><p>Sie holte tief Atem. »Wunderbare Luft! Es riecht nach Fr&#xFC;hling.«</p><p>»Wenn Sie Lust haben, k&#xF6;nnen wir in der Luft herumfahren, soviel Sie wollen«, sagte ich, »nach drau&#xDF;en, vor die Stadt, durch den Wald – ich habe einen Wagen mitgebracht.«</p><p>Damit zeigte ich auf den Cadillac, als w&#xE4;re er ein alter Ford.</p><p>»Der Cadillac?« &#xDC;berrascht sah sie mich an. »Geh&#xF6;rt der Ihnen?«</p><p>»Heute abend, ja. Sonst geh&#xF6;rt er unserer Werkstatt.«</p><p>Ich &#xF6;ffnete die T&#xFC;r. »Wollen wir zuerst in die ›Traube‹ fahren und essen? Was meinen Sie dazu?«</p><p>»Essen schon, aber wozu gerade in der ›Traube‹?«</p><p>»Dann m&#xFC;ssen Sie schon etwas vorschlagen«, sagte ich. »Die Lokale, die ich n&#xE4;mlich sonst noch kenne, sind etwas handfest. Ich glaube, das ist nichts f&#xFC;r Sie.«</p><p>»Gut.« Ich warf entschlossen mein ganzes Programm um. »Dann gehen wir zu Alfons.«</p><p>»Alfons klingt schon sehr gut«, erwiderte sie.«</p><p>»Alfons ist ein Bierwirt«, sagte ich, »ein guter Freund von Lenz.«</p><p>Sie lachte. »Lenz hat wohl &#xFC;berall Freunde?«</p><p>Ich nickte. »Er findet sie auch leicht.«</p><p>Wir fuhren los.</p><p>Alfons war ein schwerer, ruhiger Mann. Kleine Augen. Arme wie ein Gorilla. Er warf jeden, der ihm in seiner Kneipe nicht pa&#xDF;te, selbst‚ raus. F&#xFC;r sehr schwierige G&#xE4;ste hatte er einen Hammer unter der Theke bereit. Das Lokal lag praktisch; dicht beim Krankenhaus. Alfons sparte so die Transportkosten.</p><p>»Bier?« fragte er.</p><p>»Korn und was zu essen«, sagte ich.</p><p>»Und die Dame?« fragte Alfons.</p><p>»Die Dame will auch einen Korn«, sagte Patrice Hollmann.</p><p>»Heftig, heftig«, meinte Alfons. »Es gibt Schweinerippchen mit Sauerkraut.Also zwei Portionen?« Sie nickte. »Sch&#xF6;n! Werde mal selbst aussuchen.«</p><p>Er ging in die K&#xFC;che. »Ich nehme meine Zweifel wegen des Lokals zur&#xFC;ck«, sagte ich. »Sie haben Alfons im Sturm erobert.«</p><p>Alfons kam zur&#xFC;ck. Der Korn kam. Drei Gl&#xE4;ser. Eins f&#xFC;r Alfons mit.</p><p>»Na, denn Prost«, sagte er. »Auf da&#xDF; unsere Kinder reiche Eltern kriegen.«</p><p>Wir kippten die Gl&#xE4;ser.</p><p>»Schmeckt Ihnen der Korn?« fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte sich. »Etwas kr&#xE4;ftig. Aber ich kann mich doch vor Alfons nicht blamieren.«</p><p>Patrice Hollmann a&#xDF; bedeutend mehr, als ich ihr zugetraut hatte. Ich fand es gro&#xDF;artig. Sie trank auch ohne Ziererei noch einen zweiten Korn mit Alfons. Der zwinkerte mir heimlich zu, er f&#xE4;nde die Sache richtig. Und Alfons war ein Kenner. Nicht gerade in bezug auf Sch&#xF6;nheit und Kultur – wohl aber in bezug auf Kern und Gehalt.</p><p>»Wenn Sie Gl&#xFC;ck haben, lernen Sie Alfons in seiner menschlichen Schw&#xE4;che kennen« Ich zeigte auf einen Tisch neben der Theke. »Da…«</p><p>»Was? Das Grammophon?«</p><p>»Nicht das Grammophon. Chorgesang! Alfons hat eine Schw&#xE4;che f&#xFC;r Chorgesang. Alles, was da an Platten liegt, sind Ch&#xF6;re. Da sehen Sie, er kommt.«</p><p>»Geschmeckt?« fragte Alfons.</p><p>»Wie bei Muttern«, erwiderte ich.</p><p>»Die Dame auch?«</p><p>»Die besten Schweinerippchen meines Lebens«, erkl&#xE4;rte die Dame.</p><p>Alfons nickte befriedigt. »Spiele euch jetzt mal meine neue Platte vor. Werdet staunen.«</p><p>Er ging zum Grammophon. Es sang »Schweigen im Walde«. Es war ein verflucht lautes Schweigen. Vom ersten Takt an wurde alles im Lokal still. Alfons Gesicht ver&#xE4;nderte sich unter der Macht der Musik. Es wurde tr&#xE4;umerisch – so tr&#xE4;umerisch, wie eben ein Gorilla werden kann. Die Platte lief aus. Alfons kam heran.</p><p>»Wunderbar«, sagte ich.</p><p>»Besonders der erste Tenor«, erg&#xE4;nzte Patrice Hollmann.</p><p>»Richtig«, meinte Alfons und wurde zum erstenmal lebhafter, »Sie verstehen was davon! Der erste Tenor ist ganz gro&#xDF;e Klasse.«</p><p>Wir verabschiedeten uns von ihm.</p><p>»Gr&#xFC;&#xDF;t Gottfried«, sagte er.</p><p>Wir standen auf der Stra&#xDF;e. Patrice Hollmann schauerte ein wenig.</p><p>»Ist Ihnen kalt?« fragte ich.</p><p>Sie zog die Schultern hoch und steckte die H&#xE4;nde in die &#xC4;rmel ihrer Pelzjacke.</p><p>»Nur einen Augenblick. Es war drinnen ziemlich warm.«</p><p>»Sie sind zu leicht angezogen«, sagte ich. »Es ist abends noch kalt.« Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Ich trage nicht gern schwere Sachen. Und ich m&#xF6;chte, da&#xDF; es endlich einmal warm wird. Ich mag keine K&#xE4;lte. Wenigstens nicht in der Stadt.«</p><p>»Im Cadillac ist es warm«, sagte ich. »Zur Vorsicht habe ich auch eine Decke mitgebracht.«</p><p>Ich half ihr in den Wagen und legte ihr die Decke &#xFC;ber die Knie. Sie zog sie h&#xF6;her hinauf.</p><p>»Herrlich! So ist es wunderbar. K&#xE4;lte macht traurig.«</p><p>»Nicht nur K&#xE4;lte.« Ich setzte mich ans Steuer. »Wollen wir jetzt etwas spazierenfahren?«</p><p>Sie nickte. »Gern.«</p><p>»Wohin?«</p><p>»Einfach so langsam durch die Stra&#xDF;en.«</p><p>»Gut.«</p><p>Wir fuhren langsam durch die Stadt. Das M&#xE4;dchen sa&#xDF; schweigend neben mir; Helligkeit und Schatten glitten durch das Fenster &#xFC;ber ihr Gesicht. Ich sah manchmal zu ihr hin&#xFC;ber; sie erinnerte mich jetzt wieder an den Abend, wo ich sie zum erstenmal gesehen hatte..</p><p>Wir kamen in die ruhigen Stra&#xDF;en der Vororte. Der Wind wurde st&#xE4;rker. Ich hielt den Wagen an. Patrice Hollmann machte eine Bewegung, als erwache sie.</p><p>»Sch&#xF6;n ist das«, sagte sie nach einer Weile.</p><p>»Wenn ich einen Wagen h&#xE4;tte, w&#xFC;rde ich jeden Abend so langsam herumfahren. Man ist wach und tr&#xE4;umt zur selben Zeit.«</p><p>Ich zog ein P&#xE4;ckchen Zigaretten aus der Tasche und ri&#xDF; das P&#xE4;ckchen auf.</p><p>»Es sind amerikanische Zigaretten. M&#xF6;gen Sie die?«</p><p>»Ja. Lieber als andere sogar.«</p><p>Ich gab ihr Feuer. Ich hatte pl&#xF6;tzlich den verr&#xFC;ckten Gedanken, als geh&#xF6;rten wir seit langem zusammen.</p><p>»Wollen Sie jetzt etwas fahren?« fragte ich.</p><p>»Ich m&#xF6;chte schon; aber ich kann es nicht.«</p><p>»Wirklich nicht? Kommen Sie.«</p><p>Ich stieg aus, um sie ans Steuer zu lassen. Sie wurde aufgeregt.</p><p>»Aber ich kann wirklich nicht fahren.«</p><p>»Doch«, erwiderte ich. »Sie k&#xF6;nnen es. Sie wissen es nur noch nicht.«</p><p>Ich zeigte ihr, wie man schaltet und kuppelt. Sie hielt das Steuerrad fest und sah angespannt &#xFC;ber die Stra&#xDF;e.</p><p>»Mein Gott, wir fahren ja viel zu schnell!«</p><p>Ich blickte auf den Tachometer. »Sie fahren jetzt genau f&#xFC;nfundzwanzig Kilometer. Das sind in Wirklichkeit zwanzig.«</p><p>»Mir kommt‘s vor wie achtzig.«</p><p>Nach ein paar Minuten war die erste Angst &#xFC;berwunden. Wir fuhren eine breite, gerade Stra&#xDF;e hinunter. Ich bekam &#xDC;bergewicht, weil wir pl&#xF6;tzlich Lehrer und Sch&#xFC;ler geworden waren, und das nutzte ich aus.</p><p>»Achtung«, sagte ich, »dr&#xFC;ben steht ein Polizist!«</p><p>»Soll ich anhalten?«</p><p>»Dazu ist es jetzt zu sp&#xE4;t.«</p><p>»Und was passiert, wenn er mich erwischt? Ich habe doch keinen F&#xFC;hrerschein.«</p><p>»Dann kommen wir beide ins Gef&#xE4;ngnis.«</p><p>»Um Gottes willen!« Sie suchte erschreckt mit dem Fu&#xDF; die Bremse.</p><p>»Gas!« rief ich. »Gas! Wir m&#xFC;ssen stolz und schnell vorbei. Das beste Mittel gegen das Gesetz ist Frechheit.«</p><p>Der Polizist beachtete uns gar nicht. Das M&#xE4;dchen atmete auf. Ich zog langsam die Bremse.</p><p>»So, hier haben wir eine prachtvolle, leere Seitenstra&#xDF;e. Hier wollen wir nun mal richtig &#xFC;ben. Zun&#xE4;chst das Anfahren und das Halten.«</p><p>Patrice Hollmann w&#xFC;rgte ein paarmal den Motor ab. Sie kn&#xF6;pfte ihre Pelzjacke auf.</p><p>»Mir wird warm dabei! Aber ich mu&#xDF; es lernen!«</p><p>Sie sa&#xDF; aufmerksam am Steuer und beobachtete, was ich ihr vormachte. Nach einer halben Stunde wechselten wir die Pl&#xE4;tze und ich fuhr zur&#xFC;ck. Wir waren vertrauter miteinander geworden, als wenn wir uns gegenseitig unsere ganze Lebensgeschichte erz&#xE4;hlt h&#xE4;tten.</p><p>In der N&#xE4;he der Nikolaistra&#xDF;e hielt ich den Wagen wieder an. Wir standen gerade unter einer roten Kinoreklame.</p><p>»So«, sagte ich, »jetzt haben wir uns ein Glas zu trinken verdient. Wo wollen wir das tun?«</p><p>Patrice Hollmann &#xFC;berlegte einen Augenblick.</p><p>»Gehen wir doch wieder in die h&#xFC;bsche Bar mit Segelschiffen«, schlug sie vor.</p><p>In der Bar sa&#xDF; jetzt todsicher der letzte Romantiker. Ich sah schon sein Gesicht.</p><p>»Ich glaube aber, es ist um diese Zeit sehr voll da«.</p><p>Als wir ankamen, stieg ich rasch aus.</p><p>»Ich schaue schnell mal nach. Bin gleich wieder da.«</p><p>Es war kein Bekannter da, au&#xDF;er Valentin.</p><p>»Sag mal«, fragte ich, »war Gottfried schon hier?«</p><p>Valentin nickte. »Mit Otto. Sind vor‚ ner halben Stunde weggegangen.«</p><p>»Schade«, sagte ich aufatmend. »H&#xE4;tte sie gern getroffen.«</p><p>Ich ging zum Wagen zur&#xFC;ck. »Wir k&#xF6;nnen es riskieren«, erkl&#xE4;rte ich. »Zuf&#xE4;llig ist es nicht so schlimm heute.«</p><p>Zur Vorsicht jedoch parkte ich den Cadillac um die n&#xE4;chste Ecke im tiefsten Schatten. Aber wir sa&#xDF;en noch keine zehn Minuten, als Lenz an der Theke erschien. Valentin machte ihn auf mich aufmerksam. Gottfrieds Gesicht, als er uns erblickte, w&#xE4;re eine hervorragende Studie f&#xFC;r einen Filmschauspieler gewesen.</p><p>»Hast du Fr&#xE4;ulein Bomblatt schon nach Hause gebracht?« fragte ich, um ihn gleich zu neutralisieren.</p><p>»Ja«, erwiderte er, ohne mit einem Wimperzucken zu verraten, da&#xDF; er bis vor einer Sekunde von Fr&#xE4;ulein Bomblatt nichts gewu&#xDF;t hatte. »Sie l&#xE4;&#xDF;t dich gr&#xFC;&#xDF;en, und du m&#xF6;chtest sie morgen fr&#xFC;h gleich anrufen.«</p><p>Das war ganz gut wiedergehauen. Ich nickte. »Werde ich machen. Hoffe doch, da&#xDF; sie den Wagen kaufen wird.«</p><p>Wir tranken ein paar Glas. Ich nur Sidecars, mit viel Zitrone. Gottfried war gl&#xE4;nzend aufgelegt.</p><p>»Ich war eben bei dir«, sagte er. »Wollte dich abholen. Hinterher war ich auf dem Rummelplatz. Da ist ein gro&#xDF;artiges neues Karussell. Wollen wir mal hin?«</p><p>Er sah Patrice Hollmann an. »Sofort!« erwiderte sie.</p><p>»Ich liebe Karussells &#xFC;ber alles!«</p><p>»Dann wollen wir gleich aufbrechen«, sagte ich. Ich war froh, da&#xDF; wir‚ rauskamen. Im Freien war die Sache einfacher.</p><p>Nach dem Lunapark brachte ich das M&#xE4;dchen nach Hause. Es war anders als das letztemal. Sie stand in der T&#xFC;r und sah herrlich aus. Ich w&#xE4;re gern mit ihr gegangen.</p><p>»Gute Nacht«, sagte ich, »schlafen Sie gut.«</p><p>»Gute Nacht.«</p><p>Dann fuhr ich mit dem Cadillac los. Ich f&#xFC;hlte mich merkw&#xFC;rdig. Es war nicht wie sonst, wenn man mal abends auf ein M&#xE4;dchen verr&#xFC;ckt war. Es war viel mehr Z&#xE4;rtlichkeit dabei. Z&#xE4;rtlichkeit und der Wunsch, sich einmal ganz loslassen zu k&#xF6;nnen. Fallen zu lassen, irgendwohin…</p><p>Ich fuhr zu Lenz ins International. Es war fast leer. In einer Ecke sa&#xDF; Fritzi mit ihrem Freund, dem Kellner Alois. Sie stritten miteinander. Gottfried sa&#xDF; mit Mimi und Wally auf dem Sofa neben der Theke. Ich setzte mich neben Gottfried.</p><p>»Ist ganz richtig, was du machst.«</p><p>Ich war erleichtert, da&#xDF; er es so einfach nahm.</p><p>»Wei&#xDF;t du«, sagte ich dann, »ich habe keine Ahnung, was sie ist und so. Auch nicht, wie sie zu dem Binding steht. Hat er dir damals eigentlich was gesagt?«</p><p>Er sah mich an. »K&#xFC;mmert dich das was?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Wollt‘ ich auch meinen. Der Mantel steht dir &#xFC;brigens gut.« Ich err&#xF6;tete.</p><p>»Brauchst nicht rot zu werden. Hast ganz recht.«</p><p>Ich schwieg eine Weile.</p><p>»Wieso, Gottfried?« fragte ich schlie&#xDF;lich. Er sah mich an. »Weil alles andere Dreck ist, Robby. Weil es heute nichts gibt, was lohnt. Na, nun komm, setz dich an den Kasten da und spiel ein paar von den alten Soldatenliedern.«</p><p>Ich spielte »Drei Lilien« und den »Argonnerwald«.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Zwei Tage sp&#xE4;ter kam K&#xF6;ster eilig aus der Bude.</p><p>»Robby, dein Blumenthal hat telefoniert. Du sollst um elf mit dem Cadillac zu ihm kommen. Er will eine Probefahrt machen.«</p><p>»Mensch, Otto – wenn das was w&#xFC;rde!«</p><p>»Was habe ich euch gesagt«, lie&#xDF; Lenz sich aus der Grube unter dem Ford her vernehmen. »Er kommt wieder, habe ich gesagt. Immer auf Gottfried h&#xF6;ren!«</p><p>»Otto, wieviel kann ich &#xE4;u&#xDF;erst vom Preis nachlassen?«</p><p>»&#xC4;u&#xDF;erst zweitausend. Wenn du siehst, da&#xDF; du einen Wahnsinnigen vor dir hast, zweisechs. Aber sag ihm, da&#xDF; wir ihn dann in alle Ewigkeit verfluchen werden.«</p><p>»Gut.«</p><p>Wir putzten den Wagen blitzblank. Ich stieg ein. K&#xF6;ster legte mir die Hand auf die Schulter.</p><p>»Robby, bedenke, da&#xDF; du als Soldat andere Sachen mitgemacht hast. Verteidige die Ehre unserer Werkstatt bis aufs Blut. Stirb stehend, die Hand an Blumenthals Brieftasche.«</p><p>»Gemacht«, grinste ich.</p><p>Unterwegs kaufte ich ein paar Nelken und dekorierte sie k&#xFC;nstlerisch in den Kristallvasen des Wagens. Ich spekulierte damit auf Frau Blumenthal. Leider empfing mich Blumenthal in seinem B&#xFC;ro, nicht in der Wohnung. Ich mu&#xDF;te eine Viertelstunde warten. Liebling, dachte ich, den Trick kenne ich, damit machst du mich nicht m&#xFC;de. Ich forschte im Vorzimmer eine h&#xFC;bsche Stenotypistin, die ich mit der Nelke aus meinem Knopfloch bestach, &#xFC;ber das Gesch&#xE4;ft aus.</p><p>»Junger Mann«, sagte er, »ich hab‘ nicht viel Zeit. Neulich der Preis war ein Wunschtraum von Ihnen. Also Hand aufs Herz, was kostet der Wagen?«</p><p>»Siebentausend Mark«, erwiderte ich. Er wandte sich kurz ab.</p><p>»Dann ist nichts zu machen.«</p><p>»Herr Blumenthal«, sagte ich, »sehen Sie sich den Wagen noch einmal an…«</p><p>»Nicht n&#xF6;tig«, unterbrach er mich, »ich habe ihn mir ja neulich genau angesehen…«</p><p>»Sehen und Sehen ist zweierlei«, erkl&#xE4;rte ich. »Sie sollen Details sehen. Die Lackierung erstklassig, von Voll und Ruhrbeck, Selbstkosten 250 Mark – die Bereifung neu, Katalogpreis 600 Mark, macht schon 850. Die Polsterung, feinster Cord…«</p><p>Er winkte ab. Ich begann von neuem. Aber Blumenthal wu&#xDF;te ebenso, da&#xDF; seine St&#xE4;rke hinter seinem Schreibtisch lag. Er setzte seine Brille ab und ging mich jetzt erst richtig an. Wir k&#xE4;mpften wie ein Tiger mit einer Pythonschlange. Blumenthal war der Python. Ehe ich mich umsehen konnte, hatte er mir schon f&#xFC;nfzehnhundert Mark abgehandelt. Mir wurde angst und bange. Ich griff in die Tasche und nahm Gottfrieds Amulett fest in die Hand.</p><p>»Herr Blumenthal«, sagte ich ziemlich ersch&#xF6;pft, »es ist ein Uhr, Sie m&#xFC;ssen sicher zum Essen!«</p><p>Ich wollte um alles in der Welt‚ raus aus dieser Bude, in der die Preise wie Schnee zerschmolzen.</p><p>»Ich esse erst um zwei«, erkl&#xE4;rte Blumenthal unger&#xFC;hrt, »aber wissen Sie was? Wir k&#xF6;nnen jetzt die Probefahrt machen.«</p><p>Ich atmete auf. »Nachher reden wir dann weiter«, f&#xFC;gte er hinzu. Ich atmete wieder ein.</p><p>Wir fuhren zu seiner Wohnung. Zu meinem Erstaunen war er im Wagen pl&#xF6;tzlich wie ausgewechselt. Gem&#xFC;tlich erz&#xE4;hlte er mir den Witz vom Kaiser Franz Josef, den ich l&#xE4;ngst kannte. Erst vor seiner Wohnung wurden wir wieder Seri&#xF6;s. Er bat mich zu warten, er wolle seine Frau holen.</p><p>»Mein lieber dicker Cadillac«, sagte ich und klopfte dem Wagen auf den K&#xFC;hler, »hinter dieser Witzeerz&#xE4;hlerei steckt sicher wieder eine neue Teufelei. Aber sei nur ruhig, wir kriegen dich schon unter Dach und Fach. Wenn ich diesem direkten Nachkommen noch hundert Mark nachlasse, will ich mein ganzes Leben keinen Schnaps mehr trinken.«</p><p>Frau Blumenthal erschien. Ich erinnerte mich an alle Ratschl&#xE4;ge von Lenz und verwandelte mich aus einem K&#xE4;mpfer in einen Kavalier. Blumenthal hatte daf&#xFC;r nur ein niedertr&#xE4;chtiges L&#xE4;cheln. Der Mann war aus Eisen. Er h&#xE4;tte Lokomotiven verkaufen sollen, aber keine Trikotagen. Ich sorgte daf&#xFC;r, da&#xDF; er hinten in den Wagen kam und seine Frau neben mich.</p><p>»Wohin darf ich Sie fahren, gn&#xE4;dige Frau?« fragte ich schmelzend.</p><p>»Wohin Sie wollen«, meinte sie, m&#xFC;tterlich l&#xE4;chelnd.</p><p>Ich begann zu plaudern. Ich sprach so leise, da&#xDF; Blumenthal nicht viel verstehen konnte. So sprach ich freier. Es war ohnehin schon schlimm genug, da&#xDF; er hinten sa&#xDF;. Wir hielten. Ich stieg aus und sah meinen Feind fest an.</p><p>»Sie m&#xFC;ssen doch zugeben, da&#xDF; der Wagen sich wie Butter f&#xE4;hrt, Herr Blumenthal.«</p><p>»Was hei&#xDF;t schon Butter, junger Mann«, entgegnete er sonderbar freundlich, »wenn die Steuern einen auffressen. Der Wagen kostet zuviel Steuern.«</p><p>»Herr Blumenthal«, sagte ich, »Sie sind Gesch&#xE4;ftsmann, zu Ihnen kann ich, aufrichtig reden. Das sind keine Steuern, das sind Spesen. Sagen Sie selbst, was erfordert ein Gesch&#xE4;ft denn heute? Sie wissen es – nicht mehr Kapital wie fr&#xFC;her –, Kredit braucht es! Und wie kriegt man Kredit? Immer noch durchs Auftreten. Ein Cadillac ist solide, aber nicht altmodisch – gesundes B&#xFC;rgertum –, er ist die lebendige Reklame f&#xFC;rs Gesch&#xE4;ft.«</p><p>Blumenthal wandte sich belustigt an seine Frau. »Ein j&#xFC;disches K&#xF6;pfchen hat er, wie? Junger Mann«.</p><p>»Die Farbe hier kleidet Sie &#xFC;brigens sehr gut, gn&#xE4;dige Frau – ged&#xE4;mpftes Kobaltblau zu Blond…«</p><p>»H&#xF6;ren Sie, Herr Lohkamp! Ich wei&#xDF;, da&#xDF; ich Ihnen noch tausend Mark abhandeln kann, aber ich tue es nicht. Es hat mir Spa&#xDF; als Gesch&#xE4;ftsmann gemacht, wie Sie gearbeitet haben. Herr Lohkamp, Respekt! Wenn Sie mal ohne Stellung sind, rufen Sie bei mir an.«</p><p>Er schrieb einen Scheck aus und gab ihn mir. Ich traute meinen Augen nicht! Vorauszahlung! – ein Wunder!</p><p>»Herr Blumenthal«, sagte ich, »erlauben Sie mir, zu dem Wagen zwei kristallene Aschenbecher und eine erstklassige Gummifu&#xDF;matte gratis dreinzugeben.«</p><p>»Sch&#xF6;n«, meinte er, »da kriegt der alte Blumenthal auch mal was geschenkt.«</p><p>Dann lud er mich f&#xFC;r den n&#xE4;chsten Tag zum Abendessen ein. Frau Blumenthal l&#xE4;chelte mir m&#xFC;tterlich zu.</p><p>»Es gibt gef&#xFC;llten Hecht<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a>«, sagte sie weich.</p><p>»Eine Delikatesse«, erkl&#xE4;rte ich. »Dann bringe ich Ihnen gleich den Wagen mit. Morgen fr&#xFC;h lassen wir ihn zu.«</p><p>Ich flog wie eine Schwalbe zur&#xFC;ck zur Werkstatt. Aber Lenz und K&#xF6;ster waren zum Essen gegangen. Nur Jupp war da.</p><p>»Verkauft?« fragte er.</p><p>»Das m&#xF6;chtest du wohl wissen«, sagte ich. »Hier, da hast du einen Taler. Bau dir ein Flugzeug daf&#xFC;r.«</p><p>»Also verkauft«, grinste Jupp.</p><p>»Ich fahre jetzt zum Essen«, sagte ich, »aber wehe, wenn du den andern was sagst, bevor ich zur&#xFC;ck bin.«</p><p>»Herr Lohkamp«, beteuerte er und wirbelte den Taler durch die Luft, »ich bin ein Grab.«</p><p>»So siehst du aus«, sagte ich und gab Gas.</p><p>Als ich auf den Hof zur&#xFC;ckkam, machte Jupp mir ein Zeichen.</p><p>»Was ist los?« fragte ich. »Hast du den Schn&#xE4;bel nicht gehalten?«</p><p>»Herr Lohkamp! Wie Eisen!« Er grinste.</p><p>»Nur – der Fordfritze ist drin.«</p><p>Ich lie&#xDF; den Cadillac auf dem Hof stehen und ging in die Werkstatt. Der B&#xE4;ckermeister war da und beugte sich gerade &#xFC;ber ein Buch mit Farbproben. Er trug einen karierten G&#xFC;rtelmantel mit breitem Trauerflor. Neben ihm stand eine h&#xFC;bsche Person mit schwarzen Augen, einem offenen M&#xE4;ntelchen und zu kleinen Lackschuhen. Der B&#xE4;cker hatte gegen Rot Bedenken, weil er doch in Trauer war. Er schlug ein fahles Gelbgrau vor.</p><p>»Ach was«, maulte die Schwarze, »ein Ford mu&#xDF; auffallend lackiert sein. Sonst sieht er nach nichts aus.«</p><p>Sie schickte Blicke nach uns aus. Ein munteres Kind! Schlie&#xDF;lich einigten sich beide auf Resedagr&#xFC;n. Das M&#xE4;dchen wollte ein helles Verdeck dazu haben. Doch da wurde der B&#xE4;ckermeister stark: Irgendwo sollte die Trauer herauskommen. Er setzte ein schwarzes Lederverdeck durch. Dabei machte er nebenbei noch ein Gesch&#xE4;ft; denn er bekam das Verdeck ja gratis und Leder war teurer als Stoff. Die beiden gingen. Aber auf dem Hof gab es noch einen Aufenthalt. Die Schwarze hatte den Cadillac erblickt.</p><p>»Sieh mal, Puppi, das ist ein Wagen! Fabelhaft! Das lass‘ ich mir gefallen!«</p><p>Im n&#xE4;chsten Augenblick hatte sie die T&#xFC;r schon offen und sa&#xDF; drin.</p><p>»Das sind Sitze! Kolossal! Wie Klubsessel! Das ist was anderes als der Ford!«</p><p>»Na, komm schon«, sagte Puppi mi&#xDF;mutig.</p><p>Mit M&#xFC;he bekam der B&#xE4;cker sein schwarzes Juwel endlich aus dem Wagen und zog etwas gekr&#xE4;nkt und stark ver&#xE4;rgert ab. Wir sahen dem Paar nach.</p><p>»Ein Mann von schnellen Entschl&#xFC;ssen!« sagte ich. »Reparierter Wagen – neue Frau – alle Achtung!«</p><p>»Na«, meinte K&#xF6;ster, »an der wird er noch Freude haben.«</p><p>»Otto, nimm Abschied von unserm Cadillac-Kinde! Es geh&#xF6;rt nicht mehr uns.«</p><p>Ich zog den Scheck heraus. Lenz fiel beinahe auseinander.</p><p>»Doch nicht – was? Etwa – bezahlt?« fl&#xFC;sterte er heiser.</p><p>»Was dachten Sie Anf&#xE4;nger denn?« fragte ich und schwenkte den Scheck hin und her. »Ratet!«</p><p>»Vier!« rief Lenz mit geschlossenen Augen.</p><p>»Vierf&#xFC;nf«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»F&#xFC;nf«, schrie Jupp von der Pumpe aus her&#xFC;ber.</p><p>»F&#xFC;nff&#xFC;nf«, sagte ich.</p><p>Lenz ri&#xDF; mir den Scheck aus der Hand. »Unm&#xF6;glich!«</p><p>»Herr Lenz«, sagte ich, »der Scheck ist so sicher, wie Sie unsicher sind! Mein Freund Blumenthal ist f&#xFC;r die zwanzigfache Summe gut. Mein Freund, verstehen Sie, bei dem ich morgen abend gef&#xFC;llten Hecht esse.«</p><p>»Du hast tadellos verkauft, Robby«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Gibst du mir f&#xFC;nfzig Mark Vorschu&#xDF;?« fragte ich.</p><p>»Hundert. Hast‘s verdient.«</p><p>»Kinder, wir machen Schlu&#xDF; f&#xFC;r heute!« schlug K&#xF6;ster vor. »Genug f&#xFC;r einen Tag verdient! Wollen mit Karl‚ rausfahren und zum Rennen trainieren.«</p><p>»Jupp«, sagte Otto lachend, »du kommst mit!«</p><p>Wir fuhren zun&#xE4;chst zur Bank und gaben den Scheck ab. Lenz ruhte nicht, bis er wu&#xDF;te, da&#xDF; er in Ordnung war. Dann hauten wir ab, da&#xDF; die Funken aus dem Auspuff stoben.</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Ich stand meiner Wirtin gegen&#xFC;ber.</p><p>»Wo brennt‘s?« fragte Frau Zalewski.</p><p>»Nirgendwo«, erwiderte ich. »Ich will nur meine Miete bezahlen.«</p><p>Es war noch drei Tage zu fr&#xFC;h, und Frau Zalewski fiel vor Erstaunen fast um.</p><p>»Kann ich heute abend mal die beiden Brokatsessel aus Ihrem Salon haben?«</p><p>»Gef&#xE4;llt Ihnen Ihr Zimmer nicht mehr?«</p><p>»Doch. Aber Ihre Brokatsessel gefallen mir besser.«</p><p>Ich erkl&#xE4;rte ihr, da&#xDF; ich vielleicht Besuch von einer Kusine bek&#xE4;me und dazu das Zimmer gern etwas h&#xFC;bscher haben m&#xF6;chte. Sie lachte.</p><p>»Kusine, und wann kommt die Kusine?«</p><p>»Es ist noch gar nicht sicher«, sagte ich, »aber wenn sie kommt, nat&#xFC;rlich fr&#xFC;h, fr&#xFC;habends, zum Essen«.</p><p>»Die Brokatsessel k&#xF6;nnen Sie haben. Stellen Sie die roten Pl&#xFC;sch solange in den Salon.«</p><p>»Danke sch&#xF6;n. Morgen bringe ich alles zur&#xFC;ck. Den Teppich auch.«</p><p>»Teppich?« Sie drehte sich um. »Wer hat denn hier ein Wort vom Teppich gesagt?«</p><p>»Ich. Und Sie auch, eben gerade.Der geh&#xF6;rt doch dazu«, sagte ich. »Die Sessel stehen doch drauf.«</p><p>Ich war dabei, meine Bude auszuschm&#xFC;cken. Nachmittags hatte ich mit Patrice Hollmann telefoniert. Sie war krank gewesen, und ich hatte sie fast eine Woche nicht mehr gesehen. Jetzt waren wir um acht Uhr verabredet, und ich hatte ihr vorgeschlagen, bei mir zu essen und nachher in ein Kino zu gehen. Die Brokatsessel und der Teppich wirkten pomp&#xF6;s; aber die Beleuchtung dazu war schrecklich. Ich klopfte deshalb nebenan bei der Familie Hasse, um mir eine Tischlampe auszuleihen. Frau Hasse sa&#xDF; m&#xFC;de am Fenster. Ihr Mann war noch nicht da. Er arbeitete jeden Tag freiwillig ein bis zwei Stunden l&#xE4;nger, um nur ja nicht entlassen zu werden.</p><p>Sie holte mir die Lampe. Dann ging ich zu Erna B&#xF6;nig, um mir ihr Grammophon zu holen. Erna kniete vor ihrem Koffer nieder und suchte mir eine Anzahl Platten heraus.</p><p>»Wollen Sie Foxtrotts?« fragte sie.</p><p>»Nein«, erwiderte ich. »Ich kann nicht tanzen.«</p><p>Sie sah erstaunt auf. »Sie k&#xF6;nnen nicht tanzen? Ja, was machen Sie dann, wenn Sie ausgehen? Ein Mann, der nicht tanzen kann, w&#xE4;re bei mir abgemeldet.«</p><p>»Aber es gibt ja auch noch andere Platten. Sie spielten da neulich eine sehr sch&#xF6;ne – es war eine Frauenstimme mit so einer Art Hawaiimusik…«</p><p>»Ah, die ist fabelhaft. ›Wie hab‘ ich nur leben k&#xF6;nnen ohne dich…‹, nicht wahr?«</p><p>»Richtig!«</p><p>Ich packte aus, was ich zum Abendbrot eingekauft hatte, und machte alles zurecht, so gut ich konnte. Aus der K&#xFC;che war keine Hilfe f&#xFC;r mich zu erwarten. Aber es ging auch so, und bald kannte ich meine alte Bude nicht wieder in ihrem neuen Glanz. Die Sessel, die Lampe, der gedeckte Tisch – ich sp&#xFC;rte, wie eine unruhige Erwartung sich in mir sammelte. Ich brach auf, obschon ich noch &#xFC;ber eine Stunde Zeit hatte. Drau&#xDF;en wehte der Wind. Die Laternen brannten schon.</p><p>Die Haust&#xFC;r klappte.</p><p>»Hallo«, sagte Patrice Hollmann, »so tief in Gedanken?«</p><p>»Nein, gar nicht! Aber wie geht es Ihnen? Sind Sie wieder gesund? Was haben Sie denn gehabt?«</p><p>»Ach, nichts Besonderes. Erk&#xE4;ltet und ein bi&#xDF;chen Fieber.«</p><p>Sie sah gar nicht krank und angegriffen aus, Im Gegenteil, – ihre Augen waren mir noch nie so gro&#xDF; und strahlend erschienen, ihr Gesicht war ein wenig ger&#xF6;tet.</p><p>»Sie sehen prachtvoll aus«, sagte ich. »Ganz gesund! Wir k&#xF6;nnen eine Menge unternehmen.«</p><p>»Das w&#xE4;re sch&#xF6;n«, erwiderte sie. »Aber heute geht es nicht. Ich kann heute nicht.«</p><p>Ich starrte sie verst&#xE4;ndnislos an. »Sie k&#xF6;nnen nicht?«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Leider nicht.« Ich begriff immer noch nicht. Ich glaubte, sie h&#xE4;tte sich das mit meiner Bude anders &#xFC;berlegt und wollte nur nicht bei mir essen.</p><p>»Ich habe schon bei Ihnen angerufen«, sagte sie, »damit Sie nicht vergebens k&#xE4;men. Aber Sie waren schon weggegangen.«</p><p>Jetzt verstand ich endlich. »Sie k&#xF6;nnen wirklich nicht? Den ganzen Abend nicht?« fragte ich.</p><p>»Heute nicht. Ich mu&#xDF; irgendwohin. Leider habe ich es auch erst vor einer halben Stunde erfahren.«</p><p>»K&#xF6;nnen Sie das denn nicht verschieben?«</p><p>»Nein, das geht nicht.« Sie l&#xE4;chelte. »Es ist so etwas wie eine gesch&#xE4;ftliche Sache.«</p><p>Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Ich glaubte ihr kein Wort. Gesch&#xE4;ftliche Sache – sie sah nicht nach gesch&#xE4;ftlichen Sachen aus! Wahrscheinlich war es nur eine Ausrede. Sicher sogar. Was konnte man abends schon f&#xFC;r gesch&#xE4;ftliche Besprechungen haben? So was machte man vormittags! Und man erfuhr es auch nicht erst eine halbe Stunde vorher. Sie wollte einfach nicht, das war alles. Ich war auf eine kindische Weise entt&#xE4;uscht. Jetzt sp&#xFC;rte ich erst, wie sehr ich mich auf den Abend gefreut hatte. Ich &#xE4;rgerte mich dar&#xFC;ber, da&#xDF; ich so entt&#xE4;uscht war, und ich wollte nicht, da&#xDF; sie es merkte.</p><p>»Also sch&#xF6;n«, sagte ich, »dann ist nichts zu machen. Auf Wiedersehen.«</p><p>Sie sah mich forschend an.</p><p>»So eilig ist es nicht. Ich bin erst um neun verabredet. Wir k&#xF6;nnen noch etwas Spazierengehen. Ich war die ganze Woche nicht drau&#xDF;en.«</p><p>»Gut«, sagte ich.</p><p>Ich f&#xFC;hlte mich pl&#xF6;tzlich m&#xFC;de und leer. Wir gingen die Stra&#xDF;e entlang. Der Abend war klargeworden, und die Sterne standen zwischen den D&#xE4;chern. Patrice Hollmann blieb stehen.</p><p>»Wie sch&#xF6;n das ist, wenn man so lange im Zimmer gewesen ist! Zu schade, da&#xDF; ich fort mu&#xDF;! Dieser Binding – immer eilig und im letzten Moment –, er h&#xE4;tte wirklich die Sache auf morgen verlegen k&#xF6;nnen!«</p><p>»Binding?« fragte ich. »Sie sind mit Binding verabredet?«</p><p>Sie nickte. »Mit Binding und noch jemand. Auf diesen Jemand kommt es an. Ernsthaft gesch&#xE4;ftlich. K&#xF6;nnen Sie sich das denken?«</p><p>»Nein«, erwiderte ich, »das kann ich mir nicht denken.«</p><p>Sie lachte und sprach weiter. Aber ich h&#xF6;rte nicht mehr zu. Binding – das war mir wie ein Blitz in die Knochen gefahren. Ich dachte nicht daran, da&#xDF; sie ihn viel l&#xE4;nger kannte als mich. Das M&#xE4;dchen pa&#xDF;te ja &#xFC;berhaupt nicht zu mir! Was war ich denn schon? Ein Fu&#xDF;g&#xE4;nger, der sich mal einen Cadillac geborgt hatte, eine Schnapsdrossel, nichts weiter! So was war an jeder Stra&#xDF;enecke zu finden. Zur&#xFC;ck, dachte ich, rasch zur&#xFC;ck! Eine Ahnung, eine Hoffnung – was war schon viel gewesen! Es war sinnlos, sich darauf einzulassen. Nichts wie zur&#xFC;ck!</p><p>»Wir k&#xF6;nnen uns morgen abend treffen, wenn Sie wollen«, sagte Patrice Hollmann.</p><p>»Morgen abend habe ich keine Zeit«, erwiderte ich.</p><p>»Oder &#xFC;bermorgen oder irgendwann in dieser Woche. Ich habe in den n&#xE4;chsten Tagen nichts vor.«</p><p>»Es wird schwierig sein«, sagte ich. »Wir haben heute einen eiligen Auftrag bekommen, da m&#xFC;ssen wir wahrscheinlich die ganze Woche durch bis nachts arbeiten.«</p><p>Es war Schwindel, aber ich konnte nicht anders. Wir &#xFC;berquerten den Platz und gingen die Stra&#xDF;e am Friedhof entlang. Ich merkte, da&#xDF; sie mich ansah.</p><p>»Ich glaube, wir m&#xFC;ssen jetzt umkehren«, sagte sie.</p><p>»Ja«, erwiderte ich, »das glaube ich auch.«</p><p>Wir standen vor der Haust&#xFC;r.</p><p>»Leben Sie wohl«, sagte ich, »und viel Vergn&#xFC;gen noch.«</p><p>Sie antwortete nicht. Mit ziemlicher M&#xFC;he brachte ich meine Augen von dem Klingelknopf an der T&#xFC;r los und sah sie an. Ihre Augen flimmerten, und dann lachte sie, herzlich und unbek&#xFC;mmert, sie lachte mich einfach aus.</p><p>»Sie Kindskopf«, sagte sie, »o Gott, was sind Sie noch f&#xFC;r ein Kindskopf!«</p><p>Ich starrte sie an.</p><p>»Na ja. Sie finden mich wohl etwas idiotisch, was?«</p><p>Sie lachte. Rasch machte ich einen Schritt vor und zog sie fest an mich, mochte sie denken, was sie wollte. Ihr Gesicht war dicht vor mir, ich sp&#xFC;rte den schwachen Pfirsichgeruch ihrer Haut – dann n&#xE4;herten sich ihre Augen, und ich f&#xFC;hlte pl&#xF6;tzlich ihre Lippen auf meinem Mund – Sie war fort, ehe ich richtig wu&#xDF;te, was los war.</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck und kam an Muttchens Wurstkessel vorbei.</p><p>»Gib mir mal eine gro&#xDF;e Bockwurst«, sagte ich strahlend.</p><p>»Mit Senf?« fragte Muttchen in ihrer sauberen, wei&#xDF;en Sch&#xFC;rze.</p><p>»Mit sehr viel Senf, Muttchen!«</p><p>Ich a&#xDF; die Wust genie&#xDF;erisch im Stehen auf und lie&#xDF; mir aus dem International von Alois dazu ein Glas Bier herausreichen.</p><p>»Der Mensch ist ein komisches Wesen, Muttchen, was?« fragte ich.</p><p>»Das kannst du wohl glauben«, erwiderte sie eifrig. »Kommt da gestern ein Herr, i&#xDF;t zwei Wiener mit Senf, und nachher kann er sie nicht bezahlen. Sch&#xF6;n, es war sp&#xE4;t, kein Mensch sonst da, was sollte ich machen, das kennt man ja, ich lasse ihn laufen. Und stell dir vor, heute kommt er wieder und bezahlt die Wiener und gibt mir noch ein Trinkgeld.«</p><p>»Gib mir noch eine Bockwurst«, sagte ich, »ich habe so eine Lust am Leben.«</p><p>»Hast du deinen feinen Posten noch?« fragte sie mich.</p><p>Ich nickte. »Ja, Muttchen. Ich verdiene jetzt gut.«</p><p>»Sieh man zu, da&#xDF; du ihn h&#xE4;ltst.«</p><p>»Werde schon aufpassen, Muttchen.«</p><p>Ich kam nach Hause. Ich klopfte bei Georg Block. Eine Lichtritze stand unter seiner T&#xFC;r. Er b&#xFC;ffelte.</p><p>»Komm, Georgie, fressen«, sagte ich.</p><p>Er sah auf. Sein blasses Gesicht r&#xF6;tete sich.</p><p>»Hab‘ keinen Hunger.«</p><p>Er dachte, es w&#xE4;re aus Mitleid. Deshalb wollte er nicht.</p><p>»Sieh dir‘s erst mal an«, sagte ich. »Es wird sonst schlecht. Tu mir den Gefallen.«</p><p>Im grellen Oberlicht der Bude standen die Brokatsessel von Frau Zalewski. Die Hassesche Lampe prangte, die Ananas leuchtete, die hochfeine Leberwurst, der Lachsschinken, die Flasche Sherry… Als ich mit dem sprachlosen Georgie im besten Einhauen war, klopfte es an die T&#xFC;r. Ich wu&#xDF;te, was jetzt kam.</p><p>»Pa&#xDF; mal auf, Georgie«, fl&#xFC;sterte ich und rief: »Herein!«</p><p>Die T&#xFC;r &#xF6;ffnete sich, und herein trat, funkelnd vor Neugier, Frau Zalewski. Zum erstenmal in meinem Leben brachte sie mir pers&#xF6;nlich die Post. Sie hatte ein Spitzenkleid mit Fransenschal und Brosche mit dem Bild des seligen Zalewski als Medaillon. Ein zuckers&#xFC;&#xDF;es L&#xE4;cheln gefror j&#xE4;h auf ihrem Gesicht; verbl&#xFC;fft starrte sie auf den verlegenen Georgie. Ich brach in ein herzloses Gel&#xE4;chter aus. Sie fa&#xDF;te sich rasch.</p><p>»Aha, versetzt«, sagte sie giftig.</p><p>»Stimmt«, gab ich zu.</p><p>Welch ein Gl&#xFC;ck, da&#xDF; es mit der Einladung nichts geworden war.</p><p>»Und da lachen Sie noch? Ich habe ja immer gesagt: Wo andere Menschen ein Herz haben, sitzt bei Ihnen eine Schnapsflasche.«</p><p>»Ein gutes Wort«, erwiderte ich. »Wollen Sie uns nicht ein wenig die Ehre geben, gn&#xE4;dige Frau?«</p><p>Sie z&#xF6;gerte. Aber dann siegte die Neugier, vielleicht doch noch etwas zu erfahren. Ich &#xF6;ffnete die Flasche Sherry.</p><p>Sp&#xE4;t, als alles still geworden war, nahm ich meinen Mantel und eine Decke und schlich &#xFC;ber den Korridor zum Telefon. Ich kniete vor dem Tisch nieder, auf dem der Apparat stand, legte mir Mantel und Decke &#xFC;ber den Kopf, hob den H&#xF6;rer ab und hielt mit der linken Hand den Mantel unten zu. So war ich sicher, da&#xDF; mich niemand belauschen konnte. Patrice Hollmann war zu Hause.</p><p>»Sind Sie von Ihrer geheimnisvollen Besprechung schon lange zur&#xFC;ck?« fragte ich.</p><p>»Schon fast eine Stunde.«</p><p>»Schade. H&#xE4;tte ich das gewu&#xDF;t.«</p><p>Sie lachte. »Nein, es h&#xE4;tte nichts gen&#xFC;tzt. Ich liege zu Bett und habe schon wieder etwas Fieber. Es ist ganz gut, da&#xDF; ich fr&#xFC;h nach Hause gekommen bin.«</p><p>»Fieber? Was ist denn das nur f&#xFC;r ein Fieber?«</p><p>»Ach, nichts Wichtiges. Was haben Sie denn heute abend noch gemacht?«</p><p>»Ich habe mich mit meiner Wirtin &#xFC;ber die Weltlage unterhalten. Und Sie? Hat Ihre Sache geklappt?«</p><p>»Ich hoffe, da&#xDF; sie klappt. Gute Nacht – schlafen Sie gut…«</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Sonntag. Der Tag des Rennens. K&#xF6;ster hatte die letzte Woche jeden Tag trainiert. Abends hatten wir dann bis in die Nacht Karl bis kontrolliert, geschmiert und in Ordnung gebracht. Jetzt sa&#xDF;en wir am Ersatzteillager und warteten auf K&#xF6;ster, der zum Startplatz gegangen war. Wir waren alle da: Grau, Valentin, Lenz, Patrice Hollmann und vor allem Jupp. Jupp im Overall, mit Rennbrille und Rennhaube. Er war K&#xF6;sters Beifahrer, weil er am leichtesten war.</p><p>»Wie kommen Sie eigentlich zu Ihrem englischen Vornamen?« fragte Gottfried Patrice Hollmann, die neben ihm sa&#xDF;.</p><p>»Meine Mutter war Engl&#xE4;nderin. Sie hie&#xDF; auch so. Pat.«</p><p>»Ah, Pat, das ist was anderes. Das spricht sich viel leichter.«</p><p>Er holte ein Glas und eine Flasche hervor.</p><p>»Also auf gute Kameradschaft, Pat! Ich hei&#xDF;e Gottfried.«</p><p>Ich starrte ihn an. Und sie lachte dazu und nannte ihn tats&#xE4;chlich Gottfried. Aber das war nichts gegen Ferdinand Grau. Der war v&#xF6;llig verr&#xFC;ckt geworden und lie&#xDF; sie nicht aus den Augen. Er erkl&#xE4;rte, sie malen zu m&#xFC;ssen.</p><p>»H&#xF6;r mal, Ferdinand, Mit dem M&#xE4;dchen bin ich empfindlich.«</p><p>Das Geknatter der Motoren wanderte wie Maschinengewehrfeuer um die Bahn. Geruch nach verbranntem &#xD6;l, Benzin und Rizinus. K&#xF6;ster fuhr nicht f&#xFC;r eine Fabrik. Wir mu&#xDF;ten alles selbst bezahlen. Deshalb hatten wir nicht viel. Otto kam. Hinter ihm Braum&#xFC;ller, der schon zum Rennen angezogen war.</p><p>»Na, Otto«, sagte er, »wenn meine Kerzen heute halten, bist du verloren! Aber sie werden nicht halten.«</p><p>»Mal sehen«, erwiderte K&#xF6;ster.</p><p>Braum&#xFC;ller drohte zu Karl hin&#xFC;ber. »Nimm dich in acht vor meinem Nu&#xDF;knacker!«</p><p>Der Nu&#xDF;knacker war eine ganz schwere, neue Maschine, die Braum&#xFC;ller fuhr. Er galt als Favorit.</p><p>»Karl wird dir schon Beine machen, Theo!« rief Lenz zu ihm hin&#xFC;ber.</p><p>Karl war in der Sportwagenklasse gemeldet.</p><p>Wir hingen weit &#xFC;ber der Barriere, fiebernd vor Aufregung, ob es gegl&#xFC;ckt sei. Ich hob Patrice Hollmann auf die Kiste mit dem Werkzeug.</p><p>»So sehen Sie besser! St&#xFC;tzen Sie sich auf meine Schulter. Passen Sie auf, er wird auch den in der Kurve schnappen.«</p><p>»Er hat ihn!« rief sie. »Er ist schon vorbei!«</p><p>»Er geht an Braum&#xFC;ller‚ ran! Himmelherrgott, heiliger Moses!« schrie Lenz jetzt, »er ist tats&#xE4;chlich vorbei und geht an Braum&#xFC;ller‚ ran.«</p><p>In einer Wolke von Gewittern fegten die drei Wagen heraus, heran, wir schrien wie die Verr&#xFC;ckten, auch Valentin und Graus ungeheurer Ba&#xDF; waren jetzt dabei – K&#xF6;ster war der Wahnsinn gegl&#xFC;ckt, er hatte den zweiten in der Kurve von oben her &#xFC;berholt, weil der sich versch&#xE4;tzt und im sch&#xE4;rferen Bogen innen Fahrt verloren hatte, und jetzt stie&#xDF; er wie ein Habicht auf Braum&#xFC;ller los, der pl&#xF6;tzlich nur noch zwanzig Meter vor ihm lag und anscheinend Fehlz&#xFC;ndungen hatte.</p><p>»Gib ihm, Otto! Gib ihm! Fri&#xDF; den Nu&#xDF;knacker«, br&#xFC;llten wir und winkten.</p><p>Die Wagen verschwanden in der letzten Kurve. Lenz betete laut zu allen G&#xF6;ttern Asiens und S&#xFC;damerikas um Hilfe und schwenkte sein Amulett. Ich ri&#xDF; meins ebenfalls heraus. Patrice Hollmann st&#xFC;tzte sich auf meine Schulter. Da kamen sie heran. Braum&#xFC;llers Motor spuckte immer noch, er setzte alle Augenblicke wieder aus. Ich machte die Augen zu; Lenz drehte sich um, den R&#xFC;cken zur Bahn – wir wollten das Schicksal bestechen. Ein Ruf ri&#xDF; uns herum. Wir sahen gerade noch, wie K&#xF6;ster mit zwei Metern Vorsprung durchs Ziel ging. Lenz wurde wahnsinnig.</p><p>Wir warteten auf Otto. Er hatte noch bei der Rennleitung zu tun.</p><p>»Gottfried«, sagte auf einmal eine heisere Stimme hinter uns.</p><p>Wir drehten uns um. Da stand ein menschliches Gebirge in zu engen, gestreiften Hosen, zu engem Marengojackett und schwarzer Melone.</p><p>»Alfons!« rief Patrice Hollmann.</p><p>»Pers&#xF6;nlich«, gab er zu.</p><p>»Wir haben gewonnen, Alfons!« rief sie.</p><p>»Heftig, heftig. Dann komm‘ ich wohl zu sp&#xE4;t, was?«</p><p>»Du kommst nie zu sp&#xE4;t, Alfons«, sagte Lenz.</p><p>»Wollte euch eigentlich was zu futtern bringen. Kalter Schweinebraten und etwas P&#xF6;kelrippchen. Schon zugeschnitten.«</p><p>»Gib her und setz dich, du Goldjunge«, rief Gottfried. »Wir legen gleich los.«</p><p>Er machte das Paket auf. »Mein Gott«, sagte Patrice Hollmann, »das ist ja f&#xFC;r ein Regiment.«</p><p>»Kann man immer erst nachher entscheiden«, meinte Alfons. »&#xDC;brigens – etwas Eisk&#xFC;mmel ist auch da.«</p><p>Er holte zwei Flaschen heraus.</p><p>»Propfen sind schon gezogen.«</p><p>»Heftig, heftig«, sagte Patrice Hollmann.</p><p>Er blinzelte ihr wohlwollend zu. Karl blubberte heran. K&#xF6;ster und Jupp sprangen heraus. Jupp sah aus wie ein junger Napoleon. Er hatte einen riesigen Silberpokal in den Armen.</p><p>»Der sechste«, sagte K&#xF6;ster lachend.</p><p>»Kein Geld?«</p><p>»Doch«, beruhigte ihn Otto, »auch cash.«</p><p>»Dann schwimmen wir ja geradezu in Geld«, sagte Grau. »Scheint ein netter Abend zu werden.«</p><p>»Erbsensuppe mit Schweinebauch«, sagte Alfons, und sogar Patrice Hollmann machte ein Gesicht voll Hochachtung. »Gratis nat&#xFC;rlich«, f&#xFC;gte er hinzu.</p><p>Braum&#xFC;ller kam heran.</p><p>»Beruhige dich, Theo«, rief Lenz. »Der erste Preis im n&#xE4;chsten Kinderwagenrennen ist dir sicher.«</p><p>»Gebt ihr mir Revanche mit Kognak?« fragte Braum&#xFC;ller.</p><p>»Keine Chance f&#xFC;r Sie, Herr Braum&#xFC;ller«, erkl&#xE4;rte Alfons als Sachverst&#xE4;ndiger.</p><p>Patrice Hollmann hatte nach dem Essen bei Alfons f&#xFC;r mein Gef&#xFC;hl zuviel Erfolg. Ich erwischte Grau dabei, wie er ihr erneut vorschlug, sie zu malen. Sie lachte und erkl&#xE4;rte, es dauere ihr zu lange; fotografieren sei bequemer.</p><p>Ich h&#xF6;rte Ferdinand nur mit einem Ohr hin; mit dem andern horchte ich zu Braum&#xFC;ller hin&#xFC;ber. Er erkl&#xE4;rte Patrice Hollmann gerade, da&#xDF; sie unbedingt bei ihm Autofahren lernen m&#xFC;sse. Er werde ihr alle seine Tricks zeigen.</p><p>Ich hatte keine Sorge, da&#xDF; einer von ihnen wirklich etwas unternehmen wollte; das gab es nicht unter uns. Aber ich wu&#xDF;te nicht so genau, wie es mit dem M&#xE4;dchen war – es konnte ja leicht sein, da&#xDF; einer der andern ihr gro&#xDF;artig gefiel. Wir kannten uns noch zu wenig, als da&#xDF; ich sicher gewesen w&#xE4;re. Wann war man &#xFC;berhaupt schon sicher?</p><p>»Wollen wir leise verschwinden?« fragte ich. – Sie nickte.</p><p>Wir gingen durch die Stra&#xDF;en.</p><p>Nebel fiel langsam &#xFC;ber die Stadt, gr&#xFC;ne und silberne Nebel. Ich nahm Pats Hand und steckte sie in meine Manteltasche. So gingen wir lange Zeit.</p><p>»M&#xFC;de?« fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf und l&#xE4;chelte. Ich zeigte auf die Cafes, an denen wir vor&#xFC;berkamen.</p><p>»Wollen wir irgendwo hinein?«</p><p>»Nein. Nicht schon wieder.«</p><p>Wir gingen weiter und kamen an den Friedhof. Er war wie eine stille Insel.Wir suchten eine leere Bank und setzten uns.</p><p>Wir sa&#xDF;en schweigend nebeneinander. Der Nebel machte alles unwirklich – auch uns. Ich sah das M&#xE4;dchen an – in ihren weitge&#xF6;ffneten Augen gl&#xE4;nzte der Laternenschein.</p><p>»Komm«, sagte ich, »komm dicht zu mir – sonst treibt dich der Nebel weg…«</p><p>Sie wandte mir ihr Gesicht zu. Sie l&#xE4;chelte, ihr Mund war leicht ge&#xF6;ffnet, die Z&#xE4;hne schimmerten, ihre Augen waren gro&#xDF; auf mich gerichtet – aber mir schien, als s&#xE4;hen sie mich gar nicht –, als l&#xE4;chele sie &#xFC;ber mich. Nie werde ich dieses Gesicht vergessen – nie werde ich vergessen, wie es sich dann zu mir neigte. Ich deckte meinen Mantel &#xFC;ber uns. Die Stadt war versunken. Die Zeit war gestorben…</p><p>Wir sa&#xDF;en lange so. Allm&#xE4;hlich begann es st&#xE4;rker zu wehen. Wir gingen die Stra&#xDF;e am Friedhof entlang und &#xFC;berquerten den Rummelplatz. Die Karussells ragten wie brausende T&#xFC;rme von Musik und Glanz, das Teufelsrad spr&#xFC;hte Purpur, Gold und Gel&#xE4;chter.</p><p>»Willst du etwas trinken?«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. Sie sah wundersch&#xF6;n aus. Der Nebel machte sie noch strahlender.</p><p>»Bist du auch nicht m&#xFC;de?« fragte ich.</p><p>»Nein, noch nicht.«</p><p>Ich blickte vorsichtig nach rechts und links, ob irgendwo eine leere Bank w&#xE4;re. Aber ich fand keine. Alle waren besetzt. Ich sah auf die Uhr. Es war schon nach zw&#xF6;lf.</p><p>»Komm«, sagte ich, »wir gehen zu mir – da sind wir f&#xFC;r uns.«</p><p>Sie antwortete nicht, aber wir gingen zur&#xFC;ck. Ich schlo&#xDF; die T&#xFC;r auf.</p><p>»Schrecklich, was?« sagte ich verlegen und starrte auf die Pl&#xFC;schgarnitur.</p><p>»Es ist gar nicht so schlimm. Vor allem ist es wunderbar warm.«</p><p>»Frierst du?«</p><p>»Ich habe es gern warm«, sagte sie und hob ein wenig die Schultern.«</p><p>»Himmel – und wir haben die ganze Zeit drau&#xDF;en im Nebel gesessen…«</p><p>»Um so besser ist es jetzt hier…«</p><p>Pat stand vor dem Kleiderschrank und schaute hinauf. Oben lag ein alter Koffer, den Lenz mir geschenkt hatte. Er war bunt beklebt mit Zetteln von seinen Abenteurerfahrten. »Rio de Janeiro…«, las sie, »Man&#xE1;os – Santiago – Buenos Aires – Las Palmas…« Sie schob den Koffer zur&#xFC;ck und kam auf mich zu.</p><p>»Da bist du &#xFC;berall schon gewesen?«</p><p>Ich murmelte irgend etwas. Sie nahm meinen Arm.</p><p>»Komm, erz&#xE4;hl mir davon, erz&#xE4;hl mir von all diesen St&#xE4;dten, es mu&#xDF; doch herrlich gewesen sein, so weit zu reisen…«</p><p>»Rio…« sagte ich – »Rio de Janeiro – ein Hafen wie ein M&#xE4;rchen. In sieben Bogen schwingt das Meer um die Bucht, und die Stadt steigt wei&#xDF; und flimmernd dar&#xFC;ber auf…«</p><p>Ich begann zu erz&#xE4;hlen von hei&#xDF;en St&#xE4;dten und endlosen Ebenen, von den gelben Schlammfluten der Fl&#xFC;sse, von schimmernden Inseln und Krokodilen, von den W&#xE4;ldern, die die Stra&#xDF;en fressen, ich hatte das alles von Lenz geh&#xF6;rt, aber jetzt schien es mir fast, als w&#xE4;re ich es selbst gewesen, so wunderlich mischten sich Erinnerung und Sehnsucht danach mit dem Wunsch, zu dem meines Lebens etwas Glanz hinzuzutun, um nicht dieses sch&#xF6;ne Gesicht vor mir zu verlieren, diese Hoffnung. Sp&#xE4;ter konnte ich das alles einmal erkl&#xE4;ren, sp&#xE4;ter, wenn ich mehr war, wenn alles sicherer war, sp&#xE4;ter, aber nicht jetzt – »Man&#xE1;os«, sagte ich. »Buenos Aires…«</p><p>Nacht. Drau&#xDF;en begann es zu regnen. Sie lag neben mir. Ihr Haar hob sich dunkel von den wei&#xDF;en Kissen ab. Das Gesicht erschien sehr bleich.</p><p>»Siehst du, wie sch&#xF6;n dein Zimmer ist.«</p><p>»Es ist sch&#xF6;n, weil du da bist. Es wird jetzt auch nie mehr das Zimmer von fr&#xFC;her sein – weil du hiergewesen bist.«</p><p>»Aber…« sagte sie, »ich werde doch noch oft hier sein – oft.«</p><p>Ich lag still da und sah sie an. Ich sah alles wie durch einen weichen, klaren Schlaf, entspannt, ruhig und sehr gl&#xFC;cklich.</p><p>»Wie sch&#xF6;n du so bist, Pat! Viel sch&#xF6;ner als in allen Kleidern.«</p><p>Sie l&#xE4;chelte und beugte sich zu mir herunter.</p><p>»Du mu&#xDF;t mich sehr lieben, Robby. Ich wei&#xDF; nicht, was ich machen soll ohne Liebe!«</p><p>Ihre Augen hielten mich fest. Ihr Gesicht war dicht &#xFC;ber mir.</p><p>»Du mu&#xDF;t mich festhalten«, fl&#xFC;sterte sie, »ich brauche jemand, der mich festh&#xE4;lt. Ich falle sonst. Ich habe Angst.«</p><p>»Du siehst nicht so aus, als ob du Angst h&#xE4;ttest«, erwiderte ich.</p><p>»Doch. Ich tue nur so. Ich habe oft Angst.«</p><p>»Ich werde dich schon festhalten«, sagte ich. »Ich werde dich schon richtig festhalten, Pat. Du wirst dich wundern.«</p><p>Sie nahm mein Gesicht in ihre H&#xE4;nde. »Wirklich?«</p><p>Ich nickte. Sie schlief in meinem Arm. Ich erwachte oft und sah sie an. Ich dachte, die Nacht k&#xF6;nne nie zu Ende gehen. Es war alles so schnell gekommen, ich begriff es noch gar nicht, da&#xDF; mich ein Mensch lieben konnte. Ich verstand wohl, da&#xDF; ich f&#xFC;r einen Mann ein ganz guter Kamerad sein konnte; aber ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb eine Frau mich lieben sollte. Ich dachte, da&#xDF; es wohl nur diese Nacht sein w&#xFC;rde, und glaubte, beim Erwachen w&#xFC;rde es vorbei sein. Ich stand ganz leise auf und putzte mir die Z&#xE4;hne und rasierte mich. Ich nahm auch etwas K&#xF6;lnisch Wasser und rieb es mir auf das Haar. Es war sonderbar, so lautlos in dem grauen Zimmer. Als ich mich umdrehte, sah ich, da&#xDF; Pat die Augen offen hatte und mich betrachtete.</p><p>»Komm«, sagte sie.</p><p>Ich ging zu ihr und setzte mich auf das Bett.</p><p>»Ist alles noch wahr?« sagte ich.</p><p>»Weshalb fragst du?«</p><p>»Ich wei&#xDF; nicht. Weil es Morgen ist, vielleicht?«</p><p>Es wurde heller. Sie legte mir den Arm um den Nacken und k&#xFC;&#xDF;te mich. Dann brachte ich sie nach Hause. Wir sprachen nicht mehr viel. Wir gingen nebeneinander her in der silbrigen Fr&#xFC;he.</p><p>»Heute?« fragte ich Pat vor der Haust&#xFC;r.</p><p>Sie l&#xE4;chelte.</p><p>»Um sieben?« fragte ich.</p><p>Sie sah gar nicht m&#xFC;de aus. Sie war frisch, als h&#xE4;tte sie lange geschlafen. Sie k&#xFC;&#xDF;te mich zum Abschied. Ich blieb vor dem Hause stehen, bis ich sah, da&#xDF; in ihrem Zimmer das Licht anging. Dann ging ich zur&#xFC;ck. Unterwegs fiel mir vieles ein, was ich ihr h&#xE4;tte sagen sollen, viele sch&#xF6;ne Worte. Ich wanderte durch die Stra&#xDF;en und dachte daran, was ich alles h&#xE4;tte sagen und tun k&#xF6;nnen, wenn ich nicht so gewesen w&#xE4;re, wie ich war. Dann ging ich zu den Markthallen. Die Wagen mit Gem&#xFC;se, Fleisch und Blumen waren schon da. Ich wu&#xDF;te, da&#xDF; man hier f&#xFC;r den gleichen Preis dreimal soviel Blumen bekam wie in den L&#xE4;den. Ich kaufte f&#xFC;r alles Geld, das ich noch bei mir hatte, Tulpen. Sie sahen herrlich aus, ganz frisch, mit Wassertropfen in den Kelchen. Ich bekam einen gro&#xDF;en Arm voll. Die Verk&#xE4;uferin versprach mir, sie um elf Uhr zu Pat zu schicken. Sie lachte mich an, als sie es versprach, und legte noch einen dicken Busch Veilchen dazu.</p><p>»Mindestens vierzehn Tage wird die Dame ihre Freude daran haben«, sagte sie.</p><p>Dann ging ich langsam nach Hause.</p></section><section><title><p>10</p></title><p>Der Ford stand fertig in der Werkstatt. Neue Arbeit war nicht hereingekommen. Wir mu&#xDF;ten etwas unternehmen. K&#xF6;ster und ich gingen auf eine Auktion. Wir wollten ein Taxi kaufen, das dort versteigert wurde. Taxis waren immer ziemlich gut weiterzuverkaufen. Es war noch zu fr&#xFC;h, als wir ankamen; der Auktionator war noch nicht da. K&#xF6;ster blickte mir &#xFC;ber die Schulter.</p><p>»Traurig, so was, wie?«</p><p>Ich nickte und zeigte auf die alten Sachen.</p><p>»Das auch, Otto. Zum Spa&#xDF; werden K&#xFC;chenst&#xFC;hle und Kleiderschr&#xE4;nke nicht hierhergebracht.«</p><p>Wir gingen zu dem Wagen, der in der Ecke des Hofes stand. Die Lackierung war verbraucht, aber der Wagen war sauber, auch unter den Kotfl&#xFC;geln. Ein untersetzter Mann stand in der N&#xE4;he und schaute uns stumpf an.</p><p>»Hast du die Maschine untersucht?« fragte ich K&#xF6;ster.</p><p>»Gestern«, sagte er. »Tadellos gepflegt.«</p><p>Ich nickte. »Sieht auch so aus. Der Wagen ist heute morgen noch gewaschen worden, Otto. Das hat der Auktionsfritze sicher nicht getan.«</p><p>K&#xF6;ster sch&#xFC;ttelte den Kopf und sah zu dem untersetzten Mann hin&#xFC;ber.</p><p>»Es wird der Besitzer sein. Er stand gestern auch hier und putzte den Wagen.«</p><p>»Verdammt«, sagte ich, »der Mann sieht aus wie ein &#xFC;berfahrener Hund. Wir sollten ihn nicht kaufen, Otto«.</p><p>»Wir k&#xF6;nnen dem Mann nicht helfen.«</p><p>»Stimmt«, sagte ich. »F&#xFC;r den Mann dr&#xFC;ben ist es sogar besser. Er kriegt so vielleicht ein bi&#xDF;chen mehr f&#xFC;r den Wagen.«</p><p>Der Auktionator kam. Er war eilig, er hatte anscheinend viel zu tun. Jeden Tag gab es ja Dutzende von Auktionen. Mit runden Gesten begann er den armseligen Kram zu versteigern. Die Sachen gingen f&#xFC;r Pfennige weg. Auf das Taxi boten drei Leute – als erster Guido – dreihundert Mark. Ein Schandgebot. Der untersetzte Mann war herangekommen. Er bewegte lautlos die Lippen. Es sah aus, als wolle er mitbieten. Aber die Hand sank herab. Er trat zur&#xFC;ck. Das n&#xE4;chste Gebot war vierhundert Mark. Guido ging auf vierhundertf&#xFC;nfzig. Es entstand eine Pause. Der Auktionator bot herum – »keiner mehr – zum ersten – zum zweiten…« Der Mann am Taxi stand mit aufgerissenen Augen und gesenktem Kopf da, als erwarte er einen Schlag.</p><p>»Tausend«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Ich sah ihn an. »Ist ja drei wert«, murmelte er.</p><p>Der Auktionator geriet in Schwung. Er tanzte mit seinem Hammer umher wie ein Kapellmeister. Das waren andere Zahlen als zwei Mark, zwei Mark f&#xFC;nfzig vorhin.</p><p>»F&#xFC;nfzehnhundertzehn«, erkl&#xE4;rte Guido schwitzend.</p><p>»Achtzehnhundert«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Ich dachte pl&#xF6;tzlich an Pat.</p><p>»Achtzehnhundertf&#xFC;nfzig«, sagte ich, ohne es recht zu wollen.</p><p>K&#xF6;ster drehte erstaunt den Kopf.</p><p>»Die f&#xFC;nfzig tu ich dazu«, sagte ich rasch. »Es ist f&#xFC;r irgendwas – zur Vorsicht.«</p><p>Er nickte. Der Auktionator schlug uns den Wagen zu. K&#xF6;ster bezahlte sofort. Ich ging zu dem Mann, dem der Wagen geh&#xF6;rte. Eine blasse Frau stand jetzt bei ihm.</p><p>»Der Wagen ist gut«, sagte er pl&#xF6;tzlich rasch, »der Wagen ist gut, er ist das Geld wert, ganz bestimmt, Sie haben ihn nicht &#xFC;berzahlt…«</p><p>»Wei&#xDF; schon«, sagte ich.</p><p>»Von dem Geld kriegen wir nichts«, sagte die Frau. »Geht alles wieder weg.«</p><p>»Wird schon wieder werden, Mutter«, sagte der Mann. »Wird schon wieder werden.«</p><p>Die Frau erwiderte nichts. Der Mann war na&#xDF; vor Schwei&#xDF;.</p><p>»Geben Sie mir Ihre Adresse«, sagte K&#xF6;ster, »vielleicht brauchen wir mal jemand zum Fahren.«</p><p>Der Mann schrieb eifrig mit seinen schweren, ehrlichen H&#xE4;nden. Ich sah K&#xF6;ster an; wir wu&#xDF;ten beide, da&#xDF; es ein Wunder sein m&#xFC;&#xDF;te, wenn es was w&#xFC;rde. Und Wunder gab‘s nicht mehr. Die Auktion war aus. Wir standen allein auf dem Hof.</p><p>Er fa&#xDF;te den Wagen immer wieder an. Dann wurde er still.</p><p>»Nun komm, Albert«, sagte die Frau.</p><p>Wir gaben ihm die Hand, Sie gingen. Wir warteten, bis sie weg waren. Dann lie&#xDF;en wir den Wagen an. Nachmittags kam der B&#xE4;ckermeister, um seinen Ford abzuholen. Er sah grau und verbittert aus. Ich war allein auf dem Hof.</p><p>»Gef&#xE4;llt Ihnen die Farbe?« fragte ich.</p><p>»Ja, schon«, sagte er und sah den Wagen an. »Das Verdeck ist sehr sch&#xF6;n geworden.«</p><p>»Gewi&#xDF;…«</p><p>Er stand herum und schien sich nicht entschlie&#xDF;en zu k&#xF6;nnen, abzufahren. Er schnaufte eine Weile herum, sah mich dann aus seinen rotge&#xE4;derten Augen an und sagte: »Wenn man so denkt – da hat sie nun vor ein paar Wochen noch gesund und munter drin gesessen…«</p><p>Ich war etwas erstaunt, ihn so pl&#xF6;tzlich weich zu sehen.</p><p>»War eine gute Frau«, fuhr er fort, »eine Seele von Frau. Nie verlangte sie was. Zehn Jahre lang hat sie denselben Mantel getragen. Blusen und so was schneiderte sie sich alles selbst. Und das Haus machte sie ganz allein – ohne M&#xE4;dchen.«</p><p>Aha, dachte ich, das machte die Neue wahrscheinlich alles nicht. Der B&#xE4;cker erz&#xE4;hlte mir, wie sparsam die Frau gewesen sei. Nicht einmal richtig fotografieren h&#xE4;tte sie sich lassen, es sei ihr zu teuer gewesen. So h&#xE4;tte er nur ein Bild von der Hochzeit und ein paar kleine Momentaufnahmen von ihr. Das brachte mich auf einen Gedanken.</p><p>»Sie sollten sich ein sch&#xF6;nes Bild von Ihrer Frau malen lassen«, sagte ich. »Dann haben Sie f&#xFC;r immer was.«</p><p>Ich erkl&#xE4;rte ihm Ferdinand Graus T&#xE4;tigkeit. Er meinte, das sei wohl sehr teuer. Ich beruhigte ihn – wenn ich mitginge, bek&#xE4;me er einen Sonderpreis. Ich rief Ferdinand Grau an und sagte ihm Bescheid. Dann fuhr ich mit dem B&#xE4;ckermeister los, um die Fotografien der Frau abzuholen. Die schwarze Person st&#xFC;rzte uns aus dem Laden entgegen. Sie umkreiste den Ford.</p><p>»Rot w&#xE4;re sch&#xF6;ner gewesen, Puppi! Aber du mu&#xDF;test nat&#xFC;rlich deinen Kopf durchsetzen.«</p><p>Der B&#xE4;cker wurde nerv&#xF6;s wollte vor ihren Augen die Fotografien nicht suchen.</p><p>»La&#xDF; uns mal allein«, sagte er grob.</p><p>Der B&#xE4;cker holte aus einem gr&#xFC;nen Pl&#xFC;schalbum ein paar Bilder hervor und zeigte sie mir. Die Frau als Braut, da lachte sie noch – dann ein anderes, auf dem sie schmal, verarbeitet, mit &#xE4;ngstlichen Augen auf der Kante eines Stuhles sa&#xDF;. Nur zwei kleine Bilder – aber ein ganzes Leben.</p><p>»Das geht«, sagte ich. »Danach kann er alles machen.«</p><p>Ferdinand Grau empfing uns in einem Gehrock. Er sah feierlich aus. Das geh&#xF6;rte zu seinem Gesch&#xE4;ft. Er wu&#xDF;te, da&#xDF; vielen Trauernden der Respekt vor ihrem Schmerz wichtiger war als der Schmerz selbst.</p><p>An den W&#xE4;nden des Ateliers hingen einige stattliche &#xD6;lportr&#xE4;ts in goldenen Rahmen; darunter die kleinen dazugeh&#xF6;rigen Fotografien. Jeder Kunde konnte dadurch sofort sehen, was selbst aus einer Momentaufnahme zu machen war. Ferdinand f&#xFC;hrte den B&#xE4;ckermeister herum und fragte ihn, welche Art ihm am besten gefiele. Der B&#xE4;cker fragte zur&#xFC;ck, ob die Preise sich nach der Gr&#xF6;&#xDF;e richteten. Ferdinand erkl&#xE4;rte, es ginge nicht nach dem Quadratmeter, sondern nach der Ausf&#xFC;hrung. Darauf gefiel dem B&#xE4;cker das gr&#xF6;&#xDF;te am besten.</p><p>»Sie haben einen guten Geschmack«, lobte Ferdinand, »das Bild ist ein Portr&#xE4;t der Prinzessin Borghese. Es kostet achthundert Mark. Mit Rahmen.«</p><p>Der B&#xE4;cker zuckte zusammen.</p><p>»Und ohne Rahmen?«</p><p>»Siebenhundertzwanzig.«</p><p>Der B&#xE4;cker bot vierhundert Mark.</p><p>Sie redeten noch eine Zeitlang hin und her, dann wurden sie einig und besprachen die Ausf&#xFC;hrung. Der B&#xE4;cker wollte eine Perlenkette und eine goldene Brosche mit Diamanten extra dazu gemalt haben. Sie waren auf den Fotos nicht zu sehen.</p><p>»Selbstverst&#xE4;ndlich«, erkl&#xE4;rte Ferdinand, »der Schmuck Ihrer Gattin wird mitgemalt. Am besten ist, Sie bringen ihn mir einmal f&#xFC;r eine Stunde her, damit er m&#xF6;glichst naturgetreu wird.«</p><p>Der B&#xE4;cker wurde rot.</p><p>»Ich habe ihn nicht mehr da. Er ist – ich habe ihn bei Verwandten.«</p><p>»Ach so. Na, dann geht es auch so. Sah die Brosche &#xE4;hnlich aus wie die auf dem Bilde dr&#xFC;ben?«</p><p>Der B&#xE4;cker nickte. »Nicht ganz so gro&#xDF;.«</p><p>»Sch&#xF6;n. Dann werden wir sie so machen. Die Kette brauchen wir ohnehin nicht. Perlen sehen ja alle &#xE4;hnlich aus.«</p><p>Der B&#xE4;cker atmete auf. »Und wann ist das Bild fertig?«</p><p>»In sechs Wochen.«</p><p>»Gut.«</p><p>Der B&#xE4;cker verabschiedete sich.</p><p>Ferdinand und ich sa&#xDF;en noch eine Weile allein im Atelier.</p><p>»Sechs Wochen brauchst du dazu?« fragte ich.</p><p>»Ach wo. Vier, f&#xFC;nf Tage; das kann ich dem aber doch nicht sagen, sonst rechnet er aus, was ich pro Stunde verdiene, und f&#xFC;hlt sich betrogen. Bei sechs Wochen ist er zufrieden. Ebenso wie bei der Prinzessin Borghese. Das ist die menschliche Natur, lieber Robby. W&#xFC;rde ich ihm sagen, es sei ein N&#xE4;hm&#xE4;dchen, so w&#xE4;re ihm sein Bild weniger wert. Es ist &#xFC;brigens das sechstemal, da&#xDF; verstorbene Frauen den gleichen Schmuck gehabt haben wie dr&#xFC;ben auf dem Bild. So spielt der Zufall. Es waren Bilder, die von den Angeh&#xF6;rigen nicht abgenommen oder nicht bezahlt worden waren. Alles Menschen, die einmal gehofft und geatmet hatten. »</p><p>»Macht dich das hier nicht allm&#xE4;hlich melancholisch, Ferdinand?«</p><p>»Nein, h&#xF6;chstens zynisch. Melancholisch wird man, wenn man &#xFC;ber das Leben nachdenkt – zynisch, wenn man sieht, wie die meisten damit fertig werden.«</p><p>»Na, bei manchen geht‘s doch auch tiefer…«</p><p>»Gewi&#xDF;. Aber die lassen keine Bilder malen.«</p><p>Ich ging.</p></section><section><title><p>11</p></title><p>Ich war unterwegs zu Pat. Es war das erstemal, da&#xDF; ich sie besuchte. Bisher war sie immer nur bei mir gewesen, oder ich hatte sie vor ihrem Haus abgeholt, und wir waren irgendwohin gegangen. Aber das war stets so gewesen, als ob sie nur zu Besuch da war. Ich wollte mehr von ihr wissen. Ich wollte wissen, wie sie lebte. Mir fiel ein, da&#xDF; ich ihr Blumen mitbringen k&#xF6;nnte. Das war leicht; die st&#xE4;dtischen Anlagen standen in voller Bl&#xFC;te. Ich sprang &#xFC;ber das Gitter und begann einen wei&#xDF;en Fliederbusch zu pl&#xFC;ndern.</p><p>»Was machen Sie da?« erscholl pl&#xF6;tzlich eine Stimme.</p><p>»Das ist doch nicht schwer festzustellen«, erwiderte ich h&#xF6;flich. »Ich breche hier Fliederzweige ab.«</p><p>Dem Mann verschlug es einen Moment die Sprache.</p><p>»Wissen Sie nicht, da&#xDF; das st&#xE4;dtische Anlagen sind?« knurrte er dann emp&#xF6;rt.</p><p>Ich lachte. »Nat&#xFC;rlich wei&#xDF; ich das! Oder glauben Sie, ich hielte das hier f&#xFC;r die Kanarischen Inseln?«</p><p>Der Mann wurde blau. Ich f&#xFC;rchtete, der Schlag w&#xFC;rde ihn treffen.</p><p>»Sofort‚ raus da, Kerl!« schrie er mit erstklassiger Kasernenhofstimme.</p><p>Ich hatte inzwischen genug Flieder. Ich sprang nach der andern Seite &#xFC;bers Gitter und entschwand.</p><p>Vor dem Hause Pats musterte ich noch einmal meinen Anzug. Dann stieg ich die Treppe hinauf und sah mich um. Das Haus war neu und modern gebaut. Die Treppen waren mit einem roten L&#xE4;ufer belegt. Pat wohnte im zweiten Stock. An der T&#xFC;r war ein selbstbewu&#xDF;tes Messingschild angebracht: Egbert von Hake, Oberstleutnant. Ich starrte es lange an. Unwillk&#xFC;rlich r&#xFC;ckte ich dann meinen Schlips zurecht, bevor ich klingelte. Ein M&#xE4;dchen mit wei&#xDF;em H&#xE4;ubchen und bl&#xFC;tenwei&#xDF;er T&#xE4;ndelsch&#xFC;rze. Mir wurde pl&#xF6;tzlich unbehaglich zumute.</p><p>»Herr Lohkamp?« fragte sie.</p><p>Ich nickte. Sie f&#xFC;hrte mich &#xFC;ber einen kleinen Vorplatz und &#xF6;ffnete dann eine Zimmert&#xFC;r.</p><p>Pat kam mir schon entgegen mit ihren sch&#xF6;nen, langen Schritten, und das Zimmer war pl&#xF6;tzlich nichts als eine Insel von W&#xE4;rme und Heiterkeit. Ich schlo&#xDF; die T&#xFC;r und nahm sie zuerst einmal vorsichtig in die Arme. Dann &#xFC;bergab ich ihr den gestohlenen Flieder. Sie stellte die Zweige in eine gro&#xDF;e, helle Tonvase, die auf dem Boden vor dem Fenster stand. Ich sah mich in ihrem Zimmer um. Weiche Farben, wenige alte sch&#xF6;ne M&#xF6;bel, ein mattblauer Teppich, pastellfarbene Vorh&#xE4;nge, bequeme kleine Sessel, mit Samt gepolstert.</p><p>»Mein Gott, wie hast du nur so ein Zimmer gefunden, Pat?« fragte ich.</p><p>»Es sind alles meine eigenen Sachen, Robby. Die Wohnung hat fr&#xFC;her meiner Mutter geh&#xF6;rt. Als sie starb, habe ich sie abgegeben und zwei Zimmer f&#xFC;r mich behalten.«</p><p>»Dann geh&#xF6;rt sie also dir?« fragte ich erleichtert.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Nicht mehr. Ich konnte sie nicht behalten. Ich habe die &#xFC;brigen M&#xF6;bel verkauft und die Wohnung ganz abgegeben. Ich wohne jetzt hier zur Miete.«</p><p>Es klopfte. Das M&#xE4;dchen schob einen niedrigen, fahrbaren Tisch herein. D&#xFC;nnes, wei&#xDF;es Porzellan, eine Silberplatte mit Kuchen, eine andere mit belegten, unwahrscheinlich kleinen Br&#xF6;tchen, Servietten, Zigaretten und was wei&#xDF; ich sonst noch – wie geblendet starrte ich darauf nieder.</p><p>»Das ist ja wie im Film! Ich habe schon auf der Treppe gemerkt, da&#xDF; wir auf verschiedenen sozialen Stufen stehen.«</p><p>Sie lachte.</p><p>»Willst du Tee oder Kaffee?«</p><p>»Gibt es denn beides?«</p><p>»Ja. Sieh hier!«</p><p>»Herrlich! Wie in den besten Lokalen! Jetzt fehlt nur noch Musik.«</p><p>Sie beugte sich zur Seite und knipste ein kleines Kofferradio an, das ich gar nicht gesehen hatte.</p><p>»Also, was willst du nun, Tee oder Kaffee?«</p><p>»Kaffee, einfach Kaffee, Pat. Und du?«</p><p>»Ich trinke mit dir Kaffee.«</p><p>»Aber sonst trinkst du Tee?«</p><p>»Ja. Willst du Kuchen dazu? Oder Br&#xF6;tchen?«</p><p>»Beides, Pat. Man mu&#xDF; solche Gelegenheiten ausnutzen. Ich werde nachher auch noch Tee trinken. Ich mu&#xDF; alles versuchen, was es hier bei dir gibt.« Sie lachte und packte meinen Teller voll.</p><p>Ich hatte mittags nur eine Tasse Bouillon in der Chauffeurkneipe getrunken. Es war deshalb nicht besonders schwer, alles aufzuessen, was da war. Dazu trank ich, ermuntert von Pat, auch die ganze Kanne Kaffee leer. Wir sa&#xDF;en am Fenster und rauchten. Der Abend stand rot &#xFC;ber den D&#xE4;chern.</p><p>»Es ist sch&#xF6;n bei dir, Pat«, sagte ich. »Ich k&#xF6;nnte verstehen, da&#xDF; man wochenlang keinen Schritt hinaust&#xE4;te – bis man den ganzen Kram da drau&#xDF;en vergessen h&#xE4;tte.«</p><p>Sie l&#xE4;chelte. »Es gab eine Zeit, da konnte ich gar nicht erwarten, hier herauszukommen.«</p><p>»Wann denn?«</p><p>»Als ich krank war.«</p><p>»Das ist was anderes. Was hast du denn gehabt?«</p><p>»Nichts sehr Schlimmes. Ich mu&#xDF;te nur liegen. Ich war wohl zu schnell gewachsen und hatte zuwenig zu essen bekommen. Im Krieg und nach dem Krieg gab‘s ja nicht viel.«</p><p>Ich nickte. »Wie lange hast du denn gelegen?«</p><p>»Ungef&#xE4;hr ein Jahr.«</p><p>»Das ist aber sehr lange.« Ich sah sie aufmerksam an.</p><p>»Es ist jetzt l&#xE4;ngst vorbei. Aber damals erschien es mir wie ein ganzes Leben. Ich kann mich seit damals auch so leicht freuen. Ich glaube, ich bin sehr oberfl&#xE4;chlich.«</p><p>»Oberfl&#xE4;chlich sind nur Leute, die glauben, da&#xDF; sie es nicht sind.«</p><p>»Ich bin es aber bestimmt. Ich habe nicht viel Verst&#xE4;ndnis f&#xFC;r die gro&#xDF;en Dinge des Lebens. Nur f&#xFC;r die sch&#xF6;nen. Dieser Flieder hier macht mich schon gl&#xFC;cklich.«</p><p>»Das ist keine Oberfl&#xE4;chlichkeit – das ist letzte Philosophie.«</p><p>»Bei mir nicht. Ich bin oberfl&#xE4;chlich und leichtsinnig.«</p><p>»Ich auch.«</p><p>»Nicht so wie ich. Ich m&#xFC;&#xDF;te schon l&#xE4;ngst eine andere Wohnung und einen Beruf haben und Geld verdienen. Aber ich habe es immer wieder hinausgeschoben. Ich wollte einmal eine Zeitlang so leben, wie ich es mir dachte. Ganz gleich, ob es vern&#xFC;nftig war. Und das habe ich getan.«</p><p>Ich lachte. »Warum machst du denn so ein trotziges Gesicht dabei?«</p><p>»Weil jeder mir gesagt hat, es w&#xE4;re grenzenlos leichtsinnig – ich solle mein bi&#xDF;chen Geld lieber sparen und mir Arbeit und Stellung suchen. Aber ich wollte einmal leicht und froh und nicht bedr&#xFC;ckt sein und tun, was ich wollte. Es war nach dem Tode meiner Mutter und nachdem ich so lange gelegen hatte.«</p><p>»Hast du Geschwister?« fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»K&#xF6;nnte ich mir auch nicht denken«, sagte ich.</p><p>»Findest du auch, da&#xDF; ich leichtsinnig war?«</p><p>»Nein, mutig.«</p><p>»Ach, Mut – ich bin nicht sehr mutig. Ich habe manchmal Angst genug dabei gehabt. So wie jemand, der im Theater auf dem falschen Platz sitzt und sich doch nicht wegr&#xFC;hrt.«</p><p>»Also warst du mutig«, sagte ich.</p><p>»Mut hat man nur, wenn man auch Angst hat. Au&#xDF;erdem war es vern&#xFC;nftig. Du h&#xE4;ttest dein Geld sonst nur verloren. So hast du wenigstens was davon gehabt. Was hast du denn gemacht?«</p><p>»Eigentlich nichts. Nur so f&#xFC;r mich gelebt.«</p><p>»Alle Achtung! Das ist das Exklusivste, was es gibt.«</p><p>Sie l&#xE4;chelte. »Es ist jetzt bald vorbei damit. Ich werde n&#xE4;chstens anfangen zu arbeiten.«</p><p>»Was denn? War das etwa damals deine gesch&#xE4;ftliche Besprechung mit Binding?« Sie nickte.</p><p>»Mit Binding und Doktor Max Matuscheit, Direktor der Elektro-Grammophonl&#xE4;den. Verk&#xE4;uferin mit Musikkenntnissen.«</p><p>»Na«, sagte ich, »was anderes konnte dem Binding wohl nicht einfallen.«</p><p>»Doch«, erwiderte sie, »aber das wollte ich nicht.«</p><p>»Das m&#xF6;chte ich ihm auch nicht raten. Wann soll das denn losgehen?«</p><p>»Am ersten August.«</p><p>»Na, bis dahin ist ja noch viel Zeit. Vielleicht finden wir da noch etwas anderes. Auf jeden Fall: unsere Kundschaft ist dir sicher.«</p><p>»Hast du denn ein Grammophon?«</p><p>»Nein, aber ich werde mir selbstverst&#xE4;ndlich sofort eins anschaffen. Vorl&#xE4;ufig gef&#xE4;llt mir die Geschichte allerdings noch nicht.«</p><p>»Mir schon«, sagte sie. »Ich kann ja nichts Rechtes. Und so was ist alles viel einfacher f&#xFC;r mich, seit du da bist. Aber ich h&#xE4;tte dir gar nichts davon erz&#xE4;hlen sollen.«</p><p>»Doch. Du mu&#xDF;t mir immer alles erz&#xE4;hlen.«</p><p>Sie sah mich einen Augenblick an. »Gut, Robby«, sagte sie.</p><p>Dann stand sie auf und ging zu einem Schr&#xE4;nkchen.</p><p>»Wei&#xDF;t du, was ich hier habe? Rum f&#xFC;r dich. Guten Rum, glaube ich.«</p><p>Sie stellte ein Glas auf den Tisch und sah mich erwartungsvoll an.</p><p>»Der Rum ist gut, das rieche ich schon von weitem«, sagte ich. »Aber eigentlich, Pat – solltest du nicht lieber ein bi&#xDF;chen sparen, jetzt? Um die Grammophonplatten noch etwas hinauszuschieben?«</p><p>»Nein«, erwiderte sie.</p><p>»Auch richtig«, sagte ich. Der Rum war, das sah ich schon an der Farbe, Verschnitt. Der H&#xE4;ndler hatte Pat bestimmt betrogen. Ich trank das Glas aus.</p><p>H&#xF6;chste Klasse«, sagte ich, »gib mir noch einen. Wo hast du ihn her?«</p><p>»Aus dem Gesch&#xE4;ft an der Ecke.«</p><p>Aha, dachte ich, nat&#xFC;rlich so ein verdammter Delikatessenladen. Ich nahm mir vor, gelegentlich mal‚ reinzusehen und dem Mann Bescheid zu sagen.</p><p>»Jetzt mu&#xDF; ich wohl gehen, Pat, was?« fragte ich.</p><p>Sie sah mich an. »Noch nicht…«</p><p>Wir standen am Fenster. Unten flammten die Lichter auf.</p><p>»Zeig mir einmal dein Schlafzimmer«, sagte ich.</p><p>Sie machte die T&#xFC;r auf und machte das Licht an. Ich blieb an der T&#xFC;r stehen und sah hinein.</p><p>»Und, da ist ja auch das Telefon. Nun wei&#xDF; ich das auch. Jetzt werde ich gehen. Leb wohl, Pat.«</p><p>Sie legte ihre H&#xE4;nde um meine Schl&#xE4;fen. Es w&#xE4;re wunderbar gewesen, jetzt dazubleiben, im hereinbrechenden Abend, dicht beieinander, unter der weichen, blauen Decke im Schlafzimmer – aber es war etwas da, was mich abhielt. Es war keine Hemmung, auch keine Angst und keine Vorsicht – es war einfach nur eine sehr gro&#xDF;e Z&#xE4;rtlichkeit, eine Z&#xE4;rtlichkeit, die das Begehren &#xFC;berschwemmte.</p><p>»Leb wohl, Pat«, sagte ich. »Es war sch&#xF6;n bei dir. Viel sch&#xF6;ner f&#xFC;r mich, als du dir vielleicht denken kannst. Und das mit dem Rum – da&#xDF; du daran gedacht hast…«</p><p>»Aber das war doch so einfach…«</p><p>»F&#xFC;r mich nicht. Bin es nicht so gew&#xF6;hnt.«</p><p>Die Zalewskische Bude. Ich sa&#xDF; eine Weile herum. Es gefiel mir nicht, da&#xDF; Pat Binding etwas verdanken sollte. Schlie&#xDF;lich ging ich &#xFC;ber den Korridor zu Erna B&#xF6;nig.</p><p>»Ich komme seri&#xF6;s«, sagte ich. »Wie steht‘s mit dem weiblichen Arbeitsmarkt, Erna?«</p><p>»Worin denn?«</p><p>»Sekret&#xE4;rin, Assistentin…«</p><p>Sie winkte ab. »Hunderttausend ohne Stellung. Kann die Dame irgendwas Besonderes?«</p><p>»Sie sieht gro&#xDF;artig aus«, sagte ich.</p><p>»Wieviel Silben?« fragte Erna. »Was?« »Wieviel Silben schreibt sie in der Minute? In wieviel Sprachen?«</p><p>»Keine Ahnung«, sagte ich, »aber wissen Sie, so zur Repr&#xE4;sentation…«</p><p>»Mein lieber Junge«, erwiderte Erna, »ich h&#xF6;re schon – Dame aus guter Familie, fr&#xFC;her bessere Tage gesehen, ist gezwungen, und so weiter. Hoffnungslos, sage ich Ihnen. H&#xF6;chstens, da&#xDF; jemand sich besonders daf&#xFC;r interessiert und sie deshalb irgendwo hineinschiebt. Sie wissen ja, warum. Aber das wollen Sie doch nicht?«</p><p>»Komische Frage«, sagte ich.</p><p>»Aber ich will Ihnen einen Rat geben«, fuhr sie fort. »Sehen Sie zu, da&#xDF; Sie f&#xFC;r zwei verdienen. Das ist die einfachste L&#xF6;sung. Heiraten.«</p><p>»Das w&#xE4;re so was«, sagte ich und lachte.</p><p>Bis acht Uhr hielt ich es in meiner Bude noch aus – dann hatte ich genug davon, allein herumzusitzen, und ging in die Bar, um irgend jemand zu treffen. Valentin war da.</p><p>»Setz dich«, sagte er. »Was willst du trinken?«</p><p>»Rum«, erwiderte ich. »Habe zu Rum seit heute ein besonderes Verh&#xE4;ltnis.«</p><p>»Rum ist die Milch des Soldaten«, sagte Valentin. »Siehst &#xFC;brigens gut aus, Robby.«</p><p>»So?«</p><p>»Ja, j&#xFC;nger.«</p><p>Es war au&#xDF;er Fred niemand mehr da. Ich dachte an Pat. Ich h&#xE4;tte sie gern angerufen, aber ich zwang mich, es nicht zu tun. Ich wollte auch nicht soviel an sie denken. Ich wollte sie nehmen als ein unerwartetes Geschenk, das gekommen war und wieder gehen w&#xFC;rde – nicht mehr. Ich wollte nie dem Gedanken Raum geben, da&#xDF; es mehr sein k&#xF6;nnte. Ich wu&#xDF;te zu sehr, da&#xDF; alle Liebe den Wunsch nach Ewigkeit hatte und da&#xDF; darin ihre ewige Qual lag. Es gab nichts, was blieb. Nichts. »Gib mir noch ein Glas, Fred«, sagte ich. Ein Mann und eine Frau kamen herein. Die Frau sah m&#xFC;de aus, der Mann gierig. Sie gingen bald wieder. Ich trank das Glas aus. Vielleicht w&#xE4;re es besser gewesen, wenn ich nachmittags nicht zu Pat gegangen w&#xE4;re. Verdammt, ich wurde sentimental!</p><p>Warum war ich fortgegangen, warum war ich nicht bei ihr geblieben, wie ich es eigentlich gewollt hatte? Ich wollte nicht mehr daran denken, nicht an das eine und an das andere. Sollte kommen, was wollte, sollte ich meinetwegen verr&#xFC;ckt werden vor Ungl&#xFC;ck, wenn ich sie verlor, sie war da, jetzt war sie da, und alles andere war egal und sollte zum Teufel gehen! Was lag schon daran, das bi&#xDF;chen Leben zu sichern!</p><p>»Wollen wir einen zusammen trinken, Fred?« fragte ich.</p><p>»Immer«, sagte er.</p><p>Wir tranken zwei Absinthe. Wir waren jetzt in gl&#xE4;nzender Stimmung. Fred sagte, da&#xDF; er eine Braut h&#xE4;tte, die Tochter eines Automatenrestaurantbesitzers. Aber er wollte mit dem Heiraten noch warten, bis der Alte tot w&#xE4;re, damit er ganz genau w&#xFC;&#xDF;te, da&#xDF; sie das Restaurant mitbek&#xE4;me. Fred war &#xFC;brigens ziemlich optimistisch. Der Alte hatte sich erk&#xE4;ltet, und Fred meinte, vielleicht sei es Grippe, und die w&#xE4;re doch sehr gef&#xE4;hrlich. K&#xF6;ster und Lenz sind gekommen.</p><p>»Wenn du meinst, ich w&#xE4;re besoffen, irrst du dich«, sagte ich.</p><p>»Wo kommt ihr her?«</p><p>»Aus einer politischen Versammlung. Aber es war Otto zu bl&#xF6;d.«</p><p>K&#xF6;ster hatte mich besorgt angesehen.</p><p>»Sieh mich nicht so an, Otto«, sagte ich, »ich habe mich aus lauter Lebenslust etwas beschwipst. Nicht aus Kummer.«</p><p>»Dann ist‘s gut«, sagte er. »Aber komm trotzdem mit essen.«</p><p>Um elf Uhr war ich wieder n&#xFC;chtern wie ein Knochen<a l:href="#n_6" type="note">[6]</a>. K&#xF6;ster schlug vor, nach Fred zu sehen. Wir gingen hin und fanden ihn wie tot hinter dem Bartisch.</p><p>»Bringt ihn nach nebenan«, sagte Lenz, »ich werde solange die Bedienung &#xFC;bernehmen.«</p><p>K&#xF6;ster und ich machten Fred wieder munter. Wir gaben ihm warme Milch zu trinken. Die Wirkung war prompt. Wir setzten ihn hinterher auf einen Stuhl und sagten ihm, er solle sich noch eine halbe Stunde ausruhen, Lenz w&#xFC;rde vorn schon alles machen. Gottfried machte es auch. Er kannte s&#xE4;mtliche Preise und die g&#xE4;ngigen Cocktailrezepte. Er schwang den Mixbecher, als ob er nie etwas anderes getan h&#xE4;tte. Nach einer Stunde war Fred wieder da. Er hatte einen ausgepichten Magen und erholte sich schnell.</p><p>»Tut mir leid, Fred«, sagte ich, »wir h&#xE4;tten vorher etwas essen sollen.«</p><p>»Ich bin schon wieder in Ordnung«, erwiderte er.</p><p>Ich ging zum Telefon und rief Pat an. Es war mir v&#xF6;llig gleichg&#xFC;ltig, was ich vorher alles zusammengedacht hatte. Sie meldete sich.</p><p>»In einer Viertelstunde bin ich vor der Haust&#xFC;r«, rief ich und h&#xE4;ngte rasch ab.</p><p>Ich f&#xFC;rchtete, sie k&#xF6;nnte m&#xFC;de sein. Ich wollte nichts davon h&#xF6;ren, wollte sie sehen. Sie kam. Als sie die Haust&#xFC;r aufschlo&#xDF;, k&#xFC;&#xDF;te ich das Glas da, wo ihr Kopf war. Sie wollte etwas sagen, aber ich lie&#xDF; sie gar nicht zu Worte kommen. Ich k&#xFC;&#xDF;te sie, und wir liefen zusammen die Stra&#xDF;e hinunter, bis wir ein Taxi fanden. Es donnerte und blitzte.</p><p>»Rasch, sonst gibt‘s Regen«, rief ich.</p><p>Wir stiegen ein. Alles war wunderbar, der Regen, die Stadt, das Trinken, es war alles weit und herrlich. Ich war in der &#xFC;berwachen, hellen Stimmung, in die man kommt, wenn man getrunken und es schon wieder &#xFC;berwunden hat. Der Regen begann, als wir ausstiegen. Ich machte kein Licht. Die Blitze erleuchteten das Zimmer. Das Gewitter war mitten &#xFC;ber der Stadt. Donner rollte in Donner.</p><p>»Jetzt k&#xF6;nnen wir hier wenigstens einmal schreien«, rief ich Pat zu, »ohne Sorge, da&#xDF; uns jemand h&#xF6;rt!«</p><p>Ich legte den Arm um ihre Schultern, sie dr&#xE4;ngte sich an mich, ich f&#xFC;hlte ihren Mund, ihren Atem, ich dachte nichts mehr.</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Unsere Werkstatt stand immer noch leer. Wir hatten deshalb beschlossen, das Taxi, das wir auf der Auktion gekauft hatten, nicht weiterzuverkaufen, sondern es selbst als Taxi zu fahren. Lenz und ich sollten es abwechselnd machen. K&#xF6;ster konnte mit Jupp die Werkstatt ganz gut allein besorgen, bis wieder Arbeit kam. Lenz und ich w&#xFC;rfelten, wer als erster fahren sollte. Ich gewann, steckte mir die Tasche voller Kleingeld, nahm meine Papiere und strich dann mit dem Taxi langsam durch die Stra&#xDF;en, um mir zun&#xE4;chst einmal einen guten Standplatz auszusuchen. Jeder Idiot konnte mich anhalten und mir einen Auftrag geben. Ich suchte mir einen Halteplatz aus, an dem nur f&#xFC;nf Wagen standen. Er war gegen&#xFC;ber dem Hotel Waldecker Hof. Ich stieg aus. Von einem Wagen kam ein gro&#xDF;er Kerl in einem Ledermantel auf mich zu.</p><p>»Scher dich hier weg. Nicht kapiert?« sagte er und spuckte mir seine Zigarette vor die F&#xFC;&#xDF;e. »Sollst dich wegscheren! Sind genug hier! Brauchen keinen mehr!«</p><p>Ein junger Chauffeur trat hinzu.</p><p>»Sch&#xF6;n, Kollege. La&#xDF; ihn doch, Gustav…«</p><p>Aber Gustav gefiel etwas an mir nicht. Ich wu&#xDF;te, was es war. Er sp&#xFC;rte, da&#xDF; ich neu im Beruf war.</p><p>»Ich z&#xE4;hle bis drei…«, erkl&#xE4;rte er.</p><p>Er war einen Kopf gr&#xF6;&#xDF;er als ich. Ich merkte, da&#xDF; mit Reden nicht mehr viel zu machen war. Ich mu&#xDF;te abfahren oder schlagen. Ich schlug zu. Es war ein Schlag wie mit einem Hammer, mit dem ganzen K&#xF6;rperschwung. K&#xF6;ster hatte ihn mir beigebracht. Ich konnte nicht besonders boxen. Es kam meistens nur auf den ersten Schlag an. Dieser war gut.</p><p>»Schadet ihm nichts«, sagte der junge Chauffeur. »Alter Radaubruder.«</p><p>Wir packten ihn. »Wird schon wieder zu sich kommen.«</p><p>»Du bist kein gelernter Chauffeur, was?«</p><p>»Nein…«</p><p>»Ich auch nicht. Ich bin Schauspieler.«</p><p>»Und?«</p><p>»Man lebt«, erwiderte er lachend. »Theater ist auch so genug.«</p><p>Wir waren zu f&#xFC;nf, zwei &#xE4;ltere und drei junge. Nach einer Weile erschien auch Gustav im Lokal. Gustav schob mit dem Fu&#xDF; einen Stuhl heran und lie&#xDF; sich darauffallen. Der Wirt stellte ein Glas vor ihn hin. Die Runde kam. Gustav schluckte weg. Eine zweite Runde wurde geschmettert. Gustav sah mich schief an. Er hob das Glas.</p><p>»Prost«, sagte er zu mir, aber mit einem Gesicht wie Dreck.</p><p>»Prost«, erwiderte ich und kippte.</p><p>Gustav zog eine Schachtel Zigaretten heraus. Er hielt sie mir hin, ohne mich anzusehen. Ich nahm eine und gab ihm daf&#xFC;r Feuer.</p><p>Gustav sah mich wieder von der Seite an.</p><p>»Kaffer«, sagte er, aber im richtigen Ton.</p><p>»Mondkalb«, erwiderte ich ebenso.</p><p>Er wendete sich mir voll zu.</p><p>»Der Schlag war gut…«</p><p>»Zufall…« Ich zeigte ihm meinen Daumen.</p><p>»Pech«, erwiderte er grinsend. »Ich hei&#xDF;e &#xFC;brigens Gustav.«</p><p>»Ich Robert.«</p><p>»Sch&#xF6;n. Also in Ordnung, Robert was? Dachte, du w&#xE4;rst so‚ n Bubi von Mamas Sch&#xFC;rze.«</p><p>»In Ordnung, Gustav.«</p><p>Von dieser Zeit an waren wir Freunde.</p><p>Der Schauspieler, der Tommy genannt wurde, bekam eine gl&#xE4;nzende Fuhre zum Bahnhof. Gustav eine zum n&#xE4;chsten Restaurant f&#xFC;r drei&#xDF;ig Pfennig. Er platzte vor Wut dar&#xFC;ber, denn er mu&#xDF;te sich f&#xFC;r zehn Pfennig Verdienst nun wieder hinten anstellen. Ich erwischte etwas ganz Seltenes – eine alte Engl&#xE4;nderin, die sich die Stadt ansehen wollte. Ich war fast eine Stunde mit ihr unterwegs. Auf der R&#xFC;ckkehr schnappte ich noch ein paar kleinere Sachen. Mittags, als wir alle wieder in der Kneipe sa&#xDF;en und unsere Butterbrote a&#xDF;en, kam ich mir schon vor wie ein gedienter Chauffeur. Die Sache hatte etwas von der Br&#xFC;derschaft alter Soldaten an sich. Leute aus allen m&#xF6;glichen Berufen kamen da zusammen. Ziemlich aufgekratzt fuhr ich nachmittags in den Hof unserer Werkstatt ein. Lenz und K&#xF6;ster erwarteten mich schon.</p><p>»Br&#xFC;der, was habt ihr verdient?« fragte ich.</p><p>»Siebzig Liter Benzin«, meldete Jupp. »Sonst nichts?«</p><p>Lenz schaute mit wildem Gesicht zum Himmel auf.</p><p>»Regnen m&#xFC;&#xDF;te es! Und dann ein kleiner Zusammensto&#xDF; auf dem Rutschasphalt direkt vor der T&#xFC;r! Keine Verletzten! Nur eine nette, runde Reparatur.«</p><p>»Schaut her!« Ich zeigte f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Mark auf der flachen Hand.</p><p>»Gro&#xDF;artig«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Davon sind zwanzig Mark verdient. Die werden wir heute feiern!«</p><p>»Wir wollen eine Waldmeisterbowle trinken«, erkl&#xE4;rte Lenz.</p><p>»Bowle?« fragte ich.</p><p>»Wozu denn Bowle?«</p><p>»Weil Pat mitkommt.«</p><p>»Pat?«</p><p>»Wir haben alles l&#xE4;ngst abgemacht. Um sieben holen wir sie ab. Sie wei&#xDF; Bescheid. Wenn du nicht daran denkst, m&#xFC;ssen wir uns eben selbst helfen. Schlie&#xDF;lich hast du sie doch durch uns kennengelernt.«</p><p>»Was hast du denn an der Hand, Robby?«</p><p>»Verstaucht, glaube ich.«</p><p>Ich erz&#xE4;hlte die Geschichte mit Gustav. Lenz sah sie sich an.</p><p>»Nat&#xFC;rlich! Als Student der Medizin im Ruhestand werde ich sie dir massieren. Komm mit, du Meisterboxer.«</p><p>»Hast du Pat gesagt, da&#xDF; wir unser eint&#xE4;giges Jubil&#xE4;um als Taxichauffeure feiern?« fragte ich ihn.</p><p>»Die Liebe«, erkl&#xE4;rte Gottfried unger&#xFC;hrt, »ist etwas Herrliches. Aber sie verdirbt den Charakter.«</p><p>»Daf&#xFC;r macht Alleinsein taktlos, du tr&#xFC;ber Solist.«</p><p>»Wei&#xDF;t du, was ich tun werde? Ich werde sie heute abend einfach mit dem Taxi abholen.«</p><p>»Recht so!« Gottfried hob segnend die Hand. »Nur die Freiheit nicht verlieren! Sie ist kostbarer als die Liebe. Das wei&#xDF; man aber immer erst hinterher. Das Taxi kriegst du trotzdem nicht. Das brauchen wir f&#xFC;r Ferdinand Grau und Valentin. Es wird ein seri&#xF6;ser, aber gro&#xDF;er Abend.«</p><p>Wir sa&#xDF;en im Garten eines kleinen Wirtshauses vor der Stadt. Der Mond hing wie eine rote Fackel &#xFC;ber den W&#xE4;ldern. Ferdinand Grau f&#xFC;hrte den Vorsitz. Pat sa&#xDF; neben ihm. Sie trug eine bla&#xDF;rosa Orchidee, die er ihr mitgebracht hatte. Ferdinand schaute uns der Reihe nach an.</p><p>»Wi&#xDF;t ihr, was das unheimlichste auf der Welt ist, Br&#xFC;der? Das unheimlichste, Br&#xFC;der, ist die Zeit. Die Zeit. Der Augenblick, durch den wir leben und den wir doch nie besitzen.«</p><p>Er zog seine Uhr aus der Tasche und hielt sie Lenz vor die Augen.</p><p>»Das hier, du Papierromantiker! Die H&#xF6;llenmaschine, die tickt und tickt, dem Nichts entgegentickt! Du kannst eine Lawine aufhalten, einen Bergrutsch – aber das da nicht.«</p><p>»Will ich auch gar nicht«, erkl&#xE4;rte Lenz. »Ich will friedlich altern. Und au&#xDF;erdem liebe ich die Abwechslung.«</p><p>Gottfried lachte.</p><p>»Die schlimmste Krankheit der Welt, Ferdinand, ist Denken! Sie ist unheilbar.«</p><p>»Wenn es die einzige w&#xE4;re, w&#xE4;rest du unsterblich«, erwiderte Grau.</p><p>»Br&#xFC;der, das Leben ist eine Krankheit, und der Tod beginnt schon mit der Geburt. Jeder Atemzug und jeder Herzschlag ist schon ein bi&#xDF;chen Sterben – ein kleiner Ruck dem Ende zu.«</p><p>»Jeder Schluck auch«, erwiderte Lenz. »Prost, Ferdinand.«</p><p>»Wenn die Menschen ewig w&#xE4;ren, w&#xFC;rdest du arbeitslos, alter guter Parasit des Todes.« Grau lachte.</p><p>Sp&#xE4;ter ging ich mit Pat allein durch den Garten. Der Mond war h&#xF6;her gestiegen, und die Wiesen schwammen in grauem Silber. Wir gingen bis zum See hinunter und kehrten dann um. Unterwegs trafen wir Gottfried Lenz, der sich einen Gartenstuhl mitgenommen und ihn tief in ein Geb&#xFC;sch von Fliederstr&#xE4;uchern geschoben hatte. Neben sich auf der Erde hatte er ein Glas und den Rest der Maibowle stehen.</p><p>»Das ist ein Platz!« sagte Pat. »Mitten im Flieder.«</p><p>»Es l&#xE4;&#xDF;t sich aushalten.« Gottfried stand auf. »Versuchen Sie es mal.«</p><p>Pat setzte sich auf den Stuhl. Ihr Gesicht schimmerte zwischen den Bl&#xFC;ten.</p><p>»Ich bin verr&#xFC;ckt mit Flieder«, sagte der letzte Romantiker.</p><p>Wir h&#xF6;rten Ferdinand nach uns rufen und gingen hin&#xFC;ber. Er stand massig unter der T&#xFC;r.</p><p>»Kommt herein, Kinder«, sagte er. »Nachts haben Menschen wie wir nichts in der Natur zu suchen. Nachts will sie allein sein. Ein Bauer oder ein Fischer, das ist was anderes; aber wir nicht…«</p><p>Er nahm Pat an der Hand. »Wenn wir nicht das bi&#xDF;chen Sinn f&#xFC;r Sch&#xF6;nheit noch h&#xE4;tten – dann w&#xE4;re alles verloren.«</p><p>Um elf Uhr fuhren wir zur&#xFC;ck. Valentin und Ferdinand hatten das Taxi, das Valentin steuerte. Wir andern fuhren mit Karl. Die Nacht war warm, und K&#xF6;ster machte noch einen Umweg durch ein paar D&#xF6;rfer.</p><p>Lenz sa&#xDF; vorne neben Otto und sang, Pat und ich hockten hinten im Wagen. K&#xF6;ster fuhr wunderbar. Er fuhr nicht hart, wie die meisten Rennfahrer. Ich deckte unsere M&#xE4;ntel &#xFC;ber Pat. Sie l&#xE4;chelte mir zu.</p><p>»Liebst du mich eigentlich?« fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Du mich?«</p><p>»Nein. Ein Gl&#xFC;ck, was?«</p><p>»Ein gro&#xDF;es Gl&#xFC;ck.«</p><p>»Dann kann uns ja nichts passieren, wie?«</p><p>»Gar nichts –«, erwiderte sie und fa&#xDF;te unter den M&#xE4;nteln nach meiner Hand.</p><p>K&#xF6;ster hielt in der N&#xE4;he des Friedhofs. Er fuhr weder zu Pat noch zu mir, hielt einfach irgendwo in der N&#xE4;he, er dachte wahrscheinlich, wir wollten allein sein. Wir stiegen aus. Einen Augenblick war das sonderbar. Meine Kameraden fuhren ab, und ich blieb zur&#xFC;ck.</p><p>»Komm«, sagte ich zu Pat, die mich ansah, als h&#xE4;tte sie etwas gesp&#xFC;rt.</p><p>»Fahr mit«, sagte sie. »Du m&#xF6;chtest doch mitfahren…«</p><p>»Ach wo –«, sagte ich und wu&#xDF;te, da&#xDF; es stimmte. »Komm…«</p><p>Wir gingen am Friedhof entlang, noch etwas schwankend vom Wind und vom Fahren.</p><p>»Robby«, sagte Pat, »ich m&#xF6;chte lieber nach Hause.«</p><p>»Warum?«</p><p>»Ich will nicht, da&#xDF; du meinetwegen etwas aufgibst.«</p><p>»Was f&#xE4;llt dir ein«, fragte ich, »was gebe ich denn auf?«</p><p>»Deine Kameraden…«</p><p>»Die gebe ich doch gar nicht auf – die treffe ich ja morgen fr&#xFC;h schon wieder.«</p><p>»Du wei&#xDF;t schon, was ich meine«, sagte sie. »Du warst fr&#xFC;her viel mehr mit ihnen zusammen.«</p><p>»Weil du nicht da warst«, erwiderte ich und schlo&#xDF; die T&#xFC;r auf.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Das ist etwas ganz anderes.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich ist es anders. Gott sei Dank.«</p><p>Ich nahm sie hoch und trug sie den Korridor entlang in mein Zimmer.</p><p>»Du brauchst Kameraden«, sagte sie dicht an meinem Gesicht.</p><p>»Dich brauche ich auch«, erwiderte ich.</p><p>»Aber nicht so n&#xF6;tig…«</p><p>»Das werden wir ja noch sehen…«</p><p>Ich stie&#xDF; die T&#xFC;r auf und lie&#xDF; sie zu Boden gleiten. Sie hielt mich fest.</p><p>»Ich bin nur ein sehr schlechter Kamerad, Robby.«</p><p>»Das will ich hoffen«, sagte ich. »Ich will auch keine Frau als Kameraden. Ich will eine Geliebte.«</p><p>»Bin ich auch nicht«, murmelte sie.</p><p>»Was bist du denn?«</p><p>»Nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein Fragment…«</p><p>»Das ist das Beste«, sagte ich. »Das regt die Phantasie an. Solche Frauen liebt man ewig. Fertige Frauen kriegt man leicht &#xFC;ber. Wertvolle auch. Fragmente nie.«</p><p>Es war vier Uhr nachts. Ich hatte Pat nach Hause gebracht und ging zur&#xFC;ck. Der Himmel war schon etwas hell geworden. Es roch nach Morgen.</p><p>Ich ging den Friedhof entlang, am Caf&#xE9; International vorbei, nach Hause. Da &#xF6;ffnete sich die T&#xFC;r einer Chauffeurkneipe neben dem Gewerkschaftshaus, und ein M&#xE4;dchen kam heraus. Ich war schon fast vorbei, da erkannte ich sie.</p><p>»Lisa…«</p><p>»Sieht man dich auch mal wieder?« sagte sie.</p><p>»Wo kommst du denn her?« fragte ich.</p><p>Sie machte eine Bewegung.</p><p>»Habe da gewartet. Dachte, du k&#xE4;mst vorbei. Ist ja so die Zeit, wo du nach Hause kommst.«</p><p>»Ja, richtig…«</p><p>»Kommst du mit?« fragte sie.</p><p>Ich z&#xF6;gerte. »Es geht nicht…«</p><p>»Du brauchst kein Geld«, sagte sie rasch.</p><p>»Nicht deshalb«, antwortete ich unbedacht, »ich habe Geld.«</p><p>»Ach so –«, sagte sie bitter und trat einen Schritt zur&#xFC;ck.</p><p>Ich griff nach ihrer Hand. »Nein, Lisa…«</p><p>Schmal und bla&#xDF; stand sie auf der leeren, grauen Stra&#xDF;e. So hatte ich sie getroffen, vor Jahren, als ich stumpf und allein dahinlebte, ohne Gedanken und ohne Hoffnung. Sie war erst mi&#xDF;trauisch gewesen, wie alle diese M&#xE4;dchen, aber dann, als wir ein paarmal miteinander gesprochen hatten, zutraulich und anh&#xE4;nglich. Es war ein sonderbares Verh&#xE4;ltnis gewesen – manchmal sah ich sie wochenlang nicht, und dann stand sie pl&#xF6;tzlich irgendwo und wartete. Wir hatten beide nichts und niemand um diese Zeit – da war das bi&#xDF;chen W&#xE4;rme und Beieinandersein, das wir uns geben konnten, f&#xFC;r jeden wohl mehr gewesen als sonst.</p><p>Ich hatte sie lange nicht mehr gesehen – seit ich Pat kannte, nicht mehr.</p><p>»Wo warst du denn so lange, Lisa?«</p><p>»Ist ja egal. Wollte dich nur mal wiedersehen.«</p><p>»Wie geht‘s dir denn?«</p><p>»La&#xDF; man –«, sagte sie. »Streng dich nicht an.«</p><p>Ihr Mund zitterte. Sie sah verhungert aus.</p><p>»Ich komme doch noch ein bi&#xDF;chen mit dir«, sagte ich.</p><p>Ihr armes, gleichg&#xFC;ltiges Hurengesicht belebte sich und wurde kindlich. Ich kaufte unterwegs ein paar Kleinigkeiten, damit sie etwas zu essen hatte. Sie wollte anfangs nicht; erst als ich sagte, ich h&#xE4;tte selbst Hunger, gab sie nach. Sie wohnte in einer Dachkammer, die sie sich etwas eingerichtet hatte. Eine Petroleumlampe stand auf dem Tisch und neben dem Bett, auf einer Flasche, eine Kerze. An den W&#xE4;nden hingen Bilder, die aus Zeitschriften ausgeschnitten und mit Rei&#xDF;n&#xE4;geln befestigt waren. Auf der Kommode lagen ein paar Detektivromane.</p><p>Ich packte die Sachen aus. Lisa zog sich inzwischen um. Zuerst zog sie das Kleid aus, obschon ich wu&#xDF;te, da&#xDF; ihr die F&#xFC;&#xDF;e am meisten weh taten. Sie mu&#xDF;te ja so viel laufen. Sie stand da, in ihren hohen Lackstiefeln bis zum Knie und in schwarzer W&#xE4;sche.</p><p>»Wie findest du meine Beine?« fragte sie.</p><p>»Klasse, wie immer.«</p><p>Sie war zufrieden und setzte sich erleichtert auf das Bett, um die Schuhe loszuschn&#xFC;ren.</p><p>»Hundertzwanzig Mark kosten die«, sagte sie und hielt sie mir hin.</p><p>Sie nahm einen Kimono aus dem Schrank und ein Paar verblichene Brokathalbschuhe aus besseren Tagen. Sie wollte gefallen. Wir sa&#xDF;en, und ich sprach behutsam mit ihr. Aber sie merkte trotzdem, da&#xDF; sich etwas ver&#xE4;ndert hatte. Ihre Augen wurden &#xE4;ngstlich. Es war nie mehr zwischen uns gewesen als das, was der Zufall gebracht hatte. Aber vielleicht verpflichtete und band das mehr als vieles andere.</p><p>»Du gehst?« fragte sie, als ich aufstand – als h&#xE4;tte sie es schon lange gef&#xFC;rchtet.</p><p>»Ich habe noch eine Verabredung…«</p><p>Sie sah mich an. »So sp&#xE4;t?«</p><p>»Gesch&#xE4;ftlich. Wichtig f&#xFC;r mich, Lisa. Mu&#xDF; versuchen, jemand noch zu treffen. Sitzt um diese Zeit gew&#xF6;hnlich im Astoria.«</p><p>Keine Frauen sind verst&#xE4;ndiger f&#xFC;r so was als M&#xE4;dchen wie Lisa. Aber keiner Frau kann man auch so wenig vorl&#xFC;gen wie ihnen. Lisas Gesicht wurde leer.</p><p>»Du hast eine andere Frau…«</p><p>»Aber Lisa – wir haben uns doch so wenig gesehen – jetzt fast ein Jahr nicht – du kannst dir doch denken…«</p><p>»Du hast eine Frau, die du liebst! Du hast dich ver&#xE4;ndert. Ich sp&#xFC;re es.«</p><p>»Ach, Lisa…«</p><p>»Doch, doch. Sag‘s!«</p><p>»Ich wei&#xDF; es selbst nicht. Vielleicht…«</p><p>Sie stand eine Weile. Dann nickte sie.</p><p>»Auf Wiedersehen, Lisa…«</p><p>»Du gehst – du bleibst nicht noch etwas?«</p><p>Ich wu&#xDF;te, was sie meinte. Aber ich konnte es nicht. Es war merkw&#xFC;rdig, aber ich konnte es nicht, ich sp&#xFC;rte das sehr stark.</p><p>»Hier, ich wei&#xDF;, du hast mir Geld hingelegt – unter die Zeitung – ich will es nicht haben…«</p><p>»Ich mu&#xDF;, Lisa.«</p><p>»Du kommst nicht wieder…«</p><p>»Doch, Lisa…«</p><p>Sie weinte. Ich ging die Treppe hinunter und sah mich nicht um.</p><p>Ich ging noch lange durch die Stra&#xDF;en. Es war eine sonderbare Nacht. Ich war sehr wach und konnte nicht schlafen. Ich ging am International vorbei, ich dachte an Lisa und an die Jahre von fr&#xFC;her, an vieles, was ich schon lange vergessen hatte, aber es war weit weg und schien nicht mehr zu mir zu geh&#xF6;ren. Dann wanderte ich durch die Stra&#xDF;e, wo Pat wohnte. Der Wind wurde st&#xE4;rker, alle Fenster in ihrem Hause waren dunkel, der Morgen schlich auf grauen F&#xFC;&#xDF;en die T&#xFC;ren entlang, und ich ging endlich nach Hause. Mein Gott, dachte ich, ich glaube, ich bin gl&#xFC;cklich.</p></section><section><title><p>13</p></title><p>»Die Dame, die Sie immer verstecken«, sagte Frau Zalewski, »brauchen Sie nicht zu verstecken. Sie kann ruhig offen zu Ihnen kommen. Sie gef&#xE4;llt mir…«</p><p>»Sie haben sie ja noch gar nicht gesehen«, erwiderte ich.</p><p>»Beruhigen Sie sich nur, ich habe sie gesehen«, erkl&#xE4;rte Frau Zalewski mit Nachdruck. »Ich habe sie gesehen und sie gef&#xE4;llt mir – sehr gut sogar –, aber das ist keine Frau f&#xFC;r Sie!«</p><p>»So?«</p><p>»Das ist eine Frau f&#xFC;r einen Mann in guten, sicheren Verh&#xE4;ltnissen. F&#xFC;r einen reichen Mann, mit einem Wort!«</p><p>»Das k&#xF6;nnen Sie von jeder Frau behaupten«, erkl&#xE4;rte ich gereizt.</p><p>»Warten Sie ab! Die Zukunft wird mir recht geben.«</p><p>»Ach, Zukunft! Wer rechnet heute noch mit Zukunft! Wozu soll man sich dar&#xFC;ber jetzt schon Gedanken machen!«</p><p>»Merkw&#xFC;rdige Menschen seid ihr jungen Leute. Die Vergangenheit ha&#xDF;t ihr, die Gegenwart verachtet ihr, und die Zukunft ist euch gleichg&#xFC;ltig.«</p><p>Sie blieb stehen. »Smoking? Sie?«</p><p>Mit gro&#xDF;en Augen betrachtete sie den Anzug Otto K&#xF6;sters, der an der Schrankt&#xFC;r hing. Ich hatte ihn mir geliehen, weil ich abends mit Pat ins Theater wollte. Reicher Mann – als ob ich das nicht w&#xFC;&#xDF;te!</p><p>Ich holte Pat ab. Sie stand in ihrem Zimmer, fertig angezogen, und wartete schon. Es verschlug mir fast den Atem, als ich sie erblickte. Sie trug zum erstenmal, seit ich sie kannte, ein Abendkleid. Es war ein Kleid aus silbernem Brokat, das von den geraden Schultern schlank und weich herunterfiel. Es schien eng zu sein und war doch so weit, da&#xDF; es die sch&#xF6;nen langen Schritte Pats nicht hinderte. Vorne war es hochgeschlossen, aber der R&#xFC;cken war tief ausgeschnitten.</p><p>»Gut, da&#xDF; ich dich in dem Kleide nicht kennengelernt habe«, sagte ich. »Nie h&#xE4;tte ich mich an dich herangetraut.«</p><p>»Das glaube ich nicht so ohne weiteres, Robby.« Sie l&#xE4;chelte. »Gef&#xE4;llt es dir?«</p><p>»Du bist eine ganz neue Frau darin. Du m&#xFC;&#xDF;test dazu einen andern Mann haben. Einen Mann mit viel Geld.«</p><p>Sie lachte. »M&#xE4;nner mit viel Geld sind meistens scheu&#xDF;lich, Robby.«</p><p>»Aber Geld nicht, was?«</p><p>»Nein«, sagte sie, »Geld nicht.«</p><p>»Das dachte ich mir.«</p><p>»Findest du das denn nicht?«</p><p>»Doch«, sagte ich. »Geld macht zwar nicht gl&#xFC;cklich – aber es beruhigt au&#xDF;erordentlich.Pa&#xDF; auf, ich werde mich noch in dich verlieben!«</p><p>Sie lachte. Wir fuhren in einem Taxi zum Theater. Ich war unterwegs ziemlich schweigsam, ohne recht zu wissen, warum. Als wir ausstiegen und ich bezahlte, hatte ich das Gef&#xFC;hl, ich m&#xFC;&#xDF;te mich setzen und losfahren – dann drehte ich mich um. Da stand Pat, sch&#xF6;n und erwartungsvoll.</p><p>»Komm rasch, Robby, es f&#xE4;ngt gleich an!«</p><p>Vor dem Eingang stauten sich die Leute. Es war eine gro&#xDF;e Premiere, das Theater war mit Scheinwerfern bestrahlt, Auto auf Auto glitt heran, Frauen in Abendkleidern stiegen aus.</p><p>Ich ging zur Kasse und tauschte die Billetts um. Ich nahm zwei Logenpl&#xE4;tze, obschon sie ein Verm&#xF6;gen kosteten. Ich wollte nicht, da&#xDF; Pat mitten unter diesen sicheren Leuten sa&#xDF;, denen alles selbstverst&#xE4;ndlich war. Ich wollte nicht, da&#xDF; sie zu ihnen geh&#xF6;rte. Ich wollte mit ihr allein sein. Es war lange her, da&#xDF; ich in einem Theater gewesen war. Ich w&#xE4;re auch nicht hingegangen, wenn Pat es nicht gewollt h&#xE4;tte. Theater, Konzerte, B&#xFC;cher – alle diese b&#xFC;rgerlichen Gewohnheiten hatte ich fast verloren. Es war nicht die Zeit danach. Die Politik machte genug Theater. Es wurde sofort dunkel, als wir unsere Pl&#xE4;tze gefunden hatten. Ich h&#xF6;rte nur die Musik und sah Pats Gesicht. Die Musik verzauberte den Raum.</p><p>Pats Gesicht war geheimnisvoll vom Licht der B&#xFC;hne beschienen. Sie war ganz hingegeben, und ich liebte sie, weil sie sich nicht an mich lehnte und nicht nach meiner Hand griff, ja, mich nicht einmal ansah, sondern gar nicht an mich zu denken und mich ganz vergessen zu haben schien.</p><p>Das Licht flammte auf. Ich schlo&#xDF; einen Augenblick die Augen. Woran hatte ich da nur gedacht? Pat wandte sich um. Ich sah, da&#xDF; die Leute zu den T&#xFC;ren dr&#xE4;ngten. Es war gro&#xDF;e Pause.</p><p>»Willst du nicht hinausgehen?« fragte ich.</p><p>Pat sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Gott sei Dank! Ich hasse es, sich da drau&#xDF;en gegenseitig zu beglotzen.«</p><p>Ich machte mich auf, um ihr ein Glas Orangensaft zu holen. Das B&#xFC;fett war stark belagert. Als ich mit meinem Glas in der Loge ankam, stand jemand hinter Pats Stuhl. Sie hatte den Kopf zur&#xFC;ckgewendet und sprach lebhaft mit ihm.</p><p>»Das ist Herr Breuer, Robert«, sagte sie.</p><p>Robert hatte sie gesagt, nicht Robby. Ich stellte das Glas auf die Br&#xFC;stung und wartete darauf, da&#xDF; der Mann ging. Er hatte einen fabelhaft geschnittenen Smoking an. Aber er blieb. Pat wandte sich mir zu.</p><p>»Herr Breuer hat gefragt, ob wir nachher nicht in die Kaskade gehen wollen.«</p><p>»Wenn du gern m&#xF6;chtest«, sagte ich.</p><p>Herr Breuer erkl&#xE4;rte, man k&#xF6;nne vielleicht etwas tanzen. Er war sehr h&#xF6;flich und gefiel mir eigentlich ganz gut. Er hatte nur diese unangenehme Eleganz und Leichtigkeit, die ich selbst nicht besa&#xDF;. Pl&#xF6;tzlich – ich traute meinen Ohren nicht – h&#xF6;rte ich, da&#xDF; er Pat mit du ansprach. Es klingelte.</p><p>»Also abgemacht, wir treffen uns am Ausgang«, sagte Breuer und ging endlich.</p><p>Er wartete schon auf uns am Eingang.</p><p>»Mein Wagen hat Platz genug.« sagte er.</p><p>Wir fuhren zur Kaskade. Das war ein sehr elegantes Tanzlokal mit einer ausgezeichneten Kapelle.</p><p>»Scheint ganz besetzt zu sein«, sagte ich erfreut, als wir am Eingang standen.</p><p>»Schade«, sagte Pat.</p><p>»Ach, das machen wir schon«, erkl&#xE4;rte Breuer und verhandelte mit dem Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer.</p><p>Er schien hier gut bekannt zu sein, denn tats&#xE4;chlich bekamen wir einen Tisch herangebracht, ein paar St&#xFC;hle dazu, und ein paar Minuten sp&#xE4;ter sa&#xDF;en wir an der besten Stelle des ganzen Raumes, von der man die Tanzfl&#xE4;che voll &#xFC;bersehen konnte. Die Kapelle spielte einen Tango.</p><p>Pat sagte »Ach, ich habe schon lange nicht getanzt.«</p><p>Breuer stand auf. »Wollen wir?«</p><p>Sie sah mich strahlend an.</p><p>»Ich werde inzwischen was bestellen«, sagte ich.</p><p>»Gut.«</p><p>Der Tango dauerte lange. Pat sah beim Tanzen ab und zu her&#xFC;ber und l&#xE4;chelte mir zu. Ich nickte zur&#xFC;ck, f&#xFC;hlte mich aber nicht besonders. Sie sah wunderbar aus und tanzte gro&#xDF;artig. Leider tanzte Breuer ebenfalls gut, und beide sahen ausgezeichnet zusammen aus. Sie tanzten, als ob sie schon oft miteinander getanzt h&#xE4;tten. Ich bestellte mir einen gro&#xDF;en Rum. Die beiden kamen zur&#xFC;ck. Breuer begr&#xFC;&#xDF;te ein paar Leute, und ich war einen Augenblick mit Pat allein.</p><p>»Wie lange kennst du den Knaben schon?« fragte ich.</p><p>»Schon lange. Warum?«</p><p>Breuer brachte ein paar Leute mit an den Tisch. Zwei h&#xFC;bsche Frauen und einen j&#xFC;ngeren Mann. Nachher kam noch ein vierter dazu. Pat kannte sie alle vier. Ich f&#xFC;hlte mich schwer. Bisher war ich mit Pat immer allein gewesen. Zum erstenmal sah ich jetzt Leute, die sie von fr&#xFC;her her kannte. Ich konnte nichts mit ihnen anfangen. Breuer schlug vor, in ein anderes Lokal zu gehen.</p><p>»Robby«, sagte Pat im Hinausgehen, »wollen wir nicht lieber nach Hause gehen?«</p><p>»Nein«, sagte ich, »wozu?«</p><p>Pat erschien mir ganz fremd. Sollte sie zum Teufel gehen mit ihren Leuten! Sie geh&#xF6;rte dazu. Nein, sie geh&#xF6;rte nicht dazu. Doch!</p><p>Wir gingen noch in ein paar andere Lokale. Breuer war erhitzt, redselig und hoffnungsvoll. Pat war stiller geworden. Sie fragte mich nicht, sie machte mir keine Vorw&#xFC;rfe, sie versuchte nichts aufzukl&#xE4;ren, sie war einfach da, manchmal tanzte sie, und manchmal l&#xE4;chelte sie mir zu. Dann gingen wir endlich.</p><p>»Ich fahre Sie nach Hause«, sagte Breuer zu mir.</p><p>»Gut.«</p><p>Er hatte eine Decke im Wagen, die er Pat &#xFC;ber die Knie legte. Sie sah auf einmal sehr bla&#xDF; und m&#xFC;de aus. Pat sa&#xDF; in der Ecke und regte sich nicht. Ich h&#xF6;rte sie nicht einmal atmen. Breuer fuhr zuerst zu ihr. Er wu&#xDF;te ihre Wohnung, ohne zu fragen. Sie stieg aus. Breuer k&#xFC;&#xDF;te ihr die Hand.</p><p>»Gute Nacht«, sagte ich und sah sie nicht an.</p><p>»Wo kann ich Sie absetzen?« fragte Breuer mich.</p><p>»An der n&#xE4;chsten Ecke«, sagte ich.</p><p>»Ich fahre Sie gern nach Hause«, erwiderte er h&#xF6;flich.</p><p>»Sch&#xF6;n, dann fahren Sie mich zur Bar Freddy«, sagte ich.</p><p>Ich verabschiedete mich freundlicher von ihm als von Pat.</p><p>In der Bar war es noch ziemlich voll. Lenz und Ferdinand Grau pokerten mit dem Konfektion&#xE4;r Bollwies und ein paar anderen. Ich hatte nicht lange bleiben wollen. Doch jetzt sp&#xFC;rte ich etwas Boden unter den F&#xFC;&#xDF;en. Es ging mir nicht besonders; aber hier war die alte, ehrliche Heimat.</p><p>»Stell mir eine halbe Flasche Rum her«, rief ich Fred zu. »Will mich besaufen.«</p><p>»Dann nimm s&#xFC;&#xDF;e Lik&#xF6;re. Krach gehabt?«</p><p>»Unsinn.«</p><p>»Red nicht, Baby. Quatsch deinem alten Vater Lenz nichts vor, der in den Schluchten des Herzens zu Hause ist. Sag ja und sauf.«</p><p>»Mit einer Frau kann man keinen Krach haben. Man kann sich h&#xF6;chstens &#xFC;ber sie &#xE4;rgern.«</p><p>»Ich habe &#xFC;brigens mit jeder Krach gehabt. Wenn man keinen Krach mehr hat, ist‘s bald aus.«</p><p>»Sch&#xF6;n«, sagte ich, »wer gibt?«</p><p>Wir spielten eine Stunde weiter. Ich gewann ziemlich viel. Ich trank, aber ich kriegte nur Kopfschmerzen. Es wurde alles nur sch&#xE4;rfer. Mein Magen brannte.</p><p>»So, jetzt h&#xF6;r auf und i&#xDF; was«, sagte Lenz. »Fred, gib ihm ein Sandwich und ein paar Sardinen. Steck das Geld ein, Robby.«</p><p>Wir setzten uns an die Bar.</p><p>»Kannst du tanzen, Gottfried?« fragte ich.</p><p>»Nat&#xFC;rlich. Ich war doch mal Tanzlehrer.«</p><p>»Hast du das schon vergessen»</p><p>»Nein«, sagte Lenz.</p><p>»Kannst du mir‘s beibringen?« fragte ich.</p><p>»Tanzen? An einem Abend, Baby. Ist das dein ganzer Kummer?«</p><p>»Hab‘ keinen Kummer«, sagte ich.</p><p>Ich ging noch ins Caf&#xE9; International. Ich verstand nichts mehr – mich nicht und mein Verhalten nicht und den ganzen Abend nicht, nichts mehr. Nach Hause wollte ich nicht – dann wurde es ganz schlimm. Schlie&#xDF;lich erinnerte ich mich, da&#xDF; Alfons noch offen haben mu&#xDF;te. Ich ging hin. Ich wollte da bleiben bis zum Morgen. Es war niemand sonst da. Ich dachte an Pat. Immer wieder an Pat. Ich dachte daran, wie ich mich benommen hatte. Jede Einzelheit fiel mir auf einmal ein. Alles drehte sich gegen mich. Ich allein war schuld. Ich war verr&#xFC;ckt gewesen.</p><p>Ich ging nach Hause. Langsam ging ich die Treppe hinauf und suchte in der Tasche nach meinem Schl&#xFC;ssel. Da h&#xF6;rte ich im Halbdunkel jemand atmen. Etwas Bleiches, Undeutliches hockte auf der oberen Treppenstufe. Ich machte zwei Schritte.</p><p>»Pat –«, sagte ich verst&#xE4;ndnislos – »Pat – was machst du denn hier?«</p><p>Sie bewegte sich. »Ich glaube, ich habe etwas geschlafen…«</p><p>»Ja aber, wie kommst du denn hierher?«</p><p>»Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit…«</p><p>Sie stand auf und dehnte sich, als w&#xE4;re es das Selbstverst&#xE4;ndlichste von der Welt, da&#xDF; sie in der sp&#xE4;ten Nacht hier auf der Treppe gesessen hatte.</p><p>»Gottverdammt, du bist ein gro&#xDF;artiges M&#xE4;dchen, Pat, und ich bin ein scheu&#xDF;licher Idiot!«</p><p>Ich nahm sie mit einem Ruck hoch, schlo&#xDF; die T&#xFC;r auf und trug sie durch den Korridor. Sie lag an meiner Brust und ich f&#xFC;hlte, da&#xDF; sie zitterte, obwohl sie l&#xE4;chelte. Ich setzte sie in einen Sessel, machte Licht und holte eine Decke.</p><p>»H&#xE4;tte ich doch nur eine Ahnung gehabt, Pat – statt herumzusitzen, h&#xE4;tte ich – ach, ich elender Schafskopf – angerufen habe ich von Alfons aus bei dir, und gepfiffen vor deinem Hause – und ich dachte, du wolltest nicht, weil du dich nicht meldetest…«</p><p>»Weshalb bist du denn nicht zur&#xFC;ckgekommen, als du mich nach Hause gebracht hast?«</p><p>»Ja, das m&#xF6;chte ich auch wissen…«</p><p>»Es ist besser, wenn du mir n&#xE4;chstens den Wohnungsschl&#xFC;ssel auch noch gibst«, sagte sie, »dann brauche ich nicht drau&#xDF;en zu warten.«</p><p>Sie l&#xE4;chelte, aber ihre Lippen zitterten, und ich wu&#xDF;te pl&#xF6;tzlich, was das f&#xFC;r sie war – dies Zur&#xFC;ckkommen, dies Warten und dieser tapfere Ton jetzt…</p><p>»Pat«, sagte ich rasch, v&#xF6;llig verwirrt, »Pat, du frierst sicher, du mu&#xDF;t was trinken, ich habe bei dem Orlow drau&#xDF;en Licht gesehen, ich gehe rasch mal hin, diese Russen haben immer Tee, ich bin sofort zur&#xFC;ck –«, ich sp&#xFC;rte, wie es hei&#xDF; in mir hochstieg – »ich vergesse dir das im Leben nicht«, sagte ich von der T&#xFC;r her und ging rasch.</p><p>Orlow war noch auf. Er gab mir zwei Gl&#xE4;ser, Zucker und f&#xFC;llte einen Teller mit kleinen Kuchen. Ich zermalmte die Kaffeebohnen auf dem Korridor im Munde. Sie nahmen den Schnapsgeruch weg. Pat sa&#xDF; neben der Lampe und puderte sich. Ich blieb einen Augenblick an der T&#xFC;r stehen. Es r&#xFC;hrte mich sehr, da&#xDF; sie so dasa&#xDF; und aufmerksam in ihren kleinen Spiegel sah und mit der Puderquaste &#xFC;ber die Schl&#xE4;fen wischte.</p><p>»Trink ein bi&#xDF;chen Tee«, sagte ich, »er ist ganz hei&#xDF;.«</p><p>Sie nahm die Tasse. Ich sah zu, wie sie trank.</p><p>»Wei&#xDF; der Teufel, was heute abend los war, Pat.«</p><p>»Ich wei&#xDF; es schon«, erwiderte sie.</p><p>Sie stellte die Tasse auf den Tisch. Ich lehnte am Bett. Ich hatte ein Gef&#xFC;hl, als wenn ich von einer langen, schwierigen Reise nach Hause gekommen w&#xE4;re.</p><p>»Ich bleibe heute bei dir…«</p><p>»Hier?«</p><p>»Ja…«</p><p>Ich richtete mich auf. »Gl&#xE4;nzende Idee – aber deine Sachen – das sind doch Schuhe und Kleider f&#xFC;r abends…«</p><p>»Dann bleibe ich eben bis abends…«</p><p>»Und zu Hause?«</p><p>»Da telefonieren wir, da&#xDF; ich irgendwo &#xFC;ber Nacht geblieben bin.«</p><p>»Das werden wir schon machen. Hast du Hunger?«</p><p>»Noch nicht.«</p><p>»Auf alle F&#xE4;lle werde ich mal rasch ein paar frische Br&#xF6;tchen klauen. Die h&#xE4;ngen drau&#xDF;en an der Korridort&#xFC;r. Jetzt ist‘s grade noch Zeit daf&#xFC;r.«</p><p>Als ich zur&#xFC;ckkam, stand Pat am Fenster. Sie trug nur ihre silbernen Schuhe.</p><p>»Das von gestern haben wir vergessen, was, Pat?« sagte ich.</p><p>Sie nickte, ohne sich umzudrehen.</p><p>»Wir werden einfach nicht mehr mit anderen Leuten zusammen sein. Richtige Liebe vertr&#xE4;gt keine Leute. Dann kriegen wir auch keinen Krach und keine Eifersuchtsanf&#xE4;lle. Dieser Breuer und die ganze andere Gesellschaft soll zum Teufel gehen, was?«</p><p>»Ja«, sagte sie, »und die Markowitz auch.«</p><p>»Markowitz? Wer ist denn das?«</p><p>»Die, mit der du an der Bar gesessen hast in der Kaskade.«</p><p>»Aha«, sagte ich, pl&#xF6;tzlich ziemlich vergn&#xFC;gt, »aha, die.«</p><p>Ich kramte meine Taschen aus.</p><p>»Sieh dir das an. Etwas hat die Geschichte wenigstens gen&#xFC;tzt. Ich habe einen Haufen Geld im Poker gewonnen. Daf&#xFC;r gehen wir heute abend noch einmal aus, was? Aber richtig, ohne andere Leute. Die sind f&#xFC;r uns vergessen, wie?«</p><p>Sie nickte. Die Sonne ging hinter den D&#xE4;chern des Gewerkschaftshauses auf. Der Morgen stieg wunderbar und strahlend herauf. Wir legten uns zu einem Morgenschlaf nieder, einem Schlafwachen, einem Schlaftr&#xE4;umen an der Grenze, einer im Arm des andern, einem wunderlichen Verschweben, Atem in Atem. Dann, um neun Uhr, telefonierte ich zun&#xE4;chst als Geheimrat Burkhard mit Oberstleutnant Egbert von Hake pers&#xF6;nlich und darauf an Lenz, damit er meine Morgenfuhre mit der Droschke &#xFC;bernahm. Er unterbrach mich gleich.</p><p>»La&#xDF; nur, Kindchen, dein Gottfried ist nicht umsonst ein Kenner der Variationen des menschlichen Herzens. Hab‘ schon damit gerechnet. Viel Spa&#xDF;, Goldbaby.«</p><p>»Halt den Schnabel«, sagte ich gl&#xFC;cklich und erkl&#xE4;rte in der K&#xFC;che, ich sei krank, ich w&#xFC;rde bis Mittag zu Bett bleiben.</p><p>Dreimal mu&#xDF;te ich noch den besorgten Angriff Frau Zalewskis abschlagen, die mir Kamillentee, Aspirin und Umschl&#xE4;ge offerierte. Dann konnte ich Pat ins Badezimmer schmuggeln, und wir hatten Ruhe.</p></section><section><title><p>14</p></title><p>Eine Woche sp&#xE4;ter erschien der B&#xE4;cker mit seinem Ford auf unserm Hof.</p><p>»Ist was an dem Wagen?« fragte ich.</p><p>Er sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Im Gegenteil. Er l&#xE4;uft gro&#xDF;artig. Ist so gut wie neu. Ich m&#xF6;chte einen anderen Wagen haben. Gr&#xF6;&#xDF;er. Hatten Sie nicht damals einen Cadillac?«</p><p>Die schwarze Person, mit der er zusammen lebte, hatte ihn m&#xFC;rbe gemacht.</p><p>»Ja, der Cadillac«, sagte ich, »da h&#xE4;tten Sie damals zufassen sollen! Das war ein Prachtst&#xFC;ck! F&#xFC;r siebentausend Mark ist er weggegangen. Halb verschenkt!« sagte ich und &#xFC;berlegte, was zu machen w&#xE4;re. »Ich kann mal nachfragen«, sagte ich dann, »vielleicht braucht der Mann, der ihn damals gekauft hat, Geld.«</p><p>Ich ging in die Werkstatt und erz&#xE4;hlte rasch, was geschehen war. Gottfried sprang auf.</p><p>»Kinder, wo kriegen wir nur im Galopp einen alten Cadillac her?«</p><p>»La&#xDF; das meine Sorge sein«, sagte ich, »pa&#xDF; du lieber auf, da&#xDF; der B&#xE4;cker inzwischen nicht wegl&#xE4;uft.«</p><p>»Gemacht!« Gottfried verschwand.</p><p>Ich rief Blumenthal an. Viel Hoffnung hatte ich nicht, aber man konnte es ja mal versuchen. Er war im B&#xFC;ro.</p><p>»Wollen Sie Ihren Cadillac verkaufen?« fragte ich geradezu.</p><p>Blumenthal lachte. »Ich habe jemand daf&#xFC;r«, fuhr ich fort, »mit Barzahlung auf den Tisch. Wann kann ich Sie treffen?«</p><p>»Heute mittag nach dem Essen habe ich Zeit. Sagen wir um zwei hier im B&#xFC;ro.«</p><p>»Gut.« Ich h&#xE4;ngte auf. »Otto«, sagte ich ziemlich aufgeregt zu K&#xF6;ster, »ich h&#xE4;tte es nie erwartet, aber ich glaube, unser Cadillac kehrt zur&#xFC;ck!«</p><p>Ich ging hinaus. »Leider will der Mann nicht verkaufen…«</p><p>»Das habe ich mir gedacht«, sagte Lenz prompt, als h&#xE4;tten wir es verabredet.</p><p>Ich zuckte die Achseln.</p><p>»Schade – aber ich kann es verstehen…«</p><p>Der B&#xE4;cker stand unschl&#xFC;ssig da. Ich sah Lenz an.</p><p>»Kannst du es nicht doch noch mal versuchen?« fragte er sofort.</p><p>»Das auf jeden Fall«, erwiderte ich. »Ich habe ohnehin wenigstens abmachen k&#xF6;nnen, da&#xDF; wir uns heute mittag treffen. Wo kann ich Sie nachher erreichen?« fragte ich den B&#xE4;cker.</p><p>»Ich bin um vier in der Gegend hier. Da komme ich dann noch mal vorbei…«</p><p>»Gut – dann wei&#xDF; ich auch bestimmt Bescheid. Ich hoffe, da&#xDF; die Sache doch noch klappt.«</p><p>Der B&#xE4;cker nickte. Dann bestieg er seinen Ford und dampfte ab.</p><p>»Der Mann kommt niemals wieder…«</p><p>»Um vier Uhr kommt er wieder…«</p><p>Gottfried sah mich mitleidig an. »Wetten?« fragte er.</p><p>»Gern«, erwiderte ich.</p><p>Mittags ging ich zu Blumenthal. Unterwegs hatte ich das Gef&#xFC;hl eines j&#xFC;ngeren Ziegenbocks, der einen alten Wolf besuchen mu&#xDF;.</p><p>»Herr Blumenthal«, sagte ich rasch, als ich eintrat, ehe er beginnen konnte, »einen anst&#xE4;ndigen Vorschlag! F&#xFC;nftausendf&#xFC;nfhundert Mark haben Sie f&#xFC;r den Cadillac bezahlt – ich biete Ihnen sechs wieder –, unter der Bedingung, da&#xDF; ich ihn wirklich loswerde. Das entscheidet sich heute abend…«</p><p>Blumenthal thronte hinter seinem Schreibtisch und a&#xDF; gerade einen Apfel. Er h&#xF6;rte auf zu essen und sah mich einen Augenblick an.</p><p>»Gut«, schnaubte er dann und a&#xDF; weiter.</p><p>Ich »Sie sind also einverstanden?« fragte ich dann.</p><p>»Moment!« Er holte einen neuen Apfel aus der Schreibtischschublade. »Wollen Sie auch einen?«</p><p>»Danke, nicht gerade jetzt…«</p><p>»Viel &#xC4;pfel essen, Herr Lohkamp! &#xC4;pfel verl&#xE4;ngern das Leben! Jeden Tag ein paar &#xC4;pfel – und Sie brauchen nie einen Arzt!«</p><p>»Auch nicht, wenn ich mir den Arm breche?« Er grinste.</p><p>Blumenthal holte eine Zigarrenkiste aus einem kleinen Schrank und bot sie mir an.</p><p>»Verl&#xE4;ngern die auch das Leben?« fragte ich.</p><p>»Nein, die verk&#xFC;rzen es. Das gleicht sich dann aus mit den &#xC4;pfeln.« -</p><p>»Wissen Sie, was ich erwartet habe? Da&#xDF; ich mit viertausendf&#xFC;nfhundert anfangen w&#xFC;rde zu bietenSie wollen doch mit sieben verkaufen, nicht wahr?«</p><p>Ich zuckte die Achseln. »Warum gerade sieben?«</p><p>»Weil das damals Ihre erste Forderung bei mir war…«</p><p>»Sie haben ein gl&#xE4;nzendes Ged&#xE4;chtnis«, sagte ich.</p><p>»F&#xFC;r Zahlen. Nur f&#xFC;r Zahlen. Leider. Also um zum Schlu&#xDF; zu kommen: Sie k&#xF6;nnen den Wagen f&#xFC;r den Preis haben.«</p><p>Er hielt mir die Hand hin und ich schlug ein.</p><p>»Gott sei Dank«, sagte ich aufatmend, »das erste Gesch&#xE4;ft seit langer Zeit. Der Cadillac scheint uns Gl&#xFC;ck zu bringen.«</p><p>»Mir auch«, sagte Blumenthal. »Ich habe ja auch f&#xFC;nfhundert Mark dran verdient.«</p><p>»Das schon. Aber weshalb haben Sie ihn eigentlich so bald wieder verkauft? Gef&#xE4;llt er Ihnen nicht?«</p><p>»Einfacher Aberglaube«, erkl&#xE4;rte Blumenthal. »Ich mache jedes Gesch&#xE4;ft, bei dem ich verdiene…«</p><p>»Fabelhafter Aberglaube«, erwiderte ich.</p><p>Um halb f&#xFC;nf Uhr nachmittags stellte Gottfried Lenz mit ausdrucksvollem Gesicht eine leere Ginflasche vor mich auf den Tisch.</p><p>»Die m&#xF6;chte ich gerne von dir gef&#xFC;llt haben, Baby! Kostenlos! Du erinnerst dich an unsere Wette?«</p><p>»Ich erinnere mich«, sagte ich, »aber du kommst zu fr&#xFC;h.«</p><p>Gottfried hielt mir wortlos seine Uhr vor die Nase. Als die Sirene von der Bettfedernfabrik gegen&#xFC;ber f&#xFC;nf Uhr tutete, stellte Gottfried schweigend drei weitere leere Ginflaschen vor mich auf den Tisch.</p><p>»Ich bin durstig«, sagte er nach einer Weile mit Betonung.</p><p>In diesem Augenblick h&#xF6;rte ich das unverkennbare Rasseln eines Fordmotors auf der Stra&#xDF;e, und gleich darauf bog der Wagen des B&#xE4;ckers in unsere Einfahrt ein.</p><p>»Wenn du durstig bist, lieber Gottfried«, erwiderte ich mit gro&#xDF;er W&#xFC;rde, »so lauf schnell, die beiden Flaschen Rum einkaufen, die ich mit meiner Wette gewonnen habe. Du darfst einen Gratisschluck daraus nehmen. Nachher kannst du dann mit dem Taxi losfahren. F&#xFC;r das feinere Gesch&#xE4;ft bist du noch zu jung. Servus, mein Sohn!«</p><p>Ich ging hinaus und erz&#xE4;hlte dem B&#xE4;cker, da&#xDF; der Wagen wahrscheinlich zu haben sein werde. Der Kunde verlange allerdings noch siebentausendf&#xFC;nfhundert Mark, aber wenn er Bargeld sehe, werde er schon auf siebentausend heruntergehen. Der B&#xE4;cker h&#xF6;rte so zerstreut zu, da&#xDF; ich stutzte.</p><p>»Um sechs Uhr werde ich den Mann noch mal anrufen«, sagte ich schlie&#xDF;lich.</p><p>»Um sechs?« Der B&#xE4;cker wachte aus seiner Abwesenheit auf. »Um sechs mu&#xDF; ich…« Er wandte sich mir pl&#xF6;tzlich zu. »Wollen Sie mitgehen?«</p><p>»Wohin?« fragte ich erstaunt.</p><p>»Zu Ihrem Freund, dem Maler. Das Bild ist fertig.«</p><p>»Ach so, zu Ferdinand Grau…«</p><p>Er nickte. »Kommen Sie doch mit. Wir k&#xF6;nnen dann nachher auch &#xFC;ber den Wagen sprechen.«</p><p>Es schien ihm etwas daran zu liegen, nicht allein zu gehen. Mir dagegen lag ebensoviel daran, ihn nicht mehr allein zu lassen.</p><p>»Gut«, sagte ich deshalb, »es ist ja ziemlich weit – wir fahren am besten gleich los.«</p><p>Ferdinand Grau sah schlecht aus. Sein Gesicht war graugr&#xFC;n. Er begr&#xFC;&#xDF;te uns an der T&#xFC;r zum Atelier. Der B&#xE4;cker sah ihn kaum an. Er war unsicher und aufgeregt.</p><p>»Wo ist es?« fragte er sofort.</p><p>Ferdinand zeigte mit der Hand zum Fenster. Das Bild war dort auf einer Staffelei. Der B&#xE4;cker ging rasch hinein und blieb dann ohne Bewegung vor dem Bilde stehen. Nach einer Weile nahm er den Hut ab.</p><p>»Wie geht es, Ferdinand?« fragte ich. »Du siehst schlecht aus…«</p><p>Er legte mir seine gro&#xDF;e Hand auf die Schulter und l&#xE4;chelte mit einem Gesicht wie ein alter Bernhardiner. Wir warteten noch eine Zeitlang. Dann gingen wir zu dem B&#xE4;cker hin&#xFC;ber. Ich war &#xFC;berrascht, als ich das Bild sah. Der Kopf war sehr gut geworden. Ferdinand hatte nach dem Foto von der Hochzeit und der zweiten, sehr verh&#xE4;rmten Aufnahme eine noch junge Frau gemalt, die mit ernsten, etwas ratlosen Augen vor sich hin schaute.</p><p>»Ja«, sagte der B&#xE4;cker, ohne sich umzudrehen, »das ist sie.«</p><p>»Soll ich Ihnen das Bild einpacken?« fragte Ferdinand. Er schreckte auf.</p><p>»Nein…«</p><p>»Dann werde ich es Ihnen morgen schicken.«</p><p>»Kann es nicht noch hierbleiben?« fragte der B&#xE4;cker z&#xF6;gernd.</p><p>»Warum denn?« erwiderte Ferdinand erstaunt und kam n&#xE4;her. »Gef&#xE4;llt es Ihnen nicht?«</p><p>»Doch – aber ich m&#xF6;chte es gern noch hierlassen…«</p><p>»Aber Ferdinand«, sagte ich, »das Bild kann doch ruhig noch hier h&#xE4;ngenbleiben, wenn es bezahlt ist…«</p><p>»Das nat&#xFC;rlich…«</p><p>Der B&#xE4;cker zog erleichtert sein Scheckbuch aus der Tasche. Die beiden gingen zum Tisch.</p><p>»Vierhundert Mark Rest?« fragte der B&#xE4;cker.</p><p>»Vierhundertzwanzig«, sagte Ferdinand, »einschlie&#xDF;lich Rabatt. Wollen Sie eine Quittung?«</p><p>»Ja«, erwiderte der B&#xE4;cker, »wegen der Ordnung.«</p><p>Schweigend schrieben beide den Scheck und die Quittung aus. Der B&#xE4;cker kam zum Fenster zur&#xFC;ck. Seine rotge&#xE4;derten Augen wirkten wie gl&#xE4;serne Kugeln, sein Mund war halb offen, die Unterlippe hing herab, und man sah die fleckigen Z&#xE4;hne – es war l&#xE4;cherlich und traurig, wie er so dastand.</p><p>Wir gingen.</p><p>»Wir k&#xF6;nnen ja bei mir zu Hause die Sache besprechen«, sagte der B&#xE4;cker drau&#xDF;en.</p><p>Ich nickte. Es pa&#xDF;te mir sehr gut so. Der B&#xE4;cker glaubte zwar, er w&#xE4;re in seinen vier W&#xE4;nden st&#xE4;rker – ich aber rechnete mit der Schwarzen als Unterst&#xFC;tzung. Sie erwartete uns bereits an der T&#xFC;r.</p><p>»Gratuliere herzlichst«, sagte ich, bevor der B&#xE4;cker den Mund auftun konnte.</p><p>»Wozu?« fragte sie rasch.</p><p>»Zu Ihrem Cadillac –«, erwiderte ich unverfroren.</p><p>»Schatzi!« Mit einem Satz hing sie dem B&#xE4;cker am Hals.</p><p>»Aber das ist ja noch gar nicht…« Er versuchte sich loszumachen und Erkl&#xE4;rungen abzugeben.</p><p>Sie aber hielt ihn fest und drehte sich mit ihm im Kreise, damit er nicht zu Worte kam. Endlich gelang es ihm, sich frei zu machen.</p><p>»Wir sind ja noch gar nicht soweit«, prustete er.</p><p>»Doch«, sagte ich mit gro&#xDF;er Herzlichkeit, »wir sind so weit! Ich nehme es auf meine Kappe, die letzten f&#xFC;nfhundert Mark herunterzuhandeln. Sie zahlen keinen Pfennig mehr als siebentausend Mark f&#xFC;r den Cadillac! Einverstanden?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich!« sagte die Schwarze rasch. »Das ist doch wirklich billig, Schatzi…«</p><p>»Halt!« Der B&#xE4;cker hob die Hand.</p><p>»Aber was hast du denn jetzt wieder?« fuhr sie auf ihn los, »erst hei&#xDF;t es, du kriegst den Wagen, und jetzt stehst du wieder da und willst nicht!«</p><p>»Der Ford…«, sagte er. »Wird selbstverst&#xE4;ndlich in Zahlung genommen…«</p><p>»Viertausend Mark. Hat er mal gekostet, wie?« fragte ich freundlich.</p><p>»Mit viertausend Mark mu&#xDF; er in Zahlung genommen werden«, erkl&#xE4;rte der B&#xE4;cker fest. »Der Wagen ist ja so gut wie neu…«</p><p>»Neu«, sagte ich, »nach der Riesenreparatur…«</p><p>»Heute vormittag haben Sie es selbst zugegeben…«</p><p>»Heute vormittag war das auch was anderes. Neu und neu ist ein Unterschied, je nachdem, ob man kauft oder verkauft.«</p><p>»Viertausend Mark, oder es wird nichts«, sagte der B&#xE4;cker.</p><p>Er war jetzt wieder ganz der alte und schien alle Sentimentalit&#xE4;ten von vorher wiedergutmachen zu wollen.</p><p>»Dann auf Wiedersehen!« erwiderte ich und wandte mich an die Schwarze. »Tut mir leid, gn&#xE4;dige Frau – aber Verlustgesch&#xE4;fte kann ich nicht machen. An dem Cadillac verdienen wir ohnehin nichts – da k&#xF6;nnen wir nicht noch einen alten Ford zu einem Riesenpreis in Zahlung nehmen. Leben Sie wohl…«</p><p>Sie hielt mich zur&#xFC;ck. Ihre Augen funkelten, und sie fiel jetzt &#xFC;ber den B&#xE4;cker her, da&#xDF; ihm H&#xF6;ren und Sehen verging.</p><p>»Du hast ja selbst hundertmal gesagt, da&#xDF; der Ford nichts mehr wert ist«, zischte sie zum Schlu&#xDF; mit Tr&#xE4;nen in den Augen.</p><p>»Zweitausend Mark«, sagte ich, »zweitausend Mark, obschon auch das noch Selbstmord ist.«</p><p>Der B&#xE4;cker schwieg.</p><p>»Meine Herrschaften«, sagte ich, »ich werde jetzt mal den Cadillac holen. Vielleicht besprechen Sie die Sache inzwischen noch untereinander.«</p><p>Ich hatte das Gef&#xFC;hl, da&#xDF; ich gar nichts Besseres tun konnte, als zu verschwinden. Die Schwarze w&#xFC;rde meine Sache schon weiterf&#xFC;hren.</p><p>Eine Stunde sp&#xE4;ter war ich mit dem Cadillac wieder da. Ich sah sofort, da&#xDF; der Streit auf die einfachste Weise entschieden worden war. Wir machten eine Probefahrt. Wir kamen vor dem Hause des B&#xE4;ckers an und gingen wieder in die Wohnung. Der B&#xE4;cker verlie&#xDF; das Zimmer, um das Geld zu holen.</p><p>»Hundert Mark m&#xFC;ssen dabei f&#xFC;r mich abfallen… Also dann komme ich morgen wegen der hundert Mark mal‚ r&#xFC;ber. Wann sind Sie denn da? Oder wollen Sie hier vorbeikommen?« Sie kicherte. »Morgen nachmittag bin ich allein hier…«</p><p>»Ich schicke es Ihnen dann her…«, sagte ich.</p><p>Sie kicherte weiter. »Bringen Sie es doch selbst. Oder haben Sie Angst?«</p><p>»Angst nicht«, sagte ich, »aber keine Zeit. Gerade morgen mu&#xDF; ich zum Arzt. Eine alte Syphilis, wissen Sie! So was verbittert einem das Leben…«</p><p>Sie trat so rasch einen Schritt zur&#xFC;ck, da&#xDF; sie fast &#xFC;ber einen Pl&#xFC;schsessel fiel. In diesem Augenblick kam der B&#xE4;cker wieder herein. Mi&#xDF;trauisch schielte er die Schwarze an. Dann z&#xE4;hlte er mir das Geld in bar auf den Tisch. Er z&#xE4;hlte langsam und z&#xF6;gernd. Ich war froh, als ich drau&#xDF;en war. Die Luft war weich und sommerlich. Der Cadillac blinkte am Stra&#xDF;enrand.</p><p>»Na, Alter, danke sch&#xF6;n«, sagte ich und klopfte ihm auf die K&#xFC;hlerhaube. »Komm bald wieder zu neuen Taten!«</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Am Morgen sa&#xDF;en Pat und ich am Rande einer Waldlichtung und fr&#xFC;hst&#xFC;ckten. Ich hatte mir zwei Wochen Urlaub genommen und war mit Pat unterwegs. Wir wollten ans Meer. Vor uns auf der Stra&#xDF;e stand ein kleiner, alter Citroen. Wir hatten ihn in Zahlung genommen gegen den Ford des B&#xE4;ckermeisters, und K&#xF6;ster hatte ihn mir mitgegeben f&#xFC;r die Zeit des Urlaubs. Wir lagen eine Zeitlang nebeneinander in der Wiese. Der Wind kam warm und weich vom Walde her.</p><p>Ein Auto summte heran und fuhr vor&#xFC;ber.</p><p>»Kleiner Mercedes«, sagte ich, ohne mich aufzurichten. »Der Vierzylinder.«</p><p>»Da kommt noch einer«, erwiderte Pat.</p><p>»Ja, ich h&#xF6;re es schon. Ein Renault. Hat er einen K&#xFC;hler wie eine Schweineschnauze?«</p><p>»Ja.«</p><p>»Dann ist es ein Renault. Aber h&#xF6;r mal, jetzt kommt was Richtiges! Ein Lancia! Der jagt bestimmt die andern beiden wie ein Wolf zwei Schafl&#xE4;mmer! H&#xF6;r nur den Motor! Wie eine Orgel!«</p><p>Der Wagen fegte vor&#xFC;ber.</p><p>Aus den Tannen rief ein Kuckuck. Pat fing an, mitzuz&#xE4;hlen.</p><p>»Wozu machst du das?« fragte ich.</p><p>»Wei&#xDF;t du das nicht? Sooft er ruft, so viele Jahre lebt man noch.«</p><p>»Ach so, ja. Aber da gibt es noch etwas anderes. Wenn ein Kuckuck ruft, mu&#xDF; man sein Geld sch&#xFC;tteln. Dann vermehrt es sich.«</p><p>Ich holte mein Kleingeld aus der Tasche und sch&#xFC;ttelte es kr&#xE4;ftig zwischen den H&#xE4;nden.</p><p>»Das bist du«, sagte Pat und lachte. »Ich will Leben und du willst Geld.«</p><p>»Um zu leben«, erwiderte ich. »Ein echter Idealist strebt nach Geld. Geld macht viele Frauen sogar verliebt. Die Liebe macht viele M&#xE4;nner geldgierig.«</p><p>»Du hast heute einen guten Tag«, erwiderte Pat. »F&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig.«</p><p>»Der Mann«, erkl&#xE4;rte ich weiter, »wird nur geldgierig durch die W&#xFC;nsche der Frauen. Wenn es keine Frauen g&#xE4;be, w&#xFC;rde es auch kein Geld geben. Nicht umsonst sehen Diktatoren es gern, wenn ihre Mitarbeiter verheiratet sind – sie sind so weniger gef&#xE4;hrlich. Und nicht umsonst haben die katholischen Priester keine Frauen – sie w&#xE4;ren sonst nie so k&#xFC;hne Missionare geworden.«</p><p>Ich steckte mein Geld wieder in die Tasche und z&#xFC;ndete mir eine Zigarette an.</p><p>»Willst du noch nicht bald mit dem Z&#xE4;hlen aufh&#xF6;ren?« fragte ich. »Du kommst schon weit &#xFC;ber siebzig Jahre.«</p><p>»Hundert, Robby! Hundert ist eine gute Zahl. So weit m&#xF6;chte ich kommen.«</p><p>»&#xDC;brigens sollen nur die ersten siebzig die schwierigsten sein. Nachher soll‘s einfacher werden.«</p><p>»Hundert!« verk&#xFC;ndete Pat, und wir brachen auf.</p><p>Der Horizont wurde immer weiter und heller, und pl&#xF6;tzlich lag das Meer vor uns, unruhig, m&#xE4;chtig und ohne Ende. Dann kam ein Wald und hinter ihm ein Dorf. Wir erkundigten uns nach dem Hause, wo wir wohnen sollten. K&#xF6;ster hatte uns die Adresse gegeben. Er war nach dem Kriege ein Jahr lang dort gewesen. Es war eine kleine, alleinstehende Villa. Ich fuhr den Citroen in elegantem Bogen vor und gab Signal.</p><p>Die T&#xFC;r &#xF6;ffnete das Dienstm&#xE4;dchen. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller, die Besitzerin des Hauses, erschien eine Minute sp&#xE4;ter. Eine altj&#xFC;ngferliche<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a>, sch&#xF6;ne Dame mit grauen Haaren. Sie trug ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid und ein goldenes Kreuz als Brosche.</p><p>»Zieh zur Vorsicht die Str&#xFC;mpfe wieder‚ rauf, Pat«, fl&#xFC;sterte ich nach einem Blick auf die Brosche und stieg aus.</p><p>»Haben Sie noch Zimmer f&#xFC;r uns?« fragte ich.</p><p>»Wenn Herr K&#xF6;ster telegrafiert, bekommen Sie immer ein Zimmer«, erkl&#xE4;rte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller. »Sie bekommen sogar mein sch&#xF6;nstes«, sagte sie zu Pat.</p><p>Pat l&#xE4;chelte. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller l&#xE4;chelte auch.</p><p>»Ich werde es Ihnen zeigen«, sagte sie.</p><p>Beide gingen einen schmalen Weg entlang, der durch einen kleinen Garten f&#xFC;hrte.</p><p>Das Zimmer, das sie uns zeigte, lag im unteren Stock. Es hatte einen eigenen Eingang vom Garten her. Das gefiel mir sehr. Es war ziemlich gro&#xDF;, hell und freundlich. An einer Seite, in einer Art von Nische, standen zwei Betten.</p><p>»Nun?« fragte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller.</p><p>»Sehr sch&#xF6;n«, sagte Pat. »Und wo ist das andere?«</p><p>Ich wollte ihr gerade erkl&#xE4;ren, da&#xDF; wir zwei Einzelzimmer brauchten, da f&#xFC;gte sie schon hinzu:</p><p>»Ihre Frau findet es doch sehr sch&#xF6;n.«</p><p>»Meine Frau, gewi&#xDF;…«, sagte ich »Wir sind nur gewohnt, in zwei Zimmern zu schlafen«, sagte ich. »Jeder in einem, meine ich.«</p><p>»Zwei Schlafzimmer, wenn man verheiratet ist – das sind so neue Moden…«</p><p>»Gar nicht«, sagte ich, »Meine Frau hat nur einen sehr leisen Schlaf. Und ich schnarche leider ziemlich laut.«</p><p>»Ach so!« erwiderte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller.</p><p>Sie &#xF6;ffnete die T&#xFC;r zu einem kleinen Zimmer nebenan, in dem nur ein Bett stand.</p><p>»Gro&#xDF;artig«, sagte ich, »das gen&#xFC;gt vollkommen.« Ich wollte wissen, ob wir hier unten f&#xFC;r uns allein waren.</p><p>»Sie st&#xF6;ren niemand«, erkl&#xE4;rte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller, »Au&#xDF;er Ihnen wohnt niemand hier. Die anderen Zimmer sind alle leer. Wollen Sie hier im Zimmer essen oder im Speisezimmer?«</p><p>»Hier«, sagte ich.</p><p>Sie nickte und ging.</p><p>»Na, Frau Lohkamp«, sagte ich zu Pat. »Da sitzen wir drin. Komisch, dabei habe ich sonst bei alten Damen immer Gl&#xFC;ck.«</p><p>Pat lachte. »Mir hat sie gut gefallen. Aber jetzt wollen wir die Koffer holen und die Badesachen auspacken.«</p><p>Ich hatte eine Stunde geschwommen und lag am Strande in der Sonne. Pat war noch im Wasser. Ihre wei&#xDF;e Badekappe tauchte ab und zu zwischen dem blauen Schwall der Wellen auf. Ein paar M&#xF6;wen kreischten. Ich schlo&#xDF; die Augen.</p><p>»Robby!« rief Pat.</p><p>Ich &#xF6;ffnete die Augen. Ich richtete mich auf. Pat kam aus dem Wasser. Ich sprang auf, so unwirklich, so wie aus einer anderen Welt erschien mir gerade jetzt dieses Bild – der weite blaue Himmel, die wei&#xDF;en Schaumreihen des Meeres und die sch&#xF6;ne, schmale Gestalt davor –, als w&#xE4;re ich allein auf der Welt und aus dem Wasser schritte die erste Frau herauf.</p><p>»Robby!« rief Pat noch einmal und winkte.</p><p>.Ich griff ihren Bademantel vom Boden auf und ging ihr rasch entgegen.</p><p>»Du bist viel zu lange im Wasser gewesen«, sagte ich.</p><p>»Ich bin ganz warm«, erwiderte sie atemlos. Ich k&#xFC;&#xDF;te sie auf die feuchte Schulter.</p><p>»Anfangs mu&#xDF;t du etwas vern&#xFC;nftiger sein.«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf und sah mich strahlend an. »Ich bin lange genug vern&#xFC;nftig gewesen.«</p><p>»So?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich. Viel zu lange! Ich will endlich einmal unvern&#xFC;nftig sein!«</p><p>Sie lachte und legte ihre Wange an mein Gesicht.</p><p>»Wir wollen unvern&#xFC;nftig sein, Robby! An nichts denken, an &#xFC;berhaupt nichts denken, nur an uns und die Sonne und die Ferien und das Meer!«</p><p>»Gut, zun&#xE4;chst will ich dich mal trockenreiben.«</p><p>Am Abend machten wir einen Gang zum Dorf und eine Fahrt mit dem Citroen durch die D&#xE4;mmerung – dann wurde Pat pl&#xF6;tzlich sehr m&#xFC;de und verlangte nach Hause. Ich hatte das schon oft bei ihr gesehen – dieses rasche Abfallen von strahlender Lebendigkeit zu M&#xFC;digkeit. Sie hatte nicht viel Kraft und gar keine Reserven – dabei wirkte sie gar nicht so. Sie verbrauchte immer alles, was sie an Lebenskraft in sich hatte, und schien dann unersch&#xF6;pflich zu sein in ihrer geschmeidigen Jugend – aber auf einmal kam dann der Augenblick, wo ihr Gesicht bla&#xDF; wurde und ihre Augen sich tief verschatteten –, dann war es zu Ende. Sie wurde nicht langsam m&#xFC;de, sie wurde es von einer Sekunde zur andern.</p><p>»Fahren wir nach Hause, Robby«, sagte sie, und ihre dunkle Stimme war noch tiefer als sonst.</p><p>Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller erwartete uns bereits. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt statt des schwarzen Wollkleides ein schwarzes Seidenkleid von gleichem, puritanischem Schnitt. Dazu statt des Kreuzes ein Emblem von Herz, Anker und Kreuz gleichzeitig – das kirchliche Symbol f&#xFC;r Glaube, Hoffnung und Liebe. Sie war bedeutend freundlicher als nachmittags und fragte, ob es recht sei, da&#xDF; sie als Abendessen Eier, kaltes Fleisch und ger&#xE4;ucherten Fisch vorbereitet habe.</p><p>»Na ja«, sagte ich.</p><p>»Gef&#xE4;llt es Ihnen nicht? Es sind ganz frisch ger&#xE4;ucherte Flundern<a l:href="#n_8" type="note">[8]</a>.« Sie schaute mich etwas &#xE4;ngstlich an.</p><p>»Gewi&#xDF;«, sagte ich k&#xFC;hl. »Ein richtiges Nachtessen, wie man es sich nur w&#xFC;nschen kann am ersten Tag an der See, Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller. Wenn es noch ordentlich hei&#xDF;en Tee dazu g&#xE4;be…«</p><p>»Doch, doch! Ganz hei&#xDF;en Tee! Gern! Ich lasse alles gleich bringen.«</p><p>Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller raschelte erleichtert eilig in ihrem Seidenkleid davon.</p><p>»Magst du wirklich keinen Fisch?« fragte Pat.</p><p>»Und wie! Flundern! Davon habe ich schon seit Tagen getr&#xE4;umt.«</p><p>»Und dann tust du so erhaben? Das ist aber stark!«</p><p>»Ich mu&#xDF;te ihr doch den Empfang von heute nachmittag heimzahlen.«</p><p>»Ach du lieber Gott!«</p><p>Pat lachte. Das Dienstm&#xE4;dchen kam mit dem Tablett. Die Flundern hatten eine Haut wie Goldtopas und rochen wunderbar nach See und Rauch. Es waren auch noch frische Garnelen dabei.</p><p>»Ich fange an zu vergessen«, sagte ich. »Au&#xDF;erdem merke ich, da&#xDF; ich einen Riesenhunger habe.«</p><p>»Ich auch. Aber gib mir erst rasch etwas hei&#xDF;en Tee. Mich friert. Dabei ist es doch ganz warm drau&#xDF;en.«</p><p>Ich sah sie an. Sie war bla&#xDF;, obschon sie l&#xE4;chelte.</p><p>»Kein Wort jetzt &#xFC;ber zu langes Baden«, sagte ich und fragte das Dienstm&#xE4;dchen: »Haben Sie etwas Rum?«</p><p>»Nee.«</p><p>»Gut«, erwiderte ich. »Macht auch nichts. Leben Sie wohl. Gott mit Ihnen.«</p><p>Sie verschwand. Ich holte das Paket aus dem Wagen. Es war eine kleine Kiste mit zwei Flaschen Rum, einer Flasche Kognak und einer Flasche Portwein. Ich hob sie hoch.</p><p>»St.-James-Rum sogar! Auf die Jungens kann man sich verlassen!«</p><p>Ich korkte die Flasche auf und go&#xDF; Pat einen guten Schu&#xDF; in den Tee. Dabei sah ich, da&#xDF; ihre Hand etwas zitterte.</p><p>»Friert dich wirklich so?« fragte ich.</p><p>»Nur einen Augenblick. Jetzt ist es schon besser. Der Rum ist gut. Aber ich geh‘ bald zu Bett.«</p><p>»Tu das gleich, Pat«, sagte ich, »wir schieben den Tisch dann heran und essen so.«</p><p>Ich holte ihr noch eine Decke von meinem Bett und r&#xFC;ckte den Tisch zurecht.</p><p>»Ich f&#xFC;hle mich schon wieder wohl.«</p><p>Ich blickte sie an. Sie sah wirklich schon besser aus. Ihre Augen hatten wieder Glanz, der Mund war sehr rot. Es klopfte. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller kam herein. Sie hatte einen winzigen Glaskrug in der Hand, in dem ein bi&#xDF;chen Fl&#xFC;ssigkeit hin und her schaukelte.</p><p>»Hier bringe ich Ihnen den Rum.«</p><p>»Danke«, sagte ich und betrachtete ger&#xFC;hrt den gl&#xE4;sernen Fingerhut. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, aber wir haben uns schon geholfen.«</p><p>»O Gott!« Sie beschaute erschreckt die vier Flaschen auf dem Tisch. »Trinken Sie so viel?«</p><p>»Nur als Medizin«, erwiderte ich sanft und vermied es, Pat anzusehen. »Vom Arzt verschrieben. Ich habe eine zu trockene Leber, Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller. Aber wollen Sie uns nicht die Ehre geben?«</p><p>Ich machte die Portweinflasche auf. »Auf Ihr Wohl! Da&#xDF; das Haus bald voller G&#xE4;ste ist.«</p><p>»Danke vielmals!«</p><p>Sie seufzte, machte eine kleine Verbeugung und nippte wie ein Vogel. »Auf gute Ferien!«</p><p>Dann l&#xE4;chelte sie mir verschmitzt zu. »Der ist aber stark. Und gut.«</p><p>Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller bekam rote B&#xE4;ckchen und blitzende Augen und fing an zu reden Pat hatte eine Engelsgeduld mit ihr. Schlie&#xDF;lich wandte sie sich an mich.</p><p>»Herrn K&#xF6;ster geht es also gut?« Ich nickte. »Er war immer so ruhig damals«, sagte sie. »Er war fast ein Jahr hier. Immer allein…«</p><p>»Ja«, sagte ich. Sie sah zu Pat hin&#xFC;ber. »Sie sind sicher m&#xFC;de.«</p><p>»Etwas«, sagte Pat.</p><p>»Sehr«, f&#xFC;gte ich hinzu.</p><p>»Dann will ich nur gehen«, erwiderte sie erschreckt. »Gute Nacht also! Schlafen Sie gut!«</p><p>Sie strich mir &#xFC;ber die Hand. »Mach die T&#xFC;r ein bi&#xDF;chen auf, Robby.«</p><p>Ich ging hin und &#xF6;ffnete die T&#xFC;r.</p><p>Es war, als h&#xE4;tte der Garten nur darauf gewartet, da&#xDF; die T&#xFC;r ge&#xF6;ffnet w&#xFC;rde – so stark drang sofort der Nachtduft der Blumen herein. Er erf&#xFC;llte das ganze Zimmer Ich sah zu Pat hin&#xFC;ber. Zart und schmal und zerbrechlich lag ihr Kopf mit dem dunklen Haar auf den wei&#xDF;en Kissen.</p><p>»Ich bin wirklich sehr m&#xFC;de, Robby. Ist das schlimm?«</p><p>Ich setzte mich zu ihr an das Bett.</p><p>»Gar nicht. Du wirst gut schlafen.«</p><p>»Aber du willst doch noch nicht schlafen.«</p><p>»Ich gehe dann noch etwas an den Strand.«</p><p>Sie nickte und legte sich zur&#xFC;ck. Ich blieb noch eine Weile sitzen.</p><p>»La&#xDF; die T&#xFC;r &#xFC;ber Nacht offen«, sagte sie. »Das ist, als ob man im Garten schl&#xE4;ft…«</p><p>Sie begann tiefer zu atmen, und ich stand leise auf und ging in den Garten hinaus.</p></section><section><title><p>16</p></title><p>Ich sa&#xDF; am Strande und sah zu, wie die Sonne unterging. Pat war nicht mitgekommen. Sie hatte sich den Tag &#xFC;ber nicht wohl gef&#xFC;hlt. Als es dunkel wurde, stand ich auf, um nach Hause zu gehen. Da sah ich hinter dem Walde das Dienstm&#xE4;dchen herankommen. Es winkte und rief etwas. Ich verstand es nicht; der Wind und das Meer waren zu laut.</p><p>»Rasch – Frau – Ungl&#xFC;ck…«</p><p>Ich rannte den Sandweg entlang, durch den Wald, dem Hause zu. Da lag Pat auf dem Bett, mit blutiger Brust und gekrampften H&#xE4;nden, und Blut lief ihr aus dem Munde. Neben ihr stand Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller mit T&#xFC;chern und einer Schale Wasser.</p><p>»Was ist los?« rief ich und schob sie beiseite.</p><p>Sie sagte etwas.</p><p>»Bringen Sie Verbandzeug!« rief ich. »Wo ist die Wunde?«</p><p>Sie sah mich mit zitternden Lippen an.</p><p>»Es ist keine Wunde. Ein Blutsturz«, sagte sie.</p><p>»Ein Blutsturz?«</p><p>Ich sprang auf und nahm ihr die Sch&#xFC;ssel mit Wasser aus der Hand.</p><p>»Holen Sie Eis, schicken Sie zur n&#xE4;chsten Kneipe, und telefonieren Sie sofort dem Arzt!«</p><p>»Wir haben doch kein Telefon…«</p><p>»Wo ist das n&#xE4;chste Telefon?«</p><p>»Bei Ma&#xDF;mann.«</p><p>»Laufen Sie hin. Schnell. Telefonieren Sie sofort an den n&#xE4;chsten Arzt. Schnell, schnell, laufen Sie rasch! Wie weit ist es?«</p><p>»Drei Minuten«, sagte die Frau und hastete los.</p><p>»Bringen Sie Eis mit!« rief ich ihr nach.</p><p>Sie nickte und lief. Ich wu&#xDF;te nicht, ob sie richtig lag, ob ich ihr das Kissen unter den Kopf schieben oder sie flach hinlegen sollte. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller trat ein.</p><p>»Der Arzt kommt sofort«, fl&#xFC;sterte sie, »Eis – auf die Brust, und wenn es geht, in den Mund…«</p><p>»Tief oder hoch legen, so reden sie doch.«</p><p>»So lassen – er kommt sofort…«</p><p>Ich packte Pat die Eisst&#xFC;cke auf die Brust. Da rasselte ein Fahrrad. Ich sprang hoch. Der Arzt.</p><p>»Kann ich helfen?« fragte ich.</p><p>Er sch&#xFC;ttelte den Kopf und packte seine Tasche aus. Ich stand dicht bei ihm am Bett und umklammerte die Pfosten. Er sah auf.</p><p>»Wo war Ihre Frau in Behandlung?« fragte er.</p><p>»Was? In Behandlung?« stotterte ich.</p><p>»Bei welchem Arzt?« fragte er ungeduldig.</p><p>»Ich wei&#xDF; nicht –«, antwortete ich – »nein, ich wei&#xDF; nichts…«</p><p>Er sah mich an. »Das m&#xFC;ssen Sie doch wissen…«</p><p>»Ich wei&#xDF; es aber nicht. Sie hat mir nie etwas davon gesagt.«</p><p>Er beugte sich zu Pat hinunter und fragte. Sie wollte antworten. Aber wieder brach der Husten rot durch.</p><p>»Jaff&#xE9;«, stie&#xDF; sie gurgelnd hervor.</p><p>»Felix Jaff&#xE9;? Professor Felix Jaff&#xE9;?« fragte der Arzt.</p><p>Sie nickte mit den Augen. Er wendete sich zu mir.</p><p>»K&#xF6;nnen Sie ihm telefonieren? Es ist besser, ihn zu fragen.«</p><p>»Jaja«, antwortete ich, »ich werde sofort.«</p><p>»Sie mu&#xDF; aufh&#xF6;ren zu bluten«, sagte der Arzt.</p><p>Ich fa&#xDF;te das M&#xE4;dchen und rannte los, den Weg entlang. Sie zeigte mir das Haus mit dem Telefon. Ich klingelte. Ich verlangte ein dringendes Gespr&#xE4;ch und wartete am Apparat. Endlich meldete sich die Nummer. Ich fragte nach dem Professor.</p><p>»Bedaure«, sagte die Schwester, »Professor Jaff&#xE9; ist ausgegangen.«</p><p>Mein Herz h&#xF6;rte auf zu schlagen.</p><p>»Wo ist er denn? Ich mu&#xDF; ihn sofort sprechen.«</p><p>»Ich wei&#xDF; es nicht. Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen, mein Herr.«</p><p>Aus. Ich lehnte mich an die Wand.</p><p>»Hallo!« sagte die Schwester, »sind Sie noch da?«</p><p>»Ja – h&#xF6;ren Sie, Schwester, Sie wissen nicht, wann er zur&#xFC;ckkommt?«</p><p>»Das ist ganz unbestimmt.«</p><p>»Wenn Professor Jaff&#xE9; kommt, bitten Sie ihn, sofort dringend hier anzurufen.«</p><p>Ich sagte ihr die Nummer. »Aber bitte, dringend, Schwester.«</p><p>Ich sah mich um. Ich war fertig hier. Und pl&#xF6;tzlich hatte ich es. Ich hob den H&#xF6;rer wieder ab und sagte K&#xF6;sters Nummer hinein. Er mu&#xDF;te da sein. Es ging einfach nicht anders. Ich wurde sofort selbst ruhig und sagte ihm alles.</p><p>»Gut«, sagte er, »ich fahre sofort los, ihn zu suchen. Ich rufe an. Sei ruhig. Ich finde ihn.«</p><p>Ich lief zur&#xFC;ck.</p><p>»Nun?« fragte der Arzt, »haben Sie ihn erreicht?«</p><p>»Nein«, sagte ich, »Ich konnte ihn nicht erreichen.«</p><p>»Schade«, sagte der Arzt und wandte sich wieder Pat zu.</p><p>»Er wird ihn erreichen«, sagte ich.</p><p>Pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rte ich rufen. »Telefon!« Ich drehte mich um.</p><p>»Telefon. Soll ich hingehen?«</p><p>Der Arzt sprang auf. »Nein, ich. Ich kann ihn besser fragen. Bleiben Sie hier. Tun Sie nichts weiter. Ich komme sofort wieder.«</p><p>Ich setzte mich zu Pat an das Bett. »Pat«, sagte ich leise. »Wir sind alle da. Wir passen auf. Es wird dir nichts passieren. Es darf dir nichts passieren. Der Professor spricht jetzt schon. Er sagt uns alles. Morgen kommt er sicher selbst. Er wird dir helfen. Du wirst gesund werden. Weshalb hast du mir denn nie etwas davon gesagt, da&#xDF; du noch krank bist? Das bi&#xDF;chen Blut ist nicht schlimm, Pat. Wir geben es dir wieder.«</p><p>Der Arzt kam zur&#xFC;ck. »Es war nicht der Professor…« Ich stand auf. »Es war ein Freund von Ihnen, Lenz.«</p><p>»K&#xF6;ster hat ihn nicht gefunden?«</p><p>»Doch. Er hat ihm Anweisungen gegeben. Ihr Freund Lenz hat sie mir telefoniert. Ganz klar und richtig sogar. Ist Ihr Freund Lenz Arzt?«</p><p>»Nein. Er wollte es werden. Und K&#xF6;ster?« Der Arzt sah mich an. »Lenz hat telefoniert, K&#xF6;ster sei vor wenigen Minuten abgefahren. Mit dem Professor.«, f&#xFC;gte der Arzt hinzu, »das ist das einzige, was er falsch gesagt hat. Er hat gemeint, sie w&#xE4;ren in zwei Stunden hier. Sie brauchen aber &#xFC;ber drei Stunden.«</p><p>»Doktor«, erwiderte ich, »Wenn er sagt zwei Stunden, dann ist er in zwei Stunden hier.«</p><p>»Es ist unm&#xF6;glich. Die Strecke ist kurvig, und es ist Nacht.«</p><p>Ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich ging ins Freie. Ich war nicht mehr allein. Hinter dem Horizont im S&#xFC;den heulte jetzt ein Motor.</p><p>»H&#xF6;rt es noch nicht auf?« fragte ich.</p><p>»Nein«, sagte der Arzt. Pat sah mich an.</p><p>Ich l&#xE4;chelte ihr zu. Es wurde eine Grimasse.</p><p>»Noch eine halbe Stunde«, sagte ich. Der Arzt blickte auf.</p><p>»Noch anderthalb Stunden, wenn nicht zwei. Es regnet.«</p><p>Ich ging zum hundertsten Male vor die T&#xFC;r. Es war sinnlos, ich wu&#xDF;te es; aber es verk&#xFC;rzte das Warten.</p><p>»Sie kommen! Doktor, Pat, sie kommen. Ich h&#xF6;re sie schon!«</p><p>Der Arzt hatte mich schon den ganzen Abend f&#xFC;r ziemlich verr&#xFC;ckt gehalten. Er stand auf und horchte ebenfalls.</p><p>»Es wird ein anderer Wagen sein«, sagte er schlie&#xDF;lich.</p><p>»Nein, ich kenne den Motor.«</p><p>Er sah mich gereizt an. Er schien sich f&#xFC;r einen Autofachmann zu halten. Er war geduldig und vorsichtig wie eine Mutter mit Pat; aber sowie ich von Autos redete, funkelte er mich durch seine Brille an und wu&#xDF;te es besser.</p><p>»Unm&#xF6;glich«, sagte er kurz und ging wieder hinein.</p><p>Ich blieb drau&#xDF;en. Ich zitterte vor Erregung.</p><p>»Karl! Karl!« sagte ich.</p><p>Der Professor stieg gerade aus. Er beachtete mich nicht, sondern ging auf den Arzt zu. Hinter ihm kam K&#xF6;ster.</p><p>»Wie geht es ihr?« sagte er.</p><p>»Sie blutet noch.«</p><p>Ich schwieg und sah ihn an.</p><p>»Hast du eine Zigarette?« fragte er.</p><p>Ich gab sie ihm. »Gut, da&#xDF; du gekommen bist, Otto.«</p><p>Er rauchte mit tiefen Z&#xFC;gen. »Dachte, es w&#xE4;re besser so.«</p><p>»Du bist sehr schnell gefahren.«</p><p>Wir sa&#xDF;en auf der Bank nebeneinander und warteten.</p><p>»Denkst du, da&#xDF; sie durchkommt?« fragte ich.</p><p>»Nat&#xFC;rlich. Eine Blutung ist nicht gef&#xE4;hrlich.«</p><p>»Sie hat mir nie etwas davon gesagt.«</p><p>K&#xF6;ster nickte.</p><p>»Sie mu&#xDF; durchkommen«, sagte ich, »sonst ist alles Schei&#xDF;e.«</p><p>Der Professor kam heraus. Ich stand auf.</p><p>»Verdammt will ich sein, wenn ich noch einmal mit Ihnen fahre«, sagte er zu K&#xF6;ster.</p><p>»Entschuldigen Sie«, sagte K&#xF6;ster, »es ist die Frau meines Freundes.«</p><p>»So«, sagte Jaff&#xE9; und sah mich an.</p><p>»Kommt sie durch?« fragte ich.</p><p>Er betrachtete mich aufmerksam. Ich blickte zur Seite.</p><p>»Glauben Sie, da&#xDF; ich so lange hier bei Ihnen st&#xFC;nde, wenn sie nicht durchk&#xE4;me?« sagte er.</p><p>Ich bi&#xDF; die Z&#xE4;hne zusammen. Ich pre&#xDF;te die F&#xE4;uste ineinander. Ich weinte.</p><p>»Entschuldigen Sie«, sagte ich, »es geht etwas zu schnell.«</p><p>»So was kann gar nicht schnell genug gehen«, sagte Jaff&#xE9; und l&#xE4;chelte.</p><p>»Geh mal da‚ rein. Wenn der Professor es erlaubt.«</p><p>»Bin schon fertig«, sagte ich, »kann ich‚ rein?«</p><p>»Ja, aber nicht sprechen«, antwortete Jaff&#xE9;, »und nur einen Augenblick. Sie darf sich nicht aufregen.«</p><p>Ich versuchte nur ein Lachen in das Zimmer hinein. Dann drehte ich mich rasch wieder um.</p><p>»War es richtig, da&#xDF; Sie kamen?« fragte K&#xF6;ster.</p><p>»Ja«, sagte Jaff&#xE9;, »es war besser.«</p><p>»Ich kann Sie morgen fr&#xFC;h wieder mit zur&#xFC;cknehmen.«</p><p>»Lieber nicht«, sagte Jaff&#xE9;.</p><p>»Ich werde vern&#xFC;nftig fahren.«</p><p>»Ich will noch einen Tag bleiben und die Sache beobachten. Ist Ihr Bett frei?« fragte er mich.</p><p>Ich nickte.</p><p>»Gut, dann schlafe ich hier. K&#xF6;nnen Sie im Dorf unterkommen?«</p><p>»Ja. Soll ich Ihnen eine Zahnb&#xFC;rste und einen Pyjama besorgen?«</p><p>»Nicht n&#xF6;tig. Habe alles bei mir. Bin immer auf so was vorbereitet. Wenn auch nicht gerade auf Rennen.«</p><p>»Entschuldigen Sie«, sagte K&#xF6;ster, »ich kann mir gut denken, da&#xDF; Sie &#xE4;rgerlich sind.«</p><p>»Bin ich nicht«, sagte Jaff&#xE9;.</p><p>Wir gingen ins Dorf.</p><p>»Bist du m&#xFC;de?« fragte ich.</p><p>»Nein«, sagte er, »wir wollen uns noch irgendwo hinsetzen.«</p><p>Nach einer Stunde wurde ich unruhig.</p><p>»Wenn er dableibt, ist es doch sicher gef&#xE4;hrlich, Otto«, sagte ich. »Weshalb sollte er es sonst tun…«</p><p>»Ich glaube, er bleibt aus Vorsicht da«, antwortete K&#xF6;ster. »Er mag Pat sehr gern. Er hat es mir erz&#xE4;hlt, als wir hier einfuhren. Er hat schon ihre Mutter behandelt…«</p><p>»Hat die denn auch…«</p><p>»Ich wei&#xDF; nicht«, sagte K&#xF6;ster rasch, »kann auch was anderes gewesen sein.«</p><p>Es war grau und k&#xFC;hl drau&#xDF;en. K&#xF6;ster war schon wach.</p><p>»Hast du nicht geschlafen, Otto?«</p><p>»Doch.«</p><p>Ich kletterte aus dem Wagen und schlich &#xFC;ber den Gartenweg zum Fenster. Die kleine Nachttischlampe brannte noch immer. Ich sah Pat mit geschlossenen Augen im Bett liegen. Einen Moment f&#xFC;rchtete ich, da&#xDF; sie tot sein k&#xF6;nnte. Aber dann bemerkte ich, wie ihre rechte Hand sich bewegte. Sie war sehr bla&#xDF;. Aber sie blutete nicht mehr. Jetzt machte sie wieder eine Bewegung. Im selben Moment &#xF6;ffnete Jaff&#xE9;, der auf dem zweiten Bett schlief, die Augen. Ich trat rasch zur&#xFC;ck. Ich war beruhigt; er pa&#xDF;te auf.</p><p>Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller war schon auf. Sie schnitt Petersilie im Garten. Sie zuckte zusammen, als ich sie ansprach. Verlegen versuchte ich ihr klarzumachen, da&#xDF; ich gestern wohl etwas zuviel geflucht h&#xE4;tte. Sie fing an zu weinen.</p><p>»Die arme Dame. Sie ist so sch&#xF6;n und noch so jung.«</p><p>»Sie wird hundert Jahre alt«, sagte ich &#xE4;rgerlich, weil sie weinte, als m&#xFC;sse Pat sterben.</p><p>Pat w&#xFC;rde nicht sterben. Da stand K&#xF6;ster, mein Kamerad – da stand ich, Pats Kamerad –, erst mu&#xDF;ten wir sterben. Solange wir lebten, w&#xFC;rden wir sie herausholen. So war es immer. Solange K&#xF6;ster lebte, konnte ich nicht sterben. Und solange wir beide lebten, konnte Pat nicht sterben.</p><p>K&#xF6;ster sprach ein paar Worte mit ihr. Sie l&#xE4;chelte rasch wieder und fragte ihn, was er zu Mittag essen wolle.</p><p>»Siehst du«, sagte Otto, »das ist das Geschenk des Alters. Tr&#xE4;nen und Lachen – alles wechselt schnell.</p><p>Wir strichen um das Haus herum.</p><p>»Gut f&#xFC;r jede Minute, die sie schl&#xE4;ft«, sagte ich.</p><p>Wir gingen wieder in den Garten. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller hatte ein Fr&#xFC;hst&#xFC;ck fertiggemacht. Wir tranken hei&#xDF;en schwarzen Kaffee. Die Sonne ging auf. Es wurde sofort warm.</p><p>»Wei&#xDF;t du, Otto«, sagte ich, »ich habe ein Gef&#xFC;hl, als w&#xE4;re ich selber krank gewesen. Man ist doch nicht mehr wie fr&#xFC;her. Ich h&#xE4;tte ruhiger sein m&#xFC;ssen. &#xDC;berlegter. Je ruhiger man sich h&#xE4;lt, um so besser kann man helfen.«</p><p>»Geht nicht immer, Robby. Habe auch so Zeiten gehabt. Je l&#xE4;nger man lebt, um so nerv&#xF6;ser wird man. Das ist wie bei einem Bankier, der immer neue Verluste hat.«</p><p>Da ging die T&#xFC;r. Jaff&#xE9; kam im Pyjama heraus.</p><p>»Gut, gut«, winkte er ab, als er sah, da&#xDF; ich fast den Kaffeetisch umwarf, »so gut es m&#xF6;glich ist.«</p><p>»Darf ich‚ rein?«</p><p>»Noch nicht. Jetzt ist erst das M&#xE4;dchen drin. Waschen und so was.«</p><p>Ich schenkte ihm Kaffee ein. Er blinzelte in die Sonne und wandte sich an K&#xF6;ster.</p><p>»Eigentlich sollte ich Ihnen dankbar sein. So komme ich wenigstens einen Tag mal‚ raus.«</p><p>»Das k&#xF6;nnten Sie doch &#xF6;fter machen«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Haben Sie schon gemerkt, da&#xDF; man vieles, was man tun k&#xF6;nnte, trotzdem nicht tut, man wei&#xDF; nicht, warum? Wie sch&#xF6;n das hier ist! Ich habe zwei Autos, eine Zehnzimmerwohnung und genug Geld – was habe ich davon! Was ist das gegen diesen Sommermorgen im Freien! Arbeit – eine finstere Besessenheit – immer mit der Illusion, da&#xDF; es sp&#xE4;ter mal anders wird. Es wird nie anders. Komisch, was man so aus seinem Leben macht.«</p><p>»Ich finde, ein Arzt ist einer der wenigen Menschen, die wissen, wozu sie leben«, sagte ich. »Was soll denn dann ein Buchhalter sagen?«</p><p>Sie lag in den Kissen, ohne Kraft, wie hingeschlagen. Ihr Gesicht war verf&#xE4;rbt, blaue, tiefe Schatten unter den Augen, und der Mund war bla&#xDF;. Nur die Augen waren gro&#xDF; und gl&#xE4;nzend. Viel zu gro&#xDF; und zu gl&#xE4;nzend. Ich nahm ihre Hand auf. Sie war k&#xFC;hl und matt.</p><p>»Pat«, sagte ich verlegen und wollte mich zu ihr setzen.</p><p>»Besser, du siehst mich heute nicht so genau…«</p><p>»Pat!« sagte ich erschreckt, »du darfst noch nicht sprechen!…«</p><p>Ich setzte mich neben das Bett.</p><p>»Pat«, sagte ich, »bald bist du wieder durch…«</p><p>Sie bewegte den Mund. »Morgen schon…«</p><p>»Morgen noch nicht, aber in ein paar Tagen. Dann darfst du aufstehen, und wir fahren nach Hause. Wir h&#xE4;tten nicht hierherfahren sollen, die Luft ist viel zu rauh f&#xFC;r dich…«</p><p>»Doch«, fl&#xFC;sterte sie, »ich bin ja nicht krank, Robby. Es war nur ein Unfall…«</p><p>Ich sah sie an. Wu&#xDF;te sie denn wirklich nicht, da&#xDF; sie krank war? Oder wollte sie es nicht wissen? Ihre Augen gingen unruhig hin und her.</p><p>»Brauchst keine Angst zu haben…«, fl&#xFC;sterte sie.</p><p>Ich verstand nicht sofort, was sie meinte und weshalb es so wichtig war, da&#xDF; gerade ich keine Angst haben sollte. Ich sah nur, da&#xDF; sie erregt war, ihre Augen hatten einen gequ&#xE4;lten, dringenden Ausdruck. Und pl&#xF6;tzlich kam mir ein Gedanke. Ich begriff, was sie dachte. Sie glaubte, ich h&#xE4;tte Angst vor ihr, weil sie krank war.</p><p>»Lieber Gott, Pat«, sagte ich, »ist das vielleicht der Grund, da&#xDF; du mir nie etwas Genaues gesagt hast?«</p><p>Sie antwortete nicht, aber ich sah, da&#xDF; es das war.</p><p>»Verdammt«, sagte ich, »wof&#xFC;r h&#xE4;ltst du mich eigentlich?« Ich beugte mich &#xFC;ber sie. »Lieg mal einen Augenblick ganz still, aber beweg dich nicht.«</p><p>Ich k&#xFC;&#xDF;te sie. Ihre Lippen waren trocken und hei&#xDF;. Als ich mich aufrichtete, sah ich, da&#xDF; sie weinte. Sie weinte lautlos, mit weit offenen Augen, und ihr Gesicht bewegte sich nicht. Die Tr&#xE4;nen st&#xFC;rzten nur so hervor.</p><p>»Um Gottes willen, Pat…«</p><p>»Ich bin ja gl&#xFC;cklich«, sagte sie. Ich stand da und sah sie an. Es war nur ein Wort gewesen, aber es war ein Wort, das ich so noch nie geh&#xF6;rt hatte. Ich hatte Frauen gekannt, aber immer waren es fl&#xFC;chtige Begegnungen gewesen, Abenteuer, eine bunte Stunde manchmal, ein einsamer Abend, Flucht vor sich selbst, vor der Verzweiflung, vor der Leere. Ich hatte es auch gar nicht anders gewollt, denn ich hatte gelernt, da&#xDF; man sich auf nichts anderes verlassen konnte als auf sich selbst und h&#xF6;chstens noch auf einen Kameraden. Jetzt sah ich pl&#xF6;tzlich, da&#xDF; ich einem Menschen etwas sein konnte, einfach weil ich da war, und da&#xDF; er gl&#xFC;cklich war, weil ich bei ihm war. Es ist Liebe und doch etwas anderes. Etwas, wof&#xFC;r man leben kann. F&#xFC;r die Liebe kann ein Mann nicht leben. F&#xFC;r einen Menschen wohl. Ich wollte etwas sagen, aber ich konnte es nicht. Es ist schwer, Worte zu finden, wenn man wirklich etwas zu sagen hat. Und selbst, wenn man die richtigen Worte wei&#xDF;, dann sch&#xE4;mt man sich, sie auszusprechen. Alle diese Worte geh&#xF6;ren noch in fr&#xFC;here Jahrhunderte.</p></section><section><title><p>17</p></title><p>Es war zwei Wochen sp&#xE4;ter. Pat hatte sich so weit erholt, da&#xDF; wir zur&#xFC;ckreisen konnten. Wir hatten unsere Sachen gepackt und warteten auf Gottfried Lenz. Er sollte den Wagen abholen. Pat und ich wollten mit der Eisenbahn fahren. Es war ein warmer Tag. Die Wolken standen wie Watte am Himmel. Gottfried kam nach dem Mittagessen an. Erst als er in den Fahrweg zur Villa Fr&#xE4;ulein M&#xFC;llers einbog, bemerkte ich, da&#xDF; er nicht allein war.</p><p>»Mein Gott, das ist ja Jupp!« sagte ich erstaunt.</p><p>»Pers&#xF6;nlich, Herr Lohkamp!« erwiderte Jupp grinsend.</p><p>»Er wird zum Rennfahrer herangebildet. Seit acht Tagen bekommt er bei mir Fahrunterricht. Gute Gelegenheit f&#xFC;r ihn, seine erste &#xDC;berlandtour zu machen.«</p><p>Jupp schwitzte vor Gl&#xFC;ck. »Zun&#xE4;chst schnapp dir jetzt mal die Koffer und bring sie zum Bahnhof.«</p><p>»Allein?« Jupp explodierte fast vor Spannung.</p><p>»Darf ich das St&#xFC;ck bis zum Bahnhof ganz allein fahren, Herr Lenz?«</p><p>Gottfried nickte, und Jupp raste ins Haus. Wir gaben die Koffer auf. Dann holten wir Pat ab und fuhren zum Bahnhof. Es war noch eine Viertelstunde zu fr&#xFC;h, als wir ankamen. Der Bahnsteig war leer.</p><p>»Fahrt nur los«, sagte ich. »Ihr kommt sonst zu sp&#xE4;t nach Hause.«</p><p>Jupp am Steuer sah mich beleidigt an.</p><p>»Solche Bemerkungen gefallen dir nicht, was?« fragte Lenz ihn.</p><p>Jupp richtete sich auf.</p><p>»Herr Lohkamp«, sagte er vorwurfsvoll, »ich habe mir die Sache genau durchgerechnet. Wir sind bequem um acht Uhr in der Werkstatt.«</p><p>»Sehr richtig!« Lenz klopfte ihm auf die Schulter.</p><p>»Wei&#xDF;t du auch, da&#xDF; die Stra&#xDF;en ziemlich schlecht sind?« fragte ich.</p><p>»Alles einkalkuliert, Herr Lohkamp!«</p><p>»Und an die Kurven hast du auch gedacht?«</p><p>»Kurven machen mir nichts aus. Ich habe keine Nerven.«</p><p>»Gut, Jupp«, sagte ich ernsthaft. »Dann halte ich die Wette. Aber Herr Lenz darf unterwegs nicht fahren.«</p><p>Jupp legte die Hand auf die Brust. »Mein Ehrenwort!«</p><p>»Auf Wiedersehen, Pat! Bis nachher, Robby!«</p><p>Gottfried kletterte in den Sitz.</p><p>»So, Jupp, nun zeige der Dame mal, wie ein Kavalier und k&#xFC;nftiger Weltmeister startet!«</p><p>Jupp schob die Rennbrille vor die Augen, winkte wie ein Alter und zog schneidig im ersten Gang &#xFC;ber das Kopfsteinpflaster der Chaussee zu.</p><p>Pat und ich sa&#xDF;en noch eine Weile vor dem Bahnhof auf einer Bank. Die hei&#xDF;e, wei&#xDF;e Sonne lag breit auf der h&#xF6;lzernen Wand, die den Bahnsteig absperrte. Es roch nach Salz. Pat schlo&#xDF; die Augen. Sie sa&#xDF; ganz still, das Gesicht der Sonne zugewendet.</p><p>»Bist du m&#xFC;de?« fragte ich. Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Nein, Robby.«</p><p>»Da kommt der Zug«, sagte ich.</p><p>Wir stiegen ein. Der Zug war wenig besetzt.</p><p>Kurz vor sechs Uhr kamen wir in der Stadt an. Ich nahm ein Taxi und verstaute die Koffer. Dann fuhren wir zu Pats Wohnung.</p><p>»Kommst du mit herauf?« fragte sie.</p><p>»Nat&#xFC;rlich.«</p><p>Ich brachte sie hinauf, dann fuhr ich wieder herunter, um mit dem Chauffeur zusammen die Koffer zu holen. Als ich zur&#xFC;ckkam, stand Pat noch im Vorraum. Sie sprach mit Oberstleutnant von Hake und seiner Frau. Wir gingen in ihr Zimmer. Es war heller, fr&#xFC;her Abend drau&#xDF;en. Auf dem Tisch stand eine Glasvase mit bla&#xDF;roten Rosen. Pat ging ans Fenster und sah hinaus. Dann wandte sie sich um.</p><p>»Wie lange waren wir eigentlich fort, Robby?«</p><p>»Genau achtzehn Tage.«</p><p>»Achtzehn Tage. Mir kommt es viel l&#xE4;nger vor.«</p><p>Ihr Gesicht war ver&#xE4;ndert, und ihre Augen waren dunkel. Sie stand eine Weile neben dem Tisch, das Gesicht gesenkt und die H&#xE4;nde aufgest&#xFC;tzt. Dann hob sie den Kopf und blickte mich an. Ich sagte nichts. Sie ging langsam um den Tisch herum und legte mir die H&#xE4;nde auf die Schultern.</p><p>»Alter Bursche«, sagte ich. Sie lehnte sich an mich. Ich hielt sie fest. »Jetzt werden wir die Sache mal angehen, was?«</p><p>Sie nickte. Dann strich sie sich das Haar zur&#xFC;ck.</p><p>»War nur so ein Augenblick, Robby.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich.«</p><p>Es klopfte. Das Dienstm&#xE4;dchen kam mit dem Teewagen.</p><p>»Das ist gut«, sagte Pat.</p><p>»Willst du Tee?« fragte ich.</p><p>»Nein, Kaffee, guten, starken Kaffee.«</p><p>Ich blieb noch eine halbe Stunde. Dann wurde sie m&#xFC;de. Ich sah es an ihren Augen.</p><p>»Du solltest etwas schlafen«, schlug ich ihr vor.</p><p>»Und du?«</p><p>»Ich gehe nach Hause und schlafe auch etwas. Dann hole ich dich in zwei Stunden zum Essen ab.«</p><p>»Du bist m&#xFC;de?« fragte sie zweifelnd.</p><p>»Ja, etwas. Ich mu&#xDF; nachher auch noch mal in die Werkstatt.«</p><p>Sie fragte nichts mehr. Sie war sehr m&#xFC;de. Ich brachte sie zu Bett und deckte sie zu. Sie schlief sofort ein. Dann ging ich.</p><p>Unterwegs blieb ich vor einem Telefonautomaten stehen. Ich beschlo&#xDF;, Jaff&#xE9; gleich jetzt anzurufen. Zu Hause war es schwierig.</p><p>»Hier ist Lohkamp«, sagte ich. »Wir sind heute zur&#xFC;ckgekommen. Ich m&#xF6;chte nicht, da&#xDF; sie wei&#xDF;, da&#xDF; ich Sie angerufen habe. Sie wird sicher morgen selbst telefonieren.«</p><p>»Gut.«</p><p>»Ich m&#xF6;chte gern wissen, wie es mit ihr steht«, sagte ich.</p><p>»Das kann ich Ihnen noch nicht sagen«, erwiderte Jaff&#xE9;. »Ich mu&#xDF; sie mindestens eine Woche lang beobachten. Aber ich werde Ihnen dann Bescheid geben.«</p><p>»Danke. Glauben Sie, da&#xDF; sie – da&#xDF; sich so ein Anfall wiederholen kann?«</p><p>Jaff&#xE9; z&#xF6;gerte eine Sekunde. »M&#xF6;glich ist es nat&#xFC;rlich«, sagte er dann. »Ich rufe Sie dann an.«</p><p>»Ja, danke.«</p><p>Ich h&#xE4;ngte den H&#xF6;rer an. Dann ging ich nach Hause.</p><p>Sie schlief noch, als ich bei ihr eintrat. Ich setzte mich leise in einen Sessel neben das Bett, aber sie erwachte sofort.</p><p>»Schade, ich habe dich aufgeweckt«, sagte ich.</p><p>»Bist du die ganze Zeit hier gewesen?« fragte sie.</p><p>»Nein. Eben erst wiedergekommen.«</p><p>Sie dehnte sich und legte ihr Gesicht gegen meine Hand.</p><p>»Das ist gut. Ich habe nicht gern, wenn man mir beim Schlafen zusieht.«</p><p>»Das kann ich verstehen. Ich habe es auch nicht gern. Willst du noch ein bi&#xDF;chen schlafen?«</p><p>»Nein, ich bin ganz ausgeschlafen. Ich stehe gleich auf.«</p><p>Es wurde drau&#xDF;en langsam dunkel. Pat sah wundersch&#xF6;n aus, ganz frisch und gar nicht mehr abgespannt.</p><p>»Du siehst gl&#xE4;nzend aus«, sagte ich &#xFC;berrascht.</p><p>»Ich f&#xFC;hle mich auch gut, Robby. Als wenn ich eine ganze Nacht geschlafen h&#xE4;tte. So etwas wechselt rasch bei mir.«</p><p>»Ja, wei&#xDF; Gott! Manchmal geht es so rasch, da&#xDF; man kaum mitkommt.«</p><p>Sie lehnte sich an meine Schulter und sah mich an.</p><p>»Liebling«, sagte sie »Und nun komm, wir wollen jetzt essen gehen.«</p><p>»Wohin wollen wir denn gehen?« fragte ich.</p><p>»Zu Alfons. Ich mu&#xDF; all das wiedersehen. Ich habe das Gef&#xFC;hl, als w&#xE4;re ich eine Ewigkeit fortgewesen.«</p><p>»Gut!« sagte ich. »Aber hast du auch den richtigen Hunger daf&#xFC;r? Zu Alfons kann man nicht gehen ohne Hunger. Er wirft einen sonst‚ raus.«</p><p>Sie lachte. »Ich habe sogar einen furchtbaren Hunger.«</p><p>»Dann los!«</p><p>Ich war pl&#xF6;tzlich sehr froh.</p><p>Alfons begr&#xFC;&#xDF;te uns, verschwand gleich darauf und kam wieder, einen wei&#xDF;en Kragen und eine gr&#xFC;ngepunktete Krawatte umgebunden. Das h&#xE4;tte er beim deutschen Kaiser nicht gemacht.</p><p>»Also, Alfons, was gibt es Gutes?« fragte Pat.</p><p>Alfons schmunzelte, blies die Lippen auf und machte die Augen klein.</p><p>»Sie haben Gl&#xFC;ck gehabt! Es gibt heute Krebse!« Er trat einen Schritt zur&#xFC;ck, um die Wirkung zu beobachten. Sie war erstklassig. »Dazu ein Glas jungen Moselwein«, fl&#xFC;sterte er verz&#xFC;ckt und trat noch einen Schritt zur&#xFC;ck.</p><p>Da erschien der letzte Romantiker.</p><p>»Gottfried?« schrie Alfons auf, »du? Pers&#xF6;nlich? Mensch, was f&#xFC;r ein Tag!« »Hans«, schrie er zu dem Kellner hin&#xFC;ber, »bring den Napoleon!«</p><p>Der Kellner brachte eine gro&#xDF;e, verstaubte Flasche heran. Alfons schenkte zwei Gl&#xE4;ser voll.</p><p>»Prost, Gottfried!«</p><p>»Prost, Alfons!«</p><p>Beide tranken die Gl&#xE4;ser auf einen Zug leer.</p><p>»Erstklassig!« sagte Gottfried. »Ein Kognak f&#xFC;r Madonnen!«</p><p>Alfons schenkte das dritte Glas ein. Etwas atemlos kam Lenz zur&#xFC;ck an den Tisch. Er zog seine Uhr.</p><p>»Zehn Minuten vor acht mit dem Citroen in der Werkstatt angekommen. Was sagt ihr dazu?«</p><p>»Ein Rekord«, erwiderte Pat.</p><p>»Jupp soll leben! Ich werde ihm ebenfalls eine Schachtel Zigaretten stiften.«</p><p>»Und du kriegst daf&#xFC;r eine Portion Krebse extra!« erkl&#xE4;rte Alfons, der Gottfried auf dem Fu&#xDF;e gefolgt war.</p><p>Dann &#xFC;bergab er uns eine Art von Tischt&#xFC;chern. »Zieht eure Jacken mal aus und bindet das hier um! Die Dame erlaubt es doch, oder nicht?«</p><p>»Ich halte es sogar f&#xFC;r notwendig«, sagte Pat</p><p>. Alfons nickte erfreut. »Sie sind eine vern&#xFC;nftige Frau, das wu&#xDF;te ich. Krebse mu&#xDF; man gem&#xFC;tlich essen. Ohne Angst vor Flecken.«</p><p>Alfons ging zum Grammophon. Gleich darauf donnerte der Pilgerchor aus dem »Tannh&#xE4;user« los. Wir lauschten schweigend. Da &#xF6;ffnete sich die K&#xFC;chent&#xFC;r, und der Kellner Hans erschien mit einer gro&#xDF;en Sch&#xFC;ssel voller Krebse. Er stellte sie auf den Tisch.</p><p>»Bring mir auch eine Serviette«, sagte Alfons.</p><p>»Du willst mit uns essen, Goldjunge?« rief Lenz.</p><p>»Wenn die Dame nichts dagegen hat?«</p><p>»Im Gegenteil, Alfons!«</p><p>Er nahm neben Pat Platz. »Schmeckt‘s?« fragte er.</p><p>»Prachtvoll!« Sie hob ihr Glas. »Auf Ihr Wohl, Alfons.«</p><p>Alfons stie&#xDF; mit ihr an und trank sein Glas langsam aus. Ich sah sie an. Es w&#xE4;re mir lieber gewesen, sie h&#xE4;tte irgend etwas ohne Alkohol getrunken. Sie sp&#xFC;rte meinen Blick.</p><p>»Salute, Robby«, sagte sie.</p><p>Sie war wundersch&#xF6;n.</p><p>»Salute, Pat«, sagte ich und trank mein Glas aus.</p><p>»Ist es nicht herrlich hier?« fragte sie und sah mich immer noch an.</p><p>»Wunderbar!«</p><p>Alfons holte einen Krebs aus der Sch&#xFC;ssel und hielt Pat die Schere ge&#xF6;ffnet hin. Wir tranken zum Schlu&#xDF; alle noch einen Napoleon und verabschiedeten uns dann von Alfons. Pat war gl&#xFC;cklich.</p><p>»Es war herrlich!« sagte sie. »Ich danke Ihnen auch vielmals, Alfons. Es war wirklich herrlich!«</p><p>Sie gab ihm die Hand. Alfons murmelte etwas und k&#xFC;&#xDF;te ihr die Hand.</p><p>Drau&#xDF;en stand klein und verlassen unter der Laterne der Citroen. Gottfried fragte.</p><p>»Soll ich euch nach Hause fahren?«</p><p>»Nein«, sagte Pat. »In die Bar. Oder nicht, Robby?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich«, sagte ich, »nat&#xFC;rlich gehen wir noch in die Bar.«</p><p>Wir fuhren sehr langsam durch die Stra&#xDF;en. Es war warm und klar. Vor den Cafes sa&#xDF;en die Leute. Musik wehte her&#xFC;ber. Pat sa&#xDF; neben mir. Ich begriff pl&#xF6;tzlich nicht, da&#xDF; sie wirklich krank sein sollte, es wurde mir ganz hei&#xDF; dabei, aber ich konnte es einen Augenblick lang nicht begreifen.</p><p>In der Bar trafen wir Ferdinand und Valentin. Ferdinand war gl&#xE4;nzender Laune. Lenz wandte sich an Pat.</p><p>»Ich werde Ihnen jetzt einmal etwas Besonderes mischen. Einen Kolibri Cocktail. Eine Spezialit&#xE4;t aus Brasilien.«</p><p>Er ging zur Bartheke, mischte allerlei Sachen und brachte den Cocktail dann heran.</p><p>»Wie schmeckt er?« fragte er.</p><p>»Etwas d&#xFC;nn, trotz Brasilien«, erwiderte Pat.</p><p>Gottfried lachte. Es war Fruchtsaft, Zitrone, Tomatenmark und vielleicht noch ein Tropfen Angostura. Ein alkoholfreier Cocktail. Aber Pat merkte es gottlob nicht. Sie bekam drei gro&#xDF;e Kolibris, und ich sah, wie wohl sie sich f&#xFC;hlte, weil sie nicht als Kranke behandelt wurde. Nach einer Stunde brachen wir alle auf, nur Valentin blieb sitzen.</p><p>»Wollen wir noch ein bi&#xDF;chen zu mir gehen?« fragte ich.</p><p>Sie nickte. »Ich glaube, wir machen lieber kein Licht, was?« fragte ich in meinem Zimmer.</p><p>»Doch, Liebling. Einmal ganz kurz, dann kannst du es wieder ausmachen.«</p><p>»Findest du es wirklich sch&#xF6;n hier?«</p><p>»Ja, Robby.</p><p>»Wenn du da jetzt wohntest…«</p><p>»Ja, wenn ich da wohnte…«</p><p>»Das kannst du«, sagte ich leichthin. »Ein Zimmer wird in den n&#xE4;chsten Tagen frei.«</p><p>Sie sah mich an und l&#xE4;chelte.</p><p>»Glaubst du, da&#xDF; so etwas richtig w&#xE4;re f&#xFC;r uns? Dauernd so nahe zusammen zu sein?«</p><p>»Wir w&#xE4;ren ja gar nicht dauernd zusammen«, erwiderte ich. »Tags&#xFC;ber bin ich doch &#xFC;berhaupt nicht da. Abends auch oft nicht. Aber wenn wir dann schon mal zusammen w&#xE4;ren, brauchten wir nicht in Lokalen zu sitzen oder uns immer wieder so rasch zu trennen, als w&#xE4;ren wir beieinander nur zu Besuch.«</p><p>Sie r&#xFC;hrte sich ein wenig in ihrer Ecke. »Das klingt so, als h&#xE4;ttest du es dir schon genau &#xFC;berlegt, Liebling.«</p><p>»Habe ich auch«, sagte ich. »Den ganzen Abend schon.«</p><p>Sie richtete sich auf. »Meinst du es wirklich im Ernst, Robby?«</p><p>»Zum Donnerwetter, ja«, sagte ich, »merkst du das immer noch nicht?«</p><p>Sie schwieg einen Augenblick.</p><p>»Robby«, sagte sie dann, und ihre Stimme war tiefer als vorher, »wie kommst du gerade jetzt darauf?«</p><p>»Ich komme darauf«, erwiderte ich, heftiger als ich wollte, denn ich f&#xFC;hlte pl&#xF6;tzlich, da&#xDF; jetzt die Entscheidung kam &#xFC;ber vieles mehr noch als &#xFC;ber das Zimmer, »ich komme darauf, weil ich gesehen habe in diesen letzten Wochen, wie wunderbar es ist, ganz zusammen zu sein. Ich kann das nicht mehr ertragen, dieses stundenweise Treffen! Ich will mehr von dir haben! Ich will, da&#xDF; du immer bei mir sein sollst. Ich will einfach dich und nochmals dich.«</p><p>Sie schwieg.</p><p>»Du kannst mich ruhig auslachen«, sagte ich.</p><p>»Auslachen?« erwiderte sie.</p><p>»Na ja, weil ich immer sage: Ich will. Du mu&#xDF;t schlie&#xDF;lich ja auch wollen.«</p><p>»Wei&#xDF;t du, da&#xDF; du dich ver&#xE4;ndert hast, Robby?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Doch. Du sagst es ja selbst. Du willst. Du fragst nicht mehr so viel. Du willst einfach.«</p><p>»Das ist doch keine so gro&#xDF;e Ver&#xE4;nderung. Du kannst ja trotzdem nein sagen, auch wenn ich noch so sehr will.«</p><p>Sie beugte sich pl&#xF6;tzlich zu mir vor. »Warum sollte ich denn nein sagen, Robby«, sagte sie mit sehr warmer und z&#xE4;rtlicher Stimme, »ich will es ja auch…«</p><p>&#xDC;berrascht nahm ich sie um die Schultern. Ihr Haar streifte mein Gesicht.</p><p>»Ist das wahr, Pat?«</p><p>»Aber ja, Liebling.«</p><p>»Verdammt«, sagte ich, »das hatte ich mir viel schwerer vorgestellt.«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Ach, Liebling, es ist alles eigentlich ganz leicht; – man mu&#xDF; es sich nur nicht selber schwer machen.«</p><p>»Deine Sachen nehmen wir alle mit«, sagte ich.</p><p>Ich sp&#xFC;rte, da&#xDF; sie m&#xFC;de war. »Soll ich dich jetzt nach Hause bringen?« fragte ich.</p><p>»Gleich. Ich lege mich nur noch einen Augenblick hin.«</p><p>Sie lag ruhig, ohne zu sprechen, auf dem Bert, als schliefe sie. Aber ihre Augen waren offen. Es war drau&#xDF;en still geworden.</p><p>»Du solltest gleich hierbleiben«, sagte ich.</p><p>»Heute nicht, Liebling. Morgen…« Sie nahm mein Gesicht in ihre H&#xE4;nde. »Es war sch&#xF6;n bei dir, Liebling. Sehr sch&#xF6;n. Es ist gut, da&#xDF; du da bist.«</p><p>Ich erwiderte nichts. Ich brachte sie nach Hause und ging dann zur&#xFC;ck in die Bar. K&#xF6;ster war da.</p><p>»Setz dich«, sagte er. »Wie geht‘s?«</p><p>»Nicht besonders, Otto.«</p><p>»Willst du was trinken?«</p><p>»Wenn ich tr&#xE4;nke, m&#xFC;&#xDF;te ich viel trinken. Das will ich nicht. Es mu&#xDF; auch so gehen. Aber ich k&#xF6;nnte etwas anderes machen. Ist Gottfried mit dem Taxi unterwegs?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Gut. Dann werde ich noch ein paar Stunden damit losfahren.«</p></section><section><title><p>18</p></title><p>Unser Taxi stand vor der Bar. Ich ging hinein, um Lenz abzul&#xF6;sen und mir den Schl&#xFC;ssel und die Papiere zu holen. Gottfried kam mit heraus.</p><p>»Hast du gute Kasse gehabt?« fragte ich.</p><p>»Nicht besonders.«, erwiderte er. »Entweder gibt es zuviel Taxis oder zuwenig Leute, die Taxi fahren. Wie war‘s denn bei dir?«</p><p>»Schlecht. Habe die ganze Nacht herumgestanden und nicht mal zwanzig Mark eingenommen.«</p><p>»Kannst mich mal ein St&#xFC;ck mitnehmen.«fragte Gottfried</p><p>»Gut.«</p><p>Wir stiegen ein.</p><p>»Wo willst du denn hin?« fragte ich.</p><p>»Zum Dom.«</p><p>»Was?« fragte ich.</p><p>»Du hast dich nicht verh&#xF6;rt. Dom!« Ich sah ihn erstaunt an. »Staune nicht, sondern fahre!« sagte Gottfried.</p><p>»Na sch&#xF6;n.«</p><p>Wir fuhren los. Der Dom lag im alten Teil der Stadt.</p><p>Er lie&#xDF; mich vor einem kleinen Eingang an der R&#xFC;ckseite halten und stieg aus.</p><p>»Viel Vergn&#xFC;gen«, sagte ich.</p><p>»Komm mal mit«, erwiderte er.</p><p>Ich lachte. »Heute nicht. Ich habe heute morgen schon gebetet. Das reicht bei mir f&#xFC;r den ganzen Tag.«</p><p>»Rede keinen Unsinn, Baby! Komm mit. Ich will gro&#xDF;m&#xFC;tig sein und dir was zeigen.«</p><p>Neugierig folgte ich ihm. Wir gingen durch die kleine Eingangst&#xFC;r und kamen von dort sofort in die Kreuzg&#xE4;nge. In der Mitte erhob sich ein gro&#xDF;es, verwittertes Kreuz mit der Figur Christi. Gottfried zeigte auf ein paar m&#xE4;chtige wei&#xDF;e und rote Rosenb&#xFC;sche.</p><p>»Das wollte ich dir zeigen! Erkennst du sie wieder?«</p><p>&#xDC;berrascht blieb ich stehen.</p><p>»Nat&#xFC;rlich erkenne ich sie wieder«, sagte ich.</p><p>»Also hier hast du geerntet, du alter Kirchenr&#xE4;uber!«</p><p>Pat war vor einer Woche zu Frau Zalewski umgezogen, und Lenz hatte ihr abends durch Jupp einen riesigen Strau&#xDF; Rosen geschickt. Es war eine solche Menge gewesen, da&#xDF; Jupp zweimal herunter mu&#xDF;te und jedesmal mit beiden Armen voll wiederkam. Ich hatte mir schon den Kopf zerbrochen, wo Gottfried sie nur herhaben mochte, denn ich kannte sein Prinzip, Blumen niemals zu kaufen. In den st&#xE4;dtischen Anlagen hatte ich sie nie gesehen.</p><p>»Das ist eine Idee!« sagte ich anerkennend.</p><p>»Denke, du kannst es gerade jetzt gut gebrauchen!« Ich lachte.</p><p>»Alles ganz gut, Gottfried«, sagte ich. »Aber wie ist das, wenn man erwischt wird?«</p><p>»Mein lieber Junge«, erwiderte Lenz, »siehst du hier jemand? Seit dem Kriege gehen die Leute in politische Versammlungen, aber nicht in die Kirche.«</p><p>Das war richtig. »Aber wie ist es mit den Pastoren?« fragte ich.</p><p>»Den Pastoren sind die Blumen egal, sonst w&#xE4;re der Garten besser gepflegt.«</p><p>»Da hast du recht!«</p><p>Ich betrachtete die riesigen alten B&#xFC;sche.</p><p>»F&#xFC;r die n&#xE4;chsten Wochen habe ich damit ausgesorgt, Gottfried.«</p><p>»L&#xE4;nger. Du reichst damit mindestens bis September. Und von da an gibt es hier dann Astern und Chrysanthemen. Komm, ich zeige sie dir auch gleich.«</p><p>Wir gingen durch den Garten.</p><p>»Wie still es hier ist«, sagte ich.</p><p>Lenz nickte. »Ja, mein Alter, hier merkt man, da&#xDF; einem eigentlich nur Zeit gefehlt hat, um ein guter Mensch zu werden, was?«</p><p>»Zeit und Ruhe«, erwiderte ich.</p><p>Ich setzte Gottfried ab und fuhr zum Stand zur&#xFC;ck. Unterwegs kam ich am Friedhof vorbei. Ich wu&#xDF;te, da&#xDF; Pat jetzt in ihrem Liegestuhl auf dem Balkon lag, und hupte ein paarmal. Aber es zeigte sich nichts, und ich fuhr weiter. Daf&#xFC;r sah ich Frau Hasse. Ich fuhr ihr nach, um sie zu fragen, ob ich sie irgendwo hinbringen k&#xF6;nnte. Aber sie stieg in einen Wagen, der hinter der Ecke gehalten hatte. Es war eine etwas klapprige Mercedeslimousine aus dem Jahre 23, die gleich darauf losratterte. Ein Mann mit einer Nase wie ein Entenschnabel und einem auffallend karierten Anzug sa&#xDF; am Steuer. Ich schaute dem Wagen ziemlich lange nach. Das kam also dabei heraus, wenn eine Frau dauernd allein zu Hause sa&#xDF;. Nachdenklich stellte ich mich in die Reihe der wartenden Taxis. Es ging nur langsam vorw&#xE4;rts. Ich versuchte zu schlafen. Doch das Bild von Frau Hasse ging mir nicht aus dem Kopf. Es war etwas ganz anderes, aber schlie&#xDF;lich war Pat auch den ganzen Tag allein. Ich stieg aus und ging nach vorn zu Gustavs Wagen.</p><p>»Hier, trink mal«, forderte er mich auf und hielt mir eine Thermosflasche hin. »Wunderbar kalt! Eigene Erfindung! Kaffee mit Eis. Bleibt stundenlang so bei der Hitze. Ja, Gustav ist praktisch!«</p><p>»Wenn du so praktisch bist«, sagte ich, »dann erz&#xE4;hl mir doch mal, wie man einer Frau etwas Unterhaltung verschaffen kann, wenn sie viel allein ist.«</p><p>»So was Einfaches!« Gustav sah mich &#xFC;berlegen an. »Mensch, Robert! Ein Kind oder ein Hund! Frag mich mal was Schwereres!«</p><p>»Ein Hund!« sagte ich &#xFC;berrascht, »verflucht ja, ein Hund! Da hast du recht! Mit einem Hund ist man nie allein.«</p><p>Ich bot ihm eine Zigarette an. »H&#xF6;r mal, hast du zuf&#xE4;llig eine Ahnung von so was? So ein Hund mu&#xDF; doch jetzt billig zu kaufen sein.«</p><p>»Aber Robert, du wei&#xDF;t noch gar nicht, was du an mir hast! Mein k&#xFC;nftiger Schwiegervater ist doch zweiter Schriftf&#xFC;hrer vom Dobermannpinscherverein<a l:href="#n_9" type="note">[9]</a>! Nat&#xFC;rlich kannst du ein H&#xFC;ndchen haben, umsonst sogar.«</p><p>Gustav war ein gesegneter Mensch. Der Vater seiner Braut war nicht nur Dobermannz&#xFC;chter, sondern auch Gastwirt, Besitzer der Neuen Klause – seine Braut besa&#xDF; au&#xDF;erdem eine Plisseepl&#xE4;tterei. Gustav stand sich dadurch erstklassig. Beim Schwiegervater a&#xDF; und trank er umsonst, und die Braut wusch und pl&#xE4;ttete seine Hemden. Er h&#xFC;tete sich zu heiraten. Dann war er es, der sorgen mu&#xDF;te.</p><p>»Gustav«, sagte ich, »du hast mir einen gro&#xDF;en Gefallen getan. Komm, wir trinken jetzt den &#xE4;ltesten Kognak miteinander, den wir auf treiben k&#xF6;nnen.«</p><p>»Heute nicht!« erkl&#xE4;rte Gustav. »Heute mu&#xDF; ich eine sichere Hand haben. Ich gehe abends in meinen Verein kegeln. Versprich mir, da&#xDF; du mal mitkommst.«</p><p>»Ich komme«, sagte ich.</p><p>Kurz vor sechs Uhr fuhr ich in die Werkstatt zur&#xFC;ck. K&#xF6;ster erwartete mich.</p><p>»Jaff&#xE9; hat heute nachmittag telefoniert. Du sollst ihn anrufen.«</p><p>Ich bekam einen Augenblick keinen Atem.</p><p>»Hat er was gesagt, Otto?«</p><p>»Nein, nichts Besonderes. Nur da&#xDF; er bis f&#xFC;nf in seiner Sprechstunde ist. Nachher im Dorotheenkrankenhaus. Du wirst also dort anrufen m&#xFC;ssen.«</p><p>»Gut.«</p><p>Ich ging ins B&#xFC;ro. Es war warm, aber ich fror, und der Telefonh&#xF6;rer zitterte in meiner Hand. Es dauerte lange, bis ich Jaff&#xE9; erreichte.</p><p>»Haben Sie Zeit?« fragte er.</p><p>»Ja.«</p><p>»Dann kommen Sie doch gleich hier heraus. Ich bin noch eine Stunde da.«</p><p>»Gut«, sagte ich, »in zehn Minuten bin ich da.«</p><p>Ich legte den H&#xF6;rer auf und rief sofort zu Hause an. Das Dienstm&#xE4;dchen war am Apparat. Ich fragte nach Pat.</p><p>»Wei&#xDF; nicht, ob sie da ist«, sagte Frida brummig. »Will mal nachsehen.«</p><p>Ich wartete. Mein Kopf war dick und hei&#xDF;. Es dauerte endlos. Dann h&#xF6;rte ich ein Scharren und Pats Stimme.</p><p>»Robby?« Ich schlo&#xDF; einen Moment die Augen.</p><p>»Wie geht es, Pat?«</p><p>»Gut. Ich hab bis eben auf dem Balkon gesessen und gelesen. Ein aufregendes Buch.«</p><p>»Das ist ja sch&#xF6;n. Ich wollte dir nur sagen, da&#xDF; ich heute ein bi&#xDF;chen sp&#xE4;ter nach Hause komme. Bist du schon fertig mit deinem Buch?«</p><p>»Nein, ich bin mittendrin. Ein paar Stunden reicht es noch.«</p><p>»Bis dahin bin ich l&#xE4;ngst da. Und nun lies rasch weiter.«</p><p>Ich blieb einen Augenblick sitzen. Dann stand ich auf.</p><p>»Otto«, sagte ich, »kann ich Karl mal haben?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich. Wenn du willst, fahre ich mit. Ich habe hier nichts zu tun.«</p><p>»Ist nicht n&#xF6;tig.«</p><p>Ich mu&#xDF;te ein paar Minuten auf Jaff&#xE9; warten. Eine Schwester f&#xFC;hrte mich in ein kleines Zimmer, in dem alte Zeitschriften umherlagen. Jaff&#xE9; kam herein. Er trug einen schneewei&#xDF;en Mantel.</p><p>»Ich habe Ihnen versprochen zu sagen, wie es mit Fr&#xE4;ulein Hollmann steht«, sagte Jaff&#xE9;.</p><p>Ich nickte und sah auf die Tischdecke.</p><p>»Sie war vor zwei Jahren sechs Monate im Sanatorium. Wissen Sie das?«</p><p>»Nein«, sagte ich und sah weiter auf die Tischdecke.</p><p>»Es hatte sich danach gebessert. Ich habe sie jetzt genau untersucht. Sie mu&#xDF; diesen Winter unbedingt noch einmal hin. Sie kann nicht hier in der Stadt bleiben.«</p><p>»Wann mu&#xDF; sie fort?« fragte ich.</p><p>»Im Herbst. Sp&#xE4;testens Ende Oktober.«</p><p>Er begann mir die Einzelheiten zu erkl&#xE4;ren.</p><p>Er merkte nicht, da&#xDF; ich gar nicht mehr h&#xF6;rte. Schlie&#xDF;lich wandte er sich mir zu.</p><p>»Haben Sie es verstanden?«</p><p>»Ja«, sagte ich. »Millionen Menschen sind gesund! Warum dieser eine nicht?«</p><p>Jaff&#xE9; schwieg eine Weile. »Darauf kann niemand eine Antwort geben«, sagte er dann.</p><p>»Ja«, erwiderte ich ganz taub vor Wut, »darauf kann niemand eine Antwort geben! Nat&#xFC;rlich nicht! Auf das Elend und das Sterben kann niemand eine Antwort geben! Verflucht! Nicht einmal tun kann man etwas dagegen!«</p><p>Jaff&#xE9; sah mich lange an. »Haben Sie etwas Zeit?« fragte er.</p><p>»Ja«, sagte ich. »Genug.«</p><p>Er stand auf.</p><p>»Ich m&#xF6;chte, da&#xDF; Sie mitkommen. Die Schwester wird Ihnen einen wei&#xDF;en Mantel geben. F&#xFC;r die Patienten gelten Sie dann als mein Assistent.«</p><p>Ich wu&#xDF;te nicht, was er wollte; aber ich nahm den Mantel, den die Schwester mir hinhielt. Jaff&#xE9; &#xF6;ffnete eine T&#xFC;r. Stickiger, fauler Geruch schlug uns entgegen. Eine Frau mit wunderbarem Haar in der Farbe von altem Gold, hob matt die Hand. Die Stirn war edel und schmal an den Schl&#xE4;fen. Unter den Augen aber begann ein Verband. Er reichte bis zum Munde. Jaff&#xE9; l&#xF6;ste ihn vorsichtig. Ich sah, da&#xDF; die Frau keine Nase mehr hatte. Sie hatte an ihrer Stelle eine rote Wunde mit zwei L&#xF6;chern darin. Jaff&#xE9; legte den Verband wieder dar&#xFC;ber.</p><p>»Gut«, sagte er freundlich und wendete sich zum Gehen.</p><p>Er schlo&#xDF; die T&#xFC;r hinter sich. Ich blieb einen Augenblick drau&#xDF;en stehen und sah in das weiche Licht des Abends.</p><p>»Kommen Sie!« sagte Jaff&#xE9; und ging mir voran in das n&#xE4;chste Zimmer.</p><p>Es war ein Mann mit bleifarbenem Gesicht, in dem sonderbar grelle rote Flecken standen. Der Mund war aufgerissen, die Augen quollen hervor, und die H&#xE4;nde fuhren ruhelos auf der Decke hin und her. Der Mann war bewu&#xDF;tlos. Die Fiebertafel zeigte durchgehend vierzig Grad. Eine Schwester sa&#xDF; am Bett und las. Sie legte das Buch weg und stand auf, als Jaff&#xE9; hereintrat. Er blickte auf die Tafel und sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Doppelte Lungenentz&#xFC;ndung und Rippenfellentz&#xFC;ndung. R&#xFC;ckfall. War schon fast gesund. Zu fr&#xFC;h gearbeitet. Frau und vier Kinder. Aussichtslos.«</p><p>»Bleiben Sie die Nacht hier, Schwester«, sagte Jaff&#xE9;.</p><p>Wir gingen hinaus. Im n&#xE4;chsten Zimmer lag eine Frau. Sie war nachmittags mit einer schweren Vergiftung eingeliefert worden. Ihr Mann war nachts gestorben.</p><p>»Kommt sie durch?« fragte ich.</p><p>»Wahrscheinlich.«</p><p>»Wozu?«</p><p>»Ich hatte in den letzten Jahren f&#xFC;nf &#xE4;hnliche F&#xE4;lle«, sagte Jaff&#xE9;. »Nur eine hat zum zweitenmal versucht, ein Ende zu machen. Mit Gas. Sie ist gestorben. Von den andern sind zwei wieder verheiratet.«</p><p>Zimmer um Zimmer ging es weiter, Zimmer um Zimmer war es dasselbe – st&#xF6;hnende K&#xF6;rper, regungslose, fast erloschene Gestalten, eine endlose Reihe von Jammer, Angst, Schmerz, Verzweiflung, Hoffnung, Not –; und jedesmal, wenn eine T&#xFC;r sich geschlossen hatte, stand auf dem Korridor dann pl&#xF6;tzlich wieder das rosige Licht des Abends. Vor dem Eingang zum Operationssaal blieb Jaff&#xE9; stehen. Jaff&#xE9;s Gesicht war pl&#xF6;tzlich m&#xFC;de.</p><p>»Ich wei&#xDF; nicht, ob es richtig war«, sagte er, »aber es h&#xE4;tte keinen Zweck gehabt, Sie mit Worten zu beruhigen. Sie h&#xE4;tten mir nicht geglaubt. Sie haben jetzt gesehen, da&#xDF; viele dieser Menschen schlimmer krank sind als Pat Hollmann. Manche von ihnen haben nichts mehr als ihre Hoffnung. Aber die meisten kommen durch. Werden wieder gesund. Das wollte ich Ihnen zeigen.«</p><p>Ich nickte. »Es war richtig«, sagte ich.</p><p>»Vor neun Jahren starb meine Frau. Sie war f&#xFC;nfundzwanzig Jahre alt. Nie krank gewesen. Grippe.« Er schwieg einen Augenblick. »Sie verstehen, weshalb ich Ihnen das sage?«</p><p>Ich nickte wieder.</p><p>»Man kann nichts voraus wissen. Der Todkranke kann den Gesunden &#xFC;berleben. Das Leben ist eine sonderbare Angelegenheit.«</p><p>Sein Gesicht war jetzt sehr faltig. Eine Schwester kam und fl&#xFC;sterte ihm etwas zu.</p><p>»Ich mu&#xDF; jetzt da hinein. Zeigen Sie Pat nicht, wenn Sie Sorge haben. Das ist das wichtigste. K&#xF6;nnen Sie das?«</p><p>»Ja«, sagte ich.</p><p>Ich blieb eine Zeitlang im Wagen sitzen und starrte vor mich hin. Dann nahm ich mich zusammen und fuhr zur&#xFC;ck zur Werkstatt. K&#xF6;ster wartete auf mich vor dem Tor. Ich fuhr den Wagen in den Hof und stieg aus.</p><p>»Wu&#xDF;test du es schon?« fragte ich.</p><p>»Ja«, erwiderte er. »Aber Jaff&#xE9; wollte es dir selber sagen.«</p><p>Ich nickte. K&#xF6;ster sah mich an.</p><p>»Otto«, sagte ich, »ich bin kein Kind und wei&#xDF;, da&#xDF; noch nichts verloren ist. Aber es wird mir vielleicht doch schwer werden, mich heute abend nicht zu verraten, wenn ich mit Pat allein bleibe. Morgen geht es. Dann bin ich durch. Wollen wir heute alle zusammen irgendwohin gehen?«</p><p>»Selbstverst&#xE4;ndlich, Robby. Ich habe schon daran gedacht und Gottfried Bescheid gesagt.«</p><p>»Dann gib mir Karl noch einmal. Ich fahre nach Hause und hole erst Pat ab, und dann, in einer Stunde, euch.«</p><p>»Gut.«</p><p>Ich fuhr los. In der Nikolaistra&#xDF;e fiel mir ein, da&#xDF; ich den Hund vergessen hatte. Ich drehte um und fuhr zur&#xFC;ck, um ihn zu holen.</p><p>Ich fuhr nach Hause und ging vorsichtig, den Hund an der Leine, hinauf. Auf dem Korridor blieb ich stehen und schaute in den Spiegel. Mein Gesicht war wie sonst. Ich klopfte an Pats T&#xFC;r, &#xF6;ffnete sie ein wenig und lie&#xDF; den Hund hinein. Ich blieb drau&#xDF;en stehen, hielt die Leine fest und wartete. Frau Zalewski thronte am Tisch, eine Tasse Kaffee neben sich und ein Spiel Karten in mystischer Ordnung vor sich ausgebreitet. Pat hockte mit gl&#xE4;nzenden Augen an ihrer Seite und lie&#xDF; sich die Zukunft weissagen.</p><p>»Guten Abend«, sagte ich, pl&#xF6;tzlich sehr froh.</p><p>»Da kommt er«, erkl&#xE4;rte Frau Zalewski w&#xFC;rdig.</p><p>»Mein Gott!« rief Pat. »Das ist ja ein Irischer Terrier!«</p><p>»Alle Achtung!« sagte ich. »Vor ein paar Stunden habe ich das noch nicht gewu&#xDF;t.«</p><p>Sie beugte sich hinunter, und der Hund sprang st&#xFC;rmisch an ihr hoch.</p><p>»Wie hei&#xDF;t er denn, Robby?«</p><p>»Keine Ahnung.«</p><p>»Geh&#xF6;rt er uns?«</p><p>»Ja.«</p><p>Sie war ganz atemlos vor Freude.</p><p>»Wir werden ihn Billy nennen, Robby! Meine Mutter hatte einen als M&#xE4;dchen. Sie hat mir oft davon erz&#xE4;hlt. Er hie&#xDF; auch Billy!«</p><p>Pat stand auf und legte ihren Arm um Frau Zalewskis Schultern.</p><p>»Ich habe mir immer schon einen Hund gew&#xFC;nscht«, sagte sie. »Wir k&#xF6;nnen ihn doch behalten, nicht wahr? Sie haben doch nichts dagegen?«</p><p>Mutter Zalewski wurde zum erstenmal, seit ich sie kannte, verlegen.</p><p>»Meinetwegen«, erwiderte sie. »Es stand ja auch in den Karten. Eine &#xDC;berraschung &#xFC;ber einen Herrn ins Haus.«</p><p>»Pat«, sagte ich, als sie fort war, und nahm sie fest in die Arme, »es ist wunderbar, nach Hause zu kommen und dich hier zu finden.«</p><p>Sie blickte mich l&#xE4;chelnd an. Ich fand, da&#xDF; eine Frau einem Mann nicht sagen sollte, da&#xDF; sie ihn liebte. Sie bekam nur strahlende, gl&#xFC;ckliche Augen, und damit sagte sie mehr als mit noch so vielen Worten. Ich hielt sie lange fest, ich sp&#xFC;rte die W&#xE4;rme ihrer Haut und den leichten Duft ihres Haares – ich hielt sie fest, und es war nichts mehr da au&#xDF;er ihr. Sie lebte, sie atmete, und nichts war verloren.</p><p>»Gehen wir fort, Robby?« fragte sie.</p><p>»Alle zusammen sogar«, erwiderte ich, »K&#xF6;ster und Lenz auch. Karl steht schon vor der T&#xFC;r.«</p><p>»Und Billy?«</p><p>»Billy kommt nat&#xFC;rlich mit. Was sollen wir sonst mit dem Rest des Abendessens machen! Oder hast du schon gegessen?«</p><p>»Nein, noch nicht. Ich habe auf dich gewartet.«</p><p>»Du sollst aber nicht auf mich warten.«</p><p>»Jetzt mu&#xDF; ich aber anfangen, mich umzuziehen, sonst werde ich nicht fertig. Ziehst du dich auch um?«</p><p>»Sp&#xE4;ter«, sagte ich, »ich bin ja rasch fertig. La&#xDF; mich noch etwas hierbleiben.«</p><p>Ich rief den Hund zu mir und setzte mich in den Sessel neben das Fenster. Ich liebte es, so still dazusitzen und Pat zuzusehen, w&#xE4;hrend sie sich anzog.</p></section><section><title><p>19</p></title><p>Ich stand am Parkplatz und wartete. Gustav kam mit seinem Wagen heran und stellte sich hinter mir auf.</p><p>»Was macht der K&#xF6;ster, Robert?« fragte er.</p><p>»Dem geht‘s gro&#xDF;artig«, sagte ich. »Und dir?«</p><p>»Mir w&#xFC;rde es auch gro&#xDF;artig gehen, wenn ich mehr verdiente. Stell dir vor, zwei ganze F&#xFC;nfzigpfennigfuhren heute.«</p><p>Er nickte. »Es wird immer schlechter. Alles wird immer schlechter. Was das blo&#xDF; noch geben soll!«</p><p>»Dabei m&#xFC;&#xDF;te ich so notwendig Geld verdienen!« sagte ich. »Gerade jetzt! Viel Geld.«</p><p>Gustav kratzte sich am Kinn.</p><p>»Viel Geld!« Dann sah er mich an. »Wie w&#xE4;re es mit dem Toto? Heute sind Rennen. Ich wei&#xDF; da einen erstklassigen Laden. Habe neulich achtundzwanzigfaches Geld gemacht auf Aida.«</p><p>»Was, ist mir egal. Hauptsache ist, da&#xDF; eine Chance da ist.«</p><p>»Hast du schon mal getippt?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Dann hast du die Kinderhand! Damit ist was zu machen.« Er sah nach der Uhr. »Wollen wir los? Schaffen‘s grade noch.«</p><p>»Gut!«</p><p>Seit der Sache mit dem Hund hatte ich starkes Vertrauen zu Gustav. Das Wettb&#xFC;ro war ein ziemlich gro&#xDF;er Raum. Rechts war ein Zigarrenladen abgeteilt, links befand sich der Totalisator.</p><p>»Wir setzen als Anfang jeder zwei Eier auf Tristan, Sieg«, erkl&#xE4;rte er mir.</p><p>»Hast du denn eine Ahnung davon?« fragte ich.</p><p>»Ahnung? Ich kenne jeden Pferdehuf.«</p><p>Er rief unsere S&#xE4;tze dem Mann am Pult zu. Wir erhielten einen Zettel und setzten uns vorn in das Lokal, wo ein paar Tische und St&#xFC;hle standen. Das Telefon schrillte. Alles spitzte die Ohren. Der Gehilfe rief die Namen aus. Von Tristan war nichts zu h&#xF6;ren.</p><p>»Verdammt«, sagte Gustav und lief rot an.</p><p>»Ich bleibe bei der L‘heure bleue«, erkl&#xE4;rte ich.</p><p>Der Mann mit dem lila Hemd &#xFC;bergab mir meinen Zettel. Das Telefon klingelte. Ich beobachtete.</p><p>»Das nennt die Welt Schwein!« h&#xF6;rte ich pl&#xF6;tzlich Gustav schmettern, »Herrschaften, das ist schon mehr als Schwein, das ist eine Riesenmuttersau mit zwanzig Ferkeln!«</p><p>Er schlug mir auf die Schulter. »Hundertachtzig hast du , Mann Gottes! Dein Hotteh&#xFC;h mit dem komischen Namen hat‘s gemacht!«</p><p>»Was, tats&#xE4;chlich?« fragte ich.</p><p>Der Mann mit der zerkauten Brasilzigarre und dem farbenpr&#xE4;chtigen Hemd nickte sauer und nahm mir meinen Zettel ab. Der Chef zahlte mir das Geld aus. Einen Augenblick war still im ganzen Raum. Alles sah zu. Ich schob Gustav zehn Mark in die Hand.</p><p>»Siehst du, was habe ich dir gesagt! Mu&#xDF;t nur auf Gustav h&#xF6;ren, dann scheffelst du Geld«</p><p>Um sieben Uhr fuhr ich in die Werkstatt zur&#xFC;ck. Karl stand auf dem Hof.</p><p>»Gut, da&#xDF; du kommst, Robby«, rief K&#xF6;ster, »wir wollen gerade‚ raus und ihn ausprobieren! Steig ein.«</p><p>Die ganze Firma stand erwartungsvoll bereit. Otto hatte an Karl einiges verbessert und ge&#xE4;ndert, weil er in vierzehn Tagen mit ihm zu einem Bergrennen starten wollte. Jetzt sollte die erste Probefahrt erfolgen. Wir stiegen ein. Jupp sa&#xDF; neben K&#xF6;ster, seine m&#xE4;chtige Rennbrille vor dem Gesicht. Lenz und ich setzten uns nach hinten. Karl stob davon. Wir erreichten die lange Ausfallstra&#xDF;e und gingen auf hundertvierzig Kilometer. Die Strecke war ziemlich schmal. K&#xF6;ster ging deshalb mit dem Tempo herunter. Als wir auf hundert Meter heran waren und hupen wollten, sahen wir pl&#xF6;tzlich auf einem Seitenweg von rechts einen Motorradfahrer herankommen, der gleich verschwand. Im selben Augenblick sahen wir den Motorradfahrer auf der Stra&#xDF;e auftauchen, zwanzig Meter vor dem Wagen. Der Wagen ruckte scharf nach links. Das Motorrad rutschte jetzt ebenfalls nach links her&#xFC;ber. Der Wagen wurde wieder nach rechts gerissen. Das Motorrad flog herum. Der Fahrer st&#xFC;rzte auf die Stra&#xDF;e. Der Wagen schleuderte und prallte gegen einen Baum. Das alles geschah in wenigen Sekunden. Im n&#xE4;chsten Augenblick waren wir mit unserm immer noch hohen Tempo heran, die Reifen knirschten, K&#xF6;ster warf Karl wie ein Pferd zwischen dem Motorradfahrer, dem Rad und dem Wagen hindurch. Es wurde still. Wir h&#xF6;rten St&#xF6;hnen. Scheiben der schweren Limousine waren zersplittert. Im Halbdunkel sahen wir das blutige Gesicht einer Frau. Neben ihr war ein Mann. Wir hoben zuerst die Frau heraus und legten sie auf die Stra&#xDF;e. Ihr Gesicht war voller Schnitte.</p><p>»Wir m&#xFC;ssen rasch ins n&#xE4;chste Krankenhaus.«</p><p>Zum Gl&#xFC;ck hatten wir Werkzeug genug bei uns, und es ging ziemlich schnell. Der Mann blutete ebenfalls und hatte anscheinend ein paar Rippen gebrochen. Als wir ihm heraushalfen, fiel er mit einem Schrei um. Es war auch was mit dem Knie los. Aber wir konnten im Augenblick nichts daran tun. Die Frau setzten wir auf den Hintersitz. Ich stellte mich neben sie auf das Trittbrett, Lenz hielt ebenso von der andern Seite den Mann fest.</p><p>»Bleib hier und pa&#xDF; auf den Wagen auf, Jupp«, sagte Lenz.</p><p>»Wo ist eigentlich der Motorradfahrer geblieben?« fragte ich.</p><p>»Weggelaufen, als wir am Arbeiten waren«, erkl&#xE4;rte Jupp.</p><p>Wir fuhren langsam los. In der N&#xE4;he des n&#xE4;chsten Dorfes war ein kleines Sanatorium,eine Art Privatirrenanstalt f&#xFC;r leichtkranke, reiche Patienten – aber sicher war ein Arzt da. Wir fuhren den H&#xFC;gel hinauf und klingelten. Eine sehr h&#xFC;bsche Schwester kam heraus. Sie wurde bla&#xDF;, als sie das Blut sah, und lief zur&#xFC;ck. Gleich darauf kam eine zweite, bedeutend &#xE4;ltere.</p><p>»Es ist kein Arzt da…«</p><p>»Dann versto&#xDF;en Sie gegen das Gesetz«, erkl&#xE4;rte Lenz. »Privatanstalten Ihrer Art m&#xFC;ssen einen st&#xE4;ndigen Arzt haben. Ihre Arbeit wird Ihnen sicher gut bezahlt werden. Den Arzt werden Sie ja wohl erreichen k&#xF6;nnen.«</p><p>Sie verschwand.</p><p>»Kann dir auch im St&#xE4;dtischen Krankenhaus passieren«, sagte Gottfried. »Erst kommt das Geld, dann die B&#xFC;rokratie, dann die Hilfe.«</p><p>Wir gingen zum Wagen zur&#xFC;ck und halfen der Frau heraus. Sie sagte nichts; sie blickte nur auf ihre H&#xE4;nde. Wir brachten sie in einen kleinen Ordinationsraum im Parterre. Dann kam die Tragbahre f&#xFC;r den Mann. Wir hoben ihn hinauf. Er st&#xF6;hnte.</p><p>»Einen Augenblick…« Wir sahen ihn an. Er schlo&#xDF; die Augen. »Ich m&#xF6;chte, da&#xDF; niemand etwas erf&#xE4;hrt«, sagte er m&#xFC;hsam.</p><p>Er blickte nach der T&#xFC;r, durch die die Frau gegangen war.</p><p>»Dann sind Sie hier am richtigen Platz«, erkl&#xE4;rte Lenz. »Es ist ein Privathaus. Das einzige w&#xE4;re nur noch, da&#xDF; Ihr Wagen verschwindet, ehe die Polizei ihn sieht.«</p><p>Der Mann st&#xFC;tzte sich auf. »W&#xFC;rden Sie das f&#xFC;r mich noch machen? Eine Reparaturanstalt anrufen?«</p><p>»Wir haben selbst eine Reparaturwerkstatt und sind Spezialisten f&#xFC;r Wagen wie den Ihren. Wir werden ihn gleich mitnehmen, wenn Sie einverstanden sind, und ihn wieder in Ordnung bringen«</p><p>»Gern«, sagte der Mann. »Wollen Sie meine Adresse – ich komme dann selbst, den Wagen holen. Oder schicke jemand.«</p><p>K&#xF6;ster steckte die Visitenkarte in die Tasche, und wir trugen ihn hinein. Der Arzt, ein junger Mann, war inzwischen gekommen.</p><p>Wir fuhren zum Dorf und fragten nach einer Werkstatt. Dort liehen wir uns bei einem Schmied eine Abschleppvorrichtung und versprachen dem Mann zwanzig Mark daf&#xFC;r. Doch der war mi&#xDF;trauisch und wollte den Wagen sehen. Wir nahmen ihn mit und fuhren zur&#xFC;ck. Jupp stand mitten auf der Stra&#xDF;e und winkte. Aber wir sahen ohne ihn schon, was los war. Ein alter Mercedes stand am Stra&#xDF;enrand, und vier Leute waren dabei.</p><p>»Da kommen wir ja gerade noch zurecht«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Das sind die Br&#xFC;der Vogt«, erwiderte der Mann. »Gef&#xE4;hrliche Bande.«</p><p>»Mal sehen«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Ich habe denen da schon alles erkl&#xE4;rt, Herr K&#xF6;ster«, fl&#xFC;sterte Jupp. »Schmutzkonkurrenz. Wollen den Wagen f&#xFC;r ihre eigene Werkstatt haben.«</p><p>»Sch&#xF6;n, Jupp. Bleibt mal vorl&#xE4;ufig hier.«</p><p>K&#xF6;ster ging auf den gr&#xF6;&#xDF;ten der vier zu und sprach ihn an. Er erkl&#xE4;rte ihm, da&#xDF; der Wagen uns geh&#xF6;re.</p><p>»Hast du irgend etwas Hartes bei dir?« fragte ich Lenz.</p><p>»Nur einen Schl&#xFC;sselbund, und den brauche ich selber. Nimm einen kleinen Engl&#xE4;nder.«</p><p>»Lieber nicht«, sagte ich, »das k&#xF6;nnte zu schwerer K&#xF6;rperverletzung f&#xFC;hren.«</p><p>»Machen Sie mit?« fragte Lenz den Schmied. »Dann sind wir vier gegen vier.«</p><p>»Ich werde mich h&#xFC;ten! Damit die mir morgen die Bude einschlagen. Ich bleibe streng neutral.«</p><p>»Auch richtig«, sagte Gottfried.</p><p>»Ich mache mit«, erkl&#xE4;rte Jupp.</p><p>»Untersteh dich!« sagte ich. »Du pa&#xDF;t auf, ob jemand kommt, weiter nichts.«</p><p>»Tut mir leid«, sagte K&#xF6;ster, »aber wir werden den Wagen mitnehmen.«</p><p>K&#xF6;ster b&#xFC;ckte sich zu dem Wagen herunter. Im gleichen Moment schleuderte Vogt ihn mit einem Tritt beiseite. Otto hatte damit gerechnet; er hatte in derselben Sekunde das Bein gefa&#xDF;t und Vogt umgerissen. Dann kam er hoch und schlug dem n&#xE4;chsten der Br&#xFC;der, der gerade die Stange des Wagenhebers hob, vor den Magen, da&#xDF; er taumelte und ebenfalls zu Boden ging. Im n&#xE4;chsten Augenblick sprangen Lenz und ich auf die beiden andern zu. Ich bekam sofort einen Schlag ins Gesicht. Es war nicht schlimm, aber meine Nase fing an zu bluten. Dann bekam ich einen zweiten Hieb gegen das Auge und st&#xFC;rzte so ungl&#xFC;cklich, da&#xDF; mich der Vogt mit dem Magenschlag am Boden zu fassen kriegte. Er dr&#xFC;ckte mich gegen den Asphalt und umklammerte meinen Hals. Mit dem letzten Blick sah ich Jupp pl&#xF6;tzlich neben mir; – er kniete im Stra&#xDF;engraben und schlug mit einem Hammer gegen Vogts Handgelenk. Beim zweiten Schlag lie&#xDF; Vogt los und griff vom Boden aus w&#xFC;tend nach Jupp, der einen halben Meter zur&#xFC;ckrutschte und ihm in aller Ruhe einen dritten saftigen Schlag auf die Finger und dann einen auf den Kopf versetzte. Ich kam hoch, rollte mich auf Vogt und begann ihm meinerseits den Hals zuzuschn&#xFC;ren.</p><p>In diesem Augenblick erscholl ein tierisches Br&#xFC;llen »Loslassen – loslassen!« Es war der &#xE4;lteste Vogt. K&#xF6;ster hatte einen Arm umgedreht und &#xFC;ber den R&#xFC;cken hochgerissen. Gleichzeitig schob er ihn mit dem Knie n&#xE4;her zum Nacken heran. Vogt heulte und blieb eine Weile am Boden liegen. Ich sah auf. Einer der Br&#xFC;der stand noch, aber das Schreien seines Bruders hatte ihn f&#xF6;rmlich gel&#xE4;hmt.</p><p>»Macht euch weg, sonst geht‘s noch mal los«, sagte K&#xF6;ster zu ihm.</p><p>Lenz stand schon neben K&#xF6;ster. Seine Jacke war zerrissen. Er blutete aus dem Mund. Die Niederlage des &#xE4;ltesten Bruders hatte alles entschieden. Keiner wagte noch ein Wort. Sie gingen zu ihrem Wagen. Dann fuhr der Mercedes weg. Auf einmal war der Schmied wieder da.</p><p>»Die haben genug«, sagte er. »So was ist denen lange nicht passiert.«</p><p>»Komm mal her«, sagte ich Jupp. »Ab heute bist du Unteroffizier und darfst mit Zigarrenrauchen anfangen.«</p><p>Wir fuhren langsam los. Wir fuhren auf unsern Hof ein. Wir tranken alle ein Glas, dann gingen wir sofort daran, den Stutz m&#xF6;glichst weit auseinanderzunehmen. Es war dunkel, als wir aufh&#xF6;rten.</p><p>»F&#xE4;hrst du heute abend noch Taxi?« fragte ich Lenz.</p><p>»Ausgeschlossen«, erwiderte Gottfried. »Man soll das Geldverdienen auf keinen Fall &#xFC;bertreiben. Der Stutz gen&#xFC;gt mir.«</p><p>»Mir nicht«, sagte ich. »Wenn du nicht f&#xE4;hrst, werde ich von elf bis zwei die Nachtlokale abgrasen.«</p><p>»La&#xDF; das lieber«, schmunzelte Gottfried. »Sieh statt dessen mal in den Spiegel. Geh ruhig nach Hause und leg dir Kompressen auf deine Nase.«</p><p>Er hatte recht. Es ging wirklich nicht mit meiner Nase. Ich verabschiedete mich deshalb bald und ging nach Hause. Unterwegs traf ich Hasse und ging mit ihm das letzte St&#xFC;ck zusammen. Er sah verstaubt und elend aus.</p><p>»Sie sind d&#xFC;nner geworden«, sagte ich.</p><p>Er nickte und erz&#xE4;hlte mir, da&#xDF; er abends nicht mehr richtig &#xE4;&#xDF;e. Seine Frau sei fast jeden Tag bei den Bekannten, die sie gefunden h&#xE4;tte, und k&#xE4;me immer erst sp&#xE4;t nach Hause. Er sei froh, da&#xDF; sie Unterhaltung habe, aber abends h&#xE4;tte er keine Lust, sich allein etwas zu essen zu machen. Er h&#xE4;tte auch nicht viel Hunger; er sei viel zu m&#xFC;de dazu. Vielleicht glaubte er wirklich, was er sagte. Wir stiegen die Treppe hinauf und schlossen die T&#xFC;r auf. Auf dem Vorplatz blieb Hasse stehen.</p><p>»Also dann auf Wiedersehen…«</p><p>»Essen Sie heute mal was«, sagte ich.</p><p>Er sch&#xFC;ttelte den Kopf mit einem schwachen L&#xE4;cheln, als wollte er um Entschuldigung bitten, und ging in sein leeres dunkles Zimmer. Ich blickte ihm nach. Pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rte ich leises Singen. Es war nicht Erna B&#xF6;nigs Grammophon, es war die Stimme Pats. Sie war allein in ihrem Zimmer und sang.</p><p>Pat h&#xF6;rte mich nicht kommen. Sie sa&#xDF; auf dem Boden vor dem Spiegel und probierte an einem Hut herum, einer kleinen schwarzen Kappe. Neben ihr auf dem Teppich stand die Lampe. Das Zimmer war voll von einer warmen braungoldenen D&#xE4;mmerung, und nur ihr Gesicht war hell vom Licht bestrahlt. Ich blieb ruhig an der T&#xFC;r stehen und sah zu, wie sie ernsthaft an der Kappe arbeitete. Sie liebte es, auf dem Boden zu sitzen, und ich hatte sie manchmal schon abends eingeschlafen in irgendeiner Zimmerecke auf dem Boden gefunden, neben sich ein Buch und den Hund. Der Hund lag auch jetzt neben ihr und begann zu knurren. Pat blickte auf und sah mich im Spiegel. Sie l&#xE4;chelte, und mir schien, als ob alles in der Welt heller dadurch w&#xFC;rde. Sie hob die schwarze Kappe hoch.</p><p>»Ich habe sie ge&#xE4;ndert, Liebling. Gef&#xE4;llt sie dir so?«</p><p>»Es ist ein ganz herrlicher Hut«, sagte ich.</p><p>»Aber du siehst ja gar nicht hin! Ich habe hinten den Rand abgeschnitten und ihn vorn hochgeklappt.«</p><p>»Ich sehe ihn ganz genau«, sagte ich mit dem Gesicht in ihrem Haar, »es ist ein Hut, bei dem die Pariser Schneider vor Neid erbleichen w&#xFC;rden, wenn sie ihn s&#xE4;hen.«</p><p>»Aber Robby!« Lachend schob sie mich zur&#xFC;ck. »Du hast keine Ahnung davon. Siehst du &#xFC;berhaupt manchmal, was ich anhabe?«</p><p>»Ich sehe jede Kleinigkeit«, erkl&#xE4;rte ich und hockte mich dicht neben sie auf den Boden, allerdings etwas in den Schatten, wegen meiner Nase.</p><p>»So? Was habe ich denn gestern abend angehabt?«</p><p>»Gestern?« Ich dachte nach. Ich wu&#xDF;te es tats&#xE4;chlich nicht.</p><p>»Das habe ich erwartet, Liebling! Du wei&#xDF;t ja &#xFC;berhaupt fast gar nichts von mir.«</p><p>»Stimmt«, sagte ich, »aber das ist gerade das Sch&#xF6;ne. Je mehr man voneinander wei&#xDF;, desto mehr mi&#xDF;versteht man sich. Und je n&#xE4;her man sich kennt, desto fremder wird man sich. Sieh mal die Familie Hasse an; – die wissen alles voneinander und sind sich mehr zuwider als die fremdesten Menschen.«</p><p>Sie setzte die kleine schwarze Kappe auf und probierte sie vor dem Spiegel.</p><p>»Was du da sagst, stimmt nur halb, Robby.«</p><p>»Das ist mit allen Wahrheiten so«, erwiderte ich. »Weiter kommen wir nie. Daf&#xFC;r sind wir Menschen. Und wir machen schon genug Unsinn mit unsern halben Wahrheiten. Mit den ganzen k&#xF6;nnten wir &#xFC;berhaupt nicht leben.«</p><p>Sie setzte den Hut ab und legte ihn fort. Dann drehte sie sich um. Dabei erblickte sie meine Nase.</p><p>»Was ist denn das?« fragte sie erschrocken.</p><p>»Nichts Schlimmes. Es sieht nur so aus. Beim Arbeiten unter dem Wagen ist mir was drauf gefallen.«</p><p>Sie sah mich ungl&#xE4;ubig an.</p><p>»Wer wei&#xDF;, wo du wieder gewesen bist! Du sagst mir ja nie etwas. Ich wei&#xDF; von dir ebensowenig wie du von mir.«</p><p>»Das ist auch besser«, sagte ich.</p><p>Sie holte eine Schale mit Wasser und ein Tuch und machte mir eine Kompresse. Dann betrachtete sie mich noch einmal.</p><p>»Es sieht wie ein Schlag aus. Dein Hals ist auch zerkratzt. Du wirst sicher irgendein Abenteuer gehabt haben, Liebling.«</p><p>»Mein gr&#xF6;&#xDF;tes Abenteuer heute kommt noch«, sagte ich.</p><p>Sie sah &#xFC;berrascht auf. »So sp&#xE4;t noch, Robby? Was hast du denn noch vor?«</p><p>»Ich bleibe hier!« erwiderte ich, warf die Kompresse weg und nahm sie in die Arme. »Ich bleibe den ganzen Abend hier mit dir zusammen!«</p></section><section><title><p>20</p></title><p>Der August war warm und klar, und auch im September das Wetter noch fast sommerlich; – aber dann fing es Ende September an zu regnen. Es war sonderbar gewesen in diesen Monaten, seit wir von der See zur&#xFC;ckgekommen waren – ich hatte immer, in jeder Stunde, gewu&#xDF;t, da&#xDF; Pat im Herbst fortmu&#xDF;te, aber ich hatte es gewu&#xDF;t, so wie man vieles wei&#xDF;: – da&#xDF; die Jahre vergehen, da&#xDF; man &#xE4;lter wird und da&#xDF; man nicht ewig leben kann.</p><p>Pat schlief noch. Ich ging zur T&#xFC;r und blieb dort eine Weile stehen. Sie schlief ruhig und hustete nicht. Einen Augenblick packte mich eine Hoffnung – ich stellte mir vor, da&#xDF; Jaff&#xE9; heute oder morgen oder in den n&#xE4;chsten Tagen anrufen w&#xFC;rde, um mir zu sagen, sie brauche nicht fort. Ich setzte ich mich an den Schreibtisch und begann mein Geld zu z&#xE4;hlen. Ich sah nach der Uhr. Es war kurz vor sieben. Ich hatte noch mindestens zwei Stunden Zeit, ehe Pat aufwachte. Rasch zog ich mich an, um noch etwas hinauszufahren. Es war besser, als mit seinen Gedanken allein im Zimmer zu bleiben. Ich ging zur Werkstatt, holte die Droschke und fuhr langsam durch die Stra&#xDF;en. Es waren wenig Leute unterwegs.</p><p>Ich durchquerte die Altstadt und fuhr zum Dom. Vor dem kleinen Eingang lie&#xDF; ich den Wagen stehen und stieg aus. Es war gerade die Zeit der Morgenmesse. Ich ging in den Kreuzgarten. Er lag in grauem Licht. Die Rosenb&#xFC;sche trieften im Regen, aber die meisten hatten noch Bl&#xFC;ten. Mein Regenmantel war ziemlich weit, und ich konnte die Zweige, die ich abschnitt, gut darunter verstecken. Obschon es Sonntag war, kam niemand vor&#xFC;ber, und ich brachte den ersten Armvoll Rosen ungehindert zum Wagen. Dann ging ich zur&#xFC;ck, um noch einen zweiten zu holen. Als ich ihn gerade unter meinem Mantel hatte, h&#xF6;rte ich jemand kommen.</p><p>»Guten Morgen. Gelobt sei Jesus Christus! Es ist selten, da&#xDF; jemand um diese Zeit schon hier ist«, sagte der Pfarrer freundlich und sah mich aus hellen blauen Kinderaugen an.</p><p>Ich murmelte irgend etwas. »Leider ist es selten geworden«, fuhr er etwas bek&#xFC;mmert fort. Besonders M&#xE4;nner sieht man kaum noch den Kreuzweg beten. Ich freue mich deshalb &#xFC;ber Sie und habe Sie darum auch angesprochen. Sie haben sicher eine besondere Bitte, da&#xDF; Sie so fr&#xFC;h und bei diesem Wetter gekommen sind…«</p><p>Ja, da&#xDF; du weitergehst, dachte ich und nickte erleichtert. Bis jetzt hatte er anscheinend nichts von den Blumen gemerkt. Jetzt galt es nur, ihn rasch loszuwerden, damit er nicht noch aufmerksam wurde. Er l&#xE4;chelte mich wieder an.</p><p>»Ich bin im Begriff, meine Messe zu lesen. Da werde ich Ihre Bitte in mein Gebet mit einschlie&#xDF;en.«</p><p>»Danke«, sagte ich &#xFC;berrascht und verlegen.</p><p>Ich brachte die Blumen nach Hause, dann fuhr ich den Wagen zur Werkstatt und ging zur&#xFC;ck. Aus der K&#xFC;che kam jetzt der Geruch von frisch aufgebr&#xFC;htem Kaffee. Es war merkw&#xFC;rdig, aber der Kaffeegeruch stimmte mich heiterer. Ich kannte das vom Kriege her. Ich hatte kaum die Korridort&#xFC;r abgeschlossen, da scho&#xDF; Hasse aus seinem Zimmer hervor. Sein Gesicht war gelb, die Augen rot, und er sah aus, als h&#xE4;tte er in seinem Anzug geschlafen. Als er mich erblickte, murmelte er.</p><p>»Ach so, Sie sind es«. Ich sah ihn erstaunt an.</p><p>»Haben Sie so fr&#xFC;h schon jemand erwartet?«</p><p>»Ja«, sagte er leise, »meine Frau. Sie ist noch nicht nach Hause gekommen.«</p><p>»Wahrscheinlich kommt sie sp&#xE4;ter. Haben Sie nicht telefoniert?«</p><p>Er sah mich etwas scheu an. »Sie ist gestern abend zu ihren Bekannten gegangen. Ich wei&#xDF; nicht, wo sie genau wohnen. Sie war immer so geheimnisvoll mit den Leuten, und wenn ich einmal fragte, dann wurde sie sofort &#xE4;rgerlich.«</p><p>»Vielleicht kommt sie noch«, sagte ich. »Ich bin sogar sicher, da&#xDF; sie bald kommt.«</p><p>Pat war schon bei mir gewesen und hatte die Rosen gefunden. Sie lachte, als ich hereinkam.</p><p>»Robby«, sagte sie, »ich bin doch ziemlich harmlos. Aber wieso bist du so fr&#xFC;h schon auf?«</p><p>»Ich konnte nicht mehr schlafen. Und dann habe ich auch getr&#xE4;umt. Nichts Sch&#xF6;nes.«</p><p>Ich blickte sie aufmerksam an. Sie sah m&#xFC;de aus und hatte Schatten unter den Augen.</p><p>»Hast du gesehen, da&#xDF; es Herbst wird drau&#xDF;en?«</p><p>»Bei uns nennt man das Sp&#xE4;tsommer«, erwiderte ich. »Die Rosen bl&#xFC;hen ja noch. Es regnet, das ist alles, was ich sehe.«</p><p>»Es regnet«, wiederholte sie. »Es regnet schon viel zu lange, Liebling. Manchmal nachts, wenn ich aufwache, glaube ich, da&#xDF; ich ganz begraben bin unter dem vielen Regen.«</p><p>»Du mu&#xDF;t nachts zu mir kommen«, sagte ich. »Dann hast du solche Gedanken nicht mehr. Im Gegenteil, es ist sch&#xF6;n, beieinander zu sein, wenn es dunkel ist und wenn es drau&#xDF;en regnet.«</p><p>»Vielleicht«, erwiderte sie und lehnte sich an mich. »Ich habe es ganz gern, wenn es sonntags regnet«, sagte ich. »Man merkt dann besser, wie gut man es hat. Wir sind zusammen, wir haben ein warmes, sch&#xF6;nes Zimmer und einen freien Tag vor uns – ich finde, das ist eine ganze Menge.«</p><p>Ihr Gesicht hellte sich auf.</p><p>»Ja, wir haben es gut, nicht wahr?«</p><p>»Ich finde, da&#xDF; wir es wunderbar haben. Wenn ich an fr&#xFC;her denke – mein Gott! Ich h&#xE4;tte nie gedacht, da&#xDF; ich es noch einmal so gut haben w&#xFC;rde.«</p><p>»Es ist sch&#xF6;n, wenn du das sagst. Ich glaube es dann sofort. Du mu&#xDF;t es &#xF6;fter sagen.«</p><p>Wir fr&#xFC;hst&#xFC;ckten zusammen, dann legte Pat sich wieder zu Bett. Jaff&#xE9; hatte das so angeordnet.</p><p>»Bleibst du hier?« fragte sie unter ihrer Decke hervor.</p><p>»Wenn du willst«, sagte ich.</p><p>»Ich m&#xF6;chte schon, aber du brauchst nicht…« Ich setzte mich zu ihr ans Bett.</p><p>»So war es nicht gemeint. Ich erinnere mich nur, da&#xDF; du es fr&#xFC;her nicht gern hattest, wenn man dir beim Schlafen zusah.«</p><p>»Fr&#xFC;her, ja – aber jetzt habe ich manchmal Angst, allein…«</p><p>Eine Minute sp&#xE4;ter war sie fest eingeschlafen. Ich setzte mich wieder ans Fenster und sah in den Regen hinaus.</p><p>Ich war unruhig, denn es kam selten vor, da&#xDF; Pat morgens mutlos und traurig war. Aber dann dachte ich daran, da&#xDF; sie vor einigen Tagen noch lebhaft und froh gewesen war und da&#xDF; vielleicht alles schon anders sein w&#xFC;rde, wenn sie wieder erwachte. Ich wu&#xDF;te, da&#xDF; sie viel an ihre Krankheit dachte, und ich wu&#xDF;te auch von Jaff&#xE9;, da&#xDF; es noch nicht besser geworden war.</p><p>Es klopfte an die T&#xFC;r. Ich ging hin und &#xF6;ffnete. Hasse stand drau&#xDF;en. Ich legte den Finger an den Mund und trat auf den Korridor.</p><p>»Kommen Sie zu mir herein«, sagte ich und &#xF6;ffnete die T&#xFC;r zu meinem Zimmer.</p><p>Hasse blieb stehen. Sein Gesicht schien kleiner geworden. Es war kreidewei&#xDF;.</p><p>»Kommen Sie ruhig herein«, sagte ich, »Fr&#xE4;ulein Hollmann schl&#xE4;ft, ich habe Zeit.«</p><p>Er hatte einen Brief in der Hand und sah aus wie jemand, der einen Schu&#xDF; bekommen hat, aber noch glaubt, es sei nur ein Sto&#xDF; gewesen.</p><p>»Am besten ist, Sie lesen es selbst«, sagte er und gab mir den Brief.</p><p>Er war von Frau Hasse und bestand aus wenigen Zeilen. Sie teilte ihm mit, da&#xDF; sie noch etwas von ihrem Leben haben wolle. Deshalb k&#xE4;me sie nicht mehr zur&#xFC;ck. Es sei jemand da, der sie besser versteht als Hasse. Es h&#xE4;tte keinen Zweck, da&#xDF; er irgend etwas untern&#xE4;hme; sie k&#xE4;me auf keinen Fall zur&#xFC;ck. Das sei ja auch wohl f&#xFC;r ihn das beste. Er brauche dann keine Sorgen mehr zu haben, ob sein Gehalt reiche oder nicht. Einen Teil ihrer Sachen habe sie mitgenommen; den Rest w&#xFC;rde sie gelegentlich holen lassen. Es war ein klarer und sachlicher Brief. Er blickte mich an.</p><p>»Was soll man da tun?« fragte er.</p><p>»Trinken Sie zuerst einmal diese Tasse aus und essen Sie was«, sagte ich. »Dann wollen wir &#xFC;berlegen.«</p><p>Er trank gehorsam die Tasse leer. Seine Hand zitterte, und essen konnte er nichts.</p><p>»Was soll man tun?« fragte er nochmals.</p><p>»Gar nichts«, sagte ich. »Abwarten.«</p><p>Man konnte ihn nur beruhigen, alles andere mu&#xDF;te er selbst finden. Er liebte die Frau nicht mehr, das war anzunehmen – aber er war an sie gew&#xF6;hnt, und f&#xFC;r einen Buchhalter konnte Gewohnheit mehr sein als Liebe. Nach einer Weile begann er zu sprechen. Dann fing er an, sich Vorw&#xFC;rfe zu machen. Er sagte kein Wort gegen die Frau. Er versuchte sich nur klarzumachen, da&#xDF; er die Schuld h&#xE4;tte.</p><p>»Hasse«, sagte ich, »was Sie da reden, ist Unsinn. In diesen Dingen gibt es weder Schuld noch Unschuld. Die Frau ist von Ihnen fortgegangen, nicht Sie von ihr. Sie brauchen sich keine Vorw&#xFC;rfe zu machen.«</p><p>»Doch«, erwiderte er und sah auf seine H&#xE4;nde. »Ich habe es nicht geschafft. Ich habe die Frau verr&#xFC;ckt gemacht mit meiner ewigen Angst vor der K&#xFC;ndigung…«</p><p>»Es ist noch nichts verloren«, sagte ich. »Verloren hat man einen Menschen erst, wenn er tot ist.«</p><p>Er nickte. »Gestern bin ich B&#xFC;rochef geworden«, sagte er leise. »Oberbuchhalter und B&#xFC;rochef. Der Prokurist hat es mir abends gesagt. Ich bin es geworden, weil ich in den letzten Monaten immer &#xDC;berstunden gemacht habe. Man hat zwei B&#xFC;ros zusammengelegt. Der andere B&#xFC;rovorsteher ist entlassen worden. Ich bekomme f&#xFC;nfzig Mark Gehalt mehr. Glauben Sie, da&#xDF; sie dageblieben w&#xE4;re, wenn sie es gewu&#xDF;t h&#xE4;tte?«</p><p>»Nein«, sagte ich.</p><p>»F&#xFC;nfzig Mark mehr. Ich h&#xE4;tte sie ihr geben k&#xF6;nnen. Sie h&#xE4;tte sich immer etwas kaufen k&#xF6;nnen. Und zw&#xF6;lfhundert Mark habe ich doch auf der Sparkasse! Wozu habe ich das nun gespart? Ich wollte etwas f&#xFC;r sie haben, wenn es uns schlecht ginge. Und nun ist sie weggegangen, weil ich daf&#xFC;r gespart habe.«</p><p>Er starrte wieder vor sich hin.</p><p>»Hasse«, sagte ich, »ich glaube, das hat weniger miteinander zu tun, als Sie denken. Vielleicht ist Ihre Frau heute abend oder morgen schon wieder da. Sie denkt doch ebenso dar&#xFC;ber nach wie Sie.«</p><p>»Sie kommt nicht wieder«, antwortete er.</p><p>»Das wissen Sie nicht.«</p><p>Ich war verwundert, da&#xDF; er &#xFC;berhaupt nicht daran dachte, da&#xDF; noch ein anderer Mann da war. Ich sprach noch eine Zeitlang mit ihm – nur damit er sprechen konnte. Dann h&#xF6;rte ich Pat nebenan rufen.</p><p>»Einen Augenblick!« sagte ich und ging zu Pat hin&#xFC;ber.</p><p>Sie sa&#xDF; aufrecht im Bett und sah frisch und wohl aus.</p><p>»Ich habe wunderbar geschlafen, Robby! Es ist sicher schon Mittag.«</p><p>»Du hast genau eine Stunde geschlafen«, sagte ich.</p><p>»Um so besser, dann haben wir noch eine Menge Zeit f&#xFC;r uns. Ich stehe gleich auf.«</p><p>»Sch&#xF6;n. Ich komme in zehn Minuten wieder‚ rein.«</p><p>»Hast du Besuch?«</p><p>»Hasse«, sagte ich. »Aber es dauert nicht lange.«</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck, aber Hasse war nicht mehr da. Pat hatte die Zeitung vor sich liegen.</p><p>»Wir k&#xF6;nnten heute morgen ins Museum gehen, Robby«, schlug sie vor.</p><p>»Ins Museum?« fragte ich.</p><p>»Ja. Da ist eine Ausstellung von persischen Teppichen. Du warst wohl nicht oft im Museum?«</p><p>»Nie!« erwiderte ich.</p><p>Wir zogen uns an und gingen. Die Luft drau&#xDF;en war herrlich. Sie roch nach Wald und Feuchtigkeit. Wir kamen zum Museum. Ich hatte geglaubt, wir w&#xFC;rden ziemlich allein sein, aber zu meinem Erstaunen waren sehr viele Leute da. Ich fragte einen W&#xE4;rter, was los sei.</p><p>»Nichts«, erwiderte er, »das ist doch immer so an den Tagen, wo der Eintritt frei ist.«</p><p>»Siehst du«, sagte Pat. »Es gibt noch eine Menge Leute, die sich f&#xFC;r so etwas interessieren.«</p><p>Wir gingen in den Saal, wo die Teppiche hingen. Die Teppiche waren wundervoll.</p><p>Nachmittags gingen wir in ein Kino. Als wir herauskamen, hatte der Himmel sich aufgekl&#xE4;rt. Er war apfelgr&#xFC;n und sehr klar. In den Stra&#xDF;en und L&#xE4;den brannte schon Licht. Wir gingen langsam nach Hause und sahen uns dabei die Schaufenster an. Vor den hellerleuchteten Scheiben eines gro&#xDF;en Pelzgesch&#xE4;ftes blieb ich stehen. Ich sah Pat an; sie trug immer noch ihre kurze Pelzjacke und war eigentlich viel zu leicht angezogen. Wir gingen langsam weiter durch die abendlichen Stra&#xDF;en.</p><p>Wir waren kaum eine halbe Stunde zu Hause, als es an meine Zimmert&#xFC;r klopfte. Ich dachte, es sei wieder Hasse, und ging, um zu &#xF6;ffnen. Aber es war Frau Zalewski. Sie sah verst&#xF6;rt aus.</p><p>»Kommen Sie doch rasch einmal«, fl&#xFC;sterte sie.</p><p>»Was ist denn los?«</p><p>»Hasse.« Ich sah sie an. »Er hat sich eingeschlossen und antwortet nicht.«</p><p>»Augenblick.«</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck und sagte zu Pat, sie solle sich etwas ausruhen; ich h&#xE4;tte inzwischen etwas mit Hasse zu besprechen.</p><p>»Gut, Robby. Ich bin auch schon wieder m&#xFC;de.«</p><p>Vor Hasses T&#xFC;r stand bereits fast die ganze Pension – Erna B&#xF6;nig im bunten Drachenkimono, Orlow, bla&#xDF; und ruhig, Georgie und endlich Frida.</p><p>»Wie lange klopfst du schon, Georgie?« fragte ich.</p><p>»&#xDC;ber‚ ne Viertelstunde«.</p><p>Ich lie&#xDF; mir einen Draht geben, schob damit den Schl&#xFC;ssel gerade und stie&#xDF; ihn aus dem Loch. Ich schlo&#xDF; auf und &#xF6;ffnete die T&#xFC;r. Das Zimmer lag im Halbdunkel, und man sah im ersten Augenblick niemand.</p><p>»Frau Zalewski«, sagte ich, »ich glaube auch, es ist besser, nur Sie bleiben hier und vielleicht Orlow und ich.«</p><p>»Telefonieren Sie sofort einem Arzt«, sagte Orlow.</p><p>Georgie hob bereits den H&#xF6;rer ab. Das Ganze hatte keine f&#xFC;nf Sekunden gedauert. Orlow &#xF6;ffnete wieder die T&#xFC;r. Dann machte er das elektrische Licht an. Mit einem Schrei fuhren die Frauen zur&#xFC;ck. Mit blauschwarzem Gesicht, die schwarze Zunge zwischen den Z&#xE4;hnen, hing Hasse am Fenster.</p><p>»Abschneiden«, rief ich.</p><p>»Keinen Zweck«, sagte Orlow langsam, hart und traurig. »Ich kenne das – dieses Gesicht – tot, schon paar Stunden…«</p><p>»Wir wollen es wenigstens versuchen…«</p><p>»Besser nein – Polizei erst kommen lassen.«</p><p>Im gleichen Augenblick klingelte es. Der Arzt, der nebenan wohnte, war da.</p><p>»Nichts mehr zu machen«, sagte er. »</p><p>Auf dem Tisch lagen nebeneinander, pedantisch ordentlich, sein Pa&#xDF;, sein Sparkassenbuch, vier Zehnmarkscheine und etwas Silbergeld. Daneben zwei Briefe, einer an seine Frau und einer an die Polizei. Neben dem Brief an seine Frau lag noch ein silbernes Zigarettenetui und sein Trauring. Er mu&#xDF;te es lange &#xFC;berlegt und alles vorher in Ordnung gebracht haben; denn das Zimmer war vollkommen aufger&#xE4;umt, und als wir genauer nachsahen, fanden wir auf der Kommode noch etwas Geld und einen Zettel, auf dem stand: Rest der Miete f&#xFC;r diesen Monat. Er hatte es extra gelegt, so als ob er zeigen wollte, da&#xDF; es mit seinem Tode nichts zu tun h&#xE4;tte. Es klingelte, und zwei Beamte in Zivil kamen. Der Arzt, der den K&#xF6;rper inzwischen abgeschnitten hatte, stand auf.</p><p>»Tot«, sagte er, »Selbstmord, ohne allen Zweifel.«</p><p>»Wei&#xDF; jemand den Grund?«</p><p>Ich erz&#xE4;hlte, was ich wu&#xDF;te.</p><p>»Der zw&#xF6;lfte in dieser Woche«, sagte der j&#xFC;ngere Beamte.</p><p>»Aus dem gleichen Grund?« fragte ich.</p><p>»Nein. Fast alle wegen Arbeitslosigkeit. Zwei Familien, eine mit drei Kindern. Mit Gas nat&#xFC;rlich. Familien nehmen fast immer Gas. Wenn die Frau kommt, sagen Sie ihr bitte, sie m&#xF6;ge sich bei der Kriminalpolizei des Reviers melden.«</p><p>Pat schlief. Ich ging zum Schrank, holte die Flasche Kognak und schenkte mir ein Glas ein. Es war guter Kognak, und es war gut, ihn zu haben. Ich stellte die Flasche auf den Tisch. Das letzte Glas daraus hatte Hasse getrunken. Ich dachte dar&#xFC;ber nach, da&#xDF; es besser gewesen w&#xE4;re, ihn nicht allein zu lassen.</p><p>Wer wei&#xDF;, was einem selber noch alles bevorstand. Kein Mensch wu&#xDF;te, ob er den, den er jetzt bedauerte, nicht noch einmal f&#xFC;r gl&#xFC;cklich halten w&#xFC;rde. Ich h&#xF6;rte, wie Pat sich regte, und ging hin&#xFC;ber. Sie sah mir entgegen.</p><p>»Es ist doch zum Verzweifeln mit mir, Robby«, sagte sie. »Da habe ich schon wieder fest geschlafen.«</p><p>»Das ist doch gut«, erwiderte ich.</p><p>»Nein.« Sie st&#xFC;tzte sich auf die Ellbogen. »Ich will nicht so viel schlafen. Bist du traurig?« fragte sie.</p><p>»Nein«, sagte ich. »Im Gegenteil. Ich habe gerade beschlossen, da&#xDF; wir uns anziehen und ganz wunderbar essen gehen werden.«</p><p>»Das ist gut«, erwiderte sie.</p></section><section><title><p>21</p></title><p>Mitte Oktober lie&#xDF; Jaff&#xE9; mich rufen. Es war zehn Uhr morgens. Jaff&#xE9; sa&#xDF; allein in seinem gro&#xDF;en Sprechzimmer.</p><p>»Ich kann mir denken, weshalb Sie mich gerufen haben«, sagte ich. Ich wartete einen Augenblick. Dann sagte ich: »Pat mu&#xDF; wohl jetzt bald fort?«</p><p>»Ja…« Jaff&#xE9; starrte &#xE4;rgerlich vor sich hin. »Ich hatte mit Ende Oktober gerechnet. Aber bei diesem Wetter…«</p><p>»Wann denken Sie, da&#xDF; sie reisen soll?« fragte ich.</p><p>»Morgen«, sagte er. Ich sp&#xFC;rte eine Sekunde keinen Boden unter den F&#xFC;&#xDF;en.</p><p>Die Luft war wie Watte und klebte mir in der Lunge. Dann ging es vor&#xFC;ber, und ich fragte, so ruhig ich konnte, aber meine Stimme kam weit her, als fragte ein anderer:</p><p>»Ist es auf einmal so viel schlimmer geworden?«</p><p>Jaff&#xE9; sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Wenn es sich so schnell ver&#xE4;ndert h&#xE4;tte, k&#xF6;nnte sie doch &#xFC;berhaupt nicht fahren«, erkl&#xE4;rte er unfreundlich. »Es ist nur besser. Bei diesem Wetter ist jeder Tag eine Gefahr. Erk&#xE4;ltungen und so was…«</p><p>Er nahm ein paar Briefe vom Schreibtisch.</p><p>»Ich habe schon alles vorbereitet. Sie brauchen nur abzufahren. Den Chefarzt des Sanatoriums kenne ich seit meiner Studienzeit. Ich habe ihn genau informiert.« Er gab mir die Briefe. »Kommt sie zur&#xFC;ck?«</p><p>Jaff&#xE9; schwieg einen Augenblick. »Weshalb wollen Sie das jetzt wissen?« fragte er nach einer Weile.</p><p>»Weil es sonst besser ist, da&#xDF; sie nicht f&#xE4;hrt«, sagte ich.</p><p>Jaff&#xE9; ging langsam zum Fenster und sah in den Regen hinaus.</p><p>»Wie alt sind Sie?« fragte er.</p><p>»Drei&#xDF;ig«, erwiderte ich.</p><p>»Ich bin jetzt bald sechzig«, sagte er, ohne mich anzusehen, »aber ich k&#xF6;nnte das nicht. Ich w&#xFC;rde immer wieder alles versuchen, immer wieder, und wenn ich genau w&#xFC;&#xDF;te, da&#xDF; es zwecklos w&#xE4;re.«</p><p>Ich schwieg.</p><p>»Ich glaube bestimmt, da&#xDF; sie oben den Winter gut &#xFC;berstehen wird.«</p><p>»Nur den Winter?« fragte ich.</p><p>»Ich hoffe, da&#xDF; sie dann im Fr&#xFC;hjahr wieder herunter kann.«</p><p>»Wir fahren heute abend«, sagte ich.</p><p>»Heute?«</p><p>»Ja. Wenn es schon sein mu&#xDF;, dann ist heute besser als morgen. Ich werde sie hinbringen. Ein paar Tage kann ich schon hier weg.«</p><p>Er nickte und gab mir die Hand. Ich ging. Drau&#xDF;en blieb ich stehen. Ich merkte, da&#xDF; ich die Briefe noch in der Hand hatte. Der Regen klatschte auf das Papier. Ich wischte die Briefe ab und steckte sie in die Brusttasche. Ich ging weiter, um K&#xF6;ster Bescheid zu sagen und die Fahrkarten zu besorgen.</p><p>Mittags kam ich nach Hause. Ich hatte alles erledigt und auch dem Sanatorium schon telegrafiert.</p><p>»Pat«, sagte ich noch in der T&#xFC;r, »kannst du bis heute abend alles gepackt haben?«</p><p>»Mu&#xDF; ich fort?«</p><p>»Ja«, sagte ich. »Ja, Pat.«</p><p>»Allein?«</p><p>»Nein. Wir fahren zusammen. Ich bringe dich hin.« Ihr Gesicht bekam wieder Farbe.</p><p>»Wann mu&#xDF; ich fertig sein?« fragte sie.</p><p>»Der Zug f&#xE4;hrt heute abend um zehn.«</p><p>»Und gehst du jetzt noch einmal fort?«</p><p>»Nein. Ich bleibe hier, bis wir wegfahren.«</p><p>Ich war in einer halben Stunde fertig. Dann ging ich zu Frau Zalewski hin&#xFC;ber und sagte ihr, da&#xDF; wir abends reisen w&#xFC;rden. Ich machte mit ihr ab, da&#xDF; das Zimmer zum ersten November frei w&#xFC;rde, wenn sie es nicht fr&#xFC;her vermieten k&#xF6;nnte.</p><p>Pat packte gerade ihre Sachen ein.</p><p>»Was machen wir nur mit all den andern Sachen, Robby? Mit den M&#xF6;beln?«</p><p>»Ich habe schon mit Frau Zalewski gesprochen. Soviel ich kann, nehme ich in mein Zimmer hin&#xFC;ber.«</p><p>Ich half ihr packen, und nachmittags, als es schon dunkel drau&#xDF;en wurde, waren wir fertig. Es war sonderbar: die M&#xF6;bel standen alle noch am gleichen Platz, nur die Schr&#xE4;nke und Schubladen waren geleert, und trotzdem erschien das Zimmer pl&#xF6;tzlich traurig.</p><p>Es war acht Uhr abends. Drau&#xDF;en r&#xF6;hrte ein Klaxon.</p><p>»Das ist Gottfried mit dem Taxi«, sagte ich, »er will uns zum Essen abholen.«</p><p>»Ja«, sagte sie, »aber ich will noch einmal in dein Zimmer gehen.«</p><p>»Warum?« erwiderte ich.</p><p>»Bleib du hier«, sagte sie. »Ich komme gleich wieder.«</p><p>Ich wartete eine Zeitlang, dann ging ich hin&#xFC;ber. Sie stand in der Mitte des Zimmers und fuhr zusammen, als sie mich erblickte. Ich hatte sie noch nie so gesehen. Sie war ganz ausgel&#xF6;scht. Es war nur eine Sekunde, dann l&#xE4;chelte sie wieder.</p><p>»Komm«, sagte sie. »Jetzt wollen wir gehen.«</p><p>An der K&#xFC;che erwartete uns Frau Zalewski.</p><p>»Kommen Sie bald wieder! Ihr Zimmer ist immer f&#xFC;r Sie da. Und wenn der Kaiser selbst darin wohnte, er m&#xFC;&#xDF;te‚ raus, wenn Sie kommen!«</p><p>»Danke sch&#xF6;n, Frau Zalewski«, sagte Pat. »Vielen Dank f&#xFC;r alles. Auch f&#xFC;r das Kartenlegen. Ich werde mir alles merken.«</p><p>»Das ist sch&#xF6;n. Und erholen Sie sich gut, und werden Sie ganz gesund!«</p><p>»Ja«, erwiderte Pat, »ich werde es versuchen. Auf Wiedersehen, Frau Zalewski.«</p><p>Wir gingen. Ich hatte das Gef&#xFC;hl, als w&#xE4;re ein Urlaub zu Ende und wir gingen jetzt im grauen Morgen zum Bahnhof, um an die Front zu fahren.</p><p>Lenz &#xF6;ffnete die T&#xFC;r zum Taxi.</p><p>»Vorsicht!« sagte er.</p><p>Der Wagen war voller Rosen. Zwei riesige B&#xFC;sche wei&#xDF;er und roter Bl&#xFC;ten lagen auf den hinteren Sitzen. Ich erkannte sofort, woher sie kamen – aus dem Domgarten.</p><p>»Die letzten«, erkl&#xE4;rte Gottfried selbstzufrieden.</p><p>»Wo ist Otto?«</p><p>»Der ist schon bei Alfons. Wir gehen doch zu Alfons essen?«</p><p>»Ja, nat&#xFC;rlich«, sagte Pat. »Also los!«</p><p>Es gab bei Alfons gespickten Hasen mit Rotkohl und geschmorten &#xC4;pfeln. Hinterher spielte er zum Abschlu&#xDF; auf seinem Grammophon einen Chor der Donkosaken.</p><p>K&#xF6;ster und Lenz brachten uns zur Bahn. Vor unserm Hause hielten wir einen Augenblick, und ich holte den Hund herunter. Die Koffer hatte Jupp schon zum Bahnhof gebracht. Wir kamen gerade rechtzeitig an. Kaum waren wir eingestiegen, da fuhr der Zug schon los. Als die Lokomotive anzog, griff Gottfried in die Tasche und reichte mir eine eingewickelte Flasche hinauf.</p><p>»Hier, Robby, nimm das mal. So was kann man unterwegs immer gebrauchen.«</p><p>»Danke«, sagte ich, »trinkt sie heute abend selbst, Kinder. Ich habe schon was bei mir.«</p><p>»Nimm sie«, erwiderte Lenz, »man kann nie genug davon haben!«</p><p>Er ging neben dem fahrenden Zug her und warf mir die Flasche zu.</p><p>»Auf Wiedersehen, Pat!« rief er.</p><p>Sie war sehr bla&#xDF;, und ihre Augen gl&#xE4;nzten feucht.</p><p>»Komm«, sagte ich, »jetzt trinken wir was. Du hast dich gro&#xDF;artig gehalten.«</p><p>»Mir ist aber gar nicht gro&#xDF;artig zumute«, erwiderte sie.</p><p>»Mir auch nicht«, sagte ich. »Deshalb wollen wir ja was trinken.«</p><p>»Du mu&#xDF;t nicht weinen«, sagte ich. »Ich war so stolz, da&#xDF; du nicht geweint hast, den ganzen Tag.«</p><p>»Ich weine ja gar nicht«, erwiderte sie und sch&#xFC;ttelte den Kopf, und die Tr&#xE4;nen liefen ihr &#xFC;ber das schmale Gesicht.</p><p>Ich hielt sie fest. »Es ist nur immer der erste Moment, dann wird es schon besser.«</p><p>Sie nickte. »Ja, Robby. Es ist gleich vorbei, und es ist besser, wenn du es gar nicht siehst.«</p><p>Sie versuchte zu l&#xE4;cheln. Ich strich ihr &#xFC;ber das Haar. Die T&#xFC;r ging auf. Der Schaffner verlangte die Fahrkarten. Ich gab sie ihm.</p><p>»Ist die Schlafwagenkarte f&#xFC;r die Dame?« fragte er.</p><p>Ich nickte.</p><p>»Dann m&#xFC;ssen Sie in den Schlafwagen gehen«, sagte er zu Pat. »Die Karte gilt nicht f&#xFC;r die &#xFC;brigen Abteile.«</p><p>»Gut.«</p><p>»Und der Hund mu&#xDF; in den Packwagen«, erkl&#xE4;rte er. »Das Hundeabteil ist im Packwagen.«</p><p>»Sch&#xF6;n«, sagte ich. »Wo ist denn der Schlafwagen?«</p><p>»Rechts der dritte Wagen. Der Packwagen ist ganz vorn.«</p><p>Er ging.</p><p>»Dann wollen wir mal umziehen, Pat«, sagte ich. »Billy schmuggle ich schon zu dir‚ rein. Der hat im Packwagen nichts zu suchen.«</p><p>Ich hatte f&#xFC;r mich keinen Schlafwagenplatz genommen. Es machte mir nichts, in einer Abteilecke die Nacht zu verbringen. Au&#xDF;erdem war es billiger. Jupp hatte Pats Gep&#xE4;ck schon in den Schlafwagen gebracht.</p><p>»In einer halben Stunde bin ich mit dem Hund wieder bei dir«, sagte ich zu Pat.</p><p>»Aber das geht doch nicht; der Schaffner bleibt ja im Wagen.«</p><p>»Es geht schon. Schlie&#xDF; nur deine T&#xFC;r nicht ab.«</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck, an dem Schaffner vorbei, der mich ansah. Auf der n&#xE4;chsten Station stieg ich mit dem Hund aus und ging &#xFC;ber den Bahnsteig am Schlafwagen vorbei bis zum n&#xE4;chsten Wagen. Hier wartete ich, bis der Schaffner ausstieg. Dann stieg ich wieder ein, ging durch den Wagen bis zu den Schlafwagenabteilen und kam zu Pat, ohne da&#xDF; mich jemand gesehen hatte. Sie trug einen weichen wei&#xDF;en Mantel und sah wundersch&#xF6;n aus. Ihre Augen gl&#xE4;nzten.</p><p>»Bis Frankfurt ist‘s noch lange«, sagte ich. »Ich passe schon auf. Ich schlafe nicht ein.«</p><p>Kurz vor Frankfurt ging ich in mein Abteil zur&#xFC;ck. Ich setzte mich in die Fensterecke und versuchte zu schlafen. Aber in Frankfurt stieg ein Mann mit einem Seehundsbart ein, der sofort einen Koffer auspackte und zu essen begann. Er a&#xDF; so intensiv, da&#xDF; ich nicht zum Schlafen kam. Zum Gl&#xFC;ck stieg der Mann um halb sechs Uhr aus.</p><p>Als ich aufwachte, war drau&#xDF;en alles wei&#xDF;. Es schneite in gro&#xDF;en Flocken. Wir fuhren schon durchs Gebirge. Es war fast neun Uhr. Ich ging mich waschen und rasieren. Als ich zur&#xFC;ckkam, stand Pat im Abteil. Sie sah frisch aus.</p><p>»Hast du gut geschlafen?« fragte ich. Sie nickte. »Und wie war die alte Spiritistin in deinem Abteil?«</p><p>»Jung und h&#xFC;bsch. Sie hei&#xDF;t Helga Guttmann und f&#xE4;hrt ins selbe Sanatorium wie ich.«</p><p>»Tats&#xE4;chlich?«</p><p>»Ja, Robby. Aber du hast schlecht geschlafen, das sieht man. Du mu&#xDF;t ein ordentliches Fr&#xFC;hst&#xFC;ck haben.«</p><p>»Kaffee«, sagte ich.</p><p>Wir gingen zum Speisewagen. Ich war pl&#xF6;tzlich guter Stimmung. Es schien alles nicht mehr so schlimm wie am Abend vorher. Helga Guttmann sa&#xDF; schon da. Sie war ein schlankes, lebhaftes M&#xE4;dchen.</p><p>»Merkw&#xFC;rdig«, sagte ich, »da&#xDF; sich das so getroffen hat mit demselben Sanatorium.«</p><p>»Gar nicht so merkw&#xFC;rdig«, erwiderte sie.</p><p>Ich sah sie an. Sie lachte.</p><p>»Um diese Zeit sammeln sich doch die Zugv&#xF6;gel alle wieder. Dr&#xFC;ben…«, sie zeigte in die Ecke des Speisewagens, »der ganze Tisch dort f&#xE4;hrt auch hin.«</p><p>»Woher wissen Sie das?« fragte ich.</p><p>»Ich kenne sie alle vom vorigen Jahr. Da oben kennt doch jeder den andern.«</p><p>Der Kellner kam und brachte den Kaffee. Es war auf einmal alles so einfach. Da sa&#xDF;en Leute und fuhren zum Sanatorium, zum zweitenmal sogar, und es schien ihnen nicht viel mehr als eine Spazierfahrt zu sein. Es war dumm, so viel Angst zu haben. Pat w&#xFC;rde zur&#xFC;ckkommen, wie alle diese Leute zur&#xFC;ckgekommen waren. Ich dachte nicht daran, da&#xDF; alle diese Leute jetzt auch wieder hinfuhren – es war genug zu wissen, da&#xDF; man zur&#xFC;ckkam und wieder ein ganzes Jahr vor sich hatte. In einem Jahr konnte viel passieren. Unsere Vergangenheit hatte uns gelehrt, kurzfristig zu denken.</p><p>Wir kamen sp&#xE4;tnachmittags an. Es war ganz klar geworden, die Sonne schien golden auf die Schneefelder, und der Himmel war so blau, wie wir ihn seit Wochen nicht mehr gesehen hatten. Am Bahnhof wartete eine Menge Leute. Helga Guttmann wurde von einer lachenden blonden Frau und zwei M&#xE4;nnern in hellen Knickerbockern in Empfang genommen. Sie war ganz aufgeregt und wirbelig, so als w&#xE4;re sie nach langer Abwesenheit nach Hause gekommen.</p><p>»Auf Wiedersehen, nachher, oben!« rief sie uns zu.</p><p>Ein Gep&#xE4;cktr&#xE4;ger trat zu uns heran.</p><p>»Welches Hotel?« fragte er.</p><p>»Sanatorium Waldfrieden«, erwiderte ich.</p><p>Er nickte und winkte einem Kutscher. Die Pferde hatten bunte Federb&#xFC;schel auf den K&#xF6;pfen. Wir stiegen ein. Der Kutscher schnalzte mit der Zunge, und wir fuhren los. Das Sanatorium lag auf einer Anh&#xF6;he &#xFC;ber dem Dorf. Es war ein langgestrecktes Geb&#xE4;ude mit langen Fensterreihen. Vor jedem Fenster befand sich ein Balkon. Auf dem Dache wehte eine Fahne im schwachen Wind. Ich hatte erwartet, es w&#xE4;re wie ein Krankenhaus eingerichtet; aber es glich, wenigstens im unteren Stock, viel mehr einem Hotel. In der Halle brannte ein Kamin, und eine Anzahl kleiner Tische war mit Teegeschirr gedeckt. Wir meldeten uns im B&#xFC;ro. Ein Hausdiener holte unser Gep&#xE4;ck herein, und eine &#xE4;ltere Dame erkl&#xE4;rte uns, da&#xDF; Pat Zimmer neunundsiebzig habe. Ich fragte, ob ich f&#xFC;r ein paar Tage ebenfalls ein Zimmer haben k&#xF6;nne. Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Nicht im Sanatorium. Wohl aber in der Dependance.«</p><p>»Wo ist die Dependance?«</p><p>»Gleich nebenan.«</p><p>»Gut«, sagte ich, »dann geben Sie mir dort ein Zimmer und lassen Sie mein Gep&#xE4;ck hin&#xFC;berbringen.«</p><p>Wir fuhren in einem Lift zum zweiten Stock hinauf. Oben sah es mehr nach Krankenhaus aus. Nach einem sehr komfortablen Krankenhaus zwar, aber immerhin nach Krankenhaus. Wei&#xDF;e G&#xE4;nge, wei&#xDF;e T&#xFC;ren, alles blitzend von Glas, Nickel und Sauberkeit. Eine Oberschwester nahm uns in Empfang.</p><p>»Fr&#xE4;ulein Hollmann?«</p><p>»Ja«, sagte Pat, »Zimmer neunundsiebzig, nicht wahr?«</p><p>Die Oberschwester nickte, ging voran und &#xF6;ffnete eine T&#xFC;r.</p><p>»Hier ist Ihr Zimmer.«</p><p>»Gef&#xE4;llt es dir?« fragte ich Pat.</p><p>Sie sah mich einen Augenblick an.</p><p>»Ja«, sagte sie dann. Der Hausknecht brachte die Koffer. »Wann mu&#xDF; ich zur Untersuchung?« fragte Pat die Schwester.</p><p>»Morgen vormittag. Heute abend gehen Sie am besten fr&#xFC;h schlafen, damit Sie ausgeruht sind.«</p><p>Pat zog ihren Mantel aus und legte ihn auf das wei&#xDF;e Bett, &#xFC;ber dem eine neue Fiebertafel angebracht war.</p><p>»Ist kein Telefon im Zimmer?« fragte ich.</p><p>»Es ist ein Anschlu&#xDF; da«, sagte die Schwester. »Man kann ein Telefon hereinstellen.«</p><p>»Mu&#xDF; ich noch irgend etwas tun?« fragte Pat.</p><p>Die Schwester sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Heute nicht. Erst morgen nach der Untersuchung wird alles festgelegt. Die Untersuchung ist um zehn. Ich hole Sie ab.«</p><p>»Danke, Schwester«, sagte Pat.</p><p>Die Schwester ging. Der Hausknecht wartete noch an der T&#xFC;r. Ich gab ihm ein Trinkgeld, und er ging auch.</p><p>Es wurde pl&#xF6;tzlich sehr still im Zimmer. Pat stand am Fenster und sah hinaus.</p><p>»Bist du m&#xFC;de?« fragte ich. Sie drehte sich um.</p><p>»Nein.«</p><p>»Du siehst so aus«, sagte ich.</p><p>»Ich bin anders m&#xFC;de, Robby. Aber daf&#xFC;r habe ich immer noch Zeit.«</p><p>»Willst du dich umziehen?« fragte ich. »Oder wollen wir erst noch eine Stunde‚ runtergehen? Ich denke, es ist besser, wir gehen erst noch einmal‚ runter.«</p><p>»Ja«, sagte sie. »Es ist besser.«</p><p>Wir setzten uns an einen der kleinen Tische in der Halle. Nach einer Weile kam Helga Guttmann mit ihren Freunden. Sie setzten sich zu uns. Helga Guttmann war aufgeregt,und ich war froh, da&#xDF; sie da war und da&#xDF; Pat schon ein paar Bekannte hatte. Es war immer schwer, &#xFC;ber den ersten Tag hinwegzukommen.</p></section><section><title><p>22</p></title><p>Eine Woche sp&#xE4;ter fuhr ich zur&#xFC;ck. Vom Bahnhof ging ich gleich zur Werkstatt. Es war Abend, als ich ankam, es regnete noch immer, und mir schien, als w&#xE4;re es ein Jahr her, seit ich mit Pat abgefahren war. K&#xF6;ster und Lenz sa&#xDF;en im B&#xFC;ro.</p><p>»Du kommst gerade recht«, sagte Gottfried.</p><p>»Was ist denn los?« fragte ich.</p><p>»Wie geht es Pat?« fragte Otto.</p><p>»Gut. So gut es eben kann.«</p><p>»Es handelte sich um den Stutz. Wir hatten ihn repariert und vor vierzehn Tagen abgeliefert. Nun war K&#xF6;ster gestern hingegangen, um das Geld abzuholen. Der Wagen ist aber nicht versichert.«</p><p>»Verdammt! Ist das wahr, Otto?« K&#xF6;ster nickte. »Habe es heute erst erfahren.«</p><p>»Wer kann so was ahnen!« sagte ich.</p><p>Lenz fing an zu lachen. »Es ist zu bl&#xF6;dsinnig!«</p><p>»Was machen wir nun, Otto?« fragte ich.</p><p>»Wir machen die Bude zu.«, sagte Gottfried. »Das Finanzamt ist auch schon rebellisch wegen der Steuern.«</p><p>»M&#xF6;glich«, gab K&#xF6;ster zu.</p><p>»Pech, Otto«, sagte ich. »Wir haben verdammt viel Pech in der letzten Zeit.«</p><p>»Das ist immer noch genug. Wie war‘s oben?«</p><p>»Wenn diese Krankheit nicht w&#xE4;re, ein Paradies. Schnee und Sonne.«</p><p>Er hob den Kopf. »Schnee und Sonne. Klingt ein bi&#xDF;chen unwahrscheinlich, was?«</p><p>»Ja. Verflucht unwahrscheinlich. Da oben ist alles unwahrscheinlich.«</p><p>Er sah mich an. »Was hast du heute abend vor?«</p><p>Ich zuckte die Achseln. »Werde erst mal meinen Koffer nach Hause bringen.«</p><p>»Ich mu&#xDF; noch auf eine Stunde weg. Kommst du nachher in die Bar?«</p><p>»Auf jeden Fall«, sagte ich. »Was soll ich sonst machen?«</p><p>Ich holte meinen Koffer vom Bahnhof und brachte ihn nach Hause. Ich &#xF6;ffnete die T&#xFC;r, so leise ich konnte, denn ich hatte keine Lust, mit irgend jemand zu reden. Eine Weile blieb ich in meinem Zimmer sitzen. Auf dem Tisch lagen Briefe und Zeitungen. Die Briefe waren lauter Drucksachen. Ich hatte niemand, der mir schrieb. Jetzt w&#xFC;rde ich jemand haben, dachte ich. Nach einiger Zeit stand ich auf, wusch mich und zog mich um. Meinen Koffer packte ich nicht aus; ich wollte nachher, wenn ich allein nach Hause kam, noch etwas zu tun haben. Ich ging auch nicht in Pats Zimmer, obschon ich wu&#xDF;te, da&#xDF; niemand da wohnte.</p><p>Ich ging ins Caf&#xE9; International, um da etwas zu essen. Der Kellner Alois begr&#xFC;&#xDF;te mich an der T&#xFC;r.</p><p>»Auch mal wieder da?«</p><p>»Ja«, sagte ich. »Schlie&#xDF;lich kommt man ja immer mal wieder zur&#xFC;ck.«</p><p>Rosa sa&#xDF; mit den andern M&#xE4;dchen um einen gro&#xDF;en Tisch herum.</p><p>»Mein Gott, Robert!« sagte Rosa. »Ein seltener Gast.«</p><p>»Frag mich nicht soviel«, sagte ich. »Hauptsache, da&#xDF; ich wieder da bin.«</p><p>»Wieso? Kommst du denn jetzt &#xF6;fter?«</p><p>»Wahrscheinlich. Lilly?« Ich sah sie jetzt erst neben Rosa sitzen. »Was machst du denn hier? Du bist doch verheiratet und solltest zu Hause sitzen in deinem Installationsgesch&#xE4;ft.«</p><p>Lilly antwortete nicht.</p><p>»Installationsgesch&#xE4;ft«, sagte Rosa. »Als sie ihr Geld noch hatte, war alles in Butter, es machte alles nichts, was fr&#xFC;her gewesen war. Genau ein halbes Jahr hat die Herrlichkeit gedauert! Als der letzte Pfennig aus war, konnte der feine Herr auf einmal keine Hure als Frau mehr brauchen.« Sie schnaufte. »Hat nat&#xFC;rlich pl&#xF6;tzlich von nichts was gewu&#xDF;t! War &#xFC;berrascht &#xFC;ber ihre Vergangenheit! Es gab einen Scheidungsgrund. Aber das Geld ist nat&#xFC;rlich weg.«</p><p>»Wieviel war‘s denn?« fragte ich.</p><p>»Viertausend Mark, keine Kleinigkeit! Was meinst du, mit wieviel Schweinehunden sie daf&#xFC;r hat schlafen m&#xFC;ssen!«</p><p>»Sch&#xF6;n – wo wir jetzt alle wieder hier sind.«</p><p>Ich setzte mich ans Klavier und spielte ein paar Schlager. W&#xE4;hrend ich spielte, dachte ich daran, da&#xDF; Pats Geld nur ungef&#xE4;hr bis Ende Januar f&#xFC;r das Sanatorium reichen w&#xFC;rde und da&#xDF; ich mehr verdienen m&#xFC;&#xDF;te als bisher.</p><p>Ein Schrei weckte mich aus meinem Gedanken. Rosa war aus ihren Tr&#xE4;umen aufgefahren. Sie stand hinter dem Tisch, die Augen waren weit aufgerissen.</p><p>»Arthur!« stammelte sie, »Arthur, bist du‘s wirklich?«</p><p>Ich h&#xF6;rte auf zu spielen. Ein Mann war eingetreten, hager. Er hatte eine gelbe, ungesunde Gesichtsfarbe, eine gro&#xDF;e Nase und einen zu kleinen, eif&#xF6;rmigen Kopf.</p><p>»Arthur! Du?«</p><p>»Na, wer sonst?« knurrte Arthur.</p><p>»Mein Gott, wo kommst du her?«</p><p>»Wo soll ich denn herkommen? Von der Stra&#xDF;e durch die T&#xFC;r.«</p><p>Ich betrachtete Arthur neugierig. Das also war das Idol Rosas, der Vater ihres Kindes. Er sah aus, als k&#xE4;me er frisch aus dem Gef&#xE4;ngnis. Arthur griff, ohne jemand zu fragen, nach einem vollen Glas Bier, das in der N&#xE4;he Rosas auf dem Tisch stand, und trank es aus. Rosa schaute ihm strahlend zu.</p><p>»Willst du noch eins?« fragte sie.</p><p>»Nat&#xFC;rlich«, brummte Arthur. »Aber gr&#xF6;&#xDF;er.«</p><p>»Und das Kleine! Arthur, du hast Klein-Elvira ja noch gar nicht gesehen!«</p><p>»Du!« Arthur hob die Hand abwehrend in Brusth&#xF6;he. »Das geht mich nischt an! », sagte Arthur und go&#xDF; das zweite Bier hinter den Kragen. »Vielleicht findet man mal so ein reiches Weib, das es als Kind annimmt. Gegen Geld nat&#xFC;rlich. W&#xE4;re das einzige. Hast du cash bei dir?«</p><p>Rosa holte ihre Handtasche hervor. »F&#xFC;nf Mark nur, Arthur, ich wusste nicht, da&#xDF; du kommst, aber zu Hause hab‘ ich mehr.«</p><p>»Kannst auch nichts verdienen, wenn du hier mit dem Hintern im Sofa sitzt«, murrte er mi&#xDF;mutig.</p><p>»Ich geh‘ ja schon, Arthur.«</p><p>»Ich komme so um zw&#xF6;lf wieder vorbei.«</p><p>Rosa blickte ihm gl&#xFC;cklich nach. Er sah sich nicht um und lie&#xDF; die T&#xFC;r hinter sich offen.</p><p>»Kamel«, sagte Alois und schlo&#xDF; die T&#xFC;r. Rosa schaute uns stolz an.</p><p>»Du kennst ihn nicht…«</p><p>»Hab‘ schon genug«, sagte Wally.</p><p>»Das verstehst du nicht.« Rosa stand auf. »Ein richtiger Mann ist das. Servus, Kinder!«</p><p>Jetzt war wieder einer da, dem sie ihr Geld abgeben durfte, damit er es versoff und sie hinterher verpr&#xFC;gelte. Sie war gl&#xFC;cklich. Eine halbe Stunde sp&#xE4;ter gingen auch die andern. Nur Lilly blieb mit ihrem steinernen Gesicht sitzen.</p><p>Ich ging durch die nassen, dunklen Stra&#xDF;en. Ich hatte das Gef&#xFC;hl, da&#xDF; ich es nicht aushalten k&#xF6;nnte, allein, ohne Pat. Schlie&#xDF;lich ging ich in mein Zimmer hinauf, um nachzusehen, ob vielleicht Post von ihr da w&#xE4;re. Es war ganz unsinnig, denn es konnte noch‘ nichts dasein, und es war auch nichts da – aber ich ging trotzdem hinauf.</p><p>In der Bar waren Valentin, K&#xF6;ster und Ferdinand Grau, Lenz kam etwas sp&#xE4;ter. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte mir eine halbe Flasche Rum. Ich f&#xFC;hlte mich immer noch verdammt schlecht. Ferdinand hockte in einer Ecke. Er hatte schon allerlei getrunken.</p><p>»Na, kleiner Robby«, sagte er und schlug mir auf die Schulter, »was ist mit dir los?«</p><p>»Nichts, Ferdinand«, erwiderte ich.</p><p>»Prost«, sagte Gottfried.</p><p>»Prost«, sagte Ferdinand.</p><p>Lenz f&#xFC;llte die Gl&#xE4;ser.</p><p>»Prost, Kinder! Weil wir leben! Weil wir atmen! Weil wir das Leben so stark empfinden, da&#xDF; wir nichts mehr damit anzufangen wissen! So ist es«, sagte Ferdinand. »Nur der Ungl&#xFC;ckliche kennt das Gl&#xFC;ck. Licht leuchtet nicht im Licht; es leuchtet im Dunkel. Prost auf das Dunkel! Trinkt, Kinder! Es gibt Sterne, die jede Nacht noch leuchten, obwohl sie schon vor zehntausend Lichtjahren zerplatzt sind! Trinkt, solange es noch Zeit ist! Es lebe das Ungl&#xFC;ck! Es lebe das Dunkel!«</p><p>Er schenkte sich ein Wasserglas voll Kognak ein und trank es aus. Der Rum klopfte hinter meiner Stirn. Ich stand leise auf und ging zu Fred ins B&#xFC;ro. Er schlief. Ich weckte ihn und lie&#xDF; eine Verbindung mit dem Sanatorium anmelden.</p><p>»Sie k&#xF6;nnen drauf warten«, sagte er. »Um diese Zeit geht das rasch.«</p><p>F&#xFC;nf Minuten sp&#xE4;ter klingelte das Telefon, und das Sanatorium meldete sich.</p><p>»Ich m&#xF6;chte mit Fr&#xE4;ulein Hollmann sprechen«, sagte ich.</p><p>»Einen Augenblick, ich verbinde mit der Station.« Die Oberschwester meldete sich. »Fr&#xE4;ulein Hollmann schl&#xE4;ft schon.«</p><p>»Hat sie kein Telefon im Zimmer?«</p><p>»Nein.«</p><p>»K&#xF6;nnen Sie sie nicht wecken?« Die Stimme z&#xF6;gerte. »Nein. Sie soll heute auch nicht aufstehen.«</p><p>»Ist etwas passiert?«</p><p>»Nein. Sie mu&#xDF; nur die n&#xE4;chsten Tage im Bett bleiben.«</p><p>»Ist bestimmt nichts passiert?«</p><p>»Nein, nein, das ist immer so im Anfang. Sie mu&#xDF; im Bett bleiben und sich erst gew&#xF6;hnen.«</p><p>Ich h&#xE4;ngte ab.</p><p>»Schon zu sp&#xE4;t, was?« fragte Fred.</p><p>»Wie meinst du das?« Er zeigte mir seine Uhr. »Es geht schon auf zw&#xF6;lf.«</p><p>»Ja«, sagte ich. »H&#xE4;tte gar nicht anrufen sollen.«</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck und trank weiter.</p><p>Lenz brachte Valentin und Ferdinand mit dem Taxi nach Hause.</p><p>»Komm«, sagte K&#xF6;ster zu mir und lie&#xDF; Karls Motor an.</p><p>»Ich kann die paar Schritte schon zu Fu&#xDF; gehen, Otto.«</p><p>Er sah mich an. »Wir fahren noch etwas‚ raus.«</p><p>»Gut.« Ich stieg ein.</p><p>»Fahr du«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Unsinn, Otto. Ich kann nicht fahren, ich bin betrunken.«</p><p>»Fahr schon! Auf meine Verantwortung.«</p><p>»Du wirst es sehen«, sagte ich und setzte mich ans Steuer.</p><p>»Wohin, Otto?« fragte ich.</p><p>»Weiter‚ raus.«</p><p>Wir erreichten die Ausfallstra&#xDF;e, die aus der Stadt f&#xFC;hrte, und kamen auf die Chaussee. Ich sp&#xFC;rte die Maschine und ihre Kraft.</p><p>»Schneller«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Die Reifen begannen zu pfeifen. Ich war jetzt ganz klar.</p><p>»Mehr Gas«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Kann ich ihn dann noch halten? Die Stra&#xDF;e ist na&#xDF;.«</p><p>»Wirst es schon merken.«</p><p>Der Motor br&#xFC;llte auf. In einer Kurve schleuderte der Wagen hinten weg. Ich steuerte gegen, einmal, zweimal und gab Gas. Einen Augenblick war alles lose wie ein Luftballon, dann fing sich der Wagen wieder.</p><p>»Gut«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Es war nasses Laub«, erwiderte ich und sp&#xFC;rte die W&#xE4;rme und Gel&#xF6;stheit, die nach jeder Gefahr &#xFC;ber die Haut str&#xF6;mt. K&#xF6;ster nickte.</p><p>»Das ist das Verfluchte bei Waldkurven im Herbst. Willst du eine Zigarette?«</p><p>»Ja«, sagte ich.</p><p>Wir hielten an und rauchten.</p><p>»K&#xF6;nnen jetzt umkehren«, sagte K&#xF6;ster dann. Ich fuhr in die Stadt zur&#xFC;ck und stieg aus.</p><p>»War gut, da&#xDF; wir gefahren sind, Otto. Bin jetzt dr&#xFC;ber weg.«</p><p>»Ich zeige dir n&#xE4;chstens mal eine andere Kurventechnik«, sagte er. »‘rumwerfen mit der Bremse. Kann man aber nur machen, wenn die Stra&#xDF;en trockener sind.«</p><p>»Sch&#xF6;n, Otto. Schlaf gut.«</p><p>»Schlaf gut, Robby.«</p><p>Ich ging ins Haus. Ich war sehr ersch&#xF6;pft, aber ganz ruhig und nicht mehr traurig.</p></section><section><title><p>23</p></title><p>Anfang November verkauften wir den Citroen. Das Geld reichte, um die Werkstatt eine Weile weiterzuf&#xFC;hren, aber unsere Lage wurde von Woche zu Woche schlechter. Die Leute stellten im Winter ihre Wagen ein, um Benzin und Steuern zu sparen, und Reparaturen kamen immer weniger vor. Wir halfen uns zwar mit dem Taxi durch, aber der Verdienst war f&#xFC;r drei zu knapp, und ich war deshalb ganz froh, als der Wirt vom International mir vorschlug, vom Dezember ab wieder jeden Abend bei ihm Klavier zu spielen. Auf diese Weise konnte ich Lenz und K&#xF6;ster das Taxi lassen.</p><p>Pat schrieb mir regelm&#xE4;&#xDF;ig. Ich wartete auf ihre Briefe, aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie lebte, und manchmal, glaubte ich, alles sei vorbei. Es schien mir endlos, seit sie fort war, und ich konnte mir nicht vorstellen, da&#xDF; sie wiederkommen w&#xFC;rde. Der Wirt hatte die Erlaubnis bekommen, das International am Weihnachtsabend offenzuhalten. Es sollte eine gro&#xDF;e Feier f&#xFC;r die Junggesellen aller Vereine stattfinden. Der Wirt erstand eine vier Meter hohe Edeltanne, die neben der Theke aufgebaut wurde. Rosa schm&#xFC;ckte den Baum. Marion und der schwule Kiki halfen ihr.</p><p>Ich hatte mich nachmittags zu Bett gelegt, um ein paar Stunden zu schlafen. Als ich aufwachte, war es dunkel. Ich mu&#xDF;te mich einen Augenblick besinnen, ob es Abend oder Morgen war. Ich hatte getr&#xE4;umt, aber ich wu&#xDF;te nicht mehr wovon. Ich war weit weg gewesen, und ich glaubte noch zu h&#xF6;ren, da&#xDF; eine schwarze T&#xFC;r hinter mir zuschlug. Dann merkte ich, da&#xDF; jemand klopfte.</p><p>»Wer ist da?« rief ich.</p><p>»Ich, Herr Lohkamp.«</p><p>Ich erkannte die Stimme Frau Zalewskis.</p><p>»Kommen Sie herein«, rief ich. »Die T&#xFC;r ist offen.«</p><p>»Frau Hasse ist da«, fl&#xFC;sterte sie. »Kommen Sie rasch. Ich kann es ihr nicht sagen.«</p><p>Ich r&#xFC;hrte mich nicht. Ich mu&#xDF;te mich erst zurechtfinden.</p><p>»Schicken Sie sie zur Polizei«, erwiderte ich dann.</p><p>»Herr Lohkamp!« Frau Zalewski hob die H&#xE4;nde. »Es ist niemand sonst da. Sie m&#xFC;ssen mir helfen.«</p><p>»Ich komme schon.«</p><p>Ich zog mich an und ging hinaus. Frau Zalewski wartete drau&#xDF;en auf mich.</p><p>»Wei&#xDF; sie schon was?« fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Sie hat einen pomp&#xF6;sen Hut auf und eine Diamantbrosche an«, fl&#xFC;sterte sie.</p><p>Frau Hasse stand am Fenster. Im ganzen sah sie nicht schlecht aus; besser jedenfalls als das ganze Jahr, w&#xE4;hrend sie hier gewesen war.</p><p>»Hasse arbeitet wohl noch am Heiligen Abend, wie?« fragte sie.</p><p>»Nein«, sagte ich.</p><p>»Wo ist er denn? Auf Urlaub?«</p><p>»Was wollen Sie denn noch von ihm?« fragte ich.</p><p>»Meine Sachen erledigen. Schlie&#xDF;lich geh&#xF6;rt mir doch ein Teil davon.«</p><p>»Es geh&#xF6;rt Ihnen jetzt alles.« Sie starrte mich an. »Er ist tot«, sagte ich.</p><p>Ich h&#xE4;tte es ihr gern anders gesagt. Mit mehr Vorbereitung und langsamer. Aber ich wu&#xDF;te nicht, wie ich es anfangen sollte.</p><p>»So«, sagte sie, »so…« Und pl&#xF6;tzlich, ohne da&#xDF; ich merken konnte, sah ich, wie die Frau vor mir alt wurde.</p><p>»Was hat er gehabt?« fragte sie, ohne die Lippen zu bewegen. »Was mache ich jetzt?« murmelte sie. »Was mache ich nur jetzt?« Ich wartete eine Zeitlang. »Was soll ich jetzt nur machen?«</p><p>»Sie haben doch sicher jemand, der auf Sie wartet. Gehen Sie zu ihm und besprechen Sie alles mit ihm. Und dann gehen Sie nach Weihnachten zum Polizeirevier. Da sind die Sachen hinterlegt, auch die Bankausweise. Sie m&#xFC;ssen sich dort melden, damit Sie das Geld ausgezahlt bekommen.«</p><p>»Geld, Geld«, murmelte sie stumpf. »Was f&#xFC;r Geld?«</p><p>»Ziemlich viel. Zw&#xF6;lfhundert Mark ungef&#xE4;hr.« Sie hob den Kopf.</p><p>»Nein! Das ist nicht wahr!« Ich gab keine Antwort. »Sagen Sie, da&#xDF; es nicht wahr ist«, fl&#xFC;sterte sie.</p><p>Ich schwieg. Ich hatte genug. Sie war &#xFC;ber den Anfang hinweg, sie wu&#xDF;te, da&#xDF; Hasse tot war, mit dem andern mu&#xDF;te sie nun selbst fertig werden. Wahrscheinlich w&#xFC;rde sie noch einmal umkippen, wenn sie h&#xF6;rte, da&#xDF; er sich erh&#xE4;ngt hatte, aber das war ihre eigene Sache. Man konnte Hasse ihretwegen nicht wieder lebendig machen. Sie weinte jetzt. Es dauerte eine Zeitlang. Ich h&#xE4;tte viel gegeben, wenn ich eine Zigarette h&#xE4;tte rauchen k&#xF6;nnen. Ich konnte nicht sehen, wenn jemand weinte. Endlich h&#xF6;rte sie auf. Sie trocknete ihr Gesicht, holte mechanisch ihre Puderdose hervor und puderte sich, ohne in den Spiegel zu schauen.</p><p>»Ich wei&#xDF; nichts mehr«, sagte sie mit gebrochener Stimme, »ich wei&#xDF; nichts mehr. Er war wohl ein guter Mann.«</p><p>»Das war er.«</p><p>Ich sagte ihr noch die Adresse des Polizeireviers und da&#xDF; es heute schon geschlossen sei. Es schien mir besser, wenn sie nicht gleich hinging. Es war genug f&#xFC;r heute.</p><p>Als sie fort war, kam Frau Zalewski aus ihrem Salon.</p><p>»Nur Herr Georgie. Was hat sie denn gesagt?«</p><p>»Nichts.«</p><p>»Um so besser. Ich habe kein Mitleid mit ihr«, erkl&#xE4;rte Frau Zalewski energisch.</p><p>»Wie sp&#xE4;t ist es denn jetzt?«</p><p>»Dreiviertel sieben.«</p><p>»Ich m&#xF6;chte um sieben mit Fr&#xE4;ulein Hollmann telefonieren. Aber so, da&#xDF; keiner zuh&#xF6;rt. Geht das?«</p><p>»Es ist ja niemand da, au&#xDF;er Herr Georgie. Frida habe ich schon fortgeschickt.«</p><p>»Gut.«</p><p>Ich klopfte bei Georgie. Es war lange her, da&#xDF; ich bei ihm gewesen war. Er hockte an seinem Schreibtisch und sah verdammt schlecht aus. Rund um ihn herum lag ein Haufen zerrissenes Papier.</p><p>»Tag, Georgie«, sagte ich, »was machst du denn da?«</p><p>»Inventur«, erwiderte er mit einem L&#xE4;cheln.</p><p>»Gute Weihnachtsbesch&#xE4;ftigung.«</p><p>»Hat keinen Zweck mehr, Robby.«</p><p>Er sah ziemlich durchsichtig aus.</p><p>»Was hast du heute gegessen?« fragte ich.</p><p>»Das ist ja egal. Aber ich kann einfach nicht mehr weiter. Ich mu&#xDF; es aufgeben.«</p><p>»Ist das so schlimm?«</p><p>»Ja«, sagte er.</p><p>»Georgie«, erwiderte ich ruhig, »sieh mich mal an. Glaubst du nicht, da&#xDF; ich auch mal was anderes werden wollte als Klavierspieler in der Hurenbude, dem Caf&#xE9; International?«</p><p>Er knetete an seinen H&#xE4;nden herum.</p><p>»Ich wei&#xDF; es, Robby. Aber es hilft mir nichts. F&#xFC;r mich war es alles. Und jetzt habe ich eingesehen, da&#xDF; es keinen Zweck hat. Da&#xDF; nichts einen Zweck hat. Wozu lebt man da eigentlich?«</p><p>Ich mu&#xDF;te lachen. »Du kleiner Esel«, sagte ich, »da hast du aber was entdeckt! Glaubst du, du bist allein mit deiner grandiosen Weisheit? Nat&#xFC;rlich hat‘s keinen Zweck. Man lebt auch nicht f&#xFC;r einen Zweck. So einfach ist das nun doch nicht. Komm, zieh dich an. Du gehst mit mir ins International. Wir wollen feiern, da&#xDF; du ein Mann geworden bist. Bislang warst du ein Schuljunge. Ich hole dich in einer halben Stunde ab.«</p><p>Um sieben Uhr meldete ich das Gespr&#xE4;ch mit Pat an. Von dieser Zeit an kostete es die halbe Taxe, und ich konnte doppelt so lange telefonieren. Ich setzte mich auf den Tisch im Vorzimmer und wartete. Eine Viertelstunde sp&#xE4;ter kam das Gespr&#xE4;ch. Pat war gleich am Apparat. Als ich ihre warme, dunkle, etwas z&#xF6;gernde Stimme so dicht neben mir h&#xF6;rte, wurde ich so aufgeregt, da&#xDF; ich kaum sprechen konnte.</p><p>»Mein Gott, Pat«, sagte ich, »bist du wirklich da?«</p><p>Sie lachte. »Wo bist du denn, Robby? Im B&#xFC;ro?«</p><p>»Nein, ich sitze bei Frau Zalewski auf dem Tisch. Wie geht es dir?«</p><p>»Gut, Liebling.«</p><p>»Bist du auf?«</p><p>»Ja. Ich sitze auf der Fensterbank in meinem Zimmer und habe meinen wei&#xDF;en Bademantel an. Drau&#xDF;en schneit es.«</p><p>Ich sah sie pl&#xF6;tzlich deutlich vor mir.</p><p>»Erz&#xE4;hl mir, was du da oben alles machst.«</p><p>Sie begann zu sprechen, aber ich h&#xF6;rte bald nicht mehr auf das, was sie sagte. Ich h&#xF6;rte nur ihre Stimme. Die Stimme schwieg. Ich atmete tief.</p><p>»Es ist sch&#xF6;n mit dir zu sprechen, Pat. Und heute abend, was tust du da?«</p><p>»Heute abend ist ein kleines Fest. Um acht beginnt es. Ich ziehe mich gerade dazu an.«</p><p>»Was ziehst du denn dazu an? Das silberne Kleid?«</p><p>»Ja, Robby. Das silberne Kleid, in dem du mich durch den Korridor getragen hast.«</p><p>»Und mit wem gehst du?«</p><p>»Mit niemand. Es ist doch hier im Sanatorium. Unten in der Halle. Da kennen sich alle.«</p><p>»Es mu&#xDF; schwer sein f&#xFC;r dich, mich nicht zu betr&#xFC;gen«, sagte ich. »In dem silbernen Kleid.«</p><p>Sie lachte. »In dem schon gar nicht. Da habe ich Erinnerungen.«</p><p>»Ich auch. Ich habe gesehen, wie es wirkt. Aber ich will es auch gar nicht so genau wissen. Du kannst mich betr&#xFC;gen, ich will es nur nicht wissen. Nachher, wenn du zur&#xFC;ckkommst, ist es dann nur wie getr&#xE4;umt f&#xFC;r dich und vergessen und vorbei.«</p><p>»Ach, Robby, ich kann dich nicht betr&#xFC;gen. Daf&#xFC;r denke ich viel zuviel an dich. Du wei&#xDF;t nicht, wie das hier oben ist. Ein strahlendes, sch&#xF6;nes Gef&#xE4;ngnis.«</p><p>»Ich werde zusehen, da&#xDF; ich dich einmal besuchen kann, Pat«, sagte ich.</p><p>»Wirklich, Robby?«</p><p>»Ja, vielleicht Ende Januar.«</p><p>Ich wu&#xDF;te, da&#xDF; es kaum m&#xF6;glich war, denn von Februar an mu&#xDF;ten wir ja auch noch das Geld f&#xFC;r das Sanatorium aufbringen. Aber ich sagte es ihr, damit sie etwas hatte, woran sie denken konnte. Es war dann sp&#xE4;ter nicht so schwer, es weiter zu verschieben, bis der Tag kam, wo sie wieder herunter konnte.</p><p>»Leb wohl, Pat«, sagte ich. »La&#xDF; es dir gut gehen. Sei froh, dann bin ich auch froh. Sei froh heute abend.«</p><p>»Ja, Robby, heute bin ich gl&#xFC;cklich.«</p><p>Ich holte Georgie ab und ging mit ihm zum Caf&#xE9; International. Die alte, verr&#xE4;ucherte Bude war kaum wiederzuerkennen. Der Weihnachtsbaum brannte, und sein warmes Licht spiegelte sich in allen Flaschen, Gl&#xE4;sern. Die Huren sa&#xDF;en in Abendkleidern, mit falschem Schmuck behangen, erwartungsvoll um einen Tisch herum.</p><p>Der E&#xDF;tisch war im gro&#xDF;en Vereinszimmer gedeckt. Alois erschien in einem neu aufgef&#xE4;rbten Frack, einem Geschenk des Wirts.</p><p>»Friede auf Erden!« sagte er gro&#xDF;artig, reichte Rosa die Hand und nahm neben ihr Platz.</p><p>»I&#xDF; langsam, Georgie«, sagte ich. »Dein Magen mu&#xDF; sich erst an das fette Fleisch gew&#xF6;hnen.«</p><p>»Ich mu&#xDF; mich &#xFC;berhaupt erst gew&#xF6;hnen«, erwiderte er und sah mich an.</p><p>»Das geht schnell«, sagte ich. »Man darf nur nicht vergleichen. Dann geht‘s immer.«</p><p>Er nickte und beugte sich wieder &#xFC;ber seinen Teller.</p><p>»Mir wird schlecht«, sagte Georgie zu mir.</p><p>»Komm mit‚ raus.«</p><p>Ich brachte ihn in den Waschraum und setzte mich dann in den Vorderraum, um auf ihn zu warten.</p><p>Im Hinterzimmer qualmten die Zigarren, und der Kognak wurde aufgefahren. Ich sa&#xDF; immer noch neben der Theke. Die M&#xE4;dchen kamen nach vorn.</p><p>»Was habt ihr denn?« fragte ich.</p><p>»Wir haben doch auch unsere Bescherung«, erwiderte Marion.</p><p>»Ach so.« Ich lehnte den Kopf an die Theke und dachte daran, was Pat jetzt wohl t&#xE4;te. Ich stellte mir die Halle des Sanatoriums vor, den brennenden Kamin und Pat an einem der Fenstertische mit Helga Guttmann und irgendwelchen Leuten. Es war alles schon so schrecklich lange her. Manchmal dachte ich, da&#xDF; man morgens einmal aufwachen k&#xF6;nnte und da&#xDF; dann alles vorbei w&#xE4;re, was fr&#xFC;her gewesen war, vergessen, versunken, ertrunken. Es gab nichts Sicheres – nicht einmal die Erinnerung. Eine Klingel l&#xE4;utete. Die M&#xE4;dchen rannten wie eine Schar aufgescheuchter H&#xFC;hner zum Billardzimmer hin&#xFC;ber. Da stand Rosa mit der Klingel. Sie winkte mir, auch zu kommen. Unter einer kleinen Tanne stand auf dem Billardtisch eine Anzahl mit Seidenpapier verdeckter Teller. Auf jedem lag ein Zettel mit einem Namen, darunter die P&#xE4;ckchen mit den Geschenken, die die M&#xE4;dchen sich gegenseitig machten. Rosa hatte das alles arrangiert.</p><p>»Willst du deinen Teller nicht haben?« fragte Rosa.</p><p>»Was f&#xFC;r einen Teller?«</p><p>»Deinen. Du wirst doch auch beschert.«</p><p>Wahrhaftig, da stand mein Name, in zwei Farben, rot und schwarz. &#xC4;pfel, N&#xFC;sse, Apfelsinen – von Rosa ein selbstgestrickter Pullover, von der Wirtin ein grasgr&#xFC;ner Schlips, vom schwulen Kiki ein Paar echt kunstseidene rosa Socken, von Wally, der Sch&#xF6;nen, ein Lederg&#xFC;rtel, vom Kellner Alois eine halbe Flasche Rum, von Marion, Lina und Mimi zusammen ein halbes Dutzend Taschent&#xFC;cher, und vom Wirt zwei Flaschen Kognak.</p><p>»Kinder«, sagte ich. »Kinder, das ist aber ganz unerwartet.«</p><p>»&#xDC;berraschung?« rief Rosa.</p><p>»Total!« Ich stand besch&#xE4;mt da, und, verdammt, ich war ger&#xFC;hrt bis auf die Knochen.</p><p>»Kinder«, sagte ich, »wi&#xDF;t ihr, wann ich zum letztenmal beschert worden bin? Ich wei&#xDF; es gar nicht mehr. Es mu&#xDF; vor dem Kriege gewesen sein. Aber nun habe ich gar nichts f&#xFC;r euch.«</p><p>»Weil du uns immer was vorgespielt hast«, sagte Lina err&#xF6;tend.</p><p>»Ja, du spielst uns was vor, das ist dein Geschenk«, erkl&#xE4;rte Rosa.</p><p>»Was ihr wollt«, sagte ich. »Alles, was ihr wollt.«</p><p>»Aus der Jugendzeit«, rief Marion.</p><p>»Nein, was Lustiges«, widersprach Kiki.</p><p>Ich setzte mich ans Klavier und begann. Alle sangen mit. »Aus der Jugendzeit – klingt ein Lied mir immerdar – O wie liegt so weit – was mein einst war…« Die Wirtin drehte alles elektrische Licht aus. Nur noch das milde Licht der Kerzen war da. Mit gl&#xE4;nzenden Augen standen die M&#xE4;dchen um das Klavier herum.</p><p>Um elf Uhr kamen K&#xF6;ster und Lenz. Wir setzten uns mit dem blassen Georgie an einen Tisch neben der Theke. Bald darauf war Lenz verschwunden. Eine Viertelstunde sp&#xE4;ter sahen wir ihn mit Grigoleit an der Theke auftauchen. Beide schlangen die Arme ineinander und tranken Br&#xFC;derschaft.</p><p>»Stefan!« sagte Grigoleit.</p><p>»Gottfried!« erwiderte Lenz, und beide sch&#xFC;tteten den Kognak hinunter.</p><p>»Ich schicke dir morgen ein Paket Blut- und Leberwurst, Gottfried. In Ordnung?«</p><p>»In bester Ordnung!« Lenz schlug ihm auf die Schulter. »Alter, guter Stefan!«</p><p>Stefan strahlte.</p><p>»Du kannst so sch&#xF6;n lachen«, sagte er begeistert. »Ich habe gern, wenn einer gut lachen kann.«</p><p>»Komm, Robby, trink einen mit auf das endlose Weltgel&#xE4;chter!«</p><p>Ich ging zu ihnen hin.</p><p>»Was hat denn der Kleine da?« fragte Stefan und zeigte auf Georgie. »Der sieht m&#xE4;chtig traurig aus.«</p><p>»Der ist leicht gl&#xFC;cklich zu machen«, sagte ich. »Der braucht nur etwas Arbeit.«</p><p>»Kunstst&#xFC;ck«, antwortete Stefan. »Heutzutage.«</p><p>»Er macht alles.«</p><p>»Machen alle alles heutzutage.«</p><p>Stefan wurde n&#xFC;chterner. »Der Junge braucht f&#xFC;nfundsiebzig Mark im Monat.«</p><p>»Unsinn. Damit kommt er nicht aus.«</p><p>»Der kommt damit aus«, sagte Lenz.</p><p>»Gottfried«, erwiderte Grigoleit, »ich bin ein alter S&#xE4;ufer. Gut. Aber Arbeit ist etwas Ernstes. Kann man jemand nicht heute geben und morgen wieder wegnehmen. So was ist schlimmer als heiraten lassen und morgen die Frau wieder wegnehmen. Aber wenn der Junge ehrlich ist und mit f&#xFC;nfundsiebzig Mark auskommt, hat er Schwein gehabt. Kann sich Dienstag acht Uhr bei mir melden. Brauche eine Hilfe f&#xFC;r meine Laufereien mit dem Verein und so. Ab und zu ein Paket mit Geschlachtetem gibt‘s extra. Scheint was in die Rippen haben zu m&#xFC;ssen.«</p><p>»Ist das ein Wort?« fragte Lenz.</p><p>»Es ist ein Wort von Stefan Grigoleit.«</p><p>»Georgie«, rief ich, »komm mal her.«</p><p>Er begann zu zittern, als er es h&#xF6;rte. Ich ging zu K&#xF6;ster zur&#xFC;ck.</p><p>»H&#xF6;r mal, Otto«, sagte ich, »wenn du dein Leben noch einmal von vorn leben k&#xF6;nntest, m&#xF6;chtest du das?«</p><p>»Genauso, wie es war?«</p><p>»Ja.«</p><p>»Nein«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Ich auch nicht«, sagte ich.</p></section><section><title><p>24</p></title><p>Es war drei Wochen sp&#xE4;ter, an einem kalten Abend im Januar. Ich sa&#xDF; im International und spielte mit dem Wirt »Siebzehn und vier«. Das Lokal war leer, nicht einmal die Huren waren gekommen. Die Stadt war unruhig. Drau&#xDF;en marschierten alle Augenblicke Kolonnen vor&#xFC;ber. Nachmittags war es zwischen Streikenden und der Polizei bereits zu einem Zusammensto&#xDF; gekommen, bei dem zw&#xF6;lf Leute verletzt worden waren, und die ganze Polizei stand seit Stunden unter Alarm.</p><p>»Es gibt keine Ruhe«, sagte der Wirt und zeigte eine Sechzehn vor. »Seit dem Krieg hat‘s keine Ruhe mehr gegeben. Und damals haben wir doch alle nichts anderes gewollt als Ruhe. Verr&#xFC;ckte Welt!«</p><p>Der Wirt deckte auf. Er hatte f&#xFC;nfzehn und sah mich zweifelnd an. Ich zeigte meine Karten vor. Es waren nur zw&#xF6;lf Augen, und er h&#xE4;tte mit f&#xFC;nfzehn gewonnen gehabt. Der Wirt sah nach der Uhr:</p><p>»Fast elf. Ich glaube, wir machen Schlu&#xDF;. Kommt doch keiner mehr.«</p><p>»Da kommt noch einer«, sagte Alois.</p><p>Die T&#xFC;r ging auf. Es war K&#xF6;ster.</p><p>»Gibt‘s was Neues drau&#xDF;en, Otto?«</p><p>Er nickte. »Eine Saalschlacht in den Borussias&#xE4;len. Zwei Schwerverletzte, ein paar Dutzend Leichtverletzte und ungef&#xE4;hr hundert Verhaftungen. Zwei Schie&#xDF;ereien im Norden. Wei&#xDF; nicht, wieviel Verletzte. Bist du hier fertig?«</p><p>»Ja«, sagte ich. »Wir wollten gerade Schlu&#xDF; machen.«</p><p>»Dann komm mit.«</p><p>Ich sah zum Wirt hin&#xFC;ber. Er nickte.</p><p>»Also, Servus«, sagte ich.</p><p>»Servus«, erwiderte der Wirt.</p><p>Wir gingen hinaus. Drau&#xDF;en roch es nach Schnee. Flugbl&#xE4;tter lagen wie gro&#xDF;e, tote, wei&#xDF;e Schmetterlinge auf der Stra&#xDF;e.</p><p>»Gottfried ist nicht da«, sagte K&#xF6;ster. »Er steckt in einer dieser Versammlungen.«</p><p>»Wei&#xDF;t du denn, wo er ist?« fragte ich.</p><p>»Nicht genau. Aber ziemlich sicher in einer der drei Hauptversammlungen. Wir m&#xFC;ssen sie abfahren.«</p><p>»Gut.«</p><p>Wir stiegen ein und jagten mit Karl los zum ersten Versammlungslokal.</p><p>Auf der Stra&#xDF;e stand ein Lastwagen mit Schupos<a type="note" l:href="#n_10">[10]</a>. Bunte Fahnen hingen in den Fenstern. Vor dem Eingang dr&#xE4;ngte sich eine Anzahl uniformierter Leute. Fast alle waren sehr jung. Wir kauften zwei Billetts und gingen in den Saal. Er war voll besetzt und gut beleuchtet. Wir blieben am Eingang stehen, und K&#xF6;ster, der sehr scharfe Augen hatte, musterte die Reihen. Auf dem Podium stand ein kr&#xE4;ftiger, untersetzter Mann und redete. Er hatte eine volle Bruststimme, die &#xFC;berzeugte, ohne da&#xDF; man viel darauf achtete, was sie sagte. Und was sie sagte, war leicht verst&#xE4;ndlich. Dann aber stand er pl&#xF6;tzlich still.</p><p>»Das kann nicht so weitergehen! Das mu&#xDF; anders werden!«</p><p>Das Publikum tobte Beifall, es klatschte und schrie, als sei damit schon alles anders geworden. Der Mann oben wartete ab. Sein Gesicht gl&#xE4;nzte. Und dann kam es, breit, &#xFC;berzeugend, Versprechen &#xFC;ber Versprechen.</p><p>Ich sah mir die Zuh&#xF6;rer an. Es waren Leute aller Berufe, Buchhalter, Beamte, eine Anzahl Arbeiter und viele Frauen. Sie sa&#xDF;en jetzt da in dem hei&#xDF;en Saal. Reihe an Reihe, Gesicht neben Gesicht. Es war sonderbar: So verschieden sie auch waren, die Gesichter hatten alle den gleichen, abwesenden Ausdruck, einen Blick mit der Erwartung. Der da oben wu&#xDF;te alles – er hatte f&#xFC;r jede Frage eine Antwort, f&#xFC;r jede Not eine Hilfe. Es war gut, sich ihm anzuvertrauen. Es war gut, jemand zu haben, der f&#xFC;r einen dachte. Es war gut, zu glauben. K&#xF6;ster stie&#xDF; mich an. Lenz war nicht da. Er winkte mit dem Kopf nach dem Ausgang. Ich nickte, und wir gingen.</p><p>Wir fuhren ein paar Stra&#xDF;en weiter. Dort war die zweite politische Versammlung. Andere Fahnen, andere Uniformen, ein anderer Saal; aber sonst alles &#xE4;hnlich. Auf den Gesichtern der gleiche Ausdruck von Ungewisser Hoffnung und gl&#xE4;ubiger Leere. Ein wei&#xDF;gedeckter Vorstandstisch, quer vor den Stuhlreihen. Der Redner war schw&#xE4;cher als der vorige. Er redete Papierdeutsch, er brachte Zahlen, Beweise, es stimmte alles, was er sagte, aber trotzdem &#xFC;berzeugte er weniger als der andere, der &#xFC;berhaupt nichts bewies, sondern nur behauptete.</p><p>»Komm«, sagte K&#xF6;ster nach einer Weile. »Hier ist er auch nicht. Habe ich &#xFC;brigens auch nicht erwartet.«</p><p>Wir fuhren weiter. Die Luft war kalt und Frisch. Der Wagen scho&#xDF; durch die Stra&#xDF;en. Wir kamen am Kanal vorbei.</p><p>»Ich denke, wir lassen den Wagen hier stehen und gehen das letzte St&#xFC;ck zu Fu&#xDF;«, sagte K&#xF6;ster nach einer Weile. »Ist unauff&#xE4;lliger.«</p><p>Wir hielten Karl unter einer Laterne vor einer Kneipe an. Wir kamen an eine riesige, schmutzige Mietskaserne mit mehreren H&#xE4;usern, H&#xF6;fen und Durchg&#xE4;ngen. Im untersten Stock befanden sich L&#xE4;den und eine B&#xE4;ckerei. Auf der Stra&#xDF;e vor dem ersten Durchgang standen zwei Lastwagen mit Schupos.</p><p>»Otto«, sagte ich zu K&#xF6;ster, der vor mir her ging, »Ich wei&#xDF;, was die Leute wollen. Sie wollen gar keine Politik. Sie wollen Religionsersatz.«</p><p>Er sah sich um. »Nat&#xFC;rlich. Sie wollen an irgend etwas wieder glauben. An was, ist ganz egal. Deshalb sind sie auch so fanatisch.«</p><p>Wir kamen auf den zweiten Hof, an dem das Versammlungslokal lag. Alle Fenster waren erleuchtet. Pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rten wir L&#xE4;rm von drinnen. Im selben Moment st&#xFC;rzte eine Anzahl junger Leute &#xFC;ber den Hof. Sie st&#xFC;rmten hinein.</p><p>»Ein Sto&#xDF;trupp«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>In der n&#xE4;chsten Sekunde splitterte ein Fenster und jemand flog heraus. Gleich darauf brach die T&#xFC;r auf, ein Haufen Menschen w&#xE4;lzte sich heraus, die ersten st&#xFC;rzten, die andern fielen dar&#xFC;ber hinweg. Pl&#xF6;tzlich sahen wir, drei Meter vor uns Gottfried. Lenz wollte nicht gehen.</p><p>»La&#xDF; mich nur noch einen Augenblick hin, Otto.«</p><p>»Unsinn«, rief K&#xF6;ster, »die Schupo kommt sofort! Los, da hinten‚ rauf.«</p><p>Wir liefen &#xFC;ber den Hof, dem dunklen Seiteneingang zu. Im gleichen riegelte die Polizei den Hof ab. Wir rannten die Treppen hinauf. Von einem Flurfenster aus sahen wir, wie es weiterging. Die Schupo arbeitete gl&#xE4;nzend. Sie sperrte ab, ri&#xDF; die Haufen auseinander und begann sofort abzutransportieren. Da wurde es still. Die Schupo zog ab, und der Hof wurde leer. Wir warteten noch etwas, dann gingen wir die Treppen hinunter. Wir gingen durch den vorderen Hof. Die Stra&#xDF;e war leer. Wir gingen die Stra&#xDF;e entlang. Ein paar Leute kamen uns auf der anderen Seite entgegen. Es waren vier junge Burschen. Sie blieben stehen und sahen zu uns her&#xFC;ber.</p><p>»Da ist er!« rief pl&#xF6;tzlich einer und lief &#xFC;ber die Stra&#xDF;e auf uns zu.</p><p>Im n&#xE4;chsten Augenblick krachten zwei Sch&#xFC;sse, der Bursche sprang weg, und alle vier rissen aus, so schnell sie konnten.</p><p>Ich sah, wie Gottfried Lenz aufs Pflaster schlug. Eine Sekunde dachte ich, er sei nur gefallen; dann sah ich das Blut. K&#xF6;ster ri&#xDF; ihm die Jacke auf. Das Blut quoll dicht hervor. Ich pre&#xDF;te mein Taschentuch dagegen.</p><p>»Bleib hier, ich hole den Wagen«, rief K&#xF6;ster und rannte los.</p><p>»Gottfried«, sagte ich, »h&#xF6;rst du mich?«</p><p>Sein Gesicht wurde grau. Die Augen waren halb geschlossen. Wir hoben Gottfried vorsichtig hoch und legten ihn auf die beiden Sitze. Ich sprang in den Wagen und K&#xF6;ster scho&#xDF; los. Wir fuhren zur n&#xE4;chsten Unfallstelle. K&#xF6;ster bremste vorsichtig.</p><p>»Sieh nach, ob ein Arzt da ist. Sonst m&#xFC;ssen wir weiter.«</p><p>Ich lief hinein. Ein Sanit&#xE4;ter kam mir entgegen.</p><p>»Ist ein Arzt da?«</p><p>»Ja. Habt ihr jemand?«</p><p>»Ja. Kommen Sie mit‚ ran! Eine Tragbahre.«</p><p>Wir hoben Gottfried auf die Bahre und trugen ihn hinein.</p><p>Der Arzt stand schon bereit.</p><p>»Hierher!« Er zeigte auf einen Tisch.</p><p>Wir hoben die Bahre hinauf. Der Arzt zog eine Lampe herunter, dicht &#xFC;ber den K&#xF6;rper.</p><p>»Was ist es?«</p><p>»Revolverschu&#xDF;.«</p><p>Er nahm einen Bausch Watte, wischte das Blut fort, griff nach Gottfrieds Puls, horchte ihn ab.</p><p>»Nichts mehr zu machen. Er mu&#xDF; fast augenblicklich tot gewesen sein«, sagte der Arzt. Er sah uns an.»Wie ist es denn gekommen?« fragte der Arzt.</p><p>Niemand antwortete. »Er kann hierbleiben«, sagte der Arzt.</p><p>K&#xF6;ster r&#xFC;hrte sich. »Nein«, erwiderte er. »Wir nehmen ihn mit!«</p><p>»Das geht nicht«, sagte der Arzt. »Wir m&#xFC;ssen die Polizei anrufen.«</p><p>K&#xF6;ster blickte den Arzt an.</p><p>»Gut«, sagte er dann, »ich werde hinfahren und die Polizei holen.«</p><p>»Sie k&#xF6;nnen telefonieren. Dann sind sie schneller hier.«</p><p>K&#xF6;ster sch&#xFC;ttelte langsam den Kopf. »Nein. Ich werde sie holen.«</p><p>Er ging hinaus, und ich h&#xF6;rte Karl anspringen.</p><p>»Wie ist es denn gekommen?« fragte er nochmals.</p><p>»Ich wei&#xDF; nicht. Es mu&#xDF; eine Verwechslung mit jemand gewesen sein.«</p><p>»War er im Krieg?« fragte der Arzt. Ich nickte. »Er ist mehrere Male verwundet worden.«</p><p>»Ja. Viermal.«</p><p>»Eine Gemeinheit«, sagte der Sanit&#xE4;ter.</p><p>Es dauerte lange, bis K&#xF6;ster wiederkam. Er war allein. Der Arzt legte die Zeitung weg, in der er gelesen hatte.</p><p>»Sind die Beamten da?« fragte er.</p><p>K&#xF6;ster blieb stehen. Er hatte nicht geh&#xF6;rt, was der Arzt gesagt hatte.</p><p>»Ist die Polizei da?« fragte der Arzt noch einmal.</p><p>»Ja«, erwiderte K&#xF6;ster. »Die Polizei. Wir m&#xFC;ssen telefonieren, da&#xDF; sie kommt.«</p><p>Der Arzt sah ihn an, sagte aber nichts und ging zum Telefon. Ein paar Minuten sp&#xE4;ter kamen zwei Beamte. Sie setzten sich an einen Tisch, und einer von ihnen nahm Gottfrieds Personalien auf. Ich wei&#xDF; nicht, aber es schien mir irrsinnig, zu sagen, wie er hie&#xDF; und wann er geboren war und wo er wohnte, jetzt, wo er tot war. Ich gab mechanisch Antwort. Der andere Beamte begann ein Protokoll aufzusetzen. K&#xF6;ster machte die notwendigen Angaben.</p><p>»K&#xF6;nnen Sie mir ungef&#xE4;hr sagen, wie der T&#xE4;ter aussah?« fragte der Beamte.</p><p>»Nein«, erwiderte K&#xF6;ster. »Ich habe nicht darauf geachtet.«</p><p>»Wissen Sie nicht, welcher politischen Partei er angeh&#xF6;rte?«</p><p>»Nein«, sagte K&#xF6;ster. »Ich habe nichts gesehen vor den Sch&#xFC;ssen. Und dann habe ich mich nur um…«, er stockte einen Augenblick, »um meinen Kameraden gek&#xFC;mmert.«</p><p>»Geh&#xF6;ren Sie einer politischen Partei an?«</p><p>»Nein.«</p><p>»Ich meinte, weil Sie sagten, er w&#xE4;re Ihr Kamerad…«</p><p>»Er ist mein Kamerad aus dem Krieg«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Der Beamte wandte sich mir zu. »K&#xF6;nnen Sie den T&#xE4;ter beschreiben?«</p><p>K&#xF6;ster sah mich fest an.</p><p>»Nein«, sagte ich. »Ich habe auch nichts gesehen.«</p><p>»Merkw&#xFC;rdig«, sagte der Beamte.</p><p>»Wir waren im Gespr&#xE4;ch und haben auf nichts geachtet. Es ging auch alles sehr schnell.«</p><p>Der Beamte seufzte. Er machte das Protokoll fertig.</p><p>»K&#xF6;nnen wir ihn mitnehmen?« fragte K&#xF6;ster.</p><p>»Eigentlich…« Der Beamte blickte den Arzt an. »Die Todesursache ist einwandfrei festgestellt?«</p><p>Der Arzt nickte. »Ich habe den Schein schon ausgeschrieben.«</p><p>»Und wo ist das Gescho&#xDF;? Ich mu&#xDF; das Gescho&#xDF; mitnehmen.«</p><p>»Es sind zwei Stecksch&#xFC;sse. Ich m&#xFC;&#xDF;te…« Der Arzt z&#xF6;gerte.</p><p>»Ich mu&#xDF; beide haben«, sagte der Beamte. »Ich mu&#xDF; sehen, ob sie aus der gleichen Waffe sind.«</p><p>»Ja«, erwiderte K&#xF6;ster auf einen Blick des Arztes.</p><p>Der Arzt nahm seine Werkzeuge und fuhr mit einer Pinzette in die Wunden. Die erste Kugel fand er rasch; sie war nicht sehr tief. Bei der zweiten mu&#xDF;te er schneiden.</p><p>»Das ist sie«, sagte der Arzt und richtete sich auf.</p><p>Er wischte das Gescho&#xDF; ab und gab es dem Beamten.</p><p>»Es ist das gleiche. Aus derselben Waffe, nicht wahr?« K&#xF6;ster sah die kleinen Geschosse genau an.</p><p>»Ja«, sagte er.</p><p>Der Beamte wickelte sie in Papier und steckte sie in die Tasche. Die Beamten gingen.</p><p>Wir nahmen die Bahre, trugen sie hinaus und legten sie auf die beiden linken Sitze. Wir deckten Gottfrieds Mantel &#xFC;ber ihn und fuhren ab. Nach einer Weile wandte sich K&#xF6;ster zu mir um.</p><p>»Wir fahren die Stra&#xDF;e noch einmal ab. Ich habe es vorhin schon getan. Aber da war es zu fr&#xFC;h. Vielleicht sind sie jetzt unterwegs.«</p><p>Wir kamen die Stra&#xDF;e entlang, in der es passiert war. Unter der Laterne war noch der schwarze Fleck des Blutes. K&#xF6;ster schaltete das Licht aus. Wir beobachteten die Stra&#xDF;e. Niemand war zu sehen.</p><p>»Wir fahren jetzt noch die andern Stra&#xDF;en ab. Ich habe das Gef&#xFC;hl, da&#xDF; wir ihnen jeden Moment begegnen m&#xFC;ssen.«</p><p>Pl&#xF6;tzlich sahen wir weit vor uns eine dunkle Gruppe von Menschen. Die Leute h&#xF6;rten uns nicht. Sie sprachen miteinander.</p><p>»Es sind vier«, fl&#xFC;sterte ich K&#xF6;ster zu. Im gleichen Moment br&#xFC;llte der Wagen auf und hielt einen Meter neben den vier aufschreienden Leuten.</p><p>K&#xF6;ster hing halb aus dem Wagen, sein K&#xF6;rper war ein Stahlbogen. Es waren vier &#xE4;ltere Leute. Einer von ihnen war betrunken. Sie begannen zu schimpfen. K&#xF6;ster erwiderte nichts. Wir fuhren weiter.</p><p>»Otto«, sagte ich, »wir werden ihn heute nicht kriegen. Ich glaube nicht, da&#xDF; er sich auf die Stra&#xDF;e traut.«</p><p>»Ja, vielleicht«, erwiderte er nach einer Weile und wendete den Wagen.</p><p>Wir fuhren zu K&#xF6;sters Wohnung. Sein Zimmer hatte einen eigenen Eingang, so da&#xDF; wir niemand zu wecken brauchten.</p><p>Als wir ausstiegen, sagte ich: »Weshalb wolltest du der Polizei nicht sagen, wie er aussah? Wir h&#xE4;tten doch Hilfe beim Suchen gehabt. Und gesehen haben wir ihn doch ziemlich genau.«</p><p>K&#xF6;ster blickte mich an.</p><p>»Weil wir das allein abmachen werden, ohne Polizei. Glaubst du denn« – seine Stimme wurde ganz leise, unterdr&#xFC;ckt und schrecklich –, »ich werde ihn der Polizei &#xFC;bergeben? Damit er ein paar Jahre Gef&#xE4;ngnis bekommt? Du wei&#xDF;t doch, wie alle diese Prozesse enden! Gottfried tot und der am Leben! Das gibt es nicht!«</p><p>Wir kauften einen Sarg und ein Grab auf dem Gemeindefriedhof. Es war ein klarer, sonniger Tag, als er beerdigt wurde. Wir machten den Sarg selbst zu und trugen ihn die Treppen hinunter. Es gingen nicht viele Leute mit. Ferdinand, Valentin, Alfons, der Barmixer Fred, Georgie, Jupp, Frau Sto&#xDF;, Gustav, Stefan Grigoleit und Rosa. Vor dem Friedhofstor mu&#xDF;ten wir eine Zeitlang warten. Es waren noch zwei Trauerz&#xFC;ge vor uns da, die durchgelassen werden mu&#xDF;ten. Wir hatten auch einen Geistlichen bestellt. Wir wu&#xDF;ten zwar nicht, was Gottfried dazu gesagt h&#xE4;tte, aber Valentin war daf&#xFC;r gewesen. Wir hatten den Pastor allerdings gebeten, keine Rede zu halten. Er sollte nur eine Bibelstelle vorlesen.</p><p>Wir standen an seinem Grabe, wir wu&#xDF;ten, da&#xDF; sein K&#xF6;rper, sein Haar, seine Augen noch da waren, verwandelt schon, aber doch noch da, und da&#xDF; er trotzdem schon fort war und nie wiederkam. Es war nicht zu begreifen. Unsere Haut war warm, unsere Gedanken arbeiteten, unser Herz pumpte Blut durch die Adern, wir waren da wie vorher, wie gestern noch, uns fehlte nicht pl&#xF6;tzlich ein Arm, wir waren nicht blind oder stumm geworden, alles war wie immer, gleich w&#xFC;rden wir fortgehen und Gottfried Lenz w&#xFC;rde zur&#xFC;ckbleiben und niemals nachkommen. Es war nicht zu begreifen. Die Schollen polterten auf den Sarg. Der Totengr&#xE4;ber hatte uns Spaten gegeben und nun gruben wir ihn ein, Valentin, K&#xF6;ster, Alfons, ich, wie wir schon manchen Kameraden eingegraben hatten. Alfons hatte ein einfaches, schwarzes Holzkreuz mitgebracht, ein Kreuz, wie sie auf den endlosen Gr&#xE4;berreihen in Frankreich zu Hunderttausenden stehen. Wir setzten es an das Kopfende des Grabes.</p><p>»Kommt«, sagte Valentin schlie&#xDF;lich heiser.</p><p>»Ja«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Wir gingen &#xFC;ber die Kieswege, dem Ausgang zu. Am Tor erwarteten uns Fred, Georgie und die andern.</p><p>»Er konnte so wunderbar lachen«, sagte Stefan Grigoleit, und die Tr&#xE4;nen fl&#xF6;ssen &#xFC;ber sein hilfloses, zorniges Gesicht.</p></section><section><title><p>25</p></title><p>Im Februar sa&#xDF; ich mit K&#xF6;ster zum letztenmal in unserer Werkstatt. Wir hatten sie verkaufen m&#xFC;ssen, und jetzt warteten wir auf den Auktionator. K&#xF6;ster hatte Aussicht, als Rennfahrer bei einer kleineren Autofirma im Fr&#xFC;hjahr unterzukommen. Ich blieb im Caf&#xE9; International und wollte versuchen, tags&#xFC;ber noch irgendeine Arbeit dazuzufinden, um mehr zu verdienen. Auf dem Hof versammelten sich allm&#xE4;hlich ein paar Leute. Der Auktionator kam.</p><p>»Gehst du‚ raus, Otto?« fragte ich.</p><p>»Wozu? Es steht ja alles drau&#xDF;en, und er wei&#xDF; Bescheid. K&#xF6;ster sah m&#xFC;de aus. Man konnte es bei ihm nicht leicht merken, aber wenn man ihn genau kannte, wu&#xDF;te man es. Sein Gesicht sah dann eher gespannter und h&#xE4;rter aus als sonst. Er war Abend f&#xFC;r Abend unterwegs, immer in derselben Gegend. Er kannte l&#xE4;ngst den Namen des Burschen, der Gottfried erschossen hatte. Er konnte ihn nur nicht finden, weil der andere, aus Furcht vor der Polizei, sein Quartier gewechselt hatte und sich irgendwo verborgen hielt. Alfons hatte das alles herausbekommen. Er wartete ebenfalls. Es war allerdings m&#xF6;glich, da&#xDF; der andere gar nicht in der Stadt war. Da&#xDF; K&#xF6;ster und Alfons hinter ihm her waren, wu&#xDF;te er nicht. Sie warteten darauf, da&#xDF; er zur&#xFC;ckkam, wenn er sich sicher f&#xFC;hlte.</p><p>»Ich werde mal‚ rausgehen und zusehen, Otto«, sagte ich.</p><p>»Gut.«</p><p>Ich ging auf den Hof. Unsere Werkzeugb&#xE4;nke und die &#xFC;brigen Sachen waren in der Mitte aufgebaut. Rechts an der Mauer stand das Taxi. Wir hatten es sauber gewaschen.</p><p>Jemand klopfte mir auf die Schulter. Ich wandte mich &#xFC;berrascht um. Ein junger, unangenehm forscher Mann in einem G&#xFC;rtelmantel stand vor mir. Er zwinkerte mit den Augen und schwang einen Bambusstock durch die Luft.</p><p>»Hallo! Wir kennen uns doch! Guido Thiess von der Augeka!« erkl&#xE4;rte das G&#xFC;rteltier selbstzufrieden. »Haben uns damals doch bei derselben Klamotte getroffen.« Er glaubte, wir h&#xE4;tten den Wagen damals weiterverkauft, und er wu&#xDF;te nicht, da&#xDF; uns die Werkstatt geh&#xF6;rte. Im Gegenteil, er nahm an, wir wollten den Wagen jetzt wiederkaufen.</p><p>»Der Wagen ist heute noch f&#xFC;nfzehnhundert wert«, sagte ich. »Die Taxikonzession nicht einmal eingeschlossen.«</p><p>»Eben«, erkl&#xE4;rte Guido eifrig. »Wir gehen bis f&#xFC;nfhundert, das hei&#xDF;t ich. Kriegen wir den Zuschlag, zahle ich Ihnen dreihundertf&#xFC;nfzig bar auf die Hand.«</p><p>»Kann ich nicht machen«, sagte ich. »Ich habe einen Kunden f&#xFC;r den Wagen.«</p><p>Er wollte neue Vorschl&#xE4;ge machen. »Hat keinen Zweck«</p><p>Der Auktionator fing an, die Sachen auszubieten. Die Droschke kam heran. Das erste Gebot war dreihundert Mark.</p><p>»Vierhundert«, sagte Guido.</p><p>»Sechshundert«, sagte ich.</p><p>Guido sch&#xFC;ttelte den Kopf und ging auf siebenhundert. Ich bot weiter. Guido ging verzweifelt mit. Er bot tausendzehn. Bei elfhundert wurde er rot und feindselig, quetschte aber doch elfhundertzehn hervor. Ich ging auf elfhundertneunzig und erwartete von ihm ein Gebot von zw&#xF6;lfhundert. Dann wollte ich aufh&#xF6;ren. Aber Guido war jetzt w&#xFC;tend. Er &#xE4;rgerte sich und bot pl&#xF6;tzlich dreizehnhundert. Ich &#xFC;berlegte rasch. H&#xE4;tte er weiter wirklich kaufen wollen, so h&#xE4;tte er todsicher bei zw&#xF6;lfhundert aufgeh&#xF6;rt. Jetzt wollte er mich aus Rache nur hochtreiben. Er glaubte nach unserm Gespr&#xE4;ch, ich h&#xE4;tte f&#xFC;nfzehnhundert als Grenze und sah keine Gefahr f&#xFC;r sich.</p><p>»Vierzehnhundertzehn«, erwiderte ich z&#xF6;gernd.</p><p>Ich hatte Angst, h&#xE4;ngen zu bleiben.</p><p>»Vierzehnhundertneunzig!« Guido sah mich triumphierend an.</p><p>Er glaubte, mir die Suppe gr&#xFC;ndlich versalzen zu haben. Ich hielt seinen Blick aus und schwieg. Der Auktionator fragte einmal, zweimal, dann hob er den Hammer. Fassungslos kam er zu mir heran.</p><p>»Ich dachte, Sie wollten…«</p><p>»Nein«, sagte ich.</p><p>Erst als er K&#xF6;ster kommen sah, begriff er auf einmal alles.</p><p>»Herrgott, der Wagen geh&#xF6;rte Ihnen? Ich Esel!«</p><p>Er setzte sich ans Steuer und fuhr ab. Wir blickten dem Wagen nach, und uns war nicht besonders zumute.</p><p>Nachmittags kam Mathilde Sto&#xDF;. Wir mu&#xDF;ten mit ihr noch f&#xFC;r den letzten Monat abrechnen. K&#xF6;ster gab ihr das Geld und schlug vor, sich bei dem neuen Besitzer der Werkstatt wieder um den Posten als Scheuerfrau zu bem&#xFC;hen. Wir hatten auch Jupp bei ihm untergebracht. Aber Mathilde sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Nee, Herr K&#xF6;ster, ich mache Schlu&#xDF;. Ich geh‘ zu meiner Tochter.«</p><p>Wir standen noch eine Weile in der leeren Werkstatt herum.</p><p>»K&#xF6;nnten eigentlich auch gehen«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Ja«, erwiderte ich. »Haben hier ja nichts mehr zu tun.«</p><p>Wir schl&#xF6;ssen die T&#xFC;r ab und gingen hinaus. Dann holten wir Karl. Er stand jetzt in einer Garage in der N&#xE4;he und war nicht mit verkauft worden. Wir fuhren zur Bank und zur Post, und K&#xF6;ster zahlte das Geld an den Konkursverwalter ein.</p><p>»Ich gehe jetzt schlafen«, sagte er, als er wieder herauskam. »Bist du nachher da?«</p><p>»Ich habe mich heute f&#xFC;r den ganzen Abend frei gemacht.«</p><p>»Gut, ich komme dann so um acht.«</p><p>Wir a&#xDF;en in einer kleinen Kneipe vor der Stadt und fuhren dann wieder hinein. Unterwegs sahen wir ein ziemlich gro&#xDF;es Caf&#xE9;. Wir gingen hinein und setzten uns an einen Tisch in der N&#xE4;he des Eingangs. Das Lokal war fast ganz besetzt.</p><p>»Was ist denn hier los?« fragte K&#xF6;ster.</p><p>Ein blondes M&#xE4;dchen neben uns &#xFC;bersch&#xFC;ttete uns mit einer Wolke Konfetti.</p><p>»Wo kommen Sie denn her?« lachte sie. »Wissen Sie nicht, da&#xDF; heute Faschingsanfang ist?«</p><p>»Ach so«, sagte ich.</p><p>Pl&#xF6;tzlich war es mir, als h&#xE4;tte ich einen elektrischen Schlag erhalten. An einem Tisch sa&#xDF; ein junger Mensch. Dumme Augen, sehr schmale Lippen… Ich ging wie betrunken weiter und blieb stehen. Ich sah jetzt auch die andern Leute am Tisch. Ich h&#xF6;rte, da&#xDF; sie im Chor irgendein Lied sangen. Ich ging mechanisch weiter, ich fand die Waschr&#xE4;ume, ich wusch mir die H&#xE4;nde. Dann ging ich zur&#xFC;ck.</p><p>»Was hast du?« fragte K&#xF6;ster.</p><p>Ich konnte nicht antworten.</p><p>»Ist dir schlecht?« fragte er.</p><p>Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf und sah nach dem Tisch nebenan. Pl&#xF6;tzlich wurde K&#xF6;ster bla&#xDF;. Er beugte sich vor.</p><p>»Ja?« fragte er ganz leise.</p><p>»Ja«, erwiderte ich.</p><p>»Wo?« Ich blickte in die Richtung.</p><p>K&#xF6;ster erhob sich langsam.</p><p>»Achtung«, fl&#xFC;sterte ich. »Nicht hier, Otto!«</p><p>Er ging durch das Lokal und kehrte zur&#xFC;ck.</p><p>»Nicht mehr da«, sagte er. Ich stand auf und blickte durch den Saal. K&#xF6;ster hatte recht.</p><p>»Glaubst du, da&#xDF; er mich erkannt hat?« fragte ich.</p><p>K&#xF6;ster zuckte die Achseln. »Ich verstehe das nicht«, sagte ich. »Ich bin doch h&#xF6;chstens ein, zwei Minuten im Waschraum gewesen.«</p><p>»Du warst &#xFC;ber eine Viertelstunde weg.«</p><p>»Was? Die andern sind auch weg. Da war noch ein M&#xE4;dchen mit ihnen, das ist auch nicht mehr da. Wenn er mich erkannt h&#xE4;tte, w&#xE4;re er doch bestimmt allein verschwunden.«</p><p>K&#xF6;ster winkte dem Kellner. »Gibt es hier noch einen zweiten Ausgang?«</p><p>»Ja, dr&#xFC;ben.«</p><p>»Komm«, sagte er.</p><p>Wir k&#xE4;mmten rund um das Caf&#xE9; s&#xE4;mtliche Stra&#xDF;en durch, immer weiter, aber wir sahen nichts. Endlich hielt K&#xF6;ster an.</p><p>»Wir werden ihn jetzt irgendwann kriegen.«</p><p>»Otto«, sagte ich. »Wir sollten es lassen.« Er sah mich an. »Gottfried ist tot«, sagte ich und wunderte mich selbst dar&#xFC;ber, was ich redete. »Er wird nicht wieder lebendig davon.«</p><p>K&#xF6;ster sah mich immer noch an.</p><p>»Geh nach Hause. Ich mu&#xDF; sehen, da&#xDF; es zu Ende kommt.«</p><p>»Ich gehe nicht nach Hause, Otto. Wenn es so ist, wollen wir zusammenbleiben.«</p><p>»Unsinn«, sagte er ungeduldig. »Ich kann dich nicht brauchen. Ich werde ihn allein treffen, ohne die andern, ganz allein! Hab keine Angst.«</p><p>Ich wu&#xDF;te weshalb er mich nicht mitgenommen hatte. Wegen Pat.</p><p>Ich ging zu Alfons. Er war der einzige, mit dem ich sprechen konnte. Ich wollte mit ihm beraten, ob wir etwas tun k&#xF6;nnten. Aber Alfons war nicht da. Ein verschlafenes M&#xE4;dchen sagte mir, er sei vor einer Stunde zu einer Versammlung gegangen. Ich setzte mich an einen Tisch, um zu warten.</p><p>Nach einiger Zeit h&#xF6;rte ich Schritte im Hause. Alfons trat herein. Sein Gesicht gl&#xE4;nzte von Schwei&#xDF;.</p><p>»Ich bin‘s, Alfons«, sagte ich.</p><p>»Komm her, rasch!«</p><p>Ich folgte ihm in das Zimmer. Alfons ging an einen Schrank und holte zwei alte Milit&#xE4;rverbandsp&#xE4;ckchen heraus.</p><p>»Kannst du mich mal verbinden?«, fragte er und zog die Hose aus.</p><p>»Das sieht aus wie ein Streifschu&#xDF;«, sagte ich.</p><p>»Ist es auch«, knurrte Alfons. »Los, verbinde schon!«</p><p>»Alfons«, sagte ich. »Wo ist Otto?«</p><p>»Wie soll ich wissen, wo Otto ist«</p><p>»Wart ihr nicht zusammen?«</p><p>»Nein. Sag ihm, da&#xDF; das mit Gottfried fertig ist. Habe fr&#xFC;her Bescheid gewu&#xDF;t als ihr! Hat geschossen, aber ich habe ihm die Hand‚ runtergeschlagen. Dann habe ich geschossen. Wo ist Otto?«</p><p>»Irgendwo um die M&#xF6;nkestra&#xDF;e‚ rum.«</p><p>»Gott sei Dank! Da wohnt er ja l&#xE4;ngst nicht mehr.«</p><p>Ich ging zum Telefon.</p><p>»Gustav«, sagte ich, »kannst du mal kommen? Schnell? Ich warte da.«</p><p>»Gemacht. Bin in zehn Minuten da.«</p><p>Ich h&#xE4;ngte den H&#xF6;rer ein und ging zu Alfons zur&#xFC;ck.</p><p>»W&#xE4;re besser gewesen, ihr h&#xE4;ttet irgendwo gesessen. Wegen des Alibis.«</p><p>»Denk lieber an dich«, sagte ich.</p><p>»Geh jetzt«, sagte er.</p><p>Gustav kam ein paar Minuten sp&#xE4;ter.</p><p>»Was ist los, Robert?« fragte er.</p><p>»Unser Wagen ist uns gestohlen worden heute abend. Jetzt habe ich geh&#xF6;rt, er w&#xE4;re in der Gegend der M&#xF6;nkestra&#xDF;e gesehen worden. Wollen wir mal hinfahren?«</p><p>»Aber klar!«</p><p>Gustav erz&#xE4;hlte mir, da&#xDF; er bald heiraten wolle. Es sei was Kleines unterwegs, da helfe alles nichts. Wir fuhren durch die M&#xF6;nkestra&#xDF;e und dann durch die Querstra&#xDF;en. »Da ist er!« rief Gustav pl&#xF6;tzlich. Der Wagen stand in einer versteckten, dunklen Seitengasse, Ich stieg aus, nahm meinen Schl&#xFC;ssel und schaltete die Z&#xFC;ndung ein.</p><p>»Alles in Ordnung, Gustav«, sagte ich.</p><p>»Danke sch&#xF6;n, da&#xDF; du mich hergebracht hast.« »Wollen wir nicht noch irgendwo einen trinken?« fragte er.</p><p>»Nein, heute nicht. Morgen. Ich mu&#xDF; jetzt rasch los.«</p><p>Ich griff in die Tasche, um ihm die Fahrt zu bezahlen. »Bist du verr&#xFC;ckt?« fragte er.</p><p>Er fuhr ab. Ich wartete eine Weile, dann fuhr ich hinterher, erreichte die M&#xF6;nkestra&#xDF;e und fuhr sie im dritten Gang langsam hinunter. Als ich wieder heraufkam, stand K&#xF6;ster an der Ecke.</p><p>»Was soll das?«</p><p>»Steig ein«, sagte ich rasch. »Du brauchst nicht mehr hier zu stehen. Alfons wu&#xDF;te es auch. Er hat – er hat ihn schon getroffen.«</p><p>»Und?«</p><p>»Ja«, sagte ich.</p><p>K&#xF6;ster stieg schweigend und ich fuhr.</p><p>»Wollen wir zu mir nach Hause?« fragte ich. Er nickte.</p><p>»Ich bin froh, Otto, da&#xDF; es so gekommen ist«, sagte ich.</p><p>»Ich nicht«, erwiderte er.</p><p>Bei Frau Zalewski war noch Licht. Sie kam aus ihrem Salon, als ich die T&#xFC;r aufschlo&#xDF;.</p><p>»Es ist ein Telegramm f&#xFC;r Sie da«, sagte sie.</p><p>»Ein Telegramm?« fragte ich erstaunt.</p><p>Das Telegramm lag mitten auf dem Tisch. Es waren nur drei Worte. »Robby, komm bald…« »Was mag da los sein, Otto? Herrgott, weshalb telefoniert sie nicht mehr? Es mu&#xDF; doch was los sein!«</p><p>»Wann hast du zum letztenmal von ihr geh&#xF6;rt?«</p><p>»Vor einer Woche. Nein, l&#xE4;nger.«</p><p>»Melde ein Gespr&#xE4;ch an. Wenn etwas ist, fahren wir gleich ab. Mit dem Wagen.«</p><p>Ich meldete die Verbindung mit dem Sanatorium an.Das Telefon klingelte. Ich fragte nach Pat. Eine Minute sp&#xE4;ter sagte mir die Stationsschwester, es w&#xE4;re besser, wenn Pat nicht telefoniere.</p><p>»Was hat sie?« schrie ich.</p><p>»Eine kleine Blutung vor einigen Tagen. Heute etwas Fieber.«</p><p>»Sagen Sie ihr, da&#xDF; ich k&#xE4;me«, rief ich. »Mit K&#xF6;ster und Karl. Wir fahren jetzt ab. Haben Sie verstanden?«</p><p>»Mit K&#xF6;ster und Karl«, wiederholte die Stimme.</p><p>»Ja. Aber sagen Sie es ihr sofort. Wir fahren jetzt ab.«</p><p>»Ich werde es ihr gleich bestellen.«</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck in mein Zimmer.</p><p>»Pack deinen Koffer«, sagte K&#xF6;ster. »Ich fahre nach Hause und hole meinen auch. In einer halben Stunde bin ich zur&#xFC;ck.«</p><p>Ich nahm den Koffer und packte rasch. Dann sagte ich Frau Zalewski und dem Wirt vom International Bescheid. Dann setzte ich mich in mein Zimmer ans Fenster, um auf K&#xF6;ster zu warten. Es war sehr still. Ich dachte daran, da&#xDF; ich morgen abend bei Pat sein w&#xFC;rde.</p><p>Ich nahm meinen Koffer und ging hinunter.</p><p>»Ich habe ein paar Decken mitgebracht«, sagte K&#xF6;ster. »Es wird kalt werden. Wickle dich ordentlich ein.«</p><p>»Wir fahren abwechselnd, was?« fragte ich.</p><p>»Ja. Aber vorl&#xE4;ufig fahre ich. Ich habe ja nachmittags geschlafen. Du solltest etwas schlafen«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf. »Kann ich nicht, Otto.«</p><p>»Dann leg dich wenigstens hin, damit du morgen fr&#xFC;h frisch bist. Wir m&#xFC;ssen noch durch ganz Deutschland.«</p><p>»Ich ruhe mich auch so aus.«</p><p>Ich blieb neben K&#xF6;ster sitzen.Gegen Morgen wurde es kalt. Wir wechselten das Steuer, und ich fuhr bis zehn Uhr. Dann fr&#xFC;hst&#xFC;ckten wir rasch in einem Wirtshaus am Wege, und ich fuhr weiter bis zw&#xF6;lf. Von da an blieb K&#xF6;ster am Steuer. Es ging schneller, wenn er allein fuhr. Nachmittags, als es zu d&#xE4;mmern anfing, kamen wir an das Gebirge. Wir hatten Schneeketten und eine Schaufel bei uns und erkundigten uns, wie weit wir kommen k&#xF6;nnten.</p><p>»Sie k&#xF6;nnen es mit Ketten versuchen«, sagte der Sekret&#xE4;r des Autoklubs. »Es ist dieses Jahr sehr wenig Schnee.«</p><p>Als wir ankamen ,sprang ich hinaus und lief durch den wei&#xDF;en Korridor, ri&#xDF; die T&#xFC;r auf und erblickte Pat, wie ich sie hundertmal in Traum und Sehnsucht gesehen hatte, sie kam mir entgegen, und ich hielt sie in den Armen wie das Leben und mehr als das Leben.</p><p>»Gott sei Dank!« sagte ich. »Ich glaubte, du l&#xE4;gest im Bett.«</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf an meiner Schulter.</p><p>Dann nahm sie mein Gesicht in ihre H&#xE4;nde und sah mich an.</p><p>»Da&#xDF; du da bist«, murmelte sie. »Da&#xDF; du gekommen bist!« Sie k&#xFC;&#xDF;te mich, vorsichtig, ernst und behutsam.</p><p>»Wir sind schnell gefahren«, sagte ich.</p><p>Sie antwortete nicht. Sie sah mich noch immer schweigend an.</p><p>»Bleibst du jetzt hier?« fragte sie. Ich nickte.</p><p>Ich wollte ihr antworten, da&#xDF; ich wahrscheinlich in ein paar Tagen abfahren m&#xFC;&#xDF;te, weil ich kein Geld h&#xE4;tte, um hierzubleiben. Ich konnte es nicht, w&#xE4;hrend sie mich so ansah.</p><p>»Warst du krank?« fragte ich.</p><p>»Etwas. Aber das ist jetzt vorbei.«</p><p>»Was hat denn der Arzt gesagt?«</p><p>Sie lachte. »Frag jetzt nicht nach dem Arzt. Frag &#xFC;berhaupt nichts mehr. Du bist da, das ist genug!«</p><p>»Pat«, sagte ich. »Ich mu&#xDF; rasch hinunter. K&#xF6;ster ist unten. Wir m&#xFC;ssen sehen, wo wir wohnen.« »K&#xF6;ster? Und wo ist Lenz?«</p><p>»Lenz«, sagte ich, »Lenz ist zu Hause geblieben. Wir warten dann unten in der Halle auf dich.«</p><p>»Robby! Ich wollte dir so viel sagen.«</p><p>»Ich dir auch, Pat. Aber nun haben wir ja Zeit dazu. Wir werden uns den ganzen Tag etwas erz&#xE4;hlen. Morgen.«</p><p>Ich ging zu K&#xF6;ster hinunter. Die Koffer waren schon ausgeladen. Man hatte uns zwei Zimmer nebeneinander gegeben. Wir wuschen uns. Dann kam K&#xF6;ster zu mir ins Zimmer. Er sah aus, als w&#xE4;re er gerade aufgestanden. Wir gingen zum Sanatorium zur&#xFC;ck. Karl stand noch drau&#xDF;en. K&#xF6;ster hatte ihm eine Decke &#xFC;ber den K&#xFC;hler geh&#xE4;ngt.</p><p>»Wann fahren wir zur&#xFC;ck, Otto?« fragte ich. Er blieb stehen.</p><p>»Ich denke, ich fahre morgen abend oder &#xFC;bermorgen fr&#xFC;h. Du bleibst doch hier…«</p><p>»Wie soll ich das denn machen«, erwiderte ich verzweifelt. »Mein Geld reicht h&#xF6;chstens f&#xFC;r zehn Tage. Und f&#xFC;r Pat ist das Sanatorium auch nur bis zum f&#xFC;nfzehnten bezahlt. Ich mu&#xDF; zur&#xFC;ck und verdienen. Hier brauchen sie wahrscheinlich keinen so schlechten Klavierspieler.«</p><p>»Ich besorge dir Geld«, sagte er. »Deshalb kannst du ruhig hierbleiben. Du kannst doch jetzt nicht wieder wegfahren.«</p><p>»Nein«, sagte ich.</p><p>Dann gingen wir in die Halle und setzten uns an den Kamin.</p><p>»Wie sp&#xE4;t ist es eigentlich?« fragte ich.</p><p>K&#xF6;ster sah nach der Uhr. »Halb sieben.«</p><p>»Merkw&#xFC;rdig«, sagte ich. »Dachte, es w&#xE4;re viel sp&#xE4;ter.« Pat kam die Treppe herunter. Sie ging rasch durch die Halle, um K&#xF6;ster zu begr&#xFC;&#xDF;en. Ich bemerkte jetzt erst, wie braun sie war. Aber ihr Gesicht war schmaler geworden, und die Augen gl&#xE4;nzten zu sehr.</p><p>»Hast du Fieber?« fragte ich.</p><p>»Etwas«, erwiderte sie rasch. »Gehen wir in die Bar, ja?«</p><p>»Gibt‘s denn hier eine Bar?«</p><p>Die Bar war voll. Pat begr&#xFC;&#xDF;te ein paar Leute. Ein Italiener fiel mir auf. Wir setzten uns an einen Tisch, der gerade frei wurde.</p><p>»Was willst du denn haben?« fragte ich.</p><p>»Einen Cocktail von Rum. So wie wir ihn immer in der Bar getrunken haben. Bestell noch einen Porto-Ronco. Aber f&#xFC;r dich. Ich bekomme keinen.«</p><p>Ich winkte dem M&#xE4;dchen. »Einen Porto-Ronco und einen Spezial«, sagte ich.</p><p>Wir bestellten noch ein paar Porto-Roncos, dann gingen wir in den Speisesaal. Pat war wundersch&#xF6;n. Ihr Gesicht leuchtete. Wir setzten uns an einen der kleinen Tische neben den Fenstern. Es war warm, und unten lag das Dorf im Schnee.</p><p>»Wo ist denn Helga Guttmann?« fragte ich.</p><p>»Abgereist«, sagte Pat nach einer Pause.</p><p>»Abgereist? So fr&#xFC;h?«</p><p>»Ja«, sagte Pat, und ich begriff, was sie meinte.</p><p>»Liebling«, sagte sie sehr leise und z&#xE4;rtlich. »Ich konnte es nicht mehr aushalten.«</p></section><section><title><p>26</p></title><p>Ich kam aus dem Zimmer des Chefarztes, K&#xF6;ster wartete auf mich in der Halle. Er stand auf, als er mich sah. Wir gingen nach drau&#xDF;en und setzten uns auf eine Bank vor dem Sanatorium.</p><p>»Es ist schlimm, Otto«, sagte ich. »Schlimmer, als ich gef&#xFC;rchtet habe.«</p><p>»Hast du mit dem Chefarzt selbst gesprochen?« fragte K&#xF6;ster. »Ja. Er hat mir alles erkl&#xE4;rt. Das Ergebnis ist, da&#xDF; es schlechter geworden ist.«</p><p>»Gibt es Hoffnung?«</p><p>»Ein Arzt hat immer Hoffnung, das geh&#xF6;rt zu seinem Beruf. Jetzt seien beide Lungen krank. Es ist verflucht, Otto.«</p><p>»Was hat er sonst noch gesagt?« fragte K&#xF6;ster.</p><p>»Er hat mir erkl&#xE4;rt, woher es wahrscheinlich k&#xE4;me. Es seien Folgen des Krieges. Unterern&#xE4;hrung in den Entwicklungsjahren. Aber was geht mich das alles an? Sie soll gesund werden.« Ich sah ihn an. »Nat&#xFC;rlich hat er mir gesagt, da&#xDF; er oft genug Wunder erlebt h&#xE4;tte. Das hat Jaff&#xE9; auch gesagt. Aber ich glaube nicht an Wunder.«</p><p>K&#xF6;ster antwortete nicht. Wir blieben schweigend nebeneinander sitzen. Was sollten wir auch sagen?</p><p>»Sie darf nichts merken, Robby«, sagte K&#xF6;ster schlie&#xDF;lich.</p><p>»Nat&#xFC;rlich nicht«, erwiderte ich.</p><p>Wir blieben sitzen, bis Pat kam.</p><p>»Da ist sie«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>»Ja«, sagte ich und stand auf.</p><p>»Hallo!« Pat kam heran und winkte. Sie lachte. »Ich bin ein bi&#xDF;chen betrunken. Von der Sonne.«</p><p>Ich sah sie an. Ich glaubte dem Arzt nicht mehr; ich glaubte an das Wunder. Sie war da; sie lebte; sie stand da und lachte – alles andere versank davor.</p><p>»Was macht ihr denn f&#xFC;r Gesichter?« fragte sie.</p><p>»Wir k&#xF6;nnen uns an die Sonne noch nicht gew&#xF6;hnen.«</p><p>Sie lachte. »Ich habe heute einen guten Tag. Ohne Fieber. Ich darf‚ raus. Wollen wir ins Dorf gehen und einen Aperitif trinken?«</p><p>»Nat&#xFC;rlich.«</p><p>»Also los!«</p><p>Wir winkten einen Kutscher heran und fuhren die Serpentinen hinab ins Dorf. Vor einem Caf&#xE9; hielten wir und stiegen aus. Es sa&#xDF;en viele Leute da, und ich erkannte einige aus dem Sanatorium. Der Italiener aus der Bar war auch dabei. Er wurde Antonio gerufen und kam an unsern Tisch, um Pat zu begr&#xFC;&#xDF;en.</p><p>»Was willst du trinken, Pat?« fragte ich.</p><p>»Einen Martini. Einen trockenen Martini.«</p><p>Ein Radio begann zu spielen. Wiener Walzer. Der Kellner brachte die Martinis.</p><p>»Sch&#xF6;n, so zu sitzen, wie?« fragte Pat.</p><p>»Herrlich«, erwiderte ich.</p><p>»Aber manchmal ist es nicht zum Aushalten«, sagte sie.</p><p>Wir blieben zum Essen unten. Pat wollte es gern. Sie hatte in der letzten Zeit immer im Sanatorium bleiben m&#xFC;ssen, und dieses war ihr erster Ausgang. Antonio a&#xDF; mit uns. Nachher fuhren wir wieder hinauf, und Pat ging in ihr Zimmer, weil sie zwei Stunden liegen mu&#xDF;te.</p><p>Pat kam hinzu. Sie sah warm und ausgeschlafen aus. Ihr Hund tobte um sie herum. »Billy!« rief ich. Er kannte mich nicht wieder.</p><p>»Du siehst wunderbar aus«, sagte ich.</p><p>Sie blickte mich gl&#xFC;cklich an. Dann trat sie an Karl heran.</p><p>»Ich m&#xF6;chte mal wieder drinsitzen und ein kleines St&#xFC;ck fahren.«</p><p>»Nat&#xFC;rlich«, sagte ich, »was, Otto?«</p><p>»Selbstverst&#xE4;ndlich. Sie haben ja einen dicken Mantel an, und hier sind noch Schals und Decken genug.«</p><p>Wir kamen aus dem Dorf heraus. Es war sp&#xE4;ter Nachmittag.</p><p>»So weit vom Dorf war ich noch nie«, sagte Pat. »Ist das die Stra&#xDF;e nach Hause?«</p><p>»Ja.« Sie schwieg und sah hinunter.</p><p>»Wie weit ist es?« fragte sie.</p><p>»So an tausend Kilometer. Im Mai fahren wir hinunter. Dann holt Otto uns ab.«</p><p>»Im Mai«, wiederholte sie. »Mein Gott, im Mai.«</p><p>»Wir m&#xFC;ssen zur&#xFC;ck, Pat«, sagte ich.</p><p>Sie blickte auf, und ihr Gesicht war pl&#xF6;tzlich wie zerfallen vor Schmerz. Ich sah auf einmal, da&#xDF; sie alles wu&#xDF;te. Sie wu&#xDF;te, da&#xDF; sie nie mehr &#xFC;ber diese Bergkette am Horizont hinwegkommen w&#xFC;rde, sie wu&#xDF;te es und wollte es verbergen, so wie wir es vor ihr verbergen wollten.</p><p>Eine Stunde sp&#xE4;ter sa&#xDF; ich in der Halle. Pat war in ihrem Zimmer, und K&#xF6;ster war zur Wetterstelle gegangen, um sich zu erkundigen, ob es Schnee g&#xE4;be. Nach einer Weile kam Antonio und setzte sich zu mir.</p><p>»Sind Sie auch krank?« fragte ich Antonio.</p><p>»Nat&#xFC;rlich«, sagte er l&#xE4;chelnd.</p><p>K&#xF6;ster kam von der Wetterdienststelle zur&#xFC;ck. »Ich mu&#xDF; fahren, Robby«, sagte er. »Das Barometer ist gefallen, und wahrscheinlich gibt es diese Nacht Schnee. Dann komme ich morgen nicht mehr durch. Heute abend geht‘s grade noch.«</p><p>»Gut. Essen wir noch zusammen?« »Ja. Ich packe jetzt rasch.«</p><p>»Ich komme mit«, sagte ich.</p><p>Wir packten K&#xF6;sters Sachen zusammen und brachten sie zur Garage hinunter. Dann gingen wir zur&#xFC;ck, um Pat zu holen. Dann a&#xDF;en wir rasch. K&#xF6;ster fuhr Karl aus der Garage zum Portal vor. »Mach‘s gut, Robby«, sagte er. »Du auch, Otto.«</p><p>»Auf Wiedersehen, Pat.« Er gab ihr die Hand und sah sie an. »Im Fr&#xFC;hjahr komme ich Sie holen.«</p><p>»Leben Sie wohl, K&#xF6;ster.« Pat hielt seine Hand fest. »Ich freue mich so, Sie noch gesehen zu haben. Gr&#xFC;&#xDF;en Sie auch Gottfried Lenz von mir.«</p><p>»Ja«, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Sie hielt immer noch seine Hand. Ihre Lippen zitterten. Und pl&#xF6;tzlich machte sie einen Schritt vor und k&#xFC;&#xDF;te ihn.</p><p>»Jetzt ist das letzte Schiff abgefahren, Robby.«</p><p>»Das zweitletzte«, erwiderte ich. »Das letzte bin ich. Und wei&#xDF;t du, was ich vorhabe? Ich will mir ein anderes Zimmer suchen. Werde mal versuchen, ein Zimmer in deiner N&#xE4;he zu bekommen.«</p><p>Sie l&#xE4;chelte. »Ausgeschlossen! Kriegst du nicht! Wie willst du das machen?«</p><p>»Freust du dich, wenn ich es schaffe?«</p><p>»Was f&#xFC;r eine Frage! Es w&#xE4;re herrlich, Liebling. Fast wie bei Mutter Zalewski!«</p><p>»Gut, dann la&#xDF; mich mal jetzt eine halbe Stunde arbeiten!«</p><p>»Sch&#xF6;n. Ich spiele so lange mit Antonio Schach. Das habe ich hier gelernt.«</p><p>Ich ging ins B&#xFC;ro und erkl&#xE4;rte, da&#xDF; ich l&#xE4;ngere Zeit bliebe und ein Zimmer in Pats Etage haben m&#xF6;chte. Eine &#xE4;ltere Dame teilte mir mit, da&#xDF; der Chefarzt &#xFC;ber Ausnahmen zu entscheiden habe. Er sei aber nicht mehr da. Der Chefarzt wohnte in einem kleinen Hause neben dem Sanatorium. Er empfing mich gleich und gab mir sofort die Erlaubnis.</p><p>»So leicht habe ich mir das nach dem Anfang nicht vorgestellt«, sagte ich. Er lachte. Ich ging zur&#xFC;ck ins B&#xFC;ro. Ich regelte alles mit der Sekret&#xE4;rin. Dann ging ich zu Pat in die Halle.</p><p>»Hast du‘s geschafft?« fragte sie.</p><p>»Noch nicht, aber in ein paar Tagen werde ich‘s schon erreichen.«</p><p>»Schade.« Sie warf die Schachfiguren um und stand auf.</p><p>»Was wollen wir machen?« fragte ich. »In die Bar gehen?«</p><p>»Wir spielen abends oft Karten«, sagte Antonio.«</p><p>»Kartenspielen? Pat?« fragte ich verwundert. »Was kannst du denn f&#xFC;r Kartenspiele? Schwarzer Peter und Patience, was?«</p><p>»Poker, Liebling«, erkl&#xE4;rte Pat. Ich lachte.</p><p>»Tats&#xE4;chlich, sie kann es«, sagte Antonio.</p><p>»Das m&#xFC;ssen wir doch mal versuchen.«</p><p>Wir setzten uns in eine Ecke und begannen zu spielen. Pat pokerte gar nicht schlecht. Wir gingen noch in die Bar und tranken ein paar Spezial. Dann mu&#xDF;te Pat schlafen. Ich verabschiedete mich in der Halle von ihr. Sie schritt langsam die Treppe hinauf und sah sich um und blieb stehen, bevor sie in den Korridor einbog. Ich wartete etwas, dann lie&#xDF; ich mir im B&#xFC;ro meinen Zimmerschl&#xFC;ssel geben. Die kleine Sekret&#xE4;rin l&#xE4;chelte.</p><p>»Nummer achtundsiebzig«, erkl&#xE4;rte sie.</p><p>Es war das Zimmer neben Pat. Eine halbe Stunde sp&#xE4;ter klopfte ich an die Verbindungst&#xFC;r zwischen den beiden Zimmern.</p><p>»Wer ist da?« rief Pat.</p><p>»Die Sittenpolizei«, erwiderte ich.</p><p>»Du, Robby?«</p><p>»Und nun sag mir sofort, wieviel M&#xE4;nner hier schon gewesen sind.«</p><p>»Niemand, au&#xDF;er dem Fu&#xDF;ballklub und dem verst&#xE4;rkten philharmonischen Orchester«, erkl&#xE4;rte Pat lachend. »Ach, Liebling, jetzt sind die alten Zeiten wieder da!«</p><p>Sie schlief an meiner Schulter ein. Ich blieb noch lange wach. In einer Ecke des Zimmers brannte eine kleine Lampe. Die Schneeflocken klopften leise gegen das Fenster, und die Zeit schien stillzustehen. Es war sehr warm im Zimmer. Ich f&#xFC;hlte ihr Haar an meiner Schulter und sp&#xFC;rte unter meinen Lippen den Puls ihrer Hand klopfen. Du solltest sterben, dachte ich. Du kannst nicht sterben. Du bist das Gl&#xFC;ck. Vorsichtig zog ich die Decke wieder herauf. Pat murmelte etwas und verstummte wieder und schob langsam, im Schlaf, ihre Hand um meinen Nacken.</p></section><section><title><p>27</p></title><p>Die n&#xE4;chsten Tage schneite es ununterbrochen. Pat hatte Fieber und mu&#xDF;te im Bett bleiben. Viele im Hause hatten Fieber.</p><p>»Es ist das Wetter«, sagte Antonio. »Zu warm und f&#xF6;hnig. Richtiges Fieberwetter.«</p><p>»Liebling, geh ein bi&#xDF;chen‚ raus«, sagte Pat. »Kannst du Schifahren?«</p><p>»Nein. Ich bleibe viel lieber hier.«</p><p>»Robby«, sagte sie, »tu‘s mir zuliebe. Ich m&#xF6;chte nicht gern, da&#xDF; du hier so am Krankenbett sitzt. Gestern und vorgestern, das war schon mehr als genug.«</p><p>»Ich sitze gern hier«, erwiderte ich.</p><p>»Es ist besser f&#xFC;r uns beide. Sie l&#xE4;chelte m&#xFC;hsam. »Liebling. Man sieht schrecklich aus, morgens, wenn man Fieber hat. Ich will nicht h&#xE4;&#xDF;lich sein, wenn du mich siehst.«</p><p>»Aber Pat!« Ich stand auf. »Also gut, ich gehe ein bi&#xDF;chen mit Antonio‚ raus.«</p><p>Antonio wohnte im zweiten Stock. Er lieh mir ein Paar Schuhe und Schier. Sie pa&#xDF;ten, denn wir waren gleich gro&#xDF;. Wir gingen zur &#xDC;bungswiese, die ein St&#xFC;ck hinter dem Dorf lag. Antonio blickte mich unterwegs forschend an.</p><p>»Fieber macht unruhig«, sagte er. »Sonderbare Sachen sind hier an solchen Tagen manchmal schon passiert.Das schlimmste ist das Warten und das Nichtstunk&#xF6;nnen. Das macht verr&#xFC;ckt und kaputt.«</p><p>»Die Gesunden auch«, erwiderte ich. »Dabeistehen zu m&#xFC;ssen und nichts tun k&#xF6;nnen.«</p><p>»Wollen wir‘s mal probieren?« fragte Antonio und stemmte die Schist&#xF6;cke in den Schnee.</p><p>»Ja.«</p><p>Er zeigte mir, wie man die Schier anmachte und wie man das Gleichgewicht hielt. Es war nicht schwer. Ich fiel ziemlich oft, aber dann gew&#xF6;hnte ich mich allm&#xE4;hlich, und es klappte schon ein wenig. Nach einer Stunde h&#xF6;rten wir auf.</p><p>»Genug«, meinte Antonio. »Sie werden heute abend Ihre Muskeln schon sp&#xFC;ren.«</p><p>»War gut, da&#xDF; wir drau&#xDF;en waren, Antonio«, sagte ich.</p><p>Er nickte. »Das k&#xF6;nnen wir jeden Vormittag machen. Man kommt auf andere Gedanken dabei.«</p><p>»Wollen wir irgendwo was trinken?« fragte ich. »K&#xF6;nnen wir. Einen Dubonnet bei Forster.«</p><p>Wir tranken den Dubonnet und gingen zum Sanatorium hinauf. Im B&#xFC;ro sagte mir die Sekret&#xE4;rin, der Brieftr&#xE4;ger w&#xE4;re f&#xFC;r mich dagewesen; er h&#xE4;tte hinterlassen, ich solle zur Post kommen. Es sei Geld f&#xFC;r mich da. Ich sah nach der Uhr. Es war noch Zeit, und ich ging zur&#xFC;ck. Auf der Post zahlte man mir zweitausend Mark aus. Ein Brief von K&#xF6;ster war dabei. Ich solle mir keine Sorgen machen; es sei noch mehr da. Ich brauche nur zu schreiben.</p><p>Ich starrte auf die Scheine. Wo hatte er das nur her? Und so schnell? Ich kannte doch unsere Quellen. Und pl&#xF6;tzlich wu&#xDF;te ich es. K&#xF6;ster hatte Karl verkauft! Karl war nicht mehr da. Ich h&#xE4;tte das Geld am liebsten sofort zur&#xFC;ckgeschickt, Aber es ging nicht, wir brauchten es. Dann ging ich hinaus. Autos waren Freunde, aber Karl war uns noch viel mehr gewesen. Ein Kamerad! Karl, das Chausseegespenst. Wir hatten zusammengeh&#xF6;rt. Karl und K&#xF6;ster, Karl und Lenz, Karl und Pat. Lenz war tot. Karl war fort. Und Pat?</p><p>Nachmittags wurde es klarer und k&#xE4;lter, und abends ging es Pat besser. Sie konnte am n&#xE4;chsten Morgen aufstehen.</p><p>Wir gingen ins Dorf. An einer Konditorei hielt ich und holte eine Schachtel Konfekt heraus. »Gebrannte Mandeln«, sagte ich und hielt ihr das Paket hin.</p><p>»Die i&#xDF;t du doch gerne, wie?«</p><p>»Robby«, sagte Pat. Ihre Lippen zuckten.</p><p>»Einen Augenblick«, erwiderte ich und ging rasch in den Blumenladen nebenan.</p><p>Einigerma&#xDF;en ruhig kam ich mit meinen Rosen wieder heraus.</p><p>»Robby«, sagte Pat.</p><p>»Komm rasch einen trinken«, sagte ich.</p><p>Sie nickte. Wir traten in das n&#xE4;chste Caf&#xE9; und setzten uns an einen leeren Tisch am Fenster.</p><p>»Was willst du haben, Pat?«</p><p>»Rum«, sagte sie und sah mich an.</p><p>»Mein alter Liebling«, sagte Pat und hob ihr Glas.</p><p>»Mein alter, guter Bursche«, sagte ich.</p><p>Wir sa&#xDF;en noch eine Weile. Dann gingen wir weiter, dicht nebeneinander.</p><p>»Wie f&#xFC;hlst du dich, Pat?« fragte ich.</p><p>»Gut, Robby.«</p><p>»Sollen uns nur kommen, was?«</p><p>»Ja, Liebling.«</p><p>Sie dr&#xFC;ckte meinen Arm an sich. Die Stra&#xDF;e wurde leer. Das Abendrot lag wie eine rosa Decke auf den verschneiten Bergen.</p><p>»Pat«, sagte ich, »du wei&#xDF;t noch gar nicht, da&#xDF; wir eine Menge Geld haben. K&#xF6;ster hat was geschickt.« Sie blieb stehen.</p><p>»Das ist ja wunderbar, Robby. Dann k&#xF6;nnen wir doch einmal ganz richtig ausgehen.Dann gehen wir Sonnabend in den Kursaal. Da ist der letzte gro&#xDF;e Ball in diesem Jahr.«</p><p>»Du darfst doch abends nicht‚ raus.«</p><p>»Robby«, sagte Pat, »ich habe in der Zeit, wo du nicht da warst, alles getan, was mir vorgeschrieben wurde. Es hat nichts gen&#xFC;tzt. Es ist schlechter mit mir geworden. Aber die Zeit, die ich noch habe, die Zeit mit dir – la&#xDF; mich tun, was ich will.«</p><p>Ihr Gesicht war rot. Es war ernst und still und voll gro&#xDF;er Z&#xE4;rtlichkeit. Wovon sprechen wir nur? dachte ich mit trockenem Mund, es ist doch unm&#xF6;glich, da&#xDF; wir dastehen und &#xFC;ber etwas reden, was nie sein kann und nie sein darf.</p><p>»Ich will nur noch gl&#xFC;cklich sein.«</p><p>Abends brachte Antonio eine Einladung.</p><p>»Kann ich denn da so einfach mitgehen?« fragte ich.</p><p>»Hier kann man vieles, was sonst nicht geht«, sagte Antonio l&#xE4;chelnd.</p><p>Der Russe war ein dunkler, &#xE4;lterer Mann. Er bewohnte zwei Zimmer, in denen viele Teppiche lagen. Auf einer Truhe standen Schnapsflaschen. Die Zimmer waren halbdunkel. Es brannten nur Kerzen. Unter den G&#xE4;sten war eine sehr sch&#xF6;ne, junge Spanierin. Sie hatte Geburtstag; das sollte gefeiert werden.</p><p>»Was wollen Sie trinken?« fragte mich der Russe. Er hatte eine sehr warme, tiefe Stimme.</p><p>»Was Sie haben.«</p><p>Er holte eine Flasche Kognak und eine Karaffe Wodka.</p><p>»Sind Sie gesund?« fragte er.</p><p>»Ja«, antwortete ich verlegen. Er bot mir Zigaretten mit langen Pappmundst&#xFC;cken an. Wir tranken. »Gewi&#xDF; kommt Ihnen manches hier sonderbar vor, nicht wahr?« meinte er.</p><p>»Nicht einmal so sehr«, erwiderte ich. »Ich bin kein normales Leben gew&#xF6;hnt.«</p><p>»Ja«, sagte er und sah mit einem dunklen Blick zu der Spanierin hin&#xFC;ber, »es ist eine Welt f&#xFC;r sich hier oben. Sie ver&#xE4;ndert die Menschen. Eine sonderbare Krankheit«, f&#xFC;gte er nachdenklich hinzu. »Sie macht die Menschen lebendiger. Und manchmal besser. Eine mystische Krankheit.«</p><p>»Wer ist das?« fragte ich Pat, als er weg war.</p><p>Der Russe hatte die Flaschen stehengelassen. Ich go&#xDF; mir ein paar Gl&#xE4;ser ein und trank sie leer. Die Stimmung in dem Raum bedr&#xFC;ckte mich. Ich sah Pat nicht gern unter all diesen Kranken.</p><p>»Gef&#xE4;llt es dir hier nicht?« fragte sie.</p><p>»Nicht sehr. Ich mu&#xDF; mich erst daran gew&#xF6;hnen.«</p><p>»Mein armer Liebling…« Sie strich &#xFC;ber meine Hand.</p><p>»Ich bin nicht arm, wenn du da bist«, sagte ich.</p><p>»Ist Rita nicht sehr sch&#xF6;n?«</p><p>»Nein«, sagte ich, »du bist viel sch&#xF6;ner.«</p><p>Die junge Spanierin hatte eine Gitarre auf den Knien. Sie zupfte ein paar Akkorde. Dann begann sie zu singen, und es war, als schwebe ein dunkler Vogel durch den Raum. Sie sang spanische Lieder, mit einer halblauten Stimme , Stimme der Kranken.</p><p>Am n&#xE4;chsten Morgen war Pat fr&#xF6;hlich und ausgelassen. Sie besch&#xE4;ftigte sich mit ihren Kleidern.</p><p>»Zu weit geworden, viel zu weit«, murmelte sie pr&#xFC;fend vor dem Spiegel. Dann wandte sie sich mir zu.</p><p>»Hast du eigentlich deinen Smoking mit, Liebling?«</p><p>»Nein«, sagte ich. »Habe nicht gewu&#xDF;t, da&#xDF; man hier einen braucht.«</p><p>»Dann geh zu Antonio. Er wird dir einen leihen. Ihr habt ja die gleiche Figur.«</p><p>»Der braucht ihn doch selber.«</p><p>»Er zieht einen Frack an. Und dann geh Skilaufen. Ich mu&#xDF; jetzt hier arbeiten. Das kann ich aber nicht, wenn du dabei bist.«</p><p>»Dieser Antonio«, sagte ich, »den pl&#xFC;ndere ich ja geradezu aus. Was w&#xFC;rden wir blo&#xDF; machen ohne ihn.«</p><p>Antonio wartete schon auf mich.</p><p>»Habe mir schon gedacht, da&#xDF; Sie keinen Smoking mithaben«, sagte er. »Probieren Sie mal die Jacke an.«</p><p>Das Jackett war etwas knapp, aber es pa&#xDF;te ganz gut.</p><p>»Das wird ein gro&#xDF;er Spa&#xDF; morgen«, erkl&#xE4;rte er. »Offiziell ist doch das alles verboten. Aber inoffiziell sind wir nat&#xFC;rlich keine Kinder mehr.«</p><p>Wir gingen Skilaufen. Ich hatte ganz gut gelernt, und wir brauchten nicht mehr auf die &#xDC;bungswiese. Unterwegs begegneten wir einem Mann mit Brillantringen und karierten Hosen.</p><p>»Komische Gestalten gibt es hier«, sagte ich.</p><p>Antonio lachte. »Das ist ein wichtiger Mann. Ein Leichenbegleiter.«</p><p>»Was?« fragte ich erstaunt.</p><p>»Ein Leichenbegleiter«, wiederholte Antonio. »Es sind doch hier Kranke aus aller Welt. Besonders viele aus S&#xFC;damerika. Die meisten Familien wollen doch ihre Angeh&#xF6;rigen zu Hause beerdigen lassen. Dann reist so ein Leichenbegleiter mit und bringt die Zinks&#xE4;rge hin. Auf diese Weise werden diese Leute wohlhabend und kommen viel herum.«</p><p>Am Samstagabend war gro&#xDF;er, heimlicher Aufbruch. Der Kursaal war verschwenderisch dekoriert. Es wurde schon getanzt, als wir ankamen. F&#xFC;r die G&#xE4;ste des Sanatoriums war eine Ecke reserviert, die vor Zugwind von den Fenstern her gesch&#xFC;tzt war. Es war warm, und es roch nach Blumen, Parf&#xFC;m und Wein. Eine Menge Leute sa&#xDF; an unserm Tisch – der Russe, Rita, der Geiger, eine alte Frau, Antonio und noch einige mehr.</p><p>»Komm, Robby«, sagte Pat, »wir versuchen einmal zu tanzen.«</p><p>Das Parkett drehte sich langsam um uns.</p><p>»Aber mein geliebter Liebling, du kannst ja pl&#xF6;tzlich wunderbar tanzen«, sagte Pat &#xFC;berrascht. »Wo hast du das gelernt?«</p><p>»Das hat Gottfried mir noch beigebracht«, sagte ich.</p><p>»In eurer Werkstatt?« »Ja – und im Caf&#xE9; International. Wir brauchten doch auch Damen dazu. Rosa, Marion und Wally haben mir den letzten Schliff gegeben. Ich f&#xFC;rchte nur, es ist nicht gerade sehr elegant dadurch geworden.«</p><p>»Doch!« Ihre Augen strahlten. »Zum erstenmal tanzen wir so miteinander, Robby!«</p><p>Neben uns tanzte der Russe mit der Spanierin. Er l&#xE4;chelte und nickte uns zu. Die Spanierin war sehr bleich. Sie tanzte mit unbewegtem, ernstem Gesicht. Sie war achtzehn Jahre alt. Wir gingen wieder zur&#xFC;ck.</p><p>»Jetzt m&#xF6;chte ich eine Zigarette«, sagte Pat.</p><p>»Das solltest du lieber nicht«, erwiderte ich vorsichtig.</p><p>»Nur ein paar Z&#xFC;ge, Robby. Ich habe so lange nicht geraucht.«</p><p>Sie nahm die Zigarette, legte sie aber bald wieder weg. »Sie schmeckt mir nicht, Robby. Sie schmeckt mir einfach nicht mehr.«</p><p>Antonio forderte sie zum Tanzen auf. Beide gingen zum Parkett. Ich sah sie an, w&#xE4;hrend sie tanzte. Sie l&#xE4;chelte mir im Vorbeikommen jedesmal zu. Ihre silbernen Schuhe ber&#xFC;hrten kaum den Boden. Sie hatte die Bewegungen einer Antilope. Der Russe tanzte wieder mit der Spanierin. Beide schwiegen.</p><p>Die Luft wurde dick und schwer. Pat hustete. Ich merkte, da&#xDF; sie mich &#xE4;ngstlich dabei ansah, und ich tat, als h&#xE4;tte ich nichts geh&#xF6;rt. Die alte Frau mit den vielen Perlen sa&#xDF; still und in sich versunken da.</p><p>Ich stand auf und ging nach drau&#xDF;en. Mir war hei&#xDF;. Ich ging langsam den Weg entlang. Ich ging zur&#xFC;ck. Pat kam mir entgegen.</p><p>»Wo warst du?«</p><p>»Mal drau&#xDF;en.«</p><p>»Bist du schlecht gelaunt?«</p><p>»Gar nicht.«</p><p>»Liebling, sei froh! Sei froh heute! Meinetwegen! Wer wei&#xDF;, wann ich wieder auf einen Ball gehen kann.«</p><p>»Noch sehr oft.«</p><p>Sie legte ihren Kopf an meine Schulter.</p><p>»Wenn du es sagst, ist es sicher wahr. Komm, wir wollen tanzen. Zum erstenmal tanzen wir miteinander.«</p><p>»Wie f&#xFC;hlst du dich?« fragte ich.</p><p>»Gut, Robby.«</p><p>»Wie sch&#xF6;n du bist, Pat.« Ihre Augen leuchteten.</p><p>»Sch&#xF6;n, da&#xDF; du mir das sagst.«</p><p>Ich f&#xFC;hlte ihre warmen, trockenen Lippen an meiner Wange.</p><p>Es war sp&#xE4;t, als wir im Sanatorium ankamen. Antonio sagte uns gute Nacht. Es war alles ein wenig gespenstisch, dieser fast lautlose Abschied. Pat streifte sich das Kleid &#xFC;ber den Kopf.</p><p>»Ich brauche dieses Kleid nun nicht mehr.«</p><p>Sie legte das Kleid zusammen und h&#xE4;ngte es nicht mehr in den Schrank. Sie legte es in ihren Koffer. Ihr Gesicht war pl&#xF6;tzlich m&#xFC;de.</p><p>»Sieh nur, was ich hier habe«, sagte ich rasch und zog eine Flasche Champagner aus der Manteltasche. »Jetzt kommt unser eigenes kleines Fest.«</p><p>Ich holte die Gl&#xE4;ser und schenkte ein. Sie l&#xE4;chelte wieder und trank.</p><p>»Auf uns beide, Pat.«</p><p>»Ja, mein Liebling, auf unser sch&#xF6;nes Leben.«</p><p>Wie sonderbar das alles war: dieses Zimmer, die Stille und unsere Traurigkeit.</p><p>»Bleibst du die Nacht bei mir, Robby?«</p><p>»Ja, la&#xDF; uns zu Bett gehen. Wir wollen so nahe zusammen sein, wie es Menschen k&#xF6;nnen, und unser Glas auf die Bettdecke stellen und trinken.«</p></section><section><title><p>28</p></title><p>Es wurde w&#xE4;rmer. Der Schnee wurde weich. Es tropfte von den D&#xE4;chern. Die Fieberkurven stiegen. Pat mu&#xDF;te zu Bett bleiben. Der Arzt kam alle paar Stunden. Sein Gesicht wurde immer besorgter. Eines Mittags sa&#xDF; ich beim Essen, als Antonio kam und sich zu mir setzte.</p><p>»Rita ist tot«, sagte er.</p><p>»Rita? Sie meinen den Russen?«</p><p>»Nein, Rita, die Spanierin.«</p><p>»Das ist unm&#xF6;glich«, sagte ich und sp&#xFC;rte, wie mir das Blut gefror. Rita war viel weniger krank gewesen als Pat.</p><p>»Heute vormittag war sie tot. Es ist Lungenentz&#xFC;ndung dazugekommen.«</p><p>»Lungenentz&#xFC;ndung. Das ist was anderes«, sagte ich erleichtert.</p><p>»Achtzehn Jahre. Schrecklich. Und so schwer gestorben.«</p><p>»Und der Russe?«</p><p>»Ach, fragen Sie nicht. Er will nicht glauben, da&#xDF; sie tot ist. Er sitzt an ihrem Bett, und niemand kann ihn aus dem Zimmer bringen.«</p><p>Antonio ging. Ich starrte aus dem Fenster. Rita war tot; aber ich sa&#xDF; nur da und dachte: Es ist nicht Pat. Es ist nicht Pat.</p><p>Ich ging wieder zu Pat hinauf. Sie lag schwer atmend, mit vielen Kissen im R&#xFC;cken.</p><p>»Willst du nicht Schilaufen?« fragte sie. Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>»Der Schnee ist zu schlecht. Es taut &#xFC;berall.«</p><p>»Willst du dann nicht mit Antonio Schach spielen?«</p><p>»Nein«, sagte ich. »Ich will hier bei dir bleiben.«</p><p>»Armer Robby! Du darfst mich nicht mehr k&#xFC;ssen. Du darfst &#xFC;berhaupt nicht mehr so viel bei mir sein. Du sollst nicht krank werden.«</p><p>»Ich werde dich k&#xFC;ssen«, erwiderte ich.</p><p>»Nein, du darfst nicht. Du darfst auch nicht mehr in meinem Bett schlafen.«</p><p>»Gut, dann schlaf du mit mir in meinem.«</p><p>»La&#xDF; das, Robby. Du mu&#xDF;t noch lange leben. Ich will, da&#xDF; du gesund bleibst und Kinder hast und eine Frau.«</p><p>»Ich will weder Kinder noch eine Frau haben au&#xDF;er dir. Du bist mein Kind und meine Frau.«</p><p>Sie lag eine Weile still.</p><p>»Ich h&#xE4;tte gern ein Kind von dir gehabt, Robby«, sagte sie dann und legte ihr Gesicht an meine Schulter. »Fr&#xFC;her wollte ich es nie. Ich konnte es mir gar nicht vorstellen. Aber jetzt denke ich oft daran. Es w&#xE4;re sch&#xF6;n, wenn etwas von einem bliebe.«</p><p>»Wir werden noch ein Kind haben«, sagte ich. »Wenn du wieder gesund bist. Ich m&#xF6;chte gern ein Kind von dir haben, Pat. Es mu&#xDF; aber ein M&#xE4;dchen sein, das auch Pat hei&#xDF;t.«</p><p>»Wei&#xDF;t du, was ich jetzt nicht mehr verstehen kann? Da&#xDF; man sich so liebt wie wir und da&#xDF; trotzdem einer stirbt.«</p><p>»Sei still«, sagte ich. »Einer mu&#xDF; immer zuerst sterben, immer im Leben. Aber so weit sind wir noch lange nicht.«</p><p>»Man d&#xFC;rfte nur sterben, wenn man allein ist. Oder wenn man sich ha&#xDF;t – aber nicht, wenn man sich liebt.«</p><p>Ein paar Tage sp&#xE4;ter sp&#xFC;rte ich Stiche in der Brust und hustete. Der Chefarzt h&#xF6;rte den L&#xE4;rm, als er &#xFC;ber den Korridor ging, und steckte den Kopf in mein Zimmer.</p><p>»Kommen Sie doch mal mit ins Sprechzimmer.«</p><p>»Es ist weiter nichts«, sagte ich.</p><p>»Das ist egal«, erwiderte er. »Mit so einem Husten d&#xFC;rfen Sie nicht bei Fr&#xE4;ulein Hollmann sitzen. Kommen Sie mal gleich mit.«</p><p>Ich zog mir im Sprechzimmer das Hemd aus. Der Chefarzt untersuchte mich sorgf&#xE4;ltig. Ich sah mir die blanken Dinge an den W&#xE4;nden an und atmete tief und langsam und schnell und kurz ein und aus, wie er es verlangte. Dabei sp&#xFC;rte ich wieder die Stiche.</p><p>»Sie sind erk&#xE4;ltet«, sagte der Chefarzt. »Legen Sie sich ein oder zwei Tage ins Bett oder bleiben Sie wenigstens in Ihrem Zimmer. Zu Fr&#xE4;ulein Hollmann d&#xFC;rfen Sie nicht hinein. Nicht Ihretwegen – Fr&#xE4;ulein Hollmanns wegen.«</p><p>»Kann ich durch die T&#xFC;r mit ihr sprechen?« fragte ich. »Oder &#xFC;ber den Balkon?«</p><p>»&#xDC;ber den Balkon ja, aber nur ein paar Minuten. Sie haben au&#xDF;er der Erk&#xE4;ltung auch noch einen Raucherkatarrh.«</p><p>»Und die Lunge</p><p>»Aus Ihrer Lunge k&#xF6;nnte man drei machen«, erkl&#xE4;rte der Chefarzt. »Sie sind der ges&#xFC;ndeste Mensch, den ich seit langem gesehen habe. Sie haben nur eine ziemlich harte Leber. Wahrscheinlich trinken Sie zuviel.«</p><p>Er verschrieb mir etwas, und ich ging zur&#xFC;ck. »Robby«, fragte Pat aus ihrem Zimmer, »was hat er gesagt?«</p><p>»Ich darf nicht zu dir«, erwiderte ich unter der T&#xFC;r. »Strenges Verbot. Ansteckungsgefahr.«</p><p>»Siehst du«, sagte sie erschrocken, »ich habe es immer schon nicht mehr gewollt.«</p><p>»Ansteckungsgefahr f&#xFC;r dich, Pat. Nicht f&#xFC;r mich.«</p><p>»La&#xDF; den Unsinn«, sagte sie. »Erz&#xE4;hle mir genau, was los ist.«</p><p>»Es ist genau so. Schwester« – ich winkte der Stationsschwester, die mir gerade die Medikamente brachte –, »sagen Sie Fr&#xE4;ulein Hollmann, wer der Gef&#xE4;hrlichere von uns beiden ist.«</p><p>»Herr Lohkamp«, erkl&#xE4;rte die Schwester. »Er darf nicht‚ raus, damit er Sie nicht ansteckt.«</p><p>Pat sah ungl&#xE4;ubig von der Schwester zu mir. Sie begann zu lachen.</p><p>»Mein Gott, Liebling«, fl&#xFC;sterte sie, »das ist zu komisch. Und wie stolz du aussiehst!«</p><p>Sie war den ganzen Abend fr&#xF6;hlich. Ich lie&#xDF; sie nat&#xFC;rlich nicht allein, sondern sa&#xDF; in einem dicken Mantel, einen Schal um den Hals, bis Mitternacht auf dem Balkon, eine Zigarre in der einen und ein Glas in der andern Hand, eine Kognakflasche zu meinen F&#xFC;&#xDF;en, und erz&#xE4;hlte ihr Geschichten aus meinem Leben. Ich war gl&#xFC;cklich &#xFC;ber meinen Husten und trank die Flasche leer und war am n&#xE4;chsten Morgen gesund.</p><p>Pat wurde immer schw&#xE4;cher. Sie konnte nicht mehr aufstehen. In den N&#xE4;chten hatte sie oft Erstickungsanf&#xE4;lle. Dann wurde sie grau vor Todesangst. Sie hatte Angst vor der letzten Stunde zwischen Nacht und Morgen und wollte nicht allein sein. Sonst war sie so tapfer, da&#xDF; ich oft die Z&#xE4;hne zusammenbei&#xDF;en mu&#xDF;te. Ich lie&#xDF; mein Bett in ihr Zimmer stellen und setzte mich zu ihr, wenn sie erwachte. Ich sa&#xDF; bei ihr am Bett und erz&#xE4;hlte ihr, was mir gerade einfiel. Sie durfte nicht viel sprechen, und sie h&#xF6;rte gern zu, wenn ich ihr erz&#xE4;hlte, was mir alles schon so passiert war. Am liebsten h&#xF6;rte sie Geschichten aus meiner Schulzeit.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>»Wor&#xFC;ber denkst du denn nach?« fragte ich und k&#xFC;&#xDF;te ihr Haar.</p><p>»&#xDC;ber das einzige, wor&#xFC;ber ich noch nachdenken kann – &#xFC;ber Leben und Sterben. Wenn ich dann traurig bin und nichts mehr verstehe, sage ich mir, da&#xDF; es besser ist, zu sterben, wenn man noch leben m&#xF6;chte, als zu sterben und man m&#xF6;chte auch sterben. Was meinst du?«</p><p>»Ich wei&#xDF; nicht.«</p><p>»Doch.« Sie lehnte den Kopf an meine Schulter. »Wenn man noch leben m&#xF6;chte, dann ist etwas da, was man liebt. Es ist schwerer, aber auch leichter. Sieh, sterben h&#xE4;tte ich doch m&#xFC;ssen, und nun bin ich dankbar, da&#xDF; ich dich hatte. Ich h&#xE4;tte ja auch allein und ungl&#xFC;cklich sein k&#xF6;nnen. Dann w&#xE4;re ich gern gestorben. Jetzt ist es schwer; aber daf&#xFC;r bin ich auch ganz voll Liebe, wie eine Biene voll Honig, wenn sie abends in den Stock zur&#xFC;ckkommt. Wenn ich w&#xE4;hlen sollte – ich w&#xFC;rde zwischen beiden immer wieder dasselbe w&#xE4;hlen.« Sie sah mich an.</p><p>»Pat«, sagte ich, »es gibt noch ein Drittes – wenn der F&#xF6;hn aufh&#xF6;rt, dann wird es dir besser gehen, und wir werden hier fortfahren.«</p><p>Sie blickte mich weiter pr&#xFC;fend an. »Um dich habe ich Angst, Robby. F&#xFC;r dich ist es viel schwerer als f&#xFC;r mich.«</p><p>»Wir wollen nicht mehr dar&#xFC;ber sprechen«, sagte ich.</p><p>Dann, pl&#xF6;tzlich, ging alles sehr schnell. Das Fleisch ihres Gesichtes schmolz. Die Backenknochen traten hervor, und an den Schl&#xE4;fen kam die Stirn durch. Die Arme waren d&#xFC;nn wie Kinderarme, die Rippen spannten sich unter der Haut, und das Fieber raste in immer neuen St&#xF6;&#xDF;en durch den schmalen K&#xF6;rper. Die Schwester brachte Sauerstoffballons, und der Arzt kam jede Stunde. Eines Nachmittags sank das Fieber unerkl&#xE4;rlicherweise rasch. Pat wachte auf und sah mich lange an.</p><p>»Gib mir einen Spiegel«, fl&#xFC;sterte sie dann.</p><p>»Wozu willst du einen Spiegel?« sagte ich. »Ruh dich aus, Pat. Ich glaube, du bist jetzt durch. Du hast kein Fieber mehr.«</p><p>»Nein«, fl&#xFC;sterte sie, »gib mir den Spiegel.« Ich ging um das Bett herum, nahm den Spiegel und lie&#xDF; ihn fallen. Er zersprang.</p><p>»Entschuldige«, sagte ich</p><p>»In meiner Tasche ist noch einer, Robby.«</p><p>Es war ein kleiner Spiegel aus verchromtem Nickel. Ich wischte mit der Hand dar&#xFC;ber, und gab ihn Pat. Sie sah angestrengt hinein.</p><p>»Du mu&#xDF;t abreisen, Liebling«, fl&#xFC;sterte sie dann.</p><p>»Warum denn? Magst du mich nicht mehr?«</p><p>»Du sollst mich nicht mehr sehen. Das bin ich nicht mehr. Du sollst eine andere Erinnerung an mich behalten«, fl&#xFC;sterte sie. »Fahr weg, Liebling. Ich werde schon allein damit fertig.«</p><p>Ich beruhigte sie. Dann begann sie sich zu pudern. »Liebling«, sagte sie und versuchte zu l&#xE4;cheln, »du sollst mich nicht h&#xE4;&#xDF;lich sehen.«</p><p>»Du kannst machen, was du willst«, sagte ich, »du wirst nie h&#xE4;&#xDF;lich sein. F&#xFC;r mich bist du die sch&#xF6;nste Frau, die ich je gesehen habe.«</p><p>Nach einiger Zeit wurde sie unruhig.</p><p>»Was ist, Pat?« fragte ich.</p><p>»Es tickt so laut«, fl&#xFC;sterte sie.</p><p>»Was? Die Uhr?« Sie nickte.</p><p>Ich nahm die Uhr und warf sie gegen die Wand.</p><p>»So, jetzt tickt sie nicht mehr. Jetzt steht die Zeit still. Wir haben sie mitten durchgerissen. Nur wir beide sind noch da, nur wir beide, du und ich, und niemand sonst.«</p><p>Sie sah mich an. Ihre Augen waren sehr gro&#xDF;. »Liebling…« fl&#xFC;sterte sie. Ich konnte ihren Blick nicht ertragen.</p><p>»Alter Bursche«, murmelte ich, »mein geliebter, tapferer, alter Bursche.«</p><p>Sie starb in der letzten Stunde der Nacht, bevor es Morgen wurde. Sie starb schwer und niemand konnte ihr helfen. Sie hielt meine Hand fest, aber sie wu&#xDF;te nicht mehr, da&#xDF; ich bei ihr war. Irgendwann sagte jemand: »Sie ist tot…«</p><p>»Nein«, erwiderte ich, »sie ist noch nicht tot. Sie h&#xE4;lt meine Hand noch fest…«</p><p>Licht. Unertr&#xE4;gliches, grelles Licht. Menschen. Der Arzt. Ich &#xF6;ffnete langsam meine Hand. Pats Hand fiel herunter. Blut.</p><p>»Pat«, sagte ich. »Pat!«</p><p>Und zum ersten Male antwortete sie mir nicht.</p><p>»M&#xF6;chte allein sein«, sagte ich.</p><p>Ich habe ihr dann das Blut abgewaschen. Ich war aus Holz. Ich habe ihr das Haar gek&#xE4;mmt. Sie wurde kalt. Ich habe sie in mein Bett gelegt und die Decken &#xFC;ber sie gedeckt. Ich habe bei ihr gesessen, und ich konnte nichts denken. Ich habe auf dem Stuhl gesessen und sie angestarrt. Der Hund kam herein und setzte sich zu mir. Ich habe gesehen, wie ihr Gesicht anders wurde. Ich konnte nichts tun, als leer dasitzen und sie ansehen. Dann kam der Morgen, und sie war es nicht mehr.</p></section><section><title><p>Словарь</p></title><section><title><p>A</p></title><p><strong>Abenteuer,</strong><emphasis>n</emphasis>– приключение</p><p><strong>Aberglaube,</strong><emphasis>m</emphasis>– суеверие</p><p><strong>abhandeln</strong>– обсуждать, выторговывать</p><p><strong>abrechnen</strong>– вычитать, рассчитаться</p><p><strong>Abschleppen,</strong><emphasis>m</emphasis>– буксировка</p><p><strong>absperren</strong>– ограждать, оцеплять</p><p><strong>abstehend</strong>– оттопыренный</p><p><strong>Abteil,</strong><emphasis>n</emphasis>– купе</p><p><strong>abwechselnd</strong>– непостоянный</p><p><strong>Abwechslung,</strong><emphasis>f</emphasis>– разнообразие</p><p><strong>Achsel,</strong><emphasis>f</emphasis>– плечо</p><p><strong>achten</strong>– уважать, обращать внимание</p><p><strong>Ahnung,</strong><emphasis>f</emphasis>– предчувствие, понятие</p><p><strong>anerkannt</strong>– признанный</p><p><strong>anerkennend</strong>– одобрительно</p><p><strong>Anfall,</strong><emphasis>m</emphasis>– приступ</p><p><strong>Angaben,</strong><emphasis>f</emphasis>– информация</p><p><strong>angestrengt</strong>– напряженный</p><p><strong>Angriff,</strong><emphasis>m</emphasis>– атака</p><p><strong>anhalten</strong>– приостановить</p><p><strong>anh&#xE4;nglich</strong>– привязчивый</p><p><strong>Anh&#xF6;he,</strong><emphasis>f</emphasis>– возвышенность</p><p><strong>Anker,</strong><emphasis>m</emphasis>– якорь</p><p><strong>Anlagen,</strong><emphasis>f</emphasis>– завод, оборудование</p><p><strong>Anla&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis>– повод</p><p><strong>anlehnen</strong>– прислонять</p><p><strong>anmelden</strong>– регистрировать</p><p><strong>anschaffen</strong>– приобретать</p><p><strong>anscheinend</strong>– по – видимому</p><p><strong>anspringen</strong>– завестись, начать работать</p><p><strong>Ansteckungsgefahr,</strong><emphasis>f</emphasis>– опасность заражения</p><p><strong>Anweisung,</strong><emphasis>f</emphasis>– инструкция, указание</p><p><strong>arrangieren</strong>– организовывать</p><p><strong>Aschenbecher,</strong>m – пепельница</p><p><strong>aufbl&#xFC;hen</strong>– расцвести</p><p><strong>aufbrechen</strong>– выломать, взломать</p><p><strong>Aufbruch,</strong><emphasis>m</emphasis>– прорыв</p><p><strong>aufbr&#xFC;hen</strong>– заваривать</p><p><strong>Aufenthalt,</strong><emphasis>m</emphasis>– пребывание</p><p><strong>auffallend</strong>– бросающийся в глаза</p><p><strong>aufgekratzt</strong>– поцарапанный</p><p><strong>auflegen</strong>– положить трубку</p><p><strong>aufscheuchen</strong>– вспугивать</p><p><strong>aufst&#xFC;tzen</strong>– подпирать</p><p><strong>Aufnahme,</strong><emphasis>f</emphasis>– снимок</p><p><strong>Auftrag,</strong><emphasis>m</emphasis>– заказ</p><p><strong>ausgebreitet</strong>– распростертый</p><p><strong>ausschlafen</strong>– высыпаться</p><p><strong>ausnutzen</strong>– использовать</p><p><strong>Auspuff,</strong><emphasis>m</emphasis>– выхлопная труба</p><p><strong>aussaufen</strong>– выдуть</p><p><strong>Aussteuer,</strong><emphasis>f</emphasis>– приданое</p></section><section><title><p>B</p></title><p><strong>Backenknochen,</strong>m – скула</p><p><strong>Bahre,</strong>f – носилки</p><p><strong>Baumwollpfl&#xFC;cker,</strong><emphasis>pl</emphasis>– хлопчатобумажные хлопья</p><p><strong>Bausch,</strong><emphasis>m</emphasis>– буф, тампон</p><p><strong>beerdigen</strong>– хоронить</p><p><strong>befestigen</strong>– закреплять</p><p><strong>bef&#xFC;hlen</strong>– ощупывать</p><p><strong>begraben</strong>– похоронить</p><p><strong>behaupten</strong>– утверждать</p><p><strong>behutsam</strong>– осторожно</p><p><strong>beibringen</strong>– обучить</p><p><strong>Beieinandersein,</strong><emphasis>n</emphasis>– быть вместе</p><p><strong>Bekanntschaft,</strong><emphasis>f</emphasis>– знакомство</p><p><strong>bekleben</strong>– оклеивать</p><p><strong>bek&#xFC;mmert</strong>– расстроенный</p><p><strong>beladen</strong>– нагружать</p><p><strong>belagern</strong>– осаждать</p><p><strong>belauschen</strong>– подслушивать</p><p><strong>beleuchten</strong>– освещать</p><p><strong>belustigen</strong>– забавлять</p><p><strong>Benzinpumpe,</strong><emphasis>f</emphasis>– бензонасос</p><p><strong>Bereifung,</strong><emphasis>f</emphasis>– комплект шин</p><p><strong>Bergkette,</strong><emphasis>f</emphasis>– горный хребет</p><p><strong>Bergrennen,</strong><emphasis>pl</emphasis>– горные гонки</p><p><strong>Bergwerk,</strong><emphasis>n</emphasis>– шахта</p><p><strong>besaufen</strong>– напиваться</p><p><strong>Bescheid,</strong><emphasis>m</emphasis>– решение, заключение</p><p><strong>bescheinen</strong>– освещать</p><p><strong>beschwipst</strong>– подвыпивший</p><p><strong>besch&#xE4;ftigen, sich</strong>– заниматься</p><p><strong>besch&#xE4;mt</strong>– пристыженный</p><p><strong>Besen,</strong>m – метла</p><p><strong>Besessenheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– одержимость</p><p><strong>besetzt</strong>– занятый</p><p><strong>Besichtigung,</strong><emphasis>f</emphasis>– осмотр, посещение</p><p><strong>besiegt</strong>– побежденный</p><p><strong>besinnen</strong>– опомниться</p><p><strong>bestechen</strong>– давать взятку</p><p><strong>beteuern</strong>– уверять</p><p><strong>betriebsam</strong>– суетливый, деятельный</p><p><strong>Bettfedernfabrik,</strong><emphasis>f</emphasis>– фабрика пружин кровати</p><p><strong>bewilligen</strong>– дать согласие, разрешение</p><p><strong>bewu&#xDF;tlos</strong>– без сознания</p><p><strong>blamieren, sich</strong>– опозориться</p><p><strong>blitzblank</strong>– сверкающий чистотой</p><p><strong>blubbern</strong>– булькать</p><p><strong>bluten</strong>– кровоточить</p><p><strong>Brautschau,</strong><emphasis>f</emphasis>– смотрины</p><p><strong>brummig</strong>– ворчливый</p><p><strong>Br&#xFC;llen,</strong><emphasis>n</emphasis>– рёв, гул</p><p><strong>Br&#xFC;stung,</strong><emphasis>f</emphasis>– парапет, перила</p><p><strong>Bude,</strong><emphasis>f</emphasis>– ларёк</p><p><strong>bunt</strong>– разноцветный</p></section><section><title><p>C</p></title><p><strong>Champagner,</strong><emphasis>m</emphasis>– шампанское</p><p><strong>Chassis,</strong><emphasis>n</emphasis>– шасси</p><p><strong>Chaussee,</strong><emphasis>f</emphasis>– шоссе</p><p><strong>Chorgesang,</strong><emphasis>m</emphasis>– хоровое пение</p></section><section><title><p>D</p></title><p><strong>Dachkammer,</strong><emphasis>f</emphasis>– мансарда</p><p><strong>dankbar</strong>– благодарный</p><p><strong>Daumen,</strong><emphasis>m</emphasis>– большой палец</p><p><strong>dehnen, sich</strong>– тянуться</p><p><strong>Dienstm&#xE4;dchen,</strong><emphasis>n</emphasis>– горничная</p><p><strong>Dobermannz&#xFC;chter,</strong><emphasis>m</emphasis>– заводчик доберманов</p><p><strong>Dreck,</strong><emphasis>m</emphasis>– грязь</p><p><strong>Droschke,</strong><emphasis>f</emphasis>– дрожки, пролетка</p><p><strong>Druck,m</strong>– давление</p><p><strong>Drucksache,</strong><emphasis>f</emphasis>– печатное издание</p><p><strong>Duft,</strong><emphasis>m</emphasis>– аромат</p><p><strong>durchbrechen</strong>– прорвать</p><p><strong>Durcheinander,</strong><emphasis>n</emphasis>– беспорядок</p><p><strong>durchgerechnet</strong>– в пересчете</p><p><strong>durchrei&#xDF;en</strong>– прорывать</p><p><strong>D&#xE4;mmerung,</strong><emphasis>f</emphasis>– сумерки</p></section><section><title><p>E</p></title><p><strong>Edeltanne,</strong><emphasis>f</emphasis>– пихта</p><p><strong>Ehre,</strong><emphasis>f</emphasis>– почет, слава</p><p><strong>Ehrenwort,</strong><emphasis>n</emphasis>– честное слово</p><p><strong>Eifersucht,</strong><emphasis>f</emphasis>– ревность</p><p><strong>einfallen</strong>– прийти в голову</p><p><strong>eingerichtet</strong>– оборудованный</p><p><strong>einhauen</strong>– ударять</p><p><strong>einigerma&#xDF;en</strong>– в некоторой степени</p><p><strong>einschlagen</strong>– ударять, вышибать</p><p><strong>einwandfrei</strong>– безупречный</p><p><strong>Einzelheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– подробность</p><p><strong>einhaken</strong>– зацепить</p><p><strong>einlassen</strong>– впустить</p><p><strong>Elend,</strong><emphasis>n</emphasis>– нищета</p><p><strong>Ellbogen,</strong><emphasis>m</emphasis>– локоть</p><p><strong>Empfang,</strong><emphasis>m</emphasis>– приём, встреча</p><p><strong>emp&#xF6;rt</strong>– возмущенный</p><p><strong>engagiert</strong>– заинтересованный</p><p><strong>entlassen</strong>– уволить</p><p><strong>entt&#xE4;uscht</strong>– разочарованный</p><p><strong>erfordern</strong>– требовать</p><p><strong>ergattern</strong>– раздобыть</p><p><strong>erhitzt</strong>– разгоряченный</p><p><strong>Erkl&#xE4;rung,</strong><emphasis>f</emphasis>– объяснение</p><p><strong>erkundigen</strong>– осведомляться</p><p><strong>Erk&#xE4;ltung,</strong><emphasis>f</emphasis>– простуда</p><p><strong>erleichtert</strong>– облегченно</p><p><strong>ermuntern</strong>– подбадривать</p><p><strong>erschallen</strong>– прогреметь</p><p><strong>erschie&#xDF;en</strong>– пристрелить</p><p><strong>erwischen</strong>– поймать, застигнуть</p><p><strong>explodieren</strong>– взрываться</p></section><section><title><p>F</p></title><p><strong>Fachmann,</strong>m – специалист</p><p><strong>Fahne,</strong>f – флаг</p><p><strong>Fahrunterricht,</strong>m – урок вождения</p><p><strong>faltig</strong>– морщинистый</p><p><strong>Faschingsanfang,</strong>m – начало масленицы</p><p><strong>fegen</strong>– подметать</p><p><strong>Fehlz&#xFC;ndung,</strong><emphasis>f</emphasis>– пропуск зажигания</p><p><strong>Feind,</strong>m – противник, враг</p><p><strong>Fensterbank,</strong><emphasis>f</emphasis>– подоконник</p><p><strong>Ferkel,</strong><emphasis>n</emphasis>– поросенок</p><p><strong>festhalten</strong>– арестовывать</p><p><strong>Fieberkurven</strong>– температурная кривая</p><p><strong>Finanzamt,</strong><emphasis>n</emphasis>– финансовое управление</p><p><strong>Fingerhut,</strong><emphasis>m</emphasis>– наперсток</p><p><strong>Fliederbusch,</strong><emphasis>m</emphasis>– куст сирени</p><p><strong>Flocken,</strong><emphasis>pl</emphasis>– хлопья</p><p><strong>Flugblatt,</strong><emphasis>n</emphasis>– листовка</p><p><strong>Frechheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– наглость</p><p><strong>friedlich</strong>– мирный</p><p><strong>frieren</strong>– мёрзнуть</p><p><strong>Fruchtsaft,</strong><emphasis>m</emphasis>– фруктовый сок</p><p><strong>funkelnd</strong>– сверкающий</p><p><strong>Funken,</strong><emphasis>m</emphasis>– искра</p><p><strong>f&#xF6;hnig</strong>– душный</p></section><section><title><p>G</p></title><p><strong>Garnele,</strong><emphasis>f</emphasis>– креветка</p><p><strong>Gastwirt,</strong><emphasis>m</emphasis>– трактирщик</p><p><strong>Gattin,</strong><emphasis>f</emphasis>– супруга</p><p><strong>geduldig</strong>– терпеливо</p><p><strong>ged&#xE4;mpft</strong>– приглушенный</p><p><strong>Gehalt,</strong><emphasis>n</emphasis>– зарплата</p><p><strong>Geheimrat,</strong><emphasis>m</emphasis>– тайный советник</p><p><strong>gehorsam</strong>– послушный</p><p><strong>geisterhaft</strong>– призрачный</p><p><strong>Geknatter,</strong><emphasis>n</emphasis>– треск</p><p><strong>gelangweilt</strong>– скучный</p><p><strong>Gel&#xE4;chter,</strong><emphasis>n</emphasis>– смех</p><p><strong>gel&#xE4;hmt</strong>– парализованный</p><p><strong>Gemeinheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– подлость</p><p><strong>greaten</strong>– попасть</p><p><strong>gereizt</strong>– раздраженный</p><p><strong>ger&#xFC;hrt</strong>– растроганный</p><p><strong>geschickt</strong>– ловкий</p><p><strong>Gescho&#xDF;,</strong><emphasis>n</emphasis>– пуля</p><p><strong>gesch&#xE4;ftlich</strong>– служебный</p><p><strong>Gesch&#xE4;ftsmann,</strong><emphasis>m</emphasis>– коммерсант</p><p><strong>gesch&#xE4;ftst&#xFC;chtig</strong>– деловитый</p><p><strong>gesch&#xFC;tzt</strong>– защищенный</p><p><strong>gesegnet</strong>– благословенный</p><p><strong>gespannt</strong>– напряженный</p><p><strong>gespenstisch</strong>– призрачный</p><p><strong>gespickt</strong>– нашпигованный</p><p><strong>geteilt</strong>– разделенный</p><p><strong>Getr&#xE4;nk,</strong><emphasis>n</emphasis>– напиток</p><p><strong>Gewerkschaftshaus,</strong><emphasis>n</emphasis>– профсоюзный дом</p><p><strong>Gewohnheit,</strong><emphasis>f</emphasis>– привычка</p><p><strong>gew&#xF6;hnlich</strong>– обычно</p><p><strong>gezwungen</strong>– вынужденный</p><p><strong>Gez&#xE4;nk,</strong><emphasis>n</emphasis>– ссора, перебранка</p><p><strong>giftig</strong>– ядовитый</p><p><strong>Glaskrug,</strong><emphasis>m</emphasis>– стеклянный кувшин</p><p><strong>gleiten</strong>– скользить</p><p><strong>gl&#xE4;nzend</strong>– блестящий</p><p><strong>Gl&#xFC;cksfall,</strong><emphasis>m</emphasis>– счастливая случайность</p><p><strong>gn&#xE4;dig</strong>– милостивый</p><p><strong>Grab,</strong><emphasis>n</emphasis>– могила</p><p><strong>Graus,</strong><emphasis>m</emphasis>– ужас</p><p><strong>grell</strong>– яркий,</p><p><strong>grinsen</strong>– ухмыляться</p><p><strong>Grube,</strong><emphasis>f</emphasis>– яма</p><p><strong>gurgeln</strong>– полоскать горло</p><p><strong>G&#xFC;rtelmantel,</strong><emphasis>m</emphasis>– пальто с поясом</p></section><section><title><p>H</p></title><p><strong>Habicht,</strong><emphasis>m</emphasis>– ястреб</p><p><strong>Hackfleisch,</strong><emphasis>n</emphasis>– мясной фарш</p><p><strong>Halteplatz,</strong><emphasis>m</emphasis>– причал</p><p><strong>haltlos</strong>– беспочвенный</p><p><strong>Hammer,</strong><emphasis>m</emphasis>– молоток</p><p><strong>handeln</strong>– торговать</p><p><strong>Handgelenk,</strong><emphasis>n</emphasis>– запястье</p><p><strong>Haufen,</strong><emphasis>m</emphasis>– толпа, куча</p><p><strong>Hauptgesetz,</strong>n – основной закон</p><p><strong>Hauptversammlung,</strong><emphasis>f</emphasis>– общее собрание</p><p><strong>Hausdiener,</strong><emphasis>m</emphasis>– слуга</p><p><strong>Haush&#xE4;lterin,</strong><emphasis>f</emphasis>– экономка</p><p><strong>Hausknecht,</strong><emphasis>m</emphasis>– дворник</p><p><strong>hauen</strong>– бить</p><p><strong>heftig</strong>– резко, стремительно</p><p><strong>heil</strong>– невредимый</p><p><strong>heiser</strong>– хриплый</p><p><strong>Hemmung,</strong><emphasis>f</emphasis>– затруднение</p><p><strong>herangebilden</strong>– обучать</p><p><strong>herausholen</strong>– вытащить</p><p><strong>hereinbrechen</strong>– обрушиться</p><p><strong>herhaben</strong>– достать</p><p><strong>Herrlichkeit,</strong><emphasis>f</emphasis>– великолепие</p><p><strong>Herrschaft,</strong><emphasis>f</emphasis>– господство</p><p><strong>herrschen</strong>– господствовать</p><p><strong>herumfahren</strong>– разъезжать</p><p><strong>heruntergehen</strong>– спускаться</p><p><strong>herunterhandeln</strong>– сбивать</p><p><strong>hervorragend</strong>– замечательный</p><p><strong>herzhaft</strong>– отважный, мужественный</p><p><strong>Herzschlag,</strong>m – биение сердца</p><p><strong>hinausgehen</strong>– выходить</p><p><strong>hinterher</strong>– вдогонку</p><p><strong>hinterlassen</strong>– оставлять после себя</p><p><strong>Hochachtung,</strong><emphasis>f</emphasis>– почтение</p><p><strong>hochfein</strong>– изысканный</p><p><strong>hochklappen</strong>– откидывать</p><p><strong>horchen</strong>– прислушиваться</p><p><strong>hupen</strong>– сигналить</p><p><strong>Husten,</strong><emphasis>m</emphasis>– кашель</p><p><strong>hydraulische</strong>– гидравлический</p><p><strong>h&#xE4;ngenbleiben</strong>– застревать</p><p><strong>H&#xE4;ubchen,</strong><emphasis>n</emphasis>– чепчик</p><p><strong>H&#xE4;userblock,</strong><emphasis>m</emphasis>– квартал</p><p><strong>H&#xF6;llenmaschine,</strong><emphasis>f</emphasis>– адская машина</p></section><section><title><p>I</p></title><p><strong>Inserat,</strong><emphasis>n</emphasis>– объявление</p><p><strong>irrsinnig</strong>– безумный</p><p><strong>irren</strong>– ошибаться</p></section><section><title><p>J</p></title><p><strong>jagen</strong>– охотиться</p><p><strong>Jammer,</strong><emphasis>m</emphasis>– жалость, беда</p><p><strong>jedenfalls</strong>– во всяком случае</p><p><strong>Junggesellen,</strong><emphasis>m</emphasis>– холостяк</p><p><strong>Juwel,</strong><emphasis>n</emphasis>– драгоценность</p><p><strong>j&#xE4;h</strong>– внезапно</p></section><section><title><p>K</p></title><p><strong>Kaffeebohnen,</strong><emphasis>pl</emphasis>– кофейные зерна</p><p><strong>Kanone,</strong><emphasis>f</emphasis>– орудие, пушка</p><p><strong>Kante,</strong><emphasis>f</emphasis>– ребро, край</p><p><strong>Kantine,</strong><emphasis>f</emphasis>– столовая</p><p><strong>Kapellmeister,</strong><emphasis>m</emphasis>– дирижер</p><p><strong>kapiert</strong>– дошло</p><p><strong>kariert</strong>– клетчатый</p><p><strong>Kaserne,</strong><emphasis>f</emphasis>– казарма</p><p><strong>kaum</strong>– едва</p><p><strong>kegeln</strong>– играть в кегли</p><p><strong>kehren</strong>– подметать</p><p><strong>Kerl,</strong><emphasis>m</emphasis>– парень</p><p><strong>Kern,</strong><emphasis>m</emphasis>– ядро, стержень</p><p><strong>kichern</strong>– посмеиваться, хихикать</p><p><strong>Kinderheim,</strong><emphasis>n</emphasis>– детский дом</p><p><strong>Kinderklapper,</strong><emphasis>f</emphasis>– погремушка</p><p><strong>Kinderwagen,</strong><emphasis>m</emphasis>– детская коляска</p><p><strong>Kinn,</strong><emphasis>n</emphasis>– подбородок</p><p><strong>kippen</strong>– наклонять</p><p><strong>Kirchenr&#xE4;uber,</strong><emphasis>m</emphasis>– разбойник церкви</p><p><strong>Klamotte,</strong><emphasis>f</emphasis>– шмотки</p><p><strong>klappern</strong>– греметь, стучать зубами</p><p><strong>klapprig</strong>– дряхлый</p><p><strong>klar</strong>– ясный</p><p><strong>klatschen</strong>– хлопать</p><p><strong>klauen</strong>– воровать</p><p><strong>klettern</strong>– взбираться</p><p><strong>Klingelknopf,</strong><emphasis>m</emphasis>– кнопка звонка</p><p><strong>Knabe,</strong><emphasis>m</emphasis>– парень</p><p><strong>knarren</strong>– скрипеть</p><p><strong>kneten</strong>– массировать, разминать</p><p><strong>knipsen</strong>– фотографировать, снимать</p><p><strong>knochig</strong>– костлявый</p><p><strong>Knopfloch,</strong><emphasis>n</emphasis>– петлица</p><p><strong>knurren</strong>– рычать</p><p><strong>kn&#xF6;pfen</strong>– застегиваться</p><p><strong>Kompanief&#xFC;hrer,</strong><emphasis>m</emphasis>– командир роты</p><p><strong>Konkursverwalter,</strong><emphasis>m</emphasis>– ликвидатор, управляющий конкурсной массой</p><p><strong>Kopfsteinpflaster,</strong><emphasis>n</emphasis>– булыжная мостовая</p><p><strong>Kopftuch,</strong><emphasis>n –</emphasis>головной платок</p><p><strong>Korken,</strong><emphasis>m</emphasis>– пробка</p><p><strong>kostbar</strong>– бесценный</p><p><strong>Kotfl&#xFC;gel,</strong><emphasis>m</emphasis>– грязезащитное крыло</p><p><strong>Krach,</strong><emphasis>m</emphasis>– шум, скандал</p><p><strong>Kragen,</strong><emphasis>m</emphasis>– воротник</p><p><strong>Kram,</strong><emphasis>m</emphasis>– хлам</p><p><strong>Kratzer,</strong><emphasis>m</emphasis>– царапина</p><p><strong>kratzen</strong>– царапать</p><p><strong>kreischen</strong>– пронзительно кричать</p><p><strong>kreolisch</strong>– креольский</p><p><strong>Kr&#xE4;chzen,</strong><emphasis>n</emphasis>– карканье</p><p><strong>kr&#xE4;ftig</strong>– сильный, крепкий</p><p><strong>Kuckuck,</strong><emphasis>m</emphasis>– кукушка</p><p><strong>Kundschaft,</strong><emphasis>f</emphasis>– клиентура</p><p><strong>kuppeln</strong>– сцеплять</p><p><strong>Kurve,</strong><emphasis>f</emphasis>– кривая</p><p><strong>kurzfristig</strong>– краткосрочный</p><p><strong>K&#xF6;rperschwung,</strong><emphasis>m</emphasis>– подъем тела</p><p><strong>K&#xF6;rperverletzung,</strong><emphasis>f</emphasis>– телесное повреждение</p><p><strong>K&#xFC;hlerhaube,</strong><emphasis>f</emphasis>– капот</p><p><strong>k&#xFC;mmern</strong>– заботиться</p></section><section><title><p>L</p></title><p><strong>Lackstiefel,</strong>pl – лакированные сапоги</p><p><strong>lauschen</strong>– прислушиваться</p><p><strong>lautlos</strong>– беззвучный</p><p><strong>Lebensgeschichte,</strong><emphasis>f</emphasis>– история жизни</p><p><strong>Lebenslust,</strong><emphasis>f</emphasis>– жизнерадостность</p><p><strong>Lederg&#xFC;rtel,</strong><emphasis>m</emphasis>– кожаный ремень</p><p><strong>Leichenbegleiter,</strong><emphasis>m</emphasis>– сопроводитель трупов</p><p><strong>leihen</strong>– одалживать</p><p><strong>Leine,</strong><emphasis>f</emphasis>– поводок</p><p><strong>Liegestuhl,</strong><emphasis>m</emphasis>– шезлонг</p><p><strong>Logenplаtz,</strong><emphasis>m</emphasis>– место в ложе</p><p><strong>Lokal,</strong><emphasis>n</emphasis>– заведение, ресторан, кафе</p><p><strong>losschn&#xFC;ren</strong>– расшнуровывать</p><p><strong>L&#xFC;ge,</strong><emphasis>f</emphasis>– ложь</p></section><section><title><p>M</p></title><p><strong>Magazin,</strong><emphasis>n</emphasis>– иллюстрированный журнал</p><p><strong>Magen,</strong><emphasis>m</emphasis>– желудок</p><p><strong>Maschinengewehrfeuer,</strong><emphasis>n</emphasis>– пулеметный огонь</p><p><strong>maulen</strong>– капризничать</p><p><strong>Miete,</strong><emphasis>f</emphasis>– аренда, квартплата</p><p><strong>Milit&#xE4;rverbandsp&#xE4;ckchen,</strong><emphasis>n</emphasis>– военный перевязочный пакет</p><p><strong>Mixbecher,</strong><emphasis>m</emphasis>– миксер</p><p><strong>mi&#xDF;mutig</strong>– недовольный</p><p><strong>mi&#xDF;trauisch</strong>– недоверчивый</p><p><strong>mi&#xDF;verstehen</strong>– неправильно понимать</p><p><strong>Momentaufnahme,</strong><emphasis>f</emphasis>– моментальный снимок</p><p><strong>Mondlicht,</strong><emphasis>n</emphasis>– лунный свет</p><p><strong>Motorhaube,</strong><emphasis>f</emphasis>– капот двигателя</p><p><strong>munter</strong>– бодрый</p><p><strong>murmeln</strong>– бормотать</p><p><strong>murren</strong>– роптать</p><p><strong>mustern</strong>– разглядывать</p><p><strong>m&#xE4;chtig</strong>– могущественный</p><p><strong>M&#xF6;we.</strong><emphasis>f</emphasis>– чайка</p></section><section><title><p>N</p></title><p><strong>nachdr&#xFC;cklich</strong>– настоятельно</p><p><strong>Nachtduft,</strong><emphasis>m</emphasis>– ночной аромат</p><p><strong>Nacken,</strong><emphasis>m</emphasis>– затылок</p><p><strong>naturgetreu</strong>– естественный</p><p><strong>Neid,</strong><emphasis>m</emphasis>– зависть</p><p><strong>neigen</strong>– склоняться</p><p><strong>Nelken,</strong><emphasis>f</emphasis>– гвоздика</p><p><strong>nennen</strong>– называть</p><p><strong>Neugier,</strong><emphasis>f</emphasis>– любопытство</p><p><strong>neulich</strong>– недавно</p><p><strong>Nichtstunk&#xF6;nnen,</strong><emphasis>n</emphasis>– ничегонеделание</p><p><strong>nicken</strong>– кивать</p><p><strong>Niederlage,</strong><emphasis>f</emphasis>– поражение</p><p><strong>niedertr&#xE4;chtig</strong>– гнусный</p><p><strong>niedrig</strong>– низкий, невысокий</p><p><strong>niemals</strong>– никогда</p><p><strong>niemand</strong>– никто</p><p><strong>Nilpferd,</strong><emphasis>n</emphasis>– бегемот</p><p><strong>nippen</strong>– пригубить, пить маленькими глотками</p><p><strong>nochmals</strong>– повторно</p><p><strong>Nockenwelle,</strong><emphasis>f</emphasis>– распределительный вал</p><p><strong>Not,</strong><emphasis>f</emphasis>– беда</p><p><strong>notwendig</strong>– необходимый</p><p><strong>n&#xE4;hern</strong>– приближаться</p></section><section><title><p>O</p></title><p><strong>Oberinspektor,</strong><emphasis>m</emphasis>– старший инспектор</p><p><strong>Oberschwester,</strong><emphasis>f</emphasis>– старшая медсестра</p><p><strong>Oberstleutnant,</strong><emphasis>m</emphasis>– подполковник</p><p><strong>offerieren</strong>– предлагать</p><p><strong>Orgel,</strong><emphasis>f</emphasis>– орган</p></section><section><title><p>P</p></title><p><strong>Packwagen,</strong><emphasis>m</emphasis>– фургон</p><p><strong>Pantoffel,</strong><emphasis>m</emphasis>– домашняя туфля</p><p><strong>passieren</strong>– случаться</p><p><strong>peinlich</strong>– неловкий</p><p><strong>Pelzjacke,</strong><emphasis>f</emphasis>– полушубок</p><p><strong>Perlenkette,</strong><emphasis>f</emphasis>– жемчужное ожерелье</p><p><strong>Petersilie,</strong><emphasis>f</emphasis>– петрушка</p><p><strong>Petroleumlampe,</strong><emphasis>f</emphasis>– керосиновая лампа</p><p><strong>Pfau,</strong><emphasis>m</emphasis>– павлин</p><p><strong>pfeifen</strong>– свистеть</p><p><strong>Pferdehuf,</strong><emphasis>m</emphasis>– копыта лошади</p><p><strong>Pflaumenbaum,</strong><emphasis>m</emphasis>– сливовое дерево</p><p><strong>Pflichttreue,</strong><emphasis>f</emphasis>– верность долгу</p><p><strong>Pfosten,</strong><emphasis>m</emphasis>– столб, косяк</p><p><strong>Philatelistenverein,</strong><emphasis>m</emphasis>– филателистический союз</p><p><strong>Pilgerchor,</strong><emphasis>m</emphasis>– паломнический хор</p><p><strong>Platte,</strong><emphasis>f</emphasis>– пластинка, тарелка, поднос</p><p><strong>plaudern</strong>– болтать, беседовать</p><p><strong>Pleite,</strong><emphasis>f</emphasis>– крах, банкротство</p><p><strong>Polizeirevier,</strong><emphasis>n</emphasis>– полицейский участок</p><p><strong>Polsterung,</strong><emphasis>f</emphasis>– обивка</p><p><strong>poltern</strong>– грохотать</p><p><strong>Portweinflasche,</strong><emphasis>f</emphasis>– бутылка портвейна</p><p><strong>Porzellan,</strong><emphasis>n</emphasis>– фарфор</p><p><strong>Prachtst&#xFC;ck,</strong><emphasis>n</emphasis>– великолепная вещь</p><p><strong>prachtvoll</strong>– великолепный</p><p><strong>prahlen</strong>– хвастаться</p><p><strong>prangen</strong>– красоваться</p><p><strong>Preis,</strong><emphasis>m</emphasis>– цена, приз</p><p><strong>Priester,</strong><emphasis>m</emphasis>– священник</p><p><strong>Privatirrenanstalt,</strong><emphasis>f</emphasis>– частное учреждение</p><p><strong>Probefahrt,</strong><emphasis>f</emphasis>– пробная поездка</p><p><strong>Prokurist,</strong><emphasis>m</emphasis>– доверенный</p><p><strong>prusten</strong>– фыркнуть</p><p><strong>pr&#xFC;fend</strong>– испытующий</p><p><strong>Puderdose,</strong><emphasis>f</emphasis>– пудреница</p><p><strong>pudern</strong>– пудриться</p><p><strong>Puderquaste,</strong><emphasis>f</emphasis>– пуховка</p><p><strong>Pumpe,</strong><emphasis>f</emphasis>– насос</p><p><strong>pumpen</strong>– нагнетать</p><p><strong>Puppe,</strong><emphasis>f</emphasis>– кукла</p><p><strong>Putsch,</strong><emphasis>m</emphasis>– мятеж</p></section><section><title><p>Q</p></title><p><strong>Qual,</strong><emphasis>f</emphasis>– мучение</p><p><strong>qualmen</strong>– дымить</p><p><strong>Quatsch,</strong><emphasis>m</emphasis>– глупость, чушь</p><p><strong>Quelle,</strong><emphasis>f</emphasis>– источник, родник</p><p><strong>quer</strong>– поперек</p><p><strong>Querstra&#xDF;e,</strong><emphasis>f</emphasis>– переулок</p><p><strong>quetschen</strong>– протискиваться</p><p><strong>Quittung,</strong><emphasis>f</emphasis>– квитанция, расписка</p><p><strong>quollen</strong>– набухать</p></section><section><title><p>R</p></title><p><strong>Rabatt,</strong><emphasis>m</emphasis>– скидка</p><p><strong>Rache,</strong><emphasis>f</emphasis>– месть</p><p><strong>Rad,</strong><emphasis>n</emphasis>– колесо, велосипед</p><p><strong>ragen</strong>– торчать, выступать</p><p><strong>Rand,</strong><emphasis>m</emphasis>– край</p><p><strong>rennen</strong>– мчаться</p><p><strong>rasch</strong>– быстро, скоро</p><p><strong>rascheln</strong>– шуршать</p><p><strong>rasieren</strong>– брить, бриться</p><p><strong>rasseln</strong>– хрипеть</p><p><strong>rauh</strong>– шероховатый, грубый</p><p><strong>rebellisch</strong>– бунтарский</p><p><strong>rechnen</strong>– решать, рассчитывать</p><p><strong>redselig</strong>– разговорчивый</p><p><strong>Regiment,</strong><emphasis>n</emphasis>– полк, правление</p><p><strong>Reiseandenken,</strong><emphasis>n</emphasis>– сувенир</p><p><strong>reizend</strong>– раздражающий, очаровательный</p><p><strong>Rei&#xDF;nagel,</strong><emphasis>m</emphasis>– кнопка</p><p><strong>Rekrut,</strong><emphasis>m</emphasis>– новобранец</p><p><strong>Religionsersatz,</strong><emphasis>m</emphasis>– замена религии</p><p><strong>Rennfahrer,</strong><emphasis>m</emphasis>– гонщик</p><p><strong>Rennwagen,</strong><emphasis>m</emphasis>– гоночный автомобиль</p><p><strong>Rest,</strong><emphasis>m</emphasis>– остаток</p><p><strong>Revier,</strong><emphasis>n</emphasis>– полицейский участок</p><p><strong>riechen</strong>– пахнуть</p><p><strong>Rippe,</strong><emphasis>f</emphasis>– ребро</p><p><strong>Rippenfellentz&#xFC;ndung,</strong><emphasis>f</emphasis>– плеврит</p><p><strong>Rittmeister,</strong><emphasis>m</emphasis>– ротмистр</p><p><strong>Rizinus,</strong><emphasis>m</emphasis>– касторка</p><p><strong>Ruhestand,</strong><emphasis>m</emphasis>– пенсия, отставка</p><p><strong>ruhen</strong>– отдыхать</p><p><strong>Rum,</strong><emphasis>m</emphasis>– ром</p><p><strong>rutschen</strong>– скользить</p><p><strong>R&#xE4;tsel,</strong><emphasis>n</emphasis>– загадка</p><p><strong>R&#xE4;ucherwurst,</strong><emphasis>f</emphasis>– копченая колбаса</p><p><strong>r&#xF6;hren</strong>– реветь</p><p><strong>R&#xFC;cken,</strong><emphasis>m</emphasis>– спина</p><p><strong>R&#xFC;ckfall,</strong><emphasis>m</emphasis>– рецидив</p><p><strong>R&#xFC;ckkehr,</strong><emphasis>f</emphasis>– возвращение</p></section><section><title><p>S</p></title><p><strong>Sauerstoffballon,</strong><emphasis>m</emphasis>– кислородный баллон</p><p><strong>sausen</strong>– свистать</p><p><strong>Schach,</strong><emphasis>n</emphasis>– шахматы</p><p><strong>Schacht,</strong><emphasis>m</emphasis>– колодец</p><p><strong>Schachtel,</strong><emphasis>f</emphasis>– коробка</p><p><strong>Schaffner,</strong><emphasis>m</emphasis>– кондуктор</p><p><strong>Schafskopf,</strong><emphasis>m</emphasis>– баранья голова</p><p><strong>Schal,</strong><emphasis>m</emphasis>– шарф</p><p><strong>Schale,</strong><emphasis>f</emphasis>– чашка</p><p><strong>Schandge,</strong><emphasis>f</emphasis>– позор</p><p><strong>Schar,</strong><emphasis>f</emphasis>– толпа</p><p><strong>scharf</strong>– острый</p><p><strong>Scharre</strong>– скребок</p><p><strong>Schatten,</strong><emphasis>m</emphasis>– тень</p><p><strong>Schauer,</strong><emphasis>m</emphasis>– дрожь, ливень</p><p><strong>Schaufel,</strong><emphasis>f</emphasis>– лопата</p><p><strong>Schaufenster,</strong><emphasis>n</emphasis>– витрина</p><p><strong>schaukeln</strong>– покачиваться</p><p><strong>Scheckbuch,</strong><emphasis>n</emphasis>– чековая книжка</p><p><strong>scheffeln</strong>– загребать</p><p><strong>Scheidungsgrund,</strong><emphasis>m</emphasis>– основание для развода</p><p><strong>Schein,</strong><emphasis>m</emphasis>– банкнота, сияние, свет</p><p><strong>Scheinwerfer,</strong><emphasis>m</emphasis>– фара</p><p><strong>scheu&#xDF;lich</strong>– отвратительный</p><p><strong>schieben</strong>– толкать</p><p><strong>schielen</strong>– косить</p><p><strong>Schifahren,</strong><emphasis>n</emphasis>– катание на лыжах</p><p><strong>Schlafwagenabteil,</strong><emphasis>n</emphasis>– спальное купе</p><p><strong>schlingen</strong>– обхватывать</p><p><strong>schlau</strong>– хитрый</p><p><strong>schleichen</strong>– пробираться</p><p><strong>schleichen</strong>– пробираться</p><p><strong>Schlucht,</strong><emphasis>f</emphasis>– овраг</p><p><strong>Schluck,</strong><emphasis>m</emphasis>– глоток</p><p><strong>Schl&#xE4;fe,</strong><emphasis>f</emphasis>– висок</p><p><strong>schl&#xE4;frig</strong>– сонный</p><p><strong>Schl&#xE4;gerei,</strong><emphasis>f</emphasis>– драка</p><p><strong>schlie&#xDF;en</strong>– закрывать</p><p><strong>Schl&#xFC;sselbund,</strong><emphasis>m</emphasis>– связка ключей</p><p><strong>schmal</strong>– узкий</p><p><strong>schmecken</strong>– пробовать</p><p><strong>schmelzend</strong>– тающий</p><p><strong>schmieren</strong>– смазывать, давать взятку</p><p><strong>Schmuck,</strong><emphasis>m</emphasis>– украшение</p><p><strong>schmuggeln</strong>– заниматься контрабандой</p><p><strong>schmunzeln</strong>– усмехаться</p><p><strong>Schnabel,</strong><emphasis>m</emphasis>– клюв</p><p><strong>schnalzen</strong>– щелкать, цокать</p><p><strong>Schnecke,</strong>f – улитка</p><p><strong>Schneider,</strong><emphasis>m</emphasis>– портной</p><p><strong>Schnellgang,</strong><emphasis>m</emphasis>– ускоряющая передача</p><p><strong>Schnittwunde,</strong><emphasis>f</emphasis>– резаная рана</p><p><strong>Schnurrbart,</strong><emphasis>m</emphasis>– ус</p><p><strong>schnurren</strong>– мурлыкать</p><p><strong>Scholle,</strong><emphasis>f</emphasis>– камбала</p><p><strong>schrecklich</strong>– ужасный</p><p><strong>Schrei,</strong><emphasis>m</emphasis>– крик</p><p><strong>Schriftf&#xFC;hrer,</strong><emphasis>m</emphasis>– секретарь</p><p><strong>schr&#xE4;gen</strong>– скашивать</p><p><strong>Schuld,</strong><emphasis>f</emphasis>– вина, долг</p><p><strong>Schulter,</strong><emphasis>f</emphasis>– плечо</p><p><strong>schutzlos</strong>– беззащитный</p><p><strong>Schu&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis>– выстрел</p><p><strong>Schwalbe,</strong><emphasis>f</emphasis>– ласточки</p><p><strong>Schwall,</strong><emphasis>m</emphasis>– поток, фонтан</p><p><strong>schwingen</strong>– размахивать</p><p><strong>schwankend</strong>– нерешительный, шаткий</p><p><strong>schwarzgebrannten</strong>– подгоревший</p><p><strong>schwebend</strong>– парящий, висящий</p><p><strong>Schweinebauch,</strong><emphasis>m</emphasis>– свиная грудинка</p><p><strong>Schweinebraten,</strong><emphasis>m</emphasis>– жаркое из свинины</p><p><strong>Schweineschnauze,</strong><emphasis>f</emphasis>– свиное рыло</p><p><strong>schwenken</strong>– махать</p><p><strong>schwerverletzt</strong>– тяжелораненый</p><p><strong>Schwiegervater,</strong><emphasis>m</emphasis>– тесть, свёкор</p><p><strong>Schwindel,</strong><emphasis>m</emphasis>– обман</p><p><strong>schwindeln</strong>– притворяться</p><p><strong>schw&#xFC;l</strong>– душно</p><p><strong>Sch&#xE4;del,</strong><emphasis>m</emphasis>– череп</p><p><strong>Sch&#xFC;rze,</strong><emphasis>f</emphasis>– фартук</p><p><strong>Sch&#xFC;ssel,</strong><emphasis>f</emphasis>– чаша, тарелка</p><p><strong>segnen</strong>– благословить</p><p><strong>Seiteneingang,</strong><emphasis>m</emphasis>– боковой вход</p><p><strong>Seitengasse,</strong><emphasis>f</emphasis>– переулок</p><p><strong>selbstbewu&#xDF;t</strong>– самоуверенный</p><p><strong>selbstgestrickt</strong>– самодельный</p><p><strong>Serpentine,</strong><emphasis>f</emphasis>– извилистая дорога</p><p><strong>Sessel,</strong><emphasis>m</emphasis>– кресло</p><p><strong>Silber,</strong><emphasis>n</emphasis>– серебро</p><p><strong>Silberplatte,</strong><emphasis>f</emphasis>– серебряный поднос</p><p><strong>Silberpokal,</strong><emphasis>m</emphasis>– серебряный кубок</p><p><strong>Sittenpolizei,</strong><emphasis>f</emphasis>– полиция нравов</p><p><strong>Sitz,</strong><emphasis>m</emphasis>– сиденье, место</p><p><strong>Skilaufen,</strong><emphasis>n</emphasis>– лыжный спорт</p><p><strong>Sofalehne,</strong><emphasis>f</emphasis>– спинка дивана</p><p><strong>Soldatenlied,</strong><emphasis>n</emphasis>– солдатская песня</p><p><strong>sonnenverbrannt</strong>– загорелый</p><p><strong>sonnig</strong>– солнечный</p><p><strong>Sonntagkrach,</strong><emphasis>m</emphasis>– воскресный скандал</p><p><strong>sorgf&#xE4;ltig</strong>– тщательный,</p><p><strong>Spalt,</strong><emphasis>m</emphasis>– отверстие, трещина</p><p><strong>spannen</strong>– натягивать, напрягать</p><p><strong>Sparkasse,</strong><emphasis>f</emphasis>– сберкасса</p><p><strong>Sparkassenbuch,</strong><emphasis>n</emphasis>– сберегательная книжка</p><p><strong>sparsam</strong>– экономный, бережливый</p><p><strong>Spaten,</strong><emphasis>f</emphasis>– лопата</p><p><strong>Spazierengehen,</strong><emphasis>n</emphasis>– прогулка</p><p><strong>Spazierfahrt,</strong><emphasis>f</emphasis>– прогулка, катание</p><p><strong>Spa&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis>– удовольствие</p><p><strong>Speisesaal,</strong><emphasis>m</emphasis>– столовая</p><p><strong>Speisewagen,</strong><emphasis>m</emphasis>– вагон – ресторан</p><p><strong>Spekulation,</strong><emphasis>f</emphasis>– спекуляция</p><p><strong>sperren</strong>– закрывать, блокировать</p><p><strong>Spezialit&#xE4;t,</strong><emphasis>f</emphasis>– фирменное блюдо</p><p><strong>Spiegel,</strong><emphasis>m</emphasis>– зеркало</p><p><strong>spiegeln</strong>– отражать, отражаться</p><p><strong>Spirituskocher,</strong><emphasis>m</emphasis>– спиртовая горелка</p><p><strong>Spitzenkleid,</strong><emphasis>n</emphasis>– кружевное платье</p><p><strong>spitzen</strong><emphasis>–</emphasis>заострить</p><p><strong>splittern</strong>– разбить</p><p><strong>Sportwagenklasse,</strong><emphasis>f</emphasis>– класс спортивных автомобилей</p><p><strong>Sprung,</strong><emphasis>m</emphasis>– бросок, подъем</p><p><strong>spr&#xFC;hen</strong>– брызгать</p><p><strong>spucken</strong>– плевать</p><p><strong>Sp&#xE4;tsommer,</strong><emphasis>m</emphasis>– бабье лето</p><p><strong>Staffelei,</strong><emphasis>f</emphasis>– мольберт</p><p><strong>stammeln</strong>– заикаться, запинаться</p><p><strong>Standplatz,</strong><emphasis>m</emphasis>– место стоянки</p><p><strong>Stange,</strong><emphasis>f</emphasis>– штанга</p><p><strong>starren</strong>– уставиться</p><p><strong>Stationsschwester,</strong><emphasis>f</emphasis>– медсестра отделения</p><p><strong>stattfinden</strong>– состояться, происходить</p><p><strong>stattlich</strong>– солидный</p><p><strong>staunen</strong>– удивляться</p><p><strong>Steck,</strong><emphasis>m</emphasis>– узел</p><p><strong>Steckschu&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis>– пуля, застрявшая в теле</p><p><strong>stecken</strong>– засовывать</p><p><strong>stehen</strong>– стоять</p><p><strong>stehenlassen</strong>– оставлять</p><p><strong>Steig,</strong><emphasis>m</emphasis>– подъем</p><p><strong>steigen</strong>– подниматься</p><p><strong>steinern</strong>– каменный</p><p><strong>steinhart</strong>– твердокаменный</p><p><strong>Stelle,</strong><emphasis>f</emphasis>– место</p><p><strong>Stellung,</strong><emphasis>f</emphasis>– положение</p><p><strong>stemmen</strong>– опереться, упираться</p><p><strong>Stenotypistin,</strong><emphasis>f</emphasis>– стенографистка</p><p><strong>sterben</strong>– умирать</p><p><strong>Stern,</strong><emphasis>m</emphasis>– звезда</p><p><strong>stets</strong>– постоянно</p><p><strong>Steuer,</strong><emphasis>f</emphasis>– руль, налог</p><p><strong>Steuerrad,</strong><emphasis>n</emphasis>– рулевое колесо</p><p><strong>steuern</strong>– управлять, платить налоги</p><p><strong>sto&#xDF;en</strong>– наталкиваться</p><p><strong>stiften</strong>– делать</p><p><strong>still</strong>– тихо</p><p><strong>stillstehen</strong>– остановиться</p><p><strong>Stimme,</strong><emphasis>f</emphasis>– голос</p><p><strong>stimmen</strong>– голосовать, соответствовать</p><p><strong>Stimmung,</strong><emphasis>f</emphasis>– настроение</p><p><strong>Stimmungsklavierspieler,</strong><emphasis>m</emphasis>– пианист создающий настроение</p><p><strong>Stirn,</strong><emphasis>f</emphasis>– лоб</p><p><strong>stieben</strong>– рассеиваться</p><p><strong>strahlend</strong>– сияющий</p><p><strong>Strau&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis>– букет</p><p><strong>streben</strong>– стремиться</p><p><strong>Strecke,</strong><emphasis>f</emphasis>– дистанция, маршрут</p><p><strong>strecken</strong>– растягиваться</p><p><strong>streifen</strong>– бродить</p><p><strong>streng</strong>– строгий</p><p><strong>str&#xF6;men</strong>– течь</p><p><strong>Stufe,</strong><emphasis>f</emphasis>– ступень</p><p><strong>stundenweise</strong>– почасовой</p><p><strong>Stutz,</strong><emphasis>m</emphasis>– карабин, винтовка</p><p><strong>Stutzer,</strong><emphasis>m</emphasis>– пижон</p><p><strong>stutzen</strong>– обрезать, насторожиться</p><p><strong>standing</strong>– постоянный</p><p><strong>St&#xE4;rke,</strong><emphasis>f</emphasis>– сила</p><p><strong>st&#xF6;hnen</strong>– стонать</p><p><strong>st&#xF6;ren</strong>– мешать</p><p><strong>st&#xFC;rmen</strong>– штурмовать</p><p><strong>st&#xFC;rzen</strong>– свергнуть, падать, мчаться</p><p><strong>summen</strong>– жужжать</p><p><strong>S&#xE4;tze,</strong><emphasis>m</emphasis>– ставки</p><p><strong>S&#xE4;ufer,</strong><emphasis>m</emphasis>– пьяница</p><p><strong>S&#xE4;ugling,</strong><emphasis>m</emphasis>– грудной ребенок</p><p><strong>S&#xE4;uglingsheim,</strong><emphasis>n</emphasis>– дом ребёнка</p></section><section><title><p>T</p></title><p><strong>Tachometer,</strong><emphasis>m</emphasis>– спидометр</p><p><strong>tadellos</strong>– безупречный</p><p><strong>tanken</strong>– заправлять</p><p><strong>Tanne,</strong><emphasis>f</emphasis>– елка</p><p><strong>Tanzfl&#xE4;che,</strong><emphasis>f</emphasis>– танцплощадка</p><p><strong>Tanzlokal,</strong><emphasis>n</emphasis>– заведение, где можно потанцевать</p><p><strong>tapfer</strong>– храбрый</p><p><strong>tauchen</strong>– погрузиться, нырять</p><p><strong>taumeln</strong>– шататься</p><p><strong>tauschen</strong>– обменивать</p><p><strong>tauen</strong>– таять</p><p><strong>Teufel,</strong><emphasis>m</emphasis>– чёрт</p><p><strong>Teufelei,</strong><emphasis>f</emphasis>– чертовщина</p><p><strong>Teufelsrad,</strong><emphasis>n</emphasis>– чёртово колесо</p><p><strong>Theke,</strong><emphasis>f</emphasis>– стойка</p><p><strong>Thermosflasche,</strong><emphasis>f</emphasis>– термос</p><p><strong>thronen</strong>– восседать</p><p><strong>ticken</strong>– тикать</p><p><strong>tief</strong>– глубоко</p><p><strong>Tischdecke,</strong><emphasis>f</emphasis>– скатерть</p><p><strong>Totengr&#xE4;ber,</strong><emphasis>m</emphasis>– могильщик</p><p><strong>Totenkopf,</strong><emphasis>m</emphasis>– череп, мертвая голова</p><p><strong>Toto,</strong><emphasis>n</emphasis>– тотализатор</p><p><strong>Tragbahre,</strong><emphasis>f</emphasis>– носилки</p><p><strong>Transportkosten ,</strong><emphasis>f</emphasis>– транспортные расходы</p><p><strong>trauen</strong>– доверять</p><p><strong>Trauerflor,</strong><emphasis>m</emphasis>– траурная повязка</p><p><strong>Treffpunkt,</strong><emphasis>m</emphasis>– место встречи</p><p><strong>Treppe,</strong><emphasis>f</emphasis>– лестница</p><p><strong>Trinkgeld,</strong><emphasis>n</emphasis>– чаевые</p><p><strong>Trittbrett,</strong><emphasis>n</emphasis>– подножка, ступенька</p><p><strong>triumphierend</strong>– торжествующий</p><p><strong>trockenreiben</strong>– насухо вытереть</p><p><strong>Trost,</strong><emphasis>m</emphasis>– утешение</p><p><strong>Tr&#xE4;ne,</strong><emphasis>f</emphasis>– слеза</p><p><strong>tr&#xFC;b</strong>– пасмурный</p><p><strong>Tuch,</strong><emphasis>n</emphasis>– ткань, тряпка</p><p><strong>T&#xE4;ndelsch&#xFC;rze,</strong><emphasis>f</emphasis>– передничек</p><p><strong>T&#xE4;ter,</strong><emphasis>m</emphasis>– преступник, виновник</p><p><strong>T&#xE4;tigkeit,</strong><emphasis>f</emphasis>– деятельность</p></section><section><title><p>U</p></title><p><strong>umgeben</strong>– окружать</p><p><strong>umkippen</strong>– опрокинуть(ся)</p><p><strong>umklammern</strong>– обхватить</p><p><strong>umkreisen</strong>– кружить</p><p><strong>Umschlag,</strong><emphasis>m</emphasis>– конверт, компресс</p><p><strong>umsehen</strong>– оглядываться</p><p><strong>umwerfen</strong>– опрокидывать</p><p><strong>Umweg,</strong><emphasis>m</emphasis>– окольный путь</p><p><strong>umziehen</strong>– переезжать, переодеваться</p><p><strong>unangenehm</strong>– неприятный</p><p><strong>unangreifbar</strong>– неприступный</p><p><strong>unauff&#xE4;llig</strong>– незаметный</p><p><strong>unbek&#xFC;mmert</strong>– беззаботный</p><p><strong>unbestimmt</strong>– неопределенный</p><p><strong>unbewegt</strong>– неподвижный</p><p><strong>unersch&#xF6;pflich</strong>– неисчерпаемый</p><p><strong>Unfall,</strong><emphasis>m</emphasis>– несчастный случай</p><p><strong>Unsinn,</strong>m – ерунда</p><p><strong>unsterblich</strong>– бессмертный</p><p><strong>unterdr&#xFC;ckt</strong>– сдавленный, угнетенный</p><p><strong>Unterern&#xE4;hrung,</strong><emphasis>f</emphasis>– недоедание</p><p><strong>unterbringen</strong>– размещать</p><p><strong>untergehen</strong>– погибнуть,</p><p><strong>unterkommen</strong>– разместиться, устроиться</p><p><strong>Unterlippe,</strong><emphasis>f</emphasis>– нижняя губа</p><p><strong>unternehmen</strong>– предпринимать</p><p><strong>Unteroffizier,</strong><emphasis>m</emphasis>– сержант</p><p><strong>Unterschied,</strong><emphasis>m</emphasis>– разница</p><p><strong>untersetzt</strong>– коренастый, приземистый</p><p><strong>Unterst&#xFC;tzung,</strong><emphasis>f</emphasis>– поддержка</p><p><strong>Untersuchung,</strong><emphasis>f</emphasis>– обследование, расследование</p><p><strong>unterwegs</strong>– в дороге</p><p><strong>ununterbrochen</strong>– непрерывно</p><p><strong>unverfroren</strong>– беззастенчивый</p><p><strong>unverkennbar</strong>– бесспорный</p><p><strong>unvern&#xFC;nftig</strong>– неразумный</p><p><strong>Ursache,</strong><emphasis>f</emphasis>– причина</p></section><section><title><p>V</p></title><p><strong>Veilchen,</strong><emphasis>n</emphasis>– фиалка</p><p><strong>verabreden</strong>– договориться</p><p><strong>verachten</strong>– презирать</p><p><strong>Verband,</strong><emphasis>m</emphasis>– повязка, объединение, общество</p><p><strong>Verbandzeug,</strong><emphasis>n</emphasis>– перевязочный материал</p><p><strong>verbergen</strong>– скрывать, прятаться</p><p><strong>verbinden</strong>– перевязывать, связывать</p><p><strong>Verbindung,</strong><emphasis>f</emphasis>– связь</p><p><strong>verbittert</strong>– озлобленный</p><p><strong>verbleichen</strong>– отцветать, поблекнуть</p><p><strong>verbl&#xFC;fft</strong>– ошеломленный</p><p><strong>verbrannt</strong>– загоревший</p><p><strong>verbreiten</strong>– распространять</p><p><strong>verchromt</strong>– хромированный</p><p><strong>Verdeck,</strong><emphasis>n</emphasis>– складной верх</p><p><strong>verdreht</strong>– скрученный</p><p><strong>Verein,</strong><emphasis>m</emphasis>– объединение</p><p><strong>verfluchen</strong>– проклинать</p><p><strong>vergehen</strong>– проходить</p><p><strong>Vergiftung,</strong><emphasis>f</emphasis>– отравление</p><p><strong>vergie&#xDF;en</strong>– лить, проливать</p><p><strong>Verhaftungen,</strong><emphasis>f</emphasis>– арест</p><p><strong>verh&#xE4;rmt</strong>– горестный</p><p><strong>verjagen</strong>– прогнать</p><p><strong>verk&#xFC;nden</strong>– провозглашать</p><p><strong>verk&#xFC;rzen</strong>– сокращать, укорачивать</p><p><strong>verlangen</strong>– требовать</p><p><strong>verletzt</strong>– раненый</p><p><strong>Verletzung,</strong><emphasis>f</emphasis>– ранение</p><p><strong>Verlustgesch&#xE4;ft,</strong><emphasis>n</emphasis>– убыточная сделка</p><p><strong>verl&#xE4;ngern</strong>– продлевать</p><p><strong>vermehren</strong>– приумножить</p><p><strong>vermeiden</strong>– избегать</p><p><strong>vermieten</strong>– сдавать в аренду</p><p><strong>vermuten</strong>– предполагать</p><p><strong>Verm&#xF6;gen,</strong><emphasis>n</emphasis>– имущество</p><p><strong>vernehmen</strong>– услышать, допросить</p><p><strong>vern&#xFC;nftig</strong>– разумный</p><p><strong>verpflichtet</strong>– обязанный</p><p><strong>verraten</strong>– предавать, разглашать</p><p><strong>verr&#xE4;uchern</strong>– закоптить</p><p><strong>verr&#xFC;ckt</strong>– сумасшедший</p><p><strong>versalzen</strong>– пересолить</p><p><strong>Versammlungslokal,</strong><emphasis>n</emphasis>– помещение, где проводится собрание</p><p><strong>versinken</strong>– погружаться, опускаться</p><p><strong>verschaffen</strong>– раздобыть</p><p><strong>verschatten</strong>– затенять</p><p><strong>verschieben</strong>– перемещать, двигать</p><p><strong>verschlagen</strong>– оказаться, промахнуться</p><p><strong>verschmitzt</strong>– лукавый</p><p><strong>verschneit</strong>– заснеженный</p><p><strong>Verschnitt,</strong><emphasis>m</emphasis>– отходы, обрезки</p><p><strong>verschreiben</strong>– прописывать, назначать</p><p><strong>verschwenderisch</strong>– расточительный</p><p><strong>versch&#xE4;tzen</strong>– неправильно определять</p><p><strong>versetzt</strong>– смещённый</p><p><strong>Versicherung,</strong><emphasis>f</emphasis>– страховка</p><p><strong>versprechen</strong>– обещать</p><p><strong>verstaubt</strong>– пыльный</p><p><strong>verstauen</strong>– укладывать</p><p><strong>verstecken</strong>– спрятать</p><p><strong>verstehen</strong>– понимать</p><p><strong>versteigern</strong>– продавать с аукциона</p><p><strong>verstimmt</strong>– расстроенный</p><p><strong>versto&#xDF;en</strong>– нарушать</p><p><strong>verstummen</strong>– умолкнуть</p><p><strong>verst&#xE4;ndig</strong>– разумный</p><p><strong>verst&#xE4;rken</strong>– усилить</p><p><strong>verst&#xF6;rt</strong>– смущенный</p><p><strong>versuchen</strong>– пытаться</p><p><strong>versunken</strong>– погруженный</p><p><strong>versaufen</strong>– пропить</p><p><strong>verteidigen</strong>– защищать</p><p><strong>vertragen</strong>– переносить, терпеть</p><p><strong>vertrauen</strong>– доверять</p><p><strong>vertraut</strong>– хорошо знакомый</p><p><strong>Verwandlungsk&#xFC;nstler,</strong><emphasis>m</emphasis>– мастер перевоплощения</p><p><strong>Ver&#xE4;nderung,</strong><emphasis>f</emphasis>– изменение</p><p><strong>ver&#xE4;rgert</strong>– сердитый</p><p><strong>Vorauszahlung,</strong><emphasis>f</emphasis>– предоплата</p><p><strong>Vorgabe,</strong><emphasis>f</emphasis>– норма</p><p><strong>vorschlagen</strong>– предложить</p><p><strong>vorspielen</strong>– проиграть</p><p><strong>Vorhang,</strong><emphasis>m</emphasis>– занавес, штора</p><p><strong>vorig</strong>– предыдущий</p><p><strong>vormachen</strong>– вводить в заблуждение</p><p><strong>Vorschu&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis>– аванс, задаток</p><p><strong>Vorsicht,</strong><emphasis>f</emphasis>– осторожность</p><p><strong>Vorteil,</strong><emphasis>m</emphasis>– преимущество</p><p><strong>vorwurfsvoll</strong>– укоризненный</p><p><strong>vorw&#xE4;rts</strong>– вперед</p></section><section><title><p>W</p></title><p><strong>wach</strong>– бодрствующий</p><p><strong>wachten</strong>– бодрствовать</p><p><strong>Wagenheber,</strong><emphasis>m</emphasis>– автомобильный домкрат</p><p><strong>wagen</strong>– осмеливаться</p><p><strong>Wahnsinn,</strong><emphasis>m</emphasis>– безумие</p><p><strong>wahnsinnig</strong>– сумасшедший</p><p><strong>Waldlichtung,</strong><emphasis>f</emphasis>– лесная поляна</p><p><strong>Waldmeisterbowle,</strong><emphasis>f</emphasis>– крюшон из ясменника</p><p><strong>wandern</strong>– бродить, гулять</p><p><strong>wenden</strong>– поворачивать(ся)</p><p><strong>Wange,</strong><emphasis>f</emphasis>– щека</p><p><strong>wechseln</strong>– менять</p><p><strong>wecken</strong>– разбудить</p><p><strong>wegfahren</strong>– уезжать</p><p><strong>weggeputzt</strong>– убранный</p><p><strong>wegnehmen</strong>– забрать</p><p><strong>wegscheren, sich</strong>– убираться восвояси</p><p><strong>wehen</strong>– веять, дуть</p><p><strong>weissagen</strong>– предсказывать</p><p><strong>Weltlage,</strong><emphasis>f</emphasis>– международное положение</p><p><strong>Weltmeister,</strong><emphasis>m</emphasis>– чемпион мира</p><p><strong>wenig</strong>– немного</p><p><strong>wenigstens</strong>– по крайней мере</p><p><strong>Wettb&#xFC;ro,</strong><emphasis>n</emphasis>– букмекерская контора</p><p><strong>Wette,</strong><emphasis>f</emphasis>– пари, спор</p><p><strong>Wiese,</strong><emphasis>f</emphasis>– луг</p><p><strong>wild</strong>– дикий</p><p><strong>Wimper,</strong><emphasis>f</emphasis>– ресница</p><p><strong>winzig</strong>– крошечный</p><p><strong>wirbelig</strong>– вертящийся</p><p><strong>wirbeln</strong>– кружиться</p><p><strong>Wirklichkeit,</strong><emphasis>f</emphasis>– действительность</p><p><strong>wirken</strong>– действовать</p><p><strong>Wirt,</strong><emphasis>m</emphasis>– хозяин, трактирщик</p><p><strong>Wirtin,</strong><emphasis>f</emphasis>– хозяйка</p><p><strong>Wirtsstube,</strong><emphasis>f</emphasis>– ресторан</p><p><strong>wischen</strong>– вытирать</p><p><strong>wochenlang</strong>– неделями</p><p><strong>Wolke,</strong><emphasis>f</emphasis>– облако</p><p><strong>Wollkleid,</strong><emphasis>n</emphasis>– шерстяное платье</p><p><strong>Wunde,</strong><emphasis>f</emphasis>– рана, ранение</p><p><strong>Wunder,</strong><emphasis>n</emphasis>– чудо</p><p><strong>Wut,</strong><emphasis>f</emphasis>– гнев</p><p><strong>w&#xE4;lzen</strong>– ворочаться</p><p><strong>W&#xE4;rter,</strong><emphasis>m</emphasis>– сторож, санитар</p><p><strong>W&#xE4;sche,</strong><emphasis>f</emphasis>– белье</p><p><strong>w&#xFC;rfeln</strong>– бросать кости, кубик</p><p><strong>w&#xFC;rgen</strong>– давиться, душить</p><p><strong>w&#xFC;tend</strong>– разгневанный</p></section><section><title><p>Z</p></title><p><strong>Zeichen,</strong><emphasis>n</emphasis>– знак, симптом</p><p><strong>zeigen</strong>– показывать</p><p><strong>Zeitlang,</strong><emphasis>f</emphasis>– некоторое время</p><p><strong>Zelluloidklapper,</strong><emphasis>f</emphasis>– пластмассовая погремушка</p><p><strong>zerbrechlich</strong>– хрупкий</p><p><strong>zerbrochen</strong>– разбитый</p><p><strong>zerfallen</strong>– разваливаться</p><p><strong>zerkauen</strong>– пережевывать</p><p><strong>zerkratzt</strong>– ободранный</p><p><strong>zerlegen</strong>– разобрать</p><p><strong>zermalmen</strong>– раздавить</p><p><strong>zerplatzt</strong>– лопнувший</p><p><strong>zerrissen</strong>– разорванный</p><p><strong>zerschmolzen</strong>– растаявший</p><p><strong>zersplittert</strong>– раздробленный</p><p><strong>zerspringen</strong>– разлетаться на куски</p><p><strong>zerstreut</strong>– рассеянный</p><p><strong>Ziegenbock,</strong><emphasis>m</emphasis>– козел</p><p><strong>Zigarrenkiste,</strong>f – сигарная коробка</p><p><strong>Zinksarg,</strong>m – цинковый гроб</p><p><strong>Zitrone,</strong><emphasis><strong>f</strong></emphasis>– лимон</p><p><strong>zittern</strong>– дрожать</p><p><strong>zivil</strong>– гражданский</p><p><strong>zornig</strong>– гневный</p><p><strong>zuckers&#xFC;&#xDF;</strong>– приторный</p><p><strong>zucken</strong>– пожимать</p><p><strong>zugeben</strong>– признавать(ся)</p><p><strong>zugewenden</strong>– обращать(ся)</p><p><strong>zugewiesen</strong>– назначенный</p><p><strong>zugleich</strong>– одновременно</p><p><strong>Zugv&#xF6;gel,</strong><emphasis>m</emphasis>– перелетная птица</p><p><strong>Zugwind,</strong><emphasis>m</emphasis>– сквозняк</p><p><strong>zug&#xE4;nglich</strong>– доступный</p><p><strong>zumute</strong>– на душе</p><p><strong>zupfen</strong>– дергать, теребить</p><p><strong>zurecht</strong>– своевременно, как следует</p><p><strong>zur&#xFC;ckrutschen</strong>– скользить назад</p><p><strong>zusammenbei&#xDF;en</strong>– стиснуть</p><p><strong>zusammensinken</strong>– опускаться</p><p><strong>Zusammensto&#xDF;,</strong>m – столкновение</p><p><strong>Zuschlag,</strong><emphasis>m</emphasis>– надбавка, доплата</p><p><strong>zutraulich</strong>– доверчивый</p><p><strong>zuschn&#xFC;ren</strong>– зашнуровать</p><p><strong>zwingen</strong>– заставлять, вынуждать</p><p><strong>Zweck,</strong><emphasis>m</emphasis>– цель</p><p><strong>zweierlei</strong>– двоякий</p><p><strong>Zweifel,</strong><emphasis>m</emphasis>– сомнение</p><p><strong>zweifeln</strong>– сомневаться</p><p><strong>Zweig,</strong><emphasis>m</emphasis>– ветка</p><p><strong>zwinkern</strong>– моргнуть</p><p><strong>zwischen</strong>– между</p><p><strong>z&#xE4;rtlich</strong>– ласковый</p><p><strong>Z&#xE4;rtlichkeit,</strong><emphasis>f</emphasis>– нежность</p><p><strong>Z&#xF6;gern,</strong><emphasis>n</emphasis>– нерешительность</p><p><strong>z&#xF6;gern</strong>– медлить, раздумывать</p><p><strong>z&#xFC;nden</strong>– зажигать, загораться</p><p><strong>Z&#xFC;ndung,</strong><emphasis>f –</emphasis>система зажигания</p></section><section><title><p>&#xDC;</p></title><p><strong>&#xDC;berlandtour,</strong><emphasis>f</emphasis>– междугородний тур</p><p><strong>&#xFC;berlang</strong>– сверхдлинный</p><p><strong>&#xFC;berleben</strong>– остаться в живых</p><p><strong>&#xFC;berqueren</strong>– пересекать, переходить</p><p><strong>&#xFC;berreichen</strong>– вручить</p><p><strong>&#xFC;berschwemmen</strong>– затопить</p><p><strong>&#xFC;bersch&#xFC;tten</strong>– осыпать, забросать</p><p><strong>&#xFC;bersehen</strong>– не замечать, недосмотреть</p><p><strong>&#xFC;berstehen</strong>– выдержать, перенести</p><p><strong>&#xFC;bers&#xE4;t</strong>– усыпаный</p><p><strong>&#xFC;bertreiben</strong>– преувеличивать</p><p><strong>&#xFC;berwachen</strong>– контролировать</p><p><strong>&#xFC;berwinden</strong>– преодолевать</p><p><strong>&#xFC;berzeugen</strong>– убеждать</p><p><strong>&#xFC;berzeugt</strong>– убежденный</p><p><strong>&#xFC;brige</strong>– лишний</p></section></section></body><body name="notes"><title><p>Примечания</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p>Но водка была для нее, что сало для крысы.</p></section><section id="n_2"><title><p>2</p></title><p><sup>Призрак шоссе</sup></p></section><section id="n_3"><title><p>3</p></title><p>Ее угнетал страх приближающейся старости.</p></section><section id="n_4"><title><p>4</p></title><p>Зимнее мужское пальто</p></section><section id="n_5"><title><p>5</p></title><p><sup>Ф</sup>аршированная щука</p></section><section id="n_6"><title><p>6</p></title><p>Трезв как стёклышко.</p></section><section id="n_7"><title><p>7</p></title><p>Похожая на старую деву.</p></section><section id="n_8"><title><p>8</p></title><p>Копченая речная камбала</p></section><section id="n_9"><title><p>9</p></title><p><sup>Второй секретарь союза владельцев доберман-пинчеров</sup></p></section><section id="n_10"><title><p>10</p></title><p>Полицейские</p></section></body><binary id="cover" 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